The Project Gutenberg EBook of Utopia, by Thomas Morus

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Title: Utopia

Author: Thomas Morus

Release Date: October 20, 2008 [EBook #26971]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                              THOMAS MORUS

                                 UTOPIA


                 Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig




                       LIBELLUS VERE AUREUS NEC
             minus salutaris quam festivus de optimo reip.
           statu, deque nova Insula Utopia autore clarissimo
                  viro Thoma Moro inclutae civitatis
              Londinensis cive & vicecomite cura M. Petri
               Aegidii Antverpiensis, & arte Theodorici
                 Martini Alustensis, Typographi almae
                      Lovaniensium Academiae nunc
                         primum accuratissime
                                editus.


                       Cum gratia & privilegio.


               Titel der Erstausgabe aus dem Jahre 1516




VORREDE

zu dem Werke ber den besten Zustand des Staates


Thomas Morus grt seinen Peter gid aufs herzlichste.

Fast schme ich mich, mein liebster Peter gid, da ich Dir dies
Bchlein ber den Staat von Utopien erst nach beinahe einem Jahre
schicke. Hast Du es doch ohne Zweifel innerhalb von anderthalb Monaten
erwartet, da mir ja, wie Du wutest, bei diesem Werke die Mhe der
Erfindung des Stoffes abgenommen war und ich mir auch in betreff der
Gliederung nichts auszudenken brauchte. Denn ich hatte nur das
wiederzugeben, was ich mit Dir zusammen Raphael gerade so hatte erzhlen
hren. Deshalb lag auch kein Anla vor, mich hinsichtlich des Stiles
abzumhen. Raphael konnte sich ja gar nicht gesucht ausdrcken; denn
erstens sprach er, ohne da er es vorher wute und sich vorbereiten
konnte, sodann ist er, wie Du weit, im Lateinischen nicht so zu Hause
wie im Griechischen, und schlielich kommt meine Rede der Wahrheit um so
nher, je mehr sie sich seiner nachlssigen und schlichten
Ausdrucksweise nhert, und um die Wahrheit allein mu und will ich mich
bei dieser Sache kmmern.

Ich gebe denn auch zu, mein Peter, das, was ich vorfand, hatte mir so
viel Arbeit abgenommen, da fast nichts mehr zu tun brigblieb.
Andernfalls htte ja auch Erfindung oder Gliederung des Stoffes nicht
wenig Zeit und Studium eines nicht unbedeutenden und recht gelehrten
Geistes erfordert. Wrde man nun nicht blo eine der Wahrheit
entsprechende, sondern auch geschmackvolle Darstellung verlangen, so
htte ich das nicht leisten knnen, auch wenn ich all meine Zeit und all
meinen Eifer aufgewendet htte. So aber, da diese Schwierigkeiten
wegfielen, die zu bewltigen viel Schwei gekostet htte, blieb einzig
und allein die einfache Aufzeichnung dessen brig, was ich gehrt hatte,
und das war wirklich keine Arbeit mehr. Aber selbst zur Erledigung
dieser so unbedeutenden Arbeit lieen mir meine brigen Geschfte fast
noch weniger als keine Zeit. Nehmen mich doch dauernd meine
Gerichtssachen in Anspruch. Bald fhre ich einen Proze, bald bin ich
Beisitzer, bald schlichte ich einen Handel als Schiedsrichter, bald
entscheide ich einen anderen als Richter, bald besuche ich diesen in
einer amtlichen, bald jenen in einer geschftlichen Angelegenheit.
Whrend ich so fast den ganzen Tag auerhalb meines Hauses fremden
Leuten und nur den Rest meinen Angehrigen widme, kann ich fr mich,
d.h. fr meine Studien, nichts erbrigen. Denn komme ich nach Hause, so
mu ich mit meiner Frau plaudern, mit den Kindern schwatzen und mit dem
Gesinde sprechen. Alles das rechne ich zu meinen Pflichten, weil es
erledigt werden mu. Es mu aber erledigt werden, wenn man nicht in
seinem eigenen Hause ein Fremdling sein will. Man mu sich berhaupt
Mhe geben, so liebenswrdig wie mglich zu denen zu sein, die einem die
Natur als Begleiter auf dem Lebenswege vorgesehen oder die der Zufall
oder eigene Wahl dazu gemacht hat. Nur darf man sie nicht durch
Leutseligkeit verderben und die Diener nicht durch Nachsicht zu seinen
Herren werden lassen. ber dem, was ich angefhrt habe, geht ein Tag,
geht ein Monat, geht ein Jahr hin. Wann also komme ich da zum Schreiben?
Und dabei habe ich noch gar nicht vom Schlafen gesprochen und auch noch
nicht einmal vom Essen, das bei vielen Leuten nicht weniger Zeit in
Anspruch nimmt als der Schlaf, der fast die Hlfte der Lebenszeit fr
sich beansprucht. Aber fr mich gewinne ich nur so viel Zeit, wie ich
mir vom Schlafen und Essen abstehle. Weil das nur wenig ist, so habe ich
die Utopia auch nur langsam fertiggebracht; weil es aber immerhin etwas
ist, so ist sie doch nun endlich fertig geworden, und ich schicke sie
Dir zu, damit Du sie liest und mich darauf aufmerksam machst, falls mir
etwas entgangen sein sollte. Nun habe ich freilich in dieser Beziehung
ziemlich viel Zutrauen zu mir -- ich wollte, mit meinem Geiste und mit
meinem Wissen stnde es ebenso wie mit meinem Gedchtnis, das mich nur
manchmal im Stiche lt--, doch ist mein Zutrauen nicht so gro, da
ich annehmen drfte, mir knnte nichts entfallen sein. Denn auch mein
Famulus, Johannes Clemens, hat mich sehr bedenklich gestimmt. Wie Du ja
wohl weit, war er damals dabei, und ich lasse ihn an jeder Unterhaltung
teilnehmen, aus der er etwas lernen kann; denn von diesem Schling, der
im Lateinischen wie im Griechischen zu grnen begonnen hat, erhoffe ich
dereinst einen guten Ertrag. Soviel ich mich nmlich erinnere, hat
Hythlodeus erzhlt, jene Brcke von Amaurotum ber den Flu Anydrus sei
500 Doppelschritte lang. Mein Johannes aber meinte, man msse 200
abziehen; der Flu sei dort nicht breiter als 300 Doppelschritte.
Besinne Dich doch bitte noch einmal darauf! Wenn Du nmlich der gleichen
Meinung bist wie Johannes, so will auch ich zustimmen und einen Irrtum
meinerseits annehmen. Solltest Du aber selbst Dich nicht mehr besinnen
knnen, so bleibt stehen, worauf ich mich selbst zu besinnen glaube.
Wenn ich mich nmlich auch vor jeder falschen Angabe in dem Buche streng
hten will, so ziehe ich doch in Zweifelsfllen die Unwahrheit der Lge
vor, weil ich Tugend hher schtze als Klugheit. Freilich wre dieser
Schaden leicht zu heilen, wenn Du Raphael selbst mndlich oder
schriftlich fragen wolltest. Das mut Du sowieso tun wegen eines anderen
Bedenkens, das uns gekommen ist, ich wei nicht, ob mehr durch meine
oder Deine oder Raphaels eigene Schuld. Denn weder ist es uns in den
Sinn gekommen, danach zu fragen, noch ihm, es uns zu sagen, in welcher
Gegend jenes neuen Erdteils Utopia liegt. Wahrhaftig, wie gern wrde ich
mit etwas Geld von mir diese Unterlassung ungeschehen machen! Denn
erstens schme ich mich ein wenig, nicht zu wissen, in welchem Meere die
Insel liegt, von der ich so viel zu berichten wei; sodann aber gibt es
bei uns den einen und den anderen, vor allem aber einen frommen
Theologen von Beruf, der darauf brennt, Utopia zu besuchen, nicht aus
eitlem und neugierigem Verlangen, Neues zu sehen, sondern um die
verheiungsvollen Keime unserer Religion dort zu pflegen und noch zu
vermehren. Um dabei ordnungsgem zu verfahren, hat er beschlossen, sich
vorher einen Missionsauftrag vom Papste zu verschaffen und sich von den
Utopiern sogar zum Bischof whlen zu lassen. Dabei strt es ihn durchaus
nicht, da er sich um dieses Vorsteheramt erst bewerben mte.
Allerdings ist sein Ehrgeiz, wie er meint, deshalb gottgefllig, weil er
nicht durch Rcksicht auf Ehre oder Gewinn, sondern durch Rcksicht auf
die Religion bedingt ist.

Deshalb wende Dich, mein Peter, ich bitte Dich darum, entweder mndlich,
wenn es Dir ohne Umstnde mglich ist, oder brieflich an Hythlodeus und
sorge dafr, da in diesem meinen Werke nichts Falsches steht oder
nichts Wahres vermit wird. Und vielleicht ist es besser, ihm das Buch
selbst zu zeigen. Einerseits nmlich ist niemand anders ebenso imstande,
einen etwaigen Irrtum zu berichtigen, anderseits kann er das selbst auch
nur, wenn er durchliest, was ich geschrieben habe. Auerdem wirst Du auf
diese Weise merken, ob er damit einverstanden ist, da ich dieses Buch
schreibe, oder ob er rgerlich darber ist. Falls er sich nmlich
vorgenommen hat, seine Abenteuer selbst aufzuzeichnen, so mchte er
vielleicht nicht -- und ich bestimmt auch nicht--, da ich ihm Duft und
Reiz seiner Erzhlung im voraus wegnehme, indem ich den Staat Utopia
allgemein bekanntwerden lasse. Allerdings bin ich, wenn ich ganz offen
sein soll, auch mir selber noch nicht recht im klaren, ob ich das Buch
berhaupt erscheinen lasse. Denn der Geschmack der Menschen ist so
verschieden, und manche sind so eigensinnig, so undankbar und so
unsinnig in ihrem Urteil, da offenbar die Leute viel glcklicher sind,
die in Freude und Frohsinn ihr eigenes Ich befriedigen, als diejenigen,
die sich zermrben in dem Bestreben, etwas zu verffentlichen, was fr
andere, die whlerisch oder undankbar sind, ein Nutzen oder ein
Vergngen sein knnte. Die meisten haben keinen Sinn fr literarische
Dinge; viele verachten sie; ein Barbar lehnt alles als schwer ab, was
nicht gnzlich barbarisch ist; gelehrte Pedanten verschmhen alles als
abgegriffen, was nicht von veralteten Ausdrcken strotzt; manchen
gefllt nur das Alte, den meisten nur das eigene Wissen. Dieser ist so
mrrisch, da er von Scherzen nichts wissen will, dieser wieder so fade,
da er keine Witze vertrgt; manche sind so plattnasig, da sie jedes
Nasermpfen scheuen wie ein von einem tollen Hund Gebissener das Wasser,
andere wieder sind so wetterwendisch, da sie im Sitzen etwas anderes
gelten lassen als im Stehen. Manche sitzen in den Kneipen, urteilen am
Biertisch ber die Talente der Schriftsteller und verurteilen sie mit
groem Nachdruck, ganz wie es ihnen beliebt, indem sie einen jeden in
seinen Schriften gleichsam beim Schopfe nehmen und ihn zausen, wobei sie
selbst aber vor der Hand in Sicherheit und, wie man so sagt, weit vom
Schu sind. Denn rundum sind sie so glatt und kahlgeschoren, da sie
auch nicht ein Hrchen eines guten Mannes an sich haben, an dem man sie
fassen knnte. Ferner gibt es Leute, die so undankbar sind, da sie sich
zwar ausgiebig an einem Werke ergtzen, dem Verfasser aber trotzdem
keine grere Liebe entgegenbringen. Sie hneln den unhflichen Gsten,
die sich mit einem ppigen Mahle bewirten lassen und dann gesttigt
heimgehen, ohne dem, der sie eingeladen hat, ein Wort des Dankes zu
sagen. Nun geh hin und richte fr Leute mit so verwhntem Gaumen, von so
verschiedenem Geschmack und noch dazu von so dankbarer und lieber
Gesinnung auf Deine eigenen Kosten ein Mahl her!

Aber gleichwohl, mein Peter, besprich, was ich Dir gesagt habe, mit
Hythlodeus! Spter aber kann man sich ja diese Frage der
Verffentlichung noch einmal berlegen. Sollte er indessen nichts
dagegen haben, so will ich bei dem, was die Herausgabe noch erfordert,
dem Rate meiner Freunde folgen und vor allem Deinem, da ich nun einmal
die Mhe des Schreibens hinter mir habe und jetzt erst versptet zur
Einsicht komme. Lebe wohl, mein liebster Peter gid, nebst Deiner guten
Frau und behalte mich auch weiterhin lieb, da ja auch ich Dich noch
lieber habe, als es sonst meine Gewohnheit ist!




ERSTES BUCH

Rede des trefflichen Raphael Hythlodeus ber den besten Zustand des
Staates, verffentlicht von dem erlauchten Thomas Morus, Brger und
Vicecomes der rhmlich bekannten britischen Hauptstadt London.


Krzlich hatte der siegreiche Knig von England Heinrich, der achte
dieses Namens, ein mit allen Tugenden eines hervorragenden Frsten
gezierter Herrscher, einige nicht belanglose Meinungsverschiedenheiten
mit Karl, dem erhabenen Knig von Kastilien. Zu den Verhandlungen
darber und zur Beilegung dieser Streitigkeiten schickte mich Knig
Heinrich als Abgesandten nach Flandern, und zwar zusammen mit dem
unvergleichlichen Cuthbert Tunstall, den der Knig erst krzlich unter
beraus starkem und allgemeinem Beifall mit dem Amte des Archivars
betraut hat. ber seine Vorzge will ich nichts sagen, nicht als ob ich
frchtete, infolge unserer Freundschaft knnte mein Urteil zu wenig den
Tatsachen entsprechen, sondern weil seine Tchtigkeit und Gelehrsamkeit
grer ist, als ich sie rhmen knnte, und auerdem berall bekannter
und berhmter, als da sie noch gerhmt zu werden brauchte, ich mte
denn, wie man sagt, die Sonne mit der Laterne zeigen wollen. In Brgge
trafen wir -- so war es verabredet -- die Beauftragten des Knigs Karl,
alles treffliche Mnner. Unter ihnen befand sich der Prfekt von Brgge,
ein hochangesehener Mann, der Fhrer und das Haupt der Abordnung; ihr
Sprecher und ihre Seele jedoch war Georg Temsicius, der Propst von
Cassel, ein Redner von einer nicht nur erworbenen, sondern auch
angeborenen Beredsamkeit, auerdem ein beraus erfahrener Jurist und im
Verhandeln ein vortrefflicher Meister durch seine Begabung und
bestndige Praxis. Ein und das andere Mal kamen wir zusammen, ohne in
gewissen Fragen eine rechte Einigung zu erzielen. Da verabschiedeten
sich die anderen fr einige Tage von uns und reisten nach Brssel, um
sich bei ihrem Frsten Bescheid zu holen. Inzwischen begab ich mich --
die Geschfte brachten es so mit sich -- nach Antwerpen. Whrend meines
Aufenthaltes dort kam hufig auer anderen, aber immer als liebster
Besucher, Peter gid aus Antwerpen zu mir. Er geniet groes Vertrauen
bei seinen Landsleuten und nimmt eine angesehene Stellung ein, verdient
aber die angesehenste. Man wei nmlich nicht, wodurch sich der junge
Mann mehr auszeichnet, ob durch seine Bildung oder seinen Charakter; ist
er doch ein sehr guter Mensch und zugleich ein groer Gelehrter,
auerdem ein Mann von lauterer Gesinnung gegen alle, seinen Freunden
gegenber aber von solcher Herzlichkeit, Liebe, Treue und aufrichtigen
Neigung, da man kaum einen oder den anderen irgendwo findet, den man
als einen ihm in jeder Beziehung gleichwertigen Freund bezeichnen
mchte. Er besitzt eine seltene Bescheidenheit; niemandem liegt
Verstellung so fern wie ihm; niemand ist schlichter und zugleich
klger. Ferner kann er sich so gefllig und harmlos-witzig unterhalten,
da der so angenehme Umgang und die so liebe Plauderei mit ihm zu einem
groen Teile mich die Sehnsucht nach der Heimat und dem heimischen Herd,
nach meiner Frau und meinen Kindern leichter ertragen lie; denn schon
damals war ich ber vier Monate von daheim fort, und in beraus
bengstigender Weise qulte mich das Verlangen, sie wiederzusehen.

Eines Tages hatte ich in der wunderschnen und vielbesuchten
Liebfrauenkirche am Gottesdienst teilgenommen und schickte mich an, nach
Beendigung der Feier von dort in meine Herberge zurckzukehren, da sehe
ich Peter zufllig sich mit einem Fremden unterhalten, einem lteren
Manne mit sonnverbranntem Gesicht und langem Bart. Der Mantel hing ihm
nachlssig von der Schulter herab, und seinem Aussehen und seiner
Kleidung nach war er ein Seemann. Sobald mich Peter erblickte, kam er
auf mich zu und grte. Als ich antworten wollte, nahm er mich ein wenig
beiseite und fragte: Siehst du den da? Dabei zeigte er auf den, mit
dem ich ihn hatte sprechen sehen. Den wollte ich gerade jetzt zu dir
bringen. -- Er wre mir sehr willkommen gewesen, antwortete ich, und
zwar deinetwegen. -- Nein, sagte er, vielmehr seinetwegen, wenn du
den Mann nur schon kenntest. Denn niemand in der ganzen Welt kann dir
heutzutage so viel von unbekannten Menschen und Lndern erzhlen, und,
wie ich wei, bist du ja ganz versessen darauf, so etwas zu hren. --
Also war meine Vermutung, sagte ich, gar nicht so falsch. Denn gleich
auf den ersten Blick habe ich ihn als Seemann erkannt. -- Und doch
hast du dich stark geirrt; er fhrt wenigstens nicht als Palinurus,
sondern als Odysseus oder vielmehr als Plato. Denn dieser Raphael -- so
heit er nmlich, und sein Familienname ist Hythlodeus -- ist nicht
wenig bewandert im Lateinischen und sehr bewandert im Griechischen, und
zwar hat er die griechische Sprache deshalb mehr getrieben als die der
Rmer, weil er sich ganz der Philosophie gewidmet und erkannt hatte, da
auf dem Gebiete der Philosophie im Lateinischen nichts von irgendwelcher
Bedeutung vorhanden ist auer einigem von Seneca und Cicero. Dann
berlie er sein vom Vater ererbtes Gut, in dem er wohnte, seinen
Brdern, schlo sich -- er ist nmlich Portugiese -- dem Amerigo
Vespucci an, um sich die Welt anzusehen, und war dessen stndiger
Begleiter auf den drei letzten seiner vier Seereisen, die man schon hier
und da gedruckt lesen kann. Von der letzten jedoch kehrte er nicht mit
ihm zurck. Er bemhte sich vielmehr darum und erprete von Amerigo die
Erlaubnis, zu jenen vierundzwanzig zu gehren, die am Ende der letzten
Seereise in einem Kastell zurckgelassen wurden. So blieb er denn dort
zurck, entsprechend seiner Sinnesart, die mehr nach einem Aufenthalte
in fremdem Lande als nach einem Grabmale verlangt. Fhrt er doch dauernd
solche Sprche im Munde wie 'Unter dem Himmelsgewlbe ruht, wer keine
Urne hat' und 'Zum Himmel ist es von berall her gleich weit'. Dieser
Wagemut wre ihm ohne Gottes gndigen Beistand nur allzu teuer zu stehen
gekommen. Nach Vespuccis Abreise durchstreifte er dann zusammen mit fnf
Kameraden aus dem Kastell zahlreiche Lnder und gelangte schlielich
durch einen wunderbaren Zufall nach Taprobane und von dort nach
Caliquit. Hier hatte er das Glck, portugiesische Schiffe anzutreffen,
auf denen er schlielich wider Erwarten heimkehrte.

Als Peter mit seiner Erzhlung fertig war, dankte ich ihm fr seine
Geflligkeit und seine Bemhungen, mir die Unterhaltung mit einem Manne
zu ermglichen, die mir seiner Meinung nach willkommen war, und wandte
mich Raphael zu. Wir begrten einander, wechselten jene bei der ersten
Begegnung mit Fremden allgemein blichen Redensarten und gingen dann in
meine Wohnung. Hier setzten wir uns im Garten auf eine Rasenbank und
fingen an, miteinander zu plaudern.

Da erzhlte uns denn Raphael, wie er es zusammen mit seinen im Kastell
zurckgebliebenen Kameraden nach Vespuccis Abreise angestellt habe,
durch Freundlichkeiten und Schmeicheleien allmhlich die Zuneigung der
Eingeborenen zu gewinnen, nicht nur ohne Gefahr, sondern auch in
Freundschaft unter ihnen zu leben und damit auch noch die Gunst und
Wertschtzung eines Frsten -- sein und seines Landes Name sei ihm
entfallen -- zu erlangen. In seiner Freigebigkeit -- so erzhlte er
weiter -- versah dieser ihn und fnf seiner Kameraden reichlich mit
Lebensmitteln und Geld fr eine Expedition, die sie dann zu Wasser mit
Fahrzeugen und zu Lande mit Wagen unternahmen und auf der sie ein hchst
zuverlssiger Fhrer zu anderen Frsten geleitete, an die sie warme
Empfehlungsschreiben mithatten. Dann gelangten sie nach einer Reise von
vielen Tagen zu festen Pltzen, Stdten und gar nicht schlecht
eingerichteten volkreichen Staaten. Zwar liegen unter dem quator, wie
Raphael erzhlte, und von da aus auf beiden Seiten etwa bis zur Grenze
der Sonnenbahn wste und der drrenden Sonnenglut dauernd ausgesetzte
Einden: Unwirtlichkeit ringsum und ein trostloser Anblick, abschreckend
alles und unkultiviert, Schlupfwinkel von wilden Tieren und Schlangen
oder schlielich auch von Menschen, die Bestien weder an Wildheit noch
an Gefhrlichkeit nachstehen. Fhrt man aber weiter, so wird alles
allmhlich milder: das Klima weniger rauh, die Erde von einladendem Grn
schimmernd, zahmer die Natur der Lebewesen. Endlich bekommt man
Menschen, Stdte und feste Pltze zu Gesicht, und unter ihnen herrscht
ein ununterbrochener Handelsverkehr, nicht nur untereinander und mit den
Nachbarn, sondern auch mit fernen Vlkern, und zwar zu Wasser und zu
Lande.

Dadurch bot sich fr Raphael die Gelegenheit, viele Lnder diesseits und
jenseits des Meeres zu besuchen; denn jedes Schiff, das ausgerstet
wurde, nahm ihn und seine Begleiter sehr gern mit. Wie er erzhlte,
hatten die Schiffe, die sie in den ersten Lndern zu sehen bekamen,
flache Kiele und Segel aus zusammengenhten Papyrusblttern oder aus
Weidengeflecht, anderswo auch aus Huten. Auf der Weiterfahrt begegneten
sie Schiffen mit spitzgeschnbelten Kielen und Segeln aus Hanf; am Ende
war alles so wie bei uns. Die Seeleute waren nicht unerfahren in Meeres-
und Himmelskunde. Aber einen auerordentlichen Dank erntete Raphael
dafr, da er sie im Gebrauch des Kompasses unterwies, den sie bis dahin
berhaupt noch nicht kannten. Deshalb hatten sie sich auch nur zaghaft
ans Meer gewhnt und vertrauten sich ihm nicht ohne Grund nur im Sommer
an. Jetzt aber achten die Seeleute im Vertrauen auf den Magnetstein die
Gefahren des Winters gering, allerdings mehr sorglos als gefahrlos.
Daher besteht die Gefahr, diese Erfindung, die ihnen, wie man glaubte,
groen Vorteil bringen werde, knne infolge ihrer Unvorsichtigkeit groe
Schden verursachen.

Was Raphael an den einzelnen Orten, wie er erzhlte, gesehen hat, das
alles hier mitzuteilen, wrde zu weit fhren und ist auch nicht der
Zweck dieses Buches. Vielleicht werde ich es einmal an anderer Stelle
erzhlen, besonders alles das, dessen Kenntnis von Nutzen ist, wie z.B.
in erster Linie die richtigen und klugen politischen Manahmen, die er
bei gesitteten Vlkern wahrgenommen hat. In betreff dieser Dinge
befragten wir ihn nmlich am meisten, und ber sie sprach er auch am
liebsten, whrend wir es vorlufig unterlieen, uns nach Ungeheuern zu
erkundigen, dem Langweiligsten, das es gibt. Denn Scyllen und
ruberische Celnonen, menschenfressende Lstrygonen und dergleichen
abscheuliche Ungeheuer sind fast berall zu finden, aber Brger, die in
einem vernnftig und weise geleiteten Staate leben, wohl nirgends. Wenn
er nun aber auch bei jenen unbekannten Vlkern viele verkehrte
Einrichtungen wahrgenommen hat, so hat er doch auch nicht weniges
aufgezhlt, was als Beispiel dienen kann, die Fehler unserer Stdte,
Nationen, Vlker und Herrschaften zu verbessern, und worber ich, wie
gesagt, an anderer Stelle einmal sprechen mu. Jetzt will ich nur seinen
Bericht ber Sitten und Einrichtungen der Utopier wiedergeben, wobei
ich jedoch das Gesprch vorausschicke, in dessen Verlauf ihn eine
Wendung dazu veranlate, diesen Staat zu erwhnen.

Mit groer Klugheit hatte Raphael aufgezhlt, was hier und dort falsch
war -- sicherlich war es sehr viel auf beiden Seiten des Ozeans--, dann
aber auch, welche Manahmen bei uns und ebenso bei jenen anderen
verstndiger sind. Er hatte nmlich Sitten und Einrichtungen eines jeden
Volkes so fest im Gedchtnis, als htte er an jedem von ihm besuchten
Orte sein ganzes Leben zugebracht. Da staunte Peter und meinte: Ich mu
mich in der Tat wundern, mein Raphael, da du nicht in die Dienste eines
Knigs trittst; denn das wei ich zur Genge: es gibt keinen, dem du
nicht sehr willkommen wrest, da du es mit diesem deinen Wissen und
dieser deiner Kenntnis von Gegenden und Menschen verstehst, ihn nicht
blo zu unterhalten, sondern auch durch Beispiele zu belehren und ihm
mit deinem Rat zu helfen. Auf diese Weise knntest du fr dich selbst
ausgezeichnet sorgen und zugleich allen deinen Angehrigen sehr ntzen.

Was meine Angehrigen betrifft, erwiderte Raphael, so kmmern die
mich wenig; ihnen gegenber habe ich nmlich, wie ich glaube, meine
Pflicht so ziemlich erfllt. Denn was andere erst, wenn sie alt und
krank sind, abtreten, ja sogar auch dann nur ungern, wenn sie es nicht
lnger behalten knnen, das habe ich unter meine Verwandten und Freunde
verteilt, und zwar zu einer Zeit, da ich nicht mehr blo gesund und
frisch war, sondern sogar schon in jungen Tagen. Sie mten also, meine
ich, mit meiner Freigebigkeit eigentlich zufrieden sein und drften
nicht auerdem noch verlangen und erwarten, da ich mich ihretwegen
einem Knig als Knecht verdinge.

Halt! sagte da Peter. Ich meinte, du solltest nicht ein Knecht,
sondern ein Diener von Knigen werden.

Das ist nur ein ganz kleiner Unterschied, antwortete Raphael.

Wie du die Sache auch nennen magst, sagte da Peter, ich bin
jedenfalls der Ansicht, da das der Weg ist, nicht nur anderen in
persnlichem und ffentlichem Interesse zu ntzen, sondern auch deine
eigene Lage glcklicher zu gestalten.

Glcklicher? auf einem Wege, vor dem mir graut? fragte Raphael. Jetzt
lebe ich, ganz wie es mir beliebt, und das ist, wie ich sicher vermute,
bei den wenigsten Frstendienern der Fall. Es gibt ja auch genug Leute,
die sich um die Freundschaft der Mchtigen bemhen. Da sollte man es
nicht fr einen groen Verlust halten, wenn diese auf mich und den einen
oder den anderen meinesgleichen verzichten mssen.

Es ist klar, mein Raphael, erwiderte ich, da du weder nach Reichtum
noch nach Macht verlangst. Und frwahr, einen Mann von dieser deiner
Gesinnung verehre und achte ich nicht weniger als irgendeinen der
Mchtigsten. Indessen wirst du, wie mir scheint, durchaus deiner selbst
und deiner edlen Gesinnung, ja eines wahren Philosophen wrdig handeln,
wenn du es fertig brchtest, selbst unter Verzicht auf etwas persnliche
Bequemlichkeit, deine Begabung und deinen Eifer dem Wohle des
Gemeinwesens zu widmen. Das knntest du aber niemals mit so groem
Erfolge tun, als wenn du zum Rate eines groen Frsten gehrtest und ihm
richtige und gute Ratschlge erteiltest, und das wrdest du ja, wie ich
sicher wei, tun. Denn ein Frst ist gleichsam ein nie versiegender
Quell, von dem sich ein Sturzbach alles Guten und Bsen auf das ganze
Volk ergiet. Dein theoretisches Wissen aber ist so vollkommen, da du
gar keine groe praktische Erfahrung ntig hast, und deine
Lebenserfahrung anderseits so gro, da du gar kein theoretisches Wissen
brauchst, um einen ausgezeichneten Ratgeber jedes beliebigen Knigs
abzugeben.

Da befindest du dich in einem doppelten Irrtum, mein lieber Morus,
erwiderte Raphael, einmal hinsichtlich meiner und sodann hinsichtlich
der Sache selbst. Ich besitze nmlich gar nicht die Fhigkeit, die du
mir zuschreibst, und auch wenn ich sie im hchsten Grade bese, wrde
ich doch selbst durch den Verzicht auf meine Mue den Interessen des
Staates in keinerlei Weise dienen. Erstens nmlich beschftigen sich die
Frsten selbst alle zumeist lieber mit militrischen Dingen, von denen
ich nichts verstehe und auch nichts verstehen mchte, als mit den
segensreichen Knsten des Friedens, und weit grer ist ihr Eifer, sich
durch Recht oder Unrecht neue Reiche zu erwerben als die schon
erworbenen gut zu verwalten. Ferner ist von allen Ratgebern der Knige
jeder entweder in Wahrheit so weise, da er den Rat eines anderen nicht
braucht, oder er dnkt sich so weise, da er ihn nicht gutheien mag.
Dabei pflichten sie unter schmarotzerischen Schmeicheleien den
ungereimtesten uerungen derer bei, die bei dem Frsten in hchster
Gunst stehen und die sie sich deshalb durch ihre Zustimmung
verpflichten wollen. Und gewi ist es ganz natrlich, da einem jeden
seine eigenen Einflle zusagen. So findet der Rabe ebenso wie der Affe
am eigenen Jungen seinen Gefallen. Wenn aber jemand im Kreise jener
Leute, die auf fremde Meinungen eiferschtig sind oder die eigenen
vorziehen, etwas vorbringen sollte, das, wie er gelesen hat, zu anderer
Zeit vorgekommen ist oder das er anderswo gesehen hat, so benehmen sich
die Zuhrer gerade so, als ob der ganze Ruf ihrer Weisheit gefhrdet
wre und als ob man sie danach fr Narren halten mte, wenn sie nicht
imstande sind, etwas zu finden, was sie an dem von den anderen
Gefundenen schlecht machen knnen. Wenn sie keinen anderen Ausweg
wissen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Redensarten wie: So hat es
unseren Vorfahren gefallen; wren wir doch ebenso klug wie sie! Und nach
einem solchen Ausspruch setzen sie sich hin, als htten sie damit die
Sache vllig und trefflich erledigt. Gerade als ob es eine groe Gefahr
bedeutete, wenn sich jemand dabei ertappen lt, in irgend etwas
gescheiter zu sein als seine Vorfahren! Und doch lassen wir alle ihre
guten Einrichtungen mit groem Gleichmut gelten; wenn sie aber bei
irgend etwas htten klger zu Werke gehen knnen, so ergreifen wir
sofort gierig diese Gelegenheit und halten hartnckig daran fest. Das
ist auch die Quelle dieser hochmtigen, sinnlosen und eigensinnigen
Urteile, auf die ich schon oft gestoen bin, besonders aber auch einmal
in England.

Hr einmal! rief ich da, du bist auch bei uns gewesen?

Allerdings, antwortete er, und zwar habe ich mich dort einige Monate
aufgehalten, nicht lange nach jener Niederlage, die den Brgerkrieg
Westenglands gegen den Knig durch eine beklagenswerte Niedermetzelung
der Aufstndischen gewaltsam beendete. In jener Zeit hatte ich dem
ehrwrdigen Vater Johannes Morton, dem Erzbischof von Canterbury,
Kardinal und damals auch noch Lordkanzler von England, viel zu danken,
einem Manne, lieber Peter -- dem Morus erzhle ich damit nichts
Neues--, den man nicht weniger wegen seiner Klugheit und Tchtigkeit
als wegen seines Ansehens verehren mu. Er war von mittlerer Statur,
sein Rcken war von seinem, wenn auch hohen Alter noch nicht gebeugt;
seine Miene flte Ehrfurcht, nicht Scheu ein. Im Verkehr war er nicht
unzugnglich, aber doch ernst und wrdevoll. Er fand ein Vergngen
daran, Bittsteller bisweilen etwas schroffer anzureden, aber nicht etwa
in bser Absicht, sondern um die Sinnesart und Geistesgegenwart eines
jeden auf die Probe zu stellen. ber letztere Eigenschaft, die ihm ja
selber gleichsam angeboren war, freute er sich stets, wofern keine
Unverschmtheit damit verbunden war, und sie schtzte er als geeignet zu
der Fhrung der Geschfte. Seine Rede zeugte von feiner Bildung und
Energie; seine Rechtserfahrung war gro, seine Begabung unvergleichlich,
sein Gedchtnis geradezu fabelhaft stark. Diese ausgezeichneten
Naturanlagen vervollkommnete er noch durch Studium und bung. Seinen
Ratschlgen schenkte der Knig, wie es schien, whrend meiner
Anwesenheit das grte Vertrauen, und sie waren eine starke Sttze fr
den Staat. Denn in frhester Jugend und gleich von der Schule weg an
den Hof gebracht, war er sein ganzes Leben lang in den wichtigsten
Geschften ttig gewesen und von mannigfachen Schicksalsstrmen
bestndig hin und her geworfen worden, und dadurch hatte er sich unter
vielen groen Gefahren eine Lebensklugheit erworben, die nur schwer
wieder verlorengeht, wenn sie auf diese Weise gewonnen wird.

Als ich eines Tages an seiner Tafel sa, wollte es der Zufall, da einer
von euren Laienjuristen zugegen war. Dieser begann -- ich wei nicht,
wie er darauf kam--, eifrig jene strenge Justiz zu loben, die man
damals in England Dieben gegenber bte. Wie er erzhlte, wurden
allenthalben bisweilen zwanzig an _einem_ Galgen aufgehngt. Da nur sehr
wenige der Todesstrafe entgingen, wundere er sich, so meinte er, um so
mehr, welch widriges Geschick daran schuld sei, da sich trotzdem noch
berall so viele herumtrieben. Da sagte ich -- vor dem Kardinal wagte
ich es nmlich, offen meine Meinung zu uern--: Da brauchst du dich
gar nicht zu wundern; denn diese Bestrafung der Diebe geht ber das, was
gerecht ist, hinaus und liegt nicht im Interesse des Staates.

Als Shne fr Diebsthle ist die Todesstrafe nmlich zu grausam, und, um
vom Stehlen abzuschrecken, ist sie trotzdem unzureichend. Denn
einerseits ist einfacher Diebstahl doch kein so schlimmes Verbrechen,
da es mit dem Tode gebt werden mte, anderseits aber gibt es keine
so harte Strafe, diejenigen von Rubereien abzuhalten, die kein anderes
Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wie mir daher
scheint, folgt ihr in dieser Sache -- wie ein guter Teil der Menschheit
brigens auch -- dem Beispiel der schlechten Lehrer, die ihre Schler
lieber prgeln als belehren. So verhngt man harte und entsetzliche
Strafen ber Diebe, whrend man viel eher dafr htte sorgen sollen, da
sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen
Notwendigkeit ausgesetzt sieht, erst zu stehlen und dann zu sterben.

Dafr ist ja doch zur Genge gesorgt, erwiderte er. Wir haben ja das
Handwerk und den Ackerbau. Beides wrde sie ernhren, wenn sie nicht aus
freien Stcken lieber Gauner sein _wollten_.

Halt, so entschlpfst du mir nicht! antwortete ich. Zunchst wollen
wir nicht von denen reden, die, wie es hufig vorkommt, aus inneren oder
auswrtigen Kriegen als Krppel heimkehren wie vor einer Reihe von
Jahren aus der Schlacht gegen die Cornwaller und unlngst aus dem Kriege
mit Frankreich. Fr den Staat oder fr den Knig opfern sie ihre
gesunden Glieder und sind nun zu gebrechlich, um ihren alten Beruf
wieder auszuben, und zu alt, um sich fr einen neuen auszubilden. Diese
Leute wollen wir also, wie gesagt, beiseite lassen, da es nur von Zeit
zu Zeit zu einem Kriege kommt, und betrachten wir nur das, was
tagtglich geschieht!

Da ist zunchst die so groe Zahl der Edelleute. Selber mig, leben sie
wie die Drohnen von der Arbeit anderer, nmlich von der der Bauern auf
ihren Gtern, die sie bis aufs Blut aussaugen, um ihre persnlichen
Einknfte zu erhhen. Das ist nmlich die einzige Art von
Wirtschaftlichkeit, die jene Menschen kennen; im brigen sind sie
Verschwender, und sollten sie auch bettelarm dadurch werden. Auerdem
aber scharen sie einen gewaltigen Schwarm von Tagedieben um sich, die
niemals ein Handwerk gelernt haben, mit dem sie sich ihr Brot verdienen
knnten. Diese Leute wirft man sofort auf die Strae, sobald der
Hausherr stirbt oder sie selbst krank werden; denn lieber fttert man
Faulenzer durch als Kranke, und oft ist auch der Erbe gar nicht in der
Lage, die vterliche Dienerschaft weiter zu halten. Inzwischen leiden
jene Menschen tapfer Hunger oder treiben tapfer Straenraub. Was sollten
sie denn sonst auch tun? Haben nmlich erst einmal ihre Kleider und ihre
Gesundheit durch das Herumstrolchen auch nur ein wenig gelitten, so mag
sie, die infolge ihrer Krankheit von Schmutz starren und in Lumpen
gehllt sind, kein Edelmann mehr in Dienst nehmen. Aber auch die Bauern
getrauen es sich nicht; denn sie wissen ganz genau: einer, der in
Nichtstun und genieerischem Leben gro geworden und gewohnt ist, mit
Schwert und Schild einherzustolzieren, mit von Eitelkeit umnebelter
Miene auf seine gesamte Umgebung herabzublicken und jedermann im
Vergleich mit sich zu verachten, eignet sich keineswegs dazu, einem
armen Manne mit Hacke und Spaten fr geringen Lohn und karge Kost treu
zu dienen.

Und doch mssen wir gerade diese Menschenklasse ganz besonders hegen
und pflegen, erwiderte der Rechtsgelehrte. Denn gerade auf diesen
Mnnern, die mehr Mut und Edelsinn besitzen als Handwerker und
Landleute, beruht die Kraft und Strke unseres Heeres, wenn es einmal
ntig ist, sich im Felde zu schlagen.

