Project Gutenberg's Quer Durch Borneo, Zweiter Teil, by A.W. Nieuwenhuis

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Title: Quer Durch Borneo, Zweiter Teil
       Ergebnisse seiner Reisen in den Jahren 1894, 1896-97 und
       1898-1900; Zweiter Teil

Author: A.W. Nieuwenhuis

Editor: M. Nieuwenhuis-von xkll-Gldenbandt

Release Date: December 23, 2005 [EBook #17383]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH BORNEO, ZWEITER TEIL ***




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                       Quer durch Borneo

                    Ergebnisse Seiner Reisen
           in den Jahren 1894, 1800-97 und 1898-1900


                              Von

                      Dr. A.W. Nieuwenhuis

                        Unter Mitarbeit

                              Von

           Dr. M. Nieuwenhuis-von xkll-Gldenbandt


                          Zweiter Teil

   Mit 73 Tafeln in Lichtdruck und 18 Tafeln in Farbendruck.


                   Buchhandlung und Druckerei
                            Vormals
                           E.J. Brill
                          Leiden--1907







VORWORT.


Beim Erscheinen dieses zweiten und letzten Teils meines Reisewerks
erlaube ich mir darauf aufmerksam zu machen, dass er nach demselben
Plan wie der erste angeordnet ist; umfangreichere Ausfhrungen ber
Staatseinrichtung, Huserbau, Industrie, Kunst u.z.w. erforderten
eine Behandlung in gesonderten Kapiteln; ausserdem wurden aber auch
diesmal in den Reisebericht, welcher den Zug von Samarinda zu den
Kenjastmmen in Mittel-Borneo schildert, eine Menge Beobachtungen
auf verschiedensten Gebieten eingeflochten.

Vor allem machte es dieser Umstand erforderlich, dass dem Werk als
Wegweiser zu den vielen Einzelheiten ein ausfhrliches Inhaltsregister
beigefgt wurde. Diesem Hauptregister folgt ein zweites, welches
die im Text vorkommenden inlndischen Wrter enthlt und somit in
bescheidenem Umfang eine Liste in Mittel-Borneo gangbarer Wrter und
ihrer Bedeutung darstellt. Diese Wrter gehren zwar verschiedenen
Dialekten an, doch habe ich ihren Wert durch sorgfltige Angabe der
richtigen Aussprache zu erhhen getrachtet.

Jetzt, wo die wichtigsten Resultate meiner Forschungsreisen in diesem
Werke vor mir liegen, fhle ich mich verpflichtet, allen, die mich
auch bei der Herausgabe dieses zweiten Bandes untersttzt haben,
meinen lebhaften Dank zu bezeugen.

An erster Stelle meiner Frau, welche mich dazu ermutigte, schon
so bald nach dem erst 1900 in hollndischer Sprache erschienenen
Werk "In Centraal-Borneo" ein zweites, noch umfangreicheres her
auszugeben. Ihrer selbstlosen Mitarbeit habe ich es auch zu danken,
dass die Ergebnisse meiner Forschungsarbeit in der vorliegenden Form
und in deutscher Sprache verffentlicht werden konnten. So sind die
Resultate meiner langjhrigen Reisen durch die Insel, die bisher
noch kein Europer durchquert hatte, auch dem Auslande zugnglich
geworden und werden hoffentlich dazu beitragen, bei anderen Vlkern
richtigere Vorstellungen ber die niederlndische Verwaltung im
indischen Archipel zu erwecken, als dies durch die oberflchlichen
Betrachtungen geschieht, welche fters in der auslndischen Presse
die Runde machen.

In herzlichster Dankbarkeit gedenke ich auch diesmal der Hilfe, welche
mir Professor Dr. _F. Schwend_ in Stuttgart bei der sprachlichen
Korrektur in so hohem Masse hat zu Teil werden lassen.


Leiden,

Dezember 1906.

A.W. Nieuwenhuis.





INHALT.


Kapitel I.  1-32

Einzug in Samarinda am 9. Juni--Abreise von _Barth_ und einem Teil des
Personals nach Java--Vorbereitungen zur Reise nach Apu Kajan--Besuch
beim Sultan--Begegnung mit der Siboga-Expedition--Abfahrt von
Samarinda mit dem "Lawu" am 17. Juni 4 tgige Dampferfahrt
bis Udju Tepu und Ana--Mondfinsternis in Ana--Von Ana bis Long
Howong--Rckkehr des "Lawu" zur Kste--Von Long Howong mit Bten nach
Uma Mehak--ber die stlichen Wasserflle nach Long Deho--Aufenthalt
in Long Deho--Besteigung des Batu Ajo--Von Long Deho nach Long
Tepai--Beunruhigende Gerchte aus Long Blu-u--Ankunft daselbst im
September--Misstrauen seitens der Kajanbevlkerung.

Kapitel II. 33-51

Der mittlere Mahakam und seine Bewohner--Auswanderungen aus dem
Stammland--Degeneration der Stmme im Tieflande Verhltnis der
Niederlassungen zu einander--Einfluss des Sultans von Kutei auf die
Dajakhuptlinge--Die Niederlassung Long Deho und ihr Oberhuptling
_Bang Jok_--Die Punan als Kopfjger--Verhltnis zwischen den
Kenja und Bahau--Der degenerierende Einfluss der Malaien auf die
Dajak--Erhaltung der ursprnglichen Sitten und des Kultus der Dajak am
mittleren Mahakam--Tundjung- und Kenjastmme--Verhltnis der Bewohner
des oberen zu denen des mittleren Mahakam.

Kapitel III.    52-74

Plan eines Zuges ins Quellgebiet des Mahakam--Schwierigkeiten
bei den Vorbereitungen--Fahrt auf dem Mahakam bis zum Quellfluss
Selirong--Durch den Seliku auf den Lasan Tujang--Aussicht von
dessen Gipfel--Topographische Aufnahmen Geologische Verhltnisse
des Quellgebiets--ber den Lasan Towong zurck zum Lagerplatz am
Selirong--Charakter der beiden Quellflsse--Besteigung des Batu Balo
Baung--Umschlagen des Bootes in den Stromschnellen--Vereinigung der
topographischen Messungen des Mahakam- und Kapuasgebietes--Heimkehr
nach Long Blu-u nach einmonatlicher Abwesenheit.

Kapitel IV. 75-94

Aussichten fr die Reise nach Apu Kajan--Beziehungen der Bahau zu
ihrem Stammlang--Die Kenja als Kopfjger--Alte Fehden zwischen den
Kenjastmmen--Bedrohungen seitens des Sultans von Kutei--Vergebliches
Warten auf die Einsetzung eines Kontrolleurs--Beratung in Long
Tepai--Reisehindernisse seitens der Bahau--Beunruhigende Gerchte
von der Kste und Apu Kajan--Abschied von Long Blu-u--ber Long Tepai
nach Long Deho.

Kapitel V.  95-129

Organisation eines Stammes am oberen Mahakam--Stellung der
Huptlingen Freien und Sklaven--Vielweiberei--Verlobung
Heirat, Ehescheidung, Ehebruchs Erbschaftsrechte--Geburt und
Verbotsbestimmungen fr Kinder--Schreckfiguren und Beschwrungen
zur Vertreibung von Krankheiten--Prophezeiungen ans den Eingeweiden
von Tieren--Betrgerisches Vorgehen der Priester--Geisterbeschwrung
bei Drre--Schpfungsgeschichte der Mahakam-Kajan--Die mchtigsten
Geister des Mahakam (_seniang_)--Begrbnisgebruche--konomische
Verhltnisse am Mahakam--Ackerbau und Ackerbaufeste--Verschiedene
Feldprodukte--Sagogewinnung--Fleischnahrung--Fischfang und
Fischzucht--Haustiere--Schlachtmethoden Fleischkonservierung.

Kapitel VI. 130-146

Religise Bedeutung einiger Spiele der Mahakam-Dajak--Spiele
der Mnner: Waffentanz (_kenja_), Ringkampf, Wettlaufs
Hochund Weitsprung, Ball- und Kreiselspiel, Scheinkmpfe
(Wasserspritzen, Blasrohrschiessen)--Spiel der Frauen: Tanz zwischen
Preisstampfern--Volksspiele--Kinderspiele: Spielzeug, Steinewerfen (aus
freier Hand; mit Schleudern), Figurenbilden mittelst einer Schnur,
Huserbau--Singtnze (_ngarang_)--Rezitationen--Musikinstrumente:
Gonge, _kledi_, Flten, Guitarre (_sape_), Maultrommel (_tong_)--Singen
und Pfeifen.

Kapitel VII.    147-185

Huserbau bei den Bahau- und Kenjastmmen--Unterscheidung
dreier Baustile--Vorschriften bei der Wahl des Baumaterials
und Baugrundes--Bau von _Kwing Irangs_ Haus--Hilfeleistung
seitens der Dorfgenossen und fremden Stmme--Zeremonien bei der
Aufrichtung der Pfhle--Konstruktion des Gerstes des Fussbodens
und Dachs--Innere Einteilung--Ausstattung der Galerie (_awa_) und
des Wohngemachs (_amin_)--usserer Hausschmuck--Herstellung von
Schindeln--Opferzeremonien bei der Dachdeckung Verbotsbestimmungen
fr ein unvollendetes Haus--Feierlicher Einzug ins neue
Haus--Entzndung des ersten Herdfeuers Kopfjagdzeremonien--Opferung
und Schlussfeier--Hausbau bei den Freien--Bau von Scheunen.

Kapitel VIII.   186-233

Charakter der Industrie bei den Bahau und Kenja--Herstellung von
Kleidung: Spinnerei; Webereid Verzierung durch Figuren Stickereien,
Knpfarbeiten- Baumbastkleidung--Schmieden: Werkzeuge; Eisengewinnung
Herstellung von Arbeitsgertschaften, Lanzen, Schwertern;
Verzierung der Schwerter--Schnitzerei: Griffe und Scheiden; Holz-
und Bambusschnitzerei--Flechterei: Zubereitung von Rotang, _kebalan,
tika, samit;_--Flechten von Krben, Mattem Hten; Flechtarbeit
fr Waffen--Tpferei--Bootsbau: Wahl und Behandlung des Materials;
Roharbeit Endbehandlung--Kalkbrennerei--Herstellung von Schmuck aus
Steinen und Perlen: Wert der Perlen ihre Herkunft, Verwendung; Rolle
der Perlen in der Kulturgeschichte.

Kapitel IX. 234-284

Allgemeines ber die Kunstusserungen der Bahau- und
Kenjastmme--Zahl und Art der in der Ornamentik angewandten
Motive--Verwendung von Menschenfiguren--Erkennungszeichen fr
bestimmte Motive--Tierfiguren (Hunds Tiger, Rhinozerosvogel)
Verwendung einzelner Tierteile (Feder des Argusfasans,
Pantherfell)--Genitalmotive--Stilisierungen--Verwendung der Motive im
Kunsthandwerk: bei Hirschhorngriffen, Schwertscheiden, Bambuskchern,
Kleiderverzierungen, Perlenarbeiten--Einfluss fremder Vlker und
Stmme auf die Entwicklung der Kunst bei den Bahau und Kenja.

Kapitel X.  285-306

In Long Deho--Auseinandersetzungen mit _Bang Jok_--Begegnung mit den
Kenja-Dajak unter _Taman Ulow_--Missstnde im Dorfe--Zusammenkunft
mit dem Kenja-Huptling _Taman Dau_--Ankunft _Demmenis_ und _Kwing
Irangs_ am 3. April--Neue Beratungen ber die Reise--Einverstndnis
der Huptlinge mit dem Zuge nach Apu Kajan--_Bo Adjang Ledjs_
Tod und Beisetzung--Wahl und Vorbereitung eines Lagerplatzes am
Boh--Widersetzlichkeiten seitens des Personals--Neue Hindernisse
durch die Kajan--_Midans_ Rckkehr von der Kste--Aufbruch zum Boh
am 17. Mai.

Kapitel XI. 307-331

Dreimonatlicher Aufenthalt im Lagerplatz am Boh--_Bier_ verlsst die
Expedition--Anlage einer Fischsammlung--Gnstige Nachrichten aus Long
Blu-u--Offizieller Bericht von der Einsetzung eines Kontrolleurs am
Mahakam--7 Kenja unter _Taman Ulow_ schliessen sich der Expedition
an--Jagdverhltnisse am Mahakam--Kastrierung der Hunde, Jagdmethoden,
Fallenstellen, Beschwrung der Hunde, Vogeljagd--_Kwing Irangs_
Ankunft am Boh--Reiseberatung--Schwierigkeiten durch den Tod von
_Kwing Irangs_ Schwester--Vorbereitungen zur Abreise--Aufbruch der
Kenjagesandtschaft unter _Taman Ulow_.

Kapitel XII.    332-360

Aufbruch von der Bohmndung am 6. August--Reise auf dem Boh
und seinen Nebenflssen Oga, Temha und Meseai--Landweg ber die
Wasserscheide--Begegnung mit unserer Gesandtschaft--Freundlicher
Empfang seitens der Kenja in Apu Kajan--Einzug in Tanah Putih am
5. September.

Kapitel XIII.   360-401

Empfang in Tanah Putih--Verhltnisse im Dorf--Erste
politische Versammlung--Freundschaftlicher Verkehr mit den
Dorfbewohnern--berblick ber die geographischen und geschichtlichen
Verhltnisse in Apu Kajan--Besuch aus benachbarten Drfern--Stellung
der verschiedenen Stnde bei den Kenja--Tod und Begrbnis eines
Huptlings--Ankunft der verirrten Long-Glat-Gesellschaft--2. und
3. politische Versammlung--Anerkennung der niederlndischen Herrschaft
in Apu Kajan.

Kapitel XIV.    402-428

Aufforderung und Vorbereitung zu einem Besuch bei den flussabwrts
gelegenen Niederlassungen--Ankunft in Long Nawang--Zustnde im
Dorf--Freundschaftlicher Verkehr mit den Bewohnern--Besuch von
fremden Huptlingen--Politische Versammlung--Besuch bei den
Uma-Djalan--Rckkehr nach Tanah Putih--Vorbereitungen zur Heimreise.

Kapitel XV. 429-452

Abschied von Tanah Putih am 4. November--Im Lagerplatz
am Kajan--Wiederholter Aufenthalt durch schlechte
Vorzeichen--Zusammentreffen mit den Kajan in Long Laja--Geologische
Verhltnisse im Laja--Aussichtsposten auf der Wasserscheide--Abstieg
zum Meseai--Aufenthalt wegen Hochwasser--Umschlagen eines Bootes
im Kiham Puging--Jagd auf Wildschweine--Ankunft am Mahakam--Besuch
bei _Barth_ in Long Iram--Abschied von _Kwing Irang_--Auflsung der
Expedition in Samarinda--Ankunft in Batavia am letzten Dezember 1900.

Kapitel XVI.    453-487

Allgemeines ber die krperliche und geistige Entwicklung der
Dajak auf Borneo--Grnde fr ihre geringe Bevlkerungsdichte:
klimatische und hygienische Einflsse, Krankheiten--Abhngigkeit des
Gesundheitszustands von der Hhe des Landes--Einfluss mangelhafter
Entwicklung und Kenntnis auf die konomischen Verhltnisse
und auf die religisen Vorstellungen--Geistige Fhigkeiten der
Dajak--Charaktereigenschaften--Krperliche und geistige berlegenheit
der Kenja-Dajak ber die Bahau-Dajak.

Kapitel XVII.   488-507

Verhltnis zwischen der dajakischen, malaiischen und europischen Rasse
auf Borneo--Malaiische Regierungsprinzipien--Einfluss der Malaien auf
konomischem und religisem Gebiet--Unterdrckung und Ausbeutung der
dajakischen Stmme durch die malaiischen Frstenfamilien--Degeneration
der ursprnglichen Bevlkerung--Furcht der Dajak vor den serawakischen
Stmmen--Segensreicher Einfluss einer europischen Verwaltung--Grndung
des Frstentums Serawak unter _James Brooke_ und die gnstigen
Resultate von dessen Wirksamkeit.

Kapitel XVIII.  508-519

Ergebnisse meiner Reisen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft, Medizin
und Topographie--Praktische Bedeutung ethnologischer Studien fr eine
friedsame Kolonisation--Politische Ereignisse in Mittel-Borneo nach
meiner Rckkehr--Schlussbemerkung.




LISTE DER TAFELN.



Tafel.                         Gegenber Seite

 1. Der Mahakam unterhalb Long Deho      Titelbild.
 2. Der Kiham Lobang Kubang      18
 3. Der Kiham Lobang Kubang      28
 4. Junge Mnner der Mahakam-Kajan      42
 5. Mnner der Mahakam-Kajan      56
 6. Mnner der Mahakam-Kajan      66
 7. Junge Mnner der Mahakam-Kajan      80
 8. Drei wohlhabende Frauen der Kajan am Mahakam in Festkleidung    96
 9. Frauen der Mahakam-Kajan in Alltagskleidung      106
10. berreste eines Hindugrabes      116
11. Quer durch den Bach gelegter Deich      126
12. Kriegstanz      132
13. Ringende Mnner der Bahau. Tanz der Frauen      134
14. bungen mit dem Springstock      136
15. Kinderspielzeug und Kreisel      138
16. Kajanknaben auf dem Gerst ihres selbstgebauten Huschens   140
17. Junges Kajanmdchen, die Stammessages rezitierend      140
18. Junger Kajan, Kledi spielend      142
19. Musikinstrumente der Bahau      144
20. Musizierende Kajanfrauen      146
21. Gemtliches Beisammensein      146
22. Altes Haus des Long-Glathuptlings in Batu Sala      148
23. Huser der Ma-Tuwan. Herstellung von Schindeln      150
24. Das vollendete Haus von _Kwing Irang_      152
25. Opferszene      158
26. Aufrichtung des Hauptpfahls von _Kwing Irangs_ Haus      160
27. Bildhauer      162
28. Geopfertes Ferkel. Verzierte Tr      162
29. Querschnitt durch _Kwing Irangs_ Haus      164
30. Lngsschnitt durch _Kwing Irangs_ Haus      164
31. Gerst von _Kwing Irangs_ Haus      166
32. Gerst von _Kwing Irangs_ Haus      166
33. Bildhauerarbeit      168
34. Die Galerie von _Kwing Irangs_ Haus      168
35. Grundriss von _Kwing Irangs_ _amin_      170
36. Kochen von Schweinefleisch      174
37. Seitenansicht eines _panjin_-Hauses      182
38. Querschnitt durch dasselbe _panjin_-Haus
    Grundriss des _panjin_-Hauses      182
39. Inneres einer Kajanwohnung A      184
40. Inneres einer Kajanwohnung B      184
41. Arbeitende Kajanfrauen      188
42. Webende Kajanfrau      188
43. Rcke der Kajanfrauen      190
44. Unfertiger Frauenrock      190
45. Arbeitende Kajanfrauen      190
46. Gestickte Rockrnder      192
47. Handarbeiten der Bahau      194
48. Klopfen von Baumbast      196
49. Jacke aus Baumbast      196
50. Kriegsmantel aus Baumbast      196
51. Eiserne Gertschaften und Tpfe      198
52. Unvollendete Schwerter der Bahau      204
53. Schnitzender Kajan.
    Zubereitung von Rotangstreifen      208
54. Krbe der Bahau      212
55. Kajanfrauen bei der Arbeit      214
56. Herd in der Wohnung eines Freien      216
57. Abarbeitung eines Bootes      220
58. Brennen von Muschelkalk      222
59. Kunstperlen      232
60. Verzierte Gegenstnde der Bahau und Kenja      240
61. Verziertes Hausgerte der Bahau      242
62. Verzierungen und Werkzeuge      254
63. Schwertgriffe aus Hirschhorn      260
64. Hirschhorngriffe      262
65. Schnitzereien auf Pfeilkchern      266
66. Schnitzereien auf Bambuskchern      268
67. Schnitzereien auf Bambuskchern      268
68. Schnitzereien auf Bambuskchern      270
69. Perlenarbeiten, Holzpatronen und Kindertragbrett      272
70. Perlenverzierungen fr Kindertragbretter      274
71. Perlenverzierungen fr Kindertragbretter      274
72. _Tap hawat_, Perlenverzierung der Kajan      274
73. Zwei _lawong apang_, Frauenmtzen der Mahakam-Kajan   276
74. Perlenverzierungen fr Mtzen      276
75. Perlenverzierungen fr Mtzen      278
76. _Kehad Njangoen_, 17-jhriges Kajanmdchen      278
77. _Eroh Edoh_, kinderlose, 18-jhrige Frau      298
78. _Dewong Kehad_, Frau der Mahakam-Kajan      304
79. Kinderlose Frauen der Mahakam-Kajan      310
80. _Buring Pengai_, neunzehnjhrige Kajanfrau      316
81. Erlegter wilder Stier      320
82. Brcke ber eine Schlucht      354
83. Kubu auf dem Wege nach Tanah Putih      360
84. Prunkgrab von _Bui Djalongs_ Tochter _Kuling_      370
85. Schreckfigur und -Pfahl      390
86. Kubu in Long Nawang      410
87. Blick auf die Niederlassung der Kenja zu Long Nawang   418
88. Frau und Knabe der Kenja Uma-Tow      426
89. Karte des Kedjin, gezeichnet von einem Kenja      438
90. Zeichnung eines Kenja Uma-Tow      484
91. Zeichnung eines Kenja Uma-Tow      486








KAPITEL I.

    Einzug in Samarinda am 9. Juni--Abreise von _Barth_
    und einem Teil des Personals nach Java Vorbereitungen
    zur Reise nach Apu Kajan--Besuch beim Sultan--Begegnung
    mit der Siboga-Expedition--Abfahrt von Samarinda mit dem
    "Lawu" am 17. Juni--4 tgige Dampferfahrt bis Udju Tepu und
    Ana--Mondfinsternis in Ana--Von Ana bis Long Howong--Rckkehr
    des "Lawu" zur Kste--Von Long Howong mit Bten nach Irma
    Mehak--ber die stlichen Wasserflle nach Long Deho--Aufenthalt
    in Long Deho--Besteigung des Batu Ajo--Von Long Deho nach Long
    Tepai--Beunruhigende Gerchte aus Long Blu-u--Ankunft daselbst
    im September Misstrauen seitens der Kajanbevlkerung.


Der Dampfer des Sultans brachte unsere Expedition spt abends nach
Samarinda. Herr _van Assen_, der Assistent-Resident, befand sich, wie
wir vom Sultan gehrt hatten, gerade auf einer Reise nach Bulungan. Der
vorgerckten Stunde wegen wagten wir anfangs nicht, als Gste in sein
Haus einzuziehen, wozu er uns aufgefordert hatte. Ein indisches Hotel
erschien aber _Barth_ und mir nach allen berstandenen Anstrengungen
so wenig verlockend, dass wir uns am Ende doch noch entschlossen, die
Wohnung des Herrn _van Assen_ aufzusuchen, in der uns dessen Gattin
ebenso herzlich wie auf der vorigen Reise empfing und uns einige bereit
gehaltene Zimmer anwies. Seit lnger als einem Jahr schliefen wir
hier zum ersten Mal wieder in einem guten Bett. _Demmeni_ und _Bier_
nchtigten im Hotel, whrend die Bahau und unser javanisch-malaiisches
Geleite teils in unseren, teils in ihren eigenen Bten schliefen,
die wir nach Samarinda mitgenommen hatten. Unsere Schutzsoldaten
waren von ihren samarindaschen Kollegen sogleich abgeholt und in
deren Kaserne einquartiert worden.

Meine erste Arbeit bestand darin, alles so zu ordnen, dass, sobald
der Dampfer von Bulungan eintraf, _Barth_, die meisten Javaner und
die Schutzsoldaten nach Java weiterfahren und letztere von dort
nach Pontianak zurckbefrdert werden konnten. Sehr leid tat es mir,
dass auch unsere Pflanzensucher _Sekarang_ und _Amja_ nach Buitenzorg
zurckkehren mussten, da ohne sie das Sammeln auf botanischem Gebiet
nur mangelhaft fortgesetzt werden konnte. Mit Rcksicht auf unsere sehr
bedeutende Sammlung lebender Pflanzen war es aber durchaus notwendig,
dass sachverstndige beute die Pflanzen auf der Reise begleiteten,
um sie vor Hitze oder schlechter Behandlung zu schtzen.

Meinen Diener Mm Arm, den Jger Doras und den sehr gewandten _Abdul_
hatte ich bereits whrend des letzten Teils der Reise dazu berredet,
gegen eine Lohnerhhung von 5 fl monatlich nochmals mit mir ins Innere
der Insel zurckzukehren. Von _Hadji Umars_ Malaien nahm ich zwei,
_Delahit_ und _Umar_, die sich willig und brauchbar gezeigt hatten,
in meinen Dienst.

Die Reiseberichte unserer Schutzsoldaten in der Kaserne hatten
so gnstig gelautet, dass 5 junge Soldaten, die ich gern mit mir
nehmen wollte, sogleich aus ihrem Dienst in Samarinda traten
und sich mir anschlossen. Die Anwerbung des Personals regelte
sich brigens von selbst, whrend wir alles fr _Barths_ Reise
vorbereiteten. Die ethnographischen und zoologischen Sammlungen nahm
_Barth_ nicht mit; jene deponierte ich in Samarinda, diese sandte
ich, damit sie nicht verdarb, sogleich an das Museum in Leiden. Die
nassgewordenen Ethnographica hatten eine Aufbesserung sehr ntig,
so brauchte ich denn auch in Samarinda mein Personal nicht vllig
unttig gehen zu lassen. Die meisten spielten sich brigens als
Fhrer ihrer Bahaufreunde auf, von denen die wenigsten eine so
grosse Kstenstadt gesehen hatten und ohne Begleitung auszugehen
wagten. Ich gab ihnen nur zuverlssige Personen mit, damit sie von
den malaiischen und chinesischen Hndlern auf dem Markt nicht zu
stark betrogen wurden. Ich selbst hatte vor der Abreise _Barths_
keine Zeit, mich der Leute anzunehmen.

Am 9. Juni kehrte der schne, grosse Dampfer "de Reiniersz"
mit dem Assistent-Residenten _van Assen_ von Bulungan zurck und
fuhr am folgenden Tage mit _Barth_ und zwlf unserer inlndischen
Reisegefhrten an Bord weiter nach Bandjarmasin und Batavia. In _Barth_
verlor ich einen heiteren Gesellschafter und eine grosse Sttze fr
meine fernere Reise.

Hiermit war die erste unserer Expedition gestellte Aufgabe erfllt. Im
Lauf von 13 Monaten, vom Mai 1898 bis zum Juni 1899, hatten wir
Borneo von Pontianak nach Samarinda durchquert, und die politischen
und wissenschaftlichen Resultate unserer Reise entsprachen vollstndig
unseren Erwartungen. Nun galt es, auch die zweite Aufgabe, den Zug zu
den Kenja in Apu Kajan, zu einem glcklichen Abschluss zu bringen. Die
Hauptschwierigkeit, geeignetes Personal zu finden, hatte ich, wenn
auch mangelhaft, bereits gelst, und was die Ausrstung betraf, so
hatte ich auf den Markt in Samarinda gerechnet. Die Tauschartikel
und Konserven, die ich von Batavia aus hergesandt hatte, fand ich
wohl aufgehoben wieder, und auch die Perlen, die ich von Putus Sibau
aus den Assistent-Residenten in Pontianak einzukaufen gebeten hatte,
waren gut angekommen und fr mich um so wertvoller, als der Markt in
Samarinda nur eine geringe Auswahl an Perlen bot. Beim Einkauf der
speziell fr die Kenja geeigneten Artikel bot sich mir der Anfhrer
der Long-Glat, _Bo Ului_, der einzige Mann, der mehrmals bei den
Kenja gewesen war, als Ratgeber an. So zog ich denn mit ihm von
einem chinesischen oder buginesischen Laden in den anderen, stets
gefolgt von der ganzen Bahaugesellschaft, die nichts besseres zu tun
wusste, als unter meinem Schutz nochmals alle fremden Herrlichkeiten
zu bewundern. berdies hatten die meisten in den ersten Tagen noch
zu berlegen, was sie sich anschaffen sollten, wie ihre Guttapercha
und ihre _guliga_ am besten zu verkaufen wren und--da sie alle ein
Geschenk von mir erwarteten--welchen Gegenstand sie am liebsten von
mir haben wollten. Es fiel mir nicht schwer, unter all den anziehenden
Gegenstnden etwas Passendes fr sie zu finden; mit Beilen, Perlen,
Tongefssen und hnlichem stellte ich sie bald zufrieden. Auf Anraten
_Bo Uluis_ kaufte ich fr die Kenja weissen Kattun an Stelle des
schwarzen, den ich von Batavia hergesandt hatte und der fr die Bahau
geeigneter war. Auch veranlasste _Ului_ mich, alle vorhandenen grossen
Glasperlen aufzukaufen, weil diese von den Kenja als Grtelschmuck
sehr geschtzt werden. Ferner erstand ich einen Vorrat von 2 dm langem,
weissem Ziegenhaar, das zur Verzierung von Schwerter n beliebt ist und
einen leichten und wertvollen Tauschartikel bildet. Unterdessen war _Bo
Uluis_ Auge auf grosse, sehr flache, als Schmuck fr Kriegsmntel sehr
gesuchte Austerschalen gefallen; doch erschienen sie mir zu schwer zum
Transport. Sehr zu statten kam spter der bedruckte Kattun und Batik,
den wir hier einkauften. Die grosse Auswahl an Elfenbeinarmbndern, die
uns zu Gebote stand, war mir um so erwnschter, als ich bereits ber
Erwarten viele Stze hatte verschenken mssen. Weniger willkommen war
mir bei unseren Einkufen die Gegenwart meiner Bahau: ich wusste nur
zu gut, dass sie spter versuchen wrden, alle gesehenen Gegenstnde
mir abzukaufen oder abzubetteln.

Mein Diener _Midan_ nahm wiederum die Sorge fr unsere Kchen vorrte
auf sich. Da wir uns in bezug auf Raum und Gewicht sehr einschrnken
mussten, liess ich ihn fr uns Europer nur Zuspeisen zum Reis und
fr die Malaien so viele gedrrte Fische und gesalzene Eier einkaufen,
als wir fr die Reise bis zu den Wasserfllen voraussichtlich brauchen
wrden.

Mit dem Handelsdampfer des Sultans war die Fahrt den Mahakam hinab
leicht von statten gegangen, weit schwieriger erwies es sich nun,
den Fluss wieder hinauf zu gelangen. Die Regierung von Kutei hatte
uns whrend unserer Reise so deutliche Beweise ihrer Unzufriedenheit
mit unserem Aufenthalt bei den Bahau gegeben, dass wir eine besondere
Untersttzung von ihr bei unserer Rckkehr ins Innere lieber nicht in
Anspruch nehmen wollten. Hierzu wren wir jedoch gezwungen gewesen,
wenn wir auf den bestimmten Termin der Abfahrt des Dampfers nicht
htten warten wollen, oder wenn wir unsere beiden grossen Bte und die
drei der Bahau von dem Dampfer ins Schlepptau htten nehmen lassen. Um
dies zu vermeiden, suchte ich einen kleinen Dampfer zu mieten, aber von
den zweien, die in Samarinda Privatleuten gehrten, war der eine defekt
und der andere fr unseren Zweck unbrauchbar. Zum Glck kam Herr _van
Assen_ auf den guten Gedanken, die Lotsengesellschaft an der Mndung
des Mahakam um einen Dampfer zu ersuchen. Der betreffende Beamte,
Herr _Bussemaker_, zeigte sich auch sogleich bereit, mir einen seiner
beiden Dampfer zur Verfgung zu stellen, unter der Bedingung, dass
ich die verbrauchten Kohlen selbst bezahlte. "De Lawu", ein kleiner,
aber sehr starker Schleppdampfer, war der geeignetste, doch konnte
er nicht die ganze Menge Kohlen mitfhren, weswegen ich die ntige
Quantitt durch den Handelsdampfer des Sultans voraus nach Udju Tepu
schaffen liess, um sie dort einzunehmen.

Hflichkeitshalber und gleichzeitig zur Besprechung einiger
Angelegenheiten stattete ich dem Sultan mit dem Assistent-Residenten
einen offiziellen Besuch ab. Da die Residenz Tengaron weit oberhalb
Samarinda liegt und im Gebiet von Kutei, gleichwie im Innern, fast
keine Landwege existieren, mieteten wir eine Dampfbarkasse, die
uns nach Tengaron brachte. Der Sultan empfing uns, trotzdem er von
meinen Unternehmungen und meiner Person durchaus nicht eingenommen
war, als Vertreter der Regierung aus politischen Grnden doch mit
grosser Zuvorkommenheit. Er interessierte sich fr den Verlauf
meiner Expedition, ber die er sehr gut unterrichtet sein musste,
berhrte aber keine politischen Fragen, was sehr am Platze war,
da sich nicht nur der Tronfolger, sondern auch dessen Brder, unter
diesen der berchtigte _Raden Gondol_, ber den ich mich am meisten
zu beschweren hatte, in unserer Gesellschaft befanden.

Am Mittagsmahl nahmen alle mnnlichen Glieder der frstlichen
Familie Teil, wobei die jngsten Prinzen, der Hofsitte gemss,
bedienten. Der elende _Raden Gondol_, der gegen die Bahaubevlkerung
im Innern die schndlichsten Missetaten beging, suchte unserem
Besuch zuletzt dadurch eine gehssige Wendung zu geben, dass er
den Huptling _Bang Jok_ aus Long Deho rufen ging, der sich noch
in Tengaron befand und den der Sultan dazu gebracht hatte, gegen
unsere Expedition feindlich aufzutreten. Ich bentzte jedoch Gondols
Abwesenheit und brachte alle Schandtaten, die er in Uma Mehak beging,
zur Sprache. Whrend meines Berichtes wurde der Sultan, der rechts
von mir sass, rot vor Verlegenheit und bemerkte zu dem ihm gegenber
sitzenden Kronprinzen, er habe nicht gewusst, dass es so schlimm
stehe. Er erklrte, ebenfalls allerhand gehrt, aber den Gerchten
keinen Glauben geschenkt zu haben; da die Berichte nun aber aus solch
einer Quelle kamen, wollte er seinem Sohne nicht mehr gestatten, nach
Uma Mehak zu gehen, sondern ihn in Tengaron zurckhalten. Das musste
ihm sehr schwer fallen, da er _Gondol_ seiner Schulden wegen selbst
fortgeschickt hatte. Der Sultan behauptete brigens, sein Sohn begehe
die beltaten nur unter dem starken Einfluss seiner Frau _Mariam_,
die allerdings sehr energisch war. Als _Raden Gondol_ bald darauf im
Triumph mit _Bang Jok_ zurckkehrte, hatte sich die Schadenfreude der
Tischgenossen bereits stark gelegt, und wir ertrugen im Bewusstsein,
unser Ziel erreicht zu haben, mit Gleichmut die unangenehme Gegenwart
des Huptlings. _Bang Jok_ schien brigens durchaus nicht heiterer
Stimmung zu sein und fhlte sich auch in dieser hohen Gesellschaft
sehr gedrckt; obgleich er mit seinem Vater mehrere Jahre vom Sultan
in Tengaron zurckgehalten worden war, hatte er in der malaiischen
Umgebung seinen Gesichtsausdruck doch noch nicht so zu beherrschen
gelernt, wie die am Tische sitzenden Kuteischen Frsten. Da wir nichts
Wichtiges weiter zu besprechen hatten, fuhren wir bald darauf nach
Samarinda zurck.

Ich vermutete, dass _Kwing Irang_ und die Seinen in Udju Tepu bereits
ungeduldig geworden waren, und da auch mein Bahaugeleite nichts lieber
wollte, als das ihm fremde und unheimliche Samarinda verlassen, wurde
es Zeit zur Rckkehr nach dem oberen Mahakam. Einige unserer Bahau
hatte ich bereits an dem Tage, an dem _Barth_ nach Java abgereist
war, in Gesellschaft von _Demmeni_ und _Sorong_ nach Udju Tepu
vorausziehen lassen. Es hatten uns nmlich zwei unserer Malaien,
die in Tengaron ebensogut bekannt waren wie in Samarinda, erzhlt,
der Sultan habe die Absicht, _Kwing Irang_ nach Tengaron kommen zu
lassen. Das musste vermieden werden; erstens weil hierdurch ein sehr
unerwnschter Aufenthalt entstanden wre, zweitens weil ein an die
Residenz des Sultans gerufener Bahauhuptling zu einem willenlosen
Werkzeug in dessen Hnden gemacht wird. _Kwing Irang_ frchtete
sich daher selbst davor, in Tengaron zur Ablegung des Untertaneneids
gezwungen zu werden, wie es eben mit _Bang Jok_ geschehen war. Htte
_Kwing_ keine Nachricht von mir erhalten, so wre er wahrscheinlich
doch dem Ruf des Sultans gefolgt; so liess ich ihn denn durch _Sorong_
ersuchen, in keinem Fall zur Kste zu kommen, auch reiste _Demmeni_
mit einem Teil der Leute und des Gepckes voraus, um die Bewohner von
Tengaron und Udju Tepu von unserem baldigen Aufbruch zu berzeugen. Die
Reisevorbereitungen brachte ich zu einem schnellen Abschluss und
wartete dann nur noch auf die Ankunft des Dampfers. Der Einkauf
von Steinkohlen fhrte mich dazu, einer Aufforderung des Direktors
_Hulshoff-Pol_ nachzukommen und die Steinkohlenminen in Batu Panggal,
zwischen Samarinda und Tengaron, zu besuchen. Der Direktor liess mich
eines Morgens mit einer Dampfbarkasse aus Samarinda abholen, und als
ich 1 1/2 Stunden darauf in Batu Panggal ausstieg, lag dort gerade
ein grosser Dampfer an der Reede, der abends zuvor vom Meere aus an
Samarinda vorbergefahren war und den niemand dort kannte. Zu meiner
grossen berraschung hrte ich, dass das Schiff die "Siboga" sei, mit
der Professor _Max Weber_, dessen Gattin _Anna Weber van Bosse_ und
einige andere Gelehrten eine Tiefseeforschung in der stlichen Hlfte
des malaiischen Archipels unternahmen. Obgleich wir uns persnlich
nicht kannten, hatten wir doch von einander gehrt, so dass ich die
Teilnehmer der Expedition gern kennen lernen wollte und mich beeilte,
sie von meiner Anwesenheit zu unterrichten. Leider musste die _Siboga_,
um den gnstigen Wasserstand an der Mahakammndung zu bentzen, bereits
eine halbe Stunde darauf die Anker lichten, doch behielt ich diese,
wenn auch kurze Begegnung mit gebildeten, sympathischen Menschen in
angenehmer Erinnerung.

Zur grossen Freude unserer Bahau beschloss ich, am 17. Juni
abzureisen; sie hatten alles Interessante in Samarinda bereits
gesehen, und da sie bald nichts mehr besassen, um sich Leckereien,
wie gedrrte Fische, Sssigkeiten und Frchte zu kaufen, begannen
sie sich zu langweilen. Sie verlangten nur noch nach einer einzigen
Sehenswrdigkeit, nach europischen Damen in europischer Kleidung,
mit den fr sie so seltsamen dnnen Taillen, von denen sie durch
Landsleute, die bereits in einer Kstenstadt gewesen waren, gehrt
hatten. Europerinnen in der losen, indischen Morgenkleidung, _sarong_
und _kabaja_, hatten sie bereits gesehen, aber das Merkwrdigste
war ihnen noch vorbehalten. Es traf sich gut, dass die samarindasche
Damenwelt ihrerseits darauf aus war, meine wilden Dajak Kriegstnze
auffhren zu sehen. In dem Hotel, in dem _Demmeni_ und _Bier_ wohnten,
hatte mein Geleite zwar schon vor den Herren getanzt, um nun aber die
Damen und meine Bahau gleichzeitig zufrieden zu stellen, hielt ich es
fr das beste, diese in der grossen viereckigen Galerie des Herrn _van
Assen_ eine Extravorstellung fr die weiblichen Zuschauer geben zu
lassen. Am Vorabend unserer Abreise wurden die beiden interessierten
Parteien denn auch wirklich eingeladen und fanden alle Musse, sich
teils von Sthlen, teils vom Fussboden aus zu betrachten. Meine
Dajak hatten zum Glck ihre schnen Schwerter und Blasrohre bei sich,
Schilde und Kriegsmtzen lieh ich ihnen, und so wetteiferten sie denn
der Reihe nach im Tanze. Einige verstanden den Tanz berhaupt nicht
oder waren so ungewandt, dass sie sich in unserer Gegenwart zu tanzen
schmten; andere dagegen wollten mit ihrer Kunst gern vor uns glnzen,
ausserdem wurden sie dadurch angefeuert, dass Kajan und Long-Glat,
die einander in nichts nachstehen wollen, gegen einander aufzukommen
hatten. Dass zuletzt sogar der alte _Bo Ului_ zum Tanze aufgemuntert
wurde, obgleich Greise fr gewhnlich nicht mithalten, bewies mir
die gute Laune meiner Bahau und den animierenden Einfluss, den die
Gegenwart der europischen Damen auf sie ausbte. Die Zuschauerinnen,
die derartige Kriegstnze noch nie hatten auffhren sehen, folgten
der Vorstellung mit Spannung und Bewunderung, so dass unser Aufenthalt
in Samarinda ein fr alle Teile angenehmes Ende nahm.

Der "_Lawu_" war bereits mittags angelangt und zur Aufnahme von
Kohlen zur Mine weitergefahren. Da unsere Bte, um gut bugsiert
werden zu knnen, nur wenig belastet werden durften, wurde der
Dampfer, nachdem er abends zurckgekehrt war, mit dem grssten und
schwersten Teil unseres Gepckes, hauptschlich mit Blechkisten mit
Salz, Petroleum und l, Scken mit Kartoffeln, Zwiebeln, getrockneten
Fischen und Kisten mit gesalzenen Eiern beladen. Trotzdem stellte
sich, als wir am folgenden Morgen unsere Reise antreten wollten, die
Schwierigkeit ein, dass, sobald der Dampfer strker anzog, die Bte,
besonders die nur wenig ber Wasser hervorragenden der Bahau, welche
in Schlepptau genommen waren, mit der Spitze leicht Wasser schpften
und bei Biegungen umzuschlagen drohten. Von vorn herein musste daher
mit halbem Dampf gefahren werden und wir gelangten an diesem Tage
nur bis Tengaron, wo wir Halt machten, da ich mich noch vom Sultan
endgltig verabschieden und auf dem Markt einige Tauschartikel,
hauptschlich langes, weisses Ziegenhaar, das in Samarinda nicht
in gengender Menge vorhanden gewesen war, einkaufen wollte. Gegen
Abend liessen _Bier_ und ich uns beim Sultan melden, der uns sehr
liebenswrdig empfing und in seinem Palast herumfhrte. Sehr stolz
war er auf die elektrische Beleuchtung, die berall angebracht worden
war und fr die einige Japaner zu sorgen hatten.

Der malaiische Diplomat vermochte diesmal doch nicht gnzlich
ber meine politische Ttigkeit unter den Bahaustmmen; die ihn
natrlich sehr nahe anging, zu schweigen. Als wir unwillkrlich
ber das Binnenland zu reden anfingen, bemerkte er, dass wir beide
miteinander dort um den grssten Einfluss wetteiferten. Ich hielt
aber ein nheres Eingehen auf diesen Gegenstand nicht fr geraten
und brachte das Gesprch auf die Plantagen, die Seine Hoheit seit dem
Beginn seiner Regierung angelegt hatte. Nachdem wir mit dem Sultan noch
eine Tasse Thee getrunken hatten, suchten wir in unseren langen Bten
unser Nachtquartier auf, da auf dem Dampfer keine Passagierkabinen
vorhanden waren.

Am anderen Morgen ging die Reise weiter. Wir fuhren 4 Tage lang den
Mahakam aufwrts, der bis dicht vor Udju Tepu durch sehr flaches, wenig
ber den Wasserspiegel emporragendes Land strmt, das bei Hochwasser
berschwemmt wird. Die Huser der malaiischen Drfer sind auf dieser
Strecke daher entweder auf Pfhlen lngs des Ufers gebaut, oder sie
stehen auf Flssen, die mittelst Rotangkabeln am Uferwall befestigt
sind und mit dem Wasser steigen und fallen. Das Gleiche geschieht
mit den zum Ufer fhrenden Holzstegen, die meistens aus grossen
Baumstmmen bestehen, die der Fluss von oben heruntergeschwemmt
hat. Die im Gebirge des Binnenlandes herrschen den Regen bewirken
nmlich nicht nur ein Steigen des Wassers, sondern schaffen auch die
vor Alter oder bei der Anlage von Reisfeldern ins Wasser strzenden
Bume in den Hauptfluss und von dort zur Mndung. Bei Hochwasser sieht
man den Fluss daher stets ausser Massen von Schlamm eine Menge Bltter,
ste und Stmme verschiedenster Grsse abwrts fhren. Viele dieser
Bume haben Jahre gebraucht, um den Hauptstrom und tiefes Wasser zu
erreichen, und erscheinen durch das Anprallen an Felsen aller ste
beraubt und von aussen oft vllig verfault. Andere dagegen sehen noch
sehr frisch aus und besitzen noch eine grosse Triebkraft. Die oben am
Fluss wohnenden Dajak, die nur auf festem Land bauen, lassen diese
Waldriesen vorber treiben, und diese werden von den Malaien weiter
unten bei Hochwasser aufgefangen. Wer einen solchen Stamm zuerst in
Besitz nimmt, wird dessen Eigentmer und darf ihn entweder selbst
verwenden oder verkaufen. Die meisten werden zur Herstellung von
Flssen gebraucht, indem man sie aneinanderlegt und durch Querbalken
verbindet. Auf den Flssen wiederum werden Huser und Badehtten
gebaut oder dienen sie zum Transport von Rotang. Die Gelegenheit,
solcher Stmme habhaft zu werden, ist flussaufwrts natrlich am
gnstigsten, daher werden sie sowohl am Kapuri als am Mahakam von
Malaien, die zur Kste reisen wollen, an den Oberlufen gesammelt.

Einmal sah ich Malaien und Buginesen, die sich zu Handelszwecken bei
den Bahau aufhielten, die angeschwemmten Stmme billig aufkaufen,
aus ihnen Flsse und auf diesen Huser bauen und mit ihnen nach
beendeten Geschften den Mahakam hinunter bis in das malaiische
Gebiet fahren, wo sie entweder selbst in den Husern weiter wohnten
oder diese verkauften.

Die verschiedenen malaiischen Drfer, an denen wir vorberfuhren, wie
Kota Bangun, Muara Pau und Melak tragen alle den gleichen Charakter;
sie bestehen aus zwei Reihen Huser, die eine auf dem Ufer, die andere
auf Flssen erbaut, beide getrennt durch einen schmalen, hart am Wasser
verlaufenden Uferweg. Die schwimmenden Huser werden je von einer
Familie bewohnt und sind bei weitem nicht alle, durch Bretterstege
miteinander verbunden, was brigens auch nicht notwendig ist, da
die Bewohner sich, wie alle Malaien, gern in Bten bewegen. Weitaus
die meisten leben von Buschprodukten, die sie selbst sammeln oder mit
denen sie Handel treiben, und von Fischfang. Gerucherte Fische bilden
besonders in den Gegenden, in denen sich zu beiden Uferseiten des
Mahakam zahlreiche Seen befinden, einen wichtigen Handelsartikel. Da
diese Seen nmlich sehr fischreich und nicht tief sind, lsst sich in
ihnen bei niedrigem Wasserstande in kurzer Zeit eine grosse Menge
Fische fangen. Der Sultan von Kutei, ein grosser Liebhaber der
Fischerei, begiebt sich jhrlich zu bestimmten Zeiten an diese Seen.

Der Mahakam ist in diesem Teil seines Laufes 400-800 m breit und
macht, besonders wenn man aus dem Innern kommt, wo keine Ebenen
existieren, seiner sehr flachen, morastigen Ufer wegen einen
imposanten Eindruck. Am dritten Tag passierten wir eine Gegend,
in der keine Wlder zu sehen waren, sondern viele ber eine grosse
Flche zerstreute, verkohlte Stmme von einem in nicht allzu ferner
Zeit staugefundenen, ausgedehnten Waldbrand zeugten. Dieser hatte
in der Tat whrend einer grossen Drre im Anfang der achtziger Jahre
hier geherrscht, und seit der Zeit war auf diesen Ebenen nur Gestrpp
gewachsen.

Weiter oben liegt Melak, der Lieblingsaufenthalt des frheren Sultans
und zugleich die hchste Niederlassung am Mahakam, die er noch betreten
durfte. Sie liegt nmlich am Fusse eines 150 m hohen Berges, des Gunung
Sindawar, der einer berlieferung zufolge das Gebiet des Sultans
begrenzt und von diesem und seinem Geschlechte nicht berschritten
werden darf. Nach der berlieferung stieg der erste Vorfahr des Sultans
mit seinen zwei Brdern vom Himmel auf die Erde herab. Sie teilten das
Land am Mahakam in drei Teile, mit der Bestimmung, dass weder sie noch
ihre Nachkommen die Grenzen der anderen berschreiten durften. Der
Sultan und diejenigen seiner Shne, die auf die Nachfolgerschaft
Aussicht haben, halten noch heute an dieser berlieferung fest.

Am 21. Juni erreichten wir um die Mittagszeit Udju Tepu, wo ich mit
den bandjaresischen Kaufleuten sogleich meine Geschfte abwickelte;
auch liess ich _Kwing Irang_ und seine Bahau am jenseitigen Ufer
davon benachrichtigen, dass sie sich fr die Abreise am folgenden
Morgen vorbereiten sollten. Inzwischen nahm der "Lawu" die Kohlen ein,
die der "_Sri Mahakam_" hier fr ihn deponiert hatte.

Einen schmerzlichen Augenblick verursachte mir der Abschied von
_Hadji Umar_, der von Samarinda aus mit uns wieder aufwrts gereist
war und nun in Udju Tepu zurckbleiben wollte. Seit unserer Reise
zur Kste hatte _Umar_ sich stets geweigert, Chinin einzunehmen, viel
leicht in der Hoffnung, an der Kste bessere Arzneien zu finden. In
Samarinda war er mit einigen anderen Malaien zu einem Bekannten gezogen
und hatte sich sogleich chinesische Medizinen besorgt. Wenige Tage
darauf rief man mich zu ihm, weil es ihm nach Gebrauch dieser Arzneien
immer schlechter gegangen war und sie eine heftige Diarrhoe verursacht
hatten. Der bereits sehr geschwchten Krfte des Patienten wegen konnte
ich die Diarrhoe nicht vollstndig kurieren und bald darauf litt er
auch am Magen und an der Mundschleimhaut, so dass es mit dem Essen
schlimmer als je stand. _Umar_ merkte selbst die stndige Zunahme
seiner Schwche und wnschte daher in Udju Tepu zurckzubleiben,
wo er einige Wochen spter, am 10. Juli, starb. Seine Frauen und
Kinder und die Malaien, die mit ihm gezogen waren, ausser _Delahit_
und _Umar_, die ich in meinen festen Dienst genommen hatte, blieben
beim Kranken zurck. In diesem intelligenten, einflussreichen Manne,
der den Charakter der Bahau-Huptlinge und deren Beziehungen zu
einander vollkommen kannte, verloren wir eine grosse Sttze am Mahakam.

Obgleich ich _Kwing Irang_ durch _Demmeni_ hatte benachrichtigen
lassen, waren die Bahau, wie ich bereits gefrchtet hatte, zur
pltzlichen Abreise am folgenden Morgen nicht vorbereitet. Der eine
hatte noch etwas einzukaufen, der andere von einem Hndler noch Geld
oder Waren zu empfangen u.s.w. Ich erklrte aber, in keinem Fall
warten zu wollen, da das Wasser stndig fiel und das grosse Boot,
dessen Tiefgang 6 Fuss betrug, bei zu niedrigem Wasserstande nicht
fahren konnte.

Der nervse _Njok Lea_ hatte das lange Warten in Udju Tepu nicht
ertragen knnen und war bereits fnf Tage nach unserer Abreise nach
Samarinda mit vier Mann Begleitung in einem Boote wieder aufwrts
gefahren. _Bo Ului_ und seine Leute waren darber sehr beunruhigt; sie
frchteten, _Njok_ knnte sich aus Verzweiflung ber den Tod seiner
beiden Reisegenossen das Leben nehmen, und zeigten sich daher zur
Weiterreise mit uns am folgenden Tage sogleich bereit. Dank _Demmenis_
Vorbereitungen in dem eine halbe Stunde hher gelegenen Ana konnte bei
unserer Ankunft mit dem Dampfer sogleich mit dem Laden begonnen werden.

Als wir abends in aller Ruhe auf dem Verdeck unser Mahl einnahmen,
entstand im Dorfe pltzlich grosse Aufregung; die Bewohner riefen
einander an, ein besonders laut drhnender Gong ertnte mit vielen
anderen, ab und zu knallte ein Gewehrschuss, und schliesslich
wurden an langen Bambussen brennende Bndel umhergetragen und hin-
und hergeschwungen. Die Ursache dieser Unruhe wurde uns erst klar,
als wir einige Leute auf den Vollmond weisen sahen, der sich bereits
teilweise verfinstert hatte. Unser Kalender, den wir sogleich
befragten, verzeichnete eine totale Mondfinsternis fr diesen Tag;
auf eine baldige Beruhigung der Eingeborenen war daher nicht zu
rechnen. Auch der Stamm der Tundjung, der nicht am Flusse selbst,
sondern weiter landeinwrts wohnte, war durch diese Naturerscheinung
heftig erregt worden: sobald in Ana einen Augenblick Ruhe eintrat,
drangen die Schlge der Gonge und Trommeln von den Hgeln her zu uns.

Die verschiedenen Mondphasen sehen die Bahau als verschiedene Wesen,
Geister, an, die am Himmel Zuflucht suchten. Die Flecken auf dem
Vollmonde sollen in der Zeit entstanden sein, wo diese Geister
noch als Menschen nach Bahausitte mit vielen anderen in einem Hause
zusammen lebten. Der Mond war damals ein aussergewhnlich schnes
Mdchen, das den Neid ihrer Gefhrtinnen in so hohem Masse erregte,
dass ihr eine derselben beim Fttern der Schweine den heissen Brei
des Schweinefutters bers Gesicht goss, wodurch dieses vollstndig
verbrannt wurde. Die Flecken auf dem Monde bedeuten daher Brandnarben.

Glcklicherweise schien der Mond wieder hell, bevor wir uns
niederlegten- die Dorfbewohner beruhigten sich, und wir suchten im
Schlaf fr den folgenden Morgen frische Krfte zu sammeln. Der Tag
begann fr uns frh, weil ich in Anbetracht des forwhrend fallenden
Wassers unsere Abreise beschleunigen wollte. Um 6 Uhr war jeder bereits
mit dem Einladen des Gepcks beschftigt und schon vor 7 befanden wir
uns nach Udju Tepu unterwegs, um die Bahau von dort abzuholen. Ausser
vier Bten der Long-Glat waren nur drei Bte der Kajan soweit fertig,
dass wir sie sogleich aufwrts bugsieren konnten. _Kwing Irang_
wollte die Zurckbleibenden nicht im Stiche lassen und versprach,
so schnell als mglich nachzukommen; ich sollte ihn an dem hchsten
Punkte, bis zu dem der Dampfer uns bringen konnte, erwarten.

Im Augenblick der Abfahrt von Ana trafen noch drei andere Bte der
Kajan ein, die wir auch aufwrts bugsieren sollten, so dass ich jetzt
zwei eigene Bte und zehn der Bahau mitzunehmen hatte. Dies erschwerte
die Aufgabe des Steuermanns um ein betrchliches, da der Dampfer
auf diese Weise viel von seiner Bewegungsfreiheit einbsste, die er
doch weiter oben sehr ntig hatte. Er war nmlich bisher nur bis Ana
hinaufgefahren und die Bnke, Untiefen und Felsblcke im Flusse waren
der Mannschaft daher nur bis zu diesem Punkte bekannt. Weiter aufwrts
hatte sich nur ein einziges Mal ein Dampfer des Sultans gewagt, mit
dem Resultat, dass er in der Nhe der Ratamndung auf eine Gerllbank
auflief. Der malaiische Bootsfhrer teilte mir daher sogleich mit,
dass er, falls ich den Fluss noch weiter hinauffahren wolle, die
Verantwortung nicht weiter bernehme und sein Amt als Steuermann
und Befehlshaber niederlegen werde, obgleich ich ihm gesagt hatte,
dass zwei zuverlssige Bandjaresen, die diesen Teil des Flusses oft
befahren hatten, mitgehen und das Fahrwasser angeben wrden.

Da ein mglichst weites Hinaufbugsieren der Bte fr uns sehr
wichtig war und ein Kennenlernen des Fahrwassers dem knftigen
Verwaltungsbeamten am Mahakam von grossem Wert sein konnte, beschloss
ich, die Verantwortung und mit dieser das ungewohnte Kommando auf einem
Dampfer selbst auf mich zu nehmen. Nach einem herzlichen Abschied von
_Angin_, der Wittwe _Ding Ledjs_, und von deren Sohn _Dj_, fuhren
wir bei fallendem Wasser und strahlendem Sonnenschein ab. Falls
der Wasserstand nicht mehr viel niedriger wurde, liefen wir keine
Gefahr, und da meine beiden Fhrer wirklich gut Bescheid wussten,
dampften wir den ganzen Tag ber langsam weiter. Als wir bei Udju
Halang vorbeifuhren, eilten smtliche Dorfbewohner ans Ufer, um den
aussergewhnlichen Anblick eines Dampfbootes zu geniessen.

Obgleich die Strmung zwischen den Gerllbnken bisweilen sehr heftig
war, wurde sie von dem krftigen Dampfer doch ohne Schwierigkeiten
berwunden. Dank dem chinesischen Maschinisten, der sein Amt nicht
wie der maduresische Befehlshaber niedergelegt hatte, sondern sein
mglichstes zu leisten versuchte, geschah am Ersten Tage auch kein
Unglck. Die Felsblcke, die etwas unterhalb 'Ma Mehak Teba an der
linken Uferseite lagen und von denen man dem Befehlshaber gesagt hatte,
er werde nicht lebend an ihnen vorberkommen, ragten weit ber die
Wasserflche hervor und waren daher leicht zu vermeiden. Selbst
die Engen und Stromschnellen bei 'Ma Mehak Teba, welche fr die
Schiffahrt sehr verhngnissvoll werden knnen, passierten wir ohne
Schwierigkeiten, da die sonst heftigen Strmungen bei diesem niedrigen
Wasserstande ungefhrlich waren.

Bei Sonnenuntergang liessen wir an der Mndung des Pari den Anker
fallen, worauf unsere Bahau zu ihrer grossen Erleichterung ihre
Bte lsten und ans Ufer ruderten. Sie hatten sich nmlich den Tag
ber zwar an der grossen Schnelligkeit der Fahrt erfreut, jedoch bei
jeder Wendung scharf darauf achten mssen, dass ihre schwerbeladenen,
niedrigen Bte nicht Wasser schpften und umschlugen. Sie verhinderten
dies, indem sie ihre Bte mittelst der langen _gala_ (Stangen)
untereinander verbanden, wodurch sie besser das Gleichgewicht zu
bewahren vermochten. Es erwies sich bald als notwendig, alle Bte,
ausser den beiden grossen, vom Dampfer loszulsen, denn der Anker
wollte im Flussgrund nicht haften. An verschiedenen stellen wurde
versucht, einen Halt zu finden, auch hrten wir den Anker auf dem Boden
schleppen, doch blieb er nirgends haften, weil das ganze Flussbett
aus glatten Steinschichten mit geringen Unebenheiten bestand. Erst
als die ganze eiserne Kette hinabgelassen worden war, blieb der
Dampfer still liegen, jedoch nur scheinbar, in Wirklichkeit glitt er
sehr langsam stromabwrts, was uns aber nicht verhinderte, ruhig bis
zum Tagesanbruch zu schlafen. Der Morgen war dunkel und regnerisch;
bevor wir noch aufbrachen, goss es in Strmen. Das Wasser begann auch
sogleich zu steigen und durch die strker werdende Strmung erwuchsen
uns weit mehr Schwierigkeiten als Tags zuvor. Auch jetzt hinderten
die Bte der Bahau eine Fahrt mit vollem Dampf, die hufig bei engen
Biegungen um Gerllbnke der heftigen Strmung wegen sehr wnschenswert
gewesen wre. So fuhren wir denn auch schliesslich geradeaus auf
eine berschwemmte Gerllbank auf, und nur ein schnelles Arbeiten
der Maschine in umgekehrter Richtung verhinderte ein Festlaufen.

Nun blieb nichts anderes brig, als die Bahau den Fluss selbstndig
hinauffahren und nur unsere grossen Bte vom "_Lawu_" bugsieren zu
lassen. Zwar ging es jetzt mhelos weiter, aber da oberhalb Long
Howong, beim Rata, sehr schwer zu berwltigende Strmungen vorkommen
und das Wasser infolge des anhaltenden Regens stndig stieg, beschloss
ich, doch in Long Howong anzulegen und es von dem folgenden Tage
abhngen zu lassen, ob der "_Lawu_" uns noch weiter bugsieren sollte
oder nicht. Das ununterbrochene Steigen des Flusses veranlasste uns
bereits abends, die Ladung aus dem Dampfer in einige schwimmende
malaiische Huser, die vor der eigentlichen Niederlassung im Flusse
lagen und verschiedenen buginesischen und bandjaresischen Hndlern
gehrten, berzufhren. Bald darauf legten auch unsere Bahau vor
unseren improvisierten Packhusern an.

Am anderen Morgen fuhr der "_Lawu_" bereits frh zur Kste zurck und
nahm alle Briefe mit, die wir in den letzten einfrmigen Tagen unseren
Angehrigen und Freunden geschrieben hatten. In grosse Verlegenheit
brachte mich der Gedanke, wie ich die ganze Ladung des Dampfers nach
oben schaffen sollte. Am schwersten waren die grossen Mengen Salz, die
ich auch diesmal in verlteten Blechgefssen zu je 20 kg mitgenommen
hatte und von denen die meisten fr die Kajan und Long-Glat, als
Lohn fr ihre Reise zur Kste, bestimmt waren. Um unser Gepck so
viel als mglich einzuschrnken, begann ich daher bereits hier, vor
Ablauf der Reise, den Bahau ihren Teil auszubezahlen, so dass sie
das Salz in ihren eigenen Bten unterbringen mussten. Die Long-Glat
waren jetzt aber kaum noch zu halten, wollten auf den Nachschub
der Kajan unter _Kwing Irang_ nicht lnger warten und hatten es
so eilig, ihren Huptling _Njok La_ einzuholen, dass ich sie nur
mit Mhe dazu bewegen konnte, 25 Salzkisten fr mich nach Long Deho
mitzunehmen. In Anbetracht, dass sie bereits ihr eigenes Salz wegen
zu grosser Belastung der Bte in Long Howong zurckgelassen hatten,
verargte ich es ihnen nicht, dass sie unsere Salzkisten nicht ber die
stlichen Wasserflle brachten, sondern in Long Bagung deponierten. Am
Abend des 26. Juni reiste dieser Teil unserer Gesellschaft ab, nachdem
vorher noch ein Boot mit Kajan, die Udju Tepu vor uns verlassen hatten,
in Long Howong angekommen war. Diese hatten sich allein auf den Rckweg
gemacht, weil einer der Ruderer an einer Unterleibskrankheit, zu der
noch Malaria hinzugetreten war, schwer krank darniederlag. Da seine
Angehrigen nicht genau wussten, wann ich aus Samarinda eintreffen
wrde und die Schwche des jungen Mannes stets zunahm, hatte man
beschlossen, mit ihm den Heimweg anzutreten, damit er zu Hause oder
doch wenigstens seiner Heimat so nahe als mglich sterbe. Nach dem
Bericht der Kajan war der Mann an dem Leiden erkrankt, das sich die
Stmme aus dem Innern hufig bei lngerem Aufenthalt an der Kste
zuziehen. Die Krankheit entsteht dadurch, dass die zu Handelszwecken
zur Kste reisenden Eingeborenen sich dort allerhand Naschwerk und
Leckerbissen kaufen, fr sie ungewohnte und schdliche Gensse;
ausserdem trinken sie, wie daheim im Gebirge, das hier bereits stark
verunreinigte Flusswasser. Die Dajak mit ihrer zarten Konstitution
erkranken hierdurch begreiflicherweise leicht an Unterleibskrankheiten,
die sich mit Malaria komplizieren und dann hufig einen ttlichen
Verlauf nehmen.

Die Kajan hatten sich bereits so sehr in die Vorstellung, dass der Mann
sterben msse, hineinversetzt, dass sie auch an meine rztliche Kunst
nicht mehr glaubten und kaum dazu zu berreden waren, nicht mit den
Long-Glat weiterzureisen. Erst als ich sie darauf aufmerksam machte,
dass sie den Kranken sicher nicht lebend bis zum Blu-u bringen wrden
und er ebenso gut in Long Howong als weiter aufwrts sterben knne,
entschlossen sie sich zum Bleiben. Ich nahm den bereits apathischen
Patienten sogleich in Behandlung, liess ihn mittelst Laudanum die Nacht
gut schlafen, sorgte fr geeignete Nahrung und brachte ihn in einigen
Tagen so weit, dass er bei unserer Abreise bereits im Boote sitzen und,
noch bevor wir die Wasserflle erreichten, ein Stck weit gehen konnte.

Bereits am folgenden Tage erschien _Kwing Irangs_ Faktotum _Sorong_
und meldete des Huptlings Ankunft. Am 28. Juni traf dieser
auch wirklich ein. Das Wasser war in den letzten Tagen stndig
gefallen, daher beeilten wir uns, diese gnstige Reisegelegenheit
zu bentzen. Auch _Kwing Irangs_ Kajan hatten so viel Gepck von der
Kste mitgenommen, dass ich fr meine vielen Bte keine gengende Menge
Ruderer fand. Indem ich den Kajan ihren Lohn in Salz ausbezahlte, die
drei Bte fr _Biers_ topographische Aufnahme als Packbte bentzte
und 20 Kisten Salz in Long Howong abstellte, konnte das eine grosse
Boot zurckbleiben. Unsere Kajan und Malaien zogen das 23 m lange
Fahrzeug voller Eifer den hohen Uferwall hinauf und banden es an
einige Hauspfhle fest, so dass es vor Wind und Wetter zum grssten
Teil geschtzt war.

Am Morgen des 29. Juni erklrten die Kajan, alle Leute fr ihre eigenen
Bte ntig zu haben; da meine eigenen Malaien und Javaner fr unsere
kleinen Ruderbte erforderlich waren, blieb fr das grosse Boot, in
dessen Mitte ein Asyl fr mich aufgeschlagen war, keine Bemannung
brig. Nach _Kwing Irangs_ Meinung konnten die Bewohner von Long
Howong sehr gut helfen. Als ich mich daher des Morgens zum Huptling
_Ledj_ begab, erklrte sich dieser zu meiner Verwunderung sogleich
bereit, mein Boot so weit bringen zu lassen, als die Leute an diesem
Tage zu rudern im Stande wren. Obgleich ich an der Erfllung des
Versprechens noch einigermassen zweifelte, machte ich mich sogleich
an die Reisevorbereitungen.

Zuerst berwachte ich die Ladung des Gepckes, denn das neue
Personal besass vom richtigen Packen keinen Begriff, und die fnf
Schutz soldaten aus Samarinda hatten sich bereits in Ana durch
Ungeschicklichkeit ausgezeichnet. Meine braunen Gehilfen waren aber
alle sehr willig und die Arbeit daher in einigen Stunden erledigt. Weit
mehr Schwierigkeiten verursachten meine weissen Reisegenossen. Bereits
nachts war ich in meinem Boote wiederholt durch das laute Benehmen von
_Bier_ geweckt worden, der mit _Demmeni_ ein schwimmendes Haus eines
bandjaresischen Kaufmanns bewohnte. Zugleich hrte ich den Grammophon,
den _Demmeni_ zur Unterhaltung der Bahau um teures Geld in Samarinda
gekauft hatte. Ich dachte anfangs, dass beide die schne Tropennacht in
heitrer Stimmung genossen, aber als der Morgen anbrach, trat immer noch
keine Ruhe bei ihnen ein, und beim Aufstehen merkte ich sogleich, dass
_Bier_ dem Alkohol stark zugesprochen hatte und _Demmeni_ mehr infolge
der durchwachten Nacht als des Alkohols schlechter Laune war. Es
stellte sich heraus, dass _Bier_, um den Genssen der zivilisierten
Gesellschaft in Samarinda noch lange frhnen zu knnen, eine Flasche
Genever mitgenommen hatte, von der er jeden Tag ein Glschen hatte
geniessen wollen. Unsere bevorstehende Reise in die unbekannte Wildnis
hatte ihn aber so bedrckt, dass er unter dem Einfluss der Tne des
Grammophons alle Widerstandskraft verloren und mit _Demmeni_ beinahe
die ganze Flasche leergetrunken hatte. Das Schlimmste war, dass er in
dieser Verfassung erklrte, nicht mit uns reisen zu wollen; auch war
er anfangs so erregt, dass er nicht wusste, was er tat. Ich ging ihm
daher aus dem Wege. _Demmeni_ bat ich, den Patienten nicht zu reizen
und darauf zu achten, dass er nicht aus seiner Behausung herauskam,
da er sonst Gefahr lief, von den schwimmenden Balken, auf denen man
gehen musste, ins Wasser zu fallen. Die Hausbewohner waren schon
abends zuvor aus Furcht vor dem grossen, starken Europer geflohen,
und so erwartete ich von der Ruhe und dem Rest natrlichen Verstandes,
der ihm geblieben, das Beste. Ich beschloss, dass _Bier_ seine Sachen
in ein besonderes Boot laden lassen und mit uns fahren oder eventuell
folgen sollte, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Die
ersten Stunden vergingen mit allerhand Vorbereitungen, und da ich
_Bier_ nicht hrte, glaubte ich, alles stnde gut, und begab mich vor
dem Essen zu ihm, um seine Stimmung auszukundschaften. Als er von der
Weiterreise immer noch nichts wissen wollte, appellierte ich an sein
militrisches Ehrgefhl als deutscher Unteroffizier, sagte ihm auch,
dass ich ihm sein Betragen nicht nachtragen wolle und dass mir viel an
seiner Begleitung gelegen sei. Die Wirkung meiner Rede wollte ich beim
Frhstck abwarten. Wie ich spter von _Demmeni_ hrte, hatte _Bier_
sich inzwischen doch zum Mitgehen entschlossen und wollte eigenhndig
sein Gepck in sein Boot laden. Da mir dies zu gefhrlich vorkam, liess
ich ihn von _Demmeni_ und einigen furchtlosen Malaien in seinem Boote
unterbringen, wo bald sein fester Schlaf aller Unruhe ein Ende machte.

Gegen 10 Uhr morgens traten wir unsere Bootfahrt endlich an und
erreichten an diesem Tage Laham. Die Leute aus Long Howong, die uns
hier verliessen, wollten fr ihre Arbeit nicht einmal eine kleine
Belohnung annehmen. Die Bewohner von Laham geleiteten uns weiter
nach Long Asa, _Hadji_ Urans frherem Wohnort, wo sich noch seine
ganze Gesellschaft Buschproduktensucher aufhielt. _Delahit_ brachte
einige dieser Leute dazu, uns nach Uma Mehak hinaufzurudern, doch
zeigten sie sich nicht so bescheiden wie die Bewohner von Long Howong,
sondern nahmen fr den erwiesenen Dienst gern 1 fl pro Person an.

Des stndig fallenden Wassers wegen, das zum Hinauffahren ber die
Flle sehr gnstig war, drang ich gleich nach unserer Ankunft in Uma
Mehak gegen Mittag auf die Beschaffung von Ruderern, deren ich nur
bis zum Beginn der Wasserflle bedurfte, da _Kwing Irang_ versprochen
hatte, uns mit seinen Leuten ber den Kiham Halo und Kiham Udang bis
nach Long Deho zu bringen. Weitaus die meisten Mnner wohnten aber
auf ihren Reisfeldern und die beiden jungen, durch das Spiel schlaff
gewordenen Huptlinge sehen nicht vertrauenerweckend aus. So schlug ich
denn _Bier_ nach dem Essen vor, mit unseren Malaien vorauszufahren,
um das in der Aufnahme noch fehlende Stck des Mahakam zu ergnzen
und zu versuchen, auch den Bunut bis zu seiner Wasserscheide mit
dem Murung zu messen, da dieser Fluss, der bei Long Bagun in den
Mahakam mndet, einen viel bentzten Verbindungsweg mit dem Gebiet des
Murung bildet. Auch _Kwing Irang_ und seine Kajan fanden ihre Zeit zu
kostbar, um auf die Mnner von Uma Mehak zu warten und fuhren mit dem
Versprechen weiter, uns abholen zu wollen, falls wir in diesem Dorfe
keine Hilfe erhielten. Zu unserem Verdruss hatten wir auch zwei Tage
spter noch keine gengende Bemannung fr unsere Bte beisammen.

Am Morgen des 4. Juli konnten wir nur ein kleines Boot dieser Bahau
mit Gepck hinaufschicken, um das grosse Boot etwas zu entlasten. Da
sich fr uns selbst immer noch keine Leute eingefunden hatten,
waren wir sehr erfreut, als zwei Bte mit Kajan kamen, um uns nach
oben abzuholen. Als wir abends auf einer Gerllinsel am Fuss des
Batu Tenebang lagerten, erschien eine grosse Gesellschaft Mnner aus
Uma Mehak, die, einmal aufgefordert, nun doch gern ihren Tageslohn
verdienen wollten. Meine Entrstung ber ihr langes Zgern machte
so viel Eindruck, dass sie auf meinen Vorschlag, uns nicht nur bis
Long Bagun, sondern ntigenfalls auch noch weiter bringen zu wollen,
sogleich eingingen.

Mit Hilfe der zahlreichen Mannschaft ging es am folgenden Morgen
schnell weiter nach Long Bagun, wo wir _Kwing Irang_ mit den Seinen auf
einer Insel gelagert antrafen; _Bier_ war bereits mit einem Kajanboot
den Bunut hinaufgefahren. _Kwing Irang_, der es wie ich fr geraten
hielt, den gnstigen Wasserstand zur Weiterreise zu bentzen, gab
_Sorong_ den Befehl, mich mit seinem Boote zu begleiten. Nachdem
ich noch _Bua_ und deren Gemahl _Rauf_ am jenseitigen Ufer einen
kurzen Besuch gemacht hatte, fuhren wir denn auch weiter bis zu einer
Gerllinsel beim Beginn des Kiham Halo, wo wir bernachteten. Frh
am anderen Morgen brachen wir auf und hielten unser Frhstck auf der
Insel Neha Lunuk, auf der alle, die zur Fahrt ber den Kiham Halo einen
gnstigen Wasserstand abwarten, ihr Lager aufzuschlagen pflegen. Hier
glaubten unsere Mnner aus Uma Mehak aber genug geleistet zu haben und
erklrten, nicht weiter zu knnen. Da es noch nicht einmal Mittag war,
versicherte ich ihnen, dass ich alle Verantwortung fr ein eventuelles
Unglck mit dem grossen Boot im Kiham Halo auf mich nehmen wolle
und dass auch das langsam steigende Wasser kein Hinderungsgrund sei,
worauf die Leute sich, wenn auch zgernd, auf den Weg machten. Als die
Mnner, die mit dem kleinen Gepckboot vorausgefahren waren, am Anfang
der Flussenge nochmals das Gepck an Land zu tragen begannen, rief ich
ihnen zu, dass sie durchaus weiter mssten, und von jetzt an widmeten
sie alle Aufmerksamkeit und Kraft ihrem Boote. Das Wasser stand zwar
tief, strmte aber doch infolge der grossen Enge des Flussbettes sehr
heftig; dabei entstanden an den zerklfteten Ufern stndig Wirbel und
Strudel, die unserem grossen Boote nicht viel anhaben konnten, aber
immerhin mit grosser Anspannung berwunden werden mussten. So lange
die Ufer noch schrg aufstiegen und aus stark verwittertem Gestein
bestanden, boten sie den Haken der Bootsstangen einen gengenden
Halt und wir gelangten schnell vorwrts. Weiter aufwrts verengte
sich aber das Bett immer mehr und die felsigen Ufer wurden immer
steiler, bis sie zuletzt lotrecht aufstiegen; dabei war das Gestein
so hart und glatt, dass es selbst fr die eisernen Haken keine
Unebenheiten oder Spalten als Angriffspunkte bot. An der engsten
Stelle konnte das Boot auf keine Weise vorwrts und wurde dreimal
zurckgetrieben. _Sorong_, die Kajan und die Bemannung des kleinen
Bootes kamen uns zu Hilfe; sie ruderten weiter hinauf bis zu einer
Stelle, wo sie auf den horizontal vorstehenden Sandsteinschichten
hinaufklettern und einen Platz erreichen konnten, der sich mehr
als 20 m ber unserer schwierigen Passage befand. Von oben warfen
sie uns ein Stck Holz an einem langen Rotangseil in den Fluss zu,
das von unserem Boote aus aufgefischt wurde, vorauf die Mnner den
Rotang an diesem befestigten. Das Boot wurde nun so weit aufwrts
gezogen, bis die Felsen wieder eine gengende Menge Hhlungen und
Spalten zum Einschlagen der eisernen Haken boten. Von hier an konnten
wir uns selbst weiterhelfen, indem wir uns vorsichtig an den steilen
Felsen festklammerten. Es war aber Abend geworden, bevor wir an einer
Gerllinsel oberhalb des Kiham Halo anlegten. Meine Mannschaft freute
sich ber das gelungene Wagstck ebenso sehr wie ich und drckte trotz
des anstrengenden und ermdenden Tages ihre Genugtuung darber aus,
dass sie das grsste Boot und die schwerste Ladung, die jemals ber den
Kiham Halo gefahren waren, ohne Unfall hinaufgeschafft hatte. In dem
angenehmen Bewusstsein, mit meinem Gepck bereits so weit gefrdert
zu sein, schlief ich in meinem Boot neben der grossen Sandbank ein,
auf der die Uma Mehak und unsere Kajan sich neben einander niedrige
Htten aufgeschlagen hatten. Beim Erwachen am anderen Morgen bemerkte
ich zu meinem Schrecken, dass mein Boot sich vllig schief dem Flusse
zuneigte, da das Wasser nachts gefallen war und das Fahrzeug an der
schrg ansteigenden Seite der Sandbank lag. Wenige Zentimeter weiter,
und das ins Boot strmende Wasser htte dieses zum Umschlagen gebracht
und ich htte mich in meinem Moskitonetz unter dem Palmblattdache nur
schwer retten knnen. Die Mnner schoben das Boot eiligst vom Wall
ins Wasser. Frh morgens zahlte ich den Mnnern aus Uma Mehak ihren
Lohn aus, schenkte ihnen in meiner guten Stimmung noch etwas Salz und
Tabak und liess sie sogleich heimkehren. _Sarong_ und seine Leute, mit
denen ich allein zurckblieb, zogen das Boot an einem Rotangseil bis
zu einem Nebenflsschen hinauf, wo es sicherer als an der engen Stelle
beim Kiham Halo untergebracht war. Zwei Tage darauf langten auch _Kwing
Irang_, _Demmeni_ und _Bier_ bei uns an; letzterer hatte mit Erfolg
gearbeitet und das noch fehlende Stck des Mahakam oberhalb Uma Mehak
und den Bunut bis zur Wasserscheide mit dem Murung hinauf gemessen.

Die Kajan brachten ihre Bte und ihr ganzes Gepck an diesem Tage
noch ber den Udang bis oberhalb des Batu Brang; abends jedoch kehrte
_Kwing_ mit fast allen seinen Mnnern und einigen leeren Bten zu
uns zurck, weil er uns aus ngstlichkeit in dieser Umgebung nicht
allein bernachten zu lassen wagte. Dank dem niedrigen Wasserstande
wurden unsere Bte schnell den Fluss hinauf gerudert und an schwierigen
Stellen wie gewhnlich mit Rotangseilen dem Ufer entlang gezogen. Unser
Gepck brauchte sogar am Kiham Udang nicht ber Land getragen zu
werden, da das Wasser selbst an dieser engen Stelle augenblicklich
tief stand. Der Udang bot jetzt ein ganz anderes Bild als das vorige
Mal. Die Ufer bestanden nun einige Hundert Meter weit aus zahllosen,
unregelmssigen, weissen Konglomeratblcken, die unter der dunkelgrnen
Masse des Urwaldes in der Mittagssonne hell hervorschimmerten. Im
Kiham Udang selbst lehnten sich die Felsmassen, die bei Hochwasser
vllig berschwemmt werden, turmhoch gegen die Bergwand an. An diesem
Tage erreichten wir noch die Gerllbank oberhalb des Batu Brang und
am folgenden Tage Long Deho.

Die Kajan zeigten sich jetzt, nachdem sie uns so weit gebracht hatten,
nicht geneigt, uns und unser Gepck auch noch weiter zu befrdern,
was _Kwing Irang_ uns am folgenden Morgen mit verlegenem Gesicht
mitteilte. Die Leute meinten, es wrde ihnen unmglich sein, in der nun
folgenden langen Reihe der westlichen Wasserflle, in denen das Gepck
mehrmals ber Land getragen werden musste, mehr als ihr eigenes Hab und
Gut mitzufhren. Sie hatten, wie es sich spter erwies, vollstndig
Recht, da sie trotz des sehr gnstigen Wasserstandes bis Long Tepai
vier Tage unterwegs gewesen waren. Im Augenblick jedoch lautete
_Kwing Irangs_ Mitteilung entmutigend, trotz seines Versprechens,
uns sobald als mglich durch die Long-Glat aus Long Tepai abholen zu
lassen. Es blieb mir nun nichts anderes brig, als aus der Not eine
Tugend zu machen und zu versuchen, die Dorfbewohner auch hier durch
Liebenswrdigkeit fr uns einzunehmen.

Die vielen Frauen aus _Bo Adjangs_ _amin_ suchten uns den Aufenthalt
durch Freundlichkeit und Hilfeleistungen aller Art so angenehm als
mglich zu machen--da sie ihrerseits allerhand von uns ntig hatten,
freuten sie sich mit allen Dorfbewohnern ber unseren gezwungenen
Aufenthalt. Am dringendsten bedurfte meiner wieder der alte _Bo
Adjang_, der in der letzten Zeit wieder stark an Malaria gelitten hatte
und bei seinem Alter sehr schwach war; es dauerte auch mehrere Tage,
bis ich ihn mit Chinin, grosser Ruhe und geeigneter Nahrung etwas
herauf brachte. Zum Glck hing der Alte, trotz seiner gegenteiligen
Behauptung, noch so sehr am Leben, dass ihm das bittere Chinin nie zu
viel wurde. Ausser ihm hatten auch noch viele andere meine rztliche
Hilfe ntig.

Ich hatte nun Zeit, meine frher angefangenen Unterhandlungen wegen
verschiedener schner Gegenstnde fortzusetzen, stiess hier aber auf
grssere Schwierigkeiten als bei den Kajan, die sich an diesen Handel
bereits gewhnt hatten. Ein bler Umstand war, dass Long Deho in den
letzten Jahren schwere Zeiten durchgemacht hatte und Lebensmittel dort
immer sehr schwer zu kaufen waren. Nirgends hrte ich so viel ber
Missernten klagen, wie hier. Sehr nachteilig wirkte auf den Ackerbau
der Umstand, dass Long Deho ein Zentrum fr Spiel und Hahnenkmpfe
bildete und die Dorfbewohner unwillkrlich in dieses Leben und Treiben
hineingezogen wurden.

Viele Bewohner von Long Deho nhrten sich aus Reismangel mehr von
Bataten als von Reis, und die anderen Stmme nahmen Reis mit nach
Long Deho, um ihn dort vorteilhaft zu verkaufen.

Die ganze Zeit ber, die wir in Long Deho verbrachten, hielt _Bang Jok_
sich in Uma Mehak auf, weil er uns nach seinem Aufenthalt in Tengaron
nicht begegnen wollte. Angenehme Erinnerungen brachte er von seinem
Besuch beim Sultan jedenfalls nicht mit, denn dieser hatte ihm den
Untertaneneid abgezwungen und ihn ausserdem ohne die blichen Geschenke
abreisen lassen, auch hatte er beim Spiel so viel verloren, dass er
sich an der Kste nicht einmal Salz und Tabak hatte kaufen knnen.

Die Bevlkerung zeigte sich jetzt durchaus nicht mehr zurckhaltend,
wir verkehrten daher mit allen auf gutem Fuss. Am meisten
Entgegenkommen fanden wir, wie gesagt, bei _Bo Adjangs_ Familie, mit
deren Hilfe ich nochmals den Batu Ajo bestieg, einen Bergzug, der sich
am rechten Mahakamufer in Gestalt einer 1000 m hohen, senkrechten
Mauer erhob. Ich hatte diesen Berg als erster Europer bereits im
Jahre 1897 bestiegen und mich damals bereits davon berzeugt, dass er
wenigstens nach Norden und Osten einen weiten Ausblick bot; gelang
es uns nun, seinen nrdlichsten Endpunkt zu erreichen, so versprach
er uns auch nach Westen eine freie Aussicht. Vom Batu Ajo aus liess
sich vielleicht die Notwendigkeit und Mglichkeit einer Besteigung
des Pajang beurteilen, der sich, von Long Deho gesehen, als steiler
Berg aus der Ebene erhob. Obgleich _Demmeni_ fr Bergbesteigungen
nicht viel Sinn hatte, forderte ich ihn doch zum Mitgehen auf, weil
die Moosvegetation auf dem Gipfel des Batu Ajo einer Aufnahme wert
war. Als Fhrer und Trger nahm ich die gleichen Leute aus Uma Wak mit,
die mich das vorige Mal begleitet hatten.

Diese whlten diesmal einen anderen Weg: von Long Deho setzten wir
auf das andere Ufer ber, folgten zwischen Reisfeldern einem direkt
zum Batu Ajo fhrenden Pfade und erstiegen dann einen Rcken, der uns
schnell nach oben brachte. Da wir uns hier durch alte, nur mit Gestrpp
bewachsene und daher schattenlose Reisfelder hindurcharbeiten mussten,
zwang uns die Hitze bereits nach einer Stunde zum Rasten. Zu unserer
Freude befanden wir uns hier am Rande des Waldes, neben dem alten
Reisfelde des _Ibau Adjang_, der mit seiner Frau Dewong gerade damit
beschftigt war, die Ananasse zu schneiden, welche die Wildschweine
noch brig gelassen. Sie hatten die Pflanzen dicht neben einander
gesetzt, so dass die Tiere sich nur der ussersten Frchte hatten
bemchtigen knnen, weil die in starke, scharfe Stacheln auslaufenden
Bltter auch einer Schweinshaut gefhrlich werden. Die khlen,
saftreichen Frchte liessen uns die Ruhe zwar doppelt geniessen,
aber wir betraten doch gern den Urwald, in dessen Schatten es sich
besser steigen liess, als im Sonnenbrand auf den verwilderten Feldern.

Der Pfad, dem wir folgten, war frher hufig von Kahjan-Dajak, die auf
dem Batu Ajo Guttapercha suchten, und von den Bewohnern aus Uma Wak,
die ihren Reis zum Verkauf an die Buschproduktensucher hinaufbrachten,
bentzt und vom Unterholz befreit worden. Daher hatten wir auch Uma-Wak
als Fhrer genommen; die Bewohner von Long Deho kamen fr gewhnlich
nicht so weit den Berg hinauf und hatten ihn auch noch nie erstiegen.

Unmittelbar vor dem Eintritt in den Urwald wurde der Aufstieg sehr
steil, aber indem ich ununterbrochen vorwrts ging, war ich den
schwer beladenen Trgern bald voraus, so dass ich mit zwei Mnnern
aus Uma Wak als erster die senkrechte Sandsteinwand erreichte,
gegen welche die Bume unmittelbar anwuchsen. Die Wand bestand aus
horizontalen, ber 20 m mchtigen Schichten, von denen einige vor,
andere zurcksprangen, alle aber mit grnen, grauen und braunen Moosen
und Flechten bedeckt waren und von dem stndig abstrmenden Wasser
trieften; hhere Pflanzen waren an diesen Felsen nicht zu sehen. Der
Fhrer bog links ab und wir folgten ihm, ber bemooste, den Waldgrund
bildende Sandsteinblcke auf und absteigend, auf einem Pfade, der
die mehr oder weniger gut passierbaren Stellen verband. ber eine
Stunde weit nach Sden der Felswand entlang gehend, gelangten wir
an einen Kamin in der fast berall senkrechten Wand und stiegen nun
auf einer Schutthalde bis zum Rande des Plateaus hinauf. ber einige
Felsvorsprnge gelangten wir vllig nach oben, wo uns eine neue Welt
empfing. Im Vordergrunde glich das vllig ebene Gelnde einem Hochmoor,
im Hintergrunde hingen an Lianen, welche kleine, dnne Bume verbanden,
Moosmassen und bildeten so 4-6 m hohe, zusammenhngende Wnde. Jeder
Ausblick war genommen; die ersten besten Durchgnge mussten bentzt
und die Richtung mittelst des Kompasses eingehalten werden. Vorlufig
hatten wir nicht weit zu gehen, denn wir stiessen sehr bald auf das
Gerst einer Htte der Kahjan-Dajak, die zwar sehr verfallen war,
aber bald wieder aufgerichtet werden konnte. Die beiden Mnner machten
sich auch sogleich ans Werk. Dem Rande des Plateaus mich nhernd,
hrte ich einige Schsse fallen; die Nachzgler wussten augenscheinlich
den Weg nicht, daher antwortete ich mit Revolverschssen. Bald darauf
kletterte denn auch der eine nach dem anderen lngs der Schutthalde
herauf. Mit der bekannten Geschicklichkeit der Bahau stellten diese
die Gerste fr die Htten auf und deckten sie mit Segeltuch oder
Palmmatten, so dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit fr die
topographischen und photographischen Aufnahmen geeignete Standpunkte
auszusuchen Zeit fanden.

Am anderen Tage machten sich _Bier_ und _Demmeni_ sogleich an die
Arbeit, worauf dieser nach Long Deho zurckkehrte; unterdessen suchte
ich mit einigen der tchtigsten Begleiter den westlichsten Gipfel des
Batu Ajo zu erreichen, der uns einen Ausblick nach Westen gestatten
musste. Das Gelnde bot viele Schwierigkeiten, und nur indem wir
stndig den Kompass gebrauchten und uns dicht aneinander hielten,
bewegten wir uns mit einiger Sicherheit vorwrts. Anfangs folgten
wir einigen Pfaden der Buschproduktensucher und gingen bisweilen auf
den von diesen gefllten und angezapften Guttapercha-Bumen, doch
weiterhin mussten wir uns ffnungen in den Mooswnden suchen oder
selbst machen, dabei zwangen uns die zahllosen umgestrzten Bume, die
in dieser Hhe nur langsam zu verwesen schienen, ber sie hinweg oder
unter ihnen hindurch zu klettern. Die Moosmassen, welche mit Wasser
vollgesogenen Schwmmen glichen, durchnssten mich in kaum einer
halben Stunde. Tierisches Leben machte sich hier viel weniger als
unten im Walde bemerkbar; den ganzen Tag ber hrten wir kaum einen
Vogel oder eine Zikade. Auch Rhinozerosse, von denen wir zahlreiche
Spuren beim Aufstieg gesehen hatten, schienen diese trostlose Gegend
zu fliehen; wenigstens bemerkten wir hier nichts von ihnen. Der Batu
Ajo erwies sich bald als kaum einen Kilometer breit, und da wir zum
Murung hin nichts als benachbarte, mit Urwald bedeckte Rcken sahen,
suchte ich weiter nach Norden durchzudringen, wo das Gelnde etwas
anstieg. Nachdem wir verschiedene Punkte besucht hatten, erklommen
wir gegen 2 Uhr einen steilen, vorspringenden Gipfel, zu dem wir uns
ber und unter moosbedeckten Wurzeln stehender und gefallener Bume
einen Weg bahnen mussten.

Von hier aus sahen wir nun zwar ber die Wlder unter uns hinweg ins
Murunggebiet, aber da wir immer noch keinen festen Boden unter den
Fssen hatten, sondern stndig mit Moosmassen, die auf einem Chaos
von Bumen ausgebreitet lagen, kmpfen mussten, war hier kein fester
Punkt zu finden, von dem aus Peilungen in nordwestlicher Richtung
vorgenommen werden konnten.

Mit Hilfe des Kompasses fanden wir uns auf dem am Morgen begangenen
Pfad nur schwer wieder zurck, und so langten wir erst um 6 Uhr
abends, beim _tiling duan_ (Zirpen der Grille) am Lagerplatz an. Auch
in dieser Hhe begann bei Sonnenuntergang eine bestimmte Grillenart
zu zirpen und hrte nach einer Viertelstunde wieder auf. Die Tne
klangen anders als in den tiefer gelegenen Wldern; wahrscheinlich
gehrte auch die Grille einer anderen Art an. Unter Hunderten von
Grillenarten, die den ganzen Tag ber in den Bergwldern Borneos die
verschiedensten Laute ertnen lassen, hrt man beim Auf- und Untergang
der Sonne eine Viertelstunde lang nur zwei bestimmte Spezies und zwar
so regelmssig, dass die Bahau den Augenblick vor Sonnenuntergang als
"_tiling duan_" bezeichnen.

Am Lagerplatz war noch niemand angekommen, worber ich mich zu
ngstigen begann. Ich feuerte einige Gewehrschsse ab, hatte aber
wenig Hoffnung, von _Bier_ und dessen Begleitern gehrt zu werden,
da ich des Morgens bereits beobachtet hatte, dass Schsse in dieser
Moosvegetation bereits auf geringen Abstand nicht mehr gehrt
werden. Die Nacht war beinahe vllig hereingebrochen, als wir in
sdstlicher Richtung endlich schiessen zu hren glaubten. Nur durch
unsere Antwort fand _Bier_ den Weg zu unserem Lagerplatz zurck. Die
ersten Schsse hatte er nicht vernommen.

Gleich nach unserer Ankunft hatten wir unsere durchnsste Kleidung
mit einer trockenen vertauscht. _Bier_ wollte jedoch noch von einem
von mir gefundenen Punkte aus Peilungen vornehmen, und so zogen wir
am folgenden Morgen wieder die nassen Kleider an und schickten uns an,
an der betreffenden Stelle einen Beobachtungsposten zu errichten.

Vor dem Frhstck suchte ich noch den Aussichtspunkt zu erreichen,
den _Bier_ tags zuvor fr seine Aufnahme hatte aushauen lassen. Wie
ich bereits vermutet hatte, genossen wir hier das gleiche herrliche
Panorama wie auf dem Batu Mili: wir befanden uns ber einem die
Landschaft unter uns vllig bedeckenden Nebelmeer, das, von der Sonne
mit blendend weissem Lichte bestrahlt, nur einige dunkle Gipfel
hervorragen liess. Rechts schien die Bergkette, die sich jenseits
des Mobong parallel dem Batu Ajo hinzog, das Wolkenkleid zu heben,
das in mchtigen, welligen Falten lngs den Abhngen auf das Nebelmeer
im Tal, des Mobong niederfiel. Der Wechsel von Hell und Dunkel, den
die noch tiefstehende Sonne in diesem Teil des Panoramas hervorrief,
war von wunderbarer Schnheit; ich trennte mich nur schwer von dem
entzckenden Bilde.

Nach dem Morgenimbiss fanden wir einen Felsvorsprung, der fr unsere
Zwecke geeignet sein konnte; doch bedeckten auch hier Bume, Lianen
und Moose den Erdboden. Alles fortzuschaffen war unmglich, daher
liess ich nur so viel aushauen, dass auf einigen Baumstmpfen eine
Diele angebracht werden konnte. _Bier_ begann seine Arbeit erst um
11 Uhr, als die Wolkenmassen von unten herauf an uns vorbergezogen
waren. Leider kamen auch nicht alle Berge zum Vorschein, sondern
die Aussicht wurde erst im Lauf des Tages in verschiedener Richtung
abwechselnd frei. Dank unserem aus der Bergwand hervortretenden
Standplatz berblickten wir einen weiten Gesichtskreis. Vor uns sahen
wir das Gebirge, das sich in gleicher Entfernung vom Batu Ajo hinzieht,
von diesem durch das Tal des Mobong geschieden. Der Kiham Udang befand
sich dort, wo der Mahakam diese Gebirgskette an ihrem nrdlichsten
Punkt durchbricht, so dass das Gebirge, nach unseren im Udang gemachten
Beobachtungen, gerade wie der Batu Ajo, aus Sandsteinschichten, die
mit Konglomeratschichten aus rundgeschliffenen Kieseln abwechseln,
bestehen muss. An der Ostseite dieser Kette muss der Kiham Halo liegen,
der von horizontalen Sandsteinschichten begrenzt wird. Uns gegenber,
jenseits des Mahakam, wurde auch der Pajang sichtbar. Es erwies sich,
dass dieser kein steiler, kegelfrmiger Berg ist, wie er uns von Long
Deho aus erschien, sondern den hchsten Gipfel einer Kette vorstellt,
die sich von einem viel nrdlicher gelegenen, ungefhr 2000 m hohen
Bergmassiv zum Mahakam hinzieht. Die beschrnkte Aussicht, die der
Pajang uns geboten htte, liess uns von einer Besteigung desselben
absehen. Da unser Standort nur wenig ber 1000 m lag, wurde uns die
Aussicht nach Nord-Westen durch den Niaan und andere hhere Berge
benommen. Nach Osten blieb das Mahakamtal stndig in Wolken gehllt.

Als wir abends ins Lager zurckkehrten, hatten wir die vorgenommene
Aufgabe gelst. Die Nacht war aussergewhnlich hell und kalt und
so still, dass wir die kleinen Quellflsse des Barito, der an der
Westseite des Batu Ajo entspringt, murmeln hrten.

Den folgenden Tag ging es den Berg weit schneller hinunter als hinauf,
und vormittags befanden wir uns bereits wieder in Long Deho, wo uns
gute Nachrichten erwarteten. Ein Boot aus Long Tepai kam melden, man
sei wegen des Neujahrsfestes verhindert gewesen, uns abzuholen. Man
htte das Fest nicht aufschieben knnen, weil viele Menschen darauf
warteten, das lali fr ihr neu gebautes Haus oder ihre Heirat bei
dieser Gelegenheit abzulegen. Nach viertgigem Fallen des Wassers
erschien zuerst ein Boot mit Manok-Kwee unter Anfhrung von _Bang
Lirung_ und am folgenden Tage gegen Mittag _Tului Lea_ mit _Bo Ului_
und _Bo Tijung_, im ganzen 40 Mann. _Njok Lea_ selbst hatte nicht
mitkommen wollen, weil er mich durch seine Abreise von Udju Tepu
erzrnt zu haben glaubte. Die Mnner beeilten sich mit der Abfahrt,
da sie den gnstigen Wasserstand bentzen und mit der Feldarbeit,
die sie bereits so lange aufgeschoben hatten, beginnen wollten.

Der Abschied von Long Deho tat sowohl uns als der Bevlkerung leid;
alle hatten uns Gutes erwiesen, und wenn die Kajan nicht versprochen
htten, uns zu den Kenja zu begleiten, wren wir hier noch gern etwas
lnger geblieben.

Mit Rcksicht auf unseren Zug zu den Kenja, der lngs des oberhalb Long
Deho in den Mahakam mndenden Boh stattfinden sollte, hinterliess ich
einen Teil unseres Gepckes, der nicht leicht verderben konnte, in der
_amin_ _Adjangs_. _Ibau_ versprach, auf alles zu achten, und so bergab
ich ihm 40 Blechkisten mit Salz, 5 Packen mit 100 Stck Kattun und 12
Holzkisten, hauptschlich Konserven enthaltend; unsere Bte wurden
dadurch erheblich entlastet. Trotzdem der Fluss sehr niedrig stand,
musste das Gepck doch an mehreren Stellen lngs des Ufers getragen
werden, so dass unsere Reise nach Long Tepai vier Tage dauerte.

Wir zogen diesmal in die Galerie von _Bo Ibau_ ein, weil in der
von _Bo Lea_ Buschproduktensucher einquartiert waren. Durch den
Pnihinghuptling _Taman Lirung_ vom Howong, der bei den Long-Glat
Schwerter eingekauft hatte und wieder aufwrts reiste, liessen
wir _Kwing Irang_ melden, dass wir die Wasserflle berschritten
htten. Da wir acht Tage lang nichts von oben hrten und schon in Long
Deho Gerchte ber aufregende Ereignisse am Blu-u umgingen, sandte
ich ein Boot mit _Umar_ und _Delahit_ zu den Kajan, um zu sehen,
wie es mit dem Abholen stnde. Nach echt malaiischer Art scheuten
sich aber beide, ungnstige Nachrichten mitzuteilen, und so erfuhr
ich bei ihrer Rckkehr nicht viel Neues. Doch besttigten sie das
Gercht, man habe, whrend _Kwing Irang_ sich auf Reisen befand,
die Leiche der verschwundenen _Anja Song_ unter einer Sagopalme mit
abgeschnittenem Kopf und Bein versteckt gefunden; schlimmer noch
war, dass der halb wahnsinnige Batang-Lupar _Umar_ aus _Hadji Umars_
Gesellschaft nachts, kurz vor _Kwing Irangs_ Rckkehr, fnf Mnner im
Hause zu Long Bulng mit einem Schwerte verwundet hatte und dann in
den Wald geflohen war. Spter hatte er noch einen krnklichen Mann, der
mit _Kwing Irang_ zurckgekehrt war, auf dem Wege zu seinem Reisfelde
ermordet. Die Kajan hatten, da sie den Wahnsinnigen weder fangen noch
tten konnten, einen Monat lang in grosser Aufregung gelebt, bis es
endlich zwei Malaien gelungen war, den Mann durch List in eine Htte
zu locken, zu entwaffnen und niederzumachen. Erst darnach htten
die Dorfbewohner ernsthaft mit der Feldarbeit zu beginnen gewagt,
so dass es ihnen augenscheinlich sehr schwer fiel, uns abzuholen,
was _Kwing Irang_ nicht hatte sagen wollen oder _Delahit_ aus Furcht
vor meiner Unzufriedenheit sich nicht zu erzhlen getraute. Doch
waren mir derartige Verhltnisse bei den Leuten allzu bekannt,
um noch an ihnen zu zweifeln; da ich ausserdem hrte, dass binnen
weniger Tage bei den Kajan das lali nugal stattfinden sollte und die
Long-Glat uns spter, wegen des auch bei ihnen eintretenden lali nicht
abreisen lassen wrden, ging ich ein auf den Vorschlag der Malaien,
die nach dem Tode _Hadji Umars_ mit dessen Frau und Kindern nach Long
Tepai nachgezogen waren, nahm sie in meinen Dienst und liess mich
von ihnen nach Long-Blu-u bringen. _Demmeni_ und _Bier_ blieben mit
einigen unserer Leute und dem grssten Teil des Gepcks in Long Tepai
zurck. Ich selbst nahm nur zwei Bte mit und langte bereits zwei Tage
nach _Delahits_ Rckkehr nach Long Tepai in Long-Blu-u an. Unterwegs
erzhlten mir die Malaien, die Hndler in Udju Tepu htten alles Hab
und Gut von _Hadji Uniar_ in Beschlag genommen, um seine Schulden zu
bezahlen, sie htten auch _Umars_ Frau und Kinder nicht fortziehen
lassen wollen, bis sie durch meinen Brief aus Long Deho eingeschchtert
worden seien. Man hatte mir nmlich dort mitgeteilt, dass _Umars_ Frau
und Kinder und alle seine Malaien wegen Schulden, fr die er Brgschaft
geleistet hatte, dort zurck gehalten wrden. Da _Hadji Umar_ in
Wirklichkeit ein wohlhabender Mann war, sein Besitz aber hauptschlich
in Forderungen an weit und breit im Innern von Borneo zerstreute Leute
bestand und daher in einem bestimmten Augenblick nicht eingefordert
werden konnte, kam es mir sehr ungerecht vor, seine Familie leiden
und womglich in Schuldsklaverei geraten zu lassen. In Ermangelung
einer anderen Autorittsperson sandte ich selbst von Long Deho aus dem
einflussreichsten Bandjaresen in Udju Tepu einen Brief, in dem ich den
Wunsch aussprach, dass man _Uniars_ Familie und alle seine Malaien
ungehindert hinaufziehen lassen sollte. Die Hndler erfllten auch
wirklich meinen Wunsch, behielten aber den grssten Teil von _Umars_
Besitz zurck. Dass seine Malaien nun selbst gern in meine Dienste
treten wollten, kam mir in diesem Augenblick ausgezeichnet zu statten.

Bei unserer Ankunft abends in Long Blu-u bot _Kwing Irang_ mir sogleich
die eine, etwas erhhte Seite seiner _amin_ als Wohnsttte an, auf
der ich es mir mit meinem Diener _Midan_ und meinem Hunde sogleich
gemtlich machte. Es war ihm sehr angenehm, dass ich mir selbst
geholfen hatte und er mir nicht sogleich Leute entgegenzuschicken
brauchte. Dass er mich bei unserer Rckreise nicht besser hatte
untersttzen knnen, tat ihm sehr leid, aber er hatte gegen die
ungnstigen Verhltnisse nicht aufkommen knnen. Die Kajan hatten
seit meiner Abreise in der Tat viel durchgemacht und berichteten mir
gleich am folgenden Morgen die Einzelheiten.

Zuerst hatte _Anja Songs_ Tod die Dorfbewohner in Aufregung
versetzt. ber das Geheimnis, das ihren Tod umgab und die Rolle,
welche die Geisterwelt dabei gespielt haben sollte, begannen in der
berzeugung der Leute Zweifel zu entstehen, und die Vorstellung,
dass _Anjang Bawan_ seine Frau, wahrscheinlich aus Eifersucht, selbst
gettet hatte, gewann immer mehr Glauben. _Kwing Irang_ und sein
Ratgeber _Sorong_ waren bereits whrend meines Aufenthaltes in Uma
Mehak zu mir gekommen und hatten mich im Geheimen gefragt, ob ich nicht
auch der Ansicht wre, der Mann habe seine Frau selbst ermordet. Da der
Vater des Mrders, _Bo Bawan_, zu den vornehmsten Priestern gehrte,
wagten die Leute ihre berzeugung nicht zu ussern und liessen die
Angelegenheit ruhen. Wahrscheinlich wre ich diesem Beispiel gefolgt,
wenn man nicht meine Person in die Sache hineingezogen htte. Um die
Geister des Batu Mili zu beruhigen, hatte man nmlich eine Opferfeier
gehalten, deren Leitung _Bo Bawan_ unter Beistand des Bandjaresen
_Utas_ und eines Malaien vom Kapuri, _Totong_, bernommen hatte. Nun
erklrten diese beiden, in der darauffolgenden Nacht getrumt zu haben,
die Geister des Batu Mili htten sich darber erzrnt, dass ich beim
Besteigen des Berges das Gestrpp hatte umhacken lassen, wodurch der
Boden fr die Hhner und Schweine der Geister unbrauchbar geworden
wre. Jetzt, wo sie mir die Schuld an _Anja Songs_ Tode zuzuschieben
suchten, blieb mir nichts anderes brig, als ffentlich zu erklren,
was die anderen im Grunde selbst glaubten, nmlich dass _Anjang_
seine Frau einfach selbst ermordet und ihre Leiche unter einer
Palme versteckt hatte. Ich machte immer wieder darauf aufmerksam,
dass die Geister sicher nicht den Kopf und die Beine vom Krper
getrennt haben wrden und es berdies bekannt war, dass das Ehepaar
in Unfrieden lebte.

Kaum waren die Bewohner von Long Blu-u zur Feldarbeit zurckgekehrt,
mit der sie infolge des langen Suchens nach _Anja Song_, das sehr viele
Menschen beansprucht hatte, im Rckstand waren, als der von _Umar_
verbte Mord die Gemter aufs neue erregte und alle, deren Felder
jenseits des Mahakam lagen, wohin _Umar_ geflohen war, wiederum an
der Arbeit verhinderte. Da der Mrder erst nach einem Monat gettet
werden konnte, hatte man viel Zeit verloren. Auch an diesem Unglck
schrieb man mir die Schuld zu, indem ein Priester der Pnihing, der
sich aufs Trumen verstand, es fr eine Strafe der Geister erklrte,
die darber erzrnt wren, dass die Kajan so viele Insekten fr mich
gefangen und mir verkauft htten. Augenscheinlich spielte der Neid
der Pnihing wegen der grossen Vorteile, welche die Kajan aus unserem
Aufenthalt bei ihnen zogen, hierbei eine grosse Rolle, doch gelang es
dem Priester, auch meine Kajanfreunde von meiner Schuld zu berzeugen,
so dass sie mir whrend meines spteren Aufenthaltes unter ihnen
kein einziges Insekt mehr bringen wollten. Dass die Leute nach allen
diesen Ereignissen keine Lust mehr versprten, uns in ihren Stamm
zurckzuholen, war begreiflich, berdies wussten sie, dass ich zu
ihnen zurckkehrte, um sie an ihr Versprechen, uns zu den so sehr
gefrchteten Kenja zu begleiten, zu mahnen.

Sehr eigentmlich berhrte mich das Bewusstsein, mich unter einer mir
befreundeten Bahaubevlkerung zu befinden und dabei doch machtlos zu
sein, gegen alle diese offenbaren Lgen und Betrgereien, welche die
religisen berzeugungen des Volkes zum Deckmantel genommen hatten,
aufzutreten. Ich sprach zwar meine Ansichten immer wieder offen aus,
wusste aber zu gut, wie wenig Eindruck sie auf die Masse machten,
um mich viel mit ihr abzugeben. Weit mehr Hoffnung setzte ich auf
den Einfluss persnlicher Sympathie und die vielen Wohltaten, die
ich der Bevlkerung erwiesen hatte und noch erweisen wollte, um unser
frheres Verhltnis wiederherzustellen.

Meine Versuche, _Bier_ und _Demmeni_ noch vor dem _tugal_ (Saatfest)
von Long Tepai abholen zu lassen, gab ich sogleich auf, liess
ihnen aber durch mein eigenes Personal einige Kisten bringen, die
sie fr einen lngeren Aufenthalt ntig hatten. Vorlufig ging ich
vorsichtshalber nur in Gesellschaft eines bewaffneten Malaien durch
die Niederlassung. _Bo Hiang_, _Kwing Irangs_ erste Frau, schlug mir
zwar anfangs vor, den Geistern des Batu Mili ebenfalls ein Opfer zu
bringen, um sie mit mir zu vershnen, als ich ihr aber bedeutete,
dass die Geister meiner berzeugung nach mit den beiden Ereignissen
nichts zu schaffen htten, drang sie nicht weiter in mich.

In den ersten Tagen gaben mir die fnf malaiischen Mnner in Long
Bulng, die durch _Umau_ ernstlich, wenn auch nicht ttlich, verwundet
worden waren und deren Wunden sich infolge schlechter Pflege whrend
eines Monats etwas entzndet hatten, viel zu tun. Sobald ich aber
erfuhr, dass auch diese Malaien die beiden Morde bentzt hatten, um
mich bei der Bevlkerung verhasst zu machen, verweigerte ich ihnen
weitere Hilfe. Um den wahren Mrder der _Anja_ und meine Verleumder
einzuschchtern, erklrte ich, dass der Kontrolleur, sobald er sich
am Mahakam als niederlndischer Beamter niedergelassen haben werde,
die Sache nher untersuchen wrde. Dadurch enthob ich die vornehmsten
Mantri der unangenehmen Pflicht, dies selbst zu tun, und jagte dem
Schuldigen, der sich brigens bei mir nicht zu zeigen wagte, einen
heilsamen Schreck ein.

Gleich nach meiner Ankunft hatte _Kwing Irang_ mit einigen Mnnern
mein Haus auszubesseren angefangen, da man in meiner Abwesenheit das
beste Material, besonders die guten Bretter der Diele, zu anderen
Zwecken bentzt hatte. In wenigen Tagen konnte ich die Wohnung wieder
beziehen. Der Sicherheit wegen liess ich einige meiner Malaien neben
mir schlafen.

Die Dorfbewohner beschlossen nun, in aller Eile das Saatfest zu feiern,
das infolge jener Zwischenflle bereits viel zu spt eintrat. Whrend
der ersten achttgigen Periode des melo besserte sich die Stimmung der
Bevlkerung soweit, dass bereits zwei Tage nach dem Maskenspiel (den
Tag darauf hatte man das Feld des Huptlings best) eine gengende
Anzahl junger Mnner sich bereit erklrte, _Bier_ und _Demmeni_
aus Long Tepai abzuholen.





KAPITEL II.

    Der mittlere Mahakam und seine Bewohner--Auswanderungen aus dem
    Stammland--Degeneration der Stmme im Tieflande--Verhltnis der
    Niederlassungen zu einander--Einfluss des Sultans von Kutei auf die
    Dajakhuptlinge--Die Niederlassung Long Deho und ihr Oberhuptling
    _Bang Jok_--Die Punan als Kopfjger--Verhltnis zwischen den
    Kenja und Bahau--Der degenerierende Einfluss der Malaien auf die
    Dajak--Erhaltung der ursprnglichen Sitten und des Kultus der
    Dajak am mittleren Mahakam--Tundjung- und Kenjastmme--Verhltnis
    der Bewohner des oberen zu denen des mittleren Mahakam.


Nicht nur zum besseren Verstndnis des ferneren Verlaufs unserer
Reise, sondern auch an und fr sich verdienen die geographischen
und ethnologischen Verhltnisse am mittleren Mahakam eine eigene und
ausfhrlichere Besprechung, als sie bis jetzt in der Reiseerzhlung
hatte gegeben werden knnen.

Der Mittel-Mahakam befasst den Teil des Stromes, der zwischen den
westlichen Wasserfllen und Udju Tepu liegt und schliesst die stlichen
Flle in sich ein. Er wird gnzlich von zahlreichen, aber kleinen
Stmmen bewohnt, die sich beinahe alle noch an ihre Auswanderung
aus dem hochgelegenen Stammlande Apu Kajan in dieses Tiefland
erinnern. Weitaus die meisten derselben haben sich am Hauptstrom
niedergelassen, nur wenige wohnen an seinen Nebenflssen. Die
wichtigsten von diesen sind: der Alan, Merah, Medang und Pari am
linken, der Bunut und Rata am rechten Ufer. Der Merah ist insofern von
Bedeutung, als man von seinem Oberlauf in einem halben Tage ber Land
an einen befahrbaren linken Seitenfluss des Ln oder Tatyang gelangt,
eines sehr grossen Flusses, der in den Unterlauf des Mahakam mndet und
an dem sich der Kenjastamm der Uma-Tim und andere Stmme der Bahau,
wie die Long-Bila, angesiedelt haben. Der Bunut und der Rata bilden
zwei viel bentzte Verbindungen zwischen dem Gebiet des Mahakam und
dem des Barito. Lngs des Bumst erreicht man in einem Tage den Murung;
vom Rata fhren Landwege nach dem Murung und dem Maruwi.

Was die Bevlkerung am mittleren Mahakam betrifft, so bilden am
Hauptfluss selbst Mujub und Udju Tepu, wo der Stamm der Tring-Dajak
lebt, ihre ersten Siedelungen; weiter aufwrts, in Ana, wohnen die
Hwang-Ana, in Long Tram die Hwang-Dali, in Udju Halang die Uma-Luhat,
in Lirung Kedawang die Uma-Mehak, in Sirau die Hwang-Sirau,
in Long Way und Long Howong die Long-Way, in Boh die Long-Boh,
in Laham die Uma-Laham, in Uma-Wak und Long Asa die gleichnamigen
Stmme, in Uma-Mehak ein anderer Teil der Uma-Mehak und ein Teil der
Uma-Tuwan. Die jetzt in Long Deho angesiedelten Stmme: die Long-Glat,
ein Teil der Uma-Tuwan, Batu-Pla und Uma-Wak lebten bis vor kurzem
unterhalb der Wasserflle in Lirung Tika. In Long Bagung wohnten frher
Malaien, die durch den Bumst mit dem Flussgebiet des oberen Murung
(im Baritogebiet) Handelsbeziehungen unterhielten, aber gegenwrtig
ist diese Niederlassung verlassen.

An den Nebenflssen des Mahakam finden sich die Bewohner
folgendermassen verteilt: am Rata haben sich die Stmme der Uma-Temha,
Mahakam und Djinawang beieinander niedergelassen, am Pari die Uma-Lutan
und Uma-Teliba; am Medang leben verschiedene Stmme im gleichen
Dorfe vereinigt, was auch in den meisten anderen Niederlassungen
der Fall ist. Der Grund fr dieses Zusammenleben liegt hier, wie
auch oberhalb der Wasserflle, in dem Streben der strkeren Stmme,
ihre Seelenzahl und somit ihre Macht durch Einverleibung kleinerer,
unterworfener Stmme zu vergrssern. Die Gesamtseelenzahl aller dieser
Bahaustmme ist auf etwa 5000 Personen zu schtzen.

Neben diesen sesshaften Stmmen der ackerbautreibenden Bahau
nomadisieren in den Quellgebieten der Nebenflsse noch die Jgerstmme
der Punan. An den linken Nebenflssen sind es die Punanstmme der
Lisum, Kohi, Lugat und Haput; die Namen der Stmme an den rechten
Nebenflssen sind mir unbekannt.

Die Bahaustmme bilden bereits seit Jahrhunderten die Bevlkerung des
Mahakamgebiets, in welches sie, wie schon gesagt, ihren Traditionen
zufolge, aus dem Apu Kajan eingewandert sind. Einige derselben
tragen brigens auch jetzt noch die Namen von Flssen oder Bergen im
Bohgebiet, das sie whrend ihrer Auswanderung passierten und in dem sie
sich, ebenso wie die Uma-Tim bei ihrem Durchzug zum Tawang, zeitweise
an verschiedenen Orten niederliessen. Die Uma-Boh, Kong-Glat, Long-Way
und Temha fhren ihre Namen nach dem Boh und seinen Nebenflssen Glat,
Way und Temha, whrend die Tring nach dem Berg Tring oberhalb der
Ogamndung genannt wurden. Die Long-Glat scheinen als die letzten
am Ende des 18. Jahrhunderts im Mahakamgebiet angelangt zu sein,
wonach ein Teil von ihnen sich, nach einem vorbergehenden Aufenthalt
oberhalb der Wasserflle unter dem berhmten Huptling _Bo Ledj Aja_,
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts unterhalb derselben niederliess.

Diese Stmme hat das Schicksal aller ihrer Verwandten getroffen, die
aus dem hohen Gebirge in die Tieflnder ausgewandert sind; sie wurden
hier mehr als in ihrem hohen, isolierten Bergland von der Malaria und
von Infektionskrankheiten, wie Cholera und Pocken, die von der Kste
bei ihnen eingeschleppt wurden, heimgesucht, so dass ihre Anzahl
und Wohlfahrt abnahm. Unter den vielen Stmmen am Mittel-Mahakam
ist dieser Degenerationsprozess bereits weit vorgeschritten, denn
ihre Kopfzahl ist sehr gering und ihre Drfer machen einen viel
verfalleneren Eindruck als diejenigen im hher gelegenen Lande
oberhalb der Wasserflle oder in Apu Kajan. Whrend die Bewohner in
den Gebirgsgegenden dank ihrer Arbeitsamkeit nur selten Hunger leiden,
ist dies unterhalb des Kiham Halo hufig der Fall, so dass gegenwrtig
viel fremder Reis auf dem Mahakam angefhrt werden muss.

Die Anwesenheit der vielen Fremden in diesen Gegenden trgt, wie
aus der Reisebeschreibung selbst schon hervorging, das ihrige zum
Rckgang der Bevlkerung bei. Vom unteren Mahakam aus drangen, nachdem
die Buschprodukte dort erschpft waren, Buginesen und Kuteinesen,
vom Barito aus Bakumpai, Ot-Danum und Liang in die noch unberhrten
Wlder am mittleren Mahakam, um diese auszubeuten. Diese Einwanderung
der Fremden fand erst statt, nachdem die Huptlinge der Bahau mehr
und mehr unter den Einfluss des Kuteischen Sultanats geraten waren
und die Hndler, die diese Stmme besuchten, nicht mehr so grosse
Gefahr wie in frheren Zeiten bei ihnen liefen. Etwa um 1892 oder 93
zogen die ersten Truppen von Buschproduktensuchern vom Barito unter
Anfhrung des Maleien _Raden Djaja Kusuma_ in dieses Mahakamgebiet
und gleichzeitig liess sich eine hnliche Kolonie aus Kutei unter
einem Abkmmling des Kuteischen Frstenhauses an der Mndung des Pari
nieder. Durch den grossen Einfluss, den die Lebensweise dieser Fremden
auf die ursprngliche Bevlkerung ausbte, haben deren Verhltnisse
wesentliche nderungen erfahren.

Die Niederlassungen unterhalb der Wasserflle sind gleich wie die
oberhalb derselben von einander unabhngig, nur hat bei jenen lnger
als bei diesen eine von _Bo Ledj Aja_ abstammende Huptlingsfamilie
auf die vielen kleinen, schwachen Stmme einen grossen Einfluss
gebt. brigens waren die Nachkommen dieser Familie infolge der auch
hier herrschenden Vielweiberei unter den Huptlingen so zahlreich, dass
sie unter den Frstenhusern der meisten Drfer Glieder zhlte. Als
im Beginn des 19. Jahrhunderts der genannte _Ledj Aja_ mit einem
grossen Teil der Long-Glat und den von diesen abhngigen Stmmen die
Wasserflle hinunterzog, gingen zugleich eine Menge Sklavenfamilien
mit, die zu den ursprnglichen Mahakambewohnern, wahrscheinlich
Ot-Danum gehrten, wodurch sich die Bahau hier, wie oberhalb der
Wasserflle, mit dieser Stammgruppe stark vermischten. Von diesen
Sklavenfamilien sind gegenwrtig beinahe keine mehr brig geblieben,
weil sie durch Heirat in den anderen aufgingen. Im Jahre 1825
begegnete, wie an anderer Stelle bereits gesagt, _Georg Mller Ledj
Aja_, der damals als einer der grssten Huptlinge dieses Gebietes
galt. Am Ende der 40 er Jahre hatte sich einer seiner Shne, _Kerta_,
bereits als Huptling in Udju Tepu festgesetzt. Mit diesem als dem
einflussreichsten Manne hatten _Von Dewall_ und _Schwaner_ bei ihren
Reisen am mittleren Mahakam zu unterhandeln. _Kerta_ war damals vom
Sultan gnzlich unabhngig. Der jngste Sohn _Ledj Ajas_ war der
90 jhrige _Bo Adjang Ledj_ in Long Deho, der sich noch an _Georg
Mller_ erinnerte. Im folgenden wird noch fters von ihm die Rede sein.

Der Sohn _Kertas_, _Ledj_, trat unter dem Einfluss des Sultans von
Kutei, der ihn viele Jahre in Tengaron festhielt, unter dem Namen
_Raden Temenggung_ zum Islam ber. Er diente dem Sultan einerseits
als Handlanger, um dessen Ansehen in den Gebieten oberhalb Udju Tepu
zu verstrken, indem er die Macht des Kuteischen Frsten, als seines
Bundesgenossen, den anderen Bahauhuptlingen gegenber ausspielte,
anderseits wusste er doch dafr zu sorgen, dass diese Macht sich
nicht zu weit erstreckte.

Whrend _Raden Temenggung_ jahrelang in Tengaron gefangen lebte,
breitete die Familie seines Halbbruders _Jok_, der in Lirong Tika als
Huptling der Long-Glat ansssig war, ihren Einfluss im Gebiet des
Mittel-Mahakam immer mehr aus; die Eifersucht zwischen den Nachkommen
dieser beiden Brder hat sich bis jetzt noch erhalten. Um 1890
wurden alle grossen Huptlinge dieses Gebiets ein Opfer der Cholera,
die gerade zu einer Zeit in Tengaron ausbrach, als der Sultan die
Bahaufrsten widerrechtlich jahrelang bei sich zurckhielt. Der junge
Huptling _Band Jok_ floh damals mit der Leiche seines Vaters aus
Tengaron nach Lirong Tika und zog dann aus Furcht vor Kutei mit der
ganzen Niederlassung nach Long Deho, oberhalb des Kiham Halo und Udang,
wo dieser Teil der Long-Glat jetzt noch wohnt. Auch _Raden Temenggung_
starb an den Folgen derselben Krankheit in Udju Tepu. Auf ihn folgte
sein Sohn _Ding_, der, als viel weniger krftige Persnlichkeit, seinen
Einfluss in diesem Bahaugebiet gegenber seinem Vetter _Bang Jok_ stark
abnehmen sah, trotzdem aber bis zu seinem 1897 erfolgten Tode niemals
aufhrte, der Macht der Kuteischen Malaien entgegenzuarbeiten. Aus
Eifersucht gegen ihn intrigierte sein Bruder _Brit_, spter _Raden
Mas_, fortwhrend zum Vorteil von Kutei, doch lehnte auch er sich,
nach _Dings_ Tode, gegen die zu anmassenden Forderungen von Kutei
auf. Beide Brder hatten jedoch nicht die Macht gehabt, den Strom
von Buschproduktensuchern der Kste von ihrem Lande abzuwehren.

Die Bahau am oberen Mahakam haben in den Wasserfllen einen
natrlichen Schutz gegen den Einfluss der Kstenmalaien gefunden;
bei denen am mittleren Mahakam dagegen haben bereits seit Jahrzehnten
zahlreiche Hndler aus den tiefer gelegenen Gebieten verkehrt und
die Dajak selbst sind auf den grossen, schiffbaren Flssen fters
hinuntergefahren, um sich auf den Kstenmrkten mit verschiedenen
Gebrauchsartikeln zu versehen. Ihre dajakischen Sitten und Gebruche
litten durch diese Berhrung mit der Kste jedoch weniger als ihr
Wohlstand, der bereits durch die mit den schlechteren klimatischen und
hygienischen Verhltnissen verbundene Verminderung der Arbeitskrfte
geschdigt, durch die Einfhrung von Spiel, Hahnenkmpfen und Wetten
ernstlich untergraben wurde. In ihrer Kleidertracht behielten
diese Stmme insofern ihre vorvterlichen Gewohnheiten, als sie
den eingefhrten Kattun und andere Stoffe auf altdajakische Weise
verarbeiteten. Baumbastkleidung ist bei ihnen beinahe gnzlich
ausser Gebrauch geraten, sogar bei Trauer wird statt dieser hufig
weisser oder hellbrauner Kattun getragen. Kleiderverzierungen
in Form ausgeschnittener Figuren kommen nicht mehr vor, und auch
das Besticken der Frauenrcke, eine besonders bei den Long-Glat
oberhalb der Wasserflle sehr verbreitete Mode, ist bei diesen tiefer
wohnenden Stmmen in Abgang gekommen. Die zum Islam bergetretenen
Huptlingsfamilien kleiden sich gern nach malaiischer Art, und auch
die noch heidnisch gebliebenen Huptlinge wie _Bang Jok_ finden
ein malaiisches Kostm ihrem Rang viel entsprechender als ihre alte
Dajaktracht. Infolgedessen nehmen auch viele niedrigeren Huptlinge
und gewhnliche Bahau, besonders die Mnner, die malaiische Kleidung,
hauptschlich die Hose, an.

Das Tragen von Ringen in den weit ausgereckten Ohrlppchen ist
unter Mnnern und Frauen noch allgemein gebruchlich, auch ist die
Ttowierung bei diesen noch sehr in Schwang. Trotzdem fiel es mir
auf, dass die Frauen in Udju Halang z.B. sehr leicht zum Verkauf
ihrer Ttowierpatronen zu bewegen waren, whrend ich mir diese bei
den Stmmen oberhalb der Wasserflle meist nur gegen sehr hohe Preise
verschaffen konnte. Auch alte Schmuckstcke, wie Perlenarbeiten, waren
hier leicht kuflich, wozu natrlich auch die Armut der Bevlkerung und
ihre Kenntnis des Geldwertes beitrugen. Bezeichnend fr letztere war,
dass wir bei diesen Stmmen bereits viel mit Kupfergeld ausrichten
konnten, whrend oberhalb der Flle nur grosses Silbergeld Wert
besass. Doch nahm man auch am mittleren Mahakam noch Tauschartikel,
wie Lebensmittel, sehr gerne an.

Fr den Ackerbau, der auch am mittleren Mahakam noch das
Hauptexistenzmittel der Bewohner bildet, wird nur wenig Urwald mehr
gefllt; dieser ist in der Nhe der Drfer brigens auch selten
geworden. Die hier lebenden Bahau begngen sich, wie die Malaien,
mit dem Fllen von Gestrpp und jungem Wald, weil diese Arbeit viel
mheloser ist; spter allerdings kostet das Jten des in solchen
Feldern massenhaft auftretenden Unkrauts viel mehr Anstrengung
und Zeit, als anfangs erspart worden ist. Beachtenswert ist, dass
_alang-alang_ in diesem Teil des Mahakamgebietes noch sehr wenig
vorkommt und auf den abgeernteten Feldern junger Wald noch sehr schnell
aufschiesst. Besonders bei den tiefer am Fluss wohnenden Stmmen
leidet der Landbau sehr stark durch berschwemmungen der flachen Ufer,
auf denen ihre Felder hufig liegen; berdies bt die seit Alters
hufig wiederkehrende grosse Trockenheit einen sehr nachteiligen
Einfluss auf die Ernten. Die oberhalb der Flle lebenden Stmme, deren
Felder zwischen hohen Bergen in 150-250 m Hhe liegen und daher viel
regelmssiger Regen erhalten, versahen die unteren Gebiete whrend
vieler Jahre mit ihren Landbauerzeugnissen. Seitdem von der Seekste
aus am mittleren Mahakam Reis eingefhrt wird und der Preis fr diesen
sehr gefallen ist, hat die hher wohnende Bevlkerung eine wichtige
Einnahmequelle verloren. Dasselbe gilt fr die selbstverfertigten
Stoffe und Kleider; auch diese erreichen seit der Einfuhr europischer
und japanischer Ware in dieser Gegend nicht mehr den frheren Wert.

Unter allen Niederlassungen am Mittel-Mahakam ist die der Long-Glat
in Long Deho eine der wichtigsten. Sie dankt ihr Ansehen teils der
Persnlichkeit ihres Oberhuptlings _Bang Jok_, teils der Zuflut von
Fremden, die ihr Brot direkt oder indirekt durch Buschproduktesuchen in
der Umgegend verdienen. Das Dorf selbst setzt sich aus verschiedenen
kleinen Stmmen zusammen, wie dies auch bei den Long-Glat am oberen
Mahakam der Fall ist. Bei einander wohnen die eigentlichen Long-Glat
und die Ma-Tuwan, beide in ihren eigenen langen Husern und unter
eigenen Huptlingen, whrend ein grosses Dorf der Batu-Pala und ein
anderes der Uma-Wak, die beide unter direkter Abhngigkeit von _Bang
Jok_, aber unter eigenen Huptlingen stehen, etwas tiefer am Fluss
gelegen sind. Neben _Bang Jok_ wohnte die schon erwhnte Familie
seines Grossonkels _Bo Adjang Ledj_, der keine bestimmte Funktion
ausbte, durch seine Abstammung als Sohn des bereits genannten
Kriegshelden _Bo Ledj Aja_ jedoch grosses Ansehen genoss. Seinen
Stammesgenossen bereitete er durch seinen Charakter und seinen
Lebenswandel viel rgernis, denn er war stets unzuverlssig und den
Frauen allzusehr ergeben. Infolge der von den Malaien bernommenen
Sitte der Vielweiberei unter den Bahauhuptlingen erlaubte er
sich, nacheinander nicht weniger als 15 Frauen zu heiraten, ein
Familienverhltnis, das seine Landsleute trotz seines langen Lebens
unerhrt fanden. Die Frauen waren teils gestorben, teils zu ihren
frheren Wohnpltzen zurckgekehrt, nur 5 von ihnen lebten noch zu
meiner Zeit mit ihren Kindern bei ihm. Die jngste war bei seinem Tode
etwa 25 Jahre alt. _Adjang Ledjs_ Frauen stellten die Arbeitskrfte
in der Familie dar, indem sie sich mit einigen erwachsenen Shnen
und Tchtern hauptschlich dem Feldbau widmeten. Obgleich der Vater
trotz seines Alters und seiner Krnklichkeit sich immer noch als
pater familias behauptete, hatte sein ltester Sohn _Ibau Adjang_,
der verheiratet aber kinderlos bei ihm wohnte, doch die eigentliche
Leitung in Hnden und vertrat die Familie nach aussen.

_Bang Jok_, der sich mit Vorliebe als Malaie aufspielte und kleidete
und whrend seines langen gezwungenen Aufenthaltes in Tengaron eine
starke Leidenschaft fr Hazardspiel und Hahnenkmpfe entwickelt
hatte, wurde von seiner einzigen Frau daran verhindert, auch der
malaiischen Sitte der Vielweiberei zu frhnen. Man redete im Dorfe
zwar davon, dass er eine Tochter des Sultans von Kutei heiraten und
zum Islam bertreten sollte, wodurch die Kuteinesen ihren Einfluss im
Binnenland sehr zu verstrken hofften, aber die schnelle Einsetzung
einer niederlndischen Verwaltung [1] unter diesen Bahau und das
Misstrauen _Bang Joks_ selbst vereitelten diesen Plan.

Angeborener Verstand, politische Einsicht und der Aufenthalt in
Tengaron hatten _Bang Jok_ einen grossen Einfluss auf die brigen
Stmme verschafft, und nachdem er sich einmal oberhalb des Kiham
Halo und Udang angesiedelt hatte, durfte er den Kuteinesen gegenber
leichter eine feindliche Haltung annehmen als die tiefer wohnenden
Huptlinge, wie _Ding Ledj_ in Ana. Mehrere Morde an reichen
Kaufleuten und Buschproduktensuchern, die _Bang Jok_ durch seine
Sklaven und Punan ausfhren liess, waren in den ersten Jahren die
Folge seines Aufenthaltes im entlegeneren Long Deho. Er besass nmlich
eine gewisse Anzahl Sklaven, nicht solche, die in seiner Familie von
frheren Kriegsgefangenen geboren worden waren, denn diese waren auch
bei den Long-Glat beinahe vollstndig in die Stmme aufgenommen worden,
sondern Schuldsklaven, die er ihrer Schulden wegen nach malaiischem
und buginesischem Brauch bei sich zurckhielt. Dies waren daher
auch keine Bahau, sondern Kstenbewohner, vor allem Buginesen. Sie
liessen sich denn auch leichter zu dergleichen Schandtaten bewegen
als die Bahau selbst, die weniger Mut besitzen und Morde aus Raubsucht
selten begehen.

Noch ein anderer Grund, weswegen _Bang Joks_ Name bis ins Murunggebiet
mit Schrecken genannt wurde, war die Macht, die er ber die Punan
am Boh ausbte. Wie die anderen Punanstmme lebten auch diese in
starker Abhngigkeit von den in der Nhe ansssigen Bahauhuptlingen,
hier von _Bang Jok_, der auf dasjenige Gebiet der Nebenflsse des
Mahakam Anspruch machte, zu dem auch das ausgebreitete Land am Boh
gehrte. Obgleich diese Abhngigkeit: in vieler Hinsicht usserst
schwach war, zeigten sich die Punan doch gern bereit, Kriegszge fr
den Huptling zu unternehmen, eine ihren Neigungen sehr entsprechende
Aufgabe, der sie sich auch im Auftrag anderer Bahauhuptlinge stets
bereitwillig unterzogen. So ermordeten sie auf _Bang Joks_ Anstiften
1896 im Ogagebiet 5 Batang-Lupar, die hier aus Serawak eingedrungen
waren, um Buschprodukte zu stehlen. Ein anderes Mal sandte er einige
Punanmnner ins Launggebiet an den Murung, wo sie einem feindlichen
malaiischen Huptling und einer Frau die Kpfe abschlugen und mit
diesen nach Long-Deho zurckkehrten. Dass diese geheimnisvollen
Urwaldkrieger sich selbst nicht straflos misshandeln liessen, bewiesen
sie, als sie um 1897 einen Mantri von _Bang Jok_ tteten. Dieser Mann,
der die Punan zu Handelszwecken aufsuchte, musste die ungerechten
Handlungen seines Huptlings diesen gegenber mit dem Leben bssen;
_Bang Jok_ hatte ihnen nmlich einen auf seinen Befehl geraubten
Sklaven abgenommen, ihnen denselben aber nicht vergtet. hnliche Dinge
hatte er wohl schon fters ausgefhrt. Die Punan flohen nach dem Morde
zwar aus dem Bohgebiet, aber dieses wurde nun sogar von den Bewohnern
von Long Deho selbst als eine usserst gefhrliche Gegend angesehen,
in der sie fortan weder zu jagen noch zu fischen Nagten.

Die Lage seines Dorfes dicht an der Mndung des Boh, des Hinund
Rckweges nach Apu Kajan, verschaffte _Bang Jok_ auch viel Einfluss
auf die Kenja, die den Mahakam besuchten und froh waren, diesen
Fluss nicht zu weit hinunterfahren zu mssen, um allerhand Produkte
kaufen und verkaufen zu knnen, wenn dies auch in Long Deho unter
fr sie usserst ungnstigen Bedingungen geschah. Da _Bang Joks_
Grossmutter eine Kenjafrau war, fhlten deren Stammesgenossen sich
noch mit dem Huptling verwandt. Ohne dessen Zustimmung wagten sie
denn auch keine Kopfjagd im Mahakamgebiet zu unternehmen, obgleich es
_Bang Jok_ an Macht gefehlt htte, um solch einen Zug mit Waffengewalt
zu verhindern. Als ich 1899 den Mahakam bis ber die Wasserflle
wieder hinauffuhr, lag eine Kenjabande unter Anfhrung von Punan
am Nebenfluss Alan und wartete auf den ebenfalls von Tengaron aus
flussaufwrts reisenden _Bang Jok_, um seine Zustimmung zur Fortsetzung
ihrer Kopfjagd zu erhalten. Nach Erlangung derselben schlugen sie am
Rata einigen Personen die Kpfe ab und flohen mit diesen eiligst nach
Apu Kajan zurck. In Long Deho und den Nachbardrfern sah man die
grossen Banden Kenja stets nur mit Angst den Boh hinunterfahren und
in der Niederlassung Halt machen, weil die Bahau nicht stark genug
sind, um ttlich gegen die Kenja aufzutreten, und sich daher alles
mgliche von ihnen gefallen lassen mssen. Nach ihrer Gewohnheit
nahmen die Bewohner von Apu Kajan im Vorberfahren von den rmlichen
Feldern der Bahau, was sie an Zuckerrohr, Tabak u.s.w. brauchten,
und bisweilen wurde wohl auch in Long Deho einem der Dorfinsassen
von einem Kenja der Kopf abgeschlagen. Begreiflicherweise kamen die
Bahau den Kenja nicht freundlich entgegen, doch kauften sie ihnen
immerhin gern die Buschprodukte ab, die diese auf der Durchreise am
Boh gesammelt hatten, um Marktgeld fr ihre Handelszge zur Kste
zu gewinnen. Waren die Bahau ihren Besuchern auch nicht an Mut und
Kraft berlegen, so verstanden sie doch, ihnen ihre Ware fr die
Hlfte oder weniger des Wertes abzunehmen.

In diesem vorteilhaften Handel mit den Kenja trat _Bang Jok_ jedoch
seine frher bereits erwhnte Schwester _Bua_ als Konkurrentin
entgegen, die in Long Bagung wohnte und dort mit _Raup_, dem
Sohn des Bakumpaihuptlings _Raden Djaja Kusuma_ verheiratet
war. Dieser schlaue Malaie verdiente hauptschlich viel im Handel
mit den Buschproduktensuchern, die aus dem Baritogebiet nach Long
Bagung kamen, um sich hier mit Reis, Salz, Tabak, Leinwaren u.s.w. zu
versehen. Wenn die Kenja daher von Apu Kajan den Kiham Udang und Halo
hinabfuhren, fanden sie bei _Rauf_ einen grossen Vorrat von allerlei
Waren, der _Bang Joks_ Betrgereien eine gewisse Grenze setzte. In
diesem vorteilhaften Handel mit seinem Schwager gemeinsame Sache zu
machen, dazu hatte er sich noch nicht aufgeschwungen; gegenseitiges
Misstrauen bildete wohl den Hinderungsgrund. Ein wirksames Mittel, die
Kenja anzulocken, wandten beide an, indem sie diese auf ihrem eigenen
Gebiet Buschprodukte sammeln und so etwas verdienen liessen. Fr
_Bang Jok_ sammelten die Kenja Rotang, hauptschlich im Gebiet
des Boh, fr seine Schwester in dem des Alan. Guttapercha war in
der Nhe des Mahakam nicht mehr zu finden, Rotang dagegen noch in
grosser Menge. Die Dajak des Inneren haben berdies vor dem Besuch
der nher zur Kste gelegenen malaiischen Niederlassungen am Mahakam
eine gewisse Abneigung, auch wurden sie dort, z.B. in Udju Tepu,
nur durch die strkere Konkurrenz der Hndler vor einer ebenso
grossen oder noch grsseren Prellerei geschtzt. Die Kenja mussten
den gesammelten Rotang diesen Huptlingen fr 1 fl. pro gulung von 40
Stck bei einer Lnge von 2-2 1/2 _depa_ abliefern; hierfr mussten
sie ihn in Long Deho und Long Bagung auch noch trocknen und unter
den Husern aufstapeln; der Marktpreis betrug in Udju Tepu zur selben
Zeit mindestens 3 fl pro _gulung_; ausserdem mussten die Kenja an Ort
und Stelle fr das verdiente Geld zu sehr hohem Preise Salz, Tabak,
Zeuge etc. wieder einkaufen. Kein Wunder, dass die Kenja, die sich
an der Kste bisweilen nach dem Preis der Handelswaren erkundigten,
das betrgerische Vorgehen dieser Huptlinge wohl durchschauten;
doch wussten sie kein Mittel, um sich dagegen zu wehren. Nach der im
letzten Jahr meiner Reise erfolgten Einsetzung eines niederlndischen
Kontrolleurs in Long Iram, der, in gleicher Weise wie es in Serawak
blich ist, den Handel mit den Stmmen des Inneren beaufsichtigt,
fahren die Bewohner vom Ober-Mahakam und Apu Kajan begreiflicherweise
lieber bis zu dieser Handelsniederlassung hinunter. Die Entdeckung
eines Schmuggelhandels in Waffen mit den aufstndischen malaiischen
Stmmen im Baritogebiet veranlasste brigens einige Jahre spter (1902)
die indische Regierung zur Aufhebung der Niederlassung Long Bagung.

Mit _Bang Jok_ im selben Hause wohnte auch dessen jngerer Bruder
_Lawing Jok_, der viel weniger Energie und Verstand besass als er und
sich hauptschlich mit Ackerbau, Jagd und Fischfang beschftigte,
mit denen _Bang Jok_ sich, gegen alle Bahausitte, berhaupt nicht
abgab. Auch _Lawing_ besass nur eine Frau, von der er mehrere Kinder
hatte.

Trotz der grossen Einknfte, die _Bang Jok_ sich auf alle mgliche
Weise zu verschaffen wusste, lebte er doch, wie das ganze Dorf, in
einem schlecht gebauten, bauflligen Hause und drftigen Verhltnissen,
da, in einem fr Europer unbegreiflichen Masse, sein ganzer Tag von
Spiel und Hahnenkmpfen eingenommen wurde. An diesen beteiligten sich
die fremden Hndler und Buschproduktensucher, die sich in Geschften
oder zur Erholung stndig in Long Deho aufhielten, mehr als die Bahau.

Obgleich die Wohnung des Huptlings nur aus einem einzigen grossen
Raum bestand, in dem alle Familienglieder lebten und ihre Matratzen
mit den darber gehngten Moskitonetzen sich befanden, hielten sich
doch den grssten Teil des Tages ber die Fremden dort auf, um sich
dem Karten- und Wrfelspiel zu sehr hohen Einstzen hinzugeben. Noch
mehr Geld wurde bei den stndigen Hahnenkmpfen gewonnen und verloren,
die hier vllig den Charakter eines Hazard- und Wettspiels angenommen
hatten. Hier wurden nicht mehr vor der Bestimmung des Einsatzes nach
allerhand aberglubischen Regeln die Kmpfer stundenlang miteinander
verglichen, wie es bei den Bahau oberhalb der Wasserflle Sitte ist,
sondern nach kurzer Besprechung waren die Vorbereitungen getroffen,
die Einstze bestimmt, die eisernen Sporen angebunden, und das Wetten
begann. Trotzdem _Bang Jok_ zu den entschlossensten Charakteren unter
den Bahauhuptlingen gehrte, war er in vieler Hinsicht doch von
den Malaien abhngig, die ihm mit ihrem Rat zur Seite standen. Er
selbst sprach zwar fliessend und gern Malaiisch, da er aber weder
lesen noch schreiben konnte, hatte er fr diese Fertigkeiten die
Hilfe der malaiischen Kstenbewohner ntig, von denen der eine oder
andere sich als Schreiber bei ihm aufhielt und wieder verschwand,
sobald seine Betrgereien dem Huptling zu arg wurden. Unter den
Leuten, die zu schreiben und zu lesen verstanden, befanden sich viele
Bandjaresen, die in den Missionsschulen der Zuider-Afdeeling diese
Kenntnis erworben hatten; wenn derartige, auch in der eingeborenen
malaiischen Gesellschaft ihrer Kenntnisse wegen sehr gesuchte Personen
ihre zivilisiertere Heimat gegen das unwirtsame Binnenland eintauschen,
so darf man wohl sicher annehmen, dass ihnen der Boden ihres Landes zu
heiss geworden ist, weil sie sich irgend eines Verbrechens schuldig
gemacht haben. Kein Wunder, dass auch _Bang Jok_ stndig von den
Malaien in seiner Umgebung betrogen wurde und nicht minder als seine
weniger weltklugen Ranggenossen einen lebhaften Abscheu vor ihnen
empfand. Er konnte sie jedoch wegen seiner Spielwut nicht missen,
und sein jahrelanger Aufenthalt in Tengaron hatte ihn zu viel mit
malaiischem Wesen in Berhrung gebracht, um ihn an der Gesellschaft
seiner rohen Bahaubrder noch Gefallen finden zu lassen.

Derselbe Widerspruch usserte sich auch in seinem Verhltnis zum Sultan
von Kutei: die Misshandlungen, die besonders seine Landsleute unterhalb
der Wasserflle von den Kuteischen Sultanen erdulden mussten und die
ihn selbst in das Gebiet oberhalb des Kiham Halo getrieben hatten,
erfllten ihn zwar mit Hass und Widerwillen gegen die malaiische
Rasse, doch war er andrerseits so geschmeichelt, wenn Abgesandte
des Sultans bei ihm erschienen, dass er sich von diesen leicht als
Werkzeug gebrauchen liess.

Die Bahaubevlkerung von Long Deho beteiligte sich, wie gesagt,
nur selten am Spiel in der Huptlingswohnung, obgleich auch jeder
Dajak, der Geld hatte, in dieser gemischten Gesellschaft willkommen
war. In den Husern der brigen Familien wurde brigens ebenfalls
viel gespielt; da sich besonders die jngeren Mnner dem Spiel
hingaben, statt sich dem Landbau zu widmen, herrschte in keiner
Bahauniederlassung am Mahakam eine solche chronische Nahrungsnot
wie in Long Deho. So oft ich auch bei meinen Auf- und Abfahrten auf
dem Mahakam hier Halt machte, gelang es mir doch nie, fr mich und
mein Personal eine gengende Menge Lebensmittel einzukaufen; auch
fr die Niederlassung selbst mussten stets von ober- oder unterhalb
der Wasserflle Vorrte angefhrt werden. Die Bevlkerung sprach denn
auch fters von den Vorteilen, die ein Rckzug in das Land unterhalb
der Wasserflle, wo man nie derartig an Mangel gelitten htte, bieten
wrde. Angst vor den Kuteinesen verhinderte jedoch die Verwirklichung
dieser Idee, und fr den Huptling bildete im geheimen die Nhe seines
kostbaren Bohgebiets, in dem noch so viele Buschprodukte zu sammeln
waren, ein gewichtiges Motiv, um seinen jetzigen Standort, von dem aus
er jene Schtze im Auge zu behalten vermochte, nicht zu schnell wieder
zu verlassen. Nach meiner Rckkehr aus dem Mahakamgebiet, Ende 1900,
gelang es ihm denn auch, mit einer Truppe von Buschproduktensuchern
Kontrakte ber die Ausbeutung der hher gelegenen Teile des Bohgebiets
abzuschliessen, die ihm sicher betrchtliche Summen eintrugen. Zur
Wohlfahrt seiner Stammesgenossen wird dieser Umstand wenig beigetragen
haben, denn, obgleich sie das Recht besitzen, im Gebiet des Stammes,
also auch im Boh, auf eignes Risiko Buschprodukte zu sammeln, ohne
fr diese dem Huptling Abgaben zahlen zu mssen, so haben sie
doch keinen Anteil an den 10%, die die Fremden dem Huptling fr
die Ausnutzung eines bestimmten, dem Stamme gehrigen Gebietes an
Steuergeld aufbringen mssen. Das Gelnde, in dem die Bahau selbst
sammeln knnten und das durch die zunehmende persnliche Sicherheit
nach der Einsetzung einer niederlndischen Verwaltung in Long Iram
fr sie zugnglich geworden ist, wird jetzt durch Fremde ausgebeutet.

In Long Deho fiel es mir mehr als bei den reicheren, hher gelegenen
Drfern auf, wie sehr diese Bahau durch ihren Glauben in ihrem Tun und
Lassen geknechtet sind. So pflegte z.B. _Bang Jok_ jedes Jahr, nachdem
der Reis gest und der Nahrungsmangel vor dem Eintritt der neuen Ernte
am grssten war, mit seiner ganzen Familie und der seines Bruders
_Lawing_ nach Long Bagung unterhalb der Wasserflle zu ziehen, wo die
Zustnde infolge der Reiseinfuhr von der Kste gnstiger lagen. Zu
Anfang der Ernte musste _Bang Jok_ wieder nach Long Deho zurckkehren,
um als Stammeshuptling bei den Opferfeierlichkeiten fr die Geister,
die als _lali parei ok_ und _lali parei aja_ die Ernte einleiten,
den Dorfbewohnern voranzugehen. Ich selbst erlebte mehrmals, dass der
Huptling durch Hochwasser am Passieren der Wasserflle wochenlang
verhindert wurde oder dass seine Reisevorzeichnen schlecht waren und
die Bevlkerung von Long Deho, trotzdem sie Hunger litt und der Reis
auf dem Felde berreif abfiel oder durch Regen verdarb, die Ernte in
der Abwesenheit des Huptlings, also ohne Feste, nicht vorzunehmen
wagte. Dieser Beweis fr das hartnckige Festhalten der Bevlkerung
an ihrem Glauben, auch trotz der ungnstigsten Umstnde, ist um so
bemerkenswerter, als sich seit langer Zeit so viele andersglubige
Hndler und Buschproduktensucher bei ihnen aufhalten, die ber ihre
heidnische Dajakreligion spotten.

Was den Kultus der brigen Drfer am Mittel-Mahakam betrifft, so
halten auch sie noch allgemein mit Zhigkeit an ihrem alten Glauben
fest, obgleich die Familie ihres vornehmsten Huptlings in der Person
_Raden Temenggungs_ zum Islam bergetreten ist und sie selbst bereits
seit langem mit den Kuteinesen und Buginesen vom unteren Mahakam
in Berhrung gekommen sind. Natrlich hat der Einfluss, den diese
in vieler Beziehung auf die Bahau gebt haben, auch das religise
Gebiet nicht unberhrt gelassen und es ist sehr wahrscheinlich,
dass auch diese Stmme im Lauf der Zeit den fr sie sehr leichten
bertritt zum Islam nicht werden vermeiden knnen; denn auch sie
sehen zu den mohammedanischen Kstenbewohnern, wie zu hherstehenden
Menschen auf und dieser Grund wird fr sie stark genug sein, um das
Schweinefleischessen aufzugeben und sich den wenigen Zeremonien, die
der bertritt zum Islam den Dajak anfangs auferlegt, zu unterziehen.

Zur vollstndigeren bersicht ber die dajakischen Stmme am
Mittel-Mahakam sind noch zwei Gruppen derselben zu nennen, nmlich

die Tundjungstmme am rechten Mahakamufer und die Kenjastmme am
Tawang. Die Tundjung wohnen nicht am Hauptstrom, sondern in einigem
Abstand von diesem im Hgelland zwischen dem unteren Mahakam und dem
Rata; sie betrachten sich selbst nicht als direkte Verwandte der
Bahau. Sie stellen sich regelmssig, um Handel zu treiben, an den
_pankalan_ des Mahakam ein, d.h. an den Stellen, wo die Wege aus
ihrem Gebiet den Hauptfluss erreichen. Der vielen Nahrungsmittel
wegen, die sie auf den Markt bringen, sind sie hauptschlich fr
die vielen Fremden in diesem Teil des Mahakamgebietes von grosser
Bedeutung. Sie sind direkt abhngig vom Sultan von Kutei, d.h. sie
sind ihm tributpflichtig und mssen sich von ihm zu willkrlichen
Terminen Steuererhebungen gefallen lassen. An festen Abgaben muss
jeder erwachsene Mann 3 fl und jede Frau und jedes Kind 1 fl leisten,
berdies muss jedes Familienhaus, _amin_, noch 1 _kati_ Guttapercha
im Wert von etwa 2,5 fl aufbringen. Diese letzte Bestimmung rhrt aus
einer Zeit her, in der im Tundjunglande noch viele Guttaperchabume
zu finden waren, aber jetzt sind sie dort bereits lange ausgerottet,
und die Tundjung knnen die erforderliche Menge nur noch in sehr
grosser Entfernung von ihrem Wohnplatz zusammenbringen. Hierdurch
ist diese, im Beginn nicht schwere Steuer allmhlich sehr drckend
geworden. Die zu unregelmssigen Terminen vom Sultan erhobenen Abgaben
bestehen hauptschlich in Reis und Hhnern. Sehr charakteristisch
fr die Verhltnisse in diesen Gegenden war das Betragen dieser
Tundjungstmme gegenber Kutei, insofern es sehr stark durch
Rcksichten auf die Gesinnung der Bahau beeinflusst war. Obgleich sie
von diesen vllig unabhngig sind, empfinden sie doch einen grossen
Respekt vor deren vornehmsten Huptlingen, hauptschlich denen in
Udju Tepu; sie machten sogar die Entrichtung der Steuern an Kutei,
der sie sich nur sehr widerwillig unterzogen, von der unter diesen
Huptlingen herrschenden Stimmung gegen den Sultan abhngig. Unter
_Raden Temenggung_, der in seinen letzten Lebensjahren nur noch im
geheimen gegen Kutei aufzutreten wagte, hatten sie noch regelmssig
bezahlt, sobald aber nach dessen Tode sein Sohn _Si Ding Ledj_
eine feindliche Haltung gegenber den Sultan annahm, stellten sie
die Zahlung ein. Da es den malaiischen Frsten ausschliesslich um
die Einknfte von den unterworfenen Stmmen zu tun ist und sie die
Ausgaben, welche Zwangsmassregeln erfordern, scheuen, schritt der
Sultan nicht gegen dieses widersetzliche Betragen ein. Sobald nach dem
Tode _Dings_ dessen Bruder _Brit Ledj_, der bereits lange vom Sultan
bestochen worden war, unter dem Namen von _Raden Mas_ an Stelle des
Verstorbenen trat und die Tundjung somit in den Bahau nur wenig Sttze
gegen Kutei mehr fanden, begannen sie aufs neue Steuern zu bezahlen.

Ebenfalls von Bedeutung fr die Bevlkerungsverhltnisse am Haupt
strom ist die Existenz der Kenjaniederlassungen der Uma-Tim am oberen
Tatyang, einem linken Nebenfluss des Mahakam, den man durch den Merah
erreicht. Dieser etwa 2000 Seelen zhlende Stamm ist als letzter vor
ungefhr 30 Jahren aus Apu Kajan in das Tiefland ausgewandert. Der
unmittelbare Anlass zu ihrer Auswanderung war folgender: Die Uma-Tim
spielten frher in ihrem Stammland infolge ihrer Strke die gleiche
Rolle, wie jetzt die Uma-Tow, d.h. sie nahmen den brigen Stmmen
gegenber eine herrschende Stellung ein, machten sich aber unter
diesen durch ihr gewaltttiges Auftreten so viele Feinde, dass ihnen
der Aufenthalt dort nicht mehr sicher erschien. Ausserdem sehnten
sie sich danach, in grsserer Nhe der Kste zu leben, von der sie
Salz, Tabak und Leinwaren leichter beziehen konnten; auch hofften
sie im Vertrauten auf ihre grosse Anzahl, nicht zu sehr unter die
Abhngigkeit vom Sultan von Kutei zugeraten. Nachdem sie mit diesem
zuerst ber eine Ansiedelung in seinem Reich am Tatyang unterhan
delt und seine Zustimmung erhalten hatten, begannen sie unter ihrem
Huptling _Bo Adjang Hipui_, der damals in Apu Kajan viel Einfluss
besass, nicht lngs des Boh, sondern in stlicher Richtung auszuwan
dern. Um die mannigfaltigen, fr ein so grosses Unternehmen erfor
derlichen Vorzeichen zu suchen, begann der Stamm damit, in seiner
Auswanderungsrichtung einen fr eine zeitweilige Siedelung passenden
Ort auszuwhlen. Dort blieb er eine Reisernte ber wohnen, dann zog
er auf die gleiche Weise weiter, so dass es drei Jahre dauerte, bevor
er sich am Tatyang niedergelassen hatte. Nach dem, was sie selbst
erzhlten, hatten die Uma-Tim auf dieser Reise nicht all ihr Hab und
Gut mitnehmen knnen, sondern einige wertvolle Gegenstnde, wie Gonge,
an verschiedenen Waldstellen verbergen mssen. Augenblicklich wohnt
der Stamm noch am Tatyang in mehreren grossen Niederlassungen unter
der Herrschaft von _Ibau Adjang_ und _Ding Adjang_, den Shnen seines
berhmten Huptlings _Bo Adjang Hipui_.

Die Siedelung dieser Kenja-Dajak am Tatyang ist vor allem deswegen
fr den Mahakam von Bedeutung, weil ihre Verwandten aus Apu Kajan sie
auf ihren Handelsreisen zur Kste stets wieder besuchen und dabei die
Route Boh-Mahakam-Merah-Tawang einschlagen. Ihre alten Fehden haben die
Stmme aber trotz der ververwandtschaftlichen Besuche nicht vergessen.

Diese Kenjastmme hatten nicht, wie die Bahau, ihre Unabhngigkeit
Kutei gegenber zu bewahren verstanden, obgleich sie anfangs so
zahlreich waren und mit der Energie der Gebirgsbewohner ausgerstet
ihre neuen Wohnpltze bezogen hatten. Mit grosser Gewandtheit hatten
die Sultane von Kutei aus dem Verhltnis der Stmme untereinander
ihren Nutzen zu ziehen verstanden. Anfangs hatten die Kenja dieses
Gebiet mit Zustimmung des Sultans besetzt, ohne von diesem in irgend
einer Weise abhngig zu sein. Ihre vornehmsten Huptlinge _Ding
Adjang_ und _Ibau Adjang_ hatten sich oberhalb der Niederlassung
Long Bila zwei grosse Huser gebaut; nach kurzer Zeit entstand
aber Streit zwischen den neuen Nachbarn, worauf das Kpfejagen von
beiden Seiten mit Erbitterung betrieben wurde. Da die Long-Bila
unter der Herrschaft des Sultans von Kutei standen, suchten sie bei
diesem Hilfe. Er sandte ihnen einige Malaien und eine grosse Anzahl
Gewehre mit Munition, die die Kenja nicht besassen und vor denen sie
sich daher sehr frchteten. Die Long-Bila erhielten hierdurch das
bergewicht ber die Uma-Tim, denen sie im brigen weder an Anzahl
noch an persnlichem Mut gewachsen waren. Durch eine Beschiessung
ihrer Niederlassungen zwangen sie die Kenja, diese zu verlassen,
worauf sie die Huser verbrannten. Dieser obdachlose Stamm musste
sich darauf dem Sultan unterwerfen und ihm tributpflichtig werden,
worauf dieser ihm dann neue Huser zu bauen gestattete.

ber das Verhltnis der Uma-Tim zu den ihnen verwandten Stmmen
in Apu Kajan und den Einfluss, den dieses auf den Verlauf meiner
Reise zu den Kenja gehabt hat, wird im IV. Kapitel ausfhrlicher
die Rede sein. Zum Schluss noch einige Bemerkungen ber die
Beziehungen zwischen der Bahaubevlkerung ober- und unterhalb der
Wasserflle. Aus den vorhergehenden Schilderungen ging bereits
hervor, dass die Bande zwischen den Mahakamstmmen sehr locker
sind; da die Glieder desselben Stammes in der Regel untereinander
heiraten, besteht eine Blutsverwandtschaft zwischen den Stmmen
nur unter den Huptlingsfamilien, deren Angehrige, um eine
ebenbrtige Heirat schliessen zu knnen, sich oft mit Gliedern
anderer Stmme verbinden. So sind am oberen Mahakam die Huptlinge
aller Niederlassungen mit der Familie des alten _Bo Ibau_ verwandt
geworden, am mittleren Mahakam dagegen mit der seines Bruders _Bo
Ledj Aja_. Ihre gemeinsame Abkunft aus Apu Kajan ist den Stmmen
jedoch, wie schon erwhnt, noch wohl bekannt, wenn die Geschichte
ihrer Auswanderung auch allmhlich mit phantastischen Erzhlungen
verknpft worden ist. Ebenso erinnern sie sich noch, wie seiner Zeit
mit _Bo Ledj Aja_ Angehrige zahlreicher Stmme, wahrscheinlich von
dem mchtigen Huptling gezwungen, die Wasserflle hinunterzogen. Von
vielen dieser ausgewanderten Stmme sind nur wenige Familien brig
geblieben und diese werden allmhlich ber die Wasserflle zu ihrem
ursprnglichen Stamm zurckgeholt. So beabsichtigten die Kajan
whrend meines Aufenthaltes bei ihnen, einige Familien, die von dem
ausgewanderten Teil ihres Stammes brig geblieben waren und am Rata
ein armseliges Leben fhrten, nach dem Blu-u zurckzuholen. Der
vornehme Kajanpriester _Bo Bawan_ hatte, was der Entfernung wegen
nur selten vorkam, eine Frau aus einer dieser Familien geheiratet;
im Jahre 1891 begleitete er mich auf meiner ersten Reise den Mahakam
hinunter, um mit seiner Gattin deren Angehrige am Rata zu besuchen.

Obwohl ihre Verwandtschaft unter einander ihnen bekannt ist, stehen
sich die Stmme oberhalb der Wasserflle viel weniger fremd gegenber
als denen unterhalb derselben. Die Bahau oberhalb des Kiham Halo
betrachten sich noch als Leute gleicher Art und Gesinnung, unterhalb
desselben beginnt fr sie aber das Gebiet der Fremden. Hauptschlich
liegt dies daran, dass sie ihre Stammverwandten am Mittel-Mahakam
weniger hufig besuchten und bei ihnen viele Sitten der Kstenbewohner
eingeschlichen fanden.

Bezeichnend fr das Verhltnis der Bewohner am oberen und mittleren
Mahakam war, dass die jungen Kajan vom Blu-u auf unserem Zuge nach
Udju Tepu in den Drfern Long Deho, Batu Pala und Uma Wak mit den
jungen Mdchen der Huser, in welchen wir bernachteten, in intimen
Verkehr traten und nur schwer von ihnen zu trennen waren, unterhalb
der Wasserflle jedoch derartige Vertraulichkeiten vermieden,
weil sie hier weniger bekannt waren und berhaupt durch allerhand
geheimnisvolle Einwirkungen der Bevlkerung auf ihre Gesundheit krank
zu werden frchteten. Die Bewohner des Binnenlandes sind berzeugt,
dass die Leute unterhalb der Wasserflle im Besitz von Giften sind,
die sie einem unmerklich durch die Luft zukommen lassen knnen; auch
sollen sie diese Gifte auf die Sitzbretter streichen. Die Gifte,
die sich in das Essen mischen lassen, spielen in ihrer Vorstellung
beinahe keine Rolle.

Der Glaube an eine Vergiftung unterhalb der Wasserflle findet eine
Sttze in den vielen Umstnden, die dort mehr wie oberhalb der Flle
dazu beitragen, sie krank zu machen. Vor allem die grosse Hitze,
dann das unreinere Flusswasser, das sie trinken, ferner die hier
hufig herrschenden Infektionskrankheiten, wie Influenza, Cholera,
Pocken etc. Dazu kommt, dass sie hier stndig in ihren Bten leben,
ungewohnte Dinge essen, die ihnen in den _toko_ von den Malaien
verkauft werden, u.s.w., alles Grnde, um eine Handelsreise
die Wasserflle abwrts fr eine lebensgefhrliche Unternehmung
anzusehen. In der Tat erfordern diese Reisen hufig Opfer, und ich
selbst hatte oft Mhe, meine Reisegenossen vom mittleren Mahakam
oder gar von der Kste alle wieder lebend nach Hause zu bringen,
trotz meiner Frsorge, Ratschlge und Medizinen.





KAPITEL III.

    Plan eines Zuges ins Quellgebiet des Mahakam--Schwierigkeiten
    bei den Vorbereitungen Fahrt auf dem Mahakam bis zum Quellfluss
    Selirong--Durch den Seliku auf den Lasan Tujang--Aussicht von
    dessen Gipfel--Topographische Aufnahmen--Geologische Verhltnisse
    des Quellgebiets--ber den Lasan Towong zurck zum Lagerplatz
    am Selirong--Charakter der beiden Quellflsse--Besteigung des
    Batu Balo Baung--Umschlagen des Bootes in den Stromschnellen
    Vereinigung der topographischen Messungen des Mahakam- und
    Kapuasgebietes--Heimkehr nach Long Blu-u nach einmonatlicher
    Abwesenheit.


Eine der wichtigsten Angelegenheiten, die mich, abgesehen vom Zuge
zu den Kenja, an den Blu-u zurckgefhrt hatte, war die schon lange
geplante topographische Aufnahme des Quellgebiets des Mahakam und
des Batu Tibang, des Grenzgebietes gegen Serawak. Eine Reise in
diese Gegend war mir bereits in den Jahren 1896 und 97 missglckt,
im vorigen Jahre hatten wir hierzu keine Zeit gehabt, auch hatte der
Pnihinghuptling _Belar_ keine Unternehmungslust gezeigt; so versuchte
ich denn jetzt, den Zug mit Hilfe der Kajan zustande zu bringen. _Kwing
Irang_ frchtete wie gewhnlich, dass uns in diesen, den Kajan beinahe
unbekannten Gegenden ein Unglck zustossen mchte und wollte anfangs
seine Zustimmung nicht erteilen. Teils des Lohnes wegen, teils um
wieder eine interessante Reise zu machen, fanden sich aber einige
junge Mnner bei mir ein, die zum Unternehmen bereit waren, und jetzt
widersetzte sich _Kwing_ nicht mehr ernsthaft, sondern beauftragte
sogar seinen Ratgeber _Anjang Njahu_, mich als Anfhrer der Kajan zu
begleiten. _Kwing_ behauptete, selbst nicht mitgehen zu knnen, weil
er, in Anbetracht der sehr mittelmssig ausgefallenen Ernte, seinen
ganzen Reisvorrat beim Bau seines Hauses verbraucht hatte und daher am
Meras Reis einkaufen musste. Zum Glck stellte sich spter heraus,
dass seine _panjin_ doch noch Reis besassen. Ich beauftragte daher
_Demmeni_, eine mglichst grosse Menge Reis in Long Tepai einzukaufen,
was er auch tat. Im richtigen Augenblick kam ein Pnihing mit einem
kleinen, aber starken Boot angefahren, das er den Long Glat verkaufen
wollte; es gelang _Anjang Njahu_, das Boot gegen ein Schwert, ein
Fischnetz und zwei Stcke weissen Kattuns fr mich zu erstehen. Ein
Schwert und ein Netz besass ich zwar nicht, aber _Anjang_ trat mir
beides fr Geld ab, so dass er auch noch einen Gewinn davontrug und
ich um ungefhr 35 fl in den Besitz eines guten Bootes gelangte.

Als _Bier_ ankam, waren bereits viele Vorbereitungen fr den Zug
getroffen, was um so ntiger war, als die trockene Jahreszeit ihrem
Ende nahte (es war Ende September) und man berhaupt nur bei niedrigem
Wasserstande daran denken konnte, den reissenden Mahakam bis zu seinem
Ursprung hinaufzufahren. Da vorauszusehen war, dass das Unternehmen
lange dauern wrde, musste die Zahl der Teilnehmer mit Rcksicht auf
den Reisvorrat mglichst beschrnkt werden, weswegen ich _Demmeni_ zu
seiner grossen Freude keine photographischen Aufnahmen machen lassen
konnte und ihn mit _Doris_, der auf diesem Zuge wegen der kurzen
Rastzeiten doch keine bedeutenden Jagderfolge htte haben knnen,
am Blu-u zurckliess. Von den fnf Schutzsoldaten aus Samarinda,
die sich hier in den ungewohnten Verhltnissen noch bei jeder
Gelegenheit usserst unbeholfen benahmen, sollten uns nur die zwei
besten begleiten.

Am 30. September sollten wir, 30 Mann stark, in vier Bten abreisen,
und noch am Tage vorher hatte ich mit den Kajan die Ausrstung
besprochen und ihnen ans Herz gelegt, fr _tuba_-Gift zu sorgen, um,
sowohl fr unseren Unterhalt als fr die Anlage einer Fischsammlung,
einen kleinen Nebenfluss ausfischen zu knnen. Leider war das nicht
geglckt und wir mussten unser Vertrauen auf die _djala_, das Wurfnetz,
setzen.

Morgens stellte es sich heraus, dass zwei der tchtigsten jungen Leute
sich auf ihre Reisfelder begeben hatten und drei andere, _Anj Pela_,
_Sawang Hugin_ und _Sulang Orang_ unter allerlei Vorwnden nicht
mitgehen zu knnen erklrten.

Eigentlich hatte nur der letztere einen wirklichen Grund, sich
zurckzuziehen. Er war nmlich im Begriff Priester zu werden und
befand sich in einer Periode von _lali_, weil er seinem _to dajung_
geopfert hatte. _Sulang Orangs_ Familie, die ihn nicht gern mitziehen
lassen wollte, obgleich er selbst grosse Lust dazu hatte, verweigerte
im letzten Augenblick aus diesen religisen Grnden ihre Zustimmung zur
Reise. Sie hatte aber nichts dagegen, dass _Sulang Orangs_ Schwager
_Amei_ den Zug mitmachte, und da dieser selbst sich bereit zeigte,
beschloss ich, ihn mitzunehmen.

Was die Kajan in Wirklichkeit von der Beteiligung am Zuge zurckhielt,
war mir nicht deutlich und konnte ich auch nicht leicht erfahren, da
_Kwing_, die zuverlssigste Person im Dorfe, abwesend war. Es hatte
den Anschein, als wolle man den Zug, wegen der Besorgnis des Huptlings
um unsere persnliche Sicherheit, berhaupt nicht unternehmen. Sowohl
das Quellgebiet des Mahakam, in dem die Batang-Lupar aus Serawak
lange Zeit umhergeschwrmt waren, als der Batu Tibang, auf dem der
Erzhlung nach viele Geister, riesige Blutegel und andere gefhrliche
Tiere lebten, und den ich anfangs hatte besteigen wollen, waren nmlich
sehr gefrchtet. Als ich aber _Bo Kwai Adjung_, einen fr dajakische
Verhltnisse aufrichtigen Mann, nach dem wahren Sachverhalt fragte,
sagte er mir, dass in Wirklichkeit husliche Umstnde die Mnner an
diesem Tage an der Reise verhinderten und _Kwing Irang_ berdies noch
nicht endgltig mit ihnen gesprochen htte.

An Stelle der beiden Mnner, die sich morgens zu ihren Reisfeldern
davon gemacht hatten, meldeten sich jetzt einige andere zum Zuge,
und auch _Anj Pela_ und _Sawang Hugin_ erklrten sich reisebereit,
nachdem ich ihren weiblichen Familiengliedern, die durch allerhand
Gegenstnde, die sie fr mich herstellten oder mir verkauften, viel
verdienten, gesagt hatte, ich wolle mit ihnen nichts mehr zu schaffen
haben, falls ihre Mnner mich derartig betrgen. _Kwing Irang_, der
abends zurckkehrte, verstand die Leute dazu zu bewegen, dass sie am
1. Oktober morgens endlich wirklich reisefertig dastanden, allerdings
unter der Bedingung, dass ich ihren Taglohn auf 1 fl und Unterhalt
erhhte. Um nur fortzukommen und weil unser Unternehmen fr die Kajan
in der Tat ein Wagstck bedeutete, willigte ich sogleich ein, und bald
darauf fuhren wir den Mahakam bei sehr gnstigem Wasserstande aufwrts.

_Kwing Irang_ fhrte seine Absicht, uns nach Long Kub zu begleiten,
um bei den Pnihing einen guten Fhrer fr uns zu suchen, nicht aus,
sei es, dass die alte _Hiang_ ihn aus Eifersucht nicht zu seiner
jungen Frau lassen wollte, sei es, dass er in der kurzen Zeit keinen
passenden Mann finden zu knnen glaubte. Wir waren somit auf eigene
Kraft und berlegung angewiesen.

Einmal unterwegs machten sich auch alle unsere jungen Mnner
eifrig ans Werk, so dass wir, an Long Kub und _Belars_
Niederlassung vorberfahrend, abends bereits die Mndung des
Tjehan erreichten. Nachdem wir dort im Hause des Huptlings _Anja_:
bernachtet hatten, fuhren wir am folgenden Tage mit der gleichen
Schnelligkeit bis zur Mndung des Kaso. Unser Plan war, den Fluss
so schnell und weit als mglich hinaufzufahren und von dem hchsten
Punkte aus die Untersuchungen anzufangen. Der niedrige Wasserstand
war fr geologische Beobachtungen sehr geeignet, auch lassen sich
diese weit besser whrend der ruhigen Auffahrt als bei der bewegten
Abfahrt ausfhren, aber ich musste damit rechnen, dass der Fluss
berhaupt nur bei diesem gnstigen Wasserstande befahrbar war und wir
mit unserem Reisvorrat und daher auch mit unserer Zeit sehr sparsam
umgehen mussten. Somit blieb mir nichts brig, als dieses neue Gebiet
nur im Vorberfahren in Augenschein zu nehmen, ab und zu eine Notiz zu
machen und im brigen auf schnelles Vorwrtskommen zu achten. Bei der
Rckfahrt hoffte ich, eingehendere Untersuchungen vornehmen zu knnen.

Gleich nach Sonnenaufgang, so schnell als das Abbrechen der Zelte und
das Laden der Bte es gestattete, verliessen wir unseren Lagerplatz
an der Kasomndung.

Als wir gegen 8 Uhr eine gute Landungsstelle und Brennholz fanden,
hielten wir eine halbstndige Frhstckspause und ruderten dann
ununterbrochen bis 4 Uhr nachmittags weiter. In den letzten
Abendstunden wurde eine Waldstelle ausgehauen, eine Htte gebaut,
das Gepck aus den Bten geholt und Essen gekocht. Gleich nach der
Ankunft hatten sich einige Kajan mit dem Speer oder Netz zum Fischfang
begeben; zu diesem Zweck hatten wir ein sehr kleines Boot mitgenommen,
das von 2-3 Personen leicht gehandhabt werden konnte. Die Leute fingen
in der Regel einen oder mehrere grosse Fische, so dass wir nur selten
die Konserven anzugreifen brauchten. Da die Lnge unseres Aufenthaltes
in diesem unbewohnten Gebiet gnzlich von unserem Reisvorrat abhing,
bernahm _Bier_ die Aufsicht ber den Reis und teilte jedem seine
Portion zu. Die Kajan hatten brigens auch jetzt einen eigenen
Notvorrat an Reis oder _kertap_ mitgenommen.

Den dritten Tag ging es von unserer malerischen Lagersttte unter
den grossen, berhngenden Uferbumen weiter zum _pankalan_ Mahakam,
dem Anlegeplatz, an dem uns die Huptlinge der Bahau ein Jahr zuvor,
nach unserer Reise ber die Wasserscheide, abgeholt hatten. Die bis
zu dieser Stelle flachen Ufer steigen hier pltzlich so steil an,
dass an der Mndung des Howong keine hohen Bume mehr an ihnen wachsen
knnen. Der Howong ergiesst sich an seiner Mndungsstelle durch einen
nur 10 m breiten, aber sehr tiefen Spalt des rechten Ufers, den er sich
selbst in die Schiefer gegraben hat, in den Mahakam; weiter oben, wo
er ber lose Felsblcke strzt, bildet er 150 m hohe Wasserflle. Von
hier an verengt sich das Flussbett des Mahakam; hohe Felswnde aus
harten Schiefern und Hornstein erheben sich steil zu beiden Seiten,
so dass ein Mensch nur an wenigen Uferstellen Raum zum Stellen findet
und die Bootsstangen von den Wnden gleiten. Da das Wasser berdies
zu tief war, um mit den Stangen den Grund erreichen zu knnen,
htten wir uns bei hherem Wasserstande berhaupt nicht fortbewegen
knnen. Weiter oben flachte sich das Gelnde wieder ab und die geringe
Hhe des Uferwaldes, der sich ber eine grosse Strecke ausdehnte,
deutete an, dass hier einst die Reisfelder der Pnihing gestanden.

Auch am folgenden Tage fuhren wir an frherem Ackerland vorber,
bemerkten aber nur wenige Htten; in diesen wohnten Pnihingmnner,
die von der Jagd lebten und fr Frau und Kinder daheim Nahrungsvorrte
sammelten. Sie suchten auf den benachbarten Bergen wilden Sago und
jagten mit ihren Hunden Wildschweine, deren Fleisch sie rucherten
und deren Fett sie schmolzen, um es flssig, ungesalzen, in frischen
Bambusgefssen aufbewahren zu knnen. Zu bestimmten Jahreszeiten, wenn
die Baumfrchte reif sind, werden hufig so fette Schweine erlegt, dass
ein einziges Tier eine Familie monatelang mit Fett versorgt. Das Wild
ist in diesen ausgedehnten, von nur wenigen Bukatfamilien bewohnten
Gebieten nicht scheu, die Jagd daher sehr lohnend. Die Pnihing
schiessen auch Hirsche, da ihre _adat_ ihnen Hornvieh zu essen erlaubt.

Die Jger berichteten, dass wir weiter oben keine Jagdgesellschaften
mehr antreffen wrden, weil man sich aus Furcht vor den Batang-Lupar
nicht weiter hinaufwagte, obgleich man von den Feinden nichts merkte;
sie meinten auch, dass wir die Quellflsse des Mahakam und den Landweg
nach Serawak bei diesem gnstigen Wasserstande in fnf Tagen erreichen
wrden, was sich spter als richtig herausstellte.

An diesem Tage passierten wir noch den Kiham Matandow (Sonnenfall),
eine Stelle, an der der Fluss augenscheinlich eine der Ketten des
Schiefergebirges durchbricht und die daher schwer zu berwinden ist.

Der Fluss drngt sich hier mit starkem Geflle zwischen einer beinahe
senkrechten nackten Schieferwand links und einem Chaos von Felsblcken
rechts hindurch. Alle, die sich auf dem Wasser nicht sicher genug
fhlten, stiegen hier aus und der strkere Teil der Bemannung begann
die Bte mit Rotangkabeln, bald lngs des einen, bald lngs des
anderen Ufers aufwrts zu ziehen. Zur grossen Genugtuung der Kajan,
die hier frher hufig mit vielen Schwierigkeiten zu kmpfen gehabt
hatten, befanden wir uns mit allen Bten noch vor Sonnenuntergang
oberhalb des Kiham Matandow; eine hnliche Befriedigung empfand ich
selbst darber, dass wir den sehr beschwerlichen Weg ber die Felsen
ohne Arm- und Beinbruch zurckgelegt hatten. Leider entdeckten wir
erst auf dem Rckwege, dass etwas weiter links ein sehr guter Pfad
durch den Wald fhrte. Da es zum Weiterfahren zu spt war, schlugen
wir auf der ersten besten Gerllbank unser Lager auf.

Von hier an begegneten wir keinen Menschen mehr, wohl aber vielen
alten Htten, die, ihrer Bauart nach, teils von Batang-Lupar teils von
Bahau auf dem Wege nach Serawak gebaut worden waren. Die feindlichen
Htten sahen, zur grossen Beruhigung unserer Kuli, am ltesten und
verfallensten aus.

Oberhalb des Kiham Matandow verschmlerte sich das Flussbett immer
mehr und zeigte an Stellen, wo es einen Bergrcken durchbrach, in der
Regel nicht ber 40 m Breite; dazu lag der Fluss voller Felsblcke,
die Stromschnellen verursachten. Trotz aller dieser Hindernisse kamen
wir schnell vorwrts und bernachteten auf einer Flussbank gegenber
einer prachtvoll bewachsenen Bergkette.

Frh am anderen Morgen wurde aufgebrochen und an der Mndung des in
das Meras-Gebiet fhrenden Sek, eines grossen linken Nebenbusses
des Mahakam, gefrhstckt. Wir erfuhren spter, dass uns whrend
der Mahlzeit eine Bande Punan vom Meras belauerte; sie hielt uns
anfangs fr Batang-Lupar und war, auch nachdem sie uns erkannt hatte,
zu scheu, um nher zu kommen. Sie erzhlten _Kwing Irang_, dem sie
spter am Meras begegneten, wo sie uns getroffen hatten.

Nachdem wir an einigen grossen Nebenflssen vorbeigefahren waren,
wurde der Hauptstrom schmler und schmler; da dass Flussgeschiebe
ausserdem hie und da meterhohe, steile Bnke bildete, wre es uns, wenn
das Wasser nicht gerade jetzt infolge einiger Gsse gestiegen wre,
wodurch die Bte sich leichter hinaufziehen liessen, nicht geglckt,
bereits am neunten Tage am Seliku, dem rechten Quellfluss, vorber
zu fahren und noch am gleichen Tage den _taga harok_ (Anlegeplatz
der Bte) am Selirong zu erreichen. Das Ziehen der Bte ber das
Flussgerll war besonders am letzten Tage sehr mhsam gewesen, und ich
hatte nicht nur das Boot verlassen, sondern auch beim Schleppen helfen
mssen. Bei dieser Gelegenheit machte ich aufs neue die Beobachtung,
dass die Bahau zwar bei weitem nicht so stark wie wir Europer, aber
dafr ausdauernder sind. Dass sich in dieser Gegend seit langer Zeit
keine Menschen gezeigt hatten, bewies uns ein Hirsch, der uns vom Ufer
aus in einem Abstand von kaum 10 m mit grossem Interesse beobachtete
und durchaus nicht ans Fliehen dachte, sondern, erst nachdem unser Boot
vorbergefahren war, mit bedchtigem Schritt in den Wald zurckkehrte.

