The Project Gutenberg eBook, Der Pilger Kamanita, by Karl Adolph Gjellerup


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Title: Der Pilger Kamanita

Author: Karl Adolph Gjellerup

Release Date: February 7, 2005  [eBook #14962]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PILGER KAMANITA***


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DER PILGER KAMANITA

Ein Legendenroman

von

KARL GJELLERUP







[Illustration]


I. DER ERHABENE BEGRSST DIE STADT DER FNF HGEL


Einst wanderte der Buddha im Lande Magadha von Ort zu Ort und kam nach
Rajagaha. Der Tag ging schon zur Neige, als der Erhabene sich der Stadt
der fnf Hgel nherte. Gleich dem Abglanz einer segnenden Gtterhand
breiteten sich die milden Strahlen der Sonne ber die weite, mit grnen
Reisfeldern und Wiesen bedeckte Ebene. Hier und dort zeigten kleine an
der Erde hinkriechende Wlkchen, wie aus reinstem Goldstaube, da
Menschen und Ochsen von der Feldarbeit heimkehrten; und die
langgestreckten Schatten der Baumgruppen waren wie von einer
regenbogenfarbigen Glorie umgeben. Aus dem Kranze der blhenden Grten
glnzten die Torzinnen, Terrassen, Kuppeln und Trme der Hauptstadt
hervor, und in unvergleichlichem Farbenschmelz, als wren sie aus
Topasen, Amethysten und Opalen gebildet, lag die Reihe der Felsenhgel
da.

Von diesem Anblick ergriffen, blieb der Erhabene stehen. Mit Freuden
begrsste er jene vertrauten Formen, die so manche Erinnerungen fr ihn
bargen: das graue Horn, das breite Joch, den Seherfelsen und den
Geierkulm, "dessen schner Gipfel die andern wie ein Dach
berragt";--vor allen aber Vibhara, den Berg der heissen Quellen, der
mit seiner Hhle des Sattapannibaumes dem Heimatlosen eine erste Heimat
bereitet hatte--die erste Rast auf dem letzten Wege vom Sansara ins
Nirvana.

Denn als er damals "noch in frischer Blte, mit glnzendem, dunklem
Haar, im Genusse glcklicher Jugend, im ersten Mannesalter, gegen den
Wunsch seiner weinenden und klagenden Eltern" das frstliche Vaterhaus
im nrdlichen Lande der Sakyer verlassen und seine Schritte nach dem
Gangatal gerichtet hatte, da gnnte er sich erst dort einen lngeren
Aufenthalt, indem er jeden Morgen um Almosenspeise nach Rajagaha ging.
In jener Hhle hatte ihn auch damals der Knig von Magadha, Bimbisara,
besucht und ihn vergebens beschworen, ins Elternhaus und ins Weltleben
zurckzukehren, bis der Frst, durch die Worte des jungen Asketen
umgestimmt, das erste Vertrauen fasste, das ihn spter zum Anhnger des
Buddha machte.

Lange Zeit war seitdem verflossen--ein halbes Jahrhundert, in dem er
nicht nur seinen eigenen Lebenslauf, sondern den Lauf der Welt gewendet
hatte. Welcher Unterschied zwischen damals, als er drben in der Hhle
des Sattapannibaumes weilte, und jetzt! Damals war er noch ein
Suchender, ein nach der Erlsung Ringender: schreckliche Seelenkmpfe
standen ihm noch bevor, jahrelange, ebenso furchtbare wie fruchtlose
Kasteiungen, bei deren Schilderungen selbst dem Beherztesten seiner
Zuhrer sich die Haare vor Entsetzen strubten;--bis er dann endlich,
nach vlliger berwindung solcher Schmerzensaskese, durch inbrnstige
Selbstvertiefung die Erleuchtung errang und zum Heil der Wesen als ein
allerhchster, vollendeter Buddha aus dem Kampfe hervorging.

Damals hnelte sein Leben einem unstten Vormittag in der Regenzeit, wo
blendender Sonnenschein und tiefe Schatten wechseln, whrend der Monsun
die Wolken immer hher aufeinander trmt, und das tdlich drohende
Gewitter immer nher grollt. Jetzt aber war es von demselben
abendlichen, heiteren Frieden erfllt, der ber dieser Landschaft ruhte,
und der immer tiefer und verklrter zu werden schien, je mehr der
Sonnenball sich dem Horizonte nherte. Auch die Sonne seines Lebenstages
neigte sich ja dem Untergange zu. Sein Werk war vollbracht. Das Reich
der Wahrheit war fest begrndet, die Heilslehre der Menschheit
verkndet; viele wandel- und wissensbewhrte Mnche und Nonnen und
Laien-Anhnger beiderlei Geschlechts waren fhig, dieses Reich zu
schtzen, diese Lehre aufrechtzuerhalten und weiterzuverbreiten. Und
schon stand nach den Erwgungen dieses Tages, den er mit einsamer
Wanderung zugebracht hatte, die Erkenntnis in seinem Herzen fest: gar
bald wird es fr mich Zeit sein, auf immer diese Welt zu verlassen, aus
der ich mich selber und alle, die mir folgen, erlst habe, und in die
Ruhe Nirvanas einzugehen.--

Und die Gegend mit wehmtigem Gefallen berblickend, sprach der Erhabene
bei sich selber:

"Lieblich frwahr ist Rajagaha, die Stadt der fnf Hgel, reizend sind
ihre Umgebungen! Reich gesegnet sind die Felder, herzerfreuend die
baumbeschatteten, wasserblinkenden Auen, beraus anmutig die buschigen
Felsenhgel.--Zum letzten Male sehe ich ja jetzt von diesem schnsten
Punkte aus diese liebliche Gegend. Nur einmal noch, wenn ich weiterziehe
und mich auf jenem Joche umwende, werde ich von drben das liebliche Tal
Rajagahas erblicken und dann nimmermehr."

In der Stadt ragten nur noch zwei Bauwerke goldig in das Sonnenlicht
empor: der hchste Turm des Knigspalastes, von wo aus Bimbisara ihn
zuerst erspht hatte, als er, ein junger unbekannter Asket, seine Strae
zog und durch seinen hohen Anstand die Aufmerksamkeit des Magadhaknigs
auf sich lenkte;--und der Kuppelaufsatz des Indratempels, in welchem
damals, bevor sein Wort die Menschen von blutigem Aberglauben erlst
hatte, Tausende und Abertausende von unschuldigen Tieren jhrlich dem
Gott zu Ehren hingeschlachtet wurden. Nun tauchten auch die Turmzinnen
erlschend in das steigende Schattenmeer unter, und nur jener Kegel von
goldenen, bereinandergespannten Sonnenschirmen,[1] der den Tempeldom
krnte, glhte noch, gleichsam frei in der Luft schwebend, als ein
Wahrzeichen der "Knigsstadt"[2];--immer rter sprhte und funkelte er
auf dem dunkelblauen Hintergrund von hochragenden Baumwipfeln. Und hier
erblickte der Erhabene das immer noch ziemlich entfernte Ziel seiner
Wanderung. Denn jene Baumwipfel waren die des Mangohaines jenseits der
Stadt, der ihm von seinem Anhnger Jivaka, dem Leibarzt des Knigs,
geschenkt worden war, und in welchem ein schnes Klostergebude den
Mnchen gesunde und bequeme Unterkunft gewhrte.

 [1] Der goldene Sonnenschirm ist das Emblem der Knigswrde.

 [2] Rajagaha (Sanskrit: Rajagriha) = Knigsstadt, jetzt Rajgir, 10
 Meilen sdstlich von Patna.

Nach diesem Besitztum des Ordens hatte nun der Erhabene die ihn
begleitenden Mnche--zweihundert an der Zahl--unter der Leitung seines
Vetters und treuen Begleiters Ananda vorausgehen lassen, weil es ihn
lockte, die Wonne einer einsamen Tageswanderung zu kosten. Und es war
ihm bekannt, da um die Zeit des Sonnenunterganges von Westen her ein
Zug junger Mnche, gefhrt vom weisen Sariputta, dem groen Schler, in
dem Mangohain eintreffen wrde. In seinem lebhaften, auf das
Anschauliche gerichteten Geiste spielte sich nun das Schauspiel ab, wie
die ankommenden Mnche mit den schon anwesenden sich freundlich
begrten, wie ihnen von jenen Sitz und Lagerstatt angewiesen, Mantel
und Almosenschale abgenommen wurden, und wie dabei groer Lrm und
lautes Geschrei entstand, als ob Fischer um die Beute rauften. Und ihm,
der stille Betrachtung liebte und dem Lrm abhold war, wie der einsam
wandernde Lwe: ihm war gerade jetzt, nach der kstlichen Ruhe der
einsamen Wanderung und dem friedlichen Segen dieser Abendlandschaft, der
Gedanke doppelt peinlich, in ein solches Treiben hineinzugeraten.

Und so entschlo er sich im Weiterschreiten, nicht durch die Stadt nach
seinem Mangohain zu gehen, sondern in dem ersten besten Hause des
Vorortes, in dem er Unterkunft finden konnte, sein Nachtlager
aufzuschlagen.

Unterdessen waren die goldigen Flammen des westlichen Himmels in
brennende Orangetne verweht und diese wiederum in die feurigste
Scharlachglut zerschmolzen. Ringsum leuchteten die Felder immer grner
und grner, als ob die Erde ein Smaragd wre, der von innen durchstrahlt
wrde. Aber schon umspann ein traumhaft violetter Dunst die Ferne,
whrend eine fast bersinnliche Purpurflut--man wute nicht, ob Licht,
ob Schatten--wie von berallher niedersinkend, emporsteigend und
hereinstrmend, den ganzen Raum durchwallte, Festes auflsend und Loses
sammelnd, Nahes fortschwemmend und Fernes heranflutend, Alles aber in
Schwanken und flimmerndes Zittern versetzend....

Durch die Schritte des einsamen Wanderers emporgeschreckt, hakte ein
fliegender Hund seine ledernen Flgel von dem Zweig eines schwarzen
Salabaumes los und strich mit piepsendem Schrei durch die Dmmerung, um
den Obstgrten des dorfhnlichen Vorortes einen Besuch abzustatten.

So war es Abend geworden, als der Erhabene diesen Vorort Rajagahas
erreichte.




II. DIE BEGEGNUNG


Beim ersten Hause, dessen Wand blulich zwischen den Gartenbumen
hervorschimmerte, gedachte der Erhabene vorzusprechen. Wie er sich nun
aber der Tr nhern wollte, wurde er ein Netz gewahr, das auf einen Ast
gehngt war. Und der Erhabene schritt frbass, das Haus des
Vogelstellers verschmhend.

An diesem ueren Rande des Ortes waren die Huser sprlich verstreut,
auch hatte dort unlngst eine Feuersbrunst gewtet, und so dauerte es
denn eine Weile, bis er wieder an eine menschliche Wohnung kam. Es war
dies das Gehft eines wohlhabenden Brahmanen. Der Erhabene war schon zum
Tor hereingetreten, da hrte er, wie drinnen die beiden Frauen des
Brahmanen keiften, mit lauten schreienden Stimmen sich zankten und sich
gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen. Und der Erhabene wendete
sich um, trat wieder zum Torwege hinaus und schritt frba.

Der Lustgarten jenes reichen Brahmanen erstreckte sich weithin den Weg
entlang. Der Erhabene begann schon Mdigkeit zu spren, und sein rechter
Fu, von einem scharfen Stein verletzt, schmerzte ihn im
Weiterschreiten. So nherte er sich endlich dem nchsten Wohnhause, das
schon von weitem sichtbar war; denn heller Lichtschimmer strmte quer
ber den Weg durch das Gitter der Fensterlden und die offenstehende
Tr. Wre aber auch ein Blinder gekommen, so htte er doch das Haus
bemerkt, denn bermtiges Lachen, Becherklang, Stampfen tanzender Fe
und lieblich heitere Tne der siebensaitigen Vina drangen ins Freie
heraus; an den Trpfosten gelehnt aber stand ein schnes Mdchen in
reichem Seidengewand und mit Jasmingewinden behangen. Lachend ihre vom
Betelkauen roten Zhne zeigend, lud sie den Wanderer ein: "Tritt herein,
Fremder! Hier wohnt die Freude."

Und der Erhabene schritt frba, seines Wortes gedenkend: "Als Weinen
gilt im Orden der Heiligen das Singen; als Tollsein gilt im Orden der
Heiligen der Tanz; als kindisch gilt im Orden der Heiligen das
Zhnezeigen zur Unzeit, das Lachen: Geng' euch in Wahrheit Entzckten
das Lcheln des lchelnden Blickes."

Das Nachbarhaus war nicht weit entfernt, aber der Lrm der Zecher und
der Vinaspieler drang bis dahin, und so ging der Buddha weiter bis zum
nchsten Hause. Neben diesem waren aber zwei Metzgergesellen beim
letzten Schimmer des Tageslichtes eifrig am Werk, eine soeben
geschlachtete Kuh mit scharfen Messern zu zerlegen.

Und der Erhabene schritt an der Wohnung des Schlchters vorber.

Vor dem nchsten Hause standen viele Schsseln und Npfe aus frischem
Ton, die Ausbeute einer rechtschaffenen Tagesarbeit; unter einer
Tamarinde befand sich das Tpferrad, und der Hafner lste gerade eine
Schssel davon ab und trug sie zu den anderen.

Der Erhabene trat zum Hafner hin, begrte ihn hflich und sagte:

"Wenn es dir, Abkmmling Bhagas, nicht ungelegen ist, bleibe ich ber
Nacht in deinem Vorsaale."

"Es ist mir, o Herr, nicht ungelegen. Doch ist soeben ein Pilger
angekommen, mde von einer langen Wanderung. Und er hat schon sein Lager
hier aufgeschlagen. Wenn es ihm recht ist, mgest du bleiben, o Herr,
nach Belieben."

Und der Erhabene berlegte sich: "Einsamkeit freilich ist der beste
Gefhrte. Aber dieser liebe Pilger ist hier spt angekommen, wie ich
selber, mde von einer langen Wanderung. Und er ist an den Husern
unreiner, blutiger Gewerbe vorbeigegangen, ist an dem Hause des Zankes
und des gehssigen Streits und an dem Hause des Lrms und der unwrdigen
Freuden vorbergeschritten, um erst hier beim Hafner einzukehren. Mit
einem solchen Manne zusammen kann man die Nacht verbringen."

So trat denn der Erhabene in die Vorhalle ein, wo er einen jungen Mann
von edlen Gesichtszgen gewahr wurde, der in der einen Ecke auf einer
Matte sa.

"Wenn es dir, Pilger, nicht ungelegen ist," sprach der Erhabene zu ihm,
"bleibe ich ber Nacht hier im Vorsaale."

"Gerumig, Bruder, ist der Vorsaal des Hafners; bleibe der Ehrwrdige
nach Belieben."

Da breitete nun der Erhabene an der einen Wand die Strohmatte hin und
setzte sich nieder, die Beine gekreuzt, den Krper gerade aufgerichtet,
in heiliges Sinnen versunken. Und der Erhabene brachte die ersten
Stunden der Nacht sitzend zu. Und auch der junge Pilger brachte die
ersten Stunden der Nacht sitzend zu.

Da gedachte denn der Erhabene bei sich: "Ob wohl dieser edle Sohn
frhlich beflissen ist?--Wie, wenn ich ihn nun darum fragte?"

Und der Erhabene wandte sich also an den jungen Pilger:

"Weshalb, o Pilger, bist du in die Heimatlosigkeit gegangen?"

Der junge Pilger antwortete:

"Nur ein paar Nachtstunden sind vergangen. Wohlan, wenn mir der
Ehrwrdige seine Aufmerksamkeit schenken will, werde ich erzhlen,
weshalb ich in die Heimatlosigkeit gegangen bin."

Der Erhabene gab durch freundliches Kopfnicken sein Einverstndnis zu
erkennen, und der junge Pilger hub zu erzhlen an.




III. NACH DEM UFER DER GANGA


Ich heisse Kamanita mit Namen und bin in Ujjeni geboren, einer weit im
Sden gelegenen Stadt, im Lande Avanti, im Gebirge. Dort kam ich in
einer begterten, wenn auch nicht sehr vornehmen Kaufmannsfamilie zur
Welt. Mein Vater lie mir eine gute Erziehung zuteil werden, und als ich
die Opferschnur anlegte, war ich schon ziemlich im Besitze der meisten
Fertigkeiten, die sich fr einen jungen Mann von Stand passen, so da
man allgemein glaubte, ich mte in Takkasila[1] erzogen worden sein. Im
Ringkampf und im Degenfechten war ich einer der ersten; ich hatte eine
schne, wohlgebte Singstimme und verstand die Vina kunstreich zu
schlagen; ich konnte alle Gedichte Bharatas und noch viele andere
auswendig hersagen; mit den Geheimnissen der Metrik war ich aufs
innigste vertraut, und verstand auch selber gefhlvolle und sinnreiche
Verse zu schreiben. Im Zeichnen und Malen bertrafen mich nur Wenige,
und meine Art Blumen zu streuen wurde allgemein bewundert. Gro war mein
Geschick im Frben der Kristalle und meine Kenntnis von der Herkunft der
Juwelen; keine Papageien oder Predigerkrhen sprachen so gut wie
diejenigen, die ich abgerichtet hatte. Auch verstand ich von Grund aus
das vierundsechzigfeldige Brettspiel, das Stbchenspiel, das Bogenspiel
und das Ballspiel in allen seinen Abarten, sowie allerlei Rtsel- und
Blumenspiele. Und es wurde, o Fremder, eine sprichwrtliche Redensart in
Ujjeni: "Vielbefhigt wie der junge Kamanita."

 [1] Das Oxford des alten Indien (in Pendschab gelegen).

Als ich zwanzig Jahre alt war, lie mein Vater mich eines Tages rufen
und sprach also zu mir:

"Mein Sohn, deine Erziehung ist jetzt vollendet, und es ist Zeit, da du
dich in der Welt umsiehst und dein Kaufmannsleben beginnst, auch habe
ich dafr jetzt eine gute Gelegenheit gefunden. In diesen Tagen schickt
unser Knig eine Gesandtschaft an den Knig Udena in Kosambi, weit von
hier, im Norden. Dort habe ich aber einen Gastfreund Panada. Der hat mir
lngst gesagt, in Kosambi wre mit Produkten unseres Landes, besonders
mit Bergkristallen und Sandelpulver, sowie mit unseren kunstvollen
Rohrgeflechten und Weberwaren ein gutes Geschft zu machen. Ich habe
aber immer eine solche Geschftsreise als ein groes Wagnis gescheut
wegen der vielen Gefahren des Weges. Wer nun aber die Hin- und Herreise
im Gefolge dieser Gesandtschaft macht, fr den ist gar keine Gefahr
vorhanden. Wohlan, mein Sohn, wir wollen auf den Lagerplatz gehen und
uns die zwlf Ochsenwagen und die Waren ansehen, die ich fr deine Fahrt
bestimmt habe; du wirst fr unsere Produkte Musselin aus Benares und
ausgesuchten Reis mit zurckbringen, und das wird, hoffe ich, ein
glorreicher Anfang deiner kaufmnnischen Laufbahn sein; auch wirst du
Gelegenheit haben, fremde Lnder mit anderer Natur und anderen Sitten
kennen zu lernen und unterwegs mit Hofleuten, Mnnern vom hchsten
Anstande und feinsten Betragen tagtglich zu verkehren, was ich fr
einen hohen Gewinn erachte; denn ein Kaufherr mu ein Weltmann sein."

Ich dankte meinem Vater unter Freudentrnen, und schon wenige Tage
danach nahm ich vom Elternhause Abschied.

Wie schlug mein Herz vor freudiger Erwartung, als ich inmitten dieses
prchtigen Zuges, an der Spitze meiner Karren, zum Stadttor hinauszog
und die weite Welt offen vor mir lag. Jeder Tag dieser Reise war mir wie
ein Fest, und wenn abends die Lagerfeuer flammten, um Tiger und Panther
zu verscheuchen, und ich im Kreise lterer und vornehmer Mnner an der
Seite des Gesandten sa, dnkte ich mich vollends im Mrchenland.

Durch den herrlichen Waldbereich Vedisas und ber die sanften Hhenzge
des Vindhyagebirges erreichten wir die ungeheure nrdliche Ebene, wo
eine ganz neue Welt sich mir erffnete; denn ich htte nie gedacht, da
die Erde so flach und so gro sei. Und etwa einen Monat nach unserer
Abreise sahen wir an einem herrlichen Abend, von einer palmengekrnten
Anhhe aus, zwei goldene Bnder, die sich dem Dunstkreise des Horizontes
entwanden, das unendliche Grn durchzogen und sich allmhlich einander
nherten, bis sie sich zu einem breiten Band vereinigten.

Eine Hand berhrte meine Schulter.

Es war der Gesandte, der an mich herangetreten war.

"Da siehst du, Kamanita, die heilige Jamuna und die hochheilige Ganga,
die dort vor unseren Augen ihre Fluten vereinigen."

Unwillkrlich erhob ich anbetend meine Hnde.

"Du tust recht, sie also zu gren," fuhr mein Beschtzer fort. "Denn
wenn die Ganga von dem Gttersitz im nrdlichen Schneegebirge kommt und
gleichsam aus der Ewigkeit flutet, so kommt die Jamuna aus fernen
Heldenzeiten, und ihre Fluten haben die Trmmer der Ilfenstadt[1]
gespiegelt und jene Ebene besplt, wo die Panduinge und die Kuruinge um
die Herrschaft rangen, wo Karna in seinem Zelte grollte, wo Krishna
selber die Rosse Arjunas lenkte--doch ich brauche dich ja nicht daran zu
erinnern, da du in den alten Heldenliedern wohl bewandert bist. Oft habe
ich drben auf jener spitzen Landzunge gestanden und gesehen, wie die
blauen Wogen der Jamuna neben den gelben der Ganga dahinflossen, ohne
sich mit ihnen zu vermischen, so wie die Kriegerkaste neben der
Brahmanenkaste unvermischt besteht. Dann kam es mir vor, als ob ich mit
dem Rauschen dieser blauen Fluten auch kriegerische Klnge vernhme,
Waffengetse und Hrnerrufe, Wiehern von Rossen und Trompeten der
Kampfilfen, und mein Herz schlug hher, denn auch meine Ahnen waren ja
dabei gewesen und der Sand Kurukschetras hatte ihr Heldenblut
getrunken."

 [1] Hastinapura = Elefantenstadt. Das Wort "Ilf" hat _Adolph Holtzmann_
 geprgt ("Indische Sagen" XXIX).

Voll Bewunderung blickte ich zu diesem Manne aus der Kriegerkaste empor,
in dessen Familie solche Erinnerungen lebten.

Er aber fate mich an der Hand.

"Komm, mein Sohn, und begre das Ziel deiner ersten Reise."

Und er fhrte mich nur wenige Schritte um ein dichtes Gebsch herum, das
bis jetzt die Aussicht nach Osten verdeckt hatte.

Als diese sich nun pltzlich ffnete, stie ich unwillkrlich einen
Schrei der Bewunderung aus.

Dort--an einer Biegung der breiten Ganga--lag eine groe Stadt: Kosambi.

Mit ihren Mauern und Trmen, ihrer aufsteigenden Husermasse, ihren
Terrassen, ihren Quais und Ghts[1] sah sie, von der untergehenden Sonne
beleuchtet, wahrlich aus, als wre sie ganz und gar aus rotem Gold
gebaut--so wie es ja Benares war, bis die Snden der Einwohner es in
Stein und Mrtel verwandelten;--die wirklich goldenen Kuppeln aber
glnzten wie ebensoviele Sonnen. Oben von den Tempelhfen stiegen
dunkle, rotbraune Rauchsulen, von den Leichenverbrennungssttten am
Ufer solche von hellblauer Farbe, kerzengerade in die Hhe, und,
gleichsam von ihnen getragen, schwebte baldachinartig ber dem Ganzen
ein Schleier wie aus den zartesten Perlmuttertnen gewoben, whrend
dahinter alle Farben, die da brennen und leuchten knnen, ber den
Himmel ausgegossen durcheinander glhten. Auf dem heiligen Strom, der
diesen Glanz widerspiegelte, schaukelten unzhlige Boote mit bunten
Segeln und Wimpeln, und trotz der Entfernung sah man, wie die breiten
Treppen der Ghts von Leuten wimmelten, whrend viele schon unten in den
glitzernden Wellen pltscherten. Ein frhliches Gerusch, wie das Summen
eines Bienenkorbes, drang von Zeit zu Zeit zu uns herauf.

 [1] Landungsplatz mit prachtvollen Freitreppen fr Badende--gewhnlich
 von Vorsprngen und Kiosken unterbrochen und durch einen monumentalen
 Torbau abgeschlossen.

Du kannst dir denken, da ich eher eine Stadt der dreiunddreiig Gtter
als eine der Menschen zu sehen vermeinte, wie denn berhaupt das
Gangatal mit seinem ppigen Reichtum uns Bergbewohnern wie das Paradies
vorkam. Und fr mich sollte ja auch hier das Paradies auf Erden sich
zeigen.

Noch in derselben Nacht schlief ich unter dem wirtlichen Dache Panadas,
des Gastfreundes meines Vaters. Frh am folgenden Tage eilte ich aber
zum nchsten Ght und stieg mit unbeschreiblichen Gefhlen in die
heiligen Wogen, um nicht nur den Reisestaub, sondern auch meine Snden
abzusplen. Diese waren infolge meiner Jugend ja nur gering; ich fllte
aber eine groe Flasche mit dem Gangawasser, um sie meinem Vater
mitzubringen. Sie ist jedoch, wie du erfahren wirst, leider nie in
seinen Besitz gekommen.

Der edle Panada, ein Greis von ehrwrdigstem Aussehen, fhrte mich nun
nach den Kaufhallen, und durch seine freundliche Hilfe gelang es mir, im
Verlaufe der folgenden Tage meine Waren vorteilhaft zu verkaufen und
eine berreiche Menge von den bei uns sehr geschtzten Produkten der
nrdlichen Ebene einzukaufen.

Dies mein Geschft war glcklich zu Ende gebracht, bevor die
Gesandtschaft noch daran dachte, sich zur Abreise zu rsten, was mich
keineswegs verdro; denn ich hatte nun volle Freiheit, mir die Stadt
anzusehen und ihre Vergngungen zu genieen, was ich in der Gesellschaft
Somadattas, des Sohnes meines Wirtes, in ausgiebigstem Mae tat.




IV. DIE BALLSPIELERIN


An einem schnen Nachmittage begaben wir uns in einen ffentlichen
Garten vor der Stadt--eine gar prchtige Anlage unmittelbar am hohen
Ufer der Ganga mit schattigen Baumgruppen, groen Lotusteichen,
Marmorhuschen und Jasminlauben, wo zu dieser Tageszeit immer ein reges
Treiben herrschte. Hier lieen wir uns in einer goldenen Schaukel von
der Dienerschaft schaukeln, whrend wir den herzerfreuenden Tnen der
liebestrunkenen Kokila und dem sen Plaudern der grnen Papageien
lauschten. Da erhob sich pltzlich ein gar erheiterndes Klingen von
Fuspangen. Sofort sprang mein Freund aus der Schaukel und rief:

"Sieh da! Gerade kommen die schnsten Mdchen von Kosambi, auserlesene
Jungfrauen aus den reichsten und vornehmsten Husern, um die
Vindhya-bewohnende Gttin durch Ballspiel zu verehren. Du kannst von
Glck sagen, Gastfreund! denn bei diesem Spiel kann man sie ungehindert
sehen! Komm, wir wollen diese Gelegenheit nicht versumen."

Ich lie mir dies natrlich nicht zweimal sagen, sondern folgte eiligst
meinem Freunde.

Auf einer groen, edelsteinbesetzten. Bhne erschienen sofort die
Mdchen, zum Spiele bereit. Wenn es nun schon eine seltene Augenweide
war, diese Schar von Schnheiten in ihrem Glanz von schimmernder Seide,
duftigen Musselinschleiern, Perlen, Edelsteinen und Goldspangen zu
sehen--was soll man dann erst von dem Spiele selbst sagen, das diesen
Schwellgliederigen die mannigfaltigste Gelegenheit gab, ihre ganze Anmut
in beraus reizenden Stellungen und Bewegungen zu entfalten? Und doch
war das nur gleichsam ein Vorspiel. Denn als diese Gazellenugigen uns
eine geraume Zeit durch die verschiedenartigsten Spiele ergtzt hatten,
traten sie alle zurck, und nur eine blieb in der Mitte der
edelsteinbesetzten Bhne--und in der Mitte meines Herzens stehen.

Ach, mein Freund, was soll ich sagen! Von ihrer Schnheit zu reden wre
Verwegenheit! Denn ich mte ein Dichter sein wie Bharata selbst, um
auch nur einen schwachen Abglanz davon deiner Phantasie vorzuzaubern. Es
sei genug, hervorzuheben, da diese Mondgesichtige von makelloser
Gestalt und an allen Gliedern von frischer Jugend umblht war, da sie
mir als die leibliche Glcks- und Schnheitsgttin erschien, und da
alle meine Krperhrchen sich bei diesem Anblick vor Entzcken
strubten. Und nun begann sie zu Ehren der Gttin, deren Verkrperung
sie schien, ein kunstreiches Spiel. Lssig warf sie den Ball zu Boden,
und als er dann langsam emporstieg, gab sie ihm mit ihrer
schlinggleichen Hand, deren Daumen sie etwas krmmte und deren zarte
Finger sie ausstreckte, einen krftigen Schlag, trieb dann den
aufsteigenden Ball mit dem Handrcken empor und fing ihn beim
Herabfallen in der Luft wieder auf. Sie warf ihn in langsamem, in
mittlerem und in raschem Tempo, bald ihn anfeuernd, bald ihn
besnftigend, schlug ihn abwechselnd mit der linken und mit der rechten
Hand, trieb ihn in jede Himmelsrichtung und wieder zurck. Wenn
du--wie's mir aus deinem verstndnisvollen Blick scheinen will--mit der
Spielballwissenschaft vertraut bist, so brauche ich dir nichts zu sagen,
als da du wohl niemals das Curnapada und das Gitamarga so vollkommen
ausgefhrt gesehen haben wirst.

Dann aber machte sie etwas, was ich nie gesehen und wovon ich auch nie
gehrt habe. Sie nahm nmlich zwei goldene Blle, und whrend ihre Fe
zum Klange ihrer Schmuckjuwelen sich tanzend bewegten, lie sie diese
Blle so schnell in blitzartigen Linien springen, da man gleichsam nur
die Goldstbchen eines Kfigs sah, in dem ein Wundervogel niedlich
umherhpfte. Dabei geschah es, da unsere Blicke sich pltzlich
begegneten; und noch heute, o Fremder, verstehe ich nicht, wie es
zuging, da ich nicht augenblicklich tot niedersank, um in einem
Wonnehimmel wiedergeboren zu werden. Aber es mag wohl sein, da meine
Werke eines vorhergehenden Lebens, deren Frchte ich in _diesem_
genieen mu, noch nicht erschpft waren; denn dieser Rest meines
Wandels von einst hat mich ja in der Tat durch mehrere tdliche Gefahren
bis auf den heutigen Tag gebracht und wird wohl noch lange vorhalten.

Gerade jetzt aber entfloh ihr einer der Blle, die ihr bisher so
gehorsam gewesen waren, und sprang in einem mchtigen Satze von der
Bhne herunter. Viele junge Leute eilten ihm nach; ich und ein junger,
reich gekleideter Mann erreichten ihn gleichzeitig und wir gerieten
aneinander, weil keiner ihn dem anderen gnnte. Durch mein genaues
Vertrautsein mit den Kniffen der Ringerkunst gelang es mir, ihm ein Bein
zu stellen; er aber ergriff, um mich zurckzuhalten, meine kristallene
Halskette, an der ich ein Amulett trug. Die Kette zerri, er strzte zu
Boden und ich erhaschte den Ball. Wtend sprang er auf und schleuderte
mir die Kette vor die Fe. Das Amulett war ein Tigerauge, kein gerade
sehr kostbarer Stein, aber dieser war ein unfehlbares Mittel gegen den
bsen Blick--und jetzt, als der seine mich traf, mute ich ihn gerade
vermissen. Aber was kmmerte mich das? Hielt ich doch den Ball, den ihre
Lotushand soeben berhrt hatte, in Hnden, und als sehr geschicktem
Ballspieler gelang es mir, einen so genau berechneten Wurf zu tun, da
der Ball gerade vor der einen Ecke der Bhne aufschlug, um dann mit
einem migen Sprung gleichsam bezhmt in den Bereich der schnen
Spielerin zu gelangen, die keinen Augenblick aufgehrt hatte, den
anderen Ball in Bewegung zu erhalten, und sich nun wieder in ihren
Goldkfig einspann--unter groem Jubel der zahlreichen Zuschauer.

Damit war denn nun die Ballspielverehrung der Lakshmi zu Ende, die
Mdchen verschwanden von der Bhne, und wir begaben uns auf den Heimweg.

Unterwegs meinte mein Freund, es sei gut, da ich nichts dort am Hofe
erreichen wollte, denn der junge Mann, dem ich den Ball abgejagt htte,
sei kein geringerer als der Sohn des Ministers, und man habe es ihm
angesehen, da er mir unvershnlichen Ha geschworen habe. Das lie mich
nun vllig kalt; wie viel lieber htte ich erfahren, wer meine Gttin
war. Ich scheute mich aber, danach zu fragen, ja, als Somadatta mich mit
der Schnen necken wollte, tat ich sehr gleichgltig, lobte in
Kennerausdrcken ihre Fertigkeit im Spielen, fgte jedoch hinzu, da wir
in meiner Heimatstadt wenigstens ebenso geschickte Spielerinnen
htten--whrend ich in meinem Herzen der Unvergleichlichen diese Lge
abbat.

Ich brauche wohl kaum zu sagen, da diese Nacht kein Schlaf in meine
Augen kam, die ich nur schlo, um immer wieder von der reizenden
Erscheinung umschwebt zu werden. Den nchsten Tag brachte ich in einer
von allem Tageslrm entfernten Ecke des Hausgartens zu, wo der Sandboden
unter einem Mangobaum meinem von Liebesglut gepeinigten Krper Khlung
bot, die siebensaitige Vina als einzige Gefhrtin, der ich meine
Sehnsucht anvertraute. Sobald aber die abnehmende Tageshitze einen
Ausflug erlaubte, berredete ich Somadatta, mit mir nach dem Lustgarten
zu fahren, obschon er es vorgezogen htte, einem Wachtelkampf
beizuwohnen. Aber umsonst durchirrte ich den ganzen Park--viele Mdchen
waren da, berall ihr Spiel treibend, als wollten sie mich mit falscher
Hoffnung von einem Ort zum anderen locken; aber jene einzige, Lakshmis
Ebenbild, war nicht darunter.

Nun tat ich, als ob ich eine unwiderstehliche Sehnsucht htte, das
eigentmliche Leben an der Ganga wieder zu genieen. Wir besuchten alle
Ghts und bestiegen schlielich eine Barke, um uns in die frhliche
Flottille zu mischen, die jeden Abend auf den Wogen des heiligen Stromes
schaukelte, bis das Farbenspiel und der Goldglanz erloschen und Lichter
von Fackeln und Lampions auf dem Strome tanzten und wirbelten.

Dann mute ich endlich meine ebenso stumme wie strmische Hoffnung
aufgeben und den Bootsfhrer anweisen, nach dem nchsten Ght zu
steuern.

Nach einer schlaflosen Nacht blieb ich in meinem Zimmer, und um meinen
Geist, der doch nur von ihrem Bild erfllt war, zu beschftigen und zu
zerstreuen, bis ich wieder in den Lustgarten eilen konnte, versuchte ich
mittelst Pinsel und Farben ihre holde Erscheinung, wie sie tanzenden
Schrittes den Ball schlug, auf die Tafel zu bannen. Keinen Bissen
vermochte ich zu mir zu nehmen; denn wie der lieblich singende akora
nur von Mondstrahlen lebt, also lebte ich nur von den Strahlen jener
Mondgesichtigen, obgleich sie mich nur durch den Nebel der Erinnerung
erreichten; doch hoffte ich zuversichtlich, da sie an diesem Abend im
Lustgarten mit ihrem vollen Glanz mich letzen und beleben wrden. Aber
auch diesmal wurde ich enttuscht. Nun wollte Somadatta mich in ein
Spielhaus mitnehmen, denn er war so versessen auf das Wrfelspiel wie
Nala, nachdem der Dmon Kali in ihn gefahren war. Ich schtzte indessen
Mdigkeit vor. Aber anstatt nach Hause zu gehen, begab ich mich wieder
nach den Ghts und auf den Flu hinaus--leider nicht mit besserem Erfolg
als am vorhergehenden Abend.




V. DAS MAGISCHE BILDNIS


Da ich wute, da fr mich doch nicht an Schlaf zu denken war, legte ich
mich an diesem Abend gar nicht zu Bett, sondern setzte mich auf das zur
Andacht bestimmte Graslager am Kopfende des Bettes, und brachte dort
unter inbrnstigen Liebesbetrachtungen und im Gebet an die lotustragende
Lakshmi, ihr himmlisches Urbild, in frommer und geziemender Weise die
Nacht zu; aber die frhe Morgensonne fand mich wieder mit Pinsel und
Farben an der Arbeit.

Mehrere Stunden waren mir dabei im Fluge vergangen, als Somadatta
hereintrat. Ich hatte gerade noch Zeit, die Tafel und die Malwerkzeuge
unters Bett zu schieben, als ich ihn kommen hrte. Dies tat ich ganz
unwillkrlich.

Somadatta nahm einen niedrigen Stuhl, setzte sich neben mich und
betrachtete mich lchelnd.

"Ich merke wohl," sagte er, "da unserem Hause die Ehre widerfahren
soll, die Ausgangssttte eines Heiligen zu sein. Du fastest ja, wie es
nur die strengsten Asketen tun, und enthltst dich der ppigen
Gewohnheit des Lagers. Denn weder auf den Kopf- und Fukissen noch auf
der Matratze ist der geringste Eindruck deines Krpers zu sehen, und die
weie Decke ist faltenlos. Obwohl du durch das Fasten schon recht
schmchtig geworden bist, ist dein Krper doch wohl noch nicht ganz ohne
Gewicht, was sich brigens auch hier am Grassitze zeigt, wo du offenbar
die Nacht in Gebet und Selbstvertiefung zugebracht hast. Aber ich finde
doch, da fr einen so heiligen Bewohner dies Zimmer etwas zu weltlich
aussieht. Hier auf dem Nachttisch die freilich unberhrte Salbenbchse
und der Napf mit Sandelstaub, das Gef mit wohlriechendem Wasser und
die Dose mit Zitronenbaumrinde und Betel. Dort an der Wand die gelben
Amaranthkrnze, die Laute--aber wo ist denn das Malbrett, das doch sonst
an jenem Haken hngt?"

Whrend ich in meiner Verlegenheit auf diese Frage keine Antwort zu
finden vermochte, entdeckte er nun das vermite Brett und zog es unter
dem Bett hervor.

"Ei, was ist denn das fr ein bser, abgefeimter Zauberer," rief er,
"der hier auf dem Brett, das ich doch selber ganz leer an jenen Haken
gehngt habe, das reizende Bild eines ballspielenden Mdchens durch
magische Kraft hat entstehen lassen--offenbar in der bsen Absicht, den
angehenden Asketen gleich im Anfange mit Versuchungen anzufallen und ihm
Sinne und Gedanken zu verwirren! Oder am Ende ist es ein Gott, denn wir
wissen ja, da die Gtter sich vor der Allmacht der groen Asketen
frchten; und bei solch einem Beginnen wie dem deinigen knnte schon das
Vindhyagebirge vor der Inbrunst deiner Bue zu rauchen anfangen, ja
durch die Aufhufung deines Verdienstes mte das Reich der himmlischen
Gtter ins Wanken kommen. Und jetzt wei ich auch, welcher Gott es ist:
gewi ist es der, den sie den unsichtbaren nennen, der Gott mit den
Blumenpfeilen, der einen Fisch im Banner trgt--Kama, der Liebesgott,
von dem du ja auch deinen Namen hast. Und--Himmel, was seh' ich! das ist
ja Vasitthi, die Tochter des reichen Goldschmiedes."

Als ich so zum ersten Male den Namen der Geliebten hrte, fing mein Herz
heftig zu pochen an, und mein Gesicht entfrbte sich vor Erregung.

"Ich sehe, lieber Freund," fuhr der schlimme Spamacher fort, "da
dieser Gedanke von dem Zauber Kamas dich in groen Schrecken versetzt,
und in der Tat mssen wir etwas tun, um seinem Zorn zu entgehen. Da ist
aber ein Weiberrat nicht zu verachten. Ich will dies magische Bild
meiner geliebten Medini zeigen, die auch mit beim Tanze war und berdies
die Milchschwester der schnen Vasitthi ist."

Hiermit wollte er sich mit dem Bilde entfernen. Da ich nun wohl merkte,
was der Schelm vorhatte, hie ich ihn warten, weil dem Bilde noch eine
Inschrift fehlte. Ich mischte mir die schnste feurig-rote Farbe und in
gar kurzer Zeit schrieb ich mit den zierlichsten Schriftzgen einen
vierzeiligen Vers, der sehr einfach den Vorgang mit dem goldenen Ball
erzhlte. Wenn man aber die Zeilen rckwrts las, besagte der Vers, da
jener Ball, mit dem sie gespielt hatte, mein Herz sei, das ich selber
ihr zurckschickte, wenn sie es auch davonjage; man konnte aber auch den
Vers quer durch die Zeilen von oben nach unten lesen, und dann enthielt
er eine Klage ber die Verzweiflung, in die mich die Trennung von ihr
gestrzt hatte; las man aber in umgekehrter Richtung, dann wurde man
gewahr, da ich doch zu hoffen wagte.

Von dem, was ich solchermaen hineingeheimnit hatte, lie ich aber
nichts verlauten, und so war denn Somadatta von dieser Probe meiner
Dichtkunst, die ihm gar zu einfach schien, auch nicht sonderlich erbaut.
Er meinte, ich msse durchaus davon sprechen, wie Gott Kama, durch meine
Askese in Schreck versetzt, das Zauberbild zu meiner Versuchung
hervorgezaubert und mich dadurch berwunden htte--wie denn jeder immer
am meisten von seinem eigenen Witze entzckt ist.

Als nun Somadatta das Bild entfhrt hatte, fhlte ich mich in einer
gehobenen und tatkrftigen Stimmung, weil doch nun ein Schritt getan
war, der vielleicht in seinen Folgen zum ersehnten Glcksziel fhren
mochte. Ich konnte wieder essen und trinken, und nachdem ich mich
gestrkt hatte, nahm ich die Vina von der Wand und lie ihre Saiten bald
melodisch seufzen, bald jubeln, whrend ich den himmlischen Namen
Vasitthi in immer neuen Tnen wiederholte.

So fand mich denn auch Somadatta, als er mehrere Stunden spter mit dem
Bild in der Hand wieder hereintrat.

"Die ballspielkundige Zerstrerin deiner Ruhe hat auch gedichtet," sagte
er, "aber vielen Sinn finde ich eben nicht in ihren Versen
aufgespeichert, wenn auch die Schrift fr ungewhnlich hbsch gelten
darf."

Wirklich gewahrte ich--mit welchem Entzcken, vermag ich nicht zu
sagen--einen zweiten Vierzeiler, der mit Schriftzgen wie zarte
Bltenzweige auf das Brett gleichsam hingehaucht war. Somadatta freilich
hatte keinen Sinn darin finden knnen, denn das Ganze bezog sich eben
auf das, was er nicht bemerkt hatte, und zeigte mir, da die Holde meine
Strophe in allen Richtungen--rckwrts, nach unten und aufwrts--richtig
gelesen hatte, was mir einen hohen Begriff von ihrer Bildung und ihren
Kenntnissen gab, wie denn auch ihr feiner Geist sich in der anmutig
scherzenden Wendung zeigte, mit welcher sie meine feurige Erklrung als
eine hfliche Galanterie hinnahm, der man nicht allzu groe Bedeutung
beimessen drfe.

Nun versuchte ich freilich auch dieselben Lesemethoden auf ihre Strophe
anzuwenden, in der Hoffnung, vielleicht doch ein verblmtes Gestndnis
oder irgend eine geheime Botschaft, wohl gar die Einladung zu einem
Stelldichein darin zu finden; jedoch vergeblich. Ich sagte mir denn auch
sogleich, da dies gerade ein Beweis der hchsten und feinsten
weiblichen Gesittung sei: die Liebliche zeigte mir, da sie wohl
imstande sei, die Subtilitt und die verwegenen Pfade des mnnlichen
Geistes zu verstehen, da sie sich aber nicht verleiten lasse, seinen
Spuren zu folgen.

ber meine enttuschte Erwartung wurde ich nun auch sofort durch die
Worte Somadattas getrstet.

"Aber diese Schnbrauige, wenn sie auch keine groe Dichterin ist, hat
doch wahrlich ein gutes Herz. Sie wei, da ich schon seit langer Zeit
meine geliebte Medini, ihre Milchschwester, nicht gesehen habe, auer in
groer Gesellschaft, wo nur die Augen sprechen knnen, und auch die nur
verstohlen. Und so gibt sie uns Gelegenheit, uns in der folgenden Nacht
auf der Terrasse des vterlichen Palastes zu treffen. Diese Nacht ist es
leider nicht mglich, weil ihr Vater ein Gastmahl gibt; so lange mssen
wir uns also gedulden. Vielleicht hast du Lust, mich bei diesem
Abenteuer zu begleiten?"

Dabei lachte er ganz verschmitzt, und ich lachte ebenso und sicherte ihm
meine Begleitung zu. In der vortrefflichsten Laune nahmen wir das
Brettspiel, das an die Wand gelehnt war, und wollten uns durch diese den
Geist anregende Beschftigung die Zeit verkrzen, als ein Diener
hereintrat und sagte, ein Fremder wnsche mich zu sprechen.

Ich ging in die Vorhalle und traf da den Bedienten des Gesandten, der
mir sagte, ich msse mich zur Abreise fertig machen und mich schon in
dieser Nacht mit meinen Wagen im Hofe des Palastes einfinden, damit man
beim ersten Morgengrauen aufbrechen knne.

Meine Verzweiflung kannte keine Grenzen. Ich whnte, ich msse
unversehens irgend eine Gottheit beleidigt haben. Sobald ich meine
Gedanken einigermaen sammeln konnte, strzte ich zum Gesandten und log
ihm eine Menge vor von einem Geschft, das noch nicht ganz abgewickelt
wre und unmglich in so kurzer Frist zum gedeihlichen Abschlu gebracht
werden knnte. Mit heien Trnen beschwor ich ihn, die Reise nur noch um
einen Tag zu verschieben.

"Du sagtest mir doch schon vor acht Tagen, da du fertig wrest,"
entgegnete er.

Ich aber versicherte ihm, da sich nachher unverhofft noch eine Aussicht
auf einen bedeutenden Gewinn erffnet htte. Und das war auch keine
Unwahrheit, denn welcher Gewinn hatte fr mich mehr zu bedeuten, als die
Eroberung dieses unvergleichlichen Mdchens?--Und so gelang es mir denn
endlich, ihm diesen einen Tag abzulisten.

Die Stunden des folgenden Tages vergingen schnell mit den ntigen
Reisevorbereitungen, so da mir die Zeit, trotz meiner Sehnsucht, nicht
allzu lang wurde. Als der Abend hereinbrach, standen die Karren beladen
im Hof. Alles war zum Vorspannen bereit, um, sobald ich--noch vor
Morgengrauen--erschien, aufbrechen zu knnen.




VI. AUF DER TERRASSE DER SORGENLOSEN


Als es nun vllig Nacht geworden war, begaben wir, Somadatta und ich,
uns in dunkelfarbiger Kleidung, hoch aufgeschrzt, fest gegrtet und das
Schwert in der Hand, nach der Westseite des palastartigen Hauses des
reichen Goldschmiedes, wo sich die Terrasse ber der steilen Felswand
einer Schlucht befand. Mit Hilfe einer mitgebrachten Bambusstange
erkletterten wir nun, die wenigen Vorsprnge geschickt benutzend, die in
tiefen Schatten gehllte Felsenwand, berstiegen dann mit Leichtigkeit
die Mauer und befanden uns nun auf einer groen, mit Palmen, Asokabumen
und prchtigen Blumenpflanzen aller Art geschmckten Terrasse, die, in
Mondlicht gebadet, sich vor uns ausbreitete.

Nicht weit von mir entfernt sah ich die der Lakshmi hnliche Grougige,
die mit meinem Herzen Ball spielte, neben einem jungen Mdchen auf einer
Ruhebank sitzen, und bei diesem Anblick fing ich an so heftig an allen
Gliedern zu zittern, da ich mich an die Brstung lehnen mute, deren
marmorne Klte meine in Feuersglut schon entschwindenden Sinne
erfrischte und strkte. Indessen war Somadatta auf seine Geliebte
zugeeilt, die mit einem leisen Ruf aufgesprungen war.

Nun fate ich mich denn auch so weit, da ich mich der Unvergleichlichen
nhern konnte, die, anscheinend berrascht durch die Ankunft eines
Fremden, sich erhoben hatte und unschlssig schien, ob sie bleiben oder
gehen sollte, whrend sich ihr Auge, wie das der erschreckten jungen
Antilope, wiederholt mit Seitenblicken aus dem uersten Augenwinkel auf
mich richtete, wobei sie wie eine vom leisen Winde geschaukelte Ranke
bebte. Ich aber stand da in bestndig wachsender Verwirrung, mit
gestrubten Wangenhaaren und weit aufgeblhten Augen und konnte nur
mhsam einige Worte von dem unverhofften Glck, sie hier zu treffen,
hervorstammeln. Als sie aber meine groe Zaghaftigkeit bemerkte, schien
sie selber ruhiger zu werden. Sie setzte sich wieder auf die Bank und
lud mich mit einer lssigen Bewegung ihrer Lotushand ein, neben ihr
Platz zu nehmen, whrend sie mit einer Stimme, die sehr leicht und gar
lieblich zitterte, mir versicherte, sie sei sehr glcklich ber diese
Gelegenheit, mir zu danken, weil ich ihr den Ball mit solcher
Geschicklichkeit zurckgeworfen htte, da keine Strung im Spiel
entstanden sei; denn wre das geschehen, so wrde ihr ganzes Verdienst
dahin gewesen sein, und die von ihr ungeschickt verehrte Gttin htte
ihr gezrnt oder ihr wenigstens kein Glck geschenkt. Darauf antwortete
ich, sie habe mir nicht zu danken, da ich hchstens das wieder gut
gemacht htte, was ich selber verfehlt; und als sie nicht verstand, wie
ich das meinte, wagte ich sie daran zu erinnern, wie unsere Blicke sich
begegnet hatten und sie darob verwirrt den Ball schief traf, so da er
ihr davonflog. Sie aber errtete heftig und wollte das durchaus nicht
zugeben--was htte sie denn auch dabei verwirren knnen?

"Ich denke," antwortete ich, "da meine weit aufgeblhten Augen
gleichsam einen solchen Duft von Bewunderung haben entstrmen lassen,
da du dadurch einen Augenblick betubt wurdest und mit der Hand daneben
schlugst."

"Ei, was sprichst du mir da von Bewunderung," antwortete sie, "du bist
ja gewohnt, in deiner Heimat noch viel geschicktere Spielerinnen zu
sehen."

Aus dieser uerung entnahm ich mit Genugtuung, da man sich ber mich
unterhalten hatte, und da meine an Somadatta gerichteten Worte ihr
getreulich mitgeteilt worden waren. Doch wurde mir auch hei und kalt
bei dem Gedanken, da ich ja fast geringschtzig ber sie gesprochen
hatte, und ich beeilte mich, ihr zu versichern, da daran kein wahres
Wort gewesen wre, und da ich nur so gesprochen htte, um nicht mein
ses Geheimnis dem Freunde preiszugeben. Das wollte sie aber nicht
glauben, oder tat wenigstens so; und darber verga ich dann glcklich
meine ganze Schchternheit, geriet in groen Eifer, um sie zu
berzeugen, und erzhlte ihr, wie bei ihrem Anblick der Liebesgott seine
Blumenpfeile auf mich hatte regnen lassen. Ich sei berzeugt, da sie in
einem frheren Leben meine Frau gewesen sei, denn woher kme wohl sonst
eine so pltzliche und unwiderstehliche Liebe? Wenn dem aber so sei,
dann msse doch auch sie in mir ihren ehemaligen Gemahl erkannt haben,
und es msse auch bei ihr eine solche Liebe entstanden sein.

Mit solchen dreisten Worten drang ich ungestm auf sie ein, bis sie
endlich ihre glhende, trnenperlende Wange an meiner Brust verbarg und
mir in kaum hrbaren Worten gestand, da es ihr ebenso gegangen sei wie
mir, und da sie gewi gestorben wre, wenn ihre Milchschwester ihr
nicht noch rechtzeitig das Bild gebracht htte.

Dann kten und herzten wir uns unzhlige Male und meinten vor Wonne
vergehen zu mssen, bis pltzlich der Gedanke an meine unmittelbar
bevorstehende Abreise wie ein schwarzer Schatten ber meine Frhlichkeit
fiel und mir einen tiefen Seufzer erprete.

Erschrocken fragte Vasitthi, warum ich also seufzte. Als ich ihr aber
dann den Grund nannte, sank sie wie ohnmchtig auf die Bank zurck, und
brach in einen unerschpflichen Trnenstrom und in herzzerreiendes
Schluchzen aus. Vergeblich waren meine Versuche, die innig Geliebte zu
trsten. Umsonst versicherte ich ihr, da ich, sobald die Regenzeit
vorber sei, zurckkehren und sie dann nimmermehr verlassen wolle, wenn
ich mich auch als Tagelhner in Kosambi verdingen msse.--In den Wind
gesprochen waren alle Beteuerungen, da meine Verzweiflung bei der
Trennung nicht geringer sei als die ihre, und da nur die harte,
unerbittliche Notwendigkeit mich so bald von ihr wegrisse. Kaum da sie
unter Schluchzen ein paar Worte hervorbringen konnte, um zu fragen,
warum es denn so notwendig sei, schon morgen, nachdem wir uns eben erst
gefunden htten, abzureisen--und als ich ihr dies dann sehr genau und
umstndlich erklrte, schien sie keine Silbe davon zu hren oder zu
verstehen. O, sie she schon, da ich mich danach sehne, nach meiner
Vaterstadt zurckzukommen, wo es noch viel schnere Mdchen als sie
gbe, die auch viel besser Ball spielen knnten, wie ich es ja selber
gesagt htte!

Ich mochte sagen, beteuern und beschwren was ich wollte--sie blieb
dabei, und immer reichlicher flossen ihre Trnen. Kann man sich wundern,
da ich bald darauf zu ihren Fen lag, ihre schlaff herabhngende Hand
mit Kssen und Trnen bedeckte und ihr versprach, nicht abzureisen? Und
wer war dann seliger als ich, als Vasitthi mich nun mit ihren weichen
Armen umschlang und mich wieder und wieder kte und vor Freude lachte
und weinte. Freilich sagte sie nun gleich: "Da siehst du, es ist gar
nicht so notwendig, da du schon wegreisest, denn dann mtest du es ja
unbedingt tun."--Als ich mich aber anschickte, ihr Alles noch einmal
auseinanderzusetzen, schlo sie mir den Mund mit einem Kusse und sagte,
sie wisse, da ich sie liebe, und sie meine nicht wirklich, was sie von
den Mdchen meiner Vaterstadt gesagt htte. Unter zrtlichen
Liebkosungen und traulichem Plaudern flogen die Stunden wie im Traume
dahin, und es wre kein Ende all der Seligkeit gewesen, wenn nicht
pltzlich Somadatta mit Medini gekommen wre, um uns zu sagen, da es
die hchste Zeit sei, an die Heimkehr zu denken.

In unserem Hofe fanden wir Alles zum Aufbruch bereit. Ich rief den
Fhrer der Ochsenkarren und schickte ihn eiligst zum Gesandten mit dem
Bescheid, da mein Geschft leider noch nicht vllig erledigt sei, und
ich infolgedessen darauf verzichten msse, die Heimreise unter dem
Schutze der Gesandtschaft zu machen. Ich bat ihn nur, meinen Eltern
einen Gru zu bringen und empfahl mich seiner Gewogenheit.

Kaum hatte ich mich auf mein Lager gestreckt, um--wenn mglich--einiger
Stunden Schlafes zu genieen, als der Gesandte selber hereintrat.
Erschrocken sprang ich auf und verbeugte mich tief vor ihm, whrend er
mit ziemlich barscher Stimme fragte, was dies unglaubliche Betragen
bedeuten sollte--ich htte ihm sofort zu folgen.

Nun wollte ich anfangen, von meinem noch immer unbeendigten Geschft zu
reden, aber er unterbrach mich gebieterisch:

"Ach was, Geschft! La es mit der Lge jetzt genug sein. Ich sollte
wohl wissen, was fr Geschfte im Gange sind, wenn ein junger Fant
pltzlich eine Stadt nicht verlassen kann, selbst wenn ich nicht gesehen
htte, da deine Ochsenkarren vorgespannt und beladen im Hofe halten."

Da stand ich nun blutrot und zitternd als ein vollkommen Ertappter. Als
er mich aber ihm augenblicklich zu folgen hie, da schon ohnehin zu viel
der kostbaren khlen Tageszeit verloren gegangen sei, stie er bei mir
auf einen Widerstand, mit dem er offenbar nicht gerechnet hatte. Vom
befehlenden Ton ging er zum drohenden, von diesem zuletzt zum bittenden
ber. Er erinnerte mich daran, wie meine Eltern sich nur deshalb
entschlossen htten, mich auf eine so weite Reise zu schicken, weil sie
gewut, da ich sie in seiner Begleitung und unter seinem Schutze hin
und zurck machen knnte.

Er htte aber keinen fr seinen Zweck weniger geeigneten Grund ins Feld
fhren knnen. Denn ich sagte mir sofort: dann wrde ich ja auch wohl
warten mssen, bis wieder einmal eine Gesandtschaft nach Kosambi ginge,
bevor ich zu meiner Vasitthi zurckkehren knnte! Nein, ich wollte
meinem Vater schon zeigen, da ich wohl imstande sei, allein eine
Karawane durch alle Beschwerlichkeiten und Gefahren des Weges zu leiten.

Diese Gefahren schilderte mir der Gesandte nun zwar drohend genug, aber
das alles war in den Wind gesprochen. Endlich verlie er mich in groem
Zorn: ihn treffe keine Schuld, ich msse jetzt selber meine Torheit
ausbaden.

Mir war es, als ob eine groe Last von mir genommen wre. Ich hatte mich
ja jetzt so ganz meiner Liebe hingegeben. In diesem sen Bewutsein
schlief ich fest ein und erwachte erst, als es Zeit war, sich nach der
Terrasse zu begeben, wo unsere Geliebten unser harrten.

Nacht um Nacht trafen wir uns nun dort, und bei jeder Begegnung
entdeckten wir neue Schtze in unserer gegenseitigen Neigung und trugen
eine noch grere Sehnsucht nach dem Wiedersehen von dannen. Das
Mondlicht wollte mir silberner erscheinen, der Marmor khler, der Duft
der Doppeljasminen berauschender, der Ruf der Kokila liebestrunkener,
das Rauschen der Palmen trumerischer und das unruhige Flstern der
Asokas noch verheiungsvoller, als diese Dinge sonstwo in der Welt sein
mochten.

O, wie deutlich besinne ich mich auf jene herrlichen Asokas, die lngs
der ganzen Terrasse standen, und unter denen wir so oft gewandelt sind,
uns mit den Armen umschlungen haltend! "Die Terrasse der Sorgenlosen"
wurde sie nach diesen Bumen genannt, denn "den sorgenlosen Baum" und
auch "Herzensfrieden" nennen ja die Dichter den Asoka, den ich nirgends
so schn gewachsen gesehen habe wie gerade dort. Die speerfrmigen,
nimmer ruhigen Bltter glnzten in den Mondstrahlen und lispelten im
leisen Nachtwinde, und zwischen ihnen glhten die goldigen,
orangefarbenen und scharlachroten Blumen, obschon die Vasantazeit erst
im Anzuge war. Aber wie sollten denn auch, o Bruder, diese Bume dort
nicht schon in voller Bltenpracht stehen, da der Asoka ja gleich seine
Knospen ffnet, sobald der Fu eines schnen Mdchens seine Wurzeln
berhrt!

In einer wunderbaren Vollmondnacht--mir ist's, als sei es gestern
gewesen--stand ich unter diesen Bumen neben der holden Ursache ihrer
Frhblte, meiner lieblichen Vasitthi. ber den tiefen Schatten der
Schlucht schauten wir weit hinaus ins Land, sahen die Silberbnder der
beiden Flsse sich durch die ungeheure Ebene winden und sich an der
hochheiligen Sttte vereinigen, die sie die "Dreilocke" nennen, weil sie
glauben, da die himmlische Ganga als dritte sich dort mit ihnen
verbinde. Diese zeigte mir aber Vasitthi ber den Wipfeln der
Bume--denn mit diesem schnen Namen nennen sie ja hier das
Himmelslicht, das wir im Sden als die Milchstrae kennen.

Dann sprachen wir von dem mchtigen Himavat im Norden, aus dem die Ganga
herflutete, dessen Schneegipfel die Wohnung der Gtter, dessen
unermeliche Wlder und tiefe Felsenklfte der Aufenthalt der groen
Asketen waren. Noch lieber aber folgte ich der Jamuna aufwrts.

"O," rief ich, "da ich doch einen Mrchennachen htte, aus
Perlmutterschale, von meinen Wnschen besegelt, von meinem Willen
gelenkt, damit er uns jenen silbernen Strom hinauftragen knnte. Dann
mte sich die Ilfenstadt wieder aus ihren Trmmern erheben, und die
ragenden Palste wrden vom Gelage der Zecher und vom Streit der
Wrfelspieler widerhallen. Der Sand Kurukschetras mte seine Toten
wiedergeben. Da wrde der greise Bhishma, in silberner Rstung und
weiem Gelock auf hohem Wagen emporragend, seine glattrhrigen Pfeile
ber die Feinde regnen lassen; der tapfere Phagadatta wrde auf seinem
kampfwtigen, rsselschwingenden Ilfenstier heranstrmen, der gewandte
Krishna das weie Viergespann Arjunas in das wildeste Kampfgetmmel
hineinjagen. O, wie sehr habe ich den Gesandten um seine Zugehrigkeit
zur Kriegerkaste beneidet, als er mir sagte, seine Vorfahren htten an
jener unvergelichen Schlacht teilgenommen! Aber das war tricht! Denn
nicht nur im Geschlechte gibt es ja Vorfahren, sondern wir selber sind
unsere eigenen Vorfahren. Wo war ich damals? Vielleicht eben dort, unter
den Kmpfenden. Denn obwohl ich ein Kaufmannssohn bin, habe ich immer
meine grte Freude an Waffenspielen gehabt, und ich darf wohl sagen,
da ich mit dem Degen in der Hand meinen Mann stelle."

Vasitthi umarmte mich strmisch und nannte mich ihren Helden: ich sei
ganz gewi einer jener Heroen, die in den Liedern leben. Welcher,
knnten wir freilich nicht wissen, da durch diesen sen Wohlgeruch der
sorgenlosen Bume der Duft des Korallenbaumes kaum zu uns dringen wrde.

Ich fragte sie, was denn das fr ein Duft sei, denn davon hatte ich nie
etwas gehrt--wie ich denn berhaupt fand, da, wie alles andere, auch
das Mrchen hier an der Ganga ppiger blhte als bei uns im Gebirge.

Und sie erzhlte mir, wie Krishna einst auf seinem Fluge durch Indras
Welt im Kampfspiel den himmlischen Korallenbaum gewonnen und ihn in
seinen Garten gepflanzt habe, einen Baum, dessen tiefrote Blten weit in
die Runde ihren Duft verbreiten. Und wer diesen Duft eingesogen habe,
der erinnere sich in seinem Herzen langer, langer Vergangenheit, lngst
entschwundener Zeiten aus frheren Leben.

"Aber nur die Heiligen knnen schon hier auf Erden diesen Duft
einatmen," sagte sie und fgte fast schalkhaft hinzu: "und wir beide
werden wohl keine werden. Aber was tut's? Wenn wir auch nicht Nala und
Damayanti waren, so haben wir uns gewi so lieb gehabt wie sie,--welche
nun auch unsere Namen gewesen sein mgen. Und vielleicht sind Liebe und
Treue das einzig Wirkliche, das Namen und Gestalten wechselt. Sie sind
die Melodien, und wir die Lauten, auf denen sie gespielt werden. Die
Laute zerbricht, und eine andere wird gestimmt; aber die Melodie bleibt
dieselbe. Sie klingt freilich voller und feiner auf dem einen Instrument
als auf dem anderen, wie ja auch meine neue Vina viel schner tnt als
die alte. Wir aber sind zwei herrliche Lauten fr die Gtter darauf zu
spielen, die wonnigste aller Weisen darauf ertnen zu lassen."

Ich drckte sie stumm an mich, innig ergriffen und verwundert ob solcher
seltsamen Gedanken. Sie aber fgte mit leisem Lachen hinzu, indem sie
wohl meine Gedanken erriet:

"Freilich darf ich eigentlich nicht solche Gedanken haben, denn unser
alter Hausbrahmane wurde einmal recht bse, als ich etwas hnliches
verlauten lie: ich solle nur zu Krishna beten und das Denken den
Brahmanen berlassen. Da ich nun also nicht denken, wohl aber glauben
darf, so will ich glauben, da wir wirklich und wahrhaftig Nala und
Damayanti waren."

Und indem sie ihre Hnde betend zum bltenschimmernden,
bltterflimmernden Wipfel vor uns emporhob, sprach sie den Baum an mit
den Worten, die Damayanti, im Walde umherirrend, an den Asoka richtet,
nur da die schmiegsamen Clokaverse des Dichters sich wie von selber auf
ihren Lippen mehrten und reicher blhten, wie ein Schling, der in
geweihten Boden umgepflanzt ist:

"Du Sorgenloser! der Wehklage lausche der sorgenvollen Maid!
Der du den Namen trgst 'Herzfrieden'! diesem Herzen den Frieden schenk'!
Mit Blumenaugen umhersphend, sprechend mit Bltterzungen fein,
Gieb Kunde mir, wo mein Herzwalter wandert, wo jetzt mein Nala weilt".

Dann blickte sie mich mit liebevollen Augen an, in deren Trnen das
Mondlicht sich spiegelte, und sagte mit bebenden Lippen:

"Wenn du fern von hier bist und an diesen Ort unserer Seligkeit
zurckdenkst, dann stelle dir vor, da ich hier stehe und so mit diesem
schnen Baume spreche. Nur sage ich dann nicht 'Nala', sondern
'Kamanita'."

Ich schlo sie in meine Arme und prete meine Lippen auf die ihren.

In diesem Augenblick rauschte der Wipfel ber uns. Eine groe, leuchtend
rote Blume schwebte herab und lie sich auf unsere trnenfeuchten Wangen
nieder. Vasitthi nahm sie lchelnd in die Hand, weihte sie mit einem
Kusse und reichte sie mir. Ich verbarg sie an meiner Brust.

Mehrere Blumen waren in dem Baumgange zur Erde gefallen. Medini, die
neben Somadatta auf einer Bank nicht weit von uns entfernt sa, sprang
auf, und, einige gelbe Asokablten emporhaltend, rief sie, indem sie auf
uns zukam:

"Sieh, Schwester! Die Blumen fangen schon an abzufallen. Bald werden
genug fr dein Bad da sein."

"Aber diese gelben darf Vasitthi freilich nicht in ihr Badewasser tun,"
fgte mein immer schalkhafter Freund hinzu, "wenn ihr blumenhafter Leib
ihrer Liebe gem blhen soll, sondern nur solche scharlachrote, wie
jene, die Freund Kamanita soeben in seinem Gewande verbarg. Denn im
goldenen Buch der Liebe heit es: 'Safrangelbe Neigung nennt man sie,
wenn sie zwar in die Augen fllt, aber wieder verloren geht;
scharlachrot aber nennt man sie, wenn sie nicht wieder verloren geht und
bermig in die Augen fllt'"

Dabei lachten er und seine Medini auf ihre lustige, vertrauliche Weise.