In der Tat, antwortete ich, ebenso gut knntest du sagen, um des
Krieges willen msse man die Diebe hegen und pflegen; denn an ihnen wird
es euch ganz gewi nie fehlen, solange ihr diese Menschenklasse noch
habt. Und gewi, Ruber sind keine feigen Soldaten und die Soldaten
nicht die feigsten unter den Rubern: so gut passen diese Berufe
zueinander. Indessen ist diese weitverbreitete Plage keine
Eigentmlichkeit eures Volkes; sie ist nmlich fast allen Vlkern
gemeinsam. Frankreich z.B. sucht eine noch andere, verderblichere Pest
heim: das ganze Land ist auch im Frieden -- wenn jener Zustand berhaupt
Frieden ist -- von Sldnern berschwemmt und bedrngt. Sie sind aus
demselben Grunde da, der euch bestimmt hat, die faulen Dienstleute
hierzulande durchzufttern, weil nmlich nrrische Weise der Ansicht
gewesen sind, das Staatswohl erfordere die stndige Bereitschaft einer
starken und zuverlssigen Schutztruppe besonders altgedienter Soldaten;
denn zu Rekruten hat man kein Vertrauen. Daher mssen sie schon deshalb
auf einen Krieg bedacht sein, um gebte Soldaten zur Hand zu haben, und
sie mssen sich nach Menschen umsehen, die kostenlos abgeschlachtet
werden knnen, damit nicht, wie Sallust so fein sagt, Hand und Herz
durch Unttigkeit zu erschlaffen beginnen.

Wie verderblich es aber ist, derartige Bestien zu fttern, hat nicht
blo Frankreich zu seinem eigenen Schaden erfahren; auch das Beispiel
der Rmer, Karthager, Syrer und vieler anderer Vlker beweist es. Bei
diesen allen haben die stehenden Heere bald bei dieser und bald bei
jener Gelegenheit nicht blo die Regierung gestrzt, sondern auch das
flache Land und sogar die festen Stdte zugrunde gerichtet. Aber wie
unntig ist solch ein stehendes Heer! Das kann man schon daraus ersehen,
da auch die franzsischen Sldner, die doch durch und durch gebte
Soldaten sind, sich nicht rhmen knnen, im Kampfe mit euren Aufgeboten
sehr oft den Sieg davongetragen zu haben. Ich will jetzt nichts weiter
sagen; es knnte sonst den Anschein erwecken, als wollte ich euch, die
ihr hier zugegen seid, schmeicheln. Aber man kann gar nicht glauben, da
sich eure Handwerker in der Stadt und eure ungeschlachten Bauern auf dem
Lande vor dem faulen Tro der Edelleute sehr frchten auer denjenigen,
denen es infolge ihrer krperlichen Schwche an Kraft und Khnheit fehlt
oder deren Energie durch husliche Not geschwcht wird. So wenig ist
also zu befrchten, da diese Leute etwa verweichlicht werden knnten,
wenn sie fr einen ntzlichen Lebensberuf ausgebildet und in
Mnnerarbeit gebt werden. Vielmehr erschlaffen jetzt ihre gesunden und
krftigen Krper -- die Edelleute geruhen nmlich, nur ausgesuchte Leute
zugrunde zu richten -- durch Nichtstun, oder sie werden durch fast
weibische Beschftigung verweichlicht. Auf keinen Fall liegt es, will
mir scheinen, -- wie es sich auch sonst mit dieser Sache verhalten mag
-- im Interesse des Staates, nur fr den Kriegsfall, den ihr doch nur
habt, wenn ihr ihn haben wollt, eine unermeliche Schar von Menschen
dieser Sorte durchzufttern, die den Frieden so gefhrden, auf den man
doch um so viel mehr bedacht sein sollte als auf den Krieg.

Und doch ist das nicht der einzige Zwang zum Stehlen. Es gibt noch
einen anderen, der euch, wie ich meine, in hherem Grade eigentmlich
ist.

Welcher ist das? fragte der Kardinal.

Eure Schafe, sagte ich. Sie, die gewhnlich so zahm und gengsam
sind, sollen jetzt so gefrig und wild geworden sein, da sie sogar
Menschen verschlingen sowie Felder, Huser und Stdte verwsten und
entvlkern. In all den Gegenden eures Reiches nmlich, wo die feinere
und deshalb teurere Wolle gewonnen wird, gengen dem Adel und den
Edelleuten und sogar bisweilen bten, heiligen Mnnern, die jhrlichen
Einknfte und Ertrgnisse nicht mehr, die ihre Vorgnger aus ihren
Gtern erzielten. Nicht zufrieden damit, da sie mit ihrem faulen und
ppigen Leben der Allgemeinheit nichts ntzen, sondern eher schaden,
lassen sie kein Ackerland brig, zunen alles als Viehweiden ein, reien
die Huser nieder, zerstren die Stdte, lassen nur die Kirchen als
Schafstlle stehen und, gerade als ob bei euch die Wildgehege und
Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden der Nutzbarmachung
entzgen, verwandeln diese braven Leute alle bewohnten Pltze und alles
sonst irgendwo angebaute Land in Einden.

Damit also ein einziger Verschwender, unersttlich und eine grausige
Pest seines Vaterlandes, einige tausend Morgen zusammenhngenden
Ackerlandes mit einem einzigen Zaun umgeben kann, vertreibt man Pchter
von Haus und Hof. Entweder umgarnt man sie durch Lug und Trug oder
berwltigt sie mit Gewalt; man plndert sie aus oder treibt sie, durch
Gewaltttigkeiten bis zur Erschpfung geqult, zum Verkauf ihrer Habe.
So oder so wandern die Unglcklichen aus, Mnner und Weiber, Ehemnner
und Ehefrauen, Waisen, Witwen, Eltern mit kleinen Kindern oder mit einer
Familie, weniger reich an Besitz als an Zahl der Personen, wie ja die
Landwirtschaft vieler Hnde bedarf. Sie wandern aus, sage ich, aus ihren
vertrauten und gewohnten Heimsttten und finden keinen Zufluchtsort.
Ihren gesamten Hausrat, der ohnehin keinen groen Erls bringen wrde,
auch wenn er auf einen Kufer warten knnte, verkaufen sie um ein
Spottgeld, wenn sie ihn sich vom Halse schaffen mssen. Ist dann der
geringe Erls in kurzer Zeit auf der Wanderschaft verbraucht, was bleibt
ihnen dann schlielich anderes brig, als zu stehlen und am Galgen zu
hngen -- nach Recht und Gesetz natrlich -- oder sich herumzutreiben
und zu betteln, obgleich sie auch dann als Vagabunden eingesperrt
werden, weil sie herumlaufen, ohne zu arbeiten? Und doch will sie
niemand als Arbeiter in Dienst nehmen, so eifrig sie sich auch anbieten.
Denn mit der Landarbeit, an die sie gewhnt sind, ist es vorbei, wo
nicht gest wird; gengt doch ein einziger Schaf- oder Rinderhirt als
Aufsicht, um von seinen Herden ein Stck Land abweiden zu lassen, zu
dessen Bestellung als Saatfeld viele Hnde notwendig waren.

So kommt es auch, da an vielen Orten die Lebensmittel wesentlich teurer
geworden sind. Ja, auch die Wolle ist so im Preis gestiegen, da eure
weniger bemittelten Tuchmacher sie berhaupt nicht mehr kaufen knnen
und dadurch in der Mehrzahl arbeitslos werden. Nachdem man nmlich die
Weideflchen so vergrert hatte, raffte eine Seuche eine unzhlige
Menge Schafe hinweg, gleich als ob Gott die Habgier der Besitzer htte
bestrafen wollen mit der Seuche, die er unter ihre Schafe sandte und die
-- so wre es gerechter gewesen -- die Eigentmer selbst htte treffen
mssen. Mag aber auch die Zahl der Schafe noch so sehr zunehmen, der
Preis der Wolle fllt nicht, weil der Handel damit, wenn man ihn auch
nicht Monopol nennen darf, da ja nicht blo einer verkauft, sicher doch
ein Oligopol ist. Die Schafe befinden sich nmlich fast smtlich in den
Hnden einiger weniger, und zwar eben der reichen Leute, die keine
Notwendigkeit dazu drngt, eher zu verkaufen, als es ihnen beliebt, und
es beliebt ihnen nicht eher, als bis sie beliebig teuer verkaufen
knnen. Wenn ferner auch die brigen Viehsorten in gleicher Weise im
Preise gestiegen sind, so ist dafr derselbe Grund magebend, und zwar
hierfr erst recht, weil sich nmlich nach Zerstrung der Bauernhfe und
nach Vernichtung der Landwirtschaft niemand mehr mit der Aufzucht von
Jungvieh abgibt. Jene Reichen treiben nmlich nur Schafzucht, ziehen
aber kein Rindvieh mehr auf. Sie kaufen vielmehr anderswo Magervieh
billig auf, msten es auf ihren Weiden und verkaufen es dann fr viel
Geld weiter. Und nur deshalb empfindet man, meine ich, den ganzen
Schaden dieses Verfahrens noch nicht in vollem Umfange, weil jene bis
jetzt die Preise nur dort hochgetrieben haben, wo sie verkaufen.
Schaffen sie aber erst einmal eine Zeitlang das Vieh schneller fort, als
es nachwachsen kann, so nimmt dann schlielich auch dort, wo es
aufgekauft wird, der Bestand allmhlich ab, und es entsteht dann durch
starken Mangel notwendigerweise eine Notlage. So hat die ruchlose
Habgier einiger weniger das, was das ganz besondere Glck dieser eurer
Insel zu sein schien, gerade euer Verderben werden lassen. Denn diese
Verteuerung der Lebensmittel ist fr einen jeden der Anla, soviel
Dienerschaft wie mglich zu entlassen: wohin, so frage ich, wenn nicht
zur Bettelei oder, wozu man ritterliche Gemter leichter berreden kann,
zur Ruberei?

Was soll man aber dazu sagen, da sich zu dieser elenden Verarmung und
Not noch lstige Verschwendungssucht gesellt? Denn sowohl die
Dienerschaft des Adels wie die Handwerker und fast ebenso die Bauern
selbst, ja, alle Stnde berhaupt, treiben viel bermigen Aufwand in
Kleidung und zu groen Luxus im Essen. Denke ferner an die Kneipen,
Bordelle und an die andere Art von Bordellen, ich meine die Weinschenken
und die Bierhuser, schlielich an die so zahlreichen nichtsnutzigen
Spiele, wie Wrfelspiel, Karten, Wrfelbecher, Ball-, Kugel- und
Scheibenspiel! Treibt nicht alles dies seine Anbeter geradeswegs zum
Raube auf die Strae, sobald sie ihr Geld vertan haben?

Bekmpft diese verderblichen Seuchen! Trefft die Bestimmung, da
diejenigen, die die Gehfte und lndlichen Siedlungen zerstrt haben,
sie wieder aufbauen oder denen abtreten, die zum Wiederaufbau bereit
sind und bauen _wollen_! Schrnkt jene blen Aufkufe der Reichen und
die Freiheit ihres Handels ein, der einem Monopol gleichkommt! Die Zahl
derer, die vom Miggang leben, soll kleiner werden; der Ackerbau soll
wieder aufleben; die Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit es
eine ehrbare Beschftigung gibt, durch die jene Schar von Tagedieben
einen nutzbringenden Erwerb findet, sie, die die Not bisher zu Dieben
gemacht hat oder die jetzt Landstreicher oder mige Dienstmannen sind
und ohne Zweifel dereinst Diebe sein werden! Soviel steht fest: wenn ihr
diesen belstnden nicht abhelft, so mgt ihr euch umsonst eurer
Gerechtigkeit bei der Bestrafung von Diebsthlen rhmen! Eure Justiz
blendet wohl durch den Schein, aber gerecht oder ntzlich ist sie nicht.
Wenn ihr den Menschen eine klgliche Erziehung zuteil werden und ihren
Charakter von zarter Jugend an allmhlich verderben lat, um sie
offenbar erst dann zu bestrafen, wenn sie als Erwachsene die Schandtaten
begehen, die man von Kindheit an bei ihnen dauernd erwartet hat, was tut
ihr da anderes, ich bitte euch, als da ihr sie erst zu Dieben macht und
dann bestraft?

Schon whrend ich so sprach, hatte sich jener Rechtsgelehrte zum Reden
fertig gemacht und sich entschlossen, jene bliche Methode der
Schuldisputanten anzuwenden, die sorgfltiger wiederholen als antworten;
in dem Grade macht fr sie ihr Gedchtnis einen guten Teil ihres Ruhmes
aus. Was du da sagst, klingt in der Tat recht hbsch, erwiderte er.
Freilich darf man nicht vergessen, da du als Fremder ber diese Dinge
mehr nur etwas hast hren als genau erforschen knnen, was ich mit
wenigen Worten beweisen werde. Und zwar will ich zuerst deine
Ausfhrungen der Reihe nach durchgehen; sodann will ich zeigen, worin du
dich infolge von Unkenntnis unserer Verhltnisse getuscht hast; zum
Schlu will ich alle deine Thesen entkrften und widerlegen.

Um also mit dem ersten Teile meines Versprechens zu beginnen, so hast
du, wie mir scheint,...

Still! rief da der Kardinal. Da du nmlich so anfngst, wirst du, wie
mir scheint, nicht mit einigen wenigen Worten nur antworten wollen.
Deshalb soll dir fr den Augenblick die Mhe zu antworten erspart
bleiben. Wir wollen dir jedoch diese Verpflichtung uneingeschrnkt fr
eure nchste Zusammenkunft aufheben, die ich schon morgen stattfinden
lassen mchte, falls ihr, du und Raphael, nichts anderes vorhaben
solltet. Inzwischen aber htte ich von dir, mein Raphael, sehr gern
gehrt, warum du der Ansicht bist, Diebstahl sei nicht mit dem Tode zu
bestrafen, und welche andere Strafe du selbst vorschlgst, die mehr dem
ffentlichen Interesse entspricht; denn dafr, den Diebstahl einfach zu
dulden, bist du doch gewi auch nicht. Wenn man aber jetzt sogar trotz
der Lebensgefahr das Stehlen nicht lt, welche Gewalt oder welche
Befrchtung knnte dann die Verbrecher abschrecken, nachdem ihnen erst
einmal ihr Leben gesichert ist? Wrden sie es nicht so auffassen, als ob
die Milderung der Strafe sie gewissermaen durch eine Prmie zum
Verbrechen geradezu ermuntere?

Ich bin durchaus der Ansicht, gtiger Vater, erwiderte ich, da es
ganz ungerecht ist, einem Menschen das Leben zu nehmen, weil er Geld
gestohlen hat; denn auch smtliche Glcksgter knnen meiner Meinung
nach ein Menschenleben nicht aufwiegen. Wollte man nun aber sagen, diese
Strafe solle die Rechtsverletzung oder die bertretung der Gesetze,
nicht das gestohlene Geld aufwiegen, mte man dann nicht erst recht
jenes strengste Recht als grtes Unrecht bezeichnen? Denn weder darf
man Gesetze nach Art eines Manlius billigen, so da bei einer
Gehorsamsverweigerung auch in den leichtesten Fllen sofort das Schwert
zum Todesstreiche gezckt wird, noch so stoische Grundstze, da man die
Vergehen alle als gleich beurteilt und der Ansicht ist, es sei kein
Unterschied, ob einer einen Menschen ttet oder ihm nur Geld raubt,
Vergehen, zwischen denen berhaupt keine hnlichkeit oder Verwandtschaft
besteht, wenn Recht und Billigkeit berhaupt noch etwas gelten. Gott hat
es verboten, jemanden zu tten, und wir tten so leichten Herzens um
eines gestohlenen Smmchens willen? Sollte es aber jemand so auffassen
wollen, als ob jenes gttliche Gebot die Ttung eines Menschen nur
insoweit verbiete, als sie nicht ein menschliches Gesetz gebietet, was
steht dann dem im Wege, da die Menschen auf dieselbe Weise unter sich
festsetzen, inwieweit Unzucht zu dulden sei und Ehebruch und Meineid?
Gott hat einem jeden die Verfgung nicht nur ber ein fremdes, sondern
sogar ber das eigene Leben genommen; wenn aber menschliches
bereinkommen, sich unter gewissen Voraussetzungen gegenseitig tten zu
drfen, so viel gelten soll, da es seine dienstbaren Geister von den
Bindungen jenes Gebotes befreit und diese dann ohne jede gttliche
Strafe Menschen ums Leben bringen drfen, die Menschensatzung zu tten
befiehlt, bleibt dann nicht jenes Gottesgebot nur insoweit in Geltung,
als Menschenrecht es erlaubt? Und so wird es in der Tat dahin kommen,
da auf dieselbe Weise die Menschen festsetzen, inwieweit Gottes Gebote
beachtet werden sollen! Und schlielich hat sogar das mosaische Gesetz,
obwohl erbarmungslos und hart, da es fr Sklavenseelen, und zwar fr
verstockte, erlassen war, den Diebstahl trotzdem nur mit Geld und nicht
mit dem Tode bestraft. Wir wollen doch nicht glauben, da Gott mit dem
neuen Gesetz der Gnade, durch das er als Vater seinen Kindern gebietet,
uns grere Freiheit gewhrt hat, gegeneinander zu wten!

Das sind die Grnde, die ich gegen die Todesstrafe vorzubringen habe. In
welchem Grade aber widersinnig und sogar verderblich fr den Staat eine
gleichmige Bestrafung des Diebes und des Mrders ist, das wei, meine
ich, jeder. Wenn nmlich der Ruber sieht, da einem, der wegen bloen
Diebstahls verurteilt ist, keine geringere Strafe droht, als wenn der
Betreffende auerdem noch des Mordes berfhrt wird, so veranlat ihn
schon diese eine berlegung zur Ermordung desjenigen, den er andernfalls
nur beraubt htte. Denn abgesehen davon, da fr einen, der ertappt
wird, die Gefahr nicht grer ist, gewhrt ihm der Mord sogar noch
grere Sicherheit und mehr Aussicht, da die Tat unentdeckt bleibt, da
ja der, der sie anzeigen knnte, beseitigt ist. Whrend wir uns also
bemhen, den Dieben durch allzu groe Strenge Schrecken einzujagen,
spornen wir sie dazu an, gute Menschen umzubringen.

Was ferner die bliche Frage nach einer besseren Art der Bestrafung
anlangt, so ist diese viel leichter zu finden als eine noch weniger
gute. Warum sollten wir denn eigentlich an der Ntzlichkeit jener
Methode der Bestrafung von Verbrechen zweifeln, die, wie wir wissen, in
alten Zeiten so lange den Rmern zugesagt hat, die doch so groe
Erfahrung in der Staatsverwaltung besaen? Diese pflegten nmlich
berfhrte Schwerverbrecher zur Arbeit in den Steinbrchen und
Bergwerken zu verurteilen, wo sie dauernd Fesseln tragen muten. Jedoch
habe ich in dieser Beziehung auf meinen Reisen bei keinem Volke eine
bessere Einrichtung gefunden als in Persien bei den sogenannten
Polyleriten, einem ansehnlichen Volke mit einer recht verstndigen
Verfassung, das dem Perserknig nur einen jhrlichen Tribut zahlt, im
brigen aber unabhngig ist und nach eigenen Gesetzen lebt. Sie wohnen
weitab vom Meere, sind fast ganz von Bergen eingeschlossen, begngen
sich in jeder Beziehung durchaus mit den Ertrgnissen ihres Landes und
pflegen mit anderen Vlkern wenig Verkehr. Infolgedessen sind sie auch,
einem alten Herkommen ihres Volkes entsprechend, nicht auf Erweiterung
ihres Gebietes bedacht. Innerhalb dieses selbst aber bieten ihnen ihre
Berge sowie das Geld, das sie dem Eroberer zahlen, mhelos Schutz vor
jeder Gewalttat. Vllig frei vom Kriegsdienst, fhren sie ein nicht
ebenso glnzendes wie bequemes Leben in mehr Glck als Vornehmheit und
Berhmtheit, ja nicht einmal dem Namen nach, meine ich, hinreichend
bekannt auer in der Nachbarschaft. Wer nun bei den Polyleriten wegen
Diebstahls verurteilt wird, gibt das Gestohlene dem Eigentmer zurck,
nicht, wie es anderswo Brauch ist, dem Landesherrn, weil dieser nach
ihrer Meinung auf das gestohlene Gut ebenso wenig Anspruch hat wie der
Dieb selbst. Ist es aber abhanden gekommen, so ersetzt und bezahlt man
seinen Wert aus dem Besitz der Diebe, den Rest behalten ihre Frauen und
Kinder unverkrzt, und die Diebe selbst verurteilt man zu Zwangsarbeit.
Nur wenn schwerer Diebstahl vorliegt, sperrt man sie ins Arbeitshaus, wo
sie Fufesseln tragen mssen; sonst behalten sie ihre Freiheit und
verrichten ungefesselt ffentliche Arbeiten. Zeigen sie sich
widerspenstig und zu trge, so legt man sie zur Strafe nicht in Fesseln,
sondern treibt sie durch Prgel zur Arbeit an; Fleiige dagegen bleiben
von Gewaltttigkeiten verschont; nur des Nachts schliet man sie in
Schlafrume ein, nachdem man sie durch Namensaufruf kontrolliert hat.
Die dauernde Arbeit ist die einzige Unannehmlichkeit in ihrem Leben.
Ihre Verpflegung ist nmlich nicht krglich. Fr diejenigen, die
ffentliche Arbeiten verrichten, wird sie aus ffentlichen Mitteln
bestritten, und zwar in den einzelnen Gegenden auf verschiedene Weise.
Hier und da nmlich deckt man den Aufwand fr sie aus Almosen; wenn
diese Methode auch unsicher ist, so bringt doch bei der mildttigen
Gesinnung jenes Volkes keine andere einen reicheren Ertrag. Anderswo
wieder sind gewisse ffentliche Einknfte fr diesen Zweck bestimmt. In
manchen Gegenden findet dafr auch eine feste Kopfsteuer Verwendung. Ja,
an einigen Orten verrichten die Strflinge keine Arbeit fr die
ffentlichkeit, sondern, wenn ein Privatmann Lohnarbeiter braucht, so
mietet er die Arbeitskraft eines beliebigen von ihnen auf dem Markte fr
den betreffenden Tag und zahlt dafr einen festgesetzten Lohn, nur etwas
weniger, als er fr freie Lohnarbeit wrde zahlen mssen. Auerdem steht
ihm das Recht zu, faule Sklaven zu peitschen. Auf diese Weise haben sie
niemals Mangel an Arbeit, und auer seinem Lebensunterhalt verdient
jeder tglich noch etwas, was er an die Staatskasse abfhrt. Sie allein
sind alle in eine bestimmte Farbe gekleidet und tragen das Haar nicht
vollstndig geschoren, sondern nur ein Stck ber den Ohren
verschnitten, und das eine Ohr ist etwas gestutzt. Speise, Trank und
Kleidung von seiner Farbe darf sich jeder von seinen Freunden geben
lassen; wer dagegen ein Geldgeschenk gibt oder annimmt, wird mit dem
Tode bestraft; und nicht weniger gefhrlich ist es auch fr einen
Freien, aus irgendeinem Grunde von einem Strfling Geld anzunehmen, und
ebenso fr die Sklaven -- so nennt man nmlich die Strflinge--, Waffen
anzurhren. Jede Landschaft macht ihre Sklaven durch ein eigenes,
unterscheidendes Zeichen kenntlich, das abzulegen bei Todesstrafe
verboten ist. Dieselbe Strafe trifft auch den, der sich auerhalb seines
Bezirks sehen lt oder mit einem Sklaven eines anderen Bezirks ein Wort
spricht. Die Planung einer Flucht ist ebenso gefhrlich wie ihre
Ausfhrung; schon von einem solchen Plane gewut zu haben, bedeutet fr
den Sklaven den Tod und fr den Freien Knechtschaft. Dagegen sind auf
Anzeigen Preise ausgesetzt, und zwar erhlt ein Freier Geld, ein Sklave
dagegen die Freiheit; beiden aber gewhrt man Verzeihung und
Straflosigkeit, auch wenn sie von der Sache gewut haben. Dadurch will
man verhten, da es mehr Sicherheit bietet, auf einem schlimmen Plane
zu beharren als ihn zu bereuen.

So also ist diese Angelegenheit gesetzlich geregelt, wie ich es
beschrieben habe. Wie menschlich und zweckmig dieses Verfahren ist,
kann man leicht einsehen. bt es doch nur insoweit Strenge aus, als die
Verbrechen beseitigt werden; dabei kostet es kein Menschenleben, und die
beltter werden so behandelt, da sie gar nicht anders knnen, als gut
zu sein und den Schaden, den sie vorher angerichtet haben, durch ihr
weiteres Leben wieder gutzumachen.

Da ferner Strflinge in ihre alte Lebensweise verfallen knnten, ist
durchaus nicht zu befrchten. Infolgedessen halten sich auch Fremde, die
irgendwohin reisen mssen, unter keiner anderen Fhrung fr sicherer als
unter der jener Sklaven, die dann von einer Gegend zur anderen
unmittelbar wechseln. Denn sie besitzen nichts, was sie zu einem
Raubberfall reizen knnte: in der Hand haben sie keine Waffe, Geld
wrde ihre verbrecherische Tat nur verraten, und der Ertappte mte mit
Bestrafung und vlliger Aussichtslosigkeit, irgendwohin fliehen zu
knnen, rechnen. Wie sollte es nmlich jemand auch fertig bringen,
vllig unbemerkt zu fliehen, wenn sich seine Kleidung in jedem Stck von
der seiner Landsleute unterscheidet? Er mte sich denn gerade nackend
entfernen. Ja, auch in dem Falle wrde den Ausreier das Ohr verraten.
Aber knnten die Strflinge nicht vielleicht an eine Verschwrung gegen
den Staat denken? Wre das nicht doch eine Gefahr? Als ob irgendeine
Gruppe solch eine Hoffnung hegen drfte, ehe nicht die Sklaven
zahlreicher Landschaften unruhig geworden und aufgewiegelt sind, denen
es nicht einmal erlaubt ist zusammenzukommen, miteinander zu sprechen
oder sich gegenseitig zu gren, die also noch viel weniger eine
Verschwrung anzetteln knnten! Sollte man ferner annehmen drfen, sie
wrden diesen Plan inzwischen unbesorgt ihren Anhngern anvertrauen,
whrend sie doch wissen, da Verschweigen gefhrlich, Verrat aber hchst
vorteilhaft ist? Und dabei hat niemand so gnzlich die Hoffnung
aufgegeben, doch irgendwann einmal die Freiheit wieder zu erlangen, wenn
er sich gehorsam zeigt und eine Besserung in der Zukunft zuversichtlich
erwarten lt. Wird doch in jedem Jahre ein paar Sklaven zum Lohn fr
geduldiges Ausharren die Freiheit wieder geschenkt.

So sprach ich. Als ich dann noch hinzufgte, es liege meiner Meinung
nach gar kein Grund vor, dieses Verfahren nicht auch in England
anzuwenden, und zwar mit viel grerem Erfolg als jenen Rechtsbrauch,
den der Jurist so sehr gelobt hatte, da erwiderte mir dieser sofort:
Niemals liee sich dieser Brauch in England einfhren, ohne da der
Staat dadurch in die grte Gefahr geriete! Und bei diesen Worten
schttelte er den Kopf, verzog den Mund und schwieg dann, und alle
Anwesenden stimmten ihm zu. Da meinte der Kardinal: Man kann nicht so
leicht voraussagen, ob die Sache gnstig oder ungnstig ausgeht, solange
man sie berhaupt noch nicht erprobt hat. Aber nach Verkndigung eines
Todesurteils knnte ja der Landesherr einen Aufschub der Vollstreckung
anordnen und unter Einschrnkung der Privilegien der Asylsttten dieses
neue Verfahren erproben. Sollte es sich durch den Erfolg als zweckmig
bewhren, so wre es wohl richtig, es zur dauernden Einrichtung zu
machen. Andernfalls knnte man ja die vorher Verurteilten auch dann noch
hinrichten, und das wre von nicht geringem Vorteil fr den Staat und
nicht ungerechter, als wenn es gleich geschhe, und auch in der Zeit
des Aufschubs knnte keine Gefahr daraus erwachsen. Ja, wie mir sicher
scheint, wrde dieselbe Behandlung auch den Landstreichern gegenber
sehr angebracht sein; denn gegen sie haben wir zwar bis jetzt eine Menge
Gesetze erlassen, aber trotzdem noch nichts erreicht.

Sobald der Kardinal das gesagt hatte -- dasselbe, worber sich alle
verchtlich geuert hatten, als sie es von mir hrten--, wetteiferte
jeder, ihm das hchste Lob zu spenden, besonders jedoch seinem Vorschlag
in betreff der Landstreicher, weil er den von sich aus hinzugefgt
hatte.

Vielleicht wre es besser, das, was jetzt folgte, gar nicht zu erwhnen
-- es war nmlich lcherlich--, aber ich will es doch erzhlen; denn es
war nicht bel und gehrte in gewissem Sinne zu unserer Sache. Es stand
zufllig ein Schmarotzer dabei, der offenbar den Narren spielen wollte,
sich aber so schlecht verstellte, da er mehr einem wirklichen Narren
glich, indem er mit so faden uerungen nach Gelchter haschte, da man
hufiger ber seine Person als ber seine Worte lachte. Zuweilen jedoch
uerte der Mensch auch etwas, was nicht ganz so albern war, so da er
das Sprichwort besttigte: Wer viel wrfelt, hat auch einmal Glck. Da
meinte einer von den Tischgenossen, ich htte mit meiner Rede gut fr
die Diebe gesorgt und der Kardinal auch noch fr die Landstreicher; nun
bleibe nur noch brig, von Staats wegen auch noch die zu versorgen, die
durch Krankheit oder Alter in Not geraten und arbeitsunfhig geworden
seien. La mich das machen! rief da der Spavogel. Ich will auch das
in Ordnung bringen! Denn es ist mein sehnlicher Wunsch, mich vom Anblick
dieser Sorte Menschen irgendwie zu befreien. Mehr als einmal sind sie
mir schwer zur Last gefallen, wenn sie mich mit ihrem Klagegeheul um
Geld anbettelten. Niemals jedoch konnten sie das schn genug anstimmen,
um auch nur einen Pfennig von mir zu erpressen. Es ist bei mir nmlich
immer das eine von beiden der Fall: entweder habe ich keine Lust, etwas
zu geben, oder ich habe nicht die Mglichkeit dazu, weil ich nichts zu
geben habe. Infolgedessen werden die Bettler jetzt allmhlich
vernnftig. Um sich nmlich nicht unntig anzustrengen, reden sie mich
gar nicht mehr an, wenn sie mich vorbergehen sehen. So wenig erhoffen
sie von mir noch etwas, in der Tat nicht mehr, als wenn ich ein Priester
wre. Aber jetzt befehle ich, ein Gesetz zu erlassen, dem zufolge alle
jene Bettler ohne Ausnahme auf die Benediktinerklster verteilt und zu
sogenannten Laienbrdern gemacht werden; die Weiber aber, ordne ich an,
sollen Nonnen werden.

Da lchelte der Kardinal und stimmte im Scherz zu, die anderen dann auch
im Ernst. Indessen heiterte dieser Witz ber die Priester und Mnche
einen Theologen, einen Klosterbruder, so auf, da er, sonst ein ernster,
ja beinahe finsterer Mann, jetzt gleichfalls anfing, Spa zu machen.
Aber auch so, rief er, wirst du die Bettler nicht loswerden, wenn du
nicht auch fr uns Klosterbrder sorgst!

Aber das ist doch schon geschehen, erwiderte der Parasit. Der
Kardinal hat ja vortrefflich fr euch gesorgt, indem er fr die
Tagediebe Zwangsarbeit festsetzte; denn ihr seid doch die grten
Tagediebe.

Da blickten alle auf den Kardinal. Als sie aber sahen, da er auch diese
Bemerkung nicht zurckwies, fingen sie alle an, sie mit groem Vergngen
aufzunehmen; nur der Klosterbruder machte eine Ausnahme. Der nmlich,
mit solchem Essig bergossen, geriet dermaen in Zorn und Hitze --
worber ich mich auch gar nicht wundere--, da er sich nicht mehr
beherrschen konnte und zu schimpfen anfing. Er nannte den Menschen einen
Taugenichts, einen Verleumder, einen Ohrenblser und ein Kind der
Verdammnis und fhrte zwischendurch schreckliche Drohungen aus der
Heiligen Schrift an. Jetzt aber begann der Witzbold ernsthaft zu spaen,
und da war er ganz in seinem Element. Zrne nicht, lieber Bruder!
sagte er. Es steht geschrieben: 'Durch standhaftes Ausharren sollt ihr
euch das Leben gewinnen.' Darauf erwiderte der Klosterbruder -- ich
will nmlich seine eigenen Worte wiedergeben--: Ich zrne nicht, du
Galgenstrick, oder ich sndige wenigstens nicht damit. Denn der Psalmist
sagt: 'Zrnt und sndigt nicht!' Darauf ermahnte der Kardinal den
Klosterbruder in sanftem Tone, sich zu migen. Doch der antwortete:
Herr, ich spreche nur in redlichem Eifer, wie ich es tun mu. Denn auch
heilige Mnner haben einen redlichen Eifer bewiesen, weswegen es heit:
'Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt'. Und in den Kirchen singt
man:

    'Die Sptter Elisas,
    Whrend er hinaufsteigt zum Hause Gottes,
    Bekommen den Eifer des Kahlkopfs zu spren',

wie ihn vielleicht auch dieser Sptter da, dieser Possenreier, dieser
Bruder Liederlich noch zu spren bekommen wird.

Du handelst vielleicht in ehrlicher Erregung, sagte der Kardinal,
aber mir will scheinen, es wrde mglicherweise frmmer, bestimmt aber
klger von dir sein, wenn du nicht mit einem trichten und lcherlichen
Menschen einen lcherlichen Streit beginnen wolltest.

Nein, Herr, das wrde nicht klger von mir sein, erwiderte er. Sagt
doch selbst der weise Salomo: 'Antworte dem Narren gem seiner
Narrheit!', wie ich es jetzt tue und ihm die Grube zeige, in die er
fallen wird, wenn er nicht recht auf der Hut ist. Wenn nmlich die
vielen Sptter Elisas, der doch nur _ein_ Kahlkopf war, den Eifer des
Kahlkopfes zu spren bekommen haben, um wieviel mehr wird ein einziger
Sptter den Eifer der vielen Klosterbrder zu spren bekommen, unter
denen sich doch viele Kahlkpfe befinden! Und auerdem haben wir ja noch
eine ppstliche Bulle, auf Grund deren alle, die sich ber uns lustig
machen, der Kirchenbann trifft.

Sobald der Kardinal sah, da der Streit kein Ende nehmen wollte, gab er
dem Schmarotzer einen Wink, sich zu entfernen, und brachte die Rede auf
ein anderes Thema, das auch Anklang fand. Bald darauf stand er von der
Tafel auf, entlie uns und widmete sich seinen Lehnsleuten, deren
Anliegen er sich anhrte.

Sieh da, mein lieber Morus, wie lang ist doch die Geschichte geworden,
mit der ich dich belstigt habe! Ich htte mich entschieden geschmt, so
ausfhrlich zu werden, wenn du es nicht dringend zu wissen verlangt
httest und wenn es mir nicht den Eindruck gemacht htte, als wolltest
du auch nicht _ein_ Wort von jenem Gesprch ausgelassen wissen; mit
solcher Aufmerksamkeit hrtest du mir zu. Ich mute dies jedoch alles
erzhlen -- freilich htte es wesentlich krzer geschehen knnen--, um
die Urteilsfhigkeit dieser Leute ins rechte Licht zu rcken: wovon sie
nmlich nichts wissen wollten, als sie es aus _meinem_ Munde hrten,
eben das billigten sie auf der Stelle, als es der Kardinal billigte, und
zwar gingen sie in ihrer Lobhudelei so weit, da sie sich sogar die
Einflle seines Schmarotzers, die sein Herr im Scherz nicht zurckwies,
in schmeichlerischer Weise gefallen lieen und sie beinahe fr Ernst
nahmen. Daraus kannst du ermessen, wie hoch die Hflinge mich mit meinen
Ratschlgen einschtzen wrden.

In der Tat, mein lieber Raphael, erwiderte ich, deine Erzhlung war
ein groer Genu fr mich; so klug und treffend zugleich hast du alles
gesagt. Auerdem war es mir whrenddem so, als befnde ich mich wieder
in meiner Heimat, und nicht blo dies, sondern als erlebte ich
gewissermaen noch einmal meine Kindheit, bei der angenehmen Erinnerung
an jenen Kardinal, an dessen Hofe ich als Knabe erzogen worden bin. Lieb
und wert warst du mir ja auch sonst schon, mein Raphael, aber um wieviel
teurer du mir durch die so hohe Ehrung des Andenkens an jenen Mann
geworden bist, kannst du dir kaum vorstellen. Im brigen kann ich bis
jetzt meine Ansicht in keinerlei Weise ndern; ich bin vielmehr
entschieden der Meinung, wenn du dich entschlieen knntest, deine
Abneigung gegen die Frstenhfe aufzugeben, so knntest du mit deinen
Ratschlgen der ffentlichkeit den grten Nutzen stiften. Deshalb ist
dies deine hchste Pflicht, die Pflicht eines braven Mannes. Und wenn
vollends dein Plato der Ansicht ist, die Staaten wrden erst dann
glcklich sein, wenn entweder die Philosophen Knige seien oder die
Knige sich mit Philosophie befaten, wie fern wird da das Glck noch
sein, wenn es die Philosophen sogar fr unter ihrer Wrde halten, den
Knigen ihren guten Rat zuteil werden zu lassen.

Sie sind nicht so ungefllig, antwortete er, da sie das nicht gern
tun wrden -- sie haben es ja auch schon durch die Verffentlichung
zahlreicher Bcher getan--, wenn nur die Machthaber bereit wren, die
guten Ratschlge auch zu befolgen. Aber ohne Zweifel hat Plato richtig
vorausgesehen, da die Knige nur dann die Ratschlge philosophierender
Mnner gutheien werden, wenn sie sich selbst mit Philosophie
beschftigen. Sind sie doch von Kindheit an mit verkehrten Meinungen
getrnkt und von ihnen angesteckt, was Plato in eigener Person am Hofe
des Dionysius erfahren mute. Oder meinst du nicht, ich wrde auf der
Stelle fortgejagt oder verspottet werden, wenn ich am Hofe irgendeines
Knigs gesunde Manahmen vorschlge und verderbliche Saaten schlechter
Ratgeber auszureien versuchte?

Wohlan, stelle dir vor, ich lebte am Hofe des Knigs von Frankreich und
se mit in seinem Rate, whrend man in geheimster Zurckgezogenheit
unter dem Vorsitze des Knigs selbst in einem Kreise der klgsten
Mnner mit groem Eifer darber verhandelt, mit welchen Rnken und
Machenschaften der Knig es fertig bringen kann, Mailand zu behaupten,
jenes immer aufs neue abfallende Neapel wiederzugewinnen, ferner Venedig
zu vernichten und sich ganz Italien zu unterwerfen, sodann Flandern,
Brabant und schlielich ganz Burgund seinem Reiche einzuverleiben und
auerdem noch andere Vlker, in deren Land der Knig schon lngst im
Geiste eingefallen ist. Hier rt der eine, mit den Venetianern ein
Bndnis zu schlieen, aber nur fr so lange, als es den Franzosen Nutzen
bringt; mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen, ja auch einen Teil
der Beute ihnen anzuvertrauen und dann wieder zurckzuverlangen, wenn
alles nach Wunsch gegangen ist; ein anderer wieder schlgt vor, deutsche
Landsknechte anzuwerben; ein dritter, Schweizer mit Geld kirre zu
machen; ein vierter, sich die Gunst der kaiserlichen Majestt durch Gold
wie durch ein Weihgeschenk zu erkaufen. Ein anderer wieder rt dem
Frsten, sich mit dem Knig von Aragonien gtlich zu einigen und ihm
gleichsam als Unterpfand des Friedens das Knigreich Navarra abzutreten,
das ihm aber gar nicht gehrt. Unterdessen will ein anderer den Prinzen
von Kastilien durch eine Aussicht auf eine Verschwgerung ins Garn
locken und einige Granden seines Hofes durch eine bestimmte Barzahlung
auf die Seite Frankreichs ziehen. Nun aber stt man auf die allergrte
Schwierigkeit, was man nmlich bei alledem in betreff Englands
beschlieen soll: immerhin msse man mit ihm doch wenigstens
Friedensverhandlungen anknpfen und das immer unsicher bleibende Bndnis
durch recht starke Bande befestigen; die Englnder solle man zwar
Freunde nennen, ihnen aber wie Feinden mitrauen und deshalb die
Schotten fr jeden Fall schlagfertig, gleichsam auf Posten, in
Bereitschaft halten und sie sofort auf die Englnder loslassen, sobald
sich diese irgendwie rhrten. Auerdem msse man einen hohen, in der
Verbannung lebenden Adligen untersttzen, und zwar im geheimen -- eine
offene Protektion lassen nmlich die Vertrge nicht zu--, der den
englischen Thron fr sich beanspruche. Das solle fr den Knig von
Frankreich eine Handhabe sein, den Knig von England im Zaume zu halten,
dem er nicht trauen drfe.