Am _taga harok_ war der Wald im Laufe der Zeit ausgerodet worden;
in den mit Gestrpp bewachsenen Lichtungen standen noch die
halbverfallenen Htten der letzten Reisenden. In einer Bucht lag auch
noch ein altes Boot, das die Batang-Lupar augenscheinlich vor langer
Zeit zurckgelassen hatten.

Die Mnner fanden bald eine gengende Menge Holz, um Htten zu bauen,
in denen wir es uns noch vor Einbruch der Dunkelheit gemtlich machten,
mit dem stolzen Bewusstsein, den Mahakam in aussergewhnlich kurzer
Zeit vllig hinaufgefahren zu sein. Der Selirong ist bei niedrigem
Wasserstande nur 10 m breit und weiter aufwrts der vielen Felsblcke
wegen nicht mehr befahrbar. Wir befanden uns hier an der Stelle,
von der aus man am besten den Bergrcken, der lngs des linken Ufers
des Seliku zum Njangeian fhrt, besteigen kann. Frher bentzte man
das Flussbett des Seliku selbst als Weg, doch ist dieser wegen der
zahlreichen Wasserflle und glatten Schieferfelsen, ber die man
hinweg klettern muss, so beschwerlich, dass man jetzt lieber den
5-700 m hohen Bergrcken hinauf- und hinabsteigt.

Der _taga harok_ liegt in einer Hhe von 550 m; wir waren also in neun
Tagen ungefhr 300 m gestiegen, wonach man sich die Schwierigkeiten,
die das Schleppen der Bte besonders in den letzten Tagen verursacht
hatte, vorstellen kann. Der 10. Oktober war uns daher als Ruhetag sehr
willkommen. Einige Mnner wuschen unsere Kleider und trockneten sie in
der Sonne, deren Strahlen bis zum Erdboden durchdrangen; andere wieder
trafen Vorbereitungen fr die Landreise. Mit Rcksicht auf die kurze
Dauer unseres Zuges nahmen wir nur das notwendigste Gepck mit; denn
es lag uns daran, so schnell als mglich den auf der Wasserscheide
zwischen Mahakam und Batang-Redjang liegenden und somit die Grenze
gegen Serawak bildenden Lasan Tujang zu erreichen. Von ihm aus sollte
man sehr gut den Batu Tibang, den Mittelpunkt der Bahauwelt, den
ich seit vielen Jahren bereits gesucht hatte, sehen knnen. Den Lasan
Tujang hatten wir als das Endziel unserer Reise ausersehen, von ihm aus
sollte _Bier_ mit Tranche-Montagne und Massstben den Weg bis zum Blu-u
sorgfltig messen, whrend wir auf dem Rckwege ausserdem von einem
Berg einen berblick ber die Umgebung zu gewinnen versuchen wollten.

Alles berflssige Gepck wurde auf ein Holzgestell gelegt und
mit Segeltuch bedeckt; nachdem auch die Bte aufs Land gezogen und
die Lasten verteilt worden waren, machten wir uns am 11. Oktober
auf den Weg. Wir betraten einen breiten, wenig verwachsenen Pfad,
der augenscheinlich seit vielen Jahren bentzt wurde; trotzdem war
die Besteigung des Abhanges des 1100 m hohen Lasang Towong, ber den
der Weg zum Lasan Tujang hinauffhrte, sehr beschwerlich. Der Berg
trgt seinen Namen nach einem Long-Glat "Towong", der hier auf einer
Handelsreise nach Serawak auf Anstiften _Bo Kuls_, mit dessen Frau er
in intimem Verkehr stand, von seinen Reisegenossen ermordet worden war.

Der Grat auf dem in nrdlicher Richtung verlaufenden Bergrcken war
zwar nur wenige Meter breit, doch blieb der Pfad gut; nur mussten wir,
da er stndig 50-100 m fiel und wieder stieg, vor Ermdung sicher 10
Mal Halt machen, bevor wir den 1200 m hohen Punkt, von dem aus der Weg
wieder zum Seliku abwrts fhrte, erreichten. Zu meiner Verwunderung
standen auf diesem Teil des Weges zahlreiche Htten, obgleich
Trinkwasser nur schwer zu erlangen sein musste. Die Kajan erzhlten
mir aber, dass sie auf ihren Handelsreisen soviel Salz mitnahmen,
dass sie es der Schwere wegen nicht auf einmal befrdern konnten,
daher legten sie den Weg in Etappen zurck und machten bisweilen 3-4
Mal den Weg von einer Station zur andern, was sie zwang, in dieser
grossen Hhe zu bernachten und das Wasser in der Trockenzeit 3-400
m weiter unten zu holen.

Die Bume, die den Pfad beschatteten, schtzten uns zwar vor der
brennenden Sonne, benahmen uns aber jede Aussicht. Nachdem wir 800
m tief ins Tal des Seliku hinuntergestiegen waren, betraten wir zu
unserer Freude am rechten Ufer eine kleine Lichtung, die dadurch
entstanden war, dass alle vorberziehenden Gesellschaften hier
ihr Lager aufschlugen und die nchsten Bume fllten. Da hier in
der Nhe wenig brauchbares Holz zu finden war, begngten wir uns
mit einer Punan-Htte, die nur aus einer in einem Winkel von 60
geneigten Wand bestand. Indem wir diese mit Segeltuch bedeckten und
auch seitlich, zum Schutz gegen den Regen, ein Segeltuch spannten,
stellten wir uns in krzester Zeit ein Nachtasyl her. Wir beiden
Europer schliefen in der Mitte, unsere Malaien an der einen und
die Kajan an der anderen Seite. Zur grossen Beruhigung letzterer war
mein Hund, der wie immer neben meinem Klambu schlief, diese Nacht sehr
wachsam und schlug mehrmals an. Sein Gebell, das wahrscheinlich den um
unser Lager schleichenden Tieren des Waldes galt, betrachteten unsere
farbigen Reisegenossen als ein ausgezeichnetes Abschreckungsmittel fr
eventuelle Feinde, die uns in diesem gefrchteten Gebiet beschleichen
konnten.

Als wir am anderen Morgen dem Bette des Seliku bis zum Fuss des Lasan
Tujang folgten, begriffen wir, warum die Bahau lieber den Weg ber
den Lasan Towong einschlugen: das nur 10-12 m breite Flussbett ist
nmlich entweder sehr tief und von senkrechten Wnden eingeschlossen,
oder flach und dann voller Felsblcke. Wenn die tiefen Stellen
nicht durchwatet werden knnen, ist man gezwungen, lngs des Ufers
ber hervorragende, glatte Schieferfelsen zu gehen, was gefhrlich
und anstrengend ist. Nicht nur wir beschuhten Europer und unsere
ungeschickten Kstenmalaien, sondern auch die schwer beladenen Kuli
waren froh, dass wir bald den Fuss des Lasan Tujang erreichten. Dies
ist ein steiler Kegel, der sich 150 m hoch ber einen Grat erhebt
und daher als Aussichtspunkt sehr geeignet ist. Auf dem steilen Pfade
nahmen uns aber die Bume jeden Ausblick, auch war die ganze Landschaft
noch um 11 Uhr morgens in Nebel gehllt. Auf dem Gipfel angekommen
ruhten wir uns im Sonnenschein auf der kleinen Rasenflche, die dem
Gipfel wahrscheinlich seinen Namen gegeben hat (_lasan_ = Flche;
_tujang_ = grn) erst aus und liessen dann die Mnner die Bume an
den sdlichen, stlichen und westlichen Abhngen des Gipfels fllen;
nach Norden, nach Serawak hin, war eine Aussicht weniger notwendig,
auch war die Arbeit ohnehin schwer genug.

Vor ungefhr 20 Jahren hatte zwar _Kwing Irang_, als er sich whrend
eines melo _njaho_ auf dem Lasan Tujang aufhielt, einen Teil des
Waldes am stlichen Abhang, um Aussicht auf den Batu Tibang zu
gewinnen, fllen lassen; doch hatten die Bume jetzt bereits alle
die gleiche, nicht bedeutende Dicke; leider war das Gebirgsholz hier
wieder besonders hart.

Die Mnner machten sich mit dem Eifer, den sie whrend der ganzen Reise
zeigten, ans Werk; um m Uhr fielen bereits die ersten Bume. Diese
systematisch von unten an halb durchhacken und dann von oben ein paar
grssere Exemplare so hinunterstrzen zu lassen, dass sie die unteren
zugleich niederrissen, gelang nicht vollstndig, weswegen die Kuli
zwischen halb und ganz gestrzten Bumen die noch stehen gebliebenen
fllen mussten, eine schwierige Arbeit. Gegen Abend war der stliche
Abhang doch so weit ausgehauen, dass wir eine freie Aussicht auf den
Batu Tibang geniessen konnten. Der gewaltige Eindruck, den dieser
Berg auf die Eingeborenen macht, beruht vielleicht ebenso sehr auf
seinem usseren als auf der Tatsache, dass er ihren grssten Flssen
den Ursprung gibt. In der dunkelgrnen Masse der Urwlder, die alle
bis 1800 m hohen Rcken bedecken, sind weder Felsen noch Bergstrze
zu sehen, nur der Batu Tibang erhebt seinen spitzen Gipfel mitten
in einem Gebirgsmassiv, dessen sehr steile weisse Wnde sich aus der
finsteren Umgebung, mit der sie in keinem direkten Zusammenhang stehen,
leuchtend abheben. Es schien mir, dass dieses Massiv von den Bergrcken
des Kettengebirges, das, von hier aus in sdlicher Richtung gesehen,
den gleichen Charakter wie am oberen Kapuas trgt, unabhngig ist. Das
Massiv erhebt sich genau stlich vom Lasan Tujang in Form eines Kegels
mit sehr steilen, grauweissen Wnden, die sich in einer Hhe von 1400 m
nach innen neigen und dann mit schwacher Abdachung in 1800 m hohe, sehr
spitze Gipfel verlaufen. Nach Norden, Nord-Westen und Ost-Sd-Osten
entsendet das Batu-Tibang-Massiv Auslufer; der sdstliche scheint
mit einem hohen Rcken, der die Wasserscheide zwischen dem Gebiet des
Kajan und des Oga bildet, zusammen zu hngen. Nach Sd-Osten kamen,
getrennt von ihrer Umgebung, kleinere Massive von gleichem Charakter
zum Vorschein. Der hchste Gipfel eines dieser Massive heisst Batu
Tibang Ok (= kleiner Batu Tibang).

Wir sahen deutlich, dass das Flusstal des Teken in den Batu Tibang
nach Westen tief einschneidet, dann gerade auf den Lasan Tujang
zuluft und sich um dessen Fuss nach Norden windet. Einige Malaien
sagten mir spter, dass der Teken ein Nebenfluss des etwas stlicher
entspringenden Nangeian ist.

Am folgenden Morgen liess ich sogleich die Bume, welche die Aussicht
nach Sden benahmen, fllen. Zu unserem Leidwesen befanden wir uns
nicht hoch genug, um in der Frhe ber die Wolken hinbersehen zu
knnen und mussten lange warten, bevor die nchste Umgebung sichtbar
wurde; trotzdem gelang es _Bier_, das im Laufe des Tages allmhlich
auftauchende Gebiet aufzunehmen. Im Westen sahen wir nur ein enges Tal,
das die (wellen des Seliku birgt und im Westen und Norden von zwei
hohen Rcken eingeschlossen wird. Erst abends, als sich alle Wolken
erhoben hatten, bemerkten wir gen Sden den Lasan Towong und, in weit
grsserem Abstand als wir erwartet hatten, die pittoresken Formen eines
Gebirges, das dem Kalkgebirge am oberen Serata und Meras sehr hnelte.

Den folgenden Tag zogen wir weiter, nachdem wir alle von unserem
Standplatze aus mglichen Aufnahmen ausgefhrt hatten. Der Abschied
fiel uns nicht schwer, da wir noch nie zuvor auf der Reise so stark wie
hier von Bienen und Wespen geplagt worden waren. Bienen, kaum so gross
wie kleine Fliegen, hatten es hauptschlich auf unsere Augen, Ohren und
Nasenlcher abgesehen, doch stachen sie nicht, was die gleich grossen
Wespen mit Vorliebe taten. Diese wiederum schtzten besonders die Haut
zwischen den Fingern, in die sie, wenn wir die Finger unwillkrlich
bewegten, sogleich ihren Stachel senkten. Auch an grossen Exemplaren
fehlte es nicht, aber die konnte man wenigstens besser sehen und
hren. Gegen die kleinen Tiere suchten wir uns durch Kajuputi-l zu
schtzen, das wir in grosser Menge auf die Haut strichen.

Fr die Rckreise am 14. Oktober hatte ich bestimmt, dass _Bier_
mit einigen Trgern fr die Instrumente vorausgehen sollte, um den
Weg zu messen, whrend ich das Abbrechen des Lagers berwachen und
dem Vortrab das Essen bringen sollte, das er unterwegs einnehmen
konnte. Die Kajan waren anfangs zur Eile nicht aufgelegt, wurden aber
doch eifriger, als _Bier_ vor dem Abmarsch noch ber der Wolkenschicht
einige Peilungen ausfhrte und ich einen Baum als Fahnenstange zuhauen
liess. Zu diesem Zwecke hackten einige Mnner von einem hohen Baume die
ste ab und befestigten an dessen Spitze die niederlndische Fahne,
die _Delahit_ tags zuvor aus rotem, weissem und blauem Kattun genht
hatte. Die Kajan glaubten, dass diese Fahne, als Zeugin der Anwesenheit
Weisser, die Batang-Lupar fr lange Zeit davon abschrecken wrde, auf
diesem Wege in das Mahakamgebiet einzudringen. Jedenfalls bewies die
Fahne auf sichtbare Weise unseren Zug, von dem man in weitem Umkreise
reden wrde.

Darauf richtete _Bier_ sein Instrument nach Sden, seine Begleiter
ergriffen die Massstbe, riefen "_da, da_" und waren nach wenigen
Messungen den Abhang hinunter verschwunden. Auch wir hatten bald
gepackt und das Essen gekocht; die Verteilung der Lasten ging schnell
von statten, da die schwerste Last, der Reis, beinahe vollstndig
aufgezehrt war. Bei unserem Aufbruch begannen auch meine Kajan "_da,
da, ke uli, ke uli_" zu rufen; sie setzten den Ruf bis 50 m weit
den Berg hinunter fort. Mit da riefen sie ihre Seelen an, die sie
vor dem Zurckbleiben warnten, indem sie ihnen erklrten: _ke uli_
= ich gehe nach Hause.

Auf dem Lasan Tujang selbst war, wie ich bereits auf dem Hinwege
bemerkt hatte, nicht viel Gestein zu sehen, ich konnte es daher erst
am Fuss des Berges, im Tal des _Seliku_ untersuchen. Der Lasan Tujang
wird, gleich seiner ganzen Umgebung, aus senkrecht stehenden Schiefern
gebildet, auf denen hie und da mehr horizontal gelagerter Sandstein
liegt, der hier stark verwittert und nicht so deutlich geschichtet ist,
wie weiter unten im Selirong.

Nach meiner Abmachung mit _Bier_ schlug ich unser Lager im Tal
des Seliku an der Stelle auf, die er mit seinen Messungen um 4
Uhr nachmittags erreichen sollte. Inzwischen hatte ich Zeit, das
Flussgeschiebe zu untersuchen und mir einen Felsblock anzusehen,
den die Bahau seiner Eigenartigkeit wegen _batu ham_ (Schuppentier)
nennen. Es war ein Basaltblock, der im Fluss, vom Ufer halb verborgen,
lag und ganz aus aneinander schliessenden Basaltsulen bestand;
die eine Seite trug deutliche Rinnen, die andere, an der die Sulen
abgebrochen waren, hatte eine schuppige Oberflche. Spter fand ich,
u.a. oberhalb des Kiham Matandow, noch mehr derartiger Blcke, die
augenscheinlich besser als ihre Umgebung der Erosion Stand gehalten
hatten.

Im Lager bergaben wir unsere durchnssten Kleider und andere
Gegenstnde sogleich den Malaien, die sie in die Sonne zum Trocknen
aushngten; doch wurde ihre blosse Haut von Bienen und Wespen so sehr
misshandelt, dass sie es kaum bei der Arbeit aushielten.

A m anderen Morgen beschloss ich, zu versuchen, ber den Lasan Towong
bis zu unserem Lagerplatz am Selirong vorzudringen. Da _Bier_ mich an
diesem Tage schwerlich einholen konnte und ich am Selirong noch die
Bte und andere notwendige Dinge fr die Abfahrt vorbereiten lassen
musste, gab ich _Bier_ Proviant mit und alles, was er zum bernachten
ntig hatte, damit er uns spter langsam folgen konnte.

Nach dem Frhstck brach ich unverzglich auf, um auch die Leute zur
Eile anzuspornen; ich wollte nmlich noch den Gipfel des Lasan Towong
teilweise aushauen lassen, damit _Bier_ einige wichtige Peilungen
vornehmen konnte. Wie sehr ich in den letzten Tagen trainiert worden
war, merkte ich daran, dass ich ohne Unterbrechung die ersten 400 m bis
auf den Rcken zurcklegte, auf dem auf- und absteigenden Grate, der
uns auf dem Hinwege wohl 10 Mal zum Ausruhen gezwungen hatte, weiter
marschierte und nur da Halt machte, wo das Gestein eine Untersuchung
verlangte. Dieses bestand ganz aus verwitterten ziegelroten Schiefern,
die zu dem ungefhr nach Nord-Sden sich erstreckenden Bergrcken
senkrecht standen. Einige weisse Adern eines verwitterten Minerals,
wahrscheinlich Quarz, unterbrachen den einfrmig roten Ton der
Schiefer.

An den sehr steilen Abhngen des Lasan Towong wuchsen keine Bume,
daher ging das Aushauen des Gipfels schnell von statten. Wir sahen
von hier aus in das Tal des Selirong, der sdlich von dem hohen Rcken
strmt, der ihn vom Teken scheidet. Das Tal setzte sich um das stliche
Ende dieses Rckens fort, was meine Vermutung, dass der Selirong
auf dem Batu Tibang oder in dessen unmittelbarer Nhe entspringt, zu
besttigen schien. Nirgends waren helle Bergwnde zu sehen, sondern
nur mehrere Reihen dunkelgrner, von Ost nach West ziehender Ketten,
die von anderen, nordsdlich gerichteten Ketten durchkreuzt wurden.

Nach vollbrachter Arbeit brachen wir bereits um 3 Uhr zu unserem
Lagerplatz auf, der nur noch eine Stunde entfernt war. Dort fanden
wir alles, wie wir es verlassen hatten, und in kurzer Zeit waren auch
unsere Zelte wieder aufgeschlagen. Das Wasser im Selirong war etwas
gestiegen und zum Baden beinahe zu kalt.

Den folgenden Tag schienen meine Leute als Ruhetag ausersehen zu haben,
denn sie waren nicht dazu zu bewegen, im fischreichen Selirong Fische
zu fangen und als Vorrat fr die weitere Reise zu ruchern; sie taten
nur das Notwendigste und sammelten im brigen neue Krfte.

Um den Selirong weiter aufwrts zu erforschen, begab ich mich
mit einigen Mnnern zu Fuss das Flussbett hinauf und liess fr das
Passieren der tieferen Stellen ein Boot nachschleppen. Da dieses jedoch
durch den Transport litt, gingen wir nicht weit, was brigens auch
nicht notwendig war, da ich bereits in der Nhe unseres Lagerplatzes,
deutlicher als im Seliku, auf senkrechten Schiefern beinahe wagrechten
Sandstein angetroffen hatte. Ausserdem liessen sich aus dem Befund der
Geschiebebnke in Verbindung mit dem eigentmlichen Aussehen des Batu
Tibang interessante Schlussfolgerungen ziehen. Whrend nmlich der
Seliku ausschliesslich Schiefer, Quarz, Basalt und Sandstein mit sich
fhrt, besteht das Geschiebe des Selirong aus sehr verschiedenartigem
vulkanischem Gestein und Schiefer, was unsere Vermutung, dass der
Selirong seinen Ursprung in einem vulkanischen Gebirge nimmt, beinahe
zur Gewissheit machte.

Abends langte auch _Bier_ im Lager an. Er hatte die letzte Strecke
Wegs noch nicht gemessen und begab sich daher am folgenden Morgen
gleich nach Sonnenaufgang zurck, das Versumte nachzuholen, whrend
wir das Essen kochten, das Gepck in die Bte luden und alles zur
Abreise vorbereiteten. Auch fr die Flussfahrt sollte sich unsere
Gesellschaft teilen: indessen _Bier_ mit drei Bten den zurckgelegten
Weg immer weiter sorgfltig aufnahm, wollte ich allein den Fluss
hinunterfahren, um geologische Untersuchungen vorzunehmen. In nicht
allzugrossem Abstand wollte ich dann einen geeigneten Lagerplatz
suchen und _Bier_ dort erwarten, damit wir wenigstens nachts alle
vereinigt wren; dieser Plan wurde in den nchsten Tagen auch stets
eingehalten. Abends, nach dem Aufschlagen der Zelte, fanden die Leute
noch reichlich Zeit, um Fische zu fangen. Einmal schloss auch ich
mich den Fischern an. Sie liessen unser etwas zu grosses Boot von
der Strmung still hinunter fhren und trieben die grossen Fische,
die man im kristallklaren Bergwasser noch in Grosser Tiefe schwimmen
sah, vor uns her nach flacheren Stellen. Hier schleuderte der an
der Bootsspitze stehende Mann seinen Speer auf den Fisch. Traf die
Waffe schief, so riss sie beim Abgleiten einige Schuppen ab; bei
grossen Exemplaren konnte ich sogar den Aufschlag der Speerspitze
auf den Fisch hren. Meist gelang es dem Fischer unwillkrlich,
der trgerischen Tiefe des Wassers Rechnung zu tragen und den Speer
mitten durch das Tier zu treiben, worauf er sich sogleich auf die
Beute warf, bevor sie ihm davonschwamm. Einmal traf der Mann einen
Fisch unmittelbar oberhalb einer Stromschnelle, die das Tier, die
lange Lanze im Leibe, noch hinunterschwamm. Wir sahen den Stock in
und ber den schumenden Wassermassen auf- und niedergehen, bis wir
uns ein grosses Stck weiter, in ruhigerem Wasser, seiner und mit
ihm des grossen Fisches bemchtigten. Sogar nur 3 dm lange Fische
trafen meine Begleiter noch mit dem Speer, aber meist schnitt dieser
sie mitten durch und die Stcke sanken und trieben abwrts. In der
Regel werden aber Fische unter 4 dm Lnge mit dem Wurfnetz gefangen.

Infolge hufiger Regengsse schwoll der Seliku stark an, doch wurden
wir zum Glck bei dem Hinabfahren keinen Tag durch Hochwasser
aufgehalten, wie es bei dem Hinauffahren sicher der Fall gewesen
wre. Wir kamen tglich ein gutes Stck vorwrts, nur war es schwierig,
das Fahrwasser wiederzuerkennen, denn an Stellen, die bei niedrigem
Wasserstande Stromschnellen bildeten, floss das Wasser jetzt ruhig ber
die Felsblcke, whrend in den Buchten und an den Felsvorsprngen neue
Schnellen entstanden waren. Derartige Gebirgsflsse sind daher nur;
wenn man sie gut kennt, bei jedem Wasserstande befahrbar; leider war
dies bei meinen Kajan nicht der Fall, da nur wenige von ihnen diesen
Teil des Mahakam berhaupt einige Male besucht hatten. Sie waren daher
sehr vorsichtig und gingen immer wieder eine Strecke lngs des Ufers zu
Fuss voraus, um sich eine gefahrdrohende Flussstelle vorher anzusehen.

Unser Reisvorrat, der seinem Ende nahte, mahnte zur Eile, auch hatten
viele unserer Leute bereits ihren eigenen Notvorrat angegriffen. Drei
unter einander befreundete junge Kajan, die ihren Reis zusammengetan
und gegen eine Lohnerhhung whrend der Reise davon gezehrt hatten,
waren jetzt ebenfalls auf unseren Vorrat angewiesen. Trotzdem konnte
ich, als wir am 21. October oberhalb des Kiham Matandow unser Lager
aufschlugen, der Versuchung nicht widerstehen, den Batu Balo Baung
zu besteigen, der sich neben uns am rechten Ufer erhob und eine gute
Missicht auf die Umgebung zu bieten versprach. Die Bume auf dem Gipfel
dieses Berges, der wie alle anderen in dieser Gegend das Glied einer
Kette bildet, konnten leicht entfernt werden, da er spitz zuluft. Die
Pnihing frchten den Batu Balo Baung als den Wohnsitz eines weiblichen
Geistes, der seinen Gatten verloren hatte (balo), doch zeigten sich die
Kajan zum Mitgehen bereit. Die beiden Malaien aus Samarinda liess ich
zurck, da sie schlechte Bergsteiger waren und sich vom anstrengenden
Ziehen der Bte angegriffen, wenn auch nicht gerade krank fhlten.

Der zum Gipfel des Berges fhrende Grat erhebt sich steil aus dem
Mahakamtal und war mhsam zu besteigen. Wre der Boden hart gewesen und
htten wir am Gestrpp keinen Halt gefunden, so wren wir bei einer
Steigung von 40-45 nicht hinaufgekommen. Der vorderste Mann musste
dazu erst einen Pfad aushauen, so dass es mehrere Stunden dauerte,
bevor wir den ersten, 900 m hohen Gipfel erreichten. Auf dem etwas
weiter liegenden hchsten Gipfel liess ich fr 1-2 Nchte ein Lager
aufschlagen, was schneller von statten ging als das Fllen der Bume,
deren Holz hier wieder sehr hart war; topographische Aufnahmen konnten
daher am ersten Tage noch nicht gemacht werden. Morgens bedeckte uns
und die ganze Umgebung eine dicke Wolkenschicht, die sich nur sehr
langsam erhob, weswegen _Bier_ erst gegen 12 Uhr mit dem Anpeilen
der wichtigsten Gipfel auf der Wasserscheide, die vom Kapuri aus
sorgfltig bestimmt waren, beginnen konnte. Wir bentzten diese
Peilungen bei der spteren bertragung der Messungen aufs Papier als
Kontrolle. Unsere Aussicht war beschrnkt, da uns im Osten und Westen
viel hhere Rcken umgaben; sie trugen den gleichen Charakter wie
die am Kapuri und weiter oben am Mahakam und waren auch hier von
einem einheitlichen, faltenreichen, grnen Gewande bedeckt, ohne
irgendwo Gestein hervortreten zu lassen; ihr Anblick war grossartig
aber dster. Im Osten fhrte eine tiefe Schlucht auf einen 1600 m
hohen Rcken, von dem aus sich zwei Seitenrcken bis dicht an das
Ufer des Mahakam erstreckten, der selbst nur hie und da zwischen
den berhngenden Uferbumen hindurchschimmerte. Die Abhnge des
Batu Balo Baung benahmen uns nicht die Aussicht, da sie an mehreren
Stellen selbst so steil waren, dass wir sie nicht sehen konnten.

Meine Kajan hielten hier das Fllen der Bume fr sehr gefhrlich,
was ich ihnen auch glaubte, als ich die Bume wie in einem leeren
Raum hinunterstrzen, dazwischen an einen Felsen prallen und einige
hundert Meter weiter unten aufschlagen hrte.

Wurde uns die Aussicht nach Westen durch die Wasserscheide gegen den
Kapuri und die Rcken, die sich von ihr aus zum Mahakam erstrecken,
benommen, so hatten wir nach Nord-Osten einen prachtvollen Blick ins
Mahakamtal, das vier Rcken durchbricht. In der Regenzeit, wo die Luft
klarer ist, htten wir eine bessere Fernsicht genossen. Jetzt befanden
wir uns leider auch am zweiten Morgen nicht ber den Nebelmassen.

Der Berggeist, der sich nachts sehr ruhig verhielt, liess tagsber,
besonders wenn die Sonne schien, ein Heer von stechenden und saugenden
Insekten auf uns los, vor denen ich mich, wenn ich nicht das Fllen
der Bume zu beaufsichtigen hatte, sogleich in mein Klambu rettete,
da _Bier_ alles Kajaputi-l ntig hatte, um sich whrend der Arbeit
zu schtzen.

Am Morgen des 24. Oct. fand nach beendeter topographischer Arbeit
der Abstieg statt, der uns zwar leichter fiel als der Aufstieg, der
Steilheit des Abhanges wegen aber immerhin sehr ermdend war. Ausserdem
wurden wir stndig durch die Kuli aufgehalten, die unterwegs Frchte
sammelten oder _tuba parei_ und _tengang_ zur Herstellung von
Schnren hackten, wogegen ich nichts einwenden konnte, da unsere
Netze einer Reparatur dringend bedurften. Unten angelangt griff
ich zum sichersten Mittel, die Leute zur Eile anzuspornen, nmlich
zum Abfeuern einiger Schsse, die ihnen in einer derartig einsamen
Umgebung immer Schreck einflssen. Sie eilten denn auch schleunigst
herbei, so dass wir ber den Fluss zu unserem Lager setzen konnten,
wo wir alles in guter Ordnung wiederfanden und die zurckgebliebenen
Mnner sich inzwischen etwas erholt hatten.

Leider begann das Wasser, das uns bisher so gnstig gewesen war, des
Morgens so schnell zu steigen, dass _Bier_ bereits frh aufzubrechen
beschloss, um noch die Flle des Matandow passieren zu knnen. Ich
gab ihm noch einige meiner Kuli mit, die lngs des Uferpfades zu mir
zurckkehren sollten, doch sandte mir _Bier_ mit diesen auch noch
drei seiner eigenen Leute, weil das Wasser in kurzer Zeit zwei Meter
gestiegen war und das Gepck desshalb beim Hinunterfahren ber den
Kiham Matandow nicht im Boote bleiben konnte, sondern zu Lande bis
unterhalb der Wasserflle getragen werden musste.

Whrend die Mnner ihre Mahlzeit einnahmen, fiel das Wasser wieder so
weit, dass das leere Boot ohne Anstrengung ber die Flle geschafft
werden konnte. Unser Hab und Gut wurde inzwischen auf dem frher
entdeckten guten Pfade hinab befrdert.

Bis wir unterhalb des Matandow angelangt waren und alles Gepck sich
wieder im Boote befand, war es Mittag geworden, doch wurde mit dem
angenehmen Bewusstsein, die schwierigste Stelle hinter dem Rcken zu
haben, die topographische Arbeit begonnen.

Mit Rcksicht auf die heftige Strmung vereinbarten wir, dass ich
nur 1 1/2 Stunden weiter fahren sollte, damit _Bier_ uns leichter
einholen konnte. In meinem Boote befand sich beinahe die ganze
Zeltausrstung, doch trugen besonders die schweren Kisten mit der
Gesteinsund Fischsammlung dazu bei, dass das nicht sehr grosse Boot
tief ins Wasser eintauchte. Da das Wasser unterhalb der Flle ausserdem
sehr bewegt war, strengten sich 6 unserer Kajan an, das Boot lngs des
Ufers, ausserhalb des hohen Wellenganges in der Flussmitte, zu halten.

Wir gelangten auch glcklich ber diese Stelle und eine weiter unten
gelegene Stromschnelle; brigens beunruhigte ich mich nicht sonderlich,
weil drei der tchtigsten Mnner die Fhrung bernommen hatten:
_Anjang Njahu_ und _Maring Kwai_ sassen am vorderen, _Sawang_ _Hugin_
am hinteren Bootsende. Pltzlich, hinter einer Flussbiegung, geriet
das Fahrzeug in heftig bewegte Wassermassen und wurde von einer Welle
auf die andere geschleudert. Zwar versuchten die Mnner, das Boot mit
Anspannung aller Krfte und Anwendung ihrer ganzen Steuerkunst zum
Ufer hinzulenken, aber die Spitze erhob sich nicht schnell genug,
das ohnehin berladene Fahrzeug sank und die Wellen schlugen von
allen Seiten hinein. Ich erinnere mich nur noch, dass _Anjang Njahu_
mir etwas zurief. Vielleicht verlor ich fr kurze Zeit die Besinnung,
jedenfalls weiss ich nur, dass ich mich unter Wasser treiben fhlte,
ohne von Boot oder Mannschaft etwas wahrzunehmen. Bei der rasenden
Strmung blieb mir nichts brig, als so schnell als mglich an die
Oberflche zu gelangen; so schlug ich denn mit Armen und Beinen
krftig aus und bekam, bevor ich noch zu sehr betubt war, erst
mit der linken, dann mit der rechten Hand etwas Festes zu packen,
augenscheinlich die Rnder des umgekippten Bootes, unter dem ich
trieb. Ein krftiger Ruck half mir heraus und einige Schlge brachten
mich nach oben. Meine Augen standen noch voll Wasser und ich hatte noch
kaum Luft schpfen knnen, als ich erst am Kopf, dann an den Schultern
gepackt und auf die runde Bootsunterseite hinaufgezogen wurde. Fnf
Kajan und _Abdul_ sassen bereits oben, daher schwamm das Boot tief in
dem durchwhlten Wasser, und sein glatter, runder Kiel bot mir, der
ich an dergleichen Vorflle nicht gewhnt war, einen nichts weniger
als festen Sitzplatz. Die Kajan schwiegen, nur _Abdul_, der hinter
mir sass und mich voller Angst umklammert hielt, rief fortwhrend:
_Tuwan, Tuwan!_ (Herr, Herr!), so dass ich ihn mit "_tida apa_" (es
ist nichts) beruhigen musste. Unterdessen suchte mir _Anjang Njahu_
mit Gewalt die Kleider vom Leib zu reissen, aber der starke Kaki
widerstand seinen Bemhungen und er konnte nur meinen geologischen
Hammer aus der Tasche ziehen und in den Fluss werfen. Bevor er noch
weiteres ausrichtete, wurde das Boot von einer neuen Stromschnelle
ergriffen, wobei jeder an sich selbst denken musste und ich vom Boot
ins Wasser glitt. Mit einigen Schlgen war ich jedoch bald wieder an
der Oberflche, wo ich einen treibenden Schild zu packen bekam. Mich an
die dajakische Weise Flsse zu durchschwimmen erinnernd, fasste ich den
Griff des Schildes mit der einen Hand, hielt diesen selbst unter mir
und schwamm so halb treibend zuerst neben dem Boote, dann, als ich vor
einem vorspringenden Felsen in ruhigeres Wasser gelangte, ans Land. In
voller Ausrstung, den Revolver an der Seite, war das Schwimmen sehr
anstrengend, doch erreichte ich glcklich das Ufer, bevor mich die
Strmung etwas weiter unten in einen neuen Strudel zog. Die 6 Mnner,
die mir nach ins Wasser gesprungen waren, zogen das Boot jetzt an einem
Rotang ans Land, und dann standen wir triefend, unserer Habe beraubt,
neben einander am Waldessaum. _Anjang Njahu_, der sich als Anfhrer
fr das Unglck verantwortlich fhlte, blieb anfangs scheu zur Seite
stehen und trat erst, als er sah, dass ich nicht zrnte, mit bleichem
Gesicht auf mich zu und fragte, ob ich verwundet wre. Auch _Tingang
Sulang_ kam, um sich von meinem Wohlergehen zu berzeugen. Er war,
da er mich nach dem Umschlagen nicht mehr an die Oberflche hatte
kommen sehen, wieder ins Wasser gesprungen und dann ebenfalls mit
dem Boote abwrts getrieben worden. _Maring Kwai_ fehlte noch, doch
hatte man ihn auf meinen mit Riemen zusammengeschnrten Matratzen
hinunterfahren sehen; augenscheinlich war auch er irgendwo gelandet.

Eigentmlicher Weise war mein erstes Empfinden nach der Rettung
Selbstbefriedigung ber die Geistesgegenwart, mit der ich mich durch
die Schwierigkeiten hindurch gerungen hatte; erst viel spter fhlte
ich dankbare Freude ber meine Lebenserhaltung.

Den Verlust unseres Gepckes betrauerte ich lebhaft, da an ein
Auffischen der Sachen nicht zu denken war. Ich hatte zwar beim ersten
Auftauchen eine eiserne Kiste und mein Moskitonetz vor mir schwimmen
sehen, doch waren sie mit allem anderen gewiss lngst gesunken. Meine
wertvollen Sammlungen waren unwiderruflich verloren, ebenso die
Konserven, die wir uns vom Munde gespart hatten. Besonders bedauerte
ich den Verlust meines prachtvollen Jagdgewehrs, eines Fernrohrs,
einiger Barometer und Bcher. Meine geologischen Aufzeichnungen und
den geologischen Kompass fand ich zu meiner Freude noch in meinen
Taschen; auch war der Schmiedehammer an dem hlzernen Gestell, das im
Boote als Fussboden diente, hngen geblieben. Dass wir unseren Reis
verloren hatten, machte mich sehr besorgt; zum Glck hatte sich nur
ein halber Packen im Boote befunden und fhrte _Bier_ den Hauptvorrat
mit sich. Das grosse Segeltuch, mit dem wir die Reispacken zugedeckt
hatten, war also auch gerettet.

Sehr bald erschien _Bier_ an der Unglckssttte, denn _Maring Kwai_
war, gleich nachdem er sich ans Ufer gerettet hatte, zu ihm gelaufen
und hatte ihm weinend den Vorfall berichtet. _Maring_ hatte meine
Matratze gerettet, was mir sehr angenehm war. Meine Kajan schienen
mir durch den gnzlichen Verlust ihrer Habe fr den Unfall, den sie
durch grssere Aufmerksamkeit vielleicht htten vermeiden knnen,
gengend schwer bestraft; berdies hatte ich ja auch den Zug in dieses
ihnen fast unbekannte Gebiet auf eigene Verantwortung unternommen.

Nachdem ich mich aus _Biers_ Garderobe mit trockener Kleidung versehen
hatte, beschlossen wir, an diesem Tage nicht weiter zu fahren, sondern
zu beraten, wie uns aus der kritischen Lage zu helfen sei. In den
letzten Strahlen der untergehenden Sonne trocknete ich meine Uhr,
meinen Revolver, den geologischen Kompass und meine Kleider. Als
unsere Mnner den ersten Schrecken berwunden zu haben schienen,
wurde in einem Kriegsrat bestimmt, dass ich mit nur einem Boote und
der ntigen Bemannung ohne Aufenthalt bis zum Blu-u durchreisen und
dafr sorgen sollte, dass man _Bier_ von dort aus so schnell als
mglich mit Reis versah. Eile war um so gebotener, als am folgenden
Tage das Wasser so schnell stieg, dass wir nicht abfahren konnten
und von unserem wenigen Reis zehren mussten.

Die Kajan, die zurckbleiben sollten, frchteten sich hauptschlich
vor dem Hunger und meinten daher, es sei unmglich, jetzt noch den
Kaso hinaufzufahren. _Bier_ und ich hatten unter den obwaltenden
Umstnden an die Ausfhrung dieses unseres anfnglichen Planes
berhaupt nicht mehr gedacht, da wir nun aber sahen, dass die Kajan
ihn doch nicht fr gnzlich unausfhrbar hielten, versuchten wir,
ihn doch durchzusetzen. Abgesehen davon, dass der Kaso sorgfltig
gemessen werden konnte, bot dieser Extrazug den Vorteil, dass _Bier_
seine Aufnahme da anschliessen konnte, wo _Werbata_ sie im Gebiet
des Penaneh geendet hatte. So wurde denn vereinbart, dass _Bier_
zuerst den Kaso aufnehmen und dann den Penaneh bis zur frheren
Niederlassung der Pnihing, wo _Werbatas_ Beobachtungsposten lag,
hinauffahren und von dort aus den Mahakam messen sollte. Wenn mglich,
sollte er auch ein hochgelegenes Reisfeld besteigen, um eine bersicht
ber das Land zu gewinnen.

Infolge ihres starken Geflles hlt ein hoher Wasserstand in
Gebirgsflssen nie lange an, so konnten wir bereits am folgenden
Morgen, als alles noch von schwerem Nebel bedeckt lag, in unser
leeres Boot steigen. Die schwchsten und unbrauchbarsten unserer
Mnner hatte ich zu meinen Begleitern gewhlt, doch leisteten sie
ihr Bestes und fuhren ber keine gefhrliche Stelle, ohne sie zuvor
von einem hohen Punkte des Ufers aus gut untersucht zu haben. Wir
passierten denn auch ohne Unfall mehrere grosse Stromschnellen und
legten bei der ersten Pnihing-Gesellschaft an, um zu hren, ob sie
etwas von unserem Hab und Gut aufgefischt htte und etwas Nheres
ber unsere Unglckssttte wsste. Einige hatten allerdings etwas
Holz, wahrscheinlich meinen Klappstuhl, schwimmen sehen und einen
Unfall vermutet, aber nichts aufgefischt; auch erzhlten sie, dass der
Wasserfall, in dem wir umgeschlagen waren, _Anak Aran_ hiess und nur
bei Hochwasser heftige Stromschnellen bildete und dass man am linken
Ufer ohne Schwierigkeiten fahren konnte, in der Flussmitte dagegen
unfehlbar umschlug. Bereichert mit dieser Weisheit fuhren wir weiter,
fanden aber nichts von unseren Sachen wieder.

An der Mndung des P berichteten uns andere Pnihing, dass die Bukat
sich jetzt am Oberlaufe dieses Flusses aufhielten, weil sich seit
langer Zeit keine Batang-Lupar mehr gezeigt htten.

An der Mndung des Pari, beim Huptling _Tingang_ aus Long 'Kb,
machten wir Kalt. Der alte Mann, der in seiner Htte mitten unter
grossen Mengen gerucherten Schweinefleisches und Bambusgefssen mit
Fett dasass, machte mir Vorwrfe, weil ich die Fahrt ohne Pnihing
gewagt hatte und bot zum Beweis seines Wohlwollens meinen Leuten
Sago und mir einige Stcke Wildschweinfleisch zum Geschenk an. Der
Alte reihte je 5-6 solcher Fleischstcke von ungefhr 1 dm Dicke zum
Ruchern auf ein Holzstchen. Er musste das ganze Schwein in so kleine
Stcke zerlegen, weil grssere ber dem Feuer nicht gar genug wurden,
um lngere Zeit aufbewahrt werden zu knnen.

Nach der sehr drftigen Kost, die ich whrend eines Monats
genossen hatte, erschien mir dieses halb gerstete, halb gerucherte
Schweinefleisch ein wunderbarer Leckerbissen, den ich spter im Boote
mit Behagen verzehrte. Den Rest liessen wir uns nachher auch noch am
Blu-u schmecken, wo Fische und Hhner nur selten zu haben waren und
die Kajan zum Jagen keine Zeit hatten.

Als ich nach unserer Ankunft in Long Blu-u _Kwing Irang_ aufsuchte,
fand ich ihn sehr erregt neben _Anjang Njahu_ sitzen, der ihm
unseren Reiseunfall berichtete, doch merkte ich nicht, dass er
diesem ernsthafte Vorwrfe machte oder heftig wurde. Nur der Eifer,
mit dem Leute gesucht wurden, um _Bier_ Hilfe zu leisten, bewies
mir, dass unser Missgeschick doch tiefen Eindruck gemacht hatte. Zum
Glck waren die Mnner sehr darauf aus, "_ringgit_" (Reichstaler) zu
verdienen; einige wollten _Bier_ sogar nur unter der Bedingung, dass
sie ganz bei ihm bleiben durften, entgegen fahren. Dieser Eifer kam
_Biers_ Begleitern, die stark an Heimweh litten, gut zu statten. Die
Gesellschaft, die bereits am 28. Oktober mit 4 Packen Reis und anderen
notwendigen Dingen aufbrach, traf _Bier_ auf dem Heimweg, unterhalb
der Kasomndung, da sein Reis erschpft war. Doch kehrte er jetzt
wieder um, nachdem er die meisten Leute berredet hatte, bei ihm
zu bleiben. Nur 4 Mnner kamen nach Long Blu-u zurck. Als ich ihre
bleichen Gesichter und hohlen Wangen mit denen ihrer Stammesgenossen
verglich, konnte ich es ihnen nicht verargen, dass sie sich nach
Ruhe sehnten. Krank wurde jedoch keiner von ihnen, und auch _Bier_
traf am 7. Nov. zwar sehr ermdet, aber vollkommen gesund mit seinem
Geleite bei uns ein.

Abgesehen von unserem Unfall, hatten wir alle Ursache, mit dem Ergebnis
unserer einmonatlichen Expedition zufrieden zu sein. Der ganze Weg
vom Lasan Tujang, an der Grenze gegen Serawak, bis zum Blu-u war
sorgfltig gemessen worden, von dem Grenzgebirge hatten wir eine
deutliche Vorstellung erhalten und weiter unten eine bersicht ber
das Land gewonnen. Durch die Peilungen vom Batu Balo Baung aus und die
Aufnahme des Howong und Kaso hatten wir die Messung des Mahakamgebietes
mit derjenigen des Kapuasgebietes verbunden, so dass wir von unserem
Zuge kaum mehr hatten erwarten knnen.





KAPITEL IV.

    Aussichten fr die Reise nach Apu Kajan--Beziehungen der
    Bahau zu ihrem Stammland Die Kenja als Kopfjger--Alte
    Fehden zwischen den Kenjastmmen--Bedrohungen seitens des
    Sultans von Kutei--Vergebliches warten auf die Einsetzung eines
    Kontrolleurs--Beratung in Long Tepai--Reisehindernisse seitens der
    Bahau--Beunruhigende Gerchte von der Kste und Apu Kajan--Abschied
    von Long Blu-u--ber Long Tepai nach Long Deho.


Gleich nach meiner Rckkehr aus dem Quellgebiet des Mahakam begann
ich Erkundigungen ber die Aussichten fr unsere Reise zu den
Kenja nach Apu Kajan einzuziehen. Wenn ich damals gewusst htte,
dass es noch fast ein ganzes Jahr dauern wrde, bevor ich die
Bevlkerung am Mahakam zur Verwirklichung meines Planes brachte,
so htte meine Geduld vielleicht nicht stand gehalten und ich wre
unverrichteter Sache zur Kste zurckgekehrt. So aber hielt mich
die Hoffnung, die stets neu auftauchenden Schwierigkeiten doch noch
berwinden zu knnen, vom September 1899 bis zum August 1900 am
Mahakam fest, eine Wartezeit, die mit Verhandlungen und Beratungen,
Vorbereitungen, Hoffnungen und Enttuschungen ausgefllt wurde. Da
die Schwierigkeiten, mit denen ich zu kmpfen hatte, nicht nur durch
die Unentschlossenheit und Energielosigkeit der Dajak bedingt wurden,
sondern vor allem auch durch die Verhltnisse zwischen den Bahau- und
Kenjastmmen vor und whrend meiner Anwesenheit am Mahakam und durch
die Drohungen des malaiischen Frsten in Kutei, der die Ausbreitung
der niederlndischen Macht im Herzen Borneos mit allen redlichen und
unredlichen Mitteln zu bekmpfen suchte, mgen diese Hindernisse dem
Leser zur Orientierung in diesem Kapitel genauer ausgefhrt werden,
als es im vorhergehenden geschehen konnte. Die berzeugung, dass
die Zustnde im Innern Borneos einer Regelung durch eine europische
Autoritt dringend bedurften und dass diese nur stattfinden konnte,
nachdem auch das fr Borneo berchtigte und gefrchtete Gebiet Apu
Kajan von einem Europer besucht worden war, strkte meine Geduld
und meine Ausdauer bei der Verfolgung meines Planes.

Sowohl die Bahau- als die Kenjastmme bewohnten ursprnglich ihr
gemeinsames Stammland Apu Kajan oder Hochland vom Kajan im Nordosten
der Insel. Die starke Zunahme der dortigen Bevlkerung zwang jedoch
immer wieder einige Stmme, ihr Heimatland zu verlassen und in
den Gebieten der Flsse, welche von den Gebirgen um Apu Kajan nach
allen Richtungen fortstrmen, neue Wohnpltze zu suchen. Die letzte
Auswanderung hat vor etwa 38 Jahren stattgefunden, als die Kenja vom
Stamme der Uma-Tim nach dem Tawang zogen.

Die Bahau wissen durch ihre berlieferung noch sehr wohl, dass sie
aus Apu Kajan herstammen, auch haben sie die Verbindung mit ihrem
Stammland noch sehr lange unterhalten. Die ltesten Mnner der Kajan
und Long-Glat erzhlten noch von ihren Reisen nach Apu Kajan, die
sie noch zur Zeit, wo die Uma-Tim dort die Oberherrschaft fhrten,
unternommen hatten. Nach der Auswanderung dieses mchtigsten Stammes
brachen im Kajanlande unter den brigen Stmmen heftige Kmpfe um
den Vorrang aus, so dass die Bahau aus Furcht ihre Besuche dort
einstellten. Auch nachdem die Kenja Uma-Tow unter _Pa Sorang_
und spter unter _Bui Djalong_ die anderen Stmme besiegt hatten,
vergrsserte sich die Reiselust bei den Bahau nicht. Nur ein einziger
Mann, der fters erwhnte _Bo Ului_, der bei den Long-Glat in Long
Tepai lebte und mit den Kenja in Apu Kajan nahe verwandt war, hatte
sich einige Male dort hin gewagt und war somit der einzige, der uns als
Fhrer dienen konnte. Doch wurde die Abenteuerlust der Bahauhuptlinge
und ihrer jungen Untertanen stark durch die Vorstellung geweckt,
das Land ihrer Abstammung und ihrer Sagen und nicht zum wenigsten das
Gebiet, in dem sie vorteilhaften Handel in alten Perlen, und anderen
Artikeln treiben konnten, kennen zu lernen. Aus diesen Grnden hatte
mir _Kwing Irang_ im Jahre 1897 das Versprechen gegeben, unter meiner
Leitung die Reise nach Apu Kajan unternehmen zu wollen, und auf dieses
Versprechen hatte ich meine Plne gebaut.

Seit 1897 waren die Umstnde fr einen derartigen Zug jedoch viel
ungnstiger geworden, hauptschlich weil allerhand wahre und unwahre
Gerchte ber Mordtaten, welche die Kenja begangen haben sollten, die
Runde machten. Das damals bereits verbreitete Gercht, die Kenja htten
fnf vom Mahakam aus bei ihnen Handel treibende Malaien ermordet,
hatte sich inzwischen allerdings besttigt. Es wurde aber auch noch
erzhlt, 7 Malaien, die sich aus Serawak ebenfalls zu Handelszwecken
zu den Kenja begeben htten, wren bei diesen umgekommen. In jngster
Zeit sollte auch ein malaiischer Kupfergiesser, der sich eine Zeitlang
in Apu Kajan zu halten verstanden hatte, von den Kenja ermordet worden
sein. Diese Ereignisse hatten nicht gerade dazu gedient, die ohnedies
ngstlichen Bahau zur Reise zu ermuntern. Das gewaltsame Vorgehen der
Kenja bildete im Grunde jedoch nur eine scheinbare Besttigung fr
ihre wilde Natur, in Wirklichkeit bedeutete es nur ein energisches,
mutiges Auftreten gegen bergriffe, welche die Malaien sich schwcheren
Eingeborenen gegenber ungestraft erlauben drfen. Die gleichen 7
Malaien aus Serawak waren nmlich frher auch am oberen Mahakam gewesen
und hatten sich dort so viele Betrgereien zu Schulden kommen lassen,
dass _Kwing Irang_ sie aus Besorgnis fr ihre persnliche Sicherheit
unter seinen Kajan und aus Angst vor Konflikten mit Serawak unter
einem Geleite in ihr Land hatte zurckbringen lassen. Jeder, der das
Leben und Treiben des malaiischen Gesindels unter den Bahau kannte,
htte fr diese Handlungsweise der Kenja Sympathie empfunden. Der
Tod der fnf anderen Malaien, die unter _Hadji Umars_ Anfhrung
Jahre lang bei den Bahau gelebt hatten und nachher von diesen zu den
Kenja gezogen waren, machte auf die Mahakambewohner einen besonders
starken Eindruck, obgleich der Anlass zu diesem Morde schon lngst
zur Genge bekannt war. Da er fr das Verhltnis zwischen Malaien und
Eingeborenen charakteristisch ist, mag er hier erwhnt werden. Die
fnf Malaien waren mit einer grossen Menge Handelsware in Gesellschaft
einer vom Mahakam heimkehrenden Kenjatruppe nach Apu Kajan gereist,
wo sie 3 Jahre lang Handel trieben, ohne von den Stmmen belstigt
zu werden. Als einer dieser Malaien sich einmal mit einigen Kenja zu
den benachbarten Punan-Lisum begab, um mit diesen Handel zu treiben,
kaufte er von dem Huptling fr ein Stck roten, golddurchwirkten
Zeuges eine _guliga_ (Intestinalstein). Sobald er aber merkte, dass
der Huptling noch mehr _guliga_ hatte, wollte er fr dasselbe Stck
Zeug noch 4 dieser Steine haben. Nach der Weigerung des Huptlings
packte der Malaie dessen kleinen Sohn und drohte, ihn mitzunehmen,
falls er seine Steine nicht erhalte. Im Augenblick aber, wo er
das Kind binden wollte, durchbohrte ihn der Huptling mit seinem
Speer. Trotzdem der Malaie bereits am Mahakam als frecher Betrger
bekannt war, fhlten sich doch die Kenja, die den Mann halb als ihren
Gast betrachteten, fr sein Leben verantwortlich und tteten aus Rache
einige Punan. Diese bten Wiedervergeltung und das Kpfejagen hrte
auf beiden Seiten nicht eher auf, bis auch der letzte Malaie, einen
ausgenommen, der an Krankheit starb, gettet worden war. Die ohnehin
ngstlichen Bahau wurden nun auch noch von dem Gedanken beunruhigt,
die Kenja knnten frchten, ihrer allzu energischen Handlungsweise
wegen von mir zur Rechenschaft gezogen zu werden.

In den letzten Jahren standen die Kenja brigens auch mit unserer
Bevlkerung am Mahakam auf gespanntem Fuss, nicht nur weil sie nach
Landessitte von den Produkten der Felder, an denen sie vorberfuhren,
lebten, sondern weil sie bei dieser Gelegenheit auch Kpfe jagten. Ein
Jahr vor meiner Ankunft am Mahakam hatte noch ein Huptling der
Kenja Uma-Bom, whrend er auf der Galerie der Bahau Uma-Wak einen
Schwerttanz auffhrte, einem der vornehmsten Zuschauer pltzlich den
Kopf abgeschlagen und mit diesem ungestraft die Flucht ergriffen.

Durch Vermittelung ihres Oberhuptlings _Bui Djalong_ hatten die Kenja
fr diese Tat zwar eine bedeutende Busse bezahlt, doch wurden sie
trotzdem am Mahakam mit sehr begreiflichem Misstrauen begrsst. Die
Bahau, die mich auf meinen Fahrten auf dem Mahakam begleiteten,
waren auch stets, besonders an den Wasserfllen beim Boh, sehr auf
ihrer Hut. Als wir 1897 beim Hinabfahren auf dem Mahakam an einer
Flussbiegung pltzlich einem Boot begegneten, griffen alle Mnner
sogleich zu den Waffen, bis es sich herausstellte, dass wir es mit
befreundeten Ma-Suling und nicht mit Kenja zu tun hatten.

Auch zwischen den Bahau und Kenja am Tawang war die alte Feindschaft
nicht vergessen, wenn die Uma-Tim auch ihre frhere Niederlage aus
Angst vor dem Sultan nicht ffentlich an den Long-Bila zu rchen
wagten. Kleinere Fehden wiederholten sich aber immer wieder zwischen
ihnen. So hatten die Long-Bila _Brit Adjang_, den jngsten Sohn des
bekannten Uma-Tim Huptlings _Bo Adjang Hipui_, ermordet. Der Mann
war mit einer Frau der Long-Bila verheiratet und lebte bei diesem
Stamme. Sein Tod hatte auf den Verlauf unserer Reise zu den Kenja
grossen Einfluss, weil er neue Racheakte veranlasste, welche die
Beziehungen zwischen dem Mahakam und dem Kajangebiet immer mehr
verschlechterten. _Ibau Adjang_, der Bruder des Ermordeten, sann
natrlich auf Blutrache. Da er diese nicht selbst auszuben wagte,
brachte er einen Huptling der Kenja Uma-Bom, _Taman Dau_, der die
Uma-Tim am Tawang 1897 besuchte, dazu, statt seiner den Tod seines
Bruders an den Long-Bila zu rchen. _Taman Dau_ zeigte sich hierzu
denn auch gleich bereit, fuhr mit einigen Stammesgenossen den Tawang
hinunter und ttete einen einsam fischenden Mann der Long-Bila. Mit dem
erbeuteten Kopf floh er eiligst den Fluss wieder aufwrts, schlug dann
den krzesten Landweg zum Merah ein und erreichte von dort den Mahakam,
den Boh und schliesslich Apu Kajan. Sobald es sich herausgestellt
hatte, dass die Kenja am Tawang die eigentliche Veranlassung zu
dem Morde gegeben hatten, drohte ihnen ein europischer Ingenieur,
der unter einem Schutzgeleite des Sultans in dieser Gegend Gold
suchte, mit der Rache von Kutei. _Ibau Adjang_ beschloss darauf sehr
erschreckt, die erste Gelegenheit wahrzunehmen, um nach der in Borneo
blichen Weise dem Sultan seine untertnige Gesinnung zu bezeugen. Als
bald darauf eine Gesellschaft Kenja vom Stamme Uma-Djalan von einem
Besuch beim Sultan in Tengaron zurckkehrte und in mehreren Bten
am Dorfe der Uma-Tim vorberfuhr, berfielen diese eines der Bte,
das von den anderen getrennt war, weil seine Insassen sich mit Fischen
beschftigten. Die ganze Bemannung wurde ermordet, unter dieser auch
der Enkel des Uma-Tow Huptlings _Bui Djalong_. wahrscheinlich hatte
nicht nur der Wunsch, an Stelle des Sultans an den Kenja Rache zu ben,
sondern auch eine alte Fehde zwischen den Uma-Tim und Uma-Djalan
aus der Zeit, wo sie gemeinsam das Stammland bewohnten, _Ibau Adjang_
zu diesem Morde getrieben. Die brigen Kenja waren nach der Ermordung
ihrer Reisegefhrten ber den Merah zum Mahakam und Boh geflohen; sie
waren es, die dem Kontrolleur _Barth_ in Long Bagung begegneten und
die ich den Kiham Halo hinauffahren gesehen hatte (Teil I pag. 487).

Eine Erzhlung ber den Ursprung der Feindschaft zwischen den Uma-Tim
und Uma-Djalan verdient ihrer Eigenartigkeit wegen hier erwhnt zu
werden, doch kann ich fr die Wahrheit derselben nicht einstehen.

Als beide Stmme noch gemeinsam in Apu Kajan wohnten, heiratete ein
Huptling der Uma-Djalan eine Tochter aus der Frstenfamilie der
Uma-Tim. Beim Fest gelegentlich der Namengebung des ersten Kindes
kmen die Uma-Djalan als Gste zu den Uma-Tim, bei denen ihr Huptling
der Sitte gemss im Hause seiner Schwiegereltern lebte. Nach dem Fest
behauptete der Huptling der Uma-Tim, seine kostbaren Halsketten
seien ihm gestohlen. Trotzdem die Uma-Djalan versicherten, die Diebe
befnden sich unter den Uma-Tim selbst, berfielen diese ihre Gste,
die, nichts Bses vermutend, in ihr Dorf heimkehrten und tteten viele
von ihnen. Nach diesem Begebnis verkehrten die Uma-Djalan aber wieder
mit dem inzwischen, zur Vorherrschaft gelangten Stamm der Uma-Tim,
als ob nichts vorgefallen wre, bis das Kind, dessen Namensfest den
berfall veranlasst hatte, gross geworden war. Erst dann sann der
Huptling der Uma-Djalan auf Rache fr die einst verbte Bluttat. Er
lud die Uma-Tim zum Fest des Frchtepflckens ein, und als sowohl die
Gste als deren Gastherren auf die Bume geklettert waren, stiegen die
Uma-Djalan unter allerhand Vorwnden wieder herunter und zerbrachen die
Leitern, so dass die Uma-Tim oben bleiben mussten. Darauf ermordeten
die Uma-Djalan zuerst die Frauen und Kinder ihrer Gste und fllten
dann die Bume, wobei viele Mnner umkamen. Die Uma-Tim, die bald
nach diesem Ereignis unter _Ibau Adjang_ und _Li Adjang_ nach dem
Tawang ausgewandert waren, hatten erst in dem oben erwhnten Morde
Gelegenheit zur Ausbung der Blutrache gefunden.

Die ganze Bevlkerung am Mahakam lebte infolge dieser Geschehnisse
begreiflicherweise in stndiger Angst vor Rachezgen seitens der
ohnehin so gefrchteten Kenja von Apu Kajan, und wie gewhnlich machten
immer wieder schreckenerregende Gerchte von geplanten Einfllen in
das Mahakamgebiet die Runde. In der Tat hatten die Kenja bereits von
sich hren lassen. Eine Bande Uma-Bom, mit einigen Punan als Fhrern,
hatte eine Kopfjagd nach dem Mahakam unternommen und hielt sich
im Alan unterhalb der Wasserflle auf, gerade, als ich mit _Kwing
Irang_ ahnungslos den Fluss hinauffuhr. Mit Zustimmung von _Bang
Jok_, der damals von Tengaron nach Uma-Mehak reiste, hatte sich die
Gesellschaft zum Rata begeben und bei der ersten besten Gelegenheit
zwei buginesische Bschproduktensucher und einen Bahau, whrend diese
in einer Stromschnelle wehrlos standen, ermordet.

Alle diese Ereignisse und Gerchte, wie beunruhigend sie auch wirkten,
htten die Bahau oberhalb der Wasserflle doch nicht von einer Reise
mit mir nach Apu Kajan zurckgehalten, wenn nicht zugleich der Sultan
von Kutei jetzt ebenso stark gegen unser Unternehmen gearbeitet htte,
wie frher gegen unseren Aufenthalt bei den Bahau am Mahakam.

Die Frstenfamilie frchtete mit Recht, dass eine Ausbreitung
des niederlndischen Einflusses auf die Kenjastmme auch auf die
Mahakambewohner einen grossen Eindruck machen wrde, der ihrer
eigenen Macht in hohem Masse nachteilig sein musste. Die Kuteinesen
verbreiteten daher das Gercht, der Sultan werde der niederlndischen
Regierung niemals gestatten, einen Kontrolleur unter den Bahau
einzusetzen, auch wrde er sich an allen Stmmen, die mir nach
Apu Kajan hlfen, spter rchen. _Bang Jok_, als einflussreichster
Huptling, untersttzte, in seiner erzwungenen Untertanenschaft,
jetzt den Sultan bei seinen Drohungen. Durch seinen persnlichen
Einfluss unter den Bahau gewannen _Bang Joks_ Behauptungen berdies
viel an Bedeutung. Zu meinem grossen Bedauern fand die Einsetzung
eines niederlndischen Regierungsbeamten erst im Juli 1900 statt,
so dass ich ein volles Jahr vergebens auf eine Untersttzung seitens
der niederlndisch-indischen Regierung wartete und die Bevlkerung am
Mahakam in stndiger Angst vor den Drohungen des gefrchteten Sultans
und seines Handlangers _Bang Jok_ lebte.

Schreckten mich diese Zustnde der zu berwindenden Schwierigkeiten
wegen einerseits von der geplanten Reise nach Apu Kajan ab, so
berzeugten sie mich andererseits wieder davon, von welcher politischen
Wichtigkeit diese Expedition fr die Einsetzung einer niederlndischen
Verwaltung am Mahakam sein musste. Falls, wie ich sicher erwartete,
ein Kontrolleur unter den Bahau eingesetzt wurde, musste dieser
das ausgedehnte, schwer zugngliche und schwach bevlkerte Gebiet
sicherlich nicht durch europische Machtentfaltung sondern durch
freundschaftliche Beziehung zu der Bevlkerung zu verwalten suchen. Er
htte auch unmglich Kopfjagden und hnliche Anlsse zu Fehden und
Racheakten verhindern knnen, besonders wenn es sich um entlegene,
so gut wie unzugngliche Gebiete wie Apu Kajan handelte, wo sogar
schwere Vergehen nicht gestraft werden konnten, wenn nicht schon
vor seiner Ankunft mit den betreffenden Stmmen ein gutes Verhltnis
angebahnt worden wre.

Die gespannten Verhltnisse zwischen Bahau und Kenja liessen daher
eine Reise nach Apu Kajan sehr wnschenswert erscheinen, was einige
Huptlinge der Bahau, wie _Kwing Irang_, der auch fr das allgemeine
Wohl Verstndnis besass, auch einsahen. In wie weit dieses Motiv
ihn dazu trieb, mich stndig, wenn auch oft fr andere unmerklich,
in meinem Plan zu untersttzen, war ich nicht zu beurteilen imstande.

Frchteten die Bahau fr sich selbst die zahlreichen Gefahren der
Reise, so waren sie in nicht minderem Masse auch um mein Leben
und das meiner Mitreisenden besorgt. _Kwing Irang_ und sein Stamm
beunruhigte auch der Gedanke, dass die niederlndische Regierung
fr ein eventuelles Unglck, das uns zustiess, sich an ihnen rchen
knnte. _Kwing_ war daher auch von Anfang an dafr, dass nicht nur
seine Kajan, sondern alle Stmme am oberen Mahakam Vertreter mit mir
sandten, damit das Ganze Gebiet gemeinschaftlich die Verantwortung
fr unsere Sicherheit auf sich nehme. Da die jungen Mnner der
verschiedenen Stmme alle Lust zum Unternehmen zeigten, htte dieser
Punkt keine Schwierigkeiten verursacht, wenn die anderen Umstnde nur
gnstig gewesen wren. Selbst der malaiische Huptling _Temenggung
Itjot_ aus dem Merasgebiet hatte sich mit seinem Gefolge und dem
jungen Huptling _Ibau Li_ zur Teilnahme an unserer Expedition
vorbereitet. Sie wollten nmlich bei dieser Gelegenheit die Trauer
fr ihre Verstorbenen ablegen, _Temenggung Itjot_ fr seinen kleinen
Sohn, _Ibau Li_ fr seinen Vater _Bo Li_. Beide waren, wahrscheinlich
aus Furcht vor mir, nicht dazu gekommen, die Trauerperiode nach der
am Murung herrschenden Sitte durch ein Menschenopfer abzulegen und
wollten der adert daher nach Bahauweise durch die Unternehmung einer
grossen Reise und den Kauf eines alten Kopfes Genge leisten.

Diese Ma-Suling, die durch den Tod des Huptlings _Obet Dewong_
verhindert gewesen waren, mit mir nach der Kste zu reisen (T. I
pag. 410), begaben sich aber nach langem Warten, als mein Zug zu
den Kenja zu missglcken schien, nach dem Murung, erhandelten dort
zwei alte Sklavinnen und tteten diese auf der Rckreise an der
Merasmndung, um durch Darbringung dieses Opfers die Trauerzeit
abschliessen zu knnen. Sie hatten die Tat gewagt, nachdem ich bereits
zum Boh aufgebrochen war.

Die Absicht aller Stmme am oberen Mahakam, mich zu den Kenja zu
begleiten, war zwar ein willkommener Beweis von ihrem Bestreben, mich
zu untersttzen, da aber jeder Mitreisende seine eigenen Interessen
verfolgte, verursachte die Beteiligung einer so grossen Personenzahl
viele Schwierigkeiten. Eine gemeinsame, wenn auch nur vorlufige
Beratung ber den Reiseplan erschien daher dringend ntig, und so
suchte ich denn eine Versammlung, trotz des anfnglichen Widerspruchs
der Kajan, zu Stande zu bringen. In einer Zusammenkunft mit _Kwing
Irang_ und seinen ltesten wurde beschlossen, dass die Beratung in
Long Tepai bei _Bo Lea_ stattfinden sollte.

Zu diesem Zwecke sollte ich flussabwrts nach Long Tepai fahren,
whrend _Kwing Irang_ vom Meras aus, wohin er mit seiner Frau
_Hiang_ und seiner Pflegetochter _Kehad_ reiste, sich dorthin
verfgen wollte. Am 12. November waren in der Tat alle in Long
Tepai versammelt; mit _Kwing Irang_ War auch _Temenggung Itjot_, als
Vertreter der Ma-Suling, eingetroffen. Zuerst hielten die Huptlinge
untereinander eine Beratung, in der beschlossen wurde, dass _Bo
Lea_ zuerst allein nach Apu Kajan reisen sollte, um _Bui Djalong_
zu fragen, ob die Mahakambewohner unsere Expedition zu ihnen geleiten
drften. Am folgenden Tage wurde mir dieser Plan abends in _Bo Leas_
Galerie vorgelegt, wo sich alle Huptlinge mit ihren Wortfhrern
eingefunden hatten. In der Regel schweigen nmlich die Huptlinge
in solchen ffentlichen Versammlungen und berlassen ihrem klgsten
und redegewandtesten Mantri das Wort; nur energische Huptlinge Wie
der Pnihing _Belar_ sprachen oft auch persnlich ihre Ansichten
aus. Hier in Long Tepai hatte der Huptling _Bo Tijung_ die leitende
Rolle zugewiesen, der, trotz seiner Abstammung von den Barito-Dajak,
in Wirklichkeit das ganze Dorf regierte.

Vor Beginn der Versammlung Wurden alle Anwesenden durch das
Gercht, der Kontrolleur sei bereits in Udju Tepu angelangt,
erfreut und beruhigt. Ein Barito-Dajak, Huptling einer Gesellschaft
Buschproduktensucher, behauptete sogar, diese Nachricht habe in einem
Brief, der von der Kste gekommen sei, gestanden, ein Umstand, der
alle Anwesenden zu berzeugen schien.

Im Grunde hatte ich es in der Versammlung nur mit _Bo Tijung_ zu
tun, der stets wieder betonte, dass man gegen das Unternehmen sei,
weil der Mord am Tawang noch nicht geshnt wre. Die anderen Grnde,
die Angst vor den Kenja, den Zweifel an der Ankunft des Kontrolleurs
und die Furcht vor der Ungnade des Sultans, erwhnte _Bo Tijung_
berhaupt nicht. Zur Beseitigung der von ihm angefhrten Schwierigkeit
verlangte er, _Bo Lea_ solle sich zuerst auf Kundschaft nach dem Apu
Kajan begeben. Hierauf konnte ich jedoch durchaus nicht eingehen, da
diese Reise vier Monate, wahrscheinlich noch viel lnger dauern musste,
der Zug den Reiz der Neuheit fr die anderen Mitreisenden verloren
und ich sie dann viel schwerer in Bewegung gebracht htte. berdies
war es am besten, die Kenja vor eine Tatsache zu stellen und nicht
zu warten, bis sie vielleicht aus Angst vor dem Ungewhnlichen meinen
Besuch ablehnten.

Die Versammlung fhrte wie gewhnlich, trotz 3 1/2 stndiger Beratung,
zu keinem Resultat; ich konnte auf den Vorschlag der Huptlinge nicht
eingehen und diese usserten sich nicht darber, ob sie dennoch mit mir
gehen, oder die Reise berhaupt nicht unternehmen wollten. Trotzdem die
Meinungen einander scharf gegenber standen und unsere gegenseitigen
Interessen mit der Angelegenheit fest verbunden waren, wurden wir
doch nicht heftig. Alles ging ruhig seinen Gang, man merkte, dass die
Bahau ihre Beschwerden, die fr mich als Niederlnder nur unangenehm,
fr sie aber sehr gewichtig waren, nicht zur Sprache brachten, und
nur einmal, als _Bo Tijung_ etwas hitziger ausfuhr, konnte ich ein
"_mata tasin_" ("mge ein Speer mich tten", Fluch der Bahau) nicht
unterdrcken. Die ganze Gesellschaft wurde aber dadurch beunruhigt,
da sie einen Ausbruch von Heftigkeit meinerseits frchtete, und _Bo
Tijung_ beobachtete in seiner Beweisfhrung sogleich mehr Vorsicht.

_Kwing Irang_ fand die Situation augenscheinlich sehr peinlich,
denn er stand, ohne etwas zu sagen, als erster auf. Als ihm noch
einige folgten, schlug _Bo Tijung_ vor, die Beratung am folgenden
Tage fortzusetzen. Ich erfuhr jedoch, dass die Huptlinge spter in
_Bo Leas_ _amin_ wieder zusammengekommen waren. Des anderen Morgens
frh kam _Kwing Irang_ auch, um mir zu berichten, man habe in einer
nchtlichen Beratung beschlossen, falls das Wasser falle, die Reise
mit mir beim folgenden Neumond dennoch zu unternehmen. _Temenggung
Itjot_ und er selbst, die nach dem Meras zurckkehrten, wollten die
Ma-Suling benachrichtigen und _Bo Tijung_ sollte sich nach Batu Sala
und Lulu Njiwung begeben, um die Long-Glat mit ihren Huptlingen
_Parn Dalong_ und _Ding Ngow_ dazu zu bewegen, ebenfalls ein oder
zwei Bte mit Mnnern zur Reise auszursten.

Wegen des hohen Wasserstandes war drei Tage lang an eine Rckkehr nach
dem Blu-u nicht zu denken, auch brauchte ich schliesslich mit meinem
kleinen, gut bemannten Boot drei statt zwei Tage fr die Reise. _Kwing
Irang_ langte mit seiner Familie in einem mit Reis schwer geladenen
Fahrzeug sogar erst am 23. November an. Bis zum Ende des Monats behielt
der Fluss seinen hohen Wasserstand. _Hiang_ und _Kehad_, _Kwings_ Frau
und Pflegetochter, kehrten von ihrem Ausflug zum Meras sehr befriedigt
heim, sie waren in ihrem Leben noch nie bei den Ma-Suling gewesen,
trotzdem diese nur eine Tagereise weit von Long Blu-u wohnten. Beide
Frauen hatten zuerst tagelang nicht gewagt, sich mit ihren Verwandten
in ihrem gebrochenen Besang zu unterhalten. Die Kajanfrauen sind an
einen Verkehr mit benachbarten, verwandten Stmmen nicht gewhnt, die
Frauen der Long-Glat sind etwas reisegewandter, da ihre ursprnglich
vereinigten Niederlassungen noch jetzt durch viele Verwandtschafts-
und Freundschaftsbande verknpft sind.

Die Kajanfamilien in Long Blu-u waren in diesen Monaten noch
immer damit beschftigt, Material zum Bau von _Kwing Irangs_ Haus
herbeizuschaffen; augenblicklich arbeiteten sie an den grossen,
schweren Brettern, welche fr die Diele in der Galerie bestimmt
waren. Je zwei Familien hatten ein solches Brett fertig zu stellen. Der
Hausbau lag _Kwing Irang_ so am Herzen, dass ihm sein Entschluss, mich
jetzt schon auf der Reise zu begleiten, sehr viel Selbstberwindung
gekostet haben musste.

Whrend wir in grosser Einfrmigkeit, so gut es eben ging, die
folgenden Tage verbrachten, wurden wir eines Mittags durch einen
grossen Menschenauflauf erschreckt, der sich nach dem unten am Fluss
liegenden Teil der Niederlassung bewegte. Voll Neugier schlossen wir
uns den Leuten an und bemerkten bald eine grosse, mitten aus einer
langen Huserreihe aufsteigende Rauchwolke. Beim Gedanken an das viele
trockene Holz, aus dem das Dorf bestand, wurde uns Angst, doch sahen
wir sogleich, dass das Feuer sich nicht weiter ausbreitete. Einige
Mnner, die unter lautem Geschrei auf das Dach geklettert waren,
schlugen mit Schwertern von den angrenzenden Husern die Schindeln
los und warfen sie hinunter. Auch von Innen wurden die leichter
entzndlichen Holzteile auseinander gerckt und das schwerere Holz
mit Wasser begossen, so dass der Rauch nach kurzer Zeit nachliess und
das Unheil abgewandt war. Eine Mutter mit ihrer Tochter hatten den
Brand veranlasst, indem sie sich unvorsichtiger Weise von dem Topf,
in dem sie Schweinespeck schmelzten, entfernt hatten. Wahrscheinlich
waren die Flammen des Holzfeuers in den offenen Kochtopf geschlagen
und hatten dann das ber dem Herde aufgestapelte Brennholz ergriffen.

Die Dorfleute machten den Schuldigen, die brigens durch den Verlust
ihres Hauses gengend gestraft waren, keine Vorwrfe, sondern schrieben
den Brand dem Umstande zu, dass man in einer ungnstigen Mondphase das
Haus gebaut oder das Baumaterial gesammelt haben musste. Bevor daher
ein neues Haus errichtet werden durfte, mussten die Priesterinnen
zur Besnftigung der zrnenden Geister ein Opfer bringen und die
stehengebliebenen Teile mit dem Blute des Opfertieres bestreichen.

Anfang Dezember kam _Bo Tijung_ mit einer Gesellschaft Long-Glat und
meldete mir das Resultat seiner Unterhandlungen mit den verschiedenen
Niederlassungen. Obgleich seine Berichte, die er in einer Versammlung
vorbrachte, nicht ermutigend lauteten, machten sie dem langen Warten
in Ungewissheit vorlufig doch ein Erde. Alle Niederlassungen hatten
sich zwar zum Unternehmen des Zuges bereit gezeigt, aber die Bewohner
von Lulu Njiwong hatten erklrt, sie litten bereits seit Monaten an
Reismangel und knnten daher kurz vor der Ernte unmglich ein Boot mit
Mannschaft ausrsten. _Bo Tijung_ behauptete, die gleichen Zustnde,
wenn auch in geringerem Grade, herrschten auch in Long Tepai, und
bat daher um einen Aufschub der Reise bis zum Beginn der Ernte, nach
der Feier des _lali parei._ Zwar bedeutete dies eine Verzgerung von
anderthalb Monaten, doch war ich froh, dass man den Reiseplan unter
diesen wirklich schwierigen Verhltnissen nicht gnzlich aufgegeben
hatte, und stimmte zu, unter der Bedingung, dass man das _lali parei_
gleich nach Neumond feiern sollte. Meine Zustimmung schien alle
Anwesenden von einem Druck zu befreien.

Jetzt, wo ich die Gewissheit hatte, frs erste nicht fortzukommen,
musste ich meine Zeit so ntzlich als mglich anzuwenden suchen. Vor
allem musste ich meinem Personal Arbeit schaffen, damit es sich im
Dorfe nicht langweilte. Ich selbst konnte nicht mitgehen, so sandte
ich denn _Doris_ und _Abdul_ mit einigen Malaien aus Samarinda und
einigen Kajan als Fhrern nach einer Stelle am Blu-u, wo wir 1896
eine Jagdstation eingerichtet hatten. Teils um fr das Trocknen
von allerlei Gegenstnden Luft zu schaffen, teils um zu verhindern,
dass die Bume, wie es einmal beinahe geschehen war, auf unser Lager
strzten, hatten wir dort ein grosses Stck Wald gefllt. Ich hoffte,
dass es unseren Jgern diesmal gelingen wrde, dort einige _bang-e-u_
zu fangen, von denen ich whrend meiner ersten Reise mehrere Exemplare
erhalten hatte, die jetzt aber in unserer Vogelsammlung noch fehlten,
weil die Kajan von dem Hausbau zu sehr in Anspruch genommen waren,
um Schlingen legen zu knnen. Auf den Eifer meines Jgers setzte ich
nicht viel Hoffnung, vertraute dagegen mehr auf _Abdul_ und einige
Malaien, _Delahit_ und _Sad_, die ausser Talent auch noch Neigung und
Verstndnis fr die Jagd besassen. Bis jetzt waren es hauptschlich
_Abdul_ und _Delahit_ gewesen, die uns ab und zu mit grossem Wild,
nicht nur Hirschen, sondern auch Rindern, versehen hatten. Ihre Art
zu jagen bestand mehr darin, dass sie das Wild beschlichen oder ihm
an einer Salzquelle im Hinterhalt auflauerten, als dass sie es von
weitem zu treffen suchten, wozu sich im dichten Walde auch selten
Gelegenheit bot. Ein selbst von den Dajak sehr bewundertes Talent im
Aufspren des Wildes besass _Abdul_, ein Halbblut-Chinese aus Java,
der um der schnen Augen seiner javanischen Frau willen Mohammedaner
geworden war. Dieser Mann verstand auf dem mit Zweigen und Blttern
bedeckten Waldboden die frische Spur eines Hirsches zu finden, das
Tier weit und so vorsichtig zu verfolgen, dass er es oft an seinem
Lagerplatze berraschte und auf 10-15 Schritt schiessen konnte.

Die Bahau schtzten _Abduls_ Fhigkeiten als Jger und Sprhund
gleichzeitig sehr und baten ihn oft, sie auf die Jagd zu
begleiten. Zu unserem grossen Bedauern begab _Abdul_ sich, trotz
des chinesischen Blutes, das in seinen Adern strmte, nur selten
auf die Wildschweinjagd, weswegen wir uns am schnsten Wildbret
von Borneos Wldern nur ab und zu erfreuen durften. Mit derselben
Geschicklichkeit, mit der er auf Reisen das Lten und andere
ntzliche Handwerke gelernt hatte, verstand _Abdul_ auch bald nach
Art der Bahau Schlingen zu legen, ich hoffte daher von dem Aufenthalt
meiner Jagdgesellschaft mitten in dem noch wenig besuchten Wald am
oberem Blu-u das Beste. _Kwing Irang_ zeigte sich zwar immer etwaiger
Gefahren wegen, welche die Jger dort treffen konnten, besorgt, aber
da sie gut bewaffnet waren, liess ich sie ruhig ziehen. Der _bang-e-u_
(Lobiophasis Bulweri Sh.) war leider, wie es sich erwies, noch nicht
von den Bergen ins Tal herabgekommen, um sich dort an den Frchten
gtlich zu tun, so dass nur allerlei andere hhnerartige Vgel, wie
der kwe (Argusianus Grayi), der _bajan_ (Lophura nobilis Scl.) und
der _tajum_ (Bollulus roulroul Scop.) gefangen wurden, von denen wir
aber bereits mehrere Exemplare besassen.

Am letzten Tage des Jahres traf _Kwing Irangs_ ltester Sohn, _Bang
Awan_, in Long Blu-u ein. Er war whrend unserer Reise zur Kste
bei den Hwang-Sirau unterhalb der Wasserflle zurckgeblieben, um
die Tochter des dortigen Huptlings als zweite Frau zu freien. _Bang
Awan_ brachte uns zum Schluss des Jahres neue Enttuschungen durch
den Bericht, der Kontrolleur sei noch nicht angekommen und man habe
von ihm berhaupt nichts gehrt. Nur wisse man, dass die Kuteische
Regierung gegen die Buginesen aufgetreten war, die bei den Bahau in
Udju Tepu Handel trieben, sich dem Wrfelund Kartenspiel ergaben und
den Bandjaresen, ihren Konkurrenten, gegenber sich allerlei hatten
zu Schulden kommen lassen. Der Sultan hatte ihnen befohlen, sich
bis nach Melak zurckzuziehen und das Land der Bahau nicht wieder zu
betreten; da die Buginesen diesem Befehle aber nicht gefolgt waren,
wagten sich die Handelsdampfer des Sultans, der auf den Handel mit dem
Binnenlande ein Monopol hatte nicht mehr bis Udju Tepu hinauf, wodurch
dort alles sehr teuer geworden war. Kurz vor _Bangs_ Abreise von Hwang
Sirau hatte sich noch von der Kste her das Gercht verbreitet, der
Sultan sei gestorben und sein ltester Sohn solle sein Nachfolger
werden, trotzdem die brigen Kinder sich widersetzten. Um den
Becher zum berlaufen zu bringen und das Vertrauen der Bevlkerung
in die niederlndische Macht noch mehr zu erschttern, traf auch
die Nachricht von der Ermordung zweier Kontrolleure in Kendangan,
im Bandjamasinschen Gebiete ein. Zu unserem Troste brachte _Bang_
eine Post mit, die von Samarinda hinaufgeschickt worden war und die
er von Udju Tepu, wo er seine Einkufe machte, mitgenommen hatte;
spter fand er eine zweite Postsendung, lteren Datums, in Uma Mehak.

Mit _Bang_ zugleich traf auch der Malaie _Utas_ bei uns ein, der
aus dem Gebiet des Murung, wo er Handelswaren eingekauft hatte,
erst nach Udju Tepu gezogen war. Er brachte allerhand fr unseren
langdauernden Aufenthalt sehr ntige Dinge mit; den fr Apu Kajan
bestimmten Vorrat wollten wir nicht antasten. _Utas_ verkaufte uns
sowohl Tauschartikel als Esswaren, auch willigte er ein, mit Gold
bezahlt zu werden, was in dieser Gegend ganz unbekannt war. Die
Bahau am oberen Mahakam nahmen hchstens Reichstaler und Gulden an,
whrend sie Kleingeld als minderwertig verachteten. Die Bevlkerung
am unteren Mahakam dagegen sieht mehr Kupfer- als Silbergeld. Die
erste Ausbezahlung in Gold kam mir insofern sehr zu statten, als mein
Vorrat an Silbergeld durch die Reiseverzgerung sehr geschmolzen und
ich bald auf mein Goldgeld angewiesen war. Sobald die Bahau als Lohn
oder Kaufgeld meine Silberstcke empfangen hatten, bewahrten sie diese
fr eine eventuelle Reise nach den Marktpltzen an der Kste und waren
nicht dazu zu bewegen, das Geld gegen etwas anderes auszutauschen.

Um den ersten Eindruck von _Bangs_ schlimmen Berichten vorbergehen
zu lassen, wartete ich mehrere Tage, bevor ich mit _Kwing Irang_
ber unsere Reiseplne zu sprechen anfing; ich wunderte mich
auch nicht, dass die Kajan nach den schlechten Nachrichten keine
Reisevorbereitungen trafen, die Bte nicht ausrsteten und keinen
Reis stampften. Als ich am 20. Januar endlich an _Kwing Irang_ das
Wort zu richten wagte, bekam ich bald noch mehr beunruhigende Berichte
zu hren: z.B. _Bui Djalong_ sei in zwei grossen Bten mit Kenja den
Boh hinuntergefahren, um wegen der Busse (pate) fr den Mord seines
Enkels zu unterhandeln. Zwei Pnihing, die vor einigen Tagen nach
oben gekommen waren, hatten diese fr mich so wichtige, aber doch
vor mir geheim gehaltene Nachricht gebracht. Einige andere Mnner,
die _Belar_ nach Long Tepai gesandt hatte, um Nheres hierber zu
hren, waren noch nicht zurckgekehrt.

Ich hatte bereits beschlossen, meinen Diener _Midan_ und einige
Malaien, noch bevor am folgenden Tage das _lali parei_ anbrach,
nach Long Tepai zu schicken, um zuverlssige Nachrichten zu holen,
als des Morgens die Pnihing von _Belar_ im Vorbeifahren bei unserer
Niederlassung anlegten. Zum Glck sprachen sie den Huptling, noch
bevor die Frauen, die auf dem Felde die Zeremonien fr das _lali parei_
vorgenommen hatten, zurckkehrten, was dem Eintritt der Verbotszeit
bedeutete. Nicht _Bui Djalong_ selbst, sondern _Taman Dau_, der
Huptling der Uma-Bom, sollte mit 180 Mann in Long Deho angekommen
sein. Dass er den Zweck seiner Reise nicht angab, erweckte grosses
Misstrauen. _Bui Djalong_ selbst sollte auf der Wasserscheide noch
Bte bauen, um den Boh hinunterfahren zu knnen.

Kaum waren die Mnner, deren Berichte glaubwrdig klangen, abgefahren,
als _Kwing Irangs_ zweite Frau, Umar _Anja_, in ihrem Boote vom
Reisfelde heimkehrte, und wir durch das eintretende _lali parei_
fr einige Tage von der Aussenwelt abgeschieden wurden.

Bereits seit einiger Zeit hatte ich erzhlen hren. _Kwing Irang_
trage sich jetzt, wo sein grosses Haus bewohnbar war, mit dem Plane,
_Lirui_, seine jngste und dritte Frau, die bis jetzt bei ihren Eltern
in Long 'Kup gewohnt hatte, zu sich zu nehmen. Die Vorbereitungen
hierzu waren augenscheinlich getroffen, die Geschenke fr die Pnihing
zusammengebracht und, das Wichtigste, die Zustimmung von _Kwings_
Haustyrannen _Bo Hiang_ erhalten, denn nach Schluss des _lali parei_
zogen die ltesten des Stammes nach Long 'Kup, um _Lirui_ und deren
Shnchen _Parn_ abzuholen. Am folgenden Tage trafen die Erwarteten,
von fnf Bten geleitet, ein.

Bevor sie das Ufer bestiegen, wurde den Dorfgeistern als Opfer ein
Ferkel und ein Huhn dargeboten. Darauf nahmen einige Mnner _Lirui_
mit ihrem Sohn auf den Rcken und trugen sie den 10 m hohen Uferwall
hinauf, wobei sie zum Schutz gegen die Sonne ber _Lirui_ einen grossen
Sonnenhut, ber _Parn_ einen geliehenen Regenschirm hielten. Das
Pnihing-Geleite blieb zwei Tage still in _Kwing Irangs_ Hause;
Festlichkeiten fanden nicht statt, weil der Huptling bereits mehrere
Frauen hatte und gehabt hatte. Dann zog die Gesellschaft mit den Gongen
und Tempajan, welche die _panjin_ der Kajan als Kaufsumme fr _Lirui_
zusammengebracht hatten, wieder heim. _Lirui_ selbst blieb mit ihrem
Sohn und der Sklavin, die sie mitgenommen hatte, bei den Kajan zurck.

Die politischen Verhltnisse, der Bau des neuen Hauses und die
Ankunft seiner jungen Frau waren zwar triftige Grnde, _Kwing Irang_
ans Haus zu binden, doch zgerte ich nach Ablauf der Verbotszeit nicht
lnger, mit ihm persnlich ber die Reisevorbereitungen zu sprechen,
da ich nicht warten konnte, bis alle Umstnde gnstig waren, und
da die nchsten Monate voraussichtlich keine besseren Aussichten
bieten wrden.

Als _Kwing_ sich eines Abends zu mir auf die Plattform meiner Htte
setzte, von der ich eine schne Aussicht ber den Mahakam genoss, ging
ich vorsichtig auf den bewussten Gegenstand ein; mein Freund schtzte
zwar allerhand vor, wie Mangel an Bten, dringende Arbeiten u.s.w.,
erwhnte aber die eigentlichen Hinderungsgrnde nicht, immerhin ging
aus allem hervor, dass er fr die Reise keine Mglichkeit sah. In der
Hoffnung, die Bewohner von Long Tepai wrden, ihrem Versprechen gemss,
zur Reise geneigter sein, oder man wrde dort Buschproduktensucher
und Malaien zum Mitgehen bereit finden, jedenfalls aber, um den Kajan
zu zeigen, dass ich nicht lnger warten wollte, gab ich _Kwing Irang_
meine Absicht zu erkennen, _Bier_ und _Demmeni_ voraus flussabwrts zu
senden. Nach Ablauf des _lali parei aja_ reisten die beiden wirklich
ab, in Gesellschaft eines der ltesten Kajan, der den Long-Glat eine
nochmalige Beratung ans Herz legen sollte.

Bald darauf schrieben meine Reisegefhrten, die Aussichten wren
auch in Long Tepai nichts weniger als gnstig, man wrde aber zur
Beratung zu mir hinauffahren. Wenn den jungen Leuten in Long Blu-u
die Vorstellung, mit mir nach dem interessanten Apu Kajan zu ziehen,
nicht immer noch verlockend vorgekommen wre und sie nicht schon
teilweise ihre _lewo_ (Reispacken) vorbereitet htten, wre ich
unter diesen deprimierenden Umstnden sogleich unverrichteter Sache
zur Kste zurckgekehrt. In diesem kritischen Augenblick teilten mir
die am jenseitigen Ufer wohnenden malaiischen Buschproduktensucher
mit, sie wollten mich begleiten, falls _Kwing Irang_ seine Zustimmung
gebe. Auch glaubte ich in der Herrichtung des grossen Huptlingsbootes
ein gutes Zeichen zu sehen, hrte aber bald, es habe nur den Zweck,
eine grosse Anzahl Mnner, die im Walde Dielenbretter fr _Kwings_
Haus verfertigen sollten, den Blu-u aufwrts zu bringen.

Die Abgesandten aus Long Tepai trafen erst am 11. Februar ein; sie
usserten sich mittags sehr zurckhaltend, erklrten aber abends in
einer allgemeinen Versammlung mit den Kajan rund heraus, dass sie
nicht mit mir zu den Kenja reisen wollten, weil aus Apu Kajan sehr
ungnstige Berichte gekommen wren. Sie machten zwar wieder den alten
Vorschlag, _Bo Tijung_ und _Bo Ului_ zur Vorbereitung unseres Zuges
zu den Kenja vorausreisen zu lassen, doch ging ich hierauf aus den
bereits erwhnten Grnden nicht ein. Sie sprachen so berzeugend,
dass ich selbst an eine aus Apu Kajan drohende Gefahr geglaubt htte,
wenn _Kwing Irang_ mich nicht schchtern gefragt htte, was ich von
der Ankunft des Kontrolleurs dchte, woraus ich ersah, dass man wie
gewhnlich die wahren Beweggrnde nicht nannte, Bedrohungen aus Kutei
aber die Haupthindernisse bildeten. Fest berzeugt von der Einsetzung
eines niederlndischen Beamten am Mahakam, liess ich meine Hoffnung
daher nicht fahren. Dass man nicht aufrichtig gewesen war, merkte
ich am folgenden Morgen, wo auch die Long-Glat sich weigerten, zur
Vorbereitung der Reise nach Apu Kajan voraus zu ziehen. _Bo Tijung_
war ein zu grosser Diplomat, als dass ich von ihm etwas erfahren htte,
so liess ich ihn denn wieder nach Hause gehen.

Am anderen Morgen, als ich gerade ber die unklare Rolle, welche
_Kwing Irang_ und die Kajan in dieser Angelegenheit gespielt hatten,
nachdachte, kam der Huptling selbst, vergrmt und wie gealtert,
zu mir. Mit Trnen in den Augen berichtete er, auch er wre ber
die bestimmte Weigerung der Long-Glat sehr erstaunt gewesen und
htte, wie brigens auch ich, die ganze Nacht vor Aufregung nicht
geschlafen. Wie _Kwing_ erzhlte, hatte der Sultan von Kutei jeden
Stamm, der mir nach Apu Kajan half, zu bekriegen gedroht, was natrlich
alle Huptlinge--da die Ankunft eines Kontrolleurs noch ganz ungewiss
war--eingeschchtert hatte. Mehr war von _Kwing_ nicht zu erfahren,
daher begab ich mich am folgenden Tage, als die meisten Long-Glat mit
_Bo Tijung_ zum Frchtepflcken den Blu-u hinaufgefahren waren, um
Nheres zu hren, zu dem gutmtigen _Bo Ului Jok_, unter dem Vorwande,
von ihm Auskunft ber den Boh und dessen Nebenflsse haben zu wollen.

Mit grosser Bereitwilligkeit ging dieser darauf ein, bedauerte lebhaft
den Verlauf der Reiseangelegenheit und erklrte unter Trnen, nicht
alles sagen zu drfen. Als ihm eine Verwnschung gegen _Bang Jok_
entschlpfte, wurde mir die Lage sofort klar. _Bang Jok_ suchte aus
Eigennutz und angestachelt durch den Sultan auf alle Weise meine
Reise zu den Kenja zu verhindern und hatte dadurch seine Verwandten
in Long Tepai vllig eingeschchtert.

Der Schwerpunkt der Unterhandlungen wegen der Reise lag somit
nicht lnger bei den Kajan, sondern bei den Long-Glat in Long Deho,
auch war es wnschenswert, persnlich der Kenjagesellschaft unter
_Taman Dau_ dort zu begegnen, bevor sie den Heimweg einschlug, und
zu verhindern, dass sie sich, um Kpfe zu jagen, den Mahakam hinunter
begab. Auf Rat und mit Hilfe von _Kwing_, der keine Mglichkeit sah,
eine gengende Anzahl Kajan in kurzer Zeit fr einen lngeren Zug nach
Long Deho auszursten, nahm ich 10 Malaien aus Long Buleng in Dienst,
was mich von der schwerflligen Hilfe der Blu-u Bewohner unabhngig
machte. Hierbei verfolgte ich noch den Nebenzweck, die Malaien, falls
die Reise zu den Kenja nicht zu Stande kam, fr eine topographische
Aufnahme der Nebenflsse des Mahakam unterhalb der Wasserflle zu
bentzen. Die Malaien waren hiermit auch einverstanden, nur frchteten
sie, dass ich sie am Ende geradenwegs nach Apu Kajan mitnehmen wrde.

Bevor ich Long Blu-u verliess, musste ich noch _Midan_ mit
einigen Malaien nach dem Meras und Long Tepai schicken, um Reis
einzukaufen. _Kwing_ schlug mir auch vor, mein Personal den Kajan bei
der Reisernte helfen zu lassen. Als Lohn sollte jeder einen Packen
von 20 kg mitbekommen.

Im letzten Augenblick erschreckte _Njok Lea_ aus Long Tepai, der
auf einer Reise zu den Pnihing bei uns Halt machte, _Kwing_ noch so
sehr mit allerhand Unglcksbotschaften, dass dieser erklrte, mich
bestimmt nicht zu den Kenja begleiten zu knnen. Da die Lohnfrage
in dieser Angelegenheit durchaus keine Rolle gespielt hatte, liess
_Kwing_ sich trotz meines Angebots von 500 fl als Lohn fr die Reise
von seinem Vorhaben, mich nur auf dem Mahakam begleiten zu wollen,
nicht abbringen. Doch wollte er nochmals nach Long Deho zur Beratung
kommen und vorher sorgfltig aus dem Vogelflug Vorzeichen einholen
lassen. _Taman Dau_ und seine Kenja wollte _Kwing_ gern persnlich
sprechen und von deren Betragen wrde er seinen endgltigen Entschluss
abhngig machen. Da der Wasserstand zum Passieren der Wasserflle
niedrig genug war, drngte ich zur Abfahrt, aber nachts vor dem
festgesetzten Tag starb ein Kind im Dorfe und die Malaien verlangten
dieses schlechten Vorzeichens wegen einen Reiseaufschub von einem Tage.

Am 9. Mrz fuhren wir um 8 Uhr morgens endlich von Long Blu-u ab. Der
Abschied von der Niederlassung, in der ich so lange Zeit verbracht
hatte, fiel mir nicht schwer, denn die Wartezeit von Monaten hatte
meine Geduld erschpft, so dass meine Sehnsucht fortzukommen, jede
andere Empfindung berwog.

In Long Tepai traf ich meine Reisegenossen _Bier_ und _Demmeni_
und alles Gepck in guter Verfassung an, leider empfing mich aber
sogleich die Schreckensnachricht, die Kenja unter _Taman Dau_
htten unterhalb der Wasserflle 3 Ot-Danum, die am oberen Medang
Buschprodukte suchten, die Kpfe abgeschlagen. Dieses Begebnis machte
einen so grossen Eindruck, dass vorlufig an eine topographische
Aufnahme der Nebenflsse nicht zu denken war, weil die Malaien sich
viel zu sehr frchteten.

Unter diesen Umstnden schien es mir am geratensten, den niedrigen
Wasserstand fr eine Fahrt nach Long Deho zu benutzen, um die Kenja
persnlich sprechen zu knnen. Ich wartete daher nicht auf _Kwing
Irang_, sondern liess mich von _Bier_ nach _Bang Joks_ Lwengrube
begleiten; ausserdem kamen einige vornehme Long-Glat mit uns, unter
ihnen _Bo Tijung_ und _Bo Ului_, welch letzterer die Kenja persnlich
kannte. _Demmeni_ sollte zurckbleiben, um mit _Kwing_ alles Gepck
nach Long Deho zu transportieren. _Bo Lea_ von Long Tepai half mir
mit vielen seiner Mnner ber die Wasserflle. Am Fuss des Kiham
Kenh glcklich angelangt, empfand ich fr die Bereitwilligkeit, mit
der mir diese sogleich Hilfe geleistet hatten, so grosse Dankbarkeit,
dass ich jedem Manne statt des gewhnlichen Taglohnes von 1 fl einen
Reichstaler gab, eine Freigebigkeit, die ich spter bedauerte.

Am 14. Mrz hielten wir wiederum in dem alten bauflligen Fremdenhaus
von Long Deho unseren Einzug.





KAPITEL V.

    Organisation eines Stammes am oberen Mahakam--Stellung der
    Huptlinge, Freien und Sklaven Vielweiberei--Verlobung,
    Heirat, Ehescheidung, Ehebrach, Erbschaftsrechte--Geburt und
    Verbotsbestimmungen fr Kinder--Schreckfiguren und Beschwrungen
    zur Vertreibung von Krankheiten--Prophezeiungen aus den Eingeweiden
    von Tieren--Betrgerisches Vorgehender Priester--Geisterbeschwrung
    bei Drre--Schpfungsgeschichte der Mahakam-Kajan--Die mchtigsten
    Geister des Mahakam (_seniang_)--Begrbnisgebruche--konomische
    Verhltnisse am Mahakam Ackerbau und Ackerbaufeste--Verschiedene
    Feldprodukte--Sagogewinnung--Fleischnahrung--Fischfang und
    Fischzucht--Haustiere--Schlachtmethoden--Fleischkonservierung.


Die Organisation eines Stammes beruht bei allen Bewohnern des oberen
Mahakamgebietes auf denselben Grundprinzipien, wie bei denen am oberen
Kapuas, nur mit dem bemerkenswerten Unterschiede, dass bei ersteren,
besonders bei den mit der Kstenbevlkerung noch wenig in Berhrung
gekommenen Stmmen, alle Bestimmungen der adat viel strenger gehandhabt
werden als bei letzteren. Der Huptling geniesst am Mahakam ein viel
hheres Ansehen als am Kapuas, zwischen den verschiedenen Stnden,
wie Freien (_panjin_) und Sklaven (_dipen_), ist die Kluft hier eine
viel grssere. Die Kajan suchen selbst energisch eine Vermengung der
Klassen durch Heirat zu verhindern, was ihnen jedoch nur zum Teile
glckt. Die _dipen_ werden zwar gut behandelt, weder verkauft noch
gettet, aber nur wenige unter ihnen, wie _Anjang Njahu_ und _Sorong_,
bten durch ihre hohe Stellung beim Huptling einen indirekten Einfluss
auf die Stammesangelegenheiten aus. Whrend bei den Kajan am Mendalam
viele Sklaven ein selbstndiges Leben fhrten, einige selbst gegen den
Willen des Huptlings sich jahrelang bei anderen Stmmen auf hielten,
wurde ihnen dies am Mahakam nicht gestattet. _Kwing Irang_ hatte einen
Teil seiner Sklavenfamilien unter Aufsicht einiger Mantri gestellt;
whrend des Reisbaus wohnten die meisten auf den Feldern, die sie fr
den Huptling zu bestellen hatten, und in der Niederlassung mussten
sie ihre Wohnungen zu beiden Seiten des Huptlingshauses bauen,
nicht zwischen denen der Freien.

Eigener Grundbesitz ist den _dipen_ bei den Kajan nicht erlaubt,
doch erhalten sie neben den Feldern des Huptlings ein Stck Fand
zur eigenen Nutzniessung zugewiesen. _Anjang Njahu_ hatte sich zwar
ein selbstndiges Reisfeld angelegt, war dafr aber verpflichtet,
ein anderes fr _Kwing_ zu unterhalten. Im allgemeinen kommen bei
den Sklaven 2 Arbeitstage fr den Huptling auf einen fr sie selbst;
auch tritt der Huptling denjenigen seiner Familienglieder, die mit
ihm keine gemeinsamen cker bebauen, zeitweilig einige Sklaven ab,
um sie bei den Feld- und anderen Arbeiten zu untersttzen: so besass
sowohl _Kwings_ Sohn _Bang Awan_, als sein zu den Kajan von der Gegend
unterhalb der Wasserflle geflohener Neffe _Ding Lalau_ einige Sklaven
zur Aushilfe.

Die Lebensverhltnisse der Sklaven hngen in hohem Masse von dem
Charakter des Stammeshuptlings ab; von den mehr als 150 _dipen_
des gutmtigen, sanften _Kwing_ war noch nie einer durchgegangen,
beim Pnihinghuptling _Belar_ jedoch kam dies mehrmals vor, selbst
ganze Familien hatten es mit Erfolg versucht, nach dem Kapuas zu
entfliehen. Frher war es allerdings auch bei den Kajan vorgekommen,
dass ein Sklave sich zu einem anderen Huptling, z.B. nach Lulu
Njiwung, begeben hatte; in solch einem Fall gelangt er in den
Besitz und unter den Schutz des neuen Huptlings, der den Fall dann
mit dem frheren Herrn ausmachen muss. Bei den Kajan konnten es
ausnahmsweise, wie gesagt, einige Sklaven weit bringen, sowohl der im
Stamme geborene, wie _Anjang_, als der neu erworbene, wie _Sorong_;
selbst der Vorfechter gehrte bei ihnen dem Sklavenstande an.

Die Stellung der Freien, _panjin_, zum Huptling ist im ganzen die
gleiche wie am Mendalam. Nur ist die Kluft zwischen den Familien
der Huptlinge und denen der Freien am Mahakam weniger tief, weil
die Vielweiberei der Huptlinge und die Schwierigkeiten, die mit der
Heirat einer Frau gleichen Standes verbunden sind, die Frsten hufig
dazu fhren, ihre Frauen aus den Familien der _panjin_ zu whlen.

Ein sehr grosser Gegensatz ist auch in der Stellung, welche die
Frauen am Mendalam und Mahakam einnahmen, bemerkbar. Whrend sie
dort in allen Angelegenheiten das Wort fhrten und in vieler Hinsicht
grssere Rechte als die Mnner genossen, spielten sie hier eine viel
untergeordnetere Rolle, wurden in ffentlichen Angelegenheiten nicht
zu Rate gezogen und durften bei Unterhandlungen mit Fremden nicht
mitbeschliessen. Doch fehlte es auch unter den Mahakamfrauen nicht
an krftigen Persnlichkeiten, die in allen Angelegenheit einen
grossen indirekten Einfluss bten, wie z.B. _Hiang_, _Kwing Irangs_
lteste Frau, deren Meinung mehr Gewicht hatte, als die des Huptlings
selbst. Sie verstand unter den zahlreichen Sklaven die Ordnung aufrecht
zu erhalten und durch ihren Mann im ganzen Stamm eine grosse Macht
zu entfalten. Obgleich sie aus keiner Huptlingsfamilie stammte und
kinderlos blieb, heiratete sie doch drei aufeinanderfolgende Huptlinge
der Kajan, allerdings konnte sie nicht verhindern, dass _Kwing_ noch
eine zweite Frau, _Uniang Anja_, und whrend meines Aufenthaltes eine
dritte, _Lirui Anjang_ aus Long 'Kup, ehelichte. Sie hatte ihre Nichte
_Kehad_ adoptiert, die nach ihr _Kehad Hiang_ genannt wurde und im
Huptlingshause lebte. Auf _Hiangs_ Betreiben hatte ihr Mann frher
einige seiner anderen Frauen aus dem Kajanstamm fortschicken mssen,
obgleich eine derselben ihm seinen Sohn _Bang Awan_ geschenkt hatte,
der jetzt bei ihm wohnte. brigens erging es _Hiang_ wie es fters
willensstarken Personen ergeht, sie wurde ihrer Herrschsucht wegen
von den meisten Stammesgliedern, die nicht zu ihrer Familie gehrten,
gehasst, hauptschlich von den Leibeigenen, die mehr als alle brigen
unter ihrem unmittelbaren Einfluss zu leiden hatten.

_Uniang Anja_, die zweite, viel jngere Frau, erfllte im Hause nur
ihre Mutterpflichten gegenber ihrem 12 jhrigen Sohn _Hang_; sie
war eine gute Seele, die in ihrer Jugend von einer Krankheit, die den
Gaumen und die inneren Nasenteile verwstet hatte, heimgesucht worden
war; vielleicht verlor sie durch ihr Leiden die Energie, um sich gegen
_Hiangs_ Tyrannei aufzulehnen. Sie gehrte einem angesehenen Geschlecht
der Long-Glat an und brachte aus ihrem Kreise ein besonderes Talent
im Rotangflechten und in der Herstellung von Perlenarbeiten mit,
das von den Ihrigen sehr geschtzt wurde.

Auch _Kwings_ dritte, noch sehr junge Frau _Lirui_, eine Tochter
des Pnihinghuptlings _Anjang_, bte auf den Lauf der Dinge im Hause
wenig Einfluss aus; sie hatte berhaupt erst nach der Geburt ihres
Sohnes _Parn_ beim Kajanstamm Einzug gehalten, teils aus Raummangel
in _Kwings_ provisorischer Wohnung, teils weil _Hiang_ ihr Kommen
nicht wnschte.

Die Vielweiberei der Huptlinge am oberen Mahakam muss dem Einfluss
der am Unterlauf des Flusses wohnenden Mohammedaner zugeschrieben
werden, denn nur die zur Huptlingsfamilie der Long-Glat gehrigen
Huptlinge gestatteten sich diese Abweichung von der vorvterlichen
Sitte; keiner ihrer Freien besass mehr als eine Frau; auch die noch
ursprnglicheren Sitten huldigenden Huptlinge der Pnihing, Ma-Suling
und, wie wir sehen werden, der Kenja lebten monogamisch. Die Tatsache,
dass die Polygamie sich unter den Mahakam-Bahau verbreiten konnte,
spricht vielleicht ebenfalls fr die niedrigere Stellung, welche ihre
Frauen im Vergleich zu denen am Kapuas einnehmen.

Dasselbe Moment liegt wohl auch dem besonders bei den Blu-u Kajan
herrschenden Brauch, die Mdchen bisweilen schon bei ihrer Geburt mit
einem jungen oder sogar lteren Manne zu verloben, zu Grunde. Auch
diese Sitte kann ursprnglich bei ihnen nicht heimisch gewesen sein,
weil sie nach dem Glauben der Kajan selbst ihren Geistern ein Dorn
im Auge ist, die sie dafr mit Krankheit und Unglck heimsuchen. Die
Folge dieser Vernunftheiraten ist denn auch, dass die Mutterschaft bei
den Frauen viel frher eintritt, als wnschenswert ist. Am Blu-u sieht
man auch auffallend viele junge, beinahe kindliche Mtter. Die Sitte,
ihre Tchter in sehr jugendlichem Alter zu verheiraten, haben die
Kajan vielleicht von ihren zahlreichen Sklaven aus den Baritostmmen,
bei denen sie allgemein verbreitet ist, bernommen. ber Heirat,
Scheidung und Ehebruch ist bereits an anderer Stelle (T. I p. 364-67)
einiges mitgeteilt worden, das folgende mge als Ergnzung dienen.

Die meisten Eheschliessungen gehen derart vor sich, dass ein
heiratsfhiger junger Mann seine Eltern oder, in Ermangelung derselben,
andere Familienglieder ber eine vorlufige Verbindung mit einem etwa
6 jhrigen Mdchen unterhandeln lsst. Er tritt dann sogleich in die
Familie seiner Schwiegereltern ein, nachdem er diesen sowie der kleinen
Braut ein Schwert oder ein anderes von seinen Angehrigen aufgebrachtes
Geschenk bergeben hat. Seine Arbeit kommt den Schwiegereltern zu Gute,
und oft wird er, sobald das Mdchen ungefhr heiratsfhig geworden ist,
ohne fernere Heiratszeremonie zu deren Manne.

Ist das Mdchen bei der Abmachung zwischen den beiderseitigen Familien
lter, dann leben die jungen Leute etwa einen Monat lang zusammen,
und gefallen sie einander, so schliessen sie mit einer einfachen, in
einer kleinen Festmahlzeit bestehenden Feier den Heiratsbund. Beim
nchsten Neujahrsfest folgt dann ein grsseres Mahl, bei dem ein
Schwein geopfert wird, von dem jede Dorffamilie ein Stck erhlt.

Fhlen sich erwachsene Mnner und Mdchen zu einander, hinge zogen,
so bietet ihnen ber Tag die gemeinsame Feldarbeit Gelegenheit zu
intimem Verkehr; abends geben sie sich mit ihren Liegmatten im hohen
Grase unten am Fluss ein Stelldichein. Durch Aussplen beim Baden
sucht das Mdchen den unerwnschten Folgen ihres Verkehrs vorzubeugen,
was aber nicht stets gelingt.

Bleiben diese nicht aus, so mssen die Schuldigen ein Schwein und eine
bestimmte Menge Reis opfern, um von ihren Angehrigen den Zorn der
Geister abzuwenden, die sonst ein Missglcken von Ernte, Fischfang und
Jagd verursachen wrden. Zeigt sich das Paar zur Heirat nicht geneigt,
so wird diese auch nicht fr notwendig angesehen, auch verhindert
ein derartiges Erlebnis ein Mdchen nicht, spter eine passendere
Ehe mit einem anderen Manne einzugehen.

ber die Heiratszeremonien ist bereits Teil I pag. 87 u. 365 berichtet
worden.

Das Eheband wird bei den Blu-u Kajan leicht wieder gelst. Ich
sah hufig Scheidungen stattfinden, weil ihre beiderseitigen
Charaktereigenschaften Mann und Frau nicht gefielen, oder die Ehe
kinderlos blieb. Ein Mann liess sich von seiner Frau scheiden, weil
er ein Kind aus ihrer frheren Ehe nicht leiden mochte, ein anderer
machte sich einfach davon, weil ihm die Versorgung seiner immer
grsser werdenden Familie zu schwierig vorkam.

Auch Heiraten zwischen Freien und Sklaven, zu denen der Huptling
bisweilen gezwungenermassen seine Zustimmung erteilt hat, sucht man,
besonders beim Kajanstamm, wo eine Vermengung mit Leibeigenen sehr
ungern gesehen wird, bald wieder zu lsen.

Der junge Mann, der eine Sklavin heiratet, nimmt alle Pflichten
eines Sklaven auf sich, erhlt jedoch bei einer Scheidung- seine
Freiheit zurck; sind Kinder vorhanden, so folgen diese dann dem
Stande der Mutter, bis auf eines, das der Vater in seine Familie
mitnimmt. Tritt ein Sklave aus dem Huptlingshause als Schwiegersohn
in eine _panjin_-Familie, so muss ihn eines seiner mnnlichen
Kinder beim Huptling als Sklave vertreten. Bei den Long-Glat und
Ma-Suling bestehen diese strengen Regeln nicht, mit dem Resultat,
dass die Leibeigenen stndig in den Stamm heiraten und ihre Anzahl
fortwhrend abnimmt. Auch unter den Kajan hat im einzelnen Falle das
Ansehen der betreffenden Familie auf die vom Huptling und seinen
Mantri zu fassenden Beschlsse grossen Einfluss.

Die Ehe wird von den Kajan trotz ihrer leichten Lsbarkeit durch aus
als bindend angesehen, und ein Treubruch seitens des Mannes oder der
Frau mit einer Busse an den beleidigten Teil gestraft. Auch wird
solch ein Ereignis als eine Schande und als ein Unglck fr den
Stamm angesehen.

Die Huptlinge nehmen hinsichtlich der Ehe, wie gesagt, eine gesonderte
Stellung ein, indem ihnen allein das Recht zusteht, mehrere Frauen
zu heiraten; diese geniessen als Gattinnen eines Huptlings zwar
das gleiche Ansehen im Stamme, aber fr ihre Kinder gelten die mit
der Geburt der Mutter verbundenen Erbschaftsrechte; ferner darf das
Abzeichen der Frauen von hohem Stande, eine mit Hundezhnen verzierte
Perlenmtze, nur von geborenen Frstinnen getragen werden.

Die _adat_ und menschliche Eitelkeit verlangen eigentlich von ihren
Huptlingen eine Verbindung mit einer ebenbrtigen Frstentochter,
doch legt eine solche Heirat dem knftigen Gatten die Verpflichtung
auf, mindestens 2 Jahre im Hause der Schwiegereltern zu arbeiten. Die
jungen Huptlinge der Kajan trsten sich daher oft mit Frauen aus
den Familien der Freien, die ihnen zwar keine Kinder von so hoher
Geburt schenken, von ihnen aber auch nicht die Erfllung so hoher
Forderungen verlangen. Besonders wenn die erste Frau bereits aus
vornehmem Geschlechte stammt, braucht der Huptling bei der Wahl der
folgenden nicht mehr so streng auf die _adat_ zu achten.

Eine Heirat zwischen Huptlingen und Leibeigenen kam bis jetzt
nicht vor.

Stirbt eines der Eheleute, so darf der berlebende Teil, wenn er zu
einer Huptlingsfamilie gehrt, erst nach Verlauf eines Jahres eine
neue Ehe eingehen, ist er ein _panjin_, bereits nach einem halben Jahr.

Bei den _panjin_ und _dipen_ der Blu-u Kajan wird die Vorschrift,
dass ein junger Ehemann zur Familie seiner Frau zieht, nicht so
streng gehandhabt wie am Mendalam; sind beide Teile erwachsen, so
zieht das Mdchen wohl auch gleich in das Haus ihres Gatten oder das
seiner Eltern, besonders wenn dieser ein einziger Sohn ist und seine
Familie ihn nicht entbehren kann.

Die Heiratsgebruche stehen nach dem Glauben der Kajan unter der Obhut
des Schpfers _Tamei Tingei_ und eine bertretung derselben wird
bisweilen auf eigentmliche Weise geshnt, z.B. durch Herstellung
von Menschenfiguren (_tepatong_). Schliesst nach dem Tode eines der
Ehegatten der berlebende Teil vor Ablauf der bestimmten Frist eine
neue Ehe, so lsst man fusshohe Figuren, zwei mnnliche und zwei
weibliche, als Opfer auf einem Floss (_sahn_) den Fluss abwrts
treiben. Die Neuvermhlten opfern bei einer _mela_ darauf Schweine
und Hhner und richten ein allgemeines Gastmahl an.

Bei einem Ehebruch rcht sich _Tamei Tingei_ an dem ganzen Stamm,
indem er ihn mit Krankheiten und Missernten heimsucht. Die Kajan
nehmen daher in diesem Fall ein "_neme urib_" vor, wrtlich:
"Verbesserung des Daseins." Sie setzen an Stelle der Holzbilder
die beiden Schuldigen auf das Floss und lassen sie mit der Strmung
abwrtstreiben. Ursprnglich wurden die Ehebrecher wahrscheinlich
tatschlich geopfert, gegenwrtig retten sie sich aber durch Schwimmen;
aus bermut treiben sogar manche freiwillig auf dem Floss ein Stck
weit mit (Mehr hierber T. I p. 367).

Von der Zeit vor seiner Geburt bis zu seinem Tode ist jede
Lebensperiode eines Mahakambewohners an bestimmte religise
Vorschriften geknpft. Beide Eltern drfen whrend der Schwangerschaft
keine geschlachteten Hhner berhren; der Mann darf keinen Griff
mit Guttapercha auf ein Schwert befestigen, keine Erde stampfen,
z.B. beim Einrammen von Pfhlen, da das Kind sonst nicht zum Vorschein
kommen will. Eine bertretung noch anderer Vorschriften hat zur Folge,
dass das Kind bald nach der Geburt stirbt.

Am Mahakam geschieht es fters als am Mendalam, dass man ein Kind,
dessen Mutter bei der Geburt gestorben ist oder dessen Eltern auf
irgend eine Weise erschreckt worden sind, in den Wald aussetzt,
wo es umkommt oder von kinderlosen Eltern aufgenommen wird.

Whrend ein Kind heranwchst, durchluft es mehrere, durch Opfer von
einander getrennte Zeitperioden, die es allmhlich den Vorrechten
der Erwachsenen zufhren. Fr Knaben muss z.B. im 12ten Lebensjahr
geopfert werden, damit sie ein echtes Schwert tragen drfen,
spter wird ein Huhn geopfert, damit der Griff mit kurzen Haaren
verziert werden darf. Um lange Haare am Griffe anbringen zu drfen,
ist die Opferung eines Schweines erforderlich. Ein zweites Schwein
verlangen die Geister, wenn der Knabe seine Kleidung durch eine
Sitzmatte vervollstndigen will. Diese Opfer werden mit _bet lali_
bezeichnet, ein Ausdruck, der allgemein die Aufhebung einer Verbotszeit
bedeutet. Erst wenn alle Vorschriften erfllt worden sind, wird der
junge Mann zu den Erwachsenen gerechnet. Fr Mdchen gelten hnliche
Bestimmungen.

Die Freien und Sklaven bringen diese Opfer nicht selbstndig, zu
beliebigen Zeiten dar, sondern sie warten hierfr grosse religise
Zeremonien in der Huptlingsamin ab. Wird dort ein _ajo_ (Kopfjagd)
bei der Ablegung der Trauer oder beim Einzug in ein neues Haus gehalten
oder ein _dangei_ gefeiert, so gehen sie im _bet lali_ des Kindes
einen Schritt vorwrts. Bevor dieses erwachsen ist, drfen seine
Kleider nicht beseitigt oder verkauft werden, sehr wahrscheinlich,
damit die noch schwache _bruwa_ des Kindes den Kleidungsstcken nicht
folge, wodurch es krank werden wrde. Aus demselben Grunde will man
auch die _hawat_ der Kinder nicht verkaufen; nur einige Male gelang
es mir, die Tragbretter lang verstorbener Personen zu erstehen. Die
Kajan trennen sich auch nicht von ihren Tragkrben, _ingan dawan_;
die Long-Glat dagegen verkauften mir einige, aber zu hohem Preise.

In anderen Punkten sind die Long-Glat brigens viel aberglubischer
als die anderen Stmme; so verschieben sie z.B. das _lali parei_
wegen eines _hadui_ (= _mela_) bei Krankheit oder eines _ajo_ fr ein
neues Huptlingshaus so lange, bis der Reis berreif auf der _ladang_
abfllt. Ferner wagen sie auch beim grssten Nahrungsmangel nicht
zu ernten, wenn auf dem Felde der Tragriemen eines Reiskorbes bricht
oder dieser umfllt.

Krankheiten suchen die Mahakambewohner teils durch Schreckfiguren
aus Holz, teils durch Beschwrungen zu vertreiben. Betrifft es
einen ganzen Stamm, so werden ber 1 m hohe menschliche Figuren
beiderlei Geschlechts am Flussufer aufgestellt, um die bsen Geister
in die Flucht zu jagen. Auch in jedem Privathause werden dann solche
_tepatong_, wenn auch in kleinerem Massstabe, verfertigt.

Wird nur eine Familie durch sehr schwere Krankheit getroffen, so
wendet nur diese die _tepatong_ an.

Gefrchteter als die aus der Umgegend stammenden bsen Geister sind
die aus fernen Gegenden, welche die Reisenden begleiten. Als mich
im Jahre 1897 eine Gesellschaft vom mittleren Mahakam bei den Blu-u
Kajan besuchte, zeigte sich keine Frau ausserhalb ihres Hauses ohne
ein brennendes Bndel Plehidingbast, dessen stinkender Rauch die
bsen Geister vertreibt.

Dass diese fr besonders verhngnisvoll gehalten werden, wenn sie
aus der Ferne kommen, ist begreiflich, denn von weitem heimkehrende
Bewohner bringen hufig Infektionskrankheiten in ihr Dorf mit,
hauptschlich influenzaartige. Die Kajan bezeichnen denn auch Husten
und Schnupfen, die wichtigsten Symptome dieser Infektion, mit demselben
Namen wie die fremden Geister, nmlich mit "_bengen_". Da auch Cholera
und Pocken auf diese Weise verbreitet werden, erscheint die Furcht
der Eingeborenen vor den Geistern aus der Fremde vllig berechtigt.

Die Krankenbeschwrungen am Mahakam beruhen auf derselben Idee
wie am Mendalam, nur sind die usserungen desselben Glaubens
bei den Priestern der einen und anderen Stmme eigentmlich
verschieden. Whrend der grobe Betrug, den die _dajung_ am Blu-u
treiben, indem sie krankheiterzeugende Tiere und Gegenstnde aus dem
Krper der Patienten zum Vorschein bringen, sofort ins Auge springt,
beobachtete ich nichts hnliches am Mendalam, auch usserte sich eine
Beseelung hier niemals in Begleitung von Zittern und Krmpfen.

Zur Veranschaulichung des Gesagten mag hier die Beschreibung eines
grossen Beschwrungsfestes folgen (Beschwrung halten = _enah abei_),
das _Kwing Irang_, als seine Familie durch Krankheit heimgesucht wurde,
zur Beschwichtigung der Geister im Jahre 1897 vornehmen liess.

Den eigentlichen Festtag leiteten 3 der obersten weiblichen und _Bo
Bawan_, der oberste mnnliche Priester mit einem Opfer an die unter
dem Flusse wohnenden Geister ein. In netter, aber gewhnlicher Kleidung
begaben sich die Vier zum Blu-u, unter Vortritt von 4 jungen Mnnern,
von denen zwei grosse Gonge, die anderen Priesterbecken ertnen
liessen, um die Geister auf die kommende Zeremonie aufmerksam zu
machen. An der Ufertreppe stehend boten alle zugleich in altem Busang
den Geistern ein Kchlein, ein Bambusgefss mit Salz, Reis und essbare
Bltter, sowie einen weissen Kattunlappen zum Opfer an. Nachdem alle
die Gegenstnde in die Hand genommen hatten, schleuderte _Bo Bawan_
sie ber den Fluss. Eine der _dajung_ schnitt dem Kchlein den
Hals durch, alle Anwesenden bespieen das Tier, damit die Geister
am Geruch die Geber erkennen sollten, dann warf der Priester auch
dieses ins Wasser. Nur der Kattunlappen wurde unter Beckenschlag ins
Haus zurckgetragen.

Etwas spter erklangen die Becken aufs neue, diesmal in der
Huptlingswohnung, zum Zeichen, dass eine andere Zeremonie begonnen
hatte. Bei meinem Eintritt, der die versammelte Menge nicht zu stren
schien, sah ich unter dem geffneten Dachfenster 8 _dajung_ sitzen,
vorn mnnliche, hinten 6 weibliche. Erstere waren damit beschftigt,
unter dem ohrenzerreissenden Gebrumm der Gonge den guten Geistern
in singendem Tone die von _Kwing_ und den Seinen gebotenen Opfer
anzutragen. Diese lagen in Form von zwei gebundenen Schweinen, einem
Huhn und zwei Kchlein rechts von den _dajung_, und einige Mnner
bemhten sich redlich, die Tiere durch Krauen von einem berschreien
der Gonge zurckzuhalten. Vor der Priesterschar lag ihr Lohn, bestehend
in Schwertern, Zeug, Perlen und einem neuen tempajan. Alle Familien
der _amin aja_ und auch viele andere hatten hierzu beigetragen. Die
Schweine hatte _Kwing_ einige Tage zuvor im Dorfe gekauft, da er
selbst keine besass.

Der Huptling und seine Familie sassen links um die _dajung_ geschart;
vorn _Klang_ selbst unter einem Regenschirm europischer Herkunft,
rechts von ihm sein Sohn _Bang_ unter einem grossen kajanischen
Hut. Hinter ihnen sassen die Frauen und Kinder in ihrer besten
Kleidung, vllig unter dem ernsten Eindruck der vorsichgehenden
Feierlichkeit. Der gleiche Ernst lag auch auf den Gesichtern der
zahlreich versammelten Menge, die den brigen Teil des Raumes
fllte. Die Diele, die bisher gewiss nur selten eine solche
Menschenmasse getragen hatte, war am vorhergehenden Tage durch Pfhle
untersttzt worden. Zum Glck war in dem allseits offenen Genrache
von starker Ausdnstung nichts zu merken, sonst htte man es unter
den 200 Personen bei dem entsetzlichen Lrm kaum aushalten knnen.

Nachdem die Priester eine halbe Stunde lang die guten Geister
von Apu Lagan angerufen hatten, wurde den beiden Kchlein der Hals
durchschnitten und darauf der Bauch mit einem Lngsschnitt geffnet,
um aus dem Fehlen oder Vorhandensein der Gallenblase zu schliessen,
ob die Geister den Augenblick zum Opfern der Schweine fr gnstig
hielten oder nicht.

Beide Tierchen besassen eine gut gefllte Gallenblase, so dass mit
dem Schlachten der Schweine begonnen werden durfte. Das Huhn, das mir
zum Geschenk angeboten wurde, bildete eine willkommene Abwechslung
in unserem damals sehr einfrmigen Menu.

Nun wurden die Schweine abgestochen und zwar, wie gewhnlich, auf
usserst ungeschickte Weise. Das Blut floss teils in einen eisernen
Topf, teils auf ein Pisangblatt mit rohem Reis, auf dem bereits das
Blut der Kchlein aufgefangen worden war. Alle Anwesenden mussten
dieses erste Opfer berhren, damit die Geister am Geruch merkten,
dass es von ihnen allen gespendet wurde. Auch wir verliehen ihm
durch Berhrung unsere europischen Gerche, worauf eine _dajung_
aus dem Dachfenster in die Luft hinaus schleuderte.

Den Schweinen wurde ebenfalls nach dem Verenden der Bauch durch einen
Lngsschnitt geffnet, man fhrte aber noch einen Querschnitt unter
dem rechten Rippenbogen aus, um die Unterseite der Leber und die Milz
bequem untersuchen zu knnen.

An der Leber ist das Verhltnis des kleinen Lappens zur Gallenblase
massgebend; ist letzterer gut ausgebildet und mit ersterer fest
verbunden, so ist das Vorzeichen gnstig, im entgegengesetzten Fall
aber ungnstig. Ein tief eingeschnittener Rand der Milz prophezeit
Unglck, ein gerader dagegen Glck. Zur allgemeinen Befriedigung
liessen die Eingeweide beider Tiere nichts zu wnschen brig.

Hiermit war das eigentliche Opfer abgelaufen und die gute Gesinnung
der Geister festgestellt, was fr alle, besonders aber fr _Kwings_
sehr glubige Frau _Hiang_ eine grosse Beruhigung bedeutete. Mit einem
Seufzer der Erleichterung konstatierte sie denn auch das gnstige
Aussehen der Lebern und Milze.

Nachdem auf diese Weise den Geistern und Seelen der Anwesenden
Genge getan worden war, schickte man sich an, die materiellen
Gensse der Menge vorzubereiten. Den Opfertieren wurden zuerst die
Borsten mit brennenden Holzsphnen versengt; dann bergoss man sie
mit heissem Wasser, schabte mit Schwertern den Rest der Borsten ab,
nhte ihnen mit wenigen Stichen den Bauch zu und trug sie zum Flusse,
wo einige Mnner alle geniessbaren Teile, auch die Drme, reinigten
und darauf alles wieder zum Hause hinauftrugen. Hier zerlegten sie
das Schwein in kleine Stcke und kochten diese in grossen Tpfen mit
Wasser. Darauf wurde das Fleisch ohne weitere Zuspeisen mit Reis und
Klebreismehl, das die Frauen schon am Tage vorher zubereitet hatten,
genossen. Alles, was mit den Opferspeisen in Berhrung kommen musste,
war vorher im Blu-u gut gewaschen, und die grnen Bambusinternodien,
in denen der Reis gekocht werden sollte, in schweren Lasten mit Wasser
gefllt hinaufgetragen worden. Die Frauen hatten den Reis und das Mehl
fr diese Gelegenheit in 4 cm breite und a dm lange platte Pckchen
von Pisangblttern gewunden und in die Bambusgefsse gesteckt. Diese
fllten sie nun mit Wasser und stellten sie dann in schrger Lage
in Reihen auf Gersten, halb neben, halb ber langen Feuern, so dass
ihr Inhalt genau gar war, als der Bambus vom Feuer versengt zu werden
anfing. Auch wir erhielten unseren reichlichen Anteil an den Speisen,
und der Reis schmeckte mit etwas Zucker, infolge des eigenartigen
Aromas des Bananenblattes, nicht schlecht, dagegen hatten wir uns noch
immer nicht daran gewhnen knnen, das Fleisch ohne Salz zu geniessen.

An dem Tage, wo das Opfer und Festmahl stattfanden, durfte das Feuer
in der _amin aja_ nicht ausgehen, in allen anderen Wohnungen dagegen
durfte berhaupt keines angemacht werden. Mnner und Frauen bentzten
jetzt zum Anznden ihrer Zigaretten vorzugsweise Hlzchen aus dem
Herdfeuer des Huptlings, whrend sie sich sonst ihres Feuerzeugs
bedienten.

Mittags nach dem grossen Mahl traf man in der _amin_ Vorbereitungen
fr die eigentliche Krankenbeschwrung. Das wichtigste war dabei ein
senkrecht gestellter Holzrahmen, in dessen Mitte ein verzierter Pfahl
aus brunlichem Holz aufgerichtet wurde. Dieser diente als Trger fr
die Opfergaben: Halsketten und Grtel aus Perlen, ber diesen eine
hohe kegelfrmige Bahaumtze, in hbschen Mustern mit kleinen bunten
Perlen bestickt und umgeben von einem Kranz von Hundezhnen. Unter
diesen Gaben hingen die Schnauzen und Schwnze der geschlachteten
Schweine, verbunden mit einem Hautund Speckstreifen von der ganzen
Rckenlnge der Tiere, um _Tamei Tingei_ die Grsse der getteten
Opfer anzugeben. Den Pfahl, _kaju arn_ genannt, hatte man berdies
reich mit langen Holzspiralen behngt, welche die Mnner tags zuvor
sehr geschickt aus geeignetem Fruchtbaumholz in ber 1 m Lnge und
nur 1 cm Breite geschnitten hatten. Sie stellten mit ihren Messern,
_nju_, bisweilen 10 solcher Spiralen derart her, dass sie an einem
Ende mit dem Holz verbunden blieben und dann als langer Bschel mit
dem Spahn vom Holze abgeschnitten werden konnten.

Zu beiden Seiten des Opferpfahls, innerhalb des Rahmens, wurden nun
parallel zwei Reihen ber 2 m hohe Bambusstcke aufgestellt, also im
ganzen vier Reihen, von denen jede nach der heiligen Zahl aus 8 Stcken
bestand, die ebenfalls mit Holzspiralen geschmckt wurden. So entstand
eine Art von doppeltem Heckwerk mit dem _kaju arn_ in der Mitte, an
den man noch eine Menge schner Dinge, hauptschlich Perlensachen und
Pckchen von Reis und Schweinefleisch hngte, um ihn fr die Geister
noch verlockender zu machen.

ber dem Ganzen thronte aus schwarzem und rotem Zeug nachgebildet die
_menjiwan_, die fters erwhnte Schlange mit rotem Kopf und Schwanz,
eines der wichtigsten wahrsagenden Tiere, das von den bsen Geistern
sehr gefrchtet wird. Am Fuss dieses Opfergerstes, das bis nach
dem _melo_ (Ruhen nach dem Opfer) stehen bleiben musste, lagen und
standen Gonge und wertvolle _tempajan_, wie seinerzeit auch am _lasa_
der Mendalam Kajan (Teil I pag. 177). Die _dajung_ sollten hier erst
spt abends, nachdem alle nochmals gespeist hatten, ihres Amtes walten;
vorher, bei Einbruch der Dunkelheit, mussten _Kwing_ und seine beiden
Shne noch ein besonderes Opfer bringen. Zu diesem Zweck richteten
einige Mnner vor dem Hause eine Reihe von 4  8 Bambusstcken auf,
deren oberes Ende gespalten und auseinander gebogen wurde. Ringsherum
bedeckten sie die nasse Erde fr die Teilnehmer an der Zeremonie
mit Brettern. Ein lebhaft rauchendes Feuer diente zur Vertreibung
der zahlreichen Moskitos, damit diese die Aufmerksamkeit der Leute
nicht ablenkten.

Zuerst kamen _Kwing_ und sein Sohn _Bang_, beide mit hbschem Lenden-
und Kopftuch bekleidet und mit einem Schwert bewaffnet, von ihrer
Wohnung herab, gefolgt vom Priester _Bo Bawan_ und einer ganzen Reihe
von Mnnern, die sich alle auf den Brettern niederliessen. Einige junge
Leute mit grossen Gongen und Becken stellten sich zur Seite, worauf
_Bo Bawan_ in der Busangsprache die Luft-, Wasser- und Erdgeister
anrief, unter lautem Drhnen der Instrumente. Darauf steckten die
beiden Hauptpersonen in jedes gespaltene Bambusende ein Ei, wobei
sie stndig die Geister um Hilfe anflehten.

Die Dmmerung war bereits lngst vorber, als man sich in derselben
Reihenfolge wieder hinauf begab. Die geopferten Eier werden niemals
gestohlen, sie bleiben auf den Stcken, bis diese umfallen oder
verwesen.

Erst gegen 9 Uhr ertnte aus dem Hause das eigentmliche Rezitativ
des Priestergesanges, das eine neue Feier in des Huptlings _amin_
ankndete. Wir fanden dort Mnner, Frauen und Kinder bereits
versammelt. Nur fr die _dajung_ war um das Opfergerst ein freier
Platz brig geblieben; sie sassen je zu vieren einander gegenber
auf der Diele, mit einem Raum zwischen sich fr die Priesterin, die
gerade das Wort zu fhren hatte. Der Reihe nach stand nmlich eine
von ihnen auf und begann in singendem Tone, augenscheinlich in Prosa,
die Schicksale des Stammes und andere berlieferungen aufzusagen,
wobei die Anwesenden an bekannten Stellen einfielen; einige junge
Leute zeigten dabei eine besondere Begabung.

Im allgemeinen bediente man sich der alten Busangsprache, nur wenn
es die Ereignisse der letzten Zeit und den Zweck dieser Versammlung
zu erzhlen galt, eine Aufgabe die _Bo Bawan_ zufiel, gebrauchte man
das moderne Busang. Die meisten _dajung_ leierten mehr als dass sie
sprachen, die Bambusreihe umschreitend, ihre Worte her und brachen
nur dazwischen mit einem o-- und darauffolgenden Satz ab, wobei sie
nach dem Kopf griffen und heftig aufstampften. Auch fielen ihnen dann
die Augen zu; wie die Leute behaupteten, liess sich ein beseelender
Geist fr einen Augenblick in den Priester oder die Priesterin nieder,
wodurch sie das Bewusstsein vllig verloren. Eine der Frauen, die
viel Eindruck machte, war von Natur augenscheinlich sehr nervs, denn
sie bewahrte nicht wie die brigen whrend ihres Vortrags und des
Niedersteigens ihres Geistes ihre Ruhe, sondern geriet in Erregung,
machte eigentmliche Schritte, blieb pltzlich stecken, ergriff
die Bambusstcke und schttelte sie heftig, wobei ihre o---Rufe
und Gebrden die Ankunft des Geistes ankndeten. Dieser Priesterin,
_Sari_ (Taf. 26 T. 1), fiel auch die Aufgabe zu, _Kwings_ zweite Frau,
_Uniang_, zu einer _dajung_ auszubilden; zu diesem Zweck sagte sie
ihr die richtigen Worte vor, falls diese nicht schnell genug zum
Vortrag kamen. Die beiden Frauen standen dabei vor der Bambusreihe,
und, sobald der richtige Augenblick zum Niedersteigen des Geistes
nahte, empfing _Uniang_ ein Zeichen mit dem Fuss, worauf sie in sehr
unbeholfener Weise die gewnschten Gebrden folgen liess. Nach einiger
Zeit schien _Uniangs_ Geist sich wirklich zu nhern; das sprliche
Licht der wenigen Harzfackeln wurde von den Nchstsitzenden durch
einen Schirm gedmpft, die lteste _dajung_ fing den Geist in einem
Tuch auf, legte _Uniang_ ein Schwert aufs Haupt, wie um es zu spalten,
und blies ihr dann den Geist in diesen Spalt ein.

Whrend dieser auf die Dauer sehr langweiligen und einschlfernden
Vorgnge lagen oder sassen in dem halbdunklen Raume 2-300 Mnner,
Frauen und Kinder beieinander, folgten mehr oder minder andchtig
den Beschwrungen oder vertrieben sich die Zeit mit Rauchen
und Sirihkauen. Mehrere Frauen sorgten dafr, dass die Rauch-
und Kaulustigen nicht zu kurz kamen; Bambusrohre mit seitlichen
ffnungen, in welche die Frauen Zigaretten gesteckt hatten, machten
unter den Anwesenden die Runde. Die Kinder schliefen beinahe alle an
ihre Eltern gelehnt oder in Gruppen in den Ecken oder den gesonderten
kleinen Kammern. Auch die Erwachsenen waren nicht imstande, die ganze
Nacht ber munter zu bleiben, und da ihre Haltung ebensogut ein Wachen
als ein Schlafen zuliess, versanken sie ab und zu ins Traumland, aus
dem sie erst wieder zurckkehrten, wenn ihre Nachbarn sich zu stark
bewegten, oder die _dajung_ zu laut wurden. Auch fr die Hungrigen
hatte der Huptling gesorgt, indem er gegen 2 Uhr nachts Reis und
Schweinefleisch umherreichen liess, nur die jngsten Frstenkinder
vermochte auch kein Schweinefleisch mehr aus dem Schlaf zu erwecken.

Erst gegen Morgen endeten die Zeremonien und fand die eigentliche
Beschwrung der bsen Geister statt, welche die Krankheit verursacht
hatten. Whrend man den Raum verdunkelte, wurden _Bo Bawan_ und die
Priesterinnen von ihren Geistern besessen, gerieten in Aufregung,
jagten den bsen Geistern nach und vertrieben sie endlich aus der
Wohnung. Die aus Apu Lagan niedergestiegenen guten Geister, welche
die _dajung_ beseelt hatten, brachten auch Flusswasser von dort mit,
mit dem die _dajung_ alle Glieder der Huptlingsfamilie besprengten,
whrend die brigen Anwesenden sich beeilten, die Finger in dieses
Wasser zu tauchen und sich den Krper damit einzureiben. Nach dieser
Zeremonie zu urteilen, stellen sich die Kajan ihre Priester und
Priesterinnen vor einem Geist aus Apu Lagan beseelt vor, der sich
nicht stndig in ihnen aufhlt, sondern sie nur bei einer Anrufung
erfllt und ihnen dann die Kraft verleiht, vor allem gegen bse Geister
anzukmpfen. Daher rufen die Bahau in Krankheits- und Unglcksfllen
die Hilfe der _dajung_ ein. Die Priester besitzen einen mnnlichen,
die Priesterinnen einen weiblichen Geist. Werden Nachkommen der
Priester von Geistern beseelt, so stammen auch diese Geister von
vterlichen oder mtterlichen Geistern ab. Ob jemand zur Beseelung
geeignet ist, knnen nur Eingeweihte beurteilen; diese scheinen es
hierbei nicht auf besonders nervse Personen abgesehen zu haben,
wenigstens zeichnete sich hier am Blu-u, wie wir gesehen haben,
von den 8 Frauen nur eine durch leichte Erregbarkeit aus.

Die lteste Priesterin der Kajan schien auch bei den Pnihing und
Long-Glat Ansehen und Praxis zu besitzen, jedenfalls erzhlte sie
mir, sie habe nicht nur einen Geist der Kajan, sondern auch einen
der Pnihing und einen der Long-Glat zur Verfgung. Wahrscheinlich
glaubte sie selbst nicht daran. Bei verschiedenen Gelegenheiten
merkten wir nmlich, dass die _dajung_ der Kajan ihre Gemeinde
mit vollem Bewusstsein betrogen. An einem seiner Zauberabende, die
_Demmeni_ bisweilen zu allgemeinem Ergtzen veranstaltete, ahmte er
das Kunststck der _dajung_ nach und brachte mittelst einer in den
rmel genhten Kautschukspritze Wasser aus Apu Lagan zum Vorschein. Er
erfreute sich denn auch desselben Erfolges wie die Priester, denn die
erstaunten Zuschauer rieben sich auch mit diesem Himmelswasser sehr
eifrig ein. In der Hoffnung, dass ihm dieses Kunststck in seinem
Priesteramt gut zu statten kommen knnte, suchte _Bo Bawan Demmeni_
dazu zu bewegen, sein Geheimnis zu verraten, wozu dieser sich aber
nicht geneigt zeigte. Darauf erklrte _Bawan_ sich bereit, _Demmeni_
als Gegendienst die Methode der dajakischen Priester, um Wasser zu
zaubern, anzuzeigen; doch ging er selbst spter nichtmehr darauf ein.

In Krankheitsfllen holen die _dajung_ Schlangen, Eidechsen, Wrmer,
Bltter, Reis oder Zigarettenhllen aus dem Krper der Patienten
hervor. Die mit dieser Prozedur verbundenen Vorschriften gelten dann
fr den Kranken als _lali_ und mssen von ihm whrend seines ganzen
Lebens befolgt werden. Einst sah ich eine Priesterin um eine junge
Frau bemht, die abends vor Schreck ohnmchtig geworden war. Man
hatte zuvor alle Mittel angewandt, um sie ins Leben zurckzurufen,
doch ohne Erfolg. Darauf begann die unter den Anwesenden sitzende
_dajung_ ihre Verse aufzusagen, um ihren Geist herbeizurufen, nherte
sich tanzend der Kranken, kniff sie einige Mal in die Haut und wies
dann ein augenscheinlich gekautes, gerolltes Stck Bananenblatt vor,
als htte sie es aus der Patientin herausgeholt. Die Ohnmchtige
bewegte sich jedoch nicht, und die Familie begann sich bereits zu
beunruhigen, obgleich derartige Flle fters bei ihnen vorkommen. Aus
Besorgnis holten sie mich aus dem Schlafe, und zu aller Verwunderung
brachte etwas an die Nase gehaltene Watte mit Ammoniak bald wieder
Leben in die regungslose Gestalt. Spter durfte ich nicht abreisen,
bevor ich den vornehmsten Personen etwas Ammoniaklsung gegen den
herannahenden Tod ausgeteilt hatte.

Die Priesterschaft lsst sich ihre Dienste so gut bezahlen, dass
bei langdauernder Krankheit hufig ein grosser Teil des Besitzes der
Patienten in ihre Hnde bergeht. Allerdings werden auch den _dajung_
durch ihr Amt viele Opfer auferlegt. Der sie beseelende Geist macht
z.B. zweimal jhrlich auf ein grosses Schwein oder mindestens auf
Hhner und Eier Anspruch; wird er enttuscht, so sendet er aus Rache
Krankheit oder Tod.

Das gleiche gilt fr alle unter dem Schutze eines Geistes stehenden
Menschen, wie Schmiede, Hirschhornschnitzer und andere Knstler;
auch diese mssen sich vor einem Erzrnen ihres Geistes hten. Bei
meiner Abreise zur Kste liess einer meiner Kajan, der im Schnitzen
von Schwertgriffen besonders geschickt war, dem Geiste, dem er seine
Begabung zu verdanken hatte, durch seinen Vater, den alten blinden
_dajung_ _Bo Jok_, 2  8 Eier opfern.

Ein Schmied, der im betreffenden Jahr auf seinem Reisfelde keine
Schmiede erffnet und in der letzten Zeit berhaupt nur wenig
gearbeitet hatte, trumte nachts, seine ganze Wohnung liege voll
rohen Eisens, und bald darauf entstand auf seinem Rcken ein
grsser Karbunkel, ein Beweis, dass sein Geist ber die erlittene
Vernachlssigung zrnte. So beeilte er sich denn, noch vor Eintritt
der Genesung sein fettestes Schwein zu opfern, unter grossem Zulauf
esslustiger Gste auch von entlegenen Feldern.

Ausser den genannten Personen sollen auch die Huptlinge einen
besonderen Geist besitzen, der, wie auch der der Priester und Knstler,
einen eigenen Namen trgt.

Im vorhergehenden ist ausfhrlich geschildert worden, wie die
Priester vorgehen, wenn eine Huptlingsfamilie von Krankheit
getroffen wird. Gilt es nun eine Familie der _panjin_ von Krankheit,
bsen trumen oder Unglck zu befreien, so handeln die _dajung_
im Prinzip wie bei den frstlichen Personen, nur geschieht alles in
kleinerem Massstab. Sie stellen dann unter dem offenen Dachfenster
aus 8 Bambusstcken ein kleines Gerst wie einen _lasa_ her und
behngen dieses mit Kostbarkeiten. Als bestes Lockmittel fr die
Geister gelten auch hier wieder Halsketten und Grtel aus Perlen,
besonders aus alten. Ein Priester oder eine Priesterin setzten sich
dann auf eine Matte und legen unter dem Fenster auf der Diele ein
altes, hufig ein eigenes Schwert nieder sowie das Zeug, die Perlen,
die Schwerter und den Reis mit einem Ei, die sie spter als Lohn
zu empfangen haben. An das Fenster wird fr die Geister ein kleiner
Bambusrahmen mit 8 _kawit_ gehngt, die meist Reis mit Schweine- oder
Hhnerfleisch enthalten. An dieser geweihten Stelle werden mittags und
abends die Himmelsgeister um Hilfe angefleht. Abends geschieht diese
Anrufung der Geister auch ausserhalb des Hauses, und, handelt es sich
um einen Schmied, dessen Werkstatt (lepo _temne_) stets in einiger
Entfernung vom Dorfe liegt, so begibt sich die _dajung_ auch dorthin.

Die Priester suchen nicht nur die Menschen, sondern auch die Geister
zu betrgen. In Krankheitsfllen z.B. schnitzen sie aus einem Pisang
stamm ein sehr rohes Bild, in das sie an Stelle von Augen, Nase und
Mund Lcher bohren. Um diese Figur, die den Kranken vorstellen soll,
schlagen sie einige alte Lappen und werfen sie dann in das Gestrpp
hinters Haus, um den bsen Geistern weiszumachen, sie empfingen
ihre Beute.

Nach einer Krankenbeschwrung, die von den Mendalam Kajan mit _mela_,
den Mahakam Kajan mit _enah abei_ und im Mahakam-Busang mit _enah
hadui_ (Arbeit) bezeichnet wird, umgeben die _dajung_ den Patienten
und sein Lager mit einem Netz, damit die bsen Geister sich in den
Maschen wie Fische verwickeln und so ferngehalten werden.

Den Frauen legen die Priester nach einer Krankheit um eines der
Handgelenke ein kleines Armband aus zwei Reihen von Perlen (_inu
beneng_), das _basei djani-u_ genannt wird und als Schutzmittel gegen
Krankheit niemals abgelegt werden darf. Whrend die _dajung_ mit dem
Umlegen dieses Armbandes beschftigt ist, entfernen sich die Mnner,
aus Furcht, _dawi_ zu werden. _Dawi_ bedeutet Misserfolg in den
mnnlichen Ttigkeiten wie Jagd, Fischfang und Krieg (T. I p. 350)
leiden. Auch sonst wagen die Mnner nichts speziell Weibliches zu
berhren.

Den verschiedenen Beschwrungen wohnte ich absichtlich nur selten
bei, weil die Eingeborenen frchteten, meine Anwesenheit knnte den
Geistern unerwnscht sein und ihre Hilfe daher beeintrchtigen. Erst
nach langdauerndem Aufenthalt am Blu-u war ich einige Male bei einer
_mela_ zugegen und erlebte sogar, dass mich die Kajan darum baten,
ihre Gebete an die Geister zu untersttzen. Es geschah dies bald nach
der oben beschriebenen grossen Beschwrung, als wir uns alle nach
trockener Witterung sehnten, um bei fallendem Wasser zur Kste reisen
zu knnen. _Kwing Irang_ hatte schon einige Beschwrungen vornehmen
lassen, aber vergebens. Ich zweifelte bereits an der Mglichkeit
einer Abreise im Laufe des Monats, als in der Luft endlich eine
Vernderung bemerkbar wurde. Wahrscheinlich hatten auch die Kajan sie
beobachtet, denn whrend wir abends mit _Kwing_ und 6 jungen Mnnern
auf der Holzplattform am Ufer standen und schwatzten, erschien der
alte, beinahe blinde _Bo Jok_ mit zwei Stcken, an deren Enden stark
gekrmmte Stcke von Baumwurzeln mit einer Schnur gebunden waren. Er
hatte die Wurzeln durch tiefe Einschnitte gettet und bereitete
sich nun vor, mit ihrer Hilfe die Geister dazu zu bewegen, den Regen
aufhren zu lassen. Seinen eigenen Einfluss allein schien er jedoch
nicht stark genug zu finden, denn er bergab mir einen der Stcke,
um ihn neben unserer Htte in die Erde zu pflanzen. Er selbst begab
sich mit dem seinen zum Fluss hinunter, bohrte ihn in die Erde und
steckte in das gespaltene Wurzelende ein Ei. Dann musste jeder von uns
bei seinem Stock die Wind- und Regengeister beschwren und zwar in den
folgenden Worten, die mir der Alte vorsagte: "Wenn ihr imstande seid,
es so regnen zu lassen, dass diese Wurzel zu einem Baum heranwchst,
so lasst es nur regnen; wenn aber nicht, so haltet ein mit dem Regen
und lasst es trocken werden, damit wir ohne Gefahr hinunterreisen
knnen." Ich frchtete, meinen Ernst nicht bewahren zu knnen,
aber _Kwing_ kam mir mit dem Rat zu Hilfe, meine Beschwrung in
hollndischer Sprache zu halten, um zu verhindern, dass ich im Busang
meiner Wrde vor den Zuschauern zu viel schadete. Die Kajan genossen
also nur die packende Rede, die _Bo Jok_ an die Geister richtete.

In einer stillen Nachmittagsstunde erzhlte mir derselbe greise
Priester, wie sich die Kajan die Menschen, Gtter und Geister
auf Erden entstanden dachten. _Bo Jok_ kannte mein Interesse fr
alles, was das Geistesleben der Kajan betraf; indem er mir nun ihre
Schpfungsgeschichte anvertraute, wollte er mir augenscheinlich die
Teilnahme vergelten, mit der ich seine Klagen ber das Verschwinden
der guten alten Zeit am oberen Mahakam angehrt hatte. Die Erzhlung
lautete folgendermassen:

Zwei alte Leute im Himmel Apu Lagan waren einst damit beschftigt,
sich mit einer kleinen Kupferzange, _tsp_, die Augenbrauen
auszuziehen. Sowohl die Frau _Bua Langnji_ als der Mann _Dal Lili
Langnji_ wurden aber bei ihrem hohen Alter von der Arbeit so mde,
dass sie in Schlaf sanken, wobei ihnen die Zange entglitt und zur
Erde niederfiel. Sie lag dort auf einem nackten Felsen am Ufer des
Mahakam, als ein Riesenwurm (_dukung_) aus dem Wasser zum Vorschein
kam, an dem ungewhnlichen Gegenstand sog und dabei seine Exkremente
absetzte. Dies sah eine Krabbe (_kujo_), die sich in der Nhe unter
einem Stein verborgen hielt, und, sobald der _dukung_ fortging,
scharrte sie mit ihren Beinen den Kot auseinander, wodurch der Fels mit
Erde bedeckt wurde. In dieser Erde trieb die _tsp_ Wurzeln, so dass
die Schwester von _Bua Langnji_, als sie unten nach der Zange suchte,
bereits ein Bumchen mit einigen kupfernen Blttern fand. Schnell
wuchs das Bumchen in die Hhe; durch eine ffnung, die sich dabei
im Stamm bildete und die der Himmelsgeist _Uwang_ bemerkte, wurde
es von diesem befruchtet. Als Folge hiervon entwickelten sich unten
am Bumchen zwei Sprossen, ein mnnlicher, _Amei Klowon_, und ein
weiblicher _Inei Klion_. Es waren menschliche Wesen, aber ohne Arme
und Beine, denn einer der Bewohner des Landes, in welches die Zange
gefallen war, hatte den Baum verwundet, indem er mit seinem Schwert
unten am Stamm einen Blutegel ttete, den er von seinem Bein gestreift
hatte. Auf diese Weise waren die ersterschaffenen Menschen verstmmelt
worden. Sie waren immerhin noch sexueller Gemeinschaft fhig, und so
gab _Inei Klion_ 3 Kindern das Leben: _Kit La Bellang Ka_, _Kit
Lui Bellang Ubui_ und _Kit Lang Bellang Uwang_. Von diesen Dreien
stammen die Bahau ab. Der kupferne Baum, _Pon Kawat_, wuchs jedoch
weiter und lieferte noch viele Sprossen, aus denen von unten nach
oben zuerst die bsen, dann die guten Geister hervorgingen, danach
die Hauptgeister wie _Djaja Hipui_ u.s.w., schliesslich, am Gipfel,
_Amei Tingei_, der das Dasein der Bahau beherrscht.

Unter den zahlreichen Geistern, die auf das Geschick der
Mahakambewohner Einfluss ausben, gibt es einige, die im ganzen
Gebiete eine aussergewhnlich grosse Macht entfalten und ber smtliche
allgemeine Interessen der Bevlkerung zu bestimmen haben. Wie sonst bei
der Erforschung ihrer Religion hatte mich auch hier nur ein besonders
gnstiger Umstand die Existenz dieser Schutzgeister, _seniang_
genannt, entdecken lassen. Das erste Mal erfuhr ich von ihnen im
Jahre 1897 durch das Opfer; das die Long-Glat von Long Tepai fr die
_seniang unterhalb_ der Wasserflle den Fluss abwrts treiben liessen
(T. I p. 367). Spter, hauptschlich auf meiner Fahrt zur Kste, hatte
ich versucht, Nheres ber diese Geister zu erfahren, doch hrte ich
nur, dass einer dieser _seniang_ in alten Monumenten hauste, die an
der Ratamndung liegen mussten. Als wir jedoch in dem betreffenden
Jahr ber die Wasserflle zogen und uns dem heiligen Orte nherten,
war aus meinen Kajan nichts herauszubekommen; nur verriet mir ein
junger unvorsichtiger Ruderer, dass bei Long Bagung noch eine zweite,
hnliche Gruppe vorhanden sei, man sich aber gehtet habe, von ihr
zu sprechen, bevor wir sie lngst passiert hatten, aus Furcht, dass
ich sie sonst htte besuchen wollen. So drohten denn, damals meine
Nachforschungen nach der wahren Beschaffenheit dieser Monumente und
ihrem Fundort durch die Angst meiner Kajan zu missglcken, und meine
Enttuschung war nicht gering, als auch die Hwang-Boh, die Bewohner
eines in der Nhe des Rata gelegenen Hauses, jede Auskunft ber die
Monumente verweigerten. Mit grossem Misstrauen nahm ich denn auch
_Kwings_ Vorschlag auf, erst bis Long Howong hinunterzufahren, dort zu
bernachten und am folgenden Tage die Bilder mit Hilfe der dortigen
Bewohner aufzusuchen. An der Ratamndung lebte jedoch niemand mehr,
der mir Auskunft geben konnte ber die wissenschaftlichen Schtze,
die der Wald hier barg, und so blieb mir nichts anderes brig, als
nach Long Howong weiter zu fahren und dort Umschau zu halten.

Die Sonne stand noch hoch am Himmel, als wir das Dorf erreichten. Auf
Baumtreppen stiegen wir den Uferwall hinauf, um durch eine hlzerne, zu
beiden Seiten mit grotesken Menschenfiguren verzierte Pforte hindurch
ber sehr hohe Bretterstege zum Hause zu gelangen. Auf einer Plattform
am Ufer erwarteten wir plaudernd die Dorfautoritten. Diese waren
nmlich den Rata hinaufgefahren, um mit dem dortigen Huptling _Ding
Bajow_ ber einen Diebstahl zu verhandeln, der dort stattgefunden
hatte. Ein Bakumpai war von einem Buginesen als der Tter angeklagt
worden, und da _Ding Bajow_ der Beschuldigung Glauben schenkte,
drohte ein Zwist zwischen beiden Parteien der Buschproduktensucher
auszubrechen.

Die Huptlinge, die gegen Abend zurckkehrten, schienen ganz vom
Schlage der Bahau zu sein, denn sie drngten sich, obgleich ich
mit vielen Kajan, die sie seit langer Zeit nicht gesehen hatten,
auf der Plattform stand, an uns zum Hause hindurch, ohne uns zu
beachten. Allerdings kamen spter die angesehensten zu unserer
Begrssung wieder herunter. Sie schtzten aber ebenfalls hinsichtlich
der Bilder am Rata gnzliche Unwissenheit vor, doch merkte ich, dass
mein Besuch eben durchaus unwillkommen war. Ich hatte brigens an
diesem Tage bergenug von der Angelegenheit und kehrte nach meinem
Boot zurck, wo ich nach einer krglichen Mahlzeit im Schlaf meinen
Kampf mit Misstrauen und Aberglauben zu vergessen und eine neue Dosis
Geduld zu gewinnen suchte. Letztere hatte ich in der Tat sehr ntig,
denn auch am anderen Morgen wollten mich weder meine eigenen Bahau
noch die von Long Howong zu den Monumenten hinauffhren. Da kamen mir
unerwartet die Bakumpai zu Hilfe, die sich wegen der Diebstahlaffaire
in Schwierigkeiten befanden. Ihr Anfhrer ersuchte mich, _Ding Bajow_
und den Huptlingen von Long Howong mitzuteilen, dass der Buginese sie
flschlich des Diebstahls beschuldigte. Mittags sollten die Huptlinge
vom Rata eintreffen und, falls ich einen Tag bleiben wollte, knnte
ich durch meinen Einnuss als Europer und Freund _Kwing Irangs_ einen
drohenden Konflikt aus dem Wege rumen. In meiner schlechten Stimmung
fhlte ich mich jedoch zu einer Einmischung in fremde Angelegenheiten
nicht aufgelegt, noch minder zum Verlust eines ganzen Tages. Der
Bakumpai, der merkte, wie viel mir an der Besichtigung der _seniang_
lag, schlug mir nun vor, mich mit einigen seiner Leute, die den Platz
kannten, hinbringen zu wollen, falls ich ihm als Gegendienst aus der
schwierigen Lage hlfe. So ging ich denn auf seinen Vorschlag ein und
machte mich gleich vormittags in zwei Bten zu den so schwierig zu
erreichenden Bildern auf. Die Bakumpai brachten mich ein Stck weit,
bis etwa 400 m unterhalb der Ratamndung den Fluss wieder hinauf,
wo wir das rechte Ufer bestiegen und uns ungefhr 30 m landeinwrts
vor den ersehnten Steinfiguren befanden. Ihrer Form nach stammten sie
von den Hindu her. Am eigentmlichsten erschien mir eine Stierfigur,
die auch von den Bahau als der wichtigste Teil der Gruppe angesehen
wurde. Wie diese mir nmlich erzhlten, wollte, der berlieferung
nach, _Hang Lawing_, dessen Grab wir am Batu Tewang sahen, einst,
als er mit ber 100 Mann an dieser Sttte vorber in den Krieg zog,
diesen Stier mitnehmen. Keiner der Krieger war jedoch stark genug,
um die Figur aufzuheben, obgleich diese nicht hher ist als ein
mittelgrosser Hund; hierber geriet ein Bahau in solche Wut, dass er
dem Stier mit dem Schwerte die Ohren abschlug. Als Strafe fr dieses
Vergehen starb der beltter innerhalb 10 Tage; sein Tod war allen
Bewohnern des Mahakamgebietes ein neuer, deutlicher Beweis fr die
Macht des _seniang_.

Ausser diesen Hinduberresten am Rata, weist der Mahakam noch viele
anderen auf; die nrdlichsten befinden sich, wie schon gesagt, bei
Long Bagung, andere etwas oberhalb Ana und noch an einigen Orten
weiter unten. Der letzte, am rechten Ufer unterhalb Tengaron, ragt in
Form einer leicht abgerundeten Spitze aus einem horizontal liegenden
Felsblock hervor; oberflchlich gesehen lsst die Figur jedoch keine
Spuren einer Bildhauerarbeit erkennen.

Alle diese Monumente bezeichnen die Bahau, wie gesagt, als "_seniang_",
die den grossen Geistern, welche das Los der Flussbewohner beherrschen,
zum Wohnplatz dienen. Der _seniang_ bei Tengaron regiert ber alle
anderen, daher opfern die Bahau hauptschlich diesem, wenn einige
Gebiete am Mahakam von Krankheit oder Missernte getroffen werden. So
sandten die Bewohner von Long Tepai einst diesem _seniang_ ein Floss
mit einem Schwein und einem schuldigen Liebespaar zu, dem man die
Ankunft einer grossen Schar von Vgeln zuschrieb, welche den Reis auf
dem Felde auffrass. Sobald ein Glied der Huptlingsfamilie erkrankt,
opfern die Priester vom Dorfe aus dem _seniang_ Schweinefleisch und
Hhner und lassen die Opfer den Fluss hinab treiben.

Da sich nur die _dajung_ diesen Bildern nhern, wissen viele der
gewhnlichen Leute tatschlich nicht, wo diese sich befinden, so auch
meine Kajan; das Haupthindernis fr einen Besuch der Bilder liegt
jedoch in der Furcht der Dajak, durch eine Erzrnung der _seniang_
deren Rache auf ihre Huptlinge zu ziehen.

Als ich auf meiner zweiten Reise nochmals die _seniang_ am Long Rata
besuchte, gelang es _Demmeni_, die nebenstehende Aufnahme von ihnen
zu machen; die erste war infolge anhaltenden Regens missraten.

Wie viele anderen Gebruche tragen auch die Begrbniszeremonien am
Mahakam einen ursprnglicheren Charakter als am Kapuas.

Stirbt ein Huptling eines Bahaustammes am oberen Mahakam, so brechen
alle Anwesenden in lautes Wehklagen aus; Gonge und grosse Trommeln
werden geschlagen, um die bsen Geister zu vertreiben, den Todesfall
auch in weit abgelegenen Drfern bekannt zu machen und den Seelen
der Verstorbenen in Apu Kesio das Ereignis mitzuteilen. Zu ersterem
Zwecke schlagen die alten Krieger wohl auch mit ihren Schwertern in
der Huptlingswohnung in die Luft, wobei es oft wild hergeht und,
die Hiebe Pfosten und Wnde treffen und sogar kostbare Tempajan und
Gonge bisweilen zertrmmern.

Beim Tode von Freien, _banjin_, findet ebenfalls ein Wehklagen statt
und werden die Seelen der Vorfahren benachrichtigt. Die Pnihing
schlagen dabei mit einem Reisstampfer laut auf die Bretterdiele,
wodurch sie brigens jede neue Handlung, die sie mit der Leiche
vornehmen, den Geistern ankndigen. Fr Huptlinge stampfen 2 
8 Personen, fr vornehme Freie 7 und fr niedrige Leute nur 1
Person. Man glaubt, dass die Seele auf dem Wege nach Telang Djulan in
Apu Kesio auf das Wetter Einfluss ausben, starke Regen und Trockenheit
verursachen knne. Die langen Schatten, die Berggipfel und Wolken bei
Sonnenuntergang bisweilen auf den Himmel werfen, werden als Begleiter
der Seelen betrachtet. Man nennt sie _awon alut_, Bootsschatten,
und unterscheidet die der Sonne zugekehrte Seite als _dulong_,
Vordersteven, die andere als _ore_, Hintersteven.

In vollem Umfang drfen die Begrbniszeremonien nur, wenn die
Familie keiner Verbotszeit unterworfen ist, ausgefhrt werden. So
befand man sich beim Tode des 'Ma-Sulinghuptlings _Bo Li_ in
einer Zwischenperiode, weil das Maus des Verstorbenen noch nicht
ganz vollendet und das _lali_ noch nicht vollkommen vorber war;
es durften wohl die Gonge ertnen, aber das Schwerterschlagen musste
unterbleiben. Aus demselben Grunde baute man auch kein neues Prunkgrab,
sondern setzte die Leiche bereits nach 4 Tagen in demjenigen eines
anderen Huptlings bei.

Am Tage nach dem Ableben wird die Leiche mit gewhnlichem Wasser
gewaschen; die von Huptlingen wird bei den 'Ma-Suling zum
Flusse gebracht und untergetaucht, die von Freien in der _amin_
Gewaschen. Darauf werden dem Verstorbenen schne Kleider angetan,
die entweder vorher schon bereit lagen oder in den ersten Tagen mit
der ganzen Totenausrstung eilig hergestellt werden. Bevor die Leiche
eingesargt wird, wickelt man sie noch in ein weisses Tuch.

Den Sarg, der bei den Kajan aus einem Stck besteht, verfertigt man aus
dem Stamm eines grossen Baumes mit weichem Holz; ein Durianstamm wird
meist fr vornehme Leute, ein Tengkawangstamm fr einfachere gewhlt.

Die zwischen Tod und Beisetzung verlaufende Anzahl von Tagen ist
sehr verschieden, sowohl bei den einzelnen Stmmen als bei den
Stnden. Je hher jemand steht, desto lnger wird seine Leiche im
Hause aufgebahrt, was zum Teil in der umfangreicheren Ausrstung der
vornehmen Toten seine Erklrung findet. Kinder und Personen einfachen
Standes werden bei den Kajan bereits 1-2 Tage nach dem Tode begraben,
Huptlinge nach ebensoviel Mal 8 Tagen. hnliche Unterschiede gelten
auch inbezug auf die Trauer.

Stirbt jemand whrend der Ernte, so setzt man die Leiche in einer
provisorischen Htte neben dem grossen Hause ab, aus Furcht, dass
die _bruwa parei_ (Reisseele) bei einer definitiven Bestattung mit in
die Felshhle (_liang_) ziehen knnte, was eine gnzliche Missernte
im folgenden Jahre verursachen wrde.

Die Kajan und auch die anderen Stmme begraben ihre Toten nicht in der
Erde, sondern setzen die Srge an bestimmten Orten nieder, am liebsten
unter einer grossen berhngenden Felsmauer oder in einer Felsenhhle,
wie es deren im Kalkgebirge am oberen Mahakam so viele giebt. Eine
derartige Begrbnissttte, die ich bei den Pnihing am Tjehan besuchte,
ist auf Tafel 73 und 74 Teil I abgebildet. Die Srge, auf denen man die
Deckel mit Rotang lose anbindet, werden nicht verziert, wohl aber die
Behlter von sehr hnlicher Form, in welchen den Verschiedenen ihre
Ausrstung mitgegeben wird. Die Verzierungen dieser Kisten bestehen
hier aus schwarzen Figuren.

Fr Angehrige der Huptlingsfamilie und vornehme Tote werden
Prunkgrber (_salong, bila_) errichtet; im allgemeinen sind dies auf
Pfhlen ruhende Holzhuschen mit weit vortretendem Dach und schner
Verzierung von Schnitzwerk und farbigen Figuren (Taf. 66 T. I).

Sowohl Mnner als Frauen begleiten den Sarg zur Grabsttte, letztere
unter lautem Wehklagen. Auf dem Wege zum Begrbnisplatz wehrt ein
neben der Leiche hergehendes Familienglied mit gezogenem Schwerte
die bsen Geister ab. Bei den Kajan werden die frher Verstorbenen
von den Hinterbliebenen angerufen. So hrte ich einst eine Frau beim
Wegtragen einer Leiche "_In al k_ (Mutter, hole mich)!" rufen.

Aus Furcht vor den _ton luwa_, die sich hufig auf Grabsttten
aufhalten und der _bruwa_ der Lebenden sehr gefhrlich werden knnen,
verlsst man diese nach der Bestattung so schnell als mglich.

Die Kajan schnitzen fr ihre verstorbenen Huptlinge hlzerne
Hundefiguren (_aso_ od. _ledjo_), welche die bsen Geister von
der _lila_ fernhaften mssen. Die Figur wird mit Rotang unter dem
Grabmal festgebunden, damit sie nicht davonluft, auch steckt man ihr
bisweilen einen Schdel ins Maul, damit sie nicht hin- und herluft,
sondern aufpasst.

Alle Teilnehmer an einem Begrbnis mssen sich abends durch ein Bad
reinigen und ein Huhn opfern, um zu _mela_ und _bet dja-ak_, das
"Schlechte abzuwerfen." Zwei Tage nach dem Leichenbegngnis drfen
sie nicht arbeiten, sondern mssen _melo_ (ruhen).

Bei allen Bahaustmmen am oberen Mahakam ist dieses Begrbnis
ursprnglich nur ein zeitweiliges gewesen. Spter wurden die Gebeine,
sobald die weichen Teile gnzlich oder grsstenteils verwest waren,
gereinigt, in einen grossen irdenen Topf gelegt und dann in diesem in
einer Grotte beigesetzt. Den Schdel verzierte man mit einer Maske,
die vorn mit Blattzinn oder einem anderen Metall beschlagen wurde,
weil man den Anblick von Augen und Nase in einem Schdel unangenehm
fand. Am oberen Mahakam ist diese Sitte noch am meisten bei den Kajan
im Schwange, bei den brigen Stmmen minder und die Long-Glat, die ihr
frher sicher auch folgten, begngen sich gegenwrtig mit blosser
Beisetzung ihrer Toten. _Kwing Irang_ war gegen diesen Brauch,
weil er ihn unangenehm und gefhrlich fand und suchte ihn daher
aufzuheben. Nach diesem definitiven Begrbnis richtet die Familie
des Verstorbenen ein Festmahl an, zu dem jedermann willkommen ist.

Die eigentliche Trauerzeit beginnt erst nach dem Begrbnis. Nach dem
Tode eines Huptlings drfen seine Untergebenen whrend der Zeit der
tiefen Trauer keine Feldarbeit verrichten, nicht eine oder mehrere
Nchte ausserhalb des Hauses verbringen, keine Nharbeit vornehmen. Die
Kleider drfen keinerlei Schmuck tragen; die Frauen schneiden die
untere Hlfte ihres Rockes ab, die jungen Mnner und Frauen ihre langen
Haare bis zum Halse. Der trauernde Stamm darf whrend 1-2 Monaten nicht
mit anderen in Berhrung kommen, Fremde drfen die Niederlassung nicht
verlassen, der Fluss, an dem das Dorf liegt, wird fr jeden abgesperrt.

Die _adat_ der Long-Glat ist in dieser Beziehung, wie in mancher
anderen, noch strenger. Die Leiche eines Huptlings bleibt mindestens
2  8 Tage unbestattet; in der Trauerzeit drfen die Angehrigen der
Huptlingsfamilie nicht mit den _panjin_ sprechen. Den Ertrunkenen
richten die Long-Glat ebenfalls einen _salong_ auf, auch wenn sie die
Leichen nicht finden. Die Vorberfahrenden legen dann an dem Grabmal
kleine Gaben, z.B. Kautabak, nieder.

Die Ma-Tuwan und andere Stmme, die mit den Long-Glat in derselben
Niederlassung wohnen, folgen nicht deren Gebruchen, sondern behielten
mit ihrer Sprache auch ihre eigene _adat_.

Einem vornehmen Huptling trauern ausser den eigenen Untertanen
alle Stmme nach, deren Huptlinge mit dem Verstorbenen verwandt
sind. So trauerten mit den Ma-Suling beim Tode von _Bo Li_ auch
die Kajan und Long-Glat. Bei diesen beschrnkte sich die Trauer
jedoch auf das Ablegen von buntfarbigen Kleidern und Schmucksachen,
wie Ohrgehnge, Halsketten, Perlen, hbsche Kopfbinden und Mtzen;
ferner durften keine Feste, wie Maskenvorstellungen, stattfinden,
auch war das Ttowieren verboten. Von diesen Adatbestimmungen sind
kleine Kinder wie gewhnlich ausgeschlossen. Der fremde Stamm trauert
so lange als der eigene die volle Trauer nicht ablegt.

Die Trauerkleidung der Hinterbliebenen besteht wie am Kapuri eigentlich
aus Baumbast, doch wird sie auch am Mahakam infolge der Einfuhr von
weissem Kattun durch diesen ersetzt, nur gibt man ihm, wie anderen
Ortes schon angefhrt, durch Vergraben im Morast den hellbraunen Ton
des Baumbastes.

Beim Ablegen der Trauerkleidung darf diese nicht eigenhndig entfernt
werden, sondern man sucht ein dichtes Gestrpp auf, das einem die
Mtze vom Kopf und die Jacke von den Schultern streift.

Die Bevlkerung am oberen Mahakam lebt infolge der isolierten Lage
ihres Landes, die eine Zufuhr von Gebrauchsartikeln von auswrts sehr
erschwert, unter viel ungnstigeren Bedingungen als ihre Verwandten
am Kapuri, die wegen der Nhe der Handelsniederlassung Putus Sibau
und der Dampferverbindung mit dieser und der Kste sich alles auf
billige Weise verschaffen knnen. Haben die Kapuasbewohner durch den
unvermeidlichen innigeren Kontakt mit den Malaien und Chinesen auch
viel von ihren ursprnglichen Sitten eingebsst, so leben sie doch
durch denselben unter viel gnstigeren materiellen Bedingungen. Bei
ihnen lsst sich begreiflicher Weise der frhere Kulturzustand dieser
Stmme viel schwerer nachweisen als bei ihren Verwandten am oberen
Mahakam, die in der Beschaffung ihrer Lebensartikel beinahe gnzlich
auf sich selbst angewiesen sind. Am meisten gilt dies in bezug auf
ihre Nahrungsmittel, die wegen ihres Umfangs und ihrer Schwere nicht
aus entlegenen Gebieten angefhrt werden knnen. Die meisten Stmme
haben es dem grossen Fleiss, mit dem sie sich dem Ackerbau widmen,
zu danken, dass sie von einer schweren Hungersnot nur selten zu leiden
haben; hochgradiger Nahrungsmangel kommt dagegen in allen Drfern in
der Zeit vor der neuen Ernte vor, wenn die alte teilweise oder gnzlich
missglckt war. Bei den Seputan, die noch mehr als die Pnihing ihren
Ackerbau vernachlssigen, ist allerdings eine Hungersnot, die viele
Opfer fordert, keine Seltenheit. Oft sind diese schlechten Ackerbauer
denn auch vllig auf die Walderzeugnisse angewiesen, die brigens
auch in normalen Zeiten neben dem Landbau zu ihrer Ernhrung beitragen.

Die Feldbewirtschaftung am Mahakam stimmt vllig mit derjenigen am
Kapuas berein, die bereits im vorigen Teil ausfhrlich behandelt
worden ist. Was die mit dem Reisbau verbundenen Festlichkeiten
betrifft, so ist das Saatfest (_tugal_) ebenfalls bereits besprochen
worden; eine kurze Beschreibung des Erntefestes dagegen mag hier
folgen.

Das Fest zerfllt in zwei Teile: das _lali parei ok_ = die kleine
Verbotszeit fr den Reis, und das einige Tage spter folgende _lali
parei aja_ = die grosse Verbotszeit fr den Reis. Vor den genannten
Festzeiten ist es streng verboten, Reis zu schneiden; sollten einige
Dorfbewohner bei Hungersnot hierzu gezwungen gewesen sein, so drfen
sie den Festen im Huptlingshause nicht beiwohnen. Daher wird auch das
_lali parei ok_ gefeiert, sobald nur einige halbreife Halme auf dem
Felde des Huptlings gefunden worden sind. Die ungnstigen Mondphasen
werden hierbei aber vermieden.

Vor dem Fest kommen viele Bte mit Mnnern, Frauen und Kindern von den
Feldern heim, besonders erstere erscheinen frh, um eine grosse Menge
Brennholz zu beschaffen, das fr die grossen Mahlzeiten ntig ist. Die
Sklaven der _amin aja_ tun dies stets einen Tag frher als die Freien,
welche ihr Holz erst sammeln, wenn die Huptlingsfamilie feierlich aufs
Feld gezogen ist, um den ersten Reis von ihrer _ladang_ oder _luma_
zu holen. Wenn Wetter und Wasserstand es zulassen, begeben sich gegen
Mittag die beiden Frauen von _Kwing Irang_, _Hiang_ und _Uniang_,
in hbscher Kleidung und mit grossen Sonnenhten aufs Feld. Wie bei
jeder religisen Zeremonie geht auch hier ein junger Mann voran,
der ein Becken schlgt. _Kwings_ Frauen und noch einige andere,
wie seine Pflegetochter _Kehad Hiang_, tragen alle _ingan lali_,
Reiskrbe mit hohen Deckeln, an welche fr diese Gelegenheit einige
_kawit_, Reishren und krautartige Pflanzen gebunden werden, um den
ersten Reisschnitt in ihnen zu bergen. Bei der Verzierung dieser
Krbe drfen die Huptlingsfrauen die heilige Zahl 8 anwenden, sie
bringen z.B. 2  8 Knoten aus Reisstroh an; die _panjin_ mssen sich
mit einer kleineren Zahl begngen z.B. mit 6 und befestigen also
2  6 Knoten am Korbe. Wenn die Gesellschaft nach einigen Stunden
mit gefllten Krben zurckkehrt, werden in der Huptlingswohnung
einige Zeremonien ausgefhrt, die ich nicht nher kenne. Spter am
Tage wird der Reis von den _dajung_ gestampft, die sich ebenfalls
in ihre schnsten Kleider geworfen haben; berdies leiht ihnen der
Huptling fr diesen Tag breite Perlengrtel.

Der erste halbreife und daher noch nicht trockene Reis muss erst
gedrrt werden, um ihn durch Stampfen entspelzen zu knnen. Die beinahe
platt gestossenen Krner werden von den Kajan ohne weitere Zubereitung
gern gegessen. Am folgenden Tage begeben sich auf die gleiche Weise
die Frauen der _panjin_ aufs Feld. Nach dem ersten Tag folgen 2 Tage
_melo_, am vierten muss man _bet lali_ (die Verbotszeit ablegen),
was wiederum auf der _ladang_ geschieht. An diesem Tage mssen noch
alle ruhen, dann kann in den folgenden 4 Tagen das _lali parei aja_
gefeiert werden. Wenn aber in dieser Zeit jemand stirbt und die Leiche
noch ber der Erde ist, oder man in eine ungnstige Mondphase kommt
(_ga bulan dja-ak_), so muss die Feier verschoben werden, bis die
Zeichen gnstiger geworden sind.

Nach Ablauf des _lali parei aja_, das auf die gleiche Weise gefeiert
wird, darf jedermann mit der Ernte beginnen.

Whrend bei den Bahau am Kapuri am Schluss der Ernte alljhrlich das
so wichtige _dangei_ gefeiert wird, knnen ihre Verwandten am Mahakam
sich diesen Genuss nicht gestatten, da sie nur selten den hierfr
erforderlichen berfluss an Lebensmitteln besitzen. Am Mahakam wohnte
ich diesem Feste nicht bei. Fr die dortige Bevlkerung ist dieses
ebenso wichtig wie fr die am Mendalam, weil die kleinen Kinder bei
dieser Gelegenheit einen Namen erhalten und das _bet lali_ fr die
Heirat aufgehoben wird. Bei den meisten Stmmen wird das _dangei_
etwa alle 3 oder 4 Jahre gefeiert.

