The Project Gutenberg EBook of Bahnwrter Thiel, by Gerhart Hauptmann

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Title: Bahnwrter Thiel

Author: Gerhart Hauptmann

Release Date: July 11, 2009 [EBook #29376]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                          Fischers Bibliothek
                        zeitgenssischer Romane




                            Bahnwrter Thiel
                                  von
                           Gerhart Hauptmann


                       S. Fischer, Verlag, Berlin




       Alle Rechte, insbesondere die der bersetzung, vorbehalten




Inhalt


  Bahnwrter Thiel       7

  Der Apostel           71




Bahnwrter Thiel


1

Allsonntglich sa der Bahnwrter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau,
ausgenommen die Tage, an denen er Dienst hatte oder krank war und zu
Bette lag. Im Verlaufe von zehn Jahren war er zweimal krank gewesen;
das eine Mal infolge eines vom Tender einer Maschine whrend des
Vorbeifahrens herabgefallenen Stckes Kohle, welches ihn getroffen
und mit zerschmettertem Bein in den Bahngraben geschleudert hatte;
das andere Mal einer Weinflasche wegen, die aus dem vorberrasenden
Schnellzuge mitten auf seine Brust geflogen war. Auer diesen beiden
Unglcksfllen hatte nichts vermocht, ihn, sobald er frei war, von der
Kirche fernzuhalten.

Die ersten fnf Jahre hatte er den Weg von Schn-Schornstein, einer
Kolonie an der Spree, herber nach Neu-Zittau allein machen mssen.
Eines schnen Tages war er dann in Begleitung eines schmchtigen und
krnklich aussehenden Frauenzimmers erschienen, die, wie die Leute
meinten, zu seiner herkulischen Gestalt wenig gepat hatte. Und wiederum
eines schnen Sonntag Nachmittags reichte er dieser selben Person am
Altare der Kirche feierlich die Hand zum Bunde frs Leben. Zwei Jahre
nun sa das junge, zarte Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank; zwei
Jahre blickte ihr hohlwangiges, feines Gesicht neben seinem vom Wetter
gebrunten in das uralte Gesangbuch --; und pltzlich sa der Bahnwrter
wieder allein wie zuvor.

An einem der vorangegangenen Wochentage hatte die Sterbeglocke gelutet:
das war das Ganze.

An dem Wrter hatte man, wie die Leute versicherten, kaum eine
Vernderung wahrgenommen. Die Knpfe seiner sauberen Sonntagsuniform
waren so blank geputzt als je zuvor, seine roten Haare so wohl gelt und
militrisch gescheitelt wie immer, nur da er den breiten, behaarten
Nacken ein wenig gesenkt trug und noch eifriger der Predigt lauschte
oder sang, als er es frher getan hatte. Es war die allgemeine Ansicht,
da ihm der Tod seiner Frau nicht sehr nahe gegangen sei; und diese
Ansicht erhielt eine Bekrftigung, als sich Thiel nach Verlauf eines
Jahres zum zweiten Male, und zwar mit einem dicken und starken
Frauenzimmer, einer Kuhmagd aus Alte-Grund, verheiratete.

Auch der Pastor gestattete sich, als Thiel die Trauung anmelden kam,
einige Bedenken zu uern:

Ihr wollt also schon wieder heiraten?

Mit der Toten kann ich nicht wirtschaften, Herr Prediger!

Nun ja wohl -- aber ich meine -- Ihr eilt ein wenig.

Der Junge geht mir drauf, Herr Prediger.

Thiels Frau war im Wochenbett gestorben, und der Junge, welchen sie zur
Welt gebracht, lebte und hatte den Namen Tobias erhalten.

Ach so, der Junge, sagte der Geistliche und machte eine Bewegung, die
deutlich zeigte, da er sich des Kleinen erst jetzt erinnere. Das ist
etwas andres -- wo habt Ihr ihn denn untergebracht, whrend Ihr im
Dienst seid?

Thiel erzhlte nun, wie er Tobias einer alten Frau bergeben, die ihn
einmal beinahe habe verbrennen lassen, whrend er ein anderes Mal von
ihrem Scho auf die Erde gekugelt sei, ohne glcklicherweise mehr als
eine groe Beule davonzutragen. Das knne nicht so weiter gehen, meinte
er, zudem da der Junge, schwchlich wie er sei, eine ganz besondere
Pflege bentige. Deswegen und ferner weil er der Verstorbenen in die
Hand gelobt, fr die Wohlfahrt des Jungen zu jeder Zeit ausgiebig Sorge
zu tragen, habe er sich zu dem Schritte entschlossen.--

Gegen das neue Paar, welches nun allsonntglich zur Kirche kam, hatten
die Leute uerlich durchaus nichts einzuwenden. Die frhere Kuhmagd
schien fr den Wrter wie geschaffen. Sie war kaum einen halben Kopf
kleiner wie er und bertraf ihn an Gliederflle. Auch war ihr Gesicht
ganz so grob geschnitten wie das seine, nur da ihm im Gegensatz zu dem
des Wrters die Seele abging.

Wenn Thiel den Wunsch gehegt hatte, in seiner zweiten Frau eine
unverwstliche Arbeiterin, eine musterhafte Wirtschafterin zu haben, so
war dieser Wunsch in berraschender Weise in Erfllung gegangen. Drei
Dinge jedoch hatte er, ohne es zu wissen, mit seiner Frau in Kauf
genommen: eine harte, herrschschtige Gemtsart, Zanksucht und brutale
Leidenschaftlichkeit. Nach Verlauf eines halben Jahres war es
ortsbekannt, wer in dem Huschen des Wrters das Regiment fhrte. Man
bedauerte den Wrter.

Es sei ein Glck fr das Mensch, da sie ein so gutes Schaf wie den
Thiel zum Manne bekommen habe, uerten die aufgebrachten Ehemnner; es
gbe welche, bei denen sie greulich anlaufen wrde. So ein Tier msse
doch kirre zu machen sein, meinten sie, und wenn es nicht anders ginge,
denn mit Schlgen. Durchgewalkt msse sie werden, aber dann gleich so,
da es zge.

Sie durchzuwalken aber war Thiel trotz seiner sehnigen Arme nicht der
Mann. Das, worber sich die Leute ereiferten, schien ihm wenig
Kopfzerbrechen zu machen. Die endlosen Predigten seiner Frau lie er
gewhnlich wortlos ber sich ergehen, und wenn er einmal antwortete, so
stand das schleppende Zeitma, sowie der leise, khle Ton seiner Rede in
seltsamstem Gegensatz zu dem kreischenden Gekeif seiner Frau. Die
Auenwelt schien ihm wenig anhaben zu knnen: es war, als trge er etwas
in sich, wodurch er alles Bse, was sie ihm antat, reichlich mit Gutem
aufgewogen erhielt.

Trotz seines unverwstlichen Phlegmas hatte er doch Augenblicke, in
denen er nicht mit sich spaen lie. Es war dies immer anllich
solcher Dinge, die Tobischen betrafen. Sein kindgutes, nachgiebiges
Wesen gewann dann einen Anstrich von Festigkeit, dem selbst ein so
unzhmbares Gemt wie das Lenes nicht entgegenzutreten wagte.

Die Augenblicke indes, darin er diese Seite seines Wesens herauskehrte,
wurden mit der Zeit immer seltener und verloren sich zuletzt ganz. Ein
gewisser leidender Widerstand, den er der Herrschsucht Lenens whrend
des ersten Jahres entgegengesetzt, verlor sich ebenfalls im zweiten. Er
ging nicht mehr mit der frheren Gleichgltigkeit zum Dienst, nachdem er
einen Auftritt mit ihr gehabt, wenn er sie nicht vorher besnftigt
hatte. Er lie sich am Ende nicht selten herab, sie zu bitten, doch
wieder gut zu sein. -- Nicht wie sonst mehr war ihm sein einsamer Posten
inmitten des mrkischen Kiefernforstes sein liebster Aufenthalt. Die
stillen, hingebenden Gedanken an sein verstorbenes Weib wurden von denen
an die Lebende durchkreuzt. Nicht widerwillig, wie die erste Zeit, trat
er den Heimweg an, sondern mit leidenschaftlicher Hast, nachdem er
vorher oft Stunden und Minuten bis zur Zeit der Ablsung gezhlt hatte.

Er, der mit seinem ersten Weibe durch eine mehr vergeistigte Liebe
verbunden gewesen war, geriet durch die Macht roher Triebe in die Gewalt
seiner zweiten Frau und wurde zuletzt in allem fast unbedingt von ihr
abhngig. -- Zuzeiten empfand er Gewissensbisse ber diesen Umschwung
der Dinge und er bedurfte einer Anzahl auergewhnlicher Hilfsmittel, um
sich darber hinweg zu helfen. So erklrte er sein Wrterhuschen und
die Bahnstrecke, die er zu besorgen hatte, insgeheim gleichsam fr
geheiligtes Land, welches ausschlielich den Manen der Toten gewidmet
sein sollte. Mit Hilfe von allerhand Vorwnden war es ihm in der Tat
bisher gelungen, seine Frau davon abzuhalten, ihn dahin zu begleiten.

Er hoffte es auch fernerhin tun zu knnen. Sie htte nicht gewut,
welche Richtung sie einschlagen sollte, um seine Bude, deren Nummer
sie nicht einmal kannte, aufzufinden.

Dadurch, da er die ihm zu Gebote stehende Zeit somit gewissenhaft
zwischen die Lebende und Tote zu teilen vermochte, beruhigte Thiel sein
Gewissen in der Tat.

Oft freilich und besonders in Augenblicken einsamer Andacht, wenn er
recht innig mit der Verstorbenen verbunden gewesen war, sah er seinen
jetzigen Zustand im Lichte der Wahrheit und empfand davor Ekel.

Hatte er Tagdienst, so beschrnkte sich sein geistiger Verkehr mit der
Verstorbenen auf eine Menge lieber Erinnerungen aus der Zeit seines
Zusammenlebens mit ihr. Im Dunkel jedoch, wenn der Schneesturm durch die
Kiefern und ber die Strecke raste, in tiefer Mitternacht beim Scheine
seiner Laterne, da wurde das Wrterhuschen zur Kapelle.

Eine verblichene Photographie der Verstorbenen vor sich auf dem Tisch,
Gesangbuch und Bibel aufgeschlagen, las und sang er abwechselnd die
lange Nacht hindurch, nur von den in Zwischenrumen vorbeitobenden
Bahnzgen unterbrochen, und geriet hierbei in eine Ekstase, die sich zu
Gesichten steigerte, in denen er die Tote leibhaftig vor sich sah.

Der Posten, den der Wrter nun schon zehn volle Jahre ununterbrochen
innehatte, war aber in seiner Abgelegenheit dazu angetan, seine
mystischen Neigungen zu frdern.

Nach allen vier Windrichtungen mindestens durch einen
dreiviertelstndigen Weg von jeder menschlichen Wohnung entfernt, lag
die Bude inmitten des Forstes dicht neben einem Bahnbergang, dessen
Barrieren der Wrter zu bedienen hatte.

Im Sommer vergingen Tage, im Winter Wochen, ohne da ein menschlicher
Fu, auer denen des Wrters und seines Kollegen, die Strecke passierte.
Das Wetter und der Wechsel der Jahreszeiten brachten in ihrer
periodischen Wiederkehr fast die einzige Abwechslung in diese Einde.
Die Ereignisse, welche im brigen den regelmigen Ablauf der Dienstzeit
Thiels auer den beiden Unglcksfllen unterbrochen hatten, waren
unschwer zu berblicken. Vor vier Jahren war der kaiserliche Extrazug,
der den Kaiser nach Breslau gebracht hatte, vorbergejagt. In einer
Winternacht hatte der Schnellzug einen Rehbock berfahren. An einem
heien Sommertage hatte Thiel bei seiner Streckenrevision eine verkorkte
Weinflasche gefunden, die sich glhend hei anfate und deren Inhalt
deshalb von ihm fr sehr gut gehalten wurde, weil er nach Entfernung des
Korkes einer Fontne gleich herausquoll, also augenscheinlich gegoren
war. Diese Flasche, von Thiel in den seichten Rand eines Waldsees
gelegt, um abzukhlen, war von dort auf irgend welche Weise abhanden
gekommen, so da er noch nach Jahren ihren Verlust bedauern mute.

Einige Zerstreuung vermittelte dem Wrter ein Brunnen dicht hinter
seinem Huschen. Von Zeit zu Zeit nahmen in der Nhe beschftigte Bahn-
oder Telegraphenarbeiter einen Trunk daraus, wobei natrlich ein kurzes
Gesprch mit unterlief. Auch der Frster kam zuweilen, um seinen Durst
zu lschen.

Tobias entwickelte sich nur langsam: erst gegen Ablauf seines zweiten
Lebensjahres lernte er notdrftig sprechen und gehen. Dem Vater bewies
er eine ganz besondere Zuneigung. Wie er verstndiger wurde, erwachte
auch die alte Liebe des Vaters wieder. In dem Mae, wie diese zunahm,
verringerte sich die Liebe der Stiefmutter zu Tobias und schlug sogar in
unverkennbare Abneigung um, als Lene nach Verlauf eines neuen Jahres
ebenfalls einen Jungen gebar.

Von da ab begann fr Tobias eine schlimme Zeit. Er wurde besonders in
Abwesenheit des Vaters unaufhrlich geplagt und mute ohne die geringste
Belohnung dafr seine schwachen Krfte im Dienste des kleinen
Schreihalses einsetzen, wobei er sich mehr und mehr aufrieb. Sein Kopf
bekam einen ungewhnlichen Umfang; die brandroten Haare und das kreidige
Gesicht darunter machten einen unschnen und im Verein mit der brigen
klglichen Gestalt erbarmungswrdigen Eindruck. Wenn sich der
zurckgebliebene Tobias solchergestalt, das kleine, von Gesundheit
strotzende Brderchen auf dem Arme, hinunter zur Spree schleppte, so
wurden hinter den Fenstern der Htten Verwnschungen laut, die sich
jedoch niemals hervorwagten. Thiel aber, welchen die Sache doch vor
allem anging, schien keine Augen fr sie zu haben und wollte auch die
Winke nicht verstehen, welche ihm von wohlmeinenden Nachbarsleuten
gegeben wurden.


2

An einem Junimorgen gegen sieben Uhr kam Thiel aus dem Dienst. Seine
Frau hatte nicht so bald ihre Begrung beendet, als sie schon in
gewohnter Weise zu lamentieren begann. Der Pachtacker, welcher bisher
den Kartoffelbedarf der Familie gedeckt hatte, war vor Wochen gekndigt
worden, ohne da es Lenen bisher gelungen war, einen Ersatz dafr
ausfindig zu machen. Wenngleich nun die Sorge um den Acker zu ihren
Obliegenheiten gehrte, so mute doch Thiel einmal bers andre hren,
da niemand als er daran schuld sei, wenn man in diesem Jahre zehn Sack
Kartoffeln fr schweres Geld kaufen msse. Thiel brummte nur und begab
sich, Lenens Reden wenig Beachtung schenkend, sogleich an das Bett
seines ltesten, welches er in den Nchten, wo er nicht im Dienst war,
mit ihm teilte. Hier lie er sich nieder und beobachtete mit einem
sorglichen Ausdruck seines guten Gesichts das schlafende Kind, welches
er, nachdem er die zudringlichen Fliegen eine Weile von ihm abgehalten,
schlielich weckte. In den blauen, tiefliegenden Augen des Erwachenden
malte sich eine rhrende Freude. Er griff hastig nach der Hand des
Vaters, indes sich seine Mundwinkel zu einem klglichen Lcheln
verzogen. Der Wrter half ihm sogleich beim Anziehen der wenigen
Kleidungsstcke, wobei pltzlich etwas wie ein Schatten durch seine
Mienen lief, als er bemerkte, da sich auf der rechten, ein wenig
angeschwollenen Backe einige Fingerspuren wei in rot abzeichneten.