Und nun denke dir, hier, bei einem solchen Drange der Geschfte, wenn so
viele ausgezeichnete Mnner um die Wette Ratschlge fr den Krieg
erteilen, stnde ich armseliges Menschenkind auf und hiee pltzlich den
Kurs ndern, schlge vor, Italien aufzugeben, und behauptete, man msse
im Lande bleiben; das eine Knigreich Frankreich sei schon fast zu gro,
als da es ein einziger gut verwalten knne; der Knig solle doch nicht
glauben, er drfe noch an die Einverleibung anderer Reiche denken; und
ich riete ihnen dann weiter, dem Beispiele der Achorier zu folgen, eines
Volkes, das der Insel Utopia im Sdosten gegenberliegt. In alten Zeiten
hatten sie einmal einen Krieg gefhrt, um ihrem Knig den Besitz eines
zweiten Reiches zu sichern, das er auf Grund einer alten Verwandtschaft
als sein Erbe beanspruchte. Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten,
muten sie jedoch einsehen, da die Behauptung des Landes keineswegs
leichter war als seine Eroberung, da vielmehr ohne Unterla
Auflehnungen im Inneren oder berflle auf die Unterworfenen von auen
daraus entstanden, da sie so dauernd entweder fr oder gegen jene
kmpfen muten, da sich niemals die Mglichkeit bot, das Heer zu
entlassen, da sie selber inzwischen ausgebeutet wurden, da ihr Geld
ins Ausland ging, da sie ihr Blut fr ein wenig Ruhm eines Fremden
vergossen, da der Friede im Inneren durchaus nicht gesicherter war, da
der Krieg die Moral verdarb, da die Raubsucht den Menschen gleichsam in
Fleisch und Blut berging, da die Rauflust infolge der Metzeleien
zunahm und da man die Gesetze nicht mehr achtete. Und das alles, weil
der Knig sein Interesse, das durch die Sorge fr zwei Reiche
zersplittert wurde, jedem einzelnen nicht nachdrcklich genug zuwenden
konnte. Da nun die Achorier sahen, diese so schlimmen Zustnde wrden
auf andere Weise kein Ende nehmen, faten sie endlich einen Entschlu
und lieen ihrem Frsten in beraus hflicher Form die Wahl, welches
Reich von beiden er behalten wolle; beide knne er nmlich nicht lnger
behalten; sie seien ein zu groes Volk, um von einem 'halbierten' Knig
regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen
seinen Maultiertreiber wrde teilen wollen. So sah sich denn jener brave
Frst gezwungen, sein neues Reich einem seiner Freunde zu berlassen --
der brigens bald darauf gleichfalls verjagt wurde -- und sich mit dem
alten zu begngen. Ferner wrde ich darauf hinweisen, da alle diese
kriegerischen Versuche, die um des Knigs willen so viele Vlker in
Unruhe versetzen wrden, durch irgendein Migeschick schlielich doch
ohne Erfolg enden knnten, nachdem seine Geldmittel erschpft und sein
Volk ruiniert seien. Ich wrde ihm deshalb raten, sein ererbtes Reich
nach Mglichkeit zu pflegen und zu frdern und es zu hchster Blte zu
bringen, seine Untertanen zu lieben und sich von ihnen lieben zu lassen,
mit ihnen zusammen zu leben, sie mit Milde zu regieren und andere Reiche
in Frieden zu lassen, da ihm ja schon genug und bergenug zugefallen
sei. Mit was fr Ohren, meinst du, mein Morus, mte man da wohl meine
Rede aufnehmen?

Wahrhaftig, nicht mit sehr geneigten, erwiderte ich.

Fahren wir also fort! sagte er. Die Ratgeber irgendeines Knigs
debattieren und klgeln mit ihm aus, mit welchen Schelmenstreichen sie
Gelder fr ihn aufhufen knnen. Einer rt dazu, den Geldwert zu
erhhen, wenn der Knig selber eine Zahlung zu leisten hat, ihn aber
anderseits unter das rechte Ma zu senken, wenn ihm eine Zahlung zu
leisten ist. Auf diese Weise bezahlt er eine groe Schuld mit wenig Geld
und erhlt fr eine kleine ausstehende Forderung viel. Ein anderer
wieder schlgt vor, eine Kriegsgefahr vorzutuschen, unter diesem
Vorwand Geld aufzubringen und dann zum geeignet erscheinenden Zeitpunkt
Frieden zu schlieen, und zwar unter feierlichen Zeremonien; dadurch
solle der breiten Masse des dummen Volkes vorgegaukelt werden, der
fromme Frst habe offenbar aus Mitleid kein Menschenblut vergieen
wollen. Ein dritter ruft ihm gewisse alte, von Motten angefressene und
lngst nicht mehr angewendete Gesetze ins Gedchtnis, nach denen sich
kein Mensch mehr richte, weil sich niemand besinnen knne, da sie
berhaupt jemals erlassen worden seien, und er fordert ihn auf,
Strafgelder fr diese Nichtbefolgung einzuziehen: kein Ertrag sei
ergiebiger und zugleich ehrenhafter, da er ja die Maske der
Gerechtigkeit zur Schau trage. Ein vierter wieder fordert den Knig auf,
unter Androhung hoher Geldstrafen eine Menge Verbote zu erlassen,
zumeist von Handlungen, die nicht den Interessen des Volkes dienen,
gegen Geld aber Leuten Dispens zu erteilen, deren Privatinteressen ein
Verbot im Wege steht. Auf diese Weise ernte er den Dank des Volkes und
habe doppelten Gewinn, einmal aus der Bestrafung der Leute, die ihre
Erwerbsgier ins Netz lockt, und sodann aus dem Verkauf der Vorrechte an
andere, fr um so mehr Geld natrlich, je gewissenhafter der Frst ist;
denn ein guter Herrscher begnstigt nur ungern einen Privatmann zum
Nachteile seines Volkes und deshalb nur fr viel Geld. Wieder ein
anderer sucht den Knig zu berreden, Richter anzustellen, die in jeder
beliebigen Sache zu seinen Gunsten entscheiden; auerdem solle er sie
einladen, in seinem Palaste und in seiner Gegenwart ber seine
Angelegenheiten zu verhandeln; dann werde keiner seiner Prozesse so
offensichtlich faul sein, da nicht einer der Richter, sei es aus Lust
am Widerspruch oder aus Scheu vor Wiederholung von schon Gesagtem oder
im Haschen nach der kniglichen Gunst irgendeinen Ritz entdecken wrde,
in den man eine Rechtsverdrehung einklemmen knne. Wenn dann erst einmal
bei Meinungsverschiedenheit der Richter ber die an sich vllig klare
Sache debattiert und die Wahrheit in Frage gestellt werde, so biete sich
dem Knig die gnstige Gelegenheit, das Recht zu seinem eigenen Vorteil
auszulegen, und die anderen wrden sich aus Hochachtung oder aus Furcht
seiner Meinung anschlieen. Und in diesem Sinne fllt dann spter der
Gerichtshof unbedenklich das Urteil; denn es kann ja niemandem an einem
Vorwand fehlen, sich zugunsten des Frsten zu entscheiden. Gengt es ihm
doch, da entweder die Billigkeit fr ihn spricht oder der Wortlaut des
Gesetzes oder die gewaltsam verdrehte Auslegung des Sinnes eines
Schriftstckes oder, was gewissenhaften Richtern schlielich mehr gilt
als alle Gesetze, des Frsten unbestreitbares Recht der obersten
Entscheidung. Kurz, alle Ratgeber sind der gleichen Ansicht und wirken
zusammen im Sinne jenes Wortes des Crassus, keine Menge Gold sei gro
genug fr einen Frsten, der ein Heer unterhalten msse. Auerdem kann
nach ihrer Meinung ein Knig gar kein Unrecht tun, mag er es auch noch
so sehr wnschen; denn der gesamte Besitz aller seiner Untertanen wie
auch diese selbst sind, so glauben sie, sein Eigentum, und jedem
einzelnen gehrt nur so viel, wie ihm seines Knigs Gnade noch lt. Der
aber mu groen Wert darauf legen, da dieser Rest mglichst gering ist;
denn seine Sicherheit beruht darauf, da sein Volk nicht durch Reichtum
oder Freiheit bermtig wird, weil beides eine harte und ungerechte
Herrschaft weniger geduldig ertragen lt, whrend anderseits Armut und
Not abstumpfen, geduldig machen und den Untertanen in ihrer Bedrngnis
den grozgigen Geistesschwung der Emprung nehmen.

Nun stelle dir wieder vor, ich stnde jetzt noch einmal auf und
behauptete, alle diese Plne seien fr den Knig unehrenhaft und
verderblich; denn nicht nur seine Ehre, sondern auch seine Sicherheit
beruhe weniger auf seinem eigenen Reichtum als auf dem seiner
Untertanen. Ich wrde dann weiter ausfhren, da sich diese einen Knig
nicht in dessen, sondern in ihrem eigenen Interesse whlen, um nmlich,
dank seiner eifrigen Bemhung, selber in Ruhe und Sicherheit vor
Gewalttaten zu leben. Deshalb hat der Frst, so wrde ich weiter sagen,
die Pflicht, mehr auf seines Volkes Wohlergehen als auf sein eigenes
bedacht zu sein, genau so wie es die Pflicht eines Hirten ist, mehr fr
die Ernhrung seiner Schafe als fr seine eigene zu sorgen, wenigstens
in seiner Eigenschaft als Schafhirt. Denn in der Armut des Volkes einen
Schutz zu sehen, ist, wie schon die Erfahrung lehrt, ein gewaltiger
Irrtum. Wo knnte man nmlich mehr Zank und Streit finden als unter
Bettlern? Und wer ist eifriger auf Umsturz bedacht als der, dem seine
augenblickliche Lage so gar nicht gefallen will? Oder wen beseelt
schlielich ein khneres Verlangen nach einem allgemeinen Durcheinander,
in der Hoffnung auf irgend welchen Gewinn, als den, der nichts mehr zu
verlieren hat? Sollte nun aber wirklich ein Knig von seinen Untertanen
so sehr verachtet oder gehat werden, da er sie nicht anders im Zaume
halten kann, als indem er mit Mihandlungen, Ausplnderung und
Gterparzellierung gegen sie vorgeht und sie an den Bettelstab bringt,
dann wre es wirklich besser fr ihn, er legte seine Herrschaft nieder,
als da er sie mit Hilfe solcher Knste behauptet; sie retten ihm wohl
den Namen seiner Herrschaft, aber ihrer Erhabenheit geht er bestimmt
verlustig. Denn es ist eines Knigs nicht wrdig, ber Bettler zu
herrschen, sondern vielmehr ber reiche und glckliche Menschen. Eben
das meint sicherlich der hochgemute und geistig berlegene Fabricius mit
der Antwort, er wolle lieber Reichen gebieten als selber reich sein. Und
in der Tat! Als einzelner in Vergngen und Genssen schwimmen, whrend
ringsherum andere seufzen und jammern, das heit nicht Hter eines
Thrones, sondern eines Kerkers sein. Kurzum: wie es demjenigen Arzte an
jeder Erfahrung fehlt, der eine Krankheit nur durch eine andere zu
heilen versteht, so mag der seine vllige Unfhigkeit zur Herrschaft
ber Freie ruhig eingestehen, der das Leben der Staatsbrger nur dadurch
zu bessern wei, da er ihnen nimmt, was das Leben lebenswert macht. Ja
wahrhaftig, er soll doch lieber seine Trgheit oder seinen Stolz
aufgeben; denn diese Laster ziehen ihm in der Regel die Verachtung oder
den Ha seines Volkes zu. Er soll rechtschaffen von seinen Mitteln leben
und seine Ausgaben den Einnahmen anpassen. Er soll ferner die Missetaten
einschrnken und lieber durch richtige Belehrung seiner Untertanen
verhten, als sie erst anwachsen zu lassen und dann zu bestrafen.
Gesetze, die gewohnheitsmig aus der bung gekommen sind, soll er nicht
aufs Geratewohl erneuern, zumal wenn sie schon lange nicht mehr
angewendet und niemals vermit worden sind. Er soll auch niemals fr ein
derartiges Vergehen eine Geldstrafe einziehen, was der Richter auch
einem Privatmanne als unbillig und unlauter untersagen wrde. Ferner
wrde ich jenen Ratgebern ein Gesetz der Macarenser mitteilen, die
gleichfalls nicht eben weit von Utopia entfernt wohnen. An dem Tage
seiner Regierungsbernahme verpflichtet sich nmlich ihr Knig unter
Darbringung feierlicher Opfer eidlich, nie auf einmal mehr als tausend
Pfund Gold oder den entsprechenden Wert in Silber in seinen Kassen zu
haben. Diese Bestimmung soll ein vortrefflicher Knig getroffen haben,
dem das Wohl seines Landes mehr als sein persnlicher Reichtum am Herzen
lag. Mit dieser Manahme wollte er in seinem Volke einer Geldknappheit
infolge Anhufung einer zu groen Geldsumme vorbeugen. Er sah nmlich
ein, dieser Betrag werde fr den Monarchen gro genug sein zum Kampfe
gegen die Rebellen und gro genug fr die Monarchie zur Abwehr
feindlicher Angriffe; dagegen sei er nicht gro genug, um zu Einfllen
in fremdes Gebiet Lust zu machen. Das war der hauptschlichste Grund fr
den Erla des genannten Gesetzes. Der nchste Grund aber war, da jener
Knig glaubte, auf diese Weise einen Mangel an den Zahlungsmitteln
verhtet zu haben, die tglich im Handelsverkehr der Brger im Umlauf
waren. Auch war er der Ansicht, ein Knig werde bei allen
unvermeidlichen Ausgaben, die den Staatsschatz ber das gesetzliche Ma
hinaus belasten, keine Mglichkeiten zu einer gewaltsamen Manahme
suchen. Einen solchen Knig werden die Bsen frchten und die Guten
lieben. Wrde ich also dies und noch mehr dergleichen bei Leuten
vorbringen, die leidenschaftlich den entgegengesetzten Grundstzen
huldigen, was fr tauben Ohren wrde ich da wohl predigen?

Stocktauben, ohne Zweifel, erwiderte ich. Und in der Tat, darber
wundere ich mich auch gar nicht. Auch will es mir, um die Wahrheit zu
sagen, nicht angebracht erscheinen, derartige Reden zu halten und solche
Ratschlge zu erteilen, die, wie man sicher wei, niemals befolgt
werden. Was knnte denn auch der Nutzen einer so ungewhnlichen Rede
sein, oder wie sollte sie berhaupt eine Wirkung ausben auf Leute, die
von einer ganz anderen berzeugung voreingenommen und tief durchdrungen
sind? Unter lieben Freunden, im vertraulichen Gesprch, ist solches
theoretisches Philosophieren nicht ohne Reiz, aber in einem Rate von
Frsten, wo mit gewichtiger Autoritt ber Fragen von Bedeutung
verhandelt wird, ist fr so etwas kein Platz.

Da haben wir ja, rief er, was ich immer sagte: An Frstenhfen will
man eben von Philosophie nichts wissen.

Gewi߫, erwiderte ich, es ist wahr: nichts von dieser rein
theoretischen Philosophie, die da meint, jeder beliebige Satz sei
berall am Platze. Aber es gibt ja noch eine andere Art von Philosophie,
die die besonderen Bedingungen ihres Landes und ihrer Zeit besser kennt.
Ihr ist die Bhne, auf der sie zu spielen hat, bekannt, sie pat sich
ihr an und fhrt ihre Rolle in dem Stck, das gerade gegeben wird,
gefllig und mit Anstand durch. Das ist die Philosophie, die fr dich in
Betracht kommt. Wie wre es brigens, wenn du bei der Auffhrung einer
Komdie des Plautus, gerade whrend die Haussklaven untereinander Possen
treiben, in der Tracht eines Philosophen auf der Bhne erschienest und
aus der Octavia die Stelle hersagtest, in der Seneca mit Nero
disputiert? Wre es da nicht besser, du trtest nur als Statist auf,
anstatt Unpassendes zu deklamieren und dadurch eine solche Tragikomdie
vorzufhren? Du wrdest ja das Stck, das man gerade spielt, verderben
und ber den Haufen werfen, indem du so ganz Verschiedenartiges
durcheinandermengst, selbst wenn das, was du bringst, der wertvollere
Beitrag wre. Was fr ein Stck gerade aufgefhrt wird, darin mut du so
gut wie mglich mitspielen, und du darfst das ganze Stck nicht deshalb
in Unordnung bringen, weil dir ein hbscheres von einem anderen
Verfasser in den Sinn gekommen ist.

So ist es im Staate, so bei den Beratungen der Frsten. Kann man
verkehrte Meinungen nicht mit der Wurzel ausrotten und kann man beln,
die sich durch lange Gewohnheit eingenistet haben, nicht nach seiner
innersten berzeugung abhelfen, so darf man deshalb doch nicht gleich
den Staat im Stiche lassen und im Sturme das Schiff nicht deshalb
preisgeben, weil man den Winden nicht Einhalt gebieten kann. Man darf
auch nicht den Menschen eine ungewhnliche und lstige Rede aufdrngen,
die, wie man wei, auf Leute, die entgegengesetzter Meinung sind, gar
keinen Eindruck machen wird. Man mu es lieber auf einem Umwege
versuchen und sich bemhen, an seinem Teile alles geschickt zu behandeln
und, was man nicht zum Guten wenden kann, wenigstens zu einem mglichst
kleinen bel werden zu lassen. Denn unmglich knnen alle Verhltnisse
gut sein, solange nicht alle Menschen gut sind. Darauf aber werde ich
wohl noch manches Jahr warten mssen.

Dieses Verhalten, meinte er, htte nichts anderes zur Folge, als da
ich, in dem Bestreben, die Raserei anderer zu heilen, selber mit ihnen
zu rasen anfinge. Denn wenn ich die Wahrheit sagen will, so mu ich so
reden; ob es dagegen eines Philosophen wrdig ist, die Unwahrheit zu
sagen, wei ich nicht. Mir wenigstens widerstrebt es. Es mag schon sein,
da meine Rede jenen Leuten vielleicht unwillkommen und lstig ist.
Trotzdem aber sehe ich nicht ein, warum sie ihnen bis zur
Unschicklichkeit ungewhnlich erscheinen sollte. Wenn ich nun entweder
das anfhrte, was Plato in seinem Staate fingiert, oder das, was die
Utopier in ihrem Staate tun, so knnte das, obgleich es an sich das
Bessere wre -- und das ist es auch wirklich--, doch unpassend
erscheinen, weil es hier Privatbesitz der einzelnen gibt, dort aber
alles gemeinsamer Besitz aller ist.

Wie ist es denn nun aber eigentlich mit _meiner_ Rede? Abgesehen davon,
da den Leuten, die auf einem anderen Wege kopfber vorwrtsstrzen
wollen, ein Mann nicht lieb sein kann, der sie zurckruft und auf
Gefahren aufmerksam macht, was enthielt sie denn sonst, das nicht
berall gesagt werden drfte oder sogar gesagt werden sollte? Mte man
freilich alles als unerhrt und widersinnig beiseite lassen, was
verkehrter menschlicher Anschauung zufolge als seltsam erscheint, dann
mten wir unter den Christen das meiste von allem geheimhalten, was
Christus gelehrt und uns so streng zu verleugnen verboten hat, da er
uns sogar geboten hat, auch das, was er seinen Jngern nur ins Ohr
geflstert hatte, ffentlich auf den Dchern zu verknden. Steht doch
diese Lehre zum grten Teile weit weniger im Einklang mit unseren
heutigen Sitten als meine Rede, nur da die Volksredner in ihrer
Schlauheit, wie mir scheint, deinen Rat befolgt haben. Als sie nmlich
sahen, da die Menschen nur ungern ihr Verhalten der Vorschrift Christi
anpaten, paten sie umgekehrt seine Lehre, als wre sie biegsam wie ein
Richtma aus Blei, den herrschenden Sitten an, damit beides einigermaen
wenigstens in bereinstimmung miteinander gebracht wrde. Ich kann aber
nicht einsehen, welchen Nutzen sie damit gestiftet haben, auer da die
Bosheit grere Sicherheit geniet, und ich selbst wrde in der Tat in
dem Rate eines Frsten ebensowenig Nutzen stiften. Entweder nmlich
wrde ich eine abweichende Meinung uern -- das wre dann genau so, als
wenn ich gar nichts sagte--, oder eine zustimmende, und damit wrde ich
zum Helfershelfer ihres Wahnsinns, wie Micio bei Terenz sagt. Denn was
jenen von dir erwhnten Umweg anlangt, so kann ich nicht einsehen, was
fr eine Bewandtnis es damit haben soll. Du meinst, man msse auf ihm zu
erreichen suchen, da die Verhltnisse, wenn man sie nun einmal nicht
grndlich bessern kann, wenigstens geschickt behandelt werden und sich,
soweit das geht, mglichst wenig schlecht gestalten. Denn von Vertuschen
kann hier keine Rede sein, und die Augen darf man nicht zudrcken. Die
schlechtesten Ratschlge sollen offen gebilligt und die verderblichsten
Verfgungen unterschrieben werden. Ein Schurke, ja fast ein Hochverrter
wrde sein, wer unheilvolle Beschlsse in arglistiger Weise doch
guthiee.

Ferner bietet sich einem gar keine Gelegenheit, sich irgendwie ntzlich
zu machen, wenn man unter solche Amtsgenossen gert, die auch den
besten Mann verderben, anstatt sich selbst durch ihn bessern zu lassen.
Der Umgang mit diesen verdorbenen Menschen wird dich entweder auch
verderben, oder, wenn du auch selbst unbescholten und ohne Schuld
bleibst, so wirst du doch fremder Bosheit und Torheit zum Deckmantel
dienen. So viel fehlt also daran, da du mit jenem deinen Umwege etwas
zum Besseren wenden knntest.

Deshalb erklrt auch Plato mit einem wunderschnen Gleichnis, warum sich
die Weisen mit Fug und Recht von politischer Bettigung fernhalten
sollen. Sie sehen nmlich, wie das Volk auf die Straen strmt und
ununterbrochen von Regengssen durchnt wird, knnen es aber nicht dazu
bewegen, sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen und in die Huser
zu gehen. Weil sie aber wissen, da sie, wenn sie auch auf die Strae
gehen, nichts weiter erreichen, als da sie selbst mit einregnen, so
bleiben sie im Hause und sind damit zufrieden, wenigstens selber in
Sicherheit zu sein, wenn sie schon fremder Torheit nicht steuern knnen.

Wenn ich freilich ganz offen meine Meinung kundgeben soll, mein lieber
Morus, so mu ich sagen: ich bin in der Tat der Ansicht, berall, wo es
noch Privateigentum gibt, wo alle an alles das Geld als Mastab anlegen,
wird kaum jemals eine gerechte und glckliche Politik mglich sein, es
sei denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo gerade das Beste
immer den Schlechtesten zufllt, oder von Glck, wo alles unter ganz
wenige verteilt wird und wo es auch diesen nicht in jeder Beziehung gut
geht, der Rest aber ein elendes Dasein fhrt.

So erwge ich denn oft die so klugen und ehrwrdigen Einrichtungen der
Utopier, die so wenig Gesetze und trotzdem eine so ausgezeichnete
Verfassung haben, da das Verdienst belohnt wird und trotz gleichmiger
Verteilung des Besitzes allen alles reichlich zur Verfgung steht. Und
dann vergleiche ich im Gegensatz dazu mit ihren Gebruchen die so vieler
anderer Nationen, die nicht aufhren zu ordnen, von denen allen aber
auch nicht eine jemals so richtig in Ordnung ist. Bei ihnen bezeichnet
jeder, was er erwirbt, als sein Privateigentum; aber ihre so zahlreichen
Gesetze, die sie tagtglich erlassen, reichen nicht aus, jemandem den
Erwerb dessen, was er sein Privateigentum nennt, oder seine Erhaltung
oder seine Unterscheidung von fremdem Besitz zu sichern, was jene
zahllosen Prozesse deutlich beweisen, die ebenso ununterbrochen
entstehen, wie sie niemals aufhren. Wenn ich mir das so berlege, werde
ich Plato doch besser gerecht und wundere mich weniger darber, da er
es verschmht hat, fr jene Leute irgendwelche Gesetze zu erlassen, die
eine auf Gesetzen beruhende gleichmige Verteilung aller Gter unter
alle ablehnen. In seiner groen Klugheit erkannte er offensichtlich ohne
weiteres, da es nur einen einzigen Weg zum Wohle des Staates gibt: die
Einfhrung der Gleichheit des Besitzes. Diese ist aber wohl niemals dort
mglich, wo die einzelnen ihr Hab und Gut noch als Privateigentum
besitzen. Denn, wo jeder auf Grund gewisser Rechtsansprche an sich
bringt, soviel er nur kann, teilen nur einige wenige die gesamte Menge
der Gter unter sich, mag sie auch noch so gro sein, und lassen den
anderen nur Mangel und Not brig. Und in der Regel ist es so, da die
einen in hchstem Grade das Los der anderen verdienen; denn die Reichen
sind habgierige, betrgerische und nichtsnutzige Menschen, die Armen
dagegen bescheidene und schlichte Mnner, die durch ihre tgliche Arbeit
dem Gemeinwesen mehr als sich selbst ntzen. Ich bin daher der festen
berzeugung, das einzige Mittel, auf irgendeine gleichmige und
gerechte Weise den Besitz zu verteilen und die Sterblichen glcklich zu
machen, ist die gnzliche Aufhebung des Privateigentums. Solange es das
noch gibt, wird der weitaus grte und beste Teil der Menschheit die
bengstigende und unvermeidliche Last der Armut und der Kmmernisse
dauernd weiterzutragen haben. Sie kann wohl ein wenig erleichtert
werden, das gebe ich zu; aber sie vllig zu beseitigen, das ist, so
behaupte ich, unmglich. Man knnte ja fr den Besitz des einzelnen an
Grund und Boden ein bestimmtes Hchstma festsetzen und ebenso eine
bestimmte Grenze fr das Barvermgen; man knnte auch durch Gesetze
einer zu groen Macht des Frsten und einer zu groen Anmaung des
Volkes vorbeugen. Ferner knnte man die Erlangung von mtern durch
allerlei Schliche oder durch Bestechung und die Forderung von Aufwand
whrend der Amtsttigkeit unterbinden. Andernfalls nmlich bietet sich
Gelegenheit, sich das verausgabte Geld durch Betrug und Raub wieder zu
verschaffen, und man sieht sich gezwungen, reichen Leuten _die_ mter zu
geben, die man lieber Fhigen htte geben sollen. Durch solche Gesetze
kann man die erwhnten belstnde wohl mildern und abschwchen, ebenso
wie man kranke Krper in hoffnungslosem Zustande durch unablssige warme
Umschlge zu strken pflegt. Aber auf eine vollstndige Behebung der
belstnde und auf den Eintritt eines erfreulichen Zustandes darf man
ganz und gar nicht hoffen, solange jeder noch Privateigentum besitzt.
Ja, whrend man an der einen Stelle zu heilen sucht, verschlimmert man
die Wunde an anderen Stellen. So entsteht abwechselnd aus der Heilung
des einen die Krankheit des anderen; denn niemandem kann man etwas
zulegen, was man einem anderen nicht erst weggenommen hat.

Aber ich bin gerade der entgegengesetzten Meinung, erwiderte ich, da
man sich nmlich niemals dort wohl fhlen kann, wo Gtergemeinschaft
herrscht. Denn wie knnte die Menge der Gter ausreichen, wenn jeder
sich um die Arbeit drckt, weil ihn ja keine Rcksicht auf Erwerb zur
Arbeit anspornt und weil ihn die Mglichkeit, sich auf den Flei anderer
zu verlassen, trge werden lt? Aber wenn auch die Not die Menschen zur
Arbeit anstacheln sollte, wrde man da nicht dauernd durch Mord und
Aufruhr in Gefahr schweben, falls niemand auf Grund irgendeines Gesetzes
das, was er erwirbt, als sein Eigentum schtzen knnte? Zumal wenn die
Autoritt der Behrden und die Achtung vor ihnen geschwunden ist, wie
knnte dann fr beides Platz sein bei Menschen, zwischen denen keinerlei
Unterschied besteht? Das kann ich mir nicht einmal vorstellen.

ber diese deine Ansichten wundere ich mich gar nicht, erwiderte
Raphael; denn von einem solchen Staate hast du entweder gar keine
Anschauung oder nur eine falsche. Wrest du jedoch mit mir in Utopien
gewesen und httest du dort mit eigenen Augen die Sitten und
Einrichtungen kennengelernt, wie ich es getan habe, der ich ber fnf
Jahre dort gelebt habe und gar nicht wieder htte fortgehen mgen, auer
um die Kenntnis von dieser neuen Welt zu verbreiten, so wrdest du
entschieden zugeben, du habest nirgends anderswo ein Volk mit einer
guten Verfassung gesehen auer dort.

Und doch, sagte Peter gid, wirst du mich in der Tat nur schwer davon
berzeugen knnen, da es in jener neuen Welt ein Volk mit besserer
Verfassung gibt als in dieser uns bekannten. Haben wir doch hier ebenso
kluge Kpfe, und die Staatswesen sind, meine ich, lter als dort; auch
verdanken unsere Kulturgter ihre Entstehung zum grten Teile langer
Erfahrung, wobei ich nicht unerwhnt lassen will, da bei uns manches
durch Zufall entdeckt worden ist, was zu erdenken kein Scharfsinn
ausgereicht htte.

ber das Alter der Staaten wrdest du richtiger urteilen knnen,
erwiderte jener, wenn du die Geschichtswerke ber jene Welt genau
gelesen httest. Darf man ihnen glauben, so hat es dort frher Stdte
gegeben als bei uns Menschen. Alles aber, was bis heute der Scharfsinn
erfunden oder der Zufall entdeckt hat, konnte hier wie dort vorhanden
sein. Im brigen ist es meine feste berzeugung: Mgen wir jenen Leuten
auch an Gaben des Geistes voraussein, an Eifer und Flei bleiben wir
trotzdem weit hinter ihnen zurck. Wie nmlich aus ihren Chroniken
hervorgeht, hatten sie vor unserer Landung dort niemals etwas von
unserer Welt gehrt -- sie nennen uns Ultraquinoktialen--, auer da
in alten Zeiten, vor nunmehr 1200 Jahren, in der Nhe der Insel Utopia
ein vom Sturm dorthin verschlagenes Schiff durch Schiffbruch unterging.
Dabei warfen die Wellen etliche Rmer und gypter an den Strand, die
dann nie wieder fortgingen.

Und nun sieh, wie die Utopier in ihrem Fleie diese in ihrer Art einzige
Gelegenheit ausnutzten! Es gab im ganzen rmischen Reiche keine
irgendwie ntzliche Kunstfertigkeit, die sie nicht von den gestrandeten
Fremdlingen erlernt oder die sie nicht, im Besitze der Keime ihrer
Kenntnis, weiter ausgebildet htten. Von solchem Vorteil war es fr sie,
da auch nur ein einziges Mal ein paar Leute von hier dorthin
verschlagen wurden. Sollte aber ein hnlicher glcklicher Zufall frher
einmal jemanden von dort hierher gebracht haben, so ist das heute ebenso
gnzlich vergessen, wie sich vielleicht sptere Geschlechter auch meines
Aufenthaltes dort nicht mehr erinnern werden. Und whrend sich die
Utopier schon bei der ersten Berhrung mit uns alle unsere ntzlichen
Erfindungen aneigneten, wird es dagegen lange dauern, bis _wir_
irgendeine Einrichtung bernehmen, die bei ihnen besser ist als bei uns.
Dies halte ich auch fr den Hauptgrund dafr, da trotz unserer
geistigen und materiellen berlegenheit ihr Staat dennoch klger
verwaltet wird und glcklicher aufblht.

Also, mein lieber Raphael, sagte ich, so bitte ich dich dringend, gib
uns eine Beschreibung der Insel und fasse dich nicht zu kurz, sondern
erlutere uns der Reihe nach Landschaft, Flsse, Stdte, Menschen,
Sitten, Einrichtungen, Gesetze, kurz alles, was wir, wie du meinst,
gern kennenlernen wollen! Du kannst aber annehmen, da wir alles wissen
mchten, was wir bis jetzt nicht wissen.

Nichts werde ich lieber tun, erwiderte er; denn das habe ich noch
frisch im Gedchtnis. Aber die Sache erfordert Zeit.

So wollen wir denn hineingehen, sagte ich, und frhstcken; dann
nehmen wir uns Zeit, ganz wie es uns beliebt!

Einverstanden! erwiderte er.

Und so gingen wir ins Haus und frhstckten. Danach kehrten wir an den
alten Platz zurck und nahmen auf derselben Bank Platz. Den Dienern
sagte ich, wir wollten von niemandem gestrt werden. Dann erinnerten
Peter gid und ich den Raphael an sein Versprechen. Als er uns nun in
solcher Spannung und Erwartung sah, sa er erst eine Weile schweigend
und nachdenklich da, dann begann er folgendermaen.

(Ende des ersten Buches. Es folgt das zweite.)




ZWEITES BUCH

Des Raphael Hythlodeus Rede ber den besten Zustand des Staates

Von Thomas Morus


Die Insel der Utopier hat in der Mitte -- da ist sie nmlich am
breitesten -- eine Ausdehnung von 200 Meilen, ist ber eine groe
Strecke hin nicht viel schmler und nimmt nach den beiden Enden zu
allmhlich ab. Diese runden die ganze Insel zu einem Halbkreise von 500
Meilen Umfang ab und geben ihr die Gestalt des zunehmenden Mondes.
Zwischen den beiden Hrnern befindet sich eine Meeresbucht von etwa elf
Meilen Breite. Land umgibt diese gewaltige Wasserflche auf allen Seiten
und schtzt sie vor Winden. Sie ist weniger strmisch bewegt und gleicht
mehr einem ruhigen See von ungeheurer Ausdehnung, macht fast die ganze
Ausbuchtung des Landes zu einem Hafen und ermglicht den Schiffsverkehr
nach allen Richtungen.

Die Einfahrt in den Hafen gefhrden auf der einen Seite Untiefen und auf
der anderen Klippen. Etwa in der Mitte ragt ein einzelner Felsen empor,
der aber ungefhrlich ist. Auf ihm steht ein Turm, in den die Utopier
eine Besatzung gelegt haben. Die brigen Klippen sind unsichtbar und
deshalb gefhrlich. Die Fahrstraen kennen nur die Eingeborenen, und so
kann ein Auslnder ohne einen Lotsen aus Utopien nur schwer in diese
Bucht eindringen; knnten doch die Utopier selber kaum ohne Gefahr dort
einlaufen, wenn nicht gewisse Seezeichen vom Strande aus die Richtung
angben, und durch ihre Umsetzung wren sie imstande, jeder auch noch so
groen feindlichen Flotte den Untergang zu bereiten.

Auf der anderen Seite liegen gut besuchte Hfen. Aber berall ist der
Zugang zum Lande so stark durch Natur oder Kunst befestigt, da auch nur
eine Handvoll Verteidiger selbst gewaltige Truppenmassen abwehren
knnte. brigens war dieses Land, wie man berichtet und wie der
Augenschein deutlich zeigt, vor Zeiten noch keine Insel. Vielmehr hat
erst Utopus, der als Eroberer die Insel nach sich benannt hat -- bis
dahin hie sie Abraxa -- und der den rohen und unkultivierten Volksstamm
in Kultur und Gesittung auf eine solche Hhe gebracht hat, da er die
brigen Vlker bertrifft, das Land zur Insel gemacht. Kaum war er
nmlich dort gelandet und Herr des Landes geworden, so lie er eine
Strecke von 15 Meilen auf der Seite, wo die Halbinsel mit dem Festlande
zusammenhing, ausstechen und fhrte so das Meer ringsherum. Da er zu
dieser Arbeit, um sie nicht als Schmach empfinden zu lassen, nicht nur
die Eingeborenen zwang, sondern auerdem alle seine Soldaten hinzuzog,
verteilte sie sich auf eine gewaltige Menge Menschen, und so wurde das
Werk mit unglaublicher Schnelligkeit vollendet. Bei den Nachbarvlkern
aber, die es anfangs als ein aussichtsloses Beginnen ins Lcherliche
gezogen hatten, erregte der Erfolg Staunen und Schrecken.

Die Insel hat 54 Stdte, alle gerumig und prchtig, in Sprache, Sitten,
Einrichtungen und Gesetzen einander vllig gleich. Sie sind alle in
derselben Weise angelegt und haben, soweit das bei der Verschiedenheit
des Gelndes mglich ist, dasselbe Aussehen. Die geringste Entfernung
zwischen ihnen betrgt 24 Meilen; anderseits wieder ist keine so
abgelegen, da man nicht von ihr aus eine andere an _einem_ Tage zu Fu
erreichen knnte.

Aus jeder Stadt kommen alljhrlich drei erfahrene Greise in Amaurotum
zusammen, um sich ber gemeinsame Angelegenheiten der Insel zu beraten.
Diese Stadt wird nmlich als erste und als Hauptstadt betrachtet, weil
sie gleichsam im Herzen des Landes und somit fr die Abgeordneten aller
Landesteile bequem liegt.

Ackerland ist den Stdten planmig zugeteilt, und zwar so, da einer
jeden nach jeder Richtung hin mindestens 12 Meilen Anbauflche zur
Verfgung stehen, nach manchen Richtungen hin jedoch noch viel mehr,
nmlich dort, wo die Stdte weiter auseinanderliegen. Keine Stadt ist
auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht; denn die Einwohner betrachten
sich mehr als seine Bebauer denn als seine Besitzer.

Auf dem flachen Lande haben die Utopier Hfe, die zweckmig ber die
ganze Anbauflche verteilt und mit landwirtschaftlichen Gerten versehen
sind; in ihnen wohnen Brger, die abwechselnd dorthin ziehen. Jeder
lndliche Haushalt zhlt an Mnnern und Frauen mindestens 40 Kpfe, wozu
noch zwei zur Scholle gehrige Knechte kommen. Einem Haushalte stehen
ein Hausvater und eine Hausmutter vor, gesetzte und an Erfahrung reiche
Personen, und an der Spitze von je 30 Familien steht ein Phylarch.

Aus jeder Familie wandern jhrlich 20 Personen in die Stadt zurck,
nachdem sie zwei ganze Jahre auf dem Lande zugebracht haben, und werden
durch ebensoviel neue aus der Stadt ersetzt. Diese werden dann von
denen, die schon ein Jahr dort gewesen sind und deshalb grere
Erfahrung in der Landwirtschaft besitzen, angelernt, um ihrerseits
wiederum im folgenden Jahre andere zu unterweisen. Dadurch will man
Fehler in der Getreideversorgung verhten, die infolge Mangels an
Erfahrung gemacht werden knnten, wenn alle dort zu gleicher Zeit
unerfahrene Neulinge wren. Diese Sitte, mit den Bebauern zu wechseln,
ist zwar die gewhnliche, weil niemand gegen seinen Willen und nur unter
Zwang das mhsamere Leben auf dem Lande lnger ohne Unterbrechung
zubringen soll; viele jedoch, denen die Landwirtschaft von Natur Freude
macht, erwirken sich einen Aufenthalt von mehr Jahren.