Ausser zahlreichen Reisvarietten kultiviert die Bevlkerung am Mahakam
auch Knollengewchse, Mais u.a. Bei den Seputan und Pnihing, die,
wie gesagt, nicht regelmssig auf gute Reisernten rechnen knnen,
werden Knollengewchse, wie Ipomoea batatas, Manihot utilissima
und Caladium weit mehr angepflanzt, als bei den tiefer wohnenden
Stmmen und mit Reis gemengt das ganze Jahr ber gegessen. Auf die
Zubereitung der Knollen wird denn auch bei ihnen mehr Gewicht gelegt
als an anderen Orten, wo sie einfach gekocht gegessen werden. Bei
unseren eigenen Mahlzeiten fanden wir das aus _obi kaju_ (Manihot)
hergestellte Mehl am schmackhaftesten. Es wird erhalten, indem man
die Knollen in feine Scheiben schneidet, diese in der Sonne stark
trocknet und dann auf dem Reisblock feinstampft. Das so entstandene
feine weisse Mehl liefert mit Zucker und l gebacken, wie wir es
taten, wohlschmeckende Kuchen. Die Zubereitung dieses Mehls sowie
das Stampfen des Reises macht die tgliche Hauptarbeit der Frauen aus.

Ein beliebtes Gericht, besonders auf Reisen, bilden die noch
weichen Sprossen verschiedener im Walde wachsender Monocotyledonen,
welche in Wasser gekocht werden. An erster Stelle gehrt hierher
der sog. Palmkohl von Eugeisonia tristis, der Hauptlieferantin fr
Sago (_nanga_ oder _bulung_) am oberen Mahakam. Da dieser Palme bei
Nahrungsmangel so stark nachgestellt wird, ist sie in der Nhe der
Niederlassungen bereits vllig ausgerottet und es mssen jetzt bei
Hungersnot weite Expeditionen auf hohe Berggipfel unternommen werden,
um noch Standorte von Eugeisonia zu finden. Arme Familien oder solche,
die keine schweren Lasten zu tragen vermgen, ziehen dann lieber
zeitweilig mit Kind und Kegel ins Gebirge und nhren sich dort ganz
von Sago. Die Gebiete, in denen die Sagopalmen wachsen, sind Eigentum
eines bestimmten Stammes, dessen Glieder, sowohl Sklaven als Freie,
sie nach Belieben ausbeuten drfen. Die Sagogewinnung geschieht
folgendermassen: man sucht eine Palme aus, die im Aufblhen begriffen
ist, weil sie dann im Mark ihres Stammes am meisten Sago angehuft
hat, entfernt ihre zahlreichen, geraden, dnnen, 1 m und hher
hinaufreichenden Wurzeln und zerlegt den Stamm zum Transport nach
einem kleinen Fluss in Stcke. Dort spaltet man diese der Lnge nach,
klopft die sagoenthaltenden Gewebe mit schweren Holzhmmern mrbe
und legt sie dann in lange Trge, weiche aus ausgehhlten Stmmen
und grossen Blattstielen von Palmen hergestellt werden. Die Trge
werden samt Inhalt in einen Bach gesetzt und die mrben Massen mit
den Fssen gestampft, bis der Sago vom strmenden Wasser mitgerissen
und etwas weiter unten am Grunde abgesetzt wird. Ist der Sago etwas
feucht, so haben am Ertrag eines einzigen Stammes beinahe zwei Mann
gengend zu tragen (30-35 kg.).

Der auf diese Weise von Eugeisonia gewonnene Sago hat eine hellbraune
Farbe und trocknet schwer, weswegen er sich auch nur etwa 8 Tage
aufbewahren lsst. Der Gedanke, nicht nur einmal, sondern mehrmals aus
dem gleichen Stamm Sago gewinnen zu knnen, scheint den Kajan frher
nicht fremd gewesen zu sein. Wenigstens weist eine alte Erzhlung
hierauf hin. Nach dieser enthielt der Sagobaum frher Reis statt Sago
und ein Mann, dem es leid tat, gleich den ganzen Stamm zu fllen,
hackte nur ein Loch hinein, holte den Reis heraus und verstopfte die
ffnung mit einem Stck seines Lendentuches aus Baumbast. Als er aber
spter noch einmal Reis aus dem Baum holen wollte, fand er das Stck
Baumbast durch das ganze Innere des Stammes gewachsen und den Reis
in feinen Sago verwandelt. Seit der Zeit mssen die Kajan sich die
Mhe nehmen, den Sago vom Holzgewebe zu scheiden.

Im Gebiete der Pnihing kommt noch eine andere Sagopalme vor, die
sie _bulung telang_ nennen und die weissen Sago liefert (Caryota
purfuracea Blume).

Sehr gebruchlich sind bei den Mahlzeiten am Mahakam die essbaren
Bltter verschiedener Pflanzen. Von den angebauten ist Batatas
edulis die wichtigste, von den wild wachsenden der Farren Polypodium
nigrescens. Die Bltter einer _sike_ genannten Lianenart werden ihres
salzigen Geschmackes wegen an Stelle von Salz gebraucht.

Alle diese Bltter werden mit viel Wasser gekocht und mit diesem
in garem Zustand zum Reis gegessen. Hufig hat jede Person bei der
Mahlzeit. einen Holzteller mit dieser Blttersuppe neben sich stehen
und trinkt sie mit einem einfachen europischen Porzellanlffel
oder mit einem schsselfrmig gefalteten Pisangblatt, das, um das
Einreissen zu verhindern, kurze Zeit ber dem Feuer gedrrt wird
und bisweilen auch als Teller und Hlle fr den Reis dient. Bei
den verschiedenen Stmmen sind zahlreiche kleine Unterschiede in
den Gewohnheiten zu bemerken. Whrend die Ma-Suling und Long-Glat
z.B. Krbisarten pflanzen, um deren Frchte spter als Wasserbehlter
zu gebrauchen, verwenden die Kajan wiederum niemals Kalebassen,
sondern nur Bambusstcke zum Wassertragen.

Am Mahakam gebrauchen nur die Reichen regelmssig Salz bei den
Mahlzeiten, die brigen erlauben sich diesen Luxus nur zeitweilig. Wie
am Kapuri wird auch hier das Salz niemals mit den Speisen zusammen
gekocht, sondern in kleinen Stcken als Zuspeise gereicht. Die Pnihing
gestatten sich nicht einmal bei Festmahlzeiten stets den Salzgenuss.

Nach einer reichen Ernte von Tengkawangfrchten wird das aus ihnen
gewonnene Fett bei den Mahlzeiten viel verwendet; doch sollen nach
Aussage der Eingeborenen die betreffenden Bume nur alle Jahre einmal
grosse Mengen von Frchten produzieren.

Im Hungerjahr 1896, whrend meines ersten Besuches am Mahakam,
war gerade ein grosser Vorrat an Tengkawangfett vorhanden, den wir
zum Braten gebrauchten, wodurch wir unsere sehr frugalen Mahlzeiten
etwas verbesserten. Das Fett wird gewonnen, indem man die Frchte
von verschiedenen Dipterocarpeenbumen fein stampft und mit Wasser
auskocht; es sammelt sich dann aus den Samen eine grosse Fettmenge an
der Oberflche an. In Bambusgefsse gegossen erhrtet das Fett zu einer
festen, hell gelbgrnen Masse, die jahrelang gut bleibt und von der
Bevlkerung in kleinen Stcken zum Reis gegessen wird. Den Prozess des
Bratens, den die Bahau nicht kennen, wies ich ihnen, nachdem ich das
erste Fett erstanden hatte, in meiner eigenen Kche vor. Abgesehen von
einem eigentmlichen, ssslichen Geruch, an den wir uns bald gewhnten,
war das Tengkawangfett zum Braten ebensogut geeignet wie Kokosnussl.

Fleischnahrung tritt bei den Stmmen am Mahakam sehr zurck gegenber
denen am Kapuas, hauptschlich wohl deshalb, weil die Flsse bewohnter
Gegenden bei ersteren viel fischrmer als bei letzteren sind. Die
Ursache hierfr ist in der bei den Mahakambewohnern blichen Methode
der Fischerei mit Gift (_tuba_) zu suchen, welche sie nicht nur, wie am
Kapuri, in den Bchen, sondern auch in den Hauptflssen anwenden. Die
_tuba_ vergiftet vor allem die jngsten, noch unbrauchbaren Fische und
verhindert dadurch eine Wiederbevlkerung der Flsse. Die Fischerei
wird denn auch, z.B. bei den Kajan am Blu-u, mit grosser Anstrengung
und sehr schlechtem Resultat betrieben. Die wenigen Fische im Blu-u
sind wegen der stndigen Verfolgung, der sie ausgesetzt sind, so
scheu, dass man sie mit dem runden Wurfnetz (_djala_) bei klarem Wasser
berhaupt nicht fangen kann, sondern nur, wenn ein Regenfall das Wasser
trbt. Im Gegensatz zu den Eingeborenen am Mendalam tauchen die am
Blu-u, nachdem sie ihre Netze ausgeworfen haben, auf den Grund, um zu
sehen, ob der Fang geglckt ist. Die Methode ist besonders zweckmssig,
wenn auf dem Boden liegende Felsblcke und Holzstmme die am Rande des
Netzes befindliche Metallkette daran verhindern, sich platt der Erde
anzuschmiegen, beim Aufziehen die Fische einzuschliessen und im Netz
zu verwirren. Die Stmme am oberen Mahakam knnen das Untertauchen
auch gefahrloser ben als die am Kapuas, weil bei ihnen oberhalb der
Wasserflle keine Krokodile mehr vorkommen, trotzdem der Hauptfluss
immer noch 200 m breit ist. Diese Tatsache ist um so unerklrlicher,
als Krokodile nicht nur am mittleren Mahakam, sondern auch zwischen
der stlichen und westlichen Reihe von Wasserfllen verbreitet sind.

Am Blu-u beobachtete ich zum ersten Mal das Fischen mit dem Wurfnetz
und zugleich mit Kder; dies war sogar ein Lieblingssport von _Kwing
Irang_. Er legte an geeigneten Stellen, oft unter oder zwischen
Steinen, gekochten Reis oder Sago aus und warf einige Stunden spter
sein Netz darber hin; so berlistete er hufig einen Fisch, aber
fr den Fang im Grossen kam diese Methode nicht in Betracht.

Eigentmlicherweise herrscht nicht bei allen, sondern nur bei einem
Stamm, den Ma-Suling am Meras, der Brauch, dem Fischmangel durch
eine Art knstlicher Zucht abzuhelfen; sie wird in Weihern betrieben,
die man durch Abdmmung der Bche erhlt. Einst fhrte mich der Weg
ber einen solchen, durch einen Deich abgedmmten Bach. Quer durch
das Flsschen war eine schrge Bretterwand aufgerichtet, die unter
einem Winkel von etwa 60 flussabwrts neigte. Gesttzt wurde diese
auf dem Boden, auf halber Hhe und oben am Rande, durch schwere,
horizontal gestellte und mit ihren Enden in die beiden Uferseiten
versenkte Balken, die ausserdem noch durch parallele Balken, welche
ungefhr 1 m flussabwrts im Ufer steckten und als Sttze fr die
Verbindungsbalken zwischen den ersteren dienten, in der richtigen
Lage gehalten wurden.

Um diese Bretterwand wasserdicht zu machen, diente eine meterdicke,
so fest anliegende Lehmschicht, dass sie stndig als Weg ber den Bach
bentzt wurde. Nur bestimmte Fischarten leben und vermehren sich stark
in dem Weiher, andere dagegen, die stillstehendes und bisweilen sehr
warmes Wasser nicht vertragen, gehen in ihm zu Grunde. Die meisten
der grsseren Ma-Sulingfamilien besitzen einen eigenen Weiher, aus
dem sie nach Bedrfnis Fische holen.

Zu den fr die Ernhrung in Betracht kommenden Haustieren der
Mahakambewohner gehren das Schwein und das Huhn. Hunde und Katzen
werden nicht gegessen, und die wenigen Ziegen, die in manchen Drfern
der Seltsamkeit wegen gehalten werden, ebenfalls nicht, weil sie wie
Hirsche, wilde Rinder und andere Horntiere _lali_ sind.

Schweine und Hhner drfen, wie am Mendalam, nur bei religisen Festen
geschlachtet werden und dienen offiziell nur den Geistern als Speise,
whrend sie tatschlich von den Festteilnehmern bei frhlichem Mahl
verzehrt werden.

Verschiedenen berlieferungen nach sind die Schweine und Hhner den
Menschen hnlich und mit diesen gleichen Ursprungs, daher ist es
nicht unmglich, dass diese Tiere in einigen Fllen gegenwrtig
die frheren Menschenopfer ersetzen sollen, wie die Barito und
andere ihnen verwandte Dajakstmme Rinder ausschliesslich zu dem
Zweck halten, sie beim Ablegen der Trauer und hnlichen religisen
Zeremonien statt Menschen zu opfern, seitdem diese Sitte ihnen von den
Niederlndern verboten worden ist. Es ist jedoch nicht denkbar, dass
bei den zahlreichen Gelegenheiten, bei denen gegenwrtig Schweine und
Hhner geschlachtet werden, frher stets Menschen geopfert worden sind,
so dass die in den Legenden so hufig wiederkehrende Verwandtschaft
zwischen Menschen und Opfertieren nur in einigen Fllen obiger
Vermutung als Basis dienen kann.

Nach einer dieser Legenden, welche bei den Mahakam-Kajan kursiert,
sind Schweine und Hhner aus einer Verbindung zwischen Bruder und
Schwester hervorgegangen, indem aus dieser blutschnderischen Ehe
ein Schwein und ein Ei geboren wurden. In der Schpfungsgeschichte
der Mendalam-Kajan ging der Mensch mit einem Huhn und einem Schwein
gleichzeitig aus Baumbast hervor (Teil I p. 129).

Von den Schweinen werden bei den Kajan, Ma-Suling und Long-Glat nur
die mnnlichen Tiere geopfert. Die Long-Glat gebrauchen die weiblichen
Exemplare berhaupt nicht, lassen sie vor Alter sterben oder tauschen
sie bei den Pnihing, von denen sie gegessen werden drfen, gegen
mnnliche um. Bei den Kajan ist das Fleisch weiblicher Schweine nur
Frauen zu essen erlaubt. Den Long-Glat ist der Genuss von Schweinen
und Hhnern zur Erntezeit gnzlich verboten.

Dass die Dajak beim Schlachten der Schweine ungeschickt zu Werke gehen,
habe ich bereits mehrmals erwhnt. Folgende Einzelheiten beobachtete
ich einst, als ich whrend eines anhaltenden Fleischmangels gegen hohen
Preis ein Schwein gekauft und einige junge Kajan gebeten hatte, das
Tier fr mich schlachten und zerlegen zu wollen. Ich wollte nmlich
das Fleisch mittelst Salz zu konservieren versuchen.

Die Mnner banden dem Tier die Pfoten zu je zwei aneinander, steckten
zum Tragen von hinten nach vorn einen Bambusstock durch die Beine und
legten es auf zwei Paar gekreuzte im Boden stehende Hlzer nieder,
so dass es etwa 75 cm ber der Erde zu liegen kam. Die Schnauze
banden sie ihrem Opfer nicht nur zu, sondern hielten sie auch mit
den Hnden fest, so dass es keinen Laut von sich gab, obgleich
sie die Luftrhre nicht durchschnitten und es sehr lange dauerte,
bis alles Leben entflohen war. Augenscheinlich finden die Kajan
das Geschrei der Tiere beim Schlachten unangenehm; aus demselben
Grunde drcken sie wohl auch den Hhnern den Schnabel und die Kehle
zu, bevor sie diese durchschneiden. Erst jetzt begriff ich, warum
ich gelegentlich eines Festes bei der Ablegung der Trauer, das die
Punan am Mandai einige Jahre vorher feierten, nicht gemerkt hatte,
dass sie dicht neben mir nach Art der Ulu-Ajar-Dajak 8 Schweinen die
Kehle durchschnitten. Meine Aufmerksamkeit wurde damals allerdings
durch die Opferung eines Stiers abgelenkt, doch blieb mir bis dahin
ihr Verfahren trotzdem unerklrlich.

Die Kajan empfanden mit den Leiden ihres Schlachtopfers keinerlei
Mitleid; sie bereiteten ihm einen langsamen Tod, indem sie ihm
vom Halsschnitt aus durch Drehen von Hand und Messer alle grossen
Blutgefsse in der Brusthhle ffneten. Bei dieser Schlachtmethode
konnte alles Blut ausfliessen und aufgefangen werden; auch sonst wurde
nichts einigermassen Brauchbars fortgeworfen. Darauf brannten sie dem
Tier mit glimmenden Holzscheiten die Borsten ab und legten es in den
Fluss, wo Bauch und Brusthhle ausgeweidet und der Inhalt gereinigt
wurde, um mit dem Kopf als Lohn fr ihre Arbeit von den Schlchtern
spter verspeist zu werden. Das Tier wurde sodann mit Schwertern
in kleine Stcke zerlegt, um diese in Blechgefssen aufbewahren
zu knnen. Wahrscheinlich geschah die darauf folgende Bearbeitung
des Fleisches nicht nach allen Regeln der Kunst, wenigstens begann
es bereits nach 2 Tagen einen unangenehmen Geruch zu verbreiten
und mussten wir es den Kajan schenken, die es sehr zu wrdigen
verstanden, hauptschlich des vielen Salzes wegen, das sich zwischen
den Fleischstcken befand. Die Eingeborenen selbst machen das Fleisch
haltbar, indem sie es in kleine Stcke schneiden und lange kochen; das
Ruchern wird ebenfalls angewandt, aber mit schlechterem Erfolg. Auch
die Fische, die stets durch Ruchern ber einem Feuer von feuchtem
Holz konserviert werden, halten sich nur wenige Tage.





KAPITEL VI.

    Religise Bedeutung einiger Spiele der Mahakam-Dajak--Spiele
    der Mnner: Waffentanz (_kenja_), Ringkampf, Wettlauf,
    Hochund Weitsprung, Ball- und Kreiselspiel, Scheinkmpfe
    (Wasserspritzen. Blasrohrschiessen)--Spiel der Frauen:
    Tanz zwischen Reisstampfern--Volksspiele--Kinderspiele
    Spielzeug, Steinewerfen (aus freier Hand; mit Schleudern),
    Figurenbilden mittelst einer Schnur, Huserbau--Singtnze
    (_ngarang_)--Rezitationen--Musikinstrumente: Gonge, _kledi_,
    Flten, Guitarre (_sape_), Mundharmonika (_tong_)--Singen und
    Pfeifen.


Die Spiele der Bahau-Dajak greifen, wohl ihres teilweise religisen
Ursprungs wegen, tief in ihr Volksleben ein. Rechnet man zu
ihren Spielen nicht nur Vergngungen an sich, wie Tnze, Ball- und
Kreiselspiel, sondern auch gymnastische bungen und rein musikalische
Gensse, so verdienen diese ihres Umfanges wegen hier eine besondere
Betrachtung.

Der Einfluss des Kultus, der das ganze Leben der dajakischen Stmme
beherrscht, lsst sich auch in ihren Spielen nachweisen. Dies gilt
hauptschlich fr die von allen Erwachsenen gemeinsam, meist zu
bestimmten Gelegenheiten vorgenommenen Vergngungen, weniger fr die
mehr individuellen, an keinen Termin gebundenen. Erstere finden nur
sehr selten zu gewhnlichen Zeiten statt, auch erlangen sie ihre
volle Bedeutung eigentlich nur gelegentlich der Ackerbaufeste,
die einen streng religisen Charakter tragen. Aber auch dann
unterhlt man sich nicht nach Belieben, sondern zu bestimmten
Festen gehren auch bestimmte Spiele, so sind bei den Saatfesten
(_tugal_) andere Belustigungen blich als beim kleinen Erntefest
(_lali parei ola_) oder dem grossen Erntefest (_lali parei aja_),
beim Anfang der Ernte und beim Neujahrsfest (_dangei)._ Beim _tugal_
wird Masken- und Kreiselspiel vorgenommen; beim ersten Einholen des
Reis (_lali parei_) beschiesst man einander aus Blasrohren u.a.;
zur Neujahrsfeier gehren Gymnastik und Wasserspritzen. Ist dieser
Zusammenhang zwischen Festen und Spielen nun ein zuflliger oder
ein innerlich begrndeter? Letzteres erscheint mir wahrscheinlicher,
denn bei einem der wichtigsten Mnnerspiele,  dem _hudo kajo_, habe
ich eine religise Bedeutung direkt nachweisen knnen (T. I p. 325);
obgleich mir dies bei den anderen nicht gelungen ist, vermute ich doch,
dass auch allen brigen, mit bestimmten Festen verbundenen Spielen ein
religiser Gedanke zu Grunde liegt. Bemerkenswert ist, dass Handlungen,
welche von den Priestern bei ihren Zeremonien verrichtet werden,
bei den brigen Stammesgenossen nur zur Belustigung dienen. So werden
die unter diesen dajakischen Stmmen sehr verbreiteten Schwerttnze
(_kenja_) auch von Priestern beiderlei Geschlechts beim Neujahrsfest
ausgefhrt und zwar hauptschlich zur Abwehr der bsen Geister von
den gebrachten Opfern; ferner bietet, wie anderen Ortes berichtet
worden ist (T. I p. 182), die lteste Priesterin, mit Kriegsmtze
und Schwert bewaffnet, zuerst das Opfer, dann das Fruchtbaumholz
der Dangeihtte tanzend den Himmelsgttern zum Geschenk an. Da
beim _kenja_ nicht nur Kriegsszenen, sondern die verschiedensten
Vorflle aus dem tglichen Leben dargestellt werden, ist es nicht
unwahrscheinlich, dass sich dieser Tanz aus den obigen religisen
Zeremonien entwickelt hat. hnlich verhlt es sich mit dem _nangeian_
(Rundtanz T. I p. 176). Dieser gehrt zu denjenigen Zeremonien des
Neujahrsfestes, die von den Priesterinnen eingeleitet und von den
Laien stundenlang auf die gleiche Weise fortgesetzt werden. Ferner
wird der von jungen Mnnern und Frauen so gern gepflegte _ngarang_
auch von den Priestern getanzt, nur nach anderen Melodien. Dasselbe
gilt fr die brigen Vergngungen; bei der _mela_ z.B. trachtet
die _dajung_ auf ihren Geist in Apu Lagan durch das Rezitieren der
Legenden von _Belawan Buring_, von _Bakong_ oder von _Bun_ Einfluss zu
gewinnen und ihn zum Niedersteigen zu bewegen. Den gleichen Legenden
lauscht aber auch bisweilen der ganze Stamm Nacht fr Nacht, wenn
sie von einem gebten Rezitator vorgetragen werden. Ist dieser in den
umfangreichen dajakischen berlieferungen gut bewandert, so wird er
gleich einem Knstler oder Priester fr beseelt angesehen. In diesem
Fall ist zweierlei mglich: das _dajung_ (Singen, Rezitieren) der
Priesterinnen kann das Ursprngliche gewesen sein und bei den Laien
Nachahmung gefunden haben, oder die Priester knnen versucht haben,
die Geister auf die gleiche Weise zu unterhalten und anzulocken,
wie es bei den Menschen blich ist.

Von den Spielen der Erwachsenen habe ich das Masken- und Kreiselspiel,
den Kampf mit Blasrohren und das gegenseitige Bespritzen mit Wasser
ausschliesslich whrend der religisen Ackerbaufeste vor nehmen sehen;
die anderen dagegen finden bisweilen auch zu gewhnlichen Zeiten
statt. Ob es jedoch direkt verboten ist, sich mit obengenannten
Spielen ausserhalb der festlichen Gelegenheiten zu unterhalten,
ist mir nicht bekannt. Kinder halten sich jedenfalls nicht an die
bestimmten Festzeiten, sondern spielen mit dem Kreisel, Blasrohr etc.,
sobald sie Lust dazu haben, allerdings sind sie ja auch den _pemali_
der Erwachsenen nicht unterworfen.

Die Maskenspiele sind bereits im ersten Teil ausfhrlich behandelt
worden. Fr das tgliche Volksleben von weit grsserer Bedeutung
sind dagegen die Waffentnze (_kenja_), weil diese nicht auf gewisse
Festlichkeiten beschrnkt sind und von kleineren oder grsseren
Gesellschaften hufig vorgenommen werden.

Bei den Bahau und Kenja werden diese Waffentnze beinahe stets
nur von einem Mann ausgefhrt, der sich mit Schild und Schwert
bewaffnet und in der Regel auch noch mit Kriegsmantel und Mtze
schmckt. Auf Tafel 12 ist ein solcher Schwerttnzer in einer der
hchst eigenartigen Bewegungen des _kenja_ dargestellt. Dieser wird
stets nach der Melodie des _kledi_ ausgefhrt, den hier ein daneben
hockender Knabe spielt. Einem Kriegstanz, an dem sich zwei Mnner
beteiligten, wohnte ich niemals bei. Ein einziges Mal sah ich auch
eine Frau mit einigem Talent den Schwerttanz ausfhren, zum grossen
Ergtzen der mnnlichen Zuschauer. Der _kenja_ wird meist in der
breiten Galerie der Huptlingswohnung vorgenommen und besteht aus
lebhaften, oft sehr grazisen Krperbewegungen, die mit weiten
Sprngen und Ausrufungen abwechseln. Der Refrain der Melodie wird
oft vom Publikum wiederholt. Die Gewandtheit im Tanz ist sowohl bei
den einzelnen Stmmen als bei den Individuen sehr verschieden.

Nach allgemeiner Ansicht der Dajak selbst haben es die Kenjastmme
in diesem Tanz am weitesten gebracht, auch tragen sie nach dieser
Kunst ihren Namen; aber in der Regel zeichnen sich auch bei ihnen nur
einzelne Personen im Tanze aus. Smtliche Kriegstnze haben zwar den
Zweck, die Geschicklichkeit in der Handhabung der Waffen zu beweisen,
doch dienen sie gleichzeitig auch zur Darstellung irgend eines Vorfalls
aus dem Kriegs- oder Alltagsleben. So wird dem Publikum z.B. das
Shen, Mhen, Jagen, Frchtestehlen u.s.w. durch einen bestimmten
Schwerttanz vorgefhrt. Fr einen Europer ist es jedoch, auch wenn er
die Bedeutung des Tanzes kennt, nicht immer leicht, zwischen diesem und
dem Vorgestellten eine Beziehung zu er kennen. Mit dem Sinn des Tanzes
verndert sich auch stets die auf dem _kledi_ gespielte Melodie. An
der Vorstellung beteiligen sich der Reihe nach verschiedene junge
Mnner, die nicht nur in der Geschicklichkeit, sondern auch in der
Sicherheit des Auftretens eine grosse Verschiedenheit an den Tag
legen. Einige Jnglinge sind aus lauter Verlegenheit kaum zum Tanzen
zu bewegen. Am hufigsten werden derartige Tanzbelustigungen auf
die Abende whrend eines _melo_ (Ruhetag oder Tage nach der _mela_)
verlegt; die Dorfbewohner, die dann alle zu Hause sind, versammeln
sich in grosser Menge zu diesem sehr beliebten Schauspiel.

Die nicht zu den Bahau und Kenja gehrenden Stmme verstehen sich
auch nicht auf diese Kriegstnze. Bei den Pnihing am oberen Mahakam
sind sie z.B. ungebruchlich, obgleich alle benachbarten Stmme
sie gern betreiben, sie sogar so hoch schtzen, dass sie zu Ehren
eines Europers als ihre beste Kunstleistung zuerst einen _kenja_
vorfhren. Wie auf alle anderen eigenartigen Sitten dieser Stmme
hat der Einfluss der Fremden, d.h. hier der Malaien, auch auf die
Kriegstnze zersetzend gewirkt. So ben die Bahau am Kapuas den
_kenja_ viel weniger als die am Mahakam, auch sind es dort nur sehr
junge Mnner, die an ihm Vergngen finden, whrend hier bei grossen
Festen auch die Erwachsenen und lteren Mnner noch gern mittun. Am
nachteiligsten wirkt am Kapuas sicherlich die Furcht, von den vielen
Fremden verspottet zu werden. Obgleich die Tne des _kledi_ sehr
sanft klingen und der _kenja_ mit seinen Schritten und Sprngen auf
den harten Planken recht viel Lrm verursacht, folgt der Tnzer doch
stets genau der vorgetragenen Melodie. Wenn der _kledi_-Spieler daher
nicht auf der Hhe seiner Kunst ist, bringt er auch den Tnzer in
Verwirrung, so dass er seine Vorstellung dann nicht nach allen Regeln
zu Ende bringen kann. Ein bedeutendes Hindernis fr die Auffhrung von
Tnzen kann daher darin liegen, dass der Musiker zufllig nicht die
Melodien spielen kann, welche zu den Szenen gehren, die der Tnzer
gerade vorzutragen versteht.

Unter den Priestern fhren sowohl Mnner als Frauen den Schwerttanz
aus, wie gesagt, zur Vertreibung bser Geister, zur Darbringung von
Opfern an die Geister u.s.f.; doch tanzen diese nicht unter Begleitung
des _kledi_, sondern hufiger des Gongs. Der _kenja_ der Laien findet
niemals bei grossen religisen Festen statt.

In Anbetracht, dass die Ausfhrung des Schwerttanzes eine grosse
krperliche Anstrengung erfordert, knnen sich ihm nur Stmme, die
starke Leibesbungen gerne haben, widmen. In letzteren zeichnen
sich brigens die Bahau und Kenja vor allen anderen Stammgruppen
Mittel-Borneos aus; sobald nur einige junge Mnner an geeigneter
Stelle, z.B. auf einer langen Gerllbank im Fluss, beieinander
sind, beginnen sie einen Wettlauf oder andere gymnastische bungen
vorzunehmen.

Sehr beliebt ist der Ringkampf (_pajo_), von dem Tafel 13 eine
Vorstellung gibt. Die Ringer, gewhnlich zwei junge Mnner, sind
dabei nur mit einem Lendentuch bekleidet, das sie eng um den Leib
schnren, um dem Partner einen festen Angriffspunkt zu bieten. Sie
beginnen nmlich damit, einander nach der auf dem Bilde angegebenen
Weise anzupacken, und suchen dann durch Kraft und Gewandtheit ihren
Gegner mit dem Rcken auf den Boden zu schleudern.

So weit ich habe beobachten knnen, werden hierbei keine bestimmten
Regeln befolgt und keine schmerzerregenden Mittel angewandt, auch
sah ich nie eine Vorstellung in einen ernsthaften Kampf ausarten,
wobei man einander auf andere Weise als durch Geschicklichkeit
zu besiegen versucht htte. Trotzdem sind diese Ringkmpfe nicht
gefahrlos, weil die Gegner einander bisweilen sehr heftig zu Boden
schleudern. Ich sah denn auch mehrmals, wie besorgte Mtter ihre
Shne vom Kampfe zurckzuhalten versuchten und sie in Gegenwart ihrer
Kameraden warnten. Keiner der Jnglinge folgte jedoch den mtterlichen
Ermahnungen, hauptschlich natrlich aus Furcht vor Spott seitens des
Publikums. Ab und zu kommt allerdings auch ein Arm- oder Beinbruch bei
diesen Ringkmpfen vor. Frauen sah ich niemals am Ringen teilnehmen.

Bei allen Spielen der Bahau ist von einem eigentlichen Siege, einer
materiellen Belohnung oder einem Ehrenpreise keine Rede, ebensowenig
sah ich die Zuschauer auf den Ausgang eines Kampfes wetten.

Neben dem Ringen ist der Wettlauf und Wettsprung bei den Bahau sehr
im Schwange, Vergngungen, die spontan, nicht zu bestimmten Zeiten,
vorgenommen werden. Grosse Abwechslung in der Art des Wettlaufes
beobachtete ich nicht, meist nahmen es nur zwei Personen mit einander
auf. Stets beteiligen sich nur sehr junge Leute an diesem Spiel; sobald
sie einmal ber 25 Jahr alt sind, verlieren die Mnner an dergleichen
die Lust. Dasselbe gilt fr das Springen. Auf den Hochsprung wird
weit mehr Gewicht gelegt als auf den Weitsprung. Man springt mit oder
ohne Anlauf, ganz frei oder mit Hilfe eines Stockes. Ebensowenig wie
Sprungbretter und Matratzen werden andere Hilfsmittel gebraucht. Beim
freien Hochsprung bringt der junge Mann es oft nicht weiter als
bis zur Hhe seines Schultergrtels. Fr hhere Sprnge gebraucht
man lange Stcke, in der Regel die aus dem zhen, elastischen Holz
bestimmter Baumarten hergestellten Bootsstangen. Das Stockspringen
geschieht auf zwei verschiedene, auf Tafel 14 durch Momentaufnahmen
dargestellte Weisen. Der Springer befindet sich in beiden Fllen auf
dem hchsten Punkte.

Links sieht man, wie er sich, mit beiden Hnden auf den Springstock
gesttzt, ber den zwischen zwei Bootsstangen geklemmten Stock
hinberschwingt. Hat er im folgenden Augenblick die andere Seite
erreicht, so wirft er den Stock nach rckwrts und springt selbst
auf die Fsse. Durch diese Sprungart werden bisweilen grosse Hhen
genommen.

Der Springer auf dem Bilde rechts hat sich mit Hilfe des Stockes
krftig zur erforderlichen Hhe hinaufgeschwungen, aber anstatt
diesen zurckzuwerfen, fhrt er ihn in der einen Hand mit sich ber
die Schnur, hier ein Rotang. Dieser Sprung erfordert eine grssere
Kraftentwicklung als der vorige. Derartige Springbungen werden
besonders unter den Mahakamstmmen oft und gern betrieben.

Allgemein verbreitet ist bei den Bahau auch das Ballspiel, bei welchem
ein in grossen Maschen aus Rotang geflochtener und daher usserst
leichter Ball verwendet wird. Das Spiel findet in der Weise statt,
dass einige im Kreise stehende Mnner den Ball einander, hauptschlich
mit Hilfe der Beine, hoch durch die Luft zuwerfen. Wahrscheinlich
haben die Eingeborenen dieses Spiel von den Malaien bernommen,
die es sehr allgemein ben.

Im Gegensatz zu den gymnastischen Spielen und dem Ballspiel darf das
Kreiselspiel der Erwachsenen, wie gesagt, nur zu bestimmten Zeiten
vorgenommen werden (Kreisel = _asing_; spielen mit dem Kreisel =
_pasing_). Von den gebruchlichen Kreiseln sind zwei unter m und n
auf Tafel 15 abgebildet, whrend das Spiel selbst bereits im ersten
Teil p. 329 besprochen und auf Tafel 63 wiedergegeben worden ist.

Beim Beginn der Ernte, dem _lali parei_, ergtzte man sich am
Mahakam mit bestimmten Spielen, die frher in allerhand Arten von
Scheingefechten bestanden haben mssen. Jetzt sah ich nur noch die
Kinder kleine Kmpfe in Parteien abhalten; sie beschossen einander
dabei mit Lehmpfropfen aus kleinen Blasrohren oder bespritzten ihre
Gegner mit Wasser aus niedlichen Spritzen (Taf. 15, Fig. j). Diese
bestehen aus zwei Teilen, einem Bambusinternodium, an dessen einem
Ende sich der mit einer zentralen ffnung versehene Knoten befindet,
und einem am Ende mit Lappen umwickelten Holzstck, dem Sauger. An
letzterem Vergngen nahmen auch Erwachsene Teil; besonders Mnner
und Frauen setzten einander unter Scherzen und Lachen mit grossen
Bambusgefssen mit Wasser nach. Die lteren Leute erinnerten sich
noch, dass man frher hlzerne Schwerter verfertigte und mit ihnen
Scheinkmpfe veranstaltete.

Von dergleichen Spielen hat sich einiges noch bei den jungen Mnnern
erhalten; sie beschiessen einander aus nchster Nhe mit Lehmpfropfen
aus Blasrohren, und zwar kommt es bei diesem Spiel darauf an, seine
Unempfindlichkeit gegen Schmerz zu bezeigen. Bentzt werden sehr lange
Rohre, so dass die feuchten Erdklmpchen heftig an die dicht vor
die Mndung gehaltenen Krperteile anprallen. Meistens richtet man
die Geschosse auf Bauchwand und Schenkel und sie treffen hufig mit
solcher Kraft, dass die Haut unter den plattgeschlagenen Ballen sich
sogleich rtet und anschwillt. Jeder sucht mglichst stark zu blasen
und mglichst wenig Zeichen von Schmerz zu ussern; ein wirklicher
Wettkampf mit einem oder mehreren Siegern findet jedoch auch hierbei
nicht statt. Whrend die Erwachsenen ruhig beieinander stehend die
Schmerzproben ablegen, unterhlt sich die Kinderschar mit kleinen
Blasrohren, die sie aus einer dnnen Bambusart mit langen Internodien
hergestellt haben, und mit denen sie einander aus der Ferne mit
Lehmkgelchen beschiessen. Bisweilen kmpfen sie in Parteien, wobei in
der Regel die Gleichaltrigen zusammentreten, oder sie suchen einander
in die Flucht zu jagen oder auch sie beweisen ihre Unempfindlichkeit
gegen Schmerz, indem sie ihre Beine den Geschossen ihrer Kameraden
entgegenhalten. Obgleich die Lehmkugeln aus der Ferne sehr harmlos
treffen, ergriff auch beim Parteikampf bald dieser bald jener wie in
panischem Schrecken pltzlich die Flucht, bisweilen ohne merkbaren
Anlass, meist infolge einer pltzlichen Beschiessung von unerwarteter
Seite; die Gegenpartei strmt dann unter lautem Gejauchz ber Gestrpp,
gestrzte Bume und Balken hinterdrein, um dann ihrerseits vor einer
Ladung Lehmkugeln Halt zu machen und den Rckzug anzutreten. Ein
kleines, zugleich als Flte dienendes Blasrohr ist auf Taf. 15 unter
k abgebildet.

Bei allen diesen Gefechten und Schmerzproben merkte ich nie etwas
von Erbitterung, und nur sehr selten brach ein kleiner Wicht, der
sich unter die grsseren gewagt hatte, ber ein Lehmgeschoss, das
ihn getroffen, in Trnen aus. Ausser mit Lehmkugeln beschoss sich die
Jugend auch mit Grasbscheln oder mit langen Grashalmen als Wurflanzen.

Die Frauen pflegen nur wenige Spiele, die nicht auch von den Mnnern
gebt werden. Auf Taf. 13 unten ist ein solches Spiel dargestellt,
das von den Frauen besonders in ihrer freien Zeit, z.B. zwischen
dem Trocknen und Stampfen des Reises, vorgenommen wird; auf der hier
abgebildeten Szene sieht man denn auch hinter den Frauen grosse Matten
mit Reis zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet.

Das Spiel besteht darin, dass eine Frau zwischen zwei Reisstampfern
tanzt, die von zwei Gefhrtinnen an beiden Enden festgehalten und in
einem bestimmten Rhythmus erst auf zwei am Boden liegende Stampfer,
dann gegen einander geschlagen werden. Je geschickter die Tnzerin,
desto seltener werden ihre Fsse zwischen die zusammenschlagenden
Stampfer geklemmt. Der Rhythmus des Tanzes ist sehr verschieden,
auch werden die Stampfer bisweilen schneller und schneller bewegt,
so dass die Frau zuletzt die Fsse nur durch sehr flinke Bewegungen
zwischendurchziehen kann. Dieses Spiel ist nicht an feste Zeiten
gebunden.

Zu den Volksspielen der Bahau knnen gegenwrtig auch die Hahnenkmpfe
gerechnet werden, die vor ungefhr zwei Generationen am oberen Mahakam
eingefhrt wurden und auch jetzt noch mehr bei den Long-Glat und
Ma-Suling als bei den Pnihing und Seputan im Schwange sind. Diese
Liebhaberei hat bei den Bahau selbst von dem fr die Volkswohlfahrt
so verderblichen Charakter eines Hazardspiels, wie es z.B. bei den
Malaien blich ist, noch sehr wenig angenommen. Eine eingehende
Behandlung haben die Hahnenkmpfe bereits in Teil I pag. 347 erfahren.

ber zwei Spiele habe ich keine nhere Auskunft erhalten knnen. Das
eine erinnert sehr an unser Tric-Trac und wird mit einem mit a
Reihen von Aushhlungen versehenen Block gespielt; das andere ist
ein einfaches Schachspiel. Beide werden hauptschlich unter den
Kajan gepflegt.

Was die Kinderspiele der Bahau betrifft, so sind sie, wie mehrmals
bereits gesagt, nicht, wie die meisten Spiele der Erwachsenen,
religisen Beschrnkungen unterworfen. Kinder unterhalten sich denn
auch das ganze Jahr ber mit dem Kreiselspiel, Blasrohrschiessen,
Wasserspritzen und bisweilen auch mit dem Maskenspiel. Fr das
Kreiselspiel schnitzen die Mnner den Knaben aus hartem Eisenholz
kleine Kreisel (Taf. 15 e und f), die sie entweder gut polieren
(e) oder hbsch mit Schnitzwerk verzieren (f); meist sind sie rund
statt platt, wie die der Erwachsenen. Sie werden mit den gleichen
Schnren geschleudert, und wie beim _pasing_ der grossen Mnner
sucht ein Knabe den Kreisel des anderen herauszuschlagen. Ausser
den genannten Vergngungen, die sie mit den Grossen gemein haben,
besitzen sie jedoch noch einige andere, die mit ihrem lterwerden
zusammenhngen und gelegentlich bestimmter Feste gebt werden.

Bei den Erntefesten drfen kleine Knaben z.B. zum ersten Mal Schwert
und Schild aus Holz (Fig. l. Taf. 15), kleine Mdchen Reiskrbe tragen;
beide Geschlechter spielen dann auch zum ersten Mal mit einem Bambus
und einem Klopfer (Fig. i. Taf. 15). Mitten in diesem Bambus ist
eine ffnung angebracht, auf die das Kind beim Schlagen abwechselnd
einen Finger setzt, so dass zwei in der Hhe stark abweichende Tne
hervorgebracht werden und der Bambus also zugleich ein primitives
Musikinstrument darstellt.

Wird der erste, noch nicht ganz reife und harte Reis gepflckt,
so trocknet man ihn zuerst in grossen Schsseln und entfernt durch
Stampfen die Spelzen, wonach die Krner plattgeschlagen aus dem
Blocke hervorkommen. Dieser halbreife Reis bildet einen sehr beliebten
Leckerbissen der Kinder, die dann den ganzen Tag mit kleinen Behltern
umhergehen, aus denen sie den Reis essen. Die Form derselben ist oft
sehr eigentmlich, wie zwei unter g und h abgebildete Modelle auf
Taf. 15 zeigen. g hat die Gestalt eines der gewhnlichen, kleinen,
aus Rotang geflochtenen, flaschenfrmigen Behlter, wie sie auf
Reisen viel gebraucht werden. Hier jedoch ist das Flechtwerk
mit Figuren aus buntem Zeug benht, die durch Steppstiche noch
deutlicher hervorgehoben sind. Der Deckel ist mit Figuren bestickt,
die Augen, Nase und Mund eines Gesichtes erkennen lassen. h ist ein
aus Pandanusblttern geflochtener Korb in Form eines geflgelten,
vierfssigen Tieres, dessen langer Hals einen kopffrmigen Stpsel
trgt. Dergleichen Tiergestalten, besonders die von Vgeln, werden
hufig verwendet. Spter, wenn der Reis ganz reif ist, fllt man die
Behlter fr die Kinder mit gedmpftem Klebreis.

Einige Spielsachen der Dajak stimmen ganz mit denen unserer Kinder
berein, so z.B. die Puppen. Doch sind diese bei den Bahau nicht
allgemein verbreitet und werden auch nur Suglingen und sehr kleinen
Kindern gegeben; sobald die Mdchen einmal ausserhalb des Hauses
spielen, sieht man sie nicht mehr mit Puppen. Tafel 15 (b und c) giebt
zwei solcher Puppen vom oberen Mahakam wieder. Ihr Rumpf besteht aus
Baumbast; im Gesicht sind bei b mit schwarzem Faden Augen, Nase und
Mund gestickt, whrend zwei Metallringe an Baumwollfden die an den
ausgereckten Ohrlappen hngenden Ringe vorstellen. Die Kleider sind
aus gewhnlichem buntem Kattun verfertigt. Puppe c besitzt zwar keinen
Kopf, doch sind die Ohrringe an den Schultern befestigt.

Lieber als Puppen haben die Mdchen kleine Kindertragbretter (_hawat_),
mit denen sie umhergehen. Zwei dieser _hawat_ sind unter a und d
abgebildet, letztere mit  jour Schnitzwerk verziert und beide zur
Abwehr bser Geister mit Muscheln behngt. So hufig ich auch die
kleinen Mdchen mit Tragbrettern spielen sah, fand ich in diesen doch
nie eine Puppe, die ein Kind vorstellen sollte; stets wurde die _hawat_
leer umhergetragen.

Die Knaben unterhalten sich gern damit, flache Flusssteine nach
selbstgegrabenen Erdlchern zu werfen. Bei diesem Spiel kommt es
darauf an, das Loch von einem bestimmten Abstand aus gut zu treffen;
nie sah ich dass gespielt wurde, um als Erster hervorzugehen oder
einen Einsatz zu gewinnen.

Abends beim Baden findet die Bahaujugend, ganz wie die europische
viel Vergngen daran, Steine bers Wasser ans andere Ufer zu werfen
oder flache Steine auf der Wasseroberflche mglichst oft hinterein
ander aufschlagen zu lassen.

Eine sehr bemerkenswerte Methode des Steinewerfens beobachtete ich
einst bei den Ulu-Ajar-Dajak am Mandai, nmlich das Werfen mittelst
einer Schleuder. Die Knaben bentzten hierfr sehr lange, schmale
Bltter, deren Enden sie mit einer Hand fassten, worauf sie den
Stein in den so gebildeten Bausch legten und ihn ans andere Ufer zu
schleudern suchten, indem sie beim Werfen das eine Ende der Schlinge
losliessen. Das Prinzip der Schleuder ist diesen Stmmen also bekannt,
nur hat sie in diesem Buschland als Waffe zu keiner Bedeutung gelangen
knnen.

Ein eigenartiges, auch in Europa sehr bekanntes Spiel ist das Bilden
von Figuren mit Hilfe einer zusammengebundenen, ber die Finger der
beiden Hnde gelegten Schnur. Auch die kleinen Dajak nahmen einander
auf bestimmte Weise die Schnur von den Fingern und erhielten dann
stets neue Figuren. Als wir ihnen einmal einige unserer europischen
Figuren lehren wollten, zeigte es sich, dass sie selbst deren weit
mehr kannten und auch viel geschickter waren als wir.

Auch die dajakischen Kinder ahmen gern die Arbeiten der Erwachsenen
nach. Auf Tafel 16 sind vier Knaben zu sehen, die auf dem Gerst ihres
selbstgebauten Huschens stehen. Von den beiden vordersten ist der
eine mit Schild und Schwert bewaffnet, der andere hlt ein Blasrohr
umgekehrt in der Hand. Angeregt wurden sie zu ihrer Unternehmung durch
den Bau von _Kwing Irangs_ Haus, der das Interesse des ganzen Stammes
in Anspruch nahm. Im Hintergrunde ist denn auch noch das unvollendete
grosse Haus zu sehen (Der Leser sei hier auf das provisorische Gerst
am Ende des Dachfirstes aufmerksam gemacht, das zur Anbringung der
_bang pakat_, der grossen Firstverzierung, dient).

Derartige Bauwerke werden von Gruppen von Knaben an verschiedenen
Stellen um die Niederlassung und zwar aus altem Material
errichtet. Steht das Hains fertig da, so nehmen die jungen Baumeister
mit ihren kleinen Freundinnen tagber allerlei herrliche Spiele in
ihm vor.

Bevor wir uns zu den rein musikalischen Vergngungen der erwachsenen
Bahau wenden, mgen hier als bergang die Singtnze und Rezitationen
behandelt werden.

Ein Hauptvergngen der erwachsenen Jugend bildet der erwhnte
"_ngarang_", ein schlichter Tanz von Mnnern und Frauen, der nach
dem Mass verschiedener, von den Tanzenden selbst in Rezitativform
gesungener Lieder ausgefhrt wird. Diese werden immerzu wiederholt,
wobei Mnner und Frauen hintereinander im Tanzschritt durch die grosse
Galerie des Hauses schreiten und das Mass durch lautes Aufstampfen
auf den Boden angeben. Wenn abends nach beendigter Tagesarbeit
eine Anzahl junger Leute beisammen ist und lang genug mit einander
geschwatzt hat, verbringt sie oft noch Stunden mit dem _ngarang._
Zuschauer gibt es dann nicht mehr und der grosse Galerieraum ist
ganz dunkel oder mit einer Harzfackel nur drftig erleuchtet. Je
nach Stimmung setzt die Jugend den Tanz krzere oder lngere Zeit,
nach Festen hufig bis Tagesanbruch fort. Obgleich ein derartiges
Vergngen von den religisen oder politischen Verhltnissen innerhalb
eines Stammes gnzlich unabhngig ist, fhren die unter malaiischem
Einfluss am Kapuas und mittleren Mahakam sesshaften Bahau den _ngarang_
doch viel seltener aus als die am oberen Mahakam; wahrscheinlich ist
auch hier der Spott seitens der zahlreichen Fremden daran Schuld.

Reichen Beifall finden bei den Bahau die Rezitationen ihrer zahlreichen
berlieferungen aus der Stammesgeschichte oder ihrer Legenden aus
der Geisterwelt. Stets finden sich eine grosse Menge Zuhrer zu
diesen Vortragsabenden ein. Die Rezitationen werden von Schlgen auf
einen ber einen Schild gespannten und von zwei kleinen Holzsulchen
getragenen Rotangbogen begleitet (Taf. 17). Die Schlge werden von
der rezitierenden Person selbst ausgefhrt und geben den Rhythmus
an. Erwgt man, dass der Vortrag frei nach dem Gedchtnis stattfindet
und hufig eine ganze Nacht, bisweilen mehrere Nchte hintereinander
dauert, so erscheint es begreiflich, dass nur wenige Personen mit
ausgezeichnetem Gedchtnis und der besonderen Fhigkeit, ihre Gedanken
nach bestimmtem Mass wiedergeben zu knnen, hierzu im stande sind. Der
Wert der Vortrge ist denn auch individuell sehr verschieden, und
die guten Snger und Sngerinnen werden von ihren Dorfgenossen als
besonders begabt und mit einem besonderen Geist aus Apu Lagan beseelt
angesehen. Sowohl Mnner als Frauen halten diese Vortrge und jeder
beschrnkt sich auf eine oder mehrere bestimmte berlieferungen;
diese sind bei jedem Stamme verschieden. Die Rezitatoren knnen
zu den Priestern gehren, doch ist dies keine Notwendigkeit. Auch
zeichnen sich nicht immer nur Erwachsene durch ihr Talent aus. Die auf
nebenstehender Tafel abgebildete Knstlerin ist z.B. ein erst 16-17
jhriges Kajanmdchen vom Mahakam, das sich durch die Richtigkeit ihrer
Erzhlungen und ihre angenehme Vortragsweise bei ihren Stammesgenossen
einer aussergewhnlichen Bewunderung erfreute. Derartige Rezitationen
finden nicht hufig statt, stehen auch nicht mit religisen Gebruchen
in Verbindung; sie werden vorgenommen, wenn zufllig viele, von des
Tages Last und Mhe nicht zu stark ermdete Menschen beieinander sind.

Die Rezitationen finden in der grossen Galerie vor der
Huptlingswohnung statt; der Vortragende lehnt sich an die Wand und
die Zuhrer lagern sich um ihn herum. Einige singen den Refrain
der verschiedenen Verse, in welche die Erzhlung zerfllt, mit;
die meisten jedoch sitzen oder liegen schweigend auf dem Boden
und krzen sich die lange Nacht ab und zu durch ein Schlfchen; die
kleinen Kinder in den Armen der Mtter wachen meistens berhaupt nicht
auf. Im Scheine der Harzfackeln bietet eine solche Zuhrermenge die
eigenartigsten Bilder: vorn lagern ganze Familie in nchtlicher Ruhe,
mehr im Hintergrunde machen junge Leute einander den Hof und hier
und da sinkt ein aufmerksamer Zuhrer vom Schlaf berwltigt in den
seltsamsten Stellungen zu Boden.

Der Vortragsknstler erhlt fr seine Mhe keine Belohnung. Am
beliebtesten sind die Legenden von den erwhnten _Belawan Buring_,
_Bun_ und _Bakung_, drei Bahauhelden, die in frherer Zeit grosse
Taten verrichteten. Die Mahakam-Kajan bezeichnen den Vortrag einer
Legende von _Bun_ z.B. mit "_enah_ (= machen, tun) _Bun_."

Die Rezitationen fhren uns zu den rein musikalischen Genssen der
Bahau, fr die insbesondere die Jugend viel Sinn zeigt. Die Musik
trgt ganz den Charakter eines Vergngens und bildet bei keinem
religisen Feste einen Teil der Zeremonien, wenigstens wenn man
das nach dem Mass einer Mundharmonika oder _tong_ von den Frauen
aufgefhrte _hudo kajo_ nicht unter die Zeremonien aufnehmen will,
wozu man berechtigt wre. Zwar wird bei jeder An- oder Herbeirufung
von Geistern und Gttern auf kupferne Gonge verschiedenster Form und
Grsse geschlagen, aber ohne dabei auf irgend welche musikalische
Ausfhrung zu achten. Die alten und gebruchlichsten Becken mit
niedrigem Rand geben auch nur sehr wenig harmonische Tne. Anders
verhlt es sich mit den grossen Gongen mit aufstehendem Rand; bei
diesen wird wirklich auf reinen Klang geachtet, auch bestimmt dieser
hauptschlich den Preis eines Exemplars, der bisweilen sehr hoch sein
kann, whrend Gonge von gleicher Form und gleichem Gewicht, aber mit
unschnerem Klang viel weniger wert sind. Diese Gonge dienen berdies
hauptschlich als Warnsignale auf grosse Entfernungen. Die Bewohner
Borneos haben nicht wie die auf Java verstanden, sie zu einem System,
wie dem Gamelan, zusammenzufgen.

Das, sowohl was seine Konstruktion, als was seinen Gebrauch betrifft,
wichtigste dajakische Musikinstrument ist der _kledi_, eine Art von
Dudelsack, der aus einer bestimmten, hierfr besonders gezogenen
Krbissorte labe (Taf. 19 e) hergestellt wird. Diese Kalabasse
luft in einen langen, als Mundstck dienenden Stiel aus, whrend
im Fruchtkrper eine ffnung angebracht ist, in welche 5 zu einem
Bndel vereinigte Bambusstcke als klanggebende Pfeifen mittelst
Guttapercha luftdicht eingefgt sind. Oben auf der einen, weit ber
die anderen vorragenden Pfeife befindet sich zur Verstrkung des Tones
in verschiedenster Form, hier in der eines Rhinozerosvogelkopfes,
ein Resonanzboden. Bei den richtig hergestellten und daher rein
gestimmten _kledi_ bilden die Bambusrohre Meisterstcke der Technik,
indem sie an ihrem unteren Ende einen Spalt tragen, in dem eine lange
Zunge durch ihre eigene Federkraft vibriert, sobald die Luft aus der
Kalabasse durch den Spalt in die Pfeife geblasen wird. Die Vibrationen
der Zunge bringen die Luft in der Pfeife in Bewegung, wodurch ein
Ton entsteht, der, je nach der Lnge des Rohres, hher oder tiefer
ist. Indem nun die Lngen der Pfeifen in ein bestimmtes Verhltnis
zu einander gebracht werden, erhlt man ein Instrument, auf dem
Melodien gespielt werden knnen. Jede Pfeife ist mit zwei ffnungen,
die mit den Fingern geschlossen werden knnen, versehen, wodurch das
gleiche Rohr beim Blasen mehrere Tne hervorbringen kann. Auf die
Herstellung eines gut tnenden Instrumentes verstehen sich nur sehr
wenige Personen, die meisten _kledi_ werden von der Bevlkerung daher
auch als minderwertig betrachtet. Der _kledi_ ist ausschliesslich ein
Musikinstrument der Mnner und wird nach der auf Tafel 18 dargestellten
Weise gehandhabt. Man spielt das Instrument im Hause, auf dem Felde,
zur Erholung auf Reisen oder zur Begleitung beim Waffentanz.

Neben dem _kledi_ ist die Flte, _suling_ oder _selingut_, ein
Lieblingsinstrument von Mnnern und Frauen; wie sie behandelt wird,
zeigt uns die Frau rechts auf Taf. 20 und der Mann auf Taf. 21. Eine
solche Flte besitzt am Mundende keine besondere Vorrichtung zur
Erregung von Vibrationen, sondern wird durch Blasen auf den Rand
zum Tnen gebracht. Zwei schne Fltenexemplare sind unter b und
c auf Tafel 19 abgebildet. Sie werden aus einer Bambusart mit sehr
langen Internodien hergestellt, so dass sich zwischen zwei Knoten ein
gleichmssiges Rohr ohne Unebenheiten an der Innenflche ausschneiden
lsst. Sehr wichtig ist das Anbringen der ffnungen auf richtiger Hhe,
worin die Bahau, zu urteilen nach den reinen und sanften Tnen, die
sie ihren Flten zu entlocken wissen, sehr geschickt zu sein scheinen.

Fig. c zeigt vier solcher ffnungen, die beim Spielen mit den Fingern
geschlossen und abwechselnd wieder geffnet werden. Bei der sehr
fein ausgearbeiteten Verzierung dieser Flte hat man diese ffnungen
zu hbschen Motiven zu verwenden verstanden. Bei b sieht man die
Unterseite einer solchen Flte, die nur eine und zwar ebenfalls in
das Verzierungsmotiv aufgenommene ffnung trgt.

Am oberen Kapuas kommen Flten mit einem besonderen, in den Bambus
gefgten Mundstck vor, ungefhr nach Art der europischen Flten.

Von einer dritten Fltenform, der sogenannten Nasenflte, gibt Fig. d
eine Vorstellung. Auf der Abbildung ist sie kleiner als b und c, aber
in Wirklichkeit kommt sie in sehr verschiedenen Grssen, auch in denen
der beiden anderen vor. Fr diese Flte wird die gleiche Bambusart wie
fr die vorigen gewhlt, nur gebraucht man ein Internodium mit einem
Knoten. Das Mittelstck dieses Knotens wird glatt abgeschliffen, bis
es noch heil bleibt, aber sehr dnn geworden ist. Die eine Hlfte wird
dann noch weiter bearbeitet, bis eine ffnung mit scharfem Seitenrand
an der noch unverletzt gebliebenen Hlfte entsteht. Beim Blasen wird
dieses halbgeschlossene Ende der Flte derart an die Nasenffnung
gehalten, dass der Luftstrom auf den scharfen Rand trifft, wodurch
Vibrationen entstehen, die die Luft in der Flte in Schwingungen
versetzen. Das Instrument wird horizontal an die Nase gehalten, so dass
der scharfe Rand an der Unterseite zu liegen kommt. Die mit der Nase
geblasenen Flten geben der betrchtlichen Schwche des Luftstromes
wegen auch einen viel weniger starken Laut als die mit dem Munde
geblasenen. Trotzdem sind sie bei den Bahau ebenso gebruchlich wie die
anderen Arten; am beliebtesten sind sie bei den Frauen, die, wenn sie
allein oder mit Mnnern in grsserer Gesellschaft Vergngungsfahrten
unternehmen, die Stille der Tropennacht mit ihnen beleben.

Auch die Fltenmusik fllt je nach dem Talent des Spielers sehr
verschieden aus; ltere Leute sah ich fast nie die Flte blasen, auch
wird sie nie zur Begleitung von Tnzen oder anderen Spielen verwendet.

Die Guitarre oder sap dagegen dient gerade als Begleitinstrument
bei den verschiedenen Tnzen der Frauen und Mnner gelegentlich der
Erntefeste, bei denen brigens auch die Mundharmonika bentzt wird. Die
Guitarre, deren Vorderseite auf Fig. a (Tafel 19) zu sehen ist, besteht
aus Holz und zwar aus einem Stck, sie ist nicht hoch ( 10 cm) und
an der Unterseite vllig offen. Sie besitzt stets zwei Saiten die
mit Holzschrauben gespannt und gestimmt werden und wird stets durch
Schnellen mit den Fingern zum Klingen gebracht. Bei guten Instrumenten
geben Linien am Halse den Platz fr die Finger an. Im allgemeinen sind
die sage nicht so reich verziert wie die abgebildete, auch variieren
sie bedeutend in der Form. Einige, besonders die, welche den Priestern
gehren und von diesen bei manchen Zeremonien gespielt werden, sind
sehr alt. Die Guitarre wird von Mnnern und Frauen gespielt und zwar
meist in Gesellschaft, besonders bei religisen und profanen Tnzen;
wie Flte und _tong_, zur Unterhaltung der jungen Paare bei Ausflgen,
sah ich die _sap_ nie gebrauchen.

Ein anderes sehr beliebtes Instrument ist die genannte _tong_ (Taf. 19
f), die auf demselben Prinzip beruht wie die europische Maultrommel,
insofern nmlich eine kleine Bambuszunge, durch Schnellen bewegt und
an die Mundhhle gehalten, zum Tnen gebracht wird. Indem man die
Grsse der Mundhhle verndert bringt man verschiedene, einer Melodie
gleichende Tne hervor. Das Instrument besteht aus einer flachen
Bambuslamelle, in welche eine langgestreckte ffnung so geschnitten
ist, dass eine lange, sehr schmale Zunge erhalten bleibt. Diese
kann durch ihre Federkraft in der ffnung vibrieren, wenn man auf
das eine Stbchenende klopft, whrend man das andere festhlt. Auf
Fig. f unterscheidet man ein langes, dunkles Bambusstbchen, das
rechts in eine schn geschnitzte Hirschhornspitze endet, an welcher
eine Quaste von bunten Zeugstreifen hngt. In der Mitte des Stbchens
ist die aus der ffnung getretene Zunge zu sehen, die links mit einem
viereckigen schwarzen Stck Guttapercha beschwert ist; ein gleiches
Stck wird oft auch auf die andere Seite der Zunge geklebt, um diese
zu beschweren und die Anzahl der Schwingungen zu regeln. Ich fand
solche Guttaperchastckchen auf allen _tong_.

Die Art, wie das Instrument gehandhabt wird, ist an der Frau links
auf den Tafeln 20 und 21 zu sehen. Sie hlt mit der rechten Hand das
verzierte Ende des Bambusstbchens fest, das zwischen ihre offenen
Lippen geklemmt ist Und klopft mit der Linken auf das andere Ende,
also auf die Seite, wo die Zunge noch an dem Bambus festsitzt. Die auf
diesem Instrument hervorgebrachten Laute sind durchaus nicht melodisch,
trotzdem haben junge Mnner und Mdchen die summenden Tonvariationen
in der Mundhhle gern. Bei dem _hudo adjat_ der Frauen wird zur Angabe
des Rhythmus hufig die _tong_ anstatt der Guitarre verwendet.

Ausser auf Instrumenten ussern die Bahau ihre musikalischen
Empfindungen auch durch Singen und Pfeifen. Ersteres hrt man selten
in der von uns verstandenen Form, besonders bei den Priestern ist es
mehr ein Rezitieren, und andere Personen singen berhaupt wenig. Dass
auch unsere europische Art zu singen diesen Stmmen nicht unbekannt
ist, beobachtete ich einst bei einer Fischpartie am Mendalam, wo eine
Frau, auf dem Rcken liegend, eine Improvisation vortrug, die mich
sehr angenehm und europisch anmutete. Diese Frau genoss brigens
auch den Ruf grosser musikalischer Begabung.

Den usserst unmelodischen Gesang der Malaien habe ich jedoch nie
bei einem Bahaustamm gehrt. Auf das Pfeifen verstehen sich die
Eingeborenen oft sehr gut, doch tun sie es nur wenig; es scheint,
dass aberglubische Furcht sie daran verhindert, denn man wollte
nicht einmal, dass wir Europer nach Abendanbruch pfiffen, aus Angst,
die bsen Geister knnten dadurch angerufen werden und Unheil stiften.





KAPITEL VII.

    Huserbau bei den Bahau- und Kenjastmmen--Unterscheidung
    dreier Baustile--Vorschriften bei der Wahl des Baumaterials
    und Baugrundes--Bau von _Kwing Irangs_ Haus--Hilfeleistung
    seitens der Dorfgenossen und fremden Stmme--Zeremonien
    bei der Aufrichtung der Pfhle Konstruktion des Gerstes,
    des Fussbodens und Dachs--Innere Einteilung--Ausstattung
    der Galerie (_awa_) und des Wohngemachs (_amin_)--usserer
    Hausschmuck--Herstellung von Schindeln--Opferzeremonien bei
    der Dachdeckung -Verbotsbestimmungen fr ein unvollendetes
    Haus--Feierlicher Einzug ins neue Haus--Entzndung des ersten
    Herdfeuers--Kopfjagdzeremonien--Opferung und Schlussfeier--Hausbau
    bei den Freien--Bau von Scheunen.


Die Bahau- und Kenjastmme bewohnen im allgemeinen langgestreckte auf
Pfhlen ruhende Huser, welche aus zahlreichen, aneinander gebautem
Familienwohnungen bestehen. In der Regel besitzt jeder Stamm ein
einziges Haus; wenn die Gelndeverhltnisse es jedoch erfordern,
werden mehrere gebaut. Die Huser werden, ausschliesslich zum Schutz
gegen Feinde, hoch ber dem Erdboden errichtet. Nur wenn ein Stamm
ein, berschwemmungen ausgesetztes Grundstck bewohnt, dient diese
Bauart auch zum Schutz gegen Wassergefahr, doch bauen die Dajak am
Kapuas, oberen Mahakam und oberen Bulungan auf solch einem Gelnde
nur Htten, nie grosse Dorfhuser. Auch auf hohen Hgeln stehen
die Huser in gleicher Hhe ber der Erde. Da diese Stmme ihre
Wohnungen nicht mit Palisaden umgeben, bildet diese Bauart ihr einziges
Verteidigungsmittel; indem sie nmlich die Treppen, die von der Erde
ins Haus fhren, heraufziehen, erschweren sie dem Feinde den Zugang;
ausserdem verteidigen sie sich vom Hause aus wie von einer Festung.

Bei den verschiedenen dajakischen Stmmen finden sich drei verschiedene
Baustile, fr welche die Huser der Kajan am Mahakam, der Long-Glat
und der 'Ma-Tuwan in Long Deho als Beispiele dienen mgen. Die
verbreitetste dieser Bauarten ist die der Kajan; man trifft sie bei
den Pnihing, 'Ma-Suling, Pagong, Kenja und einigen anderen kleinen
Stmmen an.

Ein Kajanhaus setzt sich aus einer Reihe von Einzelhusern oder
-Wohnungen zusammen, die je einer Familie oder Sippe gehren (Siehe
Taf. 48, T. I). Jede Wohnung ist etwa 8 m breit, 12-14 m tief und 8
m hoch und ruht auf 1-5 m langen Pfhlen. Das hohe Dach trgt einen
geraden, der Wohnungsbreite parallelen First und ragt vor und hinter
den Wohnungen ungefhr 1/2 m ber den Fussboden hinaus. An der hinteren
Hausseite sind Dach und Fussboden durch eine vllig geschlossene,
etwa 3 m hohe Wand verbunden; an der Vorderseite befindet sich eine
gleich hohe, aber gitterfrmig offene Wand. Die Wohnungen werden
durch etwa 3 m hohe Seitenwnde geschieden. Zwischen dem vorderen
Teil des Hauses, der als Galerie (_awa_) dient und dem hinteren, den
die Familie als Wohn- und Schlafraum (_amin_) bentzt, befindet sich
eine 3-4 m hohe Wand. Die Wohnungen sind derart aneinander gebaut,
dass ihre Dielen, Mittelwnde und Dcher in ihren gegenseitigen
Verlngerungen liegen, wodurch eine lange Reihe von Familienhusern
unter gemeinschaftlichem Dach zustande kommt, deren vordere Hlfte aus
einer durchlaufenden Galerie und deren hintere Hlfte aus gesonderten
Wohngemchern besteht. Galerie und Wohngemach sind durch eine Tr in
der Mittelwand miteinander verbunden.

Wenn mglich, bauen Bahau und Kenja ihre Huser aus Holz, ist dies
nicht in gengender Menge vorhanden, so werden auch Bambus und
Palmbltter verwendet. Die Gesamtlnge eines Dorfhauses ist sehr
verschieden und hngt hauptschlich von der Anzahl Familien ab,
die es bewohnen. Das Haus in Tandjong Karang war etwa 150 m lang,
das in Tandjong Kuda dagegen 250 m (T. I Taf. 2) Die Kajan am Blu-u
bauten wegen der kleinen Oberflche des Hgelrckens, auf dem sie
sich niederliessen, vor und neben einander und in verschiedener Hhe
4 getrennte, 100 bis 150 m lange Huser (T. I Taf. 48). Die Wohnungen
der Huptlinge, Freien und Sklaven sind ungefhr auf die gleiche Weise
eingerichtet. usserlich ist nur die des Huptlings von den brigen zu
unterscheiden, sie ist in der Regel breiter und .tiefer als die der
anderen Familien, und da ihr Dach die gleiche Neigung hat, liegt es
etwas hher als die anderen Dcher und unterbricht die lange gerade
Linie des Firstes, der sich ber die ganze Huserreihe erstreckt
(T. I Taf. 2 u. 48). Das Huptlingshaus zeichnet sich ferner durch
die grssere Tiefe seiner Galerie aus, die daher vorspringt. Sie
wird als Versammlungsraum und Gastgemach bentzt. Da, wo mehrere
Huptlinge in einem Stamme wohnen, wie bei den Pnihing und Ma-Suling,
berragen alle Dcher der Huptlingswohnungen das gemeinschaftliche
Dach und zwar im Verhltnis zum Rang der betreffenden Huptlinge
(T. I. Taf. 46). Je 10-15 Wohnungen besitzen eine gemeinsame Treppe,
die aus einem mit Einkerbungen versehenen Baumstamm besteht. Diese Art
Huser besitzt ursprnglich keine offene Plattform an der Vorderseite,
wie die Huser der Ot-Danum, Batang-Lupar, Kantu etc. Nur bauen sich
einzelne Familien fr den Privatgebrauch hinter der eigenen Wohnung
eine kleine Plattform aus Bambus (Taf. 14 u. rechts Taf. 85).

Der Stamm der Long-Glat hat eine andere Bauart (Taf. 22). Auf gleicher
Hhe mit den Wohnungen befindet sich keine gemeinsame Galerie, sondern
jedes Familiengemach nimmt die ganze Tiefe des Raums unter dein Dache
ein. Man gelangt in die Wohnungen von unten durch ffnungen in der
Diele. Die einzelnen Rume, die etwas grsser sind als diejenigen der
Kajan, werden durch Tren in den Seitenwnden miteinander verbunden.

Ungefhr dem gleichen Zweck wie die Galerie in einem Kajanhause dient
hier ein zweiter Fussboden, der etwas oberhalb des Erdbodens zwischen
den Pfhlen des Hauses gebaut wird. Diese Diele dient erstens als
Weg durch die Niederlassung, zweitens zur Verrichtung- aller Arbeit,
fr die das Wohngemach zu klein ist, z.B. zum Reisstampfen, zum
Flechten grosser, grober Matten, zum Prparieren von Rotang u.s.w.,
ausserdem befinden sich hier die Verschlge fr die Schweine.

Die heitere Geselligkeit, die in der Galerie der Kajan durch das
Zusammenleben der Familien herrscht, findet man jedoch nicht bei
den Long-Glat. Fr Versammlungen besitzen die Mnner nur die awa
der Huptlinge. Diese wohnen nicht, wie die Huptlinge der Kajan und
anderer Stmme, in gleicher Reihe mit ihren Dorfgenossen, sondern stets
in besonderen Husern, meist in der Mitte der Niederlassung. Diese
Huser unterscheiden sich von denen der brigen Bewohner nur durch eine
an der Vorderseite angebaute Galerie oder Veranda, die dadurch zustande
kommt, dass man die vordere Hauswand nach unten, die unter dem Hause
befindliche Diele nach vorne fortsetzt und die eine Hlfte des Daches
nach vorn, bis auf eine Hhe von 1 m ber der Diele verlngert. Das
Dach wird an allen Seiten durch Wnde gesttzt. Der so entstandene
geschlossene Raum wird wie die offene Galerie der Kajan _awa_ genannt
und dient ebenfalls als Gastund Versammlungsraum. Der Eingang zur _awa_
befindet sich unterhalb der _amin_. Von dieser aus kann man zwar in
die _awa_ hinuntersehen aber nicht umgekehrt, auch sind beide Rume
nicht durch eine Treppe verbunden.

Derartige Huser im Long-Glat-Stil sieht man auch vielfach unterhalb
der Wasserflle am mittleren Mahakam, u.a. in Long Howong. Hier sind
die verschiedenen Huserreihen so in Quadratform aneinander gebaut,
dass man unterhalb der Wohnungen, auf dem zweiten Fussboden, die ganze
Niederlassung passieren kann, ohne dass man, wie an anderen Orten,
Bretterstege von der einen Reihe zur anderen bentzen muss.

Von der dritten dajakischen Bauart kann man sich am besten nach dem
auf Tafel 23 (oben) abgebildeten Hause der 'Ma-Tuwan in Long Deho
eine Vorstellung machen. Diese Huser gleichen in vieler Hinsicht
denen der Long-Glat-Huptlinge, nur besitzt hier jede Familie eine
derartige Wohnung, und da die Seitenwnde der _awa_ hier fehlen,
bildet diese eine Galerie, die an der Vorderseite des Hauses lngs
der ganzen Reihe Wohnungen durchluft und mit diesen, zum Unterschied
von der _awa_ der Long-Glat, durch Treppen in Verbindung steht. In
dieser _awa_ spielt sich das Tagesleben der Bewohner ab, ganz wie
in den Galerien der Kajan. Diese Stmme bentzen auch Plattformen,
die sie aus Bambus in einem geringen Abstand vom Hause bauen. Auf
ihnen werden Reis und andere Viktualien, ausserhalb des Bereiches
von Schweinen und Hunden, getrocknet.

Die verschiedenen Stmme halten sich, wie an ihre besonderen Sitten, so
auch an ihren eigenen Baustil. Daher findet man in Niederlassungen, die
von mehreren Stmmen bewohnt werden, die erwhnten drei Bauarten neben
einander, so z.B. in Lulu Njiwong. Die beiden ersten Bauarten sieht
man in Batu Sala und in Long Tepai. In Long Deho stehen nebeneinander
Huser der zweiten und dritten Form, whrend in geringem Abstand von
diesen die Uma-Wak in einem Hause nach dem ersten Stil wohnen.

Vergleicht man diese Arten von Husern mit denen vieler Stmme
am Barito, die mit festen Palisaden und Standpltzen fr Krieger
versehen sind, so erscheint es zweifellos, dass sie mehr dem friedsamen
Leben von Ackerbauern als dem kampflustiger Kriegerstmme angepasst
sind. In Apu Kajan, wo die Bewohner mutiger sind und ausserhalb
der Drfer zu kmpfen pflegen, standen die Huser von drei Stmmen,
die ich besuchte, nur 1 m ber der Erde und waren daher als Festung
nicht zu gebrauchen. Wahrscheinlich haben die Bahau erst, nachdem
sie aus ihrem Stammland zum Mahakam gezogen waren, hohe Huser zu
bauen angefangen. Dass sie auch beim Huserbau fremde Gewohnheiten
annehmen, beobachtete ich beim Pnihing-Hupthng _Belar_, der nach
Art der englischen Niederlassungen in Serawak eine "_kubu_", ein
kleines Gebude aus Eisenholz, das als Festung bentzt werden konnte,
vor sein grosses Haus gebaut hatte (Taf. 46 T. I); auch hatte er,
wie die Baritostmme, Palisaden zu errichten angefangen, diese jedoch
nicht beendet. In Udju Halang waren die Palisaden wenigstens an der
Vorderseite vollstndig ausgefhrt und mit Bastionen versehen worden.

Dass auch die Sitte, gemeinsam in langen Husern zu wohnen, mehr
durch die Verhltnisse als durch den Volkscharakter bedingt wird,
geht daraus hervor, dass die Bahau, wenn die Umstnde es erfordern
oder erlauben, auch getrennt wohnen. Die Familien der Bahau und
Kenja besitzen nmlich nicht nur ein gemeinsames langes Haus in der
eigentlichen Niederlassung, sondern auch noch mehr oder weniger grosse
Einzelhuser auf ihren Reisfeldern. Liegen diese nicht in der Nhe
des Dorfes, so wohnen die Familien wenigstens in der drckendsten
Arbeitszeit in diesen _lepo luma_ (= Reisfeldhaus); befinden sich die
Felder jedoch in weiter Entfernung, so bleiben die Besitzer whrend
der ganzen Reisbauperiode in dem Ladanghuschen wohnen. Die Ma-Suling,
die nicht am Hauptstrom, sondern am Meras leben, hatten in spterer
Zeit so wenig von Feinden zu leiden gehabt, dass ihre Familien nicht
nur whrend des Reisbaus, sondern auch whrend des brigen Teils
des Jahres auf dem Felde wohnen blieben, sich in der eigentlichen
Niederlassung kaum noch zeigten und ihre Wohnungen dort verfallen
liessen. Ich hrte die Huptlinge fters darber klagen, dass der
Verband zwischen den Dorfbewohnern, somit die Kraft des Stammes,
dadurch schwer geschdigt wrde.

Als ich im Jahre 1896 die Kajan am Mahakam zum ersten Mal besuchte,
herrschten hier die gleichen Zustnde wie bei den Ma-Suling, aber
aus umgekehrten Grnden. Die Batang-Lupar hatten 1885 das gemeinsame
Haus der Kajan verbrannt, worauf diese, in stndiger Angst vor einem
neuen Einfall ihrer Feinde, sich an den Oberlauf des Blu-u zurckzogen
und in kleine Huser auf den Reisfeldern verteilten. So boten sie dem
Feinde keinen Angriffspunkt und waren imstande, einander rechtzeitig
vor einer drohenden Gefahr zu warnen. In einer stockdunklen Nacht mit
Sturm und heftigen Regengssen erlebte ich einst selbst eine derartige
Alarmierung. Aus weiter Ferne drangen Gongschlge zu uns, die in
grsserer Nhe und verschiedener Richtung wiederholt wurden. Sogleich
war alles in _Kwing Irangs_ Hause, neben dem meine Htte stand, in
heller Aufregung. Die jungen Mnner legten ihr Kriegskostm an und uns
wurde ge meldet, eine Bande _ajo_, Kopfjger, sei im Anzuge, worauf wir
unser Licht auslschten und unsere Gewehre zur Hand nahmen. Als der
Sturm sich etwas gelegt hatte, und man die Tne besser unter schied,
stellte es sich heraus, dass es kein _ajo_-Signal bedeutete, sondern
dass man die Gonge zur Vertreibung der Sturmgeister geschlagen hatte.

Nachdem von den Batang-Lupar keine Gefahr mehr drohte, wandte _Kwing
Irang_ alle Mhe an, um wenigstens einen Teil der Bevlkerung dazu
zu bewegen, ein gemeinsames Haus am Mahakam zu beziehen, und noch
im Jahre 1900 wurden einige Familien ersucht, sich mit den brigen
zu vereinigen. Die Furcht, der Stammesverband knnte sich lsen,
bildete fr _Kwing Irang_ und die Seinen den Hauptbeweggrund, um den
Bau des langen Hauses zu beschleunigen. Die Gleichgltigkeit der
Kajan in Bezug auf das Zusammenwohnen erschien mir unbegreiflich,
wenn ich an die wichtige Rolle dachte, welche der Huptling und sein
Haus im Stammesleben spielen.

Die Grnde, welche einen Stamm dazu bewegen, einen bestimmten Platz
zum Bau seines Hauses zu whlen, sind sehr verschieden; auch die
Dauer seines Aufenthaltes in einem Hause hngt von usseren Umstnden
ab. Bei der Wahl eines geeigneten Bauplatzes ist man natrlich an die
Grsse und Beschaffenheit des Gelndes gebunden. Fr eine grssere
Niederlassung ist am oberen Mahakam ein geeigneter Boden sehr schwer
zu finden, weil das Gebirgsland keine ebenen Flchen besitzt. Ferner
mssen in der Nhe Ackergrnde, die Jahre lang brach gelegen haben
und wieder mit Wald bestanden sind, vorhanden sein. Auch mssen die
Vorzeichen entscheiden, ob ein Gelnde gnstig ist, und beim Beginn
des Baus darf kein schlechtes Omen vorkommen, weswegen es bisweilen
sehr lange dauert, bevor man sich durch alle Schwierigkeiten hindurch
gerungen hat.

In Anbetracht, dass der Bau einer Niederlassung sehr zeitraubend
ist, kann er nur dann begonnen werden, wenn eine reiche Ernte einen
zeitweiligen berfluss bewirkt hat. Kommen Missernten, Krankheiten
und andere Hindernisse vor, so kann es Jahre dauern, bevor die
Huser vllig hergestellt sind. Trotz aller mit dem Bau verknpften
Schwierigkeiten werden sie oft nur sehr kurze Zeit bewohnt.

Die Erschpfung der umliegenden Ackergrnde zwingt einen Stamm
zwar erst nach Jahren zum Umzug, doch findet dieser oft schon lange
vorher aus ernsteren Ursachen statt. Treten nmlich Krankheiten auf,
die aussergewhnlich lange dauern und eine grosse Sterblichkeit
verursachen, so entschliessen sich die Bewohner leicht zum Verlassen
des Hauses, um den Geistern der Umgebung, welche die Krankheiten
erzeugten, zu entgehen. In ernsten Fllen sucht sich ein Stamm
bereits nach 3 Jahren einen neuen Wohnplatz. Ich selbst erlebte,
dass die Pnihing am Long Pakat ihr grosses, starkes Haus 1897-1898
beendeten und bereits im folgenden Jahre provisorische Htten weiter
unten am Tjehan bezogen, um dort Material fr den Bau eines neuen
Hauses an der Mndung dieses Flusses zu suchen. Hufige Krankheits-
und Todesflle hatten hierzu die Veranlassung gegeben. Zu gleicher
Zeit vollendeten die Pnihing von Long 'Kub ihr Haus, das sie ganz aus
neuem Material aufgebaut hatten, zogen aber bereits 1901 nach einem
Ort oberhalb der Kasomndung.

Die Wahl und Bearbeitung der erforderlichen Pfhle, Planken und
Dachbedeckung gehrt zum beschwerlichsten Teil des Hausbaus; man
benutzt zwar so viel als mglich altes Material, aber dies ist
meistens nach mehrjhrigem Gebrauch nicht mehr verwendbar. Dieser
stndige Wohnungswechsel beeintrchtigt die Arbeit der Dorfbewohner
in hohem Grade, 60-jhrige Leute haben in ihrem Leben 10 bis 12
Huser erbauen helfen. Wo die Verhltnisse es erlauben, bauen Bahau
und Kenja ihre Huser vollstndig aus Holz, das ineinander gefgt und
mit Rotang gebunden wird. Daher findet man auch am oberen Mahakam, wo
der Wald gross und die Bevlkerung relativ gering ist, ausschliesslich
Holzhuser; nur Plattformen und provisorische Gebude werden bisweilen
aus Bambus hergestellt. Anders verhlt es sich in Gebieten, wie die am
oberen Kajan, in denen seit Jahren eine dichte Bevlkerung lebt; dort
werden wegen Holzmangels fr die Dachbedeckung und die Wnde grosse
Baumbltter bentzt, die auf bestimmte Weise aneinander gereiht und
in Form von Matten zusammengefgt werden. Palmbltter sah ich als
Dachbedeckung nur fr zeitweilige Htten auf Reisen gebrauchen.

Wird ein Haus nicht von Feinden niedergebrannt, so bentzt der Stamm,
wie gesagt, die Eisenholzpfhle und Planken des alten Gebudes fr das
neue, da diese ein Menschenalter berdauern knnen. Fr das Gerst
verwenden sowohl Bahau als Kenja nie Bambus sondern stets Holz als
Material.

Obgleich in der Konstruktion und in der Verteilung der Rume eines
langen Hauses Unterschiede bestehen, ist die Einrichtung einer
Familienwohnung doch berall ungefhr gleich. Da ich Gelegenheit
hatte, die Kajan am Mahakam beim Bau ihrer Niederlassung zu beobachten,
lasse ich hier eine Beschreibung desselben und der mit ihm verbundenen
Gebruche folgen. Besonders die mit dem Bau der Huptlingswohnung
zusammenhngenden Zeremonien werden dem Leser eine lebhafte
Vor. Stellung von den zahlreichen Beschrnkungen geben, durch welche
die _adat_ das konomische Leben der Bewohner Borneos beeintrchtigt.

Bevor die Kajan an den Hausbau gingen, suchten sie sich auf dem
Grundstck, das fr die neue Niederlassung gewhlt worden war,
einen Platz fr ihre Privatwohnung aus. Jede Familie ist nmlich fr
den Bau ihres eigenen Hauses verantwortlich. Sie whlt sich stets
Verwandte oder Freunde als Hausnachbarn aus, so dass z.B. in den
verschiedenen langen Husern des Dorfes ebensoviele durch Familien-
oder Freundschaftsbande verbundene Gruppen wohnten.

Bei der Wahl des Platzes muss jedoch darauf geachtet werden,
sass das Huptlingshaus in der Mitte zu stehen kommt und zu beiden
Seiten gengender Raum fr die Wohnungen der Sklaven brig bleibt,
die rechts und links vom Huptling bauen mssen. Die Form ihrer
Wohnungen unterscheidet sich jedoch nicht von der der Freien.

Da das alte Kajanhaus verbrannt war, musste alles Material neu
beschafft werden, und ich hatte bereits im Jahre 1896 Eisenholzpfhle
im Blu-u liegen sehen, die spter verwendet werden sollten.

Fr die Pfhle und die Dachbedeckung der Huptlingswohnung wird
so viel als mglich Eisenholz bentzt. Die langen, geraden Stmme
der Tengkawangbume dienen hauptschlich als Dachsparren und
Dielenbalken. Den Freien und Sklaven ist ausdrcklich verboten,
Verzierungen aus Eisenholz und Dielenbalken aus _Tenkawang_, oder,
wie die Kajan sagen, _Kawang_-Holz herzustellen; dagegen ist ihnen
gestattet, _Tengkawang_-Holz zu Schindeln zu verwenden.

Beim Sammeln des Materials mssen allerhand Vorschriften befolgt
werden. Zur Zeit des Vollmonds darf nie etwas Wichtiges unternommen,
also auch kein Haus gebaut werden, da es sonst verbrennen wrde. Das
Suchen von passenden Bumen und deren Bearbeitung zu Pfhlen, Brettern
oder Schindeln erfordert eine genaue Beachtung der Zeichen des _tsit,
telandjang, kidjang_, u.s.w. Ausserdem muss, je nach dem Zweck, den
man mit dem Holz im Auge hat, besonderen Vorschriften nachgekommen
werden. So drfen z.B. aus einem Baum, auf dem viele Epiphyten, wie
Orchideen, wachsen oder auf dem viele Ameisen umherlaufen, keine
Schindeln verfertigt werden, wenn man nicht Epiphyten und Ameisen
auch auf dem neuen Dache sehen will. Auch wenn ein kleiner Baum
gegen einen grossen wchst oder wenn ein Baum rechtwinklig gegen
den Ast eines benachbarten Baumes anstsst, ist er fr Schindeln
ungeeignet. Dielenbretter, die whrend des Transports, der fast immer
zu Wasser geschieht, nass wurden, drfen nicht mehr bentzt werden.

In Bezug auf die Herstellung von Pfhlen sind die Bestimmungen
weniger zahlreich. Beim Fllen muss ein Baum vollstndig seitwrts
niederfallen; er darf dagegen nicht vom Stumpf abgleiten und dann
stehen bleiben, wie es im dichten Walde leicht vorkommen kann. Ein
solcher Baum darf weder fr Huser noch Bte noch andere Zwecke
verwendet werden.

Jeder Bahau und Kenja hat das Recht, in den Wldern innerhalb des
Gebietes seines Stammes nach Belieben Bume zu fllen; nur die
grossen Tengkawangbume, die in fruchtreichen Jahren einen ganzen
Stamm mit Fett versorgen, werden meist geschont. Hat jemand einen Baum
gefunden, der ihm zum Bau seines Hauses oder Boots geeignet scheint,
so bezeichnet er denselben als sein Eigentum, indem er eine zwei
Faden lange Stange in die Erde steckt und an den Stamm lehnt.

Sobald das Material zum Hausbau in gengender Menge zusammengebracht
worden ist, wird eine Versammlung berufen, welche eine passende Zeit
zum Beginn der Arbeit zu whlen hat. In der Regel fngt man mit dieser
nach der Reissaat an, und wenn gute Erntejahre vorangegangen sind, da
die Feldarbeit dann viel Zeit brig lsst und Nahrungsmittel reichlich
vorrtig sind. Ein Hausbau ist eine Angelegenheit des ganzen Stammes,
indem jede Familie eicht nur fr ihre eigene Wohnung zu sorgen hat,
sondern sich auch am Bau des Huptlingshauses beteiligen muss.

Sobald ein Grundstck gewhlt worden ist, zieht der Huptling mit den
Oberhuptern der Familien aus, um den Wald an der betreffenden Stelle
zu fllen. Diese Arbeit bedeutet jedoch noch nicht den definitiven
Anfang des Baus. Durch ungnstige Umstnde gezwungen liessen die Kajan
z.B. den Wald auf dem als Bauplatz gewhlten Bergrcken an der Blu-u
Mndung drei Mal wieder heranwachsen, nachdem sie ihn ebensoviele
Mal gefllt hatten. Erst dann wagten sie es, sich dort endgltig ans
Werk zu machen. Vor dem Beginn des Baus ziehen die meisten Familien,
die dem Huptling helfen und auch ihr eigenes Haus schnell errichten
wollen, nach dem Bauplatz und stellen dort ein provisorisches Haus
her, nach Art der _lepo luma_, aus altem Material (Siehe die kleinen
Huser auf Taf. 48 T. I).

Handelt es sich um den Bau einer neuen Niederlassung, so muss der
Huptling vor dem Anfang des eigentlichen Baus _ajo_, d.h. die Geister
in gnstige Stimmung versetzen, indem er mit einem Menschenschdel
eine bestimmte Zeremonie ausfhrt. Gegenwrtig wird dabei ein alter,
von einem benachbarten Stamme geliehener Schdel bentzt, wie es auch
jetzt noch beim Ablegen der Trauer (_bet lali lumu_) gebruchlich
ist. Diese Sitte deutet wahrscheinlich darauf hin, dass der Hausbau
frher mit der Opferung eines Menschen eingeleitet wurde. Der Huptling
verrichtet diese Zeremonie fr den ganzen Stamm.

Sowohl bei den Kajan als bei den anderen Stmmen ist es sehr
gebruchlich, dass die Dorfgenossen einander beim Hausbau Beistand
leisten. Die gegenseitige Untersttzung wird mit _pala-dow_ bezeichnet;
den gleichen Namen tragen auch die Gehilfen. Die Familien beteiligen
sich nicht nur am Bau des Huptlingshauses, sondern sie versichern
sich, auch wenn es den Bau des eigenen Hauses gilt, der Mitwirkung
einer so grossen Anzahl von Mnnern, dass am gleichen Tage die alte
Wohnung niedergerissen und die neue unter Dach gebracht wird. Wer
an eine derartige Arbeitsweise nicht gewhnt ist, staunt ber die
Leistungen, die auf diese Weise in einem Tage ausgefhrt werden. Die
weitere Bearbeitung findet spter mit Hilfe einer kleineren Leutezahl
statt. Besteht eine Familie aus nur wenigen Gliedern und nimmt deren
tglicher Unterhalt fast alle Zeit in Anspruch, so dauert es Monate,
bisweilen auch Jahre, bevor ihr Haus ganz fertig dasteht.

Obwohl beim Bau eines so grossen Hauses wie das von _Kwing Irang_
von einer schnellen Vollendung keine Rede sein konnte, wurde die
Arbeit doch nach dem gleichen Prinzip vorgenommen. An bestimmten
Tagen kam eine grosse Anzahl Mnner zusammen, um eine bestimmte
Arbeit auszufhren; ntigenfalls stellten sie sich auch noch am
folgenden Tage ein, aber dann verging wieder eine lange Zeit, bevor
sie fortfuhren. Sie mussten dazwischen neues Material sammeln oder
sie hatten andere Dinge zu tun. Auch seine Sklaven liess der Huptling
nicht stndig arbeiten, obgleich sie immerhin durch Sie Herstellung von
Brettern und Verzierungen mehr zu tun hatten als die brigen Familien,
die nur einen bestimmten Anteil zu liefern hatten.

Der Familie, die bauen lsst, fllt die Bekstigung ihrer _pala-dow_
zu. Da beim Bau eines gewhnlichen Hauses etwa 40 Mann mithelfen,
bedeutet deren Ernhrung eine grosse Last fr die betreffenden. Dazu
verursacht spter die sorgfltige Bearbeitung des Hauses neue
Kosten. Wenn sich der ganze Stamm am Bau des Huptlingshauses
beteiligt, mssen zur Bekstigung der Hilfskrfte mehrere Scheunen
mit Reis geopfert werden. Die weiblichen Familienglieder und einige
Sklavinnen sind bereits mehrere Tage vor Begin des Hausbaus mit
dem Stampfen des Reises und die Mnner mit dem Fang von Fischen
als Zuspeise beschftigt. Bisweilen wird auch zu diesem Zwecke
eine _tuba_-Fischerei in einem Bache veranstaltet. Die reichen, aus
zahlreichen Gliedern bestehenden Familien untersttzen den Huptling
bei derartigen Gelegenheiten mit Reis und anderen Artikeln.

Wird fr einen vornehmen Huptling, wie _Kwing Irang_, ein Haus
gebaut, so kann dieser auch auf die Mitwirkung der benachbarten Stmme
rechnen. Da alle Huptlinge der Bahau am oberen Mahakam verwandt sind,
htte man ihre Untersttzung als eine Ehrenbezeigung ansehen knnen,
die sie dem ltesten Familienglied, _Kwing Irang_, bewiesen. Es
scheint jedoch, dass es sich hier eher um einen pflichtgemssen
Beistand handelt; denn die Niederlassung Lulu Njiwung, deren
junger unbedeutender Huptling _Ding Ngow_ an Vornehmheit der Geburt
_Kwing Irang_ bertraf, weil er in gerader Linie von einem mnnlichen
Huptling der alten Long-Glat abstammte, _Kwing_ dagegen in weiblicher
Linie, durch seine Mutter, steuerte keinen Pfahl zum Hause bei,
wie die Pnihing, Ma-Suling und Long-Glat von Long-Tepai es taten.

Zuerst mussten alle Pfhle, auf welchen _Kwing Irangs_ Haus ruhen
sollte, vom Fluss aus den 30 m hohen Hgelrcken hinaufgeschafft
werden (Siehe Taf. 48 T. I). Hierzu wurde ein 5-7 cm dicker Rotang
durch das Loch gezogen, das bereits im Walde in das obere Ende der
schweren Balken gebohrt worden war. An diesem Kabel zogen 20-30 Mann
einen Pfahl den Hgel hinauf, whrend andere ihn an der Spitze durch,
untergeschobenen Rotang hoben oder ihn ber Rollen gleiten liessen.

Zu dieser Arbeit wurden die jungen Leute hauptschlich abends,
wenn sie von der Feldarbeit heimkehrten, zusammengerufen. Ausser
den grossen Pfhlen htte man auch kleinere; die fr Gerste und
Hilfstreppen verwendet werden sollten, aus dem Walde herbeigeschafft;
berdies auch grosse Mengen verschiedener Rotangarten: dnne, zhe
Sorten zum Aneinanderbinden der verschiedenen Holzteile, schwere,
bis 7 cm dicke Arten als Kabel zur Aufrichtung der Pfhle.

Nachdem die Kajan einige Tage lang Klebreis gestampft; in
_samit_-Bltter gewickelt und gekocht, Fische gefangen und in grossen
Pfannen mit Wasser zubereitet hatten, kamen sie eines Abends zusammen,
um mit. Hilfe von Rotangstcken den Platz zu messen, auf dem das Haus
stehen sollte, und die Stellen anzugeben, wo die Pfhle eingerammt
werden sollten (Siehe T. I Pag. 387).

Der erste Tag, an dem die Gruben gegraben und der erste Pfahl
aufgerichtet wurde, bedeutete einen Festtag fr den ganzen Stamm. Die
grssten und schwersten Pfhle wurden mit Hilfe smtlicher Mnner, auch
der Frauen und Kinder, hinaufgezogen: besondere Anstrengung verursachte
die Aufrichtung der grossen, mit Schnitzwerk verzierten Pfhle.

Der schwerste Pfahl war 10 m lang; hatte einen Umfang von 1.80 m
und bestand aus Eisenholz, dessen sp. Gewicht 1,3 betrgt. Im Ganzen
wurden 10 solcher Pfhle fr das Haus verwendet.

Die Kajan waren bereingekommen, den Hauptpfahl nachts aufzurichten,
weil eventuelle schlechte Vorzeichen dann nicht gesehen werden
konnten. Wir hatten daher, mit Rcksicht auf die Zeremonien,
welche interessant zu werden versprachen, Vorbereitungen fr eine
Blitzlichtaufnahme getroffen; aber nach Mitternacht begann es so
stark zu regnen, dass die schweren Gonge erst bei Tagesanbruch
die Leute zum gewichtiges Werk herbeiriefen. Bald waren 150 Mnner
beisammen, die alle damit begannen, aus armdicken Stmmen von hartem
Holz lange Schaufeln zu schneiden, mit denen sie die Erde ausgruben;
oder sie spalteten einen langen, dicken Bambus an dem einen Ende,
bogen die Streifen wie einen Trichter auseinander, umflochten diese zur
Befestigung mit Rotang und schafften so die lockere Erde herauf, indem
sie das becherfrmige Ende in den Boden stiessen und gefllt wieder
nach oben zogen. Auf diese Weise wurden fr smtliche Pfhle Lcher
gegraben; fr die lngsten und schwersten Pfhle betrug die Tiefe
der Gruben 2 m, fr die krzeren und dnneren 1 m. In der Richtung,
in welcher der Hauptpfahl in die Grube gleiten sollte, wurde eine
Rinne gegraben und ihr gegenber, an die senkrechte Wand der Grube,
ein Brett gestellt, so dass auch ein sehr schwerer Pfahl nicht in
die Erde dringen, sondern an der Gleitflche abwrts sinken konnte.

Die Erde auf dem Bauplatz war gelbbraun und in einer Tiefe von 1/2 m
mit kleinen, verwitterten Steinen gemischt, die sich 1 1/2 m tiefer
als roter Jaspis erwiesen. Augenscheinlich bestand dieser lange
Hgelrcken aus alten Kiesablagerungen des Flusses.

Die grsste Feierlichkeit fand nicht beim Haupt-, sondern beim
Mittelpfahl statt, obgleich gerade dieser zu den kleineren Exemplaren
gehrte. Nachdem der Pfahl aufgerichtet worden war, fhrte man den
alten halb blinden Oberpriester _Bo Jok_ zu ihm. Der Greis wandte sich
den Geistern, welche diesen Ort bewohnten, hauptschlich denen auf
dem dicht daneben stehenden Andesitkegel Batu Kasian zu und erzhlte
ihnen, dass der Kajanstamm hier eine Niederlassung bauen wolle und
sie um ihren Segen bitte. Dabei opferte er den Geistern ein Kchlein
und ein Ei und steckte Eisen in Form einiger Ngel und zwei gelbe und
zwei blaue alte Perlen als Opfergabe in die Erde. Das Kchlein und
das Ei klemmte er in ein gespaltenes Stck Bambus und stellte dieses
neben den Pfahl, whrend er auf der anderen Seite, zur Abwehr bser
Geister, Bltter von _daun long_ (Arodeae sp.) an den Pfahl band
(Siehe Taf. 25 in der Mitte).

Darauf steckte er neben dem Pfahl mit Holzspiralen verzierte Haken im
Kreise in die Erde, um auch den Segen der Erdgeister dem knftigen
Gebude zuzufhren. Auch den Luftgeistern opferte er, indem er nach
allen Richtungen Reis in die Luft warf; doch war seine Ansprache
wegen der heftigen Schlge auf die Gonge nicht zu verstehen. Die
nebenstehende Tafel giebt die Schlussszene dieser Feierlichkeit
wieder. In der Mitte steht der Hauptpfahl, an dem rechts der
lange Stock mit dem Ei, vorn die schutzbringenden Bltter zu sehen
sind. Die eine Hand auf den Pfahl gesttzt steht der alte _Bo Jok_
da; seine Ohren schmcken zur Feier des Tages Tigerzhne. Rechts
vom Priester stehen die beiden vornehmsten Frauen des Stammes, _Bo
Hiang_, _Kwing Irangs_ lteste Frau, und deren Nichte _Lirong_ (auf
dem Eisenholzbrett). Um ihre Seele, die sich wie sie selbst vor den
vielen aufgerufenen Geistern frchtet, am Entfliehen zu verhindern,
hat _Bo Hiang_ sich ein Stck weissen Kattuns aufs Haupt gelegt,
whrend _Lirong_ auf das ihre mit beiden Hnden ein hbsches buntes
Tuch drckt. Dass auch _Bo Jok_ voller Angst war, merkte man daran,
dass er ein altes Schwert und ein weisses Zeugstck in der Hand hielt
und nach beendeter Feier aufs Haupt legte. Links hinter _Bo Jok_
sitzt auf einem grossen Pfahl aus Eisenholz ein Kajan und schlgt
auf einen Gong, den er auf den Knieen hlt. Die brigen Personen sind
Arbeiter und Knaben.

Nach beendeter Feier verteilten sich die Kajan in Gruppen,
die gesondert Pfhle in die Erde setzten und feststampften. Da
die Leitung hierbei nicht in den Hnden einiger Hauptpersonen lag,
sondern jeder seine Meinung ussern zu drfen oder zu mssen glaubte,
herrschte auf dem Platze grosse Konfusion und Geschrei. Hauptschlich
war dies beim Transport der schwersten Pfhle der Fall, die zum Teil
noch ihren Gruben gegenber in die richtige Lage gebracht werden
mussten. Dessenungeachtet schritt die Arbeit gut vorwrts. Die kleinen
Pfhle wurden mit den Hnden aufgerichtet und in die Gruben gestellt,
fr die grsseren bentzte man, um sie beim Heben lenken zu knnen,
hlzerne Gabeln.

Gegen 9 Uhr morgens gingen die Kajan an die Aufrichtung der grossen,
mit Bildhauerarbeit verzierten Pfhle aus Eisenholz, welche die
Vorgalerie sttzen sollten. Diese ungefhr 3500 kg schweren Sulen
konnten von den Leuten nicht ohne Hilfsmittel aufgerichtet werden,
weil sie mit ihrer Spitze so hoch gehoben werden mussten, dass ihr
unteres Ende in die Grube gleiten konnte. Zu diesem Zwecke gebrauchten
die Kajan dicke Rotangkabel, die am oberen Ende des Pfahls in einer
Hhe von 7 m befestigt und ber einen vor der Grube errichteten
Galgen geleitet wurden; sie boten mehr als 50 Menschen Gelegenheit
zum Ziehen. Auf Tafel 26 sieht man in der Mitte des Vordergrundes den
verstrkten Galgen, der fr solch einen Pfahl gebaut, hier aber noch
nicht bentzt worden ist. Der Balken, ber den die beiden Kabel laufen
sollen, liegt auf den Spitzen von zwei gleichseitigen Dreiecken,
die aus geraden, jungen, mit Rotang aneinander gebundenen Stmmen
bestehen. Diese Dreiecke werden zu beiden Seiten des Pfahls, der
gehoben werden soll, errichtet und sind mit einander durch andere
Quer- und Sttzbalken verbunden und verstrkt. Oft werden diese
Dreiecke auch an den bereits aufgerichteten kleineren Eisenholzpfhlen
befestigt. Das Bild stellt den Augenblick dar, wo eine grosse Anzahl
Menschen (rechts) den grssten, mit schner Bildhauerarbeit verzierten
Pfahl (links im Hintergrunde) an Rotangkabeln in die Hhe zieht;
einige Mnner stehen und ziehen auch auf dem Gerst selbst. Die
grossen Pfhle tragen mchtige Kriegsmtzen aus Rotang, welche mit
nachgemachten Federn des Nashornvogels geschmckt sind. Alt und jung,
Mnner und Frauen ziehen an den Kabeln, wo nur ein Platz frei ist. Die
beiden seitlichen Dreiecke sind so fest in den Boden gesetzt, dass sie
nicht nur die vielen Mnner tragen, sondern eventuell auch den Pfahl,
falls er seitwrts ausweichen sollte, zurckhalten knnen.

Anfangs fiel die Zugrichtung zu stark in die des liegenden Pfahls,
daher wurden an dessen oberem Ende stndig mehr Balken untergeschoben,
bis der Pfahl durch eine strkere Neigung in eine gnstigere Lage
gebracht wurde. Als der Pfahl beim Ziehen in die Rinne glitt,
die von seinem unteren Ende in die Grube fhrte, fand er an der
gegenberstehenden Planke einen Sttzpunkt.

Da auch bei dieser Arbeit eine Leitung fehlte und viele der ltesten
und einflussreichsten Mnner gleichzeitig ihre Meinung zum besten
gaben, wurde nicht stets gleichmssig und im erforderlichen Moment
gezogen. Jeder kleine Arbeitsfortschritt wurde anfangs durch
Unterschieben von Holz gesichert, dann ging es immer schneller
vorwrts; der Pfahl erhob sich hher und hher unter den ngstlichen
Zurufen der zahlreichen, zuschauenden Mene, die einen Fall oder ein
Aasweicher. des Balkens frchtete. Dieser wurde brigens von vielen
Mnnern mit hlzernen Gabeln gesttzt. Unter diesen Mnnern durfte
keiner sein, der eine Frau verloren und daher den Zorn der Geister
bereits empfunden hatte. Es dauerte eine Stunde, bevor der Pfahl,
zur grossen Erleichterung der Zuschauer, mit einem Ruck in die Grube
schoss. Fllt nmlich ein Pfahl, so darf er zum Bau berhaupt nicht
mehr verwendet werden. Dieser Pfahl war aber besonders gross und
schwer, hatte daher viel Mhe verursacht, bis er an Ort und Stelle
geschafft war, ausserdem hatten die beiden talentvollsten jungen
Holzschnitzer, _Sawang Jok_ und _Imun_, viel Zeit darauf verwendet,
um das obere Balkenende mit einem schnen Relief zu verzieren. Aus
einer Erhhung am Stamm, von der ein dicker Ast ausgegangen war,
hatten sie ein 1 dm hohes Relief eines Tierkrpers modelliert. Die
brigen Figuren waren 1-2 cm tief in den Stamm geschnitten (Taf. 27).

Der Priester _Bo Jok_ hatte vor der Aufrichtung des Pfahls ber
der Grube den Erdgeistern ein Ferkel geopfert. Wie am mittleren
Pfahl wurde auch hier eine Ansprache an die Geister gehalten, aber
ausserdem verherrlichte man auch noch das Opfer und pries das kleine
Ferkel als kostbares Schwein an. Darauf schnitt man dem Tier die
Kehle durch und liess das Blut in die Grube fliessen; nur ein kleiner
Teil wurde auf einem Bananenblatt aufgefangen, um damit alle brigen
Pfhle zu bestreichen. Als der Pfahl fest in der Grube stand, steckte
man neben ihm einen Stock in die Erde, in dessen oberes, gespaltenes
Ende das Ferkel eingeklemmt wurde. Hier blieb das Tier bis es verweste
(Taf. 28).

Nach dieser gewichtigen Handlung trat fr alle festliche Ruhe ein
und man erfreute sich an einer vorher zubereiteten Mahlzeit von
Klebreis und Fisch. Bei derartigen Festmahlzeiten ist gewhnlich
Wildschweinfleisch sehr beliebt, doch ist dieses whrend der Dauer
des Hausbaus _lali_; auch Bltter von bestimmten Waldpflanzen als
Gemse zu gebrauchen, ist dann verboten.

Die Mnner liessen sich gruppenweise in langen, parallelen Reihen
nieder und hockten mit gekreuzten Beinen einander gegenber. Jeder
erhielt entweder eine grosse Menge in ein Bananenblatt gewickelten
Reises oder einige dreieckige Pckchen _pulut_. In kleinen Schsseln
und Schalen wurde jedem auch ein in Wasser gekochtes Stck Fisch
angeboten.

Nach der Mahlzeit begab man sich wieder an die Arbeit und richtete im
Laufe des Tages noch eine ganze Reihe der schwersten Pfhle auf. Von
diesen wurden je 4 (a_1_ bis a_4_ Taf. 29) in die Tiefe und je 5
(b_1_ bis b_5_ Taf. 30) in die Breite des Dauses gestellt, also 20
im Ganzen; von den kleinen Eisenholzpfhlen c, die hauptschlich die
Dielenbalken zu sttzen hatten, wurden je 9 in die Breite und je 9
in die Tiefe gestellt, also 81 im Ganzen; somit ruhte das Haus auf
101 Pfhlen. Erwies sich ein Pfahl spter als zu schwach, so wurde
ihm noch ein anderer zur Sttze an die Seite gestellt.

Die Pfhle der Reihen a_2_ und a_4_ wurden besonders stark mitein
ander verbunden, indem man in deren obere Enden hohe, schmale
ffnungen hackte und durch diese lange, schmale Balken (_djapi_
d Taf. 29) aus Eisenholz schob. Auch die Pfhle der mittleren Reihe
wurden untereinander durch Balken e verbunden, aber diese wurden nur
mit Rotang befestigt oder in Aushhlungen der oberen Enden gelegt,
da diese Pfhle nicht so dick waren. Diese 3 Reihen von Balken (d und
e), die auf den Enden oder in Aushhlungen der Hauptpfhle liegen,
dienen 17 Paar _walang bahi-u_ f als Sttze. Dieses sind Balken,
die senkrecht zu den _djapi_ d und e liegen und die vorderste Reihe
Pfhle mit der mittleren und diese mit der hintersten verbinden. Sie
haben einen dreieckigen Querschnitt, ihre Basis ist nach oben gekehrt
und sie greifen mit einer groben, tiefen Einkerbung in die _djapi_
hinein (Taf. 30).

Die _walang bahi-u_ ragen mit ihren geschnitzten Enden weit ber die
Reihe Pfhle a_2_ und a_4_ hinaus (Taf. 29). Auf der mittleren Reihe
Pfhle a_3_ liegen diese Balken zu je zwei mit ihren inneren Enden
aneinander, whrend ihre Aussenenden das Dach tragen. Mittelst der
_djapi_ und _walang bahi-u_ werden also die 3 Reihen grosser Pfhle
a_2_, a_3_, und _4_, wenn auch nicht unverrckbar, so doch zu einem
festen Gerst miteinander verbunden.

Die Konstruktion des Dachs (_hapo_) von _Kwing Irangs_ Haus
tritt am deutlichsten auf Tafel 30 hervor. Etwas seitlich von der
mittelsten Pfahlreihe a_3_, parallel der Breite des Hauses, werden
auf die inneren Enden der 34 _walang bahi-u_ f schmale Bretter g
aus Eisenholz gelegt und mit Pflcken aus dem gleichen Holz auf den
_walang bahi-u_, die aus dem viel weicheren Tengkawangholz bestehen,
befestigt. Senkrecht auf diesen Brettern, in vorher hergestellten
ffnungen, stehen 18 kleinere Balken h, die an ihren oberen Enden
den First i (_mobong_) tragen. Dieser wird sowohl durch Pflcke als
durch Rotang auf diesen Balken befestigt. Zur grsseren Verstrkung
werden noch lange, dnne Balken j angebunden. Auch auf die usseren
Enden der _walang bahi-u_ f werden Eisenholzbalken k (Taf. 29)
gelegt, die man ebenfalls mit Pflcken aus Eisenholz, die in vorher
gebohrte Lcher getrieben werden, befestigt. Die Dachsparren 1
(_kaso_) werden aus Tengkawangholz hergestellt. Ihre dnnen oberen
Enden werden mit dnnen Eisenholzpflcken und Rotang mit dem First
verbunden und die Aussenenden an die Balken k befestigt. Ihre Zahl
betrgt an jeder Hausseite 38. Fr die hintere Hlfte des Hauses,
die eigentliche Wohnung (_amin_) des Huptlings, bentzt man die
lngsten Sparren, welche die _walang bahi-u_ weit berragen, fr
die vordere Seite, ber der _awa_, verwendet man dagegen krzere,
die genau bei den _walang bahi-u_ enden, weil man hier die _kaso_
l spter durch geschnitzte Balken v verlngert. Hierbei kommt das
schne Baumaterial der borneoschen Wlder zu voller Geltung; die
Tengkawangstmme sind nmlich so gerade und gleichmssig dick, dass
man sie an den Verbindungsstellen nur etwas zu behauen braucht, um
sie gleichmssig den Sparren anfgen zu knnen. Im Innern des Hauses,
wo das Holz nicht nass wird, hlt sich dasselbe sehr lange, aussen
verdirbt es dagegen sehr bald. Wegen der Weichheit des Tengkawangholzes
lassen sich Eisenholzpflcke leicht in dieses hineintreiben.

Die _kaso_ 1 erhalten noch eine andere Sttze, denn sonst knnten
sie die schwere Dachbedeckung nicht tragen. Der Querschnitt von
_Kwing Irangs_ Haus Taf. 29 zeigt, dass die _kaso_ im mittleren Teil,
oberhalb der _walang bahi-u_, noch durch schrge, dnnere Balken m
(_djehe balang bo-ong_) gesttzt werden. Diese finden mitten auf einem
dicken Brett, das ungefhr in der Mitte jeder Reihe _walang bahi-u_
befestigt ist, einen Sttzpunkt und sind oben mit den Sparren durch
dnne Dachtrger n verbunden. Diese Dachtrger n, _balang bo-ong_
genannt, sind an die schrgen Sttzen m mit Rotang festgebunden,
auch werden sie zu beiden Seiten durch dnne Querbalken o (_balang
ka-ai_) verbunden.

Auf diese weise bringen die Bahau das Hauptgerst eines Hauses zu
Stande. An der Vorderseite der Galerie ruht das Dach noch auf einer
vierten Reihe dicker Pfhle a_1_, die whrend des Dachbaus gesetzt wird
und an der Hinterseite (_amin_) bietet die hintere Wand, da sie auf
den Balken des Fussbodens ruht, den _kaso_ noch einen besonderen Halt.

Um die Dachbedeckung, 1 m lange und 1 1/2-2 dm breite, dnne Schindeln
(_kepang_) aus Eisenholz auf den _kaso_ anbringen zu knnen, gebraucht
man Querlatten p (_djehe_) aus _nibung_ (Palmenart), die man in der
Regel mit dnnem Rotang auf die _kaso_ bindet; _Kwing Irang_ bentzte
hierfr jedoch Ngel, die er an der Kste gekauft hatte.

Die Lage der Latten p und die Art und Weise, wie an jede derselben
eine Reihe von Schindeln gebunden wird und wie diese mit ihren
unteren Enden bereinander liegen, ist auf dem Lngsschnitt des Hauses
angegeben. Das Dach erforderte im Ganzen ungefhr 25000 Schindeln. Auf
den First werden, zum Abschluss des Ganzen, rinnenfrmige Stcke Holz
umgekehrt aufgesetzt.

Die Diele (Taf. 29) wird ungefhr 3 m ber dem Erdboden angebracht,
indem man lange, dnne Eisenholzbalken q (_aling_) in seitliche
ffnungen der dicken Pfhle a_1_ a_2_ etc. steckt und diese _aling_
durch die dnnen Eisenholzpfhle c senkrecht untersttzt. Letztere
ruhen mit ihrem unteren Ende in der Erde, mit dem oberen,
zapfenfrmigen greifen sie in entsprechende ffnungen der _aling._
Senkrecht zur Breite des Hauses liegen 9 Reihen _aling_ neben
einander. Sie dienen als Sttze fr eine Lage 2-3 1/2 dm dicker
Tengkawangstmme r (_penjapai_), die in der Breite des Hauses, in
Abstnden von etwa 1 m voneinander, auf den _ding_ ruhen. Wegen der
grossen Lnge der Tengkawangstmme nahmen zwei Balken, die in ihre
gegenseitige Verlngerung gelegt wurden, die ganze Breite des Hauses
ein. Um die Unebenheiten und die ungleiche Dicke aufzuheben, wurden
in die _aling_ mehr oder minder tiefe Ausrandungen gekappt und in
diese die _penjapai_ gefgt. Die Unebenheiten oben an den _penjapai_
wurden mit dem Schwert entfernt.

Senkrecht auf die _penjapai_, parallel zur Tiefe des Hauses, wurde
eine zweite Schicht derselben Balken s (_dorng_) gelegt, welche der
eigentlichen Diele t (_tasu_) als Unterlage dienen sollte (Taf. 29
u. 30). Indem man hier und da etwas weghackte und die _penjapai_ und
_dorng_ mittelst Rotang aneinander band, erhielt der Fussboden einen
gengenden Halt und Zusammenhang, wozu auch die grosse Schwere der
Balken beitrug. An ihren dnnen Enden wurden die Stmme mit Pflcken
aus Eisenholz verbunden. Auf die _dorng_ wurden die Dielen bretter
t lose hingelegt; ihrer grossen Schwere wegen rckten sie nicht
vom Platze.

Auf diese Weise kam ein 24 m breiter und 20.5 m tiefer Wohnraum
zu stande, ber dem das Dach ein riesiges Gewlbe bildete. In
den Husern der gewhnlicheren Familien, welche nach demselben
Prinzip bauen, werden jedoch die _walang bahi-u_ zum Aufbewahrender
Ackergertschaften und dergl. bentzt, so dass diese eigentlich die
Rolle eines Bodens spielen. Der grosse Raum ber den _walang bahi-u_
wird beim Huptling aber nicht bentzt, weil die Balken zu weit von
einander abstehen und eine Diele fehlt.

Das Wohnhaus wird in zwei Teile getrennt, einen vorderen, die _awa_
und einen hinteren, die _amin_ (Taf. 29). Diese beiden werden durch
eine hohe Bretterwand u, die ungefhr senkrecht unter dem First liegt,
von einander geschieden. Eine Tr fhrt von der _awa_ in die _amin._
In _Kwing Irangs_ Hause stand die Bretterwand vor der mittleren Reihe
Pfhle und reichte bis zu den _balang ha-ai_ p, dadurch war die _awa_
etwas kleiner als die _amin_ geworden.

Die Galerie wird viel sorgfltiger ausgebaut als das Wohngemach. Die
roh bearbeiteten _kaso_ 1 reichen dort, wie gesagt, nur bis zu
den _walang bahi-u_ f, die an ihrer unteren Seite ber der _awa_
mit Schnitzereien verziert sind. Die _kaso_ werden durch schn
geschnitzte Stcke v verlngert, welche den Raum vor der in gleicher
Weise bearbeiteten vordersten Reihe Pfhle berdecken. Von diesem
sorgfltig ausgestatteten Raum aus geniesst man einen freien berblick
ber den Fluss und die ganze Landschaft; hier kommen abends die
Hausgenossen zum Plaudern zusammen und hier werden die Gste empfangen.

Diese Verlngerungsbalken v bestehen aus hartem Holz; jede angesehene
Familie im Stamm liefert einen solchen Balken und ein oder zwei
ihrer mnnlichen Angehrigen geben sich alle Mhe, um sie so schn
als mglich zu schnitzen. Wie die _walang bahi-u_ haben auch sie
einen dreieckigen Querschnitt; eine Seite ist nach oben gekehrt, die
beiden anderen, die sich nach unten zu einer Rippe vereinigen, werden
ausgehhlt und die Rippe in zierliche Ornamente ausgeschnitten. Jeder
Schnitzer wendet Verzierungen eigener Erfindung an, in der Regel
Variationen des Motivs _kelot_, des mnnlichen Geschlechtsorgans. Nur
wenige bringen Stilisierungen der weiblichen Geschlechtsorgane
an. Diejenigen jungen Leute, die ihren Balken besonders schn
bearbeiten wollen, schnitzen Tierfiguren (_hudo_).

Auch die grosse Mittelwand u (_liding_) ist, der Galerie zu, mit
zahlreichen Figuren in Hochrelief, die Menschen und Tiere vorstellen,
verziert. Die Wand besteht aus gut bearbeiteten Brettern, die fest
aneinander schliessen und mittelst Ngeln und Rotang auf ein Holzgitter
w (Taf. 30), das man hierfr an der Seite der _amin_ angebracht hat,
befestigt werden. Diese Bretter ruhen nicht auf der Diele, sondern
auf dem rinnenfrmig ausgehhlten oberen Rande eines dicken Getfels
x, das 3/4 m hoch ist. An den Verzierungen des Getfels hatten 4 der
besten Schnitzknstler des Stammes lange Zeit gearbeitet. Das ganze,
der Galerie entsprechend, 24 m lange Getfel bestand nur aus zwei
Brettern, die, wie gewhnlich, aus einem einzigen Stamm verfertigt
waren, indem man diesen halbiert und das berschssige Holz an der
runden Seite weggehackt hatte. Hierbei hatte man in der Mitte und an
den beiden Enden der Bretter ber 2 dm dicke und 1 m lange Holzstcke
stehen gelassen. Aus diesen wurden die 6 Figuren modelliert, die auf
nebenstehender Tafel 33 zu sehen sind. Drei derselben (a, c, f) bilden
Stilisierungen des Hundes, die vierte (b) stellt eine Kombination
hnlicher Tiere vor, die beiden brigen (d, e) sind Masken. Schn
geschnitzt ist auch ein Brett, das als Lehne fr den Huptling gegen
das Gitter gestellt wird, welches auch hier die Vorderseite der Galerie
nach aussen bis auf 1 m Abstand vom Dache abschliesst (Siehe Taf. 34;
das Gitter fehlt hier noch).

Auf den Besitz grosser, schwerer Dielen legt ein Stamm grosses
Gewicht; auch die Kajan gaben sich alle Mhe, sie besonders schn
herzustellen. Jedes Brett war ungefhr 8 m lang, 15 cm dick und 1/2-1 m
breit, je nach der Grsse des Baums, aus dem es gehauen worden war. Je
zwei Familien des Stammes sind verpflichtet, ein derartiges Brett
zu stellen. Sie vereinigen sich zu dieser Arbeit mit zwei anderen
Familien, suchen im Walde einen schweren Tengkawang-Baum aus und
verfertigen aus ihm gemeinschaftlich zwei Bretter. Aus der Schwere
und Breite der Bretter kann man auf den Reichtum und die Anzahl der
Familienglieder schliessen. Die Familien der Mantri bertreffen hierin
alle anderen. Obgleich diese Bretter so dick sind, frchtete man doch,
dass sie beim Trocknen krumm werden knnten und band sie daher mit
Rotang an die geraden Reihen Pfhle unter dem Hause fest, wo sie
stehen blieben, bis sie trocken genug waren, um bearbeitet werden
zu knnen (Taf. 24). Da die Bretter mit wochenlangen Unterbrechungen
herbeigeschafft wurden, musste mit ihrer Verwendung ohnehin gewartet
werden, bis sie alle beisammen waren. Man hatte die _awa_ (Taf. 34)
anfangs provisorisch mit den Brettern fr die Mittelwand belegt,
als diese noch nicht gegen die alten Bretter, mit denen man sich
anfangs beholfen hatte, vertauscht waren.

Der Bau der _amin_ geht am deutlichsten aus dem Grundriss
(Taf. 35) und dem Lngsschnitt (Taf. 30) des Hauses hervor, die
zugleich auch die Konstruktion der Mittelwand zeigen. Die Diele
zwischen der Hinterwand der _amin_ und der Reihe von 5 Pfhlen
a_1_-a_5_ ist um 3 dm hher gelegt als der mittlere Teil des
Raumes. In diesem erhhten Teil wird am Tage gearbeitet und nachts
geschlafen. Ebenfalls erhht ist die Diele zu beiden Seiten der
_amin_; auch hier wird gearbeitet. Einige Bretterverschlge dienen
als gesonderte Schlafrume. Die Vorderseite des Gemachs wird von
Kochherden, Vorrats- und Schlafkammern eingenommen, auch befindet
sich hier die zur _awa_ fhrende Tr. Betrachten wir auf Taf. 30
den Bau der Mittelwand zwischen _amin_ und _awa_ etwas genauer. Wir
sehen hier die Sttzbalken h des Firstes i, die senkrecht auf den
quer durchschnittenen _walang bahi-u_ f stehen, die wiederum auf
den _djapi_ e der grossen Pfhle der mittleren Reihe ruhen. Die
Sttzbalken des Firstes sind untereinander durch schrg angebundene,
lange, dnne Tengkawang-Stmme j verbunden. Ferner ist zur Sttze der
Mittelwand ein Holzgitter w aus rechtwinklig sich schneidenden dnnen
Stmmen angebracht worden, das von der Diele bis zu den _balang ka-ai_
o reicht. An diesem Gitter ist auf der Galerieseite eine Bretterwand
u, welche die ganze Hhe einnimmt, befestigt; diese Wand besteht aus
zwei bereinander stehenden Reihen von Brettern u, die jedoch auf
der Zeichnung nur an der rechten Seite angegeben sind. Die unterste
Bretterreihe wird nur von der Tr unterbrochen, die aus einem einzigen
breiten Brett gehauen ist.

Auf derselben Tafel ist ferner die Einteilung der _amin_ vor dieser
Mittelwand angegeben. Von rechts nach links sieht man geschnitzte
Regale y, welche zur Aufbewahrung von Kchengert und Brennholz dienen;
sie befinden sich ber einem Feuerherde. Dann folgt eine in die
_amin_ einspringende Wand z, welche diesen Herd von dem Raum bei der
Eingangstr trennt. Die Trschwelle ist, wie in allen Bahauwohnungen,
50 cm hoch. Weiter links folgt die grsste Herdsttte y_1_, deren
Schuppen und Regale bis zum 4. grossen Pfahl b, reichen. Die vorn
schn geschnitzten tiefen Regale springen von der Mittelwand weit
vor. Von der Eingangstr an ist dieser Raum folgendermassen verteilt:
erst folgt ein Aufbewahrungsraum fr Wassergefsse, dann wieder eine
in die _amin_ vorspringende Wand z_2_, an welche sich nach links eine
senkrecht stehende Wand z_1_ anschliesst, die den grossen Kchenraum
von dem brigen Teil der _amin_ gewissermassen trennt.

Hinter dieser Wand z_1_ liegt der Schlafplatz der Sklavin, welche
die Aufsicht ber die Kche fhrt. Von den 4 Regalen ber dem Herde
setzen sich die beiden obersten nach rechts bis ber den Schlafplatz
der Sklavin und den Aufbewahrungsraum fr Wassergefsse, nach links
bis ber den grossen Vorratsschrank fort, dessen Tr sich gleich
links vom Herde befindet. Hinter der Scheidewand z_3_ verborgen,
links vom Schranke, liegt ein dritter, kleinerer Herd, auf dem nur
fr den Huptling und dessen Familie gekocht wird. Auf den beiden
anderen Herden wird fr die verheirateten Kinder des Huptlings,
fr die Sklaven und die Schweine gekocht. Links von diesem Herde,
wo der Fussboden, gleichwie an der Hinterwand und zu beiden Seiten
der _amin_, um 3 dm erhht ist, luft parallel der Mittelwand eine
grosse Bretterwand z_4_, die mit Hilfe einer senkrecht zu ihr stehenden
Verbindungswand zwei verschieden grosse Rume bildet. Der kleinere,
halb offene Raum rechts dient der Kchensklavin und deren Familie
als Schlafstelle, der grssere, geschlossene Raum links, in den
eine Tr fhrt, bildet die Schlafkammer fr den Huptlingssohn und
dessen Familie.

Vergleichen wir deutlichkeitshalber diesen Plan mit dem Grundriss von
_Kwing Irangs_ _amin_ auf Tafel 35, so erhalten wir einen berblick
ber die horizontale Verteilung dieses Raums. Von rechts nach links
gesehen finden wir in der Ecke den Platz mit den Kchenregalen,
dann den Herd. Die einspringende Wand z trennt diesen Kchenraum von
dem freien Platz bei der Eingangstr. Links von dieser befindet sich
der Aufbewahrungsraum fr die Bambusgefsse mit Wasser. Wie aus der
Zeichnung zu ersehen ist, hat man die Diele hier halb offen gelassen,
damit das Wasser event. beim bergiessen zwischen den Brettern
zur Erde abfliessen kann. Dieser Raum ist von dem Schlafplatz der
Sklavin durch die senkrecht zu einander stehenden Wnde z_1_ und z_2_
geschieden. Dann folgt der grosse Herd, der Kchenschrank, der kleine
Herd der Huptlingsfamilie mit dem freien Platz davor und einem
kleinen, halb offenen Raum als Schlafsttte fr die Sklavenfamilie
und schliesslich der ganz geschlossene Raum fr den Huptlingssohn.

Die Seitenwnde und die Hinterwand der _amin_ bestehen aus aneinander
schliessenden Brettern, nur sind hier ffnungen als Fensterluken
ausgespart. Vor diesen sitzen die Frauen mit ihren Handarbeiten und
schnitzen die Mnner ihre Schwertgriffe und -scheiden. Am meisten
Licht dringt jedoch durch das grosse Fenster ein, das sich oben,
im hintersten Dachteil befindet. Dieses Fenster ist 1 qm gross und
wird mittelst einer Klappe, die an der oberen Seite aussen am Dach
befestigt ist, geschlossen. Bei gutem Wetter wird die Klappe durch
einen senkrecht gestellten Stock offen gehalten.

Auf den erhhten Pltzen zu beiden Seiten der _amin_ sollen spter noch
mehr Kammern gebaut werden; sie dienen alle als Schlafrume teils fr
die unverheirateten Tchter und verheirateten Kinder des Huptlings,
teils fr die Sklavenfamilien.

Fr sich selbst und seine Frauen hat _Kwing Irang_ links in der
hinteren Ecke der _amin_ ein Zimmer bauen lassen (Taf. 35). Der
Fussboden, der hier ebenso hoch wie in der Mitte der _amin_ ist, war
bis hinter das Haus unter dem weit ber die Hinterwand vorspringenden
Dache verlngert worden. Gegen die _amin_ zu ist dieses Zimmer
vollstndig geschlossen und nur durch eine Tr zugnglich, dagegen
endet es hinter der Rckwand des Hauses, in dem verlngerten Teil,
offen nach aussen; auch ist die Diele an dieser Stelle durchbrochen.

Da alle Dorffamilien sich am Sammeln des Materials und am Bau dieses
grossen Gebudes beteiligten, keine von ihnen jedoch spezielle
Kenntnisse im Huserbau besass, und alle ausserdem fr ihre eigenen
Wohnungen und ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatten, schritt der
Bau nur langsam und unter grossen Schwierigkeiten fort.

Der Transport von Baumaterial aus einem weglosen Tropenwald ist
usserst schwierig, denn bestimmte Holzarten wachsen dort nicht,
wie in Europa, nebeneinander, sondern inmitten einer grossen
Anzahl anderer Arten. Daher mssen die passenden Tengkawang-Bume
z.B. in einem ausgedehnten Gebiet gesucht, gefllt und oft ber
Hgel und durch Tler bis an einen Nebenfluss geschleift werden,
von dem aus sie zum Mahakam befrdert werden knnen. Eisenholz muss
stets mittelst Flssen transportiert werden, da es viel schwerer
als Wasser ist. Nachdem ein solcher Stamm mit vieler Mhe durch den
dichten Gebirgswald zum Flusse geschafft worden ist, wird er unter
ein eigens fr ihn gebautes Floss gebunden. Die Kajan waren denn
auch stolz darauf, dass fr _Kwing Irangs_ Haus 9 dieser schweren
Pfhle verwendet worden waren. Die meisten derselben wurden auf
folgende Weise bearbeitet: zuerst entfernte man die Rinde und die
Unebenheiten mit Beilen, dann verbesserte man hie und da auch die
Rundung. Mit dieser Bearbeitung begngte man sich bei den Pfhlen
der hinteren Reihe, an denen der vorderen wurde berdies noch mit
kleinen Dexeln eine flache Kannelierung angebracht, wie auf Taf. 27,
wo _Imun_ und _Sawang Jok_ mit der Bildhauerarbeit beschftigt sind,
zu sehen ist. Die gewhnlichen, eisernen, europischen Instrumente sind
fr Eisenholz zu weich und daher unbrauchbar; darnach kann man sich
von der Geschicklichkeit und Geduld, welche diese Arbeit erfordert,
eine Vorstellung machen.

Fr die _kaso_ und die Dielenbalken entfernt man von den
Tengkawang-Bumen nur den obersten Kronenteil, die grssten ste und
die Rinde; die feinere Bearbeitung findet erst beim Bau selbst statt.

Von den verschiedenen Verzierungen der _awa_ ist oben bereits
gesprochen worden, wenden wir uns jetzt dem usseren Hausschmuck
zu. Hierher gehren die _bang pakat_ (Taf. 24), die verzierten
Giebelbretter, die zu beiden Enden des Firstes frei in die Luft
hinausragen. Bei den Bahau und Kenja besitzen nur die Huptlinge
das Recht, diese Verzierungen in reich ausgearbeiteter Form an den
Firstenden anzubringen. _Kwing Irang_ hatte sich denn auch sehr
eingehend mit der Frage, welche Gestalt er ihnen geben sollte,
beschftigt. Auf seinen Reisen nach dem unteren Mahakam hatte
er die Huser anderer Huptlinge bereits Jahre vorher daraufhin
angesehen. Den rechten _bang pakat_ liess er nach dem Modell,
das er auf dem Hause von _Brit Ledj_ bei Long Iram gesehen hatte,
anfertigen; den anderen berliess er der Phantasie von zweien seiner
besten Holzschnitzer. Solch ein _bang pakat_ muss aus einem einzigen
Stck sehr harten Holzes geschnitzt werden und da er 3 m lang und
0.70 cm breit sein muss, so war es bereits schwierig, einen Baum von
hartem Holz und den erforderlichen Dimensionen zu finden. Man bentzte
hierfr eine Holzart, die sich nicht gut spalten liess und daher fr
andere Zwecke, z.B. fr Schindeln, untauglich war.

Beide _bang pakat_ wurden von den zwei Shnen des alten Priesters _Bo
Jok_ verfertigt, die sich auf die Schnitzerei in Holz und Hirschhorn
gut verstanden. An jeder Figur arbeiteten sie ungefhr 6 Tage. Der
Schmuck wurde angebracht, sobald die Sparren auf dem Dache lagen,
bevor aber deren geschnitzte Verlngerungsstcke ber der Galerie
befestigt worden waren.

Die Anbringung dieser Figuren bedeutete, dass das Haus unter Dach
war, daher feierte man diese wichtige Handlung mit der Opferung
eines grossen Schweines. Das Tier wurde geschlachtet und ein Teil
seines Blutes auf _sawang-_ (Dracaena-)Blttern aufgefangen. Der alte
_Bo Jok_ trnkte mit dem Blute Reis in einer Schale, dann bewegte
er diese in der Luft hin und her und warf schliesslich den Reis
nach allen Richtungen, hauptschlich aber nach dem Batu Kasian,
als Opfer fr die Geister, in die Luft. Die _bang pakat_ selbst
wurden ebenfalls mit Blut bestrichen und dann beide gleichzeitig
mit Rotang hinaufgezogen und befestigt. Die Stelle lag 25 m ber dem
Erdboden, so dass es nicht licht war, diese schweren, langen, fein
ausgeschnittenen Bretter anzubringen. Man hatte an den beiden Enden
des Firstes aus jungen, mit Rotang zusammengebundenen Stmmen Gerste
gebaut, auf denen sich die Mnner mit Sicherheit bewegen konnten
(Taf. 16). Sie zogen die _bang pakat_ hinauf, brachten sie vorsichtig
ber das Gerst und dann mit ihrem zu einem Stiel zugespitzten Ende
in die ffnung eines festen Holzstcks, das zu diesem Zwecke bereits
an der Unterseite des Firstes befestigt worden war. Darauf wurde das
Hinterende des Stiels noch mit Holz und Rotang an den First und zu
beiden Seiten an die Sparren gebunden.

Whrend der folgenden Tage beschftigten sich alle mit dem Anbringen
der geschnitzten Verlngerungsstcke der _kaso_ ber der _awa_.

Die Bahau verstehen sich sehr gut auf die Herstellung von
Schindeln (_kepang)._ Fr die Huser von Huptlingen bentzen
sie gut spaltbares Eisenholz, fr die der brigen Stammesgenossen
meist Tengkawang-Holz. Zuerst suchen sie im Walde einen Baum von
Eisenholz aus, der sich gut spalten lsst, was bereits beim Anhacken
des Stammes zu konstatieren ist. Haben sie unter vielen einen solchen
Baum gefunden, so schlagen sie, je nach seiner Grsse, 600-800 _kepang_
aus ihm. Sie zerlegen den Baum in Stcke von der Lnge der Schindeln
und spalten die Stcke mit Hilfe eines langen, hlzernen Keils,
den sie mit einem Holzklotz hineintreiben, in Segmente (Taf. 23
unten rechts). Zur weiteren Bearbeitung stellen sie diese Segmente
auf primitiven Gersten ihrer Lnge nach senkrecht vor sich auf und
schlagen mit einem Schwert zu beiden Seiten das berschssige Holz
ab. Wie auf dem Bilde zu sehen ist, wird das Schwert vor dem festen
Schlage mit beiden Hnden erhoben.

Da die Schindeln von _Kwing Irangs_ provisorischem Hause fr das neue,
das 25000 Stck erforderte, lange nicht reichten, wurde jeder Familie
aufgetragen, 200 Schindeln zu liefern, was wiederum viel Zeit in
Anspruch nahm. Um nicht allzu lange warten zu mssen, deckte man zum
Schluss noch einen Teil des Daches mit alten Tengkawang-Schindeln,
die spter durch andere aus Eisenholz ersetzt werden sollten.

Als man eine gengende Menge Schindeln beisammen zu haben glaubte--man
hatte sich von der erforderlichen Anzahl nur eine allgemeine
Vorstellung gemacht--wurde der ganze Stamm zusammengerufen, um die
Geister vor der Anbringung der Dachbedeckung durch die Opferung
eines sehr grossen und hauptschlich fetten Schweines gnstig zu
stimmen. Dies war unumgnglich ntig, weil das Dach aus Eisenholz
gebaut wurde; htte man Tengkawang-Holz bentzt, so wre ein
bescheideneres Opfer gengend gewesen. Nun waren alle Stammesglieder,
jung und alt, versammelt, was insofern wnschenswert war, als die
Dorfgenossen das Opfer gemeinsam bringen und daher das Schwein und
ausserdem zwei Hhner berhren sollten. Die Geister erkannten dann am
Geruch, wer geopfert hatte und die Betreffenden brauchten sich spter
nicht zu frchten, takut parid, d.h. krank zu werden, sobald sie unter
dieses Eisenholz-Dach traten. Diese Auffassung entspringt dem starken
Eindruck, denn ein so festes, kostbares Dach auf den Bahau macht; er
frchtet daher, seine Seele (_bruwa_) knnte beim imposanten Anblick
erschrecken und fliehen, wodurch er selbst krank werden wrde. Aus
demselben Grunde brachte man auch keine kleinen Kinder in die Nhe
der Eisenholz-Pfhle, selbst als diese noch weitab lagen und behauen
wurden. Erst nachdem ihre Bearbeitung vollendet war und die Mtter
den Geistern der Pfhle Eier oder ein Huhn geopfert hatten, durften
die Kinder sich ihnen gefahrlos nhern.

Im Unterschied von anderen Gelegenheiten brachte diesmal der Huptling
selbst und nicht der Priester den Geistern das Opfer. Man hatte fr
diese Zeremonie einen grossen, viereckigen Platz mit Brettern und
Matten berdeckt und darunter sass der Huptling inmitten seiner
ltesten in vollem Ornat d.h. mit einem besonders schnen Lendentuch
und Kopftuch bekleidet. Sie alle legten die Hand auf das feiste Tier,
worauf Mnner, Frauen und Kinder bis auf die Suglinge in einem langen
Zuge das Opferschwein berhrten. Darauf trug der Huptling den Geistern
das Opfer an, indem er ihnen berichtete, wer opferte und warum geopfert
wurde. Hierbei bediente er sich der Kajansprache, vielleicht weil er
das Busang, das gewhnlich bei solch einer Gelegenheit gebraucht wird,
nicht gut sprach. Der alte _Bo Jok_ wiederholte die Worte, hatte aber
vorsichtshalber seine Seele vorher grndlich gestrkt, indem er in ein
altes Schwert gebissen und darauf ein Stck weissen Kattuns auf sein
Haupt gelegt hatte. Er sprach unter drhnenden Schlgen auf die Gonge,
so dass ich ihn nicht verstand. Darauf schlachtete man das Schwein
und die Hhner, zerlegte sie in gleiche Stcke und kochte sie in
Pfannen (Taf. 36), so dass alle Anwesenden zu ihrem Klebreis, den der
Huptling ihnen ebenfalls angeboten hatte, auch Fleisch zu geniessen
bekamen. Wir erhielten eines der Hhner und ein Stck Schweinefleisch,
die wir uns trefflich munden liessen, da es in der letzten Zeit mit
der Kost schlecht bestellt gewesen war. Zuletzt wurden noch einige
Eier als Opfer beim Hauptpfahl aufgelegt.

Es folgten zwei Tage _melo_, in denen niemand unter dem Hause
hindurchgehen durfte. Als Verbotszeichen wurde ein Rotang um das
Haus gespannt.

Am Abend des Opfertages fand noch eine andere Zeremonie statt. Es
hatte sich nmlich die _djelewan_, die rotkpfige Schlange, beim
Hause gezeigt, und nun glaubte der Huptling, diesem Boten der
grossen Geister unter einem Opfer noch einiges ber den Hausbau
mitteilen zu mssen. So opferte er denn an der Stelle, wo das Tier
gesehen worden war, 2  8 Eier und einige kawit mit Schweinefleisch,
die er in die gespaltene Spitze in die Erde gepflanzter Bambusstcke
einklemmte. An einem dieser Opferstcke befestigte er einen Streifen
von der Rckenhaut mit Baransitzendem Speck des geopferten Schweines,
der von der Schnauze bis zum Sehwanze reichte, um die Geister von
der Grsse und Fettheit des gebrachten Opfers zu berzeugen.

Viele Mnner zeigten sich jetzt bereit, die Schindeln auf dem
Dache anzubringen; augenscheinlich hatte die Festfreude sie in gute
Stimmung versetzt. In einem Tage befestigten sie 11000 Schindeln,
indem sie mit einem Hohlmeissel oder Drillbohrer ins obere Ende
der Bretter zwei Lcher bohrten, Rotangschnre hindurchzogen und
an die Querlatten festbanden. Die Schindeln waren alle sehr dnn
und gleichmssig, doch bildeten ihrer 50 eine schwere Last selbst
fr einen starken Mann. Dank den fest angebrachten Leitern kam aber
whrend des ganzen Hausbaus kein einziges Unglck vor. Geschieht ein
solches aber dennoch, so wird es als ein Beweis fr den Unwillen der
Geister aufgefasst und dementsprechend behandelt. Fllt z.B. jemand
vom Gerst herab, so wird sein Lendentuch an der betreffenden Stelle
begraben. Auch muss er _melo_, ein Schwein opfern und den dajung
Kattun und ein Schwert geben. Dann muss er wieder bis zu 8 Tagen
_melo_, whrenddessen an dem Hause nicht gearbeitet werden darf. Auch
Kleidungsstcke und Werkzeuge werden an Ort und Stelle, wo sie
niedergefallen sind, vergraben. berdies werden bei einem Neubau noch
andere Vorsichtsmassregeln getroffen, um sich die gnstige Stimmung
der Geister und somit ein gutes Gelingen zu sichern. In gleicher
Weise wie z.B. ein Mann, aus Furcht _takut dawi_ zu werden, keine
getragenen Frauenkleider und keine Webeutensilien berhren will, darf
auch kein Webeapparat unter einem unvollendeten Hause hindurchgetragen
werden. Auch den von weit her kommenden Fremden ist der Durchgang
unter einem unvollendeten Hause verboten, wahrscheinlich weil man
auch in diesem Fall die unbekannten Geister, die sie mitbringen,
frchtet. Stirbt jemand im Stamme, so muss der Hausbau, solange die
Leiche nicht begraben ist, unterbrochen werden.

Trotz aller Hindernisse war _Kwing Irangs_ Haus im Mrz 1899 unter
Dach und die _amin_ mit Hilfe alten Materials soweit fertiggestellt,
dass sie bezogen werden konnte. Der Galerie fehlte hauptschlich
eine Diele, aber diese war nicht unumgnglich ntig; auch musste man
voraussichtlich wegen der Ernte noch Monate lang mit der Herstellung
der Bretter warten.

Als der Tag, an dem _Kwing Irang_ sein neues Haus beziehen sollte,
nach dem Vogelflug bestimmt worden war, wurden alle Personen, die die
_amin_ bewohnen sollten, also die Familienglieder und die Haussklaven,
ausserdem auch noch ein Teil der Sklaven, der eigene Huser bauen
durfte, zusammengerufen.

Gegen Mittag wurde zuerst gegen die Haustreppe zu eine Art Gang
hergestellt, indem man eine Reihe hlzerner Galgen errichtete
und mit weissem Kattun berspannte. Mit einem gleichen weissen
Baldachin berdeckte man auch die Treppe von unten bis zur _awa_. Alle
Hausgenossen in Begleitung eines Priesters mit Frau und Kindern und des
alten _Bo Jok_ bildeten einen Zug, an dessen Spitze sich _Kwing Irang_
stellte. Der Huptling trug seine gewhnliche Kleidung. Ihm folgten
ein Mantri, seine Frauen _Bo Hiang_ und _Anja_, dann der alte _Bo Jok_
und zuletzt die Sklavinnen mit ihren Kindern. Erst schritt der Zug
durch den Gang zur Treppe, bog dann links ab, ging einmal unten um
das Haus herum und lehrte dann zur Treppe zurck. Hier hatte man auf
einem flachen Stein ein altes Schwert niedergelegt, auf welches der
Huptling und alle, die ihm folgten, erst den Fuss setzten, bevor sie
die Treppe hinauf ins Haus stiegen. Dieser feierliche Einzug diente zur
Vorbereitung der Seele, damit diese beim pltzlichen Anblick dieses
grossen, imposanten Gebudes nicht entfloh. Der _dajung_ und seine
Familie betraten nicht das Haus, sondern begaben sich nach rechts,
ihrer eigenen Wohnung zu.

In der _amin_ angelangt begannen die Hausbewohner sogleich, nachdem
sie die Tragkrbe samt Inhalt vom Rchen genommen hatten, Herde zu
errichten. Der kleine Herd, auf dem hauptschlich fr den Huptling
gekocht wird, kam zuerst an die Reihe. Zwei junge Mnner holten von
draussen, zur Seite des Hauses Erde und bedeckten mit ihr einige
Bretter aus hartem Holz. Dies ist die gebruchliche Weise, um Herde
herzustellen. Dann berichtete _Bo Jok_ den Geistern, wem dieser Herd
gehrte, auch bat er um ein glckliches Leben und Reichtum fr die
knftigen Bewohner. Als symbolisches Zeichen hierfr steckte er 2 
8 Haken aus Fruchtbaumholz und zwei Bschel von _daun sawang_ und
noch einer anderen Bltterart in die Erde. In die Mitte legte man
einen platten, nierenfrmigen Stein von 10 cm Durchmesser, holte noch
mehr Erde und stampfte diese ber dem Stein fest. Damit war der Herd
vollendet. Die Erde darf nie gewechselt werden; nur darf ntigenfalls
bei religisen Festen neue hinzugefgt werden.

Das erste Feuer muss auf die in frherer Zeit gebruchliche Weise
entzndet werden, indem man ein Stck Rotang ber ein trockenes,
weiches Holzstck hinund herzieht (Taf. 62, Fig. h). Die Funken, die
hierbei entstehen, werden mittelst einer Art Schwamm aufgefangen. In
den ersten Tagen darf dieses Feuer nicht ausgehen. Wenn die _panjin_
und _dipen_ spter ihre eigenen Wohnungen beziehen, holen sie ihr
erstes Feuer von diesem Herde in der _amin aja_.

Die beiden ersten Tage nach dem Einzug mssen die Hausbewohner
_melo_. In dieser Zeit darf im Hause nicht geweint werden, _Kwing_
schickte daher ein halbidiotisches Mdchen, das ihm von deren Familie
anvertraut war, nach seiner Reisfeldwohnung, weil das Kind leicht in
Trnen ausbrach.

Nach beendetem _melo_ musste man _ngajo_, Kpfe jagen, um die vielen
Verbotsbestimmungen, denen man sich whrend des Hausbaus hatte
unterwerfen mssen, aufheben (_bet lali_) zu knnen. Die Bewohner
durften in der verflossenen Periode z.B. keine Bren, Gibbon und
_dongan_, einen sehr beliebten Fisch, essen. Die von anderen Stmmen
gebrtigen Sklaven mit anderer Religion mussten auf den verbreiteten
grauen Affen (_kera_), dessen Fleisch sie fr gewhnlich geniessen,
verzichten.

Das _ngajo_ gelegentlich des _bet lali_ fhrt der Huptling allein
aus. Die _panjin_ feiern es gemeinschaftlich, sobald sie alle ihre
Huser beendet und bezogen haben, beim ersten Neujahrsfest. Das _ngajo_
des Huptlings bestand darin, dass er einen seiner Mantri nach dem
_melo_ den Vogelflug beobachten liess. Der Mantri baute an der Stelle,
wo er den _telandjang_ oder hissit zu seiner Rechten gehrt hatte,
eine Htte, die vom Huptling und seinem Geleite fr zwei Tage bezogen
wurde. Darauf kehrte die Gesellschaft mit einem alten Schdel heim
und beobachtete alle Zeremonien, die frher bei einer echten Kopfjagd
gebruchlich waren.

In Anbetracht, dass eine ungnstige Mondphase (Vollmond) eintreten
sollte, beeilte man sich und stellte sich mit wenigen guten
Vorzeichen zufrieden. Der _adat_ wurde vorlufig gengt; spter,
wenn das Haus gnzlich fertig gestellt war, wollte man nochmals die
Vgel befragen. _Kwing_, der viel zu tun hatte, liess nur den Mantri
und sein Geleite in der Htte schlafen.

Ein derartiges _bet lali_ mit _ngajo_ des Huptlings bedeutet fr alle
Stammesglieder eine Aufhebung einer eventuellen Verbotsperiode. So darf
z.B. bei dieser Gelegenheit die Trauer fr ein Familienglied abgelegt
werden. Die Knaben und jungen Mnner drfen bei diesem Anlass, wie
die Erwachsenen, eine Kopfjagd mitmachen, um sich dadurch das Recht zu
erwerben, je nach dem Alter ein Schwert zu tragen, die Schwanzfedern
des Rhinozerosvogels (_kerip tingang_) auf ihre Kriegsmtze zu heften
oder einen Kriegsmantel umzulegen. Die gleichen Sitten herrschen
bei den Long-Glat. Sie weisen darauf, dass bereits seit langer Zeit
eine Kopfjagd des Huptlings fr alle Dorfgenossen zum _bet lali_
gengte. Daher beteiligten sich auch viele Familien an diesem _ngajo._
Die _panjin_ begaben sich bereits abends vor dem bestimmten Tag zur
Htte, in welcher der Mantri sich befand. Bei Tagesanbruch machte
sich auch der Huptling in 3 Bten, bemannt mit von Kopf bis zu Fuss
bewaffneten Kriegern, dorthin auf. Nach etwa einer Stunde hrten wir
den Fluss herunter den Kriegsruf der Bahau erschallen; in Long Buleng
schossen die Malaien ihre Gewehre ab und bald darauf kamen die Bte
in Sicht. Sie waren aneinander gebunden worden und bildeten so ein
Floss, auf dem die Krieger standen und in der Morgensonne in ihren
phantastischen Rstungen einen prachtvollen Anblick boten. Die mit
langen, aufrechtstehenden Bambuswedeln geschmckten Bte trieben
feierlich langsam den Fluss herab und hielten bei dem Anlegeplatz
des Huptlings still, wo schn geschmckte Frauen und Mdchen
ihre mnnlichen Angehrigen erwarteten, ihnen die Schwerter und die
berflssige Kriegsrstung abnahmen und ins Haus trugen, um ihnen statt
dessen einen hbschen, Schal um die Schultern zu schlingen. Sie tun
dies, um die _bruwa_ der Krieger, die unter dem unangenehmen Eindruck
von abgeschlagenen Kpfen, geraubter Habe und verbrannten Husern
steht, durch etwas Angenehmes zu beruhigen. Als alle Festteilnehmer
in der Galerie versammelt waren, hing man die Kriegsrstung auf und
bereitete dort alles zu einem mehrtgigen Aufenthalt vor. Die Krieger
durften nmlich whrend des _ngajo_ ihre amin nicht betreten und nur in
Bambus gekochten Reis ohne Fische, Hhner, Schweinefleisch, Salz oder
andere Zuspeisen geniessen. Die eben erwachsen gewordenen jungen Mnner
durften whrend der ersten 4 Tage kein Wildschweinfleisch essen und
fr die Knaben, die sich zum ersten Mal an einem Kriegsunternehmen
beteiligten und noch nicht allen Verbotsbestimmungen folgten,
erstreckte sich diese Vorschrift auf 6 Tage.

Die Bte wurden von einander gelst und jeder Besitzer fhrte das
seine wieder mit, nur die beiden mittelsten, die mit Bambus und
Bscheln halb entfalteter, noch weisser Palmbltter verziert waren,
blieben am Ufer liegen. In diesen Bscheln hingen zwei alte Kpfe, die
der Sultan von Kutei _Kwing Irang_ einst geschenkt hatte. Mit diesen
Kpfen nahmen diejenigen Kajan, die auf ihren Reisfeldern wohnten
und sich nicht so frh zum _bet lali_ hatten einstellen knnen,
im Laufe des Tages das _ngajo_ vor. Sie kamen mittags zusammen und
fuhren, wenn ihr Alter es zuliess, in Kriegskostm unter den Schlgen
der Gonge zu einer Gerllbank am jenseitigen Ufer. Ein Priester und
einige Mnner in voller Kriegsrstung begleiteten sie. Die Knaben,
die noch keine Federn des Rhinozerosvogels tragen durften, hatten mit
Palmblttern und Palmblattstielen verzierte Kriegsmtzen aufgesetzt.

Auf der Gerllbank wurde einer der Schdel an Land gebracht und
niedergelegt; der Priester brachte ein Ei zum Vorschein, redete die
Geister des Batu Kasian an und zerschlug das Ei, worauf alle neuen
Teilnehmer ein Blattstck in die Eimasse tauchten, in den Fluss
warfen und hinabtreiben liessen. Dann tranken sie etwas Flusswasser,
badeten sich und legten die Kriegsrstung wieder an. Auch der Priester
nahm ein Bad, nachdem er das Ei in den Fluss geworfen hatte. Darauf
bewiesen alle Jnglinge ihren Mut, indem sie mit ihren Schwertern den
Schdel berhrten, mit ihren Speeren hineinstachen oder mit ihren
Blasrohren Pfeile auf ihn abschossen. Die Mutigsten setzten sich
auf den Schdel, nachdem sie ihren Kriegsmantel ber ihn gebreitet
hatten. Nach beendeter Zeremonie wrde der Bambus, der den Schdel
trug, wieder ins Boot gepflanzt und die Gesellschaft kehrte nach Hause.

Die gleichen Zeremonien fanden am folgenden Tage mit den Nachzglern
statt.

Der zweite Tag wurde hauptschlich dem Vorzeichensuchen an Opfertieren
gewidmet. Den Anfang machte der Huptling; alle brigen folgten.

Der Huptling opferte ein mnnliches Schwein und einen Hahn,
diesmal vor allem den Geistern auf dem Batu Mili. In seiner schnsten
Kleidung, umgeben von seinen vornehmsten Mantri und _dajung_, sprach
der Huptling auch jetzt die Geister selbst an; doch verstand ich
ihn wegen der drhnenden Schlge auf die Gonge nur schlecht. Whrend
er sprach, hielt er den Hahn, um den man einen schnen, kostbaren
Leibgrtel aus alten Perlen gelegt hatte, in der Hand. Das Tier wurde
geschlachtet und der Bauch geffnet, um nach der Beschaffenheit des
Darmes, der Gallenblase und des Pankreas die Zukunft zu bestimmen. Ein
glatter, nicht roter Darm, ein Pankreas, das nicht viel lnger oder
krzer ist als die Darmschlinge, zwischen welcher es befestigt ist,
und eine volle Gallenblase sind gnstige Omina. Da der erste Hahn des
Huptlings die gewnschten Vorzeichen nicht aufwies, schlachtete er
einen zweiten, der in der Tat eine bessere Zukunft prophezeite.

Darnach wurde auch das Schwein geschlachtet und seine Leber und Milz
untersucht. Die Milz muss lang, dnn und ohne Ausbuchtungen am Rande
sein, die Leber eine normale Grsse und Farbe zeigen und die gut
gefllte Gallenblase in richtigem Verhltnis zu den Lappen an der
Unterseite der Leber stehen.

Glcklicherweise waren die Vorzeichen hier sogleich zufriedenstellend
und konnte das Blut des Schweines und des zweiten Huhnes aufgefangen
und mit gekochtem Reis und Hhnerfleisch den _to_ angeboten werden.

Inzwischen hatten alle Mnner, die an der Kopfjagd beteiligt gewesen
waren, in der Galerie ihr Kriegskostm angelegt und ihren Mttern
und Angehrigen einen Hahn und ein Kchlein gebracht, um durch einige
Priester und Priesterinnen fr jede Familie gesondert die Vorzeichen
zu beobachten.

Die _dajung_ schnitten dem Kchlein den Hals durch und suchten dann
die Zeichen. Darauf schlachteten sie den Hahn als Speise fr Gtter
und Menschen. Sind die Vorzeichen bei dem ersten Kchlein nicht
befriedigend, so werden andere gettet, bis die Omina gnstig sind.

Die Opferspeise wurde den Geistern gelegentlich des _ngajo_ auf
besondere Weise angeboten, so wie es nach grossen Expeditionen blich
ist. Alle Familien flochten aus Bambus einen Rahmen von 2 1/2 dm
Seitenlnge. An die 4 Ecken des Rahmens wurden Schnre befestigt und
an einen Stock gebunden und darauf Kopf, Schwanz und Fsse des Hahnes
unten an den Rahmen gehngt. Der Reis, das Huhn und das Blut wurden
zwischen 8 Bananenbltter gelegt, zu einer _kawit_ zusammengerollt und
mit einem Bambus auf den Rahmen festgesteckt. Das Ganze stellte also,
wie am Mendalam, eine _blaka ajo_ dar (T. I p. 126). Nachdem gegen
Abend alles bereit war, hing man alle _blaka_ unter Kriegsrufen und
Schlgen auf die Gonge oben in der Galerie auf.

Die an der Kopfjagd Beteiligten durften jetzt wieder Hhnerfleisch
geniessen.

Nicht nur die Geister, sondern auch die Schwerter, Speere, Schilde,
Gonge u.s.w. wurden gespeist, um sie gnstig zu stimmen und ihre _amei_
(Vater), _inei_ (Mutter) und _harin_ (Blutsverwandten) dazu zu bewegen;
zu den Kajan zu kommen. Die Sklaven boten ihre _kawit_ dem Schwerte
des Huptlings an.

Abends bemerkte ich, dass man auch den Schdeln Speise in
Bananenblttern angeboten hatte. Mit einem der Schdel wurde wiederum
eine Zeremonie vorgenommen. Alle Teilnehmer, auch der Huptling,
legten ihre schnste Kriegskleidung an und berhrten wiederum mit
Schwert und Speer den Schdel, worauf der lteste und angesehenste
Mantri des Stammes eine _mela_ mit ihnen vornahm, indem er die
Mnner mit Blttern, die er in Schweine- und Hhnerblut getaucht
hatte, bestrich. Die Betreffenden mussten whrend der Zeremonie
den einen Fuss auf einen alten Gong setzen. _Kwing Irang_ in seinem
malerischen Kostm mit Kriegsmantel, grosser, mit _tingang_-Federn
verzierter Kriegsmtze und schnem Schild mit Haarschmuck wurde als
erster behandelt. Der tiefe Ernst auf den Gesichtern, die feierliche
Stille in der grossen, schwach beleuchteten _awa_ wirkten ergreifend,
und die Krieger, die zu vieren gleichzeitig vortraten, bildeten im
schrge einfallenden Schein der Fackeln phantastische Gruppen.

Bei der Angst der Mnner vor den Schdeln und den aufgerufenen
Geistern liess sich ihre Gemtsverfassung begreifen, ebenso, dass
sie zur Beruhigung ihrer Seele eine ernste _mela_ ntig hatten.

Nach beendeter Zeremonie betraten immer mehr Menschen die _awa_, alle
so schn gekleidet, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Es sollte
nmlich ein allgemeiner Tanz, _ngarang_, stattfinden, der erste seit
vielen Jahren, da die Kajan nach der Brandschatzung ihres Dorfes im
Jahre 1885 noch keine so grosse _awa_ besessen hatten. Nun war die 11
 25 m grosse Galerie voll von Leuten, die in zwei grossen Kreisen am
Tanze teilnahmen. Die Mnner in Kriegsrstung, die Frauen und Kinder in
Festkleidung, fgten sich alle frhlich und voller Eifer in den Reigen,
der unter den Tnen der Gonge bis zum anderen Morgen fortgesetzt wurde.

Nach einer mehrstndigen Rast begaben sich die Mnner gegen Mittag
in 12 Bten ans andere Ufer, wo sie sich in malerischen Gruppen auf
der Gerllbank und den Felsen lagerten. Jeder warf etwas Reis und
Fischfleisch in den Fluss und ass selbst etwas davon. Hiermit war das
_ngajo_ beendet. _Kwing Irang_ wollte jedoch jetzt, wo er nach dem
Einzug ins neue Haus an eine Reise mit uns zur Kste denken durfte,
die Gelegenheit bentzen, um ein Vorzeichen fr das Unternehmen zu
suchen. Er nahm daher einen Flusskrebs in die Hand, erklrte dem Tier
den Zweck der Probe und setzte es dann ein Stck weit in ein mit einem
Spalt zum Beobachten versehenes Bambusrohr. Kroch das Tier zum langen
Ende des Bambus, so war das Omen gnstig, im entgegengesetzten Fall
aber ungnstig. Zum Glck whlte der Krebs das lange Ende.

Nach der Heimkehr richtete jeder Festteilnehmer am Ufer vor dem Hause
einen zugespitzten Pfahl auf und damit war das Fest beendet. Die
Schdel wurden nicht in der _awa_, sondern unter dem grossen Hause
aufgehngt.

Die Huser der Freien werden auf die gleiche Art wie die der
Huptlinge gebaut, nur ist das verwendete Material leichter und die
Einrichtung einfacher. Das auf Taf. 37 und 1-8 als Beispiel abgebildete
_panjin_-Haus hatte eine etwa 8 m tiefe und 8.5 m breite _amin_,
whrend die _awa_ gleich breit aber weniger tief war. Betrachten
wir zuerst den Querschnitt, dann die Seitenansicht und den Grundriss
dieses Hauses.

Der Querschnitt fllt mit der Richtung des Dachfirstes zusammen und
schneidet den Grundriss c der Wohnung ber die Linie 1-2. Er zeigt,
dass die Konstruktion der _panjin_-Huser mit der der Huptlingshuser
bereinstimmt, dass sie jedoch in diesem Fall einfacher ist.

Das Gebude wird getragen von den Eisenholzpfhlen (h, _djehe_),
welche die _aling_ g untersttzen. Auf diesen ruht eine doppelte Reihe
von Balken r und s, welch letztere als Unterlage fr die eigentlichen
Fussbodenbretter v dient. Die Diele zeigt von rechts nach links erst
den Querschnitt der Bretter vor dem Eingang zur _awa_ (a auf dem
Grundriss C), dann derjenigen vor dem Herdplatz, welche etwas hher
liegen und schliesslich der viel hheren Bretter vor der Aussenwand,
vor der die Schlafrume c_2_ und c_3_ liegen.

Die Dachkonstruktion is derjenigen von _Kwing Irangs_ Hause sehr
hnlich. Rechts wird der Firstbalken von dem hohen Eisenholzpfahl
h getragen, links von dem Eisenholzbalken u, der mit seinem
zugespitzten Unterende in dem horizontalen _penjapai_ r eine Sttze
findet. Ausserdem ruht der Firstbalken auf einem Holzgitter, das von
dem Mittelbalken t gesttzt wird. Getragen wird dieser Balken von den
_walang bahi-u_ j und an der linken Seite berdies von dem Balken,
an dem das kleine dreieckige Dach o und u befestigt ist. Auch hier
sind die verschiedenen Teile entweder ineinander gefgt und mit
Rotang gebunden oder mit Holzstiften befestigt, wie sie am Balken t
zu sehen sind.

Die Seitenansicht (A Taf. 37) dieses Hauses zeigt nicht nur seine
innere Anlage von vorn nach hinten, sondern auch den Bau der freien
Seite, da ich als Beispiel das letzte Familienhaus der langen Huser
reihe gewhlt habe, um die Konstruktion der Seitenwand vorfhren zu
knnen. Rechts auf der Zeichnung sieht man, dass die ganze hintere
Haushlfte bei der _amin_ mit Brettern i verschalt ist, die beinahe bis
zu den _balang bahi-u_ j reichen und an einem Holzgitter k befestigt
sind, das durch die Sttzbalken der _walang bahi-u_ und des Daches
gesttzt wird. Die Galerie ist seitlich durch keine Wand abgeschlossen;
wie die Treppe 1 andeutet, dient ihre hintere Hlfte als Eingang,
die vordere ist, wie auch die Vorderseite des ganzen Hauses, durch
ein offenes Holzgitter abgeschlossen.

ber der Seitenwand liegt das dreieckige Dach, das aus oben
zusammenlaufenden Sparren o besteht, die hier nur in der linken
Hlfte gezeichnet sind und, wie auch an der Vorder- und Hinterseite,
mit vielen Reihen von Schindeln n (_kepang_) bedeckt sind. Auch
die _panjin_ whlen fr diese in der Regel das gut spaltbare
Tengkawang-Holz. Angegeben ist ferner noch, wie das Seitendach an
der Berhrungslinie mit dem Vorder- und Hinterdach durch eine Reihe
schrg angebrachter Schindeln p geschtzt wird.

Ein Blick auf den Grundriss C orientiert uns ber den Bau dieses
Hauses in horizontaler Ausdehnung.

Von der _awa_ gelangt man ber eine geschnitzte Trschwelle a in einen
Raum, der rechts durch eine Wand vom Herdplatz geschieden ist und
gradeaus durch die Vorderwand einer Schlafkammer c begrenzt wird. Der
mittlere Raum der _awa_ ist viereckig, an allen Seiten von einem um 1
Fuss erhhten, beinahe 2 m breiten Fussboden eingeschlossen. In den
Ecken finden sich auf letzterem Kammern, c, c_2_ und c_3_; in denen
die Familienglieder schlafen oder ihre Sachen aufbewahren. Zwischen
der Tr und dem Schlafplatz c_3_ in der rechten Ecke befinden sich,
durch Wnde voneinander getrennt, der Herdplatz und eine Vorratskammer
b mit oder ohne Tr. Rechts, unmittelbar neben der Eingangstr,
stehen gewhnlich die Bambusgefsse mit Wasser.

Bei der _awa_ sind auch die beiden grossen Pfhle d im Durchschnitt
angegeben; sie untersttzen die Vorderenden der _walang bahi-u_ auf
dieselbe Weise wie bei _Kwing Irangs_ Hause. Die Pfhle d scheiden,
wie in der Galerie des Huptlings, den hinteren Teil der _awa_,
der als Durchgang fr den ganzen Stamm dient, von dem vorderen, den
die Familie als Arbeitsplatz bentzt. Auf dem Grundriss ist nur der
hintere Teil der _awa_ gedielt gezeichnet, auf dem vorderen sind die
Bretter zum Teil weggelassen, so dass man von oben auf die _dorng
e_ und die _penjapai_ f sieht. Auch die hier in der Regel kleinen,
aber sehr festen _aling_ g aus Eisenholz mit den zugehrigen _djehe_
h, ebenfalls aus Eisenholz, sind angegeben.

Die innere Einrichtung der _amin_ lernt man am besten durch eine
Betrachtung der beiden Tafeln 39 und 40 kennen. Erstere zeigt deutlich
den Bau des Herdes. In der dunklen Ecke des Hintergrundes befindet sich
die Eingangstr, links von ihr die erhhte Diele mit der Bretterwand,
an welcher ein Schild und ein Sonnenhut hngen. Die Hinterwand dieser
Kammer ist mit aufgerollten Palmblattscken verziert. Links oben hngt
ein Fischnetz und eine Rotangmtze. Rechts von der Tr sieht man eine
Bretterwand und dann den Herd nebst den Regalen mit Brennholz und
Kchenvorrten, die hier durch den Rauch getrocknet und konserviert
werden. An der Bretterwand hngt ein Bambusgestell mit europischen
Tellern und darber wieder ein aufgerolltes Wurfnetz, unter welchem
die Kette (_awit_) deutlich zu sehen ist. Gut sichtbar ist ferner
die erhhte Diele vor dem Herde und auf diesem die Dreifsse und
das eiserne Kochgefss. Der Mitte zu liegen Rotangmatten auf der
Diele ausgebreitet. Taf. 40 giebt die andere Hlfte derselben _amin_
wieder. Hier sehen wir links die Fortsetzung der Kchenregale, dann
nach rechts zu einen Vorratsraum mit einem Reiskorbe unten und darber
Regalen. In der Ecke befindet sich eine halbgeschlossene Schlafkammer,
in der das in eine Matte gerollte Kissen (_hlen_) liegt. Die Wand ist
auch hier mit Palmblattmatten verziert und mit allerhand Gegenstnden
behngt. Die rechte Hlfte des Bildes zeigt die linke Seitenwand des
Hauses, lngs welcher die erhhte, mit einer grossen Rotangmatte
bedeckte Diele luft. Den Reichtum des Besitzers dieser _amin_,
des alten Oberpriesters _Bo Jok_, beweist die Reihe schner, wenn
auch neurer _tempajan_, die hauptschlich zur Aufbewahrung von Reis
dienen. Links von den _tempajan_ stehen zwei _ingan dawan_ (Krbe),
welche den Hausschatz enthalten. Um sie beim ersten Alarmzeichen
in Sicherheit bringen zu knnen, stehen sie in _kiang_, Tragbutten
(Siehe Taf. 54 a). Auf die _ingan_ sind zwei Gonge gebunden, wie sie
bei religisen Zeremonien von den Priestern bentzt werden. Rechts von
den _tempajan_ steht ebenfalls ein _ingan dawan_, aber ohne _kiang_
und zu beiden Seiten _psau_, Tragkrbe aus Rotang, voller aufgerollter
Matten (_samit_).

An der Holzwand, an welcher die mit einem Dechsel bearbeiteten Bretter
zu unterscheiden sind, hngen Schwerter, eine dicke Kriegsjacke
und eine Sitzmatte (_tabin_) fr Mnner. ber dem allem ein Regal
aus dnnen, runden Stcken, auf dem Matten und Krbe aufbewahrt
werden. Rechts in der Ecke hngen von der Decke wieder Kriegsmtzen
mit Federschmuck herab.

Von dem Bau der Mittelwand und der Eingangstr (_betaman_) macht
man sich am besten nach Tafel 28 eine Vorstellung. Die bereinander
greifenden Wandbretter sind mit Rotang aneinander gebunden und
stehen auch hier auf einer horizontalen Planke, welche als Getfel
dient. Bemerkenswert ist die Umrahmung von Tr und Schwelle, die ganz
aus hbsch geschnitzten Figuren besteht, denen das Genitalmotiv zu
Grunde liegt. Die an die Wand gelehnten Bambusgefsse dienen, um das
Schweinefutter nach unten zu tragen.

Beim Einzug eines _panjin_ in seine neue Wohnung begeben sich alle
Familienglieder, die wertvollsten _ingan dawan_ auf dem Rcken,
unter Beckenschlag in die _amin aja_ und tun, als ob sie das gute
Vorzeichen, das der Huptling seinerzeit fr sein eigenes Haus
gesucht hatte, mitnhmen. Nachdem sie in der eigenen _amin_ etwas
gegessen haben, holen sie aus derselben Grube, welche der Huptling
gegraben hatte, Erde fr den Herd. Das erste Feuer wird aus der _amin
aja_ herbergebracht; es darf zwei Tage lang nicht ausgehen. Dicht
neben ihrem Wohnhause bauen die Bahau und Kenja kleine Scheunen
(_lepo parei_) zur Aufbewahrung von Reis und Wertgegenstnden. Diese
Scheunen stehen ebenfalls auf Pfhlen, welche zum Schutz gegen Muse
und Ratten auf halber Hhe oft grosse Holzscheiben durchsetzen oder
mit Blech beschlagen werden. Die Pfhle sind weniger hoch als die
der Wohnhuser und die Bodenflche der Scheunen selbst betrgt meist
nicht ber 4-5 qm. Die Scheunen werden aus dem gleichen Material wie
die Huser gebaut. Der gerade First wird nur von den Huptlingen an
den beiden Enden mit _bang pakat_ verziert.

ber den Huserbau der Kenja, der in mancher Hinsicht von dem der Bahau
abweicht, soll bei spterer Gelegenheit noch einiges berichtet werden.





KAPITEL VIII.

    Charakter der Industrie bei den Bahau und Kenja--Herstellung
    von Kleidung: Spinnerei-, Weberei; Verzierung durch Figuren,
    Stickereien, Knpfarbeiten; Baumbastkleidung--Schmieden:
    Werkzeuge--Eisengewinnung; Herstellung von Arbeitsgertschaften,
    Lanzen, Schwertern; Verzierung der Schwerter--Schnitzerei:
    Griffe und Scheidend Holz- und Bambusschnitzerei--Flechterei:
    Zubereitung von Rotang, _kebalan, tika, samit_;
    Flechten von Krben, Matten, Hten; Flechtarbeit fr
    Waffen--Tpferei--Bootsbau: Wahl und Behandlung des Materials;
    Roharbeit; Endbehandlung--Kalkbrennerei--Herstellung von Schmuck
    aus Steinen und Perlen: Wert der Perlen, ihre Herkunft, Verwendung;
    Rolle der Perlen in der Kulturgeschichte.


Die Industrie trgt bei den Bahau- und Kenjastmmen vllig den
Charakter einer Hausindustrie. Jede Familie stellt nur fr sich
selbst oder ihre unmittelbare Umgebung die erforderlichen Gegenstnde
her. Dass jemand mit einer grossen Anzahl Gehilfen arbeitet, kommt
denn auch nicht vor; hchstens hlt sich ein Schmied einen Knecht,
der ihm regelmssig hilft; aber auch Meister und Knecht ben ihr
Handwerk nur neben dem Landbau aus, der hufig auch bei ihnen die
Hauptsache bleibt. Von Grossindustrie ist also keine Rede, und bei
der Beurteilung des auf diese Weise Produzierten muss bercksichtigt
werden; dass die Arbeit nicht von Personen geleistet wird, die sich
ihr ausschliesslich widmen, wie in der europischen Industrie. Den
eingeborenen Handwerkern fehlt daher die durch stndige Herstellung
gleicher Gegenstnde erworbene Fertigkeit. Ferner arbeiten sie mit
mangelhaften Hilfsmitteln und werden durch ihre einfachen und rmlichen
Verhltnisse gezwungen, billiges Material zu verwenden. Sowohl Bahau
als Kenja verarbeiten denn auch selbst kein Silber oder Gold; was
an Zierraten aus diesen Metallen in ihrem Lande verfertigt wird,
stammt von Malaien her.

Ein anderer auf den Fortschritt lhmend wirkender Umstand ist, dass
in den verschiedenen Industriezweigen kein Unterricht erteilt wird,
sondern jeder Anfnger selbst in mehreren Fchern bung zu erlangen
suchen muss; hchstens bietet sich ihm Gelegenheit, von einem anderen
Handwerker die Arbeit abzusehen oder ihm bei derselben zu helfen.

Fhlt sich jemand zu einem bestimmten Fach hingezogen, so verhindern
ihn oft die Sorgen um seinen und seiner Familie Unterhalt, seiner
Neigung Folge zu leisten.

Da jeder die meisten zum Leben erforderlichen Dinge selbst herstellt
und die Ausbung eines bestimmten Handwerks keinen eintrglichen
Erwerb bildet, wird ein eingeborener Fachmann nicht, wie bisweilen
ein europischer, gerade durch Sorge und Not zu den hchsten
Leistungen angeregt; die besten Produkte werden im Gegenteil von
Gliedern wohlhabender Huptlingsfamilien oder Freien hervorgebracht;
Unbemittelte dagegen leisten nur selten etwas Besonderes.

Ein Vorteil fr die dajakische Industrie liegt darin, dass ihr ganzes
knstlerisches Knnen und ihr Geschmack sich auf das Gebiet des
Handwerks konzentrieren, da bei ihnen nicht, wie in hherstehenden
Gemeinwesen, eine bestimmte Kunst, wie z.B. die Bildhauerkunst
oder Malerei, vorhanden ist, die nur der Kunst halber Gegenstnde
hervorbringt. Die Industrie der Bewohner Borneos kann, trotz der
bescheidenen Grenzen, innerhalb welcher sie sich bewegt, in einigen
Zweigen als Kunstindustrie bezeichnet werden. Mit der reinen Kunst
entwickelterer Vlker steht diese sogar in engem Zusammenhang.

Dass unter den oben geschilderten Umstnden die Industrie der
Dajak nicht zur vollen Ausbildung hat gelangen knnen, vielmehr das
Kennzeichen einer beschrnkten, Umgebung trgt, ist also begreiflich;
immerhin sind ihre Leistungen noch so bedeutend und umfassend, dass
jedes Fach im folgenden eine eingehende Betrachtung verdient. Alles,
was sich speziell auf das Kunstgebiet bezieht, wie z.B. die Erklrung
der dajakischen Verzierungsmotive, wird im folgenden Kapitel gesondert
behandelt werden.

Von allen Industriezweigen ist die Bekleidungsindustrie fr die
Bevlkerung Mittel-Borneos die wichtigste. Nach den noch aus alten
Zeiten erhalten gebliebenen Kleidungsstcken zu urteilen, haben die
Dajak diese ursprnglich hauptschlich aus Baumbast verfertigt und ist
die Weberei erst spter bei ihnen eingefhrt worden. Zu dieser Ansicht
fhrte mich vor allem die Tatsache, dass bei fast allen Stmmen fr
die Weberei dieselben beschrnkenden Bestimmungen zu finden sind,
die fr alles Fremdlndische zu gelten pflegen: so darf bei den zu
den Ot-Danum gehrenden Ulu-Ajar am Mandai nicht im Hause selbst,
sondern nur in besonders zu diesem Zwecke errichteten Htten gewebt
werden; derselbe Brauch herrscht bei den Kenja. Bei den Kajan am
Blu-u ist den Priesterinnen das Weben verboten, und so bestehen
noch mehr derartiger Vorschriften. Doch muss die Webekunst bereits
vor langer Zeit in Mittel-Borneo eingefhrt worden sein, denn bei
einigen Stmmen ist sie schon wieder verschwunden. Letzteres hngt
mit der auch in so mancher anderen Hinsicht auf die inlndische Kultur
zersetzend wirkenden Berhrung mit der Kstenbevlkerung zusammen. Die
Herstellung eins Stoffes kostet nmlich Mnnern und Frauen viele
Arbeit, da sie auch das erforderliche Material erst anbauen (Baumwolle
und Ananasfasern) oder im Walde suchen mssen (Lianenfasern). Dann
muss dieses zu Fden verarbeitet, gesponnen oder aneinandergeknpft
und schliesslich gewebt werden. Alle diese auf primitive Weise
vorgenommenen Prozeduren erfordern viel Zeit und Mhe. Infolgedessen
bevorzugen die Eingeborenen den bei ihnen eingefhrten europischen
Kattun, der nicht teuer und nach ihrer Ansicht schn bedruckt ist,
und verfertigen das eigene Fabrikat nur noch fr starke grobe Kleidung;
in den reichen Familien wird auch noch zum Luxus gewebt.

Weniger als die eigengewebten Stoffe sind die aus Baumbast durch
europische Produkte verdrngt worden, weil die Baumbastkleidung viel
mheloser herzustellen und dabei dauerhaft ist.

Augenblicklich weben von den Stmmen der Bahau und Kenja nur noch
diejenigen, die in zu grosser Entfernung von der Kste leben, um sich
in billiger und gengender Weise mit eingefhrten Zeugen versehen zu
knnen. So weben hauptschlich die Frauen der Kajan und Pnihing am
oberen Mahakam und die der Kenja in Apu Kajan. Die sdlicher wohnenden
und berdies reicheren Long-Glat und Ma-Suling betreiben die Weberei
jetzt berhaupt nicht mehr, doch liessen sie mich noch alte Webereien
ihrer Vorfahren sehen, wie sie auch die Bahaustmme am oberen Kapuas
noch aufweisen konnten.

Die Dajak verwenden zum Weben folgendes Material: zwei Arten von
selbstgebauter Baumwolle; Ananasfasern, die man erhlt, indem
man von langen Blttern auf hierfr bestimmten Brettern (Taf. 61,
c) mit scharfen Bambussphnen die weichen Teile fortkratzt, die
brigbleibenden Fasern aussplt, trocknet und in der Sonne bleicht;
eine Art von Lianenfasern, die man _tengang_ nennt und vor allem fr
Stricke und Netze gebraucht und endlich 3 Arten von Baumbast _kedeob,
negong_ und _damei_, die sich nach dem Auswaschen und Trocknen zu
langen Fden spalten lassen. Der _tengang_ besteht aus dem Stamm
einer Liane, die sich nach dem Trocknen auch mit den Fingern leicht
in lange feine Fasern spalten lsst. Die Baumbastfasern werden nicht
wie die des _tengang_ zu Fden zusammengedreht, sondern aneinander
geknpft und dann nicht als Einschlag, sondern nur als Kette bentzt;
zu ersterem wird dann Baumwolle oder _tengang_ verwendet.

Die Pnihingfrauen am Mahakam wussten sich auf besondere Weise
dunkelblaue Baumwollfden zu verschaffen. Sie kauften eine Art von
lose gewebtem dunkelblauem Kattun, der fr weiche Lendentcher bei
ihnen eingefhrt wird, zogen aus dem Zeug die Fden aus und verwebten
diese dann zu ihren eigenen Stoffen.

