The Project Gutenberg EBook of Todsuenden, by Hermann Heiberg

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Title: Todsuenden

Author: Hermann Heiberg

Release Date: October 20, 2004 [EBook #13805]

Language: German

Character set encoding: ASCII

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Todsuenden



Roman

von

Hermann Heiberg



Berlin

Verlag des Vereins der Buecherfreunde

1891




Hermann Heiberg.


Unter den grossen Verdiensten, die der Traeger dieses vielgefeierten
Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen
drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer
schwaechlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den
weiteren Kreisen des bis dahin gleichgueltig gebliebenen Publikums Bahn
gebrochen zu haben.

Es geschah dies durch seine Buecher "Plaudereien mit der Herzogin von
Seeland" und "Apotheker Heinrich."

Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger
ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne
geschrieben hatten. Er--so wenig wie Theodor Fontane--brach auch
keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten;
er--so wenig wie Theodor Fontane--stellte keine grossartigen, langatmigen
und langweiligen Programme auf; er--so wenig wie Theodor
Fontane--spielte sich als Begruender einer ganz neuen, noch nie
dagewesenen Poesie auf. Dafuer vollbrachten Theodor Fontane und Hermann
Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland,
welche die Wirklichkeitskunst begruendeten. In den siebziger Jahren
erschien ganz im Stillen Fontanes "L'Adultera"; Heiberg schrieb 81 seine
grazioesen, entzueckenden Plaudereien und zwar nur, "um seine missmutigen
Gedanken zu toeten," keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstuecke
zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun
sollten.

Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heisse Kampf
entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den mass- und
geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet,
hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschaerfter
Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er
hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein
reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfuellte buchstaeblich
die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden
Brueder, welche sie aufstellten,) dass man erst vierzig Jahre zaehlen
muesse, bevor man sich Realist nennen duerfe. Aber Realist! Meines Wissens
hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Buecher nicht "die einzige
Berechtigung des Realismus" beweisen wollten, da er sich nicht auf ein
einseitiges Dogmenverkuenden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern
in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, naemlich die Sinne und die Seele
des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und
Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, fuellen wollte--etwas, was
bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten--, so nahte
seinen Buechern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche
Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es naemlich in der That ja ganz
gleichgueltig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist
oder was immer sei--als ob ueberhaupt die Wirklichkeit diese Gegensaetze
so scharf begrenzt anseinanderhielte!--es will nur eins: es will
bezwungen sein; der Leser wuenscht zu fuehlen, dass der Kuenstler Gewalt
ueber ihn habe, er will sein Gefangener sein...

Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in
seinen entzueckenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Buechern--ich
denke hier besonders an den "Apotheker Heinrich"--langte es mitunter
zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um
den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher
Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen
zwangen, bis langsam sich die Spannung loeste und ein hinreissender Humor
uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust waelzte... Was sag' ich? in das
Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden
Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters
nachzulassen schien, steckte ein Element der Urspruenglichkeit, ein
naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht
vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fuehlte sich so wohl bei Heiberg;
er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmaennisches; bei ihm
vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer
schneidenden Satire. Auch seine berueckendsten Schilderungen waren durch
einen goldechten Humor verklaert. Dieser Humor gerade ist das
Auszeichnende der schriftstellerischen Persoenlichkeit Heibergs: nicht
viele Dichter der gegenwaertigen Zeit koennen sich zu diesem
Erloesungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den
schmerzvollsten Gegensaetzen hin und her geschleudert, und erleichtert
seufzen sie auf, wenn ihnen ein Beguenstigter begegnet, und horchen auf
ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt.

Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo
kommt er her? Nicht muessige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn,
um es mit einem groben und beschraenkten Wort zu sagen: Was Einer isst,
das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine.

Man erfuhr nach und nach folgendes.

Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen
Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die
Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen
Stadt seit langem eine grosse Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt,
entstammt dem graeflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr
glueckliche Jugend, man liess ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war
ein frischer, froehlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine
Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine
Buecher,... er ist einer der groessten und naturwahrsten Kinderdarsteller
der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend
dahinfloss, meisterhaft zu vergegenwaertigen weiss. Nachdem Heiberg das
Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der
Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in
Schleswig-Holstein und andere Umstaende die Ausfuehrung dieses
Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhaendler. Seine
Lehrjahre, die er spaeter im "Januskopf", diesem vortrefflichen
Buchhaendlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann
uebernahm er in Schleswig die selbstaendige Leitung einer von seinem Vater
begruendeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die
er wenige Jahre spaeter, nachdem er inzwischen ein Jahr in Koeln gewesen,
als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein
aufbluehendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschaeft, um
nach Berlin zu uebersiedeln. Hier ward er vorerst geschaeftlicher Leiter
der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der
energische und tuechtige Mann in die Direktion der Preussischen
Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die
vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu haeufigen und ausgedehnten
Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Daenemark,
Frankreich und England veranlasste. Wo ist ein Schriftsteller mit einer
so eigentuemlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der
als thaetiger Mann im Leben stand, nicht es als muessiger Zuschauer
beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Fuesse und
beschaeftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von
Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein
oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen--so war er z.B.
einmal voruebergehend Bevollmaechtigter der chinesischen Regierung fuer
eine Finanzierung in London--, zog sich aber endlich doch, mehrfach um
die Fruechte seines Fleisses und seiner Geschicklichkeit gebracht und
grenzenlos angewidert von allem, was "Geschaeft" heisst, zurueck. Im Jahre
1881 schrieb er dann, "um meine missmutigen Gedanken zu toeten," wie er
sagt, jene reizenden "Plaudereien mit der Herzogin von Seeland." Der
grosse Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte
ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als
Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswuerdigen Frau,
mit der er sich 1865 vermaehlt hat, umgeben von einem bluehenden
Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thaetig.

Hiermit legt der Verein der Buecherfreunde der deutschen Leserwelt sein
neuestes Werk vor.

       *       *       *       *       *




Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Baeume ihrer Blaetter
entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Waelder
hatten doch ihr Aussehen bereits veraendert: wundervolle kupferrote und
in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Gruen, das der
Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner
Baum, der, hoch die andern ueberragend, emporstrebte aus einem
parkartigen Gehoelz, welches das versteckt und duester gelegene Erbgut
Falsterhof rings umgab.

An einem solchen Herbsttage, um die Daemmerung, wandte sich ein Mann, der
eben die Dreissig zurueckgelegt hatte, in die zu dem Gute fuehrende
Kastanienallee.

Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe
hinueber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug,
aenderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen
Gesicht bewegend, die Richtung, zwaengte sich durch zwei eine stille,
grosse Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt
vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehoeft zu.

Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich
hinstreckendes, dichtes Gehoelz erreicht, durchschritt es, bis er an
einen Gemuesegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen
begrenzenden Wirtschaftsgebaeude entlang. Hier uebersprang er, den
gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und
befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier
emporragenden Fluegel des Gutshauses.

Es war ein wohl ueber zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken
Backsteinen abgefuehrter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und
Schlinggewaechsen, und dem Auge um so unfreundlicher und duesterer
erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und grosse Baeume ihn
beschatteten.

Vor zwei Monaten war, ueber siebzig Jahre alt, der Besitzer von
Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen
kaempfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode.
Das wusste der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewissheit
verschaffen wollte ueber Verlauf oder Ende der Krankheit.

Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit
seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebuesch
eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es
jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war
denn der Spaeher sicher, dass niemand ihn beobachten werde.

Nun drueckte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten
Feldstein und schaute ins Innere des Hauses.

Eben fuhr der Abendwind durch Gebuesch und Baeume und fing sich stuermisch
in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kuemmerte
sich nicht darum.

Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In
einem hohen Bett mit verblichenen, gruenseidenen Gardinen lag die alte
Frau mit gefalteten Haenden; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im
Zimmer; daneben Medizinflaschen, Glaeser, Leinewand, Schwaemme und
Schachteln.

Alte, schwere Moebel standen ringsum; ihr Aeusseres bekundete Gediegenheit
und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfaenden sie,
was sich hier abspielte, als hoerten sie das Roecheln der Kranken, als
saehen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die
sich in einen grossen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte
und nun schon seit zwei Tagen und Naechten von der Sterbenden, ihrer
Mutter, nicht gewichen war.

Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen
Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren
Eltern nach Falsterhof zurueckgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in
die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal fuer kurze
Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht
geleitet; als sehr spaet geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie
nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung
gebracht, die, einem unbewussten Egoismus entspringend, mehr den Eltern
selbst als den Kindern zu gute kommt.

Was sich jetzt diesem jungen Leben eroeffnete, war schmerzlich genug.

Theonie war zwar Erbin des grossen Besitzes, aber stand voellig allein in
der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besass, war Tankred von
Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spaehte. Aber
schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte
sich ihrer eine unausloeschliche Abneigung gegen ihn bemaechtigt. Tankred
war glatt, hoeflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an
die Zuege eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in
einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil ueber seinen
Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu loesen vermochten.

Tankred war der einzige Sohn eines juengeren Bruders des verstorbenen
Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den
Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds
Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram ueber die Verkommenheit
ihres Sohnes, der frueher als Schreiber auf adligen Guetern thaetig gewesen
war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten koennen und sich
zuletzt--gleich nach dem Ableben seiner Mutter--auf Falsterhof
eingefunden hatte. Hier sass er nun schon seit Monaten umher, erklaerte,
sich trotz seiner Bemuehungen keine neue Thaetigkeit verschaffen zu
koennen, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem
Wesen eingenommen war, genuegenden Rueckhalt, um sein Faulenzerleben
fortzusetzen.

Ganz allmaehlich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu
machen gewusst; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn,
rauchte dessen zurueckgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife
und schritt mit seinem Feldstock ueber das Gut.

Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie
ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, dass ihm bei Tisch
nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und dass ihm
Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur aelteren und besonders
geschaetzten Personen verschafft.

Tankred sprach mit solcher Offenheit ueber sein Vorleben, drueckte eine
anscheinend so ehrliche Reue darueber aus, seinen Eltern Kummer bereitet
zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte,
schlechte Gewohnheiten zurueckzuversinken, und wusste seine Tante in so
geschickter Weise zu umschmeicheln, dass die Frau sich voellig umgarnen
liess und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes
zufluesterte, gefangen gab.

"Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen,
Theonie!" hatte sie ihrer anfangs noch schuechterne Einwendungen
machenden Tochter gesagt. "Menschen koennen sich doch aendern! Diesen
jungen Mann haben die Lebenserfahrungen frueh weise gemacht. Ich glaube
an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin ueberzeugt, dass er
fortan nur grade und gute Wege gehen wird."

Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar
fallen lassen, dass es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum
Oberverwalter des Gutes und des Vermoegens einzusetzen, ihm auf diese
Weise Thaetigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natuerlicher
Ruecksicht gegen den einzigen Verwandten zu ueben, den sie noch auf der
Welt besaessen.

Mit allen Zeichen hoechsten Schreckens hatte Theonie dem zugehoert.

"Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch
sechs Wochen vor ihrem Tode, dass Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen
Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in
welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu
machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, dass
man sich um so mehr vor ihm hueten muesse, als er ein grosser Kuenstler in
der Verstellung sei, dass er die Herzen der Menschen umstricke, sich
ihnen fuege und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge
habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch
erschrocken warst ueber sein ploetzliches, unaufgefordertes Erscheinen
hier, schwoerst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser
Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch
waere erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir muessten eher grosse Opfer
bringen, um ihn fuer immer von uns zu entfernen, als dass wir darueber
sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weisst Du, was ich glaube? Nicht nur zu
Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er faehig, sondern unter
Umstaenden zu einem Verbrechen!"

"Theonie! Theonie!" rief die alte Dame entsetzt und fuer ihren Neffen
Partei nehmend. "Welche Gedanken! Meine Schwaegerin, Deine Tante, war
eine kalte, misstrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus
Pflichtgefuehl. Liebe empfand sie weder fuer ihn, noch fuer ihren
verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im
schlechten Sinn getruebt. Sie liess ueberhaupt keinem etwas Gutes, sie sah
stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig
und genusssuechtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und
die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht
verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade
Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man
ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefuehl erwacht dann, und sie
bestreben sich, zu zeigen, dass sie doch im Grunde etwas anderes sind,
als wofuer man sie haelt."----

Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine
belauscht hatte, wich er zurueck und schien auf Grund der von ihm
gemachten Beobachtungen zu einem Entschluss gelangt zu sein. Aber rasch,
wie von einem ploetzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um,
als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang
und ihn belehrte, dass in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes
zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach spaehte, dass seine
Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes ueber ihre
Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden
Greisin behuelflich war, die Todesqual leichter zu ueberwinden. Das
Stoehnen und Aechzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich;
schrecklich verzerrten sich die Zuege der Sterbenden, und kaum fuenf
Minuten spaeter hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben.

Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit
wenigen Saetzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben
uebersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehoelz
einschlagend, abermals in der Allee.

       *       *       *       *       *

Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war
Theonie von dem Begraebnis zurueckgekehrt und sank nun in ihren oben im
Hause belegenen Gemaechern an dem Tisch nieder und liess das Haupt auf den
ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum
als der Schmerz, verstaerkt durch das Gefuehl einer grenzenlosen
Vereinsamung und--Furcht.

Ausser ihr wohnten in dem grossen Hause nur zwei Maedchen und ein bejahrter
Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlaessiger, aber eigentuemlicher
alter Mann, der etwas schwerhoerig war. Das Haus des Paechters von
Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der
Paechter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden
Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er
unverheiratet war, fuehrte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und
auch sie war wenig zugaenglich.

Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen
Wohngemaecher, die sich bis in den Fluegel ausdehnten; zur Rechten lagen
die Raeume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben
Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Fluegel waren die Kueche und
die Gesindezimmer. Man musste eine breite, beschnittene Hecke
durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehoelz
gelangen wollte, welches sich dort duester hinstreckte. Auch vorn standen
grosse, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch
Stakete eingefriedigte Gemuesegarten mit hohen Gebueschen. So drang denn
nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemaecher, und das Herrenhaus machte
von aussen und innen einen unheimlich duesteren, melancholischen Eindruck.

"Was nun?" drang's unwillkuerlich und mit grenzenloser Schwermut aus
Theonies Munde, als sie nach Bekaempfung des ersten Schmerzes das Haupt
emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute.

"Was nun?" Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie,
niemand beschraenkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in
die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fuehlte sie sich
gehemmt, als befaende sie sich in einem Gefaengnis.

Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt
verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, dass sie ihr ganzes
Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend ueber sie, aber
ebenso sehr schrak sie davor zurueck, sich anderswo in der Welt
niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe fuer sie verloren.

Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Naechstliegenden zuwandten, dem
Tag und seinen Beduerfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen
erschien, schuettelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen
richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn wuerde entfernen koennen.

In den legten Tagen waehrend der schweren, schon hoffnungslosen
Krankheit ihrer Mutter hatte er luegnerischer Weise erklaert, eine Reise
unternehmen zu muessen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine
Stellung eroeffnet haetten.

Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die
Kranke getroestet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte
sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert.
Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu muessen, ihr nicht
Gesellschaft leisten zu koennen, aber er halte es fuer seine Pflicht, eine
gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht voruebergehen zu
lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke
besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn.

Und dann hatte er Theonie voll Zaertlichkeit umarmt, sie mit seinem
demuetigen Blick gestreift und war abgefahren.

Waehrend sich die alte Dame in Lobspruechen ueber ihn erging, dachte
Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Misstrauen, ihre
Abneigung verschaerften ihre natuerliche Menschenkenntnis. Sie war
ueberzeugt, dass er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit
und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Ruecksichten zu ueben,
durch deren Vernachlaessigung er sich in ein schlechtes Licht stellen
wuerde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles
vorueber waere, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebuerdet werden koennten. Er
wusste auch, dass sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde.

Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu
thun, scheute er weder Luege noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie
genieren konnte, suchte er moeglichst aus dem Wege zu raeumen. Und in der
That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche
bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine
Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war.

Nun heuchelte er Ueberraschung, Trauer und Leid, so spaet--zu spaet
gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde spaeter bemerkte ihn
Theonie, vergnueglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher haette ihn das
Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr beruehrt als der Tod seiner
Verwandten und Wohlthaeterin.

Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu
begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die
Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht
Wochen vorueberzoegen, wuerde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie
bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich
amuesieren, zu Fuss und Wagen Ausfluege unternehmen, Gutsbesitzer der
Umgegend besuchen und die uebrige Zeit essen, trinken, schlafen,
faulenzen und den Herrn spielen.

Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner
Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein
verstecktes Ziel. Nicht gleich--nicht ueberstuerzt--er hatte Zeit zu
warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wuensche wuerde er
umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Luegen auftischen wie
ihrer verstorbenen Mutter: dass er sich um Thaetigkeit und Verdienst
bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden.

Und wenn sie dann erklaerte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten,
wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen,
dann wuerde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und
dieses Gesicht hatte sie juengst im Traume gesehen--es war die
Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen.

Tankred hatte schreckliche Faeuste,--er zerbrach mit den Fingern einen
eisernen Ring,--er hatte fuerchterliche Backenknochen, er besass die
herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten
Momenten die Augen eines Raubvogels.

Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit
einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloss hinter sich
die Thuer in dem duesteren Raum und oeffnete die Pultschublade der
Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wusste, hier liegende Testament
ihres Vaters an sich nehmen. Eine ploetzliche Unruhe und Angst, dass es
von Tankred beiseite gebracht werden koenne, dass es gar schon von ihm aus
der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen.

Mit zitternden Haenden und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das
Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre
Furcht schon bestaetigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit,
hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Faecher neben anderen
wichtigen Papieren das Gesuchte fand.

'Mein letzter Wille' lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit
den Schriftzuegen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und
sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem
Dahingeschiedenen bemaechtigte sich ihrer.

Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer.
Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und
neben ihm die Unvergessliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit
gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten
Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr
Gedaechtnis, und abermals kam's ueber sie wie Gewitterschwuele. Angst und
Grauen bemaechtigten sich ihrer Seele und liessen sie nicht.

Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Raeume, der Geruch von
verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf
die Brust, und als nun die Thuerglocke anschlug, und der Hund, der immer
bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut ruehrte, als sie wusste, dass
er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen
begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung
unter ihrem Mieder und schloss rasch das Pult.

Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt.--Nichts--Tankred
schien sich in den Garten begeben, seine Gemaecher nicht betreten zu
haben.

Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald
auf die Thuer, bald auf das nach dem Park sich oeffnende Fenster. Und als
sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkuerlich als
bewusst, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres
Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spaehen und sie
beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als
ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten;
doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu
vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie
gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen
Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloss sie
die Thuer des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemaechern empor und
machte sich, nachdem sie einigermassen ihre Ruhe zurueckgewonnen, an die
Durchsicht des Testaments.--

Theonie war gross und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besass sehr
schoene, regelmaessige Zuege, weisse Haende und schmale Fuesse und jenes
Zurueckhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Maenner reizt, in
das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt,
ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersoenliche in ihrem
Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluss gelangen laesst, der
damit Behaftete sei nur mit sich beschaeftigt, interesselos und hochmuetig
oder so sehr durch anderes abgelenkt, dass vorliegende Dinge ihn nicht
fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberflaeche Feuer und
Leidenschaft; diese Gleichgueltigkeit ist dann der Schleier, den man
vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu koennen; vielfach ist's auch
ein Produkt der Erziehung, welche Zurueckhaltung als ein Gebot der
Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht.
Das letztere war bei Theonie der Fall.

Sie besass eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam,
und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kraeftigeren,
selbstbewussteren Seite hin bisher nur einmal bethaetigen koennen, und zwar
nach dem Tode ihres Mannes.

Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie
selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem
Willen und Wuenschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmaessig
dahinfliessendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen
unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil
gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschaetzt, dafuer hatten
sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt.

Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die
Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, ueberwog bald den
Schmerz und machte sie weniger empfindlich fuer die Trauer, die Theonie
um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die
Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, froehlicheres und der
Welt mehr zugewandtes Leben begrub.

Dass sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde,
stand fuer sie ausser Frage. Das Glueck, das ihr kurze Zeit gelaechelt,
hatte sie schnell wieder verlassen, denn dass sie noch einmal einen Mann
lieben koennte, hielt sie fuer undenkbar.--

Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertoente, war Theonie eben mit dem
Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im
Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen.

Als sie in die Thuer trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer
Teilname auf sie zu und drueckte wortlos einen Kuss auf ihre Hand. Sie
litt es nur halb; bei seiner Beruehrung war's ihr, als ob ein boeses Tier
sich ihr genaehert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens
vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen.

"Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurueck, Theonie," hub
Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, "weil Pastor Hoeppner noch
den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte,
um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wuenschtest
Du auch allein zu fahren?"

Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat
trotz seiner gefuegigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wusste seit
seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der
Wunsch, dass es anders sein moege, verwischte bisweilen sein klares
Urteil. So war es auch heute.

"Ja," erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem
sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, "ich
hatte allerdings das Beduerfnis, mich abzuschliessen, und haette Dich sogar
gebeten, mich allein fahren zu lassen."

Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er
mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend,
einschmeichelnd: "Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich wuerde ich
gluecklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt haettest, in meiner Naehe zu
sein. Ich haette dann doch einmal empfunden, dass Du ein etwas warmes
Gefuehl fuer mich besitzest."

"Nein, ich besitze es nicht!" gab die Frau ehrlich zurueck.

Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets
ausgewichen, aber ueber ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die
auf Freundschaft oder Abneigung haette schliessen lassen koennen.

Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte
gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten?
Wollte sie rasch und ohne Ruecksicht das Band zwischen sich und ihm
durchschneiden? Er musste es wissen, es draengte ihn heiss, und statt ihre
Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte
er unvermittelt: "Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begraebnistage
Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es
mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen."

Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners,
und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner
Schwerhoerigkeit begegnen musste:

"Es fehlt ein Loeffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein."--

Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet
mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige.

"Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?"

Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem
Gesicht; deutlicher Hass spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie
rasch wieder glaettete.

Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klueger
sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende
Furcht kam ueber sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen
Ahnungen, dass sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und
zunaechst den Loeffel brachte. Sobald sich die Thuer hinter ihm
geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort waegend, aber auch die
Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter ueber ihre Absichten nicht im
Unklaren zu lassen:

"Den Hass, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu
empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns,
glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu
bleiben.

Ich werde nicht vergessen, dass Du mein Verwandter bist, und werde die
sich daraus ergebenden Ruecksichten so lange gegen Dich ueben, wie Du sie
mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem spaeteren
Lebenswege guenstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber
doch frueher oder spaeter der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus.
Ich werde Deine Wuensche zu erfuellen suchen, sofern sie meine Kraefte und
die Grenzen, die ich nur stecken muss, nicht ueberschreiten."

Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem
gemischten Ausdruck schlecht unterdrueckter Enttaeuschung und dankbarer
Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: "Ich danke Dir fuer Deine
Gesinnungen. Dass Du jemals in die Lage geraten koenntest, 'meiner' zu
beduerfen, haeltst Du wohl nicht fuer denkbar Theonie? Umfasst der Reichtum
denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen huelfreich
erweisen kann?"

"Ich werde Dich nie um etwas bitten," entgegnete die Frau kalt, und von
der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Ruecksicht, die sie
eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewusst
werdend, fuegte sie rascher hinzu: "weil ich ueberhaupt niemandem etwas
schuldig sein moechte."

In dem Gesicht des Mannes ruehrte sich nichts, obschon es in ihm wuehlte.
"Du aeussertest vorher, Theonie, dass wir nach Deiner Ansicht besser
thaeten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schluss zu
ziehen, dass Du wuenschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so,
dann werde ich so bald wie moeglich gehen, doch moechte ich Dich bitten,
mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewaehren, bis ich eine Stellung
gefunden habe. Du wirst sagen, dass das nach den bisherigen Erfahrungen
lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn
ich die Mittel haette,"--jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange
auf den Lippen lag,--"wuerde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder
eine Pachtung zu uebernehmen suchen, aber ich armer Teufel--"

"Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine
andere Flasche, bitte!--Ich moechte, um Deine Frage zu beantworten,
Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten
meines verstorbenen Mannes begeben. Natuerlich werde ich Ruecksicht auf
deine Wuensche nehmen," entgegnete Theonie, kuehl ausweichend.

"Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst
mir, noch acht Tage zu bleiben."

Sie gab keine Erwiderung.

"Ist das zu lange?"

"O--nein--" Es kam sehr zoegernd heraus, und diesmal wusste Theonie, was
sie sprach. Und doch, um seine Enttaeuschung, die er nicht zu verbergen
vermochte, zu mildern, knuepfte sie rasch an den Schluss seiner vorherigen
Rede an und fuegte hinzu:

"Du sprachst von Mitteln, deren Du beduerftest. Auch ohne diesen Hinweis
haette ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, ueber die
ich verfuegen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines
Vaters alles so festgestellt, dass ich nur ueber die Zinsen zu disponieren
habe."

Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil
angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach,--und er vertraute ihr, obschon
er als Gewohnheitsluegner selten annahm, dass andere redlich
verfuhren,--so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen
erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und dass an eine solche nicht zu
denken, war ihm eben klar geworden.

Es kam nun darauf an, zu erfahren, ueber welche Summe Theonie
testamentarisch verfuegte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt
sei. Sicher wuerde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige
Sympathie, die sie fuer ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er
ihrem guten Willen alles anheim geben, so musste er die Krallen auch
ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht
erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt--? Das musste abgewartet
werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurueck, zunaechst aber wollte er
es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm
anbieten wuerde, wollte er sein Verfahren einrichten.

"Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem
Herzen," hub Tankred an. "Jede Unterstuetzung ist natuerlich fuer mich von
Wert, da ich nichts besitze.--Hoffentlich fandest Du durch das Testament
alle Deine Wuensche erfuellt?"

Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als
dass er sich etwas dabei gedacht haette. Theonie aber nahm sie auf und
sagte:

"Du meinst? Ich verstehe nicht--"

"Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhaengigkeit, nach
der Du verlangst."

Sie schuettelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser
Berechnung, stiess sie heraus:

"Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Paechter, zahlt wie frueher die
Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfuegung ueber die Zinsen,
wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das
heisst, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu
machen, ist mein Eigentum, und ich kann darueber nach meinem Gutduenken
verfuegen. Ich wollte Dir davon die Haelfte zuwenden, die andere den armen
Verwandten meines verstorbenen Mannes ueberweisen. Ich kann ja das Geld
entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag."

"Wie hoch schaetzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?" fragte
lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank
ausdrueckenden Kopfneigen bestaetigt hatte, in einem aeusserlich
uninteressierten Ton.

"Ich weiss es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie
darum bekuemmert. Ich freue mich nur, dass ich so viel habe, dass ich
sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft
ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt,
ist einsam und recht freudlos."

Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um
seiner Kousine Sinn fuer Vermoegensverhaeltnisse zu pruefen und danach
wieder die Wahrhaftigkeit ihrer uebrigen Angaben zu bemessen. Er wusste,
dass fuer das Gut schon vor langen Jahren ueber viermalhunderttausend
Thaler geboten waren, und ihn aergerte nur, dass sein verstorbener Onkel,
der pedantische Philister, die Hypotheken abgeloest hatte, statt Geld
anzusammeln.

Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie gross die Summe sei, die
Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem
uebrigen, damit nicht hervortrat, musste er sich gedulden. Er sah keine
Moeglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage blosszustellen, dem, was
ihn beschaeftigte, gespraechsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein
Entschluss verstaerkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten
wuerde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein
Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine
geheimen Plaene zu verfolgen.

       *       *       *       *       *

Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederliess und bei der
angesteckten Pfeife die gegenwaertigen und kommenden Dinge nochmals
ueberlegte, draengte sich ihm auch die Sorge fuer das Naechstliegende auf.
Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob
er Geld beduerfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast
ganz ausgegangen. Die Kosten fuer seine letzte Reise hatte Frege
bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war.
Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht
drueckte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelueste bisher
in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen
seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel fuer das
Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der
Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlass des alten Onkels ging auch
zu Ende.

Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er
fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Beduerfnisse
regten sich in ihm, die er frueher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte
unterdruecken muessen.

Natuerlich! Je frueher er Theonie seinen Entschluss kund gab, Falsterhof
zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine
Genusssucht und seine Ungeduld ueberwogen haeufig seine Klugheit und
Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn,
lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und
ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann ueberlegte er
wieder, wie gross der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen
werde, wenn er moeglichst lange mit seiner Abreise zoegerte, und dem, was
Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde.

Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie
erfasste, wuerde sie vielleicht die Abfindungssumme hoeher normieren. Also
warten, trotz allem warten!

Als er sich spaeter in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen
sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn ploetzlich das
Misstrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in
das Testament zu gewinnen.

Dieser Gedanke beschaeftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem
Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln liess und einen Spazierritt
unternahm.

In jedem Fall beschloss er, nachdem an diesem Abend sich alles in
Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und
nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schluessel zum Inhalt
der Schublade gelangen koenne, an der er Theonie heute hatte hantieren
sehen.

Als er diesen Entschluss gefasst hatte, hielt er unwillkuerlich sein Pferd
an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm--er befand sich auf einer
Anhoehe--lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen
gehoerte. Die weissen Waende des Herrenhauses schauten malerisch aus dem
Gruen hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende
Tannenwaelder reizvoll von der uebrigen Umgebung ab.

Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante ueber die
Verhaeltnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentuemlicher Art. Herr
von Tressen und seine Frau besassen eigentlich nichts, alles gehoerte der
Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der
Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl
existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des
urspruenglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen
Frau von Tressen, einmal heiraten wuerde.

Waehrend Tankred von Brecken noch auf der Hoehe verharrte und nun eben
seinen nach den ueberhaengenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs
wehrte, erklang hinter ihm das Geraeusch von Schritten, und als er sich
zur Seite wandte, hoerte er die Worte sagen: "Nicht wahr, es ist schoen
hier?--Guten Abend."

Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht,
ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, dass sie sich beim Sprechen
eingruben, als seien sie kuenstlich in die Haut gemeisselt. Der untere
Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber
die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das
Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters.
Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Paechter, und er war auch der
Verwalter von Holzwerder.

"Ist wohl ein grosser Besitz?" hub Tankred, den Worten des Mannes durch
Kopfnicken beistimmend, an. "Ist dort unten am Fluss nicht die Scheide
zwischen Falsterhof und Holzwerder?"

"Ja, mein Herr--Ah--" unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung
seines Namens den Hut lueftete und sein Pferd in Bewegung setzte, "sehr
angenehm--Haben schwere Trauer drueben gehabt? Ja, ja, alles fegt die
Zeit zuletzt weg. Drum und dran--." Dieselben Worte wiederholte der Mann
noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: "Aber um auf
Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor
langer Zeit gehoerten die Gueter zusammen, alles gehoerte der Familie von
der Linden.

"Dann hat also diese an die Breckens verkauft?"

"So ist es! Die Lindens besassen noch mehr Gueter. Es war die reichste
Familie--drum und dran--in der Umgegend: aber der Grossvater des
Letztverstorbenen wusste schon nicht zu wirtschaften, und"--nun
erschienen die tiefen Falten--"so hat sich's nach und nach
abgebroeckelt."

"Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein grosses Gut?" forschte
Tankred neugierig.

Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und
sagte erst nach einer Pause ausweichend:

"Ja, gross ist der Besitz--doch haben wir auch Lasten,--drum und
dran--ja, ja, gewiss, mancher wuerde die Finger lang ausstrecken, wenn er
Fraeulein Grete von der Linden waere."

"Grete von der Linden?" setzte Tankred an, als ob ihm die Verhaeltnisse
voellig fremd waeren.

"Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf
dem Gut. Uebrigens, da kommt grade das gnaedige Fraeulein mit ihrer
Gesellschafterin her."

In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine
schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fuelle prangende Blondine. Grete
von der Linden, und eine etwas aeltere Dame mit einem feinen,
geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich.

Es erfolgte eine Begruessung, doch Tankred, dem ploetzlich ein berechnender
Gedanke durch den Kopf schoss, beschraenkte sich nicht allein auf diese
Artigkeit, sondern liess sich von dem Verwalter Hederich vorstellen.

Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes
Gespraech entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner
Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren,
welches damit endete, dass sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen
Besuch abzustatten.

"Meine Eltern," erklaerte sie, "sind seit einigen Wochen verreist. Dies
ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begraebnis Ihrer Frau
Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurueck und werden
sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen."

Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im
Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden,
ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte,
misstrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, waehrend ihm
Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schuettelte
und bat, dass Tankred auch ihm bei seinem demnaechstigen Besuch nicht
vorbeigehen moege.--"Drum und dran--es wird mir eine grosse Ehre sein,
wenn Sie bei nur eingucken moechten, Herr von Brecken."

Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht
erroetende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab.

"Ein eigenes Geschoepf," murmelte er im Weiterreiten. "Schoen, sehr
selbstaendig und--klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das
unnatuerlich ist fuer ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen--heute abend will
ich Theonie einmal ueber sie ausfragen."

Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurueckkehrte, fiel
ihm auf, wie einsam, duester und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz
belegen war: Der Paechterhof weit ab, in dem grossen Hause die wenigen
Menschen, und ausser ihnen nur in einem Katen neben dem Park der
zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gaertner Klaus.

Und den Mann ueberfiel's, dass einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus
eindringen und stehlen und--morden koennten--ihn und Theonie--! Und bei
dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden wuerde, wenn man
Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette faende, wenn kein Glied der
Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei--ausser ihm------!?

Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zuegel
des Fuchses zu, oeffnete die Hausthuer und trat, begleitet von dem
impertinenten Klingelton und dem Bellen des "verfluchten Koeters" Max,
dem er einen Fusstritt versetzte, in den Flur.

Die gnaedige Frau haetten sich schon in ihr Zimmer zurueckgezogen, sie
lassen sich entschuldigen, erklaerte Frege, und leuchtete Tankred
zunaechst in seine Gemaecher und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den
Tisch fuer sich gedeckt fand.

Als er sich niederliess, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen
Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschaeftigte.

Aber waehrend er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf
ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und
Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten,
als ob sie durch nichts erregt werden koennten, als ob sie nur
Sehvermoegen besaessen fuer den einschraenkten Wirkungskreis, der ihrem
Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: "Einer
wacht ueber allem, was Du thust und thun wirst. Huete Dich!" Die Augen
gehoerten dem alten Frege.

       *       *       *       *       *

Als sich Theonie und Tankred am naechsten Tage beim zweiten Fruehstueck
zusammenfanden,--Theonie war beim ersten nicht erschienen,--brachte
letzterer nach fluechtiger Erkundigung ueber ihr Befinden das Gespraech auf
Grete von der Linden und die Familie von Tressen.

"Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit
Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht.
Grete von der Linden kenne ich wenig; es heisst, dass sie herrschsuechtig
und fuer ihre Jahre ueberreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend
schoen und auch liebenswuerdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders."

"Und ihre Eltern?"

"Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmuetiger
Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden.
Sie gehoert zu den Menschen, ueber deren wirkliches Wesen man sich
zeitlebens den Kopf zerbricht.

In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amuesement
und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So
aeusserte sich wiederholt meine Mutter, die uebrigens Frau von Tressen
trotz ihrer Fehler sehr schaetzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen
lobte."

"Weisst Du etwas von den Geldverhaeltnissen drueben?"

"Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau
mitgebrachte Vermoegen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide
lebten schon seit Jahren von Gretes Einkuenften. Bis Grete ein bestimmtes
Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutzniesserin
gewesen sein, seitdem aber keine Ansprueche mehr haben."

"Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an.--Wie
beurteilt man ihn denn?"

"Man nennt ihn in der Umgegend 'Drum und dran', weil er diese Worte
stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein
einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein
Vater hielt grosse Stuecke auf ihn."

Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darueber nach, wie geschaeftsmaessig
Theonie das alles gesprochen habe, wie kuehl und temperamentlos sie nicht
nur ihm begegne, sondern sich ueberhaupt gegen die Menschen zu verhalten
scheine.

Ihn ergriff ploetzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenueber
waermer zu geben, oder er wollte ihr durch Kraenkungen vergelten, dass sie
es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in
dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner
Eitelkeit so sehr, als dass andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte,
obgleich er die Selbsterkenntnis besass, dass er keine Achtung verdiene,
doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber waehrend bei
andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten
anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner uebermaessigen, mit
Traegheit gepaarten Genuss- und Bequemlichkeitssucht. Muehelos materiell
geniessen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu
erreichen, war ihm jedes Mittel recht.

Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspaenner der
Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um
Theonie zu troesten und ihr Beileid nachtraeglich noch an den Tag zu
legen.

Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensguete. In dem bartlosen
Gesicht glaenzten unter einer grossen, silbernen Brille ein Paar ueberaus
freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen
gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein
sagen konnte und das Woertchen 'ja' fortwaehrend gebrauchte.

Sie dagegen war eine Frau von Energie, besass Humor und Menschenkenntnis
und trat, mit ihres Mannes Schwaechen rechnend, sehr haeufig handelnd fuer
ihn ein.

Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der
Gemeinde, hoerte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner
Geschaefte.

Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und
die freundlich gesinnten und schaerfer beobachtenden Leute erzaehlten
allerlei ruehrende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene.

Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den
Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, waehrend
Theonie sich der Frau anschloss.

Als die Maenner ausser Hoerweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie
heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht
verratend:

"Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er kuenftig die
Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend."

"Das verhuete Gott!" stiess Theonie herauf. Und "Nein, nein, keineswegs,"
fuegte sie hinzu. "Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein
Vetter verlaesst mich demnaechst."

"Ich fragte nicht aus Neugierde--sondern--aus--andern Gruenden, liebe
Frau Cromwell," fuhr die Pastorin in warmem Tone fort.

"Nennen Sie mich doch wie frueher, Theonie, ich bitte--" fiel Theonie
ein. Der schwermuetige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr
eigentliches Antlitz durchstrahlt von Guete und Menschlichkeit, kam zum
Vorschein. Und "Ja, bitte--Sie wollten sagen?" schloss sie.

"Hier!" entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres
Kleides einen Brief hervor. "Dies fanden wir heut' mittag in meines
Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen
guten Hoeppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen."

Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las:

'Da Sie die junge, gnaedige Frau auf Falsterhof lieben und ihr
wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluss, Herr Pastor,
dass der Schurke, der sich bei ihr aufhaelt, dass Tankred von Brecken bald
das Herrenhaus verlaesst. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches.

Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere
zutrauen darf.'

"Wer kann das sein?" stiess die Pastorin im Uebereifer ihres Gefuehls
heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da
sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, dass Totenblaesse auf ihre
Wangen trat.

"Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu misstrauen beste Theonie--liebe
Frau Theonie? Schrecklich!--Bitte, eroeffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie
meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach
Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles
mit."

"Ich kann nichts sagen--bis jetzt nichts sagen--" gings zitternd aus
Theonies Munde, "aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und
Unruhe. Ich fuerchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des
Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindruecken."

"Koennen Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Ruecksichten leiten Sie?"

"Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte.
Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung
seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon
davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hoeren
zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so
unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thuer zu weisen, zumal er mir
bisher keinen direkten Anlass gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben
nichts, was man ihm vorwerfen koennte. Mich leiten nur die Kenntnis
seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes
Misstrauen gegen ihn erfuellt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern
hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim
Fruehstueck scheinen darauf hinzudeuten, dass er Absichten auf sie hat.
Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah!--ah--Wie werde ich
die Last von meiner Seele los!"

"Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben
kann?"

Theonie schuettelte den Kopf.

"Keine! Und das aengstigt mich nun auch! Doch still. Ich hoere Ihren Mann
und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir
vielleicht nuetzen--"

Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos
freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach,
gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zuegen, wenn er zuhoerte
und sich unbeobachtet glaubte.

Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor liess sich ueber
sein Toechterchen aus, ueber Lenes Vorzuege, und sagte mit seiner rollenden
Stimme: "Die Kinderseelen sind noch rein und unverfaelscht. Sie haben
keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie
koennen, waehrend wir 'sie' zu erziehen suchen, 'uns' ein Beispiel geben,
nach dieser Richtung ein--Beispiel geben--"

Tankred fand diese Ausfuehrungen eben so sentimental wie geschmacklos und
zog gaehnend den Mund.

Gleich aber glaetteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei
Artigkeiten und Liebenswuerdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie
gehoerte, wie er wusste, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten,
und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung
beizubringen. Auch fuehlte Tankred instinktiv, dass die beiden Frauen von
ihm gesprochen hatten, und er wollte den unguenstigen Eindruck, den die
Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, moeglichst zu verwischen
suchen. Es war ihm fuer seine Plaene von grossem Wert, die Menschen ringsum
fuer sich zu gewinnen.

"Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken?
oder verlassen Sie uns?" hub die Pastorin mit Absicht an und forschte
unbemerkt in seinen Mienen.

Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswuerdigkeit an
Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen:

"Wenn meine sehr guetige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht
zurueckzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thaetigkeit
gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne."

"Ja, das Herumhocken ohne Beschaeftigung ist niemandem gut, besonders
nicht jungen Leuten," bestaetigte die Pastorin derb und kurz, Brecken
fest anschauend. "Na, aber nun wird's auch Zeit, zurueckzukehren, lieber
Hoeppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald
einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?" schloss sie und schritt, deren
Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran.

"Auch--Sie--erweisen uns--hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?"
ergaenzte, seiner gewohnten Gutmuetigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich
er wohl wusste, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert
hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer
zum guten und hatte auch heute hingeworfen, dass er auf anonyme Briefe
nichts gebe, dass ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund
vorhanden sei, ihm Uebles zuzutrauen.

Nachdem die Gaeste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen,
noch ein Stuendchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er haette
sich gern Hoeppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken
zurueck, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr missfallen hatte.
Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet,
indem sie unter starker Betonung geaeussert hatte, sie hoffe denn, dass er
in kuerzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der
Arbeit, welche letztere allein gluecklich mache, nicht verliere.--Solche
moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider.

Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmoeglich, weil er keinen
Groschen mehr besass, und die absolute Notwendigkeit draengte sich ihm
auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschloss, noch am selben Abend beim Thee
mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Suemmchen
anzugehen.

Unterdessen naeherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und
sah dem dort beschaeftigten Kutscher Klaus zu.

Da schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunaechst um einen Thaler
anzusprechen, und sein Komoediantentum aeusserst geschickt verwertend,
stiess er heraus:

"Hebbt Se villich en beten Luettgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?"

"Ja, Herr von Brecken, dat hev ick," entgegnete Klaus mit gutmuetiger
Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen
schmutzigen ledernen Beutel hervor.

Diesen breitete er faecherartig auf dem Futterkasten aus und holte
allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred
hinzaehlte.

Aber waehrend das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit
seinem verschlossenen Gesicht in der Thuer, zog sich jedoch, als habe er
sich vergewissert, dass hier das von ihm Gewuenschte nicht zu finden sei,
kurz nickend gleich wieder zurueck.

Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und ueber die Wiese den Weg
zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief
der Koeter Max, der bei Tankreds Anblick ein wuetendes Gebell ausstiess.

Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so
ungluecklich, dass nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen
wurde.

In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von
Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er
ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich
fuchtelnd, auf abgekuerztem Wege dem Kirchdorf zu.--

Inzwischen ueberlegte Theonie, durch den Brief und das Gespraech mit der
Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich
noch heute mit Tankred endgueltig auseinanderzusetzen. Sie vermochte
seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war
sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hoeren
vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr
Gewalt anzuthun. Im hoechsten Grade auffallend war es ihr gewesen, dass
sie am Spaetnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter oeffnen
wollte, das Schloss verdreht fand. Dass Tankred versucht habe, das Innere
zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu
bringen, schon am naechsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie
abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervoesen Angst
und Furcht, die sie beherrschten, erhoehte sich ihre Bereitwilligkeit zu
Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich
verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren
Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang,
Grete von der Linden heimzufuehren, wuerde er immer in ihrer Naehe bleiben.
Der Aufenthalt auf Falsterhof wuerde fuer sie eine Qual werden; sie musste
am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin
zurueckkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her.

Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie
auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm
gegenueber sass, Auge gegen Auge, war sie gefasster, ja, dann empfand sie
kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall
ihr vielleicht guenstig sein.

So beruhigte Theonie sich denn endlich, liess eins der Maedchen kommen und
befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett
aufschlagen. Sie wuensche, da sie sich nicht wohl fuehle, nachts
Aufwartung zur Hand zu haben, erklaerte sie, und dasselbe aeusserte sie
gegen Frege, als er den Abendtisch deckte.

"Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter,"
schloss Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, dass Frege sich mit
dem einen Bein schwerfaellig bewegte.

Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentuemlichen Blick
an.

"Von ihm!--Er war's!" stiess er dann finster und ganz gegen seine
Gewohnheit heftig heraus.

"Er? Wer? Von wem sprechen Sie?"

Noch zoegerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller,
die er eben verteilen wollte, absetzend:

"O, liebe gnaedige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muss
sprechen.--Es liegt etwas Schreckliches ueber Falsterhof--es kommt von
dem jungen Herrn. Ich bitte, hueten Sie sich.--Ja, ja, ich weiss, Sie
denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil
er kein Recht hatte zu reden ueber Sachen, die allein die Herrschaft
angehen."

"Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?" drang's in Todesschrecken aus
Theonies Munde. "Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie
wissen.--Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins
Wohnzimmer! So, nun--nun--" hauchte Theonie und sank uebermannt von den
Eindruecken in einen Lehnstuhl.

Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen sass, ueber die
Lippen: Er habe gesehen, dass Tankred am Sterbetage der gnaedigen Frau ins
Fenster gespaeht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt
habe. Er habe ihn abermals gesehen, juengst am Abend, als auch Theonie
seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzaehlte von den Geldanleihen, die
Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, dass er
waehrend der Krankheit der Gnaedigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt,
sich dort amuesiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu
gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit boesen Absichten um,
er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht taeusche.

Sie koennten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon
seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand
gehabt, um fuer alle Faelle bereit zu sein.

Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen
Gnaedigen schluepfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er
dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von
dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen,
wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht.--

Nun ertoente die Glocke draussen, Max schlug an--Herrin und Diener flogen
auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer.

Fuenf Minuten spaeter trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel
getrunken, war aeusserst gespraechig, und statt der demuetigen
Zurueckhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine
unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag.

Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rueckte ihrem
Vetter die Speisen naeher und suchte seinen starken Redefluss zu daempfen,
indem sie erklaerte, sie fuehle sich sehr angegriffen.

"Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du
geniessest ja auch nichts Ordentliches," entgegnete Tankred und schenkte
trotz Theonies Weigerung deren Glas voll.

"Wozu, da ich doch nicht trinke--?" wehrte sie herb und in deutlicher
Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab.

"Na, es ist ja kein Unglueck, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht
getrunken wird," entgegnete Tankred in absprechendem Ton. "Niemals habe
ich leiden koennen, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, dass man
ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird
oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das
Glas nicht fuellen lassen zu wollen. Ich moechte sogar sagen, es ist ein
Stueck guter Erziehung, dass eine Dame ihren Herrn darin gewaehren laesst und
keine Einwendungen erhebt."

"So bin ich denn nicht gut erzogen," entgegnete Theonie schroff. "Ich
finde es unrecht, etwas unnuetz zu verthun, so lange es Darbende in der
Welt giebt."

Tankred wollte eine haemische Bemerkung ueber Theonies ewig
moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu
sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes
Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hoeren: Lieber dafuer
gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb
einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend:

"Na, streiten wir uns nicht, Theonie, waehrend der wenigen Tage, die wir
noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer.
Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und
musste sogar schon den alten Klaus anpumpen--"

Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstossen.
Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und
versoehnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen
und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige
Entfernung:

"Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natuerlich bereit, Dir
auszuhelfen. Uebrigens koennen wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei
dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine--es
soll keine Aufforderung darin liegen--ich moecht's nur wissen."

Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, spaetestens uebermorgen,
erwidern. Er fuerchtete, sie koenne ihm abermals in dem ausweichen, was zu
erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er aenderte doch seinen Plan und
sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend:

"Von Deiner generoesen Hand, beste Theonie, haengt alles ab. Wenn Du mir
kraeftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine
Versuche fortsetzen. Freilich," schloss er, verliebt sprechend, und
verschlang, durch das hastige Weintrinken ploetzlich in eine
leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt,
"Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein
schwerer, fast meine Kraft uebersteigender Entschluss."

Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, dass seine sinnliche
Natur ihr gegenueber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor
allem gefuerchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken
insbesondere gerichtet gewesen.

Zunaechst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine
Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den
Kopf bewegend, eine Schale mit Obst.

Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm
half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornueberbiegend und
sie mit seinen gluehenden Augen bannend:

"Hoere, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, dass Du
mir nicht geneigt bist. Ich weiss, woher es kommt. Du denkst an mein
Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr hasste,
obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflusst. Aber ich bin ein
anderer geworden, ich moechte es sein, und Du koenntest laeuternd auf mich
einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und liess mich von
meinen Leidenschaften fortreissen, aber ich bin nicht schlecht, wie meine
Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatuerlich, dass wir uns von
einander abschliessen? Waere es nicht vielmehr den Verhaeltnissen
entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim
ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine
Strenge und Zurueckhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem
Schmerz, dass Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that
ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah waehrend meines
Aufenthaltes hier etwas, was Dir missfallen musste? Gewiss, da ich kein
Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil
selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem
Vermoegen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich
habe. Ich faende hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann
bin. Ich koennte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir
gemeinsam arbeiten und geniessen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du
Dir auch von dem Missratenen nichts aneignen koenntest. Und doch
vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen
wuerde. Er wird Dich auf Haenden tragen, denn er liebt Dich
leidenschaftlich, Theonie.--Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar
nichts zu erwidern?"

