The Project Gutenberg EBook of Todsnden, by Hermann Heiberg

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Title: Todsnden

Author: Hermann Heiberg

Release Date: October 20, 2004 [EBook #13805]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Todsnden



Roman

von

Hermann Heiberg



Berlin

Verlag des Vereins der Bcherfreunde

1891




Hermann Heiberg.


Unter den groen Verdiensten, die der Trger dieses vielgefeierten
Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen
drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer
schwchlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den
weiteren Kreisen des bis dahin gleichgltig gebliebenen Publikums Bahn
gebrochen zu haben.

Es geschah dies durch seine Bcher "Plaudereien mit der Herzogin von
Seeland" und "Apotheker Heinrich."

Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger
ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne
geschrieben hatten. Er--so wenig wie Theodor Fontane--brach auch
keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten;
er--so wenig wie Theodor Fontane--stellte keine groartigen, langatmigen
und langweiligen Programme auf; er--so wenig wie Theodor
Fontane--spielte sich als Begrnder einer ganz neuen, noch nie
dagewesenen Poesie auf. Dafr vollbrachten Theodor Fontane und Hermann
Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland,
welche die Wirklichkeitskunst begrndeten. In den siebziger Jahren
erschien ganz im Stillen Fontanes "L'Adultera"; Heiberg schrieb 81 seine
grazisen, entzckenden Plaudereien und zwar nur, "um seine mimutigen
Gedanken zu tten," keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstcke
zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun
sollten.

Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heie Kampf
entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den ma- und
geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet,
hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschrfter
Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er
hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein
reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfllte buchstblich
die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden
Brder, welche sie aufstellten,) da man erst vierzig Jahre zhlen
msse, bevor man sich Realist nennen drfe. Aber Realist! Meines Wissens
hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Bcher nicht "die einzige
Berechtigung des Realismus" beweisen wollten, da er sich nicht auf ein
einseitiges Dogmenverknden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern
in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, nmlich die Sinne und die Seele
des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und
Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, fllen wollte--etwas, was
bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten--, so nahte
seinen Bchern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche
Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es nmlich in der That ja ganz
gleichgltig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist
oder was immer sei--als ob berhaupt die Wirklichkeit diese Gegenstze
so scharf begrenzt anseinanderhielte!--es will nur eins: es will
bezwungen sein; der Leser wnscht zu fhlen, da der Knstler Gewalt
ber ihn habe, er will sein Gefangener sein...

Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in
seinen entzckenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Bchern--ich
denke hier besonders an den "Apotheker Heinrich"--langte es mitunter
zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um
den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher
Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen
zwangen, bis langsam sich die Spannung lste und ein hinreiender Humor
uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust wlzte... Was sag' ich? in das
Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden
Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters
nachzulassen schien, steckte ein Element der Ursprnglichkeit, ein
naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht
vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fhlte sich so wohl bei Heiberg;
er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmnnisches; bei ihm
vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer
schneidenden Satire. Auch seine berckendsten Schilderungen waren durch
einen goldechten Humor verklrt. Dieser Humor gerade ist das
Auszeichnende der schriftstellerischen Persnlichkeit Heibergs: nicht
viele Dichter der gegenwrtigen Zeit knnen sich zu diesem
Erlsungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den
schmerzvollsten Gegenstzen hin und her geschleudert, und erleichtert
seufzen sie auf, wenn ihnen ein Begnstigter begegnet, und horchen auf
ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt.

Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo
kommt er her? Nicht mige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn,
um es mit einem groben und beschrnkten Wort zu sagen: Was Einer it,
das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine.

Man erfuhr nach und nach folgendes.

Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen
Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die
Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen
Stadt seit langem eine groe Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt,
entstammt dem grflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr
glckliche Jugend, man lie ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war
ein frischer, frhlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine
Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine
Bcher,... er ist einer der grten und naturwahrsten Kinderdarsteller
der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend
dahinflo, meisterhaft zu vergegenwrtigen wei. Nachdem Heiberg das
Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der
Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in
Schleswig-Holstein und andere Umstnde die Ausfhrung dieses
Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhndler. Seine
Lehrjahre, die er spter im "Januskopf", diesem vortrefflichen
Buchhndlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann
bernahm er in Schleswig die selbstndige Leitung einer von seinem Vater
begrndeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die
er wenige Jahre spter, nachdem er inzwischen ein Jahr in Kln gewesen,
als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein
aufblhendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschft, um
nach Berlin zu bersiedeln. Hier ward er vorerst geschftlicher Leiter
der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der
energische und tchtige Mann in die Direktion der Preuischen
Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die
vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu hufigen und ausgedehnten
Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Dnemark,
Frankreich und England veranlate. Wo ist ein Schriftsteller mit einer
so eigentmlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der
als thtiger Mann im Leben stand, nicht es als miger Zuschauer
beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Fe und
beschftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von
Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein
oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen--so war er z.B.
einmal vorbergehend Bevollmchtigter der chinesischen Regierung fr
eine Finanzierung in London--, zog sich aber endlich doch, mehrfach um
die Frchte seines Fleies und seiner Geschicklichkeit gebracht und
grenzenlos angewidert von allem, was "Geschft" heit, zurck. Im Jahre
1881 schrieb er dann, "um meine mimutigen Gedanken zu tten," wie er
sagt, jene reizenden "Plaudereien mit der Herzogin von Seeland." Der
groe Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte
ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als
Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswrdigen Frau,
mit der er sich 1865 vermhlt hat, umgeben von einem blhenden
Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thtig.

Hiermit legt der Verein der Bcherfreunde der deutschen Leserwelt sein
neuestes Werk vor.

       *       *       *       *       *




Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Bume ihrer Bltter
entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Wlder
hatten doch ihr Aussehen bereits verndert: wundervolle kupferrote und
in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Grn, das der
Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner
Baum, der, hoch die andern berragend, emporstrebte aus einem
parkartigen Gehlz, welches das versteckt und dster gelegene Erbgut
Falsterhof rings umgab.

An einem solchen Herbsttage, um die Dmmerung, wandte sich ein Mann, der
eben die Dreiig zurckgelegt hatte, in die zu dem Gute fhrende
Kastanienallee.

Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe
hinber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug,
nderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen
Gesicht bewegend, die Richtung, zwngte sich durch zwei eine stille,
groe Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt
vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehft zu.

Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich
hinstreckendes, dichtes Gehlz erreicht, durchschritt es, bis er an
einen Gemsegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen
begrenzenden Wirtschaftsgebude entlang. Hier bersprang er, den
gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und
befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier
emporragenden Flgel des Gutshauses.

Es war ein wohl ber zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken
Backsteinen abgefhrter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und
Schlinggewchsen, und dem Auge um so unfreundlicher und dsterer
erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und groe Bume ihn
beschatteten.

Vor zwei Monaten war, ber siebzig Jahre alt, der Besitzer von
Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen
kmpfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode.
Das wute der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewiheit
verschaffen wollte ber Verlauf oder Ende der Krankheit.

Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit
seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebsch
eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es
jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war
denn der Spher sicher, da niemand ihn beobachten werde.

Nun drckte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten
Feldstein und schaute ins Innere des Hauses.

Eben fuhr der Abendwind durch Gebsch und Bume und fing sich strmisch
in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kmmerte
sich nicht darum.

Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In
einem hohen Bett mit verblichenen, grnseidenen Gardinen lag die alte
Frau mit gefalteten Hnden; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im
Zimmer; daneben Medizinflaschen, Glser, Leinewand, Schwmme und
Schachteln.

Alte, schwere Mbel standen ringsum; ihr ueres bekundete Gediegenheit
und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfnden sie,
was sich hier abspielte, als hrten sie das Rcheln der Kranken, als
shen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die
sich in einen groen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte
und nun schon seit zwei Tagen und Nchten von der Sterbenden, ihrer
Mutter, nicht gewichen war.

Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen
Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren
Eltern nach Falsterhof zurckgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in
die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal fr kurze
Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht
geleitet; als sehr spt geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie
nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung
gebracht, die, einem unbewuten Egoismus entspringend, mehr den Eltern
selbst als den Kindern zu gute kommt.

Was sich jetzt diesem jungen Leben erffnete, war schmerzlich genug.

Theonie war zwar Erbin des groen Besitzes, aber stand vllig allein in
der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besa, war Tankred von
Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer sphte. Aber
schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte
sich ihrer eine unauslschliche Abneigung gegen ihn bemchtigt. Tankred
war glatt, hflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an
die Zge eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in
einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil ber seinen
Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu lsen vermochten.

Tankred war der einzige Sohn eines jngeren Bruders des verstorbenen
Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den
Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds
Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram ber die Verkommenheit
ihres Sohnes, der frher als Schreiber auf adligen Gtern thtig gewesen
war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten knnen und sich
zuletzt--gleich nach dem Ableben seiner Mutter--auf Falsterhof
eingefunden hatte. Hier sa er nun schon seit Monaten umher, erklrte,
sich trotz seiner Bemhungen keine neue Thtigkeit verschaffen zu
knnen, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem
Wesen eingenommen war, gengenden Rckhalt, um sein Faulenzerleben
fortzusetzen.

Ganz allmhlich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu
machen gewut; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn,
rauchte dessen zurckgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife
und schritt mit seinem Feldstock ber das Gut.

Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie
ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, da ihm bei Tisch
nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und da ihm
Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur lteren und besonders
geschtzten Personen verschafft.

Tankred sprach mit solcher Offenheit ber sein Vorleben, drckte eine
anscheinend so ehrliche Reue darber aus, seinen Eltern Kummer bereitet
zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte,
schlechte Gewohnheiten zurckzuversinken, und wute seine Tante in so
geschickter Weise zu umschmeicheln, da die Frau sich vllig umgarnen
lie und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes
zuflsterte, gefangen gab.

"Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen,
Theonie!" hatte sie ihrer anfangs noch schchterne Einwendungen
machenden Tochter gesagt. "Menschen knnen sich doch ndern! Diesen
jungen Mann haben die Lebenserfahrungen frh weise gemacht. Ich glaube
an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin berzeugt, da er
fortan nur grade und gute Wege gehen wird."

Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar
fallen lassen, da es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum
Oberverwalter des Gutes und des Vermgens einzusetzen, ihm auf diese
Weise Thtigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natrlicher
Rcksicht gegen den einzigen Verwandten zu ben, den sie noch auf der
Welt besen.

Mit allen Zeichen hchsten Schreckens hatte Theonie dem zugehrt.

"Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch
sechs Wochen vor ihrem Tode, da Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen
Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in
welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu
machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, da
man sich um so mehr vor ihm hten msse, als er ein groer Knstler in
der Verstellung sei, da er die Herzen der Menschen umstricke, sich
ihnen fge und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge
habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch
erschrocken warst ber sein pltzliches, unaufgefordertes Erscheinen
hier, schwrst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser
Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch
wre erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir mten eher groe Opfer
bringen, um ihn fr immer von uns zu entfernen, als da wir darber
sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weit Du, was ich glaube? Nicht nur zu
Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er fhig, sondern unter
Umstnden zu einem Verbrechen!"

"Theonie! Theonie!" rief die alte Dame entsetzt und fr ihren Neffen
Partei nehmend. "Welche Gedanken! Meine Schwgerin, Deine Tante, war
eine kalte, mitrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus
Pflichtgefhl. Liebe empfand sie weder fr ihn, noch fr ihren
verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im
schlechten Sinn getrbt. Sie lie berhaupt keinem etwas Gutes, sie sah
stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig
und genuschtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und
die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht
verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade
Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man
ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefhl erwacht dann, und sie
bestreben sich, zu zeigen, da sie doch im Grunde etwas anderes sind,
als wofr man sie hlt."----

Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine
belauscht hatte, wich er zurck und schien auf Grund der von ihm
gemachten Beobachtungen zu einem Entschlu gelangt zu sein. Aber rasch,
wie von einem pltzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um,
als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang
und ihn belehrte, da in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes
zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach sphte, da seine
Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes ber ihre
Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden
Greisin behlflich war, die Todesqual leichter zu berwinden. Das
Sthnen und chzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich;
schrecklich verzerrten sich die Zge der Sterbenden, und kaum fnf
Minuten spter hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben.

Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit
wenigen Stzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben
bersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehlz
einschlagend, abermals in der Allee.

       *       *       *       *       *

Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war
Theonie von dem Begrbnis zurckgekehrt und sank nun in ihren oben im
Hause belegenen Gemchern an dem Tisch nieder und lie das Haupt auf den
ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum
als der Schmerz, verstrkt durch das Gefhl einer grenzenlosen
Vereinsamung und--Furcht.

Auer ihr wohnten in dem groen Hause nur zwei Mdchen und ein bejahrter
Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlssiger, aber eigentmlicher
alter Mann, der etwas schwerhrig war. Das Haus des Pchters von
Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der
Pchter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden
Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er
unverheiratet war, fhrte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und
auch sie war wenig zugnglich.

Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen
Wohngemcher, die sich bis in den Flgel ausdehnten; zur Rechten lagen
die Rume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben
Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Flgel waren die Kche und
die Gesindezimmer. Man mute eine breite, beschnittene Hecke
durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehlz
gelangen wollte, welches sich dort dster hinstreckte. Auch vorn standen
groe, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch
Stakete eingefriedigte Gemsegarten mit hohen Gebschen. So drang denn
nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemcher, und das Herrenhaus machte
von auen und innen einen unheimlich dsteren, melancholischen Eindruck.

"Was nun?" drang's unwillkrlich und mit grenzenloser Schwermut aus
Theonies Munde, als sie nach Bekmpfung des ersten Schmerzes das Haupt
emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute.

"Was nun?" Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie,
niemand beschrnkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in
die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fhlte sie sich
gehemmt, als befnde sie sich in einem Gefngnis.

Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt
verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, da sie ihr ganzes
Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend ber sie, aber
ebenso sehr schrak sie davor zurck, sich anderswo in der Welt
niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe fr sie verloren.

Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Nchstliegenden zuwandten, dem
Tag und seinen Bedrfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen
erschien, schttelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen
richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn wrde entfernen knnen.

In den legten Tagen whrend der schweren, schon hoffnungslosen
Krankheit ihrer Mutter hatte er lgnerischer Weise erklrt, eine Reise
unternehmen zu mssen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine
Stellung erffnet htten.

Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die
Kranke getrstet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte
sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert.
Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu mssen, ihr nicht
Gesellschaft leisten zu knnen, aber er halte es fr seine Pflicht, eine
gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht vorbergehen zu
lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke
besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn.

Und dann hatte er Theonie voll Zrtlichkeit umarmt, sie mit seinem
demtigen Blick gestreift und war abgefahren.

Whrend sich die alte Dame in Lobsprchen ber ihn erging, dachte
Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Mitrauen, ihre
Abneigung verschrften ihre natrliche Menschenkenntnis. Sie war
berzeugt, da er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit
und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Rcksichten zu ben,
durch deren Vernachlssigung er sich in ein schlechtes Licht stellen
wrde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles
vorber wre, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebrdet werden knnten. Er
wute auch, da sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde.

Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu
thun, scheute er weder Lge noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie
genieren konnte, suchte er mglichst aus dem Wege zu rumen. Und in der
That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche
bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine
Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war.

Nun heuchelte er berraschung, Trauer und Leid, so spt--zu spt
gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde spter bemerkte ihn
Theonie, vergnglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher htte ihn das
Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr berhrt als der Tod seiner
Verwandten und Wohlthterin.

Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu
begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die
Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht
Wochen vorberzgen, wrde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie
bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich
amsieren, zu Fu und Wagen Ausflge unternehmen, Gutsbesitzer der
Umgegend besuchen und die brige Zeit essen, trinken, schlafen,
faulenzen und den Herrn spielen.

Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner
Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein
verstecktes Ziel. Nicht gleich--nicht berstrzt--er hatte Zeit zu
warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wnsche wrde er
umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Lgen auftischen wie
ihrer verstorbenen Mutter: da er sich um Thtigkeit und Verdienst
bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden.

Und wenn sie dann erklrte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten,
wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen,
dann wrde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und
dieses Gesicht hatte sie jngst im Traume gesehen--es war die
Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen.

Tankred hatte schreckliche Fuste,--er zerbrach mit den Fingern einen
eisernen Ring,--er hatte frchterliche Backenknochen, er besa die
herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten
Momenten die Augen eines Raubvogels.

Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit
einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schlo hinter sich
die Thr in dem dsteren Raum und ffnete die Pultschublade der
Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wute, hier liegende Testament
ihres Vaters an sich nehmen. Eine pltzliche Unruhe und Angst, da es
von Tankred beiseite gebracht werden knne, da es gar schon von ihm aus
der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen.

Mit zitternden Hnden und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das
Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre
Furcht schon besttigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit,
hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Fcher neben anderen
wichtigen Papieren das Gesuchte fand.

'Mein letzter Wille' lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit
den Schriftzgen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und
sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem
Dahingeschiedenen bemchtigte sich ihrer.

Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer.
Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und
neben ihm die Unvergeliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit
gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten
Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr
Gedchtnis, und abermals kam's ber sie wie Gewitterschwle. Angst und
Grauen bemchtigten sich ihrer Seele und lieen sie nicht.

Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Rume, der Geruch von
verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf
die Brust, und als nun die Thrglocke anschlug, und der Hund, der immer
bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut rhrte, als sie wute, da
er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen
begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung
unter ihrem Mieder und schlo rasch das Pult.

Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt.--Nichts--Tankred
schien sich in den Garten begeben, seine Gemcher nicht betreten zu
haben.

Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald
auf die Thr, bald auf das nach dem Park sich ffnende Fenster. Und als
sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkrlich als
bewut, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres
Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer sphen und sie
beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als
ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten;
doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu
vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie
gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen
Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schlo sie
die Thr des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemchern empor und
machte sich, nachdem sie einigermaen ihre Ruhe zurckgewonnen, an die
Durchsicht des Testaments.--

Theonie war gro und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besa sehr
schne, regelmige Zge, weie Hnde und schmale Fe und jenes
Zurckhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Mnner reizt, in
das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt,
ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersnliche in ihrem
Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schlu gelangen lt, der
damit Behaftete sei nur mit sich beschftigt, interesselos und hochmtig
oder so sehr durch anderes abgelenkt, da vorliegende Dinge ihn nicht
fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberflche Feuer und
Leidenschaft; diese Gleichgltigkeit ist dann der Schleier, den man
vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu knnen; vielfach ist's auch
ein Produkt der Erziehung, welche Zurckhaltung als ein Gebot der
Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht.
Das letztere war bei Theonie der Fall.

Sie besa eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam,
und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der krftigeren,
selbstbewuteren Seite hin bisher nur einmal bethtigen knnen, und zwar
nach dem Tode ihres Mannes.

Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie
selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem
Willen und Wnschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmig
dahinflieendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen
unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil
gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschtzt, dafr hatten
sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt.

Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die
Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, berwog bald den
Schmerz und machte sie weniger empfindlich fr die Trauer, die Theonie
um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die
Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, frhlicheres und der
Welt mehr zugewandtes Leben begrub.

Da sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde,
stand fr sie auer Frage. Das Glck, das ihr kurze Zeit gelchelt,
hatte sie schnell wieder verlassen, denn da sie noch einmal einen Mann
lieben knnte, hielt sie fr undenkbar.--

Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertnte, war Theonie eben mit dem
Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im
Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen.

Als sie in die Thr trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer
Teilname auf sie zu und drckte wortlos einen Ku auf ihre Hand. Sie
litt es nur halb; bei seiner Berhrung war's ihr, als ob ein bses Tier
sich ihr genhert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens
vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen.

"Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurck, Theonie," hub
Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, "weil Pastor Hppner noch
den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte,
um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wnschtest
Du auch allein zu fahren?"

Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat
trotz seiner gefgigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wute seit
seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der
Wunsch, da es anders sein mge, verwischte bisweilen sein klares
Urteil. So war es auch heute.

"Ja," erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem
sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, "ich
hatte allerdings das Bedrfnis, mich abzuschlieen, und htte Dich sogar
gebeten, mich allein fahren zu lassen."

Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er
mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend,
einschmeichelnd: "Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich wrde ich
glcklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt httest, in meiner Nhe zu
sein. Ich htte dann doch einmal empfunden, da Du ein etwas warmes
Gefhl fr mich besitzest."

"Nein, ich besitze es nicht!" gab die Frau ehrlich zurck.

Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets
ausgewichen, aber ber ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die
auf Freundschaft oder Abneigung htte schlieen lassen knnen.

Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte
gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten?
Wollte sie rasch und ohne Rcksicht das Band zwischen sich und ihm
durchschneiden? Er mute es wissen, es drngte ihn hei, und statt ihre
Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte
er unvermittelt: "Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begrbnistage
Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es
mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen."

Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners,
und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner
Schwerhrigkeit begegnen mute:

"Es fehlt ein Lffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein."--

Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet
mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige.

"Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?"

Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem
Gesicht; deutlicher Ha spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie
rasch wieder glttete.

Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klger
sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende
Furcht kam ber sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen
Ahnungen, da sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und
zunchst den Lffel brachte. Sobald sich die Thr hinter ihm
geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort wgend, aber auch die
Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter ber ihre Absichten nicht im
Unklaren zu lassen:

"Den Ha, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu
empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns,
glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu
bleiben.

Ich werde nicht vergessen, da Du mein Verwandter bist, und werde die
sich daraus ergebenden Rcksichten so lange gegen Dich ben, wie Du sie
mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem spteren
Lebenswege gnstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber
doch frher oder spter der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus.
Ich werde Deine Wnsche zu erfllen suchen, sofern sie meine Krfte und
die Grenzen, die ich nur stecken mu, nicht berschreiten."

Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem
gemischten Ausdruck schlecht unterdrckter Enttuschung und dankbarer
Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: "Ich danke Dir fr Deine
Gesinnungen. Da Du jemals in die Lage geraten knntest, 'meiner' zu
bedrfen, hltst Du wohl nicht fr denkbar Theonie? Umfat der Reichtum
denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen hlfreich
erweisen kann?"

"Ich werde Dich nie um etwas bitten," entgegnete die Frau kalt, und von
der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Rcksicht, die sie
eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewut
werdend, fgte sie rascher hinzu: "weil ich berhaupt niemandem etwas
schuldig sein mchte."

In dem Gesicht des Mannes rhrte sich nichts, obschon es in ihm whlte.
"Du uertest vorher, Theonie, da wir nach Deiner Ansicht besser
thten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schlu zu
ziehen, da Du wnschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so,
dann werde ich so bald wie mglich gehen, doch mchte ich Dich bitten,
mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewhren, bis ich eine Stellung
gefunden habe. Du wirst sagen, da das nach den bisherigen Erfahrungen
lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn
ich die Mittel htte,"--jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange
auf den Lippen lag,--"wrde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder
eine Pachtung zu bernehmen suchen, aber ich armer Teufel--"

"Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine
andere Flasche, bitte!--Ich mchte, um Deine Frage zu beantworten,
Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten
meines verstorbenen Mannes begeben. Natrlich werde ich Rcksicht auf
deine Wnsche nehmen," entgegnete Theonie, khl ausweichend.

"Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst
mir, noch acht Tage zu bleiben."

Sie gab keine Erwiderung.

"Ist das zu lange?"

"O--nein--" Es kam sehr zgernd heraus, und diesmal wute Theonie, was
sie sprach. Und doch, um seine Enttuschung, die er nicht zu verbergen
vermochte, zu mildern, knpfte sie rasch an den Schlu seiner vorherigen
Rede an und fgte hinzu:

"Du sprachst von Mitteln, deren Du bedrftest. Auch ohne diesen Hinweis
htte ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, ber die
ich verfgen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines
Vaters alles so festgestellt, da ich nur ber die Zinsen zu disponieren
habe."

Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil
angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach,--und er vertraute ihr, obschon
er als Gewohnheitslgner selten annahm, da andere redlich
verfuhren,--so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen
erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und da an eine solche nicht zu
denken, war ihm eben klar geworden.

Es kam nun darauf an, zu erfahren, ber welche Summe Theonie
testamentarisch verfgte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt
sei. Sicher wrde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige
Sympathie, die sie fr ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er
ihrem guten Willen alles anheim geben, so mute er die Krallen auch
ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht
erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt--? Das mute abgewartet
werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurck, zunchst aber wollte er
es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm
anbieten wrde, wollte er sein Verfahren einrichten.

"Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem
Herzen," hub Tankred an. "Jede Untersttzung ist natrlich fr mich von
Wert, da ich nichts besitze.--Hoffentlich fandest Du durch das Testament
alle Deine Wnsche erfllt?"

Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als
da er sich etwas dabei gedacht htte. Theonie aber nahm sie auf und
sagte:

"Du meinst? Ich verstehe nicht--"

"Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhngigkeit, nach
der Du verlangst."

Sie schttelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser
Berechnung, stie sie heraus:

"Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Pchter, zahlt wie frher die
Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfgung ber die Zinsen,
wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das
heit, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu
machen, ist mein Eigentum, und ich kann darber nach meinem Gutdnken
verfgen. Ich wollte Dir davon die Hlfte zuwenden, die andere den armen
Verwandten meines verstorbenen Mannes berweisen. Ich kann ja das Geld
entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag."

"Wie hoch schtzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?" fragte
lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank
ausdrckenden Kopfneigen besttigt hatte, in einem uerlich
uninteressierten Ton.

"Ich wei es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie
darum bekmmert. Ich freue mich nur, da ich so viel habe, da ich
sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft
ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt,
ist einsam und recht freudlos."

Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um
seiner Kousine Sinn fr Vermgensverhltnisse zu prfen und danach
wieder die Wahrhaftigkeit ihrer brigen Angaben zu bemessen. Er wute,
da fr das Gut schon vor langen Jahren ber viermalhunderttausend
Thaler geboten waren, und ihn rgerte nur, da sein verstorbener Onkel,
der pedantische Philister, die Hypotheken abgelst hatte, statt Geld
anzusammeln.

Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie gro die Summe sei, die
Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem
brigen, damit nicht hervortrat, mute er sich gedulden. Er sah keine
Mglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage blozustellen, dem, was
ihn beschftigte, gesprchsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein
Entschlu verstrkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten
wrde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein
Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine
geheimen Plne zu verfolgen.

       *       *       *       *       *

Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederlie und bei der
angesteckten Pfeife die gegenwrtigen und kommenden Dinge nochmals
berlegte, drngte sich ihm auch die Sorge fr das Nchstliegende auf.
Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob
er Geld bedrfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast
ganz ausgegangen. Die Kosten fr seine letzte Reise hatte Frege
bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war.
Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht
drckte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelste bisher
in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen
seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel fr das
Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der
Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachla des alten Onkels ging auch
zu Ende.

Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er
fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Bedrfnisse
regten sich in ihm, die er frher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte
unterdrcken mssen.

Natrlich! Je frher er Theonie seinen Entschlu kund gab, Falsterhof
zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine
Genusucht und seine Ungeduld berwogen hufig seine Klugheit und
Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn,
lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und
ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann berlegte er
wieder, wie gro der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen
werde, wenn er mglichst lange mit seiner Abreise zgerte, und dem, was
Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde.

Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie
erfate, wrde sie vielleicht die Abfindungssumme hher normieren. Also
warten, trotz allem warten!

Als er sich spter in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen
sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn pltzlich das
Mitrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in
das Testament zu gewinnen.

Dieser Gedanke beschftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem
Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln lie und einen Spazierritt
unternahm.

In jedem Fall beschlo er, nachdem an diesem Abend sich alles in
Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und
nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schlssel zum Inhalt
der Schublade gelangen knne, an der er Theonie heute hatte hantieren
sehen.

Als er diesen Entschlu gefat hatte, hielt er unwillkrlich sein Pferd
an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm--er befand sich auf einer
Anhhe--lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen
gehrte. Die weien Wnde des Herrenhauses schauten malerisch aus dem
Grn hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende
Tannenwlder reizvoll von der brigen Umgebung ab.

Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante ber die
Verhltnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentmlicher Art. Herr
von Tressen und seine Frau besaen eigentlich nichts, alles gehrte der
Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der
Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl
existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des
ursprnglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen
Frau von Tressen, einmal heiraten wrde.

Whrend Tankred von Brecken noch auf der Hhe verharrte und nun eben
seinen nach den berhngenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs
wehrte, erklang hinter ihm das Gerusch von Schritten, und als er sich
zur Seite wandte, hrte er die Worte sagen: "Nicht wahr, es ist schn
hier?--Guten Abend."

Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht,
ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, da sie sich beim Sprechen
eingruben, als seien sie knstlich in die Haut gemeielt. Der untere
Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber
die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das
Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters.
Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Pchter, und er war auch der
Verwalter von Holzwerder.

"Ist wohl ein groer Besitz?" hub Tankred, den Worten des Mannes durch
Kopfnicken beistimmend, an. "Ist dort unten am Flu nicht die Scheide
zwischen Falsterhof und Holzwerder?"

"Ja, mein Herr--Ah--" unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung
seines Namens den Hut lftete und sein Pferd in Bewegung setzte, "sehr
angenehm--Haben schwere Trauer drben gehabt? Ja, ja, alles fegt die
Zeit zuletzt weg. Drum und dran--." Dieselben Worte wiederholte der Mann
noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: "Aber um auf
Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor
langer Zeit gehrten die Gter zusammen, alles gehrte der Familie von
der Linden.

"Dann hat also diese an die Breckens verkauft?"

"So ist es! Die Lindens besaen noch mehr Gter. Es war die reichste
Familie--drum und dran--in der Umgegend: aber der Grovater des
Letztverstorbenen wute schon nicht zu wirtschaften, und"--nun
erschienen die tiefen Falten--"so hat sich's nach und nach
abgebrckelt."

"Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein groes Gut?" forschte
Tankred neugierig.

Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und
sagte erst nach einer Pause ausweichend:

"Ja, gro ist der Besitz--doch haben wir auch Lasten,--drum und
dran--ja, ja, gewi, mancher wrde die Finger lang ausstrecken, wenn er
Frulein Grete von der Linden wre."

"Grete von der Linden?" setzte Tankred an, als ob ihm die Verhltnisse
vllig fremd wren.

"Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf
dem Gut. brigens, da kommt grade das gndige Frulein mit ihrer
Gesellschafterin her."

In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine
schlank gewachsene, in gesunder, zarter Flle prangende Blondine. Grete
von der Linden, und eine etwas ltere Dame mit einem feinen,
geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich.

Es erfolgte eine Begrung, doch Tankred, dem pltzlich ein berechnender
Gedanke durch den Kopf scho, beschrnkte sich nicht allein auf diese
Artigkeit, sondern lie sich von dem Verwalter Hederich vorstellen.

Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes
Gesprch entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner
Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren,
welches damit endete, da sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen
Besuch abzustatten.

"Meine Eltern," erklrte sie, "sind seit einigen Wochen verreist. Dies
ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begrbnis Ihrer Frau
Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurck und werden
sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen."

Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im
Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden,
ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte,
mitrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, whrend ihm
Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schttelte
und bat, da Tankred auch ihm bei seinem demnchstigen Besuch nicht
vorbeigehen mge.--"Drum und dran--es wird mir eine groe Ehre sein,
wenn Sie bei nur eingucken mchten, Herr von Brecken."

Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht
errtende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab.

"Ein eigenes Geschpf," murmelte er im Weiterreiten. "Schn, sehr
selbstndig und--klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das
unnatrlich ist fr ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen--heute abend will
ich Theonie einmal ber sie ausfragen."

Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurckkehrte, fiel
ihm auf, wie einsam, dster und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz
belegen war: Der Pchterhof weit ab, in dem groen Hause die wenigen
Menschen, und auer ihnen nur in einem Katen neben dem Park der
zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Grtner Klaus.

Und den Mann berfiel's, da einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus
eindringen und stehlen und--morden knnten--ihn und Theonie--! Und bei
dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden wrde, wenn man
Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette fnde, wenn kein Glied der
Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei--auer ihm------!?

Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zgel
des Fuchses zu, ffnete die Hausthr und trat, begleitet von dem
impertinenten Klingelton und dem Bellen des "verfluchten Kters" Max,
dem er einen Futritt versetzte, in den Flur.

Die gndige Frau htten sich schon in ihr Zimmer zurckgezogen, sie
lassen sich entschuldigen, erklrte Frege, und leuchtete Tankred
zunchst in seine Gemcher und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den
Tisch fr sich gedeckt fand.

Als er sich niederlie, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen
Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschftigte.

Aber whrend er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf
ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und
Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten,
als ob sie durch nichts erregt werden knnten, als ob sie nur
Sehvermgen besen fr den einschrnkten Wirkungskreis, der ihrem
Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: "Einer
wacht ber allem, was Du thust und thun wirst. Hte Dich!" Die Augen
gehrten dem alten Frege.

       *       *       *       *       *

Als sich Theonie und Tankred am nchsten Tage beim zweiten Frhstck
zusammenfanden,--Theonie war beim ersten nicht erschienen,--brachte
letzterer nach flchtiger Erkundigung ber ihr Befinden das Gesprch auf
Grete von der Linden und die Familie von Tressen.

"Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit
Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht.
Grete von der Linden kenne ich wenig; es heit, da sie herrschschtig
und fr ihre Jahre berreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend
schn und auch liebenswrdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders."

"Und ihre Eltern?"

"Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmtiger
Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden.
Sie gehrt zu den Menschen, ber deren wirkliches Wesen man sich
zeitlebens den Kopf zerbricht.

In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amsement
und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So
uerte sich wiederholt meine Mutter, die brigens Frau von Tressen
trotz ihrer Fehler sehr schtzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen
lobte."

"Weit Du etwas von den Geldverhltnissen drben?"

"Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau
mitgebrachte Vermgen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide
lebten schon seit Jahren von Gretes Einknften. Bis Grete ein bestimmtes
Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutznieerin
gewesen sein, seitdem aber keine Ansprche mehr haben."

"Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an.--Wie
beurteilt man ihn denn?"

"Man nennt ihn in der Umgegend 'Drum und dran', weil er diese Worte
stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein
einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein
Vater hielt groe Stcke auf ihn."

Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darber nach, wie geschftsmig
Theonie das alles gesprochen habe, wie khl und temperamentlos sie nicht
nur ihm begegne, sondern sich berhaupt gegen die Menschen zu verhalten
scheine.

Ihn ergriff pltzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenber
wrmer zu geben, oder er wollte ihr durch Krnkungen vergelten, da sie
es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in
dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner
Eitelkeit so sehr, als da andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte,
obgleich er die Selbsterkenntnis besa, da er keine Achtung verdiene,
doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber whrend bei
andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten
anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner bermigen, mit
Trgheit gepaarten Genu- und Bequemlichkeitssucht. Mhelos materiell
genieen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu
erreichen, war ihm jedes Mittel recht.

Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspnner der
Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um
Theonie zu trsten und ihr Beileid nachtrglich noch an den Tag zu
legen.

Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensgte. In dem bartlosen
Gesicht glnzten unter einer groen, silbernen Brille ein Paar beraus
freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen
gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein
sagen konnte und das Wrtchen 'ja' fortwhrend gebrauchte.

Sie dagegen war eine Frau von Energie, besa Humor und Menschenkenntnis
und trat, mit ihres Mannes Schwchen rechnend, sehr hufig handelnd fr
ihn ein.

Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der
Gemeinde, hrte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner
Geschfte.

Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und
die freundlich gesinnten und schrfer beobachtenden Leute erzhlten
allerlei rhrende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene.

Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den
Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, whrend
Theonie sich der Frau anschlo.

Als die Mnner auer Hrweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie
heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht
verratend:

"Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er knftig die
Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend."

"Das verhte Gott!" stie Theonie herauf. Und "Nein, nein, keineswegs,"
fgte sie hinzu. "Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein
Vetter verlt mich demnchst."

"Ich fragte nicht aus Neugierde--sondern--aus--andern Grnden, liebe
Frau Cromwell," fuhr die Pastorin in warmem Tone fort.

"Nennen Sie mich doch wie frher, Theonie, ich bitte--" fiel Theonie
ein. Der schwermtige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr
eigentliches Antlitz durchstrahlt von Gte und Menschlichkeit, kam zum
Vorschein. Und "Ja, bitte--Sie wollten sagen?" schlo sie.

"Hier!" entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres
Kleides einen Brief hervor. "Dies fanden wir heut' mittag in meines
Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen
guten Hppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen."

Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las:

'Da Sie die junge, gndige Frau auf Falsterhof lieben und ihr
wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einflu, Herr Pastor,
da der Schurke, der sich bei ihr aufhlt, da Tankred von Brecken bald
das Herrenhaus verlt. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches.

Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere
zutrauen darf.'

"Wer kann das sein?" stie die Pastorin im bereifer ihres Gefhls
heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da
sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, da Totenblsse auf ihre
Wangen trat.

"Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu mitrauen beste Theonie--liebe
Frau Theonie? Schrecklich!--Bitte, erffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie
meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach
Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles
mit."

"Ich kann nichts sagen--bis jetzt nichts sagen--" gings zitternd aus
Theonies Munde, "aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und
Unruhe. Ich frchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des
Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindrcken."

"Knnen Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Rcksichten leiten Sie?"

"Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte.
Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung
seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon
davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hren
zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so
unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thr zu weisen, zumal er mir
bisher keinen direkten Anla gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben
nichts, was man ihm vorwerfen knnte. Mich leiten nur die Kenntnis
seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes
Mitrauen gegen ihn erfllt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern
hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim
Frhstck scheinen darauf hinzudeuten, da er Absichten auf sie hat.
Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah!--ah--Wie werde ich
die Last von meiner Seele los!"

"Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben
kann?"

Theonie schttelte den Kopf.

"Keine! Und das ngstigt mich nun auch! Doch still. Ich hre Ihren Mann
und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir
vielleicht ntzen--"

Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos
freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach,
gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zgen, wenn er zuhrte
und sich unbeobachtet glaubte.

Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor lie sich ber
sein Tchterchen aus, ber Lenes Vorzge, und sagte mit seiner rollenden
Stimme: "Die Kinderseelen sind noch rein und unverflscht. Sie haben
keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie
knnen, whrend wir 'sie' zu erziehen suchen, 'uns' ein Beispiel geben,
nach dieser Richtung ein--Beispiel geben--"

Tankred fand diese Ausfhrungen eben so sentimental wie geschmacklos und
zog ghnend den Mund.

Gleich aber gltteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei
Artigkeiten und Liebenswrdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie
gehrte, wie er wute, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten,
und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung
beizubringen. Auch fhlte Tankred instinktiv, da die beiden Frauen von
ihm gesprochen hatten, und er wollte den ungnstigen Eindruck, den die
Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, mglichst zu verwischen
suchen. Es war ihm fr seine Plne von groem Wert, die Menschen ringsum
fr sich zu gewinnen.

"Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken?
oder verlassen Sie uns?" hub die Pastorin mit Absicht an und forschte
unbemerkt in seinen Mienen.

Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswrdigkeit an
Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen:

"Wenn meine sehr gtige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht
zurckzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thtigkeit
gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne."

"Ja, das Herumhocken ohne Beschftigung ist niemandem gut, besonders
nicht jungen Leuten," besttigte die Pastorin derb und kurz, Brecken
fest anschauend. "Na, aber nun wird's auch Zeit, zurckzukehren, lieber
Hppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald
einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?" schlo sie und schritt, deren
Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran.

"Auch--Sie--erweisen uns--hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?"
ergnzte, seiner gewohnten Gutmtigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich
er wohl wute, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert
hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer
zum guten und hatte auch heute hingeworfen, da er auf anonyme Briefe
nichts gebe, da ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund
vorhanden sei, ihm bles zuzutrauen.

Nachdem die Gste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen,
noch ein Stndchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er htte
sich gern Hppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken
zurck, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr mifallen hatte.
Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet,
indem sie unter starker Betonung geuert hatte, sie hoffe denn, da er
in krzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der
Arbeit, welche letztere allein glcklich mache, nicht verliere.--Solche
moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider.

Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmglich, weil er keinen
Groschen mehr besa, und die absolute Notwendigkeit drngte sich ihm
auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschlo, noch am selben Abend beim Thee
mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Smmchen
anzugehen.

Unterdessen nherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und
sah dem dort beschftigten Kutscher Klaus zu.

Da scho ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunchst um einen Thaler
anzusprechen, und sein Komdiantentum uerst geschickt verwertend,
stie er heraus:

"Hebbt Se villich en beten Lttgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?"

"Ja, Herr von Brecken, dat hev ick," entgegnete Klaus mit gutmtiger
Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen
schmutzigen ledernen Beutel hervor.

Diesen breitete er fcherartig auf dem Futterkasten aus und holte
allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred
hinzhlte.

Aber whrend das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit
seinem verschlossenen Gesicht in der Thr, zog sich jedoch, als habe er
sich vergewissert, da hier das von ihm Gewnschte nicht zu finden sei,
kurz nickend gleich wieder zurck.

Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und ber die Wiese den Weg
zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief
der Kter Max, der bei Tankreds Anblick ein wtendes Gebell ausstie.

Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so
unglcklich, da nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen
wurde.

In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von
Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er
ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich
fuchtelnd, auf abgekrztem Wege dem Kirchdorf zu.--

Inzwischen berlegte Theonie, durch den Brief und das Gesprch mit der
Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich
noch heute mit Tankred endgltig auseinanderzusetzen. Sie vermochte
seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war
sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hren
vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr
Gewalt anzuthun. Im hchsten Grade auffallend war es ihr gewesen, da
sie am Sptnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter ffnen
wollte, das Schlo verdreht fand. Da Tankred versucht habe, das Innere
zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu
bringen, schon am nchsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie
abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervsen Angst
und Furcht, die sie beherrschten, erhhte sich ihre Bereitwilligkeit zu
Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich
verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren
Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang,
Grete von der Linden heimzufhren, wrde er immer in ihrer Nhe bleiben.
Der Aufenthalt auf Falsterhof wrde fr sie eine Qual werden; sie mute
am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin
zurckkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her.

Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie
auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm
gegenber sa, Auge gegen Auge, war sie gefater, ja, dann empfand sie
kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall
ihr vielleicht gnstig sein.

So beruhigte Theonie sich denn endlich, lie eins der Mdchen kommen und
befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett
aufschlagen. Sie wnsche, da sie sich nicht wohl fhle, nachts
Aufwartung zur Hand zu haben, erklrte sie, und dasselbe uerte sie
gegen Frege, als er den Abendtisch deckte.

"Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter,"
schlo Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, da Frege sich mit
dem einen Bein schwerfllig bewegte.

Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentmlichen Blick
an.

"Von ihm!--Er war's!" stie er dann finster und ganz gegen seine
Gewohnheit heftig heraus.

"Er? Wer? Von wem sprechen Sie?"

Noch zgerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller,
die er eben verteilen wollte, absetzend:

"O, liebe gndige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich mu
sprechen.--Es liegt etwas Schreckliches ber Falsterhof--es kommt von
dem jungen Herrn. Ich bitte, hten Sie sich.--Ja, ja, ich wei, Sie
denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil
er kein Recht hatte zu reden ber Sachen, die allein die Herrschaft
angehen."

"Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?" drang's in Todesschrecken aus
Theonies Munde. "Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie
wissen.--Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins
Wohnzimmer! So, nun--nun--" hauchte Theonie und sank bermannt von den
Eindrcken in einen Lehnstuhl.

Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen sa, ber die
Lippen: Er habe gesehen, da Tankred am Sterbetage der gndigen Frau ins
Fenster gespht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt
habe. Er habe ihn abermals gesehen, jngst am Abend, als auch Theonie
seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzhlte von den Geldanleihen, die
Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, da er
whrend der Krankheit der Gndigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt,
sich dort amsiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu
gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit bsen Absichten um,
er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht tusche.

Sie knnten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon
seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand
gehabt, um fr alle Flle bereit zu sein.

Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen
Gndigen schlpfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er
dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von
dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen,
wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht.--

Nun ertnte die Glocke drauen, Max schlug an--Herrin und Diener flogen
auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer.

Fnf Minuten spter trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel
getrunken, war uerst gesprchig, und statt der demtigen
Zurckhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine
unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag.

Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rckte ihrem
Vetter die Speisen nher und suchte seinen starken Redeflu zu dmpfen,
indem sie erklrte, sie fhle sich sehr angegriffen.

"Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du
genieest ja auch nichts Ordentliches," entgegnete Tankred und schenkte
trotz Theonies Weigerung deren Glas voll.

"Wozu, da ich doch nicht trinke--?" wehrte sie herb und in deutlicher
Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab.

"Na, es ist ja kein Unglck, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht
getrunken wird," entgegnete Tankred in absprechendem Ton. "Niemals habe
ich leiden knnen, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, da man
ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird
oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das
Glas nicht fllen lassen zu wollen. Ich mchte sogar sagen, es ist ein
Stck guter Erziehung, da eine Dame ihren Herrn darin gewhren lt und
keine Einwendungen erhebt."

"So bin ich denn nicht gut erzogen," entgegnete Theonie schroff. "Ich
finde es unrecht, etwas unntz zu verthun, so lange es Darbende in der
Welt giebt."

Tankred wollte eine hmische Bemerkung ber Theonies ewig
moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu
sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes
Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hren: Lieber dafr
gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb
einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend:

"Na, streiten wir uns nicht, Theonie, whrend der wenigen Tage, die wir
noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer.
Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und
mute sogar schon den alten Klaus anpumpen--"

Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstoen.
Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und
vershnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen
und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige
Entfernung:

"Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natrlich bereit, Dir
auszuhelfen. brigens knnen wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei
dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine--es
soll keine Aufforderung darin liegen--ich mcht's nur wissen."

Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, sptestens bermorgen,
erwidern. Er frchtete, sie knne ihm abermals in dem ausweichen, was zu
erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er nderte doch seinen Plan und
sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend:

"Von Deiner genersen Hand, beste Theonie, hngt alles ab. Wenn Du mir
krftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine
Versuche fortsetzen. Freilich," schlo er, verliebt sprechend, und
verschlang, durch das hastige Weintrinken pltzlich in eine
leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt,
"Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein
schwerer, fast meine Kraft bersteigender Entschlu."

Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, da seine sinnliche
Natur ihr gegenber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor
allem gefrchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken
insbesondere gerichtet gewesen.

Zunchst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine
Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den
Kopf bewegend, eine Schale mit Obst.

Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm
half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornberbiegend und
sie mit seinen glhenden Augen bannend:

"Hre, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, da Du
mir nicht geneigt bist. Ich wei, woher es kommt. Du denkst an mein
Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr hate,
obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflut. Aber ich bin ein
anderer geworden, ich mchte es sein, und Du knntest luternd auf mich
einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und lie mich von
meinen Leidenschaften fortreien, aber ich bin nicht schlecht, wie meine
Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatrlich, da wir uns von
einander abschlieen? Wre es nicht vielmehr den Verhltnissen
entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim
ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine
Strenge und Zurckhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem
Schmerz, da Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that
ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah whrend meines
Aufenthaltes hier etwas, was Dir mifallen mute? Gewi, da ich kein
Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil
selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem
Vermgen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich
habe. Ich fnde hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann
bin. Ich knnte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir
gemeinsam arbeiten und genieen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du
Dir auch von dem Miratenen nichts aneignen knntest. Und doch
vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen
wrde. Er wird Dich auf Hnden tragen, denn er liebt Dich
leidenschaftlich, Theonie.--Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar
nichts zu erwidern?"

