The Project Gutenberg EBook of Der Schfer, by Franziska Mann

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Title: Der Schfer
       Eine Geschichte aus der Stille

Author: Franziska Mann

Illustrator: Alfred Thon

Release Date: March 28, 2010 [EBook #31803]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SCHFER ***




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Der Schfer


Eine Geschichte aus der Stille



von

Franziska Mann


mit

Scherenschnitten

von

Alfred Thon



Axel Juncker Verlag
Berlin W 15


Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig.



      _Ich widme dieses Buch
      meinem Freunde_

      _*Dr.* Julius Mann._



      Seelen gibt es, die an Sterne mahnen,
      Unbemerkt auf sonn'gen Alltagsbahnen;
      Dmmerung und Finsternis erst sagen
      Euch, wieviel des Lichts sie in sich tragen.

      _Anastasius Grn._



[Abbildung]

Mutig ragt auf roter Heide eine Fichte in die Hhe. Mutig und einsam!
Kein Nordwind konnte ihre ste bisher verbiegen oder zerbrechen. Die
leicht sich wiegenden Zweige bilden sich ein, da sie immer aufwrts
gestreckt von wrzigen Wohlgerchen umspielt sein werden. Ja, genau so
hoffnungssicher ist diese Fichte, wie junge Menschen, die noch nichts
von Wintersnot und Lebensschicksalen erfuhren. --

Durch die sonnige Stille klingt leises Krhen. Vergebens versuchen die
frohen ste sich abwrts zu neigen; denn gerade neben ihrem Stamm erhebt
sich ein Stimmchen. Vogelsang, Sturmgebraus oder menschliches Lachen und
Weinen vermgen sie nicht mit Sicherheit zu unterscheiden.

ber den Rand einer grob zusammengezimmerten Holzkiste, die hier
verlassen stehen geblieben -- welches mag ihr frherer Inhalt gewesen
sein? -- krallt sich ein rotes, winziges Fustchen. Es kann nur einem
Erdenbrger gehren, der noch nicht lange in der Welt Aufenthalt
genommen hat.

Kinderwagen kosten Geld, aber eine alte Holzkiste und starker Bindfaden
sind leicht gefunden, und kleine Mdchen sind gern auch fter mal Pferd
oder Kutscher. Ann-Gret hat zuerst fein behutsam gezogen. Nur Trin und
Dortchen htten nicht kommen drfen. Im Staube liegt die Leine. --

Betrachtete jemand das krhende Geschpfchen etwas genauer, so wte er,
dies Bbchen ist nicht frs Traurigsein geschaffen. Es lacht und htte
doch so manchen Grund zum Weinen: groe Schweiperlen tropfen von seiner
Stirn; ein Krstchen Brot, an dem die roten Lippen mit Behagen gesaugt
hatten, ist seinem Mndchen entglitten. Auf des Kindes Nase sitzt eine
Fliege, die fast halb so gro ist wie die ganze kleine Nase. Ungemach
genug fr das Menschlein, und doch krht Jachl vor Lust. Es bekmmert
ihn wenig, da Ann-Gret, die Wagenlenkerin, ihn schmhlich hier
verlassen hat.

Niemand ist in der Nhe. Nur ein Hase hockt auf der Heide und spitzt die
Ohren. Er wagt sich nicht hervor, hat er doch hier, nicht weit entfernt,
Furchtbares entdeckt. Wieder einmal sah er etwas Riesenhaftes, das die
Menschen Haus nennen. Ein Haus ist fr den bebenden Hasen fast so
schlimm wie ein Gewehrlauf. Husern darf man, wenn man seines Lebens
froh bleiben will, nie zu nahe kommen. Dem Hasen erscheinen alle Gebude
in gleicher Weise gefhrlich. Doch vor diesem Httchen -- Mutter Bohn
haust in ihm -- brauchte er wahrlich nicht Reiaus zu nehmen. Das
Huschen _steht_ nicht. So stolz ist es nicht. Es hat sich nur auf die
Erde gekauert, bescheiden dicht an einen Heidehgel hingeduckt. Sonne
umhuscht sein morsches Gemuer; auf braune Balken hat sie schillernde
Funken gestreut. Das gefllt den Menschen. Es tut ihnen wohl, wenn die
karge Wirklichkeit ein bichen trgerisch berflammt ist. Dann knnen
sie vergessen, da die Sonne untergehen mu, und da Not und Sorge
Alltagsgste auf Erden sind. --

In dieser Stunde leuchtet alles im Umkreise in schimmerndem Reichtum.
Auch der seichte Bach funkelt. Drei pausbckige Dirnchen umspringen ihn.
Ann-Gret tappt mit den Fuspitzen ins Wasser. Sie hat Mut: sogar an
Baden denkt sie, an Kleiderausziehen und weit ins Wasser springen.
Lustig, lustig ist alles auf Erden auch fr Trin und Dortchen. Beide
haschen vergeblich nach dem winzigen Getier im Tmpel, das so leicht zu
fangen scheint, und das doch immer wieder behend davon schlpft. Dann
wieder bespritzen sich die Freundinnen gegenseitig und laufen
voreinander davon. Keine denkt in ihrem Vergngen an den, der unter der
hochstigen Fichte krht. --

[Abbildung]

Endlich sind die Kinder am Bache des Spielens mde; Hunger erinnert sie
ans Nachhausegehen. Nun wird auch der Jachl in seiner Wagen-Kiste nicht
vergessen. Ann-Gret frchtet ihn nicht; sie kennt seine Langmut. Drei
Mdchen, drei Pferdchen ziehen jubelnd die Leine.

ber Stock und Stein rast die Jagd mit dem Jungen, dem immer Vergngten.
Einmal nur, als das Gefhrt umfllt, und Jachl sich eine tchtige Beule
schlgt, schreit er auf. Aber nur wenig Zureden ist ntig, und wieder
strahlt Lachen auf seinem runden Gesichtchen. --

Scheltend steht Mutter Bohn vor ihrem Huslein, als die lustige
Gesellschaft angaloppiert kommt. Ein bichen vorsichtiger htte Ann-Gret
wohl sein sollen. Ist der Jachl auch nur ein Bauernjunge, aus Eisen ist
er deshalb doch nicht. Zrtlich streichelt ihn Mutter Bohn. Wieder und
wieder summt sie: Wo will di dat noch gahn?

Kein anderes Lied pat wie dieses fr das Bbchen. Nur immer die eine
Melodie kommt Mutter Bohn ber die Lippen, fr die ihr hochdeutsche
Worte unmglich erscheinen:

      Putt, putt, putt min Hhneken,
      Wat deist in minen Hof
      Und pflckst mi all min Blmeken?
      Du makst mi dat to grow.
      Un's Mudder schall di schilln (schelten),
      Un's Vadder schall di slahn,
      Putt, putt, putt min Hhneken,
      Wo will di dat noch gahn?

Hastig mu der Jachl (viel zu warm und viel zu schnell) seinen Mehlbrei
schlucken. Sein Magen darf nicht empfindlich sein; er ist es auch nicht.
Kaum hat er die Mahlzeit beendet, da fallen ihm schon die Augenlider
zu. Trotz der Wrme wird er unter ein schweres Federbett gesteckt.

Mutter Bohn mu in den Stall. Neben Jachl wacht der alte Schferhund.
Nichts regt sich Stunde um Stunde. -- --

       *       *       *       *       *

Vor sechs Wochen ist ihr der Kleine ins Haus geschneit. Was blieb ihr
brig, als ihn hier zu behalten? Vor die Tre konnte sie ihn doch nicht
setzen. Ihre Trude wute nicht wohin mit ihm. Nur gut, da der Ohm
einverstanden war. Er murrte blo: Nich frh genug knnen se hier fort
in die groe Stadt, aber wenn se sich >sowas< da geholt hab'n, find'n se
mit'n Mal wieder 'n Weg ins Dorf zurck. --

Gewundert hat sich niemand; solche berraschungen kennen hier Eltern.
Zum Glck hat Mutter Bohn nur ihre Eine; da ist das Unglck nicht so
schlimm. Und als Schande betrachtet sie es berhaupt nicht, nur ist sie
selber schon recht mrbe von mancherlei Lebens-Ungemach. Mit ihren
verfurchten Zgen sieht sie zwanzig Jahre lter aus als sie ist. Lngst
mute ihr Mann, unter dem von ihr als Braut gewebten Sarglaken, den Weg
zum Friedhof geleitet werden. Schon als sie mit ihm nur ging, war er
auf der Brust nicht fest. Nun haust sie mit dem Ohm, ihrem einzigen
Anverwandten; beide mrbe, gelassen, arbeitssam, wenig gesprchig. --

Fr den kleinen Joachim -- den Jachl -- hat niemand Zeit. Der Bauer mu
auf die Heide oder in den Stall, und die Frau, die mitarbeitet, findet
selten eine Viertelstunde, in der sie den kleinen Eindringling auf dem
Arm tanzen lassen kann. Zum Herzen und Kssen kommt's fast nie;
Zrtlichkeit ist in dem niederen Httchen nicht heimisch, wenigstens
keine uerlich sichtbare. Nur am Sonntag Nachmittag, da hat's auch der
Jachl gut. Mutter Bohn hebt ihn, der sonst in irgendeinem Stubenwinkel
herumkriecht, auf den Scho, lt ihn tanzen und springen und sich von
ihm die dnnen, grauen Haare zerzausen.

Die sind zu zhlen, die hier im Dorf mit'n Myrtenkranz in die Kirche
kommen, trstet sie sich, wenn ihr schwer ums Herz wird. Ihre Trude hat
sich damals auch zu frh eingestellt, aber Bohn hat sie bei sich
behalten und ihr einen ehrlichen Namen verschafft. Wer wei dagegen, mit
wem die Tochter in Berlin gegangen ist? Kein Wort hat sie vom Heiraten
gesprochen, als sie den Jachl nach Hause brachte. Mutter Bohn dankt
Gott, da es bei ihr nur bei der Trude geblieben ist; mehr Kinder htten
ihr wohl leicht auch mehr solcher berraschungen ins Haus geschleppt.
Was kann man tun als stillehalten?

Wenn nur nicht alles so knapp wre! Bis jetzt kostet der Jachl ja noch
nicht viel, aber wenn er grer sein wird, wie soll ihm dann das
hungrige Mulchen gestopft werden?

       *       *       *       *       *

Zwischen Mhsal und Drftigkeit gedeiht der Kleine wie ein bestgehegtes
Kind. Lngst schon traben seine dicken Beinchen durch den Sand der
Heide. Nicht einmal krumm sind sie, die doch so viel Entschuldigung
htten, nicht kerzengrade zu wachsen.

Immer ist der Jachl vor Tau und Tag drauen. Die hellen Haare stehen ihm
stets zu Berge. Den Inhalt seines grauen Frhstcksbeutels stopft er,
sobald er unterwegs, schleunigst in das rote Mulchen. Eifrig sucht er,
je nach der Jahreszeit, Bltter jeder Art und Heidekraut, violettes oder
purpurgefrbtes oder silbergraues Moos. Die schnsten Krnze im Dorf
winden seine dicken Finger. Stundenlang sitzt Jachl geduldig bei der
Arbeit. Frmlich schwer wird ihm die Trennung von seinen Kunstgebilden.
Das darf er aber nicht merken lassen, wenn der Hndler, der wchentlich
einmal ins Dorf kommt, sie abholt. Mutter Bohn braucht Geld, und Jachl,
der kleine Mitverdiener, wei, da er sich nicht zu oft an den Indianer-
und Kriegsfahrten der anderen Jungen beteiligen darf. --

Heute ist er nicht allein bei der Arbeit. Neben ihm sitzt Lieschen, das
groe Lieschen. Zwei Jahre ist sie lter als er. Achtlos hat sie die
Schultasche neben sich ins Gras geworfen. Auch sie versucht eifrig mit
Bindfaden allerlei Heideblumen zum Kranz zusammen zu binden. -- Bis zur
Schule mu sie eine Stunde laufen. Die kleinen, nackten Fe sind mit
Staub berweht; denn Lieschen trgt ihre festen Holzpantoffeln fter in
der Hand als auf den Fen. Jene Staubschicht gehrt zur Rotwangigen,
wie die Uniform zum Soldaten. Zwar steckt ihre Mutter sie allabendlich
ins groe Regenfa unter die Rinne, und auch mit Seife spart sie nicht,
aber in der Frhe, mit dem ersten Schritt vor die Htte, ist das kleine
Mdchen gleich wieder wie in Sand und Staub getaucht. --

Whrend Lieschen sich an ihrem Kranze qult, reibt sie des fteren mit
einem derben, rotgewrfelten Taschentuch, das sie umstndlich aus der
Tasche ihres blauleinenen Rckchens holt, groe Schweitropfen von Stirn
und Nschen. Manch wohlgepflegtes Stadtkind drfte die kleine Drflerin
um ihre tiefschwarzen Haare, ihre blauen Augen, ihre frischen Farben
beneiden, auch um die fein geformten Fe, die noch nie in beengendem
Schuhwerk sich verstecken muten.

Staunend folgt Lieschens Blick einem vorbersausenden Auto. So ein
Wunderwagen kam ja nicht einmal in den Mrchen vor, die ihr das
Stadtfrulein erzhlte, welches hier im Dorf gesund werden wollte. Ja,
die! War die drollig! _Blo_ um Luft und Sonne war sie hergekommen? Luft
und Sonne hat Lieschen doch immerfort, was soll denn das bedeuten? Alle
haben sie die doch im Dorfe. Warme Luft und kalte Luft und Schnee, ach,
wieviel Schnee und Eis und Schlittenfahren und eisigen Wind! Auch rote
Nasen und halberstarrte Fingerspitzen, in denen man die Schulmappe gar
nicht lange tragen kann. Man mu sie oft von einer Hand in die andere
nehmen auf dem Wege zur Schule. --

Da der Weg nicht kurz ist, bemerkt Lieschen gar nicht. Gewhnlich
gesellen sich ihr auf der Landstrae andere Kinder zu. Munter schreitet
dann die kleine Schar vorwrts, heiter ohne beredt zu werden.
Wortkargheit haftet fast allen Dorfkindern an, von der ihre Lebenslust
aber nicht beeintrchtigt ist. Zu Haus, bei Vater und Mutter, hren sie
selten viele Worte, daher kommt wohl auch ihre Einsilbigkeit. --

Heut eilt es Lieschen nicht mit dem Pnktlichkommen zur Schule, heut ist
ganz etwas anderes im Schulhause los. Dem Herrn Kantor ist gestern die
Frau gestorben. Fr sie windet Lieschen den Kranz. Ihr will sie ihn
schenken. Und vor allem: sie ist heute von Neugier erfllt, sich die
anzusehen, die sie jetzt die Leiche nennen. --

Lieschens Eltern sind von frh bis spt auf dem Acker beschftigt. Um
Kindererziehung sorgen sie sich trotz der wachsenden Zahl ihrer
Schreihlse nicht. Lieschen wird schon werden, brummelt der Vater,
wenn der oder jener ber seine Kinder seufzt. Ihre Mutter denkt oft
ebenso, whrend sie gebckt beim Bauern arbeitet. --

Der Kleinen Kranz ist fertig: Heidekraut, Kamillen und Bltter, viel
grne Bltter in buntem Gemisch, nicht kunstvoll gebunden, aber doch als
Kranz erkenntlich. Hurtig schttelt sie die Schrze ab. Geschwind luft
sie weiter. Manchmal bleibt sie stehen und guckt sich ringsum. Irgendwo
mu ja Jachl stecken; er ist ihr eben davongelaufen; auf irgendeinem
Baume wird er sitzen.

Ju--hu, ju--hu!

Vor die Fe ist er Lieschen gesprungen. Breitbeinig steht er da, die
Hnde in den Taschen seiner braunen Hose.

Ju--hu, ju--hu! Einen richtigen Jodler bringt Jachl nicht zustande,
aber Frhlichkeit klingt doch aus seinem Ju--hu. --

Auch Mutter Bohn gehrt zu denen, die sich um Erziehung nicht sorgen.
Die Bume wachsen ja von selbst, und mit kleinen Jungen wird es nicht
anders sein. -- Niemand hat eigentlich je fr diese zwei Kinder Zeit.
Aber beide merken es gar nicht. Sie entbehren weder vterliche noch
mtterliche Frsorge. --

Jachl bewundert zuerst nochmal Lieschens Kranz. Och, is der aber
schn. Dann holt er wieder aus der Tasche die groe Muschel hervor, die
bereits seit vier Tagen Lieschens hchste Sehnsucht ist. Aber das
Tauschgeschft, das die zwei Kinder errtern, fhrt zu keinem
befriedigenden Endziel. Jachl gibt seinen kostbaren Fund nicht nur fr
drei Griffel her. Im Augenblick ist Lieschen auch nicht ordentlich bei
der Sache, sie ist von ganz anderen Vorstellungen erfllt; kaum sieht
sie ordentlich hin, kaum hrt sie wirklich Jachl's Versicherung, da er
so dumm nich is wie sie denkt. Ihr ganzes Verlangen richtet sich nur
auf die Leiche. Wenn Jachl ihr doch ordentlich Bescheid sagen knnte,
aber er hat nicht mehr Erfahrung mit dem Tode als seine Freundin. Ihre
drftigen Huschen liegen vereinzelt abseits; so sind die Kleinen bisher
weder mit Werden noch Vergehen auf Erden in enge Berhrung gekommen. --

Sorglos marschieren sie bis ans Kantorhaus. Alle Fenster sind dort weit
geffnet. Viele Leute aus dem Dorfe strmen hinein. Lieschen mchte gern
erst mal von drauen in die Stube sehen. Sie hebt sich auf Zehenspitzen,
aber die Augen reichen nicht bis ins Fenster. Da nimmt Jachl sie ein
wenig in die Hhe. Doch erschreckt stt Lieschen einen leisen Schrei
aus. So richtig gesehen hat sie eigentlich nichts, aber ngstliche Scheu
hat sie gepackt. Zgernd bleibt sie mit ihrem Kranz auf dem Arm vor der
Tre stehen. Ihre Holzpantoffeln hlt sie in der andern Hand. --

Erwartungsvoll und bedrckt schieben sich endlich beide Kinder zwischen
die Erwachsenen durch die Tr. Unbewut haben sie einander zum ersten
Male, seit sie sich kennen, fest an die Hand genommen. Krftig halten
sich die runden Fustchen umschlossen. Immer weiter treten sie vor.

Auf die flackernden Kerzen, die zu Hupten der Toten brennen, richten
sich zuerst Lieschens Blicke. Von diesen gleiten sie hernieder auf die
Frau, welche sie frisch und beweglich tglich gesehen hat. Noch
vorgestern ist ihr Lieschen im Schulgarten begegnet. Nun sieht sie ein
Gesicht, bekannt und doch fremd, das rhrt sich nicht und bewegt sich
nicht, und die Hnde liegen lang ausgestreckt auf einer weien Decke
und halten weie und rote Astern.

Dem lustigen Lieschen drckt etwas in der Kehle. Sie mchte davon
strzen, aber ihre Fe zittern. Die Blumen, der starke Duft, das Licht,
die Stille, die schwarzen Gestalten, das murmelnde Beten der andern und
die Frau, die stumm und starr, und doch als ob sie lchle, ausgestreckt
daliegt -- -- wie ein schaurig Schnes umfngt es die Kinder.

Tot -- denken sie -- tot? Das ist tot?

Lieschen hat ja fter mal von Leuten reden hren, die gestorben sind,
aber wirklich beschftigt hat sie sich nie mit dem Tode. Wohl ist ihr
Ktzchen gestorben, aber das war doch ganz anders.

Niemand beachtet die Kinder. Niemand fhrt die Kleinen liebevoll hinaus.
Niemand empfindet das jhe Erschrecken der Seelen.

       *       *       *       *       *

Jachl stt Lieschen leise an. Auch ihm ist so seltsam. Gern liefe er
davon, aber allein? Nein, das geht nicht. Doch, was tun? Lieschen steht
wie angenagelt. Da zieht er scheu ein wenig an ihrem Rock, bald ein
wenig mehr, ein wenig strker. Noch hlt Lieschen ihren Kranz auf dem
Arm. Ihr fehlt der Mut ihn niederzulegen, ihn der Toten zu schenken; sie
wagt sich nicht ganz nahe heran. --

Lieschen, hrt sie es leise flstern. Lieschen, komm. Gleichzeitig
zieht der Junge sie -- zieht und zieht sie langsam bis zur Tr. Noch ein
scheuer Blick fllt zurck auf die Tote, aber pltzlich jagen beide --
immer noch Hand in Hand -- durch die Tr, durchs Haus auf die Strae.
Atemlos laufen sie, rasen durch die Heide, durchs Dorf, rasch, so rasch
ihre Krfte es zulassen, weiter, nur weiter. Jedes trgt in der freien
Hand seine Pantoffel. Anfangs wagen sie gar nicht zurckzublicken. Sie
mssen laufen; sie selbst wissen gar nicht weshalb. --

Zuerst dreht Jachl sich um. Nein, nichts jagt hinter ihnen her,
wirklich, die Strae ist leer, nichts zu sehen, nur ein paar Hhne
stolzieren ber die Heide. Da guckt auch Lieschen zurck. Nichts, gar
nichts, besttigt sie. Allmhlich verlangsamen die Flchtenden ihren
Lauf. Endlich bleiben sie erhitzt und staubbedeckt stehen.

Och --

Ah --

Tiefauf seufzen beide. --

Unter dem ersten Baum sinken sie frmlich atemlos zusammen. War das
schrecklich! Sie fhlen sich wie befreit. Von Sterben und Tod und Leiche
wagen sie gar nicht zu reden. Nie wieder wollen sie eine Leiche sehen --
nie -- nie wieder. -- -- --

Jachl holt einen vergessenen Apfel aus der Hosentasche. Lieschen fngt
eifrig an ihr Frhstck zu verzehren. Schmausend sitzen sie
nebeneinander; enger als sonst sind sie zusammengerckt.

Sonne und Helle und Vgel erheben ihre Stimmen.

Nur solange sie ihn sahen, war der Tod fr Lieschen und Jachl auf Erden.
Rasch trennt das frohe Leben die Kinder von ihrem groen Erlebnis. --

Zuerst fngt Jachl von etwas anderm an. Seine Gedanken sind schon wieder
beim heut frh unterbrochenen Tauschhandel. Aber die kurze Zwischenzeit
hat seine Forderungen sonderbar beeinflut: am liebsten schenkte er
Lieschen jetzt die schne Muschel. Zwar schmt er sich dieser Dummheit
(wie sollte er sich solche Weichheit erklren knnen?), dennoch legt er
ihr sein Kleinod wortlos in den Scho. Und merkwrdig, das kleine
Lieschen, das beim Tauschen immer gern ein bichen betrgt, hat lngst
freiwillig alle gelben Zigarrenbnder aus ihrer Tasche hervorgezogen,
die Jachl zum Fuhrmannspielen so oft vergeblich erbettelt hat. --

Von der Gewalt des Todes haben die Kinder nichts begriffen. Vielleicht
haben sie ihn vorbergehend, wie eine dunkle Macht geahnt, vor der ihnen
in der Erinnerung grauen wird. Aber sie werden sich nicht oft
erinnern. --

Drben -- fern -- in der stillen Stube -- beim Kerzenschein -- dort, wo
die stille Frau gelegen -- dort, ja dort war der Tod. Hier ist ganz
etwas anderes, hier ist Bewegung, ist Leben. Nicht nur die Fchen sind
vor dem Tode davongerannt, rasch auch entfloh ihm die Kinderseele. --

Lieschen und Jachl sind aufgestanden. Am Graben entlang schlendern sie
weiter; die Kleine voran und Jachl, wie immer, etliche Schritte
hinterher. Vor des Jungen Htte wird heute haltgemacht. Schnell holt er
seinen Hund und spannt ihn vor das kleine Wgelchen, mit dem er fter
Gras heimholt. Jetzt soll Lieschen es gut haben! Ein Sprung, und die
Kleine thront in der Karosse. Der halbwelke Kranz ist ihr auf die
Schulter geflogen, das dunkellockige Kpfchen ist ganz von Blumen
umgeben. Stolz schwenkt Jachl seine Peitsche mit den rasch angeknpften
gelben Bndern durch die Luft. Wie ein richtiger Fuhrmann schreitet er
neben seinem Gespann dahin. H -- h -- Karo zieh an. Lieschen lacht.
Jachl streichelt den Hund. Von Staub umhllt, von Sonne berstrahlt
entschwinden beide Kinder dem Blick. --

       *       *       *       *       *

Nur wenige Tage spter und Jachl windet Krnze fr eigenen Bedarf.
Mutter Bohn ist gestorben. Der Junge wagt nicht wie sonst laut
aufzutreten. Zwar lag Mutter Bohn wochenlang zu Bett, aber das war doch
ganz, ganz anders. Jachl besorgte nach ihrer Anweisung die Wirtschaft.
Jeden Augenblick rief sie seinen Namen. Zuletzt -- Jachl glaubte, sie
schlafe -- sagte sie immer dieselben Worte: Wo wart di dat noch gahn,
wo wart die dat noch gahn. Dann kamen der Herr Pastor und der Doktor.
Jachl schlich aus der Stube. Er wute gar nicht, wohin. Lieschen war in
der Schule. Niemand dachte an ihn. Weit fort wollte er nicht laufen.
Mutter Bohn wrde ihn gewi bald rufen. Aber sie rief ihn nicht. Da fing
er an zu weinen, ohne zu wissen weshalb. --

Eingeschchtert trat er ins Haus zurck, ans Bett der Gromutter.

