The Project Gutenberg EBook of Mrchen-Sammlung, by Ludwig Bechstein

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Title: Mrchen-Sammlung

Author: Ludwig Bechstein

Editor: Hans  Fraungruber

Illustrator: Karl Fahringer

Release Date: December 9, 2007 [EBook #23787]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MRCHEN-SAMMLUNG ***




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  Gerlach's Jugendbcherei


  Mrchen-Sammlung von L. Bechstein.
  Texte gesichtet von Hans Fraungruber.
  Bilder von Karl Fahringer.

  Verlag v. Martin Gerlach & Co.
  Wien und Leipzig.
  [Abbildung: Verlagszeichen]




  Inhalt:

                                                 Seite
  Der Wolf und die sieben Geilein                   3
  Der Schmied von Jterbog                          10
  Der Hase und der Fuchs                            16
  Der beherzte Fltenspieler                        19
  Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel      26
  Das Ktzchen und die Stricknadeln                 34
  Der goldene Rehbock                               37
  Die drei Federn                                   45
  Der kleine Dumling                               51
  Das Natterkrnlein                                62
  Der fette Lollus und der magere Lollus            70
  Gevatterin Krte                                  81
  Zwergenmtzchen                                   83
  Die Kornhren                                     97


  Druck von Christoph Reier's Shne, Wien
  V. Ausstattung gesetzlich geschtzt.




  [Kleinbild]

Der Wolf und die sieben Geilein.

  [_Das Mrchen enthlt sieben Abbildungen, zwei davon bunt_]


Es ist einmal eine alte Gei gewesen, die hatte sieben junge
Zicklein, und wie sie einmal fort in den Wald wollte, hat sie
gesagt: Ihr lieben Zicklein, nehmt euch in acht vor dem Wolf und
lat ihn nicht herein, sonst seid ihr alle verloren. Darnach ist
sie fortgegangen.

In einer Weile rappelt was an der Haustre und ruft: Macht auf,
macht auf, liebe Kinder! Euer Mtterlein ist aus dem Walde
gekommen! Aber die sieben Geilein erkannten's gleich an der groben
Stimme, da das ihr Mtterlein nicht war, und haben gerufen: Unser
Mtterlein hat keine so grobe Stimme! Und haben nicht aufgemacht.

Nach einer Weile rappelt's wieder an der Tre und ruft ganz fein und
leise: Macht auf, macht auf, ihr lieben Kinder! Euer Mtterlein ist
aus dem Walde gekommen!

Aber die jungen Geilein guckten durch die Trspalte und haben ein
Paar schwarze Fe gesehen und gerufen: Unser Mtterlein hat keine
so schwarzen Fe! Und haben nicht aufgemacht.

Wie das der Wolf, denn er war es, gehrt hat, ist er geschwind hin
in die Mhle gelaufen und hat die Fe ins Mehl gesteckt, da sie
ganz wei worden sind. Darnach ist er wieder vor die Tre gekommen,
hat die Fe zur Spalte hineingesteckt und hat wieder ganz leise
gerufen: Macht auf, macht auf, ihr lieben Kinder! Euer Mtterlein
ist aus dem Walde gekommen!

Und wie die Geilein die weien Fe gesehen haben und die leise
Stimme gehrt, da haben sie ja gemeint, ihr Mtterlein sei's, und
haben geschwind aufgemacht, so ist der Wolf hereingesprungen. Ach,
wie sind da die armen Geilein erschrocken und haben sich verstecken
wollen! Eines ist unters Bett, eins unter den Tisch, eines hinter
den Ofen, eins hinter einen Stuhl, eins hinter einen groen
Milchtopf und eins in den Uhrkasten gesprungen. Aber der Wolf hat
sie alle gefunden und hinabgeschluckt. Hernach ist er fortgegangen,
hat sich in den Garten unter einen Baum gelegt und hat angefangen zu
schlafen.

Wie hernach die alte Gei aus dem Walde zurckgekommen ist, hat
sie das Haus offen gefunden und die Stube leer, da hat sie gleich
gedacht: Jetzt ist's nicht geheuer, und hat angefangen, ihre
lieben Zicklein zu suchen. Sie hat sie aber nicht finden knnen,
wo sie auch gesucht hat, und so laut sie auch gerufen hat, es hat
keins Antwort gegeben. Endlich ist sie in den Garten gegangen, da
hat der Wolf noch gelegen unterm Baum und hat geschlafen und hat
geschnarcht, da alle ste gezittert haben; und wie sie nher zu ihm
gekommen ist, hat sie gesehen, da etwas in seinem Bauche gezappelt
hat. Da hatte sie eine Freude und dachte, ihre Geilein leben wohl
noch. Jetzt ist sie geschwind hinein ins Huslein gesprungen, hat
eine Schere geholt, und hat dem Wolf den Bauch aufgeschnitten; da
sind ihre sieben Geilein eins nach dem andern herausgesprungen und
haben alle noch gelebt. Darnach hat die Alte geschwind sieben
Wackersteine dem Wolf in seinen Bauch gesteckt und hat den wieder
zugenht.

Wie der Wolf munter wurde, hatte er Durst und ist an den Brunnen
gegangen, um zu trinken; aber wie er einen Schritt gegangen
ist, da haben die Wackersteine in seinem Bauch angefangen
zusammenzuschlagen, und da hat er gesagt:

    [Kleinbilder]

             Was rumpelt,
              Was pumpelt
              In meinem Bauch?
  Ich hab' gemeint, ich hab' junge Geilein drein,
  Und jetzt sind's nichts als Wackerstein'!

Und wie nun der Wolf an den Brunnen gekommen ist und hat trinken
wollen, so haben ihn die Wackersteine hineingezogen, und er ist
ertrunken. Und die alte Gei ist mit ihren Zicklein vor Freude um
den Brunnen herumgetanzt.

  [Abbildung]




Der Schmied von Jterbog.

  [_Fnf Abbildungen (1 Bunt)_]


Im Stdtlein Jterbog hat einmal ein Schmied gelebt, von dem
erzhlen sich Kinder und Alte ein wundersames Mrlein. Es war dieser
Schmied erst ein junger Bursche, der treulich Gottes Gebote hielt,
aber einen sehr strengen Vater hatte. Er tat groe Reisen und
erlebte viele Abenteuer; dabei war er in seiner Kunst ber alle
Maen geschickt und tchtig. Auch hatte er eine Stahltinktur, die
jeden damit bestrichenen Harnisch undurchdringlich machte. Er
gesellte sich dem Heere Kaiser FriedrichsI. zu, wo er kaiserlicher
Rstmeister wurde und den Kriegszug nach Mailand und Apulien
mitmachte. Dort eroberte er den Heer- und Bannerwagen der Stadt und
kehrte endlich, nachdem der Kaiser gestorben war, mit vielem
Reichtum in seine Heimat zurck. Er sah gute Tage, dann wieder bse
und wurde ber hundert Jahre alt. Einst sa er in seinem Garten
unter einem alten Birnbaum, da kam auf einem Esel ein graues
Mnnlein geritten, das sich schon mehrmals als des Schmiedes
Schutzgeist bewiesen hatte. Dieses Mnnchen herbergte bei dem
Meister und lie den Esel beschlagen, was jener gern tat, ohne Lohn
zu heischen. Darauf sagte das Mnnlein zu ihm, er solle drei Wnsche
tun, aber dabei das Beste nicht vergessen. Da wnschte der Schmied,
weil die Diebe ihm oft die Birnen gestohlen, es solle keiner, der
auf den Birnbaum gestiegen, ohne seinen Willen wieder herunter
knnen -- und weil er auch in der Stube fters bestohlen worden war,
so wnschte er, es solle niemand ohne seine Erlaubnis in die Stube
kommen knnen, es wre denn durch das Schlsselloch. Bei jedem
dieser trichten Wnsche warnte das Mnnlein: Vergi das Beste
nicht! -- und da tat der Schmied den dritten Wunsch: Das Beste ist
ein guter Schnaps, so wnsche ich, da diese Bulle niemals leer
werde! -- Deine Wnsche sind gewhrt, sprach das Mnnchen, strich
noch mit der Hand ber einige Stangen Eisen, die in der Schmiede
lagen, setzte sich auf seinen Esel und ritt von dannen. Das Eisen
war in blankes Silber verwandelt, der vorher arm gewordene Schmied
war wieder reich und lebte fort und fort bei gutem Wohlsein, denn
die nie versiegenden Magentropfen in der Bulle waren, ohne da er es
wute, ein Lebenselixir. Endlich klopfte der Tod an, der ihn so
lange vergessen zu haben schien. Der Schmied war scheinbar auch gern
bereitwillig, mit ihm zu gehen und bat nur, ihm ein kleines Labsal
zu vergnnen und ein paar Birnen von dem Baum zu holen, den er nicht
selbst mehr besteigen knne aus groer Altersschwche. Der Tod stieg
auf den Baum, und der Schmied sprach: Bleib droben! denn er hatte
Lust, noch lnger zu leben. Der Tod fra alle Birnen vom Baum, dann
gingen seine Fasten an, und vor Hunger verzehrte er sich selbst mit
Haut und Haar, daher er jetzt nur noch ein so scheulich drres
Gerippe ist. Auf Erden aber starb niemand mehr, weder Mensch noch
Tier; darber entstand viel Unheil, und endlich ging der Schmied hin
zum klappernden Tod und verhandelte mit ihm, da er ihn frder in
Ruhe lasse, dann gab er ihn frei. Wtend floh der Tod von dannen und
begann auf Erden aufzurumen. Da er sich an dem Schmied nicht rchen
konnte, so hetzte er ihm den Teufel auf den Hals. Dieser machte sich
flugs auf den Weg, aber der pfiffige Schmied roch den Schwefel
voraus, schlo seine Tre zu, hielt mit den Gesellen einen ledernen
Sack an das Schlsselloch, und wie Herr Urian hindurchfuhr, da er
nicht anders in die Schmiede konnte, wurde der Sack zugebunden, zum
Ambo getragen und nun ganz unbarmherziglich mit den schwersten
Hmmern auf den Teufel losgepocht, da ihm Hren und Sehen verging,
er ganz mrbe wurde und das Wiederkommen auf immer verschwur. Nun
lebte der Schmied noch gar lange Zeit in Ruhe, bis er, da alle
Freunde und Bekannte gestorben waren, des Erdenlebens satt und mde
wurde. Machte sich deshalb auf den Weg und ging nach dem Himmel, wo
er bescheidentlich am Tore klopfte. Da schaute der heilige Petrus
herfr, und Peter der Schmied erkannte in ihm seinen Schutzpatron
und Schutzgeist, der ihn oft aus Not und Gefahr sichtbar errettet
und ihm zuletzt die drei Wnsche gewhrt hatte. Jetzt sprach Petrus:
Hebe dich weg, der Himmel bleibt dir verschlossen; du hast das
Beste zu erbitten vergessen: die Seligkeit! -- Auf diesen Bescheid
wandte sich Peter, gedachte sein Heil in der Hlle zu versuchen und
wanderte wieder abwrts, fand auch bald den rechten, breiten und
vielbegangenen Weg. Als aber der Teufel erfuhr, da der Schmied von
Jterbog im Anzuge sei, schlug er ihm das Hllentor vor der Nase zu
und setzte die Hlle gegen ihn in Verteidigungsstand. Da nun der
Schmied von Jterbog weder im Himmel noch in der Hlle Zuflucht fand
und auf Erden es ihm nimmer gefallen wollte, so ist er hinab in den
Kyffhuser gegangen zu Kaiser Friedrich, dem er einst gedient. Der
alte Kaiser, sein Herr, freute sich, als er seinen Rstmeister
kommen sah, und fragte ihn gleich, ob die Raben noch um den Turm der
Burgruine Kyffhuser flgen? Und als Peter das bejahte, so seufzte
der Rotbart. Der Schmied aber blieb im Berge, wo er des Kaisers
Handpferd und die Pferde der Prinzessin und die der reitenden
Frulein beschlgt, bis des Kaisers Erlsungsstunde auch ihm
schlagen wird. -- Und das wird geschehen nach dem Munde der Sage,
wenn dereinst die Raben nicht mehr um den Berg fliegen und auf dem
Ratsfeld nahe dem Kyffhuser ein alter, drrer, abgestorbener
Birnbaum wieder ausschlgt, grnt und blht. Dann tritt der Kaiser
hervor mit all seinen Wappnern, schlgt die groe Schlacht der
Befreiung und hngt seinen Schild an den wieder grnen Baum. Hierauf
geht er mit seinem Gesinde zu der ewigen Ruhe.




Der Hase und der Fuchs.