Aber sie antwortete nicht. Sie schttelte sich in Grauen, und er sah es,
und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht mizuverstehen waren, weil es
ihm klar wurde, da sein Spiel verloren war, da er trotz der
meisterhaften Maske sie nicht getuscht hatte, da sie ihn doch fr das
hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein
brennender Ha, eine solche Leidenschaft, da er sie am liebsten
ergriffen und geschttelt und ihr zugerufen htte: Warte, Du hochmtige
Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souvernen Besserhalten ber
mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein ausstziger
Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, da ich
Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Fusten!

Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil
ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie
er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf
seine gemeinen Triebe.

"Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred," entgegnete sie,
ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. "Nicht aus Motiven, wie
Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben
vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich,
fnfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder
pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfgung.--Nicht
wahr, Du zrnst mir nicht? Ich bitte Dich."

Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der
Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib htte tten
mgen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz,
umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Flle
sprossenden Leib und die jetzt so s und demtig blickenden Augen.

Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf
errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem
Zauberschrank? Hatte berhaupt jemals ein Mensch seinen Knsten auf die
Lnge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen?

"O, Se!" rief er aufspringend, sie mit krftigen Armen umschlingend
und leidenschaftlich kssend, "sei hart und abweisend oder gtig gegen
mich--immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fhle an
meinen Kssen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhre
mich!"

Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weie Farben
traten auf ihre Wangen, dann aber ri sie sich mit schier
bermenschlicher Kraft von ihm los, stie ihn vor die Brust und floh,
wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer.

       *       *       *       *       *

Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf
wst, und er fhlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die
Vorgnge des vergangenen Abends traten in sein Gedchtnis, und rger.
Unmut und Reue erfllten sein Inneres.

Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil
ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu
sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die blen Folgen
tragen mssen.

Er wute, durch diesen Vorgang bte er vieles ein, was schon gewonnen
war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts
geschehen, was sie ihm htte vorwerfen knnen, denn da er sie liebte,
konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch
seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das
Gastrecht in unerhrter Weise verletzt.

Er stellte sich die Folgen vor. Zunchst hatte er sicher jede
Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person
verscherzt; von einer freiwilligen Annherung ihrerseits konnte jetzt
nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich wrde sie sogar Rache ben
und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke
kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben wrde; er blieb jedoch
nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, da sie nach diesem
Vorfall sich zu keinen greren Opfern bereit finden wrde, im guten
wenigstens nicht. Er berlegte nun, was weise und vorteilhaft fr ihn
sein werde.

Zunchst mute er durch die Knste seiner Verstellung wieder ein
uerlich gutes Verhltnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon
um seines vorlufigen Bleibens willen; dann aber hie es, sondieren, was
nach dem Geschehenen zu erreichen war.

Wenn er vor sie hintrat und demtig seine Unbesonnenheit eingestand,
ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklrte, er wolle Falsterhof
verlassen, dann wrde er--das hielt er fr ausgemacht--sie zu Opfern am
bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm
noch werden konnten, und schnitt sich die Mglichkeit ab, in Grete von
der Lindens Nhe zu bleiben.

Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn
und Unmut vor den Kopf, verwnschte seine Leidenschaft und war schon, da
er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache
verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Frhstck servierte
und ihm einen Brief bergab.

Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte.

Nachdem Frege sich entfernt hatte, ri Tankred voll Ungeduld den Brief
auf und las:

  'Hochgeehrter Herr von Brecken!

  Sie haben unserer Tochter die liebenswrdige Zusage gemacht, uns
  besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie
  ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern
  verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen mchten.
  Wir wrden darber auerordentlich erfreut sein und bitten, gtigst
  dem berbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten drfen.

  Ihr sehr ergebener

  Konrad von Treffen.'

Der artige Inhalt dieser Zeilen gab Tankreds Gedanken mit einem Schlage
eine andere Richtung.

Tressens kamen ihm in ungewhnlicher Weise entgegen. Sicher hatte er auf
Grete einen guten Eindruck gemacht, auch wirkte der Umstand wohl mit,
da man ihn als Miterben von Falsterhof ansah.--Und er war es nicht!

Emprend, da der filzige Philister, sein Onkel, ihn hatte leer ausgehen
lassen! Und nicht minder unverzeihlich war's von der verstorbenen Tante,
da sie nicht einen Augenblick gefunden hatte, um eine Klausel zu seinen
Gunsten in das Testament einzufgen. Gewi hatte er das Theonie zu
verdanken! Ja, sie war ihm in der Seele zuwider, obschon ihn gestern,
als sein Blut hei gewesen, ihr Krper gereizt, obschon er sich
eingebildet hatte, er knne sie lieben. Diese sentimentale Tugend, diese
langweilige Resignation und diese ihren geistigen Hochmut nur in noch
schrferes Licht stellende uerliche Bescheidenheit waren ihm in der
Seele zuwider. Er nahm auch einen ganz verkehrten Standpunkt ihr
gegenber ein. Von rechtswegen gehrte ihm die Hlfte von
Falsterhof!--Und pltzlich scho es Tankred von Brecken durch den Sinn,
diese Hlfte im Fall mit Gewalt von ihr zu erzwingen und dadurch sicher
der Mann Grete von der Lindens zu werden. Das sollte fortan sein Ziel
sein!

So trat er denn Frege bei seinem Wiedereintritt gehobenen Hauptes
entgegen, befahl, den Boten hereinkommen zu lassen, und schrieb, whrend
dieser wartend an der Thr stand, eine Zusage:

  'Hochgeehrter Herr Baron!

  Ihre gtigen Zeilen haben mich ebenso berrascht wie erfreut. Sie
  beschmen mich in der That durch die ungewhnlich artige Form Ihrer
  Einladung, die ich dankend annehme. Indem ich die Versicherung
  hinzufge, da ich bestrebt sein werde, mich der mir gewordenen
  Auszeichnung stets wrdig zu erweisen, bin ich mit dem Ausdruck
  grter Verehrung und unter gehorsamen Empfehlungen an Ihre Damen

  Ihr ganz ergebener

  Tankred von Brecken.'

Nach eingenommenem Frhstck setzte sich dann Tankred abermals an den
Schreibtisch und richtete die nachstehenden Zeilen an Theonie:

  'Liebe Theonie!

  Ich bedaure und bereue den gestrigen Vorfall aufs tiefste. La mich es
  Dir auf diesem Wege sagen und Deine Verzeihung einholen, bevor wir uns
  wieder gegenbertreten. Niemals--dessen sei gewi--wirst Du Dich
  ferner ber einen Mangel an Ehrerbietung meinerseits zu beklagen
  haben, vielmehr aus meiner Begegnung erkennen, wie hoch ich Dich
  schtze, achte und verehre.--Genehmige, liebe Theonie, da ich noch
  acht Tage auf Falsterhof bleibe. Dann reise ich ab, und inzwischen
  finden wir Gelegenheit, uns auszusprechen und die von Dir in so
  gtiger Weise angeregten geschftlichen Angelegenheiten zum Austrag zu
  bringen. Heute mittag und den Rest des Tages bin ich nicht in
  Falsterhof und bitte, mich bei der Mahlzeit zu entschuldigen.

  Tankred.'

"Tragen Sie dies der gndigen Frau hinauf, die ich nicht stren will, da
sie sich gestern abend schon unwohl fhlte. Ich werde heute nicht bei
Tisch sein," erklrte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege.

"Die gndige Frau ist bereits in der Frhe nach Elsterhausen gefahren.
Sie ist nicht anwesend," ging's kurz aus des Dieners Munde.

Tankred zog ein enttuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder
beherrschend, warf er hin:

"So--so? Und wann kehrt sie zurck?"

"Die gndige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen
abend wiederzukommen."

"Hm, schn!" Damit war Frege entlassen.

       *       *       *       *       *

Herr von Tressen warf eben noch einen prfenden Blick auf die heute
reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der
Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete.

"Bitte, sehr angenehm! Fhre Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und
benachrichtige die gndige Frau."

Tankred schaute sich mit prfendem Auge in dem Raume um, in den ihn der
Diener gefhrt hatte. Eine groe Eleganz trat ihm entgegen. An den
Wnden hingen wertvolle Gemlde, die Polstermbel waren mit Seide
bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Wnde in Wei und Gold
gemalt.

Und nun ffnete sich die Thr, und Frau von Tressen, eine ungewhnlich
stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch
geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender
Liebenswrdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein
anregendes Gesprch, an dem kurz darauf auch die brigen Hausbewohner
teilnahmen.

Herr von Tressen war ein starker Fnfziger, dem man die Spuren einer
flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die
Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtueres war, durch eine
gewhlte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem
Major auer Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen
starken Schnurrbart.

Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid
an, das vollendet sa, und ihren schlank geformten Hals umschlo ein
kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Zge waren auch heute kalt,
solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund
ffnete, und ein Lcheln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen
trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz.

Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles
aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen.

Halb freimtig, halb zurckhaltend, stets von ausgesucht zarter
Artigkeit, niemals mit Beifall zurckhaltend, immer seine Worte wgend,
verstand er es, durch sein Komdienspiel alle, bis auf die
Gesellschaftsdame, Frulein Helge, zu tuschen.

Die letztere blieb nicht nur zurckhaltend gegen ihn, sondern legte
sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen
Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch
fr die brigen erkennbar machten, da sie ihn zu brskieren trachte,
aber Tankred mit seinem scharfen Sprsinn wute, da sie sich gegen ihn
auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe.

Indessen schien sie auf Grete keinen Einflu auszuben. Tankred bemerkte
sogar einmal, da etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen
aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke
fast erschreckte. In der Seele dieses Mdchens war nichts Nachgiebiges,
sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehrte sie nicht zu den vielen
sanftmtig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden
jungen Geschpfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich
den spter eintretenden Enttuschungen geduldig fgten.

Nach eingenommenem Kaffee mute Tankred die Malereien der Frau des
Hauses, die nicht ohne Talent ausgefhrt waren, in Augenschein nehmen;
man sprach mit Interesse und Verstndnis ber Politik, Litteratur und
Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was
sie ohne Einwendungen that.

Ihre Stimme war schn, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem
fehlte doch die rechte Wrme.

"Sie mssen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann
wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gndiges Frulein," wagte
Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe
herausfordernd in die Augen, da es ihn fast verwirrte.

Sie besa nichts von schchterner Verlegenheit; vielmehr schien sie
sagen zu wollen: Prfe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine
Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab
viele, die in solcher Weise zum Tndeln aufforderten, sich aber mit
sittlicher Entrstung zurckzogen, sobald ein Mann ihnen besondere
Aufmerksamkeiten erwies.

Solche Weiber reizt es, Herz und Gemt der Mnner zu beunruhigen, auch
haben sie Interesse fr sie, und es steigert sich, solange jene
unempfindlich bleiben. Sobald die Mnner aber an den Tag legen, da ihre
Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgltig von ihnen zurck.

Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit uerster
Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach
zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich groer Begeisterung
von anderen Frauen und Mdchen sprach.

"Es ist das schnste, geistreichste und klgste Geschpf, das mir im
Leben vorgekommen ist," warf er, eine uerung einer gerade erwhnten
Dame geschickt in das Gesprch einflechtend, hin. "Ich hatte auch das
Glck, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug gengte,
um mich verzichten zu lassen."

"Und der war?" fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein.

Tankred machte eine ausweichende Bewegung und lchelte in berlegener
Weise.

"Nun?" drngte Grete, whrend sie, wie zufllig, einige Schritte ins
Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem
Gesichtskreis der brigen entzog.

"Sie mihandelte," entgegnete Tankred, indem er eine kleine
Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in
seiner Hand drehte, "ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in
unerhrter Weise und verdoppelte noch die Zchtigung, als diese ihr
nachwies, da nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr
vorgeworfenen Unterlassung schuld sei."

"Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefllt niemandem," entgegnete
Grete, Partei nehmend. "Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in
dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwlzen."

"Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nchterne Auffassung der Dinge
an den Tag, gndiges Frulein. Das ist beneidenswert--"

"Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemt bei einem nicht
mitspricht?" Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme.

"Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man
nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt.
Ah--tausendmal um Verzeihung--" unterbrach sich Tankred, dem bei den
letzten Worten die Nippesfigur aus den Hnden fiel, und der beim
Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, da ihr ein Arm abgeschlagen
war.

Er dachte, da Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde,
aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdru und sagte: "Die
Figuren stammen noch von den Eltern meines Grovaters, sie sind sehr
wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche bergangsfarben
nicht mehr zu komponieren wei."

Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schlo sie,
kaum hinhrend, die Kunstfigur in ein Schrnkchen ein und sagte: "Sie
gehren zu den Menschen, die alles anfassen mssen. Man sagt, solchen
hafte ein Diebssinn an." Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer
lchelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe
machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und fr Sekunden war
ihm Grete fast unheimlich.

"Ich werde mich zu bessern suchen," stie er mit einschmeichelnder
Artigkeit heraus. "Und Sie haben mir vergeben, gndiges Frulein? Nicht
wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?"

Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, flsterte die
letzten Worte in doppelsinniger Betonung und prete einen den Eindruck
derselben verstrkenden, weichen Ku auf ihre Hand.

Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurck, aber in ihren
Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender
Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen
verstanden hatte.--

Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch
einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu nhern.

Sie sprach davon, da sie sich darauf freue, wieder einen Teil des
Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht
unbemerkten, interessierten Blick, ob er knftig auf Falsterhof wohnen
oder das Gut verlassen werde.

"Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof
geworden," warf sie sondierend hin.

Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte
durchaus keine Einwendung.

Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine
Blume, die sie gepflckt, an sich zu nehmen. Auch lchelte sie mit einem
die Sinne anfachenden, reizenden Lcheln vor sich hin, als Tankred
trivial, aber berzeugend klingend, sagte: "Von allen Andenken, die ich
der Gte schner und kluger Frauen verdanke, ist dies Blmchen das
wertvollste."

Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des
Hauses,--es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, mu
die Mutter erobern!--und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei
der Zigarre so ausschlielich mit Herrn von Tressen, da die Damen eine
Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhrer fgten. Nur eine
nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das
sie gesehen. In ihm habe ein gefhrlicher Mensch in die gute
Gesellschaft einzudringen gewut und alle getuscht, bis auf die
Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen
verhtet.

"Und das Ende?" fragte Grete, als sie eine Pause machte.

"Das Ende war ein Totschlag--"

"Was verhandelt ihr da Schreckliches?" fragte Herr von Tressen lachend.
"Es klingt ja entsetzlich--"

Tankred aber besttigte Carins Erzhlung mit gleinerischer
Unbefangenheit und sagte--und sie verstand ihn--: "Sie vergessen,
gndiges Frulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stcke vor.
Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst
dem Schicksal."

Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte,
gab Grete dem Gesprch eine andere Wendung und bat Tankred, einige
Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er
darin Meister war, erntete er groen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen
nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung.

Es war fr lndliche Verhltnisse schon spt, als der Stallknecht
Tankreds Fuchs vorfhrte. Unter einem "Auf Wiedersehen am Schlu der
Woche" und einem "Vergessen Sie es nicht!" von Grete, dem Frau von
Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied.

Nach Falsterhof zurckgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall
und zumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich
darber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlgen, da
nur sie sein Innerstes beherrschten.

Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich
erst allmhlich. Nun hallten Tankreds Schritte ber die Steinfliesen,
und er ffnete die Thr seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf,
war ein weies Kuwert, das auf dem Tisch lag. "Ah--! Sicher eine Antwort
von Theonie!" Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels
zu entledigen, ungestm danach und las:

  'Da ich morgen Falsterhof verlasse, mut Du Dich bei Deinem Entschlu,
  noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen.
  Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast,--ich mchte sonst bitten, Dich
  mit Justizrat Brix, der ber alles orientiert ist, in Verbindung zu
  setzen,--mu es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Frhstck
  geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt.

  Theonie.'

"Also doch!" murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der
Inhalt dieser Zeilen auerordentlich. Sie rumte das Feld, und er konnte
nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm
die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Da er sie trotz der
Entschiedenheit ihres Charakters allmhlich wrde einschchtern knnen,
schien ihm zweifellos; er wute, da sie Furcht vor ihm empfand, und ihr
wrde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er
nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die
Nacht, das Grauen mute helfend einwirken.--Der Mann warf den Kopf
zurck. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche mute sie noch
bleiben. Alle seine Knste wollte er aufwenden.--Knste? Theonie
gegenber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so
gnzlich, da nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren
Gerechtigkeitssinn, untersttzt durch indirekte und gegebenenfalls
direkte Drohungen, konnte zum Ziel fhren.--Da er sich auch von seiner
Leidenschaft hatte hinreien lassen, da er doch wute, ein Werben, in
welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu
ohrfeigen! Wre das nicht geschehen, so wrde er jetzt eine Neigung zu
Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er knnte erklren, es sei
mglich, deren Hand zu erwerben, wenn er ber ein Erbteil zu verfgen
habe.--

Pltzlich scho Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal
jemand erzhlt, da der Beamte eines groen Hauses in Amsterdam bei der
Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort
erhalten habe: "Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind,
dann kommen Sie wieder, dann lt sich ber die Sache sprechen!" Der
junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses
Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der
Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionr in
Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Mdchens gelangt,
das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden.

Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hrte er
drauen ein Gerusch, als ob jemand langsam an seine Thr schleiche;
auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf.--Dann aber
war's still, und von Trumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis
zum Morgen.

       *       *       *       *       *

In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben
hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach.

"Wann ist er nach Hause gekommen?" fragte sie ohne Einleitung.

"Es war zwischen zwlf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt.
Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der
gndigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal ber den Flur schlich
und durch das Schlsselloch sah, verlschte gerade das Licht."

Theonie nickte. "Also Du weit: wenn wir beim Frhstck sitzen, bleib in
der Nhe. Ich bin nicht sicher, da er nicht abermals unverschmt gegen
mich wird. Da will ich Dich erreichen knnen.--Und berichte mir also
jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme
dann zurck--Ah," unterbrach sie sich, "er wird nicht freiwillig
gehen!--Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise
zu rchen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben.
Vor solchen Menschen schtzt keinerlei Schlo und Gesetz, sie sind zu
allem fhig."

Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, groen Kopf
mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentmlichen Ausdruck vor
sich hin, der den Schwerhrigen eigen ist.

"Ich wte eins, gndige Frau," schob er dann, das Wort nehmend, ein.
"Wenn er das Frulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm
befreit fr alle Zeiten. Das sollten Sie zu frdern suchen."

"Wie kann ich das frdern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr
zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine
Nhe beunruhigt mich, flt mir Furcht ein."

Frege bewegte die Achseln. 'Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man
das, was man finden kann' stand in seinem Gesicht geschrieben.

Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herber, und Theonie entlie Frege und
stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, da ihr die
Kniee zitterten.

Whrend dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang
hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben.
Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred
dem groen Tannenhgel nherte, der zur Linken einen Teil des Parkes
begrenzte, erffnete sich ihm ein zauberhaft schnes Bild! Unzhlige
Lichter irrten zwischen den Stmmen, versteckte kleine Sonnen blitzten
und durchleuchteten die dunkelgrnen Zweige der Fichten; breite Strme
ergossen sich den Hgel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an
anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Hhe
hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den
wrzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen.

Die Schnheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr
noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt.

Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln,
Wiesen, Felder und Waldungen umfate, die alle zu Falsterhof gehrten,
die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein
Blick nach dem Pachthof hinberschweifte, und die Kuh- und Schafherden
vor ihm auftauchten, das Gerusch thtiger Menschenarbeit zu ihm
herberdrang, die Wirtschaftsgebude unter dem farbigen Laub
emporstiegen, und er im Geiste an sich vorberziehen lie, was alles sie
bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der
Meierei war, wie weit sich die Gemsegrten ausstreckten, und wie endlos
auch noch stlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte
sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, da sein Herz
klopfte, und seine Handflchen sich feuchteten.

Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen,
ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's
schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wnschte.
Sie konnte es sich ja berlegen, seinen Vorschlag auf der Reise wgen
und ihm schreiben.--Ja, so sollte es sein.

Und dann standen sie sich gegenber. Theonie go eben Wasser auf den
Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es
unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte:

"Bitte, nimm Platz.--Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot
abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so
liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?"

Tankred ward aufs angenehmste berhrt. Theonie lie ihn die Vorflle des
verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich vershnliche
Gesinnungen an den Tag.

Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit.

Als sie sich gegenber saen, sagte er:

"Ich danke Dir fr Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich
hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?"

"Ich reise zunchst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will.
ber die Lnge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt."

"Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?"

"Nein, schwerlich."

Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang
heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die groen, tiefen Fenster ihre
Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte
doch das Gemach, als seien die Wnde pltzlich in lichtdurchflutetes
Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Mbel glnzten, das weie Leinen
der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte
rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das
Krystall und das Silber auf dem Frhstckstisch flimmerte und blitzte.
Eine Platte mit s duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine
einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen
neben mehlig-hellen Kartoffeln.

Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein
Glas goldfunkelnden Rheinweins ein.

Sie verstand es, die Dinge gemtlich zu machen; wenn sie etwas bereitete
oder die Hand darber hielt, war's stets tadellos, und auch heute
schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzge sorglosen
Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts
Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber
auf dem Tisch, die Gemcher waren mit allen nur denkbaren
Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage,
voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der
Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener
Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen.

"Hre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen," begann
Tankred unter solchen Eindrcken in gehobener Stimmung. "Wirf Deinen
hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die
Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, da
ich in meinen Entschlssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu
beginnen, gefrdert werden wrde, wenn ich heiraten knnte--Nein, nein,
frchte nicht, da ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an
den Tag gelegt, da Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde
ich Dich wieder belstigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in
guten, geordneten Verhltnissen wre, knnte ich sicher auch eine brave
Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du
mir gtigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhltnissen einem
Landmann keine Mglichkeit, sich eine Selbstndigkeit zu verschaffen.
Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht
ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu
lassen? Wre es den natrlichen Verhltnissen nicht entsprechender
gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wre, zumal Du
Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich wei,
da Du mich nicht liebst. Ich fhle sogar, da Du mich nicht achtest,
obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens
schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du
leicht nachgesehen haben wrdest, wenn Du meine Neigung erwidertest.
Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mitraust, so
hast Du doch als eine Brecken und vermge Deiner ganzen Veranlagung
gewi den Wunsch, da ich fortan einen soliden und rechtschaffenen
Lebenswandel fhre, da ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem
aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch
freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof
verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen
Fhigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann
mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flssig, indem Du eine
grere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hlfte der Rente
berweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es ber die maen
unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe
auch zu, da mein Verlangen sehr ungewhnlicher Art ist. Aber ich bin
nchtern veranlagt und setze anderseits ein groes Vertrauen in Deinen
Gerechtigkeitssinn, auch wei ich, da Du geringen Wert auf Hab und Gut
legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu
machen.--Nun, Theonie?" schlo er und griff wieder nach Messer und
Gabel, die whrend seiner Rede geruht hatten. "Was meinst Du? Willst Du
so freundlich sein, zu berlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?"

Theonie hatte bei den letzten Stzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre
Gedanken beherrschten sie so, da sie nur halb vernommen, was er am
Schlu gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters
Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefat.
Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht
einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe
zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefhl, nicht aber ein Pflichtzwang sie
geleitet.

Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge
schauend, erwiderte sie:

"Ich weise Deine Vorschlge durchaus nicht zurck. Aber vor der Hand
kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf
mich rechnen. Ich will einen Entschlu von solcher Tragweite--ich
spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilberweisung;
die Verwaltung des Gutes mchte ich dem Manne nicht entziehen, der
meines Vaters ganzes Vertrauen besa und es stets rechtfertigte--also,
ich will einen Entschlu von solcher Tragweite nicht fassen, ohne
Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhngig machen von
gewissen Umstnden, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner
Beurteilung unterliegen knnen."

Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, da seine Kousine
noch etwas fr ihn Gnstiges hinzufgen werde. Aber sie neigte nur in
Besttigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum
Aufstehen.

"Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein," sagte sie, nach
einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. "Entschuldige mich, ich habe
oben noch etwas zu thun."

Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurck.

"Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, da ich ohne Mittel sei,
Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Wrdest Du wohl die Gte haben,
mir einiges Geld zurckzulassen?"

Sie nickte bereitwillig und sagte, die Brse ziehend, mit einem Anflug
von Verlegenheit: "Wie viel, bitte?"

"Ein paar hundert Thaler wrden mir zunchst sehr gelegen kommen, da ich
einige Verpflichtungen habe."

"Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da mte ich erst an
Brix schreiben."

"Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter," wandte Tankred ein. "Er ist
stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen."

"An den Verwalter?" wiederholte Theonie zgernd und pedantisch
berlegend. "Das wrde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie
geschehen, alles geht durch Brix."

"Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon
erklren--"

Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie
von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen.

"Nein, ich mchte es doch nicht. Aber hier,
bitte--vorlufig,"--entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine,
die sich in ihrer Brse befanden, "fr weiteres werde ich sorgen."

Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mute an sich halten, um
ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten
und berlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie
ihr Eigentum flssig machte, Millionrin war, brachte ihn schon an sich
auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im hchsten Grade. Es mute
alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten,
wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wute er,
wenigstens fr den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu
unterdrcken.

"Nun--lebe wohl,"--sagte Theonie, vom Reisefieber erfat, mit deutlicher
Unruhe.--"Mge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er
wird Dir das Ntige mitteilen."

Pltzlich kam Tankred der Gedanke, da dieser fortwhrende Hinweis auf
den Rechtsbeistand und Vermgensverwalter der Familie noch einen
besonderen Grund habe. Theonie wrde ihm am Ende noch Bedingungen durch
Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, da er sie
abermals zurckhielt und die Worte hervorstie:

"Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise
anzutreten, und wendest dabei groe Umstndlichkeiten an, whrend Du
meine Angelegenheit behandelst wie eine lstige Nebensache. Weshalb soll
ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine
Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm
zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch."

Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem
starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen
zeigend, da sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse,
zurck:

"Es mu aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mut Du
schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst."

Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des
Menschen, der ihr gegenber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck.
Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein
zhneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes:

"Nein, ich mu nicht und will nicht!" drang wie ein Gewitter aus seinem
Munde. "Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe
an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefhl, aber auch
an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lstigen Habenichts
zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann
die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden,
aber sich wohl auf meinen zuknftigen Lebenswandel beziehenden Worten
begleitetest, schwieg ich und fgte mich. Dann bat ich um etwas Geld,
das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wutest, da
ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besa, und machte,
weil ich es gleich gebrauchte und--" hier schob Tankred einen
berechnenden Satz ein--"auch fr meine Abreise desselben bedrftig war,
den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurck
und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen
Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war."

Aber nun unterbrach Theonie, die anfnglich mit Angst und Herzklopfen
zugehrt hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich
getroffen fhlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und
Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte
es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er
bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich
erworben?! Dasselbe ungestm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte,
pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm
entgegen:

"Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast
Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite
verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich
gehe, Du gehst--! Das ist mein letztes Wort."

In diesem Augenblick erschien die drre Gestalt Freges in der Thr, und
hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb
ngstlicher, halb entschlossener Miene.

"Ah!" drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur
Abwehr auf. "So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur
Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner
Gewalt! Mu ich ihr aber dennoch weichen, so htet Euch!"

Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebrden
ausgestoenen Worten trat er durch das anstoende Gemach auf den Flur,
und die Zurckbleibenden hrten, wie er die Zimmer des Onkels aufschlo.

"O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du
mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches
zu verdienen?!" hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren
Stuhl.--

Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als wre er
eingesperrt und snne darber nach, wie er sich befreien knne. Aber
sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern
auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt,
abermals war er seinem Jhzorn unterlegen, und statt seine Sache zu
verbessern, hatte er sie gnzlich verfahren.

Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen
Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend
bewiesen, da sie recht hatte, wenn sie ihm aufs uerste mitraute.
Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung auer acht gelassen, sondern sich
auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar
Drohungen ausgestoen, die nur zu gut verrieten, was sich in den
tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem
Vorgang ihm nicht wieder nhern, das Tuch zwischen ihnen war
zerschnitten.

Unglaublich hatte er gehandelt!

War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein ber
alle Erwartungen gnstiges Ergebnis gewesen?

Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen
Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken
in den Sinn gekommen wre. Es wrde ihn nicht berrascht haben, wenn
Theonie ihm erwidert htte: Ich wei nicht, ob ich mehr ber Deine
unverschmte Forderung mein Erstaunen ausdrcken soll, oder ber deinen
Mut, sie mir vorzutragen.

Statt dessen hatte sie seine Grnde angehrt und unbefangen gewrdigt
und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren
nicht gefhrden, bewhrst Du Dich aber, dann soll die Hlfte Dein
Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber
auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zgelloser,
von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist.

Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte
auszahlen wollen. Sicher wrde Theonie jetzt wieder zu ihrem
Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie frher festgesetzt hatte,
und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von
Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse wrden an die
ffentlichkeit dringen, und er wrde der Familie Treffen als das
erscheinen, was er wirklich war.

Wie gut hatte er alles eingefdelt, und mit welcher Pfuscherarbeit
geendigt! Wre er fgsam gewesen, so htte er Tressens erklren knnen,
er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Hlfte von
Falsterhof. Theonie wrde, unter geschickter Behandlung der
Angelegenheit von seiner Seite, diese Begnstigung besttigt, es wrde
sich alles ohne Schwierigkeiten und Knste geregelt haben, whrend nun
schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Lge aufgewendet werden
mute, um nur die blen Eindrcke wieder zu verwischen.

Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit
lag vor, da alle Mhe umsonst gewesen.

Nein! er war doch noch ein groer Stmper! Er mute sich's zugestehen.
So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, da er sogar auf
den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei,
tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemhen, ein ordentliches
Leben zu fhren. Ihm kamen pltzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die
Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht
durch Selbstbeherrschung zu untersttzen vermochte. Er hatte noch nicht
warten gelernt. Warten knnen! Was lag nicht alles in den Worten! Und er
besa auch nicht hinreichenden Mut; seine Genusucht und sein
Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschlsse und machten ihn
feige.

In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner
schrankenlosen Selbstsucht berlegte er, ob er nicht lieber Theonie
nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwren solle, da
das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn htte
aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst.

Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins
richtige Geleis bringen zu knnen, beschftigte ihn pltzlich
solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und
dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, drngte sich ihm so
strmisch auf, da er das Haupt zurckwarf, die Klingel zog und dem
stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er mge sofort den Fuchs
satteln.

"Wohin ist meine Kousine gereist?" fgte er erregt hinzu. "Es ist
wichtig, da Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe,
alles daran zu setzen, um unser Zerwrfnis zu beseitigen. Also, wohin
hat Klaus die gndige Frau kutschiert?"

Frege befand sich in grter Verlegenheit. Er wute nicht, wie er am
besten zu Gunsten seiner Herrin handeln wrde.

"Ich wei es nicht, Herr von Brecken. Zunchst wollte Frau Cromwell bei
Pastors vorsprechen und spter Nachricht geben."

So wand sich Frege heraus.

Bei der Erwhnung der Pastorfamilie scho Tankred ein Gedanke durch den
Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfllen durch Theonie unterrichtet
wurden, wrden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Jngst
hatte die Familie bereits geuert, da sie Pastors, die sie sehr
schtzten, allernchstens mit Tankred zusammen einladen wollten.

Das verstrkte des Mannes Entschlu, unter allen Umstnden Theonie
nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht sumte; sicher
wrde sie sich bei Hppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag
ber aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte
durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem
Zeichen des Kreuzes zurckwich, so fhlte er seine Gewalt und Kraft
gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens.

Kaum zehn Minuten spter war Tankred unterwegs, er jagte dahin, da der
Staub der Landstrae hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild
strmende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstrae belebenden
Fugnger erregte.--

Inzwischen sa Theonie bei Hppners im Gartenzimmer und berichtete mit
eben wieder zurckgewonnener Fassung von allem, was geschehen war.

Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem
Ausdruck grter Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und
abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, da er
zugleich nach einer Entlastung fr Tankred suchte, da er die Hoffnung
nicht ausgab, die Herzen zu vershnen.

Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem
Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war.

"Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenberstehen, ich wollte ihm schon die
Seele mrbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht
zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen
Widerstand treffen; sehen sie, da man ihnen die Zhne zeigt, ziehen sie
wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen?--Er knnte
Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus
Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in
Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen
Mitrauen sich erhht, weil er schlecht hrt, hat Sie ngstlich gemacht.
Ich wette darauf, da Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut
Wetter bittet."

So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz
ihrer berzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, da
Tankred zu dem Schlimmsten fhig sei.

Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu
beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung
entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte,
als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu
verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die
Pastorin rief:

"So, liebste Frau Theonie! Nun mssen Sie doch auch unsere Lene sehen,
unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte,
da wir uns erst ungestrt aussprchen. Gleich will ich mal umschauen,
wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurck sein."

Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach
sich aber, da eben die Thr sich ffnete, und ein freundlich
aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmdchen mit bloen Armen, in einem
sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mdchen von fnf
Jahren an der Hand, in die Thr trat.

"Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, ses Lenchen?" rief die Frau
glckselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen
empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch.

Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau
Hppner besa viele Vgel, die sie Theonie zeigte; sie fhrte sie auch
in den trotz der Herbstzeit noch sorgfltig geharkten und sauber
gehaltenen Garten.

Den Hhnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt
einherschreitenden Hahn mute Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen
und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie
wieder ber den Flur schritten, sah Theonie da sich eben ein Bauer mit
dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des
Geistlichen Auge, so geduldig hrte er auch noch zu, als der Mann am
Schlu wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entlie er
ihn!

Und berall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung
und Schnheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch
Beispiel geleitet, bescheiden und rhrig, selbst der Hund anschmiegend
und gehorsam.

Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit
denen sie fr Lenchen beschftigt war. Auch des Kindes erstes
Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glcklich, und ihr sonst jeder
berschtzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend:

"Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschpf fr eine sichere Hand
hat, wie talentvoll sie berhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel
fr ein Mdchen in den Jahren?" Und Theonie pflichtete lchelnd bei,
obschon sie das unbehlfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht
fand.

Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnschtiges Gefhl.
Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben--glcklich zu
sein--ja--glcklich zu sein!

Sie verwnschte fast das groe Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die
Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und
Qual verursacht und sie selbst verfhrt hatte, gegen ihre bessere
berzeugung sich fortreien zu lassen.

Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der
Pastor hatte gesagt: "Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte
zuzuschleudern, liebe gndige Frau, sanft erklrend auf ihn
eingesprochen htten, wrde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn
auch ein wenig gereizt!"

Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre
Ansicht dargelegt. "Nein, ich htte ebenso gehandelt wie Frau Theonie.
Der saubere Herr mute fhlen, da ihm ein Wille gegenberstand, denn
nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach,
so wachsen seine Unverschmtheit und sein bermut, und man hat das Spiel
verloren! Theonie mu auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine
Weichheit mehr, kein Nachgeben!"

Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fhlte
Theonie doch, da der Pastor auch ein Recht fr seine Ansicht habe.

Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht
entrckt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten
Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche
berlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle
Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof
entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner fr immer zu
entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Berhrung zu kommen?

Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos;
aber zwischen sich und ihm ein ertrgliches Verhltnis herzustellen und
indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder
Gewhren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern,
den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines
Namens zu behten.

So kmpfte in ihr auf der einen Seite der ursprngliche Entschlu,
Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm
zurckzuziehen und alle Folgen ihrer berzeugung zu tragen, mit der ihr
innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer
Verstndigung rieten.

Als man sich zum Abendessen im Pastorhause rstete, die Frau vom Hause
eben noch in der Kche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich
gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, wei und goldgelb
schimmernden Hlften auf einen Teller legte, trat das Kindermdchen ihr
nher und meldete, da ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell
frage.

"Wer denn?" warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der
Hand, an die Kchenthr und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurck,
als sie Tankred von Brecken vor sich sah.

"Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin," hub er, ehe sie
Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit
entgegen, "ich komme, um mit meiner Kousine ein vershnendes Wort zu
sprechen, und mchte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr,
Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher
stets bewiesene Gte."

Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen
seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte.

"Zunchst, bitte, treten Sie geflligst in das Zimmer meines Mannes!"
entgegnete sie hflich, aber durchaus khl. "Ich werde Frau Cromwell
fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht,
und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden mssen.--Hier--"
schlo sie ebenso kurz und entschieden und ffnete das Gemach ihres
Gatten, aus dem Tankred der dumpfsuerliche Geruch der vielen Pfeifen,
die der Pastor den Tag ber rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde,
dann hatte sich hinter ihm die Thr geschlossen. Die Pastorin aber begab
sich, nachdem sie vorher noch in vlliger Ruhe die Kchenangelegenheiten
erledigt, ins Gartenzimmer und verkndete ihrem dort mit dem Pastor
weilenden Besuch, was sich ereignet hatte.

Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Krper, der Pastor aber,
bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr
wirkte wie die ihm angeborene rcksichtsvolle Hflichkeit, rief fast
ngstlich tadelnd:

"Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht drauen stehen lasten?"

Die resolute Pastorin schttelte blo den Kopf und sagte kurzhin: "I,
wie sollt ich wohl; er ist natrlich in Deinem Zimmer."

"Nun, da will ich--"

"Nein, bitte, bleibe," entschied die Frau in einem Ton, der keinen
Widerspruch aufkommen lie. "Erst mssen wir berlegen, grndlich
berlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklren
Sie, da Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen knnten.
Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann khlt sich der bermut des
sauberen Herrn noch weiter ab."

Der Pastor schttelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie
aber schwankte.

Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred
nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den
Ausschlag. Es war auch mglich, da er, da er den ersten Schritt gethan,
erklrte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war
wieder im Vorteil, wenn Theonie der Vershnung aus dem Wege ging, und
was besonders magebend war: sie wnschte so rasch wie mglich Klarheit
zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, da er
Falsterhof verlassen werde.

So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor,
ihm sagen zu lassen, da sie nach Beendigung des Abendessens, also nach
Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhren.

"Ja--ja--aber--wir legen dadurch an den Tag, da wir ihn nicht an unserm
Tisch sehen wollen; das--geht doch wohl nicht--" schob wieder der Pastor
in seiner Gutmtigkeit ein. "Er hat unsere Gastfreundschaft angerufen,
indem er unser Haus betrat."

"Ach was!" entschied die Pastorin. "La ihn nur fhlen, wie wir ber
sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. berhaupt ist Zartheit der
Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den mu man
behandeln als das, was er ist!"

So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schdigte Theonies
Angelegenheit durch sein gewohntes hfliches Entgegenkommen und bat
Tankred, unter dem Hinweis, da sich seine Kousine gerade sehr
angegriffen fhle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen.

"Sie sind wohl im Krug abgestiegen?"

Tankred nickte.

"Werden Sie die Nacht hier zubringen?"

Nein, er wolle nach Falsterhof zurckkehren, entgegnete Tankred und
fgte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten
hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemt die
beabsichtigte Wirkung bten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer
zurckkehrte und ber seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm
die Pastorin das Wort und erging sich ber ihn in scharfem Tadel.

"Solche Gutmtigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert," hub sie
an, "ist Schwche. Wo bleibt der Vorteil fr die Guten, wenn man den
Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des
gttlichen Wesens, dem Du nacheifern mchtest. Wenn Du aber nicht dieser
Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel
und Hlle, von Guten, die zur Rechten, und von Bsen, die zur Linken
stehen sollen. Dann verheie ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute fr
die Guten, das Schlechte fr die Schlechten. Wenn Du nicht strenger
unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmnnlich schelten, und mit
Recht! Gewi, das Herz soll sprechen, die Erwgung, da man fr die
eigenen Schwchen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen
mchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heit's, die Forderung
stellen: Lege an den Tag, da Du das Gute nicht nur willst, sondern
bst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!"

Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds
beschlossen habe.

"Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin," entgegnete
Theonie. "Ich mchte gern hren, ob wir bereinstimmen!"

Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel
ihr, da sie schon einen Entschlu gefat hatte, sie fand auch, da
Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid
gegeben.

"Ich wrde Ihrem Vetter Folgendes erklren," erwiderte sie deshalb,
Theonies Wunsche willfahrend: "Vorbedingung sei, da er Falsterhof
sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erklre, da er
niemals ohne Aufforderung dahin zurckkehren werde, auch keine Rechte
auf irgend einen Teil Ihres Vermgens habe. Nachdem dies geschehen,
wrden ihm die einmal zugesagten fnfzigtausend Mark ausgezahlt werden."

"Nun und dann?" fragte Theonie, als die Pastorin schwieg.

"Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas
zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwhnen. Sollte er auf ein
weiteres zurckkommen, so wrde ich ihm erwidern, da ich mich jetzt in
keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung
verscherzt."

"Aber deswegen ist er doch hergekommen!" schob der Pastor, diesmal
nicht nur seiner Gutmtigkeit, sondern einer richtigen Erwgung folgend,
ein.

"Gewi! Aber wer wei, was geschieht!" entgegnete die Pastorin.
"Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht
sie ihr elterliches Vermgen selbst."

"Ich wei, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht
entgegenkommender uere," sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte
durch ein sanftes Kopfschtteln bergehend.

"Sie erklren ihm ja nur, da Sie sich nicht binden wollen; darin liegt
doch kein absolutes Nein."

"Das ist sophistisch, Marie!" schob der Pastor ein.

"Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen
haben, und der andere blo einen Helm, da ist kein Verstand drin."

Whrend sie noch sprachen, entstand drauen ein Gerusch, und Theonie,
bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der bloe
Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenber zu treten, erregte sie aufs
hchste. Das gab der Pastorin den Entschlu ein, Theonie vorzuschlagen,
sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln.

"Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich
erklre ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu
gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar
machen." Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede.

Fnf Minuten spter meldete die Magd den Herrn von Brecken.

"Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Znde Licht an!" entschied
die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred
war nicht wenig enttuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen,
aber er lie sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter,
seine tiefe Verpflichtung ausdrckender Hflichkeit.

"Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht
war, zu sprechen," hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte
eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. "Sie hat mich, um gleich
auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist
Frau Cromwells Wunsch, da Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre
Aufforderung nicht dahin zurckkehren. Sie verpflichten sich dazu
schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklren Sie, keinerlei Rechte
auf das Breckensche Vermgen, das flssige oder liegende, zu besitzen,
und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr
Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fnfzigtausend Mark
auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten
habe."

"ber die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?" brachte
Tankred, nur mhsam seine durch Enttuschung hervorgerufene Erregung
verbergend, hervor.

"Nein!"

"Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?"

"Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch
die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen
erledigt sein mu. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts
einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu
verlassen."

"Und wenn ich es nicht thue?"

"Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen."

"Haben Sie ihr diese Ratschlge erteilt, Frau Pastorin?"

"Gleichviel.--Ihre Kousine weicht von ihrem Entschlu nicht ab."

"Und wenn ich nun beschwren kann--ich kann es beschwren und habe nur
bisher nichts geuert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden
wollte,--da meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Hlfte von
Falsterhof zugesagt hat?"

"So wrden Sie einen falschen Eid schwren. So weit werden Sie es doch
wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von
Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, da Sie mit
solchen Mitteln durchdringen, da es blo eines solchen fr Sie bequemen
Entschlusses bedarf, um mhelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei
Ansprche knnen Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt,
da Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfllung und
Flei sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines
recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau
getragen. Statt sich Ihrer Kousine fr ihre Hochherzigkeit dankbar zu
erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk
hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu
teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die
Mittel zur Verfgung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie
ausfallend und stoen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Bhne von
Bsewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hren gewohnt
ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen!
Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird
sonst schrecklich sein. Eine Weile begnstigt das Schicksal wohl
solcherlei Treiben, aber nur um den bermut nachher um so schwerer zu
strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie
sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere
Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich
verschweigen, was eben ber Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch
alles, was sonst geschehen, der Auenwelt vorenthalten bleiben. Im
anderen Falle aber seien Sie berzeugt, da wir mit allen Mitteln Ihrem
ungesetzlichen, frivolen, ja, gefhrlichen Treiben entgegentreten
werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, da Sie uns Furcht einflen
knnen, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, da mit uns
nicht gut Kirschen essen ist.--So, nichts fr ungut. Die meisten
Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken,
da er auch nur zeitweise ber Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn
auszutreiben!"

Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben
abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen rger
zugehrt. Mehr als einmal hatte er in seiner malosen Erregung den
Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Hnde ballten
sich unwillkrlich, und die Zhne preten sich zusammen.

Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren lie, da sie
ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner
Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll
Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schlu ihrer
Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem
Angesicht haften; offenbar trat die berlegung bei ihm ein, ob es nicht
doch richtiger sei, gute Miene zum bsen Spiel zu machen.

"Gut denn," stie er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen
heraus. "Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich
will die von Ihnen geforderte Erklrung geben, auch mich mit der
angebotenen Summe begngen, wenn meine Kousine mir einen Brief des
Inhalts schreibt, da sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von
meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie
mir schon vor unserm Zerwrfnis zugebilligt hatte. Auch mu sie
hinzufgen, da sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich
nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, da ich in ihren
Augen dessen wrdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich
schwren wrde, von meinen Charaktereigenschaften und von
Eventualitten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner
berzeugung nachgehe, will ich unberhrt lassen. Als kluge Frau wissen
Sie am besten, da bloe Behauptungen taube Nsse sind, und da wir die
Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle
eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, da manches an
mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizufhren,
bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres berflusses. Was ist
ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung
hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel,
der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu
vertreiben."

"Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch
Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und
durch Beschrnkung seiner Bedrfnisse. Da Ihre Kousine, die keine Liebe
fr Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That
ein starkes Verlangen. Und da jemand Glcksgter fordert, um seine
Fehler abzulegen, beweist, da er noch nicht das ABC sittlicher
Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende
Selbstberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum
Schlu zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wnschen,
sie mag dann selbst entscheiden."

"Also auf Ihre Befrwortung habe ich nicht zu rechnen?"

"Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts
weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage
gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich wrde erst sehen
wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre trge Genusucht in solcher
Weise zu untersttzen, halte ich fast fr ein Verbrechen."

Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewi war, da
er sah, da er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu
erreichen, triumphierte er innerlich, berging die letzten Ausfhrungen
der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank fr ihre Bemhungen aus.