Aber sie antwortete nicht. Sie schuettelte sich in Grauen, und er sah es,
und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht misszuverstehen waren, weil es
ihm klar wurde, dass sein Spiel verloren war, dass er trotz der
meisterhaften Maske sie nicht getaeuscht hatte, dass sie ihn doch fuer das
hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein
brennender Hass, eine solche Leidenschaft, dass er sie am liebsten
ergriffen und geschuettelt und ihr zugerufen haette: Warte, Du hochmuetige
Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souveraenen Besserhalten ueber
mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein aussaetziger
Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, dass ich
Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Faeusten!

Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil
ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie
er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf
seine gemeinen Triebe.

"Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred," entgegnete sie,
ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. "Nicht aus Motiven, wie
Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben
vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich,
fuenfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder
pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfuegung.--Nicht
wahr, Du zuernst mir nicht? Ich bitte Dich."

Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der
Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib haette toeten
moegen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz,
umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Fuelle
sprossenden Leib und die jetzt so suess und demuetig blickenden Augen.

Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf
errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem
Zauberschrank? Hatte ueberhaupt jemals ein Mensch seinen Kuensten auf die
Laenge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen?

"O, Suesse!" rief er aufspringend, sie mit kraeftigen Armen umschlingend
und leidenschaftlich kuessend, "sei hart und abweisend oder guetig gegen
mich--immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fuehle an
meinen Kuessen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhoere
mich!"

Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weisse Farben
traten auf ihre Wangen, dann aber riss sie sich mit schier
uebermenschlicher Kraft von ihm los, stiess ihn vor die Brust und floh,
wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer.

       *       *       *       *       *

Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf
wuest, und er fuehlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die
Vorgaenge des vergangenen Abends traten in sein Gedaechtnis, und Aerger.
Unmut und Reue erfuellten sein Inneres.

Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil
ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu
sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die ueblen Folgen
tragen muessen.

Er wusste, durch diesen Vorgang buesste er vieles ein, was schon gewonnen
war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts
geschehen, was sie ihm haette vorwerfen koennen, denn dass er sie liebte,
konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch
seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das
Gastrecht in unerhoerter Weise verletzt.

Er stellte sich die Folgen vor. Zunaechst hatte er sicher jede
Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person
verscherzt; von einer freiwilligen Annaeherung ihrerseits konnte jetzt
nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich wuerde sie sogar Rache ueben
und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke
kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben wuerde; er blieb jedoch
nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, dass sie nach diesem
Vorfall sich zu keinen groesseren Opfern bereit finden wuerde, im guten
wenigstens nicht. Er ueberlegte nun, was weise und vorteilhaft fuer ihn
sein werde.

Zunaechst musste er durch die Kuenste seiner Verstellung wieder ein
aeusserlich gutes Verhaeltnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon
um seines vorlaeufigen Bleibens willen; dann aber hiess es, sondieren, was
nach dem Geschehenen zu erreichen war.

Wenn er vor sie hintrat und demuetig seine Unbesonnenheit eingestand,
ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklaerte, er wolle Falsterhof
verlassen, dann wuerde er--das hielt er fuer ausgemacht--sie zu Opfern am
bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm
noch werden konnten, und schnitt sich die Moeglichkeit ab, in Grete von
der Lindens Naehe zu bleiben.

Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn
und Unmut vor den Kopf, verwuenschte seine Leidenschaft und war schon, da
er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache
verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Fruehstueck servierte
und ihm einen Brief uebergab.

Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte.

Nachdem Frege sich entfernt hatte, riss Tankred voll Ungeduld den Brief
auf und las:

  'Hochgeehrter Herr von Brecken!

  Sie haben unserer Tochter die liebenswuerdige Zusage gemacht, uns
  besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie
  ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern
  verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen moechten.
  Wir wuerden darueber ausserordentlich erfreut sein und bitten, guetigst
  dem Ueberbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten duerfen.

  Ihr sehr ergebener

  Konrad von Treffen.'

Der artige Inhalt dieser Zeilen gab Tankreds Gedanken mit einem Schlage
eine andere Richtung.

Tressens kamen ihm in ungewoehnlicher Weise entgegen. Sicher hatte er auf
Grete einen guten Eindruck gemacht, auch wirkte der Umstand wohl mit,
dass man ihn als Miterben von Falsterhof ansah.--Und er war es nicht!

Empoerend, dass der filzige Philister, sein Onkel, ihn hatte leer ausgehen
lassen! Und nicht minder unverzeihlich war's von der verstorbenen Tante,
dass sie nicht einen Augenblick gefunden hatte, um eine Klausel zu seinen
Gunsten in das Testament einzufuegen. Gewiss hatte er das Theonie zu
verdanken! Ja, sie war ihm in der Seele zuwider, obschon ihn gestern,
als sein Blut heiss gewesen, ihr Koerper gereizt, obschon er sich
eingebildet hatte, er koenne sie lieben. Diese sentimentale Tugend, diese
langweilige Resignation und diese ihren geistigen Hochmut nur in noch
schaerferes Licht stellende aeusserliche Bescheidenheit waren ihm in der
Seele zuwider. Er nahm auch einen ganz verkehrten Standpunkt ihr
gegenueber ein. Von rechtswegen gehoerte ihm die Haelfte von
Falsterhof!--Und ploetzlich schoss es Tankred von Brecken durch den Sinn,
diese Haelfte im Fall mit Gewalt von ihr zu erzwingen und dadurch sicher
der Mann Grete von der Lindens zu werden. Das sollte fortan sein Ziel
sein!

So trat er denn Frege bei seinem Wiedereintritt gehobenen Hauptes
entgegen, befahl, den Boten hereinkommen zu lassen, und schrieb, waehrend
dieser wartend an der Thuer stand, eine Zusage:

  'Hochgeehrter Herr Baron!

  Ihre guetigen Zeilen haben mich ebenso ueberrascht wie erfreut. Sie
  beschaemen mich in der That durch die ungewoehnlich artige Form Ihrer
  Einladung, die ich dankend annehme. Indem ich die Versicherung
  hinzufuege, dass ich bestrebt sein werde, mich der mir gewordenen
  Auszeichnung stets wuerdig zu erweisen, bin ich mit dem Ausdruck
  groesster Verehrung und unter gehorsamen Empfehlungen an Ihre Damen

  Ihr ganz ergebener

  Tankred von Brecken.'

Nach eingenommenem Fruehstueck setzte sich dann Tankred abermals an den
Schreibtisch und richtete die nachstehenden Zeilen an Theonie:

  'Liebe Theonie!

  Ich bedaure und bereue den gestrigen Vorfall aufs tiefste. Lass mich es
  Dir auf diesem Wege sagen und Deine Verzeihung einholen, bevor wir uns
  wieder gegenuebertreten. Niemals--dessen sei gewiss--wirst Du Dich
  ferner ueber einen Mangel an Ehrerbietung meinerseits zu beklagen
  haben, vielmehr aus meiner Begegnung erkennen, wie hoch ich Dich
  schaetze, achte und verehre.--Genehmige, liebe Theonie, dass ich noch
  acht Tage auf Falsterhof bleibe. Dann reise ich ab, und inzwischen
  finden wir Gelegenheit, uns auszusprechen und die von Dir in so
  guetiger Weise angeregten geschaeftlichen Angelegenheiten zum Austrag zu
  bringen. Heute mittag und den Rest des Tages bin ich nicht in
  Falsterhof und bitte, mich bei der Mahlzeit zu entschuldigen.

  Tankred.'

"Tragen Sie dies der gnaedigen Frau hinauf, die ich nicht stoeren will, da
sie sich gestern abend schon unwohl fuehlte. Ich werde heute nicht bei
Tisch sein," erklaerte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege.

"Die gnaedige Frau ist bereits in der Fruehe nach Elsterhausen gefahren.
Sie ist nicht anwesend," ging's kurz aus des Dieners Munde.

Tankred zog ein enttaeuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder
beherrschend, warf er hin:

"So--so? Und wann kehrt sie zurueck?"

"Die gnaedige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen
abend wiederzukommen."

"Hm, schoen!" Damit war Frege entlassen.

       *       *       *       *       *

Herr von Tressen warf eben noch einen pruefenden Blick auf die heute
reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der
Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete.

"Bitte, sehr angenehm! Fuehre Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und
benachrichtige die gnaedige Frau."

Tankred schaute sich mit pruefendem Auge in dem Raume um, in den ihn der
Diener gefuehrt hatte. Eine grosse Eleganz trat ihm entgegen. An den
Waenden hingen wertvolle Gemaelde, die Polstermoebel waren mit Seide
bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Waende in Weiss und Gold
gemalt.

Und nun oeffnete sich die Thuer, und Frau von Tressen, eine ungewoehnlich
stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch
geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender
Liebenswuerdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein
anregendes Gespraech, an dem kurz darauf auch die uebrigen Hausbewohner
teilnahmen.

Herr von Tressen war ein starker Fuenfziger, dem man die Spuren einer
flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die
Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtaeusseres war, durch eine
gewaehlte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem
Major ausser Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen
starken Schnurrbart.

Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid
an, das vollendet sass, und ihren schlank geformten Hals umschloss ein
kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Zuege waren auch heute kalt,
solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund
oeffnete, und ein Laecheln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen
trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz.

Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles
aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen.

Halb freimuetig, halb zurueckhaltend, stets von ausgesucht zarter
Artigkeit, niemals mit Beifall zurueckhaltend, immer seine Worte waegend,
verstand er es, durch sein Komoedienspiel alle, bis auf die
Gesellschaftsdame, Fraeulein Helge, zu taeuschen.

Die letztere blieb nicht nur zurueckhaltend gegen ihn, sondern legte
sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen
Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch
fuer die uebrigen erkennbar machten, dass sie ihn zu brueskieren trachte,
aber Tankred mit seinem scharfen Spuersinn wusste, dass sie sich gegen ihn
auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe.

Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluss auszuueben. Tankred bemerkte
sogar einmal, dass etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen
aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke
fast erschreckte. In der Seele dieses Maedchens war nichts Nachgiebiges,
sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehoerte sie nicht zu den vielen
sanftmuetig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden
jungen Geschoepfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich
den spaeter eintretenden Enttaeuschungen geduldig fuegten.

Nach eingenommenem Kaffee musste Tankred die Malereien der Frau des
Hauses, die nicht ohne Talent ausgefuehrt waren, in Augenschein nehmen;
man sprach mit Interesse und Verstaendnis ueber Politik, Litteratur und
Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was
sie ohne Einwendungen that.

Ihre Stimme war schoen, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem
fehlte doch die rechte Waerme.

"Sie muessen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann
wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gnaediges Fraeulein," wagte
Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe
herausfordernd in die Augen, dass es ihn fast verwirrte.

Sie besass nichts von schuechterner Verlegenheit; vielmehr schien sie
sagen zu wollen: Pruefe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine
Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab
viele, die in solcher Weise zum Taendeln aufforderten, sich aber mit
sittlicher Entruestung zurueckzogen, sobald ein Mann ihnen besondere
Aufmerksamkeiten erwies.

Solche Weiber reizt es, Herz und Gemuet der Maenner zu beunruhigen, auch
haben sie Interesse fuer sie, und es steigert sich, solange jene
unempfindlich bleiben. Sobald die Maenner aber an den Tag legen, dass ihre
Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgueltig von ihnen zurueck.

Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit aeusserster
Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach
zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich grosser Begeisterung
von anderen Frauen und Maedchen sprach.

"Es ist das schoenste, geistreichste und kluegste Geschoepf, das mir im
Leben vorgekommen ist," warf er, eine Aeusserung einer gerade erwaehnten
Dame geschickt in das Gespraech einflechtend, hin. "Ich hatte auch das
Glueck, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug genuegte,
um mich verzichten zu lassen."

"Und der war?" fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein.

Tankred machte eine ausweichende Bewegung und laechelte in ueberlegener
Weise.

"Nun?" draengte Grete, waehrend sie, wie zufaellig, einige Schritte ins
Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem
Gesichtskreis der uebrigen entzog.

"Sie misshandelte," entgegnete Tankred, indem er eine kleine
Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in
seiner Hand drehte, "ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in
unerhoerter Weise und verdoppelte noch die Zuechtigung, als diese ihr
nachwies, dass nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr
vorgeworfenen Unterlassung schuld sei."

"Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefaellt niemandem," entgegnete
Grete, Partei nehmend. "Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in
dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwaelzen."

"Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nuechterne Auffassung der Dinge
an den Tag, gnaediges Fraeulein. Das ist beneidenswert--"

"Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemuet bei einem nicht
mitspricht?" Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme.

"Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man
nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt.
Ah--tausendmal um Verzeihung--" unterbrach sich Tankred, dem bei den
letzten Worten die Nippesfigur aus den Haenden fiel, und der beim
Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, dass ihr ein Arm abgeschlagen
war.

Er dachte, dass Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde,
aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdruss und sagte: "Die
Figuren stammen noch von den Eltern meines Grossvaters, sie sind sehr
wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche Uebergangsfarben
nicht mehr zu komponieren weiss."

Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schloss sie,
kaum hinhoerend, die Kunstfigur in ein Schraenkchen ein und sagte: "Sie
gehoeren zu den Menschen, die alles anfassen muessen. Man sagt, solchen
hafte ein Diebssinn an." Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer
laechelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe
machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und fuer Sekunden war
ihm Grete fast unheimlich.

"Ich werde mich zu bessern suchen," stiess er mit einschmeichelnder
Artigkeit heraus. "Und Sie haben mir vergeben, gnaediges Fraeulein? Nicht
wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?"

Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, fluesterte die
letzten Worte in doppelsinniger Betonung und presste einen den Eindruck
derselben verstaerkenden, weichen Kuss auf ihre Hand.

Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurueck, aber in ihren
Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender
Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen
verstanden hatte.--

Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch
einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu naehern.

Sie sprach davon, dass sie sich darauf freue, wieder einen Teil des
Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht
unbemerkten, interessierten Blick, ob er kuenftig auf Falsterhof wohnen
oder das Gut verlassen werde.

"Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof
geworden," warf sie sondierend hin.

Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte
durchaus keine Einwendung.

Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine
Blume, die sie gepflueckt, an sich zu nehmen. Auch laechelte sie mit einem
die Sinne anfachenden, reizenden Laecheln vor sich hin, als Tankred
trivial, aber ueberzeugend klingend, sagte: "Von allen Andenken, die ich
der Guete schoener und kluger Frauen verdanke, ist dies Bluemchen das
wertvollste."

Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des
Hauses,--es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, muss
die Mutter erobern!--und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei
der Zigarre so ausschliesslich mit Herrn von Tressen, dass die Damen eine
Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhoerer fuegten. Nur eine
nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das
sie gesehen. In ihm habe ein gefaehrlicher Mensch in die gute
Gesellschaft einzudringen gewusst und alle getaeuscht, bis auf die
Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen
verhuetet.

"Und das Ende?" fragte Grete, als sie eine Pause machte.

"Das Ende war ein Totschlag--"

"Was verhandelt ihr da Schreckliches?" fragte Herr von Tressen lachend.
"Es klingt ja entsetzlich--"

Tankred aber bestaetigte Carins Erzaehlung mit gleissnerischer
Unbefangenheit und sagte--und sie verstand ihn--: "Sie vergessen,
gnaediges Fraeulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stuecke vor.
Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst
dem Schicksal."

Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte,
gab Grete dem Gespraech eine andere Wendung und bat Tankred, einige
Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er
darin Meister war, erntete er grossen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen
nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung.

Es war fuer laendliche Verhaeltnisse schon spaet, als der Stallknecht
Tankreds Fuchs vorfuehrte. Unter einem "Auf Wiedersehen am Schluss der
Woche" und einem "Vergessen Sie es nicht!" von Grete, dem Frau von
Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied.

Nach Falsterhof zurueckgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall
und zaeumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich
darueber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlaegen, dass
nur sie sein Innerstes beherrschten.

Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich
erst allmaehlich. Nun hallten Tankreds Schritte ueber die Steinfliesen,
und er oeffnete die Thuer seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf,
war ein weisses Kuwert, das auf dem Tisch lag. "Ah--! Sicher eine Antwort
von Theonie!" Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels
zu entledigen, ungestuem danach und las:

  'Da ich morgen Falsterhof verlasse, musst Du Dich bei Deinem Entschluss,
  noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen.
  Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast,--ich moechte sonst bitten, Dich
  mit Justizrat Brix, der ueber alles orientiert ist, in Verbindung zu
  setzen,--muss es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Fruehstueck
  geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt.

  Theonie.'

"Also doch!" murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der
Inhalt dieser Zeilen ausserordentlich. Sie raeumte das Feld, und er konnte
nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm
die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Dass er sie trotz der
Entschiedenheit ihres Charakters allmaehlich wuerde einschuechtern koennen,
schien ihm zweifellos; er wusste, dass sie Furcht vor ihm empfand, und ihr
wuerde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er
nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die
Nacht, das Grauen musste helfend einwirken.--Der Mann warf den Kopf
zurueck. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche musste sie noch
bleiben. Alle seine Kuenste wollte er aufwenden.--Kuenste? Theonie
gegenueber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so
gaenzlich, dass nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren
Gerechtigkeitssinn, unterstuetzt durch indirekte und gegebenenfalls
direkte Drohungen, konnte zum Ziel fuehren.--Dass er sich auch von seiner
Leidenschaft hatte hinreissen lassen, da er doch wusste, ein Werben, in
welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu
ohrfeigen! Waere das nicht geschehen, so wuerde er jetzt eine Neigung zu
Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er koennte erklaeren, es sei
moeglich, deren Hand zu erwerben, wenn er ueber ein Erbteil zu verfuegen
habe.--

Ploetzlich schoss Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal
jemand erzaehlt, dass der Beamte eines grossen Hauses in Amsterdam bei der
Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort
erhalten habe: "Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind,
dann kommen Sie wieder, dann laesst sich ueber die Sache sprechen!" Der
junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses
Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der
Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionaer in
Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Maedchens gelangt,
das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden.

Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hoerte er
draussen ein Geraeusch, als ob jemand langsam an seine Thuer schleiche;
auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf.--Dann aber
war's still, und von Traeumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis
zum Morgen.

       *       *       *       *       *

In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben
hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach.

"Wann ist er nach Hause gekommen?" fragte sie ohne Einleitung.

"Es war zwischen zwoelf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt.
Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der
gnaedigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal ueber den Flur schlich
und durch das Schluesselloch sah, verloeschte gerade das Licht."

Theonie nickte. "Also Du weisst: wenn wir beim Fruehstueck sitzen, bleib in
der Naehe. Ich bin nicht sicher, dass er nicht abermals unverschaemt gegen
mich wird. Da will ich Dich erreichen koennen.--Und berichte mir also
jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme
dann zurueck--Ah," unterbrach sie sich, "er wird nicht freiwillig
gehen!--Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise
zu raechen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben.
Vor solchen Menschen schuetzt keinerlei Schloss und Gesetz, sie sind zu
allem faehig."

Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, grossen Kopf
mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentuemlichen Ausdruck vor
sich hin, der den Schwerhoerigen eigen ist.

"Ich wuesste eins, gnaedige Frau," schob er dann, das Wort nehmend, ein.
"Wenn er das Fraeulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm
befreit fuer alle Zeiten. Das sollten Sie zu foerdern suchen."

"Wie kann ich das foerdern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr
zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine
Naehe beunruhigt mich, floesst mir Furcht ein."

Frege bewegte die Achseln. 'Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man
das, was man finden kann' stand in seinem Gesicht geschrieben.

Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herueber, und Theonie entliess Frege und
stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, dass ihr die
Kniee zitterten.

Waehrend dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang
hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben.
Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred
dem grossen Tannenhuegel naeherte, der zur Linken einen Teil des Parkes
begrenzte, eroeffnete sich ihm ein zauberhaft schoenes Bild! Unzaehlige
Lichter irrten zwischen den Staemmen, versteckte kleine Sonnen blitzten
und durchleuchteten die dunkelgruenen Zweige der Fichten; breite Stroeme
ergossen sich den Huegel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an
anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Hoehe
hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den
wuerzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen.

Die Schoenheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr
noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt.

Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln,
Wiesen, Felder und Waldungen umfasste, die alle zu Falsterhof gehoerten,
die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein
Blick nach dem Pachthof hinueberschweifte, und die Kuh- und Schafherden
vor ihm auftauchten, das Geraeusch thaetiger Menschenarbeit zu ihm
herueberdrang, die Wirtschaftsgebaeude unter dem farbigen Laub
emporstiegen, und er im Geiste an sich vorueberziehen liess, was alles sie
bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der
Meierei war, wie weit sich die Gemuesegaerten ausstreckten, und wie endlos
auch noch oestlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte
sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, dass sein Herz
klopfte, und seine Handflaechen sich feuchteten.

Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen,
ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's
schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wuenschte.
Sie konnte es sich ja ueberlegen, seinen Vorschlag auf der Reise waegen
und ihm schreiben.--Ja, so sollte es sein.

Und dann standen sie sich gegenueber. Theonie goss eben Wasser auf den
Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es
unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte:

"Bitte, nimm Platz.--Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot
abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so
liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?"

Tankred ward aufs angenehmste beruehrt. Theonie liess ihn die Vorfaelle des
verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versoehnliche
Gesinnungen an den Tag.

Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit.

Als sie sich gegenueber sassen, sagte er:

"Ich danke Dir fuer Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich
hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?"

"Ich reise zunaechst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will.
Ueber die Laenge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt."

"Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?"

"Nein, schwerlich."

Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang
heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die grossen, tiefen Fenster ihre
Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte
doch das Gemach, als seien die Waende ploetzlich in lichtdurchflutetes
Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Moebel glaenzten, das weisse Leinen
der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte
rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das
Krystall und das Silber auf dem Fruehstueckstisch flimmerte und blitzte.
Eine Platte mit suess duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine
einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen
neben mehlig-hellen Kartoffeln.

Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein
Glas goldfunkelnden Rheinweins ein.

Sie verstand es, die Dinge gemuetlich zu machen; wenn sie etwas bereitete
oder die Hand darueber hielt, war's stets tadellos, und auch heute
schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzuege sorglosen
Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts
Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber
auf dem Tisch, die Gemaecher waren mit allen nur denkbaren
Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage,
voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der
Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener
Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen.

"Hoere mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen," begann
Tankred unter solchen Eindruecken in gehobener Stimmung. "Wirf Deinen
hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die
Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, dass
ich in meinen Entschluessen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu
beginnen, gefoerdert werden wuerde, wenn ich heiraten koennte--Nein, nein,
fuerchte nicht, dass ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an
den Tag gelegt, dass Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde
ich Dich wieder belaestigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in
guten, geordneten Verhaeltnissen waere, koennte ich sicher auch eine brave
Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du
mir guetigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhaeltnissen einem
Landmann keine Moeglichkeit, sich eine Selbstaendigkeit zu verschaffen.
Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht
ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu
lassen? Waere es den natuerlichen Verhaeltnissen nicht entsprechender
gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden waere, zumal Du
Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiss,
dass Du mich nicht liebst. Ich fuehle sogar, dass Du mich nicht achtest,
obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens
schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du
leicht nachgesehen haben wuerdest, wenn Du meine Neigung erwidertest.
Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter misstraust, so
hast Du doch als eine Brecken und vermoege Deiner ganzen Veranlagung
gewiss den Wunsch, dass ich fortan einen soliden und rechtschaffenen
Lebenswandel fuehre, dass ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem
aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch
freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof
verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen
Faehigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann
mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns fluessig, indem Du eine
groessere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Haelfte der Rente
ueberweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es ueber die massen
unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe
auch zu, dass mein Verlangen sehr ungewoehnlicher Art ist. Aber ich bin
nuechtern veranlagt und setze anderseits ein grosses Vertrauen in Deinen
Gerechtigkeitssinn, auch weiss ich, dass Du geringen Wert auf Hab und Gut
legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu
machen.--Nun, Theonie?" schloss er und griff wieder nach Messer und
Gabel, die waehrend seiner Rede geruht hatten. "Was meinst Du? Willst Du
so freundlich sein, zu ueberlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?"

Theonie hatte bei den letzten Saetzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre
Gedanken beherrschten sie so, dass sie nur halb vernommen, was er am
Schluss gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters
Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefasst.
Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht
einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe
zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefuehl, nicht aber ein Pflichtzwang sie
geleitet.

Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge
schauend, erwiderte sie:

"Ich weise Deine Vorschlaege durchaus nicht zurueck. Aber vor der Hand
kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf
mich rechnen. Ich will einen Entschluss von solcher Tragweite--ich
spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilueberweisung;
die Verwaltung des Gutes moechte ich dem Manne nicht entziehen, der
meines Vaters ganzes Vertrauen besass und es stets rechtfertigte--also,
ich will einen Entschluss von solcher Tragweite nicht fassen, ohne
Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhaengig machen von
gewissen Umstaenden, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner
Beurteilung unterliegen koennen."

Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, dass seine Kousine
noch etwas fuer ihn Guenstiges hinzufuegen werde. Aber sie neigte nur in
Bestaetigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum
Aufstehen.

"Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein," sagte sie, nach
einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. "Entschuldige mich, ich habe
oben noch etwas zu thun."

Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurueck.

"Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, dass ich ohne Mittel sei,
Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Wuerdest Du wohl die Guete haben,
mir einiges Geld zurueckzulassen?"

Sie nickte bereitwillig und sagte, die Boerse ziehend, mit einem Anflug
von Verlegenheit: "Wie viel, bitte?"

"Ein paar hundert Thaler wuerden mir zunaechst sehr gelegen kommen, da ich
einige Verpflichtungen habe."

"Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da muesste ich erst an
Brix schreiben."

"Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter," wandte Tankred ein. "Er ist
stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen."

"An den Verwalter?" wiederholte Theonie zoegernd und pedantisch
ueberlegend. "Das wuerde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie
geschehen, alles geht durch Brix."

"Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon
erklaeren--"

Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie
von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen.

"Nein, ich moechte es doch nicht. Aber hier,
bitte--vorlaeufig,"--entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine,
die sich in ihrer Boerse befanden, "fuer weiteres werde ich sorgen."

Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er musste an sich halten, um
ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten
und Ueberlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie
ihr Eigentum fluessig machte, Millionaerin war, brachte ihn schon an sich
auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im hoechsten Grade. Es musste
alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten,
wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wusste er,
wenigstens fuer den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu
unterdruecken.

"Nun--lebe wohl,"--sagte Theonie, vom Reisefieber erfasst, mit deutlicher
Unruhe.--"Moege es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er
wird Dir das Noetige mitteilen."

Ploetzlich kam Tankred der Gedanke, dass dieser fortwaehrende Hinweis auf
den Rechtsbeistand und Vermoegensverwalter der Familie noch einen
besonderen Grund habe. Theonie wuerde ihm am Ende noch Bedingungen durch
Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, dass er sie
abermals zurueckhielt und die Worte hervorstiess:

"Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise
anzutreten, und wendest dabei grosse Umstaendlichkeiten an, waehrend Du
meine Angelegenheit behandelst wie eine laestige Nebensache. Weshalb soll
ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine
Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm
zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch."

Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem
starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen
zeigend, dass sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse,
zurueck:

"Es muss aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten musst Du
schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst."

Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des
Menschen, der ihr gegenueber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck.
Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein
zaehneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes:

"Nein, ich muss nicht und will nicht!" drang wie ein Gewitter aus seinem
Munde. "Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe
an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefuehl, aber auch
an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen laestigen Habenichts
zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann
die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden,
aber sich wohl auf meinen zukuenftigen Lebenswandel beziehenden Worten
begleitetest, schwieg ich und fuegte mich. Dann bat ich um etwas Geld,
das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wusstest, dass
ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besass, und machte,
weil ich es gleich gebrauchte und--" hier schob Tankred einen
berechnenden Satz ein--"auch fuer meine Abreise desselben beduerftig war,
den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurueck
und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen
Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war."

Aber nun unterbrach Theonie, die anfaenglich mit Angst und Herzklopfen
zugehoert hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich
getroffen fuehlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und
Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte
es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er
bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich
erworben?! Dasselbe ungestuem tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte,
pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm
entgegen:

"Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast
Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite
verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich
gehe, Du gehst--! Das ist mein letztes Wort."

In diesem Augenblick erschien die duerre Gestalt Freges in der Thuer, und
hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb
aengstlicher, halb entschlossener Miene.

"Ah!" drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur
Abwehr auf. "So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur
Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner
Gewalt! Muss ich ihr aber dennoch weichen, so huetet Euch!"

Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebaerden
ausgestossenen Worten trat er durch das anstossende Gemach auf den Flur,
und die Zurueckbleibenden hoerten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloss.

"O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du
mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches
zu verdienen?!" hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren
Stuhl.--

Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als waere er
eingesperrt und saenne darueber nach, wie er sich befreien koenne. Aber
sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern
auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt,
abermals war er seinem Jaehzorn unterlegen, und statt seine Sache zu
verbessern, hatte er sie gaenzlich verfahren.

Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen
Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend
bewiesen, dass sie recht hatte, wenn sie ihm aufs aeusserste misstraute.
Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung ausser acht gelassen, sondern sich
auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar
Drohungen ausgestossen, die nur zu gut verrieten, was sich in den
tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem
Vorgang ihm nicht wieder naehern, das Tuch zwischen ihnen war
zerschnitten.

Unglaublich hatte er gehandelt!

War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein ueber
alle Erwartungen guenstiges Ergebnis gewesen?

Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen
Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken
in den Sinn gekommen waere. Es wuerde ihn nicht ueberrascht haben, wenn
Theonie ihm erwidert haette: Ich weiss nicht, ob ich mehr ueber Deine
unverschaemte Forderung mein Erstaunen ausdruecken soll, oder ueber deinen
Mut, sie mir vorzutragen.

Statt dessen hatte sie seine Gruende angehoert und unbefangen gewuerdigt
und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren
nicht gefaehrden, bewaehrst Du Dich aber, dann soll die Haelfte Dein
Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber
auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zuegelloser,
von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist.

Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte
auszahlen wollen. Sicher wuerde Theonie jetzt wieder zu ihrem
Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie frueher festgesetzt hatte,
und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von
Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse wuerden an die
Oeffentlichkeit dringen, und er wuerde der Familie Treffen als das
erscheinen, was er wirklich war.

Wie gut hatte er alles eingefaedelt, und mit welcher Pfuscherarbeit
geendigt! Waere er fuegsam gewesen, so haette er Tressens erklaeren koennen,
er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Haelfte von
Falsterhof. Theonie wuerde, unter geschickter Behandlung der
Angelegenheit von seiner Seite, diese Beguenstigung bestaetigt, es wuerde
sich alles ohne Schwierigkeiten und Kuenste geregelt haben, waehrend nun
schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Luege aufgewendet werden
musste, um nur die ueblen Eindruecke wieder zu verwischen.

Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit
lag vor, dass alle Muehe umsonst gewesen.

Nein! er war doch noch ein grosser Stuemper! Er musste sich's zugestehen.
So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, dass er sogar auf
den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei,
tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemuehen, ein ordentliches
Leben zu fuehren. Ihm kamen ploetzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die
Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht
durch Selbstbeherrschung zu unterstuetzen vermochte. Er hatte noch nicht
warten gelernt. Warten koennen! Was lag nicht alles in den Worten! Und er
besass auch nicht hinreichenden Mut; seine Genusssucht und sein
Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschluesse und machten ihn
feige.

In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner
schrankenlosen Selbstsucht ueberlegte er, ob er nicht lieber Theonie
nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwoeren solle, dass
das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn haette
aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst.

Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins
richtige Geleis bringen zu koennen, beschaeftigte ihn ploetzlich
solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und
dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, draengte sich ihm so
stuermisch auf, dass er das Haupt zurueckwarf, die Klingel zog und dem
stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er moege sofort den Fuchs
satteln.

"Wohin ist meine Kousine gereist?" fuegte er erregt hinzu. "Es ist
wichtig, dass Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe,
alles daran zu setzen, um unser Zerwuerfnis zu beseitigen. Also, wohin
hat Klaus die gnaedige Frau kutschiert?"

Frege befand sich in groesster Verlegenheit. Er wusste nicht, wie er am
besten zu Gunsten seiner Herrin handeln wuerde.

"Ich weiss es nicht, Herr von Brecken. Zunaechst wollte Frau Cromwell bei
Pastors vorsprechen und spaeter Nachricht geben."

So wand sich Frege heraus.

Bei der Erwaehnung der Pastorfamilie schoss Tankred ein Gedanke durch den
Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfaellen durch Theonie unterrichtet
wurden, wuerden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Juengst
hatte die Familie bereits geaeussert, dass sie Pastors, die sie sehr
schaetzten, allernaechstens mit Tankred zusammen einladen wollten.

Das verstaerkte des Mannes Entschluss, unter allen Umstaenden Theonie
nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht saeumte; sicher
wuerde sie sich bei Hoeppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag
ueber aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte
durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem
Zeichen des Kreuzes zurueckwich, so fuehlte er seine Gewalt und Kraft
gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens.

Kaum zehn Minuten spaeter war Tankred unterwegs, er jagte dahin, dass der
Staub der Landstrasse hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild
stuermende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstrasse belebenden
Fussgaenger erregte.--

Inzwischen sass Theonie bei Hoeppners im Gartenzimmer und berichtete mit
eben wieder zurueckgewonnener Fassung von allem, was geschehen war.

Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem
Ausdruck groesster Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und
abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, dass er
zugleich nach einer Entlastung fuer Tankred suchte, dass er die Hoffnung
nicht ausgab, die Herzen zu versoehnen.

Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem
Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war.

"Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenueberstehen, ich wollte ihm schon die
Seele muerbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht
zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen
Widerstand treffen; sehen sie, dass man ihnen die Zaehne zeigt, ziehen sie
wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen?--Er koennte
Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus
Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in
Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen
Misstrauen sich erhoeht, weil er schlecht hoert, hat Sie aengstlich gemacht.
Ich wette darauf, dass Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut
Wetter bittet."

So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz
ihrer Ueberzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, dass
Tankred zu dem Schlimmsten faehig sei.

Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu
beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung
entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte,
als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu
verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die
Pastorin rief:

"So, liebste Frau Theonie! Nun muessen Sie doch auch unsere Lene sehen,
unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte,
dass wir uns erst ungestoert ausspraechen. Gleich will ich mal umschauen,
wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurueck sein."

Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach
sich aber, da eben die Thuer sich oeffnete, und ein freundlich
aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmaedchen mit blossen Armen, in einem
sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Maedchen von fuenf
Jahren an der Hand, in die Thuer trat.

"Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, suesses Lenchen?" rief die Frau
glueckselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen
empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch.

Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau
Hoeppner besass viele Voegel, die sie Theonie zeigte; sie fuehrte sie auch
in den trotz der Herbstzeit noch sorgfaeltig geharkten und sauber
gehaltenen Garten.

Den Huehnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt
einherschreitenden Hahn musste Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen
und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie
wieder ueber den Flur schritten, sah Theonie dass sich eben ein Bauer mit
dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des
Geistlichen Auge, so geduldig hoerte er auch noch zu, als der Mann am
Schluss wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entliess er
ihn!

Und ueberall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung
und Schoenheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch
Beispiel geleitet, bescheiden und ruehrig, selbst der Hund anschmiegend
und gehorsam.

Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit
denen sie fuer Lenchen beschaeftigt war. Auch des Kindes erstes
Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte gluecklich, und ihr sonst jeder
Ueberschaetzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend:

"Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschoepf fuer eine sichere Hand
hat, wie talentvoll sie ueberhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel
fuer ein Maedchen in den Jahren?" Und Theonie pflichtete laechelnd bei,
obschon sie das unbehuelfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht
fand.

Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsuechtiges Gefuehl.
Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben--gluecklich zu
sein--ja--gluecklich zu sein!

Sie verwuenschte fast das grosse Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die
Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und
Qual verursacht und sie selbst verfuehrt hatte, gegen ihre bessere
Ueberzeugung sich fortreissen zu lassen.

Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der
Pastor hatte gesagt: "Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte
zuzuschleudern, liebe gnaedige Frau, sanft erklaerend auf ihn
eingesprochen haetten, wuerde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn
auch ein wenig gereizt!"

Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre
Ansicht dargelegt. "Nein, ich haette ebenso gehandelt wie Frau Theonie.
Der saubere Herr musste fuehlen, dass ihm ein Wille gegenueberstand, denn
nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach,
so wachsen seine Unverschaemtheit und sein Uebermut, und man hat das Spiel
verloren! Theonie muss auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine
Weichheit mehr, kein Nachgeben!"

Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fuehlte
Theonie doch, dass der Pastor auch ein Recht fuer seine Ansicht habe.

Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht
entrueckt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten
Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche
Ueberlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle
Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof
entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner fuer immer zu
entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Beruehrung zu kommen?

Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos;
aber zwischen sich und ihm ein ertraegliches Verhaeltnis herzustellen und
indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder
Gewaehren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern,
den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines
Namens zu behueten.

So kaempfte in ihr auf der einen Seite der urspruengliche Entschluss,
Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm
zurueckzuziehen und alle Folgen ihrer Ueberzeugung zu tragen, mit der ihr
innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer
Verstaendigung rieten.

Als man sich zum Abendessen im Pastorhause ruestete, die Frau vom Hause
eben noch in der Kueche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich
gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiss und goldgelb
schimmernden Haelften auf einen Teller legte, trat das Kindermaedchen ihr
naeher und meldete, dass ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell
frage.

"Wer denn?" warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der
Hand, an die Kuechenthuer und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurueck,
als sie Tankred von Brecken vor sich sah.

"Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin," hub er, ehe sie
Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit
entgegen, "ich komme, um mit meiner Kousine ein versoehnendes Wort zu
sprechen, und moechte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr,
Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher
stets bewiesene Guete."

Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen
seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte.

"Zunaechst, bitte, treten Sie gefaelligst in das Zimmer meines Mannes!"
entgegnete sie hoeflich, aber durchaus kuehl. "Ich werde Frau Cromwell
fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht,
und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden muessen.--Hier--"
schloss sie ebenso kurz und entschieden und oeffnete das Gemach ihres
Gatten, aus dem Tankred der dumpfsaeuerliche Geruch der vielen Pfeifen,
die der Pastor den Tag ueber rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde,
dann hatte sich hinter ihm die Thuer geschlossen. Die Pastorin aber begab
sich, nachdem sie vorher noch in voelliger Ruhe die Kuechenangelegenheiten
erledigt, ins Gartenzimmer und verkuendete ihrem dort mit dem Pastor
weilenden Besuch, was sich ereignet hatte.

Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Koerper, der Pastor aber,
bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr
wirkte wie die ihm angeborene ruecksichtsvolle Hoeflichkeit, rief fast
aengstlich tadelnd:

"Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draussen stehen lasten?"

Die resolute Pastorin schuettelte bloss den Kopf und sagte kurzhin: "I,
wie sollt ich wohl; er ist natuerlich in Deinem Zimmer."

"Nun, da will ich--"

"Nein, bitte, bleibe," entschied die Frau in einem Ton, der keinen
Widerspruch aufkommen liess. "Erst muessen wir ueberlegen, gruendlich
ueberlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklaeren
Sie, dass Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen koennten.
Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kuehlt sich der Uebermut des
sauberen Herrn noch weiter ab."

Der Pastor schuettelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie
aber schwankte.

Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred
nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den
Ausschlag. Es war auch moeglich, dass er, da er den ersten Schritt gethan,
erklaerte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war
wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versoehnung aus dem Wege ging, und
was besonders massgebend war: sie wuenschte so rasch wie moeglich Klarheit
zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, dass er
Falsterhof verlassen werde.

So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor,
ihm sagen zu lassen, dass sie nach Beendigung des Abendessens, also nach
Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhoeren.

"Ja--ja--aber--wir legen dadurch an den Tag, dass wir ihn nicht an unserm
Tisch sehen wollen; das--geht doch wohl nicht--" schob wieder der Pastor
in seiner Gutmuetigkeit ein. "Er hat unsere Gastfreundschaft angerufen,
indem er unser Haus betrat."

"Ach was!" entschied die Pastorin. "Lass ihn nur fuehlen, wie wir ueber
sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Ueberhaupt ist Zartheit der
Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muss man
behandeln als das, was er ist!"

So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schaedigte Theonies
Angelegenheit durch sein gewohntes hoefliches Entgegenkommen und bat
Tankred, unter dem Hinweis, dass sich seine Kousine gerade sehr
angegriffen fuehle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen.

"Sie sind wohl im Krug abgestiegen?"

Tankred nickte.

"Werden Sie die Nacht hier zubringen?"

Nein, er wolle nach Falsterhof zurueckkehren, entgegnete Tankred und
fuegte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten
hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemuet die
beabsichtigte Wirkung uebten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer
zurueckkehrte und ueber seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm
die Pastorin das Wort und erging sich ueber ihn in scharfem Tadel.

"Solche Gutmuetigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert," hub sie
an, "ist Schwaeche. Wo bleibt der Vorteil fuer die Guten, wenn man den
Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des
goettlichen Wesens, dem Du nacheifern moechtest. Wenn Du aber nicht dieser
Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel
und Hoelle, von Guten, die zur Rechten, und von Boesen, die zur Linken
stehen sollen. Dann verheisse ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute fuer
die Guten, das Schlechte fuer die Schlechten. Wenn Du nicht strenger
unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmaennlich schelten, und mit
Recht! Gewiss, das Herz soll sprechen, die Erwaegung, dass man fuer die
eigenen Schwaechen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen
moechte, soll ihre Stimme haben, aber erst heisst's, die Forderung
stellen: Lege an den Tag, dass Du das Gute nicht nur willst, sondern
uebst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!"

Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds
beschlossen habe.

"Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin," entgegnete
Theonie. "Ich moechte gern hoeren, ob wir uebereinstimmen!"

Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel
ihr, dass sie schon einen Entschluss gefasst hatte, sie fand auch, dass
Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid
gegeben.

"Ich wuerde Ihrem Vetter Folgendes erklaeren," erwiderte sie deshalb,
Theonies Wunsche willfahrend: "Vorbedingung sei, dass er Falsterhof
sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erklaere, dass er
niemals ohne Aufforderung dahin zurueckkehren werde, auch keine Rechte
auf irgend einen Teil Ihres Vermoegens habe. Nachdem dies geschehen,
wuerden ihm die einmal zugesagten fuenfzigtausend Mark ausgezahlt werden."

"Nun und dann?" fragte Theonie, als die Pastorin schwieg.

"Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas
zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwaehnen. Sollte er auf ein
weiteres zurueckkommen, so wuerde ich ihm erwidern, dass ich mich jetzt in
keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung
verscherzt."

"Aber deswegen ist er doch hergekommen!" schob der Pastor, diesmal
nicht nur seiner Gutmuetigkeit, sondern einer richtigen Erwaegung folgend,
ein.

"Gewiss! Aber wer weiss, was geschieht!" entgegnete die Pastorin.
"Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht
sie ihr elterliches Vermoegen selbst."

"Ich weiss, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht
entgegenkommender aeussere," sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte
durch ein sanftes Kopfschuetteln uebergehend.

"Sie erklaeren ihm ja nur, dass Sie sich nicht binden wollen; darin liegt
doch kein absolutes Nein."

"Das ist sophistisch, Marie!" schob der Pastor ein.

"Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen
haben, und der andere bloss einen Helm, da ist kein Verstand drin."

Waehrend sie noch sprachen, entstand draussen ein Geraeusch, und Theonie,
bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der blosse
Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenueber zu treten, erregte sie aufs
hoechste. Das gab der Pastorin den Entschluss ein, Theonie vorzuschlagen,
sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln.

"Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich
erklaere ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu
gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar
machen." Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede.

Fuenf Minuten spaeter meldete die Magd den Herrn von Brecken.

"Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zuende Licht an!" entschied
die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred
war nicht wenig enttaeuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen,
aber er liess sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter,
seine tiefe Verpflichtung ausdrueckender Hoeflichkeit.

"Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht
war, zu sprechen," hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte
eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. "Sie hat mich, um gleich
auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist
Frau Cromwells Wunsch, dass Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre
Aufforderung nicht dahin zurueckkehren. Sie verpflichten sich dazu
schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklaeren Sie, keinerlei Rechte
auf das Breckensche Vermoegen, das fluessige oder liegende, zu besitzen,
und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr
Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fuenfzigtausend Mark
auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten
habe."

"Ueber die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?" brachte
Tankred, nur muehsam seine durch Enttaeuschung hervorgerufene Erregung
verbergend, hervor.

"Nein!"

"Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?"

"Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch
die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen
erledigt sein muss. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts
einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu
verlassen."

"Und wenn ich es nicht thue?"

"Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen."

"Haben Sie ihr diese Ratschlaege erteilt, Frau Pastorin?"

"Gleichviel.--Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluss nicht ab."

"Und wenn ich nun beschwoeren kann--ich kann es beschwoeren und habe nur
bisher nichts geaeussert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden
wollte,--dass meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Haelfte von
Falsterhof zugesagt hat?"

"So wuerden Sie einen falschen Eid schwoeren. So weit werden Sie es doch
wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von
Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, dass Sie mit
solchen Mitteln durchdringen, dass es bloss eines solchen fuer Sie bequemen
Entschlusses bedarf, um muehelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei
Ansprueche koennen Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt,
dass Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfuellung und
Fleiss sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines
recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau
getragen. Statt sich Ihrer Kousine fuer ihre Hochherzigkeit dankbar zu
erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk
hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu
teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die
Mittel zur Verfuegung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie
ausfallend und stossen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Buehne von
Boesewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hoeren gewohnt
ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen!
Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird
sonst schrecklich sein. Eine Weile beguenstigt das Schicksal wohl
solcherlei Treiben, aber nur um den Uebermut nachher um so schwerer zu
strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie
sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere
Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich
verschweigen, was eben ueber Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch
alles, was sonst geschehen, der Aussenwelt vorenthalten bleiben. Im
anderen Falle aber seien Sie ueberzeugt, dass wir mit allen Mitteln Ihrem
ungesetzlichen, frivolen, ja, gefaehrlichen Treiben entgegentreten
werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, dass Sie uns Furcht einfloessen
koennen, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, dass mit uns
nicht gut Kirschen essen ist.--So, nichts fuer ungut. Die meisten
Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken,
dass er auch nur zeitweise ueber Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn
auszutreiben!"

Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben
abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Aerger
zugehoert. Mehr als einmal hatte er in seiner masslosen Erregung den
Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Haende ballten
sich unwillkuerlich, und die Zaehne pressten sich zusammen.

Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren liess, da sie
ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner
Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll
Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluss ihrer
Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem
Angesicht haften; offenbar trat die Ueberlegung bei ihm ein, ob es nicht
doch richtiger sei, gute Miene zum boesen Spiel zu machen.

"Gut denn," stiess er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen
heraus. "Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich
will die von Ihnen geforderte Erklaerung geben, auch mich mit der
angebotenen Summe begnuegen, wenn meine Kousine mir einen Brief des
Inhalts schreibt, dass sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von
meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie
mir schon vor unserm Zerwuerfnis zugebilligt hatte. Auch muss sie
hinzufuegen, dass sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich
nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, dass ich in ihren
Augen dessen wuerdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich
schwoeren wuerde, von meinen Charaktereigenschaften und von
Eventualitaeten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner
Ueberzeugung nachgehe, will ich unberuehrt lassen. Als kluge Frau wissen
Sie am besten, dass blosse Behauptungen taube Nuesse sind, und dass wir die
Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle
eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, dass manches an
mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizufuehren,
bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Ueberflusses. Was ist
ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung
hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel,
der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu
vertreiben."

"Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch
Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und
durch Beschraenkung seiner Beduerfnisse. Dass Ihre Kousine, die keine Liebe
fuer Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That
ein starkes Verlangen. Und dass jemand Gluecksgueter fordert, um seine
Fehler abzulegen, beweist, dass er noch nicht das ABC sittlicher
Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende
Selbstueberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum
Schluss zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wuenschen,
sie mag dann selbst entscheiden."

"Also auf Ihre Befuerwortung habe ich nicht zu rechnen?"

"Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts
weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage
gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich wuerde erst sehen
wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre traege Genusssucht in solcher
Weise zu unterstuetzen, halte ich fast fuer ein Verbrechen."

Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiss war, da
er sah, dass er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu
erreichen, triumphierte er innerlich, ueberging die letzten Ausfuehrungen
der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank fuer ihre Bemuehungen aus.

"Ich weiss, Sie werden Ihre schlechte Meinung ueber mich aendern, Frau
Pastorin! Sicher!" schloss er mit kuenstlichem Ernst und suchte, indem er
sie trotz ihrer herben Begegnung gleissnerisch seiner Achtung und
Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei
zu erobern war.--

       *       *       *       *       *

Grete von der Linden griff mit recht muerrischer Miene nach Umschlagtuch
und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre
Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespraech mit Carin
Helge gehabt hatte.