Das Spinnen der Baumwollfden geschieht mittelst Stbchen, welche auf
die in der oberen Abbildung von Taf. 45 dargestellte Weise gehandhabt
werden. Die Frau rechts hlt in der rechten Hand die Baumwolle,
whrend sie mit der linken das mit einer schweren Scheibe aus Stein,
Muschel oder Baumfrucht versehene und auf einer harten glatten
Unterlage ruhende Stbchen zum Drehen bringt. Die Feinheit des so
hergestellten Fadens ist sehr verschieden und hngt hauptschlich
von der Geschicklichkeit der Spinnerin ab.

Die Frau links auf dem Bilde dreht aus den Fasern von _tengang_
einen Faden. Die hierfr gebruchlichen Faserstcke sind etwa 3-4 dm
lang und werden zu zweien derart zusammengedreht, dass ihre Enden auf
verschiedener Hhe liegen. Die Fasern werden auf bestimmte Weise mit
dem Ballen der Hand auf dem blossen Bein gerieben und so zu einem
sehr gleichmssigen Faden vereinigt, der durch Hinzufgung neuer
Faserstcke stets verlngert wird.

Frher war auch das Frben von Baumwolle sehr im Schwange; man
frbte sie braun, indem man die Fden im Morast liegen liess,
rot durch Eintauchen in Drachenblut, grn durch Kochen in dem
grnen Farbstoff einer Liane. Gegenwrtig finden die von den Malaien
vielfach eingefhrten Anilinfarbstoffe mit ihrem sehr lebhaften Kolorit
allgemeine Verwendung. Bei den Bahau und Kenja sah ich nie die Methode
des _ikat_, der Knotenfrberei, anwenden, d.h. das Bedecken gewisser
Teile der zu frbenden Fden mittelst Pflanzenfasern, wohl aber unter
den Batang-Luparstmmen und Ot-Danum. Ein einfaches Tuch, das ich bei
den Mahakamkajan kaufte, war allerdings mit Anwendung der Bindemethode
gefrbt worden, doch ist seine Herkunft unsicher.

Das Weben geschieht bei den Dajak nach der auf Taf. 42 dargestellten
Weise mit dem gewhnlichen, einfachen Apparat, der im indischen
Archipel sehr verbreitet ist. Mit diesem Webstuhl stellen sie nur
einfache Arten von Zeug her. Das Weben in Mustern verstehen sie nicht,
sie knnen nur Rauten herstellen, die in allerhand Variationen bei den
verschiedenen Stmmen wiederkehren. Eine Abwechslung im Gewebe rufen
sie hauptschlich dadurch hervor, dass sie die Fden der Kette in Farbe
und Material ndern, ein Verfahren, das als Beginn einer Figurenweberei
betrachtet werden kann. Die so gewebten Zeugstcke sind so schmal,
dass fr einen Frauenrock zwei bereinander genht werden mssen.

Das Spinnen und Weben wird von den Bahau als eine ausschliesslich
weibliche Arbeit aufgefasst; die Mnner frchten, bereits durch
die Berhrung eines Webstuhls an ihrer Mnnlichkeit einzubssen
(_takut dawi_ T. I p. 350) und sind daher zum Tragen desselben nicht
zu bewegen.

Die verschiedenen Stoffe der Dajak dienen alle zur Herstellung von
Kleidungsstcken; die aus Baumbast und Lianenfasern gewebten werden
fr Arbeitskleider gebraucht; fr Frauen verfertigt man aus ihnen
einfache Rcke (Taf. 19 T. I) und Jacken mit oder ohne rmel nach
dem Modell von Taf. 49, fr Mnner Lendentcher und die gleichen
schlichten Jacken. Die weissen und farbigen Zeuge aus Baumwolle
(_bura_) und Ananasfasern (_usan_) werden vorzugsweise fr hbsche,
bei Festen getragene Kleider verwandt.

Die Verzierung dieser Festkleider wird fr Mnner und Frauen auf
gleiche Weise vorgenommen, nmlich durch ausgeschnittene Zeugfiguren,
Stickereien und Knpfarbeit. Auf erstere Art verzierte Frauenrcke sind
auf Taf. 43 und 44 abgebildet. Die Rnder der 4 Rcke der Kajanfrauen
bestehen aus geschmackvoll ausgeschnittenen Figuren von dunklem Zeuge,
die auf weissen Kattun als Grund geheftet sind. Whrend die Borten von
a, b und c gnzlich aus Streifen solcher Figuren bestehen, sind sie
bei d in Dreieckform mit ebenfalls dreieckigen Stickereien kombiniert,
derart wie sie auf Tafel 46 abgebildet sind.

Rcke von dieser Form werden allgemein von den Kajanfrauen getragen;
die Pnihing ziehen ein verziertes Mittelfeld vor, wie Taf. 44 es in
unvollendetem Zustande darstellt. An diesem Exemplar lsst sich die
Art der Herstellung gut verfolgen: das ausgeschnittene dunkelblaue
Kattunstck ist mit Pflanzenfasern um das Figurenfeld herum auf
darunterliegenden weissen Kattun geheftet; auch die Linien der
Figuren sind zu beiden Seiten mit schwarzen, auf dem Bilde kaum
sichtbaren Fden auf die Unterlage genht. Einige Schatten auf der
linken Seite deuten darauf, dass die Figuren hier noch nicht alle
befestigt sind, wie es rechts der Fall ist. An dieser komplizierten
Figur ist die Symmetrie eine absolute; sie kam zustande, indem man
das noch unbearbeitete Zeugstck einmal zusammenfaltete, die Figuren
ausschnitt und die beiden Teile dann auseinanderschlug. Whrend das
Nhen der Rcke ausschliesslich von Frauen besorgt wird, ist das
Ausschneiden der Figuren Sache der Mnner. Diese legen das Zeug
auf eine harte Unterlage, ein Brett z.B., und schneiden dann mit
ihrem langen Messer (_nju_) die Figuren aus freier Hand aus. Dabei
gebrauchen sie keine Vorlage oder Zeichnung auf dem Zeug, sondern
schneiden nach freier Phantasie aus. Den ganzen Entwurf haben sie
augenscheinlich bereits fest im Kopfe, denn sie ziehen die Hauptlinien
schnell und ohne Zgern; die Einzelheiten des Ornaments scheinen sie
sich erst allmhlich auszudenken und erst whrend der Arbeit sorgfltig
auszuarbeiten. Dass sie spter auf die Verbesserung eventueller Fehler
nicht viel Mhe verwenden, beweisen die Fden, die an den ausgefransten
Figurenrndern noch berall zum Vorschein kommen. Die Verzierung dieses
Rockes zeugt in hohem Masse von den knstlerischen Fhigkeiten des
Pnihing, der sie zustande brachte; der Entwurf ist sehr schn und
reich kombiniert, die Gruppierung der Figuren als Mittelstck mit
zwei Seitenstcken gut gedacht. Die Anwendung einer so komplizierten
Arbeit fr einen so vergnglichen Gegenstand wie einen Rock spricht
fr die geringe Mhe, die sie dem Knstler gekostet haben muss. Das
Werk beweist zugleich eine grosse Geschicklichkeit in der Handhabung
von Linien. Die dajakische Vorliebe fr Tiermotive verleugnet sich
auch hier nicht; zu beiden Seiten des Mittelstckes erkennen wir je
zwei aufgerichtete Tierfiguren mit 4 Fssen und Schwnzen (1-8). An den
Rndern seitlich sind noch je zwei Masken wiedergegeben, wie die Augen
(g) und die stilisierten Nasenffnungen (10) beweisen (Siehe Nheres
folg. Kap.). Die Rcke der Kajanfrauen auf Taf. 43 sind alle nach
dem gleichen Prinzip zusammengesetzt: in der Mitte ein Feld (Fig. b,
4) aus einfarbigem, un- oder schwachgemustertem europischem Stoff,
womglich aus Seide, zu beiden Seiten und unten verzierte Rnder (3),
die durch Streifen von einer (bei Fig. c) oder mehreren Zeugarten
(Fig. a, b, d) vom Mittelfelde abgegrenzt werden. Eine derartige
begrenzende Borte, nur breiter, wird auch zwischen dem Felde 4 und
dem breiten oberen Rand des Rockes angebracht, der stets aus einem
Streifen von dunkelrotem Flanell oder Kattun bestehen muss. Gegenwrtig
verwendet man fr diese Borten am liebsten eingefhrte Gold- oder
Silberposamente, wie dies auch bei Fig. c der Fall ist; doch sind fr
die unteren und seitlichen noch immer am gebruchlichsten Streifen
von verschiedenfarbigem Flanell oder Kattun, die sich meistens sehr
hart neben einander ausnehmen und einen lebhaften, aber unschnen
Effekt hervorrufen. Besonders grosse Sorgfalt wird auf den breiteren,
trennenden Streifen zwischen dem Oberrand des Rockes und dem unteren
Teil verwendet. In den Figuren a und c besteht er aus einem breiten
Stck Goldposament, in b (2) und d aus einem zwar nicht hbschen,
aber doch besonderen Stoffe.

Bei den Kajan gelang es mir noch, einige alte bestickte Streifen zu
erstehen, die zu obigem Zweck, zur Trennung des Oberstreifens vom
Mittelfelde, benutzt wurden. Sie sind auf Tafel 47 unter a, b und c
abgebildet. Sie sind alle aus eingefhrtem, weissem oder schwarzem
Kattun verfertigt und mit Figuren aus bunten Fden bestickt. Wegen der
Einfuhr- von bedrucktem Kattun geben sich die Frauen jetzt jedoch nur
noch selten die Mhe, solche Streifen zu sticken. Als Verzierungsmotiv
fr die Rockrnder mit ausgeschnittenen Figuren dienen Tiere; fters
jedoch besteht der Entwurf ausschliesslich aus Linien.

Ausser den eben genannten Rndern sind auch vielfach gestickte modern,
von denen Tafel 46 einige vorfhrt. Meistens wird auf einfachen
schwarzen oder dunkelblauen Kattun gestickt, bisweilen aber auch auf
roten Flanell. Auf Tafel 41 sehen wir die Frau links damit beschftigt,
eine derartige Stickerei auf dem Zipfel eines Lendentuches anzubringen
und zwar in der charakteristischen Form spitzer Dreiecke, wie sie fr
diese Kleidungsstcke gebruchlich sind. Fr diese Stickereien werden
von den Mnnern keine Entwrfe hergestellt, sondern die Frauen fhren
die Figuren ohne vorausgehende Zeichnung whrend der Arbeit selbst aus.

Von dem Formen- und Farbensinn, den sie dabei entwickeln, Gibt
Taf. 46 einen Begriff. Fig. a muss noch lngs der die Stickerei
durchziehenden Pflanzenfaser in drei Dreiecke zerlegt werden, um dann
ebenfalls als Verzierung fr Rockrnder dienen zu knnen. Von den
Dreiecken bestehen das mittelste und das linke aus Linien figuren,
das rechte dagegen hat zum Hauptmotiv eine stilisierte Hundefigur
(1) mit nach links gewendetem Kopf, von dem ein Auge und die beiden
langen Kiefern mit der Zunge dazwischen am besten erkennbar sind;
die brigen Krperformen, wie Hals, Leib, Beine und Schwanz sind in
gefllig gebogenen Linien ausgefhrt.

Rand b bildet ein fast vllig aus dekorativen Linien zusammengestelltes
Ganzes, nur links und rechts (bei 2) sind Vogelfiguren mit nach aussen
gewendeten Kpfen angebracht. Die schwarz und weiss gestreiften
Schwnze deuten einen Nashornvogel an. Dasselbe gilt fr Rand c,
bei dem sich zwischen zierlichen Linienfiguren 3 Vogelformen (bei 3)
unterscheiden lassen. Rand d ist nur halb ausgearbeitet und trgt
erst ein stark verziertes mittleres Dreieck.

In gleichem Charakter ausgefhrte Stickereien, aber, anstatt auf
den Rndern, im Mittelfelde des Rockes, sind bei den Long-Glat im
Schwange. Einen derartigen Rock trgt die mittelste Frau auf Tafel 8;
dies ist _Kwing Irangs_ zweite Frau, _Uniang Anja_, eine Long-Glat von
Geburt. Die Hauptfiguren dieser Stickerei bestehen aus 6 Hundekrpern
mit zur Mitte gekehrten Kpfen, welche je zu dreien ber einander zu
beiden Seiten angebracht sind. Im Gegensatz zu _Uniang_ hat _Kehad
Hiang_, die rechts auf dem Bilde steht, einen Rock an, bei dem nach
Kajanart nicht das Mittelfeld, sonder die Rnder bestickt sind.

Eine andere Art von Stickerei ist auf Tafel 47 an dem oberen Rande von
Fig. d in 1 und an e in 3 zu sehen. Diese schmalen Streifen werden
von den Frauen entweder als selbstndige Verzierung oder, wie hier,
in Verbindung mit einer weiter unten zu besprechenden Borte auf Jacken
gestickt. Das Material besteht aus verschiedenfarbiger, eingefhrter,
dnner Baumwolle und auch der Stoff der Jacken ist hufig fremdes
Fabrikat. Die mit sehr langen Kreuzstichen gearbeitete Stickerei
ist nur dadurch beachtenswert, dass die Knstlerin sich bemht,
beim Durchstechen an der Rckseite des Zeuges von den Fden so wenig
als mglich sehen zu lassen, was ihr sogar auch bei dnnem Kattun
merkwrdig gut gelingt. Ich glaube diese eigentmliche Nhweise darauf
zurckfhren zu mssen, dass auf diese Art frher und auch jetzt noch
gelegentlich auf Baumbast gestickt wird, wobei die Fden ebenfalls
nicht bis auf die Innenseite durchgezogen werden drfen. Ein bei der
Dicke des Baumbastes sehr einfaches Verfahren erfordert jedoch bei
dnnem Kattun grosse Geschicklichkeit.

An die eben beschriebenen Streifen auf Taf. 47 schliessen sich die oben
schon erwhnten Rnder an, die auf ganz besondere Weise hergestellt
werden und am besten vielleicht als Knpfarbeit (_serawang_) zu
benennen sind. Das mit a bezeichnete Stck in Fig. d stellt einen
Teil eines solchen Randes dar; er ist vllig ausgefhrt und dient als
untere Verzierung einer Kattunjacke. Der bei 4 in Fig. e abgebildete
zweite derartige Rand ist noch unvollendet und daher geeignet, uns
eine Vorstellung von der Entstehung dieser Knpfarbeit zu geben.

Die Frauen arbeiten von rechts nach links mittelst eines Fadenbndels,
das aus ebensovielen Fden besteht als im Muster Farben vorkommen,
hier also 5, und aus einer etwas dickeren Schnur. Den roten Faden, der
z.B. auf dem Muster sichtbar werden soll, fdelt sie in eine Nadel und,
indem sie mit der linken Hand die brigen Fden des Bndels festhlt,
zieht sie diesen roten Faden durch den unteren Rand der Jacke und
knpft dann mit ihm um das Bndel eine Schlinge, wodurch dieses an den
Jackenrand fest angenht wird; dann fhrt sie fort, immer von rechts
nach links so viele rote Schlingen um das Fadenbndel und durch den
Jackenrand zu ziehen, als die Breite der roten Farbe im Muster sie
erfordern. Fr die links folgende Farbe, z.B. weiss, sucht sie den
weissen Faden aus dem Bndel hervor, fdelt ihn durch die Nadel und
knpft wiederum die erforderliche Anzahl weisser Schlingen durch das
Zeug des Jackenrandes und um das Fadenbndel. Indem sie so fortfhrt,
entsteht unten um den ganzen Jackenrand ein Streifen in den gewnschten
Farben und von der Dicke des umknpften Bndels der farbigen Fden;
unter diesem bringt sie nun ein zweites Fadenbndel an, indem sie
auf die oben geschilderte Weise in den vom Muster vorgeschriebenen
Farben eine neue Reihe von Schlingen knpft. Die Nadel steckt sie
aber diesmal natrlich nicht durch den Zeugrand der Jacke, sondern
durch den untersten Rand des ersten Bndels. Die in jedem Fadenbndel
steckende Schnur dient erstens dazu, dieses zu verdicken, zweitens
um dem Knpfwerk, dessen Schlingen nur schwer dicht genug aneinander
gebracht werden knnen, durch nachtrgliches Anziehen die ntige
Festigkeit zu verleihen. Ein solches Bndel wird stets nicht auf einmal
lngs des ganzen Jackenrandes ausgearbeitet, sondern, sobald die Frau
ein Stck weit gekommen ist, beginnt sie stets wieder eine neue Reihe
von Bndeln untereinander anzubringen. In diesem Stadium sehen wir
den unvollendeten Rand von 4 in Fig. e. Hier ist der oberste Teil
bereits fertig geknpft, der unterste jedoch nur so weit gefrdert,
als die Fadenbndel 5-11 angeben; von diesen liegt 5 am hchsten,
6 darunter u.s.f. Soll an diesem Rand weiter gearbeitet werden, so
beginnt man damit, den braunen Faden von Bndel 5 in eine Nadel zu
fdeln, diese durch den vollendeten unteren Rand der Borte zu stecken
und nun so viele Schlingen um Bndel 5 zu knpfen, als die Breite der
braunen Farbe sie erfordert. Dann vertauscht man den braunen Faden
mit dem grnen und gebraucht diesen nun auf dieselbe Weise, bis die
rote Farbe sichtbar werden muss u.s.w. Nach derselben Methode wird
spter Bndel 6 unter 5 befestigt und ferner 7, 8, 9, 10, 11, wodurch
der Rand um die Dicke von 7 Bndeln breiter geworden ist. Whrend der
Arbeit wird die Schnur im Bndel immer wieder straff angezogen. Eine
derartig gearbeitete Borte ist usserst fest und dauerhaft, obgleich
die einzelnen Bndel nicht auf eine Unterlage von Zeug, sondern nur
aneinander geknpft worden sind.

Da das Knpfen viel Zeit und grosse bung heischt, sind solche Rnder
sehr wertvoll und nur selten kuflich. Ich sah diese Verzierungsmethode
ausschliesslich bei Jacken anwenden. Dagegen wird eine andere Art von
Knpfarbeit, nicht mit bunten, sondern mit weissen Fden, auch lngs
den Zipfeln von Lendentchern angebracht. Hierbei bentzt man die
frei hngenden weissen Fden von der Kette des selbst verfertigten
Baumwollstoffes, um sie in hbschen, den europischen hnlichen
Mustern zu knpfen.

Ausser aus selbstgewebten und eingefhrten Stoffen verfertigen
die Bahau ihre Kleidung, wie gesagt, auch aus Baumbast (_kapuwa,
njamau_), dessen Zubereitung bereits in Teil I p. 222 beschrieben
worden ist. Tafel 48 giebt eine Vorstellung von der Behandlung des
Baumbastes; der Mann rechts lst den Bast von einem Stamm, indem er
auf dessen Aussenseite schlgt, wodurch die Verbindung der Bastteile
mit dem darunter liegenden Holz zerstrt wird. Nachdem auch die Rinde
von dem Bast geschieden worden ist, rollt man diesen auf, klopft ihn
mrbe und verbreitert ihn, wie es der Mann links tut, durch Klopfen
mit einem gekerbten Stck Holz. Ein derartiger Klopfer, auf Tafel 62
bei i abgebildet, hat bei allen Stmmen die gleiche Form.

Ungefhr zehn in Farbe und Feinheit der Fasern voneinander deutlich
verschiedene Arten von Baumrinde werden fr die Herstellung von
Kleidern verwendet. Besonders schnen Bast liefert Antiaris toxicaria,
nmlich ganz weissen, feinfaserigen, der berdies in grossen, breiten
Lappen erhalten werden kann, was mit anderem weissem Bast nicht der
Fall ist. Die schmalen Arten gebraucht man meistens zu Kopfbinden,
den breiten Bast von Antianis, am Mahakam _njamau tatjem_, am Kapuas
_kapuwa tasem_ genannt, meist fr hbsche Jacken, wie Tafel 49 oder fr
Kriegsmntel, wie Taf. 50 sie vorfhren. Die meisten Baumbastsorten
sind jedoch mehr oder weniger von dunkel brauner Farbe und werden
weniger, wie die weissen, fr Fest- als fr Arbeits- und Trauerkleider
verwendet.

Fr den tglichen Gebrauch ist Bast besonders geeignet, weil er billig
und dauerhaft ist und berdies auch bei lngerem Tragen nicht die
schmutzige Farbe annimmt, die weissem Kattun bald eigen ist, da die
Kleider der Bahau wohl ausgesplt, aber nicht mit Seife gewaschen
werden. Die verschiedenen Arten von Baumbast heissen am Mahakam:
1. _njamau tatjem_; 2. _njamau kehan_; 3. _njamau siken_;
4. _njamau kelop;_ 5. _njamau tekunoi_; 6. _njamau asang_;
7. _njamau puro_; 8. _njamau awong kate_; 9. _njamau ajuw_;
10. _njamau tahab_. Von diesen stammen 1-4, 6, 7, 9 und 10 von grossen
Bumen, die Rinde von 5 und 8 wird aber nicht breiter als 2 dm. In
bezug auf ihre Eigenschaften sind diese Baumbastarten sehr verschieden;
i und 8 sind nach der Bearbeitung sehr weiss und dabei stark, fr
Kleidungsstcke deshalb sehr gesucht. Die brigen sind alle braun,
zeigen aber, was Strke und Dicke der Fasern betrifft, eine grosse
Verschiedenheit. So ist 3 fr grobe Kleidung sehr beliebt. Dabei
lsst sich diese Art, was die Strke der Fasern betrifft, sogar wie
_tengang_ zur Seilerei verwenden. Diese Seile zeichnen sich durch
grosse Dauerhaftigkeit aus.

Die Baststoffe, deren Fasern alle ungefhr parallel laufen und
ausserdem durch Klopfen auseinander gedrngt werden, trennen sich beim
Gebrauch leicht vllig, ein Nachteil, dem man dadurch abzuhelfen sucht,
dass man starke Pflanzenfasern oder Schnre quer durch den Bast zieht,
wodurch den Fasern ein seitlicher Halt gegeben wird. Bei den Bahau
geschieht dies bei der Alltagskleidung auf einfache, aber oft sehr
nette Weise; das Durchsteppen hat sogar eine sehr hbsche Verzierung
der fr die Festtracht bestimmten Baststoffe veranlasst. Zwei Beispiele
hierfr sind die rmellose Jacke auf Tafel 49 und die Kriegsjacke auf
Tafel 50. Bei beiden sind die Bastfasern nicht einfach quer durchstickt
worden, sondern die Ma-Sulingfrauen haben bei diesen Jacken einen
grossen Reichtum an verschiedenartigen Stickmustern angebracht. Eine
gleiche Bewunderung verdient auch die ausserordentlich regelmssige
Arbeit, bei der noch bercksichtigt werden muss, dass das Zhlen
der Fden, ein Hilfsmittel bei gewebtem Zeug, hier fortfllt und die
Stickerin ausschliesslich auf ihr Augenmass angewiesen ist. Wie mitten
auf der Vorderseite auf Tafel 49 und in der Halsffnung auf Tafel 50
zu sehen ist, sind die Fden horizontal durch die Dicke des Bastes
gezogen worden, nur wenige kommen an der Innenseite zum Vorschein.

Die Trauerkleider aus Baumbast werden stets auf einfache Art
durchsteppt und niemals verziert; auch gebraucht man fr diese keine
hbschen weissen, sondern nur braune Bastsorten.

Bastkleider werden nicht ausschliesslich aus wenigen grossen
Stcken, sondern auch aus vielen kleinen verfertigt, indem man
diese aneinander heftet, eine Arbeit, mit der wir die Frau rechts
auf Tafel 55 beschftigt sehen. Ausser fr Kleider wird Bast auch
fr andere Artikel, wie Sckchen zur Aufbewahrung von Kleinigkeiten
u.a.m. verwendet.

Die mehr oder weniger ausgedehnte Verwendung von Baumbast zur
Kleidung und die Bewertung dieses Stoffes bei den verschiedenen
dajakischen Stmmen sind davon abhngig, ob diese sich leicht
oder schwer mit europischem Kattun versehen knnen. So ist, wie
gesagt, am Mendalam der Gebrauch von Baumbast sehr zurckgegangen,
niemand whlt ihn jetzt mehr zur Festkleidung. Da hierdurch auch eine
Verzierung dieses Stoffes mit Stickereien unmodern geworden ist, wird
auch das Sticken auf gewebten Zeugen berhaupt nicht mehr oder nur
in sehr mangelhafter Weise noch ausgefhrt. Das Gleiche ist bei den
Mahakambewohnern unterhalb der Wasserflle und den Long-Glat der Fall,
whrend die Kajan, Pnihing und Ma-Suling zur Kleidung noch vielfach
Baumbast gebrauchen, diesen noch sorgfltig bearbeiten und ihn fr
einzelne Teile der Festtracht, wie z.B. ihre grossen Kopfbinden,
dem eingefhrten Kattun sogar noch vorziehen (siehe Tafel 20).

Bei den Kenjastmmen wird Baumbast ebenfalls noch sehr viel getragen,
im Walde und auf grossen Reisen beinahe ausschliesslich.

Allen Stmmen der Bahau und Kenja ist die Schmiedekunst bekannt. Die
fr den Ackerbau, den Busch etc. notwendigen Werkzeuge verfertigen sie
selbst. Ursprnglich wendeten diese Stmme selbstgeschmolzenes Eisen
an, jetzt weit mehr aus Europa eingefhrtes. Whrend man auf Form
und Bearbeitung der tglich gebrauchten eisernen Gegenstnde nicht
viel Gewicht legt, geschieht dies in hohem Masse beim Schmieden von
Waffen, in welcher Kunst die Bahau und Kenja es sehr weit gebracht
haben und Erzeugnisse liefern, die auch bei der Kstenbevlkerung
sehr geschtzt sind.

In jeder Niederlassung sind ein bis mehrere Schmiede zu finden,
die fr die Eingesessenen alle neuen Gerte herstellen und die alten
ausbessern. Jeder Schmied besitzt eine eigene Schmiede ausserhalb des
langen Hauses, aber in dessen Nhe. Sehr einfache Schmiedearbeiten
versteht beinahe jeder Dajak selbst auszufhren, z.B. seine Ackergerte
gerade zu schlagen oder zu schrfen, eine abgebrochene Spitze zu
erneuern oder aus einem Nagel einen Angelhaken zu schmieden. Doch
wird ein Berufsschmied als etwas Besonderes angesehen und daher wie
ein echter Knstler von einem Geiste (_to temne_ = Schmiedegeist)
beseelt gedacht. Ist dies nicht der Fall, so kann er auch nichts
Hervorragendes in seinem Fach leisten. Bisweilen lsst sich eine
Person durch eine _dajung_ mit einem _to temne_ aus Apu Lagan beseelen,
ohne noch fr die Schmiedekunst besondere Anlage oder Lust zu zeigen;
dies geschieht bei jungen Mnnern whrend einer ernsten Krankheit, um
den Patienten mit Hilfe eines mchtigen Schmiedegeistes zu heilen. So
hatte man fr _Awang Kelei_, einen der beiden Kajanschmiede am Blu-u,
bereits in frher Jugend einen _to temne_ herbeigerufen und mit ihm
verbunden, weil er sehr lange an syphilitischen Ulzerationen gelitten
hatte, deren Spuren er noch spter trug. Wie alle beseelten Individuen,
mssen auch die Schmiede zu bestimmten Gelegenheiten ihrem Schutzgeist
opfern, hauptschlich bei Krankheit; sie bewahren auch stets in
ihrer Schmiede einige alte Perlen als Lockmittel fr ihren Geist,
wie die Ttowierknstlerinnen in ihrem Instrumentenkrbchen.

Die Werkstatt eines Schmieds besteht gewhnlich nur aus einem 8-10 qm
grossen Dach, das an den Ecken auf Pfhlen ruht und zu niedrig ist,
um unter ihm aufrecht stehen zu knnen. Bei den Bahau wird das Dach mit
Schindeln gedeckt und das Ganze ringsum gegen die frei umherlaufenden
Schweine mit einer Hecke umgeben.

Die Utensilien eines Schmieds sind recht primitiv; das wichtigste
Stck, der Ambos, ist ein nicht sehr grosses viereckiges Stck Eisen,
das in Holz gefasst mitten auf dem Boden steht. Das zu schmiedende
Stck Eisen wird mit einer Zange (Taf. 51 Fig. 10) festgehalten
und mit einem Hammer (Fig. 11) weiter bearbeitet. Stets befindet
sich ein Schweinetrog mit Wasser in der Nhe, zur Abkhlung oder
Hrtung des Eisens. Der Schmied gebraucht das gleiche Feuer wie der
Kalkbrenner. Die Heizung geschieht immer mit Holzkohlen, welche
die Schmiede selbst im Walde brennen. Angeblasen wird das Feuer
mittelst eines doppelten Glasbalgs, von dessen beiden Teilen jeder
so eingerichtet ist, wie der eine auf Taf. 58. Den Hauptbestandteil
bildet ein in die Erde gepflanzter ausgehhlter Baumstamm, in dem sich
ein oben mit einem elastischen Stock verbundener Sauger befindet. Wie
die Abbildung zeigt, drckt der junge Mann den Stock nach unten, um
die Luft unter dem Sauger fortzupressen, der durch die Elastizitt
des Stockes wieder hinaufgezogen wird.

Die unter dem Sauger ausgepresste Luft dringt durch eine unten am
Baumstamm befindliche ffnung in eine Abfuhrrhre aus Holz oder Bambus,
und wird von hier in ein Verlngerungsstck aus feuerfestem Lehm,
das im Feuer selbst liegt, geleitet. Der Sauger besteht aus einer
meist mit einem dichten Federkranz versehenen Holzscheibe, welche die
ffnung- verschliesst. Die beiden neben einander stehenden Luftpumpen
werden durch eine zwischen den Saugstangen sitzende Person, welche
in jeder Hand eine derselben hlt, abwechselnd in Bewegung gebracht.

Fgt man zu den oben genannten Werkzeugen noch einige selbstverfertigte
Meissel, so ist hiermit, ausser zur Herstellung besonders feiner
Gegenstnde, die ganze Ausrstung eines Bahauschmieds aufgezhlt.

Das billige und bessere europische Eisen hat, wie gesagt, das
frher ausschliesslich verwendete selbstgeschmolzene Eisen bei diesen
Stmmen verdrngt. Die am Mittellauf des Mahakam, und Kapuri lebenden
Eingeborenen haben das Schmelzen eigenen Eisens gnzlich aufgegeben;
oberhalb der Mahakamwasserflle wird es noch ab und zu bei den
Long-Glat gebt. Zu diesem Zwecke wird zuerst im Walde eine grosse
Menge Holzkohle gebrannt, dann in den Schuttbnken einiger kleiner
Nebenflsse des Mahakam Eisenerz gesucht, das hier in gelbbraunen
Brocken in Form stumpfer stchen und kleiner Zylinder vorkommt und,
je nach den Flssen, von verschiedener Qualitt sein soll. Darauf
wird in einem Erdloch ein starkes Feuer entzndet und in diesem werden
abwechselnde Lagen von Holzkohle und Erz bis zur vlligen Verbrennung
in Glut gehalten. Nach der Abkhlung findet man am Grunde des Loches
einen mit Schlacken vermengten Eisenklumpen. Begreiflicherweise ist
der Kohlengehalt in diesem sehr verschieden und sind Gusseisen,
Stahl und Schmiedeeisen in ihm unregelmssig vermengt. Von einem
derartigen Klumpen schlgt nun der Schmied ein Stck von der
Grsse des Gegenstandes, den er herstellen will, ab. Auch die besten
Waffenschmiede verstehen die verschiedenen Arten von Eisen nur schlecht
zu unterscheiden und ineinander berzufhren.

Will daher ein Waffenschmied ein Schwert mit den Eigenschaften von
Stahl herstellen, so trifft er nur durch Zufall sogleich das Richtige;
die meisten Schwerter, die eine bestimmte verlangte Eigenschaft haben
mssen, werden wiederholt umgeschmiedet und mit neuen Eisenarten
gemengt. Die Schmiede wissen zwar, dass man Stahl hrten kann,
Eisen dagegen nicht, und dass Eisenstcke von gewissen Eigenschaften
durcheinander geschweisst ein gut hrtbares Metall liefern knnen;
doch bleibt es bei ihnen stets beim Probieren, und eine homogene Masse
wird denn auch beinahe niemals erzielt. Das Hrten geschieht auch nur
in der rohesten Form, indem der ganze glhende Gegenstand pltzlich
in Wasser getaucht wird; ein Hrten mit 1 oder ein partielles Hrten,
z.B. beim Schmieden eines Schwertes, ist gnzlich unbekannt.

Aus obigen Grnden sind die besonders guten Schwerter, denen die
Bahauschmiede ihren Ruhm verdanken, nur selten zu finden und nur
zufllig entstanden; sie knnen nie in Qualitt mit den besten
Waffen europischer Schmiede konkurrieren. Weitaus die meisten
Schwerter besitzen mehr die Eigenschaften eiserner, als sthlerner
Waffen und auch diejenigen mit schner Einlegearbeit habe ich oft
von den Eigentmern geradebiegen sehen, wenn sie durch den Gebrauch
gelitten hatten. Bisweilen springen aus den Schneiden Teile heraus oder
fliegen grosse Stcke ab u.a.m. Somit ist es, abgesehen von den mit
dem Schmelzen des Eisens verbundenen Schwierigkeiten, begreiflich,
dass die Eingeborenen unter den an den Kstenpltzen eingekauften
Artikeln hauptschlich auch grosse Mengen guter Eisenstbe ins
Innere hinauffhren, trotz der Schwere der Lasten. Aus diesem Eisen
geschmiedete Schwerter werden denn auch viel hher geschtzt, als
die aus eigenem Material verfertigten.

Von den im tglichen Leben der Bahau viel gebrauchten geschmiedeten
Gegenstnden sind einige auf Tafel 51 abgebildet. Vor allem das
eigentmliche dajakische Beil (_ase_) Fig. 1, von kleinem Umfang und
besonderer Form, das vielfach von einheimischen Schmieden hergestellt,
aber auch in grosser Anzahl von der Kste eingefhrt wird. Da diese
Beile den Dajak nur, wenn sie billig sind, verkauft werden knnen und
diese sich bereits seit Jahrhunderten mit ihrer Herstellung befassen,
sind ihre eigenen Produkte hufig, aber nicht immer, besser als
die eingefhrten. Mit guten Exemplaren leisten die Eingeborenen beim
Fllen der bisweilen sehr harten Waldbume Wunderbares, auch sind sie,
was fr ihren Wert spricht, zum Verkauf derselben nicht zu bewegen.

Die Beile werden an den Stielen in der auf Fig. 3 gezeigten Weise
befestigt; das Eisen 3b ruht mit seinem schmalen Ende auf einer
Verbreiterung 3a des elastischen Stielteils 3c. Die Befestigung
geschieht durch ein Flechtwerk von Rotang, das mit besonderer Sorgfalt
in der Regel derart angebracht wird, dass das Beil zwar nach vorn
gleiten kann, beim Schlagen jedoch stets fester ins Flechtwerk
hineingetrieben wird. Nach dem gleichen Prinzip ist auch der Hammer
(Fig. 11) auf seinem Stiel befestigt. Zum Schutz der Schneide beim
Tragen wird diese mit einem Rotangfutteral versehen, was bei kostbaren
Werkzeugen fters geschieht, wie z.B. auch beim Dechsel (Fig. 8)
eine geflochtene Scheide am Stiele hngt. Der Stiel des Beils besteht
aus zwei Teilen, dem dickeren Holzgriff 3f und dem dnneren biegsamen
Teil 3 c, der den Schlgen die ntige Elastizitt verleihen muss. c
ist mittelst einer Art von Guttapercha (d) im Griff befestigt. Die
gleiche Einrichtung ist an den Werkzeugen 8 und 11 zu sehen.

Bemerkenswert an Fig. 3 ist noch das hbsche Flechtwerk von _kebalan_
am oberen Ende des Griffs, das zwar, wie auch 8 und 11 zeigen, fast
stets angebracht wird, um eine Spaltung des Holzes zu verhindern,
hier aber besonders breit und sorgfltig ausgefhrt ist.

Nach den Beilen verdienen die Dechsel die meiste Beachtung; sie
kommen in zahlreichen Modellen vor: zur Herstellung von Brettern
werden die breiten, platten gebraucht (Fig. 8), beim Bau von Bten,
zur Abplattung der runden Oberflche, mehr die runden, wie Fig. 5,
whrend die kleinen, Fig. 7, z.B. zur Entfernung der Aussenrinde eines
Hirschhorns dienen. Dechsel mit langen Stielen werden auch wohl wie
in Europa zum Gltten von Planken angewendet. Wie die Dechsel bei der
Bearbeitung von Bten gebraucht werden, ist auf Tafel 57 dargestellt.

Das Jteisen (Taf. 51 Fig. 2) ist im Grunde nur ein roh geschmiedeter
Dechsel, mit dem die Frauen das Unkraut von den Feldern wegkratzen. Ein
anderes Gert aus rohem Eisen ist der Hohlmeissel (Fig. 9), mit
dem man in die Rinde der Guttaperchabume Rinnen schlgt, um den
Milchsaft abzuzapfen. Fig. 4 stellt eine Harpune zum Fang grosser
Fische dar. Ihr oberstes Stck, das allein aus Eisen besteht, ist
mit seinem hohlen unteren Ende sehr locker auf dem zugespitzten Ende
des Stockes befestigt. Um das Unterende des Eisens ist jedoch einige
Mal eine Schnur gebunden, die bei 4b und 4c nochmals um den Stiel
gewickelt ist, so dass der eiserne Haken, sobald er mit dem Fisch
vom Stocke gleitet, doch an der Schnur befestigt bleibt.

In Fig. 6 und 20 sind einige Werkzeuge abgebildet, deren Herstellung
etwas mehr Geschicklichkeit erfordert. Das erste ist ein dnnes,
zweischneidiges, spitz endendes und in der Flche gebogenes Messer,
das wiederum mit Guttapercha in einem hlzernen Griff befestigt
ist. Es dient zur letzten Bearbeitung eines Schildes, nachdem dieser
mit einem Dechsel bereits vllig auf die gewnschte Dicke gebracht
worden ist; die letzten Splitter werden mit diesem Messer entfernt und
die Oberflche wird damit geglttet. Das zweite Werkzeug (Fig. 20)
ist ein Bohrer, dessen Stiel beim Gebrauch zwischen den Handballen
gerieben wird.

Whrend beinahe jeder Schmied die beschriebenen Gegenstnde selbst
verfertigen kann, verstehen sich auf das Schmieden von Warfen,
d.h. Schwertern und Speeren, wie gesagt, nur wenige wirklich gut. Doch
haben es einige unter ihnen fr Eingeborene zu einer in unserem Auge
bewunderungswrdigen Hhe gebracht, wenn man bedenkt, dass auch sie
nur ber die eben besprochenen unvollkommenen Gertschaften verfgen.

Gerade die Schwertfegerei hat unter der Einfhrung europischer
Ware von der Kste am meisten gelitten; ferner hat auch der
Umstand ungnstig gewirkt, dass die Gegenwart einer europischen
Verwaltung die Kriegfhrung unter den Bahaustmmen sehr eingeschrnkt
hat. Infolgedessen werden z.B. am Kapuas schne Schwerter von guter
Qualitt berhaupt nicht mehr geschmiedet. Whrend meines Besuchs
bei der dortigen Bevlkerung konnte mir der Schmied zwar ein Schwert
herstellen und es mit Gravierungen nach altem Muster verzieren,
aber die Beschaffenheit des Eisens liess viel zu wnschen brig und
machte die Waffe fr Kriegszwecke vllig untauglich. Als Beispiel
fr ein derartiges Schwert der Kapuas-Kajan mag das in Teil I Taf. 28
abgebildete dienen. Wie das Eisen fr Ackergertschaften werden auch
einfache Arbeitsschwerter in grosser Menge bei ihnen eingefhrt;
die schnen Schwerter, die eventuell im Kriege dienen knnten,
verschaffen sich die Kapuasbewohner alle vom oberen Mahakam, wo
die Schwertfegerei noch jetzt sehr im Schwange ist. Doch ist dies
nicht bei allen dortigen Stmmen der Fall: die Pnihing schmieden
berhaupt keine Schwerter, die Kajan leisten in dieser Beziehung nur
Mangelhaftes, nur die Ma-Suling und Long-Glat bringen viel Schnes
hervor und versehen alle anderen Stmme mit Schwertern, die daher
ihren wichtigsten Tauschartikel bilden.

Obgleich in minderem Masse als in anderen Handwerken, findet man
auch in der Schmiederei die besten Arbeiter unter den Huptlingen
und Reichen, weil es den brigen sowohl an Zeit zur bung, als
an Mitteln fr Opferspenden an die Geister mangelt. Beim Schmieden
erfordert nmlich jedes weitere Stadium, das der betreffende Gegenstand
erreicht, ein neues Opfer, das sich mit dem Fortschreiten der Arbeit
stets vergrssert.

Bei der Herstellung eines mit Kupfer- oder Silbereinlagen hbsch
verzierten Schwertes verfhrt der Schmied folgendermassen: erst bringt
er das Schwert auf das auf Tafel 52 in Fig. a dargestellte Stadium. In
diesem wird Teil I spter mit Guttapercha im Griff befestigt; bei
2 sind die oberflchlichen Rinnen und bei 3 die Lcher angegeben,
in welche das Metall eingelegt werden soll. Die Lcher, die bei a nur
Vertiefungen darstellen, sind erst bei Fig. b vllig ausgearbeitet; sie
werden mit den unter f, g, h und i abgebildeten Instrumenten erzeugt,
whrend das Schwert sich noch in glhendem Zustande befindet. Das
Einschlagen der Gruben geschieht mittelst Meisseln von verschiedener
Form. Um die Lcher in gleichen Abstnden zu erhalten, bentzt man
die meisselfrmige Klinge mit doppelter Spitze g, die in den Dorn
(3 bei Fig. i) gesteckt und dann mit einem Hammer in das glhende
Metall getrieben wird. Ebenso entstehen auch die Rinnen 2 in Fig. a;
doch gebraucht man fr diese Meissel von der Form 3 in Fig. i und von
der Form in Fig. f, bei welcher zwei dieser Keile aneinandergebunden
abgebildet sind. Die S-frmige Schneide dieses Meissels bringt Linien
wie bei Fig. a_2_ hervor.

Bei einer folgenden Erhitzung erhalten die oberflchlichen Gruben
durch Hineintreiben des Eisens h die ntige Tiefe; meistens dringen
die ffnungen nicht bis zur anderen Seite durch, doch geschieht dies
gelegentlich durch Ungeschicklichkeit. Reihen derartiger Lcher,
die zur Aufnahme des einzulegenden Metalls bereit sind, zeigen
die Modelle b und c. Bei b, 5 und 6, sind auch noch neue Rinnen zu
sehen, welche mit hierzu passenden Meisseln, deren Handhabung grosse
Geschicklichkeit erfordert, hergestellt sind.

Die fr die Bahauschwerter so charakteristische Einlegearbeit in
Kupfer und Silber wird an den auf die beschriebene Weise prparierten
Schwertern derart vorgenommen, dass man in kaltem Zustande dnne
Splitter dieser Metalle in die Gruben bringt und sie mittelst
kleiner Hmmer fest in diese hineinklopft. Nach der Fllung sehen die
Gruben aus wie 10 in Fig. d und mssen dann erst durch Wegfeilen der
berschssigen, nach aussen vorragenden Metallteile weiter bearbeitet
werden.

Die Ausarbeitung des Teils 3 in Fig. a bis zum Stadium 9 in c giebt
bereits eine gute Vorstellung von den Leistungen der Bahau in der
Schmiedekunst; die meisten Schwerter vom Mahakam tragen auch nicht
viele andere Verzierungen als Einlegearbeit und diese Schnrkel. Dass
die Schmiedeknstler auf Borneo in ihrem Fach jedoch noch viel
Grsseres leisten knnten, wenn ihre beschrnkten Verhltnisse sie
nicht beeintrchtigten, beweist die Verzierung 7 in Fig. b. Sie
wurde von einigen Schmieden der Ma-Tuwan in Long Tepai hergestellt
und besteht der Hauptsache nach aus 4 bereinander gelegten Spiralen
aus dnnen Eisenstreifen, von denen die lngste von rechts ber eine
zweite Spirale nach links unter die linke, nach oben gebogene Spirale
verluft, hier nach rechts umschlgt, um mitten in der Figur in einen
Schnrkel zu enden. Sie zeugt von einer bewundernswerten Gewandtheit im
Schmieden und von einem sehr richtigen Augen-mass; mancher europische
Kunstschmied wrde die Arbeit nicht leicht nachahmen knnen.

Leider finden derartige aussergewhnliche, praktisch nutzlose
Verzierungen im Gemeinwesen der Bahau keine Gelegenheit zur
Vervollkommung und man trifft sie daher auch hchst selten. Fr
gewhnlich werden die Schwerter, sobald sie fertig geschmiedet sind,
von anderen Personen, die darin bung haben, mit feinen Sandsteinen
geschliffen. Das Polieren der Schwerter ist unbekannt.

Die bei den Mahakambewohnern vorkommenden Formen von Schwertern sind
in den Fig. a, b, c und d auf Tafel 52 und a und b auf Taf. 29, Teil
I abgebildet, von denen die beiden letzten deutlich die eigenartige
Einlegearbeit zur Geltung kommen lassen.

Die anderen Bahaustmme, wie die Kajan am Kapuas und die
am Batang-Redjang oder Balui, bentzen hnliche Schwerter,
doch sind die der letzteren mehr hohl gebogen, wie e auf Tafel
52 andeutet. Bei diesem ist zugleich auch eine andere, am Kapuas
(Teil I Taf. 28) und bei den Kenja (Teil I Taf. 29) gebruchliche
Verzierungsweise angebracht, nmlich eine Ziselierung auf der Rckseite
der Schwertflche, die an dem vllig ausgearbeiteten Schwerte
ausgefhrt wird, indem man mit kleinen harten Meisseln Linien ins
Eisen schlgt. Dies geschieht aus freier Hand, ohne vorhergehende
Zeichnung. Schwert e (Taf. 52) zeigt berdies auch an seinem usseren
Ende noch eine hbsche Verzierung 14, von deren einzelnen Teilen im
folgenden Kapitel ausfhrlicher die Rede sein wird.

Eine andere Art von Metallbearbeitung hat sich bei den Bahau am Mahakam
zugleich mit der Sitte der Hahnenkmpfe von der Kste her eingebrgert,
nmlich das Schleifen von Eisen und Stahl mit Hilfe von drehbaren
Schleifsteinen, die sie ebenfalls an der Kste kaufen. Doch werden
auf diese Weise ausschliesslich Sporen fr Kampfhhne verfertigt,
von denen einige Modelle auf Taf. 60 in Fig. e abgebildet sind. Auf
das Schleifen und Anbringen der sthlernen Sporen verstehen sich
die Huptlinge meistens selbst: vorzugsweise stellen sie diese
aus Rasier- und Fischmessern her, die sie nicht enthrten, sondern
mittelst der drehbaren Schleifsteine in den gewnschten Formen und
Dimensionen schleifen. Die so verfertigten Sporen sind so rein von
Form, dass man sie fr europisches Fabrikat ansehen knnte, und
die schweren Verwundungen, die sich die Hhne mit ihnen beibringen,
zeugen von ihrer Tauglichkeit. Die Bahau messen dieser Art von Stahl
einen sehr grossen Wert bei, daher kostete es mir stets Mhe, meine
eigenen Rasiermesser vor dem Schicksal zu bewahren, von den allzu
sportlustigen Huptlingen in Hahnensporen verwandelt zu werden. Die auf
Taf. 60 unter e abgebildete Bchse mit Sporen ist eine Arbeit _Kwing
Irangs_, der sie mir als persnliches Geschenk verehrte, weil er meine
Vorliebe fr schne Arbeiten der Eingeborenen kannte. Die Modelle zu
diesen Sporen, deren es noch mehr gibt, stammen von den Malaien. Die
gewhnlichen Kajan schmieden die Sporen selbst, oder lassen sie von
einem mehr oder weniger in diesem Fach gebten Schmied verfertigen;
derartige Sporen tragen denn auch deutliche Zeichen ihrer weniger
vornehmen Herkunft und biegen und brechen hufig whrend des Gefechts.

Die Bahau wissen zwischen grobem und feinem Sandstein beim Schrfen
ihrer Schwerter und Hahnensporen wohl zu unterscheiden; hauptschlich
fr letztere suchen sie in bestimmten Bchen nach einem sehr feinen
Sandstein, von dem ein Stck auf Taf. 60 Fig. o in Form eines
Rhinozerosvogelkopfes zu sehen ist. Dieser Stein mit sehr ebener
Schliffflche rhrt von den Kajan am Mendalam her.



Hat die Schmiedekunst bei den Bahau infolge ihrer vielseitigen
Anwendung eine betrchtliche Hhe erreicht, so gilt dies auch
inbezug auf ihre Holz- und Knochenschnitzerei. In dieser Richtung
hat sich der Schnheitssinn und die Kunstfertigkeit der Dajak sogar
voll entwickeln knnen. Eine knstlerische Bearbeitung von Holz wird
nicht nur bei grossen Verzierungen, wie der eines Huptlingshauses,
sondern auch bei kleinen Gegenstnden, besonders Griffen und Scheiden
von Schwertern, angewendet.

Jeder Bahau, dem es an Zeit und Fhigkeit nicht mangelt, verziert
seine tglichen Gebrauchsgegenstnde gern mit mehr oder weniger
hbschem Schnitzwerk; doch leistet er selten etwas sehr Gutes, weil
er ausschliesslich fr sich selbst arbeitet. Anders verhlt es sich
mit der Schnitzerei von Griffen und Scheiden; diese Kunst wird von
Personen betrieben, die sich in ihr besonders ben und berhaupt nur
dann zum Schnitzen der schnsten Produkte, u.a. Schwertgriffe aus
Hirschhorn, berechtigt sind, wenn sie dem Geist, der sie beseelt,
Opfer von bestimmter Grsse gebracht haben. Die primitive Schnitzerei
der Laien wird also ohne Beseelung gebt, whrend ein Kunstwerk nur mit
Hilfe eines Geistes aus Apu Lagan entstehen kann. Bei den Mahakamkajan
muss ein junger Mann, bevor er aus Eisenholz einen hbschen Griff
oder eine Scheide zu schnitzen beginnt, erst durch eine _dajung_
seinem Geiste ein Huhn zum Opfer anbieten lassen (_mela_), und will er
seine. Kunst an Gegenstnden aus Hirschhorn erproben, so muss er vorher
eine _mela_ mit einem Schwein als Spende abgehalten haben. Nachher
muss er sich monatelang verschiedener Speisen und Beschftigungen
enthalten. Demselben Glauben an eine Beseelung muss auch der Brauch
zugeschrieben werden, dass ein Schnitzknstler seine Arbeiten nur dann
verkaufen darf, wenn man ihm vor dem Preise erst einige alte Perlen
von bestimmter Beschaffenheit (2 blaue und 2 weisse) ausbezahlt hat;
diese mssen wohl als eine Entschdigung des Geistes fr den Verlust
des Gegenstandes aufgefasst werden.

Mit den meisten Handwerken ist auch die Schnitzerei verschiedenen
Verbotsbestimmungen unterworfen, die nicht bei allen Stmmen gleich
sind. Whrend der Saatzeit (_tugal_) und der Schwangerschaft seiner
Frau darf ein Mendalamkajan kein Hirschhorn schnitzen, aus Furcht vor
einem Absterben der Frucht. Fr Holz und Bambus sind diese Verbote
ungltig.

Die Berhrung mit der Kstenbevlkerung hat auf die Schnitzkunst
der Bahau kaum einen nachteiligen Einfluss gebt, man knnte eher
behaupten, sie habe hierdurch insofern eine Anregung empfangen,
als die Malaien selbst nicht imstande sind, dergleichen Griffe und
Scheiden herzustellen, aber gern in den Binnenlanden Bahauschwerter
zum Schmucke oder Schutz gebrauchen und deswegen betrchtlich viel
Geld fr sie auszugeben bereit sind. Aus diesen Grnden widmeten sich
am Mendalam z.B. einige Mnner ganz der Schnitzerei, besonders der
von Hirschhorngriffen und leisteten in ihrem Fache daher auch weit
mehr als sonst der Fall gewesen wre. Von diesen Leistungen geben
die Abbildungen c, d, e und f auf Tafel 63 eine Vorstellung. Die 3
ersten Griffe stimmen im Entwurf stark berein, nur sind sie nach
Grsse und Form des gebrauchten Horns verschieden und mehr oder
weniger fein ausgearbeitet. Eigentmlicherweise sind die Griffe vom
Mahakam, obgleich sie auf dieselbe Weise verfertigt, mit denselben
Motiven verziert und sicher nicht minder sorgfltig ausgefhrt sind,
von ersteren gleich zu unterscheiden (Fig. a). Dasselbe gilt fr
die Griffe der Kenja (Fig. b), die ebenfalls sehr charakteristisch
sind. Die Bahau selbst unterscheiden denn auch verschiedene Stile
bei ihren Stmmen und ahmen diese bisweilen nach; so ist f ein Griff,
der am Mendalam im Kenjastil verfertigt worden ist. Ein Beispiel fr
diesen Stil sind auch die Griffe der Schwerter Fig. c und d auf Tafel
29, Teil I.

Die Instrumente, mit denen die Bahau ihre schnen Schnitzwerke
ausfhren, sind usserst einfach und wenig zahlreich. Sowohl fr Holz
als fr Knochen wird das lange Messer, _nju_, (Tafel 28, Teil I,
Fig. h) eigentlich als einziges Werkzeug bentzt. Zum Lcherbohren
wendet man allerdings kleine Bohrer (Taf. 51 Fig. 20) an, welche
durch Drehen zwischen den Handballen in Bewegung gebracht werden,
ferner wird mit dem kleinen Dechsel (Taf. 51 Fig. 7) die Rinde des
Hirschhorns entfernt, bevor man ans Schneiden geht. Letzteres findet
nun nach der auf Tafel 53 oben wiedergegebenen Weise statt. Der Mann
hlt das Messer derart in der rechten Hand, dass das Aussehende des
langen Stils ihm unter die rechte Achsel reicht, wodurch er bei der
Hantierung des Messers eine Sttze findet. Der Knstler hlt den zu
bearbeitenden Gegenstand (hier eine hlzerne Schwertscheide) mit der
Linken fest und bewegt beim Schnitzen nicht nur das Messer, sondern
auch das Objekt. Stellt er einen Griff aus Hirschhorn her, so fhrt er
seinen Entwurf zuerst in Gedanken mit Bercksichtigung der Form des zur
Verfgung stehenden Horns aus, entfernt die unregelmssige Oberschicht
und schneidet dann erst mit dem Messer den Griff in rohen Umrissen aus.

Darauf bearbeitet er erst die eine Hlfte weiter und dann die
andere. Form und Ausarbeitung des Griffes hngen nicht nur von
der usseren Gestalt des Horns ab, sondern auch von dem Verhltnis
zwischen der soliden usseren Schicht und dem schwammartigen Gewebe
der Mitte. Ist dieses sehr entwickelt, so ist ein tiefergehendes
Schnitzen unmglich, fehlt es gnzlich, so braucht der Knstler sich
nicht auf eine oberflchliche Bearbeitung zu beschrnken. Ein Beispiel
fr einen Horngriff mit wenig brchigem Gewebe ist Fig. a auf Taf. 63.

Die Schnitzer verstehen gebrochene Griffe auch zu reparieren; sie tun
dies, indem sie die abgebrochenen Stcke mittelst Knochenstiften,
welche sie durch gebohrte Lcher stecken, mit einander verbinden;
auch werden auf diese Weise neue Teile in einen Griff eingesetzt.

Auf den Wert eines Horngriffes hat auch die Farbe viel Einfluss; je
weisser diese ist, desto hher der Preis. Am Mendalam kostete ein
gut gearbeiteter Griff 8-10 Dollar, also 10-12 Gulden; am Mahakam
jedoch, wo zahlreiche Buschproduktensucher unter der Bevlkerung
verkehrten, wurden fr gleich gute Produkte 25 fl bezahlt. Whrend
meines Aufenthaltes am Mahakam befanden sich unter den Pnihing keine
Schnitzknstler; schne Griffe wurden, wie auch Schwerter, bei den
weiter unten wohnenden Stmmen durch Tausch erworben, besonders von
den Long-Glat, die sich auf diesem Gebiete auszeichnen. Auch vom
mittleren Mahakam, unterhalb der Wasserflle, sah ich einige schn
ausgefhrte Stcke.

Wie die Griffe, haben sich auch die alten Schwertscheiden unter den
Bahau behauptet, weil sie infolge der Berhrung der Eingeborenen
mit der Kstenbevlkerung, wenn auch in bescheidenem Masse, zu einem
Ausfuhrartikel geworden sind und die Malaien an ihrer Statt nichts
Besseres haben einfhren knnen. Beispiele fr Schwertscheiden sind in
Teil I auf Taf. 28, 29 und 30 zu finden; der bedeutende Unterschied
zwischen den Scheiden der Bahau am Mendalam und denen am Mahakam und
Kenja fllt dabei ins Auge.

Smtliche Scheiden bestehen aus zwei platten Brettern, die an den
einander zugekehrten Innenseiten etwas ausgehhlt sind, um das Schwert
aufnehmen zu knnen, und durch Flechtwerk von dnnen Rotangstreifen
an einander gehalten werden. Fr die einfachen, z.B. beim Ackerbau
gebruchlichen Schwerter whlt man gewhnliches glattes Holz, fr
schne Schwerter dagegen bentzt man fr die nach aussen gekehrte
Hche der Schwertscheide hbsch geflammte oder harte, gut polierbare
Holzarten.

Die Mendalambewohner zeigen besondere Vorliebe fr Schwertscheiden,
welche mit kunstvollem Schnitzwerk verziert sind, wie die Figur
von Taf. 28 und die Scheiden a, b, c, f, g und h von Taf. 30 Teil
I beweisen; das Flechtwerk bringen sie so unsichtbar als mglich
an. Die Mahakamstmme bevorzugen dagegen mehr schnes Holz, das sie
nur oberflchlich mit Schnitzwerk verzieren, dafr aber besonders
sorgfltig mit Rotang umflechten (d und e auf Taf. 30 Teil I). Die
Kenja legen auf eine schne Verzierung der Schwertscheiden berhaupt
wenig Gewicht.

Inbezug auf die Scheidenschnitzerei gelten nicht die gleichen strengen
Vorschriften wie fr die von Griffen; wahrscheinlich weil fr erstere
selten Hirschhorn oder Knochen als Material gewhlt wird und ihre
Herstellung keine so grosse bung erfordert. Es sind denn auch viel
mehr Leute imstande, eine hbsche Scheide zu verfertigen als einen
hbschen Griff. Die Knochenschnitzer verstehen jedoch, dank ihrer
grsseren Erfahrung, unter anderen Schnitzarbeiten auch die schnsten
Scheiden zu liefern.

Das Messer, das in einem besonderen Futteral an der dem Trger
zugekehrten Seite getragen wird, ist, wenn auch in geringerem Grade als
die brigen Teile der Waffe, ebenfalls mit Sorgfalt gearbeitet. Das
obere Ende (siehe Teil I Taf. 28 h) trgt hufig eine Verzierung von
Knochenschnitzerei; der anschliessende hbsch polierte Stiel besteht
aus sehr hartem, rotem oder braunem Holz, whrend das untere Ende,
an dem die Klinge mit einer schlechten Guttaperchasorte befestigt ist,
entweder mit feinem Rotanggeflecht und _kebalan_ oder, nach Ansicht der
Bahau auf besonders schne Weise, mit feinem Kupferdraht umwunden ist.

Das Polieren der Stiele aus sehr hartem Holz geschieht derart, dass
man zuerst das Holzstck roh mit dem Messer beschneidet, es mit diesem
durch Kratzen bearbeitet und zum Schluss mit stark kieselsurehaltigen
Baumblttern glatt scheuert. Der Glanz wird dem Holz stets durch
Einreiben mit Wachs und Nachreiben mit Tchern verliehen.

Erwhnenswert ist, dass auch hlzerne Gegenstnde auf die gleiche
Weise wie weisser Kattun, Rotang u.s.w. durch Vergraben in Moder
dunkel, oft schwarz gefrbt werden. Die Griffe aus Holz werden nmlich
beinahe ausnahmslos in schwarz verlangt, doch ist keine der harten
Holzarten, aus denen man sie schnitzt, ursprnglich schwarz. Um nun
die gewnschte Farbe zu erhalten, vergrbt man die Griffe nach ihrer
vollstndigen Bearbeitung fr einige Tage unter dem Haus in Moder,
wonach sie ein tiefes Schwarz zeigen. Nach dem Reinigen und Trocknen
legt man mittelst Reibblttern und Wachs die letzte Hand an sie an.

Die Vorliebe der Bahau fr verzierte Gegenstnde in ihrer Umgebung
ussert sich auf die mannigfachste Weise. Die verschiedenen Unterteile
des Hauses werden, wenn mglich, mit Bildhauerarbeit geschmckt,
und alle Gertschaften, besonders diejenigen, die lange Zeit dienen
mssen, werden so schn als mglich ausgestattet. Auf Tafel 61 sind
verschiedene hbsch geschnitzte Artikel des dajakischen Hausrats
abgebildet, whrend die Tafeln 65-68 uns von den Leistungen der Bahau
in der Bambusschnitzkunst eine Vorstellung geben.

Bei der Herstellung dieser Gegenstnde gilt durchweg als Regel, dass
ursprnglich zwar ein Stck in roher Form geschnitzt oder modelliert
wird, von einem vorhergehenden Entwurf mittelst Zeichnung oder einer
Angabe der anzubringenden Figuren aber keine Rede ist. Dies ist ein
sehr bemerkenswerter Umstand, besonders wo es sich um so komplizierte
Figuren, wie die auf Bambusbchsen und anderen Schnitzwerken,
handelt. Ferner mag darauf hingewiesen werden, dass die Anwendung so
einfacher Instrumente, wie die eines Messers und Bohrers, doppelte
Bewunderung verdient, wo es sich um so hartes, brchiges Material
wie Hirschhorn handelt, das noch viel hrter als Elfenbein ist, und
um die ebenfalls sehr harte und brchige Oberflche von Bambus und
anderen hnlichen Holzarten. In dieser Hinsicht sind die Bahauknstler
wahre Meister in ihrem Fach. Die Gewohnheit, mit so brchigem Material
umzugehen, scheint sie vorsichtig und geschickt gemacht zu haben, denn
nur selten missglckt ein Gegenstand durch Brechen oder Absplittern.



Einen bedeutenden Industriezweig bildet bei den Bahaustmmen auch
das Flechten von Rotang, Bambus, Pandanusblttern etc. Zwar wird
auch diese Arbeit nicht in grossem Massstab betrieben, sondern im
allgemeinen verfertigt jede Familie das fr den Hausstand ntige
Flechtwerk selbst, doch hat dieses Handwerk infolge mannigfacher
Anwendung gleich einigen anderen eine grosse Hhe erreicht. Im grossen
ganzen tragen die Flechtarbeiten der Bahau denselben Charakter wie
die anderer dajakischer Stmme, doch sind sie meistens weniger fein
als die aus dem Baritogebiet stammenden. Mglicherweise jedoch danken
letztere ihre Entstehung dem Reichtum der bandjaresischen Bevlkerung,
die fr feine Matten u.a. viel ausgeben kann. In einigen Spezialitten,
wie in dem Flechtwerk von Schwertgriffen und Messern, liefern auch
die Bahau sehr feine Arbeit.

Die den Malaien am nchsten wohnenden Bahaustmme leisten auch
im Flechten am wenigsten, daher suchen sich die Mendalambewohner
z.B. schne Matten vom Mahakam zu verschaffen.

Dauerhafte Gegenstnde werden meistens aus Rotang, kleine,
beim Kultusdienst gebruchliche Krbe und Matten dagegen aus
Pandanusblttern geflochten. Fr feine Flechtarbeit ist das
dunkelbraune _kebalan_ beliebt, die Stengelfasern einer hoch im
Gebirge vorkommenden Schlingpflanze, die zu den Farnen zu gehren
scheint. Bambus findet beim Flechten wenig Verwendung.

Die Bahau flechten nicht mit allen, sondern nur mit bestimmten
Arten von Rotang; auch sah ich diesen nur fr Kriegsmtzen, die
Schwerthieben standhalten mssen, in seiner ganzen Dicke oder halb
gespalten anwenden; meistens wird nur die usserste Schicht des
Stammes in grbere oder feinere Streifen prpariert, je nachdem
das Flechtwerk grob und stark oder fein sein muss. Die allerfeinsten
Flechtarbeiten werden aus dem bekannten Rotang _sega_ und noch dnneren
Arten hergestellt.

Die Zubereitung der Streifen findet nach der auf Tafel 53 dargestellten
Weise statt. Von den drei Mnnern sind zwei mit dem Spalten des Rotangs
beschftigt. Hierbei verfahren sie folgendermassen. Zuerst machen
sie an dem einen Ende des Stammes mit dem Messer einen Einschnitt,
dann biegen sie die beiden Hlften auseinander, so dass die Spaltung
weiter geht und sich bei geschickter Behandlung gleichmssig bis zum
Ende fortsetzt. Auf die gleiche Weise spalten sie die beiden Hlften
in Segmente, bis der Streifen der Aussenflche die gewnschte Breite
erlangt hat. Darauf trennen sie die innersten Fasern mit dem Messer
von den usseren Schichten, wonach man diese in bestimmter Breite
brig behlt. Die Streifen sind dann jedoch zum Flechten noch viel zu
ungleich breit. Der Mann links auf dem Bilde zieht diese Streifen,
um sie gleichmssig werden zu lassen, auch wohl, um die innersten
Fasern gleichmssig abzuschneiden, zwischen zwei in einen Holzblock
geschlagenen Messern hindurch. Diese stehen mit ihren Schneiden in
bestimmtem Abstand einander zugekehrt. Whrend er mit der Rechten den
Streifen zwischen den beiden aufrechtstehenden Messern hindurchzieht,
sorgt er mit der Linken dafr, dass der Rotang die Messer in richtiger
Stellung passiert. Mitten im Block ist ein Stiel angebracht, auf den
der Mann sein rechtes Bein legt, um den Block festzuhalten.

Mssen die Flechtstreifen ganz besonders fein sein, wie z.B. der
_kebalan_ fr Schwertgriffe, so zieht man sie der Reihe nach
durch stets kleiner werdende, in ein Blech geschlagene Lcher. Die
scharfen Blechrnder entfernen alle Unregelmssigkeiten. Die feine,
kieselhaltige Oberhaut des Rotang verschwindet bei allen diesen
Manipulationen von selbst.

Die Zubereitung der Rotangstreifen ist beinahe ausschliesslich
Mnnerarbeit. Pandanusbltter dagegen werden sowohl von Mnnern als
von Frauen bearbeitet. In frischem Zustande werden zuerst die Rnder
mit den feinen Stacheln abgeschnitten und dann die Bltter in Streifen
von der erforderlichen Breite gespalten; vor dem Gebrauch hat man
sie dann nur noch zu trocknen. Am Mahakam, wo diese Pandanusstreifen
unter dem Namen "_tika_" bekannt sind, finden sie ihrer einfachen
Zubereitung wegen vielfache Anwendung fr Matten, Krbe, Hte u.s.w.

Krbe und Matten werden mit wenigen Ausnahmen von Frauen
geflochten. Dies gilt sowohl fr feine Matten, mit deren Herstellung
die beiden Kajanfrauen auf Tafel 45 beschftigt sind, als fr die von
grober Qualitt, welche in der _amin_ zur Bedeckung des Fussbodens,
zum Trocknen von Reis u.s.w. dienen. Auf einer derartigen Matte sitzen
auch die beiden Spinnerinnen auf dem oberen Bilde derselben Tafel.

Einzelne Gegenstnde sind Frauen zu flechten verboten, so drfen sie
z.B. nicht die 4 aufrechten Stcke an den Reis- oder Gepckkrben
(b auf Taf. 54) mit Rotang umwickeln; dies mssen ausschliesslich
alte Mnner tun.

Das Flechten selbst geschieht mit nur 2 Instrumenten, einem eisernen
Haken, mit dem die mit der Hand durcheinander geflochtenen Streifen
fest zusammengedrckt werden, und einem Flechtpfriemen, von dem einige
Modelle auf Tafel 60 j-n zu sehen sind. Die Pfriemen dienen dazu, in
feinem, hbschem Geflecht ffnungen anzubringen, in welche dann neue
Streifen gesteckt werden knnen. Die Enden der Flechtstreifen werden
zwar hufig gespitzt, doch bentzt man zum Durchziehen keine Nadeln.

Fr feine Rotangmatten wird das Material oft teilweise gefrbt;
schwarz, indem man die fertigen Streifen in den Moder steckt,
rot, indem man sie in Wasser mit bestimmten Pflanzen kocht. Die
weissen Streifen, die so hell als mglich sein mssen, werden noch
vor der Zubereitung in der Sonne getrocknet und gebleicht. Diese
verschiedenfarbigen Streifen werden von den Kajanfrauen zu hbschen
Figuren verflochten, doch verstehen sie auch den weissen Rotang allein
zu geschmackvollen und sehr komplizierten Mustern zu verarbeiten.

Beispiele fr Flechtarbeiten findet der Leser ausser in den genannten
Matten auf Tafel 54 abgebildet. Die beiden Krbe b und d haben infolge
ihres sehr dichten Flechtwerks eine unvernderliche Form, whrend
der Reisesack c aus dnnen Streifen lose geflochten ist und daher
nach Bedrfnis weit aus einander gezogen oder verschmlert werden kann.

Sehr kunstvolles Geflecht findet man, wie schon gesagt, an den Warfen
der Bahau, vor allem an den Griffen, von denen a, c und d auf Tafel
63 eine gute Vorstellung geben; ferner zeichnen sich die auf sehr
verwickelte Weise geflochtenen Knpfe auf den Schwertscheiden der
Mahakam- und Kenjastmme durch schne Arbeit aus (Siehe Teil I Taf. 29
Fig. a, a_1_, b, b_1_, c und Taf. 30 d und e). Das Beflechten von
Schwertgriffen und Scheiden wird durch Mnner ausgefhrt.

Eine sehr wichtige Rolle im Haushalt der Bahau spielen die
Bltter einer in Mittel-Borneo einheimischen Fcherpalme, _samit_
genannt. Diese Bltter werden im Walde gesammelt und getrocknet
und bilden dann ein starkes, biegsames Material, aus dem durch
Aneinandernhen allerlei leichte Matten, Scke zur Aufbewahrung kleiner
Gegenstnde u.s.w. verfertigt werden. Die sehr leichten Palmblattmatten
bewhren sich besonders auf Reisen ausgezeichnet und gehren denn
auch zur Ausrstung eines jeden Trgers, um ihm als Schlafmatte oder
als wasserdichte Dachbedeckung zu dienen. Zu letzterem Zwecke binden
die Reisenden ihre 1 1/2-2 1/2 m langen und mehr als 1 m breiten
Matten nebeneinander auf das Holzgerst der Htte. Behandelt man diese
Matten, nachdem sie vom Regen nass geworden sind, mit einiger Vorsicht,
so halten sie auch bei stndigem Gebrauch eine 2 monatliche Reise aus.

Die Bltter der _samit_-Palme sind am Aussenrande nicht gespalten,
sondern zusammenhngend und stumpf. Fr den Gebrauch nhen die Frauen
die trockenen Bltter mit ihren Seitenrndern derartig aneinander, dass
abwechselnd ein breites und ein schmales Fcherende neben einander zu
liegen kommen; berdies heften sie zwei Bltterlagen bereinander. Auf
Tafel 41, wo der Hintergrund durch solch eine Matte gebildet wird,
sieht man berdies, dass diese durch Aneinandernhen zweier Streifen
doppelt so breit wird als ein Blatt lang ist.

Auch als Wandverzierung in der _amin_ werden diese hell gelbbraunen
Matten verwendet (Taf. 39, links); man verschnert sie dann mit
breiten Rndern von rotem Zeug und bestickt sie in der Mitte und an
den Seiten, wie an den _samit_, welche auf Tafel 45 in der oberen
Abbildung den Hintergrund bilden, zu erkennen ist. Werden aus diesen
Matten Beutel zur Aufbewahrung von allerhand kleinen Kostbarkeiten,
Nhzeug, Perlenarbeiten oder Tabak hergestellt, so berzieht man sie
bisweilen vollstndig mit weissem oder buntem Zeug, das mit Stickereien
oder Zeichnungen verziert wird.

Letztere werden hauptschlich bei Totenausrstungen angebracht, bei
denen Matten und Scke aus _samit_ nie fehlen drfen. Einen derartigen
Sack, aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt und mit Zeichnungen
hbsch verziert, stellt Fig. 1e auf Tafel 27 Teil I dar. Auch der
in Teil I Taf. 24 Fig. 2 abgebildete Hut ist aus schief aneinander
genhten _samit_-Blttern verfertigt. Da die schreit-Palme nur in den
hohen Gebirgen des Binnenlandes wchst, sind aus ihr hergestellte
Artikel bei den weiter unten am Fluss wohnenden Stmmen nicht zu
finden.

Eine hnliche Arbeit wie das Flechten und Nhen von Matten und
Mtzen aus Rotang und _samit_ ist die Herstellung von Hten aus
Pandanusblttern. Von diesen bringen die Fig. 1, 3, 4 und 5 Taf. 24
Teil I gute Beispiele. Die Frau links auf Tafel 55 sehen wir damit
beschftigt, einen schn verzierten Hut aus kleinen Pandanusstreifen
zusammenzusetzen. Die Hte lassen bereits erkennen, dass man die
Blattstreifen nicht flicht, sondern in bestimmter Weise in kleineren
und grsseren Stcken neben- und untereinander nht, um so gewisse
Figuren zu erhalten, die dadurch noch mehr hervortreten dass man
einen Teil der Bltter mit Drachenblut rot, mit Russ schwarz frbt,
den brigen aber ihre natrlichen Farbe lsst.

An dem in Teil I Taf. 24 Fig. I dargestellten Hut sieht man, dass die
Bahau auch durch Zeichnungen auf den Blttern ihre Kopfbedeckung zu
verschnern trachten.

Die Art der Hutverzierungen ist fr die verschiedenen Stmme
charakteristisch; so haben die Hte der Pnihing (Fig. 3, 4 und
5 Taf. 24 T. I) ein ganz anderes Aussehen als die der Long-Glat
(Fig. 1), whrend die Kajanfrau auf Taf. 55 eine dritte Weise der
Verzierung anwendet.

Das Frben der Bltter und Zusammensetzen der Hte ist Arbeit der
Frauen, die Zeichnungen jedoch werden von Mnnern ausgefhrt.



Von allen Industrien der Bahaustmme hat die Tpferei durch den
Einfluss der Kstenbevlkerung am meisten gelitten; an allen Orten,
wo eiserne Tpfe eingefhrt werden, hat die Tpferei berhaupt
gnzlich aufgehrt und sind nur noch Spuren ihrer frheren Existenz
nachweisbar. Unter den fern von der Kste lebenden Kenjastmmen
dagegen sind selbstgebrannte Tpfe noch sehr in Brauch; die Mnner
nehmen sie sogar auf weiten Reisen mit, um ihren Reis darin zu kochen.

In frheren Zeiten haben smtliche Bahaustmme ihre Tpfe selbst
gebrannt. Die Mendalambewohner stellen jetzt nur noch einige fr den
Kultus erforderliche irdene Gefsse selbst her (Fig. e und f Taf. 15
Teil I); vielleicht ist dies auch noch bei den Mahakamstmmen der
Fall. Bei diesen fand ich jedoch auch Tpfe, welche der vorigen
Generation im Haushalt gedient hatten und jetzt noch aus Piett
aufbewahrt wurden.

Im Jahre 1896 konnte ich nur noch zufllig einige von diesen Lehmtpfen
entdecken und kaufen, obgleich der kleine Stamm der Uma-Tepai, der
bei _Bo Lea_ in Long Tepai wohnte, erst vor kurzem wegen seines Umzugs
in eine Gegend, wo guter Lehm zum, Brennen nicht mehr zu finden war,
die Tpferei aufgegeben hatte. Der Hauptgrund lag natrlich darin,
dass diese unsoliden Gefsse durch die dauerhafteren eisernen
verdrngt worden waren. Bei meiner Rckkehr im Jahre 1898 hatten
auch andere Stmme von meinem hohen Angebot fr Tpfe gehrt, daher
brachten mir besonders die Ma-Suling noch mehrere alte Exemplare zum
Kauf. Augenblicklich hat sich die Tpferei also unter den Bahaustmmen
am Kapuas und Mahakam nur noch in rudimentrer Form im Kultusdienst
erhalten.

Bei einigen dieser Stmme, wie den Ma-Suling, werden auch noch einige
andere Gegenstnde aus Lehm gebrannt, z.B. beim Anfang der Ernte
grosse viereckige Schsseln, in denen der halbreife Reis ber dem
Feuer getrocknet wird, um ihn dann spter durch Stampfen entspelzen
zu knnen. Ob dieser Brauch zum Kultus gerechnet werden muss, weiss
ich nicht, soviel ist aber sicher, dass andere Stmme fr dieses
Reistrocknen grosse eiserne Pfannen bentzen.

Unter den Kenja von Apu Kajan ist, wie gesagt, die Tpferei noch
in vollem Schwange; sie wird dort vor allem beim Stamm der Ma-Kulit
eifrig betrieben, der diese Tpfe als Tauschartikel auf Handelsreisen
mitnimmt. Die Tpfe werden fr den Transport zu je 6-8 aufeinander
gestlpt und diese Reihen dann durch parallel gelegte Holz- oder
Bambusstcke und Rotang zu einem Packen verbunden.

Bei allen diesen Stmmen wird die Tpferei von Frauen betrieben. Sie
gebrauchen hierzu eine besondere Lehmart, die nur an einigen Orten
am Mahakam und Kajan zu finden ist. Der Lehm wird in der Sonne gut
getrocknet, im Reisblock feingestampft und dann durch Sieben von
kleinen Steinen und anderen groben Bestandteilen gesubert. Dann
feuchten ihn die Frauen an und mengen ihn mit Reisspelzen, um seine
Festigkeit zu erhhen. Aus dieser Masse formen sie mit der Hand,
indem sie den Lehm um einen runden Stein von der gewnschten Grsse
pressen, die Tpfe, die sie dann in die Sonne zum Trocknen stellen. Zur
Bearbeitung der Aussenseite dient ein mit Schnitzfiguren versehenes
Brettchen (Fig. 19 Taf. 51); die Tpfe sind daher von aussen nicht
glatt, sondern mit einfachen Figuren verziert, wie an allen auf
der gleichen Tafel abgebildeten Exemplaren deutlich zu sehen ist
(Fig. 12-18). Das Hrten der in der Sonne getrockneten Tpfe geschieht
mittelst Harzpulver, mit dem in sehr dicker Schicht die innere und
ussere Oberflche berzogen wird. Werden nun die Tpfe einem starken
Feuer ausgesetzt, so verbrennt ein Teil des Harzpulvers und dient zur
Hrtung der Oberflche, whrend der schmelzende Teil des Harzes in die
porse Lehmmasse eindringt und so die Dauerhaftigkeit des Gefsses
bedeutend erhht. In derartigen Tpfen lassen sich sehr gut Reis
u.a. Speisen kochen, aber wenn sie zu lange im Wasser liegen, fallen
sie meistens auseinander oder werden rissig. Die Kenja gebrauchen
diese Tpfe nur aus Mangel an etwas Besserem; sobald sie sich eiserne
Gefsse verschaffen knnen, ziehen sie diese begreiflicher Weise vor.

Auch grssere Tpfe als die in Fig. 18 abgebildeten werden in Apu Kajan
gebrannt. Zwischen den Tpfen, die ich noch am Mahakam auftreiben
konnte, und denen vom Kajan herrscht ein grosser Unterschied, der
sich auch an den auf Tafel 51 abgebildeten Exemplaren feststellen
lsst. Bei ersteren (Fig. 12-15) ist die Form runder und die Wand viel
dicker als bei letzteren (Fig. 16-18). Im allgemeinen sind die Tpfe
der Mahakambewohner roher und unregelmssiger bearbeitet als die der
Kenja; doch kann es sehr wohl sein, dass die letzten Produkte einer
aussterbenden Industrie allmhlich schlechter geworden sind und dass
auch die Bahau ursprnglich bessere irdene Waren geliefert haben.

Die am Mahakam zum Trocknen des Reises verfertigten Schsseln sind
etwa 3  5 dm gross; eine derselben ist auf dem Herd von Taf. 56
zu sehen. Man stellt sie auf die gleiche Weise wie die Tpfe her,
doch werden sie nur in der Sonne getrocknet und nicht, oder nur
mangelhaft, von aussen mit etwas Harzpulver gehrtet. Sie vertragen
natrlich kein Wasser und werden daher ausschliesslich zum Trocknen von
unreifem Reis bentzt, auch stellt man sie bei jeder Ernte von neuem
her. Gleichzeitig werden auch noch einige andere einfache Gegenstnde
aus Lehm gebrannt, vor allem die langen schmalen Unterlagen, auf
welchen diese Schsseln ber dem Feuer ruhen. Auf dem erwhnten
Herde sind zwei dieser Unterlagen zu sehen, ferner noch andere, mehr
pyramidenfrmige Unterlagen fr gewhnliche Kochtpfe, von denen 3
links vom Herde stehen.

Der Fackelhalter rechts im Vordergrunde, mit der Vertiefung in der
Mitte fr den Stiel der Harzfackel, ist ebenfalls ein Produkt der
Tpferkunst.



Der Bau von Bten gehrt in einem Lande, wie das der Bahau, in welchem
der Verkehr zwischen den verschiedenen Siedelungen und der Transport zu
und von den Feldern beinahe ausnahmslos auf den Flssen stattfindet,
zu den wichtigsten Arbeiten der Bevlkerung. Neben der Sorge fr
Nahrung, Obdach und Kleidung nimmt die Herstellung von Booten in der
Tat einen grossen Teil ihrer verfgbaren Arbeitskraft in Beschlag. Jede
Familie sucht, sei es auch unter Beistand der _paladow_ (Mithelfer),
die erforderlichen Fahrzeuge selbst zu bauen. Aber nicht jeder Mann
ist in gleichem Masse imstande, einen passenden Baum auszusuchen,
ihn zu bearbeiten, im Feuer auszulegen u.s.w.; jeder Stamm besitzt
daher 1-2 anerkannte Autoritten auf diesem Gebiet, denen, sobald es
sich um den Bau sehr grosser Boote handelt, die Leitung desselben
bertragen wird. So grosse Fahrzeuge bauen jedoch meistens nur die
Huptlinge, weil diese am ehesten die Bekstigung ihrer Hilfskrfte
bestreiten knnen und sie berdies auf eine Untersttzung seitens
ihrer mnnlichen Stammgenossen ein Anrecht haben.

Die Boote sind ausnahmslos Einbume; sie werden aus einem einzigen
Stck verfertigt, fr welches man im Walde einen geeigneten Stamm
whlt. Zur Vermeidung von Streitigkeiten bezeichnet jeder Besitzer
sein Eigentum nach der auf pag. 155 angegebenen Weise.

Die Bahau unterscheiden verschiedene fr Boote geeignete Baumarten,
die je nach dem Zweck, fr den die Fahrzeuge bestimmt sind, ausgesucht
werden. So gebraucht man kleine, leichte Boote aus festem Holz, um
nach den Feldern zu fahren, grssere aus biegsamem Holz mit dickerem
Boden gegen den Anprall auf Steine zum Befahren der Flussoberlufe mit
ihren Wasserfllen und Stromschnellen, sehr lange Boote mit besonders
grossem Laderaum fr lange Handelsreisen an die Ksten, ferner sehr
lange, schmale Fahrzeuge fr Kriegszge und schliesslich besonders
grosse, um sie am Unterlauf der Flsse zu verkaufen. Fr die kleinen
soliden Boote gebraucht man das schwere aber feste Eisenholz, fr die
biegsamen, aber weniger starken Tengkawangholz. Fr die grssten Boote
besitzen nur bestimmte Baumarten die erforderlichen Dimensionen, so
dass man in ihrer Wahl sehr beschrnkt ist; die Eisenholzstmme sind
zwar sehr hoch, aber fr grosse Fahrzeuge zu schwer. In den khleren
Oberlufen der Flsse sind Boote aus weichem Holz eher brauchbar
als in den warmen Unterlufen, in deren Wasser weit mehr Organismen
vorkommen, die das Holz anfressen; daher werden neben den grossen
Frachtbooten aus weicherem Holz auch viele kleine Eisenholzboote in
den Kstengegenden verkauft. Es wird nmlich, besonders am Mahakam,
zwischen den Gebieten ober- und unterhalb der Wasserflle ein sehr
reger Handel in Booten betrieben, weil weiter unten zum Bau grosser
Fahrzeuge beinahe keine Bume mehr zu finden sind. Im Innern ist zwar
die Ausrottung dieser Waldriesen weniger weit fortgeschritten, aber
auch dort finden die am hchsten flussaufwrts wohnenden Stmme, wie
die Pnihing und Kajan, leichter dergleichen Bume als die Ma-Suling
und Long-Glat. Vielleicht ist es diesem Umstand zuzuschreiben, dass
die Pnihing als die besten Bootsbauer bekannt sind; ihre Fahrzeuge
zeichnen sich in der Tat durch Grsse, Form und gute Arbeit aus. 20
m lange Boote, fr die ich bei den Pnihing 100 fl pro Stck bezahlte,
verkaufte ich spter, nach dem Gebrauch und trotz der Konkurrenz mit
den Dampfbooten, am unteren Mahakam noch leicht zum gleichen Preis.

Fr den tglichen Gebrauch bentzen die Bahau Boote von etwa 8-12
m Lnge und 60-75 cm Breite, fr die Quellflsse 10-14 m lange,
whrend die grssten Boote 20-23 m lang und 1,5-2 m breit sind;
letztere bestehen meist aus Tengkawangholz.

Der Bau von Booten wird, wie bereits gesagt, von den Bahaufamilien
als eine sehr wichtige Arbeit betrachtet, da sie von den mnnlichen
Gliedern viel Mhe und Zeit erfordert. Weitaus die meisten Boote,
besonders die langen, werden denn auch mit Hilfe von Bekannten und
Freunden hergestellt. Die Anzahl der sich zur Arbeit vereinigenden
Mnner hngt ausser von der Grsse des Bootes auch von anderen
Umstnden ab, ob es z.B. weit ber Land geschleppt werden muss; in
diesem Fall werden wohl auch besondere Hilfskrfte beigezogen. Hufig
wird die Zeit nach der Reissaat zum Bootsbau gewhlt, weil die Felder
bis zur Ernte nicht mehr viel Pflege erfordern und die Mnner daher
dann am besten Arbeiten, die bisweilen einen wochenlangen Aufenthalt
im Walde erfordern, unternehmen knnen.

Derjenige, der sich von anderen helfen lsst, bernimmt diesen
gegenber eine Schuld von einer gleichen Anzahl von Arbeitstagen,
wie er selbst genossen hat, auch hat er fr den Unterhalt seiner
Gehilfen zu sorgen; bisweilen erhalten diese auch nur eine Belohnung.

Der Bau von Booten wird zu den grossen Arbeiten gerechnet, die von
den Mondphasen beeinflusst werden; ein gnstiger oder ungnstiger
Stand des Mondes bestimmt nicht nur das Gelingen eines Bootes,
sondern hauptschlich auch dessen knftiges Schicksal. Arbeitet man
zu ungnstiger Zeit am Boote, so zerschellt dieses beim Gebrauch bald
an einem Felsen, oder es wird durch pltzliches Hochwasser leicht vom
Tau losgerissen und fortgetrieben, oder es schlgt in den Wasserfllen
um und geht zu Grunde.

Bei den verschiedenen Stmmen gelten nicht die gleichen Mondphasen
als ungnstig; die Kajan am Obermahakam bezeichnen die zwei Tage vor
und nach dem Vollmond als _bulan_ (Mond) _dja-dja_ (schlecht), die
Long-Glat dagegen zwei Tage des zunehmenden und zwei des abnehmenden
Halbmondes. An diesen Tagen drfen auch keine Huser gebaut werden,
weil diese dann leicht durch Feuer vernichtet werden knnten. Ebenso
drfen in diesen Tagen, wie auch in denen des unsichtbaren Mondes,
keine grsseren Reisen angetreten werden. Bei ungnstiger Mondphase
lsst man auch keine Verbotszeit, z.B. fr den Landbau, beginnen,
geht man nicht auf die Vogelschau u.s.w. Natrlich sorgt man vor
allem beim Anfang des Bootsbaus, dass man nicht "_ga bulan dja-ak_",
den schlechten Mond trifft, sondern mit guten Vorzeichen den Weg
antritt. Beim Auffliegen eines Vogels zur Linken oder hnlichen
schlechten Zeichen kehrt man, wie bei jeder anderen Arbeit, fr Tage
wieder nach Hause zurck.

Ein zum Bau eines Bootes gut befundener Baum wird in einigem Abstand
vom Erdboden, wo er weniger breit ausluft, umgehackt und darf, wie
beim Huserbau, nur, wenn er vllig seitwrts niederfllt, verwendet
werden, gleitet er dagegen von seinem Stumpf ab und bleibt stehen, so
ist er _lali_ und darf nicht weiter gebraucht werden. Bisweilen erhlt
der Stamm beim Niederstrzen einen Riss, wodurch er entweder gnzlich
untauglich oder nur fr ein kleineres Boot bentzbar wird. Sind
die ste und der unbrauchbare Gipfel abgehackt und befindet sich
der Stamm in geeigneter Lage oder ist er bei bedeutender Grsse und
Schwere mittelst Hebeln in diese gebracht worden, so hackt man die
rohe Form des Bootes aus ihm heraus. Ein solches noch unbehauenes
Boot ist auf Tafel 57 zu sehen. Der Querriss zeigt noch die Rundung
des Baumes und die Seitenwnde sind nicht flach und gerade, sondern
laufen in der Mitte rund nach oben zu. An den beiden Innenseiten
sind einander gegenber Holzteile stehen gelassen, die spter,
bei der Anbringung der Bnke, als Spanten dienen mssen. berdies
hat man den Rumpf des Bootes absichtlich dicker gelassen, um ihn,
ohne Risse zu riskieren, durch den Wald nach Hause schleifen und dort
fertigstellen zu knnen. Fr diese Roharbeit gebraucht man nur Beile
(Fig. 3 Taf. 51) und runde Dechsel (Fig. 5) an langen Stielen, um
mit diesen das Holz von innen wegzuhacken. Die feinere Bearbeitung
wird allmhlich und bei der Wohnung vorgenommen, wie Taf. 57 es uns
vorfhrt. Um den Wnden die erforderliche Dnne und Gltte zu geben,
wendet man platte Dechsel an kurzen Stielen an (Fig. 5 und 8 Taf. 51),
wie sie von den Mnnern auf der Abbildung gehandhabt werden.

Sollen die Boote nicht sogleich gebraucht werden, so lsst man sie
vom Wasser auslaugen. Bestehen sie aus Eisenholz, das im Wasser sinkt,
so versenkt man sie ins Wasser, ist das Holz aber leichter als dieses,
so lsst man die Boote mit einigen Balken als Unterlage auf dem Lande
stehen, bis der Regen sie mit Wasser fllt. Indem man das Regenwasser
einige Mal durch eine ffnung im Boden ausfliessen lsst, wird die
Auslaugung des Holzes befrdert.

Da ein solches rundes Boot im Wasser nicht stabil genug ist,
wird es erst durch Auslegen im Feuer fr den Gebrauch tauglich
gemacht. Zu diesem Zweck stellt man das Boot auf einige, ein paar
Fuss hohe Unterlagen und setzt es dann whrend etwa 8 Stunden in
seiner ganzen Lnge zwei Reihen von gut flammenden Holzfeuern aus,
wobei man durch Schlagen mit grnen, bebltterten Zweigen, die man
in das im Boote befindliche Wasser taucht, ein Verbrennen des Holzes
an der Aussenwand verhtet. Die Seitenwnde biegen sich dann langsam
nach aussen; man lsst ihre Rnder anfangs absichtlich soviel hher,
damit sie nach der Auslegung mit dem Vor- und Hintersteven ungefhr
in eine Ebene zu liegen kommen. An noch nicht gengend ausgebogenen
Stellen wird das Feuer etwas lnger unterhalten, doch beeilt man
sich gleichzeitig, die im voraus fertig gearbeiteten Ruderbnke auf
die innen zu beiden Bootsseiten stehengelassenen Spanten (Taf. 57)
festzubinden. Dies geschieht mittelst Rotang, den man durch die in die
Bretter und Spanten gebohrten Lcher zieht und dann festknpft. Auf
diese Weise wird bei der Abkhlung eine nachtrgliche Einwrtskrmmung
verhindert, die bei einigen Holzarten leicht vorkommt.

Am Mendalam kennt man zwei Formen von Booten, nmlich solche mit
spitzen Enden (_harok_) und mit stumpfen (_bung_). Am Mahakam sah
ich nur die erste Art.

Die Bootsrnder werden, um ein Eindringen des Wassers zu verhindern,
durch Bretter erhht. Diese Schanzkleidung wird auf die gleiche Weise
wie die Ruderbnke mit Rotang an die Rnder befestigt. Ein Verkleben
der ffnungen mit _dumpul_ (Harzpulver, Pflanzenfasern und Petroleum)
ist mehr bei den Malaien als den Bahau blich. Fr Fahrten auf stillen
Flssen werden die Rnder nur mit einer Reihe von Brettern erhht,
fr Quellflsse dagegen mit ihren Stromschnellen und Wasserfllen mit
2-3 Reihen. Mit derartig verstrkten Booten wagen die Dajak denn auch
mit voller Ladung grosse Stromschnellen hinabzufahren.

Am Kapuas und Mahakam werden die Boote wenig verziert; nur die grssten
Exemplare tragen innen und aussen am Vorder- und Hintersteven bisweilen
eine Holzmaske. Bei den Kenja in Apu Kajan dagegen ist ein Verzieren
der vorderen und hinteren Bootsenden mit Drachenkpfen allgemein Sitte.

Einen besonders schnen Schmuck tragen bei den Kenja die grossen
Kriegsboote, die am Kapuas und Mahakam infolge der friedlichen
Beziehungen der Stmme unter einander berhaupt nicht vorkommen.

Dass die Bewohner des oberen Mahakam ihren Booten viel mehr Sorgfalt
zuwenden als diejenigen des Kapuas, ist wohl hauptschlich dem
Umstand zuzuschreiben, dass bei ersteren in den Flssen viel mehr
Stromschnellen und Wasserflle mit spitzen Felsblcken vorkommen als
bei letzteren. Die Boote der Mahakamstmme haben auch einen viel
dickeren Boden und ihre ganze Bauart ist schwerer. Ein sorgsamer
Blu-ubewohner setzt sein Boot auch alle 2-3 Monate von neuem der
ganzen Lnge nach einem Feuer aus, um die von den Flusssteinen
gelsten Holzfasern abzubrennen, wodurch die Gleit-fhigkeit erhht
und das Holz durch Schrumpfen gehrtet wird. Auch kratzt er an der
Innenseite sorgfltig die ussere Schicht ab, die durch einfallendes
Regenwasser oder durch die Ritzen dringendes Wasser, das sich in den
Bten stets in grsserer oder geringerer Menge ansammelt, verfault
ist. In der Regel geschieht diese Arbeit mit dem Schwert.

_Kwing Irang_ beschftigte sich oft Tage lang mit der Ausbesserung
seiner Boote. Die zeitweilig nicht gebrauchten Fahrzeuge lsst man
weder auf dem Wasser treiben, noch stellt man sie Wind und Wetter
bloss, sondern bewahrt sie trocken in umgekehrter Lage auf Gestellen
unter den langen Husern, wie Tafel 23 oben es zeigt; oder man bindet
sie, auf den Rand gestellt, an die Sttzbalken des Hauses, wie rechts
oben auf der unteren Abbildung von Tafel 53 zu sehen ist.

Den Bahau und Kenja sind Boote aus Baumrinde, wie sie von den
Batang-Luparstmmen gebraucht werden, zwar bekannt, doch finden
sie bei ihnen keine praktische Verwertung, wahrscheinlich weil sie
seit lange die Gebirge Borneos bewohnen, deren Bergstrmen nur feste
Fahrzeuge stand halten knnen. Selbst wenn die Mahakamer auf Reisen
nach der berschreitung der Wasserscheide zum Hinabfahren auf den
Flssen neue Boote im Walde bauen mssen, stellen sie diese doch
auf die gewohnte Weise her. Allerdings begngen sie sich dann mit
einer unvollkommeneren Bearbeitung, weil die zur Verfgung stehende
Zeit auf solchen Reisen infolge von Nahrungsmangel sehr beschrnkt
ist. Die Bemannung eines Fahrzeugs, die die ntigen Beile, Schwerter
und Dechsel stets mit sich fhrt, braucht auf Reisen 4-5 Tage, um
aus einem Baum ein Boot herzustellen.



Mit der Einfhrung des Sirihkauens, das sich erst seit ein oder zwei
Menschengeschlechtern bei den Eingeborenen des Innern eingebrgert
hat, haben diese auch die Kalkbrennerei bernommen. Diese liefert
ausschliesslich Kalk zum Sirihkauen, denn der Gebrauch von weissem
Kalk als Farbstoff ist zu gering, um eine allgemeine Industrie
zu veranlassen. Die meisten dicht an der Kste wohnenden Stmme,
besonders die Malaien, brennen den Sirihkalk aus eingefhrten Muscheln;
die weiter oben an den Flssen wohnenden Stmme wissen, dass man auch
durch Brennen gewisser Teile der Kalkfelsen guten, zum Kauen geeigneten
Kalk erhalten kann. Merkwrdigerweise suchen diese Stmme im Gebirge
gerade diejenigen Kalkfelsen aus, die reich an fossilen Muscheln
sind. Die Kajan am Blu-u nahmen auf ihren Fahrten zu den Pnihing
Stcke von einem Felsen im Okp mit, der bei nherer Besichtigung
ganz aus Kalk von zahllosen nur 2-4 mm grossen Muscheln bestand.

Das Brennen des Kalkes geschieht nach der auf Tafel 58 dargestellten
Weise. Man bentzt hierfr ein Feuer von Holzkohlen, das, wie in der
Schmiede mit einem Blasbalg angefacht wird. Der stehende Mann handhabt
mit der Linken den Sauger, der die Luft ins Feuer treibt, whrend
der hockende mit einem Stocke das vor ihm brennende Kohlenfeuer schtt.

Das Kalkbrennen darf nicht in irgend einer Schmiede vorgenommen werden,
sondern man richtet unter den langen Husern einen oder mehrere solcher
Blasblge auf, mit denen jede Familie selbst ihren Kalk brennen darf.



Erwhnenswert ist noch eine eigentmliche, in frheren Zeiten, wie es
scheint, mehr als gegenwrtig gebte Industrie der Bahau, nmlich die
Bearbeitung von Natursteinen zu verschiedenen Gebrauchsgegenstnden,
vor allem zu Schmuck. Die einzige Gesteinsart, die ich bei den
Dajak fr Grtelscheiben, Ohrgehnge und Perlen bentzen sah, ist
ein Serpentinstein, schwarz mit hellgrnen Flecken, der nach seinem
Vorkommen im Boh _batu Boh_ genannt wird; er kommt im anstehenden
Gestein oberhalb der Ogamndung vor. Aus diesem Serpentin bestehen auch
die auf Tafel 60 in Fig. q und r abgebildeten Ohrbammeln. Die grosse
Gewandtheit, mit der dieser Stein umgeformt wird, ist staunenswert. Die
zum Gebrauch als Grtelscheibe im Stein erforderlichen Lcher werden
mit Hilfe von Holz, Sand und Wasser gebohrt und besitzen oft einen
beinahe vollkommen runden Querschnitt, zugleich aber auch die fr
diese Art der Bearbeitung bezeichnende trichterfrmige Erweiterung zur
Oberflche hin. Noch mehr Bewunderung verdient die Genauigkeit, mit
der sie einigen Grtelscheiben, ohne die ihnen unbekannte Drehscheibe,
eine beinahe tadellose kreisfrmige Aussenflche zu geben verstehen
oder eine rein birnfrmige Gestalt mit kreisfrmigem, horizontalem
Durchschnitt, wie die Steine der erwhnten Ohrbammeln q und r sie
zeigen. Dies sind alte Ohrgehnge der Long-Glat, die gegenwrtig aus
der Mode sind; r ist einigermassen asymmetrisch, aber q ist so rein
von Form, dass nur mit einem Vergrsserungsglas durch Feststellen von
Ritzspuren an der Oberflche bewiesen werden konnte, dass der Stein
ohne Drehscheibe verfertigt worden ist. Nicht minder Zweifel erweckten
hinsichtlich der Herstellungsmethode die oben um den Stein angebrachten
Rinnen; doch bewiesen auch hier einige Unregelmssigkeiten, dass sie
aus freier Hand hergestellt sein mussten.

Aus Naturstein geschliffene Perlen, die man bei so vielen auf
niedriger Kulturstufe stehenden Vlkern findet, trifft man auch bei
diesen Stmmen an. Sie werden aus demselben Serpentin hergestellt,
indem man die ussere Oberflche rund schleift und eine zentrale
ffnung anbringt. Diesen Steinperlen begegnete ich jedoch, besonders
im Vergleich mit den allgemein verbreiteten eingefhrten Perlen aus
Glas, Porzellan und Ton, nur sehr selten, auch sah ich nur solche
von mangelhafter Zylinderform.

Whrend mir die Dajak die Serpentinperlen nur als interessante,
kostbare Altertmer vorzeigten, gebrauchten sie die alten und neuen
Kunstperlen tglich zum Schmuck oder zu anderen Zwecken. Auch diese
wurden, hauptschlich wenn sie alt waren, hoch geschtzt, ja sogar
neben Nahrung und Wohnung als die wichtigsten Lebenserfordernisse
angesehen. Als Schmuck dienen sie Mnnern, Frauen und Kindern in
Form von Halsketten, Grteln und Armbndern oder in schnen Mustern
zusammengefgt zur Verzierung von Kleidungsstcken. Einen praktischen
Zweck erfllen die Perlen als gangbare Mnze im Tauschhandel innerhalb
eines Stammes oder im Verkehr mit anderen Stmmen. Ferner wird das
Vorhandensein von Perlen bei religisen Zeremonien gelegentlich der
verschiedensten Lebensereignisse als unumgnglich ntig angesehen. Alte
Perlen gelten auch an und fr sich als ein Schatz, den man sich
mit den grssten Entbehrungen erwirbt und in dem man sein gespartes
Geld anlegt.

Da die Kunstperlen weite Handelsreisen veranlassen und auch bei anderen
Stammgruppen als den Bahau und Kenja auf Borneo eine grosse Bedeutung
besitzen, ist es wohl der Mhe wert, im folgenden auf die Rolle, die
sie im Leben der Dajak spielen, auf ihre Herstellung, ihre Herkunft
und ihr Vorkommen auch ausserhalb Borneos ausfhrlich einzugehen.

Bei smtlichen Stmmen, die das Innere der Insel Borneo bewohnen,
sind Kunstperlen im Schwange; doch werden sie nicht berall in
gleichem Masse verwandt, auch benutzen die verschiedenen Stmme
verschiedene Arten von Perlen. Die von den Bahau und Kenja in
ethnographischer Hinsicht sehr abweichenden Ot-Danum, die im Sden
und Westen von Mittel-Borneo leben, gebrauchen im Gegensatz zu
ersteren nur selten Glasperlen, sondern, besonders fr Halsketten
und Armbnder, Natursteinperlen aus rotem Achat, der daher, echt oder
auch nachgemacht, in grosser Menge bei ihnen eingefhrt wird.

Zwischen den Bahau und Kenja und der Stammgruppe, deren wichtigste
Vertreter die Batang-Lupar sind und zu denen auch die Kantuk gehren,
die aus dem Seengebiet des Kapuas stammen und jetzt an diesem Flusse
selbst wohnen, macht sich dieser Gegensatz weniger scharf geltend. Bei
letzteren sind ausser den Steinperlen auch viele Arten von Glas-
und Porzellanperlen, wenn auch in geringerem Masse als bei den Bahau
und Kenja, im Gebrauch. Erwhnenswert ist der Stamm der Taman-Dajak
am oberen Kapuas wegen seiner Fertigkeit, aus bestimmten Arten von
Glasperlen geschmackvolle Jacken und Rcke herzustellen.

Die folgenden Ausfhrungen ber den Gebrauch von Perlen auf Borneo
beziehen sich zwar nur auf die Stammgruppen der Bahau und Kenja, geben
aber doch eine allgemeine Vorstellung von der Rolle, welche Perlen
bei Stammen spielen knnen, die auf einer niedrigen Entwicklungsstufe
stehen.

Die Perlen, die sich bei den genannten Stammgruppen allgemeiner
Beliebtheit erfreuen, sind beinahe alle in frheren Zeiten oder in der
Gegenwart aus Glas, Porzellan und Fayence hergestellt und eingefhrt
worden. Solche Perlen (Siehe Taf. 59 Fig. 1-10, 12-14, 17, 20, 27 und
36) stellen diese Stmme nie selbst her. Diejenigen Perlen, welche
sie selbst als neu bezeichnen, werden hauptschlich aus Singapore
eingefhrt, whrend die alten Perlen, die man von Alters her auf der
Insel findet, in sehr frhen Zeiten aus unbekannten Gegenden zu ihnen
gelangt sein mssen.

Das Alter der Perlen bestimmt zwar hauptschlich ihren Wert, aber nicht
ihre Verwendung. Die Rolle, welche die Perlen im Lebenslauf eines Dajak
zu erfllen haben, hngt mehr von ihrer Form als von ihrem Alter ab;
Huptlinge und Reiche verwenden im allgemeinen hufiger alte Perlen,
Unbemittelte neue. Fr religise und andere Zeremonien sind bestimmte
Perlenarten vorgeschrieben, bemerkenswerterweise bestehen hierin
selbst unter verwandten Stmmen Unterschiede. Alte und neue Perlen
der gleichen Art tragen keine scharfen Erkennungszeichen. Von den
Perlen, welche die Eingeborenen als sehr alt und kostbar bezeichnen,
fhren zahlreiche bergnge zu den minder alten und wertvollen und
von diesen wiederum zu den neusten Perlen, die ihnen noch heutigen
Tages zugefhrt werden.

Da die neueren Perlen nach dem Muster der lteren aus dem gleichen
Material und mit den gleichen Zeichnungen hergestellt werden und die
alten Perlen der gleichen Art durchaus nicht immer unter einander
vllig bereinstimmen, besitzen die neuen keine charakteristischen
Formen oder Farben, die sie von den alten scharf unterscheiden. Dennoch
ist es unmglich, neue Perlen als alte zu verkaufen, weil diese
infolge des langen Gebrauchs an der Oberflche verschlissen, vom Fett
der Haut durchzogen und, wenn sie in der Erde gelegen haben, an der
Oberflche verwittert sind. Die neuen Perlen knnen daher, trotzdem
sie in Form und Farbe den alten gleich sind, von Sachverstndigen doch
unterschieden werden; eine genaue Nachahmung wrde dem Fabrikanten
wahrscheinlich zu teuer zu stehen kommen. Da bestimmte Perlenarten
nur von bestimmten Stmmen geschtzt werden und wiederum bei den
anderen oft so gut als wertlos sind, und da ferner das Kaufvermgen
der Eingeborenen sehr gering ist, kann dem Fabrikanten, wenigstens fr
Borneo, eine genaue Nachahmung einzelner alter Perlen, die viel Zeit
und Mhe erfordert, keinen Vorteil bieten. Einer Perle, die nach einem
gegenwrtig unbekannten Verfahren hergestellt worden wre, bin ich
unter vielen Hunderten von Perlensorten in Borneo nicht begegnet. Der
Preis einer Perle richtet sich nicht nur nach ihrem Alter, sondern auch
nach ihrer Art. Eine verbreitete Art alter Perlen (_lekut sekala_)
wurde in den Jahren 1896-1900 am Kapuas und oberen Mahakam fr 100
fl das Stck verkauft; dagegen zeigte mir der Sultan von Kutei eine
Perle, die, nach seiner Aussage, 40000 fl wert war. Sie war doppelt
kegelfrmig, 2 cm gross und bestand aus gelbem Porzellan, durchzogen
von Bndeln verschiedenfarbiger Glasurstreifen. Die Malaien htten
jedoch einen so hohen Preis fr die Perle nicht bezahlen wollen und von
den Dajak-Huptlingen wren nur wenige hierzu im stande gewesen. Jede
der verschiedenen alten Perlenarten besitzt ihren bestimmten festen
Preis. Wie bei allen derartigen Artikeln ist aber auch bei diesen
Perlen der Preis von Nachfrage und Angebot abhngig. Da, wo sich
malaiischer Einfluss geltend macht, findet ein starkes Sinken der
Preise statt. Gegenwrtig schtzen unter den Bahau und Kenja auf
hollndischem Gebiet nur noch die Stmme am Oberlauf des Kapuas,
Mahakam und Kajan den Besitz alter Perlen hher als den von Geld. Am
Mittel- und Unterlauf dieser Flsse dagegen, wo die Eingeborenen oft
mit Malaien in Berhrung kommen, verussern sie ihren Perlenbesitz,
was einen lebhaften Handel zwischen Binnenland und Kste veranlasst.

Fr die ursprnglichen Dajak bildet der Einkauf von Perlen den
wichtigsten Anlass zur Unternehmung monat-, ja selbst jahrelanger
Reisen aus dem einen Gebiet ins andere. Vom Kapuas aus machen
hauptschlich die bei Putus Sibau lebenden Taman-Dajak Zge zum
mittleren Mahakam, Wo alte Perlen stark im Preise gefallen sind. Sie
begeben sich an den oberen und mittleren Mahakam, um dort Guttapercha
und Rotang zu suchen, die sie in Udju Tepu an den Mann bringen. Fr
den Erls kaufen sie bei den benachbarten Stmmen alte Perlen, die
sie als einzigen Besitz nach einer Reise von 6 Monaten bis zu 1 1/2
Jahren in ihre Heimat am oberen Kapuas mitbringen, wo sie mit den
Perlen unter den eigenen Dorfgenossen und benachbarten Stmmen sehr
vorteilhaften Handel treiben. Auch die Kajan am Mendalam besuchen die
verwandten Stmme am Mahakam und Tawang hauptschlich, um von dort
alte Perlen mit nach Hause zu bringen. Abgesehen vom Einfluss der
Malaien, ist der Preis fr alte Perlen auch noch aus einem anderen
Grunde am mittleren Mahakam niedriger als am Kapuas. Es kommen
nmlich, besonders beim Stamm der Kenja am Tawang, alte Perlen an
einigen Stellen in der Erde vor. Nun wissen die benachbarten Stmme
sehr gut, dass diese Perlen aus sehr alten Grbern stammen, von denen
ihre berlieferung ihnen nichts mehr berichtet, und gebrauchen diese
Perlen aus Abscheu nicht selbst. Fremde dagegen finden hier gute
Gelegenheit fr einen vorteilhaften Kauf, und wenn sie auch etwas
ber die Herkunft der Perlen verlauten hren, so verraten sie doch
ihren Kunden am Kapuas nichts davon, auch finden sie die Sache,
da es sich um so weit entfernte Gegenden handelt, nicht so schlimm.

In Anbetracht, dass die Toten mit ihrem kostbaren Besitz an
Perlenhalsketten und -grteln und mit Mtzen und Kleidern mit
Perlenverzierungen begraben werden, wodurch jrlich ein Teil der
Perlen dem Verkehr entzogen wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass
ein bedeutender Teil der jetzt getragenen alten Perlen bereits
einmal oder mehrmals mit einer Leiche begraben worden ist. Nach
deren Verwesung gelangen die Perlen in die Erde, wo sie whrend
lngerer oder krzerer Zeit liegen bleiben. Bei einem Besuch des
Begrbnisplatzes der Pnihing am Tjehan sah ich denn auch viele Perlen
auf dem Erdboden umherliegen. Hierdurch haben die meisten alten Perlen
ihre glnzende Oberflche eingebsst, auch sind sie zum Teil bis tief
zur Mitte verwittert. Da in dem Stoff der Perlen zahlreiche Blschen
vorkommen, die durch den Verwitterungsprozess geffnet werden, zeigt
ihre Oberflche bisweilen sogar tiefe Gruben. Bei vielen emaillirten
Perlen fllt die Emaille aus den Gruben heraus oder geht rascher als
die brige Masse zugrunde.

Perlen bilden nicht nur einen Handelsartikel zwischen den Stmmen,
sondern dienen, wie erwhnt, auch innerhalb des Stammes als Geld. Fr
den tglichen Gebrauch werden daher mehr oder weniger wertvolle Perlen,
um sie nicht zu verlieren, an eine Schlinge aus Lianenfasern von 5-6
cm. Durchmesser gereiht. Fr diese werden Schweine, Mais, Bataten,
Reis u.s.w. eingekauft, und so erstand ich auch die alten und neueren
Perlen, die ich im ethnographischen Reichs-Museum in Leiden deponierte.

Die Bewohner Zentral-Borneos haben von der Herkunft der alten und
neuen Perlen nur eine sehr undeutliche Vorstellung. Da sie den
alten Sorten nicht wie den eigentmlich geformten Flusssteinen und
Rotangstcken, die als Amulette getragen werden, bernatrliche Krfte
zuschreiben, hat ihre Phantasie sich nicht viel mit deren Herkunft
beschftigt. Erzhlungen, die hierauf Bezug htten, habe ich auch nie
gehrt. Die malaiischen Hndler, welche neue Perlen von der Kste bei
den Dajak einfhren, machen diesen zwar weis, dass sie diese, wie auch
andere schne Gegenstnde, am Eingang grosser Hhlen gefunden htten,
in denen sie von den Geistern verfertigt wrden, die Bahau sind aber
klug genug, diesen Erzhlungen nicht unbedingten Glauben zu schenken,
wenn sie den wahren Sachverhalt auch nicht kennen.

Wie ich frher bereits sagte, ist Singapore der Ort, von dem aus die
neuen Perlen aus Glas, Fayence und Porzellan nach Borneo eingefhrt
werden. Unter der grossen Anzahl Sorten, die von dort aus versandt
werden, stammen die meisten aus europischen Fabriken und zwar aus
Gablonz in Bhmen, Birmingham und Murano bei Venedig. Ich vermute,
dass einige Arten von Glasperlen aus China kommen oder doch noch vor
kurzem von dort eingefhrt wurden, da sie noch jetzt in chinesischen
Schachteln und chinesischem Papier in Singapore verkauft werden. Dies
sind rein blaue, durchsichtige und gelbe, undurchsichtige Glasperlen
(Fig. 8), meist zylinderfrmig, 7 mm lang und 8 mm dick. Auch andere,
runde rote, durchsichtige Glasperlen von 4 mm Durchmesser stammen
meiner Vermutung nach aus China.

Die Grsse der Perlenarten ist sehr verschieden und bestimmt mit
den Zweck ihrer Verwendung. Die allerkleinsten einfarbigen Perlen
werden zur Zusammenstellung farbiger Perlenmuster als Verzierung
fr Schwertscheiden, Kopf binden und Rcke gebraucht, bisweilen
auch fr Grtelquasten. Neben diesen Perlen wird eine grssere Art
auch zur Herstellung grosser Schmuckstcke fr Kindertragbretter,
Hte und Mtzen benutzt. Aus derselben Perlenart bestehen gnzlich
oder zum Teil die prachtvollen Rcke und Jacken der Taman-Dajak. Die
allgemein getragenen Halsketten und Armbnder werden aus grsseren
Perlen verschiedener Form und Farbe hergestellt. Die einfarbigen,
runden und zylindrischen werden der Farbe nach auf bestimmte Weise
zu ein- oder mehrreihigen Halsketten zusammengefgt. In der Mitte
dieser Ketten, zwischen den beiden vllig gleichen Seitenteilen,
finden sich bunte, mit Rosetten und Streifen verzierte Perlen in
unbestimmter Reihenfolge eingefgt. Dies Mittelstck enthlt die
allerverschiedensten Sorten, sowohl die schn gezeichneten neuen als
die alten sehr wertvollen neben einander. Da die Bahau sonst viel
Geschmack zeigen, scheinen sie in diesem Falle mehr auf die Schnheit
der einzelnen Perlen Wert zu legen als auf den Eindruck, den sie im
ganzen machen. Das gleiche gilt fr die Grtel, die aus noch grsseren
und den grssten Perlen zusammengesetzt und von Frauen, bisweilen
auch von Mnnern, getragen werden. Auch diese Schnre bestehen aus
zwei Seitenteilen, fr die eine oder zwei verschiedene Perlenarten
gleicher Farbe verwendet werden, whrend man fr das Mittelteil mehr
oder weniger alte und hbsche Perlen ohne Rcksicht auf Form und
Farbe aneinander reiht. Einige Stmme bevorzugen jedoch fr diesen
Leibesschmuck bestimmte Perlenarten. Whrend z.B. die Anwohner des
Kapuas und Mahakam sowohl fr Halsketten als Grtel am liebsten Perlen
mittlerer Grsse verwenden, ziehen die Kenja fr den gleichen Zweck
grosse, schn gearbeitete Perlen aus Glas, Porzellan oder Fayence vor;
auch sie achten auf bestimmte Formen und schne Zeichnung.

Die wichtigste Rolle spielen die Perlen bei den Dajak gelegentlich
verschiedener Lebensereignisse und beim Gottesdienst. Den alten
Perlen werden zwar keine schutzbringenden oder bernatrlichen Krfte
zugeschrieben, aber bei religisen Zeremonien opfert man sie als
schne, kostbare Geschenke den Geistern, um diese in gute Laune zu
versetzen. Ferner bringt man die beiden Seelen des Menschen hufig
mit alten Perlen in Berhrung, um ihnen etwas Angenehmes zu erweisen,
besonders um die mit dein lebenden Krper nur locker verbundene _bruwa_
am Entfliehen zu verhindern oder zur Rckkehr zu bewegen.

Die Art und Weise, in welcher Perlen im allgemeinen bei bestimmten
Lebensereignissen und religisen Zeremonien von Laien, Priestern
und Knstlern verwendet werden, ist gelegentlich bereits ausfhrlich
behandelt worden.

Der Umstand, dass Perlen im Leben der Bevlkerung Borneos nicht
nur als tglicher Schmuck und kostbare Kleinodien dienen, sondern
auch fr die Herstellung knstlerisch schner Arbeiten und religise
Zeremonien bentzt werden, spricht dafr, dass Perlen von Alters her
bei ihr in Gebrauch gewesen sein mssen. Bei den gegenwrtigen Bahau
fand ich keine Spur, die darauf hinwies, dass sie in frheren Zeiten
mehr aus Natursteinen, von ihnen selbst verfertigte Perlen benutzt
htten, obgleich dies sehr gut mglich wre. Da alle alten, kostbaren
Perlen, die ich sah, eingefhrt worden waren und ans Glas, Porzellan
oder glasiertem Ton bestanden, kann eine eventuelle Herstellung
von Perlen aus Natursteinen nur whrend einer sehr frhen Periode
statt-gefunden haben.

Betrachtet man die vielen verschiedenen Perlenarten, die bei den
Eingeborenen Borneos einen eigenen Namen tragen und daher lange unter
ihnen zirkuliert haben mssen, so zeigt es sich, dass sowohl alle alten
als alle neuen Perlen mit den vielen Arten von Kunstperlen, die auch
in anderen Gegenden des indischen Archipels vielfach vorkommen und
nicht nur gegenwrtig in allen Weltteilen verbreitet sind, sondern
auch als berreste lang verschwundener Kulturzentren gefunden werden,
vllig bereinstimmen.

Einen Beweis dafr, dass in der Tat viele Perlenarten, die man ber
den indischen Archipel verbreitet findet, bereinstimmender Natur sind,
erhielt ich im Jahre 1898 in Batavia, als mir Dr. C. Snouck Hurgronje
alte Perlen zeigte, die ein Araber in den Lampong-Distrikten in
Sd-Sumatra aufgekauft hatte, um sie spter auf Timor sehr vorteilhaft
zu verkaufen. In Sd-Sumatra sind diese gelbbraunen Perlen nmlich
infolge der zunehmenden Entwicklung der dortigen Bevlkerung,
gleichwie auch an den Ksten Borneos, sehr billig zu haben, whrend
sie auf Timor, wo sie unter dem Namen _muti salah_ oder _muti tanah_
bekannt sind, noch einen hohen Wert besitzen. Auch unter den Bahau sind
diese Perlen sehr geschtzt. Noch merkwrdiger ist die Tatsache, dass
Einwohner von Kro in Benkulen, an der Westkste Sumatras, gegenwrtig
(1902) nach West-Borneo und von dort den Kapuas aufwrts ins Innere der
Insel ziehen, um ihre alten Perlen den Bahaustmmen zu verkaufen. Aus
dem Kapuasgebiet zogen sie sogar ber die Wasserscheide zum Mahakam,
fuhren den Fluss hinab bis zur Ostkste und kehrten von dort in ihre
Heimat zurck, nachdem sie auf dieser Reise quer durch die Insel ihre
Perlen sehr vorteilhaft an den Mann gebracht hatten.

Whrend die Herkunft der Perlen aus Natursteinen leicht bestimmbar
ist, da der Batu Boh z.B. aus dem Boh selbst stammt oder als
Gerllstein im unteren Teil des Mahakam gefunden wird, fehlen fr
Kunstperlen derartige Anhaltspunkte. Die auf Tafel 59 in Fig. 1-10
etc. abgebildeten Kunstperlen der Bahau und Kenja reprsentieren
nur wenige Arten von den vielen Hunderten, welche unter den
dajakischen Stmmen verbreitet sind. Sie sind auch keineswegs fr
Borneo bezeichnend, sondern kommen ebenso auf anderen Inseln des
indischen Archipels vor, z.B. Fig. 18 auf Timor, 19 auf Celebes,
welch letztere in der Zusammensetzung mit 11, 12, 13, 14 und 17
bereinstimmen. Die Perle 27 unterscheidet sich nur durch ihre Grsse
von 25 und durch ihre Form von 24, die beide als _muti salah_ von
Timor stammen. Bercksichtigt man, dass jede dieser Perlenarten in
zahlreichen kleinen Abweichungen vorkommt, so wird die bereinstimmung
noch grsser.

Diese bereinstimmung ist auch an den Kunstperlen bemerkbar,
welche aus anderen Weltgegenden und lngst verflossenen Zeiten
stammen. Zum Vergleich sind auf Tafel 59 auch einige ausserhalb des
indischen Archipels gefundene Perlen abgebildet. Hiernach sieht
man, dass Fig. 20, eine Perle aus Borneo, sich nur in der Grsse
einigermassen von Fig. 21, einer aus einem alten Grabe in Ungarn
stammenden, unterscheidet, oder von Fig. 29, die aus Utrecht, vom
Anfang unserer Zeitrechnung stammt. Selbst die phoenizische Perle
(Fig. 28) aus Sardinien ist der vorigen in der Zusammensetzung,
jedoch nicht in der Farbe, gleich. In der Form stimmt die _kel-om
dian_ aus Borneo (Fig. 36) mit Fig. 30, 31, 33 und 34 aus alten
Rmergrbern der Provinz Gelderland, mit Fig. 35 aus der Provinz
Groningen, mit der allemannischen Perle (32) aus Nieder-Breisich,
mit der altgyptischen (37 u. 38) und mit einer Perle (39) aus einem
alten Grabe bei Smyrna berein.

Ein anderes Beispiel fr die grosse bereinstimmung der Perlen aus
Borneo mit denen aus anderen Lndern und Zeiten liefern noch Fig. 15
und 16 aus sehr alten Grbern der Provinz Utrecht und Fig. 11, eine
alte gyptische Perle, alle Varietten der so stark verbreiteten Form
der "chevron pattern."

Da alle diese so sehr hnlichen Perlenarten seit der Zeit, wo
die gypter mit ihrer Herstellung begannen, von zahlreichen
hochentwickelten Vlkern wie den Phniziern, den Etruskern,
den Rmern, den Bewohnern von Vorder-Indien und den Venetianern
verfertigt wurden und gegenwrtig ebenso in Birmingham und Gablonz
hergestellt werden, ist es unmglich zu konstatieren, von wo und wann
die alten Perlen bei niedrig entwickelten Vlkern, wie den Dajak,
eingefhrt worden sind. Der Versuch, mit Hilfe dieser Kunstperlen
alten Verbindungen zwischen niedrig stehenden Vlkern und hochstehenden
Bildungszentren, in denen allein diese Perlen hergestellt sein knnen,
nachzuspren, muss daher aus obigen Grnden scheitern (Siehe Archiv
fr Ethnog. Bd. XVI 1903).





KAPITEL IX.

    Allgemeines ber die Kunstusserungen der
    Bahau- und Kenjastmme--Zahl und Art der in der
    Ornamentik angewandten Motive--Verwendung von
    Menschenfiguren--Erkennungszeichen fr bestimmte
    Motive--Tierfiguren (Hund, Tiger, Rhinozerosvogel)--Verwendung
    einzelner Tierteile (Feder des Argusfasans,
    Pantherfell)--Genitalmotive--Stilisierungen--Verwendung der
    Motive im Kunsthandwerk: bei Hirschhorngriffen, Schwertscheiden,
    Bambuskchern, Kleiderverzierungen, Perlenarbeiten--Einfluss
    fremder Vlker und Stmme auf die Entwicklung der Kunst bei den
    Bahau und Kenja.


Der Einblick in die Industrie der Bahau- und Kenjastmme, den der
Leser im vorigen Kapitel gewonnen hat, berzeugte ihn auch von dem
Drang dieser Dajak, alle Gegenstnde ihrer tglichen Umgebung durch
knstlerische Verzierungen zu verschnern. Aufgabe des folgenden
Kapitels ist, zu zeigen, in welcher Weise diese knstlerische Anlage
sich bei ihnen ussert, in welcher Richtung sie sich entwickelt hat,
welche Motive die Dajak ihrer Ornamentik zu Grunde legen, welche
Vorbilder diese veranlasst haben und welche Bedeutung letztere fr
sie besitzen.

Der Wunsch und die Fhigkeit, schne Gegenstnde hervorzubringen,
ist bei beiden Geschlechtern der Dajak entwickelt, nur macht sich
bei beiden eine Spezialisierung bemerkbar, die in unwillkrlichem
Zusammenhang mit ihren Hauptbeschftigungen steht. So verzieren
Frauen vor allem die von ihnen selbst verfertigten Kleidungsstcke,
Matten, Schmucksachen, Mnner dagegen Gegenstnde aus Bambus, Holz,
Horn und Eisen, gewisse Teile der Huser, Bte und Schwerter, Dinge,
mit denen sie tglich umzugehen haben. Bemerkenswerterweise ist
diese Verschiedenartigkeit der beiden Geschlechter in der praktischen
Anwendung ihres Kunstsinnes bei allen Individuen und Stmmen zu finden;
selbst dann, wenn Mann und Frau gemeinschaftlich einen bestimmten
Gegenstand zu verzieren beginnen, nimmt doch jedes einen bestimmten
Teil desselben vor. Also nicht nur in der Art des zu verzierenden
Gegenstandes, sondern auch in der Art der Ornamentik selbst macht sich
diese Verschiedenheit bei beiden Geschlechtern bemerkbar. Um einige
Beispiele anzufhren: die geschmackvollen Perlenarbeiten (Taf. 70-75)
entstehen derart, dass die Mnner die Muster in Holz schnitzen (Taf. 69
c u. e), die Frauen dagegen nach eigenem Geschmack in verschiedenen
Farben die Perlen darber hinreihen. Die Ttowierknstlerinnen
drcken die darzustellenden Figuren mittelst Holzpatronen, welche
die Mnner fr sie hergestellt haben, ihren Kunden auf die Haut. Die
farbigen Zeugfiguren, mit denen die Frauen ihre Kleider und die
Totenausrstungen schmcken, werden von den Mnnern geschnitten. Auf
den Pandanusblttern, aus welchen die Frauen einiger Stmme Hte
flechten, bringen die Mnner mit Wasser und Russ zuvor Zeichnungen
an u.s.w. Im allgemeinen arbeiten die Mnner diejenigen Dinge, deren
Herstellung Formensinn und Gewandtheit in der Handhabung von Messer,
Hammer und Meissel erfordert, die Frauen dagegen zeichnen sich durch
ein feines Gefhl fr Farbenharmonie und durch Fertigkeit im Nhen,
Weben und in der Tpferei aus. Da wir einen so durchgreifenden
Unterschied in der usserung des Kunstsinns bei den Mnnern und
Frauen konstatieren knnen, sind wir auch einigermassen berechtigt,
auf eine Verschiedenheit in der Anlage dieses Kunstsinnes bei beiden
Geschlechtern zu schliessen.

Das Kunstgefhl ist, eigentmlicherweise, unter den Gliedern
dieser Stmme viel verbreiteter und entwickelter als bei denen
zivilisierter Gemeinwesen. Weitaus die meisten Mnner und Frauen
sind im stande, ohne andere Anleitung als das Absehen von anderen,
mit sehr primitiven Werkzeugen Verzierungen anzubringen, obwohl sich
auch bei ihnen eine sehr grosse individuelle Verschiedenheit im Talent
bemerkbar macht. Die Verhltnisse, unter denen die Individuen leben,
entwickeln diese Anlage in sehr verschiedenem Masse. Sowohl Mnner
als Frauen knnen jedes in seinem Gebiet durch Anlage und bung zwar
einen hohen Grad von Kunstfertigkeit erreichen, doch bringen es nur
wenige zu solcher Hhe. Wie schon frher gesagt, finden meist nur
Glieder der Huptlingsfamilien die ntige Musse, um sich eingehend
dem Kunsthandwerk zu widmen.

Bemerkenswert ist, dass sich der dajakische Kunstsinn weitaus am
hufigsten in der Puberttszeit zu regen beginnt. Sobald bei beiden
Geschlechtern die gegenseitige Neigung einen bestimmten Charakter
angenommen hat, die Zeit des "Hofmachens" angebrochen ist, beginnen sie
ihre Kunstfertigkeit in der Herstellung schn verzierter Gegenstnde
fr einander zu erproben. Diese besitzen meistens an und fr sich
keinen Wert, sondern erhalten diesen nur durch die auf sie gewendete
Arbeit und knstlerische Ausfhrung.

In dieser Periode beginnt sich in den jungen Dajak auch der Wunsch zu
regen, ihre eigene Person mglichst vorteilhaft erscheinen zu lassen,
daher bemht sich der Jngling, seine Warfen zu verschnern und sich
kunstvoll geschnitzte Armringe herzustellen, whrend das Mdchen sich
mit Kopfbndern aus Perlen, gestickten Kleidern und Hten schmckt.

Ferner beginnt der Jngling, fr seine Auserkorene Bambusbchsen
(_telu kalong_), Kleiderhnger (_lawe kalong_), Brettchen zum
Aneinanderreihen von Baststreifen, Messerschfte und Ruder (_bese_)
zu schnitzen, whrend diese den Mann mit Stickereien, Perlenarbeiten
und feinem Flechtwerk beschenkt. Es ist sehr begreiflich, dass diese
Beweggrnde auf die Entwicklung der jungen Knstler sehr anregend und
frdernd wirken, besonders auf diejenigen, die aus irgend einem Grunde
lnger als gewhnlich unverheiratet bleiben (Mnner heiraten mit etwa
20, Frauen mit etwa 17 Jahren). Einige von ihnen finden auch noch
nach ihrer Verheiratung Zeit, mit der Herstellung schner Gegenstnde
fortzufahren, in der Regel nimmt aber die knstlerische Produktivitt
nach der Heirat ab oder sie hrt sogar ganz auf. Infolge der besonderen
Umstnde, unter denen die Kunst der Dajak sich entwickelt hat, muss bei
ihrer Beurteilung auf einige Eigentmlichkeiten derselben Rcksicht
genommen werden. So geben z.B. die Produkte ihrer Kunstindustrie
uns vielmehr ein Bild von der mittleren Leistungsfhigkeit des
ganzen Volkes als von dem hchsten Knnen einzelner sehr begabter
Personen. Ferner muss im Auge behalten werden, dass die meisten
Gegenstnde nur zum eigenen Gebrauch verziert werden und dass der
Reiz des Geldverdienens, der in hheren Gemeinwesen oft einen sehr
frdernden Einfluss ausbt, bei ihnen fehlt. Ohne bertreibung
kann man denn auch behaupten, dass die so geschmackvoll verzierten
Ethnographica, welche von diesen Stmmen gesammelt wurden, zwar ein
sprechendes Zeugnis fr deren grosse Begabung, aber in keinem Falle
fr deren hchste Leistungsfhigkeit ablegen. Als Beweis hierfr mag
dienen, dass ich whrend meines jahrelangen Aufenthaltes unter diesen
Stmmen durch Ankauf sehr schner Gegenstnde und durch Aussetzung
hoher Preise fr besonders gelungene Kunstarbeiten auch die Knstler
weit entlegener Drfer dazu anspornte, viel schnere Produkte zu
liefern, als sie gewhnlich unter der Bevlkerung gefunden werden.

Trotzdem der Kunstsinn unter diesen Stmmen so allgemein verbreitet
und hufig so stark entwickelt ist, hat er doch nicht zu einer Ausbung
der Kunst um ihrer selbst willen gefhrt; diese bleibt ausschliesslich
Verzierungskunst. Sie trgt denn auch ganz den Charakter einer solchen
und es hat sich auf Borneo weder eine eigentliche Malerei noch eine
Bildhauerkunst ausgebildet.

Der diesen Stmmen eigene Kunstsinn darf nicht als ein unmittelbarer
Ausfluss ihrer religisen berzeugungen oder ihres Kultus aufgefasst
werden. In den meisten Fllen steht er hiermit in keinem Zusammenhang;
aber da bei einem Volke von niedrigem Bildungsstandpunkt das ganze
Gemeinwesen von religisen Vorstellungen beherrscht wird, ben diese
auch auf das Gebiet der Kunst ihren Einfluss aus. Die Kultusgegenstnde
der Dajak sind durchaus nicht immer schn verziert und auf ihre
Herstellung wird nicht einmal besondere Sorgfalt verwendet. Wenn
die _dajung_ sich dennoch bisweilen schn gearbeiteter Gegenstnde
bedienen, so hngt das nicht mit der Verehrung der betreffenden Geister
zusammen. Hiervon legen die in Teil I auf Taf. 15-21 abgebildeten
religisen Gegenstnde ein beredtes Zeugnis ab. Dagegen sprt
man in den Motiven, die diesen Volksstmmen zur Komposition ihrer
Verzierungen dienen, allerdings einen berwiegenden Einfluss ihrer
religisen Vorstellungen.

Die Zahl der allgemein angewandten Motive ist relativ gering;
sie werden den verschiedenen Gegenstnden ihrer Umgebung entlehnt,
besonders denjenigen, die den strksten Eindruck auf ihr Gemt ausben,
daher die Hufigkeit von Motiven, die in ihrem Religionsleben auch eine
grosse Rolle spielen. Von den tierischen Lebewesen wird am meisten
der Mensch, als Ganzes oder in einzelnen Teilen, wie der Kopf mit
den Gliedmassen oder auch diese allein, bentzt, ferner alle in der
dajakischen Geisterwelt vorkommenden Tiere, vor allem der Hund (_aso_),
der nach meinem Dafrhalten mehr an Stelle des fr sie mythischen
Tigers (_rimau_ oder _ledjo_) tritt, den sie als mchtigen Geist nur
ungern nennen. Ferner die Weltschlange oder _Naga_, der Rhinozerosvogel
(_tinggang_), daneben Waldtiere wie der Blutegel (_utak_), die Schlange
(_njipa_), die Eule (_manok wak_) und der Argusfasan (_manok kwe)._
Andere Waldtiere und auch die Haustiere, wie Schweine, Katzen und
Hhner, Werden nicht als Verzierungsmotive gebraucht; sie korn: men nur
in seltenen Fllen, bei der Darstellung von Szenen aus dem tglichen
Leben vor (Taf. 65 Fig. a). Von den Himmelskrpern sah ich den Mond
(_bulan_) und von den Gebrauchsgegenstnden das Boot (_harok_) und
den Haken (_krawit_) in der Ornamentik bentzen (Vergl. Ttowierungen
von Taf. 35 Teil I).

Motive aus dem Pflanzenreich wenden diese Stmme betrchtlich seltener
an, wenigstens benennen sie ihre Motive nicht nach Pflanzenteilen,
obgleich ihr Gefhl fr schn gebogene Linien zweifellos unbewusst
durch die Vielen Schlingpflanzen ihrer Umgebung beeinflusst werden
wird.

Betrachten wir im folgenden an den abgebildeten Beispielen die Art und
Weise, in welcher die Bahau die genannten Motive in ihrer Ornamentik
zu verwerten pflegen.

Als Beispiele fr die Anwendung ganzer Menschenfiguren als
Verzierungsmotiv knnen die auf Taf. 70 in Farben abgebildeten Stcke
von Perlenmustern (_tap inu_) dienen, die am Mahakam zur Verschnerung
der Rckseite von Kindertragbrettern (_hawat_) gebraucht werden. In
den 3 gelben Figuren des obersten Musters a erkennen wir 3 in gleicher
Form und gleichen Farben ausgefhrte Menschengestalten. Die Frau, die
dieses Muster arbeitete, hat sich nicht nur bemht, Menschenfiguren im
allgemeinen darzustellen, sondern diesen auch die Eigentmlichkeiten
der Bahau, die stark ausgereckten Ohrlppchen mit den darin hngenden
grossen Ringen gegeben. Die gelben Ohrlppchen reichen bis auf die
Schulter und die Ringe, deren eine Hlfte in Schwarz ausgefhrt vor
der Schulter liegt, whrend die andere in Grn hinten hervortritt,
sind so gross, dass die Arme durch sie hindurchgesteckt sind. Die
Phantasie der Knstlerin ist in diesem Fall nicht so bertrieben,
als man meinen knnte, denn einige Bahau, die Long-Glat z.B., sind
tatschlich im stande, ihre Arme durch die Ohrringe zu stecken ("In
Centraal Borneo" Tafel 93).

Smtliche Krperteile sind an den Figuren genau wiedergegeben: der
Kopf mit Augen, Nase und Mund, der Rumpf mit den Brustwarzen und
dem Nabel, die Arme mit den Hnden und den fnf aufwrts gerichteten
Fingern und die Beine, die auf den Knien die Ellbogen sttzen, mit
den Fssen und den abwrts gewandten Zehen, Ferner sehen wir an den
Figuren einen schwarzen Grtel, vielleicht ein Lendentuch, und sehr
stark ausgeprgte Genitalien, an denen die Testes zu beiden Seiten,
das membrum virile nach oben gerichtet ist. Bedenkt man, dass sich an
die Verzierung der _hawat_ ursprnglich gewiss auch der Wunsch knpfte,
die bsen Geister vom Kinde fernzuhalten, dann erscheint eine solche
starke Hervorhebung der Genitalien, die ja die bsen Geister vertreiben
sollen, nicht unerklrlich. brigens werden bei den Mahakamstmmen noch
gegenwrtig Muscheln an die _hawat_ gehngt (Taf. 69 Fig. 6) und am
Mendalam wird die Aussenseite mit ganzen Bndeln von Gegenstnden,
welche die Geister abschrecken oder befriedigen sollen, behngt
(Teil I Taf. 14 u. Beschreibung).

Ungefhr die gleichen Menschenfiguren finden wir auf derselben
Tafel zu beiden Seiten der zweiten _tap inu_ b wieder, die in ihrer
Farbenharmonie zwar mangelhaft wiedergegeben ist, die Einzelheiten
der Darstellung aber deutlich hervortreten lsst. Die Figuren sind
in derselben Haltung wie oben, jedoch in schwarz, ausgefhrt.

Hier treten die ausgereckten Ohrlappen mit den grossen roten Ohr,
ringen noch mehr hervor. Das Scrotum ist rot, das membrum virile grn
angegeben. Der Grtel ist hier rot; ausserdem tragen diese Figuren
noch weisse, blaue und rote Arm- und Beinringe.

Ein gutes Beispiel fr die Anwendung stark umgebildeter Menschenfiguren
fr Verzierungen liefern die beiden _tap inu_ a und b auf Tafel
71. Hier finden wir in der unteren Hlfte drei solcher sehr stark
stilisierter Figuren als Motiv dieses Musterteils angewandt.

Bei a ist jede Bste in gelb dargestellt; sie besteht aus einem
fnfseitigen Kopf, in dem die auch bei der strksten Stilisierung nur
selten fehlenden Augen in rot und schwarz, die Nase in grn und der
Mund in rot und grn mit schwarz angedeutet sind. Dieser Kopf geht
in den oberen Teil des Rumpfes ber, an welchem die beiden roten und
schwarzen Punkte die Brustwarzen bedeuten. Zu beiden Seiten hiervon
laufen nach oben zwei lange Linien in nach aussen gekrmmte Haken
aus, dies sind die Arme. Verfolgt man den Rumpfteil der Mittelfigur
nach unten zu, so erkennt man auch stark stilisierte Beine mit kurzen
auswrts gerichteten Schenkeln und nach oben und seitwrts gewandten
Unterbeinen. Das schwarze Viereck zwischen den Schenkeln bedeutet
wahrscheinlich die hufig dargestellte Vulva. Dies erscheint doppelt
wahrscheinlich bei der Betrachtung der mittelsten Menschenfigur
von _tap inu_ b, die in der Form ungefhr mit a bereinstimmt, in
ihren Originalfarben jedoch schlecht wiedergegeben ist. Bei dieser
sind die Beine abwrts gewandt und die Schienbeine nicht nach oben
umgeschlagen. An den Seitenfiguren ist ein Schienbein nach unten
gerichtet, whrend das zweite fehlt.

Man merkt bereits an diesen Figuren, wie weit die Bahau in der
Umbildung ihrer Motive gehen, um in ihrem Auge geschmackvolle
Verzierungen hervorzubringen. Sehr hufig knnte man das ursprngliche
Motiv nicht wiedererkennen, wenn nicht oft trotz der starken
Stilisierung einige Erkennungszeichen bestehen blieben. Diese
sind fr den Kopf oder lieber fr die Maske, die sehr hufig auch
selbstndig angewandt wird, sowohl beim Menschen als beim Tier die
Augen oder das Auge, oder die Zhne des Mundes bzw. der Schnauze. Das
Unterscheidungsmerkmal fr die gleichfalls hufig angewandten
Gliedmassen wird sogleich erwhnt werden, doch mag vorher darauf
hingewiesen werden, dass man derartige, auf die einfachsten Formen
zurckgebrachte Masken in den Schenkelttowierungen der Tafeln
83 und 84 Teil I wiederfindet. Hier sehen wir bei 83 Figuren aus
zahlreichen Linien auf verschiedene Weise um zwei runde Punkte
gruppiert, um welche eine Doppelspirale Augenhhlen, Nase und Mund
reprsentieren. Wie verschiedenartig diese Motive gestaltet sind,
zeigt eine Vergleichung der Figuren in der Schenkelttowierung
mit denen an der Kniettowierung. Dass diese zwei Punkte mit der
Doppelspirale mit Recht als Menschenmaske aufgefasst werden, beweist
der Name, den die Mendalamer ihm geben; sie nennen sie _kohong_ (Kopf)
_kelunan_ (Mensch). Dies ist das beinahe ausschliesslich vorkommende
Ttowierungsmotiv, das die Mendalamfrauen fr ihre Schenkelttowierung
anwenden. In noch komplizierterer Form kommt dieses Motiv auf Tafel 84
vor, wo inmitten einer noch grsseren Anzahl Linien die zwei Augen mit
der Doppelspirale zu erkennen sind. Diese Schenkelttowierung ist nach
einer nach dem Original gezeichneten Skizze mit den Ttowierpatronen
von Taf. 82 Fig. n zusammengestellt worden. Es scheint, dass der
Schnitzknstler in dieser Maske mit den unter den Augenspiralen
angebrachten Schnrkeln Nase und Mund habe andeuten wollen.

Ein gutes Beispiel fr eine mehr plastische Darstellung einer Maske
als Verzierung liefert uns Fig. f auf Taf. 60. Die Maske bildet hier
den Deckel eines Bambuskchers. Als wichtigste Gesichtsteile sind hier
leicht erkennbar die beiden weissen, glotzenden Augen in der Mitte,
darunter die breite vorragende Nase, die sich ber die breiten Lippen
des grossen Mundes biegt. Erkennbar sind ferner zwei Arme, welche in
der fr Gliedmassen beinahe stets charakteristischen Form angebracht
worden sind, nmlich um das Haupt hinaufgeschlagen und dieses mit
den Hnden umfassend. So unterscheiden wir die Oberarme bei 1, die
bei 2 ansetzenden Unterarme und an diese gefgt die Hnde mit den
3 stark stilisierten Fingern bei 3. Finger werden im allgemeinen
bei der Stilisierung am meisten umgebildet und kommen dann in
verschiedener Anzahl vor. Von den dreien, die hier erkennbar sind,
sehen wir einen an die Aussenseite des Auges gelegt, den mittelsten
wie eine Spitze in der Verlngerung des Unterarms auf die Stirn
gesttzt und den dritten stark verbreitert und abgerundet an der
Seitenwand. Beachtenswert ist, dass sowohl am Ellbogen bei 2 als am
Puls bei 3 ein linienfrmiger Halbring um den Arm angebracht ist;
diese Verdickung, besonders die am Ellbogen, wird bei der Verwendung
des Arms oder Beins als Verzierungsmotiv beinahe nie fortgelassen
und kann daher als Erkennungszeichen dienen. Dies gilt sowohl fr
menschliche als fr tierische Gliedmassen. Diese feinen Verdickungen
kommen z.B. vor an den Vorderpfoten (bei 3) des Monstrums auf Deckel
g Taf. 60 und an den Pfoten der Tierfiguren a, b, c und f auf Taf. 33.

Dass derartige Erkennungszeichen in der Tat notwendig sind, um
die ursprngliche Bedeutung der einzelnen Teile einer Verzierung
unterscheiden zu knnen, kann aus den Deckeln g und i auf Tafel 60
ersehen werden, wo bei 4 eigentmliche Verzierungsmotive als Wlste
gebraucht sind, die man beim Fehlen der Hnde nur schwerlich als
Gliedmassen htte erkennen knnen. Dieses Zeichen ermglicht es uns,
auch die Bedeutung bestimmter Teile im Schnitzwerk der Griffe a, c, d
und e auf Tafel 63 festzustellen. Auf den eigentmlichen langen Teilen,
die bei c unter 5 angedeutet sind, treten diese Verdickungen ebenfalls
mehr oder minder deutlich hervor, wodurch also ein Arm, ein Bein oder
eine Pfote als Ausgangsmotiv dieser Partie des Schnitzwerks angenommen
werden muss, auch dort, wo diese Verdickungen gnzlich fehlen sollten.

In der Verzierungskunst dieser Bahau begegnet uns noch eine
andere Maske, die von der des Menschen abgeleitet ist, nmlich
die Menschenmaske mit grossen Hauzhnen im Ober- und Unterkiefer,
welche nach der Vorstellung dieser Stmme dem Antlitz der bsen
Geister entspricht. Die zwei Holzmasken in Teil I Tafel 57 sind
ein gutes Beispiel fr diese Motive, die man mehr oder weniger
stilisiert auf sehr verschiedenartigen Gegenstnden der Bahau und Kenja
findet. Angewendet sehen wir diese Verzierung z.B. an der auf Taf. 61
Fig. b abgebildeten Arbeitsbank, die zwei solcher Masken trgt, um
die sich zu beiden Seiten die Arme hinaufschlingen. Die verschiedenen
Gesichtsteile, wie Augen, Nase und Mund sind trotz starker Stilisierung
sehr gut zu erkennen. Zu der ganzen geschmackvollen Komposition tragen
in nicht geringem Masse die langen, gebogenen, spitzen Hauzhne bei,
die von den Kiefern aus der Mundhhle zum Vorschein kommen und auf
der gegenberliegenden Lippe stark hervortreten.

Andere Beispiele fr die Verwendung der Masken bser Geister als
Verzierung finden wir in den sehr bekannten, ursprnglich von diesen
Stmmen herrhrenden, bunt bemalten Schilden, an deren Vorderflche
eine Art von Gorgonenhaupt dem Feinde Schrecken einflssen soll. Eine
derartige Wirkung auf den ngstlichen Bahau, der sich stets von bsen
Geistern umringt und verfolgt glaubt, ist sehr wohl denkbar.

Um nicht zu stark abzuschweifen, soll das menschliche Genitalmotiv,
das in der Bahaukunst zu einer ganz eigentmlichen Art von Verzierung
Anlass gegeben hat, spter behandelt und hier zur Besprechung des als
Ornament ebenfalls hufig verwendeten Tierkrpers bergegangen werden.

Bahau und Kenja gebrauchen auch die Tierformen sowohl als Ganzes als in
ihren Teilen als Verzierungsmotiv, doch pflegen sie Tiere ebensowenig
wie Menschen so naturgetreu als mglich abzubilden; selbst wenn sie
Tiere in Holz nachbilden, um sie als Schreckmittel bei den Grbern
ihrer Verstorbenen aufzustellen, verfertigen sie nur Ungeheuer.

Das am hufigsten im Ornament verwandte Tier ist, wie gesagt, der
_aso_ oder Hund, weniger beliebt ist der _rimau_ oder _ledjo_, der
mythische Tiger. Wie oben bereits bemerkt, ist letzteres Tier das
ursprngliche Motiv, aber weil man so gefrchtete Tiere wie einen
Tiger nicht gern nennt, gibt man ihm lieber den Namen des Hundes.

Als Typus des _aso_, wie man ihn plastisch abbildet, kann die
Figur gelten, die auf dem Deckel von Tafel 60 Fig. g zu sehen
ist. Hier sind alle Krperteile in Relief geschnitzt und daher
deutlich erkennbar. Der auf der Abbildung nach unten gekehrte Kopf
lsst bei 2 den eigentlichen Schdel mit den beiden grossen, runden
Augen zu beiden Seiten und darunter die Schnauze mit zwei in Spirale
stilisierten Nasenffnungen unterscheiden. An den Kopf schliesst sich,
hier nach oben gerichtet, bei 8 der Rcken an, der nach hinten zu
(hier nach oben) zu beiden Seiten die Hinterbeine I trgt. An diesen
sind die nach aussen gerichteten Schenkel und die zum Deckel gewandten
Unterbeine zu erkennen, die in die Fsse bergehen. Letztere bilden mit
den stark stilisierten Zehen 5 den bergang zu den anderen Figuren der
Verzierung, wie zu dem unabhngig angebrachten Arm 4. Beim Knie 2 ist
wieder der fr die Gliedmassen charakteristische Ring zu sehen. Hinter
dem Kopf biegen sich die vorderen Gliedmassen vom Krper ab. An diesen
sind alle zugehrigen Teile gut zu erkennen. Zuerst der Oberarm 3, der
mit dem rechts und links hervortretenden Ellbogenring in den ungefhr
rechtwinklig darber gebogenen Unterarm bergeht, der wiederum die
Hand 6 mit den zu Spiralen und Linien stilisierten Fingern trgt. Nur
selten findet man wie hier den bergang vom Unterarm zur Hand durch
zwei gleichweite Ringe bezeichnet.

Ein zweites Beispiel fr solch einen _aso_, aber ihrem Zweck
entsprechend etwas mehr umgebildet, liefern die Sessel d und e auf
Tafel 61. Bei d sind die einzelnen Teile gut unterscheidbar, doch sind
hier nur das linke Hinterbein und das rechte Vorderbein des Tieres
dargestellt. Am Kopf ist wiederum zuerst das runde Auge 1 sichtbar,
vom dem sich nach oben der grosse Oberkiefer 2 und nach unten der
kleinere Unterkiefer 3 abbiegt. Diese Kiefer lassen uns besser als die
brigen Krperteile die Einzelheiten sehen, an denen sie auch in ihrer
strksten Umbildung zu erkennen sind. Zunchst die Zahnreihen 2 und 3,
die hier sorgfltig ausgearbeitet sind und nur selten fehlen. An dem
Unterkiefer ist nur noch ein nach vorn gerichteter Haken zu sehen,
den der Knstler als Endverzierung hinzugefgt hat. Der Oberkiefer
dagegen besitzt ausser der Zahnreihe 2 noch das Nasenloch 6, das hier
die eigentmliche Form einer Spirale zeigt, die diesem Krperteil
hufig gegeben wird. Auch ineinandergreifende Doppelspiralen werden
oft zur Wiedergabe von Nasenlchern angewandt. An diesen ist bei
starker Stilisierung und beim Fehlen der Zhne hufig die Absicht des
Knstlers, einen Kiefer darzustellen, erkennbar. Zwischen den beiden
Kiefern tritt hier die kleine Zunge 4 hervor, ein Teil, der in der
Profilansicht einer Maske ebenfalls nur selten fehlt. Darber biegt
sich dem Auge zu der grosse Hauzahn 5, der hier merkwrdigerweise in
die Mundecke gesetzt ist, mehr dem Schnheitsgefhl der Bahau, als
seiner natrlichen Stellung entsprechend. Der Kopf geht hier in den
nach hinten gebogenen Hals ber, der sich in dem ebenso gebogenen
Krper 12 fortsetzt. Dieser endet in den beinahe wieder dem Kopf
anliegenden dicken Schwanz 11. Unter dem Schwanz wendet sich das linke
Hinterbein 9 vorn Rumpf ab; wir erkennen wieder ein Oberbein 9 und ein
Schienbein 10 und ferner einen eigentmlich geformten Fuss, dessen
eine Zehe als lang gewundener Teil ber den Rcken gelegt ist. Vorn
am Rumpf, unter dem Halse, ist auf hnliche Weise der rechte Arm 7
geschnitzt, der aus Ober- und Unterarm und Hand 8 besteht, die den
Hals hinter dem Unterkiefer umklammert und von der ein langer Finger
auf dem Halse zu sehen ist. Hinter dem Kpfe erhebt sich ein gebogenes
Horn, das hufig als Zierrat angebracht wird.

Der Sessel e stellt ein hnliches vierfssiges Tier dar, aber in
anderer Stellung, so dass nur der Rumpf und der zur Seite gewandte
Kopf in ihren Teilen gut hervortreten.

Nach den gegebenen Beschreibungen fllt es nicht schwer, auch die
ganze dekorative Figur f auf Tafel 33 zu begreifen. Diese stellt die
Stilisierung eines vierfssigen Tieres im Profil dar, die inmitten
von zahlreichen Schnrkeln zur Verzierung eines Getfels dient. Das
Tier ist nach links gewandt, wo wir denn auch das grosse runde Auge
finden, das hier wie in zwei grosse, einander zugekehrte Haken gefasst
erscheint. Auf gleiche Weise wie vorhin biegen sich hier die beiden
mit Zahnreihen bewaffneten Kiefer weit klaffend nach oben und unten;
zwischen ihnen befindet sich eine kleine, beinahe horizontale Zunge
und ber dieser ein hier stark nach rckwrts gebogener Hauzahn. Hinter
dem Auge sehen wir auch hier ein grosses gewundenes Horn, das auf der
Schulter des Tieres liegt. Unter diesem Horn erkennen wir den langen
Hals, auf dem der Kopf sitzt. Der aufwrts gekrmmte Krper trgt
ein Vorder-, ein Hinterbein und einen Schwanz, welch letzterer vorn
unter dem Hinterbein hindurchluft und in einer zierlichen Spirale
auf dem Rumpf endet. Diesen hat der Knstler nicht glatt gelassen,
sondern an der Schulter und im Beckengrtel reich mit gebogenen
Linien verschnert. Betreffs der Vorder- und Hinterbeine ist nicht
viel mehr zu bemerken als die besonders deutliche und schne Weise,
inder hier der nach vorn gekehrte Vorderfuss stilisiert ist. Die
Spiralen am Fuss des Hinterbeins dienen ausschliesslich zur Verzierung
des Hintergrundes.

Auf derselben Tafel gibt c eine hnliche Verzierung mit einem
stilisierten _aso_ wieder, aber hier hat man den Kopf des Tieres
auf die gleiche Weise nach rckwrts gedreht, wie die Bahau es in
ihren Wldern das Tarsius spectrum tun sehen. Die grosse, hier mehr
geschlossene Schnauze ist denn auch nach hinten und oben gewandt.

Schwieriger sind die beiden Verzierungen a und b auf dieser Tafel zu
zerlegen, weil sie zwar mit Hilfe von im Profil genommenen Tiefen,
wie sie bei c und f beschrieben wurden, zusammengestellt sind, aber
in jedem Ornament mehr als ein Tier vorkommt. In diesem Fall zeigt es
sich, wie wichtig es ist, fr bestimmte Krperteile charakteristische
Eigentmlichkeiten zu kennen, weil die ursprnglichen Formen im
Gebrauch als Verzierungsmotiv ganz verloren gehen. Sie geben uns jedoch
gute Beispiele von der reichen Phantasie dieser borneoschen Knstler.

Bei a bemerkt man zuerst einen nach rechts gekehrten grossen _aso_,
dessen verschiedene "Feile leicht zu erkennen sind. Hinter dessen
Kopf ist jedoch noch ein zweiter angebracht, der einem _aso_ mit
nach oben gerichteten Beinen gehrt. Als Erkennungszeichen fr
diesen zweiten _aso_ findet man mitten in der Oberseite zwei Reihen
Zhne und einen grossen Hauzahn, der nach unten weist. Sowohl diese
Richtung als die nach oben geffnete Schnauze deuten bereits auf
einen aufwrts gewandten Kopf. Der grosse Hauzahn weist auf das grosse
glotzende Auge, das unten von einem dicken Ring umgeben ist. Rechts
von diesem Augenring luft ein grosses Horn nach rechts hinunter,
wo es als Hauzahn der Hauptfigur endet. Dies ist eine bei den Bahau
sehr gebruchliche Weise, um zwischen den verschiedenen Unterteilen
einer Verzierung eine Verbindung herzustellen. Diese kommt brigens
auch noch auf andere Art zustande, denn suchen wir nach dem Krper,
der zur zweiten Maske gehrt, so sehen wir, dass der Hals hinter
der Basis des erwhnten grossen Horns verborgen liegt, ferner, dass
der Krper hauptschlich an seiner Brust- und Bauchseite zu erkennen
ist, die in den deutlichen Hinterkrper mit Hinterbein und Schwanz
auslaufen. Letztere bilden den wichtigsten Teil auf der rechten
Seite der Verzierung. Der Rckenteil des zweiten _aso_ bildet nun
einen Unterteil des grossen Kopfes des ersten. Dies sind, ausser den
hinzukommenden Spiralen, die Hauptbestandteile der Verzierung a.

Auf dieselbe Weise mit der Zerlegung von b zu Werke gehend, finden
wir zuerst 3 Doppelreihen von Zhnen: eine nach oben geffnete links
oben, eine grosse mit Zunge und Hauzahn rechts unten und eine kleinere
noch weiter rechts, nach oben geffnet, so dass mindestens 3 Masken in
diesem komplizierten Relief vorkommen mssen. Die zu diesen Gesichtern
gehrenden Augen sind, was den Kopf links betrifft, etwas unterhalb der
beiden Zahnreihen zu sehen; das Auge des grossen Kopfes rechts liegt
in der Verlngerung des Hauzahns, whrend das des kleineren Kopfes
noch weiter rechts etwas undeutlich Unter dem Oberkiefer zu sehen ist.

Hbsch sind die spiralfrmigen Nasenlcher in den verschiedenen
Oberkiefern angebracht. Suchen wir nach den zu diesen Tiermasken
gehrigen Krpern, so zeigt es sich, dass die der beiden am weitesten
links liegenden Kpfe einander derart umfasst halten, dass die
Hinterpfoten des einen Tieres den Hals des anderen umklammern,
whrend die Vorderpfoten um die Hinterschenkel geschlagen sind. Der
as o der linken Maske liegt somit auf dein Rcken, der der grossen
Maske steht. Die Haltung des dritten Tieres ist sehr gewunden, da
zu der nach oben geffneten Schnauze der kleinen rechten Maske der
aufwrts gestreckte Krper gehrt, so dass der Schwanz im Relief als
die am meisten rechts liegende obere Spirale erscheint und die rechte
Hinterpfote horizontal nach links luft. Als Vorderpfoten muss man die
beiden krummen, um den Augenteil der Maske nach unten sich hinziehenden
lnglichen Erhebungen betrachten; die linke derselben trgt deutlich
den typischen Extremittenring. Dass es den dajakischen Bildhauern
nicht an Vorstellungsvermgen fehlt, beweist die Kompliziertheit
dieser Verzierung zur Genge.

Wie sehr man ihrer eigentmlichen Auffassung von der Kunst Rechnung
tragen muss, geht daraus hervor, dass auch die Figur f auf Tafel
82 Teil I unter die _aso_ gereiht wird, mit der Begrndung, das
hier wiedergegebene Wesen mit seiner schlangenfrmigen Gestalt
und seinem grossen Kopf mit aufgesperrten Kiefern (bei 2) besitze
noch Pfoten. Diese stark umgebildeten Gliedmassen sind noch unter
den beiden Bgen, die der Krper nach oben zu bildet, zu sehen,
wo sie rechts und links an der Unterseite jedes Bogens entspringen
und zur Mitte zu sich mit den dnnen linienfrmigen Zehen einander
nhern. Sind diese Gliedmassen nicht mehr vorhanden, so bezeichnet
man ein derartiges schlangenfrmiges Wesen als _naga_ oder Schlange.

Diese _aso_-Figur ist mit nur wenigen Linien auf der Holzpatrone
Fig. e von Tafel 69 angegeben.

Das Muster besteht hier aus vier _aso_, deren Krper in einander
bergehen, und einer kleinen, aus Spiralen zusammengestellten Figur
in der Mitte. An dem _aso_ links unten ist bei 1 das Auge zu sehen,
bei 5 der Krper, der in denjenigen einer gleichen Figur rechts unten
bergeht, und bei 6 ein Beinpaar. Die vielen Spiralen auf den beiden
Kpfen ber dem Auge tragen zur Verschnerung des Ganzen bei, whrend
jede Maske durch eine lange Spirale mit der anderen verbunden ist,
in gleicher Weise wie die Krper, wodurch ein doppelter Zusammenhang
zwischen den beiden _aso_ zustande kommt.

Neben dem ganzen Krper wird auch die Maske des _aso_ allein hufig
angewandt. Die Unterscheidung einer solchen Maske von der anderer
vierfssiger Tiere ist jedoch sehr schwierig, weil die Charakteristika
der Kopfform durch Stilisierung vllig verloren gehen und nur das
Vorkommen von Augen, Zahnreihen oder Nasenlchern dazu berechtigen,
eine Verzierungsfigur auf Tiermasken zurckzufhren. Ein gutes Beispiel
fr eine solche Verzierung mittelst einer Tiermaske liefert der Griff
an der Flechtnadel k auf Tafel 60. Hier besteht der Griff gnzlich
aus dieser Maske, von der man bei I das Auge, bei 2 und 3 den mit
Zhnen versehenen Unter- und Oberkiefer und bei 4 das in Form einer
Spirale wiedergegebene Nasenloch erkennt.

Derartige Tiermasken sind ferner noch zu unterscheiden an beiden
Enden des Messerhngers j auf Tafel 61. Die obere gibt vorerst
die beiden Zahnreihen in den Kiefern gut wieder, auch ist ein
Hauzahn vorhanden; das grosse Auge liegt unter der Schnauze, und
auf dem stark verzierten Oberkiefer, der den obersten Teil bildet,
hat der Knstler das Nasenloch durch eine schne, reich gewundene
Spirale wiedergegeben. An diese Maske schliesst sich unterhalb
des Unterkiefers noch eine Extremitt an, deren Finger wieder zur
Verzierung der Oberflche gedient haben.

Die Maske am Unterende besteht nur aus einem Auge mit Umgebung und
dem Oberkiefer. Das Auge ist hier durch eine weisse Muschel angedeutet
und der hbsche Oberkiefer ist an einer Zahnreihe erkennbar.

Eine eigentmliche Anwendung der Maske als Verzierungsmotiv zeigt uns
der Deckel i auf Tafel 60. Dieses symmetrisch auf den zwei Hlften
angebrachte Ornament besteht aus 3 Tiermasken neben einander; der
Rest des halben Kreisrandes wird von einem Bein (4) eingenommen. Von
den 3 Masken ist die eine, mit I bezeichnet, zum Rande hin am Auge,
den Zhnen und einem Nasenflgel leicht zu unterscheiden. Dann
folgt Maske 2, die radial gestellt ist und ein ganz anderes Aussehen
trgt, da man sie nicht von der Seite, sondern von oben sieht. Am
charakteristischsten sind die beiden Augen, ber denen der Schdel und
unter denen die Schnauze sehr naturgetreu ausgearbeitet sind. Ob die
langen Streifen zu beiden Seiten dieser Maske Gliedmassen vorstellen,
ist auf dieser Abbildung schwer zu konstatieren.

Die dritte, nur an einer Seite vollstndige Maske ist eine sehr
phantastische Verzierung, deren deutlich hervorglotzendes Auge am
besten erkennbar ist. Unter diesem Auge laufen in der Maske 3 rechts
unten zwei parallele bogenfrmige Furchen ber eine runde Stirn, und
eine hnliche Rundung rechts vom Auge gibt eine Art Nase auf einem
runden Oberkiefer an. Dieser ist durch eine tiefe, radial verlaufende
Kluft von dem Unterkiefer getrennt, der durch eine oberflchliche
Grube wieder in zwei Teile geschieden ist.

Eine sehr eigenartige Variation des Maskenmotivs sehen wir in Fig. a
auf Tafel 65, wo in der rechten Figurenhlfte 6 usserst phantastische
Masken das Ornament zusammensetzen. An allen lassen sich ein oder zwei
Augen gut unterscheiden, die brigen Teile sind stark umgebildet,
und nur, was Zhne, Zunge und Kiefern betrifft, mehr oder weniger
deutlich ausgearbeitet.

Ein anderes Beispiel fr diese Art von Verzierung finden wir in
der Mittelfigur von b auf Tafel 70, die ein _kohong ledjo_, einen
Tigerkopf darstellt. Die in schwarz ausgefhrte Figur zeigt zuerst
sehr deutlich zwei blaue, rot umrnderte Augen mit schwarzen Pupillen;
die beiden weissen spiralfrmigen Linien umschliessen die Nase mit den
Nasenlchern, whrend in dem gelben Teile darunter mit roten Linien die
Schnauze wiedergeben ist. Unten wird die Maske durch schwarze, in einem
Punkt einander schneidende Linien abgeschlossen. Die 4 Paar schwarzen,
von der eigentlichen Maske ausgehenden Spiralen dienen zur Verzierung.

Unter den der Vogelwelt entlehnten Motiven nehmen diejenigen, welche
sich auf den Rhinozerosvogel oder _tinggang_ beziehen, die Hauptstelle
ein, sowohl wegen der Hufigkeit ihrer Anwendung als wegen ihrer sehr
charakteristischen Formen. Diese bestehen in dem sehr grossen Schnabel,
auf dem sich das hufig nach rckwrts gekrmmte Horn erhebt, und dem
Schwanz aus rein weissen Federn, ber welche ein breites schwarzes
Band luft.

Wir finden diesen Vogel zuerst in ganzer Gestalt, oft nur schwach
stilisiert, wie in Fig. b auf Tafel 65, angewandt. Im Felde oben,
rechts von der Mitte fllt ein solcher _tinggang_ mit einem sehr
grossen Kopf neben zwei Kugeln ein Fach und hebt sich mit seinen
charakteristischen Teilen gut von dem schwarzen Hintergrund ab.

Auch in den Stickereien, von denen einige Streifen auf Tafel 46
abgebildet sind, kommt dieser Vogel vor, z.B. in Streif b und c bei
2 und 3. Hier sind deutlich Vgel mit weissen, schwarz gestreiften
Schwnzen gestickt, was deren Identitt gengend beweist, wenn auch
die Hrner auf den Schnbeln nicht sehr deutlich sichtbar sind.

Nach dem hufigen Vorkommen zu schliessen, wendet man jedoch auch den
Buceroskopf allein sehr gern an. Am besten ist dieser auf dem Rockrand
von Fig. c auf Tafel 43 zu sehen, der auch zur Verzierung des Einbandes
dieses Werks gedient hat. Im unteren Rand bilden 4 _tinggang_-Kpfe
den Hauptbestandteil der Verzierung. Sie sind je zu zweien einander
zugewandt und lassen deutlich den Schdel erkennen, der nach vorn
in einen langen Schnabel ausluft, dessen oberer und unterer Teil
nicht aufeinander schliessen, sondern erst in der gebogenen Spitze
wieder zusammentreffen. Das oben auf dem Schnabel angebrachte,
rckwrts gekrmmte Horn ist stilisiert und geht hier mehr als beim
lebenden Tier selbst unmittelbar in den Schdel ber. Der Hals ist
insoweit umgebildet, als er in zwei Teilen, mit einem weissen Raum
in der Mitte wiedergegeben ist. Zwei dieser Kpfe kommen auch in
jedem der Seitenrnder vor, in jeder Ecke einer. An einem dieser
Kpfe hat man das Auge auszuschneiden vergessen und zwar in beiden
Rndern, was darauf hinweist, dass man die Rnder gleichzeitig aus
aufeinanderliegenden Zeugstcken ausgeschnitten hat. Der untere
Rockstreifen wurde in derselben Weise in der Mitte zusammengefaltet
und dann ausgeschnitten, wodurch die beiden Hlften symmetrisch
geworden sind.

In den Schenkelttowierungen der Mahakamfrauen ist dieser _tinggang_
das gangbare Motiv; in welcher Weise er hier angebracht wird, geht aus
Fig. f auf Tafel 89 Teil I hervor, wo man an der Unterseite rechts
und links von der Mitte die Vogelkpfe als Auslufer der dicken,
krummen Linien erkennt, die durch die ganze Figur ziehen und sich
oben in der Mitte vereinigen. An jedem dieser Kpfe ist das Auge
mit der Pupille zu sehen, whrend der grosse Schnabel nach oben und
aussen gerichtet ist. Den Schnabel stellen hier zwei Linien dar,
die zu einer gebogenen Spitze zusammenlaufen und in der Mitte einen
dreieckigen weissen Raum einschliessen, in den an der Kopfseite noch
eine kleine Zunge hineinragt. Inbezug auf Form und Stellung des Horns
hat man sich die Freiheit erlaubt, es oben auf dem Kopf entspringen
zu lassen und es nach vorn gerichtet, whrend nach hinten noch ein
kleineres Horn angebracht ist. Eine derartige Figur heisst _usung_
(Nase) _tinggang_ (Rhinozerosvogel).

Auch fr die Komposition des Mittelstckes a von Ttowierung E auf
Tafel 86 Teil I ist ein _klinge usung tinggang_ gebraucht worden;
hier hat der Kopf im allgemeinen die gleiche Form, das Horn ist nach
hinten gebogen und vor ihm sind noch drei kleine Vorsprnge angebracht.

Da jede Ttowierfigur sich von der anderen in Einzelheiten
unterscheidet, ist die Abwechslung im Motiv des _usung tinggang_
sehr gross; in dem hier behandelten _klinge_ wechselt der _tinggang_
jedoch mit dem _aso_ ab, der ebenfalls die eigentmlichsten Formen
annehmen kann, jedoch stets durch die in der Schnauze sichtbaren
Zhne zu unterscheiden ist. Dies ist z.B. sehr deutlich der Fall
bei Fig. d auf Tafel 88 und Fig. b auf Tafel 87 Teil I. Um auf
dieser Tafel auch in a eine _aso_-Figur zu sehen, muss man der
Bahauphantasie einen sehr weiten Spielraum lassen. Auch hier kommen
_aso_ an der Unterseite, rechts und links von der Mitte vor, aber
stark stilisiert. Am erkennbarsten sind die Kiefern 2 und 4 mit den
Zhnen 5, whrend die Zunge 3 dazwischen liegt. Die Spiralen ber dem
Oberkiefer muss man .am Ende als ein stilisiertes Nasenloch auffassen,
die an der Stelle des Kopfes vielleicht als das stilisierte Auge. Man
hat es hier also der Zhne wegen in der Tat mit einem _aso_ und nicht
mit einem _tinggang_ zu tun.

Auch bei der Zusammenstellung der _klinge_ fr die Handttowierung
gebraucht man gern den Kopf des Rhinozerosvogels und benennt diese
denn auch nach ihm. Von solchen _klinge usung tinggang_ geben uns
die untersten von b auf Tafel 92 Teil I und die untersten von b auf
Tafel 93 Teil I eine gute Vorstellung. Bei b auf Tafel 92 kommt der
_tinggang_-Kopf in der Mitte von jeder Hlfte vor und ist am Auge
unterscheidbar, das als weisser runder Fleck mit schwarzem Punkt
angegeben ist. Hieran schliesst sich nach unten und innen der lange
Schnabel, auf dem sich oben ein einfaches Horn erhebt, das nur wenig
gebogen ist und beinahe parallel der Oberseite des Schnabels nach
unten luft.

Stark umgebildet sind die _usung tinggang_ auf Taf. 93 Teil I
Fig. b. In dem untersten _klinge_ dieser Figur ist zu beiden Seiten
der Mitte als weisser Kreis in einem schwarzen Fleck das Auge eines
Buceroskopfes erkennbar, der nach unten und aussen schmler verluft
und dort in eine grosse schnabelfrmige Figur endet. Diese besteht aus
zwei dnnen, zur Schnabelspitze zusammenfliessenden Linien, zwischen
denen ein lnglicher weisser Raum, rechts mit einer kleinen Zunge zu
unterscheiden ist. Auf diesem Schnabel, vor den Augen, laufen zwei
gebogene Linien als Hrner nach oben und aussen.

Unter den Verzierungsmotiven, welche nicht _ganzen_ Tiefen, sondern
nur einzelnen Teilen derselben entlehnt werden, verdienen noch zwei
genannt zu werden. Zuerst der _kerip_ (Feder) _kwe_ (Argusfasan). Von
den besonders schn gezeichneten Federn dieses Tiers fallen die
Flugfedern, auf denen eine lange Reihe von Augen vorkommt, am
meisten auf. Diese Augenreihe gebrauchen die Bahau als Motiv fr die
Seitenstcke der Schenkelttowierungen. Sie bezeichnen sie auch in
stilisierter Form mit _kalong_ (Verzierung) _kerip kwe._ Fnf dieser
Stilisierungen sind auf Taf. 90 Teil I zu sehen, eine sechste ist b
in der Schenkelttowierung E auf Tafel 86 Teil I bentzt worden.

Die Bahau bringen die Figuren, wie sie auf der Handttowierung a von
Taf. 92 Teil I vorkommen, mit dem gefleckten Fell des borneoschen
Panthers in Verbindung. In der Tat kommen mitten in der sehr hbschen
Kombination von feinen Linien viele grosse dunkle Flecken vor, die
mit der _kulit kule_ (Pantherhaut) einige hnlichkeit zeigen. Meiner
Meinung nach ist es jedoch nicht wahrscheinlich, dass dies Motiv
dem Knstler vorgeschwebt habe; viel eher wird die entfernte
bereinstimmung zu diesem Namen gefhrt haben.

Eine besondere Bedeutung als Ornamentmotiv hat bei den Bahau und Kenja
der mnnliche und weibliche Genitalapparat erhalten, was teilweise auf
der in hohem Grade schutzbringenden Wirkung, die ihm zugeschrieben
wird, beruht. Diese berzeugung hat dazu geleitet, dass Abbildungen
von Genitalien berall, wo bse Geister abgeschreckt werden sollen,
angebracht werden. Am Mahakam sieht man sie denn auch vor allem auf
den vom Fluss zum langen Hause fhrenden Holz-stegen, wo man sie roh
mit dem Beil aus Brettern gehauen zugleich mit Masken von Ungeheuern
und Menschenfiguren mit grossen Genitalien angebracht findet.

An den Husern selbst sieht man diese rohen Nachahmungen nicht mehr;
hier hat der den Dajak innewohnende Schnheitsdrang dazu gefhrt,
dass die ursprnglichen Formen in hbsch stilisierte Verzierungen
verndert wurden.

Wenn die Bahau im Walde Htten fr einen lngeren Aufenthalt bauen,
z.B. um dort zu _melo njaho_, wobei sie von einem Besuch der bsen
Geister besonders verschont bleiben mssen, so stellen sie auf den
grsseren Pfhlen in sehr roher Form hufig derartige Genital-bilder
dar. Wir finden sie abgebildet auf den Balken b und c auf Tafel 62,
die von solch einer Htte zum Vorzeichensuchen herstammen. Bei b sind
die mnnlichen Genitalien mit 1 und 2 angegeben, wobei die breite
Erhebung 2 das Scrotum und die schmale 1 das mnnliche Glied vorstellt.

Um die hiervon abgeleiteten Figuren zu begreifen, muss man sich diese
Teile im Durchschnitt vorstellen. Eine solche Figur heisst noch, ebenso
wie die von ihr abgeleitete, _kelot_, mnnliches Organ. Sie kommt bei
a vor, doch ist sie hier durch den allmhlichen bergang zwischen
den beiden zusammengestellten Teilen bereits mehr umgestaltet. Das
mnnliche Glied ist hier wieder mit 1, das Scrotum mit 2 bezeichnet;
das Ganze ist zwischen zwei Spitzen gefasst, von denen die rechte
kleiner als die linke ausgefallen ist. Dieses Holzstck ist aus der
Sttzwurzel eines Baumes gehackt, der auf der Wasserscheide zwischen
Kapuas und Mahakam stand. Zu dem gleichen Zweck, zu dem den Geistern
des neu betretenen Gebiets zahlreiche Opfer gebracht und viele Mittel,
wie allerhand Pflanzendorne und knstliche Haken angewandt werden,
um den Geistern des verlassenen Gebiets das berschreiten dieses
Scheidepunktes zu verbieten, hatte man auch diese geisterverjagenden
Figuren in die platten Sttzwurzeln der Bume gehackt.

Weibliche Genitalien werden ebenso einfach imitiert, wie an den auf
Balken c bei 3 und 4 vorkommenden Figuren zu sehen ist. Es sind vier
gleich breite Erhebungen, welche die inneren und usseren Schamlippen
nachahmen, an der Oberflche des Holzes stehen gelassen sind und von
der Seite auch am besten als Motiv fr komplizierte Figuren erkannt
werden knnen. Im allgemeinen werden diese Figuren variiert, indem
man die zwei mittelsten oder die zwei ussersten oder beide Gruppen
dieser Erhebungen zu mehr oder weniger zierlich gebogenen Linien
verlngert oder die Erhebungen weiter auseinander rckt und durch
flach gebogene Stcke trennt.

Wie bereits gemeldet ist, wendet man dieses Motiv, in bereinstimmung
mit dem ursprnglichen geisterverscheuchenden Zweck der Genitalien am
hufigsten dort an, wo man eine Annherung der Krankheit und Unglck
bringenden bsen Geister verhindern will, also auf den Wohnhusern. In
sprechender Weise ist dies auf Tafel 28 an dem Rahmen der Tr zu
sehen, die in die Wohnung einer der vornehmsten Kajanpriesterinnen am
Blu-u fhrte. Dieser Rahmen ist vollstndig aus Schnitzereien, welche
mnnliche und weibliche Genitalien zum Motiv haben, zusammengesetzt.

Mehr im Detail sind derartige geschnitzte Bretter in den Stcken d,
e und f auf Tafel 62 dargestellt. Dies sind Schwellen von hnlichen
Tren aus dem Hause der Pnihing am Tjehan; die ausgeschnittenen
Stellen, die zur Befestigung der Bretter an der Wand dienen, und die
Lcher zur Aufnahme der Trzapfen sind an den rechten Enden von d und
e zu sehen. An diesen schn geschnitzten Eisen-holzschwellen sind
die Motive noch leicht erkennbar. Fr alle drei sind hauptschlich
mnnliche Genitalien bentzt worden; je ein derartiges Organ ist mit
1 und 2 bezeichnet worden. Dieselben Figuren wiederholen sich an den
beiden Aussenenden, doch ist hier der spitze Teil weniger deutlich
dargestellt.

Bei e sieht man zu beiden Seiten des Mittelstckes ein durch
die typischen Teile 1 und 2 vorgestelltes _kelot_; wegen starker
Stilisierung weniger gut erkennbar ist dasjenige an den Aussenenden,
rechts und links von 2.

Dasselbe ist bei f der Fall, wo die beiden _kel-ot_ in der Mitte bei
1 und 2 zwar deutlich sind, die beiden kleineren an der Aussenseite
dagegen kaum noch von diesem Motiv abgeleitet werden knnen. Das
rechte _kel-ot_ besitzt als berbleibsel von Teil I nur noch eine
schwache Erhhung am Grunde einer Vertiefung und links ist diese
Erhhung berhaupt nicht mehr zu sehen.

Wieweit die Umbildung dieses Motivs gehen kann, zeigt sich am besten
an der auf Tafel 34 abgebildeten Galerieverzierung von _Kwing
Irangs_ Haus. Man findet hier an den Unterrippen der dreieckigen
_walang-bahi-u_ einige deutlich dargestellte _kelot_; diese sind auch
an den hbsch geschnitzten Sttzbalken des Daches zu erkennen, aber
hier ist das kleine Glied hufig zu einer spitzen Figur verlngert
worden, die in einer zierlichen Spirale zum dicken Teil gerichtet
ist. Eine derartige Figur kommt z.B. oben, am dritten Balken von
links, vor. Von dieser durch einige Spiralen geschieden, befindet sich
weiter unten am selben Balken ein hnliches, gleichgerichtetes _kelot_,
dessen dicker Teil jedoch ausgehhlt und mit einer weiteren Verzierung
von einigen Spiralen versehen ist. Ohne die verschiedenen bergnge
zu kennen, wrde man das ursprngliche Motiv nicht wiederfinden und
sich das Vorhandensein dieser eigentmlichen Verzierungen in diesem
Versammlungs- und Empfangsraum nicht richtig erklren knnen.

Typisch stilisierte weibliche Genitalien zur Ausschmckung von
Unterteilen eines Hauses sind an der links aufgerichteten Wand
des Trrahmens auf Tafel 28 zu sehen. Dieser Teil der Umrahmung ist
symmetrisch hergestellt. Hier sind in der Mitte zwei mnnliche Organe
mit einem dreieckigen Vorsprung dazwischen zu sehen, nach aussen folgen
dann zwei flache Aushhlungen mit einem runden dazwischengefgten
Stck und dann wieder ein mnnliches Glied am Aussenende. Durch die
zwei flachen Aushhlungen kommen 4 Erhebungen zu stande, welche die
weiblichen Genitalien darstellen, die zu je zwei durch eine flache
Aushhlung verbunden sind. Der rechte senkrechte Rahmen ist ebenso
angelegt, aber whrend die unterste Hlfte gut gelungen ist, bemerkt
man an der obersten nur eine flache Aushhlung, vielleicht durch
einen Bruch des Holzes bei der Bearbeitung verursacht. Dergleichen
Abweichungen kommen besonders bei einfachen Verzierungen hufig
vor. Dass man in diese Verzierung Einheit zu bringen versucht hat,
zeigt die Schwelle und der Oberrand, die beide ebenfalls mit Motiven
von mnnlichen und weiblichen Organen geschmckt sind.