"Ich wei, Sie werden Ihre schlechte Meinung ber mich ndern, Frau
Pastorin! Sicher!" schlo er mit knstlichem Ernst und suchte, indem er
sie trotz ihrer herben Begegnung gleinerisch seiner Achtung und
Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei
zu erobern war.--

       *       *       *       *       *

Grete von der Linden griff mit recht mrrischer Miene nach Umschlagtuch
und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre
Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gesprch mit Carin
Helge gehabt hatte.

Ihre frhere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geuert, da
Herr von Brecken ihr ein uerst widerwrtiger Mensch sei, eine
Persnlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein msse, und Grete
hatte sehr empfindlich entgegnet, da sie es nicht passend finde, da
Carin ein solches Urteil ber Freunde des Hauses flle.

Darauf war wieder eine etwas schroffe uerung von Frulein Carin
gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte
die erstere erklrt, da es bei der geringen bereinstimmung, die
neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser fr sie sei, Holzwerder
zu verlassen. "Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es fr gut befinden,
liebe Carin." Mit diesem khl gesprochenen Wort war das Band zerrissen,
das die beiden seit Jahren verknpft hatte. Aus der ursprnglichen
Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes
ausdrcklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als
Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat
hatte sich im letzten Jahr das Verhltnis schlechter gestaltet. Grete
waren die Flgel ungewhnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, ber
alles sehr przise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und
dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch ber entgegengesetzte
Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten.

Einige Ausflge mit ihren Eltern in die groe Welt hatten sie rasch
gezeitigt. Sie wute, da sie hbsch und klug war, und schmeichelnde
Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung besttigt, aber sie wute
auch, da sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel
ein Mensch, den man fr begtert hlt, der Welt ohne Widerspruch bieten
kann.

Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demtige Gebrden
selbst dann, wenn die den Nacken krmmenden Personen keiner Vorteile
gewrtig sein konnten.

Grete hatte ein Interesse fr Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die
Vorzge einleuchteten, die erwachsen wrden, wenn die beiden
aneinandergrenzenden, groen Gter unter eine Herrschaft kmen.
Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu
nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof
groen Respekt eingeflt. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider
Gesinnung und vornehmer Zurckhaltung; die alten Breckens lieen die
Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel
Grete, die Eindrcke der Jugend wirkten nach und bertrugen sich auf
Tankred.

Er war ein stattlicher Mann, gro und geschmeidig und hatte etwas
Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besa er etwas
Fortreiendes, wenn er liebenswrdig sein wollte.

Da sich nichts von Sentimentalitt in seinem Wesen uerte, war Grete
hchst willkommen; sie hate alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon
nichts besa. Und endlich und zuletzt--sie mochte ihn einmal, und durch
seine Vermgenslage wrde sie imstande sein, um so leichter die
allerdings nur moralisch begrndeten materiellen Ansprche ihrer Eltern
zu befriedigen. Allerdings, auch das berdachte Grete; sie war durchaus
nicht geneigt, sich Einschrnkungen aufzuerlegen.

Freilich waren Tankreds Vermgensverhltnisse noch nicht vllig
aufgeklrt. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen
Groschen, andere dagegen,--sie wollten es aus seinem Munde gehrt
haben,--da er Miterbe von Falsterhof sei.

Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf
Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er
hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet,
da ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch fr
seine Bemhungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der
Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen.

Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte
sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem
Gast ber dessen Vermgensverhltnisse zu sprechen.

Frau von Tressen besa die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau
von Brecken an ihr gerhmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch,
hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber
sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht
verstanden, sich einzurichten. Whrend ihr erster Mann noch gelebt
hatte, war er der verstndige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode
hatte Frau von Tressen ber ihre Verhltnisse gewirtschaftet und in
ihrem zweiten Mann keinerlei Sttze fr bessere Entschlsse gefunden. Im
Gegenteil, das ihr persnlich gebliebene Vermgen war schon lngst
verthan. Bei der Feinfhligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher
noch niemals mit Grete ber die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr
Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So
vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen
auch, da ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen
wohlhabenden Mann heirate.

Tankred gefiel ihnen aus denselben Grnden, die fr Grete hauptschlich
in die Wagschale fielen.

Wohl wollte sich in der Frau--wie in Carin--bisweilen ein Mitrauen
gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft
eingeschlfert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung
an Gretes deutlich hervortretende Wnsche und jene Flchtigkeit, die
zunchst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge fat, bestimmten sie,
sich fr die Partie zu interessieren,--natrlich vorausgesetzt, da
Tankred der vermgende Mann sei, als den sie ihn schtzten.

Ihr knftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich
verpflichten, ihren Eltern jhrlich eine festgesetzte Summe zu zahlen.
Aber wenn nun Tankred kein Vermgen besa, oder wenn er oder ein anderer
Gatte Gretes sich weigerte, fr ihre und ihres Mannes Existenz
aufzukommen?

Zum erstenmal berfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben
berkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es knne dergleichen
geschehen oder spter eintreten. Ihr Mann, ein frherer Offizier, war
vollkommen erwerbsunfhig. Schon machten sich allerlei durch einen
raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn
plagten vorbergehend Gichtschmerzen; eigentmliche nervse Beschwerden,
Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und
hatten das Herz der Frau mit Sorge erfllt. Wenn er sich dann wieder
erholt und wohl gefhlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und
Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwrtig erschien ihr alles in
einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft
vor ihr auf, und sie beschlo, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf
bloe Eindrcke oder gar auf den Zufall zu verlassen.--

Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurckkehrte,
begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknpft hatte, und dem
ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut
geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der
nicht eben berintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das
Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundstzen verfuhr und
allgemeine Achtung geno.

Niemand bte einen so groen Einflu auf Grete aus, wie er, ja, insofern
das junge Geschpf berhaupt jemanden, einschlielich ihrer Mutter, zu
lieben vermochte,--ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine
durch unantastbare Vertrge berkommene, friedfertige und unschdliche
Persnlichkeit,--empfand sie ein solches Gefhl fr Hederich. So lange
sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets gtig und zugleich ehrerbietig
begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr
Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen
und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschttet. Nicht Herr von Tressen,
der immer nur seine Amsements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden
und Reisen ins Auge fate, hatte ihr den frh verlorenen Vater ersetzt,
sondern der Junggeselle Hederich.

Er kannte nichts von der Welt drauen, aber um so besser war er ber
alle Gutsangelegenheiten und alle Persnlichkeiten in nchster und
weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr hufig in praktischen
Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft
betreffenden Dingen, ber Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und
wute eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Bumen
zu, sagten die Leute von ihm.

"Guten Morgen, guten Morgen, liebes Frulein. Drum und dran. Schon so
frh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen.--So,
so, das ist schn.--Ja, gewi, gern.--Ich habe Zeit! Sollen wir hier den
Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Frulein, was ist, bitte?"

"Zuerst Hederich: Frulein Carin verlt uns. Sagen Sie, was halten Sie
eigentlich von ihr?"

"Viel, Frulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht
erst ein Kreuz auf dem Rcken zu haben zum Zeichen, da sie dienstfhig
ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt.
Aber drum und dran, warum fragen Sie?" forschte der Alte mit seinem tief
eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen.

"Nun ja, weil sie weggeht, und ich darber nachdenke, an wem die Schuld
wohl liegt. Gewi Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns
nicht mehr. Da ist es besser--"

"Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als da Sie in Feindschaft
enden. Gewi, das hat sie nicht um Sie verdient, Frulein Grete!"

Grete schwieg, sie fhlte er hatte recht; gern wrde sie aber gesehen
haben, da er ihr bereitwillig zugestimmt htte.

"Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Frulein Grete, nichts fr ungut,
wenn ich fragen darf?"

"ber Herrn von Brecken erzrnten wir uns. Apropos! Was halten Sie von
dem?" unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gesprch auf ihn
gebracht, whrend sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte.

Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu
wollen.

"Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?"

"Mit Verlaub, Frulein Grete. Will Frulein Carin etwas von ihm wissen?"

"Nicht viel eben! Sie verdchtigt seinen Charakter."

Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte groe
Augen.

"Ja, sie versteht's--"

"Wieso? Mgen Sie ihn auch nicht? Hren Sie, Hederich! Ich frage nicht
umsonst. Ich--ich--"

"A--h--" machte der Mann und sah Grete gro an. "Nun ja denn! Ich wei
nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen
sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine
Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Frulein Grete, er hat was
im Auge--oft--man kann sich frchten--"

"Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er
sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam
und solide werden."

"Ja--ja--das ist wohl anzunehmen," besttigte Hederich. "Aber ob er so
recht umgnglich werden wird--gegen Sie--ich meine--drum und dran--und
denn--und denn, Frulein Grete--er hat, glaub' ich, gar nichts!" stie
Hederich zum Schlu heraus.

"So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darber?" forschte Grete, den ersteren
Einwand umgehend.

"Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber
auch blo ein Versprechen, das an Bedingungen geknpft ist."

"In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?"

Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus.
Zuletzt lie er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und
erklrte, Frege traue Tankred nicht ber den Weg.

"Ja, aber weshalb mitrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht,"
betonte Grete, durch die Enttuschung, die sie empfand, zum Widerstand
gedrngt. Sie wollte Gutes hren, und da sie es nicht vernahm, wollte
sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen.

"Sie meinen--drum und dran--" entgegnete Hederich ehrlich,--"da er
wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Fr andere
Menschen hat er nichts brig."

Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklrung regte sie
nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen htte, wenn
Hederich von Tankred eingenommen gewesen wre.

"Na," schlo sie nchtern. "Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn."

"Ja,--ja--liebes Frulein, aber es liegt--drum und dran--etwas
dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama--na ja, sie hat ja eine
sehr leichte Hand--aber die hat die schne Mitte, klug und gut."

Grete antwortete nicht.

"Warten Sie, alter, guter Hederich--" sagte sie und schob ihm das
Bndchen unter den Rockkragen,--"hier steckt was heraus." Und pltzlich
ganz unvermittelt: "Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie
viel unser Gut?"

Darauf mute Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des
genau Unterrichteten beraus gut gefiel.

"Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreiigtausend
Mark jhrlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal
weniger, so etwa sechzigtausend Mark."

"Nicht mehr?" fragte Grete enttuscht.

"Nein, mehr nicht, Frulein, und dann sind da auch noch Zinsen
und--und--na, gleichviel--"

Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das,
von Epheu umsponnen und von schnen Bumen umgeben, einen reizvollen
Anblick gewhrte.

"Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?" fragte Grete
sinnend.

"Ja, einmal.--Was jetzt die Frau Pastorin ist--unter uns gesagt--die
Pastorin Hppner, die htt' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu
so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter
Mensch, blo kein Mann.--Nein, drum und dran--kein Mann. Ich freue mich
noch immer, wenn ich sie sehe--ja, das thue ich!" schlo Hederich, mehr
mit sich selbst als mit Grete redend.

"Adieu! Danke, alter guter Hederich!" sagte Grete. Was sie fr ihn
empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder.

Und er fhlte es und sagte:

"Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen."

"Nun?"

"Sie! Frulein Grete," sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's ber das
Angesicht des Mdchens, und sie drckte ihm gerhrt die Hand. Bisweilen
sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heie Quelle in ihr
auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie
strmisch.--

Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben
versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin
fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute
etwas ungeduldig nach der Thr.

"Wo bleibt denn Carin? Weit Du etwas von ihr, Grete?" wandte sie sich
fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit
deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber
ffnete sich die Thr, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins
Gemach.

Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die
Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang
gab.

Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast
stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlate
Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten
schauenden Balkonzimmer sa, die Rede auf Frulein Helge zu bringen.

"Wir haben uns erzrnt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das
Frulein verlt morgen frh Holzwerder," entgegnete Grete kalt.

Die Mitteilung berraschte, aber interessierte und erfreute zugleich
Tankred sehr. Die mitrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht
mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine groe Beruhigung.

"Das sagen Sie so leicht hin, gndiges Frulein?" knpfte er, um mehr zu
hren, an.

"Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb
dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich
nun eine andere Thtigkeit. Ein Bndnis frs Leben habe ich doch nicht
mit ihr geschlossen."

"Lie die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die
Frage erlaubt ist?"

Statt zu antworten, lchelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb
verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend:

"Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist.
Wenn Frulein Helge uns verlt, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man
kann sndigen, ohne es zu wissen," schlo sie, als Tankred groe,
forschende Augen machte.

"Ich?" stie er heraus. "Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich
natrlich ungemein."

Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle.
Verriet sie ihm, da Carins absprechendes Urteil ber ihn sie gergert
habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen
vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie ber seine
ueren Verhltnisse genau unterrichtet war.

Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wnsche
untersttzten seine Annahme.

Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich:

"Ist es denkbar, da Sie, mein Frulein, fr mich gegen Frulein Helge
Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, da ich Ihnen
nicht gleichgltig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir
gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und da sie gegen mich
intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber
vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermgen, da--da--"

"Da?" forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreien lassen
wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb
verdeckten Erklrungen liegt.

"Nun, da Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden knnten, und
da sie, Frulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken
sein wrde."

"Sollte es das sein?" ging's rasch und fast gegen Gretes Willen ber
ihre Lippen. Also Beweggrnde egoistischer Natur htten Carin geleitet!
Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr
pate, da sich daraus die Grnde fr Carins Abneigung gegen Tankred
erklren lieen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an.

"Gewi, ich bin dessen sicher, Frulein von der Linden. Und nicht
wahr?" fgte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zrtlich
sprechend, hinzu: "Ich darf annehmen, ich darf hoffen, da Frulein
Helge das Rechte traf--?"

Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen,
und sie ward unsicher und bengstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom
scho durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Krfte
und wollten sie fortreien. Aber dennoch siegte die berlegende
Vernunft.

"Wir wollen ber andere Dinge sprechen, Herr von Brecken," stie sie,
sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine
Worte als ein bertriebenes Kompliment aufgefat htte. Und zur besseren
Besttigung ihrer Unempfindlichkeit fgte sie hinzu:

"Es giebt ja interessantere Themata als Frulein Helge.--Wie denken Sie
zum Beispiel ber die Stellung des Jupiter zur Sonne?"--

Als spter Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer sa--es
war kurz vor dem Abendessen--sagte der letztere:

"Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehrt? Wo hlt sie sich jetzt
auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter
fortbleiben?"

"Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in
einigen Wochen nach Falsterhof zurckkehren."

"Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof ber? Oder welche
Plne haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir
sagt, da Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Nhe,"
schlo Herr von Tressen artig.

"Allerdings, ich mchte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber
nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen knnte--"

Unwillkrlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die
letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf
diese Weise das Gesprch auf Grete hinberleiten? Im Augenblick fand
Herr von Tressen keine Anknpfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke,
und er sagte:

"Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich hre, Mitbesitzer
sind, wrde Ihnen nicht konvenieren? brigens nachtrglich meine
Gratulation! Es ist wohl die schnste Herrschaft in der Provinz."

Diesen Worten war es unmglich, auszuweichen. Tankred wute auch, da
sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und
wenn die Dinge nach ihren Wnschen ausfielen, stand einer Heirat mit
Grete nichts im Wege.

Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden mute, da Tankred je
eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken
beiseite und sagte:

"Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen.
Ohnehin drngt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen.
Wollen Sie es mir gestatten?"

"Ich kann mich dadurch nur geehrt fhlen," entgegnete Gretes Stiefvater
verbindlich und zugleich mit grter Spannung.

"Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber
sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Hhe zu
beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand
bereits ein bares Kapital berwiesen. Weiteres macht sie abhngig von
gewissen Bedingungen. Ohne Rckhalt gesprochen, sie will mich prfen, ob
ich imstande bin, mit einem groen Vermgen umzugehen. Eine gewisse
Breckensche Pedanterie, bertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber
ich besitze ein Schriftstck, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt,
mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen.--Ich gelange nun auf den
anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Frulein Grete, hat
gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich
gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir
in so beraus liebenswrdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner
Besuche verstrkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der
meine sehr lebhaften Wnsche untersttzt. Unwillkrlich richtet ein
besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwhlten seines
Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm
sympathisch sind, und da mu ich ohne Komplimente sagen, da ich es als
das hchste Glck ansehen wrde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer
Frau Gemahlin in nhere Berhrung zu treten."

Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimtig liebenswrdiges
Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so berzeugt klangen seine
Worte, da sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt
hatte.

Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die
vorausgegangenen Mitteilungen uerst befriedigender Art zu sein
schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm
gewnschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was
seine Frau ihm eingeschrft hatte. Er sagte deshalb vorlufig noch mit
etwas Zurckhaltung:

"Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken,
treten besondere Verhltnisse ein, die der Errterung unterliegen
mssen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich uerst erfreuenden
Antrag--meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorlufig noch
nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, da sie Ihnen,
wie Sie es voraussetzen, geneigt ist,--also wenn ich Ihren Antrag in
berlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns
ntig.

Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat
hren unsere rechtlichen Ansprche auf, und wir sind angewiesen auf ihre
gtige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten
sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermgens
wird. Eine klare, bindende schriftliche Besttigung unserer moralischen
Ansprche ist erforderlich, nachdem die Hhe der uns zu zahlenden
jhrlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der
Grete einmal heimfhren wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto
geneigter werden wir ihm selbstverstndlich sein. Darin liegt keine
verwerfliche Geldsucht, sondern es begrndet sich in der Natur der
Dinge. Von der Luft knnen wir nicht existieren, und ein anstndiges
Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wnschen."

Tankred hatte whrend Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig
beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorlufig noch nicht Gretes
Brutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der
Wirkung seiner Antwort gewi:

"Ich wrde, wenn mir das Glck werden knnte, Frulein Grete heimfhren,
es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen mglichst
ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglck in
erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualitt, die in
eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so
freundlich und gtig sein wollen, zu untersttzen."--

Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit
hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in
sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten
Unterredung.

"Vortrefflich," sagte die Frau, nachdem er geendigt. "Aber nun wre es
doch wnschenswert, da wir das Schriftstck, von dem Brecken spricht,
einshen, und da Du auch an Frau Cromwell schriebest."

"Meinst Du wirklich, da letzteres notwendig ist? Ich denke, die
Einsicht in das Abkommen gengt; hoffentlich wird Brecken es uns von
selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich."

"Nun, es wird sich ja finden! Vorlufig wollen wir Grete noch nichts
mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken
steht. Da sie sich sehr fr ihn interessiert, ist zweifellos. brigens,
wie ist sie khl! Von der Helge trennt sie sich mit einer
Gleichgltigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Mdchen! Sie war sehr
weich und rhrte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit
ihr hatte, whrend Ihr spazieren gingt. Aber an eine Ausshnung denkt
sie selbst nicht. Sie fhlt, da Grete ihr Gehen will, Grete hat
begierig die Gelegenheit zur Herbeifhrung der Verstimmung ergriffen."

Aber Herr von Tressen hrte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzge bewiesen,
da er bereits dem Schlaf erlegen war.

       *       *       *       *       *

Tankred sa in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von
neuem ein Schriftstck. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von
Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt:

  'Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklrt hat, da
  er keinerlei rechtliche Erbansprche an den Nachla meines Vaters
  besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat,
  diesbezgliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter
  empfangen zu haben, besttige ich hierdurch meine Zusage, ihm die
  Summe von fnfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe
  meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen
  versehen.

  Weitere Zuwendungen, grere oder kleinere bis eventuell zur Hlfte
  des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch
  will ich mich darber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fnf
  Jahren uern und verpflichte mich, wie ich ausdrcklich hervorhebe,
  dazu in keiner Weise.'

In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck,
und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Brgschaft,
da Tankred einmal Miterbe von Falsterhof wrde.

Er konnte das Schriftstck Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu
geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit
begngen wrden. Was bedeuteten fnfzigtausend Mark? So viel wie nichts!
Und whrend der nchsten fnf Jahre wenigstens war er nicht imstande,
weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen.

Es blieb also nur brig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine
zweifellos gnstige Erklrung abzufassen, mit anderen Worten, eine
Flschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand
sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mute er erst gelangen, und dazu
bedurfte es strkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen.

Tankred berlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein
wrde. Unter zwanzigtausend Mark jhrlich waren sie sicherlich nicht
abzufinden, dann blieben noch dreiig- bis vierzigtausend Mark fr
seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht bermig viel, aber doch sehr
viel, wenn man nichts besa. Auch waren noch die Vorteile
hinzuzurechnen, die ihnen wrden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles,
was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang
viel, die Reisen und sonstiger Luxus.

Und die Alten wrden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein
sehr gutes Geschft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das
Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionrin.

Auch des Erfolges war Brecken gewi, wenn nicht noch unberechenbare
Zwischenflle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem
Justizrat mit sehr wenig Rcksicht auf seine Wnsche abgefate
Schriftstck jede Hoffnung wieder zerstrte.

Hm! hm!--Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab.
Dann aber lie er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb
lange, nderte, fgte hinzu, berlegte, nderte nochmals und las
schlielich, was vor ihm lag:

  'Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklrt hat, auf
  Ansprche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von
  Brecken erwachsen sein mgen, verzichten zu wollen, besttige ich
  hierdurch meine Zusage:

  I. ihm zunchst fnfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die
  Hlfte des Besitzanteils an Falsterhof berweisen zu wollen, wenn mir
  nach fnf Jahren die Gewhr gegeben ist, da er damit im Sinne meines
  verstorbenen Vaters verfahren, also es weise ntzen und mehren wird.
  Eine solche Einschrnkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche
  das Testament fr mich selbst enthlt, geboten und entspricht demnach
  nur genau den mir selbst zustehenden Rechten.

  Theonie Cromwell.'

"Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet
trotz der geschftlichen Krze und Form volles Wohlwollen," flsterte
Tankred. "Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals
entsprechend, und da sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben,
dafr werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei
Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen
Thatbestand handeln: fnfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Hlfte
des Besitzanteils von Falsterhof nach fnf Jahren."

Und so berzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, da er
sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des
Originals tuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich
blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm berraschend.
Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin
Hppner, und sie zu veranlassen, da sie ihm wenigstens keinen
Widerstand entgegenstellte, mute jetzt seine Aufgabe sein.

Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben,
vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde
zu befriedigen, teils um von Frege etwas ber Theonie zu erfahren.

Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich
in Elsterhausen fr seine Reitausflge gemietet hatte, in die Allee von
Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und
die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Bume, insbesondere die
kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach
auftauchten entzckten das Auge.

Tankred befand sich in einer auerordentlich gehobenen Stimmung; je
mehr er ber die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie
ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: da
Grete von der Linden, die sehr genau wute, was sie wollte, ihm am Ende
doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den
Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber--eine Mglichkeit war
doch vorhanden.

Whrend er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hrte
er hinter sich das Gerusch eines dahineilenden Wagens, und als er den
Blick wandte, sah er zu seiner groen berraschung Grete, die selbst das
Gefhrt lenkte, vor sich.

"Sie, mein hochverehrtes Frulein?"

"Sie,--Herr von Brecken?" ging's zugleich aus Gretes Munde. "Wohin? Nach
Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurck?"

"Nein,"--erklrte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd
durch einen so mchtigen Druck, da es sich fast berschlug und nun
bewegungslos verharrte. "Ich will nur einmal auf Wunsch meiner
Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswrdigen Brief geschrieben
hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen
zurckkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof
eigentlich? Mchten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es
wird Sie, glaube ich, interessieren, den mchtigen Bau mit den schnen,
altertmlichen Mbeln in Augenschein zu nehmen."

Einen Augenblick zgerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des
Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in
Tankreds Gesellschaft aufdrngte. Aber sie berwand das Bedenken,
nachdem Tankred ihr zugeredet und erklrt hatte, da Frege sie
herumfhren, und er sie sogleich wieder zurckgeleiten werde.

Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschlieende, mit Pelz
besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter
Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmtze.

Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zhne in dem klugen,
fein geschnittenen Munde blitzten verfhrerisch.--

Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich
anfangs nichts, nur Max erhob ein wtendes Gebell. Dann aber kam Klaus
aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in
Empfang.

"Bitte, erlauben Sie!" bat Tankred, der schnell von seinem Tier
herabgesprungen war, und streckte die Arme aus.

"Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken," wehrte
Grete ab. Aber sie gestattete es doch, da er ihre beiden Hnde ergriff,
und lie sich so von ihm beim Herabspringen helfen.

Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen,
schritt er an Gretes Seite dem schloartigen Gebude zu, das wie immer
unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des groen Hofes
emporstieg.

Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenrumen bellend auf dem Pflaster
erscholl das Gerusch der fortgefhrten, und einmal bermtig hintenaus
schlagenden Gule. Und dann ertnte dumpf die schwere Flurglocke, und
sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof.

Zunchst drckte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber
da der nicht sogleich erschien, ffnete er selbst die Thr zur Linken
und bat Grete, in die Wohngemcher einzutreten.

Ein berraschender Luxus trat ihnen entgegen; berall befanden sich
kostbare Teppiche, alte Mbel und Kunstgegenstnde; faltige Gardinen und
Vorhnge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschtzten Thren und
Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den
Reichtum der frheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermtiger
Verlassenheit durchwehte die Gemcher, und erst als sie die nach dem
Parkgehlz zu liegenden Rume betraten, und hier die heller eindringende
Sonne den kostbaren Gegenstnden ein heiteres Geprge verlieh, die
eingelegten Schrnke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die
Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Futeppichen in
farbenreicher Schnheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich
unwillkrlich auf Gretes Gemt gelegt hatte, und ein Ruf der
berraschung ging aus ihrem Munde.

"So schn htte ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der
einen so ausgeprgten Sinn fr kostbare Dinge und einen so feinen
Geschmack besa?" fragte sie.

"Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verstndnis dafr und Freude
daran," entgegnete Tankred. "Wenn es sich um ein schnes, altes Mbel
oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er
besa eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten
Lebensjahre nach. Sie mssen nun aber erst mal seine eigenen Gemcher
sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich ber den Flur auf die
andere Seite."

Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein
ausgelegten Kstchen herab und lie ihr Auge darauf ruhen.

Wie so oft uere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so
geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen
durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eiferschtiges
Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all
das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete.

Sie wnschte in diesem Augenblick, da er ihr Komplimente sage, ihr den
Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that,
herbeifhren, was ihre Gedanken und Sinne beschftigte.

So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, da sie, als er ihr nher
trat, den Kopf so zur Seite neigte, da seine Wange ihr Haar streifte,
und ihre Hupter sich sanft berhrten. Sie zog das ihrige auch nicht
zurck, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie
drngte, lie sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen
sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurck.

"Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen," stie
Grete, nun den Weg zur Thr nehmend, heraus und seufzte begehrend auf.

"Das sagen Sie?" entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch
seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. "In Holzwerder strahlt doch
alles in Schnheit, dort weht eine reizvolle Gemtlichkeit, whrend
Falsterhof dster und einsam ist. Nur in diese beiden Gemcher dringt
etwas Wrme und Licht."

"Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Flle, und das liebe
ich. Ich gestehe, da mich das Besitzen an sich reizt, und ich
unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die
viel fr berflssiges, fr gelegentliche Gensse und fr Dinge
ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Fr
Kunstsachen mchte ich auch ein wenig verschwenden, sie knnen durch die
Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren
Essen und teuren Weinen?"

"Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen berein," erwiderte
Tankred. Und mit brennendem Blick fgte er hinzu: "Ja, erwerben,
besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch fr mich einen unnennbaren
Reiz. Frher war das nicht so. So lange ich nichts besa, war ich
leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich
glaube, da wir auch sonst mancherlei hnlichkeiten haben. Wir hassen
zum Beispiel die Sentimentalitt, besitzen einen auf das Greifbare
gerichteten Sinn und einen bereinstimmenden Geschmack in dem, was man
bequem nennt."

Grete nickte lebhaft, er wute ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er
holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit bereinstimmte
oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wute, da es ihr
gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit
der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schlu wute er noch einen
besonderen Druck auf sie auszuben, indem er berechnend hinwarf:

"Glcklich ist derjenige, der Ihnen im Leben nher treten darf, der von
Ihrer Freundschaft berhrt wird, glcklich, weil Sie sich ganz so geben,
wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefhl, und sicher fest
halten, was Sie einmal ergriffen haben."

"Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?" gab Grete halb
geschmeichelt, halb in ehrlicher berzeugung zurck. "Wollen Sie wissen,
da ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglcklich fhle? Ich denke
dann, da ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin
oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefgig und sehr egoistisch.
Ich bin nicht gut, wie man sein mte. Die Natur schuf mich so,--leider!
Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner
Charakterveranlagung mein Glck. Es ist wirklich von bel, wenn man eine
so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmtig
ist. Was htten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wre? Natrlich
werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht
weiter leben knnen, wenn ich einmal--"

Grete stockte.

"Wenn Sie einmal?" setzte Tankred leise an und trat Grete, pltzlich
alles wagend, mit zrtlich werbenden Mienen und Blicken nher. Aber
obgleich ihre Augen verrieten, da sie bei ihm war, entwich sie ihm
doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hrten sie drauen
Schritte, und, ihre Verwirrung bekmpfend, gingen sie auf den Flur, wo
ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenbertrat.

Tankred verstndigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut
gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus
mchte den Wagen und das Pferd vorfhren, sie wollten gleich wieder
fort, er wnschte dem Frulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen.

Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemchern des verstorbenen
Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen.

Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie
bereute, da sie sich hatte fortreien lassen, oder sie wnschte sich
nicht der Mglichkeit auszusetzen, von Frege berrascht zu werden.

Sie besah die Rume, in die Tankred sie fhrte, flchtiger und machte
eine hastig unruhige Bewegung zur Rckkehr, als sie in einer alten
Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand.

"Schon zwei Uhr! Ich mu zurck, Herr von Brecken. Ein andermal den
Park."

"O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Frulein," wandte Tankred schmeichelnd
ein. "Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!"--Und
einen neckisch ernsten Ton annehmend, fgte er hinzu: "Htten Sie, wie
ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse fr Falsterhof und seinen
knftigen Besitzer--dann--dann--"

Aber schon whrend Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht
ungtige, aber entschieden abweisende Bewegung.

"Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken," stie sie
rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. "Aber,
bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den mitrauischen Augen des alten
Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen
uns dann, und--und--"

"O Grete, teures Mdchen--" stie Tankred, nicht Herr seiner durch den
Widerstand verschrften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm
nachzugeben, schttelte sie das Haupt und verlie mit sanfter
Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach.

Drauen angekommen, drckte Tankred den Dienern jedem ein Geldstck in
die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen.--

"Hier," sagte Frege, als das Gerusch der Rder und Hufen verklungen
war, und gab Klaus die empfangene Mnze. "Ich will von ihm kein Geld.--"
Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurck.

       *       *       *       *       *

Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner hchsten
berraschung Frulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich
auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das
Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort
angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei.

"Ja, schon seit lngerer Zeit. Das Frulein, das frher auf Holzwerder
gewesen, befindet sich dort."

Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, da man ihm hier doch
Nheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen knnen.

Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und
heute einen Besuch bei Hppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas
Gutes lag wieder darin. Sicher wrden Pastors jetzt Tressens auf
Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, da durch die
Aufnahme Frulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes
Verhltnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin
sah es freilich ganz hnlich, keine ngstlichen Rcksichten zu nehmen,
wenn sie von ihrer besseren berzeugung geleitet ward. Ihr natrliches
Selbstgefhl wurde durch den Umstand verstrkt, da sie ihrem brigens
ziemlich viel lteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermgen in die Ehe
gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne da der Pastor sich in
abhngiger Stellung mhte.

Whrend Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich
Gedanken ber den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezglich seiner
Person.

Die Pastorin wrde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren
Erffnungen zurckhalten, und die Helge wrde triumphieren, da sie ihn
so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch
wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an
Grete, ihre frhere Schlerin und Vertraute, eine Warnung ergehen lie?

Sein Schuldbewutsein drngte ihm pltzlich alle mglichen
Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige
Personen mute er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten
Frege und die Pastorin. Da damals Frege den Brief an ihn geschrieben,
war ihm durch Vergleichung von Schriftstcken, die von dessen Hand
herrhrten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, da
er zu Theonie hielt. Um so mehr drngte es Tankred, sich nun so rasch
wie mglich Gretes zu versichern, und am nchsten Tage schon etwas
ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg
nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte.

Ein eigentmlicher Zufall fhrte es mit sich, da auf der ersten Station
zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Hppner,
welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte,
einstieg. Er begrte Tankred mit gewohnter Hflichkeit und Unterordnung
und gab sich auch in der Folge beraus beflissen und mit der ihn stets
auszeichnenden liebenswrdigen Gutmtigkeit in seinem Wesen.

Tankred konnte sicherlich nichts erwnschter sein als diese Begegnung,
da Hppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wnschte.

"Wir kennen," hub er an, "Frulein Helge ja schon so viele Jahre, und
meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie
schtzt ihren Charakter auerordentlich und empfand gleich lebhaftes
Mitleid, als sie erfuhr, da gewisse Umstnde die Entfernung der Dame
von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung
erforderlich gemacht htten."

"Was war denn wohl die Veranlassung?" schob Tankred, sich unwissend
stellend, ein.

"Darber bin ich nicht unterrichtet," entgegnete Hppner, langsam die
Worte dehnend und in gewohnter Rcksicht ausweichend. "Es wird wohl auf
beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das ndert ja nicht die
Notwendigkeit, da wir uns der uns befreundeten Dame annehmen."

"Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und
Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend," schob
Tankred, glatt schmeichelnd, ein. "Wird Frulein Helge lnger bei Ihnen
verweilen? brigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten
mu. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig
genhert haben."--Tankred wute, da der immer zum Friedenstiften
geneigte, gutherzige Hppner jedes Wort seiner Rede den Frauen
hinterbringen werde.

"Frulein Helge hat Aussicht,--ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr
interessieren, und da Sie sie so schtzen, auch freuen, Herr von
Brecken,--Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die
Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis
die Sache entschieden, bleibt sie bei uns."

Tankred glaubte, da ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem
Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten.

Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschpf mit dem
unertrglich affektierten Vornamen knftig zusammen auf Falsterhof!
Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie wrden sie ihn alle
beobachten, und wie wrden sie Buch fhren, um nach fnf Jahren zu
erklren, da er des Erbes nicht wrdig sei! Und alle die Katzenbuckel,
die er den Dreien in so langer Zeit wrde machen mssen, whrend er sie
am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wste Insel
geschickt htte. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein
Blinder! Ungewhnlich beschrnkt war doch dieser Geistliche!

So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit krftiger
Selbstbeherrschung wute er gleichwohl seine Enttuschung zu verstecken,
pflichtete vielmehr, hoch erfreut ber solche Mglichkeit, dem Pastor
bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, da er den Weg
nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der
in grerer Entfernung liegenden Gter erhalten zu haben.

Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und
einen Fupfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, da
Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe
beschftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu,
wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten
Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begrung
wandten sich alle wieder der Thtigkeit der von Hederich angeleiteten
Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der
jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die
Beschftigten inne.

"Erlauben Sie mir!" rief Tankred, welcher sah, da die Damen den
Vorgngen mit groer Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen
Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkrften den unter den
Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals
anzufassen und abwrts zu drcken, und brachte nun gleichsam spielend zu
wege, was allen Mhen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der
schweren Eisenmasse war er behlflich und stand, whrend die brigen,
nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schwei wischten, da, als ob
es sich um eine Kinderei gehandelt htte.

Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft
seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen
bisher nicht zu bndigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen
der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war,
als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden!

Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Stze, da die
Umstehenden unwillkrlich aufschrieen und einen tdlichen Sturz schon
vor Augen sahen, aber Tankred ri den Hengst herab, als ob in die
schnaubenden Nstern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn
niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und ber die Weichen und
flog dann wieder in solcher Karriere ber den Hof, da die Funken aus
dem Pflaster stoben.

Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd
und bebend, der bermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fgend, da.

"Herrlich! Wundervoll!" riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred
abgestiegen war und sich ihnen nherte.

Auch Hederich war ganz hin.

"Drum und dran, das ist ein Stck, wie ich es noch nicht gesehen habe.
Alle Achtung, Herr von Brecken," stie er heraus und bewegte in
unbeschrnkter Bewunderung den Kopf.

Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke
an, der mehr sprach als alle Worte.

Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von
Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wute,
da nun das Schriftstck von Theonie zur Sprache kommen werde.

Noch war er nicht so verdorben, da er der Vorlage des geflschten
Dokuments mit vlliger Ruhe entgegen gesehen htte; bisher hatte er
gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewut, die
seinen Brotherrn geschdigt hatten, aber doch nicht als direkter
Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Flschungen war er bisher doch
zurckgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung
jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Berhrung bringen konnte, und
so peinigte ihn auer dem Rest von Ehrgefhl, das noch in ihm war,
auch--die Furcht. Er sagte sich wie schon frher, da er nicht dazu
veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, da er
nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und fr sie
erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn
das Schriftstck nicht in Tressens Hnden blieb, wer konnte ihm dann
etwas nachweisen? Er wrde im Fall mit khner Stirn leugnen und Tressen
der falschen Verdchtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gesprch
dazu Anla bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und berreichte
es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit.

Tankred beobachtete des Lesenden Zge. Ohne Zweifel; er hatte seine
Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit
deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt
abgefatem Kommentar ebenfalls mit grter Genugthuung zuhrend, das
Papier neben sich auf den Tisch.

Er schien das Schriftstck einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred
lie seinen Zweck nicht aus dem Auge. "Der letzte Passus"--schob er in
seine Rede ein, nahm die geflschte Akte an sich und entfaltete sie,
"bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklrung. Gestatten
Sie. Es heit da----"

Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, lie er das Papier,
nachdem er es noch eine Weile in den Hnden gehalten, gleichsam
unwillkrlich in seine Brusttasche zurckgleiten.

"Wrden Sie erlauben, da ich auch meine Frau mit dem Inhalt des
Schriftstckes bekanntmache?" fiel Tressen ein und streckte mit
hflicher Bewegung die Rechte aus. "Ich lege es dann morgen dankend in
Ihre Hnde zurck. Ich hoffe doch, da Sie die Nacht noch bei uns
bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken knnen? Sie
wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit fr Sie bereit!"

Tankred schwankte. Was Tressen ihm ber sein Bleiben vorgeschlagen,
stimmte sehr mit seinen Wnschen berein, aber das Papier auch nur
zeitweilig von sich zu geben, hie alles aufs Spiel setzen! Sie konnten,
ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie
vorlegen! Was er selbst gethan haben wrde, mutete er anderen zu.

"Natrlich! Mit Vergngen," besttigte er trotzdem. Aber mit der
Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fgte er hinzu: "Verzeihen Sie die
Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht mglich
wre, da wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die
ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen
bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich mchte etwas Gutes aus
dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hren; sie wird auch wissen, ob ich mir
bei Ihrem Frulein Tochter Hoffnung machen kann. Spter, wenn Gste
eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung
abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewiheit raubt mir den Schlaf. Sie
lcheln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau
Gemahlin warben, das wird Sie fr meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich
mchte fr den Fall auch gern Ihre knftigen Angelegenheiten besprechen,
Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, da ich das so
ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fhle mich--der
Himmel mge verhten, da ich in meinen Hoffnungen betrogen
werde--bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich wrdig zu
zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde."

Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermig das
Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau
herbei.--

       *       *       *       *       *

Das Gesprch war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von
Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen,
whrend Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Frulein Grete
unterhalten zu drfen.

Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewhrt. Whrend im
Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte
Bleifeder immer mit demselben harten Gerusch aus Tressens Hand auf den
Spieltisch fiel, whrend Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl,
und Hederichs unvermeidliches "Drum und dran! das mute Schlemm werden!"
ertnte, saen nebenan Tankred und Grete in stillem Geflster, und
endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch
seine Worte und Gebrden immer mehr erregten Mdchen zu:

"Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Frulein Grete, zu sprechen.
Ich ging mit Gefhlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen.
Mir war, als ob Sie mir befohlen htten, einen Tag und eine Nacht den
Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein
Gedanke beschftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe
lag. Darf ich denn nun sprechen,--o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre
Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen,--Ihnen sagen, was,
was,--" Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht.

Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens,
und gerade weil es sie drngte, das sie berauschende Wort zu hren, fand
sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine hei
strmende Quelle auf, das Gefhl berflutete alles: Verstand, Vernunft
und berlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte,
ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Nhe des Mannes durchstrmte
sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach,
drngend, schmeichelnd, zrtlich und feurig, war sie nicht mehr Herr
ihrer selbst; sie litt es, da er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig
deutend, umfate, und pltzlich drngte sie selbst ihre Lippen zu den
seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen.

Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefhl von Sttigung und Wonne, und
seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor
Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestoener auf
Falsterhof erschienen war, sa im Schlo von Holzwerder, und die Erbin
der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe.
Ja, sie wrde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn,
Tankred von Brecken, von ihrer Brust htte reien wollen.--

       *       *       *       *       *

Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach
Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes ber
die Rckkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der
Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestrmt worden, nunmehr
seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von
Elsterhausen sei zu gro. Grete hatte den Wunsch, Tankred tglich zu
sehen. "Weshalb willst Du meine Wnsche nicht erfllen?" hatte sie in
einem starken Gefhlsdrange gefragt. "Ich kann ohne Dich nicht sein.
Liebst Du mich weniger, als ich Dich?"

Der Grund, den Tankred frher fr seine Entfernung von Falsterhof
angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wnschte er nicht
zu sprechen.

Er wollte heute von Frege hren, ob Theonie vielleicht die Absicht habe,
den Winter ber fortzubleiben, und ihr dann schreiben, da sie ihm wegen
der vernderten Verhltnisse erlauben mge, die Rume, die er in
Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich
zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, da sie ihrem Besitz fern
bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, da die Dinge sich nach seinen
Wnschen gestalten mchten, legte er ihnen auch eine grere
Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem
Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederlie, da
der Pastor erkrankt, und man in groer Sorge um ihn sei. Da der Pastor
Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von
Bedauern; viel lieber htte er gehrt, da sie, die Pastorin,
hoffnungslos darnieder liege. Die "Person" war ihm in der Seele
zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, da Carin nach wie vor im
Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg.

Als er den Hof erreichte,--es war gegen vier Uhr nachmittags, und er
wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach
Elsterhausen zurckkehren,--sah er Frege gerade mit langsamen Schritten
ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen,
finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein dster gemaltes Bild.
Ringsum nichts Lebendiges. Die Bume streckten regungslos ihre drren,
kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und de und ein
gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag ber allem
ausgebreitet.

Brecken berkam ein Gefhl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es
legte sich ihm pltzlich auf die Brust, als ob er fliehen msse, als ob
seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu,
lste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war,
selbst Hcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die
Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu
ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen
Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, nher.

Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred
ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit
allerlei nebenschlichen Dingen. Nach Erwhnung dieser war ein Absatz
gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt:

  'Und nun die Hauptsache, gndige Frau. Herr von Brecken hat sich mit
  Frulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben,
  nachdem er durch ein Schriftstck von der gndigen Frau nachgewiesen
  hat, da er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fnf
  Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, da es das richtige Papier
  ist, und schicke der gndigen Frau Abschrift davon.'

Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges groen,
steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut scho ihm tobend
ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestrt ward--!

  'Die gndige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des
  Schriftstcks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwrdig dabei
  gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon frh bei Herrn
  Hederich in Holzwerder, der, wie ich wute, zur Stadt wollte und schon
  oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich
  hinter dem groen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den
  Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von
  Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er
  und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen
  war.

  Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde
  Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch
  und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand.--'

Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur
hrte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den
Platz und fate die Thrklinke. Als er hinaustrat, streifte er den
Alten, der mit einer Miene zurckprallte, als ob die Erscheinung eines
Verstorbenen vor ihm aufgestiegen wre.

"Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie
nicht. Einen Augenblick! Ich mchte etwas von meiner Kousine hren.
Kommen Sie! Wir knnen nach vorn gehen!"

Der Alte, sichtlich aufs uerste betroffen, aber sich beherrschend,
nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thr zu den Gemchern des
alten Herrn zu ffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: "Wo ist
Klaus?"

"Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine
Schwester besuchen--"

Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hrte, befriedigte ihn sehr.

Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als
Tankred die Thr schlo, auf den Alten losstrzte, ihn an der Gurgel
packte und ihm zuraunte: "Wo ist die Abschrift des Schriftstcks, das Du
Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich tte
Dich, so wahr ich Brecken heie!"

"A--h--" drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber
die furchtbare Faust Breckens schnrte ihm Atem und Sprache ab.

Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand,
stie den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen.

"Nun?" zischte er mit furchtbaren Gebrden.

"Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit," stie Frege entschlossen
heraus. "Ein Bandit ist der, welcher--"

Aber Brecken lie ihn nicht ausreden. Er fate ihn hinten am Rockkragen,
schob den Widerstrebenden zur Thr, entriegelte sie und stie sein Opfer
bis in die Kammer. Hier lie er ihn los und befahl ihm, den Brief an
sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern.

Aber der Alte hob sich sthnend in die Hhe, blickte den Mann fest an
und sagte: "Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch tten.
Frher oder spter wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir
an!"

Brecken fletschte die Zhne, und so furchtbar war seine Wut, da er
Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er
sich ber ihn und schrie: "Gieb, oder Du bist eine Leiche!" und als
Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf
schttelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schlssel und begab
sich selbst ans Suchen. Seine Bemhungen waren nicht umsonst; nach
wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das
Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den
Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte.

Nachdem er es an sich genommen, nherte er sich Frege, der sich
inzwischen mhsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden
Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand,
und sagte, ihm die Schlssel hinwerfend: "Diesmal ging's noch an Dir
vorbei, Du schleichender Schuft. Aber hte Dich! Trittst Du mir noch
einmal in den Weg, so wei ich, was ich zu thun habe!"

Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp
auf der Strae nach Holzwerder zu.

       *       *       *       *       *

Und wieder einen Tag spter in der Dmmerungsstunde sa die Pastorin an
dem Bette ihres Mannes und hrte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus
seinem Munde drang.

"Krfte, Krfte--Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck
Wasser."

"Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?"

Der Kranke schttelte den Kopf. "Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur
Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah," stie er heraus und lie
erschpft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das
Verlangte eingeflt. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich
streckte er zrtlich die Hand nach ihr aus.

"Mein guter Mann!" flsterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr
dargebotene Rechte. Schwere Thrnen tropften aus ihren Augen. Eine
stumme Dankgebrde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang,
ihr seine Liebe an den Tag zu legen.

Und spter ffnete sich die Thr, und die kleine Lene schob sich, leise
auftretend, herein.

"Papa Gute Nacht sagen," ging's aus dem Munde des Kindes.

Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich
empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers.

"Papa schlft, mein ses Kind, wir drfen ihn nicht wecken! Ich werde
ihm erzhlen, da Du da warst."

Lene nickte. "Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen," klagte sie
traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie
von dem Scho der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das
am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort:

"Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?"

Da berkam die Frau der Schmerz.

Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, da er kaum verstehe, da der
Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Hppner
nach einer Erkltung erfat, hatte alle seine Krfte verzehrt und ihm
jegliche Widerstandsfhigkeit geraubt.