Die Ackerbauer bestellen das Land, treiben Viehzucht, beschaffen Holz
und fahren es bei Gelegenheit zu Wasser oder zu Lande nach der Stadt.
Kcken ziehen sie in gewaltiger Menge auf, und zwar mit Hilfe einer
wunderbaren Vorrichtung. Sie lassen nmlich die Hhnereier nicht von den
Hennen ausbrten, sondern setzen sie in groer Zahl einer gleichmigen
Wrme aus, erwecken sie dadurch zum Leben und ziehen dann die Kcken
gro. Kaum sind diese ausgeschlpft, so laufen sie den Menschen wie
ihren Mttern nach und erkennen sie immer wieder. Pferde ziehen die
Utopier in ganz geringer Zahl auf, und zwar nur sehr feurige Tiere; sie
sind einzig und allein fr bungen der Jugend in der Reitkunst bestimmt.
Denn alle Arbeit bei der Feldbestellung oder beim Transport verrichten
Ochsen. Sie sind zwar, wie die Utopier offen zugeben, nicht so feurig
wie die Pferde, besitzen aber dafr ihrer Meinung nach mehr Ausdauer und
eine grere Widerstandsfhigkeit gegen Krankheiten. Auerdem erfordert
ihr Unterhalt weniger Aufwand an Mhe und Kosten, und zuletzt sind sie,
wenn sie ausgedient haben, doch noch fr die Ernhrung zu gebrauchen.

Getreide verwenden die Utopier nur zur Brotbereitung; denn als Getrnk
dient ihnen Wein von Trauben oder pfeln oder Birnen oder schlielich
auch Wasser, das sie bisweilen unvermischt trinken, oft aber auch mit
Honig oder Sholz verkocht, das es bei ihnen in nicht geringer Menge
gibt. Den Verbrauch von Lebensmitteln durch die Stadt und ihre Umgebung
haben sie zwar ermittelt und kennen ihn ganz genau, trotzdem bauen sie
viel mehr Getreide an und ziehen auch viel mehr Vieh auf, als fr den
Eigenbedarf ntig ist, um dann den berschu an ihre Nachbarn abzugeben.
Alles, was sie an Hausrat brauchen, den es auf dem Lande nicht gibt,
verlangen sie von der Stadt und erhalten es auch ohne jede Gegenleistung
bereitwillig von den Behrden; denn die meisten von ihnen kommen sowieso
in jedem Monat an einem Feiertage in der Stadt zusammen. Wenn die
Erntezeit naht, melden die Phylarchen der Ackerbauer den stdtischen
Behrden, wieviel Brger sie ihnen schicken sollen. Diese Schar
Erntearbeiter trifft am festgesetzten Tage rechtzeitig ein, und bei
gutem Wetter erledigt man dann so ziemlich an einem einzigen Tage die
gesamte Erntearbeit.


Die Stdte, namentlich Amaurotum

Wer _eine_ Stadt kennt, kennt _alle_: so vllig hnlich sind sie
einander, soweit nicht die Beschaffenheit des Gelndes dem
entgegensteht. Ich will deshalb irgendeine beschreiben; es kommt nmlich
wirklich nicht viel darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum?
Denn keine verdient es mehr, da dieser Stadt die brigen die Wrde als
Sitz des Senats bertragen haben und da ich sie infolge meines
ununterbrochenen fnfjhrigen Aufenthaltes dort besser als jede andere
kenne.

Amaurotum also liegt am flachen Abhange eines Berges und ist fast
quadratisch angelegt. Denn in voller Breite beginnt die Stadt ein wenig
unterhalb des Gipfels und erstreckt sich etwa zwei Meilen weit bis zum
Flusse Anydrus, wobei sie sich lngs des Ufers betrchtlich lnger
hinzieht. Der Anydrus entspringt aus einer schwachen Quelle 80 Meilen
oberhalb Amaurotums, wird dann durch den Zuflu anderer Wasserlufe,
darunter zweier von mittlerer Gre, wasserreicher und breiter und ist
vor der Stadt selbst eine halbe Meile breit. Bald darauf nimmt er an
Breite noch mehr zu und mndet dann 60 Meilen weiter in den Ozean. Auf
dieser ganzen Strecke zwischen der Stadt und dem Meere sowie noch ein
paar Meilen oberhalb der Stadt hemmen Ebbe und Flut in ihrem
sechsstndigen Wechsel den schnellen Lauf des Flusses. Wenn die
Meeresflut 30 Meilen tief eindringt, drngt sie das Wasser des Flusses
zurck und fllt sein Bett vollstndig mit ihren Wellen. Das Fluwasser
nimmt dann noch ein ganzes Stck weiter stromaufwrts den Salzgeschmack
des Meeres an; von da ab wird es allmhlich wieder s, fliet klar
durch die Stadt und drngt der bei Ebbe zurckstrmenden Flut fast bis
zur Mndung rein und unvermischt nach.

Die Brcke, die Amaurotum mit dem gegenberliegenden Ufer verbindet,
besteht nicht aus hlzernen Pfeilern und Balken, sondern ist ein
Steinbau mit einem wunderschnen Brckenbogen. Sie befindet sich an der
Stelle, die vom Meere am weitesten entfernt ist, damit die Schiffe an
dieser ganzen Seite der Stadt ungehindert entlangfahren knnen.

Es gibt dort noch einen anderen Wasserlauf, der zwar nur klein, aber
recht ruhig und erfreulich ist. Er entspringt auf demselben Berge, auf
dem die Stadt liegt, fliet mitten durch sie und mndet in den Anydrus.
Weil seine Quelle ein Stck auerhalb der Stadt liegt, haben sie die
Amaurotaner ringsum mit Befestigungen umgeben, die bis zur Stadt
reichen. So gehrt die Quelle zur Stadt, und beim Einbruch einer
feindlichen Macht kann das Wasser nicht abgefangen und abgelenkt oder
verdorben werden. Von dort aus leitet man es in Rhren aus gebranntem
Stein in verschiedenen Richtungen zu den unteren Stadtteilen. Lt das
irgendwo die Beschaffenheit des Gelndes nicht zu, so sammelt man in
gerumigen Zisternen das Regenwasser, das dann den gleichen Dienst
leistet.

Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Trmen und Schutzwehren
umgibt die Stadt auf allen Seiten; ein trockener, aber tiefer, breiter
und durch Dorngestrpp unwegsamer Graben umzieht die Stadtmauer auf drei
Seiten; auf der vierten dient der Flu selbst als Wehrgraben.

Die Straen sind ebenso zweckmig fr den Wagenverkehr wie fr den
Windschutz angelegt. Die Huser sind keineswegs unansehnlich; man
bersieht ihre lange und lngs der ganzen Strae ununterbrochene Reihe
von der gegenberliegenden Huserfront aus. Der Weg zwischen diesen
beiden Fronten ist 30 Fu breit. An der Rckseite der Huser zieht sich
die ganze Strae entlang eine breite Gartenanlage hin, die von der
Rckseite anderer Huserreihen eingezunt ist.

Jedes Haus hat einen Eingang von der Strae her und eine Hintertr, die
in den Garten fhrt. Die Tren haben zwei Flgel, lassen sich durch
einen leisen Druck mit der Hand ffnen und schlieen sich dann von
selbst wieder, so da ein jeder ins Haus hinein kann: so wenig ist
irgendwo etwas Eigentum eines einzelnen; denn sogar die Huser wechselt
man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie.

Auf die erwhnten Grten halten die Utopier groe Stcke. In ihnen haben
sie Wein, Obst, Gemse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, da es
alles bertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack
gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht blo ihr Vergngen an der
Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straenzge in der
Pflege der einzelnen Grten. Und sicherlich wird man nicht leicht in der
ganzen Stadt etwas finden, was fr die Brger ntzlicher oder
unterhaltsamer wre, und, wie es scheint, hat deshalb auch der Grnder
des Reiches auf nichts grere Sorgfalt verwendet als auf derartige
Grten.

Wie es nmlich heit, hat Utopus selber gleich von Anfang an diesen
ganzen Plan der Stadt festgelegt. Die Ausschmckung jedoch und den
weiteren Ausbau berlie er den Nachkommen in der Erkenntnis, da _ein_
Menschenalter dazu nicht ausreichen werde. Daher steht in den
Geschichtsbchern der Utopier, die die Geschichte von 1760 Jahren seit
Eroberung der Insel umfassen, fleiig und gewissenhaft geschrieben sind
und von ihnen aufbewahrt werden, die Huser seien im Anfang niedrig
gewesen, eine Art Baracken und Htten, ohne Sorgfalt aus irgendwelchem
Holz errichtet, die Wnde mit Lehm verschmiert, mit spitzen Giebeln und
Strohdchern. Aber heutzutage ist jedes Haus ein stattlicher Bau von
drei Stockwerken; die Auenseite der Wnde besteht aus Granit oder einer
anderen harten oder auch gebrannten Steinmasse, die inwendig mit Schutt
ausgefllt wird. Die Dcher sind flach und mit einer gewissen Stuckmasse
belegt, die nicht teuer, aber so zusammengesetzt ist, da sie nicht
brennt und noch wetterfester als Blei ist. Vor den Winden schtzen sich
die Utopier durch Fenster aus Glas, das dort sehr viel verwendet wird;
bisweilen benutzen sie auch an dessen Stelle dnne Leinwand, die sie mit
durchsichtigem l oder einer Bernsteinmasse bestreichen. Das hat den
doppelten Vorteil, da mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird.


Die Obrigkeiten

Je dreiig Familien whlen sich alljhrlich einen Vorsteher; in der
alten Landessprache heit er Syphogrant, in der jngeren Phylarch. Zehn
Syphogranten mit ihren Familien unterstehen einem Vorgesetzten, der
jetzt Protophylarch genannt wird, in alten Zeiten aber Tranibore hie.
Schlielich ernennen die Syphogranten in ihrer Gesamtheit, zweihundert
an der Zahl, auch den Brgermeister. Nachdem sie sich eidlich
verpflichtet haben, den nach ihrer Ansicht Tchtigsten zu whlen,
ernennen sie auf Grund geheimer Abstimmung einen der vier Brger, die
ihnen das Volk namhaft macht, zum Brgermeister; jedes Stadtviertel
whlt nmlich einen und schlgt ihn dem Senat vor. Das Amt wird auf
Lebenszeit verliehen, wenn dem nicht der Verdacht entgegensteht, es
gelste den Inhaber nach Alleinherrschaft. Die Traniboren whlt man
jhrlich, doch wechselt man mit ihnen nicht ohne triftige Grnde. Die
brigen Beamten werden alle auf ein Jahr gewhlt. Alle drei Tage, im
Bedarfsfalle bisweilen auch fter, kommen die Traniboren mit dem
Brgermeister zu einer Beratung zusammen, besprechen Stadtangelegenheiten
und entscheiden rasch etwa vorliegende Privatstreitigkeiten, die
brigens ganz selten sind. Zu den Senatssitzungen werden regelmig zwei
Syphogranten hinzugezogen, die jeden Tag wechseln; dabei ist vorgesehen,
da keine stdtische Angelegenheit entschieden wird, ber die nicht drei
Tage vor der Beschlufassung im Senat verhandelt worden ist. Auerhalb
des Senats oder der Volksversammlungen ber allgemeine Angelegenheiten
zu beraten, ist bei Todesstrafe verboten. Diese Bestimmung soll eine
tyrannische Unterdrckung des Volkes und eine nderung der Verfassung
durch eine Verschwrung des Brgermeisters und der Traniboren
erschweren. Und eben deshalb wird auch jede wichtige Angelegenheit vor
die Versammlungen der Syphogranten gebracht; diese besprechen sie mit
den Familien, beraten dann unter sich und teilen ihre Entscheidung dem
Senat mit. Zuweilen kommt die Sache vor den Rat der ganzen Insel. Auch
ist es eine Gewohnheit des Senats, ber einen Antrag nicht gleich an dem
Tage zu beraten, an dem er zum ersten Male eingebracht wird, sondern die
Verhandlung auf die nchste Sitzung zu verschieben. Es soll nmlich
niemand unbedachtsam mit dem herausplatzen, was ihm zuerst auf die Zunge
kommt, und dann mehr auf die Verteidigung seiner Ansicht als auf das
Interesse der Stadt bedacht sein. Auch soll niemand das Gemeinwohl der
Erhaltung der guten Meinung von seiner Person opfern, in einer Art
sinnloser und verkehrter Scham, weil er sich nicht merken lassen will,
da er es im Anfang an der ntigen Voraussicht hat fehlen lassen,
whrend er doch von vornherein darauf htte bedacht sein mssen, lieber
berlegt als rasch zu sprechen.


Die Handwerke

_Ein_ Gewerbe betreiben alle, Mnner und Frauen ohne Unterschied: den
Ackerbau, und auf ihn versteht sich jedermann. Von Jugend auf werden sie
darin unterwiesen, zum Teil durch Unterricht in den Schulen, zum Teil
auch auf den Feldern in der Nhe der Stadt, wohin man sie wie zu einem
Spiele fhrt. Hier sehen sie der Arbeit nicht blo zu, sondern ben sie
auch aus und strken bei dieser Gelegenheit zugleich ihre Krperkrfte.

Neben der Landwirtschaft, die, wie gesagt, alle betreiben, erlernt jeder
noch irgendein Handwerk als seinen besonderen Beruf. Das ist in der
Regel entweder die Tuchmacherei oder die Leineweberei oder das Maurer-
oder das Zimmermanns- oder das Schmiedehandwerk. In keinem anderen
Berufe nmlich ist dort eine nennenswerte Anzahl Menschen beschftigt.
Denn der Schnitt der Kleidung ist, abgesehen davon, da sich die
Geschlechter sowie die Ledigen und die Verheirateten in der Tracht
voneinander unterscheiden, auf der ganzen Insel einheitlich und stets
der gleiche in jedem Lebensalter, wohlgefllig frs Auge, bequem fr die
Krperbewegung und vor allem fr Klte und Hitze berechnet. Diese
Kleidung fertigt sich jede Familie selber an. Von den obenerwhnten
anderen Gewerben aber erlernt jeder eins, und zwar nicht nur die Mnner,
sondern auch die Frauen. Letztere jedoch, als die krperlich
Schwcheren, ben nur die leichteren Gewerbe aus; in der Regel
verarbeiten sie Wolle und Flachs; den Mnnern weist man die brigen,
mhsameren Beschftigungen zu. Meistenteils erlernt jeder das vterliche
Handwerk; denn dazu neigen die meisten von Natur. Hat aber jemand zu
einem anderen Berufe Neigung, so nimmt ihn durch Adoption eine Familie
auf, die dasjenige Gewerbe betreibt, zu dem er Lust hat. Dabei sorgen
nicht nur sein Vater, sondern auch die Behrden dafr, da er zu einem
wrdigen und ehrbaren Familienvater kommt. Ja, wenn jemand _ein_
Handwerk grndlich erlernt hat und noch ein anderes dazu erlernen will,
so ist ihm das auf demselben Wege mglich. Versteht er dann beide, so
bt er aus, welches er will, es sei denn, da die Stadt eins von beiden
ntiger braucht.

Die besondere und beinahe einzige Aufgabe der Syphogranten ist es, sich
angelegentlich darum zu kmmern, da niemand unttig herumsitzt, sondern
da jeder sein Gewerbe mit Flei betreibt, ohne sich jedoch, gleich
einem Lasttiere, in ununterbrochener Arbeit vom frhesten Morgen an bis
in die tiefe Nacht abzumhen; denn das wre eine mehr als sklavische
Plackerei. Und doch ist das fast berall das Los der Arbeiter, auer bei
den Utopiern. Diese teilen nmlich den Tag mitsamt der Nacht in
vierundzwanzig gleiche Stunden ein und kennen eine Arbeitszeit von nur
sechs Stunden. Drei Stunden arbeiten sie am Vormittag; danach essen sie
zu Mittag und halten eine Rast von zwei Stunden. Dann arbeiten sie
wieder drei Stunden und beschlieen den Tag mit dem Abendessen. Da sie
die erste Stunde von Mittag an rechnen, gehen sie gegen acht Uhr zu
Bett; acht Stunden brauchen sie zum Schlafen.

ber all die Zeit zwischen den Stunden der Arbeit, des Schlafes und des
Essens darf ein jeder nach seinem Belieben verfgen, nicht etwa um sie
durch Schwelgerei und Trgheit schlecht auszuntzen, sondern um die
arbeitsfreie Zeit nach Herzenslust auf irgendeine andere Beschftigung
nutzbringend zu verwenden. Die meisten treiben in diesen Pausen
literarische Studien. Es herrscht nmlich der Brauch, tglich in den
frhen Morgenstunden ffentliche Vorlesungen zu halten; zu ihrem Besuche
sind diejenigen verpflichtet, die zu wissenschaftlicher Arbeit
namentlich ausgewhlt sind. Aus jedem Stande aber strmt eine gewaltige
Menge Hrer, Mnner wie Frauen, zu den Vorlesungen, die einen zu diesen,
die anderen zu jenen, je nach ihren persnlichen Neigungen. Wenn jedoch
einer auch diese Zeit lieber auf seine berufliche Ttigkeit verwenden
will, was bei vielen der Fall ist, deren Geist sich nicht zur Hhe
wissenschaftlicher Betrachtung erhebt, so hindert man ihn nicht daran;
er erntet vielmehr sogar noch Lob, weil er sich dem Staate ntzlich
macht.

Nach dem Abendessen verbringen die Utopier noch eine Stunde mit Spielen,
whrend des Sommers in ihren Grten, whrend des Winters aber in jenen
Slen, in denen sie gemeinsam essen. Entweder treiben sie dort Musik,
oder sie erholen sich in der Unterhaltung. Das Wrfeln und andere solche
ungehrige und verderbliche Spiele sind ihnen nicht einmal bekannt;
blich jedoch sind bei ihnen zwei dem Schach nicht unhnliche Spiele.
Das eine ist der Zahlenkampf, bei dem die Zahlen einander stechen; bei
dem anderen kmpfen, in Schlachtreihe aufgestellt, die Tugenden mit den
Lastern. In diesem Spiele zeigt sich sehr hbsch der Streit der Laster
untereinander und ihre einmtige Verbundenheit gegen die Tugenden,
ebenso welche Laster und Tugenden einander entgegengesetzt sind, mit
welchen Krften ferner die Laster offen gegen die Tugenden kmpfen und
mit welchen Rnken und Listen sie versteckt angreifen, mit welchen
Hilfsmitteln anderseits die Tugenden die Krfte des Lasters brechen, mit
welchen Knsten sie ihre Versuchungen vereiteln und auf welche Weise
endlich die eine oder die andere Partei den Sieg davontrgt.

Um aber einer irrtmlichen Auffassung eurerseits vorzubeugen, mssen wir
an dieser Stelle einen Punkt genauer betrachten. Wenn die Utopier
nmlich nur sechs Stunden arbeiten, knnte man vielleicht meinen, es
msse das einen Mangel an den notwendigen Gtern zur Folge haben. Aber
gerade das Gegenteil ist der Fall. Diese Arbeitszeit gengt nicht nur,
sondern wird nicht einmal ganz gebraucht zur Produktion eines Vorrats an
allem, was zu den Bedrfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehrt.
Das werdet auch ihr einsehen, wenn ihr euch berlegt, ein wie groer
Teil des Volkes in anderen Lndern unttig dahinlebt: erstens fast alle
Frauen, also die Hlfte der Gesamtheit, oder wenn irgendwo die Frauen
arbeiten, schnarchen dort meistens an ihrer Stelle die Mnner; auerdem
dann die Priester und die sogenannten frommen Mnner, was fr eine
groe und faule Schar ist das! Nimm noch all die Reichen und besonders
die Grundbesitzer dazu, die man allgemein als Standespersonen und
Edelleute bezeichnet! Zu ihnen rechne noch ihre Dienerschaft, jenen
ganzen zusammengesplten Haufen von Raufbolden und Windbeuteln! Vergi
schlielich auch die krftigen und gesunden Bettler nicht, die ihren
Miggang mit irgendeinem Gebrechen bemnteln, und die Zahl der Leute,
die durch ihre Ttigkeit fr die gesamten Bedrfnisse der Sterblichen
sorgen, wirst du dann viel geringer finden, als du angenommen hast. Und
nun berlege dir, wie wenige von diesen selbst mit wirklich notwendigen
Arbeiten beschftigt sind! Da nmlich bei uns das Geld der Mastab fr
alles ist, mssen wir viele vllig unntze und berflssige Gewerbe
betreiben, die blo der Verschwendung und der Genusucht dienen. Wrde
man nmlich diese ganze Masse, die jetzt im Arbeitsproze steht, nur auf
die so wenigen Gewerbe verteilen, die ein angemessener natrlicher
Bedarf erfordert, so wrde ein groer berflu an Waren entstehen, und
die Preise wrden notwendigerweise zu tief sinken, als da die
Handwerker ihren Lebensunterhalt davon bestreiten knnten. Aber wenn
alle die, die jetzt ihre Krfte in nutzloser Ttigkeit verzetteln, und
wenn noch dazu der ganze Schwarm derer, die jetzt in Nichtstun und
Trgheit erschlaffen und von denen jeder einzelne so viel von den
Produkten verbraucht, die die Arbeitskraft anderer liefert, wie zwei der
Arbeiter, wenn man also alle diese zu Arbeiten, und zwar zu ntzlichen,
verwendete, so wrde, wie leicht einzusehen ist, ungemein wenig Zeit
mehr als reichlich gengen, um alles zu beschaffen, was zum Leben
notwendig oder ntzlich ist; du kannst auch noch hinzusetzen, zum
Vergngen, soweit es echt und natrlich ist. Und das besttigen in
Utopien die Tatsachen selber. Denn dort sind in einer ganzen Stadt
einschlielich ihrer nchsten Umgebung aus der Gesamtzahl der nach Alter
und Krften zur Arbeit tauglichen Mnner und Frauen kaum fnfhundert von
ihr befreit. Unter ihnen sind die Syphogranten zwar nach dem Gesetz zur
Arbeit nicht verpflichtet, sie machen aber von dieser Bestimmung keinen
Gebrauch, um die anderen durch ihr Beispiel um so leichter zur Arbeit
anzuspornen. Dieselbe Vergnstigung genieen diejenigen, denen das Volk
auf Vorschlag der Priester und auf Grund geheimer Abstimmung der
Syphogranten dauernde Arbeitsbefreiung zur Durchfhrung ihrer Studien
bewilligt. Erfllt einer von ihnen die auf ihn gesetzte Hoffnung nicht,
so stt man ihn wieder unter die Handarbeiter zurck. Nicht selten
tritt aber auch das Gegenteil ein, da nmlich ein Handwerker jene
freien Stunden so eifrig auf das Studium verwendet und durch seinen
Flei so groe Fortschritte macht, da man ihn von der Handarbeit
befreit und in die Klasse der Gebildeten aufrcken lt. Aus deren
Stande nimmt man die Gesandten, Priester, Traniboren und schlielich den
Brgermeister selber, den die Utopier in ihrer alten Sprache Barzanes
und in ihrer jngeren Ademus nennen. Da nun fast die ganze brige Masse
des Volkes weder unttig noch mit unntzen Gewerben beschftigt ist,
kann man leicht ermessen, in wie wenigen Stunden viel ntzliche Arbeit
geleistet wird.

Zu dem von mir Erwhnten kommt fr die Utopier noch die Erleichterung
hinzu, da bei ihnen die meisten unentbehrlichen Gewerbe weniger Arbeit
als bei anderen Vlkern erfordern. Erstens nmlich ist bei diesen zum
Bau oder zur Ausbesserung von Gebuden deshalb so vieler Hnde Arbeit
dauernd notwendig, weil der zu wenig wirtschaftliche Erbe das Haus, das
sein Vater erbaut bat, allmhlich verfallen lt. Was er mit ganz
geringen Kosten htte erhalten knnen, mu sein Nachfolger mit groen
Kosten erneuern. Ja, hufig sagt auch ein Haus, das dem einen ungeheuer
viel Geld gekostet hat, dem verwhnten Geschmack des anderen nicht zu.
Da sich dieser nicht darum kmmert, verfllt es in kurzer Zeit, und sein
Besitzer baut sich an anderer Stelle ein neues Haus fr nicht weniger
Geld. Aber bei den Utopiern kommt es, dank der allgemeinen Ordnung und
dank ihrer Verfassung, nur ganz selten vor, da man einen neuen Platz
fr den Bau eines Hauses sucht. Und sie beheben nicht nur rasch die
vorhandenen Schden, sondern beugen auch drohenden vor. Infolgedessen
bleiben ihre Gebude bei ganz geringem Aufwand an Arbeit beraus lange
erhalten, und die Bauhandwerker haben bisweilen kaum etwas zu tun, auer
da sie angewiesen werden, daheim Bauholz zu bearbeiten und bisweilen
Steine quadratisch zu behauen und fertigzumachen, damit gegebenenfalls
ein Haus schneller hochkommt.

Beachte ferner, wie wenig Arbeit zur Anfertigung der Kleidung der
Utopier erforderlich ist! Zunchst tragen sie bei der Arbeit einfach
Leder oder Felle, die bis zu sieben Jahren halten. Beim Ausgehen ziehen
sie einen mantelhnlichem Rock ber, der jene grberen Unterkleider
verdeckt. Diese Rcke haben auf der ganzen Insel die gleiche Farbe, und
zwar die Naturfarbe des Stoffes. Die Utopier verbrauchen also nicht blo
viel weniger wollenes Tuch, als das anderswo der Fall ist, sondern der
Stoff kostet ihnen auch viel weniger. Aber noch weniger Arbeit macht die
Herstellung von Leinwand, und deshalb trgt man sie auch noch mehr. Beim
Leinen sieht man nur auf Weie, bei der Wolle nur auf Sauberkeit;
feinere Webart wird gar nicht bezahlt. Und whrend sonst nirgends
_einer_ Person vier oder fnf wollene Oberkleider von verschiedener
Farbe und ebenso viele Untersachen aus Seide gengen -- etwas
eleganteren Leuten nicht einmal zehn--, begngt sich hier in Utopien
ein jeder mit nur einem Anzug, und zwar zumeist fr zwei Jahre. Warum
sollte sich dort jemand auch mehr Kleidung wnschen? Wenn er sie nmlich
bekme, wre er weder besser vor der Klte geschtzt, noch wrde er in
seiner Kleidung auch nur um ein Haar hbscher aussehen.

Da die Utopier also alle in ntzlichen Gewerben beschftigt sind und
diese selbst auch eine geringere Arbeitszeit erfordern, braucht man sich
nicht zu wundern, da bisweilen alle Erzeugnisse im berflu vorhanden
sind. Dann fhrt man eine ungeheure Menge Arbeiter zur Ausbesserung
ffentlicher Straen, die schadhaft geworden sind, aus der Stadt hinaus;
sehr oft setzt man aber auch, wenn sich keinerlei Arbeit der Art ntig
macht, die Arbeitszeit von Staats wegen herab. Die Behrden zwingen
nmlich die Brger nicht zu unntiger Arbeit; denn die Einrichtung
dieses Staates hat das eine Hauptziel im Auge, soweit es die dringenden
Bedrfnisse des Staates erlauben, den Sklavendienst des Krpers nach
Mglichkeit einzuschrnken, damit die dadurch gewonnene Zeit auf die
freie Ausbildung des Geistes verwendet werden kann. Darin liegt nmlich
nach ihrer Ansicht das Glck das Lebens.


Der Verkehr der Utopier miteinander

Doch glaube ich nunmehr darlegen zu mssen, auf welche Weise die Brger
miteinander verkehren, welche inneren wirtschaftlichen Beziehungen
bestehen und wie die Verteilung der Gter vor sich geht.

Die Brgerschaft besteht also aus Familien, die zumeist aus Verwandten
zusammengesetzt sind. Denn sobald die Frauen krperlich reif sind,
werden sie verheiratet und ziehen dann in die Wohnungen ihrer Mnner.
Dagegen verbleiben die Shne und deren mnnliche Nachkommen in ihren
Familien und unterstehen der Gewalt des Familienltesten, soweit dieser
nicht infolge seines Alters kindisch geworden ist; dann tritt der
Nchstlteste an seine Stelle. Um aber eine zu starke Abnahme oder eine
bermig groe Zunahme der Bevlkerung zu verhindern, darf keine
Familie, deren es in jeder Stadt -- die in dem zugehrigen Landbezirk
nicht mitgerechnet -- 6000 gibt, weniger als zehn und mehr als sechzehn
Erwachsene haben; die Zahl der Kinder kann man ja nicht im voraus
festsetzen. Diese Bestimmung lt sich mit Leichtigkeit
aufrechterhalten, indem man die berzhligen Mitglieder der bergroen
Familien in zu kleine versetzt.

Sollte aber einmal eine ganze Stadt mehr Einwohner haben, als sie haben
darf, so fllt man mit dem berschu die Einwohnerzahl geringer
bevlkerter Stdte des Landes auf. Wenn aber etwa die Menschenmasse der
ganzen Insel mehr als billig anschwellen sollte, so bestimmt man aus
jeder Stadt ohne Ausnahme Brger, die auf dem nchstgelegenen Festlande
berall da, wo viel berflssiges Ackerland der Eingeborenen brachliegt,
eine Kolonie nach ihren heimischen Gesetzen einrichten unter
Hinzuziehung der Einwohner des Landes, falls sie mit ihnen zusammenleben
wollen. Mit diesen zu gleicher Lebensweise und zu gleichen Sitten
vereint, verwachsen sie dann leicht miteinander, und das ist fr beide
Vlker von Vorteil. Sie erreichen es nmlich durch ihre Einrichtungen,
da ein Land, das vorher dem einen Volke zu klein und unergiebig
erschien, jetzt fr beide Vlker mehr als genug hervorbringt. Diejenigen
Eingeborenen aber, die es ablehnen, nach den Gesetzen der Kolonisten zu
leben, vertreiben diese aus dem Gebiet, das sie selber fr sich in
Anspruch nehmen, und gegen die, die Widerstand leisten, greifen sie zu
den Waffen. Denn das ist nach Ansicht der Utopier der gerechteste
Kriegsgrund, wenn irgendein Volk die Nutznieung und den Besitz eines
Stckes Land, das es selbst nicht nutzt, sondern gleichsam zwecklos und
unbebaut in Besitz hat, anderen untersagt, denen es nach dem Willen der
Natur ihren Lebensunterhalt liefern soll. Wenn aber einmal infolge eines
Unglcksfalles die Einwohnerzahl einiger ihrer Stdte so sehr sinken
sollte, da sie aus anderen Teilen der Insel unter Wahrung der Gre
einer jeden Stadt nicht wieder ergnzt werden kann -- wie es heit, ist
das seit Menschengedenken nur zweimal infolge einer heftig wtenden
Seuche der Fall gewesen--, so lt man die Brger aus der Kolonie
zurckkommen und fllt mit ihnen die Einwohnerzahl der Stdte wieder
auf. Die Utopier sehen es nmlich lieber, da ihre Kolonien eingehen,
als da die Einwohnerzahl einer der Stdte ihrer Insel zurckgeht.

Doch ich komme auf das Zusammenleben der Brger zurck. Der lteste ist,
wie gesagt, das Oberhaupt der Familie. Die Frauen dienen ihren Mnnern,
die Kinder ihren Eltern und so berhaupt die Jngeren den lteren.

Jede Stadt zerfllt in vier gleiche Teile. In der Mitte eines jeden
befindet sich ein Markt fr alle Arten von Waren. Dorthin schafft man
die Arbeitserzeugnisse einer jeden Familie in bestimmte Huser, und die
einzelnen Warengattungen sind gesondert auf Speicher verteilt. Jeder
Familienvater verlangt dort, was er selbst und die Seinen brauchen, und
nimmt alles, was er haben will, mit, und zwar ohne Bezahlung und
berhaupt ohne jede Gegenleistung. Warum sollte man ihm nmlich auch
etwas verweigern? Alles ist ja im berflu vorhanden, und man braucht
nicht zu befrchten, da jemand die Absicht hat, mehr zu verlangen, als
er braucht. Denn warum sollte man annehmen, es werde jemand ber seinen
Bedarf hinaus fordern, wenn er sicher ist, da es ihm niemals an etwas
fehlen wird? Werden doch bei jedem Lebewesen Habsucht und Raubgier durch
die Furcht vor Mangel hervorgerufen und beim Menschen allein auerdem
noch durch Stolz, da er es sich zum Ruhme anrechnet, durch ein Prahlen
mit berflssigen Dingen die anderen zu bertreffen; fr diese Art
Fehler ist in den Einrichtungen der Utopier berhaupt kein Platz.

Mit den erwhnten Mrkten sind andere fr Lebensmittel verbunden; auf
diese bringt man auer Gemse, Obst und Brot auch Fische und Fleisch.
Die Tiere sind auerhalb der Stadt auf geeigneten Pltzen, wo man Blut
und Schmutz in flieendem Wasser abwaschen kann, von Sklaven gettet und
gereinigt worden. Die Brger sollen sich nmlich nicht an das Schlachten
von Tieren gewhnen, weil man der Ansicht ist, die Gewhnung an diese
Ttigkeit ertte allmhlich das Mitleid, den edelsten Zug unseres
Wesens. Auch soll nichts Schmutziges und Unreines in die Stadt gebracht
werden, dessen Fulnis die Luft verpesten und eine Krankheit
einschleppen knnte.

Auerdem stehen in jeder Strae, gleichweit voneinander entfernt, einige
gerumige Hallen, von denen jede ihren eigenen Namen hat. Hier wohnen
die Syphogranten, und jeder dieser Hallen sind dreiig Familien
zugeteilt, auf jeder Seite fnfzehn, die dort ihre Mahlzeiten
einzunehmen haben. Die Kcheneinkufer einer jeden Halle finden sich zu
einer bestimmten Stunde auf dem Markte ein, melden die Zahl der Esser
und fordern die Lebensmittel an. In erster Linie bercksichtigt man bei
dieser Verteilung die Kranken, die in den ffentlichen Krankenhusern
gepflegt werden. Im Stadtbezirk gibt es nmlich vier, ein Stck von der
Stadt entfernt; sie sind so gerumig, da man sie fr ebenso viele
kleine Stdte halten knnte. Dadurch ist es mglich, eine auch noch so
groe Zahl Kranker ohne Mangel an Raum und deshalb bequem unterzubringen
sowie die an ansteckenden Krankheiten Leidenden von den anderen recht
weit zu entfernen. Diese Krankenhuser sind so eingerichtet und mit
allem, was zur Gesundheitspflege gehrt, so reichlich ausgestattet, die
Pflege ist so rcksichtsvoll und gewissenhaft, und die erfahrensten
rzte sind so unermdlich ttig, da, wenn auch niemand gegen seinen
Willen dort Aufnahme findet, doch wohl jeder in der Stadt im
Krankheitsfalle lieber im Krankenhaus als daheim liegt.

Nachdem der Einkufer fr die Kranken die Lebensmittel nach rztlicher
Vorschrift empfangen hat, verteilt man weiterhin das Beste gleichmig
auf die Hallen je nach deren Kopfzahl. Nur auf den Brgermeister, den
Oberpriester und die Traniboren nimmt man besondere Rcksicht sowie auf
Gesandte und alle etwa anwesenden Auslnder. Doch sind letztere nur
vereinzelt und selten zu sehen; aber auch fr sie stehen, wenn sie sich
im Lande aufhalten, bestimmte Wohnungen eingerichtet bereit.

In den erwhnten Hallen findet sich die gesamte Syphograntie, durch den
Klang einer ehernen Trompete aufgefordert, zu den festgesetzten Stunden
des Mittags- und Abendessens ein, mit Ausnahme der in den Hospitlern
oder daheim liegenden Kranken. Indes darf sich jedermann, wenn der
Bedarf der Hallen gedeckt ist, Lebensmittel vom Markt mit nach Hause
geben lassen; man wei nmlich, da das niemand ohne Grund tun wird.
Denn wenn es auch keinem verwehrt ist, zu Hause zu essen, so tut das
doch niemand gern, da es fr unanstndig gilt und tricht wre, sich
mhsam ein schlechtes Mahl zuzubereiten, whrend in der Halle ganz in
der Nhe ein reichliches und ausgezeichnetes Essen zu haben ist. In
einer solchen Halle verrichten Sklaven alle schmutzigeren und mhsameren
Arbeiten, dagegen besorgen das Kochen und Zubereiten der Speisen sowie
die Vorbereitung des ganzen Mahles ausschlielich die Frauen der
einzelnen Familien, und zwar abwechselnd.

Je nach der Zahl der Esser speist man an drei oder mehr Tischen. Die
Mnner haben ihre Pltze an der Wand, die Frauen dagegen an der
Auenseite der Tische. So knnen sie, wenn es ihnen pltzlich bel wird,
was bei Schwangeren bisweilen vorkommt, ohne Strung der Tischordnung
aufstehen und zu den stillenden Mttern gehen. Diese sitzen nmlich mit
ihren Suglingen fr sich in einem besonders zu diesem Zweck bestimmten
Speiseraum, wo es nie an Feuer und reinem Wasser fehlt; auch sind dort
Wiegen vorhanden, so da die Mtter ihre Kleinen niederlegen oder, wenn
sie wollen, am Feuer aus den Windeln nehmen, sich frei bewegen lassen
und mit ihnen spielen knnen, damit sie wieder frisch und munter werden.
Jede Mutter stillt ihr Kind selber, soweit das nicht Tod oder Krankheit
unmglich macht. Tritt dieser Fall ein, so besorgen die Frauen der
Syphogranten rasch eine Amme; und das ist bald geschehen; denn die
Frauen, die dazu imstande sind, bieten sich zu keiner Verrichtung lieber
an, da solches Mitleid allgemeines Lob findet und der Sugling spter in
der Amme seine Mutter sieht.

In der Ammenstube sitzen auch alle Kinder unter fnf Jahren; die brigen
Unmndigen -- dazu rechnet man die noch nicht Heiratsfhigen beiderlei
Geschlechts -- bedienen entweder bei Tisch oder, soweit sie noch zu jung
dazu sind, stehen sie doch dabei, und zwar in tiefstem Schweigen. Sie
essen, was ihnen die am Tische Sitzenden reichen, und haben keine
besondere Tischzeit. Am ersten Tisch in der Mitte sitzen der Syphogrant
und seine Frau. Das ist der oberste Platz, von dem aus man die gesamte
Gesellschaft bersieht; denn dieser Tisch steht im obersten Teile des
Speisesaales quer. An den Syphogranten und seine Frau schlieen sich
zwei der ltesten an; an allen Tischen sitzt man nmlich zu viert. Falls
aber ein Tempel in der betreffenden Syphograntie liegt, sitzen der
Priester und seine Frau so mit dem Syphogranten zusammen, da sie den
Vorsitz fhren. Auf beiden Seiten folgen dann Jngere, danach wieder
Greise; auf diese Weise sitzen im ganzen Saale die Gleichaltrigen
nebeneinander und doch auch mit anderen Altersstufen zusammen. Wie es
heit, hat man diese Einrichtung deshalb getroffen, damit die Wrde der
Alten und die Ehrfurcht vor ihnen die Jngeren von ungehriger
Ausgelassenheit in Rede und Benehmen abhlt; denn nichts, was bei Tische
gesprochen oder getan wird, kann den Nachbarn ringsum entgehen. Die
einzelnen Gnge werden nicht vom ersten Platze aus der Reihe nach
gereicht, sondern die besten Gerichte werden immer zuerst allen lteren
vorgesetzt, deren Pltze besonders kenntlich sind; danach bedient man
die brigen ohne Unterschied. Jedoch geben die Greise von ihren
Leckerbissen ganz nach Belieben den Umsitzenden ab; um sie nmlich im
ganzen Saale in gengender Menge zu verteilen, sind es nicht genug. Auf
diese Weise bleibt den lteren die ihnen zukommende Ehre gewahrt, und
trotzdem wird der Allgemeinheit die gleiche Bevorzugung zuteil.