Eine andere Anwendung dieser ursprnglich schutzbringenden Motive
an den Husern findet man bei den Verzierungen der Dachfirste,
die besonders bei den Huptlingswohnungen bisweilen mit einem
schn geschnitzten, ausschliesslich aus diesen Genitalmotiven
zusammengestellten Rand geschmckt werden. Einen solchen Rand auf
dem First besitzt z.B. das Haus von _Bo Ibau_ in Long Tepai, das
in meinem Reisewerk "In Centraal Borneo" abgebildet ist (Teil II
Taf. 80). Auch auf dem Grab-monument des Ma-Sulinghuptlings (Teil
I Tafel 66)kommt solch eine Firstverzierung vor. Whrend _Bo Ibaus_
First ausschliesslich mit mnnlichen Motiven verziert ist, besteht
derjenige des Grabmonuments aus einer Reihe von zwei mnnlichen
Motiven mit einem weiblichen dazwischen, bei dem die inneren Lippen
etwas verlngert und einander zugeneigt sind. Mit einer Lupe lsst
sich dies an dem etwas beschdigten Rand noch feststellen.

Das Motiv der vier Erhebungen wenden diese Stmme hauptschlich bei
der Schwertverzierung an; dabei werden durch Verlngerung und Biegung
von diesen Erhebungen mannigfaltige Variationen abgeleitet. Dass
man ursprnglich darauf aus war, die Leistungsfhigkeit eines guten
Schwertes, die von den Eigenschaften der Schwertseele abhngt,
zu hten, indem man es mittelst nachgeahmter Genitalien vor bsen
Geistern schtzte, [2] ist begreiflich. Wegen des hufigen Gebrauchs
der Schwerter hat ihre Herstellung eine betrchtliche Hhe erlangt und
hat sich die ursprngliche Verwendung von Schutzzeichen zu der einer
besonderen Spiralenverzierung entwickelt, die wir bei den Schwertern
der Bahau und Kenja kennen gelernt haben.

An dem in Fig. d Taf. 29 Teil I abgebildeten Schwert kommen die
wahrscheinlich ursprnglich angewandten einfachen Einkerbungen
noch an der Spitze vor, doch sind sie an der Abbildung schwer zu
unterscheiden, da sie auf dem Rcken des Schwertes angebracht sind und
nicht tief ins Metall eindringen. Die hinter der Spitze auf dem Rcken
vorkommenden Figuren geben dieses Motiv in verschiedene Spiralen
ausgearbeitet wieder. Das grsser abgebildete Schwert der Kajan
vom Balui (Fig. e Taf. 52) ist ebenfalls mit allerlei Variationen
dieses Motivs versehen. Die ganze  jour Verzierung der vorderen
Schwerthlfte ist aus weiblichen Genitalmotiven gebildet. Sie besteht
aus zwei Teilen, dem an der Spitze des Schwertes und der eigentlichen
Rckenverzierung 14. An der Spitze kann man dieses Motiv drei Mal
in von einander verschiedenen Formen erkennen. Alle besitzen zu
Schnrkeln und Spiralen verlngerte Aussenlippen und zwei sehr kurze,
auf dieser Abbildung nur bei der am meisten rechts befindlichen
Figur unterscheidbare Innenlippen. Bei dieser rechten Figur ist die
rechte Aussenlippe zu einer gebogenen Linie ausgeschnitten worden,
die dazu gehrige linke in einen Schnrkel, vielleicht weil fr eine
mehr gestreckte Linie kein Platz brig war.

Die links folgende Figur ist symmetrisch und lsst hauptschlich die
beiden zu zierlichen Bgen geschmiedeten Aussenlippen erkennen. Die
dritte Figur nach links bildet den bergang von der Verzierung der
Spitze zu der des Rckens, welche ihrer schwereren Formen wegen
einen anderen Charakter trgt als die der Spitze. Auch bei diesem
Motiv sind die beiden Aussenlippen in gebogenen Linien dargestellt,
aber die rechte Hlfte ist ebenso leicht und zierlich gearbeitet wie
die Spitze, whrend die linke ebenso schwerfllig ausgearbeitet ist
wie die ganze Rckenverzierung 14.

Diese besteht aus zwei weiblichen Genitalmotiven, die, was die
Aussenlippen betrifft, dieselben gebogenen Linien wie die Schwertspitze
zeigen, aber nicht  jour gearbeitet sind und eingekerbte Rnder
besitzen. Die Innenlippen sind hier nicht zu einem Minimum reduziert,
sondern in zwei gegen einander liegende, nach rechts und links
gerichtete Schnrkel ausgearbeitet. Zwischen der dritten Figur der
Spitzenverzierung und der ersten der Rckenverzierung, zwischen den
zwei Rckenverzierungen selbst und links sind zur Verbindung zwei
hnliche Spiralen zwischengefgt, die jedoch ber die Aussenenden der
gebogenen Aussenlippen hingreifen. Eine wie eine Aussenlippe gebogene
Linie bildet den bergang zum geraden Rcken 13.



Bei der Besprechung der verschiedenen Motive ist bereits darauf
hingewiesen worden, wie weitgehende Vernderungen diese erleiden
knnen. Obgleich die Motive dieser Stmme hier nicht erschpfend
behandelt werden konnten, stellen uns die erwhnten Beispiele doch
in Stand, zu zeigen, in welcher Weise aus einem ursprnglichen Motiv
neue abgeleitet werden.

Vergleichen wir auf Tafel 82 Teil I die Figuren a, b, c, d und e
mit einander, dann zeigt es sich, dass wir bei e mit einem zwar
stilisierten, aber doch deutlich erkennbaren Kopf eines _aso_ zu
tun haben, dessen mit Zhnen bewaffnete Kiefern 2 und 3 mit der
dazwischen liegenden Zunge, sowie das links davon als Doppelspirale
ausgeschnittene Auge gut zu unterscheiden sind. Das Ttowiermuster
d ist ein hnlicher _aso_-Kopf, aber einfacher, da in den Kiefern 2
und 3 die Zhne fehlen, die Zunge 4 zwar vorhanden ist, das Auge i
aber den Platz des ganzen brigen Kopfes einnimmt. Dieses _klinge_
bildet einen bergang zu c, das einfach aus d abgeleitet worden ist,
indem man dieselben Kiefern und die Zunge, die bei d rechts vorhanden
waren, hier auch links anbrachte, also eine Verdoppelung von d mit
Zusammenfallen des Auges, was sehr hufig bei den Stilisierungen
der Bahau vorkommt. Bei b ist das Auge durch strkere Ausarbeitung
und durch geringere Verzierung der Kiefern vllig zur Hauptsache
geworden; a ist sogar nichts anderes als das Auge ohne die Anhngsel
von Kiefern und Zunge. So sehen wir, wie das Auge, das bei der Maske
eine so berwiegende Bedeutung behlt, bei a selbstndig geworden
ist und u.a. bei der Mnnerttowierung als Rosette Verwendung findet.

Ein zweites vom Auge abgeleitetes Motiv lernen wir bei der Betrachtung
von Tafel 85 Teil I verstehen. Hier kommen in beiden Handttowierungen
bereinstimmende Teile vor, die auseinander hervorgegangen sind. In
der einfacheren Ttowierung b rechts sehen wir zwei Eulenaugen (_manok
wak_), die in der den Vordersteven eines Fahrzeugs (_dolong harok_)
darstellenden Figur angebracht sind. Bei der Vergleichung dieser Teile
mit den analogen in der schn stilisierten Ttowierung a links, zeigt
es sich, dass der Knstler auf sehr einfache Weise, indem er diese
Eulenaugen mit den angrenzenden Linien des _harok_ in Verbindung
brachte, zu dem vollen Kreise mit der daraus entspringenden Spirale
oder gebogenen Linie gelangt ist, ein Motiv, das bei der Komposition
dieser reichen, linken Ttowierung in vortrefflicher Weise durchgefhrt
worden ist. Die Ttowierkltzchen g, h und i auf Tafel 82, die zur
Zusammenstellung dieser Handttowierung gedient haben, geben die so
entstandenen Figuren sehr scharf wieder.

Diesen bergang von einem mit einer Linie verbundenen Auge zu dieser
Figur finden wir auch auf der Handttowierung b auf Tafel 94 Teil I
wieder. In dem unteren Ornament ist links oben deutlich ein Auge zu
sehen, von dem ein Kiefer mit Zhnen nach rechts unten ausgeht. Der
nicht sehr talentvolle Knstler hat die Symmetrie nur mangelhaft
gewahrt und ist beim Schnitzen unwillkrlich auf der anderen Seite
zu weit nach links oben geraten; bei der Anbringung des Auges ist
dadurch dieses mit einer benachbarten Linie verbunden worden, was
die gleiche Figur entstehen liess.

Die Ttowierfigur a auf Tafel 87 Teil I besitzt in ihrem Mittelstck
noch eine Eigentmlichkeit. Der runde Raum zwischen der schweren
gebogenen Linie ist dort mit einem doppelten _aso_-Kopf gefllt,
an dem bei i das gemeinsame Auge, bei 2 und 4 die Kiefer, bei 3 die
Zunge und bei 5 die rudimentren Zhne zu unterscheiden sind. Die
Schnrkel oben knnte man als stilisierte Nasenlcher auffassen,
wie dies bereits inbezug auf die beiden unten in diesem Modell
vorkommenden _aso_-Kpfe bemerkt wurde. Stellt man sich nun vor,
dass ein Schnitzknstler die Zhne fortlsst, so gelangt er ohne
grossen Sprung von der Fllung der Mittelflche in a zu der von b, wo
jedenfalls im Kreise in der Mitte ein Auge zu erkennen ist, whrend
die brigen Linien dementsprechend als die brigen Schdelteile,
Kiefer und Zunge, aufgefasst werden mssen.

Die in diesem Werk geborenen Abbildungen von Kunstgegenstnden
gestatten uns, dem Ursprung einer noch grsseren Anzahl von
Verzierungen nachzuspren. Die reich verzierten Bambusbchsen verdanken
ihre Schnheit zum Teil den kunstvoll gewundenen Spirallinien, die,
wie an den Verzierungen auf Tafel 68 mehrfach zu sehen ist, mit ihren
Enden ineinander verschlungen sind. Diese Spiralen laufen hufig in
viele Enden aus und tragen an diesen eigentmliche Verzierungen,
wie z.B. in Fig. b. In diesem Unterteil der Verzierungen bestehen
zahlreiche Variationen; die bei i in Fig. a gibt uns jedoch
Aufschluss ber die ursprngliche Bedeutung derselben. Aus der
Form der Spiralenden ist nmlich zu ersehen, dass diese umgebildete
Kpfe von Rhinozerosvgeln darstellen. In dieser Figur a sind bei
I an beiden ineinander geschlungenen Spiralenden folgende Teile zu
erkennen: zunchst der Kopf mit dem schwarzen Auge, der in den langen
Schnabel ausluft. Dieser bleibt hier in seiner oberen und unteren
Hlfte getrennt; die Erhebungen auf ihm stellen das Horn vor. Die
beiden Unterschnbel winden sich vllig umeinander hin, whrend
die Oberschnbel parallel an diesen hinlaufen, jedoch etwas krzer
sind. Ebenfalls in derselben Figur a kommen bei 2 einige Spiralenden
vor, von welchen das oberste zwar als Kopf des Rhinozerosvogels zu
unterscheiden ist, wenn man die vollstndigeren Formen bei I kennt,
aber dort fehlt bereits das Auge und der Kopf selbst ist stark
umgebildet. Die unterste Spirale 2 zeigt einen Auslufer, dessen
Motiv berhaupt nicht mehr festzustellen ist und der seinen Ursprung
vielleicht ganz der Phantasie des Knstlers verdankt.

Ausser den Variationen dieser ineinander greifenden Spirallinien auf
Tafel 68 kommen noch verschiedene andere vor in Fig. b auf Tafel 65,
Fig. a, b und c auf Tafel 66 und Fig. a, b und c auf Tafel 67.

Wir knnen an diesen Figuren feststellen, dass, wenn sie auch auf
den ersten Blick als reine Linienverzierungen erscheinen, sie ihren
Ursprung doch Motiven aus der Tierwelt verdanken. So scheint es mir,
dass bei der Entstehung der auf dem Perlenmuster a auf Tafel 69
vorkommenden beiden Linienfiguren ebenfalls ein Tiermotiv zu Grunde
gelegen habe. Vergleichen wir das Perlenmuster von a mit dem von b,
so sehen wir zu beiden Seiten von letzterem bei 1 zur Verzierung
zwei mit dem Rcken einander zugekehrte, schlangenfrmige _aso-_
oder vielleicht _naga_-Figuren. An diesen ist zuerst im Kopfe das
weisse Auge zu unterscheiden und der nach aussen geffnete Mund
mit kurzem Oberkiefer und langem, in eine Spirale auslaufendem
Unterkiefer, die beide mit Zhnen Versehen sind. An der anderen
Seite des Kopfes befindet sich der rechteckig nach oben und unten
geknickte lange Krper, welcher gegen die Mitte des Musters in eine
Spirale endet. Nhert man diese Figuren einander derart, dass die
Kpfe und der Hinterleib oberhalb des Schwanzes einander berhren und
stellt man sich die bereits bestehenden 4 Spiralen von Unterkiefer
und Schwanz verlngert vor, dann ist der bergang zu den Figuren,
die rechts und links das Muster a verzieren, kein gewaltsamer. Die
zwischen den beiden _aso_-Figuren in b vorhandenen Figuren erinnern
dann sogar an diejenige, welche die Vierecke von a fllen.

An der Hand des im vorhergehenden ber die verschiedenen dajakischen
Kunstmotive und deren Behandlung Mitgeteilten gehen wir jetzt
dazu ber, die Art und Weise, in welcher diese Motive von den
Bahau und Kenja in ihrem Kunstgewerbe angewandt werden, nher zu
betrachten. Bei der Besprechung des Gewerbes im vorigen Kapitel sind
zwar auch die Kunstprodukte dieser Stmme behandelt worden, jedoch
mehr vom industriellen Standpunkt aus, whrend wir uns hier auf den
knstlerischen beschrnken wollen. Einige Wiederholungen sind hierbei
natrlich unvermeidlich.

Zu den bemerkenswertesten Erzeugnissen der dajakischen Kunst
gehren unzweifelhaft die bereits mehrfach erwhnten Schwertgriffe
aus Hirschhorn, die nicht nur von den Produzenten selbst, sondern
auch von allen anderen Dajak und Malaien in so hohem Masse geschtzt
werden, dass sie sogar bei den hchsten Malaienfrsten an den Ksten
zu finden sind. Der Sultan von Kutei hlt unter seinen Hofknstlern
sogar einen Mann, der nur fr ihn Hirschhorngriffe schnitzen darf.

Jeder Stamm, bei welchem diese Kunstwerke hergestellt werden, besitzt
seine eigenen Modelle, auch sind die Griffe frherer Zeiten von den
modernen leicht zu unterscheiden. Im allgemeinen ist der Knstler
natrlich an die Form des Horns gebunden, doch bleibt ihm immer
noch die Mglichkeit, diese stark zu variieren, wie die abgebildeten
Exemplare auf Tafel 63 und 64 beweisen.

Die Griffe von Tafel 64 stammen aus dem Mahakamgebiet, wo sie als
_haupt_ (Griff) _aso_ ausschliesslich verfertigt werden, es sei denn,
dass ein Schnitzer am Kapuas oder anders wo einen solchen Griff
ausnahmsweise imitieren wollte.

Die Griffe auf Tafel 63 zeigen im ganzen dieselbe Form, doch wird
ein Kenner an a bemerken, dass er von einem Knstler der Long-Glat am
Mahakam geschnitzt worden ist: c, d und e stammen vom Mendalam, whrend
b und f die Form der Kenjagriffe zeigen. Von letzteren findet man noch
einige gute Beispiele an den Schwertern c und d auf Tafel 29 Teil I.

Obgleich die Ausfhrung dieser Griffe charakteristisch verschieden
ist, sind die Motive, die zugrunde liegen, im allgemeinen
dieselben, sie unterscheiden sich nur durch mehr oder weniger starke
Stilisierung. An Griff c sind diese Motive sehr gut erkennbar. Tier-
und Menschenmasken. welche die Knstler auch in diesem Fall _hudo_
nennen; spielen hier eine Hauptrolle. An dem abgebildeten Griff
c findet man zwei dieser Masken. deren verschiedene Teile mit den
Zahlen 1, 2 und 3 bezeichnet sind. Von diesen gibt 1 die Augen. 2
die stilisierten Nasenlcher, 3 die Kiefer an, die an den oben
angefhrten Merkmalen zu erkennen sind. Die eigentmlich gekrmmten,
dnn auslaufenden Verzierungen (mit 4 bezeichnet), die in sehr
verschiedenen Formen angewandt werden, nennen die Schnitzknstler
Blutegel: demselben Motiv entspringt auch die grosse Spirale im
Zentrum desselben Griffs. Hufig ist das eine Ende des Blutegels
dick, whrend das andere der Mitte zu immer dnner wird, bis es mehr
oder weniger gekrmmt in einer Spitze endet. Bisweilen stimmen diese
Blutegel in der Form mit den indischen Palmetten berein. Besonders
an dem schnen Griff a kommen diese Blutegel in hbsch gerundeten
Spiralen in verschiedener Form vor.

Mit 5 ist ein anderes, an Griffen hufig vorkommendes Motiv angedeutet,
nmlich der Arm, der oft noch den charakteristischen, verdickten Ring
trgt, aber auch wohl als glattes, dickes, reliefartig hervortretendes
Band, wie in d, angetroffen wird. Diese Motive liefern die meisten
Verzierungen fr die Griffe, auch sind sie an diesen hufig gut zu
unterscheiden, wie an a, d und e. Bei b und f tritt eine andere Art der
Verzierung auf, nmlich doppelte, ineinander greifende Spiralen, die
innen in sehr grosse, den Griff quer durchlaufende Kanle geschnitten
sind. Am deutlichsten sind diese Spiralen in zwei der drei Kanle von
Griff f zu sehen, jedoch ebenfalls in den beiden Kanlen von b. Da
sie mit dem Ornament der Oberflche hufig nur wenig in Verbindung
stehen, beweisen sie mehr eine grosse Fertigkeit im Schnitzen als einen
feinen Kunstgeschmack. Stellt man sich die mangelhaften Hilfsmittel
des Knstlers vor, so legen diese eingesenkten Spiralen in der Tat ein
sprechendes Zeugnis fr seine Geschicklichkeit ab. Ein bemerkenswertes
Beispiel ist in dieser Hinsicht der Griff des Schwertes d auf Tafel 29
Teil I. Hier hat der Schnitzer, ein Kenja, an den usseren ffnungen
der beiden Kanle Hornstcke als Brcken stehen lassen, wie das Bild
deutlich zeigt, so dass zu beiden Seiten von diesen nur schmale
ffnungen frei geblieben sind. Nichtsdestoweniger ist es ihm doch
mglich gewesen, dort innen in dem schwammigen Horngewebe noch gut
geformte Spiralen auszuschneiden.

Die beiden _haupt aso_, die auf Tafel 64 dargestellt sind,
reprsentieren die schnsten Schnitzwerke, die ich bei diesen Stmmen
sah. Besonders ist der Griff _Kwing Irangs_ sehr kunstvoll entworfen
und geschnitzt. Er stammt aus frherer Zeit und muss von einem der
Vorvter des Huptlings verfertigt worden sein. Die frher behandelten
Motive nehmen in dieser Verzierung eine untergeordnete Stelle ein
und haben noch eine weitere Umbildung erlitten. Die zwei im Unterrand
vorkommenden Blutegel sind hier platt geschnitzt; zwischen ihnen ist
ein kleiner Arm erkennbar. In dem an der Spitze gelegenen Teil kommt
in der unteren Ecke eine auf dem Hinterkopf liegende kleine Maske vor,
um welche unten ein Arm geschlagen ist. ber dieser Maske springt
ein dicker Arm mit einem deutlichen Ellbogenring aus dem Schnitzwerk
vor. In diesem Griff ist eine grosse Hhle ausgeschnitten, die gleich
der Oberflche reich mit hervortretenden feinen Linien verziert
ist; den Boden derselben bilden einige Spiralen, die jedoch hinter
der Brcke, die ber diese Hhle luft, nur undeutlich zu sehen
sind. Die Qualitt dieser Schnitzerei kann mit guter chinesischer
Arbeit verglichen werden, wobei noch bercksichtigt werden muss,
dass Hirschhorn sich viel mhsamer bearbeiten lsst als Elfenbein.

Der rechte Griff, der viel weniger fein ausgefhrt ist, gehrt doch
noch zu den besten Exemplaren, die am Mahakam noch zu finden sind,
und beweist ebenso sprechend wie der vorige, wie sehr die besten
unter diesen eingeborenen Knstlern sich von den ursprnglichen
Motiven unabhngig zu machen verstehen, ohne diese doch gnzlich
zu verleugnen. So wird die rechte untere Ecke von einem breit
ausgearbeiteten Blutegel eingenommen, der mit der Spitze in die
stilisierten Finger eines rechts im Ornament nach oben verlaufenden
Armes greift. Links hiervon ist eine Maske geschnitzt, deren Auge
oben liegt und deren zwei mit Zhnen bewaffnete Kiefer rechts und
links nach unten gebogen sind; zwischen diesen liegt noch beim
Auge die kleine Zunge. Auf dem Oberkiefer ruht links von der Zunge
ein typischer Hauzahn, whrend am unteren Ende desselben Kiefers
das Nasenloch ausgehhlt ist, aus dem eine lange Spirale luft,
eine Verbindung mit dem brigen Schnitzwerk darstellend. Auch in
letzterem sind hie und da an derartige Motive erinnernde Teile zu
bemerken, doch sind sie so stark umgebildet, dass man sie nur an den
charakteristischen Merkmalen erkennen kann. So wird der vordere Teil
an der Spitze wieder von einer Maske mit Auge, Zhnen und Nasenloch
eingenommen. Besonders deutlich treten hier die auf dem Boden der
beiden Kanle ausgeschnittenen Spiralen hervor.

An die Behandlung der Schnitzerei von Schwertgriffen schliesst sich am
nchsten die von Schwertscheiden an, eine Industrie, welche infolge
des grossen Absatzes, den sie bei den Mendalam-Kajan hauptschlich
unter Fremden findet, noch immer mit viel Sorgfalt und Talent betrieben
wird. Zum voraus mag bemerkt werden, dass die so nahe verwandten Stmme
der Bahau am Kapuas und Mahakam und der Kenja in Apu Kajan eine ganz
verschiedene Verzierungsweise fr Schwertscheiden anwenden, obgleich
sie alle diese Scheiden aus zwei aufeinander gebundenen Brettchen
herstellen, die sie von innen zur Aufnahme des Schwertes aushhlen. An
der dem Trger zugewandten Seite wird aus einem Stck Palmblattscheide
fr das lange Messer (_nju_) ein besonderer Behlter angebracht, das
sie mit einer langen Perlenverzierung, wie bei Scheide d auf Tafel
30 Teil I, schmcken. An derselben Seite ist mit dem Bindfaden, der
oben die beiden Brettchen zusammenhlt, auch der Grtel befestigt,
der in der Regel aus Rotang geflochten wird. Diese Perlenverzierung
an der Innenseite fehlt meistens bei den Schwertern der Kenja.

Diese Stmme verfertigen auch die einfachsten Schwertscheiden, wie die
Figuren d und c von Tafel 29 Teil I sie zeigen. Das sehr einfache,
glatt polierte Holz ist ber der Aussenseite mit Rotangstreifen
aneinander gebunden und diese, auf die gewhnlich besondere Sorgfalt
verwendet wird, ist hier nur wenig oder gar nicht mit Schnitzerei
verziert. Augenscheinlich mehr zur Zierde als zu einem praktischen
Zweck, weil auch die gewhnliche einfache Rotangumflechtung vorhanden
ist, hat man bei c an vier Stellen in kunstvollen Schlingen eine
hbsche Flechterei um die beiden Brettchen angebracht, eine auch am
Mahakam sehr gebruchliche Verzierungsweise.

Von derartigen im Mahakamstil verfertigten Scheiden sind zwei
unter a und b auf Tafel 29 und unter d und e auf Tafel 30 Teil I
abgebildet. Auch hier sind drei hbsch gewundene Rotangschlingen
um die Scheiden gelegt, doch dienen sie hier dazu, das Vorder- und
Hinterbrettchen aneinander zu halten. Ausserdem ist die Aussenseite
oben bei solch einer Scheide stets mit Schnitzwerk verziert, wenn
nicht, wie bei c, das Holz, aus dem dieses Vorderbrett besteht,
hierfr unbrauchbar ist. Am Mahakam bemht man sich nmlich, dieses
Vorderbrett aus einer anderen und schneren Holzart herzustellen als
das Hinterbrett.

Sehr hufig begegnet man einer weichen, schngeflammten Holzart,
wie bei b, die dann mit viel Geschick glatt gescheuert und poliert
wird. Oder auch man wendet ein hartes, leicht polierbares Holz an,
das mit Sorgfalt geschnitzt und poliert wird wie z.B. a Tafel 29
und d Tafel 30. Dass man auch eigentmliche Naturprodukte zu schtzen
weiss, ersieht man aus der Scheide e, fr deren Vorderbrett man das vom
Flusswasser ausgelaugte Holz eines bestimmten Baumes bentzt hat. Durch
die Einwirkung des Wassers wird dieser Baum an der Oberflche sehr
unregelmssig angegriffen, wodurch bisweilen sehr eigentmliche Muster
entstehen, deren regelmssigste Teile wie die Vorderseite dieser
Scheide e aussehen. Die aus weissem Rotang gewundenen Schlingen sind
hier in die breiten Gruben des Vorderbrettchens gelegt worden, deren
rauhe Oberflche weggeschnitten worden ist.

Vom knstlerischen Standpunkt sind die Schwertscheiden der
Mendalam-Kajan die wertvollsten, da die ganze Verzierung mittelst
Schnitz- und Einlegearbeit angebracht wird. Beispiele fr diese
Scheiden sind e auf Tafel 29 und a, b, c, f, g und h auf Tafel 30
Teil I. Wie aus diesen wenigen Stcken bereits ersichtlich, ist die
angewandte Schnitzerei von sehr verschiedener Art. Erstens besteht sie,
bei f und h, in Hochrelief, bei a, b und c in Flachrelief; zweitens
ist ihre Verteilung auf der langen, platten Flche sehr verschieden.

Sehr gebruchlich ist eine Verzierung wie bei a, b und c. Bei der
Zusammensetzung der hier angewandten Figuren sind die oben bereits
besprochenen Motive bentzt worden, hauptschlich die vom Menschen
abgeleiteten. Sehr leicht erkennbar ist z.B. bei b mitten auf der
Scheide eine ganze Menschenfigur. Um den mit Augen, Nase und Mund
versehenen Kopf ist rechts ein Arm hinaufgeschlagen. Darunter folgt
ein Krper mit zwei Beinen, von denen das linke oben liegt und in
einen stark stilisierten Fuss mit Zehen endet.

Bei c sind einige Masken zu unterscheiden, von denen die eine
in der obersten Verzierung, auf dem breitesten Teil der Scheide,
unter dem Hals liegt. Man erkennt hier die beiden lnglichen, nach
Mongolenart schief gerichteten Augen, darunter eine kleine Nase,
die durch zwei verzierte Brcken mit den Aussenwnden verbunden ist,
ferner einen breiten, spaltfrmigen Mund, in dem mit einer Lupe links
noch einige Zhne zu unterscheiden sind. Unterhalb dieses Mundes wird
der wichtigste Teil der Verzierung durch zwei nach innen gebogene
dicke Wlste gebildet, die als Arme oder Beine betrachtet werden
knnen. Am unteren Ende der Scheide wird die Verzierung von einer
hnlichen Maske abgeschlossen, die jedoch umgekehrt steht; auch fehlen
hier die beiden von Gliedmassen abgeleiteten Verzierungsteile.

Merkwrdig sind die drei auf der Vorderflche von Scheide f in
Hochrelief geschnitzten Vierecke. Ihre Ecken werden von Gliedmassen
gebildet, whrend in der Mitte der Seiten ein hoch ausgeschnittener
Blutegel den Raum zwischen den Enden dieser Gliedmassen ausfllt.

Fr die Verzierung dieser Scheiden ist ein bei den Mendalam-Kajan
sehr beliebtes Motiv bentzt worden, dessen wahre Bedeutung nicht
ohne weiteres zu bestimmen ist und auf welches ich bis jetzt noch
nicht nher eingehen konnte. Ich meine ein Oval, durch welches eine
erhhte Mittellinie luft, die an einem Ende oder an beiden ber
dem Oval hervortritt. Dies kommt z.B. in der untersten Verzierung
der Scheide b vor und zwar dreimal unter der Menschenfigur quer
zur Lngsrichtung der verzierten Flche; ferner unter dem Masken-
und Gliedmassenmotiv im obersten Ornament von c und 5 Mal in der
untersten Verzierung dieser Scheide, die am Unterende durch eine Maske
abgeschlossen wird. Dieses hier berall liegend vorkommende Oval mit
der an beiden Seiten vortretenden Mittellinie stellt einen Schdel
dar und wird bisweilen selbstndig, aber meistens in Verbindung mit
mehr oder weniger umgeformten Kiefern angewandt. Schne Beispiele
hierfr finden wir in dem untersten Teil der Verzierung von c, wo alle
5 Ovale in Verbindung mit den zugehrigen zwei gezhnten Kiefern und
der dazwischen liegenden Zunge vorkommen. Sehr deutlich sichtbar ist
dies am obersten Oval, das im oberen Ende dieses Ornaments vorkommt und
nach links an die beiden weit aufgesperrten mit Zahnreihen bewaffneten
Kiefer grenzt, zwischen denen eine sehr dicke Zunge nach links
aus dem Maul hervortritt. Dies gleiche Motiv, aber mit nach rechts
aufgesperrten Kiefern, hat man dicht unter dein ersten wiederholt,
so dass das Schdeloval links liegt und die Kiefer rechts. Dasselbe
wiederholt sich zwei Mal zwischen den beiden halbmondfrmigen Figuren
und noch ein Mal unterhalb der untersten dieser beiden. Auf diese
Weise lsst sich beinahe die ganze untere Verzierung der Scheide
c in ihre Hauptbestandteile zerlegen. Die beiden halbmondfrmigen
Figuren dieses Ornaments stellen deutlich Genitalmotive dar. An
jeder derselben unterscheidet man zu beiden Seiten einen Vorsprung,
dazwischen zwei einander etwas zugeneigte innerste Lippen und zwischen
diesen eine Spirale, die bei den Hindu und Chinesen das Sinnbild
der Mnnlichkeit bedeutet. Ist diese Auffassung richtig, so besteht
das Ornament der Scheide c gnzlich aus Motiven, die auch an anderen
Orten zur Vertreibung bser Geister angewandt werden. Ich wage jedoch
nicht zu behaupten, der Knstler habe diese Scheide hauptschlich zu
diesem Zweck derartig hergestellt. Es erscheint mir wahrscheinlicher,
dass solche Motive im allgemeinen bei den Mendalam-Kajan von alters
her fr die Verzierung von Scheiden verwandt worden sind.

Besondere Erwhnung verdient die Scheide e auf Tafel 29, die von
einem Mendalam-Kajan fr mich gearbeitet worden ist. Das Vorderbrett
aus schwarzem Holz ist mit hbsch geschnitzten Stcken von weissem
Hirschhorn eingelegt, und aus demselben Material ist die fein
gearbeitete Spitze hergestellt. Das Ganze stellt ein besonders schnes
Stck dar, nur kommt die Schnitzerei auf der mangelhaften Abbildung
schlecht zur Geltung.

Diese Einlegearbeit scheint hauptschlich bei den Batang-Luparstmmen
von Serawak sehr im Schwange zu sein, aber auch bei den Bahau ist
das Einlegen von Knochen, Hirschhorn, Metall und selbst Porzellan
und Glas in Holz wohl bekannt und sehr gebruchlich.

Die Tafeln 65-68 geben einige Beispiele fr Schnitzereien auf
Bambusbchsen, die von denselben dajakischen Stmmen herrhren. Diese
Bchsen (_telu kalonog_) werden entweder zur Aufbewahrung von
Kleinigkeiten wie Tabak, Nhzeug, Perlenarbeiten, Halsketten
u.s.w. bentzt oder als Pfeilkcher, wie z.B. die grossen Kcher,
von denen die Verzierungen a und b auf Tafel 65 herstammen. Die beiden
letzten Verzierungen lehren uns eine sehr seltene Art der Schnitzerei
kennen; sie versuchen nmlich beide, Szenen aus dem tglichen Leben
wiederzugeben. Die mangelhafte Ausfhrung deutet darauf hin, wie
wenig die Knstler hierin gebt sind.

Bei a ist links eine Jagdszene dargestellt, in dem Augenblick, wo
ein mit einem Speer bewaffneter Mann, begleitet von einem Hunde mit
borstig abstehenden Haaren, ein grosses Tier spiessen will. Auf dem
Rcken dieses Tiers, das an seiner Form nicht erkennbar ist, steht
ein Hahn. Das Mittelstck von b gibt einen Zweikampf wieder. Von
den vier hier dargestellten Menschenfiguren hlt die oberste, mit
einem Schild bewaffnete, den freien Arm derart, als ob auch er eine
Waffe trge. Der Oberkrper ist im Verhltnis zu den Beinen viel zu
lang. Der Fuss an dem ausgestreckten Bein, dessen Form sehr schlecht
ist, ist augenscheinlich absichtlich, wie die Hnde der unteren
Figuren, umgebildet worden. Unter dem Schild steht eine kleine
Figur, die einen lnglichen Gegenstand, vielleicht ein Schwert,
in der Hand hlt. Mit der ersten Figur kmpft jedoch eine dritte,
die ein ganz unverhltnissmssig langes Schwert schwingt und deren
Arme und Beine auf ganz unnatrliche Weise gebogen sind. Die linke
Hand, die sich gegenber derjenigen der vierten Figur befindet, ist
in der gebruchlichen Weise stilisiert worden. Die letzte, ebenso
mangelhaft gebildete Figur, scheint sich vom Schauplatz entfernen zu
wollen. Ihre freie Hand ist auf gleiche Weise stilisiert wie die der
dritten Figur. Der Rhinozerosvogel oberhalb dieser Szene ist frher
bereits erwhnt worden.

Was die brigen auf dieser Tafel abgebildeten Bambusverzierungen
betrifft, so sind sie in vielen Teilen an der Hand des oben bereits
Behandelten gut zu erkennen. Die rechte Hlfte von a ist auf
eigentmliche Weise aus 6 sehr phantastischen Masken in Verbindung
mit allerlei Linien und Spiralen zusammengesetzt. Ein zweites Beispiel
einer derartigen Verzierung habe ich bei diesen Stmmen nie gefunden.

Von gewhnlicherer Art sind die rechten und linken Hlften von
b. Man findet hier links bereinander vier, mit dem so beliebten
Spiralornament kombinierte Rnder, ber die nicht viel mehr zu
bemerken ist, als dass sie von einander sehr verschieden sind und
die drei untersten links durch grosse Tiermasken gefllt werden,
von denen zwei deutlich Kiefer mit Zhnen und eine Zunge erkennen
lassen; bei der dritten, der untersten, fehlen die Zhne. Die langen
Oberkiefer verlaufen in Form grosser Schnrkel in die bereinstimmenden
Ornamente und verbinden sich so mit den brigen Schnrkeln. Der
Streifen rechts wird von zwei stilisierten Hundefiguren zu beiden
Seiten einer rudimentren Menschenfigur gefllt, an der nur die Maske
gut zu erkennen ist. Bemerkt zu werden verdient, dass die eigenartig
geformten Figuren, in denen das Auge vorkommt, in der Verzierungskunst
hufig allein angewandt werden und dann als Erkennungszeichen fr
ein Maskenmotiv dienen. In die aus verschiedenen Teilen bestehende
Verzierung b hat der Schnitzknstler doch noch einige Einheit zu
bringen versucht, indem er in den meisten Unterteilen kugelfrmige
Figuren anbrachte. So findet man diese an den Zungen der Hundefiguren
rechts, in der Mitte oben beim Rhinozerosvogel, an einigen Stellen
bei den Spiralrndern und ganz links wieder an den Zungen der Masken
und einigen anderen Orten. Wir erkennen hierin das Bestreben des
Knstlers, die geringe Harmonie des Ganzen durch einige technische
Mittel zu erhhen.

Auf Tafel 66 sind die Schnitzereien von drei Bambusbchsen abgebildet,
von denen a und b in vieler Hinsicht miteinander bereinstimmen,
nur ist b einfacher gehalten als a. An letzterem Ornament lsst
sich jedoch besser feststellen, in wie weit bestimmte Motive bei
der Komposition desselben Dienst geleistet haben. Sehr deutlich
sind hier schlangenfrmige Tiere von der gewhnlichen Form zu sehen,
sie kommen beinahe unverndert vor, hauptschlich im obersten Teil,
wo sie bei I auf sehr zierliche Weise verschlungen sind.

Die gleichen Tierfiguren wie in der Randverzierung finden wir in
der sehr geschmackvollen Fllung der Tumpal (lngliche Dreiecke in
Verzierungen) des mittleren Teils des Bambusornaments. Die ganzen
Figuren sind leicht erkennbar, aber auch rechts im rechten Tumpal, auf
gleicher Hhe mit dem Kreuz in der Mitte zwischen den beiden Tumpal,
ist der gleiche Tierkopf zu unterscheiden. Der dazu gehrige Krper
lehnt sich mit dein Rcken an die Mittellinie, welche den Tumpal
fast bis nach unten durchzieht. Die gleichen Kpfe, immer kleiner
und undeutlicher werdend, scheint der Knstler auch an den anderen
Spiralenden angebracht zu haben, die zu beiden Seiten der Mittellinie
in zwei Reihen sich bis in die Spitze des Dreiecks hinziehen. Die
Verzierung unmittelbar um das Kreuz herum scheint aus der Vereinigung
von zwei seitlichen Kpfen hervorgegangen zu sein.

Bei Fig. b auf derselben Tafel ist von Tiermotiven wenig mehr zu
merken, alle Formen sind im Gegenteil usserst vereinfacht worden,
Krperformen haben Linienfiguren Platz gemacht. In wie weit einem
Knstler beim Schnitzen derartiger Bchsenverzierungen Tiermotive
vor Augen schweben oder er nur Variationen der gebruchlichen
Fllverzierungen anbringt, ist schwer zu verfolgen.

Fig. c auf Tafel 66 trgt einen ganz anderen Charakter. Der Knstler
hat hier keine besondere Randverzierung geschnitzt, sondern die Fllung
der beiden Tumpal bis oben hinaufreichen lassen. Die Spitzen der beiden
letzteren sind nach unten verlngert und verlaufen usserst schmal in
eigentmliche Figuren im Bambusrand des unteren Endes. Bei der Fllung
dieses schwer zu verzierenden Raumes sind Tiermotive wahrscheinlich
nicht bewusst angewandt worden; die Hauptfiguren bestehen nur aus
Linien; nur in den Verzierungen, welche die Enden der Spiralen tragen,
sind Formen zu finden, welche an Tiermotive erinnern. Die zierlichen
Figuren hat der Schnitzer wirkungsvoll hervorzuheben verstanden,
indem er den Hintergrund nicht, wie gewhnlich, rot oder schwarz
frbte, sondern sorgfltig schraffierte.

Das reich kombinierte Muster a auf Tafel 67 ist sicher ebenfalls
entstanden, ohne dass sich die Formen eines Tierkrpers in der
Vorstellung des Knstlers stark geltend gemacht htten. Augenscheinlich
war es ihm mehr darum zu tun, geschmackvolle Linien als ausgesprochene
Tiermotive darzustellen.

Anders verhlt es sich mit den Schnitzereien von b und c auf Tafel
67. Mit b liefert der Knstler den Beweis, sowohl mit als ohne
Tierfiguren ein geschmackvolles Ganzes erfinden zu knnen. Im obersten
Dreiviertel legt er eine grosse Fertigkeit in der Anwendung der
gebruchlichen Formen an den Tag, mit denen er durch Biegung der Tumpal
und Einfgung anderer Teile eine sehr eigenartige Wirkung hervorzurufen
verstanden hat. Recht verdienstvoll, wenn auch etwas verworren, ist
das unterste Viertel mit zwei _aso_-Figuren gefllt worden, deren
Krper, Beine und Schwnze bei Figur I deutlich zu sehen sind, deren
Kopf jedoch sehr gesucht phantastisch dargestellt ist. Rechts ist vom
Kopf hauptschlich der Oberkiefer mit Zhnen und der grosse Hauzahn
zu erkennen, oberhalb der Zhne auch das stilisierte Nasenloch. Der
Unterkiefer luft vom Hauzahn aus nach rechts unten. Das lngliche,
spaltfrmige Auge liegt wahrscheinlich neben dem Nasenloch. Die
Fusszehen sind hier in der gewhnlichen Weise stilisiert.

Strker herrschen die Tierformen bei c auf derselben Tafel vor; die
beiden Rnder bereinander, die den obersten Teil dieser Figur bilden,
werden vollstndig von zwei typischen _aso_-Figuren auf schraffiertem
Grunde eingenommen. Der Knstler hat, vielleicht um Einfrmigkeit zu
vermeiden, seine Tiere im obersten Rand auf dem Rcken liegend, in dem
unteren dagegen stehend wiedergegeben. Die Formen dieser _aso_ sind
derart bis in alle Kleinigkeiten ausgearbeitet und deutlich erkennbar,
dass eine nhere Auslegung berflssig erscheint. Fr die Komposition
des untersten Teils von c haben die gewhnlichen Figuren gedient.

Von den Bambusverzierungen auf Tafel 68 sind a und b bereits frher
zur Erklrung bestimmter Formen von Spiralenden bentzt worden. Fig. c
stellt einen Rand ber einer gewhnlichen Tumpalverzierung dar und
weist ausser einer Reihe von 4 kleinen Tiefen als Fllung fr die
unterste Hlfte in der oberen noch einen schnen, in schweren Formen
geschnitzten Spiralrand auf. Die bei I vorkommenden Tiere im unteren
Teil bedrfen keiner Erklrung.

Fig. d ist in verschiedener Hinsicht merkwrdig. Zunchst ist das ganze
Ornament ungewhnlich wegen der doppelten Verzierung mit schiefen,
lnglichen Tumpal, welche auf die gewhnliche Weise ausgefllt
sind. Eins von den beiden Paaren besteht aus zwei nach verschiedenen
Seiten gebogenen Hlften, die an den Spitzen sehr eigentmlich durch
eine Tierfigur (1) verbunden sind, in welcher man deutlich einen
Vierfssler erkennen kann. An der Basis des anderen Tumpal kommt
eine hnliche Tierfigur (2) vor, welche die scharfe Ecke fllt und
mit ihrem Oberkiefer den ersten Schnrkel von der Fllung dieses
Dreiecks ausmacht. Bei Fig. a Tafel 66 sahen wir, dass diese Rolle
durch den Krper eines schlangenfrmigen Tiers erfllt wurde, und in b
Tafel 65 waren es die Oberkiefer, die in gewhnliche Spiralornamente
bergingen; hieraus geht hervor, dass fr derartige Spiralen zwar
Tiermotive verwandt werden, dass aber sehr verschiedene Krperteile
in die gleiche Form gebracht werden knnen. Wir bemerken in dieser
Bambusverzierung d noch etwas hnliches wie in Fig. b Tafel 65,
nmlich, dass in der ganzen Figur gleiche Einzelheiten angebracht
sind, wahrscheinlich um die Einheit des Ganzen zu frdern. Dieses
Einzelmotiv ist das mit einem Kreise (3) umgebene Sternchen, das man
auch in den spitzen Winkeln der verschiedenen Tumpal wiederfindet.

Nach der Besprechung der vorhergehenden Beispiele bietet Fig. e
nicht viel Merkwrdiges mehr, hchstens ist die Verbindung der beiden
Spiralen in der Mitte aussergewhnlich.

Eine sehr eigentmliche Kunstfertigkeit der dajakischen Mnner bildet
das bekannte Ausschneiden von Figuren aus dunkelfarbigem Zeug,
die dann zur Ausschmckung der Kleider von Toten (am Kapuas) oder
von Lebenden (am Mahakam und Kedjin) bentzt werden. Von solchen
Totenkleidern findet man in Teil I auf Tafel 24 Fig. 6 und Tafel 27
Fig. 1-5 Beispiele abgebildet; hnliche Kleider fr Lebende sind auf
Tafel 43 und 44 dieses Bandes zu sehen.

Bei diesen ausgeschnittenen Figuren treten die gleichen Motive
in den Vordergrund, denen wir anderswo bereits begegneten. Bei den
Totenkleidern von Taf. 27 Teil I finden wir vor allem die _aso_-Figuren
wiederholt dargestellt; so stehen in Fig. 3 an beiden Enden der
Leibbinde zwei _aso_-Figuren mit dem Rcken einander zugekehrt, die
Kpfe nach innen und die zusammengekrmmten Hinterenden nach aussen
gewandt. Die gleichen Figuren kommen auf dem Kopfkissen Fig. 2 und dem
Rock Fig. 5 vor, ebenso auf der Jacke Fig. 4, aber hier ist der Kopf
von oben noch mit verschiedenen hinzugefgten Schnrkeln etc. umgeben.

hnliche Figuren zeigt auch der bei i e abgebildete _samit_-Sack,
nur sind sie hier mit Anilintinte auf den weissen Kattun gezeichnet,
mit dem die verschiedenen Fcher dieses Sacks berzogen sind. Auf jedem
dieser Fcher sind diese Figuren in anderer Form angebracht worden,
wie bereits an den beiden in dieser Abbildung vorkommenden zu sehen
ist. Im ganzen trgt dieser Sack 6 verschiedene Formen des _aso_.

Die vier Mittelfiguren der Leibbinde 3 sind ebenfalls leicht zu
erkennen, es sind Menschenfiguren ohne Kpfe. Die Unterhlfte des
Krpers ist zur Mitte gekehrt, die Beine sind aufgezogen, in den Knien
gebogen; die Oberarme sind nach unten gerichtet, wo die Ellbogen mit
einer Verdickung auf den Knien ruhen, whrend die Unterarme wieder
hinaufgebogen sind und in nach innen gerichteten Schnrkeln endigen.

Bei der Verzierung des Tragkorbs 1 auf derselben Tafel sowie des Huts
Fig. 6 auf Tafel 24 sind nur Linienfiguren zur Anwendung gebracht
worden.

Was die Feinheit der Ausfhrung betrifft, kann diese Totenausrstung
vom Kapuas in keiner Hinsicht einen Vergleich mit den Kleidern vom
Mahakam bestehen (Tafel 43 und 44); da die Mahakamstmme derartige
Kleider tglich gebrauchen, ist ihre grssere Fertigkeit im
Ausschneiden begreiflich.

Die Rnder der auf Tafel 43 abgebildeten Rcke bilden schne Beispiele
fr die Leistungen in diesem Kunstzweige; die Rnder von a und die
ausgeschnittenen Dreiecke von d sind aus rotem Flanell auf weissem
Kattun, die von b aus rotem Kattun, die von c aus gewhnlichem,
mit Indigo blau gefrbtem Kattun auf weissem Untergrund hergestellt
worden. Zwischen die ausgeschnittenen dreieckigen Stcke von d sind
Stickereien auf dunkelblauem Kattun geheftet, von derselben Art,
wie sie auf Tafel 46 zu sehen sind.

Die Rnder von Fig. c mit den Buceroskpfen sind bereits auf pag. 249
besprochen worden.

Von grsserem Interesse als diese Rcke ist der unvollendete
Pnihingrock auf Tafel 44, der sowohl was den Entwurf des Ornaments
als was die sehr grosse Fertigkeit im Ausschneiden betrifft, Beachtung
verdient. Bewundernswert ist die Anordnung der Linien in der Fllung
des Feldes und die Richtigkeit der Empfindung, mit der die Linien in
dem Mittelteil dichter aneinander und dnner als in den Seitenteilen
ausgefhrt sind. Da auch dieses Ornament aus einem zusammengefalteten
Zeugstck geschnitten worden ist, sind beide Hlften streng symmetrisch
ausgefallen.

Ausser den zahlreichen Schnrkeln, die man hier sicher als
selbstndiges Verzierungsmotiv auffassen muss, sind zunchst 4 _aso_
in die Komposition aufgenommen worden und zwar zwei rechts und zwei
links, wo sie mit den Fssen gegeneinander und mit den Kpfen in die
Hhe gekehrt stehen. In der am meisten rechts befindlichen Figur sind
die verschiedenen Krperteile mit Zahlen bezeichnet und zwar: das Auge
mit i, der Unterkiefer mit 2, die in 2 Linien auslaufende Zunge mit
3, der Oberkiefer mit 4, der Krper mit 5, der Vorderfuss mit 6, der
Hinterfuss mit 7, der Schwanz mit 8. Alle diese Teile sind in gleicher
Weise an dem links stehenden _aso_ und an dem in der linken Hlfte
vorkommenden Tierpaar zu sehen. ber die Form der seitlich auf halber
Hhe befindlichen Verzierungen ist zu bemerken, dass der Knstler bei
diesen an Masken gedacht haben muss, die mit dem unteren Teil zur Seite
gekehrt sind. Rechts ist ein rundes, weisses Auge mit 9 angegeben;
das Nasenloch bei 10 ist hier auch durch eine Spirale dargestellt,
whrend die geraden, auf den Seitenwnden senkrecht stehenden Linien
einen Mund mit Zhnen darstellen. Obgleich auch in dieser reichen
Fllung des Rockfeldes Tier figuren und Masken vorkommen, nehmen sie
doch keinen berwiegenden Anteil an der Komposition.

In der Reihe der Kunsthandwerke der Bahau- und Kenjastmme nehmen
die in bunten Farben aus kleinen Glasperlen gearbeiteten Muster eine
wichtige Stelle ein. Letztere zeigen besonders deutlich, dass der
Geschmack und die Kunstfertigkeit dieser Stmme sich nicht allein
auf die Form beschrnken, sondern dass auch ihr Farbensinn sehr
entwickelt ist. Nach Vorlagen, welche die Mnner ausschneiden,
verfertigen die Frauen diese Perlenmuster zur Verzierungbestimmter
Gegenstnde. Zu diesen gehren vor allem die Kindertragbretter,
_hawat_, auf welchen die grssten Muster (_tap_) nach der in Figur d
auf Tafel 69 wiedergegebenen Weise angeheftet werden. Die meisten _tap_
sammelte ich am Mahakam, wo sie oberhalb der Wasserflle noch sehr
in Gebrauch sind. Doch ist hier in diesem Gewerbe insofern bereits
ein gewisser Rckschritt zu verzeichnen, als, soweit ich der Sache
nachgehen konnte, die Frauen gegenwrtig nur die Formen der _tap_
aus frherer Zeit nacharbeiten, ohne neue zu erfinden, und sich mit
der Wahl der Farben nach eigenem Geschmack begngen.

Dies war auch bei den Kajan am Kapuas der Fall; so dass ich erst nach
Jahren dahinterkam, von wo die ursprnglichen Formen stammten. Als ich
nmlich am Ende meiner Reisen die Kenjastmme besuchte, sah ich, dass
bei diesen noch die ursprngliche Herstellungsmethode nach Vorlagen,
welche die Mnner auf Brettchen schnitzten, im Schwange war. Zwei
solcher Holzpatronen sind auf Tafel 69 bei c und e abgebildet. Jede
Hlfte von c ist mit zwei Tiermasken verziert, die mit einigen
Schnrkeln ineinander greifen und zusammen eine geschmackvolle Figur
bilden. Das bereits gebrauchte Brett e trgt zwei Paar _aso_, von denen
jedes mit den Krpern zusammen-fliesst, ein bei den Kenja beliebtes
Motiv. Oben und unten an den Rndern sieht man 5 Lcher, die dazu
gedient haben, eine feste Schnur an einer Seite lngs des Musterbretts
zu spannen. An diese Schnur wurden dann die vielen kleineren Schnre
befestigt, an welchen nach dem Muster die farbigen Perlen aneinander
gereiht wurden. Zweifellos sind auf diese Weise auch die jetzt noch
unter den Mahakam und Kapuasbahau zirkulierenden Muster entstanden,
doch beschrnkt man sich bei diesen gegenwrtig auf die Nachahmung der
alten Vorlagen. Fr eine solche Nachahmung sind die beiden _tap_ auf
Tafel 71 ein Beispiel: die unterste b ist sehr mangelhaft reproduziert,
sie ist die lteste und in der Tat erscheinen ihre Farben auch unserem
Auge altertmlich. Nach dieser ist mit neueren Perlen a nachgearbeitet,
die, wie man sieht, mit ihr ganz bereinstimmt. a kaufte ich bei den
Kajan am Blu-u fr eine Quantitt Perlen, die gengte, um zwei _tap_
aus ihr herzustellen.

Die auf Tafel 70, 71 und 72 dargestellten Perlenmuster dienten
ebenfalls zum Schmuck von _hawat_. Etwas kleinere Modelle werden zur
Verzierung von Korbdeckeln gebraucht (siehe Taf. 54). Diese Muster
werden mit einer etwas grsseren Perlenart hergestellt, weil sie,
nach Angabe der Frauen, auf grsseren Abstand gesehen werden mssen und
daher weniger fein in ihren Formen zu sein brauchen. Die allerfeinsten
Perlen gebrauchte man dagegen zur Herstellung der fnf _tap_ (Muster)
_lawong_ (Mtze), die auf Tafel 73, 74 und 75 wiedergegeben sind,
ebenso fr den berzug der Mnnermtze auf Tafel 75. Erstere dienen
zum Schmuck der hohen Frauenmtzen, die aus Rotang geflochten und mit
rotem Flanell oder Filz von der gleichen Farbe wie der rote Grund auf
der Abbildung berzogen werden. Eine derartige Mtze trgt z.B. die
Frau links auf Tafel 8.

Bei den Long-Glat-Frauen herrscht die Sitte, die vier Ecken ihrer Rcke
mit feinen Perlenmustern zu verzieren; ebenso werden die schmalen
Kopf bnder vielfach mit lngeren oder krzeren Perlenstreifen von
hbscher Farbenkombination geschmckt (siehe dieselbe Tafel 8).

Die Kapuasstmme legen besonderen Wert darauf, die Scheiden der
kleinen Messer an den Schwertern mit Perlenstreifen zu verzieren. Dies
geschieht auch am Mahakam, aber dort sind die Streifen anders geformt,
nmlich nach Art der Quasten an den Schwertscheiden a und b auf Tafel
29 Teil I.

Die Verzierungen dieser Muster werden auf sehr verschiedene Weise
und aus den verschiedensten Motiven zusammengesetzt. Sind diese
noch erkennbar, so findet man unter ihnen die gleichen Figuren, wie
sie in der Holzschnitzerei oder der Schnitzerei in Bambus, Knochen
etc. gebruchlich sind. Doch begegnet man auch vielen Mustern, in
denen nur der Name oder auch dieser nicht mehr an die ursprngliche
Herkunft erinnert.

Von derartigen Motiven wurden sowohl die in der _tap hawat_ a auf
Tafel 70 vorkommenden Menschenfiguren als diejenigen in b, die in
Verbindung mit einem Tigerkopf in der Mitte dort auftreten, bereits
besprochen. In bezug auf das Perlenmuster b muss noch bemerkt werden,
dass seine Farben, die im Original wie beim Muster b auf Tafel 71
einen altertmlichen Eindruck machen, nur mangelhaft wiedergegeben
sind, beide Muster mssen daher in der Abbildung mehr nach der Form
als nach der Farbe beurteilt werden.

Die Menschenfiguren auf den _tap hawat_ von Tafel 71 wurden zwar
ebenfalls bereits behandelt (pag. 239), doch mag hier einiges
hinzugefgt werden. In der Figur, die sich je in den oberen Ecken
der Muster befindet, ist eine schwarze, nach aussen aufgesperrte
Tiermaske zu erkennen, in der das rote, mit gelb umgebene Auge deutlich
hervortritt, ebenso die beiden mit einigen Zhnen bewaffneten, nach
oben und unten umgerollten Kiefer. Die anderen schwarzen Figuren lassen
sich jedoch nicht mehr auf die bekannten Formen zurckfhren. Das
gleiche Muster, mit einer grossen schwarzen Hundefigur ber der
Menschenfigur, ist bei den Long-Glat sehr gebruchlich.

Das Muster a ist in seinen Originalfarben wiedergegeben und macht
aus einigem Abstand gesehen einen hbschen Effekt. Eigentmlich ist,
dass diese Muster keinen unharmonischen Eindruck machen, trotzdem
sie aus grellen, ohne bergang nebeneinander gesetzten Farben
bestehen. Dasselbe ist der Fall bei der gut wiedergegebenen _tap_
a auf Tafel 72 und denen auf Tafel 73, 74 und 75. Die Mittel, mit
denen die Bahau die hbschen Farbeneffekte zu erzielen wissen, sind
sehr bescheiden, fters auch unzulnglich. Die Stickerinnen reichen
z.B. oft mit einer bestimmten Perlenart nicht aus und mssen sich dann
mit einer anderen begngen. Da die kleinen Perlen, aus denen diese
Muster bestehen, wie die grossen auf langdauernden Reisen von den
Mnnern aus den Kstenpltzen in die Drfer eingefhrt werden und ihr
Preis an sich fr die Verhltnisse der Eingeborenen hoch ist, kommen
sie im Innern sehr teuer zu stehen. Der Perlenvorrat eines Stammes ist
infolgedessen in der Regel sehr beschrnkt, so dass die Knstlerinnen
bei der Arbeit nur selten die Farben frei whlen knnen. An weitaus
den meisten Mustern merkt man denn auch, dass der Stickerin eine
Farbe oder ein Ton ausgegangen war und sie dann gegen die Symmetrie
hatte sndigen mssen, indem sie z.B. rechts und links verschiedene
Farben anbrachte. Bei den abgebildeten Mustern, die zu den schnsten
meiner Sammlung gehren, hat die Symmetrie gewahrt werden knnen, doch
geschieht dies, wie gesagt, nur selten. Ich selbst habe mich davon
berzeugen knnen, wie schwierig es ist, sich die zu einem bestimmten
Muster erforderlichen Perlen zu verschaffen. Nachdem ich nmlich auch
nach einjhriger Unterhandlung die besonders hbsche _tap lawong_
die unten auf Tafel 73 abgebildet ist, nicht hatte erstehen knnen,
trug ich _Kwing Irangs_ zweiter Frau _Uniang Anja_ auf, mir dieses
Muster whrend meiner Reise zur Kste 1899 nachzuarbeiten, worauf die
Besitzerin auch einging. Bei meiner Rckkehr nach 3 Monaten erhielt
ich jedoch statt der bestellten _tap_ die oberste auf Tafel 73, weil
im ganzen Kajanstamm nicht gengend braune Perlen, die in dem Muster
vorherrschen, zu erhalten gewesen waren. Erst im Laufe des folgenden
Jahres gelang es mir, um hohen Preis auch das ursprngliche Modell b
auf Tafel 73 zu erstehen; seine alte Besitzerin hatte es nach ihrem
Tode nach Apu Kesio mitnehmen wollen und sich daher nur sehr schwer
von ihm zu trennen vermocht.

Die beiden _tap hawat_ auf Tafel 72 sind nicht sehr glcklich
reproduziert worden, besonders bei der untersten ist das Gelbgrn
des Originals zu grn geraten, die obere dagegen gibt eine
richtigere Vorstellung von den Farben des Originals. Nach den hchst
phantastischen Stilisierungen eines Pantherkopfes, der das Zentrum der
beiden Muster bildet, heissen diese _tap kule_ (Panthermuster). Um
diese Formen zu begreifen, mssen wir sie mit dem _kohong ledjo_
von b auf Tafel 70 vergleichen. Bei der in der Mitte dieses Musters
vorkommenden Maske sind die Augen deutlich mit roten Kreisen begrenzt,
in der Maske im Mittelstck von Fig. a auf Tafel 72 sind sie mit blauen
und roten Perlen bezeichnet, die zwei dicke, eckige, nach aussen offene
Bgen im braunen Grunde bilden. Im _kohong ledjo_ ist die Nase durch
zwei weisse, in Schnrkel auslaufende Linien angedeutet, in Fig. a
durch die nach aussen und unten gerichteten schwarzen, dnnen Linien,
die sich ebenso unten am Rand nach innen umbiegen, wo die schwarzen
Schnrkel mit mehreren Strahlen versehen sind. Die beiden in schwarz
oben auf dem _kohong ledjo_ als Verzierung vorkommenden Schnrkel
sind auch in dieser Maske zu finden, doch sind sie hier rot und nach
aussen statt nach innen gerichtet.

Neben diesem Hauptmotiv kommen auch noch zwei Seitenstcke an jeder
_tap_ vor, die wahrscheinlich ebenfalls eine Bedeutung haben. Beachtung
verdient das schne Hervortreten dieser Stcke infolge der schwarzen
Farbe, die von diesen Stmmen hufig als Hintergrund oder besser zur
Trennung der verschiedenen Figuren angewandt wird. Diese richtig
empfundene Farbenkombination hat bei a einen malerischen Effekt
zustande gebracht.

Die _tap hawat_ b auf derselben Tafel 72 zeigt den gleichen Entwurf
aber in steiferen Formen und in einer Umrahmung, die gut mit ihm
bereinstimmt. Das Mittelstck bei 1 und die beiden Seitenstcke bei
2 sind deutlich erkennbar, nur sind sie hier sowohl oben als unten
verlngert und in den Unterteilen anders geformt. Hierdurch ist
die Komposition erweitert worden, ohne dass jedoch der allgemeine
Charakter dabei verloren gegangen wre, und aus einigem Abstand
erscheint auch die Einheitlichkeit nicht beeintrchtigt. Dies ist
wohl hauptschlich wieder der bereinstimmung der Formen und Farben
zuzuschreiben, die auf dem auch hier reichlich verwendeten schwarzen
Untergrund schn hervortreten. Obgleich in der Farbenharmonie durch
das zu starke Vorherrschen des Gelbgrn an Stelle des dunklen Gelb
im Original eine grssere Eintnigkeit verursacht wird, ist sie doch
auch in dieser Wiedergabe nicht zu verkennen.

Eine andere Stilisierung des _kohong ledjo_ kommt auf der in Fig. b
auf Tafel 74 abgebildeten Mtze vor. Diese ist mit einem Rand von
4 Fchern umgeben, mit dem _kohong ledjo_ als Mittelstck und zwei
Seitenstcken. Hier kann in der Tat nur der Name zur Erkennung des
Motivs im Mittelstck leiten, in dem nur die Augen als rote Bgen
auf grnem Grunde erkennbar sind. Wahrscheinlich stellen die kleinen,
aufwrts gerichteten gelben Schnrkel des Mittelstcks die Nasenlcher
vor, da sie zu den Augen in besserem Raumverhltnis stehen als die
grossen, abwrts gerichteten Bgen.

Wenn wir auf einen anderen Teil in der am besten zu erkennenden Maske
des _ledjo_ auf Tafel 70 achten, dann sehen wir, dass dort in gelb
unter den Nasenlchern ein Mund mit roten Lippen angebracht ist. Auf
allen Patronen mit einem _kohong ledjo_ oder _kohong kule_ finden wir
einen mit diesem Munde bereinstimmenden Teil wieder, ausser in a auf
Tafel 72, wo die Figur dicht unterhalb der Nasenlcher aufhrt. So
sehen wir mitten in dem Unterrand von b auf Tafel 72 einen schwarzen
Schnrkel in gelbem Felde, von braun eingefasst, der sicher mit dem
Mund in dem schwarzen _ledjo_-Kopf zu vergleichen ist. In dem ganz
anders stilisierten Kopf b auf Tafel 74 ist dieser Teil ebenfalls
vorhanden in Form eines roten, leicht nach oben gekrmmten Flecks
auf dunkelgrnem Grunde, der von unten durch zwei rote, einen Winkel
bildende Linien umgeben ist. Fr diese Annahme spricht ferner, dass
diese Teile auch auf den beiden Mtzenpatronen (_tap lawong_) von
Tafel 73 nicht fehlen. Dreht man sie um, so sind diese auf den ersten
Blick so vllig verschieden aussehenden Muster nicht anderes als der
eigentliche _kohong ledjo_, aber auf besondere Weise stilisiert und
in anderen Farben ausgefhrt. Man bringt diese Muster verkehrt auf
den Mtzen an, weil der breitere Teil der Augen in dem breiteren Teil
des Musters, also unten liegen muss.

In a auf Tafel 73 werden die Augen durch rote, fragezeichenfrmige
Schnrkel auf grnem Grunde dargestellt, whrend die Nasenlcher hier
als schwarze Spiralen auf blauem Grunde, die links und rechts etwas
unter der halben Hhe vorkommen, angegeben sind. Unten in der Mitte
finden wir denselben schwarzen Doppelschnrkel auf gelbem Grund,
der auch bei b auf Tafel 72 den Mund darstellt.

In b auf Tafel 73 sind die Augen in derselben Form eines Fragezeichens
aber in braun auf blauem Grund ausgefhrt, whrend rote Punkte
auf diesen Schnrkeln vielleicht die Pupillen vorstellen sollen,
mglicherweise sind sie aber auch nur zur Belebung des Musters
angebracht. Die Nasenlcher sind hier von zwei Paar gegeneinander
laufenden schwarzen Spiralen umgrenzt, wobei zu beachten ist, dass die
schwarzen, haarfrmigen Vorsprnge auf den innersten Spiralen besonders
dick angebracht sind. Diese Vorsprnge knnen als Charakteristikum
fr die Nasenspiralen in diesem Muster betrachtet werden, da sie auf
allen Mustern der Tafeln 72, 73 und 74 vorkommen.

Der untere Mittelteil der Maske wird hier auch von einem stilisierten
Mund in Form eines schwarzen Rahmens eingenommen, der von blau umgeben
und mit braunen und roten Punkten gefllt ist.

Also auch in diesen beiden _tap lawong_ fehlen die fr einen
_kohong ledjo_ oder _kule_ charakteristischen Teile nicht. Der
hbsche Eindruck, den die Frauen durch Nebeneinandersetzen greller
Farben hervorzurufen gewusst haben, fllt hier besonders auf. Die
mit Verstndnis angebrachten schwarzen Linien haben sicher dazu
beigetragen, diesen Eindruck, von einigem Abstand aus, zu erhhen.

Vergleicht man b auf Tafel 75 mit a auf Tafel 73, so ist eine
allgemeine bereinstimmung zwischen beiden nicht zu verkennen; ferner
sind auch die einander entsprechenden charakteristischen "Feile der
Maske zu unterscheiden. Die hellroten und schwarzen Spiralen auf
gelbem Grunde wrden hier die Augen, und die hellbraunen Spiralen
auf grnem Grunde, an denen auch eine haarfrmige Verlngerung nach
unten nicht fehlt, die Nasenlcher vorstellen. Auch hier ist in rot ein
Doppelschnrkel in der Mitte als Mundteil angegeben. Bei diesem Muster
tritt deutlich zu Tage, dass das ursprngliche Motiv nur einen sehr
entfernten Einfluss auf die Komposition gebt haben kann. Der Knstler,
der die Formen schnitt, und die Knstlerin, die die Farben whlte,
haben sich in der Tat viel eher von ihrem Formen- und Farbensinn leiten
lassen als von der Erwgung, dass sie die Maske eines mythischen oder
irdischen Tigers darzustellen hatten. Beweisend hierfr ist auch,
dass auch b auf Tafel 74 einen solchen _kohong ledjo_ darstellt. Doch
ist ein allgemeiner Charakterzug bei den zuletzt behandelten Mustern
nicht zu verkennen, besonders wenn man mit diesen die _tap lawong_
a auf Tafel 74 vergleicht, die das _Naga_-Motiv trgt.

Von einer anderen Form als die bisher behandelten Muster der
Frauenmtzen ist die unter a Tafel 75 abgebildete Perlenarbeit,
die einen Schmuck fr Mnnermtzen darstellt. Dieses Muster hat die
Frau des Huptlings der Kajan am Ikang gearbeitet, des Nachfolgers
von _Kwing Irang_ nach dessen Tode. Der Entwurf ist hier ein vllig
anderer als bei der _tap kohong ledjo_ oder der _tap naga._ Da der
Name des Entwurfs mir unbekannt ist, wage ich nicht, eine sichere
Ableitung dieser Musterformen zu geben. Den einzigen Anhaltspunkt
knnten die mit haarfrmigen Vorsprngen versehenen schwarzen Spiralen
auf gelbem Grunde bieten, welche die beiden Nasenlcher eines _ledjo_
oder _kule_ vorstellen knnten, wobei dann die darber und aussen
gelegenen schwarzen, eckigen Spiralen als Augen anzusehen wren. In
wieweit dies richtig ist, wage ich nicht zu entscheiden.

Aus den vorhergehenden Ausfhrungen ergeben sich zum Schluss die
folgenden zusammenfassenden Bemerkungen ber die knstlerische
Anlage und Eigenart bei den dajakischen Stmmen und Individuen. Eine
bemerkenswert kleine, meist der Tierwelt entlehnte Anzahl von
Motiven dient den Bahau- und Kenjadajak zur Komposition fast aller
ihrer Ornamente. Wir finden bei ihnen die vom Menschen abgeleiteten
Motive ebensogut in den Perlenmustern ihrer Kindertragbretter als in
ihren Ttowiermustern, den Bildhauerarbeiten an ihren Husern, ihren
Schwertgriffen, Schwertscheiden und Bambusbchsen. Dasselbe gilt fr
ihre Tiermotive, wie den _aso_ und _rimau_, den Rhinozerosvogel,
Blutegel etc. Vergleichen wir diese Erscheinungen mit denjenigen,
die uns unter den Kunstprodukten anderer Vlker begegnen, so lsst
sich nicht leugnen, dass die Erzeugnisse der Bahau-Dajak eine gewisse
Armut an Motiven verraten; ebenso auffallend ist es, dass bei dem sehr
ausgesprochenen Sinn fr Form und Farbe, von dem ihre Kunstgegenstnde
zeugen, eine Zeichen-, Mal- oder Bildhauerkunst, also eine Kunst, die
um ihrer selbst willen gebt wird, sich nicht entwickelt hat. Mit der
Annahme, diese eigentmliche Erscheinung hnge mit einer beschrnkten
knstlerischen Schpfungskraft zusammen, stehen jedoch wieder andere
Tatsachen in Widerspruch. Vor allem ist ihr Schpfungsvermgen
auf bestimmten Gebieten, wo die sozialen Verhltnisse zu einer
weiteren Entwicklung anspornen, ein sehr reiches, so z.B. in der
Ttowierkunst. Hierfr spricht bereits, dass die meisten Individuen,
obgleich mit denselben Motiven, doch verschieden ttowiert sind und
jedes fr sich eigene Muster hat schneiden mssen oder schneiden
lassen. Bte das Entwerfen neuer Figuren Schwierigkeiten, so htte
diese Sitte nicht entstehen knnen.

Ein Beweis fr den Reichtum der Variationen, die ein und dasselbe Motiv
liefern kann, ist, dass unter den relativ wenigen Ttowierpatronen,
die ich mitbrachte und nur zufllig erlangte, von den 6 Stilisierungen
des Motivs _kerip manok kwe_ (5 auf Tafel 90 Teil I und eine in
der Schenkelttowierung Tafel 86) alle verschieden sind. Auch die
4 Schlussstcke a, b, c und d auf Tafel 91 steilen ebensoviele
Variationen des gleichen Motivs dar, und zweifellos bestehen in
Wirklichkeit noch fast ebensoviele andere, als Individuen in den
Stmmen sind oder gewesen sind. Auch entwickelt sich bei jeder
Stammgruppe ein eigener Stil aus denselben Motiven, so dass ein Stil
der Kapuas-Bahau, der Long-Glat, der Uma-Luhat, der Kenja und der
vielen anderen Stmme von den Dajak selbst unterschieden wird und der
Hauptsache nach auch fr Europer unterscheidbar ist. Dasselbe gilt in
bezug auf die Zeugfiguren der Kleiderverzierung, die Bambusschnitzerei
und sogar die Schnitzerei von Horngriffen, trotzdem dieser durch die
Beschaffenheit des Materials engere Grenzen gesteckt sind.

Von nicht geringem Einfluss auf die Wahl der Motive sind bei den
Bahau, wie wir gesehen haben, ihre religisen Vorstellungen. In
ihren Ornamenten und in den Gegenstnden selbst, welche diese
tragen, spiegelt sich ihr Glaube an die Geister wieder. Die schnen
Bildhauerarbeiten an ihren Husern, auf ihren Grbern, zahlreiche
Verzierungen auf ihren Kindertragbrettern, Schilden, Schwertern
u.s.w. danken ihr Entstehen dem Bestreben der Dajak, sich vor den
bsen Geistern zu schtzen. Hat die Kunstentwicklung einmal diesen Weg
eingeschlagen, so wendet sie sich ohne besonderen Anlass nicht mehr
neuen, willkrlich gewhlten Motiven zu, wie wenn sie sich gnzlich
frei bewegt htte. Bei einem Volke auf diesem Bildungsstandpunkt
beherrscht der Glaube noch in so hohem Grade das ganze Dasein,
dass auch der Knstler Motive whlt, die in diesem Glauben eine
Hauptrolle spielen.

Fr den relativ hohen Standpunkt, den die Kunst bei diesen Bahau
und Kenja trotz deren ungnstigen Lebensumstnden einnimmt,
spricht die Art, wie sie die ursprnglichen Motive in ihrer
Ornamentik verwenden. Bei einem grossen Teil der gegenwrtig
erzeugten Kunstprodukte sind diese Motive, wie wir gesehen haben,
so sehr umgestaltet, dass man nur durch eine sorgsame Vergleichung
der bergnge den Ursprung gewisser Figuren aus bestimmten Motiven
erkennen kann. Unter den Stmmen selbst ist dieser Ursprung auch
durchaus nicht mehr bei allen Figuren bekannt, sondern nur wenige
tragen noch die ursprnglichen Namen. Gegenwrtig rechnet ein Knstler
denn auch beim Entwerfen weit mehr mit den umgebildeten Motiven,
die er auf bestimmten Gegenstnden zu sehen gewhnt ist, als mit den
Formen, die diese Motive in Wirklichkeit tragen.

In bezug auf die knstlerische Anlage beim einzelnen Individuum macht
sich bei der Vergleichung der Produkte von beginnenden und von bereits
hochentwickelten Knstlern der Unterschied geltend, dass es ersteren
anfangs leichter fllt, beim Entwerfen eines Ornaments Variationen
eines Motivs anzubringen, als sich selbst zu strenger Durchfhrung
des betreffenden Motivs zu zwingen; je mehr Talent und bung in der
Komposition ein Knstler dagegen besitzt, desto genauer wird er sich
an sein Motiv zu halten wissen. So stammt die Handttowierung a von
Tafel 85 Teil I zweifellos von einem gebten und begabten Knstler,
da die ursprnglichen Motive, die in der Ttowierung b vorkommen,
hier schn stilisiert sind und das frher bereits behandelte
Motiv streng angewandt und durchgefhrt ist. Zugleich sind auch
die Ttowierbrettchen oder anderen Produkte eines talentvollen und
gebten Knstlers viel gleichmssiger und sauberer in den Linien
geschnitzt als die eines Anfngers. Das in bezug auf die Durchfhrung
des Motivs Gesagte gilt auch fr die Beobachtung der Symmetrie: nur
diejenigen, die einen Ruf als Knstler geniessen, halten sich genau an
eine symmetrische Verteilung ihrer Verzierungen, insoweit sie hierfr
Symmetrie berhaupt anzuwenden gedachten. Dass eine exakte Durchfhrung
der Symmetrie den Bahauknstlern jedoch schwer fllt, lsst sich aus
der relativ kleinen Anzahl wirklich symmetrischer Ttowierpatronen
und anderer Muster, denen man begegnet, schliessen. Wie leicht die
brigens oft nur flchtig geschnitzten Gegenstnde asymmetrisch werden,
geht deutlich aus Fig. e auf Tafel 91 Teil I hervor, die sicher von
einem sehr talentvollen Mann entworfen sein muss und vor manchem sehr
geschtzten europischen Ornament nicht zurckzustehen braucht. Hier
ist es dem Schnitzknstler offenbar nicht geglckt, oder er hat es
nicht der Mhe wert gehalten, die Symmetrie zu wahren, und so ist
die rechte Hlfte viel schmler geraten als die linke. Eine strenge
Wahrung des Motivs und der Symmetrie im Kunstwerk bedeutet daher bei
den Bahau und Kenja einen hohen Entwicklungsstandpunkt des Knstlers.

Was den Kunstgeschmack dieser dajakischen Stmme betrifft, so zeigt
er eine eigentmliche Begrenztheit in der Fhigkeit, Produkte einer
anderen Geistessphre zu beurteilen. Whrend nmlich ihre eigenen
Kunsterzeugnisse, wie wir sahen, von einem so hochausgebildeten Sinn
fr Form und Farbe zeugen, schtzen sie auch die aus Europa oder
anders woher bei ihnen eingefhrten Produkte, die fr sie den Reiz
des Aussergewhnlichen haben, in Wirklichkeit aber unschn in Form
und Farbe sind, und stellen aus diesem fremden Material Dinge her,
die einen usserst schlechten Geschmack bekunden.

Dieselben Frauen z.B., die sich mit grossem Opfer an Zeit und
viel Kunstfertigkeit auf die Herstellung mit Stickereien und
ausgeschnittenen Figuren verzierter Rcke legen, tragen andere, die
aus verschiedenen Arten von eingefhrtem geblmtem Kattun auf die
unvorteilhafteste Weise zusammengesetzt sind. Auf anderen Gebieten
tritt diese Erscheinung weniger hervor, weil die eingefhrten Produkte,
wie Eisen und Tpfe, besser sind als die eigenen Erzeugnisse.

Dass dieses Verhalten der Dajak die Entartung der Frauenarbeit
befrdert, ist selbstverstndlich, es wirft aber auch ein interessantes
Licht auf eine besondere Eigenschaft des bei den Bahau so stark
ausgebildeten Formen- und Farbensinnes. Dieser hat sich ursprnglich
bei jenen Stmmen unter dem Einfluss der sozialen Verhltnisse und
der isolierten Lage in der fr ihre Kunst charakteristischen Weise
entwickelt, und sie waren deshalb gewhnt, nur diese Kunst und deren
Produkte zu sehen und zu beurteilen. Die eingefhrten geschmacklosen
Erzeugnisse einer anderen Kultur, die einen gnzlich anderen Charakter
tragen, sind ihnen dagegen so fremd und liegen so vllig ausserhalb
ihrer engeren Sphre, dass sie dieselben vom Standpunkt der ihnen
eigenen psychischen Entwickelung aus nicht beurteilen knnen. Zwar ben
diese fremden Erzeugnisse auf das Auge eines Bahau oder Kenja einen
besonderen Reiz, doch sind sie von seinen eigenen Kunstgegenstnden
in Form und Farbe zu weit entfernt, um bei ihm in demselben Masse
wie bei einem Europer Anstoss zu erregen. Sie bewundern deshalb
diese billigen Produkte eines schlechten europischen Geschmackes
und werden von ihnen nicht so unangenehm berhrt, wie der mit einem
hnlichen Kunstgefhle ausgestattete Europer, der aber gewhnt ist,
dieses Gefhl verschiedenartigeren Dingen aus einem weit grsseren
Herkunftsgebiete anzupassen. Jener unter beschrnkten Verhltnissen
entstandene, staunenswert feine Sinn fr Form und Farbe zeigt bei
diesen Naturmenschen also dieselbe Begrenztheit, welche den anderen
geistigen Fhigkeiten des Menschen eigen ist. Auch diese sind auf
ein bestimmtes Gebiet beschrnkt und gestatten ihm nicht, ausserhalb
desselben Kritik zu ben.

In wie weit bei der Entwicklung der dajakischen Ornamentik fremde
Einflsse mitgewirkt haben, ist eine Frage, zu deren Lsung sicherlich
eine Untersuchung der Erzeugnisse der gegenwrtigen Nachbarvlker
beitragen wrde. Die Gruppen der Dajak, die nicht zu den Bahau oder
Kenja gehren, zeichnen sich ebenfalls im Gebiete der Kunst aus, doch
hat diese bei ihnen, infolge der Abgeschiedenheit, in der sie leben,
eine fr sie charakteristische Richtung eingeschlagen.

Die malaiischen Kstenstmme dagegen, welche die Dajak von allen
Seiten umringen, besitzen keine Anlage, die auch nur auf eine geringe
Entwicklung des Kunstgefhls oder der Kunstfertigkeit weisen wrde. Da
berdies infolge der Berhrung mit den Malaien die ganze Kultur der
Dajak und zugleich ihr Kunstempfinden stark entartet sind, so dass
die noch ursprnglichen Stmme im Zentrum von einem Kreise in jeder
Beziehung zurckgegangener Stmme umgeben sind, erscheint es sicher,
dass jene Malaien weder der Anlage noch der Entwicklung der dajakischen
Kunst frderlich gewesen sind.

Es besteht jedoch die Mglichkeit, dass in frheren Jahrhunderten,
als sowohl Hindu-Javaner als Chinesen aus China viel auf Borneo
verkehrten (pag. 61) und teilweise tief ins Innere vordrangen, wovon
die Hinduberreste am Mahakam bis unterhalb der Wasserflle noch
Zeugnis ablegen, diese Fremden auf den Entwicklungsgang der Stmme
und dabei auch auf einige gegenwrtig gebruchliche Kunstmotive
Einfluss ausgebt haben. Der Name Naga, der von den Hindu stammt und
der _rimau_, der auf Borneo nicht vorkommende Knigstiger, deuten
bereits auf derartige fremde Einflsse hin. Auch die von den Ksten
bis in das tiefste Innere eingefhrten fremden Industrieerzeugnisse,
unter anderem die _tempajan_, knnen die Entstehung solcher Motive
veranlasst haben. Wie weit der fremde Einfluss in den frheren
Jahrhunderten reichte, kann jetzt nicht mehr festgestellt werden, doch
ist es gewiss, dass die jetzigen Erzeugnisse der Dajak als usserungen
deren eigener Anlage und eigener Fertigkeit gelten mssen, wenn auch
bisweilen, wie bei den Perlenarbeiten, fremde Stoffe verwendet werden.

fters ist bereits darauf hingewiesen worden, dass sich die
Kunst der Bahau- und Kenjastmme von der der anderen Gruppen der
ackerbautreibenden Dajak unterscheidet. Am deutlichsten ist dieser
Unterschied in ihren Industrieprodukten zu merken. Die schn
geschnitzten Hirschhorngriffe werden z.B. nur von den Bahau und
Kenja hergestellt; die Ot-Danumgruppe ahmt diese Arbeiten nur in
sehr mangelhafter Weise nach, whrend die Batang-Lupar Griffe von
ganz anderer Form und weit minderwertigerer Arbeit gebrauchen. Die
so bekannten, mit farbigen Masken und Tierfiguren bemalten langen
Schilde werden ebenfalls alle, mit Ausnahme schlechter Imitationen,
von diesen Bahau- und Kenjastmmen hergestellt. brigens gebrauchen
auch nur diese Stmme im Kriege diese hohen Schilde. Ursprnglich
waren bei den mehr westlich wohnenden Batang-Luparstmmen viel kleinere
Schilde von anderer Form im Gebrauch, ebenso bei den Baritostmmen. Die
Nomadenstmme von Ost-Borneo dagegen haben die Schildform der Bahau
angenommen.

Die Perlenarbeiten der zu den Batang-Luparstmmen gehrenden Kantuk-
Taman- und Embalau-Dajak tragen zwar einen ganz anderen Charakter
als die der Bahau und Kenja, doch stehen sie jenen in bezug auf
Formen- und Farbenreichtum keineswegs nach. Im Weben, vor allem
in der _ikat_-Weberei, knnen sich die Bahau durchaus nicht mit
ihren westlichen Nachbarn messen, die in ihren dunkel-, hellbraun
und schwarz gewebten Decken (_kumbu_), Rcken und Jacken wahre
Prachtstcke an Entwurf und Technik liefern. Eigentmlich dagegen ist,
dass die Stickereien und die farbigen Knpfarbeiten der Frauen am
Mahakam bei den anderen beiden Gruppen nicht angetroffen werden. Im
allgemeinen lsst sich in der Entwicklung der dajakischen Kunst nicht
nur ein Stillstand, sondern sogar ein Rckschritt beobachten. Schuld
hieran trgt ausser der Einfuhr europischer Erzeugnisse auch das
Klima. Durch ihre Auswanderung aus dem gesunden Hochland Apu Kajan in
die tiefer gelegenen Gegenden am Mahakam gerieten die Bahau in hherem
Masse unter die Wirkung der Malaria und wurden dadurch geistig und
krperlich so geschwcht, dass auch ihre Leistungen im Kunsthandwerk
in Mitleidenschaft gezogen wurden. Hierfr spricht auch die Tatsache,
dass die Kenja, die ihr gesundes Bergland nicht verlassen haben, in
ihren Kunstleistungen die Bahau bertreffen und dass die aus frheren
Zeiten stammenden Produkte der letzteren von den gegenwrtigen nicht
erreicht werden. Augenblicklich leisten die Kenja im Stammland Apu
Kajan das Hchste im Kunstgewerbe, ihnen folgen die Stmme am oberen
Mahakam, whrend diejenigen am mittleren Mahakam und am Kapuas weit
hinter den Leistungen ihrer Vorfahren zurckgeblieben sind.






KAPITEL X.

    In Long Deho--Auseinandersetzungen mit _Bang Jok_--Begegnung
    mit den Kenja-Dajak unter _Taman Ulow_--Missstnde im
    Dorfe--Zusammenkunft mit dem Kenja-Huptling _Taman Dau_--Ankunft
    _Demmenis_ und _Kwing Irangs_ am 3. April--Neue Beratungen
    ber die Reise--Einverstndnis der Huptlinge mit dem Zuge
    nach Apu Kajan--Bo _Adjang Ledjs_ Tod und Beisetzung--Wahl
    und Vorbereitung eines Lagerplatzes am Boh--Widersetzlichkeiten
    seitens des Personals--Neue Hindernisse durch die Kajan--_Midans_
    Rckkehr von der Kste--Aufbruch zum Boh am 17. Mai.


Die ersten Tage meines Aufenthaltes in Long Deho fhrten bereits zu
einigen Unterredungen mit _Bang Jok_, in denen ich anfangs, der guten
Sitte gemss, nur fr ihn und seine Familienverhltnisse Interesse
zeigte, dann aber deutlich zu verstehen gab, dass ich meine vielen
Reiseschwierigkeiten und die Angst der Stmme oberhalb der Wasserflle
seinem hinterlistigen Treiben zuschrieb; ausserdem suchte ich ihn von
der wahren Stellung des Sultans von Kutei und der Wahrscheinlichkeit
einer Einsetzung eines Kontrolleurs in Long Iram zu berzeugen.

_Bang Jok_ fand zum Nachdenken ber das Gesagte noch kaum Zeit,
als 8 Kenja vom Stamme Uma-Djalan vom Boh aus angefahren kamen und
in Long Deho anlegten. Unter ihrem Anfhrer _Taman Ulow_ befanden
sie sich seit 3 Monaten auf Reisen nach dem Mahakam, um dort zwei
Stammesgenossen zu suchen, die bei einer frheren Gelegenheit am
mittleren Mahakam zurckgeblieben waren.

Nach Vereinbarung mit _Bang Jok_ erklrte ich diesen Mnnern, die als
gereiste Leute gut Busang sprachen, dass die Bevlkerung weiter unten
wegen der von _Taman Dau_ gebten Mordtaten den Kenja sehr feindlich
gesinnt sei und sie daher alle, waren sie auch von einem anderen
Stamme, bei ihr grosse Gefahr liefen. Innerlich war ich sehr erfreut,
diese Leute einige Zeit aufhalten zu knnen, um sie an uns Europer zu
gewhnen und von ihnen endlich zuverlssige und ausfhrliche Auskunft
ber Apu Kajan zu erhalten.

Da sie stark an Reismangel litten, bot ich sogleich an, sie
zu bekstigen; auch gelang es mir, einige von ihnen vom Fieber
zu kurieren, wonach _Taman Ulow_ sofort Vertrauen zu mir fasste
und mit seinen Mitteilungen nicht sparte. Nach seinem Bericht war
_Bui Djalong_ erst vor kurzem von einer Reise ins englische Gebiet
zurckgekehrt, wohin er sich mit vielen anderen Huptlingen und 1200
Mann begeben hatte, um einem Ruf des Radja nachzukommen. Nach _Bui
Djalongs_ Heimkehr war dessen Tochter _Kuling_ gestorben, um die er
noch mit dem Stamme trauerte. Aus allem ging hervor, dass ich in den
verflossenen Monaten zu ungelegener Zeit nach Apu Kajan gekommen wre,
ein Trost fr mich, keine gute Gelegenheit verpasst zu haben. Die
ferneren Berichte der Kenja spornten mich noch mehr zur Durchsetzung
meines Plans an. Ich hatte nmlich bereits zu Beginn meiner Reise
1898 gelesen, dass man sich in Serawak bemhte, mit den Bewohnern
von Apu Kajan in Berhrung zu kommen, und dass der Resident des
Baramdistrikts, Dr. _Hose_, schon damals prophezeit hatte, er werde
zwei Jahre brauchen, um die Huptlinge des niederlndischen Gebiets
zu einer Zusammenkunft auf englischem Boden zu bewegen. Es sprach
sehr fr Dr. _Hose's_ Kenntnis der Menschen und Verhltnisse, dass
die betreffenden Huptlinge in der Tat zwei Jahre darauf, wenn auch
nach langem Zgern, hinbergekommen waren. In einer Versammlung zu
Claudetown waren _Bui Djalong_ mit Gefolge dazu gebracht worden, sich
durch einen Regierungsdampfer nach Kutjing vor den Radja bringen zu
lassen; mit den im Range niedriger stehenden Huptlingen, die mit ihrem
Gefolge ebenfalls einer gleichzeitigen Einladung gefolgt waren, geschah
dies nicht. In Kutjing hatte der Radja _Bui Djalong_ vorgeschlagen,
mit seinem ganzen Stamm auf englisches Gebiet berzusiedeln, worauf
der Huptling jedoch nicht eingegangen war. Diese Vorgnge berzeugten
mich doppelt stark von der Notwendigkeit einer Reise zu den Kenja,
um durch persnliche Berhrung mit deren Stmmen den Erfolg spterer
Bemhungen von Serawakischer Seite zu vereiteln.

Alle beunruhigenden Gerchte ber Rachezge, welche die Kenja ins
Mahakamgebiet unternommen haben sollten, erwiesen sich als aus der Luft
gegriffen; die Reise _Taman Daus_ stand damit in keinem Zusammenhang,
und von _Bui Djalong_ war nur ein anderer tchtiger Huptling der
Uma-Bom, _Taman Li_, zu den Kenja an den Tawang geschickt worden,
um wegen der Busse fr seinen ermordeten Enkel zu unterhandeln.

Ich hatte nun keine Ursache mehr, mich selbst zu den Kenja von _Taman
Dau_ unterhalb der Wasserflle zu begeben, und beschloss daher, um so
schnell als mglich Nachrichten und Geld von Batavia und der Kste zu
erhalten, meinen Diener _Midan_ mit einigen Malaien den Fluss hinunter
zu schicken, mit dem Auftrag, mglichst bald zurckzukehren. _Midan_
hatte sich in den 3 Jahren, in denen wir zusammen reisten, ganz an das
Leben der Dajak gewhnt, trug im Walde und auf dem Flusse gern ihre
Kleidung, ruderte und steuerte die Bte und verstand mit den Dajak sehr
gut umzugehen. ber Ehrlichkeit hatte er zwar seine eigenen Ansichten,
doch war er mir durch seine Energie und seinen Mut sehr viel wert; auch
jetzt zeigte er sich, trotz der beunruhigenden Zustnde am mittleren
Mahakam, zur Reise bereit. Sobald der Wasserstand es zuliess, half mein
ganzes Geleite von Malaien _Midan_ mit seinem Boote ber den Kiham
Udang. _Midan_ nahm einen Teil unserer neu angelegten Sammlungen von
Vgeln und Ethnographica mit zur Kste und kehrte zwei Monate spter
nach erfolgreicher Reise zurck.

Bald nach unserer Ankunft in Long Deho hatten die Long-Glat, die
mit mir gereist waren, meine Malaien und ich an Influenza zu leiden
angefangen. Auch im Jahre 1897 waren wir, damals aber in Udju Tepu,
an dieser Epidemie erkrankt. Bei vielen trat noch eine schwere
Malaria hinzu, so dass die Long-Glat aus Long Tepai, die unter diesen
Umstnden schnell heimkehren wollten, sich nur durch den fortwhrend
hohen Wasserstand zurckhalten liessen. Nach Aussagen der Bevlkerung
war die Krankheit wahrscheinlich durch einige Bte mit Ma-Suling von
der Kste eingeschleppt worden.

Der alte Huptling _Bo Adjang Ledj_ war, augenscheinlich auch
infolge der Influenza, whrend meiner Abwesenheit krperlich sehr
heruntergekommen. Chronisches Fieber, Husten und Appetitlosigkeit
hatten den 90 jhrigen Mann so geschwcht, dass er kaum noch auf der
Matratze sitzen konnte. Trotz aller meiner Bemhungen, ihn wieder
herzustellen, wollten Schwche und Apathie nicht weichen, was mich
ernsthaft besorgt um ihn machte.

Der Aufenthalt in Long Deho wurde mir, ausser durch die Influenza
noch dadurch sehr unangenehm, dass auch jetzt wieder Hndler und
Waldproduktensucher von den verschiedensten Stmmen Borneos, die
mehr auf ihr Glck im Spiel als auf ihre Arbeitsleistung rechneten,
durch ihre Leidenschaft fr Hazardspiel und Hahnenkmpfe viel Unruhe
in das Dorfleben brachten.

Zum Glck tranken diese Leute keine Alkoholika, sonst wren sie noch
gefhrlicher geworden. Zu welchen Schandtaten sie imstande waren,
erfuhr ich in einer sehr dunklen Nacht, als bei Hochwasser das
Rotangtau durchschnitten wurde, an dem ein Handelsboot befestigt
war, in dem 6 Personen schliefen. Die Insassen wurden vor einem
sicheren Tode in den Wasserfllen weiter unten nur dadurch gerettet,
dass ein zweites Rotangtau bei dem hohen Wasserstande zu tief unter
der Oberflche lag, um erreicht werden zu knnen. Ein auf der Flucht
begriffener Sklave hatte die Tat aus Rache gegen seinen buginesischen
Herrn, der sich im Boote befand, begangen.

An das harmlose Leben der Stmme oberhalb der Wasserflle gewhnt,
erregte die Spielhlle, zu der _Bang Jok_ seine Familienwohnung
erniedrigt hatte, in hohem Masse unseren Widerwillen. Ich teilte
ihm daher mit, dass ich sein Haus nach dem ersten Besuch nicht mehr
betreten wolle; mit seinen Stammesgenossen und den Bewohnern von _Bo
Adjang Ledjs_ _amin_ blieb ich dagegen in stndigem Verkehr.

Das Haus, das man uns in Long Deho zur Verfgung gestellt hatte,
war das schlechteste, das wir seit langer Zeit bewohnten. In dem
bauflligen Gebude, das fr Fremde und Versammlungen bestimmt war
und daher von den anderen Husern getrennt stand, konnten wir uns
nur notdrftig vor Nsse schtzen. Eine andere Unannehmlichkeit
bildete die Sorge fr die Bekstigung unserer grossen Gesellschaft
whrend dieses langen Aufenthalts. Unser eigener Reisvorrat musste
so gross bleiben, dass wir jeden Tag eine einmonatliche Reise nach
Apu Kajan antreten konnten, dabei herrschte aber im Dorfe wieder so
grosser Nahrungsmangel, dass die Bevlkerung selbst von _obi kaju_
(Manihot utilissima) lebte. Reis war nicht vorhanden, jedenfalls nicht
kuflich, dazu verhinderte der hohe Wasserstand eine Zufuhr von der
Kste. Nur einige Bchsen mit schlechten Sardinen und anderen Fischen,
vor Alter weiss gewordene Butter, etwas Zucker, Petroleum und Tabak,
von Samarinda eingefhrt, hatte ich kaufen knnen. Bei den von den
Long-Glat abhngigen, weiter unten wohnenden Batu-Pala und Uma-Wak
waren wenigstens noch Hhner, Eier und Fische zu haben; aber unsere
Dorfbewohner besassen selbst nur wenig Hhner, und an Fischen lieferte
der Mahakam hier nicht viel, besonders nicht bei hohem Wasserstande,
wo ein Fischen mit Netzen unmglich war. So bildeten denn Frchte oft
unsere einzige Zuspeise zum Reis, auch sandte ich, so oft es ging,
kleine Expeditionen nach Long Tepai, um Reis aufzutreiben.

Am selben Tage, an dem _Midan_ zur Kste fuhr, bentzten auch zwei
Bte mit Kenja den gnstigen Wasserstand, um von unten aus die
Wasserflle zu passieren. Als ich mich daher am anderen Morgen zur
Behandlung einiger seiner Leute zu _Taman Ulow_ begab, fand ich die
Kenjagesellschaft um eine bedeutende Anzahl Personen angewachsen,
die meine Erscheinung anfangs viel scheuer betrachteten als die Kenja
der Uma-Djalan selbst, die sich bereits an mich gewhnt hatten. Nur
zwei ltere Mnner, augenscheinlich die Anfhrer, bewegten sich sehr
unbefangen und berichteten mir bald auf Busang, dass sie mglichst
bald nach Apu Kajan zurckkehren mssten und daher _Taman Dau_
und die Seinen, die viel unter Krankheiten gelitten, unterhalb der
Wasserflle zurckgelassen htten. Bereits am folgenden Tage wollten
sie weiterreisen. Wie ich spter hrte, hatten sie es deswegen so
eilig, weil sie die am Medang erbeuteten Kpfe in ihren Bten mit nach
Apu Kajan fhrten. Meiner Gewohnheit nach belstigte, ich die Fremden
nicht zu lange mit meiner fr sie ungewhnlichen Erscheinung, sondern
gab mir alle Mhe, ihnen von dem ersten Weissen, den sie wahrscheinlich
gesehen hatten, einen gnstigen Eindruck beizubringen, was mir
denn auch, wie bei den Kenja Uma-Djalan, sehr bald glckte. Nur die
jngsten Mnner blieben scheu und stumm, augenscheinlich beunruhigten
sie die dicht in der Nhe versteckten Kpfe. Nachdem die Anfhrer
mir noch versichert hatten, meinem Besuch in Apu Kajan stehe nichts
im Wege, berliess ich sie den Uma-Djalan, von denen anzunehmen war,
dass sie ihnen von mir und meinen Reisegefhrten sicher viel erzhlen
wrden. Bald darauf erschienen sie auch in meiner Htte und baten um
Arzneien und Tabak. Nachts lagerte die Kopfjgertruppe oberhalb Long
Deho und fuhr dann am folgenden Morgen den Boh aufwrts.

Da ich mit _Taman Ulow_ und dessen 8 Begleitern bereits auf so gutem
Fuss stand, erschien es mir wnschenswert, dass sie in ihrer guten
Meinung ber uns Europer durch eine Reise nach dem oberen Mahakam
noch bestrkt wurden; bei den ihnen verwandten Stmmen konnten sie
sich ber unser Tun und Lassen besser unterrichten als hier in Long
Deho. Dazu kam noch, dass die Kenja mir durch ihren urwchsig grossen
Appetit auf die Dauer ein kostspieliger Besuch wurden. Ihr Vorschlag,
mit meinen Long-Glat nach Long-Tepai reisen und dort durch Rotangsuchen
etwas verdienen zu wollen, fand daher sogleich meinen Beifall. Nachdem
sie jetzt eine bessere Einsicht in die Verhltnisse am mittleren
Mahakam erhalten hatten, erschien es ihnen augenscheinlich auch
selbst zu gefhrlich, um dort ihre Stammesgenossen zu suchen. Ich
hatte mir eine ernsthafte Unterredung mit _Taman Dau_ vorgenommen;
bei dem offenen Auftreten der Kenja glaubte ich diese auch durch
Vermittlung _Bang Joks_ oder einer der Huptlinge aus _Bo Adjang
Ledjs_ Hause stattfinden lassen zu knnen. Mit diesen stand ich
wie immer auf sehr gutem Fuss, und obwohl _Bang Jok_ sich mehr an
Kartenspiel und Hahnenkmpfen als an unserer Gesellschaft gelegen
sein liess, enthielt er sich jetzt doch seines frheren feindseligen
Treibens, wenigstens berichteten mir meine Malaien, die tglich in
der Niederlassung verkehrten, nichts dergleichen mehr.

Einige Kahajan-Dajak, die am 29. Mrz von oben angefahren kamen,
erzhlten, dass _Kwing Irang_ und die Seinen sich in Long Tepai
befanden. _Kwing_ war dort erst durch schlechte Vorzeichen aufgehalten
worden, dann hatte er seinen ltesten Sohn _Bang Awan_ abholen lassen
und schliesslich, im Begriff abzufahren, hatte ihn der Tod eines
kleinen Kindes noch 4 Tage Aufenthalt gekostet. Jedenfalls konnte
ich ihn jetzt tglich in Long Deho erwarten und mit ihm _Demmeni_
mit unserem ganzen Gepck.

Bevor die Erwarteten eintrafen, erschien _Taman Dau_ mit ungefhr
80 Mann Gefolge in Long Deho. Meinem Wunsche gemss kam _Bang Jok_
bald darauf mit der Meldung, dass er mir mittags mit den Kenja
einen Besuch machen wrde. Ich hatte mir in dem Glauben, dass meine
Reise zu den Kenja wahrscheinlich doch nicht zustande kommen wrde,
vorgenommen, _Taman Dau_ wenigstens deutlich auseinanderzusetzen,
welche Absichten die niederlndische Regierung mit der Einsetzung
einer Verwaltung am Mahakam verfolge, und zu betonen; dass Kopfjagden,
wie sie bisher bei den Kenja blich gewesen, in Zukunft nicht mehr
ungestraft stattfinden drften. Hierbei konnte ich, als ntzlichen
Wink fr _Bang Jok_, meine feste berzeugung aussprechen, dass ein
Kontrolleur in der Tat kommen werde.

Nach dem Mittagsmahl begann sich unsere Galerie zuerst mit allen
fremden Elementen, die sich in Long Deho aufhielten, zu fllen; dann
kam _Bang Jok_ mit einigen der ltesten, denen sich 20 neugierige
Long-Glat angeschlossen hatten. _Bang Jok_ hatte in Tengaron,
ausser allerhand gefhrlichen Liebhabereien, auch eine malaiische
Feierlichkeit im Auftreten angenommen; er trug eine Hose aus gelber
chinesischer Seide, eine dunkelviolette Jacke, ein seidenes Kopftuch
und zur Seite ein Schwert. Trotz dieses seltsamen Aufputzes und trotz
der feindseligen Gesinnung und Verdorbenheit meines Gastes, von der
ich mehr, als mir lieb war, erfahren hatte, konnte ich mich doch dem
eigentmlichen Reiz, der von _Bang Jok_ ausging, nicht entziehen. Er
war ein Mann von etwa 35 Jahren, von langer, schlanker Gestalt und
hellgelber Hautfarbe. Seine regelmssigen Gesichtszge, seine lange,
gerade Nase und sein welliges Haar bildeten einen scharfen Gegensatz
zu den breiten, plattnasigen Gesichtern der brigen Bahau. Aus seinen
hellbraunen Augen sprach mehr Verstand als aus seinem Wesen, denn er
bewegte sich und sprach langsam und ausdruckslos, wahrscheinlich weil
er dies fr fein hielt.

Einen ganz anderen Eindruck machte _Taman Dau_, der mit seinen
Begleitern von der anderen Seite der _awa_ eintrat. Auch er war etwa
35 Jahre alt, aber seine wohlgebaute, volle, geschmeidige Gestalt
verriet den Mann der Tat, und sein Auftreten war, wie dasjenige
seiner Landsleute, sehr sicher und unbefangen. Das Gefolge setzte
sich in weitem Kreise um die Mitte, wo sich die beiden Huptlinge
mit gekreuzten Beinen niedergelassen hatten und wir drei Europer auf
unseren Klappsthlen sassen. Es fiel mir auf, dass nur wenige Kenja
Warfen trugen.

Meine Malaien hatten fr einen guten Empfang dieser auch in ihren
Augen vornehmen Huptlinge gesorgt und in der Mitte auf frischen
Bananenblttern sowohl fr diejenigen, die _pinang_ und _sirih_ kauten,
als fr die Kenja, die nur Zigaretten aus javanischem oder dajakischem
Tabak mit einer Hlle von Blttern der wilden Banane rauchten, alles
Erforderliche niedergelegt.

Nach Landessitte begann das Gesprch wiederum ber allerhand
uninteressante Dinge und nicht ber das, was uns alle erfllte. _Taman
Dau_, der bereits bei dieser ersten Begegnung nichts weniger als
zurckhaltend war, untersttzte _Bang Jok_ eifrig in der Unterhaltung
ber Jagd und Fischfang, Erkrankung seines Gefolges, Schwierigkeiten
beim berschreiten der Wasserflle und dergleichen. Darauf begann er,
weniger politisch als _Bang Jok_, ber die Unruhen am mittleren Mahakam
und die dort ausgefhrten Kopfjagden zu reden, die er auf Rechnung
der Punan im Flussgebiet des Berau zu setzen versuchte. Bei dieser
dreisten Lge riss mir aber die Geduld und ich hielt den Augenblick
fr gekommen, um ihm den wahren Sachverhalt klar zu machen. Auf
unzweideutige Weise gab ich ihm daher zu verstehen, dass ich sowohl
ber die Kopfjagden am Tawang, an denen er die Hauptschuld trug, als
ber den Mord am Rata, an dein seine Stammesgenossen sich beteiligt
hatten, und seine letzte Schandtat am Medang vollkommen orientiert war.

Whrend meines Ausfalls hatte die ganze Versammlung in stummem Staunen
dagesessen; die eine Hlfte war erschreckt ber eine derartige
Sprache so grossen Huptlingen gegenber, die andere, _Bang Jok_
und die Kenja, wussten augenscheinlich nicht, was sie gegen meine
Beschuldigungen einwenden sollten. Einmal so weit gegangen und
unter dem Eindruck der vielen Schwierigkeiten, die mir _Bang Joks_
hinterlistige Handlungen verursacht hatten und die meine Reise nach
Apu Kajan zu vereiteln drohten, wurde ich unvorsichtiger, als ich
gewhnlich zu sein pflegte, und zhlte _Taman Dau_ nicht nur seine
beltaten auf, sondern warf ihm auch vor, dass er sich in den Augen
der Europer feige benommen habe, indem er sich von Huptlingen,
die selbst zu wenig Mut besassen, um ihre eigenen Zwistigkeiten
auszukmpfen, als Jagdhund gebrauchen liess, erst durch _Ibau Adjang_,
jetzt durch _Bang Jok_. Diesen beschuldigte ich ausserdem, dass er
zu verschiedenen frheren Kopfjagden angestachelt und den Zug der
Punan und Uma-Bom im Juli an den Rata nicht verhindert habe. Dann
versuchte ich ihnen den Unterschied zwischen ihrer Landessitte, in
grosser bermacht einzelne Personen heimtckisch zu berfallen, und
der europischen Kriegfhrung auf offenem Felde klar zu machen. Ich
wollte noch hinzufgen, dass _Bang Jok_ aus den Morden, die er auf
des Sultans Befehl ausfhren liess, seinen Vorteil zog, aber dein
Huptling wurde es bereits so heiss, dass er sich unter dem Vorwand,
ein Bad nehmen zu wollen, entfernte und nicht mehr zurckkehrte.

In der Furcht; zu weit gegangen zu sein, schlug ich einen ruhigeren
Ton an, so dass _Taman Dau_ das Wort zu ergreifen wagte und erklrte,
er und seine Kenja wren nur dumme Menschen und htten noch nie
derartige Anschauungen gehrt. Da ich mich inzwischen etwas beruhigt
hatte, war es mir angenehm, dass _Taman Dau_ meine erste, etwas rauhe
Begrssung nicht schlimmer aufgefasst hatte und liess daher den
Gegenstand fallen. Mit hbschem, geblmtem Kattun und javanischem
Tabak suchte ich die Stimmung der Kenja noch weiter zu verbessern;
sie blieben auch bis zum Einbruch der Dunkelheit bei mir und schienen
mir meine Heftigkeit nicht mehr nachzutragen. Vor ihrer Abreise am
anderen Morgen kamen sie noch, um sich von mir zu verabschieden.

Zu meinem Leidwesen stieg das Wasser wieder so hoch, dass _Demmeni_
und _Kwing Irang_ unmglich herunter kommen konnten; sie trafen erst
am 3. April bei uns ein. _Demmeni_ war von Long Tepai aus fnf Tage
unterwegs gewesen, weil die Kajan sich bei den Wasserfllen gelagert
hatten, um Wildschweine zu fangen. Diese Tiere ziehen nmlich in
den ununterbrochenen Wldern in grossen Herden von dem einen Ort,
wo Frchte zu finden sind, nach dem andern und fallen, besonders wenn
sie Flsse passieren, den auf der Lauer liegenden Eingeborenen in die
Hnde. Whrend die Kajan mit _Demmeni_ den Wasserfllen entlang zogen,
waren die Schweine im Begriff gewesen, die Wasserflle schwimmend
zu durchqueren, wobei sie von der heftigen Strmung ein grosses
Stck weit an ruhigere Stellen mitgerissen wurden, wo die Kajan sie
abfingen. Selbst als das Wasser bedeutend stieg, liessen sich die
Tiere nicht abschrecken und fielen den Bahau oft halb ertrunken zur
Beute. Meistens wurden nur halb ausgewachsene Exemplare gefangen. Die
Kajan brachten mir noch ein lebendes Tier mit, dem sie je die Vorder-
und Hinterbeine aneinander gebunden hatten.

Mit _Kwing Irang_ war auch _Bo Ibau_ mit 50 seiner Leute von Long Tepai
eingetroffen. Die beiden alten Herren liessen sich zuerst alle Vorflle
seit meiner Ankunft in Long Deho ausfhrlich berichten und schienen
mit dem Gehrten recht zufrieden zu sein, denn obgleich ich sicher
glaubte, sie kmen beide nur, um mich bis unterhalb der Wasserflle
zu bringen, merkte ich bald, dass _Kwing Irang_ den Gedanken an eine
Reise nach Apu Kajan noch nicht ganz aufgegeben hatte. Wir befanden
uns jedoch in zu grosser Gesellschaft, um ernsthaft ber eine so
wichtige Angelegenheit reden zu knnen; aber abends erzhlte mir
_Lalau_, ein Malaie, der bei _Kwing_ wohnte, dass dieser in der Tat
die Reise mit mir unternehmen wollte.

Meine Verwunderung ber diese nderung der Dinge war nicht gering,
als auch _Kwing Irang_ mir, sobald wir allein waren, riet, den Zug
dadurch, dass ich mich am _Boh_ niederliess, zu beschleunigen, da seine
Aufforderung an die Stammesgenossen, mit grossen Mengen Reis schnell
abwrts zu kommen, dann mehr Eindruck machen wrde. Er selbst wollte
jedoch den anderen Stmmen gegenber durchaus nicht den Schein auf
sich Ziehen, die Reise zu den Kenja gewollt oder veranlasst zu haben,
und die Kajan taten wahrscheinlich deshalb _Bo Ibau_ gegenber, als
ob sie eigentlich gekommen wren, um eine Niederlassung unterhalb
der Wasserflle zu besuchen, doch widersetzte ich mich diesem Plan
heftig wegen des Zeitverlustes und weil dann kein Aufruf oberhalb
der Wasserflle erlassen werden konnte.

Auf mein dringendes Ersuchen, sich endlich fr oder gegen die Reise
nach Apu Kajan zu entscheiden, wurde am 7. April noch erst mit _Bo
Ibau_ und _Kwing_ eine Zusammenkunft gehalten, in der ich nochmals
zwei Stunden lang ber die Mglichkeit und Notwendigkeit einer
Verbesserung des Verhltnisses zwischen den Kenja und den Bewohnern
des Mahakamgebietes mit den Huptlingen diskutierte. _Kwing Irang_
sprach, wie gewhnlich, selbst nur wenig und berliess das Wort
hauptschlich _Bo Ibau_, der, in die Enge getrieben, den Vorschlag
machte, erst _Bang Jok_, als Herrn des Boh-Gebietes, nach seiner
Meinung ber das Unternehmen zu fragen und darauf zu dringen, dass
er als Zeichen seiner Zustimmung ein bemanntes Boot mit nach Apu
Kajan sende. Man msse aber, sagte _Bo Ibau_, mit einer ffentlichen
Besprechung bis zur Rckkehr _Lawings_, des jngeren Bruders von _Bang
Jok_, warten. Die Huptlinge untereinander schienen jedoch nicht
so lange warten zu mssen, wenigstens hrte ich nachts, als ich in
meinem Klambu wach lag, in _Bang Joks_ _amin_ eine aussergewhnlich
lebhafte Diskussion, bei der ich nicht nur _Bo Ibaus_ und _Ibau
Adjangs_ Stimmen, sondern auch die verschiedener Frauen zu erkennen
glaubte. Am folgenden Morgen erzhlten meine Malaien, dass in der Tat
eine grosse Zusammenkunft von Long-Glat-Huptlingen stattgefunden, an
der auch viele Bewohner aus der _amin_ _Bo Adjang Ledjs_ teilgenommen
htten. In Anbetracht, dass letztere, besonders die Frauen, mir alle
sehr gewogen waren, war ich sicher, in ihnen bei der Beratung gute
Advokaten gefunden zu haben, und obgleich die gefassten Beschlsse
geheim blieben, waren _Bang Joks_ Freundlichkeit und Gesprchigkeit
am anderen Tage doch auffallend, auch brachten mir seine Frau und
sein kleiner Sohn abends Sssigkeiten. Wahrscheinlich infolge dieser
geheimen Zusammenkunft teilte _Kwing Irang_ mir mit, er habe seine
Reise flussabwrts aufgegeben.

Am 9. April kehrte der erwartete _Lawing_ von der Jagd zurck. Da
das Wasser zu fallen begann, so dass _Bo Ibau_ hinauffahren konnte,
um die Mnner aufzurufen, drang ich bei _Bang Jok_ darauf, ber die
Reiseangelegenheit nochmals gemeinschaftlich zu berlegen.

Er schien mit meinen europischen Reisegefhrten besser als mit mir
auskommen zu knnen, wenigstens schenkte er _Demmeni_ eines Morgens
ein schnes Pantherfell und abends zogen _Demmeni_ und _Bier_ in
seine _amin_, um das Grammophon ertnen zu lassen.

Die Versammlung sollte in der _amin_ des Huptlings stattfinden,
aber diese war von der Spielgesellschaft so berfllt, dass unsere
baufllige _awa_ nochmals vorgezogen werden musste.

Nachmittags erschienen die Kajan mit _Kwing Irang_, die Long-Glat von
Long Tepai mit _Bo Ibau_, eine Menge neugierige Waldproduktensucher
und endlich _Bang Jok_, wiederum in gelber Hose und Sammetjacke,
das Schwert zur Seite. Sein glattes Gesicht zeigte nur dann Ausdruck,
wenn er von mir nicht gesehen zu werden glaubte; einige Male fing ich
einen forschenden, nichts weniger als wohlwollenden Blick von ihm auf.

Man begann wieder mit Trivialitten, bis _Bang Jok_ zgernden Tones
zu erzhlen anfing, dass der Sultan von Kutei ihm bei seiner Abreise
von Tengaron aufgetragen habe, fr meine Sicherheit zu sorgen,
dass die geplante Reise sehr gefhrlich sei u.s.w. Diese geheuchelte
Besorgnis schnitt ich ihm mit der Bemerkung ab, dass ich mich selbst
zu beschtzen wisse. Mit allerhand wahren und unwahren Erzhlungen
fuhr er fort, die vorhandenen Schwierigkeiten breit auseinander zu
setzen, worauf ich ihm wenig erwidern konnte, da er und alle Bahau
bei ihrem ngstlichen Charakter und ihrer Auffassung der Dinge in der
.Tat auf einer derartigen Reise grosse Schwierigkeiten zu berwinden
hatten. Zuletzt gab _Bang Jok_ sich aber durch die Erklrung, er
sei noch zu jung, um einen so wichtigen Beschluss zu fassen, und
werde sich daher ganz dem Urteil von _Bo Ibau_ und _Kwing Irang_,
die soviel lter seien, fgen, eine Blsse, denn er wusste sehr
wohl, dass keiner dieser Huptlinge eine Bestimmung treffen durfte
oder konnte, besonders weil die Reise auf dem Bob durch sein Gebiet
ging. So ergriff ich denn das Wort und machte ihm begreiflich, dass
man oberhalb der Wasserflle ihn als den Hchsten von Geburt unter
den Long-Glat und als weit gereisten Mann fr die zustndige Person
halte, um eine endgltige Entscheidung zu treffen, und dass man,
da die Reise sein Gebiet betreffe, von seiner Zustimmung abhngig
sei. Indem ich nochmals darauf aufmerksam machte, dass man ohne seine
Beteiligung oberhalb der Wasserflle keinen Entschluss fassen knne,
obgleich das Verhltnis mit den Kenja fr die ganze Mahakambevlkerung
von grsster Wichtigkeit wre, brdete ich ihm die ganze Verantwortung
fr das Zustandekommen oder Fehlschlagen der Reise auf.

Trotzdem _Bang Jok_, besonders durch seinen Aufenthalt an dem fr die
Bahau so verderblichen Hof von Tengaron, viele gute Eigenschaften
seiner Rasse eingebsst hatte, war er doch im Herzen noch zu sehr
Bahau geblieben, um deren allgemeine Furcht "_ha_", beschmt,
zu werden, nicht mehr empfinden zu knnen. Um ihm begreiflich zu
machen, warum mir an dieser Reise so viel liege, nahm ich daher zu
diesem Gefhl meine Zuflucht und erklrte, dass ich den _hipui_,
den hohen Huptlingen in Batavia, gegenber in hohem Masse _ha_
sein wrde, falls ich zurckkehrte, ohne meinen Auftrag erfllt zu
haben. Die Anwesenden besassen fr diese Argument augenscheinlich mehr
Verstndnis als fr die Vorstellung, dass ihre eigenen Interessen durch
diese Reise gefrdert werden wrden. _Bang Jok_, der sehr gut wusste,
dass die Long-Glat und Kajan nur auf seine Beteiligung warteten, um
mich zu den Kenja zu begleiten, wagte daher nicht, die Verantwortung,
die Reise vereitelt zu haben, auf sich zu nehmen; auch kam ihm die
Einsetzung einer niederlndischen Verwaltung am Mahakam nicht mehr
ganz unwahrscheinlich vor. So versprach er denn endlich, sehr gegen
seinen Wunsch, ein Boot mitsenden zu wollen; dass er selbst an der
Reise nicht wrde teilnehmen knnen, konnte fr mich nur vorteilhaft
sein. Whrend dieser Unterhandlung hatte ich _Bo Ibau_ und _Kwing
Irang_, die sich beide dem unnatrlich gezierten _Bang_ durchaus nicht
gewachsen fhlten, nicht ins Gesprch gezogen und doch hatten sie,
besonders _Kwing_, wie auf glhenden Kohlen gesessen. Er zog sich mit
seinen Kajan, noch whrend ich mit _Bo Ibau_ die Massregeln besprach,
die er unter seinen Long-Glat treffen sollte, aus der unheimlichen
Nhe seines Nebenbuhlers _Bang Jok_ zurck und begab sich ins Haus der
Ma-Tuwan, wo man ihm einige Rume zur Verfgung gestellt hatte. Seit
langen Jahren war _Kwing_ jetzt zum ersten Mal darauf eingegangen, in
Long-Deho selbst zu bernachten; allerdings hatte er frher stets seine
Kampfhhne bei sich gehabt, die ihre guten Schutzgeister vielleicht
an die Hhne der Long-Glat htten verlieren knnen.

Am Morgen vor der Versammlung hatte ich die Kajan und Long-Glat, die
_Demmeni_ und unser Gepck von Long Tepai herunter gebracht hatten,
aus Mangel an Silbergeld mit Gold bezahlt. Anfangs verursachte das
Schwierigkeiten, aber einige Malaien zeigten sich schliesslich bereit,
fr das Gold Waren zu liefern. Eine Betrgerei vermutend machte
ich die Kajan ausdrcklich darauf aufmerksam, dass jedes Goldstck 4
Reichstaler wert sei, unter den Malaien, die aus dem Gold Schmucksachen
herstellten, eigentlich noch mehr. Trotzdem erhielten die meisten an
Tabak, Kattun, Salz etc. fr ein Zehnguldenstck nur 7-8 fl.

_Bo Ibau_ fuhr mit den Long-Glat und einigen Kajan noch am gleichen
Abend den Mahakam aufwrts, um ihre Landsleute bei den Vorbereitungen
fr die grosse Reise zur Eile anzuspornen. Ich selbst erhhte ihren
Eifer, indem ich den Huptlingen nach berlegung mit _Kwing_ erklrte,
mit meinem Geleite an den Boh vorausreisen, dort ein Lager aufschlagen
und auf den Nachschub warten zu wollen.

Noch ein anderer Umstand zwang die Huptlinge, Long Deho bald zu
verlassen, nmlich das nahende Ende _Bo Adjang Ledjs_. Es war mir
zwar gelungen, den alten Mann vom Fieber zu befreien, aber Schlaf und
Appetit wollten nicht zurckkehren, und besonders die letzten Tage
hatte der Kranke sich kaum von der Matratze erheben knnen. Mit der
Verschlimmerung seines Zustandes war auch das Interesse der Seinen
fr ihn gestiegen und der Zulauf an Besuchern so gross geworden, dass
die Familie einen Einsturz des Hauses zu frchten anfing. Zu dieser
Befrchtung war in der Tat aller Grund vorhanden, denn die Huser
in Long Deho waren, wie schon gesagt, viel schlechter gebaut als die
oberhalb der Wasserflle und Reparaturen wurden nicht vorgenommen. Die
Angehrigen des Kranken baten _Kwing Irang_, mit seinen Kajan aus
dem Walde hinter dem Dorfe einige Balken herbeizuschaffen, um sie
als Sttze unter den Fussboden zu stellen und schrg gegen die schon
vorhandenen zu befestigen.

In der Nacht des 13. April wurde ich pltzlich durch lautes Rufen
und Laufen in _Bo Adjangs_ _amin_ geweckt. Der Kranke war ohnmchtig
geworden, trotzdem seine Tchter und Frauen ihn seit Tagen stndig
anriefen und schttelten, aus Angst, dass er in Schlaf verfallen
und nicht wieder erwachen mchte. Das Ende des alten Mannes wurde
durch eine derartige Behandlung natrlich nur beschleunigt. In
den letzten Tagen hatte ich immer wieder vergeblich auf Ruhe beim
Kranken gedrungen, nur wagte ich nicht, in Anbetracht, dass er
augenscheinlich doch sterben musste, allzu energisch aufzutreten,
da man mir sonst seinen Tod zugeschrieben htte. Je mehr sich sein
Zustand verschlimmerte, desto mehr wurde der Unglckliche durch
Schreien und Schtteln am Schlafen verhindert. Helfen konnte ich nicht,
so zog ich mich denn, als die Familie die Absicht usserte, im letzten
Augenblick nochmals die Hilfe einer Priesterin anzurufen, als Arzt
ganz zurck und besuchte den Kranken nur noch ab und zu aus Teilnahme.

Nachts kam _Bo Adjang_ wieder zu sich, aber am folgenden Mittag trat
eine neue Ohnmacht ein, worauf seine Angehrigen wieder stark auf die
Gonge zu schlagen (_buka_), zu rufen und zu laufen anfingen. Nachdem
das Bewusstsein des Kranken wiederum halb zurckgekehrt war, seine
Tchter und Frauen einen erneuten Anfall auf ihn gemacht und die
jungen Mnner die Gonge wieder geschlagen hatten, tat _Bo Adjang_
abends seinen letzten Atemzug.

Obgleich ich den Wunsch geussert hatte, den Handlungen, die mit
der Leiche vorgenommen werden sollten, beizuwohnen, merkte ich doch,
dass man auch in dieser mir sehr befreundeten Familie die Gegenwart
eines Weissen bei den Zeremonien nicht gerne sah, und so war ich denn
nur bei den ber Tag stattfindenden Vorbereitungen zugegen.

Wie ich spter hrte, hatte man, wahrscheinlich um die Leiche nicht
erst steif werden zu lassen, diese gleich nach dem Tode gewaschen und
schn gekleidet. Zum Waschen hatte man erst gewhnliches, dann Wasser,
in dem duftende Blumen gelegen hatten, bentzt. Auch die Long-Glat
stecken dem Toten Perlen in die Augen und Krperffnungen.

Des Morgens frh fand ich die Leiche auf einer Matratze,
bedeckt mit einem Tuche, mitten in der _amin_ liegen, whrend die
Frauen und Tchter fr den Verschiedenen schne Kleidungsstcke
aus den Krben hervorholten, als passende Ausstattung frs
Jenseits. Eigentmlicherweise wurden dem Toten auch fr lngst
verstorbene Angehrige Kleidungsstcke mitgegeben. So fgte _Ibau
Adjang_, der Sohn des Verstorbenen, ein Rckchen fr sein rotes
Tchterchen bei. Zwei der ltesten Frauen berlegten mit einer alten
Priesterin, wie sie den Anforderungen der _adat_ am besten nachkommen
knnten.

Smtliche Familienglieder trugen Trauer, d.h. alle hatten ihren Schmuck
abgelegt und sich in weissen oder hellbraunen Kattun gekleidet;
die Frauen hatten sich ausserdem die langen Haare bis auf Halshhe
abgeschnitten. Die beiden jngsten Frauen des Verstorbenen trugen
Rcke aus Baumbast.

Am Abend des ersten Tages wurde in einer grossen Zusammenkunft bei
_Bang Jok_ berlegt, wie man das Begrbnis mit Rcksicht auf den
hohen Wasserstand, der Long Deho von den ober- und unterhalb der
Wasserflle wohnenden Angehrigen des Toten gnzlich abschnitt,
gestalten sollte. Dass die Hilfe der Verwandten nicht beansprucht
werden konnte, war insofern gnstig, als man bei der herrschenden
Reisnot nur schwer so viele Menschen htte bekstigen knnen. Nun
musste man sich mit den im Dorfe vorhandenen Arbeitskrften begngen,
die allerdings ebenfalls von der Familie bewirtet werden mussten,
aber die _panjin_ halfen nach Vermgen mit.

Augenscheinlich hatte man auch Leute gefunden, die den _lungun_
(Sarg) herstellen sollten, denn am folgenden Morgen zogen in der
Frhe 40 Mnner und Frauen auf ein Reisfeld, um einen grossen Baum
(_kaju aro_) zu fllen, der bereits lange zuvor zu diesem Zwecke
ausersehen worden war. Whrend die Mnner das Holz bearbeiteten,
kochten die Frauen ihnen das Essen. Der Sarg wurde aus einem einzigen
Stck hergestellt, und aus einem zweiten desselben Baumes ein gut
schliessender Deckel verfertigt. An Ort und Stelle fand aber nur
die Roharbeit statt. Bevor der Baum gefllt wurde, hatte man eine
alte, geistesschwache Sklavin veranlasst, ihn 8 Mal im Tanzschritt
zu umkreisen. Diese Sklavin hielt sich im Trauerhause stndig in
der Nhe der Leiche auf und wurde von _Hong_, _Bo Adjangs_ Frau,
die nur zum Schein den Dienst bei ihm verrichtete, unterrichtet, wie
sie das Feuer anmachen, den Reis fr den Toten kochen sollte etc. Die
Leiche musste nmlich, solange sie noch nicht eingesargt war, 3 Mal
tglich gespeist werden, d.h. es wurden Schsseln mit Reis, Fisch und
Zuspeisen neben sie hingestellt. Die Sklavin umkreiste die Leiche auch
bei dieser Gelegenheit 8 Mal. Als Totenspeise darf das Fleisch des
Wildschweins nicht bentzt werden. _Hong_ bot der Leiche jede Schssel
gesondert an und liess sich von der Sklavin nur ab und zu pro forma
helfen. Wie man mir erzhlte, verstand diese den Reis fr _Bo Adjang_
gut zu kochen (_"haman enah kanen dahin_ _Bo Adjang_"). Auch sollte
sie alle Vorschriften der _adat_ ebenso gut kennen, wie ein alter
Sklave in Lulu Njiwung, den man des hohen Wasserstandes wegen nicht
hatte holen knnen. Man lsst gewhnlich die Leichenzeremonien durch
Sklaven aus anderen Gebieten verrichten, weil Fremde nicht, wie nach
der _adat_ der Bahau aufgewachsene Personen, bei einer Berhrung der
Leiche _takud parid_ werden. Spter werden, bei Eintritt eines neuen
Todesfalls, stets wieder die gleichen Sklaven herbeigeholt.

Am ersten Tage hatte man aus weissem Kattun ein Klambu hergestellt
und es am anderen Morgen ber die Leiche gehngt, wobei die Frauen
laut weinten und die Gonge, wie bei jeder vorgenommenen Handlung,
geschlagen wurden. Der gleiche Brauch herrscht bei den Kajan, Pnihing
und anderen Stmmen, nur wird bei diesen mit dem Reisstampfer auf den
Boden gestampft. Wahrscheinlich hat der Lrm den Zweck, die Geister
in Apu Kesio darauf aufmerksam zu machen, dass etwas Wichtiges vor
sich geht.

Der Sarg stand dank den vielen Hilfskrften noch am gleichen
Tage in roher Form fertig da, aber abends und nachts wurde eifrig
daran weiter gearbeitet. Morgens war die Arbeit denn auch so weit
vorgerckt, dass einige Mnner den Sarg, der oben und an den Seiten
glatt gearbeitet war, mit schnen schwarzen Hundefiguren (_aso_) auf
weiss gekalktem Grunde verzieren konnten. Zu beiden Enden des Sarges
wurden Masken geschnitzt; fr Huptlinge hheren Ranges (_Bo Adjang_
hatte nur eine _panjin_ zur Mutter) wird der Sarg auch an den Seiten
mit Masken verziert. Abends war der Sarg fertig und nachts wurde
die Leiche hineingelegt, worauf man den Deckel mit Harz luftdicht
verschloss. So konnte mit dem Begrbnis gewartet werden, bis das
_lali parei_ vorber war und der jngste Sohn des Verstorbenen,
_Ledj Adjang_, der bei seiner Frau _Bua Li_ am Meras lebte, von
dort nach Long Deho abgeholt werden konnte.

Gewhnlich werden zur Aufbewahrung der Srge in der Nhe der Wohnung
provisorische Leichenhuser gebaut. Diesmal fehlte aber hierzu die
Zeit und so begngte man sich damit, fr _Bo Adjang Ledj_ eine
Galerie an der Vorderseite seines Hauses zu errichten, nach der
Art der meisten Wohnungen der Long-Glat-Huptlinge. Bereits nach 3
Tagen stand die Galerie fertig da, in welcher man den mit schnen
Tchern bedeckten Sarg abstellte. Solange die Leiche hier verblieb,
schliefen auch die Frauen des Huptlings nachts in dieser Galerie und
tagsber fuhren sie in allen Dienstleistungen fort, wie zu Lebzeiten
des Toten. In dem Glauben, dass die Seelen des Verstorbenen sich noch
in nchster Nhe aufhielten, liess die Familie hufig junge Mnner
zu _Bo Adjangs_ Unterhaltung Flte oder _kledi_ spielen. Kamen in
dieser Zeit fremde Huptlinge an der Niederlassung vorbei, so machten
sie dem Toten stets einen Besuch. Dabei wurden, wie beim Tode, wilde
Kriegstnze ausgefhrt; man schlug mit den Schwertern in die Luft und
in die Hauswnde und brach in schmerzliches Weinen aus, worin dann
alle Hausgenossen einstimmten. Die Verbotszeit begann hier erst nach
der endgltigen Beisetzung der Leiche in ihrem Prunkgrab (_salong_)
und fiel somit nicht mit der Trauerperiode zusammen, die sogleich
nach dem Tode eintrat.

Die beginnende Verbotszeit, in der niemand im Dorfe aus- noch
eingehen durfte, liess mir eine mglichst schnelle Abreise unserer
Expedition sehr notwendig erscheinen, berdies vertrieb uns auch
die grosse Nahrungsnot, die im Dorfe herrschte. Im Vergleich zu
Long Deho kam mir der unbewohnte Wald am Boh noch verlockend vor;
dort waren wir in bezug auf den Reis nicht schlimmer dran als hier,
und die Aussicht auf Fleischnahrung war da sogar viel grsser, weil
die Long-Glat aus Furcht vor Kopfjgern im Boh nicht zu fischen und
in den Wldern nicht zu jagen wagten.

Unmittelbar nach der letzten Versammlung hatte ich bereits einige
meiner Malaien flussaufwrts gesandt, um am Boh einen vor berfllen
sicheren Lagerplatz ausfindig zu machen. Die Mnner hatten, etwas
oberhalb des Wasserfalls, der die Mndung des Boh versperrt,
eine Landzunge frei gehackt, welche an der einen Seite von einer
tiefen Bucht des Flusses, an der anderen von diesem selbst begrenzt
wurde. Nach dem dahinter liegenden Walde zu konnte man das Lager
durch ein Heckwerk schtzen.

Zwei Tage nach der Heimkehr der Malaien gestattete der Wasserstand
bereits den ersten Gepcktransport zum Lagerplatz; doch waren
diesem erfreulichen Fortschritt fr mich sehr unangenehme Tage
vorangegangen. Meine Freude ber die gnstige Wendung der Dinge nach
Ablauf der Versammlung war nur sehr kurz gewesen, denn kaum hatte
mein javanisches und malaiisches Personal an die Verwirklichung
des Reiseplans zu glauben angefangen, als es sich gemeinschaftlich
weigerte, weiter mit mir zu ziehen, unter dem Vorwande, die Expedition
wrde zu lange dauern und zu gefhrlich sein. Ersteres war sicher
nicht wahr, weil _Kwing Irang_ zur Bedingung gestellt hatte, dass ich
mit ihm und seiner Gesellschaft nach zwei Monaten heimkehren msste,
da er es zu gefhrlich fand, mich bei den Kenja allein zurckzulassen.

Guter Rat war teuer, denn mein gut bewaffnetes und gebtes
einheimisches Geleite konnte ich nicht missen. Den folgenden Tag jedoch
sprach ich mit einem der Leute, _Abdul_, der auf der Reise stets
sein Bestes geleistet hatte, ber die Weigerung seiner Kameraden,
und sogleich erklrte er sich bereit, mich bis zu meiner Rckkehr
zur Kste begleiten zu wollen.

Hiermit schien der Aufstand beschworen; binnen weniger Tage
entschlossen sich alle zum Mitgehen, falls ich nicht lnger als
zwei Monate bei den Kenja bleiben wollte. Dieser gute Verlauf des
Konfliktes schien jedoch meinen beiden europischen Gefhrten nicht
sonderlich zu gefallen, wenigstens erklrten sie eines Morgens beim
Frhstck ihrerseits, dass, wenn auch meine Malaien und Javaner mit mir
gingen, sie von der Reise und den vielen stets aufs neue aufsteigenden
Schwierigkeiten genug htten und mich deshalb nicht weiter begleiten
wollten. Glcklicherweise teilte _Kwing Irang_ meine Entrstung ber
eine derartige Handlungsweise, von der sich die Kunde natrlich wie
ein Lauffeuer in der Niederlassung verbreitete, und versicherte mir,
auch allein unter meiner Leitung nach Apu Kajan reisen zu wollen.

Da mir kein Mittel zu Gebot stand, die Europer, welche das Leben
inmitten dieser Naturmenschen langweilte und bengstigte, zum Ausharren
whrend noch einiger Monate zu zwingen, versprach ich ihnen, sie,
sobald der Wasserstand es zulasse, zur Kste bringen zu lassen. Als
es jedoch hierzu kam, wollten sie wieder bei mir bleiben, womit ich
einverstanden war, weil ich die Gegenwart von mehr als einem Europer
bei den Kenja fr wnschenswert hielt.

Wegen allerlei Angelegenheiten, in denen die Bewohner von Long-Deho
meine Hilfe ntig zu haben glaubten, konnten wir vor der Hand noch
nicht alle gleichzeitig zum Boh auf brechen; berdies fand ich ein
stndiges Zusammensein mit _Demmeni_ und _Bier_ nach den hchst
unangenehmen Vorfllen der letzten Tage nicht geraten. Auch _Bier_
war es eine Erleichterung, als ich ihm vorschlug, whrend einiger
Tage das Gelnde lngs des Mobong aufzunehmen, um zu sehen, ob
dort nicht ein Weg von Long Deho zum Bunut angelegt werden knnte,
zwecks einer besseren Verbindung mit den sdlicheren Gebieten und
einer Umgehung der Wasserflle. Bereits am 25. April reiste _Bier_
mit zwei Fhrern und meinen eigenen Malaien ab, denen das Nichtstun
in Long Deho ebenfalls nicht gut bekommen war.

Wenige Tage darauf trafen von oben die ersten Kajan ein, um sich
meiner Expedition anzuschliessen. Wie es sich herausstellte, war
Bo _Adjang Ledjs_ Tod oberhalb der Wasserflle noch nicht bekannt,
und unter dem Eindruck dieser Nachricht erklrten die Kajan sogleich,
mit einem so schlechten Vorzeichen eine so gefhrliche Reise unmglich
antreten zu knnen. Von seinen Leuten gezwungen, behauptete auch _Kwing
Irang_, mit ihnen nach dem Blu-u zurck zu mssen, um dort aufs neue
gnstige Vorzeichen zu suchen; vergeblich waren meine Vorstellungen,
lieber am Boh auf die gewnschten Zeichen zu warten, damit ich endlich
aufbrechen knne. Bald darauf begannen die Kajan ihren Reisvorrat
gegen hohen Preis in Long Deho zu verkaufen, um, sobald der fast
ununterbrochen hoch bleibende Wasserstand es gestattete, die Heimreise
anzutreten. Als das Wasser schliesslich doch nicht fiel, machten sie
sich in _Kwings_ Gesellschaft mit fast leeren Bten trotzdem auf den
Weg, mit dem Versprechen, mglichst bald dem Vogelflug nachgehen und
beim nchsten Neumond wieder zurckkommen zu wollen.

Kaum waren alle fort, als _Lalau_, ein aus Long Blu-u bei mir
zurckgebliebener Malaie, mir eine Botschaft von _Kwing Irang_,
berbrachte. Nach ihm hatten die Kajan nicht die Absicht, zu mir
zurckzukehren, falls ich ihnen nicht pro Mann und pro Tag. 2.50
fl und _Kwing_ das Doppelte als Reiselohn ausbezahlen wollte. Sehr
wahrscheinlich hatte ich diese hohe Forderung dem Chinesen _Mi Au Tong_
zu danken, der, von der Kste wegen Schulden ins Innere geflohen, sich
bei den Kajan auf hielt und in den letzten Wochen die Long-Glat um
eine grosse Summe zu prellen versucht hatte, indem er vorgab, von der
englischen Regierung mit der Einholung einer Busse fr die Ermordung
von 5 serawakischen Dajak am Boh beauftragt worden zu sein. Durch
meinen den Long-Glat gemachten Vorschlag, diese Angelegenheit lieber
durch Vermittlung des Assistent-Residenten von Samarinda mit Serawak
zu behandeln, hatte ich seine bsen Absichten vereitelt, worauf er
mit _Kwing Irang_ wieder nach Long Blu-u gezogen war. Als Begrndung
fr ihre Forderung gaben die Kajan an, dass ich auch den Long-Glat
von Long Tepai, die mir an einem Tage ber die Wasserflle hinunter
geholfen hatten, einen Reichstaler als Lohn gegeben htte. Dies war nur
aus Mangel an Gulden geschehen, doch glaubten die Kajan, der grossen
Gefahren wegen auf den hchsten Reiselohn Anspruch machen zu drfen.

Neben den vielen bereits bestehenden Hindernissen wirkte diese
Nachricht sehr niederschlagend, und erst allmhlich war ich imstande,
ber einen Ausweg aus dieser Kalamitt nachzudenken. Im Laufe des
Tages glaubte ich insoweit auf die Forderung eingehen zu knnen, als
ich zwar jedem Kajan fr jeden Arbeitstag 2.50 fl und _Kwing Irang_
5 fl als Lohn zusagte, dann aber keine beliebige Anzahl, sondern nur
50 krftige Kajan mitnehmen wollte, die fr ihre Bekstigung selbst
zu sorgen htten. Die Kajan selbst hatten mich wissen lassen, dass sie
ihren Taglohn nur auf der Hinreise bis zum Hause des Kenja-Frsten _Bui
Djalong_ beanspruchten. Durch die Bestimmung, dass nur an Arbeitstagen
Lohn ausbezahlt werden sollte, kam ich einem zu langen Hinziehen der
Reise durch zu hufiges "_melo_" nach schlechten Zeichen zuvor, was fr
den Nahrungsmittelverbrauch von grosser Bedeutung war. Es traf sich
gnstig, dass in Long Deho noch am gleichen Tage ein Boot mit Kajan
erschien, die ursprnglich an der Reise zu den Kenja hatten teilnehmen
wollen, nachdem sie aber von _Kwing_ den Stand der Dinge vernommen,
ihren Reis zu dem herrschenden hohen Preise im Dorfe verkaufen wollten.

Am folgenden Tage bereits bentzten sie das Sinken des Wassers
zur Rckfahrt, und ich liess _Lalau_ mit ihnen ziehen, um _Kwing_
meinen Vorschlag zu berbringen und ihn zu baldigem Aufbruch
anzuspornen. Stark wagte ich hierauf brigens nicht zu hoffen, denn es
war sehr wahrscheinlich, dass die Heimkehrenden die Influenzaepidemie,
an der wir alle in Long Deho gelitten hatten, in das Gebiet oberhalb
der Wasserflle einschleppen, und dass Krankheit und Tod dann ein
Hindernis fr eine baldige Rckkehr bilden wrden. Die Epidemie
verbreitete sich in der Tat schnell unter den Kajanstmmen, doch
fielen ihr diesmal nur alte Leute und kleine Kinder zum Opfer.

_Kwing Irang_ hatte mir zwar vor seiner Abreise dringend geraten,
mit meinen Leuten den Lagerplatz am Boh sogleich zu beziehen, um alle
Beteiligten vom endgltigen Aufbruch der Expedition zu berzeugen
und ihm dadurch seine Aufgabe zu erleichtern, doch war _Bier_
von seiner Reise nach dem Mobong noch nicht zurck, auch erhielt
ich von einigen Mnnern von unterhalb der stlichen Wasserflle die
Nachricht, mein Diener _Midan_ sei von Tengaron aus auf der Rckfahrt,
sodass ich ihn erwarten musste. Am 8. Mai liess er mir seine Ankunft
unterhalb der Wasserflle melden und um Beistand zum Passieren
derselben bitten. Zufllig war gerade eine Gesellschaft Taman-Dajak
vom Kapuas eingetroffen, die sich nach dem mittleren Mahakam hatte
begeben wollen, um dort mit alten Perlen Handel zu treiben. Durch
einen Hinweis auf die dort herrschenden, fr Fremde sehr gefhrlichen
Zustnde hatte ich die Leute in Long Deho zurckgehalten. So traf
es sich, dass ich die Taman etwas verdienen und _Midan_ schnell
Hilfe bringen lassen konnte, denn bei mssigem Wasserstande und
sinkendem Wasser wagten es die Mnner, mit ihren halb leeren Bten
die Flle zu berschreiten. Bereits am 15. Mai brachten sie _Midan_
und seine Begleiter wohlbehalten nach oben. Unter vielen Zeitungen
und Briefen waren die des Assistent-Residenten von Samarinda fr
mich die wichtigsten; sie teilten mir den definitiven Beschluss der
Bataviaschen Regierung mit, _Barth_ als Kontrolleur am mittleren
Mahakam einzusetzen. Diese Nachricht musste auf die Bahau oberhalb
der Wasserflle grossen Eindruck machen; bereits am gleichen Tage
setzte ich auch _Bang Jok_ davon in Kenntnis.

Ferner brachte _Midan_ das von mir verlangte Geld mit. Der
Sicherheit wegen hatte man ihm in Samarinda drei bewaffnete
Schutzleute als Geleite mitgegeben, die als die ersten, welche
so tief in die Binnenlande vorgedrungen waren, in ihren Uniformen
den Waldproduktensuchern und anderen Fremden in unserer Umgebung
einen heilsamen Respekt einflssten. Wegen der usserst unsicheren
Zustnde zwischen Udju Tepu und den Wasserfllen war dieses Geleite
sehr notwendig gewesen, und ich war froh, dass mein Gesandter ohne
Unfall davongekommen war. Seine Berichte ber ein Komplott der
Buginesen gegen die brigen Fremden dieses Gebiets bewogen einige
bandjaresische Kaufleute in unserer Niederlassung zu einer eiligen
Rckkehr nach Udju Tepu, so dass ich die 3 Schutzleute schon nach
zwei Tagen mit ihnen zurcksenden konnte.

_Midans_ Berichte klangen in der Tat sehr beunruhigend. Um den Mord
der Barito-Waldproduktensucher im oberen Medang an _Taman Dau_ und den
Seinen zu rchen, hatten einige Ot-Danum einem Mann und einer Frau in
Laham die Kpfe abgeschlagen. Gleich darauf war ein buginesischer, an
der Mndung des Merah wohnender Kaufmann nachts von Unbekannten gettet
und seine Frau schwer verwundet worden, was seinen Stammesgenossen
zum Vorwand diente, ihre Feinde, die Bandjaresen und die zu ihnen
haltenden Ot-Danum, des Mordes zu beschuldigen und sich mit den
buginesischen Waldproduktensuchern am Belajan zu verbinden. Seitdem
hatten sie sich in Long Howong zusammengetan und einen Einfall in
das Rata-Gebiet gemacht, wo sie zwei Bandjaresen und einen Ot-Danum
erschossen hatten. Infolgedessen waren alle Baritobewohner, denen es
mglich war, in ihr Gebiet zurckgekehrt; eine Gesellschaft derselben
hatte dabei am oberen Rata einen buginesischen Hndler, dem sie
begegnete, ermordet und sein Hab und Gut mitgenommen. Auf Blutrache
in grossem Massstab sinnend waren die Buginesen augenblicklich noch
in Long Howong versammelt.

Einige Tage vor _Midan_ war auch _Bier_ von seiner Expedition
zurckgekehrt und zwar mit sehr guten Resultaten auf topographischem
Gebiet, aber mit weniger guten Aussichten auf die Anlage eines
Weges, da sich das Quellgebiet des Mobong als sehr wild und gebirgig
erwiesen hatte.

Unserem Aufbruch zum Boh stand nun nichts Ernsthaftes mehr im
Wege. Mein sehr umfangreiches Gepck schied ich in drei Teile:
den einen, meine Sammlungen, die ich spter selbst nach Samarinda
mitnehmen wollte, liess ich in Long Deho bei _Ibau Adjang_ zurck; der
zweite Teil, 12 fr die Reise und den Aufenthalt in Apu Kajan bestimmte
Kisten mit Nahrungsmitteln, blieben vorlufig ebenfalls liegen, um sie
spter, bei _Kwing Irangs_ Ankunft, abholen zu lassen. Vom brigen
Gepck sandte ich am 17. Mai unter _Biers_ Aufsicht einen grossen
Teil zum Lagerplatz und nahm das letzte 2 Tage darauf selbst mit,
als unsere Mnner _Demmeni_ und mich abholten.






KAPITEL XI.

    Dreimonatlicher Aufenthalt im Lagerplatz am Boh--_Bier_
    verlsst die Expedition--Anlage einer Fischsammlung--Gnstige
    Nachrichten aus Long Blu-u--Offizieller Bericht von der
    Einsetzung eines Kontrolleurs am Mahakam--7 Kenja unter _Taman
    Ulow_ schliessen sich der Expedition an--Jagdverhltnisse am
    Mahakam: Kastrierung der Hunde, Jagdmethoden, Fallenstellen,
    Beschwrung der Hunde, Vogeljagd--_Kwing Irangs_ Ankunft am
    Boh--Reiseberatung--Schwierigkeiten durch den Tod von _Kwing
    Irangs_ Schwester--Vorbereitungen zur Abreise--Aufbruch der
    Kenjagesandtschaft unter _Taman Ulow_.


Gleich nach unserer Ankunft im Lagerplatz am Boh traf ich Massregeln,
erstens um uns so gut als mglich gegen berflle zu schtzen,
zweitens um unseren wahrscheinlich Monate dauernden Aufenthalt durch
ntzliche Arbeit ausfllen zu knnen. Ersterem Zwecke entsprachen
wir dadurch, dass wir unsere Landzunge hinten, nach der Waldseite,
mit einer festen Hecke umgaben. Zur Vermeidung von Mssiggang und im
Interesse einer topographischen Aufnahme des Boh beschloss ich, mit
_Bier_ und einer Anzahl unserer Malaien den Fluss so weit als mglich
hinaufzufahren, eventuell einen hohen Berg zu besteigen und so dieses
noch gnzlich unbekannte Stromgebiet aufzunehmen. Alle Massregeln zu
einem Aufbruch am folgenden Tage waren bereits getroffen, als _Bier_
mit der Erklrung zu mir kam, den Boh nicht weiter mit mir hinauffahren
zu wollen, unter Vorgebung von allerhand Grnden, von denen einer
unsinniger war als der andere. Der wichtigste war wohl seine Furcht,
von mir direkt bis zu den Kenja mitgenommen zu werden, woraus ich
ersah, dass nicht so sehr die Abneigung gegen das Leben unter den
Eingeborenen meine Europer so widerspenstig machte, als vielmehr die
Angst vor ihrer Umgebung, die sich bei _Bier_ am strksten usserte,
weil er nach zwei Jahren noch immer nicht die Landessprache verstand
und den Charakter der Dajak so wenig begriff, dass er allen Greueln,
die man ihm von den Kenja berichtete, Glauben schenkte. Jedenfalls
wurde es mir klar, dass die Anwesenheit eines von Furcht gequlten
Europers bei den grossen Schwierigkeiten, welche stets wieder
auftauchten, durchaus unerwnscht war und deshalb er und _Demmeni_,
der nun ebenfalls fort wollte, so schnell als mglich zurckgeschickt
werden mussten. Wegen des gnstigen Wasserstandes liess ich sogleich
ein Boot rsten und bestimmte die Bemannung, so dass _Bier_ bereits
am folgenden Tage den Fluss abwrts und dann weiter nach Batavia
reisen konnte. _Demmeni_ hatte sich im letzten Augenblick wieder
bedacht und zum Bleiben entschlossen. Ich bentzte die Gelegenheit, um
Briefe und anderes zur Kste zu senden, auch gab ich den Bootsleuten
Geld mit, um unterhalb der Wasserflle so viel Reis einzukaufen,
als zu haben war, da wir unseren Vorrat fr den Zug nach Apu Kajan
stndig so gross erhalten mussten, dass wir nach Ankunft der Bahau
jeden Augenblick weiterreisen konnten. Daher sandte ich auch whrend
unseres dreimonatlichen Aufenthaltes in diesem Waldlager immer wieder
ein Boot aus, das abwechselnd ober- und unterhalb der Wasserflle
Reis und andere Nahrungsmittel fr uns einkaufen musste.

Meine Malaien schienen sich, nachdem die ersten Nchte ohne berflle
verflossen waren, in dieser Waldeseinsamkeit bald heimisch zu fhlen
und wurden, getrieben durch Mageninteressen, bald erfinderisch im
Ausdenken von allerhand listigen Methoden des Fischfangs. Auch meine
zwei- und vierfssigen Jger liessen sich dazu verleiten, in diese
beinahe unberhrten Wlder tiefer einzudringen, als wnschenswert
war. _Abdul_ und _Delahit_ verirrten sich sogar einmal und liessen uns
eine Nacht in grosser Angst verbringen, als sie weder zurckkehrten
noch auf unsere Gewehrschsse antworteten. Den folgenden Morgen
frh stellten sie sich wieder bei uns ein und behaupteten, es sei
zur Rckkehr zu dunkel geworden und auf unsere Schsse htten sie
nicht zu antworten gewagt, aus Furcht, ihre Anwesenheit etwaigen in
der Nhe befindlichen Kopfjgern zu verraten. Mein Hund liess sich
ebenfalls durch einen Hirsch oder ein anderes Wild zu tief in den
Wald locken und kehrte whrend 24 Stunden nicht wieder zurck. Nachdem
die Malaien lnger als einen halben Tag nach dem Hund gesucht hatten,
brachten sie ihn endlich ins Lager zurck. Jenseits einer Hgelreihe,
die sich hinter unserem Lager befand, hatten sie das klglich heulende
Tier in einem tiefen Tal sitzen gefunden. Seitdem wurden Menschen
und Tiere vorsichtiger, auch lernten sie ihre Umgebung besser kennen.

Die Fischerei der Malaien lieferte bald sehr gute Resultate, was mich
auf den Gedanken brachte, diesen gezwungenen Aufenthalt zur Anlage
einer Fischsammlung zu bentzen, fr die sich wahrscheinlich nicht so
bald wieder so gnstige Gelegenheit finden wrde. Ich liess daher auf
die verschiedenste Weise fischen, hauptschlich auch, um kleine Fische
zu erhalten, die zum Essen nicht geeignet waren; es lag mir nmlich
daran, nicht nur leicht konservierbare Exemplare, sondern auch die
kleinen, von den Eingeborenen verschmhten und ihnen daher unbekannten
Arten zu fangen. In dem zwar breiten, aber sehr schnellfliessenden
Flusse war das Angeln schwierig; unsere Wurfnetze wiederum waren
mehr fr den Fang grosser Fische geeignet und ein kleines Netz, das
ich aus Strickbaumwolle weben liess, die ich in Long Deho gekauft
hatte, erwies sich fr den Gebrauch auf dem steinigen, mit sten und
Baumstmmen bedeckten Flussgrund als zu schwach. Dagegen verstanden
die Malaien das fortwhrende Steigen und Fallen des Boh, der ein
ausgedehntes Quellgebiet besitzt und einen innerhalb weniger Stunden
um einige Meter Hhe wechselnden Wasserstand aufweist, ausgezeichnet
zu bentzen. Die Fische konnten augenscheinlich der sehr heftigen
Strmung nicht widerstehen und flohen in kleine Nebenflsse oder
geschtzte Uferbuchten. Meine Leute holten aus dem Walde Bambus,
spalteten ihn in dnne Streifen und stellten aus diesen ein Gitter her,
das sie mit einem Rotanggeflecht mit schmalen Zwischenrumen (_klabit_)
versahen. Mit dem Gitter schlossen sie die Mndung der Nebenflsse
bei Hochwasser derart ab, dass bei fallendem Wasser kein Fisch durch
dieses hindurchschlpfen konnte. Der aus sehr verschiedenen Fischarten
bestehende Fang konnte oft bereits am folgenden Tage eingeholt werden;
am beliebtesten, d.h. schmackhaftesten waren die grossen, forellen-
und salmartigen Fische. Bisweilen war der Fang so gross, dass ein Teil
durch Ruchern fr die folgenden Tage konserviert werden musste. Auch
die verschiedenen Reusenarten lieferten regelmssig einige Fische,
wurden aber auf die Dauer durch das schnellfliessende Wasser von
ihrer Befestigung losgerissen. Hbsche kleine Fische fing ich auch
mehrmals mit dem Schpfnetz in Lachen, die nach Hochwasser hinter
Schuttbnken zurckgeblieben waren. Am meisten lieferten jedoch
die Wurfnetze, mit denen die Mnner tglich bei jedem Wasserstande
fischten, was fr sie einen sehr angenehmen Zeitvertreib bildete. Da
sie im Walde weder bestimmte Sorten von Baumbast noch Pflanzen fanden,
welche als Fischgift (_tuba_)dienen konnten, liess ich einmal bei
den Bewohnern von Long Deho _tuba_-Wurzeln aufkaufen, vor allem, um
noch mehr kleine Fischarten zu erlangen. Infolge eines pltzlichen
Regens schwoll das Flsschen jedoch so stark an, dass nur wenige
neue Fischarten gefangen wurden. Spter jedoch fanden die Malaien im
Walde eine Fruchtart, mit der sie das Wasser eines anderen Flsschens
vergifteten, wodurch sie viele kleine Fische, darunter mehrere neue
Arten, erbeuteten. Als meine Leute nun zum ersten Mal in ihrem Leben
die grosse Anzahl verschiedener Fischarten sahen, welche so ein Fluss
beherbergt, machte ihnen die Sammlung allmhlich selbst Freude und
sie gingen fters fischen, auch wenn sie fr ihre Mahlzeiten keiner
Fische mehr bedurften. Anfangs nahm die Sammlung sehr schnell zu,
spter vergingen oft Tage, bevor eine neue Art gefangen wurde, auch
erhielt ich von einigen nur ein oder zwei Exemplare. Der grosse
Reichtum meiner Sammlung musste denn auch unserem langdauernden
Aufenthalt zugeschrieben werden und dem Umstand, dass seit vielen
Jahren im Boh nicht mehr gefischt worden war, hauptschlich, dass
keine Tubafischereien stattgefunden hatten. Zum Schluss hatte ich 52
Arten beieinander, viele in zahlreichen Exemplaren. Da ich die Fische
noch lebend in die Konservierungsflssigkeit (1 Teil Formol auf 5
Teile Wasser) setzte und alle, ausgenommen die allerkleinsten, zum
leichteren Eindringen der Flssigkeit mit einem Bauchschnitt versah,
kam die Sammlung selbst nach einem Jahr noch in aussergewhnlich
gutem Zustande im zoologischen Museum von Leiden an.

Die richtigen inlndischen Namen der Fische und die Grsse, welche die
einzelnen Arten erreichten, brachte ich nur sehr mhsam aus meinen
Leuten heraus. Diese sogenannten Malaien gehrten zu einer aus den
verschiedensten Gegenden Borneos zusammengewrfelten Menschenrasse;
beim Suchen von Waldprodukten waren sie in diese entlegenen Gebiete
geraten. Den meisten strmte, wenn auch in verschiedenem Grade,
dajakisches Blut in den Adern. So stammten einige vom Kapuas der
Wester-Afdeeling und vom Melawi, zwei vom unteren Mahakam, einige
andere waren von einer Kajanmutter am Blu-u geboren u.s.f. Obgleich
sie alle ihr Leben lang gefischt hatten, waren sie doch nur ber die
Namen der hufigsten Fischarten einig; die kleinsten kannten viele
nicht und anderen gaben sie Namen, die hnlichen Fischen aus anderen
Flussgebieten zukamen. Wenn die Leute ihre Angaben daher auch nach
bester berzeugung machten, mussten diese doch mit Vorsicht aufgenommen
werden; auch musste ich mich hufig mit Namen der verschiedensten
Dialekte begngen. Soweit ich der Sache nachgehen konnte, fingen wir
auch eine Art von braunem _keto_, der nur im Boh vorkommt, wenigstens
hatte ihn keiner der Mnner je gesehen; spter erklrten auch die
Kajan, dieser Fisch sei tatschlich dem Boh eigen.

In unseren Gesprchen ber Fischerei erzhlten die Malaien vom
Mahakam, dass am Unterlauf dieses Flusses und in den zu beiden Seiten
von ihm gelegenen Seen (_kenohan_), an denen ein ausgebreiteter
Fischfang getrieben wird, viele Arten vorkommen, die wir im Boh nicht
fingen, anderseits waren hier verbreitete Arten dort unten nicht
zu finden. Viel Merkwrdiges hrte ich auch ber die grossen Mengen
von Fischen, welche in der Trockenzeit bei niedrigem Wasserstande in
diesen Seen gefangen und dann geruchert und getrocknet werden. Es
kommen dort viele Rochen (_ikan pari_) vor mit ber 1 m Breite und
grosse Sgefische (_ikan prangan_), von denen ich in Uma Mehak jedoch
nur kleine Exemplare hatte kaufen knnen; auch Delphine werden dort
erbeutet. Die Sgefische sollten ber 2 m lang werden und schmutzig
gelb von Farbe sein, die Rochen bis 1.75 m Durchmesser erreichen,
schwarz von oben, weiss von unten sein und helle Flossen besitzen. Von
den Rochen isst man nur die salzig schmeckenden Flossen, von beiden
verwertet man die Leber, aus der man ein bei den Mahlzeiten gebrauchtes
l presst. Beide Tiere sollen wegen der grossen Wrme des Wassers
hauptschlich in den Seen vorkommen, die kleinen Sgefische werden
jedoch noch bis unterhalb der Wasserflle, 75 m ber dem Meeresspiegel,
gefangen. In Kutei wird behauptet, dass diese beiden Fischarten aus
dem Meere den Fluss hinaufschwimmen; als Begrndung wird jedoch nur
der salzige Geschmack ihrer Flossen angefhrt.

Die Delphine (_ikan mpush_) werden bis 1.5 m lang und sind
dunkelblaugrn gefrbt; sie kommen in grossen Mengen bis zum Fuss
der Wasserflle im Mahakam vor und man sieht ihre Wasserstrahlen
und glnzenden Rcken tglich ber der Wasserflche erscheinen. Sie
werden von den Malaien nicht gegessen, weil diese die Delphine fr
Menschen halten. Der Erzhlung nach wohnte in Muara Pahu einst ein
Mann, der seinen Hunger nicht schnell genug stillen konnte und daher
den kupfernen Reistopf mit hinunterschluckte. Darauf fhlte er aber
so heftige Bengstigungen, dass er ins Freie lief und am Flussufer
den Stamm eines Steinpisang oder _pisang mangala_ umfasste. Beim
Anklammern gab der Stamm jedoch nach und strzte mit dem Manne ins
Wasser, der darauf in einen Delphin verwandelt wurde.

Am 3. Juni erst kehrten die Malaien unter _Delahit_ zurck und da
noch keine Berichte von den Kajan eingetroffen waren, benutzte ich
den gnstigen Wasserstand, um mit _Delahit_ ein Boot auf Kundschaft
nach Long Blu-u zu senden. Neun Tage spter kehrten meine Gesandten
in Begleitung von _Lalau_ mit ermutigenden Nachrichten zurck. Im
Kajanstamm herrschten zwar immer noch grosse Vorurteile gegen die
Reise, aber _Kwing Irang_ drang stndig auf deren Durchfhrung, und
auch die Pnihing unter _Belar_ und die Long-Glat unter _Bo Lea_
bereiteten sich zum Mitgehen vor. Ein grosses Hindernis bildete
fr die Kajan das Neujahrsfest, das im folgenden Monat zum ersten
Mal im neuen Hause gefeiert werden musste, bei welcher Gelegenheit
auch das _lali uma_ fr die ganze Niederlassung aufgehoben werden
sollte. Auf _Kwings_ Betreiben hatten sie aber beschlossen, die
Feier einen Monat frher stattfinden zu lassen und dann sogleich zum
Boh aufzubrechen. Auf die Beschrnkung, welche ich inbezug auf den
von ihnen geforderten sehr hohen Taglohn getroffen hatte, waren sie
bereitwillig eingegangen. _Lalau_ war es auch gelungen, elfte seltene
Perlenmtze zu erstehen, die mir ihres eigenartigen Modells wegen fr
meine ethnographische Sammlung wertvoll erschienen war. Mit vielem
andern Schmuck hatte ich auch die Mtze gelegentlich eines grossen
Festes bewundert, doch hatte sogar eine einjhrige Unterhandlung
noch zu keinem Kauf gefhrt. In Long Deho hatte ich _Lalau_ noch
einige sehr kostbare Tauschartikel mitgegeben, um zu versuchen, ob
der Besitzer der Mtze jetzt, wo sich die letzte Gelegenheit bot,
sich leichter zum Verkauf berreden liess. Fr alle mitgenommenen
Gegenstnde brachte mir _Lalau_ nun wirklich die Mtze, die man,
wie er sagte, zum Schluss nur abgetreten hatte, um mir eine Freude
zu machen (Siehe Taf. 74 b).

Die Malaien, welche ich die letzten Kisten aus Long Deho abholen
liess, brachten nun auch ein nach Samarinda gesandtes Telegramm der
Bataviaschen Regierung, das mir _Barths_ bevorstehende Ernennung zum
Kontrolleur meldete. Das Telegramm war zwar schon 2 Monate alt, doch
erfllte mich diese versptete Belohnung meiner Arbeit und Ausdauer
nicht mit minderer Genugtuung. Mit den Malaien gleichzeitig kamen
auch die 7 Kenja Uma-Djalan unter _Taman Ulow_, die sich bis dahin
in Long Tepai aufgehalten hatten, den Fluss abwrts gefahren und
schlossen sich vorlufig unserer Gesellschaft an.

Teils um die Nachricht von der erfolgten Einsetzung eines Kontrolleurs
als feststehende Tatsache so schnell als mglich am Ober-Mahakam zu
verbreiten, teils um mich vom Tun und Lassen der Kajan wieder zu
unterrichten, sandte ich _Delahit_ am 17. Juni aufs neue nach dem
Blu-u. Zum Einkaufe einer mglichst grossen Reismenge versah ich ihn
berdies mit Geld; denn die 8 Kenja vermehrten die an unsere Vorrte
gestellten Ansprche auf unwillkommene Weise. Die Mnner hatten bis
jetzt vergeblich nach ihren beiden Landsleuten am mittleren Mahakam
geforscht; wie ich gehofft, waren sie durch die gute Auskunft, die sie
ber unser Leben unter den Long-Glat erhalten hatten, uns gegenber
viel zutraulicher geworden, so dass sie ihre Htte ruhig hinter
_Midans_ Kche aufzuschlagen wagten. Doch berhrte sie unser Kreis
von Europern und Malaien noch sehr fremd, und besonders in den ersten
Tagen nahm ihr Interesse an allem, was sie sahen, kein Ende. Um, wenn
mglich, etwas ber den Verbleib der Ihren in Erfahrung zu bringen,
liess ich bald _Taman Ulow_ mit einigen meiner Malaien nach Long Deho
fahren, von wo sie mit der erfreulichen Nachricht zurckkehrten, die
beiden Vermissten htten sich mit einer dritten Person, zum Schutz
vor nchtlichen berfllen, in einem Baum unterhalb des Kiham Udang
eine Htte gebaut und verdienten sich dort mit Rotangsuchen ihren
Lebensunterhalt. Bereits am folgenden Tage begaben sich die sieben
Kenja mit _Lalau_ auf die Suche nach ihren Landsleuten. Die Erzhlung
von der Htte im Baum hatte mich anfangs misstrauisch gemacht, weil ich
noch nie in Mittel-Borneo etwas hnliches gesehen oder gehrt hatte,
aber 3 Tage spter stellte sich die Gesellschaft wieder ein, vermehrt
um drei Personen, zwei Kenja und einen berchtigten Long-Glat aus
Long Deho, der dort so gut wie ausgestossen worden war. Sie hatten
wegen der gefhrlichen Zustnde unterhalb der Wasserflle und wegen
ihrer grossen Schulden beim malaiischen Hndler _Raup_ in Long Bagung
im Walde eine Zuflucht gesucht und sich nicht besser zu schtzen
gewusst, als indem sie sich hoch ber dem Erdboden in einem Baum eine
Htte bauten, in der sie bereits sehr lange hausten und viel Rotang
gesammelt hatten. Mit Hilfe ihrer Landsleute hatten sie den Vorrat
nach Long Deho hinaufgeschafft und dort vorlufig zurckgelassen,
weil man ihnen nur einen sehr geringen Preis fr denselben geboten
hatte. Die beiden Vermissten waren denn auch anfangs von einer
Rckkehr mit ihren Landsleuten nach Apu Kajan nicht sehr erbaut,
was diese, die eine monatelange Reise fr die beiden nicht gescheut
hatten, hchst unangenehm berhrte. Da mir bereits die 7 Kenja unter
_Taman Ulow_ zu verstehen gegeben hatten, wie leid es ihnen tte, zu
ihren Familien mit leeren Hnden zurckkehren zu mssen, begriff ich,
dass es fr die beiden anderen, die so viel lnger fortgewesen waren,
noch viel peinlicher sein musste, nach solch einem Misserfolg die
Heimreise anzutreten. Mir selbst bot dieser Umstand eine passende
und lang gesuchte Gelegenheit, um die Kenja uns zu verbinden, damit
diese uns als Fhrer nach ihrem Lande dienten und uns dort bei ihren
ngstlichen Landsleuten einfhrten. Ich schlug also _Taman Ulow_
und den Seinen vor, dass sie bis zu unserem Aufbruch mit _Kwing
Irang_ bei mir bleiben sollten, dass ich sie alle ernhren und
reichlich mit verschiedenen Dingen, die sie dann als Ertrag ihrer
Reise ihren Angehrigen vorzeigen konnten, versehen und dass ich
gegen hnliche Artikel auch den Rotang _Usats_ und seines Kameraden,
die ich beide an dem fr sie sehr gefhrlichen Mahakam nur ungern
zurckliess, kaufen wollte. Da die Kenja von meinen ehrlichen
Absichten berzeugt waren, nahmen sie nach einigen Unterhandlungen
ber den Betrag meinen Vorschlag an. _Lalau_ und einigen anderen,
die ich tags darauf nach Long Deho sandte, gelang es leicht, dort
den Rotang fr mich zu verkaufen, weil dies nun auf Schuld geschehen
konnte. _Ibau Adjang_ hatte sogleich einen annehmbaren Preis geboten,
den er bei spterer Gelegenheit bezahlen wollte; auf diese Weise
erwies ich ihm gleichzeitig eine Geflligkeit, indem ich ihn in den
Geldschwierigkeiten untersttzte, in welche seine Familie infolge
des Begrbnisses seines Vaters geraten war.

Die Kenja erwiesen sich als weit weniger ngstliche Reisegenossen
als die Bahau und fhlten sich in unserem Lager augenscheinlich sehr
wohl. In ihren Mitteilungen ber die Eigentmlichkeiten ihres Landes
und Volkes waren sie durchaus nicht zurckhaltend, was fr mich sehr
angenehm und ntzlich war und auf meine Malaien sehr beruhigend wirkte.

Inzwischen kehrte _Delahit_ noch immer nicht vom Blu-u zurck und
erhielten wir von dort nur indirekte, sehr unzuverlssige Nachrichten
aus Long Deho.

Obgleich das stndige Warten mit unsicheren Zukunftsplnen auf
unsere Unternehmungslust sehr lhmend wirkte, liess ich in dieser
Zeit, wo so viele Menschen mssig im Lager versammelt waren, doch
mit Ernst die Jagd betreiben. _Doris_ fand zwar den hohen Urwald
um uns herum fr eine Jagd auf Vgel sehr ungeeignet, weil diese
in Gestrpp und auf freien Flchen viel zahlreicher erscheinen als
in den mchtigen Gipfeln der Waldriesen, wo man sie nicht sehen,
jedenfalls nicht schiessen kann. Die Aussicht auf einen Fang neuer
Arten war hier auch nicht gross, denn _Doris_ hatte bereits in Long
Deho viel gejagt. Er erwies sich brigens als Jger auf Grobwild und
kleinere Vierfssler viel ungewandter und selbst das Fallenstellen
berliess er am liebsten anderen. Hierin hatte es dagegen _Abdul_
whrend unserer Reise, wie frher schon erwhnt, zur Meisterschaft
gebracht; er zeigte sich brigens auch auf vielen anderen Gebieten
sehr gelehrig. _Demmeni_ ging er in allen Dingen sehr geschickt zur
Hand. Seine Talente im Beschleichen von Hirschen und wilden Rindern
(_lembu_) erregten das Staunen aller Kajan. Vielleicht bewunderten
sie ihn deswegen so sehr, weil sie selbst kein Hornvieh essen und
die Gewohnheiten der Tiere, auf die sie nicht Jagd machen, sehr
wenig kennen. Von ihrer Unkenntnis in dieser Hinsicht hatte ich mich
bereits auf meiner vorigen Reise berzeugt, als ich nicht einmal
feststellen konnte, ob das wilde Rind (Bos sundaicus), das im ganzen
Mahakamgebiet im jungen Wald und Gestrpp getroffen wird, in nur einer
oder zwei Arten vorkam. Die meisten Bahau gaben zwei Arten in ihrer
Gegend an, eine grosse, dunkelbraune und eine kleinere, hellrote;
in Wirklichkeit sind es die Stiere, die dunkelbraun, und die Khe und
Klber, die hellrot gefrbt sind. In unserer Nhe am Boh merkten wir
nichts von dem _lembu_, weil die Herden den dichten Wald vermeiden
und nur alte Mnnchen sich bisweilen in ihm verirren. Auch fanden
wir in der Umgegend keine Salzquellen, die am Ober-Mahakam so viel
Hornwild anlocken und daher gute Gelegenheit zum Fallenstellen bieten.

Eine sehr beliebte und praktische Methode Wildschweine zu jagen konnten
wir aus Mangel an Hunden nicht anwenden. Die Bahau jagen die Tiere
nmlich vorzugsweise mit einer Hundemeute, welche das Wild im Walde
verfolgt und zum Stehen bringt, worauf die Jger es mit dem Speere
tten oder mit vergifteten Pfeilen schiessen. Mit einem schmalen
Lendentuch bekleidet, ohne Kopfbedeckung, mit Schwert und Speer
bewaffnet, ziehen die Jger in den Wald, gefolgt von ihren Hunden, die,
im Hause trge und ngstlich, im Busch ein ausgezeichnetes Sprtalent
entwickeln und daher im Dickicht, in dem auch ein Eingeborener
nur mit Mhe geruschlos gehen kann, beim Aufspren des Wildes von
grsstem Nutzen sind. Ihr niedriger Entwicklungsstandpunkt verhindert
die Bahau jedoch daran, aus dem berfluss an Wild in ihren Wldern
einen entsprechenden Vorteil zu ziehen. Aus Unwissenheit zchten
und unterhalten sie ihre Hunde sehr schlecht, indem sie die besten
Exemplare in der Jugend kastrieren, um sie zahmer und folgsamer zu
machen, und ihnen auch nur selten geregelt Futter geben; meist mssen
sie von Abfllen leben. Das Kastrieren geschieht so, dass man das Tier
durch eine ffnung im Fussboden mit dem Kopf nach unten hngen lsst,
whrend die Hinterbeine ber der ffnung festgehalten werden. Ein Mann
schneidet dann mit einem Bambusmesser in das Skrotum eine ffnung,
drckt die Testikel nach einander aus und schneidet sie vom Funiculus
ab. Darauf wird die Hhle mit Kapok ausgefllt und der Hund laufen
gelassen. Hierdurch nehmen die besten Tiere an der Fortpflanzung
der Rasse nicht Teil, was die Kajan am Blu-u z.B. nicht einsehen
wollten. Die Punan und anderen Jgerstmme scheinen in dieser Beziehung
aufgeklrter zu sein, auch versorgen sie ihre Hunde weit besser, so
dass Jagdliebhaber wie der Pnihing-Huptling _Belar_ ihre Tiere bei
ihnen kaufen. Auf der Schweinsjagd erweisen sich diese brigens nur als
Sprhunde von Nutzen, denn sie wagen keine grossen Schweine, sondern
nur Ferkel anzufallen. Diese bilden denn auch hufig die einzige
Jagdbeute, da die Bahau selbst nur ausnahmsweise mutig genug sind,
um grosse Tiere aus der Nhe zu stechen und da mit giftigen Pfeilen
verwundete Tiere noch weit laufen knnen und daher oft verloren
gehen. Von anderem Wild werden hauptschlich Ottern, Eichhrnchen,
Wiesel, Leguane und dergleichen mit Hilfe der Hunde gejagt. Leguane
drfen Erwachsene brigens nicht essen, fr Kinder und Greise dagegen,
welche in diese Periode noch nicht eingetreten oder ber sie schon
hinaus sind, ist dies Verbot ungltig.

Auch das andere Wild darf nicht ohne weiteres gegessen werden;
die Eingeborenen schneiden jedem Tier den Bauch auf, weiden es
aus und entfernen vorsichtig beiderseits der Wirbelsule den psoas
derart, dass sie ihn an den Anheftungsstellen lsen und ihn quer zu
durchschneiden vermeiden. Nach ihrer berzeugung fangen die Jger,
wenn sie einmal einen psoas durchschnitten haben, nie wieder ein
solches Tier. Auch bei der Zubereitung von Fischen befolgen die Kajan
eigenartige Gebruche. Um Unglcksfllen beim nchsten Fischfang
vorzubeugen, mssen sie den untersten Teil des Bauches von der
Brust- bis zur Schwanzflosse in einem Stck wegschneiden, und beim
darauffolgenden Ausweiden darf die Schwimmblase nicht angeschnitten
werden, hauptschlich nicht in querer Richtung.

Ein sehr bevorzugtes Wildbret ist der von den Malaien _lutung_ genannte
schwarze Affe mit langem Schwanz und weissen Flecken auf der Stirn
(Semnopithecus niger). Einige essen sogar die mit ihrem Inhalt von
halbverdauten Blttern fein geschnittenen und in Wasser gekochten
Eingeweide dieses Affen, andere, wie _Kwing Irang_, fanden an diesem
Gericht keinen Geschmack.

Zu gewissen Zeiten, wenn bestimmte giftige Frchte reifen, werden
Argusfasane, Stachelschweine und einige Fische nicht gegessen, weil
diese durch den Genuss der Frchte ebenfalls giftig werden. Dass diese
Vorsicht berechtigt ist, erfuhren wir auf meiner ersten Reise, als wir
auf einer Jagdstation uns eines Abends nach dem Essen eines Argusfasans
unbehaglich zu fhlen begannen. Mein Magen begann heftig gegen seinen
Inhalt zu protestieren, aber dabei blieb es, und in dem Glauben,
dass diese Erscheinung auf eine Erkltung oder eine andere harmlose
Ursache zurckzufhren sei, begab ich mich in mein Klambu und schlief
vor Ermdung sogleich ein. Bald nach Mitternacht erwachte ich jedoch an
heftigen Schmerzen zwischen den Schulterblttern, welche auf die Brust
hinausstrahlten und die Atemholung sehr erschwerten. Spter verbreitete
sich der Schmerz, der am meisten einem heftigen Muskelschmerz nach
beranstrengung glich, ber Rcken und Bauch, wodurch ein Liegen und
Aufrechtstehen unmglich wurde und ich mich auf einen Stuhl setzen und
ber einen Tisch lehnen musste, um den Zustand ertragen zu knnen. Noch
immer stieg nicht die leiseste Vermutung einer Vergiftung in mir auf;
ich dachte an eine rheumatische Ursache, als die Erscheinungen sich
morgens durch hufiges Erbrechen bei leerem Magen komplizierten und
auch die Darmfunktion sich strker als gewhnlich usserte.

Da nun auch meine damaligen Reisegenossen _Von Berchtold_ und _Demmeni_
ber belkeit und Muskelschmerzen klagten, trat der Gedanke an eine
Vergiftung mehr in den Vordergrund, aber vor der Hand liess mich
mein eigener Zustand an nichts anderes denken. Pltzlich stellte
sich auch sehr heftiges Herzklopfen bei schwachem Puls ein, und wenn
meine Gefhrten sich nicht auf den Beinen gehalten htten, wren die
schlimmsten Befrchtungen in mir aufgestiegen. Gegen 2 Uhr mittags
lokalisierten sich die Muskelschmerzen in Armen und Beinen und ich
genoss whrend einiger Stunden der sehr notwendigen Ruhe. Andere Folgen
blieben bei uns allen aus. Die Ursache der Vergiftung war uns anfangs
unerklrlich; da ich in der Regel mehr Fleisch, die anderen mehr Reis
genossen, brachte uns dies auf den Argusfasan, der vielleicht mit
Arsenik, das wir beim Prparieren der Vogelblge so viel gebrauchten,
in Berhrung gekommen war. Eine bse Absicht seitens unserer Kajan
erschien mir vllig ausgeschlossen, denn die Leute waren durch meine
Krankheit sehr niedergeschlagen. Immer wieder kam einer, um aus der
Ferne nachzusehen, wie es stand, und vertiefte sich dann mit seinen
Kameraden in eine Diskussion ber die Ursache meines Leidens. Hierber
waren die Meinungen geteilt: der eine schrieb es den Geistern des
Berges Lilit Bulan zu, die ich durch mein Steineklopfen erzrnt htte,
die anderen erzhlten, es kmen dann und wann Argusfasanen vor, nach
deren Genuss auch sie krank wrden. An die erste Erklrung konnte ich
nicht glauben und auch die zweite kam mir sehr unwahrscheinlich vor,
denn von Vgeln mit vergiftetem Fleisch hatte ich noch nie gehrt. So
blieb denn die Vorstellung einer leichten Arsenikvergiftung bestehen,
obgleich _Von Berchtold_ sie fr unmglich erklrte.

Er selbst lieferte uns spter den Beweis, dass der Genuss eines
Argusfasans in der Tat bisweilen Vergiftungen verursachen kann. Als
er nmlich mit 4 Kajan in unserem Lager zurckgeblieben war, erkrankte
die ganze Gesellschaft schwer nach dem Genuss eines anderen Exemplars
dieses Vogels. Da er mehr nervs von Natur war, traten bei _Berchtold_
neben lebhaften Schmerzen auch tonische und klonische Krmpfe auf, die
mit heftigen und anhaltenden Erscheinungen in den Verdauungsorganen
gepaart gingen. Dieser Zustand dauerte ganze vier Tage. Auch die
vier Kajan litten so stark, dass keiner von ihnen Hilfe suchen konnte
und alle fnf spter sehr abgemagert und geschwcht aus dem Walde zu
uns zurckkehrten.

So glaube ich diese Vergiftung dem Genuss des Argusfasans zuschreiben
zu mssen, der wahrscheinlich selbst durch Frchte vergiftet worden
war.