"Weshalb weinst Du?" forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und
schmiegte sich ngstlich an die Brust der Bedrckten. Und unter leisem
Schluchzen flsterte die Pastorin:

"Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein ses Lenchen. Wir
wollen heut abend beten, da ihn der liebe Gott bald wieder gesund
macht."

Das Kind nickte eifrig. "Ja, ich will fr Papa und fr die weie Henne
beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie
auf den Scho nehmen wollte."

Die Frau drckte in abermaliger, bermchtiger Rhrung das Kind ans Herz
und setzte es sanft auf die Erde hinab. "Komm, ganz leise, geh nun
wieder nach vorn und bitte Frulein Carin, da sie Dir Deine Puppe
anziehen hilft, und nachdem mut Du ein wenig lernen, Lenchen, das
Einmaleins!"

"Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?"

"Gewi, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!"

Das Kind horchte vergngt auf und trippelte aus dem Gemach.

Nach einer Weile ffnete Frulein Carin die Thr und fragte, ob Frau
Hppner ihren Mann verlassen knne. Es seien mehrere Personen da, die
sie zu sprechen wnschten.

Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, da er noch
schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe.

Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden
fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer
entschiedenen, aber stets hlfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege
von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm lnger zu sprechen wnschte,
rief sie ihm freundlich grend zu: "Gehen Sie nur in meines Mannes
Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir knnen dann in Ruhe reden."
Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die brigen sich
entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwhnte Gemach.

"Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?" hub die Pastorin, nachdem beide
sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die
gefalteten Hnde auf die Brust. "Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell
hren? Oder haben Sie selbst Nachricht?"

"Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof
bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn
von Brecken, gegenber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben
gleich wre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!"

"Na, was sind denn das wieder fr Sachen," stie die Pastorin
erschrocken heraus. "Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen
zur Ruhe kommen? Erzhlen Sie, was geschehen ist, Frege--"

In diesem Augenblick erfolgte eine Strung. Die Magd erschien und
meldete, da Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn
Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die
Frau Pastorin sprechen zu drfen.

Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen
ungehrt abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur
machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine
natrliche Neugierde, Nheres von Frege zu erfahren. So entschied sie
sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten
abzufertigen.

Whrend sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thr
offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher
gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er
vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen
verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin
zu und richtete, schon whrend sie ihm in die Wohnstube voranschritt,
uerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies
geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, da
Tankred wisse, wer bei ihr sei:

"Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie
doch fr einige Minuten wenigstens empfangen. Zunchst eine Frage:
Besttigt es sich, da Sie sich mit Frulein von der Linden verlobt
haben? Man sagt so!"

Tankred nickte. "Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach
des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens,
Ihnen persnlich das fr mich so glckliche Ereignis mitzuteilen. Haben
Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof
zurckkehrt? Ich war gestern dort, aber kam ber einen rgerlichen
Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie--und auch das
wollte ich zur Vermeidung thrichter Aussprengungen Ihnen sagen,--der
Mensch lehnte sich in so ungebhrlicher Weise gegen mich auf, da ich
ihn zchtigen mute. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von
allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhrten Eingreifen
in meine persnlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner
Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefllte
Schriftstck--Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen
vorlegen wollte,--an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir
die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner
Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden
geschlossen, da ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich
dabei den Anschein giebt, als ob es fr das Wohl und Wehe seiner Herrin
ntig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein
Schriftstck berhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb
sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?"

Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte,
unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen
sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu
haben. "Verzeihen Sie, da ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch ber
diese Angelegenheit mich noch uerte. Aber da Sie, verehrte Frau
Pastorin, doch gerade die gtige Vermittlerin zwischen meiner Kousine
und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte
richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der
fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige
Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, knnte mir wahrlich
sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge
klarzustellen."

In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Da es sich bei Freges Vorgehen
um etwas ganz anderes gehandelt, da er eben bei seinem tief
eingewurzelten Mitrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte,
erwhnte Tankred natrlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben,
als ob die Mglichkeit einer solchen Unterstellung ihm berhaupt gar
nicht in den Sinn gekommen wre.

Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, da die Pastorin,
unbekannt mit Freges Schlufolgerungen, Partei fr ihn zu nehmen schien
und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklrte, sie werde gern
Gelegenheit nehmen, falsche Gerchte, wenn sie ihr begegneten, richtig
zu stellen.

Mit den Worten: "Im brigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen
zurckkehren. Sie knnen dann selbst die Dinge mit ihr bereden,"
verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann,
bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in
das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur:
"Ah, mein hochverehrtes Frulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu
sehen," hub er unter vielen Komplimenten an. "Zu meiner groen Freude
hre ich, da Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden.
Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glck wnschen, wie ich
bedauert habe, da Sie sich von meiner Braut trennen muten.--Meine
Braut! Allerdings. Das Gercht besttigt sich!--Ich danke sehr fr Ihre
guten Wnsche," schlo Tankred, als Carin, der es war, als habe eine
giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige hfliche Worte nicht
umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach.

Wenige Sekunden spter hatte Tankred, sehr befriedigt ber den Erfolg
seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen.--

Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurckgekehrt war, lie er sich
sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie:

  'Liebe Theonie!

  Zunchst melde ich Dir heute, da ich mich mit Grete von der Linden
  verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklrungen
  einflocht, da mich neben deiner Zuneigung fr Dich besonders der
  Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und
  meine ehrlichen Vorstze zu untersttzen, so kann ich Dir dies auch
  jetzt als den wesentlichen Beweggrund fr meinen Entschlu anfhren.

  Nachdem ich auf den hchsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen,
  habe verzichten mssen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald
  wie mglich aus dem unthtigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt,
  um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die knftigen
  Lebensverhltnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser
  Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir bergebene
  Schriftstck vorgelegt, und da es meine Plne wesentlich gefrdert
  hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von
  ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfllt mich umsomehr, als ich
  mir bewut bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du
  es erwarten konntest. Jhzorn ist das Erbteil der Breckens. Er ri
  mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das
  Geschehene ehrlich bereut. Beilufig bemerke ich, da Frege sich sehr
  ungebhrlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehndigte
  Schriftstck, das er zufllig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als
  ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als fr fremde
  Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich
  zugleich in so unerhrten Ausdrcken, da er eine ihm gewordene
  Zchtigung durchaus verdiente. Ich erzhle Dir dies einmal, um den
  wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um
  Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwrdige Spionage zu
  verbieten. Da Du nicht damit einverstanden bist, wei ich.

  Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut mchte mich natrlich
  gern tglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der
  Schicklichkeit. Wrdest Du wohl gestatten, da ich bis zu meiner
  Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach
  Falsterhof bersiedele? Ich wei nicht, was ich Tressens und Grete als
  Grund meines lngeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst
  gewi auch nicht wollen, da ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und
  verstehen, da ich nicht erklren mchte, Du habest mir den Aufenthalt
  in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten
  lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgnge ferner in Deinem
  Dienste bleiben soll. Da ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst
  Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein
  Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und
  Gutes Deinem Dich herzlich grenden und Dir allzeit aufrichtig und
  dankbar verpflichteten

  Tankred von Brecken.'

Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er
sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, da er dem
hchst rgerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder
sogar dessen Stellung erschttert habe. Auch die Pastorin war
gegenwrtig viel zu sehr mit ihrem Manne beschftigt, um ihm
Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfltige Pastor starb, ward sie
erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu
mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu
befrchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch
noch unschdlich fr ihn machen wrde.

Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zuknftigen
Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame;
mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, da er mit
dieser Frau in seinem zuknftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde
ausfechten mssen; ihren Vorteil wrde sie nicht aus dem Auge verlieren.
Und gerade das pate ihm gar nicht. Seine anfngliche Bereitwilligkeit,
Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu berweisen, hatte sich
nun, nachdem er festen Fu gefat, schon sehr gemindert. Er fand, da
eine Rente von fnfzehntausend Mark weitaus genug sei, und auerdem
mute es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er
Grete erst heimgefhrt hatte, war es ihm sehr gleichgltig, was aus
Tressens ward, und ob sie ihn haten oder liebten.

Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschlo, vorlufig
alles ngstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher
hervorgerufen, irgendwie abschwchen knnte.--

Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb:

  'Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Krze.
  Zunchst meine Gratulation. Mge Dir in Zukunft werden, was Du
  erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezglich Deiner selbst
  voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wnschen als ich. In den
  Abmachungen mchte ich keine nderungen eintreten lassen; ich ersuche
  Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof berzusiedeln. Ich habe die
  Absicht, allernchstens zurckzukehren, und hoffe dann auch Deine
  Braut zu begren, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu
  empfehlen bitte.

  Theonie.'

Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage khl ausweichende und sogar die
Fregesche Angelegenheit gnzlich umgehende Antwort enttuschte und
rgerte Tankred aufs uerste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er
den "Wisch" in die Ecke und murmelte bse Worte zwischen den Lippen.
Eine infam hochmtige Art hatte diese Theonie, eine Art, fr die er sie
am liebsten gleich gezchtigt haben wrde!

Und was sollte er nun auf Holzwerder erklren? Bisher hatte er noch
immer triftig klingende Auswege zu finden gewut und in der Sicherheit,
da Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklrt, da er in den
nchsten Tagen nach Falsterhof bersiedeln wolle. Da seine Verwandte
die Absicht ihrer Rckkehr besttigte, pate ihm auch nicht. berhaupt
fand er es sehr berflssig, da sie wiederkam, weil es seine Plne
durchkreuzte. Er frchtete, da Frau von Tressen ein offenes Wort mit
Theonie sprechen knne, bevor er Grete geheiratet habe.

Es ging auch aus den Zeilen hervor, da Theonie gar keine Furcht mehr
vor ihm empfand. Natrlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstck in
Hnden. Wenn er irgend etwas that, was ihr Mifallen erregte, schdigte
er seine Zukunft.

Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde,
das Feld zu rumen, sich mit seiner knftigen Frau ganz aus diesem
Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle
entrckt und brachte sich aus dem Verkehr und der Nhe der ihm lstigen
Personen. Er wollte es berlegen und mit Grete darber sprechen.

       *       *       *       *       *

An einem der dem Vorerzhlten folgenden Tage begab sich in der
Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer.
Grete bewohnte zwei sehr hbsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene
Gemcher im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick
ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitlufigen, sich bis an
die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten.

Eine groe Ordnung zeichnete die Rume neben ihrer reichen Einrichtung
aus, zugleich aber fiel die Anhufung von zahlreichen Gegenstnden auf.
Hier konnte sich die Behauptung, da aus der Umgebung eines Menschen
sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschrftes Auge
erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Rume, sich mit
Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behten von Besitz.

Auch fehlte ihr der Schnheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern
und fllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstnde bekundeten
smtlich einen geluterten Geschmack.

Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin
vllig, whrend ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr
unterschieden.

Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer
Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte
ihr mitgeteilt, da er bei Brecken ein uneingeschrnktes Entgegenkommen
gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete
sich einverstanden erklrte; auch mute die Hhe der Rente einer
Besprechung unterzogen werden.

Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob
etwas berrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei
ihr eintrat.

"Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich mchte etwas mit Dir besprechen.
Grete--"

"Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick--" Und fortfahrend in ihrer
Beschftigung: "Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie
nun wieder etwas abgestoen. Gerade an dem alten Krug! Man mte die
Dinge einschlieen, und dazu sind sie doch nicht da.--So, bitte, Mama!
Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden
eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weit doch!"

Frau von Treffen nickte. "Gerade ber ihn und Dich, aber auch ber mich
und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Hre mich also
einmal ruhig an.

Als Dein Vater starb, lagen die Verhltnis sehr einfach, weil beraus
gnstig! Ich hatte selbst ein Vermgen, und Dein Vater berlie Dir den
sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider
hatten wir--ich meine Dein Stiefvater und ich--viel Unglck. Papiere, in
denen mein Vermgen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und
einmal angebrckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen
hatte.

Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit
gelebt und sind darauf auch fr die Zukunft angewiesen, da dein
Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Krnklichkeit wegen nicht
imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit
Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, da
eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie
aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklren, liebe Grete, und ich mchte
Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben."

"Ja, liebe Mama," ging's in ruhig khlen Ton aus Gretes Munde.

"Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung
durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil fr
Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist fr unsern gemeinsamen
Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft
haben, verbraucht worden. Tankred hat--natrlich unter Vorbehalt--mit
Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten wrde, uns
zu berlassen. Ihr wrdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr
auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts
kosten. Wenn es auch natrlich erscheint, da diese Dinge zwischen
Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und
ich wrde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Rcksprache mit
Tankred das Resultat Eurer berlegungen ohne abermalige Errterungen in
einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater bergeben
wolltest.--Nun, was meinst Du?" schlo die Frau, als Grete bei der
Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel.

"Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine
Ahnung, wie viel wir fr unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, da
es ganz selbstverstndlich ist, da Ihr eine auskmmliche Rente bezieht,
zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden."

Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schlu
aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht
in den Sinn gekommen war, schwieg sie fr Sekunden hchst betroffen und
ihre Enttuschung malte sich deutlich in ihren Zgen. Dann aber nahm sie
mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte:

"Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?"

"Na ja, ich meine," entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, "da Ihr
doch--wohl in Zukunft--" und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise
ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wnschen ihrer Mutter
entsprche,--"in der Stadt leben wollt!"

"Nein!" gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurck, als ob
sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen
hatte, gar nicht herausgefhlt habe. "Wir behalten unsern Wohnsitz hier.
Ich denke, wir richten uns oben ein--auch darber wollte ich mit Dir
reden--und Ihr herrscht unten. Natrlich bleibt Euch das Reich, und wir
bescheiden uns mit den kleineren Rumen."

"So, so," meinte Grete, sich zwangsweise fgend. "Gewi, ja, das lt
sich ja auch machen!--Ich wei nicht, wie Tankred darber denkt.--Und
was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm
sprechen. Sei berzeugt, liebe Mama," schlo sie, noch mehr einlenkend,
da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, "da die Dinge
sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen
Fllen entsprechen."

"Es wird also doch ntig sein, da wir noch einmal reden!? Das mchte
ich nicht. Es wre mir--" hier nahm Frau von Treffen schon deshalb
einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, da sie vielleicht alles
verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht
wahrnahm,--"doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort ber die Hhe der
Rente sprchen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, da Du Dich
jetzt uerst, der Peinlichkeit einer abermaligen Errterung
berhbest."

"Nun ja, Mama," entgegnete Grete, die nicht minder selbstschtig war als
Tankred, aber die Tugend der Offenheit besa: "Ich finde es, ehrlich
gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen
bei vier Prozent einem Kapital von fnfhunderttausend Mark. Es knnen
ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen
eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren
vermgen,--ja, gewi, Hederich hat mir das frher einmal gesagt,--und
dann ist das Verhltnis doch zu ungnstig. Wir mssen rechnen, was uns
im ungnstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu berweisen,
scheint mir gerecht und billig. Bitte, la mich mit Tankred, der ja ber
landwirtschaftliche Verhltnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch
einmal mit Hederich Rcksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau,
was wir knnen und wollen!"

Die verwhnte Frau, die bisher allein geherrscht und ber die
vorhandenen Mittel mit unbeschrnkter Hand verfgt hatte, bi die Lippen
aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, lie sich nichts
einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so
klaren Blick in die Verhltnisse, da die Frau von der unangenehmen
berraschung, da sie so benachteiligt werden sollte, ganz berwltigt
ward.

Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart lie sie
schweigen neben der Erwgung, da sie ja ohnehin machtlos war, wenn
Grete erklrte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen
berhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen
Verbrauchs wolle sie geben.

Aber unter dem schmerzlichen Gefhl ber den unnatrlich berechnenden
Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte:

"Wir waren bisher so glcklich mit einander, Grete. La unser gutes
Einvernehmen nicht erschttert werden durch Geldfragen, die leider in
den meisten Fllen Zerwrfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind,
behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, da Du
einst ein hlfloses Geschpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht
fand als am Herzen seiner Mutter!--Nicht wahr, Grete, Du versprichst
mir, da Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon
mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trbe. Er ist es jetzt
wieder!"

Bei den legten Worten drngten sich schwere Thrnen aus den Augen der
Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rhrung und guten
Entschlssen zugleich.

"Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anla, so traurig
zu sein, habe ich nicht als selbstverstndlich betont, da Euch ein
sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal
innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die
Deine,--verzeih die Erwhnung,--und sorgfltig vorher prfe, so liegt
doch zugleich eine grere Gewhr fr Dich darin, da ich es ernst meine
und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Krften zu halten."

Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fhlte, was sie
sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreien
lie, sondern ber den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene
Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu
handeln.

Freilich verga sie, da in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben
werde, verga, da Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frit, und da
kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einflu ein anderer auf seine
Denk- und Handlungsweise gewinnen wird.

       *       *       *       *       *

Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurckzogen und das
Recht ausbten, das man den nach Alleinsein drngenden Verlobten
einrumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte:

"Bitte, la, lieber Tankred! Ich mchte heute einmal mit Dir ber die
Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!"

Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich
um diese Angelegenheit handelte, berwand er den Verdru, da sie sich
den Zrtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn
verlangte.

Grete berichtete sodann ber das zwischen ihr und ihrer Mutter
gepflogene Gesprch und schlo, nachdem sie in ihrer berlegenen Weise
die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: "Was meinst Du? Findest Du
nicht, da ich recht habe, wenn ich die Ansprche der Eltern etwas
einzuschrnken wnsche?"

Tankred nickte lebhaft. Da Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren
Konjunkturen knnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden
wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz auerordentlich.

Hier fand sich der Punkt, an dem er fr seine geheimen Absichten
anknpfen konnte.

Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten
berschttet hatte, erwiderte er:

"Wre es nicht berhaupt am besten, die Akte, wenn solche berhaupt
ntig ist,--Mitrauen knnen Deine Eltern doch nicht in uns setzen!--so
zu fassen, da wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen
Jahresertrgnisse zu berweisen, so lange beide leben, die Hlfte des
Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und wre es nicht
andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum
Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?"

Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend
ihrer nchternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches
Spekulieren auf eine sehr groe Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger
an. Bis jetzt strubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu
thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus
Rcksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite
abzugewinnen, und sagte lchelnd:

"Da knnen wir ebenso gut die Forderung stellen, da die Spatzen auf den
Dchern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfgung
stellen.--Ich meine," fgte sie, selbst gestrt durch die Ironie und den
Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: "Auf diese Erklrung
knnen wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine
Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich mu ich
Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du mut, um Deine
Zustimmung auszudrcken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat,
mag ich es ihr nicht abschlagen."

"Und ich mu zustimmen, Grete?" fiel Tankred schmeichelnd ein und kte
seine Braut zrtlich. "Du willst also nicht nur Herz- und
Seelengemeinschaft, sondern auch Gtergemeinschaft mit mir schlieen?"

"Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!"

"Ah----" stie Tankred heraus und lchelte knstlich.

Das junge Geschpf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit
Kindesbeinen gelufig seien. Und sie gab wohl, wute aber auch wieder zu
nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er
lie nichts von seinen Eindrcken merken, stimmte ihr nur, um ihre
Vertrauensseligkeit zu bestrken, durch ein "Natrlich! natrlich,
liebster Schatz!" bei und triumphierte, da ihm solche seine Macht und
seinen Einflu fr die Zukunft sichernde Vergnstigung freiwillig
geboten ward.

ber die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte,
dachte er auch schn gnstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr
die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut
erzielte, abhngig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthren
vorhanden, um Tressens spter die Einknfte zu schmlern.--Endlich
unterlag der knftige Wohnsitz der "Alten" noch einer Errterung
zwischen Tankred und Grete.

"Ich meine allerdings, da dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben mut,
Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heit, tglich
das Dach ffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, berhre diese
Sache vorlufig noch gar nicht. Wir werden sagen, da wir nach der
Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wnsche sprechen wir
dann in sehr rcksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise
schriftlich aus. Mndliche Errterungen sind peinlich, ihnen wollen wir
aus dem Wege gehen. Da sie uns jhrlich einmal besuchen, kann uns
natrlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das fhrt
zu nichts Gutem. brigens will ich zugeben,--" hier trug Tankred der
Mglichkeit Rechnung, da doch einmal das Gesprch ber diesen
Gegenstand Tressens zu Ohren kommen knnte,--"da fr ein Zusammenleben
wenige Personen sich so eignen, wie Deine beraus treffliche Mutter und
Dein sehr liebenswrdiger Papa."

Grete war sichtlich vllig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene
Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf,
aber sie berwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred
hervorgehobene Peinlichkeit einer mndlichen Errterung in Betracht
zog.

"Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof ber, lieber Tankred?" warf
dann noch Grete hin. "Woran liegt's eigentlich, da Du nicht Ernst
machst? Die Grnde von frher sind doch nun hinfllig."

Da scho es Tankred von Brecken durch den Kopf, da er das Ungnstige
fr sich gnstig ntzen knne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene
mit Frege stattgefunden, auf eine frhere Zeit verschiebend, diesen
Vorfall als Grund fr sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde
verstehen, wie ungemtlich es sei, einen solchen renitenten Menschen,
den er aber doch nicht fortschicken knne, um sich zu haben. Den
Gegenstand, wegen dessen er ihn gezchtigt hatte, umging er; er erwhnte
nur, da Frege sich hchst unverschmt betragen habe. Eine offene
Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefhrlich; sie konnte doch
Mitrauen erwecken. Gerade das Schriftstck hatte ja Tressens
Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefrdert;
letztere selbst--Tankred bezweifelte es nicht--wrde ohne die Aussicht,
die ihm durch dasselbe auf Falsterhof erffnet wurde, gezgert haben, ja
zu sagen.

Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm
bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und
selbstschtig, aber das strte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhhte
seinen Wert in ihren Augen.--

Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen
nicht minder beschftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig
vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so
sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, da sie beschlo, einmal
vertraulich mit Hederich ber den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie
werde durch eine Rcksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete
so lange und hatte sich auch ein Urteil ber Tankred gebildet. Der
Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzulsen, trieb sie; es lag in
ihrer lebhaften Art, da sie Dinge, die sie beschftigten, nicht auf
sich beruhen lassen konnte.

Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch ber
Hppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr
gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe
zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Nhe ansssig
gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte,
schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz
besnftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn hufiger in die Nhe der
Pastorin.

Hederich bewohnte ein mit allem mglichen Krimskrams vollgepacktes, zur
rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von
Tressen bei ihm eintrat, sa er in dem sehr heien Gemach in Hemdsrmeln
und war mit der Prfung von Gutsrechnungen beschftigt.

Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, mhte sich mit groer
Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunchst nicht
in den rmel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und rumte dann
einen mit Rechnungsbchern bepackten Stuhl ab.

"Hier, hier, bitte, gndigste Frau. Da Sie mich auch gerade so finden.
Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung."

Frau von Tressen suchte ihm durch erhhte Liebenswrdigkeit seine
Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie
teilte Hederich im Vertrauen mit, da die Zukunft ihr groe Sorge mache,
und da sie das Bedrfnis habe, sich gegen ihn darber auszusprechen.

"Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun
wirklich vor dem, was ja einmal kommen mute, und ich fhle, wie
notwendig es ist, den Augenblick zu ntzen."

"Gewi, gewi--drum und dran, jeder ist sich selbst der nchste,"
besttigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden
Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger ber die
ausgekohlte Flche fahrend.

"Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Errterungen
ber den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, da die
jungen Leute durchaus nicht zu wnschen scheinen, da wir auf Holzwerder
bleiben."

Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte
seufzend Atem.

'Ja, ja, das glaube ich wohl,' stand in seinem Wesen ausgedrckt. Dann
aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte
legend:

"Was meinen Sie, gndige Frau, wenn ich mal mit Frulein Grete sprche?
Ich wei, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate.
Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen,
wie viel das Gut abwrfe und anderes, drum und dran."

"Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse--ich sage Besorgnisse, Hederich,
denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar
schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm--hm--Sagen Sie, guter
Hederich,--offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?"

"Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich," besttigte
Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der
zerbissenen Zigarrenspitze.

Hederich hatte mancherlei kleine ble Gewohnheiten, aber in seiner
Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig
schn es war, besa eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die
Anla gab, da Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten.
berhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht
unter dem Reflex innerer Eindrcke allzu sehr auf- und abzog, sehr
sympathisch.

Eine warme Empfindung durchdrang gegenwrtig auch Frau von Tressen; sie
liebte den Mann, sie fhlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr
Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das hufige Berhren des
Gesichts mit den Hnden, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehrten
einmal zu ihm.

"Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?" fragte Frau von Tressen sehr
gespannt.

"Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber
sonst htte er wohl die ausgelassenen Tage im Rcken und wrde sicher
knftig seinen Kram zusammenhalten."

"Sie raten mir also auch, da ich auf sehr przisen Abmachungen bestehe?
Auf schriftliche!?"

"Na ob!" stie Hederich heraus.

"So--so--hm--hm," machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch
stimmte das Geuerte mit ihren eigenen, bisher nur zurckgedrngten
Gedanken berein. So sagte sie denn:

"Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es
sei denn, da sie selbst anfngt. Und bezglich unseres Hierbleibens
habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige
treffen und meine Wnsche zur Geltung bringen.--Um brigens etwas
anderes zu berhren, wie geht es Pastor Hppner?"

"Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine nderung
eingetreten," erklrte Hederich. "Er mag wieder essen, und der Doktor
sagt, nun wre alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern,--ich sa an
seinem Bett,--als Frulein, Frulein--drum und dran--nun kann ich
wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen,--Frulein Carin ihn ein bischen
neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das
kann ich Frulein Grete nicht verzeihen, da sie mit ihr so umgesprungen
ist."

Bei Carins Erwhnung machte Hederich sehr eigentmliche Augen, so viel
Zrtliches drckte sich in seinen Mienen aus, da Frau von Tressen
berrascht ihren Blick auf ihm ruhen lie. Dann aber hellte es sich in
ihr auf.

Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin!

Auch das beschftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam
ber den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schlo zuschritt.--

Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend
nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag
ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten
die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmig erwrmten,
teppichbedeckten Rume im Schlo Holzwerder, und Hederich, der sich als
letzter Gast ber den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den
Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von
Tressen bewillkommt, ausrief:

"Drum und dran! Man wird berhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in
die Gemtlichkeit kommt!"

Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gesprch zwischen
den Herren, und spter ward eine neue, die Gutsverhltnisse betreffende
Regierungs-Verfgung in den Bereich der Errterung gezogen, die auch
nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschftigte, als sie die Damen
allein lieen und sich ins Rauchzimmer begaben.

Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den
zurck gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die
Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr pltzlich etwas noch
notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und fate des
alten Freundes Arm.

"Kommen Sie, ich mchte Sie etwas fragen, lieber Hederich!" sagte sie
und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls
geffnetes und erleuchtetes Kabinet.

Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm fr die in seiner Hand
befindliche, unangezndete Havannazigarre Feuer aufgedrngt und sich
neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort:

"Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte
sie? Sprach sie ber mich?"

"Drum und dran.--Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Frulein--"

"So--o, also doch!" machte Grete langgezogen, "bitte, sagen Sie mir
alles. Ich wre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den
Inhalt des Gesprchs rckhaltlos mitteilen wollten."

"Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?" schob Hederich, sich in
seiner platten Weise ausdrckend, eigentlich nur um sich zu sammeln,
ein. "Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt--?"

Grete schttelte den Kopf. "Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in
diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit
meinen Verlobten geredet, und da--da--frchte ich doch, da sich noch
allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich mchte nun gern
wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also
bitte, erzhlen Sie."

Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er fate die Hand
des schnen, jungen Geschpfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und
das die Arme so oft zrtlich um seinen Hals geschlungen hatte, und
sagte:

"Hren Sie, liebe Grete--liebes Frulein Grete. Ich mchte Sie, bevor
wir weiter sprechen, einmal erinnern drfen an vergangene Zeiten. Ich
bin Ihr alter Freund,--Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute
halten--ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama.
Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich,
aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders,--und da drngt es
mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses
auch in Zukunft strt. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und
Ihren Brutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer
Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen,
erziehen und glcklich machen knnte. Verdient das nicht Dank von Ihrer
Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und
dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren
schon erwachsenen Shnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas
zuzuwenden--es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen
fertig bringen! Aber die Kinder,--die Kinder!? Es ist wahr, was in der
Bibel steht!

Sie aber, Frulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten
nicht zu denen gehren. Gewi, Sie sind einmal nicht weichmtig, der
liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines
Mdchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und pfel, und
sprachen davon, da man es brauchen knnte. Aber es giebt etwas, das
Anstndigkeit in der Gesinnung heit,--drum und dran--miverstehen Sie
mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern
hier in Holzwerder die Wohnung lassen.

Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie
knnte es nicht berleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes
Frulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer,
wenn man so zusammenhockt,--gewi,--aber bei jedem Menschen ist etwas,
was er wohl anders haben mchte, und--und--ich glaube auch, Ihre Mama
wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn
Sie gesehen htten, wie bedrckt sie war--"

Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen
gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er
gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede
mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, da sie aus Erfahrung
nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben
werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck
auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte.

Sie drckte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast
schwermtig:

"Es ist mir oft so, als wre mein Herz geteilt, und die beiden Hlften
gehrten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefhl, und alles,
was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht
nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf
gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich
fhle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin.

Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von
ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte
ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis,--da ich sie wohl doch nicht
so geliebt habe, wie ich glaubte,--aber ich schmte mich meiner
Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich ngstige mich
bisweilen.--Ich glaube--ich glaube--"

"Nun?" setzte Hederich, weich sprechend, an.

Das Mdchen richtete sich hher empor, sah Hederich fest in die Augen
und sagte, die Stimme dmpfend: "Ja, ich glaube eigentlich, da ich
htte einen Mann haben mssen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz
hat, nicht mir so ganz hnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin,
mache ich Plne, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will,--zwar
nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich--und wenn ich ihn
dann hre, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz
andere Stimmen in mir.

Nicht wahr, Sie sagen niemandem, da ich je so mit Ihnen sprach,
Hederich! Sie aber sollen doch sehen, da ich nicht so herzlos
bin,--schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der
Nachbarschaft; ja, ja, ich wei wohl, wie sie ber mich urteilen,--also,
da ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens ber mich zu
entschlagen."

"Sie sagten eben," knpfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein
Funke, glhte pltzlich in ihm empor, "da Sie fhlen, Sie mten einen
weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heit das, drum und
dran, da Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch
Zeit ist. Ich bitte, ich beschwre Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne
sprechen, sind kurz,--nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und
wenn man dann nicht zu einander pat, mchte man alles hingeben, um
wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte."

Es flog durch den Krper des Mdchens, als ob ein Schauder sie erfate;
sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den
Fuboden.

"Ach Hederich--ich wei es nicht," drang's rasch und sthnend aus ihrem
Munde, und ein hlfloser Ausdruck trat in ihre Zge. Aber es war nur fr
Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schttelte den Kopf, in
ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschftsmig:

"Das ist eben der Kampf bezglich seiner. Aber es ist doch nicht das
Richtige. Ein Mensch mu wissen, was er will!"

Zum Unglck trat, als Hederich trotz ihrer uerungen noch einmal
anknpfen wollte,--so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf
der Zunge,--Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward
unterbrochen.

"Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich berall" rief sie. Und neckend
fuhr sie fort:

"Er wird sicher eiferschtig werden, wenn er erfhrt, da Du so lange
mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!"

Grete aber sagte zur hchsten berraschung beider sehr ernst, fast
finster:

"Er hat wirklich auch Ursache, eiferschtig zu sein! Ich kenne keinen
besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich htte gleich ja
gesagt, wenn er um mich angehalten htte."

Nach diesen Worten eilte sie rasch fort.

Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stie
Hederich, dem's blutrot ber das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung
von Gretes letzten Worten heraus:

"Drum und dran, gndige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber
freilich, er,--er wird's nicht ausbilden!" Nun schritten sie beide
nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glttender Miene auf den
Kreis der Gste zu.--

       *       *       *       *       *

Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen,
und seit dem Vorerzhlten hatte sich vieles verndert.

Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgefhrt und befand
sich, whrend Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten,
schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich
seiner alten Gesundheit, predigte wie frher von der Kanzel, hrte die
energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens ses Geplauder,
und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rckkehr Tankreds halber
immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof
eingezogen.

Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte
Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und
aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend
Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof bergesiedelt. Carin
schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjngt.

Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von
Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden
bei ihm bemerkbar, die ihn hufig auf lngere Zeit ans Zimmer oder gar
ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von
Gsten im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft
muten eingeschrnkt werden.

Gretes Mutter fhlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich
drngte es sich ihr auf, da das Alter sich nahe, da allerlei Verzicht
geboten erscheine, und statt des frheren raschen ein mehr beschauliches
und auf die Pflege des Krpers gerichtetes Leben notwendig und weise
sei. Aber noch etwas anderes drckte sie: Es war doch so ganz anders
geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten
abgeben mssen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der
Wirtschaft; man fragte sie nicht wie frher, und sie trafen keine
Entscheidungen.

Schon durch die Beschrnkung auf die ihnen oben im Schlo eingerumten
Zimmer wurden sie tglich an die eingetretene Vernderung erinnert. Die
Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust
stieg der Reiz. Wenn Hederich ber Gutsgeschfte sprach, so war es des
neuen Herrn Wille, dem er sich fgte. Hederich mute Tankred
allwchentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm.

Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurckgekehrt, weil Grete
neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen
ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der
Weiterreise erforderlich machte, daniederlag.

Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade
bermige Wrme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen
auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: khl und
verstandesnchtern. ber das Verhltnis zu ihrem Manne schrieb sie
nichts; ob sie glcklich sei, erwhnte sie mit keiner Silbe. Ihre
Berichte beschrnkten sich auf Schilderungen der Lnder, die sie
besuchten, auf Reiseeindrcke und auf ihr Befinden.

Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch.
Ihre Heimat sei doch am schnsten, hatte sie geuert, aber das war das
einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsuerung
gegeben hatte.

Seine lange Abwesenheit begrndete das junge Paar durch den Umstand, da
sie, abgesehen von Gretens Unplichkeit, beide noch nie etwas von der
Welt gesehen htten; sie wollten nun die Gelegenheit ntzen.
Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie
auf krzere oder lngere Zeit berhrt.

Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend
kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen
zugetragen.

Er hielt mit seinem khlen Urteil ber Tankred auch jetzt nicht zurck,
aber gestand zu, da sein neuer Herr fr vieles einen richtigen Blick
habe und gut zu disponieren verstehe.

"Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen
Verwalter halten und bezahlen?" hatte er schon hingeworfen und auf die
Einwnde der beiden Tressens hinzugefgt: "Ja, ich sagte auch bezahlen,
gndige Frau. Er ist wie das Frulein, er sieht auf den Schilling."

Tressens fhlten, da Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der
Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur
wegen mangelnder Veranlassung frher nicht zum Ausdruck gelangt waren.
Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestrt, aber gerade sie, die
es nicht verstanden, zu hten, schtzten doch auch wieder deren
Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinri, sich
dagegen aufzulehnen.

Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rckhaltslos
Ausdruck; Befrchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit
beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend.

Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahresertrgnisse des
Gutes berwiesen und ihr Einverstndnis erklrt, da die Alten im Schlo
wohnen blieben. Wenn sich spter herausstellte, da doch ein so enges
Zusammenleben nicht zutrglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen
eine Wohnung in Elsterhausen fr ihre Bedrfnisse einzurichten, ohne
allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen.

Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred
aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabnderlichen Willen
unterbreitet, ja, das Aktenstck ihnen gleich unterschrieben auf den
Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten
Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch
mglicherweise auch in ihrem Interesse, da eine Trennung stattfinde,
und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die berweisung
eines Drittels aus den Einknften koulant zu nennen sei.--

Es war mitten im Juni, an einem das Gemt erheiternden, sehr schnen
Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr
verkndete, da Breckens zurckkehren wrden.

Zuflligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie
vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt,
auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens
hatte sich aus naheliegenden Grnden ein freundschaftlicher Verkehr
entwickelt, und die Neigung, sich hufiger zu begegnen, war dadurch
verstrkt worden, da Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging,
ein fr die Herbeifhrung einer Annherung erprobtes Mittel fleiig zur
Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Gnstige, was sie
bereinander geuert hatten.

Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil ber Tankred
Tressens gegenber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben
nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken ber Nebenmenschen
auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflut zu haben.
Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort ber den
inzwischen der Familie Tressen so nahegerckten Mann.

"Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!" hatte Theonie nach
ihrer Rckkehr auch gegen letzteren geuert. Sie fhlte, da sie, wenn
sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht
gehandelt hatte, ihren Diener als Wchter und Berichterstatter ber
Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende
Gerechtigkeitsgefhl kam immer wieder zum Ausdruck.

Frau von Tressen hatte fr die erwarteten Gste im Garten in einer Laube
den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der
Gutsbote Gretes Brief brachte.

"Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt," bat Herr von Tressen
seine Frau und lehnte sich in einen der Gartensthle zurck.

Sie nickte und sagte--schon hatte sie das Schreiben zur Hlfte
durchflogen--: "Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrckt, und wie
eigentmlich sie die Stze formt!"

Dann begann sie:

  'Liebe Mama!

  Tankred meinte anders. Ich meinte aber, da zu viel weniger sei. Er
  dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben
  schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir
  wollen direkt reisen, aber es hlt uns ein schner Punkt, ein Wald,
  eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs lnger; dann spter. Erst,
  wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich
  damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in
  meinem Stbchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergi sie nicht. Wie
  schn, da Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wnscht sie
  herbei, immer drauen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles
  ist zu erzhlen, aber zu viel lt gar nicht reden. Man wei nicht, wo
  beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir
  mndlich alles. Da das Korn so schn steht, schreibt Hederich. Auch
  eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschftige ich mich
  mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die
  Funken anblasen. Wer sich immer recht verstnde! Tankred ist klarer.
  Wenn er nicht so rasches Blut htte, ganz zielbewut.--

  Lebt der groe Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hrte ich ihn immer
  krhen, und Hederich stand in Hemdsrmeln dabei und sagte: "Drum und
  dran, er ruft Sie, Frulein Grete!" Gr ihn besonders!

  Deine Grete.'

Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und
meldete, da die Damen und auch Hppners ihm auf dem Fue folgten.

"Welch angenehme berraschung," stie Frau von Tressen heraus und
eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gsten entgegen. Hppners hatten
auch Lene mitgebracht, die ihr Hndchen gab und sich dann gleich einem
kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun
hervorkam, zuwandte. Whrend die Herrschaften gemtlich plaudernd beim
Kaffee saen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begrt,
besonders aber von der Pastorin.

"Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!" hub
sie an. "Wie lange ist's her, da Sie nicht in Breckendorf waren! Aber
ich wei, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und
gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist
begreiflich, ich mu es zugestehen!" schlo sie mit liebenswrdiger
Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend.

ber Carins Gesicht flog ein Lcheln. Hederich aber erging sich, da er
sich getroffen fhlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den
gutmtigen Pastor zu dem Versuch veranlaten, die Wirkung der Worte
seiner Frau abzuschwchen.

"Ja, ja, gewi die Entfernung!" besttigte er. "Breckendorf liegt so
weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschftigt. Meine Frau sagt
immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei
ihr!"

"Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden," nahm nun auch
Theonie das Wort. "Das zieht ihn nach Falsterhof. Frulein Carin ist
eine gute Lehrmeisterin--"

"Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie," lachte
Hederich. "Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer
Versetzung nach Prima war nicht die Rede."

"Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!" fiel
Carin ein. Und zu den brigen gewendet, fuhr sie fort: "Es ist auch ganz
anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht
die Sache!"

Das Gesprch ging jetzt auf andere Gegenstnde ber. Der Pastor lobte
Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von
Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen
zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschftigt.

"Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Frulein Carin?"
fragte Hederich nun die eifrig ber eine Arbeit gebckte
Gesellschafterin Theonies.

"Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schn dies Jahr?"

"Na ob!"

Es trat eine Pause ein. Frher, als Carin auf Holzwerder gewesen war,
hatten Hederich ihr gegenber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein
Mitgefhl erwacht war, und spter die Entbehrung, Carin nicht mehr
tglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm
aufgedrngt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Mdchen und anderen,
hatte er all seine Unbefangenheit verloren.

Und sie half ihm gar nicht. Sie sa stets da mit einem eigentmlich
still lchelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte,
ber ihn stellte.

Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn
anblickte, war der strende Zug fort. Dann mute er an sich halten, um
ihr nicht gleich um den Hals zu fallen.

Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu
heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, ber
sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon ber die Vierzig,
und sie hchstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen
bestehende Miverhltnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und
dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis
von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel
jngst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des
Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine,
weie Finger und Handgelenke und hielt sich so beraus sauber,--ihre
Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Wsche
gekommen,--und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie.
Ihr Grovater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch
besonders schwere Verhltnisse war sie veranlat worden, ihre Heimat zu
verlassen, sich fr einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu
verdienen.

Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten
schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse fr sie durchschimmern
lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegnnt. Und nun
war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder
fortgegangen, so viel schner geworden; alle fanden es. Ihre dunklen
Augen strahlten lebhaft, whrend sie sich frher stets in sich selbst
zurckgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet.
Das Gesicht war voller, ebenmiger geworden.

Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben,
weil sie ihn fr gnzlich ungefhrlich hielt. Ihr Zartgefhl htte ihr
sonst solche Bemerkungen verboten.--

Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich spter,
nachdem man noch ein allgemeines Gesprch gepflogen hatte, doch nher
gerckt, als die Damen die Absicht uerten, sich ein wenig Bewegung im
Garten zu machen. Sobald sich die brigen erhoben, legte auch Carin ihre
Arbeit beiseite.

"Sehen Sie hier, Frulein Carin!" bat nun Hederich, der sich zuerst mit
Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden
sitzenbleibenden Herren zu trennen gewut hatte, bei einer Wegbiegung.
"Wollen Sie nicht einmal die Bltenpracht in Augenschein nehmen? Drum
und dran! So war's noch in keinem Jahre."

Carin nickte unbefangen und trat, whrend die anderen in den Buchensteig
einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Hhe einen Ausblick zu
gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum
eingefate Rondell.

Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: "Ich finde, da der
Garten nicht mehr so schn gehalten wird, wie frher. Schade! Woran
liegt das?"

"Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen
krnkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Frulein Carin, es
ist doch nicht der frhere Zug drin. Die Alten drfen sich in nichts
mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und
nun ist natrlich das Interesse fr vieles nicht in alter Weise da."

"Ich hre, Breckens haben heute geschrieben, da sie die Rckreise
angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das fhrt dann
auch wohl fr Sie manche nderung mit sich, Herr Hederich?"

"Drum und dran! Ja gewi! Wissen Sie, was ich glaube, Frulein Carin?"
Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders.

"Nun, Herr Hederich?"

"Ich glaube, meine Tage sind hier berhaupt gezhlt. Herr von Brecken
will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide.
Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken
gewhnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte
ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz.--Aber, drum
und dran,--leicht wird's mir doch nicht werden--leicht schon nicht,
weil--weil--"

"Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange
fleiig wirkte und erfolgreich thtig war," fiel Carin ein. "Ja, das
begreife ich. Die Liebe fr das hiesige Land und die Menschen waren ja
neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch fr mich der Grund, zu
bleiben. Sonst htte ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit
ausgesetzt, wieder mit Grete in Berhrung zu treten. Wie leichten
Herzens hat sie mich gehen lassen!"

"Es hat sie viel beschftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es
Ihnen schon, Frulein Carin. Es war ja nur, weil sie ber Herrn von
Brecken so abfllig urteilten. Sie muten doch, drum und dran, merken,
da sie ein Auge auf ihn hatte, da war es,--nichts fr ungut,
unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Miachtung zu
bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden
lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie
wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein."

"Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei
Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den spteren Gesellschaften hier im
Hause fern bleiben zu drfen. Sie denken noch immer viel zu gut ber die
Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, da Sie ein goldenes
Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttuscht werden. Ich freue mich
nur, da Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt
haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu
kndigen, damit er es nicht thut."

"Sie meinen--?" schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig
erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich
dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge.

"Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit
unangenehme Empfindungen bereitet? Ah--ah--das thut mir weh!" Und sanft
begtigend schlo sie: "Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!"

"Nein, das ist's nicht," sagte der Mann mit einfacher Wrde. "Ich wurde
ein bschen weich, weil--weil--weil ich, nein, ne, ich kann's nicht
sagen, Sie knnten es falsch auslegen--"

"Ich lege gewi nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es
beunruhigt mich, da ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung
schon frher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es
ntig war. brigens einen Mann, wie Sie, wird man berall mit offenen
Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden
und sich dann auch glcklich fhlen; dessen bin ich sicher, und das ist
mir eine Beruhigung."

"Wie Sie das so schn ausgedrckt haben, Frulein Carin! Und wie viel
Teilnahme Sie fr mich an den Tag legen! Wenn Sie wten, wie nur das
wohl thut, und wie ich berhaupt--" Er brach ab, und seine Stimme
zitterte.

In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe
getrennt hatte, herbeigelaufen, drngte sich an Hederichs Beine und
sprang an Carin empor.

"Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', da du wegkommst, Puffmann!" rief
Hederich hchst rgerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein
Auge mit dem frheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er
ber ihr Angesicht ein leise spttelndes Lcheln fliegen. Und das strte
ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, da ihm das Wort erstarb, und da
er mit einem "Drum und dran! dieser Kter, oft mchte man ihm den Hals
umdrehen!" Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg
zur Laube zurcknahm. Als sie sich dem Platze nherten, drang lebhaftes
Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hrten sie der Frau Pastorin helle
Stimme.--

Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswrdigen Weise
Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen
zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der
Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte.

Als bei dieser Gelegenheit erwhnt wurde, da einer der von Theonie
erwarteten, in der Nhe von Breckendorf wohnenden Gste die Gegend
verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung,
verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen:

"Das wre so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von
Holzwerder trennen mte. Elsterhausen in einer Viertelstunde
erreichbar, und Breckendorf in nchster Nhe, die schne Lage und das
wirklich splendid eingerichtete Haus--da lt sich leben! Wem hat's
eigentlich ursprnglich gehrt, Hederich?"

Aber schon nahm der Pastor zum Verdru Hederichs, der nun einmal gern
fr diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte
Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fgte einige Worte hinzu und
uerte: "Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt
haben. Alle kamen spter in Bedrngnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz
hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einknfte, sondern
kostet nur Geld. Hchstens ein paar Hhner und eine Kuh knnen da
gehalten werden."

"Ja hchstens! Drum und dran, nur fr reiche Leute bewohnbar," bettigte
Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen.

"Wann treffen Ihre Kinder ein?" fragte Theonie, sich zum Abschied
erhebend. "Ich mchte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen
senden." Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem
Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung.

Wenig spter hatten Theonie, Carin und auch Hppners, die in einem
flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen.

"Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich," rief noch Herr von
Tressen, der unter Beihlfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schlo
nahm und Hederichs hflichen Gru durch das Lften des Hutes erwiderte.
Und Hederich rief ein "Zu Befehl, Herr von Tressen" zurck, obschon
seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren.

Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er:
"Sie grte noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn
dieser verdammte Puffmann nicht gewesen wre, dann,--dann,--drum und
dran! Ich hatte so schne Gelegenheit, ihr ein bschen Andeutung zu
geben----"

       *       *       *       *       *

Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon
nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schlo bekrnzen
lassen. Um die Fenster und Thren waren Blumenguirlanden gesteckt, und
auch Hederich hatte sich gerhrt. Die Knechte und Mgde waren in ihren
Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehrigen
standen mit Rosen in den Hnden an der Schlotreppe. Einem kleinen
Mdchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der
Schlu der von Hederich unter vielen Nten gedichteten Willkommsworte
lautete:

  "Es wechselt Klte, Sonnenschein und Regen!
  Der Landmann braucht's,
  Ihm ist's ein Segen,
  Wenn's auch mal kalt und na vom Himmel strmt!
  Durch Eure Herzen aber mge strahlen
  Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen
  Auf Eure Wangen Lust und Frhlichkeit!
  Das wnschen alle, die hier sind vereinet,
  Und seht, ein jedes Auge weinet
  Vor Freud', da Ihr zurckgekehret seid!"

Glcklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glnzte, umflutet von
der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit,
die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war
klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebsche trugen noch
silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu
aufgeschttet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den
Tressenschen Farben.

Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt
umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drckte sie
Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten
und Mdchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostm,
strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten
sich die Eindrcke in beider Zgen wieder.

Bei Grete war's ein Anflug wahrer Rhrung, sie verglich das wenige, was
an Gemt in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche
Scham und dankbare Gefhle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's
dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, da man ihm ohne Zwang
Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene
Hoffnung auf altes Glck stieg auch in Frau von Tressen empor, sie
glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und
Hederich ihre Voraussetzungen erfllt.

Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestrter
Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihlfe ihrer Mama
alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich ber
die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches
gediehen war.

Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt.
Die junge Frau bernahm nunmehr die Kche, das Mittag- und Abendessen
wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich,
wenn die Glocke ertnte, herab und nahmen daran teil.

Dafr war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergteten,
gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine
bestimmte Summe.

Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das
Frhstck und sorgte auch in auergewhnlichen Fllen fr ihre und seine
Bedrfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie fr
Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie
brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das
alles so bleiben konnte, oder nderungen eintreten muten.

Zunchst sprten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der
Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder
fr sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam,
trat auch das Bedrfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die
Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor,
und die Frauen beschftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar
den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange
zu bleiben, und Tankred fgte sich entweder aus wirklichem Behagen oder
aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhltnisse.

Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestrt, und nach
Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand,
wurde nunmehr auch errtert, wann die jungen Leute Besuche machen
wollten, und wer zunchst eingeladen werden sollte.

"Es geht gar nicht mehr! Wir mssen sobald wie mglich nach Falsterhof,"
erklrte Grete. "Noch haben wir nicht einmal fr die Blumen gedankt, die
Theonie uns gesandt hat."

Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich
aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal mute er seiner Kousine ja
doch zum erstenmal wieder gegenbertreten, und schon hatte Hederich, der
inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzhlt, da Theonie
sich erkundigt htte, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien.

"Drum und dran! Sie wundert sich, da Sie noch nicht da waren, Herr von
Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so."

Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu
fahren und Theonie und Frulein Carin zu einem Diner in der Mitte der
Woche einzuladen.

Letzterer gegenberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich
schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen
an den Tag gelegt hatten, berwand sie bald den Anflug ihrer
unbehaglichen Stimmung.

Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die
Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich sa bei den
Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte
die Zgel. Whrend sie dahin fuhren, sagte Tankred:

"Weit Du, es wre wirklich gar zu schn, wenn die beiden Besitzungen,
die ursprnglich zusammengehrt haben, wieder vereint wrden. Es hat
doch keinen Zweck, da meine Kousine da allein auf Falsterhof
wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen frher einlste, wre es auch
leicht zu machen. Ich wrde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und
ihr ihre Hlfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es
wre eine frstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird,
die Gter rationeller bewirtschaftet werden, knnen sie gegen
zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswrdig gegen
meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat groen Einflu auf sie.
Sie kann uns im Fall alles verderben."

"Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred," entgegnete
Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes besttigend. "Dann
knnte sie am Ende an ihrer Zusage rtteln?"

"Gewi. Und deshalb mte man auch darauf hinzuwirken suchen,--ich denke
tglich daran,--da sie schon frher Ernst macht. Sie will nach der
Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, da der Besitz nicht
verschleudert wird, mit anderen Worten, da wir ihn halten, mehren und
verbessern. Wenn sie die berzeugung gewonnen hat, da wir das thun, so
wird sie nicht zgern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man knnte
vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu
berlegen. Der thut nur, was er fr richtig hlt, und da er auf dem
Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung knne nichts gedeihen, ist
ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er
seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd."

"Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzhlt.
Bitte, was war's?"

"Ich gehe stark mit der Absicht um, in grerem Mastabe Rben zu
pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzhlte ich
ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie htten alle bisher kein
Geschft gemacht, meinte er."

"Dann ist's doch auch klug, es zu lassen."

"Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen.
Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil
sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa
erzhlt, auch gegen die Branntweinbrennerei gestrubt? Und rentiert sie
nicht ausgezeichnet?"

"Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten
Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hrt berall,
da die Zuckerfabriken vorlufig nur von Hoffnungen leben. Die
Konkurrenz ist auch zu gro."

"Nein, die Konkurrenz ist nicht zu gro, aber es ist noch ein Vorurteil
bei Hndlern und Konsumenten zu berwinden. Aber das wird sich geben.
Der Rbenzucker stellt sich so viel billiger, da man nach den
berseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die
bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital
war zu hoch.

Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr
sptestens wird die Bahn von Elsterhausen ber unser Gut gehen, und in
Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz
anders konkurrieren.

Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schdel nicht hineingehen.
Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in
der Gegend dauernd niederlassen."

Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die
Richtigkeit nicht prfen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in
Zahlen vorlegen zu lassen, und im brigen wurden ihre Gedanken
unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwrts auftauchte.

Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Vernderungen
vornehmen lassen. Die das Haus verdsternden Bume waren gefllt, auch
nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das frher so finster
beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da.

Auch im Innern sah man die Thtigkeit einer neugestaltenden Hand. Der
Flur hatte weie Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit
den dunkelrahmigen lgemlden einen uerst imponierenden Eindruck. Vom
frheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thr ins
Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerckt
worden.

Auf einem groen Rondell blhten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies
bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebsches und des halb
eingefallenen Grabens das Auge.

Frege begrte mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gste
und fhrte sie in die hinteren Gemcher.

"Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten,"
erklrte er. "Gleich werde ich die Herrschaften melden." Dann eilte er
davon.

Mit sehr eigentmlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die
Rume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das
Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal
freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen
hatte. Die im Hause vorgenommenen Vernderungen wirkten befremdend auf
sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu
sein, trat weit zurck. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder
Mitteilung nach ihrem Gutdnken. Natrlich, es war ihr Recht, aber
gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtflle
der Besitzerin.

Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen
weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte.
Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und
umarmte Grete mit Wrme und Herzlichkeit.

Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch
die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt,
und bald saen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemtlich plaudernd,
beisammen.

Der Fremde war der Eigentmer des vor Tagen erwhnten in der Nhe von
Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof.

Er hatte frher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines
Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich,
da er vermgend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu
pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener,
aber keineswegs pedantischer Mann, und man rhmte seine groe Frische,
seinen Geist und seine hohe Intelligenz.

Herr von Streckwitz fhrte denn auch vornehmlich das Gesprch. Herr von
Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er
erwiderte, da er sich bei seinem Interesse fr Landwirtschaft nach
einem ihm mehr Beschftigung bietenden Gtchen umzusehen die Absicht
habe.

Hederich mischte sich hinein und machte Vorschlge, und Tankred, dem
Streckwitz gleich beim ersten Sehen hchst unsympathisch war, riet mit
vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend
anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen bergewicht nicht
in seiner Nhe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten,
die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem
Interesse zuhrte.

"Es gefllt mir aber gerade hier ausnehmend," entgegnete Streckwitz.
"Mein bisheriges Einsiedlerleben mchte ich zudem vertauschen, aber mir
Thtigkeit und Verkehr nicht in einer groen Stadt suchen, sondern auf
dem Lande. brigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir frher oder
spter eine Gelegenheit zu anderer, grerer Wirksamkeit bietet, werde
ich sie wahrnehmen. Zunchst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu
suchen. Sie gestatten mir auch," schlo er, sich mit verbindlicher Miene
gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte
Auge ein wenig zusammenkneifend, "da ich Ihnen meine Aufwartung machen
darf?"

"Es wird uns auerordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen," entgegnete
Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten.

Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb
gegen Breckens verneigte, bi sich Tankred, in seiner Eitelkeit
verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter
demnchst einmal deutlich zu belehren, da ihr kein Recht mehr zustehe,
eine derartige Erlaubnis zu erteilen.

Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Gerusch abgelenkt, da
Frulein Carin ein Knuel Seide fallen lie, und Hederich, sich
bereifrig danach bckend, so unglcklich auf dem glatten Fuboden
ausrutschte, da er knieend vor ihr liegen blieb.

Um nun doch irgendwie seinen rger auszulassen, nahm sich Tankred
Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise
nachahmend:

"Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist--drum und dran--ein zu schner
Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Frulein Helge hingestreckt
zu sehen."

Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die
Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, whrend Hederich, rot vor
Beschmung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb.

Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft
stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf
Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen
Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er
sich sehr weh gethan habe:

"Ich danke sehr fr Ihre Gte, gndige Frau, es ist schon vorber. Ich
bitte nur um Entschuldigung, da ich in Ihrem Hause--drum und dran--eine
so--lcherliche Rolle gespielt habe----!"

Dieser auf Tankred gemnzte Satz mifiel niemandem, und namentlich in
Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst
Hederich mit raschem freundlichen Blick und lie dann ein auf Tankred
berechnetes verchtliches Zucken um ihre Lippen spielen.

Tankred sah es. Er wute, was in ihr vorging, und der alte Ha gegen das
'Frauenzimmer' setzte sich von neuem in ihm fest.

Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr
Abbruch, und das glatt flieende Gesprch setze sich nun so gezwungen
fort, da Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu
unternehmen.

Herr von Streckwitz, ein beraus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart
und ernsten, einnehmenden Zgen, schritt mit den beiden Tressens voran,
ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen
hatte, und ein wenig spter Hederich mit Carin.

Sowie die letzteren aus der Hrweite der Voranschreitenden waren, sagte
Carin:

"Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf
hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und
wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist
fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt.
Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der
Mittelpunkt des Gesprches ward. Dergleichen Zurcksetzungen kann er
absolut nicht vertragen. Stets mu er das Wort fhren und bewundert
werden. Spter rgerte es ihn, da Frau Cromwell sich so oft an den Gast
wendete. Am Ende interessiert sie sich fr ihn! Das pat Brecken
durchaus nicht; das durchkreuzt seine Plne, und als Herr von Streckwitz
nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen grern Besitz
erwerben zu wollen, kannte sein rger keine Grenzen mehr! Den lie er
dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Emprend handelte er, in solcher Weise
von seinem bergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat
mich auch wieder ausnehmend gefreut, da Sie ihm nmlich eine solche
Antwort zu teil werden lieen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie
htten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!"

Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehrt. Als
Carin geendigt hatte, sagte er:

"Sie gehen vielleicht etwas weit--aber--drum und dran--er ist kein guter
Mensch, wir wissen's alle lngst. Und es ist wahr, es giebt Dinge, die
kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene
Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will lcherlich gemacht
werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!"

"Und wir haben recht!" fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort:
"Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben,
und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch
wahrlich nur die Hand auszustrecken.--Ich wei wohl, was Sie sagen
wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen!
Aber welcher Vorteil erwchst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie,
Herr Hederich," hier senkte Carin die Stimme, "was mir Frege neulich
mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau
Cromwell, worin auch des Schriftstcks--Sie wissen, der
Erbteilverschreibung--Erwhnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den
Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, knne darauf schwren, da das von
ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders--natrlich viel gnstiger
gelautet habe. Brecken hat also--" hier schossen Carins Augen
unheimliche Blicke--"sicher eine Flschung begangen!"

"O nein, nein, Frulein Carin," fiel Hederich erschrocken ein und sprach
wieder das Wort Carin sehr breit. "Da gehen Sie doch wieder zu weit! So
schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist
schlau, und er wre es noch mehr, wenn--drum und dran--ihn sein Blut
nicht oftmals fortreien thte." Und forschend schlo er: "Hat Frege
Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?"

Carin nickte.

"Und was hat sie erwidert?

"Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja berhaupt eine sehr
eigentmliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig
zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut.
Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens--denn ihre hervortretende
gelegentliche Krze und Strenge sind auch nichts anderes als ein
Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur--und andererseits die Piett, welche
sie fr alles an den Tag legt, was den Namen Brecken trgt, machen sie
ungewhnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, da
er sich ndert, und ihr gegenber spielt er ja auch eine recht gute
Komdie!--Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die
Jungen mit den Alten?"

"Drum und dran--ja--. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich
so ziemlich--" entgegnete Hederich. "Frau von Tressen ist vorsichtig,
und Grete will Frieden,--bis jetzt wenigstens,--und das giebt den
Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube,
da es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches
anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede."

"Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie hngt mehr an Ihnen, als an ihrer
Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist berhaupt
noch nicht alles Gute erloschen, sie kmpft, glaube ich, einen ehrlichen
Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein
und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat."

"Weshalb, Frulein Carin," fiel Hederich milde ein, "hassen Sie Herrn
von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefgt?"

Carin zuckte die Achseln. "Weshalb hat man eine Abneigung gegen
Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man
sich zu anderen besonders hingezogen fhlt? Ich kann berhaupt nur
hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten
vertreten. Pastor Hppner kann berhaupt nicht hassen. Deshalb ist er
auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persnlichkeit gtig und
menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt
dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag--ihre Person
ausgenommen, die sie ber alles liebt--weder zu lieben noch zu hassen!
Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, hat aber jeden,
der ihm irgendwie in den Weg tritt,--und--Sie--Sie, Herr Hederich--"

"Nun, Frulein Carin?--" forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge
ging unruhig hin und her.

"Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren
Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele."

"Na--na--na!--Es ist schon zu viel Schnes, Frulein Carin, aber--drum
und dran,--da Sie das sagen, das--das--ist mir mehr wert als--als--"
sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte.

"Ach, Sie lieber Mensch!--" unterbrach das Mdchen den Mann, sah ihm mit
einem seelenvollen Blick ins Auge, lie ihn aber nicht weiter sprechen,
sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die brigen Gste zu, die
nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause
auftauchten.

Nach einem kleinen Imbi nahm man demnchst von Holzwerder Abschied. Nur
Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da.--

       *       *       *       *       *

Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf saen die Pastorin und
Hederich einander gegenber.

Seit dem Vorerzhlten waren fnf Monate verstrichen. Der Herbst war
bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzhlen und
sehr viel zu hren.

Zunchst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm
ihr Herz ausschttete.

"Was mich am meisten beschftigt und mich geradezu traurig gemacht hat,
ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte,
Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle.
Aber sie! Doch nun hren Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war,
die mir sogleich fnfhundert Mark fr das von mir geplante Armenhaus in
Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn
in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach
Holzwerder gefhrt hatte, erzhlte, da mein Mann und ich von meinem
Vermgen fnftausend Thaler als Grundlage fr den Bau hergeben wollten,
legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn,
da er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen mge.

Erst uerte er nichts, lie mich niedersitzen und guckte auf das
Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spttischen Ausdruck:

'Meine Schwiegermutter hat fnfhundert Mark gezeichnet? So--so--na ja,
wer's lang hat, lt's lang hngen! Ich kann hchstens hundert Thaler
geben. Fast kein Tag geht vorber, an dem nicht Ansprche an mich
herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der
Antragsteller geben, mte ich nachgerade auf Einnahmen fr mich selbst
verzichten.'--Er zhlte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf,
denen er angehre, sprach von Erhhung der Steuern und anderem und rief
seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie
beschwert sie seien. 'Glauben Sie nur, da es uns nicht so leicht
gemacht ist, wie Sie meinen,' versicherte er. 'Jeden Monat die Rente an
meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen,
Neubauten, die gemacht werden mssen. Ich kann's nicht mehr gut machen!'
Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern
zurck: natrlich, es mte ja sein, aber jetzt lebten doch zwei
Familien von den Einknften von Holzwerder.

Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhren, und ich habe denn
auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer greren Gabe zu
bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht
selbst erzhlt, da sich dies Jahr ungemein gnstig gestellt, da das
Gut noch nie so viel abgeworfen hat?"

"Ja, es ist richtig, sie haben schne Einnahmen, und was sie sagen von
der Rente an die Eltern, die ist bei den Einknften nicht gar so
schlimm.

Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwchterposten ist eingezogen,
seine Arbeit mu jetzt der Parkwchter mit besorgen; er kriegt aber
nicht mehr dafr und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu
verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun
weggefallen. Die beiden Kutscher mssen mit im Garten helfen, und die
Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele
Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau
giebt selbst aus, verschliet alles und macht Szenen, wenn zu viel
gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei
mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafr nicht liefern
knnten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt.

Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich
nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Frher durften auch
die Arbeitsleute nach dem Pflcken das letzte Obst abschtteln, das ist
nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehlzen hat er durch Anschlag
verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafr anzusetzen. Und
nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel
neue Fenster ntig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind
und Regen hinein.

Aber, drum und dran, fr die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik
mchte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht fr den
Rbenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen,
die Einnahmen vergrern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der
Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen."

"Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?"

"Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam berlegt. Neulich
sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen.
Neusilber thte es auch. Sie htte sich herausgerechnet, da sie so viel
Kapital herauskriegte, da sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine
neue Christofleeinrichtung anschaffen knnte. Ich mu daran denken, da
wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie--"

"So? also damit hat sie Grund, sich zu beschftigen? Das wute ich noch
gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, da Herr von
Streckwitz dort fast tglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es
neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die
Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen."

"Meinen Sie wirklich?" fragte Hederich erstaunt. Er gehrte zu den
Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen,
aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da
Carin, vielleicht aus Diskretion, die Mglichkeit eines tieferen
Interesses Theonies fr Streckwitz nicht wieder berhrt hatte, war auch
Hederich nichts aufgefallen.

"So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute
Wsche, und ich mu selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Nhschule
bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die
Ohren.--Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten
Sie--herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die mssen Sie
probieren."--Und whrend er, nachdem sie rasch den Branntwein und die
Speisen herbeischafft, a, stand sie--sich zu setzen hatte sie keine
Zeit--vor ihm und erzhlte noch von allerlei traurigen Ereignissen im
Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemht gewesen, und
zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem
Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich.

"Ja niedlich, niedlich," bettigte Hederich, whrend er das
Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten
von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen
lieber aus dem Wege.

Als er schon in seinem Einspnner sa, sah er noch, da Frau Hppner mit
einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thr stand und weinend ihren
Kummer erzhlte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem
Schnupftuch die Thrnen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen
ber ihre Lippen:

"Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte.
Dann wollen wir weiter sprechen," hrte er sie noch sagen, und "Drum und
dran, brave Frau!" ging's ber Hederichs Lippen, whrend er mit einem H
die Zgel ergriff und das Pferd antrieb.

Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf
seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug.
Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, ffnete und las:

  (Privat) 'Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die
  eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich
  sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich mu Sie notwendig
  sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind,
  und gehen Sie hinten die Treppen hinauf.

  S. von Tressen.'

Noch unter dem Eindruck des Gesprches, das er am Nachmittag mit der
Pastorin gehabt hatte, regten die Zeilen Hederich auerordentlich auf.
Sicher war etwas sehr Bedeutsames vorgekommen. Er konnte es nicht
erwarten, da sich der Zeiger der Uhr auf acht schob, und begab sich
dann, einen versteckten Umweg nehmend, durch die Hinterthr des
Souterrains ins Haus. Aber als er eben die Treppe hinaufeilen wollte,
trat ihm Tankred mit einigen bestaubten Flaschen Wein, die er selbst aus
dem Keller geholt hatte, entgegen und sagte, seinen Verwalter
erblickend, sehr erstaunt:

"Sie hier? Ich denke, Sie sind nach Elsterhausen gefahren? Schon zurck?
Was wnschen Sie? Suchen Sie etwas?"

"Drum und dran, ich wollte oben ein Packet Handschuhe abgeben, die ich
fr Frau von Tressen mitgebracht habe," entgegnete Hederich, sich
schnell fassend. "Ich vermutete die Herrschaften unten bei Ihnen und
wollte vorn wegen der Gesellschaft nicht stren.

Guten Abend, Herr von Brecken! Viel Vergngen!--"

Aber Tankred lie sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben
ging, fand er Tressens; ohne Zweifel wrden Sie ihn auffordern, zum Thee
zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge wrden zur
Sprache kommen. Das pate ihm nicht.

So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: "Was wollen Sie
sich die Treppe hinaufbemhen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her.
Ich werde es meiner Schwiegermutter einhndigen."

Die Situation war hchst peinlich. Wenn Hederich erklrte, da er gar
kein Packet habe, stand er als Lgner da, und ablehnen konnte er fglich
Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand,
nicht nur fr ihn, sondern auch fr Tressens, nahm er seine ganze
Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die
seine Bereitwilligkeit ausdrckte, Tankreds Wunsch zu willfahren,
erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff:

"Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in
meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen
Sie gtigst, da ich der gndigen Frau morgen das Gewnschte berreichen
wrde. Und nun erlauben Sie, da ich mich empfehle. Ich halte Sie auf!
Ihre Gste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergngen."

Nach diesen Worten zog er sich berhastig zurck und verwischte dadurch
wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck.

Whrend Tankred die zwei Flaschen Amannshuser wieder ergriff, murmelte
er:

"Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt.
Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!"

Dann eilte er mit hmischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf,
und oben schalt er Peter, den Diener, da er ganz unntig so viele
Lichter angesteckt habe:

"Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die
kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuznden."

"So, dann habe ich den gndigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den
Herrschaften mute ich immer alles anstecken."

"Ja, ja, die Herrschaften," entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine
Schwiegereltern preisgebend, "die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwrts,
lschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie
zu reinigen,--hren Sie? ohne sie zu reinigen,--ins Anrichtezimmer!"

Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine
Wohnung zurck. Er fand keinen Weg, Tressens ber die Grnde seines
Nichterscheinens zu verstndigen, noch weniger hielt er es fr
mglich--und wenn doch etwa fr mglich, nicht fr rathsam, an diesem
Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen.
Wenigstens wollte er das vorher noch berlegen. Auch wenn er einen der
Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals
der Zufall sein Spiel treiben. berhaupt war er gegen jede schriftliche
uerung.

Es beschftigte ihn zu alledem, da er zu einer Lge seine Zuflucht
genommen hatte. Seit seinen Jnglingsjahren war mit Bewutsein kein
unwahres Wort ber seine Lippen gekommen.

Aber das war die Folge solcher Verhltnisse. Immer ungemtlicher wurde
es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen.
Whrend er, so nachdenkend, dasa und aus der Pfeife die Rauchwolken
herausblies,--fast ein Stndchen mochte vergangen sein,--hrte er auf
dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er
Peter, den Diener, und seine Haushlterin Worte wechseln.

"Na, was giebt's?" rief Hederich die Thr ffnend. "Haben Sie eine
Bestellung an mich, Peter?"

Der Diener nickte verlegen, dann trat er nher.

"Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gndige Frau von oben
liee um das Packet Handschuhe bitten, und die gndige Frau von
oben--sie fate mich ab, als ich gerade weggehen wollte--lt fragen, ob
Sie noch kommen thten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich
soll nichts sagen--ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an
die unten von meiner Bestellung an Sie erzhlen!"

"Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich
Ihnen auftrage, hren Sie? An Herrn von Brecken knnen Sie ausrichten,
ich htte die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich knnte sie in
meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie
blos: Ich wrde ihr morgen erzhlen, weshalb ich nicht gekommen wre, es
sei denn, da sie so gut sein wollte, sich--drum und dran--heute abend
noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemhen. Es wre
sehr gut, wenn sie es thte. Sie ist doch noch oben und nicht bei der
Gesellschaft?"

Peter verneinte.

"Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten," murmelte
Hederich. Und laut: "Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe
seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten.
Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!"

"Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon.
Ach--ach es ist--" seufzte der Mann.

"Was ist?"

Der Diener bewegte mimutig den Kopf.

"Nichts fr ungut, Herr Verwalter, ich will kndigen. Keine Stunde hat
man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden,
und alles, was frher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die
Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute
nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hrte es, wie ich das
Silberzeug putzte."

Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschftigte ihn sehr.
Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung.

"Diener mssen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und berall ist
etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter,
und mit dem Kndigen berlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch
nicht will, dann wissen Sie,--drum und dran,--wo Hederich zu sprechen
ist."

"Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt.
Herr Verwalter wissen, da ich nichts herumtrage, und wieviel ich von
den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen
auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie--sie ist ganz anders
geworden."

"Ja, wie gesagt, Peter--es wird schon wieder besser werden. Thun Sie
Ihre Pflicht,--drum und dran,--fr das andere lassen Sie den lieben
Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, da Sie wieder hinkommen."--

Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang ffnete sich die Thr der
Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln
Mantel gehllt, trat zu Hederich ins Gemach.

Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr
mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe.

"Um so besser, da wir uns noch heute abend sprechen!" erklrte sie nach
seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme
dmpfend, fuhr sie fort:

"Hren Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete
und Brecken eine sehr bse Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich
entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als
wir beim Kaffee zusammensaen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Whrend
meine Tochter sich an das geschlossene Bffet begab, um ihn
herbeizuholen, sagte ich: 'Ist es denn notwendig, da Du sogar den
Zucker verschlieest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben--'

'Sogar? Was meinst Du damit?' entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in
einem sehr schroffen Ton.

Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich
sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gsten. Aber sie
antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In
diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine
Tochter, ihr die fr den Abend ntigen Zuthaten auszugeben.

'Wie, Du wagst es?' rief Grete, gegen die Person auftrotzend. 'Habe ich
Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?'

Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte
und auf eine abermalige hchst provozierende uerung Gretes neben
anderen Erklrungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade
noch, da sie in der Kche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet
meine Tochter in einen solchen Zorn, da sie aufsprang und dem Mdchen
einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem
ich schon angesehen, da er sich ber meine uerung von vorhin gergert
hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden
war, packte Anna am Arm und stie sie in rohester Weise zur Thr hinaus.
Drauen befahl er der Mihandelten,--ich hrte es,--sofort ihre Sachen
zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was
aus ihr werde, sei ihm gleichgltig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle
sie etwas, so knne sie klagen. Zu meinem Unglck nahm ich nach seiner
Rckkehr gerechter Weise Partei fr das Mdchen. Ich hielt beiden in
sanfter Weise vor, da sie durch die wenig gtige Art, in der sie mit
den Leuten verkehrten, durch ihr fortwhrendes Verschlieen und
Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse
fr sich zu erwecken, und schlo mit der Bemerkung, da ich doch stets
mit meinem Personal ausgekommen sei, whrend jetzt fast kein Tag ohne
Verdru hingehe.

Auf die uerung gab zunchst meine Tochter eine Antwort, indem sie in
einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich htte
doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre
Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber tglich. Bald moniere
ich, da der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald
mache ich Bemerkungen ber ihre Anordnungen. So habe ich mich jngst
ber die Wsche geuert. Wenn zufllig mal Zucker auf dem Tische fehle,
halte ich ihr eine Strafpredigt ber ihre Sparsamkeit, und da ich in
diesem Falle Partei fr das impertinente Geschpf genommen habe, das sie
fortwhrend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf
diese plumpe und unglaublich unverschmte Weise sich einen Vorteil zu
verschaffen, sei doch mehr als eigentmlich von meiner Seite! Sie habe
Beweise dafr, da Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute
morgen von ihr ausgegeben.

Mit dem grten Erstaunen hrte ich, was meine Tochter sprach. Ich war
ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen
und Vorschlgen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine
Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind
eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar
nicht in den Sinn gekommen, da sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel
weniger, da sie mich fortwhrender Einmischungen in ihre
Angelegenheiten zeihen wrde.

Ich sah aus ihrer Rede, da lange aufgestauter Groll einen Ausweg
suchte, und ich sah auch, da ihr Mann ihr vollstndig beistimmte.
Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatschlich
aber um mich noch mehr zu krnken, kam auch er mit allen mglichen
Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrckte, an sich nur
Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdru schon mehrfach
Veranlassung gegeben htten. Wir htten jngst die Pferde ohne vorherige
Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, whrend sie htten
ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, whrend wir doch
unsern eigenen Diener htten. Der letztere habe neulich durch Umstoen
des Tintenfasses den ganzen Fuboden verdorben, und mein Mann htte ihn
sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getrstet.

Und was den Fall mit dem Mdchen betreffe, so sei er zufllig dabei
gewesen, wie Grete fr den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten
abgewogen habe.

'Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,' fgte ich, mich bemeisternd und
alles brige bergehend, ein, 'aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie
whrend ihrer Beschftigung gerade vom Frster abgerufen worden, nachher
vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Kche zu stellen. Es ist
doch mglich, da Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, da ein
Mdchen ihrer Herrschaft unbegrndeterweise mit solchen Behauptungen
gegenbertritt. Und ich habe nie frher eine Unehrlichkeit an Anna
bemerkt,' schlo ich.

Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so hhnischen Miene auf und
erging sich in so verletzenden Anspielungen ber unsere Verschwendung
und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, da ich, nicht mehr Herr meiner
Emprung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da
sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten,
finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf
welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei
unter solchen Verhltnissen dann wohl besser, da ich mit meinem Manne
Holzwerder verliee! Danach stand ich auf und begab mich auf mein
Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und lie sagen, da wir nicht
in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an,
da Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts
davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie,
Hederich, sie _wollen_ einen Anla, um die ihnen lstigen Menschen, ihre
Eltern, aus dem Hause zu bringen."

Bei diesem Schlusatz brachen der Frau die Thrnen stromweise aus den
Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, da dem
braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn
nun da, was Carin schon oft und erst jngst wieder als bevorstehend
prophezeit hatte: Ein bses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger
Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun wrde auch bald sein,
Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit
seiner Meinung nicht zurckzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen;
sie sollte hren, was er dachte!

Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste berzeugung. Er
glaube selbst, es sei wohl das beste, uerte er, da sie sich in
Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten.

Sicher wrden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege
zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Vershnung auf
beiden Seiten vorhanden, spter aber knne sich ein unheilvoller Bruch
daraus entwickeln.

"Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben,
ist immer weise, wenn's auch hart, betrbend und schwer ist, sich auf
den Boden der Thatsachen zu stellen."

"Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, da wir wie
berzhlige aus dem Hause gehen, da wir unser geliebtes Holzwerder
verlassen sollen, dann ist's mir, als berfiele mich eine unheilbare
Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemt beschwert ist. Seit heute
nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!"
stie sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. "Ja,
ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermgen haben, die Kinder sollten
nur von uns abhngig sein! Wie ganz anders wrde es dann aussehen!"

Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfate sie mit ganzer Gewalt, sie
war betrbt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung,
Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttuschter
Mutterliebe.

Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der gttliche Funke warmer
Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte
selbst der Funke zu verlschen.--

       *       *       *       *       *

Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner
Vormittagsgeschfte mit seiner Frau beim zweiten Frhstck sa,
erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich htten hren lassen.

"Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe.
Ich kenne Mama--" entgegnete Grete.

"Und Du willst hinaufgehen?"

"Nein, aber ich habe mir gedacht, da ich, wenn sie heut mittag auf das
Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen
lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen."

"Und wenn sie nicht kommen?"

"Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben mssen. Ich habe
ja nur erreichen wollen, da Mama sich nicht ferner in meine
Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles--verlasse Dich darauf--eine
lngere Weile nach Wunsch gehen."

Bei den letzten Worten glitt ein Lcheln ber Gretes Gesicht. Es
belehrte Tankred, da seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht
so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttuschte ihn
zunchst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen
mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges
zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Mglichkeit anzueignen, so
nahm auch er einen leichten Ton an und sagte:

"Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als
ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist
es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei
nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. brigens
hast Du gehrt? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg
kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet
gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder fr eine ganz
berflssige Sache so viel Geld auszugeben!"

"Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fukalt, da er es nicht
aushalten knne," schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab,
war berhaupt zurckhaltender ber "die oben" als gestern.

"Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Bedrfnis. Hypochondrische Leute,
die nichts zu thun haben, kommen auf tausend berflssige Geschichten.
Da fllt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und
Theonie zu werden. Frau von Blow behauptete, sie seien sogar schon
verlobt. Wir mssen Hederich fragen. brigens mchte ich wohl wissen, ob
der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er
wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen
hocken, um ber uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein
richtiges Verhltnis, Grete. Sie intriguieren fortwhrend gegen uns, und
der alte Schwger trgt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach
Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern wre es
allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht
vom bel, wenn die Eltern fort zgen. Streckwitz's Besitz knnten sie ja
pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein."

Tankred hatte bei den letzten Stzen, die ihm durch die Gelegenheit
aufgedrngt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder
ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer
Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran
gewhnen.

Da sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefat hatte, ergab
sich jetzt.

"Mama wrde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort mte,
Tankred. Ich mu gestehen, da auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren
wrde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas
vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen
wir vorlufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann--und dann--" die
Frau errtete leicht--"wenn ich demnchst in der Krankenstube liege,
wrde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden--"

Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwrterin beim Wochenbett
fortsenden, hie nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter
als er! Sie war auerordentlich umsichtig und behielt stets ihren
Vorteil im Auge!

Whrend dem Manne solche Gedanken ber seine Frau aufstiegen, ward
geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen.

Das Gesprch ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschften
nach.

Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor.
Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in
seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und
als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrckt, um die Erlaubnis
gebeten, sie ihr verehren zu drfen. Er suche, wie er bei der
berreichung hervorhob, nach einem Anla, sich ein wenig fr die vielen
Liebenswrdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof
empfangen habe. Sie mge ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe
berreichen zu drfen.

Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die
sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen:

"Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, da Sie wieder eine Zeitlang
auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz,
und wann drfen wir Sie zurckerwarten?"

"Nein--" entgegnete Streckwitz. "Der Verkauf von Klementinenhof hat sich
zerschlagen; fr den Fall der Veruerung htte ich mich ja zunchst
anderweitig einrichten mssen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich
bleibe nun aber den Winter ber hier und will meine Bemhungen um einen
Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen."

"Immer wieder wundere ich mich," wandte Theonie ein, "da Sie bei Ihren
vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen
hier in der Einsamkeit?"

"Lieben Sie nicht auch das Land, gndige Frau? Schtzen Sie nicht auch
die reine Luft, die einfachen, natrlichen Verhltnisse, den
unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit?
Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich
beschftigt, berall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die
Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und
die Beschftigung mit Stall, Acker und Vieh hat fr mich etwas
auerordentlich Anziehendes. Ich beneide die Stdter nicht, ich
bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwhrenden Bewegung, sie
mssen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu
einem rechten, ruhigen Lebensgenu vermgen sie nicht zu gelangen.
Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jhrlich in die Berge,
ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch
heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust
und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein."

"Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu
erwerben?" knpfte Theonie, die durch stumme Gebrden Streckwitz
beigepflichtet hatte, an. "Hederich sprach jngst von Wankendorf. Aber
es liegt sehr nrdlich, und der Preis soll hoch sein."

Streckwitz schttelte den Kopf. "Ich mchte am liebsten etwas hier in
der nchsten Umgebung finden. Ich mchte auch Ihnen"--Streckwitz legte
einen nicht mizuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte--"nahe
bleiben, gndige Frau."

Theonie errtete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr mdchenhaftes
Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Mnner zu
ermuntern.

Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und
herflatterten, und suchte so dem Gesprch eine andere Wendung zu geben.
Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich ber Theonies Gefhle fr
ihn Klarheit zu verschaffen.

Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, da
er nicht gestrt werde, sagte er:

"Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darber aus, da ich mich hier,
wie Sie sich ausdrckten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe
ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gndige Frau. Durch Ihre Hand ist
zwar Falsterhof gelichtet und hat den frheren dstern Eindruck
verloren, aber grade fr eine junge Frau--da fr Ihr Geschlecht so enge
Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen
knnen,--scheint es mir hier recht einfrmig. Haben Sie denn kein
Verlangen nach der Stadt?"

"Nein, keins! Ich knnte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach
dem Tode meiner Mutter von hier entfernen mute, war ich sehr
unglcklich."

"Sie muten?"

"Ja--oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rckkehr
festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich
erfat hatte, abzustreifen."

"Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich
recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war jngst auf
Holzwerder und habe hchst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen
wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute."

Theonie bettigte letzteres durch eine Bewegung, ber Tankred aber
uerte sie sich nicht.

Diese stete, taktvolle Zurckhaltung war's aber eben gerade, die
Streckwitz, der das wenig gnstige Urteil der Menge ber Tankred kannte,
zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war
tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das
Bestreben, sich geltend zu machen, und besa neben einem edlen
Selbstgefhl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem
Wesen. Da das Gesprch sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen
liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer
direkten Anknpfung, und pltzlich kam ihm ein Gedanke.

"Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gndige
Frau," hub er nach geschicktem bergang an. "Ich habe die Absicht,
allernchstens ein kleines Diner zu geben. Wrden Sie und Frulein Carin
wohl so liebenswrdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich wei, da ich
etwas erbitte, das ein wenig ungewhnlich erscheint. Aber ich hoffe doch
auf Ihre gtige Zusage, ja, ich darf sagen, da ich das kleine Fest
vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen
zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen
fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist."

Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton
gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht
aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, da sie nicht gleich
Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den
ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenprete.

"Ich bitte, sprechen Sie--sagen Sie etwas--" drngte Streckwitz, durch
die Ungewiheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner
Gefhle, "oder darf ich noch etwas hinzufgen, etwas von dem vielen, was
mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie,
liebste Frau Theonie?--" wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und
Theonie nher trat.

Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte
innerlich, und sein Atem ging rasch.

Aber es war nur fr Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit
einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, lchelte sanft und
neigte ihre feine Gestalt zu ihm.

"O komm, Du Liebe!" flsterte der Mann strmisch und breitete seine Arme
aus.

Durch ihren Krper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und
er hrte es aus ihrem Munde, als er nun glckberauscht sie fest und
fester an sich zog.

       *       *       *       *       *

Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in
der Umgegend das Tagesgesprch.

Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zurcksetzung, Neid
und Migunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen
fr oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hie es, sie paten
vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte
Menschen, ein andermal dagegen, es knne nur ein Unglck daraus
entstehen, wenn zwei so selbstbewute und absprechende Menschen sich
vereinigten. Und einmal pate den Leuten Theonies Nase nicht, ein
andermal hielten sie sich ber Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald
war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch
Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames
Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls--darin stimmten alle
berein--kam Geld zu Geld; fr beide Teile war die Partie eine gute, und
mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war
nicht mehr als selbstverstndlich. Ohne Nebengedanken stimmten
eigentlich nur Tressens und Hppners dieser Verbindung zu. Selbst in
Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Sprchen Unbehaglichkeit.

Hederich frchtete, das Mdchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren.
Sie wrde sich eine andere Stellung suchen mssen, und er sie nicht mehr
sehen; und Carin beschftigte nicht minder der Gedanke, da nun wohl
ihre Tage auf Falsterhof gezhlt seien.

Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und mute gleich etwas
thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte,
und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der
Verlobungsanzeige auf den Weg.

"Sie mssen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende
Amtsgeschfte, sonst wre er mitgekommen!" erklrte sie nach ihrem aus
dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glckwunsch.
"Und gleich heute mchte ich von Ihnen hren, liebste Theonie, wann Sie
und Herr von Streckwitz uns beehren knnen. Wir mchten Ihnen ein recht
lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren
Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehrt, wie die Dinge stehen?
Man erzhlt sich, da zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen
ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! brigens, Ihr Vetter wird
nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie."

So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redeflu und ward erst
unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen:

"Sie meinen, liebe Pastorin?" ins Wort fiel.

"Nun, er wird natrlich frchten, da Sie jetzt an eine
Vermgensabtretung nicht mehr denken, da er auf Falsterhof in Zukunft
keinerlei Aussicht hat."

"Er irrt sich aber!" entgegnete Theonie mit grter Ruhe. "Wenn er
whrend der Frist nichts thut, was ehrenrhrig ist, und wenn er nicht
verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal
gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Da mein Vetter
seinen Charakter nicht ndert, wei ich, aber diese Forderung habe ich
auch nie an ihn gestellt."

Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn
fr Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort
waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr
verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses
sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefat hatte, knpfte sie
noch einmal an und sagte:

"Ihre im brigen sehr vorsichtig gefate und durchaus nicht bindende
Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um
Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein,
Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer
Handlungsweise, da Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen
fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten
Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch nher, als
Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewi weigern,
die Hlfte von Falsterhof fr nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn
wirklich wrdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?"

"Es sieht Ihnen gar nicht hnlich, da Sie an einmal gegebenen Zusagen
rtteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?"

"Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund
darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermgenszuwachs
gnne."

Und nun erzhlte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete
sich dabei benommen, und da er erklrt habe, hchstens hundert Thaler
zeichnen zu wollen.

"Sehen Sie, das ist es!" schlo sie. "Wenn Ihr Geld gute Frchte tragen
wrde, auch andere Vorteil daraus ziehen knnten, wenn's nicht nur der
Gier dieses Geizhalses diente, dann wrde ich gewi keine Einsprache
erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie fr
sich selbst die Mglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie
bisher Glck und Segen dadurch zu verbreiten.--Ja, ja, ich wei sehr
wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein
Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen
sind die Namen derer nicht zu zhlen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das
ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht,
viel zu haben.--Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein
gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und
nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am
Erwerben, der Sparsamkeitsdrang,--lasse ich gelten! Geld soll nur ein
Mittel zum Zweck sein, glcklich zu werden und andere glcklich zu
machen. Darin besteht jedes Vernnftigen Lebensaufgabe.--Wenn ich an
Ihrer Stelle wre, wrde ich Ihrem Vetter erklren, ich habe damals
verhten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er
nicht, wie Sie jetzt shen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und
Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. brigens"--brach die
Pastorin ab, da sie sah, da ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht
hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden knnten, statt
ntzen--"wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei
Ihnen?"

"Ich werde ihr nicht kndigen," erwiderte Theonie. "Wohin soll das arme,
verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen,
so ist es etwas anderes."

"Auch das sieht Ihnen wieder ganz hnlich, Sie herrliches Menschenkind.
Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur
auf Ihren," schlo die Pastorin lebhaft und drckte der Freundin in
einem berstrmenden Gefhl die Hand.--

Whrend in solcher Weise die Pastorin Hppner, ihrem Unmut nachgebend,
in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in
Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon
wiederholt hatte er gefunden, da es nicht nur weise sei, das Ungnstige
zu ntzen, um Gnstiges daraus zu ziehen, sondern da dies bei
geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekrnt wurde.

Versteckte Pfade zum Glck lagen berall, aber man mute Augen zum Sehen
haben.--

In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau ber Theonies
Verlobung stattfand, warf Grete hnliche Zweifel hin, wie die Pastorin
sie geuert hatte.

"Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!" begann sie und schnitt aus einem
groen Haufen weier und bunter Leinwandstcke, die vor ihr lagen, eine
Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtcher machen wollte. "Herr von
Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig
zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Errterungen oder gar zum
Proze wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon
jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine
Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer
selbst willen schon wollen wir es vermeiden."

Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und
Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesumtes Tuch glttend und in
genauer Anpassung auf ein Hufchen bereits fertig gewordener legend, zu
ihrem Manne empor.

Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend:

"Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt,
wo noch der Gedanke in Theonie krftig ist, wo noch ihr Rechtsgefhl
nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir
nmlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar
nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige
Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie
hin und sage: Gieb mir einen greren Teil, etwa zwei Drittel von dem
Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprche verzichten. Thue
es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du
in die Ehe gehst. Ich glaube, ich wrde ressieren! Vielleicht knnten
wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?"

"Wie viel wird denn das ausmachen--ich meine an Kapital--ungefhr?" warf
Grete forschend hin.

"Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler.
Davon die Hlfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel
vierhunderttausend."

"Ah--!" machte Grete. "Aber," setzte sie gleich hinzu, "das ist doch ein
Unterschied von zweihunderttausend Mark."

Sie schttelte den Kopf.

"Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! La Dich nicht auf
Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut!
Sage ihr, sie solle fnfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch
noch hunderttausend."

Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung.

"Wir verfgen ber eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das
geht nicht. Wenn sie nun berhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch
nicht. Ja, spter klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?"

Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine
Flschung dabei an den Tag kommen konnte.

Und dann, whrend er noch nachdachte, kam's jh wie ein Blitz ber ihn,
da es schon am besten wre, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gbe,
wenn, wenn--auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des
Ganzen!

Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und
heftig war ihr Angriff auf seine Seele, da ihm die Kniee bebten, und in
dem Drange nach Ablsung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkrlich
ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich
schlossen.

Grete erhob berrascht das Haupt.

"Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?" fragte sie betroffen.

"Doch--doch.--Mich frstelte nur ein wenig." Und dann: "Sag, Grete, wie
wr's, wenn Du mit Hederich sprchest, da er Theonie sondierte? Dir
schlgt er nichts ab, im Gegenteil--"

Die Frau aber schttelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich
nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres strubte sich dagegen, grade ihm
die Blen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die
gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten.

So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie
vorschiebend:

"Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines
Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer
zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, wei
auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren
Mund nie halten kann. Du mut mit Theonie ohne Zeugen reden; sie
ist--das mu man ihr rhmend nachsagen--die personifizierte Diskretion."

Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er
beschlo auch, gleich zu handeln und alle Knste aufzuwenden, um seinen
Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einflu auf
Theonie gewonnen. Je lnger er aber zgerte, um so ungnstiger wurden
seine Ansichten.

Gleich nach Tisch lie er sein Reitpferd satteln, hrte noch einmal
alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf
den Weg.

Es war ein nebliger, aber ungewhnlich milder Wintertag. Bald nach
Tankreds Fortreiten begann es vom dsteren Himmel herunter zu flocken,
und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem
Herabfallen in flssiges Na. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe
drangen tief in die schlpfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab
spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte
Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Nsse, die seinen
ganzen Krper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte
Landschaft, die Bume, Felder und Wiesen, er war nur beschftigt mit
seinen Plnen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere
nur erst aus dem Hause gebracht htte! Es stand fest in ihm, sobald
Grete ihrer Mutter Hlfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein
Ende machen. Aber whrend er sich ausmalte, da sie wirklich von
Holzwerder Abschied nhmen,--er sah seinen Schwiegervater in den Wagen
steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor
sich--, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zgel gehalten, so
unglcklich, da der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward.