Vasitthi aber antwortete ernst, wenn auch mit ihrem sen Lcheln, indem
sie meine Hand fest und sanft drckte:

"Du irrst dich, lieber Somadatta! Meine Liebe hat keine Blumenfarbe.
Denn ich habe sagen hren, die Farbe der echtesten Liebe sei nicht rot,
sondern schwarz--schwarz wie der Hals Qivas wurde, als der Gott das Gift
verschlang, das sonst die Wesen vernichtet htte. Und so mu es auch
sein: auch das Gift des Lebens mu die wahre Liebe vertragen knnen, und
willig mu sie das Bitterste kosten, um es dem Geliebten zu ersparen.
Und gewi wird sie lieber davon ihre Farbe whlen, als von allen
leuchtenden Freuden."

Also sprach meine geliebte Vasitthi in jener Nacht unter den sorgenlosen
Bumen.




VII. IN DER SCHLUCHT


Tief bewegt durch diese lebhafte Erinnerung, schwieg der Pilger eine
kleine Weile. Dann seufzte er, strich sich mit der Hand ber die Stirn
und fuhr in seiner Erzhlung fort.

Kurz, Bruder, ich ging whrend dieser ganzen Zeit wie in einem Rausche
von Seligkeit umher, und meine Fe schienen kaum mehr die Erde zu
berhren. Einmal mute ich laut lachen, weil ich hrte, da es Leute
gebe, die diese Welt ein Jammertal nennen und ihre Gedanken und Wnsche
darauf richten, nicht mehr unter den Menschen wiedergeboren zu werden.
"Welch ausgemachte Toren, Somadatta!" rief ich, "als ob es einen
vollkommeneren Ort der Seligkeit geben knnte als die Terrasse der
Sorgenlosen."

Aber unter der Terrasse war die Schlucht.

In diese waren wir gerade hinuntergeklettert, als ich jene trichten
Worte ausrief, und als sollte mir gezeigt werden, da auch die hchste
Erdenwonne ihre Bitterkeit hat, wurden wir in demselben Augenblick von
mehreren bewaffneten Mnnern angefallen. Wie viele es waren, vermochten
wir in der tiefen Dunkelheit nicht zu unterscheiden. Glcklicherweise
konnten wir uns den Rcken durch die Felsenwand decken, und mit dem
beruhigenden Bewutsein, nur von vorn bedroht zu sein, fingen wir an,
fr unser Leben und unsere Liebe zu fechten. Wir bissen die Zhne
zusammen und waren schweigsam wie die Nacht, whrend wir so ruhig wie
mglich parierten und stieen; unsere Gegner aber heulten wie die
Teufel, um sich gegenseitig anzufeuern, und wir vermeinten acht bis zehn
Stimmen unterscheiden zu knnen. Wenn sie nun auch ein paar bessere
Degen vorfanden, als sie erwartet haben mochten, so war unsere Stellung
doch ernst genug. Bald lagen aber zwei von ihnen auf der Erde, und ihre
Krper hinderten die anderen, die frchteten, ber sie zu stolpern und
so unseren Schwertspitzen berliefert zu werden, betrchtlich am
Kmpfen. Sie mochten sich einige Schritte zurckgezogen haben, denn wir
fhlten nicht mehr ihren heien Atem im Gesicht.

Ich flsterte Somadatta ein paar Worte zu, und wir rckten mehrere
Schritte zur Seite, in der Hoffnung, da die Angreifer, uns an der alten
Stelle whnend, einen pltzlichen Vorsto machen und dabei anstatt an
uns an die Felsenwand geraten und an dieser ihre Schwertspitzen
zerbrechen wrden, whrend die unserigen ihnen gehrig zwischen die
Rippen fahren sollten. Obwohl wir nun die uerste Vorsicht
beobachteten, mu aber doch wohl ein leises Gerusch ihren Verdacht
erweckt haben. Denn der erhoffte blinde Angriff erfolgte nicht, wohl
aber sah ich pltzlich einen schmalen Lichtstreif die Wand treffen und
wurde auch gewahr, da dieser Strahl von einem Lampendocht herkam, der
offenbar in einer vorsichtig geffneten Dose steckte, neben der sich
auch eine warzige Nase und ein zusammengekniffenes Auge zeigten.

Da die Bambusstange, mit deren Hilfe wir die Terrasse erklommen hatten,
glcklicherweise sich noch in meiner linken Hand befand, stie ich
beherzt zu--ein lauter Schrei, das Verschwinden des Strahls und das
Klirren des zu Boden gefallenen Lmpchens bezeugten, wie gut ich
getroffen hatte; und diesen Augenblick benutzten wir nun, in der
Richtung, in der wir gekommen waren, eilends davon zu laufen. Wir
wuten, da hier die Kluft allmhlich enger wurde und ziemlich steil
aufstieg, und da man zuletzt ohne bermige Mhe die Hhe erklettern
konnte. Doch war es ein groes Glck, da unsere Angreifer die
Verfolgung in der Finsternis sehr bald aufgaben, denn beim letzten
Aufstieg drohten meine Krfte mich zu verlassen, und ich fhlte, da ich
aus mehreren Wunden heftig blutete; auch mein Freund war verwundet,
obschon leichter.

Oben angekommen, zerschnitten wir mein Gewand und verbanden notdrftig
unsere Wunden, und so gelangte ich denn endlich, auf Somadattas Arm
gesttzt, glcklich nach Hause, wo ich dann mehrere Wochen auf dem
Schmerzenslager zubringen mute.

Da lag ich nun, von dreifachem Leid geplagt. Denn die Wunden und das
Fieber verbrannten mir den Leib, und sehrende Sehnsucht nach der
Geliebten verzehrte meine Seele--bald aber kam noch die Besorgnis um ihr
teures Leben hinzu. Denn das zarte, blumenhafte Wesen hatte die
Nachricht von der tdlichen Gefahr, in der ich geschwebt hatte und
vielleicht noch immer schwebte, nicht ertragen knnen und war von einer
schweren Krankheit befallen worden. Ihre getreue Milchschwester Medini
ging aber tagtglich von einem Krankenlager zum anderen, und so fehlte
es uns wenigstens nicht an dauernder Verbindung und an sinnigem Verkehr.
Blumen wanderten zwischen uns hin und her, und da wir beide in die
Wissenschaft der Blumensprache eingeweiht waren, vertrauten wir uns
durch diese lieblichen Boten gar mancherlei an. Spter, als unsere
Krfte sich hoben, fand auch manch zierlicher Vers den Weg von Hand zu
Hand, und so htte unser Zustand sich bald recht ertrglich gestaltet,
wenn nicht mit der Genesung, der wir in gleichem Schritt uns
nherten--gleichsam zu treu verbunden, als da der eine dem anderen
darin vorauseilen wollte--auch die Zukunft an uns herangetreten wre und
uns mit schweren Sorgen erfllt htte.

Es war uns nmlich nicht verborgen geblieben, welcher Art jener
scheinbar so rtselhafte berfall gewesen war. Kein anderer als der Sohn
des Ministers--Satagira war sein verhater Name--, mit dem ich an jenem
unvergelichen Nachmittage im Parke um Vasitthis Ball gerungen hatte:
kein anderer war es als er, der die gedungenen Mrder auf mich gehetzt
hatte. Ohne Zweifel hatte er bemerkt, da ich nach der Abreise der
Gesandtschaft noch immer in der Stadt zurckblieb, und sein dadurch
geweckter Argwohn hatte gar bald meine nchtlichen Besuche auf der
Terrasse erspht.

Ach, jene Terrasse der Sorgenlosen war unserer Liebe jetzt wie ein
versunkenes Eiland. Wohl htte ich freudig immer wieder und wieder mein
Leben in die Schanze geschlagen, um die Holde dort zu umfangen. Aber
selbst wenn Vasitthi das Herz gehabt htte, mich allnchtlich tdlicher
Gefahr auszusetzen, so blieb uns doch eine solche Versuchung erspart.
Der bse Satagira mute die Eltern meiner Geliebten von unseren geheimen
Zusammenknften unterrichtet haben, denn es zeigte sich bald, da
Vasitthi sorgfltig und argwhnisch berwacht wurde, und da der
Aufenthalt auf der Terrasse ihr nach Sonnenuntergang verboten
war--angeblich wegen ihrer noch gefhrdeten Gesundheit.

So war denn unsere Liebe obdachlos! Die sich so gern im Verborgenen
heimisch fhlt, durfte nur dort zu Hause sein, wo es alle Welt war!--In
jenem ffentlichen Garten, wo ich zuerst ihre gttliche Gestalt erblickt
und sie ein paarmal schon vergebens gesucht hatte, trafen wir uns wie
von ungefhr. Aber was fr eine Begegnung war das! Wie flchtig die
gestohlenen Minuten, wie zaghaft und sparsam die hastigen Worte, wie
gezwungen die Bewegungen, die sich neugierigen oder wohl gar sphenden
Blicken ausgesetzt fhlten! Vasitthi beschwor mich, die Stadt, wo mir in
ihrer Nhe tdliche Gefahr drohte, sofort zu verlassen. Sie klagte sich
bitter an, da sie an jenem unvergelichen ersten Abend auf der Terrasse
durch ihren Eigensinn mich zum Bleiben berredet und mich dadurch
beinahe schon in den Rachen des Todes getrieben habe; vielleicht wrden
in diesem Augenblick neue Meuchelmrder gegen mich gedungen. Wenn ich
mich nicht durch schleunigste Abreise dieser Gefahr entzge, machte ich
sie zur Mrderin ihres Liebsten! Unterdrcktes Schluchzen erstickte ihre
Stimme, und ich mute daneben stehen, ohne sie in meine Arme schlieen
und ihr die Trnen, die schwer wie Gewittertropfen ihre blassen Wangen
herabrollten, wegkssen zu knnen. Einen solchen Abschied ertrug ich
nicht, und ich erklrte ihr, ich knne nicht von dannen reisen, ohne
vorher eine Zusammenkunft mit ihr zu haben, wie diese nun auch zu
bewerkstelligen sei.

Vasitthis verzweifelt flehender Blick, als wir gerade in diesem Moment
durch das Nahen mehrerer Personen uns zu trennen gentigt wurden, konnte
meinen Entschlu nicht zum Wanken bringen. Ich vertraute auf die
Erfindungsgabe meiner Geliebten, die nunmehr, durch Sehnsucht nach mir
und durch Angst um mein Leben angespornt und von der schlauen und in
Liebessachen bewanderten Milchschwester Medini beraten, gewi einen
Ausweg finden wrde. Hierin tuschte ich mich nicht; denn noch in
derselben Nacht konnte Somadatta mir ihren recht verheiungsvollen Plan
mitteilen.




VIII. DIE PARADIESKNOSPE


Etwas auerhalb der stlichen Mauer Kosambis liegt ein schner
Sinsapawald der eigentlich ein heiliger Hain ist. Auf einer Lichtung
steht noch das Heiligtum, freilich in sehr verfallenem Zustande. Schon
lngst fand in diesem uralten Tempelchen kein Opferdienst mehr statt,
weil dem Krishna, dem es geweiht ist, ein neuer, weit grerer und
prachtvoller Tempel in der Stadt selber erstanden war. In der Ruine aber
hauste auer einem Eulenpaar eine Heilige, die des Rufes geno, mit
Geistern in Verbindung zu stehen, durch deren Hilfe sie einen Einblick
in die Zukunft bekam--einen Einblick, den die gute Seele Opfergabe
darbietenden Mitmenschen nicht vorenthielt. Solche pilgerten denn auch
in groer Zahl zu ihr hin, und zwar vornehmlich nach Sonnenuntergang
junge verliebte Leute beiderlei Geschlechts, und es gab bswillige
Zungen, die behaupteten, die Alte sei eher eine Kupplerin, denn eine
Heilige zu nennen. Wie dem nun auch sein mge, _diese_ Heiligkeit war
gerade das, was wir brauchten, und ihr Tempelchen wurde als Sttte
unserer Zusammenkunft ausersehen.

Am nchsten Tage zog ich mit meinen Ochsenkarren ab, und zwar zu der
Stunde, da sich die Leute in den Bazar oder in die Gerichtshalle
begaben. Dabei whlte ich geflissentlich die belebtesten Straen, so da
meine Abreise meinem Feinde Satagira gewi kein Geheimnis bleiben
konnte. Aber schon nach wenigen Stunden der Fahrt machte ich in einem
groen Dorfe Halt und lie meine Karawane dort ihr Nachtquartier
beziehen, zu nicht geringer Freude meiner Leute. Ich selbst bestieg ein
frisches Pferd und ritt gegen Sonnenuntergang, in den groben Mantel
eines meiner Diener gehllt, denselben Weg nach Kosambi zurck.

Es war vllig Nacht geworden, bis ich den Sinsapawald erreichte. Als ich
behutsam mein Reittier zwischen die Stmme hineinlenkte, wurde ich, wie
zum Willkommen, von dem herrlichen Dufte der Nachtlotusblten auf dem
alten Krishnateiche empfangen. Bald zeichnete das zerbrckelnde, von
Gtterbildern wimmelnde Tempeldach seine zackigen und wirren Formen
gegen den sternenfunkelnden Himmel. Ich war am Ziele. Kaum hatte ich
mich aus dem Sattel geschwungen, so waren auch meine Freunde schon an
meiner Seite. Mit einem Aufschrei des Entzckens strzten Vasitthi und
ich einander in die Arme, halb besinnungslos vor Freude des
Wiedersehens, und ich wei nur noch von Liebkosungen, stammelnden Worten
der Zrtlichkeit und Beteuerung unserer Liebe und Treue, bis ich jh
emporschrak durch das unerwartete Gefhl eines weich fchelnden
Fittichs, der mir die Wange streifte, worauf sofort der Schrei einer
Eule und der hliche Klang einer gesprungenen Bronzeglocke mich vllig
aus der Liebesverzckung erweckten.

Medini hatte am Strange der alten Gebetglocke gezogen und dadurch die
Eule aus der Nische, in der sie hauste, verscheucht. Dies tat das gute
Mdchen nicht so sehr, um die Heilige zu rufen, als vielmehr, weil sie
sah, da diese schon zum Tempelchen herauskam, offenbar ungehalten, weil
sie Stimmen im heiligen Bezirk vernommen hatte, ohne da gelutet oder
angepocht worden wre.

Medini erklrte der Alten, der groe Ruf ihrer Heiligkeit und ihrer
erstaunlichen Kenntnisse habe sie und diesen jungen Mann--wobei sie auf
Somadatta zeigte--bewogen, sie aufzusuchen, um Auskunft ber das zu
erhalten, was von der Zeit noch verborgen sei. Die Heilige erhob prfend
den Blick zum Himmel und meinte, da das Siebengestirn gerade eine
ungemein gnstige Stellung zum Polarstern einnhme, drfte sie
wohl hoffen, da die Geister ihre Hilfe nicht versagen wrden;
worauf sie Somadatta und Medini einlud, in das Haus Krishnas, des
sechzehntausendeinhundertfachen Brutigams[1], einzutreten, der einem
liebenden Paar gern seine Herzenswnsche gewhre. Vasitthi und ich
blieben aber, als vermeintliche Dienerschaft, drauen zurck.

 [1] Die sich an diesen seltsamen Namen knpfende Legende wird im
 Kapitel "Buddha und Krishna" erzhlt--s.S. 242 ff.

Wie wir uns nun zuschwuren, da nur der Alles hinraffende Tod uns sollte
trennen knnen, wie wir von meiner baldigen Rckkehr, sobald die
Regenzeit vorber wre, sprachen und Mittel und Wege errterten, um ihre
sehr reichen Eltern dahin zu bringen, da sie in unsere Verbindung
einwilligten, und wie dies von unzhligen Kssen, Trnen und Umarmungen
unterbrochen wurde: das wre ich nicht einmal mehr imstande, dir genau
zu erzhlen, denn es ist in meinem Gedchtnis nur wie die Erinnerung an
einen wirren Traum zurckgeblieben. Noch weniger aber kann ich, wenn du
selbst nicht hnliches erlebt hast, dir eine Vorstellung davon geben,
wie sich in jeder Umarmung wonniges Entzcken und herzzerreiende
Verzweiflung umschlangen; denn eine jede gemahnte daran, da die letzte
fr diesmal bald folgen wrde; und wer stand dafr ein, da diese dann
nicht die letzte berhaupt war?

Nur gar zu bald traten Somadatta und Medini wieder aus dem Tempel
heraus. Die Heilige wollte nun auch uns die Zukunft offenbaren, aber
Vasitthi entsetzte sich ob dieses Gedankens.

"Wie sollte ich es denn ertragen, wenn eine unheildrohende Zukunft sich
entschleierte?" rief sie aus.

"Warum denn auch gerade unheildrohend?" meinte die wohlwollende Alte,
die wohl wegen ihrer Heiligkeit freundliche Lebenserfahrungen gemacht
haben mochte. "Auch dem Diener blht das Glck," fgte sie
verheiungsvoll hinzu.

Aber Vasitthi lie sich durch ihre Worte nicht locken; schluchzend
umklammerte sie meinen Hals.

"Ach, mein einzig Geliebter," rief sie, "mir ist es, als ob die Zukunft
mit unerbittlichem Gesicht dreinschaute. O, ich fhle es,--ich werde
dich nie mehr wiedersehen!"

Obwohl mich diese Worte mit eisigem Schauer durchrieselten, versuchte
ich ihr doch diese grundlose Angst auszureden; aber eben, weil sie
grundlos war, vermochten meine beredtesten Worte wenig oder gar nichts.
Die Trnen rollten unaufhaltsam ber Vasitthis Wangen; mit einem Blick
berirdischer Liebe ergriff sie meine Hand und drckte sie an ihre
Brust.

"Aber wenn wir uns hier nicht mehr sehen sollten, so wollen wir uns doch
treu bleiben, und wenn dies kurze und leidenvolle Erdenleben vorber
ist, wollen wir uns im Paradiese wiederfinden und dort vereinigt auf
immer himmlische Wonne genieen.... O, Kamanita! Versprich mir das--wie
viel strker wird das mich aufrichten als alle trstenden Worte! Denn
diese sind ja doch gegen den unvermeidlichen, schon heranbrausenden
Schicksalsstrom so ohnmchtig wie das Schilf gegen die Wasserflut. Aber
allmchtig, neues Leben gebrend, ist der heilige, feste Entschlu."

"Wenn es nur darauf ankommt, geliebte Vasitthi--wie sollte ich dich dann
nicht berall finden?" sagte ich, "aber hoffen wir, da es in dieser
Welt geschehen wird!"

"Hier ist Alles unsicher, und schon der Augenblick, in dem wir sprechen,
gehrt uns nicht an--aber nicht so im Paradiese."

"Ach, Vasitthi," seufzte ich, "gibt es ein Paradies--und wo liegt es?"

"Wo die Sonne untergeht," sagte sie mit voller berzeugung, "liegt das
Paradies des grenzenlosen Lichtes, und Allen, die den Mut haben, das
Irdische zu verachten und ihr Denken auf jenen Ort der Seligkeit zu
richten, steht dort eine reine Geburt bevor, aus dem Schoe einer
Lotusblume. Die erste Sehnsucht nach jenem Paradiese bringt dort im
heiligen, kristallklaren See eine Knospe hervor, jeder reine Gedanke,
jede gute Tat lt sie anschwellen, whrend alles Bse, was in Gedanken,
Wort und Tat vollbracht wird, wie ein Wurm in ihr nagt und sie dem
Verwelken nahe bringt."

Ihre Augen leuchteten gleich Tempelkerzen, als sie so sprach mit einer
Stimme, die wie die lieblichste Musik klang.

Dann erhob sie ihre Hand und zeigte hinauf, wo ber den schwarzen
Wipfeln der Sinsapabume die Milchstrae sich in sanft strahlendem
Alabasterglanz durch die mit funkelnden Sternen berste, purpurdunkle
Himmelsebene streckte.--

"Sieh dort, Kamanita," rief sie--"die himmlische Ganga! Schwren wir bei
ihren silbernen Wellen, die die Lotusseen jener seligen Gefilde
speisen,--unsere ganze Seele darauf zu richten, dort unserer Liebe eine
ewige Heimat zu bereiten."

Seltsam bewegt, hingerissen und in meinem Innersten tief erschttert,
erhob ich meine Hand zu der ihren, und unsere Herzen bebten gemeinsam
bei dem gttlichen Gedanken, da in diesem Augenblick in unabsehbaren
Weltenfernen hoch ber den Strmen dieses irdischen Daseins eine
Doppelknospe ewigen Liebeslebens sich bildete.

Als ob hiermit ihre Krfte erschpft wren, sank Vasitthi in meine Arme,
wo sie wie leblos liegen blieb, nachdem sie noch einen hinsterbenden
Abschiedsku auf meine Lippen gedrckt hatte.

Ich legte sie sanft in die Arme Medinis, bestieg mein Pferd und ritt
davon, ohne da ich mich noch einmal umzusehen wagte.




IX. UNTER DEM RUBERGESTIRN


Als ich das Dorf, wo meine Leute Nachtquartier bezogen hatten, wieder
erreichte, zgerte ich nicht, diese zu wecken, und schon ein paar
Stunden vor Sonnenaufgang war die Karawane unterwegs.

Am zwlften Tage erreichten wir um die Mittagsstunde ein gar liebliches
Tal in der waldigen Gegend Vedisas. Ein kleiner kristallklarer Flu wand
sich gemach durch die grnen Wiesen; die sanft ansteigenden Hgel waren
mit blhendem Gebsch bestanden, das einen wrzigen Duft verbreitete;
etwa in der Mitte der langgestreckten Talsohle und unfern dem Flchen
erhob sich ein Nyagrodhabaum, dessen undurchdringliche Laubkuppel einen
schwarzen Schatten auf die smaragdene Matte warf und, von ihren tausend
Nebenstmmen gesttzt, einen Hain bildete, in dem wohl zehn Karawanen
wie die meinige htten Obdach finden knnen.

Die Stelle war mir von der Hinreise wohl erinnerlich, und ich hatte sie
schon zur Lagersttte ausersehen. Es wurde also Halt gemacht. Die
wegmden Ochsen wateten in den Strom hinaus und tranken begehrlich das
khle Na, um sich dann am zarten Ufergras zu laben. Die Leute
erfrischten sich durch ein Bad und machten sich dann gleich daran, drre
Zweige zu sammeln und ein Feuer zum Reiskochen anzuznden, whrend ich
selbst--auch durch ein Bad erfrischt--mich im tiefsten Schatten, an eine
Wurzel des Hauptstammes angelehnt, hinstreckte, um an Vasitthi zu denken
und bald in der Tat von ihr zu trumen. An der Hand des geliebten
Mdchens schwebte ich durch paradiesische Gefilde.

Ein groes Geschrei brachte mich jh zur rauhen Wirklichkeit zurck. Als
ob ein bser Zauberer sie aus der Erde htte emporwachsen lassen,
wimmelten bewaffnete Mnner um uns herum, und das nahe Gebsch entsandte
immer neue. Sie waren schon bei den Wagen, die ich in einem Kreise um
den Baum hatte aufstellen lassen, und fochten mit meinen Leuten, die
alle im Gebrauch der Waffen gebt waren und sich tapfer verteidigten.
Bald war ich mitten im Kampfgetmmel. Mehrere Ruber fielen von meiner
Hand. Pltzlich sah ich einen groen, brtigen Mann von schrecklichem
Aussehen vor mir; sein Oberkrper war unbekleidet, und um den Hals trug
er eine dreifache Reihe von Menschendaumen. Da wute ich denn: "Das ist
der Ruber Angulimala, der grausame, der blutgierige, der die Drfer
undrflich, die Stdte unstdtlich, die Lnder unlndlich macht, der die
Leute umbringt und ihre Daumen sich um den Hals hngt." Und ich glaubte
schon, meine letzte Stunde sei gekommen.

Wirklich schlug mir dies Ungetm sofort das Schwert aus der Hand"-eine
Leistung, die ich keinem Wesen aus Fleisch und Blut zugetraut htte.
Bald lag ich an Hnden und Fen gefesselt auf der Erde. Um mich her
waren alle meine Leute erschlagen bis auf einen, einen alten Diener
meines Vaters, der von der Menge berwltigt worden und, ebenso wie ich,
unverwundet in Gefangenschaft geraten war. Ringsum, unter dem schattigen
Dache des Riesenbaumes, in Gruppen gelagert, taten die Ruber sich
gtlich.

Jene kristallene Kette mit dem Tigerauge, von der ich dir schon erzhlt
habe, wie sie beim Ringkampf mit Satagira um Vasitthis Ball zerri"-jene
Kette, die mir meine gute Mutter beim Abschied als Amulett umgehngt
hatte, war mir durch Angulimalas blutige Mrderhand vom Halse gezerrt
worden. Noch viel schmerzlicher war mir aber der Verlust der Asokablume,
die ich seit jener Nacht auf der Terrasse immer an meinem Herzen
getragen hatte. Nicht weit von mir glaubte ich sie zu entdecken, ein
rotes Flmmchen im zerstampften Grase, gerade dort, wo die jngsten
Ruber hin und her liefen, das dampfende Fleisch des schnell
geschlachteten und gebratenen Rindes und Krbisflaschen mit Branntwein
den Schmausenden zu bringen. Mir war es, als ob sie mein Herz
zerstampften, so oft ich meine arme Asokablume unter ihren schmutzigen
Fen verschwinden sah, um immer weniger leuchtend zum Vorschein zu
kommen, bis ich sie gar nicht mehr ersphen konnte. Und ich dachte, ob
wohl Vasitthi jetzt vor dem sorgenlosen Baume stnde, um ihn zu
befragen? Wie gut dann, da er ihr nicht sagen konnte, wo ich weilte,
denn gewi htte sie vor Schreck ihre zarte Seele ausgehaucht, wenn sie
mich in dieser Umgebung gesehen htte.

Nur ein Dutzend Schritte von mir entfernt zechte der furchtbare
Angulimala selber mit einigen seiner Vertrauten. Fleiig machte die
Flasche die Runde, und die Gesichter"--mit Ausnahme eines einzigen, von
dem ich noch spter sprechen werde"--wurden immer rter, whrend die
Ruber sich lebhaft, fast erregt unterhielten, ja bald in offenbaren
Streit gerieten.

Leider gehrte die Wissenschaft der Gaunersprache damals noch nicht zu
meinen vielen Fhigkeiten--woraus man ersieht, wie wenig der Mensch
beurteilen kann, welche Kenntnisse ihm am ntzlichsten sein werden. Gar
zu gern htte ich den Sinn ihrer lauten Rede verstanden, denn ich konnte
nicht in Zweifel sein, da sie mich und mein Schicksal betraf. Die
Mienen und Gebrden zeigten mir das mit unheimlicher Deutlichkeit, und
wahre Flammenblicke, die unter den dichten, zusammengewachsenen Brauen
des Huptlings von Zeit zu Zeit nach mir herberblitzten, lieen mich
mein Amulett gegen den bsen Blick, das jetzt auf der zottigen Brust des
Ungeheuers selber erglnzte, sehr vermissen. In der Tat hatte ich, wie
ich spter erfuhr, einen Liebling Angulimalas und dazu den besten Degen
der ganzen Bande vor seinen Augen niedergestreckt, und der Huptling
hatte mich nur deshalb nicht gettet, weil er seine Rachsucht durch den
Anblick meiner langsamen Todesmarter zu stillen gedachte. Die anderen
aber wollten nicht zugeben, da eine reiche Beute, die von Rechts wegen
der ganzen Bande gehrte, auf solche Weise nutzlos vergeudet wrde. Ein
kahler, glatt rasierter Mann, der wie ein Priester aussah, fiel mir als
Angulimalas Hauptgegner auf, der allein es verstand, diesen Wilden zu
bndigen. Er war auch der einzige, dessen Gesichtsfarbe whrend des
Zechens seine Blsse bewahrte. Nach einem langen Streit, whrenddessen
Angulimala ein paarmal in die Hhe fuhr und zum Schwerte griff, siegte
schlielich--zu meinem Heile--der professionelle Gesichtspunkt.

Die Bande Angulimalas gehrte nmlich zu den "Absendern"--so genannt,
weil es zu ihren Regeln gehrt, von zwei Gefangenen den einen
abzusenden, damit er das geforderte Lsegeld auftreibe. Wenn sie einen
Vater und seinen Sohn gefangen nahmen, hieen sie den Vater gehen, das
Lsegeld fr den Sohn zu beschaffen; von zwei Brdern schickten sie den
lteren; war ein Lehrer mit seinem Jnger in ihre Hnde gefallen, so
wurde der Jnger abgesandt, hatten sie einen Herrn und seinen Diener
gefangen, so mute der Diener gehen--darum eben hieen sie "Absender".
Zu diesem Zwecke hatten sie, ihrer Sitte gem, jenen Diener meines
Vaters geschont, whrend sie alle meine anderen Leute niedermetzelten;
denn obschon etwas bejahrt, war dieser noch rstig und sah klug und
erfahren aus--wie er denn auch schon mehrmals Karawanen gefhrt hatte.

Er wurde nun seiner Fesseln entledigt und noch an demselben Abend
abgeschickt, nachdem ich ihm eine vertrauliche Botschaft mitgegeben
hatte, an der meine Eltern die Richtigkeit der Sache erkennen konnten.
Bevor er sich auf den Weg begab, ritzte aber Angulimala einige Zeichen
in ein Palmblatt und bergab es ihm. Es war eine Art Geleitbrief fr den
Fall, da er auf dem Rckweg, wenn er die Summe bei sich trug, in die
Hnde anderer Ruber fallen sollte. Denn Angulimalas Name war so
gefrchtet, da selbst Ruber, die Knigsgeschenke von der Strae
entfhrten, sich nimmer vermessen htten, etwas, das sein Eigentum war,
auch nur anzurhren.

Auch mir wurden nun bald die Fesseln abgenommen, da man wohl wute, da
ich nicht tricht genug sein wrde, einen Fluchtversuch zu machen. Das
erste, wozu ich meine Freiheit benutzte, war, da ich nach der Stelle
hinstrzte, wo ich die Asokablume hatte verschwinden sehen. Aber ach,
nicht einmal mehr ein farbloses Restchen konnte ich von ihr entdecken!
Diese zarte Blumenflamme schien unter den rohen Ruberfen gnzlich zu
Asche zerstampft. War sie ein Wahrzeichen unseres Liebesglcks?

Ziemlich frei lebte und bewegte ich mich jetzt unter diesen gefhrlichen
Gesellen, in der Erwartung des Lsegeldes, das binnen zwei Monaten
kommen mute.

Da wir uns in der dunklen Hlfte des Monats befanden, gingen die
Diebsthle und Rubereien lebhaft vonstatten. Denn diese Zeit, die der
furchtbaren Gttin Kali gehrt, wird fast ausschlielich zu den
regelmigen Geschften benutzt, so da keine Nacht ohne irgend einen
berfall oder Einbruch verging. Mehrmals wurden auch ganze Drfer
geplndert. In der fnfzehnten Nacht des abnehmenden Mondes aber wurde
Kalis Fest mit grauser Feierlichkeit begangen. Nicht nur Stiere und
zahllose schwarze Ziegen, sondern auch einige unglckliche Gefangene
wurden vor ihrem Bild geschlachtet; man stellte das Opfer vor den Altar
und ffnete ihm eine Schlagader, so da das Blut gerade in den
aufgerissenen Mund der scheulichen, mit Menschenschdeln behangenen
Gestalt spritzte. Danach folgte eine wilde Orgie, wobei die Ruber sich
im Rauschtrank bis zur Besinnungslosigkeit besoffen und sich mit den
Bajaderen ergtzten, die man zu diesem Zwecke mit beispielloser
Dreistigkeit aus einem groen Tempel entfhrt hatte. Angulimala, der in
seiner Weinlaune gromtig wurde, wollte auch mich mit einer schnen,
jungen Bajadere beglcken. Da ich aber in Erinnerung an Vasitthi das
Mdchen verschmhte, so da es ob dieser Schmach in Trnen ausbrach,
geriet er darber in eine solche Wut, da er mich ergriff und auf der
Stelle erdrosselt htte, wre mir nicht jener kahle, glattrasierte
Ruber zu Hilfe gekommen. Wenige Worte von ihm gengten, um den eisernen
Griff des Huptlings erschlaffen zu lassen und ihn dann, brummend wie
eine notdrftig bezhmte Bestie, fortzuschicken.

Dieser merkwrdige Mann, der jetzt zum zweitenmal mein Retter wurde--mit
Hnden, die von dem von ihm geleiteten schrecklichen Kaliopfer noch
blutig waren--war der Sohn eines Brahmanen. Weil er aber unter einer
Ruberkonstellation geboren war, wandte er sich dem Ruberhandwerke zu.
Zuerst hatte er den "Wrgern" angehrt, trat aber auf Grund
wissenschaftlicher Erwgungen zu den "Absendern" ber. Vom vterlichen
Hause her hatte er nmlich einen Hang zu religisen Betrachtungen und
nicht weniger zu gelehrten Errterungen ererbt. So leitete er einerseits
den Opferdienst als Priester--und man schrieb das seltene Glck dieser
Bande fast ebensosehr seiner Priesterwissenschaft wie der
Fhrertchtigkeit Angulimalas zu--andererseits trug er auch die
Wissenschaft des Ruberwesens in systematischer Form vor, und zwar
sowohl die Technik wie die Moral; denn ich merkte zu meinem Erstaunen,
da die Ruber eine solche hatten, und sich keineswegs fr schlechtere
Menschen als andere hielten.

Diese Vortrge fanden besonders nachts in der lichten Hlfte des Monates
statt, in der--abgesehen von zuflligen Vorkommnissen--die Geschfte
ruhten. Auf einer Waldwiese hockten die Zuhrer in mehreren
halbkreisfrmigen Reihen um den ehrwrdigen Vajaravas, der mit
untergeschlagenen Beinen dasa. Sein mchtiger haarloser Schdel
erglnzte im Mondlicht, und seine ganze Erscheinung war der eines
vedischen Lehrers nicht unhnlich, der in der Stille der Mondnacht den
Insassen der Waldeinsiedelei die Geheimlehre mitteilt--aber manches
unheilig wilde Gesicht, ja manche Galgenphysiognomie war rings in der
Runde zu schauen. Mir ist es in der Tat, als ob ich sie in diesem
Augenblick she--als ob ich das tiefe auf und ab schwellende Brausen des
ungeheuren Waldes hrte, manchmal durch das ferne Gebrll eines Tigers
oder das heisere Bellen des Panthers unterbrochen--und dazu, ruhig
flieend wie ein Strom, die Stimme Vajaravas'--diesen tiefen,
volltnenden Ba, eine kstliche Erbschaft ungezhlter Generationen von
Udgatars[1].

 [1] Vedischer Opfersnger.

Zu diesen Vortrgen hatte ich Zutritt, weil Vajaravas eine Vorliebe fr
mich gefat hatte. Er behauptete sogar, ich sei unter einem Ruberstern
geboren wie er, und ich wrde mich einmal den Dienern Kalis zugesellen,
weshalb es mir ntzlich sei, seiner Rede zu lauschen, die unzweifelhaft
den in mir noch schlummernden Trieb wachrufen wrde. Ich habe da also
sehr merkwrdige Vorlesungen von ihm gehrt ber die verschiedenen
"Sekten Kalis"--gewhnlich Diebe und Ruber genannt--und ber ihre
unterschiedlichsten Gebruche. Ebenso lehrreich wie unterhaltend waren
seine Exkurse ber Themata wie: "Die Ntzlichkeit der Dirnen zum
Hineinlegen der Polizei", oder "Kennzeichen der fr Bestechung
zugnglichen Beamten hheren und niederen Ranges, nebst kurzer Anweisung
ber die in Frage kommenden Geldbetrge". Von scharfsinnigster
Menschenbeobachtung und strengster Schlufolgerung zeugte seine
Behandlung der Frage "Wie und warum die Spitzbuben sich auf den ersten
Blick gegenseitig erkennen, whrend die ehrlichen Leute es nicht tun,
und welche Vorteile aus diesem Umstande ersteren erwachsen", nicht zu
reden von den glnzenden Ausfhrungen: "ber die Stupiditt der
Nachtwchter im allgemeinen, eine anregende Betrachtung fr
Anfnger"--bei welchen der nchtliche Wald von einem Lachchor
widerhallte, so da man von allen Seiten des Lagers zusammenstrmte, um
zu hren, was los sei.

Aber auch trockene technische Fragen wute der Meister interessant zu
behandeln, und ich erinnere mich wirklich fesselnder Schilderungen, wie
man geruschlos eine Bresche in der Wand macht oder einen unterirdischen
Gang kunstgerecht anlegt. Die richtige Verfertigung der verschiedenen
Arten von Brecheisen, besonders des sogenannten "Schlangenmaules", sowie
des "krebsfrmigen" Hakens wurde sehr anschaulich dargelegt; der
Gebrauch des leisen Saitenspieles, um zu erkunden, ob jemand wacht, und
des aus Holz gemachten Mnnerkopfes, den man zur Tr oder zum Fenster
hereinsteckt, um zu sehen, ob dieser vermeintliche Einbrecher bemerkt
wird--alles dies wurde grndlich besprochen. Seine Errterungen, wie man
bei Ausfhrung eines Diebstahls unbedingt jeden umbringen msse, der
spter als Zeuge wrde auftreten knnen, sowie die allgemeinen
Betrachtungen, wie ein Dieb nicht mit einem moralischen Wandel behaftet
sein drfe, sondern rauh, hart und gewaltttig, gelegentlich dem
Rauschtrank und den Dirnen ergeben sein msse, zhlen zu den
gelehrtesten und geistreichsten Vortrgen, die ich je gehrt habe.

Um dir aber eine richtige Vorstellung von diesem wahrhaft profunden
Geiste zu geben, mu ich dir die berhmteste Stelle aus seinem in fast
kanonischem Ansehen stehenden Kommentar zu den uralten Kali-Sutras, der
Geheimlehre der Diebe, hersagen.[1]

 [1] ber den indischen Sutrastil und das folgende Kapitel siehe die
 Note am Schlusse des Werkes.




X. Geheimlehre


Also: Das 476. Sutram lautet: _"Auch die gttliche, meint
ihr?--Nein!--Unverantwortlichkeit--wegen des Raumes der Schrift, der
Tradition."_

Der ehrwrdige Vajaravas kommentiert dies folgendermaen:

_"Auch die gttliche--"_ nmlich Strafe. Denn im vorhergehenden
Sutram war von solchen Strafen die Rede, welche der Frst oder die
Obrigkeit ber den Ruber verhngt, als da sind: Hand-, Fu- und
Nasenverstmmelung, der Breikessel, der Pechkranz, das Drachenmaul, das
Spierutenlaufen, der Marterbock, die siedende lbetrufelung, die
Enthauptung, das Zerreien durch Hunde, die Pfhlung bei lebendigem
Leibe--hinreichende Grnde, warum der Ruber sich womglich nicht fangen
lassen darf, wenn er aber doch gefangen worden ist, auf jede Weise zu
entfliehen versuchen soll.

Nun meinen einige: auch gttliche Strafe drohe dem Ruber. "Nein," sagt
unser Sutram; und zwar deshalb nicht, weil _Verantwortungslosigkeit_
statthat. Welches auf drei Weisen ersichtlich ist: durch Vernunft, durch
den Veda und durch die berlieferten Heldenlieder.

_"Wegen des Raumes"_--hiermit ist folgende Vernunfterwgung gemeint.
Wenn ich einem Menschen oder einem Tier den Kopf abhaue, so fhrt das
Schwert zwischen die unteilbaren Teilchen hindurch; denn diese selbst
kann es, eben wegen ihrer Unteilbarkeit, nicht durchschneiden. Was es
durchschneidet, ist der die Teilchen trennende leere Raum. Diesem aber
kann man, eben wegen seiner Leerheit, keinen Schaden zufgen. Denn einem
Nichts schaden ist gleich: nicht schaden. Folglich kann man durch dies
Durchschneiden des Raumes keine Verantwortlichkeit auf sich laden, und
eine gttliche Strafe kann nicht stattfinden. Wenn aber dies vom Tten
gilt, wieviel mehr dann von Handlungen, die von den Menschen geringer
bestraft werden!

Soweit die Vernunft, nunmehr die Schrift.

Der heilige Veda lehrt uns, da das einzige wahrhaft Existierende, die
hchste Gottheit, das Brahman ist. Wenn dies aber wahr ist, dann ist
offenbar alle Ttung eine leere Tuschung. Dies sagt auch der Veda mit
deutlichen Worten an der Stelle, wo Yama, der Todesgott, den jungen
Naiketas ber dies Brahman belehrt und unter anderem sagt:

Wer, ttend, glaubt, da er ttet,
Wer, gettet, zu sterben glaubt,
Irr geht dieser wie jener:--
Der stirbt nicht, und der ttet nicht.

Noch berzeugender aber wird diese abgrndige Wahrheit im Heldenliede
von Krishna und Arjuna uns offenbart. Denn Krishna, der an sich das
ungewordene, unvergngliche, ewige, allgewaltige, unerdenkliche Wesen
war, der hchste Gott, der sich zum Heil der Wesen als Mensch hatte
gebren lassen--Krishna half in den letzten Tagen seines Erdenwandeins
dem Knige der Panduinge, dem hochherzigen Arjuna, im Kriege gegen die
Kuruinge, weil diese ihm und seinen Brdern groes Unrecht getan hatten.
Als nun die beiden Heere in Schlachtordnung ihre waffenstrotzenden
Reihen einander gegenberstellten, erblickte Arjuna auf der gegnerischen
Seite manchen einstigen Freund, manchen Vetter und Gevatter der
vergangenen Tage: denn die Panduinge und die Kuruinge waren Shne von
zwei Brdern. Und Arjuna ward im Herzen innig gerhrt, und er zgerte,
das Zeichen zur blutigen Schlacht zu geben; denn er mochte nicht jene
tten, die einst die Seinen gewesen. So stand er gesenkten Hauptes, von
schmerzlichem Zaudern zernagt, unschlssig auf seinem Streitwagen: und
neben ihm der goldene Gott, Krishna, der sein Wagenlenker war. Und
Krishna erriet die Gedanken des edlen Pandaverfrsten. Und er zeigte
lchelnd auf die beiden Heeresmassen und belehrte ihn, wie alle jene
Wesen nur scheinbar entstehen und vergehen, weil in ihnen allen nur das
eine unerstandene und unvergngliche, von der Geburt und vom Tode
unberhrte Wesen besteht:

Wer einen fr den Mrder hlt,
Wer einen hier gemordet meint,
Der kennt und wei von beiden nichts:--
Denn Keiner mordet, Keiner stirbt.
Wohlan, den Kampf beginne du!

Solchermaen belehrt, gab der Pandaverfrst das Zeichen zum Beginn der
ungeheuren Schlacht und siegte. Also machte Krishna, der menschgewordene
hchste Gott, durch Offenbarung dieser groen Geheimlehre Arjuna von
einem flachsinnigen und weichherzigen Mann zu einem tiefsinnigen und
hartherzigen Weisen und Helden.

So gilt denn nun in Wahrheit folgendes:

Was Einer begeht und begehen lt: wer zerstrt und zerstren lt, wer
schlgt und schlagen lt, wer Lebendiges umbringt, Nichtgegebenes
nimmt, in Huser einbricht, fremdes Gut raubt: Was Einer begeht, er
ladet keine Schuld auf sich.--Und wer da gleich mit einer scharf
geschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf dieser Erde zu einer
einzigen Masse Mus, zu einer einzigen Masse Brei machte, der hat darum
keine Schuld, begeht kein Unrecht. Und wer auch am sdlichen Ufer der
Ganga verheerend und mordend dahinzge, so hat der darum keine Schuld:
und wer da auch am nrdlichen Ufer der Ganga spendend und schenkend
dahinzge, so hat der darum kein Verdienst. Durch Milde, Sanftmut,
Selbstverzicht erwirbt man kein Verdienst, begeht man nichts Gutes.

Und es folgt nun das erstaunliche, ja schreckliche

               _477. Sutram_,

welches in seiner frappanten Krze lautet:

_"Vielmehr--wegen des Essers."_

Den Sinn dieser wenigen, in tiefstes Geheimnis sich hllenden Worte
erschliet uns der ehrwrdige Vajaravas folgendermaen:

Weit davon entfernt, da gttliche Strafe dem Ruber und Totschlger
droht, findet "_vielmehr_" das Entgegengesetzte statt: nmlich
Gotthnlichkeit, was aus den Vedastellen hervorgeht, wo der hchste Gott
als der "_Esser_" gepriesen wird, wie:

Der Krieger und Brahmanen it wie Brot,
Das mit des Todes Brhe er begiet.

Wie nmlich die Welt in Brahman ihren Ursprung hat, so auch ihr
Vergehen, indem das Brahman sie immer wieder hervorgehen lt und sie
immer wieder vernichtet. Gott ist somit nicht nur der Schpfer, sondern
auch der Verschlinger aller Wesen, von denen hier nur "Krieger und
Brahmanen" genannt werden, als die Vornehmsten, die fr alle stehen. Wie
es denn auch an einer anderen Stelle heit:

Ich esse Alle, aber mich it niemand.

Diese Worte sagte nmlich der hchste Gott, als er in der Gestalt eines
Widders den Knaben Medhatithi zur Himmelswelt trug. Denn ungehalten ber
seine gewaltsame Entfhrung verlangte dieser zu wissen, wer sein
Entfhrer sei: "Sage mir, wer du bist, sonst werde ich, ein Brahmane,
dich mit meinem Zorn treffen." Da gab nun der Widdergestaltige sich zu
erkennen als jenes hchste Brahman, das Alles in Allem ist, mit den
Worten:

Wer ist's, der ttet und gefangen nimmt?
Wer ist der Widder, der dich fhrt von dannen?
Ich bin es, der in dieser Form erscheint,
Ich bin es, der erscheint in allen Formen.

Wenn Einer frchtet sich vor was auch immer,
Ich bin's, der frchtet und der frchten macht;
Doch in der Gre ist ein Unterschied:
Ich esse Alle, aber mich it niemand.

Wer knnte mich erkennen, wer erklren?
Ich schlug die Feinde alle, mich schlug niemand.

Hier mu es nun auch dem bldesten Auge klar werden, da die
Brahmanhnlichkeit nicht darin liegen kann, geschlagen und gegessen zu
werden--wie es der Fall sein mte, wenn Sanftmut und Selbstverzicht
etwas Gutes wre--sondern im Gegenteil darin, alle Anderen zu schlagen
und zu essen--d.h. auszunutzen und zu vernichten--selbst aber von
niemand Schaden zu leiden.

Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, da jene Lehre--von der
Hllenstrafe der Gewalttter--von den Schwachen erfunden ist, um sich
vor der Gewaltttigkeit der Starken zu schtzen, indem sie dadurch die
letzteren einschchtern wollen.

Und wenn im Veda einige Stellen diese Lehre enthalten, so mssen
sie--weil mit den Hauptstzen unvereinbar--von jenen flschlich
eingeschoben worden sein.

Wenn also der Rigveda sagt, da, obwohl die ganze Welt eigentlich
das Brahman ist, der Gott dennoch den Menschen als das
Brahmandurchdrungenste erkenne:--so mu nunmehr anerkannt werden,
da unter den Menschen wiederum der echte und wahre Ruber das
Brahmandurchdrungenste Wesen ist und somit die Krone der Schpfung
darstellt. Was aber den Dieb anbelangt, der sich zur Ruberschaft nicht
erhebt, so ist es, weil die Schrift des fteren erklrt, da die Meinung
"dies gehrt mir" eine Wahnvorstellung ist, die dem hchsten Zwecke des
Menschen hinderlich ist, ohne weiteres klar, da der Dieb, der eben die
bestndige tatschliche Widerlegung jenes Wahnes "dies gehrt mir" zu
seiner Lebensaufgabe gemacht hat, die hchste Wahrheit vertritt. Doch
steht, wegen seiner Gewaltttigkeit, der Ruber hher.

So ist denn nun das "Krone-der-Schpfung-Sein" des Rubers erwiesen,
sowohl durch Vernunfterwgung, wie mittelst der Schrift, und ist als
unwiderlegbar zu betrachten.




XI. DER ELEFANTENRSSEL


Nach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses auerordentlichen
Mannes--dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berhmten
Denkern, zur Last legen kann, da er seine Theorie nicht in die Praxis
umsetzte--nehme ich den Faden meiner Erzhlung wieder auf.

Bei solchen mannigfachen Erlebnissen und neuen
Geistesbeschftigungen--ich versumte selbstverstndlich nicht, die
Gaunersprache mir zu eigen zu machen--konnte die Wartezeit mir nicht
lang werden. Je mehr sie sich aber ihrem Ende nherte, um so mehr wurde
meine Seelenruhe durch drckende Besorgnisse erschttert. Wrde das
Lsegeld berhaupt ankommen? Wenn auch jener Geleitbrief den Diener
gegen Ruber schtzte, so knnte ihn ja unterwegs ein Tiger zerreien
oder ein angeschwollener Flu fortschwemmen, oder irgend einer der
zahllosen, nicht vorauszusehenden Zuflle einer Reise ihn aufhalten, bis
es zu spt war. Die Flammenblicke Angulimalas schossen oft so bswillig
nach mir hin, als ob er diesen Fall erhoffte, und der Angstschwei brach
mir dann aus allen Poren. Wie wundervoll systematisch eingeleitet und
scharf logisch begrndet auch die Ausfhrung Vajaravas' darber war,
da in jedem Fall, in dem das Lsegeld nicht zur rechten Stunde gebracht
wrde, der Betreffende mit einer Baumsge durchzusgen und beide Teile
mitten auf die Landstrae hinzuwerfen seien--und zwar der Kopfteil nach
der Seite des aufgehenden Mondes zu: so gestehe ich doch, da meine
Bewunderung fr diese wissenschaftlich gewi staunenswerte Leistung
meines gelehrten Freundes durch eine eigentmliche Bewegung meines etwas
"betroffenen" Bauchfelles einigermaen beeintrchtigt wurde, zumal als
wirklich die doppelzhnige Baumsge, die bei solchen Gelegenheiten
benutzt wurde, hergebracht und zur Veranschaulichung von zwei grimmigen
Gesellen an einem einen Menschen vorstellenden Bndel in Wirksamkeit
gesetzt wurde.

Vajaravas, der bemerkte, wie mir bel wurde, klopfte mir aufmunternd
auf die Schulter und meinte, das ginge mich ja nichts an. Dadurch
schpfte ich natrlich die Hoffnung, da er mich im Notfalle zum dritten
Male retten wrde. Als ich aber in dankbarstem Tone etwas davon
verlauten lie, machte er ein gar ernstes Gesicht und sprach:

"Wenn dir dein Karma wirklich so gram sein sollte, da das Lsegeld
nicht zur rechten Zeit ankommt, und wre es auch nur um einen halben Tag
versptet, dann kann dir freilich kein Gott und kein Teufel helfen, denn
die Gesetze Kalis sind unverbrchlich. Jedoch, sei getrost, mein Sohn!
Du bist noch zu ganz anderen Dingen bestimmt. Und fr dich frchte ich
eher, da du einmal, nach einem ruhmreichen Ruberleben, auf einem
ffentlichen Platze enthauptet oder gepfhlt wirst--doch das hat ja noch
gute Weile."

Ich knnte nicht sagen, da dieser Trost mich sehr aufgerichtet htte,
und so fhlte ich mich denn nicht wenig erleichtert, als eine volle
Woche vor Ablauf der Frist unser getreuer alter Diener mit der
geforderten Geldsumme eintraf. Ich nahm Abschied von meinem furchtbaren
Wirt, der in Erinnerung an seinen erschlagenen Freund finster
dreinblickte, als ob er mich lieber htte durchsgen lassen, und drckte
zrtlich die Hand des Brahmanen, der eine Trne der Rhrung durch die
Zuversicht bannte, wir wrden uns sicher noch auf den nchtlichen Pfaden
Kalis begegnen. So zogen wir beide denn ab, von vier Rubern begleitet,
die mit ihrer Haut fr unsere sichere Ankunft in Ujjeni hafteten. Denn
Angulimala, der um seine Ruberehre sehr besorgt war, versprach ihnen,
als er uns verabschiedete, wenn ich nicht heil in meiner Vaterstadt
abgeliefert wrde, ihnen die Haut ber die Ohren zu ziehen und ihre
Felle an den vier Ecken eines Kreuzweges aufzuhngen; und es war
bekannt, da er immer sein Versprechen hielt. Glcklicherweise wurde das
hier nicht ntig, und die vier Gesellen, die sich unterwegs sehr wacker
betrugen, mgen noch in diesem Augenblick im Dienste der
schdelhalsbandschttelnden Tnzerin sein.

Wir erreichten Ujjeni ohne weitere Abenteuer, und ich hatte in der Tat
auch an den erlebten genug. Die Freude meiner Eltern, mich
wiederzusehen, war unbeschreiblich. Um so unmglicher war es, ihnen die
Erlaubnis abzuringen, bald wieder eine Reise nach Kosambi zu
unternehmen. Mein Vater hatte ja auer der nicht unbedeutenden Lsesumme
auch alle Waren meiner Karawane und alle Leute verloren und war so bald
nicht imstande, eine neue Karawane auszursten. Aber dies war nur ein
kleines Hindernis im Verhltnis zu dem Schrecken, der meine Eltern beim
Gedanken an die Gefahren des Weges befiel. Auch hrte man ab und zu
immer wieder von furchtbaren Taten Angulimalas, und ich kann nicht
leugnen, da es mich wenig gelstete, noch einmal in seine Hnde zu
fallen. Eine Botschaft nach Kosambi gelangen zu lassen, gab es in dieser
Zeit durchaus keine Mglichkeit, und so mute ich mich denn mit der
Erinnerung begngen und in fester Zuversicht auf die Treue meiner
angebeteten Vasitthi mich auf bessere Zeiten vertrsten.

Diese kamen denn endlich auch. Eines Tages flog wie ein Lauffeuer die
Nachricht durch die Stadt, der schreckliche Angulimala sei von Satagira,
dem Sohne des Ministers in Kosambi, aufs Haupt geschlagen, die Bande
niedergemetzelt oder zersprengt, der Huptling aber mit vielen der
hervorragendsten Ruber gefangen genommen und hingerichtet worden.

Nun konnten meine Eltern meinen strmischen Bitten nicht mehr
widerstehen. Man hatte in der Tat guten Grund, anzunehmen, da jetzt fr
lngere Zeit die Straen frei sein wrden, und mein Vater war nicht
abgeneigt, wieder mit einer Karawane sein Glck zu versuchen. Da befiel
mich pltzlich eine Krankheit, und als ich vom Lager wieder aufstand,
war die Regenzeit schon so nahe herangerckt, da man diese erst
abwarten mute. Dann stand aber auch meiner Abreise nichts mehr
entgegen. Mit vielen Ermahnungen zur Vorsicht nahmen meine Eltern
Abschied von mir, und ich befand mich wieder unterwegs an der Spitze
einer wohlversehenen Karawane von dreiig Ochsenkarren, freudigen und
mutigen Herzens und von brennender Sehnsucht getrieben.

Unsere Reise ging so glatt vonstatten, wie das erste Mal, und an einem
schnen Morgen zog ich, halb nrrisch vor Freude, in Kosambi ein. Hier
gewahrte ich nun bald ein ungewhnliches Menschengedrnge in den
Straen. Ich kam infolgedessen immer langsamer vorwrts, bis mein Zug an
einer Stelle, wo er eine Hauptverkehrsader der Stadt zu durchkreuzen
hatte, endlich vllig zum Stillstehen gebracht wurde. Es war
schlechterdings nicht mglich, durch die Menge hindurchzudringen, und
ich bemerkte nun auch, da jene Hauptstrae durch Fahnenstangen, von den
Fenstern und Sllern herabhngende Teppiche und querber gespannte
Blumengewinde aufs prchtigste geschmckt war--wie fr irgend einen
Aufzug. Fluchend vor Ungeduld, fragte ich die vor mir Stehenden, was
hier los sei.

"Ei," riefen sie, "weit du denn nicht, da heute Satagira, der Sohn des
Ministers, seine Hochzeit feiert? Du kannst dich glcklich preisen,
gerade zu rechter Zeit eingetroffen zu sein, denn der Zug kommt jetzt
vom Krishnatempel hier vorber, und eine solche Pracht hast du gewi
noch nirgends gesehen."

Da Satagira Hochzeit hielt, war mir eine ebenso wichtige wie
willkommene Nachricht, weil sein Werben um meine Vasitthi bei ihren
Eltern eins der grten Hindernisse fr unsere Vereinigung gewesen wre.
So lie ich mir denn das Warten gefallen, um so mehr als es nicht lange
dauern konnte; denn schon waren die Lanzenspitzen einer Reiterabteilung
sichtbar, die unter ohrenbetubendem Jubel vorberzog. Diese Reiter
genossen, wie man mir mitteilte, in Kosambi die grte Volksgunst, weil
hauptschlich sie es waren, die die Bande Angulimalas unschdlich
gemacht hatten.

Fast unmittelbar hinter ihnen kam der Elefant, der die Braut
trug--allerdings ein berwltigender Anblick. Die knorrige, hgelartige
Stirn des Riesentieres war, dem Gtterberg Meru hnlich, mit einem Flor
von mannigfarbigen Edelsteinen bedeckt. Wie bei einem brnstigen
Ilfenstier der Saft an den Schlfen und Wangen herabtrufelt, und
Bienenschwrme, von seinem sen Duft angelockt, darber hngen, also
erglnzten hier Schlfen und Wangen von den wundervollsten Perlen und
darber baumelten durchsichtige Gehnge von schwarzen Diamanten--eine
Wirkung, die zum Aufschreien schn war. Die mchtigen Hauer waren mit
dem feinsten Golde beschlagen; und aus demselben edlen Metalle war die
mit groen Rubinen besetzte Brustplatte, von der der duftigste blaue
Benaresmusselin herabhing und die krftigen Beine des Tieres--wie
Morgennebel die Baumstmme--leicht umwallte.

Aber es war der Rssel des Staatselefanten, der vor allem meinen Blick
fesselte. Auch zu Hause, in Ujjeni, hatte ich ja bei Prozessionen sehr
prachtvolle Dekorationen der Elefantenrssel gesehen, aber niemals eine,
die so geschmackvoll gewesen wre wie diese. Bei uns nmlich wurde der
Rssel in Felder eingeteilt, die irgend ein feines Muster bildeten, und
war also ganz mit Farbe gedeckt. Hier aber war die Haut als Untergrund
frei gelassen, und ber diesen asthnlichen Grund war ein loses
Laubgeranke von lanzettfrmigen Asokablttern geschlungen, aus dem
gelbe, orangefarbene und scharlachrote Blumen hervorleuchteten--Alles in
kstlichster ornamentaler Stilisierung ausgefhrt.

Whrend ich nun mit dem Blick eines Kenners dies Wunderwerk studierte,
kam ein gar wehmtiges Gefhl ber mich, indem ich gleichsam den ganzen
Liebesduft jener seligen Nchte auf der Terrasse wieder einatmete. Mein
Herz begann heftig zu pochen, da ich unwillkrlich an meine eigene
Hochzeit denken mute; denn welcher Schmuck konnte sinniger erfunden
werden fr das Tier, welches dereinst Vasitthi tragen sollte, als gerade
dieser, da ja die "Terrasse der Sorgenlosen" wegen ihrer wunderbaren
Asokablten in ganz Kosambi berhmt war?

In diesem fast traumhaften Zustande vernahm ich, wie eine Frau neben mir
zu einer anderen sagte:

"Aber die Braut--die sieht doch gar nicht frhlich aus!"

Unwillkrlich blickte ich in die Hhe, und ein seltsam unheimliches
Gefhl beschlich mich, als ich die Gestalt gewahr wurde, die dort unter
dem purpurnen Baldachin sa. Gestalt, sage ich--das Gesicht konnte ich
nicht sehen, weil der Kopf vornber auf die Brust gesunken war--aber
auch von einer Gestalt sah man wenig, und es schien, als ob in jener
Masse von regenbogenfarbigen Musselins, wenn auch ein Krper, so doch
kein mit lebendiger, widerstandsfhiger Kraft begabter steckte. Die Art
und Weise, wie sie hin und her schwankte bei den Bewegungen des Tieres,
dessen mchtige Schritte das Zelt auf seinem Rcken in starkes Schaukeln
versetzten, hatte etwas unsagbar Trauriges, ja fast etwas
Grauenerregendes an sich. Man konnte in der Tat befrchten, da sie im
nchsten Augenblick herunterstrzen wrde. Eine solche Furcht mochte
auch die hinter ihr stehende Dienerin bewegen, denn sie fate die Braut
an den Schultern und neigte sich zu ihr vor, um ihr aufmunternde Worte
ins Ohr zu flstern.

Ein eisiger Schreck lhmte mich, als ich in dieser vermeintlichen
Dienerin--Medini erkannte. Und ehe mir diese Ahnung noch deutlich
geworden war, hatte die Braut Satagiras den Kopf erhoben.

Es war meine Vasitthi.




XII. AM GRABE DES HEILIGEN VAJARAVAS


Ja, sie war es. Keine Mglichkeit, sich in diesen Zgen zu
tuschen,--und doch hnelten sie sich selber nicht, und hnelten in der
Tat nichts, das ich je gesehen hatte; in einem so namenlosen,
bermenschlichen Jammer schienen sie versteinert zu sein.

Als ich wieder zur Besinnung kam, zogen gerade die Letzten des Zuges
vorber. Man schrieb meine pltzliche Ohnmacht der Hitze und dem
Menschengedrnge zu. Willenlos lie ich mich in die nchste Karawanserei
bringen.

Hier warf ich mich in der dunkelsten Ecke nieder, das Gesicht nach der
Wand gekehrt, und blieb da, in Trnen gebadet und alle Speise
verschmhend, tagelang liegen, nachdem ich jenem alten Diener und
Karawanenfhrer, der mich schon auf der ersten Fahrt begleitet,
Anweisung gegeben hatte, so schnell wie mglich und selbst unter
schlechten Bedingungen unsere Waren loszuschlagen, da ich zu krank sei,
um mich mit Geschften abzugeben. In der Tat konnte ich nur an meinen
unfabaren Verlust denken; auch wollte ich mich nicht in der Stadt
zeigen, um von niemand erkannt zu werden. Denn ich wollte vor allem
verhindern, da Vasitthi von meiner Anwesenheit etwas erfhre.

Ihr Bild, wie ich sie zuletzt gesehen, schwebte mir fortwhrend vor der
Seele. Wohl war ich ber ihren Wankelmut oder eher ihre Schwche
entrstet; denn ich sah wohl ein, da nur die letzte in Frage kam, und
da sie dem Drngen der Eltern nicht hatte widerstehen knnen. Da sie
dem triumphierenden Ministersohn nicht ihr Herz zugewandt hatte, davon
zeugten ihre Haltung und Miene deutlich genug. Wenn ich mich aber ihrer
erinnerte, wie sie im Krishnahaine leuchtenden Blickes mir ewige Treue
zugeschworen hatte, verstand ich nicht, wie es mglich war, da sie so
bald nachgegeben hatte, und ich sagte mir unter bitterem Seufzen, da
auf Mdchenschwre kein Verla sei. Aber immer wieder tauchte jenes
Gesicht voll tiefsten Jammers vor mir auf--und sofort war dann auch
jeder Groll verscheucht, nur das innigste Mitleid wallte ihm entgegen;
und so beschlo ich fest, ihren Kummer nicht dadurch noch zu vermehren,
da von meiner jetzigen Anwesenheit in Kosambi ihr etwas zu Gehr kme.
Nie mehr sollte sie etwas von mir erfahren; sicher wrde sie dann
glauben, da ich gestorben sei, und sich in ihr Schicksal, dem es ja an
uerem Glanz nicht fehlte, nach und nach ergeben.

Ein gnstiger Umstand fgte es, da mein alter Diener unerwartet schnell
die Waren sehr vorteilhaft eintauschte oder verkaufte, so da ich schon
nach wenigen Tagen in frher Morgenstunde mit meiner Karawane Kosambi
verlassen konnte.

Als ich nun durch das westliche Stadttor hinausgekommen war, wandte ich
mich um und warf einen letzten Blick auf die Stadt, in deren Mauern ich
so Unvergeliches an Freude und Leid erlebt hatte. Vor einigen Tagen,
als ich eingezogen, war ich dermaen von ungeduldiger Erwartung erfat
gewesen, da ich fr nichts in der Nhe ein Auge gehabt hatte. So wurde
ich denn jetzt zum ersten Male gewahr, da nicht nur die Zinnen des
Tores, sondern auch der Mauerrand zu beiden Seiten mit aufgespieten
Menschenkpfen schrecklich geschmckt war?

Kein Zweifel--es waren die Kpfe der hingerichteten Ruber aus der Bande
Angulimalas!

Zum ersten Male, seitdem ich Vasitthis Gesicht unter dem Baldachin
gesehen, erfllte mich jetzt ein anderes Gefhl als das der Trauer,
indem ich mit unaussprechlichem Schauder diese Kpfe betrachtete, von
denen die Geier lngst nur das Knochengerst brig gelassen hatten und
hchstens noch die Zpfe oder hier und dort einen Bart, dessen
Urwchsigkeit sein Gebiet geschtzt hatte. So wren sie alle unerkennbar
gewesen, wenn nicht einer durch den wilden, roten Bart, ein anderer
durch die nach der Art der asketischen Flechtentrger am Scheitel
aufgewundenen Zpfe sich verraten htte. Diese beiden und zweifelsohne
auch viele der anderen hatten mir oft in der nchtlichen Runde
kameradschaftlich zugenickt, und ich erinnerte mich mit entsetzlicher
Anschaulichkeit, wie dieser rote Bart, im Mondesstrahle sprhend, bei
jenem Vortrage ber die Stupiditt der Nachtwchter vor Lustigkeit
gewackelt hatte, ja fast vermeinte ich aus dem lippenlosen Munde noch
das drhnende Gelchter zu hren.

Aber auf der mittleren Torzinne erglnzte, etwas ber die anderen
erhoben, ein mchtiger Schdel im Strahle der aufgehenden Sonne und zog
gebieterisch meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wie sollte ich diese
Formen nicht wiedererkennen? Der war's, der uns damals zum Lachen
gebracht hatte, ohne selbst eine Miene seines Brahmanengesichtes zu
verziehen. Vajaravas' Kopf dominierte hier, whrend der Angulimalas
zweifelsohne ber dem stlichen Stadttor aufgesteckt war. Und ein
sonderbares Gefhl beschlich mich bei dem Gedanken, wie grndlich er
einst die verschiedenen Arten von Todesstrafen expliziert hatte--das
Vierteilen, das Zerreien durch Hunde, die Pfhlung, die
Enthauptung--und wie sorgfltig er dadurch begrnden wollte, da der
Ruber sich nicht fangen lassen drfe; wenn er aber schon einmal
gefangen sei, versuchen msse, durch alle Mittel zu entfliehen. Ach! Was
hatte ihm seine Wissenschaft geholfen? So wenig vermag der Mensch seinem
Schicksal zu entgehen, das ja nur die Frucht unserer Taten ist--sei es
in diesem, sei es in einem vorhergehenden Leben!

Und mir war es, als ob er durch seine leeren Augenhhlen mich gar ernst
betrachtete und sein halb geffneter Mund mir zuriefe: "... Kamanita,
Kamanita! betrachte mich genau, achte wohl auf diesen Anblick! Auch du,
mein Sohn, bist unter einem Rubergestirn geboren, auch du wirst die
nchtigen Pfade Kalis betreten, und ebenso wie ich hier, wirst auch du
einmal irgendwo enden."

Aber seltsam genug: diese Phantasie, die so lebhaft wie eine sinnliche
Wahrnehmung war, erfllte mich nicht mit Schrecken und Schaudern. Meine
vermeintlich vorgeschriebene Ruberlaufbahn, der ich noch nie einen
ernsten Gedanken geschenkt hatte, stand pltzlich nicht nur in ernstem,
sondern sogar in verlockendem Lichte vor mir.

Ruberhuptling!--Was konnte mir Elenden erwnschter sein? Denn daran
zweifelte ich keinen Augenblick, da ich mit meinen vielen Fhigkeiten
und Kenntnissen, und besonders mit denen, die ich dem Unterricht des
ehrwrdigen Vajaravas verdankte, eine leitende Stellung einnehmen
wrde. Und welche Stellung kme denn fr mich der eines Ruberhuptlings
gleich? War doch selbst die eines Knigs dagegen gering zu schtzen.
Denn konnte die mir Rache an Satagira verschaffen? Konnte die Vasitthi
in meine Arme fhren? Ich sah mich selbst mitten im Walde im Kampfe mit
Satagira, dem ich mit einem wuchtigen Schwerthieb den Schdel spaltete;
und wieder sah ich mich, wie ich die ohnmchtige Vasitthi in meinen
Armen aus dem brennenden, von Ruberstimmen widerhallenden Palast
entfhrte.