Ihre fruehere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geaeussert, dass
Herr von Brecken ihr ein aeusserst widerwaertiger Mensch sei, eine
Persoenlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein muesse, und Grete
hatte sehr empfindlich entgegnet, dass sie es nicht passend finde, dass
Carin ein solches Urteil ueber Freunde des Hauses faelle.

Darauf war wieder eine etwas schroffe Aeusserung von Fraeulein Carin
gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte
die erstere erklaert, dass es bei der geringen Uebereinstimmung, die
neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser fuer sie sei, Holzwerder
zu verlassen. "Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es fuer gut befinden,
liebe Carin." Mit diesem kuehl gesprochenen Wort war das Band zerrissen,
das die beiden seit Jahren verknuepft hatte. Aus der urspruenglichen
Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes
ausdruecklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als
Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat
hatte sich im letzten Jahr das Verhaeltnis schlechter gestaltet. Grete
waren die Fluegel ungewoehnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, ueber
alles sehr praezise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und
dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch ueber entgegengesetzte
Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten.

Einige Ausfluege mit ihren Eltern in die grosse Welt hatten sie rasch
gezeitigt. Sie wusste, dass sie huebsch und klug war, und schmeichelnde
Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestaetigt, aber sie wusste
auch, dass sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel
ein Mensch, den man fuer beguetert haelt, der Welt ohne Widerspruch bieten
kann.

Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demuetige Gebaerden
selbst dann, wenn die den Nacken kruemmenden Personen keiner Vorteile
gewaertig sein konnten.

Grete hatte ein Interesse fuer Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die
Vorzuege einleuchteten, die erwachsen wuerden, wenn die beiden
aneinandergrenzenden, grossen Gueter unter eine Herrschaft kaemen.
Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu
nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof
grossen Respekt eingefloesst. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider
Gesinnung und vornehmer Zurueckhaltung; die alten Breckens liessen die
Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel
Grete, die Eindruecke der Jugend wirkten nach und uebertrugen sich auf
Tankred.

Er war ein stattlicher Mann, gross und geschmeidig und hatte etwas
Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besass er etwas
Fortreissendes, wenn er liebenswuerdig sein wollte.

Dass sich nichts von Sentimentalitaet in seinem Wesen aeusserte, war Grete
hoechst willkommen; sie hasste alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon
nichts besass. Und endlich und zuletzt--sie mochte ihn einmal, und durch
seine Vermoegenslage wuerde sie imstande sein, um so leichter die
allerdings nur moralisch begruendeten materiellen Ansprueche ihrer Eltern
zu befriedigen. Allerdings, auch das ueberdachte Grete; sie war durchaus
nicht geneigt, sich Einschraenkungen aufzuerlegen.

Freilich waren Tankreds Vermoegensverhaeltnisse noch nicht voellig
aufgeklaert. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen
Groschen, andere dagegen,--sie wollten es aus seinem Munde gehoert
haben,--dass er Miterbe von Falsterhof sei.

Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf
Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er
hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet,
dass ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch fuer
seine Bemuehungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der
Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen.

Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte
sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem
Gast ueber dessen Vermoegensverhaeltnisse zu sprechen.

Frau von Tressen besass die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau
von Brecken an ihr geruehmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch,
hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber
sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht
verstanden, sich einzurichten. Waehrend ihr erster Mann noch gelebt
hatte, war er der verstaendige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode
hatte Frau von Tressen ueber ihre Verhaeltnisse gewirtschaftet und in
ihrem zweiten Mann keinerlei Stuetze fuer bessere Entschluesse gefunden. Im
Gegenteil, das ihr persoenlich gebliebene Vermoegen war schon laengst
verthan. Bei der Feinfuehligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher
noch niemals mit Grete ueber die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr
Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So
vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen
auch, dass ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen
wohlhabenden Mann heirate.

Tankred gefiel ihnen aus denselben Gruenden, die fuer Grete hauptsaechlich
in die Wagschale fielen.

Wohl wollte sich in der Frau--wie in Carin--bisweilen ein Misstrauen
gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft
eingeschlaefert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung
an Gretes deutlich hervortretende Wuensche und jene Fluechtigkeit, die
zunaechst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge fasst, bestimmten sie,
sich fuer die Partie zu interessieren,--natuerlich vorausgesetzt, dass
Tankred der vermoegende Mann sei, als den sie ihn schaetzten.

Ihr kuenftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich
verpflichten, ihren Eltern jaehrlich eine festgesetzte Summe zu zahlen.
Aber wenn nun Tankred kein Vermoegen besass, oder wenn er oder ein anderer
Gatte Gretes sich weigerte, fuer ihre und ihres Mannes Existenz
aufzukommen?

Zum erstenmal ueberfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben
ueberkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es koenne dergleichen
geschehen oder spaeter eintreten. Ihr Mann, ein frueherer Offizier, war
vollkommen erwerbsunfaehig. Schon machten sich allerlei durch einen
raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn
plagten voruebergehend Gichtschmerzen; eigentuemliche nervoese Beschwerden,
Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und
hatten das Herz der Frau mit Sorge erfuellt. Wenn er sich dann wieder
erholt und wohl gefuehlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und
Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwaertig erschien ihr alles in
einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft
vor ihr auf, und sie beschloss, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf
blosse Eindruecke oder gar auf den Zufall zu verlassen.--

Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurueckkehrte,
begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknoepft hatte, und dem
ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut
geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der
nicht eben ueberintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das
Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundsaetzen verfuhr und
allgemeine Achtung genoss.

Niemand uebte einen so grossen Einfluss auf Grete aus, wie er, ja, insofern
das junge Geschoepf ueberhaupt jemanden, einschliesslich ihrer Mutter, zu
lieben vermochte,--ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine
durch unantastbare Vertraege ueberkommene, friedfertige und unschaedliche
Persoenlichkeit,--empfand sie ein solches Gefuehl fuer Hederich. So lange
sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets guetig und zugleich ehrerbietig
begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr
Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen
und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschuettet. Nicht Herr von Tressen,
der immer nur seine Amuesements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden
und Reisen ins Auge fasste, hatte ihr den frueh verlorenen Vater ersetzt,
sondern der Junggeselle Hederich.

Er kannte nichts von der Welt draussen, aber um so besser war er ueber
alle Gutsangelegenheiten und alle Persoenlichkeiten in naechster und
weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr haeufig in praktischen
Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft
betreffenden Dingen, ueber Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und
wusste eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Baeumen
zu, sagten die Leute von ihm.

"Guten Morgen, guten Morgen, liebes Fraeulein. Drum und dran. Schon so
frueh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen.--So,
so, das ist schoen.--Ja, gewiss, gern.--Ich habe Zeit! Sollen wir hier den
Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Fraeulein, was ist, bitte?"

"Zuerst Hederich: Fraeulein Carin verlaesst uns. Sagen Sie, was halten Sie
eigentlich von ihr?"

"Viel, Fraeulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht
erst ein Kreuz auf dem Ruecken zu haben zum Zeichen, dass sie dienstfaehig
ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt.
Aber drum und dran, warum fragen Sie?" forschte der Alte mit seinem tief
eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen.

"Nun ja, weil sie weggeht, und ich darueber nachdenke, an wem die Schuld
wohl liegt. Gewiss Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns
nicht mehr. Da ist es besser--"

"Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als dass Sie in Feindschaft
enden. Gewiss, das hat sie nicht um Sie verdient, Fraeulein Grete!"

Grete schwieg, sie fuehlte er hatte recht; gern wuerde sie aber gesehen
haben, dass er ihr bereitwillig zugestimmt haette.

"Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Fraeulein Grete, nichts fuer ungut,
wenn ich fragen darf?"

"Ueber Herrn von Brecken erzuernten wir uns. Apropos! Was halten Sie von
dem?" unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gespraech auf ihn
gebracht, waehrend sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte.

Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu
wollen.

"Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?"

"Mit Verlaub, Fraeulein Grete. Will Fraeulein Carin etwas von ihm wissen?"

"Nicht viel eben! Sie verdaechtigt seinen Charakter."

Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte grosse
Augen.

"Ja, sie versteht's--"

"Wieso? Moegen Sie ihn auch nicht? Hoeren Sie, Hederich! Ich frage nicht
umsonst. Ich--ich--"

"A--h--" machte der Mann und sah Grete gross an. "Nun ja denn! Ich weiss
nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen
sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine
Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Fraeulein Grete, er hat was
im Auge--oft--man kann sich fuerchten--"

"Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er
sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam
und solide werden."

"Ja--ja--das ist wohl anzunehmen," bestaetigte Hederich. "Aber ob er so
recht umgaenglich werden wird--gegen Sie--ich meine--drum und dran--und
denn--und denn, Fraeulein Grete--er hat, glaub' ich, gar nichts!" stiess
Hederich zum Schluss heraus.

"So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darueber?" forschte Grete, den ersteren
Einwand umgehend.

"Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber
auch bloss ein Versprechen, das an Bedingungen geknuepft ist."

"In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?"

Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus.
Zuletzt liess er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und
erklaerte, Frege traue Tankred nicht ueber den Weg.

"Ja, aber weshalb misstrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht,"
betonte Grete, durch die Enttaeuschung, die sie empfand, zum Widerstand
gedraengt. Sie wollte Gutes hoeren, und da sie es nicht vernahm, wollte
sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen.

"Sie meinen--drum und dran--" entgegnete Hederich ehrlich,--"dass er
wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Fuer andere
Menschen hat er nichts uebrig."

Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklaerung regte sie
nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen haette, wenn
Hederich von Tankred eingenommen gewesen waere.

"Na," schloss sie nuechtern. "Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn."

"Ja,--ja--liebes Fraeulein, aber es liegt--drum und dran--etwas
dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama--na ja, sie hat ja eine
sehr leichte Hand--aber die hat die schoene Mitte, klug und gut."

Grete antwortete nicht.

"Warten Sie, alter, guter Hederich--" sagte sie und schob ihm das
Baendchen unter den Rockkragen,--"hier steckt was heraus." Und ploetzlich
ganz unvermittelt: "Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie
viel unser Gut?"

Darauf musste Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des
genau Unterrichteten ueberaus gut gefiel.

"Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreissigtausend
Mark jaehrlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal
weniger, so etwa sechzigtausend Mark."

"Nicht mehr?" fragte Grete enttaeuscht.

"Nein, mehr nicht, Fraeulein, und dann sind da auch noch Zinsen
und--und--na, gleichviel--"

Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das,
von Epheu umsponnen und von schoenen Baeumen umgeben, einen reizvollen
Anblick gewaehrte.

"Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?" fragte Grete
sinnend.

"Ja, einmal.--Was jetzt die Frau Pastorin ist--unter uns gesagt--die
Pastorin Hoeppner, die haett' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu
so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter
Mensch, bloss kein Mann.--Nein, drum und dran--kein Mann. Ich freue mich
noch immer, wenn ich sie sehe--ja, das thue ich!" schloss Hederich, mehr
mit sich selbst als mit Grete redend.

"Adieu! Danke, alter guter Hederich!" sagte Grete. Was sie fuer ihn
empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder.

Und er fuehlte es und sagte:

"Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen."

"Nun?"

"Sie! Fraeulein Grete," sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's ueber das
Angesicht des Maedchens, und sie drueckte ihm geruehrt die Hand. Bisweilen
sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heisse Quelle in ihr
auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie
stuermisch.--

Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben
versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin
fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute
etwas ungeduldig nach der Thuer.

"Wo bleibt denn Carin? Weisst Du etwas von ihr, Grete?" wandte sie sich
fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit
deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber
oeffnete sich die Thuer, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins
Gemach.

Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die
Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang
gab.

Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast
stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlasste
Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten
schauenden Balkonzimmer sass, die Rede auf Fraeulein Helge zu bringen.

"Wir haben uns erzuernt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das
Fraeulein verlaesst morgen frueh Holzwerder," entgegnete Grete kalt.

Die Mitteilung ueberraschte, aber interessierte und erfreute zugleich
Tankred sehr. Die misstrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht
mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine grosse Beruhigung.

"Das sagen Sie so leicht hin, gnaediges Fraeulein?" knuepfte er, um mehr zu
hoeren, an.

"Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb
dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich
nun eine andere Thaetigkeit. Ein Buendnis fuers Leben habe ich doch nicht
mit ihr geschlossen."

"Liess die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die
Frage erlaubt ist?"

Statt zu antworten, laechelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb
verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend:

"Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist.
Wenn Fraeulein Helge uns verlaesst, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man
kann suendigen, ohne es zu wissen," schloss sie, als Tankred grosse,
forschende Augen machte.

"Ich?" stiess er heraus. "Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich
natuerlich ungemein."

Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle.
Verriet sie ihm, dass Carins absprechendes Urteil ueber ihn sie geaergert
habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen
vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie ueber seine
aeusseren Verhaeltnisse genau unterrichtet war.

Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wuensche
unterstuetzten seine Annahme.

Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich:

"Ist es denkbar, dass Sie, mein Fraeulein, fuer mich gegen Fraeulein Helge
Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, dass ich Ihnen
nicht gleichgueltig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir
gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und dass sie gegen mich
intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber
vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermoegen, dass--dass--"

"Dass?" forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreissen lassen
wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb
verdeckten Erklaerungen liegt.

"Nun, dass Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden koennten, und
dass sie, Fraeulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken
sein wuerde."

"Sollte es das sein?" ging's rasch und fast gegen Gretes Willen ueber
ihre Lippen. Also Beweggruende egoistischer Natur haetten Carin geleitet!
Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr
passte, da sich daraus die Gruende fuer Carins Abneigung gegen Tankred
erklaeren liessen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an.

"Gewiss, ich bin dessen sicher, Fraeulein von der Linden. Und nicht
wahr?" fuegte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zaertlich
sprechend, hinzu: "Ich darf annehmen, ich darf hoffen, dass Fraeulein
Helge das Rechte traf--?"

Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen,
und sie ward unsicher und beaengstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom
schoss durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Kraefte
und wollten sie fortreissen. Aber dennoch siegte die ueberlegende
Vernunft.

"Wir wollen ueber andere Dinge sprechen, Herr von Brecken," stiess sie,
sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine
Worte als ein uebertriebenes Kompliment aufgefasst haette. Und zur besseren
Bestaetigung ihrer Unempfindlichkeit fuegte sie hinzu:

"Es giebt ja interessantere Themata als Fraeulein Helge.--Wie denken Sie
zum Beispiel ueber die Stellung des Jupiter zur Sonne?"--

Als spaeter Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer sass--es
war kurz vor dem Abendessen--sagte der letztere:

"Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehoert? Wo haelt sie sich jetzt
auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter
fortbleiben?"

"Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in
einigen Wochen nach Falsterhof zurueckkehren."

"Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof ueber? Oder welche
Plaene haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir
sagt, dass Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Naehe,"
schloss Herr von Tressen artig.

"Allerdings, ich moechte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber
nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen koennte--"

Unwillkuerlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die
letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf
diese Weise das Gespraech auf Grete hinueberleiten? Im Augenblick fand
Herr von Tressen keine Anknuepfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke,
und er sagte:

"Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich hoere, Mitbesitzer
sind, wuerde Ihnen nicht konvenieren? Uebrigens nachtraeglich meine
Gratulation! Es ist wohl die schoenste Herrschaft in der Provinz."

Diesen Worten war es unmoeglich, auszuweichen. Tankred wusste auch, dass
sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und
wenn die Dinge nach ihren Wuenschen ausfielen, stand einer Heirat mit
Grete nichts im Wege.

Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden musste, da Tankred je
eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken
beiseite und sagte:

"Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen.
Ohnehin draengt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen.
Wollen Sie es mir gestatten?"

"Ich kann mich dadurch nur geehrt fuehlen," entgegnete Gretes Stiefvater
verbindlich und zugleich mit groesster Spannung.

"Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber
sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Hoehe zu
beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand
bereits ein bares Kapital ueberwiesen. Weiteres macht sie abhaengig von
gewissen Bedingungen. Ohne Rueckhalt gesprochen, sie will mich pruefen, ob
ich imstande bin, mit einem grossen Vermoegen umzugehen. Eine gewisse
Breckensche Pedanterie, uebertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber
ich besitze ein Schriftstueck, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt,
mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen.--Ich gelange nun auf den
anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Fraeulein Grete, hat
gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich
gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir
in so ueberaus liebenswuerdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner
Besuche verstaerkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der
meine sehr lebhaften Wuensche unterstuetzt. Unwillkuerlich richtet ein
besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwaehlten seines
Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm
sympathisch sind, und da muss ich ohne Komplimente sagen, dass ich es als
das hoechste Glueck ansehen wuerde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer
Frau Gemahlin in naehere Beruehrung zu treten."

Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimuetig liebenswuerdiges
Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so ueberzeugt klangen seine
Worte, dass sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt
hatte.

Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die
vorausgegangenen Mitteilungen aeusserst befriedigender Art zu sein
schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm
gewuenschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was
seine Frau ihm eingeschaerft hatte. Er sagte deshalb vorlaeufig noch mit
etwas Zurueckhaltung:

"Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken,
treten besondere Verhaeltnisse ein, die der Eroerterung unterliegen
muessen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich aeusserst erfreuenden
Antrag--meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorlaeufig noch
nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, dass sie Ihnen,
wie Sie es voraussetzen, geneigt ist,--also wenn ich Ihren Antrag in
Ueberlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns
noetig.

Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat
hoeren unsere rechtlichen Ansprueche auf, und wir sind angewiesen auf ihre
guetige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten
sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermoegens
wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestaetigung unserer moralischen
Ansprueche ist erforderlich, nachdem die Hoehe der uns zu zahlenden
jaehrlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der
Grete einmal heimfuehren wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto
geneigter werden wir ihm selbstverstaendlich sein. Darin liegt keine
verwerfliche Geldsucht, sondern es begruendet sich in der Natur der
Dinge. Von der Luft koennen wir nicht existieren, und ein anstaendiges
Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wuenschen."

Tankred hatte waehrend Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig
beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorlaeufig noch nicht Gretes
Braeutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der
Wirkung seiner Antwort gewiss:

"Ich wuerde, wenn mir das Glueck werden koennte, Fraeulein Grete heimfuehren,
es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen moeglichst
ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglueck in
erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualitaet, die in
eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so
freundlich und guetig sein wollen, zu unterstuetzen."--

Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit
hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in
sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten
Unterredung.

"Vortrefflich," sagte die Frau, nachdem er geendigt. "Aber nun waere es
doch wuenschenswert, dass wir das Schriftstueck, von dem Brecken spricht,
einsaehen, und dass Du auch an Frau Cromwell schriebest."

"Meinst Du wirklich, dass letzteres notwendig ist? Ich denke, die
Einsicht in das Abkommen genuegt; hoffentlich wird Brecken es uns von
selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich."

"Nun, es wird sich ja finden! Vorlaeufig wollen wir Grete noch nichts
mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken
steht. Dass sie sich sehr fuer ihn interessiert, ist zweifellos. Uebrigens,
wie ist sie kuehl! Von der Helge trennt sie sich mit einer
Gleichgueltigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Maedchen! Sie war sehr
weich und ruehrte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit
ihr hatte, waehrend Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussoehnung denkt
sie selbst nicht. Sie fuehlt, dass Grete ihr Gehen will, Grete hat
begierig die Gelegenheit zur Herbeifuehrung der Verstimmung ergriffen."

Aber Herr von Tressen hoerte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzuege bewiesen,
dass er bereits dem Schlaf erlegen war.

       *       *       *       *       *

Tankred sass in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von
neuem ein Schriftstueck. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von
Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt:

  'Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklaert hat, dass
  er keinerlei rechtliche Erbansprueche an den Nachlass meines Vaters
  besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat,
  diesbezuegliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter
  empfangen zu haben, bestaetige ich hierdurch meine Zusage, ihm die
  Summe von fuenfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe
  meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen
  versehen.

  Weitere Zuwendungen, groessere oder kleinere bis eventuell zur Haelfte
  des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch
  will ich mich darueber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fuenf
  Jahren aeussern und verpflichte mich, wie ich ausdruecklich hervorhebe,
  dazu in keiner Weise.'

In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck,
und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Buergschaft,
dass Tankred einmal Miterbe von Falsterhof wuerde.

Er konnte das Schriftstueck Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu
geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit
begnuegen wuerden. Was bedeuteten fuenfzigtausend Mark? So viel wie nichts!
Und waehrend der naechsten fuenf Jahre wenigstens war er nicht imstande,
weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen.

Es blieb also nur uebrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine
zweifellos guenstige Erklaerung abzufassen, mit anderen Worten, eine
Faelschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand
sich alles leicht. Aber in ihren Besitz musste er erst gelangen, und dazu
bedurfte es staerkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen.

Tankred ueberlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein
wuerde. Unter zwanzigtausend Mark jaehrlich waren sie sicherlich nicht
abzufinden, dann blieben noch dreissig- bis vierzigtausend Mark fuer
seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht uebermaessig viel, aber doch sehr
viel, wenn man nichts besass. Auch waren noch die Vorteile
hinzuzurechnen, die ihnen wuerden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles,
was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang
viel, die Reisen und sonstiger Luxus.

Und die Alten wuerden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein
sehr gutes Geschaeft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das
Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionaerin.

Auch des Erfolges war Brecken gewiss, wenn nicht noch unberechenbare
Zwischenfaelle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem
Justizrat mit sehr wenig Ruecksicht auf seine Wuensche abgefasste
Schriftstueck jede Hoffnung wieder zerstoerte.

Hm! hm!--Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab.
Dann aber liess er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb
lange, aenderte, fuegte hinzu, ueberlegte, aenderte nochmals und las
schliesslich, was vor ihm lag:

  'Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklaert hat, auf
  Ansprueche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von
  Brecken erwachsen sein moegen, verzichten zu wollen, bestaetige ich
  hierdurch meine Zusage:

  I. ihm zunaechst fuenfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die
  Haelfte des Besitzanteils an Falsterhof ueberweisen zu wollen, wenn mir
  nach fuenf Jahren die Gewaehr gegeben ist, dass er damit im Sinne meines
  verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nuetzen und mehren wird.
  Eine solche Einschraenkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche
  das Testament fuer mich selbst enthaelt, geboten und entspricht demnach
  nur genau den mir selbst zustehenden Rechten.

  Theonie Cromwell.'

"Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet
trotz der geschaeftlichen Kuerze und Form volles Wohlwollen," fluesterte
Tankred. "Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals
entsprechend, und dass sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben,
dafuer werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei
Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen
Thatbestand handeln: fuenfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Haelfte
des Besitzanteils von Falsterhof nach fuenf Jahren."

Und so ueberzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, dass er
sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des
Originals taeuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich
blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm ueberraschend.
Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin
Hoeppner, und sie zu veranlassen, dass sie ihm wenigstens keinen
Widerstand entgegenstellte, musste jetzt seine Aufgabe sein.

Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben,
vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde
zu befriedigen, teils um von Frege etwas ueber Theonie zu erfahren.

Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich
in Elsterhausen fuer seine Reitausfluege gemietet hatte, in die Allee von
Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und
die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Baeume, insbesondere die
kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach
auftauchten entzueckten das Auge.

Tankred befand sich in einer ausserordentlich gehobenen Stimmung; je
mehr er ueber die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie
ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: dass
Grete von der Linden, die sehr genau wusste, was sie wollte, ihm am Ende
doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den
Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber--eine Moeglichkeit war
doch vorhanden.

Waehrend er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hoerte
er hinter sich das Geraeusch eines dahineilenden Wagens, und als er den
Blick wandte, sah er zu seiner grossen Ueberraschung Grete, die selbst das
Gefaehrt lenkte, vor sich.

"Sie, mein hochverehrtes Fraeulein?"

"Sie,--Herr von Brecken?" ging's zugleich aus Gretes Munde. "Wohin? Nach
Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurueck?"

"Nein,"--erklaerte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd
durch einen so maechtigen Druck, dass es sich fast ueberschlug und nun
bewegungslos verharrte. "Ich will nur einmal auf Wunsch meiner
Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswuerdigen Brief geschrieben
hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen
zurueckkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof
eigentlich? Moechten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es
wird Sie, glaube ich, interessieren, den maechtigen Bau mit den schoenen,
altertuemlichen Moebeln in Augenschein zu nehmen."

Einen Augenblick zoegerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des
Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in
Tankreds Gesellschaft aufdraengte. Aber sie ueberwand das Bedenken,
nachdem Tankred ihr zugeredet und erklaert hatte, dass Frege sie
herumfuehren, und er sie sogleich wieder zurueckgeleiten werde.

Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschliessende, mit Pelz
besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter
Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmuetze.

Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zaehne in dem klugen,
fein geschnittenen Munde blitzten verfuehrerisch.--

Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich
anfangs nichts, nur Max erhob ein wuetendes Gebell. Dann aber kam Klaus
aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in
Empfang.

"Bitte, erlauben Sie!" bat Tankred, der schnell von seinem Tier
herabgesprungen war, und streckte die Arme aus.

"Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken," wehrte
Grete ab. Aber sie gestattete es doch, dass er ihre beiden Haende ergriff,
und liess sich so von ihm beim Herabspringen helfen.

Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen,
schritt er an Gretes Seite dem schlossartigen Gebaeude zu, das wie immer
unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des grossen Hofes
emporstieg.

Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenraeumen bellend auf dem Pflaster
erscholl das Geraeusch der fortgefuehrten, und einmal uebermuetig hintenaus
schlagenden Gaeule. Und dann ertoente dumpf die schwere Flurglocke, und
sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof.

Zunaechst drueckte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber
da der nicht sogleich erschien, oeffnete er selbst die Thuer zur Linken
und bat Grete, in die Wohngemaecher einzutreten.

Ein ueberraschender Luxus trat ihnen entgegen; ueberall befanden sich
kostbare Teppiche, alte Moebel und Kunstgegenstaende; faltige Gardinen und
Vorhaenge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschuetzten Thueren und
Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den
Reichtum der frueheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermuetiger
Verlassenheit durchwehte die Gemaecher, und erst als sie die nach dem
Parkgehoelz zu liegenden Raeume betraten, und hier die heller eindringende
Sonne den kostbaren Gegenstaenden ein heiteres Gepraege verlieh, die
eingelegten Schraenke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die
Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fussteppichen in
farbenreicher Schoenheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich
unwillkuerlich auf Gretes Gemuet gelegt hatte, und ein Ruf der
Ueberraschung ging aus ihrem Munde.

"So schoen haette ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der
einen so ausgepraegten Sinn fuer kostbare Dinge und einen so feinen
Geschmack besass?" fragte sie.

"Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verstaendnis dafuer und Freude
daran," entgegnete Tankred. "Wenn es sich um ein schoenes, altes Moebel
oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er
besass eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten
Lebensjahre nach. Sie muessen nun aber erst mal seine eigenen Gemaecher
sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich ueber den Flur auf die
andere Seite."

Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein
ausgelegten Kaestchen herab und liess ihr Auge darauf ruhen.

Wie so oft aeussere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so
geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen
durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersuechtiges
Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all
das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete.

Sie wuenschte in diesem Augenblick, dass er ihr Komplimente sage, ihr den
Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that,
herbeifuehren, was ihre Gedanken und Sinne beschaeftigte.

So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, dass sie, als er ihr naeher
trat, den Kopf so zur Seite neigte, dass seine Wange ihr Haar streifte,
und ihre Haeupter sich sanft beruehrten. Sie zog das ihrige auch nicht
zurueck, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie
draengte, liess sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen
sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurueck.

"Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen," stiess
Grete, nun den Weg zur Thuer nehmend, heraus und seufzte begehrend auf.

"Das sagen Sie?" entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch
seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. "In Holzwerder strahlt doch
alles in Schoenheit, dort weht eine reizvolle Gemuetlichkeit, waehrend
Falsterhof duester und einsam ist. Nur in diese beiden Gemaecher dringt
etwas Waerme und Licht."

"Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fuelle, und das liebe
ich. Ich gestehe, dass mich das Besitzen an sich reizt, und ich
unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die
viel fuer Ueberfluessiges, fuer gelegentliche Genuesse und fuer Dinge
ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Fuer
Kunstsachen moechte ich auch ein wenig verschwenden, sie koennen durch die
Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren
Essen und teuren Weinen?"

"Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen ueberein," erwiderte
Tankred. Und mit brennendem Blick fuegte er hinzu: "Ja, erwerben,
besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch fuer mich einen unnennbaren
Reiz. Frueher war das nicht so. So lange ich nichts besass, war ich
leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich
glaube, dass wir auch sonst mancherlei Aehnlichkeiten haben. Wir hassen
zum Beispiel die Sentimentalitaet, besitzen einen auf das Greifbare
gerichteten Sinn und einen uebereinstimmenden Geschmack in dem, was man
bequem nennt."

Grete nickte lebhaft, er wusste ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er
holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit uebereinstimmte
oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wusste, dass es ihr
gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit
der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluss wusste er noch einen
besonderen Druck auf sie auszuueben, indem er berechnend hinwarf:

"Gluecklich ist derjenige, der Ihnen im Leben naeher treten darf, der von
Ihrer Freundschaft beruehrt wird, gluecklich, weil Sie sich ganz so geben,
wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefuehl, und sicher fest
halten, was Sie einmal ergriffen haben."

"Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?" gab Grete halb
geschmeichelt, halb in ehrlicher Ueberzeugung zurueck. "Wollen Sie wissen,
dass ich oft sehr traurig bin, mich sehr ungluecklich fuehle? Ich denke
dann, dass ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin
oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefuegig und sehr egoistisch.
Ich bin nicht gut, wie man sein muesste. Die Natur schuf mich so,--leider!
Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner
Charakterveranlagung mein Glueck. Es ist wirklich von Uebel, wenn man eine
so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmuetig
ist. Was haetten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht waere? Natuerlich
werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht
weiter leben koennen, wenn ich einmal--"

Grete stockte.

"Wenn Sie einmal?" setzte Tankred leise an und trat Grete, ploetzlich
alles wagend, mit zaertlich werbenden Mienen und Blicken naeher. Aber
obgleich ihre Augen verrieten, dass sie bei ihm war, entwich sie ihm
doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hoerten sie draussen
Schritte, und, ihre Verwirrung bekaempfend, gingen sie auf den Flur, wo
ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenuebertrat.

Tankred verstaendigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut
gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus
moechte den Wagen und das Pferd vorfuehren, sie wollten gleich wieder
fort, er wuenschte dem Fraeulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen.

Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemaechern des verstorbenen
Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen.

Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie
bereute, dass sie sich hatte fortreissen lassen, oder sie wuenschte sich
nicht der Moeglichkeit auszusetzen, von Frege ueberrascht zu werden.

Sie besah die Raeume, in die Tankred sie fuehrte, fluechtiger und machte
eine hastig unruhige Bewegung zur Rueckkehr, als sie in einer alten
Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand.

"Schon zwei Uhr! Ich muss zurueck, Herr von Brecken. Ein andermal den
Park."

"O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fraeulein," wandte Tankred schmeichelnd
ein. "Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!"--Und
einen neckisch ernsten Ton annehmend, fuegte er hinzu: "Haetten Sie, wie
ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse fuer Falsterhof und seinen
kuenftigen Besitzer--dann--dann--"

Aber schon waehrend Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht
unguetige, aber entschieden abweisende Bewegung.

"Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken," stiess sie
rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. "Aber,
bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den misstrauischen Augen des alten
Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen
uns dann, und--und--"

"O Grete, teures Maedchen--" stiess Tankred, nicht Herr seiner durch den
Widerstand verschaerften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm
nachzugeben, schuettelte sie das Haupt und verliess mit sanfter
Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach.

Draussen angekommen, drueckte Tankred den Dienern jedem ein Geldstueck in
die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen.--

"Hier," sagte Frege, als das Geraeusch der Raeder und Hufen verklungen
war, und gab Klaus die empfangene Muenze. "Ich will von ihm kein Geld.--"
Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurueck.

       *       *       *       *       *

Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner hoechsten
Ueberraschung Fraeulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich
auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das
Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort
angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei.

"Ja, schon seit laengerer Zeit. Das Fraeulein, das frueher auf Holzwerder
gewesen, befindet sich dort."

Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, dass man ihm hier doch
Naeheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen koennen.

Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und
heute einen Besuch bei Hoeppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas
Gutes lag wieder darin. Sicher wuerden Pastors jetzt Tressens auf
Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, dass durch die
Aufnahme Fraeulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes
Verhaeltnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin
sah es freilich ganz aehnlich, keine aengstlichen Ruecksichten zu nehmen,
wenn sie von ihrer besseren Ueberzeugung geleitet ward. Ihr natuerliches
Selbstgefuehl wurde durch den Umstand verstaerkt, dass sie ihrem uebrigens
ziemlich viel aelteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermoegen in die Ehe
gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne dass der Pastor sich in
abhaengiger Stellung muehte.

Waehrend Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich
Gedanken ueber den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezueglich seiner
Person.

Die Pastorin wuerde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren
Eroeffnungen zurueckhalten, und die Helge wuerde triumphieren, dass sie ihn
so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch
wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an
Grete, ihre fruehere Schuelerin und Vertraute, eine Warnung ergehen liess?

Sein Schuldbewusstsein draengte ihm ploetzlich alle moeglichen
Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige
Personen musste er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten
Frege und die Pastorin. Dass damals Frege den Brief an ihn geschrieben,
war ihm durch Vergleichung von Schriftstuecken, die von dessen Hand
herruehrten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, dass
er zu Theonie hielt. Um so mehr draengte es Tankred, sich nun so rasch
wie moeglich Gretes zu versichern, und am naechsten Tage schon etwas
ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg
nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte.

Ein eigentuemlicher Zufall fuehrte es mit sich, dass auf der ersten Station
zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Hoeppner,
welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte,
einstieg. Er begruesste Tankred mit gewohnter Hoeflichkeit und Unterordnung
und gab sich auch in der Folge ueberaus beflissen und mit der ihn stets
auszeichnenden liebenswuerdigen Gutmuetigkeit in seinem Wesen.

Tankred konnte sicherlich nichts erwuenschter sein als diese Begegnung,
da Hoeppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wuenschte.

"Wir kennen," hub er an, "Fraeulein Helge ja schon so viele Jahre, und
meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie
schaetzt ihren Charakter ausserordentlich und empfand gleich lebhaftes
Mitleid, als sie erfuhr, dass gewisse Umstaende die Entfernung der Dame
von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung
erforderlich gemacht haetten."

"Was war denn wohl die Veranlassung?" schob Tankred, sich unwissend
stellend, ein.

"Darueber bin ich nicht unterrichtet," entgegnete Hoeppner, langsam die
Worte dehnend und in gewohnter Ruecksicht ausweichend. "Es wird wohl auf
beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das aendert ja nicht die
Notwendigkeit, dass wir uns der uns befreundeten Dame annehmen."

"Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und
Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend," schob
Tankred, glatt schmeichelnd, ein. "Wird Fraeulein Helge laenger bei Ihnen
verweilen? Uebrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten
muss. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig
genaehert haben."--Tankred wusste, dass der immer zum Friedenstiften
geneigte, gutherzige Hoeppner jedes Wort seiner Rede den Frauen
hinterbringen werde.

"Fraeulein Helge hat Aussicht,--ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr
interessieren, und da Sie sie so schaetzen, auch freuen, Herr von
Brecken,--Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die
Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis
die Sache entschieden, bleibt sie bei uns."

Tankred glaubte, dass ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem
Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten.

Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschoepf mit dem
unertraeglich affektierten Vornamen kuenftig zusammen auf Falsterhof!
Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie wuerden sie ihn alle
beobachten, und wie wuerden sie Buch fuehren, um nach fuenf Jahren zu
erklaeren, dass er des Erbes nicht wuerdig sei! Und alle die Katzenbuckel,
die er den Dreien in so langer Zeit wuerde machen muessen, waehrend er sie
am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wueste Insel
geschickt haette. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein
Blinder! Ungewoehnlich beschraenkt war doch dieser Geistliche!

So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kraeftiger
Selbstbeherrschung wusste er gleichwohl seine Enttaeuschung zu verstecken,
pflichtete vielmehr, hoch erfreut ueber solche Moeglichkeit, dem Pastor
bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, dass er den Weg
nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der
in groesserer Entfernung liegenden Gueter erhalten zu haben.

Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und
einen Fusspfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, dass
Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe
beschaeftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu,
wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten
Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begruessung
wandten sich alle wieder der Thaetigkeit der von Hederich angeleiteten
Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der
jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die
Beschaeftigten inne.

"Erlauben Sie mir!" rief Tankred, welcher sah, dass die Damen den
Vorgaengen mit grosser Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen
Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkraeften den unter den
Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals
anzufassen und abwaerts zu druecken, und brachte nun gleichsam spielend zu
wege, was allen Muehen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der
schweren Eisenmasse war er behuelflich und stand, waehrend die uebrigen,
nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiss wischten, da, als ob
es sich um eine Kinderei gehandelt haette.

Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft
seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen
bisher nicht zu baendigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen
der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war,
als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden!

Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Saetze, dass die
Umstehenden unwillkuerlich aufschrieen und einen toedlichen Sturz schon
vor Augen sahen, aber Tankred riss den Hengst herab, als ob in die
schnaubenden Nuestern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn
niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und ueber die Weichen und
flog dann wieder in solcher Karriere ueber den Hof, dass die Funken aus
dem Pflaster stoben.

Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd
und bebend, der uebermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fuegend, da.

"Herrlich! Wundervoll!" riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred
abgestiegen war und sich ihnen naeherte.

Auch Hederich war ganz hin.

"Drum und dran, das ist ein Stueck, wie ich es noch nicht gesehen habe.
Alle Achtung, Herr von Brecken," stiess er heraus und bewegte in
unbeschraenkter Bewunderung den Kopf.

Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke
an, der mehr sprach als alle Worte.

Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von
Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wusste,
dass nun das Schriftstueck von Theonie zur Sprache kommen werde.

Noch war er nicht so verdorben, dass er der Vorlage des gefaelschten
Dokuments mit voelliger Ruhe entgegen gesehen haette; bisher hatte er
gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewusst, die
seinen Brotherrn geschaedigt hatten, aber doch nicht als direkter
Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Faelschungen war er bisher doch
zurueckgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung
jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Beruehrung bringen konnte, und
so peinigte ihn ausser dem Rest von Ehrgefuehl, das noch in ihm war,
auch--die Furcht. Er sagte sich wie schon frueher, dass er nicht dazu
veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, dass er
nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und fuer sie
erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn
das Schriftstueck nicht in Tressens Haenden blieb, wer konnte ihm dann
etwas nachweisen? Er wuerde im Fall mit kuehner Stirn leugnen und Tressen
der falschen Verdaechtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespraech
dazu Anlass bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und ueberreichte
es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit.

Tankred beobachtete des Lesenden Zuege. Ohne Zweifel; er hatte seine
Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit
deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt
abgefasstem Kommentar ebenfalls mit groesster Genugthuung zuhoerend, das
Papier neben sich auf den Tisch.

Er schien das Schriftstueck einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred
liess seinen Zweck nicht aus dem Auge. "Der letzte Passus"--schob er in
seine Rede ein, nahm die gefaelschte Akte an sich und entfaltete sie,
"bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklaerung. Gestatten
Sie. Es heisst da----"

Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, liess er das Papier,
nachdem er es noch eine Weile in den Haenden gehalten, gleichsam
unwillkuerlich in seine Brusttasche zurueckgleiten.

"Wuerden Sie erlauben, dass ich auch meine Frau mit dem Inhalt des
Schriftstueckes bekanntmache?" fiel Tressen ein und streckte mit
hoeflicher Bewegung die Rechte aus. "Ich lege es dann morgen dankend in
Ihre Haende zurueck. Ich hoffe doch, dass Sie die Nacht noch bei uns
bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken koennen? Sie
wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit fuer Sie bereit!"

Tankred schwankte. Was Tressen ihm ueber sein Bleiben vorgeschlagen,
stimmte sehr mit seinen Wuenschen ueberein, aber das Papier auch nur
zeitweilig von sich zu geben, hiess alles aufs Spiel setzen! Sie konnten,
ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie
vorlegen! Was er selbst gethan haben wuerde, mutete er anderen zu.

"Natuerlich! Mit Vergnuegen," bestaetigte er trotzdem. Aber mit der
Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fuegte er hinzu: "Verzeihen Sie die
Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht moeglich
waere, dass wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die
ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen
bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich moechte etwas Gutes aus
dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hoeren; sie wird auch wissen, ob ich mir
bei Ihrem Fraeulein Tochter Hoffnung machen kann. Spaeter, wenn Gaeste
eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung
abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewissheit raubt mir den Schlaf. Sie
laecheln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau
Gemahlin warben, das wird Sie fuer meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich
moechte fuer den Fall auch gern Ihre kuenftigen Angelegenheiten besprechen,
Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, dass ich das so
ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fuehle mich--der
Himmel moege verhueten, dass ich in meinen Hoffnungen betrogen
werde--bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich wuerdig zu
zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde."

Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermaessig das
Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau
herbei.--

       *       *       *       *       *

Das Gespraech war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von
Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen,
waehrend Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fraeulein Grete
unterhalten zu duerfen.

Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewaehrt. Waehrend im
Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte
Bleifeder immer mit demselben harten Geraeusch aus Tressens Hand auf den
Spieltisch fiel, waehrend Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl,
und Hederichs unvermeidliches "Drum und dran! das musste Schlemm werden!"
ertoente, sassen nebenan Tankred und Grete in stillem Gefluester, und
endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch
seine Worte und Gebaerden immer mehr erregten Maedchen zu:

"Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fraeulein Grete, zu sprechen.
Ich ging mit Gefuehlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen.
Mir war, als ob Sie mir befohlen haetten, einen Tag und eine Nacht den
Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein
Gedanke beschaeftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe
lag. Darf ich denn nun sprechen,--o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre
Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen,--Ihnen sagen, was,
was,--" Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht.

Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens,
und gerade weil es sie draengte, das sie berauschende Wort zu hoeren, fand
sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiss
stroemende Quelle auf, das Gefuehl ueberflutete alles: Verstand, Vernunft
und Ueberlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte,
ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Naehe des Mannes durchstroemte
sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach,
draengend, schmeichelnd, zaertlich und feurig, war sie nicht mehr Herr
ihrer selbst; sie litt es, dass er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig
deutend, umfasste, und ploetzlich draengte sie selbst ihre Lippen zu den
seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen.

Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefuehl von Saettigung und Wonne, und
seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor
Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestossener auf
Falsterhof erschienen war, sass im Schloss von Holzwerder, und die Erbin
der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe.
Ja, sie wuerde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn,
Tankred von Brecken, von ihrer Brust haette reissen wollen.--

       *       *       *       *       *

Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach
Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes ueber
die Rueckkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der
Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestuermt worden, nunmehr
seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von
Elsterhausen sei zu gross. Grete hatte den Wunsch, Tankred taeglich zu
sehen. "Weshalb willst Du meine Wuensche nicht erfuellen?" hatte sie in
einem starken Gefuehlsdrange gefragt. "Ich kann ohne Dich nicht sein.
Liebst Du mich weniger, als ich Dich?"

Der Grund, den Tankred frueher fuer seine Entfernung von Falsterhof
angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wuenschte er nicht
zu sprechen.

Er wollte heute von Frege hoeren, ob Theonie vielleicht die Absicht habe,
den Winter ueber fortzubleiben, und ihr dann schreiben, dass sie ihm wegen
der veraenderten Verhaeltnisse erlauben moege, die Raeume, die er in
Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich
zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, dass sie ihrem Besitz fern
bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, dass die Dinge sich nach seinen
Wuenschen gestalten moechten, legte er ihnen auch eine groessere
Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem
Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederliess, dass
der Pastor erkrankt, und man in grosser Sorge um ihn sei. Da der Pastor
Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von
Bedauern; viel lieber haette er gehoert, dass sie, die Pastorin,
hoffnungslos darnieder liege. Die "Person" war ihm in der Seele
zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, dass Carin nach wie vor im
Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg.

Als er den Hof erreichte,--es war gegen vier Uhr nachmittags, und er
wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach
Elsterhausen zurueckkehren,--sah er Frege gerade mit langsamen Schritten
ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen,
finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein duester gemaltes Bild.
Ringsum nichts Lebendiges. Die Baeume streckten regungslos ihre duerren,
kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Oede und ein
gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag ueber allem
ausgebreitet.

Brecken ueberkam ein Gefuehl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es
legte sich ihm ploetzlich auf die Brust, als ob er fliehen muesse, als ob
seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu,
loeste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war,
selbst Haecksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die
Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu
ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen
Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, naeher.

Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred
ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit
allerlei nebensaechlichen Dingen. Nach Erwaehnung dieser war ein Absatz
gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt:

  'Und nun die Hauptsache, gnaedige Frau. Herr von Brecken hat sich mit
  Fraeulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben,
  nachdem er durch ein Schriftstueck von der gnaedigen Frau nachgewiesen
  hat, dass er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fuenf
  Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, dass es das richtige Papier
  ist, und schicke der gnaedigen Frau Abschrift davon.'

Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges grossen,
steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoss ihm tobend
ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestoert ward--!

  'Die gnaedige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des
  Schriftstuecks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwuerdig dabei
  gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon frueh bei Herrn
  Hederich in Holzwerder, der, wie ich wusste, zur Stadt wollte und schon
  oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich
  hinter dem grossen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den
  Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von
  Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er
  und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen
  war.

  Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde
  Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch
  und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand.--'

Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur
hoerte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den
Platz und fasste die Thuerklinke. Als er hinaustrat, streifte er den
Alten, der mit einer Miene zurueckprallte, als ob die Erscheinung eines
Verstorbenen vor ihm aufgestiegen waere.

"Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie
nicht. Einen Augenblick! Ich moechte etwas von meiner Kousine hoeren.
Kommen Sie! Wir koennen nach vorn gehen!"

Der Alte, sichtlich aufs aeusserste betroffen, aber sich beherrschend,
nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thuer zu den Gemaechern des
alten Herrn zu oeffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: "Wo ist
Klaus?"

"Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine
Schwester besuchen--"

Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hoerte, befriedigte ihn sehr.

Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als
Tankred die Thuer schloss, auf den Alten losstuerzte, ihn an der Gurgel
packte und ihm zuraunte: "Wo ist die Abschrift des Schriftstuecks, das Du
Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich toete
Dich, so wahr ich Brecken heisse!"

"A--h--" drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber
die furchtbare Faust Breckens schnuerte ihm Atem und Sprache ab.

Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand,
stiess den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen.

"Nun?" zischte er mit furchtbaren Gebaerden.

"Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit," stiess Frege entschlossen
heraus. "Ein Bandit ist der, welcher--"

Aber Brecken liess ihn nicht ausreden. Er fasste ihn hinten am Rockkragen,
schob den Widerstrebenden zur Thuer, entriegelte sie und stiess sein Opfer
bis in die Kammer. Hier liess er ihn los und befahl ihm, den Brief an
sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern.

Aber der Alte hob sich stoehnend in die Hoehe, blickte den Mann fest an
und sagte: "Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch toeten.
Frueher oder spaeter wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir
an!"

Brecken fletschte die Zaehne, und so furchtbar war seine Wut, dass er
Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er
sich ueber ihn und schrie: "Gieb, oder Du bist eine Leiche!" und als
Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf
schuettelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schluessel und begab
sich selbst ans Suchen. Seine Bemuehungen waren nicht umsonst; nach
wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das
Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den
Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte.

Nachdem er es an sich genommen, naeherte er sich Frege, der sich
inzwischen muehsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden
Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand,
und sagte, ihm die Schluessel hinwerfend: "Diesmal ging's noch an Dir
vorbei, Du schleichender Schuft. Aber huete Dich! Trittst Du mir noch
einmal in den Weg, so weiss ich, was ich zu thun habe!"

Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp
auf der Strasse nach Holzwerder zu.

       *       *       *       *       *

Und wieder einen Tag spaeter in der Daemmerungsstunde sass die Pastorin an
dem Bette ihres Mannes und hoerte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus
seinem Munde drang.

"Kraefte, Kraefte--Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck
Wasser."

"Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?"

Der Kranke schuettelte den Kopf. "Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur
Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah," stiess er heraus und liess
erschoepft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das
Verlangte eingefloesst. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich
streckte er zaertlich die Hand nach ihr aus.

"Mein guter Mann!" fluesterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr
dargebotene Rechte. Schwere Thraenen tropften aus ihren Augen. Eine
stumme Dankgebaerde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang,
ihr seine Liebe an den Tag zu legen.

Und spaeter oeffnete sich die Thuer, und die kleine Lene schob sich, leise
auftretend, herein.

"Papa Gute Nacht sagen," ging's aus dem Munde des Kindes.

Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich
empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers.

"Papa schlaeft, mein suesses Kind, wir duerfen ihn nicht wecken! Ich werde
ihm erzaehlen, dass Du da warst."

Lene nickte. "Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen," klagte sie
traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie
von dem Schoss der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das
am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort:

"Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?"

Da ueberkam die Frau der Schmerz.

Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, dass er kaum verstehe, dass der
Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Hoeppner
nach einer Erkaeltung erfasst, hatte alle seine Kraefte verzehrt und ihm
jegliche Widerstandsfaehigkeit geraubt.

