The Project Gutenberg EBook of Melusine, by Jakob Wassermann

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Title: Melusine
       Ein Liebesroman

Author: Jakob Wassermann

Release Date: April 23, 2010 [EBook #32100]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                           Jakob Wassermann

                               Melusine


                            Ein Liebesroman


                        Paris, Leipzig, Mnchen
                     (Mnchen, Kaulbachstr. 51 a)

                       Verlag von Albert Langen
                                 1896.




I.


Wenige Menschen verstehen es, ihre Wnsche im Bereich des Mglichen zu
lassen. --

Nach monatelangem Hungern war es Vidl Falk endlich gelungen, ein
Stipendium von der Hochschule zu erhalten. Mehr hatte er nicht
gewnscht. Er betrachtete sich als gemachten Mann und strebte, sich das
Leben etwas gemchlicher einzurichten. Mit der ganzen Besitzesfreude
eines Kapitalisten trug er sein Vermgen spazieren. Jedoch vermied er
das Gedrnge der Verkehrsstraen, denn er frchtete sich vor
Taschendieben. Wenn er beim Mittagessen die Zeitung zur Hand nahm, so
studierte er zuerst unter der Rubrik Lokalnachrichten die Aufzhlung
der Diebsthle und der verlorenen Geldbrsen.

Der pltzlich eingetretene Reichtum berauschte ihn. Die schmale,
armselige Zelle, in der er bis jetzt gehaust, ekelte ihn auf einmal an.
Er kndigte und ging aus, ein Zimmer zu suchen, das mit seinen Trumen
mglichst bereinstimmen sollte. Der erfinderische Sinn mnchner
Vermieterinnen, der schon den Aushngezettel mit jenen feinen Nancen
versieht, welche auf den Preis schlieen lassen, erleichterte ihm das
Suchen.

Eines Nachmittags erkletterte er die zwei steilen Treppen eines ziemlich
vornehmen Hauses in der Hestrae. Pension Bender stand an der
Korridorthre.

Ein kleines, zierliches Frulein fhrte ihn in das ausgeschriebene
Zimmer. Leutselig und mit weltmnnischem Behagen betrachtete Falk die
vier Wnde des Zimmerchens und beklagte, da keine Ottomane oder so was
hnliches vorhanden sei. Derselbe herablassende junge Mann hatte sich
vor noch nicht vier Tagen mit einem Mittagessen begngt, das aus einem
fr zehn Pfennige pfel bereiteten Mus und mit einem Abendessen, welches
aus purem Schwarzbrot bestand.

Mit ironischem Lcheln beobachtete ihn das junge Mdchen. Es schien
seine Spottlust mit Mhe zu zgeln.

Warum lachen Sie denn? fragte Falk indem er ein mglichst gutmtiges
Gesicht machte, fgte aber sogleich hastig hinzu, da er das Zimmer
mieten wrde. Wer wohnt denn sonst noch bei Ihnen? fragte er, mit der
Nase in der Luft schnuppernd, denn es roch nach Weihrauch.

Das Mdchen lie ein helles, hlzernes Lachen hren und erwiderte:
Nebenan wohnt Doktor Brosam -- er ist Arzt und er mag den Weihrauch
sehr gern--

Pfui!

Dann ein Frulein von Erdmann, eine Gelehrte, und Frulein Mirbeth. Das
ist alles.

Eine Gelehrte--? Jung?

Jetzt lachten sie Beide. --

Gegen Abend des nchsten Tages -- es war der 1. November -- bezog Falk
seine neue Wohnung. Als er mit Auspacken und Ordnen seiner
Habseligkeiten fertig war, ging er in die Kche, um die Magd nach etwas
zu fragen. Die Kchenthre stand halboffen und er wollte sie schon
aufstoen, als ihn der Anblick einer weiblichen Gestalt, welche drinnen
ganz nahe an der Thr stand, daran hinderte. Diese Gestalt war gro und
schlank, fast hager. Das ihm zugewandte Profil zeigte herbe und unschne
Linien, ja, es erschien ihm fast abstoend. Soviel er im Dunkeln
urteilen konnte, war sie noch sehr jung; er hrte eine schleppende und
etwas gewhnliche Stimme, die mit dem Tonfall einer Ermdeten der Magd
Erklrungen irgend welcher Art gab.

Vidl Falk wandte sich rasch ab, um nicht gesehen zu werden; aber in
diesem Augenblick kam das Frulein Bender aus dem Wohnzimmer und fragte
nach seinem Begehr. Whrend er noch mit ihr sprach, verlie das
schlanke, junge Mdchen die Kche und ging an ihnen vorbei. Falk sah
ihr nicht ins Gesicht, obwohl er ihre Zge jetzt genau htte sehen
knnen, da die Magd mit der Korridorlampe folgte. Nur flchtig musterte
er ihren Schlafrock von dsterroter Frbung mit den Aufschlgen an der
Brust und dem Brokatverputz. Doch obwohl er der Vorbeigehenden durchaus
keine Beachtung schenkte, hrte er doch auch nicht darauf, was das
kleine, spttische Frulein Bender sagte. Eine Unruhe, die freilich nur
einige Sekunden dauerte, hatte ihn daran verhindert.

Wer war denn das? fragte er nachher ganz gleichgltig die Kleine.

Das Mdchen streifte ihn mit einem kurzen Seitenblick und sagte mit
komischer, fast komdiantischer Wichtigkeit: Das war Frulein Mirbeth.

Falk glaubte etwas Gehssiges aus dem Ton dieser Antwort zu hren, nicht
gegen ihn, sondern gegen jene Dame. Nach Monaten noch erinnerte er sich
der ironischen Betonung des Namens und des berlegen gespitzten Mundes
mit der hervortretenden Unterlippe.

Noch in derselben Nacht schrieb Vidl Falk die folgenden, etwas
jugendlich klingenden Stze in sein Tagebuch: Ich bin ruhig und
glcklich jetzt, -- beglckt von der Einsamkeit und allerlei unntzen
Gedanken. Und doch fhle ich etwas Leeres in mir, eine Lcke, ein Loch.
Sollte dies das Weib sein? Ich glaube kaum. Man kann sich doch nicht
nach dem Giftbecher sehnen.

Auf der ersten Seite dieses Tagebuchs befanden sich in lapidaren Lettern
die prunkvollen Worte: Die reine Wahrheit.




II.


Frulein Emilie von Erdmann erwachte seufzend aus dem Morgenschlummer.
Das Auf- und Zuklappen der Thren hatte ihren Schlaf verscheucht. Die
dicke, ltliche Dame sthnte sehr laut und hielt sich mit beiden Hnden
den Kopf. Als der Lrm kein Ende nahm, murmelte sie Flche und
Schimpfworte, ballte beide Fuste gegen die unsichtbaren Feinde drauen
und rief endlich verzweifelt aus: Mein Leben ist verpfuscht! Dann sank
sie theatralisch in die Kissen zurck und holte ein Brustbonbon aus dem
Schubfach eines kleinen Tisches neben dem Bett.

Sie empfand jenes heftige Unbehagen, das Jeden heimsucht, der aus dem
Schlaf zu den Sorgen des Lebens zurckkehrt. Auch die berlegung, wieder
um einen Tag lter geworden zu sein, verstimmte sie. Der Verfall ihres
Krpers war das Schauspiel, worber sie tglich von neuem grollen mute.
Und sie wollte noch jung sein und zur Jugend gezhlt werden. Aber mit
fnfzig Jahren ist man alt, der kunstreichsten Modistin zum Trotz.

Das Dienstmdchen brachte den Morgenkaffee und Frulein von Erdmann
beschwerte sich lebhaft ber die Unruhe. Liebste Anna, sagte sie mit
vibrirender Stimme, ich bin so elend, so krank. Sehen Sie her (sie
streckte ihre Gichtfinger aus den Kissen) wissen Sie was das ist? Das
ist der Hohn des Lebens! Geben Sie mir die Hand, Anna! Ich wei, da Sie
es gut mit mir meinen. Ich war nicht immer so. Ich habe Tage des Glanzes
gesehn.

Das Mdchen lchelte kalt. Mit kecker Vertraulichkeit betrachtete es
nach Dienstbotenart die gelbe, schwammige Hand. Wieder allein, nahm die
Kranke eilig den kleinen Spiegel von der Wand und blickte starr hinein.
Sie zuckte mit keiner Wimper, ihr Gesicht nahm einen kniglich strengen
und dann einen finstern, zrnenden Ausdruck an, und ihre abnorm langen,
fleischigen Ohrlappen rteten sich.

Von neuem wurden drauen die Thren zugeschlagen, polternde Schritte
ertnten auf dem Korridor, und der neue Herr rief nach Wasser. Mit einem
Wutschrei sprang das Frulein aus dem Bette. Sie suchte nach ihren
Strmpfen, und kramte zu diesem Zweck unter den am Boden liegenden
Wschestcken, Zigarrenschachteln, Bchern, Zeitungen, Briefen und
Unterrcken; sogar auf dem Tisch suchte sie zwischen den Kaffeetassen,
Flaschen und Speiseresten. Aber das Erfolglose ihrer Bemhungen
erkennend, begngte sie sich damit, einen langen, faltenlosen Mantel um
die Schultern zu hngen, der das schmutzige Nachthemd nur schlecht
verhllte, und barfu in ein paar zerrissene Pantoffeln von ehrwrdigem
Alter zu schlpfen. Sie wollte schon hinausgehen, aber zwei Grnde
hielten sie von ihrem Beschwerdegang ab. Erstens, dachte sie, wird mein
Kaffee kalt und zweitens wre diese kleine Frau Bender fhig, mich wegen
der lumpigen paar hundert Mark, die ich schuldig bin, zu enuyiren. Dies
enuyiren gefiel ihr; es verhllte das am Besten, was zu denken sie
sich schmte.

Nach dem reichlichen Frhstck hatte sie ihre Morgenzigarre angezndet
und sich in schner Pose auf die Ottomane gelegt. Da knarrte die Thr in
den Angeln und unwillig wandte die Liegende das Haupt. Sie sah Frulein
Mirbeth im Zimmer stehen, dicht neben der Thr, die das junge Mdchen
langsam geschlossen hatte. Emilie von Erdmann sprang auf, Was -- Sie,
Frulein! rief sie erstaunt.

Frulein Mirbeth antwortete nicht. Sie schaute gerade vor sich hin, aber
nicht auf einen bestimmten Punkt, sondern sie blickte weit in die Ferne
und sie schien etwas wahrzunehmen, das mehr und mehr ihre Angst erregte.
Ihre Arme hingen schlaff an dem grauen, wollenen, schwarzgemusterten
Morgenrock herab und ihre kleinen, feinen, schmalen und mageren Hnde
leuchteten frmlich durch das Zimmer.

Aber liebes Kind, was haben Sie denn? rief Frulein von Erdmann
erschrocken und haschte zrtlich nach der Hand dieses Kindes, das
einen Kopf grer war als sie.

Das junge Mdchen machte noch immer keine Bewegung. Wohl aber begannen
die Nasenflgel zu beben und die schwarzen Augen, die aus dem blassen
Gesicht hervorleuchteten wie zwei beraus glnzende Perlen, fllten sich
mit Thrnen. Bestndig, ohne aufzuhren, nagte sie an der Unterlippe und
dann ging ein Zucken durch ihren Krper. Sie zitterte. Pltzlich machte
sie zwei oder drei Schritte vorwrts, -- schnell als frchte sie zu
fallen, warf sich auf die Ottomane, legte den Kopf auf die verschrnkten
Arme und begann zu weinen, -- leise und unaufhaltsam.

Frulein von Erdmann war ratlos. Mechanisch strich sie ber das wirre,
dunkle, glanzlose Haar der Weinenden, das bei jeder Berhrung knisterte
wie Seide.

Die dicke Dame suchte zu trsten. Wer hat Ihnen denn ein Leids gethan,
Sie Arme? Ist es Ihr, -- Ihr Vormund, ist es dieser schreckliche Oberst?
Sagen Sie mir alles. Unbesorgt drfen Sie sich mir anvertrauen. Ich bin
verschwiegen wie das Grab. Vertrauen Sie mir, liebes Kind. Ist er denn
in Sie verliebt, dieser Oberst? Und hat er Sie beleidigt? Vertrauen Sie
mir!

Und sie drngte in das junge Mdchen mit dem ganzen Ungestm einer Frau,
die um jeden Preis ein Geheimnis zu erpressen sucht.

Frulein Mirbeth richtete sich auf. Sie drckte einen Augenblick die
Lider zu, wie um dadurch widerwrtige Bilder hinwegzuscheuchen und sagte
schroff. Lassen Sie mich! Ihr Gesicht war voll Scham, und sie wute
nicht, wohin sie den Blick wenden sollte. Mit aufgehobenen Hnden stand
Frulein von Erdmann vor ihr und sagte mehr als zehnmal: Vertrauen Sie
mir!

Das junge Mdchen schttelte den Kopf und entgegnete langsam: Verzeihen
Sie, gndiges Frulein. Ich war wohl recht dumm. Aber ich kann jetzt
nicht reden. Verzeihen Sie mir. Sie nickte zerstreut und ging hastig
hinaus.

Wtend, mit verchtlich zusammengepreten Lippen sah ihr die dicke
Gndige nach.




III.


Frulein Mirbeth kehrte in ihr Zimmer zurck. Lange Zeit ging sie auf
und nieder, mit groen Schritten und scheinbar vllig losgelst von
allem, was sie umgab. Sie war phlegmatisch in ihren Bewegungen und ihr
Gesicht verriet keine innere Regung mehr. Aber etwas Freudloses und
Hoffnungsloses lag auf ihr wie Novemberreif. Beim ersten Anblick
erschien sie schlaff, mde und gleichgltig.

Sie setzte sich an den Schreibtisch, nahm Feder und Papier zur Hand und
schickte sich an, zu schreiben. Doch blieb es nur beim Ansetzen der
Feder, deren Spitze sie stets ngstlich betrachtete. Offenbar wute sie
genau, was sie schreiben wollte: Satz fr Satz; aber diese Stze aufs
Papier zu bringen, war ihr unmglich. Unmutig warf sie die Feder fort
und sttzte den Kopf in die Hand. Jetzt mute sie aufquellende Thrnen
verschlucken und pltzlich errtete sie vor Scham oder vor Ha. Sie zog
ein kleines, mit flotter Hand beschriebenes Stck Papier aus der Tasche,
entknitterte es und sah lnger als eine Viertelstunde darauf nieder.

Da klopfte es und das kleine Frulein Bender trat herein. Mit ihren
schwebenden, etwas gesucht grazisen Schritten ging sie auf die
regungslos Dasitzende zu, fate sie bei der Hand und sagte: Was ist
Ihnen denn, Mely? Sie sind so verstrt, schon seit gestern. Sogar Mama
hat es bemerkt und hat gesagt, ich mchte doch mal herein.

Mely Mirbeth schttelte langsam den Kopf, wie jemand, der fest
entschlossen ist, seinen Kummer allein zu tragen. Aber im Nu war dieser
Entschlu bei ihr vergessen und die vorige Schwche ergriff sie wieder.
Hastig und suchend erfate sie die Hand des jngeren Mdchens. In dieser
unwillkrlichen Bewegung lag ein Schwchegestndnis und ein
Anschmiegungsbedrfnis und dies wurde von dem jungen Mdchen wohl
verstanden. Es nherte seine Lippen den Wangen Melys und fragte leis:
Sie waren bei Frulein von Erdmann?

Mely lchelte schuldbewut.

Das sollten Sie wirklich nicht thun, fuhr die Kleine fort. Warum das?
Die hat uns ja doch, weil wir jnger sind als sie. Sie stirbt vor Neid
um unsere Jugend.

Melys Lcheln wurde heller und frhlicher. Mit naiver Verwunderung sah
sie das zierliche Mdchen an, das ein so scharfes und selbstndiges
Urteil zu geben wagte. Man sah auch an der schnellen Bewegung ihrer
Lider, da sie darber nachdachte. Sie sind bs Helene, sagte sie
endlich, erhob sich und begann wieder ihr Umherwandern. Ach Helene,
rief sie nach einer langen Pause, wenn Sie wten, was ich alles
durchzumachen habe!

Helene Bender sa mit verschrnkten Armen auf der Lehne des Fauteuils
und blickte mit ihren klugen, grauen Augen Mely an. Etwas Unglubiges
und Ironisches lag in ihrem aufmerksamen Blick. So klein sie war und so
unbedeutend sie aussah, so skeptisch blieb sie gegenber jedem
Gefhlsausbruch und um den schmalen Mund mit der vorgeschobenen
Unterlippe lag stets ein gleichgltiger Spott. Sie glaubte nicht an
Melys Leiden, sie hielt jene fr zimperlich und anspruchsvoll und vor
allem fr oberflchlich. Nur aus Neugierde war sie hereingekommen.

Mely ahnte nichts davon. Sie vertraute allen Menschen, auer denen, die
sie hate. Was man ihr sagte, das glaubte sie, selbst die plumpen Lgen.
In ihrem Schmerz befangen, hielt sie es fr unmglich, da jemand an der
Tiefe dieses Gefhls zweifeln knne. Sie setzte sich und sagte mit ihrer
jetzt weichen und einschmeichelnden Stimme, die etwas Bekmmertes stets
in sich hatte: Ich wollte ja auf alles gern verzichten, wenn ich nur
meine Ruhe htte. Mit nacktem Brot nhm ich vorlieb, -- nur endlich
einmal ein anderes Leben. Die Aufregungen, die Qulereien, die
Beleidigungen, -- ich bin ganz krank.

Und sie seufzte tief auf, wie Kinder thun, wenn sie sich ausgeweint
haben. Sie wissen nicht, was das ist, Helene, fuhr sie traurig fort.
Sie haben Ihre Mutter da und leben so bequem und Sorgen haben Sie
keine. Aber ich bin ganz allein auf der Welt und dieser Mann darf mich
mihandeln wie er will, darf mich beschimpfen -- o, ich bin ganz krank!
Da hab ich wieder einen Brief, sehn Sie Helene, -- da, was das ist! --
Ich mu mich zu Tod schmen.

Was ist es denn?

Ach -- das kann ich Ihnen ja gar nicht sagen. Es ist -- er will -- --
nein, es ist unmglich. Verwirrt und voll Scham wandte sich Mely ab.
Schon einmal hat er es verlangt, flsterte sie. Und weil ich nicht
will, mu ich mich qulen lassen, um nichts, um jede Kleinigkeit. Sie
nahm den Brief und zerfetzte ihn nervs zwischen den Fingern. Dann ging
sie zum Kleiderschrank, nahm ihre Straenrobe heraus und ffnete mit
einem einzigen Ri die Knpfe ihres Morgenrocks.

Ja, -- mgen Sie ihn denn nicht? fragte Helene schchtern. Oder wie
ist das?

Mgen! Erschieen knnt ich ihn.

Das kleine Mdchen lchelte verstndig. Sie trat zu Mely und ergriff
deren beide Hnde. Seien Sie doch ruhiger, sagte sie. Ist es denn
gar so schlimm? Wer wei, vielleicht stellen Sie sichs nur so
entsetzlich vor. Er ist doch oft recht nett mit Ihnen. Wie viel Schnes
hat er Ihnen schon geschenkt.

Die Trostgrnde waren banal; doch auf Mely bte die stille, sichere und
selbstbewute Art dieser Frhreifen einen beruhigenden Einflu. Sie
strich mit der Hand ber die Stirn und blickte unschlssig vor sich hin.

Was wollen Sie denn thun? fragte Helene ngstlich.

Hinber will ich. Alles will ich ihm sagen. Seinen Brief will ich ihm
vor die Fe werfen! stie das junge Weib hervor. Sie hatte vergessen,
da sie den Brief soeben zerrissen hatte.

Nicht -- nicht das, beschwichtigte Helene. Warten Sie noch bis heute
Abend wenigstens. Sie machen es ja nur schlimmer, -- warten Sie. Das
Mdchen sprach sanft und zugleich berlegen. Doch Mely schttelte den
Kopf. Ich mu, sagte sie. Ich bin sonst ganz unglcklich den ganzen
Tag. Und whrend sie sich ankleidete, erzhlte sie. Sehn Sie Helene,
ich habe neulich zu meinem schwarzen Kleid einen bunten Hut gekauft. Da
gabs Skandal. Das sei gemein, sagte er. Die Dienstboten thten das. Ich
mchte mich auffallend kleiden, nur aus Koketterie. Ich soll kokett sein
Helene, das ist doch lcherlich, wie? Aber er will nicht, da mich ein
anderer Mann nur anschaut, deswegen soll ich keine Farben tragen. Und
dann das: ich habe dreitausend Mark Vermgen gehabt, von der Mutter
noch. Und als ich volljhrig war, -- nein etwas spter, vor drei Jahren
wars, bekam ich das Geld. Da hat er nicht aufgehrt, zu drngen, ich
solle doch das Geld verbrauchen, und ich -- so dumm! -- mache die
unsinnigsten Ausgaben. Kurz, in sechs Monaten war alles verputzt. Und
wie ich dann das erste Mal von ihm Geld verlangen mute, da htten Sie
ihn sehen sollen. Ganz glcklich war er darber, ganz weg vor Freude.

Helene war erstaunt. Nun -- das ist doch schn!

Aber verstehen Sie denn nicht? Jetzt war ich doch von ihm abhngig und
er konnte machen mit mir, was er wollte. Jetzt hie es gehorchen, --
oder ... Verstehn Sie nicht? Aber es ist beim Oder geblieben. O, es war
gemein.

Sie war fertig mit der Toilette, nahm Handschuhe und Schirm und zur Thr
gehend, sagte sie leichthin: Gelt, ich bin dumm, Helene. Andere wrden
lachen. Ach Gott und grade zu dieser alten Erdmann mu ich hinein. Wie
dumm, wie dumm! Was denkt sich jetzt die. Als ob sie aus sich selbst
nicht klug zu werden vermchte, schttelte sie ganz langsam den Kopf.
Sie war unzufrieden mit sich, auch deswegen, weil sie so offen gegen
Helene gewesen war.

Als sie schon im Hausflur angelangt war, kehrte sie wieder um und ging
in ihr Zimmer zurck. Furcht und Mutlosigkeit hatten sie erfat. Sie
lehnte sich in den Fauteuil und schlo die Augen. Trotz des Mantels, den
sie nicht abgelegt hatte, fror sie aus dem Innern heraus. Wie Spreu im
Winde wirbelt, so strmten die Gedanken in ihr durcheinander. Heiraten
kann ich dich nicht, das wirst du doch einsehen, citirte sie nervs
lchelnd. Seine Frau hat er zu Grund gerichtet, dachte sie und runzelte
feindselig die Stirn. Es war seltsam, da diese Frau jetzt vor ihr
stand, wie sie an einem Maskenball des letzten Karnevals kostmirt
gewesen: im roten Pierrotgewand mit weier Zipfelmtze. Noch deutlich
entsann sie sich dabei des glhenden Gesichts, das oft mit einem
sphenden und unterwrfigen Ausdruck dem Oberst sich zuwandte. Zwei
Jahre erst war sie tot. Sie war ein feines Geschpf gewesen, klug und
wenig kokett, gro und in ihren Zgen der Saskia von Uhlenburg hnlich.
Sie war stets die Sklavin ihres Gatten gewesen. Bis ins Unbedeutendste
ging dieser sklavische Zug an ihr, dies gnzliche und fr Andere oft so
unbegreifliche Aufgelstsein im Wesen des Mannes.

Mely rhrte sich nicht. Ihre Lippen waren nicht geschlossen, und sie
hielt den Atem an. Und dann lchelte sie so, als sei sie mit allem
einverstanden, was man mit ihr treibe. Eine groe Mdigkeit kam ber
sie, und sie hegte den Wunsch zu schlafen. Aber Bild auf Bild stieg
herauf: sie lebte wieder in ihrer Vergangenheit. Sie sah sich als Kind
zur Volksschule gehen; sie sah beide Eltern auf dem Totenbette liegen,
und sie sah den alten, gtigen Herrn, den Vater des Obersts, der ihr
gerichtlicher Vormund geworden war. Dann blickte sie in die hellen,
kahlen Klostergnge hinein, in denen sie zum erstenmal mit entsetzten
Augen gestanden. Wie fremd und feierlich war dort die Welt! Sie hatte
geglaubt, die Mauern seien endlos und hinter ihnen begnne das Meer. Sie
hatte sich gefangen, bestraft gefhlt inmitten der gleichgekleideten
Mdchen, unter der strengen Obhut der Schwestern. Ihre Sehnsucht nach
der Stadt war gro; die Sandhaufen am Bahndamm erschienen in ihren
Trumen, und die elterlichen Pffe und Prgel kamen ihr vor wie se
Spe. Sie mute merkwrdig schwierige Dinge auswendig lernen und vor
jedem, der sie ansprach, ngstigte sie sich. Sie frchtete alle Menschen
mit Ausnahme des Katecheten Kilian, den sie mit der Flle ihres
zwlfjhrigen Herzens liebte. Er war ein schner, blhender Jngling,
der niemals seitwrts blickte, auch nicht zu Boden, sondern stets gegen
Himmel. In dieser Zeit wurde sie sehr fromm und sehr folgsam und wurde
den Andern als gutes Beispiel gepriesen. Doch unverstndlich war ihr nur
das eine, da sie fr alle Menschen, die sie kannte, mitbeten sollte.
Das konnte sie nie fassen. Wie sorgsam und gewissenhaft hatte sie stets
ihre Snden notirt, um bei der Beichte ja nichts zu vergessen: ich habe
der Schwester Ccilia in Gedanken unrecht gethan; ich war zu trg, um
die salischen Kaiser zu lernen; ich habe mich beim Aufwecken schlafend
gestellt, um noch lnger im Bett bleiben zu knnen -- --

Wie lange war das schon her! Wie schnell waren die Jahre hingegangen!
Allmhlich hatte sie die Welt drauen vergessen, und sie begriff nicht
mehr, da es auerhalb des Klosters noch etwas von Wichtigkeit und
Bestand geben knne. Weltlich und sndhaft waren ihr jene Mdchen
erschienen, die, lustig und guter Dinge, das Leben sonnig fanden und von
ihren Eltern in der Stadt erzhlten, von Kaffeekrnzchen, Musik und
Tanz.

Eines Umstands erinnerte sie sich mit Entsetzen und stets suchte sie
ihre Gedanken daran zu verscheuchen, nur um sich das Nachfhlen jenes
Schreckens zu ersparen. An einem Osterfest, kurz nach ihrem fnfzehnten
Geburtstag, ging mit ihrem Krper etwas Neues, Unbegreifliches vor. Sie
stand vor einem Rtsel, das sie tief erschtterte. Noch sah sie sich mit
zitterndem Leib an den Fensterpfosten gelehnt und in den verregneten
Frhlingsmorgen hinausschauen. Sie wnschte aufs Innigste, zu sterben,
sie glaubte gesndigt zu haben und wute nicht, worin diese Snde
bestand. Sie sah das Leben als etwas Finsteres und Gewaltthtiges vor
sich stehen und frchtete sich. Stundenlang in der Nacht lag sie weinend
auf ihren Kissen, und die Qual der Verheimlichung erdrckte sie. Sie
schmte sich vor allen, sie versteckte sorgfltig die benutzte Wsche,
und kein Mensch fand sich, der das Dunkel ihrer kindlichen Phantasieen
gelichtet htte. Einst, als ihre Seele durch das erneute Auftreten des
Ungewohnten in Schrecken versetzt war, ging sie, unwissend wie sie war,
ins Bad. Darauf kam die furchtbare Krankheit, deren Folgen sie niemals
verwunden hatte. Eine unsichere Empfindung des Grolls und des Hasses
beherrschte sie jetzt, wenn sie daran dachte, wieviel Schmerz ihr htte
erspart werden knnen durch die verstndige Offenheit einer Lehrerin
oder einer Freundin.

Aber nie hatte sie eine Freundin besessen. Von Allen war sie abseits
stehen gelassen worden. Etwas, das sie unaufhrlich bedrckte, etwas
Hoffnungsloses stand ber ihrem Leben.

Sie berlegte, was sie thun knnte, um sich frei und unabhngig zu
machen. Und doch, welche Angst empfand sie vor dieser Freiheit. Sie sah
dabei immer das Bild eines einzelnen Baumes auf einer endlosen Haide,
und dieses Bild der Hlflosigkeit machte sie schwach. Wenn ich doch nur
einen Bruder htte, dachte sie, der mich vor Beleidigungen wie der
heutigen schtzen knnte. Dann dachte sie an ihre Schwester, die sich
hatte verfhren lassen und die sich nun mit einem Kind elend durch die
Welt schleppte. Niemand durfte wissen, da sie eine Schwester hatte und
wer das sei. Das hatte sie dem Oberst geschworen, und er hatte ihr unter
dieser Bedingung erlaubt, das Mdchen zu untersttzen. Aber sei
vorsichtig dabei; denn die Gesellschaft, in der du verkehrst, und zu der
ich dich emporgehoben habe, ist schlau und argwhnisch.

Sie zerknllte ihren Handschuh in der Faust. Entschlossen stand sie auf,
und bald darauf ging sie mit hastigen Schritten dem Hause des Oberst
Thewalt zu. Ihre Augen blitzten vor Kampflust.




IV.


Es war Nacht, als sie die Wohnung des Obersts verlie. Sie mute gegen
den Wind ankmpfen, der ihren Schleier aufblies. Fest schlo sie den
Mund, und mit weit vorgebeugtem Kopf ging sie. Sie hatte die Begleitung
des Obersts ausgeschlagen. Nie mehr werde ich dies Haus betreten, nie
mehr, flsterte sie verzweifelt, ich Elende, ich Elende.

Ganz belanglose Dinge fuhren ihr durch den Kopf. Es wre schn, dachte
sie, wenn ich jetzt mitten durch den Wind reiten knnte auf einem wilden
Gaul, wie neulich drauen am See.

In der Pension sa man beim Thee. Frulein von Erdmann, ein polnischer
Adliger, Doktor Brosam, Frau Bender und Helene waren da. Die Herren
erhoben sich, als Mely eintrat. Sie atmete noch heftig vom
Treppensteigen und prete eine Hand auf die Brust. Zerstreut nickte sie,
wobei sie keinen der Anwesenden ansah, und die Zhne schauten unter den
schwellenden Lippen hervor, ohne da sie jedoch lchelte.

Nehmen Sie vielleicht noch eine Tasse Thee, Frulein Mirbeth? fragte
Frau Bender, und ihre groen, blauen Augen leuchteten dabei. Sie lachte
frhlich, als Mely bejahte und zeigte ihre prachtvollen Zhne.

Es entstand eine peinliche Pause, so da Mely den Argwohn fate, man
habe sich ber sie unterhalten. Darber erschrak sie; denn nichts
frchtete sie so sehr, als das, was man hinter ihrem Rcken ber sie
sprach.

Nein, welcher Sturm heute! sagte sie endlich zgernd. Sie fing den
spttischen Blick auf, den die Erdmann mit dem Doktor wechselte, und ihr
Argwohn wurde bestrkt. Wie sie in den Doktor verliebt ist, die alte
Schachtel, dachte sie. Wie sie sich herausgeputzt hat ber ihrem
Schmutz. Sie lchelte Helene verstndnisinnig zu, die, als begriffe sie
nicht, mit einem kaum sichtbaren, verwunderten Kopfschtteln antwortete.

Das ist noch gar nichts, -- _der_ Wind gengt nicht, erwiderte der
Doktor, behaglich schlrfend. Um die ungesunde Sumpfluft unserer
Zustnde zu vernichten, mte ein ganz anderer Sturm gehen.

Sie Socialist! seufzte Frulein von Erdmann hei und nherte ihre Hand
dem Arm des Doktors.

Sie habben abber garr keine Klte hier, sagte der Pole wichtig. In
Ruland -- ooh! Was fr Klte, was fr Klte! Werde ick Ihnen eine
Geschichte erzhlen. Vorikes Jahr fahrt ein Pfarrer russischer in ein
#village# Umgegend von Kiew. War serr kalt, Schnee so hoch und Wind
eisiker. Und wie Abbend kommt, laufen, -- wie sakt man: #loup, des
loups?#--

Wlfe--

Richtik, kommen Wlfe, heulen und laufen hinter Troika herr. Wlfen
werden immer gieriker und Pfarrer -- was thun? Kann sich nicht helfen,
was thut, wirft seine Kinder die Wlfe vor. Eins, zwei, drei Kinder,
immer in groe Wekstrecke, bis am Ziel war. Der Pole sah sich
herausfordernd um. Das ist wahr, bei meine Seel, beteuerte er, als ein
Gelchter, das vom Doktor ausging und alle anderen ansteckte, ihn
unterbrach. Nur Mely lachte nicht.

Was will das heien, keuchte Dr. Brosam in verhaltenem Lachen. Die
Chinesen werfen ihre Kinder den Schweinen vor. Allerdings neugeboren, da
sind sie zarter.

Nun, bei uns werden die Schweine den Kindern vorgeworfen, meinte
Helene trocken und freute sich, als das Gelchter von neuem begann.

Da giebt es noch viel merkwrdigere Sachen, hob der Doktor wieder an,
und sein schnes, bleiches Gesicht wurde sehr ernst. Ich wei nicht, ob
Sie die Geschichte von dem normannischen Fischer kennen, dessen
Gromutter ins Wasser gefallen war. Als er die Leiche auffand, sah er,
da sich Krebse daran festgesetzt hatten. Seitdem benutzt er seine tote
Gromutter zum Krebsfang.

Entsetzlich -- pfui! Wie knnen Sie so etwas erzhlen! sthnte
Frulein von Erdmann.

Der Pole war wtend und empfahl sich bald. Mely entging es nicht, da er
einen glhenden, fragenden Blick auf sie gerichtet hatte und sie zog die
Brauen zusammen. Schutzlos bin ich diesen Leuten preisgegeben, dachte
sie.

Was haben Sie denn, wandte sich Frau Bender an sie. Sie sind so
beklommen heute, so ganz abwesend, so verstrt-- Die kleine Dame hatte
etwas Kindliches und Bestechendes in ihrem Wesen, das Jeden gefangen
nahm.

Mely errtete tief. Sie wollte antworten, doch Dr. Brosam nahm fr sie
das Wort. Ja, ich glaube, das gndige Frulein ist sehr launisch. Die
meisten Damen sind so. Meine verstorbene Braut hatte nichts von dieser
modernen Sucht, mglichst wetterwendisch zu scheinen.

Mely lachte so hart, da sie selbst darber erschrak. Ihre verstorbene
Braut war halt ein Tugendspiegel, entgegnete sie achselzuckend.

Ja, allerdings, rief der Doktor heftig und mit flammenden Augen. Er
richtete sich wrdevoll auf und lie seine kostbaren Brillanten in den
Strahlen der Lampe spielen. Die Erdmann blickte entzckt an dem Hnen
empor.

Das ist ja schn, spottete Mely. Aber weshalb erzhlen Sie das immer
wieder? Das interessirt uns ja gar nicht. Wir fhlen uns ganz wohl, wenn
wir auch nicht so tugendhaft sind.

Bitte sehr! rief Frulein von Erdmann entrstet und warf giftig den
Kopf zurck.

Mely verlor alle Zurckhaltung, alle Fassung. War sie vielleicht auch
eine Demokratin, diese verstorbene Braut? War sie auch fr die
Vermgensteilung? Sie sprach rasch, voll Ha und Wildheit. Wie sehr
mute sie im Grund ihrer Seele verzweifelt sein, um so leidenschaftlich
zu disputiren.

Wie Sie sagen, genau wie ich! antwortete der Doktor sanft. Er prete
seine Lippen zusammen, da sie nur eine einzige gerade Linie bildeten.

Mely lachte wieder. Dann trug sie vielleicht auch einen Brillantring
fr achtzehnhundert Mark? So viel kostet er doch, haben Sie gesagt. Und
ging sie auch zu Schleich, um fr sieben Mark zu frhstcken, wie Sie
immer von sich erzhlen--? Wie kann jemand, der so prahlt mit dem, was
er hat, Demokrat sein wollen!

Noch viel sanfter als vorhin erwiderte der Doktor: Ich bitte Sie,
gndiges Frulein, meine verstorbene Braut nicht mehr zu erwhnen. Ich
will diesen trauten Namen von solchen Lippen nicht nennen hren. Sie
mgen wohl vorhin recht gehabt haben mit der Tugend -- ja! Man kann
gesund sein ohne Tugend, jawohl! Aber gerade Sie wissen ja auch, wie die
Welt dann urteilt!

Herr Doktor! schrie Frau Bender emprt und schlug mit der Faust auf
den Tisch. Helene erhob sich und ging zum Fenster. Der Doktor sa
leichenbla da und strich sich unaufhrlich das reiche Knstlerhaar
zurck.

Mely sah ihm entsetzt in die Augen, -- so sehr fassungslos, da Frulein
von Erdmann eine mitleidige Handbewegung machte. Dann stand sie auf und
sagte mit erstickter Stimme: Frau Bender--. Es war ein Hilferuf. Aber
ohne sich umzublicken, eilte sie aus dem Zimmer.

Im Korridor sa die Hauskatze auf einem Stuhl und putzte sich. Dann
begegnete Mely Vidl Falk, der an seiner Thr stehen blieb, um sie
vorbeizulassen. Er grte, doch beachtete sie ihn nicht, und er schaute
ihr nach mit einem zweifelnden und verwunderten Blick.

In ihrem Zimmer setzte sie sich ans Fenster und blieb unbeweglich
sitzen. Sie sah hinaus in die dunkle Novembernacht, auf die
regenglnzende Strae und auf die sturmgepeitschten Bume des Gartens.
Sie schauerte zusammen und dachte: wenn ich doch meinen Shawl htte.
Dabei htte sie nur aufstehen und zum Sofa gehen brauchen, wo er lag.
Wie schn haben es andere Mdchen, sinnirte sie; sie verlieben sich und
verheiraten sich. Dann sind sie glcklich. Aber sie sehnte sich
durchaus nicht nach dem, was man Liebe nennt, -- ganz im Gegenteil. Dies
Gefhl hatte sie bisher in so abschreckender Gestalt auftreten sehen,
da sie nur Geringschtzung dafr hatte. Nur der Wunsch, beschtzt zu
werden, lebte in ihr, und dann zwei Empfindungen: die der Verlassenheit
und eine nagende Reue.

Es klopfte und Frau Bender trat ein. Warum machen Sie denn kein Licht,
Frulein Mirbeth? rief sie erschrocken. Sie sah nur einen regungslosen
Schatten am Fenster und ging darauf zu. Sie nahm Melys Hand und sagte
herzlich: Es thut mir so leid, Sie knnen mir's gar nicht glauben.
Nein, so gemein, so gemein! Regen Sie sich nur nicht auf. Ich habe ihm
schon gekndigt, und morgen wird er ausziehen. Jetzt kommen Sie mit und
trinken noch ein Glas Punsch mit mir und Helene.

Mely schttelte den Kopf. Nein, ach nein, heute nicht. Dann sagte sie
leise und prete die Hand der vor ihr Stehenden: Frau Bender, es ist
schrecklich, da er das gesagt hat. O, ich schme mich so sehr, ich
schme mich. Alle Leute glauben es, ich wei. Aber es ist mir egal,
alles ist mir jetzt gleich. Raten Sie mir, Frau Bender, was soll ich
thun? Ich ---- Sie stockte, und trotz der Dunkelheit wandte sie sich
ab.

Frau Bender trstete in ihrer weichen, hinreienden Art. Sie mute
nicht nach Worten suchen, sondern sie flossen natrlich und eindringlich
von ihren Lippen. Doch Mely wurde dadurch nicht beruhigt. Je mehr die
kleine Frau sprach, desto erregter wurde Mely. Die Leiden, die sie in
sich verschlossen halten mute, drckten ihr das Herz ab; denn sie hatte
den Trieb, sich mitzuteilen. Frau Bender irrte auf ihr eigenes Leben ab,
ja, sie verlor sich in Jugenderinnerungen. Sie verga, wo sie war, und
berichtete mit feuriger Hingabe von ihrem Elternhaus, von ihrer Heirat
und von der Flucht ihres Mannes nach Amerika. Schlielich erging sie
sich in so heftigen Klagen, da sich nun Mely gentigt sah, zu trsten
und zu ermutigen. Kommen Sie, Frau Bender, wir wollen vorgehen. Ich
will noch bei Ihnen bleiben, sagte sie, ihren Vorsatz vergessend.

Ja, ja, trinken wir, ich werde einen famosen Punsch brauen, entgegnete
die kleine zapplige Dame, pltzlich heiter werdend.

