The Project Gutenberg EBook of Menschen im Krieg, by Andreas Latzko

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Title: Menschen im Krieg

Author: Andreas Latzko

Release Date: February 13, 2011 [EBook #35263]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCHEN IM KRIEG ***




Produced by Jens Sadowski





Andreas Latzko:

Menschen
im
Krieg




Vierunddreiigstes bis fnfundvierzigstes Tausend




Max Rascher Verlag, A.-G. Zrich




Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
Copyright 1918 by Max Rascher Verlag, A.-G. Zrich.




Buchdruckerei Zricher Post




Freund und Feind
zu eigen





Ich wei gewi, die Zeit wird einmal kommen,
wo alles denkt wie ich.




Inhalt:

Der Abmarsch
Feuertaufe
Der Sieger
Der Kamerad
Heldentod
Heimkehr









Der Abmarsch


Es war im Sptherbst des zweiten Kriegsjahres, im Lazarettgarten einer
kleinen sterreichischen Provinzstadt, die am Fue bewaldeter Hgel, wie
hinter einer spanischen Wand verkrochen, ihr verschlafen friedfertiges
Dreinschauen noch immer nicht abgelegt hatte.

Tag und Nacht pfiffen die Lokomotiven, rollten die schwerbeladenen Zge mit
singenden, geschmckten Soldaten, mit hochgeschichteten Heuballen,
brllendem Schlachtvieh, sorgfltig verschlossenen, finsteren Wagen mit
Munition zur Front hinaus; krochen langsam die anderen heimwrts,
gezeichnet mit dem blutenden Kreuz, das der Krieg ber Wnde und Insassen
geworfen. Mit Raseschritten durcheilte die groe Wut das Stdtchen, ohne
seine Ruhe verscheuchen zu knnen, als htten die niederen, hell getnchten
Huser mit den zopfig verschnrkelten Fassaden stillschweigend das kluge
bereinkommen getroffen, den anspruchsvollen, lrmenden Gesellen, der da
das unterste zu oberst kehrte, vornehm zu ignorieren.

In den Anlagen spielten die Kinder ungestrt mit den groen, rostroten
Blttern der alten Kastanien, Frauen standen schwatzend vor den Ladentren,
in jedem Gchen schwebte irgendwo ein Mdchen mit buntem Kopftuch, und
rieb eine Fensterscheibe blank. Trotz der Spitalfahnen, die auf Schritt und
Tritt von den Husern wehten, trotz der vielen Tafeln, Aufschriften und
Wegweiser, die der Eindringling dem wehrlosen Stdtchen ins Antlitz
geheftet, schien da, kaum fnfzig Kilometer hinter dem Gemetzel, dessen
Schein, in klaren Nchten, wie Theaterfeuer ber den Horizont zuckte, der
Frieden immer noch in Permanenz. Wenn, fr Augenblicke, der Strom der
schweren, fauchenden Kraftwagen und rasselnden Fuhrwerke versiegte, kein
Zug ber die Eisenbahnbrcke polterte, und zufllig auch kein
Trompetensignal und kein Sbelklirren kriegerisch tat, dann steckte das
trotzige kleine Nest blitzschnell sein gutmtig-stumpfsinniges
Provinzgesicht auf, um sich vor dem nchsten Generalstabsauto, das mit
wichtigtuerischer Schnelle um die Ecke bog, resigniert hinter die
schlechtsitzende Soldatenmaske zu verkriechen.

Wohl brummten in der Ferne die Kanonen, als kauerte eine ungeheure Dogge
irgendwo tief unter der Erde, sprungbereit den Himmel anknurrend. Das
dumpfe Bellen der groen Mrser klang herber, wie schweres Husten aus der
Krankenstube die Wachenden schreckt, die mit rotgeweinten Augen nebenan zum
Sterbenden hinberlauschen. Auch die langen, niederen Huserreihen zuckten
klirrend zusammen, horchten erschttert auf, so oft dies Husten den Boden
krampfte, als lge die Kriegsnot, wie ein Alp, wrgend auf der Brust der
Welt. Erstaunt blickten die Straen einander in die Augen, schlfrig
blinzelnd im Widerschein der Nachtlmpchen, die drinn ihre frhlich
huschenden Schatten ber dichtgereihte Betten jagten. Gellende Schreie,
Wimmern, Sthnen sandten die notgepfropften Rume in die Nacht hinaus.
Jeder menschliche Laut, der durch die offenen Fenster drang, fiel wie ein
wtender Angriff die Stille an, war wilde Anklage gegen den Krieg, der da
vorne seine Arbeit tat, und zerfetzte Menschenleiber wie Abfall hinter sich
warf, alle Huser mit seinem blutigen Kehricht fllend.

Aber die schnen, schmiedeeisernen Brunnen auf den Pltzen rauschten doch
gleichmtig weiter, plauderten mit beruhigender Ausdauer von den Tagen
ihrer Jugend, da die Menschen noch Zeit und Sorgfalt fr edel geschwungene
Linien gehabt, Krieg eine Angelegenheit fr Frsten und Abenteurer gewesen.
Aus jedem Schnrkel und jeder Ecke strmte das Mrchen, lief auf leisen
Sohlen, von Frieden und Behagen flsternd, wie eine unsichtbare Klatschbase
durch alle Gchen, und die greisen Kastanienbume nickten zustimmend,
strichen mit dem Schatten ihrer gespreizten Finger besnftigend ber die
erschrockenen Fassaden. So dicht wucherte die Vergangenheit aus den
rissigen Mauern, da jedem, der in ihren Kreis trat, Brunnenrauschen den
Kanonendonner bertnte, die Kranken und Wunden besnftigt hinaushorchten
vom heien Lager in die geschwtzige Nacht, bleiche Mnner, die man auf
wippenden Bahren durchs Stdtchen trug, die Hlle vergaen, aus der sie
kamen, und selbst die schwerbepackten Opfer, die im nchtlichen Eilmarsch
drhnend vorbeizogen, milde wurden fr eine Wegspanne, als wren sie dem
Frieden begegnet, und ihrem eigenen, unbewaffneten Ich, im Schatten der
Pfeiler und blumengeschmckten Erker.

Es erging dem Kriege wie dem Flu, der von Norden her in tobender Eile aus
den Bergen kam, schumend vor Wut ber jedes Steinchen, das ihm den Weg
vertrat; -- und der am anderen Ende, bei den letzten Husern, doch sanft
gerhrt Abschied nahm von der Stadt, ganz gebndigt, ganz leise
pltschernd, wie auf Fuspitzen, wie eingeschlfert von all' der
Vertrumtheit, die er gespiegelt. Breitspurig trat er ins weite Wiesenfeld
hinaus, einen Bogen schlingend um das Garnisonsspital, das im Schatten
dickleibiger Platanen, wie auf einer Insel stand. Von drei Seiten her
mischte sich das Murmeln der trgen Flut in das Rascheln der Bltter, als
stimmte der Garten, wenn die Dmmerung auf ihn fiel, mitleidig ein
Schlummerlied an fr die Geschundenen, die da in Reih und Glied zu leiden
hatten, reglementiert bis in den Tod hinein, bis ans Grab, in das man sie,
verunglckte Schuhmacher, Klempnergesellen, Bauernknechte und
Schreiberseelen, mit gromuligen Gewehrsalven verscharrte.

Der Zapfenstreich war eben verklungen; die Wache hielt die Runde, stberte
im Schatten der groen Allee drei Nachzgler auf und jagte sie ins Haus.

-- Seid's s vielleicht Offiziere, was? -- brummte gemtlich polternd der
Kommandant, ein stmmiger Landsturmkorporal mit ergrauten Schlfen. --
Mannschaft g'hrt ins Bett um neune! --

Und nur um seine Wrde zu wahren, fgte er mit schlecht gespielter
Brbeiigkeit die Drohung hinzu:

-- Alsdann! Is g'fllig oder net? --

Beinahe htte er die in solchen Fllen bliche Drohung, dem Einen oder
Anderen Beine zu machen, schon ausgesprochen, aus Gewohnheit; doch konnte
er im letzten Moment den Satz noch verbeien, und schnitt ein Gesicht, als
htte er sich verschluckt. Denn die Drei, die nun ergeben dem
Mannschaftseingang zuhumpelten, htten gewi nichts einzuwenden gehabt
gegen das Beinemachen. Sie krochen, zu dritt, auf zusammen zwei Fen und
sechs klappernden Krcken. Als htten Regisseurhnde, ngstlich um
Symmetrie besorgt, das lebende Bild gestellt, ging rechts Einer, der nur
sein rechtes Bein behalten hatte, links sein Pendant, auf dem linken Fue
hpfend; und in der Mitte schaukelte, zwischen zwei hohen Krcken, der
armselige Rest eines Menschenleibes, die leeren Hosenbeine bers Kreuz auf
die Brust gesteckt, so kurz, da der ganze Mann in einer Kinderwiege Platz
gefunden htte.

Mit gesenktem Kopf und geballten Fusten, wie geduckt unter der Last des
Anblicks, starrte der Korporal der Gruppe nach, knurrte einen Fluch, der
nicht gerade patriotisch klang, und spie in weitem Bogen zischend durch die
Vorderzhne. Als er sich zum Gehen wandte, schlug vom anderen Ende des
Gartens, aus der Richtung des Offiziersflgels, schallendes Gelchter an
sein Ohr. Versteinert blieb er stehen, zog den Kopf ein, wie aufs Genick
geschlagen, und ber sein breites, gutmtiges Bauerngesicht huschte ein
Schein von unbndigem Ha. Er spie noch einmal aus, um sich zu beruhigen,
nahm einen Anlauf, und passierte, stramm salutierend, die lustige
Gesellschaft.

Die Herren dankten lssig. Sie saen, -- angesteckt von dem Behagen, das
wie eine Wolke ber dem ganzen Stdtchen schwebte, -- frhlich plaudernd
auf vier, zu einem Quadrat zusammen geschobenen Bnken vor dem Hause,
sprachen vom Krieg und -- lachten, wie vergngte Schulkinder, die freudig
von berstandenen Prfungsngsten schwatzen. Jeder hatte seine Pflicht
getan, sein Teil abbekommen, und sa nun, im Schutze seiner Wunde, in
molliger Erwartung auf Heimurlaub, Wiedersehen, Gefeiertwerden, und
wenigstens zwei ganze Wochen als unnumerierter Mensch.

Am lautesten lachte der junge Leutnant, den sie Musulmann nannten, wegen
seiner mohamedanischen Kopfbedeckung als Offizier eines Bosnjakenregiments.
Eine herabsausende Hlse hatte ihm das linke Bein gebrochen, und grndlich,
denn es lag seit Wochen schon verschient und eingewickelt in starrer
Gipshlse, sorgfltig gehegt von seinem Besitzer, der es, auf Krcken
gesttzt, wie einen fremden, ihm anvertrauten Wertgegenstand mit sich trug.

Auf der Bank gegenber dem Musulmann saen zwei Herren: ein Rittmeister --
der einzige Aktive in der Gesellschaft -- mit einem Querschlger im rechten
Arm, und ein Artillerieoffizier, in Zivil Privatdozent der Philosophie --
daher kurz Philosoph genannt -- mit einer schon verheilenden
Hasenscharte, die ihm ein Granatsplitter in die Oberlippe gerissen. Diese
drei bestritten, mit den zwei Damen auf der Bank, die an der Mauer stand,
allein die Unterhaltung; denn der vierte: Landsturmleutnant mit gelichtetem
Hinterkopf, bekannter Opernkomponist in Zivil, sa versunken, mit zuckenden
Gliedern und unstet irrenden Augen auf seiner Bank, ohne Anteil zu nehmen
am Gesprch. Er war vor einer Woche erst eingeliefert worden, mit einer
schweren Nervenerschtterung, die er sich auf dem Doberdo-Plateau geholt.
In seinem Blick kauerte noch das Grauen. Finster vor sich hinbrtend lie
er willenlos alles mit sich geschehen, ging zu Bett, oder sa im Garten,
von den anderen wie durch eine unsichtbare Wand getrennt, auf die er
stierte. Selbst die unverhoffte Ankunft seiner hbschen, blonden Frau hatte
die Vision des grausigen Erlebnisses, das ihn aus dem Gleichgewicht
gebracht, fr keinen Augenblick verscheuchen knnen. Das Kinn auf der
Brust, lie er die geflsterten Koseworte seiner Frau ohne ein Lcheln ber
sich ergehen, rckte, wie von einem Krampf gepackt, wie gepeinigt bei
Seite, so oft sie, mit unendlich viel Liebe in den Fingerspitzen, ngstlich
eine Berhrung mit seinen armen, zitternden Hnden suchte.