  [Abbildung]

Ein Hase und ein Fuchs reisten beide miteinander. Es war
Winterszeit, grnte kein Kraut, und auf dem Felde kroch weder Maus
noch Laus. Das ist ein hungriges Wetter, sprach der Fuchs zum
Hasen, mir schnurren alle Gedrme zusammen. -- Ja wohl,
antwortete der Hase. Es ist berall Drrhof, und ich mchte meine
eigenen Lffel fressen, wenn ich damit ins Maul langen knnte.

So hungrig trabten sie miteinander fort. Da sahen sie von weitem ein
Bauernmdchen kommen, das trug einen Handkorb, und aus dem Korbe kam
dem Fuchs und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch
von frischen Semmeln. Weit du was! sprach der Fuchs, lege dich
der Lnge nach hin und stelle dich tot. Das Mdchen wird seinen Korb
hinstellen und dich aufheben wollen, um deinen armen Balg zu
gewinnen, denn Hasenblge geben Handschuhe; derweilen erwische ich
den Semmelkorb, uns zum Troste.

  [Abbildung]

Der Hase tat nach des Fuchsens Rat, fiel hin und stellte sich tot,
und der Fuchs duckte sich hinter einer Windwehe von Schnee. Das
Mdchen kam, sah den frischen Hasen, der alle Viere von sich
streckte, stellte richtig den Korb hin und bckte sich nach dem
Hasen. Jetzt wischte der Fuchs hervor, erschnappte den Korb und
strich damit querfeldein; gleich war der Hase lebendig und folgte
eilend seinem Begleiter. Dieser aber stand gar nicht still und
machte keine Miene, die Semmeln zu teilen, sondern lie merken, da
er sie allein fressen wollte. Das vermerkte der Hase sehr bel. Als
sie nun in die Nhe eines kleinen Weihers kamen, sprach der Hase zum
Fuchs: Wie wr' es, wenn wir uns eine Mahlzeit Fische verschafften?
Wir haben dann Fische und Weibrot wie die groen Herren! Hnge
deinen Schwanz ein wenig ins Wasser, so werden die Fische, die jetzt
auch nicht viel zu beien haben, sich daranhngen. Eile aber, ehe
der Weiher zufriert!

Das leuchtete dem Fuchs ein, er ging hin an den Weiher, der eben
zufrieren wollte, und hing seinen Schwanz hinein, und eine kleine
Weile, so war der Schwanz des Fuchses fest angefroren. Da nahm der
Hase den Semmelkorb, fra die Semmeln vor des Fuchses Augen ganz
gemchlich, eine nach der andern und sagte zum Fuchs: Warte nur,
bis es auftaut, warte nur bis ins Frhjahr, warte nur, bis es
auftaut! und lief davon, und der Fuchs bellte ihm nach wie ein
bser Hund an der Kette.

    [Kleinbild]




Der beherzte Fltenspieler.

  [_Sechs Abbildungen (1 bunt)_]


Es war einmal ein lustiger Musikant, der die Flte meisterhaft
spielte; er reiste daher in der Welt herum, spielte auf seiner Flte
in Drfern und Stdten und erwarb sich dadurch seinen Unterhalt. So
kam er auch eines Abends auf einen Pachtershof und bernachtete da,
weil er das nchste Dorf vor einbrechender Nacht nicht erreichen
konnte. Er wurde von dem Pachter freundlich aufgenommen, mute mit
ihm speisen und nach geendigter Mahlzeit einige Stcklein
vorspielen. Als dieses der Musikant getan hatte, schaute er zum
Fenster hinaus und gewahrte in kurzer Entfernung bei dem Scheine des
Mondes eine alte Burg, die teilweise in Trmmern zu liegen schien.
Was ist das fr ein altes Schlo? fragte er den Pachter, und wem
hat es gehrt? Der Pachter erzhlte, da vor vielen, vielen Jahren
ein Graf da gewohnt htte, der sehr reich aber auch sehr geizig
gewesen wre. Er htte seine Untertanen sehr geplagt, keinem armen
Menschen ein Almosen gegeben und sei endlich ohne Erben (weil er aus
Geiz sich nicht einmal verheiratet habe) gestorben. Darauf htten
seine nchsten Anverwandten die Erbschaft in Besitz nehmen wollen,
htten aber nicht das geringste Geld gefunden. Man behaupte daher,
er msse den Schatz vergraben haben und dieser mge heute noch in
dem alten Schlo verborgen liegen. Schon viele Menschen wren des
Schatzes wegen in die alte Burg gegangen, aber keiner wre wieder
zum Vorschein gekommen. Daher habe die Obrigkeit den Eintritt in
dies alte Schlo untersagt und alle Menschen im ganzen Lande
ernstlich davor gewarnt. -- Der Musikant hatte aufmerksam zugehrt,
und als der Pachter seinen Bericht geendigt hatte, uerte er, da
er groes Verlangen habe, auch einmal hineinzugehen, denn er sei
beherzt und kenne keine Furcht. Der Pachter bat ihn aufs dringendste
und endlich schier fufllig, doch ja sein junges Leben zu schonen
und nicht in das Schlo zu gehen. Aber es half kein Bitten und
Flehen, der Musikant war unerschtterlich.

Zwei Knechte des Pachters muten ein Paar Laternen anznden und den
beherzten Musikanten bis an das alte Schlo begleiten. Dann schickte
er sie mit einer Laterne wieder zurck, er aber nahm die zweite in
die Hand und stieg mutig eine hohe Treppe hinan. Als er diese
erstiegen hatte, kam er in einen groen Saal, um den ringsherum
Tren waren. Er ffnet die erste und ging hinein, setzte sich an
einen darin befindlichen altvterischen Tisch, stellte sein Licht
darauf und spielte Flte. Der Pachter aber konnte die ganze Nacht
vor lauter Sorgen nicht schlafen und sah fters zum Fenster hinaus.
Er freute sich jedesmal unaussprechlich, wenn er drben den Gast
noch musizieren hrte. Doch als seine Wanduhr elf schlug und das
Fltenspiel verstummte erschrak er heftig und glaubte nun nicht
anders, als der Geist oder der Teufel, oder wer sonst in diesem
Schlosse hauste, habe dem schnen Burschen nun ganz gewi den Hals
umgedreht. Doch der Musikant hatte ohne Furcht sein Fltenspiel
abgewartet und gepflegt; als aber sich endlich Hunger bei ihm regte,
weil er nicht viel bei dem Pachter gegessen hatte, so ging er in dem
Zimmer auf und nieder und sah sich um. Da erblickte er einen Topf
voll ungekochter Linsen stehen, auf einem andern Tische stand ein
Gef voll Wasser, eines voll Salz und eine Flasche Wein. Er go
geschwind Wasser ber die Linsen, tat Salz daran, machte Feuer in
dem Ofen, weil auch schon Holz dabei lag, und kochte sich eine
Linsensuppe. Whrend die Linsen kochten, trank er die Flasche Wein
leer, und dann spielte er wieder Flte. Als die Linsen gekocht
waren, rckte er sie vom Feuer, schttete sie in die auf dem Tische
schon bereitstehende Schssel und a frisch darauf los. Jetzt sah er
nach seiner Uhr, und es war um die elfte Stunde. Da ging pltzlich
die Tr auf, zwei lange schwarze Mnner traten herein und trugen
eine Totenbahre, auf der ein Sarg stand. Diese stellten sie, ohne
ein Wort zu sagen, vor den Musikanten, der sich keineswegs im Essen
stren lie, und gingen ebenso lautlos, wie sie gekommen waren,
wieder zur Tr hinaus. Als sie sich nun entfernt hatten, stand der
Musikant hastig auf und ffnete den Sarg. Ein altes Mnnchen, klein
und verhutzelt, mit grauen Haaren und grauem Barte, lag darinnen;
aber der Bursche frchtete sich nicht, nahm es heraus, setzte es an
den Ofen, und kaum schien es gewrmt zu sein, als sich schon Leben
in ihm regte. Er gab ihm hierauf Linsen zu essen und war ganz mit
dem Mnnchen beschftigt, ja ftterte es wie eine Mutter ihr Kind.
Da wurde das Mnnchen ganz lebhaft und sprach zu ihm: Folge mir!
Das Mnnchen zog voraus, der Bursche aber nahm seine Laterne und
folgte ihm sonder Zagen. Es fhrte ihn nun eine hohe, verfallene
Treppe hinab, und so gelangten endlich beide in ein tiefes,
schauerliches Gewlbe.

Hier lag ein groer Haufen Geld. Da gebot das Mnnchen dem Burschen:
Diesen Haufen teile mir in zwei ganz gleiche Teile, aber da nichts
brig bleibt, sonst bringe ich dich ums Leben! Der Bursche lchelte
blo, fing sogleich an zu zhlen, auf zwei groe Tische herber und
hinber, und brachte so das Geld in kurzer Zeit in zwei gleiche
Teile, doch zuletzt -- war noch ein Kreuzer brig. Der Musikant aber
besann sich kurz, nahm sein Taschenmesser heraus, setzte es mit der
Schneide auf den Kreuzer und schlug ihn mit einem dabeiliegenden
Hammer entzwei. Als er nun die eine Hlfte auf diesen, die andere
auf jenen Haufen warf, wurde das Mnnchen ganz heiter und sprach:
Du himmlischer Mann, du hast mich erlst! Schon hundert Jahre mu
ich meinen Schatz bewachen, den ich aus Geiz zusammengescharrt habe,
bis es einem gelingen wrde, das Geld in zwei gleiche Teile zu
teilen. Noch nie ist es einem gelungen, und ich habe sie alle
erwrgen mssen. Der eine Haufen Geld ist nun dein, den andern aber
teile unter die Armen. Gttlicher Mensch, du hast mich erlst!
Darauf verschwand das Mnnchen. Der Bursche aber stieg die Treppe
hinan und spielte in seinem Zimmer lustige Stcklein auf seiner
Flte.

Da freute sich der Pachter, da er ihn wieder spielen hrte, und mit
dem frhesten Morgen eilte er auf das Schlo (denn am Tage durfte
jedermann hinein) und begrte den Burschen voller Freude. Dieser
erzhlte ihm die Geschichte, dann ging er hinunter zu seinem Schatz,
tat, wie ihm das Mnnchen befohlen hatte, und verteilte die Hlfte
unter die Armen. Das alte Schlo aber lie er niederreien, und bald
stand an der vorigen Stelle ein neues, wo nun der Musikant als
reicher Mann wohnte.

  [Abbildung]




    [Kleinbild]

Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel.

  [_Sieben Abbildungen_]


Diese Geschichte ist ganz lgenhaft anzuhren, Jungens, aber wahr
ist sie doch, denn mein Grovater, von dem ich sie habe, pflegte
immer, wenn er sie erzhlte, dabei zu sagen: Wahr mu es doch sein,
meine Shne, denn sonst knnte man sie ja nicht erzhlen. Die
Geschichte aber hat sich so zugetragen:

Es war einmal an einem Sonntagsmorgen in der Herbstzeit, just als
der Buchweizen blhte. Die Sonne war goldig am Himmel aufgegangen,
der Morgenwind strich frisch ber die Stoppeln, die Lerchen sangen
in der Luft, die Bienen summten in dem Buchweizen, und die Leute
gingen in ihren Sonntagskleidern nach der Kirche, kurz, alle Kreatur
war vergngt und der Swinegel auch.

Der Swinegel aber stand vor seiner Tr, hatte die Arme
bereinandergeschlagen, guckte dabei in den Morgenwind hinaus und
trllerte ein Liedchen vor sich hin, so gut und schlecht, als es nun
eben am lieben Sonntagmorgen ein Swinegel zu singen vermag. Indem er
nun noch so halbleise vor sich hinsang, fiel ihm auf einmal ein, er
knne wohl, whrend seine Frau die Kinder wsche und anzge, ein
bichen im Felde spazieren und dabei sich umsehen, wie seine
Steckrben stnden. Die Steckrben waren das Nchste bei seinem
Hause, und er pflegte mit seiner Familie davon zu essen, und deshalb
sah er sie denn auch als die seinigen an. Der Swinegel machte die
Haustre hinter sich zu und schlug den Weg nach dem Felde ein.
Er war noch nicht sehr weit vom Hause und wollte just um den
Schlehenbusch hinaufschlendern, der da vor dem Felde liegt, als ihm
der Hase begegnete, der in hnlichen Geschften ausgegangen war,
nmlich um seinen Kohl zu besehen. Als der Swinegel des Hasen
ansichtig wurde, bot er ihm einen freundlichen guten Morgen. Der
Hase aber, der nach seiner Weise ein gar vornehmer Herr war und
grausam hochfahrig dazu, antwortete nichts auf des Swinegels Gru,
sondern sagte zu ihm, wobei er eine gewaltig hohe Miene annahm: Wie
kommt es denn, da du schon bei so frhem Morgen im Felde
rumlufst? Ich gehe spazieren, sagte der Swinegel. Spazieren?
lachte der Hase, mich deucht du knntest deine Beine auch wohl zu
besseren Dingen gebrauchen. Diese Antwort verdro den Swinegel ber
alle Maen, denn alles kann er vertragen, aber auf seine Beine lt
er nichts kommen, eben weil sie von Natur schief sind. Du bildest
dir wohl ein, sagte nun der Swinegel, da du mit deinen Beinen
mehr ausrichten kannst? Das denk' ich, sagte der Hase. Nun, es
kme auf einen Versuch an, meinte der Swinegel, ich pariere, wenn
wir wettlaufen, ich laufe euch vorbei. Das ist zum lachen -- du
mit deinen schiefen Beinen! sagte der Hase aber meinetwegen mag es
sein, wenn du so bergroe Lust hast. Was gilt die Wette? Einen
goldenen Lujedor und eine Buttelje Schnaps, sagte der Swinegel.
Angenommen, sprach der Hase schlag ein, und dann kann's gleich
losgehen. Nein, so groe Eile hat es nicht, meinte der Swinegel,
ich bin noch ganz nchtern; erst will ich nach Hause gehn und ein
bichen frhstcken. In einer halben Stunde bin ich auf dem Platze.
Darauf ging der Swinegel, denn der Hase war es zufrieden.