Als sie im Korridor vor der Thre des Fruleins von Erdmann
vorbeigingen, hrten sie pathetische Worte: Ja, lieber Doktor, das ist
der blutige Hohn meines Lebens! Er schleicht hinter mir her und wird
mich verschlingen. Bitte, -- nein, bleiben Sie noch, Sie wissen ja, wie
Sie mich beglcken, mit diesen Genieaugen, Sie Abscheulicher!

Die Lauscherinnen verschlossen beide den Mund mit den Hnden, um nicht
herauszuplatzen. Dann flohen sie auf den Zehen.

Mely lachte viel und bermig in den zwei Stunden, die sie noch mit den
Damen vom Haus verbrachte. Ja, sie trieb zum Schlu Narrenspossen, und
sie schien alles vergessen zu haben, was ber sie ergangen war. Sie war
begeistert fr diese gewinnende, gutherzige Frau Bender und diese
zutrauliche, kluge Helene. Bessere Menschen giebt es gar nicht, dachte
sie sich.




V.


Am andern Morgen, es war ein Samstag, erhielt Mely ein Billet vom
Oberst. Mit zitternden Hnden erbrach sie das Couvert. Liebe Melusine,
schrieb er. Ich bitte Dich heute zum Abendessen, da ich mittags durch
den Direktor Skolny verhindert bin. Ich erwarte von Dir, da Du auch
weiterhin ein gutes Kind sein wirst. Beifolgendes Epheublatt erhielt ich
einst aus Genf. Erinnerst Du Dich? Herzlichen Gru. Wolfgang.

Der Regen fiel in Strmen, und in den Zimmern hatte man zum ersten Mal
geheizt. Als um elf Uhr die kleine Dele, Frau Benders sechsjhriges
Tchterchen, aus der Schule kam, hatte sie Wangen rot wie Kirschen.

Na, du siehst schn zerzaust aus, sagte Mely, nahm sie bei den Armen
und kte sie ab.

Ja, die dummen Buben laufen uns immer nach und lassen uns net in Ruh',
entgegnete das Kind und schob die Unterlippe noch weiter heraus, als sie
von Natur schon vorhing. Ich werd's jetzt meiner Lehrerin sagen.

Recht so, Schatz, pflichtete Mely bei, die mit dem Mdchen vllig zum
Kind wurde. Dele sagte auch du zu ihr.

Ich mchte nur wissen, was sie von uns wollen, fuhr die Kleine fort.
Sie runzelte klug die Stirn. Du, sprang sie pltzlich ab, heut frh
hat die Puzzi Junge bekommen, hast es gesehen?

Mely verneinte. Dele zog einen Zettel aus der Tasche, der mit den
steilen, zurckgebogenen Schriftzgen Helenes beschrieben war. Es stand
darauf: Die Geburt von vier gesunden Jungen zeigen hocherfreut an: Frau
Puzzi, Kater Jonas. Mely lachte.

Wundernette Katzerln sind's, sagte Dele und setzte sich der groen
Kameradin auf den Scho. Viere. Ich war dabei. Ich hab's ganz genau
gesehn. Sie kicherte geheimnisvoll und fragte dann flsternd: Du (sie
begann fast triumphirend jeden Satz mit diesem du), kommt zu den Katzen
auch der Storch?

Natrlich, gab Mely zur Antwort.

Gell, zu denen kommt der Katzenstorch?

Als Mely laut lachte, wute das Kind nicht, was es vor Verlegenheit
anfangen sollte, und feuerrot werdend, gab es dem durch diese Fragen
verblfften jungen Mdchen einen schallenden Ku.

Gegen Mittag wurde vor der Korridorthre ein ungestmes Bellen laut.
Jetzt kommt Pitt! rief Mely freudig und sprang hinaus, um dem Hund zu
ffnen. Es war ein Foxterrier, der dem Oberst gehrte, aber fast nur
Mely gehorchte. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten gro. Pitt
wollte gar nicht aufhren, mit seinem Schwanzrestchen hin- und
herzupendeln. --

Drei Tage vergingen. Mely hatte alles unterlassen, um ihre Lage
irgendwie zu klren. Nicht einmal nachgedacht hatte sie darber. Nicht
daran denken war in solchen Fllen ihr ganzes Nachdenken, und immerfort
war sie geschftig, um sich zu betuben. Unstt, beklommen und furchtsam
verbrachte sie diese Tage.

Am Mittwoch schrieb der Oberst wieder, aber an Frau Bender. Er schrieb,
da sich Frulein Mirbeth von ihm losgesagt habe, und da er ihr dies
mitteile, um sptere Gelddifferenzen zu vermeiden; fr diesen Monat
wolle er noch bezahlen, doch lehne er fr die Zukunft jede
Verbindlichkeit im Voraus ab.

Als Mely dies erfuhr, lchelte sie verchtlich, aber in Wirklichkeit
fhlte sie sich zum Tod elend. Nun steh' ich da und habe niemand auf der
Welt, dachte sie. Kein Mensch wird sich um mich kmmern, und ich werde
zu Grund gehen. Diese Frau Bender macht schon ein recht langes Gesicht.
Ja, so sind eben die Leute. Dies alles dachte sie in einem Augenblick,
whrend Frau Bender mit dem Brief vor ihr stand und sie etwas dumm
anlchelte. Losgesagt -- losgesagt, murmelte sie finster. Ich bin
halt nimmer hinber, das ist alles. Eine dumpfe Wut wachte in ihr auf.
Sehn Sie, Frau Bender, so werd' ich behandelt, sagte sie weich, als ob
sie Vertrauen und Glauben suche. Aber dabei berlegte sie im Innern:
lauter Feinde sind das. Diese Frau, dann Helene, ja sogar das Kind, --
lauter Feinde. Einem Funken gleich fiel ein verzweifelter Entschlu in
ihre Seele. Ich werde schon etwas thun, schlo sie ihre Betrachtungen.
Heute nachmittag, -- oder nein, morgen ...

Dies Morgen trstete sie. Welch eine Ewigkeit, bis morgen!

Aber der nchste Tag kam und verging, auch der zweite Tag und die ganze
Woche verging mit dem Trost fr morgen. Sie wute selbst nicht, wie die
Stunden verflogen, so langweilig einzeln und so flchtig im ganzen. Spt
stand sie vormittags auf; dann tndelte sie mit dem Kind. Zum Lesen
hatte sie keine Lust, und so nhte sie an ihren Kleidern in den langen
Nachmittagsstunden. Die halben Nchte verwachte sie und trumte mit
offenen Augen. Sie komponirte ganze Romane, wie sie, reich geworden, in
Ansehen und Luxus lebte, eine Sklavenschar um sich. Aber fr diese
glcklichen Phantasieen rchte sich der Schlaf durch bse Trume, die
wie Alp auf ihr lagen, -- tagelang. Es waren immer Trume, in denen sie
bedroht war, in denen sie sich allein sah auf einem weiten Plan, in
einem Wald, in Schluchten. Und da wurde sie verfolgt, bis sie zu mde
war, um weiterfliehen zu knnen. --

Nun, was wollen Sie denn jetzt beginnen, Frulein Mirbeth? fragte
einmal Frau Bender mit demselben dummverlegenen Lcheln, mit dem sie
stets von dieser Angelegenheit sprach.

Ja was denn, was denn! flsterte Mely bestrzt wie ein Schuldner, der
sich gemahnt und bedrngt sieht. Heute, -- gewi heute thu' ich's,
dachte sie im Stillen. Ach Helene, fgte sie verzweifelt hinzu, und
lehnte sich in den Fauteuil zurck, den Kopf in die gefalteten Hnde
legend.

Helene sah verstndnislos ber Melys Schulter hinweg und lchelte ebenso
einfltig, wie ihre Mutter. Sie wissen alle beide, da ich nichts habe,
dachte Mely. Wo ist jetzt diese ganze Liebenswrdigkeit und
Freundschaft? Sie redete sich in einen bitteren Menschenha hinein. Sie
brauchen keine Angst zu haben, Frau Bender, sagte sie khl. Sie werden
durch mich um nichts kommen.

Fassen Sie das nicht so auf, Frulein, entgegnete Frau Bender mit
groer Herzlichkeit. Ich bin nur besorgt um Sie. Wie schlecht sehen Sie
aus, ganz mager sind Sie im Gesicht geworden. Sie mssen doch etwas
thun, irgend etwas!

Mely antwortete nichts. Sie nagte an ihrer Unterlippe, da die Haut ri.
Mit weitgeffneten Augen sa sie da und blickte nach oben, ein Bild der
Hlflosigkeit.

Kurze Zeit darauf kleidete sie sich an und ging fort. Bald berfiel sie
die Mdigkeit, und ihr Gesicht hatte einen klagenden und bekmmerten
Ausdruck. Das leuchtende Bla ihrer Haut unter dem schwarzen Schleier
hatte etwas Krankhaftes, und auch ihr lssiger Gang hatte gleichsam dies
Klagende, Zielunbewute. Sie fhlte Hunger und suchte ein vornehmes
Restaurant im Innern der Stadt auf. Aber als das Essen vor ihr stand,
sah sie, da sie sich getuscht hatte, denn sie brachte keinen Bissen
hinunter. Sie bemerkte mit Schrecken, da sie fieberte; es fror sie.
Rasch zahlte sie und ging, von zahlreichen, bewundernden Mnnerblicken
verfolgt.

Sie betrat ein Waffengeschft und kaufte einen sechslufigen Revolver
fr fnfzehn Mark. Sie lie sich den Mechanismus erlutern, und dann
bestieg sie eine Droschke. Es hatte zu regnen begonnen, und der Regen
war mit Schneeflocken vermischt. Sie hatte Kopfschmerz, und ihre Zhne
klapperten. Ich habe nichts mehr zu leben, sagte sie sich, whrend sie
wie erstarrt im Wagen lehnte und die Beine ausstreckte. Was soll ich
noch leben, das hat ja gar keinen Wert.

Sie stand in ihrem Zimmer, ohne da sie wute, wie sie heraufgekommen
war. Sie erinnerte sich nicht, den Kutscher bezahlt zu haben. Lange Zeit
hindurch -- lnger als eine Viertelstunde blickte sie in den Spiegel.
Da lchelte sie bisweilen hochmtig, aber sie erschien sich fremd. Sie
hatte das Gefhl, als knne sie nicht mehr das denken, was sie denken
wollte. Sie dachte nicht an den Tod, den sie doch suchte, und den sie
doch mehr als jeder andere Mensch frchtete, sondern sie dachte: das
Roastbeef, das ich mir da im Restaurant geben lie, sah sehr schn aus.
Schade, da ich es nicht gegessen habe. Oder: mein Schleier hat ein
groes Loch; man kann nicht mehr damit ausgehen. Oder sie hatte den
Wunsch, ein Erdbeben mchte eintreten und das Haus, die Stadt mchten
zerstrt werden, nur damit dies langsam Erdrckende ihrer Lage ein Ende
habe.

Es war dunkel geworden. Sie zndete die Kerze an. Der Regen klatschte an
die Scheiben. Im Korridor machte Dele mit einer Spielgenossin groen
Lrm. Die Hausfrau hantirte in der Kche. Alles war verstimmend,
freudlos, hoffnungslos fr die Sinne Melys. Sie glaubte jetzt ganz ruhig
zu sein, und sie sagte sich das auch. Ja, sie sagte es leise vor sich
hin und verwunderte sich noch im Stillen darber. Bald aber schlug ihr
das Herz wie ein Hammer so krftig, es schlug zum Zerspringen. Sie
wollte die Thr verriegeln, doch fand sie, da sie es schon vorhin
gethan hatte. Sie lachte einmal laut auf, ohne zu wissen weshalb. So
eine Dunkelheit herrschte in ihren Gedanken.

Pltzlich nahm sie die Schuwaffe in die Hand und sagte dabei laut: Es
ist ja ein Unsinn, aber ich thu's doch. Ihr Arm zitterte heftig;
eigentlich war es kein Zittern, sondern ein Auf- und Niederfahren, genau
im Takt der Herzschlge. Sie war wie besinnungslos. Das Licht sollte
ich auslschen, flsterte sie. Aber nein, nein, nein, entschied sie
dann trotzig, es mag brennen bleiben. Und sie nickte der Flamme
flchtig zu.

Sie spannte den Hahn und drckte. Es knackte wohl, aber der Schu ging
nicht los. Sie wartete einige Sekunden. Sie war verstrt, einer Ohnmacht
nahe. Sie probirte am Schlo der Waffe, aber ihre Bemhungen waren
erfolglos.

Sie setzte sich aufs Sofa. Die Fe waren bleischwer. Die alte Unruhe
und die alte Angst kamen wieder. Nun, ich werde morgen zu dem Verkufer
gehen und den Revolver untersuchen lassen, beschlo sie achselzuckend.
Sie wute genau, da sie diesen Vorsatz nicht ausfhren wrde.

Man klopfte an die Thr. Die Magd bat zum Abendessen. Mely, froh, da
ihr Alleinsein ein Ende habe, kleidete sich rasch um, verlschte die
Kerze und ging hinaus.

Als sie das Ezimmer betrat, sah sie einen jungen Mann am Tisch sitzen.
Frau Bender stellte vor: Herr Falk -- Frulein Mirbeth.




VI.


Herr Falk hat sich entschlossen, bei uns zu essen, erklrte Frau
Bender. Er will seine Einsamkeit endlich ein bischen verlassen.

Mely antwortete mit einer hflichen Grimasse. Sie betrachtete ihren
grauen Schlafrock und rgerte sich, da sie nicht eleganter erschienen
war. Wo ist denn Frulein von Erdmann heute? fragte sie.

Herr Doktor Brosam besucht mit ihr das Theater, erwiderte Frau Bender
lachend. So zum Abschied, wissen Sie. Ach, sie liebt ihn doch so,
fltete sie mit komischer Innigkeit.

Ja, denken Sie, und nicht einmal ein Liebesdrama wird aufgefhrt,
sagte die boshafte Helene.

Wir bekommen jetzt eine noch ltere Dame, ein Frulein von Mahnke,
erzhlte die Hausfrau. Auch eine Gelehrte oder so was hnliches.

Hoffentlich nur was hnliches, denn etwas Schlimmeres gibt es nicht,
bemerkte Falk. Er hatte bis jetzt seine junge Nachbarin noch nicht
betrachtet. Nun sah er sie an, wandte aber sofort den Blick wieder ab.

Wie werden Sie da erst ber mich urteilen! sagte Mely.

Warum?

Frulein Mirbeth malt, erluterte Helene, das letzte Wort ironisch
betonend.

Ach, eigentlich nur ein wenig. Ich lerne ja noch, setzte Mely hinzu.
Ich habe nicht viel Talent und nicht viel Lust. Aber ich mu, fgte
sie rasch bei, als sie den erstaunten Blick des jungen Mannes bemerkte.
Ich mu, wiederholte sie schchtern. Man mu doch etwas sein.

So--o! -- Was malen Sie? Portrt?

Landschaft -- nur Landschaft, sagte sie mit blitzenden Augen, denn der
geringschtzige Ton seiner Stimme reizte sie. Sie wollen wohl auch, da
die Frauen stumpfsinnig bei der Kocherei und bei der Nherei bleiben?
fragte sie, schon erschreckend ber ihre Khnheit.

Nein, nein, entgegnete Falk stirnrunzelnd. Sie mssen schon
verzeihen -- er errtete und machte eine linkische Geste -- aber ich
meine, wen es dazu treibt, der soll's treiben. Das ist ja
selbstverstndlich. Ich spreche ungern darber, weil man immer dieselben
Dinge sagen mu. Gewi, die Frau soll nicht beschrnkt sein in dem, was
sie thut, aber auf zehn talentvolle Mnner wird doch hchstens eine
talentvolle Frau kommen, die es auch um der Sache willen thut. Bei den
meisten Frauen ist die Beschftigung mit Wissenschaft und Kunst nichts
als eine verfehlte Heirat. Aber das ist ja alles so oft gesagt worden
und so selbstverstndlich.

Ja, Sie haben recht, pflichtete Mely bei. Sie sah Vidl Falk ein wenig
trumerisch an, ohne sich dessen bewut zu werden. Durch ein verstecktes
Lcheln, das um seine Lippen spielte, erwachte sie gleichsam, und
errtend pickte sie mit den Fingern die Brotkrumen vom Tischtuch.

Das Mahl ging unter gleichgltigen Gesprchen zu Ende.

Sie sehen sehr abgespannt aus, Frulein, sagte Falk beim Thee zu Mely.
Als ob Sie eine groe Fureise gemacht htten.

Ja, ich habe Kopfweh, entgegnete sie rasch mit gesenkten Lidern.
Seltsam, aufs neue, aufs qulendste erwachte gerade in diesem Augenblick
die Reue in ihr. Die Worte Falks erwrmten sie. So vergessen von aller
Welt erschien sie sich, da diese in fast besorgtem Ton gemachte
Bemerkung, die doch mglicherweise eine bloe Redensart sein konnte, ihr
wie eine Liebkosung erschien. Sie prete die Hand an die Stirn, wie um
zu beweisen, da sie groe Schmerzen habe.

Frau Bender hatte um Entschuldigung gebeten. Sie lag auf dem Divan und
war dort eingeschlafen. Helene, in der altjngferlichen Haltung, die ihr
oft eigen war, sa im Stuhl zurckgelehnt und hrte zu, bald Beifall
lchelnd, bald grundlos errtend. Eine Riesenrose aus Kreppstoff hing
ber dem Milchglassturz der Hngelampe und hllte die eine Hlfte des
Raumes in Dunkelheit. Der Divan mit der schlafenden Frau Bender, das
Pianino, die Thre nach dem Schlafzimmer der Familie und ihre braunen
Portieren, ein Stahlstich nach einem Hobbema und ein Genrebildchen von
Horstik, -- das alles lag in Dmmerung. Falk rauchte, und der blaue
Dunst schwebte in Schlangenlinien, in feinen Schleiern, in
verschnrkelten Figuren, gegen das Licht, ber welchem er, von dem
heien Luftstrom erfat, blitzschnell nach der Decke emporwirbelte.

Haben Sie sehr groe Schmerzen? fragte Falk. Ich kann sie lindern.
Oft schon hab' ich das gethan. Ich brauche nur die Hand auf Ihre Stirn
zu legen.

Nein--?

Gewi, -- gewi, beteuerte er und seine Augen funkelten. Er stand auf
und stellte sich vor Mely hin. Dann nahm er ihre beiden Hnde in seine
beiden und forderte sie auf, ihn unverwandt anzublicken. Sie zgerte
lange, mit scheuem Lcheln streifte sie die berlegen dreinschauende
Helene, und endlich wagte sie es, den jungen Mann anzusehen. Aber sie
ertrug es nicht, sie mute den Blick zu Boden senken. Auch schmte sie
sich, da sie gelogen hatte, denn in Wahrheit hatte sie gar keine
Schmerzen. Doch es war, als ob sein Blick sie zwnge die Augen
aufzuschlagen, und sie gehorchte. Sie begegnete seinem Blick und ein
paar Sekunden lang sah sie ihn ganz starr an. Dabei lag etwas Staunendes
in ihren Augen und zugleich etwas Flehendes.

Er nahm nun ihre zwei Hnde in seine Rechte. Ihre Hnde waren kalt wie
Stein und glatt und trocken. Mit seiner Linken bedeckte er ihre Stirn.
Da schttelte sie energisch den Kopf, und unwillig stand sie auf. Falk
war bestrzt, aber nur deshalb, weil er nicht lnger in diese glnzenden
Augen sehen konnte, in denen sich der Augapfel so beraus rein von dem
milchigen Wei des brigen Auges abhob.

Sehen Sie nur her! rief Mely am Fenster, Helene und Falk traten zu ihr
und schoben die Gardine zurck. Der erste Schnee war gefallen. Er
bedeckte die Dcher und die ganze Strae und die Hfe und die Grten,
wie Konditoreiwaren mit Zucker bestreut sind. Auch der Mond stand am
Himmel, gerade zwischen zwei Schlten eines Nachbarhauses. Alles war
grn von seinem Licht.

Wie fremd fhlte sich Mely ihren frheren Leiden gegenber! Es war ihr
zu Mute, als lgen Jahre dazwischen. Nicht da sie gewaltsam die Augen
vor Gefahren geschlossen htte, -- sie sah keine Gefahren mehr. Sie kam
sich auch gar nicht mehr vereinsamt vor. So schnell wechselte ihre
Stimmung, so sehr konnte sie sich der Behaglichkeit eines Moments
hingeben.

Haben Sie immer noch Kopfschmerz? fragte Falk.

Sie verneinte und schmte sich aufs neue ihrer Lge. Dabei fragte sie
sich, warum sie eigentlich gelogen und warum ihr diese Lge gerade jetzt
peinlich sei. Wieviel Lgen hatte sie schon gesagt, ohne viel
nachzudenken. Sie wollten mich wohl hypnotisiren? fragte sie, den
jungen Mann furchtsam anblickend.

Bei Ihnen wr' es nicht schwer, erwiderte er. Wollen Sie?

Nein, niemals! rief sie erschrocken. Nicht wahr, da kann man einem
alle Geheimnisse entlocken?

O--! machte Falk.

Jetzt denkt er sicher, ich sei dumm, dachte Mely. Ich sehe es deutlich
an seinem Lcheln. Bah, das macht ja nichts.

Es ist komisch, meinte Helene, wenn man so dasteht wie jetzt und man
schaut hinaus, und es ist alles so ruhig, -- da wnscht man sich doch
etwas. Oder, -- wie will ich sagen, man fhlt sich besser als in andern
Stunden, nicht?

Wenn sie so sprach, ernst und nachdenklich, berhrte alles sympathisch
an ihr. Man fhlte, da es aufrichtig war, was sie sagte, und war ihr
dankbar, da sie dadurch das Innige der Stimmung vermehrte. Sie war
klug.

Das ist wahr, antwortete Falk. Ihnen sieht man zum Beispiel an, was
Sie wnschen.

Nun was -- was? drngte sie ein wenig kokett und als sei sie berzeugt
davon, da niemand in ihr Innerstes einzudringen vermge.

Ich halte Sie fr sehr ehrgeizig.

Das mag sein, besttigte Helene geschmeichelt und blickte Falk dankbar
an. Ja, das bin ich auch, fuhr sie nach einer Pause eifrig fort. Ich
mchte etwas anderes als andere.

Und das wre--?

Ich mchte vielleicht zu meinem Vater, -- mchte ihm bei seinen
Arbeiten behilflich sein, -- Sie wissen ja, er ist Bildhauer, ich mchte
vielleicht selbst -- ach Gott, was mchte man denn nicht! brach sie ab,
die Worte fast singend. Es schien, als bereue sie, so offen gewesen zu
sein. Aber immer noch lag diese Dankbarkeit gegen Falk in ihrem Gesicht,
als htte er bewiesen, da er ihre Natur richtig beurteile, und als
htte er durch diese harmlose uerung ungewhnlichen Scharfsinn
verraten. So viel mchte man, so viel! wiederholte sie, halb
sehnschtig, halb ironisch.

Sie mchte, aber sie thut nichts, dachte Mely. Den ganzen Tag faullenzt
und trumt sie und ihre Mutter mag sich qulen und abarbeiten. Nicht
einmal etwas nhen, nicht einmal bgeln mag sie. Aber warum zrne ich
ihr? fragte sie sich gleich darauf. Vielleicht weil sie etwas Kluges
gesagt hat? Ja, warum zrnte sie ihr?

Knnen Sie auch ber mich etwas sagen? fragte sie den jungen Mann,
indem sie die Ellbogen auf die Kniee sttzte und sich weit vorbeugte.

Wieder konnte Falk in ihre Augen blicken, die gespannt und furchtlos auf
ihn gerichtet waren; und er verga darber fast, zu antworten. Er wurde
verwirrt und strich die schwarzen Haarstrhne aus der Stirn. Er
stotterte: Ich -- ich halte Sie fr sehr vertrauensselig und -- nun ja
-- fr sehr vertrauensselig, schlo er, als knne dies eine Wort alle
andern in ihrer Charakteristik ersetzen.

Sie lchelte. Der Herr Oberst sagt immer, ich sei schrecklich
mitrauisch, sagte sie leise.

Der Herr Oberst, -- wer ist das?

Das -- das ist -- mein Vormund. Ein dunkler Schatten fiel gleichsam
ber sie und machte sie unruhig.

Sind Sie hier geboren? fragte Falk.

Nein, ich bin Frnkin. Unterfranken ist meine Heimat. Dort in den
Weinbergen, -- in Sommerhausen...

Da sind wir ja Landsleute, auch ich bin Franke. Und Sie haben keine
Eltern mehr? Auch keine Geschwister?

Beides verneinte sie. Und es trieb sie, die neue Lge wahrscheinlicher
zu machen. Ganz allein hab' ich immer gespielt als Kind, erzhlte sie.
Meine Eltern lieen mich gar nicht mit andern Kindern spielen. Immer
vom Fenster aus hab' ich zugesehn, wenn die andern so vergngt waren, --
wie eben Kinder vergngt sind. Und ich durfte nicht mitthun. Es ist
merkwrdig, -- gerade jetzt trum' ich so oft von der Kinderzeit, --
aber ganz genau, wie es damals war. Ich seh' meine Mutter noch mit ihrem
schwarzen, dicken Haar und dem Scheitel in der Mitte. Meine Mutter hatte
nmlich herrliches Haar, ganz blauschwarz. Wie oft hat sie mich fr
nichts und wieder nichts geprgelt. Sie war jhzornig, gerade wie ich.
Und denken Sie, davon trum' ich oft so deutlich, gerade von den
Prgeln.

Trumen Sie denn nicht auch von schnen Dingen? Vom Heiraten zum
Beispiel--? Nein? Und Sie denken auch nicht daran?

Jetzt nimmer, frher. Frher, als ich noch dreizehn Jahre alt war oder
vierzehn, da dacht' ich mir immer: Wie schn wird es sein, wenn ich
einmal zwanzig alt bin. Da knnte ich dann heiraten. O, es wre fein.

Sie lachten.

Haben Sie denn auch ein Ideal gehabt? fragte Falk. Das gehrt doch
dazu. Ein Dichter oder ein Raubritter, wie?

Mely ging auf den Scherz ein. Ach nein, sagte sie melancholisch. Ich
htte am liebsten einen Katecheten mgen.

O, wie komisch! Das ist wenigstens originell! Haben Sie immer so aparte
Wnsche? -- --

Es war spt geworden, und Mely erhob sich, um zu gehen. Sie drckte Falk
und Helene die Hand, und zndete dann ihre Kerze an, die auf der Kommode
stand, und die sie allabendlich dorthin stellte.

In ihrem Zimmer angelangt, war das erste, was sie that, dies: Sie nahm
den Revolver, der auf dem Tisch lag, und versteckte ihn sorgfltig in
ihrem Wscheschrank. Dann setzte sie sich auf den Rand des Bettes,
sttzte die Arme rckwrts auf die Kissen und sah mit halbgeschlossenen
Augen ins Licht. Haben Sie groe Schmerzen -- ich kann sie lindern,
sagte sie leise vor sich hin und klemmte die Unterlippe zwischen die
Zhne. Jedes Wort, das an diesem Abend gefallen war, htte sie
wiederholen knnen. Warum bin ich denn nur so heiter? dachte sie. Warum
ist mir so leicht? -- --

Halb vier Uhr schlug es auf den Trmen, da lag sie noch mit offnen Augen
und blickte in die Finsternis. Alle ihre Romane hatte sie schon
durchlebt, den Millionenpalast und die Sklavenschar, und die
abenteuerlichen Ritte, wobei sie vom Pferde fiel und von einem stolzen
Grafen und seiner Mutter verpflegt wurde. Sie konnte keinen Schlaf
finden. Ich mchte einmal so recht von Herzen glcklich sein,
flsterte sie in ihr Kissen, und sie drckte einen Ku auf das weie
Linnen. Das war das letzte, woran sie sich am andern Tag noch erinnern
konnte.




VII.

_Aus dem Tagebuch Vidl Falks._


10. November.

Weshalb ich eigentlich ein Tagebuch fhre, darber habe ich mir schon
oft den Kopf zerbrochen. Liest man spter die Konterfeis von Stimmungen
und Hoffnungen, diese scheinbar so zwanglosen, mit mder Eleganz
hingeworfenen Aperus, so liegt darin etwas so Lcherliches, wenigstens
fr mich. Eitelkeit, Eitelkeit spttelt jede Zeile, eitle
Selbstbespiegelung. Aber ich bin ja ein nutzloser Mensch. Alle sagen es,
die mich kennen. So mu es doch wahr sein. Ich mchte doch wissen,
welchen Eindruck ich auf andere mache, ob ich ihnen komisch erscheine,
oder unbedeutend, oder dmonisch. Wer wei, vielleicht gerade dmonisch.
Das ist ein hbsches Wort. Man empfindet ordentlich Sehnsucht, es zu
sein. Aber wie, wie wird man dmonisch, wie macht man das? -- Ich mu
doch eigentlich ein ganz hbscher Mensch sein. Der Spiegel beweist ja
nichts, aber mein Schnurrbart gleicht vielen Schnurrbrten, welche fr
hbsch gelten. Meine Augen sind sehr geschmackvoll; ich bin zufrieden
mit ihnen.

Ein Schwrmer bin ich schon. Ich habe zu nichts Lust, als zum
Nichtsthun. Und wie anstrengend ist das bisweilen. Oft kommt mir der
Gedanke, warum bin ich so allein? Es ist ja kindlich, darber zu klagen,
aber andere haben ein Vaterhaus, elterliche Sorge umgibt sie, sie
wissen, da jemand da ist, der sich um sie kmmert. Nichts dergleichen
ward mir. Ich wrde ja ganz gern allein bleiben, aber alles fngt an,
mir so nchtern zu werden. Ich habe hufig das Bedrfnis zu schlafen,
tagelang, wochenlang, und ich begreife kaum, warum ich so eifrig mit
aller Kraft dem Studium zugedrngt habe. Das Studium ist leer, und es
ist die Wissenschaft von der Unwissenheit, besonders was die Medizin
anbelangt. Auch beirrt mich das Fachmige, Doktrinre, das
Buchstabenrecht in der Wissenschaft. Ich mchte etwas, das mich aufregt,
das mich zittern macht, das mich in Bangnis versetzt, kurz etwas, das
ich nicht wei und das ich nicht definiren kann.


15. November.

Ich lese die letzte Eintragung und sage mir, da dies fr einen
dreiundzwanzigjhrigen Menschen sehr naiv ist. Zum wenigsten ist es ein
Zeichen groer Schwachheit.

Wenn nur dieses Wirtshausleben nicht wre! Das zerstrt alles Gesunde
und alle Befriedigung ber die Arbeit. Aber den ganzen langen Tag und
den langen Abend dazu allein im stillen Zimmer und die Gedanken und der
Kopfschmerz und das ewige Regengepltscher, und die Aussicht, da es
jahre-, jahre-, jahrelang so bleiben soll, das ist auch zerstrend.
Freilich, ich bin jung und wir Jungen sollten darauf bedacht sein,
weniger zu lamentiren und mehr zu arbeiten. Statt Freude darber zu
empfinden, da wir allein sind, vergieen wir Thrnen. Wie absurd und
sndhaft, da ich bisweilen wnsche, krank zu sein, nur damit Jemand um
mich sei, der sich bemht um mich, dem man mehr ist, als eine Figur, um:
'Ergebener Diener!' oder: 'Wnschen zu speisen?' zu sagen. Wenn ich
einmal reich sein werde -- Traum der Trume -- will ich mir ein Schlo
im Schwarzwald bauen und mit einem Freund oder einer Freundin dort
leben. Aber kann es Jemand geben, der sich mit mir befreundet? Ich mu
zu dumm sein, zu unbedeutend, zu hlich -- oder bin ich am Ende das
verborgene Veilchen? Der Gedanke ist so poetisch!


17. November.

Es ist spt in der Nacht. Heut hab ich es ber mich gebracht, daheim zu
bleiben. Und ich bin glcklich im Bewutsein der Einsamkeit. Die
glhenden Kohlen starren zum Ofenloch heraus. Bisweilen zucken kleine,
blaue Flmmchen hindurch. Dann werden die Rnder schwarz, und alles
versinkt zu Asche. Ich denke mir: Wieviel Schmerz ist in der Welt und
wieviel Glck, und alles versinkt zu Asche. Ein oftgedachter Gedanke.
Ich sehe hinein in die glhenden Brocken und erblicke mein
Schwarzwaldschlo, wie es sein wird, wenn die Abendrte drber hinfliegt
und der Wind um die Parktannen streicht.

Jetzt denke ich mir: wie mu wohl das Weib beschaffen sein, das ich
lieben wrde. Vor allem mte es klein sein, zart und heiter. Es mte
blond sein und blaue Augen haben mit dunklen Rndern um den Augapfel und
schwarzen Wimpern. (Das soll pikant sein.) Die Haare drften schlielich
auch kastanienbraun sein, ja sogar jene bronzefarbnen, oder jene, die
aussehen wie ein schwer mit Kupfer legirtes Goldstck gefielen mir.
Gescheiter als ich drfte sie nicht sein, wohl aber mte sie besser als
ich sein. Sanft, nachgiebig und bestndig mte sie sein. -- Es ist
nicht sehr weise, sich ein Rezept zu schreiben, bevor man wei, woran
man erkranken wird, -- als #stud. med.# sehe ich das ein.

Diese Frau Bender qult mich so sehr, ich solle Pension nehmen. Aber
wozu soll ich so viele Menschen kennen lernen?


19. November.

Frau Bender stellte mir den Doktor Brosam im Korridor vor, und wir
gingen zusammen nach der Stadt. Welch ein Ideal von Mnnlichkeit:
kraftvoll, grazis, selbstbewut. In solche Persnlichkeiten verlegt man
unwillkrlich jene Eigenschaften, die zu besitzen man ersehnt. Er mu
wegen eines Zwischenfalls ausziehn, wie ich hre: das ist schade. Wir
haben verabredet, uns im Caf zu treffen. Die ganze Zeit ber wohnten
wir Thr an Thr, und ich wute nichts von ihm, als da er den Geruch
der Weihrauchkerzen liebe und beim Studiren Bonbons kaue. Das nennt man
durchs Schlsselloch des Nchsten Thun betrachten, und das ist
verchtlich.


20. November.

Ich habe Frau Bender nachgegeben. Heute Abend war ich zum ersten Mal in
der Familie. Ich habe mich gut unterhalten. Die kleine Helene scheint
ein wenig verliebt in mich zu sein. Das thut mir morschem Jngling wohl.
Komisch, sie ist klein, zart und heiter, blauugig und blond. Sollte die
es sein? Nur hat sie gar keine Augenbrauen. Das Frulein Mirbeth gefllt
mir brigens. Sie besitzt eine groe Natrlichkeit und ihre Augen (nie
im Leben sah ich so schwarze, leuchtende Augen: schwrmerisch und
leidend) verraten viel mehr als ihr Mund (welch ein weicher,
wohlgeformter Mund) verraten knnte. Ihr Lachen verletzt mich, sie
schleppt es so eigentmlich nach.


24. November.

Ich bin sehr fortgeschritten auf dem Pfad der Kultur: seit einigen Tagen
besuche ich kein Wirtshaus mehr. Allabendlich sitze ich bis elf Uhr bei
Benders, und ich gewhne mich vllig hinein in diesen Kreis. Auch
Frulein Mirbeth ist da, und ich spiele Karten oder Halma mit ihr. Ich
wei nicht, woher es rhrt, aber eine neue Lebensfreude ist ber mich
gekommen.

Wir fhren oft trumerische Gesprche da vorn, zu dreien, whrend Frau
Bender auf dem Divan schlft. Und dabei sieht mich Frulein Mirbeth oft
so starr, fast erschrocken an, und ihre Augen glnzen dabei so sehr, da
ich die meinen zu Boden schlagen mu. Aber dieser Blick hat etwas, das
einen verfolgt. Er sitzt mir bisweilen gleichsam im Nacken.

Heute Nachmittag war ich beim Kaffee. Frau Bender erzhlte aus ihrer
Jugendzeit. Sie hat eine bezaubernde Art zu erzhlen; kaum sah ich je
hnliches. Selbst ganz hingerissen von ihrem Gegenstand, lchelt sie
bestndig und zeigt ihre groen, dichten, blitzenden Zhne. Ihre Augen
werden grer und leuchtender und ihr Gesicht wird frmlich jung. Sie
hat viel erlebt und ist viel in der Welt herumgezogen.

Ich wei nicht, wie es kam, da ich im Verlauf des Nachmittags auf
Frulein Mirbeth zu sprechen kam. Aber es berhrte mich peinlich, wenn
sie von ihr redeten. Sie gebrauchten geheimnisvolle Wendungen, sie
redeten Gedankenstriche. Der Herr Oberst meint es eben doch sehr gut
mit ihr-- oder: Der Herr Oberst ist ein sehr edler Mensch, ein
idealer Charakter -- -- Doch was geht das mich an. Ich machte ein
ziemlich verblfftes Gesicht, und Frau Bender stand mit einem
konventionellen Seufzer auf. Ich beobachtete ihren Gang, der unsicher,
voll Hast und Nervositt ist. Es ist der Gang unterleibskranker Frauen.


26. November.

Zwei Uhr hat es geschlagen, und die Nacht ist sehr still. Der Schnee
liegt berall. Ich ffne das Fenster und die frische, klare Luft
durchdringt mich vllig. Ich sehe das groe, runde Kuppeldach des
rmischen Panoramas und die neue Pinakothek, die so sehr einer groen
Zigarrenschachtel gleicht. Einen schlanken Kirchturm seh ich in der
Ferne, der wie ein zugeklappter Regenschirm aussieht.

Ich versuche jetzt, mir das Bild des Frulein Mirbeth vorzustellen. Aber
ich kann es nicht. Ich kann sie nur wie durch dicke Nebelwnde
wahrnehmen. Ich wei wohl, da ihre Haare ganz dunkel sind, da sie wirr
sind und hinten in einen griechischen Knoten geknpft. Ich wei, da
sie zu beiden Seiten die Ohren fast ganz verdecken und da eine einsame
Locke mitten auf der Stirn liegt. Ich wei, da sie eine
unvergleichliche Gestalt besitzt, aber das kann ich alles nicht
innerlich _sehen_. Doch ich bin verwundert, da ich mich bemhe, es zu
sehen. Warum? Sie ist mir fremd. Ich knnte mir nicht vorstellen, da
sie mehr fr mich wre, als das Frulein Mirbeth. Doch wer ist
eigentlich dieser Oberst? Was will er von ihr?

Die kleine Helene gefllt mir. brigens bemerke ich, da mir Alles und
Alle gefallen. Das beschmt mich ein wenig. Ich bin so gar nicht
blasirt. Da habe ich wahrlich wenig Aussicht, dmonisch zu werden.


27. November.

Ich traf Doktor Brosam und erwhnte beilufig Frulein Mirbeth. Da
lachte er verchtlich und sagte: Na, die--! -- Was? Wie meinen Sie
das? erwiderte ich unwirsch. -- Sie werden doch der ihre
Unschuldsmiene nicht fr bare Mnze nehmen? gellte er. Sein Ton verriet
solche Kennerschaft, da ich schweigen mute. Wir sprachen von etwas
andrem. Der Mann hat diese eigentmliche Art zuzuhren: wie man einem
Diener zuhrt. Vom Fach versteht er nicht viel. Dagegen stellte er mir
einen noch jungen Arzt vor, der es in kurzer Zeit zu groer Praxis in
der besten Gesellschaft gebracht hat. Er heit Doktor Wendland und
gefiel mir besonders durch den Ausdruck von Gte, der in seinem Gesicht
liegt.

Am Abend erwhnte ich den Doktor Brosam und da ich ihn getroffen.
Frulein Mirbeth wurde sehr bleich und fragte, whrend ihre Augenlider
ruhelos zuckten: Ah, Sie kennen ihn? Was sprach er denn? Hat er etwas
von mir gesagt? --

Das geht mir im Kopf herum.


1. Dezember.

Beim Abendessen lernte ich Frulein von Erdmann kennen. Sie imponirt
mir, sie hat jenes echt aristokratische Timbre, das ich liebe. Es
gleicht dem Bouquet eines guten Weines. Sie ist sehr gebildet und viel
gereist. Sie mu viel Schlimmes hinter sich haben, viele Leiden und
Leidenschaften. Sie interessirt mich. Zudem sagte sie mir eine solche
Menge angenehmer Sachen, da ich, als ich allein war, lange mit der
Kerze vor dem Spiegel gestanden bin. Frulein Mirbeth schien mir etwas
verstimmt an diesem Abend.