Als Lene beim Frhstck mit vergrertem Eifer auf vorberegte
Wirtschaftsangelegenheit zurckkam, schnitt er ihr das Wort ab mit der
Nachricht, da ihm der Bahnmeister ein Stck Land lngs des Bahndammes
in unmittelbarer Nhe des Wrterhauses umsonst berlassen habe,
angeblich weil es ihm, dem Bahnmeister, zu abgelegen sei.

Lene wollte das anfnglich nicht glauben. Nach und nach wichen jedoch
ihre Zweifel, und nun geriet sie in merklich gute Laune. Ihre Fragen
nach Gre und Gte des Ackers sowie andre mehr verschlangen sich
frmlich, und als sie erfuhr, da bei alledem noch zwei Zwergobstbume
darauf stnden, wurde sie rein nrrisch. Als nichts mehr zu erfragen
brigblieb, zudem die Trglocke des Krmers, die man, beilufig gesagt,
in jedem einzelnen Hause des Ortes vernehmen konnte, unaufhrlich
anschlug, scho sie davon, um die Neuigkeit im rtchen auszusprengen.

Whrend Lene in die dunkle, mit Waren berfllte Kammer des Krmers kam,
beschftigte sich der Wrter daheim ausschlielich mit Tobias. Der Junge
sa auf seinen Knien und spielte mit einigen Kieferzapfen, die Thiel mit
aus dem Walde gebracht hatte.

Was willst du werden? fragte ihn der Vater, und diese Frage war
stereotyp wie die Antwort des Jungen: ein Bahnmeister. Es war keine
Scherzfrage, denn die Trume des Wrters verstiegen sich in der Tat in
solche Hhen, und er hegte allen Ernstes den Wunsch und die Hoffnung,
da aus Tobias mit Gottes Hilfe etwas Auergewhnliches werden sollte.
Sobald die Antwort ein Bahnmeister von den blutlosen Lippen des
Kleinen kam, der natrlich nicht wute, was sie bedeuten sollte, begann
Thiels Gesicht sich aufzuhellen, bis es frmlich strahlte von innerer
Glckseligkeit.

Geh, Tobias, geh spielen! sagte er kurz darauf, indem er eine Pfeife
Tabak mit einem im Herdfeuer entzndeten Span in Brand steckte, und der
Kleine drckte sich alsbald in scheuer Freude zur Tre hinaus. Thiel
entkleidete sich, ging zu Bett und entschlief, nachdem er geraume Zeit
gedankenvoll die niedrige und rissige Stubendecke angestarrt hatte.
Gegen zwlf Uhr mittags erwachte er, kleidete sich an und ging, whrend
seine Frau in ihrer lrmenden Weise das Mittagbrot bereitete, hinaus auf
die Strae, wo er Tobischen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk
aus einem Loche in der Wand kratzte und in den Mund steckte. Der Wrter
nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm an den etwa acht Huschen des
Ortes vorber bis hinunter zur Spree, die schwarz und glasig zwischen
schwach belaubten Pappeln lag. Dicht am Rande des Wassers befand sich
ein Granitblock, auf welchen Thiel sich niederlie.

Der ganze Ort hatte sich gewhnt, ihn bei nur irgend ertrglichem Wetter
an dieser Stelle zu erblicken. Die Kinder besonders hingen an ihm,
nannten ihn Vater Thiel und wurden von ihm besonders in mancherlei
Spielen unterrichtet, deren er sich aus seiner Jugendzeit erinnerte. Das
Beste jedoch von dem Inhalt seiner Erinnerungen war fr Tobias. Er
schnitzelte ihm Fitschepfeile, die hher flogen wie die aller anderen
Jungen. Er schnitt ihm Weidenpfeifchen und lie sich sogar herbei, mit
seinem verrosteten Ba das Beschwrungslied zu singen, whrend er mit
dem Horngriff seines Taschenmessers die Rinde leise klopfte.

Die Leute verbelten ihm seine Lppschereien; es war ihnen unerfindlich,
wie er sich mit den Rotznasen so viel abgeben konnte. Im Grunde durften
sie jedoch damit zufrieden sein, denn die Kinder waren unter seiner
Obhut gut aufgehoben. berdies nahm Thiel auch ernste Dinge mit ihnen
vor, hrte den Groen ihre Schulaufgaben ab, half ihnen beim Lernen der
Bibel- und Gesangbuchverse und buchstabierte mit den Kleinen a -- b
-- ab, d -- u -- du und so fort.

Nach dem Mittagessen legte sich der Wrter abermals zu kurzer Ruhe
nieder. Nachdem sie beendigt war, trank er den Nachmittagskaffee und
begann gleich darauf sich fr den Gang in den Dienst vorzubereiten. Er
brauchte dazu, wie zu allen seinen Verrichtungen, viel Zeit; jeder
Handgriff war seit Jahren geregelt; in stets gleicher Reihenfolge
wanderten die sorgsam auf der kleinen Nubaumkommode ausgebreiteten
Gegenstnde: Messer, Notizbuch, Kamm, ein Pferdezahn, die alte
eingekapselte Uhr in die Taschen seiner Kleider. Ein kleines, in rotes
Papier eingeschlagenes Bchelchen wurde mit besonderer Sorgfalt
behandelt. Es lag whrend der Nacht unter dem Kopfkissen des Wrters und
wurde am Tage von ihm stets in der Brusttasche des Dienstrockes
herumgetragen. Auf der Etikette unter dem Umschlag stand in
unbeholfenen, aber verschnrkelten Schriftzgen, von Thiels Hand
geschrieben: Sparkassenbuch des Tobias Thiel.

Die Wanduhr mit dem langen Pendel und dem gelbschtigen Zifferblatt
zeigte dreiviertel fnf, als Thiel fortging. Ein kleiner Kahn, sein
Eigentum, brachte ihn ber den Flu. Am jenseitigen Spreeufer blieb er
einige Male stehen und lauschte nach dem Ort zurck. Endlich bog er in
einen breiten Waldweg und befand sich nach wenigen Minuten inmitten des
tiefaufrauschenden Kiefernforstes, dessen Nadelmassen einem
schwarzgrnen, wellenwerfenden Meere glichen. Unhrbar wie auf Filz
schritt er ber die feuchte Moos- und Nadelschicht des Waldbodens. Er
fand seinen Weg ohne aufzublicken, hier durch die rostbraunen Sulen des
Hochwaldes, dort weiterhin durch dicht verschlungenes Jungholz, noch
weiter ber ausgedehnte Schonungen, die von einzelnen hohen und
schlanken Kiefern berschattet wurden, welche man zum Schutze fr den
Nachwuchs aufbehalten hatte. Ein blulicher, durchsichtiger, mit
allerhand Dften geschwngerter Dunst stieg aus der Erde auf und lie
die Formen der Bume verwaschen erscheinen. Ein schwerer, milchiger
Himmel hing tief herab ber die Baumwipfel. Krhenschwrme badeten
gleichsam im Grau der Luft, unaufhrlich ihre knarrenden Rufe
ausstoend. Schwarze Wasserlachen fllten die Vertiefungen des Weges und
spiegelten die trbe Natur noch trber wider.

Ein furchtbares Wetter, dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken
erwachte und aufschaute.

Pltzlich jedoch bekamen seine Gedanken eine andere Richtung. Er fhlte
dunkel, da er etwas daheim vergessen haben msse, und wirklich vermite
er beim Durchsuchen seiner Taschen das Butterbrot, welches er der langen
Dienstzeit halber stets mitzunehmen gentigt war. Unschlssig blieb er
eine Weile stehen, wandte sich dann aber pltzlich und eilte in der
Richtung des Dorfes zurck.

In kurzer Zeit hatte er die Spree erreicht, setzte mit wenigen krftigen
Ruderschlgen ber und stieg gleich darauf, am ganzen Krper schwitzend,
die sanft ansteigende Dorfstrae hinauf. Der alte, schbige Pudel des
Krmers lag mitten auf der Strae. Auf dem geteerten Plankenzaune eines
Kosstenhofes sa eine Nebelkrhe. Sie spreizte die Federn, schttelte
sich, nickte, stie ein ohrenzerreiendes kr, kr aus und erhob
sich mit pfeifendem Flgelschlag, um sich vom Winde in der Richtung des
Forstes davontreiben zu lassen.

Von den Bewohnern der kleinen Kolonie, etwa zwanzig Fischern und
Waldarbeitern mit ihren Familien, war nichts zu sehen.

Der Ton einer kreischenden Stimme unterbrach die Stille so laut und
schrill, da der Wrter unwillkrlich mit Laufen innehielt. Ein Schwall
heftig herausgestoener, mitnender Laute schlug an sein Ohr, die aus
dem offenen Giebelfenster eines niedrigen Huschens zu kommen schienen,
welches er nur zu wohl kannte.

Das Gerusch seiner Schritte nach Mglichkeit dmpfend, schlich er sich
nher und unterschied nun ganz deutlich die Stimme seiner Frau. Nur noch
wenige Bewegungen, und die meisten ihrer Worte wurden ihm verstndlich.

Was, du unbarmherziger, herzloser Schuft! Soll sich das elende Wurm die
Plautze ausschreien vor Hunger? -- wie? Na wart nur, wart, ich will
dich lehren aufpassen! -- Du sollst dran denken. Einige Augenblicke
blieb es still; dann hrte man ein Gerusch, wie wenn Kleidungsstcke
ausgeklopft wrden; unmittelbar darauf entlud sich ein neues Hagelwetter
von Schimpfworten.

Du erbrmlicher Grnschnabel, scholl es im schnellsten Tempo herunter,
meinst du, ich sollte mein leibliches Kind wegen solch einem
Jammerlappen, wie du bist, verhungern lassen? Halts Maul! schrie es,
als ein leises Wimmern hrbar wurde, oder du sollst eine Portion
kriegen, an der du acht Tage zu fressen hast.

Das Wimmern verstummte nicht.

Der Wrter fhlte, wie sein Herz in schweren, unregelmigen Schlgen
ging. Er begann leise zu zittern. Seine Blicke hingen wie abwesend am
Boden fest, und die plumpe und harte Hand strich mehrmals ein Bschel
nasser Haare zur Seite, das immer von neuem in die sommersprossige
Stirne hinein fiel.

Einen Augenblick drohte es ihn zu berwltigen. Es war ein Krampf, der
die Muskeln schwellen machte und die Finger der Hand zur Faust
zusammenzog. Es lie nach, und dumpfe Mattigkeit blieb zurck.

Unsicheren Schrittes trat der Wrter in den engen, ziegelgepflasterten
Hausflur. Mde und langsam erklomm er die knarrende Holzstiege.

Pfui, pfui, pfui! hob es wieder an; dabei hrte man, wie jemand
dreimal hintereinander mit allen Zeichen der Wut und Verachtung ausspie.
Du erbrmlicher, niedertrchtiger, hinterlistiger, hmischer, feiger,
gemeiner Lmmel. Die Worte folgten einander in steigender Betonung, und
die Stimme, welche sie herausstie, schnappte zuweilen ber vor
Anstrengung. Meinen Buben willst du schlagen, was? Du elende Gre
unterstehst dich, das arme, hilflose Kind aufs Maul zu schlagen? -- wie?
-- he, wie? -- Ich will mich nur nicht dreckig machen an dir, sonst ...

In diesem Augenblick ffnete Thiel die Tr des Wohnzimmers, weshalb der
erschrockenen Frau das Ende des begonnenen Satzes in der Kehle stecken
blieb. Sie war kreidebleich vor Zorn; ihre Lippen zuckten bsartig; sie
hatte die Rechte erhoben, senkte sie und griff nach dem Milchtopf, aus
dem sie ein Kinderflschchen voll zu fllen versuchte. Sie lie jedoch
diese Arbeit, da der grte Teil der Milch ber den Flaschenhals auf den
Tisch rann, halb verrichtet, griff vollkommen fassungslos vor Erregung
bald nach diesem, bald nach jenem Gegenstand, ohne ihn lnger als einige
Augenblicke festhalten zu knnen und ermannte sich endlich soweit, ihren
Mann heftig anzulassen: was es denn heien solle, da er um diese
ungewhnliche Zeit nach Hause kme, er wrde sie doch nicht etwa gar
belauschen wollen; das wre noch das Letzte, meinte sie, und gleich
darauf: sie habe ein reines Gewissen und brauche vor niemand die Augen
niederzuschlagen.

Thiel hrte kaum, was sie sagte. Seine Blicke streiften flchtig das
heulende Tobischen. Einen Augenblick schien es, als msse er gewaltsam
etwas Furchtbares zurckhalten, was in ihm aufstieg; dann legte sich
ber die gespannten Mienen pltzlich das alte Phlegma, von einem
verstohlnen begehrlichen Aufblitzen der Augen seltsam belebt.
Sekundenlang spielte sein Blick ber den starken Gliedmaen seines
Weibes, das, mit abgewandtem Gesicht herumhantierend, noch immer nach
Fassung suchte. Ihre vollen, halbnackten Brste blhten sich vor
Erregung und drohten das Mieder zu sprengen, und ihre aufgerafften Rcke
lieen die breiten Hften noch breiter erscheinen. Eine Kraft schien von
dem Weibe auszugehen, unbezwingbar, unentrinnbar, der Thiel sich nicht
gewachsen fhlte.

Leicht gleich einem feinen Spinngewebe und doch fest wie ein Netz von
Eisen legte es sich um ihn, fesselnd, berwindend, erschlaffend. Er
htte in diesem Zustand berhaupt kein Wort an sie zu richten vermocht,
am allerwenigsten ein hartes, und so mute Tobias, der in Trnen gebadet
und verngstet in einer Ecke hockte, sehen, wie der Vater, ohne sich
auch nur weiter nach ihm umzuschauen, das vergessene Brot von der
Ofenbank nahm, es der Mutter als einzige Erklrung hinhielt und mit
einem kurzen, zerstreuten Kopfnicken sogleich wieder verschwand.


3

Obgleich Thiel den Weg in seine Waldeinsamkeit mit mglichster Eile
zurcklegte, kam er doch erst fnfzehn Minuten nach der ordnungsmigen
Zeit an den Ort seiner Bestimmung.

Der Hilfswrter, ein infolge des bei seinem Dienst unumgnglichen,
schnellen Temperaturwechsels schwindschtig gewordener Mensch, der mit
ihm im Dienst abwechselte, stand schon fertig zum Aufbruch auf der
kleinen, sandigen Plattform des Huschens, dessen groe Nummer schwarz
auf wei weithin durch die Stmme leuchtete.