Alle Nachbarn haben sich entfernt. Nur zwei dnne Lichte brennen in der
engen Stube. Auf seinem groen, morschen Korbstuhl sitzt der Ohm. Er
ruft den Kleinen zu sich heran und streichelt ihm mit der hagern,
faltigen Hand ber die hellen Haare. Jachl wagt kein Wort zu sprechen.
Vielleicht hat er wieder ein bichen Angst vor der Leiche. Nahe pret er
sich an den Alten, ein Verlassener an den andern. --

Ein Brief nach Berlin, der Herr Schulmeister hat ihn geschrieben,
welcher Trude den Tod ihrer Mutter melden soll, kommt mit dem Vermerk
zurck: Unbekannt verzogen!

Welch Glck fr Mutter Bohn, da sie dies Unbekannt verzogen nicht
mehr miterlebt. Fr sie diente Trude immer auf ihrer ersten Stelle. Die
Harmlose hatte sehr unklare Vorstellungen von Berlin und seinen
Gefahren. Von einem Palais de danse hrte sie nie, und wenn sie von
ihm gehrt htte, dann stellte sie sich gewi keine Autos vor und keine
Fe, die in seidenen Strmpfen und feinen weien Schuhen vom Trittbrett
springen. Nein, es wre unmglich gewesen, da sich Mutter Bohn ein Bild
solchen Glanzes htte machen knnen. Das Beste ihres Lebens war
vielleicht ihre Ahnungslosigkeit bezglich des Abgrundes, in dem ihre
Trude lngst untergegangen. Aber dieses Beste konnte sie ja nicht
dankbar empfinden. Und niemand sonst liebt die Trude genug, um an ihrem:
Unbekannt verzogen zu leiden.

       *       *       *       *       *

Jachl, der noch nicht zur Schule geht, drckt sich bestndig um den Ohm
herum. Er folgt ihm berall hin wie ein Hndchen; ob's schneit oder ob
die Sonne scheint, das macht den beiden keinen Unterschied.

In seiner arbeitsfreien Zeit spielt der Junge mit allem, was er in des
Alten Nhe entdeckt. Und er findet bestndig Neues und Schnes. Da
stehen z. B. in der Stube, wie Soldaten aufmarschiert, viele
Tabakspfeifen, ganz lange und ganz kurze. Schmauchen zu knnen wie der
Ohm, das wre fein. Jachl wird es auch lernen! Er mu es nur mal
versuchen.

Vom Herde holt er Streichhlzer. Alles will er genau nachmachen.

Wahrhaftig! Die Pfeife brennt und das -- das ist ja richtiger Rauch und
Dampf.

Stolz und strahlend geht der Jachl auf und ab in der engen Stube. Je
mehr Qualm, desto stolzer wird er. Die Augen brennen ihm; er mu sie
fest schlieen. Er kann nicht sehen, da nicht nur aus der Pfeife,
sondern auch aus des Ohm Bett Qualm kommt. Ein Fnkchen nur ist aufs
Stroh geflogen. Jachl zwinkert ein bichen mit den Augen: Ist da nicht
eine groe, groe Flamme?

Schnell reit er die Tr auf und luft davon. --

Auf demselben Heidefleck, der einst die Kiste mit dem ganz winzigen
Jachl beherbergte, macht er halt. ngstlich duckt er sich unter die
Fichte. Schneelast und Strme drckten deren Krone schon flacher. Sie
recken sich nicht mehr ganz so grad und siegessicher in die Wolken,
diese ste, die meinen Jachl bereits kennen. -- --

Etwas Furchtbares mu er getan haben. Etwas, wofr sie ihn prgeln
werden und schimpfen, wie niemals vorher. -- Nach einer Weile streckt er
seinen schlanken Bubenhals in die Hhe und klettert auf einen hohen
Steinhaufen. Aus des Ohm kleinem Huschen sieht er groe Flammen
zngeln, und alle Leute laufen mit Wassereimern durch die Straen. --

Jachls Herz klopft. Ganz kalt sind seine Finger. Er hrt wie der Ohm und
die Nachbarn ihn rufen: Jachl -- Jachl!

Soll er sich melden?

Je spter sie ihn finden werden, desto besser fr ihn. Das ahnt er. Aber
immer lauter ruft die heisere Stimme, die er so genau kennt: Jaachl --
Jaachl -- Ja -- achl! --

Alle sind sie zusammengelaufen: der Gendarm und der Schullehrer und der
Dorfschulze, die Bauern und die Knechte. Sie alle jammern: Ist der
Jachl verbrannt? Wo ist Jachl? -- Der Ohm sorgt nicht um sein bichen
Hab und Gut; nur an den Jungen denkt er. --

Ja--a--chl!

Endlich macht sich Jachl auf den Rckweg. Ganz behutsam schleicht er
heran --

Wenn sie ihn nur nicht gleich sehen! -- --

Es ist geschehen!

Des Mllers Knecht hatte die besten Augen. --

Halloh -- halloh -- --

Der Ohm weint, weint wie ein kleines Kind. Er hrt gar nicht auf zu
schluchzen. Den Stock haben nur die Nachbarn bei der Hand. Der
verfluchte Bengel! hrt sich Jachl nennen. Brandstifter! ruft eine
andere Stimme. Unglckswurm -- von Gott Verlassener!

Jachl rhrt sich nicht; er wei nicht, was das ist: Brandstifter und
von Gott Verlassener. Dicht zum Ohm hat er sich gestellt; vermutlich
-- er ahnt es dunkel -- wird der es nicht erlauben, da die andern zu
toll losschlagen. Pffe und Ste hageln aber doch reichlich auf ihn
nieder. --

Endlich steht der Snder schluchzend allein neben den Mauerresten im
Rauch. Jachls Trnen gelten nicht so sehr den Pffen, als der
verworrenen Ahnung des Unheils, das er angerichtet hat. Alles, was der
Ohm und er besessen und lieb gehabt haben, sieht er verdorben. Das
meiste ist verbrannt. --

Abend ist's geworden. Beide merken es kaum. Ohne sich erst noch nach
einem anderen Asyl umzusehen, wenden sie sich dem verfallenen Stllchen
zu, das ihre einzige Schnucke beherbergt. Platz genug werden sie finden,
um sich auszustrecken. Jachl fegt mit einem dicken Strauchbesen die
Schlafstelle sauber, bevor er ein paar alte Tcher, die Nachbarsleute
herbeischleppten, auf den Boden wirft. Wenige Minuten nur und beide
schlafen. Sie besitzen nichts, auch nicht Nerven, die sie ruhe- und
schlaflos machen knnten.

Durch die kleine Luke fllt ein Mondstreifen. Friedlich schnarchen Ohm
und Jachl. Sie scheinen zu lcheln: der Kleine vielleicht, weil er wei,
da er einen Beschtzer hat, und der Alte, weil er fhlt, da er auf
Erden noch jemandem ntig ist. --

Erst der nchste Morgen zeigt ihnen deutlich, was sie verloren haben.
Wie in die Trmmer eines Palastes schauen sie auf ihre vernichtete
Htte.

Ohne langes Besinnen fngt Jachl an mit einem Beil zwischen dem Schutt
zu rhren. Zu hei ist er noch fr seine Hnde. Jeden Scherben, den er
aus der glhenden Asche holt, begrt er glckselig. Behutsam legt er
ein Stck auf das andere. Einen ganzen Berg schichtet er rasch auf; wie
ein Schatzgrber jubelt er bei jedem Fund.

Im Dorf wundern sie sich sehr ber soviel Schlechtigkeit. _Sie_ wissen
ja nichts von der Seele eines Kindes; auf so Kostbares verstehen sie
sich nicht. Hchstens meint der eine oder der andere entschuldigend: Er
is ja noch zu klein, oder: Er wei doch nicht, was er angerichtet
hat, oder: Gott sei Dank, da er nicht meiner is.

Mittags, als der Ohm von der Arbeit heimkehrt, grbt Jachl immer noch so
eifrig, wie wenn er sich die schnste Burg baue. Trotz allen Bemhens
bleiben die beiden aber von jetzt ab Stallbewohner. Zum Wiederaufbauen
der kleinen Htte langt des Alten Beutel nicht. So voll wird seine Kasse
auch niemals werden. Der Ohm ist schon zufrieden, etwas hnliches wie
eine Stube an den Stall geklebt zu haben. Eine Kochgelegenheit tpfert
er auch zurecht.

Um den Jachl haben alle ein paar Tage einen weiten Bogen gemacht. Rasch
ist der Bogen kleiner geworden. Seine Freunde wissen eine Weile nicht,
ob sie ihn nun als Helden, Indianer oder Bsewicht behandeln sollen.
Jedenfalls rufen sie den Stallbewohner nur noch neckend Scheper. Und
weil sie wissen, da dieser Schfer nichts zu hten hat, brllen sie
hhnend:

      Scheper, Scheper, dudeldei,
      Lt de Schap in unse Wei (Weide).

Jachl hat aber nicht lange Zeit, sich ber ihr Gebrll zu rgern. Er
wird in die Schule geschickt. Ein anderes Leben beginnt. --

       *       *       *       *       *

Solche groe Stube, wie die Klasse ist, hat Jachl noch nie betreten. Er
berichtet dem Ohm, da da alle stillsitzen mssen, und da er nun
Joachim heie, ganz groartig: Joachim. Zuerst habe er, der doch der
Jachl ist, gar nicht gewut, da er gerufen sei. Aber gefallen tue es
ihm, und wehe dem, der ihn von jetzt ab anders nenne; blo der Ohm, der
darf, weil er doch schon so _alt_ ist, weiter Jachl rufen.

Joachim malt in stiller Begeisterung Buchstaben. Niemand kmmert sich um
seine Schularbeiten, wie sich niemand um seine Spiele bekmmert hat. Er
buchstabiert eifrig; nicht, weil er fleiig zu sein fr ntig hlt,
sondern weil er neugierig ist, was kommt. Bevor er ein halbes Jahr zur
Schule geht, kennt er sein Lesebuch auswendig, jedes Gedicht und jede
Geschichte. Immer hat er an dem Ohm einen geduldigen Zuhrer.
Verstehste auch, Ohm? fragt er fortwhrend. Jachl hat das nicht
unbegrndete Empfinden, da das Nicken des Alten mehr der Gewohnheit,
als dem Verstndnis entspringe. Furchtbar laut mu er sprechen; der Ohm
ist im Laufe der Jahre recht taub geworden. Sehen kann er auch schlecht.
Da man einen Arzt fragen knnte, fllt beiden nicht ein. Frs doktern
war der Alte nie. Auch nicht frs Nachdenken. --

Ohm, wo bleib' ich, wenn du tot bist? fragt ihn der Junge.

Ich leb' schon noch, Jachl.

Aber, wenn du sterbst?

Ein bichen Angst irrt manchmal durch Jachls Kopf; nur ein schwaches
Ahnen, da es Kinder besser haben knnten als er. Vielleicht nicht
besser, nur anders. --

Wenn Freiheit wirklich immer eine kstliche Gabe wre, so mte Jachl zu
den Grogrundbesitzern gezhlt werden. Sicher ist, da er sich solchen
Besitzes nicht bewut ist, und da er zu jung ist, um nicht oft durch
ihn gefhrdet zu werden. --

Kein Auge ist da, fr das sein Anzug zu schlecht oder zu dnn ist. Vor
drei Jahren erbte Jachl seinen jetzigen von des Schulzen Sohn. Damals
schlotterte er ihm um die hageren Glieder. Nun strecken sich schon lange
seine Arme weit aus den kurzen rmeln hervor. Entgegen dem Brauch, da
zuerst die kurzen Hosen an die Reihe kommen und spter die langen,
hlt's der Jachl umgekehrt. Nur noch bis knapp ber die Knie lassen sich
die Hosen, deren Farbe lngst unergrndlich geworden ist, ziehen. --

Jachl kennt kein Kranksein. Einmal hat er Zahnschmerzen gehabt. Der Ohm
erbot sich sofort zum Ausziehen. Ohne lange Vorbereitung -- trotz
unsicheren Erkennens -- ri der Alte wirklich den richtigen Missetter
heraus. Jachl brllte eine Minute auf, aber er zweifelte nicht, da das
Ausziehen eines Zahnes immer so, nur so erledigt werden knne. --

Nach einer Keilerei auf der Dorfstrae kommt eines Tages der Achtjhrige
mit der Frage auf den Alten zugesprungen:

Du, Ohm, wo is'n eijentlich mein Vater?

Wei Gott, wo sich der in die Welt rumtreiben tut!

Un meine Mutta?

Wei ich auch nich -- >unbekannt verzogen<!

Die Htte, in der die Beiden wohnen, hat allmhlich einen sonderbaren
Wandschmuck bekommen. Zu Beginn der Osterferien bringt Jachl immer ein
groes, bedrucktes Blatt heim, auf dem von Rosen bekrnzt die Worte zu
lesen sind:

      Weil du von jeder bsen Sache
      Dich ferne hieltst und sittsam bliebst
      Und aufmerksam in jedem Fache
      Dir mglichst alle Mhe gibst,
      So nehme hier zum Angedenken
      Dies Ehrenblatt als Zeichen an,
      Da du in allen Gegenstnden
      Nach Mglichkeit genug getan,
      Und trag' es heim als Augenweide
      Zu deiner Eltern Trost und Freude.

Behutsam klebt Jachl seine Ehrenbltter an die Wand, eines und noch
eines und wieder eines dazu. Lngst kennt er die roten Tintenstriche,
mit denen der Herr Lehrer durch das: Zu deiner Eltern Trost und Freude
fhrt, und die gleichmigen Buchstaben, die dafr seines Ohmes Trost
und Freude verknden. Ihm erscheint der schne Vers deshalb nicht
weniger schn. Nur -- Trost? Der Ohm hat gar keinen Trost ntig, und von
zuviel Freude ist ihm beim Anschauen des Ehrenblattes auch nichts
anzumerken.

Gar soviel Wissenschaften werden vom Herrn Lehrer nicht gefordert. Nur
die ntigsten Fcher beschweren die Kpfe seiner Bauernjungen. Wieviel
Jachl trotz guten Aufpassens nicht begreift, kommt in der Schule nie ans
Tageslicht. Da ist in der Religionsstunde oft von sittlicher Kraft die
Rede. Kraft zum Puffen und Stoen, die ist den Jungen in der Schule
nichts Unbekanntes, aber sittliche Kraft ist nur mangelhaft in ihren
dicken Schdel zu bringen. Ohne Stocken hat Jachl in der Christenlehre
die Worte aufgesagt: Der Gottlosen Rotte beraubt mich, aber ich
vergesse deines Gesetzes nicht. Zwar wei er nicht, wann der Gottlosen
Rotte ihn beraubt hat, aber alles, was der Herr Lehrer aus der Bibel
verkndet, das soll wohl stimmen. Also bemht sich der Schuljunge auch
an diese Beraubung zu glauben.

       *       *       *       *       *

Je lnger ich meinen Jachl kenne, je mehr neige ich der Vorstellung zu,
man sollte ihn eigentlich zu den Glckskindern zhlen. Immer nimmt er
die Dinge, wie sie sind. Dahin haben ihn nicht berwindung oder
mhseliges berlegen gebracht, sondern angeborene Veranlagung.
Vielleicht ist's ein glcklicher Instinkt mit dem er gesegnet wurde;
Rebellion steht nicht in seiner Lebensliste, und doch kann man ihn nicht
temperamentlos nennen.

Wte ich nur, wer sein Vater gewesen! Ich wollte mich gern dem Jachl
zulieb tief in alle Vererbungsmglichkeiten versenken. -- Von seiner
Mutter konnte ich auch nicht viel erforschen. Ich habe wohl ihr Kleid
gesehen, aber nicht ihr Herz kennen gelernt.

       *       *       *       *       *

Der Dreizehnjhrige ist eigentlich schon der Ernhrer der Familie.
Winzig genug ist zwar ihr Verbrauch, trotzdem darf er sich vor keiner
Arbeit scheuen, wenn sie immer satt werden wollen. Geld verdienen
erscheint Jachl das Allererste, gleichgltig wie alt einer ist.

Die Schule erlaubt ihm nur Nebenbeschftigungen. Stlle kann er bei den
Bauern scheuern, Khe melken, Schweine fttern. Jachl findet all diese
Arbeiten wundervoll. Er kommt sich sehr wichtig vor. Die braunfleckige
Kuh kennt ihn sicherlich, und jedes Schwein grunzt gerade ihn besonders
liebevoll an. Der Ohm hat in den wenigen Augenblicken, die Jachl beim
Essen neben ihm verbringt, immer nur zu nicken, wenn der Junge von all
seinen wunderschnen Erlebnissen berichtet.

Was ist der Jachl doch fr ein Seltsamer! Gar keine Anzeichen von
Verwahrlosung sind an ihm. Wie ein Heidebusch kommt er mir vor, dem
kein Wetter leicht Schaden antut. Er kennt es nicht anders, da allerlei
Ungemach ber ihn dahingeht. Was soll man dabei tun? Das ist doch
so. --

Die Heide mit allem, was auf ihr blht und grnt und atmet, erfllt
bestndig seine Gedanken. Zum Stehlen oder Betrgen lt sie ihn gar
nicht frei. Im Winter, im Sommer, immer ist viel Lebendiges auf ihr und
gerade das Lebendige lockt Jachl. Er kennt in der Nhe jede krpplige
Fichte, jeden Heideweg, jeden schwarzen Machangelbusch, jeden
Schnuckenstall und jeden Scheper. Vor den jungen Maibumen steht er und
betrachtet sie, als knne er sie wachsen sehen. Kein Naturgeschichtsbuch
ist in seinem Besitz, aber er hat so gut aufgepat, wenn der Ohm und die
Schfer und die Knechte erzhlen, da er schon jetzt richtig mit Tier
und Pflanzen umzugehen versteht.

Jachl rechnet seit Monaten die Tage nach, die noch vergehen mssen, bis
ihm -- ihm ganz allein -- die Schnucken oder die Gnse oder die Khe
anvertraut werden. Er schwankt, welche Herde ihm die liebste sein wrde.
In Gedanken lebt er sich abwechselnd mit Schnucken, Gnsen und Khen
ein. Jede Art erfordert andern Verstand. Das wei Jachl.

ber einen Beruf sich den Kopf zu zerbrechen, bleibt ihm erspart. Vor
eine Wahl wird _er_ nicht gestellt. Was sollte er wohl anders werden als
Schfer? Wr's nur schon Ostern! Bis dahin hat der Jachl noch viel
Sorgen, aber nachher -- dann -- ja dann hrt doch sicher alle Mhsal
auf! Einem in der Heide umherwandernden Htejungen kann doch wohl nichts
mehr fehlen!?

[Abbildung]

Noch gehen dem Jachl aber in buntem, wirrem Durcheinander tausend Dinge
durch den Kopf: Ein nicht vorhandener Einsegnungsanzug, dann der
Konfirmationsspruch: Auch wenn mein Vater und meine Mutter mich
verlassen, nimmt der Herr mich auf, dazu die Ermahnungen, die der
Pfarrer an diesen Satz knpft, ferner die Sorge, ob der Bauer auch
keinen andern zum Htejungen aussuchen wird, und die Frage, wann das
Luftschiff, von dem der Urlauber Schulze gesprochen, wirklich und
wahrhaftig im Sommer hier ber Lttersloh fliegen werde?

Augenblicklich steht Jachl tief nachdenklich vor des Ohms Sonntagshose.
Der Alte kann sie entbehren; er hat sie ihm geschenkt. Wenn die
schlechtesten Stellen herausgeschnitten wrden? Sie knnte fein werden.
Schneider Kiekebusch gibt sich aber bei _der_ Arbeit gewi keine Mhe.
Jachl dreht die Hose hin und her. Ob er selbst sie zu ndern probiert?
Zuerst fngt er an, sie mit Wasser und Seife zu reiben. Vor Eifer wird
er feuerrot. Whrend der Schulstunden hngt er sie zum Trocknen auf eine
Stange, die drauen vor dem Stall in die Erde gerammt ist.

An diesem Tage ist das Aufpassen in der Klasse sehr schwer. Wie wird er
sein Kleinod wiedersehen? Unverndert speckig und fleckig oder schn
rein? Im Galopp luft er nach Schulschlu die Treppen herunter. Einige
Minuten spter zeigt er dem Ohm triumphierend seinen Schatz. _Er_
findet die Hose fast so schn wie eine nagelneue. --

Abends spt qult sich Jachl sie enger zu machen. Das kann doch nicht so
schwer sein. Zwei Nhnadeln sind aber bereits zerbrochen und noch ist
nichts erreicht. Was tun? Mdchen verstehen so etwas besser. Welches
sollte er bitten? Einem zu kleinen mchte er seine schne Hose nun
doch nicht anvertrauen, und an eine groe wagt er sich nicht recht
heran. -- Es mu aber wohl sein. Lieschen fllt ihm ein. Er hat sie
jahrelang kaum gesprochen. Mit Mdchen hat ein Junge doch nichts zu
reden. Gerade jetzt lernt sie nhen; zufllig erfuhr er es. Grliche
Furcht hat er vorm Ausgelachtwerden. Wer wei, wie Mdchen sind! Aber er
fat Mut. Es geht nicht anders. Marsch los! Am besten ist's, er versucht
sofort sein Heil.

Leise schleicht er sich unters Fenster, um zu hren, ob die Maschine
noch klappert. Ja, Lieschen nht. Sie scheint allein in der Stube zu
sein. Jachl klopft ans Fenster.

Was is? ruft eine junge Stimme.

Komm mal ans Fenster.

Lieschen erhebt sich flink. Obgleich sie zwei Jahre lter als der Junge
ist, berragt er sie bedeutend. Ginge jemand vorber, er wrde ein
Stelldichein vermuten.

Stotternd bringt Jachl sein Anliegen vor. Noch nie hat er mit Mdchen
wirklich zwanzig Worte gesprochen. Die Hose hlt er Lieschen dicht vor
die Augen, um recht genau erklren zu knnen, wo und wieviel sie
abgenht werden mu. Bereitwillig verspricht sie ihre Hilfe. Wenn ich
sie nur nicht verderbe, setzt sie unsicher hinzu. Am nchsten Abend
soll Jachl sein Eigentum wieder in Empfang nehmen. Klapp! Das Fenster
ist zugeflogen. Erleichtert und beglckt springt er nach Hause. --

So nah hat Jachl Mdchen noch nie gesehen. Was sie blo fr Augen haben!
Sie leuchten ja toller wie 'ne Stallatern'! --

Jachl, der keine Nacht bisher schlaflos verbrachte, wirft sich unruhig
hin und her. Wird sie sie verderben? Was fr feine Hnde hat Lieschen,
und wie waren ihre Haare? Wahrhaftig, schwarz wie Kohle.

In Jachls Kopf hat sich Lieschen hineingeschlichen! Ganz breit macht sie
sich und treibt ihm alles andere aus der Brust. --

Am nchsten Morgen erhebt es ihn nicht so wie sonst, da seine
Anwesenheit im Stall fr jede Kuh eine Freude ist. Er denkt nur an seine
Hose und an den Abend. --

Gegen 9 Uhr klopft er an das Nachbarfenster. Strahlend hlt ihm Lieschen
ihr Werk hin, dabei fragt sie ihn besorgt: Wo is denn dein Rock? Und
hast du einen Hut zur Einsegnung?

Ja, Rock und Hut und Stiefel! Jachl erzhlt, da ihm der Bauer einen
Rock versprochen hat. Noch sehr gut soll er sein, blo zu gro. Und
einen Hut darf er sich neu kaufen, richtig ganz neu. Aber Stiefel? Von
der Gromutter stehen noch zwei Paar da; gar nicht schlecht sind sie.
Wenn Lieschen sie mal ansehen wollte?

Sie will. Gleich begleitet sie ihren neuen Freund in seine Kammer. Der
Ohm schnarcht. Jachl probiert die Stiefel. Je, schon jetzt sind seine
Fe grer, als die der Gromutter waren! Wenn er aber tchtig _zieht_,
bekommt er doch vielleicht die Stiefel an. Das Auftreten ist zuerst sehr
schwer, aber nach ein paar Minuten tut's schon weniger weh. Und Stiefel
an werden wohl nie ein Vergngen sein.