Zum ersten Maie seit jenem jammervollen Anblick schlug mein Herz wieder
mutig und hoffnungsvoll einer Zukunft entgegen; zum ersten Male wnschte
ich mir nicht den Tod, sondern das Leben.

Von solchen Bildern erfllt war ich kaum tausend Schritte weiter
gezogen, als ich vor mir auf dem Wege eine von der entgegengesetzten
Seite kommende Karawane halten sah, whrend der Fhrer an einem kleinen
Hgel unmittelbar an der Landstrae offenbar ein Opfer darbrachte.

Ich ging auf ihn zu, grte ihn hflich und fragte ihn, welche Gottheit
er hier verehrte.

"In diesem Grabe," antwortete er, "ruht der heilige Vajaravas, dessen
Schutze ich es verdanke, da ich, durch eine gefhrliche Gegend ziehend,
heil und unversehrt an Leib und Gut nach Hause komme. Und ich rate dir
sehr, es ja nicht zu versumen, hier ein passendes Opfer darzubringen.
Denn wenn du auch beim Einziehen in das waldige Gebiet hundert Waldhter
mietetest, so wrden die dir keine so gute Hilfe gegen Ruber sein, wie
es der Schutz dieses Heiligen ist."

"Mein lieber Mann!" entgegnete ich, "dieser Grabhgel scheint nur wenige
Monate alt zu sein, und wenn in ihm ein Vajaravas begraben liegt, so
wird das gewi kein Heiliger sein, sondern der Ruber dieses Namens."

Der Kaufmann aber nickte ruhig zustimmend.

"Der nmliche--gewi.... Ich sah, wie er an dieser Stelle gepfhlt
wurde. Und sein Kopf steckt noch ber dem Tor. Nachdem er aber so die
vom Frsten verhngte Strafe erlitten hat, ist er, dadurch von seinen
Snden gelutert, fleckenlos in den Himmel eingegangen, und sein Geist
schtzt jetzt den Reisenden gegen Ruber. Auch sagt man brigens, da er
schon whrend seines Ruberlebens ein gar gelehrter und fast heiliger
Mann gewesen sei; denn er wute selbst geheime Teile des Veda
auswendig--wenigstens heit es so."

"Das verhlt sich wirklich so," versetzte ich, "denn ich habe ihn sehr
gut gekannt und darf mich sogar seinen Freund nennen."

Als der Kaufmann mich bei diesen Worten etwas erschrocken ansah, fuhr
ich fort:

"Du mut nmlich wissen, da ich einst bei dieser Bande in
Gefangenschaft geraten war, und da Vajaravas mir bei dieser
Gelegenheit zweimal das Leben gerettet hat."

Der Blick des Kaufmanns ging vom Schrecken zu bewunderndem Neid ber:

"Nun, dann kannst du dich wahrlich glcklich preisen. Stnde ich so bei
ihm in Gunst, dann wrde ich in wenigen Jahren der reichste Mann in
Kosambi sein. Und nun, eine glckliche Reise, Beneidenswerter!"

Damit lie er seine Karawane sich wieder in Bewegung setzen.

Ich versumte selbstverstndlich nicht, am Grabe meines berhmten und
verehrten Freundes eine Totenspende niederzulegen, mein Gebet ging aber,
allen anderen hier abgehaltenen entgegen, darauf hinaus, da er mich
geradeswegs in die Arme der nchsten Ruberbande leiten sollte, der ich
mich dann mit seiner Hilfe anschlieen wollte und deren Fhrung, woran
ich nicht zweifelte, bald von selber in meine Hnde bergehen wrde.

Es sollte sich aber deutlich zeigen, da mein gelehrter und nunmehr
durch Volksmund heilig gesprochener Freund sich geirrt hatte, als er
annahm, eine Ruberkonstellation habe ber meiner Geburt geleuchtet.
Denn auf dem ganzen Weg nach Ujjeni trafen wir keine Spur von Rubern,
und doch wurde, kaum eine Woche nachdem wir einen groen Wald hart an
der Grenze Avantis gekreuzt hatten, eine Karawane, der wir begegnet
waren, in eben diesem Walde von Rubern berfallen.

Es ist mir eine Quelle sonderbarer Betrachtungen gewesen, da es
anscheinend auf einem reinen Zufall beruhte, wenn ich im brgerlichen
Leben blieb, anstatt, wie mein Herz brennend begehrte, in das
Ruberleben einzutreten. Freilich mag wohl von den nchtigen Pfaden
Kalis auch einer auf den Weg der Pilgerschaft ausmnden, wie ja auch von
den vom Herzen ausgehenden, mit fnffarbigem Safte erfllten
hundertundein Adern eine einzige nach dem Kopfe fhrt und diejenige ist,
durch welche beim Tode die Seele den Krper verlt. So knnte ich ja
auch in dem Falle, da ich Ruber geworden wre, noch immer jetzt ein
Pilger sein und mich auf dem Wege nach dem Ziele der Erlsung befinden.
Wenn aber Einer die Erlsung erlangt, dann werden seine Werke, bse wie
gute, zu nichts, durch die Glut des Wissens gleichsam zur Asche
verbrannt.

Auch mu ich sagen, da jene Zwischenzeit, im Ruberleben oder im
brgerlichen verbracht, vielleicht hinsichtlich der moralischen Frchte
nicht so verschieden ausgefallen wre, wie es dir, o Bruder, wohl
scheinen mag. Denn ich habe, whrend ich unter den Rubern lebte, wohl
bemerkt, da es auch unter ihnen sehr verschiedenartige Leute gibt, und
zwar einige mit sehr vortrefflichen Eigenschaften, und da, wenn man von
gewissen uerlichkeiten absieht, der Unterschied zwischen Rubern und
ehrlichen Leuten nicht ganz so ungeheuer ist, wie die letzteren es sich
gern vorstellen. Und andererseits habe ich in der reifen Periode meines
Lebens, in die ich nunmehr eintrat, nicht umhin knnen zu bemerken, da
die ehrlichen Leute den Dieben und Rubern in das Handwerk pfuschen,
einige gelegentlich und gleichsam improvisierend, andere bestndig und
mit groer und fr sie sehr bekmmlicher Meisterschaft, so da durch
gegenseitige Annherung sogar nicht wenig Berhrung zwischen beiden
Gruppen stattfindet.

Weshalb ich denn auch nicht wei, ob ich durch das gnstige Schicksal,
das mich von den nchtigen Pfaden der schdelhalsbandschttelnden
Tnzerin fernhielt, eigentlich so sehr viel gewonnen habe."--

Nach dieser tiefsinnigen Betrachtung schwieg der Pilger Kamanita und
richtete in Sinnen versunken seinen Blick nach dem Vollmond, der gro
und glhend drauen ber dem fernen Wald--dem Aufenthalt der
Ruber--aufstieg und sein Licht gerade in die offene Halle des Hafners
hereinstrmen lie, wo es den gelben Mantel des Erhabenen in lauteres
Gold zu verwandeln schien, wie die Bekleidung eines Gtterbildes.

Der Erhabene, auf den der Pilger, vom Glanze angezogen und dennoch ohne
zu ahnen, wen er sah, unwillkrlich seinen Blick richtete, gab durch ein
langsames Kopfnicken seine Teilnahme zu erkennen und sagte:

"Noch seh' ich dich, Pilger, vielmehr der Huslichkeit als der
Hauslosigkeit zuschreiten, obwohl der Weg in die letztere sich dir
wahrlich deutlich genug erffnet hatte."

"So ist es, Ehrwrdiger! Blden Auges sah ich diesen Ausweg nicht,
sondern schritt eben, wie du sagtest, der Huslichkeit zu."

Und nach einem tiefen Seufzer fuhr der Pilger mit frischer und heiterer
Stimme in dem Bericht seiner Erlebnisse fort.




XIII. DER LEBEMANN


So lebte ich denn im Elternhause zu Ujjeni.--Diese meine Vaterstadt, o
Fremder, ist ja aber nicht weniger durch ihre Lustbarkeit und rauschende
Lebensfreude als wegen ihrer glnzenden Palste, und prchtigen Tempel
in ganz Indien berhmt. Ihre breiten Straen hallen bei Tage vom Wiehern
der Pferde und Trompeten der Elefanten wider, und bei Nacht vom
Lautenspiele der Verliebten und von den Liedern frhlicher Zecher.

Besonders aber erfreuen sich die Hetren Ujjenis eines auerordentlichen
Rufes. Von den groen Kurtisanen, die in Palsten wohnen, Tempel den
Gttern und ffentliche Grten dem Volke stiften und in deren
Empfangsslen man Dichter und Knstler, Schauspieler, vornehme Fremde,
ja manchmal sogar Prinzen trifft--bis zu den gewhnlichen Dirnen herab
sind sie alle von schwellgliedriger Schnheit und unbeschreiblicher
Anmut. Bei den groen Festlichkeiten, bei Aufzgen und Schaustellungen
bilden sie den Hauptschmuck der blumenprangenden, wimpelumflatterten
Straen. In cochenilleroten Kleidern, duftende Krnze in den Hnden, von
Wohlgerchen umwallt, von Diamanten funkelnd, siehst du sie dann, o
Bruder, auf ihren besonderen Prachttribnen sitzen oder die Straen
dahinziehen, mit liebevollen Blicken, aufreizenden Gebrden und
lachenden Scherzworten allerwrts die Sinnenglut der Lustverlangenden zu
hellen Flammen schrend.

Vom Knig verehrt, vom Volke angebetet, von den Dichtern besungen,
heien sie ja "die bunte Blumenkrone des felsenragenden Ujjeni" und
ziehen uns den Neid der weniger begnstigten Nachbarstdte zu. fters
gastieren auch dort die hervorragendsten unserer Schnheiten, ja es
kommt sogar vor, da eine solche durch eine knigliche Verordnung
zurckgerufen werden mu.

Mir, der ich nun meinen lebenverzehrenden Kummer ertrnken wollte, wurde
von den Hnden dieser frhlichen Schwesterschaft der goldige Lustkelch
des berauschenden Vergessenheitstrankes willig und reichlich an die
Lippen gefhrt. Durch meine vielen Fhigkeiten und groen Kenntnisse der
schnen Knste aller Art und nicht weniger aller geselligen Spiele wurde
ich ein gern gesehener Gast der groen Kurtisanen, von denen eine sogar,
deren Gunst mit Geld kaum aufzuwiegen war, sich zuletzt so
leidenschaftlich in mich verliebte, da sie sich meinetwegen mit einem
Prinzen berwarf. Andererseits wurde ich durch meine vllige
Beherrschung der Gaunersprache leicht vertraut mit den Dirnen der
Gchen, deren Gesellschaft ich auf dem Wege derben Lebensgenusses
keineswegs verschmhte, und von denen mehrere mir von Herzen ergeben
waren.

So tauchte ich denn tief in den rauschenden Strudel der Vergngungen
meiner Vaterstadt, und es wurde, o Fremder, eine sprichwrtliche
Redensart in Ujjeni: "Ein Lebemann wie der junge Kamanita."

Nun zeigte es sich aber, da schlechte Gewohnheiten, ja selbst Laster
manchmal dem Menschen einen Glcksfall bringen, so da der weltlich
Gesinnte nicht leicht entscheiden kann, ob er am meisten seinen guten
oder seinen schlechten Eigenschaften sein Gedeihen zu verdanken hat.

Jene Vertrautheit mit den niedrigeren Dirnen kam mir nmlich sehr
zustatten. Im Hause meines Vaters wurde ein Einbruch verbt, und
Juwelen, die ihm zum groen Teil zur Schtzung anvertraut waren,
gestohlen, und zwar in einem Betrage, der kaum mehr zu ersetzen war. Ich
war auer mir, denn vlliger Ruin drohte uns. Vergebens bot ich alle die
Kenntnisse auf, die ich im Walde mir erworben hatte. Nach der Weise, wie
der unterirdische Gang angelegt war, konnte ich wohl sagen, was fr
einer Art von Dieben die Tterschaft zuzuschreiben sei. Aber selbst
dieser so ntzliche Wink war zwecklos fr die Polizei--die allerdings in
Ujjeni nicht auf hnlicher Hhe steht wie die Hetrenwirtschaft, was
vielleicht nicht ganz ohne inneren Zusammenhang sein mag. Habe ich doch
in einem sehr gelehrten Vortrag ber das Liebesleben der verschiedenen
Stnde folgenden Satz gehrt: "Die Liebesabenteuer des Polizeimeisters
haben whrend der nchtlichen Inspizierung stattzufinden und zwar mit
den Stadtdirnen;"--was in Verbindung mit jener Vorlesung Vajaravas'
"ber die Ntzlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei" in jener
Zeit des ngstlichen Wartens mir manches zu denken gab.

Nun scheint es ja aber in dieser unserer sonderbaren Welt so
eingerichtet zu sein, da die linke Seite fr das aufkommen mu, was die
rechte versumt. Und so geschah es denn auch hier, da jene ppige Blte
Ujjenis mir die Frucht trug, welche der, vielleicht wegen dieser
ppigkeit etwas kmmerlich geratene Dornenhag des Polizeiwesens zu
zeitigen nicht vermochte. Denn die guten Mdchen, als sie mich wegen der
mir und den Meinigen drohenden Not untrstlich sahen, ermittelten die
Tter und zwangen sie, durch Androhung vlliger Entziehung ihrer Gunst,
die Beute wieder herauszugeben, so da wir glimpflich davon kamen, mit
Verlust des Wenigen, das schon verprat gewesen, und mit einem
Schrecken, der fr mich nicht ohne gute Wirkung blieb.

Durch ihn wurde ich nmlich aus meinem Zeit und Jugendkraft unntz
vergeudenden Wstlingsleben aufgerttelt. Dieses war ohnehin zu einem
Punkt gelangt, wo es mich entweder unter dem Joch der Gewohnheit vllig
knechten und versumpfen lassen, oder aber mich anzuwidern anfangen
mute. Die letztere Wirkung wurde nun eben durch jenes Erlebnis
gefrdert. Ich hatte die Armut mir ins Gesicht starren sehen--die Armut,
der mich jenes Leben wehrlos berliefert htte, um mich dann treulos mit
allen seinen kostspieligen Freuden zu verlassen. Nun besann ich mich auf
jenes Wort des Kaufmannes am Grabe Vajaravas: "Wenn ich so hoch in
Gunst bei Vajaravas stnde wie du, dann wrde ich in wenigen Jahren der
reichste Mann in Kosambi sein." Und ich beschlo, der reichste Mann in
Ujjeni zu werden, und zu diesem Zwecke mich mit aller Kraft auf den
Karawanenhandel zu verlegen.

Ob nun mein im Jenseits weilender Freund und Meister, Vajaravas, mir
bei meinen Unternehmungen in eigener Person beistand, wage ich nicht zu
entscheiden, wiewohl ich es manchmal glaubte; sicher aber ist, da seine
Worte es jetzt nachtrglich taten. Denn da ich durch seine Belehrung
mit allen Gewohnheiten und Gebruchen der verschiedenen Ruberarten
vertraut, ja selbst in ihre geheimen Regeln eingeweiht war, das setzte
mich jetzt in den Stand, ohne trichte Waghalsigkeit Unternehmungen
durchzufhren, die ein anderer nimmermehr htte wagen drfen. Gerade
solche aber suchte ich mir jetzt aus und gab mich mit gewhnlichen
Reisen gar nicht mehr ab.

Wenn ich nun eine groe Karawane nach einer Stadt fhrte, zu der
monatelang keine andere hatte vordringen knnen, weil gerade zu der Zeit
starke Ruberbanden die Gegend gleichsam abgesperrt hatten, so fand ich
die Einwohner dermaen auf meine Waren erpicht, da ich diese manchmal
mit dem zehnfachen Gewinn absetzen konnte. Aber damit nicht genug: einen
unschtzbaren Vorteil zog ich aus jener Belehrung "ber die Kennzeichen
der fr Bestechung zugnglichen Beamten hheren und niederen Ranges
nebst Anweisung ber die dabei in Frage kommenden Geldbetrge"; und was
ich im Verlauf weniger Jahre durch geschickte Benutzung dieser Winke
gewonnen habe, kommt fr sich allein einem migen Vermgen gleich.--

So vergingen denn einige Jahre in gesundem Wechsel zwischen allerlei
Lebensgenssen meiner freudigen Vaterstadt und gefahrreichen
Geschftsreisen, die brigens bei allem Ernst auch nicht die Lust
ausschlossen; denn ich stieg in den fremden Stdten immer bei einer
Hetre ab, an die ich gewhnlich von einer gemeinsamen Ujjenier Freundin
empfohlen war, und die meine Kaufmannsgeschfte oft gar schlau fr mich
einfdelte.

Eines Tages trat nun mein Vater vormittags in mein Zimmer, als ich
gerade damit beschftigt war, auf meine Lippen Lackfarbe aufzutragen,
whrend ich gleichzeitig meinem Diener Anweisungen gab, der im Hofe vor
meinem Fenster mein Lieblingspferd sattelte. Das mute diesmal mit
besonderer Sorgfalt geschehen, und es sollten durch eine eigenartige
Vorrichtung Kissen angeschnallt werden, denn ich mute unterwegs eine
Gazellenugige vor mir im Sattel halten. Ich hatte nmlich mit mehreren
Freunden und Freundinnen einen Besuch in einem ffentlichen Garten
verabredet.

Ich wollte sofort meinem Vater Erfrischungen bringen lassen; er lehnte
es aber ab, und als ich ihm aus meiner goldenen Dose wohlriechende
Mundkgelchen anbot, schlug er auch diese aus und nahm nur etwas Betel.
Ich schlo daraus sofort, nicht ohne einige Beklemmung, da er wohl
etwas Ernstes vorhaben mochte.

"Ich sehe, da du dich zu einem Vergngungsausflug bereit machst, mein
Sohn," sagte er, nachdem er auf dem ihm von mir gebotenen Sitze Platz
genommen hatte; "auch kann ich dies keineswegs tadeln, da du erst
krzlich von einer anstrengenden Geschftsreise zurckgekehrt bist. Wo
willst du heute hin, mein Sohn?"

"Ich will, Vater, mit einigen Freunden und Freundinnen nach dem Garten
der hundert Lotusteiche reiten, wo wir uns mit Spielen belustigen
wollen."

"Gut, sehr gut, mein Sohn! Reizend, entzckend ist ja der Aufenthalt im
Garten der hundert Lotusteiche--tiefer Schatten der Bume und khlender
Hauch des Wassers laden da zum Verweilen ein. Auch sind artige und
sinnige Spiele zu loben, denn sie beschftigen Krper und Geist ohne sie
anzustrengen. Ob wohl jetzt noch dieselben Spiele gebruchlich sind, die
wir in meiner Jugend spielten? Was meinst du, Kamanita, wird wohl heute
dort gespielt werden?"

"Es kommt darauf an, Vater, wer von uns mit seinem Vorschlage
durchdringt. Ich wei, da Nimi das Wasserspritzspiel vorschlagen will."

"Das kenne ich nicht," sagte mein Vater.

"Nein, Nimi hat es im Sden gelernt, wo es sehr Mode ist. Man fllt
dabei Bambusrohre mit Wasser und bespritzt sich gegenseitig, und wer am
nassesten wird, hat verloren. Das ist sehr drollig.--Kolliya aber will
den Kadambakampf in Vorschlag bringen."

Mein Vater schttelte den Kopf:

"Das kenn' ich auch nicht."

"O, das ist jetzt sehr beliebt. Die Spielenden teilen sich in zwei
Parteien, die einander bekmpfen, und dabei dienen eben die Zweige des
Kadambastrauches mit ihren groen, goldigen Blten als gar prchtige
Schlagwaffen. Durch den Bltenstaub sind die Wunden kenntlich, so da
die Kampfrichter danach entscheiden knnen, welche Partei gewonnen hat.
Das Ganze ist recht spannend und hat etwas Zierliches. Ich aber
beabsichtige, das Hochzeitsspiel vorzuschlagen."

"Das ist ein gutes altes Spiel," sagte mein Vater mit einem auffallenden
Schmunzeln, "und es freut mich recht, da du dafr eintreten willst,
denn das zeugt von deiner Gesinnung. Vom Spiel zum Ernst ist der Schritt
nicht gar zu gro."

Dabei schmunzelte er wieder selbstgefllig, und mir wurde recht gruselig
zumute.

"Ja, mein Sohn," fuhr er fort, "ich komme dabei gerade auf das, was mich
heute zu dir gefhrt hat. Du hast bei deinen vielen Kaufmannsreisen
durch Geschicklichkeit und Glck unser Vermgen vervielfacht, so da das
Gedeihen unserer Geschfte in Ujjeni sprichwrtlich geworden ist.
Andererseits hast du aber auch in vollen Zgen deine Jugendfreiheit
genossen. Aus dem ersteren folgt, da du wohl imstande bist, deinen
eigenen Haushalt zu grnden. Aus dem zweiten, da es jetzt auch fr dich
an der Zeit ist, dies zu tun und daran zu denken, den Faden des
Geschlechts weiterzuspinnen. Um dir, meinem lieben Sohn, alles recht
leicht zu machen, habe ich schon im Voraus eine Braut fr dich
ausgesucht. Es ist die lteste Tochter unseres Nachbars Sanjaya, des
groen Kaufmannes, die erst krzlich das heiratsfhige Alter erreicht
hat. Sie stammt also, wie du siehst, aus einer ebenbrtigen, achtbaren
und sehr begterten Familie und hat groen Verwandtenanhang, sowohl von
vterlicher wie von mtterlicher Seite. Ihr Krper ist makellos; sie hat
Haare von der Schwrze der Biene, ein Gesicht wie der Mond, die Augen
eines Gazellenlammes, eine der Sesamblte hnelnde Nase, Zhne wie
Perlen und Bimbalippen, von denen eine Stimme so s wie die der Kokila
ertnt. Ihr Schenkelpaar ist herzerfreuend wie ein Pisangstamm, und
durch die Flle der Hften beschwert, hat ihr Gang die lssige Majestt
des Ilfen. Du wirst also unmglich etwas gegen sie einwenden knnen."

Ich hatte in der Tat nichts gegen sie einzuwenden, auer etwa, da ihre
vielen mir so poetisch angepriesenen Reize mich vllig kalt lieen. Und
ich gestehe, da von allen Hochzeitszeremonien mir diejenige der drei
Nchte der Enthaltsamkeit, in denen ich der Satzung gem mit meiner
jungen Gattin, nichts Scharfgewrztes essend, auf dem Boden schlafend
und das Hausfeuer unterhaltend, die Keuschheit zu bewahren hatte, die am
wenigsten lstige war.

Eine ungeliebte Frau, o Bruder, macht das Heim nicht lieb und das Haus
nicht fesselnd, und so begab ich mich von jetzt ab fast noch williger
als zuvor auf Reisen und kmmerte mich in der Zwischenzeit nur um meine
Geschfte. Und da ich--um der Wahrheit die Ehre zu geben--bei diesen
nicht gar zu skrupelhaft zu Werke ging, sondern ohne viel Bedenken
meinen Vorteil nahm, wo ich ihn sah, so wuchs mein Reichtum dermaen,
da ich mich nach wenigen Jahren dem Ziel meines Ehrgeizes nahe fand und
einer der reichsten Brger meiner Vaterstadt war.

Nun wollte ich aber auch als Hausherr und Familienvater--denn meine
Gattin hatte mir zwei Tchter geboren--meines Reichtums recht genieen
und besonders auch vor meinen Mitbrgern damit prunken. Ich erwarb mir
deshalb ein groes Grundstck in der Vorstadt, wo ich einen gar
prchtigen Lustgarten anlegte und in seiner Mitte ein gerumiges, mit
marmornen Sulenhallen versehenes Haus errichten lie. Dies Besitztum
wurde zu den Wundern Ujjenis gerechnet, und selbst der Knig kam, um es
zu besichtigen.

Hier veranstaltete ich nun mrchenhafte Gartenfeste und gab die
ppigsten Gastmhler. Denn ich hatte mich mehr und mehr auf die Freuden
der Tafel geworfen. Die leckersten Speisen, die zur betreffenden
Jahreszeit berhaupt fr Geld zu haben waren, muten auf meinem Tische
sein, selbst zu den tglichen Mahlzeiten. Damals war ich nicht, wie du
mich jetzt siehst, durch lange Wanderungen, durch Waldaufenthalt und
Askese hager und abgezehrt, sondern von blhender Krperflle; ja ein
Buchlein hatte schon angefangen sich zu runden.

Und es wurde, o Fremder, eine sprichwrtliche Redensart in Ujjeni: "Man
it bei ihm, wie beim Kaufmann Kamanita."




XIV. DER EHEMANN


Eines Morgens ging ich in den Anlagen mit meinem Obergrtner, um zu
erwgen welche neue Verbesserungen anzubringen wren, als mein Vater auf
seinem alten Esel in den Hof ritt. Ich eilte hin, um ihm beim Absteigen
behilflich zu sein, und wollte ihn in den Garten fhren, da ich glaubte,
er kme, um dessen Blumenpracht zu genieen. Er zog es aber vor, ins
erste beste Zimmer zu treten, und als ich dem Diener befahl,
Erfrischungen zu bringen, schlug er auch diese aus--er wolle ungestrt
mit mir sprechen.

Etwas unheimlich berhrt, eine drohende Gefahr witternd, nahm ich neben
ihm auf einem niedrigen Sitze Platz.

"Mein Sohn," fing er nun sehr ernst an, "deine Frau hat dir nur zwei
Tchter geboren, und es ist keine Aussicht, da sie dir einen Sohn
schenken wird. Nun heit es ja aber sehr richtig, da der Mann
erbrmlich stirbt, fr den kein Sohn das Totenopfer vollziehen kann. Ich
tadle dich nicht, mein Sohn," fgte er hinzu, als er bemerken mochte,
da ich etwas unruhig wurde; und obwohl ich nicht wute, wodurch ich mir
in diesem Handel htte Tadel verdienen knnen, dankte ich ihm mit
geziemender Demut fr seine Milde und kte seine Hand.

"Nein, ich mu mich selber tadeln, weil ich bei der Wahl deiner Frau
mich durch weltliche Rcksichten auf Familie und Gter zu sehr habe
blenden lassen und nicht gengend auf die Zeichen achtete. Das Mdchen,
das ich jetzt fr dich im Auge habe, ist zwar aus einer wenig
hervorragenden und keineswegs begterten Familie; auch kann man ihr das,
was der oberflchliche Betrachter 'Schnheit' nennt, nicht nachrhmen.
Dafr aber hat sie einen tief sitzenden und nach rechts gedrehten Nabel;
sowohl Hnde wie Fe weisen Lotus-, Krug- und Radmal auf; ihr Haar ist
ganz glatt, nur im Nacken hat sie zwei nach rechts gewundene Locken. Von
einem Mdchen, das solche Zeichen besitzt, sagen ja die Weisen, da es
fnf Heldenshne gebren wird."

Ich erklrte mich mit dieser Aussicht vollkommen befriedigt, dankte
meinem Vater fr die Gte, mit der er fr mich sorgte, und sagte, ich
sei bereit, das Mdchen sofort heimzufhren. Denn ich dachte: wenn es
doch sein mu!...

"Sofort?" rief mein Vater erschrocken aus. "Aber, mein Sohn! Dmpfe dein
Ungestm! Wir sind ja jetzt im sdlichen Laufe der Sonne. Wenn diese
Gottheit in ihren nrdlichen Lauf eintritt, und wir dann die
Monatshlfte, in welcher der Mond zunimmt, erreichen, dann wollen wir
einen gnstigen Tag zur Handergreifung erwhlen--aber eher nicht--eher
nicht, mein Sohn! Was wrden uns sonst alle guten Eigenschaften der
Braut ntzen?"

Ich bat meinen Vater, unbesorgt zu sein. Ich wrde mich so lange
gedulden und mich in allen Punkten von seiner Weisheit leiten lassen;
worauf er meinen Gehorsam lobte, mir seinen Segen erteilte und mir
gestattete, da ich Erfrischungen kommen lie.

Endlich nahte der von mir nicht sehr ersehnte Tag, auf den sich alle
glckverheienden Zeichen vereinten. Die Zeremonien waren diesmal noch
viel umstndlicher; ich hatte vorher volle vierzehn Tage gebraucht, um
alle notwendigen Sprche genau einzustudieren. Welche Angst ich whrend
der Handergreifung im Hause meines Schwiegervaters ausgestanden habe,
lt sich mit Worten kaum beschreiben, Ich zitterte fortwhrend vor
Furcht, da ich irgend einen Vers nicht ganz richtig oder genau bei der
Bewegung, zu der er gehrte, hersagen mchte; denn mein Vater htte mir
das ja nie vergeben. Und darber htte ich beinahe die Hauptsache
vergessen, denn anstatt ihren Daumen zu ergreifen, fate ich nach ihren
vier Fingern, als ob ich wnschte, da sie mir Tchter gebren
sollte--aber glcklicherweise hatte die Braut Geistesgegenwart genug, um
mir den Daumen in die Hand zu schieben.

Ich war ganz in Schwei gebadet, als ich endlich zur Abfahrt die Stiere
einspannen konnte, whrend meine Braut in die Kummetlcher der Geschirre
je einen Zweig von einem fruchttragenden Baume steckte. Ich sprach aber
den betreffenden Halbvers mit dem Bewutsein, da jetzt das Schlimmste
vorber sei. Die Gefahren waren jedoch keineswegs berstanden.

Zwar erreichten wir mein Haus, ohne da irgend einer von den vielen
kleinen Unfllen, die bei einer solchen Gelegenheit wie auf der Lauer
liegen, unterwegs sich ereignet htte. Vor der Tr angekommen, wurde die
Braut von drei Brahmanenfrauen unbescholtenen Wandels, die alle nur
Knaben geboren hatten, und deren Mnner noch lebten, vom Wagen gehoben.
So weit ging Alles gut. Nun aber kannst du dir, Bruder, meinen Schrecken
denken, als beim Eintreten ins Haus der Fu meiner Frau _beinahe_ die
Schwelle berhrt htte. Ich wei noch heute nicht, woher ich die
Entschlossenheit nahm, sie in meinen Armen hoch empor zu heben und
dadurch zu verhten, da eine Berhrung wirklich stattfnde. Immerhin
war eine solche Unregelmigkeit beim Hineingehen schlimm genug, und
dazu kam, da ich nun selber verga, mit dem rechten Fu zuerst
einzutreten. Glcklicherweise waren Alle, und besonders mein Vater, ber
die drohende Berhrung der Schwelle dermaen entsetzt, da mein
Fehltritt fast gnzlich unbeachtet blieb.

In der Mitte des Hauses nahm ich zur Linken meiner Frau auf einem roten
Stierfell Platz, das mit der Nackenseite nach Osten und mit der
Haarseite nach oben lag. Nun hatte mein Vater nach langem Suchen und mit
unendlicher Mhe ein mnnliches Wunderkind ausfindig gemacht, das selber
nur Brder und keine Schwester--auch keine gestorbene--hatte und von
einem Vater stammte, der sich in demselben Fall befand, nur Brder zu
haben, was sogar auch noch von dessen Vater galt--alles gerichtlich
bescheinigt. Dies Knblein sollte nun meiner Braut auf den Scho gesetzt
werden. Schon stand an ihrer Seite die kupferne Schssel bereit mit den
im Schlamme gewachsenen Lotusblumen, die sie dem Kinde in die
zusammengelegten Hnde geben sollte;--da war das Unglcksmenschlein
nirgends zu finden. Erst nachher, als es schon zu spt war, entdeckte
ein Diener, da der Kleine das Opferbett zwischen den Feuern gar zu
verlockend gefunden und sich in dem weichen Grase gewlzt hatte, bis er
fast gnzlich darin begraben war. Nun mute natrlich das Opferbett neu
geschichtet und dazu frisches Kugagras geschnitten werden--was schon an
sich verkehrt war, weil ja das Gras bei Sonnenaufgang geschnitten sein
mu.

Diese Krone des ganzen Werkes fahren lassend, muten wir uns mit einem
in aller Hast herbeigeschafften Knblein begngen, dessen Mutter nur
Shne geboren hatte. Mein Vater war aber ber das Milingen dieser
Maregel, auf die er so groe Hoffnung gesetzt hatte, dermaen erregt,
da ich frchtete, der Schlag knne pltzlich seinem teuren Leben ein
Ende machen. Freilich wre er unter keinen Umstnden jetzt gestorben, um
nur nicht dadurch den Zeremonien den allerverderblichsten Abbruch zu
tun. Diese trstliche Betrachtung stellte ich aber damals nicht an.
Whrend ich von entsetzlicher Furcht geqult wurde, mute ich die
Wartezeit bis zur Ankunft des Ersatzknaben damit ausfllen, da ich
ununterbrochen geeignete Sprche hersagte, damit ja nicht eine leere
Pause entstnde.

In dieser Stunde aber gelobte ich mir fest, da ich, was auch kommen
mchte, nie wieder heiraten wrde.

Nachdem endlich Alles erledigt war, mute ich mit meiner Gemahlin--die
gar nicht ein solcher Ausbund von Hlichkeit war, wie ich nach der
Empfehlung meines Vaters erwartet hatte--zwlf Nchte in gnzlicher
Enthaltsamkeit und unter strengem Fasten, auf dem Fuboden schlafend,
zubringen. Diesmal waren es nmlich _zwlf_ Nchte, weil mein Vater
meinte, wir mten lieber zuviel, denn zuwenig des Guten tun. Dabei
empfand ich nun freilich recht schmerzlich, da ich whrend der ganzen
Zeit alle meine gewrzten Lieblingsgerichte entbehren mute.

Indessen auch diese Probe wurde berstanden, und das Leben ging in dem
alten Geleise weiter--jedoch mit einem sehr wesentlichen Unterschied. Es
sollte sich mir nmlich nun bald zeigen, wie berechtigt meine Scheu vor
dem neuen Heiratsvorschlag meines Vaters gewesen war. Wohl hatte ich
mich sofort damit getrstet, da man, wenn man _eine_ Frau hatte, auch
zwei haben konnte. Aber, ach! wie hatte ich mich darin getuscht!

Meine erste Frau hatte immer einen sanftmtigen Charakter gezeigt, der
eher zum Stumpfsinn als zu auffahrender Heftigkeit neigte; und auch
meiner zweiten Frau rhmte man eine echt weibliche Milde nach. So sind
ja auch, o Bruder, das Wasser und das Hausfeuer alle beide gar
wohlttige Dinge; wenn sie aber auf dem Kochherd zusammentreffen, dann
zischt's. Und so hat es denn von jenem Unglckstage an in meinem Hause
gezischt. Aber wie wurde es erst, als meine zweite Frau mir nun wirklich
den ersten jener fnf verheienen Heldenshne gebar! Nun beschuldigte
mich meine erste Frau, ich htte mit ihr keine Shne haben wollen und
nicht die rechten Opfer gebracht, um so einen Vorwand zu haben, eine
andere zu heiraten; whrend meine zweite Frau, wenn sie von der ersten
gereizt wurde, es an bitterem Hohn ihr gegenber nicht fehlen lie. Auch
herrschte ein fortwhrender Rangstreit; meine erste Frau forderte als
solche den Vorrang, whrend meine zweite als Mutter meines Sohnes
dieselbe Forderung erhob.

Aber bald sollte es noch schlimmer kommen. Eines Tages strzte meine
zweite Frau ganz zitternd vor Erregung zu mir herein und verlangte, ich
sollte die erste fortschicken, da diese meinen Sohn vergiften wolle--der
Knabe hatte nmlich Leibschneiden bekommen, weil er genascht hatte. Ich
wies sie streng zurecht, kaum aber war ich sie los geworden, als die
erste hereinstrzte und rief, ihre beiden Lmmchen wren ihres Lebens
nicht mehr sicher, solange jenes niedertrchtige Weib im Hause
bliebe--ihre Nebenbuhlerin wolle meine Tchterchen aus dem Wege rumen,
damit deren Mitgift nicht das Erbe ihres Sohnes vermindern sollte.

So war denn unter meinem Dach kein Frieden mehr zu finden. Wenn du, o
Bruder, vorhin vielleicht am Gehfte des reichen Brahmanen unweit von
hier stehen geblieben bist und gehrt hast, wie drinnen die beiden
Frauen des Brahmanen keiften, mit lauten, schreienden Stimmen sich
zankten und sich gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen--dann
bist du sozusagen auch an meinem Hause vorbergekommen.

Und es wurde nun leider auch eine sprichwrtliche Redensart in Ujjeni;
"Die beiden vertragen sich wie die Frauen Kamanitas."




XV. DER KAHLE PFAFF


So waren die Verhltnisse in meinem Hausstande, als ich mich eines
Vormittags in dem gerumigen, auf der Schattenseite gelegenen Zimmer
befand, das ich zum Besorgen aller geschftlichen Angelegenheiten
benutzte, und das deswegen dem Hofe zugekehrt war; denn es war mir
bequem, von dort aus die wirtschaftlichen Vorgnge im Auge behalten zu
knnen. Vor mir stand ein bewhrter Diener, der alle meine Fahrten
whrend einer Reihe von Jahren mitgemacht hatte, und ich gab ihm genaue
Anweisungen ber die Fhrung einer Karawane nach einem ziemlich
entfernten Orte, sowie ber die Art und Weise, wie er dort am besten die
Waren wrde absetzen knnen, welche Produkte er von dort aus
zurckbringen msse, welche Geschftsverbindungen er dort anzuknpfen
habe und was dergleichen mehr war--denn ich wollte ihm die ganze Sache
anvertrauen.

Allerdings war meine Huslichkeit weniger anheimelnd als je, und man
knnte glauben, da ich mit Freuden jede Gelegenheit ergriffen htte, um
in der Fremde umherzuschweifen. Aber ich fing jetzt an, etwas bequem und
verwhnt zu werden und scheute eine lngere Reise, nicht nur wegen der
Strapazen der Fahrt, sondern vor allem wegen der kargen Kost, mit der
man, wenigstens unterwegs, vorlieb nehmen mute. Ja, wenn man auch an
Ort und Stelle angekommen, das Verlorene nachholen und sich recht
gtlich tun wollte, so erlitt man doch oft Enttuschungen, und
jedenfalls, so gut wie am eigenen Tische a ich dort nirgends.

So hatte ich denn angefangen, meine Karawanen unter zuverlssigen
Fhrern auszusenden, whrend ich selber zu Hause sitzen blieb.

Als ich nun mitten in meinen sehr umstndlichen und gar wohlberlegten
Anweisungen war, erschallten vom Hofe her die znkischen Stimmen meiner
beiden Frauen, und zwar ungewhnlich laut und mit einem Redeflu, der
nicht aufhren zu wollen schien. rgerlich ber diese lstige Strung
sprang ich schlielich auf, und nachdem ich vergebens durchs Fenster
geblickt hatte, trat ich in den Hof hinaus.

Ich sah meine beiden Frauen am Eingangstor stehen. Aber weit davon
entfernt, sie in gegenseitigem Zank zu finden--wie ich es erwartet
hatte--, traf ich sie zum ersten Male einig, indem sie sich einen
gemeinsamen Gegner ausgesucht hatten, ber den sich ihr vereinigter Zorn
ergo. Dieser Unglckliche war ein wandernder Asket, der an den
Torpfosten gelehnt dastand, und ruhig diesen Strom von Beschimpfungen
ber sich ergehen lie. Was der eigentliche Grund ihres Angriffes war,
habe ich nie erfahren, vermute aber, da der bei beiden stark
entwickelte mtterliche Instinkt in diesem Entsager einen Verrter gegen
die heilige Sache der menschlichen Vermehrung und einen Feind ihres
Geschlechts gewittert hatte, und da sie sich so unwillkrlich ber ihn
geworfen hatten wie zwei Ichneumons ber eine Cobra.

"Pfui ber ihn, den kahlen Pfaffen, den schamlosen Bettler!--Sieh
nur, wie er dasteht, mit gebeugten Schultern und gesenktem
Blick--Frmmigkeit, Beschaulichkeit atmet er aus, der Heuchler, der
Gleiner! Nach dem Kochtopf spht er hin, schaut nach und schnffelt und
schnuppert--wie der Esel, vom Karren losgeschnallt, im Hofe zum
Kehrichthaufen geht und hinspht, und nachschaut, und schnffelt und
schnuppert.... Pfui ber ihn, den faulen Tagedieb, den schamlosen
Bettler, den kahlen Pfaffen!"

Der Gegenstand dieser und hnlicher Schmhreden, jener wandernde Asket,
ein Mann von auffallend hohem Wuchse, stand unterdessen immer noch an
den Trpfosten gelehnt, in gelassener Haltung da. Sein Mantel, von der
gelben Farbe der Kanikarablume und dem deinigen nicht unhnlich, fiel in
malerischen Falten ber seine linke Schulter bis zu den Fen hinab und
lie einen krftigen Krperbau erraten. Der schlaff herabhngende rechte
Arm war unbedeckt, und ich konnte nicht umhin, das gewaltige Geflecht
der Muskeln zu bewundern, das eher der wohlerworbene Besitz eines
Kriegers als das mige Erbteil eines Asketen zu sein schien; auch die
tnerne Almosenschale mutete mich in seiner nervigen Hand ebenso
sonderbar und unangemessen an, wie eine eiserne Keule mir dort an
rechter Stelle erschienen wre. Sein Kopf war geneigt, der Blick zu
Boden gesenkt, keine Miene verzog sich um den Mundwinkel, und so stand
er regungslos da, als ob ein tchtiger Knstler das Bild eines
wandernden Asketen in Stein gehauen und fein bemalt und bekleidet htte,
und ich nun dieses Bildwerk an meinem Tor htte aufstellen lassen--etwa
als Wahrzeichen meiner Freigebigkeit.

Diese seine Ungestrtheit, die ich fr Sanftmut hielt, meine beiden
Frauen aber als Verachtung auffaten, spornte natrlich diese zu immer
greren Anstrengungen an, und so wre es wohl schlielich zu
Ttlichkeiten gekommen, wenn ich nicht dazwischen getreten wre, meinen
bsen Frauen ihr schndliches Betragen verwiesen und sie ins Haus gejagt
htte.

Dann trat ich zum Asketen hin, verneigte mich ehrerbietig und sprach:

"Wolle, Ehrwrdigster, dir nicht zu Herzen nehmen, was diese Frauen,
deren Verstand ja kaum zwei Finger breit ist, an Ungebhrlichem,
Unziemlichem gesagt haben mgen! Wolle, Ehrwrdigster, nicht deshalb mit
deinem Asketenzorn dies mein Haus vernichtend treffen! Ich will ja,
Ehrwrdigster, selber deine Almosenschale mit dem Besten fllen, was das
Haus vermag--welch ein Glck, da sie noch leer ist! Ich will sie
fllen, da kein Bissen mehr hineingeht, und kein Nachbar sich heute
dadurch, da er dich ernhrt, Verdienst erwerben kann. Du bist auch
wahrlich nicht vor die unrechte Schmiede gekommen, Ehrwrdigster, und
ich denke, das Essen wird dir munden, denn es ist sogar eine
sprichwrtliche Redensart hier in Ujjeni: 'Man it bei ihm, wie beim
Kaufmann Kamanita'--und der bin ich. Wolle also, Ehrwrdiger, nicht ber
das Vorgefallene zrnen und meinem Hause fluchen."

Der Asket aber antwortete darauf, mit nicht eben unfreundlicher Miene:

"Wie knnte ich wohl, o Hausvater, ber solche Schimpfereien zrnen, da
es mir doch zusteht, wegen viel grberer Behandlung sogar dankbar zu
sein. Denn einst, o Hausvater, begab ich mich, zeitig gerstet, mit
Mantel und Schale versehen, in eine Stadt, um Almosenspeisen zu sammeln.
In dieser Stadt aber hatte Mara, der Teufel, gerade damals die Brahmanen
und Hausvter gegen den Orden der Heiligen aufgehetzt. 'Geht mir mit
euren tugendhaften, edelgearteten Asketen! Beschimpft sie, beleidigt
sie, verjagt sie, verfolgt sie.' Und so geschah es, Hausvater, als ich
nun die Straen daherging, da bald ein Stein mir an den Kopf flog, bald
ein Scherben mich im Gesicht traf, bald ein Stock meinen Arm halb
zerquetschte. Als ich nun mit zerschnittenem, von Blut berstrmtem
Kopfe, mit zerbrochener Schale und zerrissenem Mantel zum Meister
zurckkam, sagte dieser: 'Dulde nur, Asket, dulde nur! Um welcher Tat
Vergeltung du viele Jahre Hllenqual erlitten httest, dieser Tat
Vergeltung findest du noch bei Lebzeiten.'

Bei den ersten Lauten seiner Stimme zuckte mir ein jher Schreck durch
den Leib vom Scheitel bis zur Sohle, und mit jedem Wort durchdrang ein
eisiges Erstarren tiefer mein ganzes Wesen. Denn das war ja, o Bruder,
die Stimme Angulimalas, des Rubers--wie konnte ich daran zweifeln? Und
als mein krampfhafter Blick sich an sein Gesicht heftete, erkannte ich
auch dieses wieder, obschon ihm frher der Bart fast bis an die Augen
gegangen und das Haar ihm tief in die Stirn gewachsen war, whrend er
jetzt kahl und rasiert vor mir stand. Nur zu gut erkannte ich die Augen
unter den buschigen, zusammengewachsenen Brauen wieder, obwohl sie mir
nicht wie damals Zornesblitze entgegensprhten, sondern mit tiefer
Verstellungskunst mich vielmehr freundlich anblickten; und die sehnigen
Finger, die die Almosenschale umspannten--gewi waren es dieselben, die
einst wie Teufelskrallen meine Kehle umklammert hatten.

"Wie sollte ich wohl, o Hausvater"--fuhr mein unheimlicher Gast
fort,--"wie sollte ich wohl ber Schimpfreden in Zorn geraten? Denn der
Meister hat ja gesagt: 'Wenn auch, ihr Jnger, Ruber und Mrder euch
mit einer Baumsge Gelenke und Glieder abtrennten, so wrde, wer da in
Wut geriete, nicht meine Weisung erfllen.'"

Als ich aber, o Bruder, diese Worte mit ihrer so teuflisch versteckten
und mir so deutlichen Drohung vernahm, zitterten mir die Beine dermaen,
da ich mich an der Wand festhalten mute, um nicht umzusinken. Nur mit
Mhe vermochte ich mich so weit zusammenzunehmen, da ich, mehr noch
durch Gebrden als mit einigen hergestammelten Worten, dem als Asketen
verkleideten Ruber bedeuten konnte, er mchte sich gedulden, bis ich
die Speisen beschafft htte.

Dann eilte ich, so schnell wie meine wackeligen Beine mich tragen
wollten, quer ber den Hof in die groe Kche, wo gerade das Mittagsmahl
fr meine Familie und die ganze Haushaltung zubereitet wurde, und es in
allen Pfannen und Tpfen briet und brodelte. Hier whlte ich nun ebenso
schnell wie sorgfltig das Beste und Schmackhafteste aus. Mit einer
goldenen Kelle bewaffnet und von einer ganzen Schar schsseltragender
Diener gefolgt, strzte ich wieder in den Hof, um meinen furchtbaren
Gast zu bedienen und womglich zu vershnen.

Angulimala aber war verschwunden.




XVI. KAMPFBEREIT


Halb ohnmchtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine
Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen
war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar.
Wie viele Geschichten hatte ich nicht ber seine Unvershnlichkeit und
Rachsucht gehrt! Nun hatte ich ja aber das Unglck gehabt, seinen
besten Freund zu erschlagen, und von meinem Aufenthalt unter den Rubern
wute ich wohl, da die Freundschaft bei ihnen nicht weniger gilt als
bei einer ehrsamen Brgerschaft, wenn nicht sogar weit mehr. Als ich
aber sein Gefangener war, konnte Angulimala mich nicht tten, ohne sich
gegen die Regeln der "Absender" zu versndigen; und trotzdem htte er es
zweimal beinahe getan und damit einen unauslschlichen Fleck auf seine
Ruberehre gesetzt. Nun aber hatte er endlich dieses, von dem sonstigen
Gebiete seiner Ttigkeit weit abseits gelegene Land aufsuchen knnen und
wollte jetzt das Versumte nachholen. In der Verkleidung eines Asketen
hatte er die rtlichkeiten bequem in Augenschein nehmen knnen und ohne
Zweifel wollte er noch in derselben Nacht handeln. Wenn er auch bemerkt
haben mochte, da ich ihn wieder erkannte, durfte er doch nicht zgern,
denn diese Nacht war die letzte der dunklen Hlfte des Monats, und ein
Unternehmen wie dieses in der lichten Hlfte auszufhren, wre ein
Versto gegen die heiligen Rubergesetze gewesen, der ihm den strafenden
Zorn der schrecklichen Gttin Kali htte zuziehen mssen.

Sofort lie ich mein bestes Pferd satteln und ritt in die Stadt nach dem
Palast des Knigs. Leicht htte ich bei ihm Zutritt erhalten, aber zu
meiner Enttuschung erfuhr ich, da er sich gerade in einem seiner
fernen Jagdschlsser aufhielt. Ich mute mich also damit begngen, den
Minister aufzusuchen. Dieser war gerade derselbe Mann, der einst jene
Gesandtschaft nach Kosambi gefhrt hatte und in dessen Obhut, wie du
dich erinnern wirst, ich wohl hin--aber nicht zurckgereist war. Seit
jenem Tage nun, an dem ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen, war er
mir nicht sehr gewogen, was ich bei verschiedenen Begegnungen gesprt
hatte, wie ich denn auch wute, da er sich des fteren ber meinen
Lebenswandel aufgehalten hatte. Bei ihm meine Sache vorbringen zu
mssen, war mir nicht gerade angenehm; indessen ihre Berechtigung, ja
sogar Verdienstlichkeit war so augenscheinlich, da hier, wie mir
schien, fr persnliche Ab- oder Zuneigung wenig Spielraum war.

Ich erzhlte ihm also so kurz und klar wie mglich, was sich in meinem
Hofe zugetragen hatte, und fgte die fast selbstverstndliche Bitte
hinzu, eine Truppenabteilung mge fr die Nacht in meinem Haus und
Garten aufgestellt werden, um mein Besitztum gegen den sicher zu
erwartenden Angriff der Ruber zu verteidigen und so viele wie mglich
von diesen gefangenzunehmen.

Der Minister hrte mich schweigend und mit einem unergrndlichen Lcheln
an. Dann sagte er:

"Mein guter Kamanita! Ich wei nicht, ob du heute schon einen recht
krftigen Frhtrunk zu dir genommen hast, oder noch unter dem Einflu
einer deiner in Ujjeni sprichwrtlich berhmten nchtlichen Gelage
stehst, oder ob du dir gar berhaupt durch deine ebenfalls
sprichwrtlich berhmten scharf gewrzten Leckereien dermaen den Magen
verdorben hast, da du nicht nur bei Nacht, sondern auch am hellen Tag
bse Trume hast. Denn nur als einen solchen kann ich diese hbsche
Geschichte betrachten, zumal wir wissen, da Angulimala lngst nicht
mehr unter den Lebenden weilt."

"Das war aber ein falsches Gercht, wie wir jetzt sehen," rief ich
ungeduldig.

"_Ich_ sehe das keineswegs," versetzte er in scharfem Ton. "Von falschem
Gercht kann hier keine Rede sein, denn kurze Zeit nach der Begebenheit
hat Satagira selber mir in Kosambi erzhlt, da Angulimala in den
unterirdischen Gewlben des Ministerpalastes unter den Folterwerkzeugen
gestorben sei, und ich habe noch seinen Kopf ber dem stlichen Stadttor
aufgespiet gesehen."

"Ich wei nicht, wessen Kopf du dort gesehen hast," sagte ich--"das aber
wei ich genau, da ich noch vor einer Stunde den Kopf Angulimalas
wohlbehalten auf seinen Schultern gesehen habe, und da ich so wenig
deinen Spott verdiene, da du mir vielmehr danken solltest, weil du
durch mich Gelegenheit bekommst--

"Einen toten Mann totzuschlagen und aus mir selbst einen Narren zu
machen," unterbrach mich der Minister--"ich danke!"

"Dann bitte ich wenigstens zu bedenken, da es sich hier nicht um den
ersten besten Besitz handelt, sondern um ein Haus und um Gartenanlagen,
die zu den Wundern Ujjenis gerechnet werden, und die unser gndiger
Knig selber mit groer Bewunderung besichtigt hat. Er wird dir's nicht
danken, wenn Angulimala diese Herrlichkeiten seiner Hauptstadt
einschert."

"O, das kmmert mich wenig," antwortete dieser Unmensch lachend. "Folge
meinem Rat, gehe nach Hause, beruhige dich durch ein Schlfchen und la
die Sache dich nicht weiter kmmern. Das Ganze kommt brigens daher, da
du dich damals in Kosambi in ein galantes Abenteuer gestrzt hast und
tricht genug warst, meine Worte in den Wind zu schlagen und nicht mit
mir abzureisen. Httest du das getan, dann wrest du nie in Angulimalas
Hnde gefallen und wrdest jetzt nicht von einer grundlosen und leeren
Angst geplagt. Auch ist dein monatelanges Zusammenleben mit dem
Rubergesindel fr deine Sitten nicht gnstig gewesen, wie wir ja alle
hier in Ujjeni gesehen haben."

Er erging sich noch in einigen moralisierenden Gemeinpltzen und entlie
mich dann.

Schon unterwegs berlegte ich mir, was nun, da ich auf mich selber
angewiesen war, zu tun sei. In meinem Hause angekommen, lie ich sofort
alle beweglichen Schtze, die sich da fanden, vornehmlich solche Dinge
wie kostbare Teppiche, eingelegte Tische und hnliches in den Hof
bringen und dort auf Karren verladen, um diesen Teil meiner Gter in der
inneren Stadt in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig lie ich an alle
meine Leute Waffen verteilen--sowohl Karren wie Waffen waren ja
reichlich wegen der beabsichtigten Karawanenfahrt vorhanden. Aber dabei
lie ich es nicht bewenden. Das Allererste, was ich zu tun hatte, war,
einige vertraute Diener in die Stadt zu schicken, um dort gegen
Versprechen eines ansehnlichen Lohnes mutige und waffentchtige Kerle
fr die Nacht zu werben. Fr jeden anderen wre dies nun freilich ein
gar gefhrliches Wagestck gewesen; denn wie leicht konnten solche Leute
im entscheidenden Augenblick mit den Angreifern gemeinsame Sache machen!
Ich vertraute aber gewissen Freundinnen, die meinen Dienern nur
zuverlssige Spitzbuben empfahlen--nmlich solche, die zwar sonst zu
Allem fhig sind, denen aber doch ihr feierlich gegebenes Wort und das
genommene Handgeld heilig sind. Da ich dies Gesindel und seine
sonderbaren Gewohnheiten kannte, wute ich wohl, was ich tat.

Whrend dieser Vorbereitungen schickte ich, da ich selber nicht Zeit
hatte, zu meinen Frauen zu gehen, einen Diener zu einer jeden von ihnen
und lie ihnen sagen, sie mten sich bereit halten--die erste mit ihren
beiden Tchterchen, die zweite mit ihrem Shnlein--noch heute nach der
Stadt ins Vaterhaus zu ziehen. Da es nur fr die eine Nacht sein
sollte, lie ich sie nicht wissen, weil ich wohlweislich bedacht hatte,
wenn sie erst einmal dort wren, knnten sie auch eine Woche oder lnger
dort bleiben, und ich wrde unterdessen zu Hause einen ungeahnten
Frieden genieen--vorausgesetzt natrlich, da es mir gelnge, den
Angriff abzuschlagen. Ebensowenig lie ich sie den Grund zu dieser
Maregel erfahren, weil man ja berhaupt Weibern gegenber sich nicht
auf Grnde berufen soll.

Ich war nun gerade im Begriff, meiner bewaffneten Dienerschaft eine
anfeuernde Rede zu halten, wie ich das bei gefahrdrohenden Gelegenheiten
whrend einer Karawanenreise immer und mit groem Erfolg getan hatte. Da
strzten gleichzeitig, wie auf Verabredung, aus zwei verschiedenen Tren
meine beiden Frauen in den Hof, mit verstrten Mienen und lautem
Schreien, so da Alle sich nach ihnen umsahen, und ich meine kaum
angefangene Rede unterbrechen mute. Die erste schleppte die beiden
Tchterlein, die zweite mein Shnchen mit sich.

Vor mir angelangt, zeigte die eine auf die andere und beide schrien:

"So ist es denn endlich diesem schlechten Weib gelungen, dein Herz gegen
mich zu wenden, da du mich verstoen willst, und mir, deiner getreuen
Ehefrau, die Schande antust, mich ins Vaterhaus zurckzuschicken mit
deinen unschuldigen Tchterlein--(mit deinem armen Shnlein)--."

Die berschumende Wut, untersttzt von ihrem angeborenen kurzen
Verstande, verursachte, da keine von ihnen merkte, wie die andere _sie_
genau derselben Sache beschuldigte, die sie selbst dieser zur Last
legte, und sich genau ber das gleiche Schicksal beklagte, das sie
selbst als das ihrige beweinte, und da also jedenfalls ein Irrtum
vorliegen mute. Aber weit entfernt davon, so etwas zu ahnen, schrien
und heulten sie immer weiter, wobei sie sich die Haare rauften und ihre
Brste mit den Fusten schlugen, bis sie dann, wie zur Erholung, sich
gegen die vermeintliche siegreiche Gegnerin in Schimpfreden ergingen,
die an Grobheit Alles, was ich je in der Gesellschaft belberufener
Weiber gehrt hatte, weit bertrafen.

Endlich gelang es mir doch, zu Wort zu kommen und ihnen, wenn auch mit
groer Mhe, klar zu machen, da sie meine Diener gnzlich miverstanden
htten, da keine von ihnen zu ihren eigenen Eltern zurckgeschickt
werden sollte, sondern da sie beide in das Haus meiner Eltern gebracht
wrden, und zwar nicht zur Strafe oder als Zeichen meiner Ungnade,
sondern lediglich um ihrer und der Kinder Sicherheit willen. Als ich nun
aber sah, da sie dies vollkommen begriffen hatten, lie ich mich
hinreien und rief:

"Das habt ihr von eurer Unart, nun lernet endlich euch anstndig zu
betragen! Da habt ihr euren "kahlen Pfaffen"! Wer, glaubt ihr wohl, da
das war? _Angulimala_ war es, der Ruber, der Schreckliche, der die
Menschen ttet und sich ihre Daumen um den Hals hngt! _Den_ habt ihr
beschimpft, _den_ habt ihr gereizt! Ein Wunder, da er euch nicht mit
der Almosenschale totgeschlagen hat. Wir anderen, wenn jemand von uns in
seine Hnde fllt, wir werden es ausbaden mssen, und wer wei, ob ihr
noch im Hause meines Vaters vor ihm sicher seid."

Als meinen Frauen der Sinn dieser Rede vllig aufging, fingen sie
alsbald an zu schreien, als ob sie schon die Messerschneide an der Kehle
sprten, und wollten mit den Kindern zum Tor hinausstrzen. Ich lie sie
jedoch zurckhalten und setzte ihnen umstndlich auseinander, da
vorlufig noch gar keine Gefahr zu befrchten sei, da Angulimala, wie
ich wohl wute, uns auf keinen Fall vor Mitternacht angreifen wrde.
Dann hie ich sie in die Wohnung zurckkehren und Alles zusammenpacken,
was sie und die Kinder whrend der Zeit, die sie, der Rubergefahr
wegen, in der Stadt bleiben muten, ntig haben knnten. Das taten sie
denn auch sofort.

Dabei hatte ich nun allerdings die Wirkung nicht bedacht, die meine
Worte auf meine Leute haben knnten. Und diese erwies sich bald als
wenig gnstig. Denn als sie erfuhren, da es der schreckliche, fr tot
gehaltene Angulimala war, der mein Haus ausgekundschaftet hatte und es
sicher in der Nacht angreifen wollte, schlich erst der eine und andere
still davon, dann aber warfen sie zu Dutzenden die Waffen von sich und
erklrten, mit einem solchen Teufel nicht anbinden zu wollen: das knne
man keineswegs von ihnen verlangen. Auch die in der Stadt Angeworbenen,
von denen gerade jetzt die ersten ankamen und hrten, wie die Dinge
standen, meinten, so htten sie nicht gewettet und zogen wieder ab. Nur
etwa zwanzig meiner eigenen Leute, an ihrer Spitze mein braver
Hausmeier, erklrten, sie wollten mich nicht verlassen, sondern bis zum
letzten Blutstropfen das Haus verteidigen, denn sie sahen wohl, da ich
entschlossen war, diesen herrlichen Besitz, an dem mein Herz hing, nicht
preiszugeben, sondern, wenn es sein mte, mit ihm unterzugehen.

Mehrere entschlossene Kerle aus der Stadt, die die Aussicht auf einen
tchtigen Kampf fast noch mehr als das Geld lockte und die sich nicht
einmal vor dem Namen Angulimala frchteten, ja sich wohl gar einredeten,
da sie, nachdem sie sich brav geschlagen und gefangengenommen worden,
der Bande einverleibt werden wrden--mehrere solche verzweifelte
Gesellen schlossen sich an, und so gebot ich doch zuletzt ber gegen
vierzig wohlbewaffnete und tapfere Mnner.

Unterdessen war es fast Abend geworden, und der Wagen fr meine Frauen
fuhr vor. Diese kamen mit den Kindern einigermaen beruhigt heraus; aber
ein neues Geheul erhob sich sofort, als sie merkten, da ich nicht
mitfahren wollte, ja berhaupt nicht beabsichtigte, das Haus zu
verlassen. Sie warfen sich auf die Knie, ergriffen mein Gewand und
beschworen mich unter strmenden Trnen, mich mit ihnen zu retten:
"Unser Gebieter, unser Beschtzer, verla uns nicht, strze dich nicht
in den Rachen des Todes!" Ich erklrte ihnen, da, wenn ich meinen
Posten verliee, dies Haus sicher ein Raub der Flammen und plndernder
Hnde werden, und mein Sohn den Hauptteil seines Erbes verlieren wrde,
whrend es jetzt noch vielleicht durch tapferes Ausharren zu retten sei,
da man nicht wisse, ob Angulimala mit groer Strke angreifen wrde.

"Ach, weh uns!" riefen sie, "unser Herr und Beschtzer verlt uns! Und
der schreckliche Angulimala wird ihn umbringen und seine Daumen an der
Halskette tragen! Zu Tode martern wird er unseren Gemahl in seinem
furchtbaren Grimm, und unsere Schuld wird es sein! Um unserer
Schimpfreden willen mu unser Gatte leiden, und uns wird es deshalb in
der Hlle bel ergehen!"

Ich versuchte sie zu beruhigen so gut es ging, und als sie sahen, da
ich unerschtterlich war, muten sie sich dazu bequemen, den Wagen zu
besteigen. Kaum aber hatten sie ihre Pltze eingenommen, so fingen sie
an sich mit gegenseitigen Beschuldigungen anzufeinden.

"Du warst's, die anfing."--"Nein, du--du hast mich auf ihn aufmerksam
gemacht, wie er dort am Torpfosten stand. Jawohl--gerade dort, du
zeigtest mit Fingern auf ihn."

"Und du hast nach ihm ausgespuckt--roten Speichel--_ich_ hatte noch
keinen Betel gekaut, das tu ich morgens nie."--"Aber du nanntest ihn
einen Landstreicher, einen faulen Bettler."--"Und du einen kahlen
Pfaffen...."

Und so ging's weiter; aber das Knarren der Rder, als die Ochsen jetzt
anzogen, bertubte ihre Stimmen,




XVII. IN DIE HEIMATLOSIGKEIT


Welch ungekannte Stille umfing mich jetzt, o Bruder, als ich, nachdem
ich den Leuten ihre Posten angewiesen hatte, wieder ins Haus trat! Da
ich die Stimmen meiner Frauen nicht hrte--das war es nicht allein,
sondern da ich diese Stimmen sich zum Torweg hinaus hatte entfernen
hren, da keine Mglichkeit da war, aus irgend welchen Ecken pltzlich
die keifenden Stimmen zu vernehmen, bis sie, gegenseitig sich steigernd,
sich schlielich zu einem mitnigen Zankduett vereinigten oder vielmehr
entzweiten:--das war es, was meinem Hause eine fr mich fast
unbegreifliche und unsagbar wohltuende Ruhe verlieh.

So erschien mir nun mein von weiten Parkanlagen umfriedeter Palast
herrlicher denn je, und ich zitterte bei dem Gedanken, da diese
Herrlichkeit in wenigen Stunden durch verruchte Ruberhnde vernichtet
werden sollte. Weit weniger kmmerte mich die Angst um mein eigenes
Leben, als die bestndige, lebhafte Vorstellung, wie diese
wohlgepflegten Baumgnge verwstet, diese kunstfertig ausgehauenen
Marmorsulen gestrzt werden wrden, und da all dies, dessen
Herrichtung mir so viele berlegung und so langwierige Mhe gekostet,
dessen Vollendung mir so groe Freude gemacht hatte, ein Trmmerhaufen
sein wrde, wenn die Sonne wieder aufging. Denn nur zu gut kannte ich ja
die Spuren Angulimalas.

Indessen war nun fr mich nichts anderes mehr zu tun als zu warten; und
bis zur Mitternacht blieben noch mehrere Stunden.

Nun hatte ich aber stets in einer immerfort rollenden Kette von
Vergngungen und Geschften gelebt, so da ich nie zur Besinnung kam;
und wie ich hier, ohne irgend etwas zu tun zu haben, allein in einem
nach der Sulenhalle und dem Garten sich ffnenden Zimmer, mitten im
totenstillen Palast, dasa, erlebte ich gewissermaen seit meiner
frhesten Jugend die ersten Stunden, die gnzlich mir selbst gehrten.
Da fingen nun auch meine freigelassenen Gedanken an, sich zum erstenmal
auf mich selber zu richten; und mein ganzes Leben zog an mir vorber.
Und indem ich es so gleichsam als ein Fremder betrachtete, konnte ich
keinerlei Gefallen daran finden.

Diese Betrachtungen unterbrach ich ein paarmal, um einen Gang durch
Haus, Hof und Garten zu machen und mich so zu vergewissern, da die
Leute wachten. Als ich zum dritten- oder viertenmal zwischen die Sulen
hinaustrat, bemerkte mein durch so viele Karawanenfahrten gebtes Auge
am Stande der Sternbilder, da es nur noch eine halbe Stunde bis
Mitternacht war. Ich machte eilig die Runde und ermahnte meine Leute zur
uersten Wachsamkeit. Ich selbst fhlte mein Blut in allen Adern
hmmern, und die Kehle wollte sich vor angstvoller Spannung
zusammenschnren. Nach dem Zimmer zurckgekehrt, setzte ich mich nieder
wie zuvor. Aber kein Gedanke wollte sich regen; ich sprte einen starken
Druck vor der Brust, und bald war es mir, als ob ich ersticken mte.

Ich sprang auf und trat, um Luft zu schpfen, zwischen die Sulen
hinaus. Ein weichfchelnder Hauch strich mir pltzlich ber die Wange
und gleich danach ertnte das Geschrei einer Eule; in demselben
Augenblick wehte mir von den Gartenteichen ein starker Duft von
Nachtlotusblten entgegen. Ich hatte den Blick erhoben, um wiederum nach
den Sternen die Zeit zu bemessen: da sah ich quer ber dem tiefblauen
Ausschnitt des Himmels zwischen den schwarzen Baumwipfeln den mild
leuchtenden Streifen der Milchstrae.

"Die himmlische Ganga," murmelte ich unwillkrlich. Da war es auf
einmal, als ob jener Druck vor der Brust sich auflste und in einer
warmen Welle emporstiege, um sich schlielich in einem heien
Trnenstrom durch die Augen zu ergieen.

Wohl hatte ich vorher, als mein Leben an meinem inneren Blicke
vorberzog, auch an Vasitthi und an die Zeit meiner Liebe gedacht--aber
wie an etwas Fernes und Fremdes, das mir fast wie ein trichter Traum
erschien. Jetzt aber _dachte_ ich nicht mehr daran, sondern erlebte es
wieder; ich war auf einmal ich selber von damals und ich selber von
jetzt, und mit wahrem Entsetzen wurde ich den ganzen Unterschied inne.
Damals besa ich nichts auer mir selbst und meiner Liebe; wie wren die
zu trennen gewesen? _Jetzt_--o, was besa ich jetzt nicht alles! Frauen
und Kinder, Elefanten, Rosse und Rinder, Zugochsen, Diener und Sklaven,
reich gefllte Warenhuser, Gold und Juwelen, einen Lustpark und einen
Palast, um die mich meine Mitbrger beneideten--wo aber war ich selber
geblieben? Wie in einer miratenen Frucht war der Kern eingetrocknet,
verschwunden, und Alles war zur Schale geworden!...