Die beiden Mnner reichten sich die Hnde, machten sich einige kurze
Mitteilungen und trennten sich. Der eine verschwand im Innern der Bude,
der andere ging quer ber die Strecke, die Fortsetzung jener Strae
benutzend, welche Thiel gekommen war. Man hrte sein krampfhaftes Husten
erst nher, dann ferner durch die Stmme, und mit ihm verstummte der
einzige menschliche Laut in dieser Einde. Thiel begann wie immer so
auch heute damit, das enge, viereckige Steingebauer der Wrterbude auf
seine Art fr die Nacht herzurichten. Er tat es mechanisch, whrend sein
Geist mit dem Eindruck der letzten Stunden beschftigt war. Er legte
sein Abendbrot auf den schmalen, braungestrichenen Tisch an einem der
beiden schlitzartigen Seitenfenster, von denen aus man die Strecke
bequem bersehen konnte. Hierauf entzndete er in dem kleinen, rostigen
fchen ein Feuer und stellte einen Topf kalten Wassers darauf. Nachdem
er schlielich noch in die Gertschaften Schaufel, Spaten, Schraubstock
usw. einige Ordnung gebracht hatte, begab er sich ans Putzen seiner
Laterne, die er zugleich mit frischem Petroleum versorgte.

Als dies geschehen war, meldete die Glocke mit drei schrillen Schlgen,
die sich wiederholten, da ein Zug in der Richtung von Breslau her aus
der nchstliegenden Station abgelassen sei. Ohne die mindeste Hast zu
zeigen, blieb Thiel noch eine gute Weile im Innern der Bude, trat
endlich, Fahne und Patronentasche in der Hand, langsam ins Freie und
bewegte sich trgen und schlrfenden Ganges ber den schmalen Sandpfad,
dem etwa zwanzig Schritt entfernten Bahnbergang zu. Seine Barrieren
schlo und ffnete Thiel vor und nach jedem Zuge gewissenhaft, obgleich
der Weg nur selten von jemand passiert wurde.

Er hatte seine Arbeit beendet und lehnte jetzt wartend an der
schwarzweien Sperrstange.

Die Strecke schnitt rechts und links gradlinig in den unabsehbaren,
grnen Forst hinein; zu ihren beiden Seiten stauten die Nadelmassen
gleichsam zurck, zwischen sich eine Gasse freilassend, die der
rtlichbraune, kiesbestreute Bahndamm ausfllte. Die schwarzen
parallellaufenden Geleise darauf glichen in ihrer Gesamtheit einer
ungeheuren, eisernen Netzmasche, deren schmale Strhne sich im uersten
Sden und Norden in einem Punkte des Horizontes zusammenzogen.

Der Wind hatte sich erhoben und trieb leise Wellen den Waldrand hinunter
und in die Ferne hinein. Aus den Telegraphenstangen, die die Strecke
begleiteten, tnten summende Akkorde. Auf den Drhten, die sich wie das
Gewebe einer Riesenspinne von Stange zu Stange fortrankten, klebten in
dichten Reihen Scharen zwitschernder Vgel. Ein Specht flog lachend ber
Thiels Kopf weg, ohne da er eines Blickes gewrdigt wurde.

Die Sonne, welche soeben unter dem Rande mchtiger Wolken herabhing, um
in das schwarzgrne Wipfelmeer zu versinken, go Strme von Purpur ber
den Forst. Die Sulenarkaden der Kiefernstmme jenseit des Dammes
entzndeten sich gleichsam von innen heraus und glhten wie Eisen.

Auch die Geleise begannen zu glhen, feurigen Schlangen gleich, aber sie
erloschen zuerst. Und nun stieg die Glut langsam vom Erdboden in die
Hhe, erst die Schfte der Kiefern, weiter den grten Teil ihrer Kronen
in kaltem Verwesungslichte zurcklassend, zuletzt nur noch den uersten
Rand der Wipfel mit einem rtlichen Schimmer streifend. Lautlos und
feierlich vollzog sich das erhabene Schauspiel. Der Wrter stand noch
immer regungslos an der Barriere. Endlich trat er einen Schritt vor. Ein
dunkler Punkt am Horizonte, da wo die Geleise sich trafen, vergrerte
sich. Von Sekunde zu Sekunde wachsend, schien er doch auf einer Stelle
zu stehen. Pltzlich bekam er Bewegung und nherte sich. Durch die
Geleise ging ein Vibrieren und Summen, ein rhythmisches Geklirr, ein
dumpfes Getse, das, lauter und lauter werdend, zuletzt den Hufschlgen
eines heranbrausenden Reitergeschwaders nicht unhnlich war.

Ein Keuchen und Brausen schwoll stoweise fernher durch die Luft. Dann
pltzlich zerri die Stille. Ein rasendes Tosen und Toben erfllte den
Raum, die Geleise bogen sich, die Erde zitterte -- ein starker Luftdruck
-- eine Wolke von Staub, Dampf und Qualm, und das schwarze, schnaubende
Ungetm war vorber. So wie sie anwuchsen, starben nach und nach die
Gerusche. Der Dunst verzog sich. Zum Punkte eingeschrumpft, schwand der
Zug in der Ferne, und das alte heilge Schweigen schlug ber dem
Waldwinkel zusammen.

                   *       *       *       *       *

Minna, flsterte der Wrter wie aus einem Traum erwacht und ging nach
seiner Bude zurck. Nachdem er sich einen dnnen Kaffee aufgebrht, lie
er sich nieder und starrte, von Zeit zu Zeit einen Schluck zu sich
nehmend, auf ein schmutziges Stck Zeitungspapier, das er irgendwo an
der Strecke aufgelesen.

Nach und nach berkam ihn eine seltsame Unruhe. Er schob es auf die
Backofenglut, welche das Stbchen erfllte, und ri Rock und Weste auf,
um sich zu erleichtern. Wie das nichts half, erhob er sich, nahm einen
Spaten aus der Ecke und begab sich auf das geschenkte ckerchen.

Es war ein schmaler Streifen Sandes, von Unkraut dicht berwuchert. Wie
schneeweier Schaum lag die junge Bltenpracht auf den Zweigen der
beiden Zwergobstbumchen, welche darauf standen.

Thiel wurde ruhig und ein stilles Wohlgefallen beschlich ihn.

Nun also an die Arbeit.

Der Spaten schnitt knirschend in das Erdreich; die nassen Schollen
fielen dumpf zurck und brckelten auseinander.

Eine Zeitlang grub er ohne Unterbrechung. Dann hielt er pltzlich inne
und sagte laut und vernehmlich vor sich hin, indem er dazu bedenklich
den Kopf hin und her wiegte: Nein, nein, das geht ja nicht, und
wieder: nein, nein, das geht ja gar nicht.

Es war ihm pltzlich eingefallen, da ja nun Lene des ftern
herauskommen wrde, um den Acker zu bestellen, wodurch dann die
hergebrachte Lebensweise in bedenkliche Schwankungen geraten mute. Und
jh verwandelte sich seine Freude ber den Besitz des Ackers in
Widerwillen. Hastig, wie wenn er etwas Unrechtes zu tun im Begriff
gestanden htte, ri er den Spaten aus der Erde und trug ihn nach der
Bude zurck. Hier versank er abermals in dumpfe Grbelei. Er wute kaum
warum, aber die Aussicht, Lene ganze Tage lang bei sich im Dienst zu
haben, wurde ihm, so sehr er auch versuchte, sich damit zu vershnen,
immer unertrglicher. Es kam ihm vor, als habe er etwas ihm Wertes zu
verteidigen, als versuchte jemand sein Heiligstes anzutasten, und
unwillkrlich spannten sich seine Muskeln in gelindem Krampfe, whrend
ein kurzes herausforderndes Lachen seinen Lippen entfuhr. Vom Widerhall
dieses Lachens erschreckt, blickte er auf und verlor dabei den Faden
seiner Betrachtungen. Als er ihn wiedergefunden, whlte er sich
gleichsam in den alten Gegenstand.

Und pltzlich zerri etwas wie ein dichter, schwarzer Vorhang in zwei
Stcke, und seine umnebelten Augen gewannen einen klaren Ausblick. Es
war ihm auf einmal zumute, als erwache er aus einem zweijhrigen
totenhnlichen Schlaf und betrachte nun mit unglubigem Kopfschtteln
all das Haarstrubende, welches er in diesem Zustand begangen haben
sollte. Die Leidensgeschichte seines ltesten, welche die Eindrcke der
letzten Stunden nur noch hatten besiegeln knnen, trat deutlich vor
seine Seele. Mitleid und Reue ergriff ihn, sowie auch eine tiefe Scham
darber, da er diese ganze Zeit in schmachvoller Duldung hingelebt
hatte, ohne sich des lieben, hilflosen Geschpfes anzunehmen, ja, ohne
nur die Kraft zu finden, sich einzugestehen, wie sehr dieses litt.

ber den selbstqulerischen Vorstellungen all seiner Unterlassungssnden
berkam ihn eine schwere Mdigkeit, und so entschlief er mit gekrmmtem
Rcken, die Stirn auf die Hand, diese auf den Tisch gelegt.

Eine Zeitlang hatte er so gelegen, als er mit erstickter Stimme mehrmals
den Namen Minna rief.

Ein Brausen und Sausen fllte sein Ohr, wie von unermelichen
Wassermassen; es wurde dunkel um ihn, er ri die Augen auf und erwachte.
Seine Glieder flogen, der Angstschwei drang ihm aus allen Poren, sein
Puls ging unregelmig, sein Gesicht war na von Trnen.

Es war stockdunkel. Er wollte einen Blick nach der Tr werfen, ohne zu
wissen, wohin er sich wenden sollte. Taumelnd erhob er sich, noch immer
whrte seine Herzensangst. Der Wald drauen rauschte wie Meeresbrandung,
der Wind warf Hagel und Regen gegen die Fenster des Huschens. Thiel
tastete ratlos mit den Hnden umher. Einen Augenblick kam er sich vor
wie ein Ertrinkender -- da pltzlich flammte es blulich blendend auf,
wie wenn Tropfen berirdischen Lichtes in die dunkle Erdatmosphre
herabsnken, um sogleich von ihr erstickt zu werden.

Der Augenblick gengte, um den Wrter zu sich selbst zu bringen. Er
griff nach seiner Laterne, die er auch glcklich zu fassen bekam, und in
diesem Augenblick erwachte der Donner am fernsten Saume des mrkischen
Nachthimmels. Erst dumpf und verhalten grollend, wlzte er sich nher in
kurzen, brandenden Erzwellen, bis er, zu Riesensten anwachsend, sich
endlich, die ganze Atmosphre berflutend, drhnend, schtternd und
brausend entlud.

Die Scheiben klirrten, die Erde erbebte.

Thiel hatte Licht gemacht. Sein erster Blick, nachdem er die Fassung
wieder gewonnen, galt der Uhr. Es lagen kaum fnf Minuten zwischen jetzt
und der Ankunft des Schnellzuges. Da er glaubte, das Signal berhrt zu
haben, begab er sich, so schnell als Sturm und Dunkelheit erlaubten,
nach der Barriere. Als er noch damit beschftigt war, diese zu
schlieen, erklang die Signalglocke. Der Wind zerri ihre Tne und warf
sie nach allen Richtungen auseinander. Die Kiefern bogen sich und rieben
unheimlich knarrend und quietschend ihre Zweige aneinander. Einen
Augenblick wurde der Mond sichtbar, wie er gleich einer blagoldenen
Schale zwischen den Wolken lag. In seinem Lichte sah man das Whlen des
Windes in den schwarzen Kronen der Kiefern. Die Blattgehnge der Birken
am Bahndamm wehten und flatterten wie gespenstige Roschweife. Darunter
lagen die Linien der Geleise, welche, vor Nsse glnzend, das blasse
Mondlicht in einzelnen Flecken aufsogen.

Thiel ri die Mtze vom Kopfe. Der Regen tat ihm wohl und lief vermischt
mit Trnen ber sein Gesicht. Es grte in seinem Hirn; unklare
Erinnerungen an das, was er im Traum gesehen, verjagten einander. Es war
ihm gewesen, als wrde Tobias von jemand mihandelt und zwar auf eine so
entsetzliche Weise, da ihm noch jetzt bei dem Gedanken daran das Herz
stille stand. Einer anderen Erscheinung erinnerte er sich deutlicher. Er
hatte seine verstorbene Frau gesehen. Sie war irgendwoher aus der Ferne
gekommen, auf einem der Bahngeleise. Sie hatte recht krnklich
ausgesehen und statt der Kleider hatte sie Lumpen getragen. Sie war an
Thiels Huschen vorbergekommen, ohne sich danach umzuschauen und
schlielich -- hier wurde die Erinnerung undeutlich -- war sie aus
irgend welchem Grunde nur mit groer Mhe vorwrts gekommen und sogar
mehrmals zusammengebrochen.

Thiel dachte weiter nach, und nun wute er, da sie sich auf der Flucht
befunden hatte. Es lag auer allem Zweifel, denn weshalb htte sie sonst
diese Blicke voll Herzensangst nach rckwrts gesandt und sich weiter
geschleppt, obgleich ihr die Fe den Dienst versagten. O diese
entsetzlichen Blicke!

Aber es war etwas, das sie mit sich trug, in Tcher gewickelt, etwas
Schlaffes, Blutiges, Bleiches, und die Art, mit der sie darauf
niederblickte, erinnerte ihn an Szenen der Vergangenheit.

Er dachte an eine sterbende Frau, die ihr kaum geborenes Kind, das sie
zurcklassen mute, unverwandt anblickte, mit einem Ausdruck tiefsten
Schmerzes, unfabarer Qual, jenem Ausdruck, den Thiel ebensowenig
vergessen konnte, als da er einen Vater und eine Mutter habe.

Wo war sie hingekommen? Er wute es nicht. Das aber trat ihm klar vor
die Seele: sie hatte sich von ihm losgesagt, ihn nicht beachtet, sie
hatte sich fortgeschleppt immer weiter und weiter durch die strmische,
dunkle Nacht. Er hatte sie gerufen: Minna, Minna, und davon war er
erwacht.

Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen
Ungetms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging vor ihnen her, der die
Regentropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte. Es war, als
fiele ein Blutregen vom Himmel.

Thiel fhlte ein Grauen, und je nher der Zug kam, eine um so grere
Angst; Traum und Wirklichkeit verschmolzen ihm in eins. Noch immer sah
er das wandernde Weib auf den Schienen, und seine Hand irrte nach der
Patronentasche, als habe er die Absicht, den rasenden Zug zum Stehen zu
bringen. Zum Glck war es zu spt, denn schon flirrte es vor Thiels
Augen von Lichtern, und der Zug raste vorber.

Den brigen Teil der Nacht fand Thiel wenig Ruhe mehr in seinem Dienst.
Es drngte ihn daheim zu sein. Er sehnte sich, Tobischen wiederzusehen.
Es war ihm zumute, als sei er durch Jahre von ihm getrennt gewesen.
Zuletzt war er in steigender Bekmmernis um das Befinden des Jungen
mehrmals versucht, den Dienst zu verlassen.

Um die Zeit hinzubringen beschlo Thiel, sobald es dmmerte, seine
Strecke zu revidieren. In der Linken einen Stock, in der Rechten einen
langen, eisernen Schraubschlssel schritt er denn auch alsbald auf dem
Rcken einer Bahnschiene in das schmutzig graue Zwielicht hinein.

Hin und wieder zog er mit dem Schraubschlssel einen Bolzen fest oder
schlug an eine der runden Eisenstangen, welche die Geleise untereinander
verbanden.

Regen und Wind hatten nachgelassen, und zwischen zerschlissenen
Wolkenschichten wurden hie und da Stcke eines blablauen Himmels
sichtbar.

Das eintnige Klappen der Sohlen auf dem harten Metall, verbunden mit
dem schlfrigen Gerusch der tropfenschttelnden Bume beruhigte Thiel
nach und nach.

Um sechs Uhr frh wurde er abgelst und trat ohne Verzug den Heimweg an.