Bei der Jagd auf kleine Sugetiere und Vgel haben die
Eingeborenen einen besseren Erfolg mit dem Fallenstellen als mit
dem Blasrohrschiessen. Die Fallen werden in den Durchgngen von
Hecken angebracht, welche aus umgehauenen Struchern in einer Lnge
von mehreren hundert Metern aufgerichtet werden. Die ffnungen in
der Hecke befinden sich in der Nhe dnner, gebogener Bumchen,
die als Feder dienen, um die daran befestigte Schlinge in die Hhe
zu ziehen, sobald der Widerstand, der sie gebogen hielt, entfernt
wird. Dieser Widerstand wird durch eine dnne Schnur gebildet, deren
eines Ende am Gipfel eines Stmmchens befestigt ist, deren anderes
ein 6 cm langes Hlzchen trgt. Letzteres wird unten auf dem Boden
zwischen einer gebogenen, an beiden Enden in der Erde steckenden Rute
und dem Rand eines aus gespaltenem Rotang geflochtenen viereckigen
Rahmens eingeklemmt gehalten. Mit dem einen Rande ruht dieser Rahmen
schrg auf dem Grunde des Durchgangs, mit dem gegenberliegenden auf
dem anderen Ende des Hlzchens an der Schnur des Baumgipfels. Die
Federkraft des gebogen gehaltenen Stmmchens zieht das Hlzchen so
stark gegen den Rand des etwa 2 dm2 messenden Bambusrahmens, dass
dieser geneigt gehalten wird. Dadurch, dass die eigentliche Schlinge
mit dem einen Ende mit dem Stammgipfel verbunden und das andere in
Form einer offenen Schlinge auf dem geneigten Rahmen ausgebreitet ist,
wird bewirkt, dass durch einen Tritt auf den Rahmen dieser auf den
Boden klappt, das Hlzchen losschiesst und der Stammgipfel, der dann
nicht mehr nach unten gehalten wird, beim Hinaufschnellen die Schlinge
mit nach oben zieht. Ein Sachkundiger legt die Schlinge unter einigen
Blttern so auf dem Rahmen aus, dass jeder hier auftretende Fuss von
der emporschnellenden Schlinge gepackt und das Tier gefangen wird. Fr
hhnerartige Vgel ist diese Fangmethode besonders zweckmssig, weil
man diese Tiere ihrer Scheuheit wegen in diesem Chaos von totem und
lebendem Holz und Laub nicht beschleichen kann. Auch der _kantjil_
(Cervulus muntjac) und einige Affen werden mit diesen Fallen gefangen;
grssere Tiere zerreissen die Schlingen, was hufig geschieht.

Derartige Fallen werden auch um die Tanzpltze der Argusfasanen
aufgestellt, die an hochgelegenen Waldstellen oder hufig auch auf den
Gipfeln von Bergrcken, wo sie eine Stelle zum Abhalten ihrer Wetttnze
von sten und Blttern subern, zusammenzukommen pflegen. Diese sonst
so scheuen Vgel gehen an einem solchen Ort leicht in die Falle. Fr
diese Schlingen werden die Schnre aus den Fasern eines braunen
Baumbasts gedreht, weil diese im Busch weniger auffallen als die
gewhnlichen grauen Schnre, die aus dem Bast der Lianen _aka klea_
oder _tengang_ verfertigt werden, indem man diesen in 3-4 dm lange
Fasern auseinander zupft und dann zusammendreht.

Wie gesagt, verstehen sich lange nicht alle Bahau gut auf das
Fallenlegen; nach ihrer berzeugung hngt der Erfolg auch viel
mehr von der Beachtung aller Vorsichtsmassregeln beim Aussetzen der
Schlingen als von der dabei befolgten Sorgfalt ab. Vor allem muss
der Tag schn sein, ohne Regen und Nebel; Unbeteiligte drfen von
der Unternehmung eigentlich nichts wissen, auch mag man sich ber das
erwartete Resultat nicht auslassen. Eine grosse Gesellschaft ist beim
Bau der Hecke unerwnscht; am besten ist es, wenn ein oder zwei Mnner
sich ohne Mitwissen anderer auf den Weg machen. Dem Fallensteller
darf vorher auch kein guter Erfolg gewnscht werden, eine Regel,
die brigens fr alle Jger und Fischer gilt und gegen die ich mich
anfangs aus Unwissenheit recht hufig versndigte.

Nicht nur Menschen, sondern auch Hunde jagen bei den Mahakambewohnern
nur nach einer vorhergehenden Beschwrung mit Erfolg. Whrend meines
Aufenthaltes an unserer vorhin erwhnten Jagdstation am Blu-u frchtete
_Kwing_ einmal, dass seine Hunde nach einigen schlechten Vorzeichen die
ersehnte Wildschweinbeute nicht liefern wrden. Er suchte daher einige
Bltter von _daun long_, die gegen bse Geister wirksam sind, packte
seinen besten Hund beim Nacken, klopfte ihm, einige Stze murmelnd,
mit dem Blatt 8 Mal auf den Kopf und nahm dann mit dem Hinterteil des
Tieres dieselbe Prozedur vor, worauf er dieses in die Hhe hob und
mit krftigem Schwunge an einer tiefen Stelle ins Flsschen Dingei
warf. Auch seine beiden anderen Hunde kamen an die Reihe, und da ich
_Kwings_ Beschwrungen aus einiger Entfernung nicht verstehen konnte,
brachte ich ihm meinen Sultan zur gleichen Bearbeitung. Whrend er nun
auch diesen mit demselben Eifer beklopfte, gab er ihm den Auftrag,
an diesem Tage im Aufspren des Wildes sein Bestes zu leisten und
sich besonders auf die Schweinejagd zu verlegen. Um den Erfolg seiner
Bemhungen nicht zu vereiteln, warf nun auch ich meinen Hund mit
krftigem Schwung in den Fluss, voll Vertrauen auf ein gnstiges
Resultat. Leider brachte uns dieser Tag nur Enttuschung, die Hunde
schlugen sogar kein einziges Mal an.

Sehr auffllig war es, dass die Kajan so sehr wenig auf die
Gewohnheiten des gesuchten Wildes zu achten verstanden; einst mussten
wir ihrer Ungeschicklichkeit wegen die Verfolgung eines wilden
Rindes sogar aufgeben. Zwar tteten sie spter einen durch Verwundung
erschpften Stier, aber mit so vielen Speerstichen, dass sein Fell
nicht mehr zu gebrauchen war. Einige Kajan eilten sogar nachdem das
Tier schon niedergemacht war, noch herbei und durchstachen zum Beweis
ihres Mutes auch die Leiche noch mit dem Speer.

Die Punan verstehen sich als Jgerstamm wahrscheinlich besser auf die
Jagd, doch habe ich sie nicht selbst beobachten knnen. Grosse Tiere,
wie das Nashorn, wissen brigens auch sie nicht auf rationelle Weise
zu erlegen. Hat nmlich jemand die Spur eines Nashorns entdeckt,
so vereinigt sich eine grosse Anzahl hauptschlich mit Speeren
bewaffneter Mnner und beschleicht das Tier im Schlaf oder wenn es
an Gegenwehr nicht denkt. Dadurch, dass man dem Opfer immer wieder
einen Speerstich beibringt, verendet es allmhlich vor Schwche,
bisweilen jedoch erst nach 8 Tagen, nachdem es oft mehrere Menschen
verwundet oder gettet hat. hnliches berichteten mir einmal einige
Kajan von ihrer Jagd auf die Riesenschlange (Boa constrictor). Sie
verfolgten das Tier, dem sie beim Sammeln von Waldprodukten begegnet
waren, ber zwei recht hohe Hgelrcken und tteten es erst nach
mehreren Stunden. Die Schlange soll den Umfang eines Mnnerthorax
gehabt haben. Das Fleisch der Boa wird nur von den Punan genossen.

Die nichts weniger als glnzenden Jagdresultate unserer Kajan htten in
uns die Vorstellung geweckt, die tropischen Wlder seien arm an Wild,
wenn uns nicht die Jagderfolge unseres Reisegenossen _Von Berchtold_
auf unserem vorigen Zuge vom Gegenteil berzeugt htten. Obgleich
_Von Berchtold_ alle gesammelten Tiere prparieren musste, wodurch
ihm zum Jagen nicht viel Zeit brig blieb, schoss er doch so viel
Wild wie alle anderen zusammen. Er besass aber auch ein ganz anderes
Verstndnis fr die Jagd, auch kamen ihm seine in europischen Wldern
erworbenen Erfahrungen sehr zu statten. Bei der Vogeljagd verfuhr er
folgendermassen: er setzte sich an geeigneter Stelle im Walde hin und
wartete bewegungslos der kommenden Dinge. In der stillen, dunklen
Umgebung begann es sich dann bisweilen bereits nach kurzer Zeit zu
regen. In den Bumen zeigten sich eine Menge sehr verschiedener kleiner
Vgel und allerlei Arten usserst zierlicher Eichhorne, auch Affen,
die ihre Schlupfwinkel auf den sten verliessen und auf dem Erdboden
nach abgefallenen Frchten suchten. Um einen Baum mit reifen Frchten
sammelten sich eine Menge fliegender und laufender Waldbewohner;
bei einigen Feigenbumen mit orangefarbigen Frchten in unserer Nhe
schoss er in 1 Stunde mehrere neue Vogelarten und einige rebhuhnartige
Waldhhner, die unserem Mittagstisch eine Extraschssel lieferten.

Ein ausgezeichnetes Lockmittel, das _Von Berchtold_ manchen
sehr scheuen Vogel einbrachte, bestand in der Nachahmung seines
Rufes. Hierzu gehrte viel Geduld, bung und Talent, aber da er
diese drei Erfordernisse besass, waren seine Resultate glnzend. Das
Nachahmen der Mnnchen lockte Weibchen, das der Weibchen Mnnchen
herbei. Die Tiere kndigten sich meist durch Ausstossen des Lockrufs
selbst aus der Ferne an und liessen sich oft viel zu dicht vor
dem Flintenlauf nieder, um mit einiger Aussicht auf Erhaltung der
Haut geschossen werden zu knnen. In diesem Fall bedeutete eine
Vergeudung der Munition auch ein nutzloses Morden, denn eine
zerschossene Vogelhaut ist fr die Prparation wertlos. Daher
mssen bei verschiedenen Gelegenheiten auch verschiedene Patronen
angewandt werden; ein zu grobes Schrot oder eine zu schwere Ladung,
bei der die Krner zu dicht beieinander bleiben, verderben die Haut
unvermeidlich. Da man im Urwalde nur in seltenen Fllen auf grossen
Abstand schiessen kann, ist hier eine Flinte von sehr kleinem Kaliber
am geeignetsten; nur wenn es grosse Nashornvgel oder hnliche Tiere
in 40-50 m hohen, oft dicht bebltterten Gipfeln zu schiessen gilt,
ist ein Kaliber 12 oder 16 mit grobem Schrot vorzuziehen. Hat man in
dem grnen Gewirr hoch ber der Erde seine Beute ttlich getroffen,
so ist man noch lange nicht sicher, diese auch heimbringen zu
knnen. Behlt der Vogel noch Kraft genug, um durch Ausbreiten
seiner Schwingen dem Fall eine schiefe Richtung zu geben, so dass
er in einem Abstand von 20 oder 30 m niedersinkt, so ist er nur mit
grosser Mhe wiederzufinden. Da Strucher, tote Bume, grosse ste
und dicke Bltterschichten das Opfer verbergen und man sich durch
allerhand Hindernisse zu ihm durcharbeiten muss, findet man den Vogel
bisweilen erst nach langem Suchen. Kleine Vgel und kleine Sugetiere,
die noch krftig genug waren, um sich in den zahllosen Schlupfwinkeln
und Hhlungen im Erdboden verkriechen zu knnen, werden in der Regel
nicht wiedergefunden. Unter diesen Umstnden erfordert die Jagd
grosse Geduld, auch muss man sich auf viele Enttuschungen gefasst
machen. Findet der Jger vom kleineren Wild etwa die Hlfte wieder
und ist diese zum Prparieren tauglich, so kann er mit seinem Erfolge
zufrieden sein. Mit dressierten Hunden und geschulten eingeborenen
Knaben knnte man im Urwalde wahrscheinlich bessere Jagdresultate
erzielen, doch fehlte es uns an beiden.

Als Anfang Juli _Delahit_ nach 14 tgiger Abwesenheit noch nicht
zurckkehrte und wir nichts von ihm vernahmen, berdies auch unser
Reis und die anderen Nahrungsmittel einer Ergnzung sehr bedurften,
sandte ich _Midan_ mit einem Boote nach Long Tpai zum Einkaufen
des Erforderlichen und gab ihm _Lalau_ mit, damit dieser sich nach
meiner Gesandtschaft umsehen sollte. Letztere traf 2 Tage spter
mit sehr gnstigen Berichten bei uns ein: die Kajan am Mahakam waren
sehr fr unseren Zug und hatten ihr _dangei_-Fest bereits im vorigen
Monat gefeiert, obgleich die Zeit hierfr wegen einiger Todesflle
ungnstig gewesen war. _Kwing Irang_ hatte jedoch _Delahit_ nicht
fortziehen lassen, bevor sie die Vgel befragt hatten, aus Furcht,
dass ich aus Ungeduld die Reise aufgeben knnte. Die Todesflle hatten
die Kajan bis jetzt am Vorzeichensuchen verhindert, aber jetzt waren
die verschiedenen Huptlinge reisebereit und _Kwing Irang_ sollte
bald eintreffen.

Einige Tage spter erschienen auch _Midan_ und _Lalau_ mit einer
gengenden Menge Reis, Frchte, Tabak und anderen ntzlichen
Dingen. Jedesmal wenn ich ein Boot nach Long Deho schickte, gab ich
auch einige eiserne Koffer mit den eben angelegten Sammlungen von
Fischen und Vgeln mit, damit sie in _Ibau Adjangs_ Hause bis zu
meiner Rckkehr aufbewahrt wrden.

Als ein Tag nach dem anderen verging und wir noch immer nichts von
der Ankunft unseres Bahau-Geleites hrten, wurde uns das Warten zu
einer wahren Marter. _Delahit_ hatte brigens die Besttigung des
Gerchtes mitgebracht, das ich bereits von _Taman Ulow_ und seinen
Leuten gehrt hatte, nmlich dass der Kenjafrst _Bui Djalong_
(_Taman Kuling_) mit vielen anderen Huptlingen auf eine Einladung
des Radja hin nach Serawak gezogen, auf der Rckreise aber von den
Batang-Lupar angefallen worden war, wobei einer der Schutzsoldaten aus
Serawak, welche die Kenja begleiteten, das Leben verloren hatte. Dieser
Vorfall berzeugte mich wiederum von der Notwendigkeit unserer Reise
nach Apu Kajan; wahrscheinlich waren die Huptlinge auch nach den
jngsten Erlebnissen zum Empfang der Niederlnder besonders geneigt.

Am 10. Juli sandte ich nochmals _Lalau_ und _Delahit_ mit 5 Mann
nach dem Blu-u, um zu erfahren, wie es dort stehe. Bei _Bang Jok_ in
Long Deho waren die Reiseaussichten inzwischen gnstiger geworden,
die Bte lagen sogar zur Abfahrt bereit da. _Ledj Adjang_, der
erwartete jngste Sohn des verstorbenen Huptlings, war inzwischen von
den Ma-Suling am Meras ins Elternhaus zurckgekehrt und in seiner
Gegenwart hatte man des Vaters Leiche im bereits gebauten Prunkgrab
beigesetzt. Man hatte dem _salong_, wahrscheinlich auf Wunsch des
Verstorbenen, eine besondere Form gegeben. _Bo Adjang Ledj_ hatte
mir vor seinem Tode fters seine Besorgnis darber ausgedrckt, dass
der Sultan von Kutei im Geheimen seinen Schdel aus dem Grabe wrde
holen lassen, wie er auch die Schdel einiger anderer Huptlinge
in einer Kiste in seinem Palaste aufbewahrte, um durch deren Besitz
Macht ber die Bahaustmme ausben zu knnen. _Adjang Ledj_ hatte
daher gewnscht, dass man seinen _salong_ an einer weit abgelegenen,
verborgenen Waldstelle erbaute. Seine Kinder hatten das Prunkgrab
sicherheitshalber statt ber der Erde, wie gewhnlich, unter der
Erde anlegen lassen, die Holzkammer, in welcher der Sarg stand,
mit dicken Planken geschlossen und darber ein Dach wie bei einem
gewhnlichen _salong_ errichtet; auch hatten sie keinen verborgenen
Platz ausgesucht, sondern das Mahakamufer dicht unterhalb Long Deho
gewhlt, so dass jeder Anschlag der Malaien sogleich bemerkt werden
musste.

Auf seiner Rckreise zum Meras machte _Ledj Adjang_, der Sohn des
Verstorbenen, bei mir Halt, teils aus Neugierde, teils weil ein Besuch
bei mir den Gsten meistens ein Geschenk einbrachte. Ich hatte den
Grundsatz, nicht nach Gutdnken zu schenken, sondern abzuwarten,
bis die Gste mir ihre Wnsche zu verstehen gaben. _Ledj_ hatte
augenscheinlich die Goldstcke gesehen, mit denen ich die Kajan bezahlt
hatte, denn er bat mich, einige Stcke von mir kaufen zu drfen,
um aus ihnen Perlen fr seine Frau _Bulan Li_ schmieden zu lassen,
natrlich wnschte er, sie unter ihrem Werte zu erstehen. Mit einem
Verlust von einigen Gulden gewann ich _Ledj Adjangs_ Gunst und wir
schieden als die besten Freunde.

Am 16. Juli kam _Delahit_ nach schneller Fahrt vom Blu-u mit dem
Bericht zurck, die Kajan wrden am folgenden Tage abreisen, sie
wren nur durch den Tod von zwei Dorfgenossen aufgehalten worden. Die
Betreffenden, zwei sehr schwchliche Individuen, waren der Influenza
erlegen. Um die Kajan im Auge zu behalten, war _Lalau_ bei _Kwing
Irang_ geblieben.

Trotzdem gingen wieder etliche Tage ohne Berichte von oben vorbei, so
dass ich das Warten nicht mehr ertrug und _Delahit_ am 22. nochmals
an den Blu-u schickte. Meine Malaien bereiteten indessen Kleider
und Waffen zur Reise vor, augenscheinlich waren sie also von dem
Zustandekommen derselben berzeugt, was auf mich, der ich nie
sicher war, von den Eingeborenen die volle Wahrheit zu hren, sehr
ermutigend wirkte. In diesen Tagen brachte mir auch _Midan_ aus Long
Deho die Nachricht, der Kontrolleur _Barth_ sei in Begleitung von
bewaffneten Schutzleuten und anderen Gehilfen bereits in Udju Tepu
angekommen. Nach dem Bericht einiger von oberhalb der Wasserflle bei
uns einkehrender Kahajan-Dajak war _Kwing Irang_ mit seinen Leuten in
der Tat abgereist, aber bei seiner Ankunft in Lulu Njiwung war dort
gerade ein Mann gestorben und noch nicht begraben, ein schlechtes
Vorzeichen, das ihn zur Rckkehr ntigte.

Die Kenja von _Taman Ulow_ zwang ich zum geduldigen Ausharren durch
die Belohnung, die ich ihnen versprochen hatte, und die Tauschartikel,
mit denen ich ihren Rotang bezahlen wollte. Sie unterhielten sich
bei uns ausgezeichnet und die beiden Landstreicher assen sich wieder
dick, nur waren sie wie wir durch die stndigen Reisehindernisse sehr
enttuscht und sprachen daher fters den Wunsch aus, allein voraus zu
fahren. Einige wollten gern weiter unten am Mahakam Rotang suchen,
was ich nicht zulassen konnte, da die Kenja dort wegen der letzten
Kopfjagden, die ihre Stammesgenossen verbt hatten, nicht sicher waren.

Sobald sie merkten, dass sich unser Aufenthalt im Lager dem Ende
nahte, beschlossen sie, der Seele eines Kameraden, der auf einer
frheren Reise im Kiham Burung aus dem Boot geschleudert worden und
ertrunken war, ein grosses Opfer zu bringen. Letzteres sollte in
einem Packen Kattun bestehen, um den sie mich baten, und den sie mit
langen Holzsphnen verzierten. Mit Rcksicht auf die reichlich zur
Verfgung stehende Zeit wurde das Opfer diesmal nicht wie gewhnlich
im Vorberfahren mit etwas Salz in einem Korbe an einen niedrigen
Strauch gehngt. Sie whlten einen hohen, kerzengerade neben unserem
Lager auf dem Ufer sich erhebenden Baum aus, der unten seiner Dicke
wegen nicht bestiegen werden konnte und dessen unterster Ast sich
hoch ber dem Erdboden befand. Sie suchten diesen, nach Art der
Punan, von einem benachbarten, leichter zu erklimmenden Baume aus
zu erreichen. Zu diesem Zwecke bauten sie im Gipfel des Hilfsbaumes
eine Plattform, warfen von dieser aus einen an einen dnnen Rotang
befestigten Stein ber den betreffenden Ast des anderen Baumes und
zogen dann eine vorher hergestellte lange Rotangleiter erst bis zum
Ast, dann halb ber diesen hinber, so dass ein Mann hinaufzuklettern
wagte. Dieser brachte nun von Ast zu Ast einfache Rotangleitern oder
auch Rotangkabel an, an denen er bis an die Stelle hinaufstieg, wo der
Stamm selbst zum Klettern dnn genug war. Smtliche ste wurden darauf
weggehackt, eine kleine Krone am hchsten Gipfel ausgenommen, unter
welcher das verzierte Kattunbndel (_sang_) aufgehngt wurde. Dieses
Geschenk sollte die Seele des Verunglckten angenehm stimmen und bei
_Amei Tingei_ im Himmel ein guter Frsprecher fr sie sein.

Ins Auge springend war der verschiedene Grad von Geistesentwicklung und
Geschicklichkeit, den die Kenja bei dieser Beschftigung usserten;
whrend der eine angab, wie alles vor sich gehen und der _sang_
beschaffen sein musste, befand sich unter den Neun nur ein einziger,
der diesen Baum zu erklimmen und dann alle ste abzuhacken wagte. Wir
bentzten die Gelegenheit zum Messen des Baumes; seine Hhe betrug 55
m. Als Arbeitslohn und Zerstreuung fr uns alle gab _Demmeni_ abends
eine Vorstellung mit seinem Grammophon, der stets die Bewunderung
und Heiterkeit unserer braunen Reisegesellen erregte; besonders
wenn er Lachen zum besten gab, brach auch die ganze Gesellschaft in
schallendes Gelchter aus. Wegen der usserst feuchten Atmosphre in
unserem Lager litten die Tonplatten durch den Stift, so dass wir nur
selten diese Vorstellungen zu geniessen wagten.

Nach drei Tagen Regen und Hochwasser kam _Delahit_ endlich am 28. Juli
mit der Meldung, dass _Kwing Irang_ mit Gefolge bereits seit 4 Tagen
in Long Kawat oberhalb des Kiham Hida kampierte, weil er die Flle
des hohen Wasserstandes wegen nicht passieren konnte. Er liess mich
jedoch um Arzneien fr seine Schwester _Bo Uniang_, die in Long Tepai
schwer krank lag, und um Mittel gegen Fieber fr sich selbst bitten,
die ich ihm denn auch sogleich sandte.

Am 1. August, nachdem das Wasser gefallen war, erschien _Kwing Irang_
endlich mit 50 seiner Leute und einem Boot mit Pnihing von Long Kup
in unserem Lager. _Belar_ war noch nicht mitgekommen und die Leute
aus Long Tepai konnten ebenfalls nicht kommen, falls _Bo Uniang_
starb, was _Kwing_ fr sehr wahrscheinlich hielt. Er war denn auch
nicht bei der Schwester geblieben aus Furcht, durch ihren Tod von der
Reise abgehalten zu werden; letzteres wollte er nicht nur meinetwegen
vermeiden, sondern auch seiner jungen Mnner wegen, die sich nach dem
so lange aufgeschobenen Zuge sehnten. Die Kajan hatten sich nur mit
ihrem notwendigsten Gepck ber die Flle gewagt und ihren Reis in
Long Kawat gelassen; das starke Sinken des Wassers gestattete ihnen
jedoch bereits am folgenden Tage, alle Vorrte herunter zu schaffen.

Am selben Tage sandte ich zum letzten Mal Postsachen und zwei Koffer
nach Long Deho; erstere sollten mit der ersten Gelegenheit von den
Hndlern zur Kste gebracht werden, letztere bei _Ledj Adjang_
aufbewahrt bleiben. Gleichzeitig sollten meine Leute _Bang Jok Kwing
Irangs_ Ankunft und unsere baldige Abreise melden. Auch die Kajan und
Pnihing waren endlich von der Notwendigkeit eines schnellen Aufbruchs
berzeugt, weil _Kwing_, im Fall dass seine Schwester starb, sicher
von den Dorfbewohnern abgeholt werden wrde; sie hatten denn auch
unten bei unserem Lager nur sehr primitive Htten aufgeschlagen. Sehr
erfreut waren sie ber die Anwesenheit der Kenja, besonders jetzt,
wo die Long-Glat von Long Tepai, die einzigen, die den Weg nach Apu
Kajan kannten, wahrscheinlich nicht wrden mitreisen knnen. Ich
bereitete die Kenja auch sogleich auf ihre knftige Fhrer- und
Gesandtenrolle vor und entschdigte sie reichlich fr die lange Zeit,
die sie bei uns ausgeharrt hatten; diese Freigebigkeit durfte ich mir
jetzt gestatten, weil ich die Tauschartikel ursprnglich fr einen
einjhrigen Aufenthalt bei den Kenja berechnet hatte und ich jetzt,
nach einer Abmachung mit _Kwing_, nicht ber zwei Monate bei ihnen
bleiben sollte. Auch die beiden Kenja, deren Rotang ich gekauft hatte,
waren von meiner Freigebigkeit entzckt.

Abends wurden in einer Beratung Plne entworfen, ber die wir
uns bald einigten, da jeder fr rasches Weiterkommen war. Sowohl
der Schnelligkeit wegen als um mit dem Zug einen Anfang gemacht zu
haben, bevor _Kwing_ von Long Tepai aus abgeholt werden konnte, wurde
beschlossen, dass die Malaien bereits am 3. August morgens Koffer und
Blechgefsse mit Salz so weit als mglich den Boh hinauftransportieren
und dann abends zurckkehren sollten, was auch geschah. Ferner sollten
wir nicht gemeinschaftlich, sondern etappenweise den Zug ausfhren,
weil unser Gepck sehr umfangreich war und auch die Bahau selbst sehr
viel Reis und Tauschartikel mit sich fhrten. Den einen Tag sollten
die Bootsleute so viele Sachen als mglich an einen geeigneten
Lagerplatz vorausschaffen und dann wieder zu uns zurckkehren,
den anderen sollten wir mit ihnen bis zu dieser Stelle den Fluss
hinauffahren. Die Kenja sollten in Gesellschaft von 6 Kajan direkt
nach Apu Kajan vorausreisen, um unsere Ankunft dort zu melden, auch
beauftragte ich sie, sehr sorgfltig durch Zeichen an den Mndungen
die Flsse anzugeben, die wir hinauffahren mussten, damit wir uns in
dieser Wildnis nicht verirrten.

_Taman Ulow_ liess sich sehr ausfhrlich einschrfen und mehrmals
wiederholen, was er seinen Huptlingen als Grund fr meinen Besuch
angeben sollte. Ich hatte mir bereits seit langem vorgenommen,
meine Reise damit zu motivieren, dass ich die in der letzten Zeit
zwischen den Kenja und Mahakambewohnern wegen der Kopfjagden und
hauptschlich wegen der Ermordung von _Bui Djalongs_ Enkel entstandenen
Feindseligkeiten durch Unterhandlungen aus dem Wege rumen wollte. Die
brigen politischen Resultate, die unsere Expedition bezweckte, sollten
sich dann whrend unseres Aufenthaltes von selbst ergeben. _Kwing
Irang_ war von diesem neutralen Reisemotiv, das hufig auch die
Bahauhuptlinge zu weiten Zgen veranlasst, sehr eingenommen.

An dem Ernst, mit dem die Bahau ber das Geschenk, das ich dem
Oberhuptling _Bui Djalong_ geben sollte, diskutierten, merkte ich
ihre Besorgnis um den Verlauf der Reise. Augenscheinlich hatten sie
ber diese Frage bereits lange allein unterhandelt, denn _Kwing
Irang_ erklrte mir sehr bestimmt, dass mein Geschenk an _Bui
Djalong_ berhaupt nur in einem Sklaven bestehen drfe, auch habe er
bereits einen solchen in Long Tepai zu meiner Verfgung, den einige
Kahajan-Dajak vor kurzem einem dortigen Huptling verkauft hatten.

Ich kannte das Individuum sehr gut, hatte aber bisher nicht gewusst,
dass es kein eingeborener sondern ein missachteter Kaufsklave war,
den man fr 240 fl abtreten wollte. Dieser Sklave sollte mit einigen
Mnnern aus Long Tepai an unserer Reise teilnehmen, ohne von seinem
Verkauf und dem Zweck desselben etwas zu ahnen; bei unserer Ankunft
am Kajanfluss sollte ich ihn dann _Bui Djalong_ zum Geschenk bergeben
und in Apu Kajan zurcklassen. Dieser edle Plan fand bei mir jedoch gar
keinen Beifall, obgleich auch _Taman Ulow_ versicherte, sein Huptling
wrde ein derartiges Geschenk sehr zu schtzen wissen. Ich erklrte
mit Nachdruck, dass wir Europer nicht gewohnt seien, Menschen zu
Sklaven zu machen und ich nur dann den Sklaven kaufen wollte, wenn
dadurch die ganze Tawang-Angelegenheit aus dem Wege gerumt und
der Sklave an Statt des ermordeten Enkels in die Familie von _Bui
Djalong_ aufgenommen werden wrde. Wie meine Ratgeber aussagten,
wird aber solch ein Sklave, wenn bei den Unterhandlungen vorher
nicht eine bestimmte Abmachung getroffen worden ist, an Stelle des
Ermordeten gettet, und so konnte vorlufig von der Mitnahme eines
Sklaven keine Rede sein. Fr _Kwing Irang_ bedeutete meine Ablehnung
eine harte Enttuschung; er schien seine Angst vor einem Fehlschlagen
unseres Zuges hauptschlich in dem Gedanken an ein derartig kostbares
Geschenk berwunden zu haben. Ich schrfte ihm jedoch meinen Abscheu
vor einer solchen Handlung so grndlich ein, dass er den Gegenstand
nicht mehr zu berhren wagte. Da ich wusste, welch einen hohen Wert
gute Gewehre bei den Kenja besitzen, schlug ich nun meinerseits
vor, _Bui Djalong_ eines unserer guten Beaumontgewehre mit einem
reichlichen Vorrat an Patronen als Geschenk anzubieten, obgleich
ich der Einfhrung von Feuerwaffen bei den eingeborenen Stmmen
nicht gern Vorschub leistete. In diesem Fall schwanden aber meine
Bedenken wegen der Wichtigkeit der Angelegenheit, und dass ich mit
meinem Vorschlag das Richtige getroffen, ging aus dem Eifer hervor,
mit dem _Taman Ulow_ auf ihn einging; dies bewog auch _Kwing Irang_
zuzustimmen. Zwar kam er spter nochmals auf seinen Vorschlag zurck,
aber ich blieb bei meinem Beschluss.

Am frhen Morgen des 3. August fuhren alle meine Malaien und die
Kenja mit einer grossen Menge Gepck den Boh aufwrts, whrend die
Kajan noch den Rest ihrer Sachen vom Kiham Hida nach unserem Lager
schafften. Abends sollten sich die beiden Gesellschaften jedoch
wieder bei uns vereinigen. Gegen Mittag desselben Tages meldeten
uns zwei Personen aus Long Tepai den Tod von _Bo Uniang_, den wir
jeden Augenblick erwartet hatten. Das Herz klopfte mir im Gedanken an
eine Vereitelung meines Zuges im letzten Augenblick; _Anjang Njahu_,
der mich nach _Kwing Irangs_ Htte abholen kam, gab mir jedoch im
Geheimen zu verstehen, dass sein Huptling selbst nicht nach Long
Tepai zurck wolle, dass er aber des ungnstigen Eindrucks wegen, den
es auf das Volk machen wrde, seinen Wunsch nicht durchsetzen knne
und ich ihn daher gleichsam mit Gewalt zurckhalten msse, indem ich
auf mein langes Warten, auf die bereits getroffenen Vorbereitungen
u.s.w. hinweise. Gegen diesen Vorschlag hatte ich nichts einzuwenden
und so liess ich mir ruhig von den Boten berichten, dass _Bo Uniang_
bereits seit langer Zeit an einer Bauchkrankheit gelitten hatte und
zuletzt, wohl auch infolge der vielerlei schlechten Arzneien, welche
Dajak, Malaien und Chinesen sie der Reihe nach hatten schlucken
lassen, gestorben war. Die Boten waren nur mit der Verkndigung
der Todesnachricht beauftragt und versuchten nur sehr schchtern,
_Kwing Irang_ zurckzuhalten; sie fuhren auch sehr bald weiter nach
Long Deho. Von diesem Dorfe aus hatte man mir sagen lassen, dass man
mir 2-3 Tage spter ein Boot mit vollstndiger Bemannung nachsenden
wolle, aber _Midan_, der berbringer dieses Berichtes, erklrte,
die vornehmsten Long-Glat htten sich so sehr dem Spiel ergeben und
jeder litte so stark an Nahrungsmangel, dass an eine Ausfhrung des
Planes in nchster Zeit nicht zu denken sei.

Durch pltzlich eingetretenes Hochwasser aufgehalten kam die
eigentliche Gesandtschaft erst 2 Tage darauf, um _Kwing Irang_
offiziell nach Long Tepai zurckzurufen. Zum Glck hatte ich bereits
morgens, laut unserer Vereinbarung, die Kenja in Gesellschaft von 6
Kajan in 2 Bten endlich den Boh hinauffahren lassen, um unsere Ankunft
in Apu Kajan zu melden. Vorher hatte _Taman Ulow_ nochmals in _Kwing
Irangs_ Gegenwart deutlich von mir hren wollen, was er _Bui Djalong_
als Begrndung meiner Reise angeben solle, wobei ich kurz das "_nem_
(Verbesserung) _urib_" (des Bestehens) der Bevlkerung am Mahakam
und Kajan betonte, augenscheinlich zu beider Zufriedenheit. Zum
Abschied musste ich _Ulow_ noch ein Kopftuch und seinen Gefhrten
ein Stck rotes, golddurchwirktes Zeug schenken, wie er sagte:
"_nen kenap deha njam_" "zur Verbesserung der Stimmung seiner jungen
Mitgesellen." _Taman Ulow_ selbst war brigens ber sein Extrageschenk
ebenso glcklich wie seine Genossen.

Der Gesandte von Long Tepai war niemand Geringeres als _Bo Tijung_,
der vornehmste Dorflteste, der mit seinen Begleitern in Kleidung,
Haltung und Stimme die tiefste Trauer ausdrckend ber die letzten
Ereignisse in Long Tepai ausfhrlich berichtete und sich dann in
eingehende Betrachtungen ber das, was "man" von _Kwing_ erwartete,
was die _adat_ verlangte und dergleichen mehr vertiefte. Alles lief
darauf hinaus, dass _Kwing Irang_ zurckkehren und das Begrbnis seiner
Schwester mit besorgen helfen msse, wobei man mir das glnzende
Vorbild von _Bo Ledj Aja_ vorhielt, der auf die Nachricht vom Tode
seiner Schwester hin von seiner angetretenen Kopfjagd nach dem Barito
ebenfalls heimgekehrt war. Obgleich ich in den letzten Tagen bereits
gehrt hatte, dass zwischen _Kwing Irang_ und _Bo Tijung_ im Lager
von Long Kawat bereits alle Massregeln fr einen eventuellen Tod der
alten _Bo Uniang_ getroffen worden waren, ging ich auf die Komdie
doch ernsthaft ein. Seitens der Long-Glat waren die Vorstellungen
vielleicht doch wirklich ernst gemeint, weil sie selbst jedenfalls
nicht mitdurften, was fr sie eine grosse Enttuschung bedeutete,
und sie _Kwing Irang_ berdies nicht die Ehre gnnten, als erster
und mit mir die Reise zu den Kenja zu unternehmen. Sie zeigten sich
denn auch nicht zufriedengestellt mit meiner Bemerkung, ein so grosser
Huptling, wie _Kwing Irang_, drfe nicht wie ein gewhnlicher Mensch
dem Zug seines Herzens folgen, sondern msse sich berwinden, wenn
es wie hier im Interesse aller Mahakambewohner eine wichtige Reise zu
unternehmen gelte. Wohl gab _Bo Tijung_ dies alles zu und besttigte
die Notwendigkeit unseres Unternehmens, doch wiederholte er auf
die verschiedenste Weise, was die _adat_ bei solchen Gelegenheiten
verlangte und wie man ihr frher gefolgt sei. Ich musste ihm denn
auch deutlich machen, dass ich es ihnen allen sehr bel nehmen wrde,
falls _Kwing_, zurck ginge, nachdem ich so viele Monate auf ihre
_adat_ und alle ihre Hindernisse Rcksicht genommen hatte, auch
usserte ich meine Verwunderung ber die geringe Einsicht, die er an
den Tag legte. Gegen diesen Vorwurf hielt _Bo Tijung_ nicht stand und
behauptete, dass er die Verhltnisse selbst sehr gut einsehe, dass es
aber seine Pflicht sei, mir die Ansicht der Leute auseinanderzusetzen.

Whrend unserer ganzen Unterhaltung sagte _Kwing_ nur sehr wenig,
doch erklrte er sich zum Schluss, falls ich so fest auf seinem
Bleiben bestehe, geneigt, mit den Boten von Long Tepai ber das
Begrbnis seiner Schwester zu beratschlagen. Mit dieser Erklrung
zufriedengestellt eilte ich nach meinem Zelt zurck. Als ich abends,
nach der Abreise der Long-Glat, den braven, alten _Kwing_ nochmals
besuchte, usserte er sich ber seinen Beschluss, am Reiseplan
festhalten zu wollen, sehr befriedigt. So wurden denn die letzten
Vorbereitungen zu unserer eigenen Abreise getroffen.





KAPITEL XII.

    Aufbruch von der Bohmndung am 6. August--Reise auf dem Boh
    und seinen Nebenflssen Oga, Temba und Meseai--Landweg ber die
    Wasserscheide--Begegnung mit unserer Gesandtschaft--Freundlicher
    Empfang seitens der Kenja in Apu Kajan--Einzug in Tanah Putih am
    5. September.


Am 6. August brach nach einem hastig eingenommenen Frhstck fr uns
alle die Erlsungsstunde an. Die Bte waren zwar schwer beladen,
konnten aber doch alles Gepck aufnehmen. Die Natur schien unsere
Feststimmung zu teilen, ein freundlicher Sonnenschein belebte das
vor uns sich ausbreitende Flusstal. Das sehr niedrig stehende Wasser
gestattete eine schnelle Fahrt und ermunternd wirkte der Eifer, mit
dem unsere Bootsmnner ihre Ruder krftig ins Wasser schlugen und an
untiefen Stellen ihre Fahrzeuge mit den Stangen vorwrtsstiessen.

Unser Lagerplatz hatte sich an einer sehr engen Flussstelle befunden,
weiter oben erweiterte sich das Bett bis auf 100 m und mehr und breite
Schuttbnke lagen bloss zu beiden Seiten. Wir hielten an diesem
Tage stndig am linken Ufer und kreuzten nicht wie gewhnlich, zur
Vermeidung der starken Strmung, von der einen Uferbucht nach der
anderen, auch blieb mein Boot whrend der ersten Hlfte der Fahrt
immer das vorderste. Da wir zufllig an der linken Uferseite fuhren
und die andere zu weit entfernt war, hrten meine Ruderer den ersten
wahrsagenden Vogel zuerst rechts von sich. Er prophezeite also eine
glckliche Reise, ein Umstand, der den Kajan und Pnihing, wie ich
spter erfuhr, whrend der vielen Schwierigkeiten, welche diese Reise
mit sich brachte, zu grossem Trost gereichte.

Nach dreistndiger Fahrt passierten wir eine Landzunge, auf der
unsere Malaien einige Tage vorher das Gepck unter alten Segeltchern
niedergelegt hatten; gegen Mittag fuhren wir an der Mndung des Mujut
vorbei und setzten die Reise noch bis 1/2 4 Uhr nachmittags in einem
Stck fort, bis wir einen eben erst verlassenen Lagerplatz erreichten,
auf dem unsere Gesandtschaft augenscheinlich bernachtet hatte. Dieser
Fleck war gnstig gelegen, nmlich an der Mndung eines kleinen
Nebenflusses, wo eine Schuttbank am Ufer abends ein Ausruhen unter
freiem Himmel gestattete, so dass man nicht zu stndigem Aufenthalt im
schwlen Walde gezwungen war. Oberhalb Long Mujut verndern Bett und
Ufer des Flusses sehr bald ihren Charakter; die breite Wasserflche mit
den flachen, waldreichen Ufern wird ziemlich pltzlich verengt durch
steil aus dem Bett sich erhebende Hgel und Berge, welche auf einigen
Strecken eine wilde, mit dichtem Busch bedeckte Landschaft bilden. Sehr
bald gestattete die Hhe der Ufer berhaupt keine bersicht mehr, und
mussten wir uns bis zum Schluss der Reise mit unserer unmittelbaren
Umgebung zufriedenstellen, die brigens wegen der sehr schwierigen
Fahrt unsere ganze Aufmerksamkeit zu erfordern begann.

_Kwing Irang_ gab mir abends, als wir nebeneinander auf der Schuttbank
sassen, einen Beweis von dem Ernst, mit dem er unser Unternehmen
auffasste, durch seinen Vorschlag, nicht smtliche Mnner das im Walde
zurckgelassene Gepck abholen zu lassen, sondern diese Arbeit nur
den Malaien aufzutragen und die Kajan inzwischen mit einem anderen
Teil des Gepckes so weit als mglich wieder flussaufwrts zu senden,
damit wir bereits am bernchsten Tage weiterreisen konnten. Das
geschah denn auch; bereits um 3 Uhr nachmittags waren die Malaien
wieder bei uns zurck, whrend die Kajan erst nach Einbruch der
Dunkelheit den Fluss wieder herabgefahren kamen; sie hatten jedoch
den folgenden Lagerplatz unserer Gesandtschaft wieder erreichen knnen.

Am 8. August konnte ich den Kajan nur mit Mhe begreiflich machen, dass
wir jetzt mit allem Gepck zugleich die Fahrt fortsetzen konnten; sie
hielten dies fr unmglich, weil ihnen augenscheinlich ein berblick
ber Gepck und Bte fehlte. Als aber alles geladen war und die Bte
in dem noch strker gefallenen Wasser doch noch fahren konnten, machten
sich alle wohlgemut auf den Weg. Das Tal des Boh wurde enger und enger
und die steilen Lehmfelsen der Ufer trugen nur noch an wenigen Stellen
ein Pflanzenkleid; grosse Felsblcke lagen auch im Flusse selbst und
zwangen uns, mit viel berlegung zwischen ihnen hindurchzufahren.

An einer Stelle, wo der Fluss eine 400 m hohe Hgelreihe durchbrach,
musste alles Gepck 3 Mal nacheinander aus den Bten genommen werden,
um diese mittelst Rotang die Wasserflle hinaufziehen zu knnen. Dies
geschah an der rechten Uferseite, weil sich links eine lotrechte
Felswand hoch ber die Wasserflche erhob. Einer dieser Wasserflle
hiess Kiham Hulu; erst gegen 2 Uhr hatten wir sie passiert und ging
die Fahrt zwischen sehr steilen Ufern und kleinen Felsblcken im
Flusse weiter. Das uns umgebende dunkel lehmfarbige Gestein und das
ber die Felswnde hngende tiefe Waldesgrn machten einen finsteren
Eindruck; die Abwesenheit jedes menschlichen Wesens wirkte noch dazu,
wie brigens auf der ganzen Reise, niederdrckend.

Anderthalb Stunden oberhalb des Kiham Hulu schien ein 30 m hoher
Block den Fluss gnzlich abzuschliessen; in der Nhe jedoch zeigten
sich zu beiden Seiten desselben 6-7 m breite Spalten, durch die wir
die Bte hinaufziehen lassen mussten. Der schn rote, aus dnnen
Jaspisschichten bestehende Felsblock bot seiner Steilheit wegen den
Kajan zum Hinaufklettern keine Sttzpunkte, so dass diese die Bte
nicht, wie blich, von oben mit Rotangseilen um ihn herumziehen
konnten; wir htten trotz des sehr gnstigen Wasserstandes nicht
gewusst, wie die starke Strmung in dieser Enge berwinden, da auch
die beiden Ufer aus sehr steilen, unzugnglichen Felsen bestanden,
wenn sich nicht an dem zu einer Art von untiefen Bai ausgehhlten
rechten Ufer eine grosse Menge toten Holzes, worunter schwere Bume,
aufgestapelt gehabt htte, welch letztere so hoch an der Felswand
hinaufreichten, dass die Kajan ber diese hinweg eine niedrigere
Stelle der Wand erklimmen konnten. Hier fanden ihre blossen Fsse
einen gengenden Halt, um die Fahrzeuge an zugeworfenen Rotangkabeln
durch die Enge zu ziehen. Diese war nur 25 m lang, doch lagen dicht
oberhalb derselben wieder 3 grosse Blcke im Flusse, der sich zwischen
diesen mit vielen Stromschnellen hindurchwand. Auch hier mussten
die Bte an Rotangkabeln gezogen werden, was bei hherem und daher
ungestmerem Wasser unmglich gewesen wre. Zum Glck erreichten
wir bald die Stelle, wo unser Gepck lag, und konnten uns von allen
Anstrengungen erholen. Nach _Demmeni_ hatten wir an diesem Tage
einen Abstand von 11 km zurckgelegt und zwar gerade in nrdlicher
Richtung. Ich hatte jetzt, wo _Bier_ nicht mehr da war, um den Fluss
sorgfltig topographisch aufzunehmen, mit _Demmeni_ verabredet, dass
er unseren Reiseweg auf dieselbe Weise messen sollte, wie er es im
Jahre 1896 am Mahakam getan hatte, nmlich indem er die Flussrichtung
mit der Handbussole bestimmte und die Abstnde schtzte. Damals hatten
_Demmenis_ Messungen eine Karte mit relativ kleinen Fehlern ergeben;
so war es denn auch jetzt der Mhe wert, dass _Demmeni_ sich whrend
der ganzen Reise ernsthaft dieser Arbeit widmete.

Abends brachten mir die Pnihing einen 3/4 m langen, eigentmlichen,
rotbraunen Fisch, _keto_ genannt, der nach der Meinung aller Anwesenden
nur im Boh vorkam, whrend eine nahe verwandte Art im Mahakam lebte
und eine graue oder graue und schwarze Marmorierung zeigte.

Am anderen Morgen luden Eingeborene und Malaien wieder ihre Bte und
dehnten ihre Fahrt so weit aus, dass sie erst nach Sonnenuntergang
zurckkehrten. Nach ihrem Bericht kamen in diesem Teil des Boh bis
zur Mndung des Oga, den sie erreicht hatten und ein Stck weit
hinaufgefahren waren, keine Wasserflle mehr vor. Das war allerdings
wahr, im brigen erwies sich aber das Flussbett am folgenden Tage als
usserst ungnstig fr die Fahrt. Trotz des noch tieferen Wasserstandes
verhinderte die wegen der zahlreichen, das Flussbett verengenden
Blcke sehr heftige Strmung ein schnelles Vorwrtskommen, auch mussten
wir stndig auf der Hut sein, nicht auf einen unter Wasser liegenden
Felsen zu stossen; bei der so viel schnelleren Talfahrt musste diese
Gefahr noch viel grsser sein. Hufig zogen die Kajan die Bte an
Rotangkabeln lngs des Ufers vorwrts. Gegen 1 Uhr erreichten wir
die Ogamndung. Am rechten Bohufer hatten unsere Gesandten unter den
berhngenden Bumen einen langen Stock derart in den Boden gepflanzt,
dass sein freies Ende nach dem Nebenfluss wies; ungefhr 1500 m
weiter im Oga fanden wir unser aufgestapeltes Gepck. Das Nachtlager
der Kenja musste jedoch noch weiter oben liegen, weil sie mit ihren
leichter beladenen Bten auch grssere Tagereisen zurcklegen konnten.

Das Gestein, das wir an diesem Tage im Boh angetroffen hatten, glich
vllig demjenigen im Stromgebiet des Mahakam; es bestand meistens aus
dunklen Schiefern, die mit sehr regelmssig gelagerten Jaspisschichten
von weissgrauer, roter und schwarzer Farbe abwechselten. Der Oga
erwies sich als 30-50 m breiter Nebenfluss, der sich in die dunklen
Schiefer ein schmales, tiefes Bett mit steil aufsteigenden Seitenwnden
gegraben hatte. Seine Ufer waren bis hoch hinauf gnzlich nackt,
erst weiter oben setzte der Busch an mit senkrecht stehenden, 50-70 m
hohen Waldriesen, whrend die in anderen Flssen so charakteristischen
stark berhngenden Bume hier im harten Gestein aus Mangel an Raum
zum Wurzelfassen gnzlich fehlten.

Wir waren zeitig genug angekommen, um die Helligkeit noch zu allerhand
Arbeit bentzen zu knnen, besonders weil unsere Htten bereits Tags
zuvor aufgeschlagen worden waren.

Die Malaien wollten noch am Boh Hirsche jagen, wahrscheinlich trieb
sie aber nur die Neugier noch weiter den Fluss hinauf. _Tamoi_, einer
unserer besten Malaien, wollte sich jedoch gut ausrsten und bat daher
um mein Winchester Repetiergewehr, das ich ihm auch gab. Abends kehrte
die Gesellschaft aber unverrichteter Sache heim und _Tamoi_ gab mir das
Gewehr mit sehr bedrcktem Gesicht zurck, ber seine Jagderlebnisse,
die bereits die Lachlust der Kajan erregten, berichtete er mir aber
nichts. Seine Kameraden erzhlten jedoch, ihr Anfhrer habe, dem Ufer
des Boh entlang gehend, hinter einer Windung pltzlich vor 3 Hirschen
gestanden und auf 30-40 m Abstand dreimal auf sie geschossen, ohne
zu treffen, und die Tiere seien trotzdem stehengeblieben. Erst als
auf die vielen Schsse ein anderer Malaie angelaufen kam, seien die
Hirsche im Walde verschwunden; die Tiere kannten in dieser friedlichen
Gegend kein Misstrauen. Dieselbe Beobachtung hatten wir brigens bei
unserer Expedition ins Quellgebiet des Mahakam bereits gemacht. Die
Frhlichkeit unserer Malaien ber das Abenteuer machte bald einer
bitteren Enttuschung Platz, weil wir alle seit Monaten nur Fische
als Fleischspeise genossen und uns daher auf einen Wildbraten gefreut
hatten; der arme _Tamoi_ musste sich seiner Ungeschicklichkeit wegen
viele Sticheleien gefallen lassen.

Die Kajan begannen frh am anderen Morgen hoch ber der Erde eine
kleine Reisscheune zu errichten; sie erzhlten, es sei bei ihnen
Sitte, auf dergleichen gefhrlichen und langen Reisen hier und da im
Walde einen Reisvorrat zu verstecken, damit sie bei einer eventuellen
eiligen Flucht, bei der sie ihr Gepck zurcklassen mssten, einen
Reservefonds fnden. Auf der Rckreise von Apu Kajan wrde uns dieser
brigens ebenfalls von grossem Nutzen sein. _Kwings_ Sohn _Bang Awan_
begrub berdies unter der Htte einen emaillierten eisernen Teller,
aus Furcht, dass die Kenja sich diesen von ihm ausbitten wrden;
andere hingen unter dem Dach einige dicke Kriegsmtzen aus Rotang
auf, die sie sich abends als wirksames Verteidigungsmittel gegen
die so gefrchteten Kenja geflochten hatten. Leider konnte ich nicht
kontrollieren, wieviel Reis die Kajan in ihren Bten brig behalten
hatten, sonst wre ich ernsthaft gegen die Zurcklassung einer so
grossen Menge aufgetreten, denn, wie es sich spter erwies, reichten
sie bei weitem nicht damit aus.

Die Kajan hielten es in diesen so gut wie nie besuchten Wldern fr
berflssig, die Reisscheune besonders zu verbergen, auch wrden
in diesem Gebiet umherschweifende Punan sie nach ihrer Meinung
doch entdeckt haben. Gegen diese baten sie mich aber, die Htte
durch Anhngen einiger Stcke Zeitungspapier zu schtzen, das seiner
geheimnisvollen Buchstaben wegen auf die Bewohner Mittel-Borneos stets
einen sehr tiefen Eindruck macht. _Kwing_ hatte frher bereits seinen
Untertanen das Fischen weiter oben im Blu-u durch ein an einen Rotang
befestigtes Papierstck verboten (Teil I Taf. 67). Aus der Vorstellung
der Dajak, dass die Menschen lesen knnen, weil die Buchstaben ihnen
etwas zuflstern, lsst sich ihre Ehrfurcht vor allem Gedruckten und
Geschriebenen begreifen. Ein eigenartiges Beispiel von der Wirkung,
welche ein Brief ausben kann, werden wir bei den Kenja kennen lernen.

Infolge der grossen Menge zurckgelassenen Reises war unser Gepck
stark vermindert, und da auch unsere 65 Mann tglich ein bedeutendes
Gewicht verzehrten, brauchten sich an diesem Tage nicht alle mit
dem Gepcktransport abzugeben. _Bang Awan_ fand daher die Musse,
um sich zur Vorbereitung unseres weiteren Zuges nach dem oberen Oga
auf Kundschaft zu begeben; gleichzeitig wollte er ein Wildschwein
zu erlegen versuchen, weswegen der sachverstndige _Abdul_ ihn
begleiten sollte. Einen Teil der Malaien behielt ich bei mir zurck,
weil ich die Gerllbnke oberhalb der Ogamndung im Boh untersuchen
wollte, teils um das Gestein dieses Stromgebietes kennen zu lernen,
teils um mich davon zu berzeugen, ob der Schmuckstein der Bahau,
der Batu Boh (ein Serpentin), von dort oder aus dem Oga stammte. Eine
schne Sammlung von Schmucksteinen aus alten Schiefern, Hornstein und
Jaspis konnte ich abends als Resultat meines Ausfluges in ein leeres
Salzgefss verpacken und in die Reisscheune stellen, um es auf der
Rckreise wieder mitzunehmen.

Unser Gepck wurde an diesem Tage flussaufwrts bis oberhalb Long-Glat
geschafft, der Mndung des Glat, eines rechten Nebenflusses des Oga,
nach dem die Long-Glat ihren Namen tragen. Zu unserer aller Freude
brachte _Bang Awan_ abends wirklich ein Schwein mit, so dass wir nach
langer Zeit wieder frisches Fleisch zur Mahlzeit geniessen konnten.

Am 12. August brachte ich meine Malaien und Kajan nur mit Mhe und
erst um 1/2 9 Uhr in Bewegung. Nur zu bald lernte ich den Grund
ihres geringen Eifers kennen. In dem engen, von hohen Bergwnden
eingeschlossenen Tal des Oga, wo sich keine Schattenbume ber den
Fluss neigten, war es drckend heiss und eine beinahe ununterbrochene
Reihe von kleinen und grossen Wasserfllen erschwerte die Fahrt
in hohem Grade. Nicht weniger als 27 Wasserflle und Stromschnellen
versperrten den Weg; von jenen war einer 3 m hoch, whrend diese bis zu
70 m lang waren. Die stets gleich steil bleibenden Ufer verhinderten
hufig ein Schleppen der Bte mittelst Rotang und die Felsblcke im
Bette lagen so dicht beieinander, dass die meisten Fahrzeuge nur mit
Mhe hindurchkonnten und das meine ab und zu hinbergehoben werden
musste. Als wir um 4 1/2 Uhr abgemattet und von Kopfschmerzen geplagt
den Lagerplatz unseres Gepckes erreichten, waren wir alle froh, die
Bte verlassen zu knnen. Unsere Nachtruhe wurde jedoch stark durch
unsere Hunde gestrt, die unter grossen Mengen Agas (kleiner Mcken)
sehr zu leiden hatten.

Auf _Kwings_ Vorschlag, am anderen Tage auszuruhen, ging ich denn auch
bereitwillig ein; brigens war von eigentlicher Ruhe, wie gewhnlich
an solchen Tagen, keine Rede, nur bentzte ihn jeder, um zu tun,
was er wollte. Einige Mnner beschftigten sich damit, den Rotang
an den Bten zu erneuern, die Haken an die Bootsstangen von neuem zu
befestigen und die Speere zu untersuchen; andere begaben sich in den
Wald, um den dicken Bambus, _betong_, der am Mahakam beinahe nicht
vorkommt, zur Herstellung von Bambusgefssen zu schneiden. _Kwing
Irang_ selbst begab sich in grsserer Gesellschaft und in mehreren
Bten an den oberen Oga, um dort zu jagen und zu fischen, und kehrte
abends mit der guten Nachricht zurck, dass er keinen Menschen noch
frischen Spuren von solchen begegnet sei, einen Hirsch erlegt und
nicht weniger als 12 _njaran_, salmartige Fische, gespiesst habe. Auch
eine Truppe Pnihing, die den Glat hinaufgefahren, und eine andere,
die zur Erforschung des Temha oder Pawil ausgezogen war, hatte zur
grossen Beruhigung aller keine Menschen gesehen.

Je weiter wir den Fluss hinauffuhren, desto ngstlicher war unsere
Gesellschaft geworden und baute daher, wo das Gelnde es zuliess,
ihre Htten zum Schutze um die unsere herum. Einen zum Aufschlagen des
Lagers geeigneten Platz zu finden, war brigens nicht immer leicht;
am Temha, den wir vom Oga aus hinauffahren mussten, sollte dies nach
Angabe der Kenja noch schwieriger sein; wir hatten daher mit ihnen
vereinbart, dass sie uns durch Zeichen die Stellen angeben sollten,
an denen wir bernachten mussten und nach 12 Uhr mittags nicht
vorberfahren durften.

Am 14. August machten sich alle schon sehr frh auf, um das Gepck so
hoch als mglich den Temha hinaufzuschaffen, so dass wir mit _Kwing_
einen sehr ruhigen Tag zubrachten. Erst beim _liling duan_ (Singen der
Zikade bei Sonnenuntergang) kehrten die Bte mit der Meldung zurck,
dass sie bis zu einer sehr engen Stelle im Temha gekommen seien,
wo die sehr steilen Wnde zum Stapeln des Gepckes nur hoch ber der
Wasserflche einen Platz geboten htten.

Bereits um 6 Uhr morgens machten sich die Kajan an das Abbrechen des
Lagers; sie wollten ihr Frhstck nmlich gern an der Mndung des
Glat einnehmen, einem verbreiterten Teil des Ogatales, der wegen
der zahlreichen Erzhlungen aus ihrer Mythenwelt, die sich hier
abgespielt haben sollen, fr sie einen besonderen Reiz barg. Whrend
der Vorbereitung zur Mahlzeit und dieser selbst usserten sie denn
auch eine grosse Lebhaftigkeit. Die romantische, bis jetzt sehr
gnstig verlaufende Reise nach Apu Kajan, der Aufenthalt an diesem
denkwrdigen, sagenreichen Ort, wo ihr mythischer Held _Bun_ nach der
berlieferung abends, morgens und nachts zu fischen pflegte, das alles
versetzte sie in heitre Stimmung und liess sie die ausgestandenen
Strapazen vergessen und der kommenden nicht achten. Allerdings war
es ihnen in dieser Umgebung nicht ganz geheuer, auch hatten sie es
whrend der ganzen Reise vermieden, ein Stck aus der _Bun_-Sage zu
rezitieren, was sie sonst abends im Lager zu tun pflegen.

Eine aufgerumte Stimmung hatten meine Leute wohl sehr ntig, denn
gleich nach unserem Aufbruch mussten wir uns durch drei Stromschnellen
hindurcharbeiten; darauf fuhren wir an einer kleinen Insel mit einer
durch die Sage bekannten _neha_ (Gerllbank) _Kelai_ vorbei und
befanden uns am Einfluss des Temha, eines linken Nebenflusses des
Oga. Whrend uns dieser mehr nach Westen gefhrt hatte, brachte uns
der Temha wieder gerade nach Norden. Es war dies ein sehr kleiner,
nur 15-20 m breiter Fluss, der sich zwischen dunklen Schieferfelsen
sehr tief und mit starkem Geflle hindurchpresste; alle 50 m hatten
wir eine Stromschnelle zu berwinden, von denen einige eine bedeutende
Lnge erreichten. Infolge der anhaltenden Trockenheit war das Wasser
besonders fr mein grosses Boot nicht tief genug und musste es von den
Mnnern stndig ber das Geschiebe der Stromschnellen gestossen und
gezogen werden. Die Verhltnisse wurden nicht besser, als der Temha
sich weiter oben gabelte und wir seinen linken Arm hinauffuhren. Hier
waren die Ufer oft lotrecht, sogar berhngend, whrend der nur 5-8
m breite Fluss mit seinen zahlreichen Windungen besonders fr die
Talfahrt nichts Gutes versprach. Das Gebirge bestand hier auch aus
dunklen Schiefern, stark durchsetzt von weissen Quarznestern. Bereits
um 2 Uhr erreichten wir eine Stelle, an der uns ein Zeichen am Ufer
zum Biwakieren aufforderte; aus Furcht, das nchste Zeichen nicht
mehr erreichen zu knnen, wagten wir uns auch nicht weiter. Der
Platz schien hufig zum Lagern bentzt worden zu sein, denn es
dauerte lange, bevor wir fr unsere Htten eine gengende Menge
kleiner Stmme beisammen hatten, auch waren diese dicker und unser
Zelt daher fester als gewhnlich. Wir waren an diesem Tage etwa 40
m mit den Bten gestiegen. Nach aller Ermdung hatte unsere ganze
Gesellschaft hier stark unter den Stichen einer Milbe zu leiden,
die zwar nur so gross wie der Kopf einer kleinen Stecknadel war,
trotzdem aber heftiges Jucken und Schmerzen verursachte.

Am 16. Aug. machten sich die Leute mit dem Gepck wieder voraus auf
den Weg und kehrten abends wieder zurck, ganz unter dem Eindruck
der Schwierigkeiten, welche sie an diesem Tage zu berwinden gehabt
hatten. Nach ihrer Aussage bestand das Bett des Temha weiter oben
aus einem engen, finstern Spalt, ausserdem kamen in ihm viele hohe
Stromschnellen vor; bei diesen hatten sie alles Gepck aus den Bten
nehmen mssen, um dann die flachen Fahrzeuge ber die Felsblcke
ziehen zu knnen, auf die sie Baumstmme gelegt hatten. An der von
_Taman Ulow_ als Lagerplatz bezeichneten Stelle waren sie bereits frh
vorbeigefahren, die folgende hatten sie jedoch nicht mehr erreicht
und daher das Gepck auf einem sehr hoch ber den Fluss emporragenden
Felsen niederlegen mssen.

Auch wir waren am folgenden Tage schon um 12 Uhr an der bezeichneten
Stelle, nach einer usserst schwierigen Fahrt durch den sehr finsteren,
drohenden Felsspalt, der nirgends ber 10 m breit war. Ich wagte nicht,
an diesem Tage noch weiter zu fahren, weil der sehr hohe Uferwald
nirgends einen Lagerplatz bot. Am anderen Morgen arbeiteten wir uns
auf dieselbe anstrengende Weise weiter fort, passierten gegen Mittag
unser Gepcklager und fanden weiter aufwrts bei Long Mengow an einer
Flussverbreiterung mit grossem Platz zum Kampieren unsere Kajan bereits
emsig mit dem Httenbau beschftigt. Mit Rcksicht auf unseren kargen
Vorrat an Nahrungsmitteln fand ich jedoch eine so frhe Rast trotz
der Anstrengungen dieses Tages sehr gewagt. Als die Leute meinem
Befehle, das Gepck wieder einzuladen, diejenigen, die im Walde Holz
hackten, zurckzurufen und weiter zu fahren, nicht geneigt schienen,
Folge zu leisten, sandte ich _Lalau_ zu _Kwing_, der bereits unter
einem provisorischen Zelte sass, um diesem begreiflich zu machen,
dass wir bis zum Einbruch der Dunkelheit noch lange fahren knnten
und somit sicher einen anderen Lagerplatz finden wrden. _Kwing_
usserte zwar seine Bedenken doch fand auch er, dass ein schnelles
Weiterkommen dringend notwendig war, und so mussten denn alle wieder
die Bte besteigen und sich von diesem Wildniseldorado trennen.

Die Weiterfahrt begann nicht ermutigend; der Temha bildete in
einer hohen Felswand einen neuen, diesmal nur 5 m breiten Spalt,
in dem einige grosse Steinblcke festgeklemmt lagen, so dass die
Bte sogleich wieder ausgeladen und mit Hilfe von Stmmen, welche
ber die Blcke gelegt wurden, aufwrts gezogen werden mussten. In
dieser Enge musste berdies das eine Boot auf das andere warten,
wodurch viel Zeit verloren ging; weiter oben mussten die Fahrzeuge
stndig ber Flussgerll geschleppt und 2 Mal ein hoher Wasserfall
passiert werden. Der erste wurde durch einen riesigen Eisenholzbaum
gebildet, der von oben in den engen Spalt gestrzt war und jetzt als
Wehr fr das 3 m hoch darber niederfallende Wasser diente. Das in
grossen Massen aufgestaute tote Holz bildete einen wahren Damm. Das
Vorwrtskommen wurde immer schwieriger, und da der Nachmittag seinem
Ende nahte, beschlich mich die Angst, dass wir am Ende in den Bten
wrden bernachten mssen, was bei pltzlich eintretender Hochflut
sehr gefhrlich werden konnte. Das Wetter war uns bis jetzt zwar
immer gnstig gewesen, doch verliessen wir uns nie fest darauf,
sondern packten die Bte fr die Nacht stets aus und zogen sie meist
aufs Land. In unserer spelunkenhaften Felsspalte begann es bereits zu
dmmern, als wir zu unserer grossen Freude Holzsphne vorbeitreiben
sahen; _Kwing_, der vorausgefahren war, fllte also bereits Holz. Nach
einer halben Stunde erreichten wir denn auch die Lagerstelle, auf der
meine Htte und einige andere bereits halbfertig dastanden. Auf einer
kleinen Sandbank an dem etwas flachen rechten Ufer machten wir uns
einige Bewegung; hier vereinigte sich nach und nach auch die ganze
Gesellschaft, kochte ihren Reis und genoss der Abendkhle nach dem
schweren Tag.

Wir hatten brigens noch eine wichtige Angelegenheit zu behandeln. Die
Kajan wollten nmlich am folgenden Tage nur das Gepck weiter befrdern
und uns wieder zurcklassen, worauf ich mit Rcksicht auf den stark
abnehmenden Reisvorrat meiner Malaien nicht eingehen durfte. Nachdem
die Kajan so viel Reis deponiert hatten, konnte ich nicht mehr darauf
rechnen, dass sie mir von ihrem eigenen Vorrat viel abtreten wrden,
worauf ich _Kwing_ sehr eindringlich aufmerksam machte. Zu meinem
grossen Erstaunen hielten die Kajan ihr am Oga gegebenes Versprechen,
im Notfall aushelfen zu wollen, und schenkten meinen Malaien einen
ganzen Pack (_lewo_) Reis. So erlaubte ich ihnen denn, am anderen
Morgen nur das Gepck hinaufzutransportieren, und _Bang Awan_,
zur Untersuchung unseres weiteren Weges vorauszufahren. Wie dieser
abends berichtete, hatte er den Meseai, ein linkes Nebenflsschen
des Temha, von dem aus der Landweg zum Kajanfluss begann, gefunden,
ihn aber wegen der Gerllmassen im Bette nicht hinauffahren knnen.

In der angenehmen Hoffnung, dass dieser Tag, der 20. August, der sehr
schwierigen Fahrt in der niederdrckenden Umgebung ein Ende machen
wrde, kochten die Kajan morgens bereits sehr frh und nahmen den
Reis in den Bten mit, um weiter oben zu frhstcken.

Bei dem grossen Eifer, der jetzt alle ergriff, mussten wir einige
Kranke mit Gewalt bei uns zurckhalten und sie darber beruhigen,
dass die anderen sie nicht der Faulheit beschuldigen wrden. In
der Tat wren an diesem Tage alle Arbeitskrfte ntig gewesen,
und endlose Stromschnellen und Wasserflle hatten die Bootsleute
berwinden mssen, bevor sie den _taga_ (trocken) _harok_ (Boot),
den Anlegeplatz der Bte vor dem Landwege zum Kajanfluss, erreichten
und alles Gepck dort niederlegten. Da nun aber die Baumstmme ber
die Wasserflle bereits gelegt und die hinderlichsten Steine beseitigt
waren, verbesserten sich unsere Reiseaussichten; auch fiel abends der
erste Regen auf unserer Fahrt und beseitigte eine grosse Schwierigkeit,
den sehr niedrigen Wasserstand.

Am 21. August brachen wir also unser letztes Lager im Mahakamgebiet
ab und fuhren bis zum Anfang des Landweges. Auf mich machte die
Fahrt auf dem Meseai einen weniger dsteren Eindruck als die auf
dem Temha, weil die Felswnde uns hier nicht so steil zu beiden
Seiten einschlossen und wir ein grsseres Stck Himmel ber uns
erblickten. Die Schwierigkeiten, besonders das Schleppen der Bte,
waren jedoch noch sehr gross, das Gepck musste sogar ein grosses
Stck weit getragen werden.

Eines der grossen Bte musste im Temha zurckgelassen werden,
wo die Kajan es an Land zogen und fest an die Bume banden,
damit es bei Hochwasser nicht fortgerissen wrde. Das Steigen des
Wassers gestattete, alle anderen Bte im Meseai bis zum _taga harok_
hinaufzuschleppen, wo sie so hoch auf dem Ufer untergebracht wurden,
dass auch das strkste Hochwasser sie nicht erreichen konnte. Auf dem
brig gebliebenen Uferplatz bauten die Bahau unsere Htten, nur etwas
fester als sonst, weil unser Verbleib hier lnger dauern sollte. Seit
mehreren Geschlechtern hatten die Reisenden, die aus dem Gebiet des
Mahakam in das des Kajan oder umgekehrt zogen, die Bume auf diesem
kleinen, flachen Hgelgipfel gefllt und auch den umliegenden Wald
stark gelichtet.

Welch eine enorme Arbeit mein Personal auf diesem letzten Zuge
geleistet hatte, geht aus meinen Aufzeichnungen hervor, nach denen
wir auf dem usserst schlechten Gelnde mit unseren Bten tglich um
die folgenden Meterzahlen gestiegen waren:


Am 6. Aug. 8. Aug. 10. Aug. 12. Aug. 15. Aug. 17. Aug. 18. Aug. 20. Aug.
   20 m    20 m    30 m     60 m     60 m     30 m     60 m     50 m


Wir befanden uns also jetzt 330 m hher als an der Bohmndung.

Sehr zu statten kam uns ein von den Kajan gefundener Reispacken,
den unsere Gesandtschaft augenscheinlich zurckgelassen hatte, weil
er ihr zum Landtransport zu schwer war; ich erstand ihn zu mssigem
Preise fr meine Malaien. Einen Ruhetag glaubten die Kajan und Pnihing
durchaus ntig zu haben, und da ich in dieser unbekannten Gegend
die Trger nicht ohne weiteres vorausschicken konnte, sandte ich an
diesem Tage 3 Malaien unter _Delahits_ Fhrung zur Untersuchung des
Landweges aus. Die Kajan waren hierzu aus Furcht nicht zu bewegen.

Unter der ausdrcklichen Bedingung, dass sie ihren Lohn erst nach
unserer Rckkehr zum Mahakam empfangen sollten, hatte ich die Bahau in
meinen Dienst genommen, weil ich so viel Geld nicht mitfhren wollte
und die Leute es zu verlieren riskierten. Trotzdem machten jetzt
alle auf einen Teil ihres Lohnes Anspruch, um in Apu Kajan Handel
treiben zu knnen. Der ziemlich geringen Menge Silbergeldes wegen,
die ich bei mir hatte, kam mir diese Forderung recht ungelegen,
doch stellte ich die Mnner schliesslich mit einem Vorschuss von 10
fl pro Kopf zufrieden. Als ich ihnen dabei die Arbeitstage, welche
sie gut hatten, vorzhlte, meinte _Bo Bawan_, der auf der Reise auf
seine Weise Rechnung gefhrt hatte, sie kmen nach meiner Angabe um
1 Tag zu kurz. Er hatte nmlich an seinem Schwertgrtel eine Schnur
befestigt und an dieser jeden gltigen Tag mit einem Knoten bezeichnet;
im Lauf unserer Unterhaltung gab er in der Tat von jedem Knoten an,
welchen Tag er vorstellte. Dessenungeachtet erwies sich bei einer
eingehenden Besprechung der Angelegenheit, der die brigen mit grossem
Interesse folgten, meine Rechnung als die richtigere. Von den anderen
Kajan schien keiner die Anzahl Tage gut gemerkt zu haben. Die Malaien
begannen sich nun auch mit Tauschartikeln zu versorgen und baten
jeder um einen Packen weissen Kattuns, den ich ihnen meines grossen
Vorrats wegen gern zugestand.

Abends nach Sonnenuntergang kehrten die malaiischen Kundschafter
zurck; sie waren dem Pfad bis in das Tal des Laja, eines Quellflusses
des Kajan, gefolgt; er war zwar lang, aber gut passierbar, so dass sie
noch abends hatten zurckkehren knnen. Auf diesen Bericht hin wurde
beschlossen, das Gepck halbwegs auf die Wasserscheide, _ngalang_
(Berg) _hang_ (zwischen), bringen zu lassen und am folgenden Tage
selbst nachzukommen.

So wurde denn am 23. August unser Hab und Gut so gerecht als
mglich den verschiedenen Rcken aufgebrdet, und ausser den 4
Malaien, die von ihrer Entdeckungsreise tags zuvor steife Beine
behalten hatten, machten sich alle auf den Weg. Dieser ruhige Tag
schien mir zur Behandlung der Reisfrage mit _Kwing_, der selbst im
Lager blieb, sehr geeignet. Besonders fr uns und die Malaien war
diese Frage sehr brennend geworden, denn wir lebten bereits seit
mehreren Tagen von dem Reis, den die Kajan uns verkauft hatten,
und nun behaupteten diese, uns nichts mehr abtreten zu knnen. Im
Geheimen teilte _Kwing_ mir mit, dass einige Kajan doch noch Reis zum
Verkauf brig htten und er mit den Betreffenden nach ihrer Rckkehr
darber reden wollte. Abends gelang es mir denn auch, noch einen
Packen fr 10 fl zu kaufen, also fr 25-30 fl den Pikol, ein sehr
hoher Preis, den die Umstnde entschuldigten. Whrend ich nachts
wach lag, beschloss ich, trotz des hohen Preises und der erwarteten
Hilfe der Kenja doch noch einen zweiten Reispacken zu kaufen, aber
morgens verlangte der junge Besitzer desselben 25 fl statt 10 fl,
wie abends vorher. Die Huptlinge verurteilten zwar eine derartige
Ausntzung einer Notlage, besonders gegenber einer Person, die dem
Betreffenden am Mahakam mit vieler Sorge und Pflege das Leben gerettet
und hierfr nichts empfangen hatte, doch meinten sie, nichts dagegen
tun zu knnen. Trotz der vielen Schwierigkeiten, die sich mir seit
Jahren entgegengestellt hatten, passierte es mir jetzt zum ersten Mal,
dass ich meine Selbstbeherrschung verlor; ich strzte in einem Anfall
von Entrstung und Wut nach der Htte, wo der junge Mann (_Sawang
Ulo_ Tafel 7) vor seinem Reispacken sass, drohte ihm mit dem Stock,
schleuderte ihn an der Schulter zur Seite, ergriff den Reispacken und
warf ihn ein paar eiligst herbeilaufenden Malaien zu, mit dem Befehl,
ihn nach meiner Htte zu bringen. Whrend dieser heftigen, ungewohnten
Szene, die mir vor Erregung Trnen in die Augen trieb, hatte sich
niemand zu rhren gewagt, und ich sass bereits geraume Zeit wieder
in meinem Zelte, bevor ich einige Bewegung im Lager bemerkte. Zuerst
kamen _Kwing_ und _Bo Bawan_ zu mir, setzten sich sehr demtig auf
den Boden und baten um Verzeihung wegen der Unannehmlichkeiten, die
sie mir bereiteten, die jungen Leute (_deha njam_) wren zu dumm, um
zu begreifen, was sie tten, besonders der betreffende _Sawang_, der
mir jetzt den Reis gern fr den vereinbarten Preis von 10 fl abtreten
wollte. Obwohl innerlich froh ber diesen Verlauf der Angelegenheit,
hielt ich den beiden alten Anfhrern doch vor, dass sie bei einem so
schwierigen und gefahrvollen Zug derartige Ausschreitungen einzelner
selbst zu verhindern suchen mussten.

Ich glaube, die ganze Gesellschaft war nach diesem Auftritt froh,
sich mit einer Last auf den Weg machen zu drfen. Nach Vereinbarung
sollten die Mnner an diesem Tage fr sich selbst tragen (_maso_), in
Anbetracht dass ihre eigene Ausrstung, besonders an Tauschartikeln,
sehr schwer war. Einige boten sich an, auch fr mich noch etwas zu
tragen, so wurde ich noch ein paar Packen Kattun los. Mit Rcksicht
auf die lange, bereits hinter uns liegende Reise glaubte ich hhere
Anforderungen an meine Personal nicht stellen zu drfen; meine
Ungeduld, jenseits der Wasserscheide zu gelangen, war so gross,
dass ich berlegte, welches Gepck zurckgelassen und spter wieder
mitgenommen werden konnte. Die Tauschartikel waren unentbehrlich,
daher kam nur unsere persnliche Ausrstung in Betracht, und da
_Demmeni_ von der seinen nichts missen zu knnen glaubte, liess ich
meine Matratze, einen Klappstuhl und noch einiges andere zurck. Die
Kajan banden die Sachen aut unsere Schlafbnke fest und bedeckten
sie mit alten Palmblattmatten und Baumrinde; einige Monate spter
fand ich sie unversehrt wieder vor. Nachdem wir auch die Bte vor
Unfllen aller Art gesichert hatten, traten wir am 25. August um 7 Uhr
morgens den Marsch an. Erst ging es ein Stck weit durch den Meseai,
dann bestiegen wir den von diesem aus sich erhebenden Bergrcken,
der uns zum Gebirgspass bringen sollte. Auf dem in einem Winkel von
etwa 30 geneigten und direkt nrdlich gerichteten Abhang ging es,
bald steil aufsteigend, bald absteigend, weiter. Von 7 bis 1/2 1 Uhr
morgens stiegen wir vielleicht nur 500 m auf einem zwar breiten und von
den Kajan bereits ausgehauenen, aber sehr anstrengenden Pfade. Gleich
nachdem wir die uns erwartenden Kajan eingeholt hatten, kamen _Demmeni_
und ich an zwei grossen Bumen vorber, die der Sage nach von einer
bekannten Person gepflanzt worden waren. Wir mussten mit unseren
Revolvern auf sie schiessen, und die Kajan, die den Weg zum ersten
Mal betraten, ihre Speere auf sie schleudern. Die Trger blieben bald
hinter uns zurck und nur einige Malaien hielten aus Pflichtgefhl bei
uns aus. Gegen 11 Uhr konnte _Demmeni_ nicht weiter und blieb zurck,
um auf das Essen zu warten, das die Kajan trugen. Ein Stck weiter
stiess ich auf unser Gepcklager und jetzt sehnten wir uns nach einer
lngeren Rast als nur einer Viertelstunde nach je 3 Viertelstunden
Marsch, wie wir es an diesem Tage gehalten hatten. Einem der Koffer
mit Konservierungsmaterial fr Fische entnahm ich 6 Stpselflaschen
mit dem ntigen Formol fr eventuell zu fangende Fische, dann
erfrischte ich mich mit dem Saft einer Liane, da auf diesem hohen,
scharfen Rcken kein Wasser zu finden war, und ruhte aus, bis gegen
1/2 1 Uhr die ersten Trger wieder auftauchten. Ich frchtete, die
Leute mchten sich weigern weiterzumarschieren, und brach daher,
um sie zur Eile anzuspornen, mit einigen starken Pnihing, _Delahit_
und ein paar Buginesen aus Samarinda sogleich wieder auf. Weiter oben,
wo die Kajan den Weg noch nicht ausgehauen hatten, erschwerte uns das
dichte Grn von Farren, Rotang und Gemberpflanzen das Gehen. Die Kenja
hatten ber diesen tief liegenden und sumpfigen Teil des Rckens den
Weg mit Baumstmmen belegt, aber diese waren bereits sehr lange nicht
mehr erneuert worden und daher halb verwest und zerfallen. Auf der
ferneren Strecke befanden wir uns denn auch stndig in einem wilden
Kampfe mit dem Gestrpp; zum Glck war die Steigung nur schwach und
_Delahit_ trstete mich damit, dass dieses "_pukt_" (Zugewachsene)
nur bis zur Wasserscheide anhalte. Wir erkannten diese an der blichen
Reihe von Pfhlen, die _Anjang Njahu_ und die anderen die Kenja
begleitenden Kajan hier beim Betreten des fr sie neuen Gebietes den
Geistern errichtet hatten. Auch an der Mndung des Meseai hatte jeder
von ihnen einen derartigen Pfahl roh bearbeitet und aufgepflanzt. Auch
verschiedene andere alte und halb verweste Pfhle waren noch zu sehen.

Der hier sehr schmale Rcken fllt sogleich sehr steil ins Tal des
Laja, des sdlichen Quellflusses des Kajan, ab. Ich lernte hier zum
ersten Mal eine besondere Art des Wegbaus der Kenjastmme kennen:
den ganzen Abhang hinunter waren Leitern angebracht; zwar waren diese
jetzt verfallen, doch ermglichten sie immerhin den Abstieg. Wie
der Wald triefte auch hier die ganze Umgebung von Nebel und Regen,
wodurch einige schwierige Stellen gefhrlich wurden und ebensosehr
den Gebrauch der Hnde als der Fsse ntig machten. 100 m tiefer
ging es besser, erst ber Schieferfelsen, dann mehr ber Bnke aus
kleinem scharfkantigem Gestein oder durch das bereits sehr wasserreiche
Flsschen. Nach _Delahit_ war der Weg durch den Laja Delng (kleiner
Laja) nicht mehr lang; zwischen hohen, beinahe senkrechten Felswnden
gelangten wir denn auch nach 1/2 4 Uhr an eine steile Landzunge, wo
unser Flsschen sich in den Laja Aja (grosser Laja) strzte. Nach der
_adat_ musste es gewittern, wenn ein _hipui aja_ (grosser Huptling),
das war ich, ein neues Land betrat, und das geschah denn auch.

Unglcklicherweise regnete es in den letzten Stunden in Strmen. So
schlpfte ich denn unter einige Palmblattmatten, whrend meine
Begleiter das hier nur sprlich vorhandene Holz mit einiger Mhe fr
eine Htte zusammensuchten. Nur die Hlfte der Malaien, 2 der Buginesen
und die Pnihing hatten bei mir ausgehalten. _Demmeni_ mit _Abdul_ und
einigen anderen Malaien stiessen erst eine Stunde spter zu uns. Bald
stellte es sich heraus, dass wir keine Lampe und ausser einem sehr
kleinen Vorrat der Pnihing keinen Reis bei uns hatten. Als ich mich
aber unter dem vorzglich schtzenden Segeltuch in mein Klambu begab,
empfand ich vor bermdung auch keinen Hunger, sondern nur Durst.

_Demmeni_ hatte gesehen, dass unsere Trger an der Stelle, wo unser
Gepck lag, ihr Lager aufgeschlagen hatten; wahrscheinlich hatten
sie dies fr die Opferfeier, die sie vor dem Eintritt ins neue
Gebiet abhalten mussten, ntig befunden, einige waren wohl auch zum
Weitergehen zu mde gewesen. Wir glaubten in der Ferne einen Schuss
zu hren und antworteten sogleich mit unseren Gewehren, aber niemand
erschien, und so suchten wir denn unter unseren Decken die dunkle,
nasskalte Umgebung in 800 m Hhe zu vergessen, whrend unsere Begleiter
vor Angst wachend, vor Klte zitternd und aus Reismangel hungernd
die Nacht unter ihren Palmblattmatten verbrachten.

Beim Erwachen lag alles in dicke Nebel gehllt und die enge, tiefe
Schlucht vor uns erschien dster wie eine grosse tiefe Hhle ohne
Ausgang. Auch war durch den heftigen Regen die Nacht ber der schmale
Laja so geschwollen, dass wir unmglich in seinem Bette hinuntersteigen
konnten. Das Wasser fiel brigens bereits wieder, und einige Malaien,
die ihr Lager auf einer Schuttbank aufgeschlagen hatten und nachts
von dort durch die Flut vertrieben worden waren, sassen jetzt wieder
auf der gleichen Bank und wrmten sich an einem Feuer.

Die erste Person, die von der Nachhut erschien, war _Mal_, einer der
Malaien aus Samarinda, den wir am wenigsten erwarteten, denn er hatte
uns schon tags zuvor auf dem Landwege mit seinen an einer verbreiteten
Hautkrankheit (Tinea albigena) leidenden Fusssohlen nur usserst
mhsam und vor Schmerz weinend folgen knnen. Als er von den anderen
gehrt hatte, dass ich ohne Essen war, hatte er sich trotz seiner
Schmerzen noch um 1/2 4 Uhr allein auf den Weg gemacht, um mir einige
gebratene cabin biscuits zu bringen, die er mit sich fhrte. Er war
jedoch nicht weiter als bis zum steilen Abhang an der Wasserscheide
gelangt und zum bermass des Missgeschicks einem Seitenarm statt
dem Hauptfluss gefolgt. Er war es gewesen, der geschossen hatte,
auch hatte er unsere Antwort gehrt, aber die Nacht, aus Furcht
sich noch weiter zu verirren, lieber unter einigen Rotangblttern
zugebracht. Die Angst vor Kopfjgern hatte ihm den Schlaf geraubt
und so langte er in traurigem Zustand bei uns an. Als kurz darauf die
ersten Kajan mit _Kwing_ eintrafen, forderte ich diese auf, bis zum
Anlegeplatz der Bte am Kajan weiterzugehen, da ich selbst auf die
Reistrger warten wollte. Ich glaubte mich inzwischen mit _Mals_
Biscuits begngen zu knnen, aber als die Trger noch immer nicht
erschienen, blieb uns nichts anderes brig, als _Kwing_ zu folgen.

Hunger, Mdigkeit und Schmerzen in der linken Hfte zwangen mich,
nach einer Strkung zu suchen; da meine Gesellschaft jedoch nichts
Essbares bei sich hatte, war ich schliesslich froh, von einem
zurckgebliebenen Kajan etwas Klebreis und von _Mal_ noch etwas Zucker
zu erhalten. Obgleich bereits verschiedene Generationen kleiner Milben
in dem Klebreis ppig schwelgten, mundete er mir doch ausgezeichnet und
strkte mich gengend, um den usserst anstrengenden Weg fortsetzen zu
knnen. Auf einer Gerllbank im Fluss fanden wir _Abdul_ sitzen und auf
uns warten. In dieser niederdrckenden Umgebung erschien er uns wie ein
Glcksbote, als er meldete, dass _Anjang Njahu_, mein Hauptgesandter,
mit guten Nachrichten und zwei Bten aus Apu Kajan angekommen war und
ich mit einem derselben sogleich den Laja hinunterfahren konnte. Als
eine Stunde spter _Anjang Njahu_ und _Bang Awan_ mir mit dem zweiten
Boot entgegen kamen, stieg ich in dieses um und erfuhr, dass sie gerade
am Tage vorher von unten angekommen waren und der Kenjahuptling
_Bui Djalong_ nur auf nheren Bericht ber unsere Ankunft wartete,
um uns abzuholen; inzwischen hatte er die Huptlinge weiter unten
am Kajan-Fluss durch _Taman Ulow_ um Hilfe bitten lassen. Einige
Huptlinge hatten sich anfangs gegen meinen Empfang ausgesprochen
u.a. _Bo Anj_, _Bui Djalongs_ ltester Bruder, der hauptschlich eine
"_wang kapala_" (Kopfsteuer) von den Niederlndern frchtete. Je zwei
von diesen Widersachern hatte _Anjang Njahu_ ein Stck weissen Kattuns
geschenkt, wonach in ihren politischen berzeugungen ein pltzlicher
Umschwung eingetreten war. Meine Kajan besttigten die Aussagen der
Kenja, dass _Bui Djalong_ nach der Unterwerfung aller Stmme unter
die Uma-Tow als oberster Huptling aller Kenja verehrt wurde.

Von den vielen anderen Berichten meiner Gesandten interessierte mich
am meisten, dass _Bui Djalong_ auf seiner Expedition nach Serawak
wirklich mit allen Huptlingen vom Telang Usan (Baram River) mit
einem Dampfer nach der Residenz Kutching gebracht worden war, wo
Radja _Brooke_ ihn gefragt hatte, ob er mit seinem Volke nicht nach
dem Balui oder oberen Batang Redjang, also auf englisches Gebiet,
auswandern wollte. Der Huptling habe darauf geantwortet, dass er seine
Heimat nicht verlassen wolle, worauf ihm der Radja gesagt haben soll,
er werde sich dann bald in den Hnden der Niederlnder befinden, da
ich bereits auf dem Wege zu ihnen sei. Hierauf hatte _Bui Djalong_
geschwiegen. Auf der Heimreise der Kenja lngs des Telang Usan war
einer der ihnen zum Schutz mitgegebenen bewaffneten Polizeiagenten
von den Batang-Lupar mit einem vergifteten Pfeil gettet worden--das
Gercht war diesmal also wahr gewesen.

Nach _Bui Djalongs_ Rckkehr war seine Tochter _Kuling_ gestorben;
wir trafen gerade zur rechten Zeit, nach Beendigung der offiziellen
Trauerperiode, bei den Uma-Tow ein. Der Huptling hatte seinen
Namen _Taman Kuling_ "Vater von _Kuling_" eben abgelegt und seinen
Knabennamen _Djalong_ wieder angenommen, mit dem Beiwort "_Bui_",
der den Tod seines Kindes anzeigte. Wir mussten ihn daher stets _Bui
Djalong_ nennen.

War unsere Stimmung in den letzten Tagen gedrckt gewesen, so
nderte sich nun durch die gnstigen Berichte alles wie durch einen
Zauberschlag und wir begannen uns ber den glcklichen Verlauf
der Reise, besonders die schnelle, wenn auch sehr schwierige Fahrt
flussaufwrts zu freuen. Im allgemeinen hatte mir mein Geleite von
Kajan und Pnihing alle Ursache zur Zufriedenheit gegeben, ich hatte
ihm sehr viel berlassen knnen.

Unter dem Eindruck des guten Erfolges gingen am 27. August alle Leute
sogleich ab, um das zurckgebliebene Gepck abzuholen und liessen
uns auch nachts in unserem Lager an der Mndung des Laja in den Kajan
allein zurck, da sie unterwegs im Walde bernachteten; am folgenden
Tage langten sie mit unserem Hab und Gut wohlbehalten im Lagerplatz an.

Der am 25. und 26. August von uns zurckgelegte Landweg ber die
Wasserscheide fhrte mit seitlichen Abweichungen von hchstens
10 direkt nach Norden. Trotz seiner Lnge hatte er uns keine
aussergewhnlichen Schwierigkeiten geboten, weil er nirgends anhaltend
steil aufstieg. Die Passhhe musste etwa 850 m. .d.M. liegen; bis
zur Lajamndung fllt der Weg um 200 m. Das Streichen der Schiefer
im Temha und Meseai war ungefhr W-O, also parallel dem Lauf der
Wasserscheide. Von dieser gehen in nrdlicher und sdlicher Richtung
Seitenrcken aus, zwischen denen kleine Flsse dem Mahakam resp. dem
Kajan zustrmen. Die Entfernung vom Lagerplatz am Meseai bis zu dem
am Kajan betrug etwa 22 km. Von den klimatischen Verhltnissen dieser
Gegend erhlt man eine Vorstellung, wenn man sich vergegenwrtigt,
dass in dem engen, finsteren Tal des Laja in einer Hhe von 700-800
m alle Bume mit einer dicken Moosschicht bekleidet waren und die
Felsen entweder blosslagen oder eine mehr aus Algen als aus Flechten
bestehende Vegetation trugen.

_Anjang Njahu_ begab sich bereits am 27. Aug. wieder den Kajan
hinunter zu _Bui Djalong_, um diesem unsere Ankunft zu melden,
die ihm berraschend schnell vorkommen musste; wir rechneten daher
auch nicht zu fest auf eine baldige Hilfe, die in Anbetracht unseres
grossen Reismangels sehr notwendig war.

Viele Kajan begaben sich am anderen Tage gruppenweise in den Wald,
wo sie fr sich selbst Bte bauen wollten, aus Furcht, die Kenja
knnten am Ende nicht fr alle gengend Fahrzeuge heraufbringen. In
unserem Lager an dem hier nur 10 m breiten Kajan wurde es nun sehr
still, besonders als die Malaien einige Tage spter an Hunger zu
leiden anfingen und dadurch alle Unternehmungslust verloren. Ich
hatte ihnen nmlich fr die Zeit bis zur Ankunft der Kenja nur halbe
Reisportionen erteilen lassen und erwartet, sie wrden mit Eifer im
Walde nach allerhand essbaren Pflanzen suchen und mittelst Reusen
Fische fangen. Hierzu schienen sie aber nicht aufgelegt, sondern zogen
es vor, in den Htten umherzuliegen; vielleicht waren sie auch von
den ausgestandenen Strapazen zu ermdet, um sich jetzt, wo das Ziel
beinahe erreicht war, noch besonders anzustrengen.

Auch die Kajan, die ebenfalls nur noch sehr wenig Reis brig hatten,
beschrnkten sich auf das Pflcken von essbaren Farrenspitzen und
fingen nur in den ersten Tagen, wo sie sich mit dem Bau ihrer Bte
beschftigten, mit ihren Speeren Fische. Nach Sagobumen zu suchen,
zeigten sie keine Lust; wahrscheinlich wagten sie sich in dieser
unbekannten Gegend nicht weit fort. Selbst die sehr frische Spur eines
Rhinozeros, das eines Abends dicht unterhalb unseres Lagers den Fluss
passiert hatte, vermochte ihren Jagdeifer nicht zu wecken. Sobald unser
ganzes Gepck im Lager untergebracht worden war, erklrte _Kwing_,
die Kajan knnten mir nun nicht weiter helfen, sie verzichteten
aber von diesem Augenblick an auch auf ihren Lohn von fl 2.50 pro
Tag. Allerdings liess er durchschimmern, dass sie den Betrag trotzdem
gern empfangen wrden. Hierin kam ich ihnen gern entgegen, da sie jetzt
bereit waren, auch Goldgeld anzunehmen, worauf sie in Long Deho nur
sehr widerstrebend eingegangen waren; sie wollten letzteres spter am
Mahakam wieder gegen Silber einwechseln. Damit sie in Zukunft nicht
stets ein Taggeld von fl 2.50 verlangten, setzte ich ihnen nochmals
auseinander, warum ich frher ohne Zgern auf ihre hohe Forderung
eingegangen war; ich wollte ihnen die grosse Angst, mit der sie den
Zug unternommen hatten, vergten und sie fr den durch den langen
Aufenthalt in Long Deho erlittenen Verlust entschdigen. Sehr teuer
kam mir brigens ihre Hilfe wegen der vielen Ruhe- und Wartetage,
die ich nicht zu bezahlen brauchte, nicht zu stehen.

_Anjang Njahu_, den wir bereits am 31. August von _Bui Djalong_
zurckerwarteten, traf auch am 1. September noch nicht wieder
ein. Morgens hatte ich den Malaien ihre letzte Ration Reis ausgeteilt,
und da auch die Kajan Hunger litten, beschlossen sie, einige der
Ihren beim Kenjastamm der Uma-Bom Reis holen zu lassen. Nach den
eingezogenen Berichten wohnte dieser Stamm uns am nchsten an einem
vom oberen Kajan zum Boh fhrenden Pfade. Anderen Morgens sehr frh
begaben sich _Bang Awan_ und der Malaie _Lalau_ auch in der Tat auf
den Weg, fuhren in einem selbst gebauten Boot den Kajan bis zum Beginn
des Landweges hinunter und wollten dann dem Pfad zu folgen versuchen.

Der Hunger fing an stark auf uns alle zu wirken; meine Malaien lagen
apathisch in ihren Htten ausgestreckt und die Kajan hockten mit
bedrckten Gesichtern beieinander. Jetzt, wo ihre Stammesgenossen
mit den Kenja nicht zurckzukehren schienen, erwachte ihre frhere
Angst mit erneuter Heftigkeit und steigerte sich unter dem Einfluss
des Hungers zu phantastischen Vorstellungen von grossen Gefahren, die
uns bedrohten. Einige kamen mich fragen, ob ich nicht auch glaubte,
dass die Kenja die Unseren gefangen und vielleicht schon gettet
htten, und ob es nicht besser wre, so schnell als mglich ber
die Wasserscheide zu unseren Bten zurckzukehren. Natrlich waren
auch wir Europer nichts weniger als frhlich gestimmt, zwar nicht
aus Angst, aber vor Hunger; auch bedrckte uns das Bewusstsein,
dass dieser Zustand noch einige Tage anhalten konnte, da wir aus
Erfahrung wussten, wie leicht zufllige Ereignisse die Eingeborenen
von einer schnellen Hilfeleistung abhielten, besonders, wo es sich
um so grosse Abstnde handelte. Wir rechneten jedoch zuversichtlich
auf den Reis der Uma-Bom. Gross war daher unsere Enttuschung, als
gegen 9 Uhr morgens _Bang Awan_ und _Lalau_ mit leeren Hnden ins
Lager zurckkehrten, weil unterwegs ein links auffliegender _hisit_
ihnen Unheil prophezeit hatte. Wenn in diesem Augenblick irgend ein
Zeichen die Gesellschaft erschreckt htte, so wren alle in den Wald
geflohen und htten uns und unser Gepck ohne Gewissensbedenken im
Stich gelassen. Das ngstliche Gemt der Bahau kennend, wagte ich _Bang
Awan_ nicht einmal einen Vorwurf darber zu machen, dass er auch unter
diesen kritischen Umstnden unser Rettungsmittel hatte fahren lassen.

Als wir in sorgenvolle Gedanken versunken dasassen, schreckten uns
einige Kajan auf, die in der Ferne Gerusche zu hren glaubten. Nachdem
wir eine Zeitlang gespannt gelauscht hatten, schien es uns, dass in
der Tat Bte heraufgestossen wurden. Um die Flussbiegung erschien bald
darauf ein Boot mit _Anjang Njahu_ und seinen Begleitern, dann folgten
viele andere, bemannt mit mir vllig unbekannten Gesichtern. Die
meisten legten nicht an unserem Lagerplatz, sondern am jenseitigen
Ufer des sehr schmalen, durchwatbaren Flsschens an, von wo sie uns
in ihren Bten stehend verlegen anstarrten. _Anjang Njahu_ war mit
zwei Bten der Kenja bis zu _Kwing Irangs_ Htte gefahren und trat
dann nach einer kurzen Besprechung mit diesem an der Spitze von
6 Kenjahuptlingen auf mich zu. Zu meiner Verwunderung ergriff er
feierlich meine Hand und schttelte diese, doch erklrte er sogleich,
er tue dies nur, um den Kenjahuptlingen, die er zu mir geleitete,
zu zeigen, wie man einen Europer begrsse. Die Kenja schienen sehr
gelehrig zu sein, wenigstens schttelten sie mir so krftig die Hand,
als ob sie an eine derartige Begrssung ihr Leben lang gewhnt gewesen
wren. Alle Sechs waren Glieder der Huptlingsfamilie des Stammes
Uma-Tow und von _Bei Djalong_ beauftragt, meine Expedition so schnell
als mglich den Kajan hinunter zu bringen, da der Huptling selbst
mich bei Batu Plakau erwartete, einer Flussstelle, die nicht befahrbar
war und hinter der erst die Siedelungen der Kenjastmme lagen. _Kwing
Irang_ begann mir das alles selbst in der Busang-Sprache mitzuteilen,
aber kaum merkten die Kenja, dass ich auch auf Busang antwortete, als
sie sich unbefangen ins Gesprch mischten und mich zur Eile anspornten.

Mir blieb kaum Zeit, mich ber das freie Auftreten unserer neuen
Gastherren zu verwundern, denn sogleich stellte sich die neue
Schwierigkeit heraus, dass die zahlreichen kleinen Bte der Kenja
uns bei weitem nicht alle aufnehmen konnten. Die Kenja berichteten,
dass grssere Bte nicht herauffahren konnten, uns aber unterhalb Batu
Plakau erwarteten. So wurde denn sogleich verabredet, dass die Kajan
mit 5 Malaien frs erste zurckbleiben, die brigen Malaien und wir
Europer jedoch mit den Kenja flussabwrts fahren sollten. Letztere
begannen sogleich von dem Reis und anderen Nahrungsmitteln, die sie
uns mitgebracht hatten, eine reiche Mahlzeit zuzubereiten. Als die
6 Kenjahuptlinge etwas vertrauter mit mir geworden waren, wozu
unsere Kenntnis der Busang-Sprache viel beitrug, legten auch die
Bte vom jenseitigen Ufer bei uns an. Diese hatten _Anjang Njahu_ mit
seinen Kajan vorausfahren lassen, damit wir nicht auf sie schiessen
konnten. Die Verteilung und Einschiffung von Menschen und Gepck
nahmen mich so in Anspruch, dass ich nur halb darauf achtete, wie
energisch die Kenjahuptlinge ihren Untergebenen Befehle erteilten
und wie schnell bei diesen die Ladung von statten ging. Fr Leute,
die zum ersten Mal mit dem Gepck von Weissen zu tun hatten, war
die Sicherheit, mit der sie dieses behandelten, sehr auffallend; ich
sass bereits im Boote und hatte von _Kwing_ und seinen Kajan schon
vorlufig Abschied genommen, bevor ich mir hierber Rechenschaft gab.

Die Fahrt abwrts erforderte indessen unsere ganze Aufmerksamkeit;
das Flussgeflle war hier sehr schwach, nur ab und zu fuhren wir eine
Stromschnelle hinunter, die bei hherem Wasserstande vielleicht kaum
bemerkbar gewesen wre, jetzt aber ein Schleppen der Bte notwendig
machte. Die Umgebung war mit hohem, aber jungem Wald bedeckt, den alten
hatten die Kenja gefllt; das anstehende Gestein an den Ufern zeigte
horizontale Schichten von Schiefern und Sandstein, die miteinander
abwechselten. Bis 1/2 4 Uhr nachmittags fuhren wir hauptschlich
in westlicher Richtung, dann erreichten wir einen grossen, rechten
Nebenfluss des Kajan, den Danum, an dessen Oberlauf der Stamm Uma-Bom
wohnen sollte. An der Mndung des wie der Hauptfluss etwa 25 m breiten
Danum begegneten uns die ersten menschlichen Wesen, ein alter Mann und
ein Knabe, die am Ufer sassen und meinen Bootsleuten etwas zuriefen,
worauf diese einen Augenblick zgerten, dann aber weiterruderten. Als
ich mich zufllig danach erkundigte, was die beiden in dieser Wildnis
eigentlich wollten, erzhlten die Kenja, der Mann, einer der ltesten
Uma-Bom namens _Bo Usat Jok_, warte bereits seit 3 Tagen mit seinem
Enkel an derselben Stelle auf meine Ankunft, um ein Heilmittel gegen
seine Leiden von mir zu erhalten. Meine Ruderer hatten gedacht, ich
wre augenblicklich wohl nicht aufgelegt, um dem Manne zu helfen,
und waren vorbeigefahren. Ich liess sie jedoch zurckrudern und sah
mir den Mann an, der seit vielen Jahren bereits an einem Syphilid der
Rckenhaut litt, gegen den eine Jodkalilsung von sehr guter Wirkung
sein musste. Nach Aussagen der Kenja war _Bui Djalongs_ Lagerplatz
nicht mehr sehr weit von uns entfernt; so liess ich die beiden denn
in eines der Bte aufnehmen, um dem Kranken erst nach unserer Landung
Arzneien zu geben.

In der Tat dauerte die Talfahrt auf dem hier breiten und tiefen
Flusse nur noch eine halbe Stunde, worauf die Kenja an einer freien
Uferstelle anlegten und uns auszusteigen aufforderten, weil hier der
Landweg lngs den mit Bten nicht zu passierenden Wasserfllen von
Batu Plakau begann. Alles Gepck wurde unter die Kenja und Malaien
verteilt und fort ging es durch den jungen Wald, in dem die Uma-Bom
frher gewohnt hatten. Bald fhrte der Weg ber lange Reihen behauener
Stmme, die an gefhrlichen Stellen wagrecht zu den Bergabhngen
hintereinander auf Sttzbalken angebracht waren, eine Weganlage, die
ich bis dahin auf Borneo noch nicht gesehen hatte. An einer Steile,
wo die Bte in 50 m Hhe auf diesem Wege um die Abhnge gezogen werden
mussten, wurde der Bau noch grossartiger. Auf einigen Strecken war in
den Abhngen ein sehr breiter Weg ausgegraben, den man zum besseren
Gleiten der Bte mit dnnen Baumstmmen belegt hatte; wo Schluchten
die Bergwnde trennten, waren diese durch ebenfalls mit einer Lage
von Stmmen bedeckte Gerste berbrckt worden. Da dieses Bauwerk 2
km lang war, erregte es stets wieder _Demmenis_ und meine Bewunderung,
obgleich der Weg fr uns beschuhte Europer oft sehr unbequem war.

Einige Kenja waren vorausgegangen, um unsere Ankunft _Bui Djalong_
zu melden. Nach einiger Zeit kamen uns zwei alte Mnner entgegen,
von denen der eine etwas schneller schritt und uns nach der hier
eben eingefhrten europischen Sitte die Hand drckte. Dies war _Bui
Djalong_, ein krftig gebauter, etwa 50 jhriger Mann mit ruhigem,
intelligentem Gesicht, der jedoch etwas gebeugt ging und hinkte. Nach
der Begrssung fhrte er mich der Kenjasitte gemss in seine in der
Nhe gelegene Htte, wo er sich mit gekreuzten Beinen auf seinem Platz
niederliess und mich zum Sitzen neben sich aufforderte; als Sessel
brachte man mir einen Packen Kattun. Whrend unseres Gesprches
sahen wir einander forschend an und auch die grosse, um uns herum
kauernde Kenjagesellschaft richtete ihre Augen durchdringend auf den
ersten Weissen, der ihr Land besuchte. _Bui Djalong_, der zum Glck
ebenfalls gut Busang verstand, lud uns als Gste in sein Haus ein,
wo man uns bereits mit Ungeduld erwartete.

Die Frauen sollten besonders gespannt sein, weil sie bisher den
Berichten ihrer Mnner, dass an der Kste weisse Menschen lebten,
nicht htten glauben wollen. Der Huptling sprach auch von seinem
Sohn und seiner Tochter, die vor kurzem gestorben waren, worauf
ich als Grund meines Kommens den Wunsch angab, die bestehenden
Streitigkeiten mit dem Mahakamgebiet aus dem Wege zu rumen. Die
weitere Unterhaltung drehte sich um unwichtige Dinge, nur fiel es mir
auf, dass der Huptling auf meine Erklrung, warum ich als Shngeld
fr die Ermordung seines Enkels keinen Sklaven mitgebracht hatte,
keine Antwort gab. Die brigen alten Mnner begngten sich damit, uns
anzustarren. Unterdessen bauten einige junge Kenja dicht gegenber der
Htte als Unterkunft fr uns ein schrges Dach. Einige meiner Malaien
bernahmen dabei die Leitung, spannten wie gewhnlich das Segeltuch
aus und stapelten darunter das Gepck auf. Bei Einbruch der Dunkelheit
konnten wir uns bereits in unser Zelt zurckziehen, mit dem befreienden
Gefhl, seitens der Kenja ber Erwarten gut empfangen worden zu sein.

Unseren Malaien, die sich wegen _Kwings_ und der Kajan Abwesenheit
unter so vielen Kenja zu frchten begannen, suchte ich ernsthaft
die Grundlosigkeit ihrer Angst klar zu machen. _Anjang Njahu_ hatte
uns bereits das erste Mal 3 Packen Reis von den Kenja mitgebracht,
bei seiner Rckkehr aufs neue; alle erforderliche Hilfe hatten diese
uns so schnell als mglich geleistet, den langen Landweg in Stand
gesetzt, so viele Menschen und Bte herbeigeschafft, was uns in so
prompter und vollkommener Ausfhrung noch nirgends begegnet war. Ein
Zweifel an der freundschaftlichen Gesinnung der Kenja uns gegenber
war somit gnzlich unberechtigt, zudem flsste die Persnlichkeit
des Huptlings grosses Vertrauen ein. Auf den Vorschlag der Malaien,
nachts Wache halten zu lassen, ging ich daher nicht ein; wie leicht
konnte einer nachts aus Angst sein Gewehr abschiessen und dadurch
grossen Schreck, womglich Unglcksflle hervorrufen. Ich befahl denn
auch, berhaupt keine Wache zu halten, und schlief mit _Demmeni_ und
meinem Jger _Doris_ in nchster Nhe des Huptlings bald ruhig ein.

Des anderen Morgens begannen wir sogleich Umschau zu halten. Als
Lagerplatz hatten die Kenja einen ebeneren Teil des Bergabhanges dicht
beim Flusse gewhlt; die Htten standen unregelmssig durcheinander,
je nach der Bodenbeschaffenheit, und waren nach der bei allen
Bahau im Walde gebruchlichen Art gebaut. Sie waren sehr zahlreich,
weil _Bui Djalong_ ber 100 Mann mitgenommen hatte, um den Weg so
schnell als mglich zu reparieren und uns mit den Bten zu Hilfe
zu kommen. Die Kenja waren augenscheinlich an schnelles Arbeiten
gewhnt; sie hatten noch kaum ihr Mahl beendet, als der Huptling
ruhig aber entschieden befahl, dass ein Teil der Mnner mit den Bten
den Fluss wieder hinauffahren sollte, um _Kwing Irang_ und die Kajan
abzuholen, ein anderer einiges beim Landungsplatz zurckgelassene
Gepck nachtragen und ein dritter, der ins Dorf heimkehrte, einige
unserer vielen Koffer mitnehmen sollte. Die weiteren Befehle teilten
darauf einige seiner jungen Blutsverwandten ihren Mannschaften
aus und zwar in viel lauterem Tone, als bei den Bahau blich ist,
aber zu meinem Erstaunen gehorchte man ihnen sofort und bald waren,
ausgenommen einige Mnner, die dem Huptling Gesellschaft leisteten,
alle unterwegs. Die Kenja traten ganz allgemein einander gegenber
viel energischer auf, als ich es von ihren Stammesgenossen gewhnt
war; so liess _Bui Djalong_ dem alten Mann der Uma-Bom, den ich im
Laufe des Vormittags behandelt und mit einem grossen Vorrat Arzneien
versehen hatte, durch einen seiner ltesten unzweideutig vorhalten,
dass sein Stamm sich beeilen msste, um ebenfalls etwas zu meinem
Empfange beizutragen, was bis jetzt noch nicht geschehen sei. Mit
dieser Botschaft wurden der Alte und sein jugendlicher Begleiter den
Fluss bis zur Danummndung wieder hinaufgeschickt. Der still verbrachte
Tag war zum gegenseitigen Kennenlernen wie geschaffen, und da unser
Ruhebedrfnis sehr gross war, taten wir auch nicht viel anderes, als
uns mit unseren neuen Gastherren unterhalten. Ein halbes Pfund Tabak,
das ich dem Huptling zur Verteilung bergab, erregte grosse Freude.

Im Lauf des Tages kamen alle unsere Koffer an. Im Vertrauen,
dass die Kajan am anderen Tage nachkommen wrden, beschlossen wir,
unseren Lagerplatz unterhalb der Reihe Wasserflle von Batu Plakau
zu verlegen und _Kwing_ dort zu erwarten. Nach einer ruhigen Nacht,
die uns wieder zu Krften kommen liess, wurde auch dieser Plan ohne
Schwierigkeiten seitens der Trger ausgefhrt. Der fernere Weg war
ebenso beschaffen, wie der vorherige; um die in einem Winkel von 60
zum Fluss abfallenden Berghnge war wieder ein 1.25 m breiter Weg
ausgegraben und mit Stmmen belegt worden und ber die Schluchten
Brcken geschlagen. Die gut behauenen Balken und die festen, fr uns
von neuem hergestellten Brcken erweckten wiederum meine Bewunderung,
der ich auch gegen _Bui Djalong_, der mit seinem kleinen Sohn _Ului_
neben mir ging, Ausdruck gab. Nach einiger Zeit erreichten wir eine
Gerllbank im Fluss, wo wir die Kajan erwarten sollten. Die Htten
waren bereits mit derselben Schnelligkeit wieder aufgeschlagen
worden und alles wieder zur Ruhe gegangen, als fnf der bei _Kwing_
zurckgebliebenen Malaien mit der Meldung eintrafen, dass nur ein
Teil der Kajan den Fluss hinunter gekommen war, weil die Bte wieder
nicht gereicht htten und _Kwing_ mit den brigen daher aufs neue
geholt werden msse. Dies bedeutete einen unangenehmen Aufenthalt, da
die Kenja ihren Reisvorrat nicht fr so lange berechnet hatten. Der
erste Teil der Kajan kampierte oberhalb Batu Plakau und erschien
erst am 5. Sept. mit dem Bericht, es sei fraglich, ob die zugesandten
Bte auch diesmal gengen wrden, um _Kwing_ mit dem Rest der Kajan
abzuholen. Dank den Bemhungen unserer Gastherren wurde aber doch
bereits am folgenden Mittag die Ankunft smtlicher Kajan gemeldet. Die
Kenja machten sich sogleich daran, die Bte auf dem Landwege herunter
zu schaffen, eine Arbeit, an die sie mehr gewhnt waren als die
Kajan. _Bui Djalong_ ging _Kwing Irang_ ein Stck weit entgegen,
als ihm dessen Kommen gemeldet wurde. Bald erschienen die beiden
grossen Huptlinge vom oberen Kajan und oberen Mahakam in unserem
Lager und liessen sich in _Bui Djalongs_ Zelt nieder. Ich hatte
alle Mhe, das Gesprch in Fluss zu halten. Wie ich erwartet hatte,
drckte auch _Kwing_ seine Bewunderung ber den grossen Wegebau aus,
den auch er noch nirgends so gesehen hatte. Der Kenjahuptling verhielt
sich besonders schweigsam, augenscheinlich hatte ihn das kriegerische
Aussehen meiner Kajan stutzig gemacht und verstimmt. Diese legten
nmlich ihre schweren Rotangmtzen, Kriegsjacken, Schilde, Schwerter
und Speere berhaupt nicht ab, whrend die Kenja an Waffen nur einige
kleine Schwerter zum Holzhacken mitgebracht hatten. Wie ich erfuhr,
trugen sie im Gegensatz zu den Bahau nur in Kriegszeiten Warfen.

Wir kamen berein, noch am gleichen Tage nach Tanah Putih (weisse
Erde), _Bui Djalongs_ Niederlassung, hinunterzufahren. Whrend der
Zubereitung des Essens gelang es den Kenja, alle Bte bis in unser
Lager zu ziehen, doch reichte ihre Hilfe fr die grosse Anzahl Menschen
und das viele Gepck nicht aus. Als die Kenja aber den Kajan einen
Pfad anwiesen, auf dem sie sich ber Land allein nach Tanah Putih
vorausbegeben konnten, frchteten die Mahakamhelden jedoch einen
Fallstrick und erfanden allerlei Ausflchte, um zu bleiben, bis sie
alle zusammen abgeholt werden konnten; auch _Kwing_ behauptete, sich
dem mit uns zugleich abreisenden Teil der Kajan nicht anschliessen
zu knnen, da diese spter ihre Landsleute nicht mehr von Tanah
Putih aus wrden abholen wollen, was sie fr ihn dagegen gern tun
wrden. Nachdem alle vorhandenen Bte gut beladen und alles Personal,
das mitfahren sollte, aufgebrochen war, bestiegen auch _Bui Djalong_,
dessen Sohn und ich ein Boot und fuhren als letzte ab. Wegen der
Schnelligkeit der Fahrt flussabwrts wurden uns verschiedene Stellen
gefhrlich, namentlich die zahlreichen Stromschnellen, die durch
grosse, auf Schuttbnken liegende Blcke verursacht wurden, an die
wir bei dem niedrig stehenden Wasser anzuprallen und umzuschlagen
riskierten. In einer besonders langen Stromschnelle, in welcher
der Fluss um 20 m fiel, verliessen alle Mnner das Boot, um dieses
schwimmend im Gleichgewicht zu halten, wobei sie selbst vom Strome
halb mitgerissen wurden.

Auf der Strecke bis zum Anlegeplatz von Tanah Putih senkte sich der
nordwestlich strmende Fluss um 50 m. Die Umgegend war gebirgig und an
den meisten Abhngen des rechten Ufers zeugten aufsteigende Rauchwolken
von dem Vorhandensein vieler Reisfelder, von denen einige hoch ber
dem Fluss angelegt waren. Das Land zur Linken war unbewohnt, weil die
Kenja dort berflle seitens der Batang-Lupar aus Serawak frchteten.

Das blossliegende Gestein bestand hier ebenfalls aus abwechselnden
Schiefern und Sandsteinschichten, nur kamen an verschiedenen Stellen
Basaltblcke in diesen vor. Einmal passierten wir auch eine prachtvolle
Basaltmauer, die ganz aus senkrechten Pfeilern zu bestehen schien.

Tanah Putih lag nicht am Kajan selbst, sondern an dessen Nebenfluss
Djemhang. Wegen der langen Reihe schwer passierbarer Wasserflle, die
sich kurz vor dessen Mndung befinden, hatte man etwas weiter aufwrts
eine Landungsstelle gebaut und diese durch einen gut unterhaltenen
Fussweg mit dem Dorfe verbunden. Der augenscheinlich bereits seit lange
bentzte Weg war ber eine grosse Strecke mit behauenen Baumstmmen
(_palang_) belegt und fhrte ber einige grsstenteils mit Gestrpp
bewachsene Hgel auf eine etwa 100 m hohe Wand des Djemhangtals,
von wo aus man einen prachtvollen Blick auf das Tal selbst mit dem
darin gelegenen Dorf und das Land von Apu Kajan genoss. Fr mde
Reisende, die auf dem Heimwege ausruhen wollten, hatte man hier ein
Aussichtshuschen (_kubu_) gebaut, das aus einer erhhten Diele mit
einem Dach darber bestand.

Auf _Bui Djalongs_ Vorschlag machten wir hier Halt, um den
Bewohnern seines Dorfes durch Abschiessen der Gewehre unsere Ankunft
anzuknden. Whrend der Vorbereitungen hierzu bemerkte ich, dass der
Charakter der vor mir liegenden Landschaft ein ganz anderer war als
am Kapuas und Mahakam. Zwar erschien die Umgegend auch hier bis auf
grossen Abstand hgelig und bergig, aber vom ursprnglichen Wald war
nur noch hoch auf den Abhngen etwas zu sehen. An Stelle desselben
erhob sich auch beinahe nirgends junger Wald (_talon_), sondern
Gestrpp und hohes Gras, mit vereinzelten Bumen, eine Landschaft,
der ich im ganzen brigen Teil von Mittel-Borneo noch nicht begegnet
war. Dies fand hauptschlich darin seinen Grund, dass die Bevlkerung
dieses Gebiets sehr dicht war und den Ackerbau intensiv betrieb.

So konnten wir denn in dem sehr flachen und vllig waldlosen Tal
des Djemhang unter uns Tanah Putih in seiner ganzen Ausdehnung
bersehen. Sogleich fiel mir auf, dass hier nicht wie gewhnlich
nur 1-2 Reihen langer Dajakhuser beieinander standen, sondern dass
das Dorf aus etwa 10 regelmssigen Huserreihen zusammengesetzt
war. Hieraus liess sich bereits auf eine starke Bevlkerung
schliessen, doch bestrkte _Bui Djalong_ noch diese Vermutung,
indem er uns auch auf die ausgedehnte Anlage der Reisfelder von
benachbarten Niederlassungen in anderen Flusstlern aufmerksam
machte. Wir erwarteten hier oben die Nachzgler, dann stieg unsere
ganze Karawane, bestehend aus 60 Kenjatrgern, einigen Kajan und
Pnihing, meinen Malaien und uns in einem imposanten Zug auf dem
breiten Wege ins Tal hinab.





KAPITEL XIII.

    Empfang in Tanah Putih--Verhltnisse im Dorf--Erste
    politische Versammlung--Freundschaftlicher Verkehr mit
    den Dorfbewohnern--berblick ber die geographischen und
    geschichtlichen Verhltnisse in Apu Kajan--Besuch aus
    benachbarten Drfern--Stellung der verschiedenen Stnde
    bei den Kenja--Tod und Begrbnis eines Huptlings--Ankunft
    der verirrten Long-Glat-Gesellschaft--2. und 3. politische
    Versammlung--Anerkennung der niederlndischen Herrschaft in
    Apu Kajan.


Ein breiter, bequemer Weg, den die Kenja mit Stmmen und Brettern
belegt hatten, fhrte uns um den Fuss des Bergabhangs ins Dorf. Hier
waren unterdessen zwischen den Huserreihen einige Gruppen von
Frauen und Kindern zu unserem Empfang erschienen. Bei den ersten
Reihen begrsste uns ein alter, magerer Mann, der mir als des
Huptlings Bruder _Bo Anj_ vorgestellt wurde; er gehrte zu denen,
die _Anjang Njahu_ mit weissem Kattun fr unseren Empfang hatte
gewinnen mssen. Wir reichten diesem erkauften Freunde die Hand,
stiegen am Ende des lngsten und mittelsten Hauses der langen Reihe
die Treppe hinauf und befanden uns in _Bui Djalongs_ Heim.

Das Haus war zwar weniger hoch ber der Erde, sonst aber wie alle
brigen ganz im Stil der Bahau gebaut, nur bestanden Dach und Wnde
nicht aus Holz, sondern aus Matten von schweren, aneinander gereihten
Baumblttern. Auch war der Fussboden der Galerie, die wir betraten,
vor den Wohnungen der gewhnlichen Kajan nicht aus Brettern gebaut,
sondern aus dnnen Stmmen; erst dicht bei der _awa_ des Huptlings
und in dieser selbst bedeckten schwere Bretter den Boden.

Draussen hatten uns einige Menschengruppen aus der Ferne neugierig,
aber nicht ngstlich angestarrt, und sobald wir in _Bui Djalongs_
langem Haus an einer Wohnung vorber waren, kamen die Bewohner
aus ihr zum Vorschein und begleiteten uns zur _awa_. Hier wurden
einige kupferne Gonge als Sitze fr uns gegen die Aussenwand
niedergelegt, dicht unter einer Reihe von vielleicht 30 gerucherten
Menschenschdeln, die in Bscheln von jungen Palmblttern zwischen den
Hauptpfhlen der Galerie hingen und durch den Rauch des Herdfeuers,
das stndig unter ihnen brannte, geschwrzt worden waren. Rund
um dieses Feuer, hinter dem wir sassen, befand sich der Platz fr
den Huptling und die vornehmsten ltesten, wenigstens liess sich
_Bui Djalong_ mit einigen ehrwrdigen Greisen dort nieder. _Taman
Ulow_ und die Kajan hatten uns schon am Boh auf die Neugier der
Kenjafrauen und -Kinder vorbereitet und auch _Bui Djalong_ hatte
uns bereits dringend gebeten, nicht bse zu werden, wenn man
uns lstig falle, denn der ersten Neugier msse durchaus gengt
werden. Da sie hinzugefgt hatten, dass die Kenja viel freier als
die Bahau seien und sogar handgreiflich werden, bereiteten _Demmeni_
und ich uns auf unseren Gongen, auf denen wir zur Schau dasassen,
auf einige schwierige Augenblicke vor. Anfangs wurde es jedoch nicht
so schlimm. Die den Schdeln gegenber versammelte Menge wuchs zwar
sehr an und das Gedrnge war weit strker, als ich es bei den Bahau
je erlebt hatte, aber anfangs drckte sich das Erstaunen nur in den
Gesichtern aus und usserte sich nur in zahlreichen h-h-Rufen,
die nicht aufhrten und bei jeder Bewegung, die wir machten, an Zahl
und Strke zunahmen. Augenscheinlich befriedigten wir noch nicht ganz
die Neugier der Menge, obgleich wir bereits auf Verlangen einen rmel
und ein Hosenbein hinaufgestreift hatten zum Beweis, dass unsere Haut
auch unter der Kleidung weiss war. Eine freundliche, lebhafte Frau,
des Huptlings Gattin, konnte ihre Wissbegierde schliesslich nicht mehr
bezwingen, packte meinen Arm, streifte den rmel auf und strich sacht
ber meine Haut, wobei sie in viele bewundernde h-Rufe ausbrach. Von
ihren, in der Kenjasprache gestellten Fragen verstanden wir kein
Wort, aber wie _Bui Djalong_ schmunzelnd verdolmetschte, bat sie uns,
alle Kleider abzulegen. Auch die Menge rief laut "_sow_ (ausziehen)
_mong_ (alles)," und begann sich um meine Person zu drngen; aber ich
setzte meinerseits dieser Schaustellung einigen Widerstand entgegen,
so dass ich die Zuschauer unbefriedigt liess. Unterdessen hatte der
Huptling den Umstehenden, hauptschlich den alten Mnnern, ber
seine Erlebnisse mit uns ausfhrlich berichtet, wenigstens schloss
ich das aus den immer wieder auf uns gerichteten Blicken der Zuhrer.

Zum Glck empfand man vor unserer Erscheinung noch zu viel Scheu,
um zudringlich zu werden, und nur wenige Frauen wagten dem Beispiel
von _Bui Djalongs_ Gattin zu folgen und sich von der Echtheit unserer
weissen Haut selbst zu berzeugen.

So sassen wir denn etwa eine halbe Stunde da und liessen uns
betrachten; glcklicherweise fanden wir unsererseits an den Menschen um
uns herum ebenfalls viel Sehenswertes. Am meisten fiel uns das krftige
und gesunde Aussehen der Leute auf und das seltene Vorkommen der beiden
Hautkrankheiten _ki lan_ (Tinea imbricata) und _bak_ (Syphilis),
welche den Anblick einer Menge von Bahau-Dajak fr Europer anfangs
so abstossend macht. Dagegen waren Krpfe hier viel allgemeiner
verbreitet als am Mahakam und waren die Ohrlappen, besonders bei
den Frauen, viel strker ausgereckt, als ich es bei den Bahau je
gesehen hatte. Die Ohrringe waren denn auch besonders zahlreich und
schwer. Die Kleidung stimmte mit der der Bahau berein, nur bestand
sie sehr einfrmig aus weissem oder hellbraunem Kattun oder Baumbast,
weil wegen der Trauer des Huptlings um seine Tochter alle Bewohner
der Niederlassung zum Ablegen ihrer schnen Kleider gezwungen waren.

Nach Verlauf der halben Stunde, als _Bui Djalong_ glaubte, unsere
erste Begrssung habe lang genug gedauert, forderte er uns auf, nach
unserer Wohnung zu gehen, und fhrte uns ber eine Treppe und einen
Holzsteg, die mit hbschen Gelndern und Bambuszweigen sorgfltig
verziert waren, an das Ufer des Djemhang. Dort erhob sich eine
ebenfalls verzierte Plattform und daneben ein langes, scheunenartiges
Gebude, das aus neuen Brettern und Schindeln verfertigt und 1 m
ber dem Boden gebaut war. Ich kam zuerst nicht auf den Gedanken,
dass die Verzierungen am Wege unserem Empfange galten, weil ich eine
solche Ehrung bei den Dajak noch nicht erfahren hatte, ich hielt
den Schmuck vielmehr fr den berrest von irgend einem Fest. Meine
Malaien erzhlten jedoch, dass nicht nur die ganze Festverzierung zu
unserer Ehre angebracht worden war, sondern dass man auch das Haus
fr unseren Empfang neu errichtet hatte. Die Hhe dieses Gebudes
schien zwar fr lange Europer nicht berechnet zu sein, aber die
Grundflche war sehr gross, so dass ich die eine Hlfte des Raumes
meinem inlndischen Personal, d.h. den Malaien, zum Wohnen anweisen,
die andere fr _Demmeni_ und mich einrichten konnte. Wir hatten bereits
eine Stelle zum Aufhngen unserer Moskitonetze ausgesucht und eine Tr
erhalten, um sie als Tischbrett zu gebrauchen, als man uns aus einem
unverstndlichen Grunde wieder zur Huptlingswohnung rufen kam. Bei
unserer Ankunft fanden wir dort eine noch strker angewachsene Menge
und _Bui Djalong_ erklrte, die Leute regten sich darber auf, dass
sie unsere Krper eigentlich noch nicht gesehen htten, und so bat
er uns denn im Namen aller, einen Augenblick unsere Jacken und Hemden
abzulegen, damit sie wenigstens unseren Oberkrper sehen knnten. In
Anbetracht der grossen Herzlichkeit, mit der man uns hier empfangen
hatte, und des Gedankens, dass diese Menschen sich das Unangenehme
einer derartigen Schaustellung fr uns nicht vorstellen konnten und
berdies von ihrer anfnglichen Forderung von _sow mong_ bereits zu
bescheideneren Wnschen bergegangen waren, gab ich ihnen nach, und
da auch _Demmeni_ einverstanden war, sassen wir bald darauf wieder
auf unseren Gongen da, diesmal aber mit entblsstem Oberkrper.

Anfangs nahmen die vielen h h kein Ende und es entstand ein
lebhaftes Gedrnge, um so dicht als mglich an uns heranzukommen. Zu
Handgreiflichkeiten kam es jedoch nicht; nur stellte sich _Bui
Djalongs_ Frau eine Zeitlang neben uns zum Schutz gegen die
andringenden Frauen und Kinder auf, die jetzt, wie vorhin, die
Hauptmenge bildeten.

Allzu lange liessen wir die Vorstellung nicht dauern, sondern
begaben uns bald wieder nach unserer Wohnung, um diese vllig
einzurichten. Das ging jedoch nicht schnell von statten, denn die
mutigsten Dorfbewohner waren uns gefolgt und starrten uns, unsere
Handlungen und Sachen unermdlich voll Interesse und Bewunderung
an. Ab und zu wagte der eine oder andere, wenn wir auf ihre immer noch
wiederholte Aufforderung "_sow mong_" nicht eingingen, einen rmel
oder ein Hosenbein aufzustreifen. brigens erregten nicht wir allein
Interesse, sondern auch unsere Malaien; _Midan_ in seiner Kche und
_Doris_, der Jger, der seine Waffen reinigte, lockten viele an. Da
alle sehr frhlich und lebhaft waren, gab es ein munteres Bild,
das uns sehr angezogen htte, wenn wir uns nach dem monatelangen
Aufenthalt im Walde nicht so sehr nach Ruhe gesehnt htten. Seit ich
den Blu-u verlassen, waren gerade 6 Monate vergangen. Als _Doris_
nun auch noch seine Harmonika hervorholte und deren Tne die an
derartige Musik nicht gewhnten Eingeborenen zu erregen begannen,
glich es bei uns mehr einem Jahrmarkt als einer stillen Behausung
ermdeter Reisender. Zum bermass beeilten sich auch noch die Mnner
und Frauen, die tagsber auf dem Felde gearbeitet hatten und abends
heimkehrten, das Schauspiel zu geniessen, so dass es sehr spt wurde,
bevor es uns unsere Bewunderer zu vertreiben gelang. Wir lagen bereits
hinter unseren Moskitonetzen, als man _Demmeni_ noch um seinen Arm bat,
um dessen Haut betrachten und befhlen zu knnen.

Bereits vor Tagesanbruch hockten Frauen und Kinder in unserer Wohnung
und warteten auf unser Erwachen; sie waren unten durch das Segeltuch
geschlpft, mit dem wir den Hauseingang verschlossen hatten, daher
schtzten wir uns spter durch eine Tr vor diesen Eindringlingen. Ein
Aufstellen von Wachen nachts hielt ich der freundschaftlichen Gesinnung
der Bevlkerung wegen fr berflssig; diese wurde uns auch nur durch
ihre allzulebhafte Bewunderung lstig. Den ganzen Tag ber strmte
eine neugierige Menge zu uns, so dass Zeit und Raum zum Essen,
Ankleiden und Schlafen beinahe nicht zu finden waren.

Die jungen Leute holten morgens die letzten Kisten vom Landungsplatz
ab und gegen Mittag traf auch _Kwing Irang_ mit den Seinen ein.

Nach meiner Gewohnheit liess ich auch hier die Besucher nicht ohne
ein kleines Geschenk weggehen und begann daher, sobald wir uns etwas
eingerichtet hatten, eine Austeilung von Fingerringen. Unter der Menge
entstand aber eine Bewegung, wie ich sie noch in keinem dajakischen
Dorfe erlebt hatte. Erst brach ein lautes Jauchzen los, dann wollte
jeder als erster etwas erhaschen; einer verdrngte den andern und
grosse und kleine Hnde an langen und kurzen Armen streckten sich
nach mir aus, so dass ich mich nur mit Anstrengung auf meinen Beinen
hielt. Der stossenden und drngenden Masse musste ich denn auch erst
begreiflich machen, dass eine Austeilung auf diese Weise unmglich
sei. _Bui Djalong_ hatte einen seiner ltesten beauftragt, meinen
Verkehr mit den Dorfbewohnern zu vermitteln, und so bersetzte der
Mann mein Busang, das Frauen und Kinder nicht verstanden, in die
Sprache der Uma-Tow. Obgleich es augenscheinlich allen schwer wurde,
sich zu beherrschen, trat doch etwas Ruhe ein und mit einiger Abwehr
der allzu Habschtigen machte ich jung und alt glcklich.

Um diesen gnstigen Eindruck unseres Besuches noch zu erhhen,
berliess ich es _Bui Djalong_ zu bestimmen, welchen Lohn ich den
Kenja, die mir zu Hilfe gekommen waren, geben sollte. Fr die grossen
Reismengen, die er uns entgegengeschickt hatte und auch jetzt wieder
gab, wollte der Huptling keine Bezahlung annehmen, doch war er damit
einverstanden, dass ich seine Leute mit weissem Kattun belohnte. Die
Unterhuptlinge der verschiedenen langen Huser gaben mir die Zahl der
Mnner an, die etwas zu fordern hatten, im Ganzen waren es 160. Nach
Rcksprache mit _Kwing Irang_ gab ich jedem Kenja 6 m weissen Kattuns
von einer Qualitt, die sehr geschtzt wurde. Zur Vermeidung jeder
Parteilichkeit bei der Austeilung und nachtrglicher Klagen, mass und
riss ich alle diese 6 m langen Stcke selbst ab. Eine unbedeutende
Verhrtung am kleinen Finger der rechten Hand erinnert mich heute
noch an diese ungewohnte Arbeit. Die Austeilung der Stcke konnte den
betreffenden Huptlingen berlassen werden, was sehr angenehm war; bei
den Bahau entstanden stets Schwierigkeiten dadurch, dass jeder Trger
dem Vorgesetzten gegenber an seiner Belohnung Kritik zu ben wagte.

Das Gercht von unserer Ankunft und den schnen Dingen, die bei uns
zu erhalten waren, hatte sich bald weit verbreitet; am anderen Tage
strmte ununterbrochen ein Zug neugieriger Besucher von den Feldern
in unsere Wohnung. Auch _Demmeni_ wurde so stark belagert, dass ich
ihn nur bei den Mahlzeiten sah, obgleich er sich dicht neben mir
auf hielt. Sehr viel wert war es, dass die Leute Lebensmittel als
Tauschartikel herbeibrachten; unsere Dorfbewohner litten nmlich
selbst an Reismangel und waren mit ihren Feldarbeiten im Rckstand,
auch wollte ich mit meinem Personal nicht lnger auf _Bui Djalongs_
Kosten leben. Er hatte ohnedies bereits _Kwing_ mit den Seinen als
Gste aufgenommen und sie in sehr freigebiger Weise mit allem Ntigen
versehen.

Unter den Besuchern befanden sich eine Menge Kropfkranke, die bereits
von meinen Arzneien gegen ihr Leiden gehrt hatten. Sie brachten zu
meiner Verwunderung alle gut gereinigte Flaschen mit, was mir bei den
Bahau nie begegnet war; bei diesen hatte ich stets nur mit Mhe eine
halbwegs reine Flasche erhalten knnen.

Die Kenja wurden mir bald sehr sympathisch. Nach wenigen Tagen
verkehrte ich mit ihnen bereits ebenso unbefangen wie mit den Bahau
am Mahakam nach gleich vielen Monaten. Dasselbe war auch mit meinen
Malaien der Fall, auch sie wurden fortwhrend von den Kenja besucht;
diese whlten sogar einen ihnen sympathischen Malaien aus und
wollten mit ihm _sebilah_, Freund werden, eine Art von Schutz- und
Trutzbndnis eingehen. Als Freundschaftszeichen machen sie einander
ein Geschenk; die Malaien baten sich zu diesem Zweck ein Stck Zeug
oder hnliches auf Abschlag ihres Lohnes von mir aus. Da mein Vorrat an
Tauschartikeln ursprnglich fr einen einjhrigen Aufenthalt berechnet
war und wir jetzt nur zwei Monate bleiben sollten, durfte ich meiner
Reisegesellschaft gegenber freigebig sein.

Ich hatte anfangs darauf gerechnet, auch _Kwing_ und sein Gefolge
unterhalten zu mssen, aber davon wollten unsere Gastherren nichts
hren, ich konnte ihnen sogar schwer begreiflich machen, dass ich
wenigstens meine Malaien, die in meinen Diensten standen und Lohn
empfingen, selbst ernhren msste. Nach Landessitte wurden die Kajan
unter die verschiedenen Familien im Dorfe verteilt, hauptschlich
bei den Huptlingen; _Bui Djalong_ htte 60 Mann unmglich selbst
so lange beherbergen knnten. _Kwing Irang_, sein Sohn _Bang Awan_
und einige Sklaven wurden jedoch von _Bui Djalong_ in seiner eigenen
grossen _amin_ als Gste aufgenommen. Einigermassen zur Vergtung der
Gastfreundschaft ihrer Gastherren boten die Kajan den Kenja ihre Hilfe
bei der Feldarbeit an, die in der Tat sehr willkommen war, da der Tod
und die Trauer um _Bui Djalongs_ Tochter die Arbeit ber einen Monat
in Rckstand gebracht hatte. berdies war, wie gesagt, der Reisvorrat
der Kenja gerade jetzt sehr gering, weil das Jahr zuvor sehr viele
Mnner mit dem Huptling nach Serawak gereist waren und der Reisbau
deswegen weniger eifrig betrieben worden war. _Bui Djalong_ bat mich
auch fters um die Hilfe meiner Malaien, die dann morgens frh mit
den Dorfbewohnern aufs Feld zogen und den ganzen Tag dort verblieben.

Das rauhere Klima dieses in 600 m Hhe gelegenen Gebirgslandes machte
seinen Einfluss in bemerkenswerter Weise auch auf die Artikel geltend,
die von mir verlangt wurden. Vor allem forderten die Leute feste, dicke
Stoffe; hbsche und feine, wie Seide und Sammet, wurden weit weniger
gewrdigt. Mein weisser Kattun von guter Qualitt fand z.B. so starken
Anklang, dass ich trotz des grossen Vorrats bald sparsamer mit ihm
umgehen musste. Fr ein Stck dicken Kattuns, den ich zum Einpacken
von Gesteinen mitgenommen hatte und der seiner Steifheit wegen nie
die Kauflust der Bahau erweckt hatte, bot man mir hier sogleich
grosse Mengen Reis u.a., so dass ich ihn vorlufig fr einen Notfall
aufzubewahren beschloss. Ich merkte sehr bald, dass ich hier trotz
des kurzen Aufenthaltes auf ethnologischem Gebiet mit Erfolg wrde
arbeiten knnen, denn die Kenja waren lange nicht so misstrauisch wie
die Bahau und im Auskunftgeben nicht zurckhaltend, auch konnte ich
mhelos Gegenstnde von allerlei Art, selbst ihre Kleider von ihrem
Leibe kaufen, wenn ich nur gut bezahlte. Glcklicherweise bildeten
auch hier Glasperlen einen beliebten und bequemen Tauschartikel; es
kam mir jetzt zu statten, dass ich in Samarinda dem Rat von _Bo Ului
Jok_ gefolgt war und fr die Kenja hauptschlich grosse Perlen gekauft
hatte, denn diese hatten in der Tat viel mehr Wert als die kleinen.

Um die Niederlassung in aller Ruhe in Augenschein nehmen zu knnen,
fehlte mir die Zeit, doch war es mir jedesmal eine Erlsung, wenn man
mich nach aller Arbeit unter der lebhaften Menge in meiner Htte in
die Huser abholte, wo ernstere Krankheitsflle vorlagen. Dort fand
ich zu mancherlei Beobachtungen Gelegenheit und bisweilen hielt ich
mich dort lnger als ntig war auf oder ich schloss mich auf der
Galerie einer Gruppe an, von der ich mir dann gemtlich allerhand
erzhlen oder zeigen liess.

Alle 10 Huserreihen im Dorfe waren im gewhnlichen Bahaustil gebaut
und zwar in dem der Kajan; doch standen sie auf nur 1-2 m hohen Pfhlen
und waren aus anderem Material hergestellt. Dies fand seinen Grund
darin, dass die dichte Bevlkerung den hohen Wald in der Umgegend
ausgerodet hatte und die zum Bau eines so grossen Dorfes erforderliche
Menge Bauholz nur aus grosser Entfernung noch zu beschaffen war. Die
Masse des Volkes hatte daher zu Bambus fr den Bau der Fussbden und zu
grossen, in Form von Matten aneinander gereihten Baumblttern fr Wnde
und Dcher ihre Zuflucht genommen. Nur die Huptlingshuser werden ganz
aus Holz gebaut, ferner die Teile des Hauses der gewhnlichen Kenja,
die bei einem folgenden Bau wieder verwendet werden knnen, z.B. der
Fussboden der Galerie und die Innenwnde. Ersterer bestand oft aus
besonders dicken und grossen Brettern. Es ist mglich, dass die Huser
deshalb auf so niedrigen Pfhlen stehen, weil grssere so schwer zu
erlangen sind; doch wird diese Bauart wohl auch dadurch bedingt sein,
dass die Kenja ihren Feinden auf freiem Felde entgegentreten und sich
nicht von ihren Husern aus verteidigen. Von den Huserreihen gehrten
8 den Uma-Tow, 2 den Uma-Tim, die sich vor nicht langer Zeit unter
_Bui Djalongs_ Schutz gestellt hatten. Auffallend waren die etwa 1 m
hohen Holzstege, die alle Huser im Dorfe verbanden; die Kenja berhren
mit den blossen Fssen nicht gern den Erdboden, besonders wenn dieser
vom Regen durchnsst ist. Die Stege bestehen aus breiten Brettern,
die auf Gersten ruhen; Gelndestellen von ungleicher Hhe werden wohl
auch durch Baumtreppen mit einander verbunden. Gelnder sind nicht
gebruchlich, doch sind sie den Kenja bekannt, sie brachten sogar
selbst welche fr uns Europer an, weil uns das Gehen mit Schuhen
auf den vom Regen schlpfrigen Brettern oft unbequem war.

Merkwrdigerweise waren die _amin_ der Familien, die bei den Bahau
meist sehr ordentlich und reinlich gehalten werden, bei den Kenja
viel schmutziger als die Galerie, obgleich sie in ihrer Kleidung
und ihrem Hausrat bedeutend sauberer waren als ihre Verwandten am
Mahakam. Vielleicht hngt dies damit zusammen, dass die Kenja noch
mehr als die Bahau gemeinsam auf der Galerie leben und in der _amin_
oft nur essen und schlafen. Die Kenja ziehen die Galerie deswegen
der _amin_ vor, weil sie auf ersterer grosse Feuer anmachen knnen,
die sie morgens und abends vor der bei ihnen herrschenden Klte
schtzen; bisweilen schlafen sie sogar in der _awa_. Auffallend ist
auch die grosse Menge Brennholz, die man in jeder _amin_ oberhalb des
Feuerherdes aufgestapelt findet, und der Eifer, mit dem die Frauen
tglich neuen Vorrat herbeitragen.

An allen Wegen und Seiteneingngen der Huser standen 3-4 m hohe
und noch hhere Figuren (_hudo_), welche den Zweck hatten, die
krankheitserregenden Geister vom Hause fern zu halten. Meistens waren
es menschliche Gestalten mit Antlitzen von Ungeheuern; statt der
Haare trugen sie Palmbltter oder lebende und tote Pflanzen und die
Genitalien waren bertrieben gross und mit einem _utang_ versehen. Auf
Tafel 85 ist eine derartige Figur zu sehen; sie ist mit dem Beil aus
einem grossen Holzstck gehauen, nur die hervortretenden Teile, wie
Nase, Ohren und Arme sind gesondert eingesetzt. Die Schreckgestalt ist
mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Auch Ziegen und Hunde findet
man als Schutzfiguren aufgestellt; die verschiedenen Huser besassen
auch verschiedene Figuren. Zur Abschrekkung der bsen Geister werden
auch Pfhle mit queren Einkerbungen benutzt. Unter einem derartigen
Schreckpfahl steht die Frau auf Tafel 85. Die Einschnitte im Stamm
geben die Zahl der Kpfe an, die von den Bewohnern dieses Hauses
erlegt wurden, und warnen die Geister vor einem Eintritt in das
gefhrliche Haus. Zwei Querschnitte nebeneinander bedeuten die Augen
und ein Querschnitt in der Mitte darunter den Mund, so dass je drei
Einkerbungen einen erbeuteten Schdel vorstellen.

Auch bei den Rasthtten werden Schreckfiguren aufgestellt (Taf. 83
oben), ebenso auf den Begrbnispltzen der Huptlinge und der
gewhnlichen Kenja.

Zum Schutz der Grber werden grosse, stilisierte Hundefiguren auf hohen
Beinen bentzt; man findet sie sowohl unter dem Grabmal aufgestellt
als auch auf dem Dache. Die zwei schnsten Prunkgrber von _Bui
Djalongs_ Sohn und Tochter sind auf Tafel 84 zu sehen. Die _bila_
bestanden hier aus Kammern, in welchen die Srge auf 4-6 m hohen,
schweren Pfhlen ruhten. Groteske Figuren verzierten die Dcher und
Wnde der Monumente; auch die Pfhle waren hbsch bemalt und das
ganze Gebude von oben mit allerhand Kleidungsstcken und Waffen
behngt. Auf dem Dache des Grabmals des Huptlingssohns sieht man
zwischen zwei stilisierten Hundefiguren einen Mann sitzen, der Flte
spielt; als Sessel dient ihm eine liegende Mnnerfigur. Aussen an der
_bila_ hingen hier Schilde, Kriegsjacken und -mtzen und Sitzmatten,
whrend in der Kammer selbst Schwerter lagen. Die Farben dieser
Prunkgrber waren noch ziemlich neu und hoben sich daher lebhaft
gegen den Hintergrund von dunkelgrnen Bergen ab. Derartige Monumente
werden nicht auf dem allgemeinen Begrbnisplatz errichtet, sondern
stets gesondert in kleinen Gruppen etwas ausserhalb des Dorfes. Man
darf sich ihnen nur mit des Huptlings Erlaubnis nhern.

Obgleich man bei einem Gang durch das Dorf nur selten den Erdboden zu
berhren brauchte, war dieser doch sorgfltig von Pflanzen gereinigt,
so dass sich zwischen den Husern ganze Flchen nackter, fester Erde
ausbreiteten, die von den Kindern als Spielpltze bentzt wurden. Am
Kapuas fhrten nur schmale Pfade durch das berall wuchernde Gestrpp
und am Mahakam wurde nur vor dem Huptlingshause ein Stck Erde rein
gehalten. Fr uns Europer bildete das Gehen auf festem Boden eine
lang entbehrte Annehmlichkeit nach dem Aufenthalt im dicht bewachsenen
Wald. Fruchtbume sah man nur bei den Husern der Huptlinge und bei
einigen ihrer _panjin_. Das rauhe Klima trug wohl die Schuld daran,
dass die Bume nicht ppig wuchsen.

Am 9. Oktober wurden wir frh morgens durch das _buka_ geweckt,
d.h. durch pltzliche Schlge auf die Gonge, welche die Dorfbewohner
zusammenriefen. Obgleich ich dies unheilverkndende Gelut nicht
verstand, blieb ich anfangs ruhig hinter meinem Moskitonetz, da auch
die Menschen, die in meiner Htte bereits auf mich warteten, still
auf ihren Pltzen sitzen blieben. Der Huptling hatte beschlossen,
an diesem Tage die Trauer fr seine Tochter aufzuheben, damit das
ganze Dorf nicht noch lnger mit ihm zu trauern brauchte und man bei
dem bevorstehenden Saatfest Schwerttnze vornehmen durfte.

Als ich nach dem Essen eine Hngebrcke aus Rotang besichtigen ging,
die _Demmeni_ am Djemhang entdeckt hatte, bemerkte ich einen Priester
und einige Mnner, die am Ufer eine Beschwrung der Geister des
Oberlaufs vornahmen. Tags zuvor hatte mir _Kwing_ bereits mitgeteilt,
dass man in der _awa_ des Huptlings eine Zusammenkunft halten wollte,
auf der ich den Versammelten erklren sollte, warum wir nach Apu
Kajan gekommen wren. Sowohl die Kajan als die Malaien, die sich
in dem fremden Lande noch durchaus nicht heimisch fhlten, legten
dieser Zusammenkunft ein grosses Gewicht bei, und so erwartete ich die
Einladung mit einiger Spannung. Doch rief man mich auch jetzt erst um
1/2 4 Uhr. In der _awa_ fand ich viele Huptlinge und alte Mnner um
ein Feuer unter der Schdelreihe vereinigt, hinter welcher wiederum
die grossen Gonge als Sessel fr uns bereit standen. _Bui Djalong_
forderte mich jedoch auf, mich erst in seine _amin_ zu begeben,
um mich dort vorher mit allerhand guten Dingen zu strken. Ich
betrat jetzt zum ersten Mal diesen Raum. Seine Grundflche betrug
etwa 10  12 Meter und seine Einrichtung glich derjenigen anderer
Hnptlingswohnungen. Zu beiden Seiten der Eingangstr, die mitten in
das Gemach fhrte, befanden sich Herde mit Regalen darber; der linke
wurde von der Huptlingsfamilie bentzt, der rechte von _Kwing_ und den
Seinen, wenigstens sah ich hier die mir sowohl bekannten Tragkrbe
stehen, neben denen einige Kajan sassen. Unsere gute Freundin,
die Frau des Huptlings, war damit beschftigt, eine Schale mit
gegohrenem sssem Reis und Frchte fr uns herzurichten. _Demmeni_
und ich bedauerten lebhaft, dass wir uns mit der freundlichen Frau
so mangelhaft verstndigen konnten, da sie kein Busang sprach. Sie
forderte uns zum Sitzen auf und ermutigte uns wiederholt zum Zugreifen,
wobei ihr Shnchen _Ului_ und ihre Tochter zuschauten. In dem Teil
der _amin_, in dem wir uns befanden, standen an der Wand eine lange
Reihe von Gongen und dazwischen einige hohe, schne Satsuma-Vasen,
die ich hier im Herzen von Borneo nicht zu finden erwartet hatte. Wie
ich spter erfuhr, hatte der Huptling sie von seiner letzten Reise
zum Baram-Fluss mitgebracht. Dass er viel Geld fr sie brig gehabt
hatte, sprach fr seinen guten Geschmack, denn es waren in ihrer Art
schne Exemplare. Der ssse Reis (_burak_) war von sehr guter Qualitt
und auch die Frchte waren sorgfltig ausgesucht; unser europischer
Appetit erweckte denn auch die Zufriedenheit unserer Gastgeberin.

Bis zu unserer Rckkehr in die _awa_ hatte sich der Kreis
der Versammelten noch sehr vergrssert; meistens waren es alte
Kenja. Rechts von uns, die wir wieder auf den Gongen Platz genommen
hatten, sass _Kwing Irang_ mit seinem Gefolge. ber uns die lange Reihe
von Menschenschdeln und vor uns die vielen fremden mit Spannung auf
uns starrenden Kenja-Gesichter, verbrachten wir die erste Zeit mit
gleichgltigen Plaudereien, whrend welcher alle Anwesenden uns mit
Musse betrachten und sich an uns gewhnen konnten.

Als geeignete Einleitung zu einem Gesprch ber die Gegenden,
aus denen wir hergereist waren, kam mein Hund _Bruno_ angelaufen,
der durch seine Grsse und seine den Dajak unbekannte Eigenschaft,
Fremde anzubellen, auch hier grosse Bewunderung erregte. Darauf
wurde namens des Huptlings der Versammlung in zwei Glsern Reiswein
(_tuwak_) gereicht, wobei man uns zuerst bediente. Inzwischen war
es unter dem hohen, berhngenden Dach bereits dunkel geworden,
und da wir auf das vom Herdfeuer verbreitete Licht angewiesen waren,
benutzte ich die Gelegenheit, den Leuten eines unserer Kulturwunder
vorzufhren und liess eine Petroleumlampe kommen.

Die eigentlichen Verhandlungen hatten noch nicht angefangen, doch
schien man zu erwarten, dass ich den Anfang machte, obgleich
man mich nicht dazu drngte. Ich begann daher _Bui Djalong_
und den Seinen in der Busangsprache zu berichten, warum ich aus
dem Mahakamgebiet zu ihnen gekommen sei und was ich durch meinen
Besuch bei ihnen erreichen wolle. Ich sprach von den Ereignissen,
die sich in letzter Zeit, hauptschlich durch Zutun der Uma-Bom am
Mahakam und Tawang zugetragen hatten, und machte ihnen begreiflich,
dass durch dieselben die Kluft zwischen den Bahau und Kenja zum
Nachteil beider stets grsser geworden sei und auf diese Weise der
Handelsweg zum Mahakam ihnen bald gnzlich geschlossen werden wrde,
besonders jetzt, wo sich ein Kontrolleur in Long Iram befinde, der
dergleichen Kopfjagden durchaus nicht dulden werde. Das gespannte
Verhltnis, fuhr ich fort, bildete auch fr die Mahakamstmme eine
Quelle stndiger Unruhe, welcher nur durch ernsthafte Behandlung der
Angelegenheit ein Ende zu machen wre. Eine derartige Behandlung der
inneren Zustnde wre aber wegen des grossen gegenseitigen Misstrauens
unter den Stmmen selbst nur unter Leitung der Niederlnder mglich,
wie dies jenseits der Wasserscheide durch Vermittlung des Radja von
Serawak geschah. _Kwing Irang_ meinte, dass meine Erklrung nicht allen
deutlich wre, und wiederholte sie daher auf seine Weise. Whrend er
sprach, kam mir der Gedanke, es sei besser, nichts zu verschweigen
und sogleich alles zur Sprache zu bringen, besonders da die Kenja von
allen Umstnden gut unterrichtet zu sein schienen. Daher behandelte
ich den Mord am Tawang nochmals ausfhrlich und sprach zum Schluss
die Meinung aus, dass ein Schadenersatz in Gestalt eines Sklaven
unter niederlndischer Vermittlung nur dann geboten werden knne,
wenn man ausdrcklich erklrte, dass der Sklave als solcher in die
Familie _Bui Djalongs_ aufgenommen und nicht gettet werden wrde.

Nach der Stille, die meinen Worten folgte, sagte _Bui Djalong_ nur,
dass die Kenja sich unmglich widersetzen knnten, wo zwei grosse
Huptlinge (_hipui_), wie der Sultan von Kutei und die Niederlnder
darauf aus wren, ihr Bestehen zu verbessern (_neme urib_), dass
er frher aus Furcht vor den Batang-Lupar aus Serawak zum Tawang
habe auswandern wollen, dass dies aber nach dem Vorgefallenen nicht
mehr mglich sei, dass sie andrerseits auch nur sehr schwer an den
_Telang Usan_ (Baram) ziehen knnten und daher einer guten Regelung
der Verhltnisse gern Gehr schenken wrden. _Kwing Irang_ gab er
im Geheimen den Wink, ber den Vorschlag des Radja von Serawak, auf
englisches Gebiet auszuwandern, nicht zu sprechen. Um spter nicht
_ha_, verlegen, zu werden, wie er sich ausdrckte, wenn sich die
anderen nicht an das Abkommen hielten, schlug er vor, zuvor auch
noch mit den brigen Stmmen, vor allem den Uma-Bom, zu berlegen
und unsere Beratung (_tengeran_) daher spter fortzusetzen und vor
unserer Abreise zum Abschluss zu bringen.

Darauf kamen noch viele andere, weniger wichtige Angelegenheiten zur
Sprache, u.a. der Zug der Kenja nach Serawak, von dem ich bereits
viel erfahren hatte, gern aber von ihnen selbst noch Nheres hren
wollte. Mit grosser Offenheit gaben _Bui Djalong_ und seine Landsleute
ihre Meinung ber ihr Verhltnis mit Serawak zu kennen, ganz anders
als dies bei den Bahau blich war, wo beinahe niemals jemand eine
Ansicht ffentlich zu ussern wagte, aus Furcht vor Widerspruch oder
Widerstand seitens anderer. Wir erfuhren jetzt, dass, wie die meisten
Fehden, auch die der Kenja mit den Batang-Lupar vor sehr langer Zeit
ihren Ursprung genommen hatte. Vor einigen Jahren hatte nun der Radja
von Serawak diesen Zwistigkeiten ein Ende machen wollen und den Kenja
als Strafe fr ihre Kopfjagden eine sehr ansehnliche Entschdigung in
Guttapercha auferlegt. Nach der zum Sammeln erforderlichen Frist hatten
sich die Kenja mit der Guttapercha aufgemacht, um sie nach Fort Long
Belaga am Balui, dem Oberlauf des Batang-Rdjang, zu bringen. Auf der
Reise begegneten sie jedoch wieder grossen Batang-Lupar-Banden, die
an den Quellflssen Buschprodukte suchten, und bei dieser Gelegenheit
entbrannte ein neuer Kampf, bei dem auf beiden Seiten Opfer fielen
und alle Guttapercha verloren ging. Seit der Zeit waren die Kenja
noch nicht dazu gekommen, ihre Busse aufs neue zu bezahlen, aber
nachdem der Radja im Jahre 1895 die Kenjastmme Apo-Paja am oberen
Danum durch seine Batang-Lupar hatte unterwerfen lassen, hatte er
immer wieder Gesandtschaften geschickt, um eine Zusammenkunft mit den
Kenjahuptlingen zu veranlassen. Diese empfanden jedoch wenig Lust,
sich aufs neue in grosser Anzahl auf englisches Gebiet zu wagen,
besonders da man erzhlte, sie wren es gewesen, die die 5 Batang-Lupar
am Boh gettet htten. Mit einer serawakischen Gesandtschaft, welche
die mit ihnen verwandten Huptlinge der Uma-Dang, die sich gerade
eben dem Radja unterworfen hatten, begleiteten, sandten die Kenja dem
englischen Frsten als Freundschaftszeichen zwar schne Schwerter
und Schilde, aber sie selbst erschienen zwei Jahre lang nicht vor
ihm. Darauf sandte ihnen der Radja vom Batang-Rdjang durch Boten
einen Brief und der Resident am Baram, _Dr. Hose_, gleichfalls, was
sie alle so erschreckte, dass sie trotz der schnen Tigerhaut und den
Gongen, welche als Geschenke fr sie mitgegeben waren, das Jahr zuvor
beschlossen hatten, dem Rufe eiligst Folge zu leisten. Eine ungefhr
700 Mann starke Gesellschaft war unter den Huptlingen der Uma-Tow,
die weiter unten am Fluss in Long Nawang wohnten, den Batang-Rdjang
abwrts gefahren, um der Einladung dort nachzukommen, whrend _Bui
Djalong_ selbst indessen mit 500 Mann nach dem Baram gezogen und diesen
dann hinabgefahren war. Die Huptlinge beider Gesellschaften wurden mit
Dampfbten nach der Residenz Kuching abgeholt, wo _Bui Djalong_ sich
jedoch weigerte, auf englisches Gebiet auszuwandern, was er mir jedoch
selbst nicht erzhlte. Auch er berichtete, die Batang-Lupar htten sie
auf der Heimreise berfallen, wobei einige zur Begleitung mitgegebene
englische Polizeibeamten verwundet und gettet worden wren.

Die zwei aus Serawak gesandten Briefe, welche so grossen Eindruck
gemacht hatten, wurden zum Vorschein gebracht und mir vorgelegt. Es
waren nur ein paar Geleitsbriefe, um nach Serawak zu kommen;
sie enthielten weder irgend einen Befehl noch eine Drohung, aber
die Kenja, welche die Briefe nicht hatten lesen knnen, hatten
sich beim ungewohnten Anblick von Papierstcken das Schrecklichste
vorgestellt. Zur Verstrkung dieses Eindrucks hatten die malaiischen
Boten berdies noch das Ihre beigetragen. _Bui Djalong_ war zwar
etwas verlegen, als er den wahren Inhalt der Briefe vernahm, doch
half er sich mit der Bemerkung, sie wren zu dumm, um solche Dinge
zu begreifen. Es war spt geworden, als wir von der Versammlung
heimkehrten.

Nach dem guten Verlauf der Zusammenkunft war es uns am folgenden
Tage eine wahre Erleichterung, als die meisten Dorfbewohner auf _Bui
Djalongs_ Feld zogen, um dieses zur Saat vorzubereiten. So erfreuten
wir uns zum ersten Mal eines ruhigen Tages. Auch der folgende verlief
still, da die Dorfbewohner an diesem auf die gleiche Weise das Feld
von _Bo Anj_, des Huptlings Bruder, bearbeiteten und _Bui Djalong_
selbst mich um die Mithilfe meiner Malaien fr diesen Tag gebeten
hatte. Diese fanden die Bitte zwar anspruchsvoll und fr ihre Wrde
als Mohammedaner (nur wenige unter ihnen waren von Geburt Malaien)
einem Dajak gegenber etwas erniedrigend, aber sie frchteten eine
Strung der guten Beziehungen so sehr, dass sie aus der Not eine
Tugend machten und bereits morgens frh mit dem Huptling aufbrachen,
nachdem ich hierzu meine Zustimmung gegeben hatte.

Des anderen Tages erfuhr ich, wie sehr auch in der Kenjagesellschaft
Eitelkeit und Eifersucht die Lebensfreude beeintrchtigten. Morgens
nach dem Frhstck hatte ich zum Besuch meiner Patienten meine
Wanderung durch die verschiedenen Huser begonnen, als mich die
Bewohner in der _amin_ von _Bo Anj_, wo sich ein Fieberkranker
befand, zurckhielten, um mir einen ausfhrlichen Bericht ber _Bo
Anjs_ Wrde, seine lteren Brderrechte gegenber _Bui Djalong_
und seine Verwandtschaft mit den Huptlingen von Uma-Djalan zu
erstatten. Mit allem diesem gaben sie mir zu verstehen, dass nicht
nur _Bui Djalong_, sondern auch _Bo Anj_ fr den Tod von _Usat_,
ihrem Enkel, am Tawang ein Sklave als Entschdigung zukam. Halb
um das Gesagte zu bekrftigen, halb um mir fr ein Gewehr, das
ich bei meiner Abreise bei ihnen zurckzulassen versprochen hatte
und fr schnes langes _bok kading_ (Ziegenhaar) und _ape kendi_
(dicker Kattun) ein Gegengeschenk zu geben, verehrten mir _Bo Anjs_
Angehrige einen sehr schn gezeichneten und mit Menschenhaar
verzierten Schild. Unter der Hand erfuhr ich noch manches ber das
gegenseitige Verhltnis der Huptlinge in Tanah Putih; ber _Bui
Djalong_ wurde geklagt, er tue ganz, als ob er der erste wre,
whrend _Bo Anj_ doch eigentlich lter sei. Dass der schwache _Bo
Anj_ vor dem kraftvollen _Bui Djalong_ hatte zurcktreten mssen,
erschien mir sehr begreiflich. Der energischere Charakter der Kenja
schtzte sie augenscheinlich nicht vor kleinlicher Eifersucht, die
auch bei den Bahau eine so grosse Rolle spielte.

Gegen Ende des Tages erhielten wir den Beweis, dass man die Dinge am
Kajan ganz anders behandelte als am Mahakam.

Gleich nach der Mahlzeit wurden wir nmlich durch Laufen und Rufen
auf dem Wege an unserem Hause erschreckt und beim Hinausblicken
sahen wir etwa 10 fremde Kenja in voller Kriegsrstung, die eben
in einem Boot angekommen waren, mit heftigen Gebrden eine ernste
Nachricht mitteilen, von der wir nichts weiter begriffen, als dass
es sich um Kampf und Tote handelte. Die herbeistrmenden Bewohner von
Tanah Putih gerieten beim Anhren des Berichtes in grosse Aufregung,
so dass es fr uns eine Beruhigung bedeutete, als _Bui Djalong_ in
seiner gefassten Weise selbst auf dem Schauplatz erschien und sich
berichten liess. Obgleich auch er voll Interesse zuhrte, regte er sich
doch nicht dabei auf; ich nahm daher das unbekannte Ereignis nicht zu
tragisch und ging, um zu hren, um was es sich handelte. Die Boten
waren von den Drfern weiter unten am Kajan gekommen und meldeten,
vom Stamme der Uma-Tepai seien 100 Mann im Kampfe gegen den feindlichen
Stamm der Alim, die am Pedjungan wohnten, gefallen. Der Vorfall schien
_Bui Djalong_ doch weit mehr zu treffen, als ich aus der Ferne gesehen
hatte, denn er war bleich geworden und seine Lippen waren blau,
doch zeigte er sich nicht erregt und war noch unbewaffnet, whrend
die andren Mnner von Tanah Putih sogleich zu den Warfen gegriffen
hatten, als stnde der Feind vor der Tr. Ich war daran gewhnt,
dass bei derartigen Berichten stark bertrieben wurde, und wagte
daher _Bui Djalong_ zu sagen, bei nherer Erkundigung wrde es gewiss
nicht so schlimm stehen und mehr als 15 Uma-Tepai wrden wohl nicht
gefallen sein. Meine Worte schienen ihn zu beruhigen, denn er sagte
lchelnd, das sei sehr gut mglich. Nachdem er zu der aufgeregten Menge
gesprochen hatte, ging er ruhig nach Hause und alles zerstreute sich
wieder. Der Bericht, den mir die Kenja gegeben hatten, war so gehalten
gewesen, als wenn ich die Geographie ihres Landes, die Stmme, die in
ihm wohnten, und ihr Verhltnis zueinander gut gekannt htte. Erst
am folgenden Tage konnte ich genauere Erkundigungen einziehen, aber
es dauerte einige Zeit, bevor ich den Vorfall zu begreifen anfing;
der Bericht des Huptlings selbst war mir noch am wertvollsten. Er
erzhlte, dass der Handelsweg zur Kste auf dem Kajan fr sie infolge
ihrer Feindschaft mit den Uma-Alim verschlossen sei. Dieser Stamm
wohnte hauptschlich am Pedjungan, einem Nebenfluss, der unterhalb
der grossen Reihe von Wasserfllen, Barm genannt, dem Kajan zustrmt.

Neben den Uma-Alim wohnte ein kleinerer Stamm der Uma-Lisan, dem es
bei ersteren nicht sonderlich gefiel (spter hrte ich, die Lisan
wren von den Alim halb abhngig) und der deshalb nach Apu Kajan, dem
Gebiet oberhalb der Barm, auswandern wollte. Ein Stamm der Uma-Tepai,
die dicht oberhalb der Barm lebten, war mit 300 Mann zum Pedjungan
gezogen, um den Uma-Lisan beim Umzug in ihr Gebiet behilflich zu
sein. Dies sollte mit Einverstndnis der Uma-Alim geschehen sein,
was jedoch unwahrscheinlich war, da die Alim den Uma-Tepai feindlich
gesinnt waren und ihnen daher die Nachbarschaft eines verbndeten
Stammes nicht gegnnt haben wrden. Wie dem auch sei, die Uma-Lisan
wollten bei der Ankunft der Uma-Tepai nicht mit ihnen ziehen, und
als letztere auf dem Heimwege begriffen waren, wurden sie von den
Uma-Alim, die sich in einer engen Gebirgsspalte versteckt hatten,
berfallen und in dem darauf folgenden Kampfe sollten dann 100
Mann gefallen sein. Spter stellte es sich heraus, dass die Zahl
der Getteten in der Tat nicht ber 15 betrug. Der ganze Kampf nahm
sich immerhin so viel ernster aus, als die Bahau es gewhnt waren,
so dass _Kwing Irang_ und den Seinen beim Anhren dieses blutigen
Berichts sicher das Herz vor Angst geklopft haben wird.

Whrend _Bui Djalong_ mir dies alles vortrug, hatte ich ihm meine
gnzliche Unkenntnis von Land und Volk in Apu Kajan bekannt. Zu
meiner Freude war er sogleich bereit, mir ber diese Verhltnisse
ausfhrlich Auskunft zu erteilen; er schlug vor, bereits am gleichen
Nachmittag den Hgel mit der Kubu zu besteigen, weil wir von dort einen
vorzglichen berblick ber das Land geniessen wrden. Nach dem Essen
begaben wir uns auf den Weg und bereits whrend des Gehens machte er
mich auf vieles aufmerksam. Auf dem Gipfel des Hgels angekommen gab
mir _Bui Djalong_ den folgenden geographischen berblick ber sein
Land Apu Kajan, oder Po Kedjin, wie es von den Kenja selbst genannt
wird. Nach seinen Ausfhrungen und dem, was ich bereits selbst gesehen
und gehrt hatte, lagen die Verhltnisse von Land und Leuten etwa
folgendermassen: das Gebiet des oberen Kajan bildet wie das des oberen
Mahakam ein nach allen Seiten abgeschlossenes Land; hohe Gebirge und
unbewohnte Wlder umringen es und der Kajan, der einen natrlichen
Verkehrsweg zu den tiefer gelegenen Gebieten bildet, wird durch eine
unberwindliche Reihe von Wasserfllen, Barm genannt, fr den Verkehr
unzugnzlich. Das Land streckt sich nord-stlich vom Batu Tibang aus,
dem Berg, von dem im Norden und Osten das Grenzgebirge von Apu Kajan
ausgeht. Nach Norden ist letzteres anfangs sehr niedrig und erhebt
sich erst weiter nrdlich zu einiger Hhe. Das Grenzgebirge nach
Osten kann man in Richtung und Formation als eine Fortsetzung des
Ober-Kapuas-Kettengebirges auffassen, das sich bis zum Batu Tibang
hinstreckt und hier durch das vulkanische Gebirge unterbrochen wird,
dessen hchste Erhebungen dieser Gipfel, der Batu Tibang Ok, der
Batu Bulan und vielleicht auch der Batu Pusing darstellen. stlich
von diesen, wo das Gebirge 1000-1500 m hoch ist, besteht es aus
Schiefern, die im Quellgebiet des Oga und Temha einige Rcken,
mehr nach Osten hin aber ein beinahe 2000 m hohes Massiv bilden,
den Batu Okang. Von diesem soll der Boh nach Sdwesten strmen, der
Tawang nach Sdosten und der Kajan Ok, ein Nebenfluss des Kajan,
nach Norden. Auf dem ganzen Wege vom Temha ber die Passhhe zum
Laja und auch im Quellgebiet des Kajan hatten die Schiefer eine mehr
oder weniger starke Neigung nach Sden gezeigt, womit vielleicht im
Zusammenhang steht, dass nach Sden lange Rcken allmhlich sich in
das Oga- und Bohgebiet niedersenken, whrend nach Norden sehr steile
Wnde nach den Flssen des Kajangebietes zu abfallen.

Die ganze Gegend oberhalb der Barm ist gebirgig und besteht, wie
ich zu bemerken glaubte, aus Schiefern mit daraufliegendem Sandstein,
einer Gesteinsbildung, die auch am Ober-Mahakam die grsste Oberflche
einnimmt. Auch in Apu Kajan werden diese Lagen durch Basalt und Andesit
unterbrochen, die bei der starken Abtragung, die dieses Gebiet erlitten
hat, mehr Widerstand als das umgebende Gestein geleistet haben und
jetzt hie und da als Hgel hervorragen.

An Flchen waren nur die weit ausgesplten Flusstler zu sehen,
die Kenja waren daher gezwungen, ihre Reisfelder bis hoch auf die
Abhnge der Bergketten anzulegen und auf den Hgeln den Wald bis zu
den Gipfeln zu fllen. Der Urwald beginnt daher erst in ansehnlicher
Hhe, wo das khle Bergklima keine erfolgreiche Reiskultur mehr
gestattet. Der Reis hat hier ohnehin 1 Monat lnger ntig, um zu
reifen, als am Ober-Mahakam, also 6 Monate.

Der Kajan selbst, der auf dem Grenzgebirge zum Mahakam, auf dem Lasan
Telujn, stlich von dem Batu Pusing entspringt, strmt hauptschlich
in nrdlicher Richtung und nimmt oberhalb der Barm an seiner linken
Seite den Tekuwau, Metisei, Nawang, Pengian, Marong, Iwan und Pura
auf; rechts dagegen den Laja, Danum, Djemhang, Hungei, Anj, Meton
und dicht oberhalb der Barm den Kajan Ok. In diesem Teil des Kajan
bilden die Wasserflle bei Batu Plakau das grsste Hindernis fr die
Schiffbarkeit, ferner befinden sich einige Flle auch noch oberhalb von
Long Djemhang. Wenn der Kajan auch weiterhin bis zu den Barm keine
unpassierbaren Stellen mehr hat, so trgt er doch mit seinen vielen
Felsblcken und Schuttbnken im allgemeinen den Charakter eines fr
den Verkehr ungeeigneten Bergstroms (auf der von dem Kenja gezeichneten
Karte sind die schwer passierbaren Stellen durch bootshnliche Figuren
c angegeben (Taf. 89).

Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass die Kenja im Fahren mit
Bten viel ungebter sind als die Bahau, dafr haben sie aber in
ihrem ganzen Lande gute Wege angelegt, sowohl von den Drfern zu den
Reisfeldern als zu anderen Drfern. (Letztere Wege sind auf der Karte
mit einfachen Linien angegeben; die Kreise f, durch welche der Weg
von Tanah Putih zu den Uma-Leken fhrt, bedeuten Berge).

Die Apu Kajan bewohnenden Stmme, die sich alle verwandt fhlen,
sind vor 2-3 Jahrhunderten vom Uan, dem linken Nebenfluss des
Mittel-Kajan, hierher ausgewandert, nachdem sie sich vorher noch
am oberen Bahau niedergelassen hatten. Aus der neuen Heimat hatten
sie der Reihe nach die Stmme vertrieben, die jetzt unter dem Namen
Bahau am Balui und Mahakam wohnen, Ein anderer Teil der Kenja liess
sich damals am Telang Usan oder Baramfluss nieder, von wo er noch
jetzt mit den Kajanbewohnern in enger Verbindung steht. Nicht alle
Bahaustmme wurden damals aus Apu Kajan vertrieben; die Uma-Leken,
die zum oberen Balui geflohen waren, kehrten spter zurck und wohnen
jetzt am weitesten unten am Fluss, bei den Barm. Dieser Stamm spricht
auch ein von den brigen Kenjadialekten abweichendes Busang. Smtliche
Stmme leben unter der Oberherrschaft des mchtigsten Stammes, der
Uma-Tow, der zwei Niederlassungen bewohnt, Tanah Putih am Djemhang
(jetzt an den Kajan verlegt) und Long Nawang. Ihre Vorherrschaft haben
die Uma-Tow ihren beiden letzten tatkrftigen Huptlingen zu danken,
_Pa Sorang_ und _Bui Djalong_, seinem Neffen. Dieser wies mir mit
Stolz einen Bergrcken, der von der Wasserscheide ins Kajangebiet
verluft und Batu Ajow heisst, nach dem Kampf, der auf ihm zwischen
den beiden Bundesgenossenschaften der Kenja, nmlich den weiter oben
wohnenden Uma-Tow, Uma-Kulit, Uma-Djalan, Uma-Bom und Uma-Tokong gegen
die weiter unten angesiedelten Uma-Bakang, Uma-Tepu, Uma-Baka und
Uma-Leken stattgefunden hatte und aus dem die ersteren als Sieger
hervorgegangen waren. Im allgemeinen besteht die Oberherrschaft
der Uma-Tow darin, dass ihre Huptlinge ber Angelegenheiten von
allgemeinem Interesse beschliessen, aber stets nach Rcksprache mit den
Huptlingen der brigen Stmme. Direkte Steuern, auch in Arbeit, werden
nicht regelmssig geleistet, wohl aber knnen die abhngigen Stmme
zu Hilfe gerufen werden, z.B. bei Krieg oder grsseren Unternehmungen.

Nach _Bui Djalongs_ Angaben setzten sich die Stmme aus der folgenden
Anzahl von Familien zusammen:


                Uma-Tow            500 Familien.
                Uma-Djalan         300 Familien.
                Uma-Tokong         200 Familien.
                Uma-Bom            300 Familien.
                Uma-Bakang         600 Familien.
                Uma-Kulit          400 Familien.
                Uma-Tepu           400 Familien.
                Uma-Baka           300 Familien.
                Uma-Leken          300 Familien.

                Im Ganzen:        3300 Familien.


Hierzu kommen noch einige kleinere Stmme, wie die Lepo-Lisan,  die
Lepo-Aga und die nicht sesshaften Punanstmme, so dass die Bevlkerung
von Apu Kajan auf 20000 Seelen geschtzt werden kann.

Der Verkehr zwischen den Stmmen ist bei den Kenja viel
lebhafter als zwischen den Bahau, auch besitzen erstere mehr
Verwandtschaftsgefhl. Dazu trgt nicht wenig die im Lande herrschende
Sicherheit bei. Es finden denn auch von anderen Gebieten aus nur
selten Kopfjagden in Apu Kajan statt; am ehesten sind diese von
den Batang-Lupar-Stmmen aus Serawak zu frchten, so dass die Kenja
sich denn auch nicht gern westlich vom Flusse oder zu nahe an seinem
Ursprung niederlassen.

Sowohl der schweren Zugnglichkeit ihres Landes als ihrer Strke und
Energie haben die Kenja es zu danken, dass sie bis jetzt von einem
Eindringen Fremder verschont geblieben sind.

Den Zugang zu den anderen Gebieten haben sich die Kenja selbst durch
ihre berchtigten Kopfjagden so gut wie abgeschnitten. Whrend sie
selbst in ihrem Lande beinahe unbewaffnet reisen, wagen sie nur in
grosser Anzahl Handelszge in fremde Gebiete zu unternehmen. Den
Verkehr mit den Bewohnern am unteren Kajan haben sich die Kenja durch
ihre Kopfjagden mit den Uma-Alim unmglich gemacht, die am Pedjungan
und Bahau wohnen, den beiden Flssen, die man zur Umgehung der Barm
berhren muss. Ebenso unsicher ist der Weg lngs des Balui nach Fort
Belaga; hier sind wieder die Hiwan den Kenja feindlich gesinnt. Der
in das nord-stlich gelegene Baramgebiet fhrende Handelsweg, an
dem verwandte Kenjastmme leben, wird zwar viel benutzt, aber auf
dieser Reise muss ein 10 tgiger Landweg zurckgelegt werden, bevor
wieder ein Transport der Waren mit Bten mglich ist. Daher knnen
sie vom Baram kein schweres Gepck wie Salz herbeifhren. Einen
Vorteil bietet dieser Weg insofern, als er durch Gebiete fhrt, in
welchen die Kenja Waldprodukte, vor allem Kampfer sammeln knnen;
auf den anderen Wegen zur Ostkste kommt der Kampferbau dagegen
nicht vor. Der Ertrag eines Baumes betrgt hchstens 1 _kati_ (=
0.61 Kilo). Der Kampfer kommt im Holz des Baumes in Stcken von der
Grsse eines Sandkorns bis zu 3 cm3 vor. Die Bume werden gefllt,
wenn bereits aus dem Geruch der Kampfergehalt festgestellt worden ist,
dann werden sie vllig ausgehhlt, als ob man Bte aus ihnen herstellen
wollte. Hinter jedem Span wird der in den Ritzen des Holzes abgesetzte
Kampfer gesammelt. Beim Umhacken werden den Geistern Matten, Zeug
und Reis geopfert; hat man die Reise mit guten Vorzeichen angetreten,
so ist der Gewinn an Kampfer gross, im anderen Falle aber klein.

Von den beiden anderen Handelswegen, die den Kenja noch brig bleiben,
ist der nach dem Mahakam der gebruchlichste; nach dem Berau ist die
Reise so schwierig, dass nur leichte Artikel von dort bezogen werden
knnen. Die Kenja verbessern alle diese Wege, indem sie z.B. sumpfige
Stellen mit behauenen Stmmen belegen, steile Abhnge mit Treppen
versehen u.s.w.

Whrend wir noch auf dem Hgel standen und uns von _Bui Djalong_
berichten liessen, hatte sich der Himmel pltzlich verfinstert und,
ehe wir das Tal erreichten, brach ein furchtbares Ungewitter auf uns
nieder. Einige starke Donnerschlge gingen den Regengssen voran,
dann folgte ein heftiger Hagelschlag, den ich zum ersten Mal in
Indien erlebte. Die Kajan waren durch diese Naturerscheinung aufs
tiefste erschreckt. In ihrem Lande kommt Hagel berhaupt nicht vor;
nur wird nach einer ihrer Sagen, wenn es Steine regnet, alles in
Stein verwandelt.

Wenn die gefrchtete Versteinerung auch nicht eintraf, so hatte dieser
Hagelschlag auf die Nerven der Kajan und Malaien, die ohnehin durch
das pltzliche Zusammenrufen (_buka_) der Dorfbewohner nach dem Fall
der Uma-Tepai sehr erregt waren, so nachteilig gewirkt, dass _Lalau_
mir am anderen Tage mit bleichem Gesicht meldete, es wrden unter
der Bevlkerung ber uns sehr ernste Gerchte verbreitet, die uns
usserst gefhrlich werden knnten. Man erzhlte, wir beabsichtigten
in der Tat, die Kenja zu bekriegen, und warteten nur auf die Hiwan
(Batang-Lupar) und die Ankunft der Boten von Long Deho, die den Boh
hinaufgefahren waren, um den Angriff zu beginnen. _Kwing_, sein Gefolge
und meine Malaien frchteten, dass die Kenja uns zuerst anfallen
wrden. Unser Verhltnis zur Bevlkerung war indessen fortwhrend
besser geworden und bis jetzt war noch nichts Unangenehmes zwischen
uns vorgefallen. Selbst als mein Hund einen kleinen Knaben recht stark
gebissen hatte, wurde dieser Vorfall seitens der Betroffenen sehr
verstndig beigelegt. Auch verkehrten Frauen und Kinder von morgens
frh bis abends spt in meiner Htte, fr mich der beste Beweis ihres
grossen Vertrauens zu unseren Absichten. Einige Mtter mussten ihre
Kinder sogar mit Gewalt zum Essen nach Hause holen und klagten, die
Kleinen wren berhaupt nicht mehr in der _amin_ zu halten. Es half
nichts, dass ich die bengstigten Gemter auf alle diese beruhigenden
Zeichen hinweis, sie kamen stets wieder auf das Gehrte zurck. Da es
nicht ratsam war, dergleichen Geschwtz allzulange kursieren zu lassen,
und auch zur Beruhigung meiner Leute versprach ich _Kwing Irang_,
die Sache mit _Bui Djalong_ in seiner Gegenwart besprechen zu wollen.