Wie erwachend sah ich mich um.

Der weitgedehnte Park, der seine schwarzen Baumkronen gegen den
sternenbesten, von der Milchstrae durchzogenen Nachthimmel erhob, und
die stolze Halle, wo alabasterne Lampen zwischen den Sulen leuchteten:
sie erschienen mir jetzt in einem ganz neuen Licht; feindselig und
drohend umgaben sie mich, wie prchtig schimmernde Vampyre, die schon
fast mein ganzes Herzblut ausgesogen hatten und begierig ghnten, um
sich noch an den letzten Tropfen zu laben und nur den drren Leichnam
eines verfehlten Menschenlebens brig zu lassen.

Ein ferner undeutlicher Lrm--Murmeln oder Tritte, wie mir
schien--schreckte mich auf. Das entblte Schwert in der Hand, sprang
ich ein paar Stufen hinunter, und blieb dann stehen, um zu lauschen. Die
Ruber!--Doch nein! Alles war still, Alles blieb still; weit und breit
rhrte sich nichts. Es war nur einer jener unergrndlichen Laute der
Nachtstille, die mich so oft am Wachtfeuer der Karawane hatten
aufspringen lassen.--Drauen war nichts! Aber was war das in _mir_? Das
war nicht mehr Angst, was mir jetzt das Blut in den Schlfen pochen
lie; und auch der Mut der Verzweiflung war es nicht; nein, das war
frohlockender Jubel:

"Willkommen, ihr Ruber! Nur her, Angulimala! Verwstet, schert ein!
Das sind ja meine Todfeinde, die ihr vernichtet! Was mich erdrcken
wrde, nehmt ihr von mir! Her zu mir! Die Schwerter in mein Blut
getaucht! Das ist ja mein rgster Feind, den ihr durchbohrt, dieser
Leib, der der Wollust ergebene, der Vllerei verfallene! Das ist ja mein
schlimmster Besitz, dies Leben, das ihr mir nehmt.--Willkommen, Ruber,
gute Freunde, alte Kameraden!"

Es konnte ja nicht lange dauern; Mitternacht war vorber. Und wie freute
ich mich jetzt auf den Kampf! Angulimala wrde mich suchen: ich wollte
doch sehen, ob er mir auch diesmal das Schwert aus der Hand schlagen
knnte! O, wie s wrde das sein, zu sterben, nachdem ich ihn
durchbohrt--ihn, der allein die Schuld an meinem ganzen Unglck trug.

"Es kann nicht mehr lange dauern"--wie oft mag ich mir in jenen
Nachtstunden diesen Trost wiederholt haben!

Jetzt--endlich! Nein, es war ein Rauschen der Baumwipfel, das in der
Ferne dahinstarb, um sich wieder zu erheben. Es klang als ob ein groes
zottiges Tier sich schttelte. Immer wieder geschah es, und einmal
ertnte der kurze Schrei irgend eines Vogels.

Waren das nicht Zeichen des herannahenden Tages?

Mir wurde kalt vor Schrecken. War es mglich, da ich enttuscht werden
sollte? Ja, ich zitterte jetzt bei dem Gedanken, da die Ruber
schlielich _nicht_ kmen. Wie greifbar nahe war mir das Ende
erschienen--ein kurzer, aufregender Kampf und dann der Tod, kaum
gesprt. Nichts schien mir nun so trostlos, als die gemeine Aussicht, am
Morgen hier angetroffen zu werden, in der alten Umgebung, selbst wieder
der alte und dem alten Leben verschrieben. Sollte das wirklich
geschehen?--Kmen sie nicht, die Befreier! Es mute sicher die hchste
Zeit sein--ich wagte nicht einmal nachzuforschen. Aber wie war das
mglich? War ich am Ende doch das Opfer einer Sinnestuschung geworden,
als ich in jenem Asketen Angulimala erkannte? Wieder und wieder warf ich
diese Frage auf, jedoch ich konnte das nicht glauben. Dann aber mute er
ja noch kommen--ohne Zweck hatte er sich doch gewi nicht in dieser sehr
geschickten Verkleidung bei mir eingefunden, um sofort wieder zu
verschwinden, als ob ihn die Erde verschlungen htte. Denn ich hatte
Nachforschungen angestellt und wute, da er nirgends sonst um
Almosenspeise vorgesprochen hatte.

Das schlaftrunkene Krhen eines jungen Hahnes im nahen Hofe weckte mich
aus meinem Grbeln. Das Sternbild, das ich suchte, konnte ich kaum mehr
finden; einige seiner Sterne waren schon hinter die Baumwipfel gesunken,
und die Gestirne hatten, mit Ausnahme der am hchsten stehenden, ihr
klares Funkeln eingebt. Es war kein Zweifel: das Tagesgrauen kndigte
sich schon an, und ein Angriff Angulimalas war vllig ausgeschlossen.

Von allem Wunderlichen, was ich in dieser Nacht erlebte, kam aber jetzt
das Wunderlichste.

Diese Erkenntnis war nmlich von keinem Gefhl der Enttuschung
begleitet, noch weniger freilich von einer Erleichterung durch das
Verschwinden aller Gefahr. Sondern ein neuer Gedanke war da und erfllte
mich ganz:

"Was habe ich denn auch diese Ruber ntig?

Ihre Fackeln und Pechkrnze wollte ich, um von der Last dieses
prchtigen Besitztums befreit zu werden. Aber es gibt ja Mnner, die
freiwillig sich ihres Besitzes entuern und als Pilger umherziehen. Wie
ein Vogel, wohin er auch fliegt, nur mit seinen Fittichen versehen
fliegt, ebenso ist auch der Pilger mit dem Gewande zufrieden, das seinen
Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Und ich habe
sie ja preisend sagen hren: 'Ein Gefngnis, ein Schmutzwinkel ist die
Huslichkeit, der freie Himmelsraum ist die Pilgerschaft.'

Und die Schwerter der Ruber rief ich an, um diesen Leib zu tten. Wenn
aber dieser Leib zerfllt, bildet sich ja ein neuer, und aus diesem
Leben geht ein neues als seine Frucht hervor.--Was fr eins wrde wohl
aber aus dem meinigen hervorgehen? Freilich haben wir ja, Vasitthi und
ich, uns bei jener himmlischen Ganga, deren Silberwellen die Lotusteiche
des westlichen Paradieses speisen, feierlich zugeschworen, uns in jenen
seligen Gefilden zu finden--und mit jenem Schwur hat sich; wie sie
sagte, dort im heiligen, kristallklaren See fr jeden von uns eine
Lebensknospe gebildet; durch jeden reinen Gedanken, jede gute Tat msse
sie wachsen, alles Bse und Nichtswrdige aber werde wie ein Wurm an ihr
nagen. Ach, lngst mu ja die meinige zernagt sein! Ich habe ja auf mein
Leben zurck geblickt: nichtswrdig hat es sich gestaltet,
Nichtswrdiges wrde aus ihm hervorgehen. Was htte ich denn durch einen
solchen Tausch gewonnen?

Nun gibt es ja aber Mnner, die schon in diesem Leben jede irdische
Wiedergeburt vernichten und die unerschtterliche Gewiheit ewiger
Seligkeit gewinnen. Und das sind eben dieselben Mnner, die, Alles
hinter sich lassend, frei umherpilgern.

Was sollen mir also die Brandfackeln der Ruber, was ihre Schwerter?"

Und ich, der ich zuerst vor den Rubern angstvoll gezittert und nachher
mich ungeduldig nach ihnen gesehnt und meine Hoffnung auf sie gesetzt
hatte--ich frchtete mich weder vor ihnen, noch erhoffte ich von ihnen
irgend etwas; von Furcht und Hoffnung frei, empfand ich eine groe Ruhe.
In dieser Ruhe kostete ich aber einen Vorgeschmack der Wonne, die
denjenigen zu eigen ist, die das Ziel der Pilgerschaft erreicht haben;
denn wie ich den Rubern gegenberstand, so mgen sie wohl allen Mchten
der Welt gegenberstehen: weder frchten sie solche, noch hoffen sie
etwas von ihnen, sondern verharren in Frieden.

Und ich, der ich noch vor vierundzwanzig Stunden mich scheute, eine
kurze Reise anzutreten wegen der Strapazen und der kargen Kost des
Karawanenlebens, ich beschlo jetzt, ohne Zagen und Wanken, bis an das
Ende meiner Tage obdachlos zu Fu zu wandern, mein Leben fristend "so
wie es eben kommt".

Ohne auch nur noch einmal in das Haus zurckzukehren, ging ich
geradenwegs nach einer zwischen Garten und Hof gelegenen Scheune, wo
allerlei Gerte aufbewahrt wurden. Dort nahm ich den Stock eines
Ochsentreibers und schnitt die Spitze ab, um ihn als Wanderstab zu
benutzen, und eine Krbisflasche, wie die Grtner und Feldarbeiter sie
bei sich tragen, hngte ich um.

Am Brunnen im Hofe fllte ich die Flasche.

Da trat der Hausmeier an mich heran.

"Angulimala und seine Ruber kommen wohl jetzt nicht mehr, o Herr?"

"Nein, Kolita, sie kommen nicht mehr."

"Aber wie, o Herr? Gehst du schon aus?"

"So ist es, Kolita, ich gehe aus, und eben davon wollte ich mit dir
sprechen. Denn ich gehe jetzt den Weg, den sie den Weg der hchsten
Zugvgel nennen. Von diesem Weg, Kolita, gibt es aber fr einen, der auf
ihm ausharrt, keine Rckkehr. Keine Rckkehr nach dem Tode in diese
Welt, wieviel weniger whrend des Lebens nach diesem Hause. Dies Haus
aber gebe ich in deine Obhut, denn du hast dich treu bewhrt bis in den
Tod. Verwalte Haus und Vermgen, bis mein Sohn das Mannesalter erreicht.
Gre meinen Vater und meine Frauen, und gehab dich wohl!"

Nachdem ich also gesprochen, und meine Hand, die der gute Kolita mit
Kssen und Trnen bedeckte, frei gemacht hatte, schritt ich dem Tore zu.
Und beim Anblick des Pfostens, an dem die Gestalt des Asketen gelehnt
hatte, dachte ich: wenn ihre hnlichkeit mit Angulimala nur eine
Erscheinung war, so habe ich nun diese Erscheinung richtig gedeutet.

Schnell, ohne mich umzusehen, durchschritt ich den Vorort mit seinen
Grten; und vor mir erstreckte sich, wie in die Unendlichkeit
fortlaufend, im ersten Schimmer des Tagesgrauens, die de Landstrae.

So bin ich, Ehrwrdiger, in die Heimatlosigkeit gegangen.




XVIII. IN DER HALLE DES HAFNERS


Als der Pilger Kamanita mit diesen Worten seine Erzhlung zu Ende
gefhrt hatte, schwieg er und sah sinnend in die Landschaft hinaus.

Und auch der Erhabene schwieg und sah sinnend in die Landschaft hinaus.
Groe Bume waren da sichtbar, nhere und fernere, einige sich in
schattige Massen sammelnd, andere sich duftig in wolkenartige Gebilde
auflsend, um nebelhaft in der Ferne zu zerflieen.

Der Mond stand jetzt ber dem Dachvorsprung, und sein Licht drang in den
vorderen Teil der Halle, wo es wie drei auf die Bleiche gebreitete weie
Tcher auf dem Boden lag, whrend die linken Seiten der Pfeiler
glnzten, als ob sie mit Silber beschlagen wren.

In der tiefen Stille der Nacht hrte man, wie eine Bffelkuh irgendwo in
der Nhe mit regelmigen kurzen Rucken das Gras abrupfte.

Und der Erhabene berlegte bei sich:

"Sollte ich wohl jetzt diesem Pilger sagen, was ich alles von Vasitthi
wei? Wie treu sie ihm war, wie sie ohne eigene Schuld, durch schnden
Betrug, dahin gebracht wurde, Satagira zu heiraten? Wie es _ihr_ Werk
war, da Angulimala in Ujjeni erschien, und da dadurch auch er,
Kamanita, selber sich auf diesem Pilgerwege befindet, anstatt in
schmutzigem Wohlleben zu verkmmern. Sollte ich ihm offenbaren, auf
welchem Wege sich jetzt Vasitthi befindet?"

Und er entschied sich dahin, da die Zeit dafr noch nicht gekommen sei,
und da ein solches Wissen dem Streben des Pilgers nicht frderlich sein
knne.

Da sprach der Erhabene:

"Von Liebem getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist
Leiden. Wurde dies gesagt, so wurde es darum gesagt."

"O wie wahr!" rief Kamanita mit bewegter Stimme--"wie beraus tief und
wahr! Wer hat denn, o Fremder, diesen trefflichen Ausspruch getan?"

"La es gut sein, Pilger. Gleichviel, wer ihn getan hat, wenn du nur
seine Wahrheit fhlst und erkennst."

"Wie sollte ich nicht! Enthlt er doch in wenigen Worten den ganzen
Jammer meines Lebens. Htte ich mir nicht schon einen Meister erwhlt,
ich wrde keinen anderen als den Trefflichen, von dem diese Worte
stammen, aufsuchen."

"So hast du also, o Pilger, einen Meister, zu dessen Lehre du dich
bekennst, in dessen Namen du ausgezogen bist?"

"Zwar bin ich nicht, Ehrwrdiger, in irgend jemandes Namen ausgezogen,
vielmehr dachte ich damals allein das Ziel zu erringen. Und wenn ich
tagsber in der Nhe eines Dorfes, am Fue eines Baumes oder im tiefen
Walde rastete, dann lag ich inbrnstig dem tiefsten Denken ob. Und ich
hing, o Ehrwrdiger, Gedanken wie den folgenden nach: 'Was ist die
Seele? Was ist die Welt? Ist die Welt ewig? Ist die Seele ewig? Ist die
Welt zeitlich? Ist die Seele zeitlich? Ist die Welt ewig und die Seele
zeitlich? Ist die Seele ewig und die Welt zeitlich?' Oder: 'Warum hat
der hchste Brahma diese Welt aus sich hervorgehen lassen? Und wenn der
hchste Brahma vollkommen und reine Wonne ist, wie kommt es dann, da
die von ihm erschaffene Welt unvollkommen und mit Leiden behaftet ist?'

Und indem ich, Ehrwrdiger, solchen Gedanken nachhing, kam ich zu keiner
befriedigenden Lsung. Es erhoben sich vielmehr immer neue Zweifel, und
dem Ziel, um dessen willen edle Shne fr immer das Haus verlassen und
in die Heimatlosigkeit gehen, schien ich mich um keinen Schritt genhert
zu haben."

"Ebenso, o Pilger, wie wenn Einer dem Horizonte nachliefe: 'O, da ich
doch heute oder morgen den Horizont erreichen knnte!'--ebenso entflieht
das Ziel demjenigen, der solchen Fragen nachgeht"

Kamanita nickte nachdenklich und fuhr dann fort:

"Da geschah es eines Tages, als die Schatten der Bume schon lnger zu
werden begannen, da ich in der Lichtung eines Waldes auf eine Klause
stie. Und ich sah da junge, wei gekleidete Mnner, von denen einige
die Khe molken, whrend andere Holz spalteten und wieder andere die
Eimer an der Quelle splten. Auf einer Matte vor der Halle sa ein alter
Brahmane, bei dem diese jungen Leute offenbar die Lieder und Sprche
lernten. Er begrte mich freundlich, und obwohl es, wie er sagte, nur
eine knappe Stunde bis zum nchsten Dorfe sei, bat er mich, ihr Mahl zu
teilen und bei ihnen zu bernachten. Das tat ich denn auch dankbar
genug, und bevor ich mich zum Schlafen hinlegte, hatte ich manche gute
und beherzigenswerte Rede gehrt. Als ich nun am folgenden Tage
weitergehen wollte, fragte mich der Brahmane: 'Wer ist dein Meister, o
Pilger, und in wessen Namen bist du ausgezogen?' Und ich antwortete, wie
ich dir geantwortet habe.

Da sagte denn der Brahmane: 'Wie wirst du, o Pilger, jenes hohe Ziel
erreichen, wenn du allein wanderst wie das Nashorn, anstatt wie der
weise Elefant in einer Herde, von einem erfahrenen Fhrer geleitet?'

Dabei blickte er beim Worte 'Herde' wohlwollend auf die umherstehenden
jungen Leute, beim Worte 'Fhrer' schien er selbstgefllig in sich
hineinzulcheln.

'Denn,' fuhr er dann fort, 'gar zu hoch ist ja dies fr eigenes, tiefes
Denken, und ohne einen Lehrer gibt es hier gar keinen Zugang.
Andererseits aber sagt auch der Veda in der Belehrung vetaketus:
"Gleichwie, o Teurer, ein Mann, den sie aus dem Lande der Gandharer mit
verbundenen Augen hergefhrt und dann in die Einde losgelassen haben,
nach Osten oder nach Norden, oder nach Sden verschlagen wird, weil er
mit verbundenen Augen hergefhrt und mit verbundenen Augen losgelassen
worden war; aber nachdem ihm jemand die Binde abgenommen und zu ihm
gesprochen: 'Dort hinaus wohnen die Gandharer, dort hinaus gehe,' von
Dorf zu Dorf sich weiterfragend, belehrt und verstndig zu den
Gandharern heimgelangt: also auch ist ein Mann, der hienieden einen
Lehrer gefunden hat, sich bewut: diesem Welttreiben werde ich nur so
lange angehren, bis ich erlst sein werde, und dann werde ich
heimgehen.'"

Nun merkte ich wohl, da dieser Brahmane darauf ausging, mich zum
Schler zu gewinnen. Aber eben diese Begehrlichkeit erweckte bei mir
kein Zutrauen. Gar wohl aber gefiel mir jenes Vedawort, das ich im
Weitergehen mir immer wiederholte, um es zu behalten. Dabei fiel mir ein
Spruch ein, den ich einmal ber einen Meister gehrt hatte: 'Den
Vollendeten verlangt es nicht nach Jngern, aber die Jnger verlangt es
nach dem Vollendeten.' Wie mu der, dachte ich mir, ein ganz anderer
Mann sein als dieser Waldbrahmane! Und es verlangte mich, Ehrwrdiger,
nach jenem nicht verlangenden Meister."

"Wer war wohl aber der Meister, den du also hattest preisen hren, und
wie nennt er sich?"

"Es ist, o Bruder, der Asket Gautama, der Sakyersohn, der dem Erbe der
Sakyer entsagt hat. Diesen Meister Gautama aber begrt man allenthalben
mit dem frohen Ruhmesruf: 'Das ist der Erhabene, der Heilige, der
Wissens- und Wandelsbewhrte, der Meister der Gtter und Menschen, der
vollkommen Erwachte, der Buddha.' Um des Erhabenen willen pilgere ich
nun; zu seiner Lehre will ich mich bekennen."

"Wo aber, Pilger, weilt er jetzt, der Erhabene, vollkommen Erwachte?"

"Es liegt, o Bruder, oben im nrdlichen Reiche Kosala, eine Stadt, die
Savatthi heit. Und vor der Stadt ist der Waldpark Jetavana, mit
mchtigen, tiefen Schatten spendenden Bumen, worunter Menschen
lrmentrckt sitzen und denken knnen, mit klaren, Khlung aushauchenden
Teichen, mit smaragdenen Matten, mit zahllosen Blumen in mannigfaltigen
Farben. Diesen Hain aber hat der reiche Kaufmann Anathapindika schon vor
Jahren vom Prinzen Jeta um so viel Gold erstanden, da damit der ganze
Boden bedeckt werden knnte, und hat ihn dann dem Buddha bergeben. Dort
also in Jetavana, dem lieblichen, Weisenscharen-durchwandelten, hat er,
der Erhabene, der vollkommen Erwachte, gegenwrtig seinen Aufenthalt.
Und im Verlaufe von etwa vier Wochen hoffe ich, wenn ich rstig
ausschreite, den Abstand von hier nach Savatthi bewltigt zu haben und
zu seinen, des Erhabenen, Fen zu sitzen."

"Hast du aber, Pilger, ihn, den Erhabenen, schon einmal gesehen, und
wrdest du ihn, wenn du ihn shest, erkennen?"

"Nein, Bruder, ich habe ihn, den Erhabenen, noch nicht gesehen, und she
ich ihn, so wrde ich ihn nicht erkennen."

Da dachte denn der Erhabene bei sich: "Um meinetwillen pilgert dieser
Pilger, zu meinem Namen bekennt er sich; wie, wenn ich ihm nun die Lehre
darlegte?" Und der Erhabene wandte sich an Kamanita und sprach:

"Der Mond hat sich erst gerade ber den Dachvorsprung erhoben, wir sind
noch nicht tief in der Nacht, und langer Schlaf ist dem Geiste nicht
gut. Wohlan, wenn es dir recht ist, will ich als Gegengeschenk fr deine
Erzhlung dir die Lehre des Buddha darlegen."

"Es ist mir recht, Bruder, und ich bitte dich, es zu tun."

"So hre, Pilger, und achte wohl auf meine Rede."




XIX. DER MEISTER


Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen
Erwachte hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der
Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und
kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt.
Sie ist die Enthllung, die Offenbarung der vier heiligen Wahrheiten.
Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen Wahrheit
von der Leidensentstehung, der heiligen Wahrheit von der
Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung
fhrenden Pfad.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt ist
Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden;
Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden; von Liebem
getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; das,
was man begehrt, nicht erlangen, ist Leiden; kurz, die verschiedenen
Formen des Anhangens sind Leiden. Das heit man, Bruder, die heilige
Wahrheit vom Leiden.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung? Es
ist dieser Durst, der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt fhrende, von
Lust und Leidenschaft begleitete, bald da, bald dort sich ergtzende,
ist der Lstedurst, der Werdedurst, der Vergnglichkeitsdurst. Das nennt
man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung?
Es ist eben dieses Durstes vollkommene, restlose Vernichtung, das
Verlassen, das Sichlosmachen, die Befreiung, die Erlsung von ihm. Das
nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur
Leidensvernichtung fhrenden Wege? Dieser heilige, achtfltige Pfad ist
es, der da besteht in rechtem Erkennen, rechtem Entschlieen, rechter
Rede, rechtem Handeln, rechtem Wandeln, rechtem Streben, rechtem
Gedenken, rechtem Sichversenken. Das nennt man, Bruder, die heilige
Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung fhrenden Wege."

Nachdem nun der Meister auf solche Weise die vier Ecksteine errichtet
hatte, ging er daran, das ganze Lehrgebude aufzufhren, zu einem
wohnlichen Heim fr die Gedanken und Gesinnungen seines Schlers; er
erluterte jeden einzelnen Satz, wie man jeden einzelnen Stein behaut
und glttet, und so wie man Stein auf Stein legt, fgte er Satz zu Satz,
berall sorgfltig grundlegend und Alles genau aneinander passend. Der
Sule des Leidensgedankens zur Seite stellte er die Sule des
Vergnglichkeitsgedankens; beide verbindend und von beiden getragen,
schlo sich aber als Geblk der schwerwiegende Gedanke von der
Wesenlosigkeit aller Erscheinungen an. Durch solch mchtiges Portal
stieg er, seinen Schler behutsam fhrend, Schritt fr Schritt die
wohlgefgte Stufenleiter des Grundfolgegesetzes mehrmals auf und ab,
berall befestigend und vervollkommnend.

Und wie ein geschickter Baumeister beim Errichten eines Prachtgebudes
an passenden Stellen Bildwerke einfgt, und zwar so, da sie nicht nur
als Schmuck, sondern auch als tragende oder sttzende Teile dienen, also
brachte der Erhabene auch manchmal ein geflliges und sinniges Gleichnis
an, da ja durch ein Gleichnis oft der dunkle Sinn einer tiefgedachten
Rede klar wird.

Schlielich aber fate er das Ganze zusammen, indem er ihm gleichsam die
deckende, weithin leuchtende Kuppel aufsetzte, und sprach:

"Durch Haften, o Pilger, kommst du zum Entstehen; durch Nichthaften
kommst du nicht zum Entstehen.

Ein Mnch aber, der nirgend anhnglich haftet, dem geht in der
ungetrbten Heiterkeit seines Gleichmutes dieses Schauen auf:
Unerschtterlich ist meine Erlsung, dies ist die letzte Geburt, nicht
gibt es ferner ein neues Sein.

So ist nun ein dahin gelangter Mnch mit dieser hchsten Weisheit
belehnt. Das ist ja, Pilger, die hchste, heilige Weisheit: alles Leiden
versiegt zu wissen. Wer ihrer teilhaftig geworden, der hat eine Freiheit
gefunden, die wahrhaft, unantastbar besteht. Denn das, Pilger, ist ja
falsch, was eitel und vergnglich ist: und das ist wahr, was echt und
unvergnglich' ist: die Wahnerlschung.

Und er, der von Hause aus der Geburt, dem Altern und dem Tode
unterworfen war, er hat nun, das Unheil dieses Naturgesetzes merkend,
sich die geburtlose, alterslose, todlose Sicherheit errungen; er, der
der Krankheit, dem Schmutze, der Snde unterworfen war, hat die
unvergngliche, reine, heilige Sicherheit erreicht:

Im Erlsten ist die Erlsung, versiegt ist das Leben, gewirkt das Werk,
nicht mehr ist fr mich diese Welt da.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Endiger' genannt, denn er hat dem Leiden
ein Ende gemacht.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Auslscher' genannt, denn den Wahn von
'Ich' und 'Mein' hat er ausgelscht.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Ausroder' genannt, denn den Lebenstrieb hat
er mit der Wurzel ausgerodet, so da kein Leben mehr keimen kann.

Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Gtter;
nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und
Gtter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles ersphende, sieht ihn
nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der
bsen.

Den Strom des Werdens durchkreuzend, hat er die Insel erreicht, die
einzige, das Jenseits von Alter und Tod--das Nirvana."




XX. DAS UNVERNNFTIGE KIND


Nachdem der Erhabene seine Belehrung also beschlossen hatte, blieb der
Pilger Kamanita lange Zeit stumm und regungslos sitzen, in
widerstreitenden und zweifelnden Gedanken befangen. Endlich sagte er:
"Du hast mir da, Ehrwrdiger, gar vieles davon gesagt, wie der Mnch dem
Leiden schon bei Lebzeiten ein Ende macht, aber nichts davon, was aus
ihm wird, wenn dann sein Leib im Tode zerfllt und zu den Elementen
zurckkehrt, ausgenommen, da von da ab weder Menschen noch Gtter, noch
die Natur selber ihn sehen. Aber von einem ewigen Leben, von hchster
Wonne und himmlischer Seligkeit"-davon habe ich nichts vernommen. Hat
denn der Erhabene darber nichts offenbart?

"So ist es, Bruder, so ist es. Der Erhabene hat darber nichts
offenbart."

"Dann heit das so viel, als da der Erhabene von dieser wichtigsten
Frage nicht mehr wei als ich selber," versetzte Kamanita unmutig.

"Meinst du? So hre denn, Pilger. In jenem Sinsapawalde bei Kosambi, wo
du und deine Vasitthi euch ewige Treue und Wiedersehen im Paradiese des
Westens zugeschworen habt, weilte auch zu einer Zeit der Erhabene. Und
der Erhabene trat aus dem Walde, ein Bndel Sinsapabltter in der Hand,
und sprach zu den Jngern: 'Was meint ihr, ihr Jnger, ist mehr, diese
Sinsapabltter, die ich in die Hand genommen habe, oder die anderen
Bltter droben im Sinsapawalde?' Und ohne sich lange zu besinnen,
antworteten sie: 'Die Bltter, Herr, die der Erhabene in die Hand
genommen hat, sind wenige, und viel mehr sind jene Bltter droben im
Sinsapawalde.' 'Ebenso auch, ihr Jnger,' sprach der Erhabene, 'ist das
viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkndet, als das, was ich
euch verkndet habe. Und warum, ihr Jnger, habe ich euch jenes nicht
verkndet? Weil es nicht heilsam, nicht urasketentmlich ist, nicht zur
Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflsung, nicht zum Erwachen,
nicht zum Nirvana fhrt."

"Wenn der Erhabene im Sinsapawalde vor Kosambi also gesprochen hat,"
antwortete Kamanita, "dann drfte die Sache noch schlimmer stehen. Denn
er hat dann ber diesen Punkt geschwiegen, um die Jnger nicht zu
entmutigen, oder gar abzuschrecken, indem er ihnen die letzte Wahrheit
enthllte: nmlich die Vernichtung. Diese scheint mir denn auch als
notwendige Folge aus dem hervorzugehen, was du mir auseinandergesetzt
hast. Denn nachdem alle Gegenstnde der fnf Sinne und des Denkens als
vergnglich, wesenlos und leidvoll abgewiesen und verneint sind, bleiben
eben keine Bestimmungen brig, mittelst welcher irgend etwas zu fassen
wre. Und so verstehe ich denn, Ehrwrdiger, die mir von dir dargelegte
Lehre dahin, da ein Mnch, der alle Unreinheit von sich abgetan hat,
wenn sein Leib zerbricht, der Vernichtung anheimfllt, da er vergeht,
da er nicht mehr ist jenseits des Todes."

"Sagtest du mir nicht, Pilger," fragte dann der Buddha, "da du binnen
eines Monats zu Fen des Erhabenen im Waldparke Jetavana bei Savatthi
sitzen wrdest?"

"Das hoff ich sicher zu tun, Ehrwrdiger; warum fragst du mich?"

"Wenn du nun also zu Fen des Erhabenen sitzest, was meinst du dann,
Freund--die Krperform, die du dann siehst, die du mit den Hnden
berhren kannst--ist die der Vollendete, siehst du es also an?"

"Das tue ich nicht, Ehrwrdiger."

"Wenn nun aber der Erhabene mit dir spricht,--das Bewutsein, das dann
zum Vorschein kommt, mit seinen Empfindungen, Wahrnehmungen und
Vorstellungen--ist denn das der Vollendete? Siehst du es also an?"

"Das tue ich nicht, Ehrwrdiger." "So sind wohl, Freund, der Krper und
das Bewutsein zusammengenommen der Vollendete?"

"Auch so sehe ich es nicht an, Ehrwrdiger."

"Ist denn der Vollendete geschieden von dem Krper? oder vom Bewutsein?
oder von beiden? Siehst du es so an, Freund?"

"Er ist insofern von ihnen geschieden, als sein Wesen durch diese
Bestimmungen noch nicht erschpft ist."

"Welche Bestimmungen hast du denn nun, Freund, auer denen der
Krperlichkeit mit allen ihren sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften und
dem Bewutsein mit seinem ganzen Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen
und Vorstellungen--welche Bestimmungen hast du noch auerdem, mittelst
welcher du das noch nicht Erschpfte im Wesen des Vollendeten erschpfen
kannst?"

"Solcher anderer Bestimmungen, Ehrwrdiger, habe ich freilich keine."

"So ist also, Freund Kamanita, schon hier in der Sinnenwelt der
Vollendete nicht in Wahrheit und Wesenhaftigkeit fr dich zu erfassen.
Hast du da also ein Recht, zu sagen, da der Vollendete--oder der Mnch,
der alle Unreinheit von sich abgetan hat--wenn sein Leben zerbricht, der
Vernichtung anheimfllt, da er nicht ist jenseits des Todes; lediglich,
weil du kein Mittel besitzest, um ihn dort in Wahrheit und
Wesenhaftigkeit zu erfassen?"

Solchermaen befragt, sa der Pilger Kamanita eine Weile, gebeugten
Rumpfes, gesenkten Kopfes, schweigend da.

"Wenn ich auch kein Recht habe, das zu behaupten," sagte er schlielich,
"so scheint es mir doch deutlich genug eben aus jenem Schweigen des
Vollendeten hervorzugehen. Denn gewi htte er nicht geschwiegen, wenn
er etwas Erfreuliches mitzuteilen gehabt htte, was ja der Fall wre,
wenn er wte, da den Mnch, der dem Leiden ein Ende gemacht hat, nach
dem Tode keineswegs Vernichtung, sondern ewiges, seliges Leben erwartet.
Denn eine solche Mitteilung knnte ja die Jnger nur anspornen und ihnen
in ihrem rechten Streben frderlich sein."

"Whnst du, Freund? Wie nun aber, wenn der Vollendete als letztes Ziel
nicht die Vernichtung des Leidens hingestellt htte--ebenso wie er mit
dem Leiden selbst anfing--sondern noch darber hinaus ein ewiges,
seliges Leben jenseits des Todes gepriesen htte? Und gar viele von den
Jngern htten an dieser Vorstellung Gefallen gefunden, hingen ihr
anhnglich an, ersehnten ihre Erfllung mit heier Sucht, die alle
Heiterkeit der Gedenkenruhe trbte: htten sie sich dann nicht wieder
unversehens in das gewaltige Fangnetz der Lebenslust verstrickt? Und
indem sie sich an ein Jenseits hielten, hierfr aber notwendigerweise
alle Farben vom Diesseits nhmen, wrden sie da nicht, je mehr sie dem
Jenseits nachjagten, eben am Diesseits festkleben? Gleichwie etwa ein
Kettenhund, der an einen festen Pfahl gebunden ist und loszukommen
versucht, sich um diesen Pfahl im Kreise dreht:--ebenso wrden jene
lieben Jnger aus Abscheu vor dem diesseitigen Leben sich gerade um das
diesseitige Leben im Kreise drehen."

"Wenn ich auch diese Gefahr zugeben mu," gab Kamanita zur Antwort, "so
halte ich doch das andere bel, die durch das Schweigen hervorgerufene
Unsicherheit, fr viel gefhrlicher, weil es von vornherein den Eifer
lhmt. Denn wie kann wohl der Jnger entschlossen und mutig mit allen
Krften streben, dem Leiden ein Ende zu machen, wenn er nicht wei, was
darauf folgt--ob ewige Seligkeit oder Nichtsein?"

"Was meinst du, Freund, wenn da ein Haus wre, das vom Feuer ergriffen
wrde, und der Diener liefe, den Herrn zu wecken: 'Steh auf, Herr!
Flieh! Das Haus brennt! Schon flammen die Balken, und das Dach will
einstrzen'--wrde wohl dann der Herr erwidern: 'Geh, mein Lieber, und
sieh nach, ob es drauen regnet und strmt, oder ob es eine liebliche
Mondnacht ist; und ist letzteres der Fall, dann wollen wir uns ins Freie
begeben."'

"Wie knnte wohl, Ehrwrdiger, der Herr also antworten? Denn der Diener
hat ihm ja angstvoll zugerufen: 'Flieh, Herr! Das Haus brennt! Schon
flammen die Balken, und das Dach will einstrzen'."

"Freilich hat der Diener ihm das zugerufen. Wenn nun aber dennoch der
Herr antwortete: 'Geh, mein Lieber, und sieh nach, ob es drauen regnet
und strmt, oder ob es eine liebliche Mondnacht ist; und ist letzteres
der Fall, dann wollen wir uns ins Freie begeben'--wrdest du dann nicht
daraus schlieen, da der Herr gar nicht richtig gehrt hat, was ihm der
getreue Diener zurief? da es ihm keineswegs klar geworden ist, welche
tdliche Gefahr ber seinem Kopfe schwebt?"

"Freilich mte ich ja diese Schlufolgerung ziehen, Ehrwrdiger, da es
anderenfalls undenkbar wre, da der Mann eine solche trichte Antwort
geben knnte."

"Ebenso nun auch, Pilger--wandere, als ob dein Haupt von Flammen umgeben
wre! denn das Haus brennt. Und welches Haus? Die Welt! Durch welches
Feuer entflammt? Durch der Begierde Feuer, durch des Hasses Feuer, durch
der Verblendung Feuer. Die ganze Welt wird von Flammen verzehrt, die
ganze Welt ist von Rauch umwlkt, die ganze Welt erbebt."

Solchermaen angerufen, zitterte der Pilger Kamanita, wie ein junger
Bffel zittert, wenn er zum erstenmal aus dem Dickicht den Ruf des Lwen
vernimmt. Gebeugten Rumpfes, gesenkten Kopfes, das Gesicht von
brennender Rte bergossen, sa er eine Weile schweigend da. Dann sagte
er mit mrrischer, obwohl etwas bebender Stimme:

"Das will mir aber dennoch nicht gefallen, da der Erhabene darber
nichts offenbart hat, wenn er etwas Verheiungsvolles darber htte
mitteilen knnen. Und auch wenn er geschwiegen hat, weil das, was er
wute, eben trostlos und abschreckend ist, oder weil er berhaupt nichts
wute: so will mir das auch nicht gefallen. Denn des Menschen Sinnen und
Trachten geht auf Glckseligkeit und Wonne, was auch in der Natur
begrndet ist und nicht anders sein kann. Und so habe ich ja auch die
Brahmanischen Priester verknden hren:

'Gesetzt, es sei ein Jungling, ein wackerer Jngling, ein
lernbegieriger, der schnellste, krftigste, strkste, und ihm gehrte
die ganze Erde mit all ihrem Reichtum: so ist das eine menschliche
Wonne. Aber hundert menschliche Wonnen sind _eine_ Wonne der himmlischen
Genien. Und hundert Wonnen der himmlischen Genien sind _eine_ Wonne der
Gtter. Und hundert Wonnen der Gtter sind _eine_ Wonne des Indra. Und
hundert Wonnen des Indra sind _eine_ Wonne des Prajapati, und hundert
Wonnen des Prajapati sind _eine_ Wonne des Brahman. Dies ist die hchste
Wonne, dies ist der Weg zur hchsten Wonne!'"

"Gleichwie, o Pilger, wenn da ein unerfahrenes Kind wre, der
vernnftigen Erwgung unfhig. Dieses Kind empfnde in einem Zahne
brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz; und es liefe zu einem
kundigen, bewhrten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle,
Ehrwrdigster, durch deine Kunst schaffen, da ich in diesem Zahn
anstatt des Schmerzes ein wonniges Hochgefhl empfinde.' Und der Arzt
antwortete: 'Liebes Kind, meine Kunst befat sich nur damit, den Schmerz
zu beseitigen.'--Aber das unvernnftige Kind finge an zu klagen: 'Habe
ich doch, ach! in diesem Zahne nun so lange brennenden, stechenden,
bohrenden Schmerz empfunden; wie billig ist es da, da ich jetzt statt
dessen ein wonniges Gefhl, se Lust darin gensse. Auch gibt es ja,
habe ich gehrt, kundige, bewhrte rzte, deren Kunst so weit reicht,
und ich glaubte, da du ein solcher wrest!' Und dies unvernnftige Kind
liefe nun zu einem Heilzauberer, einem Wunderarzt aus dem Lande der
Gandarer, einem Marktschreier, der durch einen ffentlichen Ausrufer zum
Schall von Trommeln und Muschelhrnern auf den Straen verknden liee:
'Gesundheit ist das hchste Gut, Gesundheit ist des Menschen Ziel.
Blhende, ppige Gesundheit, wohliges, wonniges Hochgefhl in allen
Gliedern, in allen Adern und Fasern des Krpers, wie es die seligen
Gtter genieen, kann auch der Krnkste um eine geringe Opfergabe durch
meine Hilfe erlangen.' Zu diesem Wunderarzt liefe das Kind und klagte
ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwrdigster, durch deine Kunst schaffen, da
ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wohliges, wonniges
Hochgefhl geniee.' Und der Zauberer antwortete: 'Liebes Kind, gerade
darin besteht meine Kunst.' Und nachdem er das ihm vom Kinde
dargereichte Geld eingestrichen, berhrte er den Zahn mit seinem Finger
und brchte eine magische Wirkung hervor, wodurch ein wonniges
Lustgefhl sofort den Schmerz verdrngte. Und das unvernnftige Kind
liefe erfreut und hochbeglckt nach Hause.--Nach einer kurzen Weile aber
liee das Lustgefhl nach, und der Schmerz stellte sich wieder ein. Und
warum? _Weil ja die Ursache des bels nicht beseitigt war_.

Aber, o Pilger, ein verstndiger Mann empfnde in einem Zahn brennenden,
stechenden, bohrenden Schmerz. Und er ginge zu dem kundigen, bewhrten
Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwrdigster, durch deine Kunst
mich von diesem Schmerz befreien.' Und der Arzt antwortete: 'Wenn du,
mein Lieber, nichts weiter von mir verlangst, so viel vertraue ich
meiner Kunst.' 'Was knnte ich wohl weiter verlangen?' fragte der
verstndige Mann. Und der Arzt untersuchte den Zahn und fnde die
Ursache des Schmerzes in einer Entzndung an der Zahnwurzel. 'Geh nach
Hause, mein Lieber, und lasse dir an dieser Stelle einen Blutegel
setzen. Wenn er sich vollgesogen hat und abfllt, dann lege diese
Kruter auf die Wunde. Dann wird der Eiter und das ungesunde Blut
entfernt sein, und der Schmerz wird aufhren.' Und der verstndige Mann
ginge nach Hause und tte, wie der Arzt ihm gesagt. Und der Schmerz
verginge und kehrte nicht wieder. Und warum nicht? _Weil ja die Ursache
des bels beseitigt war_."

Als nun der Erhabene nach Beendigung dieses Gleichnisses schwieg, sa
der Pilger Kamanita verstummt und verstrt, gebeugten Rumpfes, gesenkten
Hauptes, das Antlitz von brennender Rte bergossen, wortlos da, und der
Angstschwei trpfelte ihm von der Stirn herab und rieselte ihm aus den
Achselhhlen herunter. Fhlte er sich doch von diesem Ehrwrdigen mit
einem unvernnftigen Kinde verglichen und ihm gleichgestellt. Und da er
trotz aller Anstrengung keine Antwort zu finden vermochte, war er dem
Weinen nahe.

Endlich, als er seine Stimme beherrschen konnte, fragte er kleinlaut:

"Hast du, Ehrwrdiger, dies alles aus dem Munde des Erhabenen, des
vollendeten Buddha selber?"

Selten geschieht es, da Vollendete lcheln. Bei dieser Frage jedoch
umspielte ein Lcheln die Lippen des Erhabenen.

"Das freilich nicht, Bruder."

Als der Pilger Kamanita dies vernahm, richtete er freudig seinen Krper
empor, blickte leuchtenden Auges auf und sprach mit frisch belebter
Stimme:

"Dachte ich's doch! O, ich wute ja, da dies nicht die ureigene Lehre
des Vollendeten sein knne, sondern nur deine eigene miverstndlich
ergrbelte Auslegung derselben. Heit es ja doch, da die Lehre des
Buddha im Anfange beseligend, in der Mitte beseligend und am Ende
beseligend sei. Wie aber knnte jemand das von einer Lehre sagen, die
mir nicht ein ewiges, seliges Leben in hchster Wonne verheit? Nun, in
wenigen Wochen werde ich ja zu Fen des Vollendeten sitzen und von
seinen eigenen Lippen die Heilslehre empfangen, wie ein Kind aus der
Mutterbrust seine se Nahrung saugt. Und auch du wirst da sein und
richtig belehrt von deiner irrigen, verderblichen Auffassung
zurckkommen. Aber sieh, jene Streifen des Mondlichtes haben sich fast
bis zur Schwelle der Halle zurckgezogen; wir mssen tief in der Nacht
sein. Wohlan, wir wollen uns jetzt schlafen legen."

"Wie es dir, Bruder, belieben mag," antwortete der Erhabene freundlich.

Und sich fester in seinen Mantel hllend, legte der Erhabene sich auf
der Matte in der Stellung des Lwen hin, auf den rechten Arm gesttzt,
den linken Fu auf dem rechten ruhen lassend.

Und der Stunde des Erwachens gedenkend, schlief er sofort ein.




XXI. MITTEN IM LAUFE


Als der Erhabene beim ersten Morgengrauen erwachte, sah er, wie der
Pilger Kamanita emsig seine Matte zusammenrollte, seine Krbisflasche
umhngte und sich nach dem Stabe umsah, den er nicht gleich in der Ecke
bemerkte, weil er umgefallen war. Dabei hatte er in allen seinen
Bewegungen das Geprge eines Menschen, der es sehr eilig hat.

Der Erhabene setzte sich auf und grte ihn freundlich.

"Willst du schon aufbrechen, Bruder?"

"Freilich, freilich," rief Kamanita erregt. "Denke dir, es ist wirklich
kaum zu glauben--rein zum Lachen, und doch so wunderbar--ein wahres
Glck! Vor wenigen Minuten erwachte ich und fhlte mich, nach dem vielen
Reden von gestern, recht trocken im Halse. Ich sprang sofort auf und
lief zum Brunnen--unter den Tamarinden, quer ber den Weg. Dort stand
schon ein Mdchen und schpfte Wasser. Und was meinst du wohl, was ich
von ihr hre?--Der Vollendete ist gar nicht in Savatthi! Und wo ist er
denn, glaubst du? Gestern ist er, von dreihundert Mnchen begleitet,
hier in Rajagaha angekommen! Und er weilt jetzt in seinem Mangohaine
jenseits der Stadt. In einer Stunde, in weniger vielleicht, werde ich
ihn gesehen haben--ich, der ich glaubte, noch vier Wochen pilgern zu
mssen! Was sage ich--in einer Stunde?--Es ist nur eine gute halbe
Stunde bis dahin, sagte das Mdchen, wenn man nicht durch die
Hauptstraen geht, sondern durch die Gchen und Hfe nach dem Westtor
luft...ich kann mir's kaum denken! Mir brennt der Boden unter den
Sohlen--leb' wohl, Bruder! Du hast es gut mit mir gemeint, und ich werde
nicht unterlassen, auch dich zum Erhabenen zu fhren--jetzt aber kann
ich mich wahrlich keinen Augenblick mehr aufhalten."

Und der Pilger Kamanita strzte aus der Halle hinaus und lief die Strae
dahin, so schnell ihn die Beine nur tragen wollten. Als er aber das
Stadttor Rajagahas erreichte, war es noch nicht geffnet, und er mute
eine kleine Weile warten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam und seine
Ungeduld aufs hchste steigerte.

Indessen benutzte er die Zeit, um von einer alten Frau, die einen Korb
voll Gemse nach der Stadt trug und, wie er selbst, dort warten mute,
genaue Erkundigungen ber den krzesten Weg einzuziehen--wie er durch
jene Gchen, rechts an einem Tempelchen und links an einem Brunnen
vorbergehen msse und dann einen Turm ja nicht aus den Augen verlieren
drfe, so da er die vor der Stadtmauer verlorene Zeit vielleicht
innerhalb derselben einholen knne.

Als nun das Tor sich geffnet hatte, strzte er unaufhaltsam in der ihm
bezeichneten Richtung fort. Manchmal rannte er ein paar Kinder ber den
Haufen, rempelte eine Frau an, die am Rinnstein Geschirr splte, so da
eine Schssel ihr klirrend davonrollte und zerbrach, oder er stie mit
einem Wassertrger zusammen. Aber die Schimpfworte, die hinter ihm
herflogen, erreichten verschlossene Ohren, so ganz war er von dem einen
Gedanken erfllt, da er bald, ganz bald den Buddha sehen wrde.

"Welches Glck!" sagte er zu sich selber. "Wie viele Geschlechter leben
dahin, ohne da ein Buddha auf der Erde mit ihnen zusammen wandert; und
von dem Geschlecht, das einen Buddha zum Zeitgenossen hat--o wie so
wenige sind es, die ihn sehen! Mir aber ist jetzt dies Glck
gewi!--Immer habe ich ja gefrchtet, da auf dem weiten, gefahrvollen
Wege wilde Tiere oder Ruber mich um dies Glck bringen knnten, jetzt
aber kann es mir nicht mehr geraubt werden!"

Whrend er so dachte, war er in ein sehr enges Gchen eingebogen. In
seinem trichten Vorwrtsstrmen sah er nicht, da vom anderen Ende her
eine Kuh, die aus irgend einem Grunde scheu geworden war, ihm
entgegenstrzte, bemerkte auch nicht, wie ein paar Leute vor ihm sich
eiligst in ein Haus flchteten, und andere sich hinter einem
vorspringenden Mauerstck verbargen; er hrte nicht den Ruf, durch den
eine auf einem Sller stehende Frau ihn warnen wollte--er sphte nur
hinauf nach den Turmzinnen, die ihn am Verfehlen des Weges hindern
sollten.

Erst als es zum Ausweichen zu spt war, sah er entsetzt, gerade vor
sich, die dampfenden Nstern, die mit Blut unterlaufenen Augen und das
blanke Horn, das ihm unmittelbar danach tief in die Seite drang.

Mit einem lauten Schrei fiel er an der Mauer nieder. Die Kuh strzte
weiter und verschwand in einer anderen Strae.

Sofort eilten nun Leute herbei, teils aus Neugier, teils um zu helfen.
Das Weib, das ihn gewarnt hatte, brachte Wasser, um die Wunde zu
reinigen. Man zerri seinen Mantel, um ihm einen Verband anzulegen und
womglich das Blut zu stillen, das wie ein Quell hervorbrach.

Kamanita hatte fast keinen Augenblick das Bewutsein verloren. Es war
ihm sofort klar, da dies seinen Tod bedeute. Aber weder diese
Vorstellung, noch die Schmerzen qulten ihn so sehr, wie die Angst, da
er den Buddha jetzt nicht zu sehen bekme. Mit bewegter Stimme flehte er
die Umstehenden an, ihn nach dem Mangohaine zum Buddha zu tragen:

"So weit bin ich gepilgert, ihr lieben Leute!--So nahe war ich schon am
Ziel! O, habt Erbarmen mit mir, zgert nicht, mich dahin zu tragen!
Denkt nicht an die Schmerzen, frchtet nicht, da ich ihnen
unterliege--ich werde nicht sterben, bevor ihr mich dem Vollendeten zu
Fen niedergelegt habt, und dann werde ich selig sterben, selig
auferstehen."

Einige liefen nun, Stangen und eine Matratze zu holen. Eine Frau brachte
ein strkendes Getrnk, von dem Kamanita ein paar Lffel voll nahm. Die
Mnner waren uneinig, welcher Weg zur Versammlungshalle im Mangohaine
der krzeste sei, da es wohl auf jeden Schritt ankommen konnte. Denn es
war jedem klar, da es mit dem Pilger bald zu Ende ging.

"Da kommen Jnger des Vollendeten!" rief einer der Umstehenden, das
Gchen hinanzeigend, "die werden uns das am besten sagen knnen."

Wirklich nahten sich einige Mnche aus dem Orden des Buddha, in gelbe
Mntel gehllt, die den rechten Ann frei lieen, und die Almosenschale
in der Hand. Die meisten waren jngere Leute; aber zuvrderst schritten
zwei ehrwrdige Gestalten: ein Greis, dessen ernstes, etwas strenges
Gesicht mit dem durchdringenden Blick und dem krftigen Kinn
unwillkrlich die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, und ein Mann in
mittleren Jahren, aus dessen Zgen eine so herzgewinnende Milde
leuchtete, da er dadurch fast das Aussehen eines Jnglings bekam. Auch
konnte ein erfahrener Beobachter in seiner Haltung und in den etwas
lebhaften Bewegungen, wie auch im feurigen Blicke, die unveruerlichen
Merkmale der Kriegerkaste entdecken, whrend die bedchtige Ruhe des
lteren den geborenen Brahmanen verriet. An hohem Wuchs und frstlichem
Anstand kamen aber beide einander gleich.

Als diese Mnche bei der Gruppe, die sich um den verwundeten Mann
gebildet hatte, Halt machten, erzhlten ihnen viele redselige Zungen
sofort, was vorgefallen war, und da man im Begriff sei, diesen
verwundeten Pilger auf einer Bahre--die gerade gebracht wurde--nach dem
Mangohaine zum Buddha zu tragen, um dadurch seinen sehnlichen Wunsch zu
erfllen;--ob nicht einer der jngeren Mnche mit zurckkehren wolle, um
ihnen den krzesten Weg nach der Stelle zu weisen, wo der Erhabene sich
augenblicklich aufhielt?

"Der Erhabene," antwortete der Greis mit dem strengen Gesicht, "ist
nicht im Mangohaine, und wir wissen selbst noch nicht, wo er sich
aufhlt."

Bei dieser Antwort entrang ein verzweifeltes Sthnen sich der wunden
Brust Kamanitas.

"Aber freilich kann er nicht weit von hier sein," fgte der Jngere
hinzu. "Der Erhabene hat gestern die Mnchsgemeinschaft vorausgeschickt
und ist allein weitergegangen. Er wird sich wohl versptet haben und
irgendwo, vielleicht im Vororte, eingekehrt sein. Wir sind jetzt
unterwegs, ihn zu suchen."

"O, suchet eifrig, findet ihn!" rief Kamanita.

"Wenn wir auch wten, wo der Erhabene ist, so ginge es doch nicht an,
diesen Verwundeten hinzutragen," meinte der strenge Mnch. "Denn die
Erschtterung auf der Bahre wrde seinen Zustand schnell verschlimmern,
und wenn er es auch berstnde, so wrde er doch sterbend ankommen, und
sein Geist wrde nicht fhig sein, die Worte des Erhabenen zu erfassen.
Wenn er sich aber jetzt schont, und von einem kundigen Wundarzt
behandelt und sorgfltig gepflegt wird, dann ist doch immer noch
Hoffnung vorhanden, da er so weit zu Krften kommen kann, um der Rede
des Erhabenen zu lauschen.

Aber Kamanita zeigte ungeduldig auf die Bahre:

"Keine Zeit--sterben--mich mitnehmen--ihn sehen--berhren--selig
sterben--mitnehmen--eilet!"

Achselzuckend wandte sich der Mnch an die jngeren Brder:

"Dieser arme Mann hlt den siegreich Vollendeten fr ein Gtzenbild, bei
dessen Berhrung man entshnt wird."

"Er hat Vertrauen zum Vollendeten gefat, Sariputta, wenn ihm auch das
tiefere Verstndnis fehlt," sagte der andere und beugte sich ber den
Verwundeten, um den Grad seiner Krfte festzustellen; "vielleicht knnte
man es doch wagen. Der Arme dauert mich, und ich glaube, man kann ihm
nichts Besseres antun, als den Versuch zu machen."

Ein dankbarer Blick des Pilgers belohnte ihn fr seine Frsprache.

"Wie es dir beliebt, Ananda," antwortete Sariputta freundlich.

In diesem Augenblick kam von der Seite, von welcher auch Kamanita
gekommen war, ein Hafner gegangen, der auf dem Rcken einen Korb mit
allerlei Tpferwaren trug. Als er den Pilger Kamanita bemerkte, den man
soeben mit groer Vorsicht, aber nicht ohne ihm heftige Schmerzen zu
verursachen, auf die Bahre gelegt hatte, blieb er erschrocken
stehen--und zwar so pltzlich, da die aufeinandergetrmten Schsseln,
die er auf dem Kopfe trug, zu Boden fielen und zerbrachen.

"Ihr Gtter! Was ist denn hier vorgefallen? Das ist ja der fromme
Pilger, der meiner Halle die Ehre angetan hat, dort zu bernachten. In
der Gesellschaft eines Mnches, der dasselbe Gewand trug, wie diese
Ehrwrdigen, hat er in meinem Hause die Nacht zugebracht."

"War jener Mnch ein alter Mann und von hoher Gestalt?" fragte
Sariputta.

"Gewi, Ehrwrdiger--und er schien mir dir selber nicht unhnlich zu
sein."

Da wuten nun die Mnche, da sie nicht lnger zu suchen brauchten, und
da der Erhabene im Hause des Hafners war. Denn "der Jnger, der dem
Meister hnelt"--also wurde ja Sariputta genannt.

"Ist es mglich?" sagte Ananda und blickte von dem Verwundeten auf, der
durch die Schmerzen, die ihm das Emporheben verursacht hatte, fast
bewutlos geworden war und die Ankunft des Hafners gar nicht bemerkt
hatte.--"Ist es mglich? Dieser arme Mann htte das Glck, nach dem er
so sehnlich trachtet, die ganze Nacht genossen, ohne es auch nur im
geringsten zu ahnen?"

"Das ist die Art des Toren," sagte Sariputta. "Aber gehen wir; jetzt
kann er ja hingebracht werden."

"Einen Augenblick!" rief Ananda, "die Schmerzen haben ihn berwltigt."

In der Tat zeigte der leere Blick Kamanitas, da er kaum bemerkte, was
um ihn vorging. Es fing an, ihm schwarz vor den Augen zu werden. Aber
der lange Streifen des Morgenhimmels, der oben zwischen den hohen Mauern
leuchtete, drang doch noch bis zu seinem Bewutsein durch und mochte ihm
wohl als die den Nachthimmel durchquerende Milchstrae erscheinen. Seine
Lippen bewegten sich:

"Die Ganga--," murmelte er.

"Seine Sinne wandern," sagte Ananda.

Die Zunchststehenden, die das Wort vernommen hatten, faten es anders
auf.

"Er wnscht jetzt an die Ganga gebracht zu werden, damit die heiligen
Wogen seine Snden absplen.--Aber Mutter Ganga ist ja weit von
hier--wer knnte ihn wohl dahin tragen?"

"Erst der Buddha, dann die Ganga!"--murmelte Sariputta mit dem halb
verchtlichen Mitleid des Weisen einem Toren gegenber, der unrettbar
von einem Aberglauben in den anderen fllt.

Aber pltzlich belebten die Augen Kamanitas sich wunderbar. Ein seliges
Lcheln verklrte seine Zge. Sein Krper wollte sich aufrichten. Ananda
sttzte ihn.

"Die himmlische Ganga," flsterte er mit schwacher, aber freudiger
Stimme, und zeigte mit der rechten Hand nach dem Himmelsstreifen ber
seinem Haupte: "Die himmlische Ganga!--wir schwuren--bei ihren
Wellen--Vasitthi--"

Sein Krper zitterte, Blut quoll ihm aus dem Munde, und in den Armen
Anandas verschied er.--

Kaum eine halbe Stunde spter traten Sariputta und Ananda, von den
Mnchen begleitet, in die Halle des Hafners ein, begrten den Erhabenen
ehrerbietig und setzten sich ihm zur Seite nieder.

"Nun, mein lieber Sariputta," fragte da der Erhabene, nachdem er ihnen
freundlichen Gru entboten,--"hat die junge Mnchsgemeinde unter deiner
Fhrung die weite Wanderung gut und ohne Unflle berstanden? Habt ihr
Mangel an Nahrung oder Arznei fr die Kranken unterwegs gehabt? Ist die
Jngerschaft frhlich beflissen?"

"Glcklich bin ich, Ehrwrdigster, sagen zu knnen, da es uns an nichts
gefehlt hat, und da die jungen Mnche voll Eifer und Zuversicht, sich
nur danach sehnen, den Erhabenen von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Diese edlen Jnglinge, Kenner des Wortes, Nachfolger der Lehre, habe ich
mitgenommen, um sie schon jetzt dem Meister vorzustellen."

Bei diesen Worten erhoben sich drei junge Mnche und begrten den
Erhabenen mit zusammengelegten Hnden:

"Heil dem Erhabenen, dem vollendeten Buddha--Heil!"

"Seid mir willkommen," sprach der Erhabene und lud sie mit einer
Handbewegung wieder zum Sitzen ein.

"Und ist auch der Erhabene," fragte Ananda, "nach der gestrigen
Wanderung ohne bermdung oder ble Folgen gut hier angekommen? Und hat
der Erhabene in dieser Halle die Nacht leidlich zugebracht?"

"So ist es, Brder. Ich bin bei einbrechender Dunkelheit zwar recht
mde, doch ohne ble Folgen der Wanderung hier angekommen und habe in
der Gesellschaft eines fremden Pilgers die Nacht nicht eben schlecht
zugebracht."

"Dieser Pilger," nahm Sariputta das Wort, "ist in den Straen Rajagahas
durch eine Kuh des Lebens beraubt worden."

"Und nicht ahnend, mit wem er die Nacht hier zugebracht hatte," fgte
Ananda hinzu, "begehrte er sehnlich, zu Fen des Erhabenen gebracht zu
werden."

"Bald danach freilich verlangte er, man mchte ihn nach der Ganga
tragen," bemerkte Sariputta.

"Nicht doch, Bruder Sariputta!"--berichtigte Ananda. "Denn er sprach von
der _himmlischen_ Ganga. Leuchtenden Blickes gedachte er eines Schwures
und nannte dabei einen Frauennamen--Vasitthi, glaube ich--und so
verschied er."

"Irgend einen Frauennamen auf den Lippen, ging er von dannen," sagte
Sariputta.--"Wo ist er wohl wieder ins Dasein getreten?"

"Tricht, ihr Jnger, war der Pilger Kamanita, einem unvernnftigen
Kinde vergleichbar. Diesem Pilger, ihr Jnger, der in meinem Namen
umherzog und sich zur Lehre des Erhabenen bekennen wollte, habe ich die
Lehre ausfhrlich und eingehend dargelegt. Und er hat an der Lehre
Ansto genommen. Auf Seligkeit und Himmelswonnen war das Sehnen und
Trachten seines Herzens gerichtet. Der Pilger Kamanita, ihr Jnger, ist
in Sukhavati, im Paradiese des Westens, wieder ins Dasein getreten,
tausend- und abertausendjhrige Himmelswonnen zu genieen."




XXII. IM PARADIESE DES WESTENS


Als der Erhabene in der Halle des Hafners zu Rajagaha diese Worte
sprach, erwachte der Pilger Kamanita im Paradiese des Westens. In einen
roten Mantel gehllt, der zart und glnzend wie ein Blumenblatt in
reichem Faltenwurf um ihn herabflo, fand er sich mit untergeschlagenen
Beinen, auf einer mchtigen, gleichfarbigen Lotusrose sitzend, die
mitten auf einem groen Teiche schwamm. Auf der weiten Wasserflche
waren berall solche Lotusblumen zu sehen, rote, blaue und weie, einige
noch als Knospen, andere, obwohl ziemlich entwickelt, doch immer noch
geschlossen, aber unzhlige offen wie die seine; und fast auf einer
jeden thronte eine menschliche Gestalt, deren faltiges Gewand aus den
Blumenblttern emporzuwachsen schien.

Auf den schrgen Ufern des Teiches, im grnsten Gras, lachte ein
Blumenflor, als ob alle Edelsteine der Erde hier in Blumengestalt
wiedergeboren wren, ihren Glanz und ihr durchleuchtetes Farbenspiel
beibehaltend, aber den harten Panzer, den sie in ihrem Erdenleben
getragen, gegen die Weiche, schmiegsame, lebendige Pflanzenhlle
eintauschend. So war auch der Duft, den sie aushauchten, mchtiger als
die herrlichste Essenz, die je in ein kristallenes Flschchen
eingeschlossen wurde, und hatte doch die ganze herzhafte Frische des
natrlichen Blumenduftes.

Von diesem fesselnden Ufersaum schweifte nun der entzckte Blick weiter
zwischen hohen und breitwipfeligen, smaragdlaubigen und juwelenblhenden
Bumen, die bald einzeln sich erhoben, bald in Gruppen zusammen standen,
bald tiefe Haine bildeten, hinber nach den anmutigsten Felsenhgeln,
die bald nackt ihre kristallenen, marmornen und alabasternen Formen
zeigten, bald sie mit dichtem Gebsch bedeckten oder mit duftigem
Bltenflor verhllten. An einer Stelle aber wichen Haine und Felsen
gnzlich zur Seite, um einem schnen Flu Raum zu geben, der sich still,
wie ein Strom von Sternenglanz, in den Teich ergo.

ber die ganze Gegend wlbte sich ein Himmel, dessen Ultramarinblau nach
unten zu eher noch tiefer wurde, und unter dieser Kuppel schwebten
weie, geballte Wlkchen, auf welchen liebliche Genien gelagert waren,
deren Instrumente den ganzen Raum mit den Zauberklngen wonniger Weisen
erfllten.

Aber an diesem Himmel war keine Sonne zu sehen, noch bedurfte es einer
solchen. Denn von den Wlkchen und den Genien, von Felsen und Blumen,
vom Wasser und von den Lotusrosen, von den Gewndern der Seligen, noch
mehr aber von ihren Gesichtern strahlte ein wundersames Licht aus. Und
wie dies Licht von strahlender Helligkeit war, ohne doch im mindesten zu
blenden, so wurde die weiche, duftgesttigte Wrme durch den stndigen
Hauch des Wassers erfrischt, und schon diese Luft einzuatmen war eine
Lust, der nichts auf Erden gleichkommt.

Als Kamanita den ersten Anblick dieser Herrlichkeiten so weit verwunden
hatte, da sie ihn nicht mehr berwltigten, sondern anfingen, sich ihm
als seine natrliche Umgebung unterzuordnen, richtete er seine
Aufmerksamkeit auf jene anderen Wesen, die, wie er selber, ringsum auf
den schwimmenden Lotusthronen saen. Er bemerkte bald, da die rot
gekleideten mnnlichen, die wei gekleideten weiblichen Geschlechts
waren, whrend von den in blaue Mntel gehllten Gestalten, wie ihm
schien, einige diesem, einige jenem Geschlechte angehrten. Alle
miteinander aber standen sie in vollster Jugendblte, und alle schienen
von freundlichster Gesinnung erfllt zu sein.

Ein Nachbar in blauem Mantel flte ihm besonderes Vertrauen ein, und
die Lust, ein Gesprch mit ihm anzuknpfen, regte sich in ihm.

"Ob es wohl angeht, von selber und unaufgefordert diesen Ehrwrdigen zu
fragen?" dachte er. "Gar zu gern mchte ich doch wissen, wo ich bin."

Zu seiner grten Verwunderung erfolgte die Antwort sofort, lautlos und
ohne da der Blaue die Lippen auch nur leise bewegt htte:

"Du bist in Sukhavati, dem Orte der Seligkeit."

Unwillkrlich fragte Kamanita in Gedanken weiter:

"Du warst hier, Ehrwrdigster, als ich die Augen aufschlug, denn mein
Blick fiel sofort auf dich. Bist du vielleicht gleichzeitig mit mir
erwacht, oder warst du schon lange hier?"

"Seit undenklichen Zeiten bin ich hier," antwortete der Blaue, "und ich
wrde glauben, da ich von Ewigkeit her hier wre, wenn ich nicht so oft
gesehen htte, wie eine Lotusblume sich ffnete und ein neues Wesen zum
Vorschein kam--und wenn nicht der Duft des Korallenbaumes wre."

"Was ist's denn mit diesem Duft?"

"Das wirst du selber bald entdecken. Der Korallenbaum ist das grte
Wunder dieses Paradieses."

Die Musik der himmlischen Genien, die wie von selber dieses lautlose
Gesprch zu begleiten schien, mit ihren Weisen und Klngen sich jedem
Satz desselben anschmiegend, gleichsam um seinen Sinn zu vertiefen und
das klar zu machen, was die Worte nicht fassen konnten, wob bei diesen
Worten ein seltsam mystisches Tongebilde, und es schien dem lauschenden
Kamanita, als ob in seinem Geiste unendliche Tiefen sich ffneten, in
deren Schatten formlose Erinnerungen sich regten, ohne erwachen zu
knnen.

"Das grte Wunder!" sagte er nach einer Pause. "Ich meinte, von allem
Wunderbaren hier sei das Wunderbarste jener herrliche Strom, der sich in
unsern Teich ergiet."

"Die himmlische Ganga," nickte der Blaue.

"Die himmlische Ganga!"--wiederholte Kamanita trumerisch, und wiederum
berkam ihn, nur in verstrktem Mae, jenes Gefhl von etwas, das er
kennen msse und doch nicht kennen konnte, whrend die geheimnisvollen
Tne in den tiefsten Abgrnden seines eigenen Selbstes die Quellen jenes
Stromes zu suchen schienen.




XXIII. SELIGE REIGEN


Mit Verwunderung bemerkte Kamanita jetzt, wie eine nicht weit von ihm
auf ihrer Lotusrose thronende weie Gestalt pltzlich in die Hhe wuchs.
Die aufgehufte Masse der eckigen Mantelfalten wickelte sich
auseinander, bis das Gewand geradlinig von den Schultern bis zum
goldigen Saume hinabflo. Und dieser berhrte schon nicht mehr die
Blumenbltter--die Gestalt schwebte frei ber den Teich hin, ber das
Ufer hinauf, und verschwand zwischen den Bumen und hinter dem Gebsch.