Schwere Trnen rollten ber die zrtlichkeitshungrigen Wangen der kleinen
Frau, die sich so tapfer durch alle Sperrzonen gekmpft hatte, bis zu dem
Spital im Kriegsgebiet -- und nun, nach der erlsenden Freude: ihren Mann
lebend, unverstmmelt wiedergefunden zu haben, pltzlich einen rtselhaften
Widerstand sprte, ein letztes, unerwartetes Hindernis, das sie nicht mehr
wegbetteln, nicht wegweinen konnte, und das doch da war, sie unbarmherzig
von dem Ersehnten trennte. In qualvoller Ratlosigkeit sa sie lauernd neben
ihm, zermarterte sich das Hirn, ohne eine Erklrung finden zu knnen fr
die Feindschaft, die aus ihm strahlte. Ihre Augen durchbohrten die
Finsternis, ihre Hnde gingen immer wieder den gleichen Weg, sich
schchtern vorwrts tastend, um wie versengt, zurckzuzucken, wenn sein
gehssiges Ausweichen sie von neuem in Verzweiflung strzte.

Es war hart, so den Schmerz verbeien zu mssen, nicht mit einem
vorwurfsvollen Aufschrei ihrem Manne das Geheimnis entreien zu knnen, das
er in seinem Elend noch so trotzig zwischen sich und seine einzige Sttze
schob. Hart war es auch, mit geheuchelter Frhlichkeit ber das
glckliche Wiedersehen teilzunehmen an der leichtfertigen Unterhaltung;
immer wieder etwas erwidern mssen und nicht die Geduld zu verlieren ber
das ewige Kichern der Andern. Die freilich hatte es leicht! Wute den Mann
geborgen bei einem hheren Kommando hinter der Front, und war der
Langeweile ihres kinderlosen Hauses hierher entflohen in das ereignisreiche
Leben des Spitals. Seit sieben Uhr abends sa sie, aufbruchbereit, in Hut
und Jacke, lie sich immer wieder zum Bleiben bewegen und schkerte lustig
drauf los, als wte sie nichts mehr von all den Qualen, die sie tagsber
in dem Hause gesehen, an das sie den Rcken lehnte. Die traurige kleine
Frau atmete auf, als die Dunkelheit so dicht geworden war, da sie
unauffllig abrcken konnte von der frivolen Schwtzerin.

Und doch war die Frau Major, trotz des aufreizenden Gekutters, der
wichtigtuerischen Miene, mit der sie von ihren Schwesternpflichten
sprach, durchdrungen von einem Gefhl, das sie, -- ohne ihr Wissen, -- hoch
ber sie selbst emporhob. Die groe Mtterlichkeitswelle, die ber alles
weibliche hereinbrach, als den Mnnem die schwere Stunde geschlagen, trug
auch sie. Die drei Mnner, in deren Kreise sie jetzt mollig in Redensarten
pltscherte, hatte sie, -- wie tausend andere, -- blutberstrmt,
unbeholfen, vor Schmerzen wimmernd gesehen; und etwas von der Freude der
Henne, deren Kken flgge werden, durchwrmte ihre Koketterie. Seit die
Mnner hockend, kriechend, hungernd, Monat auf Monat den eigenen Tod
austragen, wie Frauen ihre Kinder, -- seit Dulden und Warten, passives sich
Abfinden mit Gefahr und Schmerz das Geschlecht gewechselt, fhlen die
Frauen sich stark, und selbst in ihrer Lsternheit glimmt noch ein wenig
von der neuen Leidenschaft des Bemutterns.

Die traurige blonde Frau, eben erst angekommen aus einer Zone, in welcher
der Krieg nur in Gesprchen lebt, ganz auf ihren einzigen Mann eingestellt,
litt unter der geschlechtslosen Vertraulichkeit, die sich da im Schatten
von Tod und Qualen breit machte, im Lazarettgarten, den die Dunkelheit
immer mehr verschlang. Die anderen aber waren daheim im Kriege, sprachen
seine eigene Sprache, gemischt aus trotziger Lebensgefrigkeit, einer
paradoxen Milde in den Mnnern, geboren aus bersttigung an Roheit, und
einer seltsamen, geschwtzigen Kaltbltigkeit der Frau, die so viel von
Blut und Sterben gehrt, da ihre ewige Neugier wie Hrte und hysterische
Grausamkeit klang.

Der Musulmann und der Rittmeister hechelten den Philosophen durch,
spttelten wegwerfend ber Wortfuchser, Tftler und hnliche Tagediebe, und
freuten sich kindisch ber seine breit lchelnde Verlegenheit vor der Frau
Major, die, aus weiblichem Anstand, der wehrlosen Gutmtigkeit des
Philosophen ihren Beistand lieh, whrend ihre Augen voll passionierter
Zuneigung zu den anderen hinberblitzten, die ihre Fuste patzig im Munde
fhrten.

-- Lassen Sie doch den armen Herrn Oberleutnant in Ruh' -- wehrte sie ab
mit gurrendem Lachen, -- er hat recht. Der Krieg ist scheulich. Die Zwei
ziehen Sie ja doch nur auf! -- zwinkerte sie begtigend hinber.

Der Philosoph schmunzelte phlegmatisch, und schwieg. Der Musulmann gab
seinem Bein, das, wei schimmernd, einzig von ihm sichtbar blieb in der
Finsternis, mit leisem Zhneknirschen eine bessere Lage auf der Bank, und
lachte laut auf:

-- Der Philosoph? Ja, was wei denn der Philosoph vom Krieg, Frau Major?
Der is ja doch Artillerist! Krieg fhrt nur die Infanterie. Wissen's Frau
Major . . . .

-- Hier heie ich Schwester Engelberta -- fiel sie ein, und ihr Gesicht
wurde fast ernst fr einen Augenblick.

-- Pardon, Schwester Engelberta! Artillerie und Infanterie, das is' nmlich
wie Mann und Frau. Wir Infanteristen mssen das Kind auf d'Welt bringen,
wann ein Sieg geboren werden soll. D'Artillerie hat nur's Vergngen, wie
der Mann in der Liebe; fahrt stolz vor, wann's Kind schon aus der Tauf
gehoben wird. Hab ich nicht recht, Herr Rittmeister? Du bist ja jetzt auch
Reiter zu Fu. --

Der Rittmeister stimmte drhnend ein. Laut seiner summarischen Anschauung
gehrten Abgeordnete, die nicht genug Geld fr's Militr bewilligten,
Sozialisten und Pazifisten, kurz alles was sprach, schrieb, berflssige
Worte machte und vom G'scheit sein lebte, in das gleiche Kapitel
Bcherwurm wie der Philosoph.

-- Ja, ja, -- sagte er mit seiner berschrieenen Stimme, -- fr
d'Artillerie is so a Philosoph grad's Rechte. Auf'm Berg oben hock'n und
zuschaun, sonst tun's ja eh nix. Wann's nit unsere eigenen Leut
z'ammschien! Mit dene Katzlmacher vor uns, sein mir immer leicht fertig
worn; aber vor euch Meuchelmrder im Rcken hab ich immer an Mordsrespekt
ghabt. Aber jetzt hrt's endlich auf vom Krieg zu reden, sonst geh ich
schlafn. Da sitzt man endlich mit zwei reizenden Damen, sieht nach langer
Zeit wieder ein G'sicht ohne Bartstoppeln, und Ihr sprichts immer noch von
der damischen Schieerei. Herrgott, wie zu mir in' Lazarettzug das erste
blonde Mderl reinkommen is, mit 'm weien Huberl auf'm Wuschelkopf, ich
htt's am liebsten bei der Hand g'nommen und immer nur ang'schaut.
Ehrenwort, Frau Major: das bisl Schieen wird einem hchstens fad mit der
Zeit; die Haustierln sind schon rger; aber 's rgste ist das vollkommene
Fehlen der holden Weiblichkeit. Fnf Monat lang nix als Mnner sehn, -- und
dann auf einmal wieder so an helles, liebes Frauenstimmerl hren! . . . .
Das is doch's Schnste! Dafr lohnt sich's schon in Krieg zu gehen. --

Der Musulmann verzog sein bewegliches, von Jugend blitzendes Gesicht zu
einer Grimasse:

-- Das Schnste? . . . Nein, weit Herr Rittmeister, wann ich aufrichtig
sein soll . . . gebadet wer'n, dann, mit'n frischen Verband, ins saubere,
weie Bett hinein, und wissen, da ma sei' Ruh habn wird fr a paar Wochen,
. . . das is a G'fhl, wie . . . . Da gibt's berhaupt kein Vergleich. Aber
wieder einmal Damen sehen is freilich auch sehr schn.

Der Philosoph hatte seinen runden, fleischigen Epikurerkopf schief auf die
Schulter gelegt; seine kleinen, listigen Augen bekamen einen feuchten
Glanz. Er blickte hinber, wo ein heller Fleck, in der fast greifbar
gewordenen Finsternis, das weie Kleid der Frau Major vermuten lie, und
hub in einem leise singenden Ton, ganz langsam zu erzhlen an:

-- Das Schnste ist, finde ich, die Stille. Wenn man da oben in den Bergen
gelegen ist, wo jeder Schu fnfmal hin- und hergeworfen wird, und dann
ist's auf einmal ganz still, kein Pfeifen, kein Heulen, kein Donnern,
nichts als eine herrliche Stille, der man zuhren kann, wie einem
Musikstck -- -- -- Ich habe die ersten Nchte sitzend durchwacht und die
Ohren gespitzt auf dieses Schweigen, wie auf eine Melodie, die man von
weitem erhaschen will. Ich glaube, ich habe sogar ein wenig geheult, so
schn war's zuzuhren, da man gar nichts mehr hrt!

Der Rittmeister schleuderte seine Zigarette weg, da sie, wie ein Komet,
funkensprhend durch die Nacht flog, und schlug sich klatschend auf den
Schenkel.

-- Na, also -- rief er hhnisch -- hab'ns das verstanden, Frau Major?
Zuhren, da man nix hrt. Seh'ns, das heit man Philosophie. Ich wei
aber noch was Schneres, du! Nmlich nicht zu hren, was man hrt.
Besonders wann's so an philosophischen Stiefel zu hren gibt.

Man lachte, -- und der Gehnselte lchelte gutmtig mit. Auch er war ganz
durchtrnkt von dem Frieden, der aus der schlafenden Stadt in den
herbstlichen Garten herberwehte, und die aggressiven Scherze des
Rittmeisters perlten an ihm ab, wie alles, was geeignet gewesen wre, die
Se der wenigen Tage, die ihn von der Rckkehr an die Front noch trennten,
zu mindern. Er wollte seine Zeit ausgenieen, behbig, mit geschlossenen
Augen; wie ein Kind, das ins finstere Zimmer mu.

Die Frau Major beugte sich vor:

-- ber das Schnste gehen also die Meinungen auseinander, -- sagte sie,
und ihr Atem ging rascher, -- was war aber das Grlichste, das Sie drauen
erlebt haben? Viele sagen das Trommelfeuer wre das Grlichste; viele
knnen den Ersten, den sie fallen gesehen haben, nicht verwinden. Und Sie?

Der Philosoph, an den die Frage gerichtet war, schnitt ein gequltes
Gesicht. Dieses Thema pate so gar nicht in sein Programm. Er suchte noch
nach einer ausweichenden Antwort, als ein unverstndlicher, rchelnder
Ausruf alle Augen in die Ecke zog, in welcher der Landsturmoffizier und
seine Frau saen. Man hatte die Beiden fast schon vergessen in der
Dunkelheit, und wechselte erschrockene Blicke, als der torkelnde Mann mit
den erloschenen Augen, die zerbrochene Gliederpuppe, deren Stimme kaum
einer kannte, jetzt im krhenden Diskant hastig zu reden anfing:

-- Grlich? Grlich ist nur der Abmarsch -- rief er -- Man geht, -- -- --
und da man gelassen wird, das ist grlich! --

Ein kaltes, wrgendes Schweigen folgte seinen Worten; selbst das ewig
frhliche Gesicht des Musulmannes erstarrte in peinlicher Verlegenheit. Das
kam so unerwartet, klang so unverstndlich, und hatte, -- vielleicht durch
das Vibrieren der Stimme aus dem zitternden Leib, oder den gurgelnden
Nebenton, der wie berschrieenes Schluchzen klang, -- doch alle an der
Kehle gepackt und lie die Pulse schneller schlagen.

Die Frau Major sprang auf. Sie hatte den Mann ankommen gesehen, auf eine
Bahre geschnallt, weil ihn das Weinen so hoch schleuderte, da die Trger
nicht anders seiner Herr werden konnten. Irgend etwas unsagbar hliches
hatte, -- so hie es, -- den armen Teufel halb um seinen Verstand gebracht,
und die Frau Major durchzuckte jh die Angst vor einem Tobsuchtsanfall. Sie
kniff den Rittmeister in den Arm und rief mit geheuchelter Eile:

-- Um Gotteswillen! Da klingelt ja schon die letzte Tramway! Schnell,
schnell, gndige Frau, wir mssen laufen.

Alle waren aufgestanden; die Frau Major hatte sich in den Arm der
unglcklichen kleinen Frau eingehackt und drngte immer hastiger:

-- Wir mssen eine Stunde zu Fu gehen bis zur Stadt, wenn wir die
Elektrische verpassen.