2. Dezember.

Die Erdmann lie mich in ihr Zimmer rufen. Sie habe entsetzliche
Kopfschmerzen, ich mchte ihr ein Mittel geben. Etwas exaltirt benimmt
sie sich schon, das mu ich sagen. Ihr Haupt war von starrenden
Haarbscheln umrahmt. Weinend zeigte sie mir ihre Gichtfinger und sagte,
das werde sie noch zum Selbstmord treiben. Fr eine Frau, die noch so
frisch in den Dreiigen stehe, sei dies der Wegweiser zum Grab. Ich war
berrascht: denn ich hatte sie fr viel lter gehalten. Gut, da sie
nicht davon wei.

Nun, sagte sie gleich nach dieser Scene, wie ich hre, sind Sie stark
um Frulein Mirbeth bemht? -- Ich? fragte ich erschrocken zurck.
Sie drohte schalkhaft mit dem Finger, wurde aber pltzlich sehr ernst
und ergriff mich beim Handgelenk. (Ihre Hand ist unangenehm weich und
klebrig.) Ich mu Sie warnen, sagte sie, und ihre kleinen Augen
funkelten lebhaft. Ich mu Sie warnen vor dieser Schlange. Wenn Sie
nicht in ein Gewebe von Lge, Falschheit und Hinterlist fallen
wollen-- Sie schwieg bedeutsam. Ich schwieg auch, aber das war
idiotisch von mir. Wie gewhnlich fiel mir erst eine Stunde spter ein,
was ich htte antworten sollen. Ich dankte kalt und ging.

Mein Gott, warum reden sie mir alle von Frulein Mirbeth? Ich will
nichts mit ihr zu thun haben. So wenig, als ich ihr bin, kann sie mir
sein.


5. Dezember.

Frulein von Erdmann ist glhend verliebt in Sie, sagte das Frulein
Mirbeth diesen Nachmittag und blickte mich mit etwas unsicherer
Frhlichkeit an. Ich lachte. Halten Sie mich nicht fr stark genug,
dieses Gefhl zu erwidern? fragte ich ernst. Sie nahm es fr bare
Mnze. Helene kicherte. Die lt keinen ungeliebt von dannen ziehen,
sagte sie pathetisch und fgte zfchenhaft hinzu: Passen Sie auf, nun
werden Sie ins Theater geschleppt. Ins 'Kthchen von Heilbronn' oder in
die 'alten Junggesellen'.

Der helle Winterschnee lag drauen, blendend rein und voll Leuchtkraft.
Frau Bender ging nach dem Kaffee mit Helene in die Stadt, und ich war
mit dem jungen Mdchen allein. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das ganz
eng am Leibe liegt und das ich meistens an ihr sehe. Zum ersten Mal
waren wir allein. Auch auf dem Korridor war es ganz ruhig. Peinliche
Minuten des Schweigens entstanden zu Anfang. Sie sah mich oft scheu von
der Seite an, doch wenn meine Augen den ihren begegneten, wandte sie
hastig den Blick ab.

Wie kommt es, Frulein, fragte ich, da Sie so leidend aussehn?
Stets, solang ich Sie jetzt kenne, haben Sie so einen vergrmten Zug im
Gesicht. Sie sind doch nicht unglcklich? (Dies unglcklich war
albern, dachte ich bei mir) -- Ich, ach nein. Jetzt zum Beispiel ist
mir so wohl. Ich habe solche Stunden, wo ich die Zeit stillstehn lassen
mchte, -- wie jetzt.

Sie lchelte. Ich wei es mir nicht zu erklren, aber ihr Lcheln
berhrt mich namenlos wohlthtig. Wie ein lichter Schein verbreitet es
sich von den vollen, weichen, schwellenden Lippen aus erhellend ber
das ganze Gesicht. Ich mchte ihr stets ein dankbares Wort, eine
Schmeichelei sagen, wenn sie so lchelt. -- Aber ich tusche mich
nicht, fuhr ich hartnckig fort, Sie leiden. Ich will Sie ja nicht
danach fragen, -- glauben Sie nicht, da ich zudringlich sei ---- Ich
schwieg, denn ich sah sie zusammenschrecken. Sie erschien mir in diesem
Augenblick ganz hlflos, ganz ein gebrechliches Wesen, und etwas
Mitleidsuchendes lag in ihrem Gesicht. Ich dachte an die uerung des
Doktor Brosam. Verstellung! Verstellung! rief ich mir zu und sah
trotzig zu Boden.

Sie stand vom Stuhl auf, setzte sich auf den Divan und bog den
Oberkrper zurck. Sie thut das oft. Es ist, als wnsche sie, freier
aufatmen zu knnen. Dann sagte sie mit einem selbstvergessnen Ausdruck
in den Mienen: Ach, wenn ich reich wre, -- wenn ich reich wre! Ich
nickte ihr eifrig zu wie einer, der einen Fremden den eignen Traum
erzhlen hrt. Ich habe ja keinen Mangel, fgte sie ein wenig hastig
hinzu, aber ich mag den Luxus riesig gern. Und die Bequemlichkeit, --
kurz, ich mchte nichts missen von dem, was das Leben angenehm macht.
-- Wenn ich eine Million htte, ich wrde mit Ihnen teilen, sagte ich
leise. -- Wirklich? Das thten Sie? -- Sie schien beglckt zu sein,
und ihr Gesicht strahlte vor Freude. Nein, hier ist keine Verstellung,
dachte ich voll Zorn ber meinen Argwohn. -- O, was wrden wir dafr
alles anfangen! sagte sie vertrumt. Das erste, was ich haben mte,
sind ein paar Jucker und die wrde ich selbst kutschiren. Und dann -- o
so vieles, so vieles!

Ich hrte staunend zu. Ihre Augen wurden immer glnzender, und whrend
sie den Kopf auf die hintere Lehne des Divans legte, wandte sie den
Blick nicht von mir ab. Es war schon dunkel geworden, und Dele kam von
der Schule. Sie strzte jubelnd auf Frulein Mirbeth zu, die sie in die
Arme schlo, heftig emporhob und ihr ein paar wilde Ksse auf die Lippen
drckte. So heftig, so feurig war sie dabei, da mir in einer gnzlich
unbestimmten Bangnis der Hals wie zugeschnrt war.

Gleich darauf rauschte Frulein von Erdmann herein. Nun, die
Herrschaften sind ja in einem hchst interessanten Tete-a-tete, fltete
sie, und ihre Augen funkelten boshaft in der Dmmerung. Niemand von uns
beiden antwortete.


13. Dezember.

Etwas Seltsames ist in mir vorgegangen. Ich kann es nicht verstehen und
bin bestrzt, da es mich weich macht, hoffnungsselig und traumschtig.
Ja, das Gefhl der Bestrzung ist das Herrschende in mir. Wie kam es
nur, wie war es mglich, frage ich mich bestndig und es passirt mir,
da ich an allen Pflichten des Werktags wie geistesabwesend
vorbergehe.

Ich hatte mit zwei befreundeten Medizinern einen Ausflug nach Tirol
verabredet. Wir wollten fnf bis sechs Tage fortbleiben. Am Freitag
nachmittag faten wir den Plan, und abends schon, um neun, wollten wir
mit dem Schnellzug nach Kufstein fahren, um dort zu bernachten. Die
zwei Kameraden wollten mich um halb neun abholen.

Um sieben kam ich zum Abendessen in die Pension. Mit berlautem Triumph
verkndete ich mein Vorhaben, und whrend die Benders neugierig nach
Einzelheiten fragten, schwieg Frulein Mirbeth, die am untern Ende des
Tisches sa, still. Und als ich meiner Freude, die Berge nun im
Winterschnee sehen zu knnen, Ausdruck gab, verfinsterte sich ihr
Gesicht immer mehr. Sie sah mich gar nicht an. Was haben Sie denn,
Frulein? fragte ich endlich, und eine dumpfe Besorgnis erwachte in
mir.

Zuerst erwiderte sie nichts. Dann stand sie auf und setzte sich auf den
Divan. Sie legte die Hnde in den Scho und starrte vor sich nieder.
Niemals hatte ich einen so verzweifelten und fassungslosen Ausdruck in
ihrem Gesicht beobachtet. Ich setzte mich neben sie. Frau Bender war in
der Kche; nur Helene war noch im Zimmer. Aber was haben Sie denn?
fragte ich nochmals. -- Sie sah mich schnell und mit einem vollen Blick
an. Nein, nein! Sie _drfen_ nicht fort, Herr Falk, sagte sie so
flehend, da meine Augen feucht wurden. Sie betonte das 'drfen', und
ihre Stimme zitterte sonderbar. Sie war heiser.

Ich war weit davon entfernt, hinter dieser Bitte etwas zu suchen. Nur
meine Eitelkeit war geschmeichelt. Ich bewies ihr, da es unmglich sei,
jetzt zurckzutreten. Ich werde Ihnen schreiben, sagte ich lchelnd
und auf die Gefahr hin, abgewiesen zu werden. Aber sie sagte nichts.

Drauen lutete es, und ich rief: Man kommt, mich abzuholen. Da stand
Mely Mirbeth auf und verlie schnellen Schrittes das Zimmer. Noch immer
vermutete ich nichts Ungewhnliches. Ich sagte mir: nun, sie wird gleich
wiederkommen.

Die beiden jungen Leute und ich standen mit Frau Bender im Vorplatz. Es
wurde viel gesprochen, und ich machte einige Bemerkungen von
zweifelhaftem Witz. Wo ist denn Frulein Mirbeth? fragte ich mehr als
viermal. Aber sie kam nicht.

Jetzt ging dies Seltsame in mir vor.

Pltzlich stand vor meinen innern Augen ein Bild. Ich hatte niemals das
Zimmer der jungen Dame betreten. Nun aber sah ich dieses Zimmer, und ich
konnte mich spter davon berzeugen, da ich es wirklich gesehen hatte.
Es war fast ganz finster drinnen. Das Licht der Straenlaterne fiel auf
die Decke, und dieser Reflex verbreitete einen schwachen Lichtschein.
Ich sah ein Sofa und einen groen runden Tisch. Ein roter Lampenschirm
schimmerte schwach durch den Raum.

Auf dem Bett lag das junge Mdchen und hatte den Kopf in die Kissen
vergraben.

Mehr war es nicht. Ich sagte mir: das thut sie deinetwegen. Diese
Erkenntnis traf mich wie ein Schreck. Kann es denn sein? kann es denn
sein? flsterte ich mehrmals vor mich hin, whrend wir in der
Pferdebahn saen. Ich erinnerte mich weder an unsern Abschied von
Benders, noch an den Weg zur Tramway. Auch an die Eisenbahnfahrt
erinnere ich mich nicht mehr. Meine einzige, furchtsame berlegung war:
Kann es denn sein?


15. Dezember.

Ich will noch lange an die Nacht denken, die ich in jenem Kufsteiner
Hotel zubrachte. Mde zu sein und doch nicht schlafen knnen, weil _ein_
bestimmtes Bild, dem man nicht entrinnen kann, die Seele in Aufruhr
setzt, eine wilde Jagd von Trumen heraufbeschwrt ...

Wie die Berge aussahen, wei ich nicht. Wie die Landschaft aussah, wohin
wir gingen, wovon die beiden Andern sprachen und was sie ber mich
dachten, ich wei es nicht. Ich meinerseits mu viel einfltiges Zeug
geredet haben, denn mir klingen noch grausame Sptteleien im Ohr. Am
Morgen des zweiten Tages behauptete ich, mir sei nicht wohl, setzte mich
in den nchsten Postzug und fuhr wieder heim.

Das Coup war voll von Touristen und Jgern, die unausgesetzt lachten,
sangen, tranken und Zoten erzhlten. Bisweilen kam ich mir sehr
lcherlich vor in der erhabenen Ruhe und Toleranz, die mich erfllten.
Aber mit meinen frivolen Gedanken wurde ich leicht fertig. Die weite,
schneebedeckte Ebene, die sich allmhlich auszubreiten begann, erfllte
mich mit jener Schwermut, der man sich fast mit einer Regung von Stolz
hingiebt. 'Trume nicht! trume nicht!' rief es fortwhrend in mir, und
es war, als sei mein bisheriges Ich im Begriff einzuschlummern und suche
sich gegen die Erstarrung zu wehren durch ironische oder warnende
Ausrufe. Aber das neue Ich lie sich nicht stren. Es war ein Ich voll
Freiheit und Frohheit und Leidenschaft des Hoffens; ganz unbekannt mit
der zgernden Schchternheit und trockenen Nchternheit des alten Ich.
Das lt sich so gut berdenken bei dem schnellen, regelmigen und
anheimelnden Dreivierteltakt-Rhythmus der Wagenrder. Allmhlich rckte
der Horizont immer nher, und Himmel und Ebene wurden immer kleiner, wie
ein Gummiballon, der sich zusammenzieht und erschlafft. Es dmmerte.
Eine trbselige, de Landschaft! dachte das alte Ich. Es liegt eine
geheimnisvolle Dsterkeit ber diesem groen Schneeland, dachte der neue
Vidl Falk.

Ich lachte leise vor mich hin, ob dieser komischen Zwiespltigkeit
meines Wesens.




VIII.


Auf dem Balkon, der gegen die Grten hinauslag, sa Mely und lie
Seifenblasen steigen. Dele sa zu ihren Fen und blies aus einem
Strohhalm emsig mit. Die Sonne schien, und es war gar nicht kalt. Wie
ein flaumiges Polster lag der frischgefallene Schnee auf der Einfassung
des Balkons.

Mely brachte wunderschne Seifenblasen fertig, whrend die Kleine nur
farblose, winzige Kugeln aus ihrem Rhrchen in die Luft hauchte. Du
kannst ja nix, spottete Mely und sah entzckt einer majesttisch
emporschwebenden Blase nach, die erst am Dachfirst zerstubte.

In diesem Augenblick kam Vidl Falk. Mely sprang auf, wie ber einer
bsen That ertappt. Falk bemerkte ihre Verlegenheit und war so grausam,
sie zu vermehren. Sie sind ein Kind, sagte er mit etwas geknstelter
Wehmut, als sehne er sich, selbst noch so ein Kind sein zu knnen.

Mely schaute ihn nicht an. Ihre rechte Hand lag auf Deles Kopf und mit
den Fingern spielte sie unaufhrlich im Haar des Kindes. Wann sind Sie
zurckgekommen? fragte sie schchtern.

Falk blickte sie an, als htte er die Frage nicht verstanden.
Enttuschung war in seinen Mienen, wie wenn ihn whrend seiner
Abwesenheit ein beraus schnes Bild aufgeregt und die Wirklichkeit nun
alles zerstrt htte. Heuchelt sie denn? fragte er sich. Ist diese
Befangenheit erheuchelt? Die Weiber sollen im Allgemeinen sehr schlau
sein. Er sah sie zerstreut an und sagte schroff: Wie kann man nur in
der Klte da sitzen! Das begreif ich nicht.

Sie war verletzt, ohne sich ber den Grund klar zu sein. Jetzt spielen
wir Versteckenspiel, dachte sie sich und nahm das Kind bei der Hand.
Komm Dele, komm! rief sie laut und verlie rasch den Balkon.

Falk setzte sich auf den Stuhl, den sie verlassen hatte. Er sttzte den
Ellbogen auf die verschneite Brstung und sah mimutig in die blendende
Schneelandschaft hinein. Bald schallte lauter Lrm vom Garten herauf.
Verwundert und beunruhigt sah Falk, wie Mely mit heiem Bemhn die
Schneeballwrfe einiger wilder Buben erwiderte, die sich ein Vergngen
daraus machten, das groe Frulein ihre berlegenheit fhlen zu lassen.
Gott mag wissen, was ihn dazu trieb, gleichfalls in den Garten zu gehen.
Aber als er unten war, sah er Mely nicht mehr. Die Kinder, erhitzt und
erregt von der Balgerei, vermochten ihm keine Auskunft zu geben, und er
ging weiter auf dem nachgiebigen Schnee, ohne Ziel und Vorsatz.

Als er am kleinen Holzpavillon vorbeiging, sah er durch die Thrspalte
Mely. Er ging hinein und setzte sich neben sie. Nun Frulein-- begann
er spttisch. Ihm war, als msse er den Spott als Waffe gegen sie
benutzen. Immer noch herrschte das Gefhl der Enttuschung in ihm.

Sie war erhitzt vom Spiel, doch seit sie sa, fror sie zugleich.
Verstrt sah sie aus, von einem stummen Gram war sie erfllt. Es war,
als ob mit der Winterklte die ganze Klte ihres Daseins auf sie
eindrnge. Beide waren ganz allein hier. Der Pavillon, der die Gestalt
einer Vase hatte -- wie eine Vase war er in der Mitte ausgebaucht und
verjngte sich nach oben -- war ein geschlossener Raum. Durch die Lcken
der Fensterlden fielen die schrgen Strahlen der Dezembersonne. Wie aus
weiter Ferne klang das Geschrei der spielenden Kinder.

Sagen Sie mir, was soll das? flsterte Falk. Sie wollen sich
betuben, das ist mir klar. Dies Herumtollen mit den Kindern, das ist
nicht Ihr Ernst, das ist nur Trotz, das ist Verbitterung. Hab' ich
recht?

Sie beugte den Kopf tiefer herab. Denken Sie sich, was dieser Pole
gewagt hat, brach sie aus. Gestern traf er mich auf der Strae und
ging mit mir. Und er klagt mir, da ihn seine Geliebte verlassen habe.
Als ob mich das was anginge. Sogar geheult hat er dabei. Und so dumm bin
ich, -- ich trstete ihn sogar. Da wurde er pltzlich ganz zudringlich,
und schlielich bat er mich, ich mchte ihn in seinem Atelier besuchen.
Ich war ganz starr ... Ja und weiter, heute Mittag war er zum Essen da
und bevor er ging, schob er mir mit frechem Grinsen seine Visitenkarte
hin. Was soll ich thun! Ich bin ganz auer mir. Mich darf jeder
beleidigen. Wer nur will, darf mich verleumden, -- ich wei gar nicht,
was ich anfangen soll.

Selten sprach sie so schnell, wie jetzt. Ohne Falks Antwort abzuwarten,
stand sie auf und sagte: Mich friert. Ich will hinauf. Ich bin ja dumm.
Ich darf das nicht thun -- da sitzen bleiben.

Falk packte sie am Handgelenk und zog sie auf die Bank zurck. Eine
Minute noch. Mit diesem Kerl will ich schon fertig werden--

Sie fiel ihm ins Wort. Um Gottes willen nein! Fangen Sie nichts an. Um
meinetwillen drfen Sie das nicht thun. O wenn Sie wten! Ihre
drckende Lage machte sie elend; so fhlte sie sich mehr als je abhngig
vom Oberst, trotzdem sie wnschte, da mit ihm alles zu Ende sei.

Ein leiser, haltloser Argwohn erwachte durch ihre Angst in Falk. Dieser
Argwohn war es, der von nun ab neben ihm einherging wie sein Schatten.
Ist es denn wahr, begann er nach langem Schweigen, was die dicke
Erdmann, -- ach die dunklen Andeutungen, die immer soviel sagen sollen
und nichts sagen. Doktor Brosam sagte ---- Er brach ab, denn er
bedachte, da auch dieser nichts bestimmtes ausgesprochen hatte. Mely
wandte sich ihm mit einem Ruck zu. Was hat er gesagt? Ich bitte Sie, --
was?

Ach--!

Nicht ausweichen! Seien Sie aufrichtig, sagen Sie mir alles!

Das kann ich nicht, entgegnete Falk kopfschttelnd. Wieder war es der
Argwohn, der ihm dies entlockte. Und er bereute, als er die Wirkung
seiner Worte sah.

Ich wei schon, erwiderte Mely tonlos, erhob sich und ging. Ihr
Gesicht war totenbleich geworden. Falk folgte ihr nicht. Erst nach
geraumer Zeit stand er auf. Im Wohnzimmer oben sa Mely am Fenster. Sie
war allein. Den Ellbogen hatte sie auf das Brett der Nhmaschine
gesttzt, und Falk konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war durch die Hand
verdeckt. Wiederum durchzuckte es ihn: Heuchelt sie denn blo?

Lange Minuten stand er dicht vor ihr, ohne Worte zu finden. Wie ein
kleines Mdchen war er errtet, und sein Herz schlug vor Angst und
Erwartung. Mely empfand nichts von dem Schmerz, den ihr Gebahren
vermuten lie. Es war alles dunkel vor ihr, und nur die eine Frage
berlegte sie fortwhrend: was wird er jetzt thun? Aber dennoch, dieser
Ausdruck des Kummers war nicht Verstellung. Es war die tiefe Trauer ber
ihre Hlflosigkeit und vor allem die Angst, da das Groe, Herrliche,
von dem sie in all den letzten Tagen getrumt, nicht in Erfllung gehen
mchte.

Da fhlte sie die warme feuchte Hand Falks an ihrem Handgelenk. Er
versuchte den Arm herunterzubiegen, die Hand vom Gesicht zu ziehen,
damit er ihr Gesicht sehen knne, aber sie widerstand. Heie Worte
wollte er ihr sagen, doch er vermochte sie nicht ber die Lippen zu
bringen. Lassen Sie mich, flsterte das junge Mdchen
leidenschaftlich, ich will nicht.

Welch ein Narr bin ich, stammelte Falk. Warum mute ich Ihnen das
sagen. Wie dumm, wie gemein war das! O wie gemein von mir. Wie knnen
Sie mir verzeihen. Sie glauben vielleicht, da ich Ihnen wehthun wollte,
und das ist doch gar nicht wahr. Antworten Sie mir: sind Sie mir gram?
Sind Sie bs?

Zehnmal wiederholte er die Frage und versuchte, ihr von unten ins
Gesicht zu blicken, aber sie erwiderte kein Wort. Weint sie denn? dachte
Falk, und sein Schrecken, seine Erregung nahmen zu. Wie ein Feuer
brannte es in seinem Herzen. Ihr Schweigen machte ihn ungeduldig und
verzagt. Schlielich lie er ihren Arm los, weil er frchtete, dies
knne sie verletzen. Er schalt sich roh, obwohl er doch nichts gesagt
hatte, als dieses: Ich kann nicht. Klein und knabenhaft erschien er sich
neben ihr.

Endlich erhob sie den Kopf. Glauben Sie denn das? fragte sie mit
feuchtschimmernden Augen. Das Flehende ihrer Stimme machte ihn weich. Er
verstand, was sie meinte. Und die Vorstellung, da dies Unausgesprochene
mglich sein knnte, erschien ihm als ein so grenzenloses Unglck, da
ihm der bloe Gedanke phantastisch und verbrecherisch vorkam. Noch vor
einer Woche, noch vor drei Tagen htte ihn das ganz khl gelassen und
jetzt erschien er sich wie ein Lump, da er nur daran zu rhren gewagt
hatte. Aber trotzdem, in der Tiefe seiner Seele rief immer noch der
Zweifel. Er empfand ihn stets, etwa wie man ein vergessenes Vorhaben
empfindet, mit einem bestndig nagenden Gefhl.

Ach, ich rgere mich, sagte Mely pltzlich und lchelte scheu.

Worber? Worber rgern Sie sich? Sie schwieg. Er fragte wieder und
wurde dringender. Verlegen wehrte sie ab und flsterte: Nicht jetzt;
heute Abend sollen Sie es wissen. Aber werden Sie auch bald kommen?

Woher wissen Sie, da ich ausgehe?

Sie errtete. Frau Bender sagte, Sie htten eine Einladung.

Ich komme bald, erwiderte er, beglckt vor sich hinsehend.

Sie schien jetzt heiter zu sein. Trumerisch blickte sie die Strae
hinab. Schnee, nichts als Schnee. Auch der Himmel war schneefarben und
hing niedrig. Von den Dchern der Huser schien man ihn mit der Hand
berhren zu knnen. Es begann zu dmmern. Falk setzte sich ans Klavier
und spielte. Er war kein Meister auf dem Instrument, aber heute lag eine
ganz fremde Glut in seinem Spiel. Wie klagend, wie prachtvoll waren die
Moll-Akkorde, mit denen er eine alte Melodie einleitete.

Die Sonne ging unter. Der Spiegel, der dem Fenster gegenber lag, war
rot, eine Mischung von Tinte und Purpur; er glich einem groen Blutfleck
bei der zunehmenden Dmmerung.

Falk brach pltzlich sein Spiel ab, stand auf, lachte nervs und ging
trllernd um den Tisch herum. Besorgt und befremdet sah ihm Mely zu.

Das mit der Million ist eigentlich hbsch, sagte er. Ein hbscher
Traum. Und wissen Sie, was ich mir ausgedacht habe? Aber Sie drfen
nicht lachen. Wir wrden uns ein Schlo im Schwarzwald bauen, ganz fr
uns allein und einen Park dazu und Tannen. Und Pferde und Hunde und
Himmel was wei ich. O, es wrde wundervoll. Und an das Parkthor wrden
wir ein Schild nageln: Besuche verbeten. Wollen Sie?

Mely lchelte etwas unsicher. Ihr war, als mache er sich lustig ber
sie. Aber ihre Augen glnzten. Nichts ist herrlicher als das, wollte
dieser Glanz sagen. Der Blick, mit dem sie den jungen Schwrmer ansah,
war voll von einer treuherzigen Bewunderung.

Aber bald schttelte sie betrbt den Kopf. Ach, wozu kann es fhren,
sagte sie traurig. Es ist keine Hoffnung, gar keine.

Frau Bender kam und hinter ihr Helene, die noch spttischer als sonst
dreinsah. Die Hausfrau machte Licht. Sehn Sie mal her, sagte sie, eine
Faunbste, die sie mit hereingeschleppt hatte, der Lampe zuwendend, ist
das nicht schn?

Das hat mein Vater gemacht, erklrte Helene, vor Stolz errtend. Sie
betete ihren Vater an.

Und nun bewunderte man den Faun, der wohl viel urwchsiges Knnen, aber
wenig Knstlerschaft verriet. Es war zu viel Detail in dieser lppisch
grinsenden Fratze. --

Als Falk am Abend ausging und die Korridorthre schlieen wollte, kam
ein junges Mdchen die Treppe herauf. Bitte, ist meine Schwester zu
Hause? fragte sie kokett.

Wer ist das, Ihre Schwester--?

Mein Name ist Mirbeth, erwiderte die Dame spitz, als ob sie beleidigt
sei, da man sie nicht kenne.

Falk machte ein verblfftes Gesicht. Er ffnete, lie jene eintreten,
und das ironische Schmunzeln des Fruleins nicht beachtend, ging er die
Treppe hinab. Der Gedanke, da Mely gelogen haben knne, erschien ihm
unwahrscheinlich. Warum sollte sie leugnen, eine Schwester zu haben?
Allerdings, diese Schwester schien ein lockerer Zeisig zu sein.... Er
dachte nicht viel darber nach; aber seine feierliche Stimmung war
zerstrt. --

So gnzlich allen Sorgen entfremdet war Mely, da den ganzen Abend
hindurch ein Lcheln, das gleichsam erwartungsvoll war, nicht von ihren
Lippen wich. Sie redete nicht viel, -- es war nicht ihre Art, viel zu
reden -- aber sie befand sich wie in einer Welt der Mrchen. Fern, fern
von aller Kleinkrmerei, von allen Brotsorgen. Ohnehin war es ihr sehr
schwer geworden, zu glauben, da einmal der Tag kommen knnte, wo sie
nicht genug zu essen haben wrde. Abenteuerlich und romanhaft erschien
ihr ein solcher Gedanke. Sie wute, da es Arme in dieser groen Stadt
gab, da es Leute gab, an deren Thr der Hunger stand. Aber was waren
das fr Leute! Was ging das sie an? Ameisen waren das fr sie, vor denen
sie wohl eine gewisse Angst hatte, wie sie auch Angst vor Not und Mangel
empfand. Aber im Grund fhlte sie sich erhaben ber die qulenden Kmpfe
ums Brot. Heute erschien ihr auch das alles unwichtig und kleinlich.
Eine ganz neue Kraft war in ihrem Blick, wie wenn in ihrer Seele eine
Leier berhrt worden wre, deren Saiten bis jetzt noch nicht erklungen
waren. Ihr Gang war lssig, wie willenlos, und sie schien gleichsam
gedrckt von einer Flle innerer Heiterkeit. Sie sphte nicht hinaus in
die Zukunft. Dicht vor ihr und dicht hinter ihr war alles dunkel; sie
fand sich abgeschnitten von dem breiten Strom des Lebens. Nur in ihrem
Innern war strahlendes Licht. Als Falk gegangen war, und dann auch ihre
Schwester sich verabschiedet hatte, stand sie lange unter der
Kchenthre und unterhielt sich mit Frau Bender ber verschiedene
Kochrezepte. Aber was sie dabei sagte, geschah nur mechanisch, ihr nach
innen gewendeter Blick war wie geblendet von der Leuchtkraft eines
beglckenden Bildes.

Zum Abendtisch erschienen das Frulein von Erdmann und die neue
Pensionrin: Frulein von Mahnke. Als Jene das Zimmer betrat, hielt sie
sich erschreckt die Nase zu und lief sthnend zum Fenster, um es
aufzureien. Frulein von Mahnke rckte ihre Perrcke zurecht, machte
eine jugendliche Geberde des Schmollens und lispelte: Ach Gott,
schlieen Sie doch das Fenster, liebstes Frulein. Wir leben ja nicht am
quator.

Emilie von Erdmann nahm eine dramatische Pose an und sagte nicht ohne
Strenge: Die Jugend lebt eben stets am quator. Man mu es nur
verstehen, jung zu sein. Pltzlich aber breitete sie die Arme gegen die
Winternacht aus und seufzte tief. Die Sterne, die Sterne, o Gott! Man
begehrt sie doch! Das homerische Amphimelas erfllt sich ganz an mir!

Sie sind sehr gelehrt, bemerkte die Mahnke tiefsinnig.

Frulein von Erdmann knixte. #Les beaux esprits se recontrent#,
Verehrteste. Sie schlo das Fenster wieder, setzte sich an den Tisch
und ganz nach Katzenart fate sie Melys Hand und blickte sie innig an.
Wo ist der schwarze Zigeuner? fragte sie s. Der dunkelugige Don
Juan--? Mely stand schnell auf und verlie unter irgend einem Vorwand
das Zimmer fr kurze Zeit. Ach, sie wissen es alle, dachte sie beim
Hinausgehen. Aber es ist mir gleichgltig. Mgen sie es wissen. Jetzt
drfen sie mich doch nimmer beleidigen.

Das Gefhl ihrer Wehrlosigkeit war verschwunden.

Schon um neun Uhr kam Falk. Frulein von Erdmann nahm ihn ganz in
Beschlag. Sie berfiel ihn mit Komplimenten, die ihn anregen sollten,
ihr mit gleicher Mnze zu bezahlen. Aber er war verstockt, ihre koketten
Knste sah sie wirkungslos an ihm abprallen. Sie erzhlte ihm die
Tragdie ihres Lebens, und die Tragik dabei glich freilich sehr den
Kriminalromanen mit komplizirter Handlung, die bei uns im Schwange sind.
Ihr Leben sei ein ewiger Herbst gewesen, ein ewiger November. Ein
unerbittliches Fatum habe sie verfolgt seit den Tagen der Jugend. Nur
ihr unbeugsamer Stolz habe sie ber die Wogen getragen. Hunderte von
Mnnern haben sich liebestammelnd auf dem Erdboden vor mir gewunden,
aber ich habe verzichtet -- hahaha! -- und habe doch noch die Fhigkeit
zu lieben bewahrt und kann es darin mit Jeder aufnehmen! Hier bekam
Mely einen finsteren Blick. Die Damen errteten wie auf Kommando, und
Falk machte ein betrbtes Gesicht. Als sich um zehn Uhr die beiden alten
Frulein empfahlen, fhlte er sich wie zerschlagen.

Frau Bender legte sich ihrer Gewohnheit gem auf den Divan, um zu
schlafen. Es wurde pltzlich sehr still. Helene nahm ein Skizzenbuch zur
Hand und entwarf eine Phantasielandschaft, und Mely und Falk spielten
Halma. Sie saen sich an der Tischecke einander gegenber. Das Spiel
machte geringe Fortschritte, denn sie fhrten eine seltsame Unterredung,
eine wortlose. Oft begegneten sich ihre Hnde beim Fhren der Steine und
dann lchelten sie wie Kinder, beide auf einmal. Die Ruhe, die nun
pltzlich eingetreten war, hatte etwas Erlsendes. Die Winternchte sind
ja viel stiller, als die des Sommers. Sie haben in viel hherem Grad den
Reiz trumerischen Behagens.

Wissen Sie nicht mehr, was Sie mir versprochen haben? fragte Falk.

Mely nickte errtend. Spter -- spter, stammelte sie, glcklich, da
er sich noch daran erinnerte. Gar nicht mehr an das Spiel denkend,
lehnte sie sich zurck und blickte gespannt ins Lampenlicht.

Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, sagte Falk geheimnisvoll, mit
leuchtenden Augen. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche. Ich habe
Verse gemacht. Halten Sie das fr mglich? Vorhin, wie ich so durch den
Schnee gewatet bin da drauen an der Theresienwiese, da ist mir das
eingefallen, blitzschnell. Und um es nicht zu vergessen, hab' ich mich
unter einen Laternenpfahl gestellt und habs mit dem Bleistift
hingekritzelt.

Noch lange bewahrte Falk dieses Bild in seinem Gedchtnis: das junge
Mdchen in dem hyazinthenfarbenen Schlafrock, mit dem bleichen Gesicht,
wie sie, dicht neben ihm, sich mit einem Blick des Entzckens ber das
Blatt beugt. Falk rckte noch nher heran und sie lasen zusammen.

    Dir will ich geben mein erstes Lied,
    Dir will ich mein Sterbelied weihn.
    Und es soll ein Werbelied sein
    Fr Alle, die es zur Sonne zieht.

    Ach wie ein ewig schmerzender Zahn
    Mich bitter des Lebens Not verdriet.
    Doch bis meine Lippen der Tod verschliet, --
    So lange bin ich dir unterthan.

Sie lasen es wieder, immer wieder. Mely konnte sich gar nicht satt daran
lesen. All das Glck ihrer Trume war im Nu auf sie gestrzt und drohte
sie zu ersticken. Ihre Hand packte krampfhaft das Polster des Sessels
und da fhlte sie auf einmal die Hand Falks auf der ihren: Langsam
streckte sie die Finger und schlo die Augen. Sie blieb uerlich ruhig
und regungslos; doch ihr war, als drcke sie seine Hand weit hinab, wo
ein wunderliches, unirdisches Rauschen um sie her entstand, -- in einen
Strom hinab. Noch klang ihr die Melodie im Ohr, die er am Klavier
gespielt, als es gedmmert hatte und eine schmerzliche Begehrlichkeit
erwachte in ihr, diese Melodie noch einmal zu hren. Das Herz war ihr so
schwer wie ein Stck Blei. Wie ist es mglich? dachte sie sich. Wie kam
das so schnell, so unerwartet? O, es wird mich unglcklich machen, es
ist ein Unglck, ein groes. Lnger als eine Viertelstunde saen sie
mit aufeinandergepreten Hnden. Oft zuckten sie zusammen, wie unter
schwachen, elektrischen Schlgen. --

Wollen wir noch Thee kochen? fragte Helene, von ihrer Arbeit
aufsehend. Ihr Gesicht glhte in Begeisterung fr diese
Phantasielandschaft, -- eine echte Dilettantin.

Ja, Helene! rief Mely freudig. Lassen Sie mich nur alles holen!

Und ich will Ihnen leuchten, sagte Falk. Helene lachte ihn verstohlen
an.

Im Korridor schrie Mely laut auf. Falk eilte mit dem Licht nach und
Helene steckte den Kopf in die Thrspalte. Zitternd stand das junge
Mdchen da und sah der Katze nach, die sie erschreckt hatte. Falk
lchelte heldenmtig. Ach, Sie frchten sich vor Katzen? fragte er,
whrend die kleine Bender ihr Kpfchen kichernd zurckzog.

Nein; frchten nicht. Aber sie ist vom Schrank gesprungen und hat meine
Hand gestreift. Und wenn ich eine Katze berhre, das macht mich ganz
krank.

Da werden Sie nie einen Mann bekommen.

Das mag wohl sein, gab Mely nachdenklich zurck. Und sie sah ihn
wieder mit diesem fremden und zugleich vertrauensvollen, hingebenden
Blick an. Es lag dabei wie ein Geheimnis in ihren Augen, den
verschleierten.

Sie kniete am Kchenschrank nieder, um die Tassen herauszunehmen. Sie
that es langsam, in groen Pausen. Von der Kammer nebenan hrten sie das
schlafende Dienstmdchen schnarchen.

Aber jetzt mssen Sie es sagen. Worber haben Sie sich gergert? Falk
beugte sich ganz zu ihr nieder.

Es ist dumm, es ist wirklich dumm, erwiderte Mely. Nein, nein,
beharrte sie bei seinem Drngen, es ist zu dumm. Er hrte auf, sie zu
bestrmen und darber war sie unzufrieden, so da sie es jetzt aus
freien Stcken bekannte. Sie senkte den Kopf noch tiefer und flsterte:
Ich habe mich gergert, weil Sie mich weinen gesehen haben.

Er sagte nichts darauf, aber fr einige Sekunden schlo er die Augen.
Seltsam, selbst mit geschlossenen Augen sah er sie vor sich knieen. Es
drngte ihn, ihren Hals zu umfassen, um sie zu kssen, aber nur auf das
Haar. Warum kniet sie so lange? grbelte er. O, sie ist ein Rtsel fr
mich.

Noch ber eine Stunde blieben sie im Zimmer bei einander sitzen und Falk
erzhlte den beiden Mdchen lchelnd die Geschichte vom groen Klaus und
vom kleinen Klaus. Es war schon Mitternacht, als sie zu Bett gingen.
Helene war so schlfrig geworden, da sie die beiden nicht einmal
hinausbegleitete.

Vor Melys Schlafzimmerthre blieben sie stehen. Ohne zu sprechen
blickten sie sich fassungslos an. Dann ergriff Falk Melys Hand und zog
sie an seine Lippen. Sie wehrte sich ungestm. Nicht -- bitte, bitte,
-- nicht das! --

Es war ein aufrichtiger Laut des Jammers. Er aber kte die Hand.




IX.


Es war wenige Tage nach Weihnachten. Das Gelute der Sonntagsglocken
erweckte Frulein von Erdmann aus ihrem Morgenschlummer. O Gott,
murmelte sie zerstrt, diese katholischen Stdte sind frchterlich!
Und sie stie die Arme in die Hhe und schttelte die Fuste.

Das Mdchen brachte den Kaffee. Auf dem Servirbrett lag ein Couvert. Das
Frulein ffnete es: Frau Bender bat dringend um die Bezahlung der
rckstndigen zweihundertfnfzig Mark, oder wenigstens eines Teils.
Wisch! machte die belgelaunte Dame, zerknitterte das Papier und warf
es von sich.

Bald erschien Frulein von Mahnke, um ihre Morgenvisite abzustatten.
Vorsichtig zwischen den herumliegenden, schmutzigen Wschestcken,
Zigarrenschachteln, Unterrcken und Briefschaften hindurchschreitend,
gelangte die greise Dame zum Bett des Fruleins.

Nun, Sie haben sich recht hbsch da eingenistet, bemerkte sie
anerkennend. Bei sich jedoch dachte sie: Welch ein Stall! Und die
Bewohnerin ist die reinste Vogelscheuche. Die starrenden Haare, dies
dicke Gesicht -- puh. Ein Schwamm, eine Fettblase.

Wie mich das freut, da Sie gekommen sind, versicherte Frulein von
Erdmann. Und wie reizend Ihnen das Kleidchen steht -- berauschend --
#parole d'honneur#. Sie dachte jedoch: was thut denn die alte Schachtel
jetzt schon da? Dies Kleid ist fr einen Backfisch. Kurze rmel, --
lcherlich! Dabei braucht sie einen Stock, um gerade gehn zu knnen.
Puh, ihr ganzes Gesicht ist _eine_ Malerei. Diese alten Jungfern sind
schrecklich.

Sie bewundern meine schnen Arme? fragte sie, als sie den Blick des
Fruleins von Mahnke auf ihren entblten Armen ruhen sah. Ja, das kann
ich Ihnen nicht verdenken, fgte sie seufzend hinzu, ohne eine Antwort
abzuwarten und sah mit heimlicher Ironie auf die dnnen rmchen des
alten Fruleins.

Das sollen Arme sein? dachte die Mahnke. Wrste sind es, dicke, plumpe
Wrste. O der Begriff: schn ist doch sehr individuell, man kann schon
sagen willkrlich, sagte sie mit einer seltsamen Mischung von Demut und
Ha.