"Wie herrlich mu das sein!"--dachte Kamanita. "Aber das ist wohl eine
sehr schwierige Kunst, obschon es aussieht, als ob es gar nichts wre.
Ob ich das wohl jemals lernen kann?"

"Du kannst schon, wenn du nur willst," antwortete der Blaue, an den die
letzte Frage gerichtet war.

Sofort hatte Kamanita die Empfindung, als ob etwas seinen Krper in die
Hhe hbe. Er schwebte schon quer ber den Teich nach dem Ufer zu, und
bald war er mitten im Grnen. Wohin er seinen Blick wnschend richtete,
dorthin ging sein Flug, schnell oder langsam, je nach Verlangen. Er sah
nun andere Lotusteiche, ebenso herrlich wie der, den er eben verlassen
hatte, durchstreifte liebliche Haine, wo bunte Vgel von Zweig zu Zweig
hpften und ihr melodisches Zwitschern mit dem leisen Rauschen der
Wipfel mischten, strich ber blumenreiche Auen hin, wo niedliche
Antilopen ihr Spiel trieben, ohne sich im geringsten vor ihm zu
frchten, und lie sich endlich auf dem sanften Abhang eines Hgels
nieder. Zwischen Baumstmmen und blhendem Gebsch sah er die Ecke eines
Teiches, wo das Wasser rings um die groen Lotusblten glitzerte, deren
Blumenthrone hier und dort eine selige Gestalt trugen, whrend mehrere
selbst von den ganz entfalteten leer waren.

Es war nmlich offenbar gerade ein Augenblick des allgemeinen
Schwrmens. Wie an einem warmen Sommerabend die Leuchtkfer unter den
Bumen und um das Gebsch hin und her kreisen, ein stilles, leuchtendes
Treiben, also schwebten hier die seligen Gestalten, einzeln und
paarweise, in ganzen Gruppen oder Reihen durch die Haine und um die
Felsen. Dabei sah man es ihren Mienen und Blicken an, da sie sich
lebhaft miteinander unterhielten und man ahnte die unsichtbaren Fden
des Gesprches, die sich zwischen den lautlos Dahinziehenden hinber und
herber spannen.

In ser, traumhafter Befangenheit geno Kamanita dies reizende
Schauspiel. Nach und nach entstand in ihm ein Verlangen, sich mit diesen
Frhlichen zu unterhalten.

Sofort war er von einer ganzen Gesellschaft umringt, die ihn freundlich
begrte als den Neuangekommenen, den soeben Erwachten.

Kamanita wunderte sich sehr und fragte, ob denn das Gercht von seinem
Entstehen sich schon berall in Sukhavati verbreitet htte.

"O, wenn ein Lotus sich ffnet, regen sich alle Lotusblumen in den
Paradiesteichen, und jedes Wesen fhlt, wenn hier irgendwo ein neues
Wesen zur Seligkeit erwacht."

"Aber wie knnt ihr wissen, da gerade ich der Neue bin?"

Die ihn Umschwebenden lchelten lieblich.

"Du bist noch nicht so ganz erwacht."

"Du blickst uns an, als ob du Traumgestalten shest und dich davor
frchtetest, da sie pltzlich verschwinden knnten und da eine rauhe
Wirklichkeit dich wieder umgeben mchte."

Kamanita schttelte den Kopf.

"Ich verstehe euch nicht so recht. Was sind Traumgestalten?"

"Ihr verget," sagte eine Weigekleidete, "da er gewi noch nicht am
Korallenbaume war."

"Nein, dort war ich noch nicht. Aber ich habe doch schon von ihm gehrt.
Mein Nachbar im Teiche sprach mir davon; der Baum soll solch ein Wunder
sein. Was ist's denn mit ihm?"

Aber sie lchelten alle geheimnisvoll, sich gegenseitig anblickend und
den Kopf schttelnd.

"Ich mchte gern sofort hin. Will mir niemand den Weg zeigen?"

"Den Weg findest du schon selber, wenn die Zeit gekommen ist."

Kamanita strich sich mit der Hand ber die Stirn.

"Noch ein Wunderding war da, von dem er sprach....Ja! Die himmlische
Ganga....Von ihr wird unser Teich gespeist. Ist das mit dem eurigen auch
so?"

Die Weigekleidete zeigte nach dem klaren Flchen, das sich um den Fu
des Hgels wand und in gemchlichen Krmmungen sich dem Teiche
zuschlngelte.

"Das ist unser Zuflu. Unzhlige solcher Adern durchziehen diese
Gefilde, und auch das, was du gesehen hast, ist nur eine solche, wenn
auch eine grere. Aber die himmlische Ganga selber umschliet das ganze
Sukhavati."

"Hast du auch sie selber gesehen?"

Die Weie schttelte den Kopf.

"So kann man denn nicht dorthin kommen?"

"Man kann schon," antworteten sie alle. "Aber keiner von uns war dort.
Warum sollten wir auch? Nirgends kann es schner sein als hier. Einige
andere freilich waren da--aber sie sind nie wieder hingeflogen."

"Warum denn nicht?"

Die Weie zeigte nach dem Teiche:

"Siehst du den Roten dort, fast am anderen Ufer?--Er war dort, es ist
lange, lange her. Wollen wir ihn fragen, ob er spter noch einmal nach
dem Gestade der Ganga geflogen ist?"

"Nimmermehr," klang sofort die Antwort des Roten.

"Und warum denn nicht?"

"Fliege selber hin und hole dir Antwort."

"Wollen wir? Mit dir zusammen darf ich schon."

"Ich mchte wohl hin--aber jetzt nicht."

Aus einem nahen Hain schwebte ein Zug seliger Gestalten hervor, schlang
sich zu einem Reigen um das Wiesengebsch, und indem die Reihe sich
ausdehnte, ergriff die uerste Gestalt--eine hellblaue--die Hand der
Weien. Diese reichte einladend ihre andere Hand Kamanita hin.

Er dankte ihr lchelnd, schttelte aber leise den Kopf:--

"Noch mchte ich lieber zusehen."

"Ja, ruhe nur, und erwache. Auf Wiedersehen!"

Und von der Hellblauen sanft fortgezogen, schwebte sie von dannen, im
luftigen Ringeltanz.

Und auch die anderen zogen mit freundlichem, aufmunterndem Gru davon,
um ihm Ruhe zur Sammlung zu geben.




XXIV. DER KORALLENBAUM


Kamanita folgte ihnen lange mit dem Blick und wunderte sich. Und dann
wunderte er sich ber sein Wundern. "Wie kommt es denn, da Alles mich
hier so seltsam anmutet? Wenn ich hierher gehre, warum scheint mir dann
nicht Alles selbstverstndlich?--Aber jede neue Erscheinung hier ist mir
rtselhaft und setzt mich in Erstaunen. Zum Beispiel dieser Duft, der
jetzt pltzlich an mir vorberweht. Wie ist er doch so ganz verschieden
von allem anderen Blumendufte hier--viel voller und mchtiger, anziehend
und beunruhigend zugleich. Wo mag er wohl herkommen?

...Aber wo mag ich wohl selber herkommen? Es scheint, als ob ich vor
kurzem noch ein Nichts gewesen bin. Oder habe ich doch ein Dasein
gehabt, nur nicht hier? Aber wo dann? Und wie bin ich denn
hierhergekommen?"

Whrend diese Fragen in ihm aufstiegen, hatte sich sein Krper, ohne da
er es bemerkte, vom Rasen losgelst, und er schwebte schon weiter--aber
in keiner von den Richtungen, denen die anderen gefolgt waren. Kamanita
stieg aufwrts, gegen eine Einsattelung im Gipfel des Hgels. Als er
ber sie hinstrich, wurde er von einem noch strkeren Hauch jenes neuen,
seltsamen Duftes empfangen.

Kamanita flog weiter.

Jenseits des Hgels verlor die Gegend etwas an Lieblichkeit. Der
Blumenflor war sprlicher, das Gebsch dunkler, die Haine dichter, die
Felsen schroffer und hher. Herden von Gazellen weideten da, aber nur
ganz vereinzelt zeigte sich eine selige Gestalt.

Das Tal verengte sich und mndete in eine Kluft. Hier war jener Duft
noch strker. Immer schneller wurde seine Flucht, immer nackter, steiler
und hher schlossen sich die Felsenwnde zusammen, bis nirgends mehr ein
Ausgang zu sehen war.

Die Schlucht machte ein paar scharfe Wendungen und ffnete sich
pltzlich.

Um Kamanita breitete sich ein von himmelstrebenden Malachitfelsen
eingeschlossener Talkessel, und mitten in diesem stand der Wunderbaum.

Stamm und ste waren von blanker, roter Koralle; ein wenig gelblicher
war die Rte des krausen Laubwerkes, aus dem die Blten tief
karmesinfarbig hervorglhten.

ber Felsenzinnen und Baumwipfel spannte der Himmel sich dunkelblau,
ohne da ein einziges Wlkchen zu sehen war. Auch drang die Musik der
Genien kaum hierher--was noch in der Luft zitterte, war wie eine
Erinnerung an lngst gehrte Melodien.

Nur drei Farben waren da: das Ultramarinblau des Himmels, das
Malachitgrn der Felsen, das Korallenrot des Baumes. Und nur _ein_
Duft--jener geheimnisvolle, allen anderen unhnliche Duft der
karmesinroten Blumen, der Kamanita hierher gefhrt hatte.

Und alsbald zeigte sich nun auch die Wunderart dieses Duftes:

Als Kamanita ihn hier einsog, wo er verdichtet den ganzen Kessel fllte,
erweiterte sich pltzlich sein Bewutsein und berschwemmte und
durchbrach die Schranke, die bis jetzt hinter seinem Erwachen im Teiche
errichtet gewesen war.

Sein vorheriges Leben lag offen vor ihm:

Er sah die Halle des Hafners, wo er mit jenem trichten Buddhamnch im
Gesprche sa; er sah das Gchen in Rajagaha, das er durcheilte, und
die ihm entgegenstrmende Kuh--dann die bestrzten Gesichter ringsum und
die gelbgekleideten Mnche....

Und er sah die Waldungen und Landstraen seiner Pilgerschaft, seinen
Palast und seine beiden Frauen, die Hetren Ujjenis, die Ruber, den
Krishnahain und die Terrasse der Sorgenlosen mit Vasitthi, das
Elternhaus und die Kinderstube....

Und dahinter sah er ein anderes Leben und noch eins und noch eins--und
immer noch andere, wie man die Baumreihe einer Landstrae sieht, bis die
Bume zu Punkten werden und die Punkte in einen einzigen
Schattenstreifen zusammenschmelzen.

Bei diesem Anblick schwindelte ihm. Und sofort befand er sich wieder in
der Kluft, wie ein Blatt, das vom Winde getrieben wird. Denn das
erstemal hlt niemand den Duft des Korallenbaumes lange aus, und der
Selbsterhaltungstrieb fhrt Jeden beim ersten Schwindel von dannen.

Als er nun ruhiger durch das offene Tal schwebte, erwog Kamanita:

"Jetzt verstehe ich, warum die Weie sagte, ich sei wohl noch nicht am
Korallenbaume gewesen. Denn freilich konnte ich damals nicht verstehen,
was sie mit 'Traumgestalten' meinten; jetzt aber wei ich es, denn in
jenem Leben habe ich ja solche gesehen. Und jetzt begreife ich auch,
warum ich hier bin. Ich wollte ja im Mangohaine bei Rajagaha den Buddha
aufsuchen. Freilich wurde das durch meinen pltzlichen, gewaltsamen Tod
vereitelt, aber mein guter Wille ist mir angerechnet worden, und so bin
ich an diesen Ort der Seligkeit gelangt, als ob ich zu seinen Fen
gesessen und in seiner beseligenden Lehre gestorben wre. Also ist mein
Pilgergang nicht vergebens gewesen."

Und Kamanita erreichte bald wieder den Teich und lie sich auf seine
rote Lotusrose nieder, wie ein Vogel, der sein Nest aufsucht.




XXV. DIE KNOSPE FFNET SICH


Pltzlich schien es Kamanita, als ob unten im Teiche sich etwas
Lebendiges bewege. In der kristallenen Tiefe wurde er undeutlich einen
aufsteigenden Schatten gewahr. Das Wasser brodelte und wallte, und eine
groe Lotusknospe mit roter Spitze scho wie ein Fisch aus der Flut
empor, um dann schwimmend auf der Wasserflche sich zu wiegen, die erst
in Kreisen wellte und dann noch lange danach wie zersplittert zitterte
und glitzerte, farbensprhend, als ob der Teich mit flieenden Diamanten
gefllt wre, whrend der Widerschein der Wasserblinke wie kleine
Flammen ber die Lotusbltter, die Gewnder und die Gesichter der
seligen Gestalten emporflatterte.

Und auch das Gemt Kamanitas erzitterte und strahlte in allen seinen
verborgenen Farben, auch ber sein Herz schien ein Widerschein freudiger
Bewegung spielend hinzutanzen.

"Was war das wohl?" fragte sein Blick den blauen Nachbar.

"Tief unten, in weiten Weltfernen, auf der trben Erde, hat in diesem
Augenblick eine menschliche Seele ihren Herzenswunsch darauf gerichtet,
hier in Sukhavati wieder ins Dasein zu treten. Nun wollen wir auch
beobachten, ob die Knospe sich schn entwickelt und zum Blhen gelangt.
Denn gar manche Seele richtet ihren Wunsch auf den reinen Ort der
Seligkeit, vermag aber nicht, danach zu leben, sondern verstrickt sich
wieder in unheilige Leidenschaften, versinkt in die Lust des Fleisches
und bleibt an dem Erdenschmutze haften. Dann aber verkmmert die Knospe
und verschwindet zuletzt gnzlich. Diesmal ist es, wie du siehst, eine
mnnliche Seele. Eine solche kommt in dem bunten Welttreiben leichter
vom Paradieswege ab, weshalb du auch bemerken wirst, da, wenn auch die
roten und die weien sich an Zahl ziemlich gleichkommen, unter den
blauen die helleren, weiblichen, bei weitem die meisten sind."

Bei dieser Mitteilung erbebte das Herz Kamanitas gar sonderbar, als ob
auf einmal schmerzliche Freude und lustgebrendes Weh es in schwankende
Bewegung setzten, und sein Blick ruhte rtselratend auf einer
geschlossenen Lotusrose, die, wei wie die Brust eines Schwans, dicht
neben ihm sich in dem noch leise bewegten Wasser anmutig wiegte.

"Kannst du dich auch darauf besinnen, da du einmal gesehen hast, wie
die Knospe meines Lotus sich aus der Tiefe erhob?" fragte er den
erfahrenen Nachbar.

"Gewi, denn sie tauchte ja zusammen mit dieser weien Blume auf, die du
jetzt gerade betrachtest. Und ich habe das Paar immer beobachtet,
manchmal nicht ohne Besorgnis. Denn ziemlich bald fing deine Knospe an,
sichtlich zusammenzuschrumpfen und sie war fast gnzlich unter die
Wsserflche hinabgesunken, als sie sich pltzlich wieder erhob, voller
und blanker wurde und sich dann gar prchtig bis zum Entfalten
entwickelte. Die weie aber wuchs langsam, allmhlich und gleichmig
ihrer Entfaltung entgegen--dann aber wurde auch sie pltzlich wie von
einer Krankheit befallen. Doch sie erholte sich rasch wieder und wurde
solch herrliche Blume, wie du sie jetzt vor dir siehst."

Bei diesen Worten erhob sich in Kamanita eine so freudige Bewegung, da
es ihn dnken wollte, als sei er bis jetzt nur ein trber Gast an einem
trben Ort gewesen,--dermaen schien jetzt Alles um ihn herum zu
leuchten, zu duften und zu klingen.

Und als ob sein Blick, der unverwandt auf dem weien Lotus ruhte, ein
Zauberstab wre, um verborgene Schtze zu heben, regte sich die Spitze
der Blume, die Bltter bogen ihre Rnder nach vorne und neigten sich
nach allen Seiten; und sieh'--in ihrer Mitte sa Vasitthi mit weit
geffneten Augen, deren s lchelnder Bck dem seinigen begegnete.

Und Kamanita und Vasitthi streckten gleichzeitig die Arme nach einander
aus, und, ihre Hnde ineinanderlegend, schwebten sie ber den Teich dem
Ufer zu.

Kamanita merkte wohl, da Vasitthi ihn noch nicht wiedererkannte,
sondern sich ihm nur unwillkrlich zuwandte, wie die Sonnenblume der
Sonne. Wie htte sie ihn auch erkennen sollen, da doch niemand sofort
bei seinem Erwachen sich seines vorausgegangenen Lebens erinnerte--wenn
auch in den Tiefen ihres Gemtes sich bei seinem Anblick dunkle Ahnungen
regen mochten, wie einst bei ihm, als sein Nachbar von der himmlischen
Ganga sprach.

Er zeigte ihr den strahlenden Flu, der sich still in den Teich ergo:

"So speisen die silbrigen Wellen der himmlischen Ganga alle Lotusteiche
in den Gefilden der Seligen."

"Die himmlische Ganga?" wiederholte sie fragend und strich sich mit der
Hand ber die Stirn.

"Komm, wir wollen nach dem Korallenbaum."

"Dort aber ist der Hain und das Gebsch so lieblich, und sie spielen
dort solch heitere Spiele," sagte Vasitthi, nach einer anderen Richtung
zeigend.

"Nachher! Jetzt wollen wir zuerst nach dem Korallenbaum, um dich durch
seinen Wunderduft zu erquicken."

Wie ein Kind, das man durch Versprechen auf ein neues Spielzeug darber
getrstet hat, da es am frhlichen Treiben der Kameraden nicht
teilnehmen darf, so folgte Vasitthi ihm willig. Als der Duft ihnen
entgegenzuwehen begann, belebten sich ihre Zge mehr und mehr.

"Wo fhrst du mich hin?" fragte sie, als sie in die enge Felsenschlucht
einlenkten. "Niemals bin ich noch so erwartungsvoll gewesen. Und es
kommt mir vor, als ob ich schon oft voll Erwartung war, obschon dein
Lcheln mich daran erinnert, da ich ja eben erst zum Bewutsein erwacht
bin. Aber du hast dich geirrt, hier kann man ja nicht weiter."

"O, man kann weiter, viel, _viel_ weiter," lchelte Kamanita, "und
vielleicht wirst du jetzt gewahr, da jenes Gefhl dich nicht getuscht
hat, liebste Vasitthi!"

Und schon ffnete sich vor ihnen das Talbecken der Malachitfelsen mit
dem roten Korallenbaum und dem tiefblauen Himmel, und der Duft aller
Dfte umfing sie.

Vasitthi legte die Hnde auf ihre Brust, wie um ihr gar zu tiefes Atmen
zu hemmen, und am schnellen Wechsel von Licht und Schatten in ihren
Zgen erkannte Kamanita, wie der Sturm der Lebenserinnerungen ber sie
dahinbrauste.

Pltzlich erhob sie ihre Arme und warf sich an seine Brust:

"Kamanita, mein Liebster!"

Und er trug sie von dannen, im Eilfluge durch die Schlucht
zurckstrmend.

Im offenen, noch etwas ernsten Tal, mit dunklem Gebsch und dichten
Hainen, wo die Gazellen spielten, aber keine menschliche Gestalt die
Einsamkeit strte, lie er sich mit ihr unter einem Baume nieder.

"O, du rmster!"--sprach Vasitthi, "was mut du gelitten haben! Und was
mut du von mir gedacht haben, als du erfuhrst, da ich Satagira
geheiratet hatte!"

Aber Kamanita erzhlte ihr, wie er das nicht durch eine Nachricht
erfahren, sondern selber in der Hauptstrae Kosambis den Hochzeitszug
gesehen habe, und wie der namenlose Jammer, der auf ihrem Gesichte
geprgt stand, ihn unmittelbar davon berzeugt habe, da sie nur dem
Zwang ihrer Eltern nachgegeben htte.

"Aber keine Macht der Erde htte mich gezwungen, du einzig Geliebter,
wenn ich nicht htte glauben mssen, den sicheren Beweis zu haben, da
du nicht mehr am Leben seist."

Und Vasitthi hub an, ihre damaligen Erlebnisse zu berichten.




XXVI. DIE KETTE MIT DEM TIGERAUGE


Als du, mein Freund, Kosambi verlassen hattest, schleppte ich meine Tage
und Nchte elend dahin, wie es ein Mdchen tut, das vom schleichenden
Fieber der Sehnsucht verzehrt wird und dabei in tausend ngsten um den
Geliebten schwebt. Ich wute ja nicht einmal, ob du noch die Erdenluft
mit mir atmetest. Denn ich hatte gar oft von den Gefahren solcher Reisen
gehrt. Und nun mute ich mir auch noch die schrecklichsten Vorwrfe
machen, weil ich ja selber durch den trichten Eigensinn meiner Liebe
die Schuld daran trug, da du nicht unter dem Schutze der Gesandtschaft
die Rckreise in vlliger Sicherheit gemacht hattest. Und dennoch
vermochte ich nicht, diese meine Unbesonnenheit zu bereuen, da ich ihr
doch alle jene schnen Erinnerungen verdankte, die mein ganzer Schatz
waren.

Selbst Medinis aufmunternde und trstende Worte vermochten nur selten
die Wolke meiner Schwermut zeitweilig zu vertreiben. Mein bester und
treuester Freund war der schne Asokabaum, unter dem wir in jener
herrlichen Mondnacht standen, die du, mein ser Freund, gewi nicht
vergessen hast, und den ich damals mit den Worten Damayantis anredete.
Unzhlige Male versuchte ich aus dem Rauschen seiner Bltter eine
Antwort auf meine besorgte Frage herauszuhren, in dem Fallen einer
Blume oder dem Spiele der Lichtflecken auf dem Boden irgend eine
Vorbedeutung zu sehen. War dann einmal ein solches selbstgemachtes
Orakelzeichen im gnstigen Sinne ausgefallen, dann konnte ich mich einen
ganzen Tag oder noch lnger fast glcklich fhlen und hoffnungsvoll in
die Zukunft schauen. Gerade dadurch wuchs dann aber die Sehnsucht, und
mit ihr kehrten dann die Befrchtungen zurck, wie bse Trume der
Fieberhitze entwachsen.

In diesem Zustand war es fast eine Wohltat, da es bald nicht lnger
meiner Liebe erlaubt wurde, in einsamer Tatenlosigkeit nur ihrem Leide
zu leben, sondern da sie in eine Kampfstellung gedrngt wurde, in der
sie alle ihre Krfte zusammennehmen mute, wenn ich mich auch dadurch
fast mit meinen Nchsten vllig entzweit htte.

Satagira, der Sohn des Ministers, verfolgte mich nmlich jetzt immer
eifriger mit den Zeichen seiner Liebe, und ich konnte mich nicht mehr in
einem ffentlichen Lustgarten mit meinen Gespielinnen zeigen, ohne da
er da war und mich zum Gegenstand seiner aufdringlichen Aufmerksamkeit
machte. Da ich diese nicht im geringsten erwiderte, ja ihm deutlicher,
als es hflich war, zeigte, wie sehr sie mir verhat war, hatte nicht
die mindeste abkhlende Wirkung. Bald fingen nun meine Eltern an, erst
mit allerlei Andeutungen, dann immer unverblmter, seine Sache zu
befrworten, und als er schlielich mit seinem Werben offert hervortrat,
verlangten sie, da ich ihm meine Hand geben sollte. Ich versicherte
Ihnen unter bitteren Trnen, niemals Satagira lieben zu knnen; das
machte jedoch nur wenig Eindruck auf sie. Aber ebensowenig wirkten auf
mich ihre Vorstellungen, ihr Bitten und Zrnen, das Flehen meiner
Mutter, die Drohungen meines Vaters.

In die Enge getrieben, erklrte ich ihnen zuletzt geradeaus, da ich
mich _dir_--von dem sie schon durch Satagira gehrt hatten--versprochen
htte, und da keine Macht der Welt mich zwingen knnte, dir das heilige
Wort zu brechen und einem Anderen anzugehren. Kme es aber zum
uersten, dann wrde ich durch dauernde Verweigerung jedweder Nahrung
mir selber den Tod geben.

Als meine Eltern nun merkten, da ich wohl imstande war, diese Drohung
auszufhren, gaben sie endlich, wenn auch sehr betrbt und erzrnt, die
Sache auf; und auch Satagira schien sich nun in sein Schicksal zu fgen
und darauf bedacht zu sein, sich ber seine Niederlage in der Liebe
durch Siegestaten auf einem rauheren Schlachtfelde zu trsten.

In dieser Zeit meldete das Gercht viel Schreckliches von dem Ruber
Angulimala, der mit seiner Bande ganze Gegenden verheerte, die Drfer
einscherte und die Wege so unsicher machte, da zuletzt fast niemand
mehr wagte, nach Kosambi zu reisen. Ich geriet darob in groe Angst,
denn ich frchtete natrlich, da du jetzt endlich kommen und unterwegs
in seine Hnde fallen mchtest. Es verlautete nun pltzlich, Satagira
habe den Oberbefehl ber eine groe Truppenmacht erhalten, um die ganze
Gegend von Kosambi zu subern und womglich Angulimala selber und die
anderen Hauptfhrer der Bande gefangen zu nehmen. Er habe, hie es,
geschworen, dies zu erreichen oder bei dem Versuche im Kampfe zu fallen.

So wenig ich auch sonst dem Sohne des Ministers hold war, so konnte ich
doch nicht umhin, ihm diesmal besten Erfolg zu gnnen, und als er
auszog, folgten meine segnenden Wnsche seinen Fahnen.

Etwa eine Woche spter war ich mit Medini im Garten, als wir von der
Strae her lautes Geschrei vernahmen. Medini lief sofort hin, um zu
erfahren, was geschehen sei und meldete alsbald, Satagira kehre im
Triumph nach der Stadt zurck, nachdem er die Ruber niedergemetzelt
oder gefangen genommen habe; auch der schreckliche Angulimala sei
lebendig in seine Hnde gefallen. Sie forderte mich auf, mit ihr und
Somadatta auf die Strae zu gehen, um den Einzug der Krieger und der
gefangenen Ruber zu sehen, aber ich wollte nicht, weil ich es Satagira
nicht gnnte, mich unter den Zuschauern seines Triumphes zu sehen. So
blieb ich denn allein zurck, berglcklich bei dem Gedanken, da die
Wege fr meinen Geliebten jetzt wieder geffnet seien. Denn so wenig
ahnen ja die Sterblichen den Gang des Schick-sals, da sie manchmal, wie
ich es damals tat, als einen Glckstag den Tag begren, an welchem
gerade ihr Leben eine Wendung zum Dsteren nimmt.

Am folgenden Morgen trat mein Vater in mein Zimmer. Er berreichte mir
eine kristallene Kette mit einem Tigeraugen-Amulett und fragte mich, ob
ich sie wohl erkenne.

Mir war, als ob ich umsinken mte, aber ich nahm alle meine Krfte
zusammen und antwortete, die Kette hnele einer, die du immer um den
Hals getragen httest.

"Sie hnelt ihr nicht," sagte mein Vater mit grausamer Ruhe--"sie _ist_
es. Als Angulimala gefangen genommen wurde, trug er sie, und Satagira
erkannte sie sofort wieder. Denn, wie er mir erzhlte, hat er einmal mit
Kamanita im Parke um deinen Ball gerungen. Dabei zerri Kamanitas Kette,
die er ergriffen hatte, um seinen Widersacher daran zurckzuhalten, und
blieb in seinen Hnden, so da er sie genau betrachten konnte. Er war
berzeugt, sich nicht zu tuschen. Auch hat dann Angulimala, peinlich
befragt, eingestanden, da er vor etwa zwei Jahren die Karawane
Kamanitas auf ihrem Rckwege nach Ujjeni in der Gegend von Vedisa
angegriffen, die Leute niedergemetzelt und Kamanita mit einem Diener
gefangen genommen habe. Den Diener schickte er nach Ujjeni um Lsegeld.
Da dies aber aus irgend einem Grunde ausblieb, hat er nach dem Brauch
der Ruber Kamanita gettet."

Bei diesen schrecklichen Worten htte mich wohl die Besinnung verlassen,
wenn sich nicht meinen verzweifelten Gedanken sofort eine Mglichkeit
erffnet htte, noch gegen die Hoffnung selbst zu hoffen:

"Satagira ist ein schlechter und verschlagener Mensch," antwortete ich
mit scheinbarer Ruhe, "der vor keinem Betrug zurckschreckt, und er hat
sein Herz oder vielmehr seinen Stolz darauf gesetzt, mich zur Frau zu
gewinnen. Wenn er damals die Kette so genau betrachtet hat, was sollte
ihn dann hindern, eine hnliche anfertigen zu lassen? Ich glaube, als er
von Angulimala hrte, ist er auf diesen Gedanken verfallen. Htte er
auch nicht Angulimala selber gefangen, so knnte er doch immer sagen,
die Kette sei im Besitz der Ruber gefunden worden und sie htten
eingestanden, Kamanita gettet zu haben."

"Das ist kaum mglich, meine Tochter," sagte mein Vater
kopfschttelnd--"und zwar aus einem Grunde, den du freilich nicht sehen
kannst, den ich aber glcklicherweise als Goldschmied dir aufdecken
kann. Wenn du die kleinen Goldglieder betrachtest, die die
Kristallstcke miteinander verbinden, so wirst du bemerken, da das
Metall rtlicher ist als das der hiesigen Schmucksachen, weil wir in
unseren Legierungen mehr Silber als Kupfer verwenden. Auch ist die
Arbeit gerade von der etwas grberen Art, wie man sie in den
Gebirgslndern ausfhrt."

Mir schwebte die Antwort auf der Zunge, er sei selber ein so geschickter
Goldschmied, da sowohl die richtige Zusammensetzung als auch die
charakteristische Bearbeitung des Goldes ihm wohl gelingen drfte; denn
ich sah Alles gegen unsere Liebe verschworen und traute selbst meinen
Nchsten nicht. Indessen begngte ich mich damit, zu sagen, ich liee
mich keineswegs durch diese Kette berzeugen, da mein Kamanita nicht
mehr am Leben sei.

Mein Vater verlie mich nun in groem Zorn, und ich konnte mich in der
Einsamkeit ganz meiner Verzweiflung hingeben.




XXVII. DER WAHRHEITSAKT (SACCAKIRIYA)


Die resten Stunden der Nacht verbrachte ich in dieser Zeit immer auf der
Terrasse der Sorgenlosen, entweder allein oder mit Medini zusammen. An
diesem Abend war ich allein da, was mir in meiner augenblicklichen
Stimmung auch das liebste war. Der Vollmond strahlte herab wie damals,
und ich stand vor dem groen bltenreichen Asoka, um mir von ihm, dem
"Herzfrieden", eine trstende Vorbedeutung fr mein friedloses Herz zu
erbitten. Und ich sagte zu mir selber: "Wenn zwischen mir und dem Stamm
eine safrangelbe Blume niederfllt, bevor ich bis hundert gezhlt habe,
dann ist mein geliebter Kamanita noch am Leben."

Als ich bis fnfzig gezhlt hatte, fiel eine Blume nieder, aber eine
orangefarbige. Als ich die Zahl achtzig erreicht hatte, fing ich an,
langsamer und immer langsamer zu zhlen. Da ffnete sich knarrend eine
Tr in der Ecke zwischen Terrasse und Hausmauer, wo eine Treppe in den
Hof hinunterfhrte--ein Zugang, der eigentlich nur fr Arbeiter und
Grtner bestimmt war.

Mein Vater trat hervor und hinter ihm Satagira. Ein paar bis an die
Zhne bewaffnete Reisige folgten, danach kam ein Mann, der die anderen
um Haupteslnge berragte, und zuletzt beschlossen noch andere Reisige
diesen seltsamen, ja unerklrlichen Aufzug. Zwei von den letzteren
blieben als Wache an der Tr zurck, alle brigen kamen auf mich zu.
Dabei fiel es mir auf, da der Riese in ihrer Mitte nur mit Mhe gehen
konnte, und da bei jedem seiner Schritte ein unheimliches Klirren und
Rasseln ertnte.

In diesem Augenblick schwebte eine safrangelbe Asokablume nieder und
blieb gerade vor meinen Fen liegen. Aber ich hatte vor Verwunderung zu
zhlen aufgehrt und wute daher nicht mehr festzustellen, ob sie vor
oder nach der Zahl Hundert gefallen war.

Als die Gruppe nun aus dem Mauerschatten in das volle Mondlicht
heraustrat, sah ich mit Entsetzen, da jene Riesengestalt mit
Eisenketten beladen war. Die Hnde waren ihm auf dem Rcken gefesselt;
um die Fuknchel klirrten schwere, durch Kugelstangen verbundene
eiserne Ringe, von denen doppelte Eisenketten zum Halsringe
hinauffhrten, an welchen wiederum zwei andere Ketten befestigt waren,
die von zwei Reisigen gehalten wurden. Wie bei Einem, der zum Richtplatz
gefhrt wird, hing ihm ein Gewinde von roten Kanaverablten um den
Nacken und die haarige Brust, und das rotgelbe Backsteinpulver, mit dem
sein Haupt bestreut war, lie das wirr ber die Stirn herabhngende Haar
und den fast bis an die Augen reichenden Bart noch wilder erscheinen.
Aus dieser Maske hervor blitzten die Augen mir entgegen--jedoch nur eben
blitzartig schnell; dann senkte sich der Blick und irrte scheu wie der
eines bsen Tieres am Boden umher.

Wen ich vor mir hatte, danach htte ich auch _dann_ nicht zu fragen
gebraucht, wenn die Kanaverablten jenes Wahrzeichen seines furchtbaren
Namens verdeckt htten: das Halsband von Menschendaumen.[1]

 [1] Angulimala = Fingerkranz.

"Nun, Angulimala," brach Satagira das Schweigen, "wiederhole vor dieser
edlen Jungfrau, was du auf der Folter von der Ermordung des jungen
Kaufmanns Kamanita aus Ujjeni gestanden hast."

"Kamanita wurde nicht ermordet," antwortete der Ruber mrrisch,
"sondern gefangen genommen und unseren Gebruchen gem umgebracht."

Und er erzhlte mir nun in wenigen Worten, was mein Vater mir schon
darber gesagt hatte.

Ich stand unterdessen mit dem Rcken an den Asokabaum gelehnt und hielt
mich mit beiden Hnden an den Stamm gesttzt, die Fingerngel krampfhaft
in die Rinde grabend, um nicht umzusinken. Als Angulimala zu Ende
gesprochen hatte, schien sich Alles um mich im Kreise zu drehen. Noch
gab ich es aber nicht auf.

"Du bist ein ehrloser Ruber und Mrder," sagte ich, "was kann mir dein
Wort gelten? Warum solltest du nicht aussagen, was der dir befiehlt, in
dessen Gewalt dich deine Missetaten gebracht haben?"

Und wie auf eine pltzliche Eingebung, die mich selber berraschte und
mir fast einen Hoffnungsschimmer aufleuchten lie, fgte ich hinzu:

"Du darfst mir ja nicht einmal in die Augen sehen--du, der Schrecken
aller Menschen--mir, einem schwachen Mdchen! Du darfst es nicht--weil
du auf Anstiftung dieses Mannes eine feige Lge sagst."

Angulimala blickte nicht auf, aber er lachte grimmig und antwortete mit
einer Stimme, die wie das Brummen eines gefesselten Raubtieres klang:

"Wozu sollte das wohl gut sein, dir in die Augen zu sehen? Das berlasse
ich den jungen Fanten. Dem Blicke eines ehrlosen Rubers wrdest du ja
doch ebensowenig glauben wie seinen Worten. Und von seinem Eide wrdest
du wohl auch nicht mehr halten."

Er trat einen Schritt nher.

"Wohlan, Mdchen! So sei nun Zeugin meines 'Wahrheitsaktes'."

Noch einmal traf mich der Blitz seines Blickes, als dieser sich aufwrts
nach dem Monde richtete, so da mitten im Gewirr seines mifarbigen
Haares und Bartes nur die weien Augpfel zu sehen waren. Seine Brust
arbeitete, da die roten Blumen sich tanzend bewegten, und mit einer
Stimme, wie wenn der Donner zwischen den Wolken rollt, rief er:

"Die du den Tiger zumest, schlangengekrnte, nchtige Gttin! Die du im
Mondschein auf Bergeszinnen tanzest, mit dem Schdelhalsband rasselnd,
zhnefletschend, die Blutschale schwingend, Kali, Herrin der Ruber, die
du mich durch tausend Gefahren gefhrt hast, hre mich! So wahr ich nie
mit dem Opfer kargte, so wahr ich deine Gesetze immer treulich gehalten
habe, so wahr ich auch mit diesem Kamanita getreu verfuhr nach deiner
Satzung, die uns 'Absendern' gebietet, wenn das Lsegeld nicht zur
festgesetzten Stunde eintrifft, den Gefangenen mitten durchzusgen und
die Krperteile auf die Landstrae zu werfen:--so wahr wirst du mir
jetzt in meiner hchsten Not beistehen, meine Ketten zerreien und mich
aus den Hnden meiner Feinde befreien!"

Indem er das sagte, machte er eine gewaltsame Bewegung--die Ketten
klirrten--Anne und Beine waren frei--die beiden Reisigen, die ihn
hielten, lagen am Boden, einen dritten schlug er mit dem Kettenstck,
das an seinem Handgelenke hing, nieder, und bevor jemand von uns recht
begriff, was eigentlich geschehen war, hatte Angulimala sich ber die
Brustwehr geschwungen. Mit einem wilden Schrei strmte Satagira ihm
nach.--Das war das Letzte, was ich sah und hrte.

Nachher erfuhr ich, da Angulimala gestrzt sei, sich einen Fu
gebrochen habe und von der Wache festgenommen worden sei; spter sei er
dann im Gefngnis auf der Folter gestorben, und sein Kopf ber dem
nrdlichen Stadttor aufgesteckt worden, woselbst Medini und Somadatta
ihn gesehen haben.

Durch den Wahrheitsakt Angulimalas war der letzte Zweifel und die letzte
Hoffnung von mir gewichen. Denn ich wute wohl, da selbst jene
teuflische Gttin kein Wunder zu seiner Rettung htte wirken knnen,
wenn er nicht die Macht der Wahrheit auf seiner Seite gehabt htte.

Was nun aus mir wurde, darum kmmerte ich mich wenig, denn auf dieser
Erde war ja doch Alles fr mich verloren. Nur im Paradiese des Westens
konnten wir uns wiedersehen: du warst vorausgegangen, und ich wrde, so
hoffte ich, bald folgen. Dort blhte das Glck, alles andere war
gleichgltig.

Da nun Satagira sein Werben fortsetzte und meine Mutter mir immer wieder
jammernd und weinend Vorstellungen machte, sie wrde gebrochenen Herzens
sterben, wenn sie durch mich die Schmach erlitte, da ich unverheiratet
im Elternhause sitzen bliebe--htte sie dann doch ebensogut das
hlichste Mdchen von Kosambi zur Welt bringen knnen!--da erlahmte
endlich nach und nach mein Widerstand.

brigens hatte ich auch jetzt nicht mehr so viel gegen Satagira
einzuwenden wie frher. Ich konnte nicht umhin, die Standhaftigkeit und
Treue seiner Neigung anzuerkennen, und ich fhlte auch, da ich ihm
Dankbarkeit schuldig war, weil er den Tod meines Geliebten gercht
hatte.

So wurde ich denn--als wiederum fast ein Jahr verstrichen war--die Braut
Satagiras.




XXVIII. AM GESTADE DER HIMMLISCHEN GANGA


Als Kamanita merkte, da selbst hier, am Orte der Seligkeit, diese
Erinnerungen die noch zarte, neuerwachte Seele der Geliebten wie mit
dunklen Fittichen berschatteten, fate er sie bei der Hand und fhrte
sie weiter, indem er ihren gemeinsamen Flug nach jenem lieblichen Hgel
richtete, auf dessen Abhang er krzlich gelegen und dem Spiele der
Schwebenden zugeschaut hatte.

Hier lagerten sie sich. Schon waren Haine und Gebsche, Wiesen und
Hgelabhnge voll unzhliger schwebender Gestalten, roter, blauer und
weier. Immer neue Gruppen umringten sie, um die Neuerwachte zu
begren. Und die beiden mischten sich in die Reihen der Spielenden.

Schon lange waren sie hin und her durch die Haine, um die Felsen, ber
Wiesen und Lotusteiche geschwebt, wohin der Reigen sie fhrte, als ihnen
jene Weie begegnete, die damals Kamanita aufgefordert hatte, mit ihr
die Fahrt nach der Ganga zu wagen. Als sie sich im Tanze die Hnde
reichten, fragte sie mit einem lieblichen Lcheln:

"Bist du nun auch am Gestade der Ganga gewesen? Jetzt hast du ja eine
Begleiterin."

"Noch nicht," antwortete Kamanita.

"Was ist das?" fragte Vasitthi.

Und Kamanita erzhlte es ihr.

"Da wollen wir hin," sagte Vasitthi. "O, wie oft habe ich unten im
trben Erdental hinaufgeblickt zu dem fernen Abglanz ihres
Himmelstromes, und an die seligen Gefilde gedacht, die von ihr
umschlungen und bewssert werden, und gefragt, ob wir wohl einst an
diesem Ort der Wonne vereinigt sein wrden. Unwiderstehlich zieht es
mich jetzt dahin, mit dir zusammen an ihrem Gestade zu weilen."

Sie lsten sich aus der Kette des Reigens und lenkten ihren Flug in
einer Richtung, die sie von ihrem eigenen Teiche weit wegfhrte. Nach
einiger Zeit sahen sie keine Weiher mehr, deren Lotusrosen selige
Gestalten trugen, immer mehr nahm die Bltenpracht ab, immer seltener
begegneten sie schwebenden Gestalten; Herden von Antilopen belebten die
Ebene, auf den Seen segelten Schwne, eine Schleppe von blanken Wellen
ber das dunkle Wasser nach sich ziehend. Die Hgel, die anfangs immer
schroffer und felsiger geworden waren, verschwanden gnzlich.

Sie schwebten ber eine flache, wstenartige Ebene, die mit Tigergras
und Dornengebsch bestanden war. Vor ihnen spannte sich der unabsehbare
Bogen eines Palmenwaldes.

Sie erreichten den Wald. Immer tiefer umgab sie der Schatten. Die
narbigen Schfte leuchteten wie Bronze. Hoch oben rauschten die Wipfel
mit ehernem Klange.

Vor ihnen fingen glitzernde Punkte und Streifen zu tanzen an. Und
pltzlich strmte ihnen ein solcher Lichtglanz entgegen, da sie die
Hnde vor die Augen halten muten. Es war, als ob im Walde eine
ungeheure Kolonnade von blanken Silbersulen stnde, die das Licht der
aufgehenden Sonne zurckwarf.

Als sie sich getrauten, die Hnde wieder von den Augen zu nehmen,
schwebten sie gerade zwischen den letzten Palmen des Waldes hinaus.

Vor ihnen lag die himmlische Ganga, bis zum Horizonte ihre silbrige
Flche breitend, whrend zu ihren Fen flache Wellenzungen, wie
flssiges Sternenlicht, flammenartig den perlgrauen Sand des flachen
Ufers beleckten.

Wenn sonst der Himmel nach unten zu allmhlich heller wird, so war es
hier umgekehrt: das Ultramarinblau ging in Indigo ber, das schlielich
mit einem fast gnzlich schwarzen Rand sich auf die silberweie Kimmung
sttzte.

Vom Dufte der Paradiesblten war nichts mehr zu spren. Wie aber im
Malachittale um den Korallenbaum jener erinnerungsschwangere Duft aller
Dfte gesammelt stand, so wehte hier den Weltenstrom entlang ein khler
und herber Hauch, dem das Fehlen aller Dfte, das vollkommen Reine als
einziger Duft eignete. Und Vasitthi schien ihn begierig wie einen
erfrischenden Trank einzuschlrfen, whrend er Kamanita den Atem raubte.

Auch von jener lieblichen Musik der Genien vernahm man hier nicht den
leisesten Ton. Aber aus dem Strome schienen mchtige, donnerartig
drhnende Klnge emporzusteigen.

"Horch!"--flsterte Vasitthi und erhob ihre Hand.

"Sonderbar!"--sagte Kamanita. "Einst war ich in eine Htte eingekehrt,
die an dem Ausgange einer Bergschlucht lag und an der ein kleiner,
lieblicher Bach vorberflo, in dessen klarem Wasser ich nach meiner
Wanderung meine Fe wusch. Whrend der Nacht ging ein mchtiger Regen
nieder, und als ich in der Htte wach lag, hrte ich, wie der Bach, der
abends nur leise gerauscht hatte, immer ungestmer brauste und tobte.
Zugleich aber vernahm ich einen polternden, donnernden Schall, den ich
mir durchaus nicht zu erklren wute. Am nchsten Morgen sah ich nun,
da aus dem klaren Bach ein reiender Gebirgsstrom mit grauen,
schumenden Fluten geworden war, in welchem groe Steine rollend und
springend dahinstrzten. Und diese waren es, die dies Getse verursacht
hatten. Wie mag es wohl kommen, da nun hier, beim Anhren jener Klnge,
diese Erinnerung aus meiner Pilgerschaft in mir emporsteigt?"

"Es kommt daher," antwortete Vasitthi, "weil in jenem Gebirgsbache
Steine, in dem Strome der himmlischen Ganga aber Welten gerollt und
mitgetrieben werden, und die sind es, von denen jene donnerartig
drhnenden Klnge herrhren."

"Welten!"--rief Kamanita entsetzt.

Vasitthi lchelte und schwebte dabei weiter; aber erschrocken hielt
Kamanita sie an ihrem Gewnde zurck.

"Hte dich, Vasitthi! Wer wei, welche Mchte, welche furchtbaren Krfte
drauen ber diesem Weltenstrome schweben, Mchte, in deren Gewalt du
geraten knntest, wenn du dieses Ufer verlieest. Ich zittere schon bei
dem Gedanken, dich pltzlich fortgerissen zu sehen."

"Drftest du mir dann nicht folgen?"

"Gewi wrde ich dir folgen. Wer wei aber, ob ich dich erreichen
knnte, ob man uns nicht voneinander reien wrde? Und wenn wir auch
zusammen blieben, welcher Jammer wre es doch, in das Unbegrenzte
getragen zu werden, weit weg von diesem trauten Orte der Seligkeit."

"In das Unbegrenzte!" wiederholte Vasitthi sinnend, und ihr Blick
schweifte ber die Flche der himmlischen Ganga hinaus bis dorthin, wo
die silberne Flut den schwarzen Himmelsrand erreichte, und schien noch
immer weiterdringen zu wollen;--"und kann denn ewige Seligkeit bestehen,
wo Begrenzung ist?" sprach sie gleichsam in Gedanken verloren.

"Vasitthi!" rief Kamanita, ernstlich erschreckend--"ich wollte, ich
htte dich nie hierher gefhrt! Komm, Geliebte, komm!"

Und noch ngstlicher als vom Korallenbaume zog er sie von dannen.

Nicht unwillig folgte sie ihm, wobei sie jedoch zwischen den uersten
Palmen das Haupt wandte und einen letzten Blick auf den himmlischen
Strom warf....

       *       *       *       *       *

Und wiederum thronten sie auf ihren Lotussitzen im kristallklaren
Teiche, wiederum schwebten sie zwischen juwelenblhenden Bumen und
mischten sich unter die Reihen der Seligen und genossen die himmlischen
Wonnen, glcklich in ihrer ungetrbten Liebe.

Aber als sie im Reigen einmal der Weien begegneten, sagte diese:

"So seid ihr also wirklich am Gestade der Ganga gewesen?"

"Wie kannst du es wissen, da wir dort gewesen sind?"

"Ich sehe es; denn Alle, die da waren, tragen gleichsam einen Schatten
ber den Brauen. Deshalb will ich auch nicht dahin. Und ihr werdet auch
nicht zum zweiten Male hingehen, niemand tut das"




XXIX. IM DUFTE DER KORALLENBLTEN


Sie besuchten in der Tat nicht wieder jenes ungastliche Gestade der
himmlischen Ganga. Oft aber lenkten sie ihren Flug nach dem Tale der
Malachitfelsen. Unter der mchtigen Krone des Korallenbaumes gelagert,
atmeten sie jenen Duft aller Dfte, der den karmesinroten Blten
entstrmte, und in der Tiefe ihrer Erinnerung ffnete sich dann die
Aussicht auf ihre frheren Leben.

Bald in Palsten, bald in Htten sahen sie sich nun wieder, aber ob in
Seide und Musselin gehllt oder in die groben Erzeugnisse des
Dorfwebstuhles gekleidet: immer war die gegenseitige Liebe da. Bald
wurde sie durch das Glck der Vereinigung gekrnt, bald war die Trennung
durch Lebensgeschicke oder durch den Tod ihr jammervolles Los: aber
glcklich oder unglcklich, die Liebe blieb dieselbe.

Und sie sahen sich in anderen Zeiten, da die Menschen gewaltiger waren
als jetzt, in jenen ewig unvergessenen Heroentagen, als er sich aus
ihren Armen ri und seinen Kampfilfen bestieg, um nach der Ilfenstadt zu
ziehen und seinen Freunden, den Pandaverprinzen, im Kampfe gegen die
Kuruinge beizustehen; wo er dann an der Seite Arjunas und Krishnas
kmpfend, am zehnten Tage der Riesenschlacht auf der Ebene Kurukschetra
seine Heldenseele aushauchte. Sie aber, als sie die Nachricht von seinem
Tode empfing, bestieg vor dem Palaste, von allen ihren Frauen gefolgt,
den Scheiterhaufen, den sie mit eigener Hand anzndete.

       *       *       *       *       *

Und wieder sahen sie sich in fremden Gegenden und in anderer Natur. Es
war nicht lnger das Tal der Ganga und der Jamuna mit seinen prchtigen,
palastreichen Stdten, wo waffenstrahlende Krieger, stolze Brahmanen,
reiche Brger und fleiige udras die Straen belebten; mit seinen
Reisfeldern und vielstmmigen Feigenbaumriesen, seinen Palmenhainen
und seinen Dschungeln, seinen Elefanten und Tigern und den
weithinleuchtenden Schneezinnen des Himavat. Dieser Schauplatz, der mit
seiner mannigfachen tropischen Pracht so oft ihr gemeinsames Leben
umschlossen hatte, als ob es keine andere Welt gbe, verschwand nun
gnzlich, um einem deren und herberen Lande Platz zu machen.

Hier brennt freilich die Sommersonne so hei wie an der Ganga, trocknet
die Wasseradern aus und versengt das Gras. Aber im Winter beraubt der
Frost die Wlder ihres Laubes, und Reif bedeckt die Felder. Keine Stdte
erheben ihre Trme, aber weitgedehnte Drfer mit groen Hrden liegen
mitten in ihren weidereichen Triften, und die schtzende Anhhe daneben
ist durch Wlle und rohe Mauern in eine kleine Feste verwandelt. Ein
kriegerisches Hirtenvolk ist hier sehaft. Die Wlder sind voll von
Wlfen, und meilenweit hrt der zitternde Wanderer das Gebrll des
Lwen, "des furchtbaren, schweifenden, in Bergen hausenden Wildes"--wie
_er_ ihn nennt; denn er ist ein Snger.

Nach langer Wanderung nhert er sich einem Dorfe, als unbekannter, aber
willkommener Gast; denn das ist er berall. ber seiner Schulter hngt
seine einzige sichtbare Habe, eine kleine Laute; aber im Kopfe trgt er
das ganze kostbare Erbe seiner Vter: alte, geheime Hymnen an Agni und
Indra, an Varuna und Mitra, ja sogar an unbekannte Gtter; Kriegs- und
Trinklieder fr die Mnner; Liebeslieder fr die Mdchen; segnende
Zaubersprche fr die Milchspendenden. Und er hat Kraft und Kenntnisse,
um diesen Vorrat aus eigenen Mitteln zu vermehren. Wo wre wohl ein
solcher Gast nicht willkommen?

Es ist um die Zeit, da die Rinder nach Hause getrieben werden. An der
Spitze einer Herde schreitet mit der hchsten Anmut in allen Bewegungen
des jugendlichen Krpers ein hochgewachsenes Mdchen; ihr zur Seite geht
ihre Lieblingskuh, deren Glocke die anderen folgen, und leckt ab und zu
ihre Hand. Er bietet ihr guten Abend; sie erwidert freundlich den Gru.
Lchelnd sehen sie sich an--und es ist derselbe Blick, der im Lustparke
von Kosambi zwischen der Ballspielerin auf der Bhne und dem fremden
Zuschauer hin und her flog.

       *       *       *       *       *

Aber auch das Land der fnf Strme, nachdem es sie mehrmals beherbergt
hat, verschwindet, wie zuvor das Gangatal--andere Gegenden tun sich auf,
andere Menschen und Sitten umgeben sie--Alles rauher, wilder und
rmlicher.

Die Steppe, ber welche der Zug sich hinzieht--Reiter, Wagen und
Fugnger in endloser Reihe--ist wei von Schnee. Die Luft ist voll von
den wirbelnden Flocken. Schwarze Berge schauen schattenartig herein. Aus
dem Zeltdache eines schweren Ochsenwagens beugt sich ein Mdchen so
lebhaft hervor, da der Schafpelz zur Seite gleitet, und die goldene
Haarflle ihr ber Wangen, Hals und Brust niederwallt. Angst leuchtet
aus ihren Augen, als sie hinausspht, wohin alle Blicke sich wenden,
alle Finger hinzeigen:--wie eine dunkle, vom Winde aufgewirbelte Wolke
braust eine Reiterhorde heran. Aber vertrauensvoll lchelt sie, als ihr
Blick dem des Jnglings begegnet, der neben dem Wagen auf einem
schwarzen Stiere reitet;--und es ist wieder derselbe Blick, wenn auch
aus blauen Augen. Dieser Blick entflammt das Herz des blonden Jnglings,
der seine Streitaxt schwingt und laut rufend mit den anderen Kriegern
dem Feind entgegenstrmt--entflammt es und wrmt es noch, als es vom
kalten Eisen eines Skythenpfeiles durchbohrt wird.

       *       *       *       *       *

Aber noch grere Vernderungen erlebten sie; noch weitere Wanderungen
unternahmen sie, vom Dufte des Korallenbaumes geleitet.

Sie fanden sich selbst als Hirsch und Hinde im ungeheuren Walde. Wortlos
war jetzt ihre Liebe, aber nicht blicklos. Und wiederum war es derselbe
Blick:--tief im innersten Dunkel ihrer groen, ahnungsvollen Augen
leuchtete noch, wenn auch wie durch trbe Nebelblue hindurch, derselbe
Funken, der so strahlend von Menschenauge zu Menschenauge den Weg
gefunden hatte.

Sie sten zusammen, nebeneinander wateten sie im klaren, khlen
Waldbach, Krper an Krper ruhten sie im hohen, weichen Grase. Gemeinsam
waren ihre Freuden, gemeinsam zitterten sie vor Angst, wenn pltzlich
ein Ast lebendig wurde und der Rachen des Pythons sich aufsperrte; oder
wenn in der Stille der Nacht eine fast unhrbare, schleichende Bewegung
von ihren regen Ohren aufgefangen wurde, whrend ihre geblhten Nstern
den scharfen Geruch eines Raubtieres witterten, und sie dann in
mchtigen Stzen davonflohen, gerade als es im Gebsche knisterte und
knackte und das Zorngebrll des zu kurz gekommenen Tigers durch den
jetzt ringsum lebendig werdenden Wald rollte.

Viele Jahre schon hatten sie so gemeinsam alle Wonnen und Schrecken des
Waldes durchgekostet, als sie eines Tages an einem schattigen Orte die
jungen saftigen Schlinge benagten. Da geschah es, da die Hinde sich
in die Wildschlinge eines Jgers verstrickte. Vergebens arbeitete das
Mnnchen mit Zacken und Klauen, um die Bande, welche die Freundin
fesselten, zu zersprengen, und lie nicht davon ab, bis der Jger sich
nahte. Dann stellte er sich diesem mit geflltem Geweih entgegen und
bald machte der Jagdspie beider Leben ein Ende.

       *       *       *       *       *

Und als ein paar Goldadler horsteten sie hoch im wilden Felsengebirge,
schwebten ber die blulichen Abgrnde des Himavat und umkreisten seine
schneeigen Zinnen.--

Als zwei Delphine aber befuhren sie die grenzenlose Salzflut des
Ozeans.--

Ja, einmal erwuchsen sie als zwei Palmen auf einer Insel mitten im
Weltmeere, schlangen im khlen Strandsande ihre Wurzeln ineinander und
lieen gemeinsam ihre Wipfel im Seewinde rauschen.

       *       *       *       *       *

Und wie ein Frstenpaar sich zur Kurzweil und Belehrung vom Hoferzhler
mancherlei vortragen lt--bald den Lebenslauf eines Knigs, bald eine
einfache Dorfgeschichte, bald ein Heldenepos, bald eine Sage aus uralten
Tagen, bald irgend eine Tierfabel oder ein Mrchen, und dabei wei: wie
oft es uns auch gelstet, zu lauschen, so ist doch nicht zu befrchten,
da diesem trefflichen Erzhler jemals der Stoff ausgeht, da der Hort
seiner Sagenkenntnisse und die Flle seines Erfindungsvermgens
unerschpflich sind--ebenso wuten diese beiden:--wie oft und wie lange
wir auch hier weilen, und wre es auch eine ganze Ewigkeit hindurch, so
ist doch keine Gefahr da, da dieser Duft keine Erinnerungen mehr wecken
knnte; denn je weiter wir in die Zeit hinabsteigen, um so weiter
schiebt sich die Vorzeit zurck.

Und sie wunderten sich sehr.

"Wir sind so alt wie die Welt," sagte Vasitthi.




XXX. "ALLES ENTSTANDENE--"


"Gewiss sind wir so alt wie die Welt," sagte Kamanita. "Aber bisher sind
wir immer ruhelos gewandert, und immer wieder hat uns der Tod in ein
neues Leben gestrzt. Jetzt aber haben wir endlich eine Sttte erreicht,
wo es kein Vergehen mehr gibt, sondern nur ewige Wonne unser Los ist."

Als er so sprach, kehrten sie gerade vom Korallenbaume zu ihrem Teiche
zurck. Er wollte sich soeben auf seine Lotusrose niedersenken, als er
zu bemerken glaubte, da ihre rote Farbe an Frische und Glanz etwas
eingebt habe. Ja, als er nun ber ihr in der Luft schwebend stehen
blieb und aufmerksam auf sie hinunterblickte, sah er mit Schrecken, da
die Kronenbltter am Rande brunlich und gleichsam verbrannt waren, und
da ihre Spitzen sich erschlaffend krmmten.

Nicht anders sah Vasitthis weier Lotus aus, ber dem auch sie stehen
geblieben war, offenbar durch dieselbe Wahrnehmung gefesselt.

Er richtete seinen Blick nach seinem blauen Nachbar. _Sein_ Lotus zeigte
die gleiche Wandlung und es fiel Kamanita auf, da sein Gesicht nicht so
freudig strahlte wie damals, als er ihn zuerst begrt hatte; die Zge
waren nicht so belebt wie frher, seine Haltung war nicht so frei, ja in
seinem Blick las er dieselbe Befremdung, die ihn und Vasitthi ergriffen
hatte.

Und so war es in der Tat berall, wo er hinsah. Mit Blumen und Gestalten
war eine Vernderung vor sich gegangen.

Wieder senkte er prfend den Blick zu seinem eigenen Lotus nieder. Ein
Kronenblatt schien lebendig zu werden--langsam neigte es sich vornber
und fiel losgelst auf die Wasserflche.

Gleichzeitig aber hatte sich von jeder Lotusblume ein Kronenblatt
abgelst--die Wasserflche glitzerte zitternd und schaukelte leise die
bunten Bltternachen. Durch die Haine am Ufer ging ein Frsteln, und ein
juwelenfunkelnder Bltenregen fiel zur Erde. Ein Seufzer entrang sich
jeder Brust, und eine leise, doch schneidende Disharmonie durchdrang die
Musik der himmlischen Genien.

"Vasitthi, Geliebte!" rief Kamanita, bestrzt ihre Hand
ergreifend--"siehst du? Hrst du?--Was ist denn dies? Was kann das
bedeuten?"

Aber Vasitthi sah ihn ruhig lchelnd an:

"Daran hat er gedacht, als er sagte:

'Alles Entstandene auflsend weht dahin der Verwesung Hauch,
Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch.'"

"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen hoffnungsvernichtenden
Ausspruch getan?"

"Wer denn sonst als er, der Erhabene, der Wandels-und Wissensbewhrte,
der aus Mitleid mit den Menschen die Lehre darlegt, Allen zur
Aufklrung, dem Einzelnen zum Trost; der die Welt mit ihren edlen und
unedlen Wesen, ihren Scharen von Gttern, Menschen und Dmonen offenbart
und erklrt, der Wegweiser, der den Weg aus dieser Wandelwelt zeigt: der
Erhabene, der Vollendete, der Buddha."

"Der Buddha htte das gesagt? O nein, Vasitthi, das glaub' ich nicht.
Vielfach werden ja die Worte solch groer Lehrer miverstanden und
unrichtig wiedergegeben, wie ich selber am besten wei. Denn einst, zu
Rajagaha, habe ich in der Vorhalle eines Hafners mit einem trichten
Asketen zusammen bernachtet, der mir durchaus die Lehre des Buddha
darlegen wollte. Was er vorbrachte, war aber trauriges Zeug, eine
grblerische, vernagelte Lehre, wiewohl ich schon spren konnte, da
echte Aussprche des Erhabenen ihr zugrunde lagen--jedoch verballhornt
und von diesem Querkopfe umgedeutet. Gewi hat man auch dir dies Wort
falsch berichtet."

"Nicht doch, mein Freund! Denn aus dem Munde des Erhabenen selber habe
ich es ja."

"Wie, Geliebte? So hast du denn selbst den Vollendeten von Angesicht zu
Angesicht gesehen?"

"Gewi habe ich das. Zu seinen Fen bin ich ja gesessen."

"Glcklich preise ich dich, Vassitthi! Glcklich--das sehe ich ja--bist
du jetzt in der Erinnerung. Ach, auch ich wrde ja glcklich und
zuversichtlich sein wie du, wenn nicht im letzten Augenblick mein bses
Geschick--die eben reif gewordene Frucht von schlechten Taten der
Vergangenheit--mich des Glcks beraubt htte, den erhabenen Buddha zu
sehen. Denn ein gewaltsamer Tod raffte mich dahin, als ich auf dem Wege
zu ihm war, in demselben Orte, in dem er weilte, eben gerade in
Rajagaha, an dem Morgen nach meinem Gesprch mit jenem trichten
Asketen. Nur etwa noch eine Viertelstunde entfernt von dem Mangohaine,
in dem der Erhabene sich aufhielt, ereilte mich mein Schicksal. Aber nun
ist mir _dies_ zum Trste gegeben, da meine Vasitthi das erreichte, was
mir versagt blieb. O, erzhle mir Alles davon, wie du zu ihm, dem
Erhabenen, kamst. Denn gewi wird mich das aufrichten und strken, und
jenes Wort, das mir so schrecklich, so hoffnungsvernichtend erschien,
wird mir dann verstndlich werden und seinen Stachel verlieren, ja
vielleicht sogar irgend einen geheimen Trostgrund enthalten."

"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi.

Sie lieen sich auf ihre Lotusrosen nieder, und Vasitthi setzte den
Bericht ihrer Erlebnisse fort.




XXXI. DIE ERSCHEINUNG AUF DER TERRASSE


Als Satagira sein Ziel, mich als Frau zu besitzen, erreicht hatte,
erkaltete seine Liebe schnell, um so mehr, als sie ja von meiner Seite
keine Erwiderung fand. Ich hatte versprochen, ihm eine treue Gattin zu
sein, und er wute wohl, da ich mein Versprechen halten wrde. Mehr
stand aber auch nicht in meiner Macht, selbst wenn ich es gewollt htte.

Da ich ihm nur eine Tochter gebar, die schon im zweiten Jahre starb,
wunderte sich niemand--und ich wahrlich am wenigsten--darber, da er
sich eine zweite Frau nahm. Diese gebar ihm den erwnschten Sohn.
Dadurch bekam sie die erste Stellung im Hause; auch verstand sie, seine
Liebe, auf die ich so willig verzichtet hatte, auf geschickte Weise zu
fesseln. Auerdem nahmen die Geschfte meinen Gemahl immer mehr in
Anspruch, denn er war nach dem Tode seines Vaters mit dessen Stellung
betraut worden.

So gingen mehrere Jahre ruhig dahin, und ich vereinsamte mehr und mehr,
was mir denn auch ganz recht war. Ich gab mich meiner Trauer hin,
verkehrte mit meinen Erinnerungen und lebte in der Hoffnung auf ein
Wiedersehen hier oben, eine Hoffnung, die mich ja auch nicht getuscht
hat.

Der Palast Satagiras lag an derselben Schlucht, aus der du so oft nach
der "Terrasse der Sorgenlosen" hinaufgestiegen bist, aber an einer viel
steileren Stelle, und hatte eine ganz hnliche Terrasse wie mein
Vaterhaus. Hier pflegte ich alle schnen Abende zuzubringen, ja in der
heien Zeit blieb ich dort oft die ganze Nacht, auf einem Ruhebett
schlafend. Denn die Felswand der Schlucht, die noch dazu von hohem
Mauerwerk gekrnt wurde, war so steil und glatt, da gewi kein Mensch
an ihr hinaufklettern konnte.

Einmal in einer herrlichen, milden Mondnacht lag ich nun dort auf meinem
Lager, ohne zu schlafen. Ich dachte an dich, und zwar an jenen ersten
Abend unseres Zusammenseins; der Augenblick, wo ich mit Medini auf der
marmornen Bank der Terrasse sa und eure Ankunft erwartete, stand mir so
lebhaft vor der Seele, und ich dachte daran, wie sich dann pltzlich,
noch bevor wir es hofften, deine Gestalt ber den Mauerrand erhob--denn
du warst ja in deinem ungestmen Eifer Somadatta zuvorgekommen.

In diese sen Trume verloren, hatte ich unwillkrlich meinen Blick auf
der Brustwehr ruhen lassen, als pltzlich eine Gestalt sich ber
dieselbe erhob.

Ich war so berzeugt, da nie und nimmer ein Mensch diese Stelle
erklimmen knne, da ich gar nicht daran zweifelte, dein Geist, von
meiner Sehnsucht heraufbeschworen, kme, um mich zu trsten und um mir
Kunde zu bringen von dem seligen Orte, wo du mich erwartetest.

Deshalb erschrak ich denn auch gar nicht, sondern stand auf und breitete
die Arme gegen den Kommenden aus.

Wie nun aber dieser auf der Terrasse stand und sich mit raschen
Schritten nherte, sah ich, da seine Gestalt viel grer als die deine,
ja sogar riesenhaft war, und ich merkte, da ich den Geist Angulimalas
vor mir hatte. Nun erschrak ich so heftig, da ich mich am Kopfende der
Ruhebank festhalten mute, um nicht umzusinken.

"Wen hast du erwartet?" fragte der Furchtbare, an mich herantretend.

"Einen Geist, aber nicht den deinen," antwortete ich.

"Kamanitas Geist?"

Ich nickte.

"Als du jene Bewegung des Bewillkommnens machtest," fuhr er
fort,--"frchtete ich, da du einen Liebhaber httest, der dich des
Nachts hier besuchte. Denn in dem Falle wrdest du mir nicht helfen. Und
ich habe deine Hilfe so ntig, wie du jetzt die meinige."

Bei diesen sonderbaren Worten wagte ich aufzublicken, und nun schien es
mir, da ich keinen Geist, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut vor
mir habe. Aber der Mond stand hinter ihm, und geblendet von seinen
Strahlen und vom Schrecken verwirrt, konnte ich nur die mchtigen
Umrisse einer Gestalt sehen, die wohl auch einem Dmon angehren
konnten.

"Ich bin nicht der Geist Angulimalas," sagte er, meinen Zweifel
erratend, "ich bin er selber, ein Mensch wie du."

Ich fing heftig zu zittern an, nicht vor Angst, sondern, weil ich dem
Menschen gegenberstand, der meinen Geliebten grausam ermordet hatte.

"Frchte dich nicht, edle Frau!" fuhr er fort--"du hast von mir nichts
zu befrchten; bist du doch der einzige Mensch, vor dem ich selber mich
gefrchtet habe, und dem ich, wie du so richtig sagtest, nicht in die
Augen sehen durfte, weil ich dich betrog."