"Weshalb weinst Du?" forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und
schmiegte sich aengstlich an die Brust der Bedrueckten. Und unter leisem
Schluchzen fluesterte die Pastorin:

"Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein suesses Lenchen. Wir
wollen heut abend beten, dass ihn der liebe Gott bald wieder gesund
macht."

Das Kind nickte eifrig. "Ja, ich will fuer Papa und fuer die weisse Henne
beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie
auf den Schoss nehmen wollte."

Die Frau drueckte in abermaliger, uebermaechtiger Ruehrung das Kind ans Herz
und setzte es sanft auf die Erde hinab. "Komm, ganz leise, geh nun
wieder nach vorn und bitte Fraeulein Carin, dass sie Dir Deine Puppe
anziehen hilft, und nachdem musst Du ein wenig lernen, Lenchen, das
Einmaleins!"

"Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?"

"Gewiss, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!"

Das Kind horchte vergnuegt auf und trippelte aus dem Gemach.

Nach einer Weile oeffnete Fraeulein Carin die Thuer und fragte, ob Frau
Hoeppner ihren Mann verlassen koenne. Es seien mehrere Personen da, die
sie zu sprechen wuenschten.

Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, dass er noch
schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe.

Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden
fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer
entschiedenen, aber stets huelfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege
von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm laenger zu sprechen wuenschte,
rief sie ihm freundlich gruessend zu: "Gehen Sie nur in meines Mannes
Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir koennen dann in Ruhe reden."
Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die uebrigen sich
entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwaehnte Gemach.

"Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?" hub die Pastorin, nachdem beide
sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die
gefalteten Haende auf die Brust. "Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell
hoeren? Oder haben Sie selbst Nachricht?"

"Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof
bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn
von Brecken, gegenueber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben
gleich waere, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!"

"Na, was sind denn das wieder fuer Sachen," stiess die Pastorin
erschrocken heraus. "Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen
zur Ruhe kommen? Erzaehlen Sie, was geschehen ist, Frege--"

In diesem Augenblick erfolgte eine Stoerung. Die Magd erschien und
meldete, dass Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn
Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die
Frau Pastorin sprechen zu duerfen.

Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen
ungehoert abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur
machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine
natuerliche Neugierde, Naeheres von Frege zu erfahren. So entschied sie
sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten
abzufertigen.

Waehrend sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thuer
offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher
gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er
vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen
verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin
zu und richtete, schon waehrend sie ihm in die Wohnstube voranschritt,
aeusserst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies
geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, dass
Tankred wisse, wer bei ihr sei:

"Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie
doch fuer einige Minuten wenigstens empfangen. Zunaechst eine Frage:
Bestaetigt es sich, dass Sie sich mit Fraeulein von der Linden verlobt
haben? Man sagt so!"

Tankred nickte. "Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach
des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens,
Ihnen persoenlich das fuer mich so glueckliche Ereignis mitzuteilen. Haben
Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof
zurueckkehrt? Ich war gestern dort, aber kam ueber einen aergerlichen
Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie--und auch das
wollte ich zur Vermeidung thoerichter Aussprengungen Ihnen sagen,--der
Mensch lehnte sich in so ungebuehrlicher Weise gegen mich auf, dass ich
ihn zuechtigen musste. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von
allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhoerten Eingreifen
in meine persoenlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner
Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefuellte
Schriftstueck--Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen
vorlegen wollte,--an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir
die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner
Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden
geschlossen, dass ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich
dabei den Anschein giebt, als ob es fuer das Wohl und Wehe seiner Herrin
noetig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein
Schriftstueck ueberhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb
sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?"

Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte,
unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen
sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu
haben. "Verzeihen Sie, dass ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch ueber
diese Angelegenheit mich noch aeusserte. Aber da Sie, verehrte Frau
Pastorin, doch gerade die guetige Vermittlerin zwischen meiner Kousine
und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte
richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der
fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige
Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, koennte mir wahrlich
sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge
klarzustellen."

In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Dass es sich bei Freges Vorgehen
um etwas ganz anderes gehandelt, dass er eben bei seinem tief
eingewurzelten Misstrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte,
erwaehnte Tankred natuerlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben,
als ob die Moeglichkeit einer solchen Unterstellung ihm ueberhaupt gar
nicht in den Sinn gekommen waere.

Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, dass die Pastorin,
unbekannt mit Freges Schlussfolgerungen, Partei fuer ihn zu nehmen schien
und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklaerte, sie werde gern
Gelegenheit nehmen, falsche Geruechte, wenn sie ihr begegneten, richtig
zu stellen.

Mit den Worten: "Im uebrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen
zurueckkehren. Sie koennen dann selbst die Dinge mit ihr bereden,"
verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann,
bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in
das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur:
"Ah, mein hochverehrtes Fraeulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu
sehen," hub er unter vielen Komplimenten an. "Zu meiner grossen Freude
hoere ich, dass Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden.
Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glueck wuenschen, wie ich
bedauert habe, dass Sie sich von meiner Braut trennen mussten.--Meine
Braut! Allerdings. Das Geruecht bestaetigt sich!--Ich danke sehr fuer Ihre
guten Wuensche," schloss Tankred, als Carin, der es war, als habe eine
giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige hoefliche Worte nicht
umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach.

Wenige Sekunden spaeter hatte Tankred, sehr befriedigt ueber den Erfolg
seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen.--

Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurueckgekehrt war, liess er sich
sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie:

  'Liebe Theonie!

  Zunaechst melde ich Dir heute, dass ich mich mit Grete von der Linden
  verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklaerungen
  einflocht, dass mich neben deiner Zuneigung fuer Dich besonders der
  Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und
  meine ehrlichen Vorsaetze zu unterstuetzen, so kann ich Dir dies auch
  jetzt als den wesentlichen Beweggrund fuer meinen Entschluss anfuehren.

  Nachdem ich auf den hoechsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen,
  habe verzichten muessen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald
  wie moeglich aus dem unthaetigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt,
  um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die kuenftigen
  Lebensverhaeltnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser
  Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir uebergebene
  Schriftstueck vorgelegt, und da es meine Plaene wesentlich gefoerdert
  hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von
  ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfuellt mich umsomehr, als ich
  mir bewusst bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du
  es erwarten konntest. Jaehzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riss
  mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das
  Geschehene ehrlich bereut. Beilaeufig bemerke ich, dass Frege sich sehr
  ungebuehrlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehaendigte
  Schriftstueck, das er zufaellig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als
  ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als fuer fremde
  Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich
  zugleich in so unerhoerten Ausdruecken, dass er eine ihm gewordene
  Zuechtigung durchaus verdiente. Ich erzaehle Dir dies einmal, um den
  wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um
  Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwuerdige Spionage zu
  verbieten. Dass Du nicht damit einverstanden bist, weiss ich.

  Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut moechte mich natuerlich
  gern taeglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der
  Schicklichkeit. Wuerdest Du wohl gestatten, dass ich bis zu meiner
  Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach
  Falsterhof uebersiedele? Ich weiss nicht, was ich Tressens und Grete als
  Grund meines laengeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst
  gewiss auch nicht wollen, dass ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und
  verstehen, dass ich nicht erklaeren moechte, Du habest mir den Aufenthalt
  in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten
  lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgaenge ferner in Deinem
  Dienste bleiben soll. Dass ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst
  Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein
  Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und
  Gutes Deinem Dich herzlich gruessenden und Dir allzeit aufrichtig und
  dankbar verpflichteten

  Tankred von Brecken.'

Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er
sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, dass er dem
hoechst aergerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder
sogar dessen Stellung erschuettert habe. Auch die Pastorin war
gegenwaertig viel zu sehr mit ihrem Manne beschaeftigt, um ihm
Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfaeltige Pastor starb, ward sie
erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu
mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu
befuerchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch
noch unschaedlich fuer ihn machen wuerde.

Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zukuenftigen
Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame;
mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, dass er mit
dieser Frau in seinem zukuenftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde
ausfechten muessen; ihren Vorteil wuerde sie nicht aus dem Auge verlieren.
Und gerade das passte ihm gar nicht. Seine anfaengliche Bereitwilligkeit,
Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu ueberweisen, hatte sich
nun, nachdem er festen Fuss gefasst, schon sehr gemindert. Er fand, dass
eine Rente von fuenfzehntausend Mark weitaus genug sei, und ausserdem
musste es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er
Grete erst heimgefuehrt hatte, war es ihm sehr gleichgueltig, was aus
Tressens ward, und ob sie ihn hassten oder liebten.

Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschloss, vorlaeufig
alles aengstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher
hervorgerufen, irgendwie abschwaechen koennte.--

Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb:

  'Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Kuerze.
  Zunaechst meine Gratulation. Moege Dir in Zukunft werden, was Du
  erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezueglich Deiner selbst
  voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wuenschen als ich. In den
  Abmachungen moechte ich keine Aenderungen eintreten lassen; ich ersuche
  Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof ueberzusiedeln. Ich habe die
  Absicht, allernaechstens zurueckzukehren, und hoffe dann auch Deine
  Braut zu begruessen, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu
  empfehlen bitte.

  Theonie.'

Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kuehl ausweichende und sogar die
Fregesche Angelegenheit gaenzlich umgehende Antwort enttaeuschte und
aergerte Tankred aufs aeusserste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er
den "Wisch" in die Ecke und murmelte boese Worte zwischen den Lippen.
Eine infam hochmuetige Art hatte diese Theonie, eine Art, fuer die er sie
am liebsten gleich gezuechtigt haben wuerde!

Und was sollte er nun auf Holzwerder erklaeren? Bisher hatte er noch
immer triftig klingende Auswege zu finden gewusst und in der Sicherheit,
dass Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklaert, dass er in den
naechsten Tagen nach Falsterhof uebersiedeln wolle. Dass seine Verwandte
die Absicht ihrer Rueckkehr bestaetigte, passte ihm auch nicht. Ueberhaupt
fand er es sehr ueberfluessig, dass sie wiederkam, weil es seine Plaene
durchkreuzte. Er fuerchtete, dass Frau von Tressen ein offenes Wort mit
Theonie sprechen koenne, bevor er Grete geheiratet habe.

Es ging auch aus den Zeilen hervor, dass Theonie gar keine Furcht mehr
vor ihm empfand. Natuerlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstueck in
Haenden. Wenn er irgend etwas that, was ihr Missfallen erregte, schaedigte
er seine Zukunft.

Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde,
das Feld zu raeumen, sich mit seiner kuenftigen Frau ganz aus diesem
Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle
entrueckt und brachte sich aus dem Verkehr und der Naehe der ihm laestigen
Personen. Er wollte es ueberlegen und mit Grete darueber sprechen.

       *       *       *       *       *

An einem der dem Vorerzaehlten folgenden Tage begab sich in der
Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer.
Grete bewohnte zwei sehr huebsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene
Gemaecher im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick
ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitlaeufigen, sich bis an
die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten.

Eine grosse Ordnung zeichnete die Raeume neben ihrer reichen Einrichtung
aus, zugleich aber fiel die Anhaeufung von zahlreichen Gegenstaenden auf.
Hier konnte sich die Behauptung, dass aus der Umgebung eines Menschen
sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschaerftes Auge
erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Raeume, sich mit
Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behueten von Besitz.

Auch fehlte ihr der Schoenheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern
und fuellten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstaende bekundeten
saemtlich einen gelaeuterten Geschmack.

Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin
voellig, waehrend ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr
unterschieden.

Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer
Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte
ihr mitgeteilt, dass er bei Brecken ein uneingeschraenktes Entgegenkommen
gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete
sich einverstanden erklaerte; auch musste die Hoehe der Rente einer
Besprechung unterzogen werden.

Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob
etwas ueberrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei
ihr eintrat.

"Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich moechte etwas mit Dir besprechen.
Grete--"

"Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick--" Und fortfahrend in ihrer
Beschaeftigung: "Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie
nun wieder etwas abgestossen. Gerade an dem alten Krug! Man muesste die
Dinge einschliessen, und dazu sind sie doch nicht da.--So, bitte, Mama!
Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden
eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weisst doch!"

Frau von Treffen nickte. "Gerade ueber ihn und Dich, aber auch ueber mich
und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Hoere mich also
einmal ruhig an.

Als Dein Vater starb, lagen die Verhaeltnis sehr einfach, weil ueberaus
guenstig! Ich hatte selbst ein Vermoegen, und Dein Vater ueberliess Dir den
sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider
hatten wir--ich meine Dein Stiefvater und ich--viel Unglueck. Papiere, in
denen mein Vermoegen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und
einmal angebroeckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen
hatte.

Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit
gelebt und sind darauf auch fuer die Zukunft angewiesen, da dein
Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kraenklichkeit wegen nicht
imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit
Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, dass
eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie
aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklaeren, liebe Grete, und ich moechte
Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben."

"Ja, liebe Mama," ging's in ruhig kuehlen Ton aus Gretes Munde.

"Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung
durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil fuer
Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist fuer unsern gemeinsamen
Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft
haben, verbraucht worden. Tankred hat--natuerlich unter Vorbehalt--mit
Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten wuerde, uns
zu ueberlassen. Ihr wuerdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr
auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts
kosten. Wenn es auch natuerlich erscheint, dass diese Dinge zwischen
Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und
ich wuerde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Ruecksprache mit
Tankred das Resultat Eurer Ueberlegungen ohne abermalige Eroerterungen in
einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater uebergeben
wolltest.--Nun, was meinst Du?" schloss die Frau, als Grete bei der
Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel.

"Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine
Ahnung, wie viel wir fuer unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, dass
es ganz selbstverstaendlich ist, dass Ihr eine auskoemmliche Rente bezieht,
zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden."

Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluss
aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht
in den Sinn gekommen war, schwieg sie fuer Sekunden hoechst betroffen und
ihre Enttaeuschung malte sich deutlich in ihren Zuegen. Dann aber nahm sie
mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte:

"Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?"

"Na ja, ich meine," entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, "dass Ihr
doch--wohl in Zukunft--" und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise
ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wuenschen ihrer Mutter
entspraeche,--"in der Stadt leben wollt!"

"Nein!" gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurueck, als ob
sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen
hatte, gar nicht herausgefuehlt habe. "Wir behalten unsern Wohnsitz hier.
Ich denke, wir richten uns oben ein--auch darueber wollte ich mit Dir
reden--und Ihr herrscht unten. Natuerlich bleibt Euch das Reich, und wir
bescheiden uns mit den kleineren Raeumen."

"So, so," meinte Grete, sich zwangsweise fuegend. "Gewiss, ja, das laesst
sich ja auch machen!--Ich weiss nicht, wie Tankred darueber denkt.--Und
was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm
sprechen. Sei ueberzeugt, liebe Mama," schloss sie, noch mehr einlenkend,
da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, "dass die Dinge
sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen
Faellen entsprechen."

"Es wird also doch noetig sein, dass wir noch einmal reden!? Das moechte
ich nicht. Es waere mir--" hier nahm Frau von Treffen schon deshalb
einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, dass sie vielleicht alles
verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht
wahrnahm,--"doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort ueber die Hoehe der
Rente spraechen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, dass Du Dich
jetzt aeusserst, der Peinlichkeit einer abermaligen Eroerterung
ueberhoebest."

"Nun ja, Mama," entgegnete Grete, die nicht minder selbstsuechtig war als
Tankred, aber die Tugend der Offenheit besass: "Ich finde es, ehrlich
gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen
bei vier Prozent einem Kapital von fuenfhunderttausend Mark. Es koennen
ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen
eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren
vermoegen,--ja, gewiss, Hederich hat mir das frueher einmal gesagt,--und
dann ist das Verhaeltnis doch zu unguenstig. Wir muessen rechnen, was uns
im unguenstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu ueberweisen,
scheint mir gerecht und billig. Bitte, lass mich mit Tankred, der ja ueber
landwirtschaftliche Verhaeltnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch
einmal mit Hederich Ruecksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau,
was wir koennen und wollen!"

Die verwoehnte Frau, die bisher allein geherrscht und ueber die
vorhandenen Mittel mit unbeschraenkter Hand verfuegt hatte, biss die Lippen
aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, liess sich nichts
einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so
klaren Blick in die Verhaeltnisse, dass die Frau von der unangenehmen
Ueberraschung, dass sie so benachteiligt werden sollte, ganz ueberwaeltigt
ward.

Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart liess sie
schweigen neben der Erwaegung, dass sie ja ohnehin machtlos war, wenn
Grete erklaerte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen
ueberhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen
Verbrauchs wolle sie geben.

Aber unter dem schmerzlichen Gefuehl ueber den unnatuerlich berechnenden
Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte:

"Wir waren bisher so gluecklich mit einander, Grete. Lass unser gutes
Einvernehmen nicht erschuettert werden durch Geldfragen, die leider in
den meisten Faellen Zerwuerfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind,
behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, dass Du
einst ein huelfloses Geschoepf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht
fand als am Herzen seiner Mutter!--Nicht wahr, Grete, Du versprichst
mir, dass Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon
mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward truebe. Er ist es jetzt
wieder!"

Bei den legten Worten draengten sich schwere Thraenen aus den Augen der
Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Ruehrung und guten
Entschluessen zugleich.

"Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlass, so traurig
zu sein, habe ich nicht als selbstverstaendlich betont, dass Euch ein
sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal
innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die
Deine,--verzeih die Erwaehnung,--und sorgfaeltig vorher pruefe, so liegt
doch zugleich eine groessere Gewaehr fuer Dich darin, dass ich es ernst meine
und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kraeften zu halten."

Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fuehlte, was sie
sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreissen
liess, sondern ueber den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene
Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu
handeln.

Freilich vergass sie, dass in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben
werde, vergass, dass Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frisst, und dass
kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluss ein anderer auf seine
Denk- und Handlungsweise gewinnen wird.

       *       *       *       *       *

Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurueckzogen und das
Recht ausuebten, das man den nach Alleinsein draengenden Verlobten
einraeumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte:

"Bitte, lass, lieber Tankred! Ich moechte heute einmal mit Dir ueber die
Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!"

Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich
um diese Angelegenheit handelte, ueberwand er den Verdruss, dass sie sich
den Zaertlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn
verlangte.

Grete berichtete sodann ueber das zwischen ihr und ihrer Mutter
gepflogene Gespraech und schloss, nachdem sie in ihrer ueberlegenen Weise
die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: "Was meinst Du? Findest Du
nicht, dass ich recht habe, wenn ich die Ansprueche der Eltern etwas
einzuschraenken wuensche?"

Tankred nickte lebhaft. Dass Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren
Konjunkturen koennten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden
wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz ausserordentlich.

Hier fand sich der Punkt, an dem er fuer seine geheimen Absichten
anknuepfen konnte.

Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten
ueberschuettet hatte, erwiderte er:

"Waere es nicht ueberhaupt am besten, die Akte, wenn solche ueberhaupt
noetig ist,--Misstrauen koennen Deine Eltern doch nicht in uns setzen!--so
zu fassen, dass wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen
Jahresertraegnisse zu ueberweisen, so lange beide leben, die Haelfte des
Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und waere es nicht
andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum
Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?"

Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend
ihrer nuechternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches
Spekulieren auf eine sehr grosse Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger
an. Bis jetzt straeubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu
thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus
Ruecksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite
abzugewinnen, und sagte laechelnd:

"Da koennen wir ebenso gut die Forderung stellen, dass die Spatzen auf den
Daechern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfuegung
stellen.--Ich meine," fuegte sie, selbst gestoert durch die Ironie und den
Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: "Auf diese Erklaerung
koennen wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine
Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muss ich
Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du musst, um Deine
Zustimmung auszudruecken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat,
mag ich es ihr nicht abschlagen."

"Und ich muss zustimmen, Grete?" fiel Tankred schmeichelnd ein und kuesste
seine Braut zaertlich. "Du willst also nicht nur Herz- und
Seelengemeinschaft, sondern auch Guetergemeinschaft mit mir schliessen?"

"Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!"

"Ah----" stiess Tankred heraus und laechelte kuenstlich.

Das junge Geschoepf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit
Kindesbeinen gelaeufig seien. Und sie gab wohl, wusste aber auch wieder zu
nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er
liess nichts von seinen Eindruecken merken, stimmte ihr nur, um ihre
Vertrauensseligkeit zu bestaerken, durch ein "Natuerlich! natuerlich,
liebster Schatz!" bei und triumphierte, dass ihm solche seine Macht und
seinen Einfluss fuer die Zukunft sichernde Verguenstigung freiwillig
geboten ward.

Ueber die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte,
dachte er auch schoen guenstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr
die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut
erzielte, abhaengig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthueren
vorhanden, um Tressens spaeter die Einkuenfte zu schmaelern.--Endlich
unterlag der kuenftige Wohnsitz der "Alten" noch einer Eroerterung
zwischen Tankred und Grete.

"Ich meine allerdings, dass dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben musst,
Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heisst, taeglich
das Dach oeffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, beruehre diese
Sache vorlaeufig noch gar nicht. Wir werden sagen, dass wir nach der
Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wuensche sprechen wir
dann in sehr ruecksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise
schriftlich aus. Muendliche Eroerterungen sind peinlich, ihnen wollen wir
aus dem Wege gehen. Dass sie uns jaehrlich einmal besuchen, kann uns
natuerlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das fuehrt
zu nichts Gutem. Uebrigens will ich zugeben,--" hier trug Tankred der
Moeglichkeit Rechnung, dass doch einmal das Gespraech ueber diesen
Gegenstand Tressens zu Ohren kommen koennte,--"dass fuer ein Zusammenleben
wenige Personen sich so eignen, wie Deine ueberaus treffliche Mutter und
Dein sehr liebenswuerdiger Papa."

Grete war sichtlich voellig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene
Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf,
aber sie ueberwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred
hervorgehobene Peinlichkeit einer muendlichen Eroerterung in Betracht
zog.

"Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof ueber, lieber Tankred?" warf
dann noch Grete hin. "Woran liegt's eigentlich, dass Du nicht Ernst
machst? Die Gruende von frueher sind doch nun hinfaellig."

Da schoss es Tankred von Brecken durch den Kopf, dass er das Unguenstige
fuer sich guenstig nuetzen koenne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene
mit Frege stattgefunden, auf eine fruehere Zeit verschiebend, diesen
Vorfall als Grund fuer sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde
verstehen, wie ungemuetlich es sei, einen solchen renitenten Menschen,
den er aber doch nicht fortschicken koenne, um sich zu haben. Den
Gegenstand, wegen dessen er ihn gezuechtigt hatte, umging er; er erwaehnte
nur, dass Frege sich hoechst unverschaemt betragen habe. Eine offene
Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefaehrlich; sie konnte doch
Misstrauen erwecken. Gerade das Schriftstueck hatte ja Tressens
Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefoerdert;
letztere selbst--Tankred bezweifelte es nicht--wuerde ohne die Aussicht,
die ihm durch dasselbe auf Falsterhof eroeffnet wurde, gezoegert haben, ja
zu sagen.

Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm
bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und
selbstsuechtig, aber das stoerte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhoehte
seinen Wert in ihren Augen.--

Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen
nicht minder beschaeftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig
vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so
sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, dass sie beschloss, einmal
vertraulich mit Hederich ueber den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie
werde durch eine Ruecksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete
so lange und hatte sich auch ein Urteil ueber Tankred gebildet. Der
Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzuloesen, trieb sie; es lag in
ihrer lebhaften Art, dass sie Dinge, die sie beschaeftigten, nicht auf
sich beruhen lassen konnte.

Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch ueber
Hoeppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr
gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe
zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Naehe ansaessig
gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte,
schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz
besaenftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn haeufiger in die Naehe der
Pastorin.

Hederich bewohnte ein mit allem moeglichen Krimskrams vollgepacktes, zur
rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von
Tressen bei ihm eintrat, sass er in dem sehr heissen Gemach in Hemdsaermeln
und war mit der Pruefung von Gutsrechnungen beschaeftigt.

Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, muehte sich mit grosser
Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunaechst nicht
in den Aermel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und raeumte dann
einen mit Rechnungsbuechern bepackten Stuhl ab.

"Hier, hier, bitte, gnaedigste Frau. Dass Sie mich auch gerade so finden.
Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung."

Frau von Tressen suchte ihm durch erhoehte Liebenswuerdigkeit seine
Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie
teilte Hederich im Vertrauen mit, dass die Zukunft ihr grosse Sorge mache,
und dass sie das Beduerfnis habe, sich gegen ihn darueber auszusprechen.

"Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun
wirklich vor dem, was ja einmal kommen musste, und ich fuehle, wie
notwendig es ist, den Augenblick zu nuetzen."

"Gewiss, gewiss--drum und dran, jeder ist sich selbst der naechste,"
bestaetigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden
Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger ueber die
ausgekohlte Flaeche fahrend.

"Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Eroerterungen
ueber den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, dass die
jungen Leute durchaus nicht zu wuenschen scheinen, dass wir auf Holzwerder
bleiben."

Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte
seufzend Atem.

'Ja, ja, das glaube ich wohl,' stand in seinem Wesen ausgedrueckt. Dann
aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte
legend:

"Was meinen Sie, gnaedige Frau, wenn ich mal mit Fraeulein Grete spraeche?
Ich weiss, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate.
Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen,
wie viel das Gut abwuerfe und anderes, drum und dran."

"Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse--ich sage Besorgnisse, Hederich,
denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar
schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm--hm--Sagen Sie, guter
Hederich,--offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?"

"Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich," bestaetigte
Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der
zerbissenen Zigarrenspitze.

Hederich hatte mancherlei kleine ueble Gewohnheiten, aber in seiner
Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig
schoen es war, besass eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die
Anlass gab, dass Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten.
Ueberhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht
unter dem Reflex innerer Eindruecke allzu sehr auf- und abzog, sehr
sympathisch.

Eine warme Empfindung durchdrang gegenwaertig auch Frau von Tressen; sie
liebte den Mann, sie fuehlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr
Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das haeufige Beruehren des
Gesichts mit den Haenden, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehoerten
einmal zu ihm.

"Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?" fragte Frau von Tressen sehr
gespannt.

"Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber
sonst haette er wohl die ausgelassenen Tage im Ruecken und wuerde sicher
kuenftig seinen Kram zusammenhalten."

"Sie raten mir also auch, dass ich auf sehr praezisen Abmachungen bestehe?
Auf schriftliche!?"

"Na ob!" stiess Hederich heraus.

"So--so--hm--hm," machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch
stimmte das Geaeusserte mit ihren eigenen, bisher nur zurueckgedraengten
Gedanken ueberein. So sagte sie denn:

"Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es
sei denn, dass sie selbst anfaengt. Und bezueglich unseres Hierbleibens
habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige
treffen und meine Wuensche zur Geltung bringen.--Um uebrigens etwas
anderes zu beruehren, wie geht es Pastor Hoeppner?"

"Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine Aenderung
eingetreten," erklaerte Hederich. "Er mag wieder essen, und der Doktor
sagt, nun waere alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern,--ich sass an
seinem Bett,--als Fraeulein, Fraeulein--drum und dran--nun kann ich
wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen,--Fraeulein Carin ihn ein bischen
neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das
kann ich Fraeulein Grete nicht verzeihen, dass sie mit ihr so umgesprungen
ist."

Bei Carins Erwaehnung machte Hederich sehr eigentuemliche Augen, so viel
Zaertliches drueckte sich in seinen Mienen aus, dass Frau von Tressen
ueberrascht ihren Blick auf ihm ruhen liess. Dann aber hellte es sich in
ihr auf.

Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin!

Auch das beschaeftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam
ueber den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schloss zuschritt.--

Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend
nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag
ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten
die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmaessig erwaermten,
teppichbedeckten Raeume im Schloss Holzwerder, und Hederich, der sich als
letzter Gast ueber den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den
Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von
Tressen bewillkommt, ausrief:

"Drum und dran! Man wird ueberhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in
die Gemuetlichkeit kommt!"

Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gespraech zwischen
den Herren, und spaeter ward eine neue, die Gutsverhaeltnisse betreffende
Regierungs-Verfuegung in den Bereich der Eroerterung gezogen, die auch
nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschaeftigte, als sie die Damen
allein liessen und sich ins Rauchzimmer begaben.

Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den
zurueck gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die
Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr ploetzlich etwas noch
notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und fasste des
alten Freundes Arm.

"Kommen Sie, ich moechte Sie etwas fragen, lieber Hederich!" sagte sie
und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls
geoeffnetes und erleuchtetes Kabinet.

Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm fuer die in seiner Hand
befindliche, unangezuendete Havannazigarre Feuer aufgedraengt und sich
neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort:

"Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte
sie? Sprach sie ueber mich?"

"Drum und dran.--Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fraeulein--"

"So--o, also doch!" machte Grete langgezogen, "bitte, sagen Sie mir
alles. Ich waere Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den
Inhalt des Gespraechs rueckhaltlos mitteilen wollten."

"Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?" schob Hederich, sich in
seiner platten Weise ausdrueckend, eigentlich nur um sich zu sammeln,
ein. "Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt--?"

Grete schuettelte den Kopf. "Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in
diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit
meinen Verlobten geredet, und da--da--fuerchte ich doch, dass sich noch
allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich moechte nun gern
wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also
bitte, erzaehlen Sie."

Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er fasste die Hand
des schoenen, jungen Geschoepfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und
das die Arme so oft zaertlich um seinen Hals geschlungen hatte, und
sagte:

"Hoeren Sie, liebe Grete--liebes Fraeulein Grete. Ich moechte Sie, bevor
wir weiter sprechen, einmal erinnern duerfen an vergangene Zeiten. Ich
bin Ihr alter Freund,--Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute
halten--ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama.
Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich,
aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders,--und da draengt es
mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses
auch in Zukunft stoert. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und
Ihren Braeutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer
Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen,
erziehen und gluecklich machen koennte. Verdient das nicht Dank von Ihrer
Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und
dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren
schon erwachsenen Soehnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas
zuzuwenden--es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen
fertig bringen! Aber die Kinder,--die Kinder!? Es ist wahr, was in der
Bibel steht!

Sie aber, Fraeulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten
nicht zu denen gehoeren. Gewiss, Sie sind einmal nicht weichmuetig, der
liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines
Maedchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Aepfel, und
sprachen davon, dass man es brauchen koennte. Aber es giebt etwas, das
Anstaendigkeit in der Gesinnung heisst,--drum und dran--missverstehen Sie
mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern
hier in Holzwerder die Wohnung lassen.

Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie
koennte es nicht ueberleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes
Fraeulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer,
wenn man so zusammenhockt,--gewiss,--aber bei jedem Menschen ist etwas,
was er wohl anders haben moechte, und--und--ich glaube auch, Ihre Mama
wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn
Sie gesehen haetten, wie bedrueckt sie war--"

Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen
gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er
gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede
mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie aus Erfahrung
nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben
werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck
auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte.

Sie drueckte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast
schwermuetig:

"Es ist mir oft so, als waere mein Herz geteilt, und die beiden Haelften
gehoerten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefuehl, und alles,
was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht
nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf
gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich
fuehle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin.

Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von
ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte
ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis,--dass ich sie wohl doch nicht
so geliebt habe, wie ich glaubte,--aber ich schaemte mich meiner
Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich aengstige mich
bisweilen.--Ich glaube--ich glaube--"

"Nun?" setzte Hederich, weich sprechend, an.

Das Maedchen richtete sich hoeher empor, sah Hederich fest in die Augen
und sagte, die Stimme daempfend: "Ja, ich glaube eigentlich, dass ich
haette einen Mann haben muessen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz
hat, nicht mir so ganz aehnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin,
mache ich Plaene, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will,--zwar
nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich--und wenn ich ihn
dann hoere, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz
andere Stimmen in mir.

Nicht wahr, Sie sagen niemandem, dass ich je so mit Ihnen sprach,
Hederich! Sie aber sollen doch sehen, dass ich nicht so herzlos
bin,--schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der
Nachbarschaft; ja, ja, ich weiss wohl, wie sie ueber mich urteilen,--also,
dass ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens ueber mich zu
entschlagen."

"Sie sagten eben," knuepfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein
Funke, gluehte ploetzlich in ihm empor, "dass Sie fuehlen, Sie muessten einen
weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heisst das, drum und
dran, dass Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch
Zeit ist. Ich bitte, ich beschwoere Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne
sprechen, sind kurz,--nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und
wenn man dann nicht zu einander passt, moechte man alles hingeben, um
wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte."

Es flog durch den Koerper des Maedchens, als ob ein Schauder sie erfasste;
sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den
Fussboden.

"Ach Hederich--ich weiss es nicht," drang's rasch und stoehnend aus ihrem
Munde, und ein huelfloser Ausdruck trat in ihre Zuege. Aber es war nur fuer
Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schuettelte den Kopf, in
ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschaeftsmaessig:

"Das ist eben der Kampf bezueglich seiner. Aber es ist doch nicht das
Richtige. Ein Mensch muss wissen, was er will!"

Zum Unglueck trat, als Hederich trotz ihrer Aeusserungen noch einmal
anknuepfen wollte,--so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf
der Zunge,--Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward
unterbrochen.

"Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich ueberall" rief sie. Und neckend
fuhr sie fort:

"Er wird sicher eifersuechtig werden, wenn er erfaehrt, dass Du so lange
mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!"

Grete aber sagte zur hoechsten Ueberraschung beider sehr ernst, fast
finster:

"Er hat wirklich auch Ursache, eifersuechtig zu sein! Ich kenne keinen
besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich haette gleich ja
gesagt, wenn er um mich angehalten haette."

Nach diesen Worten eilte sie rasch fort.

Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stiess
Hederich, dem's blutrot ueber das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung
von Gretes letzten Worten heraus:

"Drum und dran, gnaedige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber
freilich, er,--er wird's nicht ausbilden!" Nun schritten sie beide
nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glaettender Miene auf den
Kreis der Gaeste zu.--

       *       *       *       *       *

Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen,
und seit dem Vorerzaehlten hatte sich vieles veraendert.

Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgefuehrt und befand
sich, waehrend Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten,
schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich
seiner alten Gesundheit, predigte wie frueher von der Kanzel, hoerte die
energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens suesses Geplauder,
und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rueckkehr Tankreds halber
immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof
eingezogen.

Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte
Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und
aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend
Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof uebergesiedelt. Carin
schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjuengt.

Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von
Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden
bei ihm bemerkbar, die ihn haeufig auf laengere Zeit ans Zimmer oder gar
ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von
Gaesten im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft
mussten eingeschraenkt werden.

Gretes Mutter fuehlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich
draengte es sich ihr auf, dass das Alter sich nahe, dass allerlei Verzicht
geboten erscheine, und statt des frueheren raschen ein mehr beschauliches
und auf die Pflege des Koerpers gerichtetes Leben notwendig und weise
sei. Aber noch etwas anderes drueckte sie: Es war doch so ganz anders
geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten
abgeben muessen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der
Wirtschaft; man fragte sie nicht wie frueher, und sie trafen keine
Entscheidungen.

Schon durch die Beschraenkung auf die ihnen oben im Schloss eingeraeumten
Zimmer wurden sie taeglich an die eingetretene Veraenderung erinnert. Die
Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust
stieg der Reiz. Wenn Hederich ueber Gutsgeschaefte sprach, so war es des
neuen Herrn Wille, dem er sich fuegte. Hederich musste Tankred
allwoechentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm.

Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurueckgekehrt, weil Grete
neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen
ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der
Weiterreise erforderlich machte, daniederlag.

Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade
uebermaessige Waerme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen
auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kuehl und
verstandesnuechtern. Ueber das Verhaeltnis zu ihrem Manne schrieb sie
nichts; ob sie gluecklich sei, erwaehnte sie mit keiner Silbe. Ihre
Berichte beschraenkten sich auf Schilderungen der Laender, die sie
besuchten, auf Reiseeindruecke und auf ihr Befinden.

Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch.
Ihre Heimat sei doch am schoensten, hatte sie geaeussert, aber das war das
einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsaeusserung
gegeben hatte.

Seine lange Abwesenheit begruendete das junge Paar durch den Umstand, dass
sie, abgesehen von Gretens Unpaesslichkeit, beide noch nie etwas von der
Welt gesehen haetten; sie wollten nun die Gelegenheit nuetzen.
Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie
auf kuerzere oder laengere Zeit beruehrt.

Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend
kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen
zugetragen.

Er hielt mit seinem kuehlen Urteil ueber Tankred auch jetzt nicht zurueck,
aber gestand zu, dass sein neuer Herr fuer vieles einen richtigen Blick
habe und gut zu disponieren verstehe.

"Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen
Verwalter halten und bezahlen?" hatte er schon hingeworfen und auf die
Einwaende der beiden Tressens hinzugefuegt: "Ja, ich sagte auch bezahlen,
gnaedige Frau. Er ist wie das Fraeulein, er sieht auf den Schilling."

Tressens fuehlten, dass Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der
Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur
wegen mangelnder Veranlassung frueher nicht zum Ausdruck gelangt waren.
Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestoert, aber gerade sie, die
es nicht verstanden, zu hueten, schaetzten doch auch wieder deren
Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinriss, sich
dagegen aufzulehnen.

Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rueckhaltslos
Ausdruck; Befuerchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit
beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend.

Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahresertraegnisse des
Gutes ueberwiesen und ihr Einverstaendnis erklaert, dass die Alten im Schloss
wohnen blieben. Wenn sich spaeter herausstellte, dass doch ein so enges
Zusammenleben nicht zutraeglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen
eine Wohnung in Elsterhausen fuer ihre Beduerfnisse einzurichten, ohne
allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen.

Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred
aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabaenderlichen Willen
unterbreitet, ja, das Aktenstueck ihnen gleich unterschrieben auf den
Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten
Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch
moeglicherweise auch in ihrem Interesse, dass eine Trennung stattfinde,
und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die Ueberweisung
eines Drittels aus den Einkuenften koulant zu nennen sei.--

Es war mitten im Juni, an einem das Gemuet erheiternden, sehr schoenen
Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr
verkuendete, dass Breckens zurueckkehren wuerden.

Zufaelligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie
vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt,
auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens
hatte sich aus naheliegenden Gruenden ein freundschaftlicher Verkehr
entwickelt, und die Neigung, sich haeufiger zu begegnen, war dadurch
verstaerkt worden, dass Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging,
ein fuer die Herbeifuehrung einer Annaeherung erprobtes Mittel fleissig zur
Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Guenstige, was sie
uebereinander geaeussert hatten.

Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil ueber Tankred
Tressens gegenueber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben
nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken ueber Nebenmenschen
auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflusst zu haben.
Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort ueber den
inzwischen der Familie Tressen so nahegerueckten Mann.

"Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!" hatte Theonie nach
ihrer Rueckkehr auch gegen letzteren geaeussert. Sie fuehlte, dass sie, wenn
sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht
gehandelt hatte, ihren Diener als Waechter und Berichterstatter ueber
Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende
Gerechtigkeitsgefuehl kam immer wieder zum Ausdruck.

Frau von Tressen hatte fuer die erwarteten Gaeste im Garten in einer Laube
den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der
Gutsbote Gretes Brief brachte.

"Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt," bat Herr von Tressen
seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstuehle zurueck.

Sie nickte und sagte--schon hatte sie das Schreiben zur Haelfte
durchflogen--: "Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrueckt, und wie
eigentuemlich sie die Saetze formt!"

Dann begann sie:

  'Liebe Mama!

  Tankred meinte anders. Ich meinte aber, dass zu viel weniger sei. Er
  dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben
  schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir
  wollen direkt reisen, aber es haelt uns ein schoener Punkt, ein Wald,
  eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs laenger; dann spaeter. Erst,
  wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich
  damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in
  meinem Stuebchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiss sie nicht. Wie
  schoen, dass Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wuenscht sie
  herbei, immer draussen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles
  ist zu erzaehlen, aber zu viel laesst gar nicht reden. Man weiss nicht, wo
  beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir
  muendlich alles. Dass das Korn so schoen steht, schreibt Hederich. Auch
  eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschaeftige ich mich
  mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die
  Funken anblasen. Wer sich immer recht verstaende! Tankred ist klarer.
  Wenn er nicht so rasches Blut haette, ganz zielbewusst.--

  Lebt der grosse Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hoerte ich ihn immer
  kraehen, und Hederich stand in Hemdsaermeln dabei und sagte: "Drum und
  dran, er ruft Sie, Fraeulein Grete!" Gruess ihn besonders!

  Deine Grete.'

Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und
meldete, dass die Damen und auch Hoeppners ihm auf dem Fusse folgten.

"Welch angenehme Ueberraschung," stiess Frau von Tressen heraus und
eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gaesten entgegen. Hoeppners hatten
auch Lene mitgebracht, die ihr Haendchen gab und sich dann gleich einem
kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun
hervorkam, zuwandte. Waehrend die Herrschaften gemuetlich plaudernd beim
Kaffee sassen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begruesst,
besonders aber von der Pastorin.

"Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!" hub
sie an. "Wie lange ist's her, dass Sie nicht in Breckendorf waren! Aber
ich weiss, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und
gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist
begreiflich, ich muss es zugestehen!" schloss sie mit liebenswuerdiger
Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend.

Ueber Carins Gesicht flog ein Laecheln. Hederich aber erging sich, da er
sich getroffen fuehlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den
gutmuetigen Pastor zu dem Versuch veranlassten, die Wirkung der Worte
seiner Frau abzuschwaechen.

"Ja, ja, gewiss die Entfernung!" bestaetigte er. "Breckendorf liegt so
weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschaeftigt. Meine Frau sagt
immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei
ihr!"

"Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden," nahm nun auch
Theonie das Wort. "Das zieht ihn nach Falsterhof. Fraeulein Carin ist
eine gute Lehrmeisterin--"

"Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie," lachte
Hederich. "Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer
Versetzung nach Prima war nicht die Rede."

"Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!" fiel
Carin ein. Und zu den uebrigen gewendet, fuhr sie fort: "Es ist auch ganz
anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht
die Sache!"

Das Gespraech ging jetzt auf andere Gegenstaende ueber. Der Pastor lobte
Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von
Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen
zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschaeftigt.

"Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Fraeulein Carin?"
fragte Hederich nun die eifrig ueber eine Arbeit gebueckte
Gesellschafterin Theonies.

"Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schoen dies Jahr?"

"Na ob!"

Es trat eine Pause ein. Frueher, als Carin auf Holzwerder gewesen war,
hatten Hederich ihr gegenueber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein
Mitgefuehl erwacht war, und spaeter die Entbehrung, Carin nicht mehr
taeglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm
aufgedraengt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Maedchen und anderen,
hatte er all seine Unbefangenheit verloren.

Und sie half ihm gar nicht. Sie sass stets da mit einem eigentuemlich
still laechelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte,
ueber ihn stellte.

Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn
anblickte, war der stoerende Zug fort. Dann musste er an sich halten, um
ihr nicht gleich um den Hals zu fallen.

Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu
heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, ueber
sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon ueber die Vierzig,
und sie hoechstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen
bestehende Missverhaeltnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und
dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis
von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel
juengst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des
Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine,
weisse Finger und Handgelenke und hielt sich so ueberaus sauber,--ihre
Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Waesche
gekommen,--und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie.
Ihr Grossvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch
besonders schwere Verhaeltnisse war sie veranlasst worden, ihre Heimat zu
verlassen, sich fuer einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu
verdienen.

Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten
schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse fuer sie durchschimmern
lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegoennt. Und nun
war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder
fortgegangen, so viel schoener geworden; alle fanden es. Ihre dunklen
Augen strahlten lebhaft, waehrend sie sich frueher stets in sich selbst
zurueckgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet.
Das Gesicht war voller, ebenmaessiger geworden.

Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben,
weil sie ihn fuer gaenzlich ungefaehrlich hielt. Ihr Zartgefuehl haette ihr
sonst solche Bemerkungen verboten.--

Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich spaeter,
nachdem man noch ein allgemeines Gespraech gepflogen hatte, doch naeher
gerueckt, als die Damen die Absicht aeusserten, sich ein wenig Bewegung im
Garten zu machen. Sobald sich die uebrigen erhoben, legte auch Carin ihre
Arbeit beiseite.

"Sehen Sie hier, Fraeulein Carin!" bat nun Hederich, der sich zuerst mit
Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden
sitzenbleibenden Herren zu trennen gewusst hatte, bei einer Wegbiegung.
"Wollen Sie nicht einmal die Bluetenpracht in Augenschein nehmen? Drum
und dran! So war's noch in keinem Jahre."

Carin nickte unbefangen und trat, waehrend die anderen in den Buchensteig
einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Hoehe einen Ausblick zu
gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum
eingefasste Rondell.

Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: "Ich finde, dass der
Garten nicht mehr so schoen gehalten wird, wie frueher. Schade! Woran
liegt das?"

"Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen
kraenkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Fraeulein Carin, es
ist doch nicht der fruehere Zug drin. Die Alten duerfen sich in nichts
mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und
nun ist natuerlich das Interesse fuer vieles nicht in alter Weise da."

"Ich hoere, Breckens haben heute geschrieben, dass sie die Rueckreise
angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das fuehrt dann
auch wohl fuer Sie manche Aenderung mit sich, Herr Hederich?"

"Drum und dran! Ja gewiss! Wissen Sie, was ich glaube, Fraeulein Carin?"
Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders.

"Nun, Herr Hederich?"

"Ich glaube, meine Tage sind hier ueberhaupt gezaehlt. Herr von Brecken
will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide.
Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken
gewoehnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte
ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz.--Aber, drum
und dran,--leicht wird's mir doch nicht werden--leicht schon nicht,
weil--weil--"

"Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange
fleissig wirkte und erfolgreich thaetig war," fiel Carin ein. "Ja, das
begreife ich. Die Liebe fuer das hiesige Land und die Menschen waren ja
neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch fuer mich der Grund, zu
bleiben. Sonst haette ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit
ausgesetzt, wieder mit Grete in Beruehrung zu treten. Wie leichten
Herzens hat sie mich gehen lassen!"

"Es hat sie viel beschaeftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es
Ihnen schon, Fraeulein Carin. Es war ja nur, weil sie ueber Herrn von
Brecken so abfaellig urteilten. Sie mussten doch, drum und dran, merken,
dass sie ein Auge auf ihn hatte, da war es,--nichts fuer ungut,
unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Missachtung zu
bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden
lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie
wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein."

"Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei
Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den spaeteren Gesellschaften hier im
Hause fern bleiben zu duerfen. Sie denken noch immer viel zu gut ueber die
Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, dass Sie ein goldenes
Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttaeuscht werden. Ich freue mich
nur, dass Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt
haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu
kuendigen, damit er es nicht thut."

"Sie meinen--?" schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig
erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich
dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge.

"Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit
unangenehme Empfindungen bereitet? Ah--ah--das thut mir weh!" Und sanft
beguetigend schloss sie: "Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!"

"Nein, das ist's nicht," sagte der Mann mit einfacher Wuerde. "Ich wurde
ein bueschen weich, weil--weil--weil ich, nein, ne, ich kann's nicht
sagen, Sie koennten es falsch auslegen--"

"Ich lege gewiss nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es
beunruhigt mich, dass ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung
schon frueher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es
noetig war. Uebrigens einen Mann, wie Sie, wird man ueberall mit offenen
Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden
und sich dann auch gluecklich fuehlen; dessen bin ich sicher, und das ist
mir eine Beruhigung."

"Wie Sie das so schoen ausgedrueckt haben, Fraeulein Carin! Und wie viel
Teilnahme Sie fuer mich an den Tag legen! Wenn Sie wuessten, wie nur das
wohl thut, und wie ich ueberhaupt--" Er brach ab, und seine Stimme
zitterte.

In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe
getrennt hatte, herbeigelaufen, draengte sich an Hederichs Beine und
sprang an Carin empor.

"Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', dass du wegkommst, Puffmann!" rief
Hederich hoechst aergerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein
Auge mit dem frueheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er
ueber ihr Angesicht ein leise spoettelndes Laecheln fliegen. Und das stoerte
ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, dass ihm das Wort erstarb, und dass
er mit einem "Drum und dran! dieser Koeter, oft moechte man ihm den Hals
umdrehen!" Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg
zur Laube zuruecknahm. Als sie sich dem Platze naeherten, drang lebhaftes
Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hoerten sie der Frau Pastorin helle
Stimme.--

Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswuerdigen Weise
Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen
zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der
Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte.

Als bei dieser Gelegenheit erwaehnt wurde, dass einer der von Theonie
erwarteten, in der Naehe von Breckendorf wohnenden Gaeste die Gegend
verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung,
verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen:

"Das waere so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von
Holzwerder trennen muesste. Elsterhausen in einer Viertelstunde
erreichbar, und Breckendorf in naechster Naehe, die schoene Lage und das
wirklich splendid eingerichtete Haus--da laesst sich leben! Wem hat's
eigentlich urspruenglich gehoert, Hederich?"

Aber schon nahm der Pastor zum Verdruss Hederichs, der nun einmal gern
fuer diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte
Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fuegte einige Worte hinzu und
aeusserte: "Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt
haben. Alle kamen spaeter in Bedraengnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz
hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einkuenfte, sondern
kostet nur Geld. Hoechstens ein paar Huehner und eine Kuh koennen da
gehalten werden."

"Ja hoechstens! Drum und dran, nur fuer reiche Leute bewohnbar," betaetigte
Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen.

"Wann treffen Ihre Kinder ein?" fragte Theonie, sich zum Abschied
erhebend. "Ich moechte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen
senden." Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem
Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung.