Frulein von Erdmann streichelte liebevoll ihren Arm. Vergessen Sie
nicht, meine Teure, erwiderte sie, berlegen lchelnd, da der
berhmte Bildhauer -- na! sein Name ist mir jetzt entfallen -- vor
meinen Fen gelegen hat und mich bat, ihm meinen Arm fr eine
Venusbste modelliren zu lassen. Ich schlug es aber aus. Warum den
profanen Augen der Menge preisgeben, was solange unentweiht in stolzer
Heimlichkeit keinem menschlichen Auge zu sehen vergnnt war? Das war zu
jener Zeit, wo Frst Lubanoff, -- ein Kavalier ersten Ranges -- mir
seine Hand anbot und Graf Lajos Waldenburg mit dem Marquis Etienne de
Grve jenes berhmte Duell hatte. Und wissen Sie warum? Es ist
lcherlich, es zu erzhlen. Ich hatte im Theater meinen Handschuh aus
der Loge ins Parterre fallen lassen und dem Marquis, der ihn mir
brachte, eine Blume ins Knopfloch gesteckt. Komisch wie? Mit
teuflischem Lcheln musterte sie die gebrechliche Gestalt des Fruleins
von Mahnke. Dann aber begann sie pltzlich zu wimmern. Ach, das ist
vorbei! Was ist aus mir geworden! Ich kann keine Nacht mehr schlafen.
Heute Nacht, -- sehen Sie die verbrannten Papiere in der Waschschssel?
-- heute Nacht wollte ich meinem Leben ein Ende machen. Sie
erschrecken? Mit einem Satz sprang Frulein von Erdmann aus dem Bett
und wanderte unbeschuhten Fues aufgeregt umher. Erschrecken Sie nur.
Aber ich habe dies Leben grndlich satt! Dreimal verflucht sei dies
unerbittliche Schicksal, das mich verfolgt, dieser Vampyr, -- o Gott!
Und sie stampfte auf den Boden, da die Fenster klirrten und die Tassen
auf dem Servirbrett tanzten. Frulein von Mahnke machte sich immer
kleiner, sie schrumpfte frmlich zusammen. Liebstes, bestes Frulein!
fuhr die dicke Dame fort, ich habe Romane hinter mir, -- die Phantasie
eines Dante ist kindisch dagegen. Immer bin ich nur einem nichtigen
Phantom nachgerannt und das Glck habe ich von mir gestoen, bis es --
futsch! -- nie mehr kam. Amphimelas! Amphimelas! Das ist der Hohn des
Lebens!

Um Gotteswillen, migen Sie sich doch, Teure! beschwichtigte die
Mahnke beinahe heulend. Bedenken Sie doch Ihre Nerven!

Und nicht schlafen knnen, nicht essen knnen, -- wenn man so jung ist,
so lebenskrftig, so liebeskrftig, -- o es ist grausam! Und dann noch
die Sorge ums Allerntigste, der Kampf mit dem Drachen Not, -- es ist
himmelschreiend. Ich habe ja nichts mehr -- pltzlich wurde ihre Stimme
ganz sanft und schmelzend -- nichts woran ich mich aufrichten kann,
auer einem. Wissen Sie, da ich ihn liebe, da ich ihn anbete,
vergttere, -- den jungen melancholischen Zigeuner, Vidl Falk--? Ich
liebe ihn wahnsinnig! Und sie schleuderte einen Strumpf, der auf dem
Tisch lag, durchs Zimmer, da er am Spiegelrahmen hngen blieb. Aber
wissen Sie auch, da dieses Haus eine Schlange beherbergt, ein niedriges
und verworfenes Geschpf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen
jungen, herrlichen Menschen in ihre Netze zu locken? Wir, bestes
Frulein, wir, die wir Vertreterinnen der Intelligenz, der Bildung und
Moral hier sind, wir mssen dafr sorgen, da dem Treiben dieser Dame
Einhalt gethan werde. Meinen Sie nicht? Sie stimmen mir doch bei?

Die gepuderten Wangen des lteren Fruleins frbten sich mit dem Rot
sittlicher Entrstung.

Denken Sie, fuhr Emilie von Erdmann fort, neulich kam diese nette
Dame zu mir herein. Weinend fllt sie auf die Ottomane und als ich sie
frage, was denn los sei, antwortet sie schluchzend, der Herr Oberst, --
ich bitte Sie, der Herr Oberst -- sei ihrer berdrssig geworden und
darber sei sie ganz verzweifelt. Stellen Sie sich meine Indignation
vor. Natrlich, jetzt geht sie einer hchst unsicheren Zukunft entgegen
und da heit es: einen Mann angeln. Was sagen Sie dazu? Frau Bender kann
Ihnen brigens die ganze Komdie ausfhrlich berichten.

Erregt und emprt verlie Frulein von Mahnke das Zimmer der noch immer
im Hemd promenirenden, verliebten Dame. Das erste, was sie unternahm,
war: bei Frau Bender die Wohnung zu kndigen. Es ist mir unmglich,
mit Personen obskuren Charakters in einem Hause zu logiren, liebe Frau
Bender, sagte sie bekmmert. Dann flchtete sie in ihr Gemach und griff
mit tendenziser Hast nach dem Riechflschchen.

Eintnig verlief das Mittagsmahl. Selbst Frulein von Erdmann sprach
wenig. Der Pole war der Einzige, der redete, obwohl ihm niemand zuhrte.
Um zwei Uhr waren Mely und Falk allein. Helene war ausgegangen. Frau
Bender schlief; sie schlief wohl vierzehn Stunden im Tag.

Sie sprachen nichts, beide. Wieder entstand jene wortlose Konversation,
die nur in Blicken besteht. Es ist ein stilles Hinber- und
Herbertrumen, so wie die Welle von Ufer zu Ufer schaukelt.

Was fr eine schne Hand haben Sie, sagte endlich Falk. Er stand auf
wie unter einem glcklichen Gedanken und nahm eine Feder vom
Schreibtisch. Dann ergriff er lchelnd ihre Hand und sie lie es
willenlos geschehn. Er schrieb auf die zarte Haut des Handrckens in
kleinen, feinen Buchstaben: Hier ruhten zwei Wandrer aus nach hartem
Kampfe.

Verstndnislos und ngstlich sah ihn Mely an. Wissen Sie nicht, was ich
meine? neckte Falk. Da begriff sie. Aber sie zeigte nicht, da sie es
verstehe, sondern that, als knne sie es immer noch nicht fassen. Da
nahm er noch einmal ihre Hand und drckte die Lippen auf die Stelle, die
er beschrieben hatte. Mely strubte sich nimmer. Sie seufzte tief auf
und grub die Zhne in die Unterlippe, starr auf das weie Tischtuch
blickend. Ihr Gesicht erschien noch blasser durch den Reflex des Schnees
auf den Dchern.

Ich mu fort, sagte Falk nach langem Schweigen. Ich darf es nicht
aufschieben; es handelt sich um einen wichtigen Gang.

Aber wann kommen Sie wieder? fragte Mely beunruhigt.

Vor neun, halb zehn kaum.

Sie entgegnete nichts. Sie senkte den Kopf so tief, da Falk von ihrem
Gesicht nichts mehr sehen konnte. In ihrer Hand lie sie eine der
kleinen Thonkugeln, mit welchen die Kinder spielen, unausgesetzt
hin- und herlaufen. Bisweilen bebte sie wie vor Frost.

Was haben Sie denn, Mely? fragte Falk und nahm ihre Hnde zwischen die
seinen. Die kleine Kugel rollte zu Boden.

Mit einer schmerzlichen und gnzlich verzweifelten Geste erwiderte Mely:
Ach! -- weil Sie jetzt schon wieder fortgehn! Ungestm erhob sie sich,
ging zum Fenster und legte dort die Hand vor die Augen. Sie nahm ihr
Taschentuch und zerknllte es. Ihr Herz war voll zum Zerbrechen. Wie
einen Strom bittern Leids fhlte sie es in der Brust und dies gab sich
als krperlicher Schmerz kund. Sie bereute, was sie gesagt und sie
frchtete Falks Erwiderung. Zugleich aber wartete sie angstvoll darauf.
Er trat zu ihr und legte schchtern seinen Arm um ihre Taille. Sei
vernnftig, sagte er sanft und rasch. Nicht zrnen, bitte! -- nicht
bse sein, (offenbar wollte er das du nicht wiederholen). Ich mu ja
wirklich fort.

Nein -- nein! erwiderte Mely mit dem Ausdruck eines Kindes, das
gezchtigt zu werden frchtet. Der Kummer, den sie empfand, machte Falk
ratlos. Dann will ich bis sechs wieder da sein, sagte er nachgiebig.

Mely entzog sich ihm hastig und setzte sich auf den Divan, wo sie das
Gesicht mit beiden Hnden bedeckte. Ihr war, als hinge all das junge
Glck davon ab, da er bliebe. Und doch fhlte sie auch, wie kindisch
das sei, und da er nicht nachgeben drfe, um von dem Unnahbaren,
Bewunderungswrdigen, das er -- Gott wei wodurch -- in ihren Augen
besa, nichts zu verlieren.

Aber Falk war schwach; er gab nach. Er bat sie, mitzugehen; im
Vorbeigehen wollte er sich bei den Leuten entschuldigen. Und dann
streunen wir ein wenig, meinte er lchelnd. Mely sah ihn von unten
herauf mit einem schnellen, leuchtenden, verheiungsvollen Blick an.

Falk trat dicht vor sie hin und berhrte mit den Lippen ihr Haar.
Nicht doch! Um Gotteswillen nicht hier! rief Mely erschrocken. Aber er
machte nur eine gleichgiltige Handbewegung.

Wie seltsam duftet das Haar, sagte er. Ich glaube, das kann man nie
vergessen. Und wie es aussieht, -- dies dunkle Wirrsal, ein wahrer
Strudel, -- und doch geordnet. Es ist eine sehr ordentliche Unordnung.
Und diese eine, dicke Locke auf der Stirn sieht aus wie ein
Fragezeichen. Sie kommen mir vor wie ein Buch und diese Locke ist der
Titel: ein Fragezeichen.

Wie ein glckliches Leuchten huschte es ber ihr Gesicht und aller
Kummer verschwand auf einmal.

Kennen Sie das Mrchen von der Prinzessin? begann er wieder. Die
kommt an die Stadt und das Thor ist geschlossen. Und der Knig selbst
geht und ffnet das Thor, damit die Prinzessin herein kann ..... das
kennen Sie nicht? Sehen Sie, das sind wir. Nur bin ich in diesem Fall
die Prinzessin und Sie der Knig. Wie htte ich auch sonst zu Ihnen
kommen knnen, wenn Sie nicht eigenhndig das Stadtthor aufgemacht
htten! Ach, es ist nrrisch, nicht? Es ist phantastisch, murmelte er,
sich selbst bespttelnd und wie zerknirscht von dieser Kritik.

Die Thr ffnete sich und die Leisetreterin Helene in Hut und Mantel kam
herein. Und obwohl sie ganz harmlos bei einander saen wie Leute, die
sich vom Wetter unterhalten, errteten Falk und Mely zu gleicher Zeit.
Diese Verlegenheit steigerte sich so sehr, da Falk, der aufgestanden
war, mit den Fingern das Rad der Nhmaschine so lange drehte, bis die
Nadel knackend brach. --

Spter saen sie allein in einem Seitenzimmerchen des Marco Polo. Sie
sprachen ber die Zukunft, -- immer in einer lchelnden und fast
romantischen Weise, als ob keines von beiden so recht von Herzen daran
glaube und es nur ein Wettstreit sei: wer den schnsten Traum erzhlen
knne. Mely war innerlich ruhig. Keine Sorge bedrckte sie, obwohl ihr
stets gegenwrtig war, da sie gestern das letzte Geld, das sie besessen
hatte, Frau Bender gegeben und da sie nun aller Mittel entblt war.
Sie war nicht leichtsinnig, aber wie die Wrme des Frhlings das Eis
auftauen lt, so schmolz all das Harte, Winterliche, Frostige ihres
Lebens dahin vor dieser Wrme, die jetzt ihre Seele erfllte. Bisweilen
nur fhlte sie ein schweres Entsetzen, -- ein kurzes Erwachen aus tiefem
Schlaf. Oftmals brachte sie den grten Teil der Nacht wachend zu und
da war sie voll von einer Schwermut, die sie weit emporhob ber die
Nahrungssorgen.

Als sie den Theesalon verlieen, dmmerte es schon und schon brannten
die elektrischen Bogenlampen. Rtliche Leuchtkugeln, hingen sie mitten
im Winternebel, und oft flackerten sie und wurden rot oder violett. Dies
Aufflackern und Zusammensinken hatte etwas von dem Flgelschlag eines
sterbenden Vogels.

Was haben Sie denn? fragte Falk das junge Mdchen, das sichtlich
zitterte und wie eine Schlafwandelnde dahin ging.

Mir ahnt ein Unheil, sagte sie leise und trostsuchend.

Als sie um die Ecke der Maffeistrae bogen, wurden sie durch das heftige
Gebell eines Hundes erschreckt. Es war Pitt, der auf ungestme Art seine
Freude zu erkennen gab und an Mely emporzuspringen versuchte. Sie
lchelte zuerst dem Tiere ein wenig zerstreut zu. Falk wollte sich
niederbeugen, um den Hund zu streicheln, als er voll Entsetzen die
Vernderung in Melys Gesicht wahrnahm. Sie war so wei geworden wie der
Schnee und ihre Augen starrten wie trunken, ja wie blde auf einen
einzigen Punkt. Und pltzlich wurde sie so rot, wie Falk sie noch nie
gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde purpurn, Ohren, Stirn und Hals waren
von glhender Rte bedeckt. Der Oberst, sagte sie, mhselig lchelnd.
Dieses mhevolle, bedrckende Lcheln empfand Falk wie einen Schnitt ins
Fleisch. Die Angst, die Scham und die Verzweiflung und der Trotz waren
so deutlich darin ausgeprgt, da sie wie ein Bild der Zerrissenheit
aussah. Der Oberst war jetzt auf vier Schritte nahe gekommen und blickte
Mely an. Nie in ihrem Leben verga sie diesen Blick. Weder Hohn, noch
Zorn, noch Bitterkeit lagen darin; aber durch die namenlose Verachtung,
die er enthielt, erschien er ihr wie ein Hieb mit der Peitsche. Einer
seiner Freunde ging mit ihm, den Mely kannte. Und dieser Mensch stierte
sie frech an mit einem breiten, lustigen Lachen, und sein rotes Gesicht
glnzte wie bei einem guten Spa. Wie der Oberst ging auch er vorbei,
ohne zu gren. Dieser eine Umstand machte Mely ganz schwindlig vor
Schmerz. Sie schmte sich so sehr, da sie nichts thun konnte, als das
mhselige Lcheln auf den Lippen behalten. Vor der ganzen Strae voll
Menschen, von denen doch keiner auf sie achtete, schmte sie sich, und
das Lcheln, das etwas Irrsinniges hatte, schien auf ihrem Gesicht
erstarrt zu sein.

Falk ging mit ihr in einen Hausflur, wo sie sich an die Mauer lehnte und
in die Hhe starrte. Wieder bedeckte eine groe Blsse ihr Gesicht, das
einen grauen, mehligen Ton hatte. Kraftlos stand sie da. Pitt war ihr
gefolgt; das kluge Tier wandte keinen Blick von ihr. Alles ist aus!
sagte sie leise.

Falk war ratlos. Was ist aus?

Nun er hat mich gesehen mit Ihnen, -- und ...

Aber das macht ja nichts. Er wei doch nicht, wer ich bin. Sie knnen
ihm doch sagen...

Ach, wenn Sie wten! Er vermutet jetzt das Allerschlimmste. Er hat mir
ja auch streng verboten, auf der Strae mit jemand zu gehen. Selbst mit
einer Dame darf ich nicht gehen. Ich darf keine Freundin haben, nichts.
Bah, es ist mir wirklich gleich; jetzt lach ich dazu. Es hat eben so
sein sollen, das trstet mich. Ja wirklich, das trstet mich. Es wre ja
ohnehin zu Ende gewesen, -- natrlich. Aber jetzt ist alles aus.

Diese verworrenen Stze fielen wie eine wilde Klage von ihren Lippen.
Was soll jetzt mit mir werden? dachte sie. Diese Frage folterte sie, da
sie Kopfschmerz bekam. Sie war froh ber diese Schmerzen; jetzt
verschwand doch das aufdringliche Bild: der lachende Freund mit seinen
gelben Zhnen, seinem grinsenden Gesicht. Sie seufzte.

Vidl Falk sah seinen Argwohn pltzlich gro geworden. Dieser Argwohn
sah mit finsteren Augen aus seinem Versteck heraus. Er war hungrig und
verschlang auch Nichtigkeiten, um sich zu sttigen. Aber er wurde
niemals satt.




X.


Eine Stunde darauf hatte Mely den Vorfall vergessen. Der Abend kam, und
Falk mute fortgehen, da er nachmittags die Leute nicht zu Hause
getroffen hatte. Er hatte sich versptet. Als das Nachtmahl vorbei war,
stand er auf, verbeugte sich gegen die Damen und wollte hinaus. Da sah
er Melys blasses Gesicht mit einem bekmmerten Ausdruck auf sich
gerichtet. Lange zgerte er; er wute nicht, was er sagen sollte, um
Frau Bender und Helene dies auffllige Warten zu erklren. In einer
Stunde bin ich wieder da, murmelte er endlich, ganz zu sich redend, und
strmte hastig hinaus. Helene lchelte spttisch. Mely war gereizt und
fuhr sie schroff an. Warum lachen Sie denn? Was soll das bedeuten?
Helene zuckte die Achseln. Wie mitrauisch sind Sie, fuhr Mely leiser
fort. Sie sind mitrauisch, ich glaube aus Vorsatz. Helene schttelte
den Kopf. Das wollte sagen: Ich habe so viele Erfahrungen, da ich
dergleichen riskiren darf. Ihre glatte, bergroe Stirn leuchtete wie
eine geschliffene Platte, und die Augen blitzten streitlustig. Aber sie
war viel zu bequem, um zu reden. Sie verschrnkte die Arme und sah vor
sich hin mit dem unvernderlich klugen Gesichtsausdruck, der ihr eigen
war. Frau Bender nhte, besserte die Wsche aus und seufzte oft aus
schwerem Herzen. Meine Tochter thut gar nichts, klagte sie etwas
schchtern, als frchte sie Helenes Erwiderung. Aber die runzelte blo
die Stirn.

Mely hatte sich auf den Divan gelegt, mit dem Gesicht gegen die Wand.
Eine Stunde ist lang, flsterte sie in sich hinein und horchte auf das
Ticken der Wanduhr. Der Wind sauste und Schneekrner knatterten gegen
die Fenster. Die Nacht war schwer und kalt. Es war ganz ruhig im Zimmer.
Ein Schlo im Schwarzwald, dachte Mely, wie fein! Aber wie kann das
sein! Wie kann das jemals Wirklichkeit werden? Er ist so arm wie ich,
und wie will er so viel Geld erwerben? Allerdings, wenn er Arzt sein
wird ... Aber was thu' ich da, was fr nrrische Gedanken sind das! Ich
mu mich schmen. Er spielt ja nur mit mir. Ein bischen Zeitvertreib,
die Mnner lieben das, und alle sind sie gleich; einer ist wie der
andere. Wie komisch, -- und wozu kann das alles fhren. Wie
unbegreiflich ist die Liebe, ich verstehe sie nicht. Es ist etwas so
Mrchenhaftes dabei, so erstaunlich ist es. Nein, ich knnte lachen,
und wenn ich an ihn denke, mu ich errten. Ob er wohl noch so nett ist,
wenn wir verheiratet sind? Wie dumm bin ich! Frher einmal, da hatte ich
den Oberst ganz gern, aber wie anders ist die Liebe! Ich frchte mich
eigentlich. -- Ach, ist denn die Stunde noch nicht vorbei?

Die Stunde verflog und Falk kam nicht. Da fhlte sie sich tief
unglcklich. Jede Minute, die verstrich, ohne da er kam, machte sie
unglcklicher. Ihr Herz prete sich zusammen wie unter einem
unwiderstehlichen Schmerz, und das Tapetenmuster flimmerte vor ihren
Augen. Endlich krachte das Hausthor, und atemlos, immer noch das Gesicht
der Wand zugekehrt, lauschte sie den allmhlich lauter werdenden
Schritten auf der Treppe.

Pustend und die Hnde reibend, trat Falk ein. Ah, Frulein Mirbeth
schlft! sagte er leise, wie um sie nicht zu wecken. Sie wnschte, da
er in diesem Glauben bleibe, und regte sich nicht. Sie glaubte, er msse
sonst die berstandenen Leiden von ihrer Stirn lesen knnen.

Sehn Sie! sagte Falk frohlockend: Gerade eine Stunde.

Schlaftrunkenheit heuchelnd, wandte sich Mely schwerfllig um und
ghnte, wie Erwachende zu thun pflegen. Gar nicht wahr, sagte sie
vorwurfsvoll, das war viel lnger als eine Stunde.

Neun Minuten mehr, besttigte Helene ernsthaft.

Lange konnte Mely in dieser Nacht nicht schlafen. Und sie wnschte es
auch nicht. Die Nacht war so still, und ihre Sinne waren durch die Ruhe,
wie durch das Erlebte so geschrft, da sie die pfeifenden Atemzge der
Erdmann vom Nebenzimmer vernahm. Es war nichts Bestimmtes, an das sie
dachte, kein verlockendes Phantasiebild, sondern eine unterdrckte
Erregung hielt sie wach, eine bohrende Unruhe, die sie mit Spannung
gegen die kommenden Ereignisse erfllte. Alle anderen Lebensinteressen
waren fr sie unbedeutend geworden. Es war nicht der Mhe wert, darber
zu sinniren.

Als sie einschlief, war es drei Uhr und erst gegen elf Uhr vormittags
wachte sie auf. Dann lag sie noch ber eine halbe Stunde mit offenen
Augen und mhte sich ab, einem Traum, der ihr entfallen, auf die Spur zu
kommen. Sie lchelte in der Erinnerung an diesen Traum, aber sie wute
durchaus nicht, welcher Art er gewesen.

Nach dem Mittagessen verwickelte das Frulein von Erdmann Vidl Falk in
ein sinniges Gesprch ber die Rubenssche Amazonenschlacht. Mely sa am
Fenster. Sie war verstimmt, und die dicke Dame bemerkte es. Instinktiv
erriet sie auch den Grund und war um so mehr bemht, den jungen Mann in
die Fden ihrer Konversation zu ziehen.

Pltzlich sprang sie von ihrem Thema ab und sagte: Ach, beantworten Sie
mir einmal eine Frage: haben Sie sich schon einmal verliebt? Und sie
legte vorsichtig ihre Hand auf die seine. Ihre Ohrlappen waren rter als
sonst. Dann lachte sie, whrend Falk seine Hand in Sicherheit brachte.
Wie er schaut! ach! -- Sie sind erstaunt ber meine Frage?

O nein, -- oder vielmehr ja.

Reizend! O nein, oder vielmehr ja. Und wiederum trllerte sie ihr
Lachen wie eine Kadenz herunter. Falk runzelte die Stirn.

Warum diese Falte? fragte die allzulaute Dame; sie schmolz in
Hingebung. Fort damit, sie ist hlich. Wie kann man ein so finsteres
Gesicht machen, wenn man so schne Augen hat. Nicht wahr, Frulein
Mirbeth? Finden Sie das nicht auch?

Mely bejahte, dann verlie sie langsam das Zimmer, -- zgernd, damit es
nicht scheine, als ob sie dieser Scene wegen ging.

Die Erdmann bog sich ganz zu Falk hinber. Ich will meine Frage
einschrnken, flsterte sie. Sagen Sie: sind Sie verliebt, sind Sie
verliebt? Es war ihre Gewohnheit, jede Frage oder jeden Ausruf zu
wiederholen. Sie war jetzt erregt, und ihre Augen funkelten.

Falk errtete und lchelte kindisch. Ich bitte Sie, Frulein,
stammelte er. Seine Augen blitzten zornig.

Nein, diese Jugend! gellte die Dame spttisch und schleuderte die
geballte Serviette ber den Tisch. Es entstand ein langes Schweigen.

Merkwrdig, sagte Falk; wenn solche Verlegenheitspausen eintreten,
bin ich nie derjenige, der sie unterbricht.

Das Frulein starrte ihn verblfft an und bemhte sich, geheimnisvoll zu
lcheln.

Als Falk allein war, befand er sich in einer Stimmung, in der ihn jedes
Gerusch schmerzte. Wenn streitende Stimmen oder Gelchter von der
Strae erschallten, schreckte er zusammen. Wenn ein Hund bellte oder ein
Lastwagen rasselte, so versetzte ihn das in unbegreifliche Erregung.
Besonders das Hundegebell nahm gar kein Ende.

Es dunkelte, als er, von der Stadt zurckkommend, Mely im Korridor traf.
Sie stand vor dem Spiegel und richtete das Haar. Sie trug den
grngrauen, grogeblmten Schlafrock, der ihr Gesicht noch bleicher
erscheinen lie. Es war, als wnsche sie mit diesem Kostm zu sagen, da
es ihr gleichgltig sei, ob sie den Leuten gefalle oder nicht.

Ich mache Kaffee, Frulein Mely, sagte Falk. Wollen Sie mittrinken?
In meinem Zimmer natrlich. Wir laden auch Frau Bender und Helene dazu
ein.

Mely, die zuerst gezgert hatte, war jetzt freudig dabei. Falk lie das
Zimmer heizen und stellte einen Topf Wasser auf den Spiritusapparat. Als
er nach einiger Zeit ins Wohnzimmer trat, saen Mely und Frau Bender
dicht bei einander, und Frau Bender weinte. Sie sah dabei scheu nach
ihm, und er hatte das Gefhl, als ob man soeben von ihm gesprochen
htte. Mely sttzte den Kopf in beide Hnde und sah unbeweglich auf die
Tischplatte. Falk rhrte sich nicht mehr von der Stelle. Indem er das
junge Mdchen ansah, ohne mit den Lidern zu zucken, stieg Zweifel auf
Zweifel in ihm auf. Woran er zweifelte, das wute er nicht. Es war der
dunkle Ingrimm eines Menschen, der betrogen zu werden frchtet, whrend
er bereit ist, sich hinzugeben mit ganzer Seele.

Er sagte nichts, sondern ging, nachdem er sich etwas erstaunt geruspert
hatte, in sein Zimmer zurck und zndete die Lampe an. Bald darauf kam
Mely. Sie sah bestrzt aus, und als bereue sie ihre Zusage, blieb sie
unentschlossen an der Thre stehen. Falk, gleichfalls befangen, schob
einen Fauteuil zum Ofen und lud sie mit einer Handbewegung zum Sitzen
ein. Helene kommt gleich, sagte Mely, gleichsam sich selbst
entschuldigend. Frau Bender hat zu viel Arbeit.

Warum hat denn Frau Bender geweint? fragte Falk, mehr um ein Gesprch
anzuknpfen, als aus Neugierde.

Das junge Mdchen lchelte schwermtig und schchtern. Ihr Blick, sonst
ein wenig unstt, war pltzlich sanft und ruhig geworden. Ich wei das
wirklich nicht, sagte sie, und Falk bemerkte, wie sie immer noch
erstaunt war ber das Benehmen dieser Frau. Sie sagte, -- doch wie kann
ich Ihnen das erzhlen!

O bitte--!

Nun gut. Sie lobte Sie, -- Sie seien so gescheit und so ein herzlicher
Mensch -- diesen Ausdruck gebrauchte sie -- und ich mchte doch ein
wenig lieb zu Ihnen sein. Spter bereuen Sie es sonst, sagte sie zu mir.
Gar gern luft das Glck vorbei, auf Nimmersehen. Ja, und auf einmal
brach sie in Thrnen aus.

Falk erwiderte nichts darauf. Er blickte an Mely vorbei, aber er sah
doch, da ihr Gesicht rot war; nur konnte er nicht unterscheiden, ob es
der Widerschein des roten Lampenschirms oder natrliche Frbung war.
Eine schwle Dmmerung herrschte in dem kleinen Gemach und es war sehr
still. Am Kaffeekessel zuckten die blauen Spiritusflmmchen und schlugen
manchmal gleich Wellen empor. Das Wasser begann zu sprudeln, und Falk
ging, um die Flamme zu lschen. Er verrichtete diese Dinge mit
ironischer Wichtigkeit. In seinem Innern hatten sich, whrend er jetzt
den Kaffee bereitete, alle trben Stimmungen geklrt; sie waren
zerflattert. Er war Mely dankbar, -- doch weshalb? Vielleicht fr ihre
Offenheit. Denn ein Gestndnis lag in dem, was sie ihm mitgeteilt; daran
zweifelte er nicht.

Als Helene eintrat, knixte sie spttisch, nahm Platz und sah mit
wohlwollendem Ernst umher. Hbsch -- stimmungsvoll! sagte sie und
pltzlich lachte sie in ihrer hlzernen Art. Nein, -- wie Sie dastehen
und kochen! rief sie und schlug die Hnde zusammen. Diese Lustigkeit
hatte bei ihr stets etwas Unglaubwrdiges.

Gar bald dampfte der wohlriechende Kaffee aus den Tassen.

Wie wir jetzt beisammen sitzen, -- das ist komisch, meinte Helene.
Gerade, als ob wir uns schon ewig kennen wrden. Wenn jetzt wer Fremdes
kme und zushe, -- er mte uns fr Geschwister halten, -- oder so was
hnliches, fgte sie hinzu, wieder spttisch werdend. Derweil ist der
eine aus Norden, der andere aus Sden und der dritte vielleicht aus der
Hlle.

Ich bin doch hoffentlich nicht der Dritte? fragte Falk unwirsch. Was
Sie da sagen, ist brigens ganz gut. Aber seltsam, whrend Sie reden,
habe ich immer das Gefhl, als dchten sie bei sich: ach was, die sind
ja doch nicht wert, da ich was Ordentliches rede.

Ja, -- ja! besttigte Mely eifrig.

Das wre sehr keck von mir, gab Helene obenhin zurck.

Wie verschieden sind Sie von Ihrer Mutter, fuhr Falk fort. Sie haben
keinen Zug von ihr. Aber man kann Ihnen Glck wnschen zu dieser Mutter,
-- eine ideale Frau. Weshalb diese Hymne? fragte er sich gleich darauf
etwas beklommen. Man mu abwarten. Dieselbe Frage hatte sich Mely
gestellt.

In der Kche rief Frau Bender nach ihrer Tochter, und Helene huschte
davon.

Ich fhle mich jetzt ganz glcklich, sagte Mely, tief aufatmend. Und
dann sah sie scheu zu Falk hinber, ob er sie nicht verspotte. Sie
begegnete seinem nachdenklichen, fast grblerischen Blick, der sie zu
durchdringen schien. Oder nein, er schien nur zu fragen: bist du
wirklich so, wie du jetzt scheinst? Ist dies dein wahres Wesen? O, ich
mchte in deine Seele sehen -- so redete dieser Blick -- wie auf den
Grund eines klaren Sees.

Falk rckte ihr nher. Sein Schatten fiel auf sie, so da sie frmlich
begraben war in Dunkel. Nur ihre Augen glnzten daraus hervor mit einem
feuchten, perlenden Glanz und mit einem kindlich bangen Ausdruck. Nach
einer langen Pause sagte sie mit unsicherer Stimme: Ihr Amor da droben
hat ja keinen Kopf mehr.

Er lchelte. Das ist natrlich. Wissen Sie denn nicht, da man in der
Liebe den Kopf verliert?

Sie schaute ihn verwundert und erschreckt an. Diese Verwunderung, dieses
Erschrecken, all das war kindlich. Es erregte ihm ungefhr folgende
Empfindung. Als Kind hatte ihm die Mutter bisweilen von der
mrchenhaften Pracht erzhlt, die bei dem oder jenem reichen Manne
herrschte. Genau das zweifelnde Entzcktsein und die furchtsame
Sehnsucht, die er damals empfunden, fand er jetzt bei ihr.

Sie sind immer so still, sagte Mely. Sie reden so selten. Und wenn
ich dann was sage und Sie berlegen so lange, da mein' ich dann immer,
ich htte eine Dummheit gesagt. Sie hielt inne, wie um zu prfen,
welchen Eindruck ihre Worte machten. Dann fuhr sie fort: Ich denke mir,
Sie mssen immer recht allein gewesen sein. Es hat sich vielleicht
Niemand um Sie gekmmert--? Nicht?

Da haben Sie recht, erwiderte er mit so langsamer Stimme, als knne er
nicht Raum genug finden, um all die Dankbarkeit durchhren zu lassen,
die er fr ihre Worte hatte. Und solche Leute, die immer allein sind,
verlieren dann allen Mastab fr sich. Ich hatte wohl einen Freund, aber
eines Tages mute ich Geld von ihm leihen und dann ging das so in die
Brche, sehen Sie. (Warum sage ich das? dachte er. Ich will mich nur
putzen: will nur zeigen, da ich fr diese Geldborgerei ein feines
Gefhl habe.) Eine Zeitlang hab ich so gut wie gehungert, das drfen
Sie glauben. Kaum, da ich manchmal Brot hatte. Denken Sie, was ich vor
ein paar Monaten fr eine sonderbare Leidenschaft gehabt habe. Jeden
Mittag besuchte ich den nrdlichen Kirchhof, und sah mir im Leichenhaus
die Toten an. Ich hatte dafr das grte Interesse. Ich studirte den
verschiedenen Gesichtsausdruck bei den verschiedenen Leichen, und wenn
ich mich in Not befand, war es mir eine Wohlthat, stets ein Bild des
Todes vor Augen zu haben. Aber das entsetzt Sie?

Wissen Sie, was ich zuerst gedacht habe, wie ich Sie kennen lernte?
sagte Mely. Ich hielt Sie fr einen groen Weiberfeind. Erinnern Sie
sich, wir sprachen einmal bei Tisch von Schopenhauers Aufsatz ber die
Weiber, und Sie waren so begeistert dafr--

Ach ja, wie dumm war das! rief Falk errtend und rgerlich. Aber das
ist wahr, ich habe mich einmal gefrchtet vor der Liebe. Das glauben Sie
nicht?

Mely wandte sich ab, wie um eine Vernderung in ihren Zgen zu
verbergen. Was haben Sie? fragte Falk, zitternd vor Besorgnis, ihr
wehe gethan zu haben. Bitte, sehen Sie mich an! Und er ergriff ihre
Hand und bedeckte die Finger mit Kssen. Sie seufzte lange, wie Jemand,
von dessen Rcken eine gar schwere Last gehoben wird.

Sagen Sie mir, wie ist das mit dem Oberst? fragte Falk. Das mssen
Sie mir genau erzhlen. Wollen Sie?

Nicht jetzt, entgegnete Mely betrbt und enttuscht. Was ist da auch
zu sagen. Ich hnge von ihm ab, denn ich bin arm. Deshalb mu ich nett
und freundlich gegen ihn sein. Ich mu reprsentiren und das Haus in
Ordnung halten, -- aber jetzt ist ja das alles vorbei. Wir haben uns
schon vor der Begegnung neulich ganz zerkriegt. Mehr war es nicht, das
drfen Sie mir glauben.

Mehr war es nicht, wiederholte Falk sehr langsam. Die Art, wie sie die
Aufklrung gab, der Ton, in dem gleichsam die Bitte lag, ihr nicht zu
mitrauen, entfachte seinen Argwohn pltzlich und lebhaft. Und was
wollen Sie jetzt beginnen? fragte er.

Mely schwieg. Sie lchelte sonderbar khl. Weshalb dann diese Furcht vor
Jenem? grbelte Falk, gleichsam seinen Argwohn htschelnd.

Es lutete drauen, und das junge Mdchen fuhr erschrocken zusammen und
lauschte regungslos. Bald darauf wurden Stimmen laut: Begrungen,
staunende Ausrufe des Wiedersehens. Das sind Lottelotts, sagte Mely.
Die Frau ist schrecklich. Sie hat den Wahn, eine geistreiche Frau zu
sein und ist, o! so ungebildet. Sie ist klein, drr und frech: sie
schreit bestndig, und wenn sie lacht, hrt man es bis auf die Strae.
O, sie hat mich. Mich hassen berhaupt alle Menschen. Auch Helene hat
mich.

Falk beugte sich so weit zu ihr hinber, da ihre Wimpern sich fast
berhrten. Sie blickten sich Auge in Auge, und er stammelte mit dem Mut
der Schchternen: Du -- hast -- mich. Verwirrt lie Mely den Kopf
sinken. Vor lauter Scham lachte sie, -- lautlos. Sie ffnete den Mund,
die Zhne schimmerten hindurch, und sie stie den Atem aus, aber dies
Lachen war nicht hrbar. Falk lie sie nicht aus den Augen. Das that er
aus Feigheit vor der Wirkung seiner Worte. Nur einer Bewegung des Halses
htte es bedurft, und er htte sie kssen knnen, aber wie
ungeheuerlich, wie vermessen erschien ihm jetzt ein solches Beginnen!
Wann werden Sie reden? wann endlich reden? flsterte er vllig
unmotivirt. Wirst du denn immer schweigen?

Mely war wie gelhmt. Ihr war, als mte das Gewand ber der Brust
zerspringen. Wenn es eine Freude gibt, die zugleich die beklemmendste
Angst ist, so war es diese. In einem Augenblick bersah sie ihr
vergangenes Leben, und sie hatte dabei ein Gefhl wie Jemand, der
ermdet von einer groen Reise nach Hause kommt und rasten kann.

Wiederum lutete es. Beide achteten nicht darauf. Nach kurzer Zeit
wurde an der Thr gepocht, und das Dienstmdchen kam herein. Es ist
Jemand da vom Herrn Oberst, sagte sie. Das Frulein Mirbeth mchte
sofort hinberkommen.

Nachdem die Magd wieder hinausgegangen war, stand Mely auf und blickte
verstrt umher. Ist es denn mglich? dachte sie. Freilich, jetzt hat er
Angst, mich ganz zu verlieren, da er mich mit einem Andern gesehen. Aber
darf ich denn das thun, -- hinbergehen? Was ntzt es, ich mu. Ich kann
ja nicht verhungern. Er kann machen mit mir, was er will. Ich bin arm.
So berlegte sie in stummer Qual.

Sie gehen ja doch nicht hinber, sagte Falk, indem er sie gespannt
anblickte.

Ich mu, wiederholte sie laut. Was ntzt es, wenn ich dableibe? Frau
Bender kann mich nicht ernhren. Niemand fragt nach mir. Bald komm' ich
wieder, sobald es geht. Und sie wollte fort. Aber Falk vertrat ihr
behend den Weg. Er schaute sie an, -- lange Zeit. Seine Lippen
zitterten, als ob er reden wollte. Mely hielt seinem Blick Stand. Sie
lie die Arme schlaff herunterhngen, und eine herzliche, tiefe
Betrbnis lag in ihrem Gesicht. Dann nickte sie flchtig und ging.

Falk warf sich aufs Bett, bedeckte die Augen mit den Hnden, und
verblieb so fast eine halbe Stunde lang. --

Als er ins Wohnzimmer kam, stellte man ihm Herrn und Frau Lottelott
vor. Frau Bender war etwas khl, doch er bemerkte es nicht. Sehend und
doch nicht sehend, ging er umher. Er hrte wohl, da die Leute um ihn
herum sprachen, aber was sie sprachen, verstand er nicht. Eine weiche
Rhrung hatte ihn berfallen, eine milde, gleichsam opferfreudige
Stimmung. Wenn er an die Zukunft dachte, geschah es so: es wird nicht
lange whren, dies alles. Flchtig wird es sein, wie der Winterschnee,
gewi. Aber es ist schn. Es ist ein schner, schner Traum.

Wo ist denn Frulein Mirbeth heute? fragte Frau Lottelott ein wenig
schnippisch und rmpfte die Nase. Falk wurde aufmerksam.

Der Herr Oberst hat sie rufen lassen, erwiderte Frau Bender mit einem
vielsagenden Blick.

So, -- der Herr Oberst! --

Dies kurze Zwiegesprch versetzte Falk in wilde Aufregung. Er sah, wie
Herr Lottelott geheimnisvoll grinste und wie sein rotes Biergesicht
einen Ausdruck gutmtigen Bedauerns annahm. Die Worte, die gefallen,
waren harmlos, aber es lag alles darin, was ihn bedrckte mit schwerer
Wucht.

Er setzte sich ans Klavier und spielte: einen Marsch, einen Walzer, eine
Schubertsche Sonate ... er spielte polternd, ungrazis und viel zu
schnell.




XI.