Unterwegs dachte der Swinegel bei sich: Der Hase verlt sich auf
seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er dnkt sich
zwar ein vornehmer Herr zu sein, ist aber doch ein dummer Kerl, und
bezahlen mu er auch. Als nun der Swinegel zu Hause ankam, sagte er
zu seiner Frau: Frau zieh dich eilig an, du mut mit ins Feld
hinaus. Was gibt es denn? sagte die Frau. Ich habe mit dem Hasen
um einen goldenen Lujedor und eine Buttelje Schnaps gewettet. Ich
will mit ihm um die Wette laufen, und da sollst du dabei sein.
O mein Gott, mein Mann! schrie Swinegels Frau, bist du nicht klug,
hast du den Verstand verloren? Wie kannst du mit dem Hasen um die
Wette laufen wollen? La gut sein, Weib, sagte der Swinegel, das
ist meine Sache. Rsoniert nicht in Mnnergeschfte. Ziehe dich an
und dann komm mit. Was sollte die Frau machen? Sie mute wohl
folgen, sie mochte wollen oder nicht.

Als sie nun miteinander unterwegs waren, sprach der Swinegel zu
seiner Frau also: Nun pa auf, was ich dir sagen werde. Sieh, auf
dem langen Acker dort wollen wir unsern Wettlauf machen. Der Hase
luft nmlich in der einen Furche und ich in der andern, und von
oben fangen wir an zu laufen. Nun hast du weiter nichts zu tun, als
du stellst dich hier unten in die Furche, und wenn der Hase auf der
andern Seite ankommt, so rufst du ihm entgegen: Ich bin schon da!

Damit waren sie beim Acker angelangt, der Swinegel wies seiner Frau
ihren Platz an und ging nun den Acker hinauf. Als er oben ankam, war
der Hase schon da. Kann es losgehen? sagte der Hase. Jawohl,
erwiderte der Swinegel. Dann man zu! Und damit stellte sich jeder
in seine Furche. Der Hase zhlte: Eins, zwei, drei! und los ging
er wie ein Sturmwind den Acker hinunter. Der Swinegel aber lief nur
ungefhr drei Schritte, dann duckte er sich in die Furche nieder und
blieb ruhig sitzen.

Als nun der Hase im vollen Laufen unten ankam, rief ihm Frau
Swinegel entgegen: Ich bin schon da! Der Hase stutzte und
verwunderte sich nicht wenig. Er meinte nicht anders, es wre der
Swinegel selbst, der ihm das zurufe, denn bekanntlich sieht
Swinegels Frau gerade so aus wie ihr Mann.

Der Hase aber meinte: Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Er
rief: Noch einmal gelaufen, wieder herum! Und fort ging es wieder
wie der Sturmwind, so da ihm die Ohren am Kopfe flogen. Frau
Swinegel blieb indes ruhig auf ihrem Platz. Als nun der Hase oben
ankam, rief ihm der Swinegel entgegen: Ich bin schon da! Der Hase
aber, ganz auer sich vor Eifer, schrie: Nochmal gelaufen, wieder
herum! Mir recht, antwortete der Swinegel, meinetwegen so oft
als du Lust hast. So lief der Hase dreiundsiebzigmal, und der
Swinegel hielt es immer mit ihm aus. Jedesmal, wenn der Hase unten
oder oben ankam sagte der Swinegel oder seine Frau: Ich bin
schonda.

Zum vierundsiebzigstenmal kam der Hase nicht mehr zu Ende. Mitten
auf dem Acker strzte er zur Erde, das Blut flo ihm aus dem Halse,
und er blieb tot auf dem Platze. Der Swinegel aber nahm seinen
gewonnenen Louisdor und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus
der Furche ab, und beide gingen vergngt nach Hause, und wenn sie
nicht gestorben sind, leben sie noch.

So begab es sich, da auf der Buxtehuder Heide der Swinegel den
Hasen zu Tode gelaufen hat, und seit jener Zeit hat es sich kein
Hase wieder einfallen lassen, mit dem Buxtehuder Swinegel um die
Wette zu laufen.

Die Lehre aber aus dieser Geschichte ist deutlich, da keiner, und
wenn er sich auch noch so vornehm dnkt, sich soll beikommen lassen,
ber den geringen Mann sich lustig zu machen, und wre es auch nur
ein Swinegel.

  [Abbildung]




Das Ktzchen und die Stricknadeln.

  [_Drei Abbildungen (1 bunt)_]


Es war einmal eine arme Frau, die in den Wald ging, um Holz zu
lesen. Als sie mit ihrer Brde auf dem Rckwege war, sah sie hinter
einem Zaun ein krankes Ktzchen liegen, das klglich schrie. Die
arme Frau nahm es mitleidig in ihre Schrze und trug es dem Hause
zu. Auf dem Wege kamen ihre beiden Kinder ihr entgegen, und wie sie
sahen, da die Mutter etwas trug, fragten sie: Mutter, was trgst
du? und wollten gleich das Ktzchen haben; aber die mitleidige Frau
gab den Kindern das Ktzchen nicht, aus Sorge, sie mchten es
qulen, sondern legte es zu Hause auf alte weiche Kleider und gab
ihm Milch zu trinken. Als das Ktzchen sich gelabt hatte und wieder
gesund war, war es mit einem Male fort und verschwunden. Nach
einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald, und als sie mit
ihrer Brde Holz auf dem Rckwege wieder an die Stelle kam, wo das
kranke Ktzchen gelegen hatte, da stand eine ganz vornehme Dame
dort, winkte die arme Frau zu sich und warf ihr fnf Stricknadeln in
die Schrze. Die Frau wute nicht recht, was sie denken sollte und
dnkte diese absonderliche Gabe ihr gar zu gering; doch nahm sie die
fnf Stricknadeln des Abends auf den Tisch. Aber als sie des andern
Morgens ihr Lager verlie, da lagen ein Paar neue, fertig gestrickte
Strmpfe auf dem Tische. Das wunderte die arme Frau ber alle Maen;
am nchsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den Tisch, und am
Morgen darauf lagen abermals neue Strmpfe da. Jetzt merkte sie, da
zum Lohn ihres Mitleids mit dem kranken Ktzchen ihr diese fleiigen
Nadeln beschert waren, und sie lie dieselben nun jede Nacht
stricken, bis sie und die Kinder genug hatten. Dann verkaufte sie
auch Strmpfe und hatte zu leben bis an ihr seliges Ende.

  [Abbildung]




Der goldene Rehbock.

  [_Sechs Abbildungen_]


Es waren einmal zwei arme Geschwister, ein Knabe und ein Mdchen;
das Mdchen hie Margarete, der Knabe hie Hans. Ihre Eltern waren
gestorben, hatten ihnen auch gar kein Eigentum hinterlassen, daher
sie ausgehen muten, um durch Betteln sich fortzubringen. Zur Arbeit
waren beide noch zu schwach und klein; denn Hnschen zhlte erst
zwlf Jahre und Gretchen war noch jnger. Des Abends gingen sie vors
erste beste Haus, klopften an und baten um ein Nachtquartier, und
vielmals waren sie schon von guten, mildttigen Menschen
aufgenommen, gespeiset und getrnket worden; auch hatte mancher und
manche Barmherzige ihnen ein Kleidungsstckchen zugeworfen.

So kamen sie einmal des Abends vor ein Huschen, welches einzeln
stand; da klopften sie ans Fenster, und als gleich darauf eine alte
Frau heraussah, fragten sie diese, ob sie hier ber Nacht bleiben
durften. Die Antwort war: Meinetwegen, kommt nur herein! Aber wie
sie eintraten, sprach die Frau: Ich will euch wohl ber Nacht
behalten; aber wenn es mein Mann gewahr wird, so seid ihr verloren,
denn er it gern einen jungen Menschenbraten, daher er alle Kinder
schlachtet, die ihm vor die Hand kommen! Da wurde den Kindern sehr
angst; doch konnten sie nunmehr nicht weiter, es war schon ganz
dunkle Nacht geworden. So lieen sie sich gutwillig von der Frau in
ein Fa verstecken und verhielten sich ruhig. Einschlafen konnten
sie aber lange nicht, zumal, da sie nach einer Stunde die
schweren Tritte eines Mannes vernahmen, der wahrscheinlich der
Menschenfresser war. Des wurden sie bald gewi, den jetzt fing er
an, mit brllender Stimme auf seine Frau zu zanken, da sie keinen
Menschenbraten fr ihn zugerichtet. Am Morgen verlie er das Haus
wieder und tappte so laut, da die Kinder, die endlich doch
eingeschlafen waren, darber erwachten.

Als sie von der Frau etwas zu frhstcken bekommen hatten, sagte
diese: Ihr Kinder mt nun auch etwas tun! Da habt ihr zwei Besen,
geht oben hinauf und kehrt mir meine Stuben aus; deren sind zwlf,
aber ihr kehret davon nur elf, die zwlfte drft ihr ums Himmels
willen nicht aufmachen. Ich will derzeit einen Ausgang tun. Seid
fleiig, da ihr fertig seid, wenn ich wieder komme! Die Kinder
kehrten sehr emsig, und bald waren sie fertig. Nun mochte Gretchen
doch gar zu gerne wissen, was in der zwlften Stube wre, das sie
nicht sehen sollten, weil ihnen verboten war, die Stube zu ffnen.
Sie guckte ein wenig durchs Schlsselloch und sah da einen
herrlichen kleinen goldenen Wagen, mit einem goldenen Rehbock
bespannt. Geschwind rief sie Hnschen herbei, da er auch
hineingucken sollte. Und als sie sich erst tchtig umgesehen, ob die
Frau nicht heimkehre, und da von dieser nichts zu sehen war,
schlossen sie schnell die Tre auf, zogen den Wagen samt dem Rehbock
heraus, setzten sich drunten hinein in den Wagen und fuhren auf und
davon. Aber nicht lange, so sahen sie von weitem die alte Frau und
auch den Menschenfresser ihnen entgegenkommen, gerade des Weg's, den
sie mit dem geraubten Wagen eingeschlagen hatten. Hnslein sprach:
Ach, Schwester, was machen wir? Wenn uns die beiden Alten
entdecken, sind wir verloren. Still! sprach Gretchen, ich wei
ein krftiges Zaubersprchlein, welches ich noch von unsrer
Gromutter gelernt habe:

    [Kleinbild]

  Rosenrote Rose sticht;
  Siehst du mich, so sieh mich nicht!

und alsbald waren sie in einen Rosenstrauch verwandelt. Gretchen
wurde zur Rose, Hnslein zu Dornen, der Rehbock zum Stiele, der
Wagen zu Blttern.

Nun kamen beide, der Menschenfresser und seine Frau, dahergegangen,
und letztere wollte sich die schne Rose abbrechen; aber sie stach
sich so sehr, da ihre Finger bluteten und sie rgerlich davonging.
Wie die Alten fort waren, machten sich die Kinder eilig auf und
fuhren weiter und kamen bald an einen Backofen, der voll Brot stand.
Da hrten sie aus demselben eine hohle Stimme rufen: Rckt mir mein
Brot, rckt mir mein Brot! Schnell rckte Gretchen das Brot und tat
es in ihren Wagen, worauf sie weiterfuhren. Da kamen sie an einen
groen Birnbaum, der voll reifer, schner Frchte hing. Aus diesem
tnte es wieder: Schttelt mir meine Birnen, schttelt mir meine
Birnen! Gretchen schttelte sogleich, und Hnschen half gar fleiig
auflesen und die Birnen in den goldenen Wagen schtten. Und weiter
kamen sie an einen Weinstock, der rief mit angenehmer Stimme:
Pflckt mir meine Trauben, pflckt mir meine Trauben! Gretchen
pflckte auch diese und packte sie in ihren Wagen.

