The Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner

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Title: Celsissimus

Author: Arthur Achleitner

Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Celsissimus.



Salzburger Roman



von

Arthur Achleitner.



Berlin.


Alfred Schall,

Knigliche Hofbuchhandlung.

Verein der Bcherfreunde.




Vorwort.


Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt.

Der geneigte Leser wolle nicht an Bischfe und Priester unserer Zeit
denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfrsten des 16.
Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhltnisse der
damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch fr die Erwhlung eines
Kirchenfrsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt
erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und eintrglichen
Wrden der Kirche, er allein war stiftsfhig und bestrebt, solche
Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.

In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die
Restaurationsbewegung, von diesem Frsten erwartete man Ausrottung des
Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung
der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Clibates,
Anforderungen, die ber eines selbst genialen Mannes Krfte gehen
muten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in rmischen Palsten der
Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben.

Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft
shnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die
unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schne
Stadt Salzburg, welcher er das heutige Geprge gegeben, bestehen wird.

Mnchen, im Herbst 1900.

Der Verfasser.




1.


Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem
glnzenden Fest, Schmaus und Tanz der Brgergeschlechter gefeiert
werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich,
in Gnaden der Brgerdeputation versprochen hatte. Demgem mute alles
aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitlufen mglich
zu gestalten; der sonst behbige Brgermeister Ludwig Alt hat diese
hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die
Stadtrte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um
krftige Untersttzung angegangen, wasmaen es gilt, dem prunkliebenden
Frsten ein seiner wrdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wute man
mnniglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein
Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon
einen Begriff, die unerhrte Pracht, welche selbst der unbarmherzige
Salzburger Regen nicht zu beeintrchtigen vermochte, blendete nicht
blo Bauern und Brger, sie verblffte auch den Adel. Einem solchen
kunstverstndigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher
keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu
den Willen, und die reichen Patrizier das ntige Geld; man will dem
Landesfrsten zeigen, da auch die Brger der Residenz sich auf ppige
Feste verstehen.

So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als
in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit,
jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.

Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine
kaufmnnischen Talente, noch mehr aber durch seine schne Tochter
Salome, die als das herrlichste Geschpf Europas gepriesen ward, hatte
die Frsorge um das Mahl bernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht
werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tchtigen
grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Fr Beschaffung erlesener
Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge frnehmer Art, geschult
durch viele Reisen in Italien und Griechenland; "Vater Puchner", der
Zpfler, hatte es bernommen, etwaigen Wnschen nach einem Trunk guten
Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Ho mute die Musikanten
besorgen und die Anleit zum Balle geben.

Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmckung der Rumlichkeiten der
Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und
groes Ansehen geno, und schlielich ward fr diesen Festabend eine
besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die mnnliche
Brgerschaft zu richten hat, dieweilen das fr die Weiberwelt nicht
ntig ist, denn diese wei sich schon selber aufs schnste
herauszuputzen.

Zu Fu und vielfach nach welscher Art in Snften waren die Honoratioren
der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmckt und
erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten
sich Salzburgs Frauen und Mdchen, in einer Gruppe standen eifrig
parlierend die Junker und jungen Brgershne, die Ratsherren hielten den
vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung
bange murmelnd. Ein Teil der Brgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt,
da ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht,
wohlbesetzt mit Zinnkrgen, Silberkpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja
auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb
kontrastierten dagegen die hlzernen Bierbitschen. Da alle diese
schnen Gefe teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefllt seien,
hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, da vor Tafelbeginn
der Schenktisch nicht geplndert werden drfe, doch von den gewaltigen
Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwrter fragte man nicht,
und so schluckte so mancher aus den Gefen, ohne lang zu fragen, ob es
erlaubt und wessen der Inhalt sei. "Was man hat, besitzt man!" grhlte
ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.

Im Hauptsaale, so schn und groartig, da darin ein rmischer Kaiser
logieren knnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen
wie silbernen Kannen, Bechern und Schsseln, ausgestellt, wundersam zu
beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit
aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher
Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit
senkrecht aufragendem Sto, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der
Untersberg, aus dessen Quellen Weiwein als Bergbrnnlein
herniederrieselten.

Lustige Weisen der Zinkenblser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und
Schellengeklingel tnten von der Galerie herab, den buntgeschmckten
Festgsten die Wartezeit bis zum Beginn zu verkrzen, doch hrte man
nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell
lrmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im
Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der
Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschne Tochter bot, versetzte
die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des
Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides uerte.

Salome, ein Mdchen mittlerer Gre von kaum zwanzig Lenzen, war soeben
in den fr die Frauen reservierten Raum getreten; lchelnd begrte sie
die Damen, nickte den Mdchen zu und schritt langsam zur
Brgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen
wute, wiewohl sie wahrlich wei, da Salome ber Prachtgewnder dank
der Freigebigkeit des Vaters zu verfgen hat. Ein bezaubernder Liebreiz
ist ber das runde Madonnenantlitz des Mdchens ausgegossen, der
schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenma auf mit einer Flle
reizendster Formen, die ein Mnnerauge in hellstes Entzcken versetzen
mu. Blendend wei die reine Stirne, von blonden Lckchen umrahmt, die
Zhnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im
Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein
Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art,
die es vermeidet, das eigene schne Ich irgendwie in den Vordergrund zu
drngen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen,
ein Lcheln inneren Triumphes auf den leicht geffneten Lippen.
Frstlich mu die Erscheinung des Mdchens genannt werden im weiten
blauen, mit Nrzpelz geftterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und
silbernen Schnren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am
Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die rmel verbrmt mit
golddurchwirktem Tuch.

"Gott zum Gru, liebwerte Muhme!" lispelte Salome und erwies der
Brgermeisterin gebhrende Reverenz.

Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor berraschung und mute erst
verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: "Salome! Wie eine Frstin
siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die
fnfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!"

"Gefllt Euch das Kleid nicht? Das tht' mich schmerzen, der gute Vater
ist zufrieden, und das macht mich immer glcklich!"

"Schon, gewi auch! Aber Perlen, so viel Perlen fr eine junge Maid! Das
ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zhren, das hat
mein Ahnl schon gesagt!"

"Des will ich warten, Muhme!" lachte silberhell die schne Salome, "ich
habe Zeit und frchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will
die anderen Frauen ich begren!"

Indes Salome einer Frstin gleich und doch brgerlich bescheiden den
Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drben, wo der
hastig geschluckte starke Sdwein die Geister bereits zu entfesseln
begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres
besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der
Getrnkevorrte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, da die
kstlichen Weine fr das frstliche Gefolge, nicht aber fr Schmarotzer
bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Brgershne
hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner
opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung.
"Festgste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt
sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken.
Und auf diesen Wein wird der Frst wohl nicht reflektieren, der hat
besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als
dieser Raifel, und der Hpfwein gar, der hat einen Stich!"

Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von
Weinen, die seine Zunge als frtrefflich erkieset, beleidigte. "Die Pest
hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg,
das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer berhaupt vorhanden war! Und
die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!"

"Die lat nur hbsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist
stdtisch und gehrt uns Brgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist
Platz genug darin, fr Euch und den Erzbischof!"

"Wollt Ihr gleich stille sein!" mischte sich Vater Puchner dazwischen,
dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwhnung des noch dazu
eben erwarteten Landesfrsten. "Wollet Ihr grhlen, wartet bessere
Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr ber den erleuchteten erlauchten
Herrn!"

Dem Lechner sa der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte
unbekmmert los: "Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam
Wappen! Wit Ihr, Bierwanst, was der Wlfen Dieter im Schilde fhrt? Ich
will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weien Felde! Das ist die
Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen ber das
Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der
Erlauchte knnte Euch darauftreten, da Ihr zwillt!"

Bestrzt rief Rat Thalhammer: "Haltet ein, Ihr schwtzt Euch um den
Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spa von solcher Seite und lt uns
entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!"

Grimmig pfauchte Lechner: "So lat Euch auf den Kpfen tanzen, da es
staubt, Ihr Memmen! Ich frcht' ihn nicht, den Wlfen Dieter samt seinen
Degen! Haha! Ein Kirchenfrst, der spanisch herumstolziert gleich einem
geckenhaften Junker!"

Lrmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des
Brgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen
Landesherrn anzublasen.

Die mit Tannengrn und den Farben Salzburgs geschmckte Treppe herauf
stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Wrdentrgern seines Hofes. Der
Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfrst schmchtig, fast klein
zu nennen, unschn die Zge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften
Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und
den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte ber diesem
Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden
Augenblick bereit, berraschend loszubrechen. Kaum dreiigjhrig ging
von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes,
an eine unbeugsame Willensstrke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs
atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs
an einen duldsamen Kirchenfrsten. Aristokrat von der Sohle bis zum
Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwbischen und
lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann "geschwinden
Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes", der infolge seiner
Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo
seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Groneffe des regierenden
Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch berragte und sechs Sprachen
beherrschte.

Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II.
liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und
Baretts bentigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern
geschlagen. In dieser Kleidung war der schwbische Landjunker von
Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren
zum Frst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwhlte Herr von Raittenau
liebte es auch nicht, an seine schwbische Abkunft erinnert zu werden,
wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen.
Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der
Hohenems, ihr medizisches Blut wallte in Wolf Dietrich hei und
strmisch auf zu Rom wie--versprbar allenthalben zu Salzburg.

Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die
Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem
in tiefster Verbeugung gehenden Brgermeister Alt, der ehrerbietigst
Seine Hochfrstliche Gnaden begrte, ohne den gekrmmten Rcken zu
heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank fr das huldvolle
Erscheinen des gndigen Frsten stammelte.

Ein hochmtiger Blick flog ber des Brgermeisters Rcken hinweg zu den
Saalthren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien,
als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.

"So mgen denn Ew. Hochfrstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen
in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glck
hat...."

"Will nicht hoffen! Liebe 'zitternde' Huser nicht! Soll ich aber den
Fu in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!" sprach ironisch
lchelnd der junge Frst, worauf sich der Brgermeister erschrocken mit
seinem gutgenhrten Buchlein an die Stiegenmauer drckte. Wolf Dietrich
schritt an ihm vorber, und Alt wollte eben dem Frsten folgen, da
drckte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das frstliche
Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben
die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich lngst im
Hauptsaal angelangt, und der Brgermeister stand verdutzt an der
Stiegenmauer.

Die Stadtrte beugten sich wie ein hrenfeld im Winde vor dem Gebieter,
dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso
berraschender wie gewinnender Liebenswrdigkeit sprach Wolf Dietrich:
"Meinen Dank allen fr den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst
die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzgerung, und
Frauen soll man niemals warten lassen!"

Auf einen Wink des Frsten schritt der Kmmerling an die offene Thr des
Frauenwartegemaches und sprach: "Seine Hochfrstliche Gnaden lassen die
Damen bitten, in den groen Saal zu treten!"

Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ngstlich zugleich
wollte von den Frauen keine vortreten, und fr die jungen Mdchen
schickte sich ein Vortritt berhaupt nicht.

"Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!" wisperte die
verdatterte Brgermeisterin in einer schier unberwindbaren Scheu vor
dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch
einigermaen Anteil zu haben, auf da sothane Ehre in der Verwandtschaft
bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie
verstndlichen Sto mit der kncherigen Faust und tuschelte dazu: "Geh
du voraus, dein Kleid vertrgt es!"

"Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich frchte mich nicht und wte auch keinen
Grund zu Angst und Sorge!" erwiderte leise die schne Salome, und
schritt durch die offene Thr in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten
nun die Frauen und Tchter und guckten sich die Augen und Hlse wund
nach dem jungen Frsten in der spanischen Tracht.

Noch ehe Salome die Lippen geffnet, um den Dank von Salzburgs Damen fr
das gndige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich
in seiner impulsiven Art dem schnen Frulein entgegengegangen, und
lebhaft rief der Frst: "Ah, welches Glck lacht mir entgegen, des
Festes Knigin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung
entgegennehmen!" Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem
zierlichen Hndchen Salomes und drckte galant die Lippen darauf.

"Hochfrstliche Gnaden!" stammelte berrascht die schne Salome und
wollte die Hand zurckziehen.

"Nicht doch, bellissima! Gewhrt die Gnade, da des Stiftes Salzburg
Herr der Schnheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir
geruhen, das Fest zu erffnen!"

Salome hatte sich gefat, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem
Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wute, da sie strahlend
schn, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mdchen ist,
und in diesem Triumph legte das Frulein, holdselig lchelnd, den vollen
runden Arm in jenen des jungen Frsten. Das Paar schritt nun durch den
Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die berraschten
Patrizier und deren Frauen, Shne und Tchter thaten das klgste, indem
sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten.
Gelegenheit zum schwtzen war dabei reichlich genug vorhanden, die
Mndchen der Damen schnurrten wie Spinnrdchen. Neues genug bringt der
neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu erffnen,
sich ein Frulein herauszufischen, und das zur Festesknigin erkren
und auszurufen, welch neues, ungewhnliches Vorgehen! Wenn der Frst da
doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt htte! Aber so
schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus
frstlichem Geblt! Es mu ihr ja der Neid lassen, da sie schn ist,
hbscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist,
wre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte!
Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so
viel Perlen zu tragen!

Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig,
als er mit der Schwgerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner
Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewi auch
dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmtig ist und der
junge Gebieter viel auf hfische Formen hlt. Aber eben die so
pltzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht
gefallen, sie verletzt durch ihre Auerordentlichkeit. Einem Stachel
gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der
Bruder-Brgermeister von den Herren des frstlichen Gefolges an die
Stiegenwand gedrckt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem
bermut zu viel heraus, der Brgerstolz ist verletzt und stolz waren die
Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewhnlichen
Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Frsten die
Tochter aus dem Arm zu reien.

Die Muhme-Schwgerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in
Glckseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine
Ahnung, sie hat nur die beglckende Auszeichnung ihrer Nichte durch den
stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der
Gebieter die Hand Salomes gekt, als wre die Nichte eine wahrhaftige
Prinzessin. Welches Glck, welche Auszeichnung fr Salome, fr die ganze
Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer wei,
welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem frstlichen Hofe, mit dem
Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten
Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur
ein Wort kosten, und die Muhme erhlt den ppstlichen Segen separat, nur
fr sich! Die Brgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Khnheit
ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, da der Gemahl nichts weniger denn
solche rmische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit hher schtzt
als Frstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen liee,
alles und just das brauchte der Brgermeister ja nicht zu wissen,--der
Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkrlich sttzte sie sich
fester auf den Arm des Schwagers.

Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jngeren Brger, Junker,
auch die Plnderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand
aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der
grndlich vergrmte Brgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht
viel Gutes zu knden schienen. Manches bissige Wort ber den Frsten und
sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Brgermeister
wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat
sein Blut erhitzt. Nicht minder rgert es Alt, da sein Eheweib an des
Bruders Seite ersichtlich verklrt, schwimmend in Glckseligkeit,
hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das frstliche
Karessieren gewissermaen sanktioniert. Brgermeister Alt knurrte:
"Dumme Gans! Und Wilhelm knnte auch etwas Besseres thun, als mit der
alten Schachtel hinterdrein zu laufen!"

Einer der Jungen, die vom Sdwein zu viel erwischten, krhte mit
heiserer Stimme: "Guckt ihn an, den Erzbischof, der tnzelt wie ein
spanischer Junker!"

Und ein anderer, dessen Augen bereits glsern geworden, brachte
schluckend heraus: "Fein--wird--'s im E--e--er--z--st--st--stift!"

Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen;
der Frst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jh abbrach, und
sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Brgermeister mit vollendeter
Liebenswrdigkeit und Herablassung wohlwollend an: "Lieber Alt! Niente
di male! Ihr verzeiht mir wohl, da ich im Banne der Schnheit auf Eure
Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Knigin in
persona erffnet habe. Salzburgs schnste Mdchenblume rechtfertigt
mein Verhalten und erklrt die Begeisterung meiner Gefhle! Glcklich
ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blhen, glckliches Salzburg,
dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfllt! Nun, mein lieber
Brgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so lat uns das Mahl beginnen,
doch wnsche ich, da zu Tisch mir des Festes Knigin zur Partnerin
verbleibe!"

Der Brgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle
Ansprache warf alle Rachegedanken ber den Haufen, sie mute einen
Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fhlte der
Stadtvater deutlich genug, gehrt auf solche Huld eine hfliche
Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,
denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken
verlangen eine berlegte gemchliche Aneinanderreihung. "Hochfrstliche
Gnaden haben geruht!" Das war der erste Anlauf, und nun mu einen
Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefgt werden knnte.

Doch der lebhafte Frst sprach dazwischen: "Ihr seid also nimmer
ungehalten, solche Vershnlichkeit ehrt Euch und lt den milden Sinn
des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure
Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Brgermeister, lade
ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte
ich die Verkrperung der Schnheit, des Festes Knigin!"

Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des
Brgermeisters unter.

"Eure Gemahlin nehmen wir mit!" rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu,
dem darob die Ohren sausten.

Die Herablassung des Landesherrn wirkte zndend, die glnzende
Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Frsten, ein
Tusch der Musikanten verstrkte die brausenden Hochrufe, und in
lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die
Brgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glcklich erhascht
hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die berglckliche ihre
Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen
verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drngte,
lachten auf ob der Beteuerung, da der Frst Verlangen trage nach der
Stadtmutter, und lieen die in ihrer Glckseligkeit drollige Frau
bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun
wohl oder bel zu Tisch geleiten mute.

"Der Schnheit Majestt wolle mich beglcken!" flsterte Wolf Dietrich,
als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel nherte.

"Hochfrstliche Gnaden berschtten mich mit Huld und Gunst in
unverdientem Mae!" erwiderte lchelnd Salome und senkte bescheiden die
Lider.

"Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom,
vermag wahre Schnheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie
gebhrend zu preisen. Ich huldige der schnsten Knigin, so die Erde
trgt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!"
Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich
seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur
Bedienung der Dame.

Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei
Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die
Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Frsten
placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde
die Ausnahme gemacht. Dafr sa nun die Stadtmutter zwischen den Brdern
Alt, also immer noch in auszeichnendster Nhe des Landesherrn und
Ehrengastes.

Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine
Tischgenossin gewendet: "Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon
einmal gnstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen
Palazzo gefhrt?"

Salome erhob das strahlend schne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und
lispelte: "Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag fhrte mich
in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb
mu zum Einhub die Tochter kommen."

"So waret Ihr es doch, die ich flchtig nur bei meinem Kastner sah!"

Salome nickte.

"Und Euer Vater, glcklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen
Liebreiz in sich verkrpert, ist er hier in unserem Kreise?"

Leise erwiderte Salome, da der Vater zur Linken neben der Muhme Platz
genommen habe.

"Und die Mutter?"

"Die Teure ist seit langem uns entrissen!"

"Wie schmerzlich mu es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch
wollen wir in der Gegenwart bleiben!" Wolf Dietrich lehnte sich in
seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den
bischflichen Farben geschmckt war, zurck, um den Blick auf Wilhelm
Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prfender, stechender
Blick, der dem Antlitz des Frsten einen harten Ausdruck gab, dann
kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurck, und freundlich,
mit gewinnender Gte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem
Handelsherrn zu: "Wilhelm Alt, meinen Gru! Verzeiht, da so versptet
ich an Euch mich wende, Euch glcklich preise ob der schnen Tochter und
den Dank Euch sage dafr, da es mir vergnnt, die Knigin des Festes
zur Partnerin zu haben!"

Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem
Frsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb
der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen
als ein seiner Bedeutung wohlbewuter, reicher Patrizier. Ein von Liebe
und vterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinber, ein
zweiter galt dem Frsten, und dieser Blick schien prfend, mitrauisch
zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so
wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung fr die Tochter mache.
Der Dank fr die Ansprache fiel etwas khl aus, vollendet hflich und
ehrerbietig, aber fhlbar frostig.

Sofort zeigte des Frsten Antlitz den Zug unbeugsamer Hrte, den
Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und hhnisch; doch
weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den
Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glttete sich,
lchelnd grte der junge Kirchenfrst unter den Worten: "Wir danken
Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht
lnger entziehen!"

Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder
ein, sofort von der Schwgerin interpelliert, was denn alles der gndige
Herr gesprochen. "Ich hr' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter
ist daran schuld!" fgte die neugierige Brgermeisterin hinzu. Wilhelm
Alt war boshaft genug, um der Schwgerin zuzuwispern: "Einen Hopser will
er spter mit Euch machen!" Frau Alt schien das Geflster doch
vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie
heraus: "Nicht mglich?" Das klang so drollig, da auch Salome ein
Kichern nicht unterdrcken konnte.

Wolf Dietrich hatte sich an den Brgermeister gewendet, als der Gang:
"Ein gelb Essen ist lind zu essen"[1] serviert worden war, und sprach
zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: "Nun wir die linde Speise
hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen,
was die Herzen meiner Salzburger beweget."

Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat
bitter genug empfunden hatte, da der Landesherr kaum nach seinem
Regierungsantritt von den Errungenschaften frherer Erzbischfe
schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des
Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fhlbare
Vernderung dieser Instanz hervorrufen mute.

Ludwig Alt traute aber der "linden" Stimmung des jungen Gebieters nicht
vllig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt,
namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit
auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: "Wenn wir in schuldiger
Ehrfurcht eines vom gndigen Herrn erbitten drften, so wre es, da das
Stadthaupt und der Rat gewissermaen doch auch noch etwas zu sagen
htten!"

Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn
hatte im Nu erfat, wohinaus der Brgermeister zielte, doch wollte er
die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: "Wie meint Er das?"

"Wenn Hochfrstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur
noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft
getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischflichen
Behrde bertragen wurde, und--"

In diesem gewichtigen, ja gefhrlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der
in hchster Spannung dem bedeutungsvollen Gesprch zugehrt, dem Bruder
warnend auf den Fu.

"Und?" fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.

Der Brgermeister konnte die brderliche Warnung nicht recht deuten und
im Banne der frstlichen Frage rutschte ihm heraus: "Und diese Exekutive
erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibttel, der sonst nichts ist
und nichts zu sagen hat!"

Wolf Dietrichs Wangen frbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende,
erblate. Ahnunglos plauderten und aen die Festgste, nur in der
nchsten Umgebung des Frsten herrschte beklemmende Ruhe.

Wieder meisterte der Landesherr sein heies Blut, khl, fast hhnisch
sprach er: "Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer
zu deuten, so spukt in euren Kpfen der Geist der Rebellion!"

Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: "Verstattet
gndigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!"

berrascht rief Wolf Dietrich: "wie? Majestt Schnheit will sich ins
Gebiet der Politik begeben?"

"Verzeihung, gndigster Landesvater! Ich fhle wohl den herben Tadel in
den Worten Ew. Hochfrstlichen Gnaden und gestehe willig dessen
Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mdchen nun gar soll schweigen, so im
Kreise bedeutender Mnner das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.
Ein Weib--"

"Ein frstlich Weib!" murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick
schien die schne Gestalt Salomes umfassen zu wollen.

Klug ntzte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: "Ein Weib
versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches
Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein
kluger Manneskopf, wasmaen das Weib meist nicht von Nebendingen
beeinflut ist."

"Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!" lachte der Frst amsiert.

Tapfer behauptete Salome: "Ew. Hochfrstliche Gnaden werden mir zugeben,
da ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht
beeinflut bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in
meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu
bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darber
hinaus."

"O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschpf der Erde die
Schrecken des Alters heraufbeschwren, stren den harmonisch schnen
Eindruck, der mein Herz entzckt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte,
holde Gttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich
kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!"

"Und dennoch wird jene Zeit auch ber mich kommen! Doch Euer Wunsch,
gndigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe--"

"Hrt ihr es!" wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, "so
spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den frstlichen
Willen, und wren der Unterthanen alle wie Schnsalome, es wre eine
Freud' und Lust, Herr zu sein!--Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen
mag!"

"Mein Ohm," erwiderte Salome, "der allverehrte Brgermeister hat es
ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, da zu viel
genommen ward von den Rechten Salzburgs, da der Rat erniedrigt sei zu
bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist
nicht viel anderes als des Stadtbttels Nichte, nicht wert an der Seite
des gndigsten Frsten und Landesherrn zu sitzen!"

Galant erwiderte Wolf Dietrich: "Schnheit adelt und erhebt!"

"Mit nichten, gndigster Herr! Ein Frst wird niemals ein Weib erkren,
das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei
engelschn sein!"

"Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wnschen kann!"
schmeichelte der Frst, und fgte bei: "Doch Eure Prmisse stimmt nicht:
Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von
niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur
nicht von Adel!--Ist irrig die Prmisse, kann die Folgerung nicht
richtig sein! Was aber wnscht die verkrperte Anmut in so bemeldter
Sache?"

"Gebt, gndigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, lat ihr ein
gewisses Ma der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen
sicher: Je lockerer der Zgel, desto freudiger gehorcht das Ro dem
leisesten Befehl des Herrn!"

Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis
Wolf Dietrich leise, fast mehr fr sich zu sprechen anhub:
"Verfhrerische Worte, ser Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die
Landschaft strrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses
mhevolle Werk meiner Juristen, impossibile!"

Salome wagte einen legten Versuch: "Verzeiht mir, hoher Herr! Die
Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermanahme
zugestimmt!"

"Ja doch! Lstig ist genug die hergebrachte Pflicht, da der Frst die
Landschaft angehen mu bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schne
Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefge
Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht
aus! Wit Ihr, warum die Stnde so steuerfreudig gewesen und immer ohne
Struben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rtsel lsen: Hoffnung
war es, weiter nichts, Berechnung auf des Frsten Gutmtigkeit, die
Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den
frheren Rechten zurckzuerlangen!"

"Und tuschte sothane Hoffnung?" fragte Salome unter Augenaufschlag und
richtete den Blick direkt in des Frsten Auge.

Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schnen Mdchen, vermochte Wolf
Dietrich kein schroffes, wahres "Ja" zu sagen, er griff zu Worten der
Ausflucht, indem er eine sptere Reformierung der Angelegenheit
zusicherte.

Ein Schatten des Unmutes huschte ber das Antlitz Salomes, und Wolf sah
dieses Wlkchen sofort. "Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden
Tischgenossin einen Trost gewhrt zu wissen, da Privilegien anderer
Klassen noch reformfhig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die
bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir
ungerecht. Mu der Brger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus
auch! Und damit dixi!"

Beide Alts wuten in ihrer grenzenlosen berraschung nichts anderes zu
thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: "Mu der Brger und
Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!"

Die Frau Brgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort "zahlen"
verstanden, und dieses Wort bte auch auf die wrdige Frau die gleiche
Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhufung von
bischflichen Lasten, das stndige Anziehen der Steuerschraube ein
Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen
ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwgerin zu beruhigen durch den
Hinweis, da es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das
sei nur in der Ordnung.

"O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!" meinte Frau Alt.

"Schweigt doch, Schwgerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint,
sondern die reichen Klster und Stiftsherren, die sollen nur auch
zahlen, der Frst hat da ganz recht!"

Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute uerung vernommen,
und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen
Frsten in rosige Laune. "Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden
den modus viviendi; der Anfang zu einer Verstndigung zwischen Frst und
Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten."
Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: "Will die Wolke nicht weichen
von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der
Majestt Schnheit einen Dienst erweisen, sprecht, Gttin, Ihr seht den
Frsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl
Eurer Gnade!"

Salome lchelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kruselten
sich zu leisem, gutmtigem Spott: "Das zu glauben, hoher Herr, fllt mir
schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfrstlichen Gnaden, hoch der
Sinn, hoch der Geist wie hoch die Wrde! Ich mchte meinen gndigen
Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!"

"Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius knnte
von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit
Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave
mcht' ich sein, so Eure Huld wrde mich beglcken!"

Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flsterte Salome:
"So mein gndiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die
Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfrstliche
Gnaden um die Verlaubnis, ein Glschen rheinischen Weines trinken zu
drfen auf das Wohl unseres gndigen Herrn!"

"Das wollen wir freudig thun, schne Gttin; doch nicht harter
Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der
unter Vicenzas Himmel gedeiht!" sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum
Brgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben
sei.

"Zum hohen Glck, Ew. Hochfrstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen,
gehrt--Thalhammers feinerprobte Zunge!" schnatterte Ludwig Alt, dem die
unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte.

"Wie? Was meint Er?" rief erstaunt der Frst.

"Gndiger Herr wollen mir erlauben, da ich den dunklen Sinn der Worte
meines Ohms erhelle!" warf Salome schnell ein, "der gute Ohm wollte
sagen, da nur Rat Thalhammer wissen knne, ob fr diese Tafel
gewnschter Edelwein vorhanden sei!"

Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schnen
Tischgenossin: "Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir
knnen solche Redekunst frwahr gebrauchen!"

"Ob die wrdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden wrden?" spottete
Salome.

"Ihr mget recht haben; fr die alten Federfuchser sind die Folianten
gut, doch nicht die Blte weiblicher Schnheit und Anmut! Die Jugend
will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mrrische
Alter!"

Der Brgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der
Tafel sa, citiert, und alsbald konnte der vom Frsten gewnschte
Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefllt, und Wolf
Dietrich stie mit Salome an: "Auf Euer Wohl, Knigin! Jeder Tropfen
dieses edlen Weines aus dem sonnigen Sden, der Heimat von Kunst, Liebe
und Wein, verlngere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute
eine Flle von Glck hienieden! Es lebe die Gttin Schnheit, es lebe
Salzburgs holdeste Mdchenblume!"

Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Rte bedeckte ihre Wangen, der
Becher zitterte in ihrer schmalen Hand.

"Will meine Knigin mir nicht einen Blick aus den sen Augen gnnen?"
flsterte Wolf Dietrich.

Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zgernd
sprach sie: "Zu viel des Lobes und der Gnade fllt auf mich! Bethrend
wirken die Worte! Zu gro ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der
Frst und hohe Herr, ich eines schlichten Brgers Tochter! Lat mich im
Erdreich, in dem nur ich gedeihe!--"

"Ist das Euer Trinkspruch, Salome?" fragte etwas gedehnt der Frst.

"Mein gndiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew.
Hochfrstlichen Gnaden und--"

"Und?"

"Und bitte, es mge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!"

"Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade
und--"

"Und?"

"Und Liebe!" flsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen
flammenden Blick zu Salome, die jh errtete und verstummte.

Verschiedene Gnge des ppigen Mahles waren inzwischen serviert worden,
doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet,
da er nicht im Gesprch gestrt sein wolle. Diesem Beispiel war auch
Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es fr seine Pflicht, zu jeglichem
Augenblick dem Frsten zur Verfgung zu sein, daher der Brgermeister
auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei
sich hatte, sollte nun kstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und
zwar mit einer Neuerung im Gedeck fr diese Zeit. Bisher war es blich,
des fteren Handwasser mit Handtchern herumreichen zu lassen, damit die
Tafelnden sich die Hnde reinigen knnten. Auch heute war das der Fall
gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhhung des
Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben
jetzt der Tafelrunde vorgefhrt werden sollte, und diese Neuerung
bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2]
Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und
hatte angeordnet, da zum "Fasanen-Gang" dieser Gebrauchsgegenstand
solle vorgelegt werden. Natrlich interessierte es den Brgermeister am
meisten zu erfahren, was der Frst zu sothaner Neuerung sagen werde.

Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gesprch mit Salome vertieft
und hatte weder Aug' noch Ohr fr die brige Gesellschaft.

Lngeres Zaudern wrde eine auffllige Unterbrechung des Mahles
herbeifhren, der Brgermeister mute daher das Zeichen geben, und
sogleich erschienen die Aufwrter, deren jeder eine in der Form noch
ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes
legte. Von der schwtzenden Menge ward das neue Instrument vielfach
nicht beachtet; einigen Gsten aber fiel es doch sofort auf, sie
ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von
einigen vielgereisten lteren Brgern der Gebrauch dieser neuen
Tischinstrumente erklrt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen
nicht fehlen. Unter groer Lebhaftigkeit ward aufgespiet, was den
berraschten Gsten erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just
recht. Vllig unbeachtet blieb die Neuerung am Prsidium der Tafel; den
Altschen Familien war sie bekannt, fr das heutige Mahl eigens bestimmt,
und der Landesvater widmete sich ausschlielich seiner Tischnachbarin.

Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig
wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es mge der gndige Herr
doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaen diese Leib und Seele
zusammenhalte. So lie sich denn der frstliche Ehrengast von den
Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der
neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer berraschung.

Von Salome wunderte das den Brgermeister ja nicht, aber die
Vertrautheit des Frsten mit dem neuen Instrument verblffte und
enttuschte ihn derart, da Ludwig Alt dem Bruder zuflsterte: "Der
kennt alles!"

Und Wilhelm raunte zurck: "Stimmt! Der wird uns in allem ber!"

Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und
dann einen Blick ber die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn
der in groen Mengen genossene schwere Sdwein aus Welschland bte auf
Mnnlein und Weiblein seine Wirkung aus. "Meine Salzburger lieben den
sffigen Wein!" meinte der Frst zum Brgermeister, der sogleich
beteuerte, da das gewhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte,
denn se Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen
Transport nur den bemittelten Stnden erreichbar.

"Wird denn viel solchen Weines eingefhrt ins Erzstift?"

"Ew. Hochfrstliche Gnaden unterthnigst aufzuwarten, ja; man bringet
auf Wasser und Land berflssig aus allen Landen herzu, als nmlich vom
Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsa, Franken, auch Osterwein (aus
sterreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus
Welschland, so man sie heiet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von
Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und
Farntscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Hpfwein und
dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero
unterthniger Knecht!"

"Ich staune! Wute wahrlich nicht, da meine Salzburger so gern und viel
der schweren und teuren Weine trinken!"

Voreilig sprach Ludwig Alt: "Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn!
Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so
viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten
Wandels befleiigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Mnnerleut
und Weibes, ein Halbes knnen Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern
lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem
Weinteufel!"

"Und der Brgermeister wei sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu
steuern?" fragte der Landesherr.

"Dero Gnaden unterthnigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten
kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!"

"So! Nun es erscheinet mir gnstig, da der Landesherr sich Rats wei,
ich wei ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu
publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rcke ich an den
Leib, ich zwing' ihn, darauf knnt Ihr Euch verlassen!"

"Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!" sprach
Salome, der die bermige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich
berhrte zu sehen, wie namentlich die jungen Brgershne ohne Rcksicht
auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in groen Mengen
zusprachen.

"Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergtzt!
Ich wnsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die
Manahmen der Regierung beraten zu knnen. Seid Ihr dazu gewillt?"

Salome fhlte den tieferen, verhllten Sinn dieser Frage, und heie Rte
scho in des klugen Mdchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren
Krper, bebenden Tones erwiderte sie: "Wie sollt' ich je in solche Lage
kommen? Gebannt in die engen Schranken der Huslichkeit, gezwungen nach
Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will
ich sagen, da Frstentchter es kaum anders haben und verdorren schier
in dumpfer Kemenate!"

"So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfllter Welt?"

"Nicht das ist meines Sinnes Streben, gndigster Herr! Ich kenne die
gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne
hei, wr' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns
einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die
uns Mdchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren
von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf gengt
zu wissen, da fern im Sden liegt das heilige, ewige Rom."

"Sothanes will auch mich nicht viel bednken, doch mag's fr deutsche
Frstentchter gengen. Ihr aber, Schn-Salome, wollt mit Gram
herabdrcken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gesprch, die
feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die
Klage ber geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur
staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon
einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und
warum? Weil Eures Verstandes Schrfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum
der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethtigt ist vom aufgeweckten
Kopf. Ihr drstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe
Ziele, die in Mdchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich
die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes hhere Regionen!
Mein Frstenwort geb' ich zum Pfand!"

Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte
beginnen. Die hfische Etikette verlangte vom Frsten und Erzbischof,
sich nun ins Palais zurckzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit
Salome noch gesprochen. "Ich sehe Euch bald wieder!" flsterte er dem
schnen Frulein zu, und ein heies Verlangen flog durch seinen
geschmeidigen Krper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der
Frst, um den nun die Hflinge sich scharten.

Leutselig wandte sich der Frst nun an den Brgermeister und sprach in
formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzglicher
Kanzelredner voll entsprach, seinen frstlichen Dank aus fr das Fest
und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den
Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich
von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach
allen Seiten schritt der junge Frst durch den Saal, Trompetenschall und
Trommelwirbel ertnte, bis die Ratsherren vom Geleite zurckkehrten.

Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube
zurck, um sich vom Brgermeister Nheres ber die frstlichen
uerungen erzhlen zu lassen, und die Frauen hielten ein
Plauderstndchen ab, das vllig Salome und den ihr vom jungen Frsten
gewordenen, geradezu aufflligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst
fhlte sich erschpft und mde; jetzt sich von Junkern und Brgershnen
zum Tanz fhren zu lassen, war dem Frulein unmglich. Zu viele
Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar
ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat
Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die
Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause.

Ein durchdringender Blick schien in des Mdchens Seele lesen zu wollen,
nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifgen, da die Muhme
Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren
einige im Erdgescho des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt,
den Damen die Leuchte vorauszutragen.