Es war ein herrlicher Sonntagmorgen.

Die Wolken hatten sich zerteilt und waren mittlerweile hinter den
Umkreis des Horizontes hinabgesunken. Die Sonne go, im Aufgehen gleich
einem ungeheuren blutroten Edelstein funkelnd, wahre Lichtmassen ber
den Forst.

In scharfen Linien schossen die Strahlenbndel durch das Gewirr der
Stmme, hier eine Insel zarter Farnkruter, deren Wedel feingeklppelten
Spitzen glichen, mit Glut behauchend, dort die silbergrauen Flechten
des Waldgrundes zu roten Korallen umwandelnd.

Von Wipfeln, Stmmen und Grsern flo der Feuertau. Eine Sintflut von
Licht schien ber die Erde ausgegossen. Es lag eine Frische in der Luft,
die bis ins Herz drang, und auch hinter Thiels Stirn muten die Bilder
der Nacht allmhlich verblassen.

Mit dem Augenblick jedoch, wo er in die Stube trat und Tobischen
rotwangiger als je im sonnenbeschienenen Bette liegen sah, waren sie
ganz verschwunden.

Wohl wahr! Im Verlauf des Tages glaubte Lene mehrmals etwas
Befremdliches an ihm wahrzunehmen; so im Kirchstuhl, als er, statt ins
Buch zu schauen, sie selbst von der Seite betrachtete, und dann auch um
die Mittagszeit, als er, ohne ein Wort zu sagen, das Kleine, welches
Tobias wie gewhnlich auf die Strae tragen sollte, aus dessen Arm nahm
und ihr auf den Scho setzte. Sonst aber hatte er nicht das geringste
Auffllige an sich.

Thiel, der den Tag ber nicht dazu gekommen war, sich niederzulegen,
kroch, da er die folgende Woche Tagdienst hatte, bereits gegen neun Uhr
abends ins Bett. Gerade als er im Begriff war einzuschlafen, erffnete
ihm die Frau, da sie am folgenden Morgen mit nach dem Walde gehen
werde, um das Land umzugraben und Kartoffeln zu stecken.

Thiel zuckte zusammen; er war ganz wach geworden, hielt jedoch die Augen
fest geschlossen.

Es sei die hchste Zeit, meinte Lene, wenn aus den Kartoffeln noch etwas
werden sollte, und fgte bei, da sie die Kinder werde mitnehmen mssen,
da vermutlich der ganze Tag draufgehen wrde. Der Wrter brummte einige
unverstndliche Worte, die Lene weiter nicht beachtete. Sie hatte ihm
den Rcken gewandt und war beim Scheine eines Talglichtes damit
beschftigt, das Mieder aufzunesteln und die Rcke herabzulassen.

Pltzlich fuhr sie herum, ohne selbst zu wissen aus welchem Grunde, und
blickte in das von Leidenschaften verzerrte, erdfarbene Gesicht ihres
Mannes, der sie, halb aufgerichtet, die Hnde auf der Bettkante, mit
brennenden Augen anstarrte.

Thiel! -- schrie die Frau halb zornig, halb erschreckt, und wie ein
Nachtwandler, den man bei Namen ruft, erwachte er aus seiner Betubung,
stotterte einige verwirrte Worte, warf sich in die Kissen zurck und zog
das Deckbett ber die Ohren.

Lene war die erste, welche sich am folgenden Morgen vom Bett erhob. Ohne
dabei Lrm zu machen, bereitete sie alles Ntige fr den Ausflug vor.
Der Kleinste wurde in den Kinderwagen gelegt, darauf Tobias geweckt und
angezogen. Als er erfuhr, wohin es gehen sollte, mute er lcheln.
Nachdem alles bereit war und auch der Kaffee fertig auf dem Tisch stand,
erwachte Thiel. Mibehagen war sein erstes Gefhl beim Anblick all der
getroffenen Vorbereitungen. Er htte wohl gern ein Wort dagegen gesagt,
aber er wute nicht, womit beginnen. Und welche fr Lene stichhaltigen
Grnde htte er auch angeben sollen?

Allmhlich begann dann das mehr und mehr strahlende Gesichtchen seinen
Einflu auf Thiel zu ben, so da er schlielich schon um der Freude
willen, welche dem Jungen der Ausflug bereitete, nicht daran denken
konnte, Widerspruch zu erheben. Nichtsdestoweniger blieb Thiel whrend
der Wanderung durch den Wald nicht frei von Unruhe. Er stie das
Kinderwgelchen mhsam durch den tiefen Sand und hatte allerhand Blumen
darauf liegen, die Tobias gesammelt hatte.

Der Junge war ausnehmend lustig. Er hpfte in seinem braunen
Plschmtzchen zwischen den Farnkrutern umher und suchte auf eine
freilich etwas unbeholfene Art die glasflgligen Libellen zu fangen, die
darber hingaukelten. Sobald man angelangt war, nahm Lene den Acker in
Augenschein. Sie warf das Sckchen mit Kartoffelstcken, welches sie zur
Saat mitgebracht hatte, auf den Grasrand eines kleinen Birkengehlzes,
kniete nieder und lie den etwas dunkel gefrbten Sand durch ihre harten
Finger laufen.

Thiel beobachtete sie gespannt: Nun, wie ist er?

Reichlich so gut wie die Spree-Ecke! Dem Wrter fiel eine Last von der
Seele. Er hatte gefrchtet, sie wrde unzufrieden sein, und kratzte
beruhigt seine Bartstoppeln.

Nachdem die Frau hastig eine dicke Brotkante verzehrt hatte, warf sie
Tuch und Jacke fort und begann zu graben, mit der Geschwindigkeit und
Ausdauer einer Maschine. In bestimmten Zwischenrumen richtete sie sich
auf und holte in tiefen Zgen Luft, aber es war jeweilig nur ein
Augenblick, wenn nicht etwa das Kleine gestillt werden mute, was mit
keuchender, schweitropfender Brust hastig geschah.

Ich mu die Strecke belaufen, ich werde Tobias mitnehmen, rief der
Wrter nach einer Weile von der Plattform vor der Bude aus zu ihr
herber.

Ach was -- Unsinn! schrie sie zurck, wer soll bei dem Kleinen
bleiben? -- Hierher kommst du! setzte sie noch lauter hinzu, whrend
der Wrter, als ob er sie nicht hren knne, mit Tobischen davonging.

Im ersten Augenblick erwog sie, ob sie nicht nachlaufen solle, und nur
der Zeitverlust bestimmte sie, davon abzustehen. Thiel ging mit Tobias
die Strecke entlang. Der Kleine war nicht wenig erregt; alles war ihm
neu, fremd. Er begriff nicht, was die schmalen, schwarzen, vom
Sonnenlicht erwrmten Schienen zu bedeuten hatten. Unaufhrlich tat er
allerhand sonderbare Fragen. Vor allem verwunderlich war ihm das Klingen
der Telegraphenstangen. Thiel kannte den Ton jeder einzelnen seines
Reviers, so da er mit geschlossenen Augen stets gewut haben wrde, in
welchem Teil der Strecke er sich gerade befand.

Oft blieb er, Tobischen an der Hand, stehen, um den wunderbaren Lauten
zu lauschen, die aus dem Holze wie sonore Chorle aus dem Innern einer
Kirche hervorstrmten. Die Stange am Sdende des Reviers hatte einen
besonders vollen und schnen Akkord. Es war ein Gewhl von Tnen in
ihrem Innern, die ohne Unterbrechung gleichsam in einem Atem
fortklangen, und Tobias lief rings um das verwitterte Holz, um, wie er
glaubte, durch eine ffnung die Urheber des lieblichen Getns zu
entdecken. Der Wrter wurde weihevoll gestimmt, hnlich wie in der
Kirche. Zudem unterschied er mit der Zeit eine Stimme, die ihn an seine
verstorbene Frau erinnerte. Er stellte sich vor, es sei ein Chor seliger
Geister, in den sie ja auch ihre Stimme mische, und diese Vorstellung
erweckte in ihm eine Sehnsucht, eine Rhrung bis zu Trnen.

Tobias verlangte nach den Blumen, die seitab standen, und Thiel wie
immer gab ihm nach.

Stcke blauen Himmels schienen auf den Boden des Haines herabgesunken,
so wunderbar dicht standen kleine, blaue Blten darauf. Farbigen Wimpeln
gleich flatterten und gaukelten die Schmetterlinge lautlos zwischen dem
leuchtenden Wei der Stmme, indes durch die zartgrnen Bltterwolken
der Birkenkronen ein sanftes Rieseln ging.

Tobias rupfte Blumen und der Vater schaute ihm sinnend zu. Zuweilen auch
erhob sich der Blick des letzteren und suchte durch die Lcken der
Bltter den Himmel, der wie eine riesige, makellos blaue Kristallschale
das Goldlicht der Sonne auffing.

Vater, ist das der liebe Gott? fragte der Kleine pltzlich, auf ein
braunes Eichhrnchen deutend, das unter kratzenden Geruschen am Stamme
einer alleinstehenden Kiefer hinanhuschte.

Nrrischer Kerl, war alles, was Thiel erwidern konnte, whrend
losgerissene Borkenstckchen den Stamm herunter vor seine Fe fielen.

Die Mutter grub noch immer, als Thiel und Tobias zurckkamen. Die Hlfte
des Ackers war bereits umgeworfen.

Die Bahnzge folgten einander in kurzen Zwischenrumen, und Tobias sah
sie jedesmal mit offenem Munde vorbertoben.

Die Mutter selbst hatte ihren Spa an seinen drolligen Grimassen.

Das Mittagessen, bestehend aus Kartoffeln und einem Restchen kalten
Schweinebraten, verzehrte man in der Bude. Lene war aufgerumt, und auch
Thiel schien sich in das Unvermeidliche mit gutem Anstand fgen zu
wollen. Er unterhielt seine Frau whrend des Essens mit allerlei Dingen,
die in seinen Beruf schlugen. So fragte er sie, ob sie sich denken
knne, da in einer einzigen Bahnschiene sechsundvierzig Schrauben
sen und anderes mehr.

Am Vormittage war Lene mit Umgraben fertig geworden; am Nachmittag
sollten die Kartoffeln gesteckt werden. Sie bestand darauf, da Tobias
jetzt das Kleine warte und nahm ihn mit sich.

Pa auf ... rief Thiel ihr nach, von pltzlicher Besorgnis ergriffen,
pa auf, da er den Geleisen nicht zu nahe kommt.

Ein Achselzucken Lenes war die Antwort.

                   *       *       *       *       *

Der schlesische Schnellzug war gemeldet und Thiel mute auf seinen
Posten. Kaum stand er dienstfertig an der Barriere, so hrte er ihn auch
schon heranbrausen.

Der Zug wurde sichtbar -- er kam nher -- in unzhlbaren, sich
berhastenden Sten fauchte der Dampf aus dem schwarzen
Maschinenschlote. Da: ein -- zwei -- drei milchweie Dampfstrahlen
quollen kerzengrade empor, und gleich darauf brachte die Luft den Pfiff
der Maschine getragen. Dreimal hintereinander, kurz, grell,
bengstigend. Sie bremsen, dachte Thiel, warum nur? Und wieder gellten
die Notpfiffe schreiend, den Widerhall weckend, diesmal in langer,
ununterbrochener Reihe.

Thiel trat vor, um die Strecke berschauen zu knnen. Mechanisch zog er
die rote Fahne aus dem Futteral und hielt sie gerade vor sich hin ber
die Geleise. -- Jesus Christus! war er blind gewesen? Jesus Christus --
o Jesus, Jesus, Jesus Christus! was war das? Dort! -- dort zwischen den
Schienen ... Ha--alt! schrie der Wrter aus Leibeskrften. Zu spt.
Eine dunkle Masse war unter den Zug geraten und wurde zwischen den
Rdern wie ein Gummiball hin und her geworfen. Noch einige Augenblicke,
und man hrte das Knarren und Quietschen der Bremsen. Der Zug stand.

Die einsame Strecke belebte sich. Zugfhrer und Schaffner rannten ber
den Kies nach dem Ende des Zuges. Aus jedem Fenster blickten neugierige
Gesichter und jetzt -- die Menge knulte sich und kam nach vorn.

Thiel keuchte; er mute sich festhalten, um nicht umzusinken wie ein
gefllter Stier. Wahrhaftig, man winkt ihm -- nein!

Ein Aufschrei zerreit die Luft von der Unglcksstelle her, ein Geheul
folgt, wie aus der Kehle eines Tieres kommend. Wer war das?! Lene?! Es
war nicht ihre Stimme und doch ...

Ein Mann kommt in Eile die Strecke herauf.

Wrter!!

Was gibt's?

Ein Unglck! ... Der Bote schrickt zurck, denn des Wrters Augen
spielen seltsam. Die Mtze sitzt schief, die roten Haare scheinen sich
aufzubumen.

Er lebt noch, vielleicht ist noch Hilfe.

Ein Rcheln ist die einzige Antwort.

Kommen Sie schnell, schnell!

Thiel reit sich auf mit gewaltiger Anstrengung. Seine schlaffen Muskeln
spannen sich; er richtet sich hoch auf, sein Gesicht ist bld und tot.

Er rennt mit dem Boten, er sieht nicht die todbleichen, erschreckten
Gesichter der Reisenden in den Zugfenstern. Eine junge Frau schaut
heraus, ein Handlungsreisender im Fes, ein junges Paar, anscheinend auf
der Hochzeitsreise. Was geht's ihn an? Er hat sich nie um den Inhalt
dieser Polterkasten gekmmert; -- sein Ohr fllt das Geheul Lenens. Vor
seinen Augen schwimmt es durcheinander, gelbe Punkte, Glhwrmchen
gleich, unzhlig. Er schrickt zurck -- er steht. Aus dem Tanze der
Glhwrmchen tritt es hervor, bla, schlaff, blutrnstig. Eine Stirn,
braun und blau geschlagen, blaue Lippen, ber die schwarzes Blut
trpfelt. Er ist es.

Thiel spricht nicht. Sein Gesicht nimmt eine schmutzige Blsse an. Er
lchelt wie abwesend; endlich beugt er sich; er fhlt die schlaffen,
toten Gliedmaen schwer in seinen Armen; die rote Fahne wickelt sich
darum.

Er geht.

Wohin?

Zum Bahnarzt, zum Bahnarzt, tnt es durcheinander.

Wir nehmen ihn gleich mit, ruft der Packmeister und macht in seinem
Wagen aus Dienstrcken und Bchern ein Lager zurecht. Nun also?

Thiel macht keine Anstalten, den Verunglckten loszulassen. Man drngt
in ihn. Vergebens. Der Packmeister lt eine Bahre aus dem Packwagen
reichen und beordert einen Mann, dem Vater beizustehen.

Die Zeit ist kostbar. Die Pfeife des Zugfhrers trillert. Mnzen regnen
aus den Fenstern.

Lene gebrdet sich wie wahnsinnig. Das arme, arme Weib, heit es in
den Kupees, die arme, arme Mutter.

Der Zugfhrer trillert abermals -- ein Pfiff -- die Maschine stt
weie, zischende Dmpfe aus ihren Zylindern und streckt ihre eisernen
Sehnen; einige Sekunden und der Kurierzug braust mit wehender Rauchfahne
in doppelter Geschwindigkeit durch den Forst.