Unterdessen aber waren der Menschenfresser und seine Frau daheim
angelangt und hatten mit Ingrimm wahrgenommen, da die Kinder den
goldenen Wagen samt dem Rehbock entfhrt, gerade wie sie selbst
vor langen Jahren Wagen und Rehbock gestohlen und
noch dazu bei dem Diebstahl einen Mord begangen, nmlich den
rechtmigen Eigentmer erschlagen hatten. Der mit dem Rehbock
bespannte Wagen war nicht nur an und fr sich von groem Wert,
sondern er besa auch noch die vortreffliche Eigenschaft, da, wo er
hinkam, von allen Seiten Gaben gespendet wurden, von Baum und
Beerstrauch, von Backofen und Weinstock. So hatten denn die Leute,
der Menschenfresser und seine Frau, lange Jahre den Wagen auf
unrechtmige Weise besessen, hatten sich gute Ewaren spenden
lassen und dabei herrlich und in Freuden gelebt. Da sie nun sahen,
da sie ihres Wagens beraubt waren, machten sie sich flugs auf, den
Kindern nachzueilen und ihnen die kstliche Beute wieder abzujagen.
Dabei wsserte dem Menschenfresser schon der Mund nach
Menschenbraten; denn die Kinder wollte er sogleich fangen und
schlachten. Mit weiten Schritten eilten die beiden Alten den
Flchtlingen nach und wurden derselben bald von ferne ansichtig. Die
Kinder kamen jetzt an einen groen Teich und konnten nicht weiter,
auch war weder eine Fhre noch eine Brcke da, da sie hinber
htten flchten knnen. Nur viele Enten waren darauf zu sehen, die
lustig umherschwammen. Gretchen lockte sie ans Ufer, warf ihnen
Futter hin und sprach:

    [Kleinbild]

  Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,
  Macht mir ein Brckchen, da ich hinber kann kommen!

Da schwammen die Enten eintrchtiglich zusammen, bildeten eine
Brcke, und die Kinder samt Rehbock und Wagen kamen glcklich ans
Ufer. Aber flugs hinterdrein kam auch der Menschenfresser und
brummte mit hlicher Stimme:

  Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,
  Macht mir ein Brckchen, da ich hinber kann kommen!

Schnell schwammen die Entchen zusammen und trugen die beiden Alten
hinber -- meint ihr? Nein! in der Mitte des Teiches, wo das Wasser
am tiefsten war, schwammen die Entchen auseinander, und der bse
Menschenfresser nebst seiner Frau plumpten in die Tiefe und kamen
um. Hnschen und Gretchen wurden sehr wohlhabende Leute, aber sie
spendeten auch von ihrem Segen den Armen viel Gutes, weil sie immer
daran dachten, wie bitter es gewesen, da sie noch arm waren und
betteln gehen muten.

    [Kleinbild]




Die drei Federn.

  [_Fnf Abbildungen (1 bunt)_]


Einem Manne wurde ein Shnlein geboren; und da der Vater ausging,
einen Paten zu suchen, der das Kind aus der Taufe hebe, so fand er
einen jungen, wunderschnen Knaben, gegen den sein Herz gleich voll
Liebe wurde. Und als er ihm nun seine Bitte vortrug, war der schne
Knabe gern bereit mitzugehen und das Kind zu heben und hinterlie
ein junges, weies Ro als Patengeschenk. Dieser Knabe ist aber
niemand anders gewesen als Jesus Christus, unser Herr.

Der junge Knabe, welcher in der Taufe den Namen Heinrich empfangen
hatte, wuchs zu seines Vaters und seiner Mutter Freude, und wie er
die Jnglingsjahre erreicht hatte, da hielt es ihn nicht mehr
daheim, sondern es zog ihn in die Ferne nach Taten und Abenteuern.
Nahm daher Urlaub von seinen Eltern, setzte sich auf sein
gesatteltes Rlein, das ihm der unbekannte Knabe zum Patengeschenk
gegeben, und ritt frisch und frhlich darauf in die Welt hinein. Da
kam er eines Tages durch einen Wald, und siehe, da lag hart am Wege
eine Feder aus dem Rade eines Pfauen, und die Sonne schien auf die
Feder, da ihre bunten Farben in ihrem Glanze prchtig leuchteten.
Der junge Knabe hielt sein Rlein an und wollte absteigen, um die
Feder aufzuheben und sie an seinen Hut zu stecken. Da tat das
Rlein sein Maul auf und sprach: Ach, la die Feder auf dem Grunde
liegen! Des verwunderte sich der junge Reiter, da das Rlein
sprechen konnte, und es kam ihn ein Schauer an; er blieb im Sattel,
stieg nicht ab, hob die Feder nicht auf, sondern ritt weiter. Nach
einer Zeit geschah es, da der Knabe am Ufer eines Bchleins
hinritt, siehe, da lag eine bunte, viel schnere Feder auf dem
grnen Gras, als jene war, die im Walde gelegen hatte, und des
Knaben Herz verlangte nach ihr, seinen Hut damit zu schmcken, denn
dergleichen Pracht von einer Feder hatte er all sein Lebtag noch
nicht gesehen. Aber wie er absteigen wollte, sprach das Rlein
abermals: Ach, la die Feder auf dem Grunde! Und wieder
verwunderte sich der Knabe ber alle Maen, da das Rlein sprach,
whrend es doch sonst nicht redete; er folgte auch diesmal, blieb im
Sattel, stieg nicht ab, hob die Feder nicht auf, sondern ritt
weiter.

Nun whrte es nur eine kleine Zeit, da kam der Knabe an einen hohen
Berg und wollte da hinauf reiten, da lag an seinem Fue im
Wiesengrunde wieder eine Feder; das war nach seinem Vermeinen aber
die allerschnste in der ganzen weiten Welt, und die mute er haben.
Sie glnzte und funkelte wie lauter blaue und grne Edelsteine oder
wie die hellen Tautropfen in der Morgensonne. Aber wiederum sprach
das Rlein: Ach, la die Feder auf dem Grunde! Dieses Mal
vermochte der Jngling dem Rlein nicht zu gehorchen und wollte
seinen Rat nicht hren, denn es gelstete ihn allzusehr nach dem
lieblichen und stattlichen Schmuck. Er stieg ab, hob die Feder vom
Grunde und steckte sie auf seinen Hut. Da sprach das Rlein:
O weh, was tust du dir zum Schaden? Es wird dich wohl noch reuen!
Weiter sprach es nichts. Wie der Jngling weiter ritt, so kam er an
eine stattliche und wohlgebaute Stadt, da sah er viel geschmckte
Brgersleute, und es kam ihm ein feiner Zug entgegen mit Pfeifern,
Paukern und Trompetern und vielen wehenden Fahnen, und das war
prchtig anzusehen. Und in dem Zuge gingen Jungfrauen, die streuten
Blumen, und die vier schnsten trugen auf einem Kissen eine
Knigskrone. Und die ltesten der Stadt reichten die Krone dem
Jngling und sprachen: Heil dir, du uns von Gott gesandter edler
Jngling! Du sollst unser Knig sein! Gelobt sei Gott, der Herr,
in alle Ewigkeit! und alles Volk schrie: Heil unserm Knig! Der
Jngling wute nicht, wie ihm geschehen, als er auf seinem Haupte
die Knigskrone fhlte, er kniete nieder und lobte Gott und den
Heiland. Htte er die erste Feder aufgehoben, so wre er ein Graf
geworden; die zweite: ein Herzog, und htte er die dritte Feder
nicht aufgehoben, so htte er auf dem Bergesgipfel eine vierte
gefunden, und das Rlein htte dann gesprochen: Diese Feder nimm
vom Grunde! Dann wr' er ein mchtiger Kaiser geworden ber viele
Reiche der Welt, und die Sonne wre nicht untergegangen in seinen
Landen. Doch war er auch so zufrieden und war ein gtiger, weiser,
gerechter und frommer Knig.

  [Abbildung]




Der kleine Dumling.

  [_Acht Abbildungen (2 bunt)_]


Es war einmal ein armer Korbmacher, der hatte mit seiner Frau sieben
Jungen, da war immer einer kleiner als der andere, und der jngste
war bei seiner Geburt nicht viel ber Fingers Lnge, daher nannte
man ihn _Dumling_. Zwar ist er hernach noch etwas gewachsen, doch
nicht gar zu sehr, und den Namen Dumling hat er behalten. Doch war
es ein gar kluger und pfiffiger kleiner Knirps, der an Gewandtheit
und Schlauheit seine Brder in den Sack steckte.

Den Eltern ging es erst gar bel, denn Korbmachen und Strohflechten
ist keine so nahrhafte Profession wie Semmelbacken und
Klberschlachten, und als vollends eine teure Zeit kam, wurde dem
Korbmacher und seiner Frau himmelangst, wie sie ihre sieben Wrmer
satt machen sollten, die alle mit uerst gutem Appetit gesegnet
waren. Da beratschlagten eines Abends, als die Kinder zu Bette
waren, die beiden Eltern miteinander, was sie anfangen wollten und
wurden Rates, die Kinder mit in den Wald zu nehmen, wo die Weiden
wachsen, aus denen man Krbe flicht, und sie heimlich zu verlassen.
Das alles hrte der Dumling an, der nicht schlief wie seine Brder,
und schrieb sich der Eltern beln Ratschlag hinter die Ohren.
Simulierte auch die ganze Nacht, da er vor Sorge doch kein Auge
zutun konnte, wie er es machen sollte, sich und seinen Brdern zu
helfen.

Frhmorgens lief der Dumling an den Bach, suchte die kleinen
Taschen voll weier Kiesel und ging wieder heim. Seinen Brdern
sagte er von dem, was er erhorcht hatte, kein Sterbenswrtchen. Nun
machten sich die Eltern auf in den Wald, hieen die Kinder folgen,
und der Dumling lie ein Kieselsteinchen nach dem andern auf den
Weg fallen. Das sah niemand, weil er als der jngste, kleinste und
schwchste stets hintennach trottete.

Im Walde machten sich die Alten unvermerkt von den Kindern fort, und
auf einmal waren sie weg. Als das die Kinder merkten, erhoben sie
allzumal, Dumling ausgenommen, ein Zetergeschrei. Dumling lachte
und sprach zu seinen Brdern: Heult und schreit nicht so
jmmerlich! Wollen den Weg schon allein finden. Und nun ging
Dumling voran und nicht hinterdrein, richtete sich genau nach den
weien Kieselsteinchen und fand auch den Weg ohne alle Mhe.

Als die Eltern heimkamen, bescherte ihnen Gott Geld ins Haus; eine
alte Schuld, auf die sie nicht mehr gehofft hatten, wurde von einem
Nachbar an sie abbezahlt, und nun wurden Ewaren gekauft, da sich
der Tisch bog. Aber nun kam auch das Reuelein, da die Kinder
verstoen worden waren, und die Frau begann erbrmlich zu
lamentieren: Ach, du lieber, allerliebster Gott! Wenn wir doch die
Kinder nicht im Wald gelassen htten! Ach, jetzt knnten sie sich
dicksatt essen, und so haben die Wlfe sie vielleicht schon im
Magen! Ach, wren nur unsre liebsten Kinder da! -- Mutter, da sind
wir ja! sprach ganz geruhig der kleine Dumling, der bereits mit
seinen Brdern vor der Tre angelangt war und die Wehklage gehrt
hatte, ffnete die Tr, und herein trippelten die kleinen Korbmacher
-- eins, zwei, drei, vier, fnf, sechs, sieben. Ihren guten Appetit
hatten sie wieder mitgebracht, und da der Tisch so reichlich
gedeckt war, das war ihnen ein gefundenes Essen. Die Herrlichkeit
war gro, da die Kinder wieder da waren, und es wurde, so lange das
Geld reichte, in Freuden gelebt, wie es armer Handarbeiter
Gewohnheit.

Nicht gar lange whrte es, so war in des Korbmachers Htte
Schmalhans wieder Kchenmeister, und ein Kellermeister mangelte
ohnedem, und es erwachte aufs neue der Vorsatz, die Kinder im Walde
ihrem Schicksal zu berlassen. Da der Plan wieder als lautes
Abendgesprch zwischen Vater und Mutter verhandelt wurde, so hrte
auch der kleine Dumling alles, das ganze Gesprch, Wort fr Wort
und nahm sich's zu Herzen.

Am andern Morgen wollte Dumling aus dem Huschen schlpfen,
Kieselsteine aufzulesen, aber o weh, da war's verriegelt, und
Dumling war viel zu klein, als da er den Riegel htte erreichen
knnen; da gedachte er sich anders zu helfen. Wie es fort ging zum
Walde, steckte Dumling Brot ein und streute davon Krmchen auf den
Weg, um ihn dadurch wieder zu finden.