Das Tier aber mute fr seines Herrn Nachlssigkeit ben; Tankred zog
dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schlge ber den Rcken. Und
whrend der aberglubische Mann dahinsauste, berkam ihn die
Vorstellung, da das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen
wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That!--So schlo er rasch einen
Kompromi mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust.

Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Hhe, und zu
seinen Fen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem
Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie
eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel
inzwischen die Landschaft eingehllt hatte.

Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so
setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den
Hof erreicht hatte.

"Die gndige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?" warf Tankred
hin, whrend Klaus das Tier abfhrte.

Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank!

Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Mdchen,
welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene
hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem fr ihre Arbeit
herangerckten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden.

Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behten eines Hausgegenstandes,
und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Hlfte
Deines Vermgens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen
Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er
trat in das von der Abenddmmerung umhllte Wohngemach.

"Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen
Glckwunsch zu sagen," begann Tankred bei Theonies Eintritt. "Grete
schliet sich mir von Herzen an und bittet, Du mgest verzeihen, da sie
nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkltung, die sie sich zugezogen,
und das schreckliche Wetter--"

Theonie machte eine liebenswrdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu
nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend:

"Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?"

Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach:

"So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im
Halbdunkel."

Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's
dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch
ber Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort
in seiner Angelegenheit:

"Hre Theonie! Da wir nun einmal ungestrt beisammen sitzen, mchte ich
Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich wei, da Du mich
nicht miverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil
fr Dich! Durch Deine Verlobung und demnchst stattfindende Heirat
verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezglich Deines Vermgens.
Ich begreife das--begreife das vollkommen. Als Du mir damals die
schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch
einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich
nur durch Redensarten zu vertrsten, mchte ich Dir einen Vorschlag
unterbreiten, damit Du mit vllig klaren Verhltnissen in die Ehe gehst:
Entschliee Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde
Dich jetzt mit mir ab!"

Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Dmmerung, um den Eindruck seiner
Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick
ab!

Zu seiner berraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu
seiner hchsten Enttuschung auch sein Ansuchen uerst khl auf.

Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton:

"Zu meinem Bedauern mu ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fnf
Jahre mssen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst,
die vernderten Verhltnisse meinen Entschlu beeinflussen, sondern die
Umstnde fr mich magebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage
komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekrzt
werden--"

"Bitte, sage mir Theonie," fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all
seinen Himmeln gerissen, mit knstlicher Ruhe ein, "was soll ich denn
eigentlich erfllen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige!
Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem
Interesse, da Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin
berzeugt, Dein Brutigam wird anders ber die Sache denken, als Du.
Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in berlegung ziehen, mit ihm
reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof
reprsentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte,
zahle mir jetzt--"

Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem
"Entschuldige, bitte" und hrte, was der nun doch mit einer brennenden
Lampe ins Zimmer tretende Frege "gehorsamst" zu melden hatte.

"Der Verwalter von Falsterhof lt fragen, ob er morgen Vormittag zum
Vortrage kommen drfe."

"Ja, Frege, es pat mir um elf Uhr!"

Nun schlo sich die Thr wieder.

"Es ntzt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich
wiederhole vorher Gesagtes," knpfte Theonie mit der alten Ruhe an.
"Auch wenn Du fragst, was sich erfllen soll, so kann ich Dir darauf nur
antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, da alle
Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen
knpfte. Ich erklre Dir nochmals, da die zwischen mir und Streckwitz
wahrscheinlich eintretende Gtergemeinschaft an dem Geist der Sache
nichts ndern wird. Nicht unser Geldvorteil soll magebend sein, sondern
Deine Wrdigkeit."

"Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen
Groschen auszuzahlen--" stie Tankred, kaum Herr seiner Erregung,
heraus. "Was heit Wrdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das
Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels fr gutes
Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du
gestorben wrest, wrde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um
eine bloe Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer
begrndetes, natrliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder spter
mit dem Gelde thun? Ich will es hten und mehren, um meinem Nachkommen,
dem letzten mnnlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu
verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren
Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter
Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschdigt oder
geschndet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen?
Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen
Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That,
ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhltnis wenn Du Dich
jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stck Geld."

"Ich will nicht sparen!" entgegnete Theonie stolz. "Dir soll Dein Recht
werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und la uns nun das peinliche
Gesprch schlieen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit,
so werden mein Mann und ich prfen und ohne Rcksicht auf unseren
Vorteil handeln."

"Ich nehme den Fall, da Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwrdig!
Meinst Du denn, ich mte mich ohne weiteres darein finden?

"Ich brauche doch keine Grnde fr eine Weigerung anzugeben, also hast
Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!"

"Ah! so fat Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge
stehen! Nur eins htte ich nicht gedacht: da Du Dich hinter Worten
verschanzen wrdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet."

"Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner
Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's
nicht so kommt, machst Du andere dafr verantwortlich, da Du Dich
Illusionen hingegeben hast."

"Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch fr welche?"
Hhnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines
Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur
ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Hhe, stellte sich vor
sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu:

"Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weit, da ich nicht mit mir
spaen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben--oder das Gegenteil! Wenn
Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprche
verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die
mndlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld fhren, nachweisen, da
ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefgt habe, und auf sofortige
Erfllung meiner Ansprche klagen. Ich kann schwren, da sie mir
versprach, mich zum Miterben einzusetzen."

"Du lgst," rief Theonie, von Emprung und Ekel fortgerissen. "Du lgst
und fgst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas
versprochen htte, wrde es auch von uns gehalten worden sein. O,
verchtlich bist Du mir; so verchtlich, da ich nichts in der Welt so
verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrckte ich, ich wollte sie nicht
Herr ber mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen
Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir wre geworden, was
Du wnschest, wenn Du geblieben wrest, was Du seit Deiner Heirat warst.
Aber diese Drohungen und diese Lge reien alles wieder in mir auf. Ich
fhle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick flchtete. Aber keine
Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der
Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem
Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen,
jedes anderen Rechte miachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren
Glckes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets
vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Ha, durch deren
Befrwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich,
Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst.
Ich zerreie noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, da ich
wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel
verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun
lieest."

Der Mann hrte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine
Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, da
sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut ber sich
selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie wrde ihr Wort gehalten haben, wenn
nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen wre? Er htte sich selbst
zchtigen mgen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn
gar keine Mglichkeit mehr gbe, das Geschehene ungeschehen zu machen.
Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht
in ihm.

Er sank sthnend auf seinen Stuhl zurck, bedeckte sein Angesicht mit
den Hnden und verharrte wie ein Zerschlagener.

Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten
hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, da sie ihm vergeben mge.
Er habe sich abermals vom Zorn hinreien lassen, er wisse dann nicht,
was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der
Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angefhrten Sinne wahr,
wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das
beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine
Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kmpfen. Sie sei ja
ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Gte und mge, gleichviel was sie
beschlossen, ihm verzeihen. "Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei
wieder die alte. Und mit meinen Vorschlgen meinte ich es ja wirklich
gut. Es ist doch verstndig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst
Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal," schlo er, "vergi
alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief."

Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Emprung wiederholt hatte
unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr
wute, da er durch sein Komdienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder
zu retten versuchen wolle, ri sich, als er zuletzt ihre Kleider
umfate, von ihm los, warf den Kopf zurck und rief, mit ausgestreckten
Hnden ihn abwehrend:

"O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der
Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn
ich berdenke, was ich je hrte oder las ber die Schlechtigkeit
menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein
solches Bild. Lge, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz
begegnen sich, sie alle reichen sich die Hnde in Dir. Deine Seele ist
keiner vornehmen Regung fhig, sie ist niedertrchtig und schmutzig; wo
anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und
Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, da nur die
Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu frdern. Und ich
glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese
Wiederholung--Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter,
Du spielst eben eine ber alle maen ekelhafte Komdie--hat alles fr
immer in mir gettet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen
uns fr alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen
hoffen, da diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein
schwerer Irrtum zu glauben, man knne in der Welt Niedertrchtigkeit an
die Stelle von Tugend setzen. Auch fr Dich werden Stunden kommen, wo Du
nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja,
fletsche nur die Zhne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen
Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn
Du nicht bald und vllig umkehrst!"--

Nach diesen Worten verlie Theonie, den zu wiederholten malen wie ein
Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend,
das Zimmer.

Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zurcknahm, beschftigte ihn die
eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die
Mglichkeit, da Theonie sterben, und da er dadurch dermaleinst noch in
den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurck. Aber sie konnte ja
steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles
denkbar!?----

Und was sollte er Grete berichten? Da ein unheilbares Zerwrfnis
zwischen ihm und Theonie eingetreten sei?

Wodurch? Sie wrde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung!--Nein! Das
brachte er so nicht ber die Lippen. Er mute sie tuschen, sie
vorlufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch
einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demtigte, wenn auch Hederichs
Einflu zu Hlfe genommen ward, lie sich doch vielleicht noch alles zum
guten lenken, noch ein Vergleich schlieen.

Dieser Gedanke belebte vorbergehend wieder die Seele des Mannes, er
setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener
Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehllt, sa
darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den
Gedanken ein, die Vermittlung des Brutigams Theonies anzurufen.

Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor
Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen
neun Uhr Holzwerder.

Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie
nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint.

"Nun? Was ist? Du erschreckst mich," stie Tankred heraus. "Sprich, was
hat sich ereignet?"

Aber sie sagte nichts, sie lie den Kopf sinken, und Thrnen schossen
aus ihren Augen.

"Ist wieder etwas mit denen oben?" drngte Tankred. "Hat's eine Szene
gegeben?"

Nun hub sie schluchzend an:

"Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem
furchtbar erregten Auftritt erklrt, da sie beide Holzwerder verlassen
und nach Elsterhausen ziehen wollen."

"Und die Veranlassung?" fragte Tankred gespannt.

Nun erschien der Diener Peter und meldete, da das Abendessen
aufgetragen sei. Dadurch ward das Gesprch der Eheleute zeitweilig
unterbrochen.

"Beruhige Dich!--beruhige Dich!" trstete Brecken nach des Dieners
Fortgang seine Frau, fate sie leicht um die Schultern und zog die
kopfschttelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. "Es wird nichts
so hei gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von
selbst wieder gut Wetter machen."

"Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!" entgegnete Grete rauh, sich gleichsam
trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach
sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen
ihre Mutter: "Du httest nur hren sollen, was sie alles vorbrachte. Da
verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: 'So geht doch, wenn
es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.' Das
schlug dem Fa den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt:
Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fhlten sie beide, wie lstig sie
uns seien: von Liebe, Rcksicht, Piett sei nicht die Rede. Wir fnden
uns mit der Thatsache, da sie auf der Welt seien, notgedrungen ab.--Am
Ende, es ist doch meine Mutter," schlo Grete abermals schluchzend und
schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich.

"Aber was war es denn? Was hat Euch denn so malos aufgeregt?" forschte
Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als
die Lstigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl
seiner Frau bedrckte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn
hervortretende Reizbarkeit.

"Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gnsesauer sei
heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach
gefhlt. Soweit drfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, da ich
Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Kche gefragt, und
die Kchin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, da die Kruke
schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie
mir dann wieder eine Rede ber unsere, namentlich Deine Sparsamkeit
hielt, die schon sprichwrtlich geworden sei, verlie mich bereits die
Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen
und--und--"

"Nun?"

"Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich
einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach
Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen!
Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an
deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir
dann weniger beschmt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit
die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, da bei
jeder Zahlung etwas fehlt, und da er es auch nachtrglich zu
berichtigen vergit. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder
zwlf Mark gewesen. Das msse bei einem korrekten Mann doch nicht
vorkommen. Ich sollte Dir natrlich von alledem nichts sagen, aber,
aber--jetzt mu es doch heraus--" schlo Grete immer in demselben
Gemisch von rger ber ihre Mutter und von halber Parteinahme fr sie.

"Und ganz ohne jeglichen Anla von Deiner Seite kamen alle diese
Invektiven zum Vorschein?"

"Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von
ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer fr
hundertfnfzig Mark angeschafft, whrend sie schon die beiden
Prachtbauer besitzen. Darber uerte ich mich, und dann antwortete
Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es
wren. Und wir thten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwrfen,
und erlaubten uns Bemerkungen ber jegliches, was von ihnen ausginge.
Sie htten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die
Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu
lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und
sich von mir Lehren zu holen!"--

Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, strmisch und erregt
herausgestoen. Nun bermannte sie wieder ihre Bedrckung, und weinend
und schluchzend hielt sie inne.

Tankred aber, obschon er zuhrte und auch den Sinn der Worte in sich
aufnahm, war schon lngst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken
gingen, nachdem er gesehen, da es sich nicht um einen besonderen
Streitgrund handelte, allein zu den Vorfllen in Falsterhof zurck. Er
konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch
von dem alten Thema ab und sagte:

"Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's
wahrlich auch kein Unglck! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer,
weit schlimmerer Natur!"

Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte
Antlitz.

Tankred berichtete sodann ausfhrlich ber die stattgehabte Unterredung
und erzhlte, da Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und
eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene uerung als Anla genommen
habe, um ihm in sehr wenig rcksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach
heftigem Streit und trotz seiner vershnenden Worte habe sie die
Erklrung abgegeben, sie wolle ihm berhaupt nichts abtreten. Offenbar
suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr
gegebene Versprechen zurckzunehmen, und habe jetzt gleich die
Gelegenheit dazu ergriffen.

Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie
war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt,
aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon whrend
seiner Erzhlung an den Tag, da sie weniger Theonie als ihm selbst die
Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob.

Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes,
einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren,
halb vorwurfsvollen, halb mitrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in
eine so gereizte Stimmung, da er an sich halten mute, um ihr nicht in
brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite
zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, da er vielleicht die
Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Hlfe. Das
schien von Wirkung zu sein.

Grete berlegte; dann sagte sie: "La einmal sehen, was sie Dir damals
geschrieben hat. Es wre ja mglich, da man die Sache wieder ins Gleis
bringen knnte."

Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er
unschlssig, welches von den beiden Aktenstcken ihr einzuhndigen wre,
das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung,
in die er dadurch geraten, da Grete wieder eins mit ihm zu sein schien,
den Sieg ber seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das
Falsifikat hervor und berreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch,
legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, da
noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred
auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren
und mit Theonie zu sprechen, whrend er mit Streckwitz reden wollte.

Nicht in der frheren, deutlich hervortretenden bereinstimmung mit ihm,
aber, wie es schien, doch ruhiger und vershnlicher als beim Eingang des
Gesprches, hrte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen
Mitternacht begaben sich beide--Grete unter einem schwermtigen "Gute
Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich
alles so trbe aus!--" zur Ruhe.

Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Frhstck wieder zusammen
saen, erklrte aber Grete dennoch zu Tankreds uerstem Verdru, da
sie bei nochmaliger berlegung zu dem Entschlu gelangt sei, von einem
Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese
Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es
passe nicht fr sie, ihr Gefhl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern
habe er drben erklrt, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie
kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck
hervorrufen. Er msse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie
habe, wenn es mit den Eltern nicht so stnde, wohl Neigung, mit ihrer
Mutter die Sache zu besprechen, berhaupt wre letztere geeigneter als
sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon knne keine Rede sein,
es sei ja alles mit den Eltern aus.--

Tankred wollte anfnglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre
Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwhnung that, blitzte
es in ihm auf.

Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen lie,
auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war
im Grunde richtig: fr Grete pate es nicht; den Gedanken hatte Furcht
und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte:

"Weit Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich
handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen,
ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen knne. Ich uere erst
mein Bedauern, da gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und
lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir mssen alle Minen
springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und
Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir
mssen ihn und sie vorher abfangen."

Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau
von Tressen liee sagen, sie sei nicht wohl, sie msse bedauern, heute
niemanden sehen zu knnen.

Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen
jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und
sagte:

"Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist.
Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache
ber den Kopf."

Grete uerte kein Nein und kein Ja.

"Versuch's!" warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser
einen Angelegenheit beschftigt, bersah ihr Wesen, schob es auf die mit
ihrem krperlichen Zustand zusammenhngende Unberechenbarkeit der
Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf.

Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Frhstck erhoben,
als die Thr mit einem schmeichelnden "Guten Morgen, Mama! Guten Morgen,
Papa!" von Tankred geffnet ward.

"Entschuldigt, da ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam
nicht zurck! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile," fuhr er
kriechend fort.

Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklrte er,
da Grete sehr bedrckt sei, und da der gestrige Zwist hoffentlich
der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu
geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rckte er mit der
Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausfhrlich und bat seine
Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie ber eine Abfindung zu
verhandeln.

Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen
pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, da Frau von Tressen auf seine
Bitte eingehen werde. Er war daher aufs hchste betroffen und nicht
minder gergert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schttelte
und sagte:

"Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir
durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei
der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefat werden,
und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von
deinem Schritt erzhlte, gleich gedacht, da das nichts werden wrde.
Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschft, bei dem es ihr von
Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere
Gesichtspunkte. In dem Schriftstck hat sie fnf Jahre ausbedungen und
wrde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht
genommenen Vergnstigung wrdig gezeigt httest. Hat sie jetzt schon
nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschlu, wie es ihre
ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde
ich nichts ndern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie
gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten
Anla haben. Begngt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch
dessen, lat jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach
Fremdem. Das ist mein Rat. Da es uns natrlich angenehm gewesen wre,
da es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, da auch
Du etwas in die Ehe bringen wrdest, brauche ich nicht hervorzuheben.
Aber es ist berhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben,
da es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren
Augen wenigstens nicht. Das schne Glck, das wir ertrumt haben, ist
dahin, und unser Entschlu, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es
ist ja sehr schn, da Ihr das bedauert, es scheint mir auch natrlich,
aber es ndert nichts an der Einsicht, da ein Zusammenleben zwischen
uns unmglich ist!--So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und
nun lasse uns aus dem Spiel."

"Nun, wie Du willst," entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen
Worten zugehrt hatte, und in dem trotz aller hchst unliebsamen
Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche
Klugheit und Besonnenheit berwogen. "Ihr werdet es aber noch bereuen,
und ein fr allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du
fortwhrend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig
Geschmack. Sie eignen sich mehr fr Schulkinder als fr uns."

Nach diesen Worten verlie er mit einer impertinenten Miene das Zimmer.

"Nein, es ist nichts!" rief er, als er zurckkehrte, und Grete fragend
und in sichtbar groer Erregung das Haupt erhob. "Und Du hast recht, es
ist berhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann
lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil!
Gott sei Dank, da die Qulerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns
selbst genug, meine Grete?" schlo er schmeichelnd und werbend und
umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie
aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen,
seinen Zrtlichkeiten, stie ein rauhes: "Nein, nein, la, ich mag jetzt
nicht!" heraus und verlie das Gemach.

Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterlie es doch.
Er wrde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing
mit ihrem gegenwrtigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs
Einflsse, dem er aber jetzt kndigen wollte, und die Lamentationen von
denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht
beeinflute berdies die Enttuschung Grete, aber die wrde bald wieder
einem anderen Gefhl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken
war wieder voll bester Hoffnungen.

       *       *       *       *       *

Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich.
Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus fhrte, fragte
Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat,
deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz
abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach.

Hederich stand, den Rcken der Thr zugewendet, ber eine Kiste gebckt,
in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin
vermutend, und ohne sich umzuwenden.

"Was ist--was ist?--Drum und dran--jetzt habe ich keine Zeit.--Wie?
Was?--Ah, ah--Sie, liebe Frau von Brecken?--Verzeihen Sie! Bitte, nehmen
Sie Platz.--Nein, es ist gar nichts. Es war nur--drum und dran--Hier,
hier sitzen Sie bequemer.--Ja, ich will gleich sagen, da ich nicht zu
Hause bin, da wir ganz ungestrt bleiben."

Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurck und nahm neben
Grete, die mit trber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte,
Platz.

"Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Bses?" begann Hederich,
sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll
Teilnahme anblickend.

Aber statt zu antworten, legte Grete pltzlich die Hnde vor das
Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust.

"Es ist aus, alles aus, Hederich," stie sie, nachdem er zrtlich, wie
man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. "Ich bin
traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich--Mama und
Papa wollen unabnderlich fort. Und noch anderes: Ich fhle--o
Hederich!--es ist schrecklich--entsetzlich--, allmhlich eine nicht zu
erklrende Abneigung gegen Brecken.--Und doch vielleicht sehr
erklrbar," fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. "Er ist
nicht gut, ich seh's,--er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich
gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und rcksichtslos war,
aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen
Sie, Hederich, ich mchte wieder von ihm. Ich mchte meine Freiheit
zurck haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht ber ihn
ausgesprochen, und ich jetzt sehe und hre, wie sie alle ber ihn
denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesnderung bestrkt, alles
bettigt. Ich fhle, da sein Einflu auf mich nicht gut war, da er
meine Fehler, meine Engherzigkeit frderte, da er es gewesen, der mich
den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas
ganz Selbstverstndliches ansehen lie. Er bringt uns berhaupt mit
aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurck--ich
merke es wohl--, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir
erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht
uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben
jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun
auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie berworfen!"

"Wie? Mit Frau Cromwell auch?" stie Hederich, dem alles andere von
Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr
frher oder spter hatte kommen sehen, auf den das Zerwrfnis mit
Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus.

Und nun sagte sie ihm alles, was sie wute, und wie sie trotz Tankreds
Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schlo:
"Er hat's natrlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er
wnschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn
spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf.
Ach--ach--Hederich--ich wei nicht, was werden soll. Hat mich Mama so
beeinflut? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darber
klar, da ich nicht glcklich bin und mit Brecken nicht leben kann.

Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken,
Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflut mich durchaus nicht.
Ich schwre es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich
bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine
Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurckzugewinnen, mir die Achtung
anderer zurckzuerwerben, mich mit Mama auszushnen und meine Seelenruhe
wieder zu erlangen. O, ich mchte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von
ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu
rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun
helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab?
Ich mu wieder frei sein!"

Der Mann, der Grete durch besnftigende Einschaltungen und Trostworte
wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt
und sagte:

"Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine
schwere, sehr schwere Sache, und das mssen Sie selbst wissen. Wie
wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er lt Sie nicht gutwillig,
und wenn er Sie wirklich lt--passen Sie auf--dann verlangt er
womglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum
einen Bettel hin. Ich sag's--drum und dran--offen, wie ich's mein. Und
erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gtergemeinschaft mit ihm
geschlossen?"

"Ja--a--, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof
als sicher in Aussicht stellte.--Bitte vergessen Sie doch nicht,
Hederich," schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes
Kopfschtteln begegnete, "welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur
die beste Meinung von ihm fassen! Er wute sich so einzuschmeicheln, da
wir die abflligen Urteile anderer blo als Neid und Migunst ansahen,
als das Ergebnis seines hufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich
hervorbrechenden jhzornigen Natur. Gewi, ich wei, Sie warnten mich.
Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin
ein Weib und habe Fleisch und Blut--"

Die Frau brach pltzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie
als Resultat ihrer raschen berlegungen, aber auch so, als habe ein
Vorgesprch darber stattgefunden: "Ja, das wre eine Mglichkeit, da
wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder fr sich.
Nun ja denn--ich will's versuchen, so lange es geht," schlo sie, dumpf
resigniert. "Dann knnen die Eltern bleiben, und gerade sie sollen
bleiben, 'er' mag sich von uns separieren."

Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch
eindringlicher auf sie ein, bat, da sie sich beruhigen mge, und gab
auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, da sie so
pltzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenber gelangt sei.

"Nicht pltzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschlu
aufgerafft," entgegnete sie mit einer eigentmlichen Weichheit im Ton.
"Und wissen Sie nicht, da mir schon whrend meiner Verlobung bisweilen
Zweifel kamen, da ich fhlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte,
da ich uerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz frdere,
statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewi, ich hatte
zeitweilig alle Sehkraft verloren, whrend unserer langen Reise fast
ganz, aber die letzten Gesprche mit Mama, zusammen mit allen Vorgngen,
brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor
dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rckhaltlos entrollte.
Das Gefhl fr Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich
konnte meinen Mann pltzlich nicht sehen; ber alles, was er that und
sagte, stieg rger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles
berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berhrte, und
meine Gelassenheit und Ruhe waren schon lngst knstlich oder ein
Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen fr ihn."

Whrend Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und
berbrachte ein Schreiben. Es sei im Schlo abgegeben; Peter habe es
herbergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort
haben solle.

"Von Falsterhof? Von Theonie?" Grete erbrach den Brief mit fieberhafter
Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie
mit groen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen,
lie sie die Schriftstcke aus der Hand fallen und sank sthnend und wie
vernichtet in den Sessel zurck.

       *       *       *       *       *

Als Tankred, whrend dies bei Hederich geschah, auf den in
Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte,
zog ein eben dem Stall sich nhernder Diener den Hut und fragte, ob er
das Vergngen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem
in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu
reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag fr
seinen Besuch zu whlen. Nicht wenig berrascht, aber auch von Mitrauen
erfat, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte
sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners ber
die Krankheit klang so berzeugend, da Tankred von der Annahme,
Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit
zu ihm vermeiden, sogleich zurck kam. Aber die Ungeduld, doch irgend
etwas seinen Plnen Frderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so
sehr, da er beschlo, Hppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit
direkt oder indirekt fr sich zu wirken.

Frau Hppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des
Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzhlte ihm
sogleich sehr besorgt, da ihr Mann wieder einmal das Bett hten msse.
Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Whrend
sie ihr Gesprch in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten,
schon deshalb, weil Tankred sah, da die Gelegenheit, ber seine Sache
zu reden, durchaus keine gnstige war, meldete die Magd den Doktor, der
sogleich ins Zimmer trat und berichtete, da er bereits bei dem nachts
vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei.

Tankred stellte sich vllig unwissend und bat den Arzt, Nheres
mitzuteilen.

Es knne eine sehr langwierige Sache werden, uerte der Doktor Ernst,
ein etwas kurz und bndig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit
vielfach angegriffener, aber ungewhnlich zuverlssiger Mann. Es seien
leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe
in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt.

Die Pastorin hrte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid
fr Theonie.

Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am
Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklrte sie.

Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich
bei diesen Worten aber noch einmal zurck und sagte: "Es wre allerdings
sehr wnschenswert, da Frau Cromwell zuverlssige Mitteilung in
schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorlufig nur
sagen lassen, da er heute verhindert sei, sie zu besuchen."

"So, so!" stie die Pastorin lebhaft heraus. "Ja, dann mu ich doch
wohl sehen, ob ich nicht--Aber halt! Wrden Sie es nicht vielleicht
bernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?"

Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als
einziger Verwandter grade die richtige Persnlichkeit. Der Doktor
stimmte auch zu und sah, bereits in der Thr gehend, Tankred ermunternd
an.

"Ja natrlich--gewi--ich werde alles besorgen!" gab Tankred, dem
pltzlich ein Gedanke durch den Kopf scho, bereitwillig zurck. "Und
was meinen Sie, Herr Doktor, wre es wnschenswert, da meine Kousine
etwa zur Pflege hinberkme?"

"Nein--ich denke--wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine wrde,
abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt
werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, da etwas Erkltung und Fieber
vorhanden sei. Sie werde tglich Nachricht erhalten."--

Wenige Minuten spter hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred
war schon wieder auf dem zum Wirtshaus.

Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt
schaffen wollte! dachte er, whrend er dahinschritt. Dann, dann konnte
alles noch gut werden! In ihrem Schmerz wrde Theonie wieder weicher,
nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt.
Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil
ntzen!

Im Krug angekommen, lie er sich Papier und Tinte geben und schrieb:

  'Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufllig bei Hppners war und dort
  den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, da Dein
  Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen
  zu knnen, da Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann
  Dich Dein Brutigam in den nchsten Tagen nicht. Ich whle diese Form
  der Mitteilung, da ich persnlich ja nicht vor Dir erscheinen darf.
  Ist es denn wirklich wahr, da jedes Band zwischen uns zerrissen ist?
  Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche
  Natur stets nachher tief bereuenden

  T. v. Brecken?'

So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an
sich, bestieg sein Pferd und lie es, als er nach einem Stndchen das
Verwalterhaus von Falsterhof berhrte, von dort aus Theonie hintragen.

Nach einigen Umwegen ber den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag
wieder nach Hause zurck und berichtete seiner ihm abermals mit einem
eigentmlich stillen und verschlossenen Wesen gegenbertretenden Frau,
weshalb er unverrichteter Sache zurckkehre.

"Die Zeit mu es klren, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine
Hoffnung weniger!" stie sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und
bckte sich ber ihre Handarbeit.

"Was sagst Du? Du bist so sonderbar!" forschte Tankred mit einem Anflug
von Ungeduld. Ihn rgerte ihr Wesen. "War Mama unten?"

"Nein!"

"Sprachst Du niemanden?"

"Ich verstehe Dich nicht--"

Tankred fhlte, da seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie
eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren
Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie.

"Hederich war hier! Er sagte es mir doch--" setzte er, seine
Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an.

Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an.

"Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du
das."

"Oft thue ich das? Was soll das heien? Was hast Du berhaupt? Du bist
so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflut? Sprich!"

"Ach Tankred--" ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe,
schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das
Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer
pltzlichen, unerklrlichen Unruhe vermischter Gefhlsdrang mahnte den
Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zrtlich und vershnend auf
sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu
zgeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fu und wiederholte
ungeduldig, drohend und gebieterisch:

"Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich
aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben
intriguiert?--Nun? Wirst Du antworten?"

Aber unwillkrlich trat Tankred zurck. Statt sich zu fgen, richtete
Grete pltzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine
Gestalt musternd, rief sie:

"Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse
nur von niemandem auer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke
es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal.--A--h--" stie die Frau
langgezogen heraus und fiel in einen Sessel "Wie grenzenlos traurig
starrt mich das Leben an!"

Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so
unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte,
so tief erschttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, da ihn
gegenwrtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern
grenzenlose berraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar
war, da sich inzwischen etwas Auerordentliches zugetragen, Angst,
Feigheit und der brennende Drang nach Aufklrung. Und da griff er zur
Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und
ergab sich einer lamentierenden Weichmtigkeit. Er begann, von sich zu
sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrckt er sei, da doch
die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm
vorbergingen, wie entschuldbar es sei, da er erregt und reizbar wre,
und da, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht be, das Leben
nicht mehr lebenswert fr ihn sei. Und reden knne sie doch wenigstens,
das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt.

Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei
Zerwrfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie sa da wie
eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin.

Dann stie sie in ihrer eigentmlichen, eine ganze Gedankenreihe
zusammenfassenden Weise heraus:

"Ja, ja! Jeder sucht sich den Rcken zu decken. Aber nur die That
berzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!"

Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck fr sich sprechend, fgte
sie hinzu:

"Was handelte ich ein fr das, was ich hingab? Was ist mir dafr
geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint
mehr, als da es lacht--es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von
uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die
Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ndern. Und
wer verschuldet das alles?"

"Nun? Wer, wenn's wahr wre? Bin ich's?"

Tankred sprach's mit wilder Gebrde und sah seine Frau drohend an. Er
war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geffneten Munde
erschienen seine Zhne wie die eines Raubtieres. Aber er flte ihr
keine Furcht ein.

"Gleichviel--es ist so--und ich mu es tragen,"--stie sie mit finsterm
Trotz heraus und sttzte den Kopf mit dem schnen, kalten Antlitz auf
die Hand.

Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos.

"Ja, ja, Du mut es tragen!" betonte er roh und hhnisch. "Und das
Bndnis mit mir bereust Du jetzt natrlich, seitdem die Aussichten auf
Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Klte.
Jetzt bin ich Dir nichts mehr!--Natrlich, natrlich, Du kalte,
berechnende Natur!"

"O Du--!" stie die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den
Mann mit einem Ausdruck maloser, mit Ekel und Weh vermischter
Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was
sie noch in ihrem Herzen fr ihn fhlte. Und er wute auch jetzt durch
ihren Blick, da er sie verloren, da sie ihn erkannt hatte als das, was
er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die
Personen, die Mitrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu
solcher Flamme, sollten ben. Zunchst jedoch noch einem anderen
Gedanken folgend, sagte er und drngte seinen Blick in ihre Augen:

"brigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als vllig nebenschlich
zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du
mich denn je geliebt?"

"Wozu--das--?"

"Gleichviel--sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle
ja nicht!"

"Ich glaubte Dich zu lieben, ja!--"

"Und nun liebst Du mich nicht mehr?"

"Nein!"

Sie sprach's mit grausamer Klte.

"Nein?"

Es drang tobend und sthnend, fast wie ein Gebrll aus des Mannes
Brust. Was sein Gefhl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nchtern
besttigt. Aber was war denn geschehen, da im Lauf weniger Tage sich
dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn,
Enttuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefhl grenzenloser Unbefriedigung
wirbelten in Tankreds Innerem zusammen.

"Nein?" wiederholte er. "Und da es nicht die Enttuschung ist, die Dir
Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren
trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun,
was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?"

"Besser, Du httest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es
ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Wrme, aber ich
mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres
enthllt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in
dieser Stunde geschehen, ltet doch kein Knstler wieder zusammen, und
htte er eines Gottes Hand. Hier!" fuhr sie fort, knpfte ihr Mieder auf
und zog Papiere hervor. "Lies diese mir heute morgen von Theonie
zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage.
Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann
wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun hre und wisse: Als
ich mich entschlo, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler,
aber in ihnen zugleich Zeichen krftiger Mnnlichkeit, die ich um so
hher schtzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermit hatte! Sie
respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefhl, das ich
selbst fr Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt,
sondern Ekel vor Dir. Gewi, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig
Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt
meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie
schlecht. Ich hasse die Lge, die Unehrlichkeit, die Maske, die
Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch
diesen einen Blick in Deinen Charakter pltzlich die Binde von meinen
Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt
habe? Hattest Du denn je fr mich ein ehrliches Gefhl? Nein, Du hattest
nur Gefhl und Sinn fr mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu
dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung ber
mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O--welche Meinung! Ich bin
so beschmt, so bedrckt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern,
da der Tod mir eine Erlsung wre. Nach reiner Luft schreie ich; wie
verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphre! Droben meine Mutter in
Thrnen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu--selbst
Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst
bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir
frdernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei
ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, da ich so
weit sank, da mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und
Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand
gesagt htte, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer htte
die Nachricht auf mich wirken knnen, als der Beweis, da Du ein
Flscher bist."----

Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann
regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zhne zusammenbissen,
ging unruhig hin und her.

Dann aber raffte er sich auf, warf hhnisch den Kopf zurck und griff
nach Theonies Schreiben. Es lautete:

  'Sehr geehrte Frau von Brecken!

  Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, da eine
  Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat.
  Ich habe sie nicht herbeigefhrt, sondern er, und wenn er sich meiner
  hflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich
  die Erbangelegenheit zu ordnen, gefgt htte, wenn er nicht abermals
  Schuld auf Schuld gehuft und an den Tag gelegt htte, da seine
  Wandlung nur eine rein uerliche geblieben, wrde ich sicher das
  Eventualversprechen spter in ein definitives verwandelt haben. Er
  aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses
  verbieten mute, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine
  in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm
  Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und
  Verwandter, dem etwas zu gewhren ist, sondern wie einer, der etwas zu
  fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will.

  Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklrte, da er
  durch sein emprendes Verhalten ein fr allemal jeden Anspruch
  verwirkt habe, spielte er eine widerwrtige Komdie und schob, statt
  seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein
  heies Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhrtete
  vllig meinen Entschlu, das Tuch zwischen uns zu zerreien.

  Ich fge Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein
  instndiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren.
  Aber ich will berdies, da Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich
  nicht wei, was er Ihnen erzhlt hat, bedarf es zur richtigen
  Schtzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen.

  Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschlu unabnderlich, so
  unabnderlich ist, da ich bereits eine anderweitige unumstobare
  Verfgung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklrung zur
  Verfgung.

  Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen
  werden, ich bitte, nicht allzu strenge ber mich. Ich vermochte nicht
  anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter
  trgt die Schuld an diesem Ergebnis.

  Die Ihrige

  Theonie Cromwell geb. von  Brecken.'--

Zunchst begab sich Grete nach dem vlligen Bruch mit ihrem Manne auf
ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen
Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich berhaupt auf der
Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die
Erde, alle Geschpfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall
entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles
geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der
einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen
auch mig war, deren Unlsbarkeit aber die Qual und den Lebensberdru,
der Grete erfat hatte, erhhten. Und doch gingen allmhlich ihre
Gedanken wieder zurck auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie
sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gnzlichen
de ihres Innern trat--wie umgekehrt dem Glcksrausch die Ernchterung
zu folgen pflegt--ein Gefhl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit
der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemchtigte sich ihrer.

War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so vllig zu
verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein!
Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, da ihr Herz sprder
als dasjenige anderer war, da ihr Ich sich vordrngte, sondern die
Harmonie ihres Innern zurck zu gewinnen, glcklich zu sein, darauf kam
es an! Und um glcklich zu sein, mute man andere glcklich machen, das
hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwrfnis mit ihrer Mutter,
deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war
verderblicher, als vor dem Unglck den Nacken zu beugen.

Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedchtnis
eingeprgt hatte:

  Feiger Gedanken
  Bngliches Schwanken,
  ngstliches Zagen,
  Weibisches Klagen
  Wendet kein Elend, macht dich nicht frei.
  Allen Gewalten
  Zum Trotz sich erhalten,
  Nimmer sich beugen,
  Krftig sich zeigen.
  Rufet die Arme der Gtter herbei!

Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunchst zu ihrer
Mutter gehen und versuchen, sie zu vershnen, und dann, nachdem das
geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu lsen. Es ging
doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es
Hederich gegenber geuert hatte. Halbe Verhltnisse waren von allem
das schlechteste. Sie wollte eine vollstndige Scheidung herbeifhren,
und wenn sie darum kmpfen sollte mit den letzten, uersten Krften
und--Opfern.

Opfern?--Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten
Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau
atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer.
Ihre guten Vorstze stritten hei mit ihrem Egoismus.--

Einige Stunden spter stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da
sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschlssig, was sie thun
sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, da sie zauderte,
ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick ffnete Frau
von Tressen die Thr und rief ber den Korridor nach dem Diener.

"Ich suchte ihn auch, Mama--" erklrte Grete.

"Grete, Du?" ging's in malosem Erstaunen aus dem Munde der Frau.

Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast strmisch
ihrer Mutter Hand.

"Ich mchte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!"
begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und lie sich an dem
Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Vershnung
erbittenden, weichen Ausdruck nieder.

"Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?" fuhr sie drngend fort. "Ich
komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und
meinem Mann--"

Frau von Tressen, die mit grter berraschung zugehrt, fuhr bei dem
legten Satz unwillkrlich in die Hhe.

"Ich will los von ihm!" fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden
fort. "Ich habe eingesehen, da wir nicht fr einander passen. Wir
ergnzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmglich
macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, da ich mich wieder von ihm
trenne."

Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Plne.

Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Sden abreisen, und ihre
Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht,
vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu
besprechen. Er sollte persnlich mit Tankred verhandeln.

In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein
Sturm von Empfindungen. Dieser pltzliche Entschlu in so bestimmter
Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der
Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der
Nchternheit ihrer Auffassung so auerordentlich, sie verrieten so
ungewhnliche Vorgnge, da Frau von Tressen vor allem in Grete drang,
sich ihr ganz anzuvertrauen.

"Es war schon lange etwas in mir," entgegnete die Frau. "Ich wollte es
mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht
nur uerlich, fr Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder
auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir
stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kmpfe in
mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst
auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmhlich den Gedanken in mir, da
es so nicht weiter gehen knne. Ich war auch nicht blind fr das, was
sonst um mich her vorging."

In dieser und hnlicher Weise errterte Grete ihrer Mutter die einzelnen
Vorgnge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch
Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds
Flschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine
furchtbare Aufregung.

Am Schlu legte Grete, gedrngt von ihrem Gefhl, einen besonders
zrtlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der ber ihre Wandlung
bewegten Mutter, da nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem
Entschlu gelangt war, sondern da auch die Liebe zu ihr einen Anteil
daran gehabt hatte.

Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer
begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und
meldete seiner Herrin, da Herr von Brecken bereits vor einer Stunde
fortgeritten sei und hinterlassen habe, da er wahrscheinlich nicht zu
Tisch komme.

Dies veranlate Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu
bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen.

Als sie beisammen saen, ward die Reise errtert, und Grete erklrte,
da sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle.

"Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen frh gleich ab und
begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer
Rcksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg."

Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein,
nichts zu berstrzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so
wichtiger Entschlu bedrfe der berlegung; auch um der Menschen willen
sei es ratsam, es so einzurichten, da nichts Aufflliges in ihrer
Abreise gefunden werden knne.

"Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt
rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, da sie sich schon vorher mit
unseren Angelegenheiten befat?"

Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie
doch bei ihrem Willen und fgte sich nur darin, sich nicht heute schon
in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal
der Anla zu Gesprchen entzogen werde.

"Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir hre, die mir abmahnt,"
sagte sie. "brigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rckkehr
zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erklre, wir wollten
uns auf Reisen begeben."

"Thue auch das nicht," riet Frau von Tressen. "Er wird Dich zu hindern
suchen. Fge Dich heute scheinbar, und dann la uns morgen ohne
Rcksicht handeln."--

Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken.
Grete hrte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde
Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Gerusch,
als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestrzt.

Als sie erschrocken, aber auch gereizt ber diesen Lrm, die Thr
ffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebrden am Treppenabsatz
stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem
Unglcklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich
packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen.

"Nein, er bleibt!" erklrte Grete in uerster Emprung, und nur mit
Mhe sich bezwingend. "Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird,
und ich will nicht, da der Mensch wie ein Hund davongejagt wird."

Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der
Hautabschrfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien,
zu, er mge in sein Zimmer gehen, dort das Ntige fr sich thun und
spter zu ihr kommen.

Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau.

Er berschttete sie, ohne Rcksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit
lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief:

"Und nun in Dein Zimmer! Es wird berhaupt Zeit, da ich hier ein
anderes Regiment einfhre, den Durchstechereien, Sentimentalitten und
Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und
unten grndlich aufrume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite
kennen lernen.--Nun, hrst Du nicht? Marsch, vorwrts, oder--"

Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz
bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thr. Und nun ertnte
ein furchtbarer, markerschtternder Aufschrei--und dann folgte etwas,
das allen Plnen und Reisegedanken fr jetzt und immer ein Ende machte.

       *       *       *       *       *

Drei Tage spter war's. Ein neues lebendes Wesen und--eine Tote.

Indem die Frau ihrem Kinde ein zu frhes Dasein gegeben, hatte sie ihr
eigenes eingebt, und unvershnt mit dem Manne, dem sie einst in der
Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden
Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kmpfen
dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt.

Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Rume, die Dienstboten
schlichen ngstlich flsternd einher, und Frau von Tressen, die keinen
Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie
vernichtet.

Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit
gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das
kleine Wesen zu kmmern.

Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte
oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft
sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer
Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die
Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, da sie wie
zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Emprung aufschrie.

Und Gedanken kamen und lsten sich ab, und ihre Seele weinte.

Nein! Es war nicht mglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte
nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu frchterlich.
Jetzt erst fhlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber
auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, da sie einer
Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte.

Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, da er
nicht erwarten konnte, da die Leiche aus dem Hause kam, da das
'Gejammer' ein Ende nahm, da er ganz allein Herr wurde im Hause und sie
verjagen konnte fr immer. Und sein Gehirn arbeitete in der berlegung,
welchen Nutzen er fr sich aus diesem Vorfall ziehen konnte.

Kein Zweifel, er wrde Holzwerder fr seinen Sohn in Anspruch nehmen,
auf die Gtergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als frher
benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft.

Seinen Schwiegervater hatte er whrend dieser Tage nicht einmal besucht,
mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten
Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe ber seine Lippen gekommen. Nur
dem Arzt gegenber hatte er eine widerliche Komdie gespielt, damit er
die Eindrcke hinaustrage in die Umgegend.

Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung
der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die
Hnde reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es
doch trotz allerlei Widerwrtigkeiten so gut mit ihm meinte.

Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da
droben wrden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er wrde sie
kurz und bndig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den
Hnden geben, hie mit dem Feuer spielen. Gewi, der Balg war ihm
unbequem, aber diese Gne mute er schon mit in den Kauf nehmen.

Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhht durch etwas sehr
Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag
fast aussichtslos darnieder; es schien jede Mglichkeit ausgeschlossen,
da er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begrbnis
gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt.

Und dann beschftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem
Nchstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen wrden, was die
Frau vorbringen, welche Vorschlge sie wegen des Kindes machen werde.

Der nchste Tag mute Entscheidendes herbeifhren.

Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne da die Schwiegereltern
sich rhrten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Rcksprache mit
Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich,
war besorgt, sie lie wie frher unten kochen und sich oben bedienen und
machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine nderung
herbeizufhren oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes
Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermaen auf, da er schon
wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem
Schlupfwinkel herauszutreiben.

Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken,
ob es weise sei, noch mehr Anla zu Gesprchen zu geben. Er hatte eine
Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging,
da man ihn fr den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt
war, und da sich Gerchte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte
von Theonie in Verbindung standen.

Die Worte: "So was mit Papieren soll nicht richtig sein" waren an sein
Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck
in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht
fr ihn gewesen, da er im Fluge nach Hause geeilt war, um das
Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen
gehalten hatte, zu verbrennen.

Wo kamen aber diese Gerchte her? Entweder von Falsterhof oder von
Hederich.

Dieser Hederich, wie er ihn hate! Nur Rcksicht auf Grete hatte
verhindert, da Tankred nicht lngst seine Absicht, ihm den Laufpa zu
geben, zur Ausfhrung gebracht hatte.

Zunchst lie er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen.
Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war
damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und
bei der Grabrede Hppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte
Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es
ihn gergert. Auch die Pastorin Hppner hatte sich angestellt, als sei
der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschtzung, die
man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer
erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration.--

Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrckter Miene zu
seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die
Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie
Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich
kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins.

In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch fr
Brecken brig gehabt. Auch hatte ihn eine vllige Gleichgltigkeit
erfat, welche Meinung Brecken ber ihn, den Untergebenen, habe, ob er
ihm gar die Thr weisen werde.

Brecken ekelte ihn ber die Maen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin
lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Berhrung kamen,
am Ende aufdrngte.

Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte:

"Sie wnschten mich zu sprechen?"

"Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!" warf Tankred, den
diese kurze Art uerst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und
trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer.

Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten
seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines
zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch hflich gewesen. Tankred
aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da
pltzlich kam Hederich ein Entschlu, ein fester, unabnderlicher.

Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er
geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen
war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rden Habenichts, diesem
Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und
wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen fr immer.

Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da
mit stolzer Miene, als Brecken zurckkehrte.

"Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine
Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter--"

"Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, da ich heute meinen
Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Auftrge mehr von
Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen
hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, da wir jeden Tag
gegenseitig das Recht haben, unser Verhltnis zu lsen. Von diesem Recht
mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!"

"So, das sind ja sehr hbsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur
so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was
ist denn der Grund, mein Geschtzter, da Sie sich die Erlaubnis nehmen,
in solcher Weise jede Rcksicht auer acht zu lassen und mir zu
begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand
entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das
intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so
wenig hellen Kopf pltzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich
nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezglich ihrer Vortrefflichkeit
sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder hlt sich fr einen Gott, und,
bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich phariserhaft an
die Brust schlagende, auerordentlich wenig, fast nichts leistende, aber
dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter frhnende Gesellschaft. Nun,
antworten Sie, welche Grnde haben Sie, sich pltzlich in die Brust zu
werfen, als wren Sie ein Csar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun
sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so
viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklrung!"

Diese in einem malos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese
Ausflle, welche Hederich in solcher Strke nicht im entferntesten
erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, da
der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen
Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunchst ganz fassungslos. Auch
gaben sie seinem ursprnglichen Entschlu eine vllig andere Richtung.
Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit
Brecken einlie. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend,
ernst und wrdevoll:

"Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der
Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kndigung und deren Ursachen,
fr mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in
Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und
dran, in den Weg legen, so wei ich, wo ich Schutz und Recht finden
kann, und werde davon sehr ausgiebig fr mich und andere Gebrauch
machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von
Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!"

Nachdem Hederich gegangen war, zndete Tankred die ihm bei dem Gesprch
ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz
in die Kaminflamme hielt. Whrend er sich mit dem Anbrennen mhte,
berdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das
hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzhlen, wie er, Brecken,
ber die ganze Idiotengesellschaft dachte.

Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu
einem vllig klaren Nachdenken ber sich selbst. Whrend er da in seinem
Lehnsessel hockte, murmelte er:

"Ich besitze Gaben, durch die ich Groes schaffen knnte, aber sie
bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs
stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil
sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jhzorn und Mangel an Migung
verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Gnstiges schafft, wird durch
mein Ungestm meist wieder aufgehoben."

Und eine ngstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die flsterte,
es sei nur Schein, da Gretes Tod, das Zerwrfnis mit Tressens, der
Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm frderlich werden
wrden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder
beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die
Erfllung seiner Wnsche? Und das Gute ben, war langweilig und de,
und durch die Entuerung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als
der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und
befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er
sich moralisierend in Sack und Asche hllte.--

       *       *       *       *       *

Am Abend dieses Tages sa Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war
gekommen, um Abschied zu nehmen; am nchsten Vormittag wollte er das Gut
verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach
Elsterhausen begeben.

Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch
diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den
letzten Halt, und nun war es auch fr sie nicht mehr zweifelhaft, da
sie Holzwerder aufgeben mten. In diesen Trauertagen hatten sie einen
Entschlu berhaupt nicht fassen knnen. Bei ihren berlegungen sprach
bald alles fr ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte
aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie
blieben, wrde die Gromutter in seinem Anblick wenigstens Trost und
eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre
zweifellos gefhrdeten Rechte. Es stand ja alles fr sie in Frage. Aber
dann drngte es sich ihnen wieder auf, da es doch unmglich sei, mit
einem solchen Menschen, einem Flscher, ferner unter einem Dache zu
wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr
sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Berhrung zu gelangen.

Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach
Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher
hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage
Unschlssigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der
jh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die
Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen.

"Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefat, gndige
Frau!" erklrte Hederich, nachdem er Bericht ber seine Begegnung mit
Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht
hatte. "Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen
Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber
klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht
bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann mssen alle
Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behrde mu
gemacht werden, da ihm als einer vertrauensunwrdigen Person die
Vormundschaft ber das Kind genommen wird. Gern wrde ich in Ihrem
Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr
anhren, und--drum und dran--ich halte, abgehen von meiner Abneigung,
jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits
auch fr gnzlich aussichtslos."

"Nun, so will ich mich selbst aufraffen," entschied Frau von Tressen mit
blitzendem Auge, und pltzlich wie verwandelt. "Morgen vormittag werden
wir im klaren darber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden
dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbrmliche seine
Rolle weiter spielt!"

       *       *       *       *       *

Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in
Breckendorf dufteten die Blumen, die Bume und Gebsche prangten in
Kraft und Schnheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er
bltenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es
Zwitschern und Singen frhlicher Vgel. Ein sanfter Regen, der ber
nacht herabgefallen, hatte den durch lngere Drre hervorgerufenen Staub
verwischt und das mde Trumen der Natur in frisches Leben verwandelt,
in dem sich nun die neuen Triebe krftig hervordrngten. Und freudiges
Leben erfllte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau
Hppner lief in Haus, Hof, Kche und Keller umher und sah nach dem
Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder strmte jauchzend durch die
Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor
schien endlich mit aller Krankheit aufgerumt zu haben; sein Aussehen
war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar.

Die beiden Gatten ernteten die Frchte ihrer Herzensgte durch
Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in
Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit
nherte, da die Einweihung vor der Thr stand, durchstrmte sie ein
Gefhl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein groes Fest bereitet.

Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und
Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche
Sorgfalt retten knnen; noch einmal war das Glck wie eine helle Sonne
vor Theonies Thr erschienen, aber nur zu schnell war es wieder
verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen.
Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem groen
Hause oder wanderte todesbetrbt durch den Park.

Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Flle
entfaltet. Die Vgel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute
lndlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal
frhliches Singen. Aber die Frau hrte davon nichts, und wenn's ihr Auge
und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so
schmerzerregender an das, was sie verloren hatte.

Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach
Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt.

Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den
Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem
eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklrt, sich zu ferneren Raten
nicht mehr verstehen zu knnen. Falls Tressens es angebracht finden
sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die
gerichtliche Entscheidung erwarten.

Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken
gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklrt, was sie wollte, und
ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei
waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen:

Da alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte
Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier
wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der
Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen
htten, so wre nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Da
er die Schuld an ihrem Tode trage, sei lcherlich. Er habe allerdings
eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten
vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien
anderen schon viel schwerere Dinge zugestoen, ohne da sie ble Folgen
davon getragen htten. Aber jede Krankheit schliee die Mglichkeit
eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein
Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein
natrlicher Vormund.

In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles ntige
vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern
geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen
Fall Bedacht genommen wre. Er sei indes als Nutznieer des Besitzes
nicht abgeneigt, ihnen bis zur Mndigkeit des Knaben eine monatliche
Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, da Tressens sich den Bedingungen
unterwrfen, die er stellen msse.

Zu diesen Bedingungen gehrte in erster Linie, da sie Holzwerder
rumten, und ferner, da sie sich verpflichteten, in die Erziehung des
Kindes in keiner Weise einzugreifen.

Sobald ihm aber je auf Tressens zurckzufhrende Anschuldigungen und
Verleumdungen, beispielsweise, da er an Gretes Tod Schuld trage, oder
der Unsinn, da er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als
das von Theonie ausgefllte vorgelegt habe, zu Ohren kmen, werde er
keinerlei Zahlung mehr leisten und berhaupt jede Erinnerung an einst
mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen auslschen. Das sei sein
unabnderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte
er sich berhaupt zu nichts, sie besen keinerlei Rechte, sondern seien
lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen.

Nach diesen kaltherzigen Erklrungen hatte er freilich auch wieder eine
vershnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal
ohne Voreingenommenheit zu prfen, ob's nicht besser sei, da sie sich
trennten, ob er anders handeln knne bezglich des eigenen Kindes; er
zeige doch jetzt, da er wahrlich kein selbstschtiger Mensch sei. Es
habe sich die Mr gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte,
egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine
glckliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles
Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter
seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben,
und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur
daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er
niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred
hatte mit der Versicherung geschlossen, da, wenn er auch nichts
schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so knne Frau von
Tressen doch darauf bauen, da er schon um Gretes willen, die er so sehr
geliebt habe, sein Wort halten werde.--

Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres
Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Gromutter hatte
das Kind in Tankreds Hnden lassen mssen. Gegen einen solchen Menschen
gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine
solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines
Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen
Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein
Proze whren, und wovon sollten Tressens, die sehr verwhnten Menschen,
in der Zwischenzeit leben? Eine Weile wrde es wohl gehen, da sie Kredit
besaen, so lange nicht bekannt wurde, da sie mittellos geworden; aber
am Ende vermochte selbst der Gengsamste sich auf die Dauer ohne Geld
nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Untersttzung
angehen zu mssen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie
Emprung darber, da der Schurke nun auch noch diesen Akt von
Niedertrchtigkeit gegen sie ausgebt hatte.

Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat
nach Elsterhausen gefahren, um seine Hlfe in Anspruch zu nehmen. Er
hatte sich erboten, vorher noch einmal mndlich mit Brecken Rcksprache
zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits
klar zu machen, da er einen Proze unmglich gewinnen knne.

Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein
gutes Wort geben, hie sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefhl
bumten sich dagegen auf.

Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten
Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rckgrat.--

Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf
den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem
Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein.

Die seitdem eingetretenen Vernderungen fielen ihm sofort auf: von der
vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen
Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten,
war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Ntzlichkeit
gestellt. Dem Schnheitssinn waren keine Rechte mehr eingerumt, denn zu
beiden Seiten der Wirtschaftsgebude lagen jetzt Misthaufen, zwischen
dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die frher
sorgfltig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die
Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlssigten
Chaussee.

Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden
waren verhngt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststrme von
den Wnden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die
Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der
Wirtschaftsgebude kostete Geld, und Geldausgeben war dem vllig zum
Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel.

Als Brix in das Schlo eintrat, hantierte Tankred in einem abgentzten
Hausrock im Flur und hmmerte selbst an einem wackelig gewordenen
Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergert. Er
konnte sich nicht mehr entschlieen, einen Handwerker auf den Hof kommen
zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, berlegte
er, ob er ihr nicht ausweichen knne.

Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfnglich seine Zge,
dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und ntigte den
unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach.

Hier zeigte sich noch die ursprngliche Eleganz; der Futeppich wies
zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten
berall dem Auge entgegen.

Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub
zu entfernen war, da trachtete der Mann ngstlich, es zu erhalten. Der
Geiz uert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert
Dinge, oft ist er blind.

"Ich komme," hub Brix an, "um ber das unseren gemeinsamen Freunden von
Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich wei nicht, Herr von
Brecken, worauf sich Ihre Sinnesnderung sttzt, aber ich wei, da Ihre
Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt
worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie mssen darben, wenn sie
nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen
Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig
wieder eintreten zu lassen."

Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden
Worte eine Erwiderung.

Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretr einige
Aktenstcke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus.

"Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern
geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem
ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens
keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie
geflligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?"

Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit
einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschftlich zu
behandelnde Angelegenheit in Frage.

"Meine Ansicht ber die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente
von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des hchsten
Gerichtshofes nicht ndern, Herr von Brecken," entgegnete mit khler
Abwehr der Justizrat. "Es ist daher wertlos, da ich die Auffassung
meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht
deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefhl
zu appellieren. Ich mchte einen Vergleich anstreben, durch den das
wahrlich fr die Auenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses
zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden
wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie
haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird
doch sicher einen hchst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man
erfhrt, da Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien
verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthtigkeit Fremder in
Anspruch zu nehmen."

Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehrt. Nachdem der Justizrat
aber geendet, stie er, alle dessen Worte umgehend, heraus:

"Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen!
Warum knnen die Leute sich nicht einschrnken? Mit der Hlfte werden
sie auch leben knnen!"

Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte
die Sache lediglich aus Geiz eingefdelt. Er wollte durch dieses
Vorgehen die Hlfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann--nun
dann mochte es auf einen Proze ankommen!

Aber da er damit kein Glck haben werde, sah Brecken freilich sehr bald
ein.

"Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken," erwiderte der Justizrat, "da
Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen wrden, so
mu ich Ihnen sofort erklren, da davon nicht die Rede sein kann. Sie
denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, wrden vielmehr,
wenn Sie auf dem--entschuldigen Sie--unmenschlichen Standpunkt beharren,
in der Klage beantragen, da ihnen die Vormundschaft ber Ihren Sohn
bertragen und die Nutznieung des Vermgens zugesprochen wird. Und
wenn wir das erstreiten sollten, wie wrden dann die Sachen fr Sie
stehen?"

Brecken lachte hhnisch.

"Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit
Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Mnner. Ich
lebte mit meiner Frau in Gtergemeinschaft, folglich gehrt mir nach
ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen,
das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde fr den Fall einer
Nachkommenschaft bestimmt, da jeder von uns bis zur Mndigkeit unserer
Kinder die Nutznieung des Vermgens behalten, spter aber Ansprche auf
eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentmlichen Anschauungen
steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch
selbst die Verfgung ber das Vermgen entzogen. Fr die mir
eingerumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte fr ihre
Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem
Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft
absprechen will, der mu den klaren Verstand verloren haben."

"So wrde es allerdings auf den ersten Blick scheinen," warf Brix ein.
"Aber die Ansprche Ihrer Schwiegereltern knnen nicht alteriert werden,
denn sie wurden ihnen eingerumt, damit sie zu leben vermchten. Und
ferner: Ihre Frau Gemahlin gewhrte Ihnen die erwhnten Vorteile aus
zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die
Ehe zu bringen versprachen, und zweitens--"

"Nun?"

"Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, da diese
Ihre Behauptung eine begrndete sei!"

"Also--was wollen Sie denn weiter?"

"Was ich will? Sie besaen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer
Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafr wrden wir
Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen."

Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Flschung erblickte,
zuckte Brecken unwillkrlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem
Angesicht. Aber nur fr Sekunden ward er eingeschchtert.

"Ich verstehe Sie nicht," warf er dann hin. "Wenn das eine Anspielung
auf ebenso gehssige wie unerhrte Anschuldigungen sein soll, so erwarte
ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind."

"Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage
Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage--Sie gaben doch eine Zusage
betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern--festhalten
wollen oder auf deren Zurckziehung bestehen?"

"Ja, ich bestehe darauf. Hchstens wrde ich mich bereit erklren,
Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das wrde ich ihnen
dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu gentigt bin, sondern
aus Rcksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag."

Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles
nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, da der Eigennutz
allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel
erfllt, da er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof
schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen.

Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Nhe von
Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um
in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem
Vorhaben bestrkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den
Gutshof fhrende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begrung schlo er
sich ihm an, und zehn Minuten spter saen beide bereits in Theonies
Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte.
Whrend er dann auf die traurigen Verhltnisse der alten Tressens zu
sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr,
mit ihr in den Garten hinauszutreten.

Er erzhlte, da er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den
Eindruck bekommen habe, da ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in
Not befnden.

"Sehen Sie, Frulein Carin, ich komme eigentlich--drum und dran--mit
einer Bitte," erklrte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit
den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm
herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten
nicht gleich zu ihm aufblickte.

"Ja, bitte, Herr Hederich!" ermunterte Carin ihn nun weich und
freundlich.

"Ich meine nmlich so, Frulein Carin: Ich bringe es nicht ber die
Lippen, Frau von Tressen zu bitten, da sie ein Darlehn von mir
annimmt, nein--drum und dran--ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch
nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben
wollten--ich meine--ich meine--mit Frau von Tressen zu sprechen, da
ich--ich--Sie verstehen, Frulein Carin."

"Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!" entgegnete das junge Mdchen,
bewegt durch diese mit so groer Zartheit gepaarte Herzensgte, und
schaute Hederich voll ins Antlitz. "Ich will auch gern Ihren Wunsch
erfllen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber wre es nicht richtiger,
wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form,
das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner
Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu
nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder
bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist."

"Na ja, das ist wohl richtig--obgleich--obgleich, Frulein Carin--"
erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort:
"Glauben Sie, da auch Frau Theonie etwas thun wrde, wenn's ntig
wre?"

"Ich wei es nicht. Sie spricht ber gewisse Dinge nie mit mir. ber
ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung
nicht anders als mit den Worten geuert, sie habe jede Verbindung mit
ihm abgebrochen. Da sie sich fr Tressens interessiert, ist indes
zweifellos."

"Sagen Sie, Frulein Carin, es ist--drum und dran--hier jetzt wohl recht
de und einsam fr Sie?" fuhr Hederich, abermals das Gesprchsthema
willkrlich ndernd, fort. "Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten."

"Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von
Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, da sie oft Tage lang
nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns."

"Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Frulein Carin?"

Das Mdchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem
Ernst:

"Mich hlt das Pflichtgefhl und--die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl
hin, Herr Hederich?"

Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhhe im Park
gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, ckern, Waldungen, kleinen
glitzernden Flssen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Whrend sie
gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er:

"Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu
kaufen. Elmenried heit es, Frulein Carin. Ich htte es mir schon
zugelegt, wenn--drum und dran--"

"Nun?" machte Carin verwundert.

"Ach, Frulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz
einsam, und mchte--drum und dran--einen festen Halt haben. Das ist es!
Das hlt mich ab!"

"Sie mten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!"

"Wer will mich? Und wenn ein Mdchen mich wirklich wollte, so mchte
ich sie wohl nicht. Eine, ja eine--die--die--"

Er senkte das Haupt und sthnte.

Durch das Innere der Verlassenen zog pltzlich ein nie gekanntes Gefhl;
diesem braven Manne anzugehren, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen,
nicht mehr abhngig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben!
Welch eine wunderbare Aussicht--welch ein Glck!

Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit
einem warmen, zrtlichen Gefhl, erhob sie das Auge und sagte leise:

"Eine, Hederich?--Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?"

Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge
so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stie
heraus:

"Ja--ich will ihn nennen--drum und dran--denn einmal mu es doch heraus,
und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht lnger bei mir
behalten, weil es mir das Herz abdrckt. Sie sind es, Frulein Carin!
Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht bel--bitte, Frulein Carin--"

"bel nehmen? Kann sich ein Mdchen nicht nur geehrt fhlen, wenn ein
rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn
auch sie ihm--gut ist--wenn auch sie ihn lieb--"

"Ach--ah--Frulein Carin!" ging's strmisch aus des Mannes Brust. "Ist's
wahr? Ist's mglich? Sie knnten?--Sie wollten wirklich--?"

Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren
Hnden, kte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar
wie ein Kind.

Sie aber schttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend:

"Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, da Sie das arme Mdchen
ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie
versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!"

Die Sonne legte sich eben voll und glnzend ber die Landschaft, aber
selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die ber des
Mannes Antlitz zogen.

"Frulein Carin--Frulein Carin!" rief er selig, nahm sie in seine Arme
und legte kindlich seinen runden, groen Kopf an ihre Brust. Sie aber
ergriff mit beiden Hnden des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich
und kte ihn sanft auf den Mund.--

       *       *       *       *       *

In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix
keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die
Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstrkt. Er sagte sich
einerseits, da man ihm keine guten Worte geben wrde, wenn man sich
sicher fhlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits
schtzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Proze konnte er mit
einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und whrend
dessen wrden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben,
weich und fgsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten
konnte er benutzen, um ihre Ansprche mglichst herabzudrcken.
Natrlich, am liebsten wrde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen
haben, aber da er selbst keineswegs berzeugt war, da die richterliche
Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon
jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen.

Whrend seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, berfiel ihn
der drngende Reiz, sich vor Augen zu fhren, wie viel er berhaupt
besitze, und nicht zum erstenmal ffnete er--immer mit derselben
brennenden Gier--seinen Schreibtisch, zog Bcher und Schriftstcke
hervor, rechnete und zhlte und weidete seine Augen an den im
Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen
Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden
Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben
noch mehr ermigen und die Einnahmen erhhen knne.

Und dann pltzlich fiel es ihm auf die Seele, da eine Zeit kommen
werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er
in eine hnliche Lage geraten knne, wie jetzt seine Schwiegereltern.
Und das regte ihn solchergestalt auf, da er emporsprang und berdachte,
ob er darin nicht doch eine nderung herbei zu fhren vermge. Nein, es
gab keine in dem gewhnlichen Sinne.--Nur, wenn Gretes Kind strbe, dann
--dann--den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen
vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, da Theonie und sein Sohn eines
Tages sterben knnten, erregte sein Inneres, aber da diesen beiden
Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden knne, das trieb ihm das Blut
ans Herz. Da doch immer solche Gedanken sich seiner wieder
bemchtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schlo hastig seinen
Schreibtisch, drehte den Schlssel an dem Geldschrank ab und eilte, in
der Sicherheit, da drauen andere Eindrcke die ihn peinigend
verfolgenden Gedanken verwischen wrden, ins Freie.

Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof
betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurck,
betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lftete den Vorhang von der
Wiege und versicherte sich, da der Knabe atmete--da er lebte.----Lange
stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Zge. Es sah Grete
hnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde
auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm
werde es gleichen.----War's ein Glck fr das Kind, zu leben? Nein!
Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf
eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht
hher achtete, als das einer Fliege,--und ob sie da war in der Schpfung
oder nicht, welchen Wert hatte das?--wnschte er auch diesem jungen
Wesen den Tod.

Ein Glck fr den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurckzog in ihren
Scho! Ja, die Erde----aber kein gewaltsames Abschneiden des
Lebensfadens!--

Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen
wre? Brecken berlegte.--Am unaufflligsten geschah's jedenfalls durch
Ersticken;--Spuren einer gewaltthtigen Hand waren dann nicht sichtbar.

Man mute es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken ber
sich. Ein Erstickungsanfall, befrdert durch Husten! Ja, ja, dergleichen
kam vor!--Oder eine starke Dosis Opium--aber das war schon
gefhrlicher.--Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon
wieder bei so furchtbaren Gedanken, whrend er doch zurckgeeilt war, um
sich zu vergewissern, da das Kind lebte.----

Ein heies Gefhl kam ber ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der
Gefhl fr dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und
unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich
Tankred von Brecken herab und kte zum erstenmal seinen Knaben auf die
Stirn. Aber der den Suglingen dumpfe Geruch stie ihn ab, und die durch
dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das
Gefhl berhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte,
erlosch die zrtliche Empfindung des Mannes im Nu wieder.

Mit dem alten, gleichgltigen Blick sah Brecken den Knaben an und
verlie unter dem Gedanken, da er es dem Schicksal anheim geben msse,
ob es seine Plne frdern wolle, das Gemach.

Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den
Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit lngerer Zeit
erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der
grauen Stute Liese beschftigte Tankred in der nchsten Stunde mehr als
irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein.----

Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushlterin,--die mnnliche
Dienerschaft hatte Brecken entlassen und auer dieser Frau nur noch die
Kindeswrterin und ein Mdchen behalten,--da Herr Pastor Hppner auf
dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wnsche.

"Pastor Hppner?" wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber
hinaus und ntigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer.

"Welche besonderen Umstnde verschaffen mir das Vergngen, Sie einmal
wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?" begann er
mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rckte einen Stuhl heran und griff
nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und
seinen Dank ausdrckenden Pastor anbot.

Da Hppner schon glcklich war, wenn er berhaupt nur rauchen konnte,
von der Gte einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken
aus der sogenannten 'Leutekiste' angeboten; sich selbst aber hatte er
eine andere und bessere angezndet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer
bedient.

Hppner begann mit der Erklrung, da er in der Nhe zu thun gehabt und
die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu
sagen. Er fgte hinzu, da auch seine Frau ihn ermuntert habe, in
Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beilufig
eingestreuten Bemerkung sicher berzeugt, da die Frau den Mann
abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Hppner
ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gesprch
durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen
gehrt habe.

Nein, er sei durch sein zurckgezogenes Leben mit dem, was sich drauen
ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen
Erstaunen Ausdruck, als nun Hppner ihm die Verlobung Hederichs mit
Carin mitteilte.

Dann freilich erging er sich in spttischen Bemerkungen und uerte,
ohne auf Hppners Zartgefhl irgend welche Rcksicht zu nehmen, diese
Verlobung komme ihm vor, als verbnde sich ein Kameel mit einer
Bachstelze.

"O, o--o--" machte Hppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger
durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den bergang
zu der Angelegenheit, die ihn hergefhrt hatte. Er sagte:

"Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, mchte
ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten
Schwiegereltern anzuhren. Wie ich zu meinem groen Leidwesen gehrt
habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift
mahnt uns Menschen--"

Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte
Tankred von Brecken zu hren; er unterbrach Pastor Hppner jh und
sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend:

"Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war
Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine
Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, da sie nach wie vor auf
der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natrlich
werden da wieder die ungeheuerlichsten Gerchte ausgesprengt; aber das
Zutreffende ist allein, da ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil
die brigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu gro sind."

"So, so? In der That?--Das wre ja etwas ganz anderes, als was uns
berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau--"

"Ja, das ist eben das Unglck, verehrter Herr Pastor, da meine
Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr pat,
so stellt sie es dar. Sie wei sehr wohl, um was es sich handelt,
aber--"

"Nein, ich versichere Sie, sie wei es nicht," schob Hppner, arglos den
Worten des Mannes nachgehend, ein. "Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen
erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre
Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen--"

"Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von
einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts ntzen, denn mit dem,
was ich bieten knnte, wrden sie ja doch"--Brecken betonte seine wie
beilufig hingeworfenen Worte--"nicht zufrieden sein."

"Man knnte doch hren!" fiel Hppner eifrig ein. "Offen gesagt, Herr
von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten,
sich mit Ihren Schwiegereltern auszushnen.--Also, wie viel knnten Sie
zahlen?"

Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr
zweifelte, da der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er
anfnglich von der Hlfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte
er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er
berwand sein Zaudern rasch und sagte:

"Mit fnf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und
das wre schon das uerste."

"Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von
Brecken!" stie Hppner erschrocken heraus und schttelte in grter
Enttuschung den Kopf.

Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts-
und Vernunftgrnde oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei
Brecken htten verfangen knnen, auch sonst alles, was etwa gnstig auf
ihn htte wirken knnen, hervor und schlo mit den Worten:

"Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die
Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verstndigung bieten!"

"Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen
zu befassen," entgegnete Brecken, brutal sprechend. "Nein, er mag seine
Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber
so!--"

"Herr von Brecken! Herr von Brecken!" stie Hppner, zum erstenmal die
Devotion in Ton und Miene auer acht lassend, heraus und schttelte den
Kopf. "Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Vershnung aus dem Wege
gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme.
Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so mssen Sie das mit sich
selbst abmachen und mit dem, der ber uns allen thront als ein Richter
unserer Handlungen. Ich wei, Sie glauben nicht an ein hheres Wesen;
der Gottesbegriff ist fr Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie
stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der
Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen
seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung!
Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts
fr ungut, aber ich mchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in
Klementinenhof dienen; ich mchte Sie bewahren vor Reue und
Seelenunruhe."

"Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen
an, aber Sie vergessen,--ich sehe von Ihren religisen Mahnungen
ab,--da in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Knnen. Und
dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein!
Verunglimpfen, verdchtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie
streuen die infamsten Gerchte ber mich aus, reden von Flschungen, und
was wei ich; und ich soll das wie ein Lamm ber mich ergehen lassen?
Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!"

Die legten Stze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren,
ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen
ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand fr seine Handlungsweise
heranzuziehen.

Aus Hppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, da sein
Mitrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt
der Pastor ber die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn
nderte das natrlich nicht, und er hielt auch den 'langweiligen
Salbaderer' nicht zurck, als er endlich aufbrach und sich, uerst
bedrckt ber das Milingen seines Versuches, empfahl.

Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, da ja nun Carin
demnchst Falsterhof verlassen werde, da dort dann zwei Augen weniger
seien, und da nun doch vielleicht--Ja! was denn? Brecken griff in die
Zigarrenkiste und entzndete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine
Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei
der entsetzlichen berlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer
Verkrzung der Lebensdauer Theonies zu Hlfe kommen knne----

       *       *       *       *       *

Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins
Land gezogen.

Das von Hppner begrndete Armenhaus hatte seine Pforten geffnet, in
seinen Rumen befanden sich Kranke und Bedrftige, und wchentlich
wenigstens einmal begab sich Frau Hppner, meist mit Lene an der Hand,
in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu
ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefhl, wenn sie leidende Menschen
sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundstze in sich auf, die ihre
Pflegemutter den Nebenmenschen gegenber leiteten.

Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm
vorlufig nur gepachteten kleinen Gtchen Elmenried. Die beiden Leute
genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von
einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber
bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen mssen, atmete beseligt
auf, und die tglichen Beweise von Liebe und Herzensgte, die sie von
ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurck, denn sie liebte
ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemt entspringt und auf Achtung
beruht.

Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thtigkeit ausgefllt
waren und durch frohen Lebensdrang einen erhhten Wert empfingen, flogen
fr Carin dahin; Haus, Hof, Kche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit
gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Hppner und
Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich
ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektre und Musik
weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Hppner und
Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor
und Carins Mann fanden sich als Gemtsmenschen zusammen, und die beiden
Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung.
Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische
Gegner.

Aber whrend sich bei ihnen durch gnstige materielle Verhltnisse,
durch weise Beschrnkung im Lebensgenu und durch Sparsamkeit das Glck
eine feste Sttte bereitete, sah es bei Tressens allmhlich immer
trauriger aus.

Die Hlfe Hederichs, die ihnen durch Brix und spter auch durch Carin
angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin
selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Gte und Freundschaft rhre sie,
aber sie wrden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklrt.
Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch
das Leben bezwungen, lieber berflssiges entbehren, als den Druck von
Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die
Hoffnung! Der Proze war sogleich angestrengt worden, er mute sich in
einem halben Jahre entscheiden.

Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens auer acht gelassen, mit
wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt
Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material
herbeizuschaffen sei, dann wieder wute er die Termine hinauszuschieben,
indem er Krankheit vorschtzte. Einen Formfehler in dem ersten
Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die
Folge von alledem war, da die Sache nach einem halben Jahre, zumal die
Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand.

Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Sden
angetreten, und es hie, da er nicht vor dem ersten Mrz zurckkehren
werde.--

Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen.
Mit wrmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genhert und
gleich bei der ersten Berhrung geuert:

"Wenn ich Ihnen irgend wie ntzen kann, verfgen Sie ber mich. Es giebt
keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst,
den ich Ihnen nicht leisten wrde."

Gegenwrtig aber beschftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als
nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr
Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn
sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken fr sie: Gretes Kind
einmal an ihr Herz zu drcken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene
suchte nach einer Ablsung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch
von Sorge erfllt, da dem Knaben, der fremden Hnden anvertraut war,
etwas zustoen knne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht
gekommen zu sein, oder vllige Gleichgltigkeit hatte seine Handlungen
bestimmt.

Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persnlichen
Empfindungen zurckgedrngt und sich der Gromutter als Pflegerin des
Kindes whrend seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch
dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um
dessen willen schdlichen Zuflligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es
nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen
den Eintritt ins Schlo zu verweigern, ihr unter keinen Umstnden eine
Berhrung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten.

Die Wrterin war ein braves, mitleidiges Geschpf, aber die
Haushlterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht,
durch den deren bisherige weibliche Sttze abgelst war, und der zum
Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mute,
befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich
whrend seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen
werde, zu ihm in vlliger Abhngigkeit.

Dennoch beschlo Frau von Tressen--es war acht Tage vor
Weihnachten--einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hlfe
der frheren Haushlterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von
ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei
Hlfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre drftige Lage als
Ktnerin verbesserte.

Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden,
da die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushlterin
vom Schlo entfernen wrde. Es war wahrscheinlich, da sie kurz vor dem
Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermdchen
veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und
so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen.

Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt frh
morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, da 'die vom
Schlo' am Nachmittag nicht anwesend sei, und da das Mdchen zugesagt
habe, den 'kleinen Herrn' zu ihr zu bringen.

Whrend Frau von Tressen, in ihren Mantel gehllt, dahinfuhr, kamen ihr
beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit
der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmtige Gedanken, auch die
Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, da ihre Augen sich
wiederholt mit Thrnen fllten.

Wo war das Glck von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr;
sie, die Mutter, mute sich versteckt ihrem frheren Eigentum nhern
und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefhrt
benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwrtigen Lage schon ein
Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne
thatschlich dem Nichts gegenber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen
auflehnte, sie mute jetzt Hlfe bei Freunden suchen. Es lag auch in
ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie
auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rckhaltlos anzuvertrauen.

Eine Summe fr den Unterhalt des nchsten halben Jahres wollte sie von
ihr erbitten. Dann endlich wrde doch der Proze, und, wie sie annahm,
zu ihren Gunsten entschieden sein.

Als sie an Falsterhof vorberkam, forschte sie gespannt hinber. In der
breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein
Wagen dort gefahren, und kein Fugnger gegangen. Einsam und abgestorben
stieg das Herrenhaus aus der weien Schneeflche ber den kahlen Bumen
empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht
umschneiten Schornsteinen drngte sich nicht einmal ein Leben
verratendes Rauchwlkchen. Es war richtig--die Betrachtung kam der
Frau--da nicht Geld und Besitz das Glck bedingte. Theonie war die
reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie
konnte Feste geben, die Frsten beschmten, und ihr Haus zu einem
Sammelplatz auserlesener Geister machen.

Aber alles das hatte keinen Reiz fr sie. Ihr Herz trug zu viel
blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl htte auferwecken knnen
aus seinem Grabe, sie wrde alles dafr hingegeben haben.

Und wie hufig Vergleiche Lichter in sich schlieen, aus denen sich eine
leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle.
Pltzlich kam's ber die Frau mit Sicherheit, da sie doch noch einmal
wieder auf Holzwerder herrschen, da sie neben ihrem Enkel stehen und
sich nochmals das Glck des Lebens zurckerobern werde.

Aber freilich, vorlufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten
Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen
Besitzung zu und mute schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde
einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zrtlich in ihre Arme schlieen
durfte.

Als Frau von Tressen in die Nhe der Wohnung der alten Hanne gelangt
war, lie sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fu in
die Kate. Es war ihr sehr auffallend, da ihr auf ihr Klopfen nicht
gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstrkte sich, als sie beim
Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand.

Whrend sie noch unschlssig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine
korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon
aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie,
nher gekommen, Worte fand, erklrte sie, da der schon seit einiger
Zeit krnkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, da die
Magd nicht wage, ihn in der Klte nach der Kate zu bringen, und nichts
anderes brig bleibe, als da sich die gndige Frau ins Schlo bemhe.
Freilich sei das--sie msse selbst ihr Bedenken uern--sehr gefhrlich.
Man werde die gndige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn
von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Bses daraus
erwachsen. Der Herr kenne ja keine Rcksicht, sobald man sich ihm nicht
bedingungslos fge. Aber trotzdem solle die gndige Frau selbst
entscheiden.

Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der
Enttuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was
ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder
absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis.

Aber jhlings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschlu. Sie
wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen,
es mochte daraus entstehen, was wollte!

So gab sie sich denn uerlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, da
sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle
sich vielmehr allein aufs Schlo begeben, um ihr Enkelkind zu sehen.

"Sie haben der Magd doch nicht gesagt, da ich kommen wrde? Sie wei
nichts von meinem Hiersein?" schlo sie fragend; und nachdem Hanne dies
verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte ber den
Hof nach dem Herrenhause.

Tief herabstimmend waren die Eindrcke, die sie dabei empfing. Was Brix
ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurck.
Eine vllige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte,
und insbesondere bei dem Anblick des vernachlssigten Herrenhauses
traten Frau von Tressen unwillkrlich die Thrnen in die Augen.

Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Klte, de und Kargheit
wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thr zur
Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die
Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und
machte sehr erstaunte Augen, pltzlich eine elegant gekleidete Dame vor
sich zu sehen.

Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hrte sie
auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden
Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Rhrung ergriffen,
immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Hnden des Mdchens und
drckte ihn weinend an die Brust.

"Mein Kind--mein ses, liebes Kind--" schluchzte die Frau.

Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe
sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es
nicht wieder. Es war undenkbar!

Sie sprach auf die Magd ein, sie erklrte ihr, wer sie sei, welche
Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche
Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so bla, mager
und krank vor sich sehe.

Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur
Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie
belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umstnden ihr Verhalten
gutheien!

Fr die Wirtschafterin werde sie einen Brief zurcklassen und ihr darin
alles erklren. Sie werde sagen, da sie sie gezwungen habe, ihr zu
folgen.

Zu Frau von Tressens freudiger berraschung machte die Magd keine
erheblichen Einwendungen. Entweder fhlte sie Mitleid mit der Frau und
dem Kinde, oder sie wnschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die
Langeweile drckte sie, und da 'die Gndige' die Verantwortung
bernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Gromutter Weisung einen
Widerstand entgegenzusetzen.

In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre
Habseligkeiten und alles fr das Kind Notwendige zusammengepackt und
lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen.
Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf
einem Seitenwege des Parks die Landstrae gewinnen.

Sobald das Mdchen sich entfernt hatte, schlo Frau von Tressen Tankreds
Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte
einige Worte an die Haushlterin auf. Sie erklrte ihr Vorgehen durch
den krperlichen Zustand des Kleinen.

Als sie eben den Brief vollendet hatte, hrte sie drauen Schritte. Ihr
Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn
hatte sie ganz vergessen.

Aber nur kurze Zeit kmpfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie
sich, ffnete die Thr und sah hinaus.

Ein wie ein Jgerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig
sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer,
wo er offenbar die Magd gesucht hatte.

Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur
List vermochte etwas.

"Ah! Da ist jemand!" begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage
zuvorkommend. "Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich
suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn
nicht finde, mchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen.
Einen Augenblick--"

Und whrend der Angeredete noch in berraschung dastand und durch die
Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschchtert verharrte, steckte
sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, berschrieb es an Theonie
und berreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern.

"Sie mssen aber sofort hinbereilen! Nehmen Sie den Weg ber den Hof.
Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht
kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er mu jeden Augenblick eintreffen,
und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben,
ohne Antwort."

"Zu Befehl! Zu Befehl, gndige Frau! Soll alles bestens besorgt
werden!" besttigte der Mann ebenso arglos wie unterthnig, dienerte und
machte sich rasch davon.

Mit einem tiefen Atemzug lie sich Frau von Tressen in einen Sessel
sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung ber sie; aber
sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von
Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zrtlichkeit an sich und
suchte es zu beruhigen.

Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe,
Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie
aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine,
und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein
Erlsungsschrei aus ihrer Brust.

Aber seltsam! Whrend ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das
Gegenwrtige richteten, wurden andere Vorstellungen pltzlich in ihr
lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen
einst und jetzt drangen berwltigend auf sie ein.

Wie wre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den
Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit
Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen
Besitzstrung trotzig abwartete und dem Richter erklrte, sie habe
gehandelt als natrlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine
heiligsten Pflichten gegen das Kind auer acht gelassen, da er zudem ein
Flscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe,
so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemat
habe?!

Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch
das Gehirn der Frau.--Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins
Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor
fungierenden Groknecht, der schon in frheren Zeiten auf Holzwerder
beschftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie
den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen!

Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hlfe des Kutschers
alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunchst
vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu.

       *       *       *       *       *

Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von
Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte.

Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von
Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer
Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere
zur Ausfhrung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Untersttzung von
Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen
solle, darber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er
mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er wrde
das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmaregel
war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hren!

Von dem Warten auf eine gnstige Entwicklung des Prozesses hatte sie
nachgerade genug. Nur in einem Punkte mute sie doch Brix in Anspruch
nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zustndige
Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit
Antrgen vorgehen, nicht etwa abwarten, da Tankred ihr zuvor kam.

Sie hatte die Absicht, zu erklren, da ihr Schwiegersohn das Leben
ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhrtung ihrer
Behauptung wollte sie ein rztliches Gutachten beibringen; ferner auf
Grund der Flschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne
beantragen, da die Gtergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar
sofort fr null und nichtig erklrt, und dementsprechend auch Tankred
jegliches materielle Verfgungsrecht ber das Vermgen entzogen werde.

Ihre Rckkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine
vernderte Entschlieung hinstellen, zu der sie auf Grund frherer
Abmachung berechtigt sei.

Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof
gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan,
erklrt, da er mit den magebenden Personen auf Holzwerder sofort
sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet.

Frau von Tressen befand sich in einer thatkrftigen und gehobenen
Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu
behalten, noch verstrkt ward.

Als sie vor der Thr des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege,
der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim
Aussteigen behlflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen dster
melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung.
Ernst und stumm ffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thr zum
Wohnzimmer und erklrte, da Frau Cromwell alsbald erscheinen werde.
Frau von Tressen berlief ein inneres Frsteln, als sie sich allein
befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles
starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das
einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Gerusch, das Ticken einer
Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms.

Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch gtiger
Miene begrte, ward ihr Gemt nicht entlastet, umsoweniger, da die
bleich und abgehrmt aussehende Frau berichtete, da sie mit ihren
Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand,
sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe
der Hund fortwhrend wtend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die
Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas
entdeckt zu haben.

Natrlich wirke der Eindruck dieses nchtlichen Vorfalles nach und habe
ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt.

Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzhlung kam Theonie
dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn
von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gesprch auf Holzwerder.

Wohl eine Stunde whrte die Unterredung. Frau von Tressen erzhlte von
den gestrigen Vorfllen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie
bisher rtselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die
durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmhlich unhaltbar gewordene
Lage.

Theonie erklrte sich ohne Besinnen zur Hlfe bereit, und wenn sie auch,
ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Errterung der
Zahlungsmodalitten eine etwas pedantische Umstndlichkeit an den Tag
legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel
Zartgefhl, da Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward.

Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur
getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine
gleichgltige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren
Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie
auszusprechen sichtlich Scheu empfand.

Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig
ngstlichen Augen und ward zum Sprechen gedrngt.

"Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen mchten,
liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Knnte
ich Ihnen in irgend etwas dienen?"

Und da drngte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und flsterte,
des letzten Satzes Inhalt abwehrend:

"Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen fr Ihre Gte. Es ist
etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich wei es nicht, ich habe keinen
greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, da Tankred sich gar nicht
im Sden befindet, sondern sich in der Nhe aufhlt, Unheil fr uns
brtet und--"

Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit
furchtbarem Getse ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und
beide Frauen fuhren entsetzt zusammen.

"Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe," stie Theonie, zuerst wieder
Worte gewinnend, heraus. "Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und
so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine
Ahnung ist thricht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine
Mglichkeit vorliegt. In diesem Sinne--ich bitte--fassen Sie meine Worte
auf, liebe Frau von Tressen!"

Es sei oben ein Bild herabgestrzt, hrte noch Frau von Tressen eins der
hinaufgeeilten Mdchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von
einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten
spter das dstere und einsame Falsterhof im Rcken hatte.--

Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht ber den ihm gewordenen
Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses
wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemchtigt,
und eben sei die Haushlterin im Begriff gewesen, darber an Tankred zu
berichten. Dies sei vorlufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von
Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befnden
sich einem so auerordentlichen Vorfall gegenber so gut wie ratlos, und
nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklrt, er sei
durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner frheren Herrschaft zurck
zu treten.

Die letzten Nachrichten krftigten Frau von Tressens Entschlu so sehr,
da sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit
Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der
Justizrat besa ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er
allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang
anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden lie. Ohne lange
Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schlo mit der
Erklrung, da sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von
Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schrfe entwickelte
sie ihm ihren Standpunkt und schlo mit den Worten:

"Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fu gefat haben? Mit
Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem
Abkommen mit unserer Tochter ausdrcklich die freie Wahl gestellt ist,
dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen
deponieren wir zu Hnden des Gerichts, bis die Sache entschieden ist;
wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmiges Eingreifen in fremdes
Eigentum, erklren uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir
Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermgen abstreiten."

Frau von Tressen lie sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht
mehr irre machen; es war, als sei ein vllig anderer Mensch in sie
eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht
nur das Pflichtbewutsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch
Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt.

"Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden," erklrte sie
Brix, "aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben
fr meinen Enkelsohn. Das Glck streckt die Hnde nach mir aus, ich will
sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir
die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die
schlummernden Krfte in mir von neuem anregt, zeigt es, da es Gutes mit
mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze
ich um so mehr einem Schurken, dessen Strke nur darin besteht, da man
ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich
werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das
Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den
entferne ich mit Gewalt!"

       *       *       *       *       *

Es war an einem dunklen und strmischen Wintertage im Anfang Januar, als
ein einzelner Fugnger sich um die Nachtzeit Falsterhof nherte, am
Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich
unschlssig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um
sich blickte. Der Fugnger war Tankred von Brecken, und was ihn heute
furchtbares beschftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen
Wochen ausschlielich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder
verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum
Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zuflsterte: Thu's,
und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentmer
einer halben Million!

Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier,
da die Schwierigkeiten, die zu berwinden waren, ihm wie ein Nichts
erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders dnkten, als
alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann
wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austnte, und
seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher
geflligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und
die Feigheit--nicht seine bessere Natur, weil sie berhaupt keine Stimme
in ihm besa--ri ihn zurck und strzte alle Plne ber den Haufen. Und
wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nchternheit geredet und das Wort
behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und
flsterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann
sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof!
Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit
raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwrgt, war leise
hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen
Hnden erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder
hinausgeschlichen,--noch immer besa er von seinem damaligen Aufenthalt
den Schlssel zur Hinterthr--und die Bltter hatten zwar im Park
geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder
hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon
wieder weit, weit fort, als die Hhne krhten, als im Hause alles wach
wurde, die Zofe oben ber den Korridor schritt, um die gndige Frau zu
wecken, das Frhstck unten aufgetragen ward, und doch keine gndige
Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem
Halse stie.--Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergngen und
Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im
Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie fngst Du es
an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von
Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder!--Es lag ein
Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine
Harfenmusik, kein Orgelbrausen!

Das Gehirn des Mannes arbeitete unermdlich wie der Kolben einer
Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausfhrung und Flucht waren bis
ins kleinste berlegt; jeder Zuflligkeit war Rechnung getragen, fr
jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf.

Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so
schlecht gemacht, da er um eines Haares Breite erwischt wre. An dem
Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der
berhaupt nicht da wre, dann wrde es ein Kinderspiel sein, Theonie
Cromwell ein fr allemal des Atems zu berauben.--

Endlich nach viertelstndigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem
festen Entschlu gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen
bleiben, hie mit den qulerischen Gedanken von neuem beginnen, die
Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren,
wegwerfen und die Hauptsache vergessen, da nmlich Theonie weiterlebte,
und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermgens seines
Sohnes.

Fast berhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte
angelangt, den bekannten Weg ber das Feld in den Park und hielt erst
inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunchst lauschte er
aufmerksam, ob sich irgend etwas rhre.

Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den
Flur betreten, aber sich dann so wtend gebrdet, da er ihm nicht hatte
beikommen knnen; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach
geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er
hatte sich gebt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschdlich wachen.
Der alte Frege hrte bei seiner Schwerhrigkeit sicher nichts; ein
Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das
Mdchen und die Zofe frchtete er nicht.