Der Wrter, anderen Sinnes geworden, legt den halbtoten Jungen auf die
Bahre. Da liegt er da in seiner verkommenen Krpergestalt, und hin und
wieder hebt ein langer, rasselnder Atemzug die kncherne Brust, welche
unter dem zerfetzten Hemd sichtbar wird. Die rmchen und Beinchen, nicht
nur in den Gelenken gebrochen, nehmen die unnatrlichsten Stellungen
ein. Die Ferse des kleinen Fues ist nach vorn gedreht. Die Arme
schlottern ber den Rand der Bahre.

Lene wimmert in einem fort; jede Spur ihres einstigen Trotzes ist aus
ihrem Wesen gewichen. Sie wiederholt fortwhrend eine Geschichte, die
sie von jeder Schuld an dem Vorfall reinwaschen soll.

Thiel scheint sie nicht zu beachten; mit entsetzlich bangem Ausdruck
haften seine Augen an dem Kinde.

Es ist still ringsum geworden, totenstill; schwarz und hei ruhen die
Geleise auf dem blendenden Kies. Der Mittag hat die Winde erstickt, und
regungslos wie aus Stein steht der Forst.

Die Mnner beraten sich leise. Man mu, um auf dem schnellsten Wege nach
Friedrichshagen zu kommen, nach der Station zurck, die nach der
Richtung Breslau liegt, da der nchste Zug, ein beschleunigter
Personenzug, auf der Friedrichshagen nhergelegenen nicht anhlt.

Thiel scheint zu berlegen, ob er mitgehen solle. Augenblicklich ist
niemand da, der den Dienst versteht. Eine stumme Handbewegung bedeutet
seiner Frau, die Bahre aufzunehmen; sie wagt nicht, sich zu widersetzen,
obgleich sie um den zurckbleibenden Sugling besorgt ist. Sie und der
fremde Mann tragen die Bahre. Thiel begleitet den Zug bis an die Grenze
seines Reviers, dann bleibt er stehen und schaut ihm lange nach.
Pltzlich schlgt er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, da es
weithin schallt.

Er meint sich zu erwecken, denn es wird ein Traum sein, wie der
gestern, sagt er sich. -- Vergebens. -- Mehr taumelnd als laufend
erreichte er sein Huschen. Drinnen fiel er auf die Erde, das Gesicht
voran. Seine Mtze rollte in die Ecke, seine peinlich gepflegte Uhr fiel
aus der Tasche, die Kapsel sprang, das Glas zerbrach. Es war, als hielt
ihn eine eiserne Faust im Nacken gepackt, so fest, da er sich nicht
bewegen konnte, so sehr er auch unter chzen und Sthnen sich frei zu
machen suchte. Seine Stirn war kalt, seine Augen trocken, sein Schlund
brannte.

Die Signalglocke weckte ihn. Unter dem Eindruck jener sich
wiederholenden drei Glockenschlge lie der Anfall nach. Thiel konnte
sich erheben und seinen Dienst tun. Zwar waren seine Fe bleischwer,
zwar kreiste um ihn die Strecke wie die Speiche eines ungeheuren Rades,
dessen Achse sein Kopf war; aber er gewann doch wenigstens so viel
Kraft, sich fr einige Zeit aufrechtzuerhalten.

Der Personenzug kam heran. Tobias mute darin sein. Je nher er rckte,
um so mehr verschwammen die Bilder vor Thiels Augen. Am Ende sah er nur
noch den zerschlagenen Jungen mit dem blutigen Munde. Dann wurde es
Nacht.

Nach einer Weile erwachte er aus einer Ohnmacht. Er fand sich dicht an
der Barriere im heien Sande liegen. Er stand auf, schttelte die
Sandkrner aus seinen Kleidern und spie sie aus seinem Munde. Sein Kopf
wurde ein wenig freier, er vermochte ruhiger zu denken.

In der Bude nahm er sogleich seine Uhr vom Boden auf und legte sie auf
den Tisch. Sie war trotz des Falles nicht stehengeblieben. Er zhlte
whrend zweier Stunden die Sekunden und Minuten, indem er sich
vorstellte, was indes mit Tobias geschehen mochte: Jetzt kam Lene mit
ihm an; jetzt stand sie vor dem Arzte. Dieser betrachtete und betastete
den Jungen und schttelte den Kopf.

Schlimm, sehr schlimm -- aber vielleicht ... wer wei? Er untersuchte
genauer. Nein, sagte er dann, nein, es ist vorbei.

Vorbei, vorbei, sthnte der Wrter. Dann aber richtete er sich hoch
auf und schrie, die rollenden Augen an die Decke geheftet, die erhobenen
Hnde unbewut zur Faust ballend und mit einer Stimme, als msse der
enge Raum davon zerbersten: Er mu, mu leben, ich sage dir, er mu,
mu leben. Und schon stie er die Tr des Huschens von neuem auf,
durch die das rote Feuer des Abends hereinbrach, und rannte mehr als er
ging nach der Barriere zurck. Hier blieb er eine Weile wie betroffen
stehen und schritt dann pltzlich, beide Arme ausbreitend, bis in die
Mitte des Dammes, als wenn er etwas aufhalten wollte, das aus der
Richtung des Personenzuges kam. Dabei machten seine weit offenen Augen
den Eindruck der Blindheit.

Whrend er, rckwrts schreitend, vor etwas zu weichen schien, stie er
in einem fort halbverstndliche Worte zwischen den Zhnen hervor: Du --
hrst du -- bleib doch -- du -- hr doch -- bleib -- gib ihn wieder --
er ist braun und blau geschlagen -- ja ja -- gut -- ich will sie wieder
braun und blau schlagen -- hrst du? bleib doch -- gib ihn mir wieder.

Es schien, als ob etwas an ihm vorberwandle, denn er wandte sich und
bewegte sich, wie um es zu verfolgen, nach der anderen Richtung.

Du, Minna -- seine Stimme wurde weinerlich, wie die eines kleinen
Kindes. Du, Minna, hrst du? -- gib ihn wieder -- ich will ... Er
tastete in die Luft, wie um jemand festzuhalten. Weibchen -- ja -- und
da will ich sie ... und da will ich sie auch schlagen -- braun und blau
-- auch schlagen -- und da will ich mit dem Beil -- siehst du? --
Kchenbeil -- mit dem Kchenbeil will ich sie schlagen, und da wird sie
verrecken.

Und da ... ja mit dem Beil -- Kchenbeil ja -- schwarzes Blut! Schaum
stand vor seinem Munde, seine glsernen Pupillen bewegten sich
unaufhrlich.

Ein sanfter Abendhauch strich leis und nachhaltig ber den Forst, und
rosaflammiges Wolkengelock hing ber dem westlichen Himmel.

Etwa hundert Schritt hatte er so das unsichtbare Etwas verfolgt, als er
anscheinend mutlos stehenblieb, und mit entsetzlicher Angst in den
Mienen streckte der Mann seine Arme aus, flehend, beschwrend. Er
strengte seine Augen an und beschattete sie mit der Hand, wie um noch
einmal in weiter Ferne das Wesenlose zu entdecken. Schlielich sank die
Hand, und der gespannte Ausdruck seines Gesichts verkehrte sich in
stumpfe Ausdruckslosigkeit; er wandte sich und schleppte sich den Weg
zurck, den er gekommen.

Die Sonne go ihre letzte Glut ber den Forst, dann erlosch sie. Die
Stmme der Kiefern streckten sich wie bleiches, verwestes Gebein
zwischen die Wipfel hinein, die wie grauschwarze Moderschichten auf
ihnen lasteten. Das Hmmern eines Spechtes durchdrang die Stille. Durch
den kalten, stahlblauen Himmelsraum ging ein einziges versptetes
Rosengewlk. Der Windhauch wurde kellerkalt, so da es den Wrter
frstelte. Alles war ihm neu, alles fremd. Er wute nicht, was das war,
worauf er ging, oder das, was ihn umgab. Da huschte ein Eichhorn ber
die Strecke, und Thiel besann sich. Er mute an den lieben Gott denken,
ohne zu wissen warum. Der liebe Gott springt ber den Weg, der liebe
Gott springt ber den Weg. Er wiederholte diesen Satz mehrmals,
gleichsam um auf etwas zu kommen, das damit zusammenhing. Er unterbrach
sich, ein Lichtschein fiel in sein Hirn, aber mein Gott, das ist ja
Wahnsinn. Er verga alles und wandte sich gegen diesen neuen Feind. Er
suchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen, vergebens! Es war ein
haltloses Streifen und Schweifen. Er ertappte sich auf den unsinnigsten
Vorstellungen und schauderte zusammen im Bewutsein seiner
Machtlosigkeit.

Aus dem nahen Birkenwldchen kam Kindergeschrei. Es war das Signal zur
Raserei. Fast gegen seinen Willen mute er darauf zueilen und fand das
Kleine, um welches sich niemand mehr gekmmert hatte, weinend und
strampelnd ohne Bettchen im Wagen liegen. Was wollte er tun? Was trieb
ihn hierher? Ein wirbelnder Strom von Gefhlen und Gedanken verschlang
diese Fragen.

Der liebe Gott springt ber den Weg, jetzt wute er, was das bedeuten
wollte. Tobias -- sie hatte ihn gemordet -- Lene -- ihr war er
anvertraut -- Stiefmutter, Rabenmutter, knirschte er, und ihr Balg
lebt. Ein roter Nebel umwlkte seine Sinne, zwei Kinderaugen
durchdrangen ihn; er fhlte etwas Weiches, Fleischiges zwischen seinen
Fingern. Gurgelnde und pfeifende Laute, untermischt mit heiseren
Ausrufen, von denen er nicht wute, wer sie ausstie, trafen sein Ohr.

Da fiel etwas in sein Hirn wie Tropfen heien Siegellacks, und es hob
sich wie eine Starre von seinem Geist. Zum Bewutsein kommend, hrte er
den Nachhall der Meldeglocke durch die Luft zittern.

Mit eins begriff er, was er hatte tun wollen: seine Hand lste sich von
der Kehle des Kindes, welches sich unter seinem Griffe wand. -- Es rang
nach Luft, dann begann es zu husten und zu schreien.

Es lebt! Gott sei Dank, es lebt! Er lie es liegen und eilte nach dem
bergange. Dunkler Qualm wlzte sich fernher ber die Strecke, und der
Wind drckte ihn zu Boden. Hinter sich vernahm er das Keuchen einer
Maschine, welches wie das stoweise gequlte Atmen eines kranken Riesen
klang.

Ein kaltes Zwielicht lag ber der Gegend.

Nach einer Weile, als die Rauchwolken auseinandergingen, erkannte Thiel
den Kieszug, der mit geleerten Loren zurckging und die Arbeiter mit
sich fhrte, welche tagsber auf der Strecke gearbeitet hatten.

Der Zug hatte eine reichbemessene Fahrzeit und durfte berall anhalten,
um die hie und da noch beschftigten Arbeiter aufzunehmen, andere
hingegen abzusetzen. Ein gutes Stck vor Thiels Bude begann man zu
bremsen. Ein lautes Quietschen, Schnarren, Rasseln und Klirren
durchdrang weithin die Abendstille, bis der Zug unter einem einzigen
schrillen, langgedehnten Ton stillstand.

Etwa fnfzig Arbeiter und Arbeiterinnen waren in den Loren verteilt.
Fast alle standen aufrecht, einige unter den Mnnern mit entbltem
Kopfe. In ihrer aller Wesen lag eine rtselhafte Feierlichkeit. Als sie
des Wrters ansichtig wurden, erhob sich ein Flstern unter ihnen. Die
Alten zogen die Tabakspfeifen zwischen den gelben Zhnen hervor und
hielten sie respektvoll in den Hnden. Hie und da wandte sich ein
Frauenzimmer, um sich zu schneuzen. Der Zugfhrer stieg auf die Strecke
herunter und trat auf Thiel zu. Die Arbeiter sahen, wie er ihm feierlich
die Hand schttelte, worauf Thiel mit langsamem, fast militrisch-steifem
Schritt auf den letzten Wagen zuschritt.

Keiner der Arbeiter wagte ihn anzureden, obgleich sie ihn alle kannten.

Aus dem letzten Wagen hob man soeben das kleine Tobischen.

Es war tot.

Lene folgte ihm; ihr Gesicht war blulich-wei, braune Kreise lagen um
ihre Augen.

Thiel wrdigte sie keines Blickes; sie aber erschrak beim Anblick ihres
Mannes. Seine Wangen waren hohl, Wimpern und Barthaare verklebt, der
Scheitel, so schien es ihr, ergrauter als bisher. Die Spuren
vertrockneter Trnen berall auf dem Gesicht; dazu ein unstetes Licht in
seinen Augen, davor sie ein Grauen ankam.

Auch die Tragbahre hatte man wieder mitgebracht, um die Leiche
transportieren zu knnen.

Eine Weile herrschte unheimliche Stille. Eine tiefe, entsetzliche
Versonnenheit hatte sich Thiels bemchtigt. Es wurde dunkler. Ein Rudel
Rehe setzte seitab auf den Bahndamm. Der Bock blieb stehen mitten
zwischen den Geleisen. Er wandte seinen gelenken Hals neugierig herum,
da pfiff die Maschine, und blitzartig verschwand er samt seiner Herde.

In dem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzen wollte, brach
Thiel zusammen.

Der Zug hielt abermals, und es entspann sich eine Beratung ber das, was
nun zu tun sei. Man entschied sich dafr, die Leiche des Kindes
einstweilen im Wrterhaus unterzubringen und statt ihrer den durch kein
Mittel wieder ins Bewutsein zu rufenden Wrter mittelst der Bahre nach
Hause zu bringen.

Und so geschah es. Zwei Mnner trugen die Bahre mit dem Bewutlosen,
gefolgt von Lene, die, fortwhrend schluchzend, mit trnenberstrmtem
Gesicht den Kinderwagen mit dem Kleinsten durch den Sand stie.

Wie eine riesige purpurglhende Kugel lag der Mond zwischen den
Kieferschften am Waldesgrund. Je hher er rckte um so kleiner schien
er zu werden, um so mehr verblate er. Endlich hing er, einer Ampel
vergleichbar, ber dem Forst, durch alle Spalten und Lcken der Kronen
einen matten Lichtdunst drngend, welcher die Gesichter der
Dahinschreitenden leichenhaft anmalte.

Rstig, aber vorsichtig schritt man vorwrts, jetzt durch enggedrngtes
Jungholz, dann wieder an weiten hochwaldumstandenen Schonungen entlang,
darin sich das bleiche Licht wie in groen, dunklen Becken angesammelt
hatte.

Der Bewutlose rchelte von Zeit zu Zeit oder begann zu phantasieren.
Mehrmals ballte er die Fuste und versuchte mit geschlossenen Augen sich
emporzurichten.

Es kostete Mhe, ihn ber die Spree zu bringen; man mute ein zweites
Mal bersetzen, um die Frau und das Kind nachzuholen.

Als man die kleine Anhhe des Ortes emporstieg, begegnete man einigen
Einwohnern, welche die Botschaft des geschehenen Unglcks sofort
verbreiteten.

Die ganze Kolonie kam auf die Beine.

Angesichts ihrer Bekannten brach Lene in erneutes Klagen aus.

Man befrderte den Kranken mhsam die schmale Stiege hinauf in seine
Wohnung und brachte ihn sogleich zu Bett. Die Arbeiter kehrten sogleich
um, um Tobischens Leiche nachzuholen.