Ratlos, am ganzen Leibe zitternd, beugte die Frau sich noch einmal zu ihrem
Mann hinab, um Abschied zu nehmen. Sie fhlte genau, da dieser Aufschrei
ihr galt; da er einen grimmigen, ttlichen Vorwurf enthielt, den sie nicht
begriff. Sie fhlte ihren Mann zurckweichen, sich verkrampfen unter der
Berhrung ihrer Lippen, und schluchzte auf, bei dem grlichen Gedanken an
die endlose Nacht in dem frostigen, verwahrlosten Hotelzimmer, allein mit
diesem qulenden Zweifel. Aber die Frau Major zog sie mit sich, zwang sie
zum Laufen; lie sie erst wieder los, als sie schon, an der Torwache
vorbei, auf die Strae traten.

Die Herren blickten ihnen nach, sahen die Figuren im Scheine der
Straenlaterne noch einmal auftauchen, horchten dem Sausen der Trambahn
nach. Der Musulmann griff nach seinen Krcken, blinzelte dem Philosophen
bedeutungsvoll zu und sprach ghnend von Schlafengehen. Der Rittmeister sah
neugierig auf den Kranken hinab, fhlte Erbarmen, und wollte dem armen
Teufel eine Freude machen. Er klopfte ihm auf die Schulter und sagte in
seiner burschikosen Art:

-- Eine fesche Frau hast, das mu man sagen. Mein Kompliment!

Im nchsten Augenblick fuhr er erschrocken zurck. Das kmmerliche,
zusammengesunkene Hufchen auf der Bank sprang pltzlich hoch, wie
emporgeschnellt von einer jh erwachten Kraft.

-- Fesche Frau? Ja, ja. Schneidige Frau! -- kam es geifernd ber die
zuckenden Lippen, mit einer Wut, die wie brodelnd die Worte schleuderte, --
Hat keine Trne vergossen beim Einwaggonieren. Waren alle fesch wie wir
abmarschiert sind. Auch die Frau vom armen Dill. Sehr schneidig! Hat ihm
Rosen nachgeworfen in den Zug und war erst seit zwei Monaten seine Frau. --
Er kicherte hhnisch und ballte die Fuste, schwer ankmpfend gegen die
Trnen, die ihm in der Gurgel glhten. -- Rosen, hehe, und auf
>Wiedersehen< gerufen. So patriotisch waren sie alle! Gratuliert hat unser
Oberst dem Dill, weil seine Frau sich so stramm gehalten hat, beim
Abmarsch. So stramm, verstehst du, als ging's zum Manver.

Torkelnd, auf weitauseinandergespreizten Beinen, stand der Leutnant jetzt
aufrecht, sttzte sich auf den Arm des Rittmeisters, und starrte ihm mit
seinen unsteten Augen erwartungsvoll ins Gesicht.

-- Weit du, was ihm geschehen ist, dem Dill? Ich war dabei. Weit du was?

Ratlos blickte der Rittmeister auf die andern.

-- Geh, komm schlafen. Reg di' net auf! -- stammelte er verlegen.

Mit einem Triumphgeheul fiel ihm der Kranke ins Wort, keifend, mit
unnatrlich hoher Stimme:

-- Weit nicht, was ihm geschehen ist, dem Dill? Weit nicht? So sind wir
gestanden, wie jetzt, er hat mir grad das neue Bild zeigen wollen, das ihm
seine Frau geschickt hat. Seine tapfere Frau, hehe, seine gefate Frau!
Denn gefat, das waren's alle. Auf alles gefat! Und wie wir so steh'n,
schlagt eine Achtundzwanziger ein -- ganz weit von uns -- gut zweihundert
Schritt -- haben gar nicht hing'schaut. Da seh' ich auf einmal was
schwarzes fliegen -- und der Dill fallt um, mit dem Bild von seiner feschen
Frau in der Hand, -- und im Kopf steckt ihm ein Stiefel, ein Bein, ein
Stiefel mit dem Bein von einem Trainsoldaten, den die Achtundzwanziger
zerrissen hat, ganz weit von uns. --

Einen Augenblick hielt er inne, starrte den Rittmeister triumphierend an.
Dann sprach er weiter mit einem gehssigen Stolz in der Stimme, und doch ab
und zu aussetzend, unterbrochen von einem merkwrdig glucksendem Sthnen.

-- Nichts hat er mehr gesagt, der arme Dill, mit dem Sporn im Schdel, so
einem richtigen Komissporn, gro wie ein Fnfkronenstck. Nur die Augen hat
er verdreht, traurig das Bild von seiner Frau angeschaut, da sie so was
hat zugeben knnen. -- -- -- So was! -- -- So was, mein Lieber! -- -- -- Zu
viert haben wir ihm den Stiefel rauszieh'n mssen, -- zu viert! Hin- und
herdrehen haben wir ihn mssen, du! Bis ein Stck von seinem Gehirn
mitgekommen ist, -- wie ausgerissene Wurzeln, -- wie ein grauer Polyp, ein
krepierter, auf dem Sporn. -- -- --

-- Geh, hr auf! -- schrie wtend der Rittmeister, ri sich los und ging
fluchend ins Haus. Die beiden anderen sahen ihm sehnschtig nach. Allein
konnten sie den Unglcklichen doch nicht lassen. Er war, als der
Rittmeister ihm den Arm entzog, erschpft auf die Bank zurckgefallen, sa
wimmernd, wie ein geschlagenes Kind, mit dem Kopfe auf der Lehne. Erst als
der Philosoph leise seine Schulter berhrte, um ihn, gut zuredend, zum
Gehen zu bewegen, fuhr er von neuem auf und brach in ein bellendes,
hliches Lachen aus.

-- Aber wir haben sie ihm rausgerissen, seine fesche Frau. Zu viert haben
wir gezogen bis sie drauen war. Ich hab ihn befreit! Raus, weg ist sie.
Alle sind's weg. Meine ist auch weg; die Meine ist auch ausgerissen. Alle
werden ausgerissen. Keine Frau gibts! Keine Frau mehr, keine -- -- --

Nickend sank sein Kopf nach vorne; ber das tieftraurige Gesicht rollten
langsam die Trnen.

Hinter seinem Rcken tauchte der Rittmeister wieder auf, gefolgt von dem
kleinen Sekundararzt, der die Nachtwache hatte.

-- Du mut jetzt ins Bett, Herr Leutnant -- knarrte der Doktor mit
forcierter Strenge.

Der Kranke warf den Kopf zurck, starrte verstndnislos in das fremde
Gesicht. Als der Arzt den Satz mit gehobener Stimme wiederholte, leuchteten
seine Augen pltzlich auf und er nickte zustimmend.

-- Mssen gehen, natrlich! -- wiederholte er eifrig und seufzte schwer --
Alle mssen wir gehen. Wer nicht geht, ist ein Feigling, und einen Feigling
wollen sie nicht haben. Das ist's ja! Verstehst du nicht? Jetzt sind Helden
modern. Die fesche Frau Dill hat einen Helden haben wollen zu ihrem neuen
Hut, hehe. Darum hat der arme Dill sein Gehirn hinaustragen mssen. Ich
auch, -- Du auch! Mut sterben gehen, -- mut dich treten lassen, ins
Gehirn treten! Und die Frauen schaun zu, -- fesch, -- weil's jetzt so Mode
ist.

Er hatte seinen abgezehrten Leib mhsam an der Banklehne hochgestemmt, sah
allen Umstehenden der Reihe nach fragend ins Gesicht, auf Zustimmung
wartend.

-- Ist das nicht traurig? -- frug er leise. Dann, mit pltzlich wieder
emporschnellender Stimme, von jher Wut gepackt, schreiend, da es
unheimlich durch den Garten gellte: -- Ist das nicht Betrug, he? Nicht
Betrug? War ich ein Messerstecher? Ein Raufbold? War ich ihr nicht recht,
am Klavier? Sanft und rcksichtsvoll haben wir sein mssen! Zartfhlend!
Und auf einmal, weil die Mode gewechselt hat, wollen sie Mrder haben.
Verstehst du das?

Losgelst vom Arzt, stand er wieder torkelnd da, und seine Stimme sank
allmhlich zu einem wehleidigen Klageton herab, der, aus gepreter Kehle,
grhlend, wie das Lallen eines Trunkenen klang.

-- Die Meine war auch fesch; versteht sich. Keine Trne! Ich habe gewartet,
immer gewartet, wann sie zu schreien anfangen wird, wann sie mich endlich
bitten wird auszusteigen, nicht mitzufahren, feig zu sein, fr sie! Aber
sie haben nicht den Mut gehabt; -- keine hat den Mut gehabt; nur fesch
haben's sein wollen. Meine auch! Meine auch! Mit dem Taschentuch gewinkt,
wie die anderen.

Seine zuckenden Arme strebten, sich windend, in die Hhe, als wollte er den
Himmel zum Zeugen anrufen.

-- Was das Grlichste war, willst du wissen? -- sthnte er leise, sich
unvermittelt wieder an den Philosophen wendend, -- die Enttuschung war das
Grlichste, der Abmarsch. Der Krieg nicht! Der Krieg ist, wie er sein mu.
Hat's dich berrascht, da er grausam ist? Nur der Abmarsch war eine
berraschung. Da die Frauen grausam sind, das war die berraschung! Da
sie lcheln knnen und Rosen werfen; da sie ihre Mnner hergeben, ihre
Kinder hergeben, ihre Buben, die sie tausendmal ins Bett gelegt, tausendmal
zugedeckt, gestreichelt, aus sich selbst aufgebaut haben, das war die
berraschung! Da sie uns hergegeben haben -- da sie uns geschickt haben,
geschickt! Weil jede sich geniert htt' ohne einen Helden dazustehen; das
war die groe Enttuschung, mein Lieber. Oder glaubst du, wir wren
gegangen, wenn sie uns nicht geschickt htten? Glaubst du? So frag doch den
dmmsten Bauernburschen drauen, warum er eine Medaille haben mchte, ehe
er auf Urlaub geht. Weil ihn sein Mdel dann lieber hat, weil ihm die
Frauenzimmer dann nachlaufen, weil er mit seiner Medaille den anderen die
Weiber vor der Nase wegangeln kann; darum, nur darum. Die Frauen haben uns
geschickt! Kein General htt' was machen knnen, wenn die Frauen uns nicht
htten in die Zge pfropfen lassen, wenn sie geschrien htten, da sie uns
nicht mehr anschaun, wenn wir zu Mrdern werden. Nicht Einer wr hinaus,
wenn sie geschworen htten, da keine von ihnen ins Bett steigt mit einem
Mann, der Schdel gespalten, Menschen erschossen, Menschen erstochen hat.
Nicht Einer, sag ich euch! Ich hab's ja nicht glauben wollen, da sie's so
tragen knnen! Sie heucheln nur, hab ich gedacht; sie halten sich noch
zurck; aber wenn erst der Pfiff kommt, dann werden sie aufschreien, werden
uns herausreien aus dem Zug, werden uns retten. _Einmal_ htten sie uns
schtzen knnen, und sie haben nur fesch sein wollen! Auf der ganzen Welt,
nur fesch.

Wie zerbrochen sa er nun wieder auf der Bank, geschttelt von einem
sanften, kummervollen Weinen, den Kopf wehmtig hin- und herrollend auf der
keuchenden Brust.

Hinter seinem Rcken hatte sich ein ganzer Kreis gebildet. Auch der alte
Landsturmkorporal stand da, neben dem Arzt, mit vier Wachsoldaten, bereit,
jeden Augenblick einzugreifen. Im Offiziersflgel waren alle Fenster
aufgeflammt, notdrftig bekleidete Figuren beugten sich heraus, und sahen
neugierig in den Garten hinab.

Der Kranke musterte ngstlich die fremden, teilnahmslosen Gesichter. Er war
erschpft; die heisere Kehle gab keinen Laut mehr her. Seine Hand griff
hilfesuchend nach dem Philosophen, der wie gebrochen an seiner Seite stand.

Nun hielt der Arzt den richtigen Augenblick fr gekommen.

-- Komm', Herr Leutnant, geh'n wir schlafen, -- sagte er mit tlpelhaft
forcierter Gemtlichkeit, -- Die Weiber sind nun mal so. Da kann man nix
mach'n.

Er wollte weiter reden, um den Kranken, im Gesprch, unbemerkt ins Haus zu
locken; aber schon der nchste Satz blieb ihm vor berraschung in der Kehle
stecken. Das kraftlose, schlotternde Skelett, das sich von ihm und dem
Philosophen eben noch wie ohnmchtig hatte aufrichten lassen, sprang
ruckartig hoch, schnellte die Arme auseinander, da die beiden, die ihn
hatten sttzen wollen, strauchelnd in den Kreis der Zuschauer flogen. Er
duckte sich, in den Knien wippend, wie ein Lasttrger mit schwerer Fracht
im Nacken, und so hockend, mit schwellenden Adern, wiederholte er, keifend
vor Wut, die Worte des Doktors.

-- Sind nun mal so? . . . Sind nun mal so? Seit wann denn, he? hast du nie
was von Suffragetten gehrt, die Minister geohrfeigt, Museen in Brand
gesteckt, sich an Laternenpfhle haben anketten lassen fr das Stimmrecht?
Fr das Stimmrecht, hrst du? Und fr ihre Mnner nicht? Nicht einen Laut,
nicht einen Schrei!