Lieschen entscheidet: Jachl kann die Stiefel ruhig tragen. Niemand werde
sie wieder erkennen.

Zum Hutkauf will sie auch mitgehen, und den Rock wollen sie, wie die
Hose, gemeinsam herrichten. --

Na, denn bis morgen, Jachl!

In den nchsten Tagen lernt Jachl zum ersten Mal in seinem Leben
Kranksein kennen. Er mag nicht essen, nicht schlafen, ein furchtbares
Brennen in der Brust hat er und ganz lautes Herzklopfen. Seine Beine
zittern manchmal, und alles tanzt ihm vor den Augen. Wenn er mit
Lieschen etwas bespricht, ist die Krankheit am schlimmsten.

Von dem Ohm hat Jachl die Abneigung gegen die Dokters geerbt. Er
versucht also allein mit seinem Leiden fertig zu werden. Furchtbar
schwer ist's: Schweine zu fttern, Khe zu melken, Stlle zu scheuern,
Konfirmationsunterricht zu nehmen, Schularbeiten zu machen,
Garderobennte zu durchleiden und dabei noch eine Krankheit loswerden zu
wollen!

Jachl kocht sich Tee; denselben Tee, welchen auch die Kuh bekommt, wenn
sie zuviel brllt. Ein bichen hilft er, aber hat Jachl denn berhaupt
Zeit krank zu sein? --

Whrend er neben Lieschen in die nchste kleine Stadt trabt, zittert er
wohl noch, aber sie reden doch vergngt von allem mglichen. Auf dem
Heimweg wird er fast gesund. Seinen steifen Hut trgt er gut verpackt
unterm Arm. Er hat ihn vor einem langen, breiten Spiegel aufprobiert,
der nicht ein bichen zerbrochen gewesen ist. Zum ersten Mal sieht Jachl
sich selber. Der hellhaarige, lachende, groe Mensch -- bin ich der?
Wahrhaftig?

Eine Sekunde durchfhrt ihn unbndige Freude.

Wonach siehst du denn noch immer? fragt Lieschen, ein Hbscher bist
du, da du's weit.

Jachl hrt noch lange: Ein Hbscher bist du -- ein Hbscher bist du.

Schneider Kiekebusch mu zur Umwandlung des Rockes doch hinzugezogen
werden. Er ist nicht zu umgehen. Lieschen allein wagt sich nicht heran.
Jachl bittet erst auch gar nicht lange, denn: sicher ist sicher. Hat
er doch beim Anpassen der schnen Hose mit Schrecken bemerkt, da
Lieschen ein wenig zu viel abgenht hat, und da der Hose Straffheit
durchaus nicht angenehm ist. -- Groartig pat aber dann am
Einsegnungstage nach Lieschens Urteil der ganze Anzug. Niemand wei ja,
wie sehr Jachl die Schuhe drcken, wie knapp er sich in die schne
Hose gepret hat, und da die schwarzen Handschuhe (sie stammen auch
noch von der Gromutter) schon die Krmmung eines Fingers zur Qual
machen.

In der sicheren Voraussetzung, vom nchsten Tage ab ein gemachter Mann
zu sein, berwindet Jachl alles Ungemach. --

Einige Minuten lang hat er gehofft, der liebe Gott, von dessen Gte er
besonders viel in den letzten Wochen hrte, werde ihn vielleicht gerade
an diesem Tage mit Vater oder Mutter berraschen. Es war aber nichts
damit. --

Heute sind alle in Lttersloh wie die Stadtherren angezogen. Jachl kommt
sich auch furchtbar nobel vor.

Seine Gedanken sind aber nicht soviel, wie es vorgeschrieben ist, beim
lieben Gott. Whrend des sehr feierlichen Augenblickes des Niederkniens,
fllt ihm ein -- ach, es ist schndlich, -- da ihm ein Regenschirm
fehle, und da gerade ein Schirm in der Hand einen gut angezogenen
Burschen immer erst komplett mache. --

Am Nachmittag dieses Tages fhlt Jachl wieder sehr die Krankheit. Das
kommt daher, weil er von Lieschen Abschied nehmen mu, die sich nach der
Stadt vermietete.

       *       *       *       *       *

In den Wochen ihrer Freundschaft hat Jachl mglichst oft die Nhe seiner
einzigen Freundin gesucht. Einmal -- es ist zum Lachen -- als er sich
derb gestoen hatte, und Lieschen ihre Hand vorsichtig auf die
blaugewordene Stelle legte, hat Jachl sich versprochen und Mutter zu
ihr gesagt. Beide haben tchtig gelacht! Mutter! Nie hat der Junge
diesen Namen vorher so zrtlich ber die Lippen gebracht. --

Also nach Lneburg will Lieschen, dorthin, wo die Mdchen statt der
Kappen Hte ber die dicken Haarflechten stlpen. In Jachls Vorstellung
ist Lneburg erschreckend gro: gro etwa wie Newyork oder London fr
erfahrene Reisende. So weit in die Welt wird _er_ wohl nie kommen! Was
sollte _er_ auch in Lneburg? Schfer werden sie dort mehr haben als sie
brauchen, und Jachls Sinnen und Trachten geht ja nur nach dem
Schferstand. --

Bis zur nchsten Bahnstation hilft er Lieschens Korb tragen. Jeder von
ihnen hat einen der festen Seitengriffe gefat. Im Vergleich zu seinem
eigenen Hab und Gut erscheint Jachl Lieschens Besitz an Kleidern und
Wsche riesengro. Er wei nicht, wie froh ihre Eltern sind, da nun
wieder eines aus der groen Kinderschar flgge wird und in die Fremde
ziehen kann. --

Durch hohen Wacholder schreiten sie in erster Tagesfrhe. Vieles mchte
Jachl noch sagen. In Lneburg, in solch groer, groer Stadt, haben sie
gewi alle einen Schatz. Da stehen ja auch womglich Soldaten! Diese
Vorstellung macht Jachls Krankheit wieder viel schlimmer. Noch
einsilbiger als sonst marschiert er weiter. Lieschen verspricht zu
schreiben und Jachl zu antworten. Beim Gehen fangen sie zu singen an.
Durch den feinsilbrigen Nebel, der sie umzieht, tnt es weniger schn
als laut:

      Wenn die Hoffnung nicht wr',
      So lebt' ich nicht mehr;
      Denn die Hoffnung allein
      Kann lindern die Pein.
      Und wie ging es denn hin,
      Und wie ging es denn her --
      Und wie ging es denn her -- --
      Wenn die Hoffnung nicht wr'?!

      Im Winter mu man
      Groe Klte ausstahn; --
      Und im Sommer da ist's
      Eine grausige Hitz! -- --
      Und wie ging es denn hin,
      Und wie ging es denn her --
      Und wie ging es denn her -- --
      Wenn die Hoffnung nicht wr'?!

Zehn-, zwanzigmal wiederholen sie mechanisch die gleiche Weise:

      Und wie ging es denn hin,
      Und wie ging es denn her --
      Und wie ging es denn her -- --
      Wenn die Hoffnung nicht wr'?! -- --

Lieschen ist in Gedanken schon weit fort. Jeder Schritt bringt sie ja
dem neuen Leben nher.

Schade, da der Jachl Trbsal blst, denkt sie. Was hat er nur, warum
starrt er mich heute immer so an? Er wei doch, wie ich aussehe.

Ja, wei er es denn wirklich? Wei er, da er neben einem blitzsauberen
Mdchen dahingeht? Ich glaube es nicht. In Lttersloh haben sie alle
rote Backen, lange Zpfe und lachende Augen. Nur, da Lieschens ein
wenig anders sind als die der meisten, das fhlt er unklar. Aber, wenn
sie auch nicht anders wren, der Jachl htte sich doch mit all seiner
unverbrauchten Zrtlichkeit an sie geklammert. Jemand, der fr _ihn_
Zeit hat! Jemand, den sein Wohl und Wehe mitberhrt! Mu dieser Jemand
nicht sein ganzes Herz in Aufruhr versetzen? --

Nur zu rasch taucht der kleine Bahnhof aus dem Nebel auf. Sie kommen
eine Stunde zu frh. Solche Reisenden wie diese kommen immer wenigstens
eine Stunde zu frh. --

Gemchlich dampft die Lokalbahn heran.

Na, denn mach's gut, ruft Lieschen beim Hndeschtteln.

Jachl schiebt geschickt den Korb in die *IV.* Klasse, und Lieschen springt
nach. Ehe er es noch recht begreift, steht er allein auf dem Steig. --

[Abbildung]

Jungen weinen bekanntlich nicht. Wenn Jungen weinen, ist es eine
Blamage. Auf der ganzen Welt gilt das. Jachl holt nur sein buntes
Taschentuch hervor, schneuzt sich laut und fhrt bei der Gelegenheit
ber die Augen. Einmal und noch mehrmals. Dann stopft er das Tuch
langsam wieder in die Tasche, dreht sich um und trabt den Weg zurck
nach Lttersloh. --

       *       *       *       *       *

Viel Zeit zum Grmen bleibt ihm nicht. Auch er mu tags darauf in seinen
Dienst. Nicht die Khe, nicht die Gnse, sondern die Heidschnucken
werden seiner Obhut bergeben. --

Der Ohm macht nicht erst viel Aufhebens von Jachls Amtsantritt. Einer
nach dem andern wird unbrauchbar, dann kommt der Nchste an die Reih';
heut ist Jachl dran -- wird auch nicht ewig dran bleiben --

Wie es Brauch ist, zieht der Schfer mit hinein in den gerumigen Stall.
Nur ein Gitter trennt Hirt und Herde. Auf verlassener Steppe liegt der
Stall; denn die Schnucken brauchen weite Flchen. Nicht rasch wchst das
abgegraste Heidekraut nach. --

Nie hat Jachl zu den beredsamen Leuten gehrt. Maulfaul schelten ihn
seine Freunde. Wer es nicht besser versteht, der kann ihn wohl so
nennen. Seine Gedanken sind aber um so fleiiger. Jetzt ist es wohl ein
Glck, da er nicht von vielen Worten ist, sonst liefe er spornstreichs
zurck nach Lttersloh. --

Viele der Gebruche und der Vorschriften, die sein neuer Stand
erfordert, sind ihm nichts Unbekanntes. Aus einem Stllchen ist er in
einen Stall gezogen; das ist _sein_ Wohnungswechsel. Den fnfjhrigen
Jachl lockte bereits jede glockenklingende Schnuckenherde.
Leidenschaftlich hngt er an Tieren, und von jeher beneidete er die
Htejungen. Sehnschtig folgte ihnen sein Blick. --

Der ihm nun anvertraute Stall erscheint ihm besonders wertvoll. Uralte
Eichen und hohe Fichten umrahmen ihn. Man sieht, wenn man flchtig
hinschaut, kaum mehr als ein struppiges, schwrzliches Dach, dessen
Rnder fast den Boden berhren. Der Platz vor diesem niederen Dach ist
kahl genagt und ganz zertreten. --

Erprobte alte Schfer sind ein rarer Artikel. Schlechte richten leicht
groen Schaden an. Manchmal knnen Geld und gute Worte keinen guten
Schfer verschaffen. Leichter ist ein Professor ersetzt als ein
Schnuckenschfer.

Jachl fhlt sich geradezu fr dieses Amt geschaffen. Kein anderer Stand
dnkt ihm so herrlich. Ein reeller Schfer mu wohl ebensolche Gedanken
haben, wie sie in seinem Kopf rumoren. Und solche Liebe fr alles, was
kreucht und fleucht. Und so wenig Neugier auf alles das, was sonst in
der Welt vorgeht. --

Viele, viele tausend kleine, blaugraue Heideschafe sind in Jachls Stall
im Laufe der Jahre eingepfercht gewesen. Ordentlich andchtig stimmt den
Jungen diese Vorstellung. Wenn er die doch blo alle gesehen htte!

Wenige Schritte entfernt von Jachls Schnuckenstall ist ein Kreuz
errichtet. Unzhlige Male hat er die Mr gehrt, wie einst ein alter
Schfer an eine Birke gelehnt, stehend eingeschlafen ist. Das Nicken des
Schlummernden habe der Bock als Herausforderung zum Kampf betrachtet und
sich so rasend auf den Schfer gestrzt, da der Unglckliche mit
zerschmettertem Schdel zu Boden sank. Jachl wirft immer einen scheuen
Blick auf das Kreuz, wenn er daran vorber mu. --

Seine Einfhrung in den Dienst unterbricht er ziemlich respektlos sehr
oft mit den Worten: Wei schon -- wei schon. An ihm soll es nicht
liegen, wenn Krankheit in der Herde ausbricht, oder wenn ihr sonst ein
Migeschick begegnet. Ihm wird nicht, wie er es nennt, die Puste
ausgehen, mu er auch stundenlang hinter den Heidschnucken herlaufen. Er
wei, da sie sich am liebsten Tag und Nacht, Winter und Sommer in
unsteter Hast drauen bewegen. Vor nakalter Nachtluft will er sie gewi
bewahren. Jedes Tier wird er wie seinen Augapfel hten.

[Abbildung]

Wei schon -- wei schon! Sogar im Winter rennen sie, die Kpfe
gebeugt, gleitend und trippelnd durch den Schnee. Keine Furcht ist
vonnten! Jachl pat auf, Jachl, der Schfer. --

Whrend der ersten Wochen ist er fast nur mit Zhlen beschftigt. Kaum
hat er eine Schar richtig durchgezhlt, so luft sie pltzlich wirr
durcheinander, und die Mhe des Zhlens beginnt von neuem. Schnucken zu
zhlen ist nichts Leichtes. Allmhlich lernt er's. Immer besser gelingt
ihm die bersicht. Verlaufene Tiere fngt er bald geschickt wieder ein.

Nach einigen Wochen schon darf er sich auch einmal ein wenig Ruhe gnnen
ohne Angst, da die Schnucken jede Minute etwas Furchtbares anstellen
knnten. Sein Dienstherr lt nicht mit sich spaen. --

Zum ersten Mal, seitdem er Schfer geworden ist, dehnt Jachl in der
Mittagssonne faul die Glieder. Er versucht, ob er jodeln kann. Komische
Tne werden hrbar. Na, denn nicht, denkt er.

Nein, ein Jodelknstler ist mein Jachl nicht. Schadet nicht, es gibt
vielerlei Schferknste. --

Heute sieht er ber die weite Landschaft, die in sonnigem Licht ruht. In
der Geschftigkeit seines Kinderlebens hat er Kohl und Rben genau
kennen gelernt, aber von Schnheit und Glanz ist nie etwas bis in seine
Seele gedrungen. Stets hastete er von der Arbeit zur Schule und von der
Schule zur Arbeit. --

Heute ist es ja hier wie in der Kirche. Und solch Gotteshaus steht Jachl
nun immer offen! Seltsame Empfindungen erwachen in seiner Brust. Bis
hierher dringen nicht die derben Redensarten, die im Dorf blich und
selbstverstndlich sind. Hier ist er nicht mehr _nur_ ein Bauernjunge.
Hier ist -- trotz Arbeit und Mhe -- immer sowas wie Ostern oder
Weihnachten.

Vielleicht fhlt Jachl, whrend geheimnisvoller Mittagszauber ihn
umleuchtet, zum ersten Mal, da auch er ein Mensch ist. Geburtstag hat
er und wei es selbst nicht. -- --

       *       *       *       *       *

Tglich liebt er die kleinen Heideschnucken zrtlicher. Ohne sie wre er
ja nie hierhergekommen. -- --

Jachl!

Drhnend schallt es ber die Heide: Jaachl -- Hans Detel, der
Landbrieftrger, ruft's.

Jachl springt auf. Nicht fest wie sonst steht er auf den Beinen. Ein
Brief aus Lneburg! Hastig greift er nach dem ersten Schreiben, das im
Leben an ihn gelangt. --

So fliegen einem also die Finger, wenn man einen Brief erhlt! Er
bekommt ihn so schwer auf, als erbrche er einen eisernen Kasten.
Schwei tritt ihm auf die Stirn. Da endlich:

      Lieber Jachl!

Wie geht es Dir? Mir geht es sehr gut. Ich bin Stubenmdchen im Hotel,
wo Fremde kommen, die sich unsere Heide ansehen wollen, wenn sie blht.
Wir haben sie doch immer gesehen, das lohnt ja gar nicht. Lneburg ist
sehr gro, es soll aber viel, viel grere Stdte geben. Ich mchte gern
dahin. Schreibe mir bald einen Schreibebrief. Bist Du gesund? Ich denke
alle Abende an Dich.

      Dein herzliches Lieschen.

Da ist schon wieder Jachls Krankheit: Herzklopfen und komisches Gefhl,
bei dem man nicht wei, soll man laufen oder sich still hinsetzen oder
lachen oder weinen.

Die Zeit auf der Heide hat die Krankheit gebessert, und nun ist sie doch
wieder gekommen. Es ist beinahe, als habe der Brief sie gebracht. Jachl
dreht ihn hin und her, und dabei mu er wieder denken, ob wohl Lieschen
sich schon einen Schatz angeschafft hat.

So ein Stckchen Papier, sinnt er, kommt von ganz weit her, nicht
anders als ein Vogel angeflogen. Und eben solchen Vogel wird er nun
auch fliegen lassen. Schreiben war ja immer seine Lieblingsstunde. Davor
hat er keine Angst. Der Lehrer lobte ihn dabei und sagte, die andern
Jungens sollten es auch so propper machen. Ja -- ja -- das war aber nur
Abgeschriebenes oder Diktat; etwas, was man sich allein ausdenken soll,
das versuchte Jachl noch nie.

Schreibpapier hat er nicht; das mssen ja wohl Bogen sein. Aber auf der
hellgelben, sauberen Dte, die er schn zusammengelegt bei sich hat,
kann er's probieren. Zwischen tausend Krmeln und Gertschaften findet
er in der Hosentasche einen kleinen Blaustift. Gerade als er sich einen
guten Platz zum Anfangen ausgesucht hat, bellen Pitt und Pott, die
Hunde, heiser und wtend. Was ist denn los? Jachl stolpert ber die am
Boden sich lang hinwindenden Kiefern. Friedlich grast die Herde. Pitt
und Pott scheinen Jachl das Briefschreiben nur nicht zu gnnen. Na
wartet, ihr -- --

Von neuem bereitet er sich zum Anfang vor. Den Tisch ersetzt ein kurzer,
glatter Baumstumpf. Ohne langes berlegen malt er kauernd Buchstaben
nach Buchstaben:

Liebes Lieschen, ich wei keinen Anfang. Er kommt aber doch. In der
Schule konnte ich gut Rechtschreibung, aber ein Brief ist wohl ganz
etwas anderes. Einmal hatten wir einen auf: Einen Ferientag beschreiben.
Ich hatte sehr gut darunter. Ich wute blo zuerst nicht, an wem
schreiben, da schrieb ich an meine liebe Mutter. Heute wei ich doch
gleich, an wem dieser Brief geht. Ich kann hier nur aufschreiben, was
ich denke, sonst passiert hier nichts. Es ist doch nicht wie Lneburg.
Du bist da zwischen viele Leute, ich habe schon manchen Tag keinen
gesehen wie Pitt und Pott und meine Schnucken. Das rgert mich gar
nicht, blo nach Dir habe ich Heimweh, wenn mir mal so traurig zumute
ist. Ich habe nicht mehr solche Arbeit wie frher. Mehr mit dem Kopf mu
ich bedenken; das ist sehr schn, aber beschreiben kann man es nicht.
Und denn die Heide, Lieschen. (Du kennst sie ja gar nicht, so wie ich
sie jetzt immer um mich habe). Die Fremden sollen man ruhig herkommen,
es ist viel zu sehen; ich sehe immer und immer was neues. Jeden Tag ist
was anderes. Von hier weg mchte ich nicht; es ist, als mte ich dabei
eingehen. Hans Detel spricht, ich bin wie ein langer Stock. Und ebenso
dnn. Und die Hosen sind wieder viel zu kurz geworden. Wenn sie doch
auch mitwachsen knnten wie ich oder die Bume; das sparte viel Geld.
Ein Kuwerr hab' ich nicht, das bringt Hans Detel morgen und dazu
richtige Bogen. Meine Schulbcher habe ich alle mit hergebracht, da lese
ich drin und verstehe alles jetzt viel besser wie frher. In der Schule
ist einer noch sehr dumm. Der Lehrer hat oft gesagt, wir sollen uns
bilden, damit wir in der Welt weiterkommen, aber fr die Welt hier bin
ich gebildet genug, ich lese fr mich, und damit Du mir nicht soweit
vorkommst. Behalte Jachl lieb.

      Dein treuer Freund Jachl.

Nachschrift: Kntten tu ich nicht (Du nennst es ja wohl stricken?), das
ist fr alte Schfer; ich sehe lieber mich ordentlich um, und dann horch
ich, da ist auch viel bei zu lernen. Die Amsel pfeift und die Krhe
quarrt, und sonst hr ich noch sehr viel, was Du in Lneburg nicht zu
hren bekommst. Nochmal Dein treuer Freund Jachl.

[Abbildung]

       *       *       *       *       *

Zum ersten Male qult Jachl an diesem Abend seine Einsamkeit. Bis zu ihm
verlaufen sich seine Schulfreunde nur mal des Sonntags. Johann Peter
lernt beim Schreiner und Hein Gird beim Schmied. Sie mgen es hier
drauen nicht sehr. Wenn sie Sonntags kommen, bringen sie richtige
Zigarren mit. Jachl soll sie durchaus probieren. Ihm wird grlich, aber
sagen mu er: Fein schmecken Zigarren! Die Gste brllen vor Lachen,
als sie sehen, wie grn Jachl wird: Das is am Anfang immer so, schwrt
Johann Peter. Sie prahlen furchtbar. Hein Gird sagt, er habe Trin Durt,
seine Meistertochter, richtig laut gekt. Johann Peter ruft: Quatsch!
Er hat noch viel was Greres vollbracht: Hans Joachim bei einer
Keilerei unterbekommen. Noch heute hat Hans Joachim blaue Flecke. Ja,
die hat er. --

Nicht keilen und nicht kssen kann Jachl, der Schfer, das ist wahr.

Er bewirtet die Gste mit Backbirnen und Buchweizenpfannkuchen. Zuerst
sind ihm die Kuchen immer verbrannt. Fein bekommt er sie jetzt fertig,
so fein, da Johann Peter sagt: Ich platze. Vier Teller hochgehuft
voll hat der verschlungen. Nachher blieb er zwischen den warmen Krutern
vor dem Stall eine Stunde wie tot liegen, nicht rcken und rhren konnte
er sich.

Erst wenn die Dunkelheit herabzufallen beginnt, greifen Hein Gird und
Johann Peter nach ihren Spazierstcken. Nach was fr welchen! Jachl hat
solche feinen Stcke noch nie gesehen. Er besieht sie nicht ohne Neid;
das Oben sieht ja beinahe wie echtes Silber aus. Und an ihren Uhren
haben sie auch was Blankes hngen. --

Ein Stck Weges gibt er den Freunden das Geleit. Rasch verschwinden sie
in den feuchten Schatten, welche ber die Wiesen gleiten. --

Bei den Schnucken gefllt es Jachl besser wie bei den Freunden; das ist
keine Schande. --

Abends holt er immer seinen Brief hervor und besieht ihn. Ihn zu lesen,
das ist nicht ntig; lngst kennt er ihn Wort fr Wort auswendig.
Manchmal sagt er ihn sich richtig wie ein Gedicht, das er in der Schule
lernen mute, auf.

Viermal ist noch so ein Briefvogel zu ihm geflogen. Nicht fter. In
Lneburg kann eine wohl leicht Lttersloh vergessen. Was soll Jachl
dabei tun?

Sonntag Abend, wenn die Schnucken schlafen und Jachl allein ist, dann
ist ihm immer nicht ganz richtig. Er wei, da um diese Zeit die
Burschen auf dem Dorfplatz tanzen, und da ihn seine Lnge, wenn er auch
noch jung ist, nicht mehr vom Hopsen und Springen ausschliet. Er kennt
die heien, vollgestopften Stuben, in denen sich Mnner und Mdchen
schweitriefend drehen, und die heimlichen Winkel kennt er, in denen sie
sich drcken und kssen. Bisher jagt ihn kein Verlangen, sich ihnen
zuzugesellen. Manchmal nur kommt das Heimweh nach Lieschen, aber die
Traurigkeit ist ganz anders wie die, welche er heut fhlt, als der
Lehrer extra zu ihm kommt, um ihm mitzuteilen, da der Ohm eingegangen
ist. --

       *       *       *       *       *

Jachl zieht stumm sein bestes Zeug an und wandert mit der Herde ins
Dorf. Da er so rasch keinen Stellvertreter findet, ist es am besten, er
nimmt die Schnucken mit.