"Du betrogst mich?" rief ich, und kaum wei ich, ob in meiner Seele
Freude aufstieg, geweckt durch die Hoffnung, mein Geliebter sei noch am
Leben, oder ob noch grere Verzweiflung mich bei dem Gedanken ergriff,
da ich mich hatte verleiten lassen, mich von dem Lebenden zu trennen.

"Ich tat es," antwortete er, "und deshalb sind wir aufeinander
angewiesen. Denn wir haben beide etwas zu rchen und an demselben Mann:
an Satagira!"

Mit dem Anstand eines Frsten machte dieser Ruber eine Handbewegung,
mit der er mich aufforderte, mich zu setzen, als ob er mir viel zu sagen
htte. Ich, die ich mich nur noch mit Mhe aufrechthalten konnte, lie
mich willenlos auf die Bank niedersinken, und staunte ihn an, atemlos
begierig auf seine nchsten Worte, die mich ber das Schicksal des
Geliebten aufklren muten.

"Kamanita mit seiner Karawane," fuhr er fort--"fiel mir in der
Waldgegend Vedisas in die Hnde. Er verteidigte sich tapfer, wurde aber
unverwundet gefangen genommen, und als das Lsegeld zur rechten Zeit
eintraf, unbehelligt nach Hause geschickt. Wohlbehalten kam er in Ujjeni
an."

Bei dieser Nachricht entrang sich ein tiefer Seufzer meiner Brust. Ich
empfand in diesem Augenblick nur Freude darber, den Geliebten unter den
Lebenden zu wissen, so tricht dies Gefhl auch war. Denn durch das
Leben war er mir noch mehr als durch den Tod entfernt.

"Als ich in Satagiras Gewalt fiel," fuhr Angulimala fort, "erkannte
dieser sofort die kristallene Kette mit dem Tieraugen-Amulett an meinem
Halse, als dieselbe, die Kamanita angehrt hatte. Am folgenden Abend kam
er allein in mein Gefngnis und versprach mir, zu meinem grten
Erstaunen, mir die Freiheit zu schenken, wenn ich vor einem Mdchen
beschwren wollte, da ich Kamanita umgebracht habe. 'Dein Eid allein,'
sagte er, 'wrde sie freilich nicht berzeugen, aber einem
'Wahrheitsakte' mu sie glauben.'--Er erklrte mir jetzt, ich sollte in
der ersten Stunde der Nacht auf eine Terrasse gefhrt werden, wo das
Mdchen sich aufhalten werde. Er wollte dafr sorgen, da die Fesseln
durchfeilt wren, so da ich sie unschwer sprengen knne, worauf es dann
ein leichtes fr mich sei, mich ber die Brustwehr zu schwingen, in die
Schlucht hinabzusteigen und derselben abwrts folgend zu entfliehen, da
sie schlielich in eine enge Rinne ausmnde, durch die ein kleiner Bach
unter der Stadtmauer sich in die Ganga ergsse. Mit einem feierlichen
Eide schwor er mir zu, mich an der Flucht aus Kosambi nicht hindern zu
wollen.

Zwar traute ich ihm nicht allzusehr, aber ich sah keinen anderen Ausweg.
Einen ganz falschen Wahrheitsakt zu begeben, dazu htte mich allerdings
nichts verleiten knnen, denn ich htte ja dadurch das furchtbarste
Zorngericht der beleidigten Gttin auf mich geladen. Aber ich erkannte
sofort, wie ich meinen Schwur so einrichten knnte, da ich nicht mit
klaren Worten eine Unwahrheit sagte, whrend dennoch ein jeder
heraushren wrde, da ich Kamanita gettet habe: und ich vertraute
darauf, da Kali, die an allen Schlauheiten Gefallen findet, mir wegen
dieses Kraftstckes mit aller Macht beistehen und mich heil durch die
Gefahren fhren wrde, die ein Verrat Satagiras mir bereiten mchte.

Alles ging nun in der Tat, wie es zwischen uns verabredet war, und du
selber hast gesehen, wie ich die eisernen Ketten sprengte. Noch heute
wei ich aber nicht, ob Satagira Wort gehalten und die Ketten hat
durchfeilen lassen, wie er es mir versprochen hatte, oder ob mir Kali
durch ein Wunder half. Doch glaube ich eher das erstere. Denn kaum war
ich einige Klafter in die Ganga hinausgeschwommen, so wurde ich von
einem Boote voll Bewaffneter berfallen. Auf diesen Hinterhalt hatte er
also vertraut. Hier aber zeigte es sich, was die Hilfe Kalis wert ist:
denn obwohl die an meinen Handgelenken hngenden Kettenstcke meine
einzigen Waffen waren, gelang es mir doch, alle Krieger totzuschlagen,
und auf dem whrend des Kampfes gekenterten Boote erreichte ich
glcklich das sichere nrdliche Ufer; freilich nicht ohne so viele und
tiefe Wunden davonzutragen, da ein ganzes Jahr verging, bevor ich mich
davon erholt hatte. In dieser Zeit habe ich aber oft genug geschworen,
da Satagira mir dies ben solle. Und nun ist die Zeit dazu gekommen."

In meiner Seele wtete ein Sturm von Entrstung ber diesen an mir
verbten, unerhrten Betrug. Ich konnte es dem Ruber nicht verdenken,
da er durch dies Mittel sein Leben gerettet hatte, und da er seine
Hnde nicht mit dem Blute meines Geliebten befleckt hatte, verga ich in
diesem Augenblick, wieviel anderes unschuldiges Blut aber an ihnen
klebte, und empfand weder Schreck noch Abscheu vor diesem Manne, der mir
die Botschaft gebracht hatte, da mein Kamanita noch auf dieser Erde
wanderte wie ich selber. Aber ein bitterer Ha erhob sich in mir gegen
ihn, der schuld daran war, da wir beide getrennt unsere Erdenwanderung
zu Ende fhren muten, und die Drohung Angulimalas gegen sein Leben
vernahm ich mit einer unwillkrlichen Freude, die wohl in meinem
Oesichtsausdrucke zu lesen war.

Denn mit erregter, leidenschaftlicher Stimme fuhr Angulimala fort:

"Ich sehe, hohe Frau! da deine edle Seele nach Rache drstet, und die
soll dir auch bald werden. Deshalb bin ich ja hierher gekommen. Schon
viele Wochen habe ich hier vor Kosambi auf Satagira gelauert. Endlich
habe ich jetzt aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, da er in
diesen Tagen die Stadt verlassen wird, um sich nach den stlichen Gauen
zu begeben, wo ein zwischen zwei Drfern schwebender Rechtsstreit zu
schlichten ist. Ehe ich davon wute, war mein ursprnglicher Plan, ihn
zu zwingen, einen Ausfall gegen mich zu machen, um mich wieder gefangen
zu nehmen; diese seine Reise macht es mir aber noch bequemer. Freilich
habe ich infolge meiner ersten Absicht kein Geheimnis aus meiner
Anwesenheit gemacht, sondern meine Taten fr mich sprechen lassen, und
das Gercht von meinem Wiedererscheinen ist lngst verbreitet. Obwohl
die meisten glauben, da irgend ein Betrger erstanden ist und sich fr
Angulimala ausgibt, so hat doch die Furcht schon so sehr um sich
gegriffen, da nur grere und gut bewaffnete Zge sich in die bewaldete
stliche Gegend, wo ich hause, hinauswagen. Du scheinst freilich davon
nichts gehrt zu haben, weil du eben als eine um ihr Lebensglck
betrogene Frau allein mit deiner Trauer verkehrst."

"Ich habe wohl von einer dreisten Ruberbande vernommen," sagte ich,
"aber deinen Namen noch nicht nennen gehrt, weshalb ich auch glaubte,
deinen Geist zu sehen."

"Satagira aber hat mich nennen gehrt," fuhr der Ruber fort, "verlasse
dich darauf, und da er guten Grund hat, zu glauben, da es der richtige
Angulimala ist und noch besseren Grund, diesen zu frchten, so ist
anzunehmen, da er nicht nur unter starker Bedeckung reisen, sondern
auch noch andere Vorsichtsmaregeln treffen und sich vieler auf
Tuschung berechneter Schliche bedienen wird. Indessen, obschon die
Bande, ber die ich gebiete, nicht sehr gro ist, soll weder das eine
noch das andere ihm helfen, wenn ich nur mit Sicherheit wei, zu welcher
Stunde er auszieht und welchen Weg er einschlgt. Und dies ist es, was
ich durch dich zu erfahren hoffe."

Wenn ich auch bis jetzt stumm und gleichsam in einen Bann geschlagen
seiner Erklrung gelauscht hatte, ohne zu bedenken, wieviel ich mir
schon dadurch vergab, so stand ich doch bei dieser Zumutung entrstet
auf und fragte ihn, was ihm wohl berechtige, zu glauben, da ich tief
genug gesunken wre, um einen Dieb und Ruber zum Bundesgenossen zu
nehmen.

"Bei einem Bundesgenossen," erwiderte Angulimala ruhig, "ist die
Hauptsache, da er zuverlssig ist, und du fhlst wohl, da du dich in
dieser Sache ganz auf mich verlassen kannst. Auch brauche ich deine
Hilfe, denn nur durch sie kann ich das, was ich wnsche, mit Sicherheit
erfahren. Wohl habe ich eine sonst gute Quelle fr Nachrichten, durch
die ich eben auch von der bevorstehenden Reise Satagiras wei; aber wenn
er vorsichtshalber ein falsches Gercht verbreitet, so kann auch sie
getrbt werden. Du aber bedarfst meiner, weil eine stolze und edle Seele
in einem Fall wie dem deinigen nur durch den Tod des Verrters
Genugtuung findet. Wrest du ein Mann, dann wrdest du ihn selber tten;
da du eine Frau bist, brauchst du dazu meines Armes."

Ich wollte ihn heftig abweisen, aber er gab mir mit einer so wrdigen
Handbewegung zu verstehen, er habe noch nicht Alles gesagt, da ich
gegen meinen Willen schwieg.

"Dies, edle Frau," fuhr er fort, "ist die Rache. Aber es gibt noch ein
Anderes, Wichtigeres. Fr dich: das knftige Glck zu ergreifen; fr
mich: Vergangenes zu shnen. Mit Recht sagt man ja von mir, da ich
grausam sei, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Ja, ich habe tausend
Taten vollbracht, fr deren jede man hundert oder tausend Jahre in einer
Erzhlle ben mu, wie die Priester lehren. Zwar hatte ich einen
gelehrten und weisen Freund, Vajacravas, den das Volk jetzt sogar als
einen Heiligen verehrt, und an dessen Grab ich auch reichlich geopfert
habe: der hat uns oft bewiesen, da es solche Hllenstrafen nicht gebe,
und da der Ruber im Gegenteil das brahmandurchdrungenste Wesen und die
Krone der Schpfung sei. Doch hat er mich nie so recht davon berzeugen
knnen....

Sei dem nun, wie es wolle. Ob es Hllenstrafen gibt oder nicht:--gewi
ist es, da von allen meinen Taten nur eine mir schwer auf dem Herzen
liegt, und zwar die, da ich mit meinem schlauen Wahrheitsakt dich
betrogen habe. Schon damals durfte ich dir nicht ins Gesicht sehen, und
die Erinnerung an jene Stunde sitzt mir noch immer wie ein Dorn im
Fleische. Nun wohl, was ich damals gegen dich verbrach, mchte ich jetzt
wieder gut machen, soweit es noch mglich ist; die bsen Folgen mchte
ich vernichten. Du wurdest durch meine Schuld von dem tot geglaubten
Kamanita getrennt und an diesen falschen Satagira gebunden. Diese Fessel
will ich dir nun abnehmen, so da du wieder frei bist, dich mit dem
Geliebten zu verbinden; und ich selber will nach Ujjeni gehen und ihn
heil und sicher herbringen. Nun tue du das deinige, ich werde das
meinige tun. Fr eine schne Frau ist es ja nicht schwer, dem Gemahl ein
Geheimnis zu entlocken. Morgen, sobald es dunkel ist, komme ich hierher,
um mir den Bescheid von dir zu holen."

Er verbeugte sich tief, und bevor es mir in meiner Verwirrung und
Bestrzung mglich war, ein Wort hervorzubringen, war er so pltzlich
von der Terrasse verschwunden, wie er erschienen war.




XXXII. SATAGIRA


Die ganze Nacht blieb ich auf der Terrasse, eine willenlose Beute der
entfesselten, mir unbekannten Leidenschaften, die mit meinem Herzen ihr
Spiel trieben wie Wirbelwinde mit einem Blatt.

Mein Kamanita war noch am Leben! Er hatte in seiner fernen Heimat von
meiner Heirat gehrt--denn sonst wre er ja lngst gekommen. Wie
treulos--oder wie erbrmlich schwach mute ich in seinen Augen sein! Und
an dieser meiner Erniedrigung war allein Satagira schuld. Mein Ha gegen
ihn wurde mit jeder Minute tdlicher, und tief fhlte ich die Wahrheit
in Angulimalas Worten, da ich, wenn ich ein Mann gewesen wre,
sicherlich Satagira gettet htte.

Dann zeigte sich wieder jene Aussicht, die Angulimala mir so unerwartet
erffnet hatte:--wenn ich frei war, konnte ich den Geliebten heiraten.
Bei diesem Gedanken geriet mein ganzes Wesen in einen so strmischen
Aufruhr, da ich glaubte, das Blut mte mir Brust und Schlfen
sprengen. Auerstande, mich aufrechtzuhalten, vermochte ich nicht
einmal, nach der Bank zu wanken, sondern sank auf die marmornen Fliesen
nieder, und die Sinne vergingen mir.

Die Khle des Morgentaues brachte mich zu meinem unseligen Dasein mit
seinen furchtbaren Fragen zurck.

War es denn Wahrheit, da ich mich mit einem Ruber und tausendfachen
Mrder verbinden wollte, um den Mann aus dem Wege zu rumen, der mich
einst um das Hochzeitsfeuer gefhrt hatte?

Aber ich wute ja noch gar nicht, wann mein Gemahl fortzge! Und wie
sollte ich die Zeit seiner Abreise, wie auch den genauen Weg, den er zu
nehmen beabsichtigte, erfahren, wenn er ein Geheimnis daraus machte?

"Fr eine schne Frau ist es ja nicht schwierig, dem Gemahl ein
Geheimnis zu entlocken"--diese Worte des Rubers klangen mir noch im
Ohre und zeigten mir die ganze Niedrigkeit einer solchen Handlungsweise.
Nie wrde ich mich dazu entschlieen knnen, mich durch Zrtlichkeit in
sein Vertrauen einzuschleichen, um ihn dann seinem Todfeinde zu
verraten. Aber gerade dadurch, da ich dies so deutlich fhlte, wurde es
mir auch klar, da es eigentlich nur das verrterische und heuchlerische
Erschleichen des Geheimnisses war, das ich so von Grund aus
verabscheute. Wre ich aber schon im Besitz des Geheimnisses
gewesen--htte ich gewut, wo ich hingehen und eine Tafel finden knnte,
auf der Alles aufgeschrieben stand:--dann wrde ich sicher die tdliche
Kunde Angulimala mitgeteilt haben.

Wie mir dies nun klar wurde, zitterte ich vor Entsetzen, als ob ich
schon schuldig an Satagiras Tod wre. Ich dankte meinem Schicksal, da
keine Mglichkeit fr mich vorhanden war, diese Kunde zu erlangen; denn
wenn ich auch vielleicht htte erfahren knnen, zu welcher Stunde sie
aufbrechen wrden, so konnte doch nur Satagira selbst und hchstens noch
ein Vertrauter wissen, welche Wege und Stege man gewhlt hatte.

Ich sah die aufgehende Sonne die Trme und Kuppeln Kosambis vergolden,
so wie ich dies hinreiende Schauspiel von der Terrasse der Sorgenlosen
aus so oft--aber ach! mit wie ganz anderen Gefhlen--betrachtet hatte,
wenn ich selige Nachtstunden dort mit dir verbrachte. Unglcklich wie
noch nie zuvor, matt und elend, als ob ich in dieser Nacht um Jahrzehnte
gealtert wre, begab ich mich in den Palast zurck.

Um nach meinem Zimmer zu kommen, mute ich durch eine lange Galerie
gehen, nach der einige Rume mit vergitterten Fenstern sich ffneten.
Als ich an einem derselben vorberschritt, vernahm ich Stimmen. Die
eine--die meines Gemahls--hub gerade an:

"Gut, wir wollen also heute Nacht--eine Stunde nach
Mitternacht--aufbrechen."

Ich war unwillkrlich stehen geblieben. Die Stunde wute ich also! Aber
den Weg? Die Schamrte stieg mir ins Gesicht, weil ich den Lauscher an
der Tr spielte--"fliehe, fliehe!" rief es in mir--"noch ist es Zeit!"
Aber ich blieb wie angewurzelt stehen.

Satagira sprach indessen nicht weiter. Er mochte meine Schritte und ihr
Aufhren an der Tr bemerkt haben; denn diese wurde pltzlich
aufgerissen. Mein Gemahl stand vor mir.

"Ich hrte deine Stimme im Vorbeigehen," sagte ich mit raschem
Entschlu, "und dachte daran, anzufragen, ob ich dir einige
Erfrischungen bringen sollte, da du so frh den Geschften obliegst.
Dann befrchtete ich wieder, dich zu stren und wollte weitergehen."

Satagira sah mich ohne Mitrauen, ja sogar sehr freundlich an.

"Ich danke dir," sagte er, "ich bedarf keiner Erfrischungen, aber du
strst mich keineswegs. Im Gegenteil, ich wollte gerade nach dir
schicken und frchtete nur, da du noch nicht aufgestanden wrest. Du
kannst mir gerade jetzt von dem grten Nutzen sein."

Er lud mich ein, in das Zimmer zu treten, was ich mit der hchsten
Verwunderung tat, sehr darauf gespannt, Was fr einen Dienst er wohl von
mir begehrte, gerade in diesem Augenblick, wo ein tdlicher Anschlag
gegen ihn mein Gemt erfllte.

Ein Mann, in dem ich einen Reiterfhrer und Vertrauten Satagiras
erkannte, sa auf einem niedrigen Sitz. Er erhob sich bei meinem
Eintreten und verbeugte sich tief. Satagira lie mich neben sich Platz
nehmen, winkte dem Reiteranfhrer, sich wieder zu setzen, und wandte
sich zu mir.

"Es handelt sich, meine liebe Vasitthi, um Folgendes: Ich mu mglichst
bald eine Reise antreten, um einen Dorfstreit in den stlichen Gauen zu
schlichten. Nun haben sich seit einigen Wochen in den Waldgegenden
stlich von Kosambi, und zwar recht nahe der Stadt, Ruber gezeigt. Es
geht sogar das trichte Gercht, ihr Fhrer sei kein anderer als
Angulimala, indem man die unerhrte Frechheit hat, zu behaupten,
Angulimala sei damals aus dem Gefngnis entflohen, und ich htte statt
seines Kopfes einen anderen, dem seinen hnlichen, ber dem Tor
aufgesteckt. ber solche Mrchen knnen wir freilich lachen. Allerdings
aber scheint dieser Ruber dem berhmten Angulimala an Dreistigkeit
nicht viel nachzugeben, und wenn er sich wirklich fr jenen ausgibt, um
durch den glorreichen Namen groen Anhang zu finden, so geht er gewi
darauf aus, irgend eine recht glnzende Tat zu vollbringen. Deshalb ist
immerhin eine gewisse Vorsicht geboten."

Auf einem kleinen, mit edlen Steinen ausgelegten Tische neben ihm lag
ein seidenes Tuch. Er nahm es und wischte sich damit die Stirn. Es sei
doch heute, meinte er, trotz der frhen Stunde recht hei. Ich merkte
wohl, da es die Angst vor Angulimala war, die ihm den Schwei aus den
Poren trieb. Aber anstatt da dadurch mein Mitleid geweckt worden wre,
fhlte ich bei diesem Anblick vielmehr nur Verachtung fr ihn. Ich sah,
da er kein Held war und fragte mich verwundert, durch welchen
Glcksfall er dazu gekommen wre, Angulimala gefangen zu nehmen,
Angulimala, den Ruber, der mir vorkam wie der furchtbare Bhima im
Mahabharata, an dessen Seite du ja selber, mein lieber Kamanita, auf der
Ebene Kurukschetra gekmpft hast.

"Nun kann ich aber," fuhr indessen mein Gemahl fort, "nicht gut in jenen
Drfern mit einem ganzen Heere ankommen, ja ich mchte sogar nicht gern
mehr als dreiig Reiter auf diese Reise mit mir nehmen. Um so mehr aber
ist Vorsicht und sogar tuschende List geboten. Ich habe dies gerade mit
meinem getreuen Panduka besprochen, und er hat mir einen guten Vorschlag
gemacht, den ich dir auch mitteile, damit du nicht whrend dieser Tage
in allzu groer Angst um mich bist."

Ich murmelte etwas, das einen Dank fr diese Rcksichtnahme bedeuten
sollte.

"Panduka," fuhr er fort, "wird also recht augenfllig alle
Vorbereitungen treffen, als ob ich morgen frh mit einer ziemlich
ansehnlichen Truppenmacht gen Osten einen Zug machen wollte, um die
Ruber zu fangen. Wenn diese also--was ich nicht bezweifle--hier in der
Stadt Helfershelfer haben, die sie auf dem Laufenden halten, so werden
sie dadurch hinters Licht gefhrt. Mittlerweile breche ich mit meinen
dreiig Reitern eine Stunde nach Mitternacht auf, und zwar durch das
sdliche Tor, und ziehe durch das Hgelland in einem groen Bogen
ostwrts. Doch mchte ich auch hier gern die Hauptstraen vermeiden, bis
ich einige Meilen von Kosambi entfernt bin. Nun liegt ja aber gerade in
dieser Gegend das Sommerhaus deines Vaters, und du kennst von Kind auf
alle Wege und Stege dort--kannst mir also, denke ich, hier mit deinem
Rate viel ntzen."

Ich war sofort dazu bereit, und whrend ich ihm Alles ausfhrlich
beschrieb, lie ich mir eine Tafel geben und zeichnete darauf eine
genaue Karte von der Umgebung jenes Hauses, mit Kreuzzeichen an den
Stellen, die er sich besonders merken mute. Vor allem aber empfahl ich
ihm einen Pfad, der durch eine Schlucht fhrte. Diese verengte sich
allmhlich so sehr, da auf einer kurzen Strecke nicht zwei Reiter
nebeneinander reiten konnten, dafr war aber dieser Weg so unbekannt,
da, selbst wenn die Ruber ahnen sollten, da er einen solchen Umweg
machte, gewi niemand ihn dort suchen wrde.

In dieser Schlucht aber hatte ich als ein unschuldiges Kind mit meinen
Brdern und Medini und den Kindern unseres Pchters gespielt.

Satagira bemerkte, da meine Hand, die auf die Tafel zeichnete,
zitterte, und fragte mich, ob ich Fieber htte. Ich antwortete, da es
nur etwas Mdigkeit nach einer schlaflosen Nacht sei. Er ergriff aber
meine Hand und fand besorgt, da sie kalt und feucht sei, und als ich
sie mit der Bemerkung, das habe gar nichts zu sagen, zurckziehen
wollte, behielt er sie in der seinen, whrend er mich ermahnte,
vorsichtig zu sein und mich zu schonen; und in seinem Blick und seiner
Stimme bemerkte ich mit unsagbarem Unwillen, ja mit Entsetzen etwas von
der bewundernden Zrtlichkeit aus jener Zeit, als er vergebens um mich
warb. Ich beeilte mich zu sagen, da ich mich wirklich nicht ganz wohl
fhlte und mich gleich zur Ruhe begeben wollte.

Satagira folgte mir aber noch in die Galerie hinaus, und hier, wo wir
allein waren, fing er an, sich zu entschuldigen: er habe allerdings ber
die Mutter seines Sohnes mich jetzt lange Zeit vernachlssigt; aber nach
seiner Rckkehr sollte das anders werden; ich wrde nicht lnger ntig
haben, die Nacht allein auf der Terrasse zuzubringen.

Wenn auch jene Zrtlichkeit, die dem Grabe einer verschollenen
Jugendliebe entstiegen schien, bei der ich anerkennen mute, da sie
sogar mit einer gewissen halsstarrigen Treue nur mir gegolten hatte,
nicht umhin konnte, mein Herz etwas zu seinen Gunsten zu stimmen, so da
ich einen Augenblick in meinem Vorsatz wankte: so waren doch die letzten
Worte, die mit einem slichen Lcheln und einer ekelhaften
Vertraulichkeit vorgebracht wurden, nur zu geeignet, diese Wirkung
wieder aufzuheben, indem sie mich an Rechte gemahnten, die er sich mir
gegenber durch seinen feigen Verrat erschlichen hatte.




XXXIII. ANGULIMALA


Eine schreckliche Ruhe kam ber mich, als ich jetzt in meine Zimmer
zurckkehrte. Es gab nichts mehr zu bedenken, kein Zweifel war zu
bekmpfen, keine Fragen wollten beantwortet sein. Alles war entschieden.
Sein Karma wollte es so. Offenbar war er durch seinen doppelten Verrat
mir und Angulimala verfallen.

So gro war diese Ruhe, da ich einschlief, sobald ich mich auf das
Lager gestreckt hatte--als ob meine Natur ngstlich bemht gewesen wre,
ber diese inhaltslosen Wartestunden hinwegzukommen.

Als es dunkel wurde, ging ich auf die Terrasse. Der Mond war noch nicht
aufgegangen. Ich brauchte nicht lange zu warten. Die mchtige Gestalt
Angulimalas schwang sich ber die Brustwehr und kam auf die Bank zu, auf
der ich, halb abgewendet, sa.

Ich rhrte mich nicht, und ohne den Blick von dem Muster der bunten
Marmorfliesen zu erheben, sprach ich:--

"Was du zu wissen wnschest, wei ich. Alles: die Stunde, wann er
fortzieht, die Strke seiner Begleitung, die Richtung, die er
einschlgt, und Wege und Pfade, denen er folgt. Von seinem bsen Karma
getrieben, hat er selber mir seine Vertraulichkeit aufgedrungen, sonst
wte ich das alles nicht, denn nie htte ich es ihm durch heuchlerische
Zrtlichkeit entlockt."

Ich hatte mir diese Worte wohl berlegt; denn so tricht sind wir in
unserem Stolz, da es selbst jetzt, da ich mich zum Handlanger eines
Verbrechers machte, fr mich ein unertrglicher Gedanke war, in seinen
Augen niedriger zu erscheinen, als ich wirklich war.

Nicht weniger berlegt waren meine weiteren Worte.

"Von all dem wirst du aber keine Silbe erfahren, wofern du mir nicht
zuerst versprichst, da du ihn _nur_ tten, auf keine Weise aber qulen
wirst, und da du nur _ihn_, jedoch keinen seiner Begleiter tten wirst,
wenn du es nicht zur Selbstverteidigung ntig hast. Ich werde dir aber
eine Stelle zeigen, wo du ihn ganz allein und ohne Handgemenge tdlich
treffen kannst. Dies also mut du mir mit einem feierlichen Eide
versprechen. Sonst kannst du mich tten, wirst aber kein Wort mehr von
mir vernehmen."

"So wahr ich bis heute ein treuer Diener Kalis war," erwiderte
Angulimala, "so gewi will ich keinen von seinen Begleitern tten, und
so gewi soll er auch keine Qual erleiden."

"Gut," sagte ich, "ich will dir trauen. So hre also nun und merke dir
Alles genau. Wenn du hier in der Stadt Hehler hast, so wirst du schon
erfahren haben, da Vorbereitungen getroffen werden, um morgen gegen die
Ruber vorzugehen. Das ist aber alles leerer Schein, um dich zu
tuschen. In Wirklichkeit verlt Satagira, von dreiig Reitern gefolgt,
noch heute, eine Stunde nach Mitternacht, die Stadt durch das sdliche
Tor, lt den Sinsapawald links liegen und biegt noch etwas sdlicher
aus, um auf Nebenwegen durch das Hgelland ostwrts zu ziehen."

Und ich gab ihm nun eine ganz genaue Beschreibung der Gegend bis zu
jener engen Schlucht, durch die Satagira kommen mute, und wo er ihn
leicht und sicher erschlagen konnte.

Meiner Rede folgte ein bedrckendes Schweigen, whrenddessen ich nur
mein eigenes schweres Atemholen hrte. Ich fhlte, da ich noch nicht
Kraft genug hatte, um mich zu erheben und wegzugehen, wie ich es mir
vorgenommen hatte.

Endlich sprach Angulimala, und schon der milde, ja traurige Klang seiner
Stimme berraschte mich derart, da ich fast erschrak und unwillkrlich
zusammenfuhr.

"So wre es denn also nun geschehen," sagte er, "und du, die zarte,
milde Frau, die du gewi niemals mit Willen auch nur dem geringsten
Geschpfe ein Leid zugefgt hast, du wrest nunmehr im Bunde mit dem
schlechtesten Menschen, dessen Hnde von Blut triefen, ja der Mord
deines Gatten lastete auf deinem Gewissen und wrde fr dich seine
schwarzen Karmafden auf abschssiger Fhrte bis in die hllische Welt
weiter wirken--ja, so wre es in der Tat, wenn du jetzt zu dem Ruber
Angulimala geredet httest."

Ich wute nicht, ob ich meinen Ohren trauen sollte. Zu wem sonst hatte
ich denn geredet? War es doch die Stimme Angulimalas, wenn auch mit
jener sonderbaren Vernderung des Klanges; und als ich mich jetzt
bestrzt umwandte und ihn scharf ansah, war es auer allem Zweifel, da
der Ruberhuptling vor mir stand, wenn auch in seiner ganzen Haltung
sich gleichsam ein anderer Charakter ausdrckte als der, der mich Tags
zuvor in seinem furchtbaren Banne gehalten hatte.

"Aber sei unbesorgt, edle Frau"--fgte er hinzu--"dies Alles ist nicht
geschehen. Nichts ist geschehen, nicht mehr, als wenn du deine Rede an
diesen Baum gerichtet httest."

Diese Worte waren mir so rtselhaft wie die vorhergehenden. So viel aber
verstand ich, da er aus irgend einem Grunde seinen Racheplan gegen
Satagira aufgegeben hatte.

Nachdem ich mich durch furchtbare Seelenkmpfe zu dieser unnatrlichen
Hhe des Verbrechens emporgerungen hatte, war dies pltzliche
unbegreifliche Zerrinnen, diese spukhafte Verflchtigung des Werkes eine
Enttuschung, die ich nicht ertrug. Die krankhafte Spannung meines
Gemtes machte sich Luft in einem Strome von Schimpfworten, die ich
Angulimala ins Gesicht schleuderte. Ich nannte ihn einen ehrlosen
Schuft, einen wortbrecherischen, leeren Prahler, eine Memme und was wei
ich noch--das Schlimmste, was mir einfallen wollte, denn ich hoffte, da
dieser wegen seines Jhzorns in ganz Indien berchtigte Mann,
solchermaen gereizt, mich mit einem Schlage seiner eisernen Faust
leblos zu Boden strecken wrde.

Als ich aber schwieg, eher, weil mir der Atem als der Wortvorrat
ausging, antwortete mir Angulimala mit beschmender Ruhe:--

"Dies alles und noch Schimpflicheres habe ich ja von dir verdient, und
nicht einmal den alten Angulimala httest du damit, glaube ich, so
reizen knnen, da er dich gettet htte--denn dies zu erreichen ist ja,
wie ich wohl erkenne, deine Absicht. Aber wenn auch jetzt ein anderer
mir noch Schlimmeres gesagt htte, so wrde ich das nicht nur ruhig
ertragen haben, sondern ihm sogar dankbar dafr sein, da er mir
Gelegenheit gab, eine heilsame Prfung zu bestehen. Hat doch der Meister
selber mich gelehrt: 'Der Erde gleich, Angulimala, sollst du Gleichmut
ben. Gleichwie man da auf die Erde Reines hinwirft und Unreines
hinwirft, und die Erde sich weder darob entsetzt noch sich strubt--also
sollst du, Angulimala, der Erde gleich Gleichmut ben.' Denn du sprichst
ja, Vasitthi, nicht mit dem Ruber, sondern mit dem Jnger Angulimala."

"Was fr ein Jnger? Welcher Meister?" fragte ich mit verchtlicher
Ungeduld, obwohl die seltsame Sprache dieses unbegreiflichen Mannes
nicht verfehlte, eine eigentmliche, fast bestrickende Wirkung auf mich
auszuben.

"Den sie den Vollendeten nennen, den Weltkenner, den vollkommen
Erwachten, den Buddha," antwortete er, "der ist der Meister. Du hast
doch wohl auch schon von ihm gehrt?"

Ich schttelte den Kopf.

"Glcklich preise ich mich," rief er, "da ich es bin, durch dessen Mund
du zuerst den Namen des Gesegneten vernimmst. Hat Angulimala dir einst
als der Ruber viel Bses getan, so hat er dir jetzt als Jnger noch
mehr Gutes getan."

"Wer ist denn dieser Buddha?" fragte ich wieder in demselben Tone, ohne
mir es anmerken lassen zu wollen, wie sehr meine Teilnahme geweckt
war.--"Was hat er mit diesem deinem rtselhaften Betragen zu tun, und
was knnte mir das fr Segen bringen, seinen Namen zu hren?"

"Auch nur den Namen dessen zu hren, den sie den Willkommenen nennen,"
sagte Angulimala, "ist wie der erste Schimmer einer Leuchte fr den, der
im Dunkel sitzt. Aber ich will dir jetzt Alles erzhlen, wie er mir
begegnet ist und mein Leben gewendet hat; denn gewi ist das nicht zum
wenigsten deinetwegen gerade heute geschehen."

Schon am ersten Abend hatte mich trotz der Wildheit, die seinem Wesen
entstrmte, ein gewisser Anstand seines Betragens berrascht; noch
auffallender war aber die ungesuchte Wrde, mit der er jetzt neben mir
Platz nahm, wie Einer, der sich bei seinesgleichen fhlt.




XXXIV. DIE SPEERHLLE


Ich stand heute--hub er an--ein paar Stunden nach Sonnenaufgang am
Waldesrande und sphte nach den Trmen Kosambis hinber, meine Rache an
Satagira im Sinne, und die Frage erwgend, ob du mir wohl die
erwnschten Aufklrungen bringen wrdest: als ich auf der Strae, die
vom stlichen Stadttor zum Walde fhrt, einen einsamen, in einen gelben
Mantel gehllten Wanderer gewahr wurde, der rstig einherschritt. Zu
beiden Seiten des Weges aber waren Hirten und Landleute mit ihren
Arbeiten beschftigt. Und ich sah nun, wie diejenigen, die dem Wege am
nchsten waren, jenem einsamen Wanderer etwas zuriefen, whrend auch die
weiter entfernten mit ihrer Arbeit innehielten, ihm nachsahen und mit
Fingern auf ihn zeigten. Und die Nchststehenden schienen ihn, je weiter
er vorwrts schritt, um so eifriger zu warnen, ja aufhalten zu wollen,
indem einige ihm nachliefen und seinen Mantel ergriffen, und dann mit
eifrigen und entsetzten Gebrden nach dem Walde zeigten. Fast glaubte
ich hren zu knnen, wie sie ihm zuriefen: "Nicht weiter! Gehe nicht in
den Wald! Dort haust ja der schreckliche Ruber Angulimala."

Aber jener Wanderer schritt unbekmmert weiter, dem Walde zu. Und jetzt
sah ich an seinem Mantel und an seinem kahlgeschorenen Kopfe, da es ein
Asket war, einer von denen, die dem Orden des Sakyersohnes angehren,
ein alter Mann von stattlicher Gestalt.

Und ich gedachte bei mir: "Wunderbar, wahrlich, auerordentlich ist es!
Auf diesem Wege sind schon zehn Mann, ja dreiig und fnfzig Mann
vereint und bewaffnet ausgezogen und sind alle in meine Gewalt geraten:
und dieser Asket da kommt allein, wie ein Eroberer heran!"

Und es verdro mich, da er so offen meiner Macht Hohn sprach. So
entschlo ich mich denn, ihn zu tten, um so mehr, als ich mir dachte,
mglicherweise sei er als Spher von Satagira in den Wald geschickt.
Denn diese Asketen--so meinte ich--sind ja alle heuchlerisch und feil
und lassen sich zu Allem gebrauchen, indem sie auf die Sicherheit bauen,
die sie durch den Aberglauben des Volkes genieen--denn so hatte ich von
meinem gelehrten Freunde Vajaravas gelernt, die Sache zu betrachten.

Schnell entschlossen ergriff ich meinen Speer, hngte Bogen und Kcher
um und ging dem Asketen, der jetzt in den Wald eingetreten war, Schritt
fr Schritt nach.

Als ich aber eine gnstige Stelle erreicht hatte, wo keine Bume uns
trennten, blieb ich stehen, nahm den Bogen von der Schulter und scho
einen Pfeil so ab, da er dem Wanderer in die linke Seite des Rckens
eindringen und sein Herz durchbohren mute; aber er flog ber den Kopf
des Asketen dahin.

"Da mu sich unter meine Pfeile ein ganz schlechter verirrt haben,"
sagte ich mir, nahm meinen Kcher zur Hand und whlte einen schn
gefiederten, tadellosen Pfeil, mit dem ich so zielte, da er dem Asketen
das Genick durchbohren mute. Der Pfeil schlug aber links von ihm in
einen Baumstamm ein. Der nchste flog rechts von ihm vorbei, und so ging
es mit allen Pfeilen, bis mein Kcher geleert war.

"Unbegreiflich, auerordentlich ist das!" dachte ich bei mir. "Habe ich
mich doch oft damit belustigt, einen Gefangenen mit dem Rcken an einen
Zaun zu stellen und die Pfeile so nach ihm zu schieen, da, nachdem er
zur Seite getreten, der ganze Umri seines Krpers durch die im Zaune
steckenden Pfeile abgezeichnet war--und das auf eine noch grere
Entfernung. Bin ich doch gewohnt, mit meinem Pfeil den Adler im vollen
Flug aus der Luft zu holen. Was fehlt denn heute meiner Hand?"

Unterdessen hatte jener Asket einen ziemlichen Vorsprung gewonnen, und
ich begann hinter ihm her zu laufen, um ihn mit dem Speere zu tten.
Nachdem ich ihm aber auf etwa fnfzig Schritte nahe gekommen war, gewann
ich ihm keinen Schritt mehr ab, obschon ich mit aller Macht rannte,
jener Asket aber ganz gemach vorwrts zu schreiten schien.

Da sagte ich zu mir selber: "Wahrlich, dies ist noch das Wunderbarste
von Allem! Habe ich doch sonst oft den scheuen Ilfen und den flchtigen
Hirsch eingeholt, und diesen gemach dahinschreitenden Asketen kann ich
jetzt, mit aller Macht laufend, nicht einholen. Was fehlt denn heute
meinen Fen?"

Und ich blieb stehen und rief ihm zu:

"Stehe, Asket! Stehe!"

Er aber schritt ruhig weiter und rief zurck:

"Ich stehe, Angulimala! Stehe auch du!"

Da wunderte ich mich denn wieder gar sehr und dachte: "Offenbar hat
dieser Asket soeben durch irgend einen Wahrheitsakt mein Pfeilschieen
vereitelt, durch irgend einen Wahrheitsakt mein Laufen vereitelt. Wie
kann er denn also jetzt eine offenbare Unwahrheit sagen, indem er zu
stehen behauptet, whrend er doch geht, mich aber zum Stehenbleiben
auffordert, obschon er sehr wohl sieht, da ich bereits so still stehe
wie dieser Baum? So wrde wohl die fliegende Gans zur Eiche sagen: 'Ich
stehe, Eiche! Stehe auch du!' Sicher mu also hier etwas dahinter
stecken. Wohl mchte es mehr wert sein, den geheimen Sinn dieser
Asketenworte zu verstehen als einen Asketen zu tten."

Und ich rief ihm zu:

"Wandelnd whnst du dich sttig, Asket, und mich, der sttig, whnst du
wandelnd. Erklre mir das, Asket! Wie bist du sttig, wie bin ich
unstt?" Und er antwortete mir:

"Ich, der ich keinem Wesen Leides antue, bin bestndig, wandle nicht
mehr; du aber, der du gegen die Wesen wtest, mut ruhelos von
Leidensort zu Leidensort wandeln."

Ich antwortete wieder:

"Da wir immer wandeln, habe ich wohl gehrt. Das vom Bestndigsein, vom
Nachtwandeln verstehe ich aber nicht. Wolle, Ehrwrdiger, mir das kurz
Gesagte ausfhrlich erlutern. Sieh, ich habe meinen Speer von mir getan
und feierlich schwre ich dir: ich schenke dir Frieden!"

"Zum zweiten Male, Angulimala," sagte er, "hast du falsch geschworen."

"Zum zweiten Male?"

"Das erste Mal geschah es bei jenem falschen Wahrheitsakt."

Das schien mir nun nicht der Wunder geringstes, da er um jene geheime
Sache wute; aber ohne mich dabei aufzuhalten, beeilte ich mich, meine
schlaue Handlung zu verteidigen.

"Meine Worte, Ehrwrdiger, waren da freilich gleichsam auf Schrauben
gestellt, aber mit den Worten beschwor ich nichts Falsches, nur der Sinn
war tusehend. Das aber, was ich dir schwre, ist sowohl den Worten wie
dem Sinne nach wahr."

"Nicht doch," antwortete er, "denn du kannst mir keinen Frieden
schenken. Wohl dir, wenn du dir von mir den Frieden schenken lieest."

Dabei hatte er sich umgewandt und winkte mir freundlich, heranzutreten.

"Gern, Ehrwrdiger," sagte ich demtig.

"So hre denn und gib wohl acht!"

Er setzte sich im Schatten eines groen Baumes nieder und hie mich zu
seinen Fen Platz nehmen.

Und er fing an, mich ber gute und bse Taten und ber ihre Folgen zu
belehren, indem er mir Alles ausfhrlich auseinandersetzte, so wie man
zu einem Kinde spricht. Denn ich war ja ganz ungelehrt, whrend sonst
Asketenschler meistens Brahmanenjnglinge sind, die sogar den Veda
kennen. Ich aber hatte so tiefgedachten Reden nie gelauscht, seitdem ich
im nchtlichen Walde zu den Fen Vajaravas' gesessen, von dem ich dir
schon erzhlt habe, und den du wohl auch sonst hast nennen hren.

Als nun aber dieser Asket mir offenbarte, da nicht eine willkrliche
Gttermacht, sondern unser eigenes Herz allein durch seine Gedanken und
Taten uns hier und dort geboren werden lt, bald auf Erden, bald in
einem Himmel, bald wieder in einer Hlle--da mute ich eben an jenen
Vajaravas denken, wie er uns durch Vernunftgrnde und mittelst der
Schrift bewies, da es keine Hllenstrafen geben knne, und da alle
darauf bezglichen Stellen in der heiligen Schrift von den schwachen und
feigen Seelen in dieselbe hineingeschmuggelt seien, um die starken und
mutigen durch solche Drohungen einzuschchtern und dadurch sich vor der
Gewaltttigkeit der letzteren zu schtzen.--"Freund Vajaravas," dachte
ich, "hat mich niemals so ganz berzeugen knnen. Ob wohl dieser Asket
es vermag? Hier steht eben Meinung gegen Meinung, Gelehrter gegen
Gelehrten. Denn selbst, wenn auch dieser Asket einer der groen Jnger
des Sakyersohnes sein sollte, so wurde ja auch Vajaravas von seinen
Anhngern hochgepriesen, und jetzt, nach seinem Tode, wird er sogar vom
gemeinen Volke als ein Heiliger verehrt. Wer will also entscheiden, wer
von diesen beiden recht hat?"

"Du bist nicht mehr ganz bei der Sache, Angulimala," sagte da der Asket:
"du denkst an jenen Vajaravas und an seine Irrlehren."

Sehr verwundert gab ich das zu.

"So hat denn der Ehrwrdige auch meinen Freund Vajaravas gekannt?"

"Man hat mir sein Grab vor dem Tore gezeigt, und ich sah, wie dort
trichte Reisende ihr Gebet verrichteten in dem Wahne, er sei ein
Heiliger"

"So ist er denn kein Heiliger?"

"Nun, wir wollen, wenn es dir so scheint, ihn aufsuchen und sehen, wie
es ihm mit seiner Heiligkeit nun geht."

Der Asket sagte dies, als ob es sich darum handele, von einem Hause ins
andere zu gehen. Ganz bestrzt starrte ich ihn an:

"Ihn aufsuchen? Vajaravas? Wie wre denn das mglich?"

"Gib mir deine Hand," sprach er. "Ich werde mich in jene
Selbstvertiefung versenken, durch die in einem standhaften Herzen der zu
den Gttern und der zu den Dmonen fhrende Weg sichtbar werden. Da
wollen wir denn seiner Fhrte folgen, und was ich sehe, wirst auch du
sehen."

Ich reichte ihm meine Hand. Eine Weile sa er schweigend da, die Augen
gesenkt, die Pupillen nach innen gerichtet, und ich sprte nichts.
Pltzlich aber war es mir, wie es wohl einem Schwimmer sein mag, wenn
der Dmon, der im Wasser haust, seinen Arm ergreift und ihn nach unten
zieht, so da der blaue Himmel und die Bume des Ufers verschwinden,
indem die Welle ber seinem Kopfe zusammenschlgt, und immer tiefer
werdendes Dunkel ihn umgibt. Bisweilen aber loderte auch Flammenschein
um mich, und mchtiges Getse drhnte mir im Ohre.

Schlielich befand ich mich wie in einer ungeheuren Hhle, die ganz
dunkel war, jedoch durch unzhlige kurz zuckende Blitze unruhig
beleuchtet wurde. Als ich mich etwas an die Dunkelheit gewhnt hatte,
entdeckte ich, da diese Blitze von dem Erglnzen eiserner Speerspitzen
herrhrten, die hin und her fuhren, als ob Lanzen von unsichtbaren Armen
geschwungen wrden--etwa in einer Geisterschlacht. Auch hrte ich
Schreie, aber nicht wilde und mutige wie von kampfestrunkenen Streitern,
sondern Schmerzensschreie und Sthnen Verwundeter, die ich jedoch nicht
sah. Denn diese Schreckenslaute kamen aus dem Hintergrunde, wo das
Zucken der Lanzenspitzen einen einzigen zitternden und wirbelnden Nebel
bildete. Der Vordergrund aber war leer.

Hier traten nun aber drei Gestalten herein, von einem rechts
einmndenden, schwarzen Hhlenschlund gleichsam ausgespieen. Der Mann in
der Mitte war Vajaravas; sein nackter Krper zitterte vom Kopf bis zu
den Fen, als ob er heftig frre oder vom Fieber geschttelt wrde.
Seine Begleiter hatten beide einen menschlichen Rumpf, der aber von
Vogelbeinen mit starken Krallen getragen wurde, whrend er bei dem einen
von einem Fischkopfe, bei dem anderen von einem Hundekopfe gekrnt war.
In den Hnden trug jeder einen langen Speer.

Der mit dem Fischkopf sprach zuerst:

"Dies, Ehrwrdiger, ist die Speerhlle, wo du nach dem Spruch des
Hllenrichters zehntausendjhrige Strafe abzuben hast, indem du von
diesen zuckenden Speeren ununterbrochen durchbohrt wirst;--um dann je
nach deinen sonstigen Taten irgendwo wiedergeboren zu werden.

Dann sprach der mit dem Hundekopf:

"So oft sich, Ehrwrdiger, in deinem Herzen zwei Speere kreuzen, wisse,
da dann tausend Jahre von deiner Hllenqual um sind."

Kaum hatte er dies gesagt, so schwangen beide Hllenwchter ihre Lanzen
und durchbohrten Vajaravas. Wie auf ein gegebenes Zeichen zuckten jetzt
alle Speere ringsum auf ihn los und durchbohrten ihn mit ihren Spitzen
von allen Seiten, wie eine Schar von Raben sich ber ein hingeworfenes
Aas wirft und ihre Schnbel in das Fleisch hackt. Bei diesem
schrecklichen Anblick und den jammervollen Schreien, die Vajaravas in
seiner Qual ausstie, vergingen mir die Sinne.

Als ich wieder erwachte, lag ich im Walde, unter dem groen Baume, zu
Fen des Erhabenen hingestreckt.

"Hast du gesehen, Angulimala?"

"Ich habe gesehen, o Herr."

Und ich wagte nicht einmal hinzuzufgen: "Errette mich!" Denn wie konnte
_ich_ begehren, errettet zu werden?

"Wenn du nun nach der Auflsung deines Leibes infolge deiner Taten auf
abschssige Fhrte gelangst, in hllische Welt, und der Richtender
Schatten ber dich denselben Spruch ergehen lt, und die Hllenwchter
dich in die Speerhlle zu derselben Strafe fhren: geschieht dir dann
zuviel, Angulimala?"

"Nein, Herr, es geschieht mir nicht zu viel."

"Ein Wandel aber, von dem du selber gestehst, da er gerechterweise zu
solchen, unausdenkbaren Qualen fhrt, ist das wohl, Angulimala, ein
Wandel, der wert ist, fortgesetzt zu werden?"

"Nein, o Herr! Diesem Wandel will ich entsagen, abschwren will ich
meine teuflischen Gewohnheiten um ein Wort deiner Wahrheit."

"Vor Zeiten einmal, Angulimala, hat der Richter der Schatten innig
erwogen: 'Wer da wahrlich beltaten in der Welt verbt, wird mit solchen
mannigfachen Strafen gestraft. O, da ich doch Menschentum erreichte,
und da ein Vollendeter, ein vollkommen erwachter Buddha in der Welt
erschiene, und ich um ihn, den Erhabenen, sein knnte: und da er, der
Erhabene, mir die Satzung darlegte, und da ich sie verstnde!'

Was nun jener Richter der Schatten sich so innig erwnschte, das ist
dir, Angulimala, geworden. Du hast das Menschentum erreicht. Gleichwie
aber, Angulimala, auf diesem indischen Festlande nur wenig freundliche
Haine, herrliche Wlder, schne Hgel und liebliche Lotusteiche sich
befinden, sondern im Vergleich damit reiende Flsse, Urwlder, de
Felsgebirge und drre Wsten bei weitem zahlreicher sind:

ebenso auch werden nur wenig Wesen unter den Menschen geboren im
Vergleich zu den weit zahlreicheren Wesen, die in anderen Reichen als
dem der Menschheit zum Dasein gelangen;--

ebenso auch sind nur wenige Geschlechter gleichzeitig mit einem Buddha
auf Erden, im Vergleich zu den weit zahlreicheren, zu deren Zeit kein
Buddha erstanden ist;--

ebenso auch wird es von jenen wenigen Geschlechtern nur wenigen Wesen
zuteil, den Vollendeten zu sehen, im Vergleich zu jenen weit
zahlreicheren, die ihn nicht sehen.

Du aber, Angulimala, hast Menschentum erlangt; und zwar zu einer Zeit,
wo ein vollkommener Buddha in der Welt erschienen ist, und du hast ihn
gesehen und du kannst um ihn, den Erhabenen, sein."

Als ich diese Worte vernahm, faltete ich die Hnde und rief:

"Heil dir, o Heiliger! So bist du denn selber der vollkommen erwachte
Buddha! So hat denn das edelste der Wesen sich des schlechtesten
erbarmt! So willst denn du, Erhabener, mir erlauben, um dich zu sein?"

"Ich will's," antwortete der Erhabene. "Und so vernimm nun auch dieses:

ebenso gibt es unter den wenigen, die den Erhabenen sehen, nur wenige,
die seine Satzung hren, und von diesen nur wenige, die sie verstehen.
Du aber wirst die Satzung hren und verstehen. Komm, Jnger!"

Und der Erhabene war in den Wald hineingeschritten gleichwie ein
Elefantenjger, der auf seinem zahmen Ilfen reitet. Er verlie aber den
Wald wieder, gleichwie ein Elefantenjger den Wald verlt, von einem
wilden, durch seine Kunst bezhmten Ilfen gefolgt.

So bin ich denn nun zu dir gekommen, Vasitthi: nicht der Ruber
Angulimala, sondern der Jnger Angulimala. Sieh, ich habe Speer und
Keule, Stock und Geiel von mir geworfen, habe Tten und Qulen
abgeschworen, und vor mir haben alle Wesen Frieden.




XXXV. LAUTERE SPENDE


Ich weiss nicht, wie lange es dauerte, ehe ich meine Lippen ffnete,
aber eine recht lange Zeit, glaube ich, sa ich stumm da und lie Alles,
was mir Angulimala erzhlt hatte, Punkt fr Punkt vor mir auftauchen,
und dachte darber nach und wunderte mich immer mehr. Denn obwohl ich
viele Sagen aus alter Zeit von gttlichen Wundern und besonders von den
Wundertaten Krishnas, als er auf dieser Erde wanderte, gehrt hatte, so
kamen sie mir doch alle miteinander geringfgig vor, wenn ich sie mit
dem verglich, was an diesem Tage Angulimala im Walde widerfahren war.

Und ich fragte mich nun selber, ob jener groe Mann, der in wenigen
Stunden aus dem schrecklichen Ruber diesen sanften Menschen, der soeben
zu mir gesprochen, gemacht hatte--jener "Vollendete", der das Wildeste,
was es in der ganzen Natur gab, so leicht und sicher gezhmt hatte: ob
er nicht auch imstande sei, mein friedloses, von Leidenschaften
strmisch bewegtes Herz zu beruhigen und durch das Licht seiner Worte
die nchtige Trauerwolke von ihm zu verscheuchen? Oder war dies
vielleicht noch schwieriger, ja wohl gar eine Aufgabe, deren Lsung
selbst die Krfte des heiligsten Asketen berstieg?

Fast frchtete ich, das letztere mchte der Fall sein, aber ich fragte
doch, wo wohl jener groe Asket, den er seinen Meister nannte, sich
aufhielte, und ob auch ich ihn wohl aufsuchen knne.

"Recht so," antwortete Angulimala, "da du sofort danach fragst--und
wonach solltest du auch sonst fragen? Deshalb bin ich ja zu dir
gekommen. Die wir im Bsen Verbndete sein wollten, wir werden es jetzt
im Guten sein. Der Erhabene weilt jetzt im Sinsapawalde, von dem du
selber sprachst. Begib dich morgen dorthin, aber erst gegen Abend. Denn
dann haben die Mnche ihre Gedenkenruhe beendigt und versammeln sich am
alten Krishnatempel, und der Erhabene spricht da zu ihnen und zu den
sonst Anwesenden. Zu dieser Stunde gehen nmlich viele Mnner und Frauen
von der Stadt dort hinaus, um den Gesegneten zu sehen und seinen
lichtspendenden Worten zu lauschen; und mit jedem Abend wird der Andrang
grer. Oft dauert ein solcher Vortrag bis in die spte Nacht hinein.
Von alledem war ich schon genau unterrichtet, weil ich in der
Sndhaftigkeit meines Herzens den scheulichen Plan geschmiedet hatte,
mit meinen Leuten nchstens die Versammlung zu berfallen. Die Gaben an
Lebensmitteln und Stoffen, die viele der Besucher als Geschenke fr den
Orden mitbringen, bilden schon eine--wenn auch nicht reiche--so doch
keineswegs ganz zu verschmhende Beute. Besonders aber gedachte ich
einige vornehme Brger aufzuheben und schweres Lsegeld von ihnen zu
erpressen, und verband damit die Hoffnung, durch einen so dreisten
Handstreich, gerade vor den Toren der Stadt, Satagira endlich aus den
Mauern herauszulocken. Denn als ich den Plan fate, war mir seine
bevorstehende Reise noch unbekannt.--Versume also nicht, edle Frau,
morgen gegen Abend nach dem alten Krishnatempel zu gehen, das wird dir
lange zum Heil gereichen. Mich verlangt es jetzt eiligst dahin zu
kommen, ob ich wohl noch etwas hren werde. Doch in solchen schnen
Mondnchten bleiben die Mnche lange beisammen, in religise Gesprche
vertieft, und erlauben Einem gern zuzuhren."

Er verbeugte sich tief vor mir und entfernte sich schnell.--

Am nchsten Vormittage schickte ich nach Medini, die nun ebenso bereit
war, mit ihrem Gatten Somadatta mir Gefolge nach dem Krishnahain zu
leisten, wie damals, als es sich darum handelte, die Begegnung zweier
Liebenden zu vermitteln. In der Tat hatte sie schon vorher einmal ihren
Gatten gebeten, sie eines Abends dort hinaus zu bringen, denn sie lie
sich nicht leicht etwas entgehen, wovon die Leute sprachen. Somadatta
aber hatte sich vor dem Hausbrahmanen gefrchtet, und so war sie denn
hocherfreut, durch die Aufforderung der Ministersgattin jenem Tyrannen
gegenber gedeckt zu sein.

Wir fuhren sofort nach den Kaufhallen, wo Somadatta, der dort seine
Geschfte besorgte, uns behilflich war, solche Stoffe auszusuchen, die
fr die Bekleidung der Mnche und der Nonnen geeignet waren. Auch kaufte
ich dort eine groe Menge Arzneien. Wieder nach Hause gekommen,
plnderten wir die Vorratskammern: Krge mit dem feinsten l, Kisten mit
Honig, mit Butter und mit Zucker, Schsseln mit Eingemachtem aller Art
wurden fr unseren frommen Zweck zur Seite gestellt. Meine eigenen
Schrnke muten das Ausgesuchteste, was sie an wohlriechendem Wasser,
Sandelstaub und Kampfer bargen, hergeben, und dann ging es in den
Garten, dessen Blumenflor nicht geschont wurde.

Als die ersehnte Stunde kam, waren schon alle diese Sachen auf einen mit
Maultieren bespannten Wagen geladen. Wir selber nahmen unter dem Zelte
eines anderen Wagens Platz, und von den zwei silberweien
Vollblut-Sindhrossen gezogen, die jeden Morgen dreijhrigen Reis aus
meiner Hand fraen, fuhren wir zum Stadttor hinaus.

Die Sonne nherte sich schon den Kuppeln und Trmen der Stadt hinter
uns, und ihre Strahlen vergoldeten den Staub, der den ganzen Weg entlang
aufgewirbelt wurde von den vielen, die wie wir--meistens jedoch zu
Fu--hinauspilgerten, um den Buddha zu sehen und zu hren.

Bald erreichten wir den Eingang zum Walde. Hier lieen wir die Wagen
halten und begaben uns zu Fu weiter, von Dienern gefolgt, welche die
mitgebrachten Weihgeschenke trugen.

Seit jener Nacht aber, als wir dort voneinander Abschied nahmen, war ich
in diesem Walde nicht wieder gewesen. Als ich nun--in derselben
Begleitung--in seinen khlen Schatten eintrat, berwltigte mich ein
solcher Erinnerungsduft, der, gleichsam fr mich hier aufgespeichert, im
Verlaufe der Jahre seine Sigkeit bis zur Giftigkeit konzentriert
hatte, da ich betubt stehen blieb. Es war mir, als ob meine Liebe, in
voller Strke erwacht, sich mir in den Weg stellte, mich der
Fahnenflucht und des Verrates zeihend. Denn ich kam ja nicht hierher, um
ihr durch Einatmen des Erinnerungsduftes neue Nahrung zu geben, sondern
um fr mein enttuschtes und gequltes Herz den Frieden zu suchen. Hie
das aber nicht vergessen, der Liebe entsagen wollen? War das nicht
Wortbruch und feiger Verrat?

In solchem bangen Zweifel stand ich da, unschlssig, ob ich weitergehen
oder umkehren solle--zu groer Enttuschung Medinis, die vor Ungeduld
trippelte, wenn Andere uns berholten.

Jedoch der Anblick dieses Waldinneren, von der spten Nachmittagssonne
mild und goldig durchstrahlt--das leise, gleichsam mahnende Rauschen und
Lispeln der Bltter--die Leute, die beim Eintreten sofort verstummten
und sich erwartungsvoll, fast scheu umsahen--hier und dort, in einiger
Entfernung, am Fue eines mchtigen Baumstammes, ein in die Falten
seines gelben Mantels gehllter Asket, mit untergeschlagenen Beinen und
in Selbstvertiefung versunken, aus der erwachend wohl dann auch dieser
und jener sich erhob und, ohne sich umzusehen, dieselbe Richtung
einschlug, in der alle einem noch unsichtbaren Ziele zustrebten:--alles
dies trug einen so still erhabenen Charakter und schien davon zu zeugen,
da hier Geschehnisse vorgingen so seltener, ja heiliger Art, da sich
keine Macht in der Welt dagegen stellen drfte, ja, da selbst die
Liebe, wenn sie ihre Stimme dagegen erhbe, ihres ganzen gttlichen
Rechtes verlustig gehen wrde.

So schritt ich denn entschlossen weiter, und die an Angulimala
gerichteten Worte des Erhabenen von den vielen Menschengeschlechtern,
die dahinleben, ohne da ein Buddha in der Welt wre, und von den so
uerst wenigen selbst unter den Zeitgenossen eines Buddha, denen es
beschieden sei, ihn zu hren und zu sehen--diese Worte hallten mir im
Ohre, wie das Luten einer Tempelglocke, und ich fhlte mich wie eine
Gebenedeite, die einem Erlebnisse entgegengeht, um welches kommende
Geschlechter sie beneiden.

Als wir die Lichtung erreichten, wo die Tempelruine stand, waren hier
schon viele Leute versammelt, sowohl Laien wie Mnche. Sie standen in
Gruppen verteilt, die meisten in der Nhe der Ruine, die sich uns
gegenber erhob. Nahe an der Stelle, wo wir die Waldwiese betraten,
bemerkte ich eine grere Gruppe von Mnchen, unter welchen mir ein
wahrer Riese auffallen mute, denn er berragte auch die hchsten neben
ihm Stehenden um Haupteslnge.

Whrend wir uns nun umsahen, wohin wir wohl am besten unsere Schritte
lenken sollten, trat zwischen uns und jenen Mnchen ein alter Asket aus
dem Walde heraus. Seine hohe Gestalt hatte eine so knigliche Haltung,
und eine so heitere Ruhe strahlte aus seinen edlen Zgen, da mir sofort
der Gedanke kam: ob dieser Asket wohl der Sakyersohn sein sollte, den
sie den Buddha nennen?

In seiner Hand trug er einige Sinsapabltter, und an jene Mnche sich
wendend, sprach er:

"Was meint ihr, ihr Jnger, was ist mehr, diese Sinsapabltter, die ich
in der Hand halte, oder die anderen Bltter droben im Sinsapawalde?"

Und die Mnche antworteten:

"Die Bltter, die der Erhabene in der Hand hlt, sind wenige, und viel
mehr sind jene Bltter droben im Sinsapawalde."

"So auch," sagte er, der--wie ich jetzt wute--der Buddha war--"so auch,
ihr Jnger, ist das viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkndet,
als das, was ich euch verkndet habe. Und warum, ihr Jnger, habe ich
euch jenes nicht verkndet? Weil es euch keinen Gewinn bringt, weil es
nicht den Wandel in Heiligkeit frdert, weil es nicht zur Abkehr vom
Irdischen, zum Untergang aller Lust, zum Aufhren des Vergnglichen, zum
Frieden, zum Nirvana fhrt."

'So hatte also jener trichte Greis doch darin recht!' rief Kamanita.

'Welcher Greis?' fragte Vasitthi.

'Jener Asket, mit dem ich--wie ich dir erzhlte--im Vororte Rajagahas,
in der Halle eines Hafners, die Nacht zubrachte, die letzte meines
Erdenlebens, Er wollte mir durchaus die Lehre des Erhabenen darlegen,
was ihm, wie ich wohl merkte, nicht sonderlich gelang. Aber er brachte
doch offenbar viele echte Aussprche vor, und unter diesen eben auch
wortgetreu, was du mir jetzt berichtet hast--sogar den Ort gab er
richtig an und bewegte mich dadurch tief. Freilich, htte ich geahnt,
da du dabei anwesend warst, dann wre ich noch tiefer ergriffen
worden.'

'Er mag wohl selber sich unter den Anwesenden befunden haben,' sagte
Vasitthi, jedenfalls hat er dir genau berichtet. Und der Erhabene fgte
noch hinzu:

"Und was, ihr Jnger, habe ich euch verkndet? Was das Leiden ist, habe
ich euch verkndet. Was die Entstehung des Leidens ist, was die
Leidensvernichtung ist, was der zur Leidensvernichtung fhrende Weg
ist--dies alles habe ich euch verkndet. Darum, ihr Jnger, was ich
offenbart habe, das lasset offenbart sein, und was ich unoffenbart
gelassen habe, das lasset unoffenbart bleiben."

Indem er diese Worte sprach, ffnete er die Hand und lie die Bltter
fallen. Als nun das eine wirbelnd in meine Nhe hinflatterte, nahm ich
mir ein Herz, trat eilig hervor und fing es auf, noch bevor es die Erde
berhrt hatte, indem ich es somit gleichsam aus seiner Hand empfing--um
dann dies unschtzbare Erinnerungszeichen an meinem Busen zu verbergen,
ein Symbol des Wenigen, aber einzig Ntigen, das uns der Vollendete aus
seinem unermelichen Wissenshort mitteilte, das mich bis zu meinem Tode
nicht mehr verlassen sollte.

Diese meine Bewegung zog die Aufmerksamkeit des Erhabenen auf mich.
Jener riesenhafte Mnch verbeugte sich jetzt vor ihm und machte ihm
flsternd eine Mitteilung, worauf der Meister mich noch einmal ansah und
dann dem Mnche einen Wink gab.

Dieser trat auf uns zu.

Wir verneigten uns alle tief, und ich sagte, da ich, die Gemahlin des
Ministers Satagira, einige geringe Gaben fr den Orden der Heiligen
mitgebracht htte, um deren gtige Annahme ich bte, und da wir alle
gekommen wren, um die Worte der Wahrheit zu vernehmen.

"Tritt nher, edle Frau," sagte der Mnch--und sofort hrte ich, da es
Angulimala war--"der Erhabene will selber deine Gaben in Empfang
nehmen."

Wir traten alle bis auf ein paar Schritte an den Erhabenen heran und
verneigten uns tief, ihn ehrfurchtsvoll mit den vor der Stirn
gehaltenen, zusammengelegten Hnden begrend, ohne da ich ein Wort
hervorzubringen vermochte.

"Reich sind deine Gaben, edle Frau," sagte der Erhabene, "und meine
Jnger haben wenige Bedrfnisse. Erben der Wahrheit sind sie, nicht
Erben der Not. Aber auch die Buddhas der Vorzeit haben es so gehalten
und gern Spenden frommer Anhnger entgegengenommen, damit diesen
Gelegenheit werde, die Tugend des Almosengebens zu ben. Denn wenn die
Wesen die Frucht des Gebens kennten, wie ich sie kenne, dann wrden sie,
wenn sie auch nur eine Handvoll Reis brig htten, diese nicht
verzehren, ohne einem noch rmeren davon zu geben, und der Gedanke des
Eigennutzes, der ihren Geist verdunkelt, wrde aus ihm entweichen. So
sei denn deine Spende vom Orden des Buddha mit Dank angenommen--eine
lautere Spende. Denn das nenne ich eine lautere Spende, durch welche der
Geber gelutert wird und der Empfnger auch. Und wie geschieht das? Da
ist, Vasitthi, der Geber sittenrein, edel geartet, und die Empfnger
sind sittenrein, edel geartet; so wird bei einer Spende der Geber
gelutert und der Empfnger. Das ist, Vasitthi, hchste Lauterkeit der
Spende--einer solchen, die du dargebracht hast."

Darauf wandte der Erhabene sich an Angulimala:

"Geh, mein Lieber, und la diese Geschenke zu den Vorrten bringen.
Zuerst aber weise unseren edlen Gsten Pltze an vor den Stufen des
Tempels, denn von dort aus werde ich den heute Anwesenden die Lehre
darlegen."

Angulimala hie die Diener warten und forderte uns auf, ihm zu folgen.
Zuerst aber lieen wir uns alles, was wir an Blumen mitgebracht hatten,
und auch einige schne Teppiche herausgeben. Dann gingen wir, von unserm
stattlichen Begleiter gefhrt, durch die zusammenstrmende Menge, die
uns ehrerbietig Platz machte, nach dem Tempel.

Hier breiteten wir die Teppiche ber die Stufen und schlangen
Blumengewinde um die alten, verwitterten und zerbrckelten Sulen. Dann
zerpflckten Medini und ich einen ganzen Korb voll Rosen und streuten
die Bltenbltter ber den Teppich auf der obersten Stufe, fr den
Erhabenen, darauf zu stehen.