Alles begab sich wie das erstemal, nur mit dem Unterschied, da
Dumling den Heimweg nicht fand, dieweil die Vgel alle Krmchen
rein aufgefressen hatten. Nun war guter Rat teuer, und die Brder
machten ein Geheul, da es zum Steinerbarmen war. Dabei tappten sie
durch den Wald, bis es ganz finster wurde, und frchteten sich ber
die Maen, bis auf Dumling, der schrie nicht und frchtete sich
nicht. Unter dem schirmenden Laubdach eines Baumes, auf weichem Moos
schliefen die sieben Brder, und als es Tag war, stieg Dumling auf
einen Baum, die Gegend zu erkunden. Erst sah er nichts als eitel
Waldbume, dann aber entdeckte er das Dach eines kleinen Huschens,
merkte sich die Richtung, rutschte vom Baume herab und ging seinen
Brdern tapfer voran. Nach manchem Kampf mit Dickicht, Dornen und
Disteln sahen alle das Huschen durch die Bsche blicken und
schritten guten Mutes darauf los, klopften auch ganz bescheidentlich
an der Tre an. Da trat eine Frau heraus, und Dumling bat gar
schn, sie doch einzulassen, sie htten sich verirrt und wten
nicht wohin? Die Frau sagte: Ach, ihr armen Kinder! und lie den
Dumling mit seinen Brdern eintreten, sagte ihnen aber auch gleich
da sie im Hause des Menschenfressers wren, der besonders gern die
kleinen Kinder fre. Das war eine schne Zuversicht! Die Kinder
zitterten wie Espenlaub, als sie dieses hrten, htten gern lieber
selbst zu essen gehabt und sollten nun statt dessen gegessen werden.
Doch die Frau war gut und mitleidig, verbarg die Kinder und gab
ihnen auch etwas zu beien. Bald darauf hrte man Tritte, und es
klopfte stark an die Tre; das war kein andrer als der heimkehrende
Menschenfresser. Er setzte sich an den Tisch zur Mahlzeit, lie Wein
auftragen und schnffelte, als wenn er etwas rche, dann rief er
seiner Frau zu: Ich witt're Menschenfleisch! Die Frau wollte es
ihm ausreden, aber er ging seinem Geruch nach und fand die Kinder.
Die waren halbtot vor Entsetzen. Schon wetzte er sein langes Messer,
die Kinder zu schlachten, und nur allmhlich gab er den Bitten
seiner Frau nach, sie noch ein wenig am Leben zu lassen und
aufzufttern, weil sie doch gar zu drr seien, besonders der kleine
Dumling. So lie der bse Mann und Kinderfresser sich endlich
beschwichtigen. Die Kinder wurden zu Bette gebracht, und zwar
in derselben Kammer, wo ebenfalls in einem groen Bette
Menschenfressers sieben Tchterlein schliefen, die so alt waren wie
die sieben Brder. Sie waren von Angesicht sehr hlich, jede hatte
aber ein goldenes Krnlein auf dem Haupte. Das alles war der
Dumling gewahr worden, machte sich ganz still aus dem Bette, nahm
seine und seiner Brder Nachtmtzen, setzte diese Menschenfressers
Tchtern auf und deren Krnlein sich und seinen Brdern.

Der Menschenfresser trank vielen Wein, und da kam ihn seine bse
Lust wieder an, die Kinder zu morden, nahm sein Messer und schlich
sich in die Schlafkammer, wo sie schliefen, willens, ihnen die Hlse
abzuschneiden. Es war aber stockdunkel in der Kammer, der
Menschenfresser tappte blind umher, bis er an ein Bett stie, und
fhlte nach den Kpfen der darin Schlafenden. Da fhlte er die
Krnchen und sprach. Halt da! Das sind deine Tchter. Bald httest
du betrunkenes Schaf einen Eselsstreich gemacht!

Nun tappelte er nach dem andern Bette, fhlte da die Nachtmtzen und
schnitt seinen sieben Tchtern die Hlse ab, einer nach der andern.
Dann legte er sich nieder und schlief seinen Rausch aus. Wie der
Dumling ihn schnarchen hrte, weckte er seine Brder, schlich sich
mit ihnen aus dem Hause und suchte das Weite. Aber wie sehr sie auch
eilten, so wuten sie doch weder Weg noch Steg und liefen in der
Irre herum voll Angst und Sorge, nach wie vor.

Als der Morgen kam, erwachte der Menschenfresser und sprach zu
seiner Frau: Geh und richte die Krabben zu, die gestrigen! Sie
meinte, sie sollte die Kinder aufwecken und ging voll Angst um sie
hinauf in die Kammer. Welch ein Schrecken fr die Frau, als sie nun
sah, was geschehen war; sie fiel gleich in Ohnmacht ber den
schrecklichen Anblick, den sie hatte. Als sie nun dem
Menschenfresser zu lange blieb, ging er selbst hinauf, und da sah
er, was er angerichtet. Die Wut, in die er geriet, ist nicht zu
beschreiben. Schnell zog er die Siebenmeilenstiefel an, die er
hatte, das waren Stiefel, wenn man damit sieben Schritte tat, so war
man eine Meile gegangen, das war nichts Kleines. Nicht lange, so
sahen die sieben Brder ihn von weitem ber Berg und Tler schreiten
und waren sehr in Sorgen, doch Dumling versteckte sich mit ihnen in
die Hhlung eines groen Felsens. Als der Menschenfresser an diesen
Felsen kam, setzte er sich darauf, um ein wenig zu ruhen, weil er
mde geworden war, und bald schlief er ein und schnarchte, da es
war, als brause ein Sturmwind. Wie der Menschenfresser so schlief
und schnarchte, schlich sich Dumling hervor, wie ein Muschen aus
seinem Loch, zog ihm die Meilenstiefeln aus und zog sie selber an.
Zum Glck hatten die Stiefel die Eigenschaft, an jeden Fu zu passen
wie angemessen und angegossen. Nun nahm er an jede Hand einen seiner
Brder, diese faten wieder einander an den Hnden, und so ging es,
hast du nicht gesehen, mit Siebenmeilenstiefelschritten nach Hause.
Da waren sie alle willkommen. Dumling empfahl seinen Eltern, ein
sorglich Auge auf die Brder zu haben, er wolle nun mit Hilfe der
Stiefel selbst fr sein Fortkommen sorgen, und als er das kaum
gesagt, so tat er einen Schritt und war schon weit fort, noch einen,
und er stand ber eine halbe Stunde auf einem Berge, noch einen, und
er war den Eltern und Brdern aus den Augen.

Nach der Hand hat der Dumling mit seinen Stiefeln sein Glck
gemacht und viele groe und weite Reisen, hat vielen Herren gedient,
und wenn es ihm wo nicht gefallen hat, ist er spornstreichs weiter
gegangen. Kein Verfolger zu Fu noch zu Pferd konnte ihn einholen,
und seine Abenteuer, die er mit Hilfe der Stiefel bestand, sind
nicht zu beschreiben.

  [Abbildung]




Das Natterkrnlein.

  [_Drei Abbildungen (1 bunt)_]


Alte Grovter und Gromtter haben schon oft ihren Enkeln und
Urenkeln erzhlt von schnen Schlangen, die goldene Krnlein auf
ihrem Haupte tragen; diese nannten die Alten mit mancherlei Namen,
als Otterknig, Krnleinnatter, Schlangenknigin und dergleichen,
und sie haben gesagt, der Besitz eines solchen Krnleins bringe
groes Glck.

Bei einem geizigen Bauer diente eine fromme, mildherzige Magd, und
in seinem Kuhstalle wohnte auch eine Krnleinnatter, die man
zuweilen des Nachts gar wunderschn singen hrte, denn diese Nattern
haben die Gabe, schner zu singen als das beste Vgelein. Wenn nun
die treue Magd in den Stall kam und die Khe molk oder sie ftterte
und ihnen streute -- was sie mit groer Sorgfalt tat, denn ihres
Herrn Vieh ging ihr ber alles, -- da kroch manchmal das
Schlnglein, welches so wei war wie ein weies Muschen, aus der
Mauerspalte, darin es wohnte, und sah mit klugen Augen die
geschftige Dirne an, und dieser kam es immer vor, als wolle die
Schlange etwas von ihr haben. Und da gewhnte sie sich, in ein
kleines Untertchen etwas kuhwarme Milch zu lassen, um dem
Schlnglein dieses hinzustellen, und das trank die Milch mit gar
groem Wohlbehagen und wendete dabei sein Kpfchen, und da glitzerte
das Krnlein wie ein Demant oder ein Karfunkelstein und leuchtete
ordentlich in dem dunkeln Stalle.

Die gute Dirne freute sich ber die weie Schlange gar sehr und nahm
auch wahr, da, seit sie dieselbe mit Milch trnkte, ihres Herrn
Khe sichtbarlich gediehen, viel mehr Milch gaben, stets gesund
waren und sehr schne Klbchen brachten, worber sie die grte
Freude hatte.

Da traf sich's einmal, da der Bauer in den Stall trat, als just die
Krnleinnatter ihr Trpfchen Milch schleckte, das ihr die gute Dirne
hingestellt; und weil er geizig und habschtig ber alle Maen war,
so fuhr er gleich so zornig auf, als ob die arme Magd die Milch
eimerweise weggeschenkt htte.

Du nichtsnutze Dirn', die du bist! schrie der bse Bauer. So
gehst du also um mit Hab und Gut deines Herrn? Schmst du dich nicht
der Snde, einen solchen giftigen Wurm, der ohnedies den Khen zur
Nacht die Milch aus den Eutern zieht, auch noch zu fttern und in
den Stall zu gewhnen? Hat man je so etwas erlebt? Schier glaub'
ich, da du eine bse Hexe bist und dein Satanswesen treibst mit dem
Teufelswurm!

Die arme Dirne konnte diesem Strome harter Vorwrfe nur mit
reichlich geweinten Trnen begegnen; aber der Bauer kehrte sich
nicht im mindesten daran, da sie weinte, sondern er schrie und
zankte sich immer mehr und mehr in den vollen Zorn hinein, verga
alle Treue und allen Flei der Magd und fuhr fort zu wettern und zu
toben: Aus dem Hause, sag' ich, aus dem Hause! Und auf der Stelle!
Ich brauche keine Schlangen als Kostgnger! Ich brauche keine
Milchdiebinnen und Hexendirnen! Gleich schnrst du dein Bndel, aber
gleich und machst, da du aus dem Dorfe fort kommst, und lt dich
nimmer wieder hier blicken, sonst zeig' ich dich an beim Amt, da
wirst du eingesteckt und kriegst den Staupbesen, du Hexendirne!

Laut weinend entwich die so hart gescholtene Magd aus dem Stalle,
ging hinauf in ihre Kammer, packte ihre Kleider zusammen und
schnrte ihr Bndlein, und dann trat sie aus dem Hause und ging ber
den Hof. Da wurde ihr weh ums Herz, im Stalle blckte ihre
Lieblingskuh. -- Der Bauer war weiter gegangen; sie trat noch einmal
in den Stall, um gleichsam im stillen und unter Trnen Abschied von
ihrem lieben Vieh zu nehmen; denn frommem Hausgesinde wird das Vieh
seiner Herrschaft so lieb, als wre es sein eigen. Daher pflegt man
auch zu sagen, im ersten Dienstjahre spricht die Magd: meines Herrn
Kuh, im zweiten: unsere Kuh, und im dritten und in allen folgenden:
_meine_ Kuh.

Und da stand nun die Dirn' im Stalle und weinte sich aus und
streichelte noch einmal jede Kuh, und ihr Liebling leckte ihr noch
einmal die Hand -- und da kam die Schlange mit dem Krnlein auch
gekrochen.

Leb' wohl, du armer Wurm, dich wird nun auch niemand mehr fttern.
Da hob sich das Schlnglein empor, als wollte es ihr seinen Kopf in
ihre Hand legen, und pltzlich fiel das Natterkrnlein in des
Mdchens Hand, und die Schlange glitt aus dem Stalle, was sie nie
getan. Das war ein Zeichen, da auch sie aus dem Hause scheide, wo
man ihr frder nicht mehr ein Trpflein Milch gnnen wollte.

Jetzt ging die arme Dirne ihres Weges und wute nicht, wie reich sie
war. Sie kannte des Natterkrnleins groe Tugend nicht. Wer es
besitzt und bei sich trgt, dem schlgt alles zum Glcke aus, der
ist allen Menschen angenehm, dem wird eitel Ehre und Freude zuteil.