Zwei Tage luft er hin und her. Sein Kopf ist ganz wirr. Er ist doch der
Erbe. Erbe sein ist nicht so leicht. Es ist nicht viel dabei zu
beneiden. --

Jachl mu, whrend noch die Leiche dicht neben ihm liegt, kramen und
rumen und sein Hab und Gut besehen, denn so rasch darf er nicht wieder
vom Schnuckenstall fort. -- Mehrmals rollt seine Karre, die hochbeladen
ist, durch die Heide, ehe er die Erbschaft drauen untergebracht hat.
Vielerlei Gartengert hat der Ohm noch besessen; dazu eine uralte
Schwarzwlder Wanduhr, einen groen kupfernen Kessel, viele irdene Tpfe
und Pfannen und Tiegel und eine groe braune, tannene Truhe. Bis an den
Rand ist die Truhe mit alten Bauernkleidern angefllt. Obenauf liegt des
Ohms Zipfelmtze. --

Nachdem Jachl den Leiterwagen, auf dem er den toten Ohm ins Kirchdorf
gefahren hat, leer zurck kutschierte, hat er nichts mehr mit ihm zu
tun. Er nimmt nur noch des Ohms Katze auf den Arm, ehe er sich auf den
Heimweg macht. --

Mondschein erhellt die Heide. Der Schall der eigenen Tritte und das
Zirpen von Heuschrecken einigen sich zu einer geheimnisvollen Musik, die
den jetzt vllig Alleinstehenden auf seiner nchtlichen Wanderung
begleitet. -- Nun der Ohm tot ist, merkt Jachl erst, wieviel es doch
bedeutet, ein Stckchen Anhang zu haben. --

Das erste Heidejahr ist vorber. Der Schfer hat sich so an das
schwrzliche Tiergewimmel neben sich gewhnt, da er sich das Leben gar
nicht mehr anders vorstellen kann. Er begreift nicht, wie Leute sich
wohl fhlen, die allein ihres Weges gehen ohne immerfort aufpassen zu
mssen, die nicht pfeifen, nicht nachzhlen, nicht He-He-Rufe ausstoen,
die also nichts zu hten haben.

Er kennt jedes seiner zweihundert Tiere ganz genau. Von jedem knnte er,
wrde es gefordert, eine Biographie herausgeben: Dort das kleine, ganz
dunkle Schaf ist sehr anfllig; jenem schaden Wind und Wetter nicht; das
da gehorcht nie, rennt immer vor, und dies mit den dnnen Beinen, bleibt
zurck. Ja, es ist nicht einfach, zweihundert Individualitten zu
erfassen, von denen die eine zu viel suft, (wenn's auch nur Wasser
ist), und die andere sich zu oft den Magen voll Gras stopft;
Individualitten, deren manche geduldig Pitt und Pott folgen, und von
denen andere nur dann zu bndigen sind, wenn sie gejagt werden. -- Jede
Schnucke hat ihren Kopf fr sich, aber die Fremden, die manchmal an
Jachl herantreten, um ihn ein bichen auszuhorchen, merken das nicht.
Sie denken, Tiere sind dumm und eines ist wie das andere. Das ist ganz
falsch. Aber wozu Leute klug machen? Sie knnen ja Bcher auch
durchstudieren wie er. --

Jachl lernt jetzt richtig von Grund auf Schfer. Das ist nicht so
leicht. Er merkt es erst, whrend er seitenlang auswendig lernt: Was
ein guter Schfer wissen mu߫. Oft genug brummt ihm der Schdel. Da
steht zu lesen: Ein verstndiger Schfer mu die verschiedenen Grn-
und Winterfuttermittel hinsichtlich ihrer Nhrfhigkeit, Zutrglichkeit
oder Schdlichkeit fr die Schafe kennen und mu nicht minder vertraut
sein mit der Verderbnis derselben und deren nachteiligen Wirkungen auf
die Schafe.

[Abbildung]

So hnlich geht es durch das ganze dicke Buch. Aber Schafmeister oder
Oberschfer kann einer nicht werden, ohne all die Gelehrsamkeit ber:
Paarungsmethoden, Wollbeschaffenheit, trchtige Mutterherde, sorgfltige
Weidefhrung und ber noch sehr, sehr viel mehr. Manches liest Jachl
dreimal durch, aber verstehen tut er es auch dann nicht. Wirklich in
Jachl drin ist das Buch: Anforderungen an einen Schfer noch lange
nicht, aber so nach und nach behlt er doch vieles. --

Immer noch ist Lieschen seine einzige Bekanntschaft und -- wie es im
Leben meist der Fall ist -- solch eine, die deshalb immer mehr gilt,
weil sie nicht in der Nhe ist, und weil nichts anderes dazu und
dazwischen kommt. Denn die Schnucken, so viele es auch sind, und so ganz
sie Jachls Leben beherrschen, kommen doch erst _nach_ Lieschen. --

Zu Weihnachten hat sie eine Photographie geschickt. Jachl mute erst
sehr lange hinsehen, bis er genau wute, wer das sein sollte. Was hat
sie blo auf'm Kopf!? Und Handschuhe an! Wozu zieht sich der Mensch
berhaupt Handschuhe an? Jachl luft es noch kalt ber den Rcken, wenn
er an die schwarzen denkt von seiner Einsegnung her. Aber, na, Lieschens
Augen sind ja doch mit auf dem Bild, deshalb kommt Jachl ber den Hut
weg, soviel lieber sie ihm in ihrer altgewohnten Kappe wre. -- Zuerst
nagelte Jachl das Bild im Schnuckenstall in einem Winkel an. Nach ein
paar Tagen wickelte er es in viel Papier ein und vergrub es tief in die
Hosentasche, ganz tief nach unten, weil die andern Sachen, die in seine
Taschen gehren, es sonst wohl leicht schmutzig machen knnten. --

Johanni will Lieschen _noch_ weiter in die Welt. Bis nach Hamburg will
sie! Jachl begreift das nicht. Ist Lneburg denn noch nicht gro genug,
wenn eine durchaus die Welt sehen will?! Lange sitzt Lieschens
Unternehmungslust qulend in seinem Kopf. Erst gegen das Frhjahr hin
treibt die Sonne sie mehr fort. Jachl wirft seine Bcher weg; zum
ordentlichen Schfer wird einer nicht blo mit studieren. Das wei
er. --

       *       *       *       *       *

Durch hohe Schichten Fallaub traben wieder Hirt und Herde. Ihre Schritte
zerbrechen knisternd zu Boden gesunkene morsche ste. Sie zerstampfen
auch viele unter der Eisdecke ertrunkene Frsche, die in Mengen auf den
grauen Moosflchen jetzt herumliegen.

[Abbildung]

Schon die erste Mrzsonne tut Wunder. Und dann der April! Aber erst der
Mai! Jachl ist sicher, jede Schnucke freut sich wie er ber die
silbrigen Knospen der Kriechweiden und ber die gelbleuchtenden
Ginsterblten. Jeder Monat dnkt ihm der allerbeste, mag er ihm Sand in
die Augen fegen oder ihm mit Regen die Haut durchnssen. --

Julischwle brtet ber der Heide. Jachl meint heute wiedermal bestimmt,
diese Juliglut sei ihm am liebsten, gerade sie. Winzige Tiere rennen
ber seine bloen Fe. Nur vollstndig trostlose Wetterverhltnisse
zwingen ihm Stiefel auf. Strmpfe trgt er nie. Wer sollte sie ihm
stopfen? Im Mrz schleudert er stets endgltig fr Monate die Stiefel in
einen Winkel, dann springt er dreimal in die Hhe. Sein Sommer hat dann
begonnen, was immer der Himmel auch noch in den nchsten Monaten
herunterschtte. --

Heute aber ist er wirklich da, der Sommer. Die Menschen merken ihn, und
Jachl geniet ihn auch. Durch dichte Brombeerranken drngt er sich,
wilde Rosenbsche schlagen ihm um die Stirn. Unbezwingliche
Sommermdigkeit berfllt ihn. Er will sich auf den Boden strecken;
schon beugt er sich hernieder -- da -- was ist denn das? Welch nie
vernommenes Rauschen in der Luft? Er sieht in die Hhe. Im Kreise dreht
er sich. Nichts ist da als Himmel und Argusfalter, die blau durch die
Luft schweben.

Einfrmige Schlge einer Holzart schallen ber die Heide. Jachls
scharfem Gehr entgeht auch nicht das leise Rinnen einer Quelle, die in
die Wiese hinab will. --

Hat er sich getuscht? Rauscht es nur im welligen Heidekraut? In den
Hngebirken?

Nein. Es kommt aus der Hhe. Bestimmt aus der Luft.

Da -- jetzt -- was schwebt da heran? Ein groer Vogel? -- -- Nein.

Jachl reit die Augen auf, so weit als mglich, weil er glaubt, dadurch
besser sehen zu knnen.

Schmal und lang ist das Unbekannte, mit Flgeln, die rennen wie
Mhlrder, und die brausend immer nher heran kommen.

Feuerrot wird Jachl. Niemand ist da, der mit ihm das Wunder studieren
knnte. Nur die Schnucken. Sie haben sich eng aneinander gepret; das
Rauschen ist auch ihnen nicht geheuer. Aber schon durchzuckt es Jachl:
Ein Luftschiff -- das mu ein Luftschiff sein! --

Zuerst bleibt er wie angenagelt stehen; dann fngt er an zu rennen. Ohne
berlegung luft er in brennender Gluthitze dem Luftschiff stundenlang
nach -- es mu ja noch wieder sichtbar werden, -- und mit ihm laufen all
seine Schnucken wie von Furien verfolgt. --

Jachl ist wie von Sinnen. Es treibt ihn weiter, nur weiter. Er fhlt
nicht die Hitze; er hrt nicht Pitt und Pott bellen; er merkt nicht, da
er auf harte Stauden tritt, die ihm die Fe zerstechen. Kreuz und quer
luft er, immer mit den Augen das Wunder suchend, das rauschend
dahinsegelte. Die Arme streckt er in die Hhe, als wolle er das
Luftschiff vom Himmel reien; dabei reckt er den Hals, der doch nicht
zu einem Schwanenhals auszudehnen ist. -- -- --

Jachl, mein Jachl, steh still! Lauf nicht in die Weite so unklug! Was
kmmert dich das Luftschiff? _Du_ gehrst nicht zu den Fliegern -- _du
nicht_. -- Aber du hrst meine Stimme nicht. Armer Jachl. --

In unstetem Zickzack luft der Schfer stundenlang. Vielleicht, da er
es nochmals ersphe! Rasch, immer noch rascher! Die Schnucken hat er
vergessen. Er merkt nicht, da Schwei ihm und ihnen die Krper bedeckt.
An Hitze ist der Jachl gewohnt; nachts ist er seit Monaten oft wie in
Schwei gebadet. --

Gegen Abend bricht er in einem Sandloch zusammen. Das macht nichts.
Rasch will er sich erheben. Etwas Warmes quillt ihm aus dem Munde. Er
fat mit der Hand danach. Die Hand ist rot geworden. Ist das Blut? Ach
ja, Blut. --

Jachl erschrickt nicht. Er will es abwischen, aber immer mehr, immer
rascher fliet es ihm rot und warm ber die Lippen. Die Augen fallen ihm
zu: Heide, Luftschiff, Herde sind entschwunden. --

Eine Viertelstunde vergeht, da stt etwas dem Jachl ans Bein. Noch kann
er sich nicht bewegen. Seine Schnucken sind es, die ber ihn
dahinrennen, tripp -- tripp, hin und her, als gefalle es ihnen ganz
besonders auf diesem unebenen Stck Heide. -- Wtend bellen Pitt und
Pott. Ja, sie haben recht, sich ber den Schfer zu rgern, der erst zu
rasch lief, und der nun faul im Sande liegen bleibt. -- --

Endlich macht Jachl sich langsam auf den Weg. Wie weit ist er denn fort
von seinem Stall? Er kann sich gar nicht zurecht finden. Recht hell ist
es auch nicht mehr. Und auf den Beinen ist er ganz schwach. Er sucht
Bsche und Stmme, an denen er sich halten kann. Immer wieder mu er
verschnaufen. Den Schnucken fehlt ihr Stall nicht, aber heute fehlt er
dem Hirten. Ausstrecken mchte der sich und sich warm zudecken und
schlafen, nichts als schlafen. --

Nachtfalter taumeln durch die Luft. Fledermuse huschen in den
Wacholderbschen. Sterne funkeln. berall ist Licht und Lust trotz der
Nachtzeit, die doch zum Schlafen vom lieben Herrgott eingerichtet ist,
wie Jachl immer gemeint hat. Noch nie hat er drauen eine Nacht so ganz
durchwacht. --

Langsam streicht im Osten Rte am Himmel empor. Jachl fllt auf einen
Baumstumpf. Er mu eine Weile ausruhen; er kann nicht weiter.

Seine Gedanken sind ihm selbst fremd. Was wollen sie denn diese anderen
Gedanken?

Erfahrene Leute nennen das Gefhl, welches dich, mein Jachl, in diesen
Minuten beklemmt: Sehnsucht. Wie aber solltest du es kennen oder nennen?

Du fassest nur tief in deine inhaltsreiche Hosentasche und suchst, bis
du etwas Eingewickeltes herausgefunden hast. Behutsam nimmst du ein
Bild, siehst es an und versenkst es wieder zwischen Schlsseln und
Streichhlzern und Taschenmesser und Schere und Bindfaden und all den
vielen andern Dingen, die du auch notwendig gebrauchst. --

Gegen 10 Uhr vormittags sieht Jachl endlich, endlich von weitem seinen
Stall. In der Freude, wieder daheim zu sein, versinkt jedes andere
Gefhl. Er ist sicher, da das bichen Bluten rasch vergessen sein wird,
wenn er sich nur von dem wilden Lauf, warm zugedeckt, ausruhen kann. Das
Zhneklappern kommt vom Frhwind und vom leeren Magen. Der Atem ist ihm
ganz kurz geworden. --

Mde folgen die Schnucken den Hunden. Jachl lacht, wie eifrig manche von
ihnen sich gleich wieder in die kleinen Kiefern vor dem Stall
festbeien. Wie sollen sie in die Hhe wachsen, die armen Kiefern, bei
_der_ Behandlung?

Rasch kocht er sich einen festen Buchweizenbrei; der tut gut! Dann
wickelt er sich fest in seinen groben Schfermantel. Einige Minuten
spter schallt lautes Schnarchen durch den Schnuckenstall. -- -- --

       *       *       *       *       *

Tee hilft immer, hat der Ohm Jachl gelehrt. Bei schwacher Brust tut
auch ausgebratenes Hundefett Wunder. Ob dies nun eigentlich schwache
Brust ist? Jachl glaubt es. Zuerst versucht er eine Roggenbreikur. Der
brunliche Brei mit frischer Milch bergossen, ist nicht bel. Und
Fledersaft, aus getrockneten Beeren des Flieders gepret, kann auch
nicht von Schaden sein. --

Blo nich mit die Doktors anfangen. So oft hat es der Jachl gehrt,
da er die Doktors unmglich Gelehrsamkeit zutrauen kann. --

Jagten die Schnucken ihren Schfer nur nicht immer ber Stock und Stein!
Mit dem Laufen will's gar nicht wie frher werden. Auf sandverwehtem
Heidewege kommt einer oft ins Stolpern, und gerade beim Stolpern
sticht's dem Jachl immer in der Brust.

Geholfen haben ja Fliedersaft und Roggenbrei und Hundefett, ja, das
haben sie, aber so recht ist dem Jachl doch noch nicht. --

Am liebsten hockt er und flicht Krbe, ja, sogar das bisher von ihm so
verachtete Knttzeug nimmt er zwischen die Finger. Lang sind die
Finger und so wei die Haut, als fhlten sie niemals die Sonne, die doch
wahrlich genug auf ihnen gebrannt hat. -- -- --

       *       *       *       *       *

Heide, du taufrische, braune Heide, die du melancholisch oder jubelnd
dahinfliet, weit du, da du -- (ach, lchle nicht) Persnlichkeiten
bildest? Du bist nicht ruhmgierig wie die groe Stadt. Du biegst und
zerrst nicht absichtlich an Tier und Pflanzen und Menschen. Du breitest
nur deinen Himmel ber sie -- unabsehbar weit; in deine groe Stille
nimmst du auf. In deine schimmernde Stille, und du lssest gewhren. Du
mahnst ganz leise, da es nicht lohnt (da es vielleicht nur lcherlich
ist) gewichtig auf etwas Groes loszustrmen, weil du weit, wie klein
auch das Groe in der Nhe wird, wie es Farbe und Form verndert. Du
prahlst nicht mit groen Zielen. Du verschwendest ganz einfach nur dich
selbst, du einsame Schne. Verschwendung ist deine Beredsamkeit, ist
deine Bildnergabe, ist der Same, den du ausstreust.

       *       *       *       *       *

Jachl, der nichts ist als der Scheper, als der Bauernjunge, ist dennoch
vielleicht durch die Heide auch einer geworden! Nicht allein durch die
Heide, aber mit ihrer Hilfe. Ja, das ist er! Ganz bestimmt! Er hat nicht
ntig, sich vor einem Stadt-Lehrling oder vor einem Studenten oder vor
einem Prinzen zu schmen, obwohl er doch nur eine blaugefrbte
Leinenweste mit zwei Reihen blanker Knpfe trgt und eine schirmlose
Mtze, die aus der Haut eines jungen, schwarzen Schnuckenlammes genht
ist. Von Lackschuhen und gestickten Chemisetts und von all dem
Ntigen, welches ja wohl ein junger Mann haben mu, ahnt er gar
nichts. Aber -- nein -- verstecken braucht er sich doch nicht, mein
Jachl. Besonders wegen seiner Gedanken, meine ich. Und Gedanken sind ja
wohl die Hauptsache.

Woran Jachl eigentlich denkt? Nie an Groartiges, immer nur an
Gewhnliches; etwa an Vieh oder an Weide oder an Wollhandel oder an
Torfstechen oder an Runkelrben oder an Kleinknechte oder Groknechte
und was dergleichen mehr ist, -- aber, ja, ein Aber ist dabei.

Welch ein Aber? Man mu es wohl fhlen, glaube ich. Zu erklren ist es
kaum.

Gedanken haben auch ihren Schein und ihren Schimmer.

Vielleicht habe ich meinen Jachl nur so gern, weil ihm nie die
Vorstellung kommt, da es auf Erden Menschen gibt, die es viel, viel
besser haben als er. Er lt Dornen, Dornen sein und Rosen, Rosen; er
sucht gar nicht immer nach den Bergen; er sieht viel Schnes auch im
Tal. -- --

       *       *       *       *       *

Lieschen hat in einem ihrer Briefe erklrt: ein Schfer, der immer nur
auf der Heide rumsitzt, ist was Langweiliges. Na, denn mu Jachl doch
auch mal einen Sonntagstanz im nahen Kirchdorf probieren. Was sein mu,
mu sein! Lieschen wird es wohl verstehen! Mdchen verstehen sich auf so
was besser. -- Von Jachls mangelhafter Gesundheit wei sie nichts. Wre
sie in seiner Nhe, so htte sie ihn lngst von sich und seinen
Schnucken fortgelockt. Wie sang sie doch immer:

      Komm, tanz mit mir, tanz mit mir,
      Ich hab' 'ne bunte Schrze fr -- --

und angesehen hat sie Jachl dabei immer! Nun sie fort ist, merkt er
erst, was fr eine Mordsdirn sie ist.

Frauensleute sind so schwer zu kennen wie Schnucken. Sie haben auch so
was Unsicheres wie die. Man mu eigentlich auf beide den ganzen Tag
aufpassen; pltzlich sind sie weg, wenn man auch noch so gut zu ihnen
gewesen ist. Hat sich eine verlaufen, so wei man auch nie, wie und wo
man sie wieder zu sehen bekommt. --

Jachl beugt vieler Unzufriedenheit im Leben mit einem leicht Geseufzten:
Was soll man dabei tun? vor. Sobald er bis zu dem Gedanken gekommen,
ist er auf dem Wege sich abzufinden.

Was soll man dabei tun? Wie Sonne und Regen kommen, ohne da man sie
holt, so berlt er dem lieben Gott auch alle anderen Schwierigkeiten,
an denen er, der Schfer, allein doch nicht viel ndern knnte.

Jachl beginnt die Vorbereitungen fr seinen Vergngungsgang, indem er
sich in die Spiegelscherbe sieht, die er noch im Stall vorgefunden hat,
als er einzog. Spack sieht er aus; das ist wahr. Wer wei, ob ihn eine
zum Tanzen mag. Er hat ordentlich Angst. Schlielich trsten ihn die
vielen Stoppeln, die auf seiner Oberlippe sitzen, die mssen Eindruck
machen und das Helle, welches sogar schon an seinem Kinn sprot,
auch. --

Der Stallstellvertreter ist fr einen Tag gekommen. Jachl summt wie ein
Alter:

Morgen is Sndag! Dor smitt de Bur de Plnn' (die Lumpen) ab.

Groartig kann er sich herausstaffieren. Lang genug hat er des Ohms alte
Truhe durchsucht. Er fand Stulpenstiefeln und ein rotes Halstuch und
eine rote Weste mit Messingknpfen. Lieschen wrde Augen machen. Schad',
da sie nicht im Kirchdorf, oder da nicht eine andere Dirn dort, die
auf ihn wartet. --

Schon von weitem hrt Jachl das Karussell. Ordentlich springerig wird
ihm. Er sieht sich um, ob er allein ist, dann schiet er mehrmals
Purzelbaum. Zuerst kommt er bei dem Bandhndler vorber, der seine Waren
auf einer Scheunendiele ausgelegt hat. Jachl klappert zwar mit den
wenigen Mnzen in seiner Tasche, aber beim Klappern lt er es
bewenden. --

Im Weitergehen hrt er in verschiedenen Gastwirtschaften Mesik. Er
wei nicht recht, kann er tanzen oder kann er nicht tanzen. Er glaubt,
da er es kann. Aber mit welcher soll er gleich stundenlang, wie es
Brauch ist, zusammen bleiben? Musternd tritt er in das erste beste
Gasthaus ein. Nicht eine Dirn ist da, mit der zu hopsen es ihn gelstet.
Rasch trinkt er einen Kmmel, ehe er in einer anderen Wirtschaft weiter
nach einer Tnzerin sucht. -- Hier nimmt er ein Bier und dort einen
Schnaps und immer so weiter, bis er in allen Husern gewesen ist und auf
den Beinen so unsicher, wie wenn er ein Mdchen im Arm einen halben Tag
ohne Unterbrechung herumgeschwenkt htte. --

Wie sieht der Jung' aus, sagen die Bauern.

Ksig, na ja, das kommt von's Vergngen, setzen sie verstndnisvoll
hinzu, stoen sich an und kichern.

Gelangweilt drckt Jachl sich von einem Platz auf den anderen. Lngst
ist er mit seinen Lieblingsgerichten durch. Er kann doch nicht immer
weiter Rauchfleisch essen und Quetschkartoffeln mit ausgebratenem Speck
und Weizenkle mit getrockneten Zwetschen. -- Anfangs fallen ihm seine
verlassenen Schnucken ein, bei denen hat er es doch am besten. Je mehr
Branntwein er trinkt, je rascher laufen die Gedanken von den Schnucken
fort zu Lieschen. Dideldumdei! Dideldumdei!

Niemand wirft besorgte Blicke auf meinen Jachl. Sein helles
Haargestrpp, das er so fein mit Wasser fest zusammengeklebt hatte,
steht ihm lngst wieder richtig hoch zu Berge. Das Halstuch hat er
abgerissen, es hngt halb aus der Hosentasche hervor. Ihm ist hei
geworden und bel, grlich bel, und der Kopf schmerzt nicht wenig. Die
schne, rote Weste ist begossen, zwei ihrer Metallknpfe hat er
verloren. -- Keiner hat mit ihm Mitleid. Weshalb sollte auch hier einer
mit einem groen Bauernjungen Mitleid haben, der halb betrunken ist?
Solchen Luxus gewhren die Heidjer einander nicht. Mitleid hat man mit
einem, der sich den Kopf blutig geschlagen hat; was sonst innen im Kopf
schmerzt, darum kmmern sie sich gegenseitig nicht. --

Jachl bleibt wie ein Stck Holz in einem Winkel der Gaststube liegen. Er
wird gezupft und gerufen, bis er die Augen aufreit, so weit aufreit,
als ihm mglich. Gottes Donnerwetter! Wie brummt ihm der Schdel!

Na, warte Lieschen, das nennst du Vergngen?