Zu Beginn einer jeden Mittags- und Abendmahlzeit wird ein Text
moralischen Inhalts vorgelesen, der jedoch nur kurz ist, damit man der
Sache nicht berdrssig wird. Im Anschlu daran fhren die lteren
ehrbare Gesprche, die weder trocken noch ohne Witz sind. Indessen
halten sie nicht etwa whrend des ganzen Essens lange Reden; sie hren
vielmehr auch den jungen Leuten gern zu. Ja, sie veranlassen sie
absichtlich zum Reden, um von dem Charakter und Geist eines jeden einen
Begriff zu bekommen, wenn er sich in der bei einem Mahle herrschenden
Ungebundenheit offenbart. Die Mittagsmahlzeiten sind ziemlich schlicht,
die Abendmahlzeiten dagegen reichlicher; denn auf jene folgt Arbeit, auf
diese Schlaf und nchtliche Ruhe, und diese hilft nach Ansicht der
Utopier besser verdauen. Bei keinem Abendessen fehlt es an Musik, und
bei jedem Nachtisch gibt es allerlei Leckereien. Auch verbrennt man
Rucherwerk, verspritzt wohlriechendes Salbl und bietet alles auf, um
die Tischgenossen zu erheitern. Die Utopier neigen nmlich viel zu sehr
zu solcher Frhlichkeit, um ein Vergngen, das keinen Schaden anrichtet,
fr verboten zu halten.

Derart also ist das gesellige Leben in der Stadt; auf dem Lande dagegen,
wo man weiter auseinander wohnt, it jeder fr sich zu Hause. Dort fehlt
es nmlich keiner Familie an irgend etwas zum Leben; denn die Leute auf
dem Lande sind es ja, die alles das liefern, wovon die Stdter leben.


Die Reisen der Utopier

Wer das Verlangen haben sollte, seine Freunde in einer anderen Stadt zu
besuchen oder sich auch nur den Ort selbst anzusehen, erhlt von seinem
Syphogranten und Traniboren mit Leichtigkeit die Erlaubnis dazu, wenn er
irgendwie abkmmlich ist. Man schickt dann eine gewisse Anzahl Urlauber
zusammen ab und gibt ihnen ein Schreiben des Brgermeisters mit, in dem
die Reisegenehmigung besttigt und der Tag der Rckkehr vorgeschrieben
ist. Die Reisenden bekommen einen Wagen mit einem staatlichen Sklaven
gestellt, der das Ochsengespann fhren und besorgen mu; wenn sie aber
nicht gerade Frauen bei sich haben, weisen sie den Wagen als lstig und
hinderlich zurck. Obgleich sie auf der ganzen Reise nichts mit sich
fhren, fehlt es ihnen doch an nichts; sie sind ja berall zu Hause.
Sollten sie sich irgendwo lnger als einen Tag aufhalten, so bt jeder
daselbst sein Gewerbe aus und wird von seinen Handwerksgenossen aufs
freundlichste behandelt.

Wenn sich aber jemand auerhalb seines Wohnbezirks eigenmchtig
herumtreiben und ohne amtlichen Urlaubsschein aufgegriffen werden
sollte, so betrachtet man ihn als Ausreier, bringt ihn mit Schimpf und
Schande in die Stadt zurck und zchtigt ihn streng; im
Wiederholungsfalle bt er mit dem Verlust seiner Freiheit. Wenn aber
jemanden die Lust anwandeln sollte, auf seinen heimatlichen Fluren
spazierenzugehen, so hindert ihn niemand daran, vorausgesetzt, da er
die Erlaubnis seines Hausvaters und die Einwilligung seiner Frau hat.
Wohin er aber auch aufs Land kommt, nirgends gibt man ihm etwas zu
essen, ehe er nicht das dort vor dem Mittags- oder Abendessen bliche
Arbeitspensum erledigt hat; unter dieser Bedingung kann er ganz nach
Belieben innerhalb des Gebietes seiner Stadt spazierengehen. Wird er
sich doch auf diese Weise der Stadt ebenso ntzlich machen, als wenn er
sich in ihr selber aufhielte.

Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine Mglichkeit zum
Miggang oder einen Vorwand zur Trgheit. Keine Weinschenken, keine
Bierhuser, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verfhrung,
keine Schlupfwinkel, keine Sttten der Liederlichkeit; jeder ist
vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur
gewohnten Arbeit zwingt oder ihm nur ein ehrbares Vergngen gestattet.

Diese Lebensfhrung des Volkes hat notwendig einen berflu an jeglichem
Lebensbedarf zur Folge, und da alle gleichmig daran teilhaben, ist es
ganz natrlich, da es Arme oder gar Bettler berhaupt nicht geben kann.
Im Senat von Mentiranum, wo sich, wie erwhnt, alljhrlich drei
Abgeordnete aus jeder Stadt einfinden, stellt man zunchst fest, wovon
es in den einzelnen Bezirken einen berschu gibt und worin irgendwo der
Ertrag zu gering gewesen ist. Dann gleicht man alsbald den Mangel der
einen Bezirke durch den berflu der anderen aus, und zwar geschieht
das unentgeltlich, ohne da die Geber von den Empfngern eine
Entschdigung erhalten. Dafr aber, da eine Stadt irgendeiner anderen
aus ihren Bestnden ohne Gegenforderung liefert, erhlt sie auch wieder,
was sie braucht, von einer Stadt, der sie nichts gegeben hat. So bildet
die ganze Insel gleichsam eine einzige Familie.

Nachdem aber die Utopier sich selbst zur Genge mit Vorrten versorgt
haben, was nach ihrer Ansicht erst dann der Fall ist, wenn sie wegen der
Unsicherheit des Ertrags im darauffolgenden Jahre fr einen Zeitraum von
zwei Jahren vorgesorgt haben, fhren sie aus dem berschu eine groe
Menge Getreide, Honig, Wolle, Leinen, Holz, Scharlach- und Purpurfarben,
Felle, Wachs, Seife, Leder sowie auerdem Vieh in andere Lnder aus. Von
dem allen schenken sie ein Siebentel den Armen des betreffenden Landes,
den Rest aber verkaufen sie zu migem Preise. Dieser Handel bringt
ihnen nicht nur diejenigen Waren ins Land, an denen es ihnen fehlt --
das ist aber fast nichts weiter als Eisen--, sondern auerdem eine
groe Menge Silber und Gold. Weil sie das schon lange so halten, haben
sie an diesen Metallen berall einen unglaublich groen berflu. Daher
legen sie jetzt auch nicht sonderlich viel Gewicht darauf, ob sie gegen
bar oder auf Kredit verkaufen und den bei weitem grten Teil ihrer
Forderungen als Auenstnde haben. Doch lehnen sie bei der Ausstellung
von Schuldscheinen die Brgschaft von Privatpersonen regelmig ab und
verlangen immer auf Grund formell ausgestellter Scheine die Brgschaft
der Stadt. Diese zieht dann am Zahltage den Betrag von den
Privatschuldnern ein, legt ihn in die Stadtkasse und hat bis zu seiner
Anforderung durch die Utopier den Zinsgenu. Diese verlangen aber
niemals den grten Teil zurck; nach ihrer Ansicht ist es nmlich eine
Ungerechtigkeit, anderen etwas wegzunehmen, was fr sie von Nutzen ist,
ihnen selbst aber keinen Nutzen bringt. Wenn sie dagegen
erforderlichenfalls einen Teil des betreffenden Geldes einem anderen
Volke leihen wollen, so verlangen sie es dann erst zurck oder auch,
wenn sie selbst Krieg fhren mssen. Fr diesen einen Zweck nmlich
heben sie jenen gesamten Schatz, den sie im Lande haben, auf, um an ihm
in uerster oder pltzlicher Gefahr einen Rckhalt zu haben, vor allem
aber, um damit fr unmig hohen Sold auslndische Soldaten anzuwerben;
denn diese setzen sie lieber der Gefahr aus als ihre eigenen Brger.
Auerdem wissen sie, da in der Regel die Feinde selber mit viel Geld
sich kaufen und gegeneinander hetzen lassen, sei es durch Verrat oder
auch durch Entzweiung. Aus diesem Grunde sorgen die Utopier fr einen
Staatsschatz von unermelichem Werte. Er ist aber in ihren Augen kein
eigentlicher Schatz; sie halten es damit vielmehr so, da ich mich in
der Tat schme, es zu erzhlen, weil ich frchten mu, man wird meinen
Worten nicht glauben. Und meine Befrchtung ist um so berechtigter, je
mehr ich mir bewut bin, wie schwer man mich selbst dazu htte bringen
knnen, es einem anderen zu glauben, wenn ich es nicht persnlich erlebt
htte. Es kann ja gar nicht anders sein, als da etwas um so weniger
Glauben findet, je mehr es von den Bruchen der Zuhrer abweicht. Da
freilich auch die brigen Einrichtungen der Utopier so wesentlich
anders als die unsrigen sind, wird sich ein kluger Beurteiler der Dinge
vielleicht weniger wundern, wenn sie auch Gold und Silber auf eine Weise
benutzen, die mehr ihrem eigenen als unserem Brauche entspricht. Da die
Utopier nmlich selber kein Geld verwenden, sondern es nur fr einen
Fall aufsparen, der ebensogut eintreten wie nicht eintreten kann, so
schtzt niemand von ihnen Gold und Silber, woraus das Geld gemacht wird,
hher, als es ihrem natrlichen Werte angemessen ist. Wer sieht da
nicht, wie weit dort Gold und Silber unter dem Eisen stehen! Und in der
Tat ist Eisen fr die Menschheit ebenso lebensnotwendig wie Wasser und
Feuer, whrend weder Gold noch Silber von Natur einen Vorzug besitzt,
den wir nicht mit Leichtigkeit entbehren knnten; nur halten es die
Menschen in ihrer Torheit wegen seines seltenen Vorkommens fr so
besonders wertvoll. Und dabei hat doch im Gegenteil die Natur, wie eine
beraus gtige Mutter, uns gerade ihre besten Gaben offen und frei vor
Augen gestellt, wie die Luft, das Wasser und die Erde selbst, das
Nichtige und Unntze dagegen sehr weit entrckt. Wrde nun Gold und
Silber bei den Utopiern in irgendeinem Turme versteckt, so knnte der
trichte Argwohn der groen Masse den Brgermeister und den Senat
verdchtigen, sie wollten das Volk auf hinterlistige Weise betrgen, um
selber irgendwelchen Vorteil daraus zu ziehen. Wenn sie ferner Schalen
und andere derartige Schmiedearbeiten aus Gold und Silber herstellen
lieen, so knnte einmal der Fall eintreten, da man sie wieder
einschmelzen und zur Soldzahlung an die Truppen verwenden mte, und
natrlich wrden dann die Besitzer der Gegenstnde, das sehen sie ein,
sich nur ungern wieder entreien lassen, woran sie allmhlich Freude
gefunden haben. Um es zu alledem nicht kommen zu lassen, haben sich die
Utopier ein Mittel ausgedacht, das mit ihren brigen Einrichtungen
ebenso bereinstimmt, wie es von den unsrigen stark abweicht, da ja bei
uns Gold so hoch geschtzt und so sorgfltig aufbewahrt wird, und das
deshalb nur denen, die es aus Erfahrung kennen, glaubhaft erscheint.
Whrend sie nmlich zum Essen und Trinken nur Gefe aus Ton und Glas
benutzen, die zwar sehr hbsch aussehen, aber trotzdem billig sind,
fertigen sie aus Gold und Silber nicht blo fr die Gemeinschaftshallen,
sondern auch fr die Privathuser allenthalben Nachtgeschirre und
sonstige zu ganz gewhnlichem Gebrauch bestimmte Gefe an. Auerdem
stellen sie aus denselben Metallen Ketten und starke Fufesseln zur
Bestrafung der Sklaven her, und schlielich hngen von den Ohren derer,
die durch irgendein Verbrechen ihre Ehre verloren haben, goldene Ringe
herab; man steckt ihnen goldene Ringe an die Finger, hngt ihnen eine
goldene Halskette um und legt einen goldenen Reif um ihren Kopf. So
sorgen die Utopier mit allen Mitteln dafr, da Gold und Silber bei
ihnen in Verruf kommt, und so erklrt es sich auch, da in Utopien bei
einer sich etwa ntig machenden Ablieferung alles Goldes und Silbers,
dessen gewaltsame Wegnahme den anderen Vlkern fast ebensolche Schmerzen
bereitet, als wenn man ihnen die Eingeweide auseinanderrisse, niemand
glauben wrde, auch nur einen Heller einzuben.

Auerdem sammeln die Utopier an den Ksten Perlen, in gewissen Felsen
sogar Diamanten und Karfunkel. Doch suchen sie nicht danach, sondern
nur, was sie zufllig finden, schleifen sie. Damit putzen sie ihre
kleinen Kinder. In ihren ersten Lebensjahren prahlen diese gern mit
solchem Schmuck und sind stolz darauf; sobald sie aber ein wenig lter
werden und merken, da sich nur Kinder mit derartigem Tand abgeben,
legen sie diesen Schmuck ab, und zwar ohne besondere Ermahnung von
seiten ihrer Eltern, sondern einfach, weil sie sich seiner schmen,
genau so wie bei uns die Kinder, wenn sie erst grer werden, von ihren
Nssen, Knpfen und Puppen nichts mehr wissen wollen.

Wie stark aber diese Lebensgewohnheiten der Utopier, die von denen der
brigen Vlker so sehr abweichen, ihr ganzes Empfinden verndern, ist
mir niemals so klar zum Bewutsein gekommen wie bei einer Gesandtschaft
der Anemolier. Diese kam nach Amaurotum, als ich gerade dort war, und da
wichtige Fragen zur Verhandlung standen, waren schon vor ihr jene frher
erwhnten drei Abgeordneten aus jeder Stadt eingetroffen. Nun waren
allen Gesandten der Nachbarvlker, die schon frher dorthin gekommen
waren, die Sitten der Utopier bekannt. Sie wuten, da prunkvolle
Kleidung dort durchaus nicht angesehen war, da man Seide geradezu
verachtete und da Goldschmuck sogar in blen Ruf brachte. Deshalb
hatten sie sich daran gewhnt, in mglichst bescheidener Kleidung zu
erscheinen. Die Anemolier aber wohnten weiter entfernt von den Utopiern
und hatten deshalb weniger Verkehr mit ihnen unterhalten. Als sie nun
hrten, die Utopier trgen alle die gleiche grobe Tracht, waren sie
berzeugt, sie trieben deshalb keinen Aufwand, weil es ihnen an den
ntigen Mitteln dazu fehle, und beschlossen daher, mehr eitel als klug,
prchtig wie Gtter herausgeputzt aufzutreten und die Augen der
armseligen Utopier durch den Glanz ihrer prunkvollen Kleidung zu
blenden. So zogen denn die drei Gesandten an der Spitze eines Gefolges
von dreihundert Mann in die Stadt ein, alle in bunter, die meisten in
seidener Kleidung, die Gesandten selbst -- sie gehrten nmlich daheim
zum Adel -- in golddurchwirkten Gewndern, mit groen Halsketten und
Ohrringen aus Gold, an den Fingern goldene Ringe, die Filzkappen mit
Bndern geschmckt, die von Perlen und Edelsteinen funkelten, kurz, mit
all den Dingen geputzt, die bei den Utopiern Strafen fr Sklaven oder
Schandmale Ehrloser oder Spielzeug kleiner Kinder sind. Und so lohnte es
sich der Mhe zu sehen, wie den Anemoliern der Kamm schwoll, als sie
ihren Prunk mit der Kleidung der Utopier verglichen; die Bevlkerung war
nmlich in Menge auf die Straen gestrmt. Anderseits aber machte es
nicht weniger Spa zu beobachten, wie grndlich sie sich in ihrer
Hoffnung und Erwartung getuscht sahen und wie wenig sie den Eindruck
machten, mit dem sie gerechnet hatten. Denn in den Augen aller Utopier,
nur einige ganz wenige ausgenommen, die bei irgendeiner passenden
Gelegenheit ins Ausland gekommen waren, war jener ganze glnzende
Aufwand eine Schmach. Sie grten gerade die Niedrigsten an Stelle ihrer
Herren mit Ehrerbietung, die Gesandten selbst aber hielten sie wegen
ihrer goldenen Ketten fr Sklaven und lieen sie vorbergehen, ohne
ihnen berhaupt eine Ehrenbezeigung zu erweisen. Ja, auch die Knaben
httest du sehen sollen, die ihre Edelsteine und Perlen schon lngst
weggeworfen hatten. Beim Anblick der Edelsteine an den Filzkappen der
Gesandten riefen und stieen sie ihre Mtter an und sagten: Sieh doch,
Mutter, was fr ein groer Schelm da noch die Perlen und Edelsteinchen
trgt, als wenn er ein kleines Kind wre! Und die Mutter erwiderte
gleichfalls ganz ernsthaft: Sei still, mein Junge! Das wird einer von
den Narren der Gesandten sein. Andere wieder bemngelten die goldenen
Ketten: sie seien zu nichts zu brauchen, weil sie so dnn seien, da der
Sklave sie mit Leichtigkeit zerbrechen knne; anderseits wieder seien
sie so locker, da er sie, wenn er Lust habe, abschtteln und
ungehindert und frei ausreien knne, wohin er wolle.

Die Gesandten hatten sich erst ein paar Tage in Amaurotum aufgehalten
und schon eine Unmenge Gold in niedrigster Verwendung gesehen; auch
hatten sie gemerkt, da das Gold hier ebenso gering wie bei ihnen daheim
hochgeschtzt wurde; auerdem sahen sie in den Ketten und Fufesseln
eines einzigen Sklaven, der flchtig geworden war, mehr Gold und Silber
zusammen verarbeitet, als die gesamte Ausstattung der drei Gesandten
wert war. Da lieen sie die Flgel hngen und legten beschmt jenen
ganzen Aufputz ab, mit dem sie sich in so anmaender Weise gebrstet
hatten, vor allem aber, nachdem sie durch vertrautere Unterhaltung mit
den Utopiern ihre Sitten und Anschauungen kennengelernt hatten. Sind
doch diese ganz verwundert darber, wie einem Menschen das unsichere
Gefunkel eines drftigen Juwels oder Edelsteinchens berhaupt Freude
machen kann, whrend er irgendeinen Stern und schlielich die Sonne
selbst anschauen darf, und wie jemand so albern sein kann, da er sich
selber wegen eines Gewebes aus feinerer Wolle vornehmer dnkt, wenn
diese Wolle selbst, mag der Faden auch noch so fein sein, frher einmal
auf dem Rcken eines Schafes gesessen hat und inzwischen doch auch
nichts anderes als Wolle gewesen ist. Ebenso wundern sich die Utopier
darber, da das Gold, das seiner Natur nach so unntz ist, jetzt
berall in der Welt so hoch geschtzt wird, da der Mensch selbst, durch
den und vor allem zu dessen Nutzen es diesen Wert erlangt hat, viel
weniger gilt als das Gold selber, und zwar so viel weniger, da
irgendein Dmlack, geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie
dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener hat, allein deshalb,
weil er zufllig einen groen Haufen Goldstcke sein eigen nennt. Wenn
nun irgendeine Fgung des Geschicks oder ein Trick der Gesetze, der,
ebenso wie das Schicksal, das Unterste zu oberst kehrt, dieses Gold dem
Herrn des Hauses nimmt und es dem allerschlimmsten Taugenichts seines
Gesindes zukommen lt, so wrde jener ohne Zweifel bald darauf wie ein
Anhngsel und eine Zugabe seiner Mnzen unter die Dienerschaft seines
ehemaligen Dieners geraten. Und noch mehr ist man erstaunt, ja geradezu
emprt ber das unsinnige Gebaren der Leute, die jene Reichen, denen sie
nichts schuldig und denen sie nicht verpflichtet sind, aus keinem
anderen Grunde, als weil sie reich sind, wie Gtter anbeten, und zwar
auch dann, wenn sie ihren schmutzigen Geiz zu genau kennen, um nicht mit
tdlicher Sicherheit zu wissen, da sie bei deren Lebzeiten von dem
groen Geldhaufen auch nicht einen roten Heller bekommen.

Diese und andere derartige Ansichten der Utopier sind das Ergebnis teils
ihrer Erziehung in einem Staate, dessen Einrichtungen von den Torheiten
der geschilderten Art weit entfernt sind, teils ihrer Beschftigung mit
Wissenschaft und Literatur. Allerdings sind in jeder Stadt nur wenige
von den anderen Arbeiten befreit, um sich ausschlielich der Ausbildung
ihres Geistes zu widmen, nmlich diejenigen, bei denen man von Kind auf
hervorragende Anlagen, ausgezeichnete Begabung und Neigung zu
wissenschaftlicher Beschftigung beobachtet hat. Trotzdem aber genieen
alle Kinder Unterricht, und ein guter Teil des Volkes, Mnner und
Frauen, beschftigt sich das ganze Leben hindurch in den erwhnten
arbeitsfreien Stunden mit den Wissenschaften.

Der Unterricht wird in der Landessprache erteilt; sie verfgt nmlich
ber einen reichen Wortschatz, zeichnet sich durch Wohllaut aus und ist
wie keine andere zur Wiedergabe von Gedanken geeignet. In annhernd
derselben Art, jedoch berall auf verschiedene Weise etwas zu ihrem
Nachteil verndert, ist sie ber einen groen Strich jenes Erdteils
verbreitet.

Von allen unseren Philosophen, deren Namen in dieser uns bekannten Welt
berhmt sind, war den Utopiern vor unserer Ankunft auch nicht ein
einziger, nicht einmal gerchtweise, bekannt geworden; und doch haben
sie in Musik, Dialektik, Arithmetik und Geometrie etwa dieselben
Entdeckungen gemacht wie unsere alten Meister. Wenn sie aber auch die
Alten beinahe in allem erreicht haben, so sind sie allerdings hinter den
Erfindungen der modernen Dialektiker weit zurckgeblieben; sie haben
nmlich auch nicht eine einzige der in der Kleinen Logik so
scharfsinnig ausgedachten Regeln ber Restriktion, Amplifikation und
Supposition erfunden, die hierzulande allenthalben schon die Kinder
auswendig lernen. Wie sie ferner keineswegs den zweiten Intentionen
nachzuforschen vermochten, so war auch nicht einer von ihnen imstande,
den sogenannten Menschen berhaupt zu sehen, der doch, wie ihr wit,
ein wahrer Kolo und grer als jeder Riese ist und auf den wir damals
auch noch mit den Fingern gezeigt haben.

Dagegen kennen sie ganz genau den Lauf der Gestirne und die Bewegung der
Himmelskreise. Ja, sie haben sich auch Instrumente von verschiedener
Gestalt mit Kunst und Geschick ausgedacht, mit deren Hilfe sie die
Bewegungen und Stellungen der Sonne, des Mondes und ebenso der brigen
bei ihnen sichtbaren Gestirne aufs genaueste erfat haben. Aber von
Gunst und Migunst der Planeten und von jenem ganzen Schwindel der
Prophezeiung aus den Sternen lassen sie sich nicht einmal etwas trumen.
Regen, Wind und die brigen Wettervernderungen sagen sie aus gewissen
Anzeichen voraus, die sie aus langer Erfahrung kennen. ber die Ursachen
all dieser Erscheinungen aber, ber Ebbe und Flut sowie ber den
Salzgehalt des Meeres und schlielich ber den Ursprung und die Natur
des Himmels und der Erde lehren sie zum Teil dasselbe wie unsere alten
Philosophen. Wie diese aber schon untereinander verschiedener Meinung
sind, so stimmen auch die Utopier mit ihren neuen Erklrungen fr die
Naturerscheinungen mit ihnen allen zum Teil nicht berein, sind aber
auch untereinander nicht in jeder Beziehung derselben Ansicht.

In der Moralphilosophie behandeln die Utopier dieselben Fragen wie wir.
Sie stellen Errterungen an ber die Gter des Geistes und des Krpers
sowie ber die ueren Gter, ferner ob diese alle oder nur die Gaben
des Geistes als Gter bezeichnet werden drfen; auch untersuchen sie das
Wesen der Tugend und der Lust. Aber die erste und wichtigste aller
Streitfragen ist die, worin wohl die Glckseligkeit des Menschen
besteht, ob in _einem_ Dinge oder in mehreren. In diesem Punkte aber
neigen sie, wie es scheint, mehr als billig zu der Ansicht derer, die
fr das Vergngen eintreten, worin sie entweder das menschliche Glck
berhaupt oder doch wenigstens seinen wesentlichsten Bestandteil
erblicken. Und worber man sich noch mehr wundern mu, sie sttzen ihre
so sinnenfreudige Ansicht auch mit Beweisgrnden, die sie ihrer Religion
entnehmen, einer ernsten und strengen, ja fast dsteren und harten
Lehre. Wenn sie nmlich ber die Glckseligkeit verhandeln, so verbinden
sie stets gewisse Grundstze ihrer Religion mit der Philosophie, die mit
Vernunftgrnden arbeitet; denn ohne diese Grundstze ist die Vernunft
nach Ansicht der Utopier zu ungengend und zu schwach, um fr sich
allein die wahre Glckseligkeit zu erforschen.

Diese Grundstze sind folgende: Die Seele ist unsterblich und durch die
Gte Gottes zur Glckseligkeit geschaffen; fr unsere Tugenden und
guten Werke erwarten uns nach diesem Leben Belohnungen, fr unsere
Missetaten aber Strafen. Diese Anschauungen sind zwar religiser Natur,
aber nach Ansicht der Utopier fhrt schon die Vernunft dazu, an sie zu
glauben und sie zu billigen. Nach Beseitigung dieser Grundstze, so
erklren sie ohne jedes Bedenken, wird niemand so tricht sein zu
meinen, er drfe dem Vergngen nicht auf jede Weise, auf rechte und
unrechte, nachjagen. Nur msse man sich, so erklren sie weiter, davor
hten, ein greres Vergngen durch ein kleineres beeintrchtigen zu
lassen oder einem Vergngen mit schmerzhaften Rckwirkungen nachzugehen.
Denn den dornenvollen und beschwerlichen Pfad der Tugend zu wandeln und
dabei nicht blo auf des Lebens Annehmlichkeiten zu verzichten, sondern
auch den Schmerz freiwillig zu ertragen, und zwar ohne Aussicht auf
irgendwelchen Gewinn -- was knnte nmlich wohl auch der Gewinn sein,
wenn man nach dem Tode nichts erreichen soll, nachdem man dieses ganze
Leben freudlos, also jmmerlich, zugebracht hat? -- das ist in den Augen
der Utopier das Sinnloseste, was es geben kann. Nun liegt aber nach
ihrer Meinung das Glck nicht in jeder Art von Vergngen, sondern nur in
einem rechtschaffenen und ehrbaren; zu diesem nmlich, als zu dem
hchsten Gut, zieht, so sagen sie, die Tugend selbst unsere Natur hin,
whrend nach Ansicht der Gegenpartei einzig und allein die Tugend unser
Glck bedingt. Die Tugend besteht nmlich, wie die Utopier meinen, in
einem naturgemen Leben, sofern uns Gott dazu geschaffen hat;
naturgem aber lebt der, der in allem, was er begehrt und meidet, den
Geboten der Vernunft gehorcht. Die Vernunft entfacht ferner im Menschen
vor allem anderen die ehrfurchtsvolle Liebe zur gttlichen Majestt, und
dieser verdanken wir es ja, da wir sind und an der Glckseligkeit
teilnehmen drfen. Sodann mahnt uns die Tugend und regt uns dazu an, ein
mglichst sorgenfreies und frohes Leben zu fhren und allen unseren
Mitmenschen, entsprechend unserer natrlichen Gemeinschaft mit ihnen,
zur Erreichung des gleichen Zieles zu verhelfen. Denn noch nie ist
jemand ein so finsterer und strenger Anhnger der Tugend und
entschiedener Feind des Vergngens gewesen, da er von dir
Anstrengungen, Nachtwachen und Kasteiungen verlangte, ohne nicht
gleichzeitig dir aufzugeben, die Not und das Ungemach anderer nach
Krften zu lindern, und ohne es nicht im Namen der Menschlichkeit fr
lobenswert zu halten, da ein Mensch dem anderen Heil und Trost spendet.
Wenn nun die hchste Menschlichkeit darin besteht -- und keine Tugend
ist dem Menschen eigentmlicher--, den Kummer der Mitmenschen zu
lindern, ihre Traurigkeit zu beheben und in ihr Leben wieder die Freude,
das heit das Vergngen, zu bringen, wie sollte da nicht die Natur einen
jeden anspornen, die gleiche Wohltat auch sich selber zuteil werden zu
lassen? Denn entweder ist ein angenehmes, das heit dem Vergngen
gewidmetes Leben verwerflich, dann darfst du nicht blo niemandem zu
einem Vergngen verhelfen, sondern mut es sogar von allen nach
Mglichkeit fernhalten, da es ihnen ja schdlich ist und den Tod bringt.
Oder aber, wenn du anderen ein Vergngen als etwas Gutes nicht blo
verschaffen darfst, sondern sogar verschaffen sollst, warum dann nicht
vor allem dir selbst, dem du doch nicht weniger als anderen gewogen sein
solltest? Denn wenn die Natur dich zur Gte gegen andere mahnt, verlangt
sie doch nicht gleichzeitig von dir schonungslose Strenge gegen dich
selbst.

Ein angenehmes Leben also, das heit eben das Vergngen, sagen die
Utopier, stellt uns die Natur selbst gleichsam als Ziel aller unserer
Handlungen hin, und ein Leben nach ihrer Vorschrift ist in ihren Augen
Tugend. Die Natur aber ruft auch die Menschen auf, sich gegenseitig zu
einem Leben in grter Frhlichkeit zu verhelfen. Und das tut sie
sicherlich mit Fug und Recht; denn keiner ist so erhaben ber das
allgemeine Menschenschicksal, da die Natur fr ihn allein sorgen mte,
sie, die alle, die sie durch die Gleichheit der Gestalt zu einer
Gemeinschaft zusammenfat, in gleicher Weise hegt und pflegt. Und eben
darum heit sie dich auch immer wieder darauf achten, auf deinen eigenen
Vorteil nicht so bedacht zu sein, da du anderen dabei schadest.

Deshalb drfen auch nach Ansicht der Utopier nicht blo die Vertrge
zwischen Privatpersonen nicht verletzt werden, sondern auch die
ffentlichen Bestimmungen ber die Teilung der Lebensgter, das heit
der materiellen Grundlage des Vergngens, Bestimmungen, die entweder ein
guter Frst auf gesetzlichem Wege erlassen oder die ein Volk auf Grund
einer allgemeinen bereinkunft getroffen hat, ohne durch Tyrannei in
seiner Willensuerung beschrnkt oder durch Betrug umgarnt zu sein.
Ohne Verletzung dieser Gesetze fr dein persnliches Wohlergehen zu
sorgen, erfordert die Klugheit, auerdem das allgemeine Wohl im Auge zu
haben, das Pflichtgefhl; aber darauf auszugehen, einem anderen sein
Vergngen zu rauben, wofern man nur sein eigenes erjagt, das ist in der
Tat Unrecht. Sich selber dagegen etwas zu nehmen, um es anderen zu dem,
was sie haben, noch dazuzugeben, das eben ist eine Pflicht der
Menschlichkeit und Gte und bringt einem stets mehr Glck wieder ein,
als es einem nimmt. Denn die Wohltaten anderer vergelten als
Gegenleistung das gute Werk, und das bloe Bewutsein, etwas Gutes getan
zu haben, sowie die Erinnerung an die wohlwollende Liebe derer, denen
man Gutes getan hat, bereiten dem Herzen eine Freude, die grer ist,
als es jenes Vergngen des Krpers gewesen wre, auf das man verzichtet
hat. Und endlich vergilt Gott, wovon sich ein glubiges Gemt mit
Leichtigkeit aus der Religion berzeugt, ein kurzes und geringes
Vergngen dereinst mit unermelicher und ewig whrender Freude. So sind
denn die Utopier nach sorgfltiger Untersuchung und genauer Erwgung der
Sache zu der Ansicht gekommen, da alle unsere Handlungen, und darunter
auch die tugendhaften selbst, letzten Endes auf das Vergngen und damit
auf die Glckseligkeit abzielen.

Vergngen nennen die Utopier jede Bewegung und jeden Zustand des Krpers
und des Geistes, worin wir unter Anleitung der Natur mit Behagen
verweilen. Nicht ohne Grund fgen sie hinzu, da die Natur es so haben
will. Denn von Natur bereitet alles das Wohlbehagen, was man nicht auf
dem Wege des Unrechts begehrt oder wodurch nichts anderes Angenehmeres
verlorengeht oder was keine Mhe und Arbeit im Gefolge hat; und danach
verlangt nicht blo das sinnliche Begehren, sondern auch die gesunde
Vernunft. Anderseits aber gibt es Dinge, die die Menschen gegen die
Ordnung der Natur flschlich als angenehm bezeichnen, und zwar auf Grund
eines ganz trichten Sprachgebrauchs, gerade als ob wir es in der Hand
htten, mit den Worten auch die Dinge zu ndern. Alle diese Dinge sind
nach Ansicht der Utopier wertlos fr die Glckseligkeit, ja sogar ihr im
hchsten Grade hinderlich, und zwar deshalb, weil sie die ganze Seele
des Menschen, in der sie sich einmal festgesetzt haben, mit einer
verkehrten Meinung ber das Vergngen im voraus erfllen, um fr wahre
und reine Freuden nirgends Platz zu lassen. Es gibt nmlich sehr viele
Dinge, die zwar ihrer eigentlichen Natur nach durchaus nicht anziehend,
sondern im Gegenteil sogar meist recht unangenehm sind, die aber
trotzdem infolge der trichten Lockung ruchloser Begierden nicht blo
fr die hchsten Gensse gehalten, sondern auch sogar zu den wichtigsten
Angelegenheiten des Lebens gerechnet werden.

Zu denen, die den falschen Vergngen dieser Art nachgehen, zhlen die
Utopier diejenigen, die sich selber, wie frher erwhnt, um so besser
dnken, je besser sie angezogen sind; dabei irren sie sich in diesem
einen Punkte zweifach. Denn sie sind nicht weniger im Irrtum, wenn sie
ihren Anzug, als wenn sie sich selbst fr etwas Besseres halten. Warum
sollte nmlich im Hinblick auf die Brauchbarkeit der Kleidung ein Tuch
aus feinerem Gewebe besser sein als eins aus grberem? Und doch ist
jenen Leuten der Kamm geschwollen, als ob sie von Natur und nicht durch
einen bloen Irrtum etwas Besseres wren, und sie meinen, sie gewnnen
auch dadurch etwas an Wert. Deshalb beanspruchen sie auch, gleich als
sei das ihr gutes Recht, fr ihren eleganteren Anzug eine
Ehrenbezeigung, auf die sie in einfacherer Kleidung gar nicht wagen
wrden zu hoffen, und sind unwillig, wenn sie beim Vorbergehen nicht
weiter beachtet werden. Aber ist nicht gerade auch dieses Verlangen nach
eitlen und nutzlosen Ehrenbezeigungen ebenso unvernnftig? Denn wie kann
wohl der entblte Scheitel oder das gebeugte Knie eines anderen ein
natrliches und wahres Vergngen bereiten? Wird das vielleicht einen
Schmerz in deinen eigenen Knien heilen? Oder wird es das hitzige Fieber
in deinem eigenen Kopfe lindern? In der Vorstellung eines solchen
Scheinvergngens schmeicheln sie sich und klatschen sie sich Beifall,
weil sie zufllig von Vorfahren abstammen, von denen eine lange Reihe
fr reich gegolten hat -- einen anderen Adel gibt es ja heutzutage
nicht--, fr reich besonders an Landgtern, und sie dnken sich nicht
um ein Haar weniger vornehm, wenn ihnen auch ihre Vorfahren von ihrem
Reichtum nichts hinterlassen oder wenn sie ihr Erbe selber verprat
haben.

Zu den Leuten dieser Art rechnen die Utopier auch die schon erwhnten
Liebhaber von Gemmen und Edelsteinen, und sie kommen sich gewissermaen
wie Gtter vor, wenn sie einmal einen ausnehmend wertvollen Stein
erwerben, zumal wenn er von der zu ihrer Zeit und in ihrem Lande
besonders geschtzten Art ist; denn nicht berall und nicht zu jeder
Zeit behalten die gleichen Arten ihren Wert. Sie kaufen aber einen
Edelstein nur ohne Goldfassung und Umhllung, und auch dann nur, wenn
der Verkufer einen Eid und Brgschaft dafr leistet, da die Gemme und
der Juwel echt sind; solche Angst haben sie, da der Augenschein sie
tuschen knnte. Warum aber sollte dir, der du den Edelstein nur
betrachten willst, ein knstlicher weniger Vergngen machen, den dein
Auge von einem echten nicht zu unterscheiden vermag? Beide mten
eigentlich den gleichen Wert haben, fr dich, bei Gott, genau so wie fr
einen Blinden.

Was soll man ferner von denen sagen, die berflssige Schtze
aufbewahren, nicht um sich ber die Verwendung des Haufens Geld, sondern
nur ber seinen Anblick zu freuen? Genieen sie etwa eine echte Freude,
oder narrt sie nicht vielmehr nur ein Scheinvergngen? Oder wie steht es
mit denen, die den entgegengesetzten Fehler begehen und das Gold, das
sie niemals verwenden, ja vielleicht auch niemals wieder zu Gesicht
bekommen werden, vergraben und aus Angst vor seinem Verlust es wirklich
verlieren? Denn verlierst du dein Gold nicht, wenn du es der Verwendung
durch dich selbst und vielleicht durch die Menschen berhaupt entziehst
und der Erde zurckgibst? Und doch bist du ausgelassen froh darber, da
du deinen Schatz versteckt hast, als brauchtest du nun keine Sorge mehr
zu haben. Sollte dir aber jemand den Schatz stehlen, ohne da du etwas
von diesem Diebstahl merkst, und solltest du zehn Jahre danach sterben,
was macht es dir da in dem ganzen Zeitraum von zehn Jahren, um den du
den Verlust deines Geldes berlebt hast, aus, ob es gestohlen oder noch
vorhanden war? Sicherlich hast du in beiden Fllen den gleichen Nutzen
davon gehabt.

Zu diesen so unpassenden Freuden rechnen die Utopier auch die der
Glcksspieler, deren unsinniges Gebaren ihnen nur vom Hrensagen, nicht
aus Erfahrung bekannt ist, und auerdem die der Jger und Vogelsteller.
Denn was ist das fr ein Vergngen, so sagen sie, die Wrfel auf das
Spielbrett zu werfen? Und dabei tut man das so oft, da schon aus der
hufigen Wiederholung ein berdru entstehen knnte, wenn wirklich ein
Vergngen damit verbunden wre. Oder wie knnte es angenehm sein und
nicht vielmehr Widerwillen erregen, das Gebell und Geheul der Hunde zu
hren? Oder inwiefern macht es mehr Vergngen, wenn ein Hund einem Hasen
als wenn er einem anderen Hunde nachjagt? Denn in beiden Fllen handelt
es sich doch um den gleichen Vorgang: es wird gelaufen -- wenn dir das
Laufen Freude machen sollte. Wenn dich aber die Aussicht auf Mord
fesselt oder wenn du auf die Zerfleischung wartest, die sich vor deinen
Augen abspielen soll, so mte es doch eher dein Mitleid erregen, wenn
du mit ansehen mut, wie das arme Hslein von dem Hunde zerrissen wird,
der Schwache von dem Strkeren, der Scheue und Furchtsame von dem
Wilden, der Harmlose schlielich von dem Grausamen. Die Utopier haben
deshalb dieses ganze Geschft des Jagens als eine der Freien unwrdige
Beschftigung den Metzgern zugewiesen, deren Handwerk sie, wie oben
erwhnt, von Sklaven ausben lassen. Ihrer Anschauung nach ist nmlich
die Jagd die niedrigste Verrichtung dieses Handwerks, die brigen sind
in ihren Augen ntzlicher und ehrbarer, weil sie die Tiere weit mehr
schonen und nur aus Notwendigkeit tten, whrend der Jger einzig und
allein im Morden und Zerfleischen des armen Tieres sein Vergngen sucht.
Dieses Lustgefhl beim Anblick des Mordens hat nach Ansicht der Utopier
sogar beim Morden der Tiere seinen Ursprung in einer grausamen
Gemtsstimmung oder artet schlielich infolge stndiger Wiederholung des
so rohen Vergngens in Grausamkeit aus. Diese und alle sonstigen Gensse
derart -- es gibt nmlich deren unzhlige -- hlt zwar die groe Masse
der Menschen fr Vergngen, die Utopier dagegen erklren rund heraus,
mit dem wahren Vergngen habe das alles gar nichts zu tun, da ihm von
Natur alles Erfreuliche fehle. Denn wenn es auch fr gewhnlich den Sinn
mit Wohlbehagen erfllt, was ja die Aufgabe des Vergngens zu sein
scheint, so gehen die Utopier doch nicht von ihrer Meinung ab. Der Grund
dafr ist nmlich nicht die Natur der Sache selbst, sondern die ble
Gewohnheit der Menschen. Sie ist schuld daran, da man Bitteres als s
hinnimmt, genau so wie schwangere Frauen, deren Geschmack gestrt ist,
Pech und Talg fr ser als Honig halten. Aber das Urteil eines
einzelnen, das durch Krankheit oder Gewhnung getrbt ist, kann die
Natur nicht ndern, die des Vergngens ebensowenig wie die anderer
Dinge.