Alte erfahrene Leute hatten kalte Umschlge angeraten, und Lene befolgte
ihre Weisung mit Eifer und Umsicht. Sie legte Handtcher in eiskaltes
Brunnenwasser und erneuerte sie, sobald die brennende Stirn des
Bewutlosen sie durchhitzt hatte. ngstlich beobachtete sie die Atemzge
des Kranken, welche ihr mit jeder Minute regelmiger zu werden
schienen.

Die Aufregungen des Tages hatten sie doch stark mitgenommen und sie
beschlo, ein wenig zu schlafen, fand jedoch keine Ruhe. Gleichviel ob
sie die Augen ffnete oder schlo, unaufhrlich zogen die Ereignisse der
Vergangenheit daran vorber. Das Kleine schlief. Sie hatte sich entgegen
ihrer sonstigen Gewohnheit wenig darum bekmmert. Sie war berhaupt eine
andere geworden. Nirgend eine Spur des frheren Trotzes. Ja, dieser
kranke Mann mit dem farblosen, schweiglnzenden Gesicht regierte sie im
Schlaf.

Eine Wolke verdeckte die Mondkugel, es wurde finster im Zimmer, und Lene
hrte nur noch das schwere, aber gleichmige Atemholen ihres Mannes.
Sie berlegte, ob sie Licht machen sollte. Es wurde ihr unheimlich im
Dunkeln. Als sie aufstehen wollte, lag es ihr bleiern in allen Gliedern,
die Lider fielen ihr zu, sie entschlief.

Nach Verlauf von einigen Stunden, als die Mnner mit der Kindesleiche
zurckkehrten, fanden sie die Haustre weit offen. Verwundert ber
diesen Umstand stiegen sie die Treppe hinauf, in die obere Wohnung,
deren Tr ebenfalls weit geffnet war.

Man rief mehrmals den Namen der Frau, ohne eine Antwort zu erhalten.
Endlich strich man ein Schwefelholz an der Wand, und der aufzuckende
Lichtschein enthllte eine grauenvolle Verwstung.

Mord, Mord!

Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener
Hirnschale.

Er hat seine Frau ermordet, er hat seine Frau ermordet!

Kopflos lief man umher. Die Nachbarn kamen, einer stie an die Wiege.
Heiliger Himmel und er fuhr zurck, bleich, mit entsetzensstarrem
Blick. Da lag das Kind mit durchschnittenem Halse.

Der Wrter war verschwunden; die Nachforschungen, welche man noch in
derselben Nacht anstellte, blieben erfolglos. Den Morgen darauf fand ihn
der diensttuende Wrter zwischen den Bahngeleisen und an der Stelle
sitzend, wo Tobischen berfahren worden war.

Er hielt das braune Pudelmtzchen im Arm und liebkoste es ununterbrochen
wie etwas, das Leben hat.

Der Wrter richtete einige Fragen an ihn, bekam jedoch keine Antwort und
bemerkte bald, da er es mit einem Irrsinnigen zu tun habe.

Der Wrter am Block, davon in Kenntnis gesetzt, erbat telegraphische
Hilfe.

Nun versuchten mehrere Mnner ihn durch gutes Zureden von den Geleisen
fortzulocken; jedoch vergebens.

Der Schnellzug, der um diese Zeit passierte, mute anhalten, und erst
der bermacht seines Personales gelang es, den Kranken, der alsbald
furchtbar zu toben begann, mit Gewalt von der Strecke zu entfernen.

Man mute ihm Hnde und Fe binden, und der inzwischen requirierte Gendarm
berwachte seinen Transport nach dem Berliner Untersuchungsgefngnisse,
von wo aus er jedoch schon am ersten Tage nach der Irrenabteilung der
Charit berfhrt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune
Mtzchen in Hnden und bewachte es mit eiferschtiger Sorgfalt und
Zrtlichkeit.




Der Apostel


Spt am Abend war er in Zrich angelangt. Eine Dachkammer in der
Taube, ein wenig Brot und klares Wasser, bevor er sich niederlegte:
das gengte ihm.

Er schlief unruhig wenige Stunden. Schon kurz nach vier erhob er sich.
Der Kopf schmerzte ihn. Er schob es auf die lange Eisenbahnfahrt vom
gestrigen Tage. Um so etwas auszuhalten mute man Nerven wie Seile
haben. Er hate diese Bahnen mit ihrem ewigen Gerttel, Gestampf und
Gepolter, mit ihren jagenden Bildern; -- er hate sie und mit ihnen die
meisten anderen der sogenannten Errungenschaften dieser sogenannten
Kultur.

Durch den Gotthard allein ... es war wirklich eine Tortur, durch den
Gotthard zu fahren: dazusitzen, beim Scheine eines zuckenden Lmpchens,
mit dem Bewutsein, diese ungeheure Steinmasse ber sich zu haben. Dazu
dieses markerschtternde Konzert von Geruschen im Ohr. Es war eine
Tortur, es war zum Verrcktwerden! In einen Zustand war er
hineingeraten, in eine Angst, kaum zu glauben. Wenn das nahe Rauschen so
zurcksank und dann wieder daherkam, daherfuhr wie die ganze Hlle und
so tosend wurde, da es alles in einem frmlich zerschlug ... nie und
nimmer wrde er nochmals durch den Gotthard fahren!

Man hatte nur einen Kopf. Wenn der einmal aufgestrt war -- der
Bienenschwarm da drinnen -- da mochte der Teufel wieder Ruhe schaffen:
alles brach durch seine Grenzen, verlor die natrlichen Dimensionen,
dehnte sich hoch auf und hatte einen eigenen Willen.

Die Nacht hatte es ihn noch geplagt, nun sollte es damit ein Ende haben.
Der kalte, klare Morgen mute das seinige tun. brigens wrde er von
hier ab nach Deutschland hinein zu Fue reisen.

Er wusch sich und zog die Kleider ber. Als er die Sandalen unterband,
tauchte ihm flchtig auf, wie er zu dem Kostm, das er trug und das ihn
von allen brigen Menschen unterschied, gekommen war: die Gestalt
Meister Diefenbachs ging vorber. -- Dann war es ein Sprung in frhe
Jahre: er sah sich selbst in der sogenannten Normaltracht zur Schule
gehen -- der Glatzkopf des Vaters blickte hinter dem Ladentische der
Apotheke hervor, die Tracht des Sohnes milde bespttelnd. Die Mutter
hatte doch immer gesagt, er sei kein Hypochonder. Der Glatzkopf und das
junge Frauengesicht schoben sich nebeneinander. Welch ein ungeheurer
Unterschied! Da er das frher nie bemerkt hatte.

Die Sandalen saen fest. Er legte den Strick, der die weie Frieskutte
zusammenhielt, um die Hften und eine Schnur rund um den Kopf.

Auf dem Hausflur der Herberge war ein alter Spiegel angebracht. Einen
Augenblick im Vorbergehen hielt er inne, um sich zu mustern. Wirklich!
-- er sah aus wie ein Apostel. Das heilige Blond der langen Haare, der
starke, rote, keilfrmige Bart, das khne, feste und doch so unendlich
milde Gesicht, die weie Mnchskutte, die seine schne, straffe Gestalt,
seinen elastischen, soldatisch geschulten Krper zu voller Geltung
brachte.

Mit Wohlgefallen spiegelte er sich. Warum sollte er es auch nicht? Warum
sollte er sich selbst nicht bewundern, da er doch nicht aufhrte, die
Natur zu bestaunen in allem, was sie hervorbrachte? Er lief ja durch
die Welt von Wunder zu Wunder, und Dinge, von anderen nicht beachtet,
erzeugten in ihm religise Schauer. brigens nahm sie sich gut aus --
die Neuerung dieses Morgens: man konnte ja denken, diese Schnur um den
Kopf habe den Zweck, das Haar zusammenzuhalten. Da sie einem
Heiligenscheine hnelte, hatte nichts auf sich. Heilige gab es nicht
mehr, oder besser: der Heiligenschein kam jedem Naturerzeugnis, auch dem
kleinsten Blmchen oder Kferchen zu, und dessen Auge war ein profanes
Auge, der nicht ber allem solche Heiligenscheine schweben sah.----

Auf der Strae war noch niemand: einsamer Sonnenschein lag darauf; hie
und da der lange, ein wenig schrge Schatten eines Hauses. Er bog in ein
Seitengchen, das bergan stieg, und klomm bald zwischen Wiesen und
Obstgrten hin aufwrts.

Bisweilen ein hochgiebliges, altvterisches Huschen, ein enges, mit
Blumen vollgepfropftes Hausgrtchen, dann wieder eine Wiese oder ein
Weinberg. Der Ruch des weien Jasmins, des blauen Flieders und des
dunkelbrennenden Goldlacks erfllte stellenweise die reine und starke
Luft, da er sie wohlig in sich sog wie einen gewrzten Wein.

Er fhlte sich freier nach jedem Schritt.

Wie wenn ein Dorn aus seinem Herzen sich lste, war ihm zu Sinn, als es
ihm das Auge so still und unwiderstehlich nach auen zog. Das Dunkel in
ihm ward aufgesogen von all dem Licht. Die Kpfchen des gelben
Lwenzahns, gleich unzhligen, kleinen Sonnen in das sprieende Grn des
Wegrandes gelegt, blendeten ihn fast. Durch den schweren Bltenregen der
Obstbume schossen die Sonnenstrahlen schrg in den wiesigen Grund, ihn
mit goldigen Tupfen berdeckend. So honigs dufteten die Birken. Und so
viel Leben, Behaglichkeit und Flei sprach aus dem verlorenen Sumsen
frher Bienen.

Sorgfltig vermied er im Aufsteigen irgend etwas zu beschdigen oder gar
zu vernichten, was Leben hatte. Das kleinste Kferchen wurde umgangen,
die zudringliche Wespe vorsichtig verscheucht. Er liebte die Mcken und
Fliegen brderlich, und zu tten, -- auch nur den allergewhnlichsten
Kohlweiling -- schien ihm das schwerste aller Verbrechen.

Blumen, halbwelk, von Kinderhnden ausgerauft, hob er vom Wege auf, um
sie irgendwo ins Wasser zu werfen. Er selbst pflckte niemals Veilchen
oder Rosen, um sich damit zu schmcken. Er verabscheute Strue und
Krnze; er wollte alles an seinem Ort.

Ihm war wohl und zufrieden. Nur, da er sich selbst nicht sehen konnte,
bedauerte er. Er selbst mit seinem edlen Gange, einsam in der Frhe auf
die Berge steigend: das htte ein Motiv abgegeben fr einen groen
Maler--: und das Bild stand vor seiner Phantasie.

Dann sah er sich um, ob nicht doch vielleicht irgendeine menschliche
Seele bereits wach sei und ihn sehen knne. Niemand war zu erblicken.

brigens fing das merkwrdige Schwatzen -- im Ohr oder gar im Kopf
drinnen, er wute nicht wo -- wieder an. Seit einigen Wochen plagte es
ihn. Sicherlich waren es Blutstockungen. Man mute laufen, sich
anstrengen, das Blut in schnelleren Umlauf versetzen--

Und er beschleunigte seine Schritte.

Allmhlich war er so ber die Dcher der Huser hinausgekommen. Er stand
ruhend still und hatte alle Pracht unter sich. Eine Erschtterung
berkam ihn. Ein Gefhl tiefer Zerknirschung brannte in ihm angesichts
dieser wundervollen Tiefe. -- Lange lie er das verzckte Auge
umherschwelgen: -- ber alles hin, zu der Spitze des jenseitigen
Berges, dessen schrndige Hnge zartes, wolliges Grn umzog. --
Hinunter, wo die veilchenfarbne Flche des Sees den Talgrund ausfllte,
wo die weichen, grasigen Uferhgel daraus hervorstiegen, grne Polster,
berschttet, soweit die Sehkraft reichte, mit Blten und wieder Blten.
Dazwischen Huschen, Villen und Drfer, deren Fenster elektrisch
aufblitzten, deren rote Dcher und Trme leuchteten.

Nur im Sden, fern, verband ein grauer, silberiger Duft See und Himmel
und verdeckte die Landschaft; aber ber ihm, fein und wei leuchtend,
auf das blasse Blau der Luft gelegt, schemenhaft tauchten sie auf --
einem ungeheuren Silberschatz vergleichbar -- in langer sich
verlierender Reihe: die Spitzen der Schneeberge.

Dort haftete sein Blick -- starr -- lange. Als es ihn los lie, blieb
nichts Festes mehr in ihm. Alles weich, aufgelst. Trnen und
Schluchzen.

Er ging weiter.

Von oben her, wo die Buchen anfingen, traf das Geschrei des Kuckucks
sein Ohr: jene zwei Noten, die sich wiederholen, aussetzen, um dann
wieder und wieder zu beginnen. Er ging weiter, nunmehr fr sich und
grblerisch.

Mysterise Rhrungen waren ihm angesichts der Natur nichts
Ungewhnliches, so stark und jh wie diesmal indes hatten sie ihn noch
niemals befallen. -- Es war eben sein Naturgefhl, das strker und
tiefer wurde. Nichts war begreiflicher, und es tat nicht not, sich
darber hypochondrische Gedanken zu machen. brigens fing es an, sich in
ihm zu verdichten, zu gestalten, zu erbauen. Kaum da Minuten vergingen,
und alles in ihm war gebunden und fest.

Er stand still, wieder schauend. Nun war es die Stadt unten, die ihn
anzog und abstie. Wie ein grauer, widerlicher Schorf erschien sie ihm,
wie ein Grind, der weiter fressen wrde, in dies Paradies hineingeimpft:
Steinhaufen an Steinhaufen, sprliches Grn dazwischen. Er begriff, da
der Mensch das allergefhrlichste Ungeziefer sei. Jawohl, das stand
auer Zweifel: Stdte waren nicht besser als Beulen, Auswchse der
Kultur. Ihr Anblick verursachte ihm Ekel und Weh.

Zwischen den Buchen angelangt, lie er sich nieder. Lang ausgestreckt,
den Kopf dicht an der Erde, Humus- und Grasgeruch einziehend, die
transparenten, grnen Halme dicht vor den Augen, lag er da. Ein Behagen
erfllte ihn so, eine schwellende Liebe, eine taumelnde Glckseligkeit.
Wie Silbersulen die Buchenstmme. Der wogende und rauschende,
sonnengolddurchschlagene, grne Baldachin darber, der Gesang, die
Freude, der eifrige und lachende Jubel der Vgel. Er schlo die Augen,
er gab sich ganz hin.----

Dabei stieg ihm der Traum der Nacht auf: eine fremde Stimmung zuerst,
ein Herzklopfen, eine Gehobenheit, die eine Vorstellung mitbrachte, ber
deren Ursprung er grbeln mute. Endlich kam die Erinnerung--: zwischen
Tag und Abend. Eine endlose, staubige, italienische Landstrae, noch
erhitzt, flimmernde Wrme ausstrmend. Landleute kommen vom Felde,
braun, bunt, zerlumpt. Mnner, Weiber und Kinder mit schwarzen,
stechenden und glaubenskranken Augen. rmliche Htten schrg drben.
ber sie her einfltiges, katholisches Aveglockengebimmel. Er selbst
bestaubt, mde, hungernd, drstend. Er schreitet langsam, die Leute
knien am Wegrand, sie falten die Hnde, sie beten ihn an. Ihm ist weich,
ihm ist gro.

Er lag und hing an dem Bilde. Fieber, Wollust, gttliche Hoheitsschauer
whlten in ihm. Er erhob sich Gott gleich.

Nun war er bestrzt, als er die Augen auftat. Wie eine Sule aus Wasser
brach es zusammen und verrann.