Einen Augenblick hielt er inne, atemholend; bermannt von wilder, wrgender
Verzweiflung. Dann raffte er sich noch einmal auf und schrie, mhsam gegen
das Schluchzen ankmpfend, das ihn immer wieder gurgelnd erfate, aus
tiefster Not, wie ein gehetztes Tier:

-- Hast du von einer gehrt, die sich fr ihren Mann vor den Zug geworfen
hat? Hat eine fr uns Minister geohrfeigt, sich an die Schienen gebunden?
Keine einzige hat man wegreien mssen. Nicht eine hat gekmpft, nicht eine
hat uns verteidigt. Nicht eine hat sich gerhrt, in der ganzen Welt.
Hinausgejagt haben sie uns! Den Mund verstopft haben sie uns! Die Sporn
haben sie uns gegeben, wie dem armen Dill. Morden haben sie uns geschickt,
sterben haben sie uns geschickt, fr ihre Eitelkeit. Willst du sie
verteidigen? Ausgerissen mssen sie werden! Ausgerissen wie Unkraut, mit
der Wurzel! Zu viert mt ihr zieh'n, wie beim Dill. Zu viert, dann mu sie
raus. Bist du der Doktor? Da! Mach ihn auf meinen Kopf! Ich will keine
Frau. Sieh, -- zieh sie raus . . . .

Weit ausholend sauste seine Faust, wie ein Hammer, auf den eigenen Schdel,
griffen seine gekrmmten Finger erbarmungslos in den sprlichen Haarwuchs
am Hinterkopf, bis er, aufbrllend vor Schmerz, einen ganzen Bschel
ausgerissen in die Hhe hielt.

Im nchsten Augenblick lagen, auf einen Wink des Arztes, die vier
Wachsoldaten schon keuchend ber ihm. Er schrie, knirschte, schlug um sich,
strampelte sich frei, schttelte sie ab wie Kletten; auch der alte Korporal
und der Doktor muten mit zugreifen, dann erst gelang es ihn ins Haus zu
schleppen.

Hinter ihm leerte sich rasch der Garten. Als letzter humpelte der
Musulmann, mit dem Philosophen an seiner Seite, dem Eingang zu. Vor dem
Portal blieb er stehen, sah, im Schein der Laterne, ernsthaft auf sein
vergipstes Bein, das wie leblos zwischen den Krcken hing.

-- Weit, Philosoph, da ist mir meine Hax'n doch lieber. Narrisch wer'n,
wie dieser arme Teufel, is schon 's rgste, was ei'm drauen passieren
kann. Dann schon lieber gleich ganz weg mit'n Kopf! Oder meinst du, da der
noch mal wer'n kann?

Der Philosoph schwieg. Sein rundes, gutmtiges Gesicht war aschfahl
geworden; seine Augen schwammen in Trnen. Er zuckte die Achseln und half
dem andern wortlos ber die Treppe. Als sie auf den Korridor traten, hrten
sie, weit irgendwo im Haus, noch Tren schlagen und einen letzten, dumpfen
Schrei.

Dann wurde es still. Die Fenster im Offiziersflgel erloschen der Reihe
nach, und bald lag der Garten, wie eine buschige, schwarze Insel, in den
Flu geschmiegt, der lautlos sich kruselnd vorbeizog. Nur das Husten der
Geschtze brachte ein Windsto ab und zu, wie fernes Echo, aus dem Westen
herber.

Noch einmal knirschte der Kies, als die Patrouille, quer durch den Garten,
zum Wachtgebude zurckmarschierte. Ein Soldat fluchte leise und nestelte
an seiner zerrissenen Bluse. Die anderen atmeten schwer, -- wischten sich
mit dem Handrcken den Schwei von der roten Stirne. Hinter ihnen ging der
alte Landsturmkorporal, die Pfeife im Mundwinkel, mit gesenktem Kopf. Als
er in die Hauptallee einbog, flammte eben ein heller Feuerschein ber den
Himmel und ein langes Rollen, das sich schlielich knurrend in die Erde
verkroch, machte alle Fenster erklirren.

Der Alte blieb stehen. Er horchte, bis das Grollen verstummt war, hob
drohend die geballte Faust, spie in weitem Bogen zischend durch die Zhne,
und brummte, mit einem Ekel, der aus tiefster Seele kam:

-- Pfui Teufel! .ch Feuertaufe

Eine halbe Stunde hatte die Kompagnie am Waldrande gerastet; nun gab
Hauptmann Marschner den Befehl zum Aufbruch. Er war, trotz der mrderischen
Hitze, ganz bla, und sah beiseite, whrend er Leutnant Weixler den Auftrag
gab, dafr zu sorgen, da innerhalb zehn Minuten alles marschbereit sei,
bis auf den letzten Mann.

Eigentlich hatte er sich selbst berrumpelt mit diesem Befehl. Denn nun,
das wute er, gab es keinen Aufschub mehr! Wenn er Weixler auf die
Mannschaft loslie, dann klappte alles; die Leute zitterten vor diesem
knapp zwanzigjhrigen Jungen, als wre er der leibhaftige Teufel. Und
manchmal schien es dem Hauptmann selbst schon, als htte die baumlange,
knochige Gestalt wirklich etwas Unheimliches an sich. Nie flammte auch nur
ein Funken Wrme aus diesen kleinen, stechenden Augen, die immer eine
flackernde Unruhe spiegelten, immer wie im Fieber glnzten. Nichts war jung
an dem ganzen Menschen, auer dem kleinen, schtteren Schnurrbart ber den
verkniffenen Lippen, die sich nur auftaten, um mit hmischer Hrte die
Bestrafung eines Soldaten zu fordern. Ein Jahr fast hatte ihn Hauptmann
Marschner schon an seiner Seite, und hatte ihn noch nie lachen gehrt;
wute noch nichts von seiner Familie, nicht woher er kam, ob er berhaupt
Angehrige hatte. Er sprach nur selten, in kurzen, hastigen Stzen, die er
zischend hervorstie. Wie das Brodeln einer verbissenen Wut, die in ihm
kochte, klang alles, was er sagte, und handelte immer von Dienst oder
Krieg, als gbe es auer diesen beiden Dingen berhaupt nichts auf der
Welt, was Worte lohnte.

Und diesem Menschen hatte das Schicksal den Streich gespielt, ihn das ganze
erste Kriegsjahr hindurch im Hinterland zurckzuhalten! Elf und ein halb
Monate dauerte schon der Krieg, und Leutnant Weixler hatte noch keinen
Feind gesehen. Wenige Kilometer war er nur, gleich zu Beginn, ber die
russische Grenze gekommen, dann hatte ihn der Typhus erwischt, ehe er noch
einen Schu abgefeuert. Nun kam er endlich an den Feind! Hauptmann
Marschner wute, da er ein Mannschaftsgewehr fr sich mitschleppen lie,
und seine gesamten Ersparnisse fr ein Zielfernrohr geopfert hatte, um ganz
auf Numero sicher zu gehen, und genau zu wissen, wie viel Feinden er das
Lmpchen ausgeblasen. Er war fast frhlich geworden, seit man das Feuer
schon aus der Nhe hrte, gesprchig, von einem nervsen Eifer getrieben,
wie ein passionierter Jger, wenn er die Fhrte aufnimmt. Der Hauptmann sah
ihn bald da, bald dort aus dem Gedrnge auftauchen, und wandte sich ab. Er
wollte es nicht sehen, wie der Kerl seine armen, totmden Leute
drangsalierte, sie anfuhr, genau wie ein klffender Schferhund, der die
Herde zusammentreibt. Lange, ehe die zehn Minuten vergangen waren, wrde
die Kompagnie gestellt sein, dafr sorgte Weixlers Ungeduld; und dann, --
dann gab es keinen Grund mehr, noch lnger zu zaudern. Keine Mglichkeit
mehr, den schweren Entschlu weiter hinauszuschieben!

Hauptmann Marschner tat einen tiefen Atemzug, und sah mit merkwrdig
gespannten, weit aufgerissenen Augen zum Himmel hinauf. Da vorne, jenseits
des steilen Hgels, der jetzt noch die Aussicht auf das Gefechtsfeld
versperrte, tackten, in atemloser Eile, unsichtbar die Maschinengewehre;
und kaum eine Spanne hoch ber dem Rande der Bschung schwebten, dicht
gest, kleine, gelb-weie Pckchen, wie hochgeworfene Schneeballen in der
Luft: die Sprengwolken des Sperrfeuers, durch das er seine Kompagnie zu
fhren hatte.

Es war kein kurzer Weg! Zwei Kilometer noch, vom jenseitigen Fue des
Hgels, bis zum Eingang der Laufgrben; und immer ber freies Feld, ohne
jede Deckung. Fr eine Landsturmkompagnie, fr ehrwrdige Familienvter,
die seit wenigen Stunden im Felde standen, jetzt erst ihre Feuertaufe
erhalten, zum erstenmal Pulver riechen sollten, wahrlich keine kleine
Aufgabe. Fr den Weixler, der nichts anderes im Kopf hatte, als das
Verdienstkreuz, das er sich je eher holen wollte, -- fr solch einen
zwanzigjhrigen Raufbold, der die Welt um die eigene, hochwichtige Person
rotieren lie und noch keine Zeit gehabt hatte, das Leben schtzen zu
lernen, mochte das nur ein aufregender Spaziergang sein, eine prickelnde
Sache, bei der man sich so richtig fhlen, seine Unerschrockenheit ins
rechte Licht setzen konnte. Im Stillen machte der sich wohl lngst schon
lustig ber die Unentschlossenheit seines alten Hauptmanns, und fluchte
ber diese letzte Rast, die ihn noch eine halbe Stunde lnger auf seine
erste Heldentat zu warten zwang.

Marschner mhte mit seinem Reitstock die hohen Grashalme nieder, und
schielte, von Zeit zu Zeit, verstohlen zu seiner Kompagnie. Er merkte es an
den schleppenden Bewegungen der Leute, an dem Widerstreben, mit dem sie
sich erhoben, wie Kinder, die man aus dem Schlafe weckt, da sie es lngst
schon erfat hatten, wohin der Weg nun ging. Die lautlose Stille, in der
sie ihre Bndel packten und eintraten in die Reihe, krampfte ihm das Herz
zusammen.

Unermdlich hatte er sich seit Kriegsbeginn auf diesen Augenblick
vorbereitet, Tag und Nacht gegrbelt, sich's tausendmal vorgesagt, da wo
Hheres auf dem Spiele stand, die Not des Einzelnen nichts bedeutete; da
ein gewissenhafter Fhrer sich wappnen msse mit Gleichgltigkeit. Und nun
stand er da, -- und merkte mit Schrecken, wie alle guten Vorstze
abbrckelten und nichts in ihm brig blieb, als heies, grenzenloses
Mitleid mit diesen aufgescheuchten Nesthtern, die sich so still ergeben
bereit machten; gleichsam ihr Leben in die Hnde nahmen wie ein kostbares
Gef, um es in den Kampf zu tragen und dem Feinde vor die Fe zu werfen,
als wre es ihr Geringstes, was da in Scherben ging!

Ein Kaninchen, das man selbst grogezogen hatte, unter's Messer zu liefern;
einen liebgewonnenen Haushund eigenhndig zum Schinder zu schleifen, schon
Solches htte man ihm, dem gutherzigen Onkel Marschner -- wie er in
Bekanntenkreisen hie --, nicht zumuten drfen. Und nun sollte er Menschen,
die er selbst zu Soldaten ausgebildet, monatelang unter den Augen gehabt
hatte, Menschen, die er wie seine Taschen kannte, ins Schrapnellfeuer
hineinjagen! Was nutzten da alle tiefsinnigen Betrachtungen? Er sah nur die
ngstlich flehenden Blicke, die seine Leute zu ihm hinberschickten, um
Schutz bittend, als glaubten sie, ihr Herr Hauptmann knne auch
Flintenkugeln und Sprengstcken den Weg vorschreiben. Und dieses Vertrauen
sollte er nun mibrauchen? Sollte diese brtigen Kindskpfe, die er
vorgestern erst, von ihren Kleinen umringt, Abschied nehmen gesehen von den
weinenden Frauen, jetzt ohne Rhrung in den Tod kommandieren? Sollte
unbekmmert weiter marschieren, wenn der eine oder andere getroffen
hinfiel, sich jammernd in seinem Blute wlzte? Woher sollte er die Kraft
nehmen, zu solcher Hrte? Von dem hhern Ziele etwa? Es war nicht da. Nicht
mit den Hnden zu fassen. Es war zu sehr gesprochen, zu sehr nur Klang, als
da es ihm htte seine Soldaten verdecken knnen, die mit
heimwrtsgewandter Seele dem Sperrfeuer entgegenbangten!

Wie ein Schlag in die Magengegend traf ihn die Meldung, die ihm Leutnant
Weixler strahlend, mit gerteten Wangen ins Gesicht schmetterte. Das klang
so herausfordernd! Die dreiste Frage: Nun, warum freust du dich nicht auch
auf die Gefahr, wie ich? war nicht zu berhren. Hauptmann Marschner
strmte alles Blut in die Schlfen, er mute den Blick abwenden, und seine
Augen irrten unwillkrlich zu den Schrapnellwolken, trugen eine Bitte, eine
heimliche Invokation zu den dummen, wahllos niederprasselnden Dingern
hinauf: sie mchten diesem frostigen Burschen doch das Leiden lehren, --
ihn berzeugen von seiner Verwundbarkeit!