Drauen vor dem Dorfe begegnete der scheidenden Magd der reiche
Schulzensohn, dessen Vater vor kurzem gestorben war, der schnste
junge Bursche des Dorfes; der gewann gleich die Dirne lieb, und er
grte sie und fragte sie, wohin sie gehe und warum sie aus dem
Dienst scheide. Da sie ihm nun ihr Leid klagte, hie er sie zu
seiner Mutter gehen, und sie solle dieser nur sagen, er sende sie.
Wie nun die Dirne zu der alten Frau Schulzin kam und ausrichtete,
was der Schulzensohn ihr aufgetragen, da fate die Frau gleich ein
groes Vertrauen zu ihr und behielt sie im Hause, und als am Abende
die Knechte und die Mgde des reichen Bauern zum Essen kamen, da
mute die Neuaufgenommene das Tischgebet sprechen, und da deuchte
allen, als flssen des Gebetes Worte von den Lippen eines heiligen
Engels, und wurden alle von einer wundersamen Andacht bewegt und
gewannen zu der Dirne eine groe Liebe. Und als abgegessen war und
die fromme Dirne wieder das Gebet und den Abendsegen gesprochen
hatte und das Gesinde die Stube verlassen, da fate der reiche
Schulzensohn die Hand der ganz armen Dirne und trat mit ihr vor
seine Mutter und sagte: Frau Mutter segnet mich und die -- denn die
nehm' ich zur Frau oder keine. Sie hat mir's einmal angetan!

Sie hat's uns allen angetan, antwortete die alte Frau Schulzin.
Sie ist so fromm, als sie schn ist und so demtig, als sie
makellos ist. Im Namen Gottes segne ich dich und sie und nehme sie
vom Herzen gerne zur Tochter.

So wurde die arme Magd zu des Dorfes reichster Frau und zu einer
ganz glcklichen noch dazu.

Mit jenem geizigen Bauer aber, der um die paar Trpflein Milch sich
so erzrnt und die treueste Magd aus dem Hause getrieben, ging es
baldigst den Krebsgang. Mit der Krnleinnatter war all sein Glck
hinweg, er mute erst sein Vieh verkaufen, dann seine cker, und
alles kaufte der reiche Schulzensohn, und seine Frau fhrte die
lieben Khe, die nun ihre eigenen waren, mit grnen Krnzen
geschmckt in ihren Stall und streichelte sie und lie sich wieder
die Hnde von ihnen lecken und molk und ftterte sie mit eigener
Hand. Auf einmal sah sie bei diesem Geschfte die weie Schlange
wieder. Da zog sie schnell das Krnlein hervor und sagte. Das ist
schn von dir, da du zu mir kommst. Nun sollst du auch alle Tage
frische Milch haben, so viel du willst, und da hast du auch dein
Krnlein wieder mit tausend Dank, da du mir damit so wohl geholfen
hast. Ich brauch' es nun nicht mehr, denn ich bin reich und
glcklich durch Liebe, durch Treue und durch Flei.

Da nahm die weie Schlange ihr Krnlein wieder und wohnte in dem
Stalle der jungen Frau, und auf deren ganzem Gute blieb Friede,
Glck und Gottes Segen ruhen.

  [Abbildung]




Der fette Lollus und der magere Lollus.

  [_Acht Abbildung (2 bunt)_]


Es starb ein reicher Mann, welcher zwei Shne hinterlie und ein
hbsches Vermgen und Erbe. Der eine der Shne erwhlte den
geistlichen, und zwar den Mnchs-Stand, der zweite einen sehr
weltlichen, er wurde ein Gastgeber, das heit er _gab_ seinen Gsten
so wenig als mglich und nahm dafr von ihnen so viel als mglich.
Er heiratete nach Geld und strebte fort und fort nach Geld. Von
seinem Bruder borgte er dessen Erbanteil ab, da dieser als Mnch
keines Geldes bedurfte, und wucherte damit, aber nicht zu des
Bruders sondern zu seinem eigenen Nutzen. Seine Biermae waren
falsch, und seine Weinflaschen lie er auf der Glashtte so klein
blasen, da man beim Anblick einer ganzen Flasche sehr in Zweifel
geriet, ob es nicht eine halbe sei, und seine halben Flaschen
schienen alle nach der schlanken Krperbildung eines Bleistiftes
hinzustreben; daher hieen sie auch bei den Gsten dieses Wirtes nie
anders als Stifte. Wenn der Stallknecht dem Pferde eines Reisenden
Hafer vorgeschttet hatte, so trat der Wirt, wenn er sich unbemerkt
glaubte, an die Krippe, kripste ganze Hnde voll Hafer wieder dem
armen Tiere vor dem Maule weg und schob ihn in seine Tasche. Er
sagte sich, deshalb heie die Krippe so, weil man aus ihr kripsen
knne. Es war ein durchtriebener Schalk, dieser Wirt, und an ihm lag
es nicht, da er nicht recht reich wurde, denn Anlagen dazu hatte
er. Aber das Bibelwort sagt nicht vergebens: Die da reich werden
wollen, fallen in Versuchung und Stricke. Des Wirtes Tun brachte
nicht Segen. Was half es ihm, wenn er fremden Pferden von deren
Futter ein paar Hnde voll Hafer stahl -- und eins seiner eigenen
Pferde zugrunde ging? Wenn er durch sein zu knappes Ma nach und
nach ein wenig Wein langsam gewann, und durch Nachlssigkeit seiner
Leute, die er ohne Aufsicht lie, ihm ein ganzes Fa in den Keller
lief? Er kam nicht vorwrts, dieser betriebsame Wirt, sondern er kam
zurck in allen Dingen, nur nicht von seiner Prellerei und Habsucht;
diese trieb er immer rger und rger, bis die Gste wegblieben und
das Weinstblein leer stand, der Bratofen kalt blieb und der
Schornstein sich das Rauchen abgewhnte.

Als es so weit schon mit dem Krebsgange dieses Wirtes gediehen war,
schlug ihm ein neuer Schrecken in die Glieder; sein Bruder, der
fromme Mnch, kam und sprach zu ihm: Lieber Bruder, gib mir das dir
geliehene Kapital heraus, ich habe meinem heiligen Schutzpatrone in
unserer Klosterkirche einen kostbaren Altar mit herrlicher Malerei,
Schnitzwerk und Vergoldung gelobt; den will ich davon herstellen,
und was brig bleibt, wenn etwas brig bleibt, davon will ich
Seelenmessen fr unsere lieben Eltern, fr dich und mich auf ewige
Zeiten stiften.

Groer Gott! schrie der Wirt, Bruder, wie kannst du so unsinnig
handeln! Ich kann dir dein Geld jetzt nicht herausgeben, denn ich
habe es nicht, -- ich bin zugrunde gerichtet, und wenn du auf der
Zahlung bestehst, so wird mir Haus und Hof ber dem Kopfe verkauft,
ich mu mit Weib und Kindern betteln gehen, und du bekommst erst
recht nichts, und dein heiliger Schutzpatron bekommt auch keinen
neuen Altar. Hre mich an und sei vernnftig, mein lieber,
gottseliger Bruder! La mir noch das Geld, gnne mir Zeit, mich zu
erholen! Du weit, wir haben eine schlimme Zeit durchgemacht, in
welcher niemand auf einen grnen Zweig hat kommen knnen, auer die
Bauern; die haben ihr Schfchen geschoren und lachen uns jetzt aus.
Dein Heiliger ist gewi ein edeldenkender Menschenfreund gewesen,
und hat er einige Jahrhunderte in deiner Klosterkirche keinen
Prachtaltar gehabt, so wird es ihm darauf auch nicht ankommen,
einige Jahre frher oder spter einen solchen zu erhalten. Gott der
Herr wei, da ich mir es gehrig sauer werden lasse -- ich plage
mich ber alle Maen, Geld zu erschwingen -- aber es geht nicht --
ich komme zu nichts.

Das hre ich sehr ungern von dir, lieber Bruder, sprach mit
Teilnahme der Mnch. Du hast den schlechtesten Gast in dein
Gasthaus aufgenommen, den es geben kann.

Wer wre das? fragte der Wirt.

Das ist der fette Lollus! entgegnete der Mnch.

Der fette Lollus? fragte verwundert der Wirt. Du scherzest
entweder, Bruder, oder du faselst. In meinem Fremdenbuche steht kein
Gast solchen Namens, und nie hrte ich diesen Namen nennen, wahrlich
in meinem ganzen Leben nicht!

Das ist wohl mglich, sagte der Mnch; dennoch ist dieser
schlimme Gast vorhanden, und er ist die alleinige Ursache deines
Vermgensverfalles und deines Zurckkommens.

Den mcht' ich sehen! Ich wollt' ihn -- fuhr der Wirt auf.

Du wirst ihm nicht gleich etwas anhaben, lieber Bruder, sprach
lchelnd der Mnch; allzulange hast du ihn treulich gehegt und
gepflegt; doch sehen sollst du ihn, den fetten Lollus. Er befindet
sich in deinem Keller; geh mit mir hinunter!

Verwundert nahm der Wirt den Kellerschlssel und eine Lampe und
dachte: Aha, mein Bruder meint den Wein; er will andeuten, ich sei
mein bester Gast selbst, doch da irrt er sich sehr.

Im Keller hie der Mnch seinen Bruder die Lampe auf ein Fa setzen,
da ihr Strahl in eine leere Ecke fiel, hie den Wirt hinter sich
treten, zog ein kleines, schwarzes Buch hervor und murmelte daraus,
gegen die Ecke gekehrt, eine Beschwrungsformel. Da wallete der
Boden, da hob sich etwas Dickes heraus, da glhten ein paar feurige
Augen, und dem Wirte gerann das Blut in den Adern vor Furcht und
Grauen.

Llle, gehe ganz herzu! rief der Mnch. Da hob sich dem
dickgeschwollenen Kopfe ein unfrmlich dicker Leib nach, und kurze
plumpe Fe patschten auf dem Boden des Kellers, und ein unfrmiges,
scheuliches Tier, dessen Haut so fett und speckig glnzte wie die
einer Robbe, hockte in der Ecke.

Schaust du deinen werten Gast, mein Bruder? fragte der Mnch zu
diesem gewendet, sehr ernst. Ich vermeine, er habe sich in deiner
Herberge nicht bel gemstet! Siehst du, Bruder, alle und jede
Frucht deines Truges hat nicht _dir_ angeschlagen, sondern diesem
Lollus. Was du den Fremden und deren Vieh abgezwackt, der hat sich
davon genhrt, den durch zu kleines Ma und durch zu kleine Flaschen
trglich gewonnenen Wein oder sonstiges Getrnke -- alles hat der
Lollus geschluckt. -- Unrecht Gut gedeihet nicht, und Untreue
schlgt ihren eigenen Herrn. Soll sich's mit dir und deinem Wesen
bessern, so bervorteile niemand mehr, betrge niemand, bernimm
niemand. Fordere, was recht ist; denn was recht ist, lobt Gott.
Halte ehrliches, gerechtes Ma und Gewicht, siehe selbst zu deinen
Sachen, tglich, stndlich, vom Keller bis zum Kornboden. Bediene,
soviel du es kannst, selbst deine Gste, verlasse dich nicht
allzuviel auf Ober- und Unterkellner, auf Hausknecht und
Stallknecht, auf Koch und Bttner. Je mehr du Gesinde hltst,
je fetter fttert sich der Lollus.

Nach dieser Vermahnung wurde der Wirt sehr nachdenklich und sagte:
Ich danke dir, mein Bruder; ich will tun nach deinen Worten, die du
mir gesagt hast.

Da beschwor der Mnch den Lollus wieder und sagte: Llle, kreuch'
ein! und schwerfllig kroch der Lollus hinterwrts wieder in die
Erde zurck, und die Kellerecke war wieder leer und glatt wie zuvor.

Mein Geld will ich dir noch _vier_ Jahre lassen, sagte der Mnch;
dann aber mu meinem Heiligen Wort gehalten werden. Darauf schied
er von seinem Bruder hinweg.

Der Wirt befolgte mit Eifer seines Bruders treuen Rat, nderte seine
Wirtschaft ganz und gar, richtete alles besser ein, sparte am
rechten Orte, veruntreute aber nichts mehr. Seine Frau mute in der
Kche selbst zum rechten sehen, was sie frher nicht getan;
richtiges Gem wurde hergestellt, auf der Glashtte wurden gerechte
und vollkommene Weinflaschen geblasen, und die kleinen Zwergflaschen
verschwanden. Dafr stellten sich die verschwundenen Gste wieder
ein, der Bratofen wurde nicht mehr kalt, und der Schornstein rauchte
wieder schier Tag und Nacht.