Als Mely zurckkam vom Oberst -- das war gegen zehn Uhr -- fiel Falk
zunchst die groe Blsse ihres Gesichts auf. Sodann war ihr Blick so
unstt, so unsicher flackernd, so verdstert, wie er es noch nicht an
ihr beobachtet hatte. Oder suchte er all das blos und war es in Wahrheit
gar nicht vorhanden? Auch verletzte ihn die bertrieben liebenswrdige
Art, mit der sie Frau Lottelott anredete, und er sagte sich: das thut
sie aus Furcht. Sie frchtet offenbar die bse Zunge dieser Frau und
will sich nun durch Zuvorkommenheit bei ihr einschmeicheln. Es erregte
ihn, da er sie mit solchen Augen beobachtete, die auch den kleinsten
Umstand nicht bersahen. Selbst wenn er mit Andern sprach, achtete er
nur auf sie. Immerfort hrte er, was sie sprach, und er fhlte es
schmerzlich, da sie sich heute gesucht lustig gab. Sie wollte
unbekmmert scheinen und unterhaltend sein. Er hatte das Gefhl, als
htte sie Wein getrunken, um sich zu betuben. Er witterte etwas
Dunkles, etwas Lichtscheues hinter dieser Heuchelei. Oft blickte sie
nach ihm, aber er wich ihrem Blick aus und sie, die es bemerkte, schlo
dann jedesmal fr zwei, drei Sekunden die Augen.

Was haben Sie denn heute Schnes erlebt, Mely? fragte Helene, indem
sie sich vor Frau Lottelott den Anschein zu geben versuchte, als stehe
sie den Interessen dieser jungen Dame vllig fern.

Ja, Sie sind so bermtig; das ist man an Ihnen gar nicht gewohnt,
setzte Frau Bender hinzu, und ein Leuchten aufrichtiger Freude ging ber
ihre seltsam verschwommenen Zge.

Bin ich auch! antwortete Mely burschikos. Sie lachte. Dies Lachen
schien aus ihrem Magen zu kommen. Sie bog sich dabei etwas vor und zog
die Schultern in die Hhe. Warum herrscht nun diese feindselige Stimmung
zwischen uns? dachte sie im gleichen Augenblick mit Beziehung auf Falk.
Wir haben ja noch kein Wort miteinander gesprochen. Das Herz wurde ihr
schwer und zitterte gleichsam in ihrer Brust. Wieder schlo sie die
Augen und als sie sich von Frau Lottelott beobachtet sah, ghnte sie.

Sie haben Schlaf, gndiges Frulein, sagte der Mann der Frau Lottelott
-- er war in der That sonst nichts -- Sie sehen auch schlecht aus. Ich
habe eine vorzgliche Idee fr Sie. Wie wre es, wenn sie Kephirmilch
trinken wrden? Herr Lottelott hatte zwei Schwchen; die eine, da er
das Familienoberhaupt, die andre, da er den Arzt spielen wollte.

Seine Frau verhhnte ihn erbarmungslos. Sie liebte es, ihn vor Andern zu
blamiren, damit alles Licht auf sie, als auf die kluge Frau eines dummen
Mannes falle. Dabei war sie noch wie ein junges Mdchen in ihn verliebt.

Mely lchelte dankbar. Warum kmmern Sie sich eigentlich um mich?
fragte sie so traurig, da Falk erstaunt aufhorchte. Was mochte in ihr
vorgegangen sein? Er erschien sich roh und verstndnislos, und er machte
eine Geste der Selbstverachtung, wobei ihn Helene ironisch anschielte.
Ohnmchtig sah er zu, wie sich die Empfindungen in seiner Seele
kreuzten, wie sie stritten, wie es aufkochte in seinem Innern und wie es
strmte. Bis zu dieser Stunde hatte er sich treiben lassen von einer ihm
verborgenen Macht. Er hatte das se Bewutsein, da er Mely teuer sei,
gleichsam nur geduldet in sich, weil es wohlthuend fr ihn gewesen war.
Nun aber wurde er mit Schrecken gewahr, wie der Gedanke an dies Weib
Besitz genommen hatte von seinem ganzen Krper, von seiner ganzen Seele.
Nichts Anderes hatte Raum daneben.

Er bekam Kopfschmerz und verlie das Zimmer. Das fortwhrende Gelchter
der Frau Lottelott that ihm weher als Keulenschlge. Es war kein
Lachen, sondern glich einer Folge von schrillen Schreien, einem
epileptischen Krampf.

Er ging durch die Kche auf den Balkon und blickte in die besternte
Winternacht. Auf der Theresienstrae rollten Pferdebahnwagen.

Er hrte ein Rauschen von Kleidern hinter sich und wandte sich um. Mely
war es, die in der finsteren Kche stand und zu ihm hinblickte. Er sah
nur einen dunklen Schatten, und auch sie gewahrte nur Umrisse. -- 'Warum
bist du eigentlich herausgegangen? Ich konnte es nicht mehr aushalten
und mute dir folgen.' -- 'Nur an dich denk ich hier; drinnen bin ich
gestrt. Dich lieb ich, dich lieb ich.' -- 'Ich wei, da du mich
liebst, und noch tausendmal mehr lieb ich dich: aber sagen kann ich es
nicht.'

So redeten sie zu einander, aber ohne Worte. Es war ein stummes
Zwiegesprch in der Finsternis.

Ich finde kein Licht, sagte endlich Mely leise und mhsam, als msse
dies Hintrumen nun beendet werden. Ich mchte ein Glas, um Wasser zu
trinken.

Kommen Sie, ich will Ihnen meine Kerze geben, versetzte Falk ebenfalls
leise, wie wenn er ein Geheimnis verriete. Und Mely folgte ihm willig.
Er zndete Licht an in seinem Zimmer und schlo dann die Thre. Sie lie
es geschehen.

Wann kommst du wieder, wann werden wir wieder allein sein? stammelte
Falk, wie trunken von diesem Du.

Nie mehr! erwiderte sie heftig.

Bestrzt und unwillig trat er zurck.

Ach, es ist ja nicht mglich! stie sie jammernd und leidenschaftlich
hervor.

Wenn du nicht kommst -- -- dann--! Er stand an der Thr und breitete
die Arme aus, wie um zu verhten, da sie ging. In der Rechten hielt er
das Licht. Wie gro sind seine Augen und wie leuchten sie, dachte Mely.

Sehen Sie, Frau Bender hat mir heute Abend schon Vorwrfe gemacht, da
ich so lang allein bei Ihnen war. Ich kann ja nicht und darf es nicht!

Er blickte sie fassungslos an, und sie flehte: Bitte, lassen Sie mich
hinaus jetzt.

Falk lie die Arme sinken und ffnete die Thre. Finster blickte er zu
Boden, und Mely eilte hastig zum Wohnzimmer, wo man lustig plauderte.
Ihr Krper war kalt wie Stein, und ihre Wangen glhten wie Kohlen. Sie
sa taub unter den Gesprchen der Leute. Sie sah nur immer Falk an, wenn
sie sich unbeobachtet glaubte, und sie sah sein finsteres Gesicht und
wie er die Augen nicht erhob vom Boden. Da regte sich Angst in ihr. Sie
suchte einen Beschlu zu fassen und einen Ausweg zu finden, und die
Unfhigkeit dazu verursachte ihr groe Qual. Ich mu mit ihm reden, das
ist klar, dachte sie. Alles mu ich ihm sagen, wie mir zu Mut ist. An
diesen Gedanken klammerte sie sich mit aller Kraft.

Unter den Lottelotts entstand ein Streit. Sie wollte noch Bier trinken,
und er wollte heim. Er schalt sie eine Suferin, und sie schalt ihn
Esel. Ich wei, wie du heimgehst, sagte sie wtend. Unterwegs nimmst
du alle Wirtshuser mit, die an der Strae liegen. Sumpf und Stumpfsinn
ist dein Vergngen. Lottelott lchelte Frau Bender entschuldigend an
und hrte nicht auf, sich mit beschftigter Miene den Kopf zu kratzen.

Helene beendete den Streit mit der ihr eigenen Entschiedenheit. Sie
erbot sich, Bier zu holen, und stand gleich auf, um das Glas in der
Kche mitzunehmen. Falk fhlte die Verpflichtung, sie zu begleiten, und
folgte stillschweigend. Drauen lie ihn Helene hochmtig an. Nun, --
Sie bemhen sich gar zu mir herab -- o! Ba erstaunt thuend, hob sie
die Hnde. Sie trug ein knallrotes Kleid, das Falk wie abgestimmt
erschien zu ihrem ganzen Wesen. Er wute ihr nicht zu antworten. Fr ihn
war sie halb Kind, halb Greisin, und nie wute er sich ihr gegenber zu
benehmen.

Sie hatten schon die Korridorthre geffnet, als Mely nachkam. Ich will
mitgehen, sagte sie mit mder Stimme. Es ist mir zu hei im Zimmer.
Sie schritt mit Helene die Stufen hinab, und Falk, der seinen Mantel um
die Schultern geworfen hatte, tappte mit der Kerze hinterdrein. Aber
bald stand Mely still und drckte die Hand aufs Herz. Falk blieb neben
ihr stehen, und Helene ging, ohne auf sie zu achten, weiter.

Nur mechanisch hatte Falk Halt gemacht. Er blickte Mely nicht an,
sondern sah die Stufen hinab ins Dunkle. Da haschte Mely nach seiner
Hand und flsterte beklommen: Herr Falk, -- sei'n Sie nimmer bse! Ich
will kommen. Ich will heute Nacht kommen, wenn alles schlft. Auf einen
Augenblick. Dann ging sie weiter.

Falk glaubte sie nicht recht verstanden zu haben. Wie ein Trumender kam
er im Hausflur an. Ihre Worte hatten einen dumpfen Schrecken in ihm
erregt. Das erste, was er dachte, war: sollte ich mich in ihr getuscht
haben? Doch dieser Gedanke verlor sich gleichsam in die Finsternis. Er
fhlte etwas in sich zerflieen, etwas Kaltes und Drckendes, das ihm
sein Leben schwer gemacht hatte und nchtern. Wre er jetzt gezwungen
worden, zu reden, er htte nur zu lallen vermocht. Verwunderung und
Scheu und ein beglcktes Nachsinnen erfllten ihn. Und dann die Furcht,
da sie sich in seiner Achtung geschadet haben knne, oder da sie
ahnungslos wie ein Kind sich einer groen Gefahr hingab.

Helene hatte schon das Thor aufgesperrt, und hpfte nun ber die
Strae. Mely stand unterm Thor, und jetzt sah sie Falk an mit einem
vollen, funkelnden und fast triumphirenden Blick. Schchtern begegnete
er ihren Augen. Er gewahrte, da sie zusammenschauerte im Frost, und
legte seinen Mantel um ihren Krper. Sie lie es geschehen, doch sagte
sie: Innerlich ist mir hei. Eigentlich friert mich gar nicht. Ihr
Gesicht war sehr bleich. Doch dies Triumphirende und zugleich Vertrumte
wich nicht von ihren Zgen. Bisweilen huschte ein fast wahnsinniges
Lcheln um ihre Lippen. Ich bin nicht so ruhig, als es scheint, sagte
sie ein wenig bekmmert und seufzte. Falk nickte. Ich kenne ein Gedicht
von Stauffer-Bern, erwiderte er. Der Mann hat es im Irrsinn
geschrieben. Die erste Strophe heit: Hinter des Kerkers Gitter singt
traurig ein Vgelein: O Lieb, wie bist du bitter, o Schatz, wie bist du
fein.

Sie sahen sich an, und Beider Lippen bewegten sich, gleichsam Worte des
Glcks suchend. Jetzt kam Helene zurck.

Erst um halb zwlf Uhr gingen die Lottelotts nach Hause. In seinem
Zimmer warf sich Falk in den Fauteuil und regte sich nicht mehr. Bald
war alles still im Hause. Die nachgelegten Kohlen prasselten im Ofen.
Ich knnte jetzt ein bischen lesen, dachte Falk, doch er war unfhig,
sich zu erheben. Und er sinnirte: Was hat es auch fr einen Zweck, wenn
ich jetzt lese? Was kann mich noch interessiren von den Dingen der Welt?
Ihm war wie einem Menschen, der am Vorabend einer groen Reise steht,
ohne da er wei, wohin das Schiff steuern wird. Er drstete danach, den
schwarzen Schleier der Zukunft zu lften, nur fr eine Stunde. Was wird
in einer Stunde sein? fragte er sich, und er vermochte sich durchaus
nicht vorzustellen, welche Ideen, welche Empfindungen ihn nach Ablauf
dieser Zeit beherrschen wrden. Wenn nun die Thre aufging und sie kam
herein, mute da nicht ein neues Zeitalter beginnen--? So dachte er,
solche Wichtigkeit besa dieser Vorgang in seinen Augen. Geheimnisvoll
und zugleich schmerzlich war dies. Er glaubte, sein Herz sei versengt.
Wer ist sie? grbelte er. Warum hat sie das gesagt? Und sein Argwohn
erfllte ihn mit Zagen und Beklommenheit.

Drauen wurde eine Thre geffnet und wieder zugeschlagen. Die Katze
miaute. Bald war es wieder still, und es blieb auch still. Aber je
lnger er wartete, je mehr nahm seine Erregung zu, und er seufzte,
geqult von diesem inneren Brand.

Da klirrte die Thrklinke. Die Thre wurde gar vorsichtig geffnet, und
Mely trat auf den Zehen ein. Vorsichtig schlo sie die Thre wieder,
wandte sich um und schaute sekundenlang wie geblendet ins Licht. Sie war
die ganze Zeit hindurch im Finstern gesessen, dachte Falk, und diese
Vorstellung erfllte ihn mit Zrtlichkeit und mit Sorge fr sie. All
seine trben Gedanken waren verschwunden, und Freude und Stolz ergriffen
ihn. Er wute nichts zu sagen, als: Du bist gekommen-- Und er wollte
auf sie zugehen.

Aber sie machte eine heftige und kummervolle Geste mit den Armen und
rief flehend aus: Herr Falk, Sie drfen nicht du zu mir sagen. Rasch
eilte sie dem Fauteuil zu und lie sich darin nieder. Sie drckte die
Hnde vor das Gesicht und begann zu weinen, -- unaufhaltsam.

Falk setzte sich auf die Lehne des Sessels, dicht neben sie. Er schlang
seinen Arm um ihren Hals, und er prete ihren Kopf fest und heftig an
seine Brust. Vor tiefer Erschtterung konnte er nicht sprechen, und er
lie sie weinen und fragte nicht warum. Sie lste die Hnde von ihren
Wangen und prete das Antlitz ganz und gar an seinen Krper, und der
Geruch ihrer Haare berauschte ihn. Und es machte ihn vllig verstrt,
ihren Leib so nahe neben sich zu wissen, der so warm war, so jung und so
schn. Er beugte sich nieder, -- tief, so da seine Lippen bald die
ihren berhren konnten, und nun drckte er seinen Mund auf ihren Mund.
Ihr Mund war schwellend und so weich wie Sammet, und so hei wie der
Mund eines Fieberkranken. Langsam, den Genu der Nherung bis zur Neige
kostend, geschah dies Aufeinanderdrcken. Und wie angeschmiedet
hafteten die Lippen zusammen, und ihre Herzen preten sich eines dem
andern entgegen, und sie wollten die dnne Decke des Krpers zerbrechen
in freudiger, glcklicher Qual. Minuten vergingen und reihten sich zu
Viertelstunden, aber ihre Lippen trennten sich nicht. Das groe
Vergessen war gekommen fr beide, die lange und einzige Stunde, die den
Entgelt bietet fr die Leiden des Lebens. Mit geschlossenen Augen kten
sie diesen langen Ku, und Falk saugte die bitteren Thrnen ein, die von
ihren Lidern niederflossen.

Warum weint sie? dachte er dann. O, wenn ich das nur wte. Was kann der
Grund sein? Ist es ein Schuldbewutsein in ihr? Oder ist es nur, weil
jetzt ein liebloses Dasein aufhrt fr sie? Nein, nein, sie fhlt sich
schuldig, das allein ist es! Knnt ich doch lesen in ihrer Seele! Aber
sie ist ein Rtsel, ein Geheimnis. Nicht umsonst heit sie Melusine.

Aber er wollte diese Gedanken ersticken, darum kte er sie auf die
Augenbrauen, in das Haar, auf den Hals, auf die Stirn, auf die Lider,
auf die Wangen, kte ihre Thrnen fort und dann wieder auf die Lippen,
da sie sich ffneten wie Kelche und er die Zhne kte. Als ob sie sich
htte wehren wollen, hielt sie sein Handgelenk fest und bumte sich
bisweilen auf, bevor sie sich seinen Kssen ganz hingab. Dann umarmte
sie ihn, und aufschluchzend und immerfort weinend, klammerte sie sich
fest an ihn. Warum weinst du? fragte Falk fassungslos. Aber sie
schwieg. Warum weinst du? Warum weinst du? drngte er. Sie schttelte
den Kopf und prete sich wie schutzsuchend an ihn. Ist es meinetwegen?
fuhr er zu fragen fort. Sie verneinte. Deinetwegen? Ist es wegen des
Obersts? Ach warum? warum? So sprich doch! -- Ach, ich wei es ja
nicht, flsterte sie schmerzlich. -- Liebst du mich denn? Liebst du
mich? Sag Schatz, kt dich der Oberst auch? -- Sie nickte, und als er
sich abwandte, legte sie schchtern den Arm um seinen Hals und sagte
hastig, ihn zu sich herziehend: Aber nicht so wie wir. Und sie
lchelte sanft und aufrichtig. Alles hatte sich erfllt, was sie
zusammengetrumt, all das Glck und die bittere Schnheit dieser
heimlichen Liebe.

Ksse mich, bat Falk, aber sie schttelte den Kopf, halb neckend, halb
betrbt. Er schlo sie so fest in die Arme, da sie seufzte, und ber
eine Stunde lang sprachen sie kein Wort. Sie dachten beide dasselbe:
wunderbar und beraus erstaunlich kam ihnen das Geschehene vor, und wenn
sie in die Vergangenheit blickten, so erschien alles, was sie erlebt,
nur deswegen vorhanden, um sie zusammenzufhren.

Aber immer mehr erwachten Unruhe und Mitrauen in Falk. Er schaute
finster in die abnehmende Kohlenglut; dann erhob er sich und schraubte
die Lampe etwas niederer. Ist es denn mglich, da sie ahnungslos in
aller Reinheit zu mir kam? dachte er. Weshalb hat sie dann geweint? Und
er stand in tdlicher Furcht vor einer Thatsache, die viele Andre
ausgentzt htten auf jeden Fall und um jeden Preis. Er ging wieder zu
ihr und kte sie bedachtsam und zrtlich. Dann nahm er ihre beiden
Hnde und blickte sie unverwandt an. Er studirte die Linien ihres
Gesichts in diesem blulichen Dmmerlichte, und er fand Manches daran
auszusetzen. Weshalb hat sie diese Falte von den Nasenflgeln aus
abwrts? grbelte er. Auch ihre Stirn hat Falten, kaum sichtbar, aber
sie sind da. Und diese Zge, im Ganzen ihm so teuer, wurden ihm in ihren
Einzelheiten eine Minute lang frmlich verhat. So wird es sein, so
lange die Welt steht: Ha und Liebe werden nebeneinander einhergehen,
eng verschwistert.

Er lie sich auf die Kniee nieder und spielte ein wenig Komdie. Immer
wirst du bei mir bleiben, ich la dich gar nimmer fort. Und er zog
ihren Kopf herab, wo es vllig Nacht war. Er flsterte ihr etwas ins
Ohr. Sie verstand ihn nicht. Er sah sie an: erklrend und forschend.
Diesen Blick verstand sie. Schreck und Enttuschung erfllten sie
pltzlich, und sie vermochte kaum zu reden. Nein, ach nein, prete sie
hervor, auer sich vor Jammer. Nicht das, -- niemals, wenn du mich
nicht tten willst.

Schuldbewut legte er den Kopf in ihren Schoo. Und Melys Finger
krampften sich in seine Haare, immer fester und fester. Sag, hat der
Oberst noch niemals etwas von dir verlangt, was -- verstehst du mich
denn nicht? Mhsam brachte Falk das hervor, und er hob den Kopf nicht
dabei. Nur das Eine sag: hat er es gewollt? drngte er und umklammerte
ihre Hand.

Ja, aber ich bin gegangen. Das ist wahr.

Warum habe ich 'das ist wahr' gesagt? dachte Mely. Atemlos wartete sie
auf seine Antwort. Aber er entgegnete lange nichts. Sie blickte verzagt
und beschwrend zu ihm nieder, aber er sah sie nicht an, sondern drckte
den Kopf tiefer in ihren Schoo. Schatz, ser, ser Schatz,
stammelte er dumpf und leidenschaftlich. Dann lste er ihre Frisur,
indem er die beiden Nadeln in dem griechischen Knoten entfernte, und
streifte das lange dunkle Haar ber seinen Kopf. Drohend und immer
drohender stieg das Bild des Andern vor ihm auf, und alles was sie
sagte, diente nur dazu, seinen Argwohn zu schren. Rtselhaft war sie
ihm in allem, was sie sagte, und deshalb stieg seine Liebe zu ihr mit
jeder Minute. Wie still ist die Nacht, flsterte er. Wirst du je
diese Nacht vergessen? Mely sprich, wirst du mich je vergessen? Wirst
du nie aufhren, mich zu lieben? Bin ich es auch wirklich allein, den du
liebst? Ach, wer htte das gedacht noch vor kaum zwei Tagen. Und jetzt
diese stille Nacht dazu. Sieh, die Lampe flackert nur noch, bald wird
sie aus sein, und es wird finster werden. Schau mich an, Schatz, -- o,
warum wendest du dich denn ab? Frchtest du dich vor mir?

Ja-- hauchte Mely, und sie zitterte vor Erregung. Dies Zittern ging
durch ihren ganzen Krper, auch innerlich. Seine Stimme war so weich, so
einschmeichelnd, wenn er leise sprach, und es lag eine kindliche Gte
darin. Alles war ein wenig phantastisch, was er sagte, aber das gerade,
das Mrchenhafte beseligte sie, und seine Gte zog sie zu ihm hin. Noch
immer war das Scheue und Bewundernde in ihren Blicken, wenn sie ihn
ansah, und seine wilden Ksse durchdrangen sie bis ins Mark.

Was hast du fr herrliche Augen, begann er nun wieder, und lehnte
seine Wange an die ihre. Sie sind wie Meere. Wenn du so rasch die Lider
aufschlgst und verwundert und erschreckt dreinschaust wie ein ganz
kleines Kind, -- o, das ist herrlich!

Wenn Jemand, durchnt vom Regen, heimkommt und in wrmende Kleider
geschlpft, lchelnd am Herdfeuer sitzt und auf den Sturm horcht, so
empfindet er ungefhr das wohlthuende Behagen, das Mely bei diesen fast
wehmtig hingesprochenen Worten Falks empfand. Sie fhlte sich klein und
frmlich bubereit; sie mute die Augen schlieen, und in den Minuten,
in denen er nicht sprach, suchte sie sich schner, verheiungsvoller
Trume zu entsinnen, um das Mrchengleiche dieser Minuten nicht zu
verletzen.

Sieh, jetzt wird das Licht aus sein, fuhr er fort, indem er immer
leiser sprach, wie eingeschchtert durch die grere Dunkelheit. Sag,
wirst du nie aufhren, mich zu lieben? Ich will nicht schwren, --
seine Stimme zitterte -- aber ich lege zwei Finger in deine Herzgrube,
das bedeutet mehr, wie schwren: nie, nie will ich aufhren, dich zu
lieben. Er hatte ihr das Gewand aufgeknpft, und hatte seine Hand
wirklich auf ihre bloe Brust gelegt, in der das Herz hmmerte, wie
gejagt.

Trunken starrte Mely in das winzige blaue Flmmchen, das noch brig war.
Dann fllten ihre Augen sich mit Thrnen, und sie konnte sich nicht
enthalten, zu schluchzen. Was hast du, Schatz? flsterte er, sie
strmisch umfassend. Bitte, sag doch blos, was hast du? Antworte, du
bringst mich ja zur Verzweiflung.

Aber sie blieb stumm. Sie vermochte nicht zu reden. Sie empfand selbst,
wie seltsam das alles war, wie die dunkle, spte Stunde und das enge
Beieinandersein die Gefhle krankhaft verfeinerte und bertrieb. Wie
htte sie ihm sagen knnen, da schon der Gedanke an ein Aufhren seiner
Liebe sie mit Gram und Beklommenheit erfllte ... Vieles htte sie ihm
noch mitteilen mgen, aber sie fand die Form nicht. Sie konnte es nicht
bers Herz bringen, Du zu sagen, trotzdem sie wute, wie kindisch und
blde diese Scheu war. Sie erwiderte schchtern seine Ksse, als bte
sie ihn dafr um Verzeihung. Aber in ihm erwachte das dunkle und
drckende Bewutsein, da in diesem Weib noch ein ganz andres Wesen
stecke, als jenes, das sich ihm jetzt hingab mit aller Macht. Dies eine,
gegenwrtige, war ein mdchenhaftes, liebevolles Geschpf, rein und gut
und frevellos. Aber das andere war ein gefhrliches, wetterwendisches
und unberechenbares Wesen, sphinxhaft und unfabar. Ganz pltzlich, wie
durch Ahnung, wurde er sich dessen bewut. Aber er kte sie, und je
mehr er sie kte, desto unersttlicher wurde er. Traumhaft und voll von
unbegreiflichem Zauber waren diese Stunden fr ihn. Sie standen beide
vor der Schwelle jenes schwlen, finsteren Glcks, das zur Auflsung
jedes persnlichen Bewutseins fhrt. Und sie haschten nach dem
Flatternden, Ungewissen, aber hinein in die Finsternis schritten sie
nicht. Sie ist zu feig, oder sie verbirgt mir etwas, dachte Falk.

Da schlug es fnf Uhr, und erschrocken fuhren sie zusammen.

Er begleitete Mely bis zur Thr ihres Schlafgemachs. Unter der Thre
umarmten sie sich noch einmal, ganz trostlos, scheiden zu mssen, und
dann kehrte Falk auf den Fuspitzen in sein Zimmer zurck.

Er schraubte die Lampe wieder hoch, und sa noch lange wachend im
Lehnstuhl. Ein trumendes Staunen lag auf seinen Mienen. Zunchst war er
verwundert, da alles, was er jetzt erlebt, in wenigen Stunden einer
einzigen Nacht vor sich gegangen war. Monate schienen es ihm zu sein, in
denen er abgeschlossen von aller Welt nur mit ihr allein gelebt hatte,
in denen er sie kennen gelernt bis auf den letzten Grund ihres Herzens,
ohne da sie deshalb aufgehrt hatte, ein Wunder, ein Rtsel fr ihn zu
sein. Auch war sie noch gegenwrtig; der Duft ihrer Haare war noch im
Zimmer. Noch empfand er die Wrme ihres Krpers, noch sprte er das
bittre Na ihrer Thrnen auf den Lippen. Noch redete er mit ihr, und er
wute, da sie jetzt ebensowenig schlief, wie er, sondern da sein
Schatten, sein anderes Selbst neben ihr war, wie das ihre neben ihm. Und
doch, wenn er sich genau prfte, so mute er sich gestehen, da etwas
wie bersttigung in ihm war, und jene Erleichterung, mit der jeder
Mensch von einem Vergngen scheidet, das ihn vollstndig
zufriedengestellt hat. Ja, allgemach nahm ein solches Behagen in ihm
Platz, da er noch eine Cigarette anzndete, und behaglich schmauchend
in die laue Winternacht hinaussah. In der Art, wie er sorglich und
vergngt den Rauch hinausblies in die windlose Nacht, lag eine Flle
geschmeichelter Eitelkeit.

Oft vermag der Mensch das Heiligste seiner Seele dadurch zu
verunreinigen, da er sich zufrieden fhlt.




XII.


Als Mely am andern Morgen erwachte, fiel es ihr schwer, sich auf die
Vorgnge der Nacht zurckzubesinnen. Und als ihr diese klar wurden,
erschrak sie bis ins Herz. Sie klagte sich eines unverzeihlichen
Leichtsinns an und fate den Entschlu, Vidl Falk gar nicht mehr zu
begegnen. Was mu er von mir denken! dachte sie bestndig und faltete
die Hnde, so unbegreiflich erschien ihr, was sie gethan.
Eingeschlummert war sie, den sen Druck seiner Lippen gleichsam
nachkostend, und jetzt zeigte ihr das Tageslicht die ganze Bitterkeit
eines Fehltritts. Trotzdem es schon zwlf Uhr war, konnte sie sich lange
nicht entschlieen, das Bett zu verlassen. berdru und Furcht
beherrschten sie; hauptschlich frchtete sie eine Begegnung mit Falk.
Ich werde in meinem Zimmer essen, beschlo sie. Ich werde auch den
Nachmittag ber da bleiben. Aber mein Gott, am Abend ist ja der Ball des
franzsischen Clubs, zu dem auch er gehen wird. Es ist unmglich,
auszuweichen....

Aber als sie angekleidet war, als sie die Fenster geffnet hatte, als
die strahlende Schneelandschaft vor ihr lag, blendend und glitzernd,
leuchtend und frmlich fleckenlos, fhlte sie sich bald froher. Die
Trume waren es, dachte sie, die mich so unzufrieden gemacht haben. Der
Rauch stieg in dnnen Sulen empor. Die Glckchen der Fuhrwerke tnten
nah und fern, und von dem Blechsims des Vorfensters erhob sich der
farblose Dunst des verdampfenden Schneewassers.

Wie bangte ihr aber trotzdem vor dem gemeinschaftlichen Mittagessen! Ein
hahnliches Gefhl gegen Falk stieg in ihr auf. Er mu mich ja
verachten, grbelte sie; was sind das fr Beteuerungen, die ein Mann
giebt in der Nacht -- -- und ich habe mich ihm an den Hals geworfen, das
ist klar. Sie erbleichte bei dieser berlegung. An allem begann sie zu
zweifeln und am meisten an der Aufrichtigkeit ihrer eignen Gefhle.

Im Korridor stelzte Helene gravittisch einher. Was ist denn los?
fragte Mely, belustigt von der komischen Gespreiztheit des Mdchens.
Helene tippte den Finger an den Mund und blieb gedankenvoll stehen.
Pst! Nicht reden! lispelte sie. Die dicke Gndige hat Migrne. Sie
leidet an Tobsuchtsanfllen. Schon um zehn Uhr hat sie nach Herrn Falk
geschickt. Natrlich, der ist billig.

Mely runzelte die Stirn. Einem Stich gleich empfand sie Eifersucht,
doch nur eine Sekunde lang. Dann erschien ihr das lcherlich, nur die
Sorge beschlich sie, da jenes Weib mit Verleumdung umgehen mchte. Doch
geheimnisvoll ergriff Helene sie am Arm und zog sie ins Schlafzimmer der
Familie. Dort lag ber einer Stuhllehne ihr kanariengelbes Ballkleid. Es
war im Empirestil gehalten. An manchen Stellen ging die Farbe in
rostiges Orange, an andern in ein sattes Dottergelb ber. Mely war
entzckt. Im Innern berlegte sie, wie sie wohl von diesem Ball
loskommen knnte. Ich gehe so ungern mit, Helene, sagte sie. Sie
wissen ja, da der Oberst nichts davon erfahren darf. Und diese
Heimlichkeit -- ach!

Dann mute sie ins Wohnzimmer. Ihr bangte davor. Sie wute, da Falk
drinnen war, und mit klopfendem Herzen ffnete sie die Thre.

Er war allein da. Als sie ihn sah, fllte sich ihre Seele mit einer Flut
neuer Liebe. Wie hast du geschlafen? flsterte er hastig. -- O
herrlich, gab sie zurck, mit funkelnden Augen und jenem erwrmenden
Lcheln, das sie so merkwrdig machte.

Der Abend kam und mit ihm die Vorbereitungen zum Ball. Als Mely fertig
war, trat sie zu Falk und sagte mit unterdrckter Stimme: Soll ich
dableiben? Ja?-- Er sah sie bestrzt an. Sie zitterte. Hinter dem
dnnen Spitzengewebe des Dominos schimmerte ihre Brust. Er hatte ein
schwindelhnliches Gefhl und ohne den Blick von ihr abzuwenden,
versuchte er, sorglos zu lcheln.

Dann fuhren sie zum Luitpold-Block. Der Ball war sehr besucht. Es gab
viele befrackte und eilfertige Herrn mit einfltigen Gesichtern. Sie
trugen das Bewutsein ihrer Vornehmheit spaziren. Sie schwitzten und
lchelten sanft, beinahe vorwurfsvoll. Manche standen ernst und
wchtergleich an Sulen und sie ghnten in wohlvorbereiteten Pausen.
Ihre Haltung war khl und welterfahren. Was die Damen betrifft, so
lchelten sie ohne Ausnahme: ein offizielles, temperamentvolles Lcheln.

Falk tanzte nicht. Er war niedergeschlagen. Ohne Zweifel sehe ich aus
wie alle andern jungen Herrn, sagte er sich. Nur ist meine Rolle noch
komischer. Ach, das Leben mu heiter sein, denn diese Leute sind sehr
frhlich. Man erwartet von Jedem, da er lustig sei. Bunt und sorglos
ist das Leben und die schwarzen Philosophen sind im Unrecht. Da ist Frau
Lottelott, sie tanzt mit Feuer und ihr Gesicht ist krebsrot. Und diese
Frau soll unglcklich sein, sagte Helene. Sie sollen oft kaum zu essen
haben. Siehe, auch Frau Bender tanzt. Sie wird sich hbsch zurichten bei
ihrem Leiden...

Sein Gesicht verfinsterte sich und er prete boshaft die Lippen
zusammen. Er wollte nicht nach der Richtung sehen, wo Mely tanzte. Er
fand die Musik unertrglich und machte die Beobachtung, da alle Leute
beim Tanz ein sehr bldes Gesicht zeigen. Einige sahen traurig aus,
andre witzig, einige senkten die Lider, andre richteten die Augen
verzckt nach oben; manche machten Bewegungen, als wollten sie im
Finstern eine Treppe besteigen und fnden die Stufen nicht. Alle diese
Gesichter hasse ich bis auf den Tod, murmelte er und der Walzer, das
Kleiderrauschen, das Schlrfen der Tnzer, das Lachen und Liebeln, all
das schmerzte ihn bitter. Sein Gesicht berzog sich mit Leichenblsse,
als er Mely dicht neben sich mit einem kleinen, weiblonden Herrchen
vorbertanzen sah. Sie konnte ber ihren Tnzer hinwegsehen, aber sie
schlug die Augen nicht auf, ihr Gesicht hatte einen angestrengten und
leidenden Ausdruck und sichtlich mhevoll schleppte sie den kleinen Mann
mit sich fort. Ihre Frisur hatte sich ein wenig gelockert und darber
empfand Falk Schadenfreude.

Er schlich in einen Nebensaal, wo nur einige Flammen brannten. Ein paar
alte Damen saen in einem beleuchteten Winkel tuschelnd beisammen.
Unterwegs hielt ihn Frau Bender an und machte ihm ber sein mrrisches
Wesen Vorwrfe. Warum sind Sie so uninteressant? fragte sie. Sehen
Sie mich an. Ich habe mehr Sorgen als Likr und fhle mich doch wie
neugeboren. Wenn sie witzig sein wollte, schlug sie stets einen
melancholischen Ton an.

Kurze Zeit hatte er im Halbdunkel gesessen, als Mely auf ihn zuschritt.
Mich friert, sagte sie und nahm seufzend Platz. Weshalb so
verstimmt? fragte sie pltzlich besorgt und ergriff seine Hand. Und als
wte sie, was in ihm whlte, setzte sie hinzu: Ich bin ja so ungern
hier! Viel lieber wr ich daheim. Ich bin ganz krank vor Angst.

Angst--? Er zuckte verchtlich die Achseln. Nun, war der Tanz recht
unterhaltend? fragte er hart und hhnisch.

Sie bejahte trotzig. Aber als er aufstehn wollte, hielt sie ihn zurck.
Das drfen Sie nicht sagen! flsterte sie mit unterdrcktem
Hnderingen.

Sie--! Warum Schatz, -- warum sagst du nicht du zu mir?

Ich kann ja nicht. Sie war verlegen.

Dann sag ich auch Sie.

Bitte, -- nein. Und sie lachte ihn glckselig an. Mit einer mden
Geste ordnete sie das Haar und Falk lie sie nicht aus den Augen. Er
vermochte sich ihrem Blick nicht zu entziehen. Ein feiner und
bedrckender Zauber war in ihren Augen verborgen, die einen kindlich
rhrenden, klagenden Ausdruck hatten. Aber seine Gedanken nahmen eine
feindselige Frbung an. Hier sollte sie nicht sein, dachte er. Das
entfernt uns. beraus zart ist diese junge Liebe. Sie ertrgt weder
fremde Augen, noch ertrgt sie Vergngungen und Tanz. Wie sie voll ist
von Furcht. O, wenn ich wte, was hinter dieser Furcht versteckt ist!
-- Und wie Alkohol stiegen ihm Zweifel und Argwohn zu Kopf, so da er
die Gegenstnde um sich her kaum erkennen konnte.

Als sie dann an Frau Benders Tisch Platz genommen hatten, brtete er
finster vor sich hin. Er rauchte unablssig. Helene beobachtete bald
ihn, bald Mely. Ihre Mutter hatte sich einer malosen Frhlichkeit
berlassen. Sie war ein wenig betrunken, redete und lachte unablssig
mit Frau Lottelott und hatte in Wirklichkeit alle Sorgen ihres Lebens
vergessen.

Falk wandte sich endlich an Mely, whrend Helene ging, um zu erhorchen,
ob Dr. Brosam nicht gekommen sei; er hatte es versprochen; selbst wenn
es Mitternacht werden sollte, wrde er kommen.

Mely hrte erst gar nicht auf ihn. Unablssig suchend, wanderte ihr
Blick umher. Die Furcht, einen der Freunde und Bekannten des Obersts zu
sehen, verzehrte sie. O warum bin ich mitgegangen, dachte sie, ich kann
es nicht begreifen.

Sie haben mir noch nie erzhlt, welch ein Mensch dieser Herr Oberst
eigentlich ist, begann Falk. Wenn ich Sie so beobachte, mu ich ihn
fr einen wahren Ruberhauptmann halten.

Nein, nein, antwortete sie. Er ist ein seelenguter Mensch. Ich glaube
es wenigstens, ich werde selbst nicht klug aus ihm. Im Zorn ist er von
maloser Heftigkeit. Wie hat mich der Mann schon geqult! Die reinsten
Schurkenstreiche hat er schon verbt an mir; und doch ist er dann wieder
so liebevoll, so gut, ach es macht mich verrckt, darber nachzudenken.
Wenn Sie ihn kennen wrden, Sie wren sicher begeistert von ihm, Sie
wrden mich fr die grte Lgnerin halten. Sie hielt inne, denn sie
sah sich von Frau Lottelott belauscht. Ihr Blick richtete sich traurig
in die Ferne.

Und pltzlich wurde dieser Blick starr. Die Augen ffneten sich
unnatrlich weit und das tiefste Entsetzen lag in ihnen. Eine
Totenblsse berzog ihr Gesicht und die Lippen bewegten sich.
Erschrocken folgte Falk der Richtung ihres Blickes. Er sah nichts, als
da zwei neue Ballgste, Doktor Brosam und Doktor Wendland angekommen
waren. Was ist Ihnen denn? fragte er mit heiserer Stimme, whrend er
wie hlfesuchend Frau Bender anschaute. Der Hausarzt des Obersts,
stotterte Mely, beide Hnde auf die Brust legend; er darf mich nicht
sehen, um keinen Preis.

Wer? wer denn?

Doktor Wendland.

Ja, aber was sollen wir thun?

Heimgehen, Frau Bender, ich bitte Sie darum, fort, nur fort.

Ja warum nicht gar! kreischte Frau Lottelott mit einem drohenden und
haerfllten Blick auf Mely.

Natrlich gehen wir! entgegnete Falk finster und mit einer ihm sonst
fremden Entschiedenheit.

Die beiden Herren kamen nher. Mely stand mechanisch von ihrem Platz
auf. Ihre Augen erweiterten sich noch mehr. Sie fhlte, wie ihre
Gedanken stillstanden. Die Menschen um sie her wurden zu Schatten und
schienen zu zerflieen. Ein Sausen entstand in ihren Ohren. Wie eine
Ertrinkende umklammerte sie Falks Arm und er sah sie ebenso wahnsinnig
lcheln, wie damals, als sie beide dem Oberst begegnet waren. Frau
Bender, stammelte sie, das drfen Sie nicht verweigern, das knnen Sie
nicht. Und sie eilte fort, blindlings in einen der Nebensle hinein.