An diesem Tage kam es jedoch nicht dazu, weil ein Huptling der
Uma-Bakong mit zwanzig Mann Gefolge den Fluss heraufgefahren kam,
um mich zu besuchen.

_Bui Djalong_ fhrte mir die Gesellschaft selbst zu und erklrte,
dass _Emang_, so hiess der Huptling, und die Seinen mich besuchten,
um meine Absichten mit den Kenja kennen zu lernen. Da der Mann
gut Busang sprach, liess _Bui Djalong_ ihn mit seinen Begleitern
allein bei mir zurck, augenscheinlich vertraute er, dass ich mit
der Gesellschaft allein fertig werden wrde. Die Besucher hatten auf
meine Nachsicht gerechnet, denn sie brachten mir nur etwas Reis zum
Geschenk, worber sie selbst ihr Bedauern aussprachen. Ich war jedoch
gar nicht daran gewhnt, Geschenke zu empfangen, und half den Leuten
mit einer Unterhaltung ber _tanah dipa_, das Land "bersee", ber ihre
Verlegenheit hinweg. Ich gab jedem ein Gegengeschenk, dem Huptling
eine Jacke aus Kattun, den anderen ein Kopftuch aus _batik_. In bester
Stimmung sagte _Emang_ beim Abschied, man werde uns in seinem Dorfe
auf den Hnden tragen, falls wir dorthin kommen wollten.

Nachdem die Gesellschaft am anderen Tage wieder abgereist und die
_awa_ des Huptlings wieder frei geworden war, liess _Kwing Irang_
mich zur Besprechung rufen. Bei meinem Eintritt sass er mit ernstem
Gesicht allein unter seinen Kajan. Ich hatte somit noch Gelegenheit,
ihm zu sagen, dass ich _Bui Djalong_ und dessen Stammesgenossen
gegenber, die alles tten, um uns den Aufenthalt angenehm zu machen,
wegen der Angelegenheit verlegen sei und dass ich dem Geschwtz nicht
glaubte. _Demmeni_ trat ebenfalls zu uns, und als auch _Bui Djalong_
mit einigen ltesten erschien und sich zu uns unter die Schdelreihe
setzte, forderte ich _Kwing_ auf, seine Sache selbst vorzutragen. Mit
aller Redegewandtheit, ber die er verfgte, wiederholte _Kwing_
darauf das Geschwtz der alten Frauen und Kinder und gab dabei selbst
so deutliche Zeichen von Angst zu erkennen, dass _Bui Djalong_ eine
ungeduldige Bewegung nicht unterdrcken konnte.

Bevor er antwortete, machte er uns gegenber die Bemerkung, dass
wir augenscheinlich dem Klatsch keinen Glauben schenkten und aus dem
Blick, mit dem er uns ansah, sprach seine Genugtuung hierber. _Kwing
Irang_ selbst gab er in fast beleidigend kurzen Worten den Bescheid,
dass alle diese Gerchte nur von alten Weibern und Kindern stammten
und Mnner einen solchen Unsinn nicht ernsthaft nehmen sollten. Sehr
berzeugt hatte er seinen Gast durch diese Bemerkung wahrscheinlich
nicht, aber die Batang-Lupar-Frage erschien ihm als Gesprchsthema
verlockender und so wandte er sich diesem zu. Ich vernahm von ihm jetzt
denselben Bericht, den ich bereits hufig an der Serawakischen Grenze
gehrt hatte, nmlich dass das ganze Land in stndiger Angst vor den
plndernden Hiwan-Banden lebte, die der Radja auf die Grenzstmme an
der niederlndische Grenze hetzte, und vor den Hiwan, die in Truppen
Buschprodukte suchten und dabei gelegentlich Kpfe jagten.

Die Kenja brauchten ihrer grossen Anzahl wegen vor diesen Stmmen keine
Angst zu haben, aber _Bui Djalong_ frchtete, dass er, falls neue
Morde vorfielen, sein Volk nicht in Schranken wrde halten knnen,
wodurch ernsthafte Konflikte mit dem Radja entspringen knnten. ber
die frher verloren gegangene Entschdigung in Form von Guttapercha
hatte der Radja nicht mehr mit ihm gesprochen, dagegen hatten die Hiwan
selbst eine hohe Entschdigungssumme von ihm geheischt, da sie sich
durch eine dem Serawakischen Gouvernement aufgebrachte Busse nicht
befriedigt fhlten. So lange diese Angelegenheit noch nicht beigelegt
war, frchtete _Bui Djalong_ die Rache der Hiwan. Infolge der stets von
neuem von den schwrmenden Punan verbreiteten Gerchte ber einen in
Serawak in Vorbereitung begriffenen Kriegszug (bala) gegen die Stmme
von Apu Kajan und die Anwesenheit zahlreicher Truppen von Hiwan in den
umliegenden Gebirgen befand sich das Land in stndiger Unruhe. Das
Gebiet am linken Kajanufer war von den eingeschchterten Bewohnern
gnzlich verlassen worden und auch die Uma-Bom hatten teilweise dieser
Gerchte wegen ihre Siedelung am Kajan im Stich gelassen.

In dem Geschwtz, das _Kwing_ so beunruhigt hatte, war auch von 2
Bten die Rede gewesen, die aus Long Deho angekommen sein sollten. Der
Bericht war mir vllig unklar gewesen, jetzt hrte ich aber von _Bui
Djalong_, dass in der Tat zwei Bte uns von _Bang Jok_ nach unserer
Abreise nachgesandt worden und bei den Uma-Bom in Apu Kajan angekommen
seien. Die Leute hatten eine sehr ungnstige Reise gehabt. In ihrer
Unkenntnis des Weges waren sie nicht den Oga hinaufgefahren, sondern
dem Boh gefolgt, worauf sie bald die Richtung verloren hatten. Nach
mehrtgiger Fahrt waren ihre Nahrungsmittel erschpft und sie selbst
nur auf die Fische im Boh angewiesen gewesen. In diesem Zustand waren
sie einer Punangesellschaft begegnet, die sie mit Nahrung versorgt
und dann auf den richtigen Weg gebracht hatte, so dass sie doch noch
in der Niederlassung der Uma-Bom angelangt waren. Sie wollten sich
dort erst noch von ihren Reisestrapazen erholen, bevor sie sich zu
uns nach Tana Putih begaben.

Im Gesprch ber die wirklichen und vermeintlichen Landesfeinde kam
die Rede auch auf den Kampf mit den Uma-Alim. _Bui Djalong_ glaubte
sich zu dem Rat verpflichtet, mich jetzt, wo Unruhe im Lande herrschte,
nicht oder wenigstens nicht allzu weit den Fluss hinunter zu wagen. Er
wollte fr die geplanten Beratungen lieber die weiter unten wohnenden
Huptlinge nach Tanah Putih berufen, wodurch mir die Reise flussabwrts
erspart wurde. Obgleich gegen diesen Vorschlag nicht viel einzuwenden
war, gefiel er mir nur halb, da ich mich fr die anderen Stmme und
das Land weiter unten viel zu sehr interessierte; ich antwortete
daher nur wenig und nahm mir vor, nach Umstnden zu handeln.

_Kwing Irang_ versuchte in seiner Angst nochmals auf den alten Klatsch
zurckzukommen, aber er fand bei keinem von uns Gehr, und als er sogar
ber unsere Rckreise zu sprechen anfing, erinnerte ich ihn an unsere
Abmachung, zwei Monate in Apu Kajan bleiben zu wollen, an die ich mich
bestimmt halten wollte. Darauf ging die Beratung in eine gemtliche
Plauderei ber, nach der wir alle in unsere Wohnungen zurckkehrten.

Die Zusammenkunft hatte auf meine Gastherren nicht ungnstig gewirkt,
denn ein Strom von Besuchern, in den letzten Tagen auch von den
benachbarten Drfern der Uma-Djalan und Uma-Tokong, ergoss sich
wieder in meine Htte, wo es so viele Merkwrdigkeiten zu sehen und
stets eine Kleinigkeit als Geschenk mitzunehmen gab. Das fortwhrende
Sprechen mit Menschen, die die Busang-Sprache nur halb verstanden,
wirkte in diesen Tagen ebenso ermdend wie die unaufhrlichen Bitten
der Besucher, ihnen meine Krperhaut zeigen zu wollen. Da wir ber
diesen Punkt eine sehr verschiedene Auffassung hatten, fhrten die
Unterhandlungen nicht immer zu einem befriedigenden Resultat. Die
meisten Gste brachten in Gestalt von Reis oder Frchten ein Geschenk
mit, besonders wenn sie mit der Absicht, Arzneien zu holen, zu mir
kamen; sie erwarteten aber alle ein kleines Gegengeschenk, wobei ich
stets darauf achten musste, wer der Vornehmste und wer der Geringste
in ihrer Gesellschaft war. Hieraus entstanden bisweilen viele
Schwierigkeiten, da ich die Verhltnisse der Personen nur schlecht
kannte und diese durch Fragen nicht in Verlegenheit bringen wollte. Als
ich _Bui Djalong_ meine Verwunderung darber aussprach, dass meine
Besucher aus der Ferne mit einer solchen Selbstverstndlichkeit
Ansprche auf meine Tauschartikel erhoben, erklrte er mir, es sei
Sitte bei den Kenja, dass Handelsreisende, die von weitem heimkehrten,
ihren Familiengliedern und Bekannten ein kleines Geschenk (_salamba_)
mitbrachten, und dass man daher mich, der ich ebenfalls aus der
Ferne gekommen war und mich mit allen gut stellen wollte, fr diese
Freundschaft eine kleine Steuer bezahlen liess. brigens erhielt
ich selbst oft auch auffallend grosse Geschenke; einige Huptlinge
brachten eine ganze Ziege oder verkauften diese um billigen Preis,
andere reichten einen ganzen Korb voll Reis oder ein Ferkel dar, und
da, wenn ich mit einiger Vorsicht zu Werke ging, meine Tauschartikel
ausreichten, unterwarf ich mich gern ihrer Sitte.

Eines Mittags bewiesen die jungen Leute von Tanah Putih, dass ihnen
sehr daran gelegen war, uns den Aufenthalt bei ihnen so angenehm
als mglich zu machen. _Bui Djalong_ kam mir melden, dass sie in
Anbetracht der grossen Anzahl Besucher, die ich stndig bei mir hatte,
meine Hlfte unserer Htte vergrssern wollten und brachte gleich 60
Mann mit. Anfangs setzte ich, der vorgerckten Tagesstunde wegen, in
einen Umbau meiner Wohnung nicht viel Vertrauen, aber ich ergab mich
wie gewhnlich in ihre Plne, da ich sie nicht gut beurteilen konnte.

Meine Sachen wurden sehr geschickt in den von meinem Personal
bewohnten Teil der Htte hinbergetragen, wohin man auch mich zu
gehen aufforderte. Letzteres war kaum ntig gewesen, denn schon
whrend des Sachentransports waren andere auf das Dach gestiegen,
hatten schnell die Rotangstricke von den Schindeln losgeschnitten und
binnen kurzer Zeit das Dach fortgenommen. Sehr bald waren auch die
Wnde verschwunden und dann begannen die Mnner die Htte etwas breiter
wieder aufzubauen. Das hierfr notwendige Material lag schon zur Hand,
und noch vor Sonnenuntergang, sass ich wieder wohl eingerichtet in
meinem Hause, jetzt weit bequemer als zuvor. Man hatte zu dieser Arbeit
einen Tag ausgesucht, an dem sich alle Bewohner in der Niederlassung
befanden, weil das Saatfest beginnen sollte. Abends lag ich bereits
sehr mde in meinem Klambu, als man mich nach oben ins Huptlingshaus
rufen liess, wo 50 Mann, die in der _awa_ in einer Reihe standen,
eine Art von "_ngarang_" auffhren sollten. Alle hatten ihre besten
Kleider an. Die bewhrten Krieger trugen besonders schne und gut
erhaltene Kriegsmntel aus Pantherfellen und Tinggangfedern, auch
wohl aus langhaarigen Ziegenfellen, und Kriegsmtzen mit hbschen
Federn auf dem Kopfe.

Die krftig und schn gebauten jungen Mnner standen mit dem Rcken
zu uns gekehrt und bewegten sich nach den Tnen der _kledi_, welche
von zwei Mnnern gespielt wurden. In langsamen Schritten zogen sie an
uns hin und wieder zurck, erst rechts fortschreitend, dann wieder
links. Einige Hundert Mnner und Frauen, unter ihnen auch unsere
Kajan und Malaien, bildeten die Zuschauer. Auf der grossen, dunklen,
nur von einer Lampe und einigen Harzfackeln erleuchteten Galerie
boten die krftigen, malerischen Gestalten, die sich streng nach dem
Rhythmus der Musik bewegten, ein sehr eindrucksvolles Schauspiel; fr
uns Fremde war der Anblick besonderes interessant, da wir gar nicht
daran gewhnt waren, so viele Personen auf Kommando mit einer bei den
Bahau gnzlich unbekannten Genauigkeit sich bewegen zu sehen, berdies
in einem Kriegskostm, das nicht nur durch seine eigentmliche Form,
sondern auch durch seine Schnheit alles, was ich an derartigem bei
den Bahau gesehen hatte, bei weitem bertraf. Auf den Kriegstanz
folgte erst ein Tanz jngerer Mnner und dann einer von Frauen;
alle bewegten sich mit der gleichen grossen Ruhe und streng rhythmisch.

Auch meine Malaien und Kajan standen lebhaft unter dem Eindruck des
fr sie aussergewhnlichen Schauspiels. Sie sassen alle bewegungslos
in stummes Staunen versunken und waren nicht dazu zu berreden,
auch ihrerseits etwas zum besten zu geben. Einer der Bandjaresen aus
Samarinda versuchte zwar einen malaiischen Tanz vorzufhren, spielte
aber nach dem eben Genossenen eine traurige Figur. Der ngstliche
_Kwing_ wusste nichts Besseres vorzubringen, als seine Besorgnis
darber auszudrcken, ob das Haus, das brigens sehr fest gebaut war,
die Last aller dieser Menschen wohl aushalten wrde.

Als ich _Bui Djalong_ am anderen Morgen meine Anerkennung ber
die Vorstellung ausdrckte, zeigte er mir einige Kisten in der
Galerie, die speziell zur Aufbewahrung der Kriegsausrstungen
dienten; sie waren hier also nicht, wie in der _amin_ der Bahau,
dem Rauch ausgesetzt. Abends wurde das Fest wiederholt, und
fanden ausserdem Schwerttnze statt, bei welchen wir die Grazie
und die Kraft bewunderten, mit der die Kenja sich bewegten. Wenn
ein Krieger mir allzu nahe trat, kam mir unwillkrlich der Tod des
Long-Glat-Huptlings in den Sinn, dem ein Kenja beim Schwerttanz
pltzlich den Kopf abgeschlagen hatte; es war mir ein beruhigendes
Gefhl, dass ich zwischen dem Huptling und dessen Frau sass. Von
Mdigkeit berwltigt zogen _Demmeni_ und ich uns frh zurck.

Die Kenja schienen ihre Versprechungen treuer zu erfllen als die
Bahau; zum ersten Mal lernte ich hier auch wahres Interesse fr das
allgemeine Wohl kennen, als anderen Tags _Abing Djalong_, einer der
niedrigeren Huptlinge, mit einigen anderen zu mir kam, um zu melden,
dass sie sogleich abwrts fahren wrden, um namens _Bui Djalongs_
die Huptlinge weiter unten zu einer Zusammenkunft in Tanah Putih
unmittelbar nach dem Saatfest zusammenzurufen. Sie baten jeder um ein
Stck Zeug fr eine Jacke und ein Kopftuch fr die Reise, die ich ihnen
als Belohnung fr so viel Mhe gern zugestand. Nachdem diese Sechs
abgefahren waren, trat ein ruhiges Stndchen ein, das _Bui Djalong_
abgewartet zu haben schien, denn er kam zum ersten Mal allein zu
mir, um zu plaudern, gab mir Auskunft ber diese Sendung nach unten,
berichtete noch ber allerhand Dinge, die ich gern wissen wollte,
und bat mich zum Schluss um etwas Pulver und einige Tigerzhne. Da er
mich noch niemals um irgend etwas fr sich selbst oder andere gebeten
hatte, war ich froh, ihm diesen Gefallen erweisen zu knnen, nur
wunderte es mich, dass er so obenhin von ein paar Tigerzhnen sprach,
die bei den Mahakambewohnern als sehr wertvolle Gegenstnde galten,
die nur von Huptlingen berhrt werden durften. Er besass bereits
selbst mehrere Zhne, mit denen er seinen _sonong_, Kriegsmantel,
verziert hatte, war aber doch sehr froh, als ich ihm noch einige
grosse, rein weisse Exemplare reichte.

Ich benutzte _Bui Djalongs_ gute Stimmung, um mir von ihm allerhand
ber die Verhltnisse in seinem Stamme erzhlen zu lassen. ber die
Stellung der Huptlinge zu den Untertanen erfuhr ich das folgende:
Jedes Haus in Tanah Putih bildete ein kleines Reich fr sich, das
von einem Huptling regiert wurde. Die einzelnen Huser standen
wieder unter einem gemeinsamen Oberhaupt. Sowohl dieses als die
Unterhuptlinge durften in ihren breiten Galerien Schdeltrophen
aufhngen, den _panjin_ jedoch war dies nicht gestattet. Die
Kenja besitzen nur eine geringe Anzahl Sklaven und diese gehren
ausschliesslich den Huptlingen. _Bui Djanlong_ selbst, der
allerdings der vornehmste aber nicht der reichste Huptling war,
verfgte nur ber sehr wenig Sklaven, dasselbe sollte bei _Pingan
Sorong_ in Long Nawang der Fall sein. _Kwing Irang_ besass dagegen
eine bedeutend grssere Anzahl Sklaven. Auch die Kenja kaufen ihre
Sklaven von den Punan und Bukat, welche diese auf ihren Kriegszgen
bei oft weit entlegenen feindlichen Stmmen erbeuten. So erzhlte mir
_Bui Djalong_, dass er nach unserer Abreise einige Sklaven bei den
Punanstmmen kaufen wollte, die sich in der Nhe aufhielten. Auch die
Malaien an der Kste von Berau treiben mit den Kenja Sklavenhandel; die
Ma-Kulit z.B. kauften vom Sultan von Berau fr ein Boot und 2 _pikol_
Guttapercha einen Sklaven, um diesen zu opfern. Die Punan sind den
Kenja nicht unterworfen, doch ben die Huptlinge der letzteren ber
die in der Umgegend schwrmenden Stmme grosse Macht aus.

Die Jgerstmme halten sich bald in Apu Kajan auf, bald am
Batang-Rdjang und Baram, wohin sie ber die Wasserscheide ziehen. Nach
einer Kopfjagd auf Serawakischem Gebiet flchten sie jedoch wieder auf
das der Kenja zurck. Da die Punan die Pfade im umliegenden Gebirge
am besten kennen, werden sie von den jungen Kenja bei Kopfjagden als
Fhrer bentzt. Die Gerchte von Kopfjagden und Strafzgen, welche
in Serawak gegen die Kenja vorbereitet werden sollen, danken ihren
Ursprung meistens den Punan. Wenn diese Gerchte sich auch oft als
unwahr erweisen, so lassen sich die Bewohner von Apu Kajan doch immer
wieder von ihnen in Schrecken setzen.

Unsere Unterhaltung dauerte leider nicht lange, denn bald erschienen
wieder Bte mit Uma-Djalan und andere mit Uma-Tokong, die mit mir
handeln wollten und vertrieben den Huptling.

Mittags hatte ich wieder mit einem Ausbruch von Angst seitens der
Kajan und einiger meiner Malaien zu kmpfen, die sich einbildeten, dass
hinter der Botschaft an die Huptlinge weiter unten Verrat stecke. Ich
suchte sie nach Krften zu beruhigen, leider mit geringem Erfolg.

Nicht alle Malaien fhlten sich so wenig heimisch; von den jungen
Mnnern hatten einige nicht nur mit den mnnlichen, sondern auch
mit den weiblichen Gastfreunden Freundschaft geschlossen, die zu
grosser Intimitt fhrte, so dass ich sehr streng auftreten musste,
um sicher zu sein, dass meine Mnner die Nacht zu Hause und nicht bei
ihren Freundinnen verbrachten. Einige ltere Leute hatten mich auf
die Gefahr eines solchen Verkehrs aufmerksam gemacht, auch hatte ich
frher selbst meine Reisebegleiter stets zur Vorsicht ermahnt, um keine
Rivalen, Ehemnner oder Eltern durch Liebeshndel zu krnken. Hier
lagen die Verhltnisse allerdings etwas anders; die jungen Mdchen
schienen von meinen jungen Reisegefhrten sehr entzckt zu sein und
einige Eltern, bei denen ich als Hausarzt verkehrte, zeigten sich
von den Verhltnissen ihrer Tchter sehr befriedigt. So erschien ein
allzu strenges Eingreifen mir nicht wnschenswert, nur machte ich die
an andere Zustnde gewhnten Malaien darauf aufmerksam, dass sie nicht
wie an der Kste den einen Tag bei dieser, den anderen bei jener jungen
Frau verbringen durften, sondern dass ihr Freundschaftsbund whrend
unseres ganzen Aufenthalts dauern msse, da er anders gefhrlich
werden knnte. Nur als Gunst und auf besondere Bitte gestattete ich
einigen, eine Nacht in der _amin_ der Kenjaeltern zu verbringen,
auch bat ich _Bui Djalong_, mir sofort zu melden, falls daraus
Unfriede entstand, was jedoch nicht geschah. Von der Innigkeit der
hier angeknpffen Bande berzeugte ich mich bei der Abreise, wo der
Abschied den jungen Paaren sehr schwer fiel, zahlreiche Geschenke
gewechselt wurden und einer der Mnner sogar zurckgeblieben wre,
wenn ich ihm das zugestanden htte. Fr einen von ihnen musste ich
eine Busse bezahlen, weil seine junge Frau von ihm schwanger geworden
war und er sie verliess. Die jungen Mnner fhlten sich so zu Hause,
dass sie mit ihrer zeitweiligen Familie bisweilen aufs Feld zogen,
dort arbeiteten und abends sehr guter Dinge heimkehrten.

Am 20. Oktober kamen die jungen Mnner von ihrer Sendung zurck. Sie
hatten ihre Reise nur bis zu den Uma-Tow in Long Nawang fortgesetzt,
weil die Drfer weiter unten am Fluss, wie Uma Kulit, Uma Baka, Uma
Tepai sich so sehr vor einem Einfall der Uma-Alim und Hiwan frchteten,
dass sie keine Mnner zu missen und nach Tanah Putih zu senden
wagten. Sie brachten die sichere Nachricht, dass von den Uma-Tepai
nur 15 Mann beim berfall der Uma-Alim gefallen waren, auch waren
sie Bewohnern aus Uma Bom begegnet, die ihnen erzhlt hatten, dass
die 18 Mann, die _Bang Jok_ uns aus Long Deho nachgesandt hatte, sich
noch bei ihnen aufhielten, aber bald nach Tanah Putih kommen wrden.

Zu den Patienten, die ich lange Zeit behandelt hatte, gehrten einige
sehr alte Personen, die an chronischem Lungenleiden und schlechter
Herzttigkeit litten. Am 23. Oktober starb der lteste von ihnen,
ein Huptling, der ein _sebilah_, Blutsfreund, von _Bo Adjang Ledj_
in Long Deho gewesen war und daher mit diesem gleich alt, d.h. etwa 90
Jahre gewesen sein musste. Beim Tode dieses Mannes wurde fr das ganze
Dorf kein _lali_ festgesetzt, auch durften Fremde dieses betreten,
was beim Tode eines Bahauhuptlings streng verboten gewesen wre. Der
Sarg stand bereits seit langem fertig da, wahrscheinlich weil die
hierzu ntigen dicken Stmme nur in grosser Entfernung zu finden
waren. Fr jngere Menschen halten die Kenja keine Srge bereit.

Um zu den Begrbniskosten etwas beizutragen, was alle wohlhabenden
Familien taten, schenkte ich einige Stcke weisses und farbiges
Zeug. Bereits eine Stunde nach dem Abscheiden fuhren einige Leute
den Fluss hinunter, um den auswrts wohnenden Blutsverwandten die
Todesnachricht mitzuteilen, und ebenso schnell machte sich eine
grosse Anzahl Mnner auf, um ein Prunkgrab zu errichten, das innerhalb
weniger Tage fertig sein sollte.

Mittags usserte der Huptling den Wunsch, mit mir einiges inbezug
auf die bevorstehende Zusammenkunft der Huptlinge besprechen zu
wollen. Derartige Beratungen waren mir hier stets ein Vergngen,
weil ich wusste, dass hier ein aufrichtiger Wunsch zur Regelung
der Angelegenheiten vorlag, und ich mich in vielen Dingen auf die
Meinung und den Rat des Huptlings verlassen durfte. Am meisten
schien ihm am Herzen zu liegen, dass ich mich mit den Meinen nicht
weiter flussabwrts begab, wozu ich jedoch fest entschlossen war,
falls die Gefahr nicht zu gross wre. Dem Huptling erschien wegen
der augenblicklich herrschenden Unruhen weiter unten eine Reise
dorthin zu gefahrvoll, auch glaubte er der Gesinnung der dortigen
Huptlinge uns gegenber nicht sicher zu sein. Infolge der grossen
Reisnot knne er uns jetzt auch nicht mit einer gengenden Anzahl
Mnner begleiten, auch wrde er seinen kleinen Sohn _Ului_ nur sehr
ungern allein lassen. Als ich ihm sagte, ich wolle erst den Verlauf
der Besprechungen abwarten und meinen Plan danach einrichten, drang er
dennoch darauf, dass ich aus genannten Grnden in keinem Fall reisen
sollte. Wir behandelten ferner ausfhrlich die auf der Versammlung
zu besprechenden Angelegenheiten. Er bat mich, den Anwesenden das
Verhltnis zwischen Serawak und den Niederlanden mglichst deutlich
auseinanderzusetzen, ebenso ihnen begreiflich zu machen, dass wir mit
ihren Erbfeinden den Batang-Lupar nichts zu tun htten; er behauptete,
viele glaubten seinen Erklrungen nicht, weil sie bisher so wenig
von den Niederlndern als grosser Macht gehrt htten und niemand so
sehr frchteten als den Radja von Serawak. Ferner sollte ich nochmals
deutlich berichten, dass ich hauptschlich gekommen sei, um den Fehden
mit den Mahakambewohnern ein Ende zu machen, damit man _Bui Djalong_
nach unserer Abreise nicht den Vorwurf machen konnte, uns in sein
Gebiet Einlass gewhrt zu haben. Zu meiner grossen Genugtuung sagte er,
mit unserer Festsetzung im Lande wren alle Stmme sehr zufrieden,
besonders weil wir sie vor den immer drohender werdenden Einfllen
der Hiwan beschirmen wollten, doch bestnde immerhin noch eine starke
Partei, die aus Furcht vor dem Radja von Serawak nicht ffentlich
mit den Niederlndern gemeinsame Sache machen wollte. Um mich auch
dieser gegenber so weit als mglich an der Wahrheit zu halten und
spter nicht den verdienten Vorwurf zu hren, ich htte ihnen zu viel
versprochen, betonte ich ausdrcklich, dass ich ber eine Besetzung
eines so weit abgelegenen Gebietes wie das der Kenja zuvor noch
reiflich mit den _hipui_ (Autoritten) in Batavia berlegen msste,
was dem Huptling sehr einleuchtete. Er drang jedoch sehr darauf an,
dass ich die Angelegenheit soweit fhren sollte.

In meine Htte zurckgekehrt fand ich dort so viele Leute, die
etwas verkaufen, fragen oder rztlich behandelt werden wollten,
dass es mir schwer wurde, Geduld zu ben, berdies war ich nach dem
stattgehabten Gesprch nicht in der Stimmung, mit unbekannten Menschen
ber allerhand gleichgltige Dinge zu reden. Ich begab mich daher
zu meinen Patienten, von denen einige mir sehr sympathisch waren und
durch ihre Unterhaltung Zerstreuung verschafften. Auf der Treppe, die
in eines der langen Huser fhrte, begegnete ich einer Gesellschaft
von etwa 50 Personen. Trotz meiner fr sie sehr aussergewhnlichen
Erscheinung zogen die Fremden an mir vorbei, ohne mich nher anzusehen;
einige der Gesichter schienen mir bekannt und in einem Mann, der mir
zunickte, erkannte ich einen Huptling aus Long Deho. Die Gesellschaft
bestand aus den Long-Glat, die uns nachgereist waren und sich verirrt
hatten, und den Uma-Bom, die zur Versammlung gekommen waren.

Die Kenjafrauen, die sich unter letzteren befanden, legten ebenso wenig
Neugier an den Tag als die Mnner. Die grosse Anzahl der Ankmmlinge
bewies, dass man in dem Dorfe fr die bevorstehende Beratung Interesse
zeigte, und so setzte ich guter Dinge meinen rztlichen Rundgang fort,
als _Sawang Bilong_, der Sohn des Verstorbenen und Huptling eines
der Huser, mich bat, so lange die Leiche noch nicht bestattet wre,
nicht zu praktizieren oder sonst ttig zu sein, weil die _adat_ dies
verbiete. Da keiner meiner Patienten unmittelbarer Hilfe bedurfte,
willigte ich gerne ein und freute mich, einer sehr ruhigen Zeit
entgegenzugehen.

Kurz darauf erschien _Bajow_, der Anfhrer unserer Long-Glat, bei mir
mit einem Packen Briefe und Zeitungen, die nach meiner Abreise in Long
Deho angekommen waren. Er berichtete ausfhrlich ber alle Leiden, die
seine Gesellschaft ausgestanden, nachdem sie sich auf dem Boh verirrt
hatte. Vor Hunger erschpft htten sie zurckkehren mssen, wenn ihnen
die Punan am Boh nicht geholfen und den Weg gewiesen htten. Dank
dem Fischreichtum der Flsse, in denen niemals gefischt wurde,
hatten sie es so lange aushalten knnen. _Bajow_ erzhlte ferner,
man habe ihn und die Seinen bei den Uma-Bom freundlich empfangen und
freigebig bewirtet, auch sei man in diesem Dorfe im allgemeinen von
dem Besuch der Niederlnder bei den Kenja befriedigt, nur drcke die
Furcht vor Strafe fr die vielen am Mahakam begangenen Vergehen noch
stark auf die Stimmung.

Anderen Tags hielten sich alle Leute in einiger Entfernung von mir,
weil sie wussten, dass ich weder praktizieren noch Handel treiben
durfte, auch waren viele mit den Vorbereitungen zum Begrbnis des
Huptlings beschftigt, das nachmittags stattfinden sollte. Die Mnner
hatten das schne Prunkmal wirklich an einem Tage fertiggestellt,
ebenso waren viele Frauen gleichzeitig damit beschftigt, alles fr
die Totenausrstung und das Begrbnismahl Erforderliche in Ordnung
zu bringen.

Nach dem Essen musste ich mich als Gast und Glied der Kenjagesellschaft
nach _Sawang Bilongs_ Wohnung begeben, wo alle Huptlinge des
Stammes und auch die Mnner aus Uma Bom um die bereits eingesargte
Leiche versammelt waren. Der grosse, schwere, aus einem Baumstamm
gehauene Sarg stand vor der Wohnung des Huptlings in der _awa_ und
einige Frauen in Trauer knieten vor ihm und wehklagten. Der Sarg war
rotbraun, weiss und schwarz angemalt, ebenso der grosse hlzerne Hund,
der sich neben ihm befand und spter unter die _bila_ gestellt werden
sollte. Viele schne Kriegsmntel, Perlen und Armbnder hingen um den
Sarg und hbsche Krbe, wahrscheinlich mit kostbarem Inhalt, standen
um ihn her. Nachdem ich einige Zeit an der Aussenwand der Galerie
zwischen den Huptlingen gesessen hatte, kamen auch die Abgeordneten
der Niederlassungen Uma Djalan, Uma Tow, Long Nawang und Uma Bakong
an, traten erst vor den Sarg zum Wehklagen und liessen sich dann
an unserer Seite nieder. Es herrschte zwar eine gedrckte Stimmung,
auch wurde nur leise gesprochen, doch schlossen die Neuangekommenen
sogleich mit _Demmeni_ und mir Bekanntschaft und waren sehr darauf aus,
etwas Besonderes zu hren. Von den Mnnern verstand nur ein Teil in
gengendem Masse Busang, um ein Gesprch fhren zu knnen, weitaus die
meisten sprachen lieber ihre eigene Sprache oder die der Uma-Tow. Alle
diese Dialekte weichen stark vom Busang ab, nur die Uma-Leken, die
ich noch nicht sprechen gehrt hatte, sollten sich des Busang bedienen.

Whrend wir so beieinander sassen, konnten wir beobachten, in
wie freigebiger Weise die Kenja einander bei solchen Gelegenheiten
untersttzen. Aus allen Wohnungen traten Reihen von jungen Mdchen und
Frauen in schner Kleidung und trugen Schsseln mit Reis und anderen
Esswaren in die _amin_ der trauernden Familie; des Morgens hatten sie
in gleicher Weise Brennholz herbeigetragen, um all das Essen zu kochen.

Die eigentliche Bestattung ging nachmittags gegen 4 Uhr vor sich. Nur
die nchsten Angehrigen schritten hinter dem Sarge her, der von
4 Mnnern auf zwei festen Bambusstcken getragen wurde. Nicht
smtliche bei der Leiche aufgestellten schnen Dinge, sondern nur
Schild, Schwert, Kriegsmantel und Kriegsmtze des Verstorbenen wurden
mitgetragen, um an der _bila_ aufgehngt zu werden. Der Zug machte
einen schlichten Eindruck; auf dem Wege, ausserhalb des Hauses,
verstummte das Wehklagen. Da man die _bila_ in unmittelbarer Nhe
des Dorfes, bei den Grbern von _Bui Djalongs_ Kindern und anderen,
errichtet hatte, dauerte die Beisetzung nicht lange und man kehrte
bald heim.

Abends wurde meine Htte von so vielen Personen, die ihre Huptlinge
zur bevorstehenden Versammlung begleitet hatten, belagert, dass
die Huptlinge selbst ihren Besuch bei mir auf den folgenden Morgen
verschoben.

Dann waren aber auch alle Gste versammelt, die an diesem Tage an den
Beratungen teilnehmen sollten, und von frh morgens bis halb elf Uhr,
wo man _Demmeni_ und mich zur Versammlung rief, war meine Wohnung
stndig berfllt. Jetzt bot sich die Gelegenheit, allen Huptlingen,
die noch kein Geschenk empfangen hatten, eines anzubieten und zugleich
ihre Frauen, von denen die meisten mitgekommen waren, kennen zu lernen.

Alle hatten Esswaren mitgebracht, die von Uma-Bom sogar ein kleines
Schwein. Bei der Austeilung der Geschenke musste wieder mit berlegung
zu Werke gegangen werden, um die Besucher ihrer Wrde gemss zu
bedenken, ohne die Tauschartikel zu stark anzugreifen; diesmal
erleichterte man mir die Aufgabe, indem man mir ganz unbefangen die
verschiedenen Personen vorstellte, die fr die grssten Geschenke in
Betracht kamen. Unter den Gsten bemerkte ich auch _Taman Dau_, unseren
Bekannten aus Long Deho. Er hatte eine sehr nette Frau mitgebracht,
die augenscheinlich auch im eigenen Kreise sehr geachtet wurde;
wenigstens erregte es allgemeine Befriedigung, als ich ihr ein
besonders schnes Stck Seide fr eine Jacke reichte.

Man brachte mir wieder eine grosse Menge Flaschen, um sie mit
Arzneien zu fllen, und auch der alte Mann, der an der Mndung des
Danum auf mich gewartet hatte, liess mich durch seinen Enkel, den
er zu diesem Zwecke mitgesandt hatte, wieder um die Arznei bitten,
die seine Hautkrankheit zum grossen Teil bereits geheilt hatte.

Der vertrauliche Umgang mit den Besuchern weckte eine gute Stimmung
vor der eigentlichen Versammlung; bei alledem vergassen wir ganz unser
Frhstck, das _Midan_ bei dem grossen Zulauf ohnehin nur mit Mhe
hatte zubereiten knnen. Zum grossen Tagesereignis, der politischen
Versammlung, holten uns die vornehmsten ltesten von Tanah Putih in
die _awa_ von _Bui Djalong_ ab, wo wir uns vorlufig versammelten,
um uns dann gemeinsam in das Haus und die _awa_ seines ltesten
Bruders _Bo Anj_ zu begeben. Dort fanden wir bereits eine grosse auf
dem Boden kauernde Gesellschaft vor, whrend man uns mitten an der
Vorderseite auf unseren Klappsthlen Pltze anbot. Die erste Stunde
verging mit gemtlichem Plaudern, dem Essen von gekochtem Klebreis mit
Schweinefleisch (man verzehrte ein ganzes, grosses Schwein bei dieser
Mahlzeit) und dem Trinken von _djakan_, dem sehr guten Reiswein der
Kenja. Nachdem alle befriedigt waren, merkte ich, dass sie von mir
die Erffnung der Versammlung erwarteten, auch beantwortete _Bui
Djalong_ meine Frage, ob ich den Anfang machen sollte, mit einem
Kopfnicken. Um den Eindruck meiner Worte zu erhhen, begann ich
damit, der Versammlung den Unterschied in den Rechten klar zu legen,
die einerseits der Radja von Serawak, andererseits die Niederlnder
auf den Grundbesitz auf Borneo zu erheben hatten, und erwhnte dabei
speziell den letzten Vertrag zwischen den beiden Mchten, welcher die
Wasserscheide zwischen den Flssen der Nord- und denen der Ostkste
als Reichsgrenze bestimmte. _Kwing Irang_ hatte mir bereits im Jahre
1896 zu verstehen gegeben, dass er diesen Vertrag kannte. Ich hatte
auch gemerkt, dass man keine klare Vorstellung davon hatte, dass die
_tuwan putih_ (weissen Herren), die am Long Mekam (Mahakammndung),
am Long Kelai (Berouw) und Long Kedjin (Kajan) wohnten, alle zu
unserer Nation gehrten, was ihre berzeugung von unserer Macht
sehr bestrkte. Hieran knpfte ich an, dass wir vom Kajan aus auch
auf die Uma-Alim wrden Einfluss ausben knnen; doch fgte ich auch
jetzt ausdrcklich hinzu, derartige eingreifende Massregeln sowie eine
definitive Festsetzung in ihrem Lande hingen erst von einer Besprechung
mit den Autoritten in Batavia und Europa ab. Dann kam ich auf den
Hauptgegenstand der Beratung, die Fehden am Mahakam zu sprechen,
besonders auf die Kopfjagden am Tawang und Medang, an denen die Uma-Bom
zum grssten Teil die Schuld trugen. Die Ereignisse selbst als bekannt
voraussetzend berichtete ich, dass in diesen Angelegenheiten der Sultan
von Kutei fr die Kenja am Tawang, der Assistent-Resident von Kutei
fr die Bewohner am Mahakam und Barito Partei ergriffen htten und
dass ich gekommen sei, um zu hren, welche Entschdigung die Uma-Tow
und Uma-Djalan fr den Mord am Tawang verlangten und welche Busse
die Uma-Bom ihrerseits fr die Kopfjagden von _Taman Dau_ bezahlen
wollten. Was die erste Angelegenheit betreffe, so sehe ich ein, dass
sie fr die Ermordung von _Bui Djalongs_ Enkel von den Kenja am Tawang
einen Sklaven fordern wrden, doch knnten in diesem Fall weder der
Sultan noch die Niederlnder zu einer friedlichen Schlichtung der Fehde
beitragen, wenn man uns nicht die absolute Sicherheit bte, dass der
Mann nicht gettet werden wrde. Ohne auf die von den Uma-Bom in den
letzten zwei Jahren verbten Missetaten zu viel Nachdruck zu legen,
ergriff ich die Gelegenheit, um nochmals deutlich auseinander zu
setzen, wie wir Niederlnder ber derartige hinterlistige Handlungen
dachten. Hatte ich mich in Long-Deho von der Stimmung des Augenblickes
hinreissen lassen, so steuerte ich hier im Bewusstsein, dass ein
offenes Wort nicht schaden wrde, direkt auf mein Ziel los. Ich hatte
die Kenja als ein Volk kennen gelernt, das die Dinge beim rechten
Namen zu nennen pflegte, ausserdem war ich berzeugt, dass alles,
was ich sagte, den Vornehmsten unter ihnen bekannt war und meine
offen geusserte Entrstung ihnen natrlicher erscheinen wrde, als
wenn ich vorsichtig um den Kern der Sache herumgegangen wre. Ich
beschrieb ihnen in grossen Zgen die Folgen ihrer Handlungsweise und
wies darauf hin, dass hauptschlich die Frauen und Kinder unter den
unsicheren Zustnden im Lande litten und nicht die beltter sondern
unschuldige Leute ihres Stammes oder eines anderen der Rache zum
Opfer fielen, worauf mir einige zustimmend zunickten. Wie frher in
Long Deho, begann ich auch hier an dem Beispiel des _Taman Dau_, der
dicht vor mir sass und ein bses Gesicht aufsetzte, zu beweisen, dass
in unseren Augen erstens das Tten weniger wehrloser Menschen durch
eine bermacht eine unwrdige Tat sei und dass zweitens _Taman Dau_
sich zum Schaden seines Volkes und Stammes durch schlaue Mahakam-
und Tawanghuptlinge, die bei den Malaien an der Kste in der
Lehre gewesen wren, dazu habe gebrauchen lassen, deren persnliche
Rachegelste zu befriedigen. Whrend meiner sehr langen Rede hatte
Totenstille geherrscht; mein Mahakamgeleite sass vor Schreck aschgrau
und bewegungslos da, weil ich eine derartige Sprache gegen so viele
mchtige Huptlinge, die wohl 1500 Krieger aufstellen konnten, zu
fhren wagte. Eine Zeitlang herrschte allgemeines Geflster, dann
machte der eine oder andere eine Bemerkung in Busang, aus der ich
ersah, dass man mich gut begriffen hatte. Endlich gab _Bui Djalong_
als Vertreter aller zu verstehen, man habe zwar nicht alles, aber doch
vieles von meinen Worten begriffen, nur habe man erwartet, dass ich
die noch ungelsten Konflikte den Kenja aus dem Wege rumen wrde,
was ich jedoch leider nicht getan htte. Ich merkte aber an dem
vergngten Lcheln des Huptlings, dass mein offenes Auftreten ihm
im Stillen sehr gefiel; er war brigens frher selbst sehr energisch
und kampfeslustig gewesen, wurde aber jetzt in seinem Streben, mit
den Nachbarn Frieden zu stiften, besonders von den Uma-Bom gehindert,
gegen die er nicht kraftvoll genug auftreten konnte.

Um den betroffenen Parteien die Sache nicht zu schwierig zu machen, gab
ich in Erwgung, dass einige Kenja mich bei meiner Rckkehr zum Mahakam
begleiten sollten, um die Tawangaffaire dort weiter zu behandeln, und
wir die ferneren Angelegenheiten, besonders die der Baritostmme, dem
Kontrolleur in Udju Tepu berlassen sollten. Hierin stimmten mehrere
zu, ferner wollte man abends allen, die kein Busang verstanden, meine
Worte erklren. Als allerhand Nebensachen zur Sprache kamen, die fr
mich kein Interesse hatten, hielt ich es fr das Beste, nach Hause zu
gehen; es war brigens schon halb fnf Uhr nachmittags geworden. Abends
kam _Lalau_, um mich mit bedrcktem Gesicht namens _Kwings_ und _Bui
Djalongs_ zu bitten, in Zukunft nicht mehr so scharf zu sprechen und
besonders nicht so stark auf einen Schadenersatz seitens der Uma-Bom
zu dringen.

Des anderen Morgens traten der Reihe nach zuerst die Leute von
Uma-Djalan, dann die Uma-Tow von Long Nawang bei mir ein, um Geschenke
zu empfangen, da am vorigen Morgen hierfr keine Zeit geblieben
war. Kaum waren wir hiermit fertig, als man mich zu meinem grossen
Missvergngen zu einer neuen Versammlung rief, deren Notwendigkeit
ich nach den langdauernden und ernsthaften Beratungen am Tage zuvor
nicht einsah. Die ernsten Mienen der Mnner machten eine Weigerung
jedoch unmglich.

Zu dieser neuen Versammlung auf _Bui Djalongs_ _awa_ hatten sich
noch mehr Menschen eingefunden als zu der ersten, und bald zeigte
es sich, dass die Kenja wichtige Angelegenheiten viel ernsthafter
zu behandeln verstanden, als wir uns vorgestellt hatten. Man begann
wieder damit, allgemeine Gesprche zu fhren, zu essen und Reiswein
zu trinken, der entsprechend der Wrde der anwesenden Huptlinge
von den ltesten Mantri herumgereicht wurde. _Demmeni_ und ich
erhielten unseren Teil zuerst und zwar in sehr reinen Glsern, die
brigen in Schalen, die sie der Reihe nach austranken. Nachdem die
Anwesenden einen grossen Topf geleert hatten, nahm die Versammlung
einen sehr sachlichen und feierlichen Charakter an, indem sie von
_Bui Djalong_ nach strenger Etikette geleitet wurde, wobei niemand
selbstndig auftreten durfte; also ganz anders als am vorigen Tage,
wo jede Leitung gefehlt hatte. Zwei der ltesten Mantri fungierten
als Zeremonienmeister in geradezu musterhafter Weise. _Bui Djalong_
erklrte, man sei zusammen gekommen, um die Ansichten aller Huptlinge
ber die gestern besprochenen Angelegenheiten zu vernehmen, und man
erwarte, dass ich am heutigen Tage nicht selbst sprechen, sondern
nur anhren sollte, was die brigen zu sagen htten.

Hierauf wurden die verschiedenen Wortfhrer der anwesenden Stmme
nach dem Range aufgefordert, ihre Ansicht ber die vorliegenden Fragen
zu ussern. Zum Zeichen, dass jemand das Wort erteilt wurde, brachte
ihm ein junger Kenja ein Glas Reiswein, das ein Mantri gefllt hatte;
dieser wies zugleich auch die Person an, die zu sprechen hatte. Whrend
letztere das Glas leerte, liessen alle Anwesenden einen feierlichen
Ruf ertnen. Der Aufgeforderte begann dann sogleich seine Rede,
die ich nicht verstand, da sie in einem der Kenja-Dialekte gehalten
wurde. Einige Redner gaben in ruhigem Ton und mit kurzen Worten ihre
Meinung zu verstehen, andere bemhten sich, Eindruck zu machen und
ergingen sich in ausfhrlichen Betrachtungen. Zum Schluss suchten
alle Redner ihren Worten dadurch ein besonderes Gewicht beizulegen,
dass sie pltzlich aufsprangen, einige Mal durch Springen und Stampfen
mit beiden Fssen gleichzeitig die Bretterdiele erdrhnen liessen und
zugleich mit beiden gebogenen Armen in die Seiten schlugen unter dem
wiederholten Ruf: "_ba, ba_!"

Wenn dieses Schauspiel auch sehr sonderbar wirkte, so machten doch der
grosse Ernst aller Anwesenden und das strenge Zeremoniell einen grossen
Eindruck, trotzdem wir das Gesprochene nicht verstanden. Dazu trug die
ganze Versammlung nicht den kriegerischen Charakter wie bei den Bahau,
da unter allen Anwesenden keine einzige bewaffnete Person zu sehen war.

Wie man uns spter erklrte, gingen die Meinungen der Versammlung
bezglich der Frage, ob man es mit den Niederlndern halten sollte,
die Ordnung und Recht handhaben wollten, oder ob die alte _adat_
mit dem Recht des Strksten in Geltung bleiben sollte, anfangs
auseinander. Die Vertreter der Niederlassungen Tanah Putih, Uma
Tokong und Uma Djalan waren der ersten Ansicht, whrend die Uma-Bom,
Uma-Bakong und die Uma-Tow von Long Nawang nicht sogleich geneigt
waren, das Schwert in die Scheide zu stecken. Fr die Einsicht der
Versammelten sprach, dass sie nur die Hauptfrage, die Annahme oder
Ablehnung der niederlndischen Oberherrschaft behandelten und dass
sie die Konflikte im Mahakamgebiet berhaupt nicht mehr zur Sprache
brachten. Auf die Stimmung am Ende wirkte bestimmend, dass _Bit_,
_Bui Djalongs_ Schwiegersohn, und ein ltester aus Tanah Putih als
des Huptlings Meinung zu erkennen gaben, dass, wenn die brigen
ihre Kampfgewohnheiten nicht ablegten, die Uma-Tow und andere in
unserer Gesellschaft zum Mahakam auswandern wollten, um sich dort
niederzulassen. Nachdem sich der vornehmste Huptling so bestimmt
auf unsere Seite gestellt hatte, wurden auch die usserungen der
anderen friedliebender.

Die verschiedenen Redner hatten alle der Reihe nach gesprochen und
dabei zwei sehr grosse Tpfe voll _djakan_ geleert, als _Bui Djalong_
noch einen dritten, kleineren kommen liess, ihn selbst unter die Hut
nahm und aus ihm die Glser fllte. Whrend wir vorhin reichlich Zeit
gehabt hatten, die Eigentmlichkeiten der Redner zu beobachten und
uns im Mitsingen des Refrains, den die Versammlung bei jedem neuen
Glase wiederholte, zu ben, wurde unser Interesse jetzt ganz von der
Feierlichkeit der Zeremonien in Anspruch genommen.

Bevor der Huptling den Topf ffnete, den er den Anwesenden als
ein Geschenk von _Kwing Irang_ und uns bezeichnete, hielt er an
seine nchste Umgebung aus vornehmen Huptlingen und Wortfhrern in
gedmpftem, sehr ernstem Ton eine Ansprache, und fragte, ob sie durch
einen Trunk aus diesem Gefss sich fr den neuen Stand der Dinge
entscheiden wollten. Nach der zustimmenden Antwort aller ffnete er
das Gefss und stimmte darauf einen Gesang an, in dem er berichtete,
dass dieser _djakan_ von den Weissen stammte, die gekommen seien, um
das Dasein der Kenja zu verbessern, und dass nun neue Zeiten anbrechen
wrden. Nachdem der Gesang, der in sehr eindrucksvollem, mnnlichem
Ton vorgetragen wurde, beendigt war, erhielt einer der unmittelbar
neben uns Sitzenden ein Glas, das er unter dem gebruchlichen Ruf der
Versammlung leerte. Erst hatte jeder von uns ein Glas trinken mssen,
dann nur die ltesten, vornehmsten Huptlinge, den jngeren wurde
berhaupt nichts angeboten. Nach Ablauf dieser Zeremonie ergriff
_Bui Djalong_ selbst das Wort in der Kenjasprache, von der wir
wieder nichts verstanden, doch merkten wir an seiner fliessenden,
deutlichen Sprache, dass er der beste Redner war. In berzeugendem
Ton gab er seinen Gefhlen in einer sehr langen Rede Ausdruck. Zum
Schluss sprang er dicht neben uns auf, arbeitete mit Armen und Beinen,
dass der Grund erzitterte, gleichsam wie erregt von den eigenen Worten,
worauf er augenscheinlich noch kurz ber uns und _Kwing Irang_ sprach,
die er der Reihe nach berhrte und fr seine Freunde erklrte.

Nach dem Huptling fhrte keiner mehr das Wort, aber ein grosses
Bndel Schwerter und einige Schilde wurden hereingebracht und vor
_Bui Djalong_ niedergelegt. Zu unserem nicht geringen Erstaunen
wurden sie alle unter uns verteilt, zur Besiegelung des neuen
Freundschaftsbundes. _Kwing Irang_ erhielt von _Bui Djalong_ einen
gleichen Schild mit Haaren, wie _Bo Anj_ ihm mir frher geschenkt
hatte. Ich wurde von ihm und von jedem der Anwesenden mit einem Schwert
bedacht; auch _Demmeni_ empfing 3 Schwerter. Man hatte sogar ein
Schwert fr _Akam Igau_, den Huptling der Mendalam-Kajan, bestimmt,
der frher die Kenja zu besuchen versucht hatte, dann aber nach dem
Tawang hatte durchreisen mssen, wo er einigen Kenja aus Apu Kajan
begegnet war.

Die ganze Zeremonie machte auf uns den Eindruck von Entschlossenheit
und Kraft, wie wir ihn noch nie zuvor bei eingeborenen Stmmen
empfangen hatten, und die freigebige Austeilung der Waffen, gleichfalls
ein an anderen Orten unbekannter Brauch, bildete einen passenden
Schluss. Gleich darauf wurde die Versammlung auch fr aufgehoben
erklrt.





KAPITEL XIV.

    Aufforderung und Vorbereitung zu einem Besuch bei den flussabwrts
    gelegenen Niederlassungen--Ankunft in Long Nawang--Zustnde
    im Dorf--Freundschaftlicher Verkehr mit den Bewohnern--Besuch
    von fremden Huptlingen--Politische Versammlung--Besuch bei
    den Uma-Djalan--Rckkehr nach Tanah Putih--Vorbereitungen zur
    Heimreise.


Am Abend des Versammlungstages kamen die angesehensten Mnner von
Long Nawang zu mir, um ber meinen eventuellen Besuch bei ihnen
zu reden. Der vornehmste von ihnen war _Pingan Sorang_, der Sohn
_Pa Sorangs_, der _Bui Djalong_ in der Wrde eines Oberhuptlings
vorangegangen war. Die Tatsache, dass _Pingang Sorang_ seinem Vater
nicht gefolgt war, machte bereits eine gewisse Eifersucht gegen _Bui
Djalong_ begreiflich und ich hatte denn auch gehrt, das Verhltnis
zwischen den beiden Drfern der Uma-Tow in Tanah Putih und Long
Nawang sei kein sehr freundschaftliches. Dies war auch der Grund,
weshalb ich _Bui Djalong_ nicht recht traute, als er mich von einem
Besuch weiter unten abhalten wollte.

_Bui Djalong_ hatte sich seinen Stammesgenossen gegenber
wahrscheinlich nicht ffentlich meiner Reise nach Long Nawang
widersetzen wollen, denn, wie _Pingan Sorang_ erzhlte, hatte er mit
ihm verabredet, wieder abwrts zu fahren und dann junge Leute mit
einer gengenden Menge von Bten den Fluss hinaufzusenden, um mich
und die Meinen abzuholen. Von Long Nawang aus wollte er dann die
Huptlinge der Siedelungen weiter unten am Fluss berufen, um auch
mit diesen die in Tanah Putih bereits besprochenen Angelegenheiten
zu behandeln. Ich versumte nicht, meine grosse Zufriedenheit mit
diesem Plan zu bezeugen, sowohl wegen des Besuches in Long Nawang
als der Versammlung wegen.

Bei ihrer Heimreise am folgenden Morgen begegnete _Pingan Sorangs_
Gesellschaft aber ein schlechtes _njaho_, das sie nach Tanah Putih
zurckzukehren zwang, und bald darauf vernahm ich, dass jetzt, wo
diejenigen, die meinen Zug abwrts vorbereiteten, einem ungnstigen
Zeichen begegnet waren, alle Dorfbewohner sich vor meiner Reise
frchteten. Das Missgeschick mit den Vorzeichen verdross mich umsomehr,
als ich merkte, dass noch ganz andere Faktoren als blosse Besorgtheit
um unsere Sicherheit im Spiel waren; meine Malaien hatten nmlich unter
anderem erzhlt, man finde in Tanah Putih, ich sei den Besuchern aus
fremden Niederlassungen gegenber zu freigebig gewesen, und frchtete,
ich wrde auf einer Reise flussabwrts zu viel von meinen Artikeln
wegschenken. Als auch _Bui Djalong_ und einige lteste mir meldeten,
wie sehr die Bevlkerung jetzt gegen meine Reise sei, sagte ich ihnen,
ich betrachtete _Pingan Sorangs_ Vorzeichen nicht als das meine und
wollte mir die Angelegenheit im brigen noch berlegen. Ich nahm
mir vor, mich, ohne die Huptlinge der einen oder anderen Partei zu
krnken, selbst aus der Verlegenheit zu ziehen; besonders da es sich
um eine politische Versammlung in Long Nawang handelte, war es doppelt
wnschenswert, der anderen grossen Partei der Kenja zu beweisen, dass
es durchaus nicht meine Absicht sei, nur mit _Bui Djalong_ in nhere
Berhrung zu kommen und mit ihm allein Rat zu pflegen. Nach reiflicher
berlegung mit _Demmeni_ erschien es uns am besten, dass die Leute,
die uns von Long Nawang aus abholen kamen, vor ihrer Abreise selbst
grndlich die Vorzeichen fr uns einholten, was alle Teile befriedigen
und sicher zu unserem Vorteil ausschlagen musste. Darauf liess ich
_Bui Djalong_, _Pingan Sorang_ und einige der Vornehmsten von Uma
Djalan, die meinen Besuch ebenfalls wnschten, zu einer nochmaligen
Besprechung zu mir bescheiden und machte den Vorschlag, aufs neue,
diesmal in meinem Interesse, Vorzeichen zu suchen. Ich betonte den
fremden Huptlingen gegenber, wie viel mir an einem Besuch bei ihnen
liege, und dass ich sie sicher begleiten wrde, wenn sie gnstige
Vorzeichen fnden; im entgegengesetzten Falle wrde ich jedoch
nicht mit ihnen hinunterfahren knnen. Auf diese Weise unterwarf
ich mich vllig ihrer _adat_ und bot gleichzeitig den Bewohnern von
Long Nawang die Mglichkeit, mich abzuholen, falls sie dies wollten,
whrend ich denen aus Tanah Putih jede Berechtigung, sich beleidigt
zu fhlen, nahm. War die Stimmung der Stmme weiter unten ungnstig,
so konnten sie ein schlechtes Zeichen vorschtzen, mir jedoch nicht den
Vorwurf machen, nicht zu ihnen gekommen zu sein. Die Mnner aus Long
Nawang bezeugten auch sogleich durch Kopfnicken ihr Einverstndnis
mit dieser Lsung der Frage, doch wurde die Gesellschaft, als sie
meinen Vorschlag gemeinsam berlegten, nicht so bald einig. Zum
Schluss sagte _Bui Djalong_, man wolle sich meinem Wunsche fgen,
und die von Long Nawang sollten hinunterfahren, um mit den jungen
Leuten im Dorfe zu sprechen. An diesem Tage mussten sie ihres _joh_
wegen noch in Tanah Putih bleiben, aber am anderen Morgen kamen sie
vor der Abreise noch, um Abschied zu nehmen und versprachen zum Beweis
ihrer Wohlgesinntheit, mit allen weiter unten wohnenden Huptlingen
zu mir herauffahren zu wollen, falls ich sie ungnstiger Vorzeichen
wegen nicht besuchen knnte.

Abends kam _Bajow_, der Anfhrer der Long-Glat aus Long Deho, und
erzhlte mir, man habe ihn gebeten, nach Hause zurckzukehren, weil
sein Kommen nur Unglck im Lande verursacht habe; bei seiner Ankunft
sei ein Huptling der Uma-Bom gestorben und dann einer in Tanah Putih,
der eben begrabene Vater _Sawang Bilongs_. Alle Leiden, die sie
auf ihrer Herreise erduldet, bewiesen bereits, unter wie schlechten
Vorzeichen sie ihre Reise angetreten haben, man sei also der Meinung,
er solle so schnell als mglich mit den Seinen abfahren. Obgleich die
Long-Glat durchaus nicht geneigt waren, die schwierige Reise sogleich
von neuem anzutreten, fhlten sie sich hierzu doch verpflichtet und
wollten sich daher mit Hilfe der Uma-Bom auf den Rckweg machen. Ich
konnte nichts dagegen tun und gab ihnen nur einige Briefe mit, um
sie als die ersten Berichte aus Apu Kajan zur Kste zu senden.

Gleichzeitig mit den Long-Glat reiste auch _Kwing Irang_ mit den Seinen
nach dem nicht weit entfernten Uma Tokong; es war dies das erste Mal,
dass die Kajan auf eigene Hand andere Kenja zu besuchen wagten. Trotz
allem Guten, das sie erfahren hatten, der grossen Gastfreiheit, dem
herzlichen Umgang und der Sicherheit im Lande selbst hatten die Kajan
bis jetzt ihre Angst vor den Kenja nicht soweit bemeistern knnen,
dass sie ihrer Neugier, andere Drfer kennen zu lernen, nachzugeben
wagten und den zahlreichen Einladungen, die sie erhielten, Folge
leisteten. Obgleich in Tanah Putih niemand bewaffnet einherging,
trugen die Kajan doch stets Schwert, Schild und Speer bei sich,
zur grossen Belustigung ihrer Gastherren. Dass diese sie nicht hoch
schtzten, zeigte sich darin, dass _Bui Djalong_ mit _Kwing Irang_
keine Blutsfreundschaft schliessen wollte, wodurch eine der Hoffnungen
dieses Huptlings unerfllt blieb. Auch in anderer Hinsicht erlebten
meine Mitreisenden manche Enttuschung. Sie hatten z.B. gehofft, bei
den in ihren Augen sehr urwchsigen Kenja sehr vorteilhaften Handel
treiben zu knnen, aber die Kenja besassen alle Artikel ebensogut wie
die Bahau; auch Salz und Leinwaren hatten nicht den erwarteten grossen
Wert. Infolge dieser Umstnde war die Stimmung meiner Kajan durchaus
nicht immer frhlich und sie sehnten sich nach der Heimkehr. Dies
war auch der Hauptgrund, weswegen die Kajan sich zu einem Besuch
bei den Uma-Tokong ermannt hatten. _Bui Djalong_ hatte ihnen nmlich
zu verstehen gegeben, dass sein Stamm sie zwar ernhren knne, aber
wegen Reismangels nicht imstande sei, ihnen auch fr die Rckreise
gengenden Proviant mitzugeben. Hierzu hatten sich jedoch die Stmme
der Uma-Tokong, Uma-Bom und Uma-Djalan bereit erklrt, falls die Kajan
den Reis selbst bei ihnen holen wollten. Htte sich ihnen eine andere
Mglichkeit geboten, um zu Reis zu gelangen, so htten sie diesen Zug
sicher nicht unternommen. _Kwing_ bat mich auch fr die Reise um drei
Malaien zum Schutz, die ich ihm gern zugestand. Mit den Kajan zugleich
zogen auch die Pnihing nach Uma-Tokong, doch schienen letztere, die
ohne Tauschartikel auf Reisen gegangen waren, ihren Aufenthalt in Apu
Kajan so satt zu haben, dass sie von dort einem Landweg zum Boh folgten
und ohne meine Erlaubnis nach Hause zurckkehrten. Die 6 Pnihing
bewiesen dadurch, dass sie mehr Mut besassen als alle Kajan zusammen.

Am 1. Oktober, zwei Tage nach ihrer Abreise, kehrte _Lalau_ bereits aus
Uma Tokong mit dem Bericht zurck, _Kwing_ und die Seinen seien dort
sehr freundlich empfangen und gefeiert worden und deshalb wohlgemut
zurckgeblieben.

Mittags wurde ich durch die Ankunft von 120 Mann aus Long Nawang
berrascht, die mich zu ihnen abholen wollten; augenscheinlich
hatten sie nicht allzu lange nach gnstigen _joh_ gesucht oder zu
suchen gebraucht. An diesem Tage war es _Demmeni_ zum ersten Mal
geglckt, eine Frau und einen kleinen Jungen zu einer photographischen
Aufnahme zu bewegen; zu ihrer Beruhigung musste ich mich neben die
beiden stellen, da sich besonders der Vater des Knaben sehr besorgt
zeigte. Nun mussten die Negative noch ausgesplt und getrocknet
werden, ausserdem hatte ich noch verschiedene Massregeln fr eine
gute Ausrstung zu treffen. Hauptschlich musste ich mir die Art
und Menge der mitzunehmenden Tauschartikel wohl berlegen, damit
wir whrend unseres ohnehin kurzen Besuchs in diesen Niederlassungen
mit Anstand auftreten konnten. Ich nahm die Abwesenheit von _Kwing_
und seinem Gefolge, die mich begleiten sollten, zum Vorwand, um meine
Abreise um einen Tag zu verschieben.

Frh am anderen Morgen machten sich _Lalau_ und einige vornehme Mnner
aus Long Nawang auf den Weg nach Uma Tokong, um _Kwing_ mit seiner
Gesellschaft abzuholen, aber erst spt abends kehrte _Lalau_ allein
zurck mit dem Bericht, sowohl _Kwing_ als die Kenja wrden bei den
Uma-Tokong durch grosse Feste, die man ihnen zu Ehren veranstaltet
hatte, aufgehalten. Auf einer eigens hierfr zusammenberufenen
Versammlung hatte _Kwing_ von uns und unserer _adat_ erzhlen
mssen. Die Uma-Tokong hatten ein Schwein geschlachtet und viele
anderen guten Dinge aufgetischt, welche die Kajan nicht im Stich hatten
lassen knnen. In Tanah Putih war brigens auch noch niemand bereit,
mich zu begleiten, denn alle waren eifrig mit der Saat beschftigt.

Des Morgens hatte sich _Bui Djalong_ zu mir gesetzt und erzhlt,
einer der wichtigsten Grnde, die man gegen meine Reise abwrts gehabt
habe, sei die Furcht gewesen, dass ich dort sehr unangenehme Dinge zu
hren bekme. Man sei dort noch weniger als in Tanah Putih ber das
Verhltnis zum Radja von Serawak unterrichtet, den sie alle kannten
und sehr frchteten. Da ich alle anderen Beweggrnde, vor allem die
Schwierigkeit, eine gengende Menge Mnner zur Fahrt vom Felde zu
holen, wohl einsah, sagte ich, dass ich seine Begleitung zwar sehr
schtzte, diese aber fr meine Sicherheit nicht notwendig sei, dass
jedoch _Kwing_ und seine Kajan in eine Reise ohne ihn nicht einwilligen
wrden. Letzteres schien wenig Eindruck auf ihn zu machen, denn er
erklrte, ohne die Kajan zu erwhnen, dass er nur mitgehen wolle,
um mir die Siedelungen flussabwrts zu zeigen. So bat ich ihn denn,
ohne die anderen Dorfbewohner, die zu beschftigt waren, in meinem
Boote mitzufahren, um dann unmittelbar nach Verlauf der grossen
Versammlung (_tengeran aja_) zurckzukehren, damit er mglichst wenig
Zeit verliere. Es war mir sehr beruhigend, dass ihn diese Anordnung
zu befriedigen schien, denn wenn er sich gekrnkt gefhlt htte,
weil ich die Reise gegen seinen Willen durchsetzte, so wre mir das
hchst unangenehm gewesen.

_Kwing Irang_, der am anderen Morgen gegen 9 Uhr mit seiner
Gesellschaft erschien, war augenscheinlich bereits auf die Fahrt nach
Long Nawang vorbereitet, wenigstens machte er keine Einwendungen. So
war unsere Karawane bald gebildet und bestand aus dem ganzen Personal,
uns Europern und den Kenja, zusammen etwa 120 Mann; der grsste
Teil der Leute von Long Nawang war ber Land bereits in sein Dorf
zurckgekehrt, nachdem wir nicht sogleich hatten mit hinunterfahren
knnen.

Wir verliessen Tanah Putih auf einem gut unterhaltenen, breiten
Pfad, den ich noch nicht betreten hatte; wegen meiner vielseitigen
Ttigkeit kam ich beinahe nicht aus dem Dorf. Der Pfad fhrte an den
Grbern und einer _kubu_ vorbei, neben der sich zur Abwehr der bsen
Geister auf einem hohen Pfahl eine Holzfigur befand. Tafel 83. Von
hier gelangten wir abwrts zum Ufer des Kedjin, unterhalb der Reihe
grosser Wasserflle. Der an dieser Stelle nur 40 m breite Fluss
wurde zu beiden Seiten von hohen, mit mchtigen Bumen bekrnten
Felswnden eingeschlossen. Die Bume waren zur Befestigung eines
schweren Rotangnetzes bentzt worden, das von dem einen zum anderen
Ufer derartig aufgehngt war, dass einige behauene Stmme auf dasselbe
gelegt werden konnten, um als Brcke zu dienen. Seitlich stand das
Netz den Stmmen entlang sehr steil in die Hhe und gewhrte den
Fussgngern ein Gefhl der Sicherheit, doch waren die Netzrnder zu
weit entfernt, um als Sttze dienen zu knnen. Da die Stmme sehr lose
lagen, vertrauten wir uns diesem Brckenbau nicht an, sondern stiegen
lngs des steilen Ufers abwrts zum Landungsplatz. Die Kajan bentzten
grsstenteils ihre eigenen Fahrzeuge, fr uns lagen aber zwei sehr
lange, allerdings etwas schmale Bte bereit mit hoch vorstehenden
Vorder- und Hintersteven, verziert mit schn geschnitzten Kpfen.

Nachdem unser Gepck in den Bten untergebracht worden war, stiessen
einige Mnner sie vom Ufer ab und bugsierten sie in den Fluss. In
einigen kleineren Bten sassen einige Frauen und boten unter all den
Mnnern einen gemtlichen, beruhigenden Anblick. Wegen des sehr hohen
Wasserstandes gelangten wir schnell ber die vielen Stromschnellen,
die von Bnken aus grobem Flussgestein gebildet wurden. Zwischen
einigen sehr langen Schnellen verbreitete sich der Fluss bis auf 80
m. Sie liefen in starken Windungen durch eine sehr flache Landschaft,
die ihrer ganzen Ausdehnung nach mit jungem Busch (_talon_) bedeckt
war und nur hier und da einige mit Reis oder anderen Produkten
bebaute Felder zeigte. An einigen Nebenflssen zu beiden Uferseiten
vorberfahrend landeten wir zuerst bei der Niederlassung der Uma-Djalan
am Long Anj, an dessen Oberlauf ein Dorf der Uma-Bakong lag. Hier
stiegen einige Mnner in unsere Bte, um sich mit uns zur Versammlung
zu begeben, worauf die Fahrt abwrts bis gegen halb 4 Uhr fortgesetzt
wurde. Dann liess man uns auf einer Gerllbank aussteigen und Toilette
machen. Die meisten entkleideten sich, tauchten ein paar Mal in
den Fluss, schlangen ihre Lendentcher sorgfltig um die Hften,
zogen ihre Festjacken an und strichen das Haar unter dem Kopftuch
glatt. Waffen hatten die Kenja auch fr diesen weiten Zug nicht
mitgenommen, ausgenommen einige Arbeitsschwerter. Whrend wir uns
noch verschnten, kamen auch die hinter uns gebliebenen Kajan an,
worauf wir in einer Flotte von 12 Bten in guter Ordnung den Fluss
weiter hinunter bis zu dem unmittelbar hinter einer Biegung gelegenen
Dorf Long Nawang fuhren. Auf Wunsch der Kenja sollten wir bei der
Landung zum Erstaunen der Menschenmenge, die uns auf dem hohen Uferwall
erwartete, unsere Gewehre einige Mal abschiessen. Unsere Anfahrt musste
jedoch unterbrochen werden, weil das ganze Flussbett dicht vor dem
Dorfe voll grosser Schuttbnke lag, so dass einige Bte festliefen und
von der Mannschaft weiter geschleppt werden mussten. Auch mein sehr
schwer geladenes Boot war aufgelaufen, aber alle anderen warteten,
um das meine als erstes landen zu lassen, worauf man mich auch als
Erster an Land zu steigen aufforderte. Unten am Ufer empfingen uns
zwei der tchtigsten ltesten, die uns nach _Pingan Sorangs_ Haus
fhren sollten. Der eine nahm mich bei der Hand, der andere _Demmeni_
und so stiegen wir auch den gekerbten Baumstamm hinauf, der uns auf
das etwa 10 m hohe Ufer fhrte. Zum Glck waren die Stufen der grossen
Stmme nur schwach ausgetreten, so dass wir beim Steigen mit unseren
Schuhen den Menschen oben keinen allzu komischen Anblick boten. Eine
grosse Anzahl kleiner, nackter Buben, die uns bei unserer Ankunft
lngs des Ufers jauchzend nachgelaufen waren, begleitete uns auch
jetzt zu den Husern, blieb aber draussen stehen, als wir die Treppe
zum langen Hause _Pingan Sorangs_ bestiegen, das sich dem Ufer am
nchsten befand. Die Bauart glich im allgemeinen der von den anderen
Drfern und auch die Wnde und Dcher der meisten Wohnungen waren ganz
aus Blttern hergestellt. Nur fiel es mir sogleich auf, dass die Diele
aus schnen, dicken Brettern bestand, die sich beim Gehen berhaupt
nicht bewegten. Wir gelangten sehr bald in die _awa_, wo bereits viele
beisammen sassen, hauptschlich alte Huptlinge, da die jngeren uns
von oben abgeholt hatten. _Pingan Sorang_ kam mir ein Stck entgegen
und fhrte mich wieder an der Hand vor das Herdfeuer unter einige
Reihen schwarzer Menschenkpfe, die auch hier wieder in Palmbltter
gewickelt rauchgeschwrzt ber dem Versammlungsplatz baumelten.

Unter den Anwesenden sassen bereits verschiedene Huptlinge vom
unteren Kajan, die erst spter mit uns Bekanntschaft machten,
vorlufig aber nur unser usseres anstaunten, whrend wir auf unsere
Klappsthle warteten, die aus den Bten geholt werden mussten. Die
neuen Ankmmlinge liessen sich hinter und zwischen den Anwesenden auf
den Brettern nieder, ohne dass die grosse _awa_ auch nur einigermassen
gefllt wurde. Nachdem unsere Sthle gekommen waren setzten wir uns,
worauf _Bui Djalong_ und _Kwing Irang_ zu beiden Seiten von uns Platz
nahmen. Den Leuten schien etwas auf dem Herzen zu liegen, was sie
nicht zu ussern wagten; bald trat _Pingan Sorang_, denn auch mit
der Bitte vor, der Gesellschaft den Anblick meiner Haut zu gnnen,
und da ich wusste, dass ich ihr keine grssere Geflligkeit erweisen
konnte, legte ich sogleich Jacke und Hemd ab und stand auf, um mich
eine Zeitlang betrachten zu lassen. Die zahlreiche Menge brach auch
hier einstimmig in ein langgedehntes _h_ aus und starrte dann lange
Zeit stumm auf die grosse weisse Erscheinung. Bald darauf brachte man
zur Begrssung einen Topf mit Reiswein von besonders gutem Geschmack,
der uns nach der langen Fahrt im offenen Boot sehr erfrischte. Weniger
angenehm empfanden wir die zweite Leckerei, ein Glas mit flssigem
Honig von wilden Bienen, vor dem uns nach dem langen Aufenthalt
im schaukelnden Boote und bei dem Hunger, der uns qulte, etwas
graute. Wir hielten uns jedoch tapfer und verdarben nicht den ersten
vorteilhaften Eindruck, den wir zu machen glaubten.

Hiermit war der ernste, aber doch freundliche Empfang abgelaufen,
und der Mantri, der uns herbegleitet hatte, forderte uns auf, ihm in
das Haus zu folgen, das man fr uns bestimmt hatte. Wir gingen rechts
durch die ganze Galerie des Hauses und gelangten an ein prchtiges
Holzgebude, das ich bereits im Vorbeifahren vom Flusse aus bemerkt
hatte. Die Grundflche des Hauses betrug etwa 16  9 m, und wie man uns
erzhlte, hatten 700 Menschen 6 Tage lang an dem Bau gearbeitet. Das
Haus, das auf Tafel 86 abgebildet ist, war in der Tat das hbscheste,
das ich auf Borneo gesehen hatte. Die Aussenwnde schmckten bunte
Malereien, auf den Pfhlen waren allerhand Tiere, wie Eidechsen,
geschnitzt und der First des Daches trug reiche Verzierungen in
Form stilisierter Ungetme und Mnner mit europischen Lanzen
und Gewehren. Besonders die _bang pakat_ und die Drachenfiguren
unten an der Seite des Hauses waren fein ausgearbeitet. Die innere
Ausstattung entsprach vollstndig der usseren. Smtliche Pfhle und
Bretter waren neu, doch setzte uns hauptschlich ihre Bearbeitung,
die diejenige am Mahakam weit bertraf, in Erstaunen. Die Pfhle
waren alle so genau viereckig behauen, dass sie wie gehobelt aussahen
und so gut ineinandergefgt, dass man die Arbeit eines europischen
Berufszimmermanns vor sich zu haben glaubte und nicht die von Laien,
die nicht einmal ber Sgen und Hobel zu verfgen hatten.

Auch der Fussboden war meisterhaft gearbeitet. Die glatten Bretter
trugen fast keine Meisselspuren und schlossen fest aneinander. Im
Gegensatz hierzu waren die Treppen besonders schmal und schlecht,
weil man keine Zeit oder keine Lust zu ihrer Herstellung brig
behalten hatte.

Auch einige Betten und einen schnen Herd aus ganz neuem Holz hatte
man fr uns gezimmert.

Der Raum gengte, um uns mit Kajan, Malaien und allem aufzunehmen,
aber _Kwing_ kehrte mit den Seinen bei den verschiedenen Huptlingen
ein, die ihre Gste wieder freigebig bekstigten.

Glcklicherweise fiel uns die Menge, die uns voller Interesse von
fern anstarrte, nicht lstig. _Midan_ hatte aus Tanah Putih noch
ein Huhn mitgebracht, so dass wir ohne fremde Hilfe schnell zu einer
Mahlzeit gelangten. Unsere Gastgeber hatten aber auch hieran gedacht
und brachten uns etwas spter eine grosse Menge Reis und ein Schwein,
das wir fr den folgenden Tag aufsparten.

Als wir abends ruhig bei der Lampe sassen, stieg die angenehme
berzeugung in mir auf, dass wir mit der Durchsetzung unseres Besuches
in Long Nawang das Richtige getroffen hatten. Der freundschaftliche
Empfang, die viele Mhe, die man sich mit dem Bau dieses Prachthauses
gegeben hatte, und die Anwesenheit so vieler Huptlinge aus den tiefer
gelegenen Drfern bewiesen mir zur Genge, dass ich einen Fehler
begangen htte, wenn ich mich von _Bui Djalong_ und den Seinen htte
zurckhalten lassen.

Long Nawang bestand aus 17 langen Husern mit je 20-40
Familienwohnungen, so dass die Anzahl der Bewohner mindestens 2500
betragen musste. Alle diese Huser standen auf dem flachen Ufer des
Kajan an der Mndung des Nawang. Unweit des Flusses erhoben sich
Hgel, auf denen aber keine Huser standen; alle Dorfleute wohnten
dicht beim Fluss, der ihnen Wasser und Badegelegenheit bot. Zwischen
den verschiedenen Husern liefen gute Wege, die hier und da noch mit
behauenen Balken oder Brettern belegt waren; der dazwischen liegende
Boden war teilweise von Unkraut und Gras gesubert.

In unregelmssigen Gruppen standen zerstreut kleine Reisscheunen, die
im Gegensatz zu den langen Husern ganz aus Holz gebaut waren. Jede
Familie besass meistens mehr als eine Vorratsscheune, weil der
Ernteertrag bei den Kenja in Folge ihrer Arbeitsamkeit ein viel
grsserer ist als bei den Bahau. Ob es diesem Umstand zugeschrieben
werden muss, dass erstere 3 Mal tglich, letztere nur 2 Mal zu essen
pflegen, wage ich nicht zu entscheiden, denn es ist auch mglich,
dass das kltere Klima von Apu Kajan ein grsseres Nahrungsbedrfnis
bedingt.

Die Dcher und Wnde der gewhnlichen Huser bestanden auch hier zum
grssten Teil aus Blttermatten, nur die Dcher der Huptlingswohnungen
waren mit wenigen Ausnahmen mit Holz gedeckt. Auf den Fussboden in
der Galerie hatte man besondere Sorgfalt verwandt, seine Bretter
waren aussergewhnlich breit und dick. Das Alter und die Dicke der
Pfhle in den Huptlingshusern liessen erkennen, dass sie bereits
mehreren Generationen gedient hatten und stets wieder von der alten
Niederlassung nach der neuen mitgewandert waren. Bei den Husern
standen nur wenige Fruchtbume; auch kleine eingezunte Grtchen,
wie sie sich sonst in den Drfern der Bahau und Kenja fanden, fehlten
hier, wodurch das Ganze ein unfreundliches Aussehen erhielt.

Anderen Tags, am 4. Oktober, wiederholte sich hier das Schauspiel von
Tanah Putih. Aus dem grossen Dorfe selbst und wahrscheinlich auch aus
der Nachbarschaft strmte vom frhen Morgen an eine Menge Menschen
herbei, um uns zu betrachten, die in frhlichem Gedrnge ber alles
schwatzten, was sie sahen. Mit unseren Malaien standen sie sehr bald
in bestem Einvernehmen; meine Leute folgten jetzt meinem Beispiel und
waren gegen die Kenja viel nachsichtiger und geduldiger als frher den
Bahau gegenber. brigens trug die berzeugung, dass sie sich durch
Erregung des Missfallens ihrer Umgebung der grssten Gefahr aussetzten,
viel dazu bei, dass sie sich die neugierige Zudringlichkeit der Kenja
gefallen liessen.

Mit Ungeduld erwartete man die Austeilung von Geschenken; da ich aber
weder wusste noch sehen konnte, wer Huptling, Freier oder Sklave war,
so wre mir diese Aufgabe auch jetzt wieder sehr schwer gefallen,
wenn nicht bereits frh Morgens einige niedrigere Huptlinge zu mir
gekommen wren, um zu berlegen, wie ich am besten vorgehen sollte. Sie
machten den Vorschlag, dass die Huptlinge von allen 17 Husern mir
der Reihe nach ihre _panjin_ vorstellen und dabei mitteilen sollten,
wer auf ein grsseres und wer auf ein kleineres Geschenk Anspruch
machte. So geschah es denn auch; trotzdem war es in den nchsten
Tagen usserst ermdend, so viele Personen beschenken zu mssen,
die alle um mehr baten, und den Vorrat dabei nicht aus dem Auge zu
verlieren. Meine beiden vornehmsten Ratgeber standen mir treu zur Seite
und zogen schliesslich die Unzufriedenheit derjenigen auf sich, die
ohne sie ein grsseres Geschenk von mir erwartet hatten. Auch jetzt
kamen weitaus mehr Frauen und Kinder als Mnner, um ein Geschenk zu
erbitten; doch fehlten auch letztere nicht, besonders die Familienvter
suchten eifrig fr ihre Kinder ein hbsches Stck Zeug, etwas Perlen,
oder eine Tasse mit Salz zu erwischen Die Mtter steckten mir sogar
die bewegungslosen Hndchen ihrer Suglinge zu, damit ich etwas Perlen
fr ein Armband oder hnliches in sie hineinlegte. Aus manchen Husern
fhrte man mir 60-70 Personen auf ein Mal zum Beschenken zu, so dass
ich tglich nur einige Huser abmachen konnte. Da ich ausserdem noch
mit den einen handeln, die anderen auf Krankheit untersuchen und mit
Arzneien versehen musste, waren die Tage in Long Nawang von morgens
bis abends sehr belegt. Ich war sogar nicht immer imstande, den vielen
Einladungen der Huptlinge in ihre _amin_ Folge zu leisten, und hatte
alle Mhe, meine schwerkranken Patienten in den verschiedenen Husern
zu besuchen. Da sich das Dorf mehrere Hundert Meter dem Ufer entlang
ausdehnte, erforderten meine Krankenbesuche oft lange Wanderungen,
bei denen ein grosses Geleite von Kenjakindern nie fehlte, die nicht
wie die Bahau schchtern hinter mir hergingen, sondern jauchzend
durch das Gras zu beiden Seiten des Wegs hersprangen, ohne jedoch
durch zu grosse Zudringlichkeit lstig zu werden. Alle Dorfbewohner
waren brigens in diesen Tagen so lebhaft und aufgeregt, dass ich
meinen Hund aus Furcht vor einem Unglck anbinden musste. Auch hier
berliessen sie mir die Gegenstnde, an denen mir lag, gern fr einen
entsprechenden Preis. Zwar waren ihre Forderungen bisweilen etwas
hoch, besonders die mancher Huptlinge, die an der Kste von dem
grossen Interesse der Weissen fr ihre Ethnographica gehrt hatten,
aber wie am Mahakam fasste ich auch hier einen etwas teuren Kauf
als ein Geschenk fr den betreffenden auf, fr den ich sonst bei
der grossen Anzahl Hochgestellter nur schwer etwas Grsseres brig
gehabt htte. Auf dieselbe Weise beschenkte ich auch einige nette
junge Mdchen aus einigen Huptlingsfamilien; besonders _Ping_,
die Enkelin _Pingan Sorangs_, wurde wegen ihres hbschen usseren
und der geschmackvollen Kleidung, die sie trug, reichlich von mir
bedacht. Fr allerhand wertvolle Dinge, die sie von mir haben wollte,
verkaufte sie mir mit Hilfe ihrer Mutter, die etwas Busang sprach,
der Reihe nach ihr ganzes Kostm, von der Mtze an bis zur Jacke und
dem Rock. Sie erhielt schliesslich einen solchen Schatz an schnem Zeug
und Perlen, dass kurz vor meiner Abreise ihr Vater und Grossvater mit
ihr zu mir kamen, um sich fr alles, was ich _Ping_ gegeben hatte,
zu bedanken. Es war dies das erste Mal, dass man mir fr genossene
Wohltaten nach europischer Weise Dank sagte. Mit hbschem Zeug
durfte ich brigens freigebig sein, weil die Masse des Volkes, wie
schon gesagt, dauerhaften, dicken Baumwollstoff weitaus vorzog.

Obgleich ich ganz berzeugt war, dass eine reiche Austeilung von
Geschenken dazu beitragen musste, ein gutes Verhltnis mit den
Eingeborenen anzuknpfen, so war es doch nicht meine Absicht, beim Volk
die Meinung zu erwecken, die Dinge besssen fr mich keinen Wert; bei
praktisch denkenden Eingeborenen wre eine derartige Vorstellung sehr
unerwnscht gewesen. Ich suchte daher jedes Geschenk auf das Notwendige
zu beschrnken, kam aber dabei oft dem Mindestmasse der Ansprche
meiner neuen Freunde bedenklich nahe und so geschah es bisweilen,
dass einer eine Gabe als zu gering nicht annehmen wollte. Erst wenn
ich das Geschenk durch eine kleine Zugabe vergrssert hatte, wurde
es in Empfang genommen und dann oft mehr geschtzt, als wenn ich
es sogleich ohne Bedenken weggegeben htte. Im allgemeinen war ich
also nicht zu freigebig. brigens schienen sich die Leute sehr gut in
die Schwierigkeiten meiner Lage hineindenken zu knnen, denn einige
der ltesten Mnner usserten mehrmals ihre Bewunderung ber meine
Nachsicht gegenber den Schwchen ihrer Mitbrger. Die Austeilung
von Geschenken bot eine erwnschte Gelegenheit, vielen Gliedern
eines Stammes, mit denen ich sonst nicht in Berhrung gekommen wre,
eine angenehme Erinnerung und die berzeugung zurckzulassen, dass es
ausser dem Radja von Serawak, den sie als einen fernen, stets drohenden
Feind hatten betrachten lernen, noch andere einflussreiche Weisse gab,
die nur Gutes mit ihnen im Sinn hatten.

So hatten wir bereits am ersten Tage bei der Bevlkerung einen
gnstigen Eindruck hervorgerufen, bevor am zweiten die grosse
Versammlung gehalten wurde. Sehr frh morgens brachten zwei Huptlinge
bereits die Bewohner ihrer Huser zu mir, aus Furcht, dass ich
sonst keine Zeit haben wrde, um sie alle zu beschenken. Ich hatte
nmlich sogleich bekannt gegeben, dass ich schwerlich lnger als
fnf Tage wrde bleiben knnen, obgleich es mir sehr leid tue, das
schne Haus nur so kurze Zeit zu bewohnen. Man trstete mich damit,
dass das Haus doch stehen bleiben und als "_kubu tuwan dokter_"
(Haus des Herrn Doktor) spter zur Aufnahme von Gsten dienen wrde.

An diesem Morgen kamen auch schon die Huptlinge von Uma-Kulit zu
mir herber, von denen ich einige Einzelheiten ber die Tpferei
vernahm, welche den Haupterwerbszweig ihres Stammes bildet. Da diese
Huptlinge zu _Bui Djalongs_ Partei gehrten und ich sie fr die
Versammlung gnstig stimmen wollte, fragte ich sie, was sie sich
zum Geschenk wnschten. Zum Glck waren sie nicht unbescheiden,
nur musste ich einem von ihnen den Rest des dicken Kattuns geben,
den ich ursprnglich fr meine Gesteinsammlung mitgenommen hatte.

Ich hatte erwartet, wie gewhnlich erst gegen Mittag zur
Versammlung gerufen zu werden, doch geschah dies schon bald nach dem
Morgenfrhstck. Bei meinem Erscheinen waren auch bereits viele in
der _awa_ vereinigt; augenscheinlich hatte sie die Neugierde dorthin
gelockt, denn von 9 bis halb 12 Uhr taten wir nichts anderes als ber
allerhand Gleichgltiges schwatzen und einander mit gegenseitigem
Interesse betrachten. Bei der grossen Offenherzigkeit der Kenja
erfuhr ich von ihnen wieder sehr viele Einzelheiten, vor allem ber
die weiter unten gelegenen Siedelungen der Uma-Kulit, Uma-Bakong,
Uma-Baka, Uma-Tepu und Uma-Leken. Die Vertreter dieser Drfer fanden es
sehr angenehm, von den Ihrigen erzhlen zu knnen, und wurden hierzu
noch durch gegenseitigen Wetteifer angespornt. Mit den Mnnern des am
weitesten unten am Fluss wohnenden Stammes der Uma-Leken unterhielt ich
mich ohne Dolmetscher, da diese stets Busang reden. Von den brigen
beherrschten nur wenige diese Sprache in gengendem Masse, um eine
Unterhaltung mit mir zu wagen. Ich erfuhr jetzt, warum man links
um unserer _awa_, vor der linken Hlfte von _Pingan Sorangs_ Haus,
einen hohen Zaun errichtet hatte, hinter den unsere Gesellschaft nicht
treten durfte. Zu unserem Erstaunen herrschte im Dorfe augenblicklich
das _lali_ fr die Saat, aber wegen unseres Besuches hatte man das
Verbot nur fr die eine Hlfte des Hauses gelten lassen, wo die
Familie der _dajung_ wohnte, die diesem _lali_ besonders streng
unterworfen war. Die Kenja bewiesen hierdurch eine viel freiere
Auffassung als die Bahau, die sich unter allen Umstnden streng an
ihre Kultusvorschriften halten.

Whrend wir uns so unterhielten, erfreuten wir uns an dem Anblick
vieler Reihen von jungen Frauen, die aus den verschiedenen Husern
einen Beitrag zur Mahlzeit brachten, an welcher sich die Versammelten
vor der eigentlichen Arbeit strken sollten. Bescheiden vor sich
hinsehend und vor den Blicken so vieler fremder Mnner verlegen
eilten die Kenjaschen Schnen etwas besser als gewhnlich gekleidet in
hastigen Schritten an uns vorber und verschwanden hinter der hohen
Trschwelle von _Pingan Sorangs_ Wohnung. Traten sie wieder heraus,
so konnten sie nicht umhin, uns und die vielen Fremden mit lachendem
Gesicht aus der Ferne zu betrachten; sie blieben sogar ab und zu eine
Weile stehen.

Erst gegen Mittag traten die Vornehmsten ein und wurde die
Versammlung geordnet. Die Neuangekommenen setzten sich fters in
die hintersten Reihen und wurden dann von einem der ltesten, die
als Zeremonienmeister auftraten, bei der Hand genommen und an einen
ihrer Wrde entsprechenden Platz gefhrt. Die Versammlung bot zum
Schluss ein bersichtliches Bild von der Wrde der Anwesenden, indem
die Vornehmsten um den eigentlichen Herd dicht vor uns unter den
Schdeln, die jngsten dagegen in den hintersten Reihen sassen. Im
ganzen waren vielleicht 300 Mann vereinigt, als _Pingan Sorang_
das Zeichen zum Auftragen der Mahlzeit gab.

Diese war bereits von den jungen Leuten in der _amin aja_ unter
Lachen und Scherzen zubereitet worden; nach kurzer Zeit trugen
einige nett gekleidete junge Mnner zuerst das Essen der vornehmsten
Huptlinge herein, dann die Pckchen mit Klebreis fr die grosse
Masse und gaben jedem den ihm zukommenden Anteil. Fr Acht von
uns hatte man neben dem Klebreis eine Schssel mit fein gehacktem,
in Wasser gekochtem Schweinefleisch hingestellt, eine etwas fette,
aber doch schmackhafte Suppe. Nachdem wir gegessen hatten, wurden
unsere Schsseln den ltesten der Stmme und dann den brigen
_panjin_ vorgesetzt. Nach der Suppe wurde Reiswein herumgereicht,
auch diesmal von vortrefflicher Qualitt. Das Anbieten eines Glases
_djakan_ bedeutete auch hier eine Aufforderung zum Sprechen und so
wurde mir das erste Glas gereicht, damit ich durch den Trunk gestrkt
das Wort ergriffe. Das tat ich denn auch, doch befolgte ich diesmal
den Rat, nicht allzusehr auf die Bezahlung der Bussen zu dringen,
welche die Kenja den Mahakambewohnern schuldeten. Ob _Kwing Irang_,
der neben mir sass, um den ferneren Verlauf meiner Rede besorgt war,
oder ob er dem Glase _djakan_, das auf ihn wartete, entgehen wollte,
weil es ihm bei anderen Gelegenheiten schwer im Magen gelegen hatte,
weiss ich nicht, aber er ergriff pltzlich ungefragt das Wort und
setzte meine Rede fort. Dass man sein Busang besser verstand als das
meine, bezweifle ich; die Versammlung gab jedoch ihrer Verwunderung
ber dieses ungewhnliche Verfahren keinen Ausdruck, sondern hrte
geduldig zu.

Nachdem _Kwing_ geendet hatte, fragte man _Bui Djalong_, wer sprechen
sollte; so wurde er whrend der ganzen Dauer der Versammlung,
auch hier, in der _amin_ seines Vorgngers _Pa Sorang_, als erster
geehrt. _Bui Djalong_ bestimmte als den Vornehmsten _Taman Lawang
Pau_, den Huptling der Uma-Tepu, der eine lange Rede hielt ber das
Unrecht, das sein Stamm durch den berfall der Uma-Alim erfahren hatte;
begreiflicherweise war er von diesem Gegenstand erfllt, doch stand
dieser mit dem Zweck unserer Versammlung in keinem Zusammenhang. Von
den folgenden Reden verstand ich wieder wenig oder nichts; nur den
Uma-Leken konnte ich folgen. Nachdem die Vornehmsten alle das Wort
gefhrt hatten, erhielt auch _Bui Djalong_ einen Becher, den er etwas
zgernd annahm. Erst sprach er mich kurz in Busang an und sagte, dass
alle sich gern der niederlndischen Oberherrschaft fgen wollten,
dass aber viele frchteten, dann von dem Radja von Serawak leiden zu
mssen. Mit den Worten: "dieses fr Sie" wendete er sich von mir ab
und setzte seine Rede fort in der Kenja-Sprache, in der er ernsthaft
und fliessend zu den Versammelten sprach. Auch jetzt machte seine
Redeweise den angenehmsten Eindruck. Nach ihm erhielten noch viele
andere Huptlinge das Wort, aber einige waren zum Sprechen zu verlegen,
andere sagten nur einen Satz; ausnahmsweise trug ein Huptling auch
einem seiner ltesten auf, an seiner Statt seine Meinung zu ussern,
was die Mahakamhuptlinge beinahe stets taten.

Gegen 3 Uhr wurden auch hier eine Menge Schwerter als Friedenszeichen
der verschiedenen Niederlassungen hereingebracht und grsstenteils
mir und _Kwing_ geschenkt, mit Hinzufgung des Ortes, von dem jedes
Schwert stammte. Auch _Demmeni_ erhielt einige Schwerter, ebenso wurden
_Belar_, _Bang Jok_ und den Bukat am Mahakam durch _Kwing Irang_ je
ein Schwert als Friedenszeichen zugesandt. Zum Schluss erteilte mir
_Bui Djalong_ auf meine Bitte nochmals das Wort, damit ich die Leute
beruhigen und ihnen das Verhltnis zwischen der serawakischen und der
niederlndischen Macht auseinandersetzen konnte. _Bui Djalong_ hatte
das bereits getan, aber er meinte, man wrde meinen Versicherungen mehr
Glauben schenken. Dass ich in der Tat Vertrauen genoss, zeigte sich
darin, dass man mich bat, noch an diesem Tage dem Radja einen Brief
zu schreiben, in dem ich ihm meine Gegenwart meldete und darlegte,
dass die Kenja gegen Serawak nicht Bses im Sinn hatten, jedoch
um Aufschub der noch schuldigen Bussen baten. Bei der Besprechung
der Streitigkeiten mit den Uma-Alim zeigten sich die Uma-Tepu sehr
befriedigt von meinem Versprechen, dafr sorgen zu wollen, dass der
Beamte an der Mndung des Kajanflusses den Uma-Alim ein Schreiben
zukommen lasse, in dem er sie vor ferneren berfllen warnte. Hierbei
drckten sie allerdings ihren Zweifel darber aus, ob es wohl sicher
sei, dass die Weissen an der Mndung des Kajan (Kedjin) und Kelai
(Berau) auch zu meinem Volk gehrten, und es kostete mich wiederholte
Versicherungen, dass es sich wirklich so verhielt, bevor man sich in
diese Tatsache finden konnte.

Abends nach der Rckkehr in meine _kubu_ musste ich noch den englischen
Brief an den Radja von Serawak abfassen, wobei eine zahlreiche Menge,
die sich bei der feierlichen Handlung etwas ruhiger als sonst verhielt,
um mich herumstand. Obgleich ich vor Mdigkeit durchaus nicht zum
Schreiben aufgelegt war, musste der Brief doch beendet werden, da der
Huptling der Uma-Kulit, der der Wasserscheide am nchsten wohnte, ihn
am folgenden Morgen mitnehmen und dann weiter transportieren sollte.

Eine bessere Schreibgelegenheit htte ich brigens auch am folgenden
Tage nicht gefunden, denn des Morgens kamen erst die Bewohner einiger
Huser zum _selaba_ und spter die fremden Huptlinge, um Abschied
zu nehmen. Sie kehrten alle am Nachmittage in ihre Niederlassungen
zurck und verbreiteten dort die Kunde von einem grossen weissen Manne,
der im Besitz reicher Schtze sei.

Darauf erschienen die Bewohner von Long Nawang selbst und brachten
Reis, Eier und Frchte in grosser Menge, hauptschlich um sie gegen
grosse, schne Perlen und Zeug auszutauschen. Auch der vierte Tag
unseres Aufenthaltes ging in so regem Verkehr mit der Bevlkerung
vorber, dass ich mich energisch losreissen musste, um meine Patienten
besuchen und das Dorf besichtigen zu knnen.

Zu grndlichen Studien von Land und Volk fehlte mir die Zeit,
und da das Getriebe der Besucher von morgens bis abends kaum zu
ertragen war, sehnte ich mich nach dem Augenblick, wo ich, ohne
unserem Abkommen untreu zu werden, wieder flussaufwrts fahren
konnte. Meine Reisegefhrten dagegen unterhielten sich hier sehr gut
und fanden in der grossen Niederlassung bessere Handelsgelegenheit
als in dem kleineren Tanah Putih. Als Abschlagszahlung von ihrem Lohn
kauften sie von mir kostbare Tauschartikel, hauptschlich Stze von
Elfenbeinarmbndern (_gadin_), die sie meistens gegen alte Perlen
austauschten, die am Mahakam so viel mehr wert waren. _Kwing Irang_
war es auch geglckt, sich alte kupferne _uhing_ oder Glckchen zu
verschaffen, die seine Frauen unten an ihren Jacken trugen und die
nur noch bei den Kenja in grsserer Anzahl zu finden waren. Er hatte
bereits lange seine _gadin_ fr sie aufgespart, aber erst jetzt glckte
es ihm, sie vorteilhaft gegen die _uhing_ auszutauschen. Diese schienen
brigens so selten zu sein, dass die _panjin_ der Kajan ihrer nicht
habhaft werden konnten. Da jeder Kauf Unterhandlungen erforderte,
die oft Tage dauerten, war die Eile fortzukommen bei unseren Leuten
nicht sehr gross; wenn die Kajan sich im Grunde nicht so sehr nach
der Heimreise gesehnt htten, wren sie zum Aufbruch von Long Nawang
noch schwerer zu bewegen gewesen. Nach bereinkunft mussten wir auf
der Rckfahrt einige Tage bei den Uma-Djalan verbringen, was uns
ebenso bewegte Tage wie in Long Nawang verhiess.

Auf den 8. Oktober war unsere Abreise festgesetzt, aber die Reiselust
war sowohl bei der Mannschaft als bei den Reisenden sehr gering,
und so ging ich denn gern auf _Pingan Sorangs_ Vorschlag, noch einen
Tag lnger zu bleiben, ein, besonders da er bemerkte, seine Mnner
mssten an diesem Tage noch auf dem Lande arbeiten und knnten mich
daher nur schwer begleiten. Vielleicht verhinderte an diesem Tage
auch ein _lali_ die Reise, doch hatte ich keine Zeit, mich danach zu
erkundigen. Wir waren mit den Dorfbewohnern so vertraut geworden, als
wenn wir uns bereits monatelang in ihrer Mitte befunden htten; sehr
angenehm berhrte uns auch die Przision, mit der fr unsere Abreise
gesorgt wurde, auch nachdem man nichts mehr von uns zu erwarten hatte.

Der Wasserstand blieb gnstig und so konnten wir am sechsten Tage nach
unserer Ankunft Anstalten zur Abreise treffen. In der Frhe kamen noch
einige Huptlinge, um mich um etwas zu bitten, hauptschlich um alte
Kleider, die hier zum Unterschied vom Kapuas und Mahakam sehr geschtzt
waren; andere dagegen, wie die genannte _Ping_, kamen, mir ihre Kleider
abzuliefern, die sie auf meine Bitte ordentlich geflickt hatten.

Man hatte, wie es sich zeigte, darauf gerechnet, dass die Uma-Djalan
uns nach ihrem Dorfe abholen wrden, denn es standen zwar eine
gengende Menge Bte zu unserer Verfgung, aber ausser den Huptlingen,
die uns das Geleite geben sollten, keine Mannschaft. Als jedoch niemand
erschien, brachte man doch eine gengende Anzahl Leute zusammen,
um die Reise anzutreten. Als unser Gepck in die Bte verteilt
worden war und die Mannschaft einsteigen wollte, erschien um die
Ecke eine Flotte von 30 Bten der Uma-Djalan mit etwa 100 Mann,
um uns abzuholen. Mit so grosser Hilfe ging das Umladen schnell
von statten und die Long-Nawang zogen ihre Bte wieder an Land,
froh nicht mitzugehen zu brauchen. Von krftigen Armen fortgerudert,
verloren unsere Bte die grosse Niederlassung bald aus dem Auge. Doch
dauerte die Fahrt mehrere Stunden, whrend welcher wir noch einmal
essen mussten, da die Kenja ohne zwingenden Grund nicht gern auf eine
ihrer drei Mahlzeiten verzichten.

Aus Furcht vor der bevorstehenden Unruhe bedauerte ich den etwas
lngeren Aufenthalt in der freien Natur nicht und benutzte die
Gelegenheit, um mit einigen unserer neuen Gastherren Bekanntschaft
zu schliessen.

Vor unserer Ankunft im Dorfe mussten wir auch jetzt viele Gewehrschsse
abfeuern; ich brauchte meine Patronen nicht mehr so sehr zu sparen und
so tat ich den Kenja und meinem Geleite gern das Vergngen. _Taman
Ledj_, der angesehenste der anwesenden Huptlinge, nahm mich am
Landungsplatz wieder bei der Hand und fhrte mich so einige Hundert
Meter durch die grosse Niederlassung und dann eine unbequeme kleine
Treppe hinauf; augenscheinlich war dies eine besonders feierliche Art
den Einzug zu halten. Die Menschen meinten es gut mit uns, hatten sehr
praktisch einen Teil der _awa_ des Huptlings fr uns Europer durch
eine Hecke abgeschlossen, wodurch wir die Menge fernhalten konnten,
und boten uns unmittelbar nach unserer Ankunft eine Ziege und ein
kleines Schwein zum Geschenk an. Unsere weisse Haut wurde wiederum
von einer zahlreichen Schar bewundert, aber das war bald geschehen
und dann durften wir uns hinter unsere Umzunung und bald darauf
hinter unsere Moskitogardinen zurckziehen.

Am anderen Tage, dem 10. Oktober, kamen die Leute von ihren Reisfeldern
heim, betrachteten uns von allen Seiten und waren so ungezwungen,
als ob wir bereits lange bei ihnen gewesen wren. Sogleich entstand
ein gutes Verhltnis zwischen uns und nach wenigen Tagen fhlten wir
uns unter diesen freundlichen Leuten wie zu Hause.

_Taman Ulow_, der uns vom Boh her kannte, und ein vornehmer Priester
_Bo Usat_ traten von Anfang an als Unterhndler zwischen uns und
der Menge auf und rieten uns gemeinsam mit dem Huptling _Taman
Ledj_, auch ihre 14 Huser auf die gleiche Weise zu _selaba_ wie
in Long Nawang. Da ich nur 3 Tage bleiben wollte, war diese Methode
sicher die praktischste, und bereits am ersten Vormittag arbeitete
ich sechs Huser ab, obgleich sich deren Bewohner auch hier sehr
gewissenhaft einstellten und alle Lebensalter von den Suglingen bis
zu den alten Mnnern und Frauen bedacht werden mussten. Die Arbeit
war hier brigens leichter als in Long Nawang; mit etwas Salz fr
die Kinder und Zeug und Perlen fr die lteren stellten sich alle
zufrieden. Auch die gescheidte sympathische Frau des Huptlings und
deren hbsche Tchter waren stets behilflich, ihre Untergebenen zu
bescheideneren Wnschen zu bewegen. Des Abends plauderten wir noch
eine Weile mit den Huptlingen von Uma-Djalan und Long Nawang, die
noch nicht heimgekehrt waren, am Herdfeuer in der _awa_.

Die Austeilung von Geschenken und Arzneien nahm auch den ganzen
folgenden Vormittag in Anspruch. Darauf kamen die vornehmsten Mnner
des Dorfes in die _awa_ zu einer Beratung, wobei sie sich auch hier
nach Rang und Stand um einen Mittelpunkt gruppierten, der wiederum
durch dag Feuer und einige Reihen von Menschenschdeln darber gebildet
wurde. Zuerst reichte man uns sehr unschuldigen _djakan_ und dann
Klebreis mit Schweinefleisch, die beide trefflich schmeckten. Zum
Essen hatten wieder teilweise alle Huser beigetragen, aber diesmal
traten die Frauen von hinten in die _amin aja_ ein, so dass wir uns
mit ihrer Betrachtung nicht die Zeit krzen konnten. Des Morgens hatte
die _awa_ brigens nur fr die Gesellschaften, die aus den Husern zum
_selaba_ kamen, Raum geboten. Bei dieser Zusammenkunft fanden keine
langen Auseinandersetzungen statt, weil die wichtigsten Mnner das
Notwendige bereits gehrt hatten; die Feier bedeutete daher mehr eine
Anerkennung unseres Besuches und eine Bewirtung. Zum Schluss wurden
uns auch hier einige Schwerter berreicht, die das gegenseitige gute
Verhltnis besiegeln sollten.

Hierauf fuhren die von Long Nawang wieder ab, und konnten wir uns seit
vielen Tagen zum ersten Mal nachmittags wieder zur Ruhe legen. Bald
kam jedoch wieder eine frage- und tauschlustige Menge angezogen, die
mich bis 1/2 8 Uhr abends beschftigte und noch lnger geblieben wre,
wenn ich mich nicht zu einigen Huptlingen ans Feuer gerettet htte.


Der 12. Oktober war wiederum erst der Austeilung von Geschenken
gewidmet, mit denen sich alle zufrieden zeigten, mit Ausnahme der
meisten Huptlinge. Diese wnschten alle einen Satz Armbnder,
aber ich gab nur _Taman Ledj_ und _Bo Usat_, den vornehmsten, ein
so grosses Geschenk. Es wurde beschlossen, dass die Kajan sich mit
einigen Uma-Djalan nach der Niederlassung der Uma-Bakong weiter oben am
Anj begeben sollten, wo man ihnen Reis fr die Rckreise versprochen
hatte. Zugleich wollte man dort, wie es sich spter herausstellte, die
Mnner ersuchen, mich und die Meinen nach Tanah Putih zu bringen. Ich
selbst hatte fr mein eigenes Personal bereits Reis in berfluss
erhalten und gekauft. Da jeder Dorfbewohner am ehesten einen Beitrag
an Reis liefern konnte, kam jedes Haus beim _selaba_ in der Regel
mit einem grossen Korb voll Reis an, viel weniger mit Frchten und
anderen Dingen, die mir auch weniger von Wert gewesen wren. _Kwing_
und sein Gefolge zog noch am selben Nachmittage aus und kehrte am
folgenden Tage mit einem Vorrat Reis zurck, sehr aufgerumt ber
die ihnen gebotene gute Bewirtung, bei der man ein grosses Schwein
geschlachtet hatte. Dass die Huptlinge von Uma-Djalan ber ihre
Geschenke nicht allzu unzufrieden waren, erfuhr ich zu meinem Vergngen
noch am gleichen Morgen, als man mir im Namen aller ein schnes Boot
schenkte, um mit ihm spter den Kajan wieder aufwrts zu fahren.

_Kwing Irang_ berichtete, die Uma-Bakong htten versprochen, zu uns
herunterzufahren, um uns nach Tanah Putih zu bringen und auch noch
mehr Reis fr die Kajan zu sammeln.

Gewhnt an die Unzuverlssigkeit der Bahau bei Abmachungen, begann
ich am folgenden Morgen ber das Ausbleiben der Uma-Bakong besorgt
zu werden, doch wohnten diese ein grosses Stck weiter oben am
Fluss, somit war es begreiflich, dass ihre 100 Mann erst gegen 9
Uhr ankamen. Auch die Bte der Uma-Djalan verursachten uns einiges
Kopfzerbrechen wegen ihres geringen Laderaumes, aber die grosse
Mannschaft hatte unser Gepck bald in ihnen verteilt und dann ging
es den Fluss wieder aufwrts. Auch jetzt nahm man sich so viel Zeit,
dass immer wieder ein Boot anlegte, um Erfrischungen, hauptschlich
Zuckerrohr aber auch Frchte vom Felde zu holen, mit denen man
seinen Durst lschte. Fanden die Kenja an den Ufern einige Bte, die
besser waren als die ihrigen, so luden sie unser Gepck in jene ber
und fuhren weiter, ohne die betreffenden Besitzer von ihrem Tun zu
benachrichtigen. Diese eigentmliche Handlungsweise ist bei den Kenja
ganz allgemein im Schwang; da sie sich nicht vorstellen knnen, dass
weit entfernt wohnende Stmme anderen Rechtsbegriffen huldigen, folgen
sie ihrer Sitte auch auf den Feldern der Bahau am Mahakam und anderswo
und sind dort deshalb verhasst und gefrchtet. Da unterwegs auch
noch gekocht wurde, erreichten wir erst um 3 Uhr unsere Abfahrtstelle
oberhalb der Djemhangmndung, von wo wir, froh wieder nach Hause zu
kommen, nur noch ein Stck ber Land zurckzulegen hatten.

In Tanah Putih fand ich, unser ganzes Hab und Gut unverletzt wieder
vor. Die Bewohner sehnten sich bereits nach meiner Rckkehr, da einige
Kranken meiner Hilfe dringend bedurften. Diese dienten mir als Vorwand,
um einige Mnner aus Long Nawang, die mich um Kleider baten, bis zum
folgenden Tag zu vertrsten. Dann erwartete man mich aber bereits
frh bei _Bui Djalong_, wo einige Mnner unter _Taman Lawang Pau_ von
unten die Meldung brachten, dass ein Malaie aus Serawak eingetroffen
und zu den Uma-Aga gezogen sei. Dieser Mann hatte behauptet, von den
Autoritten in Serawak gesandt worden zu sein, und die Kenja ernsthaft
gewarnt, sich mit mir einzulassen. Er brachte jedoch keinen Beweis
mit, dass ihn in der Tat ein englischer Beamte geschickt hatte, auch
htte ihm dieser sicher nicht erlaubt, auf niederlndischem Gebiet auf
derartige Weise ber uns zu reden; zweifellos musste sein Auftreten
seiner eigenen feindlichen Gesinnung zugeschrieben werden. Die
Huptlinge wollten das auch annehmen, hielten es aber fr geraten,
dass ich auch nach dem Baram ber das Treiben dieses Mannes schriebe,
damit man auch dort erfahre, dass ich mich im Kajangebiet aufhielt.

Ich benutzte die Gelegenheit, um mit den beiden Huptlingen ber
meine Rckreise zu sprechen, damit die unvermeidlichen langen
Vorbereitungen mglichst zeitig begonnen Wurden und man in den
Drfern weiter unten sogleich erfuhr, dass ich in der Tat abreisen
wollte. Es war nmlich beschlossen worden, dass mich die Vertreter
vieler Stmme nach dem Mahakam begleiten sollten, und obgleich ich
mir davon nicht viel versprach, wollte ich die Betreffenden doch
von meinem Plan benachrichtigen. Die Abreise wurde auf den Beginn
des folgenden Neumonds festgesetzt. Dabei betonte ich ausdrcklich,
dass ich nicht gewhnt sei, wegen schlechter Vorzeichen einen Monat
zu warten, und dass die Kajan fr die Rckreise keine Zeichen zu
suchen brauchten. Wolle man mich begleiten, so msse man zeitig bereit
sein. Etwas spter wurde ich um einige Paar Hosen, Perlen und Ringe
als Lohn fr ihre Begleitung die Mnner der Uma-Bakong los, kaufte
noch eine hbsche Matte von _Bo Usat_, um diesen einflussreichen
Priester der Uma-Djalan noch mehr fr mich zu gewinnen, und war
mittags endlich einmal von allem Gedrnge befreit, da beinahe ganz
Tanah Putih auf die _ladang_ gezogen war.

Um mein Reisegepck mglichst einzuschrnken, berlegte ich, was
zurckbleiben durfte und was unbedingt mit musste. In Long Nawang
hatte ich bereits ein paar Huptlinge mit zweien meiner Stahlkoffer,
deren Inhalt weit und breit unter den Kenja zerstreut war, glcklich
gemacht; auch _Bui Djalong_ wollte durchaus so einen Koffer haben,
den ich ihm leicht geben konnte, da meine Tauschartikel sehr zusammen
geschmolzen waren und ich nur wenige wertvolle Dinge, wie einige
Elfenbeinarmbnder, wieder mitnehmen wollte. _Kwing_ erstand im letzten
Augenblick jedoch noch zwei Stze, um fr diese eine grosse _guliga_,
die er bei den Uma-Tokong gesehen hatte, durch _Anjang Njahu_ kaufen zu
lassen, den er zu diesem Zweck dort hinschickte. Zu gleicher Zeit zog
_Bang Awan_ auch mit einigen Kajan zu den Uma-Bom, teils aus Neugier,
teils um noch Reis fr die Rckreise zu kaufen.

Eine angenehme berraschung bereiteten mir in diesen Tagen einige
Mnner der Uma-Kulit, die nach Tanah Putih kamen, um Tpfe zu
verkaufen; sie erzhlten nmlich, dass die Batang-Lupar, als sie den
bewussten Brief von mir an den Radja sahen, gesagt htten, dass der
Radja ihnen jetzt wohl nicht lnger erlauben wrde, im Kajangebiet,
auf niederlndischem Boden, Kautschuk (_latong_) zu suchen, worauf
sie sich sehr bald ber die Wasserscheide davon gemacht htten. Diese
Tatsache war ein schneller und schlagender Beweis fr die Richtigkeit
meiner Aussagen auf politischem Gebiet.

Alle berflssigen Arzneien und Chemikalien zur Konservierung von
Zoologica begannen wir jetzt zu vernichten. Einige Schwierigkeiten
verursachten uns anfangs die Gifte, weil wir sie aus Furcht,
dass die Kenja sich auch nach einer Warnung an ihnen vergreifen
knnten, nicht vergraben wollten. Zuletzt versenkten wir sie an einer
tiefen Flussstelle unterhalb des Dorfes. Die Flaschen fanden viele
Liebhaber, es war sogar schwierig, bei der Verteilung keinen Neid
zu erwecken; leider durften wir die Bchsen, in denen sich Arsenik
und hnliches befunden hatte, nicht wegschenken, sondern mussten sie
zum rger unserer Besucher vernichten. Unsere abgetragenen Kleider
fanden reissenden Absatz; kaum merkten die Leute, dass ich nur das
Notwendigste fr die Reise zur Kste beiseite legte, als sie um ein
altes Beinkleid oder Jacket eine frmliche Belagerung veranstalteten.

Diese Begierde nach Kleidern htte uns beinahe noch ein ernsthaftes
Unglck zugezogen; man hatte nmlich _Kwing Irang_ in Long Nawang ohne
mein Wissen seine letzte Jacke abgebettelt, wodurch der bejahrte Mann
in diesem rauhen Klima schwer erkrankte. Er hatte die Bitten nicht
abzuschlagen gewagt und mich auch um keine andere Jacke gebeten,
bis man mich eines Morgens zu ihm rief, weil er infolge einer
Erkltung an heftigem Fieber krank lag. Ich gab ihm sofort eines
meiner warmen wollenen Jagdhemden, in das er sich voll Wohlbehagen
einhllte. Das half jedoch nichts gegen das immer heftiger werdende
Fieber, das sich als eine durch Erkltung hervorgerufene Malaria
erwies. Abgesehen von der Krankheit selbst verursachte auch der
Patient mir viele Schwierigkeiten, denn wie die meisten Huptlinge
war auch er von Kind an sehr verwhnt worden und hatte sich nicht
zu berwinden gelernt. So hatte sich _Kwing_ in der Regel nicht dazu
entschliessen knnen, eine unangenehme Medizin einzunehmen. Allerdings
war _Kwing_ so weit von Hause fort etwas fgsamer, als er aber anfangs
nach den Chininpillen leicht erbrach, liess er sich nur nach langer
berredung dazu bewegen, die Arznei aufs neue einzunehmen. Es war
ein Glck, dass sein Sohn _Bang Awan_ und der Priester _Bo Bawan_
sich bei den Uma-Bom befanden. Die Kajan glaubten nmlich sogleich
an Verrat und Vergiftung seitens der Kenja und eine Erzrnung der
Geister von Apu Kajan und wollten daher ohne Zgern mit dem kranken
_Kwing_ den Fluss hinauffahren, um im Walde zu kampieren und den
Geistern zu opfern. Der Kranke, dessen Tod in diesem Augenblick
einen wahren Schlag fr das Resultat meiner Reise bedeutet htte,
befand sich beinahe fieberfrei, als die Seinen von den Uma-Bom
zurckkehrten. Immer wieder stellte ich diesen vor, wie gefhrlich fr
_Kwing_ ein Transport aus der gut geschlossenen _amin_ _Bui Djalongs_
in den nasskalten Wald werden knne, und es schien, als ob sie die
Richtigkeit meiner Worte einshen, wenigstens blieben sie den ersten
Tag in Tanah Putih. Am zweiten jedoch verschwand _Kwing_ pltzlich
mit seinem ganzen Gefolge und ging am Ufer des Kajan hausen. Tags
zuvor hatten sie ihn nicht fortschaffen knnen, weil ein Toter noch
unbeerdigt war, so dass ich noch die Mglichkeit gehabt hatte, meinen
Patienten mit einer letzten Chinindosis gnzlich vom Fieber zu befreien
und ihm seinen normalen Appetit wiederzugeben. Der Rckfall, den ich
natrlich frchtete, blieb jedoch aus, vielleicht dank den Arzneien,
der warmen Kleidung und den Verhaltungsmassregeln, die ich ihm mit
_Lalau_ nachsandte. _Kwing_ erklrte, sich genau an meine Vorschriften
halten zu wollen. Er beabsichtigte, mit seinem Gefolge langsam nach
Long Laja vorauszufahren und mich dort zu erwarten. Die Kajan holten
noch einen Teil meines Gepcks, um mich nicht mit einer allzu grossen
Menge zurckzulassen. Es erwies sich, dass die Kenja trotz ihrer in
mancher Hinsicht viel freieren Auffassung sich doch sehr streng an
die Zeichen ihrer Vgel hielten, besonders bei dieser Reise in eine
ihnen feindlich gesinnte Gegend. Ich hrte, viele Niederlassungen
wollten sich an der Reise beteiligen, im Ganzen etwa 500 Mann, aber
jedes Dorf msse seine eigenen Vgel suchen. Man glaubte fr diesen
Zug nicht weniger als 10 verschiedene gute Vorzeichen ntig zu haben;
da weitaus die meisten in dieser Reihe ein bses Omen fanden, waren
sie stets wieder gezwungen, nach Hause zurckzukehren.

Als ich in Tanah Putih noch nichts von einem Vorzeichensuchen merkte
und _Bui Djalong_ darber sprach, erklrte er, dem Anfhrer der
Mnner, die mit mir gehen sollten, geraten zu haben, nicht selbst
auf die Vogelschau zu gehen, sondern sich derjenigen Niederlassung
anzuschliessen, der es gelungen wre, gnstige Vorzeichen zu
finden. Die jungen Leute wagten jedoch nicht, diesem Rat zu folgen,
und begannen auch von ihrem Dorfe aus auf die Vorzeichensuche zu
gehen. Sie hatten jedoch schlechten Erfolg und beschlossen daher doch
nach einigen Tagen, auf _Bui Djalongs_ Vorschlag einzugehen, weil
sie sich nicht wie die anderen Niederlassungen berechtigt glaubten,
bei einem schlechten Omen fr immer heimzukehren. Einer ber 70 Mann
starken Truppe aus Long Nawang war es gelungen, unter stndig guten
Zeichen ber die Wasserscheide zu ziehen, und nun kehrte ein Teil
zurck, um mich abzuholen, whrend der andere im Gebirgswald blieb,
Bte baute und Guttapercha suchte, um diese spter am Mahakam zu
verkaufen. _Bit_, der Schwiegersohn _Bui Djalongs_ und _Abing Djalong_
und _Ibau Anj_, die Anfhrer von 80 Mann aus Tanah Putih, wollten
sich jetzt den Mnnern aus Long Nawang anschliessen. Da dies nur
unter gnstigen Vorzeichen geschehen konnte, zogen sie eines Morgens
mit Sack und Pack auf die Suche aus. Anfangs ging alles nach Wunsch,
aber als sich einer der Teilnehmer an einem Ruheplatz im Fluss baden
wollte, begegnete er der rotkpfigen Schlange, worauf alle nach Hause
zurckkehrten und fr einen Tag _melo_ eintrat. Als sie sich dann aufs
neue aufmachten, flogen zwar der _telandjang_ und der _hisit_ rechts
d.h. gnstig auf, aber darauf trieb die Stimme des Rehs sie ins Dorf
zurck. Die Anfhrer hielten es jetzt nicht mehr fr geraten, dass sich
so viele an der Reise beteiligten, und da _Bui Djalong_ durchaus nicht
wollte, dass die von Long Nawang mich allein begleiteten, beschlossen
4 Huptlinge, trotz aller bsen Zeichen doch mit mir zu ziehen. Die
Vier versuchten nun, sich je zu zweien den vorausgereisten Mnnern von
Long Nawang anzuschliessen, was ihnen auch gelang, ohne bsen Zeichen
zu begegnen. Ihre frheren Reisegefhrten wollten nur bis oberhalb des
Batu Plakau mitgehen, um uns ber diese schwierige Stelle zu bringen;
obgleich viele von ihnen sich sehr darber rgerten, dass sie nicht
weiter mit durften, wagte doch keiner gegen die Warnung ihrer Geister
sich auf ein solches Unternehmen einzulassen.

Auch in den anderen Drfern liessen sich die Bewohner nur mit Mhe von
der Reise zurckhalten. Nachdem die Mnner von Uma-Djalan sich zwei Mal
auf den Weg gemacht und jedes Mal wegen eines schlechten _joh_ hatten
zurckkehren mssen, waren sie zu mir gekommen, um den Malaien _Lalau_
zu holen, in der Hoffnung, dass dieser imstande sein werde, ihre _joh_
gnstig zu stimmen. Doch auch diese Gesellschaft hrte den _kidjang_
und musste auch nach 9 tgiger Reise mit 110 Mann zurckbleiben. _Taman
Ulow_ und einige andere, denen es eine Freude gewesen wre, mich
auch auf der Rckreise zu begleiten, meldeten mir sehr verstimmt ihr
Missgeschick und liessen sich auch durch Geschenke nur halb trsten.

Unter allen diesen Enttuschungen trat der 3. November ein, bevor man
mit dem Vorzeichensuchen so weit gefrdert war, dass ich selbst an
eine Abreise denken konnte. _Bui Djalong_, der selbst nicht viel auf
Vorzeichen zu geben schien, rgerte sich, dass die jungen Mnner so
viel Wesens daraus machten, und zwang daher halbwegs einen Teil der
Mnner, die noch mit dem Vorzeichensuchen beschftigt waren, mich an
einem bestimmten Tage abzuholen. Ich selbst schickte meine Malaien
an das Ufer des Kajan voraus, um dort Htten fr uns zu bauen und
einen Teil des Gepckes mitzunehmen. Nach bereinkunft sollte _Ibau
Anj_ mich am anderen Tage mit den Mnnern seines Hauses abholen,
hauptschlich um unsere Sachen zum Fluss zu transportieren. Einige von
ihren Feldern zurckkehrende Mnner erzhlten uns, die von Uma-Djalan
ausgesandten Leute wren bereits so weit vorgerckt gewesen, dass
ihr Lagerplatz sich dicht unterhalb der Brcke ber den Kajan befand.

Am letzten Abend war unsere Wohnung stndig voller Freunde und
Bekannten, die Abschied nehmen wollten und ihr Bedauern darber
aussprachen, dass wir schon so bald wieder abreisten. In den letzten
Tagen machte sich in allen unseren Gesprchen die Abschiedstimmung
bemerkbar.

Frh am anderen Morgen erschienen bereits eine Menge Huptlinge bei
uns, die sich alle verabschieden (_neat_) und ihren Kummer (_lewang_)
ber unsere Abreise ausdrcken wollten. Einige blieben nur kurze Zeit,
andere lnger, auch waren die Kinder wie immer sehr lebhaft, so dass
nur wenig Raum und Zeit brig blieben, um an das Einpacken der Sachen
die letzte Hand anzulegen. Einige Frauen tauschten noch zuletzt etwas
Reis, Tabak und Eier gegen Perlen aus und erschpften dadurch meinen
Perlenvorrat beinahe gnzlich. Die meisten lteren Frauen hatten Trnen
in den Augen und auch meine Scherze brachten kein Lcheln auf den
Gesichtern meiner besten Freundinnen zum Vorschein. _Bui Djalong_
und sein Bruder _Bo Anj_ blieben bei uns, bis wir aufbrachen,
was erst um 9 Uhr geschehen konnte, weil die Kenja noch aus ihrem
Lager herunterkommen mussten. Ich begann bereits an ihrer Ankunft zu
zweifeln, als sie endlich erschienen, aber in geringerer Anzahl als
verabredet war, so dass viele kleineren Gepckstcke noch unter die
Anwesenden zum Tragen verteilt werden mussten. Am schnellsten waren
die jungen Mdchen unter Anfhrung von _Dow_, _Bui Djalongs_ Tochter,
bei der Hand, um Tragkrbe zu holen und den Rest der Sachen in diese
zu verteilen. Sie verliessen in langer Reihe die Htte, um alles
an den Fluss zu tragen. Auch unsere Malaien waren mit ihren Lasten
bereits vorausgegangen, so dass wir uns mit nur wenigen Begleitern
als Letzte auf den Weg machten.

_Bui Djalong_ drckte zu wiederholten Malen sein Bedauern darber aus,
dass er wegen der Fehden mit den Uma-Alim und anderer Hindernisse
sein Land eben nicht verlassen konnte, um uns zu begleiten. Ich hatte
ihm und seiner Frau bereits am Tage vorher einen Abschiedsbesuch
gemacht; wie er mir jetzt beim Fortgehen die Hand drckte, fragte er
sehr bewegt, ob wir uns je wiedersehen wrden. Er schien nur halb
getrstet als ich ihm sagte, dass es wohl noch einige Jahre dauern
werde, bevor ich wieder eine so grosse Reise unternehmen knne.





KAPITEL XV.

    Abschied von Tanah Putih am 4. November--Im Lagerplatz
    am Kajan--Wiederholter Aufenthalt durch schlechte
    Vorzeichen--Zusammentreffen mit den Kajan in Long
    Laja--Geologische Verhltnisse im Laja--Aussichtsposten
    auf der Wasserscheide--Abstieg zum Meseai--Aufenthalt wegen
    Hochwasser--Umschlagen eines Bootes im Kiham Puging--Jagd auf
    Wildschweine--Ankunft am Mahakam--Besuch bei _Barth_ in Long
    Iram--Abschied von _Kwing Irang_--Auflsung der Expedition in
    Samarinda--Ankunft in Batavia am letzten Dezember 1900.


Bei unserem Abzug aus der Niederlassung waren alle Bewohner auf den
Galerien versammelt, um uns fortgehen zu sehen. So stiegen wir schnell
zu der _kubu_ hinauf, von der aus wir vor zwei Monaten zum ersten Mal
Tanah Putih erblickt hatten und fanden dort die Malaien und jungen
Trgerinnen, die auf uns warteten. Von hier aus schickten wir alle
Kinder zurck, die uns vom Dorfe aus begleitet hatten. Da der Weg
bis zum Kajan nicht weit war, betrachteten wir mit Musse das Panorama
von Apu Kajan, bevor uns der dunkle Wald diesen Anblick ganz entzog.

Am Fluss boten uns einige alte Htten der Kajan einen vorlufigen
Schutz gegen die Sonne und dort sassen wir inmitten unserer Trgerinnen
und anderer, die ihre Freunde, unsere Malaien, begleitet und zum
Abschied deren Krbe hatten tragen helfen. Die frhliche Gesellschaft
bot ein sehr anziehendes Bild, das eine angenehme Erinnerung an unseren
Aufenthalt bei den gutherzigen Kenja zurckliess. Die bedrckten
Gesichter einiger unserer jungen Malaien und Bandjaresen bewiesen,
wie schwer ihnen der Abschied fiel; selbst der etwas blasierte
_Anang_, ein junger Mann, der bereits weit umhergeschweift war und
viel durchgemacht und auch diese Reise nur mit Widerwillen angetreten
hatte, vergoss zur Freude der Anwesenden viele Trnen bei der Trennung
von seinem Mdchen. Wahrscheinlich hatten alle diese Leute in ihrem
Leben noch nicht so viel aufrichtige Sympathie erfahren wie hier in
Apu Kajan. Erst gegen Mittag kehrten die meisten Mdchen ins Dorf
zurck und konnten wir unsere Htten etwas einrichten lassen.

Am anderen Morgen machten uns unsere kleinen Freunde und Freundinnen
unter der Obhut eines alten Mannes _Piat Lawei_ wieder einen
Besuch und blieben, bis der Hunger sie um die Mittagszeit ins Dorf
zurcktrieb. An diesem Morgen waren die Mnner von Tanah Putih mit den
beiden Huptlingen _Bit_ und _Abing Djalong_ bereits vor Sonnenaufgang,
also vor dem Erwachen der Vgel, aufgebrochen, um von diesen keine
schlechten Vorzeichen zu erhalten. Sie liessen sich vorbergehend
in unserer Nhe nieder und berieten dort mit dem erfahrenen _Piat
Lawei_, wie sie die Htte der Mnner aus Long Nawang, ohne bse Omina
zu riskieren, erreichen knnten. Bei mir waren sie vorlufig sicher,
denn meine Trgerinnen hatten unterwegs fr mich ein gnstiges _joh_
gefunden. Als mein Hund Bruno abends fortlief, wahrscheinlich ins Dorf
zurck, boten sich sogleich einige junge Malaien an, ihn zu holen,
doch wollten sie erst am folgenden Morgen zurckkommen, was ich ihnen
auch erlaubte.

Am 6. November gingen die Kenja etwas hher am Fluss hinauf, um ihre
Htte zu bauen und von dort aus ein Zeichen zu finden, das ihnen in
die Htte der Mnner aus Long Nawang einzutreten erlaubte.

An diesem Abend war unser zweiter Hund Putih ebenfalls ins Dorf
zurckgelaufen und wiederum baten mich viele Malaien, ihn holen und die
Nacht im Hause ihrer _sebilah_ zubringen zu drfen. Ich gab nur wenigen
hierzu die Erlaubnis, um nicht mit zu kleinem Personal zurckzubleiben,
und weil ich frchtete, die Malaien knnten zum Schluss noch Unruhe
in Tanah Putih stiften. Etwas spter bemerkte ich jedoch, dass nicht
nur der Hund, sondern fast alle jungen Malaien weggelaufen waren und
diese Nacht nicht zurckkehrten.

Um grsserem Ungehorsam vorzubeugen, bestrafte ich die Schuldigen mit
einer Busse von 10 Gulden pro Mann und dem besten von ihnen, _Sad_,
nahm ich das Gewehr ab, das er trug, und bergab es einem der lteren
Malaien, um ihn so von der Schwere seines Vergehens zu berzeugen. Die
Strafe war hart, aber mein Personal war nicht zuverlssig genug, um ihm
in dieser Umgebung ungebundene Freiheit gewhren zu knnen. Die Mnner
konnten sich brigens nicht ber Einsamkeit beklagen, denn morgens
kamen eine Menge junger Mdchen ihre Freunde im Lager aufsuchen,
ausserdem stellten sich viele ltere Mnner, Frauen und Kinder von
den Reisfeldern aus der Umgegend ein und gingen erst abends wieder
fort. Ein kleiner Junge brachte mir einen grossen Bambus voll _burak_,
sssen gegohrenen Reis, den ihm _Ungan_, seine 19 jhrige Schwester,
die ich nach einer Hftgelenkentzndung wieder zum Gehen gebracht
hatte, fr mich mitgegeben, da sie selbst den weiten Weg zu mir noch
nicht zurcklegen konnte. Etwas Perlen hatte ich glcklicherweise noch
gespart, so dass unser Lager den Kindern noch besonders anziehend
vorkam; sie zwangen auch stets einige ltere Leute als Begleitung
zum Mitgehen. Dank der Freundlichkeit der Besucher genossen wir auch
noch hier in der Wildnis von den Leckerbissen, welche ein Kenjadorf
produziert.

Der Kajan stand an diesem Tage infolge eines heftigen Ungewitters,
das am Abend zuvor gewtet hatte, sehr hoch, das trstete uns ber
den Aufenthalt, denn die Kenja htten uns an diesem Tage, durch ihre
Vogelschau aufgehalten, doch nicht weiter bringen knnen. Unangenehmer
war es, dass wegen des Hochwassers keine Fische gefangen wurden und
wir den Hauptbestandteil unserer Mahlzeiten missten.

Fr den folgenden Tag war abgemacht worden, dass die Kenja uns in
ihre Htte abholen sollten, wo sie bereits zwei Nchte verbracht, aber
doch wenigstens ein gutes Vorzeichen gefunden hatten. In Tanah Putih
wusste man von unserer Abreise, aber trotzdem kam frh morgens noch
ein kleines Mdchen mit ihrer Mutter, mich um etwas Perlen zu bitten,
und etwas spter _Apui_, der kleine Bruder meiner Patientin _Ungan_,
der mir zum Abschied noch einen zweiten dicken Bambus mit _burak_
fr die Reise brachte.

Gegen 10 Uhr kamen die Kenja herunter, um uns hinauf zu bringen. Die
Uma-Tow von Long Nawang ruderten uns aufwrts, whrend _Bit_ mit
den Leuten von Tanah Putih zum Dorfe weiterging, um ihren Reis fr
die Reise abzuholen. Sie wagten jedoch nicht, die Niederlassung zu
betreten, weil ein Mann dort im Sterben lag und sie durch dessen Tod
zurckgehalten zu werden frchteten.

Da man mich nur ein Stck weit den Fluss aufwrts gebracht hatte und
jetzt ein neuer Aufenthalt drohte, beschloss ich, die Malaien mit
so viel Gepck, als sie mitnehmen konnten, voraus zu senden. Sie
machten sich am anderen Morgen in Gesellschaft der Kenja auf,
die ihren Reis voraustragen wollten, doch kehrten diese zurck,
nachdem sie die schlechten Prophezeiungen eines Vogels vernommen
hatten. Auch am anderen Tage, dem 10 Nov., sahen sie morgens bei
ihrem erneuten Versuch, mit ihrem Reis den Fluss hinaufzufahren, ein
schlechtes Vorzeichen, aber ich drang darauf, dass sie wenigstens
mich und mein Gepck an diesem Tage weiter hinauf brachten, ihren
Reis konnten sie dann spter hinaufschaffen. Glcklicherweise gingen
sie hierauf ein unter Leitung von _Ibau Anj_ und den Mnnern von
Long Nawang, die bereits alle ihre guten Vgel gefunden hatten. Sie
brachten uns mit Hab und Gut bis oberhalb des Batu Plakau und zu meiner
Verwunderung transportierten sie auch ihren Reis bis unterhalb dieser
Wasserflle, obgleich sie selbst in der Htte weiter unten am Fluss
bernachteten. Sie schleppten auch noch ein Boot hinauf, in dem _Ibau
Anj_ und _Lalau_ weiter fahren sollten, um _Kwing_ mit den Seinen
von unserer Ankunft zu benachrichtigen. Sie kehrten jedoch an diesem
Tage nicht wieder zu uns zurck, augenscheinlich hatten sie die Kajan
nicht mehr bei Long Danum gefunden, wo wir sie noch gelagert glaubten.

In der Frhe am folgenden Morgen begannen die Kenja ihren Reis den
Wasserfllen entlang hinaufzutragen, wobei einige von ihnen 4 Mal
den Weg zurcklegten. Das _joh_ war wieder ungnstig gewesen, daher
waren die Huptlinge an der Stelle, wo sie es bemerkt hatten, einige
Landzungen weiter unterhalb des Landungsplatzes bei Batu Plakau,
zurckgeblieben. Man beabsichtigte jedoch am anderen Tag die Bte
ber die Flle zu ziehen.

Diejenigen, die bereits frher ein gutes Vorzeichen gefunden hatten,
stiessen sich an diesem Tage nicht an dem Misserfolg _Bits_ und seiner
Leute, sondern zogen mit ihren Bten bis oberhalb der Wasserflle,
wo sie sich bei mir lagerten.

Unter all diesem Warten auf Vgel und Rehe hatten wir reichlich
Gelegenheit, unsere Umgebung zu studieren, aber unter dem Eindruck der
Heimreise nach der sehr langen Abwesenheit und des langen Zgerns der
Kenja wurde an ernster Arbeit nicht mehr viel geleistet. _Demmeni_
machte nur noch eine Aufnahme von dem merkwrdigen Bootsweg und ich
suchte einen Einblick in die Formation des Batu Plakau zu gewinnen,
von dem ich mehrere Gesteinsproben mitnahm. Abends kehrten _Lalau_
und _Ibau Anj_ mit dem Bericht zurck, _Kwing_ und sein Gefolge
htten bereits das Lager am Long Laja bezogen, der Huptling und die
meisten seiner Leute befnden sich wohl, _Bang Awan_ wre nochmals
bei den Uma-Bom Reis holen gegangen und die Kajan wollten mich am
anderen Tage abholen, da sie mit Ungeduld auf das Heimkommen warteten.

Am 12. November kamen in der Tat zwei Bte mit den Kenja aus
Tanah Putiti zu uns herauf, aber _Bit_, der dabei war, sagte, er
msse noch dableiben und auf seinen Vogel warten, der vor ihm quer
ber den Fluss geflogen war. Spter hrte ich, dass er auch einen
schweigenden _teolao_, (_kidjang_) gesehen hatte, so dass er ernstlich
daran dachte, nach so vielen bsen Omina endgltig heimzukehren. Ich
erklrte ihm jedoch, unmglich lnger auf ihn warten zu knnen, weil
unser Reisvorrat bereits so weit geschmolzen war, dass er fr unser
grosses Personal kaum noch gengte. Da auch die Kenja von Long Nawang
aus diesem Grunde sehr ungeduldig geworden waren, usserte ich die
Absicht, mit diesen und den Kajan allein die Reise weiter fortsetzen
zu wollen. _Ibau Anj_ war im Zwiespalt: er hatte frher unter guten
Vorzeichen die Htte der Long Nawang erreicht, aber jetzt befand
sich sein Gepck noch hinter der Stelle, wo sich das schlechte _joh_
gezeigt hatte, so dass er eigentlich umkehren musste. Mit Hilfe der
Kajan, die in der Tat eingetroffen waren, brachte man mein langes Boot
noch an diesem Abend ber die Wasserflle. Es befand sich jetzt eine
gengende Anzahl Bte ber den Fllen, um weiterfahren zu knnen,
und als am anderen Morgen auch _Bang Awan_ von den Uma-Bom eintraf,
luden wir bis 10 Uhr morgens alles Gepck in die Fahrzeuge und
fuhren den Fluss weiter hinauf bis 3 Uhr mittags, wo wir Htten
der Kajan fanden, die nur einer Bedeckung mit Segeltuch bedurften,
um uns noch vor Einbruch der Nacht ein Asyl gewhren zu knnen. Wir
waren durch sehr flaches Land gefahren, an dessen Ufern nur hie und da
stark verwittertes Gestein blosslag, das regelmssige dnne Schiefer
zeigte, mit einem Fallen von 60--90 nach Sden und einem Streichen
von 225--242. Bei dem niedrigen Wasserstande trafen wir nur wenige
schwache Stromschnellen, so dass der Fluss hier einen ganz anderen
Charakter als unterhalb Batu Plakau trug, wo der Fall sehr stark war.

_Bang Awan_ und _Anjang Njahu_ hielten es fr notwendig, nachts bei
uns zu schlafen, um uns nicht allein unter den Kenja zu lassen, eine
durchaus berflssige Massregel. Wir bemerkten noch an diesem Abend,
wie die Kenja die wenigen Fische, die sie gefangen hatten, uns zu
unserer Abendmahlzeit gaben, whrend die Kajan nur von ihrem berfluss
mitzuteilen pflegten. Dass sie ihren Egoismus selbst empfanden,
bewiesen sie dadurch, dass sie ber die geschenkten Fische und die
Kenja selbst gehssige Bemerkungen zu machen anfingen. Ich erfuhr
erst an diesem Abend, dass bei den Kajan, whrend sie bei Long Danum
lagerten, ein Mann gestorben war. Seinen Namen wollte man mir nicht
gern nennen, da ich ihnen vorhergesagt hatte, dass der Mann sterben
wrde, falls sie ihn mit in den Wald nhmen, als _Kwing Irang_
aus Tanah Putih entfloh. Auch dieser Mann litt damals schwer am
Fieber, das etwas abzunehmen begann, als man ihn meiner Behandlung
entzog. Merkwrdigerweise wagte _Anjang Njahu_ zuzugeben, dass ihr
Landsmann durch ihre eigene Schuld gestorben war.

Der Wunsch, rasch vorwrts zu kommen, der alle beseelte, usserte
sich darin, dass unser Geleite anderen Tags bereits vor Sonnenaufgang
gegessen hatte, dass wir unser Frhstck fr spter mit ins Boot
nahmen und die Flotte sich bereits um 6 Uhr in Bewegung setzte. In
ruhiger Fahrt ging es den Kajan aufwrts, bis wir gegen Mittag bei
Long Laja ankamen, wo wir im Kajanlager alles in Ordnung fanden. Man
schien zu frchten, dass ich ber ihre Flucht, den Tod des Mannes und
ihr eigenmchtiges Vorausfahren etwas bemerken wrde, aber ich war
zu froh, schon so weit gefrdert zu sein und _Kwing Irang_ gesund
anzutreffen, und schwieg daher. Wie ich im Lauf des Tages merkte,
hatte der Huptling alle Mhe gehabt, seine Leute davon abzuhalten,
schnurstracks zum Mahakam weiterzuziehen und nicht auf mich zu warten,
unter dem Vorwande, dass ich die Kenja doch nicht schon nach zwei
Monaten verlassen wrde. _Kwing_ hatte grsseres Vertrauen bewiesen
und war nun sehr froh, dass ich mich an die Vereinbarung gehalten
hatte. Abends langten _Bit_ und _Ibau Anj_ in unserem Lager an; sie
wollten trotz der schlechten Vorzeichen die Reise doch wagen. Auch
diese beiden frchteten, dass ich ber die mannigfachen Hindernisse,
die sie mir in der letzten Zeit in den Weg gelegt hatten, zrnte;
so erklrte ich ihnen am anderen Morgen ausdrcklich, dass von
einem Zrnen nicht die Rede sei, weil ich mich sehr gut in ihre
Schwierigkeiten hineinversetzen knne. Die beiden Huptlinge hatten
nicht gewagt, auch ihre Untergebenen trotz der schlechten Vorzeichen
mit auf die Reise zu nehmen, doch hatten sie diese nur mit Mhe zu
einer Rckkehr nach Tanah Putih bewegen knnen. Sie selbst fassten
jetzt den Zug als einen Kriegszug auf, bei dem sich die Kenja
ntigenfalls nicht an die Vorzeichen zu halten brauchten.

Am 15. Nov. holten Kajan und Kenja alles was an Gepck und Reis
beim Batu Plakau zurckgeblieben war, in einem Tag herauf, whrend
unsere Malaien ihre Lasten den Laja hinauf bis auf die Wasserscheide
trugen. Mit _Kwing_ und einigen anderen verbrachten wir einen ruhigen
Tag im Lager, wo _Bang Awan_ uns abends mit einem Wildschwein, das
er erlegt hatte, ein gutes Mahl besorgte.

Unsere Kajan hatten augenscheinlich von den Kenja im gegenseitigen
Hilfeleisten etwas gelernt, denn zu meinem Erstaunen halfen sie _Bit_
und _Ibau_ auch noch am zweiten Tag ihren Reis von unten abzuholen;
vielleicht taten sie dies auch mit Rcksicht auf unseren sehr kleinen
Reisvorrat. Da auch die von Long Nawang in einem Boote mitfuhren,
liess die Eintracht zwischen den verschiedenen Teilen meines Personals
nicht viel zu wnschen brig. Mit dem Rest der Kajan und Kenja und den
Malaien, die alle unser Gepck tragen mussten, verliessen wir nun den
Kajan und zogen den Laja aufwrts. Gegen Mittag erreichten wir bereits
die Wasserscheide, _ngalang hang_, auf der ich die Zeit, die whrend
des Gepcktransportes fr uns brig blieb, zu einer bersichtlichen
Aufnahme des Landes verwenden wollte. Wir zogen daher nicht weiter,
sondern liessen unsere Mnner schnell ein Lager aufschlagen.

Ich hatte jetzt zur Untersuchung des im Laja blossliegenden Gesteins
mehr Musse als auf der Hinreise. Es bestand im allgemeinen aus
Schiefern, doch waren diese so verwittert, dass ihre Art nicht mehr
festzustellen war. Die Lagen strichen hier, wie auch im Kajan, von
Ost nach West, in derselben Richtung wie die Wasserscheide. berdies
zeigten sie regelmssig einen Fall nach Sden. Mit den dnnen
Schiefern wechselten bis 1 dm dicke Schichten, von mehr sandigem
Aussehen, ebenfalls stark verwittert. Im allgemeinen weist die Art
des Vorkommens des Gesteins in dem von uns durchzogenen Gebiet darauf,
dass die Wasserscheide zwischen dem Mahakam- und Kajangebiet in diesem
Teile in der gleichen Richtung verluft, wie die Gesteinslagen und
dass diese alle unter sehr grossen, aber sehr verschiedenen Winkeln
nach Sden abfallen. Hiermit steht vielleicht in Zusammenhang, dass,
whrend das wasserscheidende Gebirge sich nach Sden in zahlreichen,
gleichlaufenden Rcken senkt, dies im Norden nicht der Fall ist. Vom
Kajangebiet, also von Norden, sieht das Wasserscheidegebirge wie eine
hohe, steil ansteigende Wand aus, und einige Teile, wie der Telujn,
wo der Kedjin entspringt, gleichen einem Hochplateau, das steil nach
Norden abfllt. Die Kenja nennen es daher auch Lasan (Flche).

Noch am gleichen Tage suchte ich von dem Gipfel eines benachbarten,
sdlichen Nebenrckens aus eine Aussicht zu gewinnen oder
festzustellen, wie viel ausgehauen werden musste, um diese mglich
zu machen. Das Resultat war nicht ermutigend, denn wir standen
auch auf dem hchsten Punkt in hohem Walde und das Gelnde erwies
sich als so flach, dass an ein schnelles Abholzen dieses Punktes
nicht zu denken war. Der daneben liegende, mehr stliche Rcken,
ber den der Weg zum Meseai fhrte, versprach nur nach einer sehr
grndlichen Abholzung eine Aussicht nach Sden, und auch dann noch
blieb es fraglich, ob die vielen zum Oga hinablaufenden Rcken den
Ausblick nicht zu sehr beeintrchtigen wrden. Daher beschloss ich
am folgenden Tage, einen Teil der Mnner im Gipfel eines passenden
Baumes einen Aussichtsposten bauen zu lassen, whrend der brige das
Gepck weiter zum Meseai befrderte und dort blieb, um die Bte in
Ordnung zu bringen und ntigenfalls unsere Htten auszubessern. Einen
Teil der Trger, vor allem die Malaien, liess ich jedoch wiederkommen,
damit nicht zu viel Gepck zurckblieb. Sie stellten sich auch abends
wieder im Lager ein, aber usserst ermdet.

Gegen Sonnenuntergang lag eine prchtig helle Atmosphre ber
der Landschaft, die mich lebhaft bedauern liess, von dieser
seltenen Gelegenheit keinen Gebrauch machen zu knnen, weil der
Beobachtungsposten noch nicht vollendet war. Der hierfr ausgesuchte
Baum stand auf dem hchsten Punkt des Rckens und bot die Mglichkeit,
in 16 m Hhe eine Plattform zwischen seinen sten zu bauen, nachdem
die grssten entfernt worden waren.

Der Baum stand etwas geneigt ber einem sehr tiefen Abgrund; da
sein schwerer Gipfel fortgenommen war, konnte er an Stelle desselben
sehr gut einige Menschen tragen, nur mussten diese das unangenehme
Gefhl berwinden, hoch in der Luft ber der Tiefe zu schweben. Ein
geeigneterer Baum war jedoch nicht zu finden, ausserdem bot dieser
noch den Vorteil, dass zwei kleine Bumchen, die sich an seinen
Stamm lehnten, sich als Seitenteile einer Leiter eigneten, an der nur
einige Sprossen befestigt zu werden brauchten, um den Baum bis auf
3/4 seiner Hhe besteigen zu knnen. Weiter oben mussten wegen einer
unbequemen Drehung des Stammes einige kleine Leitern schrg ber
einander angebracht werden, was uns nicht akrobatisch veranlagten
und ausgersteten Europern die Besteigung des Aussichtspunktes
etwas erschwerte.

Das Bauwerk kam mit Hilfe einiger Kenja und Malaien gut zustande,
und obgleich die Besteigung desselben einige Selbstbeherrschung
verlangte, war die Aussicht doch in hohem Masse genussreich, besonders
nach dem langen Aufenthalt unten im Walde, wo man sich auch in dem
interessantesten Gebiet mit der nchsten Umgebung zufrieden stellen
muss. Der Ausblick war nach verschiedenen Richtungen grossartig,
hauptschlich zu beiden Seiten ber die Wasserscheide; nach Sden blieb
der Blick jedoch, auch nachdem die wichtigsten der benachbarten Bume
gefllt worden waren, beschrnkt, weil sich nicht nur im Osten ein
hoher und vor allem langer Nebenrcken nach Sden hinzog, sondern
auch im Westen ein noch hherer und lngerer erhob. Nach Aussage
der Kenja verluft dieser Rcken zwischen dem Temha, der stlich,
und dem Oga, der westlich von ihm entspringt. Der Batu Pusing, auf
dem der Oga seinen Ursprung nehmen muss, war denn auch mit seinen
beiden kubusfrmigen Gipfeln in nicht zu grossem Abstand im Westen zu
sehen. Diese beiden Rcken verschlossen die Aussicht nach Sd-Westen
und Sd-Osten und nur im Sden durften wir hoffen, abends einige Punkte
anpeilen zu knnen. Wir sahen auch in der Tat abends den Batu Ajow und
den Batu Lesong, aber in so grossem Abstand, dass ein Anpeilen von zwei
Punkten auf ihm wertlos gewesen wre. Unser Versuch, die Wasserscheide
hier topographisch festzusetzen durch eine Aufnahme im Mahakamgebiete
mittelst direkter Peilung scheiterte also. Leichter war es eine
bersicht ber das Gebirge der Wasserscheide nach Osten und Westen zu
gewinnen. Nach Osten traf der Blick ein 1500-1600 m hohes Bergmassiv,
das sich zwar in nrdlichen und sdlichen Rcken fortsetzte, aber
doch mehr den Eindruck eines selbstndigen Hochlandes machte. Dies
war der Batu Okang, auf dem nach Westen der Boh entspringt, nach
Norden der kleine Kajan oder Kajan Ok und, wie die Kenja behaupten,
der Tawang nach Sd-Osten.

In westlicher Richtung erhoben sich im Gebiet, wo der Kajan entspringt,
mehrere isolierte Gipfel und hinter diesen lag der schon genannte
Batu Pusing, der durch die eigentmliche Form seiner Gipfel, die
zwei Kuben bilden, von allen Seiten leicht erkennbar ist. Da wir uns
in relativ kleiner Hhe befanden, blieb der dahinter liegende Teil
der Wasserscheide mit dem Batu Tibang unserem Auge verborgen. Wohin
der Blick auch fiel, traf er einen ununterbrochenen Urwald; kein
einziger Felsen trat aus der finsteren, dunkelgrnen Masse hervor,
die nur durch die leicht gewlbte Oberflche der hchsten Baumgipfel
und die Verschiedenheit der grnen Tinten einige Abwechslung bot. Mit
angstvollem Interesse sahen die Kajan und Kenja aus, ob nicht irgendwo
ein menschliches Zeichen zu sehen war, aber selbst kein Rauchwlkchen
unterbrach die feierliche Ruhe der Umgebung.

Von hier aus gesehen erschien auch das ganze Land von Apu Kajan als
ein nur mit Hochwald bedecktes Gebirge, ber welches man eine gute
bersicht genoss. Hauptschlich trat das Stromgebiet des Nawang mit
dem dahinter liegenden hohen Gebirge in Form einer Pyramide mit sehr
breiter Basis gut hervor; desgleichen verschiedene andere Gipfel,
die wir von Tanah Putih aus gesehen hatten.

Des Abends langten bei uns noch einige Mnner aus Long Nawang an
und brachten uns allerhand Neuigkeiten von den Kenja. Am meisten
interessierte es uns, dass _Ibau Anj_ mit einigen Leuten unterwegs
war, infolge seiner schlechten Vorzeichen aber die Mndung des Laja
noch nicht erreicht hatte. Ferner war der Huptling der Uma-Kulit,
der meinen Brief an den Radja nach Long Balaga, dem ersten Posten
von Serawak, gebracht hatte, von dort mit dem Bericht zurckgekehrt,
der dortige Befehlshaber habe nach Empfang meines Schreibens gesagt,
dass jetzt, wo der "Tuwan Dokter" in Apu Kajan sich befinde, der Radja
dort nichts mehr zu schaffen haben werde, also eine zweite fr die
Kenja sehr beruhigende Nachricht. Zu den minder gnstigen Berichten
gehrte, dass die Punan-Lisum in einem Nebenfluss des Batang-Rdjang
die Besatzung zweier Bte der Batang-Lupar ermordet hatten und darauf
mit Weibern und Kindern ins Kedjingebiet geflohen waren. Wohin,
das wusste oder sagte man nicht.

Am 19. Nov. sassen wir des Morgens vllig in Nebel gehllt und mussten
lange warten, bis er sich verzog, auch versprachen die Peilungen sehr
wenig Nutzen, so dass ich mit den neuangekommenen Uma-Tow aus Long
Nawang, die auch noch tragen helfen konnten, weiter nach dem Meseai
zu ziehen beschloss. Da ich den Landweg noch mit Handbussole und Uhr
aufnahm, dauerte mein Abstieg zu unserem Lager am Meseai etwas lnger,
etwa 4 Stunden. Die Mannschaft begann sogleich die Bte in Ordnung zu
bringen; die zurckgelassenen Sachen fanden wir unbeschdigt wieder und
auch an unseren Bten hatte man sich nicht vergriffen, nur war ein Baum
umgestrzt und hatte dabei ein Boot zerschmettert. _Doris_, der mit dem
ersten Vortrupp sogleich bis hierher durchmarschiert war, zeigte mir
triumphierend eine _Bang-e-u_, ein stahlblaues Huhn mit ganz weissem
Schwanz, das wir auf dieser Reise noch nicht hatten fangen knnen. Das
Tier war von der gegenberliegenden senkrechten Uferwand in den Fluss
gestrzt und, whrend es durchnsst das Ufer hinaufzulaufen versuchte,
von unserem Hunde Putih gepackt worden. Die leuchtende Schnheit dieses
Bewohners unserer finsteren Umgebung wirkte auf alle sehr ermunternd,
und selbst der gleichgltige _Doris_, der wie wir alle nach dem Ende
der Reise schmachtete, machte sich doch mit Eifer an die Prparation
des Balgs, obgleich das Trocknen sehr viele Schwierigkeiten verhiess.

Bereits bei der Mahlzeit merkten wir, dass wir uns wieder im
fischreichen Mahakamgebiet befanden, denn die Kenja brachten uns
einige schne Exemplare. Sie hatten ihre neuen Bte beinahe ganz
fertig gestellt und waren die letzten zwei Tage von den Kajan bei
der Arbeit gut untersttzt worden, was ich von diesen nur auf den
eigenen Vorteil bedachten Leuten kaum erwartet hatte.

Den 20. Nov. stellten sich des Morgens frh 35 Mann der Long-Nawang,
die Guttapercha gesucht hatten, aus dem Walde bei uns ein und boten
mir einige schne Stcke als Willkommgruss an. Ich suchte jedoch nur
ein Stck als Muster aus und gab ihnen den Rest zurck, damit sie ihn
am Mahakam verkauften. Da sie uns aber durchaus eine Freude bereiten
wollten, zogen sie wieder in den Wald und stellten einige Bretter
als Unterlagen fr unsere Matratzen her, wie ihre Huptlinge sie
zum Schlafen bentzen. Abends brachte _Bang Awan_ ein Schwein von
der Jagd heim und am anderen Tage glckte es _Abdul_, den ich, um
einige seltene Pflanzen zu sammeln, den Berg hinaufgeschickt hatte,
ein zweites Schwein zu erlegen. Zu ihrer grossen Freude gab ich den
Kenja die Vorderhlfte der Tiere und liess das brige Fleisch als
Reisevorrat fr uns ruchern und das Fett als Bratspeck auskochen,
weil das Kokosnussl, das wir hier zurckliessen, ranzig geworden war.

Die Kajan fhlten sich augenscheinlich in einem Kreise, in dem man
einander so freigebig aushalf, beschmt, wenigstens zog _Kwing_
mit den Seinen nach der Mndung des Meseai voraus, um mein grosses
Boot, das wir dort im Walde verborgen hatten, zu Wasser zu lassen
und ntigenfalls auszubessern.

Den 22. sandte ich _Delahit_, _Lalau_ und einen dritten Malaien,
_Tagap_, aus, um nachzuforschen, wo _Ibau_ und _Bit_ mit ihrem _joh_
geblieben waren, ob sie sich auf den Heimweg gemacht hatten oder
langsam herauf zogen, da die Kenja mit ihren Bten zur Abfahrt beinahe
fertig waren. _Taman Tanjit_, der Huptling der Mnner von Long Nawang,
bereitete sich auch darauf vor, den grossen Geist, der in diesem Gebiet
zwischen Mahakam und Kajan hauste, von seinem geplanten Zug mit uns
den Fluss abwrts zu benachrichtigen. Der Geist hiess _pelaki_ und
alle, die von Apu Kajan aus hier vorber reisten, riefen ihn an und
opferten ihm. Auch _Taman Tanjit_ spendete ihm am folgenden Tage mit
den Seinen ein Opfer, wonach er sich zur Abfahrt bereit erklrte.

Abends kam auch _Delahit_ mit einem Kenja zurck und meldete, dass
sie _Bit_ und _Ibau_ auf dem Laja begegnet wren, und dass diese
uns mit 8 der ltesten Mnner auf Befehl _Bui Djalongs_ trotz ihrer
schlechten _joh_ folgen mussten. Sie fhrten jedoch so viel Reis und
anderes Gepck mit, dass sie nur langsam ber Land vorwrts kamen
und daher um Hilfskrfte baten. _Lalau_ und _Tagap_ waren bei ihnen
geblieben. Da die Kenja, nachdem sie bereits mit dem Geist _pelaki_
gesprochen hatten, nicht mehr ber die Wasserscheide zurck durften,
sandte ich den Zurckgebliebenen 9 Malaien, die sich hierzu voller
Eifer bereit erklrten. Sie mussten am 28. jedoch bis ber die
_ngalang hang_ zurckgehen, bis sie der Gesellschaft begegneten,
daher langten sie mit dieser erst abends bei uns an. _Bit_ und _Ibau_
boten uns bei ihrer Ankunft von neuem ein Geschenk an, zwei grosse
Packen Reis, die uns sehr zu statten kamen, da das viele Warten auf
allerlei Umstnde und Menschen meinen Vorrat beinahe erschpft hatte.

Das Wasser stand am 25. infolge vieler Regengsse eigentlich zu hoch,
doch unternahmen wir trotzdem die Talfahrt auf dem Meseai. Ich hatte
die Kajan hiervon ber Land benachrichtigen lassen, daher erwarteten
sie uns alle oberhalb des Gesteinschaos an der Mndung, ber welches
die Bte nur mit vieler Mhe zu bringen waren. Zum Glck half der hohe
Wasserstand, doch erforderte mein langes Boot trotzdem noch die Hilfe
des ganzen Personals. Im Meseai bestand das Gestein, wie nrdlich von
der Wasserscheide, aus Schiefem, die nach West-Ost strichen und nach
Sden fielen. Nur bei der Mndung lag dazwischen eine mehr als 50 m
dicke Sandsteinschicht mit demselben Streichen und Fallen. Die Blcke
dieser Schicht versperrten den Fluss und verursachten die Wasserflle.

Unterhalb der Meseaimndung lagen die Bte der Kajan bereits fertig
gepackt, daher ging es sogleich weiter. Auch _Bit_ und _Ibau_
zogen gleich mit, da wir sie mit den Ihren in mehrere Bte hatten
verteilen knnen. Infolge des sehr hohen Wasserstandes im Temha waren
sehr viele Schnellen unsichtbar, aber das Wasser trug uns mit grosser
Geschwindigkeit ber sie hinweg, nur war in dem engen Fahrwasser eine
besondere Aufmerksamkeit und Anstrengung des Bootsvolks erforderlich.

Um 2 Uhr gelangten wir an eine Stelle, genannt Long Seripa,
die einzige, an der wir den Kenja zufolge an diesem Tage wrden
lagern knnen, und so mussten wir uns zum Aufschlagen des Lagers
entschliessen. Nachts regnete es heftig und der Fluss stieg so
stark, dass wir nicht weiterfahren durften und daher einen Tag liegen
blieben. Gegen 1/2 11 Uhr hrten wir von oben ein Gerusch und gleich
darauf schossen die Bte der Mnner von Long Nawang in bengstigend
schneller Fahrt an uns vorber und legten an der Flussmndung bei
uns an. Die Mnner waren am Tage vorher bei unserer Abreise in den
Wald gegangen und hatten uns daher nicht folgen knnen, doch hatten
sie aus Furcht, dass wir ohne sie durchfahren wrden, die Fahrt trotz
des Hochwassers gewagt.

Auch am 27. war der Fluss noch sehr hoch und an eine Abfahrt nicht
zu denken. Die Kenja von Tanah Putih wollten diesen Aufenthalt zum
Bau eines Bootes bentzen, als sie aber zu diesem Zweck in den Wald
zogen, begegneten sie einem _hisit_, der links von ihnen pfiff, und
kehrten wieder um. Eine halbe Stunde darauf zogen sie von neuem aus
und fllten einen Baum, aber bei seinem Sturz vernahmen sie wiederum
ein ungnstiges Zeichen, und so liessen sie den Baum liegen und gaben
den Bootsbau auf. Ich versprach ihnen zur Beruhigung meine besten Bte,
mit denen sie spter den Fluss wieder hinauffahren konnten.

Die Kenja traten hilfsbereit auch _Bo Bawan_ und den Seinen eine
grosse Menge Reis ab, da deren Vorrat erschpft war.

Am folgenden Tag hielt der hohe Wasserstand zwar noch an, aber nicht
mehr so stark als vorher und ich beschloss, die Fahrt zu riskieren, da
auch _Kwing_ dafr war. Zuerst fuhren einige Kenja hinunter, um einige
gefhrlich liegende Bume durchzuhacken und wegzurumen. Unterdessen
hatten wir unsere Bte gepackt und fuhren unter heftigem Protest
seitens _Bits_ und _Ibaus_, die niedrigeres Wasser abwarten wollten,
ebenfalls ab. Bald zeigte es sich, dass einiger Grund zur Besorgnis
vorhanden war, denn dies war die gefhrlichste Fahrt, die ich je
mitgemacht hatte. Das sehr heftig strmende Wasser schleuderte die
Fahrzeuge bei jeder Flusswendung gegen die vorspringenden Felsblcke,
und das Boot von _Taman Sulow_, in das man mich gesetzt hatte, weil man
es fr das sicherste hielt, wurde immer wieder mit Wasser bergossen
und ich bis zur Mitte des Leibs durchnsst. Des Morgens hatte niemand
mich in seinem Boote haben wollen, die Kajan, weil sie das Fahrwasser
nicht kannten, die Kenja, weil sie die Verantwortung, die der Transport
meiner Person ihnen auferlegte, zu schwer fanden. Nur _Taman Sulow_,
ein junger, forscher Kerl, hatte sich endlich bereit gezeigt, das
Wagstck zu unternehmen. Nach langer Beratung wurde beschlossen,
dass beim Kiham Puging, dem gefhrlichsten Fall, alle Bte mit
grosser Schnelligkeit auf einen bestimmten Punkt lossschiessen
sollten, so dass sie sich an der Stelle, wo hohe Wellen zu beiden
Seiten die niedrigen Fahrzeuge zu berschlagen drohten, nur einen
Augenblick wie unter Wasserbgen befinden sollten. Mit allen Bten
lief es gut ab; zwar schlug das Wasser hinein, aber infolge der grossen
Geschwindigkeit der Fahrt so wenig, dass es durch Ausschpfen entfernt
werden konnte. Nur ein Kenjaboot, das man zur Sicherheit hinten
am Steven mit einem Rotang vom Ufer aus fest hielt, verlor dadurch
bei der Fahrt an Geschwindigkeit, fllte sich in einem Augenblick
mit Wasser und sank. Die Mannschaft sprang sogleich ins Wasser und
suchte das Boot an einer ruhigen Stelle unter Wasser gerade zu halten,
damit die Ladung nicht herausfiel und verloren ging. Die vielen Bte,
die hier abwarteten, wie die anderen ber den Fall schiessen wrden,
waren sogleich zur Stelle, um zu helfen, doch glckte das Geradehalten
nicht, der schwerste Teil der Ladung, Reis und Eisenwerk, glitt in den
Fluss und war verloren. Die im Boot befestigten Tragkrbe mit Inhalt
wurden gerettet, doch waren sie voll Wasser gelaufen. Zwei meiner
Blechkoffer, die sich in diesem Boot befanden, wurden sogleich aus
den Krben herausgeholt und in anderen Bten untergebracht, doch
hatten auch sie stark von der Nsse gelitten.

In kurzer Zeit war das Boot von der befestigten Ladung befreit
worden; die Bemannung entfernte das Wasser aus demselben durch Hin-
und Herschaukeln, so dass die Rnder bald herausragten, dann wurde der
Rest ausgeschpft und das Boot war wieder fahrbar. Das nasse Gepck
wurde wieder hineingeladen und dann ging es fort in schneller Fahrt. Es
war ein aufregender Anblick, wie die Bte durch die hoch aufgestauten
Wellen schossen, getrieben durch die beinahe verzweifelten Ruderschlge
der Bemannung. Als wir selbst hindurch mussten, sah ich nur einen
Augenblick zu beiden Seiten eine grosse aufbrausende Schaummasse gegen
hohe schwarze Felsen schlagen und dann lag alles hinter uns und wir
wandten alle Aufmerksamkeit darauf, weiter unten nicht voll Wasser zu
laufen oder an den Uferfelsen zerschmettert zu werden. Etwas weiter,
wo der Fluss sich durch einen Spalt zwngte, waren kurz vorher einige
Bume hineingestrzt und mussten weggerumt werden. Diese Arbeit hielt
uns etwas auf, aber um 2 Uhr legten wir doch bei unserem frheren
Landungsplatz Long Krengo an, wo die Kenja ihre nassen Krbe und
_Doris_ seine Koffer mit Vogelblgen untersuchte. Zum Glck enthielten
diese Kisten keine Gesteine, sonst wren sie unfehlbar gesunken. Es
waren trotz des Liegens im Wasser nur wenige Tropfen eingedrungen,
weil wir alle Ritzen mit _pakal_, Harzpulver und Petroleum, verklebt
hatten. Nur einige Papiere um die Vogelblge mussten erneuert werden.

Obwohl es abends regnete, war das Wasser am anderen Morgen doch etwas
gefallen. Die Kenja wollten zwar auch jetzt lieber nicht abfahren,
doch entschlossen sie sich schliesslich dazu, aus Furcht, dass wir
in diesem engen Flsschen, in dem jeder Regenfall oben ein hohes
Steigen des Wassers bewirkte, vllig abgeschlossen wrden. Anfangs
wiederholte sich die Fahrt vom vorigen Tage; stndig hohe Wellen und
kleine Wasserflle, die bei der sehr schnellen Hinabfahrt, besonders
bei den zahlreichen Windungen, grosse Achtsamkeit erforderten; auch
verursachten die vielen in diesen Bergspalt gestrzten Bume immer
wieder einen Aufenthalt. Beim Kiham Tandjow widersetzte ich mich
anfangs, dass die Kajan ihn mit ihren Bten hinabfuhren (_lawu_), da
ich ein ernstliches Unglck frchtete, aber die geschulte Mannschaft
sah sich die hohen, langen Stromschnellen mit einigen Wasserfllen
darin erst gut an und fuhr dann unerschrocken ber sie hinweg. Die
Kenja wagten ihnen das Stck nicht nachzutun; sie bewiesen brigens auf
der ganzen Reise, dass sie den Kajan zu Wasser nicht so berlegen waren
wie zu Land, was wohl damit zusammenhngt, dass ihre hoch gelegene
Heimat mit den kleinen Flssen ihnen weniger Gelegenheit bietet,
sich mit dem Wasser vertraut zu machen als den Kajan, die sich beinahe
ausschliesslich zu Wasser bewegen. Diese hatten denn auch allen Grund,
bei der Ankunft jedes ihrer Bte, das den letzten Fall hinunterschoss,
in lautes Jauchzen auszubrechen.

Weiter unten wurde der Fluss etwas breiter und um 12 Uhr fuhren wir
in den Oga ein, wo wir uns nach Kenjasitte auf einer Schuttbank bei
einem Mahl von der ausgestandenen Angst und Ermdung erholten. In
diesem breiteren Tal genossen wir ungemein das grssere Stck Himmel,
das zu sehen war, und dessen strahlende Sonne unsere durchnssten und
steif gewordenen Mnner erwrmte. Der Oga war jetzt auch viel hher
als bei unserer Hinfahrt und das Wasser strmte schnell und sehr wild
hinunter, aber jetzt war die Gefahr, gegen felsige Ufer oder gesttzte
Bume geschleudert zu werden, nur gering. Bei der Abfahrt ging _Bang
Awan_ mit seinem Boot voraus, um Wildschweine zu schiessen, falls
sich welche am Ufer zeigten. Da unsere Mannschaft die Bte mehr in
der richtigen Lage zu halten als fortzubewegen hatte, machten sie nur
wenig Gerusch, das berdies noch durch das Toben des Flusses gedmpft
wurde. Wir hrten denn auch sehr bald in der Ferne einige Schsse
knallen und freuten uns auf den Schweinsbraten zur Abendmahlzeit,
doch bekamen wir nur das enttuschte Gesicht des Schtzen zu sehen,
der zwei grosse fette Schweine auf kurzen Abstand gefehlt hatte. Er
bat mich denn auch, seinen Posten zu bernehmen, da wir sicher noch
andere Wildschweine treffen wrden, die durch diese Gegend zu ziehen
schienen; die ganze Flotte blieb liegen, um mir einen Vorsprung zu
lassen. Die Schweine schienen, wie bei _Demmenis_ Aufenthalt bei den
Wasserfllen im Mahakam, auch jetzt auf einer Wanderung in eine andere
Gegend begriffen zu sein, denn nach kurzer Fahrt entdeckten meine
scharfsichtigen Ruderer in der Ferne eine Truppe am Ufer. Wir befanden
uns auf einem sehr bewegten Teil des Flusses, wo sich bei niedrigem
Wasserstande eine grosse Stromschnelle bildete, aber trotzdem duckten
sich die Ruderer auf den Boden des Bootes nieder, um mich ungehindert
schiessen zu lassen und ich schaukelte aufrechtsitzend den Schweinen
schnell entgegen. Diese hatten Unruhe gewittert oder sich zufllig
vom Wasser in das Ufergebsch zurckgezogen, nur ein sehr grosses
altes Schwein hatte sich uns zugekehrt und starrte uns an. Obgleich
mein 9 kalibriges Winchester Repetiergewehr zur Schweinejagd nicht
besonders geeignet war, brachte ich es auf etwa 100 m doch ruhig
an die Schulter, zielte auf den Kopf des Tieres, und liess das Boot
bis etwa auf 60 m herantreiben. In einem ruhigen Augenblick drckte
ich los, das neugierige Schwein fiel um und zappelte bereits mit
den 4 Pfoten in der Luft, bevor wir es erreichten. Meine Ruderer
jauchzten aber noch nicht, sondern riefen: "_djuwe, djuwe_!" (noch
ein Mal!) und so brachte ich mein Gewehr schnell wieder an die
Schulter. Im Vorbeifahren bemerkte auch ich noch einige Schweine unter
den Uferbumen und feuerte wegen der grossen Schnelligkeit, mit der
das Boot sich fortbewegte, einigermassen auf gut Glck einen Schuss
ab. Zwei meiner Ruderer sprangen im nchsten Augenblick ins Wasser,
schwammen ans Ufer und strmten in das Gebsch, aus dem der eine bald
wieder mit einem blutigen Schwert hervorkam, mit dem er dem zweiten
Opfer den Garaus gemacht hatte. Meine Kugel hatte das erste Schwein
dicht ber der Schnauze ins Gehirn getroffen, was den pltzlichen
Tod des Tieres erklrte, whrend das zweite nur durch eine Kugel im
Rckgrat am Weiterlaufen verhindert worden war. Die Freude unserer
140 Mann zhlenden Reisegesellschaft ber das kstliche Abendgericht
war gross, nicht geringer war das Erstaunen und Entsetzen der Kenja
ber die Wirkung der zwei Schsse meines kleinen Gewehrs.

Die Tiere wurden eilig in die Bte geladen und dann flog unsere
Flotte wieder bers Wasser, das uns mit grosser Schnelligkeit an
unseren Lagerplatz an der Ogamndung brachte. Die Kajan fanden ihren
Reis dort in unverletztem Zustand wieder und begannen in berfluss
zu schweigen. In den letzten Tagen hatten die Kenja ihren ganzen
Reisvorrat, der auch fr die Rckreise hatte dienen sollen, mit uns
geteilt, ohne dass von einem Verkauf die Rede war, nur auf mein
Versprechen hin, dass ich sie am Mahakam mit neuem Reis versehen
wollte. Die Kajan fanden die Handlungsweise der Kenja sehr dumm und
vertrauensselig und lachten sie deswegen aus, doch liessen sie sich
deren vorzglichen Reis trotzdem trefflich munden.

Am anderen Morgen konnten wir nicht weiter, weil ein bestimmter Felsen
an der Ogamndung nicht aus dem Wasser hervorragte, ein Beweis, dass
das Wasser zu hoch stand, um den Boh mit seinen Wasserfllen ohne zu
grosse Schwierigkeiten hinunterfahren zu knnen. Die Kajan und, trotz
unserer Sehnsucht nach Hause, auch wir anderen fhlten ein lebhaftes
Bedrfnis nach einem Ruhetag und einer krperlichen Strkung durch
Reis mit Schweinefleisch.

Das langsam sinkende Wasser ermglichte am 1. Dezember eine ruhige
Hinabfahrt. Der bewusste Felsblock ragte etwas ber die Wasserflche
vor und prophezeite daher eine glckliche Reise. In der Tat boten
sich keine besonderen Schwierigkeiten, nur mussten wir uns nach
berschwemmten Felsen und Wirbeln im Strom umschauen, doch sind
diese beim fallenden Wasser viel ungefhrlicher als bei steigendem
von gleicher Hhe. Selbst die grossen Stromwirbel zwischen den roten
Jaspisfelsen im Kiham Batu Blah (roter Stein) erschienen den Kajan
jetzt nicht gefhrlich; sie bugsierten ihre vollgeladenen Bte mit
Geschick durch sie hindurch, gefolgt von den Kenja und Malaien. Sie
rieten mir zwar, bis zum unteren Teil des Kiham Hulu ber Land zu
gehen, wagten aber selbst sogar die obere Hlfte dieser Flle mit
voller Ladung hinabzufahren, ein grossartiges Schauspiel, das wir
von einigen sehr hohen Felsen herab genossen. Beim untersten, viel
krzeren Teil der Flle mussten die Bte vollstndig ausgeladen und
leer hinuntergelassen werden. Da viele Mnner vorhanden waren und
nur wenig Gepck, ging die Fahrt von hier an schnell von statten, und
voller Hoffnung, an diesem Tage noch Long Deho zu erreichen, fuhren
wir den jetzt sehr breiten und beinahe zu sonnigen Fluss hinunter. Die
Mannschaft, die von meiner Bchse einen neuen Schweinsbraten erhoffte,
liess mein Boot auch jetzt wieder an der Spitze der Flotte fahren. Die
vor uns liegenden Ufer waren wegen der Breite des Flusses bereits
auf grossen Abstand zu bersehen und bald bemerkten wir auch vor
uns am rechten Ufer eine Schweineherde, die bers Wasser schwimmen
wollte. Meine Ruderer liessen sogleich wieder das Boot treiben
und duckten sich hinter den Bootsrndern nieder, whrend ich mich
unbeweglich hielt. Die eine Hlfte der Truppe ging nicht ins Wasser,
nur eine grosse Sau mit drei halb erwachsenen Jungen verliess den
Uferwall; sobald sie etwa 1/3 des hier ungefhr 100 m breiten Flusses
erreicht hatte, begann die Mannschaft mit aller Macht zu rudern,
um ihr den Weg abzuschneiden. Die Tiere leisteten ihr usserstes,
um vor uns das andere Ufer zu erreichen und bei der Aufgeregtheit
meiner Ruderer und dem Schwanken des Fahrzeugs erschien mir ein
erfolgreicher Schuss unmglich. Als wir uns den Tieren nherten,
krochen diese gerade das Ufer hinauf; da alle Ruderer aufsprangen, um
zuerst an Land zu sein, musste ich mit grosser Vorsicht schiessen. Ich
feuerte 2 Mal auf die Sau. Beim zweiten Schuss zuckte sie zusammen,
verschwand aber doch noch mit den Jungen im Uferwald. Meine Kajan,
die ihr folgten, erzhlten bald darauf, die Sau sei sehr bald tot
niedergefallen und einer von ihnen habe auch noch eines der Jungen
mit dem Schwert gettet, so dass wir jetzt wieder reichlich mit
Fleisch versehen waren. Etwas weiter unten schoss ich nochmals auf
ein Schwein, doch fiel es nicht sogleich nieder und wir hatten keine
Zeit, es zu verfolgen. So gelangten wir bereits um 1 Uhr an unseren
alten Lagerplatz bei der Bohmndung. Die Kajan wollten hier nochmals
kochen, wir aber fuhren mit den Kenja weiter, um noch Long Deho zu
erreichen, wo wir in der Tat um 1/2 4 Uhr anlangten. Das letzte Stck
hatte viel Zeit gekostet, weil die Mnner wegen der Hitze die Bte
von der Strmung hinabtreiben liessen statt zu rudern.

In Long Deho hatten sich die Bewohner inzwischen mit Eifer daran
gemacht, die alte _kubu_, die man mir frher so oft zum Aufenthalt
angewiesen hatte, durch eine neue zu ersetzen, wie sie sagten, um den
Kontrolleur, falls er herauf kam, wrdig aufzunehmen. Die Anlage des
ganzen Hauses schien in der Tat auf einen derartigen Empfang berechnet
zu sein, dafr sprachen die Grsse und die sorgfltige Ausarbeitung
des halbfertigen Gebudes. Wir konnten in ihm jedoch noch nicht
bernachten, weil nur ein kleiner Teil gedielt war; unsere Malaien
richteten daher in einem von Kahajan und anderen Waldproduktensuchern
bewohnten Hause einen Raum fr uns ein.