Von den nach ihrer Ansicht echten Vergngen unterscheiden die Utopier
verschiedene Arten, und zwar weisen sie die einen der Seele und die
anderen dem Leibe zu. Zu den Vergngen der Seele zhlen sie die geistige
Bettigung sowie das Wohlbehagen, das die Betrachtung der Wahrheit
hervorruft. Dazu kommt das angenehme Bewutsein eines untadeligen
Lebenswandels und die sichere Hoffnung auf die Glckseligkeit nach dem
Tode. Die krperliche Lust zerfllt in zwei Arten. Die erste ist die,
die unsere Sinne mit einem deutlichen Wohlbehagen erfllt. Das geschieht
zum Teil durch die Erneuerung derjenigen Bestandteile unseres Krpers,
die durch die Wrmeerzeugung in unserem Inneren verbraucht sind -- diese
fhrt uns nmlich Essen und Trinken wieder zu--, zum Teil auch durch
Ausscheidung der in unserem Krper berflssigen Stoffe. Das wird
erreicht durch Reinigung der Eingeweide von den Exkrementen oder durch
Zeugung von Kindern oder wenn das Jucken eines Krperteils durch Reiben
oder Kratzen gelindert wird. Bisweilen aber entsteht auch ein Vergngen,
das unserem Krper weder etwas zufhrt, wonach die Organe verlangen,
noch diese von etwas Lstigem befreit. Es ist aber eine Lustempfindung,
die unsere Sinne trotzdem mit einer Art geheimer Gewalt, aber in einer
deutlich sichtbaren Erregung zu kitzeln, anzuregen und an sich zu ziehen
vermag; ein solches Vergngen bereitet die Musik. Die zweite Art des
krperlichen Vergngens erblicken die Utopier in einem ruhigen und
gleichmigen Zustand des Krpers, das heit also in der durch keinerlei
Unbehagen gestrten Gesundheit des einzelnen. Diese ruft ja, falls kein
Schmerz sie beeintrchtigt, schon an und fr sich Wohlbehagen hervor,
selbst wenn keine von auen kommende Lust auf den Krper einwirken
sollte. Zwar tritt sie weniger hervor und reizt die Sinne weniger als
jene ungestme Lust an Essen und Trinken; nichtsdestoweniger jedoch
gilt sie vielen in Utopien als das grte, fast allen aber als ein
groes Vergngen und gleichsam als die Grundlage und der Grundstein
aller Vergngen. Denn sie allein macht unser Leben ruhig und lebenswert,
und ohne sie ist bei keinem und nirgends noch Raum fr irgendein
Vergngen. Denn auch wenn man gar keine Schmerzen hat, dabei aber nicht
gesund ist, so ist doch dieser Zustand in den Augen der Utopier kein
Vergngen, sondern Stumpfheit. Schon lngst gilt bei ihnen die Lehre der
Philosophen nicht mehr, die da meinten, man drfe eine bestndige und
ungestrte Gesundheit deshalb nicht fr ein Vergngen halten, weil das
Vorhandensein eines solchen nur infolge einer Erregung von auen her zu
merken sei; auch diese Frage ist nmlich eifrig bei den Utopiern
errtert worden. Vielmehr sind sie jetzt im Gegenteil fast alle darin
einig, da die Gesundheit sogar ganz besonders als ein Vergngen
anzusehen ist. Da nmlich mit der Krankheit, so sagen sie, der Schmerz
verbunden ist, der der unvershnliche Feind des Vergngens ist, ebenso
wie die Krankheit der Feind der Gesundheit, warum sollte dann nicht
anderseits mit einer ungestrten Gesundheit das Vergngen verbunden
sein? Dabei ist es nach ihrer Ansicht ohne Belang, ob man die Krankheit
selber als Schmerz oder den Schmerz nur als Begleiterscheinung der
Krankheit bezeichnet; die Wirkung sei ja in beiden Fllen gleich stark.
Mag nun die Gesundheit entweder ein Vergngen an und fr sich oder nur
seine notwendige Ursache sein, wie das Feuer die Ursache der Hitze ist,
ohne Zweifel ist die Wirkung in beiden Fllen die, da ein Mensch, der
sich einer eisernen Gesundheit erfreut, ein Vergngen empfinden mu.
Auerdem, so sagen sie, wenn wir essen, was geschieht da anderes, als
da die Gesundheit, die allmhlich erschttert worden war, im Bunde mit
der Speise gegen den Hunger ankmpft? Whrend der betreffende Mensch
selbst dabei wieder erstarkt und seine gewohnte Kraft wiedererlangt,
bereitet ihm die Gesundheit jenes Vergngen, das uns so erquickt. Wird
nun aber die Gesundheit, die sich schon whrend des Kampfes freut, nicht
erst recht froh sein, wenn sie den Sieg errungen hat? Ist sie endlich
wieder glcklich im Besitze ihrer alten Strke, um die allein sie den
ganzen Kampf gefhrt hat, wird sie dann etwa gefhllos werden und ihr
Glck nicht erkennen und keinen groen Wert darauf legen? Da man
nmlich sagt, man knne die Gesundheit nicht empfinden, ist nach Meinung
der Utopier ganz falsch. Wer empfindet denn nicht, so sagen sie, wenn er
nicht gerade schlft, da er gesund ist, auer dem, der es eben nicht
ist? Wer liegt in so festen Banden des Stumpfsinns oder der Lethargie,
da er nicht zugeben sollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und
Genu? Was ist aber Genu anderes als eine andere Bezeichnung fr
Vergngen?

Nach alledem schtzen die Utopier besonders die geistigen Vergngen; sie
halten sie nmlich fr die ersten und wesentlichsten von allen, und in
der Hauptsache entstehen sie nach ihrer Meinung aus der bung der Tugend
und dem Bewutsein eines rechtschaffenen Lebenswandels. Unter den
krperlichen Vergngen stellen sie die Gesundheit an erste Stelle; denn
die Annehmlichkeit des Essens und Trinkens und alle anderen
Ergtzlichkeiten der Art betrachten sie zwar als erstrebenswert, aber
nur um der Gesundheit willen. Solcherlei nmlich sei nicht an und fr
sich erfreulich, sondern nur insofern, als es einer sich heimlich
einschleichenden Krankheit entgegenwirke. Wie deshalb der Verstndige
eher Krankheiten vorbeugen als nach Arznei verlangen und lieber die
Schmerzen beseitigen als zu Trostmitteln greifen msse, so sei es
besser, man habe diese Art Vergngen gar nicht ntig, als da man darin
ein Linderungsmittel erblicke. Sollte wirklich jemand in dieser Art
Vergngen sein Glck sehen, so msse er notwendig zugeben, er werde dann
erst am glcklichsten sein, wenn ihm ein Leben in bestndigem Hunger,
Durst, Jucken, Essen, Trinken, Kratzen und Reiben beschieden sei. Da
ein solches Leben aber nicht blo hlich, sondern auch jmmerlich wre,
sieht jeder ein. Diese Gensse sind in der Tat die niedrigsten, weil sie
keineswegs reiner Natur sind; denn immer sind sie von den
entgegengesetzten Schmerzen begleitet. So ist mit dem Genu des Essens
der Hunger verbunden, und zwar in einem recht ungleichen Verhltnis.
Denn der Schmerz ist nicht nur heftiger, sondern hlt auch lnger an, da
er ja eher als das Vergngen entsteht und erst zusammen mit ihm vergeht.

Vergngen dieser Art also sind nach Ansicht der Utopier nicht zu
schtzen, soweit sie nicht zum Leben notwendig sind. Doch haben sie auch
an ihnen ihre Freude und erkennen dankbar die Liebe der Mutter Natur an,
die ihre Kinder mit den verlockendsten Lustgefhlen zu den fr sie immer
wieder lebensnotwendigen Verrichtungen anspornt. Wie wrde uns nmlich
unser Leben anekeln, wenn wir ebenso wie die brigen Krankheiten, die
uns seltener befallen, auch diese tglichen Erkrankungen an Hunger und
Durst durch Gifte und bittere Arzneien bekmpfen mten! Was dagegen
Schnheit, Strke und Gewandtheit anlangt, so hegen und pflegen die
Utopier sie mit Vorliebe als eigentliche und willkommene Gaben der
Natur. Als eine Art angenehme Wrze des Lebens schtzen sie auch
diejenigen Gensse, die uns Auge, Ohr und Nase vermitteln und die die
Natur ausschlielich fr den Menschen, und zwar in besonderer Weise,
geschaffen hat; denn keine andere Gattung von Lebewesen hat ein Auge fr
die Schnheit des Weltgebudes oder wird irgendwie von Wohlgerchen
angenehm berhrt, soweit sie nicht ihre Nahrung danach unterscheiden,
oder hat ein Gehr fr die verschiedenen Abstnde harmonischer und
dissonierender Tne. Bei allen diesen Genssen aber sehen die Utopier
darauf, da nicht ein kleinerer einem greren im Wege ist und da
niemals ein Vergngen den Schmerz im Gefolge hat, was, wie sie meinen,
notwendig bei einem nicht ehrbaren Vergngen der Fall ist. Den Reiz der
Schnheit dagegen zu verachten, die Krfte zu schwchen, die
Beweglichkeit zu Trgheit werden zu lassen, seinen Krper durch Fasten
zu erschpfen, seiner Gesundheit Gewalt anzutun und auch sonst von den
Lockungen der Natur nichts wissen zu wollen, es sei denn, da man sein
Glck nur deshalb nicht wahrnimmt, um desto eifriger fr das Wohl seiner
Mitmenschen oder fr das des Staates besorgt zu sein -- eine Mhe, fr
die man als Entschdigung eine grere Freude von Gott erwartet--,
aber sich zu kasteien, ohne jemandem zu ntzen, sondern lediglich um
eines nichtigen Schattens von Tugend willen oder um Migeschick, das
einem aber vielleicht niemals widerfhrt, leichter zu ertragen: das ist,
so meinen die Utopier, ganz widersinnig, eine Grausamkeit gegen sich
selbst und der bitterste Undank gegen die Natur; denn dadurch verzichtet
man auf alle ihre Wohltaten, gleich als ob man es verschmhte, ihr
irgendwie zu Dank verpflichtet zu sein.

Das ist die Ansicht der Utopier ber die Tugend und das Vergngen, und,
wie sie glauben, kann man keine finden, mit der menschliche Vernunft der
Wahrheit nher kommt, es mte denn sein, da eine vom Himmel gesandte
Religion einem Menschen noch frmmere Gedanken eingibt. Ob sie damit
recht oder unrecht haben, knnen wir aus Mangel an Zeit nicht genau
untersuchen, auch ist das gar nicht ntig; denn wir haben es ja nur
unternommen, von ihren Einrichtungen zu erzhlen, nicht aber diese in
Schutz zu nehmen. Wie es sich aber auch mit den angefhrten Grundstzen
der Utopier verhalten mag, davon bin ich fest berzeugt: nirgends ist
das Volk tchtiger, und nirgends ist der Staat glcklicher als in
Utopien.

Die Utopier sind krperlich gewandt und rstig; auch besitzen sie mehr
Krfte, als ihre Statur erwarten lt; doch ist diese nicht
unansehnlich. Der Boden ist zwar nicht berall fruchtbar und das Klima
nicht besonders gesund, aber sie hrten sich gegen die Witterung durch
eine mige Lebensweise so sehr ab und verbessern die Beschaffenheit des
zu bestellenden Landes mit solchem Eifer, da nirgends in der Welt der
Ertrag an Feldfrucht und Vieh reicher ist und nirgends die Menschen
langlebiger und widerstandsfhiger gegen Krankheiten sind. Deshalb kann
man in Utopien die Landleute nicht nur die blichen Arbeiten verrichten
sehen, wie sie die von Natur geringere Fruchtbarkeit des Bodens durch
Kunst und Flei steigern, sondern man kann auch beobachten, wie irgendwo
ein Wald vollstndig ausgerodet und anderswo wieder angepflanzt wird.
Dabei gibt nicht die Rcksicht auf den Ertrag, sondern auf den Transport
den Ausschlag; das Holz soll sich nmlich in grerer Nhe des Meeres
oder der Flsse oder der Stdte selbst befinden, weil sein Transport von
weither auf dem Landwege beschwerlicher ist als der des Getreides. Die
Utopier sind ein gewandtes, witziges und kunstfertiges Volk. Es geniet
gern seine Mue, besitzt aber auch ntigenfalls gengend Ausdauer in
krperlicher Arbeit. Sonst ist es in der Tat keineswegs arbeitswtig,
doch kennt es keine Ermdung, wenn es sich um geistige Interessen
handelt.

Als wir den Utopiern von der griechischen Literatur und Wissenschaft
erzhlten -- ber die Lateiner sprachen wir nicht, weil von ihnen, wie
wir meinten, hchstens die Historiker und Dichter ihren lebhaften
Beifall finden wrden--, staunten wir, mit welchem Eifer sie darauf
bestanden, unter unserer Anleitung Griechisch grndlich lernen zu
drfen. So begannen wir denn mit dem Unterricht, anfangs mehr deshalb,
um nicht den Anschein zu erwecken, als wollten wir uns nicht der Mhe
unterziehen, als weil wir mit irgendeinem Erfolg gerechnet htten.
Sobald wir aber ein kleines Stck vorangekommen waren, lie uns ihr
Flei erkennen, da wir unseren Eifer nicht umsonst aufwenden wrden;
denn die Utopier begannen, die Buchstaben so mhelos nachzuschreiben,
die Worte so gelufig auszusprechen, so schnell sich einzuprgen und so
getreu zu wiederholen, da es uns wie ein Wunder vorkam. Allerdings
gehrten die Leute, die nicht blo aus freien Stcken und aus
Begeisterung, sondern auch auf Grund einer Verfgung des Senats das
Studium des Griechischen begannen, zu den erlesensten Geistern der
Gebildeten und standen in reifem Alter. Und so hatten sie denn noch vor
Ablauf von drei Jahren in ihrer sprachlichen Ausbildung keine Lcken
mehr und konnten gute Schriftsteller, abgesehen von Schwierigkeiten
infolge einer fehlerhaften Textstelle, ohne Ansto lesen und verstehen.
Wie ich wenigstens vermute, eigneten sie sich die Kenntnis der
griechischen Sprache auch wegen ihrer teilweisen Verwandtschaft mit der
Landessprache leichter an. Ich nehme nmlich an, die Utopier stammen von
den Griechen ab; denn in ihrer fast persisch klingenden Sprache haben
sich noch in den Orts- und Amtsnamen Spuren des Griechischen erhalten.

Im Begriff, meine vierte Seereise nach Utopien anzutreten, nahm ich an
Stelle von Waren einen ziemlich groen Packen Bcher mit an Bord, weil
ich fest entschlossen war, lieber gar nicht statt nach kurzer Zeit schon
heimzukehren. So besitzen denn die Utopier folgendes von mir: die
meisten Werke Platos, mehrere Schriften des Aristoteles, sodann
Theophrasts Buch ber die Pflanzen, das aber leider an mehreren Stellen
lckenhaft ist. Whrend der Seefahrt hatte ich nmlich auf das Buch
weniger Obacht gegeben, und so hatte sich eine Meerkatze seiner
bemchtigt und, ausgelassen und spielig, hier und da ein paar Bltter
herausgerissen und zerfetzt. Von den Grammatikern haben sie nur den
Lascaris; den Theodorus habe ich nmlich gar nicht mitgenommen, ebenso
kein Wrterbuch, auer Hesych und Dioscorides. Plutarchs kleine
Schriften haben sie sehr gern, und auch Lucians Witz und Anmut fesseln
sie. Von den Dichtern besitzen sie Aristophanes, Homer und Euripides,
ferner Sophocles in den kleinen Typen des Aldus, von den Historikern
Thucydides, Herodot sowie Herodian. Sogar aus dem Gebiet der Medizin
hatte mein Reisegefhrte Tricius Apinatus etwas mitgebracht, nmlich
einige kleine Schriften des Hippocrates und die Mikrotechne Galens.
Gerade auf diese beiden Bcher legen die Utopier groen Wert; denn wenn
sie die Heilkunde auch wohl weniger als alle anderen Vlker brauchen, so
steht sie doch nirgends in grerer Achtung, und zwar schon deshalb,
weil man in Utopien ihre Kenntnis zu den schnsten und ntzlichsten
Teilen der Philosophie rechnet. Mit ihrer Hilfe erforscht man nmlich
die Geheimnisse der Natur, und man glaubt, nicht blo einen wunderbaren
Genu davon zu haben, sondern auch die hchste Gunst des Schpfers und
Werkmeisters der Natur zu gewinnen. Man ist ja der Meinung, er habe nach
Art der brigen Knstler den sehenswerten Mechanismus dieser Welt fr
den Menschen zur Betrachtung ausgestellt und ihn allein in seinem
Inneren fr eine so gewaltige Schpfung aufnahmefhig gemacht, und
deshalb sei ihm ein wibegieriger und achtsamer Betrachter und
Bewunderer seines Werkes lieber als einer, der ein so erhabenes und
wundervolles Schauspiel stumpf und unerschttert nicht beachtet.

So sind denn die Utopier infolge ihrer wissenschaftlichen Ausbildung
erstaunlich begabt fr technische Erfindungen, die etwas dazu beitragen,
das Leben angenehm und bequem zu machen. Zwei Erfindungen jedoch
verdanken sie uns, die Buchdruckerkunst und die Herstellung des Papiers,
aber doch nicht uns allein, sondern zu einem guten Teile auch sich
selber. Als wir ihnen nmlich die Bcher zeigten, die Aldus auf Papier
gedruckt hatte, und ihnen von dem zur Papierfabrikation notwendigen
Material und von den Druckverfahren mehr blo etwas erzhlten, statt
ihnen die Sache zu erklren -- keiner von uns besa nmlich in einer der
beiden Knste praktische Erfahrung--, errieten sie sogleich uerst
scharfsinnig das Verfahren, und, whrend sie bis dahin nur auf Huten,
Rinde und Papyrusbast schrieben, versuchten sie nunmehr sofort, Papier
herzustellen und zu drucken. Im Anfang wollte es ihnen nicht so recht
gelingen, aber durch hufigere Versuche kamen sie bald dahinter und
brachten es dann in beiden Knsten so weit, da es keinen Mangel an
Exemplaren griechischer Autoren geben knnte, wenn anders Handschriften
vorhanden wren. Zur Zeit aber steht den Utopiern nichts weiter zur
Verfgung, als was ich erwhnt habe; das aber haben sie bereits in
vielen tausend Exemplaren durch den Druck vervielfltigt.

Wer aus Schaulust nach Utopien kommt, wird mit offenen Armen
aufgenommen, wenn er sich durch eine besondere Begabung oder durch
Kenntnis vieler Lnder auszeichnet, die er sich auf langen Reisen im
Ausland erworben hat, und wenn sich seine Aufnahme dadurch empfiehlt.
Aus diesem Grunde war den Utopiern auch unsere Landung willkommen; denn
sie hren gern von dem Geschehen berall in der Welt. Zu Handelszwecken
dagegen kommen Fremde nicht gerade hufig hin. Was sollte man denn auch
dort einfhren auer Eisen oder Gold und Silber, das aber jeder doch
lieber mit heimbringen mchte? Was sie aber aus ihrem eigenen Lande
auszufhren haben, das verschiffen sie auf Grund reiflicher berlegung
lieber selber, als da sie es von anderen holen lassen, einmal, um die
Vlker des Auslands ringsum genauer kennenzulernen, und sodann, um nicht
ihrer nautischen bung und Erfahrung verlustig zu gehen.


Die Sklaven

Als Sklaven verwenden die Utopier weder Kriegsgefangene, auer wenn sie
selber den Krieg gefhrt haben, noch Shne von Sklaven noch schlielich
jemanden, den sie bei anderen Vlkern als Sklaven kaufen knnen. Ihre
Sklaven sind vielmehr Mitbrger, die wegen eines Verbrechens zu Sklaven
gemacht, oder, was weit hufiger der Fall ist, Leute, die in Stdten des
Auslands wegen irgendeiner Missetat zum Tode verurteilt wurden. Von
letzteren holen sich die Utopier einen groen Teil ins Land; bisweilen
zahlen sie fr sie nur einen geringen Preis, noch fter auch gar nichts.
Diese beiden Arten von Sklaven mssen nicht nur dauernd arbeiten,
sondern auch Fesseln tragen. Ihre eigenen Landsleute aber behandeln die
Utopier noch hrter; denn sie sind in ihren Augen deshalb noch
verworfener und verdienen deshalb noch schwerere Strafen, weil sie sich
trotz der vortrefflichen Anleitung zur Tugend, die sie durch eine
ausgezeichnete Erziehung gehabt haben, dennoch nicht von einem
Verbrechen haben abhalten lassen.

Eine andere Klasse von Sklaven bilden diejenigen, die es als arbeitsame
und arme Tagelhner eines fremden Volkes vorziehen, aus freien Stcken
bei den Utopiern Sklavendienste zu leisten. Diese behandeln sie
anstndig und nicht viel weniger gut als ihre Mitbrger; nur haben sie
ein klein wenig mehr Arbeit zu leisten, da sie ja daran gewhnt sind.
Will einer von ihnen wieder fort, was aber nur selten der Fall ist, so
hlt man ihn weder wider seinen Willen zurck, noch lt man ihn ohne
irgendein Geschenk ziehen.

Die Kranken pflegt man, wie erwhnt, mit groer Liebe, und man tut
unbedingt alles, um sie durch eine gewissenhafte Behandlung mit Arznei
oder Dit wieder gesund zu machen. Sogar die, die an unheilbaren
Krankheiten leiden, sucht man zu trsten, indem man sich zu ihnen setzt,
sich mit ihnen unterhlt und ihnen schlielich alle mglichen
Erleichterungen schafft. Ist jedoch die Krankheit nicht blo unheilbar,
sondern qult und martert sie den Patienten auch noch dauernd, dann
stellen ihm die Priester und obrigkeitlichen Personen vor, er sei allen
Ansprchen, die das Leben an ihn stelle, nicht mehr gewachsen, falle
anderen nur zur Last und berlebe, sich selber zur Qual, bereits seinen
eigenen Tod. Er solle deshalb nicht darauf bestehen, seiner Krankheit
noch lnger Gelegenheit zu geben, ihn zu verzehren; er mge vielmehr
ohne Zgern seinem Leben ein Ende machen, da es ja fr ihn nur noch eine
Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen
Leben wie von einem Kerker oder einer qulenden Sorge entweder selbst
frei machen oder sich mit seinem Einverstndnis von anderen seiner Pein
entreien lassen. Das werde klug sein, da er durch seinen Tod nicht das
Glck, sondern nur die Qual seines Lebens vorzeitig beende; zugleich
aber werde er ein frommes und heiliges Werk vollbringen, da er ja in
diesem Falle nur den Rat der Priester, der Deuter des gttlichen
Willens, befolge. Wer sich nun dadurch berreden lt, stirbt entweder
freiwillig den Hungertod oder lt sich betuben und wird so ohne eine
Todesempfindung erlst. Gegen seinen Willen aber bringen die Utopier
niemanden ums Leben; auch lassen sie es keinem trotz seiner Weigerung,
freiwillig aus dem Leben zu scheiden, an irgendeinem Liebesdienst
fehlen. Sich berreden zu lassen und so zu sterben, gilt als ehrenvoll.
Wer sich aber das Leben nimmt aus einem Grunde, den Priester und Senat
nicht billigen, den hlt man weder der Beerdigung noch der Verbrennung
fr wrdig; zu seiner Schande lt man ihn unbestattet und wirft ihn in
irgendeinen Sumpf.

Das Weib heiratet nicht vor dem 18., der Mann aber erst nach erflltem
22. Lebensjahre. Wenn ein Mann oder ein Weib vor der Ehe geheimen
Geschlechtsverkehrs berfhrt wird, so trifft ihn oder sie strenge
Strafe, und beide drfen berhaupt nicht heiraten, es sei denn, da der
Brgermeister Gnade fr Recht ergehen lt. Aber auch der Hausvater und
die Hausmutter, in deren Hause die Schandtat begangen wurde, sind in
hohem Mae bler Nachrede ausgesetzt, da sie, wie man meint, ihre
Pflicht nicht gewissenhaft genug erfllt haben. Die Utopier ahnden
dieses Vergehen deshalb so streng, weil sich, wie sie voraussehen, nur
selten zwei Leute zu ehelicher Gemeinschaft vereinigen wrden, wenn man
den zgellosen Geschlechtsverkehr nicht energisch unterbnde; denn in
der Ehe mu man sein ganzes Leben mit nur einer Person zusammen
verbringen und auerdem so mancherlei Beschwernis geduldig mit in Kauf
nehmen.

Ferner beobachten sie bei der Auswahl der Ehegatten mit Ernst und
Strenge einen Brauch, der uns jedoch hchst unschicklich und beraus
lcherlich vorkam. Eine gesetzte, ehrbare Matrone zeigt nmlich dem
Freier das Weib, sei es ein Mdchen oder eine Witwe, nackt; und ebenso
zeigt anderseits ein sittsamer Mann den Freier nackt dem Mdchen. Diese
Sitte fanden wir lcherlich, und wir tadelten sie als anstig; die
Utopier dagegen konnten sich nicht genug ber die auffallende Torheit
all der anderen Vlker wundern. Wenn dort, so sagten sie, jemand ein
Fllen kauft, wobei es sich nur um einige wenige Geldstcke handelt, ist
er so vorsichtig, da er sich trotz der fast vlligen Nacktheit des
Tieres nicht eher zum Kaufe entschliet, als bis der Sattel und alle
Reitdecken abgenommen sind; denn unter diesen Hllen knnte ja
irgendeine schadhafte Stelle verborgen sein. Gilt es aber, eine Ehefrau
auszuwhlen, eine Angelegenheit, die Genu oder Ekel frs ganze Leben
zur Folge hat, so geht man mit solcher Nachlssigkeit zu Werke, da man
das ganze Weib kaum nach einer Handbreit seines Krpers beurteilt. Man
sieht sich nichts weiter als das Gesicht an -- der brige Krper ist ja
von der Kleidung verhllt--, und so bindet man sich an die Frau und
setzt sich dabei der groen Gefahr aus, da der Ehebund keinen rechten
Halt hat, wenn spter etwas Ansto erregen sollte. Denn einerseits sind
nicht alle Mnner so klug, nur auf den Charakter zu sehen, anderseits
aber ist auch in den Ehen kluger Mnner Schnheit des Krpers eine nicht
unwesentliche Zugabe zu den Vorzgen des Geistes. Auf jeden Fall aber
knnen jene Kleiderhllen eine Hlichkeit verbergen, die so abstoend
wirkt, da sie imstande ist, Herz und Sinn eines Mannes seiner Frau
vllig zu entfremden, da eine krperliche Trennung nicht mehr mglich
ist. Wenn nun solch ein hliches Aussehen die Folge irgendeines
Unglcksfalles erst nach der Heirat ist, so mu sich jedes in sein
Schicksal fgen; dagegen ist durch gesetzliche Bestimmungen zu verhten,
da jemand vor der Eheschlieung einer Tuschung zum Opfer fllt. Die
Utopier muten das um so angelegentlicher ihre Sorge sein lassen, weil
sie allein von den Vlkern jener Himmelstriche sich mit nur einer Gattin
begngen und weil eine Ehe dort nur selten anders als durch den Tod
gelst wird, wenn nicht gerade Ehebruch oder unertrglich schlechte
Auffhrung die Scheidung veranlassen. Wird nmlich einer von beiden
Teilen auf diese Weise beleidigt, so erhlt er vom Senat die Erlaubnis
zu einer neuen Ehe; der schuldige Teil dagegen lebt ehrlos bis an sein
Ende und darf keine neue Ehe eingehen. Da aber jemand seine Frau, die
nichts verbrochen hat, wider ihren Willen nur deshalb verstt, weil sie
einen krperlichen Unfall erlitten hat, duldet man allerdings auf keinen
Fall; denn man hlt es fr eine Grausamkeit, jemanden gerade dann im
Stiche zu lassen, wenn er des Trostes am meisten bedarf, und man ist der
Meinung, der alternde Gatte werde dann nicht mehr sicher und fest darauf
vertrauen knnen, da ihm die eheliche Treue gehalten wird, da das Alter
Krankheiten mit sich bringt und schon an und fr sich eine Krankheit
ist. Zuweilen jedoch kommt es vor, da die Ehegatten charakterlich nicht
recht miteinander harmonieren. Wenn dann beide jemand anders finden, mit
dem sie glcklicher zu leben hoffen, so trennen sie sich in gtlicher
Vereinbarung und gehen eine neue Ehe ein, allerdings nicht ohne
Genehmigung des Senats, der Scheidungen erst nach sorgfltiger
Untersuchung der Sache durch seine Mitglieder und deren Ehefrauen
zult. Aber auch dann machen die Senatoren die Scheidung nicht leicht,
weil sie wissen, da die Aussicht, ohne Schwierigkeit eine neue Ehe
eingehen zu knnen, keineswegs dazu dient, die Liebe der Ehegatten zu
festigen.

Ehebrecher bestraft man mit uerst harter Sklaverei. Waren beide Teile
verheiratet, so knnen die Gatten, denen das Unrecht widerfhrt, ihre
schuldigen Ehepartner verstoen und, wenn sie Lust haben, sich
gegenseitig oder, wen sie sonst wollen, heiraten. Wenn dagegen der eine
beleidigte Teil den anderen noch weiter liebt, obgleich er es so wenig
verdient, so kann die Ehe gesetzlich fortbestehen, falls der beleidigte
Teil gewillt ist, dem zur Zwangsarbeit verurteilten in die Sklaverei zu
folgen. Bisweilen erregen auch die Reue des einen und die pflichteifrige
Zuneigung des anderen Teiles das Mitleid des Brgermeisters, so da er
dem schuldigen Gatten wieder die Freiheit erwirkt. Wer aber dann
rckfllig wird, mu mit dem Leben ben.

Fr die brigen Verbrechen sieht das Gesetz keine bestimmten Strafen
vor, sondern der Senat setzt in jedem Falle, je nachdem ihm das Vergehen
schwer erscheint oder nicht, die Strafe fest. Die Mnner zchtigen ihre
Frauen und die Eltern ihre Kinder, wenn die Missetat nicht so schlimm
ist, da das Interesse der Moral eine ffentliche Bestrafung verlangt.
In der Regel ahndet man die schwersten Verbrechen mit Zwangsarbeit; denn
man ist der Meinung, das sei fr die Verbrecher nicht weniger hart und
zugleich fr den Staat nicht weniger vorteilhaft, als wenn man die
Schuldigen schleunigst abschlachte und stracks aus dem Wege schaffe.
Einmal nmlich bringt ihre Arbeit mehr Nutzen als ihre Hinrichtung, und
sodann schrecken sie durch ihr warnendes Beispiel fr lngere Zeit
andere von hnlicher Untat ab. Sollten sie sich aber in solcher Lage
widersetzlich und aufsssig benehmen, so schlgt man sie schlielich tot
wie wilde Tiere, die weder Kerker noch Ketten bndigen knnen. Denen
aber, die sich geduldig fgen, nimmt man nicht gnzlich jede Hoffnung.
Wenn nmlich eine lange Leidenszeit ihren Widerstand gebrochen hat und
wenn sie eine Reue zur Schau tragen, die bekundet, da sie ihre Schuld
mehr drckt als ihre Strafe, so wird ihre Zwangsarbeit bisweilen durch
ein Wort des Brgermeisters, bisweilen aber auch durch Volksbeschlu
entweder erleichtert oder erlassen.

Wer zur Unzucht verleitet, setzt sich ebenso groer Gefahr aus wie der,
der sie begeht. Bei jeder Schandtat kommt nmlich in den Augen der
Utopier der bestimmte und wohlberlegte Versuch der Tat selbst gleich;
denn, so meinen sie, was den Versuch nicht zur Tat werden lie, darf dem
nicht zum Vorteil gereichen, an dem es gar nicht gelegen hat, da der
Versuch nicht zur Tat wurde. -- Possenreier machen den Utopiern viel
Spa. Sie zu beleidigen ist in ihren Augen eine groe Ungehrigkeit.
Doch finden sie nichts dabei, wenn man sich mit ihrer Torheit einen Spa
macht; denn das ist nach ihrer Meinung fr die Possenreier selber von
grtem Vorteil. Ist aber jemand so ernst und finster, da er ber
nichts, was ein Narr tut oder spricht, lacht, so darf man ihrer Ansicht
nach einen Narren seiner Obhut nicht anvertrauen; sie frchten nmlich,
er werde ihn nicht nachsichtig genug behandeln, weil er von ihm nicht
nur keinen Nutzen, sondern nicht einmal Erheiterung haben werde, und
diese Begabung ist ja seine einzige Strke.

Einen Migestalteten und Krppel zu verlachen, ist nach Meinung der
Utopier schimpflich und hlich, und zwar nicht fr den, der verspottet
wird, sondern fr den Sptter; denn dieser ist so tricht, jemandem
etwas als Fehler zum Vorwurf zu machen, was zu vermeiden gar nicht in
seiner Macht lag. Wie es nmlich in den Augen der Utopier einerseits
eine Nachlssigkeit und Trgheit ist, sich seine krperliche Schnheit
nicht zu erhalten, so ist es anderseits eine Schande und
Unverschmtheit, die Schminke zu Hilfe zu nehmen. Wissen sie doch aus
persnlicher Erfahrung, da eine Frau die Achtung und Liebe ihres Mannes
durch keinerlei Aufputz des ueren in gleicher Weise wie durch
Sittsamkeit und Ehrerbietung gewinnt. Wenn sich nmlich auch manche
Mnner durch bloe Schnheit fangen lassen, so ist doch keiner ohne
Tugend und Gehorsam auf die Dauer festzuhalten.

Die Utopier schrecken nicht blo durch Strafen von Schandtaten ab,
sondern geben auch durch die Aussicht auf Ehrungen einen Anreiz zur
Tugendhaftigkeit. Zu diesem Zweck errichten sie berhmten und um den
Staat besonders verdienten Mnnern auf dem Markte Standbilder zur
Erinnerung an ihre Taten; zugleich aber soll der Ruhm der Vorfahren ihre
Nachkommen mit Nachdruck zur Tugend anspornen.

Wer sich ein Amt zu erschleichen sucht, geht der Aussicht verlustig,
berhaupt ein Amt zu erlangen.

Die Utopier verkehren in liebevoller Weise miteinander, und auch die
obrigkeitlichen Personen sind weder anmaend noch schroff. Sie heien
Vter, und als solche zeigen sie sich auch. Aus freien Stcken erweist
man ihnen die gebhrende Ehre, und man lt sich nicht dazu zwingen.
Nicht einmal den Brgermeister macht eine besondere Tracht oder ein
Diadem kenntlich, sondern nur ein Bschel hren, das er trgt, wie das
Kennzeichen des Oberpriesters eine Wachskerze ist, die ihm vorangetragen
wird.

Gesetze haben die Utopier in ganz geringer Zahl; fr Leute von solcher
Disziplin gengen ja auch beraus wenige. Ja, das mibilligen sie vor
allem anderen bei fremden Vlkern, da dort nicht einmal eine Flut von
Gesetzbchern und Kommentaren ausreicht. Ihnen selbst aber kommt es
hchst unbillig vor, wenn sich jemand durch Gesetze verpflichten soll,
die entweder zu zahlreich sind, als da er sie durchlesen knnte, oder
zu dunkel, als da sie jedermann verstndlich wren. Ferner wollen sie
von Advokaten berhaupt nichts wissen, weil diese die Prozesse so
gerissen fhren und ber die Gesetze so spitzfindig disputieren. Nach
Ansicht der Utopier ist es nmlich von Vorteil, wenn jeder seine Sache
selber vertritt und das, was er seinem Anwalt erzhlen wrde, dem
Richter mitteilt; auf diese Weise werde es, so sagen sie, weniger
Winkelzge geben und die Wahrheit komme eher ans Licht. Wenn nmlich
jemand spricht, den kein Anwalt Falschheit gelehrt hat, so wgt der
Richter das einzelne, was er vorbringt, geschickt und klug ab und steht
Leuten von harmloserem Charakter gegen die Verleumdungen verschlagener
Gegner bei. Das lt sich bei anderen Vlkern wegen der Riesenmenge
hchst verwickelter Gesetze nur schwer durchfhren, bei den Utopiern
dagegen ist jeder einzelne gesetzeskundig. Einmal nmlich ist die Zahl
ihrer Gesetze, wie gesagt, sehr gering, und sodann halten sie die am
wenigsten geknstelte Auslegung fr die gegebenste. Denn wenn alle
Gesetze, so sagen sie, nur dazu erlassen werden, jedermann an seine
Pflicht zu erinnern, so wird dieser Zweck durch eine feinere Auslegung,
die nur wenige verstehen, auch nur bei sehr wenigen erreicht; dagegen
ist eine einfachere und nherliegende Erklrung der Gesetze einem jeden
verstndlich. Was aber nun die groe Masse anlangt, die an Zahl strkste
Klasse, die der Ermahnung am meisten bedarf, was macht es der aus, ob
man berhaupt kein Gesetz gibt oder ob man ein schon bestehendes Gesetz
in einem Sinne auslegt, den jemand nur mit viel Geist und in langer
Errterung herausfinden kann? Damit kann sich weder der hausbackene
Verstand des gemeinen Mannes befassen, noch lt ihm sein Leben, das von
der Beschaffung des Unterhaltes ausgefllt ist, die Zeit dazu.

Diese Vorzge der Utopier veranlassen ihre Nachbarn, obwohl sie frei und
selbstndig sind -- viele von ihnen sind durch die Utopier schon vor
alters von der Tyrannei befreit worden--, sich von ihnen ihre
obrigkeitlichen Personen, teils auf je ein Jahr, teils auf fnf Jahre,
zu erbitten. Nach Ablauf ihrer Amtszeit geleiten die Fremden sie mit
Ehre und Lob nach Utopien zurck und nehmen wieder neue Leute in die
Heimat mit. Und diese Vlker sorgen in der Tat aufs beste fr das
Wohlergehen ihres Staates. Da nmlich dessen Heil und Verderben von der
Fhrung der Beamten abhngt, htten sie keine klgere Wahl treffen
knnen. Denn einerseits sind diese Fremden durch keinerlei Bestechung
vom Wege der Tugend abzubringen, da sie ja bei ihrer bald wieder
erfolgenden Heimkehr nicht lange Nutzen von dem Gelde haben wrden;
anderseits sind ihnen die fremden Brger unbekannt, und so lassen sie
sich nicht von unangebrachter Zuneigung oder Abneigung gegen irgend
jemand leiten. Wo aber diese beiden bel, Parteilichkeit und Geldgier,
die Urteile beeinflussen, da ertten sie sogleich alle Gerechtigkeit,
den Lebensnerv des staatlichen Lebens. Diese Vlker, die sich von den
Utopiern ihre Obrigkeiten erbitten, werden von ihnen Genossen genannt,
die brigen aber, denen sie Wohltaten erwiesen haben, Freunde.