Wenig spaeter hatten Theonie, Carin und auch Hoeppners, die in einem
flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen.

"Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich," rief noch Herr von
Tressen, der unter Beihuelfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schloss
nahm und Hederichs hoeflichen Gruss durch das Lueften des Hutes erwiderte.
Und Hederich rief ein "Zu Befehl, Herr von Tressen" zurueck, obschon
seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren.

Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er:
"Sie gruesste noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn
dieser verdammte Puffmann nicht gewesen waere, dann,--dann,--drum und
dran! Ich hatte so schoene Gelegenheit, ihr ein bueschen Andeutung zu
geben----"

       *       *       *       *       *

Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon
nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schloss bekraenzen
lassen. Um die Fenster und Thueren waren Blumenguirlanden gesteckt, und
auch Hederich hatte sich geruehrt. Die Knechte und Maegde waren in ihren
Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehoerigen
standen mit Rosen in den Haenden an der Schlosstreppe. Einem kleinen
Maedchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der
Schluss der von Hederich unter vielen Noeten gedichteten Willkommsworte
lautete:

  "Es wechselt Kaelte, Sonnenschein und Regen!
  Der Landmann braucht's,
  Ihm ist's ein Segen,
  Wenn's auch mal kalt und nass vom Himmel stroemt!
  Durch Eure Herzen aber moege strahlen
  Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen
  Auf Eure Wangen Lust und Froehlichkeit!
  Das wuenschen alle, die hier sind vereinet,
  Und seht, ein jedes Auge weinet
  Vor Freud', dass Ihr zurueckgekehret seid!"

Gluecklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glaenzte, umflutet von
der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit,
die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war
klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebuesche trugen noch
silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu
aufgeschuettet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den
Tressenschen Farben.

Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt
umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drueckte sie
Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten
und Maedchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostuem,
strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten
sich die Eindruecke in beider Zuegen wieder.

Bei Grete war's ein Anflug wahrer Ruehrung, sie verglich das wenige, was
an Gemuet in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche
Scham und dankbare Gefuehle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's
dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, dass man ihm ohne Zwang
Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene
Hoffnung auf altes Glueck stieg auch in Frau von Tressen empor, sie
glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und
Hederich ihre Voraussetzungen erfuellt.

Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestoerter
Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihuelfe ihrer Mama
alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich ueber
die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches
gediehen war.

Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt.
Die junge Frau uebernahm nunmehr die Kueche, das Mittag- und Abendessen
wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich,
wenn die Glocke ertoente, herab und nahmen daran teil.

Dafuer war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergueteten,
gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine
bestimmte Summe.

Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das
Fruehstueck und sorgte auch in aussergewoehnlichen Faellen fuer ihre und seine
Beduerfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie fuer
Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie
brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das
alles so bleiben konnte, oder Aenderungen eintreten mussten.

Zunaechst spuerten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der
Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder
fuer sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam,
trat auch das Beduerfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die
Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor,
und die Frauen beschaeftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar
den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange
zu bleiben, und Tankred fuegte sich entweder aus wirklichem Behagen oder
aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhaeltnisse.

Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestoert, und nach
Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand,
wurde nunmehr auch eroertert, wann die jungen Leute Besuche machen
wollten, und wer zunaechst eingeladen werden sollte.

"Es geht gar nicht mehr! Wir muessen sobald wie moeglich nach Falsterhof,"
erklaerte Grete. "Noch haben wir nicht einmal fuer die Blumen gedankt, die
Theonie uns gesandt hat."

Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich
aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal musste er seiner Kousine ja
doch zum erstenmal wieder gegenuebertreten, und schon hatte Hederich, der
inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzaehlt, dass Theonie
sich erkundigt haette, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien.

"Drum und dran! Sie wundert sich, dass Sie noch nicht da waren, Herr von
Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so."

Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu
fahren und Theonie und Fraeulein Carin zu einem Diner in der Mitte der
Woche einzuladen.

Letzterer gegenueberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich
schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen
an den Tag gelegt hatten, ueberwand sie bald den Anflug ihrer
unbehaglichen Stimmung.

Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die
Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich sass bei den
Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte
die Zuegel. Waehrend sie dahin fuhren, sagte Tankred:

"Weisst Du, es waere wirklich gar zu schoen, wenn die beiden Besitzungen,
die urspruenglich zusammengehoert haben, wieder vereint wuerden. Es hat
doch keinen Zweck, dass meine Kousine da allein auf Falsterhof
wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen frueher einloeste, waere es auch
leicht zu machen. Ich wuerde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und
ihr ihre Haelfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es
waere eine fuerstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird,
die Gueter rationeller bewirtschaftet werden, koennen sie gegen
zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswuerdig gegen
meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat grossen Einfluss auf sie.
Sie kann uns im Fall alles verderben."

"Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred," entgegnete
Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes bestaetigend. "Dann
koennte sie am Ende an ihrer Zusage ruetteln?"

"Gewiss. Und deshalb muesste man auch darauf hinzuwirken suchen,--ich denke
taeglich daran,--dass sie schon frueher Ernst macht. Sie will nach der
Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, dass der Besitz nicht
verschleudert wird, mit anderen Worten, dass wir ihn halten, mehren und
verbessern. Wenn sie die Ueberzeugung gewonnen hat, dass wir das thun, so
wird sie nicht zoegern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man koennte
vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu
ueberlegen. Der thut nur, was er fuer richtig haelt, und dass er auf dem
Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung koenne nichts gedeihen, ist
ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er
seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd."

"Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzaehlt.
Bitte, was war's?"

"Ich gehe stark mit der Absicht um, in groesserem Massstabe Rueben zu
pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzaehlte ich
ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie haetten alle bisher kein
Geschaeft gemacht, meinte er."

"Dann ist's doch auch klug, es zu lassen."

"Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen.
Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil
sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa
erzaehlt, auch gegen die Branntweinbrennerei gestraeubt? Und rentiert sie
nicht ausgezeichnet?"

"Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten
Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hoert ueberall,
dass die Zuckerfabriken vorlaeufig nur von Hoffnungen leben. Die
Konkurrenz ist auch zu gross."

"Nein, die Konkurrenz ist nicht zu gross, aber es ist noch ein Vorurteil
bei Haendlern und Konsumenten zu ueberwinden. Aber das wird sich geben.
Der Ruebenzucker stellt sich so viel billiger, dass man nach den
ueberseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die
bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital
war zu hoch.

Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr
spaetestens wird die Bahn von Elsterhausen ueber unser Gut gehen, und in
Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz
anders konkurrieren.

Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schaedel nicht hineingehen.
Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in
der Gegend dauernd niederlassen."

Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die
Richtigkeit nicht pruefen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in
Zahlen vorlegen zu lassen, und im uebrigen wurden ihre Gedanken
unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwaerts auftauchte.

Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Veraenderungen
vornehmen lassen. Die das Haus verduesternden Baeume waren gefaellt, auch
nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das frueher so finster
beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da.

Auch im Innern sah man die Thaetigkeit einer neugestaltenden Hand. Der
Flur hatte weisse Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit
den dunkelrahmigen Oelgemaelden einen aeusserst imponierenden Eindruck. Vom
frueheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thuer ins
Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerueckt
worden.

Auf einem grossen Rondell bluehten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies
bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebuesches und des halb
eingefallenen Grabens das Auge.

Frege begruesste mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gaeste
und fuehrte sie in die hinteren Gemaecher.

"Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten,"
erklaerte er. "Gleich werde ich die Herrschaften melden." Dann eilte er
davon.

Mit sehr eigentuemlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die
Raeume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das
Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal
freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen
hatte. Die im Hause vorgenommenen Veraenderungen wirkten befremdend auf
sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu
sein, trat weit zurueck. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder
Mitteilung nach ihrem Gutduenken. Natuerlich, es war ihr Recht, aber
gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtfuelle
der Besitzerin.

Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen
weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte.
Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und
umarmte Grete mit Waerme und Herzlichkeit.

Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch
die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt,
und bald sassen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemuetlich plaudernd,
beisammen.

Der Fremde war der Eigentuemer des vor Tagen erwaehnten in der Naehe von
Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof.

Er hatte frueher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines
Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich,
da er vermoegend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu
pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener,
aber keineswegs pedantischer Mann, und man ruehmte seine grosse Frische,
seinen Geist und seine hohe Intelligenz.

Herr von Streckwitz fuehrte denn auch vornehmlich das Gespraech. Herr von
Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er
erwiderte, dass er sich bei seinem Interesse fuer Landwirtschaft nach
einem ihm mehr Beschaeftigung bietenden Guetchen umzusehen die Absicht
habe.

Hederich mischte sich hinein und machte Vorschlaege, und Tankred, dem
Streckwitz gleich beim ersten Sehen hoechst unsympathisch war, riet mit
vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend
anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen Uebergewicht nicht
in seiner Naehe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten,
die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem
Interesse zuhoerte.

"Es gefaellt mir aber gerade hier ausnehmend," entgegnete Streckwitz.
"Mein bisheriges Einsiedlerleben moechte ich zudem vertauschen, aber mir
Thaetigkeit und Verkehr nicht in einer grossen Stadt suchen, sondern auf
dem Lande. Uebrigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir frueher oder
spaeter eine Gelegenheit zu anderer, groesserer Wirksamkeit bietet, werde
ich sie wahrnehmen. Zunaechst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu
suchen. Sie gestatten mir auch," schloss er, sich mit verbindlicher Miene
gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte
Auge ein wenig zusammenkneifend, "dass ich Ihnen meine Aufwartung machen
darf?"

"Es wird uns ausserordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen," entgegnete
Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten.

Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb
gegen Breckens verneigte, biss sich Tankred, in seiner Eitelkeit
verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter
demnaechst einmal deutlich zu belehren, dass ihr kein Recht mehr zustehe,
eine derartige Erlaubnis zu erteilen.

Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Geraeusch abgelenkt, da
Fraeulein Carin ein Knaeuel Seide fallen liess, und Hederich, sich
uebereifrig danach bueckend, so ungluecklich auf dem glatten Fussboden
ausrutschte, dass er knieend vor ihr liegen blieb.

Um nun doch irgendwie seinen Aerger auszulassen, nahm sich Tankred
Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise
nachahmend:

"Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist--drum und dran--ein zu schoener
Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Fraeulein Helge hingestreckt
zu sehen."

Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die
Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, waehrend Hederich, rot vor
Beschaemung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb.

Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft
stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf
Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen
Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er
sich sehr weh gethan habe:

"Ich danke sehr fuer Ihre Guete, gnaedige Frau, es ist schon vorueber. Ich
bitte nur um Entschuldigung, dass ich in Ihrem Hause--drum und dran--eine
so--laecherliche Rolle gespielt habe----!"

Dieser auf Tankred gemuenzte Satz missfiel niemandem, und namentlich in
Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst
Hederich mit raschem freundlichen Blick und liess dann ein auf Tankred
berechnetes veraechtliches Zucken um ihre Lippen spielen.

Tankred sah es. Er wusste, was in ihr vorging, und der alte Hass gegen das
'Frauenzimmer' setzte sich von neuem in ihm fest.

Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr
Abbruch, und das glatt fliessende Gespraech setze sich nun so gezwungen
fort, dass Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu
unternehmen.

Herr von Streckwitz, ein ueberaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart
und ernsten, einnehmenden Zuegen, schritt mit den beiden Tressens voran,
ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen
hatte, und ein wenig spaeter Hederich mit Carin.

Sowie die letzteren aus der Hoerweite der Voranschreitenden waren, sagte
Carin:

"Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf
hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und
wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist
fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt.
Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der
Mittelpunkt des Gespraeches ward. Dergleichen Zuruecksetzungen kann er
absolut nicht vertragen. Stets muss er das Wort fuehren und bewundert
werden. Spaeter aergerte es ihn, dass Frau Cromwell sich so oft an den Gast
wendete. Am Ende interessiert sie sich fuer ihn! Das passt Brecken
durchaus nicht; das durchkreuzt seine Plaene, und als Herr von Streckwitz
nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen groessern Besitz
erwerben zu wollen, kannte sein Aerger keine Grenzen mehr! Den liess er
dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empoerend handelte er, in solcher Weise
von seinem Uebergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat
mich auch wieder ausnehmend gefreut, dass Sie ihm naemlich eine solche
Antwort zu teil werden liessen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie
haetten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!"

Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehoert. Als
Carin geendigt hatte, sagte er:

"Sie gehen vielleicht etwas weit--aber--drum und dran--er ist kein guter
Mensch, wir wissen's alle laengst. Und es ist wahr, es giebt Dinge, die
kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene
Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will laecherlich gemacht
werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!"

"Und wir haben recht!" fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort:
"Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben,
und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch
wahrlich nur die Hand auszustrecken.--Ich weiss wohl, was Sie sagen
wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen!
Aber welcher Vorteil erwaechst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie,
Herr Hederich," hier senkte Carin die Stimme, "was mir Frege neulich
mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau
Cromwell, worin auch des Schriftstuecks--Sie wissen, der
Erbteilverschreibung--Erwaehnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den
Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, koenne darauf schwoeren, dass das von
ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders--natuerlich viel guenstiger
gelautet habe. Brecken hat also--" hier schossen Carins Augen
unheimliche Blicke--"sicher eine Faelschung begangen!"

"O nein, nein, Fraeulein Carin," fiel Hederich erschrocken ein und sprach
wieder das Wort Carin sehr breit. "Da gehen Sie doch wieder zu weit! So
schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist
schlau, und er waere es noch mehr, wenn--drum und dran--ihn sein Blut
nicht oftmals fortreissen thaete." Und forschend schloss er: "Hat Frege
Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?"

Carin nickte.

"Und was hat sie erwidert?

"Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja ueberhaupt eine sehr
eigentuemliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig
zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut.
Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens--denn ihre hervortretende
gelegentliche Kuerze und Strenge sind auch nichts anderes als ein
Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur--und andererseits die Pietaet, welche
sie fuer alles an den Tag legt, was den Namen Brecken traegt, machen sie
ungewoehnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, dass
er sich aendert, und ihr gegenueber spielt er ja auch eine recht gute
Komoedie!--Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die
Jungen mit den Alten?"

"Drum und dran--ja--. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich
so ziemlich--" entgegnete Hederich. "Frau von Tressen ist vorsichtig,
und Grete will Frieden,--bis jetzt wenigstens,--und das giebt den
Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube,
dass es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches
anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede."

"Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie haengt mehr an Ihnen, als an ihrer
Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist ueberhaupt
noch nicht alles Gute erloschen, sie kaempft, glaube ich, einen ehrlichen
Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein
und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat."

"Weshalb, Fraeulein Carin," fiel Hederich milde ein, "hassen Sie Herrn
von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefuegt?"

Carin zuckte die Achseln. "Weshalb hat man eine Abneigung gegen
Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man
sich zu anderen besonders hingezogen fuehlt? Ich kann ueberhaupt nur
hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten
vertreten. Pastor Hoeppner kann ueberhaupt nicht hassen. Deshalb ist er
auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persoenlichkeit guetig und
menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt
dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag--ihre Person
ausgenommen, die sie ueber alles liebt--weder zu lieben noch zu hassen!
Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, hasst aber jeden,
der ihm irgendwie in den Weg tritt,--und--Sie--Sie, Herr Hederich--"

"Nun, Fraeulein Carin?--" forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge
ging unruhig hin und her.

"Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren
Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele."

"Na--na--na!--Es ist schon zu viel Schoenes, Fraeulein Carin, aber--drum
und dran,--dass Sie das sagen, das--das--ist mir mehr wert als--als--"
sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte.

"Ach, Sie lieber Mensch!--" unterbrach das Maedchen den Mann, sah ihm mit
einem seelenvollen Blick ins Auge, liess ihn aber nicht weiter sprechen,
sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die uebrigen Gaeste zu, die
nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause
auftauchten.

Nach einem kleinen Imbiss nahm man demnaechst von Holzwerder Abschied. Nur
Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da.--

       *       *       *       *       *

Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf sassen die Pastorin und
Hederich einander gegenueber.

Seit dem Vorerzaehlten waren fuenf Monate verstrichen. Der Herbst war
bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzaehlen und
sehr viel zu hoeren.

Zunaechst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm
ihr Herz ausschuettete.

"Was mich am meisten beschaeftigt und mich geradezu traurig gemacht hat,
ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte,
Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle.
Aber sie! Doch nun hoeren Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war,
die mir sogleich fuenfhundert Mark fuer das von mir geplante Armenhaus in
Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn
in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach
Holzwerder gefuehrt hatte, erzaehlte, dass mein Mann und ich von meinem
Vermoegen fuenftausend Thaler als Grundlage fuer den Bau hergeben wollten,
legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn,
dass er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen moege.

Erst aeusserte er nichts, liess mich niedersitzen und guckte auf das
Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spoettischen Ausdruck:

'Meine Schwiegermutter hat fuenfhundert Mark gezeichnet? So--so--na ja,
wer's lang hat, laesst's lang haengen! Ich kann hoechstens hundert Thaler
geben. Fast kein Tag geht vorueber, an dem nicht Ansprueche an mich
herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der
Antragsteller geben, muesste ich nachgerade auf Einnahmen fuer mich selbst
verzichten.'--Er zaehlte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf,
denen er angehoere, sprach von Erhoehung der Steuern und anderem und rief
seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie
beschwert sie seien. 'Glauben Sie nur, dass es uns nicht so leicht
gemacht ist, wie Sie meinen,' versicherte er. 'Jeden Monat die Rente an
meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen,
Neubauten, die gemacht werden muessen. Ich kann's nicht mehr gut machen!'
Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern
zurueck: natuerlich, es muesste ja sein, aber jetzt lebten doch zwei
Familien von den Einkuenften von Holzwerder.

Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhoeren, und ich habe denn
auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer groesseren Gabe zu
bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht
selbst erzaehlt, dass sich dies Jahr ungemein guenstig gestellt, dass das
Gut noch nie so viel abgeworfen hat?"

"Ja, es ist richtig, sie haben schoene Einnahmen, und was sie sagen von
der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkuenften nicht gar so
schlimm.

Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwaechterposten ist eingezogen,
seine Arbeit muss jetzt der Parkwaechter mit besorgen; er kriegt aber
nicht mehr dafuer und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu
verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun
weggefallen. Die beiden Kutscher muessen mit im Garten helfen, und die
Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele
Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau
giebt selbst aus, verschliesst alles und macht Szenen, wenn zu viel
gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei
mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafuer nicht liefern
koennten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt.

Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich
nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Frueher durften auch
die Arbeitsleute nach dem Pfluecken das letzte Obst abschuetteln, das ist
nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehoelzen hat er durch Anschlag
verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafuer anzusetzen. Und
nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel
neue Fenster noetig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind
und Regen hinein.

Aber, drum und dran, fuer die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik
moechte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht fuer den
Ruebenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen,
die Einnahmen vergroessern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der
Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen."

"Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?"

"Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam ueberlegt. Neulich
sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen.
Neusilber thaete es auch. Sie haette sich herausgerechnet, dass sie so viel
Kapital herauskriegte, dass sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine
neue Christofleeinrichtung anschaffen koennte. Ich muss daran denken, dass
wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie--"

"So? also damit hat sie Grund, sich zu beschaeftigen? Das wusste ich noch
gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, dass Herr von
Streckwitz dort fast taeglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es
neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die
Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen."

"Meinen Sie wirklich?" fragte Hederich erstaunt. Er gehoerte zu den
Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen,
aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da
Carin, vielleicht aus Diskretion, die Moeglichkeit eines tieferen
Interesses Theonies fuer Streckwitz nicht wieder beruehrt hatte, war auch
Hederich nichts aufgefallen.

"So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute
Waesche, und ich muss selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Naehschule
bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die
Ohren.--Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten
Sie--herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die muessen Sie
probieren."--Und waehrend er, nachdem sie rasch den Branntwein und die
Speisen herbeischafft, ass, stand sie--sich zu setzen hatte sie keine
Zeit--vor ihm und erzaehlte noch von allerlei traurigen Ereignissen im
Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemueht gewesen, und
zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem
Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich.

"Ja niedlich, niedlich," betaetigte Hederich, waehrend er das
Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten
von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen
lieber aus dem Wege.

Als er schon in seinem Einspaenner sass, sah er noch, dass Frau Hoeppner mit
einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thuer stand und weinend ihren
Kummer erzaehlte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem
Schnupftuch die Thraenen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen
ueber ihre Lippen:

"Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte.
Dann wollen wir weiter sprechen," hoerte er sie noch sagen, und "Drum und
dran, brave Frau!" ging's ueber Hederichs Lippen, waehrend er mit einem Hue
die Zuegel ergriff und das Pferd antrieb.

Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf
seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug.
Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, oeffnete und las:

  (Privat) 'Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die
  eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich
  sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich muss Sie notwendig
  sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind,
  und gehen Sie hinten die Treppen hinauf.

  S. von Tressen.'

Noch unter dem Eindruck des Gespraeches, das er am Nachmittag mit der
Pastorin gehabt hatte, regten die Zeilen Hederich ausserordentlich auf.
Sicher war etwas sehr Bedeutsames vorgekommen. Er konnte es nicht
erwarten, dass sich der Zeiger der Uhr auf acht schob, und begab sich
dann, einen versteckten Umweg nehmend, durch die Hinterthuer des
Souterrains ins Haus. Aber als er eben die Treppe hinaufeilen wollte,
trat ihm Tankred mit einigen bestaubten Flaschen Wein, die er selbst aus
dem Keller geholt hatte, entgegen und sagte, seinen Verwalter
erblickend, sehr erstaunt:

"Sie hier? Ich denke, Sie sind nach Elsterhausen gefahren? Schon zurueck?
Was wuenschen Sie? Suchen Sie etwas?"

"Drum und dran, ich wollte oben ein Packet Handschuhe abgeben, die ich
fuer Frau von Tressen mitgebracht habe," entgegnete Hederich, sich
schnell fassend. "Ich vermutete die Herrschaften unten bei Ihnen und
wollte vorn wegen der Gesellschaft nicht stoeren.

Guten Abend, Herr von Brecken! Viel Vergnuegen!--"

Aber Tankred liess sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben
ging, fand er Tressens; ohne Zweifel wuerden Sie ihn auffordern, zum Thee
zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge wuerden zur
Sprache kommen. Das passte ihm nicht.

So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: "Was wollen Sie
sich die Treppe hinaufbemuehen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her.
Ich werde es meiner Schwiegermutter einhaendigen."

Die Situation war hoechst peinlich. Wenn Hederich erklaerte, dass er gar
kein Packet habe, stand er als Luegner da, und ablehnen konnte er fueglich
Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand,
nicht nur fuer ihn, sondern auch fuer Tressens, nahm er seine ganze
Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die
seine Bereitwilligkeit ausdrueckte, Tankreds Wunsch zu willfahren,
erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff:

"Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in
meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen
Sie guetigst, dass ich der gnaedigen Frau morgen das Gewuenschte ueberreichen
wuerde. Und nun erlauben Sie, dass ich mich empfehle. Ich halte Sie auf!
Ihre Gaeste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergnuegen."

Nach diesen Worten zog er sich ueberhastig zurueck und verwischte dadurch
wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck.

Waehrend Tankred die zwei Flaschen Assmannshaeuser wieder ergriff, murmelte
er:

"Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt.
Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!"

Dann eilte er mit haemischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf,
und oben schalt er Peter, den Diener, dass er ganz unnoetig so viele
Lichter angesteckt habe:

"Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die
kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuzuenden."

"So, dann habe ich den gnaedigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den
Herrschaften musste ich immer alles anstecken."

"Ja, ja, die Herrschaften," entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine
Schwiegereltern preisgebend, "die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwaerts,
loeschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie
zu reinigen,--hoeren Sie? ohne sie zu reinigen,--ins Anrichtezimmer!"

Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine
Wohnung zurueck. Er fand keinen Weg, Tressens ueber die Gruende seines
Nichterscheinens zu verstaendigen, noch weniger hielt er es fuer
moeglich--und wenn doch etwa fuer moeglich, nicht fuer rathsam, an diesem
Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen.
Wenigstens wollte er das vorher noch ueberlegen. Auch wenn er einen der
Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals
der Zufall sein Spiel treiben. Ueberhaupt war er gegen jede schriftliche
Aeusserung.

Es beschaeftigte ihn zu alledem, dass er zu einer Luege seine Zuflucht
genommen hatte. Seit seinen Juenglingsjahren war mit Bewusstsein kein
unwahres Wort ueber seine Lippen gekommen.

Aber das war die Folge solcher Verhaeltnisse. Immer ungemuetlicher wurde
es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen.
Waehrend er, so nachdenkend, dasass und aus der Pfeife die Rauchwolken
herausblies,--fast ein Stuendchen mochte vergangen sein,--hoerte er auf
dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er
Peter, den Diener, und seine Haushaelterin Worte wechseln.

"Na, was giebt's?" rief Hederich die Thuer oeffnend. "Haben Sie eine
Bestellung an mich, Peter?"

Der Diener nickte verlegen, dann trat er naeher.

"Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gnaedige Frau von oben
liesse um das Packet Handschuhe bitten, und die gnaedige Frau von
oben--sie fasste mich ab, als ich gerade weggehen wollte--laesst fragen, ob
Sie noch kommen thaeten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich
soll nichts sagen--ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an
die unten von meiner Bestellung an Sie erzaehlen!"

"Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich
Ihnen auftrage, hoeren Sie? An Herrn von Brecken koennen Sie ausrichten,
ich haette die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich koennte sie in
meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie
blos: Ich wuerde ihr morgen erzaehlen, weshalb ich nicht gekommen waere, es
sei denn, dass sie so gut sein wollte, sich--drum und dran--heute abend
noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemuehen. Es waere
sehr gut, wenn sie es thaete. Sie ist doch noch oben und nicht bei der
Gesellschaft?"

Peter verneinte.

"Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten," murmelte
Hederich. Und laut: "Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe
seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten.
Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!"

"Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon.
Ach--ach es ist--" seufzte der Mann.

"Was ist?"

Der Diener bewegte missmutig den Kopf.

"Nichts fuer ungut, Herr Verwalter, ich will kuendigen. Keine Stunde hat
man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden,
und alles, was frueher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die
Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute
nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hoerte es, wie ich das
Silberzeug putzte."

Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschaeftigte ihn sehr.
Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung.

"Diener muessen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und ueberall ist
etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter,
und mit dem Kuendigen ueberlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch
nicht will, dann wissen Sie,--drum und dran,--wo Hederich zu sprechen
ist."

"Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt.
Herr Verwalter wissen, dass ich nichts herumtrage, und wieviel ich von
den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen
auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie--sie ist ganz anders
geworden."

"Ja, wie gesagt, Peter--es wird schon wieder besser werden. Thun Sie
Ihre Pflicht,--drum und dran,--fuer das andere lassen Sie den lieben
Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, dass Sie wieder hinkommen."--

Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang oeffnete sich die Thuer der
Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln
Mantel gehuellt, trat zu Hederich ins Gemach.

Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr
mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe.

"Um so besser, dass wir uns noch heute abend sprechen!" erklaerte sie nach
seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme
daempfend, fuhr sie fort:

"Hoeren Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete
und Brecken eine sehr boese Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich
entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als
wir beim Kaffee zusammensassen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Waehrend
meine Tochter sich an das geschlossene Bueffet begab, um ihn
herbeizuholen, sagte ich: 'Ist es denn notwendig, dass Du sogar den
Zucker verschliessest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben--'

'Sogar? Was meinst Du damit?' entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in
einem sehr schroffen Ton.

Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich
sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gaesten. Aber sie
antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In
diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine
Tochter, ihr die fuer den Abend noetigen Zuthaten auszugeben.

'Wie, Du wagst es?' rief Grete, gegen die Person auftrotzend. 'Habe ich
Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?'

Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte
und auf eine abermalige hoechst provozierende Aeusserung Gretes neben
anderen Erklaerungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade
noch, dass sie in der Kueche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet
meine Tochter in einen solchen Zorn, dass sie aufsprang und dem Maedchen
einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem
ich schon angesehen, dass er sich ueber meine Aeusserung von vorhin geaergert
hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden
war, packte Anna am Arm und stiess sie in rohester Weise zur Thuer hinaus.
Draussen befahl er der Misshandelten,--ich hoerte es,--sofort ihre Sachen
zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was
aus ihr werde, sei ihm gleichgueltig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle
sie etwas, so koenne sie klagen. Zu meinem Unglueck nahm ich nach seiner
Rueckkehr gerechter Weise Partei fuer das Maedchen. Ich hielt beiden in
sanfter Weise vor, dass sie durch die wenig guetige Art, in der sie mit
den Leuten verkehrten, durch ihr fortwaehrendes Verschliessen und
Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse
fuer sich zu erwecken, und schloss mit der Bemerkung, dass ich doch stets
mit meinem Personal ausgekommen sei, waehrend jetzt fast kein Tag ohne
Verdruss hingehe.

Auf die Aeusserung gab zunaechst meine Tochter eine Antwort, indem sie in
einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich haette
doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre
Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber taeglich. Bald moniere
ich, dass der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald
mache ich Bemerkungen ueber ihre Anordnungen. So habe ich mich juengst
ueber die Waesche geaeussert. Wenn zufaellig mal Zucker auf dem Tische fehle,
halte ich ihr eine Strafpredigt ueber ihre Sparsamkeit, und dass ich in
diesem Falle Partei fuer das impertinente Geschoepf genommen habe, das sie
fortwaehrend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf
diese plumpe und unglaublich unverschaemte Weise sich einen Vorteil zu
verschaffen, sei doch mehr als eigentuemlich von meiner Seite! Sie habe
Beweise dafuer, dass Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute
morgen von ihr ausgegeben.

Mit dem groessten Erstaunen hoerte ich, was meine Tochter sprach. Ich war
ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen
und Vorschlaegen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine
Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind
eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar
nicht in den Sinn gekommen, dass sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel
weniger, dass sie mich fortwaehrender Einmischungen in ihre
Angelegenheiten zeihen wuerde.

Ich sah aus ihrer Rede, dass lange aufgestauter Groll einen Ausweg
suchte, und ich sah auch, dass ihr Mann ihr vollstaendig beistimmte.
Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatsaechlich
aber um mich noch mehr zu kraenken, kam auch er mit allen moeglichen
Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrueckte, an sich nur
Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdruss schon mehrfach
Veranlassung gegeben haetten. Wir haetten juengst die Pferde ohne vorherige
Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, waehrend sie haetten
ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, waehrend wir doch
unsern eigenen Diener haetten. Der letztere habe neulich durch Umstossen
des Tintenfasses den ganzen Fussboden verdorben, und mein Mann haette ihn
sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getroestet.

Und was den Fall mit dem Maedchen betreffe, so sei er zufaellig dabei
gewesen, wie Grete fuer den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten
abgewogen habe.

'Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,' fuegte ich, mich bemeisternd und
alles uebrige uebergehend, ein, 'aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie
waehrend ihrer Beschaeftigung gerade vom Foerster abgerufen worden, nachher
vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Kueche zu stellen. Es ist
doch moeglich, dass Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, dass ein
Maedchen ihrer Herrschaft unbegruendeterweise mit solchen Behauptungen
gegenuebertritt. Und ich habe nie frueher eine Unehrlichkeit an Anna
bemerkt,' schloss ich.

Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so hoehnischen Miene auf und
erging sich in so verletzenden Anspielungen ueber unsere Verschwendung
und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, dass ich, nicht mehr Herr meiner
Empoerung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da
sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten,
finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf
welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei
unter solchen Verhaeltnissen dann wohl besser, dass ich mit meinem Manne
Holzwerder verliesse! Danach stand ich auf und begab mich auf mein
Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und liess sagen, dass wir nicht
in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an,
dass Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts
davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie,
Hederich, sie _wollen_ einen Anlass, um die ihnen laestigen Menschen, ihre
Eltern, aus dem Hause zu bringen."

Bei diesem Schlusssatz brachen der Frau die Thraenen stromweise aus den
Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, dass dem
braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn
nun da, was Carin schon oft und erst juengst wieder als bevorstehend
prophezeit hatte: Ein boeses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger
Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun wuerde auch bald sein,
Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit
seiner Meinung nicht zurueckzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen;
sie sollte hoeren, was er dachte!

Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste Ueberzeugung. Er
glaube selbst, es sei wohl das beste, aeusserte er, dass sie sich in
Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten.

Sicher wuerden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege
zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Versoehnung auf
beiden Seiten vorhanden, spaeter aber koenne sich ein unheilvoller Bruch
daraus entwickeln.

"Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben,
ist immer weise, wenn's auch hart, betruebend und schwer ist, sich auf
den Boden der Thatsachen zu stellen."

"Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, dass wir wie
Ueberzaehlige aus dem Hause gehen, dass wir unser geliebtes Holzwerder
verlassen sollen, dann ist's mir, als ueberfiele mich eine unheilbare
Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemuet beschwert ist. Seit heute
nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!"
stiess sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. "Ja,
ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermoegen haben, die Kinder sollten
nur von uns abhaengig sein! Wie ganz anders wuerde es dann aussehen!"

Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfasste sie mit ganzer Gewalt, sie
war betruebt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung,
Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttaeuschter
Mutterliebe.

Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der goettliche Funke warmer
Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte
selbst der Funke zu verloeschen.--

       *       *       *       *       *

Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner
Vormittagsgeschaefte mit seiner Frau beim zweiten Fruehstueck sass,
erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich haetten hoeren lassen.

"Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe.
Ich kenne Mama--" entgegnete Grete.

"Und Du willst hinaufgehen?"

"Nein, aber ich habe mir gedacht, dass ich, wenn sie heut mittag auf das
Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen
lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen."

"Und wenn sie nicht kommen?"

"Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben muessen. Ich habe
ja nur erreichen wollen, dass Mama sich nicht ferner in meine
Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles--verlasse Dich darauf--eine
laengere Weile nach Wunsch gehen."

Bei den letzten Worten glitt ein Laecheln ueber Gretes Gesicht. Es
belehrte Tankred, dass seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht
so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttaeuschte ihn
zunaechst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen
mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges
zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Moeglichkeit anzueignen, so
nahm auch er einen leichten Ton an und sagte:

"Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als
ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist
es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei
nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Uebrigens
hast Du gehoert? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg
kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet
gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder fuer eine ganz
ueberfluessige Sache so viel Geld auszugeben!"

"Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fusskalt, dass er es nicht
aushalten koenne," schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab,
war ueberhaupt zurueckhaltender ueber "die oben" als gestern.

"Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Beduerfnis. Hypochondrische Leute,
die nichts zu thun haben, kommen auf tausend ueberfluessige Geschichten.
Da faellt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und
Theonie zu werden. Frau von Buelow behauptete, sie seien sogar schon
verlobt. Wir muessen Hederich fragen. Uebrigens moechte ich wohl wissen, ob
der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er
wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen
hocken, um ueber uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein
richtiges Verhaeltnis, Grete. Sie intriguieren fortwaehrend gegen uns, und
der alte Schwaeger traegt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach
Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern waere es
allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht
vom Uebel, wenn die Eltern fort zoegen. Streckwitz's Besitz koennten sie ja
pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein."

Tankred hatte bei den letzten Saetzen, die ihm durch die Gelegenheit
aufgedraengt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder
ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer
Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran
gewoehnen.

Dass sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefasst hatte, ergab
sich jetzt.

"Mama wuerde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort muesste,
Tankred. Ich muss gestehen, dass auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren
wuerde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas
vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen
wir vorlaeufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann--und dann--" die
Frau erroetete leicht--"wenn ich demnaechst in der Krankenstube liege,
wuerde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden--"

Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwaerterin beim Wochenbett
fortsenden, hiess nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter
als er! Sie war ausserordentlich umsichtig und behielt stets ihren
Vorteil im Auge!

Waehrend dem Manne solche Gedanken ueber seine Frau aufstiegen, ward
geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen.

Das Gespraech ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschaeften
nach.

Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor.
Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in
seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und
als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrueckt, um die Erlaubnis
gebeten, sie ihr verehren zu duerfen. Er suche, wie er bei der
Ueberreichung hervorhob, nach einem Anlass, sich ein wenig fuer die vielen
Liebenswuerdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof
empfangen habe. Sie moege ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe
ueberreichen zu duerfen.

Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die
sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen:

"Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, dass Sie wieder eine Zeitlang
auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz,
und wann duerfen wir Sie zurueckerwarten?"

"Nein--" entgegnete Streckwitz. "Der Verkauf von Klementinenhof hat sich
zerschlagen; fuer den Fall der Veraeusserung haette ich mich ja zunaechst
anderweitig einrichten muessen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich
bleibe nun aber den Winter ueber hier und will meine Bemuehungen um einen
Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen."

"Immer wieder wundere ich mich," wandte Theonie ein, "dass Sie bei Ihren
vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen
hier in der Einsamkeit?"

"Lieben Sie nicht auch das Land, gnaedige Frau? Schaetzen Sie nicht auch
die reine Luft, die einfachen, natuerlichen Verhaeltnisse, den
unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit?
Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich
beschaeftigt, ueberall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die
Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und
die Beschaeftigung mit Stall, Acker und Vieh hat fuer mich etwas
ausserordentlich Anziehendes. Ich beneide die Staedter nicht, ich
bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwaehrenden Bewegung, sie
muessen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu
einem rechten, ruhigen Lebensgenuss vermoegen sie nicht zu gelangen.
Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jaehrlich in die Berge,
ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch
heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust
und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein."

"Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu
erwerben?" knuepfte Theonie, die durch stumme Gebaerden Streckwitz
beigepflichtet hatte, an. "Hederich sprach juengst von Wankendorf. Aber
es liegt sehr noerdlich, und der Preis soll hoch sein."

Streckwitz schuettelte den Kopf. "Ich moechte am liebsten etwas hier in
der naechsten Umgebung finden. Ich moechte auch Ihnen"--Streckwitz legte
einen nicht misszuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte--"nahe
bleiben, gnaedige Frau."

Theonie erroetete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr maedchenhaftes
Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Maenner zu
ermuntern.

Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und
herflatterten, und suchte so dem Gespraech eine andere Wendung zu geben.
Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich ueber Theonies Gefuehle fuer
ihn Klarheit zu verschaffen.

Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, dass
er nicht gestoert werde, sagte er:

"Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darueber aus, dass ich mich hier,
wie Sie sich ausdrueckten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe
ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnaedige Frau. Durch Ihre Hand ist
zwar Falsterhof gelichtet und hat den frueheren duestern Eindruck
verloren, aber grade fuer eine junge Frau--da fuer Ihr Geschlecht so enge
Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen
koennen,--scheint es mir hier recht einfoermig. Haben Sie denn kein
Verlangen nach der Stadt?"

"Nein, keins! Ich koennte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach
dem Tode meiner Mutter von hier entfernen musste, war ich sehr
ungluecklich."

"Sie mussten?"

"Ja--oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rueckkehr
festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich
erfasst hatte, abzustreifen."

"Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich
recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war juengst auf
Holzwerder und habe hoechst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen
wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute."

Theonie betaetigte letzteres durch eine Bewegung, ueber Tankred aber
aeusserte sie sich nicht.

Diese stete, taktvolle Zurueckhaltung war's aber eben gerade, die
Streckwitz, der das wenig guenstige Urteil der Menge ueber Tankred kannte,
zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war
tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das
Bestreben, sich geltend zu machen, und besass neben einem edlen
Selbstgefuehl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem
Wesen. Da das Gespraech sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen
liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer
direkten Anknuepfung, und ploetzlich kam ihm ein Gedanke.

"Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnaedige
Frau," hub er nach geschicktem Uebergang an. "Ich habe die Absicht,
allernaechstens ein kleines Diner zu geben. Wuerden Sie und Fraeulein Carin
wohl so liebenswuerdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiss, dass ich
etwas erbitte, das ein wenig ungewoehnlich erscheint. Aber ich hoffe doch
auf Ihre guetige Zusage, ja, ich darf sagen, dass ich das kleine Fest
vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen
zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen
fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist."

Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton
gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht
aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, dass sie nicht gleich
Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den
ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpresste.

"Ich bitte, sprechen Sie--sagen Sie etwas--" draengte Streckwitz, durch
die Ungewissheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner
Gefuehle, "oder darf ich noch etwas hinzufuegen, etwas von dem vielen, was
mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie,
liebste Frau Theonie?--" wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und
Theonie naeher trat.

Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte
innerlich, und sein Atem ging rasch.

Aber es war nur fuer Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit
einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, laechelte sanft und
neigte ihre feine Gestalt zu ihm.

"O komm, Du Liebe!" fluesterte der Mann stuermisch und breitete seine Arme
aus.

Durch ihren Koerper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und
er hoerte es aus ihrem Munde, als er nun glueckberauscht sie fest und
fester an sich zog.

       *       *       *       *       *

Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in
der Umgegend das Tagesgespraech.

Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zuruecksetzung, Neid
und Missgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen
fuer oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hiess es, sie passten
vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte
Menschen, ein andermal dagegen, es koenne nur ein Unglueck daraus
entstehen, wenn zwei so selbstbewusste und absprechende Menschen sich
vereinigten. Und einmal passte den Leuten Theonies Nase nicht, ein
andermal hielten sie sich ueber Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald
war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch
Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames
Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls--darin stimmten alle
ueberein--kam Geld zu Geld; fuer beide Teile war die Partie eine gute, und
mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war
nicht mehr als selbstverstaendlich. Ohne Nebengedanken stimmten
eigentlich nur Tressens und Hoeppners dieser Verbindung zu. Selbst in
Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spuerchen Unbehaglichkeit.

Hederich fuerchtete, das Maedchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren.
Sie wuerde sich eine andere Stellung suchen muessen, und er sie nicht mehr
sehen; und Carin beschaeftigte nicht minder der Gedanke, dass nun wohl
ihre Tage auf Falsterhof gezaehlt seien.

Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und musste gleich etwas
thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte,
und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der
Verlobungsanzeige auf den Weg.

"Sie muessen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende
Amtsgeschaefte, sonst waere er mitgekommen!" erklaerte sie nach ihrem aus
dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glueckwunsch.
"Und gleich heute moechte ich von Ihnen hoeren, liebste Theonie, wann Sie
und Herr von Streckwitz uns beehren koennen. Wir moechten Ihnen ein recht
lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren
Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehoert, wie die Dinge stehen?
Man erzaehlt sich, dass zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen
ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Uebrigens, Ihr Vetter wird
nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie."

So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluss und ward erst
unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen:

"Sie meinen, liebe Pastorin?" ins Wort fiel.

"Nun, er wird natuerlich fuerchten, dass Sie jetzt an eine
Vermoegensabtretung nicht mehr denken, dass er auf Falsterhof in Zukunft
keinerlei Aussicht hat."

"Er irrt sich aber!" entgegnete Theonie mit groesster Ruhe. "Wenn er
waehrend der Frist nichts thut, was ehrenruehrig ist, und wenn er nicht
verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal
gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Dass mein Vetter
seinen Charakter nicht aendert, weiss ich, aber diese Forderung habe ich
auch nie an ihn gestellt."

Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn
fuer Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort
waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr
verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses
sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefasst hatte, knuepfte sie
noch einmal an und sagte:

"Ihre im uebrigen sehr vorsichtig gefasste und durchaus nicht bindende
Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um
Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein,
Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer
Handlungsweise, dass Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen
fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten
Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch naeher, als
Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiss weigern,
die Haelfte von Falsterhof fuer nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn
wirklich wuerdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?"

"Es sieht Ihnen gar nicht aehnlich, dass Sie an einmal gegebenen Zusagen
ruetteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?"

"Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund
darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermoegenszuwachs
goenne."

Und nun erzaehlte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete
sich dabei benommen, und dass er erklaert habe, hoechstens hundert Thaler
zeichnen zu wollen.

"Sehen Sie, das ist es!" schloss sie. "Wenn Ihr Geld gute Fruechte tragen
wuerde, auch andere Vorteil daraus ziehen koennten, wenn's nicht nur der
Gier dieses Geizhalses diente, dann wuerde ich gewiss keine Einsprache
erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie fuer
sich selbst die Moeglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie
bisher Glueck und Segen dadurch zu verbreiten.--Ja, ja, ich weiss sehr
wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein
Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen
sind die Namen derer nicht zu zaehlen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das
ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht,
viel zu haben.--Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein
gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und
nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am
Erwerben, der Sparsamkeitsdrang,--lasse ich gelten! Geld soll nur ein
Mittel zum Zweck sein, gluecklich zu werden und andere gluecklich zu
machen. Darin besteht jedes Vernuenftigen Lebensaufgabe.--Wenn ich an
Ihrer Stelle waere, wuerde ich Ihrem Vetter erklaeren, ich habe damals
verhueten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er
nicht, wie Sie jetzt saehen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und
Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Uebrigens"--brach die
Pastorin ab, da sie sah, dass ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht
hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden koennten, statt
nuetzen--"wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei
Ihnen?"

"Ich werde ihr nicht kuendigen," erwiderte Theonie. "Wohin soll das arme,
verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen,
so ist es etwas anderes."

"Auch das sieht Ihnen wieder ganz aehnlich, Sie herrliches Menschenkind.
Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur
auf Ihren," schloss die Pastorin lebhaft und drueckte der Freundin in
einem ueberstroemenden Gefuehl die Hand.--

Waehrend in solcher Weise die Pastorin Hoeppner, ihrem Unmut nachgebend,
in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in
Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon
wiederholt hatte er gefunden, dass es nicht nur weise sei, das Unguenstige
zu nuetzen, um Guenstiges daraus zu ziehen, sondern dass dies bei
geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekroent wurde.

Versteckte Pfade zum Glueck lagen ueberall, aber man musste Augen zum Sehen
haben.--

In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau ueber Theonies
Verlobung stattfand, warf Grete aehnliche Zweifel hin, wie die Pastorin
sie geaeussert hatte.

"Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!" begann sie und schnitt aus einem
grossen Haufen weisser und bunter Leinwandstuecke, die vor ihr lagen, eine
Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtuecher machen wollte. "Herr von
Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig
zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Eroerterungen oder gar zum
Prozess wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon
jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine
Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer
selbst willen schon wollen wir es vermeiden."

Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und
Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesaeumtes Tuch glaettend und in
genauer Anpassung auf ein Haeufchen bereits fertig gewordener legend, zu
ihrem Manne empor.

Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend:

"Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt,
wo noch der Gedanke in Theonie kraeftig ist, wo noch ihr Rechtsgefuehl
nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir
naemlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar
nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige
Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie
hin und sage: Gieb mir einen groesseren Teil, etwa zwei Drittel von dem
Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprueche verzichten. Thue
es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du
in die Ehe gehst. Ich glaube, ich wuerde reuessieren! Vielleicht koennten
wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?"

"Wie viel wird denn das ausmachen--ich meine an Kapital--ungefaehr?" warf
Grete forschend hin.

"Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler.
Davon die Haelfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel
vierhunderttausend."

"Ah--!" machte Grete. "Aber," setzte sie gleich hinzu, "das ist doch ein
Unterschied von zweihunderttausend Mark."

Sie schuettelte den Kopf.

"Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Lass Dich nicht auf
Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut!
Sage ihr, sie solle fuenfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch
noch hunderttausend."

Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung.

"Wir verfuegen ueber eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das
geht nicht. Wenn sie nun ueberhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch
nicht. Ja, spaeter klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?"

Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine
Faelschung dabei an den Tag kommen konnte.

Und dann, waehrend er noch nachdachte, kam's jaeh wie ein Blitz ueber ihn,
dass es schon am besten waere, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gaebe,
wenn, wenn--auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des
Ganzen!

Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und
heftig war ihr Angriff auf seine Seele, dass ihm die Kniee bebten, und in
dem Drange nach Abloesung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkuerlich
ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich
schlossen.

Grete erhob ueberrascht das Haupt.

"Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?" fragte sie betroffen.

"Doch--doch.--Mich froestelte nur ein wenig." Und dann: "Sag, Grete, wie
waer's, wenn Du mit Hederich spraechest, dass er Theonie sondierte? Dir
schlaegt er nichts ab, im Gegenteil--"

Die Frau aber schuettelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich
nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres straeubte sich dagegen, grade ihm
die Bloessen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die
gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten.

So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie
vorschiebend:

"Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines
Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer
zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiss
auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren
Mund nie halten kann. Du musst mit Theonie ohne Zeugen reden; sie
ist--das muss man ihr ruehmend nachsagen--die personifizierte Diskretion."

Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er
beschloss auch, gleich zu handeln und alle Kuenste aufzuwenden, um seinen
Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluss auf
Theonie gewonnen. Je laenger er aber zoegerte, um so unguenstiger wurden
seine Ansichten.

Gleich nach Tisch liess er sein Reitpferd satteln, hoerte noch einmal
alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf
den Weg.

Es war ein nebliger, aber ungewoehnlich milder Wintertag. Bald nach
Tankreds Fortreiten begann es vom duesteren Himmel herunter zu flocken,
und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem
Herabfallen in fluessiges Nass. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe
drangen tief in die schluepfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab
spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte
Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Naesse, die seinen
ganzen Koerper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte
Landschaft, die Baeume, Felder und Wiesen, er war nur beschaeftigt mit
seinen Plaenen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere
nur erst aus dem Hause gebracht haette! Es stand fest in ihm, sobald
Grete ihrer Mutter Huelfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein
Ende machen. Aber waehrend er sich ausmalte, dass sie wirklich von
Holzwerder Abschied naehmen,--er sah seinen Schwiegervater in den Wagen
steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor
sich--, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zuegel gehalten, so
ungluecklich, dass der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward.