Der gute Erfolg unseres Zuges erfllte manche Bewohner von Long Deho
mit gemischten Gefhlen. _Ibau Adjang_ und _Lawing_ begrssten mich
anfangs sehr herzlich, nachdem sie sich aber bei mir niedergesetzt
hatten, verfinsterten sich ihre Gesichter mehr und mehr und sie sahen
mit angstvollen und scheuen Blicken zu mir auf. Dass uns einige der
angesehensten Kenjahuptlinge begleiteten, war ihnen sehr unerwnscht,
da sie diese jetzt nicht mehr als Bundesgenossen gegen die weiter
unten lebenden Stmme, die unter unserem Schutze standen, ausspielen
konnten. _Ibau_ drckte berdies auch die ziemlich hohe Schuld, die er
bei mir durch den Einkauf von Rotang gemacht hatte und nicht bezahlen
konnte. Auch _Bang Jok_ fhlte sich verpflichtet, mir seine Aufwartung
zu machen, doch war er jetzt nicht mehr imstande, sein Missvergngen
wie bei frheren Gelegenheiten zu verbergen. Er war sehr bleich,
wagte die Augen beinahe nicht aufzuschlagen und usserte kaum ein
Wort. Auch die Kenjahuptlinge, die sich bei uns aufhielten, brachten
ihn nicht zum Sprechen. Ich gab den Menschen Zeit, sich von ihrem
Erstaunen zu erholen, und traf die notwendigen Anordnungen zu unserer
Abreise am anderen Morgen. Darauf vertiefte ich mich mit _Demmeni_ in
die Briefe und Zeitungen, die uns hier erwarteten. Unterdessen zogen
einige Malaien zum Hause der Uma-Wak, um mein grosses Boot zu holen,
das sie dort vor unserer Abreise nach Apu Kajan an Land gezogen und
unter der Wohnung festgebunden hatten. Das ber 20 m lange Fahrzeug
befand sich im besten Zustand und, nachdem sie die Bretter der Reeling
(_rambin_), von denen kein einziges fehlte, mit Rotang angebunden
hatten, war das Boot bereits abends wieder fahrtbereit.

Die Frauen im Hause des verstorbenen _Adjang Ledj_ drckten ihre
Freude ber meine wohlbehaltene Rckkehr unverhohlen aus; sie wussten,
dass ich es gut mit ihnen meinte, waren daher nicht bang und gaben
sich nicht mit Politik ab. Von der grossen Menge Gepck, die wir ihnen
zur Aufbewahrung anvertraut hatten, fehlte nichts und war auch nichts
beschdigt worden. Aus Furcht vor einem Brand hatten sie das Feuer
auf dem Herde, sobald nicht mehr gekocht wurde, stets ausgelscht,
whrend sie es sonst sogar nachts fortglimmen lassen. Mit allerhand
brig gebliebenen Dingen machte ich der Familie noch eine Freude, nur
die Regelung von _Ibaus_ Schuld verursachte einige Schwierigkeiten. Er
besass entweder wirklich nichts oder wollte nichts geben, so dass ich
mich schliesslich mit einem alten Gewehr zufrieden stellen wollte,
das _Georg Mller_ gehrt haben sollte. Obgleich das Gewehr ganz
wertlos war, glaubte _Ibau_ es gelegentlich doch fr ein anderes,
brauchbares austauschen zu knnen und war zur Abtretung desselben nur
schwer zu bewegen. Am folgenden Morgen bei der Abfahrt brachte er
es mir aber doch, denn er war zu anstndig, um bei mir eine Schuld
zu hinterlassen, die ich doch nie mehr htte einlsen knnen. Das
Gewehr bergab ich spter dem Museum von Batavia.

Trotzdem die Dorfbewohner ihre unangenehmen Empfindungen bei unserer
siegreichen Heimkehr nicht ganz verbergen konnten, liessen sie es im
Verkehr mit uns an Freundlichkeit nicht fehlen.

Die Familie _Bang Joks_ usserte, wie frher bereits fters, ihren
praktischen Sinn, indem sie uns als Willkommen mit Zucker, Thee,
Butter u.s.w. versah, Dingen, die wir bereits so lange entbehrt hatten.

Im brigen herrschte aber wieder Reisnot im Dorf und fr unsere
grosse Gesellschaft waren nicht genug Nahrungsmittel aufzutreiben; am
anderen Morgen erregte uns daher allgemeine Freude, dass das Wasser
nicht hher gestiegen war und uns daher eine bequeme Fahrt abwrts
versprach. Unsere Reisegenossen hatten bereits sehr frh ihre eigenen
Bte geladen und begannen sogleich auch die meinigen in Ordnung zu
bringen, so dass wir bereits um 7 Uhr reisebereit waren. Nachdem
_Demmeni_ und ich uns von der Huptlingsfamilie verabschiedet hatten,
verliessen wir die Hungersttte und fuhren in einer langen Flotte
erst an Batu Pala, dann an Ums Wak vorber. Etwas weiter unten
begegneten uns 4 Bte der Long-Glat von Long Tepai unter Njok _Lea_,
denen der Kontrolleur _Barth_ in Udju Tepu noch eine Post mit Briefen
und Zeitungen fr uns mitgegeben hatte. In unseren Bten sitzend
vertieften wir uns mit dem grssten Eifer in die Briefschaften und
die fr uns neuesten Nachrichten aus der zivilisierten Welt.

Der Kiham Udang verursachte bei diesem Wasserstand nur geringen
Aufenthalt, da man ihn mit den halbvoll geladenen Bten befahren
konnte. Bereits um 3 Uhr erreichten wir Long Bagung, wo wir auf den
ausgedehnten Schuttbnken des rechten Ufers kampierten und ich sogleich
die Gelegenheit bentzte, um beim Hndler _Raup_ zwei grosse Scke
Reis zu erstehen, die ich den Kenja als ersten Abschlag auf meine bei
ihnen gemachte Schuld bergab. Ich versprach ihnen, sie in Long Iram
mit einer grsseren Menge Reis fr die Heimreise versehen zu wollen,
was spter auch geschah.

Am 3. Dezember fuhren wir _Bang Awans_ wegen, der gern bei seiner
jungen zweiten Frau bleiben wollte, nur bis Laham den Fluss hinunter,
doch vereinbarten wir, am folgenden Morgen sehr frh aufzubrechen,
um noch an diesem Tage Long Iram erreichen zu knnen. Die Kenja
nahmen diese Abmachung etwas allzu genau, denn ein Teil von ihnen
fuhr bereits um 2 Uhr nachts wieder ab und die K)njabemannung meines
grossen Bootes brachte unsere Malaien dazu, so frh aufzubrechen,
dass wir vor Sonnenaufgang bereits an Long Howong vorberfuhren und
ununterbrochen weiterrudernd in Gesellschaft der Kenjabte abends Long
Iram erreichten. Die Kajan mit _Kwing_ trafen erst sehr spt ein,
da sie sich auf dem heissen Fluss von der Strmung hatten treiben
lassen, statt zu rudern.

_Barth_ empfing uns mit Salutschssen und hiess uns mit seiner ganzen
Besatzung von Schutzsoldaten sehr herzlich willkommen. Man hatte
ihm unsere Ankunft auf beinahe unbegreiflich schnelle Weise bereits
morgens gemeldet.

Whrend wir die Treppe zum hohen Uferwall hinaufstiegen, fiel es uns
auf, wie viel in diesem neu gegrndeten Ort in den letzten Monaten zu
Stande gekommen war. Diesen Teil des Mahakamufers hatte _Barth_ fr
eine grssere Ansiedelung viel geeigneter erfunden, als das Landstck,
das wir das Jahr zuvor mit _Bier_ hierfr ausgesucht hatten. _Barth_
hatte sogleich damit angefangen, eine grosse Uferstrecke abholzen und
provisorische Htten fr seine inlndischen Soldaten und Strflinge
errichten zu lassen. Ferner war ein breiter Weg lngs des Ufers
angelegt worden, an welchem _Barths_ provisorisches Haus aus Bambus
und Palmblattmatten stand. Auch mit den eigentlichen Gebuden dieses
neuen Verwaltungszentrums war bereits ein Anfang gemacht worden,
aber der Bau schritt nur langsam fort, weil alles Holz von Samarinda
heraufgefhrt werden musste.

Die Einsetzung der Verwaltung hatte ohne Schwierigkeiten stattgefunden
und die usserst unsicheren Zustnde, die in der vorigen Jahreshlfte
am Mittel-Mahakam geherrscht hatten, waren wie mit einem Zauberschlag
verschwunden, nachdem der europische Beamte sich hier mit seinen
Bewaffneten niedergelassen hatte. Dabei hatte man bis jetzt noch
nicht von den Waffen Gebrauch gemacht. Zwar blieb noch sehr viel zu
verbessern, bevor sich die gegenwrtige sehr gemischte Bevlkerung
wirklich regieren liess, aber der anfngliche Erfolg versprach viel
fr die Zukunft. Leider litten diese Pioniere der Kultur stark an
Beri-Beri, die so hufig in neuen Siedelungen in Indien ausbricht.

Man hatte bereits Massregeln getroffen, um hier von regierungswegen
ein Salzdepot einzurichten, in dem sich die Bewohner des Oberlaufs
gegen festen, mssigen Preis mit diesem notwendigen Artikel versehen
konnten. Um eine Aufsicht ber den brigen Handel ausben zu knnen,
hatte der Kontrolleur die Hndler in Udju Tepu dazu gebracht, nach
Long Iram berzusiedeln. Da diese Leute beinahe alle in schwimmenden
Husern lebten, liess sich der Handelsplatz leicht verlegen und whrend
meines Aufenthaltes wurden die ersten Huser heraufgezogen. Hieraus
ging hervor, dass nicht nur die eingeborene Bevlkerung dieses
Gebiets sich gern in den neuen Zustand fgte, sondern dass auch
die buginesischen und bandjaresischen Hndler, die bis jetzt ihren
Vorteil in einem betrgerischen Handel mit den Dajak gesucht hatten,
geordneten Zustnden unter europischer Verwaltung den Vorzug gaben,
wie sie es uns frher brigens bereits versichert hatten.

Ihre Zufriedenheit mit den politischen Resultaten meiner Reise gaben
die Hndler dadurch zu kennen, dass sie allgemein beflaggten, als
der Kontrolleur uns 2 Tage spter mit seinen Bten zum Schiff nach
Udju Tepu geleitete, von wo uns der "Sri Mahakam" in Gesellschaft
von etwa 20 Kajan und Kenja nach Samarinda bringen sollte.

_Kwing Irang_ behauptete, auch jetzt nicht gern mit dem Sultan von
Kutei in Berhrung kommen zu wollen, weswegen er mich auch nicht zur
Kste begleiten knne. Er kam jedoch mit allen seinen Kajan mit zum
Schiff, ebenso diejenigen Kenja, die nicht mit uns fahren sollten. Ich
musste hier also von _Kwing_ Abschied nehmen. Zum Schluss hatte ich ihm
doch sehr viel zu danken, wenn er auch durch die Eigentmlichkeiten
seiner Rasse und seines Glaubens bei der Ausfhrung meiner Plne
viele Schwierigkeiten verursacht hatte. Obgleich ich nach beinahe
3 jhriger Reise mit einem Gefhl der Erlsung Abschied nahm, liess
ich meine Reisegenossen doch mit Wehmut zurck und sehr leid tat es
mir, als ich im folgenden Jahr hrte, dass _Kwing_ einige Monate nach
seiner Heimkehr einem neuen Malariaanfall erlegen war. Whrend unseres
Zusammenseins hatte er sich als der achtungswerteste Huptling gezeigt,
dem ich begegnet war, und die Rolle, die er am Ende seines Lebens bei
der Einsetzung einer niederlndischen Verwaltung in Mittel-Borneo
gespielt hatte, wird seinem Stamm und vielen anderen zum Segen
gereichen, wie es auch seine Rechtschaffenheit und Friedensliebe fr
sie gewesen sind.

_Anjang Njahu_ und einige andere Kajan begleiteten mich nach Samarinda,
wo sie vorteilhafte Einkufe zu machen hofften und von wo sie meine
Abschiedsgeschenke an alle Zurckgebliebenen mitnehmen sollten. _Kwing
Irang_ wnschte sich einen meiner Stahlkoffer und einige Packen Kattun,
die ich ihm auch zukommen liess.

Von den Kenja begleiteten mich verschiedene Huptlinge, u.a. _Bit_
und _Ibau Anj_, die in Samarinda ihre Unterhandlungen mit dem Sultan
unter Vermittlung des Assistent-Residenten zu einem Abschluss zu
bringen hofften.

Die europische Kolonie in Samarinda gab vielfache Beweise ihrer
Teilnahme an dem Gelingen unserer Expedition und die Tage, die bis
zur Ankunft des Schiffes nach Batavia verliefen, wurden in angenehmer
Gesellschaft und mit dem Ordnen unseres Gepcks zugebracht.

Auch von den Malaien musste ich hier Abschied nehmen; nur zwei
von ihnen gebrauchten das auf der Reise verdiente Geld, um ber
Bandjarmasin in ihr Geburtsland am Barito zurckzukehren. Von den
brigen traten einige in Dienst bei der bewaffneten Polizei von Long
Iram, andere wurden wieder in die von Samarinda aufgenommen, whrend
die meisten Malaien, die ich vom oberen Mahakam mitgenommen hatte,
wieder dorthin zurckkehrten.

So fuhren nur _Demmeni_ und ich mit _Doris_, _Midan_ und _Abdul_
in guter Stimmung und bester Gesundheit mit dem Schiff ber Surabaja
nach Batavia zurck, wo wir am letzten Tage des Jahres 1900 glcklich
anlangten.





KAPITEL XVI.

    Allgemeines ber die krperliche und geistige Entwicklung der
    Dajak auf Borneo--Grnde fr ihre geringe Bevlkerungsdichte:
    klimatische und hygienische Einflsse, Krankheiten--Abhngigkeit
    des Gesundheitszustands von der Hhe des Landes--Einfluss
    mangelhafter Entwicklung und Kenntnis auf die konomischen
    Verhltnisse und auf die religisen Vorstellungen--Geistige
    Fhigkeiten der Dajak--Charaktereigenschaften--Krperliche und
    geistige berlegenheit der Kenja-Dajak ber die Bahau-Dajak.


Weit mehr Schwierigkeiten als die Beschreibung der Sitten und
Gewohnheiten eines Volksstamms oder selbst der Grundbegriffe seines
Glaubens bietet einem Forscher, der daran gewhnt ist, in einer hoch
entwickelten Gesellschaft zu leben und zu arbeiten, die objektive
Beurteilung des Charakters, der inneren Persnlichkeit von Menschen,
die einen niedrigeren Bildungsstandpunkt einnehmen. Es gengt hier
nicht, diese Menschen in ihrem tglichen Leben zu beobachten, sondern
er muss zugleich imstande sein, die Motive zu beurteilen, die der
soviel tieferstehende Naturgenosse fr seine Handlungen aus seinem
Glauben, seinen Lebensverhltnissen und seinem Charakter schpft. Daher
muss ein Forscher mit dem Glauben und den Lebensverhltnissen des
primitiven Menschen vllig vertraut sein, bevor er aus dessen Tun und
Lassen Schlsse auf seine Persnlichkeit ziehen kann. Auch muss er
es als eine natrliche Notwendigkeit einsehen gelernt haben, dass,
weil den Stmmen von Mittel-Borneo z.B. von sich selbst und ihrer
Umgebung ganz andere Begriffe eigen sind, als wir Europer sie uns
durch die fortschreitende Wissenschaft im Laufe vieler Jahrhunderte
haben bilden knnen, sie auch vllig anders handeln mssen, als
wir es in bestimmten Fllen tun wrden. Dann wird es ihm auch ganz
natrlich erscheinen, wenn die Dajak in ihrem festen Glauben, durch
bse Geister oder feindlich gesinnte Menschen krank geworden zu sein,
in Beschwrungen oder selbst in Racheakten gegen unschuldige Personen
ihre Zuflucht suchen, was ein oberflchlicher Beobachter als Dummheit
oder Rachsucht auffassen knnte.

Auch bei einer guten Einsicht in die beherrschenden Motive bestimmter
Handlungen wird es einem Europer schwer, objektiv zu bleiben,
sobald er selbst das Opfer dieser Motive wird, und eine grosse
Selbstverleugnung wird besonders dann von ihm gefordert, wenn er
in seinen wichtigsten wissenschaftlichen Untersuchungen fortwhrend
gehindert wird oder wenn diese ihm sogar unmglich gemacht werden.

Die Art des Reisens, die ersten Begegnungen mit den scheuen
Eingeborenen stellen an die Objektivitt des Forschungsreisenden hohe
Anforderungen und er wird denn auch viel mehr Zeit, als die meisten
zur Verfgung haben, brauchen, um eine richtige Einsicht in die
Verhltnisse und in die Persnlichkeit der Eingeborenen zu gewinnen;
dies um so mehr, je weniger er sich in ihrer eigenen Sprache mit
ihnen unterhalten kann.

Im folgenden soll nun gezeigt werden, wie auf Grund eingehenderer
Kenntnisse und lngerer Beobachtung sich das Bild der geistigen
Konstitution der Dajak wesentlich anders gestaltet, als bei
oberflchlicher und krzerer Beobachtung. Man hat die Bahau und die
anderen noch ursprnglichen dajakischen Stmme unter dem Eindruck
ihrer kriegerischen Tracht, ihrer in der Tat hinterlistigen Art
der Kriegsfhrung, ihrer Sitte Sklaven zu opfern und beim Tode von
Huptlingen Kpfe zu jagen, rachschtig, blutdrstig, hie und da sogar
tapfer genannt. Htten die Betreffenden gewusst, dass ernstliche
Zwistigkeiten in einem Bahaustamme berhaupt nicht vorkommen, dass
alle Vergehen von Verbrechern und Feinden, selbst Morde am liebsten mit
Bussen erledigt werden und dass nur ihre innige religise berzeugung
und Liebe zu den Verstorbenen sie zum Tten von Menschen treibt, dann
htten sie die Dajak unentwickelt und feige, aber niemals rachschtig,
blutgierig oder tapfer genannt.

In Lndern, die von verschiedenen Rassen bewohnt werden, wie Borneo,
ist derjenige Teil der Bevlkerung, den man sich zur Untersuchung
aussucht, von massgebendem Einfluss auf das Bild, das man von der
Bevlkerung erhlt. Lsst man sich unter dajakischen Stmmen nieder,
die bereits lange unter der Herrschaft oder unter dem Einfluss der
Malaien gestanden haben, so erhlt man eine unrichtige Vorstellung
von den ursprnglichen Eigenschaften ihrer Rasse, da solche Stmme in
hohem Masse entartet sind. Nur die Dajak an den Ober- oder Mittellufen
der Flsse, die nicht oder wenig von Malaien beeinflusst worden sind,
knnen als die wahren Vertreter dieses Volkes angesehen werden.

Fr eine gerechte Beurteilung der Individualitt der Stmme von
Mittel-Borneo, eine Beurteilung, die nicht nur von wissenschaftlichem
Wert ist, sondern von der auch die Mglichkeit eines erfolgreichen
Eingreifens seitens zivilisierter Vlker in das Los der Eingeborenen
abhngt, gengt es nicht, deren Sitten, Gewohnheiten und Glauben an
und fr sich zu kennen, sondern man muss sich ausserdem ein mglichst
unparteiisches Bild von ihren Lebensbedingungen und dem Einfluss,
den diese auf physischem und psychischem Gebiet ausgebt haben, zu
schaffen suchen. Auf diese Weise erhlt man am besten eine Vorstellung
davon, welche Verhltnisse fr ihr Bestehen am gnstigsten wren und
inwieweit die gegenwrtigen einer Verbesserung fhig sind. Fr einen
derartigen Gedankengang liegt das Material wohl in dem bereits frher
Behandelten bereit, bevor wir jedoch in dieser Hinsicht ein Urteil
fllen, wird es zweckmssig sein, die zerstreuten Notizen nochmals
zu einem Gesamtbild zu vereinigen.

Eine der auffallendsten Erscheinungen ist die sehr geringe Dichte
der Bevlkerung auf Borneo im allgemeinen und der von Mittel-Borneo
im besonderen. Die Zahl von 2-3 Kpfen auf den qkm, die man fr die
ganze Insel annimmt, ist fr den mittleren Teil wahrscheinlich noch
zu hoch; im Vergleich zu Java, das 150 auf den qkm zhlt, also sehr
niedrig. Hieraus folgt bereits, dass die Bevlkerungszahl im Laufe
der Zeit sicher nicht sehr gewachsen ist, viel eher abgenommen hat
oder um ein sehr niedriges Mittel schwankt; jedenfalls mssen die
Lebensbedingungen einer Menschenrasse sehr ungnstig sein, um zu
einem derartigen Ergebnis zu fhren. Doppelt bemerkenswert wird diese
Erscheinung, wenn wir bercksichtigen, dass eine derartige geringe
Bevlkerungsziffer im Vergleich zu der eingenommenen Bodenflche
bei allen auf niedriger Entwicklungsstufe stehenden Vlkern des
Festlandes oder sehr grosser Inseln vorkommt. Demnach erscheint es
nicht unwahrscheinlich, dass zwischen der Entwicklungsstufe und der
Zahlstrke eines Volkes ein Zusammenhang besteht.

Inbezug auf Borneo hat die Frage nach der Ursache dieser geringen
Bevlkerungsdichte bereits seit lange das Interesse erregt und man hat
als Grnde hierfr ohne Zgern die schlechten Sitten dieser Stmme,
die einander ausrotteten und ein ausschweifendes Leben fhrten,
angegeben. Von solchen Grnden kann bei den hier beschriebenen
Stmmen der Bahau und Kenja keine Rede sein. Auch mag bemerkt werden,
dass auch in Gebieten, die bereits seit vielen Jahrzehnten unter
englischer oder niederlndischer Verwaltung stehen und wo mithin
eine gegenseitige Ausrottung unmglich ist, die dajakischen Stmme
durchaus nicht stark zunehmen.

Die Lebensbedingungen der ursprnglichen Dajak erscheinen,
oberflchlich betrachtet, gnstig genug. Bei einer frheren
Gelegenheit ist bereits die allgemeine Gestalt der Insel Borneo mit
ihrer berwltigend dichten Pflanzenbedeckung, die auf einen berfluss
an Wrme, Licht und Regen sowie auf eine grosse Fruchtbarkeit deutet,
beschrieben worden (Teil I pag. 50).

In dieser Treibhausatmosphre leben die Stmme der Dajak schon seit
Jahrhunderten. Ihr Kampf ums Dasein beschrnkt sich auf die Sorge
fr Nahrung und die relativ sehr geringen Schutzmittel gegen das
Klima. Fr die Beschaffung der Nahrung bietet die ppigkeit der
Vegetation und die Fruchtbarkeit des Bodens eben gefllter Walder
sehr gnstige Gelegenheit und der Wald liefert fr eine primitive
Herstellung von Wohnung und Kleidung reichliches Material. So scheint
alles zusammenzuwirken, um dem Menschen die Vorbedingungen zu einem
ppigen Gedeihen zu schaffen--und doch vermisst man die erste Folge
von solchen Umstnden, eine dichte und wohlhabende Bevlkerung.

Sowohl am Kapuas als am Mahakam lebt nur eine geringe Anzahl Menschen,
deren zerstreute Wohnpltze sich auf die Flussufer beschrnken und
deren Dasein im allgemeinen nichts weniger als ppig ist. Infolge
ihrer geringen Kenntnisse verstehen sie die gnstigen Faktoren in
ihrer Umgebung nicht auszunutzen und gegen die ungnstigen sich
nicht zu wehren. Welche Folgen hieraus fr die Existenz des Volkes
hervorgehen, kann aus dem Nachstehenden ersehen werden.

Am meisten macht sich diese Unkenntnis auf dem Gebiet der
Gesundheitspflege fhlbar, indem diese Menschen nicht wissen, wann
und wodurch sie krank werden und keine Mittel zur Heilung ihrer
Krankheiten kennen. Im Kapitel VIII des ersten Teils sind bereits
die wichtigsten unter dieser Bevlkerung herrschenden Krankheiten
angefhrt worden. Von diesen sind inbezug auf das Bestehen des
Volkes am einflussreichsten die in Borneo endemischen Krankheiten und
zwar in erster Linie die Malaria, in zweiter die sehr verbreiteten
venerischen Leiden. Wann sich die letzteren eingebrgert haben, ist
vorlufig nicht festzustellen, aber von der Malaria kann man sicher
annehmen, dass sie geherrscht hat, so lange das Land von diesen
Dajakstmmen bewohnt wird. Um den schdlichen Einfluss zu ermessen,
den die Malaria auf das Allgemeinbefinden der Bevlkerung ausbt,
muss man bedenken, dass diese dem weit und breit herrschenden bel
gegenber vllig machtlos ist. Die meisten Individuen sind daher
whrend einer grsseren Lebensperiode mehr oder weniger leidend, ein
Umstand, der auch auf die noch ungeborene Nachkommenschaft schwchend
einwirken muss (Teil I pag. 425).

Von hervorragender Bedeutung, besonders in Bezug auf die Vermehrung
der Rasse, sind die venerischen Krankheiten, die, wie ein zweiter
Fluch, auf den Bewohnern von Mittel-Borneo lasten. Sowohl unter den
Stmmen des Kapuas als unter denen des Mahakam hat die Verbreitung
von Syphilis einen entsetzlichen Umfang erlangt; am strksten tritt
sie bei den Kajan vom Blu-u auf, wo ein 11 monatlicher Aufenthalt
als praktizierender Arzt mich davon berzeugte, dass keine einzige
Familie von dieser Krankheit verschont geblieben war. Wie lange sie
unter ihnen schon geherrscht haben muss, lsst sich daraus ersehen,
dass sie unter ihnen nur in einer Form vorkommt, die von Mutter auf
Kind bertragen wird (Teil I pag. 431).

Die Hufigkeit des Vorkommens von Genitalkrankheiten bei den Frauen der
Mendalam-Kajan setzte mich in Erstaunen. Da ich inmitten der grossen
Bevlkerung von Tandjong Karang lange Zeit allein wohnte, berwanden
die Frauen ihre anfngliche Scham und suchten gegen allerhand Leiden
meinen rztlichen Beistand. In den malaiischen Wohnpltzen am oberen
Kapuas hatte ich ebenfalls hinreichend Gelegenheit; mich von dem
Umfange zu berzeugen, den auch hier diese Leiden erreicht haben.

Auch den venerischen Leiden gegenber wissen die Eingeborenen nichts
anderes anzuwenden als Beschwrungen. Von der Syphilis wissen sie
nicht einmal, auf welchem Wege sie in der Regel entsteht.

Fr die von der Kste bequem erreichbaren Gebiete, also am Unter-
und Mittellauf der grossen Flsse, tritt noch ein anderer wichtiger
Faktor hinzu, der auf die Dichte der Bevlkerung einen berwiegenden
Einfluss ausbt, nmlich die Infektionskrankheiten wie Cholera und
Pocken, die, soweit ich habe verfolgen knnen, stets lngs der grossen
Flsse von auswrts in die Insel eingeschleppt werden. In zivilisierten
Lndern bildet die Bekmpfung dieser Krankheiten eine der grssten
Segnungen, die man dem Fortschritt in der medizinischen Wissenschaft zu
danken hat, denn welche Rolle diese Epidemien in einer unbeschtzten
Bevlkerung spielen knnen, lehrten mich einige Beispiele unter den
Stmmen Mittel-Borneos, wo diese Krankheiten gewhnlich um so seltener
vorkommen, je schwerer zugnglich die Gegenden von der Kste aus sind.

Einige Jahre vor meiner Ankunft am Mendalam war in der damals noch
vereinigten grossen Niederlassung der Kajan von Tandjong Karang
und Tandjong Kuda die Cholera ausgebrochen. Nicht weniger als ein
Viertel der Bevlkerung muss ihr damals zum Opfer gefallen sein; die
Bedingungen hierfr waren durch das Zusammenleben des ganzen Stammes
in einem grossen Hause gegeben. Inbezug auf eine Pockenepidemie, die
durch Uma-Leken von der Kste nach Apu Kajan eingeschleppt worden war,
teilte man mir mit, ein Drittel der Bevlkerung des infizierten Dorfes
sei damals gestorben.

Es kann zahlenmssig nicht festgestellt werden, in welchem Grade
diese Faktoren die Vermehrung der Bevlkerunng hemmen; aber in
Anbetracht, dass alle brigen schdigenden Einflsse der Malaria und
den Genitalleiden gegenber verschwindend klein erscheinen, glaube
ich nicht zu weit zu gehen, wenn ich die geringe Zahl und den Rckgang
der Bahau hauptschlich diesen zuschreibe.

Zu dieser berzeugung war ich bereits auf meiner Reise 1896-97
gekommen und habe sie in meinem Werke "In Centraal Borneo (1897)"
ausgesprochen. Einen Beweis fr die Richtigkeit dieser berzeugung
erhielt ich aber erst am Ende meiner letzten Reise, whrend meines
Aufenthaltes unter den Kenjastmmen von Apu Kajan.

Seit Jahren daran gewhnt, Malariaflle in meiner Praxis weitaus die
Mehrheit bilden zu sehen, fiel es mir sehr auf, in Apu Kajan ganz
andere Verhltnisse zu treffen. Eine grosse Zahl hydropischer alter
Leute beanspruchte hier meine Hilfe, was in tiefer gelegenen Gegenden
beinahe nie vorgekommen war, whrend Malariaflle sehr zurcktraten und
sich whrend meines Besuchs auf einige akute Flle beschrnkten. Es
erwies sich, dass die Vernderung im Krankheitsbilde der Bevlkerung
hauptschlich durch das vielfache Vorkommen von Bronchitis mit Emphysem
und Herzfehlern hervorgerafen wurde, Erscheinungen, die durch das
rauhe Klima verursacht und durch das Rauchen von sehr schlecht
zubereitetem Tabak gefrdert werden. Mit dem Rauchen wird bereits
in frhster Jugend begonnen, da man es als Heilmittel gegen Husten
betrachtet. Obgleich in Apu Kajan mit dem Eintritt von rauhem, kaltem
Wetter mit heftigen Regengssen mehr akute Malariaanflle vorkamen,
war doch von einer chronischen Infektion der ganzen Bevlkerung, die
sich in einer vergrsserten, harten Milz bei der grossen Mehrzahl der
Kinder usserte, (Teil I pag. 427) berhaupt nicht die Rede. Dies
stimmt mit der bekannten Tatsache berein, dass in einem klteren
Klima die Malariainfektion im allgemeinen an Heftigkeit abnimmt.

Da Bronchitiden und deren Folgen erst in spterem Alter einen
schwchenden Einfluss auf den Krper ausben und hierin mit einer
starken Malariainfektion nicht zu vergleichen sind, so glaube ich
in dem Unterschied im Auftreten der Malaria, als eine Folge der
Hhendifferenz zwischen dem Lande der Bahau und dem der Kenja, einen
Hauptgrund gefunden zu haben fr die gegenwrtige Verschiedenheit
dieser beiden Stammgruppen inbezug auf ihre Dichte, ihre physische und,
wie wir spter sehen werden, auch ihre psychische Konstitution.

Mit dieser krftigeren Krperkonstitution der Kenja steht ihr
grsseres Widerstandsvermgen anderen Krankheiten gegenber in
Verbindung; so glaube ich z.B. diesem zuschreiben zu mssen, dass
Syphilis bei den Kenja zwar in derselben eigentmlichen Form wie bei
den Bahau, aber mit geringerer Heftigkeit auftritt. Whrend diese
Krankheit unter einigen Bahaustmmen so allgemein vorkam, dass ich
die Tatsache, dass sich unter ihnen nur tertire Formen zeigten,
durch die Annahme einer ausschliesslich hereditren Ausbreitung
erklren zu mssen meinte, standen die Flle unter den Kenja viel
zu vereinzelt da, um an Erblichkeit berhaupt denken zu knnen. Die
von mir beobachteten Flle schienen auf den Zustand der Kenja lokal
und allgemein einen viel minder schdlichen Einfluss auszuben als
unter den Bahau. Es waren meistens tuberse Syphiliden der Haut,
die das Knochengerst nicht angriffen und viele Jahre bestanden,
ohne den Krper des Betreffenden ernstlich zu schwchen.

Einen schlagenden Beweis dafr, in welchem Masse Apu Kajan,
das ebenso gross ist wie das Gebiet des oberen Mahakam, seiner
Bevlkerung gnstigere Lebensbedingungen bietet als die tiefer
gelegenen Flusstler, liefert die Tatsache, dass seit Jahrhunderten
zahlreiche Stmme aus dieser 600 m hoch gelegenen Gebirgsgegend nach
allen Himmelsgegenden in die benachbarten niedrigeren Flusstler
weggezogen sind und die Bevlkerung dort doch noch dichter ist als
irgendwo anders in dajakischen Gebieten. Anstatt 300-800, wie am
Ober-Mahakam, zhlen die Drfer in Apu Kajan 1500-2500 Einwohner,
trotzdem sie dort sicher nicht weiter voneinander entfernt liegen. Fr
mich war dies ein Beweis dafr, dass die herrschenden Krankheiten in
der Tat einen berwiegenden Einfluss auf die Dichte der borneoschen
Bevlkerung haben mssen.

Krankheitsverhltnisse, wie sie unter den Bahau auftreten, wirken nicht
nur dezimierend auf die Anzahl der Individuen, sondern setzen auch
die Lebensenergie und Arbeitskraft der Menschen so weit herab, dass
diese auf ihrer niedrigen Bildungsstufe whrend eines grossen Teils
ihres Lebens sich selbst und anderen nicht von dem Nutzen sein knnen,
wie ihnen dies unter gnstigeren Gesundheitsverhltnissen mglich wre.

Der gleiche Mangel an Entwicklung und Kenntnissen, der den Bahau-Dajak
daran verhindert, sich gegen die gesundheitsschdigenden Einflsse
seiner Umgebung zu wehren, macht seine ungnstige Wirkung auch auf
anderen wichtigen Gebieten seines Lebens geltend. Betrachten wir von
diesem Gesichtspunkt aus vor allem die Art und Weise, wie er sich
Nahrung verschafft.

Es ist dem Dajak unbekannt, dass dasselbe Feld, auf richtige Weise
bearbeitet, Jahre hintereinander Produkte liefern kann; daher die
mhselige Ausrodung immer neuer Waldstrecken und die Bearbeitung des
Ackers fr nur 1 oder 2 Jahre. Da der Boden nicht sorgsam vorbereitet
wird, ist das Wachstum der Reispflanzen gering und dieselben sind fr
ungnstige Lebensbedingungen, wie zu wenig oder zu viel Regen, viel
empfindlicher als unter einer besseren Kultur. Ausserdem wird von dem
gesten Reis, den man nicht mit Erde bedeckt, ein Teil von den Tieren
aufgefressen und, falls es nicht gleich nach der Saat regnet, leidet
die Keimkraft der Krner durch zu starke Sonnenbestrahlung. Von den
wachsenden Halmen fordern die Waldtiere ihren Teil, falls man diese
nur vorbergehend bebauten Felder nicht in mhsamer Arbeit mit starken
Hecken umgibt. Ist der Reis reif, so rauben Vgel und Affen, gegen
die sich der Dajak nur schlecht zu schtzen weiss, wiederum einen Teil
der Ernte. Auch wird diese noch dadurch sehr verschlechtert, dass das
Brennen der neuen Felder in der Trockenperiode vorgenommen werden muss,
wodurch die Erntezeit in die Regenperiode fllt. Zur Erlangung einer
gengenden Menge Reis muss also nicht nur stets wieder ein neues Stck
Feld gerodet werden, sondern infolge des ausserordentlich geringen
Ertrags muss die bebaute Oberflche auch viel grsser sein als dies
bei einem rationellen Betrieb ntig wre. hnliche Zustnde herrschen
auch bei den anderen Kulturen. Auch ihr besonders auf den Landbau
so lhmend wirkendes _pemali_-System hngt mit ihrer mangelhaften
kulturellen Entwicklung zusammen.

Eine andere schdliche Folge dieser Raubwirtschaft ist, dass diese
Stmme, infolge der Erschpfung ihrer Felder in der Umgegend, nach
ergiebigeren Feldern umzuziehen gezwungen sind, so dass die ganze
Niederlassung nach einigen Jahren von neuem aufgebaut werden muss. Ein
solcher Umzug bedeutet fr eine Familie von wenig Gliedern eine Arbeit,
die jahrelang alle ausserhalb des Ackerbaus zur Verfgung stehende
Zeit in Anspruch nimmt, also wiederum einen bedeutenden Arbeitsverlust.

Auch die Ausbung von Jagd und Fischfang ist bei diesen
niedrigentwickelten Vlkern mit viel grsseren Schwierigkeiten und mit
mehr Arbeitsverschwendung verbunden, als bei hher entwickelten. Fr
die Jagd besitzen sie weder gute Schiesswaffen noch starke, gut
dressierte Hunde, whrend ihre Schlingen und Fallen meist sehr primitiv
beschaffen sind oder viel Arbeit bei der Aufstellung erfordern.

Der Mangel an praktischen Fischmethoden hat die meisten Stmme zu
einem ausgebreiteten Gebrauch des Tubagiftes gebracht, wodurch der
Fischstand in vielen Flssen vernichtet wird und fr den brigen Teil
des Jahres die verfgbare Menge Fischnahrung in vielen Gegenden sehr
herabgesetzt ist.

Nach der Nahrung kommt in zweiter Linie die Bedeckung zum Schutz
gegen das Klima in Betracht, Kleidung und Wohnung. Zur Beschaffung
derselben gebraucht der Dajak hauptschlich die Zeit, die ihm die
Sorge fr die Nahrung brig lsst. Auch hierbei zeigt es sich also,
unter welchen ungnstigen Bedingungen er sein relativ geringes Kapital
an Arbeitskraft ausntzen muss. Die Art und Weise, in welcher das
erforderliche Material fr den Hausbau in den Wldern gesucht, dort
roh bearbeitet und an Ort und Stelle geschafft wird, erfordert wegen
des Fehlens guter Hilfsmittel und Wege viel mehr Anstrengung als da,
wo letztere vorhanden sind. Um ein Beispiel anzufhren, die Grundbalken
des Hauses mssen nach der Bearbeitung oft ber weite Strecken durch
die Berg und Tal bedeckenden Urwlder geschleppt werden.

Falls die Kleidung nicht von auswrts eingefhrt wird, liefert die
Umgebung die Rohstoffe, aus denen sie zu Hause hergestellt wird. Der
zur Verfgung stehende Webstuhl ist sehr primitiv; der Stoff, den
man webt, besteht entweder aus selbst gebauter Baumwolle, die man mit
der Hand reinigt und zu Fden spinnt, oder aus den langen Fasern der
auseinander geraffelten Lianenstmme, die aneinander geknpft oder
zu Fden ineinander gedreht werden. Hieraus webt man grobe Stoffe,
deren Herstellung viel mehr Arbeit und Zeit kostet als die viel
brauchbareren Gewebe, die in Europa verfertigt werden.

Ferner erleidet eine Bevlkerung auf so niedriger Kulturstufe noch
einen besonderen Nachteil durch ihre mangelhafte Arbeitsteilung. Es
zeigt sich nirgends besser als in unserem modernen Gesellschaftsleben,
wie geeignet dieses Mittel ist, der so geringen krperlichen und
geistigen Fhigkeit des Individuums in der Beherrschung und Verwendung
der Materie nachzuhelfen. Wo aber jede Familie darauf angewiesen
ist, sich selbst durch Ackerbau, Jagd und Fischfang zu versorgen,
wo sie ihre Kleidung selbst herstellen, ihre Wohnung selbst bauen und
bisweilen alle hierfr erforderlichen Gertschaften selbst verfertigen
muss, da stehen ihre Glieder notwendigerweise infolge mangelnder
bung an Fertigkeit weit hinter denen zurck, die aus einer dieser
Ttigkeiten ihren Lebensberuf machen.

Fasst man diese oben geschilderten Lebensverhltnisse ins Auge,
so nimmt es nicht Wunder, dass die Bahau nicht zu den krftigen
Menschenrassen gehren; weder sie noch die meisten anderen dajakischen
Stmme, denen ich begegnete, machten den Eindruck von Menschen mit
grosser Lebensenergie.

Damit hngt es auch zusammen, dass ein solches Volk sich in hherem
Masse als einen Spielball ausser ihm stehender Mchte fhlt, als dies
bei einem entwickelteren Gemeinwesen der Fall wre. Daher wird auch
die Gedankenwelt der Dajak in viel hherem Grade von einem Gefhl
der Abhngigkeit gegenber der Umgebung beherrscht und einige ihrer
gesellschaftlichen Einrichtungen sind ein unmittelbarer Ausfluss
hiervon.

Bezeichnend dafr sind ihre Vorstellungen von sich selbst und der
Stellung, die sie ihrer Umgebung gegenber einnehmen. Jene kommen
z.B. in ihrer Schpfungsgeschichte zum Ausdruck, nach der sie selbst
gleichzeitig mit ihren Haustieren aus Baumrinde gebildet wurden; auch
schreiben sie diesen Tieren und einigen anderen wie sich selbst zwei
Seelen zu, und die ganze Umgebung ist von hnlichen Seelen belebt,
welche auch menschliche Eigenschaften besitzen (Teil. I pag. 103).

Ferner ussert sich dieses Ohnmachtsgefhl in ihrer berzeugung,
dass mit grsserer Macht als sie selbst begabte Geister sie von
allen Seiten umlagern, um sie auf Befehl ihres Hauptgottes bei einem
Vergehen mit Unglck, Krankheit oder Tod zu strafen. Ihre Angst vor
diesen bsen Geistern hat den lebhaften Wunsch in ihnen erweckt,
diesen keinen Anlass zu einem Eingreifen in ihr Los zu bieten;
hieraus ging ihr Streben hervor, Gesetze zu finden, nach denen sie in
allen Lebenslagen zu handeln htten, und so entstanden die zahllosen
Bestimmungen, die als _pemali_ ihr Tun und Lassen in so hohem Masse
beschrnken. Die Bahau klammern sich mit um so grsserer ngstlichkeit
an diesen Glauben, als sie einen Schutz gegen die hheren Mchte nicht
in sich selbst, sondern in den _pemali_ zu finden meinen. Da diese
ein Ausfluss ihrer Einbildung sind und so wenig auf der richtigen
Kenntnis ihrer wahren Interessen beruhen, wird ihre Freiheit, nach den
Forderungen des Augenblicks zu handeln, auf sehr unpraktische Weise
gebunden. Auch leitet dieser Glaube ihr Streben nach einer besseren
Existenz in falsche Bahnen und verhindert eine freie Untersuchung
der natrlichen Verhltnisse. In Krankheitsfllen z.B. verhindert
er den Bahau, Krankheiten wie wir durch Naturprodukte oder auf der
Naturkenntnis beruhende Massregeln erfolgreich bekmpfen zu lernen.

Ihrem Mangel an Selbstvertrauen, ihrer Hoffnung auf Hilfe von aussen,
ihrer Unkenntnis des Begriffs Kausalitt, infolge deren bei ihnen alles
aus willkrlichen Taten der Geister hervorgeht, die nicht anders,
sondern nur mchtiger als sie selbst sind, ist es zuzuschreiben,
dass der Glaube an Vorzeichen sich unter ihnen so entwickelt hat und
mit den eigentlichen _pemali_ ihrer Handlungsfreiheit ein doppeltes
Hindernis in den Weg stellt. Geht aus diesem allem bereits hervor,
unter welchen hchst ungnstigen Bedingungen der Bahau durch die
Eigentmlichkeiten seiner Umgebung und durch seinen Mangel an Kenntnis
lebt, und welch einen Hemmschuh letzterer fr seine Handlungen und
seine Entwicklung bildet, so ist es wissenschaftlich interessant und
von kolonialem Standpunkt wichtig, nachzuforschen, wie der geistige
Mensch sich in ihm unter diesen Verhltnissen ausgebildet hat.

Es hiesse die Tatsachen auf den Kopf steilen, wollte man die physische
Schwche der Bahau, die sie zu Sklaven der umgebenden Natur macht,
als Folge einer geringen geistigen Begabung auffassen. Aus dem
folgenden werden wir vielmehr ersehen, dass bei den Bahau gute geistige
Fhigkeiten vorhanden sind, dass die Verhltnisse jedoch nur einige
wenige gut entwickelt haben, whrend die brigen latent geblieben oder,
viel wahrscheinlicher, degeneriert sind.

Es hat sich z.B. durch hufiges Reisen und vielfache Berhrung mit
anderen Stmmen das Sprachtalent der Bahau besonders entwickelt. Die
meisten gereisten Leute sprechen mehrere Sprachen, obgleich man
sich im ganzen nordstlichen Teil von Borneo sehr gut mit dem Busang
verstndigen kann. Hier einige Beispiele unter vielen: _Akam Igau_
unterhielt sich mit Punan, Taman, Pnihing und Kajan am Blu-u in deren
eigenen Sprachen, dazu bediente er sich des Busang und Malaiischen
tglich und kannte wahrscheinlich auch noch 1-2 Serawakische
Sprachen. Eine Frau der Long-Glat, _Uniang Pon_, sprach gut Busang,
Blu-u Kajanisch, Long-Glatisch und verstndlich Malaiisch. Auch die
brigen Frauen lernen Malaiisch, sobald sie mit Malaien in Berhrung
kommen. Obgleich die verschiedenen Sprachen der Bahau auch dem Laute
nach sehr verschieden sind, scheint deren Erlernung ihnen keine
Schwierigkeiten zu bieten. Dafr spricht die Tatsache, dass die
kleineren Stmme, auch nachdem sie sich politisch mit den grsseren,
wie den Long-Glat, verbunden haben, ihre ursprngliche Sprache
beibehalten und sich zum Verkehr mit ihren neuen Stammesgenossen
einer ihnen beiden fremden Umgangssprache bedienen.

Wie leicht sich die Kajan allerhand Kenntnisse aneignen knnen,
beobachtete ich beim Unterrichten eines Sohnes _Akam Igaus_, der zwar
Malaiisch lesen und schreiben konnte, es aber auch mit hollndischen
(lateinischen) Buchstaben erlernen wollte. Obgleich dieser Unterricht
einer Kritik schwerlich Stand gehalten htte, las und schrieb mein
Zgling doch schon im Verlauf eines Monats so gut, dass er sich allein
weiter helfen konnte und auch imstande war, einen leserlichen Brief
zusammenzustellen.

In noch einer anderen, vom Kampfe ums Dasein beinahe oder vllig
unabhngigen Richtung haben sich, wie wir gesehen, die Dajak, besonders
die Bahau, sehr gut entwickelt, nmlich in der Kunstfertigkeit und im
Kunstsinn. Sowohl Mnner als Frauen zeichnen sich hierin aus und ihre
Leistungen sind fr ihre Entwicklungsstufe bewunderungswrdig. Das
Individuum geniesst in ihrem Gemeinwesen die vollste Freiheit zur
Ausbildung seiner verschiedenen Anlagen; die allgemeine Verbreitung
dieser Kunstfertigkeit setzt daher den Weissen, der gewohnt ist,
sie als das Vorrecht einzelner zu betrachten, in Erstaunen. Manche
in anderen Gegenden entwickelten Kunstfertigkeiten gelangten unter
dem Einfluss ihrer besonderen Umgebung bei ihnen nicht zur Entfaltung.

So sah ich am Mandai Kinder mit Schleudern aus langen Grasblttern
spielen, mit denen sie Erdstcke so weit als mglich ber den Fluss
warfen. In dem mit Wldern bedeckten Borneo knnen diese Schleudern
jedoch nicht fr ernsthafte Zwecke verwendet werden.

Die Ausleger, die den kleinen Bten an der Seekste grosse Stabilitt
verleihen, gebrauchen die Bahau nur beim Hinabfahren ber die
Wasserflle in Form von Bumen, die sie an die Khne binden.

Die Ma-Suling bauen primitive aber starke Dmme, um Fischweiher zu
stauen; bei den brigen Bahau sind sie nicht gebruchlich, weil diese
an fischreichen Strmen wohnen.

Aus der Kajansage vom Mann und dem Sagobaum (Teil II p. 124)
geht hervor, dass die Bahau sehr wohl wissen, dass sie die Henne
der goldenen Eier wegen schlachten, wenn sie beim Sago- oder
Kautschuksammeln den ganzen Baum fllen, statt ihn nur anzuzapfen. Sie
wissen aber auch, dass nur andere den Gewinn davontragen, wenn sie den
Baum, der oft weit ab im Urwald steht, nur anzapfen und sich mit dem
Teil des dabei ausfliessenden Saftes zufrieden geben. Sparsamkeit ist
jedoch ihrer Ansicht nach unter diesen Bedingungen gar nicht angezeigt.

Auch die Fhigkeit zu zhlen ist bei den Dajak auf niedriger
Entwicklungsstufe stehen geblieben. Weder die Bahau noch die Kenja
knnen ohne Hilfe ihrer Finger und Zehen oder kleinerer Gegenstnde
wie Hlzchen zhlen oder rechnen. Da sie ihre Hnde und Fsse stets
zur Verfgung haben, werden diese beim Zhlen am meisten gebraucht
und zwar, fr Zahlen unter zehn, die Finger, fr Zahlen zwischen zehn
und zwanzig auch die Zehen. Fr grssere Berechnungen wiederholen
sie das Zhlen mit den Fingern und Zehen oder sie gebrauchen von
Anfang an Hlzchen, Steinchen u.s.w. Berechnungen mit grossen Zahlen
sind sie nicht imstande auszufhren, was die Malaien und Buginesen
sich in ihrem Handel mit ihnen sehr zu Nutze machen. In einem vom
Kontrolleur festgestellten Falle bezahlte ein Buginese den Kenja,
von denen er 1500 Packen Rotang gekauft hatte, nur 900.

Nicht nur krperlich sondern auch geistig sind die Bahau also durch
ihre Lebensbedingungen hintangehalten worden. Dass auch ihr Charakter
hiervon das Geprge trgt, davon berzeugten wir uns bereits bei
der Betrachtung ihrer religisen berzeugungen und Gebruche. In den
Charaktereigenschaften der Bahau macht sich hauptschlich ein durch
die Verhltnisse hervorgerufener Mangel an Energie geltend, wovon wir
uns im folgenden bei einer Vergleichung mit den Charaktereigenschalten
der Kenja berzeugen werden.

Natrlich darf hierbei nicht bersehen werden, dass unter den vielen
Individuen eines Stammes grosse Unterschiede vorkommen, die allerdings
nicht so gross sind wie in einem hher entwickelten Gemeinwesen,
das seinen Gliedern verschiedenere Verhltnisse zum Leben und
zur Entwicklung bietet; doch treten auch bei den gleichfrmigeren
Existenzbedingungen der Bahaugesellschaft einzelne Persnlichkeiten
stark vor der Umgebung hervor.

Der Bahau ist im allgemeinen nicht tapfer; nie bin ich jemand begegnet,
der sich fr irgend etwas aufgeopfert htte, und sobald mit einer
Sache grosse Gefahr einer Verwundung oder gar Lebensgefahr verbunden
ist, zieht er sich zurck. Charakteristisch ist sein Ausdruck fr
einen Mut, der keine Gefahren kennt, nmlich "_lakin ujow_ (dummer
oder verrckter Mut)." Am besten lsst sich der Mut der Bahau an dem
ermessen, was er selbst fr besonders mutig und mnnlich hlt. Vor
allem das Unternehmen einer Kopfjagd gegen feindliche Stmme, wobei
unter grossen Entbehrungen durch das versteckte Leben im Walde und mit
Aufopferung von viel Zeit mit einer bermacht einzelne Individuen,
bisweilen Frauen und Kinder, berfallen werden und der Angreifer
selbst ein Minimum an Gefahren riskiert.

Das Unternehmen einer Kopfjagd an und fr sich knnte schon als eine
mutige Tat angesehen werden, wenn man nicht wsste, dass diese Stmme
hierzu durch ihren Glauben und ihre Liebe zu verstorbenen Huptlingen,
denen sie einen Schdel ins Grab geben mssen, gezwungen wrden. Schon
die Berhrung eines solchen Schdels ist ein Beweis von grossem Mut,
den nur wenige zu erbringen wagen (178 u. 180). Das Unternehmen einer
solchen Kopfjagd ist einigermassen mit der freiwilligen Verbrennung
der Witwen der Hindufrsten auf Bali vergleichbar, aus der ersichtlich
ist, wie weit der Glaubensfanatismus fhren kann. Der Abscheu vor
Blutvergiessen ist bei den Dajak im Grunde so gross, dass selbst
ein auf die feigste Weise ausgefhrter Mord noch als eine besonders
mutvolle Tat betrachtet wird.

Fr Huptlingsshne am oberen Mahakam ist es bei ihrem Eintritt ins
Mannesalter wnschenswert aber nicht absolut notwendig, einen Menschen
gettet zu haben; deshalb werden hufig alte Sklavinnen am oberen
Murung gekauft und dann unversehens niedergemacht. (_Lasa Tekwan_
Tl. 1 pag. 399 und _Ibau Li_ pag. 82). Sehr bezeichnend ist auch die
Tatsache, dass bei Gefechten, die zwischen diesen Stmmen geliefert
werden, der Tod oder die ernsthafte Verwundung nur eines Mannes den
ganzen Stamm in die Flucht treiben kann. Dies wird allerdings auch
als ein Zeichen von Zorn seitens der Geister aufgefasst, doch beweist
es nicht minder den starken Eindruck, den ein derartiger Vorfall auf
den ganzen Stamm ausbt.

Einigermassen im Widerspruch hiermit steht, dass relativ hufig Fremde
von Bahau ermordet werden, wenn auch auf verrterische Weise. Bei
nherer Betrachtung erweist es sich aber, dass die Eingeborenen dann
durch ihr Schlachtopfer oder dessen Stammesverwandte aufs usserste
gereizt worden waren und die gebte Rache, von ihrem Standpunkt aus,
durchaus nicht bertrieben ist (Fall in Long T/epai).

Diesem furchtsamen Charakter und Mangel an Selbstvertrauen ist es denn
auch zuzuschreiben, dass man unter den Bahau so wenig Wahrheitsliebe
antrifft. Zwar ist auch hierin die individuelle Verschiedenheit gross
und ein Kind und ein Sklave flunkert z.B. viel leichter als ein
Erwachsener und Hherstehender, aber weitaus die meisten Personen
knnen der Versuchung nicht widerstehen, eine Lge vorzubringen,
falls sie sich hierdurch leicht aus einer Verlegenheit retten zu
knnen glauben. Hierdurch wird natrlich der Umgang mit ihnen sehr
erschwert und beim Einholen von Nachrichten muss man hierin stets
auf der Hut sein und besonders die Person, an die man sich richtet,
in Rechnung ziehen.

In bereinstimmung mit ihrer Abneigung gegen Gewaltsakte steht auch
die Tatsache, dass, obgleich das gegenseitige Verhltnis zwischen den
Stmmen z.B. am Ober-Mahakam nichts weniger als harmonisch ist, dennoch
ein Kampf zwischen ihnen zu Lebzeiten der gegenwrtigen Bewohner
nicht mehr vorgekommen ist. berdies sei hier daran erinnert, dass
in einem Stamm selbst ein Zank oder gar ein ernsthafter Zwist unter
normalen Verhltnissen nicht vorkommt. Anflle von Heftigkeit oder
Wut sind bei den Bahau nur als usserungen Geisteskranker bekannt;
daher ihre Angst vor Europern, die leichter heftig werden.

Roh und rachschtig sind sie ebenfalls nicht, sie verraten vielmehr
ein zart entwickeltes Gefhl, was man von Kopfjgern wohl nicht
erwartet htte. Ihr Abscheu vor Gewaltttigkeit, der sich schon in
dem Verhltnis der Stmme untereinander zeigt, tritt noch viel strker
hervor im Betragen der Familienmitglieder untereinander. Hier ussern
sie ein grosses Mass von Selbstbeherrschung und Mitgefhl fr ihre
nchste Umgebung im Gegensatz zu den nicht durch Verwandtschaft mit
ihnen verbundenen Menschen. Besonders massgebend fr ihre Haltung
ist der Verwandschaftsgrad, in dem der Bahau zu jemand steht, und
der Umstand, ob dieser ein vllig Fremder ist oder nicht.

Am innigsten ist das Band zwischen Eltern und Kindern; Roheiten kommen
zwischen diesen nie vor. Schon die jahrelange Versorgung des kleinen
Kindes durch die Mutter mit Aufopferung beinahe aller ihrer Arbeit auf
dem Felde oder im Walde zeugt von liebevoller Frsorge. Obgleich die
Kinder bei allzugrossen Unarten ab und zu wohl einen Schlag erhalten,
so ist doch von Strenge, brigens auch von ernster Erziehung nicht
die Rede. Die Eltern sind bisweilen aus bertriebener Zrtlichkeit so
schwach, dass sie schliesslich von den Kindern tyrannisiert werden. Das
beste Beispiel eines solchen verzogenen Kindes war der elternlose Enkel
der Priesterin _Usun_, der seine Grossmutter entsetzlich plagte und ihr
die Sorgen, die er ihr bereitete, schlecht vergalt. Da er stndig krank
war, genoss ich tglich das Vergngen ihn zu behandeln, und wenige
zeigten sich so ungeduldig wie die Alte, bis dem Bengel geholfen wurde.

Es scheint, dass eine derartige milde oder schwache Erziehung
vollkommen ausreicht, um einen Kajan fr die Erflhing der Forderungen,
die das Zusammensein an ihn stellt, vorzubereiten; denn unter den
Erwachsenen findet man wenige, die in ihrer Umgebung ernstlich
Anstoss erregen.

ber die Innigkeit der Gefhle, welche Eltern ihren Kindern
entgegenbringen, berzeugte ich mich am leichtesten whrend meiner
rztlichen Praxis. Bei so ergreifenden Momenten wie Krankheit und
Tod zeigten auch so zurckhaltende Charaktere wie die Kajan ihre
wahre Natur. Ich kannte Eltern, welche ihre kranken Kinder mit
unermdlicher Hingabe Tag und Nacht verpflegten. Obgleich bei ihnen
selbst gute Heilmittel unbekannt sind, griffen sie doch nach allem,
was nach ihrer Meinung den Leidenden Linderung verschaffen konnte. Ich
erinnere mich eines Falles in Tandjong Karang, wo meine rztliche
Hilfe nicht ausreichte und wenige Tage nach meiner Ankunft ein Kind
nach monatelangen Leiden starb. Das verzweifelte Jammern der Frau
blieb mir noch lange in den Ohren, und ich sah die Eltern, die sich
aus Kummer ber den Verlust ihres einzigen Shnchens nur sehr selten
zeigten, einen Monat lang nicht wieder. Als die Mutter eines Abends
wieder zu mir kam, erzhlte sie mir mit trnenden Augen von ihrem
Kleinen. Ich hatte sie frher als lebhafte, frhliche Frau gekannt,
jetzt stand sie als ein Bild des Jammers vor mir, mit eingefallenen
bleichen Wangen und tonloser Stimme. Sie berichtete, dass ihr Mann
das Haus noch nicht verlassen wolle, weil der Anblick von Kindern im
gleichen Lebensalter wie das seine ihn zu sehr angreife.

Diesem sehr entwickelten menschlichen Empfinden sind wohl auch zum
Teil die strengen Vorschriften fr die Trauer und die Sorge, dem Toten
durch eine gute Ausrstung den Weg nach Apu Kesio und seinen dortigen
Aufenthalt so angenehm als mglich zu gestalten, zuzuschreiben.

Von einer Angst vor den Seelen ihrer Verstorbenen habe ich bei diesen
Stmmen nie etwas gemerkt. Als die Leiche des alten _Bo Adjang Ledj_
wochenlang ber der Erde in der Wohnung stand, wurde sie dreimal
tglich liebevoll mit Speise versorgt, seine Frauen schliefen nachts
ohne Furcht neben dem schn verzierten, gut geschlossenen Sarg, junge
Mnner wurden gebeten, dem alten Manne auf der _kledi_ vorzuspielen,
und zogen Fremde vorber, die sich im Rezitieren alter berlieferungen
auszeichneten, so wurden sie hierzu aufgefordert. Das tgliche Leben
ging in dieser Zeit seinen gewhnlichen Lauf.

Wenn die Frauen der Kajan am oberen Mahakam hinter dem Sarge eines
Verstorbenen, der zu Grabe getragen wird, einhergehen und den Geist
der frher verschiedenen Mutter zu Hilfe rufen: _In al k_. (Mutter,
hole mich!), so zeugt auch dieser Zug von Furchtlosigkeit gegenber
der Seele der Verstorbenen.

Die guten Geister von Apu Lagan werden als die Vorfahren aus lngst
vergangener Zeit aufgefasst und stets wieder um Hilfe angerufen
(Teil I pag. 99). Von einem Ahnenkultus, der nur auf Angst beruht,
ist bei diesen Stmmen nichts zu merken. Sie frchten sich zwar vor
Begrbnispltzen und vor den Leichen derjenigen, deren pltzlicher
Tod sie erschreckt hat, wie Selbstmrder, Verunglckte, Erschlagene,
Wchnerinnen und erklren dies als Strafe der Geister fr die Schuld
der Verstorbenen, aber hierauf beruht bei ihnen kein anderer Kultus
als das diesen Leichen eigentmliche Begrbnis selbst.

Von ihrem Mitgefhl fr das Leiden eines Familiengliedes lassen sich
alle Angehrigen so weit fortreissen, dass bei einem einigermassen
ernsten Krankheitsfall alle Arbeiten vernachlssigt, die Felder
schlecht bebaut werden und fr das Essen kaum gesorgt wird;
daher bedeutet die Krankheit eines Gliedes ein Unglck fr die
ganze Familie. fters kommt es vor, dass diese sich durch den Kauf
von allerlei schlechten dajakischen, malaiischen und chinesischen
Heilmitteln zu Grunde richtet; es war daher sehr begreiflich, dass
ich mir durch die Behandlung ihrer Kranken ihr Vertrauen in einem
Mass erwarb, wie ich es durch kein anderes Mittel erreicht htte.

Handelt es sich jedoch um Personen, die nicht zur Familie gehren
oder sogar von einem anderen Stamme sind, dann tritt ein kleinlicher
Charakter und gnzlich Fremden gegenber grosses Misstrauen und selbst
Feindschaft bei den Bahau zum Vorschein. Bei der Beurteilung dieser
Eigenschaft darf nicht vergessen werden, dass die Gesellschaft, in
der diese Stmme leben, zu einem solchen Misstrauen gegen Fremde
viel Anlass gibt. Bei Fremden der eigenen Rasse mssen sie sich
meistens vor Verrat in Acht nehmen, bei fremden Malaien sind sie
am strksten Schwindel, Diebstahl und Grabschnderei ausgesetzt, so
dass ihre Zurckhaltung Fremden gegenber bereits hieraus erklrlich
ist. Ausserdem ist ihre Furcht vor Krankheiten, welche die Fremden
als bse Geister begleiten, einem sympathischen Empfang bei ihnen
auch nicht frderlich.

Um den Charakter der Bahau anderen gegenber zu studieren, bot
mir der Einkauf von Ethnographica gute Gelegenheit. Eigentmlich
war z.B. die Beobachtung bei den Mendalam Kajan in Tandjong Karang,
dass kleinlicher Neid und Eifersucht sich geltend machten, sobald es
sich um Konkurrenten aus dem eigenen Dorf handelte, dass sich die
Leute meines Wohnplatzes jedoch denen von Tandjong Kuda gegenber
solidarisch verhielten.

Wenn die Jngeren nicht durch Verfolgung gleicher Interessen
auseinander gehalten wurden, waren sie untereinander solidarisch,
um einer Freundin zu helfen, mich etwas so teuer als mglich bezahlen
zu lassen, und dann war die Bande mit berechtigten und unberechtigten
Anpreisungen auch nicht sparsam. Besonders machte die Verlegenheit
junger Mdchen solche Hilfe der Freunde und Freundinnen wnschenswert.

Sobald ein Vorbergehender merkte, dass jemand aus einer anderen
Ursache als um zu schwatzen oder seine Neugier zu befriedigen in
meiner Htte stand, trat er ein, ohne dass die beinahe jeden Kauf
begleitenden Auseinandersetzungen durch das Hinzutreten interessierter
Zeugen irgendwie gestrt worden wren. Wenn die Neuangekommenen auch
in der Lage waren, selbst Gleiches oder hnliches zu liefern, so
bewahrten sie doch tiefes Schweigen, und erst wenn die Besprechungen
ohne Ergebnis endigten, versuchten sie, nach Fortgang des Verkufers,
dieselben Gegenstnde anzubieten oder erklrten sich bereit, sie
fr mich herzustellen. Hierbei gewhrte ihnen die Geheimhaltung des
Auftrages, vor allem aber des Preises, eine grosse Genugtuung und
spornte sie an, das Beste zu leisten. Den Preis jedoch lernte ich bald,
erst nach Empfang des Kaufgegenstands zu bestimmen; denn die Kajan
zeigten eine starke Neigung, sich ihrer Verpflichtungen auf mglichst
bequeme Weise zu entledigen. Eigentlich lag in ihrer Geheimtuerei viel
Naivitt; denn ihre Umgebung, in der jeder von seinem Nchsten alles
sehen und hren kann, ist dazu nichts weniger als geeignet. So lange
jedoch der vereinbarte Preis noch nicht allgemein bekannt war, machte
es den Kajan besonderen Spass, durch Angabe eines hheren Betrages
beim Hausgenossen Neid zu erwecken, vor allem aber, als grosser
Geschftsmann oder als besonders in meiner Gunst stehend zu gelten.

Denen, die mit besonderen Talenten begabt waren, stellte ich auch
besondere Aufgaben und dabei war es auffallend, wie selten ein schn
gearbeitetes Stck bei den anderen Beifall oder Lob erntete. Viele
schwiegen, doch manche fanden bald einen Tadel heraus und der Preis
erschien ihnen stets zu hoch, Die gegenseitigen Beziehungen der
Beteiligten spielten dabei eine grosse Rolle, und man musste ber sie
genau unterrichtet sein, um den Wert ihres Urteils ber Personen oder
Sachen richtig einzuschtzen.

Galt es Personen, die in meiner Gunst standen und hieraus ihren
Vorteil zogen, so geschah es nicht selten, dass der eine oder andere
nach harmloser Einleitung darauf hinaus zielte, meine Aufmerksamkeit
auf deren nachteilige Seiten zu richten, und einige unter ihnen
verstanden dabei sehr geschickt von ihrer Kenntnis europischer
Auffassung gewisser Dinge Gebrauch zu machen. So suchte einst ein
bereits betagter Mann ein paar junge Mdchen, die ich gerade gut leiden
mochte, dadurch in meinen Augen herabzusetzen, dass er mich auf ihren
intimen Verkehr mit diesem oder jenem jungen Manne aufmerksam machte.

Ein anderes Mal versuchte mich ein Kajan am Mahakam whrend der
weitlufigen Vorbereitungen, die meinem Zuge vom Blu-u nach der Kste
vorangingen, zu berreden, mit ihm und den Seinen statt mit _Kwing
Irang_ und den Mnnern des ganzen Stammes die Fahrt zu unternehmen. Als
bei einer Beratschlagung die Geschichte ans Licht kam, entstand eine
allgemeine Entrstung. Im brigen zeigten sich die Kajan beim Leisten
von Kulidiensten stets solidarisch, was bei den malaiischen Kuli nie
der Fall ist.

Sogar vornehme Huptlinge wie _Akam Igau_ und _Kwing Irang_ waren
ber einen derartigen kleinlichen Wetteifer anderen Huptlingen
gegenber durchaus nicht erhaben, ja nicht einmal gegenber
ihren Stammgenossen. Bei anderer Gelegenheit habe ich bereits
darauf hingewiesen, wie sehr ich mit dieser Eigenschaft bei den
Reisezurstungen rechnen musste (Teil I pag. 41).

Am Mendalam gewann ich das Herz _Akam Igaus_, indem ich bemerkte,
dass sein Haus im Vergleich zu allen bisher besuchten stark und hbsch
gebaut sei. Hchst wahrscheinlich in Folge dieser Bemerkung, begann
_Tigang_, der Huptling von Tandjong Kuda, einen Monat spter seine
ganze Wohnung mit farbigen Bildern zu schmcken, was in der Tat sehr
hbsch aussah. Unglcklicherweise jedoch baute er in dieser Wohnung, in
der eine gute Lftung unbedingt notwendig war, nette aber geschlossene
Kammern, wie er sie in Pontianak gesehen hatte. Um nicht allzu sehr
hinter ihm zurck zu bleiben, liess nun _Akam Igau_ wieder durch
seine Hausknstler eine prachtvolle Tr fr seine Wohnung schnitzen
(Teil I Taf. 3). An Anlssen, einander zu berbieten, fehlt es somit
den Kajan nicht.

Fr einen intimeren Verkehr mit den Dorfbewohnern schien mir ein
lngerer Aufenthalt am gleichen Orte sehr wnschenswert, daher liess
ich mich unter den Mendalam Kajan nur in Tandjong Karang nieder. Die
Dajak sehen jedoch das Schlafen unter ihrem Dache als ein Zeichen von
Wohlgeneigtheit an, daher wurde _Tigang_ neidisch und bemhte sich,
mich durch allerhand schne Versprechungen zu bewegen, fr lnger
als die eine Nacht, die ich bei ihm verbrachte, zu ihm nach Tandjong
Kuda zu ziehen. Da ich seinen Lockungen widerstand, suchte er mich
spter an der Ausfhrung des Zuges nach dem Mahakam, von dem ich ihn
und die Seinen wegen seiner Feindseligkeiten mit Tandjong Karang
hatte ausschliessen mssen, zu verhindern, indem er meine Leute
aufwiegelte und sie zu hohen Forderungen veranlasste. usserlich
liess sein Benehmen jedoch nichts zu wnschen brig. Er suchte beim
Verkauf verschiedener Proben der grossen Kunstfertigkeit seines
tauben Bruders _Adjang_ so viel als mglich von mir zu profitieren;
dabei beging er die dumme Flunkerei, die Gegenstnde als seine eigene
Arbeit auszugeben.

Einen auch bei den Weissen nur zu gut bekannten Charakterzug fand
ich auch bei den Bahau wieder. Wenn sie nmlich auf alle erdenkliche
Weise die schlechten Eigenschaften ihrer Nebenmenschen mir gegenber
hervorgehoben hatten, endeten sie mit der Erklrung: "aber ich bin
nicht so"; dabei diente ihnen diese Erklrung oft als Einleitung
fr irgend eine Unterhandlung, bei der ich mich vor einem Betrug
ihrerseits hten musste. Bei einer der seltenen Gelegenheiten, wo
ich mit _Akam Igau_ allein war, musste ich sogar von ihm diese mit
grossem Ernst gegebene Erklrung hren.

Solche kleinliche Reizbarkeit tat aber dem Frieden keinen Eintrag,
da sie durch eine andere Eigenschaft im Schach gehalten wurde. Diese
beruht eigentlich auf ihrem schwach entwickelten Selbstgefhl und
besteht in ihrer grossen Empfindlichkeit gegenber der Meinung
anderer, hauptschlich ihrer Angehrigen und Dorfgenossen, ber
ihre Person. Diese Eigenschaft verhindert die Bahau in viel hherem
Masse etwas zu tun, was ihre Stammesgenossen nicht billigen wrden,
als ihre _adat_, welche dem Huptling das Recht gibt, Vergehungen mit
Bussen zu strafen. Sie frchten sich sehr davor _ha_, beschmt, zu
sein vor ihrer Umgebung, und auch sobald sie mit einem angesehenen
Fremden, z.B. einem Europer, verkehren, ist dieses Gefhl eines
der unangenehmsten, das sie empfinden knnen. So erzhlte man mir
spter am Mahakam, bei meiner Ankunft habe fr sie eine der grssten
Schwierigkeiten darin bestanden, nicht zu wissen, wie sie mit mir
umzugehen htten. Es fiel ihnen denn auch ein Stein vom Herzen,
als ich ihnen durch meine ungezwungene Art des Umgangs zeigte, dass
ich mit ihrem Benehmen zufrieden sei, und sie trotz ihres Mangels an
europischen Manieren nicht _ha_ vor mir zu sein brauchten. Noch in
spteren Jahren verwunderte ich mich darber, wie viel Gewicht sie auf
meine Erklrung legten, dass mir an meinem Zuge nach Apu Kajan so sehr
viel gelegen sei, um mich vor meinen Landsleuten spter nicht _ha_
fhlen zu mssen, falls ich unverrichteter Sache zurckkehrte. Diese
Erklrung bte bei vielen Unterhandlungen eine strkere Wirkung als
eine Auseinandersetzung der fr sie damit verbundenen Vorteile.

Bezeichnend hierfr war auch der Kummer eines armen Tropfs, der an
einer Hautkrankheit leidend sich mit einer schwarzen sirupartigen
Flssigkeit behandelte und nach ihrer Gewohnheit mit einem Lendentuch
von etwas zu kleinen Dimensionen herumlief. In diesem Kostm hatte er
sich einem weissen Beamten aus Putus Sibau, der ihr Dort besuchte,
prsentiert und dafr einen Verweis erhalten. Bei meiner Ankunft am
folgenden Tage hatte er das noch nicht vergessen und gab mir seine
Befriedigung darber zu erkennen, dass ich mich durch seine Erscheinung
in meiner Wrde nicht gekrnkt fhlte.

In ihren Vorstellungen von Schicklichkeit spielt dies stark entwikkelte
Gefhl der Scham eine grosse Rolle, und es war merkwrdig zu sehen,
wie die Auffassung sich auch unter diesem Volk bei verschiedenen
Individuen und unter wechselnden Umstnden nderte. Glcklicherweise
erfuhren diese Begriffe der rztlichen Praxis gegenber eine gewisse
Milderung, sonst wre ich bei der Behandlung dieser beinahe nackten
Gestalten auf den gleichen Widerstand gestossen wie bei den stark
bekleideten zivilisierter Lnder.

Bitten um Heilmittel gegen venerische Krankheiten wurden mir,
besonders von den Frauen, nur dann vorgetragen, wenn sich niemand
in der Nhe befand, und auch dann so geheimnisvoll, wie in einem
europischen Sprechzimmer. Die Malaien von Mittel-Borneo behandeln
hnliche Angelegenheiten dagegen ffentlich und fast ohne Scham.

Obgleich die Frauen ihre in unseren Augen sehr primitive Kleidung
beim Baden vllig ablegen, stsst die Besichtigung der fr gewhnlich
bedeckten Teile doch auf heftigen Widerspruch. Wenn sie in meiner
Htte am Boden hockten, zogen sie anfangs die Rcke ngstlich
ber die schn ttowierten Beine, spter, als sie sich heimischer
fhlten, durfte hie und da wohl auch ein Knie zum Vorschein kommen,
zuletzt kam es ihnen, wie in ihrer Wohnung, nicht mehr darauf an,
wie die Rockfalten fielen. Anders verhielt es sich, wenn ich ihre
Ttowierung nher besichtigen wollte; ich musste die Frau gut kennen,
um sie zur Entblssung eines Beines zu bewegen, bemerkte aber, dass
ihr dann ein bewunderndes Wort ber das schne Muster oder die gute
Ausfhrung sehr angenehm war.

Eine eigenartige Szene erlebte ich bei der Behandlung eines jungen
Mdchens, das an einer Schenkelverletzung litt. Sie musste mich
in meiner offenen Htte besuchen, die unter anderem auch als
Sprechzimmer diente. Meist kam sie, wenn sie mich allein wusste,
aber einmal erschien sie in Begleitung einer kleinen Freundin,
als die Htte mit schwatzenden jungen Leuten gefllt war. Nachdem
sie eine Weile im Hintergrunde gewartet, gab sie mir einen Wink,
und ich sah an ihren sprechenden Gebrden, dass sie sich vor den
vielen Zuschauern verlegen fhlte. Ich musste die frhliche Schar
erst entfernen, bevor sie sich behandeln liess. Vor dem Arzte aber
zeigte sie kein falsches Schamgefhl.

Wie verschieden dieses Gefhl _ha_ zu werden unter den verschiedenen
Klassen der Gesellschaft entwickelt ist, kann man am besten in den
Fllen beobachten, wo ihr Egoismus stark gereizt wird. Dieses zeigt
sich z.B. bei der Bettelei, deren sich ein jeder im Stamme, vom
Huptling bis zur niederen Sklavin, schuldig macht: die Mnner sind
im allgemeinen sowohl in ihrer Art zu bitten als in ihren Ansprchen
bescheidener als die Frauen. Unter diesen wussten nur die aus der
Huptlingsfamilie sich zu mssigen; das Betteln der Sklavinnen und
Kinder dagegen war fast unertrglich.

Um alles, was ihnen schn und wohlschmeckend erscheint, betteln sie
alle und, obgleich sie oft mit einer Kleinigkeit zufrieden sind, knnen
sie dem Reisenden durch ihr bestndiges Betteln vom frhen Morgen bis
zum spten Abend den Aufenthalt vllig verleiden. Am praktischsten
ist es, sich fr diese Gelegenheit mit billigem Tand und leicht
teilbaren Leckereien zu versehen. Ab und zu bietet es brigens einen
angenehmen Zeitvertreib, so viele Menschen glcklich zu machen; man
erschliesst sich dabei viele Herzen und veranlasst manche interessanten
Gesprche. Wenn mir die endlose Bettelei bisweilen ganz unertrglich
wurde, stellte ich mir vor, was in einem zivilisierten Staate aus einem
Menschen werden wrde, der so gut wie schutzlos in einer offenen Htte
mit grossen Reichtmern leben wollte, und dann shnte ich mich mit
der Bettelsucht meiner Gastherren wieder aus. Denn wenn auch neben
dieser Bettelei eine ungezgelte Neugier zu den charakteristischen
Eigenschaften der Bahau gehrt, so ist es fr alle, die mit den Bahau
zu tun haben, noch ein Glck, dass dieses Interesse fr alles, was
ihr Auge Neues erblickt, nicht wie bei anderen Stmmen in Diebereien
ausartet, wodurch der Aufenthalt gefhrlich wird. Im Gegensatz zu den
Europern sind die Bahau frei von dieser Untugend, das spricht schon
aus der Tatsache, dass ich in Tandjong Karang beinahe 11 Monate in
einer vllig offenen, beinahe wandlosen Htte wohnte, in der Schtze
nur so zum Greifen bereit lagen, und dass whrend der Zeit nur ein
einziges Mal ein kleines Kind einen blinkenden Lffel fortnahm,
der mir gleich darauf wieder zurckgebracht wurde.

Unter ihnen selbst nimmt einer Frchte und Sirihbltter vom andern;
jetzt wird das fast wie ein kleiner Diebstahl aufgefasst, wenn man
aber bedenkt, dass diese Sitte zu den ganz erlaubten Gewohnheiten
der Kenja gehrt und auch unter den Bahau vor hundert Jahren noch
herrschte, so kann man es schwer als Diebstahl betrachten. Ein
Aufbewahren wertvoller Gegenstnde hinter Schloss und Riegel ist
nicht notwendig. Viele bergen einen Teil ihres Besitzes gegen Brand
in kleinen Scheunen, hnlich den Reisscheunen vor ihren Husern,
und einem geschickten Diebe wrde es nicht die geringste Mhe kosten,
alle diese Lagerpltze zu plndern; aber diese Sitte selbst spricht
fr die Seltenheit eines solchen Missbrauches.

Obgleich sich die Bahau im allgemeinen kein Gewissen daraus machten,
von mir und meinem Besitz nach Mglichkeit Nutzen zu ziehen, zeigten
doch einige ihrer Mnner ffentlich, dass ihnen das Treiben der Frauen
und Kinder oft zu arg schien. Ein lterer Mann trstete mich einst
damit, dass ich mir auf diese Weise lauter Freunde gewinne und dass
es viel schlimmer wre, wenn die Leute auf Stehlen statt auf Betteln
ausgingen. Sie sehen nmlich aus nchster Nhe, wie die Malaien stehlen
und hufig sogar vor brutaler Grabschndung nicht zurckschrecken.

Als bei meinem zweiten Aufenthalt in Tandjong Karang mein Zug nach
dem Mahakam beschlossen war, hielt es _Akam Igau_ fr seine Pflicht,
mich vor allzu reicher Beschenkung seiner Stammesgenossen zu warnen
aus Furcht, dass fr die spter Kommenden nicht genug brig bleiben
mchte. Selbst als die eigenen Tchter den Versuch machten, jede noch
ein schnes Stck Zeug zu kaufen, liess er seine warnende Stimme
hren und ich machte ihm, wie spter noch fters, das Vergngen,
seinem Rate zu folgen.

In ihrer eigenen Gesellschaft wird ein solches Gerechtigkeits-
und Ehrgefhl hoch geschtzt; bei den Huptlingen schtzt man es
hher als Tapferkeit oder Reichtum. Unter den Mahakam Kajan am Blu-u
hatte einer der Mantri, _Kwa_ genannt, den Ruf ein "_lake marong_"
(rechtschaffener Mann) zu sein. Zwar kam ich wegen der grossen
Entfernung seines Wohnplatzes nur sehr wenig mit ihm in Berhrung,
aber ich hatte doch einige Male Gelegenheit zu bemerken, wie gut er
sich den Ansprchen der Seinen gegenber in meine Verhltnisse zu
versetzen und zwischen beiden Parteien einen Vergleich zustande zu
bringen wusste. Er war es auch, mit dem ich wegen des Lohnes der Kajan
fr die Fahrt den Mahakam hinunter verhandelte. Er fand bei dieser
Gelegenheit, dass es von mir zu viel verlangt heisse, ihnen ausser
allem, was sie von mir erhalten hatten, auch noch das grosse Boot zu
geben, um welches _Kwing Irang_ mich gebeten hatte. Als man mir einmal
ber die Kenja zu viel auf binden wollte, erklrte er, dass man wenig
anderes von ihnen wisse, als dass sie Menschen seien wie sie selbst.

Die Ehrfurcht vor dem Alter und die Stellung, welche die Frau im
Bahau-Staate einnimmt, scheinen mir usserungen des sanften Charakters
dieser Menschen zu sein. Obgleich die Jugend auch bei ihnen gern das
grosse Wort fhrt, so schweigt sie doch in Gegenwart lterer Leute. Bei
ffentlichen Versammlungen des Stammes ergreifen junge Mnner daher
nur ausnahmsweise das Wort, gewhnlich sagen sie Ja und Amen zu allem,
was die Alten verlangen.

Die Frau spielt in der Kajan-Gesellschaft eine wichtige Rolle. Whrend
bei andern Vlkern die Frau oft die Beute des Strksten wird und in
die Verhltnisse ihres Gemeinwesens nicht genug Einsicht besitzt,
um sich nicht durch die eine oder andere glnzende Eigenschaft
eines Mannes blenden zu lassen, steht die Frau im Staate der Kajan
am Mendalam z.B. ebenso selbstndig da wie der Mann, bestimmt mit
derselben Einsicht wie dieser ihr Tun und Lassen und bietet ihren
Neigungen dadurch einen festeren Halt. Die besonders bevorzugte
Stellung der Frau unter den Mendalam-Kajan muss aber wohl dem
Nebenumstande zugeschrieben werden, dass die Mnner dieses Stammes
besonders langdauernde Handelsreisen unternehmen, wodurch die Frauen
zu Hause mehr Einfluss bekamen als die der Stmme am Mahakam.

Auch am Mendalam hat das strkere Geschlecht die Neigung, das
schwchere auf den zweiten Platz zu drngen. Bald nach meiner Ankunft
sprach _Akam Igau_ in einem Gesprche unter vier Augen sein Bedauern
darber aus, dass die Frauen seines Stammes sich so viel Geltung
verschafft htten. Der alte Herr war in seinem Leben viel gereist
und sah die Zustnde seines Stammes mit anderen Augen an als die
meisten; die bevorrechtete Stellung, welche die Mnner bei den Malaien
einnehmen, gefiel ihm weit besser.

Bemerkenswerter Weise scheint diese Gleichstellung der Geschlechter mit
einer beinahe vollstndigen Abwesenheit geschlechtlicher Entartungen,
wie man sie in den Stmmen vom Barito beobachtete, zusammenzufallen.

Auch wenn die heftigsten menschlichen Leidenschaften, wie die Liebe,
im Spiele sind, kommt es in der Bahaugesellschaft nicht zu Hndeln. Man
erzhlte mir, dass die Kajanfrauen, wenn sich ihre Neigungen kreuzen,
bisweilen mit einander in heftigen Konflikt geraten; whrend meines
Aufenthaltes bemerkte ich aber nichts davon.

Es wre jedoch falsch, diesen Mangel heftiger usserungen einer
gegenseitigen Gleichgltigkeit der Geschlechter zuzuschreiben. Ich
hatte im Gegenteil fters Gelegenheit zu beobachten, dass sowohl Mnner
als Frauen in ihren Neigungen eine grosse Standhaftigkeit zeigen und
imstande sind, ihnen viele und langdauernde Opfer zu bringen.

So gab mir einst ein junger Huptling seine Entrstung darber zu
erkennen, dass sein Mdchen sich whrend seiner Abwesenheit zu viel
mit einem andern abgegeben hatte; fr ihn war dies Grund genug,
mit ihr zu brechen.

Als _Akam Igau_ einst das Bedrfnis fhlte, sein bedrcktes Gemt
von einem Teil seiner Sorgen zu entlasten, erzhlte er mir die
rhrende Liebesgeschichte seiner zweiten Tochter _Paja_. Diese,
ein auffallend schnes, ungefhr 18 jhriges Mdchen, liebte seit 4
Jahren einen jungen Huptling, _Tekwan_, dessen Haus sich in der Nhe
der Ma-Suling am Oberlauf des Mendalam befand. Es war mir schon auf
unserem Zuge nach dem Mahakam aufgefallen, wie sehr sich der junge
Mann bemhte, dem alten _Igau_ bei jeder Gelegenheit behilflich
zu sein. Leider standen der Vereinigung der jungen Leute grosse
Hindernisse im Wege. _Tekwans_ Vater gehrte bedauerlicher Weise
nicht zu den Gescheidten seines Stammes; und so wollte seine Mutter
_Ping_ nicht zugeben, dass er, die wichtigste Sttze des Haushalts,
die elterliche Wohnung verlasse, um bei seiner jungen Frau Einzug zu
halten. Nach ihrer Beredsamkeit zu urteilen, war sie brigens sehr
wohl imstande, ihre ganze Umgebung allein zu beherrschen; wenigstens
wohnte ich einer Unterhandlung zwischen ihr und _Akam Igau_ ber
diesen Gegenstand bei, die 3 Stunden dauerte und fr die meine Htte,
als neutrales Gebiet, zum Zusammenkunftsort gewhlt wurde. Aber _Igau_
sah sich als Huptling noch besonders verpflichtet, die alten Gebruche
hoch zu halten, und duldete daher nicht, dass _Paja_ gegen alle gute
Sitte sogleich ihrem Manne in sein Haus folgte. _Tekwan_ wiederum
war zu arm, um die Busse fr die bertretung der _adat_ zu bezahlen.

Die Familien beider Parteien hatten bereits die Geduld verloren, aber
_Paja_ und ihr Liebhaber liessen nicht von einander und widerstanden
allen Verlockungen von anderer Seite.

_Adat_ und Liebestreue gewannen aber zum Schluss doch den Sieg; denn
_Tekwan_ zog in _Akam Igaus_ Wohnung und bei meinem 2. Besuche fand
ich das Paar vereint in Tandjong Karang; kurz vor meiner Abreise
wurde _Tekwan_ glcklicher, aber etwas unbeholfener Vater eines
krftigen Sohnes.

An starkem und tiefem Liebesempfinden fehlt es den Kajan also
nicht. Wenn die Leidenschaft sie nicht zu ernsten Konflikten mit
ihren Nchsten hinreisst, so ist der Grund dafr in ihrem Charakter
zu suchen, der wenig zu heftigen Ausbrchen geneigt ist.

Mit den usserungen der Dankbarkeit den vielen Wohltaten gegenber,
welche sie von mir genossen, hatte es unter diesen Stmmen eine
besondere Bewandtnis.

Die Erklrungen, die die Bahau ber Zweck und Ziel meiner Reisen und
meines Lebens in ihrer Mitte gaben, waren fr ihre Denkweise sehr
charakteristisch. Den wissenschaftlichen Zweck meiner Reisen und das
Sammeln ihres Hausgertes und anderer Artikel konnte ich ihnen absolut
nicht begreiflich machen. Trotz meiner Gegenversicherungen blieben
sie bei dem Glauben, dass ich auf einem Handelszuge begriffen sei und
dass mir die Sammlungen bei meiner Rckkehr grossen pekuniren Gewinn
bringen wrden. Mit der Zeit merkten sie jedoch, dass ich mich anders
als die malaiischen Kaufleute betrug, und da fgten sie dem ersten
Reisemotiv noch ein zweites, spezifisch Bahauisches hinzu, dass mir
daran gelegen sei, bei meiner Heimkehr als grosser Reisender gefeiert
zu werden. Dass jemand auf die Idee kommen konnte, sich Menschen und
Natur aus Interesse an sich anzusehen, ging ber ihren Horizont.

Logischer Weise heuchelten sie auch keine Dankbarkeit dem Fremden
gegenber, der nach ihrer berzeugung aus den ihnen erwiesenen
Wohltaten spter gengend Vorteil ziehen wrde. Sie boten mir
auch auffallend wenig materielle Zeichen ihrer Anerkennung. Das
ungewhnliche Vertrauen, das mir besonders von Frauen und Kindern
entgegengebracht wurde und das Malaien und Chinesen nie genossen,
musste mich fr alles andere entschdigen.

Die Kajan machten in ihrem Betragen meinem Bedienten und mir gegenber
einen grossen Unterschied. _Midan_ stand mit ihnen zwar auch auf
freundlichem Fusse, aber sie zogen von ihm lange nicht so viel Vorteil,
als von mir, und doch sah ich anfangs mit Verdruss, dass sie freiwillig
alles fr ihn taten und ihm sogar Sirih und selbstgebauten Tabak
schenkten, wofr sie von mir so viel als mglich zu erpressen suchten.

Das Wohlwollen einzelner Mnner erkannte ich daraus, dass sie ihr
usserstes taten, um etwas Schnes fr mich herzustellen. Sie liessen
sich aber spter eine gute Summe dafr bezahlen, selbst dann, wenn
ich ihren Familien meine rztliche Hlfe, wie immer, umsonst zu teil
werden liess.

Ganz gleich betrug sich die Bevlkerung am Mahakam. Nur brachte
diese von Anfang an kleine Geschenke als Gegenleistung fr meine
medizinische Behandlung mit. Hier machte aber _Kwing Irang_ dadurch
alles gut, dass er allein mir im Gegensatz zu meinen Reisegefhrten
beim Abschied Waffen zum Geschenk brachte, was am Mendalam nicht
geschah. Es ist jedoch mglich, dass _Akam Igau_ mir Dankbarkeit
genug zu erzeigen glaubte, indem er mich fr 100 Dollar zum Mahakam
begleitete; es wre dies der Auffassung der Bahau gemss, die zwar
nie als Kuli auf Reisen gehen, aber den Fremden und seine Sachen doch
gegen eine Entschdigung weiter fhren. In gewissem Grade fhlen sie
sich dann auch fr seine Sicherheit verantwortlich.

Im Gegensatz zu den Mnnern, von denen keiner sich berwinden konnte,
mir seine Dankbarkeit durch ein materielles Opfer zu bezeigen,
suchten einige junge Frauen, so wenig Gunstbezeigungen sie von mir
auch erhalten hatten, mir alles zu verschaffen, wovon sie glaubten,
dass es mir Freude bereiten knnte. Eine ltere Frau brachte mir fters
Naschwerk und freute sich, wenn es meinen Beifall hatte; spter trotzte
sie dem Unwillen ihrer fanatischen und unliebenswrdigen Schwester,
indem sie mir religise Gegenstnde verfertigte, die ich noch nicht
besass. Die Bestimmung des Preises berliess sie dabei vollstndig
meinem Gutdnken. Die zweite war zu jung, um sich durch Herstellung
von Leckereien und Arbeiten verdient zu machen, aber sie verkaufte
mir einige alte Sachen, ohne auf den Preis zu sehen.

_Ulo Embang_ war in Tandjong Karang auch die einzige Frau, die
mir am Abend vor der Abreise als Zeichen ihrer Zuneigung ein Huhn
brachte. Ganz gegen ihre Gewohnheit, abends das Haus zu verlassen
und unbegleitet zu mir zu kommen, erschien sie, als die Nacht bereits
eingebrochen, mit ihrem Huhn in meinem Zelte und stand dabei so sehr
unter dem Eindruck des bevorstehenden Abschieds, dass sie kaum ein Wort
hervorbringen konnte. Ich versuchte, sie zu zerstreuen und zu trsten,
und wurde dabei spter durch ihre Tante, nach _Usun_ die lteste
und oberste Priesterin von Tandjong Karang, untersttzt. Auch sie
hatte mir viele Beweise ihrer Erkenntlichkeit gegeben, aber schon ihr
usseres verriet die ernste Matrone, die sich z.B. ber ihre spezielle
Wissenschaft nie geussert htte. Bemerkenswert war der Takt, mit dem
sie ihre Nichte dazu brachte, sich unserem peinlichen Zusammensein
zu entziehen. Sie sprach zuerst ber das Zeichen der Zuneigung,
das mir _Ulo_ gegeben, dann ber meine eventuelle Rckkehr und die
Schwierigkeiten der Mahakamreise; dabei legte sie voll Mitgefhl die
Hand auf _Ulos_ Arm und geleitete sie so nach Hause.

Aus Furcht, in meiner Achtung zu sinken, hatte mir _Ulo_ bis zuletzt
ein Leiden verschwiegen, das ich bei anderen Frauen ihres Stammes
mit Erfolg kuriert hatte.

Die brigen Kajanfrauen gaben mir bei der Abreise ihre Wertschtzung
auf sehr eigentmliche Weise zu erkennen. Sie frchteten, dass die
Seelen ihrer Kinder ihrem Wohltter folgen knnten, und hielten
mir daher beim Abschied die _hawat_ hin, um die Seelen der Kinder
durch Gebetssprche zu bewegen, von mir wieder auf die Tragbretter
zurckzukehren. An jede _hawat_ hatten sie eine Schnur befestigt,
um die Seele bei ihrer Rckkehr mittelst eines Knotens zu binden. In
den Knoten steckten sie darauf ein Fingerchen der Kleinen, damit die
Seele endlich in ihren richtigen Wohnplatz zurckgeleitet werde.

Hauptschlich die einflussreichen alten Mnner bezitzen ein stark
entwickeltes Ehrgefhl, das sie bisweilen einen eigenen Vorteil
bersehen lsst, nur um sich nicht ha zu fhlen. So bot mir einst
einer der vornehmeren Mnner einen durch sein Alter wertvollen Hammer
zum Kaufe an. Gewhnt bervorteilt zu werden und den wahren Wert
des Stckes nicht kennend bot ich viel zu wenig. Der Mann hielt aber
das Feilschen fr unter seiner Wrde und liess mir den Hammer fr den
gebotenen Preis. Erst viel spter erfuhr ich, dass er der Mann mir den
Hammer fr 1/3 des wahren Preises berlassen hatte, und beeilte mich,
ihm den Rest zukommen zu lassen.

Ein anderer nahm ohne Widerrede das Geld an, das ich ihm fr einen
eigenartigen Schwertgriff bot; auch er hatte, wie ich spter hrte,
viel zu wenig erhalten.

Viele Kajan hielten es auch fr unter ihrer Wrde, in einem Buche
abgebildet zu werden, wovon sie wahrscheinlich durch die Malaien
gehrt hatten; fr die Aufnahme von Photographieen war dies mit ein
erschwerender Umstand.

Hieraus geht hervor, dass die Bahau sowohl am Kapuas als am Mahakam fr
meinen Aufenthalt unter ihnen dankbar waren, in der usserung einer
Anerkennung jedoch so sparsam zu Werke gingen, dass ich sie leicht
fr undankbar htte halten knnen. Bei meinem spteren Besuch bei den
Kenja merkte ich, dass die Bahau auch im ussern von Dankesbezeugungen
weit hinter diesen zurckstanden.

Aus dieser Skizze ihrer Persnlichkeit geht hervor, dass die Bahau
psychisch keine krftigen, vielmehr furchtsame, reizbare Naturen
sind. Einzelne gute Eigenschaften der Menschen kommen bei ihnen nur
ihren Familiengliedern gegenber zum Vorschein; anderen Stammesgenossen
und besonders Fremden gegenber beherrscht der kleinliche Egoismus
ihrer schwachen furchtsamen Persnlichkeit alle ihre Handlungen. In
dieser Hinsicht steht ihr geistiges Wesen vllig in bereinstimmung
mit dem leiblichen und wir knnen hieraus den Schluss ziehen, dass
die hchst ungnstigen Lebensbedingungen, unter denen die Bahau leben,
auf ihre psychischen Anlagen ebenso nachteilig gewirkt haben wie auf
die physischen.

Einen Beweis fr die Richtigkeit dieser Annahme finden wir in
dem Bilde, das wir von den Kenjastmmen erhielten, die unter so
viel gnstigeren klimatischen Einflssen leben und daher nicht nur
krperlich, sondern auch geistig viel krftiger als die Bahaustmme
gediehen sind.

Die Bahau mssen in frherer Zeit, als sie unter dem degenerierenden
Einfluss des Talklimas noch nicht gelitten hatten, krperlich und
geistig ebenso krftig gewesen sein wie ihre Stammverwandten, die
Kenja. Nach ihrer Geschichte waren sie am Anfang des 19. Jahrhunderts
sowohl durch ihre Kopfjagden als durch ihre grossen Kriegszge bis weit
in das Stromgebiet des Kapuas, Barito und Mahakam bekannt geworden
und kein Stamm konnte ihnen widerstehen; gegenwrtig sind, wie wir
gesehen haben, solche Unternehmungslust und Tapferkeit unbekannte
Eigenschaften bei ihnen geworden.

Fr einen europischen Reisenden, der auch nach langdauerndem Verkehr
fortwhrend mit Kleinlichkeit, ngstlichkeit und Misstrauen bei den
Bahau zu kmpfen gehabt hat und der in seinen Unternehmungen stndig
durch die eigentmlichen religisen und anderen berzeugungen dieser
Umgebung gehindert worden ist, erscheint der Unterschied gegenber
den Kenja natrlich sehr auffallend.

Bereits bei meiner Ankunft in Apu Kajan bemerkte ich, dass die
150 Kenja, die mir unter ihren vornehmsten Huptlingen zu Hilfe
gekommen waren, in ihrem Auftreten viel freier und lauter waren als
mein Bahaugeleite, dass ihre Huptlinge viel energischer ihre Befehle
erteilten und man ihnen auch besser gehorchte. Bei meinem Aufenthalt in
ihren Drfern wurde dieser Eindruck auch durch das freimtige Auftreten
der Frauen und Kinder sehr verstrkt. Schon die jungen Kenja zeigten
einen auffallenden Unterschied gegenber den jungen Bahau.

Bemerkenswert ist die grssere Ausdauer der Kenja bei der Arbeit;
sie fiel mir hauptschlich bei unseren langen Fahrten in den Bten
bei der fr sie ungewhnlichen Hitze des Mahakam auf. Obgleich sie in
ihrer Gebirgsheimat mehr an das Gehen als an das Rudern gewhnt waren,
ruderten sie doch Tage lang viel besser als die Bahau und kamen auch
stets viel frher an als diese.

Fr unangenehme Gerche waren die Kenja viel weniger empfindlich als
die Bahau, die lieber einen grossen Umweg machen, als dass sie an
einem Kadaver vorbergehen, und durch Gebrden und Spucken heftig
auf schlechte Luft reagieren.

Whrend ich bei der Erzhlung von den Merkwrdigkeiten unserer
europischen Gesellschaft bei den Bahau auf ein absolutes Unvermgen
der Vorstellung stiess, was Unglauben verursachte und sie dazu
veranlasste, zu versuchen, mich oft erst viel spter auf einer
Unwahrheit zu ertappen, bemerkte ich sehr bald an den Fragen der
Kenja, dass sie sich doch wenigstens bemhten, sich Eisenbahnen und
hnliches vorzustellen, und dass sie manche Dinge auch wirklich
begriffen. Hauptschlich lieferte die Erklrung der Bewegung der
Sonne und der Sterne und der Entstehung von Tag und Nacht, sowie eine
Sonnen- und Mondfinsternis ein gutes Kriterium. Natrlich glaubten
auch die Kenja nicht sogleich, dass die Erde rund ist und sich bewegt,
ebensowenig, dass nicht ein Ungetm bei der Finsternis Sonne oder
Mond verschlingt, aber sie begriffen doch wenigstens meine Erklrung.

Praktisch sehr wertvoll fr uns waren das grssere Interesse,
das die Kenja ihrer Umgebung entgegenbrachten, und die besseren
Kenntnisse, die sie von ihr besassen. Whrend wir von den Bahau
bei der topographischen Aufnahme des Mahakam nicht einmal die Namen
der wichtigsten Berge und Flsse in der Umgegend erfahren konnten,
fhrte mich der Kenjafrst _Bui Djalong_ auf den Gipfel eines Berges
und nannte mir bis zum Horizont zu alle Namen der Berge, auch derer
im Mahakamgebiet, die wir unterscheiden konnten; er gab die zu den
verschiedenen angrenzenden Gebieten fhrenden Wege an, ebensogut als
dies ein Europer getan haben wrde.

Bei niedrigstehenden Vlkern ohne Schrift geht die Erinnerung an
frhere Ereignisse gewhnlich schnell verloren, so wussten die Bahau
kaum noch etwas ber ihre Vorfahren, die Kenja dagegen kannten sogar
noch die berlieferungen der Bahau aus der Zeit, wo auch sie noch in
Apu Kajan wohnten.

Mit ihrer strker entwickelten Psyche stehen bei den Kenja auch
Erscheinungen in Verbindung, die auf eine krftigere Behauptung der
Persnlichkeit ihrer Umgebung gegenber schliessen lassen. So sind sie
mutiger als die Bahau und ben daher nicht deren hinterlistige, feige
Art der Kriegsfhrung. Sie kmpfen, wie bereits gesagt, in Banden, Mann
gegen Mann, wobei hauptschlich das Schwert gebraucht wird und erst
der Tod vieler Kmpfer die Schlacht beendet. Obgleich auch bei ihnen
Kopfjagden blich sind, so treten sie doch mehr in den Hintergrund und
zeugen auch mehr von persnlichem Mut. Ich erinnere hier an den Fall,
wo ein junger Kenjahuptling bei einem Besuche am Mahakam whrend
eines Kriegstanzes einem der zahlreichen Zuschauer pltzlich den Kopf
abschlug und mit diesem die Flucht ergriff. Verrterisch war diese
Tat sicher, aber es gehrte doch Mut dazu, um sie auf einer grossen
Galerie unter vielen Menschen auszufhren.

Wohnt man unter den Bahau, so ist es einem rgerlich mit anzusehen,
wie sie sich von den Malaien ausbeuten lassen, die auf ihre Kosten
von Betrug, Diebstahl und Grabschndung leben. Die Kenja sind weniger
langmtig; wenn die Malaien es zu arg bei ihnen treiben, werden sie
einfach niedergemacht. Infolge ihres grossen Misstrauens gegen uns
und die eigenen Stammesgenossen brachten wir die Bahau nur ab und zu
einmal unter 4 Augen zu einer freien usserung ihrer Gedanken; einen
unvergesslichen Eindruck auf uns Europer machte dagegen das offene
Auftreten der Kenja bei ihren politischen Versammlungen, wo so wichtige
Angelegenheiten wie das Zusammengehen mit dem Radja von Serawak oder
der niederlndischen Regierung ffentlich behandelt wurden.

Eigentmlich ist es zu verfolgen, welchen Einfluss das lebhaftere,
mutigere, rohere und weniger empfindliche Wesen der Kenja auf
deren Zusammenleben gebt hat. Whrend die Bahau am Mahakam eine
ganz unzusammenhngende Gruppe von Stmmen bilden, in welchen jedes
Individuum sich frei und berechtigt fhlt, den eigenen Vorteil als das
Hchste zu betrachten, wodurch die Huptlinge machtlos sind und auf die
gemeinsamen Stammesinteressen keinen Einfluss ausben knnen, bilden
die Kenjastmme ein zusammenhngendes Ganzes unter der anerkannten
Oberherrschaft eines Stammes und eines Oberhuptlings und jedes Glied
fhlt sich abhngig und verantwortlich fr die Interessen der anderen.

In der geordneteren Gesellschaft der Kenja machte sich auch deren
hhere Moral mehr geltend. Ihre Huptlinge waren selbstloser,
besassen mehr sittlichen Mut und genossen mehr Vertrauen seitens
ihrer Untertanen. Wagten die Bahauhuptlinge z.B. nicht, bei einer
Lhnung ihrer Stammesgenossen in Form von verschiedenen Artikeln die
Austeilung vorzunehmen, so rechneten die Kenjahuptlinge ohne Furcht
vor Unzufriedenheit und Streitigkeiten selbst aus, wieviel jedem zukam,
und fhrten dann die Verteilung im eigenen Hause aus.

Als sich bei meiner Rckkehr zum Mahakam Hunderte von Kenja zu
meiner Begleitung vorbereiteten, mussten die meisten von ihnen wegen
schlechter Vorzeichen zurckkehren; auch die Huptlinge htten dies tun
mssen, doch schickten sie nur ihre Untertanen zurck und gingen selbst
mit wegen der Wichtigkeit einer Fortfhrung der Unterhandlungen. Bei
den Bahau htte kaum je ein Huptling sich verpflichtet gefhlt,
die allgemeinen Interessen zu vertreten, vollends bei ungnstigen
Vorzeichen.

Auch das Betragen ihrer Untertanen unterwegs war ganz anders als
bei den Bahau. Die 80 Kenja, denen es doch noch gelang, alle guten
Zeichen zu finden und mitzufahren, bildeten, obgleich sie aus
verschiedenen Drfern stammten, auf der Reise eine Gemeinschaft,
die ihre Lebensmittel gemeinsam verbrauchte und sogar mit uns und
unseren Bahau teilte, als unser Vorrat erschpft war; auch vertrauten
sie meiner Versicherung, ihnen am Mahakam neue Lebensmittel kaufen zu
wollen. Die zahlreichen Gruppen meines Bahaugeleites dagegen teilten
niemals freiwillig ihren Reis und, als meine Malaien auf der Hinreise
in grosse Reisnot gerieten, suchten sie aus dieser kritischen Lage
ihren Profit zu ziehen.

Trotz der sehr grossen Vorteile, die die Bahau aus unserem Aufenthalt
bei ihnen zogen, gaben sie mir, wie schon gesagt, hchst selten
ein Zeichen von Dankbarkeit, nur schenkten sie mir ein grsseres
Vertrauen als anderen Fremden. Als ich dagegen einen Kenjastamm nach
sechstgigem Besuch verliess, kam die Familie des Huptlings, um sich
bei mir fr alles zu bedanken, was ich ihrem Stamm an Tauschartikeln,
Geschenken und Arzneien gegeben hatte.

Die krftigere Persnlichkeit der Kenja ussert sich auch noch
in dem Grade, in welchem ihre religisen Begriffe auf ihr Leben
einwirken. Wie auch nicht anders zu erwarten ist, lassen sich diese
krperlich und geistig krftigeren Stmme um ihres Glaubens willen die
auf ihr Bestehen drckenden Bande der _pemali_ und Vorzeichen nicht so
geduldig gefallen, wie die krperlich und geistig schwcheren und daher
ngstlicheren Stmme. Der Unterschied zwischen Bahau und Kenja ist
hierin am bemerkenswertesten. Beide Stammgruppen haben ja den gleichen
Gottesdienst und ihre _pemali_ und Vorzeichen sind im Grunde dieselben,
nur sind diese bei den Bahau mehr bis in Kleinigkeiten entwickelt als
bei den Kenja. Unter ersteren sind alle Erwachsenen verpflichtet,
den _pemali_ streng nachzuleben, unter letzteren ist dies mehr den
Priestern aufgetragen, so dass die Masse der Bevlkerung sich freier
bewegen kann. Bei den Bahau z.B. darf niemand Hirschfleisch essen,
bei den Kenja ist dieses nur den Priestern verboten. Whrend die Bahau
sich bei ihrem Reisbau nur wenig nach Trockenheit und Regen oder
nach dem Zustand ihrer Felder richten, sondern alle Stammesglieder
sich dem Huptlinge fgen, der die erforderlichen Zeremonien fr
bestimmte Feldarbeiten verrichten lsst, beachten die Kenja diese
sehr hinderlichen und nachteiligen Vorschriften nur in viel geringerem
Masse. Zwar lsst auch bei diesen der Huptling die ntigen Zeremonien
ausfhren, doch ist dann jeder frei, mit seinem Felde vorzunehmen,
was ihm gutdnkt, wodurch die Ernteaussichten wesentlich gebessert
werden. Die Bahau klammern sich ganz allgemein viel ngstlicher an
ihre _pemali_ als die Kenja. Trotz eines jahrelangen Zusammenwohnens
mit jenen fhlte ich mich doch verpflichtet, mich ebenso streng an
ihre Auffassungen zu halten wie sie selbst. Nur in sehr dringenden
Fllen wagte ich, in ihrer Verbotszeit auf Reisen zu gehen oder einen
Kranken zu empfangen und war daher ebenso wie sie von der Aussenwelt
abgeschlossen. Ihre eigenen Dorfgenossen liessen sie einst nach einem 8
monatlichen Zuge bei der Rckkehr lieber im Walde bleiben und hungern,
als dass sie das _lali_ im Dorf geschndet htten, indem sie die
Heimkehrenden einliessen oder ihnen Essen brachten. Als ich dagegen,
wie in der Reiseerzhlung berichtet, mit meinen Begleitern bei den
Kenja ankam, und im Hause des vornehmsten Huptlings ebenfalls _lali_
herrschte, liess er fr die priesterliche Familie, die sich in seinem
Hause befand und die Haupttrgerin der _pemali_ bildete, schnell ein
neues Haus bauen, wonach er uns bei sich aufnehmen durfte. hnliche
Beispiele sind an anderer Stelle bereits erwhnt worden.

Die Kenja suchen vor jeder Unternehmung ebenso gewissenhaft wie die
Bahau nach guten Vorzeichen, aber sobald diese mit den Forderungen des
Augenblicks in Konflikt geraten, wagt man sie zu vernachlssigen. Droht
eine Gefahr, liegt z.B. der Feind in der Nhe versteckt, so achten
die Kenja berhaupt nicht auf die Omina. Wir sehen also, dass bei den
Bahau die strengere Befolgung eines entwickelteren Systems religiser
Gebruche gleichen Schritt hlt mit ihrem Rckgang in vielen physischen
und psychischen Eigenschaften.

Auf Grund der vorhergehenden Ausfhrungen glaube ich fr die Dajak
von Mittel-Borneo bewiesen zu haben, dass ihre geringe Volksdichte
hauptschlich von den ungnstigen hygienischen Verhltnissen, unter
denen sie leben, und ihrem niedrigen Entwicklungsstandpunkt abhngig
ist, ferner, dass diese Umstnde nicht nur in krperlicher sondern
auch in geistiger Hinsicht hchst nachteilige Folgen fr sie gehabt
haben. Eine krftige Sttze fr diese Behauptung fanden wir in den
Kenja, die, was die Bevlkerungszahl und geistige Entwicklung betrifft,
so viel gnstigere Verhltnisse aufweisen, was schwerlich, einem
anderen Umstand zugeschrieben werden kann, als der hheren Lage ihres
Wohnplatzes, wo vor allem die Malaria so viel weniger heftig auftritt.





KAPITEL XVII.

    Verhltnis zwischen der dajakischen, malaiischen und europischen
    Rasse auf Borneo--Malaiische Regierungsprinzipien--Einfluss der
    Malaien auf konomischem und religisem Gebiet--Unterdrckung
    und Ausbeutung der dajakischen Stmme durch die malaiischen
    Frstenfamilien--Degeneration der ursprnglichen
    Bevlkerung--Furcht der Dajak vor den serawakischen
    Stmmen--Segensreicher Einfluss einer europischen
    Verwaltung--Grndung des Frstentums Serawak unter _James Brooke_
    und die gnstigen Resultate von dessen Wirksamkeit.


Die an den West-, Sd- und Ostksten von Borneo wohnenden Stmme
gehren der malaiischen Rasse an. Obgleich sie in manchen Gegenden
sich stark mit fremden Elementen vermengt haben, wie mit Javanern
(Sdkste), Buginesen und Arabern (Westkste), Buginesen und Toradjas
(Ostkste), treten bei den Bewohnern der an den Ksten gelegenen
Frstentmer in Sprache, Sitten und Gebruchen die malaiischen
Eigentmlichkeiten noch stark hervor. Anders verhlt es sich an den
grossen Strmen, lngs welchen sich die Malaien, die vorzugsweise
Hndler sind, bis tief ins Innere niedergelassen haben. An diesen
Handelswegen grndeten sie an der Mndung grsserer Nebenflsse
Niederlassungen, so entstanden am Kapuas Tajan, Sanggau, Sekadau,
Sintang, Binut und zahlreiche andere.

Die kleinen, durch stndige Fehden unter einander entzweiten
dajakischen Stmme waren den energischeren Malaien, unter denen die
Einheit der Sprache und des Gottesdienstes ein festeres Band bildete,
nicht gewachsen, und die Lage ihrer Niederlassungen ermglichte es
den Malaien, bei der Abwesenheit von Landwegen, den Handelsverkehr
mit den flussaufwrts wohnenden Dajak vollstndig zu beherrschen. Die
malaiischen Frsten erhoben auf die ein- und ausgefhrten Handelswaren
hohe Steuern, auch unterwarfen sie sich die benachbarten Dajakstmme,
so weit als dies ohne grosse Kosten geschehen konnte. Da die
malaiischen Frsten sich ausschliesslich zum pekuniren Vorteil mit
dem eigenen Volk und den unterworfenen Stmmen befassen, reicht die
Unterwerfung der dajakischen Stmme in der Regel nicht hoch an die
Nebenflsse hinauf; kostet es keine Opfer, so werden die Drfer der
Eingeborenen oft genug gebrandschatzt, obgleich sich die Dajak bereits
auf mglichst grosse Entfernung von den Malaien zurckgezogen haben.

Von Interesse ist, dass sich die Malaien die Ausbreitung des Islams
unter den Dajakstmmen sehr wenig angelegen sein lassen; den Frsten
wre sie sogar sehr unerwnscht, da sie aus heidnischen Untertanen
ein viel grsseres Einkommen ziehen knnen als aus ihren eigenen
Glaubensgenossen. Doch trgt die Anwesenheit der Malaien trotzdem viel
zur Verbreitung des Islams bei, weil sie sich oft mit dajakischen
Frauen verheiraten, die zu diesem Zweck Mohammedanerinnen werden
mssen; ferner denken die Dajak, dass auch die Religion von Menschen,
denen eine grssere Weltkenntnis eigen ist und die im Besitze der
Produkte hherer Kulturvlker sind, mehr wert sein msse als die
ihrige; das hochmtige Benehmen der Malaien gegenber den Helden
bestrkt diese noch in dieser Meinung. So kommt es, dass die Dajak
ziemlich leicht zum Islam bergehen, was fr sie auch sehr einfach
ist, da von einer inneren berzeugung von den hheren Vorstellungen,
welche drem Islam zu Grunde liegen, nicht die Rede zu sein braucht und
sie beim bertritt eigentlich nur auf den Genuss von Schweinefleisch
verzichten und die Glaubensformel nachsprechen mssen. Dem gegenber
geniesst der Dajak den Vorteil, nicht nur Mohammedaner, sondern
nach der Volksauffassung zugleich Malaie geworden zu sein. Der
Name Malaie erhlt hierdurch fr die borneoschen Binnenlande eine
besondere Bedeutung, insofern als in der dortigen Bevlkerung alle
Blutmischungen von rein malaiischer bis zu rein dajakischer Rasse
vertreten sind. Natrlich verhlt es sich ebenso mit den Sitten und
Gewohnheiten und dem Glauben.

Die Ausbreitung der malaiischen Frstentmer ist an den verschiedenen
Ksten nicht gleich weit in die Binnenlande vorgedrungen. Am
weitesten ist dies an der Westkste geschehen, wo die Malaien sich
so hoch den Kapuas hinauf niederliessen, als der Fluss das ganze
Jahr ber fr Handelsfahrzeuge schiffbar ist. Im Sden nehmen sie
nur das Mndungsgebiet der Flsse ein, ausser am Barito, wo das einst
mchtige Reich der Sultane von Bandjarmasin sich sehr weit am Unterlauf
ausstreckte und wo die in der zweiten Hlfte des vorigen Jahrhunderts
von den Niederlndern gegen diese Frstenfamilie gefhrten Kriege diese
und ihren Anhang immer hher den Fluss hinauf trieben bis in das noch
unerforschte Quellgebiet des Murung. Die malaiischen Reiche im Osten
der Insel sind auf die Kstenstreifen beschrnkt, mit Ausnahme des
mchtigen Sultanats von Kutei, das sich bis zum Mujub hinauf ausdehnt.

Was die Unterwerfung von Stmmen und die hieraus erwachsenden
Herrscherrechte betrifft, so huldigen die Malaien der hchst
eigentmlichen Auffassung, die brigens nicht auf Borneo beschrnkt
ist, dass jedem malaiischen Frsten, der im stande ist, sich an einer
Flussmndung zu halten und dort den Handelsmarkt zu beherrschen, das
ganze Gebiet des betreffenden Stromes zugehrt und dass alle Stmme,
die an diesem wohnen, ihm tributpflichtig sind. Diese Auffassung ist
insofern praktisch sehr wichtig, als die Frsten beim Abschluss eines
politischen Kontrakts diese Ansprche stets den Europern gegenber
geltend gemacht haben, und da diesen fters die wahren Verhltnisse
an den Flussoberlufen gnzlich unbekannt waren und sie die Macht
der Malaien sehr berschtzten, sind hierdurch Kontrakte geschlossen
worden, die berhaupt nicht auf einen tatschlich bestehenden Zustand
gegrndet sind.

Von grosser Bedeutung fr den Einfluss, den die Malaien auf die
ursprnglichen Dajak ausgebt haben, ist der Umstand, dass infolge der
starken europischen Nachfrage nach Waldprodukten die Malaien tiefer
und tiefer ins Innere gedrungen und gegenwrtig beinahe berallhin
gelangt sind, wenn man auch in Mittel-Borneo nur mit malaiischen
Individuen und nicht mit malaiischen Reichen zu rechnen hat.

Untersuchen wir im folgenden, ob dem malaiischen Volkswesen, das
so viele Jahrhunderte mit Kulturvlkern in Berhrung gewesen ist,
wie man erwarten sollte, in der Tat ein so viel hherer Grad der
Entwicklung eigen ist als dem dajakischen und in wie weit es auf
letzteres frdernd hat wirken knnen.

An der Westkste, wo die Sultanate von Sambas und Matan sich fast
selbstndig haben entwickeln knnen, finden wir eine malaiische
Bevlkerung, die am liebsten von Handel und Fischfang (frher auch von
Seeruberei) lebt, die sich nur im Notfall mit Ackerbau beschftigt
und auf industriellem Gebiet wenig produziert. Obgleich die Malaien auf
ihren Handelsreisen stndig mit hher entwickelten Vlkern in Berhrung
kamen, steht in Sambas der Ackerbau doch noch auf der gleichen
niedrigen Stufe wie bei den im tiefsten Innern wohnenden Dajak. Hier
lernte ich zum ersten Mal das Fllen und Verbrennen von Wald und Busch
und das Pflanzen von Reis, Mais, Bataten und Zuckerrohr in den mit
Asche bedeckten Boden kennen. Der Acker erfhrt hierbei keine andere
Behandlung, als dass mit einem zugespitzten Holzstock Lcher in den
Boden gestossen werden, in weiche spter die Saat gelegt wird; beim
Pflanzen von Zuckerrohr werden kleine Erdhaufen aufgeworfen. Jhrlich
oder alle 2 Jahre werden auch bei den Malaien die Felder verlegt;
sie entschliessen sich jedoch nur schwer, zur Anlage eines neuen
Ackers Urwald zu fllen, und begngen sich mit einem Boden, der mit
hchstens 5-6 Jahre altem Strauchwerk bewachsen ist. Was das Gewerbe in
Sambas betrifft, so wird fast alles Eisenwerk und Kattun eingefhrt;
an Gegenstnden, deren Verfertigung Geschicklichkeit und Geschmack
erfordert, findet man nur einige Webereiartikel in Kattun und Seide,
verziert mit Goldstickerei, und einige Kupferarbeiten. In einigen
Drfern waren die Huser allerdings aus festem Holz gebaut, aber
von einer behaglichen Einrichtung und schn verziertem Hausgert war
nichts zu erblicken. Beim Eintritt ins Haus fallen nur geschmacklose,
aus europischen Stoffen verfertigte Moskito-Gardinen, einige Koffer
und etwas Kupfergert ins Auge. Herrscht an grsseren Orten bei einigen
Familien eine gewisse Wohlhabenheit, so hat man es stets mit Arabern
oder Bandjaresen, die Grosshandel treiben oder getrieben haben, zu tun.

Htten die Malaien Anlage und Lust, sich mit Kunst und Geschmack eine
behagliche Umgebung zu schaffen, so wrde man hiervon am ehesten in
den Sultansfamilien, die aus dem Lande der Dajak so grosse Apanagen
beziehen, etwas merken. Aber auch in diesen Husern findet man,
ausgenommen den mit europischen Mbeln ausgestatteten Empfangssaal
des Palastes, nur weisse, gewhnlich nur mit Kalk bestrichene Wnde
und das notwendigste, oft schlecht unterhaltene Hausgert.

Arbeitsscheu und Spielsucht sind die Haupthindernisse fr die Wohlfahrt
der Malaien. Sie sind zwar imstande, durch Not gezwungen eine Zeitlang
angestrengt zu arbeiten, aber sobald der Antrieb aufhrt, ziehen Spiel
und Nichtstun sie mit doppelter Macht wieder an. Der starke Hang der
Mnner zum Umherschweifen und die niedrige Stellung, welche die Frau
bei ihnen einnimmt, hat ausserdem zur Folge, dass die Arbeitslast
bisweilen ganz auf den Schultern der Frau ruht.

Die Bevlkerung von Sambas steht indessen, wahrscheinlich weil sie
zur Zeit der Seeruberei stark mit Bandjaresen und anderen Elementen
vermischt worden ist, noch auf einer hheren Entwicklungsstufe als
diejenige am Kapuas, deren baufllige, schmutzige Huser sofort ins
Auge fallen. Noch schlimmer steht es bei den malaiischen Bewohnern
in Kutei mit den Wohnungsverhltnissen.

Somit scheint der Malaie, wo er nicht mit anderen Rassen sich
vermischt hat, wenig entwicklungsfhig; in Gegenden dagegen, wie die
"Zuider-Afdeeling" von Borneo, wo in frheren Jahrhunderten eine grosse
Anzahl Javaner in der malaiischen Bevlkerung aufging, ist diese durch
fleissigen Betrieb von Ackerbau und Industrie wohlhabend und dicht
geworden. Die tchtigsten Elemente findet man auf Borneo stets da,
wo Bandjaresen sich niedergelassen haben.

Hat es sich im Vorhergehenden gezeigt, dass die Malaien auf Borneo an
Bildung und Wohlstand nicht besser daran sind als die ursprngliche
Bevlkerung, so stehen wir jetzt vor der Frage, in wie weit jene
als Moslemin einem hheren Glauben huldigen, als die Dajak, da es
fr diese von grosser Bedeutung wre, wenn sie durch die Berhrung
mit den Malaien wenigstens zum Teil von ihrem usserst nachteiligen
Glauben an Geister, _pemali_ u.s.w. befreit wrden.

Selbst unter den hchstentwickelten Vlkern des indischen Archipels,
z.B. den Javanern, hat die Einfhrung des Islams auf die Wohlfahrt
der grossen Masse nur einen geringen Einfluss ausgebt, weil diese
selbst dort noch in ihrem Tun und Lassen stark von animistischen
Vorstellungen ber sich selbst und ihre Umgebung beherrscht wird,
die aus der malaio-polynesischen Periode vor der Ausbreitung
des Hinduismus und spter des Islams herstammen. Nur sind dort
gegenwrtig beim Gottesdienst Hindu- und mohammedanische Namen und
Zeremonien gebruchlich, whrend man in heidnischen Gegenden mehr
malaio-polynesische antrifft. Hierdurch ist es mglich, dass die
grosse Masse der Bevlkerung, die den wahren Islam nicht kennt, sich
nichtsdestoweniger als seine treuen Bekenner betrachtet. Diejenigen,
die sich in einem hochstehenden indischen Gemeinwesen, wie das der
Javaner, mehr oder weniger mit dem Studium mohammedanischer Schriften
befasst haben, besitzen hierber richtigere Vorstellungen, aber die
berzeugung dieser wenigen bt auf die Auffassung des geringeren
Mannes und auf seine Handlungen nur einen unbedeutenden Einfluss aus.

Unter den Malaien auf Borneo hat der Hinduismus lange nicht so
stark geherrscht als auf Java, obgleich sie sich als echte Moslemin
betrachten, entbehren die Malaien sogar in den Kstenstaaten der
Wohlhabenheit, um einen gelehrten Stand aufkommen zu lassen, und der
entwickelnde Einfluss, den die Religion der Hindu und Mohammedaner
htte ausben knnen, fehlt hier in noch hherem Masse als auf
Java. Bercksichtigt man ferner das oben ber die Blutmischung der
Borneo-Malaien Gesagte, so erregt es keine Verwunderung, dass die
Mohammedaner, wenigstens die im Innern Borneos, auch durch ihren
Gottesdienst keinen zivilisierenden Einfluss auf die Dajak ausben
knnen und in der Tat auch nicht ausgebt haben. Der zum Islam
bergetretene Dajak wird im Gegenteil sehr bald wie die brigen
Mohammedaner und verachtet seine noch Schweinefleisch essenden
Stammesgenossen, glaubt sich berechtigt, diese auf die gewissenloseste
Weise zu betrgen, und folgt seinen neuen Glaubensbrdern bald in
der Leidenschaft fr Spiel, Hahnenkmpfe und dergleichen.

Fr das Verhltnis, in welchem die unterworfenen dajakischen Stmme
zu den malaiischen stehen, ist die Regierungsform der letzteren von
besonderem Gewicht. Jedes malaiische Reich auf Borneo, auch wenn es,
wie am Mittel-Kapuas, nicht viel mehr Niederlassungen umfasst als ein
oder mehrere Drfer, wird von einem Frstenhaus regiert. Die Frsten
tragen verschiedene Namen wie Sultan, Panembahan, Pangeran u.s.w.,
doch leiten diese sowie ihre Familienglieder aus ihrer Wrde alle
das Vorrecht ab, dass sie auf Kosten der Masse des Volks so faul und
ppig leben drfen, als die Umstnde es einigermassen zulassen. In
diesen Reichen hat sich der Begriff einer Verantwortung von Frst
oder Regierung dem Volk gegenber noch nicht herausgebildet, von
einem Regieren in dem Sinn von Verwalten, von einer Leitung der
Volksentwicklung ist denn auch nicht die Rede und als Richtschnur
in allen Regierungsangelegenheiten gilt nur die Erpressung eines
mglichst grossen Einkommens aus der Bevlkerung.

Trotz der in der Regel grenzenlosen Verschwendung und dem ungezgelten
Leben der Frstenfamilien htte deren Regierung nicht den hchst
verderblichen Einfluss auf jeden Fortschritt ausben knnen, wie es in
Wirklichkeit der Fall ist, wenn nicht in Folge der mohammedanischen
Vielweiberei die Nachkommenschaft der Frsten so zahlreich geworden
wre, die auch, wenn sie bereits den untersten Gesellschaftsschichten
angehrt, ihrer Verwandtschaft noch Rechte zu entlehnen wagt. Hierdurch
sind auch rechtschaffene malaiische Frsten, die eine hhere
Vorstellung von den Pflichten eines Regenten besitzen und die den
Vorteil einer Entwicklung ihres Reiches einsehen, gezwungen, bei der
Regierung stets das Hauptaugenmerk auf das Einkommen ihrer Familie
zu richten; auch dann noch mssen sie aus Mangel an Mitteln ihre
entferntesten Blutsverwandten hufig sich selbst berlassen. Diese
trachten dann, auf ihre hohe Verwandtschaft gesttzt, auf alle
Weise, nur nicht durch Arbeit, ihren Unterhalt zu gewinnen, und den
meisten Malaien und Dajak fehlt der Mut, sich ernsthaft gegen ihre
Erpressungen aufzulehnen. Da es den Frsten selbst an den ntigen
Mitteln zu einem kraftvollen Auftreten gegenber diesen schlechten
Elementen mangelt, mssen sie dieses auch fr sie selbst nachteilige
Treiben stillschweigend mit ansehen; die nheren Blutsverwandten des
Frsten erhalten fters Teile des Reiches als Apanage und leben dann
mit ihren Familien von dem Einkommen, das sie durch feste Steuern
oder die noch viel drckenderen willkrlichen aus der Bevlkerung zu
erpressen suchen.

Unter diesen aus der malaiischen Herrschaft entstehenden Zustnden
leiden am schwersten die direkt unterworfenen dajakischen Stmme. Von
dem Los, das diesen in den grossen malaiischen Reichen zu Teil wird,
knnen wir uns nach den Verhltnissen, die z.B. an den Westksten
in Sambas und Matan herrschen, eine Vorstellung machen. Auch im
Sultanat von Sambas ist alles Land grsstenteils als Apanage an die
Sultanssprsslinge verteilt. Die Dajak mssen hier eine nicht sehr
hohe Steuer in Gestalt von Naturalien aufbringen, doch wird diese
Summe dadurch bedeutend erhht, dass der von ihnen gelieferte Reis
z.B. in viel zu grossem Mass in Empfang genommen wird, whrend das
Salz, der Tabak und bei Hungersnot auch der Reis, die sie von ihren
Herren zu kaufen verpflichtet sind, mit viel kleinerem Mass gemessen
werden. Am schwersten drcken die Dajak jedoch, wie gesagt, die ihnen
willkrlich auferlegten Steuern, wie Lieferungen von Baumaterial,
Bten, Lebensmitteln und persnliche Dienste, welche die Malaien
so weit schrauben, als es mglich ist, ohne dass ihre Sklaven dabei
vllig zu Grunde gehen.

Ausserdem unterlassen es die Steuereinnehmer und anderen Trabanten
der malaiischen Herrscher nicht, die Dajak auch noch in ihrem
eigenen Interesse zu bestehlen. Wie weit die Anmassung dieser
Leute gehen kann, davon berzeugte ich mich einst selbst auf einer
Inspektionsreise in Sambas, fr welche mir der Sultan seinen Aufseher
mitgegeben hatte. Als wir in einem trockenen Flussbett eine lagernde
Dajakgesellschaft antrafen, unter welcher sich eine Frau befand mit
einer schn gestickten Mtze auf dem Kopf und einer ebenso schnen
Jacke im Tragkorbe, riss der Aufseher der Frau einfach die Mtze vom
Kopf und nahm ihr die Jacke aus dem Korbe, ohne dass einer der Dajak
etwas einzuwenden wagte. Der Mann fand sein Betragen so natrlich, dass
ich ihn nur mit Mhe dazu brachte, die Sachen zurckzuerstatten. Dies
geschah, trotzdem sich der Assistenz-Resident und der Sultan in
derselben Gegend aufhielten.

In Matan, einem im sdlichsten Teile der Wester-Afdeeling gelegenen
Staate, fand ein Kontrolleur einst auf einer Reise ins Innere in
einer inlndischen Herberge einen Erlass des Sultans angeschlagen,
in dem geschrieben stand, dass es den Malaien verboten sei, Dajak zu
tten oder deren Hab und Gut zu vernichten.

Was von den ursprnglichen Dajak bei dieser Jahrhunderte dauernden
Knechtschaft brig geblieben ist, kann man sich leicht vorstellen: sehr
arme, schwache Stmme, die fr Wohnung und Kleidung das schlechteste
Material gebrauchen und die krperlich und geistig weit hinter ihren
Blutsverwandten tiefer im Binnenlande zurckstehen. Da, wo die Malaien
ihre Macht ber die Dajak nur der Lage ihrer Niederlassungen an den
Flussmndungen verdanken, von wo aus sie die einzigen Handelswege
beherrschen, sind nur die unmittelbar benachbarten Stmme mehr oder
weniger steuerpflichtig, die hher hinauf wohnenden tatschlich
unabhngig. Doch werden auch sie durch Banden betrgerischer Hndler
ausgebeutet. Ab und zu treiben es die Malaien so arg, dass auch die
Dajak die Geduld verlieren und einige Vertreter dieser gehassten Rasse
niedermachen. Ein derartiger Vorfall bildet fr die mit Gewehren
bewaffneten Malaien, die ausserdem noch die ihnen kontraktlich
zugesagte Hilfe des niederlndischen Gouvernements beanspruchen,
einen erwnschten Anlass, um durch Plnderung und Busse aus den Dajak
noch eine Extraeinnahme zu erpressen.

Es ist klar, dass ein Staat, der seine Untertanen derartig behandelt,
auf die im ganzen Stromgebiet wohnenden Stmme keinen Anspruch zu
erheben hat. Trotzdem glaubt z.B. der Panembahan von Sintang der
gesetzliche Herrscher des ausgedehnten Stromgebietes des Melawie zu
sein, obgleich auch er keinerlei Verwaltung ber die dort ansssigen
Stmme ausbt und sich nur soweit um das Land bekmmert, als er und
seine zahlreichen Familienglieder, je nach den zufllig herrschenden
Zustnden, mehr oder weniger Profit aus ihnen ziehen.

Den Hass der dort lebenden noch krftigen und wohlhabenden Dajak
gegen die Malaien bentzte ein energischer Dajakhuptling aus Nanga
Serawai am Melawie, namens _Raden Paku_, 1895, um die dajakische
Bevlkerung gegen die sintangsche Herrschaft aufzuhetzen. Er hatte
wegen frherer hnlicher Versuche in Pontianak gefangen gesessen und
war dann nach Sintang entflohen. Seinen Landsleuten erzhlte er, dass
die niederlndisch-indische Regierung ihn als ihren Reprsentanten
unter ihnen angestellt habe; als Beweis wies er ein Dokument vor
in Gestalt einer mit vielen Medaillen bedruckten Rechnung fr
Photographien auf den Namen des damals in Nanga Pinau am Melawie
wohnhaften Kontrolleurs. Der lebhafte Wunsch der Dajak, unter eine
gesetzmssige, gerechte niederlndische Verwaltung zu kommen und
_Raden Pakus_ Einfluss brachten einen zeitweiligen Bund der Stmme
am oberen Melawie zustande, und das erste, was sie taten, war, dass
sie einige malaiische Niederlassungen am Hauptstrom belagerten und
die sintangschen Beamten vertrieben. Der Panembahan selbst war vllig
machtlos und wandte sich an den Residenten der "Wester-Afdeeling" um
Hlfe. Dieser war der Ansicht, dass eine Befestigung der malaiischen
Herrschaft unter den Dajak die Ruhe in diesen Gegenden am besten
sichern wrde, und rstete und begleitete daher selbst Ende 1895 und
Anfang 1896 eine militrische Expedition an den oberen Melawie. Mit
Hlfe der Tebida-Dajak vom unteren Melawie unter Anfhrung einiger
Kontrolleure wurde der Aufstand unterdrckt und _Raden Paku_ gefangen
genommen, wodurch die Macht des Panembahan von Sintang grsser als je
zuvor wurde. Statt nun einen Versuch zu einer tatschlichen Verwaltung
des Landes zu machen, wie man es von ihm erwartete, waren er und seine
Familienglieder ausschliesslich darauf aus, noch drckendere Steuern
als vorher zu erheben. Auch hatte er noch die Dreistigkeit zu bitten,
dass der europische Beamte fr ihn die Steuern erheben mchte, weil
es ihm zu gefhrlich und kostspielig schien, es auf die Dauer selbst
zu tun. Hierauf liess sich denn doch die Regierung nicht ein.

Auch im stlichen Teil der Insel wird die Selbstndigkeitszeit
und Kultur der Dajak durch malaiischen Einfluss immer mehr
untergraben. Lange Zeit musste sich das Sultanat von Kutei hinsichtlich
der Bahau, deren Niederlassungen erst weiter oben beginnen, mit der
Rolle begngen, welche die kleinen malaiischen Frsten an der Mndung
der Kapuasnebenflsse spielten.

Da es fr die Sultane nicht vorteilhaft war, sich mit den noch
krftigen Bahau in einen Kampf einzulassen, gaben sie sich damit
zufrieden, das ganze Stromgebiet des Mahakam in der Theorie als ihr
Eigentum zu betrachten, und gingen selbst so weit, auch das Land
oberhalb der Wasserflle als ihnen zugehrig anzusehen mit demselben
Recht, wie der Verstorbene Resident _Tromp_ sich ausdrckte, als wenn
die Niederlnder auf die Schweiz Anspruch erheben wollten.

Nachdem jedoch der Vorrat an Waldprodukten im eigenen Reich erschpft
war, liess der 1899 verstorbene Sultan es sich angelegen sein, auch
ber die weiter oben wohnenden Bahau und ihre noch ungeplnderten
Wlder seine Macht auszubreiten.

Die zwischen Long Bagung und Long Tepai gelegenen beiden Reihen grosser
Wasserflle und Stromschnellen, die nur unter gnstigen Umstnden
passierbar sind, schtzten die oberhalb derselben wohnenden Dajak
vorlufig vor der Herrschsucht des Sultans, dagegen konnte sich die
unterhalb der Wasserflle lebende Bevlkerung dem kuteischen Treiben
nicht vllig entziehen. Seitdem sich diese Stmme vor 2 Jahrhunderten
hier niederliessen, sind sie an Zahl und Strke sehr zurckgegangen.

Sie waren hier viel mehr den ansteckenden Krankheiten, wie Cholera
und Pocken, die sich von der Kste aus bei ihnen verbreiteten,
ausgesetzt. Solange sich ihre Huptlinge jedoch ernstlich den Malaien
widersetzten, wagten sich nur wenige Kaufleute aus Kutei ins Land
der Bahau. Es glckte jedoch dem Sultan, die wichtigsten Huptlinge
der Bahau mit ihrem Gefolge zu einer Beratung ber einen Palastbau
nach Tengaron zu locken. Als diese arglos und nach ihrer Sitte mit
Frauen und Kindern dort angelangt waren, verwendete sie der Sultan
zum Palastbau und hielt sie unter allerhand Vorwnden und auch mit
Gewalt so lange in Tengaron zurck, bis sie alle an Cholera und anderen
Krankheiten starben oder sterbend in ihr Land zurckkehrten. 10 Jahre
spter, 1897, starb _Si Ding Ledj_, der letzte Bahauhuptling von
Ana, der auf die Stmme unterhalb der Wasserflle noch den grssten
Einfluss besass und bis zu seinem Tod dem Sultan von Kutei Widerstand
geleistet hatte. In den letzten Jahren seiner Oberherrschaft hatte sich
eine Kolonie Buschproduktensucher unter einigen Frstenabkmmlingen
aus Kutei an der Mndung des Pari, eines Nebenflusses des Mahakam,
im Lande der Bahau niedergelassen, um dieses auszubeuten. Zu gleicher
Zeit und zum gleichen Zweck trafen auch Banden aus den Baritolanden,
unter denen sich auch viele halb mohammedanische Dajak befanden,
am Mahakam ein. Wie ich Anfang 1897 zu beobachten Gelegenheit hatte,
wurden die Vergehen, deren sich diese Banden schuldig machten, durch
_Si Ding Ledjs_ noch einigermassen in Schranken gehalten; doch klagten
die lteren Leute bereits damals ber den schlechten Einfluss, den das
Treiben dieser Leute auf das Leben der Bahau ausbte. Seit dem Tode
_Si Ding Ledjs_ verbreitete sich jedoch eine immer grssere Zahl von
Glcksrittern aus Kutei ber das Land, und 1899, bei meiner zweiten
Reise flussabwrts, fiel es mir auf, wie schnell die ursprngliche
Bevlkerung unter dem schlechten Einfluss der fremden Eindringlinge
ihre alten Gewohnheiten und Sitten verndert hatte.

Das wichtigste Zentrum fr die Buschausbeutung befand sich damals
in Uma Mehak, an der Mndung des Medang, eines Nebenflusses des
Mahakam. Das ganze Flussgebiet hatte der Sohn des vorigen Sultans,
_Raden Gondol_, der sich in Tengaron unmglich gemacht hatte, mittelst
eines Briefes seines Vaters, also quasi auf dessen Befehl, von _Edoh
Lalau_, der Tochter eines in Tengaron verstorbenen Huptlings _Lalau_,
gegen eine geringe und nur halb bezahlte Vergtung erworben. Der
erwhnte Sultansbrief hatte in Wirklichkeit jedoch einen ganz anderen
Inhalt und nichts mit Buschausbeutung zu tun. Dieses flschliche Recht
auf die Ausbeutung des Waldes verkaufte _Raden Gondol_ stckweise an
Banden aus Kutei und dem Barito und blieb selbst in Uma Mehak wohnen,
wo er fr seine Untergebenen eine Spielbank errichtete. Durch ihn und
seine ebenso energische als hbsche Frau _Mariam_ wurden nicht nur die
Dorfbewohner, sondern auch die flussauf- und abwrts reisenden Hndler,
welche in Uma Mehak Halt machten, gezwungen, ihr Glck im Spiel zu
versuchen. Auch hielt er zahlreiche Kampfhhne, bezahlte jedoch den
Einsatz nicht, wenn er verlor. Hier wurden auch die Bahau und Kenja,
die mit Rhinozeroshorn, Bezoarsteinen und anderen Kostbarkeiten ihre
Gebrauchsartikel einkaufen kamen, von dem Sultanssprssling in einer
Weise ausgebeutet, die nur in der Schchternheit dieser Leute gegenber
dem Sohne des Frsten ihre Erklrung fand.

Durch sein Gefolge, das aus kuteischen belttern bestand, die sich in
den Palast seines Vaters geflchtet und dadurch vor Strafe geschtzt
hatten, liess er bei seinen Gastherren in Uma Mehak Haussuchungen
nach kostbaren Perlen und dergleichen vornehmen, die er in seiner
Kasse verschwinden liess. Noch schlimmer war, dass er, wie mir aus
zwei verschiedenen malaiischen Quellen mitgeteilt wurde, dreimal
Schuldsklaven im Geheimen an Siang-Dajak aus dem oberen Barito
verkauft hatte, wo sie auf den Grbern von Huptlingen zu Tode
gemartert werden sollten.

Dergleichen gut bewaffneten, gewissenlosen Schurken gegenber sind die
Bahau machtlos. Sie lassen sich sogar von ihnen zu allem Schlechten
verleiten, denn die energischen Fremden, welche die durch Buschprodukte
verdienten Geldsummen bei Spiel und Hahnenkmpfen wieder verschleudern,
machen besonders auf die jungen Bahau grossen Eindruck. Obgleich diese
keine Alkoholika gebrauchen, vergeuden sie doch ihre Kraft und Zeit mit
Spiel, zu hohen Einstzen und vernachlssigen immer mehr den Ackerbau,
was eine stndige Hungersnot im Dorfe zur Folge hat.

Die Einfuhr von hoch besteuertem Reis aus Kutei, der durch die
Anwesenheit der vielen Fremden in Uma Mehak noch teurer geworden ist,
kann der bereits verarmten Bevlkerung keine Abhilfe bringen.

Auch die Frauen bleiben diesen in Genuss dahinlebenden Fremden
gegenber, die mit Geld und Gut freigebig umgehen und sich auch die
Spielschulden ihrer Mnner mit ihrer Gunst bezahlen lassen wollen,
nicht gleichgltig.

Die bereits frher hier vorgekommenen Diebsthle und Morde nahmen
unter diesen Verhltnissen stark zu, und die ohnehin zu hinterlistigem
Mord geneigten Bahau beteiligten sich hufig an diesen Missetaten. Von
Juni 1899 bis Mrz 1900 kamen unterhalb der Wasserflle 10 Raub- und
Rachemorde mit 25 Opfern vor. Seitdem _Barth_ dort im Juni 1900 als
Kontrolleur eingesetzt worden ist, fanden keine Morde oder schwereren
Diebsthle mehr statt.

Die Bahaustmme oberhalb der Wasserflle lebten ihrer isolierten Lage
wegen unter gnstigeren Verhltnissen; trotzdem beunruhigten sich ihre
Huptlinge und ltesten ber die Zustnde bei ihren Stammesverwandten
weiter unten, besonders weil einzelne Banden von Waldproduktensammlern
auch in ihrer Mitte bereits ihren nachteiligen Einfluss zu verbreiten
begannen.

Bercksichtigt man, dass bis vor wenigen Jahren weitaus die meisten
Forschungen unter den dajakischen Stmmen entweder flchtig, auf der
Durchreise, oder, wenn sie eine lngerer Zeit umfassten, unter Stmmen
vorgenommen wurden, welche bereits lange unter dem malaiischen Joch
gelitten und deswegen von ihrer frheren Kultur nur wenig mehr brig
behalten hatten, dann wundert es einen nicht, dass die bei ihnen
gewonnenen Resultate wenig bereinstimmung mit denjenigen zeigen,
welche man nach lngerem Verkehr mit den ursprnglichen Dajak erhlt.

Nach dem Vorhergehenden erscheint es Unzweifelhaft, dass der Verkehr
der malaiischen und der dajakischen Rasse fr das Lebensglck der
letzteren verhngnisvoll geworden ist. Da diese Verhltnisse nicht
nur fr Borneo charakteristich sind, sondern im ganzen Archipel
wiederkehren, gewinnt das Auftreten der Europer unter diesen Vlkern
eine besondere Bedeutung. Um ihr Ansehen im indischen Archipel dauernd
behaupten zu knnen, ist eine europische Nation schon in ihrem
eigenen Interesse verpflichtet, der fortwhrenden Unruhe, welche
durch die Erpressungen seitens der malaiischen Frstensprsslinge
und durch die stndig drohenden feindlichen berflle unter den
ursprnglichen Stmmen hervorgerufen wird, ein Ende zu machen. Dass
dies einer europischen Regierung sehr wohl mglich ist, beweist
die pltzliche Vernderung, die in den hchst nachteiligen Zustnden
am Mittel-Makaham durch die Einsetzung eines Kontrolleurs zu Stande
gekommen ist. Wir erkennen hier den grossen Einfluss, den auch ein mit
wenig Mitteln ausgersteter Europer durch verstndiges, taktvolles
Auftreten ausben kann. In einem derartigen Falle erscheint ein
Eingriff eines europischen Volkes in das Lebenslos eines niedriger
entwickelten durchaus gerechtfertigt; beruht dagegen die Ausbreitung
der europischen Macht auf Gewalt und mangelhafter Einsicht in die
herrschenden berzeugungen und die Verhltnisse der Bevlkerung und
tritt noch Mangel an Takt seitens der zuerst auftretenden Europer
hinzu, so erwachsen hieraus fr beide Teile verhngnisvolle Folgen.

Auf Borneo sprt man sowohl im englischen als im niederlndischen
Teil den segensreichen Einfluss, den seine Bevlkerung durch die
Berhrung mit einer europischen Nation erfahren kann; die Beispiele
sind dort treffender als in den noch halb unabhngigen malaiischen
Nachbarreichen, wo die alten verrotteten Zustnde noch fortdauern. Auf
Grund ihres Vertrauens in die niederlndische Regierung fgten sich
vor einigen Jahrzehnten alle Stmme des Kapuasgebiets oberhalb Bunut
unter ihre Herrschaft, sobald sich nur einige Male ein Staatsbeamter
aus dem sehr entlegenen Sintang bei ihnen zeigte; Kontrakte wurden
hierbei nicht geschlossen, doch wurden die Verordnungen treu befolgt
und spter eine mssige Abgabe bezahlt; Widerstand kam in diesen
Gebieten bis jetzt berhaupt nicht vor. Sobald die Stmme am Mahakam
ihre Angst vor den Niederlndern, welche hauptschlich durch die
zu ihnen geflchteten malaiischen Missetter geweckt worden war,
verloren hatten, wagten auch die Bewohner am Ober- und Mittellauf die
beschirmende Hand der niederlndischen Verwaltung anzurufen. Wie gern
auch die Stmme im Quellgebiet des Melawie die malaiische Herrschaft
gegen die niederlndische vertauschen mchten, sahen wir bereits
oben. Das Stromgebiet des Pinau, des sdlichen Nebenflusses des
Melawie, bietet hierfr ein weiteres Beispiel; es bildete bereits
seit langem einen Zankapfel zwischen den Frsten von Sintang und
Kotawaringin an der Sdkste und demzufolge herrschten dort unter
der Bevlkerung von Malaien und Dajak hchst ernste Missstnde. Nach
bereinkunft der indischen Regierung mit den betreffenden Frsten,
wobei beide ihre vermeintlichen Rechte abtraten, gengte die Ankunft
des Kontrolleurs _Barth_ und einiger bewaffneter Schutzsoldaten,
um die Fehden zwischen den Malaien und Dajak dort zu schlichten
und die Zustnde mehr nach europischen Begriffen zu regeln. Dies
entsprach so sehr dem Wunsche der Bevlkerung, dass bei der Kunde
von der grossen Reise, welche _Barth_ in meiner Gesellschaft 1898
antreten sollte, ein vornehmer Huptling von dort, _Raden Inu_,
und zwei seiner Verwandten uns baten, unseren Zug mitmachen zu drfen.

Der Eindruck, den unsere friedsame Besetzung des Mahakamgebiets auf
diese Malaien machte, usserte sich nachher auf eigentmliche Weise:
als ihnen nach ihrer Heimkehr 1899 anlsslich ihrer uns bewiesenen
Dienste von der niederlndischen Regierung das vorteilhafte Anerbieten
gemacht wurde, sich an einem Feldzuge gegen die Sonkong Dajak am
oberen Sekajam zu beteiligen, schlug _Raden Inu_ diese Ehre ab mit der
Begrndung, er wisse nun aus eigener Erfahrung, dass ein gewaltttiges
Auftreten gegen die dajakischen Stmme nicht die richtige Methode sei,
um einen heilsamen Einfluss auf sie auszuben. Fr eine friedliche
Regelung der Zustnde, wie sie _Barth_ am Mahakam aufgetragen wurde,
empfand er grssere Sympathie und so liess er seinen jungen Neffen
und einen Verwandten _Persat_, der ebenfalls unsere Reise mitgemacht
hatte, mit dem Kontrolleur an den Mahakam ziehen.

Vergleicht man die Zustnde, wie sie unter den Bahaustmmen vor und
nach der Festsetzung der Niederlnder geherrscht haben, so zeigt es
sich, welch eine richtige Einsicht die Huptlinge dieser Stmme in ihre
Lebensinteressen bewiesen, indem sie eine niederlndische Einmischung
selbst anriefen. In frherer Zeit hatten die Kaufleute am Unterlauf
des Mahakam die Bahau durch ihren betrgerischen Handel dazu gebracht,
die sehr viel mhevolleren Handelszge nach Serawak zu unternehmen,
wobei sie das nur unter grossen Schwierigkeiten schiffbare Quellgebiet
des Mahakam passieren, das 1200 m hohe Grenzgebirge berschreiten und
den Njangeian bis Fort Kapit hinabfahren, dann wieder in umgekehrter
Richtung zurckreisen mussten. Obgleich die Reise je nach dem
Wasserstande bisweilen Monate erforderte, schtzten die konomisch
schlecht gestellten Bahau den Schutz, den sie von den serawakischen
Beamten im Handel gegen Chinesen und Malaien genossen, so hoch, dass
die mehr westlich wohnenden Stmme am oberen Mahakam ihre wichtigsten
Lebensartikel lieber aus Serawak als vom unteren Mahakam bezogen. Die
Reise ins englische Gebiet unternahmen die Kajan zum ersten Mal vor
etwa 30 Jahren unter _Kwing Irang_. Sie gerieten jedoch bereits bei
ihren ersten Zgen mit den dort ansssigen Stmmen, die sie unter
dem Namen Hiwan zusammenfassen, in Streit. Schuld hieran trug ihre
verhngnisvolle Gewohnheit, auf Handelsreisen bei gnstiger Gelegenheit
Kpfe zu jagen. Die Unfhigkeit ihrer Huptlinge, beim eigenen Stamm
oder bei Verwandten dergleichen Ausschreitungen zu unterdrcken,
verschrfte noch die Feindschaft mit den serawakischen Stmmen;
auch die Unterhandlungen zwischen den englischen Autoritten und
den vornehmsten Huplingen _Kwing Irang_ und _Belar_ brachten wenig
Verbesserungen zuwege, weil diese eben nicht im Stande waren, ihre
Stammesgenossen im Zaum zu halten. Um der Unruhe ein Ende zu machen,
vereinigte die Regierung von Serawak 1885 zahlreiche Banden ihrer
Batang-Lupar-Dajak, versah sie mit Gewehren und liess sie pltzlich
einen Einfall in das Gebiet des Mahakam vornehmen, hauptschlich zu
den Pnihing, die der Grenze am nchsten wohnten.

Die aus Tausenden von Personen bestehende Kriegsmacht musste zuerst
den Njangeian hinauffahren, dann das Gebirge berschreiten und an den
Quellflssen des Mahakam von neuem Bte bauen; wenn die Bahaustmme
trotzdem vllig unvorbereitet berfallen wurden, so geschah dies
wegen der ungeheuren Ausdehnung der Wlder, in denen monatelange
Vorbereitungen unbemerkt vor sich gehen knnen, und wegen der grosse
Sorge, mit der man von serawakischer Seite den Zug vor den weiter
unten am Fluss wohnenden Stmmen geheim gehalten hatte. Trotzdem ber
100 Bte hergestellt wurden, hatten die Bahau keine Spne den Fluss
hinuntertreiben gesehen, woran fr gewhnlich die Gegenwart Fremder
am Oberlauf erkannt wird.

Die Pnihingniederlassungen, auf die der Zug gemnzt war, wurden
geplndert und verbrannt und allein in _Belars_ Stamm 237 Personen
gettet oder in Sklaverei gefhrt. Mangels einer europischen Aufsicht
fuhren die Plnderer den Mahakam noch weiter hinunter, als ihnen
aufgetragen war, und verwsteten auch die Drfer anderer Pnihing und
der Kajan. Seit der Zeit erdreisteten sich die Batang Lupar, auch in
unmittelbarer Nhe der Bahau-Niederlassungen Waldprodukte zu rauben,
so dass der frher verbreitete Schrecken fortwhrend lebendig erhalten
wurde. Erst nach Jahren wagten die an die Nebenflsse geflohenen
Stmme, sich wieder am Hauptstrom niederzulassen.

Dessenungeachtet hatten einige junge Bahau-Mnner doch noch den Mut,
mehrmals Batang-Lupar zu tten, in der Regel, um den frheren Mord
ihrer Familienangehrigen zu rchen; die Huptlinge waren trotz
ihrer Besorgnis zu schwach, um diese Gewalttaten zu verhindern. So
leben diese Stmme in stndiger Angst vor neuen Rachezgen aus
Serawak. Whrend unseres Aufenthaltes am Mahakam im Jahre 1897
erschienen, einige Monate nachdem 2 Batang-Lupar von einigen Pnihing
gettet worden waren, 2 Bukat-Mnner vom Grenzgebirge als Vermittler
aus Serawak, um mit _Belar_ ber ein Shngeld zu unterhandeln. Sobald
die Kajan von dieser Gesandtschaft hrten, schenkten sie sogleich
dem Gercht Glauben, dass zahlreiche Banden am oberen Mahakam bereit
stnden, um diesen Mord zu rchen. Sogleich flohen viele Bewohner mit
ihrer kostbarsten Habe, falls sie diese nicht bereits in Felshhlen
versteckt hatten, in den Wald. In der kleinen Niederlassung um das
Huptlingshaus der Kajan schlief in dieser Nacht niemand und trotz
unserer beruhigenden Gegenwart war jeder auf das erste Alarmzeichen
zur Flucht bereit. Auf einer Fahrt den Pnihingdrfern entlang fanden
wir diese von, Frauen und Kindern verlassen. Es lsst sich begreifen,
dass die fortschrittlicheren Huptlinge nach einer Macht aussahen,
welche ihre Untertanen von der drckenden Angst, in der sie lebten,
befreite. Htte in Serawak nicht die Sitte geherrscht, sich in weit
entlegenen Gebieten durch plndernde Batang-Lupar-Banden Gehorsam
zu erzwingen, so htten sich viele Mahakam-Stmme gern dem Radja
unterworfen. Von einer niederlndischen Herrschaft versprachen
sie sich nicht viel Gutes, denn in Kutei an der Ostkste bte der
Assistent-Resident tatschlich nur eine sehr geringe Macht aus und vom
Kapuas aus hatte man von den Niederlndern nicht viel mehr gemerkt
als schwere Bussen, welche den Bahau fr die an Malaien verbten
Morde auferlegt wurden, durch welche sie sich der lstigen Ausbeuter
zu entledigen getrachtet hatten. Die durch die Malaien verbreiteten
Vorstellungen von der Unnahbarkeit, Anmassung und Roheit unserer
Beamten fanden bei diesen Stmmen leicht Glauben, und Versuche, die in
spteren Jahren von der Wester-Afdeeling aus ins Werk gesetzt wurden,
um mit ihnen in Berhrung zu kommen, scheiterten.

Aus dem Vorhergehenden zeigt es sich, dass die Bahau am Mahakam aus
reinem Selbstinteresse den Schutz der Niederlnder 1897 anriefen,
nachdem die Gegenwart von uns Europern ihnen die Furcht genommen
hatte. Dass ihr Blick sie nicht betrog, beweisen die Vorteile, welche
diese Stmme z.B. oberhalb der Wasserflle aus der europischen
Verwaltung ziehen.

Zunchst rief der Radja von Serawak seine Dajak mit grsserem Nachdruck
als vorher aus dem Mahakamgebiet zurck, so dass bei unserer Reise
ins Quellgebiet keine Spuren eines neueren Aufenthaltes mehr zu
finden waren. Welch eine Beruhigung diese Tatsache und ausserdem die
Einsetzung eines Postens mit bewaffneten Schutzsoldaten oberhalb der
Wasserflle bewirkte, kann man sich nach dem oben Gesagt en leicht
vorstellen. Die Gegenwart des Kontrolleurs in Long Iram befreite
sie berdies von ihrer Angst vor dem zunehmenden Einfluss der
Sultansfamilie in Kutei.

Durch Rachedrohungen und Hinweise auf die Machtlosigkeit des
niederlndisch-indischen Gouvernements, das ohne den Sultan nichts
tun drfe, suchte dieser die Einsetzung eines Staatsbeamten unter den
Bahau zu verhindern, auch beunruhigte er whrend unseres Aufenthalts
die Stmme bestndig. Die Anwesenheit einer europischen Verwaltung
bte auch auf das materielle Leben der Familien einen gnstigen
Einfluss. Whrend sie ihre Gebrauchsartikel frher entweder von
buginesischen Hndlern aus Kutei kaufen mussten, die sie auf die
grbste Weise betrogen, oder in Serawak, nach langer Reise durch
feindliches Gebiet, besorgen sie sich jetzt alles Ntige nach relativ
kurzer, sicherer Reise auf den Mrkten am Mittel-Mahakam, wo die jetzt
freie Konkurrenz der Kaufleute die Preise bedeutend herabgedrckt
hat und allzu grober Betrug bestraft wird. Die Erffnung eines
Salzlagerhauses in Long Iram hat den Preis fr Salz jetzt um ein
Drittel oder die Hlfte erniedrigt.

Obgleich die grosse Ausdehnung des Landes und die geringe Dichte
seiner Bewohner eine rztliche Behandlung sehr erschwert, sind die
Bahau jetzt, wo ihnen umsonst Arzneien ausgeteilt werden und ein
inlndischer Arzt (_dokter djawa_) und ein inlndischer Impfarzt
unter ihnen eingesetzt sind, weit besser daran als frher, wo sie bei
Krankheit auf die vielen Fremden angewiesen waren, die sich alle als
Medizinmnner bei ihnen aufspielten und manche Familie durch ihre
hohen Forderungen und schdlichen Mittel zu Grunde richteten. Auch
bei den so viel mchtigeren Kenja herrschen die gleichen Zustnde
und der gleiche Wunsch nach Verbesserung durch Einfhrung einer
niederlndischen Verwaltung.

Was europische Regierungsprinzipien und europische Energie ohne
viel Hilfe von aussen in einem inlndischen Gemeinwesen zu Stande
bringen knnen, dafr bietet uns auf Borneo das Frstentum Serawak
ein interessantes Beispiel. Dieses Reich, das den westlichen Teil
der Nordkste einnimmt, wird von der englischen Familie _Brooke_
regiert. Bei der Grndung dieses Reichs ist von einer berwltigung der
Eingeborenen durch eine europische Kriegsmacht keine Rede gewesen,
sondern wir haben es hier mit einem typischen Fall friedlicher
Entwicklung der einheimischen Bevlkerung unter europischer Fhrung
zu tun. Die Geschichte dieses Reichs ist so eigenartig, dass sie hier
wenigstens kurz erwhnt zu werden verdient.

Im Jahre 1841 landete ein englischer Schiffskapitn, namens _James
Brooke_, an der Nordkste von Borneo, nachdem er vorher vergeblich
versucht hatte, sich in Ost-Celebes niederzulassen. Im Gebiet des
jetzigen Serawak lernte _Brooke_ damals das usserst schlechte
Verhltnis der verschiedenen Vlkerschaften zu einander kennen. Der
vom Sultan in Brunei abhngige Radja des Landes, _Muda Hassein_,
war trotz seines guten Willens nicht im Stande, seine dajakischen
und malaiischen Untertanen zufrieden zu stellen, so dass beide
aufstndig gegen ihn wurden. _Brooke_, der den Grund hierfr sofort
in der brutalen Unterdrckung der Dajak durch die Malaien erkannte,
wurde vom Radja beauftragt, den Frieden wieder herzustellen, was ihm
auch gelang. Als Belohnung fr seine Dienste erhielt er vom Radja
ein Stck Land zur Verwaltung. Gleich anfangs gab er sich die grsste
Mhe, wenigstens in seinem Gebiet die Dajak vor der Ausbeutung durch
die Malaien und Chinesen zu schtzen, und gewann dadurch in so hohem
Masse die Gunst der ersteren, dass sie ihm spter, als die Malaien
ihm seine Herrschaft gewaltsam zu entreissen versuchten, krftig bei
der Unterdrckung der Aufstndischen behilflich waren.

Spter, als auch die zahlreichen Chinesen versuchten, _James Brooke_
an der Verwirklichung seiner humanen Regierungsprinzipien, die ihre
egoistischen Plne kreuzten, zu verhindern, brachte er wiederum mit
Hilfe der Dajak die Aufrhrerischen zur Botmssigkeit. So gelang es
ihm, den Dajak neben Malaien und Chinesen ein ertrgliches Dasein
zu verschaffen. Sehr viele Schwierigkeiten bereiteten ihm spter
die stlicher wohnenden, sehr kriegerischen Stmme, die unter den
Namen See-Dajak und Batang-Lupar zusammengefasst werden; diese
beteiligten sich unter Leitung der Malaien an der Seeruberei,
die Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts alle Ksten Borneos
unsicher machte. Aus Handelsinteressen rstete die englische Regierung
2 Expeditionen aus, die dem Seeruberwesen einen schweren Schlag
versetzten. Spter glckte es _James Brooke_ und seinem Nachfolger
_Charles Brooke_, auch der Kopfjgerei ein Ende zu machen und die
Batang-Lupar zu unterwerfen. Seit der Zeit gebraucht Serawak, wie wir
sahen, diese kampfeslustigen Stmme, um die Bewohner des Inneren im
Zaum zu halten. Vom europischen Standpunkte aus ist es zu bedauern,
dass derartige Zchtigungen mit so grossem Verlust an Menschenleben
und soviel Plnderung verbunden sind, aber die Mittel, welche der
Familie _Brooke_ zur Verfgung stehen, gengen nicht zur Unterhaltung
stndiger Truppen.

Von welchem Segen die Regierung Radja _Brookes_ fr sein Land geworden
ist, ersieht man daraus, dass in Serawak jetzt bis weit flussaufwrts
ruhig Handel getrieben werden kann und Artikel wie Salz und Leinwaren
jetzt auch bei den entlegensten Stmmen eingefhrt werden.

Ausserdem bringen die Eingeborenen ihre Waldprodukte jetzt an Orten zu
Markte, wo serawakische Beamte dafr sorgen, dass sie durch malaiische
und chinesische Hndler nicht zu stark betrogen werden. Es erscheint
daher begreiflich, dass die im Binnenlande von Serawak wohnenden
Stmme das viele Gute, das ihnen durch die Europer zu Teil wird,
sehr hoch schtzen und ihrerseits gern bereit sind, einen Teil ihrer
alten Gewohnheiten aufzugeben und eine kleine Steuer zu entrichten.





KAPITEL XVIII.

    Ergebnisse meiner Reisen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft,
    Medizin und Topographie--Praktische Bedeutung ethnologischer
    Studien fr eine friedsame Kolonisation--Politische Ereignisse
    in Mittel-Borneo nach meiner Rckkehr--Schlussbemerkung.


Dank ihrer zweckmssigen Ausrstung und langen Dauer haben die in
diesem Werk besprochenen Reisen auf sehr verschiedenartigen Gebieten
wertvolle Resultate liefern knnen. Die beiden ersten Reisen der
Jahre 1893-94 und 1896-97 waren, wie eingangs erwhnt worden ist,
zu rein wissenschaftlichen Zwecken bestimmt gewesen; nachdem sich
jedoch auf denselben die dringende Notwendigkeit einer Ausbreitung
der niederlndischen Macht in Mittel-Borneo und ein friedlicher Weg
diese zu erreichen gezeigt hatte, wurde die dritte, von Mai 1898 bis
Dezember 1900 dauernde Reise von der indischen Regierung zu politischen
Zwecken ausgerstet: Da es die beiden ersten Male vollstndig geglckt
war, die Angst der Eingeborenen vor den Europern zu beseitigen und
eine grndliche Kenntnis von Land und Volk zu gewinnen, womit die
Grundbedingungen zu einer friedsamen Kolonisierung erfllt waren,
wurde in der Ausrstung und Ausfhrung der politischen Expedition keine
Vernderung vorgenommen, so dass sie auch andere, wissenschaftliche
Arbeit zu leisten vermochte.

Im folgenden sind die Ergebnisse der 3 Reisen in einer kurzen bersicht
zusammengefasst.

Die ethnologischen Resultate betreffs des Charakters der Bahau und
Kenjabevlkerung haben fr die Beurteilung und Behandlung dieser
auf niedriger Kulturstufe stehenden Vlker neue Gesichtspunkte
erffnet. Diese sind im Lauf des Werkes bereits ausfhrlich errtert
worden und kommen weiter unten in Verbindung mit den politischen
Resultaten nochmals zur Sprache.

Von den ethnographischen Sammlungen, welche sich alle auf die Stmme
Mittel-Borneos beziehen, wurden etwa 800 Gegenstnde der letzten Reisen
dem Reichs-Museum fr Ethnographie in Leiden bergeben und etwa 300,
welche auch die von den Kenja herstammenden umfassen, im Museum der
Gesellschaft fr Kunst und Wissenschaft zu Batavia deponiert. Von den
Leidener Ethnographica wurde in diesem Werk hufig Gebrauch gemacht;
alle Gegenstnde werden in dem beschreibenden Katalog, den das Museum
nchstens ber die Abteilung Borneo herausgibt, behandelt werden. Da
an den beiden letzten Reisen keine Fachgelehrten auf dem Gebiete der
Zoologie, Botanik und Geologie teilnahmen, musste ich mich darauf
beschrnken, die Sammlungen derart anzulegen, dass sie spter von
berufener Hand mit Erfolg bearbeitet werden konnten.

Die zoologische Sammlung, von der besonders die Fische und Vgel
bemerkenswert waren, ist grossenteils dem Museum fr Zoologie in
Leiden zugewiesen worden; ein kleiner Teil wurde demjenigen auf
Buitenzorg abgetreten. In mehreren Sendungen wurden dem Leidener
Museum ungefhr 1500 Vogelblge von 209 verschiedenen Arten, unter
denen eine neue, einverleibt. Zu meiner Genugtuung unterzog sich der
frhere Konservator der Vogelabteilung Dr. _O. Finsch_ trotz vieler
anderer Beschftigung der Bearbeitung dieser Sammlung und fhrte sie
in vorzglicher Weise zu Ende. Die Arbeit ist in den "Notes for the
Leyden Museum" Vol. XXVI publiziert worden.

Auch die 659 Exemplare zhlenden Fischsammlungen, die auf den
beiden letzten Reisen zu einer Anzahl von 117 Arten anwuchsen und 1
neue Familie, 6 neue Gattungen und 54 neue Arten ergaben, fanden,
bearbeitet in Professor Dr. _L. Vaillant_ in Paris, der mit den
Fischen von der Expedition 1893-94 auch einen Teil der in den Jahren
1896-97 gesammelten untersuchte und in Dr. _C.M.L. Popta_ in Leiden,
die sich mit grossem Eifer und Erfolg der mhevollen Bearbeitung
und Beschreibung der grossen Anzahl auf den beiden letzten Reisen
gesammelten Fische widmeten. Vol. XXVII der "Notes from the Leyden
Museum" wird von der letzten Arbeit vllig eingenommen.

Sowohl die lebenden Pflanzen als die getrockneten wurden dem
botanischen Garten in Buitenzorg bergeben. Von ersteren berstanden
viele die Reise und wurden in den von diesem Institut herausgegebenen
Werken beschrieben. Auch einige Familien des Herbariums, das im ganzen
ber 2000 Nummern umfasste, fanden Bearbeiter; den Farnen widmete sich
Dr. _H. Christ_ in Basel, den Moosen Dr. _M. Fleischer_ in Berlin;
diese Arbeiten wurden vom Institut in Buitenzorg verffentlicht.

Die geologischen Sammlungen, die aus den bis dahin gnzlich unbekannten
Flussgebieten des Mahakam und Kajan (Kedjin, Bulungan) stammten,
wurden dem geologischen Museum der Universitt Utrecht bermittelt,
weil sie dort zur Ergnzung der von Prof. Dr. _G.A.F. Molengraaff_
im Jahre 1894 gesammelten Gesteine aus dem Kapuas- und Baritogebiet
dienen konnten.

Die Resultate einiger Untersuchungen auf anthropologischem und
medizinischem Gebiet, die gesondert verffentlicht worden sind,
finden wir in diesem Werke bereits erwhnt. Die anthropologischen
Messungen sind durch Dr. _J.H.F. Kohlbrugge_ bearbeitet und unter
No. 5 der 2. Serie der "Mitteilungen aus dem niederlndischen Museum
fr Vlkerkunde" herausgegeben worden.

Wegen der Bedeutung, welche die sehr verbreitete Hautkrankheit Tinea
albigena fr die indischen Truppen des niederlndisch-indischen
Heeres und die inlndische Bevlkerung im allgemeinen besitzt,
verffentlichte ich im Jahre 1904 eine Abhandlung ber das bisher
noch nicht beschriebene Krankheitsbild dieses Hautparasiten. (Deel
49 afl. 5 van het Geneeskundig Tijdschrift voor Ned.-Indi).

Wenden wir uns jetzt den Arbeiten auf topographischem Gebiet zu.

Eine sorgfltige Aufnahme des durchzogenen Gebiets gehrte
besonders auf der letzten Reise zu unseren Hauptaufgaben, weil
sie zur Erlangung einer grndlichen Einsicht in die geographischen
Verhltnisse Mittel-Borneos und zur Festsetzung der Grenzen gegen
Serawak dringend notwendig war. Nur der langen Dauer dieser Reise
war es zu danken, dass wir mit den sehr bescheidenen Mitteln, die
uns in dieser Beziehung zur Verfgung standen, die nachfolgenden
Resultate erzielten. Von jeder Gelegenheit Gebrauch machend gelang
es mir, den Sergeant Topographen Bina in den Stand zu setzen, nicht
nur mit Tranche-Montagne und Messstab den von uns zurckgelegten Weg
zu messen, sondern diese Messung zugleich als Basis fr die Aufnahme
zahlreicher Nebenflsse zu benutzen; ebenso wurde von dieser aus 3
Mal die Wasserscheide gegen das Baritogebiet erstiegen, um letztere
festzusetzen. Ferner wurden zur Gewinnung von Beobachtungspunkten
fr die Aufnahme des Gebirgsterrains eine grssere Anzahl Berge
bestiegen. Im Interesse dieser Arbeit wurde auch der Mahakam bis zu
stillen Quellen hinaufbefahren und bei dieser Gelegenheit die Grenze
gegen Serawak bestimmt.

So wurde zum Schluss nicht nur der Mahakam mit seinen wichtigsten
Nebenflssen oberhalb der Wasserflle mit dem dazwischenliegenden
Gelnde auf die Karte gebracht, sondern dadurch, dass die Aufnahme
an 2 Stellen mit der des Kapuasgebiets in Verbindung gebracht und
der Mahakam selbst bis zu dem astronomisch bestimmten Punkt Ana
sorgfltig gemessen wurde, kam eine Messung von West nach Ost quer
durch die ganze Insel zu Stande.



Sowohl wegen der allgemein herrschenden Auffassung, es sei die
Ausbreitung einer europischen Macht unter niedrig stehenden Vlkern
mit dem Gebrauch von Waffengewalt untrennbar verbunden, als wegen der
irrtmlichen, oft zu unntzem Blutvergiessen fhrenden Vorstellung
ber das Wesen unkultivierter Vlker, diejenigen des indischen
Archipels, besonders die Dajak, nicht ausgenommen, erscheinen mir
die Ergebnisse meiner Reisen auf kolonialpolitischem Gebiet und dem
der psychologischen Vlkerkunde am wertvollsten. Da nur auf einen
richtigen Begriff von den bestehenden Zustnden eine rationelle
Kolonialverwaltung begrndet werden kann, sind die in den Kapiteln XVI
und XVII gegebenen Ausfhrungen ber den Charakter der dajakischen
Stmme und ihrer Gemeinwesen direkt von praktischem Wert. Die bei
der Ausrstung und Ausfhrung meiner Reisen als Leitschnur dienende
Anschauung, dass man es auch bei den Dajak im Grunde mit friedliebenden
Ackerbauern zu tun hat, die einem eher durch Angst und Misstrauen
als durch ein bswilliges Auftreten gefhrlich werden, falls man
ihnen nicht selbst hierzu Veranlassung bietet, haben die Ergebnisse
meiner Reisen als durchaus richtig erwiesen. Die Reise 1893-94 wurde
allerdings unter dem Schutz bewaffneter Malaien angetreten, jedoch
ohne denselben beendet, nachdem er sich als berflssig erwiesen
hatte. Auf Grund der gesammelten Erfahrungen fhrte ich die erste
Reise quer durch die Insel (1896-97) mit Hilfe der Bahau selbst aus,
in Gesellschaft von 2 Europern und 3 Inlndern, von denen nur erstere
ein Gewehr zu handhaben verstanden. Auch die letzte Expedition
trug vllig den Charakter einer Reise unter einer friedfertigen
Landbevlkerung; allerdings war, hauptschlich im ersten Jahr, auch
an eine Verteidigung gegen berflle einzelner Individuen gedacht
worden; im brigen war diese Expedition aber ganz auf die Hilfe der
Eingeborenen selbst angewiesen gewesen. Mit welcher Gewissenhaftigkeit
diese geleistet wurde, geht daraus hervor, dass trotz der jahrelangen
Dauer der Reisen in den fr Europer und Javaner so unwirtsamen Wldern
keiner der Reisegenossen einem Unglcksfall erlegen ist und alle in
guter Gesundheit heimgekehrt sind. Von nicht geringerer Bedeutung
ist ferner, dass dieser friedsame Verkehr mit der Bevlkerung auch
zu einer friedsamen Besetzung des bis dahin gnzlich unbekannten
stlichen Teils von Mittel-Borneo gefhrt hat.

Anderen Ortes ist bereits angefhrt worden, dass die Einsetzung eines
niederlndischen Beamten am mittleren Mahakam ohne Schwierigkeiten
stattfand; die Notwendigkeit dieser Massregel bewiesen die Ordnung
und der Frieden, die nach seiner Ankunft in den sehr verwirrten
Zustnden am Mahakam eintraten. Seitdem haben die Ereignisse am
Mahakam selbst und im Baritogebiet gezeigt, dass diese auf die
gesellschaftlichen Verhltnisse und Bedrfnisse der Mahakambevlkerung
begrndete Verwaltung ohne die Sttze besonderer Personen oder
einer bewaffneten Macht vor sich geht. Die ursprngliche Anzahl
malaiischer Schutzsoldaten in Long Iram wurde in den folgenden Jahren
nur unwesentlich erhht und nur an der Mndung des Blu-u wurde ein aus
einer kleinen Anzahl bewaffneter Malaien bestehender Posten eingesetzt,
ber den unser Reisegenosse _Suka_ den Oberbefehl erhielt.

Kurz nach meiner Abreise bestand die neue Verwaltung eine schwere
Prfung durch den noch im Jahre 1901 erfolgten Tod _Kwing Irangs_;
man frchtete anfangs, dass dieses Ereignis die Gesinnung der
Huptlinge oberhalb der Wasserflle verndern knnte. Diese Furcht
war jedoch unbegrndet; whrend des heftigen Kampfes, der in den
Jahren 1902-03 das benachbarte Baritogebiet in Aufruhr brachte,
verhielt sich das Mahakamgebiet durchaus ruhig und war auch kein
militrisches Einschreiten notwendig.

Das neue Verwaltungszentrum in Long Iram erhlt nicht nur einen
ertrglichen Zustand bei den Stmmen lngs der serawakischen Grenze
aufrecht, sondern ist auch fr eine friedliche Entwicklung des tiefer
gelegenen Mahakamgebiets von hoher Bedeutung. Die grsste Schwierigkeit
bei einer Kriegsfhrung mit dem meistens viel schwcheren inlndischen
Feinde, wie den malaiischen Frsten, besteht in seiner Gewohnheit,
stets tiefer in das fr Europer schwer zugngliche Binnenland zu
entweichen und bei den dort wohnenden Stmmen, die mit unseren Warfen
noch nicht in Berhrung gekommen sind, Hilfe zu suchen. Durch dieses
stndige Zurckweichen hat z.B. die Sultansfamilie im Baritogebiet
beinahe 50 Jahre den Niederlndern Stand halten knnen. Da die
Verwaltung des Mahakamgebiets sich auf die Bahau sttzt, ist den
Malaien jetzt das Zurckweichen unmglich gemacht worden.

Dass das neu eingenommene Gebiet in Zukunft nicht nur tatschlich,
sondern auch formell dem Einfluss des kuteischen Sultanshauses
entzogen werden wird, indem dem Frsten eine bestimmte Summe fr
seine Ansprche bezahlt werden soll, ist eine vorzgliche Massregel,
die nicht verfehlen wird, einige noch widerstrebende Bahaufrsten,
wie _Bang Jok_, der sich auf seinen dem Sultan abgelegten Eid beruft,
zum Einlenken zu bringen.

Auch die unter den Kenja erreichte Ausbreitung der niederlndischen
Macht erwies sich spter als dauerhaft. Im Jahre 1902 wurde dem
Kontrolleur vom Berau _E.W.F. van Walchren_ aufgetragen, von dort
aus einen Zug nach Apu Kajan zu unternehmen. Eine Gesellschaft der
Kenja Uma-Tow, die sich gerade am unteren Berau befand, geleitete ihn
diesen Fluss aufwrts und brachte ihn ber einen hohen Bergrcken
an die Mndung des Kajan Ok in den Kajan, von wo sie nach einigen
Tagen die Niederlassung der Uma-Leken erreichten. Whrend seines 6
monatlichen Aufenthahs unter den Kenja befestigte Herr _Van Walchren_
die von uns frher bereits angeknpften Beziehungen und kehrte in
Begleitung der Uma-Tow lngs des Boh und Mahakam an die Ostkste
zurck. Auch damals zeigte es sich, dass das Verhltnis zu den weiter
unten am Kajanfluss wohnenden Kenja und Bahaustmmen viel zu wnschen
brig liess. Aus diesem Grunde wurde im Jahre 1905 Herr _Van Walchren_
nochmals beauftragt, den Kajan von Tandjong Seilor aus hinaufzufahren,
um zwischen den Kenja oberhalb der Barm (Wasserflle) und den Uma-Alim
am Pedjungan eine Vershnung zu Stande zu bringen. Die Niederlassungen
der letzteren wurden zwar erreicht, jedoch verhinderten Krankheit
und schlechte Vorzeichen die Erfllung des Auftrags, so dass der
Kontrolleur unverrichteter Sache wieder zurckkehren musste.

Eine anziehende und fr den Verfasser charakteristische Beschreibung
der Reise des Herrn _Van Walchren_ zu den Kenja hat einer der
Teilnehmer an der Expedition, der inlndische Arzt _J.E. Tehupeiory_
verffentlicht. Das in hollndischer Sprache verfasste Werk erschien
unter dem Titel: "Onder de Dajaks van Centraal-Borneo" bei der Firma
_G. Kolff & Co_. in Batavia, 1906.

Es wird manchen Leser vielleicht interessieren, etwas ber die Kosten
derartiger langdauernder Expeditionen zu erfahren. Fr meine letzte 2
Jahre und 8 Monate whrende Reise bewilligte mir die indische Regierung
einen Kredit von 53.000 Gulden, von denen ich 50.000 gebrauchte. Die
Summe ist hoch, aber die wissenschaftlichen Expeditionen, welche in
den letzten Jahren nach Niederlndisch-Indien ausgerstet wurden,
kosteten, besonders mit Rcksicht auf ihre viel krzere Dauer,
erheblich mehr, dasselbe gilt fr die militrischen Expeditionen,
welche lange Zeit unterhalten werden mssen, um in einem so grossen
Gebiet eine politische Machtentfaltung zu bewirken. Das in diesem Fall
erhaltene Resultat ist oft eine zwar unterworfene, aber verbitterte
Bevlkerung, deren Sitten und Gewohnheiten nur usserst oberflchlich
bekannt geworden sind und die in der ersten Zeit nur durch eine
kostspielige militrische Besatzung in Schranken zu halten ist.

Ein weites Arbeitsfeld steht einer friedlichen Kolonisation auf
Borneo noch offen. Im grossen Gebiet des Kajanflusses mssen noch
eingehende Forschungen durch sachkundige Personen vorgenommen werden,
bevor man die dort lebende Bevlkerung gengend kennen wird, um auch
ihr Land auf einfache Weise und ohne Blutvergiessen regieren zu
knnen. Eine gerechte, ber den Stmmen stehende Verwaltung wrde
diesen selbst zum Segen gereichen und wre auch mit Rcksicht auf
die internationalen Beziehungen zum englischen Frstentum Serawak,
welche eine Kriegfhrung zwischen den Grenzstmmen verbieten, sehr
notwendig. berdies ist es in einem derartigen Fall Pflicht einer
kolonialen Macht, den rgsten Missstnden, wie den verhngnisvollen
Kopfjagden unter den dajakischen Stmmen, ein Ende zu machen, besonders
da dies mit einfachen, unblutigen Mitteln erreicht werden kann.

_Ende_.






NOTES

[1] 1900 in Long Iram.

[2] Nach einer Pantherjagd und beim _melo njaho_ werden die Schwerter
wie auch die Menschen einer _Mela_ unterworfen.






End of the Project Gutenberg EBook of Quer Durch Borneo, Zweiter Teil, by 
A.W. Nieuwenhuis

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