Bndnisse, wie sie die brigen Vlker so oft untereinander abschlieen,
brechen und wieder erneuern, gehen die Utopier mit keinem Volke ein.
Wozu denn ein Bndnis? sagen sie. Gengen nicht die natrlichen Bande
der Menschen untereinander? Wer diese nicht achtet, sollte der sich etwa
durch Worte gebunden fhlen? Zu dieser Ansicht kommen die Utopier wohl
besonders dadurch, da in jenen Lndern Bndnisse und Vertrge der
Frsten in der Regel zu wenig gewissenhaft gehalten werden. Und in der
Tat ist in Europa, und zwar vor allem in den Teilen, wo christlicher
Glaube und christliche Religion herrschen, die Majestt der Vertrge
berall heilig und unverletzlich, teils infolge der Gerechtigkeit und
Redlichkeit der Frsten selbst, teils infolge der Ehrerbietung und Scheu
der Geistlichkeit gegenber, die selber keine Verpflichtung auf sich
nimmt, ohne sie aufs gewissenhafteste einzuhalten, die aber auch
smtlichen brigen Frsten befiehlt, ihre Versprechen auf alle Weise zu
erfllen, dagegen diejenigen, die sich weigern, mit strenger
Kirchenstrafe dazu zwingt. Mit Recht frwahr meinen sie, es mte hchst
schimpflich erscheinen, wenn die Bndnisse jener Mnner Treu und Glauben
vermissen lieen, die in besonderem Sinne Glubige heien. In jener
neuen Welt dagegen, die von der unsrigen fast weniger noch durch den
quator als durch Lebensweise und Sitten geschieden ist, kann man sich
auf Vertrge berhaupt nicht verlassen. Je zahlreicher und feierlicher
die Formalitten sind, mit denen ein Vertrag gleichsam verknotet ist, um
so schneller wird er gebrochen, weil es keine Mhe macht, seinen
Wortlaut zu verdrehen. Die Leute dort setzen nmlich einen Vertrag
bisweilen ganz verzwickt auf. Infolgedessen sind sie auch niemals auf
Grund so fester Bindungen zu fassen, da sie nicht durch irgendeine
Masche entschlpfen und in gleicher Weise mit der Vertragstreue Spott
und Hohn treiben knnten. Wenn sie solch eine hinterlistige Gesinnung,
ja solch einen Lug und Trug in einem Vertrag von Privatleuten fnden, so
wrden sie unter starkem Stirnrunzeln laut schreien, das sei ein
Verbrechen, das den Galgen verdiene, und natrlich gerade die Leute, die
sich rhmen, ihren Frsten selber dazu geraten zu haben. Die Folge davon
ist, da entweder die gesamte Gerechtigkeit nur als eine niedrige Tugend
des gemeinen Mannes erscheint, die sich tief unter den Thron des Knigs
duckt, oder da es zum mindesten zwei Arten von Gerechtigkeit gibt. Die
eine kommt dem gemeinen Manne zu, geht zu Fu, kriecht am Boden und ist
ringsum von zahlreichen Fesseln gehemmt, um nirgends eine Umzunung
berspringen zu knnen. Die andere ist die Tugend der Frsten, erhabener
als die des Volkes, aber in ebenso weitem Abstand auch freier, die sich
alles erlauben darf, was ihr gefllt.

Diese Treulosigkeit der Frsten in jenen Lndern, die ihre Vertrge so
schlecht halten, ist meiner Meinung nach auch der Grund, da die Utopier
grundstzlich keine abschlieen; mglicherweise aber wrden sie ihre
Ansicht ndern, wenn sie hier lebten. Freilich erscheint es ihnen
berhaupt als ein unheilvoller Brauch, ein Bndnis einzugehen, mag es
auch noch so gewissenhaft gehalten werden. Denn es veranlat die Vlker
zu der Annahme, da sie zu gegenseitiger Feindschaft im ffentlichen wie
im privaten Leben geschaffen seien und da sie mit Fug und Recht
gegeneinander wten, falls nicht Bndnisse dem im Wege stehen, gerade
als ob keinerlei natrliche Gemeinschaft zwei Vlker miteinander
verbnde, die nur ein winziger Zwischenraum, sei es ein Hgel oder ein
Bach, trennt. Ja, selbst wenn Vertrge abgeschlossen sind, so erwchst
daraus nach ihrer Ansicht noch keine Freundschaft; es bleibt vielmehr
immer noch die Mglichkeit, den anderen zu bervorteilen, soweit man es
aus Unbedachtsamkeit bei der Festsetzung des Wortlauts unterlassen hat,
mit gengender Vorsicht eine Bestimmung mit aufzunehmen, die jene
Mglichkeit ausschliet. Die Utopier aber sind im Gegenteil der Meinung,
man drfe niemanden als Feind betrachten, der einem kein Unrecht getan
hat. In ihren Augen ist die Gemeinschaft der Natur so gut wie ein
Bndnis und bindet die Menschen durch gegenseitiges Wohlwollen strker
und fester aneinander als durch Vertrge, durch die Gesinnung strker
und fester als durch Worte.


Das Kriegswesen

Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas ganz Bestialisches mehr als
alles andere, und doch gibt sich mit ihm keine Art von Bestien so
dauernd ab wie der Mensch. Der Anschauung fast aller Vlker zuwider
halten die Utopier nichts fr so unrhmlich wie den Ruhm, den man im
Kriege gewinnt. Mgen sie sich nun auch bestndig an dafr festgesetzten
Tagen in der Kriegskunst ben, und zwar nicht blo die Mnner, sondern
auch die Frauen, um im Bedarfsfalle kriegstchtig zu sein, so beginnen
sie einen Krieg doch nicht ohne weiteres, sondern nur zum Schutze ihrer
eigenen Grenzen oder zur Vertreibung der ins Land ihrer Freunde
eingedrungenen Feinde oder aus Mitleid mit irgendeinem Volk, das unter
dem Drucke der Tyrannei leidet, um es mit ihrer eigenen Macht vom
Sklavenjoch des Tyrannen zu befreien, und das tun sie lediglich aus
Menschenliebe. Ihren Freunden indessen leisten sie ihre Hilfe nicht
immer nur zur Verteidigung, sondern bisweilen auch, damit diese ein
Unrecht, das man ihnen zugefgt hat, vergelten und rchen knnen. Jedoch
greifen die Utopier erst dann ein, wenn man sie noch vor Beginn der
Feindseligkeiten um Rat fragt, wenn sie den Kriegsgrund billigen, wenn
das, worum der Streit geht, zwar zurckgefordert, aber noch nicht
zurckgegeben ist, und wenn auf ihre Veranlassung hin der Krieg begonnen
wird. Dazu entschlieen sie sich nicht nur dann, wenn ihren Freunden bei
einem feindlichen Einfall Beute geraubt wird, sondern auch dann, und
zwar mit noch weit grerer Erbitterung, wenn sich deren Kaufleute
irgendwo in der Welt unter dem Scheine des Rechts eine Rechtsverdrehung
gefallen lassen mssen indem man entweder unbillige Gesetze zum Vorwand
nimmt oder gute verkehrt auslegt. Und so kam es auch zu dem Kriege, den
die Utopier kurz vor unserer Zeit fr die Nephelogeten gegen die
Alaopoliten fhrten, aus keinem anderen Grunde, als weil den Kaufleuten
der Nephelogeten im Lande der Alaopoliten unter dem Scheine des Rechts
Unrecht getan worden war, wenigstens wie es den Utopiern schien. Mochte
es sich nun in diesem Falle um Recht oder Unrecht handeln, jedenfalls
kam es zu einem Rachekrieg, in dem sich zu den Streitkrften und dem Ha
beider Parteien auch noch die Leidenschaften und Hilfsmittel der
Nachbarvlker gesellten und der dadurch so blutig wurde, da die
blhendsten Vlker zum Teil stark erschttert, zum Teil schwer
heimgesucht wurden und immer ein bel aus dem anderen entstand. Das
Unglck endete schlielich mit der Versklavung und Unterwerfung der
Alaopoliten, die so unter die Herrschaft der Nephelogeten kamen -- die
Utopier kmpften nmlich nicht fr ihre eigenen Interessen--, die
Nephelogeten aber waren in der Bltezeit der Alaopoliten keineswegs mit
diesen zu vergleichen gewesen.

Mit solchem Nachdruck rchen die Utopier ein ihren Freunden zugefgtes
Unrecht, auch wenn es sich dabei nur um Geld handelt; in ihren eigenen
Angelegenheiten dagegen zeigen sie nicht den gleichen Eifer. Wenn sie
nmlich einmal irgendwo betrogen werden und eine Einbue an Geld und Gut
dabei erleiden, so gehen sie in ihrem Zorn, vorausgesetzt, da mit dem
Verlust kein Schaden an Leib und Seele verbunden ist, nur so weit, da
sie bis zur Leistung von Genugtuung mit dem betreffenden Volke keinen
Handel mehr treiben. Dabei liegen ihnen die Interessen ihrer Mitbrger
nicht etwa weniger am Herzen als die ihrer Genossen; ber deren
Geldverlust aber sind sie trotzdem deshalb aufgebrachter, weil die
Kaufleute ihrer Freunde unter der Einbue schwer zu leiden haben, da
diese etwas von ihrem Privatbesitz verlieren, ihren Mitbrgern dagegen
nur etwas auf Rechnung des Staates verlorengeht, berdies nur von daheim
reichlich vorhandenem und in gewissem Sinne berflssigem Gut -- sonst
knnte man es ja nicht ins Ausland ausfhren--, so da der einzelne den
Verlust gar nicht so empfindet. Deshalb ist es in den Augen der Utopier
auch eine zu groe Grausamkeit, durch den Tod vieler einen Schaden zu
rchen, dessen nachteilige Folgen keiner von ihnen weder am Leben noch
am Lebensbedarf deutlich zu spren bekommt. Wird jedoch einer ihrer
Landsleute irgendwo auf ungerechte Weise mihandelt oder gar gettet, so
lassen die Utopier den Tatbestand durch ihre Gesandten ermitteln, ganz
gleich, ob der Anschlag vom Staat oder von einer Privatperson
ausgegangen ist, und sind nur durch Auslieferung der Schuldigen von
einer sofortigen Kriegserklrung abzuhalten. Die Ausgelieferten
bestrafen sie fr ihr Vergehen entweder mit dem Tode oder mit
Sklavenarbeit.

Ein blutiger Sieg bereitet den Utopiern nicht nur Verdru, sondern sie
schmen sich sogar seiner, weil sie sich sagen, es sei eine Torheit,
auch noch so kostbare Waren zu teuer zu kaufen. Haben sie aber durch
Geschick und List den Sieg errungen und den Feind bezwungen, so prahlen
sie laut damit, feiern aus diesem Anla von Staats wegen einen Triumph
und errichten ein Siegesdenkmal, als htten sie eine Heldentat
vollbracht. Ihrer Mannhaftigkeit und Tapferkeit rhmen sie sich nmlich
immer erst dann, wenn sie so gesiegt haben, wie es kein Lebewesen auer
dem Menschen vermocht htte, das heit mit den Krften des Geistes. Denn
mit den Krften des Krpers, so sagen sie, fhren Bren, Lwen, Eber,
Wlfe, Hunde und die brigen wilden Tiere den Kampf; die meisten von
ihnen sind uns zwar an Kraft und Wildheit berlegen, aber alle zusammen
bertreffen wir an Geist und Vernunft.

Nur das eine haben die Utopier bei einem Kriege im Auge: das zu
erreichen, was sie schon frher htten erreichen mssen, um sich den
Krieg zu ersparen; oder wenn das sachlich unmglich ist, so nehmen sie
an denen, die sie fr schuldig halten, eine so grimmige Rache, da der
Schrecken Leute, die dasselbe wagen wollten, in Zukunft davon abhlt.
Das sind die Ziele, die sie sich fr ihr Vorhaben stecken und die sie
rasch zu erreichen suchen, aber so, da sie mehr darauf bedacht sind,
die Gefahr zu vermeiden, als Lob und Ruhm zu ernten. Deshalb lassen sie
sogleich nach der Kriegserklrung heimlich und zu gleicher Zeit an den
Punkten des feindlichen Landes, die am besten zu sehen sind,
Proklamationen, die das Siegel ihres Staates tragen, in groer Zahl
anschlagen. In ihnen versprechen sie dem, der den gegnerischen Frsten
umbringt, riesige Belohnungen; sodann setzen sie geringere, aber
gleichwohl noch recht ansehnliche Preise auf die Kpfe einzelner
Personen, die sie in denselben Anschlgen namentlich anfhren. Das sind
die Mnner, die sie nchst dem Frsten selber fr die Urheber des Planes
halten, den man gegen sie geschmiedet hat. Welchen Betrag sie aber auch
fr den Mrder aussetzen, sie zahlen ihn in doppelter Hhe dem, der
ihnen einen von den Gechteten lebend bringt, und ebenso suchen sie die
Gechteten selbst durch die gleichen Belohnungen und auerdem durch die
Zusicherung von Straflosigkeiten gegen ihre Genossen aufzuhetzen. So
kommt es schnell dahin, da jene auch die anderen Menschen mit Argwohn
betrachten, sich einander selbst kein rechtes Vertrauen mehr schenken
und auch keine rechte Treue mehr halten und daher in grter Furcht und
nicht geringerer Gefahr leben. Denn, wie bekannt, ist es schon mehr als
einmal vorgekommen, da die Gechteten zu einem groen Teil und vor
allem der Frst selber von denen verraten wurden, auf die sie die grte
Hoffnung setzten. So leicht verleiten Belohnungen zu jedem beliebigen
Verbrechen. Fr diese Prmien setzen die Utopier auch keine bestimmte
Hhe fest. Indem sie vielmehr die Gre der Gefahr bedenken, zu der sie
verleiten, bemhen sie sich, sie durch die Hhe der Belohnungen
aufzuwiegen, und aus diesem Grunde stellen sie nicht nur eine
unermeliche Menge Gold in Aussicht, sondern auch recht ertragreiche
Landgter an ganz sicheren Orten in den Lndern ihrer Freunde, und zwar
als dauernden Besitz, und halten ihr Versprechen mit gewissenhafter
Treue. Dieser Brauch, den Feind gegen Gebot zu kaufen, den andere Vlker
als Beweis einer entarteten Gesinnung und als grausame Untat verwerfen,
ist in den Augen der Utopier ein hohes Lob. Ja, sie dnken sich auch
klug, weil sie auf diese Weise die grten Kriege ohne jeden Kampf
vllig zu Ende bringen, und sogar human und mitleidsvoll, weil sie mit
dem Tode einiger weniger Schuldiger das Leben zahlreicher Unschuldiger
erkaufen, die sonst im Kampfe gefallen wren, teils aus den Reihen der
Ihrigen, teils aus denen der Feinde, deren Menge und Masse sie fast
ebenso bedauern wie ihre eigenen Landsleute; wissen sie doch recht wohl,
da jene einen Krieg nicht aus freien Stcken anfangen, sondern weil die
blinde Leidenschaft ihrer Frsten sie dazu treibt. Kommen sie auf diese
Weise nicht weiter, so sen und nhren sie Zwietracht, indem sie dem
Bruder des Frsten oder sonst einem aus dem Adel Hoffnung auf den Thron
machen. Wenn die Parteien im Inneren versagen, so wiegeln die Utopier
die Nachbarvlker des Feindes auf und verwickeln sie in einen Krieg mit
ihm, indem sie irgendeinen alten Vorwand hervorsuchen, woran es ja
Knigen niemals fehlt.

Haben sie diesen Vlkern ihren Beistand im Kriege versprochen, so
stellen sie ihnen reichlich Geld zur Verfgung, Hilfskrfte aus den
Reihen ihrer Brger jedoch nur ganz sprlich; denn diese sind ihnen so
auerordentlich lieb und wert, und sie schtzen sich gegenseitig so
hoch, da sie einen ihrer Landsleute nur ungern gegen den feindlichen
Frsten austauschen wrden. Gold und Silber dagegen, dessen gesamte
Menge sie einzig und allein fr diesen Zweck aufbewahren, geben sie von
Herzen gern hin; sie knnten ja ebenso bequem leben, auch wenn sie es
vollstndig aufbrauchten. Denn auer dem Reichtum im Inland besitzen sie
ja noch, wie frher erwhnt, bei den meisten Vlkern des Auslands einen
unermelichen Schatz von Guthaben. So werben sie denn berall Sldner
an, vornehmlich aus dem Volk der Zapoleten, und lassen sie in den Krieg
ziehen.

Diese wohnen 500 Meilen stlich von Utopien. Unkultiviert, roh und wild,
wie sie sind, lassen sie deutlich merken, da sie inmitten von Wldern
und rauhen Bergen aufgewachsen sind. Sie sind ein krftiger Volksstamm,
unempfindlich gegen Hitze, Klte und Anstrengung, unbekannt mit allen
Annehmlichkeiten des Lebens, nicht begeistert fr den Ackerbau,
nachlssig in Wohnung und Kleidung und nur fr die Viehzucht
interessiert. Zu einem groen Teile leben sie von Jagd und Raub. Einzig
und allein zum Krieg geboren, suchen die Zapoleten eifrig nach einer
Gelegenheit zur Teilnahme an einem solchen, und finden sie eine, so
ergreifen sie sie mit Leidenschaft, ziehen in groer Zahl auer Landes
und bieten sich fr wenig Geld dem ersten besten an, der Soldaten sucht.
Dies Handwerk, den Tod zu suchen, ist das einzige ihres Lebens, das sie
verstehen. Fr ihren Dienstherrn schlagen sie sich mit Hingebung und
unbestechlicher Treue. Doch verpflichten sie sich nicht bis zu einem
bestimmten Termin, sondern wenn sie Partei ergreifen, so tun sie das nur
unter der Bedingung, da sie am nchsten Tage auf seiten des Feindes
stehen drfen, falls dieser ihnen hheren Sold bietet; ebenso kehren sie
dann am bernchsten Tage, durch eine Kleinigkeit Geld mehr verlockt,
wieder zurck. Nur selten kommt es zu einem Kriege, in dem sie nicht zu
einem groen Teile auf beiden Seiten kmpfen. So werden tglich
Blutsverwandte, bisher Sldner der gleichen Partei und einander die
besten Kameraden, bald darauf auseinandergerissen, geraten in
feindliche Heere, treffen als Gegner aufeinander und metzeln sich
gegenseitig nieder wie erbitterte Feinde, die ihre Abstammung vergessen
haben und nicht mehr an ihre frhere Freundschaft denken. Dabei
veranlat sie kein anderer Grund zur gegenseitigen Vernichtung, als da
zwei feindliche Frsten sie fr ein paar lumpige Geldstcke gemietet
haben. Dieses Geld berechnen sie sich so genau, da sie sich durch die
Erhhung des tglichen Soldes um nur einen Heller zu einem Wechsel der
Partei verleiten lassen. So hat sich in ihren Herzen rasch die Habgier
eingenistet, von der sie jedoch keinen Vorteil haben; was sie nmlich
mit ihrem Blute gewinnen, verbrauchen sie alsbald wieder mit einer
Verschwendung, die gleichwohl armselig ist.

Dieses Volk kmpft fr die Utopier gegen alle Welt, weil niemand
anderswo seine Dienstleistung so gut bezahlt wie diese. Wie sich nmlich
die Utopier nach guten Menschen umsehen, um sie in ihrem Dienst ntzlich
zu verwenden, so werben sie auch diese Schurken an, um sie zu
mibrauchen. Ntigenfalls machen sie ihnen lockende Versprechungen und
setzen sie an den gefhrlichsten Punkten ein. Meist kommt dann ein
groer Teil von ihnen niemals wieder zurck und kann die versprochenen
Belohnungen gar nicht anfordern. Den berlebenden aber zahlen die
Utopier gewissenhaft aus, was sie versprochen haben, um sie zu hnlichen
Wagnissen anzuspornen. Sie fragen nmlich nicht danach, wie viele von
ihnen durch ihre Schuld ums Leben kommen, weil sie sich, wie sie meinen,
das grte Verdienst um die Menschheit erwerben wrden, wenn sie den
Erdkreis von jenem Abschaum eines so greulichen und ruchlosen Volkes
grndlich subern knnten.

Nchst den Zapoleten verwenden die Utopier auch die Streitkrfte
desjenigen Volkes, fr das sie zu den Waffen greifen, und die
Hilfsscharen ihrer anderen Freunde; an letzter Stelle erst ziehen sie
ihre Mitbrger heran. Aus deren Mitte nehmen sie einen Mann von
erprobter Tapferkeit und stellen ihn an die Spitze des gesamten Heeres.
Ihm ordnen sie zwei Mann unter in der Art, da beide nur als Privatleute
gelten, solange der Oberbefehlshaber dienstfhig ist; wird er jedoch
gefangengenommen oder fllt er, so tritt der eine von jenen beiden
gleichsam sein Erbe an, und ihn ersetzt gegebenenfalls der andere, damit
nicht in den bunten Wechselfllen der Kriege infolge einer Gefhrdung
des Fhrers das ganze Heer in Unordnung gert. In jeder Stadt hebt man
Freiwillige aus; man pret nmlich niemanden wider seinen Willen zum
Kriegsdienst auerhalb der Grenzen seiner Heimat, weil man der
berzeugung ist, da einer, der von Natur etwas furchtsam ist, nicht nur
selbst sich nicht tapfer zeigen, sondern auch seine Kameraden mit seiner
Angst anstecken wird. Bricht aber der Feind ins Land ein, so steckt man
die Feiglinge dieser Art im Falle krperlicher Tauglichkeit auf die
Schiffe unter bessere Soldaten oder verteilt sie auf die einzelnen
Festungen, von wo sie nicht ausreien knnen. Sie mssen sich vor ihren
Kameraden schmen, haben den Feind unmittelbar vor sich und sehen keine
Mglichkeit zur Flucht: so vergessen sie ihre Furcht und werden oft
durch hchste Not zu mutigen Mnnern. So wenig aber einerseits ein
Utopier wider seinen Willen zu einem auswrtigen Kriege fortgeschleppt
wird, so wenig hindert man anderseits die Frauen, mit ihren Mnnern ins
Feld zu ziehen; ja, man fordert sie dazu noch auf und spornt sie dazu
an, indem man sie lobt. Die Frauen, die mitausrcken, stellt man an der
Front mit ihren Mnnern in eine Reihe; auerdem hat ein jeder Kmpfer
seine Kinder, Verwandten und Angehrigen um sich, damit sich diejenigen
einander aus nchster Nhe beistehen knnen, die die Natur am strksten
zu gegenseitiger Hilfe anspornt. Die hchste Schmach ist es fr einen
Gatten, ohne den anderen heimzukommen, oder fr einen Sohn, seinen Vater
zu berleben. Infolgedessen kmpft man, wenn es zum Handgemenge kommt
und die Feinde standhalten, in einem langen und unheilvollen Ringen bis
zur Vernichtung. Zwar suchen die Utopier mit allen Mitteln zu verhten,
in eigener Person kmpfen zu mssen, wofern sie nur den Krieg mit Hilfe
einer Schar gemieteter Stellvertreter zu Ende bringen knnen; wenn es
sich jedoch nicht vermeiden lt, da sie selber mitkmpfen, so nehmen
sie den Kampf ebenso unerschrocken auf, wie sie sich vorher klug
zurckgehalten haben, solange es mglich war. Und beim ersten Angriff
gehen sie nicht mit wildem Ungestm vor; vielmehr wchst ihre Strke
langsam und allmhlich und je lnger der Kampf dauert. Dabei sind sie so
unbeugsamen Sinnes, da sie sich eher niedermetzeln als in die Flucht
schlagen lassen; denn das beruhigende Bewutsein, da ein jeder daheim
zu leben hat, sowie die Befreiung von der qulenden Sorge um das Los
ihrer Nachkommen -- eine Besorgnis, die sonst berall einen tapferen
Sinn lhmt, -- machen die Kmpfer hochgemut, so da sie den Gedanken,
sich besiegen zu lassen, als unwrdig von sich weisen. Auerdem flt
ihnen ihre militrische Erfahrung Zuversicht ein, und schlielich spornt
sie die gute Erziehung, die sie in der Schule und durch die trefflichen
Einrichtungen ihres Staates von Kind auf genossen haben, noch mehr zur
Tapferkeit an. Infolgedessen ist in ihren Augen das Leben weder so
wertlos, da sie es blindlings vergeuden, noch so bertrieben wertvoll,
da sie damit geizen und sich in schimpflicher Weise daran klammern,
wenn die Ehre dazu rt, es hinzugeben. Wenn der Kampf allerorten am
wildesten tobt, nehmen sich die auserlesensten Jnglinge, die sich dazu
verschworen und geweiht haben, den feindlichen Fhrer zum Gegner; auf
ihn dringen sie offen ein, ihn greifen sie aus dem Hinterhalt an, und
aus der Ferne wie aus der Nhe gehen sie auf ihn los, und in einem
langen und lckenlosen Keil -- denn die wegen Ermdung ausfallenden
Kmpfer werden bestndig durch frische ersetzt -- strmen sie gegen ihn
an. Nur selten kommt es vor, da er nicht niedergestochen wird oder da
er nicht lebendig in die Gewalt seiner Feinde gert, es sei denn, da er
sich durch die Flucht rettet.

Ist der Sieg auf seiten der Utopier, so metzeln sie nicht wild darauf
los; statt die Geschlagenen umzubringen, nehmen sie sie lieber gefangen.
Auch verfolgen sie die Fliehenden niemals so blindlings, da sie bei
alledem nicht wenigstens noch eine geordnete und kampfbereite Schar
zurckbehielten. Wenn daher ihre brigen Verbnde geschlagen sind und
sie erst mit dem letzten den Sieg errungen haben, so lassen sie die
Feinde lieber ganz und gar entfliehen, als da sie sich dazu
entschlieen, die Fliehenden mit ungeordneten Verbnden ihrer Truppen zu
verfolgen. Sie vergessen nmlich nicht, was ihnen selbst mehr als einmal
widerfahren ist. Die Masse ihres gesamten Heeres war vllig besiegt; die
Feinde jubelten ber ihren Sieg und zerstreuten sich hier und da auf der
Verfolgung. Die Utopier dagegen hatten einige wenige ihrer Leute im
Hinterhalt aufgestellt, die auf gnstige Gelegenheiten lauerten. Sie
griffen die Feinde, die vereinzelt umherschwrmten und es in voreiliger
Sorglosigkeit an der ntigen Vorsicht fehlen lieen, pltzlich an und
vernderten das Ergebnis der ganzen Schlacht. Sie wanden den Feinden den
Sieg, der ihnen schon sicher war und an dem sie nicht mehr gezweifelt
hatten, aus den Hnden und besiegten als Besiegte wiederum die Sieger.

Es ist schwer zu sagen, ob die Utopier einen Hinterhalt mit grerer
Schlauheit zu legen oder mit grerer Vorsicht zu vermeiden wissen. Man
knnte meinen, sie trfen Vorbereitungen zur Flucht, wenn sie alles
andere eher im Sinne haben, und umgekehrt, wenn sie die Absicht haben zu
fliehen, knnte man meinen, sie dchten an nichts weniger. Fhlen sie
sich nmlich hinsichtlich ihrer Zahl oder Stellung zu sehr im Nachteil,
so ziehen sie bei Nacht in aller Stille ab oder tuschen den Feind durch
irgendeine Kriegslist, oder sie gehen bei Tage so allmhlich und in so
guter Ordnung zurck, da es ebenso gefhrlich ist, sie whrend des
Abrckens anzugreifen wie whrend des Anstrmens. Ihr Lager befestigen
sie beraus sorgfltig mit einem sehr tiefen und breiten Graben, wobei
sie die ausgehobene Erde nach innen werfen. Dazu verwenden sie keine
Tagelhner, sondern die Soldaten selbst besorgen die Arbeit, und das
gesamte Heer hilft dabei mit, ausgenommen die Posten, die bewaffnet vor
dem Wall Wache halten, um pltzliche berflle abzuwehren. Und so legen
die Utopier bei so zahlreicher Mitarbeit starke und weitausgedehnte
Befestigungen wider alles Erwarten in kurzer Zeit an.

Die Waffen, die die Utopier verwenden, sind stark genug zur Abwehr von
Angriffen, ohne jedoch jede Art von Bewegung oder Haltung zu hindern; ja
nicht einmal beim Schwimmen empfindet man sie als lstig. Denn in voller
Ausrstung schwimmen zu lernen, gehrt zu den Anfangsgrnden der
militrischen Ausbildung der Utopier. Im Kampf aus der Ferne benutzen
sie Pfeile, die sie mit groer Kraft und zugleich mit bester
Treffsicherheit abschieen, und zwar nicht blo zu Fu, sondern sogar
vom Pferde aus. Im Nahkampf aber fhren sie keine Schwerter, sondern
xte, die durch ihre Schrfe oder Schwere tdlich verwunden, je nachdem
man sie zum Hieb oder Stich verwendet. In der Erfindung von
Kriegsmaschinen beweisen die Utopier ganz besonderen Scharfsinn; die
fertigen Maschinen halten sie mit grter Sorgfalt geheim, damit sie
nicht bekannt werden, ehe man sie braucht, und nicht mehr Spott und Hohn
erregen als Nutzen stiften. Bei ihrer Herstellung achtet man besonders
darauf, da sie leicht zu fahren und bequem zu lenken sind. Einen
Waffenstillstand, den die Utopier mit dem Feind abschlieen, halten sie
so gewissenhaft, da sie ihn nicht einmal dann verletzen, wenn sie
gereizt werden. Im Feindesland richten sie keine Verwstungen an; auch
brennen sie die Saaten nicht nieder. Ja, sie sorgen sogar dafr, da
nach Mglichkeit weder Menschen noch Pferde die Saaten zertreten, weil
sie der Ansicht sind, da sie zu ihrem eigenen Vorteil wachsen. Einem
Wehrlosen tun sie nichts zuleide, wenn er nicht gerade ein Spion ist.
Stdte, die sich ihnen ergeben, schonen sie; aber auch solche, die sie
erst erobern mssen, plndern sie nicht; wohl aber lassen sie diejenigen
Brger, die die bergabe zu verhindern gesucht haben, erwrgen, whrend
sie die anderen Verteidiger zu Sklaven machen. Der gesamten Bevlkerung,
die nicht mitgekmpft hat, wird kein Haar gekrmmt. Wenn die Utopier
erfahren, da einige Brger zur bergabe geraten haben, so machen sie
ihnen einen Teil von dem Hab und Gut der Verurteilten zum Geschenk; den
Rest geben sie ihren Hilfstruppen: denn von ihnen selbst begehrt niemand
einen Anteil an der Beute. Nach Beendigung des Krieges aber legen sie
die Kosten nicht ihren Freunden auf, fr die sie sie aufgewendet haben,
sondern den Besiegten und fordern auf Grund dessen zum Teil bares Geld,
das sie dann fr hnliche Kriegszwecke aufsparen, zum Teil Grund und
Boden, der ihnen im Lande der Besiegten dauernd gehrt und einen nicht
geringen Ertrag bringt.

Derartige Einknfte haben die Utopier jetzt bei vielen Vlkern; sie sind
aus verschiedenen Ursachen im Laufe der Zeit entstanden und bis auf mehr
als 700000 Dukaten im Jahr angewachsen. Zu ihrer Erhebung entsenden sie
einige von ihren Mitbrgern als sogenannte Qustoren, die in dem fremden
Lande prchtig leben und in der Art groer Herren auftreten. Aber
trotzdem bleibt noch viel Geld brig, das in die Staatskasse fliet,
soweit es die Qustoren nicht lieber dem betreffenden Volke leihen
wollen, was sie hufig so lange tun, bis sie es notwendig brauchen. Und
kaum jemals kommt es vor, da sie den ganzen Betrag zurckverlangen. Von
dem erwhnten Grund und Boden bereignen die Utopier einen Teil
denjenigen, die sich auf ihre Veranlassung einer so groen Gefahr
aussetzten, wie ich sie weiter oben geschildert habe.

Greift irgendein Frst zu den Waffen gegen die Utopier und schickt er
sich an, in ihr Gebiet einzufallen, so treten sie ihm sogleich mit
starken Krften auerhalb ihres Landes entgegen; denn weder fhren sie
ohne Not im eigenen Lande Krieg, noch ist irgendeine Not jemals so
schlimm, da sie die Utopier zwingen knnte, fremde Hilfstruppen auf
ihre Insel zu lassen.


Die Religion der Utopier

Die religisen Vorstellungen sind nicht nur in den einzelnen Teilen der
Insel, sondern auch in den einzelnen Stdten verschieden, indem die
einen die Sonne, die andern den Mond und wieder andere diesen oder jenen
Planeten als Gottheit anbeten. Einige verehren auch einen beliebigen
Menschen, der vor alters durch Tugend oder Ruhm geglnzt hat, nicht blo
als Gott, sondern sogar als hchsten Gott. Aber der weit grte und
zugleich weitaus klgere Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur
an ein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und unerforschliches
gttliches Wesen, das ber menschliches Begriffsvermgen erhaben ist und
dieses ganze Weltall erfllt, und zwar als ttige Kraft, nicht als
krperliche Masse; man nennt es Vater. Ihm schreibt man Ursprung,
Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ende aller Dinge zu, und ihm allein
erweist man gttliche Ehren. Mit den Anhngern dieser Lehre stimmen auch
alle anderen trotz aller Glaubensunterschiede in diesem einen Punkte
berein, da sie an _ein_ hchstes Wesen glauben, dem die Erschaffung
der Welt und die Vorsehung zu verdanken ist, und dieses gttliche Wesen
nennen sie alle ohne Unterschied in ihrer heimischen Sprache Mythras.
Aber insofern sind sie verschiedener Ansicht, da die einzelnen ihn
verschieden auffassen. Dabei glaubt aber jeder, was es auch sein mge,
das er persnlich fr das Hchste hlt, es sei doch durchaus dasselbe
Wesen, dessen gttliche Macht und Majestt allein nach der
bereinstimmenden berzeugung aller Vlker der Inbegriff aller Dinge
ist. Indessen machen sie sich alle im Laufe der Zeit von der
Mannigfaltigkeit aberglubischer Vorstellungen frei und lassen ihre
Anschauungen zu jener einen Religion verschmelzen, die, wie es scheint,
vernnftiger ist als die anderen. Und ohne Zweifel wren die brigen
religisen Vorstellungen schon lngst nicht mehr vorhanden, wenn nicht
alles Ungemach, das jemandem bei dem Vorhaben, seine Religion zu
wechseln, zufllig widerfhrt, von ihm aus Furcht als eine Schickung des
Himmels aufgefat wrde, gleich als ob die Gottheit, deren Verehrung
aufgegeben werden sollte, den gottlosen und gegen sie gerichteten Plan
ahnden wolle. Nachdem die Utopier jedoch durch uns von Christi Namen,
Lehre, Art und Wundern gehrt hatten und ebenso von der
staunenerregenden Standhaftigkeit der zahlreichen Mrtyrer, deren
freiwillig vergossenes Blut so zahlreiche Vlker weit und breit zu
Christus bekehrt hat, da nahmen auch sie mit einem kaum glaublichen
Verlangen seine Lehre an, sei es nun, weil es Gott ihnen mehr im
geheimen eingab, oder sei es, weil das Christentum, wie es schien, der
bei ihnen selbst am weitesten verbreiteten Lehre am nchsten kam.
Gleichwohl mchte ich auch dem Umstand nicht wenig Gewicht beimessen,
da sie gehrt hatten, Christus habe an der gemeinschaftlichen
Lebensweise seiner Jnger Gefallen gefunden und sie sei bei den
Zusammenknften der echten Christen noch heutigestags blich. Von
welcher Bedeutung das nun auch gewesen sein mag, jedenfalls traten nicht
wenige zu unserem Glauben ber und lieen sich mit dem geweihten Wasser
taufen. Leider war unter uns vieren -- nur so viele waren wir noch, da
zwei gestorben waren -- kein Priester. Infolgedessen mssen die Utopier,
wenn sie auch im brigen eingeweiht sind, dennoch bis heute auf den
Genu der Sakramente verzichten, da diese bei uns nur die Priester
spenden drfen. Doch sind sie sich ber deren Wert und Bedeutung klar
und haben keinen sehnlicheren Wunsch; ja, sie errtern bereits lebhaft
die Frage, ob nicht auch ohne Auftrag des Papstes der Christenheit einer
aus ihren Reihen gewhlt und zum Priester ernannt werden kann. Und es
schien so, als htten sie die Absicht, einen zu whlen, aber bei meiner
Abreise war das noch nicht geschehen.

Auch die, die vom Christentum nichts wissen wollen, machen trotzdem
niemanden abspenstig und lassen jeden, der dazu bertritt, unbehelligt.
Nur einer aus unserer Gemeinschaft wurde whrend meiner Anwesenheit
verhaftet. Als Neugetaufter redete er, obgleich wir ihm davon abrieten,
ffentlich ber die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit. Dabei
geriet er allmhlich so in Hitze, da er sich bald nicht mehr damit
begngte, das, was nur uns heilig ist, ber alles andere zu stellen. Er
verurteilte vielmehr ohne weiteres alle anderen Lehren, nannte sie
unheilig und bezeichnete ihre Anhnger als ruchlose Gotteslsterer, die
es verdienten, in die Hlle zu kommen. Wenn einer lange ffentlich so
redet, nehmen ihn die Utopier fest und stellen ihn vor Gericht, aber
nicht wegen Religionsverletzung, sondern wegen Volksverhetzung, und,
wenn er fr schuldig befunden wird, bestrafen sie ihn mit Verbannung;
denn unter ihre ltesten Bestimmungen rechnen sie die, da niemand von
seiner Religion Schaden haben darf. Utopus hatte nmlich gleich anfangs
erfahren, da die Eingeborenen vor seiner Ankunft bestndig
Religionskmpfe miteinander gefhrt hatten; er hatte auch beobachtet,
da bei der allgemeinen Uneinigkeit die Sekten einzeln fr das Vaterland
kmpften und da ihm dieser Umstand Gelegenheit bot, sie insgesamt zu
besiegen. Als er dann den Sieg errungen hatte, setzte er
Religionsfreiheit fr jedermann fest und bestimmte auerdem, wenn jemand
auch andere zu seinem Glauben bekehren wolle, so drfe er es nur in der
Weise betreiben, da er seine Ansicht ruhig und bescheiden auf
Vernunftgrnden aufbaue, die anderen aber nicht mit bitteren Worten
zerpflcke. Gelinge es ihm nicht, durch Zureden zu berzeugen, so solle
er keinerlei Gewalt anwenden und sich nicht zu Schimpfworten hinreien
lassen. Geht aber jemand in dieser Sache zu ungestm vor, so bestrafen
ihn die Utopier mit Verbannung oder Sklavendienst. Diese Bestimmung traf
Utopus nicht blo im Interesse des Friedens, den, wie er sah,
bestndiger Kampf und unvershnlicher Ha von Grund aus zerstrten,
sondern weil er der Ansicht war, damit sei auch der Religion gedient. Er
wagte es auch nicht, ber die Religion so ohne weiteres eine
Entscheidung zu treffen, gleichsam in Ungewiheit darber, ob Gott nicht
doch einen mannigfaltigen und vielseitigen Kult haben wolle und deshalb
die einzelnen auf verschiedene Weise inspiriere. Jedenfalls hielt er es
fr eine Anmaung und Torheit, wenn jemand mit Gewalt und Drohungen
verlangte, da alle seine persnliche Ansicht ber die Wahrheit teilten.
Sollte aber wirklich nur einer Religion die meiste Wahrheit zukommen und
sollten alle anderen wertlos sein, so wrde sich dann schlielich
einmal, das sah Utopus sicher voraus, die Macht der Wahrheit schon von
selbst Bahn brechen und sich deutlich offenbaren, wenn man ihre Sache
nur mit Vernunft und Migung betreibe. Kmpfe man aber mit Waffen und
Aufruhr um die Religion, so werde die beste und erhabenste zwischen den
nichtigsten Wahnvorstellungen der Streitenden erstickt werden wie die
Saaten zwischen Dornen und Gestrpp, da gerade die schlechtesten
Menschen am hartnckigsten seien. Daher lie Utopus diese ganze Frage
unentschieden und stellte es einem jeden anheim, was er glauben wollte.
Nur sollte niemand, das gebot er feierlich und streng, die Wrde der
menschlichen Natur so weit vergessen, da er annehme, die Seele gehe
zugleich mit dem Krper zugrunde oder im Laufe der Welt walte der blinde
Zufall und nicht die gttliche Vorsehung. Und deshalb erwarten den
Menschen, wie die Utopier glauben, nach diesem Leben Strafen fr seine
Missetaten und Belohnungen fr seine Tugenden. Wer das Gegenteil
annimmt, ist in ihren Augen nicht einmal ein Mensch, weil er die
menschliche Seele in ihrer Erhabenheit in den niedrigen Zustand
tierischer Krperlichkeit herunterdrckt; weit weniger noch rechnen sie
ihn zu ihren Mitbrgern. Denn um all ihre Einrichtungen und Sitten wrde
er sich nicht im geringsten kmmern, wenn ihn nicht die Furcht davon
abhielte. Wer sollte nmlich daran zweifeln, da ein solcher Mensch
danach trachten wrde, die Staatsgesetze seines Landes entweder im
geheimen mit List zu umgehen oder mit Gewalt zu verletzen, sofern er
dadurch seine persnlichen Wnsche befriedigen kann, da er ja ber die
Gesetze hinaus nichts mehr frchtet und ber den Tod hinaus nichts mehr
erhofft? Deshalb erweist man einem, der so gesinnt ist, keine Ehre und
bertrgt ihm auch kein ffentliches Amt. So wird er allenthalben als
ein unbrauchbarer Mensch von niedrigem Charakter verachtet. Aber eine
wirkliche Strafe erleidet er nicht, weil es die berzeugung der Utopier
ist, da es nicht im Belieben des Menschen steht zu glauben, was er
will. Sie zwingen ihn auch weder mit irgendwelchen Drohungen, seine
wahre Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Heuchelei und Lgen
zu, die in ihren Augen an Betrug grenzen und ihnen deshalb beraus
verhat sind. Wohl aber verbieten sie ihm, seine Meinung zu verteidigen,
jedoch nur vor der groen Masse. Sonst nmlich, in einem geschlossenen
Kreise von Priestern und ernsten Mnnern, lassen sie es nicht blo zu,
sondern fordern auch noch dazu auf, weil sie zuversichtlich damit
rechnen, sein Wahnsinn werde doch noch endlich einmal der Vernunft
weichen.