Unauffllig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten
Gasse der Knecht das Lmpchen vorantrug. Die frische Luft der
Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen
Odem ein. Frau Alt kam auer Atem durch das hastige Fragen, was der
Frst denn alles zu erzhlen wute, und durch die begeisterten Lobreden
auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, da
Salome sich schweigend verhielt, und da der Knecht um eine halbe
Gassenlnge vorausgegangen ist. Jh verstummte die geschwtzige
Brgermeisterin, als hinter ihrem Rcken eine Mnnerstimme ertnte:

"Die Schlanke ist's! Schnell!"

Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward
von vermummten Mnnern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen
herangebrachte Snfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu
weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die
entsetzte Brgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre
Jammertne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle
menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht
schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben bse Geister das Mdchen
von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken?

Der Knecht kam mimutig ob solcher Verzgerung zurck und machte aus
seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der
Brgermeisterin, da sich etwas Absonderliches ereignet haben msse.
"Ist 'leicht etwas passiert?" fragte er.

"Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist
verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschtzer in Nacht und Not!"
kreischte verzweifelnd Frau Alt.

Fassungslos starrte der Knecht die Brgermeisterin an und leuchtete ihr
mit dem Lmpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als
wollte er im Schnee das verschwundene Frulein suchen.

"Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Brgermeister,
vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die
Bttel fahnden! Lat Sturm luten! Huhu, dort kommt wieder so ein
schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!"

Erschrocken griff der Knecht die Brgermeisterin beim Arm und ri sie
mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im
Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entfhrung Salomes wirkte auf die
Festgesellschaft geradezu lhmend, sie ernchterte die Mnner und
verursachte Weibern Krmpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu
fassen und rief immer wieder: "Nicht mglich! Ein Mdchenraub in unserer
stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!"

Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rchen zu wollen,
wer immer der Mdchenruber sein mge.

Smtliche Rumorknechte und Bttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause
verlangenden Festgste auf dem Heimweg schtzend zu begleiten. Doch
nichts von Rubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie
ausgestorben scheinenden, schneeerfllten, vom Mondlicht schwach
erleuchteten Gassen Salzburgs.

Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter
Anfhrung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und
hielten bei den Trmern Umfrage, ob jemand zu Ro, Wagen oder mit einer
Snfte Ausla begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten
Erklrungen der Trmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre
Behausungen zurck. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein
furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte.




II.


Im Keutschachhofe, der erzbischflichen Residenz, war trotz der spten
Stunde reges Leben gem der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhndig
festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die
hheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rckkehr des Frsten vom
Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich
zurckzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in
Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.

Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Frst den Weg zur Residenz zu
Fu genommen, neben sich den Kmmerer vom Dienst, einen jungen,
treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die brigen (im
ganzen vier) Kmmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus
schritten die Lichttrger, Lakaien bildeten rckwrts die Bedeckung.

Was der Frst mit seinem Kmmerer besprach, blieb der Begleitung
unverstndlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen
Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und
geheimnisvoll gesprochen ward.

Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes
nherte, ertnte ungebhrlicher Lrm im Palais, den des Frsten seines
Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlate, dem
Vorlufer und den Lichttrgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er
selbst, vom Kmmerling auf dem Fue gefolgt, trat rasch und leise ein
und berrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thrhtern und Lakaien,
die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu
vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand
der Frst auch schon mitten im Knuel und sein Begleiter drngte
kraftvoll die Leute zurck. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche
Ruhe, Zornesrte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar
an. "Wer erfrecht sich bei Hof solcher Auffhrung? Was soll der Lrm in
meinem frstlichen Hause? Was will das Weib zu spter Stunde?"

Vor Schreck und berraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand
ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem
Frsten und bat um Barmherzigkeit in hchster Not.

"Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde
einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!" grollte der Frst.

"Gndiger Herr! bet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer
warten, derweil stirbt mir der Mann!"

In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefhl, weichen Tones fragte er
nach dem Begehr des armen Weibes.

"Euer Gnaden Leibmedikus htt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus
der frstlichen Kuchel...."

"Ist jemand schwer krank bei dir?"

"Ja, gndiger Herr, der Mann und zwei Kinder!"

"Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?"

Einer der Lakaien erkannte die gnstige Gelegenheit, alle Schuld am
blen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu
knnen, und erstattete Bericht, da der Medikus es abgelehnt habe, in
spter Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Huschen des armen
Weibes, wasmaen der Medikus nur fr den Frsten da sei, nicht fr das
gemeine Volk.

Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus
augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe
verabreicht werden. Und einer pltzlichen Gefhlsregung folgend, wandte
sich der junge Frst zum Kmmerer: "Du besorgst, was ich dir befohlen.
Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende fr die Armen
nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichttrger voraus!"

Der Kmmerer wagte zu sagen: "Hochfrstliche Gnaden! Es ist spt, und
schlecht der Weg hinan zum Berg!"

"Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schnsten
Aufgaben eines Frsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke
Beine!"

Auf Befehl mute das Weib mit dem Vorlufer vorausgehen, der Armen
schwindelte ob der jhen Wendung und der Gewiheit, da der hochgemute
Frsterzbischof selbst zu spter Stunde Einkehr halten will in der Htte
des Elends.

Man hatte das schier verfallene Huschen am Wege zum Nonnbergkloster
noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet,
nach Luft und Fassung schnappend.

Einer der Lichttrger mute mit in die Stube, das Weib fhrte Wolf
Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Drftigkeit den
an Prunk gewohnten Frsten erschaudern lie. Auf Stroh lag der Mann, auf
einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett,
gelbfarbig, hohlugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.

Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich
die Arme zum Frsten empor: "Habt Dank, o Herr, und helft in grter
Not!"

"Schrecklich!" flsterte ergriffen Wolf Dietrich, "dieweilen man prasset
am ppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!" Auf einen
Wink begann der Hofarzt seine Thtigkeit; Wolf Dietrich lie die
inzwischen herbeigeschafften Vorrte an Wein, Fleisch und Brot in ein
Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurck, nicht
ohne Auftrag gegeben zu haben, da von nun an tglich der armen Familie
Proviant aus der Hofkche geliefert werden msse.

Mit einem Frohgefhle in der Brust, schritt der Frst die steile,
frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte,
kndeten vom nahen Dom die Glockenschlge Mitternacht.

Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur
fr seinen Vertrauten, dem ersten der Kmmerer, ein Auge, ihm warf er
einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt
ein Lcheln des Triumphes ber das Antlitz des jungen, heibltigen
Frsten.

In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch
seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen lie und nun zu
fragen begann: "Ist's ohne Aufsehen geglckt? Gab's Lrm?"

In diskretem Flstertone erstattete Mathias Bericht: "Es ging alles nach
Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lrm, doch erst,
als alles lngst vorber und verschwunden war."

"Und hier?"

"Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau,
bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt."

"Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?"

"Ja, Hochfrstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!"

"Gut! Ich hoffe, es ist fr alle Bequemlichkeit Frsorge getroffen, die
Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde
Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel
stellen zu lassen, auf alle Flle soll einfouriert werden ber Golling
bis nach Krnten."

"Wollen Hochfrstliche Gnaden selbst verreisen?"

"Nein, Mathias! Jedoch soll fr eine pltzliche Reise alles parat sein!
Du haftest mir mit deinem Kopf fr unberhrte Sicherheit der Dame! Du
bewachst deren Thr selbst!"

"Mein gndiger Herr mge beruhigt sein und guten Schlaf genieen! Dero
treuer Diener wird wachen und sorgen!"

Eine praktische Einrichtung in der erzbischflichen Residenz war
unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder
Dienerklasse in deren betreffenden Rumen, soda jede Schranze ihre
dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte,
vorausgesetzt, da der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gela
des Thrhters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wrtlich zu lesen[3]:

  "Thuerhuetter.

  De Thuerhueter ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts
  auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in da Wart Zimmer
  lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich auer der adel
  personen vndt ettlichen frnemen officieren geringe vndt schlechte
  officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen
  sondern herauen pleiben, undt so sehr sy wa bei einem oder dem
  andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter
  anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen
  stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt
  einander vnderweilen abwexlen."

Die Kmmerer hatten dafr gesorgt, da sothane Verordnung des Frsten
gebhrende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der
Thrhter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem
Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Versten nicht mangelte. Hufige
Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren
denn die beiden erzbischflichen Thrhter scharf darauf aus zu
unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den
Kmmerlingen gelassen werden drfe.

Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde
hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist
ungehalten, wenn vorher Gehr erbeten wurde.

Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer
Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche
das Mitrauen des dienstgetreuen Thrhters sogleich wachrief. Zwar
kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wute, da Alt der
reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das
totenblasse, bernchtige Gesicht, machte den Thrhter stutzig, ebenso
das verfrhte Erscheinen, und veranlate den Mann, Herrn Alt aufmerksam
zu machen, da die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer
erfolgen knne.

Alt erwiderte barsch: "Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig,
dringlich ist, was mit dem Frsten ich zu reden habe! Meld' er mich
augenblicklich beim Kmmerling vom Dienst!"

"Oho! Ihr mget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des
gndigen Frsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts
zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und
Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, da wir
befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!"

"Die Knochen hau' ich Ihm entzwei fr seine Unverschmtheit! Das fehlte
noch frwahr, um dem Fa den Boden vollends auszuschlagen! Die
Wirtschaft hier die schreit frwahr zum Himmel, und schlimmer kann es
kaum mehr werden!"

Vom Lrm angelockt, trat der Kmmerling vom Dienst aus dem Gemach und
der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Hfling stutzen.

Alt rief: "Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen vertrgt
keine Verzgerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!"

"Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines
regierenden Frsten!"

"Ein netter Frst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blht,
schlimmer denn wie im welschen Reich!"

Der Kmmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das
Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles
Verhalten, bis die Meldung beim Frsten erfolgt sein wrde. "In welchem
Betreff soll ich Euch melden?" "Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter
schndlich geraubt geworden, will fragen, ob des Frsten Arm zur Shne
stark und lang genug sei!"

Kopfschttelnd verfgte sich der Kmmerer vom Dienst in die inneren
Apartements.

Wolf Dietrich durchma in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen
Schritten und unmutig ob der Strung rief er dem Kmmerling zu: "Was
soll es? Ich wnsche allein zu bleiben!"

"Eure Hochfrstliche Gnaden wollen die Strung verzeihen! Ein
auergewhnlicher Vorfall, Mdchenraub--der Handelsherr Wilhelm Alt--"

"Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem
Mae aufgeregt?"

"Eure Hochfrstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mhe,
den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe
ermglichet"

"Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es
war ja zu erwarten!"

Wenige Minuten spter standen sich beide Mnner gegenber; Wolf Dietrich
erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug ntzte
er das durch die Fenster einstrmende Tageslicht, das grell auf Alts
vergrmtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.

Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Frsten gebhrende
Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, frmlichen Anrede konnte er sich
nimmer meistern, heiser rief er: "Wo ist meine Tochter?"

Khl erwiderte Wolf Dietrich: "Wie soll ich das wissen? Was ist
geschehen, was wollt Ihr von mir?"

Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf
klangen seine Worte: "Ihr wit so gut wie ich, da Salome in vergangener
Nacht von der Gasse weg entfhrt worden ist!"

"Was unterfngt Er sich?! Verge' Er nicht, Er stehet vor seinem
Frsten!" rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut hei aufstieg.

"Ich wei, doch vermag ich lnger nicht zu meistern das Wort, zu jh und
wild strmt Unglck wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt,
Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines
Lstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der
Frst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu ben seid Ihr
verhalten, Euer Eid lastet darauf!"

"Erst migt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan
gehrt zu Fen seines Herrn!"

"Helft mir zu meinem Kinde!" flehte der angstgepeinigte Vater.

"Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!"

"Ist das des Frsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind
fordere ich von Euch!"

"Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Bttel ab,
das merk' Er sich! Und nicht lnger will mein Ohr des Frevels unerhrte
Worte mehr vernehmen!"

"Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge
um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die
Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei
den Trmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind mu
gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!"

"Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?"

Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: "Ihr wit um Salome!
Es kann kein Zweifel sein!"

"Genug davon! Die Anmaung geht zu weit; bermtig war von je die
erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der
Krmer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhndler in meiner
Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und bermut des
lngeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des
Herrschers starke Hand sollt fhlen Ihr wie alle anderen bermt'gen
Sippen!"

"Habt Gnade! bet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem
seiner Priester!"

"Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!"

"Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge
trben mir den Sinn!"

"Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!"

"Seid barmherzig! Nur der Hchste im Stiftland hat die Macht, mir zu
meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr knnt
wirksam helfen! Die Stadtbehrde und die Polizei, sie versagen in der
Wirkung!"

"Ein spt Erkennen meiner Frstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den
Thalern, wei vor bermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist
in Euch zu gro. In Not und Sorge aber wei die Sippschaft sich zu
erinnern, da ber ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein
unwrdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut
keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Brger!"

"Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter,
rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mdchen gestern habt gehuldigt!"

Wolf Dietrich flsterte: "Ein frstlich Weib frwahr, zu frnehm fr das
Brgerpack!"

"Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an
Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch
zur That, gebietet, Herr, lat fahnden nach dem Schnder meiner Ehre!"

"Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der
Frst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem
aufgeblasenen Brgerstolz?!"

"Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen ber sein Kind!"

"Mhlich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich
drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, mu wissen
ich von nchtlicher Ruberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist
Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe
Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug'
gesehen!"

"Nicht gesehen!" Wilhelm Alt taumelte zurck, trat wieder vor und suchte
im Antlitz des im Schatten stehenden Frsten zu lesen. "Nun werd' ich
irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schnder meiner Ehre!
Fluch!"

Indes der gramerfllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf
Dietrich durch eine Flucht von Gemchern in jenen Teil des
Keutschachhofes, dessen Zimmer, von auen abgesperrt, Salome Alt zum
Nchtigen dienten.

In einem Vorzimmer harrte als Beschlieerin und Dienerin Brigitte auf
Befehle des gefangenen Fruleins wie des Frsten, der nun persnlich
erschien, die Dienerin aufschlieen hie und sie zu Salome schickte mit
der Anfrage, ob das Frulein gewillt sei, den Besuch des Frsten
anzunehmen.

Die von Brigitte berbrachte Antwort lautete: "Eine Gefangene hat keinen
Willen!"

Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem
Degen zur Seite trug, trat in das ppig ausgestattete Gemach, worin
Salome ber Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem
Mdchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Frst tief und sprach:
"Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!"

Das Mdchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des
Gemaches. "Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit
mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mdchen von der Gasse
wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?"

Hei wallte es auf im liebeglhenden Herzen des jungen, feurigen
Frsten, der Salome doppelt schn fand in dieser kniglichen Haltung des
Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: "Mit welchem Recht? Erlaubet
mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz
erfllet, mich niederzwingt zu Euren Fen, mich betteln macht um Eure
Gunst!"

"Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt!
Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr
verbt, ist Straenraub und Schndung meines Rufes!"

"Seid gndig, Salome! Hrt mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz
verdammet!"

"Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr
gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem
schwergekrnkten Vater!"

"Hrt mich, Salome, und bet Gnade, ich, der Frst, ich bitte Euch! Wie
sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch
auszuschtten die Gefhle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung
Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch
zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue,
so er Euren Sinn verletzt!"

"Der Frst mt' wissen, da eines Mdchens hchstes Gut ist Ehr' und
Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!"

"Verzeiht den bereilten Schritt, zu dem mein heies Fhlen mich
verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hren nur wenn frei:
offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rckkehr ins elterliche
Haus! Knnt hren Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen
Worten!"

"Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer frstlich Wort, und bin
bereit zu hren!"

"Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird
gewhrt: Begeisterung fr Eure Schnheit! Bezaubert von der
Liebreizflle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den
Schritt und lie verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen
wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben frder mit mir!
Met mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, da
sdlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu
Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung
fr Schnheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele
drstet nach Verwirklichung von Pracht und Schnheit in meiner Stadt,
die Blte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im
kleinen will ich errichten hier und ber alles gebieten soll das
schnste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Frstin sollt Ihr
sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glck und
Ehren, Herrin ber mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich
beglckende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plnen, gebt
Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir
halten Hof so stolz wie Frankreichs Knig es nicht besser kann! Wir
schaffen fr des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben
soll erblhen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glckes!
Ich will Salzburg gro gestalten, zur Heimstatt fr die Kunst, Pracht
und Schnheit! Knden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf
Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Gttin meines Lebens:
Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?"

Der flammende Ton hchster Begeisterung, die heie Werbung hatte Salome
in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte
den Sinn und machte das Mdchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch
schone Bste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Krper, ein
Sthnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend,
strich Salome mit der zarten Hand ber die reine, weie Stirne. "Es kann
nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich
schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!"

"Sagt das nicht, Knigin meines Herzens! Ich pfnd' mein frstlich Wort,
hier meine Hand: Gnnt Ihr mir das Glck meines Lebens an Eurer Seite,
seid gehalten Ihr der Frstin gleich und Herrin ber Salzburg und mein
stiftisch Land!"

Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefhle. Eine
Tochter Salzburgs aus brgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Frstin,
ausgerstet mit der Machtflle eines Frsten, Herrin ber Land und Volk,
reich und mchtig zu helfen den Kleinen und Armen, mchtig, Salzburg
gro zu machen im Sinne des prachtliebenden Frsten, und selbst zu
handeln nach eigenen Gedanken!--"Es kann nicht sein!"

"Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zgert Ihr?"
rief erregt der feurige Frst.

"Es kann nicht sein, o Herr!--Euer Kleid--"

"Wie?"

"Euer Kleid soll sein des hchsten Priesters, und der niedrigste der
Geistlichen mu--unbeweibt verbleiben wie der hchste--!"

"Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im
Klerus meines Landes ungepnt gethan?!"

"So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen ber Roms Gebot, beweiben
Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine
verbotene Ehe?"

"Rom kann alles! Und ich bin Herr und Frst in meinem Lande! Ich sprech'
das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet'
ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!"

"Lat mich zum Vater!" rief erregt Salome.

"Solch' Antwort vermag ich nur als 'nein' zu deuten, und niemals kehrt
Salome zu mir zurck!"

Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals
zum Frsten und rief ihm zu: "Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um
Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewhrt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur
ungezwungen vermag einen Entschlu ich zu fassen!"

"Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der
Wiederkehr der--Frstin!"

Whrend Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem
Keutschachhofe in einem Zustande grter seelischer Erregung, die sie
auf Leute wie Gassen nicht achten lie. Sie hrte nicht die Rufe der
berraschung von Brgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich
geraubte Mdchen vllig frei zu sehen.

Bis Salome das vterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung
in der Stadt verbreitet, die berraschende Nachricht flog von Mund zu
Mund und eine Flut von Mutmaungen flo nebenbei.

Das Mdchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im
Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betubung wich im Momente, da
Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem
Jubelruf eilte sie in seine Arme. "Vater, lieber Vater!"

"Salome! Du wieder daheim! Groer Gott! Mein Kind, mein Kind!"

Nach der innigen, strmischen Begrung und Freude der Wiederkehr der
verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube
hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen
Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.

ngstlich forschenden Blickes fragte der Vater: "Ist dir kein Leids
geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen?
Sprich, ich werde den unerhrten Raub zu rchen wissen!"

"Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!"

"Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!"

"Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer
schlimmen That!"

"Den Namen nenne! Doch nein, ich wei ihn! Mein Verdacht war rege, eh'
die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Frst selbst gewesen, er
soll mir ben und kostet es mein eigen Leben!"

Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.

"Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten fr den Schnder
unserer Ehre? Ich fa' es nicht! Was ist geschehen, da wirr geworden
meiner Tochter sonst so heller Verstand?"

Die Umarmung auflsend, trat Wilhelm Alt zurck, sein Blick galt
forschend der Tochter, die jh errtete und dann wieder erblate.

"Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rtselhaft dein
Wesen! Ist verraucht dein Mdchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn
verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hr' es, dein Vater, der
ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine
Wahrheit zu hren! Du zgerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein
furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei
meinem Zorn, sprich: Hat der Frst im span'schen Gewand der Gecken dir
gar von Liebe gesprochen? Ihm sh' es gleich! Hast du den fressend
giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich rei' ihn
dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet
bleiben, hrst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in
Ehren sterben, als--ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich sh' dich
lieber tot, denn in jenes Lstlings Armen!"

Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich
Salome zurck, weinend die Hnde vors Gesicht geschlagen.

"Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat
der Fant und sei er zehnmal Frst und Bischof, mit listig falscher
Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe
ihm und dir! Mein Fluch--"

"Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht
erscheinen lassen knnte!"

"Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?
Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wlfen Dieters
Haft und Gewalt?"

"Ja, aber--"

"Ich brauch' dein 'aber' nicht und wei genug! Die Schande ist
eingekehrt in meiner Eltern ehrwrdig hochgehalten Haus! Der nchste
Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rchen werd' ich diese Schmach,
ich will meine Rache haben und mein--"

"Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurckgekehrt,
makellos, und nicht meine Schuld ist's, da der Frst den Schritt
gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!"

"Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und suselt
eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was
hat er sonst gesprochen?"

"Erla mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich
mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei,
zurckzuweisen--"

"Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?"

Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: "Ich konnt'
die Red' ihm nicht verbieten, der Frst warb um meine Hand, er will zur
Gattin mich erwhlen und teilen Thron und Leben...."

Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, hhnend gellenden Tones
rief Wilhelm Alt: "Bravo! Um Clibat und sonstige Vorschriften kmmert
sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfltigen Mdchens
Sinn und Herz! Er schwtzt von Thron und Frstenehren! Haha, das
Thrnchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Frstlein meint! Genug
davon! Mag der Klerus drauen und bei den Bauern im Gebirg es halten,
wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein
zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat
dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich
aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht!
Niemals!"

Grollend verlie Alt die Stube; in Thrnen aufgelst, auer sich blieb
Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem
Mdchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefhl hegt
das Herz fr Wolf Dietrich? Ist es Liebe? "Ich wei es nicht!" flsterte
Salome, "ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf
geschndet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den
ich zu gehen habe!"

Salome ward mhlich ruhiger, doch Klarheit fr ihr Beginnen fand sie
nicht; je mehr sie darber nachdachte, desto verworrener wurden die
Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah
sie sich an des Frsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als
Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wnsche in demtiger Eile Erfllung
fanden, einflureich, den Frsten beglckend, wirkend zum Wohle des
Landes und Volkes,--und pltzlich tauchen schwarze Schatten auf, das
Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hrt
seine Flche, das Herz krampft sich zusammen. Salome sthnte vor
Schmerzen.

Frh dmmerte es an diesem Tage; drauen wirbelte ununterbrochen Schnee
herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt.
Vater Alt hielt sich lnger denn sonst in den Geschftsrumen auf, er
schien Salome meiden zu wollen.

Der Einsamkeit und Stille dankte das Mdchen, Salome scheute sich, Licht
zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten mssen. Was aber
wird der Morgen, was werden die nchsten Tage bringen? Soll ein "nein"
den Wirren ein wohlthtig Ende machen? Und wenn des Frsten Antrag
abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde ben? Wird der
Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die
Brgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in
beschrnkter Art? Wer wird es glauben, da Salome freiwillig des Frsten
Antrag zurckgewiesen? Wird es nicht eher heien, sie habe sich an ihn
gedrngt und sei verdientermaen weggestoen worden?

Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich
der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle
Gemach und rief: "Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?
Bist du hier?"

"Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!"

"Nicht doch, Mdchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der
Dumper (Dmmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren
dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Brgermeister, sagte vor einem
Stndchen erst die groe Kunde, da frei heimgekehrt ist unsere Salome!
Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mut' zu dir! Gott sei
gelobt, da wir dich wieder haben!"

Salome war der Muhme entgegengeschritten, fate die Hand derselben, und
geleitete die Brgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als
Sitzpltze dienten.

"Nun erzhle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!"

Mit einem Seufzer ergab sich das Mdchen in das unvermeidliche Geschick
und schilderte in kurzen Umrissen die Entfhrung in den Keutschachhof.

"Also doch!" sprudelte es Frau Alt heraus.

"Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?"

"I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Frst ist doch so
huldvoll und gndig gewesen, er war ganz Feuer fr dich, hatte nur fr
unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!"

"Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entfhrung eine Ehre, ich finde meinen
Mdchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht
von Schande!"

"Der Schwager ist empfindlichen Gemtes und nimmt alles gar zu scharf!
Gewilich wr' die Entfhrung eine bse Sache, htt' ein Junker oder
sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's,
da unser gndiger Frst erglht fr dich! Das finde ich eine
Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Frst, des Erzstiftes Herr
und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht,
mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst!
Wolf Dietrich wird ber kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein
ritterlicher Frst und Herr ist er heute schon, mchtig, hohen Sinnes!
Mir schwindelt, denk' ich es aus, da wir gar mit dem Papst zu Rom
knnten in Beziehung kommen!"

"Was kmmert mich der Papst!"

"Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser
und Knige sich beugen! O, wenn ich es erleben knnte!"

"Was wollt Ihr erleben?" fragte ernannt das Mdchen.

"Lassen wir das! Sprich und erzhle mir lieber: Was sprach der Frst?
Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte
sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!"

"Er kam am andern Morgen und--o Gott, das ist es ja, was mich so
unglcklich macht und in Zerwrfnis brachte mit dem guten Vater!"

Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs hchste
gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur mglich hin zu Salome und
drang auf eine vllige, genaue Beichte.

Dem Mdchen ward es wohliges Bedrfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme
auszuschtten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome
erzhlte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plnen
und Absichten, den Thron zu teilen, das Brgermdchen zur Frstin zu
erheben.

"O diese Ehre!" stammelte in maloser berraschung die Muhme.

"Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!"

"Das fa' ich nicht!"

"Unschlssig bin ich, nicht mchtig meines Empfindens! Der Vater ist
emprt, der Frst als Erzbischof knne gar nicht heiraten, sei gebunden
an die Kirche und ans Clibat! Der Papst selbst knne da kein Machtwort
sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!"

"Der Papst kann alles und ein Frst sehr viel! Im Erzstift giebt es
genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig
ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht
verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mchtig
genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach
eignem Willen! Frstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht
gesehen! Da ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch
dankbar eingewilligt? O, das soll eine frnehme Hochzeit werden! Traun,
mir wird hei im Kopf, ich die Brgermeisterin verwandt mit Salzburgs
Frstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du
dem Frsten gesagt auf seine Werbung?"

"Ich wei ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der
Frst mich freigegeben, mich heimkehren lie, ins vterliche Haus!"

"Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?"

"Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hren, niemals will er
einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin
ich unglcklich! Doch lieber sag' ich 'nein' und weise des Frsten
Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!"

"Nur keine bereilung, Kind! La' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich
treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar
ins richtige Licht! Auf jedem Fall la du aber dem Frsten wissen, da
du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht,
verbanden?!"

"Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Frsten gut, doch
fhl' ich kein Strmen und Drngen im Herzen!"

"Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Frstin, das ist nach meiner
Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Frstin! Wie stolz das
klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Brgermeisterin werde diese
Angelegenheit durchfhren, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit
meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den strrischen Schwaher!
Ich will verwandt werden mit dem Frsten! Also gehorchst du, ses
Tubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen."

"Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich frchte mich
vor dem gestrengen Vater!"

Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu
reden. ber die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen
beobachtet werden, damit die sptere, pltzliche Verlobung um so strker
auf Salzburgs Frauen wirken knne und msse.

Bald nach dem Weggang der Muhme lie Herr Alt der Tochter sagen, da er
den Abend auswrts verbringen und demgem nicht zu Tisch kommen werde.
Salome fhlte es nur zu deutlich heraus, da der Vater absichtlich das
eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mdchen.

Wenn sich die Brgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und
Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt
des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte
hnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede
wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhltnisse, nannte die
Schwgerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als
mglich die Thre von auen zumachen und niemals wiederkehren mge. Tief
beleidigt, rachedrstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn,
und in den nchsten Stunden wuten Salzburgs Brgerkreise bereits von
der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward
der Brgermeister derart bearbeitet, da er, gegen seinen Willen, der
Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in
eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.

Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im
Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natrlich mit der Entfhrung
in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen uerungen, mehr minder
verhllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und
Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Sptter und
Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht ber den
nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig
zu machen und zu berechnen, wieviel der Frst wohl fr den Handel an den
Krmer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und
sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurck und mied
zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser
Schande hate und zu beseitigen trachtete, bevor der verhngnisvolle
Schritt einer Allianz mit dem Frsten zur That werden knne.

Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf
Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und
spter einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause
einer Gefangenen gleich gehalten und schrfstens berwacht, auf da eine
Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der
Schwgerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang
Weibergeschwtz kalt gelassen hat.

Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem
Frsten Wolf Dietrich und racheglhend bereit, ihren Willen gegen den
des Schwagers durchzusetzen, lie den Erzbischof wissen, da die
Brgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plnen Seiner
Hochfrstlichen Gnaden einverstanden sei, und da der gndige Herr
Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mdchens in ein
auswrtiges Kloster thun mge.

In seiner Leidenschaft fr die schne Salome, deren Besitz der junge,
weltlich gesinnte Kirchenfrst hei begehrte, konnte Wolf Dietrich die
Beihilfe der Muhme nur freudigst begren; die Mitteilungen der
Brgermeisterin erklrten auch zur Genge, weshalb von Salome kein
Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft
eines Wolf Dietrich mute die Information von einer Unschdlichmachung
des geliebten Mdchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu
auffordern und der heibltige Frst ging denn auch sofort daran, Herrn
Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.

Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Frsten bewacht, Bewaffnete
lauerten Tag und Nacht in der Nhe verborgen, und ebenso lag eine
Abteilung der erzbischflichen Miliz auf der Strae nach Teisendorf mit
dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach
dem Frulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins
frstliche Palais zu verbringen sei.

Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes
kaum milingen; es mte denn sein, da das Frulein auf dem Wege nach
Golling ins Gebirge oder ber Berchtesgaden verschleppt werden wrde.
Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch
diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hie es warten, und
heibltige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde
ber das geliebte Mdchen zu erfahren, lie Wolf Dietrich Frau Alt zu
sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Snfte, die vor dem Hause
der Altschen Familie warten mute, zur Verfgung.

Diese Einladung an den Frstlichen Hof brachte die Brgermeisterin
schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine
Geistestrbung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit
kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an,
was sie berhaupt besa, und so berladen mit Tand und Schtzen stieg
sie pfauenstolz in die Snfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der
Gasse durch Hndewinken grend und sich selber vormurmelnd: "Ich komme
zu Hof, ich komme zu Hof!"

Viel Etikettumstnde beim Empfang wurden zur Enttuschung der
Brgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Frst
hatte ausdrcklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu
bringen. Immerhin walteten die Thrsteher und der Kmmerling vom Dienst
getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die
berglckliche Frau nicht sehen.

In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende
Brgermeisterin, mhsam den Lachreiz niederkmpfend, liebenswrdig und
galant, so da Frau Alt wie in einem Himmel zu sein whnte und strahlend
vor Vergngen sich in einen wappengeschmckten Stuhl fallen lie.

Auf einen Wink entfernte sich der Kmmerling, und nun sprach der junge
Frst: "Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, da Ihr mir
neue Kunde geben knnt von Salome! Fr Eure mich erfreuende
Untersttzung meiner Plne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein
frstlich Wort, da es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so
ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des
hartkpfigen Pfefferkrmers?"

Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in
etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Brgermeisterin: "Euer
Frstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und
handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!"

"Mi perdoni! Ich wute das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine
Geringschtzung verben, was undenkbar wre, so ich gerne mit des
Kaufherrn Schwherin und Muhme der schnen Salome spreche!"

Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Frsten ihrer
Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung
auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung ppstlicher Anerkennung.

"Wie das? Was meint Ihr?" fragte einigermaen berrascht Wolf Dietrich
und lie den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher
gesttzt hatte.

"Hochfrstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!"

"O non, o non!" wehrte Wolf Dietrich ab in irrtmlicher Auffassung des
Ausdruckes, "zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr fr
gewhnlich konfiterieret!"

"Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gndiger Herr! Ich mchte nur
demtig vorbringen, da gerne ich Euer Gnaden willfhrig bin und mich
glcklich schtze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was
hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn mcht' ich mir etwas
erbitten, was Euer Frstliche Gnaden nur ein gutes Wort fr Hochdero
unterthnigste Dienerin in Rom kostet!"

"Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?"

"Meine hchste Seligkeit wre ein ppstlicher Segen Seiner Heiligkeit,
aber ganz alleinig fr mich gespendet; es darf niemand anderes daran
teilhaben, blo ich allein!"

Ein spttisches Lcheln huschte ber die Lippen Wolf Dietrichs, dann
sprach der Frst freundlich herablassend: "Sothaner Wunsch ehret Euch
und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfhrige
Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wit Neues Ihr von Salome?"

"Das Mdchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es
ist selbst mir nicht mglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der
Dienerschaft konnte ich erfahren, da in Blde schon der Schwaher
selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in
Klostermauern! Denkt nur, gndiger Herr, ein lieblich Kind, unsere
schne Salome, die schnste Maid wohl von ganz Salzburg und im
stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden fr
Lebenszeit!"

"Das werd' ich zu verhten wissen! Das Frulein will ich fr mich, und
Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!"

"O, habt Dank, gndiger Herr, fr solche Rettung! Wohl bin ich sehr
bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber
in frstlichem Gewande!"

"Auch ich!" hstelte Wolf Dietrich belustigt.

"Ich mchte Euer Hochfrstliche Gnaden bitten, dem blutdrstigen
Rabenvater Mores zu lehren!"

"Das soll prompt geschehen! Ihr knnt darob beruhigt sein! Wann Salome
aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?"

"Es soll nicht lnger mehr whren, vielleicht noch einige Tage, bis
besser wird und trocken der Weg."

"Und wohin?"

"Das wei ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an
Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Krnten
und hinab ins Welschland!"

"Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?"

"Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe
Brgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es grere Undankbarkeit
wohl auf Erden geben!"

"Nein, gewi nicht! Ein 'undankbarer' Mensch, dieser Wilhelm Alt!"
sprach ironisch der Frst und seine Augen lachten vergngt dazu.
auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glck und
nebstbei bin auch ich geehrt,

[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen,
ist aber 1:1 aus dem Original bernommen]

"Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hlt wenn meine Nichte
Frstin ist!"

"Kein Zweifel, eine groe Ehre sothane Liaison!"

Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch bergehen, doch Wolf Dietrichs
Geduld war bereits erschpft, es interessierte ihn nicht im geringsten,
was die Sippen ber ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die lngere
Anwesenheit der alten Schwtzerin ward dem Frsten lstig. Er gab ein
Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Hhe fahrenden Dame
und gab Befehl, die Frau Brgermeisterin hinauszugeleiten.

Verdutzt, in einem Gefhle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu
sein, folgte Frau Alt dem hflichen und doch spttischen Kmmerling, die
Glckseligkeit der Frstenaudienz war zu Ende, so grndlich vorbei, da
Frau Alt unten keine Snfte mehr vorfand und gergert durch das
Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mute.

"Sind doch das launische Leute, diese Frsten!" zischte die vergrmte
Frau und hpfte krtengleich ber die Wasserlachen, bis sie tropfna in
den Fen endlich das Heim erreichte.

Unertrglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das
Mdchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemt und bewirkte
mhlich, da Salome im Drang nach Freiheit nur im Frsten allein den
Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs
beglckend sen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen
wohl vom Hausmdchen, der blondzpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch
war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit
Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber,
von herzlichstem Mitleid erfat, vermochte Klara dem Flehen Salomens
nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flsternd Red' und Antwort auf
die hastigen Fragen und erzhlte, da die Muhme beim Frsten in Audienz
empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein
verbreitet sei.

Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestrmte
sie die Magd um weitere Nachrichten bezglich der etwa bekannt
gewordenen Plne des hartherzigen Vaters.

ngstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Frulein durch eine Geste,
da ein lrmend Wort den Gebieter herbeifhren und Strafe bringen mte.
Das Egeschirr zusammenraffend, flsterte die Magd: "Ein Wagen soll Euch
morgen in frher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe
ich's erfahren!"

"Groer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich
eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen fr dein
ganzes Leben!"

"Still! Ich hre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!"

Geruschlos entfernte sich die Magd.

Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill
um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem
Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das
Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer
Ausstzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewiheit,
die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu mssen. Salome
empfand ein Gefhl der Dankbarkeit fr die Muhme und deren Vermittelung
beim Frsten, das Mdchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch
Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Frsten zeitlebens
inniger, hingebender Dank dargebracht werden.

In trostloser de vergingen qulend langsam die Stunden, bis zum Abend
Klara wieder erschien und vermeldete, da Herr Alt ausgegangen sei,
mutmalich, um fr morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu
bestellen.

Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur
Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den
Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem
strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Frst werde beide zu schtzen
wissen.

Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklrte
Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und
fortschaffen zu knnen.

Salome bedeutete dem Hausmdchen, da es unntig sei, auch nur das
Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach
und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am
Leibe trage.

"Knnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?" fragte Klara.

Salome errtete und flsterte: "Ich nehme nichts mit! Der gndige Frst
wird fr uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!"

Nun war die Magd auch hierber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein
Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich
hindurchwindend konnte man dem Eichenportale nher kommen. Doch dieses
selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und
nach rckwrts giebt es keinen Ausweg.

Peitschenknall ertnte drauen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk
drhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es
lebendig. Schnell huschten die Mdchen hinter die Kisten.

Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend ber die
arg versptete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich
mit dem schlechten Zustand der Strae und drang auf rasche Abladung,
wasmaen seine Roe schwitzen und in den Stall kommen mten.

Bei trbem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die
schwere Last von Frachtgtern aus dem Sden wurde abgeladen. Aus
Unachtsamkeit stie einer der Knechte die Laterne um, das Licht
verlschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.

Whrend die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der
Salome auf dem Fue folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit
geschtzt flohen beide lngs den Husern die Gasse hinauf und
verschwanden um die erste Ecke.




III.


Ein linder Frhling war dem langen, hartnckig um sein Recht kmpfenden
Winter gefolgt, weiche, warme Lste wehten, der Fhn hatte schneller als
sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den
Thlern grnte und spro es aufs neue, die Auen prangten im frischen
Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach
bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, da es tief drinnen im
Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frhling geworden.

Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwnde des
gigantischen Tennengebirges und westwrts von dem Felsgewirr des
Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhgel, auf welchem eine alte Veste
thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen
Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt
von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf da sie dem Frsten
zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfllen.

Die linde Frhlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem
balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lfte Italiens
gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend,
urpltzlich nach Werfen ausgebrochen, und so sa er nun im bequemen
Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrmung immer noch an
frstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Gehei in
einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und lie
zeitweilig den Blick schweifen hinber in das Felsgewirr der wuchtigen
Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grne Salzachthal.
Fr eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden
Bltter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf
Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Trumen ist's
mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefhle errungenen
Glckes, und ein zufriedenes Lcheln zeigte sich auf den Lippen, so der
Frst im winzigen Ziergrtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem
eigentlichen Burggebude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden
Gestalt Salomes ansichtig ward.

Die schne Salome liebkoste manche Bltenknospe, eine herrlich erblhte
Blume selbst unter den Blmelein des Grtchens, und ihre weiche Hand
strich sanft ber eine halberblhte Heckenrose, deren Wurzel lieber im
brchigen Gemuer zu wurzeln schien, denn in der ppigen Gartenerde.
Mitten im tndelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene
Blte schien sie an etwas zu gemahnen; das glckliche Lcheln erstarb,
die Stirn umdsterte sich, das se Wangenrot verblate. Die bebende
Hand brach das Heckenrslein ab, ein Dorn ri ein, und ein Trpflein
rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.

Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und lie ihn aufblicken, der
Frst gewahrte die Vernderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt
rief er, sich ber die Loggienbrstung beugend, hinunter, nach der
Ursache der Verstrtheit fragend.

Jh erglhte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen
wollte, da nichts von Belang sich ereignet habe.

Doch der lebhafte Frst lie sich damit nicht beschwichtigen, er verlie
sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er
bei Salome. "Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer
Rosen pflckt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht
und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!"

"Nicht doch, mein gndiger Herr! Ein Mahnen war es, das pltzlich mich
verschreckte!"

"Ein Mahnen? Was sollt' es sein?"

"Ja, ein Mahnen, gndiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblhten
Rsleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, da ich wohl selbst
nichts anders bin denn diese kaum erblhte, schlichte Blume...."

"Ein s Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!" schmeichelte
der galante Frst.

"Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenrslein nur,
die wilde Rose, wie sie wchst in Rain und Wald, entbehrend der
frdernden Hand--"

"Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schn in ihrer
Schlichtheit!"

"Doch niemals wird sie eine Edelrose!"

Der klagende Ton fiel dem Frsten auf, weich sprach Wolf Dietrich:
"Grme dich nicht darob, es mu auch wilde Rosen geben!"

Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mdchens.

"Was ist dir nur, Geliebte?"

"Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das
Heckenrslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!"

"Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles,
meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist
meines Daseins oberstes Gesetz!"

"Steckt dieses Heckenrslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie,
eine Edelrose wird es niemals werden!"

"Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an
meiner Seite einer Frstin gleich--"

"Doch niemals ebenbrtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine
Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn
ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!"

"Salome! Ich bitte, jag' die trben Gedanken weg! Nur froh und glcklich
will meine Herzensknigin ich wissen, ein zufrieden ses Lcheln als
Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames
Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!"

"Verzeiht mir, gndiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten,
aufheitern Euch und verschnern gern das Leben! Doch erhret, Herr, auch
meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewhrt ist dem rmsten
Paar von Euren Unterthanen!"

Eine Falte zeigte sich in des Frsten Stirne und Unmut auf den zur
Antwort leicht geffneten Lippen.

Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des
schnen Mdchens, kam der Kmmerling heran, der unter einer tiefen
Verbeugung meldete, da der Dechant von Werfen Seiner Hochfrstlichen
Gnaden unterthnigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im
Audienzzimmer harre des gndigen Empfanges.

"Soll warten! Ich komme alsbald!" erwiderte der Frst, und geleitete
Salome in die Burg.

Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias
das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge
Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt
von Pagen und dem Kmmerer sich in das Audienzgemach begab.

Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroe Gestalt mit strengen
Zgen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem
Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfllt vom Gedanken an
priesterliche Wrde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere
Gestalt die Verkrperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit
in allen Dingen zu sein.

Beim Eintritt des Frsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge
die Eisesklte und Starrheit, die Lippen ffneten sich, ohne einen Laut
durchzulassen, grenzenlose berraschung bekundete die vorgebeugte
Haltung des Krpers und die ausgespreizten Finger beider Hnde. Einen
Kirchenfrsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant
noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs
Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer
fassungslos und schluckte, er brachte nur das "salve" heraus, alles
andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.

Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in
Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefhle war,
wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen,
der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Frst hhnend, ja tzend
scharf rief: "Kmmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer hfische Sitte bei
und lehr' Er ihm, da man den gndigsten Landesherrn nicht mit 'salve'
begrt, den Frsten auch nicht angafft!"

Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ltlichen Pfarrer
keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und
hchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete
sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen,
kleinen Frsten. Kalt sprach der Pfarrherr: "Mit gndiger Verlaubnis!
Einer Lektion von Hflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms wei
Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwrdigsten
Erzbischof!"

Wolf Dietrich stutzte unwillkrlich, die Gemessenheit wie Khnheit
dieser Ansprache lie ihn ahnen, da dieser Pfarrer doch anders geartet
sein drfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein
Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das
aufbrausende Temperament des Frsten hierzu treiben wollte. Immerhin
kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung:
"Es wird sich zeigen, was Er wei und wie es bestellt--mit dem
schuldigen Gehorsam!" Zugleich winkte der Frst den Begleitern, sich zu
entfernen.

Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenber; letzterer an
Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.

Wolf Dietrich sttzte die Linke auf den Degenknauf, whrend seine Rechte
das Schnurrbrtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein "Nun?"

"Euer erzbischfliche Gnaden...."

"Man tituliert mich: Hochfrstliche Gnaden!"

"Euer erzbischfliche Gnaden wollen meiner berraschung, ja Verblffung
zu Gute halten, da mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken
blieb in der Kehle! Den hochwrdigsten Erzbischof glaubt' ich im
kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu drfen...."

"Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und
Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?"

"Euer erzbischflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten,
wasmaen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel."

"Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und htte vor Tagen schon
geschehen knnen. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafr an Verstndnis
hfischer Sitte wie an schuldiger Unterwrfigkeit! Merk' Er sich solche
Lehre! Und nun bericht' Er ber Stand und Verhltnis seiner Pfarre!"

"Es ist viel des blen dem hochwrdigsten Oberhirten zu referieren,
wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen
Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten
wurde."

"Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?"

"In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein
gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleiig, einer
davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela.
Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleiig von der Me', hat ein frumb
Vlkel, braucht katholische Bcher, auch in der Fasten Nachmittag, hat
so lang er Priester ist, keine Kchin, haust mit seiner Schwester. Auch
einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im
Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der
Kurat von Skt. Jodok in der Einde ist renitent, reif zum davonjagen cum
infamia, conjugatus est...."

"Wer ist das?"

"Der Kurat von Skt. Jodok in der Einde, an die 70 Jahre alt und
verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande fr meinen
Sprengel! Ich aber leid' es lnger nicht und mt' ich nochmal Gewalt
gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lsterliches Weib,
hinausgeprgelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die
unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr
Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem
Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schnden unsern Stand!
Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Clibat und sonstige
Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache
der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die
scientivische Unfhigkeit der Gsellpriester und Eindkuraten! Die
Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben
knnen die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den
schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kmmerlich
lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel
soll sich ergieen ber solche Snder! O, helft mit beim Rettungswerke,
zur Purifikation der verderbten Sittenzustnde im Erzstift, die zum
Himmel schreien!"

Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn ntigte
innezuhalten und Atem zu schpfen.

Khl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika
des Asketen: "Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet!
Den Mann will ich sprechen!"

"So wollt Ihr, gndiger, hochwrdigster Herr und Erzbischof, statuieren
ein Exemplum?!"

"Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nchsten Freitag,
das ist also bermorgen Vormittag zehn Uhr!"

"Das Paar?" fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.

"Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine
Meinung fassen ber Mann und Weib!"

"Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines
Sprengels?"

"Das wird sich alles finden! Erst mu geprfet werden! Davongejagt sind
sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an
wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch fr diese
Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten,
nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade
Euch hiezu als Gast!"

"Euer erzbischflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen
und Gehei mich rechtzeitig einfinden!"

Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handku und gehorsam
unterthnig drckte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand
des Frsterzbischofes.

Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das
Burggrtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich
in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flsterte: "Conjugatus
est!"

Der berraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die frstliche
Hoftafel bringen, die gem dem eigenhndig entworfenen Ceremoniell Wolf
Dietrichs nach hfischer und frmlicher Weise auch in der einsamen Burg
Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kmmerer waren mit, ebenso einige
der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge
zur Betreuung von Kche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der
hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk
und Chef der frstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das
Zeichen der Ankunft des Frsten gegeben wurde.

Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kmmerer vom Dienst und der
Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich,
der am Arm die schne Salome fhrte und durch das Spalier der sich tief
verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.

Whrend Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham
ber ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Frsten errtete,
fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor berraschung und
Schrecken ber den unerwarteten Anblick die Augen aus den Hhlen quollen
und der Mund weit offen stand.

Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genhert
und hfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so da der
Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der
rettende Gedanke durch den Kopf scho, da die Dame mglicherweise doch
die Schwester des Erzbischofes sei.

Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne
abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bichen Qulen Spa, er
geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach
den verblfften Pfarrer an: "Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade
gewhret, zu huldigen der--Frstin!"

"I--ich--!" schluckte der Pfarrer und wrgte, ohne den beabsichtigten
Satz: "Ich glaub's gleich?!" herauszubringen.

Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: "Ihre Hochfrstliche Gnaden Frstin
Salome, meines Lebens Sonne und Glck!"

Salome drckte den Arm des Frsten und flsterte flehentliche Worte,
doch dieser Qual und beschmenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.

Der Pfarrer aber stotterte: "Frstin? Ergo conjugatus est
archiepiscopus?"

Wolf Dietrich nickte vergngt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck
des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblffung.

Doch pltzlich vernderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die
Herrschaft ber sein Denken und Fhlen wiedergewonnen und damit die
Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger
berzeugung, durchglht von fanatischem Feuer, rief er: "Haltet ein,
Herr, Frst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fu, ehe ich ihn
setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des groen
Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum,
nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies groe Wort gilt heilig fr
alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch
zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Snde wider der Kirche heiliges
Gebot? Knnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Snde Bund?
Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Hchste ber uns nach
des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden,
gelutert, befreit von der Snde Banden, wenn solches Beispiel von der
hchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Snde allum,
vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner
Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet
mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist
mit mir, Euch aber droht Verdammnis und----"

Kmmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
geffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.

"Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!" rief gellend der fanatische
Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg
fhrten.

Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des
rztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa
konnte dem Frsten gemeldet werden, da der Anfall vorber und keine
Gefahr vorhanden sei, doch bedrfe die Gndige der Ruhe und Schonung.

Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen
Regierungsgeschften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler
ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener
Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedchtnis und damit der
Zorn ber die unerhrte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den
Krper erbeben machte und nach Rache lechzte.

Doch ward eben vom Kmmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich
hie barsch, jedermann abzuweisen.

"Es ist Domkapitular Graf Lamberg!" wagte der Kmmerer schchtern
einzuwenden.

"Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Fhr'
ihn sogleich zu mir!" Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten ber die
Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch
gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die
aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der
Thr und erwies dem Frsten tiefste Reverenz.

"Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!" rief Wolf Dietrich und
schritt dem Kapitular entgegen.

"Euer Hochfrstliche Gnaden wollen die Strung permittieren, ich komme
in dringlicher Angelegenheit!"

"Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefget, da Lamberg
kommt mir sehr gelegen!"

Nach herzlicher Begrung, die auf vertraute Freundschaft schlieen
lie, wenngleich der Kapitular die hfisch zeremoniellen Formen,
besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im
Erker Platz, wohin der Frst Erfrischungen fr seinen Gast schaffen
lie.

Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: "Lamberg, du kommst wie
gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht
schreite ber einen Vermessenen!"

Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig
flackernden Auge des frstlichen Freundes zu lesen.

Rasch erzhlte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich
umdsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwler
Gewitternacht.

"Ein Affront, den ich zu rchen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu
gut fr den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!"

Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Fr einen Augenblick
herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der
Kapitular seine Hand auf die Rechte des Frsten, wie wenn er damit
beruhigen wollte, und erwiderte: "Hochfrstliche Gnaden wollen in dem
tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des
Frsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des
hochwrdigsten Erzbischofs!"

"Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem
Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu
weisen?!"

"Mit nichten, Hochfrstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches
Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die
Mglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, da
in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen hchsten
Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Snde
erblickt im Wandel seines Bischofs."

"Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?" rief vorwurfsvoll
der Frst.

"Mit nichten ist es meine Absicht, des gndigsten Frsten Thun und
Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger
Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto grerem Freimut. Der
Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war
nicht an den Frsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser
Rechtslage drfte der Fall zu erledigen sein."

"So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen
lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!"

"Ich kenne meinen gndigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten
frhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer
Hochfrstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam
juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach
Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann
vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer,
kann in Ekstase eine Clibatsverletzung fr ein Verbrechen halten,
dessen Gre den Verstand verwirrt. Getrbten Sinnes, doch ehrlichen
Herzens dabei, lt sich der Fanatiker hinreien, am hchsten
Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er fr die gleiche Snde,
fr Verbrechen wider die Kirche hlt!"

"Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in
meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!"

"Gndigster Herr! bet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge wei nichts
von hfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefhl und Takt. Der Mann
meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde
Weiblichkeit. Den Frsten kann er nicht beleidigen...."

"Und den Erzbischof?"

"Auch den nicht! Will der gndigste Herr aber strafen den Vermessenen,
so mge eine Erwgung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit
einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfrsten!"

"So mibilligt ein Lamberg meine Wahl....?"

"Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mibilligen. Ich bitte nur,
jener Erwgung eine kleine Beachtung zu gnnen, sie wird wohlthtig
wirken beim Ausma der Strafe!"

Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte
durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: "Ja, so spricht
ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu
lassen, fllt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken,
wasmaen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert."

"So ist es unerschtterlicher Wille?"

"Ja! Und--Dir will ich's anvertrauen--erst heute wieder bat meines
Herzens Knigin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!"

"Nunquam!"

"Wie?"

"Niemals! Ich bitte Euer Hochfrstliche Gnaden, diesen Schritt niemals
zu thun!"

"Perch?"

"Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?"

"Ich bitte dich darum, mein Freund!"

"Lebt mit Salome, gndiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures
Hofes, erhebt sie zur Frstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an
eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!"

Stolz erwiderte Wolf Dietrich: "Ich bin der Frst und Herr des Landes!
Weit und mchtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem
Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Gro ist die exceptio,
ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt!
Bin ich aber nicht ein Frst, dem man eine Ausnahme und sei es die
grte, kann gestatten?"

"Ein Frst zum Glck und Wohl des Landes, ein Frst, um den Salzburg
man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an:
Verzichtet auf das ehlich Band!"

"Du kennst sie nicht, die se, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz
ihr demtig Bitten um Legitimitt des Bundes! Der letzte Kurat in
weltverschlagener Eind' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund
gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der
Papst--sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen
verstattet ist--?"

"Verstattet ist es Keinem, und Rom mibilligt jede Priesterehe! Wren
nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der
Priesterstand unserer Tage, es gbe keine Clibatsverletzung, wie sie
beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom,
unerrtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung
kirchlicher und ppstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals
gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen!
Aufgabe der Kirchenfrsten unserer Zeit ist Purifikation des
Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gndigster Herr,
obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lsen, wenn eine Ehe wider
ppstliches Gebot Euch die Hnde bindet, Euch notgedrungen in den
Verdacht des Luthertumes bringet?!"

"Bist du nicht ppstlicher denn der Papst, Lamberg?"

"Nein, gndiger Herr und Frst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die
Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der
unvergleichlichen Schnheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich
eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Hret nicht auf Weiberbitten,
achtet nicht der Thrnen! Der Kirchenfrst hat hhere Pflichten! Denkt
an Bayern, Kaiser und Papst!"

Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des
vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn
der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: "Was kmmert
mich der Bayer, was der Kaiser!"

"Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und
ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An
Friktionen, mein' ich unterthnigst, wird es niemals fehlen! Und ber
des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Frst nicht schreiten
knnen!"

"Du wirst khn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!"

"Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gndiger Frst und Herr! Ich sprach
als Freund, der zu sein mich hoch beglckt, und Freundespflicht ist es,
zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!"

"Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber
sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rhrend ser Weise?"

"Vertrstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die
Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!"

"Du kennst Salome nicht und ihr ses Bitten!"

"Wie km' der Unterthan zu solchem Glcke!"

"Ja, ein irdisch Glck ist mir geworden, ein traumhaft Glck! Und
manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst
ben fr die Wonne des profanen Lebens!"

"Noch lebt mein gndiger Herr im Glck und in der Blte! Sorgen genug
wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit!--Doch wenn Hochfrstliche
Gnaden verstatten, mcht' ich erwhnen der Angelegenheit, die mich
veranlat hat, so schnell es ging, zum gndigen Frsten zu eilen!"

"Was soll es sein?"

"Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei frstlicher Hofkammer, bat mich,
die Meldung fr ihn, den Vielbeschftigten, zu bernehmen, da Salzburgs
Brgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!"

"Sollen dankbar sein, da ich den Saufteufel ihnen fasse!"

"Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des
Adels wie des hheren Klerus und der Klster sich nicht durchfhren
lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu
helfen."

"Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgefhrt
sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer
zahlen soll, schreit immer!--Doch genug von solchen Dingen. Behagt es
dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum
Abendbrot sehen wir uns wieder." Launig fgte Wolf Dietrich bei: "Graf
Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem
Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner--Frstin?"

"Euer Hochfrstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank fr sothane
Einladung und werd' mich glcklich preisen, der gndigen Gebieterin die
Honneur bezeigen zu drfen!"

"Das klingt frwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir,
Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft
verstndigen!"

Nach krftigem Handschlag verlie Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald
holte der Kmmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen
Burg anzuweisen.

Pnktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte
Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einde. Ein Greisenpaar,
die dnnen Kopfhaare wei, mde, abgehrmte Gestalten, gebrechlich,
hinfllig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer
Kutte hnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe vllig verloren hatte
und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch
der Kopf des Eindgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weiem
Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlchern hingen
Haarbscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters
Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einder dem
Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom
hochwrdigsten Erzbischof.

Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen
Geistlichen gemahnende Gestalt. "Ich wei, da der Jodoker Kurat zur
Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?"

Vor Mdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge
herab, bat der alte Mann, sich setzen zu drfen.

"Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird
unten im Dorf gereicht!" rief grob der Vogt.

"Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist
mein braves Weib, das der gndige Herr gleich mir zu sehen wnscht!"

"Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und
hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich
mache Euch Beine!"

Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand
gekleidet, das Blondhaar offen tragend ber die Schultern gleich einem
Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung
gehrt, und Mitleid erfate sie beim Anblick des gebrechlichen Paares,
insonders fhlte Salome Erbarmen fr die Greisin, die den ngstlichen
Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die kncherige Hand auf
das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: "Vogt!
Sind die Leute von Skt. Jodok, so fhrt sie herein in die Erkerstube;
der gndige Herr hat Mann und Weib befohlen!"

Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, hflich verbeugte er sich und
erwiderte unterwrfig: "Der Mann sagt wohl, er wr der Jodoker Kurat,
sein Aussehen straft seine Rede Lgen! Mich will bednken, in dem Verzug
darf niemand vor dem gndigen Herrn erscheinen!"

Salome war nher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild
die Frage: "Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?"

Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: "I freilich,
schnes Frulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der
Eind', der Welt vllig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr
Erzbischof von uns will?"

"Das wird der gndige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und
vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch
erquicken!"

"I, ist das schne Frulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch
lohnen dereinst an Euren Kindern!"

"Pst, pst!" mahnte der Kurat.

"I, freilich! Solche Schnheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid
Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so
schnes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang!
Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Eind'
und um meinen Brummbren besorgt, der ist aber die gute Stund' selber
und mit dem Beien hatt' es nie Gefahr!"

Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte
Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;
Salome go die Becher voll und hie die Leutchen trinken.

Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und
murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: "Gott vergelt'
Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Mden und
Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr'
und Preis und auf Eure Gesundheit, Glck und Wohlergehen hienieden!"

"Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!" lispelte die Greisin und
nippte dann vom goldigklaren Wein.

"Dank' Euch fr die frumben Wnsche! In der Eind' habt Frmmigkeit Ihr
nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!" sprach Salome,
der es ein wohlig Bedrfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk
zu sprechen. Zufllig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster
in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des
Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlat Salome,
dem Greisenpaar zu sagen, da der Empfang nun wohl in wenigen
Augenblicken werde stattfinden, es mge sich das Paar daher fertig
machen.

"O," meinte die Greisin, "fertig sind wir allzeit, da giebt's kein
Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist
Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein
gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O,
das ist ein bser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!"

"Nun, das ist unser gndiger Herr gerade nicht!" lchelte Salome.

Ein Edelknabe ri die Thre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite,
um den Frsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter
einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das
Paar wahr und verwundert sprach der Frst: "Ei, Salome und in
Gesellschaft?"

"Verzeiht mir, gndiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, mde vom
beschwerlichen Marsch wollt' rasch strken ich mit einem Labetrunk, eh'
vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese
Stube wir geraten!"

"Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfhlig zartes Herz! Nun gut, so
wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!"

Graf Lamberg wollte sich zurckziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich
bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der
sogleich verschwand.

Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Frst an den
ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: "Wie lang seid Ihr
schon Priester?"

"Hochwrdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jngling mit
zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd'
ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Eind'. Auf der
Jhrlein eines oder zwei wei ich's genau nicht mehr."

"Vierzig Jahre in der Eind'!" sprach mit besonderer Betonung Wolf
Dietrich und nickte Salome zu.

Voreilig meinte die Greisin: "In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen
die Jhrlein wie der Bergbach geschwind!"

Abwehrend dem Redeflu sprach der Kurat: "Verzeihet, Hochwrdigste
Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt',
nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!"

"Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; wei der Kurat nichts von
Clibat und ppstlicher Verordnung?"

Der alte Leutpriester lie das Haupt sinken und stand demtig,
zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, da
damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgnger des jetzigen
Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Ansto
genommen habe an der Priesterehe.

"Beklagenswerte Zustnde im Landklerus!" sprach Kapitular Graf Lamberg.

Zitternd blickte der Kurat zum Frsten auf, in dem das Mitgefhl sich
regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhltnis zu Salome
bewegen mochte.

Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geffnet, wagte Salome zu sagen:
"Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und ppstlichem
Gebot! Getraut das Paar, glcklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen
in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoen von der Menschheit
hoch droben in der Einde, und doch ein glcklich Weib, getraut von
Priesters Hand!" Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein
plapperte eilig: "I freilich, schne Frau! Zufrieden und glcklich
lebten wir in fleiiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle
Zeit, da er uns hat zusammengegeben! Glcklich waren wir, bis der
schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Htte! O Gott! Was
hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein rudiger Hund,
ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch
und Verdammnis fr mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen
und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nchstenliebe geben soll! Ein
harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder
heimgeschlichen, wohin ich gehre als treues Eheweib, zum Gatten, der
jeglicher Pflege bedarf,--kein Stndlein bin ich sicher und sie jagen
mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schne Frau, mu ein Eheweib
nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott
gegeben vor dem heiligen Altar?"

Wolf Dietrich nahm das Wort: "Das ppstliche Gebot bestand, es ist ein
Konzilsbeschlu, und fr den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen
ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehrt
zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht
und Ordnung, das Erzstift mu purifizieret werden!"

Angstvoll rief Salome: "Gndiger Herr!"

Der Frst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte:
"Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben
greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich
gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles berwindet!
Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten
Frsprecherin, die ihr gefunden in Salome!"

Graf Lamberg wollte mahnen: "Exempla trahunt!"

Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: "Das mag im allgemeinen gelten,
und ich verschliee mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will
mich bednken: In jener unwirtlich schaurigen Eind' wird die Gefahr der
Verfhrung junger Kleriker nicht werden bergro. Bleibt der Alte in
seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem
ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim
mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll
lassen Euch in Ruhe!"

Glckstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Hnden und dankte in
innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Ku der Ehrfurcht auf
die Rechte des Erzbischofs drckte und seinen Dank stammelte.

Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lchelnd: "Hab' ich's nach
Wunsch gethan? Nun aber sorg' fr Atzung, schick' das Paar zum
Kchenmeister!"

"O, heien Dank, gndiger Herr und Gebieter!" lispelte erglhend Salome
und verlie, gefolgt von den alten, glckseligen Leuten die Erkerstube.

Der Frst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine
Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu
leisten. "Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von
Salzburgs Stift und Dom?"

"So der gndige Frst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu
sagen, zu schweigen und zu gehorchen!"

"Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Sttze, die ich habe im
Kapitel! Allzeit ergeben, gefgig stets dem Willen des Frsten! Dennoch
mcht' deine Meinung hren ich ad hoc! Da nach Salomens Sinn ich hab'
gehandelt, de' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglckt von
meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt
mein Freund?"

"Ich frchte, gndiger Herr, es ist Zwietracht geset in diesem Falle!"

"Nicht Unglck krchzen, Lamberg! Du weit, ich hr' derlei nicht gern.
Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?"

"Kaum htt' ich anders mich erklret; zu rhrend ist der Bund, die Lieb'
und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht lnger
dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht lnger
so, und eingreifen mu des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll
Ordnung werden im Erzstift!"

"Ich fhl' es selber und kann nicht lnger mich verschlieen solcher
Einsicht!"

"Je frher, gndiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfrstliche Gnaden
ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch
gegen...."

"Du meinst Salome!" sprach hastig Wolf Dietrich. "Du bist klug und weit
reicht dein Blick voraus! Meine se, liebe Salome! Im Widerstreit
stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, da Salomens kluger
Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar
verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden!
Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit
einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimitt des Bundes!"

"Nur das nicht, gndiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag
paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gndigen
Frsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!"

Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und berlie
sich vllig tiefem Sinnen.

Still sa ihm gegenber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der
schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des
genial veranlagten Frsten, und doch wieder bangend vor dem Einflu der
schnen Salome.




IV.


In der Bischofstadt grte es im milden Lenz rger, denn in den Tagen, da
der junge Frst ein Reformationsedikt erlassen, welches die
bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im
Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese
steuerkrftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu
begnstigen, denn zu schdigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen
finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stie sich am Ton
dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die
Frstengewalt und auerdem brauchte er Geld. Vielleicht wre der Frst
den Mahnungen zugnglicher gewesen, wenn nicht der bischfliche Fiskal
bald nach der Erwhlung Wolf Dietrichs in den Bchern die Entdeckung
gemacht htte, da die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen
berstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Frsten nur
veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu
beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten
die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften
Verbrauch und die Klagen des Brgermeisters ber den "Saufteufel". Es
konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, da die Unterthanen
nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die
Steuer aber zur Einfhrung gebracht wurde, das bekundete ein
hervorragendes Verstndnis fr finanzielle Ertrgnisse, denn das Mandat
fate die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur
Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen
wren. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst
gebaut[5] oder von auswrts eingefhrt waren, wurden steuerpflichtig
erklrt; von allem ausgeschenkten Wein mute der zehnte Teil, von dem im
eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung
jeden Monat, bei Grokonsumenten oder Hndlern jedes Quartal an die
Hofkammer abgeliefert werden.

Diese Verfgung wurmte die Salzburger, die Ankndigung aber, da die
Weinsteuer "fr ewige Zeiten" Geltung haben solle, brachte das Blut auch
der Sanftmtigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur
Brger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel
treffen, und das machte die Landschaft rebellisch.

Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den
Domkapitular Grafen Lamberg dem Frsten melden lie.

Zugleich aber war eine Erhhung der Mauten und Zlle fr Kaufmannswaren
verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute
der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hnde
gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen.

So mute es denn kommen, da Brger- und Kaufmannschaft, Adel und
Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den
Beschwerdeweg beschritten.

Dr. Lueger wute sich gegen dieses Anstrmen nicht anders zu helfen als
durch Berichterstattung an den Frsten, und seine Meldung veranlate
Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu
verlegen, wohin auch kurze Zeit spter Salome wieder bersiedelte.

Zunchst hrte der Frst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und
Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezglich der zu
treffenden Manahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch
berief Wolf Dietrich den treubewhrten klugen Freund Lamberg zu
gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die
Aktenstcke verbracht wurden, ber welchen nun Wolf Dietrich
stundenlang sa und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch
einige Erholung zu gnnen.

Liebreich doch bestimmt wies der Frst auf die Notwendigkeit eines
raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr
losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemcher zurckzog.

Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich
vorgelassen.

Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in
Hnden und rief dem Freunde zu: "Komm nur schnell heran, setze dich zu
mir an den Sorgentisch, hre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe
ich die Beschwernis des Stadtrates ber Verletzung alter Freiheiten! Sie
wollen die neuen Mauten und Zlle nicht zahlen und beklagen sich in
einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn
aufzglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!"

Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: "Auf welche
Privilegien beruft man sich?"

"Die Freiheiten gehen um einige Skula zurck!"

"Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, da sothane Privilegia unter den
frheren durchlauchtigsten Frsten ihre Kraft und Wirksamkeit lngst
eingebt haben."

"Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im
Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von
den Errungenschaften aus frheren Zeiten, so sie die jeweiligen Frsten
gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen
eine Erneuerung alter, lngst erloschener Rechte!"

Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung.

"Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig knnen die Kaufleute Salzburgs
nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil wrde die klugen Krmer
sicherlich veranlat haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist
der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist
perpetuell,--so mu es vollkommen berechtigt erscheinen, die
Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen."

"Euer Hochfrstliche Gnaden argumentieren vllig richtig!"

Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: "So
werd' ich den Querulanten zu wissen thun, da es verbleibt beim Mandat
der Mauten und Zlle!"

Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Frsten, als er
eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaten zu fragen: "Du
hast Bedenken? Sprich, Lamberg!"

"Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu uern, zumal bemeldte
Angelegenheiten sich vllig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise."

"Keine Ausflchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil!
Sag' deine Meinung mir als treubewhrter Freund!"

Zgernd begann der Kapitular zu sprechen: "Die Zeit ist schlimm, die
Erregung gro in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender
Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es grt allenthalben, und
weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Sttze fr den gndigen
Frsten...."

"Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!"

"Gewi, Euer Hochfrstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Frst!
Doch aller Sttzen kann fglich nur der Allmchtige ber alle entraten!
Was ist ein Thron, wenn Brger, Adel und Geistlichkeit ihn strzen
wollen und zum Wanken bringen?!"

"So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die
Rebellen in den Sand!"

"Verzeiht mir, gndiger Frst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom
Thema, das zu errtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als
treuergebener Unterthan raten, so mchte ich submissest bitten, in
bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen."

"Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwrdige verschwendet,
ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir
brauchen Geld!"

"Trotzdem mcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenber! Ein
partieller Nachla der geplanten Steuer wrde als Wohlwollen dankbarst
empfunden werden, und sothanes Wohlwollen knnte zum Beispiel immer noch
gut ein Dritteil Zollertrgnis in die Hofkammer liefern."

"Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der
Rat an sich will gut mich bednken, doch zu gro scheint mir sothanes
Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begngung mit dem Dritteil
nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!"

"Hochfrstliche Gnaden werden hinfro solches Wohlwollen in mehrfacher
Hinsicht von Segen begleitet finden."

"Wie meinst du das, Freund Lamberg?"

"Ein Nachgeben just jetzt dmpft die Erregung, macht den Stndeausschu
gefgig fr die Weinsteuer, und die Ermigung der Zoll- und
Mautgebhren knnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages
durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und
unmageblichst, da beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhlt
vor--Auswanderung!"

Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im
Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und
gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer berlegung sprach der Frst: "Niemals
ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu
zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!"

"Ein Edikt kann desgleichen verhten! Ermigung der Mauten und
Zollgebhren wre eine Gnade, deren Mibrauch mit Aufhebung der
Begnstigung geahndet werden kann. Ebenso wre Erla einer Instruktion
zur Durchfhrung der Weinsteuer empfehlenswert."

"Erst mu ich ja das Votum der Landschaft haben!" warf Wolf Dietrich
ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: "Traurig genug, da der
regierende Frst das Volk um Zustimmung angehen mu! Ging' es nach
meinem Kopf, ich schickte die Stnde heim fr immer!"

"Das knnen Hochfrstliche Gnaden bei nchster Gelegenheit thun im Wege
einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber knnte ich ob der Folgen zu
einer Auflsung raten!"

"Ein kluger Rat frwahr! Entlassung fr immer! Auf die Wiederberufung
knnen sie warten bis--in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!"

berrascht fragte Lamberg: "Hochfrstliche Gnaden beabsichtigen grere
Bauten?"

"Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich
spter finden! Mu ja fr Salome ein ihrer Schnheit wrdiges Heim
schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch
noch einzufordern--!"

"Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?" fragte
Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau
kannte.

"Sprich, Freund!"

"Submissest wrde ich bitten, jetzt und auch fr das nchste Jahr in
Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei
bemerkt, auch fr den hochseligen Erzbischof und Frsten Georg von
Kenburg noch nicht bezahlt ist...."

"Nun also! Die Grundholden machen Schulden ber Schulden, und der Frst
mu darben!--Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf
berechtigten Weihsteuer?"

"Gndigster Frst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glck
Eurer Erwhlung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses
allseitig tiefempfundene Glck getrbt durch Miwachs, die Unterthanen,
an sich nicht reich, sind andurch schwer geschdigt und kaum im stande,
neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer
mte vielen, groen Schwierigkeiten begegnen, mte den neuen Herrn und
Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenber
erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn mchte ich geliebt wissen
allenthalben!"

Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte fr
das ehrlich offene Wort. "Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen!
Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich
begren zu knnen!"

Ausweichend erwiderte Lamberg: "Wenn Hochfrstliche Gnaden verstatten,
mchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen,
um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!"

"Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergngt zusammen speisen und
haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung.
Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg
meiner Salome Gesellschaft leisten!" Dies sprechend gab der Frst ein
Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kmmerer, den Domkapitular der
Frstin anzumelden und dorthin zu geleiten. "Auf Wiedersehen, Graf, bei
Tisch!"

Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verlie Lamberg das
frstliche Arbeitsgemach und folgte den Kmmerer in die Apartements der
Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmckten Zimmern
als auch an den Korridorwnden viele neue Gemlde erblickte, die Wolf
Dietrich wohl erst vor kurzem mute angeschafft haben und welche
vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten
aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Frsten alle Ehre
machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete
dem Bild eine flchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom
Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen
Originals zu sein schien.

Dienstbereit glaubte der Kmmerer sagen zu sollen, da dieses Bild erst
vor wenigen Tagen aus Rom fr den gndigen Frsten angekommen sei.

Lamberg erwiderte khl: "Ich kenne das Original zu Rom!"

"Das wre etwas fr die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines
Erzbischofes drfen nur Heiligenbilder sein!" meinte der Kmmerling.

"Es wird ausschlielich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen
Frsten sein, den Palast nach Gutdnken auszuschmcken!" sprach
abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuris
ausgeschmckten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der
Kmmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab.

Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Husern verkehrt
hatte, wunderte sich ber die kostbare Ausstattung der frstlichen
Gemcher keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer
Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in
Zusammenhang mit der eben gehrten Klage des Frsten ber den
herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der
Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn
auch in dieser Richtung und fhrten zu Bedenken schwerer Art fr die
Zukunft. So kurze Zeit der Frst regiert, er ist bereits auf
gefhrlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird
sicher noch zu den rgerlichsten Folgen fhren. Da Rom daran noch
keinen Ansto genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne
Zeit seit Entrierung dieses Verhltnisses sowie aus dem Umstand zu
erklren, da der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen
guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darber ist sich
Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Mglichkeit wenigstens eine
wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des
Freundes.

In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und
schreckte fast zusammen, als der Kmmerling meldete, da die Gebieterin
bereit sei, den Grafen zu empfangen.

Lamberg zwang sich zu hfischen Formen und scheuchte die ernsten
Gedanken hinweg. Ganz Hfling und mit lchelnder Miene trat er in das
mit frstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome
auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschftigt
sa. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres
blonden Haares wahrhaft entzckend aus, und Lamberg mute den Frsten in
diesem Augenblick wirklich entschuldigen.

Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick
gemustert, dann aber sprach sie lchelnd: "Willkommen, Graf, in meinem
Reich!" und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz
zu nehmen.

Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und
erwiderte: "Seine Hochfrstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen
und mir aufgetragen, vorher in diesen Rumen meine submisseste
Aufwartung zu machen!"

Salome hatte augenblicklich die Situation erfat und schnell sprach sie:
"So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl
des gndigen Frsten?!"

"Gewi!" klang es trocken, doch fgte der Kapitular sogleich hinzu: "Wie
sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges
ohne Befehl gelangen!"

"Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewrtig
sein!"

Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: "Ich kann nur heien Dank
fr die wohlwollende Gesinnung zu Fen legen der ebenso schnen als
guten gndigen Frau!"

"Frau?! Ihr wit so gut wie ich, da keinen Anspruch ich geniee auf
dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter
sothanem Mangel der Legitimitt!"

"Gndige Gebieterin leiden zu wissen, berhrt schmerzlich Dero
unterthnigsten Diener!"

"Wenn Ihr heget Mitgefhl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes
Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!"

"Ihr berschtzet wohl im heien Drange meine schwache Kraft, gndige
Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermgen des hohen Herrn Plne zu
beeinflussen?!"

"Graf Lamberg ist des Frsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur
will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfhlender Freund?"

Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome,
senkte dann wieder die Lider und sprach leise: "Was knnt' meine
Freundschaft Euch auch ntzen?!"

"Mein Ohr vernimmt das 'Nein', so warm auch klingt der Ton der leise
abwehrenden Rede!"

"Nicht doch, gndige Gebieterin!"

Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: "Ihr wollet nicht, ich
ahnt' es lngst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des
legitimen Bundes!"

Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das
Spiel mit Ausflchten auf, trocken erwiderte er: "Streng und scharf
umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Sprch' ich im Amte, mibilligen
mt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmglich ist
jedoch die Legitimitt, die Strafe Roms wird folgen rasch solch
verhngnisvollem Schritt!"

Hhnisch klangen der Favoritin Worte: "Die Strafe Roms! Wie straft Rom
wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?"

Erstaunt, vllig berrascht rief Lamberg: "Ihr wit davon?!"

"Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Ansto an der Ehe des
verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes
Robert und der Tochter Altha den Gesetzen, die auch fr einen Kardinal
gelten mssen?"

"Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und
Rom ist nicht Salzburg!"

"Ausflchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann
beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das
pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?"

"Das wit Ihr auch?" stammelte in maloser berraschung ber solche
intime Kenntnis rmischer Verhltnisse Graf Lamberg.

"Nimmt Euch das Wunder?"

"Wenn ich denke an das Unmgliche: ja!"

"Was soll unmglich sein?"

"Unmglich ist, da der gndige Frst solche Informationen selbst
gegeben!"

"Meint Ihr?! Schlimm wre es, she der Frst in mir nicht auch die
vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat
eingelst der Frst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir!--Ihr
mget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen
Ratschlag, eine Instanz steht dennoch ber Eurer Plne feingesponnenes
Gewebe...."

"So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wut' ich
wahrlich nicht!"

"Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergnzen ich: Seid Ihr
frder nicht fr mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr
nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu
wehren wissen!"

"Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gndigen Herrn
und habe dessen hchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu frdern
bis zu meinem dereinstigen Ende!"

"Fr des Frsten Wohl lat mich nur sorgen! Und seines Thrones
Sicherheit wei Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schtzen!"

Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spttisch sagte er: "In diesen
Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe
schaffen!"

Ein diskretes Klopfen an der Thre veranlate die sofortige
Unterbrechung des Gesprches, die auf Gehei Salomes eintretende
Kammerfrau meldete das Nahen des Frsten und zog sich dann diskret
zurck.

Leise sprach Salome: "Wie will Graf Lamberg es nun halten?" und erhob
sich von dem Sitze.

Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: "Die gndige Gebieterin wolle
verfgen ber mich!"

"Gut denn, kommt des fteren als Freund!"

Der Eintritt Wolf Dietrichs berhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte
noch ein Weilchen, dann reichte der Frst Salome den Arm und geleitete
die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in
welchem Hflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits
harrten.




V.


Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlrfenden Schrittes,
ngstlich besorgt, jeglichen Lrm zu vermeiden, in das Gemach, in
welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den
faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten,
da der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei.

Das vergrmte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich fr einen Augenblick,
doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher
infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter krnkelte, dem
Faktor zurief: "La ihn herein und hindere jegliche Strung!"

In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen,
ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte ber Alts Gestalt,
um rasch wieder zu verschwinden.

Leise trat Peter Puchner ein und drckte die Thr sanft ins Schlo.

"Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ngstlich! So schlimm steht es noch
nicht um mich, da ein kleines Gerusch mich schon von dannen bringen
mag! Willkommen, Puchner!"

"Gott zum Gru, Freund Alt!"

"Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf,
zu schwach sind geworden die Fe! Der Alt ist alt geworden ba, ich
kann's nicht lnger leugnen!"

Puchner sa an der Bettlade und wehrte ab: "Sag' doch dergleichen nicht!
Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem
Sturm!"

"Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die
Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart
oder hast ein Geschft im Aug'?"

"Nicht von Geschft soll die Rede sein, wasmaen ja alles darnieder
liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch
noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und
fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist
nimmer allzufrh, da der Freund kommt fragen!"

"Hab' Dank, Puchner! Es mu ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf
die Fe, mit dem Saldo rum' ich auf!"

"Bist immer unvershnlich noch, Freund Alt?"

Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn hhnisch aufgezogenen Lippen:
"Unvershnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die
Ehr', mein Leben hat geschndet und vergiftet! Rache will ich haben,
Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!"

"Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!"

"Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wrst du in meiner Lage,
ich denk', Taubenblut flss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf
wrd' sinnen auf Rache und Vergeltung!"

Puchner seufzte und schwieg.

"Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als
Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug!--Was ist in der Landschaft
wohl des Neuen verhandelt worden?"

"Heut war Sitzung, die strmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die
Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, da zahlen sie
sollen gleich dem Brgersmann."

"Das will ich gerne glauben! Was der Frst bis jetzt gethan, dies
Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!"

"Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!"

"Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spren!"

"Er sprt das, glaub' ich, lngst; doch versteht er's wahrlich, nicht
bergro werden zu lassen die Last der Sorgen.--Die Landschaft hat
zugestimmt."

"Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hie, die Steuer sollte
gelten 'fr ewige Zeiten'? Hat solche Fuangel keiner gesehen, die
Schlinge um den Hals nicht gefhlt?"

"Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an
Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Hheres zu gewinnen sei,
so man jetzund ist dem Frsten zu Willen."

"Mit dem Strick um den Hals kann man nicht Knig werden!"

"Das ist wohl richtig. Aber des Frsten Freund, der Domherr Graf von
Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschu!"

"Trau einer diesem list'gen Fuchs!"

"An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg lie uns
wissen, da die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachla
der Handelssteuer um ein Dritteil."

"Und das habt Ihr frischweg geglaubt?"

"Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich."

"O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsglich dumm!"

"So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schnen
Zug erzhlt man sich von ihm. Wird er erst lter sein, gereifter, er
wird noch gut und recht fr unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich
glaub' es selber!"

"Puchner, mir bangt um dich!"

"Aus dir spricht nur der Ha und Zorn. Hast berwunden einmal die
bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Frsten, der Groes
will und Edelmann ist jeder Zoll."

"So kann's nicht fehlen: Lobt der Brger den Edelmann, hat der Adel das
Recht, den Dummen die Haut ber den Kopf zu ziehen."

"Derweil will fr dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den
Frsten! Bin ich recht berichtet, will erklrlich mir erscheinen die
Hast in den Mandaten."

"Wie meint Freund Puchner?"

"Der Frst ist schlecht bei Cassa!"

"Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Hnden
wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, pret der
Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft
findet das in schnster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim
Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler
ist zwar erst jung im Amt und tchtig, hat sein Geschft gut erlernt bei
den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne ber. Wenn der
Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklrlich jedes
Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!"

"Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht
Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen.
Was weit du, wie zu Mute sein mag einem Frsten ohne Mittel?!"

"Dann htt' er sich nicht lassen sollen whlen!"

"Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trbet dir den Sinn. Und zu
streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich
wnsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemt...."

"Den find' ich auf Erden nimmer!--Hab' Dank fr deinen Besuch, Puchner,
und komm' bald wieder!"

Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte;
Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem
Heimweg war Puchner dessen froh, da er dem kranken, racheglhenden
Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzhlte, was Alts Zustand
jedenfalls noch strker wrde erregt haben, als es ohnedies schon der
Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschu doch gefallen
ber die Prunksucht des geldgierigen Frsten, ber die Verschwendung,
ber das Leben Salomens am frstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches
Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf
Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe.
Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter
beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der
hfischen Verhltnisse htte! Und wie wrde der gebrochene Mann mit
Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, htte er erfahren,
da die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden
Trkensteuer, sondern auch die Bezahlung fr die nchstfolgenden Jahre
bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen
einigermaen ertrglichen modus vivendi zu kommen.




VI.


Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, wei waren die Fluren in
weiter Thalung, der Frhwinter zog ins stiftische Land. Dmpften die
wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Strme, es
ward auch ruhiger im Brgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der
Landschaftsmitglieder den Brgern auseinandergesetzt worden, da man nur
der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des
Frsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei
Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die
Miwirtschaft, so hielten verstndigere Leute entgegen, da die
Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Frsten zunchst ein Auskommen zu
finden, ansonsten es weit schlimmer werden mte. Was jetzt gefordert
werde, knne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches
mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich
zufrieden gegeben. Dafr msse aber Ruhe werden. Mhlich wirkte solche
Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schlferte das Leben ein.
Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne
Prunktafeln oder sonstiges Schaugeprnge zu; Salzburg trug mit dem
Schnee auf den Dchern eine gewaltige Schlafmtze auf dem Kopf. Ein
stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den
Kanzleien der Behrden; lauter ward es in den Arbeitssttten der Wagner
und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und
Wagenbereifung ja das ganze Jahr ber nicht aus.

Der Winter lie sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es
schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die
Schneeschicht rasch erhrtete, so da die Krrner nach den Kufen griffen
und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.

Haar und Bart weibereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an
Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Strae vom Pa Lueg
ber Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen
Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Gerusch. Vom Staufen her
wirft die zur Rste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbndel zum
Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des
Gaisberges wogt nebliger rtlichblauer Dunst, der sich rasch ber die
gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstrmchen der
Salinenstadt erfllt. Die Krrner wandern peitschenknallend durch die
Dmmerung und fluchen ber die Versptung, das langsame Vorwrtskommen
durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglht im
letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinber zum Ghl und den
vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der
Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das
Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der
Nebelschleier stark verdichtet.

Die Krrner wuten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und
die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines
Halbtages ein Trupp "Gartbrder"[7], denen ein bler Ruf vorauslief. Der
Trupp, so hie es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen
Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Krnten den gartierenden
Knechten nichts verabreicht werden drfte, ja weil ein Punkt der
Verordnung ausdrcklich besagte, da ein Gartbruder in Widerlichkeit
totgeschlagen, der Thter aber nicht zur Strafe gezogen werden drfe.
Die Krntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben
diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten
Gartbrdern nichts anderes brig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung
einen Besuch abzustatten und die "Ritterzehrung" vom Erzbischof zu
erbitten. Mit solchem Gesindel im Rcken wird jeder Fuhrmann eilig, und
schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken mglich halten sollte,
erreichten die Krrner die schtzende Stadtmauer von Salzburg, und ehe
noch vllig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrcken der
Gartbrder durch die Stadt, berall Aufregung und Schrecken erzeugend.

Im Keutschachhofe, der frstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und
den Thrstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kmmerern zu
berbringen, auf da der Landesherr verstndigt werde.

Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwrmten,
behaglichen Rumen Salomens, wo er nicht von Auendingen behelligt
werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das
reichgeschmckte Gemach und lie Salomes Blondhaar in zauberhaftem
Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, mde der Blick
der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien krnklich, die frhere
Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprhende Witz ist verflogen, die
nimmermden Hnde ruhen unthtig im Scho, die Perlenarbeit ist
unvollendet geblieben.

Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Vernderung nicht
verborgen, von Sorge erfllt trat er nher und fragte in liebreichen,
milden Worten, ob er den Medikus senden drfe.

Den lieblichen Blondkopf schttelnd erwidere Salome: "Nein, mein
gndiger Frst und Herr! Ich danke Euch inniglich fr sothane gndige
Frsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht ntig!"

Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde
Frauenbild an seiner Seite. "Salome, was ist dir?"

Da neigte Salome das Kpfchen und flsterte erglhend dem geliebten
Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.

"Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs
danken!" rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und berdeckte
Salomes zusammengefate Hnde mit heien Kssen. "Welches Glck gewhrt
mir mein ses, holdes Weib!" Ein Schatten flog ber Salomes Antlitz,
geisterhafte Blsse machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,
bebenden Tones sprach Salome: "Glck? Meinem gndigen Herrn mag es frohe
Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!"

"Sorgen, du--?" rief Wolf Dietrich und erhob sich. "Ich dachte, fern
gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher
betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl
Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Htten! Kniginnen
und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des
Weibes!"

"Nicht das, geliebter Herr und Frst, erfllt mein dankbar Frauenherz
mit banger Sorge--der Blick in der Zukunft Tage ist trb, will sich
nicht klren--"

"Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!"

"Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den
Weg bis zur schweren Stunde!"

Jetzt wute Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun
flog ein Schatten des Unmutes ber sein Antlitz, und ein Zucken lief
durch seinen schmchtigen Krper. Hastig sprach der Frst: "Verzeih',
Salome! Schon einmal mut' um Geduld ich bitten dich und anjetzo
wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt bel sich zu diesem
Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann
nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach
Nachahmung wrde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom."

Salome brach in Thrnen aus und schluchzte bitterlich.

"Gebeut der Zhren, mein holdes, ses Weib! Mein frstlich Wort, ich
geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund
vermag ich's nicht, die Zeit ist strker als mein eigner Wille, und
stren wrde die Legitimitt die Plne Roms...."

Salome blickte thrnenerfllten Auges fragend auf.

"Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, da lohnen will Rom meine Dienste
mit dem roten Hut--"

"So wird Kardinal mein gndiger Herr?" fragte zitternd die Favoritin.

Wolf nickte. "Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,
doch lie er zugleich wissen mir, da Bayerns Herzog feindlich sich
stelle gegen meine Promotion."

"Wer kann Feind sein meinem gndigen Herrn!"

"Salome, meines Herzens Glck und Wonne freilich nicht und das dank' ich
dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern
whlt, seit gekndigt ich aus guten Grnden den Landsberger Bund. Schier
frcht' ich, es werden erwachsen strmische Zeiten noch aus dieser
Sache, fr Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug
davon, in holder Damen Nhe sei verpnt die Politik. So viel nur sei
gesagt und nur fr deine Ohren: Bestrebt mu ich sein, Bauern zu
gewinnen oder doch des Herzogs Neutralitt erreichen in der Frage meines
Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!
Frstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich
mir, bist Gattin mir und--"

"--Mutter!" hauchte Salome, "Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt
sich nicht wird zu erfreuen haben!"

"Nicht doch, Salome! Als Frst geb' ich dem Sprling meinen Namen, mit
Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,
so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Scho!"

ber Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heibltige
Frst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache
ab, kte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und
verlie das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend
zurckblieb.

Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden
war, erhielt der Frst nun die Meldung, da ein Haufen Landsknechte,
Gartbrder von der ungarischen Grenze und aus Krnten verwiesen, vor den
Thoren stnden und vom gndigen Herrn die Ritterzehrung erbitten
mchten.

Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Frsten, der durchaus
nicht etwa besorgt, im Gegenteil amsiert rief: "Ha, Landsknechte! Das
bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf
Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und lngst schon wartet des Kaisers
Majestt auf Salzburgs Trkenfhndlein!"

Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und fr
deren Unterkunft auf Kosten des Frsten zu sorgen.

So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spt
abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach
Landsknechtart der charakteristische Ruf: "Ht' dich, Bauer, ich komm'!"

Es ntzte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, da die Brger ihre
Huser ngstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf
frstlichen Befehl mute vollzogen werden, doch brachte man den grten
Teil der Soldateska in bischflichen Gebulichkeiten unter, und so
namentlich die Weiber, Mgde, Buben, Marketender und Hndler, die wie
immer den Beschlu des letzten Haufens bildeten.

Die Noblesse des Frsten, fr die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde
von den Landsknechten frs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher
Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd
den kriegerischen Bischof als ihren "Patron". Die Kunde von solch' guter
Aufnahme in Salzburg und der frstlichen Munificenz lief aber rasch
hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, da noch mehr
versorgungslustige Landsknechte zustrmten, mit ihnen Abenteurer aller
Art in Haufen, die alle der noblen "Ritterzehrung" teilhaft werden
wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei belthaten zum
Klagen brachten.

Beschwerden ber Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des
Frsten, der schlielich gebot, es solle Gericht gehalten und der rgste
belthter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach
Landsknechtbrauch.

Das gab denn eine Augenweide fr die Salzburger, welche manchen
erlittenen Schaden aufwog. Das "Recht der langen Spiee" sollte in
Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der
schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut
geschlagen hatte.

An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer
von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profo, umgeben von
frstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.
Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern
war.

Feierlich erklang die Ansprache des gefrchteten Profoen. "Guten
Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns
Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfnglich
geschworen haben, gut Regiment zu fhren, dem Armen wie dem Reichen, dem
Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,
liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen
solches bel zu strafen, da wir es verantworten knnen bei dem gndigen
Frsten!"

Kreidewei ward des Delinquenten Gesicht.

Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: "Ihr habet des Profoen Wort
verstanden; welchem es lieb ist, da wir demselben nachkommen, der hebe
seine Hand auf!"

Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hnde
auf.

Der Profo erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter
Mibrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und
Schlgerei verbet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig
gemacht habe und auf frstlichen Befehl gepnt werden msse. Auf
bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spiee.

Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten knne,
brachte der Gartierer, dem trotz der Winterklte der Angstschwei von
der Stirne lief, kein Wort hervor.

Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und
ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum
Schlu um Gnade.

Die zwei anwesenden Fhnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit
dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und
laut: "Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoen schwere
Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fhnlein zuthun, und es in das
Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis ber solche
Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten
Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines
jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fhnlein
wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fhnrichen
zusteht."

In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fhlte niemand den
beienden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Brger
weibekrustete.

"Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fllen das Urteil!" rief
der Feldwebel.

Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklrte aber, des Urteils allein
sich nicht gewachsen zu fhlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig
Knechte zur Beratung beizugeben.

"Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!" verkndete der Weibel und
bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit
Besprechung untereinander pflogen.

Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurck, worauf nochmals
einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.

Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig htten.
Auf ihr schallendes "Ja!" wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder
geschlossenen Ring und verkndete den Beschlu der zweiundachtzig Mann,
der auf "schuldig" lautete. "Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes
"Schuldig" zu besttigen?" fragte er mit drhnender Stimme die
Soldateska, "so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fhnrich, die rechte
Hand!"

Vielhundertfach flogen die Hnde auf, die Schar schien ernstlichen
Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Frst und Volk wieder
zu einigem Ansehen zu gelangen.

Der Weibel verkndete: "Das Regiment hat gesprochen, der belthter ist
schuldig. Man fhre ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein
Fhnrich nach Brauch!"

Das geschah in der Weise, da einer der Fhnriche sich bedankte fr die
Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fhnriche die
Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.

Der Profo bernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches
und lie eine Gasse bilden, deren eine ffnung die Fhnriche mit nach
innen gefllter Fahne verschlossen.

Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter
Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse
gebracht; die Knechte senkten ihre Spiee, so da die Gasse ein
eisenstarrender Engpa wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und
der den sicheren Tod bringen mu.

"Hierher mit dem 'armen Mann'!" befahl der Profo, der nun den
Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes
des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte
und dann der Soldateska verkndete, da der Knecht, welcher den
Verurteilten ausbrechen liee, gleichfalls ins Eisen laufen msse.

Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profo: "Nun auf! Lauf flink und
fest ins Eisen, dann bist schneller erlset! Marsch!"

Ein Zgern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spiee,
ein Sto von der Faust des unerbittlichen Profoen, dann sprang der
rmste los und rannte in die spitzen Eisen, da es aus der Brust rot
aufging. Ein Schrei--ein Rcheln--der Sterbende liegt im Schnee, ein
Halbdutzend Spiee stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das
Leben entflohen ist.

"Die Spiee auf! Zum Gebet!" befahl der Weibel.

Die Soldateska kniete nieder und betete fr die Seele des Vermiedenen.
Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Brgerschaft mit, von
tiefstem Mitleid fr den Gerichteten ergriffen.

Wieder ertnte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal
Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschtzen dreimal ihre Bchsen
abschossen.

Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.




VII.


Streng ward der Winter, der frhzeitig mit Klte begonnen hatte. Die
Folgen des Miwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fhlen,
es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen berliefen die
Ratsherren, bestrmten den Brgermeister, auf da dieser Hilfe schaffe.
Ludwig Alt hatte ein Herz fr die Notleidenden, er gab willig aus
eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates,
sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus
der Stadtkasse konnte der Kalamitt in keiner Weise begegnet werden. So
mute von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe
anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung
ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite
debattiert, wobei an verschiedenen Manahmen des Frsten bitterbse
Kritik gebt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, da die Verabreichung der
Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die
eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit
leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schdigung des Handels
durch die rcksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den
Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn
vllig auspressen lieen. Vergeblich wehrte der Brgermeister solchen
scharfen Worten durch die Glocke, die Redner lieen sich nicht beirren,
auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr
aufmerksam machte, die entstnde, wenn der Frst von solchen bsen
Worten Kenntnis erlange. Brger, die nicht stimmberechtigt in der
Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, da der Ausschu stets Ja
und Amen zu den unertrglichen Steuermandaten sage und sogar mehr
bewillige, als der Frst gefordert, wie das bei der Trkensteuer der
Fall gewesen sei. Bei einem so beraus klugen, scharfsehenden Herrn
msse die berzeugung kommen, da die Brgerschaft noch mehr geschrpft
werden knne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine
neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.

Schwitzend vor Angst rief der Brgermeister dem Redner ein "Haltet ein!"
zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und fhrte aus, da es hchste
Zeit sei, dem Frsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle
der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das
aus eigenem Sckel bestreiten.

Stundenlang whrte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschpfte
und der Brgermeister die Sitzung schlieen konnte, die nach der
praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt
berlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf
Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer stdtischen
Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Frst
mglicherweise von den abflligen Reden Kenntnis haben oder aus
unvorsichtigen Bemerkungen mutmaen knnte, da scharfe Kritik im
Stadthause gebt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene
Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich
hinterdrein selbst die bittersten Vorwrfe ber die seinerzeitige
Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen
war, da der in Steuerangelegenheiten so beraus findige Landesherr auch
auf die Weinbelastung gekommen wre. Nach den gefhrlich scharfen Reden
einzelner Ratsherren dem Frsten persnlich die Bitte um Hilfe aus
Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Brgermeister nicht; zwei
seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saen,
sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, da der schriftliche Weg
sicherer und weniger gefhrlich sei. Und so lie denn der Brgermeister
eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus suberlich
schreiben, die dann mit den ntigen Unterschriften versehen und an den
Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.

Groe Erwartungen hegte der Brgermeister nicht, so sehr er fr die
Armen baldige Hilfe wnschte. Zum groen Erstaunen Ludwig Alts erschien
schon am nchsten Tage ein Beamter im frstlichen Auftrage und
vermeldete dem Stadtoberhaupt, da der Landesherr mit Betrbnis von der
Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die
vom Brgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus
der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestnde
sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaen ber Geldmittel verfgen
knnen, so sollten diese Sippen Korn zu ermigtem Preise erhalten. Der
Beamte fgte dem bei: "Hochfrstliche Gnaden versehen sich bei diesem
Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen,
da das Herz des Landesherrn allzeit schlage fr die Unterthanen."

Der Brgermeister in maloser berraschung empfand das miliche
Schlingen und Wrgen im Hals, das ihm schon einigemal so beraus fatal
geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt
sprechen sollte. Jetzt heit es den tiefgefhlten Dank der Stadt in
passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schn in einer
berraschung, die jeglichen Gedanken lhmt! Ludwig Alt chzte, er
kmpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es ber die zuckenden
Lippen: "Die unterthnige Stadt dankt Seiner Hochfrstlichen Gnaden, sie
htt' es nicht geglaubt...."

"Wie meint der Herr Brgermeister?" fragte erstaunt der Beamte.

"Ich htt's nicht geglaubt!"

"Was?"

"Die Hilf' vom gndigen Frsten, nein, will sagen, ich glaub's
eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich...."

Die Augen des frstlichen Beamten wurden immer grer.

"Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige berraschung die Gab' der Rede!
Auf die bsen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben...."
stammelte in hchster Verwirrung der Brgermeister.

"Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch,
deutlicher zu werden, auf da Bericht ich kann erstatten dem gndigsten
Herrn!"

"Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr--den
schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und
derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen
die Verteilung! Nicht lnger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank
dem gndigen Frsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und
Mitgefhl fr die notleidende Menschheit!"

"Das haben Hochfrstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet,
daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!"

"Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die
Gab' der Rede nicht beschieden!"

Der frstliche Hofbeamte schttelte verwundert den Kopf und erklrte
sich bereit, die Kornkammer ffnen zu lassen.

Der Vereinfachung halber lie der Brgermeister ausschellen, da binnen
einer Stunde die Armen der Stadt an der frstlichen Kornkammer
erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.

Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Btten,
Tonnen, was eben den Leuten in die Hnde kam, ward ausgezogen, im
Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestm drngte die Menge,
wobei es Pffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und
Fusten der armen Leute Bekanntschaft machten.

Der Akt solcher Wohlthtigkeit brachte einen vlligen Umschwung in der
Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur
die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden khl
gegenber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen
von den Armen.

Ludwig Alt konnte es nun wagen, persnlich in der Residenz zur
Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde
gleich vorgelassen.

Mit gewinnender Liebenswrdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf
Dietrich dem Brgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale
entgegen und begrte ihn mit herzlichen Worten.

Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Wrgen im Halse, doch energisch
raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und
ohne Stottern: "Hochfrstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein,
ich komme nicht...!"

"Wie meint der Brgermeister?"

"Meinen tht' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!
Mein Gott, der Unterschied ist halt zu gro: Da der gndigste Herr und
Frst, der hochwrdigste Erzbischof und ich, der einfache Brger und
Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthnigsten Dank der Armen
fr die gndige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrngnis!"

"Recht so, mein lieber Brgermeister! Es ist ganz gut, so er des
Unterschiedes sich bewut bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset.
Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedrfnis, in
solcher Not zu helfen nach Krften. Ich danke Ihm fr seine Meldung, in
der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich
der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Frsten haben.
Zur rechten Zeit solche Meldung ber Vorgnge lob' ich; nur will ich
nicht berlaufen werden!"

"Ganz richtig! Drng' dich nicht an deinen Frst', so du nicht gerufen
wirst!" plapperte Alt heraus.

Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der
Frst: "La Er solch' Gerede! Dafr sage Er mir, wer ist nach seiner
Meinung schuld an bemeldter Teuerung?"

"Allweil der Miwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die
Bcker, die immer hher hinauffahren mit den Preisen!"

"Fr den Miwachs knnen wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher
hoff' ich noch zu strzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir
erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bcker aber werd' ich Mores
lehren."

"Hochfrstliche Gnaden! Das knnt' nicht schaden, wird aber die Bcker
rebellisch machen!"

"Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den
Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten
Verkaufsordnung fr die Bcker, und darnach Entschlieung erlassen."

Im Brgermeister dmmerte eine Ahnung auf, da eine solche Maregel das
bel nur verschlimmern msse, weil ganz unzeitgem. Ludwig Alt fand
pltzlich die Gewalt ber Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem
Gebieter klar auseinander, da Wiederaufrichtung einer veralteten
Ordnung nicht nur bei den Bckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen
hervorrufen msse. Es liege im Zug der Zeit, da alle Lebensmittel
teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus frherer Zeit nicht
erzwingen ohne Gewichtsverringerung.

"Ich werde solche Verringerung bestrafen!"

"Dann wandern uns auch noch die Bcker aus!"

Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den
letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. "Genug
davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gru den
Unterthanen!"

Damit war der Brgermeister entlassen.

Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher
einige Hofrte und der in Steuerangelegenheiten magebende Dr. Lueger
befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch
der Kapitular weilte auswrts.

Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da
niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Frsten zu widersprechen. Wolf
Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und
fahrenden Habe fr jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner
ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung
vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhngnisvoll ward der Vortrag Dr.
Luegers ber die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten,
welche die Ritterzehrung verursache.

Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehrt und blieb eine
Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkndete er den Rten, da
eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert
Gulden vierundzwanzig Kreuzer.

Fr. Lueger wagte einzuwenden, da in dieser Zeit der Teuerung die
Einhebung auf Schwierigkeiten stoen werde; ber die Ungeheuerlichkeit,
neben der Trkensteuer, welche von je hundert Gulden jhrlich sechs
Schillinge nimmt, und all' den neueingefhrten Steuern der letzten zwei
Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der
Finanzgewaltige im Rate nicht aus.

Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:
"Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf
Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein
Vermgen anzugeben. Wer lgt, soll die ganze Schwere der Strafe
empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!"

Dr. Lueger guckte berrascht, verbeugte sich und murmelte: "Euer
Hochfrstliche Gnaden Befehl soll pnktlich befolget werden!"

Nach Schlu dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei
war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein
dumpfes Gefhl, da die Augsburger Art einer Steuereinhebung im
salzburgischen Lande kaum sich glatt durchfhren lassen werde. Lueger
wute wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, da diese
Art nach Augsburger Muster auch fr Tirol geplant sei, ebenso gut wute
er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen
bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwrfe,
den Frsten nicht auf die thatschlich bestehende Schwchung der
Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger,
da zum mindesten mit der Ausfhrung des frstlichen Befehles etwas
gewartet werden msse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das
gefhrliche Aktenstck zur Seite, hoffend auf eine Rcksprache mit dem
einflureichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen knnte,
eine Sinnesnderung beim Frsten herbeizufhren.

Allein schon die nchsten Tage brachten andere Verhltnisse. Der
frstliche Kastner mute erklren, da die Neuforderungen fr
Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt
werden knnten, ja da der Frst ihn habe wissen lassen, es msse
Geld in grerer Menge bereit gehalten werden fr wrdigen Empfang
einiger zu Besuch angesagten Herren, und auerdem sei des Frsten
Almosenschatulle[9], beinahe leer.

Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die
Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen,
Steuerrestanten berall, die Steuerkraft geschwcht, und eine neue
Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon
graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nchsten
Tage lie der Frst wissen, da seine Armen ihr Almosen unter allen
Umstnden bekommen mten, also Dr. Lueger Geld beschaffen msse. Das
"Wie" sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder
Finanzknstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes
an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rckkehr zu
warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Frsten
eingeholt.

Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevlkerung in
hchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Stdter, die
remonstrierten, den Eid zur Vermgensangabe nicht leisten wollten. Die
Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.

Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermgensangaben vorliegen hatte, fand
er schon bei flchtiger Durchsicht, da die ihm nach Geschft und
Vermgen einigermaen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also
flschlich angegeben hatten. Wenn solche Flschungen in der
Residenzstadt schon vorkommen, wie mu es da erst im Lande drauen
werden!

Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide
gingen nun gem dem frstlichen Befehl mit aller Strenge an die
Durchfhrung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.

Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermgens
als Strafe fr die verbte Falschmeldung verhngt und weggenommen, was
an Bargeld vorgefunden ward. Um Lrm und Protest kmmerte sich die
Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld
wanderte in die frstlichen Kassen, das war zunchst die Hauptsache.

Lueger befand sich im schnsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die
Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der
wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch brig
gelassen hatte, bestand darin, da die Adeligen allein die
Verlaenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darber zu
verfgen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des
Frsten hinweg, was natrlich den Adel erbittern mute. Die Hofkammer
schickte dann die schrfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land
hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im
Steuerzahlen immer etwas sumig und in Bezug auf Religion mehr auf der
lutherischen Seite war.

Der erste eingelaufene Bericht lie erkennen, da Flschungen in den
Vermgensangaben in grerem Umfange vorgekommen sein muten, der
Pfleger hatte dazugeschrieben, da man amtlicherseits mit den Bergbauern
nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun wrde, wenn sie
die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger
hierber Meldung beim Frsten und sprach den Verdacht aus, da die
Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Flschungen sein drften. Das
heie Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf
Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen
und mit rcksichtsloser Schrfe gegen die Betrger vorzugehen.

Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die
Verantwortung, Lueger und Riz knnen schalten und walten nach Gutdnken,
die Schuld fllt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise bel
ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.

       *       *       *       *       *

Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschnen Kapruner
Tauernthales beherrscht und einen entzckenden Blick auf die Fluren und
Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell
auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie
betrbt. Der seit reichlich dreiig Jahren den salzburgischen
Landesfrsten und Erzbischfen dienende Beamte geno bei der Bevlkerung
der Bergwelt des Pinzgaues groes Vertrauen, und auch zu Salzburg wuten
hhere frstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schtzen. Bei Hof
kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller
Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in
dringlichen Amtsgeschften nach Salzburg mute, so ward der Dienst immer
schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der wrdige
Greis fhlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er
war zu sehr an die Bergwelt gewhnt und nahm willig alle Entbehrungen
hin, die ein stndiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und
Kinder htten wohl manchmal Luft versprt, all' die mrchenhaft
gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt
dergleichen Ausflge nicht und erklrte, da ein Humpen guten Weines
viel schner und zutrglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne
ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht
Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in
Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thler zu Eindbauern
brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenu, und solche Entbehrung
that dem alten Pfleger weher denn etwa die krperlichen Strapazen.

Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf
seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten
Gemuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun
hinber, und beim Anblick einer greren Menge von Bergbauern flsterte
Vogel: "Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die
Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!"

Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfllen, ritt der greise
Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag
abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mute bemerkt worden sein,
denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich
schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter
erreichten.

Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: "Nur Zeit lassen, Mnner! Alles
hat seine Zeit! Lat mich nur mein Ro versorgen, und mir gnnt einen
Schluck vorher!"

Ein stmmiger lterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut
ab und erwiderte: "Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut
not!"

"Wirst es wohl erwarten knnen, Rieder!" gab Vogel zur Antwort und stieg
flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein
Knecht vom Schlosse kam hinzu und fhrte den Braunen in den Stall.

Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lrmen, aber ihre
Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz
richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen
Vorgehen der frstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer
ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerttelte Leute in Angst und
schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht
ber das Herz, lieber verzichtet er auf den strkenden Trunk und nimmt
das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rdelsfhrer gewendet, sprach der
Pfleger: "Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof
hren!"

Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf
standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: "Mit Verlaub! Es
ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen
ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die
Abgaben erhht). So viel wert ist kein Gehft und kein Grund, wir mssen
verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer knnen wir nicht
erschwingen!"

"So ist es!" riefen die erregten Bauern.

Und Rieder sprach in groer Beweglichkeit weiter: "Wir mssen
supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten
Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger mu nun helfen,
sonst ist's g'fehlt!"

Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau
erkannte, und langsam sprach er: "Wegen dem Supplizieren kann ich Euch
nichts sagen. Schon zu Zell sind die Brgermeister von den Landgemeinden
bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja
ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden.
Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun."

Rieder unterbrach den Beamten: "Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum
Frsten!"

Vogel erwiderte in seiner bedchtigen Art: "bereilt nichts! Der Herr
Riz wird demnchst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,
und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.
Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befrchtet!"

Erregt schrie Rieder: "Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut!
Kommt der Riz und fngt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind
verloren! Soweit drfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es
kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht
in unser Gericht!"

Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: "Leut', seid gescheit! Die Sach'
ist gefhrlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!
Gerichtet wird berall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller
Gericht keine Ausnahm' gemacht werden knnen!"

"Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns
selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns
supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann
merken!"

Nochmals mahnte Vogel: "Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht
dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen,
wird die Supplikation fr Rebellion angesehen, Ihr fr rebellisch
gehalten werden!"

"Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht,
den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der
Steuerteufel nicht verkmmern!"

In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu berlegen: "So reicht das
Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Frst vertrgt kein ander Wort!"

Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf da er ihnen ein solches
Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, da noch
andere Gerichte sich zum Anschlu an die Zeller Bittschrift bereit
erklrt htten.

Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung
der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr
sehr wohl kannte und wute, wie schlimm die kleinste Weigerung, der
leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden
pflegte. In seiner Bestrzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: "Ich
will Euch wohl helfen, Ihr drft aber nichts sagen, da ich euch zur
demtigen Supplikation geraten!"

Aus der Menge grhlte ein besonders Unzufriedener: "Selle Demut nutzt
uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission
durchs Landl aui, sie vergit aftn (hernach) schon das Wiederkommen!"

Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft
akklamierten und brllten: "Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!"

Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen
und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte,
die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdchtigten der Mitschuld an
der Bauernvernichtung und des Einverstndnisses mit der
Steuerkommission.

Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille bentzte
Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: "Habt Ihr das
Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vtern schon Freund und
Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und
steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger
mu ich Ordnung schaffen und halten, der Frst und Erzbischof ist mein
Herr, seiner Regierung Befehle mu ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu
dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern
gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht
widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Frst hat befohlen, er ist
unser Herr!"

Rieder schrie dazwischen: "Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein
geldgieriger Verschwender ist er, der Wlfen Dieter! Derweil er mit
Weibern das Geld verjubelt, mssen wir verhungern!"

"Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!" grhlten die Rabiaten.

In tiefster Betrbnis lie Vogel das weihaarige Haupt sinken; steht es
so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem
Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis
erhlt.

Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, grhlend schritten sie
durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen
Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben
knne.

Wehmtig sprach Vogel: "Das ntzt nun alles nichts mehr! Der Stein ist
im Rollen, das Unglck nimmt seinen Lauf!"

"So steht Ihr um in der Stunde der grten Gefahr? Das sollt Ihr ben,
Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr mt mit! Aber erst sollen die Teufeln
Pinzgauer Fuste kennen lernen!"

Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und
fluchend.

chzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schlo und nahm in dem Gemach,
das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.

Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefhrlichen Zeit
zu thun sei. Da der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung
vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden msse,
erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefhrlich,
weil mglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen knnten,
gewissermaen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von
den Rebellen aufgefangen werden knnte, was dem Pfleger wie dem Boten
das Leben kosten kann.

Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschlu,
das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmalich in
Tagesrittnhe sein drfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel
nahm schnell einen Schluck Weines und lie den Braunen satteln. Von
einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die
Bauern hren ja nicht mehr auf die Behrde, jegliche Autoritt ist
vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.

In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill
zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwrts und erreichte
diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in
Mittersill. Am scheuen, mitrauischen Verhalten konnte der greise Beamte
erkennen, da der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen
hat.

Vogel bernachtete im Schlo zu Mittersill und ritt am nchsten
Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner grten
berraschung frstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants
Kaiser vorfand.

Kaum aus dem Sattel gestiegen, kndigte der herbeigeholte Offizier dem
Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach
gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die
Mitteilung, da die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern
rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Frsten verlangt habe. An
150 Mann Landsknechte und bewehrte Brger seien unter Fhrung des
Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmrschen ber Werfen in den Pinzgau
gerckt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller
Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schlo Kaprun
erfahren. Weitere Auskunft wute der Offizier nicht zu geben, auch nicht
zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft
dauern werde.

Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der
Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Hnden der Soldateska
erfllte ihn mit Angst.

In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der
Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.

Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Frsten den Befehl zur
rcksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der
Soldatenfhrer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte
begannen eine Menschenjagd und fingen die flchtigen Bauern gleich
Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte mnnliche
Bevlkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle
Mnner, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und
von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald
von Spieen im Kreise zur Unmglichkeit. Der Obrist zu Ro hielt an die
eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr
schndlich Verhalten vor und kndigte schwere Strafe an Leib und Leben
an, so die Leute nicht allsogleich dem gndigen Frsten Treu und Glauben
schwren und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens
abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche
Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaen schon der Besitz von Waffen mit
fnfzig Gulden pro Kopf gepnt werde. Wer im Geheimb offenbare, da ein
anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von
achtzig Gulden versprochen sein.

In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann fr
Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung
erfolgte unter solchem militrischen Zwang, worauf der Obrist befahl,
die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden
und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.

Schreie der Angst, der Wut ertnten; Weiber, Mtter und Tchter
zeterten. Rcksichtslos trieben die Spieknechte das Volk von dannen.

Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der
Strae ber Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.

Wer von Salzburgs Bevlkerung diese kriegsmige Exkursion mitgemacht,
hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die
Waffen muten nach erfolgter Heimkehr wieder an das frstliche Zeughaus
abgeliefert werden.

Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der
grte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rdelsfhrer blieben
fr lange Zeit im Gefngnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod
durch das Schwert.

Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf
Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgem lie der Leutnant
seinen Hftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab
und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise
berfhrung Vogels durch den Profoen und zwei Schtzen in die Festung
Hohensalzburg.

Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in
einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaen:

  "Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.
  Juli ist besonderes nichts vorgekommen.

  Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebrg
  Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse
  ankommen.

  Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt
  worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer
  zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer
  geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.

  Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, da ich von zu hause fort bin,
  darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe auer des letzten alle
  Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1
  Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Ma Wein,
  21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Ma Wein, 23. detto 1 Ma Wein, ist die
  Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli
  1 Ma Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfrstl. Gnaden durch
  die Herren Commissarii mir anzeigt worden, da Ihr hochfrstl. Gnaden
  gengsamen Bericht habe, da ich nicht allein der Unterthanen
  Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen
  zum Suppliciren selbst gerathen: Sie mten nur mehr Gerichte an sich
  ziehen, sonst wrde es kein Ansehen haben. Ihre hochfrstl. Gnaden
  htten Ursach auf voriges Verlugnen der Schrfe nach zu verfahren.
  Und dann Gott behthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen
  aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles
  verloffen und was mir dieser Sachen halber bewut sei, selbst
  beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissren
  zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich
  Ihr hochfrstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schlo sitzen lassen
  und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die
  Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, da ich Ihnen
  gerathen, da ich nichts gestehen wrde. Also ist Ihrer hochfrstl.
  Gnaden Bericht.

  Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Ma Wein, Sonntag
  30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum
  Ende.

  Mittwoch 9. August l Ma. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine
  Schrift berschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste
  nichts gehrt, in meinem Zimmer ungestm gewesen, hat einen
  ungewhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.

  Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.

  Freitag 1 Ma. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr
  hochfrstl. Gnaden Zimmer Bethschnre[12] heruntergeschickt, welche
  ich Ihnen den 12. dieses wieder zurckstellen lassen.

  Freitag 18. dieses 1 Ma, fast betrbt. Mein Pathe, der Jacob Riedl
  schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.

  Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz
  im Zimmer gehabt, ausblieben.

  Freitag 1 Ma Muskateller und gute Vertrstung baldiger Erledigung.
  Gott schicke es, da mit Glck erfolge.

  Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder
  ausgeblieben.

  Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.

  Kann mich nicht erinnern, da ich die Unterthanen zum Suppliciren
  angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen
  meiner Urbargter gethan haben sollen.

  22 September 1 Ma Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrbni.
  Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir
  bald mit Glck wieder daraus.

  (Es folgen Tag fr Tag Notizen ber erhaltenen Wein und Branntwein.)

  Donnerstag 12. October 1 Ma Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.

  Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Ma, diese beiden Tage bei der
  Strenge examinirt, habe bekannt, da ich nicht allein der Unterthanen
  Suppliciren lngst zeitlich gewut, dessen durch den Carl Rieder,
  Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen
  darzu gerathen und da sie andere Gericht, damit sie nicht fr
  Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem
  Krug Meth, als 1 Ma Wein. Mehr ein Ma Muskateller. Eodem die habe
  ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden,
  unterschrieben.

  Donnerstag den 26. dieses 1/2 Ml Branntwein, sonst keinen Wein.
  Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich
  hatte ohngefehr fnfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und
  Urbarsbeschreibung examinirt worden.

  Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen
  und diesen Tag hat man mich in ein Stbel im Pfaffenthurm gethan, Gott
  verleihe bald glckselige Erledigung.

  Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den

  Herren Commissren gewesen und was ich den 22. und 24. October
  ausgesagt, unterschrieben.

  Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofo im Zimmer
  gelegen.

  Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwrdige Sacrament
  empfangen."

Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut
gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des
Hosprofoen und dessen Nchtigung im gleichen Zimmer erfate, geht aus
den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschtternder Weise
hervor.

  "Herr Ehinger.

  Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleiig
  zahlen, man ist euch viel fr mich schuldig und danke auch Gott aller
  Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch
  gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich
  Urlaub."

  "Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer
  Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich
  treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte
  ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch da ihr euch
  die Holzwerkssachen und von dannen herrhrenden Rechnungen zu meiner
  Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes
  Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich mu
  sterben, ich mu mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gndiges
  und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jngsten
  Tage mit allen christglubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung
  zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen."

  "Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer
  Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist
  ein Erkenner aller Menschenherzen, der wei, ob ich recht oder unrecht
  um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager
  Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern
  Abends, jeden absonderlich, da wir morgen frh mit dem Schwert ohne
  sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimni
  hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns
  Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behthe Gott
  meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier
  40jhrigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei
  es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich
  guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder
  Unredliches nachreden knnen, wollet mich defendiren, noch einmal
  durch Gottes Willen bittend fr mein liebes Weib und Kinder werdet die
  Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich
  19 Wochen in groen Banden und Bekmmerni gefangen gewesen und 2 Uhr
  Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer
  Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich
  Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, da mir dieselben verzeihen,
  ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode."

Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in
aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Gestndnis, den Bauern
eine demtige Bittschrift um Steuernachla angeraten zu haben, ward von
den Kommissren schon als crimen angesehen, das sich todeswrdig erwies,
da erhrtet wurde, da der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das
Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfrsten
supplizieren.

Dieses auf so schwachen Fen stehende Urteil fand die landesherrliche
Besttigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein
gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die
Gemter fr immer im Bann halten solle.

Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrstung und Wut hervor,
zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Frsten, es ward im ganzen
Lande still.

Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkr
einschtzen; die Furcht vor blutiger Strafe schchterte grndlich ein.
Wie von der Hofkammer eingeschtzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt
die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: "Man hat auch keinem
nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, da er rmer
sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in
der Steuerzeit anzeigen mssen, hat er anders gewollt, da seine
Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat
nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das
allerschlechteste und geringste geschtzt und in einen Anschlag und
Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat."




VIII.


Von Hohen-Salzburg donnerten die groen "Stcke" und ihr mchtig Krachen
brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Brger eilten durch
die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur
Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine groe Erregung
lief durch das stdtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des
Geschtzspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten
den Weg zum Keutschachhof genommen und bestrmten Trabanten und
Thrsteher mit Fragen, worauf ein mchtig langer Spietrger stolz
verkndete, da Seiner Hochfrstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden
sei, das erste Kind!

Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der
Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das
unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller
Lungenkraft.

Wirr genug schwirrten die Ausdrcke hchster berraschung
durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Brger ward
Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da grhlte ein dicker
Bcker wild, da ein Erzbischof berhaupt nicht verheiratet, also auch
nicht Vater sein knne, und die "Stcke" seien nicht dazu auf der Veste,
um ein Kind anzudonnern.

Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Frsten standen und mit Korn
bedacht worden, lrmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr
sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer.
Und Angehrige der Sippen und Znfte nrgelten an dem Verhltnis Wolf
Dietrichs zur schnen Salome, schimpften weidlich ber offenkundige
Clibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaen der Papst derlei
Lebenswandel nicht dulden knne, drfe und werde. Immer hitziger wurden
die Ausdrcke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schlielich zur
Behauptung, da solches Stckspiel eine Schande fr das Erzstift, der
Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Brgersmann
zahlen msse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mhlich zu arg, sie
jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und rumten den Hof. Lrmend
zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines
frstlichen Sprlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch
die Stadt, berall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schrfste
Kritik provozierend.

All' der Unmut ber das Verhltnis des Frsten mit Salome, ihr Weilen
und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es
wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mute sich grimmigen Schimpf an
den Kopf werfen lassen, soda die Reihen der dem Frsten Gutgesinnten
sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs
schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner
nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Frst selbst verdchtig
schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am belsten kam in
solchen wilden Errterungen die schne Salome weg, die als Ausbund aller
Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch
Angehrige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, da
Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren
Kreisen beizuzhlen ist. Schlielich verdichtete sich all' der
Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Frst-Erzbischof mit Salome
verheiratet sei oder nicht, und hierber wute niemand bestimmte
Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darber, da eine
Gewissensehe vorliege, da Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica
zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter
Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand
lebhafte Untersttzung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht
vom Arm des Gebieters getroffen worden waren.

Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung
des Frsten mit Salome, niemand wei Bestimmtes. Kein Wunder, da den
Gerchten und Verleumdungen Thr und Thor geffnet waren.

So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu
in den Gemchern der Wchnerin, wo auf Befehl des berglcklichen
Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mute. Wolf
Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete fr eine Coeurdame
eine zrtliche Frsorge, die sich bis in die kleinsten Bedrfnisse
erstreckte. Der Frst ging auf im Gedanken, fr das Weib zu sorgen, das
ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt.

So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um
jegliches Gerusch zu vermeiden, sein ngstlich besorgter Blick galt der
ihm so teuren Frau, die mild lchelnd, bleich und schwach zu Bette lag,
und dem Gebieter einen Gru aus den sanften Augen zusandte.

Der Frst trat an das Bett, kte die schmale Rechte Salomes und
flsterte in bewegten Worten seinen heien Dank fr diese herzerfreuende
Gabe, die ihn glcklich mache, so glcklich, da es fr solche Seligkeit
keinen Ausdruck gbe.

Ein Schimmer milder Wonne verklrte Salomes Zge, ihre Lippen
flsterten: "Gefllt der Kleine meinem gndigen Herrn?"

Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das
Knblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da
lachte der Frst herzlich auf: "So gebrechlich wird ein Raittenau nicht
sein!"

Ein glcklich Lcheln flog auf die Lippen der Wchnerin, Salome sprach
bewegt: "So trgt der Kleine den Namen des Vaters?!"

"Gewi, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!"

"O Dank, heien Dank, gndiger Herr!"

"Ich mu danken dir, larissima! Fr alles weitere la sorgen mich, den
Vater und Frsten! Soll ein tchtiger Bursch und Mann werden aus dem
kleinen Wlflein, darauf geb' ich mein frstlich Wort!"

"Habt Dank, gndiger, gtiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens
wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!"

In aufwallender Glckseligkeit kte der Frst zrtlich Salomens Hnde,
hauchte einen Ku auf die weie Stirne, und bat besorgt, es mge die
Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Frstin ziemt.

Ergebungsvoll lie Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig
unterdrckte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte.

Still verlie Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht
mehrer Rume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner
Gewohnheit, und der Hauch inniger Zrtlichkeit verschwand von seinen
Zgen.

In seinen Wohngemchern angelangt, wollte der Frst eben fragen, ob
niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glckwnsche auszusprechen
zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und
sogleich vorgelassen.

Das hfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch
den Ruf: "Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens
Dank dafr! Herzlich willkommen!"

"Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gndigen Frsten die
Glckwnsche zu Fen zu legen!" sprach Graf Lamberg ehrerbietig und
verbeugte sich tief vor dem Gebieter.

"Sei meines innigen Dankes berzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine
freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs
Brgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe
keine Meldung!"

"Hochfrstliche Gnaden wollen Geduld ben! Die Kunde wird zu sehr
berrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird
klar erst werden mssen in den Kpfen, dann wird wohl der Glckwunsch
kommen an den Hof."

Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Frsten Frage:
"Glaubt Lamberg wirklich?"

Der Kapitular antwortete vorsichtig: "Es wre Pflicht nur und schuldige
Dankbarkeit!"

"Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der
Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden
will ich in nchster Zeit, da tragen soll der Spro den Namen Wolf
Raittenau."

Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu
richten, sprach aber nichts.

Mehr fr sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art
hochfliegende Plne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden
solle, auf da er gebhrend seinen Platz dereinst einnehme als ein
Raittenau.

Lamberg drckte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen
aus und behielt seine Gedanken fr sich. Liebt doch der Frst nicht,
unterbrochen zu werden, und Andeutungen, da es anders werden knne, als
der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit
verhat.

Der Frst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und
gelangte schlielich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in
diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich fr den Plan, seiner
Salome ein wrdig, frstlich Heim zu grnden. Unzureichend sei der
Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die
Residenz msse verlegt werden.

"Die ganze Residenz?" fragte berrascht Graf Lamberg.

"Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebu erstanden
ist, das 'Altenau' ich werde heien. Zuvrderst will meine Wohnung bei
Hof ich verndern, es stret vieler Lrm mich hier. Ein lautes Volk,
meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen,
da laut und im berma es zugeht vielfach auf dem Lande wie in
Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und krft'ge
Steuer, will scheinen, die Leute spren wenig und saufen weiter. Werd'
ein krftig Wort sprechen mssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut'
hungern und entbehren des Ntigsten, herrscht Fra und Vllerei bei
andern! Will mich bednken, werd' examinieren lassen mssen auf dem
Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis.
Wird nicht zu frhe sein damit!"

"Gewi nicht! Euer Hochfrstliche Gnaden werden den Dank Roms sich
erwerben mit bemeldter restauratio. Nur mchte ich, sothanermaen der
gndige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten...."

"Was?"

"... raten, eine lngere Frist zu setzen gleich manchen Frsten im
Reich, auf da die Leute sich werden schlssig zur Umkehr und Einschlu
in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich
informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!"

"Zu lang' whrt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezgert. Es
ist mir lieb, da kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es
ist mein Wille, da citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat
bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das
Trienter Bekenntnis, soll es beschwren lassen."

Lamberg wagte den Hinweis, da vielleicht doch jetzt in diesen Tagen
ein solches Vorgehen nicht den gewnschten Erfolg haben knnte.

In seinem Ungestm rief Wolf Dietrich: "Warum nicht jetzt? Wer kann mich
hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich
will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so
einer will zum Brger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner
Brger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermgen zum mindest!"

Lamberg mochte wohl nicht nher seine Meinung errtern, da der Frst
nicht selbst erkannte, da die Geburt eines Sprossen wenig zur
gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe;
der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: "Es wird Euer
Hochfrstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu
mandatieren ber Prfung bei Aufnahmen von neuen Brgern und
Mindestforderung eines festgesetzten Vermgens."

Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als
horche der Frst ab und zu auf, wie in Erwartung, da Deputationen zur
Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden lie,
bemchtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit,
die den Kapitular veranlate, um gndige Entlassung unter dem Vorgeben
zu bitten, da sogleich bezglich der Citation die ntigen Ordnungen
getroffen werden sollen.

Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um
ihre ehrerbietigen Glckwnsche zum erfreulichen Ereignis
auszusprechen; die einen in berschwnglicher Weise, andere wieder
gelassen und trocken, alle aber auf hflichste Art, demtig, wie es dem
hochfahrenden Sinn des Frsten entsprechen und gefallen mute. Wolf
Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berhrt, all seine fascinierende
Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem
frstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen.

Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit
der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemtern der
erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf da
doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes
ohne gltigen Ehebund folge,--der Frst, der das Warten nicht kannte,
durchkreuzte solche feinfhlige Absicht durch scharfes Monieren, und so
mute denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme
Thtigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift
citierte den Brgermeister und die Stadtrte in den Palast, legte ihnen
das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche
Beschwrung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zgern, einige der
Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden ber
den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, da die Citierung ebenso
berraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am frstlichen Hofe.

So in eine fatale Notlage gebracht, mute der Kommissar den zgernden
Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewhren. Dafr aber wurde am
nchsten Tage von den brigen Brgern Erscheinen und Beschwrung
verlangt, und zwar in einem schrferen Tone und unter Androhung der zu
gewrtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Frsten, die Liebe zur
Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies bte auf die Brger einen
Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. ber zwanzig
Brger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend,
auch als die Ausweisung angedroht wurde.

Eine abermalige Grung in der Bevlkerung griff um sich. Wolf Dietrich
zeigte sich erbost und erlie nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung
"zu verhtung mehreren unraths" ber den Wegzug der ketzerisch
Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis
ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebhr fr die Erlaubnis
zum Wegzug zahlen muten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut
war dem Fiskus verfallen; ihre Gter im Lande muten an Personen, deren
Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Frsten zu bettigen ist, entweder
schleunigst verkauft oder mit der ausdrcklichen Bedingung des baldigen
Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof ber sie
verfgen wrde.

Die von dieser Verordnung Betroffenen waren groenteils Kaufleute und
Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden,
sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift
verboten ward. Da nun auch Mndel von diesem Mandat betroffen wurden,
bernahm die frstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifgung
der Bestimmung, da alle an ketzerischen Orten befindlichen Mndel
sobald als mglich nach Salzburg zurckkehren mssen. Wer seine
Geschfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die
Stadt verlassen; der uerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt.

Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fhlte Erbarmen mit den
Leuten, seinen Bemhungen gelang es, da der Frst die Frist um weitere
vier Wochen verlngerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren
Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht
rechtzeitig eingehalten, mit einer uerlich sichtbaren Strafe dahin
belegt wurde, da diese Sumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit
brennenden Lichtern in der Hand Bue thun muten.

Darber vergingen Monde, und allmhlich verliefen sich die Wogen der
Erregung, zumal ein Widerstand gegen die frstliche Macht und Gewalt ja
doch aussichtslos erscheinen mute. Die Leute durften mhlich froh sein,
wenn keine neuen Mandate erflieen, die bei diesen Zeitlufen frmlich
in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln knnen zu
jeglicher Stunde.

Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward
der Erzbischof darin gestrt durch einen leichtfertigen Schuljungen, der
auf den heiligen Ort gnzlich verga und den im andchtigen Gebet
knieenden Brgern Schnecken auf den Rcken setzte, so da die Kleider
der Andchtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf
Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfate ihn Zorn und Entrstung, der
Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, fate ihn
schlankweg beim Schopf und fhrte den auf den Tod erschrockenen Jungen
aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen
Missethter zur Inhaftierung bergab. Noch am selben Tage dekretierte
der Frst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige
Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller
Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde.

Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich
nun gegen jegliches Laster berhaupt mit groer Schrfe vorging. Mord
und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten
bel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und
drohte mit dem Malefizrichter.

Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde
von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mdchen Namens
Susanna Pauser seinen Gelsten gefgig machen wollte, und in den Turm
geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im hchsten Mae erzrnte
Frst, es solle sogleich Gericht ber den Missethter gehalten und die
Todesstrafe ausgesprochen werden.

Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhr
lie aber doch die Mglichkeit offen, da der Verhaftete die Unthat
nicht begangen habe. Auch konnte eine "Beschdigung" (Verletzung) des
Mdchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Frst
verstndigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den
Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf
Hinrichtung durch das Schwert.

Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem
Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab ber ihm
gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten
Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der
Scharfrichter ri dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren
nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches.

Da kamen pltzlich zwei Franziskaner in groer Hast und Aufregung in den
Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der
gndige Frst habe Pardon gegeben.

Thatschlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Frbitte der
Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt
bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, da die Franziskaner den
Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen mten. Als dies gelobt worden,
gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im
letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten.

Frder aber blieb der Frst in allen Mord- und sonstigen Lasterfllen
unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein
Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man
wute nun, da jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate
fanden Beachtung.

Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Frsten auch auf den
Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu
dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die
Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bcher der Lehrer wie der
Schler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal
wchentlich gelehrt, den Kindern tchtig eingeprgt werden solle. Die
Lehrer wurden verhalten, Sorge fr die sterliche Beichte und Kommunion
zu tragen, die Kinder schrfstens zu berwachen, auch brave Knaben als
Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuruchern.
Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten
werden.

ber Mangel an frstlicher Initiative und berraschungen durch die
mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen.
Eine eigenartige, unerhrte berraschung sollte aber die Fuwaschung der
zwlf armen Mnner, welche die Apostel darzustellen hatten, am
Grndonnerstag bringen.

Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Frst-Erzbischof in
eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln
die Fe wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der
brderlichen Liebe einzuprgen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten,
zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.

Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, lie sich
ein Vortuch reichen, und begann den zwlf Greisen die entblten Fe zu
nssen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der
Apostelku, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.

Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und htte nun die
Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen mssen. Die Domherren
und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte
dieses Arrangement, schritt pltzlich wortlos quer durch das
Kirchenschiff und stieg zur grten berraschung des Kapitels wie der
massenhaft anwesenden Glubigen die Kanzeltreppe hinan.

Ein Flstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund
flog es, da der Erzbischof gegen allen Brauch unerhrterweise nun
predigen werde.

Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm
eigenen Gabe hinreiend schon nach wenigen Stzen zu predigen.

Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser berraschenden Kanzelrede
zu verlieren, die also begann: "Am heutigen Tage folgen dem Beispiel
Jesu der Papst und die Bischfe, in den Klostern die bte und Vorsteher,
hufig auch christliche Kaiser, Knige und Frsten, und alle beweisen
durch Fuwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, da
die erhabene Wrde, so sie als Erdenbeherrscher ber die Unterthanen
erhebet, sie nicht trennen drfe von den Banden der christlichen
Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_
Leibes sind. Wir haben uns zu befleiigen, aufzunehmen in uns den Geist
der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der
Fuwaschung zu den Aposteln gesprochen: 'Ich habe euch ein Beispiel
gegeben, da ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr
und Lehrmeister, euch die Fe gewaschen habe, sollet auch ihr einander
die Fe waschen.'--Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur
Einkehr, zur Demut, und demtigen mssen sich alle wahrhaft Glubigen
vor Gott dem Herrn, demtigen auch die Unterthanen vor ihrem Frsten und
Gebieter."

Wolf Dietrich hatte damit den gewnschten bergang gefunden, um den
Zuhrern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach
der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche
die schuldige Demut auch vor dem Frsten und seinen Regierungsakten
schwer vermissen lieen. Mit flammenden Worten rgte der Redner solchen
Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geielte Unbotmigkeit und
Nrgelsucht und fhrte aus, da jeder Frst ein Recht darauf habe, sich
auch als Mensch zu fhlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser
sei da ein menschlich Leben in weiser Beschrnkung als verhllte Snde;
besser, es hlt der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er
fhre ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an
vielen Orten und leider auch in Priesterhusern und im Widum.

Die Rede schlo mit einem Appell an den guten Sinn und demtige
Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge
erkennen sollen.

In hchster berraschung flsterten die Zuhrer wie die Kapitelherren,
es kann kein Zweifel sein, da Wolf Dietrich ber sein Verhltnis zu
Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen
habe. Ein unerhrtes Beginnen, berraschend, verblffend, aber echt im
Charakter des Frsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.

Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu
seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgesthl des Kapitels.
Zgernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren
die Funktionen wieder anzunehmen und durchzufhren. Graf Lamberg sa wie
zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des
Erzbischofs, ist grenzenlos berrascht worden.

Salzburgs Bevlkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen
Errterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprchsstoff auf lange
Zeit. Allein ein ebenfalls gnzlich unerwartetes Ereignis lenkte die
Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. ber Nacht war
nmlich von Seite des Frsten ein Krieg erklrt worden, und zwar den
salzburgischen----Hunden.

Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof
verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit
einem Lrm, da von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen,
bellenden Biester kmmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe
des Landesfrsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so rger, je
krftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der
Krieg schon erklrt; ein Wachthttlein mute im Hof aufgestellt und von
einem Nachtwchter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister)
erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen
Gassen einzufangen und abzuschlagen.

Der Hundschlager verstand keinen Spa und begann sein Handwerk mit einer
alle Hundefreunde mit Schrecken erfllenden Grndlichkeit. Vom frhesten
Morgen bis zur Dmmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und
fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der
Strae, unbekmmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager
konnte rcksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf
Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund
lieb hatte, mute sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund
nicht aufsichtlos lassen.

Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor
ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies
sich beraus findig, er warf lange Schlingen mit groer Sicherheit aus
und fing die Kter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese
Weise bald von vierfigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl
zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach frstlicher
Auffassung berhaupt zu viel Hunde.

Dem Schlager erwuchs zu groe Arbeit durch das Wegfhren der
Hundekadaver, er ttete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem
Kopf um die Erde oder Huserecken schlug, und lie die Kadaver einfach
auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Ttung konnten
Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und
gemeuchelt wurden, die einflureichen Leuten bei Hof gehrten. Die
Metzger beschwerten sich, da einerseits der Viehtrieb ohne Hunde
erschwert sei, und da der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den
Fleischbnken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer
vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Auflufe. Kurz es schien, als
sollte Salzburgs Bevlkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde
davon kam auch dem Frsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen
wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die
Beschwerden wurden geprft, fr begrndet befunden, und nun erfolgte die
Verhaftung des Schlagers.

Die Aburteilung endete mit Entlassung "mit Spot und Schant".




IX.


An einem furchtbar heien Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater
auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu,
das am Fue des dichtbewaldeten Geiberges bei Salzburg gelegen war. Der
Bettelmnch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck
gefllten, mchtigen Sackes, und auerdem trug der krank aussehende
Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine
lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei
jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.

Und so oft der Bruder unwillig den Sack schttelte, quieckste das
Almosen aus Leibeskrften, wasmaen die Spende ein Spanferkel war. Jener
lpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder
Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besa, er spendete eben vom
Ferkelberflu, der ihm geworden, in der Meinung, da die Franziskaner
zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewi gerne mal einen Ferkelbraten
essen wrden.

Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und
schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des
Wirtshauses am Fue des Geiberges aber ward die Mdigkeit zu gro, der
Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schwei trat ihm auf die Stirne
trotz der bermigen Hitze, sthnend mute der Frater am Straenrain
sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste
schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.

Angelockt von solchem Lrm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der
Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behbige Zapfler den blassen,
mden Mnch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend
beizuspringen.

"Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet ba bel aus!"

Der Frater sthnte, mit Mhe brachte er heraus, da ihm eine
unerklrliche Krankheit angeflogen sein msse. "Reichet mir barmherzig
einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!"

"Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Lat mich die Scke
tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?"

Der Klosterbruder nickte und bat, es mge der Wirt das Ferkel im Stall
einstweilen einstellen und fttern bis zur Abholung.

"Gern soll das geschehen!" sprach der mnchefreundliche Wirt und trug
den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Gehei des Zapflers holte eine
Dirn den andern groen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte
der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein
Humpen Weines gereicht wurde.

Ein Stndlein Ruhe und der krftigende Wein halfen dem armen Bruder
wieder auf die Beine, soda er nach Erstattung herzlichen Dankes den
Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu
wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer
Terminierung gelegentlich wieder holen.

In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde
fhlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der
Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straenrain und machte
Reu' und Leid, die Sterbgebete flsternd.

Ein Buerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den
armen Bettelmnch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode
ringender Mensch, bat, es mge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins
Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.

Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen,
schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt ber seine Gliedmaen
bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes
brig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.

Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der
Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen
benebst dessen Almosensack.

Der Trmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die
Stadt zu lassen, wasmaen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen
vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem
Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, da er das nicht
wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.

Der Trmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon
fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster
gehre.

"Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!" beteuerte der Bauer, dem es
pressierte, in die Stadt zu kommen.

"Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehrt, mu er wohl eingelassen
werden!" argumentierte der Wchter und gab die Einfahrt frei.

Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der
Brcke bersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater
bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann
abliefern.

Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch
mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich
gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, da ein Frater vom
Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein
heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein
Zeichen fr die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der
klsterliche Medikus zurck und rief: "Groer Gott! Ein Pestfall!"

Das hrte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der
Leiche geblieben war, und mit rasenden Stzen flchtete der Mann nun
hinweg, sprang auf sein Gefhrt und jagte das Ro unter Peitschenhieben
dem Einstellhause zu.

Die rasende Fahrt mute auffallen, zumal schon das Trabfahren in den
engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten
dem Ro in die Zgel und brachten es zum Stehen.

"Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!" zeterte der entsetzte Bauer,
und scheu wichen die Trabanten von dem Gefhrt hinweg.

Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten
Pestfalle, berall Schrecken und Todesangst erzeugend.

Whrend man im Rathause noch nicht wute, was beginnen, hatte Wolf
Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit
zahlreicher Mannschaft rckte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster
und berbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde
alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen
Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren
mssen.

Wohl protestierte der Guardian, die Mnche baten, den Frater doch vorher
beerdigen zu drfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen
Befehl, und als die Mnche keinerlei Miene zum Abrcken machten,
erklrte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch
Musketiere darunter, drangen in die Klosterrume, es ward bitterer
Ernst. Wie die Mnche standen, muten sie abziehen, nichts durfte
mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den
Toten muten die Fraters auf der Bahre wegtragen.

Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch
zur Salzach getrieben, wo auf frstlichen Befehl ein Salzschiff zur
Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen
worden war.

Der Transport erregte Erbitterung bei den mnchefreundlichen Brgern,
doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab,
sich einzumengen.

Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Pltte zu
besteigen, laut und beweglich, aber es ntzte nichts.

Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen
an Bord zu haben, zogen das Lndseil ein, und stieen ab. Von den Wellen
erfat, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert,
schnell hinab. Die Mnche beteten laut....

Scharf griff der Frst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer,
der den toten Bettelmnch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in
ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden
war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit
verschiedenen Leuten in Berhrung gekommen.

Nach wenigen Tagen gab es Pestflle in der Stadt, Angst und Aufregung
wuchsen. rzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten
strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein
Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in
der Riedenburg geschafft, rcksichtslos, unerbittlich wurde dieser
Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.

Still ward es in Salzburg und hei ber alle Maen. Unbarmherzig brannte
die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in
die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstdtlein
Hallein herrschte ein groes Sterben, es hie, es starben oft an einem
Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, da die
Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im sterreichischen viele Opfer
fordere.

An fnfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.
Auf Befehl des Frsten muten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner
aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die
Rckkehr war aufs strengste verboten.

Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsber auf einige Stunden sich im
Freien zu ergehen, auf da sie doch etwas an die Luft kmen.

Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, da die Ausgestoenen auf den
Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung htten, indem die
umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung
abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich
und schickte Atzung jeglichen Tag, auch muten auf seinen Befehl rzte
und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.

Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies
frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.

Die Salzburger faten wieder Mut und wurden beweglich; Brger thaten
sich zusammen und supplizierten zum Frsten, es solle der Erzbischof
doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder
doch wenigstens auf der Schanz zu Mhlen (Mlln) unter Dach bringen,
wofr die Brgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen
wolle.

Diese Supplikation, hauptschlich wohl der anmaende Ton und Undank,
erbitterte den Frsten schwer, es erflo ein Mandat, worin die Brger
als Aufwiegler und Unruhestifter erklrt und mit insgesamt achthundert
Gulden Strafe wegen ihrer Ungebhr belegt wurden.

Die khle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.

Auf Befehl des Frsten durften die Exilierten, nachdem die rzte hierzu
ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch
den Franziskanern wurde die Rckkehr wieder gestattet, deren Kloster
vorher vllig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg
neunzehn Huser infiziert gewesen und etwa fnfzig Personen daraus
verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die
Schrecken wichen. Zurck blieb nur der rger ber die achthundert Gulden
Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mute.

Sptherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wlder prangten in
leuchtenden Farben.

Vom Franziskanerkloster wurden die Brder ein letztes Mal vor dem Winter
zum Terminieren ausgeschickt, einmal um fr den eigenen Bedarf Vorrte
zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien
fr die Armenbekstigung zu erhalten.

Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis
gegen Golling, und mit einem mchtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der
Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.

Viel war im von Steuern, Miernte und der Pest heimgesuchten Lndchen
nicht zu holen, die Gaben flossen sprlich.

Auf dem Rckweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am
Geiberg am spten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine
Magd wusch hlzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht
eben erbaut davon, da knapp vor Hausthorschlu noch ein spter Gast
eintrat.

Frater Anselm grte mit frommen Worten und bat um barmherzige
Beherbergung fr Gotteslohn.

Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mnchhabit schien sie zu
beruhigen, und da der Frater sonst keine Wnsche auf Verpflegung
uerte, war die Magd bereit, ihm ein drftig Kmmerlein im niederen
ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der dsteren Kammer, die auer
einem Fuhrknechtbett nur noch Futterscke enthielt, ging dem von Mauern
umschlossenen Hof zu.

Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom
fleiigen Terminieren an frische Luft gewhnt, war es ihm Bedrfnis,
hier das Fenster zu ffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem
schpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch pltzlich ward
unten im Hof eine Thr geffnet und eine Stimme rief: "Jackel! Vergi
nicht, morgen gleich in der Frh wird der 'Franziskaner' abg'stochen!"

Und eine andere Stimme antwortete: "Ist recht, Wirt!"

Todesangst erfate den Frater, der jedes Wort gehrt hat und nichts
anderes denken kann, als da er in eine Ruberhhle geraten sein msse
und da man ihm, dem armen Bettelmnch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen
darf nicht gewartet werden, Frater Anselm mchte noch ein Weilchen
leben, er mu fliehen aus dem Mrderhause.

Wie aber entweichen, ohne den Mrdern in die Hnde zu laufen? Ein
vorsichtig Betasten des Thrschlosses, der Versuch des Aufklinkens
ergab die Gewiheit, da der spte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die
Magd mu das Schlo von auen versperrt haben.

Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst mu alles im
Schlafe liegen. So wartete der Mnch eine lange Zeit, von Todesangst
gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch gnstig erschien. Mit
zitternden Hnden lste der Franziskaner den weien Strick von seiner
Kutte, knpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken
fest und lie sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der
Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glck befand sich kein Hund im
Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das
Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thr drfte direkt ins
Haus der Mrderbande fhren. Also ist der Mnch rettungslos gefangen,
eine Flucht unmglich. Die Nachtklte zwingt dazu, einen geschtzten
Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder
hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer
verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich
nicht eben einladend duftet. Die Thr ist unverschlossen, also hinein.
Am Grunzen der berraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer
erkennen, da er im Schweinestall sich befindet. Eine miliche
Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein
kann, denn im Schweinestall werden die Mrder ihr Opfer kaum suchen.