Des Wirtes ganzes Wesen besserte sich in jeder Weise; sein Wohlstand
nahm mit seiner Rechtlichkeit sichtbarlich zu; sein guter Ruf und
der seines Hauses breitete sich weit aus, und die Gastwirte in den
Nachbarstdten begannen ihn zu beneiden; denn die Reisenden fuhren
lieber noch ein paar Stunden in die Nacht hinein, um nur in das gute
Gasthaus zu gelangen, und nicht selten war dieses so von Gsten
berfllt, da der frhliche Wirt dennoch eine traurige Miene
annehmen und die berzhligen Gaste abweisen mute.

Als nach dem Ablauf von vier Jahren der Mnch, des Wirtes Bruder,
wiederkam, seinen Erbanteil zu begehren, empfing ihn der Wirt auf
das freundlichste, setzte ihm ein herrliches Weinchen von der
schnsten Farbe vor und allerlei schmackhaftes Backwerk, se Kuchen
und dergleichen, und legte ihm starke Geldrollen auf den Tisch,
indem er sagte: Hier, mein lieber Bruder, ist mit meinem besten
Dank dein Kapital samt allen Zinsen, redlich berechnet bei Heller
und Pfennig! Der Mnch aber sagte: Lieber Bruder, die Zinsen nehme
ich nicht; solches ziemet mir nicht nur nicht als einem Priester,
sondern es stehet auch geschrieben: Du sollst nicht Wucher nehmen
von deinem Bruder. Aber ich freue mich, da du des _fetten_ Lollus
ledig bist und hast nur noch den _magern_.

So? sagte der Wirt. Wohnt der auch im Keller? Den mcht' ich auch
sehen.

Den sollst du sehen! antwortete der Mnch, hie den Wirt voran in
den Keller gehen und hob drunten seine Beschwrung wieder an. Da
bewegte sich ganz langsam hinten in der Ecke die Erde, und
allmhlich lugte ein schmales Kpfchen heraus mit ganz matten Augen.

Llle, gehe ganz herzu! sprach der Mnch. Da wand sich der Lollus
matt und mhsam aus dem Boden und erschien uerst abgemagert; seine
Haut glnzte nicht mehr wie Speckschwarte, sondern war verrumpfelt
und verschrumpfelt wie eine Baumrinde und sah uerst hinfllig aus.
Nun ist's gut, das freut mich! sprach der Mnch. Llle, kreuch
ein! -- Da kroch der Lollus wieder hinterwrts, aber ganz langsam,
in den Kellerboden zurck, und in der Ecke war nichts zu sehen.

Hab' acht, Bruder sagte der Mnch; wenn du bleibst, wie du jetzt
bist, so hlt es der Lollus kein Vierteljahr mehr bei dir aus.
Entweder er verkommt, oder er geht ein Haus weiter und sucht sich
einen Herrn, der ihn besser nhrt als du. -- Dieses Trostes war der
Wirt ber alle Maen froh und segnete seines weisen Bruders Rat
tausendfach.

  [Kleinbild]




Gevatterin Krte.

  [Abbildung]


Ein feines Bauerndirnlein ging einst an einem Weiher vorber; da sah
es am Rande eine groe, dicke Krte sitzen, die guckte so recht
starr und hlich. Na -- bei dir mcht ich auch Gevatter stehen!
rief voll Abscheu das Mdchen. Da hob die Krte den rechten
Vorderfu in die Hhe, als wenn sie einen Handschlag geben wollte.
Dem Mgdlein gruselte, und es eilte weiter.

Als abends die Jungfer in ihre Kammer trat, sa die Krte
krtenbreit mitten auf der Diele. Das Mdchen schrie. Schrei
nicht! sprach die Krte. Hast du mir nicht versprochen, bei mir
Gevatter zu stehen? Ich nehme dich beim Worte! Folge mir, oder du
erlebst nicht den morgenden Tag!

In Todesangst folgte der voranhpfenden Krte das junge Mdchen
durchs Dorf, durch die Nacht, an den Weiher; dort war im Schilf eine
ffnung, eine Treppe fhrte hinunter. Die Krte hpfte voran, das
Mdchen folgte. Drunten verwandelte sich die Krte in eine schne
Frau und zeigte dem erstaunten Mdchen sein Patchen, ein nettes,
niedliches Nixenkind. Der Dienst soll dich nicht reuen! sprach
sie. Und dann begann ein groes, herrliches Fest in den Rumen der
unterirdischen Wasserwelt, und die junge Dirne wurde hoch geehrt und
bedient von den schnsten Nixen und herumgefhrt in allen Grotten,
die wie eitel Eis und Silber glnzten, und empfing endlich von ihrer
Gevatterin Krte noch drei wunderbare Gaben, deren Besitz sie
lebenslnglich glcklich machte. -- Sie wurde wohlbehalten wieder
zurckgefhrt, und htte sie nicht morgens beim Erwachen die Gaben
vorgefunden, so htte sie geglaubt, es sei ihr alles nur im Traume
begegnet. In ihre Erinnerung aber mischte sich zu dem Entzcken doch
auch ein geheimes Grauen, und nie in ihrem Leben vermochte sie es
ber sich, wieder an jenem Weiher vorberzugehen.

  [Kleinbild]




Zwergenmtzchen.

  [_Zehn Abbildungen (1 bunt)_]


Es war einmal ein Mller, der hatte drei Shne und eine Tochter. Die
Tochter liebte er sehr, aber die Shne konnte er gar nicht leiden,
war stets unzufrieden mit ihnen und machte ihnen das Leben sauer;
denn sie konnten ihm nie etwas recht machen. Darber waren die
Brder sehr bekmmert und wnschten sich weit weg von ihrem
Vaterhause und saen oft beisammen, klagend und seufzend, und wuten
nicht, was sie anfangen sollten.

Eines Tages, als die drei Brder auch so betrbt beisammen
saen, seufzte der eine von ihnen: Ach, htten wir nur ein
_Zwergenmtzchen_, da wre uns allen geholfen.

Was ist's damit? fragte der eine von den beiden anderen Brdern.

Die Zwerge, die in den grnen Bergen wohnen, erluterte der
Bruder, haben Mtzchen, die man auch Nebelkpplein nennt, und damit
kann man sich unsichtbar machen, wenn man sie selbst aufsetzt. Das
ist gar eine schne Sache, liebe Brder; da kann man den Leuten aus
dem Wege gehen, die nichts von einem wissen wollen, und von denen
man nie ein gutes Wort empfngt. Man kann hingehen wohin man will,
nehmen was man will; niemand sieht einen, solange man mit dem
Zwergenmtzchen bedenkt ist.

Aber wie gewinnt man solch ein rares Mtzchen? fragte der dritte
und jngste der Brder.

Die Zwerge, antwortete der lteste sind ein kleines, drolliges
Vlklein, das gern spielt. Da macht es ihnen groe Freude, bisweilen
ihre Mtzchen in die Hhe zu werfen. Wupps! sind sie sichtbar,
wupps! fangen sie das Mtzchen wieder, setzen es auf und sind wieder
unsichtbar. Nun braucht man nichts zu tun als aufzupassen, wenn ein
Zwerg sein Mtzchen in die Hhe wirft, und mu dann rasch den Zwerg
packen und das Mtzchen geschwind selbst fangen. Da mu der Zwerg
sichtbar bleiben, und man wird Herr der ganzen Zwergensippschaft.
Nun kann man entweder das Mtzchen behalten und sich damit
unsichtbar machen, oder von den Zwergen so viel dafr fordern, da
man fr sein Lebenlang genug hat. Denn die Zwerge haben Macht ber
alles Metall in der Erde, kennen alle Geheimnisse und Wunderkrfte
der Natur; sie knnen auch durch ihre Lehren aus einem Dummen einen
Klugen machen und aus dem faulsten Studenten einen hochgelahrten
Professor, aus einem Barbier einen Doktor und aus einem
Advokatenschreiber einen Minister.

Ei, das wre! rief einer der Brder. So gehe doch hin und
verschaffe dir und uns solche Mtzchen oder mindestens dir eins, und
hilf dann auch uns, da wir von hier fortkommen.

Ich will es tun, sagte der lteste der Brder, und bald war er auf
dem Wege nach den grnen Bergen. Es war ein etwas weiter Weg, und
erst gegen Abend kam der gute Junge bei den Zwergenbergen an. Dort
legte er sich in das grne Gras an eine Stelle, wo im Grase die
Ringelspuren von den Tnzen der Zwerge im Mondenscheine sich
zeigten, und nach einer Weile sah er schon einige Zwerge ganz nahe
bei sich bereinanderpurzeln, Mtzchen werfen und spaige Kurzweil
treiben. Bald fiel ein solches Mtzchen neben ihm nieder, schon
haschte er darnach -- aber der Zwerg, dem das Mtzchen gehrte, war
ungleich behender als er, erhaschte sein Mtzchen selbst und schrie:
Diebio! Diebio! Auf diesen Ruf warf sich das ganze Heer der Zwerge
auf den armen Knaben, und es war, als wenn ein Haufen Ameisen um
einen Kfer krabbelt; er konnte sich der Menge nicht erwehren und
mute es geschehen lassen, da die Zwerge ihn gefangen nahmen und
mit ihm tief hinab in ihre unterirdischen Wohnungen fuhren.

Wie nun der lteste Bruder nicht wiederkam, so bekmmerte und
betrbte das die beiden jngeren Brder gar sehr, und auch der
Tochter war es leid, denn sie war sanft und gut, und es betrbte sie
oft, da der Vater gegen ihre Brder so hart und unfreundlich war
und sie allein bevorzugte. Der alte Mller aber murrte: Mag der
Schlingel von einem Jungen beim Kuckuck sein, was kmmert's mich?
Ist ein unntzer Kostgnger weniger im Hause. Wird schon wieder
kommen, ist ans Brot gewhnt! Unkraut verdirbt nicht.

Aber Tag um Tag verging, und der Knabe kam nicht wieder, und der
Vater wurde gegen die beiden zurckgebliebenen immer mrrischer und
hrter. Da klagten die zwei Brder oft gemeinsam, und der mittlere
sprach: Weit du was, Bruder? Ich werde jetzt selbst mich aufmachen
und nach den grnen Bergen gehen, vielleicht erlange ich ein
Zwergenmtzchen. Ich denke mir die Sache gar nicht anders als so:
Unser Bruder hat solch ein Mtzchen erlangt und ist damit in die
weite Welt gegangen, erst sein Glck zu machen, und darber hat er
uns vergessen. Ich komme gewi wieder, wenn ich glcklich bin; komme
ich aber nicht wieder, so bin ich nicht glcklich gewesen, und fr
diesen Fall lebe du wohl, auf immer!

Traurig trennten sich die Brder, und der mittlere wanderte fort
nach den grnen Bergen. Dort ging es ihm in allen Stcken genau so,
wie es seinem Bruder ergangen war. Er sah die Zwerge, haschte nach
einem Mtzchen, aber der Zwerg war flinker als er, schrie: Diebe!
Diebe! und der helle Haufen der Unterirdischen strzte sich auf und
ber den Knaben, umstrickte ihn, da er kein Glied regen konnte, und
fhrte ihn tief hinab in die unterirdische Wohnung.

Mit der sehnschtigsten Ungeduld harrte der jngste Bruder daheim in
der Mhle auf des Bruders Wiederkehr, aber vergebens. Da wurde er
sehr traurig, denn er wute ja nun, da sein mittlerer Bruder nicht
glcklich gewesen war, und die Schwester wurde auch traurig. Der
Vater aber blieb gleichgltig und sagte nur: Weg ist weg. Wem es
daheim nicht gefllt, der wandere. Die Welt ist gro und weit. In
meinem Hause hat der Zimmermann ein Loch gelassen. Wenn dem Esel zu
wohl ist, geht er aufs Eis, tanzt und bricht ein Bein. Lat den
Guckindiewelt nur laufen, was grmt ihr euch um den Schlucker? Ich
bin froh, da er mir aus den Augen ist.

Der jngste Bruder hatte bisher im Ertragen des gemeinsamen Leides
Trost gefunden; als aber nun seine _beiden_ lteren Brder fort
waren, fand er seine Lage ganz unertrglich und sagte zu seiner
Schwester: Liebe Schwester, ich gehe nun auch fort, und schwerlich
werde ich wiederkommen, wenn es mir ergeht wie unseren Brdern. Der
Vater liebt mich einmal nicht, und ich kann nichts dafr. Die
Scheltworte, die frher auf uns drei niederfielen fallen jetzt auf
mich allein, das ist mir denn doch eine zu schwere Last. Lebe du
wohl und la dir es wohl ergehen!