Andere, und zwar gar nicht wenige, begehen den gerade entgegengesetzten
Fehler -- man macht ihnen keine Schwierigkeiten, da ihre Ansicht nicht
ganz unbegrndet ist und sie selbst nicht bsartig sind -- und meinen,
auch die Tierseelen seien unsterblich, jedoch nicht vergleichbar an
Wrde mit unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher
Glckseligkeit geschaffen. Die Utopier sind nmlich fast alle fest davon
berzeugt, da den Menschen eine unbegrenzte Glckseligkeit bevorsteht.
Infolgedessen wehklagen sie stets, wenn jemand krank ist, niemals aber,
wenn jemand stirbt; sie mten denn gerade sehen, wie sich der Sterbende
nur mit Angst und Widerwillen vom Leben losreit. Das halten sie nmlich
fr ein ganz schlimmes Vorzeichen, gleich als ob die Seele ohne Hoffnung
und mit schlechtem Gewissen in irgendeiner dunklen Ahnung drohender
Strafe vor dem Ende zurckschaudere. Auerdem wird sich nach ihrer
Meinung Gott nicht ber die Ankunft eines Menschen freuen, der auf
seinen Ruf nicht bereitwillig herbeieilt, sondern sich nur ungern und
widerstrebend hinschleppen lt. Vor einem solchen Sterben entsetzen
sich denn auch die, die es mit ansehen, und wer so stirbt, wird in
Trauer und aller Stille aus der Stadt getragen; dann betet man zu dem
den Seelen der Verstorbenen gndigen Gott, er mge dem Heimgegangenen
seine Snden aus Gnaden vergeben, und setzt die Leiche bei. Wer dagegen
freudig und voll Zuversicht stirbt, wird von niemandem betrauert,
sondern unter Gesang gibt man ihm das letzte Geleit und empfiehlt seine
Seele liebevoll dem groen Gott. Schlielich verbrennt man den Leichnam
mehr in Ehrfurcht als in Trauer und errichtet an Ort und Stelle eine
Denksule, in die die Ehrentitel des Toten eingemeielt sind. Nach der
Rckkehr von der Beisetzung unterhlt man sich ber Lebenswandel und
Taten des Heimgegangenen, und kein Abschnitt seines Lebens wird dabei
hufiger oder lieber besprochen als sein seliges Ende.

Dieses ehrende Gedenken rechtschaffener Menschen ist in den Augen der
Utopier fr die Lebenden ein beraus wirksamer Anreiz zur Tugend und
zugleich fr die Verstorbenen eine hchst willkommene Verehrung. Sie
denken sich nmlich, da die Heimgegangenen bei den Gesprchen ber sie
zugegen sind, wenn auch unsichtbar fr das schwache Auge der
Sterblichen. Einerseits nmlich wrde es gar nicht mit ihrer
Glckseligkeit vereinbar sein, wenn sie in ihrer Bewegungsfreiheit
beschrnkt wren, und anderseits wre es undankbar von ihnen, wenn sie
berhaupt keine Sehnsucht mehr empfnden, ihre Lieben wiederzusehen, mit
denen sie bei Lebzeiten durch gegenseitige Liebe und Hochschtzung
verbunden waren, Neigungen, die bei guten Menschen, so vermutet man, wie
die brigen trefflichen Eigenschaften nach dem Tode eher noch zu- als
abnehmen. Die Utopier glauben demnach, da die Toten unter den Lebenden
weilen als Ohren- und Augenzeugen ihrer Worte und Taten, und
infolgedessen gehen sie mit grerer Zuversicht an ihre Geschfte,
gleichsam im Vertrauen auf solchen Schutz; auch lassen sie sich durch
den Glauben an die Anwesenheit ihrer Vorfahren von geheimer Schandtat
abschrecken.

Auf Weissagungen und die sonstigen Prophezeiungen eines hohlen
Aberglaubens, die andere Vlker gewissenhaft beachten, legen die Utopier
gar keinen Wert, ja sie machen sich sogar darber lustig. Wunder
dagegen, soweit sie ohne jede natrliche Veranlassung geschehen,
verehren sie als Taten und Zeugnisse der anwesenden Gottheit. Solche
Wunder kommen in Utopien, wie es heit, hufig vor, und in wichtigen und
zweifelhaften Fragen flehen sie bisweilen darum mit groer Zuversicht
und unter Veranstaltung eines groen Betfestes und erwirken auch ein
Wunder.

Fr eine Gott wohlgefllige Verehrung halten die Utopier die Betrachtung
der Natur sowie das Lob, das man Gott als ihrem Schpfer spendet. Doch
gibt es auch Leute, und zwar keineswegs wenige, die unter Berufung auf
ihren Glauben von den Wissenschaften nichts wissen wollen, sich um
keinerlei Erkenntnis der Natur bemhen und Mue berhaupt nicht kennen:
nur durch Bettigung und gute Dienste, die man den Mitmenschen erweist,
erwirbt man sich nach ihrer Meinung Anspruch auf die Glckseligkeit nach
dem Tode. Daher widmen sich die einen der Krankenpflege, die anderen
bessern Wege aus, reinigen Grben, bringen Brcken in Ordnung, stechen
Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine aus, fllen und zersgen
Bume, fahren auf Zweigespannen Holz, Feldfrchte und andere Dinge in
die Stdte und benehmen sich nicht nur in der Ttigkeit fr die
Allgemeinheit, sondern auch in der fr Privatleute wie Diener und sind
noch arbeitsamer als Sklaven. Denn jede mhsame, schwierige und
schmutzige Arbeit, die es irgendwo gibt und von der Anstrengung,
Widerwille und Verzweiflung die meisten zurckschrecken, nehmen sie
willig und frhlich ganz auf sich. Den anderen verschaffen sie Mue, sie
selber aber arbeiten und plagen sich ohne Unterla, ohne jedoch Dank
dafr zu beanspruchen; auch tadeln sie die Lebensweise anderer nicht, um
ihre eigene dafr zu rhmen. Je mehr sich die Leute als Sklaven zeigen,
desto grere Ehre erweist ihnen jedermann. Unter ihnen gibt es nun zwei
Sekten. Die eine ist die der Ledigen. Diese enthalten sich vllig des
Geschlechtsverkehrs; auch essen sie kein Fleisch, einige sogar, ohne mit
irgendeinem Tier eine Ausnahme zu machen. Alle Freuden dieses Lebens
verwerfen sie als schdlich, und in der Hoffnung auf einen baldigen Tod
trachten sie leidenschaftlich danach, durch Nachtwachen und mhselige
Arbeit nur die Freuden des knftigen Lebens zu erlangen. Die Anhnger
der anderen Sekte sind nicht weniger auf Arbeit erpicht, ziehen es aber
dabei vor, zu heiraten; denn sie verschmhen die Krfte nicht, die von
der Ehe ausgehen, und glauben der Natur ihren Zoll entrichten zu mssen
und dem Vaterlande Kinder schuldig zu sein. Jedes Vergngen, das sie in
keiner Beziehung von der Arbeit abhlt, ist ihnen willkommen. Das
Fleisch vierfiger Tiere schtzen sie schon aus dem Grunde, weil sie
von einer solchen Nahrung eine bessere Krftigung zu jeder Arbeit
erwarten. Die Anhnger dieser Sekte sind in den Augen der Utopier
klger, die der anderen dagegen frmmer. Die letzteren wrde man
auslachen, wenn sie sich bei der Bevorzugung der Ehelosigkeit und eines
beschwerlichen Lebens auf Grnde der Vernunft sttzen wollten; so aber
betrachtet man sie wegen ihrer religisen Beweggrnde mit Ehrfurcht und
Hochachtung. Vor nichts scheuen sie sich nmlich ngstlicher als vor
irgendeiner unbedachten uerung ber die Religion. Derart also sind die
Leute, die die Utopier mit einem besonderen Namen in ihrer Landessprache
als Buthresken bezeichnen, was etwa unserem Worte Mnche entspricht.

Die Priester der Utopier sind auerordentlich fromm und deshalb sehr
gering an Zahl. Es gibt nmlich in jeder Stadt nicht mehr als dreizehn,
entsprechend der Zahl der Gotteshuser, auer in Kriegszeiten. Dann aber
ziehen sieben von ihnen mit dem Heere ins Feld und werden in der
Zwischenzeit durch eine gleiche Anzahl ersetzt. Kommen dann die anderen
zurck, so nimmt jeder von ihnen wieder seine alte Stelle ein. Die
berzhligen treten der Reihe nach an die Stelle der mit Tod Abgehenden;
bis dahin sind sie Gehilfen des Oberpriesters, und einer wird an ihre
Spitze gestellt. Die Priester werden vom Volke gewhlt, und zwar wie die
brigen Beamten in geheimer Abstimmung, wodurch man Begnstigungen
vermeiden will; die Weihe der Gewhlten vollzieht dann ihr eigenes
Kollegium. Die Priester leiten den Gottesdienst, besorgen die
Angelegenheiten des Kultus und sind eine Art Sittenrichter, und es gilt
als eine groe Schande, wenn jemand von ihnen wegen seines schlechten
Lebenswandels vorgeladen und zur Rede gestellt wird. Wenn auch die
Priester das Recht haben zu ermahnen und zu warnen, so steht doch die
Befugnis zu einer Maregelung und Bestrafung von belttern nur dem
Brgermeister und den brigen Amtspersonen zu, nur da die Priester
ihrerseits diejenigen, die sie als schlimme Snder kennenlernen, vom
Gottesdienst ausschlieen. Und es gibt kaum eine Strafe, die man mehr
frchtet; denn sie macht vllig ehrlos und erweckt eine geheime
religise Furcht, die den Sinn zerrttet, da die so Bestraften auch
nicht hinsichtlich ihres Krpers lange ohne Sorge sein knnen. Wenn sie
nmlich die Priester nicht schnell von ihrer Reue berzeugen, werden sie
festgenommen und vom Senat wegen Gottlosigkeit bestraft.

Der Unterricht der Kinder und Jugendlichen liegt in den Hnden der
Priester, und diese lassen sich mehr die Erziehung zu Sitte und Tugend
als die wissenschaftliche Ausbildung angelegen sein. Sie verwenden
nmlich den grten Flei darauf, den noch zarten und empfnglichen
Kinderherzen von Anfang an gesunde und der Erhaltung ihres Staates
dienliche Anschauungen einzupflanzen. Wenn diese erst einmal im Kinde
festsitzen, begleiten sie den Erwachsenen durchs ganze Leben und sind
von groem Nutzen fr die Erhaltung des Staates; denn was einen Staat
zerfallen lt, sind einzig und allein die Laster, die ihrerseits wieder
aus verkehrten Anschauungen entstehen.

Die Priester sind mit den erlesensten Frauen ihres Volkes verheiratet,
soweit sie nicht selbst Frauen sind; denn auch die Frauen sind vom
Priestertum nicht ausgeschlossen; aber eine Frau wird seltener gewhlt
und auch dann nur, wenn sie verwitwet und betagt ist. Keine Behrde
geniet nmlich bei den Utopiern grere Ehre, und zwar in dem Ausmae,
da ein Priester, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, keinem
ffentlichen Gericht untersteht: Gott allein und sich selbst ist er
berlassen. Die Utopier halten es nmlich fr Snde, den mit
Menschenhand zu berhren, und wre er auch ein noch so schlimmer
Verbrecher, der Gott auf eine so einzigartige Weise gleichsam als Opfer
geweiht ist. Diesen Brauch knnen sie leichter einhalten, weil ihre
Priester so gering an Zahl sind und mit so groer Sorgfalt ausgewhlt
werden. Kommt es doch nur selten vor, da ein Mann, der, aus der Zahl
der Guten als Bester ausgesucht, allein wegen seiner Tchtigkeit zu so
hoher Wrde erhoben wird, zu Verderbtheit und Lasterhaftigkeit entartet.
Sollte es aber bei der Unbestndigkeit der menschlichen Natur immerhin
einmal vorkommen, so braucht man davon fr die Allgemeinheit durchaus
keinen Schaden von groer Bedeutung zu befrchten, da die Zahl der
Priester nur gering ist und sie auer ihrem Ansehen keinerlei Macht
besitzen. Die Utopier beschrnken aber die Zahl ihrer Priester deshalb
so stark, weil das Ansehen des Standes, dem sie jetzt so groe Verehrung
erweisen, nicht dadurch an Bedeutung verlieren soll, da sie seine Ehre
vielen zuteil werden lassen, zumal da sie es fr schwierig halten, viele
Leute zu finden, die tugendhaft genug zur Bekleidung eines Amtes sind,
fr dessen Wrde eine nur mittelmige Tugendhaftigkeit nicht ausreicht.

Die Wertschtzung der Priester ist bei den auswrtigen Vlkern nicht
geringer als bei ihren Landsleuten. Das geht deutlich aus einem Brauche
hervor, den ich auch fr den Ursprung dieser Wertschtzung halte.
Whrend nmlich die Truppen in der Schlacht um die Entscheidung kmpfen,
halten sich die Priester abseits, aber nicht weit entfernt, und liegen
in ihren geweihten Gewndern auf den Knien. Die Hnde zum Himmel
erhoben, beten sie zu allererst um Frieden, sodann um Sieg fr ihr Volk,
aber um einen Sieg, der fr beide Teile nicht blutig ist. Im Falle des
Sieges ihres Volkes eilen sie in den Kampf und gebieten dem Wten gegen
die Geschlagenen Einhalt. Wer sie nur sieht und anruft, wenn sie da
sind, sichert sich sein Leben; wer ihre wallenden Gewnder berhrt,
schtzt auch, was ihm sonst noch gehrt, vor jeder kriegerischen
Gewalttat. Infolgedessen genieen die Priester bei allen Vlkern ringsum
eine so groe Verehrung und so viel wirklich majesttisches Ansehen, da
die Schonung, die sie vom Feinde fr ihre Mitbrger erwirkten, oft nicht
geringer war als die, die sie bei diesen fr den Feind erreicht hatten.
So viel steht jedenfalls fest: schon manchmal, wenn die Front ihrer
Landsleute ins Wanken geraten war, wenn diese in ihrer verzweifelten
Lage zu fliehen begannen und der Feind zu Gemetzel und Plnderung
heranstrmte, traten die Priester dazwischen, unterbrachen das
Blutvergieen, trennten die Truppen voneinander, brachten unter
gerechten Bedingungen einen Frieden zustande und schlossen ihn ab. Denn
noch niemals ist ein Volk so wild, so grausam und so barbarisch gewesen,
da es ihre Person nicht fr heilig und unverletzlich gehalten htte.

Als Festtage begehen die Utopier den ersten und letzten Tag eines jeden
Monats und Jahres. Dieses teilen sie in Monate ein, die der Umlauf des
Mondes abgrenzt, wie der Kreislauf der Sonne das Jahr rundet. Alle
Anfangstage heien auf utopisch Cynemerner und die Schlutage
Trapemerner, was etwa soviel wie Anfangs- und Schlufeste bedeutet.

Man sieht in Utopien prachtvolle Tempel, die nicht blo mit groer Kunst
gebaut sind, sondern auch eine gewaltige Menschenmenge fassen, was ja
bei ihrer geringen Anzahl auch unbedingt notwendig ist. Gleichwohl sind
sie alle halbdunkel, und zwar soll das nicht auf mangelhafte Kenntnis in
der Baukunst zurckgehen, sondern auf einen Rat der Priester. Nach deren
Meinung nmlich lenkt zuviel Licht die Gedanken ab, sparsameres und
gleichsam unsicheres Licht dagegen trgt zur Sammlung des Geistes und
zur Vertiefung der Andacht bei. Zwar ist in Utopien die Religion nicht
berall die gleiche, aber all ihre, wenn auch verschiedenen und
vielfltigen Formen kommen trotz Verschiedenheit der Wege in einem
einheitlichen Ziele zusammen, in der Verehrung eines gttlichen Wesens.
Infolgedessen ist in den Tempeln nichts zu sehen oder zu hren, was
nicht fr alle Religionsformen ohne Unterschied passend erschiene. Einen
seiner Sekte etwa eigentmlichen Brauch vollzieht ein jeder innerhalb
seiner vier Wnde; den ffentlichen Kult dagegen fhrt man in einer Form
durch, die keiner Religion etwas von ihren Besonderheiten nimmt. Daher
ist auch kein Gtterbild im Tempel zu sehen, so da es jedem freisteht,
unter welcher Gestalt er sich die Gottheit seinem persnlichen Glauben
gem vorstellen will. Sie rufen Gott unter keinem besonderen Namen an,
sondern nur als Mythras, ein Wort, mit dem sie alle bereinstimmend das
eine Wesen gttlicher Majestt bezeichnen, welcher Art es auch sein mag.
Die Gebete, die in Utopien abgefat werden, sind auch alle derart, da
sich jeder ihrer bedienen kann, ohne gegen seinen persnlichen Glauben
zu verstoen.

Im Tempel kommen die Utopier an den Schlufesttagen abends zusammen,
ohne noch etwas zu sich genommen zu haben, um Gott fr den Segen zu
danken, den er in dem Jahre oder Monat, dessen letzter Tag dieser
Festtag ist, gespendet hat. In der Frhe des nchsten Tages -- denn das
ist dann ein Anfangsfesttag -- strmt das Volk in den Tempeln zusammen,
um fr das folgende Jahr oder den folgenden Monat, den sie mit dieser
Feier beginnen wollen, Glck und Segen zu erbitten. Ehe man aber an den
Schlufesttagen in den Tempel geht, werfen sich daheim die Frauen ihren
Mnnern und die Kinder ihren Eltern zu Fen und bekennen ihnen ihre
Verfehlungen, mag es sich nun um eine Missetat oder um eine mangelhafte
Pflichterfllung handeln, und bitten um Vergebung ihrer Schuld. So wird
jedes Wlkchen huslicher Zwietracht, das etwa aufsteigt, durch solche
Abbitte verscheucht, und man nimmt reinen Herzens und unbeschwerten
Sinnes am Gottesdienst teil. Man scheut sich nmlich, mit verstrtem
Sinn dem Gottesdienst beizuwohnen. Ist man sich deshalb bewut, Ha oder
Zorn gegen jemand zu hegen, so geht man erst dann wieder zum
Gottesdienst, wenn man sich vershnt und von den Leidenschaften
gereinigt hat, weil man sonst eine schnelle und schwere Strafe
frchtet. Im Tempel angekommen, gehen die Mnner auf die rechte und die
Frauen gesondert auf die linke Seite. Dann nehmen sie in der Weise
Platz, da die mnnlichen Mitglieder eines jeden Hauses vor dem
Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen
Mitglieder schliet. Auf diese Weise knnen smtliche Bewegungen aller
Hausgenossen auerhalb des Hauses von denen beobachtet werden, deren
Autoritt und Zucht sie auch innerhalb des Hauses unterstehen. Ja, die
Utopier sehen auch gewissenhaft darauf, da im Tempel immer ein Jngerer
mit einem lteren zusammensitzt, damit nicht die Kinder sich selbst
berlassen bleiben und sich nicht whrend des Gottesdienstes kindisch
und albern benehmen. Denn gerade in dieser Zeit sollten sie es lernen,
fromme Scheu vor den Himmlischen zu hegen, die ja der strkste und
beinahe der einzige Ansporn zur Tugend ist. Wenn die Utopier opfern, so
schlachten sie kein Tier, und sie knnen nicht glauben, da sich Gott in
seiner Gte ber Blutvergieen und Morden freut; hat er doch den
Lebewesen das Leben zu dem Zwecke geschenkt, da sie leben. Sie
verbrennen Weihrauch und ebenso anderes Rucherwerk; auch stecken sie
zahlreiche Wachskerzen auf, nicht als ob sie nicht wten, da das Wesen
Gottes dieser Dinge nicht bedarf, ebensowenig wie ja auch der Gebete der
Menschen, aber sie finden Gefallen an dieser harmlosen Art
Gottesverehrung, und die Menschen fhlen, da diese Dfte, Lichter und
sonstigen Feierlichkeiten sie irgendwie innerlich aufrichten und zur
Verehrung Gottes freudiger stimmen. Im Tempel trgt das Volk weie
Gewnder, der Priester dagegen buntfarbige, die nach Arbeit und Form
Bewunderung verdienen; nur ist der Stoff nicht ebenso wertvoll. Die
Gewnder sind nmlich nicht mit Gold gestickt oder mit seltenen Steinen
besetzt, sondern aus einzelnen Vogelfedern so geschickt und kunstvoll
gearbeitet, da auch der kostbarste Stoff dieser Arbeit an Wert nicht
gleichkommen wrde. Wie es auerdem heit, sind in jenen Schwung- und
Flaumfedern sowie in ihrer bestimmten Anordnung, durch die sie auf dem
Priestergewande unterschieden werden, gewisse geheime Mysterien
verborgen. Ihre Auslegung ist den Priestern bekannt und wird von ihnen
gewissenhaft weiter berliefert; die Menschen sollen dadurch an die
Wohltaten erinnert werden, die ihnen Gott erweist, an den Dank, den sie
ihm dafr schulden, und an die Pflichten, die sie gegenseitig zu
erfllen haben.

Sobald sich der Priester in diesem Ornat vor dem Allerheiligsten zeigt,
werfen sich alle sofort voll Ehrfurcht zu Boden unter so allgemeinem und
tiefen Schweigen, da schon der bloe Anblick dieses Vorgangs eine Art
Schauer einflt, als wenn eine Gottheit zugegen wre. Sie bleiben eine
Weile liegen und erheben sich erst, wenn ihnen der Priester ein Zeichen
gibt. Dann singen sie Gott zu Ehren Hymnen, wozu sie zwischendurch auf
Musikinstrumenten spielen. Diese haben zu einem groen Teile eine andere
Gestalt als die, die man in unserem Erdteil zu sehen bekommt. Die
meisten von ihnen bertreffen zwar die bei uns gebruchlichen wesentlich
an Wohlklang, doch sind einige mit den unsrigen nicht einmal zu
vergleichen. In einer Beziehung jedoch sind uns die Utopier
unzweifelhaft weit voraus, darin nmlich, da all ihre Musik, und zwar
die Instrumentalmusik ebenso wie die Vokalmusik, die natrlichen
Seelenzustnde deutlich nachahmt und widerspiegelt, da der Klang sich
dem Inhalt des Musikstckes treffend anpat, mag es sich um Worte eines
Betenden oder um den Ausdruck der Freude, der Sanftmut, der Aufregung,
der Trauer oder des Zornes handeln, und da die Art der Melodie den Sinn
eines jeden Textes so lebendig veranschaulicht, da sie die Herzen der
Zuhrer in wunderbarer Weise ergreift, erschttert und entflammt.
Zuletzt sprechen Priester und Volk zusammen feierliche Gebete in
bestimmten Fassungen, die so gehalten sind, da jeder einzelne auf sich
beziehen kann, was alle zusammen hersagen. In diesen Gebeten ruft sich
jeder Gott als den Schpfer und Lenker des Weltalls und als den Geber
all der anderen Gter wieder ins Gedchtnis, dankt ihm fr die zahllosen
Wohltaten, die er empfangen hat, besonders aber dafr, da ihn Gottes
Gte und Gnade im glcklichsten Staat leben und an einer Religion
teilnehmen lt, die, wie er hofft, der Wahrheit am nchsten kommt.
Sollte er sich darin irren oder sollte es einen besseren Staat oder eine
bessere Religion geben, die auch Gott genehmer wre, so bitte er darum,
seine Gte mge es ihn erkennen lassen; er wolle ihm bereitwillig
folgen, wohin er ihn auch fhre. Sollte aber diese Staatsform die beste
und seine Religionsauffassung die richtigste sein, so mge ihm Gott
Bestndigkeit verleihen und die anderen Menschen alle zu denselben
Lebensgrundstzen und zu derselben Vorstellung von Gott bekehren, falls
er nicht in seinem unerforschlichen Willen auch an dieser
Mannigfaltigkeit der Bekenntnisse Gefallen finde. Endlich bittet er noch
darum, Gott mge ihn nach einem leichten Tode in sein Reich aufnehmen;
wie bald oder wie spt, das wage er nicht im voraus zu bestimmen.
Immerhin werde es ihm, soweit es ohne Verletzung der gttlichen Majestt
mglich sei, viel lieber sein, auch den schwersten Tod zu erleiden, um
eher zu Gott zu kommen, als durch das glcklichste Leben lnger von ihm
ferngehalten zu werden. Nach diesem Gebet werfen sich alle abermals zu
Boden und erheben sich bald darauf wieder, um zum Essen zu gehen; den
Rest des Tages verbringen sie mit Spielen und militrischer Ausbildung.

                   *       *       *       *       *

Ich habe euch so wahrheitsgem wie mglich die Form dieses Staates
beschrieben, den ich bestimmt nicht nur fr den besten, sondern auch fr
den einzigen halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung Gemeinwesen
fr sich beanspruchen darf. Wenn man nmlich anderswo von Gemeinwohl
spricht, hat man berall nur sein persnliches Wohl im Auge; hier, in
Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum gibt, kmmert man sich
ernstlich nur um das Interesse der Allgemeinheit, und beide Male
geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie wenige in anderen Lndern
wissen nicht, da sie trotz noch so groer Blte ihres Staates Hungers
sterben wrden, wenn sie nicht auf einen Sondernutzen bedacht wren! Und
deshalb zwingt sie die Not, eher an sich als an ihr Volk, das heit an
andere, zu denken. Dagegen hier, in Utopien, wo alles allen gehrt, ist
jeder ohne Zweifel fest davon berzeugt, da niemand etwas fr seinen
Privatbedarf vermissen wird, wofern nur dafr gesorgt wird, da die
staatlichen Speicher gefllt sind. Denn hier werden die Gter reichlich
verteilt, und es gibt keine Armen und keine Bettler, und obgleich
niemand etwas besitzt, sind doch alle reich. Knnte es nmlich einen
greren Reichtum geben, als vllig frei von jeder Sorge, heiteren
Sinnes und ruhigen Herzens zu leben, nicht um seinen eigenen
Lebensunterhalt ngstlich besorgt, nicht geqult von der Geldforderung
der jammernden Gattin, ohne Furcht, der Sohn knne in Not geraten, ohne
Angst und Bange um die Mitgift der Tochter, sondern unbesorgt um den
eigenen Lebensunterhalt und um den der Seinen, der Gattin, der Shne,
der Enkel, Urenkel und Ururenkel und der ganzen Reihe von Nachkommen, so
lang, wie sie ein Ehrenmann erwartet? Ja, diese Frsorge erstreckt sich
sogar in demselben Umfange auf die, die frher gearbeitet haben, jetzt
aber nicht mehr dazu imstande sind, wie auf die, die jetzt noch
arbeiten. Da wnschte ich, es wagte jemand, mit dieser Billigkeit die
Gerechtigkeit anderer Vlker zu vergleichen, und ich will des Todes
sein, wenn ich bei ihnen auch nur die geringste Spur von Gerechtigkeit
und Billigkeit finde! Oder ist das etwa Gerechtigkeit, wenn jeder
beliebige Edelmann oder Goldschmied oder Wucherer oder schlielich
irgendein anderer von denen, die entweder berhaupt nichts tun oder
deren Ttigkeit fr den Staat nicht dringend notwendig ist, ein
prchtiges und glnzendes Leben fhren darf auf Grund eines Verdienstes,
den ihm sein Nichtstun oder seine berflssige Ttigkeit einbringt,
whrend zu gleicher Zeit der Tagelhner, der Fuhrmann, der Schmied und
der Bauer mit seiner harten und ununterbrochenen Arbeit, wie sie kaum
ein Zugtier aushalten wrde, die aber so unentbehrlich ist, da ohne sie
kein Gemeinwesen auch nicht ein Jahr blo auskommen knnte, einen nur so
geringen Lebensunterhalt verdient und ein so elendes Leben fhrt, da
einem die Lage der Zugochsen weit besser vorkommen knnte, weil sie
nicht so dauernd arbeiten mssen, weil ihre Nahrung nicht viel
schlechter ist und ihnen sogar besser schmeckt und weil sie bei alledem
wegen der Zukunft keine Angst zu haben brauchen? Aber diese Menschen
qult eine erfolglose und undankbare Arbeit in der Gegenwart, auch
peinigt sie der Gedanke an ein hilfloses Alter. Denn wenn ihr tglicher
Verdienst zu krglich ist, um auch nur fr denselben Tag auszureichen,
kann auf keinen Fall etwas herausspringen und brigbleiben, um tglich
fr die Verwendung im Alter zurckgelegt zu werden. Ist das nicht eine
ungerechte und undankbare Gemeinschaft, die den sogenannten Edelleuten,
den Goldschmieden und den brigen Leuten dieser Art, die weiter nichts
als Miggnger oder Schmarotzer sind und nur unntze Luxusdinge
herstellen, in so verschwenderischer Weise ihre Gunst bezeugt, die
dagegen fr die Bauern, Khler, Tagelhner, Fuhrleute und Schmiede, ohne
die berhaupt kein Staat bestehen knnte, in keinerlei Weise sorgt? Sie
nutzt die Arbeitskraft ihrer besten Lebensjahre aus und vergilt ihnen
dann, wenn sie schlielich, von Alter und Krankheit beschwert, an allem
Mangel leiden, auf hchst undankbare Weise, indem sie sie, uneingedenk
so vieler Nchte, die sie durchwacht, und so vieler und wichtiger
Dienste, die sie geleistet haben, auf ganz elende Weise sterben lt.
Was soll man gar noch dazu sagen, da die Reichen Tag fr Tag von dem
tglichen Verdienst der Armen nicht nur durch privaten Betrug, sondern
sogar auf Grund staatlicher Gesetze etwas abzwacken? So haben diese
Menschen das, was frher als ungerecht galt: die hchsten Verdienste um
den Staat mit dem schndesten Undank zu lohnen, in seiner Geltung
entstellt und sogar noch in Gerechtigkeit verwandelt, indem sie es durch
Gesetze sanktionierten. Wenn ich daher alle unsere Staaten, die heute
irgendwo in Blte stehen, im Geiste betrachte und ber sie nachdenke, so
stoe ich, so wahr mir Gott helfe, einzig und allein auf eine Art
Verschwrung der Reichen, die unter Mibrauch des Namens- und
Rechtstitels eines Staates nur auf ihre persnlichen Interessen bedacht
sind. Sie ersinnen und denken sich alle mglichen Mittel und Rnke aus,
zunchst, um ihren unrechtmig erworbenen Besitz zu behalten, ohne
frchten zu mssen, ihn zu verlieren, und sodann, um sich die
angestrengte Arbeit aller Armen so billig wie mglich zu erkaufen und zu
ihrem Vorteil zu mibrauchen. Sobald nun die Reichen erst einmal im
Namen des Staates, also auch im Namen der Armen, beschlossen haben,
diese Machenschaften durchzufhren, erhalten sie sofort Gesetzeskraft.
Aber selbst wenn diese so schlechten Menschen alle diese Gter, die fr
alle gereicht htten, in unersttlicher Habgier untereinander aufteilen,
wieviel fehlt ihnen trotzdem noch an dem Glck des utopischen Staates!
Hier ist mit dem Gebrauch des Geldes selbst zugleich jede Geldgier aus
der Welt geschafft. Welch schwere Last von Verdrielichkeiten ist
dadurch abgewlzt, welch reiche Saat von Verbrechen mitsamt der Wurzel
ausgerissen! Wer wei nmlich nicht, da Betrug, Diebstahl, Raub,
Streit, Unruhe, Zank, Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei, die
jetzt durch tgliche Bestrafungen mehr geahndet als eingeschrnkt
werden, mit der Beseitigung des Geldes absterben mssen und da auerdem
Furcht, Unruhe, Sorgen, Anstrengungen und durchwachte Nchte in
demselben Augenblick wie das Geld verschwinden werden? Ja, die Armut
selbst, der einzige Zustand, wie es scheint, in dem Geld gebraucht wird,
wrde augenblicklich abnehmen, wenn man das Geld berall vllig
abschaffte. Wenn du dir das noch deutlicher machen willst, mut du dir
einmal ein drres und unfruchtbares Jahr vorstellen, in dem der Hunger
viele Tausende von Menschen dahingerafft hat. Nun behaupte ich ganz
bestimmt: htte man am Ende dieser Hungersnot die Speicher der Reichen
durchsucht, so wre so viel Getreide zu finden gewesen, da berhaupt
niemand jene Ungunst des Wetters und jenen geringen Ertrag des Bodens
htte zu spren brauchen, wenn man die Vorrte unter die verteilt htte,
die in der Tat Opfer der Abmagerung und Auszehrung geworden sind. So
leicht knnte man beschaffen, was man zum Leben braucht, wenn nicht
jenes herrliche Geld, ganz offenbar dazu erfunden, den Zugang zum
Lebensunterhalt zu erschlieen, allein es wre, das ihn uns verschliet.
Das merken ohne Zweifel auch die Reichen, und sie wissen ganz genau,
wieviel besser jener Zustand wre, nichts Notwendiges zu entbehren als
an vielerlei berflssigem berflu zu haben, und wieviel besser es
wre, von so zahlreichen beln befreit als von so groem Reichtum
beschwert zu sein. Ich mag auch gar nicht daran zweifeln, da die Sorge
fr das persnliche Wohl jedes einzelnen oder die Autoritt Christi,
unseres Heilands, der bei seiner so groen Weisheit wissen mute, was
das Beste sei, und bei seiner so groen Gte nur zu dem raten konnte,
was er als das Beste erkannt hatte, die ganze Welt ohne Mhe schon
lngst fr die Gesetze des utopischen Staates gewonnen htte, wenn nicht
eine einzige Bestie, das Haupt und der Ursprung alles Unheils, die
Hoffart, dagegen ankmpfte. Sie mit ihr Glck nicht am eigenen Nutzen,
sondern am fremden Unglck. Sie mchte nicht einmal Gttin werden, wenn
dann keine Unglcklichen mehr brigblieben, ber die sie herrschen und
die sie verhhnen knnte, im Vergleich zu deren Elend ihr eigenes Glck
in besonderem Glanze erstrahlen soll und die sie in ihrer Not durch
Entfaltung ihres eigenen Reichtums qulen und aufbringen mchte. Die
Hoffart, eine Schlange der Hlle, nistet sich in die Herzen der Menschen
ein, hlt sie wie ein Hemmschuh zurck und hindert sie, einen besseren
Lebensweg einzuschlagen. Dieses Gewrm hat sich zu tief ins Menschenherz
eingefressen, als da es sich ohne Mhe wieder herausreien liee. Und
deshalb freue ich mich, da wenigstens den Utopiern diese Staatsform
zuteil geworden ist, die ich von Herzen gern berall sehen mchte. Sie
haben sich Lebenseinrichtungen geschaffen, mit denen sie das Fundament
eines Staates legten, dem nicht nur das hchste Glck, sondern, nach
menschlicher Voraussicht wenigstens, auch ewige Dauer beschieden ist.
Seitdem sie nmlich im Inneren Ehrgeiz und Parteisucht ebenso wie die
anderen Laster mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben, droht keine
Gefahr mehr, da sie unter innerem Zwist zu leiden haben, der schon
vielfach die alleinige Ursache des Unterganges von Stdten gewesen ist,
deren Macht und Wohlstand trefflich gesichert war. Solange jedoch die
Eintracht im Inneren und die gesunde Verfassung erhalten bleiben, ist
der Neid auch aller benachbarten Frsten nicht imstande, das Reich zu
zerrtten oder zu erschttern, was er vor langer Zeit zwar schon zu
wiederholten Malen, aber immer ohne Erfolg versucht hat.

Als Raphael mit seinem Bericht zu Ende war, fiel mir gar mancherlei ein,
was mir an den Sitten und Gesetzen jenes Volkes beraus sonderbar
vorkam, nicht nur an der Art und Weise seiner Kriegfhrung, an seinem
Gottesdienst und seiner Religion und an noch anderen seiner
Einrichtungen, sondern auch ganz besonders an dem eigentlichen Fundament
seiner ganzen Verfassung, nmlich an seinem gemeinschaftlichen Leben und
der gemeinschaftlichen Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar unter
Ausschaltung jedes Geldverkehrs. Beseitigt doch schon diese letzte
Bestimmung fr sich allein von Grund aus jeden Adel, jede Pracht, jeden
Glanz, jede Wrde, also den der ffentlichen Meinung nach wahren Glanz
und Schmuck eines Staates. Ich wute jedoch, da Raphael vom Erzhlen
mde war, und ich war nicht ganz sicher, ob er einen Widerspruch gegen
seine Meinung vertragen wrde, zumal da ich daran dachte, wie er gewisse
Leute deshalb getadelt hatte, weil sie nach seiner Ansicht Angst
hatten, nicht fr klug genug zu gelten, wenn sie nicht an den Einfllen
anderer Leute etwas fnden, woran sie herumzausen knnten. Deshalb lobte
ich nur die Verfassung jenes Volkes und die Erzhlung Raphaels, nahm ihn
bei der Hand und fhrte ihn ins Haus zum Essen; doch sagte ich vorher
noch, wir wrden wohl noch ein anderes Mal Zeit finden, ber die
gleichen Dinge tiefer nachzudenken und uns ausfhrlicher mit ihm zu
unterhalten. Ich wollte nur, es kme noch einmal dazu! Bis dahin kann
ich zwar nicht allem zustimmen, was dieser brigens unbestritten
hochgelehrte Mann von reifer Lebenserfahrung gesagt hat, doch gestehe
ich ohne weiteres, da ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier in
unseren Staaten eingefhrt sehen mchte. Allerdings mu ich das wohl
mehr wnschen, als da ich es hoffen drfte.

Ende.

Ende der Nachmittagserzhlung des Raphael Hythlodeus ber die Gesetze
und Einrichtungen der bisher nur wenigen bekannten Insel Utopia, durch
den hochberhmten und hochgelehrten Herrn Thomas Morus, Brger und
Vicecomes von London, bekanntgegeben.

[ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
  jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
  steht.

unserer Welt gegehrt -- sie nennen uns Ultraquinoktialen--, auer da
unserer Welt gehrt -- sie nennen uns Ultraquinoktialen--, auer da

regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen in
regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen

Qual sei, und sich in Zuversicht und gutes Mutes von diesem traurigen
Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen

]





End of the Project Gutenberg EBook of Utopia, by Thomas Morus

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UTOPIA ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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