Vorsichtig stellt er sich auf die Beine. Er gibt sich einen derben Ruck.
Vorwrts! Es geht! --

       *       *       *       *       *

Der erste leichte Frost liegt auf der Heide. Nichts rhrt sich ber dem
Moor. Ein wenig taumelt Jachl. Wohin sind blo alle lustigen Vgel
geflogen? Die frechen Meisen und die ngstlichen Goldhhnchen, der
Buntspecht und der Reiher, die Drosseln und die frhlichen Finken? Sie
alle scheinen in Jachls Schdel zu rumoren. Gewi wollten sie nichts mit
dem kalten Nordostwind zu tun haben, der den Schfer jetzt umpustet, und
der ihn wieder lebendig macht, ihn fest aufrecht auf die Beine stellt.
Je, je, sthnt Jachl von Zeit zu Zeit vor sich hin, is sowas
Vergngen?

Wtend stampft er ber das heut nacht ganz weie Moor. Hart gefroren ist
es noch nicht; man berschreitet es, als wre man leicht gewiegt.

Gro und grau luft Jachls Schatten neben ihm dahin. Eine Eichkatze
springt ber den Weg. Ehe er es noch richtig merkt, trabt er zwischen
groen Flocken weiter. Der erste Schnee! Rasch, immer rascher fllt er
herab. Nach einer Viertelstunde hat er jedem Baum und jedem Busch und
jedem Hgel ein funkelnagelneues Gewand angezogen. Gar nicht zum
Wiedererkennen sind sie. Jachl lacht. Breit und dick geworden sind alle
miteinander. Ganz putzig sehen sie aus, Bume beinah wie Berge. --

Kein Schritt des einsamen Wanderers schallt mehr in die Weite hinein;
nur seine Futapfen sind zu sehen; zu hren ist nichts von Jachl. -- Vor
einem kleinen Sumpf bleibt er einen Augenblick stehen. Wie braunes
Bier, denkt er und schttelt sich. Bier und Branntwein sind noch nicht
aus Jachls Kopf heraus. Keinen Tropfen bringt er so rasch wieder ber
die Lippen. Das nimmt er sich vor.

In der weien Stille ist sein Schnuckenstall schwer zu finden.
Verschwunden scheint er zu sein, fortgehext. So genau der Schfer auch
Weg und Steg kennt, in dieser Nacht geht er in der Irre. Alles ist wei;
alles hat Form und Farben verndert. Vorsichtig tastet Jachl von einem
Baum zum andern. Jetzt aber greift er ins Leere. Seine Hand fat nur
Luft. Er berlegt: Stehenzubleiben ist das Klgste. Und abzuwarten. Das
Wetter hat sich ja immer wieder gendert, wird es auch in dieser Nacht.
Wenn nicht in der Nacht, so doch am Morgen oder am Vormittage. Nur
Geduld mu einer haben, dann kann ihm hierbei nichts passieren. --

Jachl wei nicht, ist's der weiche Schnee, der nachgibt oder ist das
Moor auf diesem Fleck noch so weich und schwankend. Schwankt der Jachl
oder das Moor?

's wird noch immer der Kmmel sein, entscheidet er selbst, gergert
ber seine Vergngungsreise. Er schwrt, nie mehr eine zu machen,
hchstens mal mit Lieschen; da pat denn einer auf den andern auf.

Im Eifer des sich Gelobens merkt Jachl anfangs gar nicht, da er
bedenklich tiefer in das weie Moor gerutscht ist. Bis ber die Knie
steckt er darin. Jhes Entsetzen packt ihn. Frchterlich wird ihn
zumute. Das Leben kommt ihm pltzlich so munter vor und der Tod so
traurig.

Nein -- nein -- nicht sterben, schreit er, nicht sterben; ohne
aufzuhren, gellend nur die beiden Worte -- kreischend -- brllend, dann
leiser, immer leiser werdend -- wimmernd nicht sterben -- nicht sterben
-- nicht -- sterben --

Gleichgltig und lautlos fllt der dichte Schnee hernieder. --

Jachl kennt die Gefahr, in der er sich befindet. Rhrt er sich, so
geht's vielleicht noch rascher in die Tiefe. -- Heie Lebensgier foltert
ihn. Was tun? Was tun? In Todesangst fngt er pltzlich an zu flten, so
laut und schallend, wie er nie bisher im Leben gefltet hat. Vielleicht
geht ein Mensch in der Frhe durch die Heide und lauscht und sucht,
woher der Schall kommt. Jachl kann nicht mehr schreien, nicht mehr
brllen, nicht wimmern; all seine Kraft hat sich ins Flten umgesetzt.
Er fltet, er fltet, als sei das Aufhren sein sicherer Tod.

[Abbildung]

Am Moorgraben entlang gehen zwei Heidejger durch die weie Wste.
Erwartungsvoll halten sie Umschau. Sie lauschen. Sie stieren auf einen
Punkt, und sie erkennen, da da im Schnee etwas steckt, etwas, das man
retten mu. Behutsam wagen sie sich nher heran. Sie halten dem Jachl
einen langen, festen Speer hin, den sie bei sich tragen. Vorsichtig
greift er zu, fest, ganz fest; dabei hrt er nicht zu flten auf. Ja,
wahrhaftig: der Schfer hat fltend dem Tode den Rcken gekehrt.

       *       *       *       *       *

Kehrte Jachl dem Tode wirklich den Rcken? Sicher ist es nicht.

Zuerst hat der Viehdoktor den Kopf geschttelt. Weshalb sollte der es
nicht auch verstehen? Vieh ist Vieh, sagt er, wenn er mal statt eines
Ochsen einen Knecht zu behandeln bekommt.

Monate sind seit Jachls Tanzreise vergangen. Lngst lagert er wieder mit
seinen Schnucken in der Sommerglut; lngst schwtzen wieder allerlei
Vgel im Schilf und in den Bschen.

Die Mcken sind ein wenig zu dreist gewesen. Sie haben einigen Schnucken
groe Wunden beigebracht. Vergeblich hat sie Jachl mit Teer und
Wagenschmiere eingerieben. Vielleicht haben giftige Schnaken das Unheil
angerichtet, denkt er. Gegen die kommt er wohl doch nicht allein an.
Den Tierarzt mu er holen. Fr ihn, den Schfer, ist's wie halbe
Schande. --

Komisch geht es wohl auf der Welt zu! Wohin wre mein Jachl ohne den
Tierdoktor gekommen? --

Stolz ist der Schfer, da der gelehrte Mann seine Herde lobt. Dem
Erfahrenen sind die gut abgerichteten Hunde ein Beweis, da er es mit
keinem zu tun hat, der beschrnkt oder nachlssig oder kenntnislos ist.
Er wrdigt Jachl langer, intimer Gesprche ber Heidekrautweide und
ihres Wertes fr die Lmmer. Jachl antwortet wie ein alter Schfer; er
wei, da er hierbei mitreden kann. Aufs Zufttern kommen sie und auf
Lebendgewicht. Dabei sieht der Viehdoktor Jachl an und meint, du hast
nicht viel mehr wie deine beste Schnucke, sorg' lieber zuerst fr dein
eigen Lebendgewicht.

Jachl ist in der Freude ber das fachmnnische Gesprch ganz erregt,
seine Backen brennen. Das bichen Husten hat er ganz vergessen. Der
Viehdoktor aber denkt, als er davonfhrt, dem schick ich unsern
Landarzt, der hat ihn ntig.

Und er tut's.

So kommt es, da Jachl, der doch nichts von die Doktors hlt, ihnen in
die Finger fllt. --

Na, denn zieh dich mal aus, sagt der Arzt freundlich.

Was macht der Mann blo alles! Er klopft auf Jachls Brust, er klopft auf
Jachls Rcken, er legt sein Ohr dicht auf Jachls Herz. Als er fertig
ist, setzt er sich gemtlich auf einen Schemel im Stall hin und sagt
seelenruhig nur ein einziges Wort: Lungenheilsttte.

Woher soll ein Schfer wissen, was das ist? Im Lehrbuch fr Schafzucht
stand nichts davon.

Der Doktor erklrt, aber Jachl versteht nur so viel, da er von den
Schnucken fort soll.

Das ist doch gar nicht mglich! Zuerst ist er stumm, und dann fngt er
an auseinanderzusetzen, weshalb er hier bleiben mu. Aber der Doktor,
der zuerst so freundlich war, sagt grob: Papperlapapp, dann stirb man
hier.

Frs Sterben ist Jachl aber immer noch ebensowenig wie damals, als er im
Moor beinah erstickt wre.

Unruhig dreht er sich an diesem Abend auf seinem Lager hin und her und
denkt wieder klglich: Nicht sterben -- nicht sterben. -- --

Eine umfangreiche Schreiberei beginnt. Papiere mssen beschafft werden.
Der Landarzt sorgt dafr, da alles ordnungsgem angebahnt wird. Wochen
vergehen aber doch, bis Jachls Abreise nichts mehr hindert.

Ach, diese letzten Wochen! Wieviel mu Jachl ausstehen! Sein Herz ist
nicht krank, es ist sogar riesenstark, da es _soviel_ Kummer aushlt.
Ja, es ist wahr: Jachl lt keine Mutter zurck, keinen Vater, keine
Geschwister, keine Braut, er hat gar keine Ursache sich zu grmen. Aber
fragt ein Herz nach Ursache, wenn es sich bedrckt und beengt fhlt?
Sind da Grund und Ursache entscheidend?

An die groe Stadt, in deren Nhe das Rote Kreuz seine Heilsttten hat,
mag er gar nicht denken. Da sollen doch soviel schlechte Leute leben!
Und neumodische Gewohnheiten werden sie haben! Wohl alle mit Hten auf'm
Kopf. Mtzen und Kappen sind da nicht angesehen. Das hat Jachl ja auf
Lieschens Bild gemerkt. berhaupt: Stadtmenschen mgen ja auch ganz
ordentliche Menschen sein, aber man mu sich erst sehr an sie gewhnen.
Ein Schnuckenschfer wird wohl in Berlin gar nicht estimiert sein. Das
ahnt Jachl schon im voraus. Sie sollten ihn aber nur mal fragen, wie
schwer ein ordentlicher, zuverlssiger aufzutreiben ist. -- Seinen
Nachfolger hat er schon vier Wochen einstudiert. Jachl will nichts
Schlechtes von Jochem sagen, aber soviel steht fest: Schferverstand hat
der nicht! Immer ist Jochem gleich mit der Schferschaufel bei der Hand,
wirft mit ihr Erde zwischen die Herde und beunruhigt die armen Tiere.
Jachl regiert sie mit einem einfachen Zuruf. Jochem aber jagt sie bald
zusammen, bald auseinander, ohne Sinn und ohne Verstand. Was wird das
blo werden, wenn Jachl erst fort ist? So jung er noch ist, diesem
geringen Htejungen ist er haushoch ber. Das wei auch der
Dienstherr. Jachl, hat er gesagt, Jachl, deinen Posten kannst du
immer wieder haben, aber du wirst das Zurckkommen auch vergessen, wie
die Jungens alle aus'm Dorf.

Ja, das hat er gesagt. --

Heute packt Jachl. Zuerst kommen alle alten Mnner- und Frauentrachten
aus des Ohms Truhe heraus, und dann kommen Jachls Schtze hinein. In den
hochgewlbten Deckel der tannenen Truhe hat er die feinsten Bilder
geklebt. Ein Jesusknblein wird ihn jedesmal anlcheln, wenn er aus der
Truhe etwas herausnimmt, und der feingepinselte Spruch, den Lieschen
einst gleichgltig am Boden hat liegen lassen: Frchte dich nicht,
glaube nur! Nie hat Jachl ber den Sinn der Worte nachgedacht, aber es
kommt ihm vor, als knnte es gut fr ihn sein, ihn mit auf die Reise zu
nehmen. --

Auf das Gespann seines Dienstherrn ladet Jachl sein Gepck. Er darf
nicht, wie er wollte, es allein schleppen. Ganz streng hat es der Doktor
verboten. Seitdem er krank sein soll, reden sie ihm in alles rein. Jachl
war das gar nicht gewhnt. Seinen Schnucken war doch alles recht. Was
soll man aber dabei tun?

Am letzten Abend haben sich die Schnucken wie immer um ihren Schfer
gedrngt. Jachl klopft und streichelt jede besonders freundschaftlich.
Keine merkt etwas von dem Verlust, der ihr bevorsteht. berhaupt, keiner
ist da, von dem Jachl wirklich Abschied zu nehmen hat mit Kssen und
Drcken, bevor er auf den Wagen klettert. Und doch drehte er am liebsten
wieder um, nachdem er ein Stckchen zugefahren ist. Aber er wei, hier
ist seines Bleibens nun nicht mehr. Was htte Umkehren fr Sinn?

Er heult ein bichen, wirklich nur ein bichen, als er nichts mehr von
Jochem und den Schnucken sieht.

Zuletzt, ehe der Leiterwagen in die Stadt rasselt, sieht Jachl, wie ein
Dummerjan, nur in die Hhe, immer in den Himmel, grad' wie damals, als
er wie besessen nach dem Luftschiff sah. Er fhlt pltzlich, von wem er
jetzt Abschied zu nehmen hat: vom Himmel! Ja, wie sie auch mit Berlin
prahlen mgen, _so_ viel Himmel wie hier kriegt er nun nicht mehr zu
sehen. So viel Himmel haben sie da nicht. So viel Himmel knnen sie sich
fr all ihr Geld nicht kaufen. --

Noch in der Eisenbahn drngt Jachl sich vor, steckt den Kopf so weit als
mglich heraus und sieht hoch _nur_ in den Himmel. Nachher wischt er
etwas Feuchtes aus den Augen. -- --

       *       *       *       *       *

Ich will hier gleich berichten, da sich mein Jachl, obwohl er
ungeschickt und unerfahren ist, in dem neuen Leben nicht wie ein
Dmmling anstellt. Er merkt rasch, sein Heideverstand gilt schon auf der
Reise nicht mehr viel.

So unterschiedlich hat er sich die Menschen doch nicht vorgestellt!
Welche, die in die vornehmste Klasse steigen, sehen ganz komisch aus
mit all dem Zeug, was sie auf'm Leib tragen. Mssen die viel Geld haben!
So viel Geld kann sich Jachl gar nicht vorstellen. Warum kaufen sie aber
nicht mehr Zeug fr ihre Rcke? Sie sind doch viel zu eng; ganz
ausgewachsen sehen sie aus, grad' so wie Jachl in seinem Anzug. Und was
schleppen sie nicht alles an sich herum, was schwer sein mu, besonders
auf'm Kopf.

Auch die in der *IV*. Klasse sind anders wie Leute in Lttersloh, aber
ganz so schlimm wie die Feinen sind sie nicht. Je lnger Jachl reist, je
mehr anders werden sie.

So oft der Zug hlt, glaubt er: das ist Berlin! Jede Stadt kommt ihm
beklemmend gro vor mit ihren vielen Schornsteinen, mit Soldaten und
Droschken und Straenbahnen. _Noch_ grer und hher soll ja aber Berlin
sein.

Endlich, endlich, Gott sei Dank, ist es da.

Berlin! Alles aussteigen, ruft der Schaffner um 6 Uhr 1 Minute
frhmorgens.

Jachl folgt seinen Bahngenossen. Er lt sich bis zur Sperre mit
durchschieben. Drauen studiert er nochmals den Zettel, auf dem ihm die
Weiterfahrt genau aufgeschrieben ist. -- Einige Stunden mu er sich wohl
Berlin ansehen. Das geht doch nun nicht anders. Wird das eine Arbeit
sein!

Mit dem wenig Himmel -- er sieht es gleich -- das stimmt! Solch Gewimmel
ist immer zwischen den hohen Husern, wie wenn Schnucken sich
zusammendrngen. Jachl kommt es immer so vor, -- er wei wohl, das ist
nur Dummheit von ihm -- als wackelten die Huser mit den vielen, vielen
Fenstern. Vor einem Fleischerladen bleibt er stehen. Die Hammel, die er
prfend betrachtet, sind das erste Vernnftige, was er in Berlin sieht.
Am liebsten rhrte er sich hier nicht vom Fleck. Der Lrm der Strae ist
ja, wie wenn immerfort Gewitter wre.

Was haben die Leute blo alles erfunden! Und wie halten so viele es aus!
Wenn Jachl zu Hause ber das Feld geht, dann wei er doch, ihm kann
nichts passieren, aber hier mgen wohl jeden Tag welche ums Leben
kommen. Das kommt nur von dem vielen Erfinden. Wozu ist das ntig? Jachl
hat zwar seinen Husten, aber sonst sind doch die meisten strker und
gesunder, die gar nichts mit Berlin und all seiner Erfinderei zu tun
haben. Dazu haben sie solche Eile; alle rennen immer so, wie Jachl mal
ausnahmsweise hinter einer verlaufenen Schnucke. Ja, das Laufen haben
sie raus. Einer sieht nicht nach dem andern. Wie kann es hier Lieschen
so gefallen?

In Hamburg ist sie nicht lange geblieben. Freiwillig fuhr sie nach
Berlin.

Jachl wei, da es viel auf der Welt gibt, wobei er nicht mitreden kann,
aber wundern kann er sich. Das darf ihm keiner wehren. Also tchtig
wundert er sich mal zuerst darber, da ein Mensch _freiwillig_ nach
Berlin reisen kann.

Ordentlich leichter wird ihm whrend des Wunderns. Beinahe wie
Verachtung ist es. Doch das unterscheidet mein Jachl nicht. --

Obwohl ihm der Magen knurrt, tritt er nicht in eine Kneipe ein. Er wagt
es nicht. Lieber hungern und dursten.

Was alles mu ein Mensch wissen, der vor Berlin keine Angst hat. Jachl
ist gewi kein Feigling. Wie ist er zu Haus allein hinter dem Bock
hergerannt, als ihn die Wespen wild gemacht hatten! Und auch sonst
scheute er keine Gefahr. Aber hier in Berlin mu man von ganz anderer
Wissenschaft sein. Es kommt ihm vor, als ob sie alle zu stolz sind und
Augen hinten und vorne haben. Viele Jahre mgen wohl dazu gehren, bis
einer soviel Augen bekommt, da er zwischen all dem Neumodischen nicht
zu Schaden kommt. --

Wohl zehnmal hat Jachl seine Uhr hervorgezogen, um nachzusehen, ob er
immer noch nicht weiterfahren kann.

Wenn er wenigstens das Haus wte, in dem Lieschen wohnt. Aber in dem
letzten Brief hat sie ihm eine Strae aufgeschrieben, die kennt hier
kein Mensch. Berlin, postlagernd. Die Leute lachen, so oft er fragt:
Bitte, wo komme ich nach der Strae postlagernd? --

So entschliet sich Jachl ruhig vor dem Fleischerschaufenster
auszuharren, bis es Zeit ist, abzufahren. Er beobachtet die Mdchen, die
zum Einkauf das Geschft betreten. Sauber sind sie alle. Das ist wahr!
Man merkt gleich, keine hat mit Mist oder mit Melken zu tun. Die Augen
gehen ihnen rundum. Jachl sieht nur nach dem Fleisch, das sie in ihren
Krben haben, sie aber sehen ihm grad' ins Gesicht, so lange und so
grade, da ihm hei wird. --

Schlielich vergeht aber auch in Berlin die Zeit, wenn sie Jachl auch
viel, viel langsamer weitergekrochen ist, als zu Haus beim
Schnuckenhten. --

Wieder sitzt er im Zuge; diesmal hat er es rascher geschafft. Schon nach
zwei Stunden mu er aussteigen.

Gott sei Dank! Ein bichen mehr Himmel haben sie hier, wenn er sich auch
nicht -- wie Jachl glaubt -- dem unabsehbar vielen ber der weiten Heide
vergleichen kann.

       *       *       *       *       *

Volksheilsttte heit Jachls Reiseziel. Ja, es gibt viele Vlker, das
wei er von der Schule her. Ganz tief holt er Atem, dann spuckt er aus
und reibt sich die Hnde sauber, ehe er beim Pfrtner die Glocke zieht.

Solcher Anmeldung bedurfte es nicht, wollte jemand ihn in seinem
Schnuckenstall aufsuchen. -- Freundlich wird ihm der Weg ins Haus
gewiesen. Er sieht fnf, sechs, nein, acht Huser, nicht solche Riesen
wie in Berlin. Das Eintreten wird ihm gar nicht schwer. Sein Mut kehrt
zurck. Tapfer stellt er sich vor: Joachim, der Schfer. --

Auf der Heide hat er sich nie anders rufen hren wie: Schfer. Nicht:
Joachim; lange schon nicht mehr: Jachl. Da er einen richtigen
Vatersnamen hat, kommt bei ihm, dem Schfer, gar nicht in Betracht. --

Sie heien Joachim Bohn? fragt die Oberin freundlich. Noch nie hat
jemand Jachl Sie genannt.

Sie! Sie! Er mu sich erst besinnen, ehe er nickt.

Gut, also treten Sie nher, lieber Joachim Bohn. --

Htte Jachl nicht trotz seiner Krankheit eine krftige Natur, so wre er
von der Flle des berraschenden, das er in den nchsten Tagen erlebte,
kopfschwach geworden.

Auf der Heide hat er wohl das liebe Vieh gebadet, aber da der Mensch
auch in einen Bottich, der mit warmem Wasser angefllt ist, gelegt wird,
das hat Jachl nicht geahnt. Frher hat er einmal ein Mrchenbuch gehabt.
Aus tausend und einer Nacht hie es. So staunt er immerfort hier. --

Die Volksheilsttte ist Bildungs- und Erziehungsanstalt ersten Grades
fr den Schfer. Ja, Jachl hat wohl seinen Stall auch sauber gehalten,
er hat ihn gefegt und gescheuert, aber -- aber -- hier sieht es ja sogar
in der Kche wie in einem verzauberten Schlo aus: Blaue Fliesen bis zur
halben Hhe der Wand, und darber ist die Wand noch schn mit blanker
Farbe gestrichen. Der Milchkochkessel lt sich berhaupt gar nicht
beschreiben; 250 Liter gehen auf einmal hinein. Zum Essen versammeln
sich alle in dem Speisesaal. Der Name ist an die Tr geschrieben.
Jachl bringt zuerst vor lauter Staunen sein Essen kaum herunter; es
bleibt ihm in der Kehle stecken. Allmhlich fat er sich. Nach einiger
Zeit wei er, da das helle Licht durch Glhlampen entsteht, da die
bunten Glasscheiben farbige Bleiverglasung genannt werden, da das auf
dem Fuboden gemusterter Linoleumbelag ist.

Ja, das hrt sich einfach an, aber bis ein Schfer das alles in seinen
Kopf bekommt, davon kann er geradezu krank werden, aber nicht gesund.
Das Fieber ist ganz sicher nur von dem vielen Verwundern gekommen. Jachl
denkt sich sein Teil. Der Fahrstuhl hat ihm solchen Schreck eingejagt,
da er sich ganz fest an die Pflegeschwester geklammert hat, sonst wre
er hingestrzt. -- Zum Erschrecken ist viel in der Volksheilsttte; aber
an das Feine und Groartige gewhnt sich einer wohl auch. Und gesund
wird es wohl sein, das will Jachl ja nicht bestreiten. --

Immer kommt alles anders, wie man sich's vorstellt. Jachl hat an viel
groe Medizinflaschen gedacht, die er auszutrinken bekommen wird. Seine
Kur ist rein zum Lachen. Nur liegen, schn eingepackt. Nichts wird
eingerieben, nichts wird eingenommen. Er hat wenig Vertrauen. Wie soll
das helfen? Luft hat er ja immer gehabt; nur gelaufen ist er, nicht
gelegen. Na, die Dokters mssen es ja verstehen. --

Mehr, viel mehr wie ein Student auf der Hochschule, lernt mein Jachl in
dieser Heilschule. In seinem Dorf werden sie es nicht glauben und ihn
Aufschneider und Prahler schimpfen. Manches wird er auch gar nicht
ordentlich beschreiben knnen. Viele Worte sind nicht leicht zu
verstehen: Wasserklosett, Ausgubecken, Operationszimmer, Dunkelkammer,
Lichtbad und viele, viele Worte sonst noch! Aber Jachl hat Zeit sie zu
lernen, viel Zeit. Nein, keinem wird er es in Lttersloh belnehmen, der
nicht glauben kann, Jachl, der Schfer, schlft in einem _Schlafhaus_,
in einem Haus, das nur allein zum Schlafen gebaut ist, in dem nichts
sonst gearbeitet werden darf. Wahrhaftig, nur geschlafen! Und dann --
das mit der Zahnbrste! Jedermann hat eine. Es ist auch zu
verschwenderisch und schwer zu glauben. Jachl wute zuerst nicht, wozu
die kleine Brste dalag; dann hat er nachgemacht, wie es die andern
machten. berhaupt am weitesten kommt einer mit Nachmachen. Manches Ding
hat er hin und her gedreht, aber wozu es sein knnte, fiel ihm nicht
ein. Wenn er aber ein bichen rechts hinschielte und links hinschielte,
so wute er es. Menschen sind wohl eigentlich wie Schnucken. Was der
eine macht, macht der andere nach. Schnucken sind doch grad auch so frs
Nachmachen. --

Nahe am Heulen ist Jachl immer an den Besuchstagen. Zu fast jedem kommt
einer. Vorher sehen sie immer nach der Tr, oder -- wenn sie in der
Liegehalle sind, -- auf den Weg hinaus. Redet man mit ihnen, so passen
sie nicht auf; sie denken: Wer wird heute kommen? Onkel oder Tante,
Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester? Jachl hat von diesen allen
keinen. Blo Lieschen, und die ist in dem Jahr nicht ein einziges Mal
gekommen. Es geht wirklich nicht! Ein Dienstmdchen kann nicht wie es
will; es mu wie die Herrschaft will, entschuldigt sie Jachl. Er wei
lngst, da es mit der Strae Postlagernd unklug war. Gern setzte er
sich fr zwei Stunden auf die Bahn und besuchte Lieschen in der
Lothringer Strae. Berlin ist ihm aber streng verboten, und gehorchen
mu einer in einer Volksheilsttte immer, daran hat er sich lngst
gewhnt. --

Jachl hofft an jedem Mittwoch von neuem. Knnte Lieschen ihn nicht
berraschen? Weshalb nicht? In seiner Phantasie ist ihre Freundschaft
riesenhaft gewachsen. _Einen_ Menschen mu wohl der Mensch haben, an den
er sein Herz hngt. Jachl hat keine andere ausprobiert. Er wei nicht,
wie sie sind, die Mdchen; seine eigenen Gefhle setzt er einfach bei
Lieschen auch voraus. Und da sie nicht schreibt, ist nicht ihre Schuld.
Wer wei, wie streng ihre Herrschaft ist. --

Um drei Uhr nachmittags kommt der Zug an. Sein Pfeifen ist, wenn man gut
aufpat, schwach zu hren. Alle legen oder setzen sich dann rasch in
Positur. Wer einen Spiegel hat, sieht noch schnell hinein. Einigen
treten vor Freude Trnen in die Augen. Wenige Minuten spter kommen
schon die ersten. Jeder Besucher hat eine Tte in der Hand, darin sind
Weintrauben oder Apfelsinen oder Kuchen. Manche bringen ein paar Blumen
mit. Im Winter gibt es in Berlin auch Rosen, Tulpen, Veilchen. In
Lttersloh gibt es die blo im Sommer. Zu manchen kommen sogar mehrere
auf einmal. So Unverschmtes wnscht sich Jachl gar nicht.