Die Schwester wollte ihren jngsten Bruder erst nicht fortlassen,
denn sie hatte ihn am allermeisten lieb, allein er ging dennoch
heimlich von dannen und berlegte sich unterwegs recht genau, wie er
es anfangen wollte, sich ein Zwergenmtzchen zu verschaffen. Als er
auf die grnen Berge kam, erkannte er bald an den grnen Ringeln im
Grase den Ort der nchtlichen Zwergentnze und ihren Spiel- und
Tummelplatz; er legte sich in der Dmmerung hin und wartete ab, bis
die Zwerglein kamen, spielten, tanzten und Mtzchen warfen.

Eines derselben kam ihm ganz nahe, warf sein Mtzchen, aber der
kluge Knabe griff gar nicht darnach. Er dachte: Ich habe ja Zeit.
Ich mu die Mnnlein erst recht sicher und kirre machen. Der Zwerg
nahm sein Mtzchen, das ganz nahe dem Knaben niedergefallen war,
wieder. Es dauerte gar nicht lange, so fiel ein zweites Mtzchen
hin. Ei, dachte der Knabe, da regnet's Mtzchen, griff aber
nicht darnach, bis endlich ein drittes ihm gar auf die Hand fiel.
Wupps dich, hielt er's fest und sprang rasch empor. Diebio! Diebio!
Diebio! schrie laut der Zwerg, dem das Mtzchen gehrte, mit
feiner, gellender Stimme, die durch Mark und Bein drang, und da
wimmelte das Zwergenvolk herbei. Aber der Knabe wurde unsichtbar,
weil er das Mtzchen hatte, und sie konnten ihm gar nichts anhaben.
Allesamt erhoben sie ein klgliches Jammern und ein Gewinsel um das
Mtzchen, er solle es doch um alles in der Welt wieder hergeben.

Um alles in der Welt? fragte der kluge Knabe die Zwerge. Das wr'
mir schon recht! Aus dem Handel knnte etwas werden. Will aber erst
sehen und hren, worin euer Alles besteht. Vorerst frage ich:
Wo sind meine beiden Brder?

Die sind drunten im Schlo des grnen Berges! antwortete der
Zwerg, dem das Mtzchen gehrt hatte. -- Und was tun sie? -- Sie
dienen!

So! Sie dienen -- und ihr dient nun mir. Auf! Hinab zu meinen
Brdern! Ihr Dienst ist aus, und eurer fngtan!

Da muten die Unterirdischen dem irdischen Menschen gehorsam sein,
weil er Macht ber sie erlangt hatte durch das Mtzchen.

Die bestrzten und bekmmerten Zwerglein fhrten nun ihren Gebieter
an eine Stelle, wo sich eine ffnung in den grnen Berg fand; die
tat sich klingend auf, und es ging rasch hinein und hinunter.
Drunten waren herrliche und unermelich weite Rume, groe Hallen
und kleine Zimmer und Kmmerchen, je nach des Zwergenvolkes Bedarf,
und nun verlangte der Knabe gleich, ehe er sich nach etwas anderem
umsah, nach seinen Brdern. Die wurden herbeigebracht, und der
jngste sah, da sie in Dienertracht gekleidet waren, und sie riefen
ihm wehmtig zu: Ach, kommst auch du, lieber, guter Bruder, unser
jngster! So sind wir drei nun doch wieder beisammen, aber in der
Gewalt dieser Unterirdischen und sehen nimmermehr wieder das
himmlische Licht, den grnen Wald und die goldenen Felder!

Liebe Brder, erwiderte der jngste, harret nur, ich vermeine,
das Blttlein soll sich wohl wenden.

Herrenkleider und Prunkgewande fr meine Brder und mich!
herrschte er den Zwergen zu, hielt aber wohlweislich das werte
Mtzchen in der Hand fest, als seinem Befehle augenblicklich
gehorcht wurde und das Umkleiden vor sich ging. Nun befahl der
Zwergengebieter eine Tafel mit auserlesenen Speisen und trefflichen
Weinen, dann Gesang und Saitenspiel nebst Tanz und Theater, in
welchen Knsten die Zwerge das Ausgezeichnetste leisten, was einer
nur sehen kann, dann kostbare Betten zum Ausruhen, dann Beleuchtung
des ganzen unterirdischen Reiches, dann eine glserne Kutsche mit
prchtigen Pferden bespannt, um in den grnen Bergen berall
herumzufahren und alles Sehenswerte in Augenschein zu nehmen. Da
fuhren die drei Brder durch alle Edelsteingrotten und sahen die
herrlichsten Wasserknste, sahen die Metalle als Blumen blhen,
silberne Lilien, goldene Sonnenblumen, kupferne Rosen, und alles
strahlte von Glanz und Pracht und Herrlichkeit. Dann begann der
Gebieter mit den Zwergen ber die Zurckgabe des Mtzchens zu
unterhandeln und legte ihnen schwere Bedingungen auf. _Erstens_: ein
Trank aus den kstlichsten Heilkrutern, die mit allen ihren Krften
den Zwergen nur zu wohl bekannt sind, fr seines Vaters krankes
Herz, da es sich umkehre und Liebe zu den drei Shnen gewinne.
_Zweitens_: einen Brautschatz so reich wie fr eine Knigstochter,
fr die liebe Schwester. _Drittens_: einen Wagen voller Edelsteine
und Kunstgerte, wie sie nur die Zwerge zu verfertigen verstehen,
einen Wagen voll gemnzten Geldes, weil das Sprichwort sagt: Bares
Geld lacht, und die Brder gern auch lachen wollten, und endlich
noch je einen Wagen fr die drei Brder, hchst bequem eingerichtet,
mit Glasfenstern, und zu diesen drei Wagen alles ntige, Kutscher,
Pferde, Geschirre und Riemzeug.

Die Zwerge wanden sich und krmmten sich bei diesen Forderungen und
taten so erbrmlich, da es einen Stein erbarmt haben wrde; es half
ihnen aber all ihr Gewinsel nichts.

Wenn ihr nicht wollt, sagte der Gebieter, so ist es mir auch
recht, so bleiben wir da; es ist ja recht schn bei euch; ich nehme
euch allesamt, wie ihr seid, eure Mtzchen; dann _seht_, was aus
euch wird, wenn man _euch sieht_ -- tot werdet ihr geschlagen, wo
sich nur einer von euch blicken lt. Noch mehr! Ich fahre hinauf
auf die Oberwelt und sammle Krten, die geb' ich euch dann, jedem
eine vor Schlafengehen mit ins Bette.

Wie der Gebieter das Wort Krten aussprach, strzten alle Zwerge auf
ihre Knie und riefen: Gnade! Gnade! Nur das nicht! Um alles in der
Welt! Nur das nicht! Denn die Krten sind der Zwerge Abscheu und
Tod.

Ihr Toren, schalt der Gebieter; ich verlange gar nicht alles in
der Welt; ich habe euch die allerbescheidenste Forderung gestellt,
ich knnte ja unendlich mehr verlangen, allein ich bin ein
grundguter Knabe. Ich knnte ja alles nehmen und das Mtzchen und
die Herrschaft ber euch fort und fort behalten; denn so lange ich
das Mtzchen htte, wrde ich ja, das wit ihr wohl, nicht sterben.
Also, ihr wollt meine drei kleinen Bedingungen gewhren? Nicht?

Ja, ja, hoher Herr und Gebieter! erseufzeten die Zwerglein und
gingen ans Werk, alles Begehrte herbeizuschaffen und alle Gebote zu
vollziehen.--

Aber in der Mhle des alten grmlichen Mllers droben war nicht gut
sein. Als der jngste Bruder auch davon gegangen war, murrte der
Mller: Nun -- der ist auch fort -- bleibt aus wie das Rhrenwasser
-- so geht es -- das hat man davon, wenn man Kinder gro zieht --
sie wenden einem den Rcken zu. Nun ist nur noch das Mdchen da,
mein Augapfel, mein Liebling.

Der Liebling aber sa dort und begann zu weinen.

Weinst du schon wieder! murrte der Alte; denkst, ich soll meinen,
du weinst um deine Brder? Um den Gauch weinst du -- um den armen
Schlucker, der dich freien will. Ist so leer und ausgebeutelt wie
ein Mehlsack -- er hat nichts, du hast nichts, ich habe nichts,
haben wir alle dreie nichts. Hrst du was klappern? Ich hre nichts.
Die Mhle steht; schlechter kann es nicht stehen um eine Mhle, als
wenn sie steht. Ich kann nicht mahlen, du kannst nicht heiraten,
oder wir halten des Bettelmanns Hochzeit. Wie! -- Solcherlei Reden
hatte die Tochter tglich anzuhren und verging fast im stillen
Leid.

Da kamen eines schnen Morgens Wagen gefahren, einer, zwei, drei,
und hielten vor der Mhle; kleine Kutscher fuhren, kleine Lakaien
sprangen vom Tritt und ffneten den Schlag des ersten Wagens! drei
junge hbsche Herren stiegen aus, fein gekleidet wie Prinzen.

Dienerschaft wimmelte um die anderen Wagen, lud ab, packte ab,
schnallte ab, Kisten, Kasten und schwere Truhen, und sie trugen
alles in die Mhle. Stumm und staunend standen der Mller und seine
Tochter.

Guten Morgen, Vater! Guten Morgen, Schwester! Da wren wir wieder!
riefen die drei Brder. Jene starrten sie verwundert an. --

Trink uns den Willkommen zu, lieber Vater! rief der lteste und
nahm aus eines Dieners Hand eine Flasche und schenkte einen beraus
knstlich gearbeiteten Goldpokal voll edlen Trankes und hie den
Vater trinken. Dieser trank und gab den Pokal weiter, und alle
tranken. Dem Alten strmte Wrme in das kalte Herz, und die Wrme
wurde zum Feuer, zum Feuer der Liebe. Er weinte und fiel seinen
Shnen in die Arme und kte sie und segnete sie. Und da kam der
Brutigam der Tochter und durfte auch mittrinken.

Darber fingen vor Freude die Mhlrder, die so lange still
gestanden, an, sich rasch zu drehen um und um, um undum.

  [Kleinbild]




Die Kornhren.


Es war einmal eine Zeit, aber das ist schon undenklich lange her,
da trugen alle Kornhalme, und auch die von anderem Getreide, volle
goldgelbe hren herab bis auf den Boden; da gab es keine Armut und
keine Hungersnot, niemals, und das war die goldene Zeit. Da konnten
sich alle Menschen mit Wonne sttigen, und auch die Vgel, die gerne
Krner fressen, Hhner und Tauben und andere Vgel fanden ihr Futter
vollauf.

Aber da waren unter den Menschen welche, die waren undankbar und
gottvergessen und achteten die schne Gottesgabe, das liebe
Getreide, fr gar nichts. Da gab es Frauen, die nahmen, wenn ihre
kleinen Kinder sich verunreinigt hatten, die vollen hrenbschel und
reinigten damit ihre Kinder und warfen die hren auf den Mist; und
die Mgde scheuerten mit den vollen hren, und die Buben und kleinen
Mdchen jagten sich durch das liebe Korn, spielten Verstecken darin,
wlzten sich darauf herum und zertraten es. Das jammerte den lieben
Gott, der das Getreide den Menschen zur Nahrung gegeben hatte und
dem Vieh zum Futter und nicht zum verurzen[*] und dachte bei sich:
Wir wollens anders machen, und die goldne Zeit soll ein Ende haben.

    [Anmerkung: Mutwillig verderben.]

Und da schuf der liebe Gott, da hinfort jeder Halm nur eine einzige
hre trug, einmal fr die Menschen, damit sie das liebe Getreide
besser schonen lernten, und einmal fr die unschuldigen Tiere, damit
sie doch ihr Futter haben sollten, wenn auch die Menschen nicht
einmal die eine hre wert wren.

Von da an ist die Teuerung und die Armut in die Welt gekommen. Nur
zuweilen und selten lt der liebe Gott da oder dort einen
Wunderhalm mit vielen, vielen hren emporschieen und zeigt so dem
Menschen, wie es einst beschaffen war um das Getreide, und was Er
kann. Und es geht eine alte Prophezeiung unter dem Volke, da einmal
nach langen Jahren, wenn das Engelwort sich erfllt haben wird: Ehre
sei Gott in der Hhe, Friede auf Erden und unter allen Menschen
Wohwollen, Segnung und Liebe, -- da dann der Boden auch wieder von
Gott erweckt werden solle, solche Halme zu tragen, die bis zur
Wurzel voll hren sind. Unser keiner aber wird das erleben.

  [Abbildung]


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Druckfehler

  nahm es heraus, setzte es an den Ofen ...  [, fehlt]
  erst will ich nach Hause gehn
    [Text ungendert: anderswo gehen, stehen usw.]
  Ich bin schon da!  [letzes  fehlt]
  ... sagte der Mnch; wenn du bleibst  [ fehlt]





End of the Project Gutenberg EBook of Mrchen-Sammlung, by Ludwig Bechstein

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MRCHEN-SAMMLUNG ***

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and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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page at http://pglaf.org

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