Das Tier aber musste fuer seines Herrn Nachlaessigkeit buessen; Tankred zog
dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schlaege ueber den Ruecken. Und
waehrend der aberglaeubische Mann dahinsauste, ueberkam ihn die
Vorstellung, dass das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen
wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That!--So schloss er rasch einen
Kompromiss mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust.

Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Hoehe, und zu
seinen Fuessen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem
Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie
eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel
inzwischen die Landschaft eingehuellt hatte.

Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so
setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den
Hof erreicht hatte.

"Die gnaedige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?" warf Tankred
hin, waehrend Klaus das Tier abfuehrte.

Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank!

Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Maedchen,
welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene
hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem fuer ihre Arbeit
herangerueckten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden.

Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behueten eines Hausgegenstandes,
und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Haelfte
Deines Vermoegens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen
Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er
trat in das von der Abenddaemmerung umhuellte Wohngemach.

"Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen
Glueckwunsch zu sagen," begann Tankred bei Theonies Eintritt. "Grete
schliesst sich mir von Herzen an und bittet, Du moegest verzeihen, dass sie
nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkaeltung, die sie sich zugezogen,
und das schreckliche Wetter--"

Theonie machte eine liebenswuerdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu
nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend:

"Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?"

Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach:

"So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im
Halbdunkel."

Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's
dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch
ueber Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort
in seiner Angelegenheit:

"Hoere Theonie! Da wir nun einmal ungestoert beisammen sitzen, moechte ich
Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiss, dass Du mich
nicht missverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil
fuer Dich! Durch Deine Verlobung und demnaechst stattfindende Heirat
verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezueglich Deines Vermoegens.
Ich begreife das--begreife das vollkommen. Als Du mir damals die
schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch
einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich
nur durch Redensarten zu vertroesten, moechte ich Dir einen Vorschlag
unterbreiten, damit Du mit voellig klaren Verhaeltnissen in die Ehe gehst:
Entschliesse Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde
Dich jetzt mit mir ab!"

Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Daemmerung, um den Eindruck seiner
Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick
ab!

Zu seiner Ueberraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu
seiner hoechsten Enttaeuschung auch sein Ansuchen aeusserst kuehl auf.

Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton:

"Zu meinem Bedauern muss ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fuenf
Jahre muessen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst,
die veraenderten Verhaeltnisse meinen Entschluss beeinflussen, sondern die
Umstaende fuer mich massgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage
komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekuerzt
werden--"

"Bitte, sage mir Theonie," fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all
seinen Himmeln gerissen, mit kuenstlicher Ruhe ein, "was soll ich denn
eigentlich erfuellen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige!
Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem
Interesse, dass Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin
ueberzeugt, Dein Braeutigam wird anders ueber die Sache denken, als Du.
Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Ueberlegung ziehen, mit ihm
reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof
repraesentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte,
zahle mir jetzt--"

Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem
"Entschuldige, bitte" und hoerte, was der nun doch mit einer brennenden
Lampe ins Zimmer tretende Frege "gehorsamst" zu melden hatte.

"Der Verwalter von Falsterhof laesst fragen, ob er morgen Vormittag zum
Vortrage kommen duerfe."

"Ja, Frege, es passt mir um elf Uhr!"

Nun schloss sich die Thuer wieder.

"Es nuetzt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich
wiederhole vorher Gesagtes," knuepfte Theonie mit der alten Ruhe an.
"Auch wenn Du fragst, was sich erfuellen soll, so kann ich Dir darauf nur
antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, dass alle
Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen
knuepfte. Ich erklaere Dir nochmals, dass die zwischen mir und Streckwitz
wahrscheinlich eintretende Guetergemeinschaft an dem Geist der Sache
nichts aendern wird. Nicht unser Geldvorteil soll massgebend sein, sondern
Deine Wuerdigkeit."

"Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen
Groschen auszuzahlen--" stiess Tankred, kaum Herr seiner Erregung,
heraus. "Was heisst Wuerdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das
Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels fuer gutes
Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du
gestorben waerest, wuerde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um
eine blosse Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer
begruendetes, natuerliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder spaeter
mit dem Gelde thun? Ich will es hueten und mehren, um meinem Nachkommen,
dem letzten maennlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu
verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren
Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter
Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschaedigt oder
geschaendet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen?
Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen
Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That,
ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhaeltnis wenn Du Dich
jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stueck Geld."

"Ich will nicht sparen!" entgegnete Theonie stolz. "Dir soll Dein Recht
werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und lass uns nun das peinliche
Gespraech schliessen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit,
so werden mein Mann und ich pruefen und ohne Ruecksicht auf unseren
Vorteil handeln."

"Ich nehme den Fall, dass Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwuerdig!
Meinst Du denn, ich muesste mich ohne weiteres darein finden?

"Ich brauche doch keine Gruende fuer eine Weigerung anzugeben, also hast
Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!"

"Ah! so fasst Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge
stehen! Nur eins haette ich nicht gedacht: dass Du Dich hinter Worten
verschanzen wuerdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet."

"Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner
Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's
nicht so kommt, machst Du andere dafuer verantwortlich, dass Du Dich
Illusionen hingegeben hast."

"Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch fuer welche?"
Hoehnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines
Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur
ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Hoehe, stellte sich vor
sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu:

"Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weisst, dass ich nicht mit mir
spassen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben--oder das Gegenteil! Wenn
Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprueche
verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die
muendlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld fuehren, nachweisen, dass
ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefuegt habe, und auf sofortige
Erfuellung meiner Ansprueche klagen. Ich kann schwoeren, dass sie mir
versprach, mich zum Miterben einzusetzen."

"Du luegst," rief Theonie, von Empoerung und Ekel fortgerissen. "Du luegst
und fuegst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas
versprochen haette, wuerde es auch von uns gehalten worden sein. O,
veraechtlich bist Du mir; so veraechtlich, dass ich nichts in der Welt so
verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrueckte ich, ich wollte sie nicht
Herr ueber mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen
Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir waere geworden, was
Du wuenschest, wenn Du geblieben waerest, was Du seit Deiner Heirat warst.
Aber diese Drohungen und diese Luege reissen alles wieder in mir auf. Ich
fuehle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick fluechtete. Aber keine
Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der
Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem
Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen,
jedes anderen Rechte missachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren
Glueckes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets
vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Hass, durch deren
Befuerwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich,
Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst.
Ich zerreisse noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, dass ich
wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel
verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun
liessest."

Der Mann hoerte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine
Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, dass
sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut ueber sich
selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie wuerde ihr Wort gehalten haben, wenn
nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen waere? Er haette sich selbst
zuechtigen moegen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn
gar keine Moeglichkeit mehr gaebe, das Geschehene ungeschehen zu machen.
Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht
in ihm.

Er sank stoehnend auf seinen Stuhl zurueck, bedeckte sein Angesicht mit
den Haenden und verharrte wie ein Zerschlagener.

Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten
hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, dass sie ihm vergeben moege.
Er habe sich abermals vom Zorn hinreissen lassen, er wisse dann nicht,
was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der
Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angefuehrten Sinne wahr,
wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das
beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine
Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kaempfen. Sie sei ja
ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Guete und moege, gleichviel was sie
beschlossen, ihm verzeihen. "Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei
wieder die alte. Und mit meinen Vorschlaegen meinte ich es ja wirklich
gut. Es ist doch verstaendig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst
Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal," schloss er, "vergiss
alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief."

Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Empoerung wiederholt hatte
unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr
wusste, dass er durch sein Komoedienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder
zu retten versuchen wolle, riss sich, als er zuletzt ihre Kleider
umfasste, von ihm los, warf den Kopf zurueck und rief, mit ausgestreckten
Haenden ihn abwehrend:

"O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der
Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn
ich ueberdenke, was ich je hoerte oder las ueber die Schlechtigkeit
menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein
solches Bild. Luege, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz
begegnen sich, sie alle reichen sich die Haende in Dir. Deine Seele ist
keiner vornehmen Regung faehig, sie ist niedertraechtig und schmutzig; wo
anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und
Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, dass nur die
Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu foerdern. Und ich
glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese
Wiederholung--Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter,
Du spielst eben eine ueber alle massen ekelhafte Komoedie--hat alles fuer
immer in mir getoetet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen
uns fuer alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen
hoffen, dass diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein
schwerer Irrtum zu glauben, man koenne in der Welt Niedertraechtigkeit an
die Stelle von Tugend setzen. Auch fuer Dich werden Stunden kommen, wo Du
nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja,
fletsche nur die Zaehne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen
Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn
Du nicht bald und voellig umkehrst!"--

Nach diesen Worten verliess Theonie, den zu wiederholten malen wie ein
Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend,
das Zimmer.

Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zuruecknahm, beschaeftigte ihn die
eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die
Moeglichkeit, dass Theonie sterben, und dass er dadurch dermaleinst noch in
den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurueck. Aber sie konnte ja
steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles
denkbar!?----

Und was sollte er Grete berichten? Dass ein unheilbares Zerwuerfnis
zwischen ihm und Theonie eingetreten sei?

Wodurch? Sie wuerde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung!--Nein! Das
brachte er so nicht ueber die Lippen. Er musste sie taeuschen, sie
vorlaeufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch
einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demuetigte, wenn auch Hederichs
Einfluss zu Huelfe genommen ward, liess sich doch vielleicht noch alles zum
guten lenken, noch ein Vergleich schliessen.

Dieser Gedanke belebte voruebergehend wieder die Seele des Mannes, er
setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener
Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehuellt, sass
darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den
Gedanken ein, die Vermittlung des Braeutigams Theonies anzurufen.

Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor
Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen
neun Uhr Holzwerder.

Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie
nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint.

"Nun? Was ist? Du erschreckst mich," stiess Tankred heraus. "Sprich, was
hat sich ereignet?"

Aber sie sagte nichts, sie liess den Kopf sinken, und Thraenen schossen
aus ihren Augen.

"Ist wieder etwas mit denen oben?" draengte Tankred. "Hat's eine Szene
gegeben?"

Nun hub sie schluchzend an:

"Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem
furchtbar erregten Auftritt erklaert, dass sie beide Holzwerder verlassen
und nach Elsterhausen ziehen wollen."

"Und die Veranlassung?" fragte Tankred gespannt.

Nun erschien der Diener Peter und meldete, dass das Abendessen
aufgetragen sei. Dadurch ward das Gespraech der Eheleute zeitweilig
unterbrochen.

"Beruhige Dich!--beruhige Dich!" troestete Brecken nach des Dieners
Fortgang seine Frau, fasste sie leicht um die Schultern und zog die
kopfschuettelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. "Es wird nichts
so heiss gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von
selbst wieder gut Wetter machen."

"Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!" entgegnete Grete rauh, sich gleichsam
trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach
sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen
ihre Mutter: "Du haettest nur hoeren sollen, was sie alles vorbrachte. Da
verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: 'So geht doch, wenn
es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.' Das
schlug dem Fass den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt:
Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fuehlten sie beide, wie laestig sie
uns seien: von Liebe, Ruecksicht, Pietaet sei nicht die Rede. Wir faenden
uns mit der Thatsache, dass sie auf der Welt seien, notgedrungen ab.--Am
Ende, es ist doch meine Mutter," schloss Grete abermals schluchzend und
schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich.

"Aber was war es denn? Was hat Euch denn so masslos aufgeregt?" forschte
Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als
die Laestigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl
seiner Frau bedrueckte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn
hervortretende Reizbarkeit.

"Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gaensesauer sei
heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach
gefuehlt. Soweit duerfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, dass ich
Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Kueche gefragt, und
die Koechin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, dass die Kruke
schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie
mir dann wieder eine Rede ueber unsere, namentlich Deine Sparsamkeit
hielt, die schon sprichwoertlich geworden sei, verliess mich bereits die
Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen
und--und--"

"Nun?"

"Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich
einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach
Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen!
Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an
deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir
dann weniger beschaemt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit
die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, dass bei
jeder Zahlung etwas fehlt, und dass er es auch nachtraeglich zu
berichtigen vergisst. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder
zwoelf Mark gewesen. Das muesse bei einem korrekten Mann doch nicht
vorkommen. Ich sollte Dir natuerlich von alledem nichts sagen, aber,
aber--jetzt muss es doch heraus--" schloss Grete immer in demselben
Gemisch von Aerger ueber ihre Mutter und von halber Parteinahme fuer sie.

"Und ganz ohne jeglichen Anlass von Deiner Seite kamen alle diese
Invektiven zum Vorschein?"

"Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von
ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer fuer
hundertfuenfzig Mark angeschafft, waehrend sie schon die beiden
Prachtbauer besitzen. Darueber aeusserte ich mich, und dann antwortete
Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es
waeren. Und wir thaeten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwuerfen,
und erlaubten uns Bemerkungen ueber jegliches, was von ihnen ausginge.
Sie haetten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die
Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu
lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und
sich von mir Lehren zu holen!"--

Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stuermisch und erregt
herausgestossen. Nun uebermannte sie wieder ihre Bedrueckung, und weinend
und schluchzend hielt sie inne.

Tankred aber, obschon er zuhoerte und auch den Sinn der Worte in sich
aufnahm, war schon laengst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken
gingen, nachdem er gesehen, dass es sich nicht um einen besonderen
Streitgrund handelte, allein zu den Vorfaellen in Falsterhof zurueck. Er
konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch
von dem alten Thema ab und sagte:

"Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's
wahrlich auch kein Unglueck! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer,
weit schlimmerer Natur!"

Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte
Antlitz.

Tankred berichtete sodann ausfuehrlich ueber die stattgehabte Unterredung
und erzaehlte, dass Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und
eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Aeusserung als Anlass genommen
habe, um ihm in sehr wenig ruecksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach
heftigem Streit und trotz seiner versoehnenden Worte habe sie die
Erklaerung abgegeben, sie wolle ihm ueberhaupt nichts abtreten. Offenbar
suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr
gegebene Versprechen zurueckzunehmen, und habe jetzt gleich die
Gelegenheit dazu ergriffen.

Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie
war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt,
aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon waehrend
seiner Erzaehlung an den Tag, dass sie weniger Theonie als ihm selbst die
Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob.

Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes,
einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren,
halb vorwurfsvollen, halb misstrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in
eine so gereizte Stimmung, dass er an sich halten musste, um ihr nicht in
brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite
zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, dass er vielleicht die
Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Huelfe. Das
schien von Wirkung zu sein.

Grete ueberlegte; dann sagte sie: "Lass einmal sehen, was sie Dir damals
geschrieben hat. Es waere ja moeglich, dass man die Sache wieder ins Gleis
bringen koennte."

Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er
unschluessig, welches von den beiden Aktenstuecken ihr einzuhaendigen waere,
das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung,
in die er dadurch geraten, dass Grete wieder eins mit ihm zu sein schien,
den Sieg ueber seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das
Falsifikat hervor und ueberreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch,
legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, dass
noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred
auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren
und mit Theonie zu sprechen, waehrend er mit Streckwitz reden wollte.

Nicht in der frueheren, deutlich hervortretenden Uebereinstimmung mit ihm,
aber, wie es schien, doch ruhiger und versoehnlicher als beim Eingang des
Gespraeches, hoerte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen
Mitternacht begaben sich beide--Grete unter einem schwermuetigen "Gute
Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich
alles so truebe aus!--" zur Ruhe.

Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Fruehstueck wieder zusammen
sassen, erklaerte aber Grete dennoch zu Tankreds aeusserstem Verdruss, dass
sie bei nochmaliger Ueberlegung zu dem Entschluss gelangt sei, von einem
Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese
Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es
passe nicht fuer sie, ihr Gefuehl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern
habe er drueben erklaert, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie
kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck
hervorrufen. Er muesse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie
habe, wenn es mit den Eltern nicht so staende, wohl Neigung, mit ihrer
Mutter die Sache zu besprechen, ueberhaupt waere letztere geeigneter als
sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon koenne keine Rede sein,
es sei ja alles mit den Eltern aus.--

Tankred wollte anfaenglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre
Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwaehnung that, blitzte
es in ihm auf.

Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen liess,
auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war
im Grunde richtig: fuer Grete passte es nicht; den Gedanken hatte Furcht
und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte:

"Weisst Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich
handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen,
ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen koenne. Ich aeussere erst
mein Bedauern, dass gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und
lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir muessen alle Minen
springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und
Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir
muessen ihn und sie vorher abfangen."

Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau
von Tressen liesse sagen, sie sei nicht wohl, sie muesse bedauern, heute
niemanden sehen zu koennen.

Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen
jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und
sagte:

"Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist.
Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache
ueber den Kopf."

Grete aeusserte kein Nein und kein Ja.

"Versuch's!" warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser
einen Angelegenheit beschaeftigt, uebersah ihr Wesen, schob es auf die mit
ihrem koerperlichen Zustand zusammenhaengende Unberechenbarkeit der
Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf.

Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Fruehstueck erhoben,
als die Thuer mit einem schmeichelnden "Guten Morgen, Mama! Guten Morgen,
Papa!" von Tankred geoeffnet ward.

"Entschuldigt, dass ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam
nicht zurueck! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile," fuhr er
kriechend fort.

Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklaerte er,
dass Grete sehr bedrueckt sei, und dass der gestrige Zwist hoffentlich
der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu
geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rueckte er mit der
Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausfuehrlich und bat seine
Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie ueber eine Abfindung zu
verhandeln.

Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen
pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, dass Frau von Tressen auf seine
Bitte eingehen werde. Er war daher aufs hoechste betroffen und nicht
minder geaergert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schuettelte
und sagte:

"Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir
durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei
der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefasst werden,
und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von
deinem Schritt erzaehlte, gleich gedacht, dass das nichts werden wuerde.
Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschaeft, bei dem es ihr von
Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere
Gesichtspunkte. In dem Schriftstueck hat sie fuenf Jahre ausbedungen und
wuerde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht
genommenen Verguenstigung wuerdig gezeigt haettest. Hat sie jetzt schon
nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschluss, wie es ihre
ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde
ich nichts aendern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie
gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten
Anlass haben. Begnuegt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch
dessen, lasst jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach
Fremdem. Das ist mein Rat. Dass es uns natuerlich angenehm gewesen waere,
dass es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, dass auch
Du etwas in die Ehe bringen wuerdest, brauche ich nicht hervorzuheben.
Aber es ist ueberhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben,
dass es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren
Augen wenigstens nicht. Das schoene Glueck, das wir ertraeumt haben, ist
dahin, und unser Entschluss, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es
ist ja sehr schoen, dass Ihr das bedauert, es scheint mir auch natuerlich,
aber es aendert nichts an der Einsicht, dass ein Zusammenleben zwischen
uns unmoeglich ist!--So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und
nun lasse uns aus dem Spiel."

"Nun, wie Du willst," entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen
Worten zugehoert hatte, und in dem trotz aller hoechst unliebsamen
Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche
Klugheit und Besonnenheit ueberwogen. "Ihr werdet es aber noch bereuen,
und ein fuer allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du
fortwaehrend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig
Geschmack. Sie eignen sich mehr fuer Schulkinder als fuer uns."

Nach diesen Worten verliess er mit einer impertinenten Miene das Zimmer.

"Nein, es ist nichts!" rief er, als er zurueckkehrte, und Grete fragend
und in sichtbar grosser Erregung das Haupt erhob. "Und Du hast recht, es
ist ueberhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann
lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil!
Gott sei Dank, dass die Quaelerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns
selbst genug, meine Grete?" schloss er schmeichelnd und werbend und
umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie
aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen,
seinen Zaertlichkeiten, stiess ein rauhes: "Nein, nein, lass, ich mag jetzt
nicht!" heraus und verliess das Gemach.

Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterliess es doch.
Er wuerde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing
mit ihrem gegenwaertigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs
Einfluesse, dem er aber jetzt kuendigen wollte, und die Lamentationen von
denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht
beeinflusste ueberdies die Enttaeuschung Grete, aber die wuerde bald wieder
einem anderen Gefuehl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken
war wieder voll bester Hoffnungen.

       *       *       *       *       *

Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich.
Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus fuehrte, fragte
Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat,
deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz
abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach.

Hederich stand, den Ruecken der Thuer zugewendet, ueber eine Kiste gebueckt,
in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin
vermutend, und ohne sich umzuwenden.

"Was ist--was ist?--Drum und dran--jetzt habe ich keine Zeit.--Wie?
Was?--Ah, ah--Sie, liebe Frau von Brecken?--Verzeihen Sie! Bitte, nehmen
Sie Platz.--Nein, es ist gar nichts. Es war nur--drum und dran--Hier,
hier sitzen Sie bequemer.--Ja, ich will gleich sagen, dass ich nicht zu
Hause bin, dass wir ganz ungestoert bleiben."

Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurueck und nahm neben
Grete, die mit trueber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte,
Platz.

"Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Boeses?" begann Hederich,
sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll
Teilnahme anblickend.

Aber statt zu antworten, legte Grete ploetzlich die Haende vor das
Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust.

"Es ist aus, alles aus, Hederich," stiess sie, nachdem er zaertlich, wie
man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. "Ich bin
traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich--Mama und
Papa wollen unabaenderlich fort. Und noch anderes: Ich fuehle--o
Hederich!--es ist schrecklich--entsetzlich--, allmaehlich eine nicht zu
erklaerende Abneigung gegen Brecken.--Und doch vielleicht sehr
erklaerbar," fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. "Er ist
nicht gut, ich seh's,--er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich
gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und ruecksichtslos war,
aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen
Sie, Hederich, ich moechte wieder von ihm. Ich moechte meine Freiheit
zurueck haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht ueber ihn
ausgesprochen, und ich jetzt sehe und hoere, wie sie alle ueber ihn
denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesaenderung bestaerkt, alles
betaetigt. Ich fuehle, dass sein Einfluss auf mich nicht gut war, dass er
meine Fehler, meine Engherzigkeit foerderte, dass er es gewesen, der mich
den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas
ganz Selbstverstaendliches ansehen liess. Er bringt uns ueberhaupt mit
aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurueck--ich
merke es wohl--, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir
erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht
uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben
jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun
auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie ueberworfen!"

"Wie? Mit Frau Cromwell auch?" stiess Hederich, dem alles andere von
Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr
frueher oder spaeter hatte kommen sehen, auf den das Zerwuerfnis mit
Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus.

Und nun sagte sie ihm alles, was sie wusste, und wie sie trotz Tankreds
Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloss:
"Er hat's natuerlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er
wuenschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn
spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf.
Ach--ach--Hederich--ich weiss nicht, was werden soll. Hat mich Mama so
beeinflusst? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darueber
klar, dass ich nicht gluecklich bin und mit Brecken nicht leben kann.

Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken,
Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflusst mich durchaus nicht.
Ich schwoere es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich
bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine
Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurueckzugewinnen, mir die Achtung
anderer zurueckzuerwerben, mich mit Mama auszusoehnen und meine Seelenruhe
wieder zu erlangen. O, ich moechte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von
ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu
rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun
helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab?
Ich muss wieder frei sein!"

Der Mann, der Grete durch besaenftigende Einschaltungen und Trostworte
wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt
und sagte:

"Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine
schwere, sehr schwere Sache, und das muessen Sie selbst wissen. Wie
wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er laesst Sie nicht gutwillig,
und wenn er Sie wirklich laesst--passen Sie auf--dann verlangt er
womoeglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum
einen Bettel hin. Ich sag's--drum und dran--offen, wie ich's mein. Und
erlauben Sie die Frage: Haben Sie Guetergemeinschaft mit ihm
geschlossen?"

"Ja--a--, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof
als sicher in Aussicht stellte.--Bitte vergessen Sie doch nicht,
Hederich," schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes
Kopfschuetteln begegnete, "welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur
die beste Meinung von ihm fassen! Er wusste sich so einzuschmeicheln, dass
wir die abfaelligen Urteile anderer bloss als Neid und Missgunst ansahen,
als das Ergebnis seines haeufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich
hervorbrechenden jaehzornigen Natur. Gewiss, ich weiss, Sie warnten mich.
Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin
ein Weib und habe Fleisch und Blut--"

Die Frau brach ploetzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie
als Resultat ihrer raschen Ueberlegungen, aber auch so, als habe ein
Vorgespraech darueber stattgefunden: "Ja, das waere eine Moeglichkeit, dass
wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder fuer sich.
Nun ja denn--ich will's versuchen, so lange es geht," schloss sie, dumpf
resigniert. "Dann koennen die Eltern bleiben, und gerade sie sollen
bleiben, 'er' mag sich von uns separieren."

Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch
eindringlicher auf sie ein, bat, dass sie sich beruhigen moege, und gab
auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, dass sie so
ploetzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenueber gelangt sei.

"Nicht ploetzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluss
aufgerafft," entgegnete sie mit einer eigentuemlichen Weichheit im Ton.
"Und wissen Sie nicht, dass mir schon waehrend meiner Verlobung bisweilen
Zweifel kamen, dass ich fuehlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte,
dass ich aeusserte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz foerdere,
statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiss, ich hatte
zeitweilig alle Sehkraft verloren, waehrend unserer langen Reise fast
ganz, aber die letzten Gespraeche mit Mama, zusammen mit allen Vorgaengen,
brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor
dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rueckhaltlos entrollte.
Das Gefuehl fuer Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich
konnte meinen Mann ploetzlich nicht sehen; ueber alles, was er that und
sagte, stieg Aerger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles
berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich beruehrte, und
meine Gelassenheit und Ruhe waren schon laengst kuenstlich oder ein
Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen fuer ihn."

Waehrend Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und
ueberbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloss abgegeben; Peter habe es
heruebergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort
haben solle.

"Von Falsterhof? Von Theonie?" Grete erbrach den Brief mit fieberhafter
Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie
mit grossen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen,
liess sie die Schriftstuecke aus der Hand fallen und sank stoehnend und wie
vernichtet in den Sessel zurueck.

       *       *       *       *       *

Als Tankred, waehrend dies bei Hederich geschah, auf den in
Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte,
zog ein eben dem Stall sich naehernder Diener den Hut und fragte, ob er
das Vergnuegen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem
in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu
reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag fuer
seinen Besuch zu waehlen. Nicht wenig ueberrascht, aber auch von Misstrauen
erfasst, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte
sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners ueber
die Krankheit klang so ueberzeugend, dass Tankred von der Annahme,
Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit
zu ihm vermeiden, sogleich zurueck kam. Aber die Ungeduld, doch irgend
etwas seinen Plaenen Foerderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so
sehr, dass er beschloss, Hoeppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit
direkt oder indirekt fuer sich zu wirken.

Frau Hoeppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des
Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzaehlte ihm
sogleich sehr besorgt, dass ihr Mann wieder einmal das Bett hueten muesse.
Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Waehrend
sie ihr Gespraech in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten,
schon deshalb, weil Tankred sah, dass die Gelegenheit, ueber seine Sache
zu reden, durchaus keine guenstige war, meldete die Magd den Doktor, der
sogleich ins Zimmer trat und berichtete, dass er bereits bei dem nachts
vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei.

Tankred stellte sich voellig unwissend und bat den Arzt, Naeheres
mitzuteilen.

Es koenne eine sehr langwierige Sache werden, aeusserte der Doktor Ernst,
ein etwas kurz und buendig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit
vielfach angegriffener, aber ungewoehnlich zuverlaessiger Mann. Es seien
leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe
in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt.

Die Pastorin hoerte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid
fuer Theonie.

Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am
Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklaerte sie.

Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich
bei diesen Worten aber noch einmal zurueck und sagte: "Es waere allerdings
sehr wuenschenswert, dass Frau Cromwell zuverlaessige Mitteilung in
schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorlaeufig nur
sagen lassen, dass er heute verhindert sei, sie zu besuchen."

"So, so!" stiess die Pastorin lebhaft heraus. "Ja, dann muss ich doch
wohl sehen, ob ich nicht--Aber halt! Wuerden Sie es nicht vielleicht
uebernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?"

Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als
einziger Verwandter grade die richtige Persoenlichkeit. Der Doktor
stimmte auch zu und sah, bereits in der Thuer gehend, Tankred ermunternd
an.

"Ja natuerlich--gewiss--ich werde alles besorgen!" gab Tankred, dem
ploetzlich ein Gedanke durch den Kopf schoss, bereitwillig zurueck. "Und
was meinen Sie, Herr Doktor, waere es wuenschenswert, dass meine Kousine
etwa zur Pflege hinueberkaeme?"

"Nein--ich denke--wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine wuerde,
abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt
werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, dass etwas Erkaeltung und Fieber
vorhanden sei. Sie werde taeglich Nachricht erhalten."--

Wenige Minuten spaeter hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred
war schon wieder auf dem zum Wirtshaus.

Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt
schaffen wollte! dachte er, waehrend er dahinschritt. Dann, dann konnte
alles noch gut werden! In ihrem Schmerz wuerde Theonie wieder weicher,
nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt.
Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil
nuetzen!

Im Krug angekommen, liess er sich Papier und Tinte geben und schrieb:

  'Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufaellig bei Hoeppners war und dort
  den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, dass Dein
  Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen
  zu koennen, dass Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann
  Dich Dein Braeutigam in den naechsten Tagen nicht. Ich waehle diese Form
  der Mitteilung, da ich persoenlich ja nicht vor Dir erscheinen darf.
  Ist es denn wirklich wahr, dass jedes Band zwischen uns zerrissen ist?
  Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche
  Natur stets nachher tief bereuenden

  T. v. Brecken?'

So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an
sich, bestieg sein Pferd und liess es, als er nach einem Stuendchen das
Verwalterhaus von Falsterhof beruehrte, von dort aus Theonie hintragen.

Nach einigen Umwegen ueber den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag
wieder nach Hause zurueck und berichtete seiner ihm abermals mit einem
eigentuemlich stillen und verschlossenen Wesen gegenuebertretenden Frau,
weshalb er unverrichteter Sache zurueckkehre.

"Die Zeit muss es klaeren, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine
Hoffnung weniger!" stiess sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und
bueckte sich ueber ihre Handarbeit.

"Was sagst Du? Du bist so sonderbar!" forschte Tankred mit einem Anflug
von Ungeduld. Ihn aergerte ihr Wesen. "War Mama unten?"

"Nein!"

"Sprachst Du niemanden?"

"Ich verstehe Dich nicht--"

Tankred fuehlte, dass seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie
eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren
Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie.

"Hederich war hier! Er sagte es mir doch--" setzte er, seine
Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an.

Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an.

"Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du
das."

"Oft thue ich das? Was soll das heissen? Was hast Du ueberhaupt? Du bist
so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflusst? Sprich!"

"Ach Tankred--" ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe,
schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das
Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer
ploetzlichen, unerklaerlichen Unruhe vermischter Gefuehlsdrang mahnte den
Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zaertlich und versoehnend auf
sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu
zuegeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuss und wiederholte
ungeduldig, drohend und gebieterisch:

"Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich
aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben
intriguiert?--Nun? Wirst Du antworten?"

Aber unwillkuerlich trat Tankred zurueck. Statt sich zu fuegen, richtete
Grete ploetzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine
Gestalt musternd, rief sie:

"Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse
nur von niemandem ausser Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke
es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal.--A--h--" stiess die Frau
langgezogen heraus und fiel in einen Sessel "Wie grenzenlos traurig
starrt mich das Leben an!"

Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so
unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte,
so tief erschuettert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, dass ihn
gegenwaertig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern
grenzenlose Ueberraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar
war, dass sich inzwischen etwas Ausserordentliches zugetragen, Angst,
Feigheit und der brennende Drang nach Aufklaerung. Und da griff er zur
Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und
ergab sich einer lamentierenden Weichmuetigkeit. Er begann, von sich zu
sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrueckt er sei, da doch
die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm
voruebergingen, wie entschuldbar es sei, dass er erregt und reizbar waere,
und dass, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht uebe, das Leben
nicht mehr lebenswert fuer ihn sei. Und reden koenne sie doch wenigstens,
das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt.

Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei
Zerwuerfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie sass da wie
eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin.

Dann stiess sie in ihrer eigentuemlichen, eine ganze Gedankenreihe
zusammenfassenden Weise heraus:

"Ja, ja! Jeder sucht sich den Ruecken zu decken. Aber nur die That
ueberzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!"

Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck fuer sich sprechend, fuegte
sie hinzu:

"Was handelte ich ein fuer das, was ich hingab? Was ist mir dafuer
geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint
mehr, als dass es lacht--es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von
uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die
Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn aendern. Und
wer verschuldet das alles?"

"Nun? Wer, wenn's wahr waere? Bin ich's?"

Tankred sprach's mit wilder Gebaerde und sah seine Frau drohend an. Er
war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geoeffneten Munde
erschienen seine Zaehne wie die eines Raubtieres. Aber er floesste ihr
keine Furcht ein.

"Gleichviel--es ist so--und ich muss es tragen,"--stiess sie mit finsterm
Trotz heraus und stuetzte den Kopf mit dem schoenen, kalten Antlitz auf
die Hand.

Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos.

"Ja, ja, Du musst es tragen!" betonte er roh und hoehnisch. "Und das
Buendnis mit mir bereust Du jetzt natuerlich, seitdem die Aussichten auf
Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kaelte.
Jetzt bin ich Dir nichts mehr!--Natuerlich, natuerlich, Du kalte,
berechnende Natur!"

"O Du--!" stiess die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den
Mann mit einem Ausdruck massloser, mit Ekel und Weh vermischter
Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was
sie noch in ihrem Herzen fuer ihn fuehlte. Und er wusste auch jetzt durch
ihren Blick, dass er sie verloren, dass sie ihn erkannt hatte als das, was
er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die
Personen, die Misstrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu
solcher Flamme, sollten buessen. Zunaechst jedoch noch einem anderen
Gedanken folgend, sagte er und draengte seinen Blick in ihre Augen:

"Uebrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als voellig nebensaechlich
zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du
mich denn je geliebt?"

"Wozu--das--?"

"Gleichviel--sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle
ja nicht!"

"Ich glaubte Dich zu lieben, ja!--"

"Und nun liebst Du mich nicht mehr?"

"Nein!"

Sie sprach's mit grausamer Kaelte.

"Nein?"

Es drang tobend und stoehnend, fast wie ein Gebruell aus des Mannes
Brust. Was sein Gefuehl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nuechtern
bestaetigt. Aber was war denn geschehen, dass im Lauf weniger Tage sich
dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn,
Enttaeuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefuehl grenzenloser Unbefriedigung
wirbelten in Tankreds Innerem zusammen.

"Nein?" wiederholte er. "Und da es nicht die Enttaeuschung ist, die Dir
Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren
trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun,
was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?"

"Besser, Du haettest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es
ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Waerme, aber ich
mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres
enthuellt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in
dieser Stunde geschehen, loetet doch kein Kuenstler wieder zusammen, und
haette er eines Gottes Hand. Hier!" fuhr sie fort, knoepfte ihr Mieder auf
und zog Papiere hervor. "Lies diese mir heute morgen von Theonie
zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage.
Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann
wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun hoere und wisse: Als
ich mich entschloss, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler,
aber in ihnen zugleich Zeichen kraeftiger Maennlichkeit, die ich um so
hoeher schaetzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermisst hatte! Sie
respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefuehl, das ich
selbst fuer Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt,
sondern Ekel vor Dir. Gewiss, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig
Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt
meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie
schlecht. Ich hasse die Luege, die Unehrlichkeit, die Maske, die
Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch
diesen einen Blick in Deinen Charakter ploetzlich die Binde von meinen
Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt
habe? Hattest Du denn je fuer mich ein ehrliches Gefuehl? Nein, Du hattest
nur Gefuehl und Sinn fuer mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu
dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung ueber
mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O--welche Meinung! Ich bin
so beschaemt, so bedrueckt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern,
dass der Tod mir eine Erloesung waere. Nach reiner Luft schreie ich; wie
verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphaere! Droben meine Mutter in
Thraenen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu--selbst
Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst
bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir
foerdernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei
ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, dass ich so
weit sank, dass mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und
Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand
gesagt haette, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer haette
die Nachricht auf mich wirken koennen, als der Beweis, dass Du ein
Faelscher bist."----

Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann
regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zaehne zusammenbissen,
ging unruhig hin und her.

Dann aber raffte er sich auf, warf hoehnisch den Kopf zurueck und griff
nach Theonies Schreiben. Es lautete:

  'Sehr geehrte Frau von Brecken!

  Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, dass eine
  Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat.
  Ich habe sie nicht herbeigefuehrt, sondern er, und wenn er sich meiner
  hoeflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich
  die Erbangelegenheit zu ordnen, gefuegt haette, wenn er nicht abermals
  Schuld auf Schuld gehaeuft und an den Tag gelegt haette, dass seine
  Wandlung nur eine rein aeusserliche geblieben, wuerde ich sicher das
  Eventualversprechen spaeter in ein definitives verwandelt haben. Er
  aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses
  verbieten musste, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine
  in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm
  Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und
  Verwandter, dem etwas zu gewaehren ist, sondern wie einer, der etwas zu
  fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will.

  Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklaerte, dass er
  durch sein empoerendes Verhalten ein fuer allemal jeden Anspruch
  verwirkt habe, spielte er eine widerwaertige Komoedie und schob, statt
  seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein
  heisses Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhaertete
  voellig meinen Entschluss, das Tuch zwischen uns zu zerreissen.

  Ich fuege Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein
  instaendiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren.
  Aber ich will ueberdies, dass Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich
  nicht weiss, was er Ihnen erzaehlt hat, bedarf es zur richtigen
  Schaetzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen.

  Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschluss unabaenderlich, so
  unabaenderlich ist, dass ich bereits eine anderweitige unumstossbare
  Verfuegung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklaerung zur
  Verfuegung.

  Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen
  werden, ich bitte, nicht allzu strenge ueber mich. Ich vermochte nicht
  anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter
  traegt die Schuld an diesem Ergebnis.

  Die Ihrige

  Theonie Cromwell geb. von  Brecken.'--

Zunaechst begab sich Grete nach dem voelligen Bruch mit ihrem Manne auf
ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen
Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich ueberhaupt auf der
Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die
Erde, alle Geschoepfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall
entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles
geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der
einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen
auch muessig war, deren Unloesbarkeit aber die Qual und den Lebensueberdruss,
der Grete erfasst hatte, erhoehten. Und doch gingen allmaehlich ihre
Gedanken wieder zurueck auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie
sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gaenzlichen
Oede ihres Innern trat--wie umgekehrt dem Gluecksrausch die Ernuechterung
zu folgen pflegt--ein Gefuehl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit
der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemaechtigte sich ihrer.

War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so voellig zu
verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein!
Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, dass ihr Herz sproeder
als dasjenige anderer war, dass ihr Ich sich vordraengte, sondern die
Harmonie ihres Innern zurueck zu gewinnen, gluecklich zu sein, darauf kam
es an! Und um gluecklich zu sein, musste man andere gluecklich machen, das
hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwuerfnis mit ihrer Mutter,
deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war
verderblicher, als vor dem Unglueck den Nacken zu beugen.

Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedaechtnis
eingepraegt hatte:

  Feiger Gedanken
  Baengliches Schwanken,
  Aengstliches Zagen,
  Weibisches Klagen
  Wendet kein Elend, macht dich nicht frei.
  Allen Gewalten
  Zum Trotz sich erhalten,
  Nimmer sich beugen,
  Kraeftig sich zeigen.
  Rufet die Arme der Goetter herbei!

Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunaechst zu ihrer
Mutter gehen und versuchen, sie zu versoehnen, und dann, nachdem das
geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu loesen. Es ging
doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es
Hederich gegenueber geaeussert hatte. Halbe Verhaeltnisse waren von allem
das schlechteste. Sie wollte eine vollstaendige Scheidung herbeifuehren,
und wenn sie darum kaempfen sollte mit den letzten, aeussersten Kraeften
und--Opfern.

Opfern?--Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten
Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau
atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer.
Ihre guten Vorsaetze stritten heiss mit ihrem Egoismus.--

Einige Stunden spaeter stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da
sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschluessig, was sie thun
sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, dass sie zauderte,
ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick oeffnete Frau
von Tressen die Thuer und rief ueber den Korridor nach dem Diener.

"Ich suchte ihn auch, Mama--" erklaerte Grete.

"Grete, Du?" ging's in masslosem Erstaunen aus dem Munde der Frau.

Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stuermisch
ihrer Mutter Hand.

"Ich moechte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!"
begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und liess sich an dem
Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versoehnung
erbittenden, weichen Ausdruck nieder.

"Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?" fuhr sie draengend fort. "Ich
komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und
meinem Mann--"

Frau von Tressen, die mit groesster Ueberraschung zugehoert, fuhr bei dem
legten Satz unwillkuerlich in die Hoehe.

"Ich will los von ihm!" fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden
fort. "Ich habe eingesehen, dass wir nicht fuer einander passen. Wir
ergaenzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmoeglich
macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, dass ich mich wieder von ihm
trenne."

Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Plaene.

Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Sueden abreisen, und ihre
Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht,
vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu
besprechen. Er sollte persoenlich mit Tankred verhandeln.

In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein
Sturm von Empfindungen. Dieser ploetzliche Entschluss in so bestimmter
Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der
Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der
Nuechternheit ihrer Auffassung so ausserordentlich, sie verrieten so
ungewoehnliche Vorgaenge, dass Frau von Tressen vor allem in Grete drang,
sich ihr ganz anzuvertrauen.

"Es war schon lange etwas in mir," entgegnete die Frau. "Ich wollte es
mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht
nur aeusserlich, fuer Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder
auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir
stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kaempfe in
mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst
auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmaehlich den Gedanken in mir, dass
es so nicht weiter gehen koenne. Ich war auch nicht blind fuer das, was
sonst um mich her vorging."

In dieser und aehnlicher Weise eroerterte Grete ihrer Mutter die einzelnen
Vorgaenge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch
Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds
Faelschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine
furchtbare Aufregung.

Am Schluss legte Grete, gedraengt von ihrem Gefuehl, einen besonders
zaertlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der ueber ihre Wandlung
bewegten Mutter, dass nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem
Entschluss gelangt war, sondern dass auch die Liebe zu ihr einen Anteil
daran gehabt hatte.

Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer
begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und
meldete seiner Herrin, dass Herr von Brecken bereits vor einer Stunde
fortgeritten sei und hinterlassen habe, dass er wahrscheinlich nicht zu
Tisch komme.

Dies veranlasste Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu
bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen.

Als sie beisammen sassen, ward die Reise eroertert, und Grete erklaerte,
dass sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle.

"Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen frueh gleich ab und
begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer
Ruecksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg."

Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein,
nichts zu ueberstuerzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so
wichtiger Entschluss beduerfe der Ueberlegung; auch um der Menschen willen
sei es ratsam, es so einzurichten, dass nichts Auffaelliges in ihrer
Abreise gefunden werden koenne.

"Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt
rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, dass sie sich schon vorher mit
unseren Angelegenheiten befasst?"

Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie
doch bei ihrem Willen und fuegte sich nur darin, sich nicht heute schon
in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal
der Anlass zu Gespraechen entzogen werde.

"Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir hoere, die mir abmahnt,"
sagte sie. "Uebrigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rueckkehr
zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erklaere, wir wollten
uns auf Reisen begeben."

"Thue auch das nicht," riet Frau von Tressen. "Er wird Dich zu hindern
suchen. Fuege Dich heute scheinbar, und dann lass uns morgen ohne
Ruecksicht handeln."--

Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken.
Grete hoerte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde
Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Geraeusch,
als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestuerzt.

Als sie erschrocken, aber auch gereizt ueber diesen Laerm, die Thuer
oeffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebaerden am Treppenabsatz
stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem
Ungluecklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich
packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen.

"Nein, er bleibt!" erklaerte Grete in aeusserster Empoerung, und nur mit
Muehe sich bezwingend. "Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird,
und ich will nicht, dass der Mensch wie ein Hund davongejagt wird."

Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der
Hautabschuerfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien,
zu, er moege in sein Zimmer gehen, dort das Noetige fuer sich thun und
spaeter zu ihr kommen.

Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau.

Er ueberschuettete sie, ohne Ruecksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit
lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief:

"Und nun in Dein Zimmer! Es wird ueberhaupt Zeit, dass ich hier ein
anderes Regiment einfuehre, den Durchstechereien, Sentimentalitaeten und
Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und
unten gruendlich aufraeume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite
kennen lernen.--Nun, hoerst Du nicht? Marsch, vorwaerts, oder--"

Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz
bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thuer. Und nun ertoente
ein furchtbarer, markerschuetternder Aufschrei--und dann folgte etwas,
das allen Plaenen und Reisegedanken fuer jetzt und immer ein Ende machte.

       *       *       *       *       *

Drei Tage spaeter war's. Ein neues lebendes Wesen und--eine Tote.

Indem die Frau ihrem Kinde ein zu fruehes Dasein gegeben, hatte sie ihr
eigenes eingebuesst, und unversoehnt mit dem Manne, dem sie einst in der
Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden
Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kaempfen
dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt.

Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Raeume, die Dienstboten
schlichen aengstlich fluesternd einher, und Frau von Tressen, die keinen
Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie
vernichtet.

Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit
gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das
kleine Wesen zu kuemmern.

Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte
oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft
sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer
Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die
Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, dass sie wie
zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Empoerung aufschrie.

Und Gedanken kamen und loesten sich ab, und ihre Seele weinte.

Nein! Es war nicht moeglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte
nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu fuerchterlich.
Jetzt erst fuehlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber
auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, dass sie einer
Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte.

Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, dass er
nicht erwarten konnte, dass die Leiche aus dem Hause kam, dass das
'Gejammer' ein Ende nahm, dass er ganz allein Herr wurde im Hause und sie
verjagen konnte fuer immer. Und sein Gehirn arbeitete in der Ueberlegung,
welchen Nutzen er fuer sich aus diesem Vorfall ziehen konnte.

Kein Zweifel, er wuerde Holzwerder fuer seinen Sohn in Anspruch nehmen,
auf die Guetergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als frueher
benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft.

Seinen Schwiegervater hatte er waehrend dieser Tage nicht einmal besucht,
mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten
Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe ueber seine Lippen gekommen. Nur
dem Arzt gegenueber hatte er eine widerliche Komoedie gespielt, damit er
die Eindruecke hinaustrage in die Umgegend.

Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung
der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die
Haende reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es
doch trotz allerlei Widerwaertigkeiten so gut mit ihm meinte.

Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da
droben wuerden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er wuerde sie
kurz und buendig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den
Haenden geben, hiess mit dem Feuer spielen. Gewiss, der Balg war ihm
unbequem, aber diese Gene musste er schon mit in den Kauf nehmen.

Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhoeht durch etwas sehr
Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag
fast aussichtslos darnieder; es schien jede Moeglichkeit ausgeschlossen,
dass er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begraebnis
gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt.

Und dann beschaeftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem
Naechstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen wuerden, was die
Frau vorbringen, welche Vorschlaege sie wegen des Kindes machen werde.

Der naechste Tag musste Entscheidendes herbeifuehren.

Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne dass die Schwiegereltern
sich ruehrten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Ruecksprache mit
Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich,
war besorgt, sie liess wie frueher unten kochen und sich oben bedienen und
machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine Aenderung
herbeizufuehren oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes
Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermassen auf, dass er schon
wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem
Schlupfwinkel herauszutreiben.

Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken,
ob es weise sei, noch mehr Anlass zu Gespraechen zu geben. Er hatte eine
Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging,
dass man ihn fuer den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt
war, und dass sich Geruechte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte
von Theonie in Verbindung standen.

Die Worte: "So was mit Papieren soll nicht richtig sein" waren an sein
Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck
in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht
fuer ihn gewesen, dass er im Fluge nach Hause geeilt war, um das
Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen
gehalten hatte, zu verbrennen.

Wo kamen aber diese Geruechte her? Entweder von Falsterhof oder von
Hederich.

Dieser Hederich, wie er ihn hasste! Nur Ruecksicht auf Grete hatte
verhindert, dass Tankred nicht laengst seine Absicht, ihm den Laufpass zu
geben, zur Ausfuehrung gebracht hatte.

Zunaechst liess er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen.
Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war
damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und
bei der Grabrede Hoeppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte
Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es
ihn geaergert. Auch die Pastorin Hoeppner hatte sich angestellt, als sei
der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschaetzung, die
man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer
erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration.--

Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrueckter Miene zu
seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die
Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie
Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich
kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins.

In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch fuer
Brecken uebrig gehabt. Auch hatte ihn eine voellige Gleichgueltigkeit
erfasst, welche Meinung Brecken ueber ihn, den Untergebenen, habe, ob er
ihm gar die Thuer weisen werde.

Brecken ekelte ihn ueber die Massen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin
lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Beruehrung kamen,
am Ende aufdraengte.

Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte:

"Sie wuenschten mich zu sprechen?"

"Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!" warf Tankred, den
diese kurze Art aeusserst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und
trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer.

Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten
seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines
zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch hoeflich gewesen. Tankred
aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da
ploetzlich kam Hederich ein Entschluss, ein fester, unabaenderlicher.

Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er
geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen
war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rueden Habenichts, diesem
Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und
wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen fuer immer.

Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da
mit stolzer Miene, als Brecken zurueckkehrte.

"Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine
Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter--"

"Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, dass ich heute meinen
Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Auftraege mehr von
Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen
hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, dass wir jeden Tag
gegenseitig das Recht haben, unser Verhaeltnis zu loesen. Von diesem Recht
mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!"

"So, das sind ja sehr huebsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur
so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was
ist denn der Grund, mein Geschaetzter, dass Sie sich die Erlaubnis nehmen,
in solcher Weise jede Ruecksicht ausser acht zu lassen und mir zu
begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand
entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das
intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so
wenig hellen Kopf ploetzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich
nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezueglich ihrer Vortrefflichkeit
sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder haelt sich fuer einen Gott, und,
bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisaeerhaft an
die Brust schlagende, ausserordentlich wenig, fast nichts leistende, aber
dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter froehnende Gesellschaft. Nun,
antworten Sie, welche Gruende haben Sie, sich ploetzlich in die Brust zu
werfen, als waeren Sie ein Caesar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun
sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so
viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklaerung!"

Diese in einem masslos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese
Ausfaelle, welche Hederich in solcher Staerke nicht im entferntesten
erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, dass
der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen
Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunaechst ganz fassungslos. Auch
gaben sie seinem urspruenglichen Entschluss eine voellig andere Richtung.
Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit
Brecken einliess. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend,
ernst und wuerdevoll:

"Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der
Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kuendigung und deren Ursachen,
fuer mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in
Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und
dran, in den Weg legen, so weiss ich, wo ich Schutz und Recht finden
kann, und werde davon sehr ausgiebig fuer mich und andere Gebrauch
machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von
Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!"

Nachdem Hederich gegangen war, zuendete Tankred die ihm bei dem Gespraech
ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz
in die Kaminflamme hielt. Waehrend er sich mit dem Anbrennen muehte,
ueberdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das
hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzaehlen, wie er, Brecken,
ueber die ganze Idiotengesellschaft dachte.

Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu
einem voellig klaren Nachdenken ueber sich selbst. Waehrend er da in seinem
Lehnsessel hockte, murmelte er:

"Ich besitze Gaben, durch die ich Grosses schaffen koennte, aber sie
bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs
stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil
sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jaehzorn und Mangel an Maessigung
verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Guenstiges schafft, wird durch
mein Ungestuem meist wieder aufgehoben."

Und eine aengstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die fluesterte,
es sei nur Schein, dass Gretes Tod, das Zerwuerfnis mit Tressens, der
Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm foerderlich werden
wuerden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder
beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die
Erfuellung seiner Wuensche? Und das Gute ueben, war langweilig und oede,
und durch die Entaeusserung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als
der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und
befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er
sich moralisierend in Sack und Asche huellte.--

       *       *       *       *       *

Am Abend dieses Tages sass Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war
gekommen, um Abschied zu nehmen; am naechsten Vormittag wollte er das Gut
verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach
Elsterhausen begeben.

Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch
diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den
letzten Halt, und nun war es auch fuer sie nicht mehr zweifelhaft, dass
sie Holzwerder aufgeben muessten. In diesen Trauertagen hatten sie einen
Entschluss ueberhaupt nicht fassen koennen. Bei ihren Ueberlegungen sprach
bald alles fuer ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte
aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie
blieben, wuerde die Grossmutter in seinem Anblick wenigstens Trost und
eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre
zweifellos gefaehrdeten Rechte. Es stand ja alles fuer sie in Frage. Aber
dann draengte es sich ihnen wieder auf, dass es doch unmoeglich sei, mit
einem solchen Menschen, einem Faelscher, ferner unter einem Dache zu
wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr
sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Beruehrung zu gelangen.

Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach
Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher
hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage
Unschluessigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der
jaeh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die
Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen.

"Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst, gnaedige
Frau!" erklaerte Hederich, nachdem er Bericht ueber seine Begegnung mit
Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht
hatte. "Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen
Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber
klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht
bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann muessen alle
Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behoerde muss
gemacht werden, dass ihm als einer vertrauensunwuerdigen Person die
Vormundschaft ueber das Kind genommen wird. Gern wuerde ich in Ihrem
Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr
anhoeren, und--drum und dran--ich halte, abgehen von meiner Abneigung,
jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits
auch fuer gaenzlich aussichtslos."

"Nun, so will ich mich selbst aufraffen," entschied Frau von Tressen mit
blitzendem Auge, und ploetzlich wie verwandelt. "Morgen vormittag werden
wir im klaren darueber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden
dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbaermliche seine
Rolle weiter spielt!"

       *       *       *       *       *

Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in
Breckendorf dufteten die Blumen, die Baeume und Gebuesche prangten in
Kraft und Schoenheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er
bluetenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es
Zwitschern und Singen froehlicher Voegel. Ein sanfter Regen, der ueber
nacht herabgefallen, hatte den durch laengere Duerre hervorgerufenen Staub
verwischt und das muede Traeumen der Natur in frisches Leben verwandelt,
in dem sich nun die neuen Triebe kraeftig hervordraengten. Und freudiges
Leben erfuellte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau
Hoeppner lief in Haus, Hof, Kueche und Keller umher und sah nach dem
Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder stuermte jauchzend durch die
Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor
schien endlich mit aller Krankheit aufgeraeumt zu haben; sein Aussehen
war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar.

Die beiden Gatten ernteten die Fruechte ihrer Herzensguete durch
Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in
Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit
naeherte, dass die Einweihung vor der Thuer stand, durchstroemte sie ein
Gefuehl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein grosses Fest bereitet.

Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und
Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche
Sorgfalt retten koennen; noch einmal war das Glueck wie eine helle Sonne
vor Theonies Thuer erschienen, aber nur zu schnell war es wieder
verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen.
Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem grossen
Hause oder wanderte todesbetruebt durch den Park.

Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Fuelle
entfaltet. Die Voegel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute
laendlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal
froehliches Singen. Aber die Frau hoerte davon nichts, und wenn's ihr Auge
und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so
schmerzerregender an das, was sie verloren hatte.

Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach
Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt.

Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den
Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem
eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklaert, sich zu ferneren Raten
nicht mehr verstehen zu koennen. Falls Tressens es angebracht finden
sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die
gerichtliche Entscheidung erwarten.

Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken
gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklaert, was sie wollte, und
ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei
waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen:

Dass alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte
Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier
wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der
Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen
haetten, so waere nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Dass
er die Schuld an ihrem Tode trage, sei laecherlich. Er habe allerdings
eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten
vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien
anderen schon viel schwerere Dinge zugestossen, ohne dass sie ueble Folgen
davon getragen haetten. Aber jede Krankheit schliesse die Moeglichkeit
eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein
Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein
natuerlicher Vormund.

In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles noetige
vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern
geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen
Fall Bedacht genommen waere. Er sei indes als Nutzniesser des Besitzes
nicht abgeneigt, ihnen bis zur Muendigkeit des Knaben eine monatliche
Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, dass Tressens sich den Bedingungen
unterwuerfen, die er stellen muesse.

Zu diesen Bedingungen gehoerte in erster Linie, dass sie Holzwerder
raeumten, und ferner, dass sie sich verpflichteten, in die Erziehung des
Kindes in keiner Weise einzugreifen.

Sobald ihm aber je auf Tressens zurueckzufuehrende Anschuldigungen und
Verleumdungen, beispielsweise, dass er an Gretes Tod Schuld trage, oder
der Unsinn, dass er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als
das von Theonie ausgefuellte vorgelegt habe, zu Ohren kaemen, werde er
keinerlei Zahlung mehr leisten und ueberhaupt jede Erinnerung an einst
mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen ausloeschen. Das sei sein
unabaenderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte
er sich ueberhaupt zu nichts, sie besaessen keinerlei Rechte, sondern seien
lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen.

Nach diesen kaltherzigen Erklaerungen hatte er freilich auch wieder eine
versoehnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal
ohne Voreingenommenheit zu pruefen, ob's nicht besser sei, dass sie sich
trennten, ob er anders handeln koenne bezueglich des eigenen Kindes; er
zeige doch jetzt, dass er wahrlich kein selbstsuechtiger Mensch sei. Es
habe sich die Maer gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte,
egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine
glueckliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles
Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter
seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben,
und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur
daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er
niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred
hatte mit der Versicherung geschlossen, dass, wenn er auch nichts
schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so koenne Frau von
Tressen doch darauf bauen, dass er schon um Gretes willen, die er so sehr
geliebt habe, sein Wort halten werde.--

Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres
Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Grossmutter hatte
das Kind in Tankreds Haenden lassen muessen. Gegen einen solchen Menschen
gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine
solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines
Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen
Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein
Prozess waehren, und wovon sollten Tressens, die sehr verwoehnten Menschen,
in der Zwischenzeit leben? Eine Weile wuerde es wohl gehen, da sie Kredit
besassen, so lange nicht bekannt wurde, dass sie mittellos geworden; aber
am Ende vermochte selbst der Genuegsamste sich auf die Dauer ohne Geld
nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Unterstuetzung
angehen zu muessen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie
Empoerung darueber, dass der Schurke nun auch noch diesen Akt von
Niedertraechtigkeit gegen sie ausgeuebt hatte.

Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat
nach Elsterhausen gefahren, um seine Huelfe in Anspruch zu nehmen. Er
hatte sich erboten, vorher noch einmal muendlich mit Brecken Ruecksprache
zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits
klar zu machen, dass er einen Prozess unmoeglich gewinnen koenne.

Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein
gutes Wort geben, hiess sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefuehl
baeumten sich dagegen auf.

Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten
Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rueckgrat.--

Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf
den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem
Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein.

Die seitdem eingetretenen Veraenderungen fielen ihm sofort auf: von der
vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen
Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten,
war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Nuetzlichkeit
gestellt. Dem Schoenheitssinn waren keine Rechte mehr eingeraeumt, denn zu
beiden Seiten der Wirtschaftsgebaeude lagen jetzt Misthaufen, zwischen
dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die frueher
sorgfaeltig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die
Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlaessigten
Chaussee.

Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden
waren verhaengt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststuerme von
den Waenden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die
Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der
Wirtschaftsgebaeude kostete Geld, und Geldausgeben war dem voellig zum
Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel.

Als Brix in das Schloss eintrat, hantierte Tankred in einem abgenuetzten
Hausrock im Flur und haemmerte selbst an einem wackelig gewordenen
Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergeraet. Er
konnte sich nicht mehr entschliessen, einen Handwerker auf den Hof kommen
zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, ueberlegte
er, ob er ihr nicht ausweichen koenne.

Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfaenglich seine Zuege,
dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und noetigte den
unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach.

Hier zeigte sich noch die urspruengliche Eleganz; der Fussteppich wies
zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten
ueberall dem Auge entgegen.

Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub
zu entfernen war, da trachtete der Mann aengstlich, es zu erhalten. Der
Geiz aeussert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert
Dinge, oft ist er blind.

"Ich komme," hub Brix an, "um ueber das unseren gemeinsamen Freunden von
Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich weiss nicht, Herr von
Brecken, worauf sich Ihre Sinnesaenderung stuetzt, aber ich weiss, dass Ihre
Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt
worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie muessen darben, wenn sie
nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen
Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig
wieder eintreten zu lassen."

Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden
Worte eine Erwiderung.

Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretaer einige
Aktenstuecke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus.

"Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern
geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem
ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens
keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie
gefaelligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?"

Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit
einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschaeftlich zu
behandelnde Angelegenheit in Frage.

"Meine Ansicht ueber die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente
von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des hoechsten
Gerichtshofes nicht aendern, Herr von Brecken," entgegnete mit kuehler
Abwehr der Justizrat. "Es ist daher wertlos, dass ich die Auffassung
meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht
deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefuehl
zu appellieren. Ich moechte einen Vergleich anstreben, durch den das
wahrlich fuer die Aussenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses
zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden
wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie
haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird
doch sicher einen hoechst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man
erfaehrt, dass Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien
verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthaetigkeit Fremder in
Anspruch zu nehmen."

Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehoert. Nachdem der Justizrat
aber geendet, stiess er, alle dessen Worte umgehend, heraus:

"Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen!
Warum koennen die Leute sich nicht einschraenken? Mit der Haelfte werden
sie auch leben koennen!"

Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte
die Sache lediglich aus Geiz eingefaedelt. Er wollte durch dieses
Vorgehen die Haelfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann--nun
dann mochte es auf einen Prozess ankommen!

Aber dass er damit kein Glueck haben werde, sah Brecken freilich sehr bald
ein.

"Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken," erwiderte der Justizrat, "dass
Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen wuerden, so
muss ich Ihnen sofort erklaeren, dass davon nicht die Rede sein kann. Sie
denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, wuerden vielmehr,
wenn Sie auf dem--entschuldigen Sie--unmenschlichen Standpunkt beharren,
in der Klage beantragen, dass ihnen die Vormundschaft ueber Ihren Sohn
uebertragen und die Nutzniessung des Vermoegens zugesprochen wird. Und
wenn wir das erstreiten sollten, wie wuerden dann die Sachen fuer Sie
stehen?"

Brecken lachte hoehnisch.

"Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit
Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Maenner. Ich
lebte mit meiner Frau in Guetergemeinschaft, folglich gehoert mir nach
ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen,
das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde fuer den Fall einer
Nachkommenschaft bestimmt, dass jeder von uns bis zur Muendigkeit unserer
Kinder die Nutzniessung des Vermoegens behalten, spaeter aber Ansprueche auf
eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentuemlichen Anschauungen
steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch
selbst die Verfuegung ueber das Vermoegen entzogen. Fuer die mir
eingeraeumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte fuer ihre
Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem
Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft
absprechen will, der muss den klaren Verstand verloren haben."

"So wuerde es allerdings auf den ersten Blick scheinen," warf Brix ein.
"Aber die Ansprueche Ihrer Schwiegereltern koennen nicht alteriert werden,
denn sie wurden ihnen eingeraeumt, damit sie zu leben vermoechten. Und
ferner: Ihre Frau Gemahlin gewaehrte Ihnen die erwaehnten Vorteile aus
zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die
Ehe zu bringen versprachen, und zweitens--"

"Nun?"

"Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, dass diese
Ihre Behauptung eine begruendete sei!"

"Also--was wollen Sie denn weiter?"

"Was ich will? Sie besassen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer
Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafuer wuerden wir
Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen."

Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Faelschung erblickte,
zuckte Brecken unwillkuerlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem
Angesicht. Aber nur fuer Sekunden ward er eingeschuechtert.

"Ich verstehe Sie nicht," warf er dann hin. "Wenn das eine Anspielung
auf ebenso gehaessige wie unerhoerte Anschuldigungen sein soll, so erwarte
ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind."

"Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage
Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage--Sie gaben doch eine Zusage
betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern--festhalten
wollen oder auf deren Zurueckziehung bestehen?"

"Ja, ich bestehe darauf. Hoechstens wuerde ich mich bereit erklaeren,
Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das wuerde ich ihnen
dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu genoetigt bin, sondern
aus Ruecksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag."

Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles
nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, dass der Eigennutz
allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel
erfuellt, dass er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof
schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen.

Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Naehe von
Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um
in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem
Vorhaben bestaerkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den
Gutshof fuehrende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begruessung schloss er
sich ihm an, und zehn Minuten spaeter sassen beide bereits in Theonies
Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte.
Waehrend er dann auf die traurigen Verhaeltnisse der alten Tressens zu
sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr,
mit ihr in den Garten hinauszutreten.

Er erzaehlte, dass er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den
Eindruck bekommen habe, dass ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in
Not befaenden.

"Sehen Sie, Fraeulein Carin, ich komme eigentlich--drum und dran--mit
einer Bitte," erklaerte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit
den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm
herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten
nicht gleich zu ihm aufblickte.

"Ja, bitte, Herr Hederich!" ermunterte Carin ihn nun weich und
freundlich.

"Ich meine naemlich so, Fraeulein Carin: Ich bringe es nicht ueber die
Lippen, Frau von Tressen zu bitten, dass sie ein Darlehn von mir
annimmt, nein--drum und dran--ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch
nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben
wollten--ich meine--ich meine--mit Frau von Tressen zu sprechen, dass
ich--ich--Sie verstehen, Fraeulein Carin."

"Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!" entgegnete das junge Maedchen,
bewegt durch diese mit so grosser Zartheit gepaarte Herzensguete, und
schaute Hederich voll ins Antlitz. "Ich will auch gern Ihren Wunsch
erfuellen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber waere es nicht richtiger,
wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form,
das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner
Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu
nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder
bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist."

"Na ja, das ist wohl richtig--obgleich--obgleich, Fraeulein Carin--"
erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort:
"Glauben Sie, dass auch Frau Theonie etwas thun wuerde, wenn's noetig
waere?"

"Ich weiss es nicht. Sie spricht ueber gewisse Dinge nie mit mir. Ueber
ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung
nicht anders als mit den Worten geaeussert, sie habe jede Verbindung mit
ihm abgebrochen. Dass sie sich fuer Tressens interessiert, ist indes
zweifellos."

"Sagen Sie, Fraeulein Carin, es ist--drum und dran--hier jetzt wohl recht
oede und einsam fuer Sie?" fuhr Hederich, abermals das Gespraechsthema
willkuerlich aendernd, fort. "Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten."

"Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von
Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, dass sie oft Tage lang
nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns."

"Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fraeulein Carin?"

Das Maedchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem
Ernst:

"Mich haelt das Pflichtgefuehl und--die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl
hin, Herr Hederich?"

Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhoehe im Park
gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Aeckern, Waldungen, kleinen
glitzernden Fluessen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Waehrend sie
gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er:

"Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu
kaufen. Elmenried heisst es, Fraeulein Carin. Ich haette es mir schon
zugelegt, wenn--drum und dran--"

"Nun?" machte Carin verwundert.

"Ach, Fraeulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz
einsam, und moechte--drum und dran--einen festen Halt haben. Das ist es!
Das haelt mich ab!"

"Sie muessten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!"

"Wer will mich? Und wenn ein Maedchen mich wirklich wollte, so moechte
ich sie wohl nicht. Eine, ja eine--die--die--"

Er senkte das Haupt und stoehnte.

Durch das Innere der Verlassenen zog ploetzlich ein nie gekanntes Gefuehl;
diesem braven Manne anzugehoeren, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen,
nicht mehr abhaengig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben!
Welch eine wunderbare Aussicht--welch ein Glueck!

Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit
einem warmen, zaertlichen Gefuehl, erhob sie das Auge und sagte leise:

"Eine, Hederich?--Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?"

Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge
so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stiess
heraus:

"Ja--ich will ihn nennen--drum und dran--denn einmal muss es doch heraus,
und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht laenger bei mir
behalten, weil es mir das Herz abdrueckt. Sie sind es, Fraeulein Carin!
Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht uebel--bitte, Fraeulein Carin--"

"Uebel nehmen? Kann sich ein Maedchen nicht nur geehrt fuehlen, wenn ein
rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn
auch sie ihm--gut ist--wenn auch sie ihn lieb--"

"Ach--ah--Fraeulein Carin!" ging's stuermisch aus des Mannes Brust. "Ist's
wahr? Ist's moeglich? Sie koennten?--Sie wollten wirklich--?"

Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren
Haenden, kuesste sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar
wie ein Kind.

Sie aber schuettelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend:

"Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, dass Sie das arme Maedchen
ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie
versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!"

Die Sonne legte sich eben voll und glaenzend ueber die Landschaft, aber
selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die ueber des
Mannes Antlitz zogen.

"Fraeulein Carin--Fraeulein Carin!" rief er selig, nahm sie in seine Arme
und legte kindlich seinen runden, grossen Kopf an ihre Brust. Sie aber
ergriff mit beiden Haenden des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich
und kuesste ihn sanft auf den Mund.--

       *       *       *       *       *

In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix
keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die
Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstaerkt. Er sagte sich
einerseits, dass man ihm keine guten Worte geben wuerde, wenn man sich
sicher fuehlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits
schaetzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozess konnte er mit
einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und waehrend
dessen wuerden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben,
weich und fuegsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten
konnte er benutzen, um ihre Ansprueche moeglichst herabzudruecken.
Natuerlich, am liebsten wuerde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen
haben, aber da er selbst keineswegs ueberzeugt war, dass die richterliche
Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon
jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen.

Waehrend seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, ueberfiel ihn
der draengende Reiz, sich vor Augen zu fuehren, wie viel er ueberhaupt
besitze, und nicht zum erstenmal oeffnete er--immer mit derselben
brennenden Gier--seinen Schreibtisch, zog Buecher und Schriftstuecke
hervor, rechnete und zaehlte und weidete seine Augen an den im
Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen
Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden
Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben
noch mehr ermaessigen und die Einnahmen erhoehen koenne.

Und dann ploetzlich fiel es ihm auf die Seele, dass eine Zeit kommen
werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er
in eine aehnliche Lage geraten koenne, wie jetzt seine Schwiegereltern.
Und das regte ihn solchergestalt auf, dass er emporsprang und ueberdachte,
ob er darin nicht doch eine Aenderung herbei zu fuehren vermoege. Nein, es
gab keine in dem gewoehnlichen Sinne.--Nur, wenn Gretes Kind stuerbe, dann
--dann--den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen
vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, dass Theonie und sein Sohn eines
Tages sterben koennten, erregte sein Inneres, aber dass diesen beiden
Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden koenne, das trieb ihm das Blut
ans Herz. Dass doch immer solche Gedanken sich seiner wieder
bemaechtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloss hastig seinen
Schreibtisch, drehte den Schluessel an dem Geldschrank ab und eilte, in
der Sicherheit, dass draussen andere Eindruecke die ihn peinigend
verfolgenden Gedanken verwischen wuerden, ins Freie.

Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof
betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurueck,
betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lueftete den Vorhang von der
Wiege und versicherte sich, dass der Knabe atmete--dass er lebte.----Lange
stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Zuege. Es sah Grete
aehnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde
auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm
werde es gleichen.----War's ein Glueck fuer das Kind, zu leben? Nein!
Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf
eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht
hoeher achtete, als das einer Fliege,--und ob sie da war in der Schoepfung
oder nicht, welchen Wert hatte das?--wuenschte er auch diesem jungen
Wesen den Tod.

Ein Glueck fuer den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurueckzog in ihren
Schoss! Ja, die Erde----aber kein gewaltsames Abschneiden des
Lebensfadens!--

Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen
waere? Brecken ueberlegte.--Am unauffaelligsten geschah's jedenfalls durch
Ersticken;--Spuren einer gewaltthaetigen Hand waren dann nicht sichtbar.

Man musste es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken ueber
sich. Ein Erstickungsanfall, befoerdert durch Husten! Ja, ja, dergleichen
kam vor!--Oder eine starke Dosis Opium--aber das war schon
gefaehrlicher.--Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon
wieder bei so furchtbaren Gedanken, waehrend er doch zurueckgeeilt war, um
sich zu vergewissern, dass das Kind lebte.----

Ein heisses Gefuehl kam ueber ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der
Gefuehl fuer dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und
unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich
Tankred von Brecken herab und kuesste zum erstenmal seinen Knaben auf die
Stirn. Aber der den Saeuglingen dumpfe Geruch stiess ihn ab, und die durch
dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das
Gefuehl ueberhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte,
erlosch die zaertliche Empfindung des Mannes im Nu wieder.

Mit dem alten, gleichgueltigen Blick sah Brecken den Knaben an und
verliess unter dem Gedanken, dass er es dem Schicksal anheim geben muesse,
ob es seine Plaene foerdern wolle, das Gemach.

Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den
Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit laengerer Zeit
erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der
grauen Stute Liese beschaeftigte Tankred in der naechsten Stunde mehr als
irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein.----

Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushaelterin,--die maennliche
Dienerschaft hatte Brecken entlassen und ausser dieser Frau nur noch die
Kindeswaerterin und ein Maedchen behalten,--dass Herr Pastor Hoeppner auf
dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wuensche.

"Pastor Hoeppner?" wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber
hinaus und noetigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer.

"Welche besonderen Umstaende verschaffen mir das Vergnuegen, Sie einmal
wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?" begann er
mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rueckte einen Stuhl heran und griff
nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und
seinen Dank ausdrueckenden Pastor anbot.

Da Hoeppner schon gluecklich war, wenn er ueberhaupt nur rauchen konnte,
von der Guete einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken
aus der sogenannten 'Leutekiste' angeboten; sich selbst aber hatte er
eine andere und bessere angezuendet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer
bedient.

Hoeppner begann mit der Erklaerung, dass er in der Naehe zu thun gehabt und
die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu
sagen. Er fuegte hinzu, dass auch seine Frau ihn ermuntert habe, in
Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beilaeufig
eingestreuten Bemerkung sicher ueberzeugt, dass die Frau den Mann
abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Hoeppner
ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespraech
durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen
gehoert habe.

Nein, er sei durch sein zurueckgezogenes Leben mit dem, was sich draussen
ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen
Erstaunen Ausdruck, als nun Hoeppner ihm die Verlobung Hederichs mit
Carin mitteilte.

Dann freilich erging er sich in spoettischen Bemerkungen und aeusserte,
ohne auf Hoeppners Zartgefuehl irgend welche Ruecksicht zu nehmen, diese
Verlobung komme ihm vor, als verbaende sich ein Kameel mit einer
Bachstelze.

"O, o--o--" machte Hoeppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger
durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Uebergang
zu der Angelegenheit, die ihn hergefuehrt hatte. Er sagte:

"Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, moechte
ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten
Schwiegereltern anzuhoeren. Wie ich zu meinem grossen Leidwesen gehoert
habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift
mahnt uns Menschen--"

Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte
Tankred von Brecken zu hoeren; er unterbrach Pastor Hoeppner jaeh und
sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend:

"Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war
Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine
Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, dass sie nach wie vor auf
der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natuerlich
werden da wieder die ungeheuerlichsten Geruechte ausgesprengt; aber das
Zutreffende ist allein, dass ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil
die uebrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu gross sind."

"So, so? In der That?--Das waere ja etwas ganz anderes, als was uns
berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau--"

"Ja, das ist eben das Unglueck, verehrter Herr Pastor, dass meine
Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr passt,
so stellt sie es dar. Sie weiss sehr wohl, um was es sich handelt,
aber--"

"Nein, ich versichere Sie, sie weiss es nicht," schob Hoeppner, arglos den
Worten des Mannes nachgehend, ein. "Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen
erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre
Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen--"

"Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von
einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nuetzen, denn mit dem,
was ich bieten koennte, wuerden sie ja doch"--Brecken betonte seine wie
beilaeufig hingeworfenen Worte--"nicht zufrieden sein."

"Man koennte doch hoeren!" fiel Hoeppner eifrig ein. "Offen gesagt, Herr
von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten,
sich mit Ihren Schwiegereltern auszusoehnen.--Also, wie viel koennten Sie
zahlen?"

Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr
zweifelte, dass der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er
anfaenglich von der Haelfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte
er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er
ueberwand sein Zaudern rasch und sagte:

"Mit fuenf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und
das waere schon das Aeusserste."

"Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von
Brecken!" stiess Hoeppner erschrocken heraus und schuettelte in groesster
Enttaeuschung den Kopf.

Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts-
und Vernunftgruende oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei
Brecken haetten verfangen koennen, auch sonst alles, was etwa guenstig auf
ihn haette wirken koennen, hervor und schloss mit den Worten:

"Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die
Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verstaendigung bieten!"

"Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen
zu befassen," entgegnete Brecken, brutal sprechend. "Nein, er mag seine
Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber
so!--"

"Herr von Brecken! Herr von Brecken!" stiess Hoeppner, zum erstenmal die
Devotion in Ton und Miene ausser acht lassend, heraus und schuettelte den
Kopf. "Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versoehnung aus dem Wege
gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme.
Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so muessen Sie das mit sich
selbst abmachen und mit dem, der ueber uns allen thront als ein Richter
unserer Handlungen. Ich weiss, Sie glauben nicht an ein hoeheres Wesen;
der Gottesbegriff ist fuer Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie
stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der
Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen
seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung!
Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts
fuer ungut, aber ich moechte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in
Klementinenhof dienen; ich moechte Sie bewahren vor Reue und
Seelenunruhe."

"Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen
an, aber Sie vergessen,--ich sehe von Ihren religioesen Mahnungen
ab,--dass in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Koennen. Und
dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein!
Verunglimpfen, verdaechtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie
streuen die infamsten Geruechte ueber mich aus, reden von Faelschungen, und
was weiss ich; und ich soll das wie ein Lamm ueber mich ergehen lassen?
Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!"

Die legten Saetze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren,
ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen
ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand fuer seine Handlungsweise
heranzuziehen.

Aus Hoeppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, dass sein
Misstrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt
der Pastor ueber die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn
aenderte das natuerlich nicht, und er hielt auch den 'langweiligen
Salbaderer' nicht zurueck, als er endlich aufbrach und sich, aeusserst
bedrueckt ueber das Misslingen seines Versuches, empfahl.

Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, dass ja nun Carin
demnaechst Falsterhof verlassen werde, dass dort dann zwei Augen weniger
seien, und dass nun doch vielleicht--Ja! was denn? Brecken griff in die
Zigarrenkiste und entzuendete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine
Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei
der entsetzlichen Ueberlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer
Verkuerzung der Lebensdauer Theonies zu Huelfe kommen koenne----

       *       *       *       *       *

Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins
Land gezogen.

Das von Hoeppner begruendete Armenhaus hatte seine Pforten geoeffnet, in
seinen Raeumen befanden sich Kranke und Beduerftige, und woechentlich
wenigstens einmal begab sich Frau Hoeppner, meist mit Lene an der Hand,
in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu
ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefuehl, wenn sie leidende Menschen
sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsaetze in sich auf, die ihre
Pflegemutter den Nebenmenschen gegenueber leiteten.

Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm
vorlaeufig nur gepachteten kleinen Guetchen Elmenried. Die beiden Leute
genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von
einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber
bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen muessen, atmete beseligt
auf, und die taeglichen Beweise von Liebe und Herzensguete, die sie von
ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurueck, denn sie liebte
ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemuet entspringt und auf Achtung
beruht.

Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thaetigkeit ausgefuellt
waren und durch frohen Lebensdrang einen erhoehten Wert empfingen, flogen
fuer Carin dahin; Haus, Hof, Kueche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit
gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Hoeppner und
Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich
ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektuere und Musik
weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Hoeppner und
Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor
und Carins Mann fanden sich als Gemuetsmenschen zusammen, und die beiden
Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung.
Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische
Gegner.

Aber waehrend sich bei ihnen durch guenstige materielle Verhaeltnisse,
durch weise Beschraenkung im Lebensgenuss und durch Sparsamkeit das Glueck
eine feste Staette bereitete, sah es bei Tressens allmaehlich immer
trauriger aus.

Die Huelfe Hederichs, die ihnen durch Brix und spaeter auch durch Carin
angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin
selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Guete und Freundschaft ruehre sie,
aber sie wuerden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklaert.
Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch
das Leben bezwungen, lieber Ueberfluessiges entbehren, als den Druck von
Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die
Hoffnung! Der Prozess war sogleich angestrengt worden, er musste sich in
einem halben Jahre entscheiden.

Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens ausser acht gelassen, mit
wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt
Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material
herbeizuschaffen sei, dann wieder wusste er die Termine hinauszuschieben,
indem er Krankheit vorschuetzte. Einen Formfehler in dem ersten
Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die
Folge von alledem war, dass die Sache nach einem halben Jahre, zumal die
Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand.

Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Sueden
angetreten, und es hiess, dass er nicht vor dem ersten Maerz zurueckkehren
werde.--

Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen.
Mit waermster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genaehert und
gleich bei der ersten Beruehrung geaeussert:

"Wenn ich Ihnen irgend wie nuetzen kann, verfuegen Sie ueber mich. Es giebt
keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst,
den ich Ihnen nicht leisten wuerde."

Gegenwaertig aber beschaeftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als
nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr
Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn
sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken fuer sie: Gretes Kind
einmal an ihr Herz zu druecken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene
suchte nach einer Abloesung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch
von Sorge erfuellt, dass dem Knaben, der fremden Haenden anvertraut war,
etwas zustossen koenne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht
gekommen zu sein, oder voellige Gleichgueltigkeit hatte seine Handlungen
bestimmt.

Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persoenlichen
Empfindungen zurueckgedraengt und sich der Grossmutter als Pflegerin des
Kindes waehrend seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch
dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um
dessen willen schaedlichen Zufaelligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es
nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen
den Eintritt ins Schloss zu verweigern, ihr unter keinen Umstaenden eine
Beruehrung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten.

Die Waerterin war ein braves, mitleidiges Geschoepf, aber die
Haushaelterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht,
durch den deren bisherige weibliche Stuetze abgeloest war, und der zum
Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen musste,
befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich
waehrend seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen
werde, zu ihm in voelliger Abhaengigkeit.

Dennoch beschloss Frau von Tressen--es war acht Tage vor
Weihnachten--einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Huelfe
der frueheren Haushaelterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von
ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei
Huelfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre duerftige Lage als
Kaetnerin verbesserte.

Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden,
dass die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushaelterin
vom Schloss entfernen wuerde. Es war wahrscheinlich, dass sie kurz vor dem
Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermaedchen
veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und
so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen.

Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt frueh
morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, dass 'die vom
Schloss' am Nachmittag nicht anwesend sei, und dass das Maedchen zugesagt
habe, den 'kleinen Herrn' zu ihr zu bringen.

Waehrend Frau von Tressen, in ihren Mantel gehuellt, dahinfuhr, kamen ihr
beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit
der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmuetige Gedanken, auch die
Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, dass ihre Augen sich
wiederholt mit Thraenen fuellten.

Wo war das Glueck von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr;
sie, die Mutter, musste sich versteckt ihrem frueheren Eigentum naehern
und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefaehrt
benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwaertigen Lage schon ein
Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne
thatsaechlich dem Nichts gegenueber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen
auflehnte, sie musste jetzt Huelfe bei Freunden suchen. Es lag auch in
ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie
auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rueckhaltlos anzuvertrauen.

Eine Summe fuer den Unterhalt des naechsten halben Jahres wollte sie von
ihr erbitten. Dann endlich wuerde doch der Prozess, und, wie sie annahm,
zu ihren Gunsten entschieden sein.

Als sie an Falsterhof vorueberkam, forschte sie gespannt hinueber. In der
breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein
Wagen dort gefahren, und kein Fussgaenger gegangen. Einsam und abgestorben
stieg das Herrenhaus aus der weissen Schneeflaeche ueber den kahlen Baeumen
empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht
umschneiten Schornsteinen draengte sich nicht einmal ein Leben
verratendes Rauchwoelkchen. Es war richtig--die Betrachtung kam der
Frau--dass nicht Geld und Besitz das Glueck bedingte. Theonie war die
reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie
konnte Feste geben, die Fuersten beschaemten, und ihr Haus zu einem
Sammelplatz auserlesener Geister machen.

Aber alles das hatte keinen Reiz fuer sie. Ihr Herz trug zu viel
blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl haette auferwecken koennen
aus seinem Grabe, sie wuerde alles dafuer hingegeben haben.

Und wie haeufig Vergleiche Lichter in sich schliessen, aus denen sich eine
leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle.
Ploetzlich kam's ueber die Frau mit Sicherheit, dass sie doch noch einmal
wieder auf Holzwerder herrschen, dass sie neben ihrem Enkel stehen und
sich nochmals das Glueck des Lebens zurueckerobern werde.

Aber freilich, vorlaeufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten
Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen
Besitzung zu und musste schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde
einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zaertlich in ihre Arme schliessen
durfte.

Als Frau von Tressen in die Naehe der Wohnung der alten Hanne gelangt
war, liess sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuss in
die Kate. Es war ihr sehr auffallend, dass ihr auf ihr Klopfen nicht
gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstaerkte sich, als sie beim
Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand.

Waehrend sie noch unschluessig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine
korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon
aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie,
naeher gekommen, Worte fand, erklaerte sie, dass der schon seit einiger
Zeit kraenkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, dass die
Magd nicht wage, ihn in der Kaelte nach der Kate zu bringen, und nichts
anderes uebrig bleibe, als dass sich die gnaedige Frau ins Schloss bemuehe.
Freilich sei das--sie muesse selbst ihr Bedenken aeussern--sehr gefaehrlich.
Man werde die gnaedige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn
von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Boeses daraus
erwachsen. Der Herr kenne ja keine Ruecksicht, sobald man sich ihm nicht
bedingungslos fuege. Aber trotzdem solle die gnaedige Frau selbst
entscheiden.

Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der
Enttaeuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was
ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder
absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis.

Aber jaehlings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluss. Sie
wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen,
es mochte daraus entstehen, was wollte!

So gab sie sich denn aeusserlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, dass
sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle
sich vielmehr allein aufs Schloss begeben, um ihr Enkelkind zu sehen.

"Sie haben der Magd doch nicht gesagt, dass ich kommen wuerde? Sie weiss
nichts von meinem Hiersein?" schloss sie fragend; und nachdem Hanne dies
verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte ueber den
Hof nach dem Herrenhause.

Tief herabstimmend waren die Eindruecke, die sie dabei empfing. Was Brix
ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurueck.
Eine voellige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte,
und insbesondere bei dem Anblick des vernachlaessigten Herrenhauses
traten Frau von Tressen unwillkuerlich die Thraenen in die Augen.

Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kaelte, Oede und Kargheit
wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thuer zur
Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die
Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und
machte sehr erstaunte Augen, ploetzlich eine elegant gekleidete Dame vor
sich zu sehen.

Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hoerte sie
auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden
Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Ruehrung ergriffen,
immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Haenden des Maedchens und
drueckte ihn weinend an die Brust.

"Mein Kind--mein suesses, liebes Kind--" schluchzte die Frau.

Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe
sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es
nicht wieder. Es war undenkbar!

Sie sprach auf die Magd ein, sie erklaerte ihr, wer sie sei, welche
Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche
Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blass, mager
und krank vor sich sehe.

Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur
Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie
belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umstaenden ihr Verhalten
gutheissen!

Fuer die Wirtschafterin werde sie einen Brief zuruecklassen und ihr darin
alles erklaeren. Sie werde sagen, dass sie sie gezwungen habe, ihr zu
folgen.

Zu Frau von Tressens freudiger Ueberraschung machte die Magd keine
erheblichen Einwendungen. Entweder fuehlte sie Mitleid mit der Frau und
dem Kinde, oder sie wuenschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die
Langeweile drueckte sie, und da 'die Gnaedige' die Verantwortung
uebernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Grossmutter Weisung einen
Widerstand entgegenzusetzen.

In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre
Habseligkeiten und alles fuer das Kind Notwendige zusammengepackt und
lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen.
Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf
einem Seitenwege des Parks die Landstrasse gewinnen.

Sobald das Maedchen sich entfernt hatte, schloss Frau von Tressen Tankreds
Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte
einige Worte an die Haushaelterin auf. Sie erklaerte ihr Vorgehen durch
den koerperlichen Zustand des Kleinen.

Als sie eben den Brief vollendet hatte, hoerte sie draussen Schritte. Ihr
Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn
hatte sie ganz vergessen.

Aber nur kurze Zeit kaempfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie
sich, oeffnete die Thuer und sah hinaus.

Ein wie ein Jaegerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig
sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer,
wo er offenbar die Magd gesucht hatte.

Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur
List vermochte etwas.

"Ah! Da ist jemand!" begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage
zuvorkommend. "Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich
suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn
nicht finde, moechte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen.
Einen Augenblick--"

Und waehrend der Angeredete noch in Ueberraschung dastand und durch die
Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschuechtert verharrte, steckte
sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, ueberschrieb es an Theonie
und ueberreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern.

"Sie muessen aber sofort hinuebereilen! Nehmen Sie den Weg ueber den Hof.
Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht
kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muss jeden Augenblick eintreffen,
und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben,
ohne Antwort."

"Zu Befehl! Zu Befehl, gnaedige Frau! Soll alles bestens besorgt
werden!" bestaetigte der Mann ebenso arglos wie unterthaenig, dienerte und
machte sich rasch davon.

Mit einem tiefen Atemzug liess sich Frau von Tressen in einen Sessel
sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung ueber sie; aber
sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von
Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zaertlichkeit an sich und
suchte es zu beruhigen.

Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe,
Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie
aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine,
und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein
Erloesungsschrei aus ihrer Brust.

Aber seltsam! Waehrend ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das
Gegenwaertige richteten, wurden andere Vorstellungen ploetzlich in ihr
lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen
einst und jetzt drangen ueberwaeltigend auf sie ein.

Wie waere es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den
Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit
Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen
Besitzstoerung trotzig abwartete und dem Richter erklaerte, sie habe
gehandelt als natuerlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine
heiligsten Pflichten gegen das Kind ausser acht gelassen, da er zudem ein
Faelscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe,
so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemasst
habe?!

Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch
das Gehirn der Frau.--Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins
Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor
fungierenden Grossknecht, der schon in frueheren Zeiten auf Holzwerder
beschaeftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie
den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen!

Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Huelfe des Kutschers
alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunaechst
vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu.

       *       *       *       *       *

Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von
Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte.

Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von
Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer
Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere
zur Ausfuehrung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstuetzung von
Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen
solle, darueber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er
mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er wuerde
das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmassregel
war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hoeren!

Von dem Warten auf eine guenstige Entwicklung des Prozesses hatte sie
nachgerade genug. Nur in einem Punkte musste sie doch Brix in Anspruch
nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zustaendige
Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit
Antraegen vorgehen, nicht etwa abwarten, dass Tankred ihr zuvor kam.

Sie hatte die Absicht, zu erklaeren, dass ihr Schwiegersohn das Leben
ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhaertung ihrer
Behauptung wollte sie ein aerztliches Gutachten beibringen; ferner auf
Grund der Faelschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne
beantragen, dass die Guetergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar
sofort fuer null und nichtig erklaert, und dementsprechend auch Tankred
jegliches materielle Verfuegungsrecht ueber das Vermoegen entzogen werde.

Ihre Rueckkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine
veraenderte Entschliessung hinstellen, zu der sie auf Grund frueherer
Abmachung berechtigt sei.

Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof
gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan,
erklaert, dass er mit den massgebenden Personen auf Holzwerder sofort
sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet.

Frau von Tressen befand sich in einer thatkraeftigen und gehobenen
Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu
behalten, noch verstaerkt ward.

Als sie vor der Thuer des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege,
der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim
Aussteigen behuelflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen duester
melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung.
Ernst und stumm oeffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thuer zum
Wohnzimmer und erklaerte, dass Frau Cromwell alsbald erscheinen werde.
Frau von Tressen ueberlief ein inneres Froesteln, als sie sich allein
befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles
starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das
einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geraeusch, das Ticken einer
Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms.

Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch guetiger
Miene begruesste, ward ihr Gemuet nicht entlastet, umsoweniger, da die
bleich und abgehaermt aussehende Frau berichtete, dass sie mit ihren
Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand,
sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe
der Hund fortwaehrend wuetend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die
Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas
entdeckt zu haben.

Natuerlich wirke der Eindruck dieses naechtlichen Vorfalles nach und habe
ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt.

Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzaehlung kam Theonie
dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn
von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespraech auf Holzwerder.

Wohl eine Stunde waehrte die Unterredung. Frau von Tressen erzaehlte von
den gestrigen Vorfaellen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie
bisher raetselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die
durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmaehlich unhaltbar gewordene
Lage.

Theonie erklaerte sich ohne Besinnen zur Huelfe bereit, und wenn sie auch,
ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Eroerterung der
Zahlungsmodalitaeten eine etwas pedantische Umstaendlichkeit an den Tag
legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel
Zartgefuehl, dass Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward.

Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur
getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine
gleichgueltige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren
Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie
auszusprechen sichtlich Scheu empfand.

Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig
aengstlichen Augen und ward zum Sprechen gedraengt.

"Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen moechten,
liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Koennte
ich Ihnen in irgend etwas dienen?"

Und da draengte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und fluesterte,
des letzten Satzes Inhalt abwehrend:

"Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen fuer Ihre Guete. Es ist
etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiss es nicht, ich habe keinen
greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, dass Tankred sich gar nicht
im Sueden befindet, sondern sich in der Naehe aufhaelt, Unheil fuer uns
bruetet und--"

Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit
furchtbarem Getoese ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und
beide Frauen fuhren entsetzt zusammen.

"Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe," stiess Theonie, zuerst wieder
Worte gewinnend, heraus. "Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und
so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine
Ahnung ist thoericht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine
Moeglichkeit vorliegt. In diesem Sinne--ich bitte--fassen Sie meine Worte
auf, liebe Frau von Tressen!"

Es sei oben ein Bild herabgestuerzt, hoerte noch Frau von Tressen eins der
hinaufgeeilten Maedchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von
einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten
spaeter das duestere und einsame Falsterhof im Ruecken hatte.--

Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht ueber den ihm gewordenen
Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses
wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemaechtigt,
und eben sei die Haushaelterin im Begriff gewesen, darueber an Tankred zu
berichten. Dies sei vorlaeufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von
Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befaenden
sich einem so ausserordentlichen Vorfall gegenueber so gut wie ratlos, und
nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklaert, er sei
durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner frueheren Herrschaft zurueck
zu treten.

Die letzten Nachrichten kraeftigten Frau von Tressens Entschluss so sehr,
dass sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit
Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der
Justizrat besass ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er
allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang
anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden liess. Ohne lange
Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloss mit der
Erklaerung, dass sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von
Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schaerfe entwickelte
sie ihm ihren Standpunkt und schloss mit den Worten:

"Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuss gefasst haben? Mit
Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem
Abkommen mit unserer Tochter ausdruecklich die freie Wahl gestellt ist,
dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen
deponieren wir zu Haenden des Gerichts, bis die Sache entschieden ist;
wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmaessiges Eingreifen in fremdes
Eigentum, erklaeren uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir
Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermoegen abstreiten."

Frau von Tressen liess sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht
mehr irre machen; es war, als sei ein voellig anderer Mensch in sie
eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht
nur das Pflichtbewusstsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch
Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt.

"Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden," erklaerte sie
Brix, "aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben
fuer meinen Enkelsohn. Das Glueck streckt die Haende nach mir aus, ich will
sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir
die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die
schlummernden Kraefte in mir von neuem anregt, zeigt es, dass es Gutes mit
mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze
ich um so mehr einem Schurken, dessen Staerke nur darin besteht, dass man
ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich
werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das
Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den
entferne ich mit Gewalt!"

       *       *       *       *       *

Es war an einem dunklen und stuermischen Wintertage im Anfang Januar, als
ein einzelner Fussgaenger sich um die Nachtzeit Falsterhof naeherte, am
Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich
unschluessig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um
sich blickte. Der Fussgaenger war Tankred von Brecken, und was ihn heute
furchtbares beschaeftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen
Wochen ausschliesslich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder
verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum
Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zufluesterte: Thu's,
und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentuemer
einer halben Million!

Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier,
dass die Schwierigkeiten, die zu ueberwinden waren, ihm wie ein Nichts
erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders duenkten, als
alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann
wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austoente, und
seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher
gefaelligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und
die Feigheit--nicht seine bessere Natur, weil sie ueberhaupt keine Stimme
in ihm besass--riss ihn zurueck und stuerzte alle Plaene ueber den Haufen. Und
wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nuechternheit geredet und das Wort
behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und
fluesterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann
sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof!
Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit
raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwuergt, war leise
hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen
Haenden erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder
hinausgeschlichen,--noch immer besass er von seinem damaligen Aufenthalt
den Schluessel zur Hinterthuer--und die Blaetter hatten zwar im Park
geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder
hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon
wieder weit, weit fort, als die Haehne kraehten, als im Hause alles wach
wurde, die Zofe oben ueber den Korridor schritt, um die gnaedige Frau zu
wecken, das Fruehstueck unten aufgetragen ward, und doch keine gnaedige
Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem
Halse stiess.--Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergaengen und
Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im
Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie faengst Du es
an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von
Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder!--Es lag ein
Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine
Harfenmusik, kein Orgelbrausen!

Das Gehirn des Mannes arbeitete unermuedlich wie der Kolben einer
Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausfuehrung und Flucht waren bis
ins kleinste ueberlegt; jeder Zufaelligkeit war Rechnung getragen, fuer
jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf.

Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so
schlecht gemacht, dass er um eines Haares Breite erwischt waere. An dem
Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der
ueberhaupt nicht da waere, dann wuerde es ein Kinderspiel sein, Theonie
Cromwell ein fuer allemal des Atems zu berauben.--

Endlich nach viertelstuendigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem
festen Entschluss gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen
bleiben, hiess mit den quaelerischen Gedanken von neuem beginnen, die
Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren,
wegwerfen und die Hauptsache vergessen, dass naemlich Theonie weiterlebte,
und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermoegens seines
Sohnes.

Fast ueberhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte
angelangt, den bekannten Weg ueber das Feld in den Park und hielt erst
inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunaechst lauschte er
aufmerksam, ob sich irgend etwas ruehre.

Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den
Flur betreten, aber sich dann so wuetend gebaerdet, dass er ihm nicht hatte
beikommen koennen; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach
geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er
hatte sich geuebt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschaedlich wachen.
Der alte Frege hoerte bei seiner Schwerhoerigkeit sicher nichts; ein
Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das
Maedchen und die Zofe fuerchtete er nicht.