Mhlich beruhigten sich die Borstentrger, nur ein Ferkel bekundete
zudringliche Neugierde und lie erst nach energischen Sten und
Fausthieben von nheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab.
Zusammengekauert hockte der Mnch im Stall und trotz der frchterlichen
Angst berfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Mdigkeit war zu gro.

Ein Haushahn krhte sein Kickeriki in die frische Morgendmmerung und
weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es
lebendig im Hause. Eine Thr wurde geffnet, Menschen traten in den Hof,
und in nchster Nhe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton
der Mnch erzitterte: "Also Jackel, fang den 'Franziskaner' 'raus und
hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schdel!"

Frater Anselm fhlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfat
murmelte er ein Stogebet zum Himmel und empfahl seine Seele der
gttlichen Barmherzigkeit.

Die Thr zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick
fate der Mnch blitzschnell den Entschlu, durch vehemente Flucht sich
durchzuschlagen, den ersten der Mrder niederzustoen. Gedacht, gethan,
der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und
warf den Knecht ber den Haufen.

"Hui!" schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht
zeterte ber Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner
Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu.

Alle Hausinsassen kamen ob des Lrmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich
wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwrungsworte an
den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die
Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthre aber hpften die
Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehft
vermehrend.

"Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?" schrie der Wirt und
machte das Kreuzzeichen gegen den Mnch.

Frater Anselm fate augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht,
kann kein Mrder sein. Er rief: "Im Namen Gottes des Herrn frag' ich
Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?"

"Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?"

"Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!" Jetzt nderte sich
die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, da er ein Ferkel,
das vor geraumer Zeit ein Bettelmnch eingestellt, "Franziskaner"
genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel
abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmnch aus dem
Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als
da wegen des begangenen Frevels, ein Schwein "Franziskaner" genannt zu
haben, das Ferkel in einen Bettelmnch verwandelt und ein Geist geworden
sei.

Flink ntzte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig ber solchen
Frevel loszog und die Strafe Gottes in nchste Aussicht stellte.

Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er
um Verzeihung und gelobte das aufgeftterte Ferkel sogleich dem
Franziskanerkloster zurckstellen zu wollen.

Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schlielich lachte er ber
die ausgestandene Angst und sein Migeschick, und die Gehftbewohner
lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und
gebunden, dann mute Frater Anselm sich bewirten lassen, und schlielich
ward angespannt, der Wirt fuhr den Mnch mit dem Terminiersack und dem
schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster.

Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung,
da jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der
Pest verstorben sei.

Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr lie den Wirt nachtrglich
erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine
Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor
einfahren.

Im Kloster lachte man weidlich ber diese Franziskanergeschichte, und
weil das Ferkel so prchtig aufgefttert worden war, verbelte man dem
Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen
konnte, da jener anspruchsberechtigte Mnchsbruder mit Tod abgegangen
war. Frder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender fr
die wackeren Franziskaner und alljhrlich lieferte er dem Kloster aus
eigenem Antrieb ein Ferkel zur Shne.




X.


Wahrhaft frstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschrnkte Gebieterin
und Herrin ber eine groe Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen.
Salome speiste mit Wolf Dietrich tglich an der ppig bestellten Tafel,
sie erwies die Honneurs des frstlichen Hauses, wie sie im engeren
Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfrstlichen Gnaden
respektiert wurde. Der Frst bekundete fr Weib und Kind eine rhrende
Frsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmtigen Wesens
offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schnsten Mae. Aus
Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis
sechstausend Gulden berwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde
umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien
bemht, die Existenz seiner heigeliebten Salome vor Wechselfllen des
Lebens sicherzustellen dadurch, da er dem sogenannten "ewigen Statut"
einen speziellen Paragraphen einfgte, der in nicht mizuverstehender
Weise lautete: "Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet
werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein
unter irgend einem Schein, heie er wie er wolle, nicht angefochten
werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden
haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschtzt und
beschirmt werden."

So geschirmt, beschtzt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der
immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unvershnlichen Vater
steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt
Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das
kleine Wlfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur
Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am
geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, da ein besonderes
Ereignis vorgefallen sein msse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden
weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden
habe.

Zgernd nur sagte die vertraute Dienerin, da sie die Huserin des
Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stnde bel mit Herrn
Wilhelm Alt, wasmaen um den Geistlichen geschickt worden sei.

Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten
Krper, bebend jammerte sie: "Groer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei
zur Vergebung!"

Und ein Gedanke fand sofortige Ausfhrung. Salome kleidete Wlfchen
sogleich an, rstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine
Snfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.

Eine Stunde spter war Salome mit ihrem Shnchen zitternd und zagend im
Altschen Hause; Klara bemhte sich, die Huserin zu beschwatzen, auf da
Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen wrden.

Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verlie die Stube; ihm
eilte von Schmerz und Sorge erregt und geqult Salome entgegen und
fragte, wie es um den Vater stnde. Der Geistliche zuckte die Achseln,
grte hflich und flsterte: "Es kann nicht lange mehr dauern!"

Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fhlte eine Ohnmacht
nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wlfchen in die Arme und wankte,
die Huserin zur Seite drngend, in Vaters Krankenstube.

Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier
brechenden Augen waren fragend auf den Strenfried gerichtet. Wie nun
Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die kncherigen Hnde wie
abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: "Hinweg mit der
frstlichen Buhle!"

Salome warf sich in die Knie, hielt Wlfchen entgegen und flehte
schluchzend im bittersten Weh: "Vater, lieber Vater, vergebt mir!
Verzeiht!"

"Hinweg! Ich will in Ehren sterben!"

"Vater, habt Erbarmen!"

"Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!"

"Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde
meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf da mir
Verzeihung werde, nach welcher drstet meine Seele, verlangt mein
schmerzdurchwhltes Herz!"

"Hinaus! Ich will nichts hren!"

"Schwer hat sich gercht die Flucht vom Elternhause, ich fand die
Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen--"

"Das wut' ich zum voraus!"

"Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfllet! All'
uerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!"

"Die Strafe ist gerecht fr das ungeratene Kind, dessen Leben jedem
ehrlichen Brger Salzburgs mu die Schamrt' ins Gesicht nur treiben!"

"Vergebt mein guter Vater! Hart ist die Strafe, doch willig soll sie
ertragen werden! Lat Euer Herz reden fr mich und mein unschuldig
Kind!"

"Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mhe!"

"Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das
meines Lebens hchste Sehnsucht ist!"

"Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will
ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem frstlichen Buhlen
soll sich rchen der Fluch des Vaters, erfllen sich ein grausam
Schicksal verdientermaen!"

Wilhelm Alt begann zu rcheln, seinem todesmatten Krper und mden Geist
ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen
mute.

Von Verzweiflung erfllt setzte Salome das Knblein zu Boden, eilte an
des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hnde
flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.

"Nein!" flsterte der Sterbende und lie das Haupt in die Kissen fallen.
Ein Zucken, ein Seufzer--das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unvershnt
gestorben.

Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich ber die
Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal kssend.

Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wlfchen auf den Arm und
verlie das Sterbezimmer, um in der Snfte ins Palais zurckzukehren und
Trauerkleider anzulegen.

Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht
in Salomens Gemchern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal
zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Frst nach der
Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters
gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trsten. Die Frage, ob eine
Ausshnung erfolgt sei, fhlte der Frst auf der Zunge liegen, doch als
Schonung sprach er sie nicht aus. Dafr gelobte er, Wilhelm Alt mit
allem Geprnge, wie die familiren Beziehungen dies heischen, bestatten
zu lassen.

Salome drngte die Thrnen zurck und bat weichen Tones: "Mein gndiger
Herr mge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht
begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!"

"Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bednken, der Vater
meiner Frau soll mit frstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!"

"Verzeiht mir, gndiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist
geschieden im Zorn--unvershnt mein Flehen war vergeblich!"

"So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?"

"Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wlfchen in den Armen flehte ich
um sein Erbarmen--"

Wolf Dietrich rief mimutig: "Was sollt' mein Shnlein dabei? Will ich
verargen nicht, da du den kranken Vater wolltest sehen, der junge
Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben."

Aufschluchzend jammerte Salome: "Ist doch Wlfchen von mir in Schmerzen
geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf
den bitteren Gang!"

"Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein
Spro aber sollt' nicht betteln um eines Brgers Gnade, sei dieser wer
er wolle; die Kluft ist zu hoch!"

"Weh' mir!" rief Salome und brach zusammen.

Der Frst mochte fhlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein,
er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome berlie, und
gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.

Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens
und Mimutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den
Saal, wo die geladenen Gste des Frsten harrten und ihn mit tiefen
Verbeugungen begrten.

Unter den Gsten befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die
Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres
Vaters in Verbindung zu bringen wuten und nicht wenig darauf neugierig
waren, ob der Frst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwhnen werde.

Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich
strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward
gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des
Frsten lie keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.

Neben dem Erzbischofe sa Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf
den Gebieter warf und darber nachsann, was die ble Laune hervorgerufen
haben knnte. Zu seiner berraschung sprach pltzlich Wolf Dietrich
halblaut zum Kapitular: "Will Lamberg dafr sorgen, da still und
schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde,
werd' ich dem Freunde dankbar sein!"

Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im
Verhalten des Frsten.

Ausblickend und der Gste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das
Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: "Salzburg hat einen
hervorragenden Brger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist,
verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die
Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begrbnis an meiner Statt
meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Ntige zu
veranlassen."

Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Frsten
wirkten ergreifend auf die Gste, besonders auf die Patrizier, die ein
Dankgefhl empfanden, da der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles
hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun
speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum
Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Frst mit Lamberg in die
inneren Gemcher zurckzog, die Herren aber ergriffen das Palais
verlieen.




XI.


Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mimut wachriefen,
es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhltnis Salzburgs zum
Herzogtum Bayern zu trben sehr geeignet schienen. Eine
Haupteinnahmequelle fr Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen
das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes
geschah durch das bayerische Land und nach Bhmen, teils zu Wasser,
teils zu Lande. Verschiedene Orte lngs der Salzach und des Inns waren
als Lagerorte oder "Legsttten" fr dieses Salz bestimmt; Hallein fr
die Ausfuhr zu Lande "auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumro und Fuhren",
Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schrding fr die Ausfuhr zu
Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben,
nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der
Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt
gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einflu zu ben. Schon in
frheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und
Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III.,
welche dem Erzstift Salzburg die eigenmchtige Erhhung des Salzpreises
zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun
der Erzbischof Mathus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom
Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, da diese wie
alle zuknftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzge
abhngen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen
und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst
erschien daher als stndiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rckgabe
des lstigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt
hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fgend, fr eine Preissteigerung,
zu welcher ihn die miliche finanzielle Lage veranlate, die Bewilligung
des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich
hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der
Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem
Domkapitel nicht wrdig dem Verhltnis des Erzbischofs und einem Herzog
schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung
durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor
wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers
ber die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern
fr ein Fuder Salz (ungefhr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch
einen Kreuzer darber gestattete.

Wolf Dietrich, der bereits seine Bauplne zu realisieren begonnen und
demgem kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu
erhhen, und diesmal fhrte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen
Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und
berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang
ein leidliches Verhltnis herzustellen, das aber durch erneute
Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrbt werden mute.

Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin
er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern
teilen zu sollen, empfand der Frst schwer; er wnschte, den verhaten
Vertrag so bald als mglich abschtteln zu knnen, und forschte nach
einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezgert, so
geschah es in der Hoffnung, da inzwischen die Verleihung des roten
Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Frst
bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen
vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischflichen Palais vor, die
keinen Zweifel darber lieen, da Bayern den Erzbischof wegen seines
Verhltnisses zu Salome als auch wegen seiner lssigen Haltung dem
Protestantismus gegenber beim Vatikan denunziert hat, ja da Wolf
Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdchtigt worden sei. Da des
weiteren auf Sixtus V. der wankelmtige Klemens VIII. Papst geworden,
konnte Wolf Dietrich sich bei grndlicher Wrdigung der Verhltnisse in
Rom nicht verhehlen, da die Aussichten fr das Kardinalat sehr schlecht
genannt werden muten.

Wolf Dietrich brtete in seinem Arbeitszimmer ber diesen geheimen
Briefen und bemhte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu
finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig
besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, da der rote
Hut so gut wie verloren sei, dem Frsten zu peinlich erschien. Dennoch
empfand Wolf Dietrich das Bedrfnis, die Lage mit einer klugen, khl
erwgenden Person zu errtern, im Gefhle, da sein eigener Kopf zu
hitzig, sein Gemt zu rasch erzrnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem
klugen, schnen Weibe, doch drngte der Frst diesen Gedanken wieder
zurck. Die Lage ist doch zu verwickelt, als da ein Weiberkopf den
Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Frst
nicht erklgeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche
Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht
immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer
Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht,
besser als es die geriebensten Hofrte htten bemeistern knnen? Wenn
Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, da die
Hoffnung auf das Kardinalat hinfllig geworden, wird Salome nicht die
Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drngen, da nun jede Rcksicht
auf Rom fallen gelassen werde?

"Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!" flsterte der Frst und
lie bitten, es mge die Frstin sich gtigst zu ihm ins Arbeitszimmer
bemhen.

Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt,
anmutig, mit dem bezaubernden Lcheln inniger Hingebung auf den Lippen,
doch mit fragenden Augen.

Als die Pagen, welche die Frstin begleitet hatten, sich zurckgezogen,
richtete Salome, an der Seite des Frsten Platz nehmend, die Frage an
Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen
hervorgerufen habe.

"Wie klug du bist, Salome! So klug wie schn, Geliebte! Und richtig hast
du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu
besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage."

Wolf Dietrich errterte alles der aufmerksam zuhrenden Freundin, die
jetzt nur fr seine Ausfhrungen Aug' und Ohr war.

Zunchst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt
nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.

Langsam sprach nun, jedes Wort berlegend, die Favoritin: "Nach allem,
was mein gndiger Herr eben errtert, deucht mich: Im Vorteil wre das
Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine
bestimmte Frist festgelegt werden wrde und Bayern sich verpflichtet,
genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszufhren. Zugleich
soll Salzburg darauf hinwirken, da nur das Stiftsland den Preis
steigern knne, Bayern hierauf aber keinen Einflu habe."

berrascht rief Wolf Dietrich: "Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer
hrt viel auf seine Rte und deren einer wird doch wohl solches Fueisen
finden! Richtig ist, da mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies
auch der Kaiser thut."

"Will mein gndiger Herr das nicht nher auseinandersetzen?"

"Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl
eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben
Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen."

"Wei das der Bayernherzog?"

Wolf Dietrich zuckte die Achseln: "Ob er es wei, ist mir nicht bekannt;
ich glaube nicht, da von dieser Urkunde eine Abschrift nach Mnchen
gekommen ist."

"Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gndiger Herr nach eigenem Willen
vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren mu. Bayern mu
Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz
nicht verschleien, so ist das seine Sache, an Salzburg mu er dennoch
zahlen."

"Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedrnge kommen, so der Preis
des kaiserlichen Salzes in die Hhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es
ist kaum zu denken, da Bayern solche Mglichkeiten nicht bedenkt!"

"Darauf kann es mein gndiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt
man nach Mnchen freundlich und proponiert die Festlegung des
Salzbezuges fr eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so
sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, mu er sich bestreben,
sein Absatzgebiet fr das bernommene Salz zu vergrern"

"Bewunderungswrdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer
Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist
feiner, die Mglichkeit besteht, da des Herzogs Rte die Gefahren im
neuen Vertrag bersehen. Wenn nicht, dann mu ich freilich nach meinem
alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist
genehm."

Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit ber und
erzhlte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.

Salome interessierte sich hierfr ersichtlich mehr, weshalb der Frst
sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, da der
Papst Klemens die Gte hatte, den Salzburger Erzbischof einen "seltsam
geschwinden Kopf" zu nennen.

Salome warf ein: "Das ist doch weiter nichts Schlechtes?"

"Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der
freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzhlt haben, auf da
der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als
ein "periculosum ingenium" betrachten--"

"Was heit das?" fragte Salome.

"Man kann es verdeutschen mit 'gefhrlicher Kopf'!"

"Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue
Papst nicht schlimme Absichten heget."

"Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den
Vorgngen schlieen zu sollen, da man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem
wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen."

"Lat sie blasen, gndiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein
klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trgerischer
Hoffnungen. Der Frst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten
Hut!"

Wolf Dietrich fuhr zusammen vor berraschung, da Salome so schnell auch
hier den Kern der Sache erfate.

"Hab' ich recht geraten?" fragte die kluge Frau.

"Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist
meine Hoffnung, ich kann damit nicht lnger hinterm Berge halten. Der
Erzbischof Wolf Dieter wird--nicht Kardinal!"

"Das wird der bel grtes noch nicht sein. Schlimmer wr' ein Streit
mit Bayern und dem Kaiser!"

Trotzig rief der hochfahrende Frst: "Kommt dazu es jemals, stell' ich
meinen Mann und werd' das Schwert zu fhren wissen. Doch nun genug der
leidigen Politik, es giebt schnere Dinge noch auf Erden, und meiner
Salome dankbar die Hand zu kssen, will mich ein schnes Ding bednken."
Galant kte der Frst die schmale Rechte seiner Herzensdame und
geleitete Salome in ihre Gemcher, wo er lngere Zeit verblieb.

Wochen vergingen. Zur groen und angenehmen berraschung war Bayern auf
den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung
erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu
merken, bervorteilen lassen, und allen Einflu bei der Steigerung des
Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu
spt erkannte man in Mnchen den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag
nicht rckgngig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um
seinen Salzverschlei zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim
zu groen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brcke bei Vilshofen
der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch
Erbauung einer Brcke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm
gelegt wurden. Natrlich protestierten beide Stdte, und Prachatitz in
Bhmen, der Hauptplatz des sogenannten "goldenen Steiges" nach Bhmen,
wohin das Salz von Passau aus ging, schlo sich dem Protest an, man
klagte beim Reichskammergericht in Speyer.

Einstweilen konnte dieser Proze dem Erzbischof von Salzburg
gleichgltig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der
Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun
auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische
Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den
Vertrag mit Bayern bestndig billiger als das aus den Werken von
Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das
kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem
Erzstift, da es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren
konnte.

Kaiser Rudolf untersttzte daher die Klage Regensburgs beim
Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller
Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr
verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das
Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lsen.

Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, da Wolf Dietrich
abermals und zur groen berraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der
Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Glubigen hielt,
von welcher der Chronist berichtet: "Er (der Erzbischof) ist ainesmales
ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von
wegen des Trgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig
stndigen Gebet ganz treulich und vtterlichen vermant, auch wie hoch
und gro das von Ntten und wie groen Nuzen man damit, wo solches mit
Andacht beschicht, knne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung
habe und was vor alten Zeiten solches gewrkt und ausgericht habe. Auch
ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Trggen-Gebet tglich umb die
zwlfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit
abdcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches
Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Het;
ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen mten, oder wie sie es
darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch
mit der Weil wider verloren, aber letten thuet man noch."

Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an
Reich, Kaiser und Trkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte
eine jhe Sinnesnderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um ber
ein Hilfsgesuch des Kaisers fr den Trkenkrieg zu beraten, und zu
dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Rte entsendet.

Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den grten
Zorn hervor und setzte seinen ohnehin "geschwinden Sinn" in lebhafteste
Bewegung. Ein Kurier mute mit unterlegten Pferden zum bayerischen
Kreistag reiten und den salzburgischen Rten das Abberufungsschreiben
einhndigen.

Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestrzt ob des brsken Vorgehens des
frstlichen Nachbars, bemhte sich, die salzburgischen Gesandten zum
Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rckten
schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten
Hofrte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam
an den Kaiser senden und ihn um Zurcknahme des Speyerer Urteils bitten
lassen.

Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hren, seinen Vorteil nicht
aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die
Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu untersttzen. Verweigere dies
der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Trkenhilfe nicht bewilligen.

Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das grte Aufsehen im Reiche
hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands ber das beispiellos
khne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen
Frsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in
jener Prozeangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen.

Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die
Erkenntnis des Frsten, da Bayern doch auch empfindliche
Schwierigkeiten bereiten knnte, zumal die bervorteilung immer
offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag
lie er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, da er dem
Kaiser wohl Untersttzung gewhre, jedoch nicht in der verlangten Hhe.
Auf Salzburg trafen nmlich 844 Mann Trkenhilfe, der Erzbischof
gewhrte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen
marschieren drfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant
befehligt werden mssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die
Majoritt des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine
Gesandten ab.

Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gnzlich die Hilfe zu
versagen, immer weniger zu gewhren als gefordert wurde, um dadurch auf
den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuben.
Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, da _durch Salzburgs
Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschttert wurde_.

Kaiser Rudolf sprte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch
war; er fand es geraten, eine Verstndigung anzubahnen ber die
Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger
seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke.

In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und
salzburgische Hofrte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen
neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo
verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja da man
der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen drfe, als diese selbst
verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des
kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Bhmen einigermaen fr
den Kaiser ertrglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb
gestattet werden, selbst jhrlich 250000 Kufen von Bayern zu
festgesetztem Preise und fr bestimmte Stdte in Bhmen zu beziehen; von
jeder dort eingefhrten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fnf
Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber mglichst vermieden
werden.

Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab.

Wolf Dietrich beschlo daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser
begreiflich zu machen. Schon frher einmal hatte der Erzbischof sich mit
dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform
des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf
dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkmpfer des
Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung
des Kaisers in der Salzfrage veranlaten den Frsten eine Schwenkung zu
vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der
protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den
Frieden mit den Trken unbedingt zu befrworten, obgleich die Lage der
Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte.

Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander,
die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgem den kaiserlichen
Wnschen sogleich entgegen, sie verzgerten die Beratungen unter
Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den
gleichfalls dissentierenden Pflzern.

Als aber die Mehrheit fr die Bewilligung einer Geldhilfe nach
Rmermonaten[16] entschied, erklrten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die
Hilfe freiwillig sei, so knne niemand ber sein Vermgen hinaus zu
Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschlu sei also fr
Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig
Rmermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich
verpflichte, diese Trkensteuer erst nach Ablauf der frher bewilligten
zu verlangen, und wenn auerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die
auslndischen Staaten zu Leistungen herangezogen wrden, so erklre sich
Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht
Rmermonaten bereit.

Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen
Erklrung, ber die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fgen,
ber die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses
seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mute um so grer werden,
als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und
Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschtterte die Grundlage des
Reichs.

Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die
Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher
Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ndern. Er bemhte sich
jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich
nur mit dem Resultat, da Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kmen
die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Brde auf sich,
weil er wnsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen.

Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thtig, er
urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die
Zusicherung, da die Ratifizierung in spterer Zeit erfolgen werde, weil
der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten knne.

Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg.




XII.


Lie Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten
in beweglichen Worten klagen, da er gerne alles Menschenmgliche
leisten wrde, aber nichts Namhaftes bewilligen knne, weil in des
Erzstiftes "armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark
abgefallen seien",--zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der
Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise erffneten Quellen,
wie er auch fr sich, Salome und den inzwischen erfolgten
Familienzuwachs, sowie fr seine nach Salzburg berufenen Brder in
berreichem Mae sorgte und Kapitalien anhufte, die zinsbringend
ausgeliehen wurden.

Wo immer es angngig ward, wurden alte Huser, Keuchen und Htten
angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,
am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der
uralte mit der "Freyung" begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls
abgebrochen und dadurch verschwand fr immer die kaiserliche Freyung,
die einem Totschlger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten
gewhrte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf
Dietrichs Werk, ebenso der "Neubau", welcher zur zweiten Residenz
bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut
des Frsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und
vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des fteren. Fr
seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er
nrdlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Huser standen, die
geschleift wurden, einen groen Palast, der 80000 Gulden Baukosten
verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brder,
Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit
wohlgezhlten achtzehn Wagen voll Schtzen in Gold und Silber nach
Schwaben ab. Im Zorn lie Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreien
und der Erde gleich machen. Unzhlig sind die Verschnerungs- und
Verbesserungsbauten, die mhlich der Stadt einen anderen Charakter zu
verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu
verwirklichen, Salzburg vernderte sein Stadtbild und nahm ein
italienisches Geprge an durch die Neubauten, es gewann den
eigentmlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt muten
fnfundfnfzig Huser verschwinden, um prchtigen Neubauten Platz zu
machen.

Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu berwinden, so sie
seinen Bauplnen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso groe
Energie wie Fhigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des
prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fue des
Mnchsberges erstreckte sich bis zum Brgerspittel eine dem Stift Skt.
Peter gehrige Flche, der sogenannte Frongarten, welcher von den
Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im
Frhling bis auf Georgi war es den Brgern Salzburgs gestattet, in
diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend
konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage
aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr
hindurch bis zum nchsten Frhling.

Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Brger hatten die
Erlaubnis ersehnt, die Rckseiten ihrer Huser zu ffnen, auf da sie
Fenster und Thren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in
den Frongarten Gewinn erzielen knnten. Die Benediktiner wollten von
solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Brger beim
Frsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und
wute Rat. Auf sein Gehei boten die beteiligten Brger die Reichung von
Burgrechtspfennigen an, wofr richtig die Mnche die ffnung der Huser
der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein
Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung
erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des
Frongartens fr seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die
Benediktiner zgerten, sie mochten wohl Unheil wittern.

Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, lie monieren, und erreichte
sein Ziel. Sofort lie er einen langen und breiten Tummelplatz zum
Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu
Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr spter
kam es dazu, was die Patres befrchtet hatten vom Anbeginn: der
Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die
ihm gehrende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.

Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner
willigten ein. Nun gab der Frst seinen Unterthanen den ganzen Garten
das ganze Jahr hindurch frei, lie im Winter dortselbst einen Steinbruch
erffnen, aus dessen Material der groe herrliche Marstall erbaut wurde,
ein Meisterwerk der Baukunst.

Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf
Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem
Opfer zurck. Und glcklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plnen und
Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um
Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwrmte. Ein
Frst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem dsteren wuchtigen Dom
mit den fnf Trmen keine Freude haben. Des fteren klagte Wolf Dietrich
in stillen Stunden seiner Salome, da er sich nicht Rats wisse, wie
Salzburg einen schnen Dom bekommen knnte, ein Gotteshaus nach seinem
Geschmack.

Und Salome, die kluge Frau, wute da auch keinen Rat, denn an einen
Abbruch des zwar dsteren, doch immer majesttischen alten Domes konnte
im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Brger,
die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der
zweifellos enormen Kosten.

Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und
steife Klte. So zart Salome gewesen, an einer frhlichen Schlittenfahrt
in warmer Pelzumhllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem
frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich
in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft
und Kmmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem
erzbischflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten
Kchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und frhlich gezecht. Salome
zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer
Luft hatte sie erquickt, und als frhzeitig der Abend sich ins stille
Gelnde senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwrmten
Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nchsten Tage nach
Salzburg zurckzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln
vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kmmerer, welche
freilich lieber ins Palais gekehrt wren, devot verkndeten, da
Nachtquartier bereit gestellt, die Rume gut geheizt werden knnten, so
wurde die bernachtung beschlossen.

Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,
es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weistarrend, im Silberlicht
schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.

In der Stadt waren die letzten Zecher lngst aus der Trinkstube in ihre
Huser zurckgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still
durch die Fenster.

Vom Dom kndete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsule
aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare
Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich
knisterte es, bald zngelten Flmmchen hervor, ein Prasseln hub an, das
Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm
nach dem andern auf, bald glhten alle fnf Trme des Domes, das Feuer
leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidcher
zum Schmelzen, die glhende Masse flo zischend an den Quadermauern
nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heien Gischt. Die
Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.

Nun wurde es lebendig in den Husern des Domviertels, der Schreckensruf:
"Der Thuemb brinnet!" brachte die Brger auf die Beine. Der
Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.

Die ungeheuere Flamme lohte zum nchtlichen Himmel und schon flogen
feurige Brnde hernieder zu den Dchern der umliegenden Huser und auf
die Residenz.

Die Hitze war so gro, da niemand sich der Brandsttte nhern konnte;
man mute warten, bis das glhende Blei vllig abgeflossen sei.
Inzwischen bemhten sich die Brger, Stadtknechte und Landsknechte sowie
die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Huser und die
Residenz zu retten.

Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen
Altre, Schmuckgegenstnde, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und
ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne
begreifliche Beschdigung einzelner Pfeifen.

Im Jammer um das verlorene, mchtige Gotteshaus erinnerten sich die
Salzburger ihres Erzbischofs und Frsten und schickten nach ihm in die
Residenz, auf da der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und
anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstnde getragen werden
sollen.

In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Frst weilte
zudem auswrts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und
Gut zusammenzuraffen in der Angst, da auch noch das Palais werde ein
Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.

Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Frsten das groe
Unglck eiligst zu vermelden, der Mann mute in bitterkalter Winternacht
hinaus auf die Strae gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das
Gefolge wachzubringen, auf da dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.

Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandsttte das Erscheinen des
Landesherrn.

Die Trme strzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,
richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die
Funken erloschen auf den schneebedeckten Dchern der umliegenden Huser.

Endlich jagte ein Reiter ber die Salzachbrcke und kam im Galopp zur
Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,
alles fragte nach dem Erzbischof.

Der erschpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte
nur mit Mhe den erschreckten Gaul meistern.

"Wo ist der Frst?" hie es.

Heiser rief der Meldereiter: "Er kommt nicht!"

Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen
konnten, da der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr
durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher
Not.

Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit
dem berraschenden Ergebnis, da der Bote meldete, der Erzbischof, vom
Kmmerling aufgeweckt, habe gesagt: "Brennt es, so lasse man es
brennen!"

Das war den Brgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die
Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgltigkeit Wolf Dietrichs
gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht
ausgesprochen, da der Erzbischof, von dem es bekannt war, da er den
Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst
verursacht habe! Geschftige boshafte Zungen verbreiteten das Gercht,
das Feuer sei im erzbischflichen Oratorium entstanden, der Frst htte
dort einen brennenden Wachsstock zurckgelassen, und dadurch wre erst
der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.

Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich
diese gehssige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter
verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und Mnchen, wo man,
dem Frsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar
nach Rom bermittelte.

Am nchsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurck. Seine ruhige
Haltung verstrkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des
Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden lie.

Auf sein Gehei wurden die geretteten Gegenstnde bei Skt. Peter und in
der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr
abgehalten werden konnte, lie Wolf Dietrich sogleich einen hlzernen
Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst frder
celebriert werden mute. Die Hochmter und Predigten wurden bei Skt.
Peter abgehalten.

Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es
nicht anders sein, als da auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der
frchterliche Verdacht einer frstlichen Brandstiftung zu Ohren kam.
Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof
diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.

Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit
zur Entkrftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf
Dietrich eine Audienz.

Lamberg traf den Frsten belgelaunt, fast bereute der treue Freund,
sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwgung, da
der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten drfe, gab den Ausschlag.

Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den
Kapitulator forschend an. "Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue
Kunde von Prag eingelaufen?"

"Nein, Hochfrstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die
ich unterbreiten mchte unserem gndigen Herrn."

"Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wte nicht, was ansonsten Neues zu
vermelden wre in meiner Stadt!"

"Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir
will gefhrlich erscheinen."

Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen
durchdringend. "Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht
hindern!" meinte der Frst dann geringschtzig.

"Mit Vergunst, gndiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann
gefhrlich werden."

"Wohinaus will Lamberg zielen?"

"Ein Ziel mchte ich gesetzt wissen einer niedertrchtigen Verleumdung,
die vor dem Thron nicht Halt zu machen wei."

"So zngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Hhe? Pah, ein
Tritt und es endigt schmhlich solch' Gewrm!"

"Will mein gndiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir
verstatten?"

"Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!"

"Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch
vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser
deucht mir ein Akt frstlicher Noblesse und politischer Klugheit
zugleich."

"Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Frst und
Herr zu thun und lassen habe?!"

"Mit nichten, Hochfrstliche Gnaden! In Treuen nur wr' meine
unterthnige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch
eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen."

"Ha, capisco! Da ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird
mir wohl anjetzo eingekerbt?!"

"Viel schlimmer, gndiger Herr!"

"Wie?"

"Hart ist's auszusprechen das schwere Wort, das Flgel hat gefunden und
zweifelsbar das Ohr hmischer Freunde zu Mnchen erreicht haben drfte."

"Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdchtigt?"

"Der Brand...."

"Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn
nieder!"

Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, whrend Wolf Dietrich mit
hastigem Schritt das Gemach durchma. Zurckkehrend war der Frst
ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: "Niente di
male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen
das heie Blut."

"Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?"

"Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdchtigen mich, den Thuemb
wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber
nicht...."

Jetzt rief Lamberg berrascht: "Wie? Hochfrstliche Gnaden finden solch'
infamen Argwohn entschuldbar?"

"Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, da
widerwrtig ist mir das alt' Gebu des Thuembes! Wissen das die
Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, da Migunst ward
zum Brandstifter."

Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine berraschung
nicht zu verbergen, und ber diese Anzeichen seiner Verblffung zeigte
sich Wolf Dietrich amsiert.

"Gndiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schieen
lassen?"

"Nein! Doch wei ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der
abgehauen wird des Giftbaumes zhe Wurzel!"

"Mit Vergunst, die Stelle fr die trennend' Axt kann ich bezeichnen!"

"So sprich, teurer Freund!"

"Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten
Domes."

"Das hliche Gebu restaurieren? Das ist frwahr nicht nach Geschmack!"

"Es bleibt kein ander Weg, gndiger Herr! Was spter wird, mag
vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft."

"Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch
Trme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will
einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen."

Froh dieses Erfolges, den wankelmtigen Frsten umgestimmt zu haben,
konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.

Wolf Dietrich hielt Wort; er lie von welschen Maurern ein Dach aus
Estrich und Mrtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt
geblieben. Diese Vorkehrungen besnftigten die Murrenden, der Verdacht
schlummerte ein.

Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Frst; wie
im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute
Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen,
der Regen sickerte durch das dnne Mauerwerk, es begann ein stetig
Abbrckeln, und eines Tages strzte ein groer Teil des Notdaches ein.

Nun hatte Wolf Dietrich den gewnschten Vorwand. Was an Altren im Dom
noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch
die Grfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen
Kirchen provisorisch untergebracht.

Die Salzburger errieten mhlich des Erzbischofs Absichten und begannen
zu murren. Da erlie Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, da er als
Erzbischof--nicht verantworten knne, das Leben der Dombesucher einer
Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Mae gefhrlich baufllig
und msse daher abgetragen werden.

Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der
massigen Quadermauern, worber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das
Ziel doch erreicht,--der alte hliche Dom niedergelegt, der Platz bis
auf den Grund gerumt.

Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung
erbauen.




XIII.


Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch,
seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen
Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailnder
Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt.
Baumeister des Frsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persnlichkeit
am Hofe des baulustigen Erzbischofs.

Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach
nur Italiener zur Wrde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu
Einflu zu gelangen. Indes hielt der Frst in politischen
Angelegenheiten doch am bewhrten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten
damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs
entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie
ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofrte bekamen dann die miliche
Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu
wirken und den verfahrenen Karren wo mglich wieder ins Geleise zu
bringen.

Ein Sprung dieser Art war das pltzliche Angebot an Kaiser Rudolf II.,
dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus
den Wldern des salzburgischen Pfleggerichts Httenstein zu versorgen.
Natrlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr sprden Frsten
den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofrte, welche
sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer
unfalichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen
Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, da der
Frst eine Annherung an den Kaiser wnschte, und mit Mhe setzten die
Rte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschlieung die Klausel durch,
da es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben,
wenn sterreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Bhmen
hindern oder sperren wrde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag
geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem
Kaiser auf guten Fu, verdarb es aber dementsprechend mit dem
bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte,
als den geglckten Versuch, da Salzburg sich den ungehemmten Ausgang
des Halleiner Salzes nach Bhmen sichern wollte.

Das frstliche Geschenk mute zu Mnchen geradezu verblffen, und zwar
im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Frsten auf Reichstagen ber
Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem
Kaiser die erbetene Hilfe in der gewnschten Hhe verweigern zu mssen
erklrt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen
Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch bertrumpfte, als in
Mnchen bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der
Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de
Mendoza empfing und mit einer Pracht und ppigkeit bewirtete, die den
Admiral veranlate, zu verknden, da der Erzfrst von Salzburg nicht
nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den
Kirchenfrsten Deutschlands sein msse.

Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte,
wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner
wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels
Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche
Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfllung jener
Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der
Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit bernommen.

Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation
nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn
auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zhlen, der doch als
Kapitular dem Kapitel angehrte. Der Frst fand den ersehnten Ausweg,
indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der
gewhlte Erzbischof bt die Regierung aus, also ist er vollkommener
Nutznieer und Herr aller Einknfte, Regalien und Geflle des Erzstiftes
gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Brden; der regierende
Frst knne also auch mit etwaig erspartem Vermgen bei seinen Lebzeiten
frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen
verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an
Gebuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift
anheimfallen.

Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertrstung auf die Erbschaft
vermochte der kluge Frst thatschlich das Kapitel zu einem
diesbezglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen
sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Drnglern Ruhe zu bekommen. Das
Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und mu warten, bis der
regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als
Nachla, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit
hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel
bis auf die nrgelnden alten Domherren ebenso gut bewhrt, wie die vom
Frsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im
Stadtrat. Dort hatte Brgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz
machen mssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persnlichkeit
ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit
Brgern besetzt, ber deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel
obwalten konnte.

Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Trkensteuer, welche der
Frst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewhrte, voll in der Hhe
der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das berplus dem
frstlichen Fiskus eingeliefert.

Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Frsten
zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nrgler an seinen
Beziehungen zur schnen Frau unter der Brgerschaft wurden immer
weniger, sie fanden das Verhltnis zwar nicht in Ordnung, doch
imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten
des Frsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die
Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstig
empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es
berhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes fr Wolf Dietrich und
Salome, deren Wohlthtigkeit im ganzen Erzstift bekannt war.

Im trauten Zusammensein mit Salome berkamen aber doch den Frsten
manchmal trbe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer
wieder wachriefen, Berichte ber Bayerns stetige Versuche, den
Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhltnisses zu Salome wegen.

In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, da
kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfalich das Zgern Roms.
"Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekrnkt dadurch mein treues
Weib, nicht eingelst mein frstlich Wort, entbehrt der Bund des
kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig
Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich
berdrssig, sh' lieber ein feindlich Andringen!"

Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu
trsten ber das Ungemach, das schlielich ja nicht unverdient genannt
werden knne.

Im Gefhle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: "Das sagt
Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich
gebrochen?!" "Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt
hei die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im
innerst Fhlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle
eracht' ich es als hchste Pflicht, zu unterordnen mich den hheren
Geboten, zu fgen mich und alles verhindern nach Krften was gefhrden
knnte Thron und Leben meines gndigen Herrn!"

Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und kte
die weie Stirn Salomens.

Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: "Mein
gndiger Herr! Ein Wort im Vertrauen mge mir verstattet sein!"

"Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr fr dich!"

"In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den
Hintergrund. Als Mutter aber mu ich fr unsere Kinder nach meinen
Krften sorgen--"

"Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, da
Ursach' ist zur geringsten Klage?!"

"Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich frstlich ist zu nennen die
Frsorge fr mich und die Kleinen. Allein der Blick mu weit hinaus sich
richten...."

"Ich verstehe mhlich! Geurkundet ist bereits, da fhren wird jeder
Spro aus unserem glcklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt fr
unseren Erstling Wolf wie fr unsere andern Kinder!"

"Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gnner! Geurkundet hat der
Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt
solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen
Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?"

"Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich knnt'
kalt dies lassen!" erwiderte in trotziger Geringschtzung der Frst.

"Doch nicht, gndiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein,
anzuerkennen solche Urkunde"

berrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wute nicht im Augenblick,
wohinaus Salome wolle. "Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht
nicht wohl aus!"

"Nicht Salzburg htte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!"

"Der--Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich frwahr ins
Staunen!"

"Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich wei dies nicht. Ein bittend Wort,
mein' ich, und gerne wird des Reiches hchster Herr bettigen des
Stiftsherrn Urkund'----!"

"Hm!" Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmckten
Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berhrt von den Plnen
Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhltnis Salzburgs zum
Kaiser sehr erschwert. Ist der Frst in diesen Tagen persona grata bei
Rudolf, es kann solche Beziehung sich ndern binnen wenigen Tagen, und
von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser sprt Wolf
Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht
nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Frst: "Solch' wichtige Sache
will berlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug'
behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!"

"Wie mein gndiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht,
es mge nicht zu lang gezgert werden, wasmaen vom Herzog Max nicht
viel des Guten zu versehen ist!"

"Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rcken kmpft und salzhungrig ist!"

Salome kannte den Frsten zu genau, um in Momenten solcher
Geringschtzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur
das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht wrde. Die kluge Frau wollte
aber auch nicht beitragen, die Miachtung und Unterschtzung eines
gefhrlichen Gegners zu frdern, und so beschrnkte sich Salome darauf,
den Gebieter zu bitten, die fr die Kinder wichtige Angelegenheit nicht
aus dem Auge verlieren zu wollen.

Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine
Apartements zurck. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben
gebracht, konnten die Laune des Frsten nicht verbessern. Lamberg
berichtete, da der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der
Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und
katholischen Stnden ausgebrochenen Streitigkeiten, und da bisher die
Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die
protestantische Bewegungspartei habe nun die "Union" errichtet, eifrige
Katholiken seien daran, als Gegengewicht die "Liga" zu grnden, und so
frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten drfen
oder nicht.

Das umfangreiche Schreiben schlo mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es
unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend
welchen Ausdruck zu geben.

Wolf Dietrich erfate sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und
berlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend
aus der Hand zu legen, wobei der Frst murmelte: "Will der Bayer und
sein Anhang die Liga, soll er sie grnden, ich thu' nicht mit; habe
genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der
Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Kpfen! Wolf
Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fnfte Rad am
Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen
Jesuiten-Max dazu!"

Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit
ward mit keinem Wort erwhnt.

Es schien, als htte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den rger vom
Halse weggeschrieben, in fast frhlicher, zum mindesten aber boshafter
Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob
der Vernderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete.

Der Frst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf
ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. "Willst wissen, Geliebte, was
meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein kstlich Erinnern!"

"Betrifft es mich, gndiger Herr?" fragte, schalkhaft werdend, Salome.

"Ging es nach Maxens Sinn, knnt' es schon sein!"

"Wen meint mein Gebieter mit sothanem 'Max'?"

"Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga grnden,
der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in
Erinnerung, was Maximilian Prchtiges geleistet, excellentissime!"

"Und das wre?"

"Der Herzog fhrte Krieg gegen--der hbschen Weiber kurze Rcke und
pnte die nackten Knie seiner Bergbauern!"

"So streng soll der Bayern-Herzog sein?"

"Noch mehr! Er giebt Fanggeld fr Ehebruch-Denunzianten! Mu lieblich
Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswchsen mutet man mir zu,
die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das
Erzstift. Knnen lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, la deine
kleinen Fchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome
gepnt, verliert den schnen Kopf!"

Die Favoritin staunte ber solche Spottlust, die Wolf Dietrich
berkommen; der Frst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm
den Kopf rtete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger
wurde, und Salome ntzte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige
Fragen einigermaen ber die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu
orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spttelt, kann es mit der
Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch
Salome nicht schwer.

Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet
ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz berwunden, Bedrfnis, seine
Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in
lateinischer Sprache der Dame unverstndlich, Salome mute sich aufs
Raten verlegen und deutete das "aut Caesar aut nihil" dahin, da der
Gebieter entweder zu berst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun
wolle.

Die weiteren Bemerkungen des Frsten bekrftigten diese Auffassung: "Wo
der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit,
wasmaen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Sden. Die
Vorherrschaft gebhret aber dem Erzstift, ich bin Primas von
Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!"

Vorsichtig fragte Salome: "So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft
im Erzstift an?"

Hhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: "Soll er wie er
will und mag! Wird ihm nichts ntzen, an meiner Thr ist ein tchtiger
Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!"

"Mein gndiger Herr spricht in Rtseln!"

"Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins
Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von sterreich
kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem
Kapitel aufgestellte Statut schliet die Wahl von bayrischen und
sterreichischen Prinzen fr immer aus. Das ist der Riegel vor der porta
salisburgensis, von dem ich gesprochen!"

ngstlich fragte Salome: "Mute das sein?"

"Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein
Recht darauf, seinen Herrn und Frsten nach eigenem Gutdnken zu whlen.
Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwhlet, so soll es
frder bleiben, und fr hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron
verschlossen!"

"Was sagt der Bayer zu solchem Statut?"

"Kaum, so will mich dnken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in
Innersterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ndern,
wenn sie knnen! Zwang zur Wahl ist exkludieret!"

"Und was wird man sagen, wenn mein gndiger Herr der Liga ferne bleibt?"

"Was frag' ich darum?! Milich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich
weigert, betreiben wird er sothanen Anschlu, die Kirchenfrsten
angehen, so den Mainzer und die Herren von Kln und Trier, aber ich will
nicht!"

"Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?"

"Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken
haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist
nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes
Bedrfnis ist schdlich ihm und dem Hause sterreich, weil zu sehr
krftigt es den Bayer."

In Salome stieg eine dstere Ahnung auf, da dieser Sachverhalt
gefhrlich fr Salzburg werden knne, doch schwieg sie, da sie sich
keines Ausweges sicher war und keines Rates wute. Gewandt das Thema
wechselnd fragte Salome: "Will mein Frst und Herr mich anjetzto wohl
zur Tafel fhren?"

Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verlie das Frauengemach
mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen
und Kmmerlinge.

Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der
Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, malos
erzrnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Fen darauf.

Wie der Frst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der
Kirchenfrsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen
aus Mnchen, Mainz und Kln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch
die Bischfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf
Dietrich der Reihe nach vorlie, ihren Vortrag anhrte und dann mit
ausweichendem Bescheid heimkehren lie.

Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat
Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmller nach Passau mit dem Auftrag,
zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche
Majestt vor der Liga und der damit verbundenen Strkung bayerischer
Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten,
auf "da dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten wrden".

Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine
Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu
prsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern wrde, da Kaiser
Rudolf nicht die Mittel fr die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes
zur Verfgung haben sollte.

Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das
kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem
schlauen Salzburger einen gewissen Rckhalt gegen Bayern.

Herzog Max fate diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl
gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis
zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, da der Salzburger es mit
den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald
erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur
schweren Verdchtigung, Rom ward verstimmt und mitrauisch, und in
Mnchen begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das
Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begrnden war.

So trmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken ber Salzburgs Himmel
auf. Der Frst aber glaubte allen trotzen zu knnen und blieb blind
gegen die aufziehenden Gefahren.

Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und
beriet sich mit Lamberg ber Schritte zur Sicherung der Familie und
ihrer Ersparnisse.

Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kmpfe verga Wolf Dietrich
keineswegs seiner Bauten, fr welche Geldmittel reichlich genug
vorhanden waren, dank der stetig flieenden Steuerquellen. Es fllt die
Aufzhlung kleiner Bauten, Kapellen, Chre, Restaurierungen in Kirchen
und Klstern, Aufrichtung neuer Altre, Kirchenfenstern von hchstem
Kunstwert &c. allein ganze Bnde. Der Frst aber wollte fr Salome einen
eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das fr diese Zeit
feenhafte Schlo 'Altenau'[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an
Salome Alt. Eine Marmortafel ber dem Einfahrtsthore enthielt die von
Wolf Dietrich selbst verfaten Verse:

  Raittnaviae stirpis divino e munere princeps
  Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas
  Impatiens otii, spirans magis ardua quondam,
  Nunc, ubi per morbos corpore deficio,
  Has tacitas aedes fessus portumque silentem
  Hunc mihi semestri tempore constituo.

Dieses Schlo stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer
und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentmliches, fremdartiges
Geprge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Ansto fr weitere
Bebauung dieses Ufergelndes gegeben haben.

Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben
Tchter und drei Shne) bisher in der alten Mnze, dem Anbau zur
Residenz, gewohnt, bersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses
nach 'Altenau', und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf
Dietrich seine Muestunden und lebte seinem idyllischen Glck, pflegte
der schnen Knste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer
druenderen Sorgen hinter sich.

Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich
in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet:

  "Um dise Zeit auch hat der hochwrdigst Frst und Herr, Herr Wolf
  Dietrich ain schns, gro, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schlo
  oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten
  Thurn, und inwendig, auch auen herumb, mit schnnen Grten von
  allerlai Krethwerch, Paumbgewchs und Frchten geziert und versehen,
  pauen und aufrichten lassen,--auch solchen Pau Altenauen genennt. In
  solchem schnen Gepe hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich
  oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten
  daselbst genossen und allerlai ehrliche Fredenspill und Kurzweil
  darinnen getriben. Dieses herrliche, schne, Gepe, gleich einem
  frstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die
  Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schn frstliches Werk und
  gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet
  vor dem Pergstrathor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu
  Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Drftigen
  merklich knen zu Hlf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg
  schaffen knnen.

  Ich will aber darber auch nit pergen, da gemelter Erzbischoff im
  Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait frgesehen, wann es
  sich begeben.... Dieses Lob ainem Frsten oder Erzbischoven
  nachzusagen, ist widerumben ain rhmliches Werk, zuedeme, so sind auch
  vil armer Handwerchslet, Taglhner und dergleichen darbei erhalten
  worden und solcher Bau dannach etlicher Maen zue Nuz kommen, denn
  welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen
  recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis
  und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib
  von ihme, was man wll, so hre ich, die Wahrhait zu bekennen, da
  ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid
  herzlichen gewnschet wrt, er noch vilmahls gewnschet und begert
  wirdet."




XIV.


Graf Lamberg, vom Frsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl
in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch
Salomens, als diese ihn in ihre Plne eingeweiht und um seine
Untersttzung gebeten hatte.

Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser
erwirkt, zur Verhllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad
vorgeschtzt.

Salome mit den ltesten, prchtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von
zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel
verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken,
vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hie, Rudolf II. sei ein
unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschschtig,
auffahrend, grausam und dennoch des wrmsten Mitleids bedrftig.

Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens,
erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem frstlichen
Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten ffnete die Herzen vieler
Adeliger, die darin wetteiferten, der schnen Frau die Honneurs zu
erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an
eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens fr ihren Bund
entbehrt.

Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome
mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom
Dienstkmmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem
Kaiser Meldung zu erstatten.

Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, sa an einem mit Folianten
und Gerten berladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer
Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen
um das Reich oft verga. Kaum hrte der Monarch die leise gesprochenen
Worte des Kammerherrn, kaum, da Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort
"Salzburg" fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie
geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kmmerling
diesbezgliche Meldung eben erstattet hatte.

Ehrerbietig sprach der Dienstkmmerer: "Frau von Altenau aus Salzburg
bittet Euer Majestt unterthnigst um gndigen Empfang."

Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten ber die bleiche Stirne und
murmelte: "Altenau aus Salzburg--kenn' ich nicht! Salzburg--der
widerhaarige Frst--ja ich wei--bin mde, fhr' er den Bittsteller
herein, soll kurz es machen!"

Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kmmerling: "Euer Majestt
unterthnigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!"

Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die
Ritterlichkeit, als er hrte, da eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob
sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten.

Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand
fhrend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der
tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die
Dame bat, sich zu erheben.

Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde
freundlicher.

"Gndigster Kaiser und Herr!" sprach bebenden Tones Salome und richtete
den Blick aus den sen blauen Augen voll auf den Monarchen, "wollen
Euer Kaiserliche Majestt in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen
vorbringen zu drfen."

Rudolf verstand und winkte dem Kmmerer, sich zu entfernen. Dann sprach
der Kaiser: "Ihr seid verheiratet? Mit wem?"

Salome erbebte, der gefrchtete Augenblick ist gekommen, das
schreckliche Wort mu gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach
Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: "Gndigster Herr und Kaiser!
Mein Bund entbehrt--des kirchlichen Segens!"

"Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!" rief Rudolf und wich einen Schritt
zurck.

"Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhltnisse!"

"Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie mt Ihr zittern
vor jeder sterlichen Beichte!--Wer ist der Mann, der sich nicht scheut,
den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?"

Demtig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie:
"Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gndigen Herrn und Frsten von
Salzburg."

"Des Erzbischofs Wolf Dietrich?" rief berrascht und betroffen der
Kaiser aus.

Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den
Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kmpfte und in
seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob.

"Gnade, Majestt! Gnade fr ein armes, schwaches Weib, die treue
Dienerin ihres geliebten Herrn!" flehte Salome.

Herb klangen des Kaisers Worte: "Gnade? Ein Leben voll Snde und Trotz,
verachtend alle Gebote, gelebt im berschumend bermut der unbesonnenen
Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das
Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der
heiligen Kirche!--"

"Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und
verspricht Vergebung jedem Snder, so er reumtig Einkehr hlt!"

Unwillig und erregt rief Rudolf: "Wei der Erzbischof nichts von
Clibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er mu das wissen, dafr
ist er Bischof, steht an des Klerus hchster Spitze! Erwhlet vom
Kapitel, vom Papst besttigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfrst, mu
ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem
keine Spur beim Salzburger! Frchtet er nicht Gottes Zorn, den
Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?"

Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfllte ihr Herz, in
bewegten Worten sprach die liebende, fr ihre Kinder ringende Frau:
"Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die
Menschen verdammen. Mein gndiger Landesherr hat in jungen Jahren mich,
die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wuten wir und
kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im
salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und
Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet,
konnte doch auch gewhrt werden dem Hchsten im Klerus! Mein gndiger
Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich fglich unterworfen,
die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich
unter solchem Entschlu gelitten, ich hab' es durchgerungen.--"

"Ihr seid verblieben dennoch?!"

"Ja, Kaiserliche Majestt! Es ist ein Bund frs Leben, in Treue harr'
ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola
nicht--"

"Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hrte--" rief
erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser.

"Die Treu' mu im Herzen wohnen! Treu war ich dem Frsten, Treue
bewahrte mir der Herr!"

"Und Verdammnis wird sein Euer Los!"

"In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die
Priester ppstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sndhaft wie
lebet mancher Kirchenfrst gleich dem Trken, der Bamberger und der von
Kln!"

"Still davon! Man darf nicht reden ber solche Dinge!"

"Verzeihet gndigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da
nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben
schmachwrdig? Nimmer kann ich's glauben!"

Zaghaft und scheu sprach Rudolf: "Hab' recht ich Euch verstanden, so hat
unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er
doch die kirchliche Trauung hat vermieden?"

Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit.

"Das mildert wohl den ansonsten bsen Fall in etwas. Und Rom hat
geschwiegen! Was soll nun ich? Was fhrt Euch zu mir?"

Salome kniete nieder, hob flehend die Hnde empor und sprach: "Des
Kaisers Gnade mcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund fr--meine
Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!"

Rudolf bat wiederholt, es mge die Dame sich erheben.

Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und
hoben die Hndchen bittend empor.

Dieser Anblick rhrte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: "Was ist
Euer Begehr?"

Innig flehte Salome: "Gndigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer
Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts fr mich will ich erbitten,
will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich
des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den
Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Besttigt in Gnaden die Urkund'
meines Herrn und Gebieters!"

"So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?"

"Ja, Kaiserliche Majestt! Mein Herr und Gebieter will geben seinen
Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu
Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gndigster Herr und Kaiser mit den
unschuldigen Kindern!"

"Ihr habet gro Vertrauen zu mir, will mich bednken!" sprach mild der
Kaiser.

"Mein Denken wie mein Fhlen gilt nchst Gott des groen Reiches
mchtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmchtige erhret ein frumb
Geber, wird ffnen Ohr und Herz auch der mchtige Kaiser einer innigen
Bitte aus tiefstem Herzensgrund!"

"Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Hndchen
gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch
den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein
kaiserliches Wort!"

berglcklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie
entziehen konnte, drckte Salome eine Ku der Dankbarkeit auf die
kaiserliche Rechte.

"Nicht doch! Gewhret sei Euch die rhrend Bitte! Und da nichts, mit
keinem Wort Ihr fr Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter
ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer
Landsassen...."

"O welche Gnade, Kaiserliche Majestt! Nicht fassen kann ich solche
Huld, wei der Worte nicht zum tiefsten Dank...."

"Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?"

"Mein gndiger Gebieter und Herr erbaute ein Schlo mir und nannte es
Altenau, wasmaen ich fhre den Namen Salome Alt."

"So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet fhren zu Recht
frder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott,
kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures
gndigen Kaisers!"

Huldvoll grte Rudolf II. durch einen Hndewink, ein sonniges Lcheln
lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht.

Glckstrahlend dankte Salome nochmals und verlie mit den Kindern das
Gemach.

Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flsterte vor sich hin:
"Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt
gefangen! Doch mcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten!
Mir grauet vor solcher Beicht'!"

Des Kaisers Antlitz verdsterte sich wieder und trb ward sein Sinn, er
selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Hnden
seiner herrschschtigen, fanatischen Umgebung.

Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau
und besttigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte
ehelicher Geburt.




XV.


Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr
und Kirchenfrst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch
seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in
leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga
unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs
Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mute das
Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefhl der
Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefhle,
hochdenkend von eigener Wrde und Stellung im Stiftsland wie im Reich,
gengte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die
bayerische Zumutung forderte eine Antwort im hheren Wege, Wolf Dietrich
erlie ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischfen
Salzburgs den Titel "celsissimus" (der "erhabenste") beilegte.

Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen
diese Verfgung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmtig
hin; aber in Mnchen rgerte man sich ber den "celsissimus", man
verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die
Liga.

Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche
Anerkennung ehelicher Geburtsrechte fr Wolf Dietrichs Kinder bekannt
wurde, da flammte in Mnchens Residenz die Entrstung in strkstem Mae
auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Snden und
Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der
Hoffnung, da der Papst willfhriger denn der Kaiser sein werde.

Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte brigens einen
empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer
nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener
Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des
Erzbischofs direkt schdlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch
auf einen Teil der herzoglichen Einknfte. Durch den Pilsener Vertrag
und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu
Ischl so sehr gefrdert, da es dem Kaiser mglich ward, die Konkurrenz
des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Bhmen, wo bisher
Bayern den Markt beherrscht hatte, zu berwinden.

Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im
Nachteil, den seine Rte erst hinterdrein entdeckten. Der
Salzverschlei bayerischerseits ging stetig zurck, man konnte die Masse
Salz, welche vertragsmig von Salzburg zu bernehmen war, nicht mehr
plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mute: er war
gezwungen, um Minderung der Salzbernahmen nachzusuchen, also tglich
nur drei statt fnf Hallfahrten zu bernehmen.

Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte:
"unbeschadet seiner Geflle", es mute daher der Herzog die Summe von
34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefhr dem Wert der zwei
nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hie es zahlen, und dabei bezog
der Herzog nicht einmal die Salzmenge fr seine Summe. Die Verhltnisse
im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mute um
Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede
Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden
muten.

So kam es dazu, da Herzog Maximilian an Salzburg jhrlich 38000 Gulden
bergeben mute, ohne irgend etwas dafr zu erhalten. Das mochte den
Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga.

Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rchte sich, indem er wohl
zahlte nach Verpflichtung, doch whlte er im Gefhl, bervorteilt zu
sein, schlechte Mnze, und auerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch
von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhhung, die bei Wiederbeginn
der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heit die im
Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das
Salz in Hallein bernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legsttten
fhrten, ausgedehnt wurde.

Bisher war es blich, da diese Salzfertiger bei Ablieferung des
Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn fr ihre
Spedition und auerdem eine Vergtung des formellen Zolles, den sie
zuvor an die bayerischen Behrden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem
Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden
belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der
denn auch sogleich seinen energischen Protest nach Mnchen schickte und
ganz richtig auseinandersetzte, da nicht die Fertiger, sondern Bayern
selbst Eigentmer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also,
so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und
recht wre, von dem Eigentmer fordern wolle, so mte der Herzog ihn
eher von sich selbst als von den Fertigern fordern.

Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres "Nein", worauf
Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom rger hinreien
lie, zu erklren: der Herzog knne das Halleiner Salz nehmen oder auch
nicht; wolle er solches beziehen, so knne er es gegen monatliche
Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen
Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrstung hatte Wolf
Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklrung gar nicht gedacht. Als
Lamberg sowie die salzburgischen Rte hiervon erfuhren, war Wolf
Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren
bereits reif: Bayern lie dem Erzbischof khl, doch mit unverkennbarer
Schadenfreude wissen, da die Nichtigkeitserklrung der Salzvertrge
gerne zur Kenntnis genommen worden sei.

Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spt, den in der bereilung verbten
Fehler, und berief seine Rte, die nun einen Ausweg aus der fatalen
Klemme finden sollten. So erregt der Frst auch war, er zwang sich dazu,
die oft weitschweifigen Errterungen seiner Rte ruhig anzuhren, doch
sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu
Mnchen irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf
Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Rten zu:
"Ich bringe mein Salz direkt nach Bhmen! Schafft mir den Baumeister fr
Straenbau zur Stelle!" Und hitzig wie immer erluterte der Frst sein
neues Projekt: Bau einer neuen Strae von Salzburg nach Skt. Wolfgang,
Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu
konstruierenden Fssern auf Saumtieren nach Bhmen. Auf diese Weise
knne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden.

Der klug ersonnene Plan wurde unverzglich ins Werk gesetzt, Tausende
von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straenbau begonnen, der bei Gnigl
aufwrts zum sogenannten Guckinsthal und hinber zum Wolfgangssee
fhrte.

Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflgelt von
statten, und dieser Straenbau mute auf frstlichen Befehl beschleunigt
werden.

Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzpltten kamen nur
noch bis Salzburg, an der Einlnde daselbst wurde umgeladen, die
Salzwagen fuhren auf der notdrftig fahrbar gemachten Strae nach Skt.
Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und
Rossen stationiert worden war.

Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spren. Mit
seinen eigenen Salzvorrten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er
den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit
dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte
sich auf die Bitte um Ausshnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede
Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen.

In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern
erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innersterreich und bei
Kaiser Rudolf darauf drang, da diese Machthaber das Halleiner Salz
nicht ber ihre Landesgrenzen lassen mchten.

Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, da der Salzhandel fr sein Land
von groem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische
Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des
salzburgischen Salzes trotz der Ertrgnisse des Ischler Sudwerkes fr
Bhmen ntig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die
Forderung Maximilians zurck.

So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Rte befrworteten
die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straenbaues, um auf
einem, salzburgisches Gebiet nicht berhrenden, neuen Wege das Salz von
Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000
Mann auf zu diesem Straenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue
Pfanne, um das Salz rascher versieden zu knnen[18].

Kaum hrte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch
einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, auerdem wurde angeordnet,
Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von
Bhmen--Innersterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig--Tirol auf
neuen Wegen einzufhren.

So trieb ein Keil den anderen; die Rte Salzburgs und Mnchens
verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste
hben und drben, bis Wolf Dietrich gebot, da seine Forstbeamten dem
Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmige Holz nicht mehr liefern
drfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen
Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehrigen in Salzburg
durften keinerlei Salzgeschfte mehr betreiben unter Androhung der
schwersten Geldstrafen.

Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Frsten der
Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte
Maximilian zu untersttzen. Gesandte der Unionfrsten kamen nach
Salzburg, die Reichsstadt Nrnberg mengte sich ein und bot dem
Erzbischof Beistand an.

Wolf Dietrich stand schon in frheren Jahren in schriftlichem Verkehr
mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem
geistreichen Frsten Christian von Anhalt, der die Seele der
Unions-Bewegung war.

Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern
fr gnstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur
Union herberzuziehen, Untersttzung anzubieten, und so liefen
zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr.
Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern
abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert.

Im Palais zu Salzburg herrschte demgem fieberhafte Thtigkeit und
eine gefhrliche, berreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des
Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schlo
Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu
besprechen, kam es doch dazu, da Wolf Dietrich mit der Freundin auch
den Salzstreit errterte und dabei sich zu uerungen hinreien lie,
die Salome in Angst und Schrecken versetzen muten. Die kluge,
weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des
Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewhlten
Worten vor einem Krieg.

An einem Abend war es, da nach dem Imbi Wolf Dietrich mit Salome im
Park von Altenau spazieren ging. Der Frst war erregt schon ins Schlo
gekommen, hatte whrend des Mahles fast kein Wort fr die sonst
liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel frh auf. Nun Wolf
Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu
fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gndigen
Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.

Aufbrausend, mit den Hnden gestikulierend, rief der Frst: "Ob schlimm,
ich wei es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft,
will etzlich Fhnlein mir gewhren, so ich dem leidig Streit ein Ende
mache und die Propstei dem Bayer nehme."

Erschreckt fiel Salome ein: "Thut das nicht, gndiger Herr, um aller
Heiligen Willen nicht! Es wrd' zum Unglck nur fr uns!"

"Was hast du zu befrchten? Gerstet hab' ich in aller Stille,
befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Ma ist voll und unertrglich
geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit
langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der
Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!"

"O, gndiger Herr! Verbannet solch' gefhrlichen Gedanken! Nimmer wird
der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrcken mit groer Macht und
rchen solche That!"

"Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Fe bringen! Ich habe
gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann
sein, ehe der Herzog nur ein Ro von Mnchen in Bewegung setzt!"

"Groer Gott! Verbannt den unglckseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu
klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein
Feldherr und stark sein Kriegsvolk!"

"Was schert mich der grnseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als
Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir
bei!"

"Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trben fischen,
Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, da
abfllt das Stift von Rom!"

Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge,
und sprach: "Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich
wechseln!"

"Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gndiger
Herr!"

"Was wei ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die
Fhnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kmmern mich
nichts!"

"Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug,
verdchtigt ist geschwind und rasch kann fllen Rom ein Urteil...."

"Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen?
Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus Mnchen
machen ein neues Rom und die Huser pfropfen mit Jesuiten, ich will's
nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land
wird nimmer bayerisch!"

"O, sprecht mit Lamberg erst, mein gndiger Herr! Auch Lodron kennt die
vielverschlungenen Pfade Mnchens! Hrt diese Herren, Frst!"

"Ich bin mde dieses stndigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich,
Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!"

In hchster Bestrzung vollfhrte Salome einen Kniefall vor dem Frsten
und rief mit flehend erhobenen Hnden: "Hret nimmer auf Soldatenwort!
Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrckt
der ergrimmte Bayer!"

"Du siehst zu schwarz in deiner ngstlich Sorge!" sprach mild der Frst
und hob Salome zu sich empor. "Die treulich Mutterliebe spricht aus dir,
die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue
mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!"

Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: "Knnte
verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der
deutschen Frsten?"

"Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und
das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als mglich!"

Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den
kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schlo. Bald darauf verlie Wolf
Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und
Hauptmann Auer auftragsgem bereits des Frsten harrten.

Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein
Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem
militrischen Kleide weichen mssen.

Der Frst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den
Offizieren, die stumm zuhrten und zum Schlusse in knappen Worten
gelobten, den hochfrstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang
anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die hflichen, doch immer etwas
rgerlichen Erwgungen, Einwnde, und Befrchtungen der Kammerrte und
Domherren.

Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstnde, die er seit
langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lcheln
huschte ber des Frsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte
der Erzbischof: "Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher
Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brcke bei Reichenhall wird bis
sptestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach
Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein
waffenfhiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand
wird niedergeworfen. Soviel fr die nchste Zeit! Weitere Befehle
erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger
Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab!
Gott befohlen!"

Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfllung des
Befehles und verlieen sogleich die Residenz.

Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611
erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militrmacht wurde dem Frsten
der Bericht des Obristen Ehrgott eingehndigt, eine kurze Meldung, da
der frstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergieen vollzogen,
die Propstei also in Hnden Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage
beigefgt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen
Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Frsten zwingen solle.

Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine
bngliche Stimmung erfate den Frsten, eine Scheu vor solcher
Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung mte den Herzog malos
erbittern, die Reichsstnde rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf
Dietrich doch zurck; aber rgern mchte er den Nachbar, rgern bis
schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der
Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialitt und Verstandesschrfe
den Herzog Maximilian grndlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der
Worte Salomens betreffend berweisung des Salzstreites an ein
Schiedsgericht.

Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Frsten citiert und mute an den
Herzog schreiben, da Celsissimus Wolf Dietrich, Frst und Erzbischof
von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfrstliche Gnaden
einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den
durch den Salzstreit beeintrchtigten Reichsstnden.

Als dieses gefhrliche Schreiben abgegangen, erzhlte Wolf Dietrich im
Hochgefhle, durch den beienden Spott den bayerischen Gegner grimmig
gergert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter
Zwiesprache und rieb sich vergngt die Hnde.

Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestrzte Miene und ernst klangen
seine Worte, als er sprach: "Hochfrstliche Gnaden, das war, submissest
sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog
schwer krnken, zu einer Gewaltthat reizen mu!"

Wolf Dietrich fuhr auf: "Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab'
ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!"

"Gndiger Herr! Zum Kriegfhren gehrt vor allem Geld, und zu viel hat
das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die
Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!"

"Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!"

Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den
Erzbischof nur zu gut kannte und daher wute, da das Kapitel nicht
einen Gulden fr den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern
bewilligen werde, wollte dies dem Frsten nicht direkt sagen, immerhin
aber versuchen, Wolf Dietrich ber die furchtbare Gefahr die Augen zu
ffnen. So deutete denn Lamberg an, da Herzog Max sich wegen Bruchs der
Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.

Der Erzbischof lachte hellauf, spttisch erwiderte er dann: "Da kommt
der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert,
ein Spielball in den Hnden seiner geliebten Jesuiten, der wird froh
sein, wenn man ihn lasset unbehelligt."

"Es besteht auch die Mglichkeit, da Herzog Max sich nach Speyer an das
Reichskammergericht wendet!"

Wieder lachte Wolf Dietrich: "Dann kann der Bayer warten bis zum
jngsten Tag; frher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!"

"Hochfrstliche Gnaden glauben also, da der Herzog sich die Wegnahme
Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?"

"Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das
Faustpfand nicht frher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet,
meine Bedingungen erfllet Punkt fr Punkt!"

Tiefernst blickte Lamberg den Frsten an und traurig sprach er: "Dann,
Hochfrstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich
sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung fr das Erzstift, das der
Herzog wird mit Krieg berziehen und--"

"Und?"

"Erlat mir das harte Wort, gndiger Herr!"

"Ein echter Freund mu auch ein solches Wort offen sagen!"

"Ich kann es nicht bringen ber die Lippen. Wollen Hochfrstliche Gnaden
nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem
Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer...."

"Du krchzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers
Sieg wnschet ber das Erzstift!"

"Gott behte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der
Unterthan wnschen den Sturz des geliebten Frsten!"

Wolf Dietrich erblate, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen
seine Worte: "Du glaubst--an meinen--Sturz?!"

"Ich frchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In
letzter Stunde steh' ich zu Euch, gndiger Frst und Herr! Ich
beschwre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den
unglckseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder!
Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers
Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder,
wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoen! Und Rom verlt Euch,
so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gndiger Herr! Ich beschwre
Euch in dieser letzten Stunde!"

"Genug! Ich durchschaue dich, wie lngst mitraute ich auch dem Kapitel!
Blasse Angst ist's, schnde Furcht, da kosten knnte der Krieg dem
Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren
Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar!
Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie
ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den
Bayer!"

Lamberg beugte das Knie vor dem Frsten und rief: "Nehmt mein Leben,
Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hrt
das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil fr Euch!"

Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: "Ich trotz' allen!
Frst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und
Kinder werd' ich zu schtzen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring'
den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist
deine Freundschaft!"

Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Zge, er
zitterte, in abgerufenen Stzen erwiderte der schwergekrnkte Freund:
"Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist
Euer, gndiger Herr, verfget darber bis zum letzten Heller!--Dem
Kapitel werd' ich melden des Frsten Begehr! Ich frchte...."

"Ich wei genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verrter!"

Ein gebieterischer Wink des erzrnten Frsten, und Lamberg wankte aus
dem Gemach. Trotz erlittener Krnkung und Schmach wollte der treue
Freund nach Mglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die
beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Trring,
Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und
Welsberg an, dem Frsten die Hilfe zu gewhren, allein das Kapitel war
dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus
Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg
bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus
gewut, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in
der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue
Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter
Mitnahme ihres Eigentums anraten, die frstlichen Kinder in Sicherheit
bringen. So eilte denn Lamberg in das Schlo Altenau und lie sich bei
der Frstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte,
wurde der Warner nicht angenommen, der vergrmte Frst lie Lamberg im
Namen Salomes wissen, da zu einem Empfang kein Anla vorliege.

"Jacta est alea!" flsterte der treue Freund und kehrte ber die
Salzachbrcke in die innere Stadt zurck.

Wolf Dietrich lie mobilisieren; von Salzburgs Brgerschaft wurden 400
Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfhige Leute ausgehoben
und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee,
100 lngs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach
Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und
Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mhlen bekam 800 Mann Besatzung, der
Mnchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur
Salzachbrcke schtzten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit
100 Mann, die Traidksten mit 700 Mann belegt.

Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fhlte sich Wolf Dietrich, der
in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gnzlich
unterschtzte, nicht nur sicher, er ward geradezu bermtig, als ihm
gemeldet wurde, da insgesamt 13000 Mann Brger, Bauer und Kriegsvolk zu
seinem Schutz in Waffen stnden. So harrte der Frst eines Angriffes von
Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und
zwar nicht mehr an den Frsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max
mochte wohl ber die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet
gewesen sein, da er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen
und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten.

Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, da
Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben
dem Erzbischof zu berreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu
beseitigen.

Brsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das
Kapitel bereit sei, dem Frsten Hilfe zu gewhren.

Graf Lodron erwiderte: "Gewi ist das Kapitel bereit, den gndigen Herrn
und Frsten zu untersttzen!"

"Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!"

"Hochfrstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine
Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des
eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu berreichen ich vom
Kapitel beauftragt bin!"

Zornerfllt, ergrimmt ber solche Enttuschung rief Wolf Dietrich: "Vom
Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit knnt fr Euch selbst
behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, da hinter meinem Rcken wird
verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Frst und Herr, sich
aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den
alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem
jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!"

Wrdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des
Frsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: "Ich habe im
Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache
angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht mig sein."
Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebhrenden frstlichen Ehren
und ging.

Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum
Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort fr das Kapitel
auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis fr die
Widerrechtlichkeit der vom Frsten vorgenommenen Schritte darzulegen
bemht war.