Eine Sekunde spter senkte er schon beschmt den Kopf. Sein Zorn wuchs
gegen den Menschen, der ihm eine solche Regung hatte entlocken knnen. --
Danke. La die Leute Ruht stehen; ich mu noch einmal nach den Pferden
schau'n, -- sagte er gemessen, mit einer erzwungenen Ruhe, die ihm wohl
tat. Er wollte sich nicht drngen lassen, nun erst recht nicht, und freute
sich, als er den Leutnant zusammenzucken sah; lchelte zufrieden in sich
hinein ber das indignierte Gesicht, und das trotzige Zu Befehl, Herr
Hauptmann, das lange nicht mehr so schmetternd hell klang, sondern
knirschend aus gepreter Kehle kam. Der Junge sollte nur auch einmal
merken, wie wohl es tat, gebndigt zu werden! Sonst liebte er es ja, sich
auf Kosten der Mannschaft an seiner Macht zu berauschen, triumphierend, als
wre es die Kraft seiner Persnlichkeit, die den Leuten Herr ward, und
nicht das Dienstreglement, das immer ihm zur Seite stand.

Mit gemchlichen Schritten ging Hauptmann Marschner in den Wald zurck,
doppelt froh, da die Lektion, die er Weixler erteilt, seinen alten Knaben
eine kurze Galgenfrist bescheert hatte. Vielleicht sauste eine Granate vor
ihrer Nase in die Erde, und diese wenigen Minuten retteten zwanzig Menschen
das Leben. Vielleicht? . . . Es konnte freilich auch umgekehrt kommen: just
diese Minuten . . . Ach! was hatten solche Berechnungen fr Zweck? Am
besten war nicht daran denken! Er wollte den Leuten helfen so viel er
konnte; Retter konnte er keinem sein.

Oder doch? . . . Den einen, der ihm eben mit Feuereifer aus dem Walde
entgegenstrzte, hatte er vorlufig geborgen. Der blieb, mit sechs Mann,
bei den Pferden und dem Train zurck. War es ein Unrecht, gerade diesen zu
bestimmen? Alle anderen Unteroffiziere waren lter, und verheiratet; der
kleine, dicke, mit den O-Beinen hatte sogar sechs Kinder daheim. Konnte er
es vor seinem Gewissen verantworten, diesen jungen, ledigen Burschen hier
in Sicherheit . . .

Mit einer wtenden Handbewegung unterbrach der Hauptmann seine Gedanken. Am
liebsten htte er sich mit der Faust an der Brust gepackt und tchtig
durchgebeutelt. Da er das verdammte Grbeln und Abwgen noch immer nicht
lassen konnte! Gab es hier noch eine Gerechtigkeit, im Machtbereiche der
Granaten, die Taugenichtse verschonten und die Besten niederstreckten?
Hatte er sich's nicht fest vorgenommen, sein Gewissen, seine Rhrseligkeit,
sein ewig waches Mitgefhl mit allen berflssigen Gedanken daheim zu
lassen, bei seiner eingekampferten Zivilkleidung, in der Friedenswohnung?
Das alles gehrte zum Zivilingenieur Rudolf Marschner, der frher einmal
Offizier gewesen und mit dreiig Jahren noch einmal zur Schulbank
zurckgekehrt war, um das Kriegshandwerk, in das er sich als dummer Junge
verirrt hatte, gegen einen Beruf zu vertauschen, der seiner weichen,
nachdenklichen Natur besser entsprach. Da ihn dieser Krieg jetzt, zwanzig
Jahre spter, noch einmal zum Soldaten gemacht hatte, war ein Unglck. Eine
Katastrophe, die ihn -- wie alle --, unverdient traf; mit der er sich aber
endlich abfinden mute. Und dazu gehrte, in erster Reihe, das Loskommen
von allem raisonieren! Wozu sich viel mit Fragen qulen? Einer mute doch
im Walde zurckbleiben, zur Aufsicht. Der Kommandant hatte diesen jungen
Zugfhrer bestimmt, also blieb dieser da. Und damit basta!

Peinlich war es nur, da der Kerl so ein gerhrtes Gesicht schnitt.
Widerlich, einfach widerlich war die hndische Dankbarkeit, die ihm aus den
feuchtschimmernden Augen strahlte! Wie kam der Mensch dazu, etwas von
seiner Mutter zu stammeln? Er wurde hier gelassen, weil der Dienst es
erforderte; seine Mutter hatte dabei nichts zu tun. Die sa in Wien, -- und
hier war Krieg. Das mute er sich gesagt sein lassen: sein Kommandant
wollte nicht hoffen, da er es als Glck, oder gar besondere Gnade
empfinde, nicht mit in den Kampf zu mssen!

Es wurde Hauptmann Marschner gleich leichter ums Herz, als er den
zerknirschten Snder so herunterkapitelt hatte. Sein Gewissen war jetzt
ganz frei, als htte er den Mann wirklich nur ganz zufllig auf diesen
Posten beordert. Doch dauerte dieses Gefhl nicht lange, denn der alberne
Kerl lie es sich nicht nehmen, ihn, wie seinen Retter, anzuhimmeln. Und
als er, in stramm militrischer Haltung, aber mit einer Stimme, die rauh
und zitternd klang von verschluckten Trnen, Wnsche gehorsamst viel
Glck, Herr Hauptmann stammelte, da strahlte aus diesem Wunsch eine solche
Inbrunst, eine so glhende Anhnglichkeit, da es dem Hauptmann auf einmal
wieder leer wurde im Magen, und er mit einer pltzlichen Wendung auf und
davon ging.

Nun wute er ja Bescheid. Konnte sichs beilufig ausrechnen, was der
Weixler schon alles an ihm beobachtet, wie der sich schon insgeheim ber
seine Rhrseligkeit mokiert haben mute, wenn ein einfacher Mensch, wie
dieser Tischlergeselle, seine geheimsten Gedanken erriet! Er hatte ihm ja
kein Wort gesagt; hatte ihn nur verstohlen beobachtet, vorgestern abend,
beim Einwaggonieren in Wien, wie er von seiner Mutter Abschied nahm. Woher
ahnte der verdammte Kerl, da die verwuzelte, eingeschrumpfte Knusperhexe,
mit der Haut, die, wie ausgedrrt vom Leben, in tausend Falten, schlaff an
den Backenknochen hing, solchen Eindruck auf seinen Hauptmann gemacht
hatte? Er selbst wute es ja sicher gar nicht, wie rhrend es aussah, als
das winzige Mtterchen, so von unten her, zu ihm emporblickte, und weil es
sein Gesicht nicht erreichen konnte, mit der zitternden Hand den breiten
Brustkasten streichelte. Kein Mensch konnte es ihm verraten haben, da sein
Kompagniekommandant ihn seither nicht anschauen konnte, ohne auf der
himmelblauen Bluse, wie hingemalt, die zitronengelbe, dichtgeaderte Hand,
die knolligen, verkrmmten Finger zu sehen, die mit so unsagbar viel Liebe
den rauhen, haarigen Loden berhrt hatten. Und doch war der Lump irgendwie
dahintergekommen, da diese Hand schtzend ber ihm schwebte, fr ihn
gebeten und das Herz seines Fhrers erweicht hatte.

Wtend stampfte Marschner ber die Wiese, beschmt, als htte ihm jemand
eine Larve vom Gesicht gerissen. So leicht war es also, ihn zu
durchschauen; trotz der vielen Mhe, die er sich nahm? . . . Er blieb
stehen, um sich zu verschnaufen; hieb wieder auf das Gras ein und fluchte
laut auf. Nun ja, er konnte sich eben nicht verstellen, konnte nicht
pltzlich aus seiner Haut heraus, und wenn es tausendmal Weltkrieg gab! Er
war gewhnt, sich von Neffen und Nichten, gutmtig lachend, um die Finger
wickeln zu lassen; war unfhig, von heut auf morgen, zum Eisenfresser zu
werden, der vergngt auf Menschenjagd geht! Was war das auch fr ein
wahnwitziger Gedanke, alle Menschen ber einen Lffel barbieren zu wollen?
Niemand dachte daran, aus Weixler einen weichherzigen Philanthropen zu
machen; und er sollte, so mir nichts, dir nichts, auf Befehl, ein
blutrnstiger Haudegen werden? . . . Er war nun mal nicht mehr zwanzig
Jahre alt, wie der Weixler, und diese stillen, traurigen Mnner, die man so
grausam aus ihrem Erdreich gerissen hatte, waren ihm jeder mehr, als nur
ein Gewehr, das man in Reparatur schickt, wenn es beschdigt, gleichgltig
liegen lt, wenn es unbrauchbar geworden ist. Wer das Leben schon von
allen Seiten angesehen und berdacht hatte, konnte nicht so zum
Nur-Soldaten werden, wie sein Leutnant, der noch gar nicht richtig Mensch
geworden war, die Welt noch gar nicht anders gesehen hatte, als vom Hofe
der Kadettenschule und der Kaserne aus.

Ja, wenn es noch gewesen wre, wie am Anfang, als noch lauter junge,
abenteuerlustige Burschen aus den Waggonfenstern johlten, die nichts daheim
zurcklieen, als hchstens Eltern, denen sie nun endlich imponieren
konnten! Damals htte auch er seinen Mann gestellt, so gut wie irgend
einer; so gut, oder besser, als der stramme Leutnant Weixler. Damals
marschierten die Leute zwei, drei Wochen lang, ehe sie auf den Feind
stieen. Da lste man sich noch langsam vom Leben los, ging durch tausend
Mhen und Entbehrungen; bis ber Hunger, Durst und Mdigkeit allmhlich
alles vergessen war, was man weit -- weit rckwrts zurckgelassen hatte.
Da schwelte der Ha gegen den Feind, der einem all' die Not angetan hatte,
von Tag zu Tag immer hher; und der Kampf war Erlsung nach der langen,
passiven Leidenszeit.

Heute aber ging das alles auf eins--zwei. Vorgestern noch in Wien, -- und
jetzt, noch mit dem Abschiedsku auf den Lippen, noch nicht ganz
losgerissen, gleich hinein ins Feuer. Und nicht blindlings, nicht
ahnungslos, wie die ersten! Fr diese armen Teufel hatte der Krieg keine
Geheimnisse mehr. Jeder hatte schon Tote in seiner Familie oder seiner
Bekanntschaft; jeder hatte schon mit Verwundeten gesprochen, hatte
verstmmelte, entstellte Invaliden gesehen, und wute mehr ber
Schrapnellwunden, Querschlger, Gasgranaten und Flammenwerfer, als, vor dem
Kriege, Artilleriegenerle und Stabsrzte gewut.

Und just diese Sehenden, diese grausam Entwurzelten, mute er nun fhren!
Er, der ausrangierte Hauptmann Marschner, der Zivilist, der anfangs hatte
zu Hause bleiben mssen, bei den Rekruten. Jetzt, da es tausendmal hrter
war, jetzt kam die Reihe an ihn, den Fhrer zu machen und er durfte sich
nicht wehren gegen die Aufgabe, der er nicht gewachsen war. Nein, er hatte
sich noch vordrngen, hatte, -- aus Anstand, -- auf seinem Rechte bestehen
mssen, damit nicht andere, die schon drauen ihr Blut vergossen hatten,
noch einmal hinausgingen, fr ihn! -- -- --

Eine dumpfe, ohnmchtige Wut kam ber den Hauptmann, als er nun vor seine
Soldaten hintrat, die in breiter Reihe aufgestellt, in atemloser Spannung
auf seine Lippen starrten. Was sollte er ihnen sagen? . . . Es widerstrebte
ihm, die blichen patriotischen Phrasen, die wie von auen her diktiert auf
die Lippen verlangten, gefgig abzuleiern! Seit Monaten trug er den
trotzigen Entschlu in sich herum, das vorgeschriebene dulce est pro
patrira mori nicht auszusprechen, koste es was es wolle. Nichts war ihm so
zuwider, als dieses Klimpern mit dem Opfertod, dieser Marktschreierkniff:
das Sterben auszurufen, whrend es drinn in der Bude um's Morden ging.

Er bi die Zhne aufeinander und senkte scheu den Blick vor dieser Mauer
aus bleichen Gesichtern. Die dumme, kindische Bitte: Gieb acht auf uns!
blinzelte aufreizend aus allen Augen; brachte ihn zur Verzweiflung.

Am liebsten htte er sie alle zurckgejagt zu den ihren, und wre allein
weiter! Mit einem Ruck warf er sich trotzig in die Brust, heftete den Blick
starr auf eine Medaille, die ein Mann, in der Mitte der langen Reihe, auf
der Brust trug, und rief:

-- Kinder! Wir geh'n jetzt an den Feind. Ich rechne darauf, da jeder von
euch seine Pflicht tun wird, getreu seinem Fahneneid. Ich werde nichts von
euch verlangen, was nicht im Interesse unseres Vaterlandes, in eurem
eigenen Interesse also, fr die Sicherheit euerer Frauen und Kinder
geschehen _mu_; darauf knnt ihr euch verlassen. Viel Glck! Und jetzt
los! --

Er hatte, ohne es zu bemerken, die Stimme Weixlers, seinen berlauten,
forciert-schneidigen Kommandoton nachgeahmt, um die Rhrung zu
berschreien, die ihm zitternd in der Kehle lauerte; und nach dem letzten
Worte kehrte er sich blitzschnell ab. Nur ber die Schulter hinweg, ohne
sich noch einmal umzuschauen, gab er Befehl zum Ausschwrmen, lie den Kopf
auf die Brust fallen, und begann mit groen Schritten den Aufstieg.