Falk ging ihr nach. Erschpft lehnte sie an einem der Wandpolster. Auch
Frau Lottelott kam. Geifer flo von ihrem lippenlosen Mund. Frau Bender
schleppte sich am Arm ihrer Tochter nach. Sie war schon zu hei im
Kopf, um zu begreifen, was vorging. Gott sei den Glsern und Tassen
daheim gndig, murmelte Helene. Ihre Mutter pflegte, wenn sie betrunken
war, alles Zerbrechliche zum Fenster hinauszuwerfen und danach weinte
sie dann stundenlang.

Falk schaffte Melys Garderobe herbei. Sie lie sich den Mantel von ihm
berwerfen und den Shawl festbinden. Sie war schwach und sterbensmde.
Eine neue Sorge nagte bereits an ihr und sie fragte Frau Lottelott, ob
sie noch hier bleibe.

Frau Lottelott bejahte verwundert.

Und kommen Sie mit den Herren zusammen?

Mit wem? Ach so! freilich, ich hoffe. Sie lachte mit berreizter
Koketterie.

Wollen Sie das verschweigen? Bitte, liebste Frau Lottelott, sagen Sie
nichts, da ich da war. Ja?

Beruhigen Sie sich nur, entgegnete die magere Dame khl.

Helene, du bist meine bravste Tochter, sang Frau Bender mit feuchten
Augen und umarmte das Mdchen. Mit verstrtem Lcheln sah Mely zu. Sie
schlug den Shawl um die untere Hlfte ihres Gesichts und erleichtert
aufseufzend durcheilte sie schnell, beinahe laufend, den Tanzsaal.
Helene und Frau Bender folgten, erstere mit verbissenen, unzufriedenen
Mienen. Sie schaute sich vergebens nach Doktor Brosam um, den sie so
gern getroffen htte.

Falk lie die drei Damen in eine Droschke steigen, bezahlte den Kutscher
und machte sich dann auf den Heimweg.

Die Nacht war kalt und windstill. Die Straen waren ausgefllt mit
Schnee. Er schlug eine falsche Richtung ein, nderte aber den Weg nicht,
trotzdem er es bald bemerkte. Die Stille that ihm wohl, auch die Klte.
Er dachte nichts Bestimmtes, er hatte nur das Gefhl, einer Bedrngnis
entronnen zu sein. Er suchte sich ein Bild des Obersts zu konstruiren
und glaubte, durch Melys Angst verleitet, auf einen grausamen Despoten
schlieen zu mssen. So entstand in seiner Phantasie ein Bsewicht mit
rollenden Augen und einem hmischen Grinsen. Damals an der Maffeistrae
hatte er ihn kaum gestreift mit den Blicken, da er nur fr Mely Augen
gehabt.

Klirr, klirr, tnten seine Schritte auf dem Schnee. Ja damals hatte es
begonnen: die Unruhe in ihm, das Suchen nach dem Geheimnis. Er blieb
stehen und gedachte ihrer herzzerreienden Angst an diesem Abend.
Schleier auf Schleier schien sich zu heben vor seiner berlegung. Aber
er frchtete die Klarheit. Scham und Verzweiflung erfllten ihn.

In immer grerer Erregung und immer schnellerem Tempo ging er der
Hestrae zu. Als er am Hausthor angelangt war, zitterte er vor
Ungeduld, mit ihr abrechnen zu knnen. Denn da sie ihn belogen, galt
ihm fr unwiderlegbar. Er sprang die Treppen hinauf, immer vier Stufen
auf einmal nehmend und verga vllig, da es nachts ein Uhr war und Mely
doch wahrscheinlich schon schlief.

Jedoch er traf sie noch wach. Sie hatte auf ihn gewartet. Frau Bender
lag schon im Bett und Helene schlief auf dem Divan. Die Lampe stand auf
dem Tisch, ohne Sturz und der Zylinder hatte eine schwarze Rauchkrone.
Die Gardinen waren zurckgezogen und das Mondlicht lag mattschimmernd
auf den Dielen. Perlend und gleiend breitete sich die schneebedeckte
Strae aus.

Mit offenen Haaren kam Mely ihm entgegen und reichte ihm die Hand. Wie
unglcklich war ich! sagte sie.

Warum?

Nun weil ... weil Sie so lange nicht gekommen sind. Nicht bse sein, --
ich kann nicht du sagen.

Pst! machte Falk und deutete mit den Augen auf Helene. Ein freudiger
Rausch war ber ihn gekommen. Gleich der leichten Spreu waren die
finstern Gedanken verweht. Ihr liebliches, gtiges Lcheln demtigte
ihn. Ich liebe dich unaufhaltsam, flsterte er inbrnstig und drckte
ihre Hand, da sie einen Schrei unterdrckte. Dies Unaufhaltsam klang
ihr ungewohnt und deshalb erregte es in ihr die Vorstellung einer
groen, bermchtigen Liebe. Ihr Inneres war erfllt von seinem Bild wie
der Tempel von dem Geist der Gottheit, der er geweiht ist. Bisweilen
betete sie fr ihn. Doch niemals und unter keinen Umstnden htte sie
ihm dies gestanden. --

Am nchsten Tag war sie bettlgerig. Nach dem Mittagessen ging Falk in
ihr Zimmer. Sie schien nicht erfreut ber seinen Besuch. Er setzte sich
an den Bettrand. Du frchtest wohl Frau Bender? Aber ich hatte zu sehr
Sehnsucht, dich zu sehen.

Sie schaute ihn unglubig an. Ich habe einen schrecklichen Traum
gehabt, sagte sie. Ich habe getrumt, der Oberst htte alles entdeckt
und dann--

Und dann--?

Er stand auf dem Fenstersims und schrie fortwhrend nach der Polizei.
Seltsam, wie? Sie lachte.

Es klopfte und Helene kam. Sie machte groe Augen und ein strenges
Gesicht, als sie Falk gewahrte. Sie beachtete Mely nicht, sondern
stellte eine gleichgltige Frage in die Wand hinein und ging wieder.
Dann lutete es im Korridor und Mely fuhr zusammen wie bei einem
Bllerschu. Falk bemerkte wohl ihre Aufregung; er stand auf und
verabschiedete sich traurig von ihr. Er suchte sein Zimmer auf und
wanderte rastlos auf und ab. Wieder lutete es, und jemand ging in Melys
Zimmer. Er legte das Ohr an die Wand, um zu erhorchen, wer drben sei,
aber er hrte nichts. Dann fragte er die Magd in der Kche mit
erheuchelter Gleichgltigkeit, wer gelutet habe. Der Doktor Wendland
sei es gewesen. Falk verzog den Mund und versank in finsteres Sinnen.
Spter kam Melys Schwester und als Falk sie erblickte, erwachten
pltzlich all seine Zweifel und bedrngten ihn schwer. Sie hat gelogen,
dachte er. Da sie ihre Schwester verleugnet, ist unbegreiflich, aber es
ist doch klar, da sie lgt.

Nach dem Abendthee sa er allein bei Frau Bender. Unvermittelt wandte er
sich mit der Frage an sie: Was halten Sie eigentlich von Frulein
Mirbeth? Und von diesem Herrn Oberst, d.h. welch ein Verhltnis ist
das? Was halten Sie davon? Er that als interessire ihn das nur als
Klatsch, als wolle er kein eigenes Urteil fllen und frage darum bei
Andern.

Doch Frau Bender machte ein verlegenes Gesicht und sagte, fein lchelnd:
Ach Sie wissen doch selbst, was man darber spricht. So ein Mann--!

Nun -- und was spricht man denn? erwiderte Falk ungeduldig und zornig
und wurde wei wie eine Wand. Das erschien ihm ber alles wichtig: was
man sprach. Das erschien ihm in diesem Augenblick entscheidend.

Frau Bender hatte die Lider gesenkt und fltelte an einem
Puppenkleidchen. Mein Gott, ein alleinstehendes und noch dazu armes
Mdchen, es ist bedauerlich, sagte sie bekmmert. Und was fr ein
Leben fhrt sie drben! Wie drangsalirt er sie oft mit seiner Eifersucht
und seiner grenzenlosen Willkr. Manchmal, wenn ein Brief kam, oder wenn
ihr Name drauen genannt wurde, war sie einer Ohnmacht nahe vor
Herzklopfen. Und doch kann ich den Mann eigentlich nicht verurteilen.
Sie ist ja furchtbar herb und eigenwillig und -- ach, Herr Falk -- ich
kann Ihnen nur als Freundin raten, lassen Sie es nicht zu tief gehen.

Ein namenloser Schreck ergriff ihn. Bald bunt, bald dunkel waren die
Gegenstnde um ihn. Flehend starrte er Frau Bender an. Wissen Sie denn
etwas Bestimmtes? fragte er rauh.

Wer kann da entscheiden? Schlielich sind ja alle darber einig, da --
es ist ja doch nicht anders mglich, die Mnner sind eben so. Umsonst
thun sie nichts. Wir haben erst gestern im Club darber gesprochen...

Ja, aber was? Was denn um Gotteswillen?

Frau Bender antwortete nicht gleich. Sie ri die Reihfden aus ihrem
Puppenkleidchen und sagte errtend: Man hlt sie eben fr die Geliebte
des Obersts.

Falk schwieg. Er schluckte ein paar Mal hintereinander und atmete mit
Mhe. Ach -- wirklich! machte er dann, scheinbar sehr verwundert, und
pltzlich lachte er aus vollem Herzen. Frau Bender sah ihn bestrzt und
langsam begreifend an. In vielen Dingen war sie eine feinfhlige Frau.
Und dies uerte sich besonders darin, da sie jetzt nicht zu trsten,
oder zu widerrufen versuchte. Als er sich erhob, und ihr hflicher als
sonst gute Nacht wnschte, sah sie ihm lange voll mtterlicher Gte
nach.

Mely hatte sich mit Helene unterhalten, und als diese gegangen war, lag
sie da, trumend, und ganz ihren Trumen hingegeben. Es wurde still in
der Pension, aber sie hatte kein Bedrfnis zu schlafen.

Gegen elf Uhr ffnete sich die Thr leise und Falk trat ein. Er sah sie
nicht an, sondern ging an ihrem Bett vorbei zum Sopha und lehnte sich in
dessen Ecke zurck, so da er ganz im Schatten sa.

Mely richtete sich halb auf, sttzte den Kopf in die Hand und wandte
schmerzlich befremdet das Gesicht dem Sopha zu. In dumpfer Betrbnis
starrte sie zu Falk hinber. In Wahrheit, dies ist qual-, qualvoll,
ging es ihr durch den Kopf. Die Furcht, ihn zu verlieren, legte sich jh
wie schwere Mdigkeit in ihre Glieder.

Nach diesem langen Schweigen stellte er sich vor das Bett und sagte
barsch und gehssig: Du hast mich belogen.

Ich -- htte gelogen? Eine flchtige Blsse ging ber Melys Gesicht.

Also--; jetzt bitte ich dich um Wahrheit. Und wre sie noch so
furchtbar, verschweige sie nicht. Sieh, ich verspreche dir, da ich kein
Wort des Vorwurfs sagen werde: nichts. Ganz still will ich fortgehen;
ich will mich nicht mucksen. Nur die Wahrheit. Ich kann diese Leiden
nicht lnger tragen.

Aber mein Gott, was denn? flsterte Mely, und ihr Gesicht war ganz
aufgelst in Bangnis.

Dies: bist du frei von Schuld? Ist dir der Oberst nicht mehr, als, --
wie soll ich sagen, du verstehst mich doch!

Melys Gesicht verfinsterte sich. Sie prete zornig die Lippen zusammen,
und dann sagte sie kalt: Ich bitte Sie, Herr Falk, verschonen Sie mich
doch damit. Ich will nichts hren. Sie streckte sich aus im Bett und
blickte zur Decke.

Falk setzte sich auf den Bettrand und sagte traurig: Ich werde ja
sterben, wenn es wahr ist. Wenn ich dich nicht so liebte, da du mir
alles bist, die Luft und der Schlaf, und die Erinnerung und die Ruhe,
wei Gott, ich machte nicht viel Umstnde. Aber du bist mir teuer, ich
schwre dir. Ich kann nimmer arbeiten und nichts. (Er schttelte langsam
den Kopf.) Das ist keine Eifersucht, denn ich kann mir vorstellen, da
ich diesen drckenden, heien Schmerz des Argwohns noch htte, selbst
wenn ich aufgehrt htte, dich zu lieben ... Wer kann das begreifen!

Eine lange Pause entstand. Dann richtete sich Mely auf und griff
schchtern nach seiner Hand. Sie bohrte ihren Blick frmlich in den
seinen, und diesen Blick verga er nie: so reich war er an Verzweiflung
und Mutlosigkeit. Sie sagte weich und bedachtsam: Schau, warum soll ich
dich denn anlgen? (Wie froh und beglckt war er ber dies pltzliche
Du!) Das knnte doch keine ewige Lge bleiben. Du willst nicht sehen,
wie einfach alles ist. Weshalb kannst du nicht mir vertrauen? Weshalb
mut du auf das Geschwtz der Leute horchen? Es ist mir so gleichgltig
geworden, was die Leute sagen, -- ach!

Unaufhrlich hatte sie ihn bei diesen Worten angeschaut. Und ihre Augen
waren so sehr erfllt von Treuherzigkeit und Offenheit, da Falk
erleichtert aufseufzte. Er drckte ihre Hand und schwieg einige Zeit,
wie berlegend. Nun gut, ich glaube dir, sagte er endlich. Und ich
will dir glauben, ohne Zweifel und Argwohn bis in alle Zukunft. Aber
das will ich dir sagen: wenn du mich getuscht hast -- und du weit ja,
alle Lgen kommen ans Licht, -- wenn du mich betrogen hast, werde ich
zuerst dich erschieen und dann mich. Wie romanhaft klingt das, dachte
er bei sich. Aber Mely lchelte zustimmend, und ihre Lippen ffneten
sich ein wenig, als sehnte sie sich, gekt zu werden. Ihr Wesen hauchte
eine wilde, beengende Glut aus. Liebst du mich denn auch wirklich?
fragte Falk. Und als ob sie einer Eingebung folgte, erwiderte sie rasch:
Bitter. Er sah sie erstaunt an und senkte den Kopf.

Sie erzhlte ihm von der neunjhrigen Gefangenschaft im Kloster. Dann
habe sie der Oberst zu sich genommen. Seine Frau lebte damals noch, und
er hat sie auf Hnden getragen. Als sie starb, war der Mann ganz
wahnsinnig. Er tobte und schrie: 'Nehmt mich auch gleich mit, nehmt mich
mit,' als man den Sarg forttrug. Aber acht Tage spter gab er mir schon
zu erkennen, da er in mich verliebt sei. Er war ganz frivol und -- kurz
und gut, ich bin davongelaufen. Ich war dann ein halbes Jahr bei armen,
armen Verwandten in Thringen. Die niedrigsten Dienstleistungen mute
ich verrichten. Und obendrein zahlte ich noch Logis. Ich hatte gar kein
Geld mehr, und es ging mir sehr schlecht.

Nun, und dann?

Ja, eines Tages kam er und holte mich. Ganz aus freien Stcken. Ja,
denk dir, das htt ich bald vergessen. Wie ich so in Not war, bat ich
ihn brieflich um Geld. Da lie er mir durch seinen Advokaten mitteilen,
wenn ich mich nochmal unterstnde, ihn zu belstigen, wrde er mich
wegen Erpressung belangen. Denk dir!

Aber du httest doch zu stolz sein mssen, um zu schreiben--

Ach--! Kurz, schlielich kam er und--

Du gingst mit ihm? Wirklich?

Ich war so froh. Das Elend hatte mich fast aufgerieben. Er reiste dann
mit mir nach Italien und das war doch wieder sehr nett.

Und seitdem hat er nichts mehr gesagt?

Nein.

Nie wieder hat er das von dir verlangt?

Nie.

Aber warum bist du denn neulich--?

Ach, wir haben eben gestritten wie immer.

Und warum diese Angst vor ihm, diese mrderische Angst?

Er ist entsetzlich eiferschtig. Wenn ich nicht thu, was er wnscht,
lt er mich im Stich. Und wenn er mich im Stich lt, bin ich
verloren.

Leise, ganz leise regte sich das Mitrauen aufs Neue in Falk. Aber
dieses frische Mitrauen war anderer Art. Es sttzte sich auf
Thatsachen, darauf, was sie selbst erzhlte. Er hrte gar nicht auf, zu
fragen, immer wollte er Einzelheiten wissen, und wo er einen Widerspruch
vermutete, war seine Art zu fragen, ganz die eines Untersuchungsrichters,
und sein Wesen war verstrt und nervs. Tag um Tag htte er ihre
Vergangenheit kennen lernen mgen. Hundertmal fragte er nach denselben
Dingen, und sie ermdete nicht in der Beantwortung. Offenbar fand sie es
gut und vernnftig, da er alles zu wissen begehrte. Wenn sie so
erzhlte, arglos und heiter, herrschte stets ein bitterer Zwiespalt in
seiner Seele. Er glaubte ihr und glaubte ihr nicht. Er sagte sich, es
sei undenkbar, da ein Mensch, und sei er der raffinirteste Heuchler,
sich derart verstellen knnte, und andererseits folterte ihn das
Abenteuerliche, Sprunghafte ihres Lebens und jene Verschlossenheit, die
sich bisweilen an ihr kundgab, der rasche Wechsel ihrer Stimmungen, das
oft Herausfordernde ja sogar Bsartige und Versteckte ihres Wesens.
Besonders wurde er die Empfindung nicht los, da alles, was sie
berichtete, bis zu einem gewissen Punkte wahr sei. Von da an begann
jedoch die Dunkelheit. Je mehr er sie liebte (und von Stunde zu Stunde
nahm seine Liebe zu), je mehr zweifelte er an ihr. O, sagte er im
Verlauf der Nacht zu ihr, ich mchte nur ein einziges Mal zusehen, wenn
du mit Jenem allein bist. Nur fnf Minuten lang.

Er blickte sie forschend an, aber sie lchelte. Es gibt kein Wort fr
die Art dieses Lchelns. Es war ein keusches Lcheln.

Noch etwas mu ich dir gestehn, flsterte sie bang. Aber ich frchte
mich.

Wie ein kalter Hauch berlief es Falk. Er fhlte, wie unwahr seine
Versicherung gewesen sei, da er ihr vertraue. Was ist es? Sag es, sag
es! murmelte er schnell und ungeduldig.

Aber du wirst bse sein.

Gewi nicht, Schatz, beteuerte er, und kte sie so hei, als wisse er
bestimmt, da er sie nach ihrer Erffnung nimmer kssen werde.

Ich wag es nicht, flsterte sie und schmiegte sich eng an ihn an. Ihr
warmer Leib raubte ihm fast die Besinnung.

Sei doch nicht kindisch, sagte er, mitergriffen von ihrer Furcht.

Aber du versprichst mir, nicht bs zu sein?

Er zgerte. Ich verspreche es.

Auch nicht zu schimpfen?

Auch nicht zu schimpfen.

Also: -- Ich habe eine Schwester, die ich verleugnen mu, und die ich
dir gegenber schon verleugnet habe.

Ah-- machte Falk erleichtert und ein wenig enttuscht. Aber was soll
das fr einen Zweck haben. Sie selbst nennt dich ja ihre Schwester.
Neulich fragte sie mich, ob du zu Hause seist.

Mely schwieg erblassend. Ja, sie beneidet mich, die Arme, und ich kann
doch nicht mehr fr sie thun, als _er_ mir erlaubt.

Das ist peinlich, sagte Falk verstimmt.

Was?

Ach, alles das.

Bist du bs?

Nein, Schatz.

Wirklich nicht?

Nein nein, wie sollt ich auch, du armer Schatz.

Wie gut bist du, wie gut, stammelte sie, ihr erglhendes Gesicht an
seiner Brust verbergend.

Wirst du morgen noch im Bett liegen mssen? fragte Falk. Du hast mir
noch immer nicht gestanden, was dir eigentlich fehlt.

Ja, -- -- ich bin eben krank.

Krank! _Wie_ krank, wo krank?

Verstehst du mich nicht? Ich habe so viel zu leiden durch -- -- ach
verstehst du nicht? Jetzt wieder. Deshalb mu ich das Bett hten.

Ich -- begreife aber nicht, sagte Falk ratlos. Als er aber sah, wie
sie voll Scham lchelte, verstand er pltzlich und schlo sie erregt in
die Arme. Er war erschttert, da sie ihm dies offenbarte. Er schaute
ihr lange in die Augen, die so kohlschwarz waren, und die so
durchdringend leuchteten wie seltnes, kostbares Gestein. Er konnte sich
nicht enthalten, sie zu kssen, sie immer und immer wieder zu kssen,
zwanzig Mal, hundert Mal. Und alles verga er dabei, wie auch sie alles
verga: den vergangenen Tag und den nchsten Tag, und die kommenden Tage
und alle Zukunft mit ihren Sorgen. Unbewegt und voll Glck waren die
gegenwrtigen Stunden. Sie glichen einem tiefen, stillen See, in dem
sich der lichte Himmel spiegelt und der dadurch hell erscheint, so
dunkel und geheimnisvoll er auch in Wahrheit sein mag.

Und er erzhlte ihr die Geschichte von Romeo und Julia, der sie atemlos
lauschte. Und als er fertig war, stie sie heftig hervor: Und glaubst
du, da ich dich nicht so lieben knnte, wie Julia? Schluchzend drckte
sie den Kopf in die Kissen, und auch Falks Augen standen voll Thrnen.
Er suchte sie empor zu ziehen, aber schlielich legte er seine Wange an
die ihre und flsterte leidenschaftlich: So hingebend? Alles knntest
du von dir werfen? Ganz mir gehren?

Noch tiefer drckte sie den Kopf in die Kissen.

Es war spt, und lange kte er sie zum Abschied.




XIII.


Eine jener unbehaglichen Stimmungen herrschte in der Pension, die wie
eine ansteckende Krankheit um sich greifen. Frulein von Mahnke zog aus.
Sie rumte und rumorte schon seit Tagen. Der Korridor glich einem
Feldlager.

Falk sa im Wohnzimmer am Fenster -- Melys Lieblingsplatz, und fate den
Vorsatz, an sie zu denken, oder von ihr zu trumen. Aber kein
glckliches Bild erschien ihm. Alle Gewiheit des Besitzes und der Liebe
verging, und wie eine Wunde empfand er frisch und deutlich den Zweifel
an ihr.

Spter setzte sich Frau Bender zu ihm. Sie frug nach Mely. Falk
erwiderte, sie sei zum Oberst, um drben zu diniren.

Ganz unvermittelt begann Frau Bender von dem Oberst zu sprechen. Sie
pries ihn, hob ihn in den Himmel. Es gibt eine feine Art, einen Menschen
zu verkleinern: man findet die tadellos, die er hat. So verkleinerte
Frau Bender Mely Mirbeth. Aber sie wollte nicht eigentlich Bses. Sie
sah auch nicht die bel voraus, die sie verursachte. Es war lediglich
der unwiderstehliche Drang in ihr, derjenigen Person, mit der sie gerade
sprach, Recht zu geben, oder ihr zu schmeicheln, indem sie einem
Verdacht Nahrung gab.

Ich leide sehr, sagte Falk. Ich taumle herum wie in der Finsternis.
Was ist sie und was will er, der Andere--? Es frit mir das Herz ab.
Er war erbittert ber sich, da er vor dieser Frau in Klagen ausbrach;
er glaubte, da er dies in der Hoffnung, beruhigt zu werden, thue. In
Wahrheit jedoch wollte er nur seine Zweifel besttigt hren. Gierig
horchte er.

Wenn ich offen sein soll, meinte Frau Bender, so mu ich sagen, da
ich nicht glaube, alles dies sei harmlos. Bedenken Sie doch, wie die
Mnner sind. Der Herr Oberst ist ein Lebemann, und halten Sie es fr
mglich, da er alles umsonst thut fr ein Mdchen, gegen die er doch
eigentlich keine Verpflichtung hat--? Ich nicht.

Falk zuckte scheinbar gleichgltig die Achseln, whrend durch seinen
Hals eine scharfe Glut bis in den Magen ging. Bei den letzten Worten war
Frulein von Erdmann hereingekommen. Ah! Sie sprachen von Frulein
Mirbeth--? rief sie mit blitzenden Augen. Falk empfand einen
stechenden Schmerz, als rcke nun die Gewiheit nher und nher.

Noch einmal rate ich Ihnen, Herr Falk, fuhr Frau Bender unbeirrt fort,
als Freundin, -- als gute Freundin -- lassen Sie ab. Es ist ein
Unglck fr Sie und fr Frulein Mirbeth.

Falk schwieg. Die Erdmann betrachtete ihn zrtlich und lispelte
kopfschttelnd: Wie kann guter Samen auf so schlechten Acker fallen!
Der junge Mann blickte sie drohend an, und trommelte aufgeregt auf die
Fensterscheibe.

Unbemerkt von allen war auch Helene ins Zimmer geschlpft. Die Arme
verschrnkt, stand sie am Tisch und musterte Falk mit stolzen Blicken.
Er begegnete ihren Augen und war gedemtigt. Sie ist klug, dachte er.
Sie glaubt hoch ber mir zu stehen. Sie verachtet mich, daran zweifle
ich nicht. Auch die eigne Mutter verachtet sie und alle andern, die in
diesem Hause sind.

Zerflattert war Melys Bild vor seinen Augen, und wenn er an sie dachte,
sah er nur das schlaue, verschlagene Weib, die berlisterin des Mannes,
die Betrgerin.

Die Hhner haben Ihnen wohl das Brot gestohlen, weil Sie so unglcklich
aussehn? sagte Helene nach dem Mittagessen zu ihm, als sie allein
waren.

Ach ja-- seufzte Falk.

Da wurde Helene pltzlich ernst. Ich meine so, Herr Falk: Entweder man
liebt; und dann vertraut man, oder man liebt nicht -- nun dann nicht.
Das thut ein Mann, denk ich mir. Und wenn er nicht vertraut, geht er
seiner Wege.

Falk lauschte erstaunt und beklommen. Helene fuhr etwas trumerischer
fort: Die Liebe ist doch wie ein Spiegel. Ein noch so kleiner Splitter,
und die ganze Scheibe hat den Wert verloren. Sehen Sie, -- und dann das:
ich gehe nie vor den Spiegel, wenn ich schlecht und nachlssig gekleidet
bin. Wer hineinschaut, schaut wieder heraus. Ich wei nicht, ob Sie mich
verstehn, -- vielleicht ist es auch dumm-- sie hielt errtend inne,
und sagte dann, den Mund verziehend: Ah bah! lirum, larum Lffelstiel!

Falk sah sie verwundert an. Sie sind wie ein Gedicht von Heine,
brummte er. Sie berauben sich selbst der schnsten Wirkungen. Er mute
sich gestehen, da ihr jene Worte etwas Adelndes und Liebliches
verliehen hatten. Seltsam erschien ihm, da sie ihn getrstet hatte und
aufgerichtet mit diesem ziemlich dunklen Gleichnis.

Doch als er ausging, war er wieder mimutig und in gedrckter Stimmung.
Er trank unter den Arkaden Kaffee und blieb Zeitung lesend sitzen, bis
es dmmerte. Als er nach Hause kam, sa Mely allein im Wohnzimmer. Sie
hatte ein Buch auf den Knieen, blickte aber, den einen Ellbogen auf das
Knie gesttzt, trumend zur Seite. Was liest du denn da? fragte er
ziemlich hart, nahm das Buch und las den Titel: Mantegazza, Physiologie
des Weibes. Pfui, ein so schmutziges Buch liest man doch nicht! rief
er aus, und schleuderte den Band auf den Tisch.

Mely errtete und sah ihn ngstlich an. In diesem Augenblick wre sie
sicherlich bereit gewesen, mit ihm zu fliehen, wohin er wollte, ihm zu
folgen bis an den fernsten Winkel der Welt, und sei es in Armut und
Elend. Aber pltzlich wurde sie unfreundlich, runzelte die Stirn und gab
ihm auf verschiedene Fragen keine Antwort. Dieser jhe Stimmungswechsel
machte ihn ratlos. Sie selbst erschien dadurch um vieles lter und
hlicher. Alles Sanfte, Nachgiebige, Gute verschwand aus ihrem Gesicht
und harte Linien entstanden. Umsonst forschte er nach dem Grund dieser
Vernderung; statt Auskunft zu geben, erhob sie sich und ging hinaus.

Am Abend kam die Kartenlegerin. Frau Bender und das Frulein von Erdmann
hatten ihre Neugierde, Ereignisse der Zukunft zu erfahren, nicht
bezhmen knnen, und Falks Zimmer wurde zum Quartier der Wahrsagerin
gemacht.

Mely atmete auf, als Falk gegen acht Uhr von einem Besuch zurckkam. Er
sah sie stumm an. Ich liebe dich, htte er ihr zurufen mgen, alle Tage
denk ich nur an dich, alle Stunden, und es gibt kein Licht als die
Liebe.

Frulein von Erdmann kam kichernd von der Kartenlegerin zurck. Sie
stellte sich, als ob sie nicht im Entferntesten an die schnen Dinge
glaube, die ihr geweissagt worden, aber schlielich konnte sie ihr
Entzcken nicht mehr verbergen. Eine geniale Person! rief sie
enthusiastisch. Meine ganze Vergangenheit hat sie aufgedeckt, -- es war
staunenswert. Falk beobachtete mit schwerem Herzen, wie jedes Wort, das
sie sprach, eine feindselige Spitze gegen Mely enthielt, selbst wenn das
Gesprochene sich in gar keiner Weise auf das junge Mdchen bezog. Aber
der begleitende Blick und die begleitende Geste waren schon feindselig.
Frauen verstehen es so gut, mit unsichtbaren Schwertern zu kmpfen. Alle
sind ihr gram, dachte er. Und warum? warum? Und Mely sah ihn an mit
einem Blick, der um Verzeihung bat, und der sagen wollte: Ich bin
schuldig. Ich wei, was du denkst, schien dann ein anderer Blick zu
sagen, aber schon lange hassen sie mich, alle diese. Und wenn sie mich
jetzt noch verachten werden, dann bist du die Ursache.

Bald kam auch Frau Bender zurck und Helene ging, um sich prophezeien zu
lassen. Falk fand es interessant, zu beobachten, in welcher Stimmung ein
jeder zurckkam. Frau Bender war hoffnungsselig und voll gutem Glauben.
Sie erzhlte kindlich froh, da sie noch in diesem Jahr zu ihrem Mann
nach Amerika reisen wrde. Aber noch bevor wir dies Haus verlassen,
fgte sie hinzu, wird eine weibliche Person darin sterben.

Uchh! machte Frulein von Erdmann schaudernd.

Falk wollte lcheln, aber es gelang ihm nicht. Ein khler Strom,
flchtig und frostig, ging ber seine Augen. Helene trat ein. Sie allein
erzhlte nichts, und machte ein skeptisches Gesicht. Jetzt erhob sich
Mely. Sie schleppte sich mehr hinaus, als sie ging, und wenn auch Falk
ihr Gesicht nicht sah, war er berzeugt, da sie die Augen geschlossen
haben msse. Unter den Zurckbleibenden herrschte fortwhrend jene
Spannung, etwa wie unter Leuten, die sich vor Gespenstern frchten,
trotzdem Alle, Frau Bender ausgenommen, unglubig erscheinen wollten und
sich Mhe gaben, ihr inneres Erstarrtsein zu verbergen.

Falk hatte Herzklopfen als er Mely kommen hrte. Sie schttelte blo den
Kopf, als sie sich setzte und sagte zusammenfahrend, als ob es kalt sei
im Zimmer: Gar nichts hat sie mir mitteilen knnen. Das Eiwei im
Wasser ist ganz zu Boden gesunken, und hat gar keine Figuren gebildet.
Und die Karten waren ganz wirr. Wieder fuhr sie zusammen und hkelte
den Kragen ihres Hauskleids zu.

Soll ich auch mitthun? fragte Falk, sich belustigt umsehend, als
handle es sich um einen vortrefflichen Scherz. Alle bejahten lebhaft.
Sie werden sich kstlich amsiren! rief Frulein von Erdmann, indem
sie bemht war, Mely ihre Geringschtzung zu zeigen. Gehen Sie nur,
Sie Zigeuner! Marsch! Und mit frivol gespitzten Lippen blies die dicke
Dame bedchtig den Rauch ihrer Zigarre von sich.

Als Falk sein Zimmer betrat, sa die Kartenlegerin am Tisch und
schlrfte Thee. Er sah ein Gesicht, das einem Stck Felsen glich, wenn
lange Zeit das Wasser darber hinweggesplt wurde, so da es ganz
gefurcht und grnspnig aussieht. Das Weib mischte die Karten und sagte
mit fremdlndischem Accent: Aach ... Liebe, die vorbergeht. Sie
sprach ihr fremdes Deutsch im Mnchner Dialekt, und wandte oft
bertriebene, phrasenhafte Worte an, so da ein halb komisches, halb
bengstigendes Gemisch von Gravitt und prophetischer Wrde entstand.
Sie haben es verstanden, arm zu bleiben, sagte sie dann kopfnickend.
Die A und der Bub, -- Schellenknig, -- groes Herzeleid ist ber
Ihnen, wie eine schwangere Wolke. Grn Zehner und rot Sechser -- durch
ein groes Gebirge werden Sie fahren, und zwar im August dieses Jahres.
Ein schwarzhaarigs Mdel steht bei Ihnen. Sie sehnt sich recht sehr nach
Ihnen, von ganzem Herzen liebt sie Ihnen, -- aber Lug und Trug ohne Ende
ist dabei und Thrnen und Kummer--

Hren Sie auf! unterbrach sie Falk, mhsam lachend. Mit blden Augen
schaute ihn die Alte an. --

Im Wohnzimmer angelangt, war er sehr heiter. Er berichtete die
komischen Einzelheiten in dem Gebahren der Seherin, und seine Lustigkeit
wurde zum Schlu frmlich betubend. Er fhlte, wie Mely seinen Blick zu
erhaschen suchte, wie sie ngstlich und vorwurfsvoll, ihn nicht aus den
Augen lie, aber um keinen Preis htte er sie jetzt anschauen mgen.
Seine Empfindungen waren verzerrt, sein Herz war wie zersprungen.

Da bemerkte er, da sie das Zimmer verlassen hatte. Zuerst achtete er
nicht darauf, aber auf einmal verlor er die Ruhe und die Besinnung und
ging hinaus, um sich in seinem Zimmer einzuschlieen. Doch wanderte er,
seinen Vorsatz vergessend, im Korridor auf und nieder. Er hatte
Sehnsucht nach ihr und wnschte hei, sie kssen zu drfen. Er klopfte
leise an ihrer Thr. Als er keine Antwort erhielt, drckte er auf die
Klinke, aber sie hatte den Riegel vorgeschoben. Er flsterte ihren
Namen, und immer erregter werdend, klopfte er schlielich heftig an die
Thre.

Ohne da er sie nahen gehrt, stand pltzlich Helene hinter ihm. Was
thun Sie! sagte sie streng.

Gehen Sie hinein, Helene, antwortete er finster. Ihnen wird sie
ffnen. Ich wei bestimmt, da sie jetzt drinnen liegt und weint, aber
es ist mir unverstndlich, unfabar!

Eindringlich rief Helene Melys Namen. Falk trat ein wenig zurck in die
Dunkelheit. Mely ffnete und lie Helene ein. Es war finster in ihrem
Zimmer.

Am nchsten Morgen saen die beiden Mdchen lange Zeit bei einander. Er
hrte, da sie sich dutzten, und ein beklemmendes Gefhl hinderte ihn
stundenlang am ruhigen Nachdenken. Gegen Mittag kam der Diener des
Obersts, ein lppisch aussehender Soldat mit einem Brief fr Mely. Falk
sa am Klavier. Whrend er weiterspielte, sah er genau, wie das junge
Mdchen erbleichend das Papier durchlas, es dann hastig zerknitterte und
in die Tasche steckte. Er trommelte ein wildes, sinnloses Fortissimo und
schlug krachend den Deckel zu.

Herr Falk interessirt sich auerordentlich fr Sie, sagte Frau Bender,
die in der Kche am dampfenden Herd stand, zu Mely. Er ist so
unglcklich und klagt mir fortwhrend sein Leid. Sie mssen ihn trsten
und aufrichten, Frulein Mirbeth. Die kleine Frau lchelte frhlich und
rhrte emsig ihr Kartoffelgemse. Finster sah Mely auf den Schnee
hinaus, der schon allenthalben mit Ru bedeckt war. Begierig hrte sie
zu, als wnsche sie selbst, da die Liebe in ihrer Brust erttet wrde.
Ich bin so elend, sagte sie mit unsttem Blick, als Frau Bender fertig
war, ich sollte mich eigentlich ins Bett legen.

Thun Sies doch.

Ich mu hinber zu Herrn Oberst.

Als sie fortging, stand Falk im Korridor. Ohne ihn anzusehn, schritt sie
vorbei, matt lchelnd. Sie grte ihn, aber ganz leichthin, ganz in die
Luft hinein rief sie das Adieu.

Zuerst stand Falk wie betubt. Dann eilte er ihr nach und sich ber die
Treppenbrstung beugend, rief er flehend hinunter: Der Brief--?

Sie blickte empor: erstaunt, fremd und khl. Dann lachte sie kurz auf
und ging weiter. Falk sah immer noch auf den Punkt, wo sie gestanden. Er
sah noch ihr bleiches Gesicht hinter dem schwarzen Schleier und die
funkelnden, von schwerem Feuer erfllten Augen. Nie war sie ihm so
schn, so unnahbar und so hassenswert erschienen.

Im Innern war er wie zerstrt. Bestndig spielte ein geringschtziges
Lcheln um seine Lippen: eine Maske, die ihn trstete. Er konnte die
Geringschtzung gegen das, was ihm zugestoen, durchaus nicht in sich
finden. Nun ist sie dort drben, dachte er, und sie geniet den Triumph,
so vortrefflich gut mit mir gespielt zu haben. Dann stellte er
Betrachtungen an, wie er sich als charakterfester Mensch zu benehmen
habe. Er wollte ihr seine Verachtung zeigen und die Liebe tief
verschlieen. Vor allem machte ihn das Grundlose dieser Vernderung
verwirrt. Hart und bse war sie ihm erschienen, obwohl er das vor sich
selbst zu verbergen und sie zu entschuldigen trachtete.

An diesem Tag kam viel Besuch. Frau Kremer, eine alte Freundin Frau
Benders kam mit ihrer Tochter Clodi von Kln, ferner eine Cousine
Helenes, namens Rosine Malz. Die ersteren wollten vier bis fnf Tage,
die letztere einige Wochen bleiben. Frau Kremer brachte Heiterkeit mit.
Sie war dick und rund, lachte bestndig, und nichts war ihr so heilig,
als da sie es nicht zu einem Witz mibrauchte. Diese Witze waren meist
so geartet, da Rosine Malz purpurrot wurde, Frau Bender die Hnde
zusammenschlug, Clodi kicherte und aber Mama rief und Helene
niedergeschlagen den Kopf schttelte.

Am Abend gingen alle ins Theater. Falk war in seinem Zimmer und lag mit
dem Oberkrper auf dem Bett. Er hatte die Hnde unter dem Kopf
verschrnkt und starrte in die Hhe, in den zitternden Lichtkreis, den
die Flamme auf die Decke warf. Zum hundertsten Mal rief er sich all das
zurck, was Mely schuldig der Lge erscheinen lie, und je mehr er
nachdachte, um so mehr ward er berzeugt von ihrer Schuld.

Auf jedes Gerusch lauschte er, und er verfolgte es, wenn es sich
langsam verlor. Aber es wurde acht Uhr, und sie kam nicht. Er erhob sich
und ging schnell auf und ab. Da lutete die elektrische Glocke, und er
wute: sie war es. Er legte sich wieder, scheinbar gleichgltig sinnend,
aufs Bett und mit klopfendem Herzen vernahm er ihre nahenden Schritte.
Als sie anpochte, rief er mit wohlvorbereiteter Nachlssigkeit: herein!

Wiederum fiel ihm zuerst das gnzlich Verstrte ihres Wesens auf. Wohl
empfand er eine flchtige Freude darber, da sie kam, aber zugleich
gewann eine so groe Trauer Macht ber ihn, da er vllig abgewandt von
Mely auf das schauerliche Geheul des Windes horchte und sich nicht
einmal erhob, um sie zu begren.

Guten Abend, sagte sie leise und furchtsam.

Wo warst du so lange? entgegnete Falk, ohne sich zu bewegen. Er
starrte immer noch auf die Decke.