Unterdessen hatten die Versammelten sich in einem groen Halbkreise
geordnet, die Laien links, die Mnche und Nonnen rechts vom Tempel--die
vordersten Reihen im Grase sitzend. Und auch wir nahmen jetzt auf einer
umgestrzten Sule Platz, nur wenige Schritte von den Stufen entfernt.

Es mochten wohl etwa fnfhundert Menschen dort versammelt sein, aber
eine fast lautlose Stille herrschte in der Runde, und man vernahm nur
das stoweise Rauschen und das leise Bltterlispeln des Waldes.




XXXVI. BUDDHA UND KRISHNA


Die untergehende Sonne scho ihre Strahlenbndel zwischen die Stmme
hindurch, die lautlos wartende Versammlung im Waldesgrunde gleichsam mit
einem gttlichen Segensgru weihend, und rosige Abendwlkchen lugten
immer leuchtender durch die Baumwipfel, als ob drauen, aus der Blue
der Luft hervorschwebend, eine zweite Versammlung himmlischer Scharen
sich bildete.

Der Tempelbau vor mir trank mit seinen schwarzen, zerbrckelten Steinen
diese letzte Sonnenglut, wie ein hinflliger Alter einen
Verjngungstrank schlrft. Unter dem Zauber der rotgoldigen Lichter und
der purpurnen Schatten belebten seine Massen sich wunderbar. Die
schartigen Rnder der Sulenkannelren glitzerten, die Ecken sprhten,
die Schnecken krmmten sich, das Wellenmuster schumte Gold, das
Bltterwerk wuchs. Die stufenartigen Abstze des hohen Unterbaues
entlang, um Plinthen und Kapitle, am Geblk und auf den Terrassen des
kuppelfrmigen Daches--berall regte es sich in wirrem Durcheinander
seltsamer und mystischer Formen. Gtter traten im Glorienschein hervor,
mehrkpfige und vielarmige Gestalten mit ppig wuchernden, vielfach
verstmmelten Gliedmaen, dieser vier kopflose Hlse streckend, jener
acht Armstmpfe schwenkend. Brste und Hften schwellgliedriger
Gttinnen entschleierten sich und wlzten sich heran, und ihre runden
Gesichter neigten sich unter der Last turmhoher diademgeschmckter
Haaraufstze, ein sonniges Lcheln um die vollen, sinnigen Lippen. Die
Schlangenleiber der Dmonen wanden sich, Greifenflgel spannten sich,
zhnefletschend grinsten grimme Unholdsfratzen; Menschenkrper
wimmelten, Elefantenrssel, Pferdekpfe, Stierhrner, Hirschgeweihe,
Krokodilkiefer, Affenmuler und Tigerrachen taumelten in wirrem Knuel
durcheinander.

Das war kein bildwerkgeschmckter Bau mehr: das waren lebendig gewordene
Bildwerke, die, den Bann des Bauwerkes brechend, sich von seiner Masse
loslsten und diese kaum noch als Sttze duldeten. Eine ganze Welt
schien aus ihrem steinernen Schlaf erwacht zu sein und mit ihren
Tausenden von Gestalten sich hervorzudrngen um zu lauschen--dem Manne
zu lauschen, der dort von ihrem Schwarm umschlossen und berschattet auf
der obersten Stufe stand, golden glnzend in den lnglich herabfallenden
Mantelfalten--er, der Lebendige, der einzig Ruhige mitten im unruhigen
Wahnleben des Leblosen.

Jetzt war es, als ob die Stille der Versammlung noch tiefer wrde, ja,
mir schien es, da auch die Bume ihr Bltterlispeln einstellten.

Und der Erhabene hub an zu reden.

Er sprach von dem Tempel, auf dessen Stufen er stand, und wo unsere
Vorfahren jahrhundertelang Krishna angebetet hatten, um durch das
Vorbild seines Heroenlebens zu einem heldenhaften Wirken und Dulden hier
auf Erden aufgemuntert und durch seine Gnade gestrkt zu werden, und um
dann nach dem Tode in sein Freudenparadies einzugehen und dort
himmlische Wonne zu genieen. Nun aber htten wir, die Nachkommen uns
dort eingefunden, um aus dem Munde eines vollkommenen Buddha die Worte
der Wahrheit zu vernehmen, um zu lernen, einen lauteren, heiligen Wandel
zu fhren, und schlielich, durch vllige berwindung jedes Verlangens
nach dem Vergnglichen, das Ende des Leidens zu erreichen, das Nirvana.
So vollende er, der Buddha, der vllig Erwachte, das Werk des trumenden
Gottes, so vollendeten wir, die Erwachsenen, was unsere Vorfahren in
kindlich erhabenem Schwrmen begonnen htten.

"Dort seht ihr," sagte er, "wie ein trefflicher Knstler lngst
vergangener Tage den Elefantenkampf Krishnas in Stein gebildet hat"--und
er zeigte auf ein mchtiges Reliefstck, das fast vor meinen Fen lag,
die eine Ecke in den Rasen bohrend, die andere auf ein halb begrabenes
Kapital gesttzt. In der letzten Sonnenglut, die den bemoosten Stein
streifte, erkannte man noch deutlich eine Gruppe--einen Jngling, der,
den Fu auf den Kopf eines gefallenen Ilfen setzend, diesem einen Hauer
ausbricht.

Und der Erhabene erzhlte nun, wie der Knig von Mathura, der
schreckliche Tyrann Kamsa, nachdem er Krishna zu einem Wettkampf an
seinem Hofe eingeladen hatte, im geheimen seinem Elefantentreiber
befahl, am Eingang des Kampfplatzes den wildesten Kriegselefanten aus
seinem Stalle auf den ahnungslosen Jngling zu hetzen. Wie aber dann
dieser das Ungetm ttete und, zum Schrecken des Knigs, blutbesprengt
und den abgebrochenen Hauer in der Hand, die Arena betrat.

"Aber auch auf den Erhabenen"--so fhrte er weiter aus--"hatten seine
Feinde einen wilden Elefanten gehetzt. Und beim Anblick des
heranstrmenden Ungetms wurde der Erhabene von Mitleid ergriffen. Denn
das Blut strmte dem Tiere am Bug herunter aus den Wunden, die ihm die
Lanzen der Hetzer beigebracht hatten. Noch mehr aber erfate ihn
Mitleid, weil er da ein armes, in blindwtender Leidenschaft befangenes
Wesen vor sich sah, von der Natur mit Mut und ungeheurer Kraft begabt,
aber mit wenig Verstand versehen, und um dies Wenige durch die
Grausamkeit schlechter Menschen gebracht, die es in einen Zustand von
Wahnsinn gesetzt hatten, in welchem es nun gar einen Buddha umbringen
mute:--ein wildes, verblendetes Wesen, dem es nur schwer gelingen
mochte, durch unendlich lange Wanderungen gnstiges Menschentum zu
erlangen und den Weg der Erlsung zu betreten. Solchermaen von Mitleid
ganz erfllt, konnte der Erhabene keine Furcht empfinden, und kein
Gedanke an eigene Gefahr konnte in ihm aufkommen. Denn er berlegte
sich: wenn es mir gelnge, auch nur den schwchsten Lichtstrahl in diese
strmische Finsternis zu werfen, so wrde ein solcher Lichtsamen nach
und nach aufgehen, und wenn dann dies Wesen, durch dessen Schein
geleitet, Menschentum erreichte, dann wrde es auf Erden noch die Lehre
des Erhabenen vorfinden, den es einst erschlug, und diese Lehre wrde
ihm zur Erlsung verhelfen.

"Von diesem Gedanken erfllt, blieb der Erhabene mitten auf der Strae
stehen, erhob besnftigend die Hand, blickte den Wterich liebevoll an
und sprach milde Worte, deren Klang das Herz des Wilden erreichte. Der
riesige Ilf stockte in seinem Sturmlauf, wiegte unschlssig seinen
berghnlichen Kopf hin und her, indem er anstatt des Donnergebrlls, das
er vorher hatte hren lassen, einige fast ngstliche Trompetenrufe
ausstie. Dabei bewegte er den Rssel in der Luft suchend nach allen
Richtungen hin und her--so wie es ein angeschossener Elefant im Walde
tut, wenn er die Fhrte seines verborgenen Feindes verloren hat und sie
wieder aufzuwittern hofft--und in der Tat hatte dieser sich ja in seinem
Feinde geirrt. Endlich kam er langsam bis auf einige Schritte an den
Erhabenen heran und beugte die Kniee, wie er es vor seinem Herrn zu tun
gewohnt war, wenn dieser ihn besteigen wollte. Und von dem bezhmten
Elefanten gefolgt, trat der Erhabene zur Beschmung seiner Feinde in den
Park hinein, nach welchem er eben unterwegs war.

"Auf solche Weise"--so schlo der Buddha diesen Vergleich--"nimmt der
Erhabene den Elefantenkampf Krishhas auf, vergeistigt ihn, veredelt ihn,
vervollkommnet ihn!"

Whrend ich dieser Erzhlung lauschte--wie konnte ich da anders als an
Angulimala denken, den Wildesten der Wilden, der noch gestern den Buddha
hatte umbringen wollen und durch die unwiderstehliche Macht seiner
Persnlichkeit bezhmt, ja bekehrt worden war, so da ich ihn jetzt
drben in den Reihen der Mnche andchtig sitzen sah--selbst im ueren
ein anderer geworden. Und so erschien es mir denn, da die Worte des
Erhabenen ganz besonders an mich gerichtet waren, als an die einzige
Person--wenigstens auerhalb des Mnchskreises--die um diese Sache wute
und den geheimen Sinn der Rede verstehen konnte.

Weiter sprach nun der Erhabene von Krishna als dem
"sechzehntausendeinhundertfachen Brutigam", als welchen ihn unsere
Vorfahren hier geehrt hatten, und wieder hatte ich ein Gefhl, als ob
dieses einen geheimen Bezug auf mich htte, denn ich erinnerte mich ja,
wie in jener Nacht unserer letzten Zusammenkunft die hliche alte Hexe
den gttlichen Heros mit diesem Namen genannt hatte, den ich nicht ganz
ohne Herzklopfen vernahm. Mit einem leisen Anflug von Humor erzhlte der
Erhabene dann, wie Krishna von allen den Schtzen Besitz nahm, die er
aus der Burg des Dmonenknigs Naraka entfhrt hatte. 'Und an einem
glcklichen Tage,' heit es, 'vermhlte er sich mit all den Jungfrauen,
zu gleicher Zeit, indem er jeder einzelnen als ihr Gatte erschien.
Sechzehntausendeinhundert aber war die Zahl seiner Frauen, und in so
vielen einzelnen Gestalten verkrperte sich der Gott, so da ein jedes
Mdchen meinte: mich allein hat der Herr erwhlt.'

"Wenn ich aber"--also fuhr der Erhabene fort--"die Lehre verknde und
vor mir eine Versammlung von mehreren hundert Mnchen und Nonnen und
Laienanhngern beiderlei Geschlechtes lauschend sitzt, denkt ein jeder
von allen diesen Zuhrern: 'Nur fr mich hat der Asket Gautama die Lehre
verkndet.' Denn auf das einzelne Gemt eines jeden Friedensuchenden
richte ich da die Kraft meines Geistes, bringe es zur Ruhe, einige es,
fge es zusammen.

"So halte ich es allezeit, und auf diese Weise nehme ich den
sechzehntausendeinhundertfachen Brutigamsstand Krishnas auf,
durchgeistige ihn, veredle ihn, vollende ihn."

Da war es mir nun, als ob der Erhabene meine Gedanken mir abgelesen
htte und mir einen geheimen Verweis gbe, auf da ich nicht durch den
Wahn einer bevorzugten Stellung eine verderbliche Eitelkeit in mir
aufkommen liee.

Und der Buddha sprach nun weiter davon, wie Krishna nach dem Glauben
unserer Vorfahren, obschon er an sich der hchste Gott war, der die
ganze Welt trgt und erhlt, dennoch durch Mitleid mit den Wesen bewegt,
mit einem Teil seines Selbstes von seinem hohen Himmel herabstieg und
sich als Mensch unter Menschen gebren lie. Ihn aber, den Erhabenen,
als er nach heiem Ringen die vollkommene Erleuchtung, die selige,
unerschtterliche Erlsungsgewiheit sich zu eigen gemacht hatte, kam
das Verlangen an, im Genu dieser seligen Heiterkeit zu verharren und
Anderen die Lehre nicht zu verknden. "Denn dies genuschtige
Geschlecht--so dachte ich--wird das Sichlosmachen von allen Gebilden,
die Versiegung der Lebenslust, die Wahnerlschung kaum verstehen, und
aus der Darlegung der Lehre wird mir nur Mhe und Plage erwachsen. So
neigte sich mein Gemt zur Verschlossenheit, nicht zur Darlegung der
Lehre. Und ich blickte dann noch einmal mit dem erwachten Auge in die
Welt. Und wie man in einem Lotusweiher einige Lotusrosen sieht, die sich
im Wasser entwickeln und unter dem Wasserspiegel bleiben, andere, die
bis zum Wasserspiegel dringen und darauf schwimmen, und endlich
einzelne, die ber das Wasser emporsteigen und unbenetzt vom Wasser
dastehen: also sah ich in der Welt Wesen gemeiner Art und Wesen edler
Art und Wesen der edelsten Art. Und ich dachte: Ohne Gehr der Lehre
verlieren sie sich: diese werden die Lehre verstehen. Und aus Mitleid
mit den Wesen entschlo ich mich dazu, auf den ungetrbten Besitz der
seligen Nirvanaruhe zeitweilig zu verzichten und der Welt die Lehre zu
verknden.

"So nimmt ein vollkommener Buddha Krishnas Herabsteigen vom Himmel und
sein Menschwerden auf, verinnigt es, verklrt es, vollendet es."

Da kam mir ein Gefhl unsagbarer Freude, denn ich wute, da der Buddha
mich zu den Lotusrosen zhlte, die aus der Wassertiefe bis zur
Spiegelflche gedrungen sind, und da ich durch seine Hilfe einst mich
darber emporheben und frei dastehen wrde, unbenetzt von der Materie.

Und der Erhabene erzhlte die Heroentaten Krishnas, durch welche er zum
Heile der Wesen die Welt von Unholden und bsen Herrschern befreite,
indem er die Schlange der Gewsser Koliya bezwang, den stiergestaltigen
Dmon Aristha erschlug, die verheerenden Unholde Dhenuka und Kishi und
den Dmonenfrsten Naraka vernichtete, die bsen Knige Kamsa und
Paundraka und andere blutige Tyrannen, den Schrecken hilfloser Menschen,
besiegte und ttete und so auf mannigfache Weise das leidige Los der
Menschen linderte. Der Erhabene aber bekmpfe nicht die Feinde, die von
auen die Menschen bedrohen, sondern die Unholde in seinem eigenen
Herzen: Gier, Ha und Irrwahn, Eigenliebe, Lustverlangen, Durst nach
Vergnglichem; und er befreie nicht die Menschheit von diesem und jenem
Ungemach, sondern vom Leiden.

Vom Leiden sprach dann der Gesegnete, wie es berall und immer dem Leben
als sein Schatten folgt. Da war es mir, als ob eine milde Hand mein
eigenes Liebesleiden aufhbe, von mir wegnhme, und es in die groe
Leidensmasse hineinwrfe, wo es in dem allgemeinem Strudel meinem Blick
entschwand. Innig tief empfand ich, da ich da kein Recht auf dauerndes
Glck habe, wo Alle leiden. Ich hatte mein Glck genossen: es war
entstanden, hatte sich entfaltet und war vergangen, wie uns der Buddha
lehrte, da Alles in dieser Welt durch eine Ursache entsteht und nach
Verlauf seiner Zeit--ber kurz oder lang--wieder vergehen mu; und da
eben diese Vergnglichkeit, in welcher die Wesenlosigkeit eines jeden
Dinges sich entschleiert, der letzte unaufhebbare Grund des Leidens
sei--unaufhebbar, solange die Daseinslust unausgerottet fortwuchert und
immer Neues entstehen lt. Ja, wie ein jeder an diesem Weltleiden schon
durch sein Dasein mitschuldig ist, so msse ich--kam es mir vor--wenn
ich von Schmerz verschont geblieben wre, mich jetzt doppelt schuldig
fhlen und ein Verlangen empfinden, auch mein Teil zu tragen. So konnte
ich denn nicht mehr mein eigenes Los bejammern, vielmehr wurde bei
seinen Worten der Gedanke in mir wach: "O, da doch alle Wesen nicht
lnger zu leiden htten! da doch diesem Heiligen sein Erlsungswerk so
gelnge, da sie Alle, Alle entsndigt und erleuchtet, das Ende alles
Leidens erreichten!"

Und auch von diesem Ende des Leidens und der Welt, von der berwindung
jeder Daseinsform, von der Erlsung in wunschloser Gleichmtigkeit, von
der Wahnerlschung, von Nirvana sprach nun der Meister--seltsame,
wunderbare Worte von der einzigen Insel im wogenden Meere des Werdens,
dessen Todesbrandung machtlos an ihrem Felsenufer zerschumte, und nach
welcher die Lehre des Vollendeten wie ein sicheres Fahrzeug
hinberfhre. Und er sprach von dieser seligen Sttte des Friedens,
nicht wie Einer spricht, der uns erzhlt, was er von Anderen--von
Priestern--gehrt hat, und auch nicht wie ein Snger, der seine
Einbildungskraft schweifen lt, sondern wie Einer, der Selbsterlebtes
und Geschautes mitteilt.

Vieles freilich sagte er dabei, was ich, die ungelehrte Frau, nicht
verstand, und was wohl selbst dem Gelehrtesten nicht leicht verstndlich
gewesen wre, Manches vermochte ich nicht miteinander zu verknpfen,
denn hier war Sein und Nichtsein zugleich, nicht Leben und doch noch
weniger Leblosigkeit. Mir war aber zu Mute, wie einem, der ein neues,
allen anderen unhnliches Lied hrt, von dem er nur wenige Worte
auffassen kann, whrend die Tne ihm Alles sagend ins Herz dringen. Und
welche Tne! Tne von solch kristallener Reinheit, da alle anderen
dagegen gehalten, Einem wie leeres Gerusch vorkommen muten, Klnge,
die von so fern her, von solch berweltlichen Hhen herbergrten, da
eine neue, ungeahnte Sehnsucht erweckt wurde, von der man fhlte, da
sie von nichts Irdischem oder Erdenhnlichem jemals gestillt werden
knnte, und da sie ungestillt nie mehr ganz schwinden wrde.

Unterdessen war es vllig Nacht geworden. Das schwache Licht des Mondes,
der hinter dem Tempel aufging, warf dessen Schatten quer ber die ganze
Waldwiese. Kaum sah man noch die Gestalt des Redners. Diese
bermenschlichen Worte schienen aus dem Heiligtum selber herauszutnen,
das alle die tausende wilden und wirren, lebentuschenden Gestalten
wieder in seine Schattenmasse verschlungen hatte und in einfachen,
wuchtigen Formen sich auftrmte--ein Grabmal alles irdischen und
himmlischen Lebens.

Die Hnde um die Kniee gefaltet, sa ich lauschend da und blickte zum
Himmel empor, wo groe Sterne ber den dunkeln Baumwipfeln funkelten.
Leuchtend durchquerte ihn die himmlische Ganga. Da gedachte ich jener
Stunde, als wir beide hier an derselben Stelle feierlich die Hnde zu
ihr emporhoben und bei ihren silbernen Fluten, die diese Lotusteiche
speisen, uns zuschworen, hier, im Paradiese des Westens, uns
wiederzusehen--in einem Freudenhimmel, gleich demjenigen Krishnas, von
welchem jetzt auch der Erhabene sprach, als von dem Orte, dem die
Glubigen zustrebten. Und als ich daran dachte, wurde mir wehmtig ums
Herz, aber ich konnte kein Verlangen in mir spren nach einem solchen
Paradiesleben--denn ein Schimmer von etwas unendlich Hherem hatte mein
Auge erleuchtet.

Und ohne Enttuschung, ohne schmerzliche Bewegung, wie etwa bei Einem,
dem die teuerste Hoffnung zerstrt wird, vernahm ich die Worte des
Erhabenen:

"Alles Entstandene auflsend weht dahin der Verwesung Hauch,
Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch."



XXXVII. PARADIESWELKEN


"Ja, mein Freund," fgte Vasitthi hinzu, "ohne Enttuschung vernahm ich
jene Worte, die dir so hoffnungsvernichtend erschienen, wie ich jetzt
ohne Schmerz, ja sogar mit Freude sehe, wie hier ringsum die Wahrheit
dieser Worte zur Wirklichkeit wird."

Whrend der Erzhlung Vasitthis war in der Tat das Welken langsam, aber
unaufhaltsam fortgeschriten, und es konnte nunmehr nicht der leiseste
Zweifel bestehen, da alle diese Wesen und ihre Umgebungen dem Untergang
und der vlligen Auflsung entgegensiechten.

Die Lotusrosen hatten schon mehr als die Hlfte ihrer Kronenbltter
gefllt, und das Wasser glitzerte nur noch sprlich hervor zwischen
diesen bunten Schifflein, jeden Augenblick in Zittern versetzt durch das
Fallen eines Blattes. Auf ihren schmuckberaubten Blumenthronen saen die
Gestalten in mehr oder weniger zusammengesunkenen Stellungen; diesem war
der Kopf vornber auf die Brust, jenem seitlings auf die Schulter
gesunken, und wie Fieberschauer durchzuckte es sie jedesmal, wenn ein
frstelndes Schaudern die schon gelichteten Wipfel der Haine durchlief,
so da Blten und Bltter herniederregneten. Traurig gedmpft, und immer
hufiger von schmerzlichen Dissonanzen durchzogen, klang die Musik der
himmlischen Genien; tiefe Seufzer und angstvolles Sthnen mischten sich
hinein. Alles, was geleuchtet hatte--Gesichter und Gewnder der Seligen
und der Genien, Wolken und Blumen--, sie alle verloren mehr und mehr
ihren Glanz, und ein blulicher Dmmerungsnebel schien seine Fden um
die Fernen zu spinnen. Aus dem frischen Blumenduft, der vorher so
herzerquickend Alles durchhaucht hatte, war aber jetzt allmhlich ein
atembeklemmender und sinnenbetubender, einschlfernder Geruch geworden.

Und Kamanita zeigte umher mit einer matten Handbewegung:

"Wie kann man denn, Vasitthi, an einem solchen Anblick Freude
empfinden?"

"Deshalb, mein Freund, kann ich mich ber diesen Anblick freuen, weil,
wenn dies Alles dauerhaft und unvergnglich wre, es kein Hheres gbe.
Nun aber gibt es ein Hheres, denn dies vergeht--und es gibt ein
Unvergngliches, Unentstandenes. Das eben nennt der Erhabene "Freude der
Vergnglichkeit", und deshalb sagt er: 'Wenn du den Untergang des
Erschaffenen erkannt hast, dann kennst du das Unerschaffene'."

Durch diese zuversichtlichen Worte belebten sich die Zge Kamanitas, wie
eine vor Trockenheit hinwelkende Blume sich unter dem Regen erholt.

"Gepriesen seist du, Vasitthi! zu meinem Heile bist du mir gegeben. Ja,
ich fhle es: darin nur haben wir gefehlt, da unsere Sehnsucht nicht
hoch genug gezielt hat. Denn wir ersehnten uns ja dies Leben in einem
Blumenparadiese. Und Blumen mssen freilich, ihrer Natur nach,
verwelken. Unvergnglich aber sind die Sterne; nach ewigen Gesetzen
wandeln sie ihre Bahnen. Und sieh dort, Vasitthi, whrend alles andere
die blassen Spuren des Verfalles zeigt, giet jenes Flchen--ein Zweig
der himmlischen Ganga--sein Wasser ebenso sternenklar und ebenso
reichlich wie je in unseren Teich--weil es eben von der Sternenwelt
kommt. Wer das erreichen knnte, unter den Sternengttern wieder ins
Dasein zu treten, der wre ber den Kreislauf des Vergnglichen
erhaben."

"Warum sollten wir das nicht erreichen knnen?" fragte Vasitthi. "Denn
ich habe ja von Mnchen gehrt, die ihren Sinn und ihr Herz darauf
richteten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wiederzukehren. Und
auch jetzt kann es noch nicht zu spt sein, wenn das alte Wort aus dem
hohen Liede wahr ist:

'Das Sein, an welches denkend er aus diesem Leibe scheidet,
In dieses Sein wird jedesmal er drben eingekleidet'."

"Vasitthi! du gibst mir jenen bermenschlichen Mut! Wohlan, wir wollen
unser ganzes Sinnen darauf richten, im Reiche des hunderttausendfachen
Brahma wieder ins Dasein zu treten."

Kaum hatten sie diesen Entschlu gefat, so brauste ein mchtiger
Sturmwind durch die Haine und ber die Teiche. Blten und Bltter
wirbelten haufenweise dahin, die Lotusthronenden duckten sich und zogen
sthnend den Mantel dichter um die zitternden Glieder.

Wie aber Einer, der in der eingeschlossenen, dftegesttigten Luft eines
Zimmers am Ersticken ist, wenn der frische Meerwind, salzig von den
Fluten des Ozeans, durch das geffnete Fenster hereinweht, diesen aus
voller Brust atmet und sich neu belebt fhlt: also wurde Kamanita und
Vasitthi zu Mute, als ihnen jener Duft des vllig Reinen
entgegenstrmte, den sie einst am Gestade der himmlischen Ganga geatmet
hatten.

"Merkst du's?" fragte Vasitthi.

"Ein Gru von der Ganga. Und horch, sie ruft," sagte Kamanita.

Denn die klagende Sterbeweise der Genien wurde jetzt durch jene
feierlichen, donnerhnlichen Klnge bertubt.

"Gut, da wir schon den Weg kennen," jubelte Vasitthi. "Frchtest du
dich noch, mein Freund?"

"Wie sollte ich mich frchten? Komm!"

Und wie ein Vogelpaar sich aus dem Neste strzt und dem Winde
entgegenfliegt, also flogen sie von dannen.

Alle starrten ihnen nach, verwundert, da es hier noch Wesen gbe, die
Kraft und Mut zu einem Fluge besen.

Als sie aber so dem Winde entgegenflogen, entstand ein Wirbelsturm, der
hinter ihnen Alles entbltterte und entseelte, dem hinsiechenden Leben
Sukhavatis ein Ende machend.

Bald war der Palmenwald erreicht, bald durchflogen. Vor ihnen breitete
sich die silbrige Flche des Weltenstromes bis zum schwarzblauen
Himmelsrande.

Sie schwebten ber seine Fluten hinaus, und sofort wurden sie von der
dort herrschenden Luftstrmung erfat und im Sturmesflug davongetragen.
Durch die Schnelligkeit der Fahrt und unter dem mchtigen Getse wie von
Donner und Glockengelute schwanden ihnen die Sinne.




XXXVIII. IM REICHE DES HUNDERTTAUSENDFACHEN BRAHMA


Und Kamanita und Vasitthi traten wieder ins Dasein, im Reiche des
hunderttausendfachen Brahma, als die Gtter eines Doppelgestirns.

Der leuchtende Astralstoff, an den die geistige Wesenheit Kamanitas
gebunden war, umhllte gleichmig den Himmelskrper, der von seiner
Kraft belebt, von seinem Willen gelenkt wurde. Durch diesen Willen wurde
der Stern zunchst um seine Achse gedreht, und diese Bewegung war sein
Eigenleben, war seine Selbstliebe.

Und er spiegelte sich im Glanze Vasitthis und spiegelte ihren Glanz
wider. Strahlenwechselnd umkreisten sie einen Mittelpunkt, wo sich ihre
Strahlen sammelten. Dieser Punkt war ihre Liebe, das Kreisen darum war
ihr Liebesleben, und da sie sich dabei ineinander spiegelten--das war
ihre Liebeswonne.

Allseitig Auge, schaute jeder von ihnen gleichzeitig nach allen
Richtungen des unendlichen Raumes. Und berall sahen sie zahllose
Sternengtter, wie sie selber, deren Strahlenblicke sie empfingen und
erwiderten. Da war zunchst eine Anzahl, die mit ihnen zusammen eine
Gruppe fr sich bildeten; daneben andere Gruppen, die mit der ihrigen
zusammen ein ganzes Weltsystem ausmachten; ferner andere Systeme, die
sich zu einer Kette von Systemen verbanden, und weiter noch mehrere
Ketten, und Ringe von Ketten, und Sphren von Kettenringen. Und Kamanita
und Vasitthi lenkten nun ihr Doppelgestirn in harmonischem Fluge unter
den anderen Sternen und Doppelgestirnen ihrer Gruppe, indem sie, wie in
einem wohlgeordneten Tanzreigen, ihren Nachbarn weder zu nahe kamen,
noch sich zu weit von ihnen entfernten, whrend alle gegenseitig, durch
eine gewisse Sympathie, einander die genaue Richtung und das rechte Ma
der Bewegung mitteilten. Dabei bildete sich aber auch gleichsam ein
gemeinsamer Wille, der ihre ganze Gruppe in die Bewegung der Gruppen
ihres Systems einlenkte, welches dann wiederum auf dieselbe Weise unter
seinesgleichen sich weiterbewegte.

Und diese Teilnahme am ungeheuren, schwebenden Tanze der Weltkrper,
diese gemeinsame und endlos vielfltige Wechselbewegung--das war ihre
Weltangehrigkeit, ihr Auenleben, ihre Alles umfassende und
durchdringende Nchstenliebe.

Was aber hier Harmonie der Bewegung ist, das erscheint den unterhalb der
Sternengtter weilenden Luftgttern als Harmonie der Klnge; durch
Teilnahme an ihrem Gensse ahmen die himmlischen Genien in den
Paradiesen diese Harmonien in ihren wonnigen Weisen nach, und indem ein
schwacher Abklang von diesen bisweilen bis an die Erde dringt--so
schwach, da er nur von den geistigen Ohren der Erwachten aufgefangen
wird--reden die Seher rtselhaft von der Harmonie der Sphren, und die
groen Knstler der Musik schaffen nach, was sie in ihrer Begeisterung
sich erlauscht haben; und dies ist das hchste Entzcken der
Menschenkinder. Aber wie das Sein zu dem immer trber werdenden Schein
sich verhlt--also verhlt sich zu diesem Entzcken der Menschen ber
Klnge und Tne und Weisen die Daseinswonne der Sternengtter.

Denn eben dies ist ihre Lebenslust, ihre Daseinswonne.

Aber alle diese Bewegungen, diese ungeheuren Reigen der Weltsysteme,
umkreisten ein einziges Wesen: den in der Mitte des Weltganzen
thronenden hunderttausendfachen Brahma, dessen unermelicher Glanz alle
Sternengtter durchdrang, und dem sie alle den Glanz wieder
zurckstrahlten, wie so viele Spiegel seiner Herrlichkeit; dessen
unerschpfliche Kraft, wie eine nie versiegende Quelle, ihnen allen ihre
Bewegung mitteilte, und in dem sich ihre Bewegungen alle konzentrierten.

Und dies war ihr Brahmadurchdrungensein, ihre Gemeinschaft mit dem
hchsten Gott, ihr Gebenedeitsein, ihre Anbetung, ihre Seligkeit.

Wenn sie aber in Brahma den Alles sammelnden Mittelpunkt hatten, so war
diese Brahmawelt auch, obschon unendlich, dennoch gleichsam begrenzt.
Wie das Auge des Menschen schon in uralten Zeiten ahnend am
Himmelsgewlbe einen "Tierkreis" entdeckt hat, so sahen die
Sternengtter hier unzhlige Tierkreise in- und umeinander
beschrieben--eine ganze Sphrenflche von Bildern webend, indem die
fernsten Sternengruppen zu leuchtenden Figuren zusammenschmolzen.
Ineinanderstrahlend, auseinanderleuchtend, erschienen da Gestalten,
Astralformen aller Wesen, die auf den Weltkrpern oder zwischen ihnen
leben und weben, bleibende Urbilder alles dessen, was, in die groben
Elemente sich hllend, unaufhrlich entsteht und vergeht im wandelbaren
Flusse des Werdens.

Und dies Schauen der Urbilder war ihr Weltwissen.

Dieweil sie aber allugig, ohne von diesem fort auf jenes hinzusehen,
ohne zu blinzeln, mit einem Blicke die Einheit Gottes und die Vielheit
der Weltwesen erschauten: fiel fr sie Gottesweisheit und Weltwissen in
Eins zusammen. Wenn nmlich ein Mensch auf die gttliche Einheit den
Blick richtet, dann entschwindet ihm die Gestaltenvielheit der
Wandelwelt; und wiederum, wenn er diese betrachtet, kann er die Einheit
nicht mehr festhalten. Somit bleibt sein Wissen ein zerstckeltes, immer
schwankendes, ein von Zweifel fortwhrend bedrohtes Wissen. Sie aber
sahen auf einmal Zentrum und Kreis, und deshalb war ihr Wissen ein
einheitliches, nimmer schwankendes, von keinem Zweifel bedrohtes Wissen.

Durch diese ganze leuchtende Brahmawelt flo nun die Zeit still und
unbemerkbar. Wie man einem ruhig und gerade dahinflieenden, vllig
klaren Strome, dessen Flut von keinem Widerstand irgendwie gehemmt oder
gebrochen wird, die Bewegung nicht ansieht: ebenso war die Flut der Zeit
hier unmerkbar, weil sie von keinen aufsteigenden und absteigenden
Gedanken und Gefhlen Widerstand erfuhr.

Diese Unmerkbarkeit des Zeitverlaufs war ihre Ewigkeit.

Und diese Ewigkeit war ein Wahn.

So war denn auch Alles, was sie in sich befate: ihr Wissen, ihre
Gottseligkeit, ihre Daseinswonne, ihr Weltleben, ihr Liebesleben und ihr
Eigenleben in Wahn getaucht, mit der Farbe des Wahns behaftet.




XXXIX. WELTENDMMERUNG


Denn es geschah einmal, da in Kamanita ein Gefhl von Unbehagen, von
Mangel aufstieg.

Da richtete er unwillkrlich seine Aufmerksamkeit auf den
hunderttausendfachen Brahma, als die Quelle aller Flle. Aber jene
Empfindung wurde dadurch nicht verscheucht, sondern nahm von
Jahrtausend-Dekade zu Jahrtausend-Dekade fast bemerkbar zu.

Denn durch jenes aufsteigende Gefhl war der bisher unmerkbar stille
Strom der Zeit auf Widerstand gestoen, wie durch eine auftauchende
Insel, an deren Felsenriff er jetzt schumend vorberflutete. Und es
entstand sofort ein "Vorher" und ein "Nachher"--wie in einem Flusse
durch ein auftauchendes Riff ein "vor" und "nach" der Stromschnelle
entsteht.

Und es schien Kamanita, als ob der hunderttausendfache Brahma jetzt
nicht ganz so klar leuchte, wie vorher.

Nachdem er aber fnf Millionen Jahre den Brahma betrachtet hatte, kam es
ihm vor, als ob er ihn jetzt schon lange beobachtet habe, ohne Gewiheit
zu erlangen.

Und er richtete seine Aufmerksamkeit auf Vasitthi.

Da wurde er inne, da auch sie aufmerksam den Brahma beobachtete.

Da geriet er in Bestrzung. Mit dieser Bestrzung kamen die Gefhle. Mit
den Gefhlen kamen die Gedanken, mit den Gedanken kam die
Gedankensprache.

Und er sprach:

"Vasitthi, siehst du es auch? Was ist es mit dem hunderttausendfachen
Brahma?"

Nach hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:

"Das ist es mit dem hunderttausendfachen Brahma, da sein Glanz
abnimmt."

"Mir will es auch so scheinen," sagte Kamanita nach Ablauf einer
gleichen Zeit "Freilich kann das ja nur eine vorbergehende
Erscheinung sein. Aber schon das kommt mir wunderlich vor, da am
hunderttausendfachen Brahma berhaupt eine Vernderung stattfinden
kann."

Nach geraumer Weile, nach einigen Millionen Jahren, sprach Kamanita
weiter:

"Ich wei nicht, ob ich vielleicht geblendet bin. Bemerkst du etwa,
Vasitthi, da der Glanz des hunderttausendfachen Brahma wieder zunimmt?"

Nach fnfmal hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:

"Der Glanz des hunderttausendfachen Brahma nimmt nicht zu, sondern nimmt
sttig ab."

Wie ein Stck Eisen, das, weiglhend aus dem Schmiedeofen
genommen, bald danach rotglhend wird: also hatte der Glanz des
hunderttausendfachen Brahma jetzt einen rtlichen Schein bekommen.

"Mich wundert, was das wohl zu bedeuten hat," sagte Kamanita.

"Das hat es zu bedeuten, mein Freund, da der Glanz des
hunderttausendfachen Brahma im Erlschen begriffen ist."

"Unmglich, Vasitthi, unmglich! Was wrde dann aus dem Glnze und der
Herrlichkeit dieser ganzen Brahmawelt werden?"

"Daran hat er gedacht, als er sagte:

'Bis in den hchsten Lichthimmel drngt das Leben sich--und zerfllt.
Wisset, einmal erlischt gnzlich auch der Glanz einer Brahmawelt'"

Schon nach einigen tausend Jahren erfolgte die ngstlich berstrzte
Frage Kamanitas:

"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen weltzermalmenden Ausspruch
getan?"

"Wer sonst, als er, der Erhabene, der Weltkenner, der Vollendete, der
Buddha."

Da wurde Kamanita nachdenklich.

Eine geraume Zeit berlegte er sich diese Worte und erinnerte sich an
manches.

Da sprach er:

"Einst schon, o Vasitthi, in Sukhavati, im Paradiese des Westens,
sagtest du einen Spruch des Buddha her, der sich vor unseren Augen
erfllte. Und ich besinne mich, wie du dort eine ganze Rede von ihm, dem
Erhabenen, mir treu berichtetest, in welcher jener Spruch vorkam. Dies
weltzermalmende Wort aber war darin nicht enthalten. So hast du denn, o
Vasitthi, noch andere Reden vom Erhabenen gehrt?"

"Viele, mein Freund, denn mehr als ein halbes Jahr verbrachte ich
tglich in seiner Nhe. Ja, auch sogar die letzten von ihm geuerten
Worte habe ich vernommen."

Kamanita sah sie mit Bewunderung und Ehrfurcht an. Dann sprach er:

"So bist du eben deshalb, wie ich meine, das weiseste Wesen in dieser
ganzen Brahmawelt. Denn alle diese Sternengtter ringsum sind in
Bestrzung geraten, leuchten unstt, flackern und blinken; und auch der
hunderttausendfache Brahma selber ist unruhig geworden, und aus seinem
trberen Glnze zucken dann und wann gleichsam Zornesblitze hervor. Du
aber leuchtest ruhig, wie eine Lampe an windstillem Ort. Und auch das
ist ein Zeichen der Strung, da die Bewegung dieser Himmelskrper jetzt
hrbar wird--wie wir einst, fern von hier, im Paradiese am Gestade der
himmlischen Ganga stehend, donnerartige Klnge und mchtige Tne wie von
fernem Glockengelute aus dieser Brahmawelt vernahmen, so hren wir es
jetzt von allen Seiten. Das deutet darauf, da die Harmonie der
Bewegungen gestrt ist, da Entzweiung und Auseinandertreten der Krfte
sich einstellt. Denn richtig heit es ja: 'Wo Mangel ist, wird Lrm
erzeugt, die Flle ist in sich gefat.' Und so zweifle ich nicht daran,
da du recht hast. Wohlan, Vasitthi, whrend ringsum uns nun diese
Brahmawelt erlischt und der Vernichtung anheimfllt, teile du mir deine
Erinnerungen an den Vollendeten mit, damit ich ruhig werde wie du. Teile
mir Alles aus deinem Leben mit! denn wohl mag es sein, da wir zum
letzten Male an einem Orte vereinigt sind, wo Geschehnisse von Geist zu
Geist sich mitteilen lassen, und noch bleibt es mir unerklrlich, wie
Angulimala bei mir in Ujjeni erschien, obwohl ich ber sein Asketentum
aufgeklrt wurde. Jene seine Erscheinung aber gab den Ansto zu meinem
Pilgergang, war die Ursache, da ich nicht auf abschssige Pfade kam,
sondern im Paradiese des Westens auferstand, um von dort aus, durch
deine Hilfe, zu dieser hchsten Himmelswelt emporzusteigen, wo wir
unermeliche Zeitrume hindurch gttliches Leben genossen haben. Es ahnt
mir aber, da auch jener Ansto zu meiner Pilgerschaft von dir ausging.
Dies nun, vor allem aber auch, wie es kam, da du zu meinem Heile im
Paradiese erschienst und nicht an einem weit hheren Orte der Seligkeit
wieder ins Dasein tratest, mchte ich nun erfahren."

Und whrend von Jahrhunderttausend zu Jahrhunderttausend die zunehmende
Trbung des Brahmaglanzes immer bemerkbarer wurde und die Sternengtter
immer mehr erblaten;

whrend diese immer unruhiger flackerten und sprhten, und aus dem
trber werdenden Glutkreise des Brahma ungeheure Flammenstreifen
hervorschossen und durch den ganzen Raum hin und her fegten, als ob der
Gott mit hundert Riesenarmen nach dem unsichtbaren Feinde suchte, der
ihn bedrngte;

whrend durch die gestrten Bewegungen der Himmelskrper sich
Wirbelstrmungen erhoben, die ganze Sternensysteme aus dem Brahmareiche
hinausrissen, an deren Stelle dann die Finsterniswelle des leeren Raumes
hereinbrach, wie das Meerwasser da hereinstrzt, wo das Schiff einen
Leck bekommen hat;

und whrend an anderen Stellen Systeme ineinander gerieten und ein
Weltbrand sich entzndete, dessen Explosionen Garben von Sternschnuppen
bis in den Glutschlund des Brahma schleuderten;

whrend die Donnerschlge der zusammenbrechenden und
ineinanderstrzenden Harmonien--das Todesrcheln der Sphrenmusik--immer
furchtbarer von Himmelsgegend zu Himmelsgegend rollten und
widerhallten:--

teilte Vasitthi unverstrt, in gemessener Weise, Kamanita ihre letzten
irdischen Erlebnisse mit.




XL. IM KRISHNAHAIN


Seit jenem ersten Abend versumte ich keine Gelegenheit, um den
Krishnahain zu besuchen und durch die Worte des Erhabenen oder eines
seiner groen Schler tiefer in die Lehre eingefhrt zu werden.

Whrend mein Gemahl nun noch abwesend war, stieg die Furcht der Brger
Kosambis vor dem Ruber Angulimala von Tag zu Tag. Gerade dadurch, da
von neuen Taten nichts verlautete, wurde die Phantasie aufgeregt.
Pltzlich verbreitete sich das Gercht, Angulimala wolle eines Abends
den Krishnahain berfallen und die dort zum Besuch versammelten Brger,
ja wohl gar den Buddha selbst entfhren. Dadurch steigerte sich die
Erregung der Gemter fast bis zum Aufruhr. Man sagte sich, da, wenn
durch verruchte Ruberhnde dem Erhabenen vor Kosambi ein Leid geschhe,
dann wrde der Zorn der Gtter die ganze Stadt treffen.

Ungeheure Menschenmengen wogten durch die Straen, und, vor dem
kniglichen Palast sich sammelnd, verlangten sie drohend, da Knig
Udana dies Unheil abwenden und Angulimala unschdlich machen solle.

Am folgenden Tage kehrte Satagira zurck.

Er berhufte mich sofort mit Lob wegen meines guten Rats, dem er es
allein danken wollte, da er heil nach Hause kam. Vajira, seine zweite
Frau, die mit ihrem Shnlein auf dem Arm erschien, um ihn zu
bewillkommnen, wurde kurz abgefertigt: er habe mit mir noch Wichtiges zu
besprechen.

Als wir nun wieder allein waren, fing er zu meinem unsagbaren Unbehagen
sofort an, von seiner Liebe zu reden, wie er mich unterwegs vermit, wie
sehr er sich auf diese Stunde des Wiedersehens gefreut habe.

Schon wollte ich von den Unruhen in der Stadt erzhlen, um ihn auf
andere Gedanken zu bringen, als der Kmmerer gemeldet wurde, der ihn zum
Knig rief.

Nach etwa einer Stunde kehrte er zurck--ein anderer Mensch. Bla, mit
verstrten Zgen trat er bei mir ein, warf sich auf eine Bank und rief,
er sei der unglckseligste Mann im ganzen Reiche, eine gefallene Gre,
bald ein Bettler, wenn nicht gar Kerker oder Verbannung ihm drohe, und
an seinem ganzen Unglck sei seine grenzenlose Liebe zu mir schuld, die
ich nicht einmal erwidere. Auf meine wiederholte Aufforderung, mir doch
zu sagen, was geschehen sei, beruhigte er sich endlich so weit, da er,
unter vielen Verzweiflungsausbrchen und whrend er sich fortwhrend die
Schweitropfen von der Stirn trocknete, mir den ganzen Vorgang im
Palaste berichten konnte.

Der Knig hatte ihn sehr ungndig empfangen und ohne etwas von dem
geschlichteten Dorfstreit hren zu wollen, ihm unter Drohungen geboten,
die volle Wahrheit ber Angulimala einzugestehen, die Satagira jetzt
auch mir beichten mute, ohne zu ahnen, wie gut ich schon davon
unterrichtet war. brigens sah er darin nur einen Beweis seiner
"grenzenlosen Liebe" zu mir, und erwhnte meine Liebe zu dir leichthin
als eine trichte Jugendschwrmerei, die ja jedenfalls zu nichts gefhrt
htte.

Die Sache war aber auf folgende Weise dem Knig zu Ohren gekommen.

Whrend der Abwesenheit Satagiras war es der Polizei gelungen, den
Helfershelfer Angulimalas aufzuspren, und dieser hatte im peinlichen
Verhr bekrftigt, da jener Ruber wirklich Angulimala selber sei, der
damals nicht, wie der Minister immer behauptet hatte, auf der Folter
gestorben, sondern entflohen wre; auch jenen Anschlag Angulimalas auf
den Krishnahain hatte er bekannt. Der Frst war natrlich aufs hchste
darber erzrnt, da Satagira seinerzeit den furchtbaren Ruber hatte
entschlpfen lassen und dann ganz Kosambi und seinen Knig durch einen
aufgesteckten falschen Kopf betrogen hatte; er wollte auf keine Worte
der Verteidigung oder auch nur der Entschuldigung hren. Wenn Satagira
nicht binnen drei Tagen Angulimala unschdlich machte--wie es das Volk
so strmisch verlangte--dann wrden ihn alle Folgen der frstlichen
Ungnade aufs empfindlichste treffen.

Nachdem Satagira dies erzhlt hatte, warf er sich weinend auf die Bank,
raufte sich die Haare und gebrdete sich wie ein Wahnsinniger.

"Sei getrost, mein Gemahl," sagte, ich. "Folge meinem Rate, und nicht
erst in drei Tagen, sondern noch heute sollst du wieder im Besitz der
frstlichen Gunst sein, ja nicht nur das, sondern diese wird noch
strahlender ber dich leuchten denn je zuvor."

Satagira setzte sich auf und sah mich an, wie man wohl ein Naturwunder
anstaunt.

"Und wozu rtst du mir denn?"

"Du sollst zum Knig zurckkehren und ihn berreden, sich nach dem
Sinsapawalde vor der Stadt zu begeben, dort am alten Tempel den Buddha
aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen. Der Rest wird dann von selber
folgen."

"Du bist eine kluge Frau," sagte Satagira. "Jedenfalls ist dieser Rat
sehr gut, denn jener Buddha soll ja der weiseste aller Menschen sein.
Wenn es auch schwerlich so gute Folgen fr mich haben kann, wie du dir
denkst, so will ich doch den Versuch machen."

"Da die Folgen nicht ausbleiben werden," antwortete ich, "dafr stehe
ich mit meiner Ehre ein."

"Ich glaube dir, Vasitthi," rief er, indem er aufsprang und meine Hand
ergriff. "Wie wre es mglich, dir nicht zu glauben. Beim Indra! Du bist
eine wunderbare Frau, und ich sehe jetzt, wie wenig ich mich irrte, als
ich in meiner noch unerfahrenen Jugend, wie einem Instinkte gehorchend,
aus dem reichen Mdchenflor Kosambis dich allein ausersah und mich auch
durch deine Klte von meiner Liebe nicht abbringen lie."

Die Feurigkeit, mit welcher er mich lobte, lie mich fast bereuen, da
ich ihm den hilfreichen Rat gegeben hatte, aber schon seine nchsten
Worte beruhigten mich, denn er sprach jetzt von seiner Dankbarkeit, die
unerschpflich sein wrde, auf welche Probe ich sie auch stellte.

"Nur eine einzige Bitte habe ich, durch deren Erfllung du mir deine
Dankbarkeit hinreichend bezeugen kannst."

"Nenne sie mir sofort," rief er, "und wenn du auch verlangst, da ich
Vajira mit ihrem Sohne zu ihren Eltern zurckschicke, so werde ich es
unweigerlich tun."

"Meine Bitte ist eine gerechte, keine ungerechte, aber ich werde sie
erst vorbringen, wenn mein Rat sich in vollstem Mae bewhrt hat. Eile
du aber nun zum Palast und setze beim Frsten diesen Besuch durch."

Ziemlich bald kehrte er zurck, glcklich, da es ihm gelungen war, den
Knig zu diesem Ausflug zu bestimmen.

"Erst als Udena vernahm, da der Rat von dir herrhrte," sagte er, "und
da du mit deiner Ehre dich fr den guten Erfolg verbrgtest, gab er
nach, denn auch er hlt groe Stcke auf dich. O, wie stolz bin ich auf
eine solche Gemahlin!"

Diese und hnliche Worte, an denen er es in seiner zuversichtlichen
Stimmung nicht fehlen lie, waren mir peinlich genug und wren es noch
mehr gewesen, wenn ich nicht bei dieser ganzen Sache meine geheimen
Gedanken gehabt htte.

Wir begaben uns nun sofort nach dem Palast, wo schon Vorbereitungen zur
Fahrt getroffen wurden.

Sobald die Strahlen der Sonne ihre Glut etwas milderten, bestieg Knig
Udena seinen Staatselefanten, die vielgerhmte Bhaddavatika, die, weil
sie schon sehr alt war, nur noch bei den feierlichsten Gelegenheiten
benutzt wurde. Wir, der Kmmerer, der Schatzmeister und andere hohe
Wrdentrger folgten in Wagen nach, zweihundert Reiter erffneten und
ebensoviele beschlossen den Zug.

Am Eingange des Waldes lie der Knig Bhaddavatika niederknien und stieg
ab; wir anderen verlieen die Wagen und begaben uns In seinem Gefolge zu
Fu nach dem Krishnatempel, wo der Buddha, der vom frstlichen Besuche
schon unterrichtet war, von seinen Jngern umgeben, uns erwartete.

Der Knig bot dem Erhabenen ehrerbietigen Gru dar und setzte sich zur
Seite nieder. Als nun auch wir andern Platz genommen hatten, fragte der
Vollendete:

"Was ist dir, edler Knig? Hat etwa der Knig von Benares oder irgend
ein anderer deiner frstlichen Nachbarn dein Land mit Krieg bedroht?"

"Nicht hat, o Herr, der Knig von Benares, noch irgend einer meiner
frstlichen Nachbarn mich bedroht: ein Ruber, o Herr, lebt in meinem
Lande, Angulimala genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Totschlag
gewhnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Der macht die Drfer
undrflich, die Stdte unstdtlich, die Lnder unlndlich. Er bringt die
Leute um und hngt sich ihre Daumen um den Hals. Und in der Bosheit
seines Herzens hat er jetzt den Plan gefat, diesen heiligen Hain zu
berfallen und den Erhabenen und seine Anhnger zu entfhren. Ob solch
groer Gefahr entsetzt, murrt mein Volk, drngt sich in groen Scharen
um meinen Palast und verlangt, da ich diesen Angulimala unschdlich
mache. Das also liegt mir allein im Sinne."

"Wenn du aber, edler Knig, Angulimala shest, mit geschorenem Haar und
Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, dem Tten entfremdet, dem Stehlen
entwhnt, zufrieden mit _einer_ Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein,
edel geartet: was wrdest du dann mit ihm machen?"

"Wir wrden ihn, o Herr, ehrerbietig begren, uns vor ihm erheben und
ihn zu sitzen einladen, ihn bitten, Kleidung, Speise, Lager und Arznei
fr den Fall einer Krankheit anzunehmen, wrden ihm, wie sich's gebhrt,
Schutz und Schirm und Obhut angedeihen lassen. Wie aber sollte, o Herr,
ein so arger, bsartiger Mensch eine solche Tugendluterung erfahren?"

Nun sa aber der ehrwrdige Angulimala nicht fern vom Erhabenen. Und der
Erhabene wies mit dem rechten Arme hin und sprach also zu Knig Udena:

"Dieser, edler Frst, ist Angulimala."

Da entfrbte sich das Gesicht des Knigs vor Angst. Aber bei weitem
strker war das Entsetzen Satagiras. Seine Augen schienen aus ihren
Hhlen springen zu wollen, seine Haare strubten sich, kalter Schwei
tropfte von seiner Stirn.

"Weh mir," rief er, "ja, jener ist gewilich Angulimala, und ich Elender
habe meinen Knig verleitet, sich in seine Gewalt zu begeben."

Dabei sah ich's ihm nur zu deutlich an, da er nur deshalb so vor Angst
bebte, weil er sich selbst in der Gewalt seines Todfeindes whnte.

"Dieser Schreckliche," rief er weiter, "hat uns alle betrogen--hat den
Erhabenen selbst betrogen und auch meine leichtglubige Gemahlin, die,
wie alle Frauen, viel auf Bekehrungsgeschichten gibt. So sind wir in
diese Falle gegangen."

Und seine Blicke irrten umher, als ob er hinter jedem Baum ein halbes
Dutzend Ruber entdeckte. Mit stotternder Stimme und zitternder Hand
beschwor er den Knig, durch eilige Flucht seine teure Person in
Sicherheit zu bringen.

Da trat ich denn vor und sprach:

"Sei ruhig, mein Gemahl! Ich bin imstande, sowohl dich wie meinen edlen
Frsten zu berzeugen, da hier keine Falle gelegt ist und da keine
Gefahr droht."

Und ich erzhlte jetzt, wie ich, von Angulimala berredet, mit ihm
zusammen einen Anschlag gegen das Leben meines Gemahls vorgehabt htte,
und wie dieser Anschlag eben nur durch die Bekehrung meines Verbndeten
vereitelt worden sei.

Als Satagira hrte, wie nahe er dem Tode gewesen war, mute er sich auf
den Arm des Kmmerers sttzen, um nicht umzusinken.

Ich bat nun den Knig fufllig, meinem Gemahl zu verzeihen, wie ich ihm
verziehen habe, da er durch Leidenschaft irregefhrt gesndigt habe und
dabei wohl auch unbewut einer hheren Fhrung gefolgt sei, die vor
unseren Augen das hchste Wunder wirken wollte: anstatt da man einen
Ruber hingerichtet htte, sei jetzt aus einem Ruber ein Heiliger
geworden.

Und als der Frst mir gndig zugesagt hatte, meinem Gemahl wieder seine
volle Gunst zuzuwenden, sprach ich zu Satagira:

"Mein Versprechen habe ich nun gehalten. So halte auch du das deine und
gewhre mir meine einzige Bitte. Diese aber geht dahin, du mgest mir
gestatten, in den heiligen Orden des Buddha einzutreten."

Mit einem stummen Kopfnicken gab Satagira seine Einwilligung, wie er
denn auch nicht anders konnte.

Der Knig aber, der nun ganz beruhigt war, trat an Angulimala heran,
sprach freundlich und ehrerbietig zu ihm und sicherte ihm seinen
frstlichen Schutz zu. Darauf ging er wieder zum Buddha hin, verneigte
sich tief und sprach:

"Wunderbar ist es in der Tat, o Herr, wie da der Erhabene Unbndige
bndigt. Denn diesen Angulimala, den wir weder mit Strafe noch Schwert
bezwingen konnten, den hat der Erhabene ohne Strafe und Schwert
bezwungen. Dieser doppelt und dreifach heilige Hain aber, wo uns ein
solches Wunder kund ward, soll von heute ab auf ewige Zeiten dem Orden
der Heiligen gehren. Und der Erhabene mge mir gestatten, darin einen
Bau zur Unterkunft der Mnche und einen zweiten fr die Nonnen zu
errichten."

Mit wrdevoller Dankbezeugung nahm der Erhabene das frstliche Geschenk
an. Darauf empfahl sich der Knig und entfernte sich mit seinem Gefolge.
Ich aber blieb zurck unter der Obhut der anwesenden Schwestern, um
schon am folgenden Tage das Gelbde abzulegen.




XLI. DER LEICHTE SPRUCH


Ich war nun Ordensschwester geworden und begab mich jeden Tag frh
morgens mit meiner Almosenschale nach Kosambi, wo ich von Haus zu Haus
ging, bis sie gefllt war--obwohl Satagira mir diesen Bettelgang nur zu
gern erspart htte.

Eines Tages stellte ich mich auch am Eingange seines Palastes hin, weil
die ltesten Nonnen mir geraten hatten, mich auch dieser Prfung zu
unterziehen. Da trat Satagira gerade in den Torweg, wich mir aber scheu
aus und verhllte traurig sein Antlitz. Gleich danach kam dann der
Hausmeier und bat mich weinend, doch ja zu gestatten, da Alles, wofr
ich Gebrauch habe, mir tglich zugeschickt werde. Ich aber antwortete
ihm, da es mir gezieme, der Ordensregel nachzukommen.

Wenn ich von diesem Gange zurckgekehrt war und das Gespendete verzehrt
hatte, womit dann fr den ganzen Tag die elende Nahrungsfrage erledigt
war, wurde ich von einer der lteren Nonnen unterrichtet, und abends
lauschte ich in der Versammlung den Worten des Erhabenen oder auch denen
eines groen Jngers, wie Sariputta oder Ananda. Nachher aber geschah es
wohl, da eine Schwester die andere aufsuchte: "Entzckend, Schwester,
ist der Sinsapawald, herrlich die klare Mondnacht, die Bume stehen in
voller Blte, himmlische Dfte, meint man, wehen umher. Wohlan, la uns
Schwester Sumedha aufsuchen. Sie ist eine Hterin des Wortes, ein Hort
der Lehre. Ihre Rede drfte wohl diesem Sinsapawalde doppelten Glanz
verleihen." Und wir brachten dann den grten Teil einer solchen Nacht
mit sinnigen Gesprchen zu.

Dies Leben in der freien Natur, diese fortwhrende Geistesttigkeit und
der rege Gedankenaustausch, wodurch keine Zeit fr trbes Hinbrten ber
eigenen Schmerz oder fr mige Trumereien brig blieb, endlich die
Erhebung und Luterung des Gemtes durch die Macht der Wahrheit--all
dies strkte mir Krper und Geist wunderbar. Ein neues und edleres Leben
tat sich vor mir auf, und ich geno ein ruhiges, heiteres Glck, von dem
ich mir wenige Wochen vorher nichts htte trumen lassen.

Als die Regenzeit kam, stand schon das Gebude fr die Schwestern
bereit, mit gerumiger Halle zum gemeinsamen Aufenthalte und mit Zellen
fr jede einzelne. Mein Gemahl und einige andere reiche Brger, die
Verwandte unter den Nonnen hatten, lieen es sich nicht nehmen, diese
unsere Heimsttte mit Matten und Teppichen, Sthlen und Ruhebetten
auszustatten, so da wir reichlich mit Allem versehen waren, was zur
vernnftigen Bequemlichkeit des Lebens gehrt, und seiner ppigkeit um
so lieber entrieten. So ging denn auch diese Zeit der Eingeschlossenheit
leidlich genug dahin, im regelmigen Wechsel von gemeinsamen
Unterhaltungen ber religise Fragen und von Selbstdenken und
Vertiefung. Gegen Abend aber begaben wir uns, wenn das Wetter es
erlaubte, nach der groen Halle der Mnche, um dem Meister zu lauschen,
oder es kam auch der Erhabene oder einer der groen Jnger zu uns
herber.

Als nun aber der Wald, den der Meister lobt, erfrischt und verjngt, in
hundertfacher Bltterflle und Blumenpracht uns wieder einlud, unter
sein freies Obdach unsere einsame Gedenkenruhe und unsere gemeinsamen
Versammlungen zu verlegen, da traf uns die betrbende Kunde, da der
Erhabene sich jetzt bereit mache, seine Wanderung nach den stlichen
Gegenden anzutreten. Aber freilich hatten wir ja nicht hoffen drfen,
da er immer in Kosambi bleiben werde; auch wuten wir, wie tricht es
ist, Ober etwas Unvermeidliches zu klagen, und wie wenig wir uns des
Meisters wrdig zeigten, wenn wir uns von Trauer berwltigen lieen.

So begaben wir uns denn in spter Nachmittagsstunde gefat und ruhig
nach dem Krishnatempel, um zum letzten Male fr lange Zeit den Worten
des Buddha zu lauschen und dann von ihm Abschied zu nehmen.

Auf den Stufen stehend, redete der Erhabene vom Vergehen alles
Entstandenen, von der Auflsung alles dessen, was sich zusammengesetzt
hat, von der Flchtigkeit aller Erscheinungen, von der Wesenlosigkeit
aller Gestaltungen. Und nachdem er gezeigt hatte, wie nirgends in dieser
oder in jener Welt, soweit die Daseinslust keimt, nirgendwo in Raum und
Zeit eine feste Stelle, ein bleibender Zufluchtsort zu finden ist,
sprach er jenes Wort, das du mit Recht "weltzermalmend" nanntest, und
das sich jetzt rings um uns verwirklicht:

"Bis in den hchsten Lichthimmel drngt das Leben sich und zerfllt;--
Wisset, einmal erlischt gnzlich auch der Glanz einer Brahmawelt."

Es war uns Schwestern von einem der Jnger gesagt worden, da wir nach
dem Vortrage eine nach der anderen zum Erhabenen gehen sollten, um von
ihm Abschied zu nehmen und einen Geleitspruch fr unser weiteres Streben
von ihm zu empfangen. Da ich eine der jngsten war und mich
geflissentlich zurckhielt, gelang es mir, die letzte zu werden. Denn
ich gnnte es keiner anderen, nach mir mit dem Erhabenen zu reden, und
meinte auch, da mir dadurch eine ruhigere, lngere Unterredung
ermglicht wrde, als wenn andere hinter mir warteten.

Nachdem ich mich nun ehrfurchtsvoll verneigt hatte, blickte mich der
Erhabene an mit einem Blicke, der mich bis ins Innerste durchleuchtete,
und sprach:

"Und dir, Vasitthi, gebe ich an der Schwelle dieses zerfallenden
Heiligtums des sechzehntausendeinhundertfachen Brutigams zum
Meingedenken und zum Durchdenken unter dem Laubdache dieses
Sinsapawaldes, von dem du ein Blatt am Herzen und einen Schatten im
Herzen trgst--folgenden Spruch: '_berall, wo Liebe entsteht, entsteht
auch Leid_.'"

"Ist das Alles?" fragte ich trichterweise.

"Alles und genug."

"Und ist es, o Herr, gestattet, wenn ich mit dem Spruche zu Ende bin,
wenn ich mir den Sinn vllig zu eigen gemacht habe, zum Erhabenen zu
pilgern, um einen neuen Spruch zu empfangen?"

"Es ist gestattet, wenn du noch das Bedrfnis hast, den Erhabenen zu
fragen."

"Wie sollte ich nicht das Bedrfnis haben? Du bist ja, o Herr, unsere
Zuflucht."

"Nimm deine Zuflucht zu dir selber, nimm deine Zuflucht zur Lehre!"

"Das will ich. Doch du, o Herr, bist ja das Selbst der Jnger, bist die
lebendige Lehre. Und du hast ja gesagt: es ist gestattet."

"Wenn dich der Weg nicht mht."

"Kein Weg kann mich mhen."

"Der Weg ist weit, Vasitthi! Weiter ist der Weg als du dir denkst,
weiter, als Menschengedanken es auszudenken vermgen."

"Und fhrte der Weg auch durch tausend Leben, ber tausend Welten: kein
Weg wird mich mhen."

"Schon gut, Vasitthi! Gehab dich wohl, und gedenke deines Spruchs."

In diesem Augenblick nahte der Knig mit groem Gefolge, um vom
Erhabenen Abschied zu nehmen.

Ich zog mich in die hinterste Reihe zurck, von wo aus ich ein ziemlich
zerstreuter Zeuge der weiteren Vorgnge dieses letzten Abends war. Denn
ich kann nicht leugnen, da ich mich durch den so sehr leichten Spruch,
den mir der Erhabene gegeben hatte, etwas enttuscht fhlte. Hatten doch
mehrere der Schwestern ganz andere schwierige Sprche zur geistigen
Verarbeitung vom Erhabenen zugeteilt bekommen: die eine den Spruch vom
Entstehen aus Ursachen, die andere den vom Nichtselbst, eine dritte den
von der Vergnglichkeit der Erscheinungen. So meinte ich denn, eine
Zurcksetzung erfahren zu haben, was mich sehr betrbte. Wie ich aber
weiter darber nachdachte, kam mir die Vermutung, da der Erhabene
vielleicht bei mir etwas Selbstberhebung bemerkt habe und sie auf diese
Weise dmpfen wolle. Und ich nahm mir vor, auf der Hut zu sein, um nicht
durch Eitelkeit und Selbstgeflligkeit in meinem geistigen Wachstum
gehindert zu werden. Bald wrde ich mich ja rhmen knnen, mit dem
Spruche zu Ende zu sein, und durfte mir dann einen neuen von den Lippen
des Erhabenen selber holen.

In dieser Zuversicht sah ich frh am nchsten Morgen den Buddha mit
vielen Jngern von dannen wandern--unter diesen selbstverstndlich auch
Ananda, der ja des Meisters wartete und immer um ihn war, und der mir
stets auf seine milde Art so besonders wohlwollend begegnet war, da ich
fhlte, ich wrde auch ihn und seinen aufmunternden Blick sehr
vermissen, noch mehr als den weisen Sariputta, der durch seine scharf
zergliedernden Auseinandersetzungen mir in manchem schwierigen Punkt
geholfen hatte. Nun war ich meinen eigenen Krften berlassen.

Sobald ich von meinem Almosengange zurckgekehrt war und mein Mahl
verzehrt hatte, suchte ich mir einen schnen Baum aus, der in der Mitte
einer kleinen Waldwiese stand--das wahre Urbild jener "mchtigen,
lrmentrckten Bume", von denen es heit, da Menschen darunter sitzen
und denken knnen.

Das tat ich nun, indem ich meinen Spruch ernstlich vornahm. Als ich
gegen Abend nach der Versammlungshalle zurckkehrte, brachte ich, als
Ausbeute meiner Tagesarbeit, eine innere Unruhe mit mir und eine leise
Ahnung, was fr eine Bewandtnis es mit diesem Spruche haben mochte. Als
ich aber am folgenden Abend nach beendigter Gedenkenruhe zurckkehrte,
wute ich schon genau, was der Erhabene gemeint hatte, als er mir diesen
Spruch gab.

Ich hatte ja geglaubt, auf dem graden Wege zum vollkommenen Frieden mich
zu befinden und meine Liebe mit ihren leidenschaftlichen Erregungen weit
hinter mir zu haben. Aber jener unvergleichliche Herzenskenner hatte gar
wohl gesehen, da die Liebe keineswegs von mir berwunden war, sondern
da sie nur durch den mchtigen Einflu des neuen Lebens verscheucht,
sich In einen Innersten Winkel zurckgezogen hatte, um dort ihre Zeit zu
erwarten. So wollte er denn, da ich dadurch, da ich meine
Aufmerksamkeit auf sie richtete, sie aus diesem Schlupfloche
hervorlocken solle, um sie dann zu berwinden.

Und freilich kam sie auch hervor, aber mit solcher Macht, da ich mich
sofort mitten in schweren, ja zerrttenden Seelenkmpfen befand und
einsah, da mir kein leichter Sieg beschieden sei.