So trat Tankred denn an die Thuer, steckte vorsichtig den Schluessel ins
Loch und drehte um. Nichts ruehrte sich!--Rasch entzuendete er eine
Blendlaterne--aber ein scharfer Stosswind loeschte sie wieder aus; auch
ging's ihm ploetzlich eisig ueber den Nacken, ueber den Ruecken, durch alle
Glieder, und er fuehlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der
Haut.--Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die
Kaelte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder voruebergehen,
wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine
furchtbare innere Angst, eine solche Angst, dass der Mann zunaechst an
nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach
dem Schluessel und ruettelte ruecksichtslos an dem Schloss, als es sich
nicht gleich loesen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an
wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschaerfte
die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als
ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus
dem Park ueber das Feld und erreichte stoehnend, keuchend, atemlos den
Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schluessig gemacht
hatte.

Aber dies alles liess nur blitzartig verschwindende Eindruecke zurueck. Bis
zur Verruecktheit jedoch quaelte ihn das Kitzeln unter der Haut.--Ein
Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der naechste wohnte in Elsterhausen. Aber
jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen!--Und alle Welt nahm
an, dass er sich im Sueden aufhalte, und nun war er ploetzlich
da!--Weshalb?--Nein, das ging nicht. Er musste zurueck nach dem kleinen,
westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die
letzten Tage aufgehalten hatte.

Zunaechst aber war es noetig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort
einzutreffen.--So war denn abermals alles umsonst gewesen.--Alles
umsonst!

Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto
fuerchterlicher ward es.

"Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?"

Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher
behandelt hatte wie ein Spielzeug?

Am Ende gab's doch ein hoeheres Wesen, das belohnte und strafte--am Ende
gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen
gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Boese unter----?

Ploetzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er
zuletzt gehoert hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte,
Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn
durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte.

Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen
genommen, mit seinem fruehreifen Verstande hatte er durchschaut, wie
gleichgueltig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie
berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren.

Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche
Seele und ein fuer Eindruecke empfaengliches Herz besessen, aber allmaehlich
waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm fuer Regungen, die auf sein
sich immer widerwaertiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstuetzt
durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glueck war er
einhergegangen, als koenne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der
Gedanke an die Moeglichkeit einer Aenderung war ihm gekommen. Er sah, was
in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stiess
eben anderen zu, und nicht ihm.--Nun aber fuehlte er sich ploetzlich
betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging?
Nie hatte er von ihm gehoert.--War's schon die Strafe des Himmels fuer
seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit
Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord
belastet.--Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort!--Wie? Hatte er
wirklich Theonie toeten wollen?--Ploetzlich griff der Mann sich an die
Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei.--Und dann begann
wieder das rasende Kitzeln, und er haette sich am liebsten nackt im
Schnee gewaelzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal bruellte er auf
durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch
droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah--?

Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nuetzten nun Holzwerder und Geld
und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser
Krankheit, dafuer wollte der Mann alles hingeben!

So klein, so demuetig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein
Rasender dahin jagte, dass er begann, allen alles abzubitten, seinen
Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heissen
mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich
bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und
der Feigheit schaelte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem
besseren Gefuehle entspross. Das kalte Herz erhielt allmaehlich wieder
Leben.

Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen
gewichen waren? Er dachte selbst darueber nach. Nein! Die Mahnung war
nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an
Gott, er haette niederstuerzen koennen auf die schneebedeckte Flur und den
Schoepfer anbeten.

Und nun allmaehlich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der
Schweiss, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst,
oeffnete die Poren und besaenftigte den Reiz.

Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich
veraenderten! Welcher Schwaechling er doch war, gleich zu verzagen! Es war
sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's voellig vorueber, wenn er L.
erreichte. Und was dann? Ja, was dann--?

Er warf den Blick ueber die Gegend; schon begann's heller zu
werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf--und
dann--dann--ploetzlich begann von neuem das Jucken, ein solches
kitzelndes Jucken, dass dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er
wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele
zuraste.----

       *       *       *       *       *

In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand
Frau von Tressen und hoerte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer
getreten war, berichtete.

Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Maedchen; die Haushaelterin
und der Diener aber wollten erst hoeren, welche Sicherheit die gnaedige
Frau ihnen boete, dass sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur
Verantwortung gezogen wuerden.

"Also Pflichtgefuehl oder Anhaenglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet
sie nicht?"

"Nein, gnaedige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge
haben. Uebrigens--drum und dran--wo waere der Durchschnitt anders? Frau
von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich."

Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie:

"Ich bin dann dafuer, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred
verleugnen, koennen sie auch Untreue gegen mich ueben. Ich aber brauche
zuverlaessige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, dass wir sie
abfinden koennen?"

Hederich zuckte die Achseln.

"Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklaeren, dass die
Kuendigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat."

"Ja, ja, ganz richtig!" bestaetigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie
kurz entschlossen fort:

"Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen
sprechen."

Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte
Frau von Tressen:

"Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Fuer ihn trete ich jetzt
ein und kuendige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wuensche, dass Sie
zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt
auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?"

"Ja, ich bin's," sagte der Diener nach kurzem Besinnen, "wenn die
gnaedige Frau mir schriftlich erklaeren, dass das so richtig ist, und Sie
fuer alles aufkommen."

"Ja, ich will schriftlich betaetigen, dass Ihr durch die Besitznahme des
Gutes meinerseits ueberfluessig geworden seid, und dass ich Euch auf Grund
meiner Rechte entlassen habe."

"Dann bin auch ich damit zufrieden!" erklaerte die Haushaelterin. "Wann
sollen wir abgehen?"

"Gleich! Ihr koennt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder
verlassen."

Die beiden nickten, verbeugten sich und verliessen das Gemach.

"So, das waere ja gut und rasch erledigt!" rief Frau von Tressen,
Hederich vergnuegt anblickend. "Jetzt will ich mit Peter Wille das
weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, dass mein
Schwiegersohn zurueckkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun
auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung
machen."--

Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so
kuehner Entschlossenheit gefassten Plaenen getroffen, griff sie in gleich
entschiedener Weise auch in die uebrigen Verhaeltnisse ein und brachte es
nach wenigen Wochen dahin, dass der Umzug bewirkt war, und sie und ihr
Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten.

Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus frueherer Zeit ergebene
Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein
Waechter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle
unterwerfen musste. Hof, Garten und Gebaeude wurden, so weit die
Witterung es erlaubte, und es gegenwaertig bereits von Wert war, in einen
wuerdigen Zustand zurueck versetzt, und endlich griff auch Frau von
Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die
Gutsgeschaefte ein.

Durch diese alles umgestaltende und neue Verhaeltnisse anstrebende
Thaetigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit
und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu
uebertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen
befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen
Lebensweise wohler und kraeftiger als seit vielen Jahren.

Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Hoeppners und Theonie wieder bei
sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und
die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hoeren
lassen, traten allmaehlich ganz zurueck. Was konnte er machen? Klagen?
Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab.

Wuerde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes
vernachlaessigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Faelschung in
Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestaetigen?
Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrueckender Natur, zum Teil
unanfechtbar. Von ihnen unterstuetzt, hatte Brix inzwischen die Eingabe
an das Gericht abgehen lassen.

Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren waehrend dieser
Zeit Hoeppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den
Tag, als sei ihnen selbst ein grosses Glueck zugefallen; Hederich fuehlte
sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von
Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen
Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die
Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz ueber Gretes Tod verloren
hatte, zurueckgekehrt war.

Mit tiefem Kummer aber erfuellte die Freunde das Aussehen und Wesen
Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag
ein so herzzerreissender Ausdruck von Verzicht auf Glueck und
Lebensfreude, dass Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich ueber
die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindruecke gar nicht zu
beruhigen vermochte.--

Es war gegen Ende der Woche in der Fruehe, als der Inspektor in sehr
aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen
von Tankred eingetroffenen Brief ueberreichte.

In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darueber Ausdruck, dass ihm
keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von
der Haushaelterin. Er verlangte solche umgehend und fuegte hinzu, dass er
ehestens nach Holzwerder zurueckzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er
gezwungen worden, den Sueden zu verlassen und sich nach Hamburg zu
begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hiess es:

'Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von
Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren,--das Wort
war, weil der Schreiber vielleicht die groesseren Kosten scheute,
nachtraeglich ausgestrichen, und statt dessen 'schreiben' gesetzt,--wie
es dem Kleinen geht.'

Der Inspektor bat um Verhaltungsmassregeln; er wusste nicht, was er thun
sollte, und fuehlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklaerte,
sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Massnahmen treffen.

Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand
an ihren Schwiegersohn:

  'Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von
  demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder
  befindet, uebergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer
  jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, dass
  wir unser kleines, durch schlechte Pflege aeusserst vernachlaessigtes,
  fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die
  Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte
  abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, dass unser
  bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist,
  einlaufende Gelder zwar wie frueher in Empfang zu nehmen, aber
  lediglich zur Verfuegung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an
  niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten.

  Ergebenst

  A. von Tressen.'

"So!" rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung
ihres Mannes einem Diener zur Besorgung uebergeben hatte. "Nun werden
wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief.
Von uebermorgen ab koennen wir uns auf seinen Besuch gefasst machen. Aber
alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er
durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so
werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklaerungen geben. Aber
passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen."

"Wer weiss!" fiel Herr von Tressen ein. "Dass er sich nicht in gleicher
Weise fuegen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube
doch, dass er irgend etwas Gewaltthaetiges inszenieren wird."

"Gewaltthaetiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Dass ihm vielleicht solche
Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um
mehr handelt, als um schiefe Gesichter, fasst er nicht an. Wohl aber
halte ich es fuer moeglich, dass er sich einmal wieder an Theonie
heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Ruecksicht auf alles
Vorgefallene eine seiner Komoedien in Szene setzt. Da faellt mir ein: ich
will Theonie lieber in Kenntnis setzen, dass er aus Italien zurueck ist.
Ich weiss, sie trifft dann Massregeln, dass er sich ihr nicht zu naehern
vermag."

Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die
klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat,
streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehuelflich
klingendes "Omama!"

Da nahm die Frau das Kind in die Arme und kuesste es in dem Ueberquellen
ihrer glueckseligen Empfindungen lang und zaertlich.

       *       *       *       *       *

In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in
Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in hoechster Aufregung auf und
ab.

Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen
voellig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse fuer die
Aussendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und
Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstoesslich
zwei Thatsachen: vorlaeufig war er von Holzwerder ausgestossen, und wenn
das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle
Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem
Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit
seinem Rechtsanwalt Ruecksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen
telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu
senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm
selbst an Schlussfolgerungen aufdraengte? Und das Telegraphieren war ja
ueberhaupt zwecklos. Nur durch persoenliches, muendliches Eingreifen
vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen!

Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des
ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag
voellig unerwartet. Eine solche Moeglichkeit war ihm ueberhaupt nicht in
den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich hoechstens in
mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg
in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet
oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des
Eigentuemers vom Turme, aber jetzt?----

Und Gegenmassregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war
sicher zwecklos.

Tankred wusste, dass das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen
war, und ohne die naeheren Umstaende zu kennen, war es fuer ihn zweifellos,
dass ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente
stuetzte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig
gemachten Hoehe war er mit einem jaehen Schlage herabgestuerzt. Das Bild
hatte sich voellig veraendert. Er stand tief unten und musste bittend die
Haende ausstrecken, musste gute Worte geben. Und das war nicht nur
zeitweilig. Brecken sah, dass er durch diesen unerwarteten Zwischenfall
entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm fuer
spaeter geplanten Vergleich zur Ausfuehrung bringen muesse. Ja, das war
jetzt das einzige, was ihm uebrig blieb, nur mit dem Unterschiede, dass,
da nicht Tressens muerbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre
Bedingungen vorschreiben wuerden.

Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fuss und biss die
unheimlich weissen Raubtierzaehne in seinem Verbrechergesicht zusammen.
Und dann--dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein-
fuer allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der
That so furchtbar hatte buessen muessen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu
raeumen--! Nein, nein, fort mit dem graesslichen Gedanken! Ihm war's, als
stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fuehle er die
Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht!----Und doch, im
Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, dass solche
Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer
gestoerten Blutzirkulation herruehrten, und dass das heilbar war, hatte
sich ja nun herausstellt.

Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war
mehr als Unsinn, deshalb konnte er--Ja, was? Nun war er doch abermals
bei Theonie!

Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthuer in Falsterhof,
drang ins Haus ein, erwuergte mit rascher Energie den Koeter, schlich
hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Faeusten, ehe sie
ueberhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch
einmal, dass sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie
er gekommen war.----Und dann und dann--Brecken reckte sich in die Hoehe,
trat vor den Spiegel, mass seine Gestalt und betrachtete sein knochiges
Antlitz--dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder
entbehren.

Entbehren?--Nun, soweit kam's ueberhaupt doch wohl nicht. Etwas wuerde man
ihm doch zubilligen.--Und ploetzlich fiel der Mann wieder in einen der
roten Plueschsessel zurueck und starrte vor sich hin, weil--weil--das doch
eben nur schoene Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie
vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und
Wirklichkeit ernuechterte und entmutigte ihn nur noch mehr.--Endlich
sprang er auf, und ein: "Ja, so soll es sein!" ging aus seinem Munde.
Erst wollte er sich mit Tressens aussoehnen, zu erreichen suchen, was zu
erreichen war, und dann spaeter endlich die Geschichte in Falsterhof
abmachen, nachdem er vorher--dass ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst
kam!--die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so
sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und
reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, dass er ihn
am kommenden Vormittag in Geschaeften besuchen werde, nach Elsterhausen
ab.--

Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter
langsamen Schrittes die beschneite Landstrasse von Elsterhausen nach
Breckendorf durchmass. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war
sehr bedrueckt zu mute. Seine unguenstigsten Vorstellungen hatten sich
bestaetigt. Von Brix war ihm erklaert worden, dass gerade an diesem Tage
auf seinen speziellen Antrag die Bestaetigung einer vorlaeufigen Kuratel
ueber Gretes Vermoegen eingetroffen sei, und dass Tressens jetzt zu irgend
welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermoege in der Sache
nicht nur nichts zu thun, sondern muesse auch eine Vermittlung ablehnen.
Zugleich erfuhr Brecken, dass die Akten zur Pruefung an den Staatsanwalt
gegangen seien, und die Moeglichkeit vorliege, dass die Anklage wegen
Faelschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm
nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem
freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt
werden koenne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern
des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen
worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der
definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten.

Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg
einschlagen und der Pastorin Hoeppner Huelfe in Anspruch nehmen.

Er fuerchtete das Ergebnis der Faelschungsklage, in dieser Annahme
unterstuetzt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch
die Beweise! Aber die ganze uebrige, seine Existenz und seine
Bequemlichkeit gefaehrdende Situation war ihm unertraeglich. Ein Vergleich
hob die Streitigkeiten und den Prozess wenigstens nach der einen Seite
hin auf; darum war's ihm zunaechst zu thun. Die Diaeten, welche ihm das
Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermoegen zur
Verfuegung stellen wuerde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in
ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld liessen ihm, da die Dinge sich nun
einmal so unguenstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen
Umstaenden, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute
Worte geben sollte, aus der Ungewissheit heraus. Das Spiel--er hatte es
sich klar gemacht--war voellig verloren, und damit wollte er rechnen.

Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er
sich gegenwaertig selbst so charakterlos, feige und schwankend, dass die
Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wuenschte, einen Kompromiss mit sich
und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu
schliessen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal
noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal!--Und wenn der
Vergleich mit Tressens durch Frau Hoeppners Huelfe gelang, dann wuerde auch
Brix Rat wissen, das uebrige zu beseitigen; dann war alles gut.--

Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem 'guten
Mann' im Zimmer. Sie sass mit umgebundener Kuechenschuerze auf der Lehne
des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem
Pulte den Ruecken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die
Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschraenkten
hoch emporziehend, aufmerksam zuhoerend vor ihr.

Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht ueber Lene, deren
Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres
Mannes getrieben hatten, mit den Worten schloss:

"Es ist das erste mal, dass ich das Kind bei einer Luege ertappe! Aber
eben--sie versteht doch schon zu luegen und sich zu verstellen, und das
macht mich so unendlich traurig."

Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort:

"Ach nein, nein, es ist leider so, und Du musst mit ihr reden und ihr
vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir duerfen die Sache nicht
leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster.
Ich muss immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er
schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet
werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser
Mensch--"

"Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu duerfen!" liess
sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thuer oeffnenden Magd
vernehmen, und fast gleichzeitig und hoechst ungelegen erschien Tankred
unter tiefer, ueberhoeflicher Verbeugung.

Aber waehrend der Pastor wie gewoehnlich dem Gutsherrn mit grosser
Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte
Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit
zurueckgeworfenem Haupt und aeusserst steifer Miene. Auch machte sie
absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschaeften zu ihrem Mann
gekommen, sogleich eine Wendung zur Thuer.

"Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!" schmeichelte
nun Brecken unterwuerfig. "Ich moechte gerade Sie gern sprechen und Ihren
freundlichen Rat erbitten. Wuerden Sie mir nicht einen Augenblick
schenken? Ich waere sehr dankbar dafuer--"

Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwaertig,
dass sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen
vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder
Platz.

Um die unhoefliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der
Pastor mit der Entschuldigung, dass das Kraut zwar von sehr geringer Guete
sei und Breckens verwoehntem Gaumen kaum behagen duerfe, dem Gast eine
Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, dass er
durchaus nicht verwoehnt sei, und dass ihm des Pastors Zigarren--obschon
er sie hoechst miserabel fand--stets vortrefflich schmeckten, entzuendet
hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei
fast ausschliesslich an die Frau.

Er sprach in laengerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwuerfnissen
zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Guete der Frau
Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin
uebernehmen zu wollen.

Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die
Pastorin nahm gleich fuer ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit
demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds
Auseinandersetzungen zugehoert hatte:

"Wir muessen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre
Anregung hin einzugreifen, hiesse an den Tag legen, dass bei uns doch noch
ein Rest von Sympathie fuer Sie vorhanden waere. Gerade das Gegenteil aber
ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie
gethan, und ich fuer meinen Teil bin ein- fuer allemal mit Ihnen fertig.
Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen,
und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier ueberfluessig
geworden. Empfehle mich!"

Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf
den Pastor, seine Frau zurueckzuhalten. Und so geschah es auch. Aber
nicht zum Vorteil Tankreds.

Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten
Verstellungskuenste anwandte, waehrend doch seine Augen verrieten, dass er
am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht
haette, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Luege aeusserst verstimmten
Pastorin ein solcher Tumult von Aerger und Widerstand, und ihr sittliches
Gefuehl baeumte sich so gewaltsam auf, dass sie mit funkelnden Augen
hervorstiess:

"Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thaeten Sie, wenn Sie so
rasch wie moeglich das Land ein- fuer allemal verliessen! Hier nimmt kein
Hund ein Stueck Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter misstraut man aufs
aeusserste, man haelt Sie fuer faehig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich
um Vorteile fuer Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, dass
jemals ein Mensch allen, mit denen er in Beruehrung gekommen ist, einen
solchen Abscheu eingefloesst hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler
und Komoedianten, und ich fuege hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern
ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht
gestraft hat, weil er ihn spaeter um so empfindlicher zuechtigen will.
Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wuenschen vielmehr, dass
unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen,
was sie erstreben!--So, und das war nun das letztemal, dass ich Ihnen im
Leben gegenuebergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner
Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!"

Nach diesen Worten verliess die unerschrockene Frau das Gemach, und
bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemassregelte da.

Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an:

"Lieber Herr von Brecken, es giebt fuer jeden, der fehlte, bei unserm
Herrn Jesus Christus--"

Aber weiter kam er nicht.

"Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem--Ihrem--" setzte Brecken, der vor
Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Hoeppner auf.

Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und
wollte und konnte all das Geschwaetz und all die 'Salbaderei' nicht mehr
ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter
Stimme:

"Sie begreifen wohl, dass ich nach einer solchen masslosen Invektive es
nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches
und versoehnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau
scheinheiliger Ueberhebung!--Nein, nein, ich hoere nichts mehr, und nie
werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!"

Nach diesen trotz seiner masslosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor
sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten stuermte Tankred auf
den Flur und aus dem Hause.

Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurueck, in das er seinen
Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der wuehlenden Gedanken
in seinem Innern besser Herr zu werden, zunaechst einen einsamen
Nebenpfad. Er musste allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen;
er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernuenftigen Entschluss zu
gelangen.

Einmal schoss es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu
begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst
zu fuehren. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so
sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies
Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende,
und es war nun auch fuer ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es
sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besass keine
Mittel mehr zum Leben. Er musste dann schon Anspruch auf Diaeten erheben,
aber da er ohne Wohnung war, wuerden sie kaum zu seinem Unterhalt
ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und
zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhoehtem Masse die Gier
nach Besitz und Geld.

Welch ein Augenblick, wenn er Eigentuemer von Falsterhof sein wuerde, wenn
er mit stolzer, von Machtfuelle getragener Geringschaetzung herabblicken
koennte auf das 'Gesindel', das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete
sich in Gedanken an ihrem Aerger und ihrer grenzenlosen Enttaeuschung, dass
es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu druecken. Im
Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer naechsten
Naehe, und von genuegenden Mitteln unterstuetzt, konnte er einen vorlaeufig
verlorenen Prozess noch einmal wieder aufnehmen.

Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die
Verhaeltnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Waehrend er
dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines
Innern, waren seine Gedanken ausschliesslich mit diesem Plan beschaeftigt.
Abermals wollte er ausstreuen, dass er sich nach dem Sueden begebe, bei
seinem Anwalt wollte er, um spaeter sein Alibi nachweisen zu koennen,
seine Adresse an der Riviera niederlegen.

Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals,
aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann
direkt nach Italien reisen und sich von dort zurueckrufen lassen--als
Erbe von Falsterhof.

Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen,
was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer
Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde.

In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das
passte ihm eben; er bestellte ein Glas heissen Grog und knuepfte ein
Gespraech an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange
Abwesenheit vorschuetzend, ueber Falsterhof aus; wie es seiner Kousine,
die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen koenne, gehe, und ob der
Wirt etwas von ihr gehoert habe.

"Ja, die gnaedige Frau will in diesen Tagen, so erzaehlte der alte Frege,
eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen
frueh gehen sie schon ab.--Nicht wahr, Anna?" rief der Mann seiner eben
eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung ueber die Mitteilung
geschickt unterdrueckend, Zweifel hinwarf. "Sagte Frege nicht, dass die
Herrschaft von Falsterhof morgen frueh abreisen wollte?"

"Nein, uebermorgen mittag," berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig
begruessend. "So sagte der Paechter Harms gestern abend."

Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen
seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des
Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen.

Mit schlecht verhehlter Hast liess er sich sein Pferd wieder vorfuehren,
bezahlte die Zeche und warf hin, dass er noch heut seine Reise nach
Italien antreten wolle. Als er schon in der Thuer stand, wagte der Wirt
nach dem Stande der Prozessangelegenheit zu fragen, er gab sich den
Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse fuer Brecken.

"Erst hatte ich die Oberhand," antwortete Tankred anscheinend gelassen,
"nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte
die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist.
Zunaechst will ich noch mal etwas fuer meine Gesundheit thun. Adieu,
lieber Krueger! Adieu, Frau Krueger! Auf Wiedersehen!"

Damit trabte er davon, und der Wirt, getaeuscht durch seine sorglose
Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zuruecktretend und sich
an den warmen Ofen stellend:

"He schien ja ganz vergnoegt to sin. Am Enn steiht doch de Sak foer de
Herrschaften up Holtwerder nich so guenstig, as de gloewen.--Schall mi
Wunner nehm'n, woans dat afloest! Na, ick mug nich mit em in Striet
kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann."

       *       *       *       *       *

Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte
die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie
auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, dass
er Guenstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit
heraus.

Er wusste, dass Brecken bei Brix gewesen, und dass dieser jede Intervention
eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Hoeppner. Jedes Wort, das
letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und
gab es--ein Labsal fuer sich selbst--wieder. Endlich wusste er auch, dass
Brecken spaeter noch im Krug gewesen war und dort geaeussert hatte, dass er
sich gleich wieder nach dem Sueden begeben wolle.

"Was soll er denn auch hier thun?" schloss Hederich eben so ueberzeugt wie
vergnuegt und rieb sich die Haende. "Drum und dran--es war ein grossartiger
Gedanke von Ihnen, gnaedige Frau, den Spiess umzukehren und hier
einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist voellig entwaffnet und bittet
um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar
nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gnaedige Frau!"

"Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich koennte
gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. Uebrigens moechte
ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um
ihrem Vetter unter allen Umstaenden aus dem Wege zu gehen. Vielleicht
aendert sie nun ihren Entschluss. Wie waer's, lieber Hederich, wenn Sie auf
der Ruecktour einen Augenblick bei ihr vorspraechen und ihr Mitteilung
machten? Die Neuigkeiten wuerden sie auch um unseretwillen angenehm
beruehren, ich weiss es!"

Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem
Fruehstueck nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach
Falsterhof.

Wie immer oeffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thuer, wie
immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich
anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen
Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es
draengte sich dem Besucher unwillkuerlich die Frage auf, wie die Menschen
es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag
ausfuellten, wie sie Herz und Sinne naehrten. Alles war so freudeleer, so
eintoenig, duester und bedrueckend.--

Hederichs Bericht nahm Theonie mit grosser Spannung und sichtlicher
Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke
Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit ueber die
guenstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend,
ob sie reisen solle, und aeusserte sich in diesem Sinne gegen Hederich.

"Sie begreifen nicht, dass ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!"
sagte sie. "Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute
erinnert, das mir der Himmel waehrend meines Lebens schenkte. Meine
Eltern, und was ich spaeter liebte--"

Theonies Augen feuchteten sich, und fuer Augenblicke vermochte sie nicht
weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin
und bat, von einem raschen Entschluss beeinflusst, ob Hederichs nicht am
kommenden Tage mit Tressens und Hoeppners, die sie auch bitten wolle, zu
Tisch und Abendbrod kommen moechten.

"Also wirklich, Sie geben die Reise auf?" warf Hederich nach
ausgesprochener Zusage hin.

"Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem
ich nun den schrecklichen Menschen fern weiss, atme ich wieder auf und
will mich meiner Ruhe von neuem freuen.--Hier, nehmen Sie das Ihrer
lieben Frau mit!" schloss sie, als Hederich aufstand und sich zum
Abschied ruestete. "Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt,
und die ich fuer sie neu habe fassen lassen.--Nein, nein, keinen Dank,
ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise
den Schmuck doch zusenden!"

Nun kam auch Frege und meldete, dass Klaus den Schimmel vorgefuehrt habe,
und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen
Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg
zurueck nach seinem kleinen Guetchen.

       *       *       *       *       *

Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Fruehlings regten sich.
Die Kaelte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser spaeten
Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, dass die Schritte eines
sich Falsterhof naehernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der
Natur unterbrachen. Und das stoerte den Spaetling. Er wuenschte Sturm und
Finsternis statt dieses sanften Traeumens der Natur, und als nun eben der
Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte,
auch vom Gehoeft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang,
ging ein wilder Fluch ueber seine Lippen.

"Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!" murmelte er zaehneknirschend.

Doch liess Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal
nahm er den Weg ueber das Feld durch das Gehoelz und hielt erst inne, als
er die Rueckseite des Hauses erreicht hatte.

Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem
Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken
vordem gehoert hatte. Das Tier befand sich also offenbar--vielleicht
durch einen Zufall--nicht im Hause; und die schwerste und zunaechst
wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte,
dass dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen,
und nun schwankte er auch nicht laenger. Im Nu drehte er den Schluessel im
Schlosse um, horchte gespannt, ob das Geraeusch jemanden geweckt habe,
und entzuendete, als alles still blieb, die Blendlaterne.

Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten
Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfasste mit seinem
Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemaelde an den weissen Waenden,
horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung
nichts, als das regelmaessige, laut durch den eingeschlossenen Raum
dringende Ticken der grossen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Fuer
Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken
Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm
auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom
Wohnzimmer aus in die Gemaecher ihres Mannes begeben, dort nach dem
Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geoeffneten Vorzimmer
nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr
guetiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich
strenge Miene seiner Mutter und zuletzt--seltsam,--der alte Frege.
Brecken war's, waehrend er zum Daempfen seiner Schritte ein paar
Filzsohlen unter die Stiefel knuepfte, als ob er ihn hinten aus seinem
Zimmer treten hoere, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun
beobachte. Thorheit! Vorwaerts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell
empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das
Gesicht und schlich bis an die Thuer.

Ein Druck--sie gab nach--jetzt war sie angelehnt.--Er horchte--sein Herz
pochte--Nichts.--Langsam und vorsichtig erweiterte er die Oeffnung--nun
war er im teppichbedeckten Vorzimmer.

Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem
Theonie schlief, er hoerte ihren regelmaessigen Atemzug. Noch einmal flog's
ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begoenne. Er
wollte ueber sie hinstuerzen, ihr mit der Linken den Mund verschliessen und
sie mit der Rechten wuergen--so lange wuergen--bis----

Aber was war das?--Theonie regte sich--Tankred wich unhoerbar zur
Seite.--Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock.--Wohl
zwei Minuten stand er regungslos da.----Ohne zu sehen, war's ihm, als ob
Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken
durch das Dunkel spaehe.--Endlich--endlich--war sie wieder
eingeschlafen--ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach.----

So, und nun vorwaerts!--

       *       *       *       *       *

Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf
der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er
musste trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden
Gedankens der That sich an dem Gelaender festhalten und stolperte
schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang
von drueben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben--er
vermochte nicht, es zu entscheiden--entstand ein Geraeusch, und waehrend
er, von Furcht gepackt, zur Hinterthuer fliehen wollte, erschien--ja, es
war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit!--in Hemdsaermeln und mit in
der Eile ungeknoepften, an den Beinkleidern herabhaengenden Tragbaendern
der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole.
Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er
durchs Haus, dass die Waende bebten, stuerzte vorwaerts und sandte dem in
wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thuer zu erreichen vermochte,
eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's
durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war,
so erreichte er doch das Freie.

Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde
zugeschlagene Thuer zurueckstiess, sah er Brecken--er glaubte ihn sicher zu
erkennen an Groesse, Haltung, Bewegungen--durch den Park fliehen. Einen
Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in
der Erregung unzusammenhaengende Worte. Aber dann ward er aufgeruettelt.
Ein entsetzliches, markerschuetterndes, nicht endenwollendes Geschrei
drang durch das Haus----Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die
Treppe herab und rief dem wenige Minuten spaeter schlotternd vor Angst
und Schrecken aus allen Winkeln herbeistuermenden Gesinde die Worte zu:

"Die gnaedige Frau!--Die gnaedige--Frau--liegt tot im Bett----"

Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und waehrend eins der Maedchen sie
in ihren Armen auffing, stuerzten die anderen empor, um selbst zu sehen,
was Graessliches, Grausiges, Unerhoertes geschehen war.--

       *       *       *       *       *

Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten
Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte,
Tankred von Brecken. Der Schweiss rann ihm von der Stirn, die Glieder
flogen, die Brust haemmerte.--Vorwaerts! Vorwaerts! Zunaechst weit weg aus
dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurueck
nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage
nach dem Sueden!

Ja, wenn's ging!--Schon musste er froh sein, wenn er sich mit der Wunde
bis dahin schleppte. Im Koerper brannten die Schmerzen, und brennend
ging's auch durch sein Gehirn, denn waehrend er dahin stuermte, erschien
wieder vor seinem inneren Auge das unglueckliche Geschoepf in dem hohen
Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genaehert
hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der
Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein
Ton, den er nicht vergessen wuerde, und sollte er tausend Jahre alt
werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden
Haenden an die Gurgel gefasst hatte, und wie im Sterben noch ihr halb
flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war!--Es war
grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so
fuerchterlich gewesen, dass sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte
Mitleid mit dem armen, huelflosen Geschoepf empfunden--er haette ihr lieber
vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder
Sterben. Aber schon war's zu spaet gewesen. Die Augen waren verglast und
aus den Hoehlen getreten, die Brust hatte aufgehoert zu atmen, der in
Todeswahnsinn arbeitende, sich straeubende Koerper hatte keine Kraft mehr
gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen
gehorcht.--Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als
er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Faeusten ihre Gurgel----In
diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung
gerade dieser legten Vorstellung,--denn dann hatten ihn Grausen,
Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten haette er gleich von oben aus
das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht
hatte sich seiner davor bemaechtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen
zu muessen, ueber den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich
bewusstes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und
die den Urheber all des Fuerchterlichen verraten wuerde----!

Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht,
hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen--Und
dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und
immer unertraeglicher wurde, jetzt so unertraeglich, dass Tankred von
Brecken den bisherigen, stuermenden Lauf hemmte, stille stand und in der
graesslichen Qual aufbruellte.

Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch
trat dieser Schmerz zurueck vor einem sich jaehlings seiner bemaechtigenden
Gedanken, vor der sich zur Gewissheit steigernden Befuerchtung, dass Frege
ihn erkannt habe!

Ja, er musste ihn erkannt, schon sein Instinkt musste ihm die Wahrheit
eingegeben haben! Und die alte Kanaille wuerde gegen ihn zeugen, wuerde es
aller Welt verkuenden, dass er, Tankred von Brecken, der Moerder sei----!

Und man wuerde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich,
wer, ausser Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Staedtchen, wohin
er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich
fuer einen in Dresden lebenden Hauptmann ausser Dienst ausgegeben.
Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurueckzugehen und auch
Hamburg zu vermeiden.

Aber was beginnen--?

Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Kraefte fingen
an, ihn zu verlassen!

Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten.
Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die
Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr ueber die Felder,
Wiesen, Aecker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Kaelte mit
sich.

Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden
Kraeften der Moerder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erloest
zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur
Raserei peinigten.

       *       *       *       *       *

Der alte Frege sass in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die duerren
Kniee gestuetzt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und
starrte mit einem unbeschreiblich mueden und verlassenen Blick vor sich
hin. Die mit der fuer die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen
Massnahmen verbundene Taetigkeit hatte ihn seit der Fruehe aufrecht
erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken,
und die Gedanken kamen und loesten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie
je zu einem Schluss gelangten, war's immer nur der: "Was sollst du noch
auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein
Leben gewidmet hattest?" Frege hatte waehrend seiner langen Dienstzeit
nie etwas anderes verlangt, als die Thaetigkeit, in der er sich befand,
und die Ausuebung seiner Pflicht, die ihm Beduerfnis geworden war. Andere
richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draussen besseres zu finden,
neben der Arbeit Zerstreuung, hoeheren Verdienst, und was sonst die Sinne
der Menschen fesselt. Er aber wusste, es sei thoericht, zu glauben, das
die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie
geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre
Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der naechsten
Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die
Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre
Gebaerden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt.

Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjuengt, als
Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien
die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie
strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes
Auge, ihre glueckseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal
jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder.

Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in
den Tod gefolgt, und das grosse Erbe kam in fremde Haende. Wo sollte er
nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens wuerden ihn auf
Falsterhof lassen, alles wuerde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram
frass an seinem Herzen; es war auch gleichgueltig, wo er die letzten Jahre
noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst--Leben, ja! essen,
trinken, schlafen.--Aber welch ein leeres Dasein!--Gab's noch irgend
etwas, das ihm Hoffnung ins Herz traeufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein
Gedanke vermochte ihn noch aufzuruetteln: den Verbrecher unter den Haenden
des Henkers zu sehen!--

Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Moerder staende ihm jetzt
gegenueber, dann verzerrten sich vor Hass und Wut seine Mienen. Er fiel
ueber ihn her, stiess ihm ein Messer in den Koerper, wo es gerade traf, und
weidete sich an der Dual des Scheusals.--Und Gott wuerde ihm vergeben!
Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, wuerde
begreifen, dass man Rache uebte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott
nicht selbst eine Hoelle geschaffen mit Zittern und Zaehneklappern fuer die
Boesen, und sollte sein Geschoepf, der Mensch, sich des natuerlichen
Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entaeussern?

Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau,
die er wie ein hoeheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte
sich auf, schritt mit nassen Augen langsam ueber den stillen, hallenden
Flur, oeffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet
hatte, und naeherte sich ihrem Totenlager.

Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fuerchterlich waren
die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die
Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geoeffnet, und
diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von
flehendem Entsetzen!

Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken ueber das Antlitz; er konnte
ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudruecken, er vermochte es nicht.
Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stoehnte.--Noch tags vor
ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend,
lange mit ihm gesprochen, Plaene gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen
gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie fuer ihn besass. Und da war
der feige Einbrecher erschienen und hatte--hatte--O Gott, o Hoechster
ueber den Sternen! Es war nicht auszudenken, dass das wirklich alles
geschehen war!

Der Hund hatte die ganze Nacht in Absaetzen gebellt, durch ihn war Frege
geweckt worden--aber zu spaet----zu spaet----Und dass das Tier sich gerade
an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlass findend, in
den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so ungluecklicher Zufall
gewesen, das erschien als ein solches Buendnis des Teufels mit dem
daemonischen Plan des Verbrechers, dass es fast aussah, als habe Gott aus
fuer die Menschen unerfindbaren Gruenden alles so geschehen lassen wollen!
Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen
gleich erscheinenden Schicksalen gewesen!--War darin Sinn und
Verstand?--Vielleicht doch!--Sie musste fallen, damit jene auf Holzwerder
wieder zu ihrem Recht gelangten, fuer schwere Enttaeuschungen um so hoeher
entschaedigt wuerden. So ging's ueberall in der Welt zu; das waren geheime
Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte,
neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von
Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst
Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten.

Wenn's nur nicht sein Sohn waere! dachte der alte Mann. Nur nicht der
Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste!

Endlich erhob er sich, die Thuerglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war
Essenszeit. In der Gesindestube sassen schon die anderen Dienstboten zu
Tische, und draussen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden,
harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Staerkeren gegen
den Schwachen.--

Am Nachmittag desselben Tages trafen Hoeppners, Tressens und Hederichs in
Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen
der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch
Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden
Bericht ueber die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten
Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft
unternommen hatte.

Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Blaetter
hatten schon am Tage nach der That ausfuehrliche Berichte gebracht und
Mutmassungen ueber den Thaeter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit
vollkommener Sicherheit die Erklaerung abgegeben, dass er Brecken erkannt
habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das
bestimmteste behauptete, den Moerder verwundet zu haben, erschien die
Ueberfuehrung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als
eine leichte.

Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert,
dass er tags vorher in der Naehe gewesen und die Absicht geaeussert hatte,
sich nach dem Sueden zu begeben. Aber da er keinen grossen Vorsprung
gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine
Ergreifung gesetzt hatte, musste sich die Angelegenheit baldigst klaeren.

In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die
mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschaeftigten sie auf
das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, dass auf einem
solchen vorsaetzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof
zu, und er wurde zugleich fuer alle Zeiten Einfluessen entzogen, die, wie
auch immer der Prozess ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen
sein wuerden.

Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste
Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache.

Und wenn auch gegenueber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen
unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz
aufdrueckte, Aeusserungen der Freude ueber den wahrscheinlichen Ausgang der
Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von gluecklichen
Vorstellungen erfuellt, und namentlich auch Hederich und Carin machten
Plaene, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurueckzukehren.

Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder
verwachsen. Er fuehlte sich dort besonders heimisch und gluecklich. Und
bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine
materiellen Verhaeltnisse wesentlich.

Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes.
Wenn er in die alte Thaetigkeit wieder eintrat, so waren sie
wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie
pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden
jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben
vermochte.

Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg,
drueckten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann
Vorbereitungen zur Abfahrt.

Als sie bereits in der Thuer standen und den letzten Haendedruck
austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe,
wie sie gehoert, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer
Ueberraschung keiner bedrueckten Miene, sondern die Pastorin neigte mit
leuchtenden Augen den Kopf und sagte: "Ach, es ist ja ein herziges Ding!
Sie hat so tief bereut, dass mir die Seele schmolz. Sie kam
unaufgefordert zu mir, legte ihr Koepfchen an meine Schulter und
bettelte, dass ich ihr verzeihen moechte."

Sie hatte nach diesem Bericht ueber Lene auch keine Zeit mehr, die
lebhafte Frau Pastorin. Sie draengte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen
und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmuetigen Gesicht,
was sie wollte.

Durch das Gespraech ueber Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen
Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfassten
sie.

Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf
die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein bluehend
aussehendes junges Weib in die Arme und fluesterte zaertlich neckend:
"Aber mein kleines Frauchen,--drum und dran--mag keine Kinder--!" Da
senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in
ihren Mienen die Glueckseligkeit, die sie durchstroemte ueber das, was auch
ihr bevorstand.--

       *       *       *       *       *

Es war Spaetabend. Abermals ein furchtbares Gewitter--gleichsam ein Kampf
der maechtig nach Verjuengung ringenden Natur--durchtobte den Himmel, und
meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der
vor einigen Tagen krank nach L. zurueckgekehrte, unter dem Namen 'von
Kaub' in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war.

Aerztliche Huelfe war von ihm zurueckgewiesen. Er hatte einen Barbier
angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte
linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern musste. Es sei eine sehr
boese Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die
Frage des Wirtes erklaert, und viele Wochen wuerde es dauern, ehe der
Kranke das Zimmer wieder verlassen koenne.

Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant
verlassen, auch saemtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben,
und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen,
als noch an die Hausthuer geklopft ward, und der Barbier, an dem
verschlafenen Hausdiener vorueberschreitend, in sichtlicher Erregung das
Gastzimmer betrat.

"Nun?" machte Helms, der Wirt, ein mittelgrosser Mann, der mit seinem
zwischen englischen Bartkoteletts ueberaus glattrasierten Kinn und der
uebertrieben sorgfaeltig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als
ob er sofort als Schauspieler in einer Buehnenrolle aufzutreten habe,
verwundert und nicht eben angeheimelt.

"Wo kommen Sie denn noch so spaet her, und in dem, Wetter, Bartsch?"

Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute
sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten fuerchtet. Dann
sagte er:

"Ist noch heiss Wasser da? Ich moechte einen halben
Grog,--und--dann--dann--muss ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr
wichtiges, das keinen Aufschub duldet!"

In Helms Gesicht drueckte sich allerlei Missbehagen aus, aber er ging doch
hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Hoehe, liess
den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett.

"Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms," begann Bartsch, ein Mann, in seiner
Erscheinung mehr einem Kuester als einem Barbier gleichend, mit ernstem,
zuverlaessigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt,
eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor.

Helms setzte ein Glas aufs Auge, und waehrend er ein
Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit groesster
Spannung seine Mienen.

"Na? Und?" setzte Helms arglos an und schnitt mit grosser Umstaendlichkeit
die Spitze einer Zigarre ab. "Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu
verdienen--?"

"Wir!", betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand
nach oben.

Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht.

"Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht
wird," hub Bartsch an. "Alles stimmt. Merken Sie auf!" Und nun las er
einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein "Trifft
doch genau zu!" ein.

"Donnerwetter!" sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verliess.

Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluss. Einen solchen Menschen
im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, dass er sogleich
mit Bartsch ueberlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche
Anzeige erstatten und veranlassen sollten, dass eine Wache vor die
Stubenthuer und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz
zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rueckgrat,
scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr
weisse Zaehne, grosse, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug!
Jedes Stueck stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Ueberzieher.
Und ganz in der Fruehe war er angekommen, verstoert, totenbleich, mit
Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte
erzaehlt, dass er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt
habe.

Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuss--! Waehrend die
beiden noch zusammen ueberlegten, ertoente ploetzlich ein Donnerschlag von
solcher Vehemenz, dass die Erde zu beben schien, und sie unwillkuerlich
zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben
im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht
erklaerte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub.

Die beiden Maenner sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von
Grauen erfasste sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen,
und nun war's so gut wie erwiesen, dass der Thaeter oben im Hotel
lag.--Entsetzlich!--Endlich gingen sie beide.----

Als sie das Zimmer oeffneten, bot sich ihnen ein fuerchterlicher Anblick
dar. Der Kranke sass aufrecht im Bett und bruellte, man moege gleich den
Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er koenne das
nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht
werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Maeuse und Ratten
sollten nicht an den Waenden kriechen und--und--

Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie
ein Verzweifelter und schrie und tobte, er koenne es vor Kitzeln nicht
aushalten! Und dazwischen kreischte er, dass die Frau, die Frau Theonie
mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde.--

Fuerchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Koerper- und Seelenschmerzen
wirkten zusammen in dem Ungluecklichen!

Und was die Anwesenden sagten, hoerte er nicht, er wusste schon nicht
mehr, dass sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das
Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genaehert
haetten, und dann bruellte er wieder so markerschuetternd auf, dass sie, wie
von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit liessen, die Thuer von
aussen zu verschliessen.--

Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer
auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht,
Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kaempften in ihnen. Aber dann gab's
einen schnellen Entschluss, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und
Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt
abzunehmen, sich noch verstaerkt hatte, als ob alle Himmel droben
gegeneinander in Aufruhr geraten seien----

       *       *       *       *       *

Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der
Hauptstrasse ab eine Anhoehe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt
sich fast in der Mitte des Huegels, und rings umher befinden sich die
vielfach von Baeumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Graeber,
herabreichend bis an die Gaerten der die Strasse flankierenden Haeuser.
Ein stiller Ort, an dem die Voegel heimlich singen, an dem selbst der
Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Fluegel erhebt.

Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem
durch die Fruehsonne verklaerten Frieden. Ueberall junges Gruen, wohin das
Auge blickt, Gruen und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der
Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermaehlend,
unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt.

Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfaehrt, begleiten nur drei
Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefaehrt her, und jeden leitet auf
diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und
Gedanke.

Es ist die Verehrung fuer die Frau des Toten, das Interesse fuer sein noch
lebendes Kind, was sie nach Elsterhausen gefuehrt hat.

Tankred von Brecken--ueber drei Wochen sind vergangen--war in dem
oeffentlichen Krankenhause, in das er auf Anordnung der Sanitaetspolizei
und der Gerichte gebracht worden, verschieden. Geistige und koerperliche
Qualen, wie sie selten einen Menschen heimsuchen, hatte er erduldet, bis
er seine Seele ausgehaucht. Aber noch Schlimmeres haette ihn erwartet,
wenn es der Pflege gelungen waere, ihn am Leben zu erhalten. Und das
hatte der Mann gewusst in den wenigen lichten Augenblicken seiner
Krankheit, in denen endlich auch das Gewissen mit ganzer, furchtbarer
Gewalt zum Durchbruch gekommen war.

Aber er wusste noch mehr. Er hatte vom Himmel nichts zu erflehen, da er
alles Erbarmen verwirkt, und dennoch richteten sich seine Gedanken
hinauf, und die gefalteten Haende zitterten, und der Mund flehte
stoehnend: "Nimm mich fort, sende mir den Tod. Uebe dein goettliches
Mitleid an der von Dir erschaffenen Kreatur, indem Du ihr das nimmst,
was die anderen als hoechstes Gut erkennen: das Leben----!"

Und das Schicksal hatte ihn nach entsetzlichen Kaempfen erloest; an einem
Hirnschlag, der sein krankhaft vibrierendes Nervengeflecht laehmte, war
er gestorben, und Staatsanwalt, Richter und Henker wurden ihres Opfers
beraubt.--

Der Leichenzug war oben angelangt; die Traeger hoben den Sarg, auf den
niemand eine Blume oder gar einen Kranz niedergelegt hatte, vom Wagen
und schritten an die Gruft, an welcher der Kuester mit seinen Gehuelfen
harrte. Es ward nicht gesprochen, alles vollzog sich stumm und tonlos.

Nur als der Sarg eingesenkt wurde, entstand durch das Hinabrollen
einiger klebriger Erdstuecke ein Geraeusch. Sie fielen dumpftoenend auf den
Deckel, aber sie stoerten den Schlaefer nicht mehr--

"Wir wollen ein Vaterunser beten," hub Hoeppner an. Aber er sprach noch
anderes. Seine verzeihende Seele draengte nach einem Wort: "Richtet
nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet! Die Fehler und Vergehen des
Ungluecklichen, Verirrten, den wir eben in die Erde gebettet haben, waren
das Ergebnis einer verkehrten Erziehung; er hatte durch Naturveranlagung
einen schwereren Kampf mit sich zu bestehen als andere. Das mildert
seine Schuld in den Augen der Barmherzigen. Gott moege ihm gnaedig
sein!"--

Als die drei Maenner, Herr von Tressen, Pastor Hoeppner und Hederich,
langsam den Weg zuruecknahmen, zwitscherten ueber ihnen die Voegel mit
suessem, froehlichen Gesang; von unten drang das Geraeusch emsigen Lebens an
ihr Ohr. Leben und Daseinsdrang ueberall! Und das Gefuehl einer schweren
Last war auch von der Seele dieser Maenner gewaelzt und machte sie leicht
und hoffnungsfroh.

Hier hinterliess der Tod keine Narben, hier war er eine Erloesung fuer die
Zurueckbleibenden, wie er eine Erloesung gewesen fuer den Vernichteten, der
einst geglaubt hatte, der Mensch vermoege sein Schicksal zu lenken nach
seinen Wuenschen und Vorstellungen.--






End of the Project Gutenberg EBook of Todsuenden, by Hermann Heiberg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TODSUeNDEN ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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