Mely seufzte tief und schlug ihren Schleier zurck. Du weit es doch,
sagte sie mit jenem schwermtigen Tonfall, der ihn unfhig machte, ihr
lnger zu zrnen. Er strubte sich gegen den Einflu ihres Wesens, ihres
Wortes, aber umsonst. Alles ist berechnet bei ihr, dachte er, alles ist
Verstellung, -- aber dennoch, eher htte er ihre Verzeihung erbetteln,
als ihr Vorwrfe machen mgen. Er gehrte zu jenen Menschen, die wenn
sie lieben, jede Zchtigung, jede Demtigung zu vergessen wnschen.

Pltzlich aber, als er aufgestanden war und ihr entgegentrat, fiel sie
ihm um den Hals und stammelte fassungslos: O, ich mag dich so gern!

Mely! rief er aus und drckte sie an sich. Qulend und beraus
besorgniserregend war ihm die Verstrtheit ihres Wesens. Beglckt
zugleich und bestrzt durch das Ungewisse, Finstere, vor dem er stand,
kte er sie brennend hei. Bist du denn wirklich mein Schatz? fragte
er, zitternd am ganzen Krper.

Ja ja, antwortete Mely hastig und gleichsam angstvoll und drckte ihn
mit bebenden Armen an sich. Warum liebst du mich? fragte sie, indem
sie schmerzlich und kummervoll zu ihm aufsah. Das mcht ich wissen. Es
ist doch nichts an mir. Es gibt doch so Viele!

Was ist vorgegangen mit dir! rief Falk erschrocken.

Nichts, nichts, erwiderte sie kaum hrbar. Horch nur, wie der Wind
rast.

Lieber, ser Schatz, was ist mit dir? Was hast du fr einen Kummer?
Schau, ich wei, du verbirgst mir etwas, du hast ein Geheimnis. Komm,
vertraue mir, sei gut, sag es mir.

Sie schttelte den Kopf. Es ist nichts, gewi nicht. Warum bist du so
mitrauisch?

Du hast Wein getrunken? forschte er nervs.

Ja, -- weshalb?

Er verfiel in langes Grbeln. Mely beobachtete ihn unruhig. Dann nahm er
ihre Hand. Mely -- httest du den Mut, mit mir zu sterben?

Sie entzog ihm ihre Hand. Ach geh, den Unsinn! erwiderte sie
stirnrunzelnd.

Frmlich gepeitscht von Argwohn und Zweifel, folgte er ihr ins
Wohnzimmer. Was war das fr ein Brief, den du heute bekommen hast?
begann er, und setzte sich zu ihr auf den Divan.

Sie lchelte versteckt. Er drngte, aber sie weigerte sich. Sie zog die
Sache zuerst ins Scherzhafte, aber schlielich wurde sie finster und
ungehalten. Falk htte in den Boden sinken mgen vor Scham und
Bitterkeit. Er versuchte, zrtlich zu sein, sie zu vershnen. Was
hattest du heute Mittag? fragte er sie schchtern, doch mit verhaltenem
Zorn.

Da fragst du noch? gab sie gehssig zurck.

Nun?

Ich liebe nur einen Mann, den ich bewundern kann, sagte sie
entschieden. Aber wie kann ich das, wenn du so weibische Sachen machst.
Du spionirst, du horchst, du bringst mich ins Gerede, du beschwrst den
niedrigsten Klatsch herauf, -- du hast gar keine Achtung vor mir.

Falk stand am Fenster und sah hinaus. Sie macht mich wahnsinnig,
flsterte er vor sich hin. berhaupt, was ist das fr ein Sturm heute?
Was soll das bedeuten? Die Welt ist in Aufruhr, das ist klar, klar.
Finster ist die Nacht. Ich wollte, ich wre da drauen. Vielleicht
irgendwo auf der Landstrae, wo es strmt und regnet, oder im tiefen
Wald, nur nicht in diesem Zimmer. Ich hasse sie bitter. Diese wirren
Worte entfielen ihm ganz unbewut. Alles Gegenwrtige war ihm traumhaft
und verschleiert, und er suchte seine Gedanken von dem Wirrsal, das in
seiner Seele herrschte, abzulenken. Gift ist die Liebe, dachte er. Und
doch, den Staub htte er von den Dielen gekt, wenn sie jetzt ein gutes
Wort gesprochen htte. All seinen Argwohn verga er im Nu, wenn sie
zrnte.

Als um elf Uhr Frau Bender mit ihren Gsten heimkehrte, entstand eine
geruschvolle Lustigkeit. Frau Kremer hrte nicht auf, Falk und Mely mit
Anzglichkeiten zu verfolgen. Mely wurde immer verlegener; bang und
traurig flehte sie Frau Bender mit Blicken um Hilfe. Clodi schalt ihre
Mutter und ging zu Mely. Sie ergriff die Hand des jungen Weibes und
legte den rechten Arm ihr um den Hals. Clodi hatte ein gutes Gesicht, in
welchem zwei kindlich schalkhafte, treuherzige Augen saen. Mit einem
Lcheln, voll von Verwunderung, Freude und Dankbarkeit sah Mely zu ihr
auf.

Frau Bender spielte mit Falk Halma. Sie verlor stets und geriet darber
in groe Aufregung.

Den folgenden Tag ber sprachen Mely und Falk fast nichts zu einander.
Mely war von bertriebener Lustigkeit und spielte mit Dele und Clodi.
Pitt mute ber den Stock springen und die Katze suchen, und das jngste
Ktzchen wurde, angethan mit Puppenkleidern und einer Pierrot-Mtze,
auf dem Tisch spaziren gefhrt. Das unglckliche Tier machte die
grten Anstrengungen, sich seines Kostms zu entledigen, und darber
herrschte nun groer Jubel. Die Katzenmutter sah mit funkelnden Augen,
leise brummend zu und war bestndig gegen Pitt in Angriffszustand. Die
Erfinderin aller tollen Streiche war Clodi, in der viel von der Laune
ihrer Mutter steckte. Frulein von Erdmann kam fters mit feierlichen
Schritten ins Wohnzimmer, um durch ihr Erscheinen dem Lrm zu steuern.
Aber es war nutzlos. Unbeirrt durch das Geschrei und Gelchter, spielte
Falk ein schwermtiges Adagio, ein Chopinsches Lamento und den
Trauermarsch aus der Asdur-Sonate. Bald wurde er von Clodi vertrieben,
die sich den Leichenchor verbat, am Klavier Platz nahm und einen
Walzer spielte. Und sie spielte ihn so, da man lcheln mute in innerer
Sorglosigkeit. Gro und durchdringend ist der Zauber der Jugend.

Auf alle war Falk eiferschtig: auf Clodi, auf Dele, auf den Hund und
auf die Katze. Ihm schien es, als ob sich Mely nur deshalb so sehr dem
Spiel hingebe, um ihm ihre Gleichgltigkeit zu zeigen. Und es war auch
so. Sie that es aus Trotz.

Es dmmerte und der olivenfarbne Abenddunst lag auf der Strae. Da kam
sie zu ihm ins Zimmer. Er konnte nicht sprechen vor Trauer und
Beklommenheit. Aber als er ihr etwas spttisches Lcheln sah, sagte er:
Siehst du, du wirst mich krank machen.

Sie lachte hart. Dann aber vernderte sich der Ausdruck ihres Gesichts,
und sie sah ihn an, als ob er in viel grerer Ferne stnde und sie sich
im Ungewissen befnde, ob er es denn wirklich sei. Ach, sagte sie,
sie machen dich schlecht. Sie wenden alles an, mich von dir
abzuziehen.

Sie schwieg, denn er hatte ihr den Rcken zugedreht und sie mute sein
Gesicht sehen knnen, wenn sie ihm so etwas sagte.

Ich mu jetzt fort, erwiderte Falk mit gleichgltiger Stimme. Kannst
du mitgehn? Wir gehen in den Theesalon...

Mely brauste unwillig auf. Was fllt dir ein? Du weit doch, da ich
nie mehr mit dir auf der Strae gesehen werden darf. Er ahnt schon
ohnehin etwas--

So! -- Na, das ist ja gleich. Ich lechze nicht so sehr nach deiner
Gesellschaft. Empfiehl mich deinem Hund und den Katzen. Adieu,
Frulein.

Sie machte eine verchtliche Bewegung mit den Lippen und ging. Aber Falk
blieb zu Hause. Zuerst fate er den Entschlu, den Abend ber in seinem
Zimmer zu bleiben, doch das konnte er nicht ertragen. Er mute sie
sehen, er mute sie reden hren, wenn gleich sein Herz von Bitterkeit
gegen sie erfllt war. Er unterhielt sich mit Rosine Malz, die ihm viel
dmmer vorkam als andere Mdchen dieses Schlags, und spter mit Frulein
von Erdmann. Er spielte den Liebenswrdigen und versuchte nicht ohne
Glck, witzig zu sein. Er hoffte dadurch Mely zu reizen.

Und als es Nacht war und alles schon stille, kam sie zu ihm. Ich habe
Jemand im Korridor gesehn, flsterte sie unruhig und geqult.

Er ging hinaus und that, als suche er etwas. Er ffnete die
Wohnzimmerthr, die nur angelehnt war -- er erschrak darber -- und
sphte hinein. Im Finstern sah er Helene am Fenster stehen. Sie setzte
die Kerze in Brand und blickte ihn kalt an. Offenbar wei sie jetzt
alles, dachte er. Sie erschien ihm hinterlistig und katzenhaft.

Er redete Mely die Furcht aus. Sie hrte nur halb auf ihn, denn sie
lauschte bestndig auch auf die leisesten Gerusche vom Flur und von der
Strae. Als er wiederum bat, ihm den Brief zu geben, stie sie ihn
gereizt zurck. Er sprang auf und ballte drohend die Faust. Dann
wanderte er erregt auf und ab und schleuderte eine Untertasse zu Boden,
da sie klirrend zerbrach. Mely lachte boshaft und geringschtzig. Das
brachte ihn auer sich. Er stellte sich vor sie hin und sagte gehssig,
mit funkelnden Augen: Ich wei, da du etwas verbirgst und ich schwre
dir, da ich es erfahren werde. Hte dich!

Die lcherlichen Drohungen! erwiderte Mely gleichgltig und ruhig.
Sie erhob sich, um zu gehen.

Du wirst bleiben! rief er mit unterdrckter Stimme und mhsam an sich
haltend. Er packte sie bei den Schultern und warf sie mit voller Kraft
in den Fauteuil zurck. Wie gelhmt blieb sie sitzen. Ihre Augen
leuchteten in grnlichem Glanz. Und Falk redete zu ihr: erst in
verzweifeltem Trotz, dann mit einer Sanftmut, die mit Selbstverachtung
zu kmpfen schien (weil er sich nachgiebig zeigte, da er doch ein Recht
zu zrnen hatte), und immer leiser sprach er, ungereimte Dinge,
Versicherungen seiner Liebe, seiner Ehrlichkeit, das Eingestndnis
seiner Heftigkeit und seines Mangels an Vorsicht. Die Leidenschaft
verzehrte ihn, und der Wunsch, sie weich zu stimmen, machte ihn selbst
weich. Wre sie ihm jetzt um den Hals gefallen und htte Verzeihung
erfleht, so htte er sie gekt und htte gromtig verziehen, aber die
ungestme Liebe wre zusammengesunken wie ausgekhlte Asche.

Sie aber erwiderte gar nichts. Sie sa da, schaute stets auf denselben
Punkt, und als er fertig war, sagte sie, als htte sie von seiner langen
Rede nichts gehrt: Ich will jetzt hinaus.

Bitte, erwiderte er hflich. Er _sagte_ das nur, denn er hatte nicht
den Willen, sie gehen zu lassen. Er glaubte nur, da sie milder
gestimmt, oder vielleicht stutzig gemacht durch seine Einwilligung,
doch bleiben werde. Aber sie wollte in der That fort und da vertrat er
ihr den Weg. Wenn du mich nicht gehen lt, ruf ich um Hlfe,
flsterte sie, schwer atmend. Da lachte er hhnisch, und schaute sie mit
einem Blick voll Wut, Hohn und Ha an. Aber sie wagte nicht, ihm ins
Gesicht zu schauen. Das also ist die Liebe, dachte er, innerlich
frierend. Geh! geh! ich will dich nimmer sehn! rief er ihr zu und
wandte sich ab.

Helene wei alles, sagte sie, als er am andern Morgen in ihr Zimmer
kam. Er schmte sich, da er zu ihr gegangen. Er wute, da es feig,
schwach und unmnnlich war, aber wie eine nimmersatte Feuersbrunst
wtete die Liebe in ihm. Sie hatte ihn beleidigt, er aber wollte nichts,
als ihre Verzeihung.

Er achtete ihrer Worte nicht. Ich mu mit dir reden, sagte er streng,
um sie ber den Grund seines Kommens zu tuschen.

Nun?

Ich will, da du dich vom Oberst lossagst.

So? Du bist sehr freundlich.

Ich kann die Zweifel und diese Angst nicht mehr ertragen. Es ist
schimpflich fr uns beide. Mach ein Ende, Mely. Nur dann kann ich bei
dir ausharren.

Ach, dieses Geschwtz! rief Mely heiter. Ich habe dir schon gesagt:
ich kann nicht, und das mu dir gengen.

Du kannst nicht? Wie viel Tausende mssen ihr Brot verdienen und thun
es willig.

Ich bin krank, du weit es.

Ach--!

Also: ich kann nicht und damit fertig.

Ihre brske Art machte ihm hei. Spttisch erwiderte er: Das Frulein
sind einfach zu bequem. Das ist zu plebejisch: sich sein Brot verdienen.
Wie angenehm ist es, sich an die Tafel des reichen Mannes zu setzen und
sich fttern zu lassen. Wenn man auch hin und wieder ein bischen
beschimpft wird, was schadet das. Er wute, da sie alles gelassen
hinnahm, nur seinen Spott nicht. Darum suchte er mit Innigkeit nach
spitzen Wendungen und giftigen Anspielungen, bis Mely wie auer sich
aufsprang und ihn mit den Blicken ma. Genug! genug! rief sie mit
bebender Stimme.

Falk ging den ganzen Tag wie gebrochen umher. Den Nachmittag hindurch
spielte er Billard im Kaffeehaus, dann Schach, endlich Karten. Erst tief
in der Nacht kam er nach Hause. Sicherlich wacht sie noch, sagte er sich
beim Zubettgehen. Sie hat gewartet, bis ich kam. Und mit Sehnsucht
gedachte er ihrer Ksse. Hundert und hundert Mal hatte er diese Lippen
berhrt, mit Andacht oder mit heiem Verlangen, die sich jetzt nimmer
fr ihn ffnen sollten. Bei Tag hatte er sich in ein knstliches Gefhl
des Befreitseins hineingeredet, aber jetzt, in der Stille der Nacht
berfiel ihn der unerbittliche Schmerz des Verlustes.

Am Morgen kam der Bursche vom Oberst und brachte ein groes Paket. Falk
war im Wohnzimmer, als sie es ffnete. Clodi, Dele, Rosine Malz und Frau
Bender standen erwartungsvoll dabei. Er sah, wie ihr Gesicht strahlte,
als sie die Geschenke, eins ums andere herausnahm und auf den Tisch
legte. Sie konnte sich nicht finden vor Glck. Rasch kleidete sie sich
um und eilte hinber, um zu danken.

Wie unzart von Frulein Mirbeth, in Ihrer Gegenwart so ber die
Geschenke zu jauchzen, sagte Frau Bender zu Falk, der stumm am Fenster
lehnte.

Wieder verbummelte er den Nachmittag und den Abend. Er verschleuderte
sein Geld, hielt Selbstgesprche auf den Gassen, wobei er weite,
ausdrucksvolle Gesten und ein bekmmertes Gesicht machte.

Es war kalt und der Mond schien so hell wie in den Herbstnchten, als er
heimging. Sein Inneres war wie ausgebrannt. Ich bin zertrmmert, sagte
er oftmals fr sich und schttelte verwundert den Kopf.

In seinem Zimmer angelangt, khlte er die Stirn mit kaltem Wasser. Viel
tausend Stimmen schrieen in seiner Seele nach ihr. Sie betrgt mich,
dachte er. Aber er entbehrte sie, wie ein Hungriger die Speise.

Aus seinem Zimmer schleichend, nahte er ihrer Schlafzimmerthre. Er
horchte lange, dann drckte er die Klinke. Es war nicht verriegelt und
unhrbar trat er ein. Ohne sich zu rhren, blieb er lange Zeit an ihrem
Bett stehen und lauschte ihren Atemzgen. Schwach fiel der Schimmer des
Mondes auf ihre weie Gestalt. Ruhig und ausgestreckt lag sie da und
traumlos schien sie zu schlafen. Die Nase ist viel zu breit, dachte
Falk, sogar jetzt lt sich das erkennen. Dann beugte er sich nieder und
kte sie. Ohne sie geweckt zu haben, ging er wieder hinaus.

Den folgenden Tag ber sahen sie sich kaum. Frau Bender und Helene
benahmen sich etwas seltsam gegen ihn, und Rosine Malz zeigte ihm offen,
da sie ihn hasse. berdies war sie fast den ganzen Tag hindurch im
Begriff, ber die Scherze der Frau Kremer zchtig zu errten. Clodi
allein sprach fter mit ihm, ja, sie machte ihm ein wenig den Hof. Sie
war unschuldig wie ein Vogel, wenn sie auch all die groben
Anzglichkeiten ihrer Mutter belachte. Sie verstand es, mit ihrem
Lcheln jemand das Herz leicht zu machen. Ein Gesicht machen Sie, als
ob Sie Einen erschlagen htten, sagte sie zu Falk. Lachen Sie doch!
Marsch! Und sie versuchte, ihn am Halse zu kitzeln. Wissen Sie nicht,
was mit Frulein Mirbeth ist? fragte sie ihn flsternd. Die sitzt
jetzt oft stundenlang da und spricht und lacht nicht...

Einige Tage darauf ging Falk in Melys Zimmer. Ich bitte dich, was hast
du gegen mich? begann er sogleich. Sag mir alles, ich bin auf alles
gefat.

Sie lag in ihrem hyacinthenfarbnen Schlafrock auf der Ottomane und
schaute unbeweglich zur Decke. Ach, das ist doch sehr einfach, sagte
sie langsam, als er nicht aufhrte, sie zu bedrngen.

Nun?

Sie schwieg, sie schien sich zu besinnen. Dann erwiderte sie so weich,
da er den Inhalt ihrer Worte kaum begriff: Ach, ich mag dich halt
nimmer.

Falk trat zurck und schlug erschttert die Hnde zusammen. Das also!
-- Warum? fragte er nach schier endlosem Schweigen.

Mein Gott, da kommt so vieles zusammen, sagte sie immer noch weich,
gleichsam flehend. Deinetwegen und meinetwegen.

Du hast also dein Herz von mir abkommandirt? -- Ja, du hast mit mir
gespielt, murmelte Falk, ohne Hoffnung, dies ertragen zu knnen. Wie
dumm war ich doch! Wie ein Hndchen hing ich an dir. Ich habe dir meine
Liebe stets auf dem Servirbrett zugetragen.

Das war das Unglck, ja. brigens, was hat es fr einen Zweck? Es ist
doch hoffnungslos. Bis es einmal soweit kme, bin ich eine alte
Schachtel.

O ich knnte treu sein. Ich habe das Zeug dazu. Selbst die alte
Schachtel knnte mich nicht hindern, treu zu sein. Aber du hast nur
gespielt, das ist klar ... Alles hab ich auf dich gesetzt, die Zukunft,
das ganze Leben. Und nun hast du mich zerstrt. Du betrachtest mich nie
mit deinen eigenen Augen, sondern immer mit denen anderer Leute, mit
Helenes Augen oder so. Du hast mich nie geliebt, nie geliebt. Der
Schmerz verschlo ihm die Kehle. Immer noch ausgestreckt lag Mely da und
rhrte sich nicht.

Wirklich? Ist es denn wirklich wahr? begann Falk wieder und nherte
sich ihr. Sag doch! Ich will ja gehn, wenn du es jetzt wiederholst. Ist
es denn wirklich wahr? Er redete mit heiserer, trauriger Stimme, aber
keine Silbe war mehr aus ihr herauszubringen. Sag, soll ich gehn?
fragte Falk. Sprich nur ein Wort und ich bleibe. Sag ja, und ich
bleibe. Willst du? Willst du? Aber sie blieb stumm und nagte blo an
ihrer Unterlippe. Da ging er.

Als er drauen war, erhob sich Mely und wanderte mehr als zwei Stunden
lang auf und ab. Oft standen ihre Augen voll Thrnen. Sie blieb an
diesem Abend in ihrem Zimmer.

Falk besuchte das Frulein von Erdmann und fhrte mit ihr tiefsinnige
Gesprche ber den Wert des Lebens, wobei er zur absoluten Verneinung
gelangte, wie Viele vor ihm. Aber die Dame, die jetzt in ihrem uern
wie in ihrer Umgebung die Spuren eines immer greren Verfalls zeigte,
wollte davon nichts hren. Sie stritt fr die Lebensfreude und fr die
Liebe und lie den jungen Mann merken, da er alle Gluten jungfrulicher
Leidenschaft bei ihr finden knne, wenn er nur zu begehren verstehe. Sie
versperrte sogar die Thre, um ihn zum Dableiben zu zwingen. Ihr Feuer
berhrte Falk sehr peinlich. Aber er und alle, die in diesem Hause
wohnten, sahen sie versinken in Armut und Erbrmlichkeit und es hatte
Scenen gegeben, wo sie von Fremden gar sehr gedemtigt worden war.
Deshalb bemitleidete er sie und benahm sich rcksichtsvoll. Zum Schlu
allerdings tischte sie ihm ein paar Anekdoten auf, die Zeugnis ablegen
sollten von dem lockern Leben, das im Hause des Obersts Thewalt gefhrt
wurde.

Frau Bender traf er an diesem Tag in groer Niedergeschlagenheit. Ihr
Sohn hatte aus Chicago geschrieben, da der Vater mit einer fremden Frau
lebe. Das htte sie an sich nicht zu Boden gedrckt, aber er schickte
auch kein Geld mehr. Sie war in Not. Frulein von Erdmann konnte nicht
zahlen, auch Falk war im Rckstand. Das ganze Hauswesen war zerrttet.
Frau Kremer war abgereist und mit ihr war der letzte Rest von Heiterkeit
fortgezogen.

Lottelotts kommen auch nicht mehr, sagte Frau Bender beim Thee. Sie
haben mich durch Helene wissen lassen, sie knnten nicht mit einer
Person wie Frulein Mirbeth an einem Tisch sitzen.

Falk brauste auf.

Ja sehen Sie, man erzhlt sich eben sehr viel, fuhr die Hausfrau
bedauernd fort. Auch Frulein von Erdmann hat verzichtet, beim
Mittagstisch zu erscheinen. Und warum ist Frulein von Mahnke
ausgezogen? Nur deswegen. Ich mu ihr kndigen, ich bin es meinen
Kindern schuldig.

Falk erbleichte bis in die Lippen. Das werden Sie aber unterlassen,
Frau Bender--! So viel Zartheit, -- um Gottes willen!

Frau Bender versuchte einzulenken. Ich glaube ja alles Gute von ihr,
obwohl -- -- Persnlich ist sie mir ja lieb und Helene hat sie sehr
gern, -- aber urteilen Sie doch selbst. Frher, -- was fr Zwistigkeiten
waren das stets zwischen ihr und dem Oberst. Er hat ihr Dinge gesagt und
geschrieben, da sie zu stolz sein mte, ihn anzureden, -- und nun, mit
welcher Andacht spricht sie von ihm. Welche Flle von Geschenken--

Lassen Sie uns eine Partie Halma spielen, Frau Bender, unterbrach sie
Falk, bis in die tiefste Seele erzitternd. Helene summte jenen bekannten
Gassenhauer aus Rigoletto vor sich hin, der von der Unverllichkeit des
Frauenherzens handelt.

Heute gewann Frau Bender.

Ich mu handeln, dachte Falk, ich mu mir Beweise verschaffen und dann,
-- Gott sei mir gndig. Er wollte sich nicht eingestehn, da er sich
frchtete vor Beweisen. Alles zitterte an ihm, bestndig tastete er mit
der Hand an die Schlfe und schlo die Augen, wie um nicht sehen zu
mssen, was er so sehr zu sehen wnschte. Was hilft es auch, grbelte
er; ich bin ihr gleichgltig, sie hat es selbst gesagt. Und dieser
Gedanke berwog alle andern.

Sie haben sich wohl verfeindet mit Frulein Mirbeth? fragte Frau
Bender und als Falk bejahte, setzte sie hinzu: Seien Sie doch stark und
lassen Sie sich nicht so sehr niederdrcken.

O sie ist falsch, flsterte er. Es drngte ihn nach Mitteilung seiner
Leiden. Aber pltzlich stand er auf, wie von Ekel erfat und
verabschiedete sich.

Mely schlo sich von allen ab, auch von Helene. Dies Mdchen war ihr in
letzter Zeit verhat geworden, obwohl sie sich zwang, freundlich zu
sein, wenn sie mit ihr sprach. Ein ganz harmloser Vorfall war die
Ursache und der Anfang dieses Hasses gewesen. Eines Abends, als Mely
noch im Wohnzimmer war, hrte man drauen an der Treppe ein Geflster.
Frau Bender vermutete, da die Magd von ihrem Kammerfenster aus sich mit
einem Mann unterhielte. Helene entledigte sich blitzschnell der Schuhe,
ffnete geruschlos die Thre, huschte ebenso lautlos hinaus und horchte
drauen. Alle ihre Bewegungen dabei waren schlangenhaft.

Seitdem hate sie Mely. Sie war ihr genau wie eine junge Katze
erschienen. Auch frchtete sie, die kleine, listige Person mchte das
Geheimnis ihrer Liebe ausplaudern, obwohl sie wute, da Helene die Gabe
des Verschweigens in hohem Grade besa. Sie fhlte wohl, da Alle gegen
sie waren, wie gegen den bsen Feind, aber sie lchelte dazu. Innerlich
verwundet, vereinsamt und die Einsamkeit suchend, schlo sie sich ab von
den Leuten, die so viel redeten, als sie reden hrten, ohne das Gewicht
der Worte zu bemessen. Ein finsterer Menschenha beherrschte sie einige
Tage lang durchaus. Nur die kleine Dele kam tglich zu ihr und bei
diesem Kind konnte sie sich selbst vergessen. Sie liebte das Mdchen mit
jener Leidenschaft, die oft an ihr hervorbrach, wie das Wasser einer
unterirdischen Leitung, das einen falschen Ausweg gefunden hat. Und doch
witterte sie schon bei dem Kind Eigennutz: weil sie es beschenkte,
darum war es lieb und heiter, und nur in der Erwartung der Geschenke
schien es zutraulich zu sein. Und als Frau Bender in einer boshaften
Aufwallung ber Melys Abschlu von ihrer Familie dem Kinde verbot, das
junge Mdchen ferner zu besuchen, glaubte Mely, da sie eigentlich
froh darber sei.

-- Frau Bender lag krank im Bett. Kummer und Sorgen hatten sie
niedergedrckt. Der Termin nahte heran, ohne da sie wute, wie sie die
Miete bezahlen sollte. Die Magd erzhlte es Mely und dann kam auch
Helene und weinte. Da ging Mely zum Oberst und schon am Abend brachte
sie Frau Bender vierhundert Mark und entfloh ngstlich den strmischen
Danksagungen der gedemtigten Frau.

Falk vernahm das mit den Empfindungen, die Einer im fernen Land den
Nachrichten aus der Heimat entgegenbringt. Als er eines Nachts spt
heimkam, schlich er wieder in Melys Zimmer. Er sah sie schlafend, beim
matten Schein des nchtlichen Lichts. Und er kte sie mit der ganzen
Trauer des Verlustes. Dann ging er wieder. Und so die nchste Nacht und
die folgenden Nchte. Am Tag sehnte er die Nacht herbei, den Genu jener
schnellen Minuten. Ihm war, als spre sie seine Nhe im Traum und lchle
ihm zu im Traum und erklre sich einig mit ihm. Und einmal geschah es,
da sie erwachte. Sie schlug die Augen auf und lchelte sanft. Sie
schlang ihren Arm um seinen Hals und zog sein Haupt seufzend herab und
drckte es an ihre Brust. Stumm und beglckt lie er es geschehn. Es war
ein Traum fr sie und fr mich, dachte er beim Hinausgehen. Aber von da
an erwachte sie in jeder Nacht und liebkoste ihn schchtern, wie es ihre
Art war. Bei Tag sprachen sie nicht miteinander und gingen gleichgltig
eines am andern vorber.

Eines Sonntags im Februar beschlo die Familie Bender einen Ausflug zu
machen. Doktor Brosam hatte sich sehr genhert und dieser Ausflug war
sein Plan. Da es aber nur drei Personen waren und Frau Bender den beiden
jungen Leuten Gelegenheit geben wollte, allein zu sein, -- der Doktor
war reich -- so suchte sie nach einem vierten Teilnehmer. Rosine Malz
hatte ein verschwollenes Gesicht und Falk gab einen Korb. Er stand im
Korridor, als er Frau Bender sagen hrte: Nun bleibt Frulein Mirbeth
unsre letzte Hoffnung. Der Doktor erwiderte: Ja, wenn wir sie nur als
stumme Person mitnehmen knnten! Helene lachte hlzern und auch Frau
Bender lachte aus Artigkeit mit.

Eine wilde Angst erwachte in Falk, da Mely zusagen knnte. Er wute,
da sie schwach genug war, die Beleidigung zu vergessen, die ihr Doktor
Brosam zugefgt hatte und von der sie ihm selbst mit Entrstung erzhlt
hatte. Schon aus Geflligkeit gegen Frau Bender wrde sie mitgehen. Es
gab nichts, womit sie sich nicht das Wohlwollen der Leute erkaufte, die
um ihre Liebe zu ihm wuten oder sie nur ahnten. So gro war ihre
Furcht. Aber Falk wollte auch allein sein mit ihr. Er hoffte nichts von
diesem Alleinsein, aber er wnschte es hei. In brennender Erregung
wanderte er im Korridor umher, durch die Kche auf den Balkon, dann
wieder horchend an der Thr, dann wieder durch das Entree gegen die
Treppe hinaus. Er war vllig besinnungslos und murmelte bestndig
abgerissene Stze vor sich hin. Ich werde sie verlieren, sagte er,
und alles ist aus. O jetzt macht man doch keine Ausflge, im Februar,
-- lcherlich. Wie hab ich mich gefreut -- -- -- das Wetter wird ja doch
schlecht werden -- Mely -- Mely -- bleib!

Nun Herr Falk? hrte er die Stimme Helenes, deren Gesicht in
Heiterkeit glnzte.

Falk streckte ihr bittend die Hnde entgegen. Helene, wenn ich Ihnen
irgend etwas bin, etwas mehr als ein Hund, dann verhindern Sie, da Mely
mitgeht.

Helene machte ein mrrisches Gesicht. Ach gehn Sie doch! Sie sollten
vernnftiger sein. Haben Sie denn gar keine Augen im Kopf?

Falk stierte wie geistesabwesend in das frische Gesicht Helenes. Eine
schwere Dumpfheit lag in seiner Brust. Er hatte die Empfindung, als
schmiede man im Wohnzimmer ein Komplott gegen seine Liebe und als knne
er dies durch seine Anwesenheit verhindern. Darum ging er hinein ohne zu
gren und lachte dem erstaunten Doktor gerade ins Gesicht. Frau Bender
kam freudestrahlend von Mely zurck und verkndete, da die Vierzahl nun
voll sei.

Falk lachte wieder, und die glckliche Frau Bender stimmte unbefangen
mit ein. Dann strzte er hinaus und betrat Melys Zimmer. Sie kmmte vor
dem Spiegel das Haar und sah sich scheu nach ihm um. Mely! brachte
Falk mhsam heraus, wenn du gehst, ist alles vorbei zwischen uns.

Sie blickte erschreckt zu Boden und der Kamm fiel auf die Erde. Falk
wandte sich zum Gehen, berzeugt, da sie bleiben werde.

Aber eine halbe Stunde spter hrte er die Vier in scherzenden
Gesprchen die Treppe hinabsteigen, und als er sich zum Fenster
hinausbeugte, saen sie schon in der Droschke. Mely unterhielt sich mit
Doktor Brosam und sie war frhlich. Die Sonne schien hell, und der
Schnee war geschmolzen.

Falk warf sich aufs Bett und schluchzte wie ein Kind.




XIV.

_Aus dem Tagebuch Vidl Falks._


23. Februar.

Nun habe ich auch die Liebe berstanden. Es ist eine entsetzliche,
giftige, furchteinflende Krankheit. Dies Frulein Mirbeth ist in
meinen Weg getreten, hat ihre falschen Augen aufgeschlagen und mit
Inbrunst, mit ganzer Seele und ganzem Vermgen bin ich hineingestrzt in
diese Augen. Ach, man wird da gedreht und gerdert, und was noch heil
davonkommt, trieft von Erfahrungen und Weisheit. Ich bin noch zu voll
von diesem Weib, um ein freies, gutes, erlsendes Wort niederschreiben
zu knnen. Die Liebe ist eine Folter, grausam und nachhaltig. Dies
Frulein Mirbeth ist ein Wunder an Charakterlosigkeit, Treulosigkeit
und jener echt weiblichen Verschlagenheit, die den Mann nie zur Ruhe
kommen lt. -- Ich bin erlst!

Aber wer wei, vielleicht liebe ich sie noch. Wie schn war es auch in
diesen stillen, strmischen Liebesnchten!


25. Februar.

Es gelingt mir nichts Rechtes mehr. Was ich angreife, bleibt auf halbem
Weg liegen. Ich bin wie betubt; ich bin verdummt. Stets brennt mich
etwas im Innern, stets scheucht mich etwas auf. Stets mu ich nachdenken
ins Bodenlose hinein. Ich kann nicht schlafen, und ich liege des Nachts
stundenlang am Fenster. Dem Wandel der Sterne schau ich zu, und dem
Rauschen des Windes lausch ich. Es geht eine leise Frhlingsahnung durch
die finstern Straen. Die Natur, das ganze Universum erscheint mir wie
eine Brust voll Leiden und Leidenschaften und voll Sehnsucht und sie
will den Tod nicht kennen, der ihr zur Seite steht.

Ich kann nicht schlafen. Es ist vier Uhr nachts. Soeben ist Mely
heimgekommen; beim Oberst war Gesellschaft, wie mir Frau Bender sagte.
Es friert mich vor der Zukunft. O knnt ich einen hundertjhrigen Schlaf
thun. Aufwachend erblickt ich die Welt verschnt und die Nationen
vershnt, und ich brauchte nimmer auf den Prparirboden, um
belriechende Leichen zu zergliedern und zu zerlegen. Wie erfinderisch
ist die Natur in den Krankheiten, mit denen sie uns heimsucht. Jeder
Ku, den wir erhalten, mu bezahlt werden mit einem bel an Leib oder
Seele, und ber unser Glck eilt die Zeit hinweg und hinterlt uns
blasse Bilder, blasse Schemen.


26. Februar.

Ich trume seltsam. Ich trume z.B. vor mir stnde eine groe Blume.
Und ich bilde mir ein, das msse eine Lotosblume sein, obwohl ich noch
nie eine solche gesehen habe. Dann fliet Blut aus dem Kelch und ich
kniee davor und trinke es. Oder ich trumte, Mely sei bei mir und sie
ruft mich zu kommen. Aber ich kann mich nicht bewegen, ich bin nicht
Herr meines Krpers, wie erstarrt stehe ich da und kann weder vorwrts
noch rckwrts.


27. Februar.

Sie geht an mir vorbei, -- fremd und ohne Gru. Wenn sie im Wohnzimmer
ist, so thue ich gegen die Damen sehr heiter und sorglos, und bin so
galant als mglich. Warum das aber? Wrde ich es thun, wenn sie mir
gleichgltig wre? Ich liebe sie noch, das ist alles. Oder nein, ich
liebe sie mit verzehnfachter Liebe, mit brennender, schmerzhafter,
zitternder Liebe. Aber ich darf nicht nachgeben. Wenn ich mich wieder
schwach zeige, ist alles verloren. Es giebt nichts Dmmeres, als einen
Mann, der konsequent sein will.


1. Mrz.

Einmal sagte sie zu mir: Wenn wir beide glcklich sein wollen, mssen
wir allein sein. Aber wie sollt ich sie gewinnen? Wie kann sie je mein
eigen werden? Sie macht Ansprche an das Leben, und sie will es hbsch
bequem haben. Wie knnte sie den Kampf des Mannes gegen das Schicksal
mitkmpfen!

Trauer erfllt mich ganz. Meine Kraft ist aufgelst und meine
Freudigkeit ist dahin. Wenn ich mir ein Bild ihres Wesens zu machen
suche, so zerfliet alles vor meinen Augen. Ist sie gut oder bse?
weichmtig oder boshaft? strrisch oder hingebend? Ach, am Morgen ist
sie willig und des Abends trotzig; am Mittag herausfordernd und
spttisch und des Nachts dem Weinen nahe in grundloser Verstimmung.

Ich sehne mich nach ihr und mir schmeckt weder Arbeit noch Essen.


4. Mrz.

Da liegt sie neben mir und schlft. Die zwei Fauteuils sind
zusammengerckt, so da sie eine Art Divan bilden und darauf schlummert
sie. Das Wasser zum Kaffee wird bald zu kochen beginnen. Sie hat meinen
Mantel um den Krper und ber ihren Fen liegt das weie Deckbett. Die
Haare hngen aufgelst bis auf den Boden. Um uns ist die stille, tiefe
Nacht. Bisweilen wird die Ruhe von fernem Wagengerassel gestrt.

Ich finde, dies ist so sehr charakteristisch. Wenn ich frage: Mely
friert dich? Willst du meinen Mantel? so schttelt sie den Kopf. Aber
bald darauf erhebt sie sich und holt sich den Mantel selbst.


5. Mrz:
fnf Uhr morgens.

Soeben ist sie schlafen gegangen. Wie wild, wie toll war diese Nacht
wieder! In solchen Stunden, wo sie erfllt ist von einer fast
ingrimmigen, verhaltenen Leidenschaft, ist sie nicht mehr sie selbst.
Sie hat sich vergessen, sich ihres Selbst beraubt, sie schmilzt hin in
weicher Ergebung, in seufzender, matt abwehrender Begierde. So ist sie
schn und auch beraus begehrenswert. Ich mchte die Feder, mit der ich
schreibe, ganz in den wunder-wundervollen Duft tauchen, womit in solcher
Nacht ihr Wesen umschleiert ist. Unvergelich ist es und herrlich. Stumm
ist die Nacht und die Zeit hat kein Ma mehr den Sinnen. Alle Organe
sind ins Krankhafte verfeinert, und wenn sie seufzt, so vermute ich
einen tiefen Schmerz in ihr, und hre nicht auf zu fragen. Aber unbewut
frage ich, nur um sie zu liebkosen mit der Stimme, um sie zu trsten, um
ihr zu versichern, da sie beschtzt sei. Alles was sie denkt, errate
ich, und sie nimmt es mit einem halb verwunderten, halb dankbaren
Lcheln auf. Nichts Verborgenes ist mehr in ihrer Seele und ich bin
beruhigt.

Ich wei gewi, da ich nicht schlafen werde. Ich werde noch lange
dasitzen und ber jede ihrer Gebrden, jedes ihrer Worte sinniren. Wie
ein schweres Gewicht liegt die Liebe auf meinem Herzen, aber ich trage
es willig. Gleich der Blume eines kostbaren Weins, so berauschend ist
dies Gefhl. Aber der Vergleich ist von geringer Gte. Schwach sind die
Worte und hinfllig jedes Bild. O du, flsterte sie beim Hinausgehen,
du hast mich leergetrunken mit Kssen.


7. Mrz.

Wer vermchte das zu glauben: Ein junges Weib besucht allnchtlich den
Geliebten, der sie bestrmt, sich ihm hinzugeben, -- vllig und
unwiderruflich. Er taucht sie unter in eine schwle Flut von Liebe, --
und sie widersteht! Sie ist voll Furcht gegenber diesem Letzten, und
sie trauert, wenn ich sie bestrme. Schau, warum willst du das? Du
willst mich erniedrigen, du willst mich unglcklich machen. Mu es denn
sein? Du sagst, das sei der Inhalt des Lebens? Das ist nicht wahr. Denn
was wird nachher sein? -- So spricht sie. Und dies ist das Mdchen, das
bis zu seinem zwanzigsten Jahre glaubte, vom bloen Kssen bekme man
ein Kind. Ich kann mir nicht helfen, diese Beweisfhrung macht mich
krank vor Mitrauen. Es klingt so elegisch, so unjugendlich. -- Aber ich
prfte mich genau: Ich selbst frchte jenen Schritt. Weshalb? Der Himmel
mag es wissen.