Wenn das Hereinstrmen aufhrt, wird die Tr zugemacht. Jachl nimmt dann
immer ein Buch vor die Nase, aber er spitzt doch die Ohren. Ihm ist es
ganz egal, was sie _reden_, blo Streicheln oder Kssen, das kann er
nicht vertragen. Dabei wnscht er: Wenn sie erst nur alle wieder
drauen wren. -- Es kommt ihm vor, als shen sie ihn ein bichen
mitleidig an oder ein bichen verchtlich: Wie kann ein Mensch aber
auch gar keinen Besuch bekommen? --

Bekanntschaften hat Jachl mit der Zeit genug gemacht. Da sind zuerst
seine zwei Nachbarn. Der eine ist Malerlehrling. Er hat dieselbe
Krankheit wie Jachl. Gleich als Jachl den Platz neben ihm angewiesen
bekam, erffnete der kleine Maler die Bekanntschaft mit der
Versicherung: Du wirst gewi auch nie wieder gesund. Jachl fragte
kleinlaut: Woher weit du das?

Von mei'm Vater; der sagt, ich bin >chronisch<, und das heit doch
soviel wie: >nie wieder ganz werden<. Vater hat es aus einem
Medizinbuch rausgelesen. Und >chronische< hast du auch, Jachl, darauf
kannst du dich verlassen.

In Jachls Kehle kommt etwas Schweres in die Hhe, er mu ordentlich
schlucken, bis er's runtergepret hat: das ist Schreck. -- Spter hat's
Jachl seinem Nachbarn nicht mehr geglaubt. Das war Unsinn mit
chronisch. --

Der kleine Maler weiht Jachl -- trotz chronisch -- in die Geheimnisse
von Berlin ein; nicht in die allerschlimmsten, aber doch in Dinge, von
denen ein Htejunge, wenn er auch schon ein richtiger Schfer ist,
nichts wissen kann. An seiner Krankheit, versichert der Nachbar, sei die
Schlafstelle schuld; na, was da alles passiert! und seine Braut, die
hat's auch auf der Lunge. --

Da in Berlin mit sechzehn und achtzehn Jahren _jeder_ eine Braut haben
mu, leuchtet Jachl wieder nicht ein. In Berlin sind sie doch wohl viel
weiter.

Am liebsten erzhlt der kleine Maler vom Theater. Theater ist sehr
schwer zu begreifen, wenn es einer noch nie gesehen hat. Jachl will
nicht streiten, aber, was kann an all dem Vorgemachten, was doch alles
nur ausgedacht ist, sein? Ihm gefllt nur, was wahr ist. Auf der Heide
sind ihm die Wolken und der Wind und der Schnee und die bunten Farben am
Himmel Theater genug. Aber erzhlen lt sich Jachl gern von all den
Dingen, dann ist das Stilleliegen nicht so langweilig. --

Der Nachbar zur Linken sollte vor Jahren in Frsorge; er fing aber an
zu husten, und so haben sie ihn hier eingesperrt. Fr den langen
August ist die Heilsttte zuerst dasselbe wie ein Gefngnis gewesen. Er
zeigt Jachl einen Zettel, den er mal stibitzt hat, auf dem steht:

Durch den freiwilligen Erziehungsbeirat geschickt, erscheint bei uns
die Gromutter eines 14 jhrigen ehelichen Knaben. Seine Mutter ist vor
einigen Monaten an der Schwindsucht gestorben. Der Vater lebt mit einer
Wirtschafterin zusammen. Der Knabe soll von beiden schlecht behandelt
werden.

Schwarz auf wei ist es also geschrieben, da die Schuld nicht an August
allein lag, da er so geworden ist. Er findet, Jachl kann berhaupt
noch nicht mitreden, denn Rumtreiben, ohne Obdach sein, Stehlen, das
alles kennt er nicht. -- Der lange August hat in den drei Jahren seines
Aufenthaltes hier auch eingesehen, da man weiter mit Ehrlichsein kommt,
als mit Schlechtsein. Sein Husten hat sich gebessert. August soll so
lange als mglich in der Anstalt festgehalten werden.

Den Zettel, welchen er Jachl zeigte, hat er von einem Bogen abgerissen,
auf dem lauter Sachen von schlechtgewordenen Kindern zu lesen sind.
August borgt Jachl den Bogen, damit er sieht, wie es in Berlin zugeht.
Das hat Jachl wirklich nicht gewut! In Lttersloh gibt es auch eklige
Mdchen und Jungen, die stehlen und betrgen, aber daran ist Lttersloh
nicht schuld. In Berlin sind die vielen schlechten Beispiele und die
vielen Kleider und Ringe und all die Sachen, die sie sich auf den Leib
kaufen mchten. Ja, das ist wohl zu glauben, da sie da einen
Kinder-Rettungsverein brauchen. --

Nicht weit von Jachl liegt ein kleiner Junge, dessen einziger Wunsch
darin besteht, an seinem Geburtstag bei Vater und Mutter zu sein und bei
all seinen Geschwistern. Gar keine Geschenke will er haben, nur den
einen Tag zu Hause sollen sie ihm schenken. Als Jachl dem Kleinen
erzhlt, da er nie einen Geburtstag mit Vater und Mutter gefeiert habe,
meint der: Das lgst du; ein Junge mu doch Vater und Mutter zum
Geburtstagfeiern haben, sonst ist er ja gar kein Kind. --

Erst in der Heilsttte fngt Jachl allmhlich zu fhlen an, da er zu
niemandem gehrt. Das traurige Simulieren kommt blo vom Nichtstun,
denkt er, beim Arbeiten merkt man von allen Schmerzen nichts. --

Auch er hat einen Wunsch, einen riesengroen, wie der kleine
Geburtstagsjunge. Er lautet: zur lndlichen Kolonie! Sie gehrt auch zur
Volksheilsttte. Wenn er dorthin berwiesen wrde! Sie wre fr ihn das
gelobte Land. Jedes Mal, whrend der Untersuchung beim Doktor, fat er
sich ein Herz und fngt davon an. --

Seitdem er kurze Spaziergnge machen darf, whlt er stets den Weg zum
Schweinestall. Die dorthin gelieferten Kchenabflle betrachtet er
prfend; und die Frage, wie Schweine fettgemacht werden? verursacht
ihm Herzklopfen. Schlielich wre er aber auch schon froh, wenn er in
die Abteilung: Puten, Gnse, Enten und Truthhne kme. Durch den hohen
Drahtzaun beobachtet er das Geflgel so innig und so hingebend, da der
kleine Malernachbar immer wieder rufen mu, wenn die Stunden fr den
Aufenthalt in der Liegehalle herangerckt sind.

Endlich kommt Jachls groer Tag.

Gartenbauschule heit das Paradies, das er betreten darf. Ein neues
Leben beginnt: Jten, Harken, Begieen! Mit dem Herumliegen ist es
vorber.

Von seiner Krankheit wissen die rzte wohl mehr als er selbst. Hin und
wieder mal ein bichen Husten. Das ist doch nicht Krankheit?

Die Gartenarbeit bringt all sein Denken zurck zu seinen Schnucken und
zu Lieschen. Die Heide, die Schnucken und Lieschen kommen immer bei ihm
dicht zusammen.

Lieschen ist doch seine Freundin; vielleicht sollte er sie nur ein
bichen daran erinnern. Vor Ostern schreibt er ihr deshalb:

Liebes Lieschen, wenn Du nicht kommst, reise ich zu Dir. Erlauben
werden sie es hier jetzt bald. Komme doch an einem Feiertag. Ich bin
bald gesund. Vielleicht mache ich auch nach Berlin, aber zuerst will ich
doch mal nach meinen Schnucken sehen. Ich schicke Dir das Reisegeld; so
viel kann ich noch an Dich wenden. Ich stehe am ersten Feiertag am
Gitter und warte und am zweiten wieder und am dritten auch wieder. Dein
alter Jachl.

Zu den meisten von den Groen kommt eine Braut. Jachl ist
entschlossen, mit Lieschen die Sache mal zu bereden. Sein Mut wird
tglich grer; blo _kommen_ mu sie, dann wird die Sache schon
werden. --

       *       *       *       *       *

Besuchsstunde! Sonnenschein! Feiertag! Noch viel mehr Gutes ist den
kleinen und groen Menschen in der Heilsttte kaum beschieden. --

Jachl steht pnktlich am Zaun. Ein Veilchenstruchen dreht er in der
heien Hand. Mit ihm warten Scharen von Leuten auf die Besucher. --

Wie gut es die Kranken auch haben mgen, immer fhlen sie sich als
Verbannte, fern dem flutenden Lebensgetriebe. Zank und Streit zwischen
Angehrigen hat hier aufgehrt; ein Gefhl verbindet die Besucher und
ihre Erkrankten: Liebe.

Heute strmen besonders viele im Sonnenschein der Heilsttte zu. Jachls
scharfer Blick irrt suchend umher: dort die Eine knnte es sein. Genau
wei er es nicht. Die stdtische Kleidung macht die Menschen ganz
anders. Er sucht weiter und sieht doch rasch wieder zurck. Sein Herz
klopft wie ein Hammer. --

Das Frulein im grauen Paletot, das ihm bekannt vorkam, tritt mit durch
die Pforte. Zgernd hlt es Umschau. --

So gro war Lieschen nicht; sie kann ja aber noch gewachsen sein. Also
los: Frulein --

Das Frulein bleibt stehen.

Wre sie es doch nicht, denkt Jachl eine Sekunde lang, aber schon
fragt eine bekannte Stimme: Wo finde ich hier Herrn Bohn?

Gott, Gott! Jachl kann nur stottern. Da lacht das Frulein und sagt:
Ich war wohl blind, da ich-- ich -- (sie bekommt das: Du auch nicht
leicht ber die Lippen) -- da ich Sie, nein, da ich Dich nicht gleich
erkannte.

_So_ rasch fat Jachl sich nicht. Verlegen steht er da, so verlegen, als
wre er nur noch der Schfer und htte Berlin und die Heilsttte nie
gesehen.

Aber reden mu man, wenn einer zu Besuch kommt! Was nur, was?! Jachl hat
sich doch vorgenommen zu zeigen, wie viel er hier gelernt hat. Nun
benimmt er sich recht wie ein ganz dummer Bauer! Ja, die Herren in
Berlin werden wohl anders reden knnen! Lieschen fngt aber auch gar
nicht an mit Erzhlen! So war sie doch frher nicht! Sie hat doch sonst
immer das Wort gefhrt. -- --

Weshalb Lieschen nicht redet?

Wenn Jachl nicht blind ist, mu er es doch merken. Bei dem Gedanken
wird ihr glhend hei. Was gbe sie darum, wenn ihr das nicht passiert
wre! In diesen Augenblicken ist fr sie das groe Berlin versunken. Sie
hat Jachl ja nie vergessen, aber es gibt da zu viele Herren und zu
viele Tanzlokale und zu viele Warenhuser, in denen Sachen ausgestellt
sind, die man haben mchte!

Dunkel empfindet sie: sie ist ja gar nicht mehr _das_ Lieschen, welches
mit Jachl gemeinsam den Reisekorb vor Jahren zum Bahnhof schleppte. --

In Berlin war Lieschen beinah stolz auf ihre Umwandlung, aber Jachls
gute, blauen Augen haben ganz rasch etwas in ihr geweckt, das lange
schon schlief. Man knnte es mit dem unbequemen Wort Gewissen
bezeichnen. Sie wehrt sich zwar: Geht es nicht den meisten ebenso?
Jugend hat keine Tugend und Berlin ist nicht Lttersloh. Aber so
recht berzeugen kann sie sich von ihrer Tugendhaftigkeit doch nicht
mehr. Wie konnte sie _das_ nur tun? Wenn's noch einer zum Heiraten
gewesen wre! Aber ein Studierter, der gar nicht an Heiraten denken
kann. Das hat sie doch gewut. Bis heute, inmitten der Grostadtluft,
nannte es Lieschen nur ihr Pech; heute, whrend sie den treuen
Landsmann wieder trifft, nennt sie es zum ersten Mal ihr Unglck. --
Ganz stolz stellt sie fest: gro und stattlich ist Jachl! Von der
Krankheit ist ihm nichts anzusehen. Seine Augen kommen ihr noch blauer
vor als frher. Immer hat er sowas Sinnierendes in den Augen, sowas
Anstndiges hat er an sich -- sowas -- worber sie in Berlin lachen.
Warum hat Lieschen ihn nur nicht frher besucht?! Sie war wohl ganz von
Gott verlassen? Behext mu sie gewesen sein, ja, den Kopf haben sie ihr
grndlich in Berlin verdreht. Das fhlt sie erst hier! --

Langsam kommen sie endlich in ein Gesprch. Manchmal sagt Jachl die
Worte nicht in richtiger Ordnung, und Lieschen geht es nicht viel
besser. Sie wissen selbst nicht deutlich, da das, was sie ganz in
Unordnung bringt, Rhrung ist. Wie Pferde, die schwer anziehen, und dann
im Galopp weiter wollen, so ringen sich ihnen zuerst die Worte mhevoll
aus den Herzen.

Schreckhaft durchfhrt es Jachl sofort: Nur drei Stunden -- dann ist er
wieder allein -- dann ist er wieder Einspnner. Lieschen hat sich ja
_sehr_ verndert, aber ihre Stimme, die ist noch genau wie frher, wenn
sie auch berlinisch redet.

Vielleicht ist allein diese Stimme die Ursache, da Jachl, den Schfer,
pltzlich ein fressendes Heimweh berfllt: Heimweh, wie er es nie
gehabt hat, nach _seinem_ Himmel und _seiner_ Heide und _seinem_ Stall
und _seinen_ Schnucken -- nach den Wolken, die auch _seine_ Wolken
sind. --

       *       *       *       *       *

Je mehr ich meinen Jachl kennen lerne, je fter grble ich, wess'
Standes und Geistes sein Vater gewesen sein mag. Der Mglichkeiten gibt
es wohl wie Sand am Meer. Blut von dessen Blut ist ja in seinen Adern,
deshalb wte ich so gern, wie dieses Blut beschaffen war. Jung, denke
ich, mu Jachls Vater gewesen sein, nicht gar weit vom Knabenalter
entfernt, als ihm der Sohn geboren wurde. Das Leben wird noch nichts in
ihm zertreten haben; die groe Erwartung mag noch hell in ihm geleuchtet
haben. Er war ein Vornehmer, wie immer sein Rock beschaffen sein mochte.
Vielleicht war er vor der Welt nur ein gewhnlicher Mann. Aber der
Welt trauen ist ein unsicherer Glaube. Lauschen und tief schauen ist ihr
nicht eigentmlich. Gewhnliche Leute! Sie hausen nicht immer in
Dachkammern. -- Beseligt wird der junge Trumer ein frisches Ding, das
noch ganz vom Hauch der Heide umstrmt war, umfangen haben -- --

Dann -- ja dann kam die Wirklichkeit. Sie hie: Joachim Bohn und
_schien_ nicht mehr als ein Bauernjunge.

Ja, so denke ich manchmal, wenn ich meinen Jachl ansehe und fhle, wie
er derb und doch voll Gemt ist, wie Ursprnglichkeit und ungebundene
Natrlichkeit ihn gegen alles Gemachte und bertriebene feien.

       *       *       *       *       *

Lieschen, die trotz aller raschen Lebenserfahrung ein groes Kind
geblieben ist, wei gar nicht, was fr einer da neben ihr geht. Da
Berlin mit seinem Lrm und Halloh verwandelt, glaubt sie wohl, aber vom
Einflu der Einsamkeit und ihrer eindrucksvollen inneren Beredsamkeit
ahnt ihr Gemt nichts. -- --

Zuerst nach der Ankunft hat Jachl Lieschen stolz durch die Heilsttte
gefhrt. All die vorzglichen Einrichtungen soll sie bewundern, und
dabei will Jachl den andern zeigen, da auch zu ihm Besuch kommen kann.
Weshalb sollte gerade zu ihm niemand kommen? --

Nachdem Lieschen alles gesehen hat, schlgt Jachl einen Spaziergang vor.
Lange reden sie darauf vom Wetter; wie schn der April und wie die Heide
jetzt wohl aussehen mag. Immer aber ist es, als ob etwas Schweres auf
Jachl lge. Am liebsten finge er an zu heulen. Das wre doch aber eine
furchtbare Schande.

Lieschen wischt immerfort mit dem Taschentuch ber ihr Gesicht. Ihr ist
glhend hei, nicht nur weil die Sonne so wrmt, sondern weil innere
Angst ihr Schweitropfen erpret. --

Jachl fragt nach ihrem Dienst, und wo sie Sonntags immer hingehe, aber
er hrt gar nicht, was sie antwortet. Wie macht er es blo, da er ihr
gefllt? _Wie wird er Brutigam?_

Allmhlich fngt Lieschen an, mitteilsamer zu werden. Durch viel reden
mchte sie ihre innere Verwirrung verdecken.

Sie merkt wohl, da Jachl etwas berlegt, und da seine Gedanken nicht
hier und nicht in Berlin sind. Sie wei selbst nicht, was sie
herausschwatzt von Konzert-Cafs und Kino und Landpartien und
Tanzvergngungen und von all dem dummen Zeug, das mit daran schuld ist,
da es soweit mit ihr gekommen ist. Jachl nickt beinah ebenso mechanisch
wie der Ohm damals, als er ihm seine ersten Schulabenteuer erzhlte.

Ja, die Herren in Berlin sind klger als die aus Lttersloh. Die wissen
besser, wie sie rasch zu einer Braut kommen. Jachl ist nur von einem
Gedanken erfllt. Immer und immer summen die Worte in ihm: Alles hngt
von Lieschen ab -- alles hngt von Lieschen ab -- --

Wie er das meint, knnte er selber nicht erklren. Denkt er dabei nur an
diesen Augenblick oder an sein ganzes Leben? --

Er mchte gern nach des Mdchens Hand greifen, angefat mit ihr gehen --
nur angefat. Ob er wohl solche Tat zustande bringt? Solche Tat knnte
ja wohl einen Brautstand beginnen? Wenn er doch rasch den kleinen Maler
um Rat fragen knnte.

Von winzigen Knspchen sind die schwrzlichen jungen Zweige best, neben
denen sie dahin schlendern. Lieschen bleibt stehen und sucht, ob sie
nicht einen Zweig findet, dessen Grn bereits etwas grer ist. Den
mchte sie dann mit nach Haus nehmen. Zum Andenken, wie sie sagt. Ein
paar Augenblicke sehen beide in die Bsche, dann holt Jachl sein Messer
aus der Tasche, schneidet ein paar herrliche, frhlingsfrische Zweige
und reicht sie Lieschen. Ja, er reicht sie ihr und -- mutvoll hlt er
ihre Hand ganz fest. Und nun gehen sie wirklich noch eine halbe Stunde,
wie zwei artige Kinder angefat, ihres Weges. Manchmal sieht Jachl sich
um. Er wei nicht, wnscht er, da andere ihn sehen oder wnscht er es
nicht. --

Der Duft der knospenden Pflanzen tut Lieschen wohl. Weit, weit fort von
Berlin fhlt sie sich. Htte sie nur nicht ihr Mieder so fest
zusammengeschnrt. Sie mchte gern wieder mal tief, ganz tief Atem
holen, aber das geht nicht, das ist ihr unmglich. Der Druck von Jachls
warmer Hand durchstrmt sie wie Feuer. Am liebsten fiele sie ihm um den
Hals und gestnde ihm ihre Not. --

Sie staunt: hier mu etwas Berauschendes in der Luft sein; wie knnen
Leute hier gesund werden; hier wird man eher wie von Sinnen.

Den Zug haben beide vergessen, an seine pnktliche Abfahrt gar nicht
mehr gedacht. --

Im Fluge haben sich Jachls Gefhle verndert. Ihm gengt nicht mehr das
Handhalten: einen Ku, einen einzigen, mchte er Lieschen geben.
Unermelich schwer erscheint ihm das, und er wei doch, wie viele
Menschen dies Schwere vollbringen.

Eigentlich ist er wtend auf Lieschen. Weshalb fngt sie nicht mit
Kssen an. Sie wei doch immer rasch Rat. Sie kommt doch aus Berlin!

Wieder werden sie beide einsilbig. Zuletzt verstummen sie ganz. -- --
Jetzt -- jetzt, denkt Jachl, whrend Lieschen ihn ganz bekmmert
ansieht -- jetzt. -- Seine roten Lippen pressen sich glhend auf die
ihren -- Lieschen, liebes Lieschen --

Gellend schrillt der Pfiff der Eisenbahn durch die Luft.

Ich mu weg, schreit Lieschen auf -- das ist der Zug -- meine
Herrschaft erwartet mich. Eilig reit sie sich los.

Jachl begreift, da gibt es kein Festhalten. Da auch gerade jetzt der
Zug kommen mu, jetzt in dem Augenblick, der ihn gelehrt hat, da das
Kssen gar nichts Schweres ist! Welch ein Jammer!