Hinter ihm knirschten die Stiefel, schlugen die Eschalen klappernd gegen
irgend ein Ausrstungsstck. Bald setzte auch das Keuchen der
schwerbepackten Mannschaft ein, und eine dicke, wrgende Schweiwolke legte
sich ber die marschierende Kompagnie.

Hauptmann Marschner schmte sich! Ein tiefer, krperlicher Ekel berkam ihn
vor der Rolle, die er da gespielt hatte. Was blieb diesen einfachen Leuten,
diesen Maurern, Monteuren und Landarbeitern, die ohne Fernblick, ber ihren
Werktag gebeugt, dahingelebt hatten, denn zu tun brig, wenn die feinen
Herrschaften, die studierten Leute, wenn der Herr Hauptmann, mit den drei
goldenen Sternen auf dem Kragen, sie versicherte, es sei ihre Pflicht und
hchst rhmenswert, italienische Maurer, Monteure und Landarbeiter ber den
Haufen zu schieen? Sie gingen; -- -- keuchten hinter ihm her; und er -- --
-- er fhrte sie! Fhrte sie, gegen seinen Glauben, aus erbrmlicher
Feigheit, und forderte von ihnen Mut und Todesverachtung. Er hatte sie
beschwatzt, hatte ihr Vertrauen mibraucht, ihre Liebe zu Frau und Kind
ausgebeutet, weil er eben lieber, fr eine Lge, vielleicht am Leben blieb,
vielleicht doch noch heil aus dem Kriege heim kam, als sich fr die
Wahrheit, an die er glaubte, sicher fsilieren zu lassen! Er setzte sein
Leben, und das ihre, va banque auf falsche Karten, weil er zu feige war,
dem sicheren Verlust allein ins Auge zu schauen! -- -- --

Die Sonne brannte mit mrderischer Glut auf den steilen, baumlosen Abhang.
In das Platzen der Schrapnells, das Tacken der Maschinengewehre, das
Aufbrllen der eigenen Geschtze, mischte sich, jetzt schon immer nher,
immer heller, das Heulen der herankommenden Geschosse. Und immer noch war
die Kammlinie nicht erreicht! . . . Der Hauptmann fhlte seine Lunge
versagen, blieb stehen, und hob den Arm. Die Leute sollten sich einen
Augenblick verschnaufen; waren seit vier Uhr morgens schon unterwegs;
hatten Tchtiges geleistet mit ihren vierzigjhrigen Beinen. Er merkte es
an sich selbst.

Mitleidig blickte er auf die blauroten, schweiberstrmten Gesichter, und
fuhr zusammen, als er Leutnant Weixler mit groen Schritten auf sich
zukommen sah. Warum konnte er dieses Gesicht nicht mehr sehen, ohne sich
wie angefallen zu fhlen, wie an der Kehle gepackt von einem Ha, der sich
kaum noch zgeln lie? Er htte eigentlich froh sein mssen, ihn hier
drauen an seiner Seite zu haben. Ein Blick in diese lauernden Augen mute
gengen, um jeder Rhrung Herr zu werden.

-- Bitt gehorsamst, Herr Hauptmann, -- hrte er ihn schnarren -- ich geh
auf den linken Flgel hinber. Da sind ein paar Kerle, die mir nit recht
g'fallen. Besonders der Simmel, der rote Hund! Der zieht jetzt scho' den
Kopf ein, wann drben ein Schrapnell platzt. --

Marschner schwieg. Der rote Hund? -- -- Der Simmel? -- -- Das war doch
der rothaarige Flgelmann im zweiten Zug; der Tapezierer, der das
entzckende, kleine Mderl auf dem Arm getragen hatte, bis zum letzten
Augenblick. Bis der Weixler ihn brutal in den Wagen gejagt . . . Dem
Hauptmann war's, als she er noch den erstaunten Aufblick der Kinder zu dem
mchtigen Mann, der ihren Vater anzuschnauzen wagte.

-- La ihn nur, er wird sich schon drann gewhnen -- sagte er mild. -- Er
hat halt noch seine Kinder im Kopf, und hat's net eilig, sie zu Waisen zu
machen. Die Leut knnen ja net alle Helden sein! Wann's nur ihre Pflicht
tun. --

Das Antlitz Weixlers wurde starr. Um die schmalen Lippen erschien wieder
jener harte, verchtliche Zug, der den Hauptmann jedesmal wie ein
Peitschenhieb traf.

-- Er soll jetzt eben nicht mehr an seine Fratz'n denken, sondern an den
Fahneneid, den er seinem allerhchsten Kriegsherrn g'schworn hat! Hast es
Ihnen ja eben erst g'sagt, Herr Hauptmann. --

-- Ja, ja. Ich hab's ihnen gesagt! -- nickte Hauptmann Marschner
geistesabwesend, und lie sich langsam ins Gras nieder. Nicht da dieser so
sprach, wunderte ihn. Aber da auch ihm einmal vor fnfundzwanzig Jahren,
als er, durch und durch mit Begeisterung wattiert, aus der Kadettenschule
kam, Fahneneid und allerhchster Kriegsherr genau so erschpfend
geklungen hatten! Wie dieser, wre damals auch er voll freudiger
Begeisterung in einen Krieg gezogen. Wie aber sollte er heute, taub
geworden fr den Fanfarenklang solcher Worte, und hellsehend fr das
Geblk, das sie trug, Schritt halten mit der Jugend, die fr alles, was
stehend und mit erhobener Stimme verkndet wurde, ein glubiges Echo war?
Wie sollte er von seinen braven, behbigen Spieern, die das Leben schon so
grndlich gebndigt hatte, da sie daheim hungernd an Reichtmern
vorbeigingen, die nur eine dnne Glaswand von ihnen schied, hier pltzlich
ein wildes Draufgehen verlangen? Wie an den Tapezierermeister Simmel die
gleichen Anforderungen stellen, als an den jungen Leutnant, der noch nie
anderes erstrebt hatte, als im Fechten, Ringen und Mut zeigen unter den
ersten genannt zu werden? Waren je Sldner fr ihre Sitten, biedere
Brgersleute fr ihre Unerschrockenheit berhmt, -- je ein und dieselben
Menschen zwanzig und fnfundvierzig Jahre alt zugleich gewesen? -- -- --

Zusammengekauert, den Kopf zwischen den Fusten, war der Hauptmann so tief
in seine Gedanken versunken, da er Zeit und Ort verga, und alle Versuche
Leutnant Weixlers, ihn durch wiederholtes Vorbeischleichen, lautes
Umherhetzen der Mannschaft aufzuscheuchen, blieben erfolglos. Endlich
brachte ihn nahes Pferdegetrappel wieder zu Bewutsein. Auf dem Feldweg,
der in halber Hhe um den Hgel lief, galoppierte ein Offizier, die hohe
Generalstblermtze auf dem Kopf. Er parierte sein Pferd, erkundigte sich
verbindlich nach dem Marschziele der Kompagnie, und rmpfte die Nase, als
Hauptmann Marschner die Nummer der Quote nannte.

-- Dorthin geht's Ihr! -- rief er aus, und die Grimasse ging langsam in ein
respektvolles Lcheln ber. -- Aa, da gratulier' ich! Da kommt's ja grad in
die dickste Schweinerei hinein. Dort wollen die Herren Katzelmacher seit
drei Tagen scho durch. Da will ich Euch net aufhalten! Die armen Teufln,
die dort liegen, wern die Ablsung gut brauch'n knnen. Servus. Und viel
Glck!

Mit Grazie berhrten seine Finger die Kappe; das Pferd schrie auf unter dem
Druck der Sporen; -- und fort war er.

Der Hauptmann starrte ihm wie betubt nach. Aa, da gratulier ich! klang
es ihm in den Ohren. Ein Mensch, hoch zu Ro, gut ausgeruht, rosig, sauber,
wie aus dem Schachterl, trifft zweihundert todgeweihte Opfer: verschwitzt,
atemlos, am Rande der Gefahr; wei, da in einer Stunde so manches Gesicht,
das sich jetzt noch neugierig ihm zuwendet, schon leidverzerrt oder
totenstarr im Grase liegen wird; -- und sagt lchelnd: Aa, da gratulier'
ich! Reitet weiter, ohne da ihm ein andchtiger Schauer ber den Rcken
liefe, ohne da ein Schatten seine Stirne streifte!

Spurlos wird die Begegnung aus seinem Gedchtnis verschwinden; . . . nichts
heute abend, beim tafeln, ihn an den Kameraden erinnern, dem er am Morgen,
als Letzter vielleicht, die Hand gereicht! . . . Was bedeutete diesen
Auserwhlten, die, aus sicherem Hinterhalt die Kolonnen ins Feuer schoben,
der Todesmarsch einer Kompagnie? Und der unglckselige rothaarige
Tapezierer, da nebenan, zitterte, zog den Kopf ein, ri gromchtig die
Augen auf, als hinge das Schicksal der Welt daran, ob er sein rotgelocktes
Mderl noch einmal wird auf dem Arm tragen. Wahrlich, wenn man die Sache so
aus der richtigen Perspektive sich ansah, -- als vorbeigaloppierender
Generalstbler, der das Ziel, den Sieg, den man frher oder spter, bei
Glserklirren bejubeln wird, im Auge hat, -- dann hatte der Weixler
eigentlich recht! Es mute ihn empren, ein so grozgiges Heldengedicht
von einem einzelnen Hasenfu derart ins Lcherliche gezogen, zu einer
weinerlichen Familienangelegenheit degradiert zu sehen.

-- Die armen Teufel, die dort liegen! . . . Marschner berlief es kalt, als
ihm, ber die Worte des Generalstblers, jh die Vision des zerschossenen,
blutgetrnkten Grabens aufstieg, mit der zu Tode erschpften Besatzung, die
ihn, wie den Erlser, herbeisehnte. Er erhob sich sthnend, bermannt von
einem grimmigen, erbitterten Ha gegen diese Zeit. Keine Masche blieb da
offen! Jede Minute, die er seinen Leuten noch schenkte, war Diebstahl oder
gar Totschlag, begangen an jenen dort vorne. Wild warf er den Arm in die
Hhe und schritt aus, fest entschlossen, nicht mehr stehen zu bleiben, ehe
der Graben erreicht war, den er zu beziehen hatte. Sein Gesicht war bleich,
vergrmt; verzerrte sich zu einem gequlten Lcheln, so oft vom anderen
Flgel das aufreizend schnarrende: Vorwrts, vorwrts! seines Leutnants
zu ihm herberklang.

Auf einmal blieb er stehen. In das Knattern, Pochen, Knallen sprang
pltzlich ein neuer Ton hinein; hob sich hell aus dem ganzen, kaum noch ins
Bewutsein dringenden Spektakel. Er kam so gellend, so scharf drohend und
blitzschnell heran, da der Ton gleichsam sichtbar wurde, ein heulender
Bogen in der Luft entstand, sich nahe an die Stirne heranbi, und dort mit
einem kurzen, harten Peitschenschlag abri, whrend, wenige Schritte weiter
vorne, ein kleiner Staubwirbel aufstieg, und unsichtbare Hagelkrner
klatschend ins Gras prasselten.

-- Ein Schrapnell! . . . .

Verdutzt blickte Hauptmann Marschner sich um, und sah zu seinem Schrecken
alle Blicke auf sich gerichtet. Wie um Rat fragend starrten alle Augen ihn
an; um die Lippen aller spielte ein sonderbares, verlegen verschmtes
Lcheln;

Nun hie es mit gutem Beispiel vorangehen! Unbekmmert weiter marschieren
ohne stehen zu bleiben oder aufzublicken! Es war ja im Grunde ganz alles
eins was man tat. Ein Davonlaufen oder Verstecken gab's da nicht. Da hie
es Glck haben; -- sonst gab es keinen Schu. Also vorwrts, als wte man
von nichts! War nur einer da, der sich nichts aus der Sache zu machen
schien, dann bekamen's die anderen mit der Scham, kontrollierten sich
gegenseitig, und dann war alles gewonnen. Er merkte es ja an sich selbst,
wie ihm das Gefhl, von allen Seiten beobachtet zu werden, Haltung gab.
Wre er ganz allein gewesen, er htte sich vielleicht hingeworfen; htte
hinter einem Stein Deckung gesucht, und wenn er noch so klein gewesen wre.