10. Mrz.

Sie fragte mich, ob sie meine erste Liebe sei. Ich erwiderte ihr, da
ein Mann heutzutage allzuviel Gelegenheit habe, sein Herz zu
verschenken, wie man poetisch sagt. Sie verstand mich. Aber ich sagte
ihr auch, da eine Liebe, wie die, welche ich jetzt empfinde, nicht zum
zweiten Mal wiederkommen knne im Leben. Man kann nur ein Mal lieben,
aber verliebt sein kann man in jedem Frhling aufs neue. Sie sah mich
unglubig und zrtlich an. Sie schmiegte sich an mich und verbarg ihr
Gesicht.

Wie sehr qulen wir uns beide, indem wir uns die letzte, reife Frucht
der Liebe vorenthalten! Bisweilen legt sich eine geheimnisvolle
Verbitterung zwischen uns, dann wieder ein absichtliches
Miverstehenwollen. Ich lese dann in ihren Augen einen heien Wunsch,
aber auch die Starrheit eines festen Entschlusses. Und ich kann ihr
nicht grollen. Ich mchte sie oft um Verzeihung bitten, wenn meine
strmische Leidenschaftlichkeit sie zu berwltigen droht. Wie viel
sagen mir ihre Augen! Du bist mir alles, reden sie; Ziel und Ende des
Lebens, und in dir kann ich vergehen. Ich bete tglich -- scheinen sie
oft zu sagen -- da du mich erwerben mgest, aber ich verdiene deine
groe Liebe gar nicht. Ich habe Sehnsucht nach dir, wenngleich du bei
mir bist. Ich liebe dich mit aller Kraft meiner Seele ... So wortarm
ihre Zunge ist, so reich an Ausdruck sind diese schwarzen, herrlichen
Augen. Und wenn ich hineinsehe in diesen leuchtenden Abgrund, so mu ich
mir sagen: Unmglich ist es, da dieses stolze, zarte Weib sich jemals
einem ungeliebten Mann hingebe. Ich bitte ihr im Herzen all meine
Zweifel ab.


13. Mrz.

Ich erhielt Nachricht, da der einzige Oheim, den ich noch
mtterlicherseits besitze, in Biarritz schwer erkrankt sei. Wenn er
stirbt, so erbe ich etwa achtzigtausend Mark, falls nicht auch er mich
mit dem Anathem belegt hat.

       *       *       *       *       *

Ich kam zu Mely ins Zimmer, als sie gerade mit dem Ausrumen ihres
Schranks beschftigt war. Heiter sah ich ihr zu, und ich war beglckt,
wenn sie sich mir auf einige Schritte nahte, und ich erschrak und sehnte
mich nach ihr, wenn sie in eine Ecke des Zimmers ging. Wir sprachen
nicht, aber sie empfand meine Gegenwart, und in jeder Bewegung drckte
sich das Bewutsein aus, mich nahe zu wissen. Pltzlich fiel ein
schwerer Gegenstand zu Boden. Ich blickte hin und gewahrte einen
Revolver. Lchelnd fragte ich, was sie denn mit der Waffe anfangen
wolle. Mely war jedoch totenbleich geworden. Zitternd schaute sie auf
den Revolver hinab und ihre blutleeren Lippen suchten vergebens nach
Worten. Da ward mir hei. Ich sprang auf und trat zu ihr hin. Was hat
es fr eine Bewandtnis mit dem Ding? fragte ich erregt. Sie sah mich
wie geistesabwesend an und flsterte: Ich wei nicht.

Kurze Zeit darnach, als sie sich wieder gefat hatte, erzhlte sie mir
eine Geschichte; da ihr der Oberst den Revolver zur Jagdausrstung
geschenkt habe, da man einst drben nach Karten geschossen und da sie
unvorsichtigerweise den Oberst mit einem Schu am Arm gestreift habe.
Aber ich fhlte es deutlich in meinem Herzen: es war nur eine
Geschichte, schnell erfunden und nicht einmal gut erfunden. Wie sehr
empfand sie, da ich die Lge ahnte! Sie wagte nicht mehr, mir frei ins
Auge zu sehn. Das brennt mich wie Feuer.


14. Mrz.

Ich erhielt den Besuch des Fruleins von Erdmann. Sie schilderte mir in
tragischer Deklamation ihre bittere Lage und ich mu gestehn, da ich
groes Mitleid mit ihr hatte. Zum Schlu fragte sie, ob ich ihr nicht
zweihundert Mark leihen knne. Ich mute lachen, so sehr ich mir auch
Zwang anthat. Ich armer Teufel habe also doch verstanden, den Schein
einer sicheren Existenz aufrecht zu erhalten. Das erfllt mich beinahe
mit Stolz und ich bin zufrieden mit mir. Aber ich wurde traurig ber
dies zerstrte Leben, welches da vor mir sa; und so bombastisch und so
monumental die beleibte Dame auch ihre Rolle der Erniedrigten und
Elenden spielte, ich begriff doch, da hier das Schicksal einen
wuchtigen Faustschlag gefhrt haben msse, um so viel Herrischkeit,
Eigenliebe und Stolz zur Pose einer Bittstellerin herabzuzwingen. Ich
suchte zu trsten und zu ermutigen.

Alles in diesem Hause geht seinem Ruin entgegen. Die Pension ist nur
noch ein frommer Titel. Frau Bender ist beim Fleischer, beim Bcker,
beim Krmer so tief verschuldet, da sie nichts mehr kreditirt erhlt.
Ich sehe nur gesenkte Kpfe und gertete Lider. Die Pension war zum
Verkauf ausgeschrieben, aber Niemand hat sich beworben. Jetzt sollen die
Mbel veruert werden. Die Familie will auswandern.

Die Einzige, die herumgeht, heiter und guter Dinge, ist Helene. Sie
thut, als ginge sie das alles gar nicht an. Sie lchelt, als ob sie
sagen wollte: die Mutter ist ja da, sie mu nun einmal dafr sorgen, da
wir genug zu essen haben.


17. Mrz.

Frulein von Erdmann ist ausgezogen, Niemand wei, wohin. --

Mely kam zu mir ins Zimmer und weinte. Sie redete nichts, sie gab auf
mein Fragen keine Antwort: sie weinte und ging wieder. Es legt sich wie
ein nasser Dunst um meine Augen und mir bangt vor Kommendem. -- Dann am
Abend sagte sie mir, da sie oftmals in der Nacht aufwache und weinen
msse. Sie wisse nicht warum, aber die Thrnen berwltigten sie.

Was wirst du thun, fragte ich sie, wenn ich dich verlasse, wenn ich
eine Andere liebe--? Sie zuckte die Achseln. Nichts. Ich werde
vielleicht traurig sein, aber ich werde mich trsten. -- Nein, nein,
das ist nicht wahr. Du wirst nicht lnger leben mgen,-- -- O, wie
sehr tuschst du dich! So viel Kummer warst du doch dann nicht wert. --
Ja, du hast recht. Aber ich knnte niemals von dir lassen. -- Geh,
geh. -- Ich wollte, es wre nicht so. Doch lieb ich dich mit allem was
ich bin und thu und denke. Du bist ein Bestandteil meines Krpers
geworden, und wenn wir uns trennten, wrs, wie wenn man mir einen Arm
amputirte. Sie lchelte seltsam und seufzte. Und du, fuhr ich fort,
du entziehst dich mir, und du zeigst nur dadurch, da du mir nicht
vertraust. Hast du nicht einmal gesagt, du knntest mich lieben wie
Julia? -- Sie schwieg und schlo die Lider ganz. Ich kann es nicht,
flsterte sie endlich beengt. -- Wenn ich dich aber nun so flehte, da
du nicht anders knntest, wenn ich weinte, wenn ich alles davon abhngig
machen wrde, -- Schatz, du guter, knntest du dich dann immer noch
weigern? -- Sie sah mich traurig an und schttelte den Kopf. -- Du
wrdest nachgeben--? -- Ja. -- Aber dann, was dann? fragte ich
leise, erschrocken von dem Ausdruck ihres Gesichts. -- Dann wrde ich
mir das Leben nehmen. -- Ich fhlte, wie in mir etwas erstarrte. Aber
sie blickte mich furchtlos an; nur ihre Finger zerrten krampfhaft an dem
Saum meines Rocks. Und pltzlich fiel ihr Kopf auf die Lehne des
Fauteuils zurck. Sie war ohnmchtig geworden.


21. Mrz.

In den letzten Nachmittagen treffe ich regelmig Doktor Wendland. Ich
unterhalte mich vortrefflich mit ihm. Er ist durchaus kein Arzt
gewhnlichen Schlages. Er wei viel und bringt seinem Beruf eine
bedeutende Persnlichkeit als Mitgift. Jene groe Gte, die mich schon
beim ersten Eindruck so sehr bestach, vereinigt sich mit einer schnen
Freiheit des Urteils, und er prft Herz und Nieren seiner Patienten
nicht nur im medizinischen Sinn; er will wissen, was auch in der Seele
_Derer_ vorgeht, die sich ihm und seiner Wissenschaft anvertrauen. Der
Mann wird es noch weit bringen.


(Spter.)

Ich habe mich ein wenig mit Melys Schwester unterhalten. Ich war ganz
allein im Hause als sie kam; denn Benders sind spaziren gegangen ... Ich
bin nicht fhig, dieses Gesprch niederzuschreiben. Das Weib hat mein
Herz schwer gemacht. Wie ein Wandrer die Nacht nahen sieht, ohne
Hoffnung, das Ziel zu erreichen, so steh ich hlflos und verlassen auf
ungebahnten Wegen und wei nicht aus noch ein. Die Zweifel schrecken
mich und qulen. Lange schon haben sie sich eingenistet in mir, und wenn
ich ihnen jetzt nachspre, mu ich sehen, wie die Schatten fester
werden, lebendiger, berzeugender, bedrckender. O Mely komm! Deine
Gegenwart nur, dein schmerzlich-inniges Lcheln kann die Gespenster
vertreiben.


23. Mrz.

Der Frhling ist da. Khl war der Tag und die Sonne sinkt mit einem
Strahlenfeuerwerk in die Tiefen des Westens. Die glnzenden Augen der
Kinder rufen: Frhling! Die festlich glhenden Wangen der Jnglinge und
Mdchen sprechen davon. Dichtes Gedrnge erfllt die Promenaden.
Smaragdgrn leuchtet der Himmel herber, am Horizont in ein tiefes,
schwles Rot bergehend. Den Flu, den ich entlang wandelte, zog eine
endlose Rauchwolke von zartem Braun wie der machtvolle Arm eines Riesen.
Leiser Wind hub zahllose, kleine Wellen aus dem Wasser empor.

Ich bin krank. Fieber auf Fieber luft in hastigen, kurzen Sten durch
meinen Krper. Brutal und herausfordernd starrten mir die Leute ins
Gesicht. Und mir war, als seien sie alle frei, als sei die Seele aller
voll Frhlingsglck und Festlichkeit, nur ich allein trug eine schwere
Last auf dem Rcken, nur ich allein mute leiden.

O, was ist vorgegangen mit mir!


(Nachts.)

Ein Mann wie Doktor Wendland lgt nicht. Das ist unmglich. Weshalb
sollte er auch. Er konnte ja gar nicht vermuten, da dies Frulein
Mirbeth die Inkarnation meiner Lebensfreude bildete. Er wute ja gar
nicht, da ich sie berhaupt kenne ...

Habe ich recht gehrt? Oder habe ich nur vernommen was ich zu hren
wnschte und zu hren frchtete? Habe ich eine ahnungslos hingeworfene
Bemerkung gewaltsam miverstanden? ein harmloses Gesprch bswillig nach
einem gewollten Punkt geleitet? Nein und abernein. Das alles kam von
selbst. Es ist das Schicksal, das mich packt und mir einen Sto
versetzt, da ich zum Abgrund taumelnd, allen Halt verliere. Und da
dieses Schicksal die freundlichen und mitleidenden Zge des Doktor
Wendland annahm, -- welche Ironie! --

Das war keine von den dunklen Andeutungen. Er ist ihr Arzt und mu es
wissen. Er hat mich auch zweifellos verstanden. Nachdem er es gesagt,
ergriff er meine Hnde und schaute mich stumm an. Sein Blick ging mir
durch und durch.


24. Mrz.

Habe ich denn um Gottes willen recht gehrt? Ist es mglich? ist es
mglich? Bin ich belogen worden, hintergangen worden? Wo ist mein Schlaf
hin, wo ist meine Ruhe? Was kmmert mich der Frhling, was schert mich
die Sonne, die Blumen, die lachenden Kinder--! Dunkelheit liegt in
meinem Herzen schwer und dicht. Melusine! -- Sie hat diese an Gte so
unerschpflichen Augen, und sie hat mich betrogen. Sie hat diese Augen,
strahlend in rhrender Kindlichkeit, und sie lgt. Aber nein, ich habe
mich getuscht, ich habe den Doktor nicht verstanden. Ich will ihn
wieder fragen. Ich will ihn beschwren um die Wahrheit. Wenn er seine
Seele rein von Flecken halten will, mge er mir die Wahrheit sagen.

       *       *       *       *       *

Thor! -- Noch immer zweifelst du. Und zweifelst an der Gewiheit, nach
der du vordem in zitternder Ungeduld haschtest. Warum weine ich nicht?
Warum vergrabe ich den Kopf nicht in die Kissen und suche den Schlaf,
den ewigen? Was will ich noch? Will ich die Besttigung aus ihrem eignen
Munde hren? Ich mte mich schmen, so lange vertraut zu haben. Will
ich mich rchen und zur Schuwaffe greifen, wie ich einst so pathetisch
versprochen? Ist es mglich, da die Sonne scheint, da der Himmel so
blau ist und da es noch Dinge in der Welt gibt, worber frhliche
Menschen sich freuen? Aber woher kommt es, da ich schreiben kann, da
ich wohlgefgte Worte aufs Papier zu bringen noch fhig bin?


26. Mrz.

Wre sie doch da. Ich knnte mit ihr reden. Aber sie ist auf der Jagd
mit dem Oberst, schon seit acht Tagen. Und ich verbrenne hier in meinem
Kummer. Sie schreibt mir:

Ich wei nicht, wie ich Dich anreden soll. Vidl ist so abscheulich, so
dumm. Ich glaube Du sagtest einmal, es kommt von Vitus. Aber das ist
viel schner. Dein Wunsch, da ich von Dir trume, ist in Erfllung
gegangen. Du warst in meinem Zimmer, ich wollte zu Dir, konnte aber
nicht gehen, und Du gingst ganz langsam einen Schritt um den andern
zurck; es war furchtbar, bis ich mit schrecklichem Herzklopfen
aufgewacht bin. Es ist sehr einsam und ich habe recht Sehnsucht nach
Dir. Ich kann keine Ruhe finden. Ich wnsche mir nichts, als die Zeit
mchte doch bald kmmen, wo wir glcklich und zufrieden beisammen sein
knnen. Ich wei, es ist ein Unsinn, und doch, ich denke so gerne dran.
Wenn Du nur hier sein knntest, ich frchte mich hier so, die Ruhe ist
unheimlich. Ich glaube, das betrbt mich so. Oder es ist die Luft zu
weich fr meine Nerven.

Ich kann es nicht glauben. Mein Verdacht, der schon die Form der
Gewiheit angenommen hatte, versinkt in Nichts. Ich bin ein lcherlicher
Sprhund, weiter nichts. Ich werde aber doch mit Doktor Wendland noch
einmal reden. Ich werde ihn bitten, -- als Freund -- -- Der Arzt kann
sich tuschen.


1. April.

Sektionen von Kauflustigen kommen um Frau Benders Meublement zu
besichtigen. Es wird unwohnlich in diesem Haus. Am 15. April will die
Familie schon reisen. Ich begreife nicht, wo die Mittel herkommen
sollen.

Die Trauer weicht nicht von mir. Mir ist, wie einem, der ein Urteil
erwartet, und ich verharre in Unthtigkeit.


2. April.

Mein Oheim ist in einer hiesigen Privatklinik gestorben und hat mich zum
Universalerben eingesetzt. Ich bin reich. Dieser Mann, der sich im Leben
nie um mich bekmmert, leert nun all sein Besitztum in meine Taschen, --
seltsam. Ich bin erstaunt, wie mich die nderung meiner Verhltnisse,
die glckliche Wendung meines Geschicks verhltnismig so khl lt.
Ich habe den Willen, mich himmelhoch zu freuen, aber das gelingt mir
nicht. Nun wird es viel Arbeit geben und viel Ceremonieen.




XV.


Vidl Falk hatte sich eine sehr elegante, bereits mblirte Wohnung in der
Findlingstrae gemietet. In der vorletzten Nacht, die er noch in der
Pension Bender zubrachte, hatte er einen Traum, ber welchem er drei Mal
erwachte, und der ihn hartnckig stets wieder in den Schlaf verfolgte.
Er trumte, da er, reich wie er nun war, Mely geheiratet htte. Und
dann bestand der Traum in nichts weiter, als in dem Erblicken ihrer
Gestalt. Sie hatte die Augen in stummer Klage auf ihn geheftet, darber,
da er sie zu Boden geschlagen. Am Tage mute er lange ber den Traum
nachdenken. Besonders verwunderte ihn der Umstand, da er in der ganzen
Zeit der Liebe noch nie mit einer Silbe an eine Heirat gedacht hatte.
Und jetzt, da es mglich gewesen wre, wurde er von einer beklemmenden
Bangnis ergriffen, wenn er nur an ein Wiedersehen mit ihr dachte.

Frau Bender und Helene nahmen an der glcklichen Vernderung seines
Schicksals frohen Anteil. Was Helene anlangt, so betrachtete sie ihn
jetzt mit ganz andren Augen. Obwohl noch immer spttisch, ging eine
gewisse Ehrfurcht durch ihr Benehmen, als ob sie die hohe Kunst, durch
Erbschaft zu Geld zu gelangen, vollkommen anzuerkennen vermchte. Frau
Bender hoffte, da der beneidenswerte Emporkmmling ihre schwere Not
etwas lindern wrde, und sie tuschte sich darin nicht. Nur konnte sie
ihr Erstaunen darber gar nicht beherrschen, da an Falk selbst so wenig
von dem Glck zu bemerken war, das ihm zugestoen. Die Farbe seines
Gesichts war bleich, und um seinen Mund lag stets ein bittrer und
verbitterter Zug.

In der Nacht vor seinem Umzug, als schon alles schlief, schlich er in
Strmpfen nach Melys Zimmer. Lange stand er in der Finsternis vor dem
unberhrten Bett und in Gedanken kte er sie und sandte seinen Ku in
die Ferne. Er zweifelte daran, da sie ihn hintergangen haben knne, so
wie er vordem an ihrer Offenheit gezweifelt hatte. Warum stehe ich
eigentlich hier im finstern Zimmer? dachte er. Wie sehr mu die Liebe in
meinem Innern brennen, wenn sie mich zu so unvernnftigen Schritten
treibt. Aber er konnte sich nicht losreien von diesem Raum, der einst
all sein Glck beherbergt hatte.

Er zndete eine Kerze an und setzte sich an den Tisch. Hier sah er die
Gegenstnde, die sie im Gebrauch hatte. Ihre Photographie lag da, aber
er stellte sie so gegen einen Aufsatz, da er nur die bedruckte
Rckseite sehen konnte. Er legte die schmerzende Stirn auf die
Tischplatte und sah lange regungslos auf den Boden, wo die zitternden
Schatten der Mbel hin und her huschten. Dann ffnete er den mit Leder
berzognen Handschuhkasten und fuhr trumerisch mit den Fingerspitzen
ber die blaue Atlasftterung. Obenauf lag ein Paar ganz neuer
beigefarbner Glacs. Dann kamen ltere, zerrissne Handschuhe, zwischen
denen ein zerknittertes Stck Papier lag. Er nahm es heraus und strich
es gleichgltig glatt. Er wollte es schon wieder beiseite legen, in der
Meinung, es sei eine Handschuh-Rechnung, als er die ihm bekannte Schrift
des Oberst gewahrte. Es war das Fragment eines Briefes und er las:

... Ich bin ja so verliebt in Dich, da ich Dir keinen Blick eines
andern Mannes vergnne. Vergi nicht, da ich mit Dir machen kann, was
ich will. Wenn Du Dich widersetzlich zeigst, wenn Du mich in Zorn
bringst, la ich Dich einfach in ein Irrenhaus stecken. Du hast nur an
mich zu denken, nur an mich zu glauben. Ich bemerke eine so groe
Zerstreutheit, einen finstern Unwillen an Dir. Was hilft mir Deine
Liebe, wenn nicht Dein Herz dabei ist. Sei gndig, Mely. Nicht nur
krperlich, sondern auch seelisch sollst Du mein Eigentum sein.

Mit den Zhnen zerfetzte Falk dies Papier. Dann stie er einen Schrei
aus, der dem eines Gefolterten glich. Pltzlich blutete er an der Lippe,
ohne da er wute, wie das gekommen war. Er stand auf und ging ans
Fenster. Auf seinem Gesicht war kein Ausdruck des Schmerzes zu sehen. Er
lschte das Licht und ging. In seinem Zimmer hob er die Hnde, wie
Einer, der einen Stockhieb abwenden will. Mein Herz ist ganz kalt,
sagte er einmal laut und fgte nach langer Pause hinzu: Alles, was ich
sage, ist Unsinn, alles was ich denke.

Er frchtete sich, Licht anzuznden. Aber bald schritt er chzend umher;
denn die Wnde schienen auf ihn einzustrzen. Es ist eine Flut,
flsterte er, eine Flut von Elend.

Er nahm Mantel und Hut und ging fort, -- mitten in der Nacht. Er begriff
nichts von dem, was er that, er wute nicht, wohin er gehen wollte. Die
Nacht war khl und hell. Das Licht des verschleierten Mondes lag
berall, und zerrissene Wolkenballen sahen aus den Regenpftzen. In
langen Pausen fuhren Windste einher.

Eben schlug es zwei Uhr. Falk ging ganz langsam, denn sein heftig
schmerzender Kopf erlaubte ihm keine rasche Bewegung.

An der Anlage der neuen Pinakothek saen zwei Betrunkene. Der eine war
jung und hatte ein kleines, rundes Htchen auf dem Kopf, der andere war
alt, mit weien Bartstoppeln. Der Junge hielt einen dicken
Bambusrohrstock krampfhaft in der Achselhhe fest, der Alte betrachtete
fortwhrend das Innere einer Tabaksdose. Sie waren so malos betrunken,
da sie nicht mehr sprechen konnten. Der Junge sagte zum Alten nur:
Gck, gk, gehrump. Der Alte aber sprach zum Jungen: Gock, goch...
Sie schienen sich aber durch dies bedeutsame Zwiegesprch doch geeinigt
zu haben, denn Beide erhoben sich mhsam vom Boden und wankten der
nchsten Wirtschaft zu. Falk folgte ihnen und beobachtete mit Interesse,
wie sie trotz des ausschweifenden Zickzacks ihrer Bahn dem Ziel doch
immer nher kamen. Dann stand er vor dem Gasthaus und sah zu, wie der
Alte dem Jungen unter groen Mhsalen dazu verhalf, die vier Steinstufen
zu ersteigen. Aber das war erfolglos, denn als er oben war, taumelte er
wieder zurck. Nun half der Junge dem Alten, aber es ging nicht besser.

Dies dauerte eine Viertelstunde, bis es den Beiden endlich durch Zufall
geglckt war, die Thrklinke zu erhaschen und niederzudrcken. Falk
berlegte, ob er ihnen noch weiter folgen sollte. Er hatte das Bedrfnis
zu trinken und das nicht etwa an einem Marmortisch und vor blanken,
goldgerahmten Wandspiegeln, sondern in diese ganz elende Spelunke zog es
ihn hinein. Pltzlich aber kamen die zwei Durstigen mit einer Raschheit,
die ihn verblffte, wieder zum Vorschein und im Handumdrehen hockten
sie in der Gosse. Jetzt bemerkte Falk, da der Jngere eine Samthose
hatte, die er ohne Bedauern dem Kot der Gasse preisgab. Krampfhaft hielt
er noch seinen Bambusstock fest, whrend das Htchen mit der Hahnenfeder
lustig gegen die Barerstrae rollte, wobei die Feder eine Art Windfang
bildete.

Falk ging weiter. Er lchelte. Aber dies erschien ihm so sonderbar, da
er die Hand an die Stirn legte und grbelnd stehen blieb.

Wohin will ich? dachte er, und er entschlo sich, am Haus des Oberst
Thewalt vorbeizugehen. Unterwegs mute er wieder an die zwei Betrunkenen
denken, die man herausgeworfen hatte, und er lachte laut.

In der Wohnung des Obersts gewahrte er zu seinem Erstaunen Licht. Vier
Fenster waren beleuchtet. Offenbar war man heute Abend zurckgekehrt und
die Jagdgesellschaft wurde bewirtet. Er stellte sich unter eine Laterne,
so da es um ihn hell war, er selbst jedoch im Schatten des Pfahls
stand.

Er sah hinauf. Silhouetten glitten hin und her. Bald nickten sie mit den
Kpfen, bald erhoben sie die Hnde. Zwei schienen sich zu umarmen und
dann wieder voneinanderzugehen. Zwei schienen sich zu streiten und der
Eine zhlte etwas an den Fingern ab.

Er wute nicht, wie lange er gestanden, als die Hausthre geffnet
wurde und Mely in Begleitung von drei Herren heraustrat.

Gndiges Frulein erleichtern uns den Heimweg, indem Sie uns das
Vergngen verschaffen, Sie zur Ruhe zu geleiten, sagte der eine Herr,
der die Stimme eines dicken Kommerzienrats hatte.

Gndiges Frulein, ich kann Sie versichern, -- haben heute entzckend
Wirtin gespielt, sagte ein Zweiter.

Aber meine Herren, es ist doch viel zu spt fr so se Komplimente,
hrte Falk das junge Mdchen lustig erwidern.

Im Geiste sah er sie lcheln: gtig, verfhrerisch, schwermtig, und er
dachte: Diese Lippen habe ich gekt! -- Seltsam.

Mit geschlossenen Augen schlenderte er weiter. Es kam, da ihn der Klang
seiner eignen Schritte schmerzte.




XVI.


Melys Herz pochte vor Freude, als sie die finstern Treppen zur
Benderschen Pension erstieg. Sie dachte nur an Falk, und zum ersten Mal
ward sie sich des ganzen Umfangs ihrer Liebe bewut. Aber schon im
Korridor berfiel sie eine heimliche Angst, und sie konnte sich von
zudringlichen Ahnungen nicht befreien. Rasch entkleidete sie sich in
ihrem Zimmer und schlpfte in den grauen Schlafrock. Sie sah auf die
Uhr: es war halb vier. Aber sie hatte noch kein Bedrfnis zu schlafen.
Sie dachte daran, da er jetzt reich sei, und diese Vorstellung erfllte
sie mehr und mehr mit einem qulenden Schmerz. Weshalb waren seine
letzten Briefe so ironisch, grbelte sie; der rtselhafte Ton, den er
darin angeschlagen, hat mich vllig unglcklich gemacht.

Sie sa auf dem Bettrand, die Arme rckwrts gestemmt, und ihre Augen
erweiterten sich. Ihre Freude verging und ein bitteres, nagendes Gefhl
nahm statt dessen in ihrem Herzen Platz. Die schwarze Wolke, die ber
ihrem Leben hing, war jetzt nahe gekommen, und alles rings herum war
finster geworden. Sie begriff nicht, wohin sie gegangen; sie begriff
nicht, da Gott ihr all das Glck der Liebe und der Sehnsucht hatte
schenken mgen. Und sie dachte: Gott ist barmherzig; er ist wie ein
Vater und hat mir in seiner Gte noch das Herz beseligen wollen. Und
Dankbarkeit gegen Gott erfllte sie. Hier an diesem Fleck hatte sie
gesessen vor Monaten -- wie lang und inhaltvoll waren diese Monate
gewesen! -- und sie hatte an den Geliebten gedacht und von ihm getrumt
und hatte seine Worte nachgeflstert: Haben Sie groe Schmerzen? ich
kann sie lindern ... Es war vorbei.

Jetzt sah sie ein zerfetztes Blatt Papier am Boden liegen. Noch ehe sie
es aufhob, wute sie alles, was sich zugetragen hatte, und als sie den
Zettel angesehen, wurde sie von so unertrglichem Gram ergriffen, da
sie laut aufschluchzend auf das Bett fiel.

Der Morgen kam und fand sie noch wach. Sie sperrte sich ein bis zum
Mittag, dann wurde ihr das Alleinsein entsetzlich. Sie erschien im
Wohnzimmer zum Erstaunen von Frau Bender und Helene, die um ihre Ankunft
noch nicht wuten. Auch Doktor Brosam war da und das Gesprch lenkte
sich bald auf Vidl Falk und den berraschenden Wechsel seines Geschicks.
Mely war nicht fhig zu reden, aber sie fhlte wohl die Tendenz dieser
Konversation. Sie beobachtete auch, da Helene und der Doktor von der
Erklrung gegenseitiger Liebe nicht mehr weit entfernt waren, und dies
machte sie neidisch und verbittert. Jetzt war sie verurteilt, fremdes
Glck zu sehen; und wenn sie in das heitere, belebte, strahlende Gesicht
Helenes schaute, ward ihre Brust voll von einem niederdrckenden
Schmerz.

Der Doktor erzhlte, da Frulein von Erdmann gnzlich heruntergekommen
sei. Sie treibt jetzt feinere Bettelei, sagte er. Auch bei mir war
sie und besang meine Genieaugen. Um sie los zu werden, gab ich ihr ein
Goldstck.

Er hat sich noch nicht abgewhnt zu prahlen, dachte Mely und sah ihn
voll Ha an.

Nachmittags kam ein Brief fr sie. Es war ein wirres Schriftstck ohne
Unterschrift und lautete:

    Du hast mich betrogen. Also doch. Man htte mir sagen drfen,
    der Himmel strzt ein, man htte mir wei machen knnen, die
    Sonne ist ein Aschenhaufen -- ich htte es eher geglaubt. O, was
    fr ein Vieh bin ich. Ich bin ganz krank, da ich so blind in
    den Tag hinein voll Vertrauen war. Wer hlt das fr mglich? Du
    bist Schuld, wenn ich zu Grund gehe. Ich sehe nichts mehr, ich
    hre nichts mehr. Meinetwegen geht die Welt unter. Je eher, je
    lieber. Wer htte das geglaubt. Ich meine, ich mu verrckt
    werden.

    Findlingstrae 3b, II.

Am Abend ging sie hin. Sie wurde mehr von einer innern, unerbittlichen
Macht getrieben, als da sie freiwillig diesen Schritt that. Was um sie
her auf den Straen vorging, gewahrte sie nicht. Sie hatte nur Augen um
das Unglck zu sehen, von dem sie heimgesucht wurde und das ihr immer
grer und grer erschien.

Er ffnete auf ihr Luten selbst die Korridorthre. Ach, ich habe
gewut, da du kommst, murmelte er erbleichend und gab ihr die Hand.

Er fhrte sie in einen mit dumpfer, schwler Pracht ausgestatteten
Salon. In einer Art von altdeutschem Kamin flackerte das Feuer und der
Duft von Tannenharz herrschte. Es brannte noch kein Licht: die
zngelnden Flammen allein warfen gespenstige, ruhlose purpurne
Lichtflecke in den Raum.

Mely setzte sich ermattet auf das untere Ende einer groen Ottomane.
Falk trat zu ihr und zog die beiden langen Nadeln aus ihrem Hut, lste
den Knoten des Schleiers, knpfte das Jacquet auf und legte dann alles
beiseite. Sie sa da, die gefalteten Hnde in den Scho gelegt und lie
ihn lautlos gewhren. Furchtsam, mit heier Liebe und heier Sehnsucht,
sah sie zu ihm auf, bereit, ihm alles hinzugeben, was sie besa. Aber
ihre Gedanken waren nicht mehr traurig und beklommen. Sie dachte: Hier
ist es schn wie in einem Schlo. So habe ich mir das Schwarzwaldschlo
getrumt ... Aber pltzlich bermannte sie wieder die Bitterkeit in
ihrer Brust. Ihr war, wie wenn eine starke Faust das Herz
zusammenprete. Sie beugte sich nieder und legte den Kopf auf die
verschrnkten Arme.

Ist es denn wirklich wahr? hrte sie jetzt seine Stimme und es fiel
ihr auf, da er so leise sprach und da seine Stimme gtig klang.

Als sie nicht antwortete, ging er zu ihr und setzte sich neben sie. Er
strich mit der Hand ber ihr Haar und fragte noch ein Mal. Ein
Schluchzen, das ihren Krper zusammenkrmmte, entrang sich ihr. Sie
mute die Kniee an den Leib ziehen, ihre Schultern preten sich zusammen
und dumpfe, chzende, von dem weichen Stoff der Ottomane gedmpfte Laute
wurden hrbar.

So ist es also wahr? Mely? -- Mely?

Nein, nein, flsterte sie, und das klang wie aus weiter Ferne.

Er lchelte wie im Traum, verlie den Platz an ihrer Seite und kauerte
sich in eine Chaiselongue vor dem Kamin. Er starrte ins Feuer, bis ihm
die Augen bergingen. Dann vergrub er den Kopf in die Hnde und langsam
fiel eine Thrne nach der andern auf den Teppich.

So verging die Zeit.

Dann nahte sich ihm Mely und kniete bei ihm nieder. Sie schlang die Arme
um seinen Hals und suchte mit den Lippen seinen Mund. Aber er schob sie
weg. Und nur wenige Schritte vor ihm blieb sie dann auf den Knieen
liegen. Das Feuer war schon zur Glut geworden. Falk sah in den Kohlen
die gestaltgewordenen Trume seiner Vergangenheit. Wiederum stand das
lockende Schlo im Schwarzwald da mit seinen Parktannen. Festungsartige
Zinken thronten an seinem First und darauf stand ein Wchter und blies
das Horn. Dieser Wchter hatte die Gabe, zu weissagen und in die Zukunft
zu sehen, ja er sah in ferne Jahrhunderte hinein und erblickte den Fall
der Nationen und die Geburt eines neuen Heilands. Er sah die Sterne
rollen in ihrer Bahn und die Kometen zu den Tiefen der Unermelichkeit
ziehen und er lachte ber die Kleinheit der menschlichen Schmerzen. Er
griff an den Himmel und steckte sich den Sirius als Orden an die Brust
und mit den Plejaden spielte er, wie ein Akrobat mit seinen Bllen.

Felsmassen lagen in der Glut und Gemsen sprangen darber hinweg. Dann
erschien pltzlich ein Berggeist in einer Mnchskutte und kndigte den
Untergang dieser glhenden Kohlenwelt an.

Es war tiefe, stille Nacht, als Falk den regungslos knieenden Krper des
jungen Mdchens vom Boden erhob. Ihre Hnde waren eiskalt. Wie hab ich
dich geliebt, flsterte er und streichelte ihre Wangen.

Ihr Haupt fiel auf seine Schulter. Und sie umarmten sich immer fester
und dann fanden sich die Lippen zum Ku. Ein seltsamer Frieden zog in
Melys Herz und wie mit einem undurchsichtigen Schleier war all das
Vergangene verhngt. Er zog sie zur Ottomane und drckte sie darauf
nieder. Dann legte er sich neben sie und schlo sie weinend in die Arme.

In dieser Nacht empfing er von ihr den letzten Zoll der Liebe. Der junge
Tag beschien mit seinem blassen Licht die beiden Schlfer, die bisweilen
im Schlafe seufzten, wie Kinder, wenn sie lange geweint haben.

Als Mely am Vormittag ging, reichte sie ihm stumm die Hand. Sie sah zu
Boden und lchelte verstrt. Dies verstrte Lcheln war ihm wohl bekannt
aus vergangenen Tagen. Auf Wiedersehen, sagte sie.




Schlu.


Aber es gab kein Wiedersehen fr sie, das wuten sie Beide. --

In anderthalb Jahren hatte Falk sein Vermgen von zweimalhunderttausend
Mark verprat. Dann heiratete er die Tochter eines jdischen Bankiers
und grndete sich eine Landpraxis im Osten Bayerns.

Niemals hrte er wieder von Melusine Mirbeth. Und niemals erzhlte er
von ihr. Langsam erlosch mit den Jahren die Liebe. Und sie wohnte noch
in seinem Herzen, als er selten mehr ihrer gedachte. So frit sich die
Flamme noch im Innern eines abgebrannten Gebudes fort, wenn die Mauern
auch schon lngst erkaltet sind.

Ob Mely ihrem Leben ein Ende gemacht, ob sie in den wechselvollen
Strmen des Lebens ein heimisches, schtzendes Dach gefunden, er wute
es nicht. Aber er suchte es auch nicht zu erfahren. Er glich darin dem
Mann, der mit einer langsam heilenden Wunde umhergeht und jede Berhrung
frchtet.

Aber ist die Liebe eine Wunde? Oder was ist sie sonst? Wer kann es
wissen. Wer kann ermessen, wie tief sie ist, wer kann begreifen, wie sie
entsteht? Hier hat Gott eine groe Mauer aufgerichtet.

Mancher glaubt, er htte sich ein stilles Glck am Herd gesichert. Aber
der rauhe Wind blst durch den Schlot und fort ist es.



Juli -- Oktober 1895.



Druck von Hesse & Becker in Leipzig



Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1896 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende
Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext
vorgenommenen Korrekturen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#


Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first
print edition, published in 1896. The table below lists all corrections
applied to the original text.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font#


S. 10: und hing hastig hinaus. -> ging
S. 14: [added comma] hat er es verlangt, flsterte sie.
S. 23: Schriftzgen Helenes beschrieben waren -> war
S. 35: Sie brauchen keine Augst zu haben -> Angst
S. 39: [normalized] endlich ein bichen verlassen -> bischen
S. 42: ihre brauneu Portieren -> braunen
S. 44: [added opening quotes] O--! machte Falk.
S. 46: [normalized] indem sie die Elbogen auf die Kniee sttzte -> Ellbogen
S. 47: Und sie haben keine Eltern mehr? -> Sie
S. 47: [added missing quotes] Meine Eltern lieen mich
S. 55: veraten knnte -> verraten
S. 57: [added period] versteht er nicht viel.
S. 72: [normalized] Den Elbogen hatte sie -> Ellbogen
S. 73: fisterte das junge Mdchen -> flsterte
S. 74: [normalized] da ihm der bloe Gedanke fantastisch -> phantastisch
S. 79: stets am qutor -> quator
S. 81: da er sich noch darin erinnerte -> daran
S. 83: [normalized] diese Phantasie-Landschaft -> Phantasielandschaft
S. 94: [added quotes] Ich glaube, das kann man nie
S. 95: Seitenzimmerchen des Macro Polo -> Marco
S. 96: [normalized] um die Ecke der Maffestrae -> Maffeistrae
S. 103: Nach dem Mitagessen -> Mittagessen
S. 103: die Rubenssche Amanzonenschlacht -> Amazonenschlacht
S. 105: Es enstand ein langes Schweigen -> entstand
S. 110: Da haben Sie recht? erwiderte er -> recht, erwiderte
S. 112: [added missing quotes] das drfen Sie mir glauben.
S. 117: ein Leuchten aufrichtigter Freude -> aufrichtiger
S. 117: diese feindseilige Stimmung -> feindselige
S. 121: die an der Straen liegen -> Strae
S. 140: [removed extra quotes] mit unterdrcktem Hnderingen.
S. 141: O warum bin ich mit gegangen -> mitgegangen
S. 142: Ein Totenblsse berzog ihr Gesicht -> Eine
S. 157: [added missing quotes] als _er_ mir erlaubt.
S. 157: [added comma] stammelte sie, ihr erglhendes Gesicht
S. 162: [normalized] den einen Elbogen auf das Knie gesttzt -> Ellbogen
S. 173: Ich liebe nur einen Mann, denn ich -> den
S. 179: [added missing quotes] dieses Geschwtz! rief Mely
S. 186: Sie haben mir durch Helene wissen lassen -> mich
S. 192: [added comma] als er sich zum Fenster hinausbeugte, saen sie
S. 196: Meine Kraft ist anfgelst -> aufgelst
S. 201: [added missing quotes] fr eine Bewandtnis mit dem Ding?
S. 204: Ich war ganz alleim im Hause -> allein
S. 212: [added comma] eine so groe Zerstreutheit, einen finstern
S. 219: Sie beobachtete auch, da Helene





End of the Project Gutenberg EBook of Melusine, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MELUSINE ***

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