Beide laufen atemlos zum Bahnhof. Noch rechtzeitig kann Lieschen sich in
das Gewhl auf dem Bahnsteig mischen. Schwatzend drngen Hunderte in die
Wagen. Lieschen sitzt eingeengt zwischen singenden Burschen. Nicht
einmal mehr mit ihrem Taschentuch kann sie Jachl zuwinken. --

Lange noch bleibt er auf dem Bahnsteig stehen, nachdem vom Zuge nichts
mehr zu sehen ist. Langsam dreht er sich um. So viel Freude war wohl
noch nie in ihm! Beinahe wie Schluchzen hrt sich sein glckliches
Aufatmen an. --

       *       *       *       *       *

Joachim Bohn lie sich doch in der Arbeit so gut an, meint der
Obergrtner, aber in letzter Zeit ist er wie auf'n Kopf gefallen --

Ja, das ist Jachl. Verliebtsein ist aber auch ein Zustand, bei dem man
nicht wei, hat man noch einen Kopf oder hat man keinen. --

Wenn die andern von einer Braut reden, beteiligt Jachl sich jetzt zwar,
aber immer nur kleinlaut. War jener Ku ein Verlobungsku? Woher soll er
das bestimmt wissen? Fort kann er hier nicht so pltzlich, und seinen
langen Brief hat Lieschen bisher nicht beantwortet. Das Warten auf
diese Antwort ist schlimmer wie eine Krankheit. Jachl wundert sich, da
die rzte von solcher Heimwehkrankheit nichts merken. Ihn berfllt sie
meist ruckweise. Seit Lieschens Besuch hat er sie fast tglich ein paar
Stunden. --

Liebe, Sehnsucht, Heimweh sind fr ihn dasselbe. Nie stellt er sich
Lieschen in Berlin vor, immer nur auf der Heide. Zum Dichter macht sie
ihn: mit Lieschen hrt er in seiner Vorstellung die Rotkehlchen singen
und die Mrzdrosseln flten; mit ihr steht er unterm Kirschbaum, und sie
freuen sich an der reichen, roten Ernte. Er steckt ihr eine Kirsche in
den Mund, die so sauer, da sie das Gesicht verzieht. Darber lachen sie
beide. Jachl verspricht, nur noch mit sen Kirschen zu kommen. --

Lieschen kennt Lttersloh, aber nicht die weite Heide, auf die Jachls
Schnuckenstall gesetzt ist; sie wird es bald selber merken. Viele Tage
werden notwendig sein, um ihr die Herrlichkeiten zu zeigen, zwischen
denen sie nun wieder immer und immer leben darf. Berlin ist rascher
gezeigt, als die Heide. Teure Blumen gibt es dort wohl in Massen, aber
wer hat in Berlin solchen Haselbusch fr sich allein oder solchen
Walnubaum? Jachls Grasgarten ist eine Pracht. Wieviel Buntes blht da
nicht je nach der Jahreszeit: Schneeglckchen, Pfingstrosen, Studenten-
und Ringelblumen. Wenn im Rasen gelbe Butterblumen leuchten, wird Jachl
immer besonders lustig zu Sinn. Lieschen wird erst im Grasgarten
glauben, da Berlin beim Vergleichen schlecht fortkommt. Jachl kann
sich kein Leben unterhaltsamer vorstellen, wie das auf der Heide. --

Pfingsten wird er einen Tag Urlaub erbitten und die Sache in Berlin in
Ordnung bringen. Oktober soll er aus der Heilsttte entlassen werden. Er
zhlt die Tage. --

Unser Paradepatient! Ist gar nicht mehr zum Wiedererkennen, sagt der
Doktor, whrend er Jachl den fremden rzten prsentiert. Der hat's
erreicht. Dann redet der Doktor noch etwas von geordneter
Nahrungszufuhr, wohltuender Wirkung krperlicher Bewegung, von gut
gelfteten Schlafhusern und von planmig in Angriff genommenem Kampf
gegen Tuberkulose. Jachl hat das fremdlndische Wort so oft aussprechen
hren, da es ihm selbst ganz glatt, ohne Stottern, auch ber die Lippen
geht. --

Kurz vor Pfingsten schreibt Lieschen endlich. Jachl traut sich gar nicht
den Brief aufzumachen. Gut, da er allein beim Begieen ist; niemand
kann sehen, wie lange er das Papier zwischen den Fingern hin und her
dreht. --

Also mit seiner Reise nach Berlin ist es nichts. Lieschen mu ihre
Herrschaft in einen Badeort begleiten; sie bleibt lange fort, viele
Monate. --

Schriftlich mchte es Jachl nicht mit ihr abmachen. Er ist hierbei
mehr frs Mndliche. Nach Pfingsten vergeht die Zeit wohl rascher.
Vielleicht bekommt er ein paar Tage im September Urlaub.

[Abbildung]

Ordentlich in die Glieder ist ihm der Schreck gefahren. Aber was soll
man dabei tun? -- --

       *       *       *       *       *

Zwischen den Genesenden der Heilsttte werden alle Gesprche jetzt zu
Plnen. Nur Worte wie: Zu Hause, bei Muttern, Stellung, Arbeit,
Vorwrtskommen sind zu vernehmen.

Der lange August versichert Jachl unzhlige Male, da er viel zu schade
ist, um als Schfer zu versauern. Hundert Stellen kann er ihm in Berlin
besorgen. Kinderspiel! Bei der Figur!

Am frohesten ist der kleine Maler, da er mit seinem Nachbarn zusammen
fortkommt. Solche Jungen wie Jachl hat er in Berlin nie kennen
gelernt. --

Jachl sagt wenig. Ich glaube, seine Seele bebt. Immer ist ihm, als
schiene ganz hell die Sonne.

Zuerst will er -- gleich wenn er ankommt -- in Berlin die
Verlobungsringe besorgen, aber nein, das geht nicht, er mu das Ma von
Lieschens Finger haben. -- Ganz elend ist ihm manchmal vor Freude und
Sehnsucht. Manchmal wei er selbst nicht mehr, freut er sich am meisten
auf Lieschen oder auf die Schnucken. Es ist schwer zu unterscheiden.
Ordentlich wie Fieber ist es, aber mit der Lunge hat es nichts mehr zu
tun. -- Ja, die Schnucken! Ob die wohl einer vergessen kann, der mit
ihnen zusammen gewohnt hat, und der ihre Leiden und Freuden genau kennt?

Jochem, der nun schon so lange Jachls Schnucken in Behandlung hat, kann
eigentlich berhaupt nicht schreiben. Mhsam, sehr mhsam buchstabiert
Jachl aus den Zetteln, die von Zeit zu Zeit ankommen, was in seinem
Stall passiert. Immer bleibt der Schnuckenstall seiner. Dem wrde er
schn grob kommen, der an diesen seinen Rechten zweifelte. --

Nun er heute allen Lebewohl sagt, gibt es ihm doch einen Sto; einen
ganzen Tag hat er nur mit Bedanken zu tun. Schreiben wird er und nie
vergessen, wie gut hier alle waren, und immer so leben, wie er es hier
gelernt hat. Ja, das wird er. Darauf knnen sie sich verlassen.

Mit ihm treten zwanzig junge Menschen die Reise an; nicht nur die Fahrt
in eine andere Stadt, sondern gleich auch die Fahrt in die Mhsal des
Lebens. Alle sind frohbewegt, erwartungsvoll und siegessicher. --

Diesmal erscheinen Jachl die Huser der Hauptstadt lange nicht mehr so
hoch, wie zur Zeit seiner ersten Ankunft. Er findet aber noch, da der
Himmel zwischen den Dchern wie eingepfercht ist. Die breiteste Strae
kommt ihm luftlos vor. Vor Fleischerlden bleibt er zwar noch stehen,
aber nicht mehr sehr lange. -- Ganz ruhig betritt er eine Kneipe, als er
Hunger versprt. Der kleine Maler hat Jachl in seine Schlafstelle
eingefhrt. Erst am folgenden Morgen wollen sie nachsehen, ob Lieschen
wieder zurck ist. --

Geschrieben hat sie nicht mehr. Er wiederholt sich immer, da sie im
Dienst schwer Zeit fr Briefschreiben findet.

Ermdet begibt Jachl sich am ersten Tage auf die Schlafstelle. Der
Unterschied zwischen dem schlechtgelfteten, engen Raum und dem
Schlafhaus, das er so lange bewohnte, ist doch sehr gro. Nur die
unruhige Erwartung des nahen Wiedersehens, die ihm das Blut rascher als
sonst durch die Adern jagt, macht ihn unempfindlich gegen den Lrm, der
von der Strae hereinschallt und gegen das laute Sprechen in der Stube.
In ihm selbst mag wohl an diesem Abend der Lrm am grten sein. --

Ob auch ein Schfer Nerven hat? Dieweil er ein Mensch ist: Ja!

Mein Jachl besitzt niemanden, der ihm Schreck und Kmmernis aus dem Wege
rumt. Nicht immer wird er in der groen Stadt aufrecht stehen. Manchmal
werde ich mich seiner ein wenig schmen mssen, obwohl ich verstehe,
da ein trauriges Herz ein unguter Begleiter ist. --

An diesem ersten Abend in Berlin sind wieder nur die paar Worte in ihm:
Von Lieschen hngt es ab -- von Lieschen hngt es ab. --

Schliefest du doch recht lange, mein Jachl. Wann wirst du noch einmal so
erwartungsfroh erwachen wie am kommenden Tage?! --

Der kleine Maler ist pnktlich als Begleiter zur Stelle. Zuerst mssen
die ntigen Einkufe fr Jachls Verschnerung gemacht werden. Er selbst
wundert sich: ganz sicher geht er ber die Straen. Den Automobilen
weicht er ohne Furchtsamkeit aus. Im groen Warenhaus stellt er sich
beim Anprobieren seines Anzuges so gelassen vor den Spiegel, als habe er
von jeher auf diese Weise den Eindruck festgestellt, den er und ein
neuer Anzug hervorrufen. --

Der kleine Maler ist ein guter Fhrer. Schon frh gegen zehn Uhr sitzen
die beiden und strken sich im groen Kaufhause. -- Jachl ist nun wie
ein richtiger Stadtherr angezogen, aber fr den heutigen Besuch ist die
Verschwendung unbedingt ntig. --

Vor dem Haus: Schaperstrae 24 verabschiedet sich der Maler. --

Joachim Bohn betrachtet erst jedes Fenster des Hauses, bevor er beim
Portier klingelt. Vielleicht putzt Lieschen gerade die Scheiben. Nein,
zu sehen ist sie nicht. Langsam steigt er die Treppen hinauf. Drei hohe
Stiegen. Links, hat der Portier ihm noch nachgerufen. --

*Dr.* Marwitz, liest Jachl. Er klingelt. Dauert es immer so lange,
bevor jemand ffnet?!

Endlich hrt Jachl Schritte. Sie knnte es sein. Die Tr wird geffnet.

Ach, bitte, ich mchte zu Frulein Lieschen. Leicht lchelnd sieht das
Stubenmdchen Joachim prfend an: Ach, die -- die ist schon seit fnf
Monaten hier fort -- --

Ehe Jachl noch etwas fragen kann, steht er vor der geschlossenen Tr. --

Nie ist ihm der Gedanke gekommen, Lieschen knnte die Stelle gewechselt
haben. Genau so arglos wie Gromutter Bohn scheint der Jachl zu sein.
Nur hatte sie es besser wie er. Sie brauchte sich nicht suchend aufs
Einwohnermeldeamt zu begeben; sie erfuhr nie, wie oft Trude die Stelle
gewechselt hatte, bis sie berhaupt mit Stellenannehmen fertig
war. -- --

Etwas Furchtbares ist ein Einwohnermeldeamt. So ruhig Jachl sich bis
dahin in Berlin bewegt hat, auf den langen Korridoren des
Polizeiprsidiums wird ihm doch ganz schwindlig. Zweimal mu der kleine
Maler, der noch vor dem Hause Schaperstrae 24 stand, als Jachl
herunterkam, erinnern, da die Auskunft fnfundzwanzig Pfennige koste.
Dann sucht Jachl so lange in seinem Portemonnaie, als knne er nicht
mehr eine Mark von zehn Pfennigen unterscheiden. --

Sie suchen Lieschen Mller?

Der kleine Maler bejaht die Frage.

Minutenlanges Blttern.

Lieschen Mller, zurzeit im Mtterheim, Akazienallee. --

Erledigt! Fertig!

Jachl steht auf der Strae. Er hrt nicht, was sein Fhrer redet. Er hat
so furchtbares Sausen im Kopf, als fhren alle Autos geradeswegs durch
seinen Kopf, immer nur durch seinen Kopf.

Hin zu ihr mu er. Dabei ist nichts zu besinnen.

Gegen vier Uhr hat er sich bis zur Akazienallee durchgefragt. Der Weg
war lang. Jachl wnschte, er wre noch viel lnger gewesen. --

Ein ganz kleines Schild ist am Eingang angebracht. Mtterheim steht
darauf.

Die erste, die ihm auf dem Hofe des Gebudes begegnet, ist Lieschen. Sie
trgt ein Kind auf dem Arm, das genau ihre Augen und ihre Nase und ihren
Mund hat. Sofort erkennt das Jachl, obwohl er eigentlich alles wie durch
Nebel sieht. --

In einen Winkel des Hofes sind sie getreten. Lieschen ist kalkbleich
geworden. Sie wei nicht, was sie sagen soll.

Es ist ja gar nicht sowas Schlimmes, begehrt sie endlich fast zornig
auf. --

Wut, Schmerz, Eifersucht reien an Jachl. Zorn bermannt ihn. Sein Arm
zittert. Er mchte die Hand heben und sie schlagen; er mchte sie
erwrgen. --

Das Kind schtzt Lieschen. So viel Verstand hat er behalten: dem Kinde
will er nicht weh tun. --

Stumm, grollend stehen die alten Freunde einige Sekunden voreinander. --

Jachl hat gewut, da Mdchen Liebhaber haben, und da sie Kinder
bekommen, aber Lieschen, sein Lieschen! Er fhlt, etwas Gefhrliches
tobt in ihm. Bin ich das denn? Wovon ist mir so rot vor den Augen? Nur
fort, hier fort, denkt er.

Als habe er ein Verbrechen begangen, luft Jachl davon. -- --

Herz, du weit nichts von Schfer und Knig. Du weit nur von
Menschenleid und Menschenlust. -- --

Schon nach einer Viertelstunde verlangsamt Jachl seine Schritte. Nicht
lange, und er schleicht nur noch. In der Brust tut ihm etwas furchtbar
weh. Von einer Strae in die andere schiebt er sich ohne Ziel, ohne
klare Gedanken. --

Grelles elektrisches Licht erinnert ihn, da der Abend lngst
hereingebrochen sein mu. Ohne zu whlen betritt er eine Kneipe, einen
Keller, der laut Aufschrift bis frh acht Uhr geffnet bleibt. An einen
langen Tisch setzt er sich neben halbtrunkene Mnner.

Jauersche und Kartoffelsalat, hrt er eine Stimme rufen.

Mir auch, schreit Jachl.

Und 'ne Weie. --

Mir auch, wiederholt er.

Er it und trinkt, hrt zu und trinkt, bis aller Jammer schwindet; nicht
nur schwindet, sondern einer hellen Lustigkeit gewichen ist. Von
Lieschen und ihrem Kinde wei er bald gar nichts mehr. Was gehen die ihn
an? Da sitzt ja ein dralles Frulein neben ihm; eins, das kaum siebzehn
ist, mit gekrausten roten Haaren und vielen Ringen auf den Fingern und
einem Mund, der so rot ist, wie Jachl noch nie einen Mund sah. Eine
weie Bluse ist ber ihre Brust gespannt; deutlich erkennt man rosa
Bndchen darunter und ein Hemd, das ganz mit Spitzen besetzt ist. Wie
kommt solche Feine in'n Keller? simuliert Jachl. Und weshalb drngt
sie sich gerade an mich? Darber mu man staunen! Schade, da der kleine
Maler nicht mit hier ist, der wte sicherlich Bescheid zu geben. --

Unsicher erinnert sich Jachl, da er noch gestern in der Heilsttte
gewesen, da er fest versprochen, alles Gute, was er dort gelernt hat,
weiter einzuhalten: schlechte Luft zu meiden und schlechte Gesellschaft
und Rauch und Hitze und Alkohol und noch viele, viele Dinge, auf die er
sich jetzt gar nicht mehr besinnt. Schon heute nicht mehr besinnt! --

Immer lustiger wird es in dem halbdunklen, von Fuseldunst erfllten,
berhitzten Raum. Jachl hrt Schimpfworte gemeinster Art. Taumelnde
Gestalten verlassen den Keller. Andere, auch taumelnd, fallen die Stufen
herab. Johlend erheben sich Mnner, deren Gesichter dunkel gertet und
schweitriefend sind. Sekundenlang wundert sich Jachl immer noch, woher
er hier zwischen diesen sitzt. Dann aber hrt auch das Wundern auf. --

Alle haben ein Mdchen am Arm. Sie streiten oder sie kssen. --

Mit vielen zusammen steht Jachl endlich auf der Strae. Er merkt, auch
er hat eine untergehakt; er glaubt, es ist die mit dem spitzenbesetzten
Hemd. Genau wei er es aber nicht. --

Bezahlen kann Jachl nichts mehr. Die rote Jule hat ihm ihr geflltes
Portemonnaie gegeben. Ist das schwer und dick! Er wiegt es bewundernd in
der Hand. Weil du mir gefllst, hat sie gesagt und ihm laut schmatzend
einen Ku versetzt. Sapperment, lacht Jachl, der schmeckt, der
schmeckt, so was gibt's blo bei euch hier in Berlin.

Fr einige Minuten hat ihn die frische Luft klar im Kopf gemacht. Er
merkt, um die rote Jule beneiden ihn andere. Ja, das ist Meine,
schreit er, mir gehrt die. Dabei stt er mit den Ellenbogen um sich.
Keiner ran -- keiner ran, wiederholt er unzhlige Male, ebenso
brllend wie die anderen.

Die rote Jule streichelt ihn und versucht ihn zu beruhigen. Ihre
Freundinnen gnnen ihr den hbschen, starken Jungen nicht. Rasch stt
sie einen schlafenden Kutscher an. Heda, Mnneken, 'ne Fuhre. --

In weiche Polster sinkt Jachl. Zum erstenmal in seinem Leben fhrt _ihn_
eine Droschke.

Wohin die schne Jule mit ihm fhrt, wei er nicht. --

Erst am nchsten Vormittag, als er vors Haus tritt, studiert er:
Krnerstrae. Er dreht sich rundum. Wo ist er? In dieser Gegend war er
vorher nicht. Aber das ist ja alles egal jetzt. Wie gestorben kommt er
sich vor.

Auf Wiedersehn hat die rote Jule gerufen und ihn gestreichelt und ihn
gekt und Schatz gesagt und Liebster. --

Er lebt also doch. Das ist gewi. Aber krank ist er! An so viel Leid und
Liederlichkeit ist mein Jachl nicht gewhnt. Nicht mal an seine
Schnucken denkt er. Gleichgltig sind sie ihm, ganz gleichgltig. Kein
bichen Verlangen hat er nach ihnen. Er mu ja nun auch in Berlin
bleiben. Ja, das mu er. Geld zum Weiterreisen besitzt der Schfer nicht
mehr. Schadet nicht. Ob Berlin oder Lttersloh ist nun egal. Alles ist
egal, alles, alles. --

Schmunzelnd empfngt ihn der kleine Maler. Gar nicht erstaunt. Ja,
Berlin! Hat er nicht vorher gesagt, wie's da zugeht? Na, Rat zu schaffen
ist nicht schwer. Den neuen Anzug, ja, den mssen sie versetzen. In die
alte Kluft mu Jachl zurck. 's ist kein Unglck; auf'n Leib bekommt
man schon wieder was, trstet der Freund.

Jachl, der allmhlich wieder zu Verstand kommt, setzt eine
gottesjmmerliche Miene auf bei der Vorstellung an die rasche Trennung
von dem besten Anzug, den er im Leben besessen hat.

Tapfer steht der kleine Maler ihm in aller Not bei. Versetzt ist rascher
wie gekauft. Dann gehen sie in die Jgerstrae. Mietskontor heit es.
Jachls groe Figur gefllt. Nach zwanzig Minuten ist er angestellt,
oder, wie der kleine Maler es nennt, verkauft; so rasch geht alles,
da Jachl gar nicht mehr zur Besinnung kommt. --

       *       *       *       *       *

Jachl heit pltzlich nicht mehr Joachim, nicht mehr Jachl, er heit:
Karl. Und Schfer ist er auch nicht mehr, sondern Hausdiener. Schfer
werden in Berlin nicht gebraucht.

Der kleine Maler versichert, Joachim habe das groe Los gezogen:
Hausdiener mit Livre in solchem vornehmen Hotel. Gleich mchte er
tauschen! Die Hauptsache ist aber, in Berlin mu einer was vorstellen.
Ja, und beim Was vorstellen kommt der kleine Freund nicht mit. --

Von frh bis spt hrt Karl-Jachl seinen neuen Namen rufen. Immer
kommandiert ihn einer, manchmal gleich zwei. Er kommt sich nur noch wie
eine Schnucke vor; hier hat _er_ gar nichts mehr zu rufen, hier wird er
blo immer gerufen. Am Abend ist er so mde, da er sofort einschlft.
Whrend des ganzen Tages mu er sehr aufpassen, damit er nicht grob
angeschrieen wird. --

Zuerst war ihm immer, als habe ihn ein Schlag auf'n Kopf getroffen. Das
mu wohl vom Schreck im Mtterheim gekommen sein. Nach einer Woche ward
es besser. -- Nicht einmal so viel Zeit bleibt Jachl zum ruhigen
berlegen. Und auch nicht so viel Ruhe; denn, was war die
Volksheilsttte gegen die Pracht, zwischen der Jachl jetzt zu arbeiten
hat. Seide und Samt, Gold und Silber, wohin er sieht. Seine Gedanken mu
einer dazwischen beisammen haben, sonst knnen sie ihn nicht gebrauchen.
An die vielen groen Spiegel berall im Haus mu man sich auch erst
gewhnen. Und dann _die_ feinen Leute! Jachl gefallen sie gar nicht und
Berlin auch nicht, aber er wei wohl, der wird ausgelacht, der das
eingesteht. In Berlin ist sich verstellen die Hauptsache, das merkt er
rasch. --

Nie wre Jachl hier geblieben, htte Lieschen nicht sein Leben ganz
verdreht. Er geht ja mit der roten Jule, das ist wahr, aber mit einer
gehen und an eine andere denken, das kann passieren. --

Manchmal kommt es Jachl so vor, als nhme einer, der nicht zu sehen ist,
jeden Tag einen groen Sandsack und schtte ihn ber Berlin aus. Jedes
Sandkorn ist ein Kind oder ein Eingewanderter, und nachher soll jedes
Sandkorn allein aufpassen, da es nicht in die Erde gestampft wird. Das
ist wohl dumm gedacht, aber wenn Jachl sich in Livre noch so fein in
den Hotelspiegeln sieht, immer und immer fllt ihm das von den
Sandkrnern ein. -- Ja, auf der Heide! Da war er wohl eher etwas wie ein
festgewurzelter Baum!

Ganz leise haben sie sich wieder in ihn eingeschlichen, die Gedanken an
die Schnucken und an den Grasgarten und an die Heidewege und an die
schwarzen Machangelbsche, an die braunen Farren, an die roten Eichen,
an die weichen Moosdecken, an die scheuen Rehe, an die Spitzmuse und an
die bunten Schnirkelschnecken. Immer sind sie alle auch mit hier in
diesem feinen Hause. --

Das Beste im Hotel ist ein Landsmann, sogar einer, dem Berlin auch nicht
gefllt. Richtige Feiertagsstunden verleben beide im geheimen, wenn sie
von ihrer Gegend sprechen. Zuerst sehen sie sich immer ngstlich um;
sie wissen, gleich heit es, einer ist ein Dummkopf, wenn er an Berlin
kein Gefallen hat. Dann aber beginnen sie. Schwatzhaft wie sonst nie
wird Jachl. Anfangs ist das Gesprch ein rasch sprudelnder Quell, dann
verlangsamt es sich, bis jeder mit einem mden Seufzer aufsteht.

Jetzt, wie sieht es jetzt auf der Heide aus?, sagt Karl-Jachl. In
brennender Sonnenglut werden die Schnuckenwege liegen -- ein Mann wird
im Sonnenbrand am Heidemoor stehen und Torf stechen, er wird die
schwarzen Stcke zum Trocknen hoch aufbauen. Keiner ist wie hier in der
Nhe, der immerfort ruft. Oder vom Wacholderfeld reden sie. Oder Jachl
schwrmt von den hellen Nchten, in denen es heller ist wie hier mit
allem elektrischen Licht. Und wie anders der Regen herabrieselt als
hier, wo er immer nur strt, und wo kein Mensch auf ihn gewartet hat
und Tag und Nacht ihn herbeisehnt und Gott sei Dank bei den ersten
Tropfen sagt und sich auch noch weiter freut, wenn er stundenlang wie in
Mollen von oben herabgeschttet wird. Hier denken sie blo an die
Kleider, die verdorben werden, nicht an den drren Erdboden, der
getrnkt werden mu. Ja, was wissen sie hier berhaupt von der Welt!?
Die Heide haben die wenigsten gesehen, und wenn sie sie sahen, konnten
sie sie wieder vergessen. Ja, wie _kann_ ein Mensch die Heide
_vergessen_? Er mu ja gar kein Herz haben. Vor den Schaufenstern, wo es
blitzt und blinkert, stehen sie, und das ist doch rein nichts gegen das
Silber des Wollgrases oder das Gold des blhenden Postes oder das
Kupferrot vieler Bsche!

Die beiden Hausdiener reden immer nur halblaut. --

Lngst hat Karl-Jachl Geld genug zur Heimreise. Er wartet aber: eines
Tages knnte Lieschen kommen und nach ihm fragen, dann mu er doch da
sein. Je lnger er hier arbeitet, je weniger bse ist er ihr. Hier
werden sie nun doch mal so -- die Mdchen. -- --

       *       *       *       *       *

Ein Glcksjger bist du, mein Jachl, nicht, du Scheuer, du Reiner!
Hinter deinen Schnucken verstehst du herzulaufen, aber nicht hinter
deinem Glck! Was du auch tust, mir kommt es vor, du shest in die
Wolken. Ja, und in die Wolken sehen ist ein unsicherer Glcksweg.