Sich selbst fragend und zur Rede stellend, drang er ins Waldinnere. Er
machte sich Vorwrfe ber sein verzcktes Trumen; es kam wider seinen
Willen und Entschlu. Die Wucht seiner Gefhle machte ihm bange, dennoch
aber: es konnte sein, da seine nagende Angst ohne Grund war.

brigens wuchs die Angst, obgleich es ihm jetzt gerade ganz klar wurde,
da sie grundlos war.

Sie hatten ihn wirklich verehrt, die Italiener, deren Drfer er zu Fu
durchzogen hatte. Sie waren gekommen, um ihre Kinder von ihm segnen zu
lassen. Warum sollte er nicht segnen, wenn andere Priester segnen
durften? Er hatte etwas -- er hatte mehr mitzuteilen als sie. Es gab ein
Wort, ein einziges wundervolles Wortjuwel: Friede! Darin lag es, was er
brachte, darin lag alles verschlossen -- alles -- alles.

Blutgeruch lag ber der Welt. Das flieende Blut war das Zeichen des
Kampfes. Diesen Kampf hrte er toben, unaufhrlich, im Wachen und
Schlafen. Es waren Brder und Brder, Schwestern und Schwestern, die
sich erschlugen. Er liebte sie alle, er sah ihr Wten und rang die
Hnde in Schmerz und Verzweiflung.

Mit der Stimme des Donners reden zu knnen wnschte er glhend.
Angesichts der tosenden Schlacht, auf einem Felsblock, allen sichtbar,
stehend, mute man rufen und winken. Zu warnen vor dem Bruder- und
Schwestermord, hinzuweisen auf den Weg zum Frieden war eine Forderung
des Gewissens.

Er kannte diesen Weg. Man betrat ihn durch ein Tor mit der Aufschrift:
Natur.

Mut und Eifer hatte die Angst seiner Seele allmhlich wieder verdrngt.
Er ging, nicht wissend wohin, predigend im Geiste und bei sich selbst zu
allem Volke redend: ihr seid Fresser und Weinsufer. Auf euren Tafeln
prangen kannibalisch Tierkadaver. Lat ab vom Schlemmen! Lat ab vom
ruchlosen Morde der Kreaturen! Frchte des Feldes seien eure Nahrung!
Eure seidnen Betten, eure Polster, eure kostbaren Mbel und Kleider,
tragt alles zusammen, werft die Fackeln hinein, da die Flamme himmelan
schlage und es verzehre! Habt ihr das getan, dann kommt -- kommt alle,
die ihr mhselig und beladen seid und folgt mir nach! In ein Land will
ich euch fhren, wo Tiger und Bffel nebeneinander weiden, wo die
Schlangen ohne Gift und die Bienen ohne Stachel sind. Dort wird der Ha
in euch sterben und die ewige Liebe lebendig werden.

Ihm schwoll das Herz. Wie ein reiender Strom strzte der Schwall
strafender, trstender und ermahnender Worte. Sein ganzer Krper bebte
in Leidenschaft. Mit hinreiender Strke berkam ihn der Drang, seine
ganze Liebe und Sehnsucht auszustrmen. Als msse er den Bumen und
Vgeln predigen, war ihm zumut. Die Kraft seiner Rede mute
unwiderstehlich sein. Er htte das Eichhorn, welches in Bogensprngen
zwischen den Stmmen hinhuschte, mit einem einzigen Worte bannen und zu
sich rufen knnen. Er wute es, wute es sicher, wie man wei, da der
Stein fllt. Eine Allmacht war in ihm: die Allmacht der Wahrheit.

Pltzlich hrte der Wald auf. Fast erschreckt, geblendet, wie jemand,
der aus einem tiefen Schacht aufsteigt, sah er die Welt. Aber es hrte
nicht auf in ihm zu wirken. Mit eins kam Richtung in seine Schritte. Er
stieg niederwrts, den abschssigen Weg laufend und springend.

Wie ein Soldat, der strmt, das Ziel im Auge, kam er sich nun vor.
Einmal im Laufen, war es schwer sich aufzuhalten. Die schnelle, heftige
Bewegung aber weckte etwas: eine Lust, eine Art Begeisterung, eine
Tollheit.

Das Bewutsein kam, und mit Grausen sah er sich selbst in groen Stzen
bergab eilen. Etwas in ihm wollte hastig hemmen, Einhalt tun, aber schon
war es ein Meer, das die Dmme durchbrochen hatte. Ein lhmender Schreck
blieb geduckt im Grunde seiner Seele und ein entsetztes, namenloses
Staunen dazu.

Sein Krper indes, wie etwas Fremdes, tobte entfesselt. Er schlug mit
den Hnden, knirschte mit den Zhnen und stampfte den Boden. Er lachte
-- lachte lauter und lauter, ohne da es abri.

Als er zu sich kam, zitterte er. Fast gelhmt vor Entsetzen, hielt er
den Stamm einer jungen Linde umklammert. Nur mit Vorsicht und stets in
Angst vor der Wiederkehr des Unbekannten, Frchterlichen ging er dann
weiter. Aber er wurde doch wieder frei und sicher, so da er am Ende
ber seine Angst lcheln konnte.

Nun, unter dem festen Gleichma seiner Schritte, angesichts der ersten
Huser, kam die Erinnerung seiner Soldatenzeit. Wie oft, das Herz mit
dem tauben Hochgefhl befriedigter Eitelkeit zum Bersten gefllt, hatte
er als Leutnant, an der Seite der Truppe, unter klingendem Spiele Einzug
gehalten. Er dachte es kaum, und schon hatte in seinem Kopfe die
markige, feurige Marschmusik eingesetzt, durch die er so oft fanatisiert
worden war. Sie klang in seinem Ohr und bewirkte, da er die Fe in
Takt setzte und Kopf und Brust ungewhnlich stolz trug. Sie legte das
sieghafte Lcheln um seine Lippen und den lebendigen Glanz in seine
Augen. So marschierend lauschte er zugleich in sich hinein, verwundert,
da er so jeden Ton, jeden Akkord, jedes Instrument scharf unterschied,
bis auf das Nachschttern des Zusammenschlags von Pauke und Becken. Er
wute nicht, sollte ihn die Strke seiner Vorstellungskraft beunruhigen
oder erfreuen. Ohne Zweifel war es eine Fhigkeit. Er hatte die
Fhigkeit zur Musik. Er wrde sicher groe Kompositionen geschaffen
haben. Wie viele Fhigkeiten mochten berhaupt in ihm erstickt worden
sein! brigens war das gleichgltig. Alle Kunst war Unsinn, Gift. Es gab
andere, wichtigere Dinge fr ihn zu tun.

Ein Mdchen in blauem Kattun, mit einem rosa Brusttuch, eine Kanne aus
Blech in der Hand, welches augenscheinlich Milch austrug, kam ihm
entgegen. Er hatte sie mit dem Blick gestreift und bemerkt, wie sie
erstaunt ber seinen Anblick still stand und gro auf ihn blickte. Sie
grte dann kleinlaut mit ehrfrchtiger Betonung, und er ging gemessen
und ernst dankend an ihr vorber.

Sofort war alles in ihm verstummt. Weit hinaus wuchs er im Augenblick
ber seine bisherigen kleinen Vorstellungen. Wenn er noch etwas wie
Musik in seinem Ohre trug, so war es jedenfalls keine irdische Melodie.
Mit einer Empfindung schritt er, wie wenn er trockenen Fues ber Wasser
ginge. So hehr und gro kam er sich vor, da er sich selbst zur Demut
ermahnte. Und wie er das tat, mute er sich an Christi Einzug in
Jerusalem erinnern und schlielich der Worte: Siehe, dein Knig kommt zu
dir, sanftmtig.

Noch eine Zeitlang fhlte er den Blick des Mdchens sich nachfolgen. Aus
irgendwelchem Grunde hielt er im Gehen mglichst genau die Mitte des
Fahrdamms inne, auch als er eine Biegung machte in eine breite, weie,
sich abwrts senkende Strae hinein. Dabei wie unter einem Zwange
stehend, mute er immer und immer wiederholen: Dein Knig kommt zu dir.

Kinderstimmen sangen diese Worte. Sie lagen ihm noch ungeformt zwischen
Gaumen und Zunge. Aus dem unartikulierten Gerusch seines Atems konnte
er sie heraushren. Dazwischen Hosianna, rauschende Palmenwedel,
Jauchzen, bleiche, verzckte Gesichter. Dann wieder jhe Stille --
Einsamkeit.

Er sah auf, voll Verwunderung. Wie leere Kulissen alles. Huser aus
Stein rechts und links, stumm, nchtern, schlfrig. Nachdenklich prfte
er. Allmhlich, da es feststand, begann sein Inneres sich daran zu
ordnen. So wurde er klein, einfach, und fing an nchtern zu schauen.

Hier und da war ein Fenster geffnet. Der Kopf eines Hausmdchens wurde
sichtbar, man klopfte einen Betteppich aus. Ein Student, schwarzhaarig,
mit wulstigen Lippen, augenscheinlich ein Russe, drehte auf dem
Fensterbrett seine Frhstckszigarette. Und schon wurde es lebendiger
auf der Strae. Die Augen auf den Boden geheftet, unterlie er es doch
nicht, verstohlen zu beobachten. Oft sah er mitten hinein in ein
breites, freches Lachen. Oft bemerkte er, wie Staunen den Spott bannte.
Aber hinter seinem Rcken befreite sich dann der Spott, und dreiste
Reden, spitz und beiend, flogen ihm nach.

Mit jedem Schritt unter so viel Stichen und Schlgen wurde ihm
alltglicher zu Sinn. Ein Krampf sa ihm in der Kehle. Der alte bittere,
hoffnungslose Gram trat hervor. Wie eine Mauer, dick, unbersteiglich,
richtete sie sich auf vor ihm, die grausame Blindheit der Menschen.

Nun schien es ihm auf einmal, als ob alles Leugnen unntz sei. Er war
doch wohl nur eine eitle, kleine, flache Natur. Ihm geschah doch wohl
recht, wenn man ihn verhhnte und verspottete. So empfand er minutenlang
die Pein und Scham eines entlarvten Hochstaplers und den Wunsch, von
aller Welt fortzulaufen, sich zu verkriechen, zu verstecken, oder auf
irgendeine Weise seinem Leben berhaupt ein Ende zu machen.

Wre er jetzt allein gewesen, wrde er den Strick um seinen Kopf, der
wie ein Heiligenschein aussah, heruntergerissen und verbrannt haben. Wie
unter einer Narrenkrone aus Papier, halb vernichtet vor Scham, ging er
darunter.

In enge, labyrinthische Gchen ohne Sonne hatte er eingelenkt. Ein
kleines Fensterchen voller Backware zog ihn an. Er ffnete die Glastr
und trat in den Laden. Der Bcker sah ihn an -- die Bckersfrau -- er
whlte ein kleines Brot, sagte nichts und ging.

Vor der Tr hatte sich eine Schar Neugieriger angesammelt: eine alte
Frau, Kinder, ein Schlchtergesell, die Mulde mit roten Fleischstcken
auf der Schulter. Er berflog ihre Gesichter, es war nichts Freches
darin, und ging mitten durch sie hin seines Weges.

Mit welchem Ausdruck sie ihn alle angeblickt hatten! Erst die
Bckersleute. Als ob er des kleinen Brotes nicht zum Essen bedrfe,
sondern vielmehr, um damit ein Wunder zu tun. Und weshalb warteten die
Leute auf ihn vor den Tren? Es mute doch einen Grund haben. Und nun
gar das Getrappel und Geflster hinter ihm drein. Weshalb lief man ihm
nach? Weshalb verfolgte man ihn?

Er horchte gespannt und wurde bald inne, da er ein Gefolge von Kindern
hinter sich hatte. Durch Kreuz- und Quergehen ber kleine Pltze mit
alten Brunnen darauf, absichtlich umkehrend und die Richtung wechselnd,
vergewisserte er sich, da der kleine Trupp nicht von ihm ablie.

Warum verfolgten sie ihn und lieen sich nicht gengen an seinem
Anblick? Erwarteten sie mehr von ihm? Hofften sie in der Tat von ihm
etwas Neues, Auergewhnliches, Wundervolles zu sehen? Es kam ihm vor,
als sprche aus der eintnigen Hast der Gerusche ihrer Fe ein starker
Glaube, ja mehr als dies: eine Gewiheit. Und pltzlich ging es ihm hell
auf, weshalb Propheten, wahrhaftige Menschen voll Gre und Reinheit, so
oft am Schlu zu gemeinen Betrgern werden. Er empfand auf einmal eine
brennende Sucht, einen unwiderstehlichen Trieb, etwas Wundervolles zu
verrichten, und die grte Schmach wrde ihm klein erschienen sein im
Vergleiche zu dem Eingestndnis seiner Unkraft.

Bis an den Limmatquai war er inzwischen gelangt, und noch immer folgten
ihm die Kleinen. Einige trabten, die greren machten unmig lange
Schritte, um ihm nachzukommen. In abgebrochenen Worten, mit dem
feierlichen Flsterton der Kirche vorgebracht, bestand ihre
Unterhaltung. Es war ihm bisher nicht gelungen, etwas von dem, was sie
sprachen, zu verstehen. Pltzlich aber -- er hatte es ganz deutlich
gehrt -- wurden die Worte Herr Jesus ausgesprochen.

Die Wirkung eines Zaubers lag in diesen Worten. Er fhlte sich
aufgehoben durch sie, gestrkt, wiederhergestellt.

Jesus war verhhnt worden: man hatte ihn geschlagen, angespien und ans
Kreuz genagelt. In Verachtung und Spott bestand der Lohn aller
Propheten. Sein eigenes bichen Leiden kam nicht in Betracht. Kleine,
feige Nadelstiche hatte man ihm versetzt. Ein Zrtling, der daran
zugrunde ging!

Zum Kampf war man da. Wunden bewiesen den Krieger. Spott und Hohn der
Menge ... wo gab es hhere Ehrenzeichen?! Die Brust damit geschmckt,
durfte man stolz und frei blicken. Und berdies: aus dem Munde der
Unmndigen und Suglinge hast du dir dein Lob zugerichtet.

Vor einer Frau, die Orangen feilbot, blieb er stehen. Sogleich hielten
auch die Kleinen im Laufen inne, und ein Haufe Neugieriger staute sich
auf dem Brgersteig. Er htte seine Frchte gern ohne alles Reden
gekauft. Mit einer Spannung warteten die Leute auf sein erstes Wort, die
ihn befangen und scheu machte. Ein sicheres Gefhl sagte ihm, da er
eine Illusion zu schonen hatte, da es von der Art, wie er sprach,
abhing, ob seine Hrer ihm weiter folgten oder enttuscht
davonschlichen. Aber es war nicht zu vermeiden, die Hkerfrau fragte und
schwatzte zu viel, und so mute er endlich reden.

Er war beruhigt und zufrieden, sobald er seine eigene Stimme vernahm;
etwas Singendes und Getragenes lag darin, eine feierliche und gleichsam
melancholische Wrde, die, wie er berzeugt war, Eindruck machen mute.
Er hatte sich kaum je so reden hren, und indem er sprach, wurde ihm das
Reden selbst zum Genu, wie dem Snger der Gesang. Auf der Brcke, unter
die hinein der blaugrne See seine Wellen schlug, hielt er abermals an.
ber das Gelnder gebeugt, nahm er aufs neue Licht, Farbe und Frische
des Morgens in sich auf. Der ungestme, strkende Wind, der den See
herauffuhr, wehte ihm den Bart ber die Schulter und umsplte ihm Stirn
und Brust wie ein kaltes Bad.