Die berraschende Kunde, da mein Geliebter damals nicht gettet worden
war und aller Wahrscheinlichkeit nach noch mit mir diese Erdenluft
atmete, war jetzt freilich mehr als ein halbes Jahr alt. Als aber durch
die Erscheinung auf der Terrasse jenes Wissen so pltzlich in mir
auftauchte, wurde es sofort wieder durch die strmischen Gemtswellen,
die es selber aufregte, gleichsam berschwemmt und tauchte fast wieder
in ihren Strudel unter. Hagefhl, Rachegedanken, Brten ber
Verbrecherplne wechselten in einem wahren Dmonenreigen--dann kam
Angulimalas Bekehrung, der berwltigende Eindruck des Buddha, das neue
Leben, der Tagesanbruch einer neuen, gnzlich ungeahnten Welt, deren
Elemente in der Vernichtung aller Elemente der alten bestanden. Nun aber
war der erste Sturm des Neuen vorber, der groe Meister dieses heiligen
Zaubers war aus meinem Gesichtskreis entschwunden, und ich sa einsam
da, meinen Blick auf die Liebe--auf meine Liebe gerichtet. Da tauchte
jene Kunde nun wieder klar hervor und eine grenzenlose Sehnsucht nach
dem fernen, noch lebenden Geliebten erfate mich.

Aber lebte er denn auch noch?--Und liebte er mich denn noch?

Solche Fragen regten durch ihre bange Ungewiheit meine Sehnsucht nur
noch mehr auf, und mit der berwindung meiner Liebe, mit der Aneignung
des Spruches wollte es nicht vorwrtsgehen. Immer dachte ich ber die
Liebe nach und kam nicht zum Leid und zur Leidensentstehung.

Diese meine immer aussichtsloseren Seelenkmpfe blieben den anderen
Schwestern nicht verborgen. Ich hrte wohl, wie sie von mir sprachen:

"Vasitthi, die frhere Ministersgattin, die doch selbst der strenge
Sariputta wegen ihrer schnellen und sicheren Auffassung auch schwieriger
Punkte der Lehre uns des fteren gepriesen hat, sie kann jetzt mit ihrem
doch so leichten Spruch nicht fertig werden."

Dadurch wurde ich noch mehr entmutigt. Scham und Verzweiflung
bemchtigten sich meiner und zuletzt glaubte ich, diesen Zustand nicht
mehr ertragen zu knnen.




XLII. DIE KRANKE NONNE


Um diese Zeit kam wchentlich einmal einer der Brder zu uns herber und
legte uns die Lehre dar. Als nun Angulimala an der Reihe war, ging ich
nicht in die Versammlungshalle, sondern blieb in meiner Zelle auf der
Ruhebank liegen und bat eine Nachbarschwester, Angulimala zu sagen:

"Die Schwester Vasitthi, Ehrwrdiger, liegt in ihrer Zelle krank
darnieder und kann in der Versammlung nicht erscheinen. Wolle,
Ehrwrdiger, nach dem Vortrag dich nach der Zelle Schwester Vasitthis
begeben, um auch ihr, der Kranken, die Lehre darzulegen."

Und der ehrwrdige Angulimala kam nach dem Vortrag in meine Zelle,
grte mich ehrerbietig und setzte sich neben mein Lager.

"Du siehst hier, Bruder," sagte ich dann, "was niemand sehen sollte:
eine liebeskranke Nonne, und an dieser meiner Krankheit bist du selber
schuld, denn du hast mich des Gegenstandes meiner Liebe beraubt. Zwar
hast du mich dann zu diesem groen Arzte gebracht, der von der ganzen
Lebenskrankheit heilt; aber seine starke Heilkunst kann jetzt nicht
weiter auf mich einwirken. In seiner groen Weisheit hat er dies wohl
erkannt und hat mir ein Mittel gegeben, um den schleichenden
Krankheitsstoff zur Ausscheidung durch eine Fieberkrisis zu bringen. So
siehst du denn nun das Sehnsuchtsfieber in mir wten. Und nun will ich
dich an ein Versprechen mahnen, das du mir einst gegeben hast, in jener
Nacht nmlich, wo du mich zu dem Verbrechen verleiten wolltest, dessen
Ausfhrung nur durch das Dazwischentreten des Erhabenen vereitelt wurde.
Damals sagtest du, du wrdest nach Ujjeni gehen und mir sichere Kunde
von Kamanita bringen, ob er noch am Leben sei, und wie es ihm ergehe.
Was mir nun der Ruber einst versprach, das fordere ich jetzt vom
Mnche. Denn mein Verlangen zu wissen, ob Kamanita lebt und wie er lebt,
ist ein so gebieterisches, da, bevor es nicht gestillt worden ist, fr
keinen anderen Gedanken, fr kein anderes Gefhl in meiner Seele Raum
ist, und es mir somit unmglich ist, auch nur den kleinsten Schritt
weiter auf diesem unserem Heilswege zu tun. Deshalb mut du dies fr
mich tun und mein Gemt durch irgend eine Gewiheit beruhigen."

Nachdem ich also gesprochen hatte, erhob sich Angulimala und sagte:

"Wie du es eben, Schwester Vasitthi, von mir verlangst," verbeugte sich
tief und schritt zur Tr hinaus.

Er ging aber geradeswegs nach seiner Zelle, um seine Almosenschale zu
holen und verlie noch in derselben Stunde den Sinsapawald. Man glaubte
allgemein, er sei dem Erhabenen nachgepilgert. Nur ich kannte das Ziel
seiner Wanderung.

Nach diesem Schritt fhlte ich mich in der Tat etwas beruhigt, obwohl
ich bald zu zweifeln anfing, ob ich ihm nicht einen Gru oder eine
Botschaft an den Geliebten htte mitgeben sollen. Aber es kam mir
unpassend und unheilig vor, einen Mnch auf solche Weise als
Liebesvermittler zu gebrauchen, whrend er doch ganz gut nach einer
entfernten Stadt gehen und berichten konnte, was er dort gesehen. Auch
wrde es etwas ganz anderes sein--meinte ich mit geheimer Hoffnung--wenn
er, ohne einen Auftrag zu haben und nur seinem eigenen Urteil folgend,
sich entschlieen sollte, mit dem Geliebten von mir zu sprechen.

"Ich selber werde nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher
herbringen"--diese Worte hallten immer in meinem Innersten wider. Wrde
der Mnch vielleicht das Versprechen des Rubers einlsen? Warum denn
nicht, wenn er selber einsah, da es fr uns beide notwendig war,
einander zu sehen und zu sprechen?

Und damit kam ein neuer Gedanke, der, von einem, ungeahnten
Hoffnungsschimmer umstrahlt, mich zunchst blendete und verwirrte. Wenn
mein Geliebter zurckkme--was hinderte mich dann, aus dem Orden
auszutreten und seine Frau zu werden?

Als diese Frage auftauchte, bedeckte eine brennende Rte mein Gesicht,
das ich unwillkrlich in meinen Hnden verbarg aus Furcht, jemand knne
mich gerade beobachten. Welcher hlichen Mideutung wrde nicht eine
solche Handlung ausgesetzt sein! She das nicht aus, als ob ich den
Orden des Buddha lediglich als eine Brcke betrachtet htte, um aus
einer unlieben Heirat in eine liebe hinberzuwandeln? Gewi wrde das
von Vielen so ausgelegt werden. Aber was knnte mir schlielich am
Urteil Anderer liegen? Und wieviel besser wre es nicht, eine fromme
Laienschwester zu sein, die treu zum Orden hielt, als eine
Ordensschwester, deren Herz auerhalb des Ordens weilte.

Ja, wenn auch Angulimala mir nur die Mitteilung brchte, da mein
Kamanita noch lebe, und ich der Schilderung ihrer Begegnung entnhme,
da der Geliebte mir noch immer in treuer Sehnsucht ergeben sei: dann
wrde ich ja auch selber nach Ujjeni pilgern knnen. Und ich malte mir
aus, wie ich eines Morgens als wandernde Asketin am Eingange deines
Hauses stehen wrde, wie du mir dann eigenhndig die Almosenschale
fllen und mich dabei erkennen wrdest--und dann die ganze
unbeschreibliche Freude, uns wiedergefunden zu haben.

Freilich war es eine weite Wanderung nach Ujjeni, und es geziemte einer
Nonne nicht, allein zu pilgern. Aber ich brauchte nicht lange nach einer
Begleiterin zu suchen. Gerade in dieser Zeit fand Somadatta ein
trauriges Ende. Seine Leidenschaft fr die unseligen Wrfel hatte immer
mehr die Oberhand gewonnen, und nachdem er seine ganze Habe verspielt
hatte, ertrnkte er sich in der Ganga. Die tief erschtterte Medini trat
nunmehr in den Orden ein. Es mochte wohl weniger das religise Leben
selbst in seiner herben Strenge und mit seinem hohen Ziele sein, was sie
unwiderstehlich in diesen heiligen Hain zog, als vielmehr das Bedrfnis,
immer in meiner Nhe zu weilen; denn ihr kindliches Herz hing mit
rhrender Treue an mir. Und so zweifelte ich denn auch nicht daran, da
sie, wenn ich ihr mein Vorhaben offenbarte, mit mir nach Ujjeni, ja,
wenn es sein sollte, bis an das Ende der Welt gehen wrde. Auch jetzt
schon gereichte mir ihre Gesellschaft vielfach zur Aufmunterung, wie ich
denn andererseits auch ihre aufrichtige Trauer ber den Verlust ihres
Gemahls durch trstende Worte milderte.

Als nun die Zeit kam, wo Angulimalas Rckkehr zu erwarten war, ging ich
nachmittags immer nach dem sdwestlichen Rande des Waldes und setzte
mich unter einen schnen Baum auf einer migen Anhhe, von welcher aus
ich dem Wege, den er kommen mute, weit mit dem Blicke folgen konnte.
Ich dachte mir, er wrde wohl gegen Abend sein Ziel erreichen.

Eine Woche hielt ich dort vergebens Wache, war aber auch darauf gefat,
einen ganzen Monat lang warten zu mssen. Am achten Tage aber, als die
Sonne schon so tief stand, da ich mir mit der Hand die Augen beschatten
mute, wurde ich in der Ferne eine Gestalt gewahr, die sich dem Walde
nherte. Bald erglnzte ihr gelber Mantel, und als sie an einem
heimkehrenden Waldarbeiter vorberschritt, erkannte man, da
sie von ganz ungewhnlich hohem Wchse war. Es war in der Tat
Angulimala--allein. Meinen Kamanita hatte er nicht "heil und sicher
mitgebracht"--was tat's? Wenn er mir nur versichern konnte, da der
Geliebte am Leben sei, dann wrde ich ja selber den Weg zu ihm finden.

Heftig pochte mein Herz, als Angulimala vor mir stand und mich mit
hflichem Anstand begrte.

"Kamanita lebt in seiner Vaterstadt in groem Wohlstand," sagte er, "ich
habe ihn selber gesehen und gesprochen."

Und er erzhlte mir nun, wie er eines Morgens an dein palasthnliches
Haus gekommen sei, wie deine beiden Frauen ihn grblich beschimpft
htten, wie du dann selber hinzugetreten seiest, die bsen Frauen ins
Haus gejagt und ihn freundlich und entschuldigend angeredet httest.

Als er nun Alles--so wie es dir ja bekannt ist--genau berichtet hatte,
verbeugte er sich vor mir, schlug den Mantel wieder um die Schulter und
wandte sich um, als ob er in derselben Richtung weiter wandern wollte,
statt in den Wald hineinzugehen.

Verwundert fragte ich ihn, ob er nicht nach der Halle der Mnche gehe.

"Ich habe nun," antwortete er, "deinen Auftrag getreulich ausgerichtet,
und nichts gibt es jetzt mehr, was mich hindern knnte, meinen Weg
ostwrts zu nehmen, in den Spuren des Erhabenen, nach Benares und
Rajagaha, wo ich ihn nun antreffen werde."

Also sprechend, ging dieser mchtige Mann mit weit ausholenden Schritten
frba, den Waldrand entlang, ohne sich die geringste Rast zu gnnen.

Ich starrte ihm lange nach und sah, wie die untergehende Sonne seinen
Schatten weit vor ihm bis zum Hgelrande am Horizonte, ja gleichsam noch
darber hinaus streckte, als ob seine Sehnsucht ihm ungestm vorauseile,
whrend ich wie eine Gelhmte zurckblieb ohne ein Sehnsuchtsziel fr
irgend eine liebe Hoffnung.

Mein Herz war gestorben, mein Traum zerronnen. Das herbe Asketenwort:
"ein Schmutzwinkel ist die Huslichkeit", hallte durch mein des Gemt
wider. Auf jener herrlichen Terrasse der Sorgenlosen, unter freiem,
sternenblinkendem und monddurchstrahltem Himmel war ja meine Liebe
daheim. Wie htte ich Trin je daran denken knnen, sie nach jener
schmutzwinkligen Huslichkeit in Ujjeni betteln zu schicken, damit
zankende Frauen sie mit Schimpfreden begeiferten?

Mit Mhe schleppte ich mich nach meiner Zelle zurck, um mich auf das
Krankenlager zu strecken. Diese pltzliche Vernichtung meiner fieberhaft
erregten Hoffnungen war zuviel fr meine schon durch monatelange
Seelenkmpfe erschtterte Widerstandskraft. Mit einer Selbstaufopferung
ohnegleichen pflegte Medini mich Tag und Nacht. Sobald aber, durch ihre
Sorgfalt gesttzt, mein Geist sich ber die Schmerzen und den
Fieberbrand erheben konnte, reifte mein Wanderplan in einer neuen
Richtung aus. Nicht dorthin, wo ich Angulimala hingeschickt hatte,
sondern dorthin, wo er jetzt von selber hinwanderte, wollte ich nun
pilgern: den Spuren des Erhabenen wollte ich folgen, bis ich ihn trfe.
War ich denn nicht mit meinem Spruche zu Ende? Wie mit der Liebe Leid
entsteht, hatte ich ja im tiefsten Grunde erfahren. Und so durfte ich
denn auch, meinte ich, den Buddha aufsuchen und von der Kraft des
Heiligen mich neu beleben lassen, um nach dem hchsten Ziele weiter
vorwrtsstreben zu knnen.

Ich vertraute denn auch dies mein Vorhaben der guten Medini an, die
sofort mit wahrem Feuereifer den unerwarteten Gedanken aufnahm und sich
in ihrem kindlichen Gemt ausmalte, wie herrlich es sein wrde, mit mir
zusammen durch liebliche Gegenden zu streifen, frei wie die Vgel durch
die Luft, wenn die Wanderzeit sie nach fernen Himmelsstrichen ruft.

Freilich muten wir erst geduldig warten, bis ich wieder hinlnglich zu
Krften gekommen war. Und als dies einigermaen der Fall war, legte uns
die schon eingetretene Regenzeit eine noch lngere Geduldsprobe auf.

In seiner letzten Rede hatte der Erhabene uns zugerufen:

"Gleich wie etwa, wenn im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, nach
Zerstreuung und Vertreibung der wasserschwangeren Wolken, die Sonne am
Himmel aufgeht und alle Nebel der Lfte strahlend verscheucht und flammt
und leuchtet: ebenso nun auch, ihr Jnger, erscheint da diese
Lebensfhrung, die gegenwrtiges Wohl sowie knftiges Wohl bringt, und
verscheucht strahlend die Redereien gewhnlicher Ber und Geistlicher
und flammt und leuchtet."

Als nun die Natur ringsum uns dies Bild verwirklichte, verlieen wir den
Krishnahain vor Kosambi, und unsere Schritte ostwrts lenkend, eilten
wir jener Sonne einer heiligen Lebensfhrung entgegen.




XLIII. DAS NIRVANA DES VOLLENDETEN


Meine Entkrftung erlaubte es mir nicht, lange Tageswanderungen zu
unternehmen und ntigte uns bisweilen, uns einen Ruhetag zu gnnen, so
da wir erst nach einer einmonatigen Pilgerfahrt in Vesali ankamen, wo,
wie wir wuten, der Erhabene sich lngere Zeit aufgehalten hatte, von wo
er aber vor etwa sechs Wochen weiter gewandert war.

Kurz vorher hatten wir in einem Dorfe, wo Anhnger der Lehre wohnten,
gehrt, da Sariputta und Moggallana in das Nirvana eingegangen waren.
Der Gedanke, da diese beiden groen Jnger, die Huptlinge der Lehre,
wie wir sie nannten, nicht mehr auf Erden weilten, erschtterte mich
tief. Wohl wuten wir alle, da auch diese Groen, ja der Buddha selber,
nur Menschen waren wie wir; aber die Vorstellung, da sie uns verlassen
knnten, war nie in uns aufgetaucht. Sariputta, der mir so oft auf seine
bedchtige Weise schwierige Fragen der Lehre gelst hatte, war
davongegangen. Er war der Jnger, der dem Meister hnlich sah, und er
stand wie der Erhabene in seinem achtzigsten Lebensjahre; wre es
mglich, da auch der Buddha selber sich schon dem Ende seines
Erdenlebens nherte?

Vielleicht, da die Unruhe, die durch diese Furcht entstand, einen
schleichenden Rest meines Fieberzustandes wieder anschrte: jedenfalls
kam ich erschpft und krank in Vesali an. Hier lebte eine reiche
Anhngerin des Ordens, die es sich angelegen sein lie, fr die
durchziehenden Mnche und Nonnen auf jede Weise zu sorgen. Wie sie nun
erfuhr, da eine kranke Nonne angekommen sei, suchte sie mich sofort
auf, brachte Medini und mich nach ihrem Hause und pflegte mich dort
sorgsam.

Ihr gegenber uerte ich gar bald meine Furcht: ob es wohl mglich sei,
da der Erhabene, der ebenso alt sei wie Sariputta, uns nun auch bald
verlassen wrde?

Da brach die fromme Seele in einen Strom von Trnen aus und rief
schluchzend:

"Ach! So weit du es denn noch nicht? Hier in Vesali--vor zwei Monaten
etwa--hat ja der Gesegnete vorausgesagt, da nach drei Monaten sein
Nirvana stattfinden wird. Wir haben ihn alle hier zum letzten Male
gesehen. Und man denke: wenn nur Ananda Verstand genug besessen und zu
rechter Zeit gesprochen htte, dann wre das nimmer geschehen, und der
Buddha htte bis zum Ende dieser Weltperiode fortgelebt!"

Ich fragte, was denn der gute Ananda damit zu tun habe, und auf welche
Weise er eine solche Rge verdient habe.

"Auf folgende Weise," antwortete die Frau. "Eines Tages weilte der
Erhabene mit Ananda vor der Stadt bei dem Capala-Tempel. Da sagte nun
der Gesegnete zu Ananda: wer auch immer die geistigen Krfte in sich
vollkommen entwickelt habe, der knne, wenn er wolle, durch eine ganze
Weltperiode am Leben bleiben. O ber diesen einfltigen Ananda, da er,
trotz dieses deutlichen Winkes, nicht sofort sprach: 'Mge doch der
Erhabene eine Weltperiode hindurch zum Heile Vieler am Leben bleiben!'
Sicher war sein Geist von Mara, dem Bsen, besessen, da er seine Bitte
erst dann vorbrachte, als es zu spt war."

"Wie konnte es aber zu spt sein," fragte ich, "da ja der Erhabene noch
lebt?"

"Das war folgendermaen. Du mut nmlich wissen, vor fnfzig Jahren, als
der Erhabene in Uruvela sich das Buddhawissen errungen hatte, und nach
siebenjhrigem Kampfe den Besitz heiliger Gemtsruhe genieend, unter
dem Nyagrodhabaume des Ziegenhirten weilte: da nahte sich ihm Mara, der
Bse, gar sehr besorgt wegen der Gefahr, die seinem Reiche durch den
Buddha drohte; und in der Hoffnung, die Verbreitung der Lehre zu
verhindern, sprach er: 'Heil dir! Jetzt ist es Zeit fr den Erhabenen,
in das Nirvana einzugehen!' Aber der Buddha antwortete: 'Nicht eher
werde ich, du Bser, in das Nirvana eingehen, als bis ich der Menschheit
die Lehre verkndet habe; nicht eher, als bis ich mir Jnger geworben
habe, die imstande sind, diese Lehre gegen Angriffe zu verteidigen und
sie weiter zu verknden. Erst dann, Bser, werde ich in das Nirvana
eingehen, wenn das Reich der Wahrheit fest begrndet ist.'

Nachdem nun aber der Erhabene hier am apalaheiligtum so, wie ich dir
sagte, zu Ananda gesprochen hatte und dieser, ohne den Wink zu
verstehen, weggegangen war, nahte sich Mara, der Bse, dem Erhabenen und
sprach zu ihm: 'Heil dir! Jetzt ist fr den Erhabenen die Zeit gekommen,
in das Nirvana einzugehen. Was mir der Erhabene damals unter dem
Nyagrodhabaume des Ziegenhirten zu Uruvela als Bedingung fr sein
Nirvana angab, das ist ja jetzt erfllt. Fest gegrndet ist das Reich
der Wahrheit. Mge also der Erhabene jetzt in das Nirvana eingehen!' Da
sprach der Buddha zu Mara, dem Bsen, also: 'Sei du, o Bser, ohne
Sorge! Das Nirvana des Vollendeten wird bald stattfinden; nach Verlauf
von drei Monaten von jetzt ab wird der Vollendete in das Nirvana
eingehen.' Bei diesen Worten aber erzitterte die Erde, wie du es wohl
auch selber bemerkt haben wirst."

In der Tat hatten wir in Kosambi, etwa einen Monat bevor ich den
heiligen Hain verlie, ein leichtes Erdbeben gesprt, was ich ihr nun
auch sagte.

"Siehst du!" rief die Frau erregt--"berall haben sie es gesprt. Die
ganze Erde bebte, und die Trommeln der Gtter drhnten, als der
Vollendete auf lngere Lebensdauer verzichtete. Ach, da doch der
einfltige Ananda zu rechter Zeit den ihm so deutlich gegebenen Wink
verstanden htte! Denn als er nun, durch dies Erdbeben aus seiner
Selbstvertiefung geweckt, zum Erhabenen zurckkam und ihn bat, er mge
doch noch den Rest dieser Weltperiode hindurch am Leben bleiben:--da
hatte ja der Vollendete schon Mara sein Wort gegeben und auf lngere
Lebensdauer verzichtet."

Aus diesen Reden der frommen, aber etwas aberglubischen Frau entnahm
ich, da der Erhabene whrend seines Aufenthaltes in Vesali Zeichen des
herannahenden Todes gesprt und wohl den Jngern gesagt habe, da er
bald sterben wrde.

So litt es mich denn nicht lnger unter dem gastlichen Dache. Ich mute
den Buddha erreichen, bevor er uns verlie. Das war ja unser groer
Trost gewesen, da wir uns immer an ihn, den unerschpflichen Quell der
Wahrheit, wenden konnten. Nur von ihm konnten ja alle Zweifel meiner
gengstigten Seele gelst werden; nur er in der ganzen Welt war ja
imstande, mir den Frieden wiederzugeben, den ich einst gekostet hatte,
als ich am alten Krishnatempel im Sinsapawalde bei Kosambi ihm zu Fen
sa.

So brachen wir denn auf, als, nach Verlauf von zehn Tagen meine Krfte
mir das Wandern einigermaen erlaubten. Meine gute Wirtin, die sich ein
Gewissen daraus machte, mich in meinem geschwchten Zustande weitergehen
zu lassen, trstete ich mit dem Versprechen, ihren Gru dem Erhabenen zu
Fen zu legen.

Wir gingen nun in nordwestlicher Richtung weiter in den Spuren des
Erhabenen, die wir immer frischer fanden, je weiter wir vordrangen, von
Ort zu Ort uns erkundigend. In Ambagama war er acht Tage vorher gewesen;
den Salahain von Bhoganagara hatte er drei Tage vor unserer Ankunft
verlassen, um sich nach Pava zu begeben.

Sehr ermdet trafen wir am frhen Nachmittage in diesem Orte ein.

Das erste Haus, das uns auffiel, gehrte einem Kupferschmied, wie an den
vielen Metallwaren zu erkennen war, die an der Mauer entlang standen.
Aber kein Hammerschlag ertnte; es schien ein Feiertag zu sein, und im
Hofe wurden am Brunnen von den Dienern Schsseln und Platten abgesplt,
als ob dort eine Hochzeit stattgefunden htte.

Da trat ein kleiner, festlich gekleideter Mann auf uns zu und bat
hflich, unsere Almosenschalen fllen zu drfen.

"Wret ihr einige Stunden frher gekommen," fgte er hinzu, "dann htte
ich bei meinem Feste noch zwei liebe und wrdige Gste gehabt, denn euer
Meister, der Erhabene, hat heute mit seinen Mnchen bei mir gespeist."

"So ist denn der Erhabene noch hier in Pava?"

"Jetzt nicht mehr, Ehrwrdigste," antwortete der Kupferschmied. "Gleich
nach der Mahlzeit wurde der Erhabene von einer schweren Krankheit
befallen, mit scharfen Schmerzen, die ihn einer Ohnmacht nahe brachten,
so da wir alle sehr erschraken. Aber der Erhabene berwand diesen
Anfall und begab sich vor etwa einer Stunde weiter nach Kusinara."

Am liebsten wre ich sofort weiter gewandert, denn was der Schmied von
diesem Krankheitsanfall sagte, lie mich das Schlimmste befrchten. Aber
es war eine gebieterische Notwendigkeit, den Krper nicht nur durch
Speise, sondern auch durch kurze Ruhe zu strken.

Der Weg von Pava nach Kusinara war nicht zu verfehlen. Er fhrte bald
von den bebauten Feldern fort, durch Tigergras und Gestrpp, immer
tiefer in die Dschungeln. Wir durchwateten einen kleinen Flu und
erfrischten uns ein wenig durch Baden. Nach kurzer Ruhe brachen wir
wieder auf. Es wollte Abend werden, und ich konnte mich nur mit Mhe
weiterschleppen.

Medini versuchte mich zu berreden, unter einem Baume auf einer kleinen
Anhhe zu bernachten. Es habe keine so groe Eile:

"Dies Kusinara ist wohl nicht viel mehr als ein Dorf und scheint ganz in
den Dschungeln begraben zu sein. Wie kannst du nur glauben, da der
Vollendete hier sterben wird? Gewi wird er einmal im Jetavanapark bei
Savitti, oder in einem seiner beiden Haine bei Rajagaha von dannen
scheiden; aber der Erhabene wird doch nicht in dieser Einde erlschen!
Wer hat denn je von Kusinara gehrt?"

"Vielleicht wird man von jetzt ab von Kusinara hren," sagte ich und
ging weiter.

Meine Krfte waren aber bald so erschpft, da ich mich entschlieen
mute, die nchste baumlose Anhhe zu besteigen, in der Hoffnung, von
dort aus die Nhe Kusinaras erkennen zu knnen. Sonst muten wir die
Nacht dort oben zubringen, wo wir dem Angriffe der Raubtiere und
Schlangen weniger ausgesetzt waren und auch den fiebererzeugenden
Ausdnstungen einigermaen entrckt blieben.

Dort oben angelangt, sphten wir vergebens nach einem Anzeichen
menschlicher Wohnsitze aus. Scheinbar ununterbrochen stiegen die
Dschungeln vor uns allmhlich aufwrts, wie ein Teppich, den man in die
Hhe zieht. Bald aber tauchten groe Bume aus dem niedrigen Gebsch
auf; die dichten Laubmassen eines Hochwaldes wlbten ihre Kuppeln
bereinander, und in einer schwarzen Schlucht schumte ein Wildbach,
derselbe Strom, in dessen ruhig flieendem Wasser wir kurz vorher
gebadet hatten.

Den ganzen Tag ber war es schwl und trbe gewesen. Hier wehte uns nun
ein frischer Hauch entgegen, und immer klarer wurde es vor unseren
Augen, als ob ein Schleier nach dem andern gelftet wrde.

Ungeheure Felsenmauern trmten sich ber dem Walde empor, und als ihr
Dach bauten grne Bergkuppen sich immer hher hinauf--bewaldete Berge
muten es ja sein, obwohl sie wie Mooskissen aussahen--immer hher, bis
sie im Himmel selber zu verschwinden schienen.

Nur eine einzige langgestreckte, rtliche Wolke schwebte dort oben.

Whrend wir sie betrachteten, fing sie an gar seltsam zu glhen.
Gleichwie wenn mein Vater mit der Zange ein Stck geluterten Goldes aus
dem Schmelzofen herausnahm und, nachdem es abgekhlt war, es auf eine
lichtblaue seidene Decke hinlegte: also erglnzte jetzt dies leuchtende
Luftgebilde in scharf begrenzten goldig-blanken Flchen; dazwischen aber
dmmerten duftig hellgrne Streifen und zogen sich fcherfrmig nach
unten, indem sie erblassend in die farblose Luftschicht untertauchten,
als ob sie die grnen Bergkuppen erreichen wollten. Immer rtlicher
glhten die Flchen, immer grner wurden die Schatten.

Das war keine Wolke!

"Der Himavat!" flsterte Medini, berwltigt und ergriffen meinen Arm
berhrend.

Ja, da erhob er sich vor uns, der Berg der Berge, die Sttte des ewigen
Schnees, die Wohnung der Gtter, der Aufenthalt der Heiligen! Der
Himavat--schon von Kindheit an hatte mich dieser Name mit tiefen
Gefhlen von Scheu und Ehrfurcht, mit heimlicher Ahnung des Erhabenen
erfllt! Wie oft hatte ich in Sagen und Mrchen den Satz gehrt: "und er
begab sich nach dem Himavat und lebte dort ein Asketenleben"! Zu
Tausenden und Abertausenden waren sie dort hinaufgestiegen, die
Erlsungsuchenden, um in der Bergeinsamkeit durch Bubungen sich das
Heil zu erringen--jeder mit seinem Wahn: und nun nahte er, der einzige
Wahnlose, dessen Spuren wir folgten.

Whrend ich also dachte, erlosch das leuchtende Bild, als ob der Himmel
es in sich aufgesogen htte.

Ich fhlte mich aber durch diesen Anblick so wunderbar belebt und
gestrkt, da ich an keine Ruhe mehr dachte.

"Wenn auch der Erhabene," sagte ich zu Medini, "uns bis zu jenem Gipfel
voranschritt, um von solchem erhabenen Standorte aus in jenes hchste
der Gefilde einzugehen: so wrde ich ihm doch folgen und ihn erreichen."

Und ich wanderte mutig weiter. Wir waren aber keine halbe Stunde
gegangen, da verschwand das Gestrpp pltzlich, und bebautes Land lag
vor uns. Es war schon ganz dunkel, und der Vollmond ging gro und
glhend ber dem uns gegenberliegenden Walde auf, als wir endlich
Kusinara erreichten.

Es war in der Tat nicht viel mehr als ein Dorf der Mallas, mit Mauern
und Husern von gestampftem Lehm und Weidengeflecht. Mein erster
Eindruck war, da eine verheerende Krankheit das Stdtchen entvlkert
haben msse. Vor den Haustren saen einige alte und kranke Leute und
jammerten laut.

Wir fragten sie, was denn geschehen sei.

"Ach," riefen sie hnderingend: "Gar zu bald wird der Vollendete
sterben. Noch in dieser Stunde wird das Licht der Welt erlschen. Die
Mallas sind nach dem Salahain gegangen, um den Heiligen zu sehen und zu
verehren. Denn kurz vor Sonnenuntergang kam Ananda in unsere Stadt und
begab sich zur Markthalle, wo die Mallas eine ffentliche Sache
berieten, und sagte: 'Heute, noch vor Mitternacht, o Mallas, wird das
Nirvana des Vollendeten stattfinden. Sorget, da ihr euch nicht spter
einen Vorwurf machen mt: in unserer Stadt ist der Buddha gestorben,
und wir benutzten nicht die Gelegenheit, um den Vollendeten in seinen
letzten Stunden zu besuchen.' So zogen denn die Mallas mit Weibern und
Kindern, klagend und jammernd, nach dem Salahain. Wir aber sind zu alt
und schwach, wir muten hier zurckbleiben und knnen den Erhabenen
nicht in seinen letzten Stunden verehren."

Wir lieen uns nun den Weg von der Stadt nach jenem Salahaine zeigen.
Dieser Weg war aber, als wir ihn betraten, schon gnzlich angefllt mit
den Scharen der zurckkehrenden Mallas. Wir eilten also lieber
querfeldein, nach einer Ecke des Wldchens zu.

Hier stand, an einen Baumstamm gelehnt, ein Mnch und weinte. In dem
Augenblick, da ich ergriffen stehen blieb, erhob er sein Antlitz zum
Himmel--das volle Mondlicht fiel auf die schmerzdurchdrungenen Zge, und
ich erkannte Ananda.

"So bin ich doch zu spt gekommen," sagte ich mir, und ich fhlte, wie
meine Krfte mich verlieen.

Ich vernahm aber ein Rascheln im Gebsch und sah einen riesengroen
Mnch hervortreten und seine Hand auf Anandas Schulter legen:

"Bruder Ananda, der Meister ruft dich."

So sollte ich doch noch den Buddha in seinen letzten Augenblicken sehen!
Sofort kehrten meine Krfte wieder und befhigten mich, den beiden zu
folgen.

Jetzt bemerkte und erkannte Angulimala uns. Seinen besorgten Blick
richtig deutend, sagte ich:

"Frchte nicht, Bruder, da wir durch lautes Weinen und weibisches
Klagen die letzten Augenblicke des Vollendeten stren werden. Wir haben
uns von Vesali bis hierher keine Ruhe gegnnt, um den Erhabenen noch zu
sehen. Verwehre uns den Zutritt nicht, wir wollen stark sein."

Da winkte er uns, ihnen zu folgen.

Wir hatten nicht weit zu gehen.

Auf einer kleinen Waldwiese waren wohl an die zweihundert Brder
versammelt und standen da in einem Halbkreise. In der Mitte erhoben sich
zwei Salabume, die eine einzige Masse von weien Blten bildeten, und
unter ihnen, auf einem Lager von gelben Mnteln, die zwischen den beiden
Stmmen ausgebreitet waren, ruhte der Vollendete, den Kopf auf den
rechten Arm gesttzt. Und die Blten regneten leise ber ihn herab.

Hinter ihm sah ich im Geiste die jetzt im Nachtdunkel verborgenen, in
ewigen Schnee gehllten Zinnen des Himavat, von denen ich soeben einen
flchtigen, traumhaften Anblick genossen hatte, dem ich es verdankte,
da ich jetzt hier vor dem Vollendeten stand. Der berirdische Glanz
aber, der von ihnen herbergegrt hatte, strahlte mir jetzt in
geistiger Verklrung von seinem Gesichte wider. Auch er, der Erhabene,
schien ja, ebenso wie jene wolkenartig schwebenden Gipfel, der Erde gar
nicht anzugehren, und doch war er wie sie, von derselben Ebene aus, die
uns alle trgt, bis zu jener unermelichen Geisteshhe emporgestiegen,
von welcher aus er jetzt im Begriff stand, dem Blick der Menschen und
der Gtter zu entschwinden.

Und er sprach zu dem vor ihm stehenden Ananda:

"Ich wei wohl, Ananda, da du einsam weintest in dem Gedanken: 'Ich bin
noch nicht frei von Snden, ich habe noch nicht das Ziel erreicht, und
mein Meister wird jetzt in das Nirvana eingehen--er, der sich meiner
erbarmte.' Aber nicht also, Ananda--klage nicht, jammere nicht! Habe ich
es dir nicht zuvor gesagt, Ananda:--von Allem, was man lieb hat, mu man
scheiden? Wie wre es mglich, Ananda, da das, was entstanden ist,
nicht verginge? Du aber, Ananda, hast lange Zeit den Vollendeten geehrt,
in Liebe und Gte, mit Freuden, ohne Falsch. Du hast Gutes getan. Strebe
ernstlich, und du wirst bald frei sein von Sinnenbegier, von Ichsucht
und von Irrwahn."

Wie um zu zeigen, da er sich nicht mehr von Trauer berwltigen liee,
fragte nun Ananda, indem er mit Gewalt seine Stimme beherrschte, was die
Jnger mit den sterblichen Resten des Vollendeten tun sollten.

"Lat euch das nicht kmmern," antwortete der Buddha. "Es gibt weise und
fromme Anhnger unter den Adligen, unter den Brahmanen, unter den
brgerlichen Hausvtern--sie werden den sterblichen Resten des
Vollendeten die letzte Ehre erweisen. Ihr aber habt Wichtigeres zu tun.
Gedenket des Ewigen, nicht des Sterblichen; eilet vorwrts, schauet
nicht zurck."

Und indem er seinen Blick im Kreise herumgehen lie und jeden einzelnen
ansah, sprach er weiter:

"Es mchte sein, ihr Jnger, da ihr also denkt: 'das Wort hat seinen
Meister verloren, wir haben keinen Meister mehr.' Aber so mt ihr nicht
meinen. Die Lehre, ihr Jnger, die ich euch gelehrt habe, die ist euer
Meister, wenn ich von dannen gegangen bin. Darum haltet euch an keiner
ueren Sttze. Haltet fest an der Lehre, wie an einer Sttze! Seid eure
eigene Leuchte, eure eigene Sttze."

Auch mich bemerkte er dann--voll Mitleid ruhte der Blick des
Allerbarmers auf mir, und ich fhlte, da mein Pilgergang nicht
vergeblich gewesen war.

Nach einer kurzen Weile sprach er dann:

"Es mchte sein, ihr Jnger, da in jemand von euch irgend ein Zweifel
aufstiege hinsichtlich des Meisters oder hinsichtlich der Lehre. Fragt
frei, ihr Jnger, auf da ihr euch nicht spter den Vorwurf zu machen
habt: 'der Meister war bei uns, von Angesicht zu Angesicht, und wir
haben ihn nicht gefragt.'"

Da er also gesprochen, also uns aufgefordert hatte, schwiegen Alle.

Wie htte wohl auch da noch ein Zweifel bestehen knnen angesichts des
dahinscheidenden Meisters? Wie er dalag, von milden Mondstrahlen
berflutet--als ob himmlische Genien ihm das Sterbebad bereiteten; von
den niederregnenden Blten bestreut--als ob die Erde ihren Verlust
beweine; inmitten der tief erschtterten Jngerschar selber
unerschttert, ruhig, heiter: wer fhlte da nicht, da dieser vollkommen
Heilige auf ewig alles Unvollkommene abgetan, alle bel berwunden
hatte? Was sie da "das sichtbare Nirvana" nennen, das sahen wir ja vor
uns in den leuchtenden Zgen des weltverlassenden Buddha.

Und Ananda faltete seine Hnde und sagte, inniglich ergriffen:

"Wie wunderbar ist doch dies, o Herr! Wahrlich, ich glaube, in dieser
ganzen Versammlung ist auch nicht einer, in dem sich ein Zweifel regt."

Und der Erhabene antwortete ihm:

"Aus der Flle deines Glaubens, Ananda, hast du gesprochen. Ich aber
wei, da in keinem sich ein Zweifel regt. Selbst wer am weitesten
zurck war, ist erleuchtet worden und wird schlielich das Ziel
erreichen."

Bei dieser Verheiung war es wohl jedem von uns, als ob eine starke Hand
ihm die Pforte der Ewigkeit auftue.

Noch einmal ffneten sich die Lippen, die der Welt die hchste und
letzte Wahrheit verkndet hatten:

"Wohlan, ihr Jnger, wahrlich, ich sage euch: vergnglich ist jegliche
Gestaltung. Ringet ohne Unterla!"

Das waren die letzten Worte des Erhabenen.




XLIV. VASITTHIS VERMCHTNIS


Und es waren die letzten, die ich auf Erden vernahm.

Meine Lebenskraft war erschpft, das Fieber umnebelte meine Sinne. Wie
flchtige Traumbilder sah ich noch Gestalten um mich her--Medinis
Gesicht war oft dem meinigen nahe. Dann wurde Alles dunkel. Pltzlich
aber war es mir, als ob ein khles Bad meinen Fieberbrand lsche. Nein,
ich fhlte mich, wie ein Wanderer, in der Sonnenglut an einem Teiche
stehend, sich wohl vorstellen mag, da die Lotuspflanze sich fhlen mu,
die, gnzlich in quellenkhles Na getaucht, ihre Labung mit allen
Fasern einsaugt. Gleichzeitig hellte es sich nach oben auf, und ich sah
dort ber mir eine groe schwimmende, rote Lotusrose; und ber ihren
Rand neigte sich dein liebes Gesicht hervor. Da stieg ich von selber
aufwrts und ich erwachte neben dir, im Paradiese des Westens!"

"Und gepriesen seist du," sagte Kamanita, "da du, von deiner Liebe
gelenkt, jenen Weg nahmst. Wo wre ich wohl jetzt, wenn du dich mir dort
nicht zugesellt httest? Zwar wei ich nicht, wohin wir uns aus den
Trmmern dieses schrecklichen Weltunterganges retten knnen--doch du
flest mir Zuversicht ein, denn du scheinst von diesen Schrecknissen so
unerschttert zu sein, wie der Sonnenstrahl vom Sturm."

"Wer das Grte gesehen hat, mein Freund, den bewegt das Geringere
nicht. Geringfgig aber ist ja dies, da Tausende und Abertausende von
Welten vergehen, im Vergleich damit, da ein vollendeter Buddha in das
Nirvana eingeht. Denn alles dies, was wir rings um uns sehen, ist nur
eine Vernderung, und alle diese Wesen werden wieder ins Dasein treten.
Jener hunderttausendfache Brahma, der sich zornglhend gegen das
Unabnderliche strubt und wohl gar _uns_ neidisch ansieht, weil wir
noch ruhig leuchten: der wird auf irgend einer niedrigeren Stufe wieder
erscheinen, whrend vielleicht ein hochstrebender Menschengeist als der
Brahma entsteht; jedes Wesen aber wird sich dort befinden, wo sein
innerster Herzenswille und seine Geisteskraft es hinfhrt. Im ganzen
jedoch wird Alles sein wie es war, weder besser noch schlimmer; weil es
eben gleichsam aus demselben Stoff gemacht ist. Deshalb nenne ich dies
geringfgig. Und deshalb ist es nicht nur keineswegs schrecklich,
sondern sogar erfreulich, diesen Weltuntergang zu erleben. Denn wre
diese Brahmawelt ewig, dann gbe es ja nichts Hheres."

"So weit du denn ein Hheres als diese Brahmawelt?"

"Diese Brahmawelt ist, wie du siehst, vergnglich. Aber es gibt ein
Unvergngliches, ein Ungewordenes. 'Es gibt,' sagt der Herr, 'eine
Sttte, wo nicht Erde noch Wasser ist, nicht Licht noch Luft, weder
Raumunendlichkeit noch Bewutseinsunendlichkeit, weder Vorstellung noch
Nichtvorstellung. Das heie ich, ihr Jnger, weder Kommen noch Gehen,
weder Sterben noch Geburt; das ist des Leidens Ende, die Sttte der
Ruhe, das Land des Friedens, das unsichtbare Nirvana.'"

"Hilf mir, du Heilige, da wir dort, im Lande des Friedens,
auferstehen!"

"'Auferstehen'--hat der Herr gesagt--"das trifft dort nicht zu;
Nichtauferstehen, das trifft dort nicht zu. Womit du bezeichnend irgend
etwas greifbar machen und erfassen kannst--das trifft dort nicht zu.'"

"Was soll mir aber das Ungreifbare?"

"Lieber frage: was greifbar ist, ist das noch wert, die Hand danach
auszustrecken?"

"Ach, Vasitthi, wahrlich, ich glaube, einst mu ich einen Brahmanenmord
oder ein hnliches Verbrechen begangen haben, das mich mit seiner
Vergeltung so grausam in dem Gchen Rajagahas traf. Denn wre ich dort
nicht jh ums Leben gekommen, so htte ich dem Erhabenen zu Fen
gesessen, ja gewi wre ich auch wie du bei seinem Nirvana zugegen
gewesen. Und ich wrde sein wie du bist.--Aber wohlan, Vasitthi--whrend
uns noch Gedanken und Vorstellungen gehren, tue mir dies zu Liebe.
Beschreibe mir den Vollendeten genau, auf da ich ihn im Geiste sehe und
somit das erreiche, was mir auf Erden nicht vergnnt war: gewi wird das
mir den Frieden geben."

"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi. Und sie schilderte ihm die
Erscheinung des Vollendeten, Zug um Zug, auch nicht das Geringste
vergessend.

Aber mimutig sagte Kamanita:

"Ach, was helfen Beschreibungen! Was du da sagst, das knnte alles
ebensogut auf jenen alten Asketen passen, von dem ich dir erzhlt habe,
da ich mit ihm zusammen zu Rajagaha in der Halle eines Hafners die
Nacht zubrachte, und der wohl nicht ganz so tricht war, wie ich
geglaubt habe, denn er hat doch, wie ich jetzt merke, manches Richtige
gesagt. Wohlan, Vasitthi, sage mir nichts mehr, sondern stelle dir im
Geiste den Vollendeten vor, bis du ihn siehst, wie du ihn zuletzt von
Angesicht zu Angesicht gesehen hast; und infolge unserer geistigen
Gemeinschaft werde ich dann vielleicht an dieser Vision teilnehmen."

"Gern, mein Freund."

Und Vasitthi stellte sich den Vollendeten vor, wie er im Begriff war, in
das Nirvana einzugehen.

"Siehst du ihn, mein Lieber?"

"Noch nicht, Vasitthi."

"Ich mu dies Phantasiebild versinnlichen," dachte Vasitthi.

Und sie sah sich im unermelichen Raume um, wo die Brahmawelt im
Erlschen begriffen war.

Gleichwie etwa ein groer Erzgieer, wenn er die Form eines herrlichen
Gtterbildes fertiggestellt hat, und es ihm an Erz gebricht um diese
Form zu fllen, sich nun in seiner Werkstatt umsieht; und was da alles
umhersteht an kleinen Gtterbildern, Figuren, Vasen und Gefen, sein
ganzes Eigentum, das Werk seines Lebens,--das wirft er alles gern und
willig in den Schmelzofen, um dies eine herrliche Gtterbild vollkommen
gieen zu knnen:

also sah Vasitthi sich im unermelichen Rume um:

und was da alles noch von erblassendem Licht und zerflieenden Formen
dieser Brahmawelt brig war, das zog sie durch ihre Geisteskraft an
sich, den ganzen Raum entvlkernd, und bannte diese ganze Masse von
Astralstoff in die Formen ihrer Phantasie und schuf so im Rume ein
kolossales leuchtendes Bild des Vollendeten, wie er im Begriff war, in
das Nirvana einzugehen.

Und wie sie dies Bild sich gegenber erblickte, erhob sich in ihr keine
Neigung, keine Wehmut.

Denn selbst der groe Heilige Upagupta, als er durch die Zauberkunst
Maras, des Bsen, die Gestalt des lngst gestorbenen Buddha zu sehen
bekam, da erhob sich in ihm Neigung, so da er sich vor der
Trugerscheinung anbetend niederwarf und von Wehmut bermannt klagte:
"Wehe ber diese erbarmungslose Unbestndigkeit, da sie auch so
herrliche Gestalten auflst! Denn der so herrliche Krper des groen
Heiligen unterlag der Vergnglichkeit und ist der Vernichtung
anheimgefallen."

Nicht aber so Vasitthi.

Unbewegt, gesammelten Geistes betrachtete sie die Erscheinung, wie ein
Knstler sein Werk, nur darauf bedacht, dieselbe Kamanita mitzuteilen.

"Jetzt fange ich an, eine Gestalt zu sehen," sagte dieser. "O halte sie
fest, la sie noch deutlicher aufleuchten!"

Da blickte Vasitthi sich wieder im Raume um.

In seiner Mitte war noch der rotglhende, zornesblitzende Glanz des
hunderttausendfachen Brahma geblieben.

Und Vasitthi ri durch ihre Geisteskraft diese hchste Gottheit aus
ihrer Sttte und bannte sie in die Form der Buddhaerscheinung hinein. Da
erleuchtete sich diese und belebte sich, wie Einer, der einen strkenden
Trank geniet.

"Jetzt seh' ich sie schon deutlicher," sagte Kamanita.

Da schien es Vasitthi, als ob der Buddha zu ihr sprche:

"So bist du denn gekommen, meine Tochter. Bist du mit deinem Spruch zu
Ende?"

Und wie man seinem Traumbilde antwortet, entgegnete Vasitthi:

"Ich bin damit zu Ende, Herr."

"Recht so, meine Tochter! Und der lange Weg hat dich nicht gemht? Noch
bedarfst du der Hilfe des Vollendeten?"

"Nein, o Herr, ich bedarf nicht mehr der Hilfe des Vollendeten."

"Recht so, meine Tochter! Bei dir selber hast du Zuflucht genommen, in
deinem eigenen Selbst ruhest du, Vasitthi."

"Mein Selbst habe ich kennen gelernt, o Herr. Wie man die Blattscheiden
eines Pisangstammes aufrollt und findet darin kein Kernholz, aus dem
eine feste Sttze zu zimmern wre; also habe ich da mein Selbst kennen
gelernt: ein Haufen wechselnder Gestaltungen, in denen nichts Ewiges
ist, worin man ruhen knnte. Und ich gebe dies mein Selbst auf: 'das bin
ich nicht, das gehrt mir nicht'--also urteile ich darber."

"Recht so, meine Tochter! Nur an der Lehre hltst du dich noch fest."

"Die Lehre, o Herr, hat mich zum Ziel gebracht. Wie einer, der mittelst
eines Flosses einen Strom durchquert hat, wenn er das jenseitige Ufer
betritt, das Flo nicht festhlt, nicht mit sich schleppt: also halte
ich mich nicht mehr an der Lehre fest, lasse die Lehre fahren."

"Recht so, meine Tochter! Solcherweise nirgend anhnglich haftend, wirst
du bei mir am Orte des Friedens auferstehen."

"'Auferstehen,' hast du gesagt, o Herr, 'das trifft nicht zu.
Nichtauferstehen, das trifft nicht zu.' Und auch diese Lehre, da weder
Auferstehen noch Nichtauferstehen zutrifft--auch die trifft nicht mehr
zu. Nichts trifft mehr zu, _und am wenigsten trifft das Nichts zu_. Also
hab' ich es jetzt verstanden."

Da lchelte die Buddhaerscheinung ein leuchtendes Lcheln.

"Jetzt werde ich auch die Zge gewahr," sagte Kamanita. "Wie ein
Spiegelbild in flieendem Wasser erkenne ich sie undeutlich. O, halte
sie fest, sttige sie, Vasitthi!"

Vasitthi sah sich im Raume um.

Der Raum war leer.

Da warf Vasitthi ihre eigene Krperlichkeit in die Astralmasse der
Erscheinung hinein.

Kamanita merkte, wie Vasitthi entschwand. Wie aber ein Sterbender ein
Vermchtnis hinterlt, so hatte Vasitthi ihm jetzt das Buddhabild
vermacht, das mit ihm allein im Rume zurckblieb, und das er jetzt
deutlich erkannte.

"Jener alte Asket, mit dem ich in Rajagaha bernachtete und den ich
tricht schalt, das war ja der Vollendete! O ber mich Toren! Gab es je
einen greren Toren als mich? Was ich als das hchste Heil, als die
Erlsung selber ersehnte, das hab' ich ja schon seit Milliarden von
Jahren besessen!"

Da nherte sich ihm die Erscheinung wie eine heranziehende Wolke und
hllte ihn in einen glnzenden Nebel ein.




XLV. WELTENNACHT UND WELTENGRAUEN


Wie in einer Festhalle, wenn alle Fackeln und Lampen ausgelscht sind,
in einer Ecke vor einem heiligen Bilde ein Lmpchen noch brennen bleibt:
also blieb Kamanita in der Weltennacht allein zurck.

Denn wie seine Leiblichkeit in den Astralstoff jener Buddhaerscheinung
gehllt war, so war seine Seele ganz und gar vom Buddhagedanken umhllt:
und das war das l, welches die Flamme dieses Lmpchens speiste.

Das ganze Gesprch, das er in der Vorhalle des Hafners zu Rajagaha mit
dem Erhabenen gehabt hatte, stieg Satz fr Satz, Wort fr Wort in seiner
Erinnerung auf. Nachdem er es aber ganz durchgegangen war, hub er wieder
von vorne an. Und jeder Satz war ihm da wie eine Pforte, von der aus
sich neue Gedankenwege erffneten, die wiederum zu anderen fhrten. Und
er wanderte sie alle, bedchtigen Schrittes, und nichts war da, was ihm
dunkel blieb.

Und whrend sein Geist da solchermaen den Buddhagedanken in sich
hineinspann und verarbeitete, sog seine Krperlichkeit immer mehr von
dem sie umgebenden Astralnebel in sich, so da dieser endlich
durchsichtig wurde. Und die Finsternis der Weltennacht fing an sich als
ein zartes Blau zu zeigen, das immer dunkler ward.

Da dachte Kamanita:

"Drauen herrscht nun die ungeheure Finsternis der Weltennacht. Einst
aber wird die Zeit kommen, da der Tag graut und eine neue Brahmawelt ins
Dasein tritt. Wenn mein Sinnen und Trachten nun darauf gerichtet wre,
der hunderttausendfache Brahma zu sein, der diese Welt ins Leben rufen
wird, so sehe ich nicht, wer mir da den Rang ablaufen knnte. Denn
whrend alle Wesen jener Brahmawelt in Ohnmacht und Nichtsein versunken
sind, bin ich hier wach und geistesmchtig zur Stelle. Ja, ich knnte,
wenn ich wollte, in diesem Augenblick jene Wesen alle ins Dasein rufen,
jedes an seine Stelle, und den neuen Weltentag beginnen. Eins aber
knnte ich nicht: Vasitthi knnte ich nimmer wieder ins Dasein rufen.
Vasitthi ist davongegangen in jenem Entschwinden, das keine Daseinskeime
zurcklt; kein Gott und kein Brahma kann sie finden. Was aber soll mir
ein Leben ohne Vasitthi, die im Leben das Schnste und Beste war? Und
was soll mir ein Brahmasein, ber welches man hinausgehen kann? Was soll
mir die Zeitlichkeit, wenn es eine Ewigkeit gibt?

"Es gibt eine Ewigkeit und einen Weg in die Ewigkeit. Einst hat mich ein
alter Waldbrahmane gelehrt, da um das Herz hundert feine Adern
gesponnen sind, durch welche die Seele in dem ganzen Krper
umherschweifen kann; eine einzige Ader aber gbe es, die zum Scheitel
fhre, und durch diese verlasse die Seele den Krper. So gibt es auch
hundert, ja tausend und hunderttausend Wege, die in dieser Welt
umherfhren, durch mannigfache Leidenssttten, langwierige und
kurzwierige, schn ausgestattete und hlich ausgestattete: Himmel und
Menschenwelt und Tierreiche und Hllen. Aber einen einzigen Weg gibt es,
der aus dieser Welt gnzlich hinausfhrt. Das ist der Weg in die
Ewigkeit, der Weg ins Unbetretene. Auf diesem Wege befinde ich mich
jetzt. Wohlan, ich will ihn zu Ende gehen."

Und er dachte den Buddhagedanken von dem zur Leidensvernichtung
fhrenden Wege immer weiter.

Und immer dunkler wurde das Blau der durchscheinenden Weltennacht.

Wie dasselbe aber anfing fast schwarz zu werden, leuchtete der neue
Brahma auf, ein hunderttausendfacher Brahma, der hunderttausend Welten
erleuchtet und erhlt.

Und der Brahma lie den frohen Weckruf ergehen:

"Wachet auf, ihr Wesen alle, die ihr diese ganze Weltennacht hindurch im
Schoe des Nichtseins ruhtet! Hierher, die neue Brahmawelt zu bilden,
den neuen Weltentag zu genieen, jeder an seiner Sttte, jeder nach
seiner Kraft!"

Und die Wesen und Welten tauchten aus dem Nichtsein der Finsternis
hervor, Stern an Stern, und wie Jauchzen von hunderttausend Stimmen und
Schall von hunderttausend Pauken und Muschelhrnern erklang es:

"Heil dem hunderttausendfachen Brahma, der uns zum neuen Weltentage
ruft! Heil uns, die wir berufen sind, den Weltentag mit ihm zu genieen,
seinen gttlichen Glanz selig widerzuspiegeln!"

Als Kamanita dies sah und vernahm, wurde er von tiefem Mitleid
ergriffen.

"Diese Wesen und Welten, diese Sternengtter und der hunderttausendfache
Brahma selber jauchzen dem Weltentage entgegen, erfreuen sich des
Lebens. Und warum? Weil sie es nicht kennen."

Durch dies sein Mitleid mit der Welt, mit den Gttern und mit dem
hchsten Gott berwand Kamanita den letzten Rest von Eigenliebe.

Aber er erwog nun:

"Auch whrend dieses Weltentages werden ja vollendete Buddhas
erscheinen, welche die Wahrheit verknden. Wenn nun diese Gottheiten die
Heilswahrheit vernehmen und sich erinnern, da sie im ersten Grauen des
Weltentages ein Wesen gesehen haben, das aus der Welt hinausging, dann
wird ihnen diese Erinnerung zum Vorteil gedeihen. 'Schon einer aus
unserer Mitte, gleichsam ein Teil von uns, ist auf jenem Weg
vorausgegangen,' werden sie sich sagen und das wird ihnen zum Heil
gereichen. Also helfe ich Allen, indem ich mir selber helfe. Denn
niemand kann in Wahrheit sich selber helfen, ohne Allen zu helfen."

Da bemerkten nun bald einige, dann immer mehrere der Sternengtter, da
Einer da war, der nicht wie die anderen klarer und klarer leuchtete,
sondern vielmehr an Glanz abnahm.

Und sie riefen ihm zu:

"Heda, Bruder! Blicke doch auf den groen, den hunderttausendfachen
Brahma, auf da dein Glanz sich erfrische, auf da du aufleuchten mgest
wie wir! Auch du, Bruder, bist ja berufen, den Glanz des hchsten Gottes
selig widerzuspiegeln."

Als die Gtter ihn so anriefen, blickte Kamanita weder hin, noch hrte
er hin.

Und die Gtter, die ihn noch trber werden sahen, wurden um ihn gar sehr
besorgt. Und sie wandten sich an Brahma:

"Groer Brahma! Erleuchter und Erhalter! O siehe doch dies arme Wesen,
das zu schwach ist, um mitzufolgen, dessen Glanz abnimmt, anstatt
zuzunehmen! O, richte doch deine Aufmerksamkeit auf ihn, erleuchte ihn,
erfrische ihn! Auch ihn hast du ja gerufen, damit er deinen gttlichen
Glanz selig widerspiegele."

Und der groe Brahma, voll Frsorge fr die Wesen, richtete seine
Aufmerksamkeit auf Kamanita, um ihn zu erfrischen und zu strken.

Aber der Glanz Kamanitas nahm trotzdem zusehends ab.

Da verdro es nun den groen Brahma mehr, da dies eine Wesen sich von
ihm nicht erhellen lie und seinen Glanz nicht widerspiegelte, als es
ihn erfreute, da hunderttausend Welten sich in seinem Lichte sonnten
und ihn jauchzend priesen.

Und er zog einen groen Teil seiner gttlichen Leuchtkraft von den
Welten zurck--Leuchtkraft genug, um tausend Welten zu entznden--und
richtete sie auf Kamanita.

Aber der Glanz Kamanitas nahm immer noch ab, als ob er dem vlligen
Erlschen entgegenginge.

Nun geriet Brahma in groe Angst, in groe Besorgnis:

"Dieser eine entzieht sich meiner Macht--so bin ich denn nicht
allmchtig? Nicht kenn' ich den Weg, den er geht--so bin ich denn nicht
allwissend? Denn nicht erlischt jener, wie die Wesen im Tode erlschen,
um je nach den Werken wiedergeboren zu werden; nicht, wie die Welten in
der Brahmanacht erlschen, um sich wieder zu entznden. Welches Licht
leuchtet denn ihm, da er das meine verschmht? So gibt es also ein
Licht, leuchtender als das meine? So gibt es also einen Weg, dem meinen
entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene? Werde ich wohl selber jemals
diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"

Und auch die Sternengtter alle gerieten in groe Angst, in groe
Besorgnis:

"Dieser eine entzieht sich der Macht des groen Brahma--so ist denn der
groe Brahma nicht allmchtig? Welches Licht leuchtet wohl ihm, da er
dasjenige des groen Brahma verschmht? So gibt es denn ein Licht,
herrlicher als das gttliche, das wir selig widerspiegeln? So gibt es
also einen Weg, dem unseren entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene?
Werden wir wohl jemals diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"

Da erwog nun der hunderttausendfache Brahma:

"Wohlan, ich werde meine Leuchtkraft, die jetzt in dem Raume verbreitet
ist, wieder zurckziehen und werde alle diese Welten wiederum in das
Dunkel der Brahmanacht versenken. Und in einen einzigen Strahl gesammelt
werde ich mein Licht auf jenes Wesen richten, um es fr diese meine
Brahmawelt noch zu retten."

Und der hunderttausendfache Brahma zog nun seine in dem Raume
verbreitete Leuchtkraft an sich zurck, so da alle die Welten wieder in
das Dunkel der Brahmanacht versanken. Und indem er sein Licht in einen
einzigen Strahl sammelte, richtete er diesen auf Kamanita.

"Nun mu an dieser Stelle der strahlendste Stern meiner ganzen
Brahmawelt leuchten!" dachte er.

Da zog der hunderttausendfache Brahma diesen einzigen Strahl, mit
Leuchtkraft genug um hunderttausend Welten zu entznden, an sich zurck
und verbreitete dann wieder sein Licht durch den ganzen Raum.

An der Stelle aber, wo er hoffte, den strahlendsten Stern leuchten zu
sehen, war nur noch ein verglimmendes Fnkchen zu entdecken.

Und whrend im unermelichen Raume Welten an Welten aufleuchtend und
aufjauchzend zum neuen Brahmatage sich hervordrngten, erlosch der
Pilger Kamanita gnzlich, wie eine Lampe erlischt, wenn sie den letzten
in ihren Docht aufgesogenen ltropfen verzehrt hat.

Ende




NOTE


Mit Ausnahme der Begegnung des Buddha und des Pilgers in der Vorhalle
des Hafners (_Majjhimanikayo_ Nr. 140, wo aber der Pilger den Buddha
versteht und erkennt) und der Bekehrung Angulimalas[1] sind die in
diesem Buche erzhlten Begebenheiten von mir frei erfunden--was ich
deshalb bemerke, weil einige Leser des Manuskriptes glaubten, ich htte
irgend eine indische Sage bearbeitet. Nur die Schilderung des
Ballspieles habe ich aus _Dandins_ Novellenkranze _Daakumaracaritam_
genommen; auch in der glnzenden Einleitung der deutschen bersetzung
dieses Werkes--von _J.J. Meyer_--fand ich manchen guten Wink. Da ich
zum Ausmalen des Milieus kulturhistorische Werke lteren und neueren
Datums--vor allen die _Jatakas_--benutzt habe, versteht sich wohl von
selber; von modernen Werken sei hier _Richard Schmidts_ "_Beitrge zur
indischen Erotik_" als ausgiebige Fundgrube erwhnt (Lotus-Verlag,
Leipzig 1902; in demselben Verlage ist Daakumaracaritam erschienen).

 [1] XXXIV. Kap. Die Einzelheiten der Legende nach Majjh. No. 86. Doch
 ist das vereitelte Pfeilschieen von mir hinzugefgt. Das Hllenbild
 findet sich auch nicht dort, sondern in No. 50; die daran sich
 schlieende Stelle vom Hllenrichter ist aus No. 130 genommen; die dann
 folgende Skala von den Vielen und den Wenigen gehrt einem andern Teile
 des Kanons an (Anguttara-Nikayo--nach K.E. Neumanns "Buddhistischer
 Anthologie", p. 104 ff.).

Die echten Buddhaworte sind durch ihren Stil leicht als solche zu
erkennen--wiewohl einige nachgemachte (p. 140 bis 144) mit ihnen
verwechselt werden knnen. Sie sind meistens dem groartigen
bersetzungswerke Dr. _Karl E. Neumanns_ "_Die Reden Buddhos_"
(Majjhimanikayo) entnommen. Aber auch dem epochemachenden und noch immer
unbertroffenen Werke Prof. _Oldenbergs_ ("Buddha") verdanke ich einige
wichtige Stellen.

Es braucht kaum bemerkt zu werden, da die wenigen Upanishadstellen (p.
36ff., 129, 141) nach Prof. _Deussens_ "Sechzig Upanishads des Veda"
zitiert sind. Dem zweiten groen bersetzungswerke dieses trefflichen
und unermdlichen Forschers "_Die Sutras des Vedanta_" verdankt mein
_zehntes Kapitel_ seine Entstehung. Wenn dies kuriose Stck inhaltlich
eine Darstellung des Indischen bermenschentums ist--als des uersten
Gegensatzes zum Buddhismus--so ist es in seiner Form eine peinlich
genaue Nachbildung des vedantischen Sutrastils, mit der nigmatischen
Krze des Textes, dessen eigentliches Prinzip--wie Deussen richtig
erkannt hat--darin besteht, nur Stichworte fr das Gedchtnis,
keineswegs aber die fr den Sinn wichtigen Worte zu geben; so konnte man
ohne Gefahr den Text schriftlich fixieren, da er doch von keinem
verstanden wurde, dem der Lehrer nicht auch mndlich den Kommentar
mitteilte, der dann gewhnlich um so pedantisch umstndlicher ausfiel.
Allerdings sind diese _Kali-Sutras_--wie der ganze Vajaavas--eine
scherzhafte Fiktion von mir,--aber eine, glaube ich, von der jeder
Kenner des alten Indien zugeben wird, da sie sich innerhalb der Grenzen
des Mglichen--ja sogar des Wahrscheinlichen--hlt. Indien ist eben das
Land, wo auch der Ruber philosophieren mu und es gelegentlich bis zum
"wunderlichen Heiligen" treibt, und wo auch der Hllenwchter "hflich
bis zur letzten Galgensprosse" bleibt.

Sollte nun einen solchen Kenner die Lust anwandeln, mich wegen einiger
Ungenauigkeiten zu schulmeistern, so bitte ich ihn, zu bedenken, da
der, der den "Pilger Kamanita" schrieb, wohl am besten wei, welche
Freiheiten er sich genommen hat und warum. So htte ich ja leicht
anstatt des spteren Sukhavati den Himmel der dreiunddreiig Gtter
nehmen knnen und wre dann korrekt geblieben. Aber was in aller Welt
htte ich mit dreiunddreiig Gttern anstellen sollen, da ich nicht
einmal in Sukhavati fr den einen Amithaba Verwendung hatte? So lie
mich denn auch als Dichter die Frage recht kalt, ob das Mahabharatam
schon zur Zeit des Buddha existierte, und in welcher Form. Auch gestehe
ich gern, da ich gar nicht wei, ob man von Kusinara aus die
Schneegipfel des Himalaya erblicken kann, ja da ich dies sogar sehr
bezweifle; wiewohl nicht der Entfernung wegen, da Schlagintweit aus noch
grerer den Gaurisankar von der Ebene aus gesehen hat. Dem sei nun wie
es wolle: ich bin der Ansicht, da die Forderungen der Poesie denen der
Geographie vorangehen.

Dagegen wrde ich mir nie erlaubt haben, am ursprnglichen Buddhismus
"poetischer" Zwecke halber auch nur den geringsten Zug zu ndern; denn
da ich, wie gesagt, die spter so hchst populre Vorstellung von
Sukhavati hineingezogen habe, wird man mir nicht als eine solche
Entstellung anrechnen knnen, da doch der Sache nach identische
Vorstellungen im ltesten Buddhismus lebendig sind. Vielmehr ist es mir
ein Herzensbedrfnis gewesen, ein echtes Bild buddhistischer Lebens- und
Weltanschauung aufzurollen. Wenn Dr. _K.E. Neumann_, ohne dessen
Arbeiten diese Dichtung nicht htte entstehen knnen, in seinem Nachwort
zum "Wahrheitspfad" vor dreizehn Jahren schrieb: "Die letzten
Jahrzehnte, die letzten Jahre haben uns erst Aufschlu darber gegeben,
wer der Buddha war und was er gelehrt hat....Die Poesie des Buddhismus,
sein Innerstes, ist uns aber noch ein Buch mit fnf Siegeln. Eins nach
dem andern mu gelst werden, wollen wir sein Herz verstehen
lernen....Nachdem die Gelehrten das Ihrige getan haben, komme nun der
Dichter und tue das Seinige: die Pali-Urkunden warten auf ihn. Dann erst
wird die Buddhalehre auch bei uns zum Leben erwachen, wird deutsch unter
Deutschen blhn"--so hoffe ich, da mein gelehrter und verehrter
Freund--und vielleicht mancher mit ihm--in diesem Werk den Anfang der
Erfllung jenes Wunsches begren wird.

Dresden, September 1906                             Karl Gjellerup



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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.net/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.net/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.net/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit:
http://www.gutenberg.net/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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