Dieses Konzept berbrachte am nchsten Morgen der Untermarschall des
Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler,
Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung
gab der Kanzler die Erklrung des Frsten ab, da der Erzbischof das
Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schtzen wissen
werde. Das frstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entlie
die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, da das Kapitel es
besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen.

Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten,
smtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser
Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich
den Herzog von Bayern zu ersuchen, da er die Gelegenheit benutzen mge,
um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mute auf
flinkem Ro dieses Schriftstck nach Burghausen bringen, wo der Herzog
weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog.

Der trbe Oktobertag neigte zur Rste, da verbreitete sich mit
Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, da Herzog Max
Mhldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in
Eilmrschen mit 20000 Mann gegen Laufen rcke. Ein allgemeiner Wirrwarr
entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das rgste befrchten
lie, so da Begterte zur Flucht sich rsteten und viele Brger Miene
machten, die Waffen wegzuwerfen.

Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich
so sehr, da er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen
in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden
bat, ohne jedoch Zugestndnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe
mute der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen
Abreise ward der Frst wieder ruhiger, und am nchsten Morgen dachte er
an keine Gefahr mehr, von der berzeugung durchdrungen, da der Brief
seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde.

Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und lie feierlich
um Audienz bitten, die sofort gewhrt wurde. Der Frst zeigte sich aber
ungndig und befahl, es mgen sich die Herren kurz fassen.

Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, fhrte aus, da das Kapitel den
Frieden selbst betreiben mchte, weshalb Hochfrstliche Gnaden erlauben
mge, da vier Kapitulare zum Herzog reisen drfen.

Barsch rief der Erzbischof: "Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel
versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich
bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange
nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren
mgen sich nach Hause begeben!"

Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig khl entfernten sie sich.

Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die
Kapitulare strmischen Protest erhoben htten. Sie schchterte den
Frsten geradezu ein, und in seiner Angst lie er den eben
heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu
kommen.

Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich
ihn bat, zum Herzog zu reisen und ber den Frieden zu verhandeln, zu
welchem Zweck der Frst dem Dechant eine Legitimation einhndigte.

Kaum war Weittingen fort, lie der Erzbischof den Kapitular von Freyberg
holen, klagte diesem seine Bengstigung und bat ihn, ebenfalls zum
Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben.

Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs
Ferdinand von Innersterreich, worin dieser, der auf Bayern
eiferschtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, da
dadurch der Anmarsch gehemmt werden knnte, schickte Wolf Dietrich auch
dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian.

Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger
Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich
geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei
Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden wrden.

Demtig schrieb Wolf Dietrich wieder zurck, es mge kein unschuldiges,
katholisches Blut vergossen und ein zehntgiger Waffenstillstand
bewilligt werden, whrend dessen die beiderseitigen Gesandten ber die
Friedensbedingungen verhandeln sollten.

Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom
Herzog empfangen worden.

Zur grten berraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht
Frieden um jeden Preis, sie baten, es mge der Herzog den Urheber des
Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen.

Im Flug berdachte Maximilian alle Krnkungen und Schdigungen, die Wolf
Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, da mit diesem Ansinnen des
Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst fr Bayern zu gewinnen sei.
Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, lie die
salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertrstete sie auf den
nchsten Tag.

Mit seinen Rten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und
alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand
genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaten Worte der
Kapitelsgesandtschaft von "schweren Praktiken zu hchstem Nachteil des
Erzstiftes", Worte, die der herzogliche Kanzler dahin bersetzte, da
Wolf Dietrich den bertritt zum Protestantismus und die Skularisation
des Erzstiftes beabsichtige.

Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Frsten
Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, da der
bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gbe, die Union mit
bewaffneter Hand auszubreiten.

Da in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf
Seite der letzteren stehen wrde, konnte fr Herzog Max keinem Zweifel
unterliegen.

So endete die lange Sitzung mit dem Beschlu, auf den Vorschlag des
Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu
verjagen.

Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es
beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo
ante, Leistung einer Kaution, auf da der Frst nicht zu Bayerns
Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und
Entscheid binnen zwei Tagen.

Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurck und meldeten dem Erzbischof
die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete:
Mit dem Dutzend Feldstcke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge
einschieen.

Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des
Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich
zurck.

Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in
Salzburg ein, emprt darber, da der Herzog sie gar nicht empfangen
hatte. Diese Miachtung seiner Sendboten rgerte Wolf Dietrich, im Zorn
rief er, diesen Affront bitter rchen zu wollen.

Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen,
wasmaen der Stadt wie dem Erzstift groe Bedrngnis drohe und der Bayer
nicht viel Federlesens machen werde.

"Blaset doch nicht Trbsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer
zwingen!" prahlte Wolf Dietrich. "Ihr seid jeden Mutes bar, feige
Memmen! Schaut Euch um, berall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog
den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde
ich Euch trmen lassen in der Feste!"

Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der bermut des
Frsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen
geradezu undenkbaren Sieg.

Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde
ein, da Herzog Max Stadt und Schlo Tittmoning trotz heldenhafter
Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des
Hauptmannes Schneewei bestehenden Besatzung erobert habe.

Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: "Macht nichts!
Tittmoning ist nicht Salzburg!" und entwickelte nun eine die verzagte
Bevlkerung der Bischofsstadt berraschende Thtigkeit, indem er sein
kleines, falbes Ro bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die
Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und
Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen wrden.

Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Frst in die Residenz
zurck, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er
abermals auf die Schanzen und revidierte persnlich die Wachen, die sich
neuerdings verzagt zeigten, da es hie, der Bayern-Herzog rcke mit
24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen.

Wolf Dietrich verstummte, es erfate ihn eine Angst, die er nicht
bezwingen konnte. Jh ri er sein Ro herum und jagte im Galopp zur
Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit
zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen
Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein
Domherr sofort dem Herzog solchen Brief berbringen und zwar in der
frstlichen Hofkutsche.

Die Boten sprangen hinber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder
mit der Meldung zurck, da keiner der Domherren eine solche Mission
bernehmen wolle.

Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch fate er sich schnell
und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem
Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief berbringen. Diese
Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Frsten gebracht,
der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen:
Der Erzbischof wolle fr seine Person lieber das uerste dulden, bevor
er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke.

Demtig sprach der Guardian: "Hochfrstliche Gnaden, ich gehorche! Aber
es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und...."

"Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!"

Die Patres wuten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte
Dienerschaft drngte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in
rasender Eile rasselte das Gefhrt durch die Stadt zur bayerischen
Grenze.

Allein in seinem Gemach berlie sich Wolf Dietrich vllig der Angst, er
warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmchtigen.
Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war
bergro, die Gedanken jagten einander; jh schrie der gepeinigte Frst
auf, ein Gedanke war ber ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine
Familie dem rachegierigen Herzog in die Hnde fallen, ben die
Unschuldigen fr den Vater?

Aufspringend, zitternd am ganzen Krper, rief Wolf Dietrich mit heiserer
Stimme die Kmmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur
Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schtze
und Geld verpacken.

Dieser Befehl rief vlligen Wirrwarr hervor. Der Frst eilte hinber in
den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schrfsten
Tempo trotz Nacht und Wind nach Schlo Altenau, das alsbald alarmiert
ward. Kammerfrauen muten Salome wecken und die Kinder aus den Betten
holen und ankleiden.

So gro der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte
sich gefat, als Wolf Dietrich verstrt zu ihr ins Nebengemach trat und
von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drngte.

Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Frsten.

"Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht,
spute dich! Ich mu dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen
Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins
Gebirg, in Friesach oder Gmnd treffen wir zusammen!"

"Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Mu aber so berstrzt die
Flucht ergriffen werden?"

"Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei!
Rette dich und die Kinder!"

"Und mein gndiger Herr?"

"Ich will auf die Rckkunft der Kapuziner warten!"

"Dann ist es meine Pflicht auszuharren...."

"Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!"

Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu
besorgen, und entfernte sich, mhsam den Trennungsschmerz
niederkmpfend.

In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt.
Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in groer Eile
zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen
verpackt, beladen und in der Morgendmmerung in der Richtung nach
Golling abgeschickt.

Mit zwei Shnen und drei Tchtern samt groem Gefolge fuhr Salome diesen
Wagen nach, gefat, doch mit Thrnen in den Augen. Ein letzter Blick
galt, als das Steinthor im Rcken lag, der Stadt, der nun verlorenen
Heimat. Da lhmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den
in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch,
der sich nun zu erfllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat!
Ein Sturz von schwindelnder Hhe!----

Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller
Schtze und Kostbarkeiten gab fr die wohlhabenderen Salzburger das
Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe
in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat
und Waren fortzubringen. Fr die Zurckbleibenden gab es Schrecken genug
durch die immer drohender lautenden Gerchte; hie es doch, der
Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstren, den Erzbischof
lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem "Trken"
befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der
Erzbischof unschdlich gemacht sei.

Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an
Lebensmitteln, so da in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden
war.

Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rckkehr der ausgesandten Kapuziner;
wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der
gebrochene, verzweifelnde Frst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung
des gefrchteten Herzogs.

In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er
sehnte sich nach Zuspruch und lie die Kapitulare Trring und Freyberg
bitten, ihn zu besuchen.

Die Herren kamen und trsteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der
Frst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange
Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch wrden die
Verhandlungen dadurch erleichtert werden.

Hatte Wolf Dietrich Thrnen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen
zu gehen, rief Mitrauen wach, der Frst mochte ahnen, da er nur zu
leicht wrde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach
er denn schmerzbewegt: "Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe,
sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schnsten Stunden meines
Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Krnten!"

Graf Trring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gndige Frst nicht
nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu
erwarten.

Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er
verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kmmernis der
Kapuziner.

Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum
Schreiben von Erklrungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen
die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfrsten
korrespondiert und daher kein guter Katholik wre. "Daran geschehe ihm
unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle.
Er wisse auch wohl, da er wider Ihre frstliche Durchlaucht gehandelt,
begehre derowegen Gnad und Verzeihung."--Das zweite Schreiben war an das
Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, whrend seiner
Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun,
was den Unterthanen am zutrglichsten sein wrde.

Wolf Dietrich lie diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit
sie leicht gefunden werden konnten.

Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner
noch immer nicht zurckgekehrt waren, gab der Frst alle Hoffnung auf
und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden.
Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen
Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den
Kopf und schritt durch die Gemcher, wobei er zu den bestrzten
Kmmerern sprach: "Beht' euch Gott und sehet euch um einen anderen
Herrn!"

Ordregem harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem
Koch, zwei Robuben, dem Kammerdiener Mrtl und drei reisigen Knechten.

Beim Scheine der Fackellichter warf der Frst einen letzten
Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben.
Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in
schneller Gangart der Pferde die Strae gen Golling genommen wurde.

Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg rger als die Furcht vor
dem anrckenden Feinde.

Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das
zurckgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehndigt worden,
und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbstndigem Handeln.
Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen
Kriegsvolkes gegeben, auch die Brger muten die Waffen niederlegen,
jede Verteidigungsmaregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und
Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog
entgegen, um die Flucht des Frsten und die Regierungsbernahme seitens
des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, da der Herzog im Erzstift nun
nach seinem Gefallen schaffen knne.

Das erste Verlangen Maximilians galt der Rumung Berchtesgadens und der
Holzlieferungen fr das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das
Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang
darauf, da die Salzfrage gelst werde und der Herzog auch eingreife,
den Erzbischof in persona und die Gter dem Erzstift wieder
zurckzubringen.

Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Miliches, den Erzbischof,
einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Wrdentrger verfolgen
und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofrte des Herzogs
einer solchen Maregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels
erklrten, da im Erzstift nicht frher Ruhe werde bis nicht Wolf
Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25.
Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter
dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg
aufbrach und hinter dem Flchtling einherjagte.

Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber
begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und
Schtzen, in Salzburg ein.

Scheu hielten sich die Brger in den Husern, der Plnderung gewrtig.
Doch zum freudigen Erstaunen lie der Herzog auf dem Marktplatz halten
und durch den Profoen verknden: "Wenn sich ein Knecht ungebhrlich
halten wrde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profo
Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen belthter an den
lichten Galgen zu henken."

Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an
der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerste aufschlagen.

Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben,
ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den
Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen "schnen
Schreibkasten" anbot, den Wolf Dietrich dem Knig Mathias zur Hochzeit
bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte.

Ein Festmahl schlo sich dem feierlichen Empfang an, und whrend
desselben erklrte der Herzog, da er sich nur als Protector urbis
betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen
wolle. Inmitten dieses glnzenden Mahles, das allerdings nur durch die
groen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten
Stdten und Drfern ermglicht werden konnte und wofr das Kapitel keine
Kosten scheute, traf erschpft und wund geritten zu allseitigem
Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des
geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von
Erklrungen legitimiert erschien.

Um eine Strung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den
Vizemarschall erst am nchsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte
von dessen Ankunft bereits gehrt und war neugierig darauf, was der
Flchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und
seine Erklrung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels:
der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden,
wollte auch niemals das Erzstift skularisieren, er sei vielmehr bereit,
aus Liebe zum Frieden gegen eine jhrliche Pension zu--resignieren.

Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder.

       *       *       *       *       *

Wolf Dietrich hatte in migem Tempo die Nacht hindurch den Weg ber den
Pa Lueg zurckgelegt; im Morgengrauen ritt er vorber an seiner Burg
Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie
glcklich fhlte sich der damals junge Frst an Salomes Seite auf dieser
Feste, und jetzt mu Wolf Dietrich auf Pferdesrcken sein Heil in
rascher Flucht suchen!

Kalt und starr ragte das Gemuer aus dem Tannengrn auf, und krchzende
Raben flogen ber die Burg hinweg.

Es frstelte den Frsten trotz des anstrengenden Rittes.

Die vom Nachtnebel gente Reichsstrae fhrte durch das stille,
traumumfangene Dorf Werfen. Kaum da ein Hund die Kavalkade anbellte,
als Hufgeklapper hrbar wurde.

Tiefernst ward des flchtigen Frsten Blick, als Wolf Dietrich am
Friedhof des einsamen Dorfes vorberritt; dort wird wohl jener Pfarrer
begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhltnis des
Erzbischofes zu Salome.

"Ruh' in Frieden!" flsterte der Frst, und seine Gedanken galten dann
der geliebten Frau, die mit ins Unglck gerissen ward samt den Kindern.
Ob Salome wohl die sichere Grenze Krntens schon erreicht haben wird?
Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wre dies mglich.
Gerne htte der Frst hierber Erkundigung eingezogen, doch um so frhe
Stunde ist keine Menschenseele sichtbar.

Weiter!

Der Nebel in den tiefverhngten Bergen ging in Regen ber, als die
Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt nherte. Gerne wollte Wolf
Dietrich zukehren, Nachfrage ber Salome halten; doch der vorsichtige
Untermarschall Perger bangte fr seinen Herrn, er wagte keine Einkehr
von wegen der bedrohlichen Nhe der nahen steierischen Grenze und des
mignstigen Bergortes Schladming.

Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefttert, fr den
Frsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbi bereitet. Dann
ward weitergeritten, den Tauern zu, hinber auf beschwerlicher Reise
nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee
und Regen muten durchgekostet werden, bis die Tauernhhe berquert war.
Im einsamen rtchen Tweng hielt der mde Frst einen Bauer an und fragte
nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort,
grinste den Reiter an und schttelte den struppigen Kopf.

Spt abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier
genommen. Wolf Dietrich entschlo sich, einen Brief an das Kapitel zu
schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch
wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer
entsprechenden Information mute Perger auf frischem, requiriertem Ro
zurck nach Salzburg reiten.

Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten
Herren Rudolf v. Raittenau, des Frsten jngerer Bruder und Vizedom von
Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite
Wolf Dietrichs nach Krnten zu bernehmen hatten.

Der Frst begrte die Herren durch freundlichen Hndedruck und mit
wenigen Worten. "Ein schmerzlich Wiedersehen!" meinte er unter bitterem
Lcheln zum Bruder, der trsten wollte und ngstlich zur alsbaldigen
Fortsetzung der Flucht zur Grenze drngte.

Doch Wolf Dietrich wollte lngere Rast hier halten und glaubte, die
Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde gengende
Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt
nochmals zur Pahhe des Katschberges drohte strapazis zu werden.

So blieb der Frst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in
dem elenden Nest.

Rudolf Raittenau mitraute der Situation in hchstem Mae und hatte
gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurck
nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft ber
etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mgliche Verfolgung des
flchtigen Erzbischofs einzuziehen.

In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Ro zurck
und berbrachte die alarmierende Kunde, da Salzburg von bayerischen
Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und
salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen
und nach Salzburg einzuliefern.

Nun gab es fr den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der
Frst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frhester
Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der
Aufbruch.

Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg.
Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Fhrung bestimmte
salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben
und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich sa
vertieft in trben Gedanken im Sattel, soda er fr alles um sich kein
Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie mglich
an die Grenze von Krnten und damit in Sicherheit zu kommen.

Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rckwrts Ausguck,
es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde.

Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrcken, war
erreicht, die erschpften Rosse drngten instinktmig zur Taverne.
Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen krntnerischen Gmnd
fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren.

"Die Ross' mssen getrnkt werden!" erklrte der fr den Tro
verantwortliche Postmeister und fgte in auffallend despektierlichem
Tone bei, da er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschdigung zu
Schanden reiten lasse.

Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo fr unntig und
gab Befehl zum Trnken der Rosse.

"Im Sattel bleiben!" rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante.

So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die
Sattelgurten anziehen lie und den Hufbeschlag revidierte.

Mitrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja
einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen muten. Und wie fortgezogen
ritt der jngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen
Eisentratten-Gmnd fhrenden Strae Umschau, insbesondere zurck gen den
Katschberg.

Pltzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schrfer hin, kein Zweifel,
ein Reitertrupp jagte heran. Das knnen nur Feinde sein, vielleicht
bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen.

Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drngte zur
schleunigsten Flucht.

"Rottmayer an die Spitze!" befahl der bleichgewordene Frst.

Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Ro zu besteigen und
erklrte hhnisch: "Wir sind hier bereits auf krnterischem Boden, ich
bin hier nicht mehr Euer Diener!"

Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen,
doch Rudolf griff in des Falben Zgel und ri das Ro mit sich vorwrts.
"Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!" schrie der besorgte
Bruder.

Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde vllig auf der Strae waren
und in Galopp bergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch
die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte
sich zusehends, und knapp vor dem Stdtchen Gmnd war der bayerische
Rittmeister Hercelles auf Pferdelnge in die Nhe des Frsten gekommen.

"Halt!" rief Hercelles und hob die Schuwaffe.

Wie Sturmgebraus prasselten fnf bayerische Reiter heran, bogen vor dem
sein Pferd parierenden Frsten aus, und umringten die Brder wie den
Tro mit blank gezogenen Pallaschen.

"Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!" rief Rittmeister
Hercelles, trieb seinen Gaul zum Frsten und forderte den Degen ab.

Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine
Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis
der Unmglichkeit eines Durchschlagens die Wehr.

Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehnge und
berreichte es Hercelles mit den Worten: "Nun ist alles verloren! O
Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott
der Allmchtige mu mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das
Rappier, ich bin Euer Gefangener!"

"Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunchst geht es
zurck nach Moosheim!" sprach Hercelles.

"Ich gehorche!" erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und lie das Haupt
nach vorne sinken.

Gierig strzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden
ihn fest auf den Sattel gleich einem Ruber und Mrder, dann jagten sie
die Dienerschaft davon und nahmen das frstliche Reisegepck zur
willkommenen Beute.

Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte
aber lediglich die brske Antwort Hercelles', da das Kriegsrecht sei
und mit einem vogelfreien Flchtling keine Umstnde gemacht werden
wrden. Passe es dem jungen Herrn nicht, wrde auch er gefesselt
zurcktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getrmt.

Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als
Edelmann, worber der Rittmeister so zornig ward, da er auch diesen
Raittenau fr "vogelfrei" erklrte, worauf die bayerischen Reiter dem
Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden.

Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Ro gebunden.
Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Strae ber
den Katschberg zurck nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert
und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen.

Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, da Salome
mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch
konnte der nun vllig gebrochene Frst nichts ber den Ort ihrer
Verbringung erfahren.

Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter
Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach
mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten
Frsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde.

Allein hinter Schlo und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und
berlie sich weinend dem Jammer um das verlorene Glck des Lebens.

Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem
Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge
seines Amtes als Kerkermeister waltete.

       *       *       *       *       *

Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in
Salzburg, doch gengte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufhlen, da
Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mitraute als es dem vielgeschmhten
Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhnglichkeit
bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche
beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, da der Kaiser den
Gewaltakt mibillige, verschiedene Reichsstnde den Verdacht hegten, da
es dem Herzog von Bayern berhaupt nur um Eroberung und Einverleibung
Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstnde
und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog
geraten, solchen Verdacht von sich abzuwlzen, und zwar durch Briefe an
den Kaiser und einige an die Reichsstnde inhaltlich der Erklrung, da
der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei,
daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere.
Zugleich reiste Maximilian zurck nach Mnchen und rief auch seine
Truppen auf bayerisches Gebiet zurck.

Da man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen
knne, fhlte man im Kapitel doch bei allem Ha gegen den Frsten.
Zunchst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen
eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, da bezglich seiner
Zukunft Verhandlungen angeknpft werden wrden.

Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu
geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den
Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Frst sein Brevier und
Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus.

Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und
Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen
zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst
ein.

Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof
rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl
hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen
Gebieter zu sehen, sie muten unverrichteter Dinge nach Salzburg
zurckfahren.

Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach
Mnchen. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne
Zuspruch gefangen in Hohenwerfen.

Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen
mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, da der Erzbischof
Gefangener Bayerns(!) sei; auch drfen die Gterwagen, welche man der
Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurckgebracht
und dem Kapitel ausgefolgt werden.

Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Trring,
v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet,
die alsbald--es war der November ins erregte Land gezogen--nach Werfen
bersiedelten.

Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau
und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit
Juwelen samt Schlssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach
vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden.

Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab;
spter bersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern
blieb, viel weinte und ihr Leben in verhltnismig jungen Jahren
beschlo[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen.

Im Kerker fand Wolf Dietrich mhlich seinen alten Stolz und Trotz
wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der
Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brske Liegeois durch den rauhen
Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle
Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte.

An einem trben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im
Burgsaale, wohin Wolf Dietrich gefhrt wurde, die Verhandlung. Die
Herren erschraken ob des blen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz
totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart
umwuchert war. Gertet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten
Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und
begrte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch
hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch
nur mit wenigen Worten.

Als man Platz in den hohen Sthlen genommen und Graf Lodron das Wort
nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: "Ein Wort zuvor!
Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg whren?"

Lodron rusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln.

"Eh' ich nicht wei vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von
Resignation ich nimmer hren!"

Zgernd sprach Graf Lodron: "In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden
Euer Gnaden nicht nach Wunsch die ntige Urkund' unterzeichnen, daher
mu die Haft bis dahin whren!"

Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: "Nimmer werd' ich
einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das
den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!"

Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lrm
der Stimme des Gefangenen.

Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung
eines bayerischen Bttels.

Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklrte mit zornbebender
Stimme, da die Haft verschrft werde durch Entzug von allem
Schreibmaterial und knftig niemand auer den Kapitularen zugelassen
werden wrde.

Hochfahrend hhnte Wolf Dietrich: "Wollt selbst die Bttelwach' Ihr
halten, sei's drum, nur bleibet auen und verschont mich vor Eurem
Anblick!"

Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurckzufhren.
Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg
weile.

Die Auskunft, da der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den
Erzbischof ersichtlich trbe, ruhig lie er sich hinwegfhren.

Mit grter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte,
ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines
Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so da nur gedmpft in mattem
Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben
dem an geistige Thtigkeit gewhnten Frsten entzogen, und
Obristleutnant Herleberg wachte darber, da niemand Zutritt zum
Gefangenen erhielt.

Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu
bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft ber den
mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es ntzte ein
zorniger Befehl so wenig wie die rhrende Bitte des gestrzten
Landesherrn.

Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum
Allmchtigen um Beistand und verrichtete inbrnstig die Gebete. Mhlich
ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und
kleinmtig.

Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf
Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger
zunchst allein in den Kerker gefhrt. Erschttert stand Perger vor
seinem gedemtigten Herrn und Frsten und weinte bittere Thrnen beim
Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrte
und nach Rudolf und Salome fragte.

Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach
Steiermark; bezglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die
Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein
wird.

ngstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der
Kinder gehalten werden solle.

Perger konnte nur sagen, da auch hierfr Sorge getragen werde, nur
bestnde das Kapitel zunchst auf der Resignation.

In Thrnen ausbrechend schlug der Frst die Hnde vor das Antlitz und
schluchzte.

Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren
Entschlu gefat und sprach: "Wohlan! Ich will die Urkund'
unterzeichnen! Fhre mich!"

Der Kerker wurde geffnet; von Perger geleitet und von bayerischen
Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgrume zum groen
Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des
Frsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grten.

Khl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit
sei zur Anhrung der Urkunde.

Der Frst nickte und lie sich dann seufzend in einen Stuhl sinken.

Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstck, dessen
Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau
freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2.
soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gem
gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von
Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer
jhrlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch
besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt
des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgeme
Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen
dem Erzbischof zur freien Verfgung eingehndigt werden; 7. sollen
demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des
Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden
sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das
Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll
auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was
vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles
dieses erst nach eingelangter ppstlicher Besttigung in seine Wirkung
kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach,
bei allen seinen Gtern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen
durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden;
11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, da
dem Erzbischof bis zu vlliger Entledigung eine grere Freiheit als
bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit
und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern
vorzglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht
werden.

Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren
Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Frst
wehmutsvoll. "Und was wird aus meiner Gemahlin?"

Kalt erwiderte Lodron: "Fr Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge
tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist."

Wolf Dietrich kmpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen
Krper, er rang nach Atem und Entschlu.

Still war es im Saale, die Kapitulare saen wie zu Stein erstarrt.
Perger hatte Thrnen in den Augen und fhlte sich versucht, dem
entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflstern, doch als er sich
hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurck.

chzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und
Feder.

Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf
und trat an des Erzbischofes Seite.

Flchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem
verlesenen Wortlaut vllig entsprach. Ein tiefer Seufzer--dann ergriff
der Frst die Feder und schrieb seinen Namen darunter.

Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfate die Versammlung.

Ergriffen trat Wolf Dietrich zurck und bat in erschtternden Worten um
Mitleid fr Salome und die unschuldigen Kinder.

Khl erwiderte Graf Lodron: "Es wird nach Mglichkeit dafr gesorgt
werden!" Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: "Die Kommission hat
zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen."

Schon wollte der Frst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen
Augenblick zu verweilen.

"Was soll noch geschehen?" rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus.

"Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung
Eurer Hochfrstlichen Person am ppstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc
liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!"

Wolf Dietrich unterschrieb nach flchtiger Durchlesung auch dieses
Schriftstck und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome
zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Frst seiner selbst, seine
Frsorge galt nur Salome und den Kindern.

Schluchzend gelobte Perger, nach Krften einzustehen und eine
finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken.

Herleberg trat in den Saal und fragte: "Sind die Herren fertig?"

Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des
Gefangenen in den Kerker.

Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thrnen kte,
nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von
gleichmtigen bayerischen Soldaten.

Trbe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene
harrte der ersehnten Befreiung; in dsteren, langen, qualvollen Stunden
malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und
den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch
Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstnde,
der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf da die Gewaltthat gepnt werde
an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog.

Am 22. November zu spter Abendstunde ward der Kerker geffnet, der
Eisenmeister von Hohenwerfen verkndete dem Erzbischof, da dieser
sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer
Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe.

Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht
erwartet, eher auf Verbringung ber die Landesgrenze nach Krnten
gehofft. Doch willig lie sich der Frst bei Fackelschein den Steilberg
hinabfhren, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein
bayerischer Offizier bereits sa.

Die Nacht wurde durchgefahren. Frh morgens gegen fnf Uhr hielt der
Wagen am Fue des Nonnbergs, Wolf Dietrich mute aussteigen. Eine Anzahl
bayerischer Fusoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den
Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste
Hohensalzburg.

Wie das breite Thor hinter dem Frsten geschlossen ward, chzte Wolf
Dietrich in einer bitteren Vorahnung.

Gefangen in seinem Hauptschlo der Erzbischof von Salzburg, einer der
ersten Reichsfrsten.

Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines
abgesetzten Oberherrn die ntigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst
zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag,
die besten Redner waren zu Sprechern auserwhlt.

Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestt verwies Graf
Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof.
Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser
umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach
der Kaiser bat, es mge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen
und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen
Erzbischofes zu schreiten.

Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der
bei aller Wertschtzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner
Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mifallen ber
des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte.

Dieser Tadel veranlate den Herzog, durch seine Rte eine Anklageschrift
gegen den gehaten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles
Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit
Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das
Verhltnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf
Dietrich sei trotz des Zlibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen.
Ein ungeheures Sndenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der
katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet
Skularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt,
dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte
mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die
Exkommunikation und ffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und
Apostaten.

Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche
durch die bayerische Anklageschrift einen gehssigen Charakter bekommen
hatte, zur ffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. lie die
Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille
untersuchen.

Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht,
Wolf Dietrich habe Ketzer begnstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2.
die Resignation ist solange ungltig, bis Wolf Dietrich den Verzicht
vor einem ppstlichen Nuntius abgegeben habe.

Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befrchtet
haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg
zu erklren, da der Herzog von Bayern die Verantwortung fr alle daraus
entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion
ablehne und von neuem das uerste versuchen werde, um "diesen Mann"
beiseite zu schaffen.

Diese Erklrung unter erneutem Hinweis fr die Kardinle, da Wolf
Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drngen des Kapitels
verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan
schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz
regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur
Erklrung, da Wolf Dietrich nun ppstlicher Gefangener sei.

Der Winter wich zgernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrhling setzte ein
mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich sa noch immer auf Hohensalzburg
gefangen, abgeschlossen von der Auenwelt, und geno bei ertrglicher
Verpflegung nur die minimale Begnstigung, an regenlosen Tagen einige
Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu drfen.

Im Mrz endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein
Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die
Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum
dicht besetzt.

Unter militrischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in
diese Kirche und wurde in die Sakristei gefhrt, wo der Nuntius nebst
drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt.

Einer der Diener mute die Stelle des Notars, die brigen Dienste als
Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die ppstliche Verzichturkunde
vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf
die Brust zu legen.

Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ndern der
Nuntius gelobte.

Nun in die von Soldaten gefllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof
nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben.

Mit einem verzweiflungsvollen Blick bersah Wolf Dietrich seine
waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles
verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die
Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskrftig geworden.

Eine militrische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur
Veste.

Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, da der Papst ihn vielleicht zum
Sommer freilassen werde.

Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte
in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen hchst gefhrlichen Menschen
nannte, und Herzog Max lie an den Vatikan berichten, da Wolf Dietrich
zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe
ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die grte Gefahr
kommen mte.

Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschlieen, der Befehl zur
Freilassung kam nicht.

Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster
Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektre; man hatte ihm nur die
heilige Schrift und das Brevier gelassen.

Von den bewachenden Soldaten fhlte im Laufe der Zeit einer ein
menschlich Rhren, der Bayer empfand Mitleid fr den gestrzten Frsten
und zeigte sich fr dessen Bitten um Schreibzeug zugnglich.

In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewnschte, und im
Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache
eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmhliche
Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwrfe und
Verdchtigungen zurckwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage
erhob. Sein Verhltnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum
Schlusse um Abberufung des ihm gehssigen Nuntius und um eine
Untersuchung durch die Bischfe von Seckau und Lavant.

Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages ber vor den
Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische
Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um
Befrderung zur Post.

Am nchsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt,
die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben
Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof
erhaltenen Lohn eine Strkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines
greren Geldstckes wie die Bestellung einer fr einen Soldaten ppigen
Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem
Offizier gestand der eingeschchterte Soldat die Briefbefrderung.
Sofort wurde die Post militrisch besetzt und das leicht herausgefundene
Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert.

Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der
Veste und Androhung schwerster Strafen fr den geringsten Verkehr mit
dem Gefangenen.

Im Juli 1612 wurde die bayerische Militrbesatzung von Hohensalzburg
abberufen, dafr kam eine salzburgische Sldnerwache auf die Veste.

Als Gefangener des Papstes mute Wolf Dietrich nun dem Nuntius den
Treueid schwren und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die
Gefangenschaft wurde nun--verschrft.

Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrcklich die Freilassung
gewhrleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die
Gesuche mehrerer deutscher Frsten, die emprt ber den Wortbruch und
die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfrsten sich fr den
Unglcklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst
und legte Frbitte fr Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg.
Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewhlt und der neue Kirchenfrst
wute dem Papst begreiflich zu machen, da es eine Schande fr den
apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem frheren
sndhaften Leben zurckkehren wrde; auch wies der neue Herr auf die
groen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen
Kopfes mit den Ketzern fr ganz Deutschland entstehen knnten.

So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Lnge zu
ziehen, bis der ohnehin krnkliche depossedierte Erzbischof vollends
apathisch gemacht oder aufgerieben sei.

Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit
Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte
eines Tages geltend, da er allerdings seine geistlichen Befugnisse und
Wrden an den Papst zurckgegeben, nicht aber zugleich auf seine
Stellung als deutscher Reichsfrst verzichtet habe.

Dies schreckte das Kapitel fr die ersten Tage, dann blieb alles beim
Alten.

Drei Jahre vergingen in solcher schmhlichen Gefangenschaft. Einen
letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun
befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens
die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden.

Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die
Gefhrlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom
geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich
berdrssig und lie sie ruhen, wie sie eben lag.

Trotz aller Vertrge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen;
man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln
und suchte den Wortbruch mit politischen Rcksichten zu rechtfertigen.

Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den
Jahren alle Energie, ein vllig gebrochener Mann begann er seine
Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschftigte
sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den
Paulinischen Briefen.

Ein Schlagflu lhmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und
ein Steinleiden.

Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist
Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den
Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen.

Es hatte ausgelitten Celsissimus!




Funoten:

[1] Eierspeise.

[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert
auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871.

[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft fr Salzburger Landeskunde
XII, 1872.

[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf
zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen
der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht vllig zu
ersticken. Spter gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns
und des Kaisers einigen Dizesen (auch Salzburg) den Empfang des
Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, da sich das (von
lutherischen Prdikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der rmischen
Kirche anschlieen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr
und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck.
Erzbischof Johann Jakob erlie ein strenges Mandat zur Bekmpfung des
Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die
Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte,
besttigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder
zurckgezogen. Infolgedessen ghrte es in den Landstdten Salzburgs
gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt
teilweise zum Schweigen, Hartnckige aber wurden unnachsichtig des
Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche
zweifellos von den Prdikanten begnstigt wurde, noch bis zur
Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, "Wolf
Dietrich von Raitenau" Mnchen 1886. Rieger.)

[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Sdseite des Festungsberges.

[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die
Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten
war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben.

[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder
angeworben werden. Sie "garteten", d.h. bettelten u.s.w., und wurden
"Gartbrder" genannt.

[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die
deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg.

[9] Da Wolf Dietrich im hchstem Mae ein Wohltter der Armen gewesen,
besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der
alten Steinhauserschen Chronik "Diser Erzbischoff kan und mag auch
billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, da er nit
allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern
auch den Armen im ganzen Erzstift dermaen so reiche Almusen tglich
spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Frsten
zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr groe Anzahl
armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller,
andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fnf oder vier Pazen raichen
und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben.
Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten
haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das
Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtgigen
Fasten hat er den hausarmen Drftigen zu Erkaufung der Fastenspeis
insonderhaft ain groe Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch
wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und
genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Tg nach Mitfasten nach
gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit
etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein
und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue
geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch
die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und
genossen."

[10] Das Original befindet sich im stdtischen Museum zu Salzburg. Der
Herausgeber verdankt eine Kopie der Gte des Herrn Museumdirektors
Kaiserl. Rat Dr. A. Petter.

[11] Gerhab = Vormund

[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine beraus bezeichnende Aufforderung,
da der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle!

[13] Keuche = Gefngnisort.

[14] So meldet der Chronist Steinhauser.

[15] Die Hallfahrt, ein Salzma hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals
86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine
Kufe hielt 130-148 Pfund.

[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk "Wolf Dietrich", Mnchen
1886.--Rmermonate, die im frheren deutschen Reich von den Stnden an
den Kaiser zum Behuf der damals blichen Rmerzge zu zahlende Abgabe,
nach Aufhren der Rmerzge in eine regelmige Abgabe zur Fhrung von
Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Rmermonat war auf 128000 Gulden
veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger.

[17] Brannte spter ab, wurde in vernderter, heute noch erhaltener Form
aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf
Dietrichs "Mirabella" genannt.

[18] Fr Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, da Maximilian durch
einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen
Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene knstliche Wasserleitung anlegen
lie, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von
Reichenhall bis zur Stadt Traunheim gefhrt wird. Diese Gegend war
holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit.
Auch groe Brunnenhuser wurden gebaut und eine Strae an den Bergen hin
durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk
vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die
Kriegsentschdigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg
erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III.

[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs
Eugen von sterreich, und lt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg
vollstndig und historisch getreu renovieren.

[20] Einer ihrer Shne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard
von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den
Benediktinerorden zu Kremsmnster und zeichnete sich durch Frmmigkeit
und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen
Wissenschaften aus. Als berhmter Architekt starb er 1675.






End of the Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS ***

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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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