       *       *       *       *       *

Jeden zweiten Sonntag geht Karl-Jachl mit der roten Jule aus. Sie
schwrmt frs Kabarett. Beim erstenmal traute er sich gar nicht richtig
hinein. Manche hatten ja gar nichts an. Was sie sangen und worber alle
lachten, verstand er kaum. Aber schlielich gewhnt sich auch ein
Schfer daran. Das bunte, wechselnde Licht gefllt Karl-Jachl und die
Studenten- oder Soldatenlieder, bei denen zuletzt alle lustig mitsingen.

Am liebsten geht er in den Zirkus. Pferde, die sind was! Die lohnen
anzusehen. Hat er einmal einen freien Abend, so steht er auf der Galerie
im Zirkus und wendet keinen Blick von den Schulreitern. --

Das nach dem Himmel sehen hat Karl-Jachl sich abzugewhnen versucht.
Wozu auch? Fabrikschlote jagen ihren Rauch in die Hhe; die langen
Huserreihen verderben alles. Und dann ist der Weg auch vom
Stiefelputzen und Koffertragen bis zum Himmel _zu_ weit; so hoch kann
Karl-Jachl nicht sehen, so scharf seine Augen auch sind. --

Einige Monate ist Karl-Jachl sehr hinter Zeitungen hergewesen. Mit
einmal sind sie ihm ganz ber geworden.

Politisches! Das geht ja, wenn es einer ordentlich versteht. Dagegen ist
nichts zu sagen. Aber sonst! Wozu steht alles drin von Zank und Mord
und Betrgerei und all den Schlechtigkeiten, die so leicht zum
Nachmachen sind? Damit mag Karl-Jachl lieber gar nichts zu tun haben.
Zuerst dachte er, sowas stehe nur selten mal drin. Ja, prost Mahlzeit!
Wie zum Bcker Semmel gehren, so gehren in die Zeitung Mord und
Totschlag. Darum sieht er nicht mehr hinein. Und auch weil sie ein'n
immer zum Geldverschwenden bringt. Besser ist, wenn man gar nicht wei,
wo es furchtbar billige Hosen oder Hte oder allen mglichen Krims-Krams
gibt. Zeitunglesen kostet mehr Geld als einer glaubt.

       *       *       *       *       *

Wer meinen Jachl nicht kennt, der knnte ihm nicht mehr den Heidjer
anmerken. Er hat sogar aufgehrt, sich, wie er es anfangs immerfort tat,
zu wundern. Er wei, in Berlin kommen wohl tglich tolle Sachen vor. Was
erlebt er nicht allein in seinem Hotel, seitdem er nicht mehr _ganz
blind_ ist!

Aus der weiten Welt steigen sie ab; Damen sind dazwischen, die so fein
aussehen wie Prinzessinnen. Der Staat der roten Jule ist nichts dagegen.
Manche betrachten den Hausdiener in der hellblauen sauberen Uniform so
freundlich, da Karl-Jachl das Blut in den Kopf steigt. Was haben sie an
ihm zu besehen? Einmal ist eine mit einem Grafen gekommen, die hat ihn
angesehen und gesagt: Sie sind Ihrer Sprache nach wohl nicht aus
Berlin? Karl-Jachl hat natrlich vor ihr stramm gestanden und ganz
stolz geantwortet: Joachim Bohn aus Lttersloh. Da ist die Dame --
ganz jung ist sie nicht mehr gewesen -- wie Schnee geworden; aber
gefragt hat sie nicht weiter. Karl-Jachl wute nicht, wodurch er es mit
ihr verdorben hatte. Am selben Abend sind der Graf und die Grfin weg,
ganz pltzlich. -- (Karl-Jachl merkte schon oft, da Herrschaften sehr
vernderlich sind.) Die Dame hat ihm einen Briefumschlag gegeben, als
sie klingelte, damit er das Gepck herunterschaffe, ja -- und da hat sie
gesagt: Behalten Sie das fr sich -- aber so undeutlich hat sie
geredet, da Karl-Jachl fragen mute, erst dann hat sie deutlich
wiederholt: Fr Sie.

Ja, Karl-Jachl hat es lngst gemerkt: Tolle Sachen passieren in Berlin.

Also in dem Briefumschlag haben fnf Scheine gesteckt, jeder ist 100
Mark wert.

Soviel Geld fr gar nichts! Karl-Jachls Schreck ist nicht klein gewesen.
Groe Damen haben wohl ihre Launen. Wenn sie nicht so pltzlich
fortgereist wre, htte Jachl sie angesprochen, weshalb sie _ihm_ das
geschenkt? Doch nicht weil er aus Lttersloh ist? Erzhlt hat er es
keinem. Wozu? In Berlin traut einer dem andern immer rasch Schlechtes
zu. Womglich htte man ihn noch fr 'nen Dieb gehalten und in die
Zeitung gebracht. Beschwren kann Karl-Jachl: Das Geld ist ihm richtig
geschenkt worden. --

Wenn er zurck nach Lttersloh kommt, will er mal rumhorchen, ob von da
eine Grfin gebrtig ist. Kann wohl mglich sein. Von berall kommen
Barone und Grafen. --

In den gewlbten Truhendeckel hinter die heilige Genoveva steckt
Karl-Jachl die Scheine. Da sind sie sicher aufgehoben. Er gebraucht sie
nicht. --

Allmhlich ist Berlin ja ganz leidlich und wre zum Aushalten, wenn es
auf der Welt keine Heide gbe. Aber wie der eine immer aufs Wasser will
und mit seinen Gedanken auf den groen Schiffen ist, so mu es Jachl
wohl in die Heide zwingen. Er kann nichts dafr. Und wenn Lieschen auch
das Kind hat, mit soll sie doch.

Gerade als Jachl beim berlegen ist, wann er hier aufhren will, bekommt
er einen Brief von seinem frheren Dienstherrn. Der schreibt ihm:

Lieber Jachl, Du bist so wie die andern auch und kommst nicht zurck,
aber ich will Dich fragen, ob Du als Oberschfer hier bei mir annehmen
willst. Ausstehen tust Du nichts, das weit Du. Hier sind die Schfer
sehr knapp, ein ordentlicher Mann ist versorgt fr Lebenszeit. Zu
Johanni geht meiner. Es grt Dein Dienstherr Klas Hinnerk.

       *       *       *       *       *

Nun ist es also soweit. Karl-Jachl hat nichts erst zu berlegen. Er ist
mit sich einig: Viele passen besser nach Berlin und manche besser nach
Lttersloh. --

Komisch ist es: Zweimal mssen sie ihn heut rufen: Karl! Karl! Fr sich
selber heit er schon in diesem Augenblick wieder nur noch: Jachl. Den
eigentlichen Namen nehmen sie einem in Berlin auch ohne viel zu fragen.
Das braucht sich wohl eine anstndige Kreatur nicht gefallen zu lassen.

Noch zwei Wochen bleibt er in der hellblauen Livre. Da er nur den
einen Platz in Berlin gehabt hat, ist selbstverstndlich. Was ntzt
verndern? Fehler sind berall, man wei nie, was man eintauscht.
Schfer sein, ist auch nicht immer ein Vergngen. Was knnen einem nicht
die Schnucken zusetzen mit Bocken und Krankheit und dazu Wind oder Nebel
oder Nsse.

Jachl wei wohl, alle soewen Johr nnert sik de Natur, aber nein, so
verndern kann sich seine Natur nicht, da er je Verlangen nach Berlin
bekommt. Stadtmensch ist Stadtmensch und Heidjer ist Heidjer. Es ist
gut, da wenige die Heide mgen! Was wre sonst wohl fr'n Gedrnge auf
ihr. --

Bald kommt Jachl hierher nicht zurck. Er sieht sich deshalb an seinen
freien Nachmittagen grndlich den Zoologischen an. Bis zur Dunkelheit
geht er herum. Am meisten staunt er ber die vielen Sorten Schafe. So
verschieden hat er sie sich denn doch nicht vorgestellt! Bcher kauft er
auch noch, in denen man nachlesen kann von Rassen und Wolle und
Krankheiten, und wie man sie behandeln mu. Und dann ein Buch, das ganz
vollgeschrieben ist vom Leben der Bienen. Schfer und Schfer ist
nicht immer dasselbe. --

Erst zuletzt will er im Hotel von seiner Abfahrt erzhlen. Lachen werden
sie nur und dummer Schfer sagen. Dumm! Dumm! Ja, wer ist denn
eigentlich der Dumme? Rasch ist das wohl gar nicht ausgemacht. In Berlin
halten sie sich ja fr furchtbar klug. Wenn man aber ordentlich
hinsieht, dann findet man nicht viel, was sie von ihrem Klugsein haben.
Viele sind krnklich, viele haben kein Geld, viele Schulden, liederlich
sind viele, und die, die ordentlich sind, mssen sich furchtbar qulen,
wenn sie weiter kommen wollen. Jachl wei, weshalb er nicht in Berlin
aushlt: Zu viel Ungerechtes mu der Mensch da hinnehmen oder mit
ansehen. Auf der Heide ist mehr Gerechtigkeit und weniger Gerede und
Grotun.

Stillvergngt lchelt er. Ihm ist bei seiner Dummheit wohler, wie denen
bei ihrer Klugheit.

Wenn blo die Sache mit Lieschen erst richtig im Gang wre. Wohl
hundertmal wollte er hin zu ihr, aber vor lauter Angst ging er nie.
Angst wovor? Ja, das kann er selber nicht sagen. Er ist ihr furchtbar
gut, und doch traut er sich nicht hin zu ihr. Das mu wohl von der Liebe
kommen. Immer wurde er ganz kopfschwach, weil sein Herz toll zu klopfen
anfing, so oft er mit ihr zusammen war. --

Jetzt kann er es aber nicht lnger aufschieben. Hin zu ihr mu er,
gleich heute, nun er nicht mehr Karl ist, sondern schon Jachl, Jachl,
der Schfer! --

Wieder sucht er Lieschens Adresse auf dem Einwohnermeldeamt. Diesmal
blttert der Beamte lnger als das erste Mal, bevor er fragt:
Verehelichte Schtze? Und hinzusetzt er: Hren Sie denn nicht?

Jachl schluckt, bis er leise herausbringt: Kann wohl sein. --

So dunkel ist ihm noch nie vor Augen geworden. Aber, da er in die
Ackerstrae gehen mu, das steht fest. Ohne Lieschen nochmal gesehen zu
haben, kann er doch nicht abfahren. --

       *       *       *       *       *

Fnf Treppen hoch, dicht unterm Dach wohnt Frau Schtze. Laute Stimmen
sind zu hren. Jachl klopft. Ein halb Trunkener reit die Tr auf. In
eine enge, halb dunkle Kammer tritt er.

Wieder hat Lieschen ein ganz kleines Kind auf dem Arm. Ein zweijhriges
hockt am Boden. Ihr Mann zankt weiter, er schimpft auf das fremde
Biest, das er mit satt machen soll. Gleich aber wirft er sich auf den
Strohsack und schnarcht schon nach einigen Minuten laut.

Leise streichelt Jachl Lieschens Arm; am liebsten streichelte er sie
immer weiter und sagte gar nichts. Aber ohne Reden geht es doch nicht.
Beide stehen dicht nebeneinander vor der Dachluke. Lieschen erklrt, da
es zu schwer gewesen allein mit dem Kinde, da sie krnklich war und
nicht mehr ordentlich hat verdienen knnen. Und egal sei ihr auch alles
gewesen, weil Jachl nie mehr was hat von sich hren lassen. Zu wtend
ist er damals weggestrzt. -- Ihr Mann war nicht immer so. Erst
seitdem er arbeitlos geworden, trinkt er. Zuerst ging alles ganz gut.
Sie haben eine ordentliche Wirtschaft anschaffen knnen. Maurer
verdienen nicht schlecht, wenn sie Arbeit haben. Nur mit Matten, dem
Jungen, fing bald der rger an; den Matten kann der Mann nicht
ausstehen.

Whrend Lieschen das alles erzhlt, hebt Jachl den Jungen auf.
Zutraulich greift ihm der gleich nach der Nase.

Jachl ist noch immer nicht fr viel Worte, er hat sich darin auch in
Berlin nicht verndert.

Ja, denn gib ihn mir man mit, Lieschen; da ist gar nichts bei zu
besinnen. --

       *       *       *       *       *

Zusammen gehen sie die Treppe herunter. Lieschen schluchzt. Das Kleinste
bergibt sie einer Nachbarin. Fr den kmmerlichen Matten ist es wohl
Glck, aber auch Glck kommt -- besonders fr Mtter -- oft wie Schmerz
und ist nicht immer gleich zu erkennen. --

Lieschen hat ihren Jungen auf den Arm genommen. Zwischen vielen Menschen
kommt er auf seinen eigenen Beinen schlecht vorwrts. Jachl geht wie ein
richtiger Ehemann neben ihnen.

Bis zum Abendzug kann er noch viel besorgen. Er will gleich noch heute
fort. Wohin sollte er hier mit dem Kinde? Und fr Lieschen und ihn ist
langes Hinziehen unklug. --

Zuerst gehen sie in ein Warenhaus und kaufen Matten ein bichen Zeug.
Lieschen mu sich auch ein fertiges Kleid aussuchen. Jachl besteht
darauf.

Was htten sie sich alles zu sagen! Wochen wrden nicht ausreichen. Aber
in solchen Stunden ist Reden das Schwerste. Zwischen Klugen und Dummen
hrt da jeder Unterschied auf. Allen liegen Steine auf den Herzen und
Schlsser vor den Lippen, und die schne Zeit geht unbentzt vorber. --

Ohne es erst zu verabreden, bleiben sie bis zur Abfahrt beisammen. Viel
Stunden sind es nicht. Eine Woge, die ihm fast Schwindel verursacht,
geht Jachl durch die Brust. -- --

Lieschen kniet vor der altersgrauen Truhe. Sie packt alles schn
ordentlich zusammen. Die heilige Genoveva klebt so fleckenlos im Deckel,
als habe sie nicht schon vor Jahren Jachl auf die Reise ins Leben
begleitet. Aber mit dem schnen Spruch: Frchte dich nicht, glaube
nur!, der auch noch unbeschdigt im Deckel befestigt ist, mit dem hat
es doch nicht seine Richtigkeit gehabt. Der Vers ist mehr fr den Himmel
geschrieben, als fr die Erde. Und fr Berlin berhaupt nicht.

Spter sitzen sie einsilbig in einem Gasthaus nebeneinander. Essen mu
der Mensch. Eisbein und Sauerkraut ist doch Lieschens Lieblingsgericht.
Ein gehufter Teller steht vor ihr. Es schmeckt ihr aber nicht. Die
mitgeschluckten Trnen drcken zu sehr auf den Magen.

Um sechs Uhr sind sie am Bahnhof. Wieder viel zu frh; genau wie damals,
als Lieschen die Fahrt nach Lneburg antrat. Jachl hat Lieschens Hand
genommen. Angefat mit ihr zu gehen, war ja immer sein hchster Wunsch.
Fest hat sie seine Finger umklammert.

Wenn die Zeit doch nicht so rasch herum wre. Nur das knnen sie
denken. Haben aber Denken und Wnschen schon je einen Zug aufgehalten?
Auch der fr Jachl bestimmte braust unbarmherzig heran. Zwei Hnde
fallen auseinander -- schwer und langsam -- --

Rasch ist ein Abteil gefunden. Lieschen langt Matten hinein. Noch einmal
steigt Jachl aus und kt ruhig die Frau, die, fast so lang er denken
kann, zu ihm gehrt, und die doch nie wirklich sein gewesen. --

       *       *       *       *       *

Fahrplanmig geht alles weiter -- auf Bahnhfen und im Leben. --

Kerzengrade sitzt Jachl all die Stunden auf der Bank. Matten schlft in
seinem Arm. Er darf doch Matten nicht stren. Vom Kinderpflegen hat
Jachl bisher nichts gelernt, deshalb stellt er sich nicht gerade
geschickt an.

Ganz steif sind seine Glieder, als der kleine Schlfer sich endlich
regt. Ordentlich recken mu er sich und strecken, bevor er die Knochen
wieder in Ordnung bekommt. --

Die letzte Fahrstunde bringt Jachl stehend am Fenster zu. Alte Huschen
tauchen auf; kleiner und grauer scheinen sie geworden, aber so
lichtumflutet liegen sie da, als wolle die Natur ihn feierlich empfangen
und beweisen, da vor ihr Unterschiede nicht bestehen. -- --

Vater!

Jachl hrt's und hrt's doch nicht.

Vater! --

Fast erschrocken dreht er sich um. Daran hat er gar nicht gedacht, da
er wohl nun der Vater ist. Rasch verwandelt sich sein erstes Fhlen in
Dank. Er drckt Matten einen Augenblick fest an seine Brust. Wir wissen
nu beide, wohin mit uns, mein Jung'; wir haben nu 'nen Platz fr alle
Liebe. Um sich gleich wie ein erfahrener Vater einzufhren, fragt Jachl
seinen Sohn: Kannst du reiten? (Etwas Besseres fllt ihm nicht gleich
ein.) Schnell hebt er Matten auf seine Kniee und lt ihn reiten, bis
sie beide ganz auer Atem kommen.

Die letzte Haltestelle ist erreicht. Jachl bergibt einem Fuhrmann seine
Sachen, nimmt den Kleinen an die Hand und wandert mit ihm auf
wohlbekannten Heidewegen weiter. --

       *       *       *       *       *

Der Schfer wei: Manch einer wird fehlen, der dahin gehen mute in den
Jahren, whrend denen er in der Fremde gewesen ist. Aber der kleine
Heideflu hier, neben dem sie eben schreiten, der ist ebenso
still-frhlich geblieben wie frher. Und gegen den rosigen Schein, der
gerade auf den Heidbergen liegt, kommt keine Illumination auf, wenn sie
in Berlin auch eine Menge Geld dafr hingeben. --

[Abbildung]

Jachl, der doch selten fr viel Worte war, mu von der Heimatluft wie
betrunken sein; er redet an diesem Morgen zu Matten, als knne er ihm
nicht eilig genug von allem erzhlen, was die Heide fr sie beide in
Bereitschaft hlt.

Gewi, wir sollen hier nur geringe Leute sein, Matten, aber du sollst
mit der Zeit selbst sehen, wo die Geringen sind; zu vielen Vergleichen
wirst du aber nicht kommen, denn du bleibst ja hier bei mir -- du und
ich gehren nun doch zusammen. Gut sollst du's haben, Matten. Ich bin so
leidlich geworden, ja, das bin ich; aber du mut anders werden, ganz
anders, dafr bin ich da; ich wei jetzt auch, was 'nem Menschen guttut
an Ordnung und Reinlichkeit und wie er sich benehmen soll. Wenn zu uns
Leute aus der Stadt kommen, sollen sie sich wundern, wie du hier
zwischen die Schnucken kommst.

Matten verstnde nichts von diesem allen, auch wenn er aufpate. Das tut
er aber gar nicht. Er ist mit den Grsern und den Blumen und den Moosen
beschftigt, die er am Boden sieht. Sonst ist er auf harten, kahlen
Dielen in lichtlosen Hofrumen herumgerutscht. Wie sollte er hier nicht
gucken und lachen und mit beiden Hnden in die Luft greifen, so oft er
in die Hhe sieht. Das Helle droben, das will er sich herunter holen.
Jachl begreift's und lacht auch und mchte ebenso nach dem Hellen
fassen.

Ja, Matten, greif du nur in die Luft. So viel Luft hast du doch in
deinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Recht hast du zu lachen, ganz,
ganz laut zu lachen, mein Jung'. Von allem Bsen sind wir jetzt fort.
Solche Jungen wie dich machen sie in der groen Stadt krpplig. So oder
so! Nachher kommen sie mit ihrem Kinder-Rettungsverein und tun sich
gro, aber was sie vorher alles ruhig geschehen lassen, davon reden sie
nicht. Hier haben wir Frieden und Segen und Gesundheit fr dich. Und
reich sind wir auch, Matten, dir kann ich's anvertrauen: Fnf blaue
Scheine haben wir. Mit der Zeit bauen wir uns ein kleines Huschen, ein
blitzblankes Huschen neben unserm Schnuckenstall. Mitbauen mut du
helfen, Matten, dabei kann ich dich nicht schonen. Fr das ganze groe
Hotel mit allem Gold und Silber tausch' ich es nicht ein, unser
Huschen. Hr' doch ein bichen zu, mein Jung', was Vater red't -- --

Jachl sagt's, aber in Wahrheit verlangt er gar nicht, da Matten
aufpat. Was kmmert es einen Trunkenen, ob ihn jemand anhrt! Jachl
wird weiter reden, bis sein glckseliges Herz zur Ruhe kommt und rasch,
ach zu rasch veratmet ja solch bichen Glckstrunkenheit.

In die Schule wirst du mssen, Matten, das gehrt sich, aber wir haben
ja noch ein paar Jhrchen Zeit. Immer will ich dir ein Stckchen Weg
entgegenkommen. Die Schnucken mssen auch mit. Und wenn du nachher
sagst: Lehrer mcht' ich werden, Dorfschullehrer, werd' ich's berlegen.
Ein bichen hoch hinaus, das schadet nicht. Und das sag' ich, Matten,
solch Prmienblatt wie Vater, das mut du Ostern auch immer mitbringen
und es ganz von weitem auch durch die Luft schwenken, und eingerahmt
soll es werden, nicht blo so angeklebt an der Wand hngen, wo
Fliegenschmutz und Staub drauf sitzen. Und, Matten, diesen Sonntag gehen
wir in die Kirche; mir ist so nach Betenmssen. In Berlin ist der liebe
Gott viel weiter weg; -- ich wei ja, da das Unsinn is, und es kommt
Vatern blo so vor, ja, das wei er, aber hin wollen wir, Matten -- du
brauchst nicht blo allein einen Vater -- ich auch.

Die Stille und der Duft der Heide treiben Jachl in diesen Minuten nur
immer strker in einen seltsamen Rausch hinein. So leicht und frei hat
er sich noch nie gefhlt. Wie kann ihm so wohl sein ohne Lieschen? Die
schmerzliche Sehnsucht ist nicht mehr in ihm. Vielleicht kommt sie
wieder, die Sehnsucht. Wie soll er das wissen? Aber heute, heute ist sie
verflogen.

Wohin, mein Jachl, wohin ist sie verflogen?

Mit der Hand beschattet er wieder und wieder die Augen, um deutlicher
erkennen zu knnen, wenn eine wohlbekannte Kuppe in der Ferne
emportaucht oder eine Waldeswand, deren Bume sich wohl doch nicht wenig
verndert haben. Breiter und hher sind sie geworden, grad wie der
Schfer. Aber dieselben sind sie doch geblieben; bei ihnen ist es blo
von auen, das Verndern.

So oft Jachl Verndertes sieht, sagt er dasselbe, nein, er ruft es:
Matten, Matten, haben wir es gut! In Berlin kommt einer beim Verndern
selten gut fort. Zum Bessern verndert er sich nich, mehr zum Schlechten
bei allem Zeitungslesen und Grotun und Geldverbrauchen und Nichtshaben.
Matten! Matten! Um uns brauch' sich keiner mehr zu ngst'gen. --

       *       *       *       *       *

Genau wie Jachl bei der Trennung von der Heide unglcklich gewesen ist,
obwohl keiner da war, dem der Abschied von ihm schwer wurde, so ist
heute niemand da, der seine Seligkeit mitempfindet. Kein Mensch. Das ist
wahr. Aber an Menschen hat Jachl auch gar nicht gedacht, so oft seine
Gedanken nach Hause flogen. Zu Hause ist er unter diesen zitternden
Zweigen, die verlangend nach ihm zu greifen scheinen, wie Mutterhnde.
Und sonst hat er hier noch hundert zu Hause, ohne Vater oder Mutter
oder Geschwister. --

Zuerst ist Jachl ganz langsam gegangen. Jetzt pltzlich hebt er seinen
Jungen auf, um rascher weiter zu kommen. Nicht wegen Klas Hinnerk, dem
Dienstherrn, hat er Eile, dem kommt er frh genug auch eine Stunde
spter. Und die Schnucken knnen auch noch ein bichen warten. Nur
Freude jagt ihn; zu sprechen hat er aufgehrt. Ein paar Minuten hat er
flten mssen. Auf der Heide ist niemand, der Flten verbietet. Nach dem
Flten ist das Singen gekommen und dann -- das Schweigen.

Hgelauf, hgelab gehen sie. Jedesmal, wenn sie aufwrts steigen,
scheint es Jachl, als kme er seinem Himmel wieder ein wenig nher.

Mit dem Himmel ist es ja wohl immer nur Einbildung, aber -- wer an ihn
glaubt, der hat ihn. --

[Abbildung]





End of the Project Gutenberg EBook of Der Schfer, by Franziska Mann

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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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