-- War nur ein Weitschu! Vorwrts Kinder! -- rief er laut, fast frhlich
gemacht von dem Gefhl: seinen Leuten eine Sttze zu sein. Da schwirrten,
-- ehe er noch fertig gesprochen hatte, schon die nchsten heran. Er
versteifte alle Muskeln, und knirschte vor Wut, als sein Oberkrper dennoch
zurckfuhr, und der Kopf fr einen Augenblick zwischen den Schultern
versank. Nicht die Wucht, mit der das Heulen heranflog, lie ihn
zusammenzucken! Die sonderbare Deutlichkeit, mit der die Flugbahn, genau
wie auf der Abbildung im Artillerieunterricht, sich vor ihm wlbte; dieses
widernatrliche Gefhl, einen Ton mehr mit den Augen, als mit dem Ohr
erfassen zu mssen, das war's, wogegen kein Wille aufkam.

Man mute was tun, sich irgendwie die Illusion verschaffen, nicht ganz
wehrlos zu sein! -- Kompagnie Laufschritt! -- schrie er, so laut er nur
konnte, beide Hnde als Sprachrohr vor dem Mund.

Wie erlst strmten die Leute los. Die Spannung schwand von ihren
Gesichtern; jeder einzelne war irgendwie mit sich beschftigt, stolperte,
raffte sich auf, haschte nach locker gewordenen Ausrstungsstcken; und in
dem allgemeinen Keuchen und Pusten ging der drohende Pfiff der ankommenden
Geschosse fast unbemerkt unter.

Nach einer Weile war es Hauptmann Marschner, als fauchte ihm jemand ins
linke Ohr hinein. Er wandte den Kopf, und sah Weixler, dunkelrot im
Gesicht, neben sich herlaufen. -- Was gibt's? -- frug er, unwillkrlich in
Schritt fallend.

-- Herr Hauptmann, ich meld' gehorsamst, man sollt' ein Exempel statuieren!
Der Simmel, der Feigling, demoralisiert die ganze Kompagnie. Bei jedem
Schrapnell schreit er Jesus-Maria, schmeit sich hin und macht den andern
Angst. Man sollt' den Kerl als abschreckendes Beispiel . . . .

Mitten in den Satz sauste eine Lage von vier Schrapnells hinein. Das Heulen
schien noch lauter. noch schrfer geworden zu sein; dem Hauptmann war's,
als flitzte, blendend hell, eine ungeheure Sense in steilem Bogen direkt
auf seinen Schdel zu. Diesmal aber durfte er mit keiner Wimper zucken! Wie
beim Zahnarzt, wenn die Zange ansetzt, krampften sich seine Glieder;
zugleich starrte er seinem Leutnant forschend ins Gesicht, neugierig, wie
er sich im ersehnten Feuer nun benahm. Allein der schien von den
Schrapnells gar nicht Notiz zu nehmen. Er reckte sich, sah mit gespannter
Aufmerksamkeit zum linken Flgel hinber und rief emprt:

-- Da! Siehst, Herr Hauptmann! Da liegt der verdammte Kerl schon wieder!
Ich will ihm doch . . .

Ehe ihn Marschner erhaschen konnte, war er schon losgesprungen, blieb aber
auf dem halben Wege stehen, machte Kehrt und kam mimutig zurck.

-- Der Kerl ist getroffen, -- meldete er mrrisch, mit einem verrgerten
Achselzucken.

-- Getroffen? -- entfuhr es dem Hauptmann, und ein hlicher, bitterer
Geschmack klebte ihm pltzlich die Zunge an den Gaumen. Er sah die frostige
Ruhe in Weixlers Zgen, den teilnahmslosen, gleichgltigen Blick, und seine
Hand zuckte in die Hhe. Schlagen htte er ihn mgen, so aufreizend wirkte
diese Unberhrtheit, so weh tat ihm dieses hingeworfene der Kerl ist
getroffen. Das Bild des netten Mderls, mit der hellen Schleife in den
roten Locken, blitzte vorbei, und die Vision einer verkrmmten Leiche, die
ein Kind in den Armen hielt. Wie durch einen Schleier hindurch sah er
Weixler, an sich vorbei, der Kompagnie nacheilen, und lief hinber, wo
neben etwas Unsichtbarem zwei Sanittssoldaten knieten.

Der Verwundete lag am Rcken; seine flammend roten Haare umrahmten ein
grn-graues, gespenstisch-regungsloses Gesicht. Vor wenigen Minuten hatte
Hauptmann Marschner den Mann noch laufen, -- dasselbe Antlitz noch erhitzt,
in erregter Lebendigkeit gesehen. Seine Kniee gaben nach; -- wie eine kalte
Hand whlte der Anblick dieses unfabar jhen Wechsels in seinem Innern.
War das mglich? . . . . Konnte so alles Blut in einer Sekunde entweichen;
ein gesunder, krftiger Mensch in wenigen Augenblicken zur Ruine zerfallen?
Welche Hllenkraft lauerte in so einem Stck Eisen, da es die Arbeit
monatelangen Siechtums zwischen zwei Atemzgen verrichten konnte.

-- Keine Angst, Simmel, -- stammelte der Hauptmann, auf die Schulter eines
Sanittssoldaten gesttzt, -- man wird sie runtertragen zum Train! -- und
tief atemholend, rang er sich mhsam die Lge ab: -- Jetzt kommen's gar als
Erster nach Wien zurck! -- Er wollte auch noch etwas von der Familie, von
dem rotlockigen Mderl hinzufgen, brachte es aber nicht ber die Lippen.
Es war ihm bange vor einem Aufschrei des Sterbenden nach den Seinen, und
ein inneres Zittern durchlief ihn, als der qualvoll verzerrte Mund sich
langsam auftat. Er sah die Augen sich ffnen; erschauerte vor dem glsernen
Blick, der an nichts Krperlichem mehr einen Halt zu finden, durch alle
Anwesenden hindurch in weiter Ferne was zu suchen schien. Der Krper
krmmte sich unter den whlenden Hnden des Sanitters; aus der
aufgerissenen, blutberstrmten Brust stiegen gurgelnd unverstndliche
Laute, bliesen den roten Schaum vor dem Mund zu platzenden Luftblasen auf.

-- Simmel! Was wollen Sie Simmel? -- bat Marschner, tief ber den
Verwundeten gebeugt. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er dem Lallen,
berzeugt, da es eine letzte Botschaft zu erhaschen galt! Er atmete auf,
als die verirrten Augen endlich zurckfanden, und ngstlich forschend
haften blieben auf seinem Gesicht. -- Simmel -- rief er wieder und haschte
nach der Hand, die zitternd die Wunde suchte. -- Simmel! Kennen's mich denn
nicht?

Simmel nickte. Er ri die Augen auf, seine Mundwinkel sanken herab, und
weinerlich, vorwurfsvoll, -- wie es dem Hauptmann schien, -- kam aus der
zerfetzten Brust die Klage: -- Weh -- -- Herr Hauptmann -- -- -- so weh! --
und nach einem kurzen, rchelnden Schmerzenslaut wiederholte er schumend,
mit einem gellenden Wutschrei: -- Weh! -- -- -- Weh! -- -- -- und schlug um
sich, mit Hnden und Fen.

Hauptmann Marschner sprang auf. -- Tragt's ihn hinunter! -- befahl er,
hielt sich, ohne zu wissen was er tat, die Ohren zu, und lief davon, der
Kompagnie nach, die schon oben auf der Kammlinie stand. Er lief, den Kopf,
wie in einen Schraubstock, zwischen die Hnde gepret, torkelnd, atemlos;
von einer Angst getrieben, als strmte das Wehklagen des Verwundeten mit
erhobener Axt hinter ihm her. Er sah den eingeschrumpften Leib sich winden,
sah das blitzschnell verwelkte Gesicht, das vergilbte Wei der Augen, und
das So weh, Herr Hauptmann klang in ihm fort, krallte sich ihm in die
Brust, da er, oben angelangt, halb erstickt niederfiel, als htte man ihm
den Boden unter den Fen weggezogen.

Nein, er konnte das nicht! Er wollte nicht mehr! . . . . Er war kein
Henker; war nicht fhig, Menschen in den Tod zu peitschen; konnte nicht
taub sein fr ihren Jammer, fr dieses Kinderwimmern, das wie bitterer
Vorwurf sein Gewissen traf! Seine Fe stampften trotzig den Boden; alles
in ihm bumte sich gegen die Aufgabe, die ihn rief.

Unten dehnte sich das Schlachtfeld; trostlos grau. Kein Baum, kein
Fleckchen Grn. Eine steinerne Wste; zerhackt, zermrbt, aufgewhlt, ohne
ein einziges Lebenszeichen. Die Laufgrben, die, in der Talsohle beginnend,
hinauffhrten zum Hgelrand, aus dem die Drahtzune starrten, sahen wie zum
Griff gespannte Finger aus; krallten sich tief in den erwrgten Boden ein.
Marschner blickte sich unwillkrlich noch einmal um. Hinter ihm senkte sich
die grne Bschung steil zu dem Wldchen, in dessen Schutz er seinen Train
zurckgelassen hatte. Weiter rckwrts glnzte wei die Landstrae, wie ein
Flu, von bunten Wiesen umrahmt. Eine kurze Wendung -- und das Grn
verschwand! Alles Leben ging unter, wie niedergebrllt von den Geschtzen,
von dem Heulen und Knallen, das, gleich dem Pulsschlag eines ungeheuren
Fiebers, in das jenseitige Tal hineinhmmerte. Granattrichter neben
Granattrichter ghnte dort unten; dicke, schwarze Erdsulen sprangen
zuweilen auf, verdeckten fr Augenblicke ein Teilchen dieser zu Asche
gebrannten de, aus der die geborstenen, wie mit dem Federmesser
zerschnitzelten Baumstmpfe hhnend emporragten, eine Herausforderung an
die ohnmchtige Phantasie: in diesem Totenfeld aus Schutt die Landschaft
wiederzuerkennen, die es gewesen, ehe der Wahnsinn darber hinweggefegt,
und es mit Trmmern best zurckgelassen hatte, wie einen Tanzboden, auf
dem zwei Welten um eine Dirn' gerauft.

Und in dieses Hllental sollte er nun hinuntersteigen! Dort unten _leben_,
fnf Tage und fnf Nchte lang, mit einem Hufchen Verdammter da
hinausgespien, bei lebendigem Leibe auf den Angelhaken gespiet, als Kder
fr den Feind! . . . .

Ganz allein, von niemandem belauscht, umtobt von dem Platzen der Geschosse,
die da oben dicht, wie Gewitterregen fielen, -- gab Hauptmann Marschner
sich ganz seiner Wut hin, der ohnmchtigen Wut gegen eine Welt, die ihm
solches angetan! Er fluchte, schrie seinen Ha aus voller Kehle in den
tauben Lrm hinein, und sprang auf, als weit unten, fast im Tal schon,
seine Leute auftauchten, gefolgt von Leutnant Weixler, der hinter ihnen
herlief, wie ein Metzgergesell, der seine Ochsen zur Schlachtbank treibt.
Der Hauptmann sah sie eilen, sah die Sprengwolken sich mehren ber ihren
Kpfen, sah, zwischen sich und ihnen, da und dort auf dem Abhang, wie
liegengebliebene Ruckscke, blau-graue Hufchen zerstreut, regungslos die
einen, wie groe Spinnen zappelnd die anderen; -- und strmte los.

Wie toll raste er ber die steile Bschung, fhlte kaum die Erde unter den
Fen, hrte das Prasseln der Sprengstcke nicht, flog mehr, als er lief,
stolperte ber verkohlte Wurzeln, fiel hin, raffte sich auf und sprang
weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen, mit geschlossenen Augen
fast. Ab und zu sah er -- wie aus dem Eisenbahnfenster --, ein blasses,
verstrtes Gesicht vorbeihuschen; einmal war's ihm, als wimmerte jemand um
Wasser; aber er wollte nichts sehen, wollte nichts hren, lief weiter,
blind und taub, unaufhaltsam, gejagt von der Angst vor jenem bsen,
vorwurfsvollen So weh! . . . .

Nur einmal blieb er stehen, fest gewurzelt, als wre er in eine Falle
getreten, die sich eisern an seine Beine klammerte. Eine Hand hielt ihn
auf, eine graue, verkrampfte Hand, die mit gekrmmten Fingern, wie aus
Stein gehauen, starr vor ihm aufragte. Ein Gesicht sah er nicht; hatte
keine Ahnung, wer ihm drohend die tote Faust entgegenhielt. Nur, da diese
selbe Hand vor zwei Stunden noch gelebt, drben im Wldchen gemchlich
Schwarzbrot in Scheiben geschnitten, oder eine letzte Feldpostkarte
geschrieben hatte, wute er. Und ein Grauen sprang ihn an vor diesen
Fingern, gab seinen Beinen neue Kraft, da er, wie ein Knabe, in groen
Stzen weiter strmte, bis er mit fliegenden Flanken, eine rote Wolke vor
den Augen, endlich bei der Kompagnie ankam, ganz unten im Tal schon, am
Eingang der Laufgrben.