Und nun aus der mutigen Aufwallung seines Innern stieg es auf als ein
fester Entschlu. Die Zeit war gekommen. Etwas mute geschehen. In ihm
war eine Kraft, die Menschheit aufzurtteln. Jawohl! und sie mochten
lachen, spotten und ihn verhhnen, er wrde sie dennoch erlsen, alle,
alle!

Nun fing er an, tief und verschlossen zu grbeln. _Da_ es geschehen
wrde, stand nun fest; _wie_ es geschehen wrde, mute erwogen werden.
Man feierte heute Pfingsten, und das war gut. Um Pfingsten hatten die
Jnger Jesu mit feurigen Zungen geredet. Die Feierstimmung bedeutete
Empfnglichkeit. Einem erschlossenen Acker gleichen die Seelen der
Menschen an Feiertagen.

Tiefer und tiefer ging er in sich hinein, bis er in Rume eindrang,
weit, hoch, unendlich. Und so ganz versunken war er mit allen Sinnen in
diese zweite Welt, da er wie ein Schlafender nur willenlos sich
fortbewegte. Von allem, was ihn umgab, drang nichts mehr in sein
Bewutsein auer dem Getrappel der Kinderfchen hinter ihm.

Gleichmig eine Zeitlang, schwoll es allmhlich an, wie wenn den
Wenigen, die ihm folgten, andere sich angeschlossen htten. Und strker
und strker immer, als ob aus Einzelnen Hunderte, aus Hunderten Tausende
geworden wren.

Ganz pltzlich wurde er aufmerksam, und nun war es, als ob hinter ihm
drein Heeresmassen sich wlzten.

In seinen Fen bis in die Knchel hinauf sprte er ein Erzittern des
Erdreiches. Er vernahm hinter sich starkes Atmen, heies, hastiges
Geflster. Er vernahm Frohlocken, kurz abgerissen, halb unterdrckt, das
sich weit zurck fortpflanzte und erst in tiefen Fernen echohaft
erstarb.

Was das bedeutete, wute er wohl. Da es so berraschend schnell kam,
hatte er nicht erwartet. Durch seine Glieder brannte der Stolz eines
Feldherrn, und das Bewutsein einer unerhrten Verantwortung lastete
nicht schwerer auf ihm wie der Strick auf seinem Kopfe. Er war ja der,
der er war. Er wute ja den Weg, den er sie fhren mute. Er sprte ja
aus dem Lachen und Drngen seiner Seele, da es ihm nahe war, jenes
Endglck der Welt, wonach die blinden Menschen mit blutenden Augen und
Hnden so viele Jahrtausende vergebens gesucht hatten.

So schritt er voran -- er -- er -- also doch er! und in die Stapfen
seiner Fe strzten die Vlker wie Meereswogen. Zu ihm blickten sie
auf, die Milliarden. Der letzte Sptter war lngst verstummt. Der letzte
Verchter war eine Mythe geworden.

So schritt er voran, dem Gebirge entgegen. Dort oben war die Grenze,
dahinter lag das Land, wo das Glck im Arme des Friedens ewig ruhte. Und
schon jetzt durchdrang ihn das Glck mit einer Wucht und Gewalt, die ihm
bewies, da man athletische Muskeln ntig hatte, um es zu ertragen.

Er hatte sie, er hatte athletische Muskeln. Sein Leben, sein Dasein war
jetzt nur ein wollstiges, spielendes Kraftentfalten.

Eine Lust kam ihn an, mit Felsen und Bumen Fangball zu spielen. Aber
hinter ihm rauschten die seidenen Banner, drngte und drhnte
unaufhaltsam die ungeheure Wallfahrt der Menschen.

Man rief, man lockte, man winkte; schwarze, blaue, rote Schleier
flatterten; blonde offene Frauenhaare; graue und weie Kpfe nickten;
Fleisch bloer, nerviger Arme leuchtete auf; begeisterte Augen, zum
Himmel blickend, oder flammend auf ihn gerichtet, voll reinen Glaubens:
auf ihn, der voranschritt.

Und nun sprach er es aus, ganz leise, kaum hrbar, das heilige
Kleinodwort: -- Weltfriede! Aber es lebte und flog zurck von einem zum
andern. Es war ein Gemurmel der Ergriffenheit und Feierlichkeit. Von
ferne her kam der Wind und brachte weiche Akkorde beginnender Chorle.
Gedmpfte Posaunenklnge, Menschenstimmen, welche zaghaft und rein
sangen; bis etwas brach, wie das Eis eines Stromes, und ein Gesang
emporschwoll wie von tausend brausenden Orgeln. Ein Gesang, der ganz
Seele und Sturm war und eine alte Melodie hatte, die er kannte: Nun
danket alle Gott.

Er kam zu sich. Sein Herz hmmerte. Er war nahe am Weinen. Vor seinen
Augen schwammen weie Punkte durcheinander. Seine Glieder waren wie
zerschlagen.

Er setzte sich auf eine Bank nieder, die am See stand, und fing an, das
Brot zu essen, das er sich gekauft hatte. Dann schlte er die Orange und
drckt die kalte Schale an seine Stirn. Mit Andacht, wie der Christ die
Hostie, geno er die Frucht. Noch war er damit nicht zu Ende, als er
mde zurcksank. Ein wenig Schlaf wrde ihm willkommen gewesen sein. Ja,
wenn das so leicht wre: ausruhen. Wie soll man ruhen, wenn es im Kopfe
drinnen endlos whlt und grt? Wenn das Herz heraus will, wenn es einen
zieht ins Unbestimmte, -- wenn man eine Mission hat, die verlangt, da
man sich ihr unterziehe -- wenn die Menschen drauen warten und sich die
Kpfe zerbrechen? Wie soll man ruhen und schlafen, wo es not tut zu
handeln?

Es war ein peinigender Zustand, wie er so dalag. Fragen und Fragen und
nie eine Antwort. Graue, qulende Leere, mitunter schmerzende
Stockungen. An einen Ziehbrunnen mute er denken. Man steht, zieht mit
aller Kraft am Seil, aber das Rad, worber es geht, dreht sich nicht
mehr. Man lt nicht nach mit Zerren und Stemmen. Der Eimer soll herauf.
Man drstet zum Verschmachten. Das Rad gibt nicht nach. Weder vor- noch
rckwrts schiebt sich das Seil. -- Eine Plage war das, eine Qual --
beinahe ein physisches Leiden. Als er Schritte vernahm, freute er sich
der Ablenkung. Ja, du lieber Gott! Was war das berhaupt fr ein Gedanke
gewesen, jetzt schlafen zu wollen! Er stand auf, verwundert, da er sich
in seiner Kammer befand, und ffnete die Tr nach dem Flur. Seine
Mutter, wie er wute, stand auf dem Gange, und er mute sie
hereinlassen. Sie kam, sah ihn an mit strahlender Bewunderung, ihre
Lippen zitterten, und sie faltete in Ehrfurcht ihre Hnde. Er legte ihr
die Hnde aufs Haupt und sprach: stehe auf! -- und -- die Kranke erhob
sich und konnte gehen. Und wie sie sich aufrichtete, erkannte er, da es
nicht seine Mutter war, sondern er, der Dulder von Nazareth. Nicht nur
geheilt hatte er ihn; er hatte ihn lebendig gemacht. Noch wehten die
Grabtcher um Jesu Leib. Er kam auf ihn zu und schritt in ihn hinein.
Und eine unbeschreibliche Musik tnte, als er so in ihn hineinging. Den
ganzen geheimnisvollen Vorgang als die Gewalt Jesu in der seinigen sich
auflste, empfand er genau. Er sah nun die Jnger, die den Meister
suchten. Aus ihnen trat Petrus auf ihn zu und sagte: Rabbi! -- Ich bin
es, gab er zur Antwort. Und Petrus kam nher, ganz nahe, berhrte
seinen Augapfel und begann ihn zu drehen: der Jnger drehte den Erdball.
Die Stunde war da, sich dem Volke zu zeigen. Auf den Balkon des Saales,
den er bewohnte, trat er hinaus. Unten wogte die Menge, und in das
Brausen und Wogen sang eine einzige dnne Kinderstimme: Christ ist
erstanden.

Sie hatte kaum begonnen, als das Eisen des Balkons nachgab. Er erschrak
heftig, wachte auf, rieb sich die Augen und wurde inne, da er auf der
Bank eingeschlafen war.--

Gegen Mittag mochte es sein. Er wollte wieder hinauf in den Buchenwald,
um seine Zeit abzuwarten Die Sonne sollte ihn weihen, dort oben.

Noch immer khle und reine Luft, wie er den Berg hinanstieg. Hymnen der
Vgel. Der Himmel wie eine blablaue, leere Kristallschale. Alles so
makellos. Alles so neu.

Auch er selbst war neu. Er betrachtete seine Hand, es war die Hand eines
Gottes; und wie frei und rein war sein Geist! Und diese Ungebundenheit
der Glieder, diese vllige innere Sicherheit und Skrupellosigkeit.
Grbeln und Denken lag ihm nun weltfern. Er lchelte voll Mitleid, wenn
er an die Philosophen dieser Welt zurckdachte. Da sie mit ihrem
Grbeln etwas ergrnden wollten, war so rhrend, wie wenn etwa ein Kind
sich abmht, mit seinen zwei bloen rmchen in die Luft zu fliegen.

Nein, nein -- dazu gehren Flgel, breite Riesenschwingen eines Adlers
-- Kraft eines Gottes!

Er trug etwas wie einen ungeheuren Diamanten in seinem Kopfe, dessen
Licht alle schwarzen Tiefen und Abgrnde hell machte: da war kein Dunkel
mehr in seinem Bereich ... Das groe Wissen war angebrochen.--

Die Glocken der Kirchen begannen zu luten. Ein Gewhl und Gebrause von
Tnen erfllte das Tal. Mit einer erznen Zunge schien die Luft zu
sprechen.

Er beugte sich vor und lauschte, als es zu ihm heraufkam. Er senkte das
Haupt nicht, er kniete nicht nieder. Er horchte lchelnd wie auf eines
alten Freundes Stimme, und doch war es Gottvater, der mit seinem Sohne
redete.

                                  Ende




Werke von Gerhart Hauptmann:


  Vor Sonnenaufgang. Bhnendichtung.                  13. Auflage.
  Das Friedensfest. Soziales Drama.                    8. Auflage.
  Einsame Menschen. Drama.                            30. Auflage.
  Die Weber. Schauspiel.                              46. Auflage.
  Kollege Crampton. Komdie.                           9. Auflage.
  Der Biberpelz. Eine Diebskomdie.                   16. Auflage.
  Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung.           26. Auflage.
  Florian Geyer.                                      10. Auflage.
  Die versunkene Glocke. Ein deutsches Mrchendrama.  85. Auflage.
  Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.)      16. Auflage.
  Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (bertragung.)       18. Auflage.
  Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf.       10. Auflage.
  Michael Kramer. Drama.                              11. Auflage.
  Der rote Hahn. Tragikomdie.                         8. Auflage.
  Der arme Heinrich. Dramatische Dichtung.            23. Auflage.
  Rose Bernd. Schauspiel.                             18. Auflage.
  Elga.                                                8. Auflage.
  Und Pippa tanzt! Ein Glashttenmrchen.             10. Auflage.
  Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel.            4. Auflage.
  Kaiser Karls Geisel. Drama.                          6. Auflage.
  Griechischer Frhling.                               7. Auflage.
  Griselda.                                            6. Auflage.
  Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman.           18. Auflage.
  Die Ratten. Berliner Tragikomdie.                   7. Auflage.
  Gabriel Schillings Flucht. Drama.                   10. Auflage.
  Atlantis. Roman.                                    27. Auflage.
  Festspiel.                                          32. Auflage.
  Der Bogen des Odysseus.                              7. Auflage.




Gesamtausgaben moderner Dichter


Bjrnstjerne Bjrnson

Gesammelte Werke. Volksausgabe in fnf Bnden. In Leinen 15Mark.


Richard Dehmel

Gesammelte Werke in zehn Bnden. Geheftet 30Mark, in Halbpergament
40Mark, in Ganzpergament 50Mark.

Gesammelte Werke in drei Bnden. In Leinen 12Mark 50Pfennig, in
Halbleder 16Mark.


Theodor Fontane

Gesammelte Werke. Auswahl in fnf Bnden. In Leinen 20Mark.


Gustaf af Geijerstam

Gesammelte Romane in fnf Bnden. Geheftet 12Mark, in Leinen 15Mark.


Otto Erich Hartleben

Ausgewhlte Werke in drei Bnden. Geheftet 8Mark, in Pappbnden
10Mark, in Ganzpergament 15Mark.


Gerhart Hauptmann

Gesammelte Werke. Gesamtausgabe in sechs Bnden. In Leinen 24Mark, in
Halbleder 30Mark.


Henrik Ibsen

Smtliche Werke in deutscher Sprache. Zehn Bnde. Geheftet 35Mark, in
Leinen 45Mark.


Henrik Ibsen

Smtliche Werke. Volksausgabe in fnf Bnden. In Leinen gebunden
15Mark.


Peter Nansen

Ausgewhlte Werke in drei Bnden. In Leinen gebunden 12Mark.


Arthur Schnitzler

Gesammelte Werke. I. Die erzhlenden Schriften in drei Bnden. In Leinen
10Mark, in Halbleder 13Mark, in Ganzleder 17Mark.

II. Die Theaterstcke in vier Bnden. In Leinen 12Mark, in Halbleder
16Mark, in Ganzleder 21Mark.


Bernard Shaw

Dramatische Werke. Auswahl in drei Bnden. In Leinen 12Mark.




Sammlung von Schriften zur Zeitgeschichte

Jeder Band gebunden 1Mark


1. Band: Aus den Kmpfen um Lttich. Von einem Sanittssoldaten.

2. Band: Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft. Von Franz Oppenheimer.

3. Band: Der englische Charakter, heute wie gestern. Von Theodor Fontane.

4. Band: Preuische Prgung. Von Lucia Dora Frost.

5. Band: Friedrich und die groe Koalition. Von Thomas Mann.

6. Band: Die Fahrten der Emden und der Ayesha. Mit 20Abbildungen. Von
Emil Ludwig.

7. Band: In England -- Ostpreuen -- Sdsterreich. Von Arthur Holitscher.

8. Band: Der deutsche Mensch. Von Leopold Ziegler.

9. Band: Russischer Volksimperialismus. Von Karl Leuthner.

10. Band: Die Flchtlinge. Von einer Reise durch Holland hinter die
belgische Front. Von Norbert Jacques.

11. Band: Zwischen Lindau und Memel whrend des Krieges. Von Paul
Schlenther.

12. Band: Deutsche Kunst. Von Karl Scheffler.

13. Band: Gedanken zur deutschen Sendung. Von Alfred Weber.




                      S. Fischer  Verlag  Berlin




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  die Strae, wo er Tobiaschen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk
  die Strae, wo er Tobischen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk

  spiegelten die trbe Natur noch trber wieder.
  spiegelten die trbe Natur noch trber wider.

  Ein fruchtbares Wetter, dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken
  Ein furchtbares Wetter, dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken

  Charite berfhrt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune
  Charit berfhrt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune

  ]





End of the Project Gutenberg EBook of Bahnwrter Thiel, by Gerhart Hauptmann

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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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written explanation to the person you received the work from.  If you
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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