So trat Tankred denn an die Thr, steckte vorsichtig den Schlssel ins
Loch und drehte um. Nichts rhrte sich!--Rasch entzndete er eine
Blendlaterne--aber ein scharfer Stowind lschte sie wieder aus; auch
ging's ihm pltzlich eisig ber den Nacken, ber den Rcken, durch alle
Glieder, und er fhlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der
Haut.--Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die
Klte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorbergehen,
wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine
furchtbare innere Angst, eine solche Angst, da der Mann zunchst an
nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach
dem Schlssel und rttelte rcksichtslos an dem Schlo, als es sich
nicht gleich lsen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an
wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschrfte
die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als
ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus
dem Park ber das Feld und erreichte sthnend, keuchend, atemlos den
Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlssig gemacht
hatte.

Aber dies alles lie nur blitzartig verschwindende Eindrcke zurck. Bis
zur Verrcktheit jedoch qulte ihn das Kitzeln unter der Haut.--Ein
Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nchste wohnte in Elsterhausen. Aber
jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen!--Und alle Welt nahm
an, da er sich im Sden aufhalte, und nun war er pltzlich
da!--Weshalb?--Nein, das ging nicht. Er mute zurck nach dem kleinen,
westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die
letzten Tage aufgehalten hatte.

Zunchst aber war es ntig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort
einzutreffen.--So war denn abermals alles umsonst gewesen.--Alles
umsonst!

Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto
frchterlicher ward es.

"Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?"

Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher
behandelt hatte wie ein Spielzeug?

Am Ende gab's doch ein hheres Wesen, das belohnte und strafte--am Ende
gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen
gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Bse unter----?

Pltzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er
zuletzt gehrt hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte,
Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn
durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte.

Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen
genommen, mit seinem frhreifen Verstande hatte er durchschaut, wie
gleichgltig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie
berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren.

Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche
Seele und ein fr Eindrcke empfngliches Herz besessen, aber allmhlich
waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm fr Regungen, die auf sein
sich immer widerwrtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Untersttzt
durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glck war er
einhergegangen, als knne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der
Gedanke an die Mglichkeit einer nderung war ihm gekommen. Er sah, was
in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stie
eben anderen zu, und nicht ihm.--Nun aber fhlte er sich pltzlich
betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging?
Nie hatte er von ihm gehrt.--War's schon die Strafe des Himmels fr
seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit
Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord
belastet.--Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort!--Wie? Hatte er
wirklich Theonie tten wollen?--Pltzlich griff der Mann sich an die
Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei.--Und dann begann
wieder das rasende Kitzeln, und er htte sich am liebsten nackt im
Schnee gewlzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brllte er auf
durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch
droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah--?

Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was ntzten nun Holzwerder und Geld
und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser
Krankheit, dafr wollte der Mann alles hingeben!

So klein, so demtig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein
Rasender dahin jagte, da er begann, allen alles abzubitten, seinen
Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heien
mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich
bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und
der Feigheit schlte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem
besseren Gefhle entspro. Das kalte Herz erhielt allmhlich wieder
Leben.

Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen
gewichen waren? Er dachte selbst darber nach. Nein! Die Mahnung war
nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an
Gott, er htte niederstrzen knnen auf die schneebedeckte Flur und den
Schpfer anbeten.

Und nun allmhlich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der
Schwei, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst,
ffnete die Poren und besnftigte den Reiz.

Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich
vernderten! Welcher Schwchling er doch war, gleich zu verzagen! Es war
sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's vllig vorber, wenn er L.
erreichte. Und was dann? Ja, was dann--?

Er warf den Blick ber die Gegend; schon begann's heller zu
werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf--und
dann--dann--pltzlich begann von neuem das Jucken, ein solches
kitzelndes Jucken, da dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er
wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele
zuraste.----

       *       *       *       *       *

In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand
Frau von Tressen und hrte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer
getreten war, berichtete.

Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Mdchen; die Haushlterin
und der Diener aber wollten erst hren, welche Sicherheit die gndige
Frau ihnen bte, da sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur
Verantwortung gezogen wrden.

"Also Pflichtgefhl oder Anhnglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet
sie nicht?"

"Nein, gndige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge
haben. brigens--drum und dran--wo wre der Durchschnitt anders? Frau
von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich."

Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie:

"Ich bin dann dafr, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred
verleugnen, knnen sie auch Untreue gegen mich ben. Ich aber brauche
zuverlssige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, da wir sie
abfinden knnen?"

Hederich zuckte die Achseln.

"Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklren, da die
Kndigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat."

"Ja, ja, ganz richtig!" besttigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie
kurz entschlossen fort:

"Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen
sprechen."

Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte
Frau von Tressen:

"Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Fr ihn trete ich jetzt
ein und kndige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wnsche, da Sie
zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt
auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?"

"Ja, ich bin's," sagte der Diener nach kurzem Besinnen, "wenn die
gndige Frau mir schriftlich erklren, da das so richtig ist, und Sie
fr alles aufkommen."

"Ja, ich will schriftlich bettigen, da Ihr durch die Besitznahme des
Gutes meinerseits berflssig geworden seid, und da ich Euch auf Grund
meiner Rechte entlassen habe."

"Dann bin auch ich damit zufrieden!" erklrte die Haushlterin. "Wann
sollen wir abgehen?"

"Gleich! Ihr knnt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder
verlassen."

Die beiden nickten, verbeugten sich und verlieen das Gemach.

"So, das wre ja gut und rasch erledigt!" rief Frau von Tressen,
Hederich vergngt anblickend. "Jetzt will ich mit Peter Wille das
weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, da mein
Schwiegersohn zurckkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun
auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung
machen."--

Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so
khner Entschlossenheit gefaten Plnen getroffen, griff sie in gleich
entschiedener Weise auch in die brigen Verhltnisse ein und brachte es
nach wenigen Wochen dahin, da der Umzug bewirkt war, und sie und ihr
Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten.

Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus frherer Zeit ergebene
Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein
Wchter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle
unterwerfen mute. Hof, Garten und Gebude wurden, so weit die
Witterung es erlaubte, und es gegenwrtig bereits von Wert war, in einen
wrdigen Zustand zurck versetzt, und endlich griff auch Frau von
Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die
Gutsgeschfte ein.

Durch diese alles umgestaltende und neue Verhltnisse anstrebende
Thtigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit
und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu
bertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen
befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen
Lebensweise wohler und krftiger als seit vielen Jahren.

Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Hppners und Theonie wieder bei
sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und
die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hren
lassen, traten allmhlich ganz zurck. Was konnte er machen? Klagen?
Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab.

Wrde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes
vernachlssigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Flschung in
Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem besttigen?
Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrckender Natur, zum Teil
unanfechtbar. Von ihnen untersttzt, hatte Brix inzwischen die Eingabe
an das Gericht abgehen lassen.

Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren whrend dieser
Zeit Hppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den
Tag, als sei ihnen selbst ein groes Glck zugefallen; Hederich fhlte
sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von
Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen
Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die
Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz ber Gretes Tod verloren
hatte, zurckgekehrt war.

Mit tiefem Kummer aber erfllte die Freunde das Aussehen und Wesen
Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag
ein so herzzerreiender Ausdruck von Verzicht auf Glck und
Lebensfreude, da Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich ber
die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrcke gar nicht zu
beruhigen vermochte.--

Es war gegen Ende der Woche in der Frhe, als der Inspektor in sehr
aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen
von Tankred eingetroffenen Brief berreichte.

In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darber Ausdruck, da ihm
keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von
der Haushlterin. Er verlangte solche umgehend und fgte hinzu, da er
ehestens nach Holzwerder zurckzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er
gezwungen worden, den Sden zu verlassen und sich nach Hamburg zu
begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hie es:

'Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von
Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren,--das Wort
war, weil der Schreiber vielleicht die greren Kosten scheute,
nachtrglich ausgestrichen, und statt dessen 'schreiben' gesetzt,--wie
es dem Kleinen geht.'

Der Inspektor bat um Verhaltungsmaregeln; er wute nicht, was er thun
sollte, und fhlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklrte,
sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Manahmen treffen.

Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand
an ihren Schwiegersohn:

  'Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von
  demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder
  befindet, bergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer
  jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, da
  wir unser kleines, durch schlechte Pflege uerst vernachlssigtes,
  fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die
  Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte
  abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, da unser
  bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist,
  einlaufende Gelder zwar wie frher in Empfang zu nehmen, aber
  lediglich zur Verfgung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an
  niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten.

  Ergebenst

  A. von Tressen.'

"So!" rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung
ihres Mannes einem Diener zur Besorgung bergeben hatte. "Nun werden
wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief.
Von bermorgen ab knnen wir uns auf seinen Besuch gefat machen. Aber
alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er
durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so
werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklrungen geben. Aber
passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen."

"Wer wei!" fiel Herr von Tressen ein. "Da er sich nicht in gleicher
Weise fgen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube
doch, da er irgend etwas Gewaltthtiges inszenieren wird."

"Gewaltthtiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Da ihm vielleicht solche
Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um
mehr handelt, als um schiefe Gesichter, fat er nicht an. Wohl aber
halte ich es fr mglich, da er sich einmal wieder an Theonie
heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Rcksicht auf alles
Vorgefallene eine seiner Komdien in Szene setzt. Da fllt mir ein: ich
will Theonie lieber in Kenntnis setzen, da er aus Italien zurck ist.
Ich wei, sie trifft dann Maregeln, da er sich ihr nicht zu nhern
vermag."

Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die
klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat,
streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehlflich
klingendes "Omama!"

Da nahm die Frau das Kind in die Arme und kte es in dem berquellen
ihrer glckseligen Empfindungen lang und zrtlich.

       *       *       *       *       *

In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in
Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in hchster Aufregung auf und
ab.

Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen
vllig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse fr die
Auendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und
Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstlich
zwei Thatsachen: vorlufig war er von Holzwerder ausgestoen, und wenn
das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle
Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem
Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit
seinem Rechtsanwalt Rcksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen
telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu
senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm
selbst an Schlufolgerungen aufdrngte? Und das Telegraphieren war ja
berhaupt zwecklos. Nur durch persnliches, mndliches Eingreifen
vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen!

Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des
ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag
vllig unerwartet. Eine solche Mglichkeit war ihm berhaupt nicht in
den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich hchstens in
mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg
in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet
oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des
Eigentmers vom Turme, aber jetzt?----

Und Gegenmaregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war
sicher zwecklos.

Tankred wute, da das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen
war, und ohne die nheren Umstnde zu kennen, war es fr ihn zweifellos,
da ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente
sttzte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig
gemachten Hhe war er mit einem jhen Schlage herabgestrzt. Das Bild
hatte sich vllig verndert. Er stand tief unten und mute bittend die
Hnde ausstrecken, mute gute Worte geben. Und das war nicht nur
zeitweilig. Brecken sah, da er durch diesen unerwarteten Zwischenfall
entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm fr
spter geplanten Vergleich zur Ausfhrung bringen msse. Ja, das war
jetzt das einzige, was ihm brig blieb, nur mit dem Unterschiede, da,
da nicht Tressens mrbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre
Bedingungen vorschreiben wrden.

Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fu und bi die
unheimlich weien Raubtierzhne in seinem Verbrechergesicht zusammen.
Und dann--dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein-
fr allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der
That so furchtbar hatte ben mssen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu
rumen--! Nein, nein, fort mit dem grlichen Gedanken! Ihm war's, als
stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fhle er die
Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht!----Und doch, im
Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, da solche
Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer
gestrten Blutzirkulation herrhrten, und da das heilbar war, hatte
sich ja nun herausstellt.

Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war
mehr als Unsinn, deshalb konnte er--Ja, was? Nun war er doch abermals
bei Theonie!

Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthr in Falsterhof,
drang ins Haus ein, erwrgte mit rascher Energie den Kter, schlich
hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Fusten, ehe sie
berhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch
einmal, da sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie
er gekommen war.----Und dann und dann--Brecken reckte sich in die Hhe,
trat vor den Spiegel, ma seine Gestalt und betrachtete sein knochiges
Antlitz--dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder
entbehren.

Entbehren?--Nun, soweit kam's berhaupt doch wohl nicht. Etwas wrde man
ihm doch zubilligen.--Und pltzlich fiel der Mann wieder in einen der
roten Plschsessel zurck und starrte vor sich hin, weil--weil--das doch
eben nur schne Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie
vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und
Wirklichkeit ernchterte und entmutigte ihn nur noch mehr.--Endlich
sprang er auf, und ein: "Ja, so soll es sein!" ging aus seinem Munde.
Erst wollte er sich mit Tressens ausshnen, zu erreichen suchen, was zu
erreichen war, und dann spter endlich die Geschichte in Falsterhof
abmachen, nachdem er vorher--da ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst
kam!--die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so
sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und
reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, da er ihn
am kommenden Vormittag in Geschften besuchen werde, nach Elsterhausen
ab.--

Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter
langsamen Schrittes die beschneite Landstrae von Elsterhausen nach
Breckendorf durchma. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war
sehr bedrckt zu mute. Seine ungnstigsten Vorstellungen hatten sich
besttigt. Von Brix war ihm erklrt worden, da gerade an diesem Tage
auf seinen speziellen Antrag die Besttigung einer vorlufigen Kuratel
ber Gretes Vermgen eingetroffen sei, und da Tressens jetzt zu irgend
welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermge in der Sache
nicht nur nichts zu thun, sondern msse auch eine Vermittlung ablehnen.
Zugleich erfuhr Brecken, da die Akten zur Prfung an den Staatsanwalt
gegangen seien, und die Mglichkeit vorliege, da die Anklage wegen
Flschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm
nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem
freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt
werden knne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern
des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen
worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der
definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten.

Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg
einschlagen und der Pastorin Hppner Hlfe in Anspruch nehmen.

Er frchtete das Ergebnis der Flschungsklage, in dieser Annahme
untersttzt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch
die Beweise! Aber die ganze brige, seine Existenz und seine
Bequemlichkeit gefhrdende Situation war ihm unertrglich. Ein Vergleich
hob die Streitigkeiten und den Proze wenigstens nach der einen Seite
hin auf; darum war's ihm zunchst zu thun. Die Diten, welche ihm das
Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermgen zur
Verfgung stellen wrde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in
ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld lieen ihm, da die Dinge sich nun
einmal so ungnstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen
Umstnden, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute
Worte geben sollte, aus der Ungewiheit heraus. Das Spiel--er hatte es
sich klar gemacht--war vllig verloren, und damit wollte er rechnen.

Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er
sich gegenwrtig selbst so charakterlos, feige und schwankend, da die
Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wnschte, einen Kompromi mit sich
und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu
schlieen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal
noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal!--Und wenn der
Vergleich mit Tressens durch Frau Hppners Hlfe gelang, dann wrde auch
Brix Rat wissen, das brige zu beseitigen; dann war alles gut.--

Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem 'guten
Mann' im Zimmer. Sie sa mit umgebundener Kchenschrze auf der Lehne
des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem
Pulte den Rcken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die
Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschrnkten
hoch emporziehend, aufmerksam zuhrend vor ihr.

Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht ber Lene, deren
Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres
Mannes getrieben hatten, mit den Worten schlo:

"Es ist das erste mal, da ich das Kind bei einer Lge ertappe! Aber
eben--sie versteht doch schon zu lgen und sich zu verstellen, und das
macht mich so unendlich traurig."

Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort:

"Ach nein, nein, es ist leider so, und Du mut mit ihr reden und ihr
vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir drfen die Sache nicht
leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster.
Ich mu immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er
schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet
werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser
Mensch--"

"Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu drfen!" lie
sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thr ffnenden Magd
vernehmen, und fast gleichzeitig und hchst ungelegen erschien Tankred
unter tiefer, berhflicher Verbeugung.

Aber whrend der Pastor wie gewhnlich dem Gutsherrn mit groer
Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte
Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit
zurckgeworfenem Haupt und uerst steifer Miene. Auch machte sie
absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschften zu ihrem Mann
gekommen, sogleich eine Wendung zur Thr.

"Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!" schmeichelte
nun Brecken unterwrfig. "Ich mchte gerade Sie gern sprechen und Ihren
freundlichen Rat erbitten. Wrden Sie mir nicht einen Augenblick
schenken? Ich wre sehr dankbar dafr--"

Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwrtig,
da sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen
vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder
Platz.

Um die unhfliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der
Pastor mit der Entschuldigung, da das Kraut zwar von sehr geringer Gte
sei und Breckens verwhntem Gaumen kaum behagen drfe, dem Gast eine
Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, da er
durchaus nicht verwhnt sei, und da ihm des Pastors Zigarren--obschon
er sie hchst miserabel fand--stets vortrefflich schmeckten, entzndet
hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei
fast ausschlielich an die Frau.

Er sprach in lngerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwrfnissen
zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Gte der Frau
Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin
bernehmen zu wollen.

Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die
Pastorin nahm gleich fr ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit
demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds
Auseinandersetzungen zugehrt hatte:

"Wir mssen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre
Anregung hin einzugreifen, hiee an den Tag legen, da bei uns doch noch
ein Rest von Sympathie fr Sie vorhanden wre. Gerade das Gegenteil aber
ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie
gethan, und ich fr meinen Teil bin ein- fr allemal mit Ihnen fertig.
Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen,
und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier berflssig
geworden. Empfehle mich!"

Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf
den Pastor, seine Frau zurckzuhalten. Und so geschah es auch. Aber
nicht zum Vorteil Tankreds.

Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten
Verstellungsknste anwandte, whrend doch seine Augen verrieten, da er
am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht
htte, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Lge uerst verstimmten
Pastorin ein solcher Tumult von rger und Widerstand, und ihr sittliches
Gefhl bumte sich so gewaltsam auf, da sie mit funkelnden Augen
hervorstie:

"Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thten Sie, wenn Sie so
rasch wie mglich das Land ein- fr allemal verlieen! Hier nimmt kein
Hund ein Stck Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter mitraut man aufs
uerste, man hlt Sie fr fhig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich
um Vorteile fr Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, da
jemals ein Mensch allen, mit denen er in Berhrung gekommen ist, einen
solchen Abscheu eingeflt hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler
und Komdianten, und ich fge hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern
ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht
gestraft hat, weil er ihn spter um so empfindlicher zchtigen will.
Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wnschen vielmehr, da
unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen,
was sie erstreben!--So, und das war nun das letztemal, da ich Ihnen im
Leben gegenbergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner
Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!"

Nach diesen Worten verlie die unerschrockene Frau das Gemach, und
bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemaregelte da.

Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an:

"Lieber Herr von Brecken, es giebt fr jeden, der fehlte, bei unserm
Herrn Jesus Christus--"

Aber weiter kam er nicht.

"Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem--Ihrem--" setzte Brecken, der vor
Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Hppner auf.

Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und
wollte und konnte all das Geschwtz und all die 'Salbaderei' nicht mehr
ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter
Stimme:

"Sie begreifen wohl, da ich nach einer solchen malosen Invektive es
nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches
und vershnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau
scheinheiliger berhebung!--Nein, nein, ich hre nichts mehr, und nie
werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!"

Nach diesen trotz seiner malosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor
sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten strmte Tankred auf
den Flur und aus dem Hause.

Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurck, in das er seinen
Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der whlenden Gedanken
in seinem Innern besser Herr zu werden, zunchst einen einsamen
Nebenpfad. Er mute allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen;
er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernnftigen Entschlu zu
gelangen.

Einmal scho es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu
begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst
zu fhren. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so
sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies
Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende,
und es war nun auch fr ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es
sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besa keine
Mittel mehr zum Leben. Er mute dann schon Anspruch auf Diten erheben,
aber da er ohne Wohnung war, wrden sie kaum zu seinem Unterhalt
ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und
zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhhtem Mae die Gier
nach Besitz und Geld.

Welch ein Augenblick, wenn er Eigentmer von Falsterhof sein wrde, wenn
er mit stolzer, von Machtflle getragener Geringschtzung herabblicken
knnte auf das 'Gesindel', das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete
sich in Gedanken an ihrem rger und ihrer grenzenlosen Enttuschung, da
es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu drcken. Im
Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer nchsten
Nhe, und von gengenden Mitteln untersttzt, konnte er einen vorlufig
verlorenen Proze noch einmal wieder aufnehmen.

Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die
Verhltnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Whrend er
dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines
Innern, waren seine Gedanken ausschlielich mit diesem Plan beschftigt.
Abermals wollte er ausstreuen, da er sich nach dem Sden begebe, bei
seinem Anwalt wollte er, um spter sein Alibi nachweisen zu knnen,
seine Adresse an der Riviera niederlegen.

Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals,
aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann
direkt nach Italien reisen und sich von dort zurckrufen lassen--als
Erbe von Falsterhof.

Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen,
was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer
Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde.

In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das
pate ihm eben; er bestellte ein Glas heien Grog und knpfte ein
Gesprch an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange
Abwesenheit vorschtzend, ber Falsterhof aus; wie es seiner Kousine,
die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen knne, gehe, und ob der
Wirt etwas von ihr gehrt habe.

"Ja, die gndige Frau will in diesen Tagen, so erzhlte der alte Frege,
eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen
frh gehen sie schon ab.--Nicht wahr, Anna?" rief der Mann seiner eben
eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung ber die Mitteilung
geschickt unterdrckend, Zweifel hinwarf. "Sagte Frege nicht, da die
Herrschaft von Falsterhof morgen frh abreisen wollte?"

"Nein, bermorgen mittag," berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig
begrend. "So sagte der Pchter Harms gestern abend."

Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen
seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des
Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen.

Mit schlecht verhehlter Hast lie er sich sein Pferd wieder vorfhren,
bezahlte die Zeche und warf hin, da er noch heut seine Reise nach
Italien antreten wolle. Als er schon in der Thr stand, wagte der Wirt
nach dem Stande der Prozeangelegenheit zu fragen, er gab sich den
Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse fr Brecken.

"Erst hatte ich die Oberhand," antwortete Tankred anscheinend gelassen,
"nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte
die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist.
Zunchst will ich noch mal etwas fr meine Gesundheit thun. Adieu,
lieber Krger! Adieu, Frau Krger! Auf Wiedersehen!"

Damit trabte er davon, und der Wirt, getuscht durch seine sorglose
Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zurcktretend und sich
an den warmen Ofen stellend:

"He schien ja ganz vergngt to sin. Am Enn steiht doch de Sak fr de
Herrschaften up Holtwerder nich so gnstig, as de glwen.--Schall mi
Wunner nehm'n, woans dat aflst! Na, ick mug nich mit em in Striet
kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann."

       *       *       *       *       *

Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte
die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie
auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, da
er Gnstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit
heraus.

Er wute, da Brecken bei Brix gewesen, und da dieser jede Intervention
eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Hppner. Jedes Wort, das
letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und
gab es--ein Labsal fr sich selbst--wieder. Endlich wute er auch, da
Brecken spter noch im Krug gewesen war und dort geuert hatte, da er
sich gleich wieder nach dem Sden begeben wolle.

"Was soll er denn auch hier thun?" schlo Hederich eben so berzeugt wie
vergngt und rieb sich die Hnde. "Drum und dran--es war ein groartiger
Gedanke von Ihnen, gndige Frau, den Spie umzukehren und hier
einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist vllig entwaffnet und bittet
um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar
nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gndige Frau!"

"Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich knnte
gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. brigens mchte
ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um
ihrem Vetter unter allen Umstnden aus dem Wege zu gehen. Vielleicht
ndert sie nun ihren Entschlu. Wie wr's, lieber Hederich, wenn Sie auf
der Rcktour einen Augenblick bei ihr vorsprchen und ihr Mitteilung
machten? Die Neuigkeiten wrden sie auch um unseretwillen angenehm
berhren, ich wei es!"

Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem
Frhstck nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach
Falsterhof.

Wie immer ffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thr, wie
immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich
anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen
Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es
drngte sich dem Besucher unwillkrlich die Frage auf, wie die Menschen
es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag
ausfllten, wie sie Herz und Sinne nhrten. Alles war so freudeleer, so
eintnig, dster und bedrckend.--

Hederichs Bericht nahm Theonie mit groer Spannung und sichtlicher
Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke
Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit ber die
gnstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend,
ob sie reisen solle, und uerte sich in diesem Sinne gegen Hederich.

"Sie begreifen nicht, da ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!"
sagte sie. "Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute
erinnert, das mir der Himmel whrend meines Lebens schenkte. Meine
Eltern, und was ich spter liebte--"

Theonies Augen feuchteten sich, und fr Augenblicke vermochte sie nicht
weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin
und bat, von einem raschen Entschlu beeinflut, ob Hederichs nicht am
kommenden Tage mit Tressens und Hppners, die sie auch bitten wolle, zu
Tisch und Abendbrod kommen mchten.

"Also wirklich, Sie geben die Reise auf?" warf Hederich nach
ausgesprochener Zusage hin.

"Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem
ich nun den schrecklichen Menschen fern wei, atme ich wieder auf und
will mich meiner Ruhe von neuem freuen.--Hier, nehmen Sie das Ihrer
lieben Frau mit!" schlo sie, als Hederich aufstand und sich zum
Abschied rstete. "Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt,
und die ich fr sie neu habe fassen lassen.--Nein, nein, keinen Dank,
ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise
den Schmuck doch zusenden!"

Nun kam auch Frege und meldete, da Klaus den Schimmel vorgefhrt habe,
und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen
Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg
zurck nach seinem kleinen Gtchen.

       *       *       *       *       *

Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Frhlings regten sich.
Die Klte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser spten
Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, da die Schritte eines
sich Falsterhof nhernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der
Natur unterbrachen. Und das strte den Sptling. Er wnschte Sturm und
Finsternis statt dieses sanften Trumens der Natur, und als nun eben der
Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte,
auch vom Gehft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang,
ging ein wilder Fluch ber seine Lippen.

"Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!" murmelte er zhneknirschend.

Doch lie Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal
nahm er den Weg ber das Feld durch das Gehlz und hielt erst inne, als
er die Rckseite des Hauses erreicht hatte.

Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem
Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken
vordem gehrt hatte. Das Tier befand sich also offenbar--vielleicht
durch einen Zufall--nicht im Hause; und die schwerste und zunchst
wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte,
da dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen,
und nun schwankte er auch nicht lnger. Im Nu drehte er den Schlssel im
Schlosse um, horchte gespannt, ob das Gerusch jemanden geweckt habe,
und entzndete, als alles still blieb, die Blendlaterne.

Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten
Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfate mit seinem
Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemlde an den weien Wnden,
horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung
nichts, als das regelmige, laut durch den eingeschlossenen Raum
dringende Ticken der groen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Fr
Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken
Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm
auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom
Wohnzimmer aus in die Gemcher ihres Mannes begeben, dort nach dem
Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geffneten Vorzimmer
nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr
gtiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich
strenge Miene seiner Mutter und zuletzt--seltsam,--der alte Frege.
Brecken war's, whrend er zum Dmpfen seiner Schritte ein paar
Filzsohlen unter die Stiefel knpfte, als ob er ihn hinten aus seinem
Zimmer treten hre, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun
beobachte. Thorheit! Vorwrts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell
empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das
Gesicht und schlich bis an die Thr.

Ein Druck--sie gab nach--jetzt war sie angelehnt.--Er horchte--sein Herz
pochte--Nichts.--Langsam und vorsichtig erweiterte er die ffnung--nun
war er im teppichbedeckten Vorzimmer.

Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem
Theonie schlief, er hrte ihren regelmigen Atemzug. Noch einmal flog's
ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begnne. Er
wollte ber sie hinstrzen, ihr mit der Linken den Mund verschlieen und
sie mit der Rechten wrgen--so lange wrgen--bis----

Aber was war das?--Theonie regte sich--Tankred wich unhrbar zur
Seite.--Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock.--Wohl
zwei Minuten stand er regungslos da.----Ohne zu sehen, war's ihm, als ob
Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken
durch das Dunkel sphe.--Endlich--endlich--war sie wieder
eingeschlafen--ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach.----

So, und nun vorwrts!--

       *       *       *       *       *

Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf
der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er
mute trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden
Gedankens der That sich an dem Gelnder festhalten und stolperte
schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang
von drben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben--er
vermochte nicht, es zu entscheiden--entstand ein Gerusch, und whrend
er, von Furcht gepackt, zur Hinterthr fliehen wollte, erschien--ja, es
war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit!--in Hemdsrmeln und mit in
der Eile ungeknpften, an den Beinkleidern herabhngenden Tragbndern
der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole.
Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er
durchs Haus, da die Wnde bebten, strzte vorwrts und sandte dem in
wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thr zu erreichen vermochte,
eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's
durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war,
so erreichte er doch das Freie.

Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde
zugeschlagene Thr zurckstie, sah er Brecken--er glaubte ihn sicher zu
erkennen an Gre, Haltung, Bewegungen--durch den Park fliehen. Einen
Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in
der Erregung unzusammenhngende Worte. Aber dann ward er aufgerttelt.
Ein entsetzliches, markerschtterndes, nicht endenwollendes Geschrei
drang durch das Haus----Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die
Treppe herab und rief dem wenige Minuten spter schlotternd vor Angst
und Schrecken aus allen Winkeln herbeistrmenden Gesinde die Worte zu:

"Die gndige Frau!--Die gndige--Frau--liegt tot im Bett----"

Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und whrend eins der Mdchen sie
in ihren Armen auffing, strzten die anderen empor, um selbst zu sehen,
was Grliches, Grausiges, Unerhrtes geschehen war.--

       *       *       *       *       *

Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten
Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte,
Tankred von Brecken. Der Schwei rann ihm von der Stirn, die Glieder
flogen, die Brust hmmerte.--Vorwrts! Vorwrts! Zunchst weit weg aus
dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurck
nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage
nach dem Sden!

Ja, wenn's ging!--Schon mute er froh sein, wenn er sich mit der Wunde
bis dahin schleppte. Im Krper brannten die Schmerzen, und brennend
ging's auch durch sein Gehirn, denn whrend er dahin strmte, erschien
wieder vor seinem inneren Auge das unglckliche Geschpf in dem hohen
Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genhert
hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der
Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein
Ton, den er nicht vergessen wrde, und sollte er tausend Jahre alt
werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden
Hnden an die Gurgel gefat hatte, und wie im Sterben noch ihr halb
flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war!--Es war
grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so
frchterlich gewesen, da sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte
Mitleid mit dem armen, hlflosen Geschpf empfunden--er htte ihr lieber
vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder
Sterben. Aber schon war's zu spt gewesen. Die Augen waren verglast und
aus den Hhlen getreten, die Brust hatte aufgehrt zu atmen, der in
Todeswahnsinn arbeitende, sich strubende Krper hatte keine Kraft mehr
gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen
gehorcht.--Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als
er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Fusten ihre Gurgel----In
diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung
gerade dieser legten Vorstellung,--denn dann hatten ihn Grausen,
Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten htte er gleich von oben aus
das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht
hatte sich seiner davor bemchtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen
zu mssen, ber den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich
bewutes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und
die den Urheber all des Frchterlichen verraten wrde----!

Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht,
hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen--Und
dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und
immer unertrglicher wurde, jetzt so unertrglich, da Tankred von
Brecken den bisherigen, strmenden Lauf hemmte, stille stand und in der
grlichen Qual aufbrllte.

Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch
trat dieser Schmerz zurck vor einem sich jhlings seiner bemchtigenden
Gedanken, vor der sich zur Gewiheit steigernden Befrchtung, da Frege
ihn erkannt habe!

Ja, er mute ihn erkannt, schon sein Instinkt mute ihm die Wahrheit
eingegeben haben! Und die alte Kanaille wrde gegen ihn zeugen, wrde es
aller Welt verknden, da er, Tankred von Brecken, der Mrder sei----!

Und man wrde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich,
wer, auer Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Stdtchen, wohin
er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich
fr einen in Dresden lebenden Hauptmann auer Dienst ausgegeben.
Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurckzugehen und auch
Hamburg zu vermeiden.

Aber was beginnen--?

Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Krfte fingen
an, ihn zu verlassen!

Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten.
Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die
Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr ber die Felder,
Wiesen, cker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Klte mit
sich.

Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden
Krften der Mrder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erlst
zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur
Raserei peinigten.

       *       *       *       *       *

Der alte Frege sa in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die drren
Kniee gesttzt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und
starrte mit einem unbeschreiblich mden und verlassenen Blick vor sich
hin. Die mit der fr die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen
Manahmen verbundene Ttigkeit hatte ihn seit der Frhe aufrecht
erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken,
und die Gedanken kamen und lsten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie
je zu einem Schlu gelangten, war's immer nur der: "Was sollst du noch
auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein
Leben gewidmet hattest?" Frege hatte whrend seiner langen Dienstzeit
nie etwas anderes verlangt, als die Thtigkeit, in der er sich befand,
und die Ausbung seiner Pflicht, die ihm Bedrfnis geworden war. Andere
richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten drauen besseres zu finden,
neben der Arbeit Zerstreuung, hheren Verdienst, und was sonst die Sinne
der Menschen fesselt. Er aber wute, es sei thricht, zu glauben, das
die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie
geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre
Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der nchsten
Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die
Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre
Gebrden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt.

Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjngt, als
Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien
die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie
strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes
Auge, ihre glckseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal
jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder.

Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in
den Tod gefolgt, und das groe Erbe kam in fremde Hnde. Wo sollte er
nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens wrden ihn auf
Falsterhof lassen, alles wrde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram
fra an seinem Herzen; es war auch gleichgltig, wo er die letzten Jahre
noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst--Leben, ja! essen,
trinken, schlafen.--Aber welch ein leeres Dasein!--Gab's noch irgend
etwas, das ihm Hoffnung ins Herz trufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein
Gedanke vermochte ihn noch aufzurtteln: den Verbrecher unter den Hnden
des Henkers zu sehen!--

Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Mrder stnde ihm jetzt
gegenber, dann verzerrten sich vor Ha und Wut seine Mienen. Er fiel
ber ihn her, stie ihm ein Messer in den Krper, wo es gerade traf, und
weidete sich an der Dual des Scheusals.--Und Gott wrde ihm vergeben!
Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, wrde
begreifen, da man Rache bte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott
nicht selbst eine Hlle geschaffen mit Zittern und Zhneklappern fr die
Bsen, und sollte sein Geschpf, der Mensch, sich des natrlichen
Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entuern?

Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau,
die er wie ein hheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte
sich auf, schritt mit nassen Augen langsam ber den stillen, hallenden
Flur, ffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet
hatte, und nherte sich ihrem Totenlager.

Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu frchterlich waren
die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die
Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geffnet, und
diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von
flehendem Entsetzen!

Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken ber das Antlitz; er konnte
ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudrcken, er vermochte es nicht.
Er sank neben der Leiche nieder und weinte und sthnte.--Noch tags vor
ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend,
lange mit ihm gesprochen, Plne gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen
gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie fr ihn besa. Und da war
der feige Einbrecher erschienen und hatte--hatte--O Gott, o Hchster
ber den Sternen! Es war nicht auszudenken, da das wirklich alles
geschehen war!

Der Hund hatte die ganze Nacht in Abstzen gebellt, durch ihn war Frege
geweckt worden--aber zu spt----zu spt----Und da das Tier sich gerade
an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einla findend, in
den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so unglcklicher Zufall
gewesen, das erschien als ein solches Bndnis des Teufels mit dem
dmonischen Plan des Verbrechers, da es fast aussah, als habe Gott aus
fr die Menschen unerfindbaren Grnden alles so geschehen lassen wollen!
Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen
gleich erscheinenden Schicksalen gewesen!--War darin Sinn und
Verstand?--Vielleicht doch!--Sie mute fallen, damit jene auf Holzwerder
wieder zu ihrem Recht gelangten, fr schwere Enttuschungen um so hher
entschdigt wrden. So ging's berall in der Welt zu; das waren geheime
Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte,
neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von
Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst
Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten.

Wenn's nur nicht sein Sohn wre! dachte der alte Mann. Nur nicht der
Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste!

Endlich erhob er sich, die Thrglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war
Essenszeit. In der Gesindestube saen schon die anderen Dienstboten zu
Tische, und drauen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden,
harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Strkeren gegen
den Schwachen.--

Am Nachmittag desselben Tages trafen Hppners, Tressens und Hederichs in
Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen
der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch
Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden
Bericht ber die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten
Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft
unternommen hatte.

Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Bltter
hatten schon am Tage nach der That ausfhrliche Berichte gebracht und
Mutmaungen ber den Thter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit
vollkommener Sicherheit die Erklrung abgegeben, da er Brecken erkannt
habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das
bestimmteste behauptete, den Mrder verwundet zu haben, erschien die
berfhrung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als
eine leichte.

Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert,
da er tags vorher in der Nhe gewesen und die Absicht geuert hatte,
sich nach dem Sden zu begeben. Aber da er keinen groen Vorsprung
gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine
Ergreifung gesetzt hatte, mute sich die Angelegenheit baldigst klren.

In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die
mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschftigten sie auf
das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, da auf einem
solchen vorstzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof
zu, und er wurde zugleich fr alle Zeiten Einflssen entzogen, die, wie
auch immer der Proze ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen
sein wrden.

Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste
Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache.

Und wenn auch gegenber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen
unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz
aufdrckte, uerungen der Freude ber den wahrscheinlichen Ausgang der
Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von glcklichen
Vorstellungen erfllt, und namentlich auch Hederich und Carin machten
Plne, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurckzukehren.

Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder
verwachsen. Er fhlte sich dort besonders heimisch und glcklich. Und
bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine
materiellen Verhltnisse wesentlich.

Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes.
Wenn er in die alte Thtigkeit wieder eintrat, so waren sie
wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie
pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden
jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben
vermochte.

Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg,
drckten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann
Vorbereitungen zur Abfahrt.

Als sie bereits in der Thr standen und den letzten Hndedruck
austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe,
wie sie gehrt, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer
berraschung keiner bedrckten Miene, sondern die Pastorin neigte mit
leuchtenden Augen den Kopf und sagte: "Ach, es ist ja ein herziges Ding!
Sie hat so tief bereut, da mir die Seele schmolz. Sie kam
unaufgefordert zu mir, legte ihr Kpfchen an meine Schulter und
bettelte, da ich ihr verzeihen mchte."

Sie hatte nach diesem Bericht ber Lene auch keine Zeit mehr, die
lebhafte Frau Pastorin. Sie drngte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen
und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmtigen Gesicht,
was sie wollte.

Durch das Gesprch ber Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen
Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfaten
sie.

Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf
die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein blhend
aussehendes junges Weib in die Arme und flsterte zrtlich neckend:
"Aber mein kleines Frauchen,--drum und dran--mag keine Kinder--!" Da
senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in
ihren Mienen die Glckseligkeit, die sie durchstrmte ber das, was auch
ihr bevorstand.--

       *       *       *       *       *

Es war Sptabend. Abermals ein furchtbares Gewitter--gleichsam ein Kampf
der mchtig nach Verjngung ringenden Natur--durchtobte den Himmel, und
meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der
vor einigen Tagen krank nach L. zurckgekehrte, unter dem Namen 'von
Kaub' in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war.

rztliche Hlfe war von ihm zurckgewiesen. Er hatte einen Barbier
angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte
linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern mute. Es sei eine sehr
bse Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die
Frage des Wirtes erklrt, und viele Wochen wrde es dauern, ehe der
Kranke das Zimmer wieder verlassen knne.

Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant
verlassen, auch smtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben,
und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen,
als noch an die Hausthr geklopft ward, und der Barbier, an dem
verschlafenen Hausdiener vorberschreitend, in sichtlicher Erregung das
Gastzimmer betrat.

"Nun?" machte Helms, der Wirt, ein mittelgroer Mann, der mit seinem
zwischen englischen Bartkoteletts beraus glattrasierten Kinn und der
bertrieben sorgfltig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als
ob er sofort als Schauspieler in einer Bhnenrolle aufzutreten habe,
verwundert und nicht eben angeheimelt.

"Wo kommen Sie denn noch so spt her, und in dem, Wetter, Bartsch?"

Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute
sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten frchtet. Dann
sagte er:

"Ist noch hei Wasser da? Ich mchte einen halben
Grog,--und--dann--dann--mu ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr
wichtiges, das keinen Aufschub duldet!"

In Helms Gesicht drckte sich allerlei Mibehagen aus, aber er ging doch
hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Hhe, lie
den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett.

"Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms," begann Bartsch, ein Mann, in seiner
Erscheinung mehr einem Kster als einem Barbier gleichend, mit ernstem,
zuverlssigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt,
eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor.

Helms setzte ein Glas aufs Auge, und whrend er ein
Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit grter
Spannung seine Mienen.

"Na? Und?" setzte Helms arglos an und schnitt mit groer Umstndlichkeit
die Spitze einer Zigarre ab. "Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu
verdienen--?"

"Wir!", betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand
nach oben.

Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht.

"Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht
wird," hub Bartsch an. "Alles stimmt. Merken Sie auf!" Und nun las er
einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein "Trifft
doch genau zu!" ein.

"Donnerwetter!" sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verlie.

Und er kam auch gleich zu einem festen Entschlu. Einen solchen Menschen
im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, da er sogleich
mit Bartsch berlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche
Anzeige erstatten und veranlassen sollten, da eine Wache vor die
Stubenthr und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz
zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rckgrat,
scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr
weie Zhne, groe, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug!
Jedes Stck stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben berzieher.
Und ganz in der Frhe war er angekommen, verstrt, totenbleich, mit
Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte
erzhlt, da er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt
habe.

Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fu--! Whrend die
beiden noch zusammen berlegten, ertnte pltzlich ein Donnerschlag von
solcher Vehemenz, da die Erde zu beben schien, und sie unwillkrlich
zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben
im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht
erklrte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub.

Die beiden Mnner sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von
Grauen erfate sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen,
und nun war's so gut wie erwiesen, da der Thter oben im Hotel
lag.--Entsetzlich!--Endlich gingen sie beide.----

Als sie das Zimmer ffneten, bot sich ihnen ein frchterlicher Anblick
dar. Der Kranke sa aufrecht im Bett und brllte, man mge gleich den
Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er knne das
nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht
werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Muse und Ratten
sollten nicht an den Wnden kriechen und--und--

Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie
ein Verzweifelter und schrie und tobte, er knne es vor Kitzeln nicht
aushalten! Und dazwischen kreischte er, da die Frau, die Frau Theonie
mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde.--

Frchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Krper- und Seelenschmerzen
wirkten zusammen in dem Unglcklichen!

Und was die Anwesenden sagten, hrte er nicht, er wute schon nicht
mehr, da sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das
Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genhert
htten, und dann brllte er wieder so markerschtternd auf, da sie, wie
von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit lieen, die Thr von
auen zu verschlieen.--

Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer
auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht,
Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kmpften in ihnen. Aber dann gab's
einen schnellen Entschlu, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und
Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt
abzunehmen, sich noch verstrkt hatte, als ob alle Himmel droben
gegeneinander in Aufruhr geraten seien----

       *       *       *       *       *

Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der
Hauptstrae ab eine Anhhe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt
sich fast in der Mitte des Hgels, und rings umher befinden sich die
vielfach von Bumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Grber,
herabreichend bis an die Grten der die Strae flankierenden Huser.
Ein stiller Ort, an dem die Vgel heimlich singen, an dem selbst der
Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Flgel erhebt.

Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem
durch die Frhsonne verklrten Frieden. berall junges Grn, wohin das
Auge blickt, Grn und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der
Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermhlend,
unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt.

Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfhrt, begleiten nur drei
Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefhrt her, und jeden leitet auf
diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und
Gedanke.

Es ist die Verehrung fr die Frau des Toten, das Interesse fr sein noch
lebendes Kind, was sie nach Elsterhausen gefhrt hat.

Tankred von Brecken--ber drei Wochen sind vergangen--war in dem
ffentlichen Krankenhause, in das er auf Anordnung der Sanittspolizei
und der Gerichte gebracht worden, verschieden. Geistige und krperliche
Qualen, wie sie selten einen Menschen heimsuchen, hatte er erduldet, bis
er seine Seele ausgehaucht. Aber noch Schlimmeres htte ihn erwartet,
wenn es der Pflege gelungen wre, ihn am Leben zu erhalten. Und das
hatte der Mann gewut in den wenigen lichten Augenblicken seiner
Krankheit, in denen endlich auch das Gewissen mit ganzer, furchtbarer
Gewalt zum Durchbruch gekommen war.

Aber er wute noch mehr. Er hatte vom Himmel nichts zu erflehen, da er
alles Erbarmen verwirkt, und dennoch richteten sich seine Gedanken
hinauf, und die gefalteten Hnde zitterten, und der Mund flehte
sthnend: "Nimm mich fort, sende mir den Tod. be dein gttliches
Mitleid an der von Dir erschaffenen Kreatur, indem Du ihr das nimmst,
was die anderen als hchstes Gut erkennen: das Leben----!"

Und das Schicksal hatte ihn nach entsetzlichen Kmpfen erlst; an einem
Hirnschlag, der sein krankhaft vibrierendes Nervengeflecht lhmte, war
er gestorben, und Staatsanwalt, Richter und Henker wurden ihres Opfers
beraubt.--

Der Leichenzug war oben angelangt; die Trger hoben den Sarg, auf den
niemand eine Blume oder gar einen Kranz niedergelegt hatte, vom Wagen
und schritten an die Gruft, an welcher der Kster mit seinen Gehlfen
harrte. Es ward nicht gesprochen, alles vollzog sich stumm und tonlos.

Nur als der Sarg eingesenkt wurde, entstand durch das Hinabrollen
einiger klebriger Erdstcke ein Gerusch. Sie fielen dumpftnend auf den
Deckel, aber sie strten den Schlfer nicht mehr--

"Wir wollen ein Vaterunser beten," hub Hppner an. Aber er sprach noch
anderes. Seine verzeihende Seele drngte nach einem Wort: "Richtet
nicht, auf da Ihr nicht gerichtet werdet! Die Fehler und Vergehen des
Unglcklichen, Verirrten, den wir eben in die Erde gebettet haben, waren
das Ergebnis einer verkehrten Erziehung; er hatte durch Naturveranlagung
einen schwereren Kampf mit sich zu bestehen als andere. Das mildert
seine Schuld in den Augen der Barmherzigen. Gott mge ihm gndig
sein!"--

Als die drei Mnner, Herr von Tressen, Pastor Hppner und Hederich,
langsam den Weg zurcknahmen, zwitscherten ber ihnen die Vgel mit
sem, frhlichen Gesang; von unten drang das Gerusch emsigen Lebens an
ihr Ohr. Leben und Daseinsdrang berall! Und das Gefhl einer schweren
Last war auch von der Seele dieser Mnner gewlzt und machte sie leicht
und hoffnungsfroh.

Hier hinterlie der Tod keine Narben, hier war er eine Erlsung fr die
Zurckbleibenden, wie er eine Erlsung gewesen fr den Vernichteten, der
einst geglaubt hatte, der Mensch vermge sein Schicksal zu lenken nach
seinen Wnschen und Vorstellungen.--






End of the Project Gutenberg EBook of Todsnden, by Hermann Heiberg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TODSNDEN ***

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