Leutnant Weixler trat stramm vor ihn hin, und meldete den Verlust von
vierzehn Mann. Marschner hrte den Stolz, der in seiner Stimme klang, wie
Triumph ber das Geleistete, wie das Jubilieren eines unreifen Jungen, der
mit den ersten Hrchen auf der Oberlippe prahlt, mit Wrde seinen jungen
Ba forciert. Was waren diesem Burschen die Verwundeten, die oben, auf dem
Abhang, sich kugelten? Der rothaarige Feigling mit seinem Gewimmer, -- die
Kinder, die ihrer Ernhrer beraubt einem Bettlerdasein, dem Sumpf,
vielleicht dem Gefngnis entgegenreiften -- alles Statisten, Hintergrund,
dessen Dunkel leuchtend den Heldenmut des Leutnant Weixler hob. Vierzehn
blutige Leiber sumten den Weg, den er furchtlos gegangen. Muten seine
Augen nicht Hochmut sprhen? . . . .

Der Hauptmann eilte weiter, an Weixler vorbei. Nur nicht ihn anschauen --
sagte er sich, -- nur nicht diesem zufrieden leuchtenden Blick begegnen;
sonst knnte der Zorn Herr werden ber alle Vernunft, die Zunge sich lsen,
die geballte Rechte den Weg des eigenen Willens gehen! Hier aber mute er
diesen Menschen schonen, hier war der Leutnant Weixler in seinem Recht,
wuchs von Minute zu Minute, berragte alle, schwamm obenauf, whrend die
anderen, mit der Last ihrer gereiften Menschlichkeit behngt, klotzig
versanken. Hier galten andere Gesetze! Der finstere Schacht, in dem man nun
mit zitternden Knien vorwrts wankte, fhrte zu einer Insel, die nur der
Tod umsplte. Wer da strandete, durfte nichts mithaben, was er in einer
anderen Welt gebraucht. Nur wer nichts herbergerettet hatte, als Faust und
Axt, war hier der Meister; war der Reiche, an dessen berflu die anderen
sich klammerten. Immer klarer wurde es Hauptmann Marschner, whrend er sich
durch den glitschigen Graben betubt weiter tastete, da er seinen
verhaten Leutnant jetzt wie einen Schatz hten msse, da er verloren
wre, ohne ihn! Er sah die Spur geronnener Blutlachen vor seinen Fen,
trat auf zerfetzte, blutdurchtrnkte Uniformstcke, auf abgeschossene
Hlsen, klirrende Konservenbchsen, Geschotrmmer; ghnende Granattrichter
ffneten sich pltzlich, mit angebrannten Brettern halsbrecherisch
berbrckt; berall grinsten die Spuren tobschtiger Verwstung, verkohlte
Reste, ein Wust von Drhten, Pfosten, Scken, zerbrochenen Werkzeugen, eine
atemraubende, schwindelerregende Unordnung, eingehllt in stickigen
Brandgeruch, Pulverdampf, und den scharfen, stechenden Atem der
Ecrasitgranaten; die Erde auf Schritt und Tritt von riesenhaften
Explosionen zerfleischt, mhsam zusammengeflickt, wieder aufgerissen, noch
einmal eingeebnet, -- da man, wie durch einen Orkan, wie von einem Wirbel
erfat, bewutlos dahintorkelte.

Zermalmt von der Wucht seiner Eindrcke, kroch Hauptmann Marschner wie ein
Wurm durch den Graben, und seine Gedanken kehrten immer leidenschaftlicher,
immer verzweifelter zu Leutnant Weixler zurck. Nur Weixler konnte ihm
helfen, konnte ihn ersetzen, mit seiner frostigen, grimmigen Energie, mit
seiner Blindheit fr alles, was nicht an seinem eigenen Leben ri, was
berstrahlt wurde von der glanzvollen Vorstellung eines mit Dekorationen
bersten, auertourlich befrderten Erich Weixler! -- -- ngstlich sah er
sich immer wieder nach seinem Leutnant um; atmete auf, so oft von rckwrts
die schnarrende, treibende Stimme an sein Ohr schlug.

Noch immer wollte der Graben kein Ende nehmen! Marschner fhlte seine
Krfte erlahmen, stolperte immer hufiger, und schlo doch erschauernd die
Augen vor den sich kreuzenden Blutspuren, die genau den Weg der Verwundeten
zeigten. Auf einmal ri er den Kopf hoch. Ein neuer Geruch drang auf ihn
ein, ein slicher Gestank, der immer strker wurde, bis er, bei einer
Einbuchtung der Grabenwand, die hier, nach links einschwenkend,
halbkreisfrmig zurcktrat, wie eine dichte Wolke vorbrach. Von Ekel
geschttelt, den Magen in der Kehle sah er sich um, erblickte in der
Vertiefung einen Hgel von schmutzigen, zerfetzten Uniformen, bereinander
geschichtet, mit merkwrdig starren Kontouren. Nur allmhlich erfate sein
Blick das Grauen, das sich vor ihm trmte. Gefallene Soldaten lagen da, wie
zusammengetragene Bretter und Traversen auf einem Bauplatz; verkrmmt, wie
der Todeskampf sie gelassen. Zeltbahnen waren ber sie gebreitet, waren
beiseite geglitten, enthllten steingraue, grimmige Fratzen, herabgefallene
Kinnladen, glotzende Augen. Die Arme der Obenaufliegenden hingen wie ein
Spalier bis zur Erde hinab, griffen den Unteren ins Gesicht, waren schon
berst mit den bunten Flecken der Verwesung.

Hauptmann Marschner stie einen kurzen, rlpsenden Schrei aus und torkelte
vornber. Sein Kopf erzitterte im Genick, wie haltlos geworden; seine Knie
knickten ein, da er den Boden schon auf sich zukommen sah, als pltzlich
ein unbekanntes Gesicht vor ihm auftauchte, seinen Blick auf sich zog, ihm
jh wieder Haltung gab. Ein fremder Feldwebel stand vor ihm, starrte ihn
sprachlos an, mit groen, fiebrig glnzenden Augen in dem totenbleichen
Gesicht. Eine Sekunde lang blieb er wie gelhmt, dann ri er den Mund auf,
klatschte in die Hnde, sprang in die Luft, wie ein Tnzer, und lief, ohne
an eine Ehrenbezeugung zu denken, in riesigen Sprngen davon.

-- Ablsung! -- schrie er im Laufen, blieb stehen vor einem schwarzen Loch,
das wie der Eingang zu einer Hhle in der Grabenwand ghnte, und rief mit
unbeschreiblichem Jubel in der Stimme, mit einem Jauchzer, der wie durch
Trnen klang, gebckt, in die finstere ffnung hinein: -- Ablsung! . . .
Herr Oberleutnant! Ablsung is' da! . . .

Der Hauptmann folgte ihm mit den Blicken, hrte den Ruf, und seine Augen
wurden feucht, so rhrend war dieser kindliche Freudenschrei, dieses
Schmettern aus befreiter Brust. Langsam ging er dem Feldwebel nach, sah, --
als htte der Schrei die Toten geweckt, -- aus allen Ecken blasse Gesichter
hervorlugen, Verwundete mit blutigen Verbnden, schlotternde Gestalten mit
dem Gewehr in der Hand. Von allen Seiten strmten Leute herbei, starrten
ihn an, formten mit den Lippen lautlos das Wort Ablsung nach, bis
endlich einer losbrllte, ein gellendes Hurrah ausbrachte, das wie Feuer
weiterlief, ein Echo fand in unsichtbaren Kehlen, die es begeistert
wiederholten. Erschttert beugte Marschner den Kopf; -- fuhr sich schnell
mit der Hand ber die Augen, als ihm der Kommandant aus der Hhle
entgegenstrzte.

Nichts war mehr lebendig an diesem Menschen: sein Gesicht war aschgrau,
seine Augen erloschen, glanzlos, von fingerbreiten Rndern umzogen; die
Lider glhend rot vom Wachen. Haare, Bart, Kleidung waren berzogen mit
einer dicken Kruste aus Lehm und Schmutz, da er aussah, als wre er eben
aus dem Grab gestiegen. Die Hand, die, nach kurzer, militrischer Meldung,
mit berschwenglicher Freude die Rechte des Hauptmanns umklammerte, war
leichenkalt, und klebte von Schwei und Erde. Unheimlich war der Gegensatz
zwischen diesem, mit Kleidern behngten Knochengerippe, zwischen dieser
starren Totenmaske, und der zappligen, berreizten Lebendigkeit, mit
welcher der Oberleutnant ber seine Befreier herfiel.

Die Worte strmten wie ein Wasserfall von seinen zersprungenen Lippen. Er
zog Marschner in die Hhle hinein, drckte den Strauchelnden, der, wie
geblendet um sich griff, auf eine unsichtbare Sitzgelegenheit nieder, und
begann zu erzhlen. Nicht einen Augenblick konnte er ruhig stehen. Er
hpfte, schlug sich an die Schenkel, lachte berlaut, lief tnzelnd auf und
ab, warf sich auf das Lager in der Ecke, verlangte zwischendurch immer
wieder eine Cigarette, schleuderte sie, -- ohne es zu merken, -- nach zwei
Zgen schon weg, und bat gleich um eine neue.

-- Also drei Stunden spter, -- krhte er selig, mit einer forcierten
Heiterkeit, -- Drei . . . nein! In _einer_ Stund schon wr's zu spt
g'wesen. Weit', wie viel Patronen ich noch hab? Elfhundert im ganzen!
Maschinengewehr: ausgeleiert; Telephon: kaput, seit gestern Nacht schon!
Patrouille zum reparieren, -- unmglich, weil ich jeden Mann im Graben
brauch. Hundertvierundsechzig san mir eingezogen, -- jetzt hab' ich noch
einunddreiig, und elf Verwundete, die kein G'wehr mehr halten knnen.
Einunddreiig Manderln, und damit soll ich den Grab'n halten. Heit Nacht
war'n wir noch fnfundvierzig, wie's kommen sind; haben's auch zum Teufl
g'jagt; aber vierzehn san wieder draufgangen! Die habn mir noch gar nicht
begraben knnen. Hast sie nit liegen g'sehn, vor dem Mannschaftsunterstand?
--

Der Hauptmann lie ihn reden; hatte die Ellenbogen auf den primitiven Tisch
aufgesttzt, hielt den Kopf zwischen den Hnden, und schwieg. Seine Augen
irrten durch den finsteren, muffigen Raum, den ein blakendes
Petroleumlmpchen mit seinem Gestank erfllte. Er sah das verschimmelte
Stroh in der Ecke, den verwaisten Fernsprecher neben dem Eingang, eine
leere Konservenkiste, auf der eine verknllte Landkarte ausgebreitet lag;
sah einen Berg von Gewehren, Bndel von Uniformen, mit Zetteln besteckt;
und fhlte, wie langsam ein stummes, eisiges Grauen in ihm hochstieg, ihm
den Atem verschnrte, als lge die Erde, die da oben von geborstenen
Brettern gehalten, jeden Augenblick niederzustrzen drohte, mit Zentnerlast
auf seiner Brust. Wie ein bser Traum wirkte dieses tnzelnde Gespenst, mit
dem kichernden Totenkopf, der vor acht Tagen vielleicht noch jung gewesen;
und der Gedanke, da jetzt an ihn die Reihe kam, in diesem Grabgewlbe
fnf, sechs, acht Tage lang auszuharren, die gleichen Greuel zu erleben,
die der andere lachend erzhlte, steigerten seine Mutlosigkeit zu einer
heien, hmmernden Emprung, die er kaum noch meistern konnte. Er htte
brllen mgen; aufspringen, hinauslaufen, und aus tiefster Seele heraus die
Menschheit anbrllen, warum sie ihn dahergeworfen, warum er da liegen
bleiben sollte, bis er zu Aas oder zum Narren geworden. Er konnte es nicht
begreifen, wie er sich hatte hier hinaustreiben lassen; sah keinen Sinn,
kein Ziel, nur dieses Erdloch, die verwesenden Leichen drauen und --
gleich daneben --, einen Schritt weit nur von dieser Tobsucht, sein Wien,
wie er es vor zwei Tagen erst verlassen hatte, -- mit Trambahnen,
Schaufenstern, grenden Menschen und Theaterslen. Was war das fr ein
Wahnsinn, hier zu kauern, in blder Geduld auf den Tod zu warten, -- in
Schmutz und Blut, wie ein Tier, auf nackter Erde zu verrecken, whrend
andere froh, sauber, geschmckt, in hellen Slen saen, sich was
vormusizieren lieen, in ihr weiches Bett krochen, ohne Angst, ohne Gefahr;
gehtet von einer Welt, die entrstet ber jeden herfiele, der ihnen auch
nur ein Hrchen krmmen wollte! . . . . War er schon irr, oder waren's die
anderen?

Seine Pulse tobten, als mte die Brust ihm platzen, wenn er sich diese Not
nicht von der Seele schreien durfte. Und in diesem Augenblick kam Leutnant
Weixler in geschftiger Eile, wie ein Ballarrangeur, in den Unterstand,
stellte sich stramm vor ihn hin und meldete, da oben alles in Ordnung sei,
da er die Posten schon bestimmt, die Wachen abgeteilt, die
Maschinengewehre schon plaziert habe. Der Hauptmann sah ihn an, und mute
die Augen niederschlagen, wie geohrfeigt von dieser Gelassenheit, die seine
Wut jh zu einer tiefen, brennenden Scham welken lie. Warum blieb dieser
unberhrt von der groen Todesangst, die hier die Luft schwngerte? Warum
konnte dieser da ordnen, befehlen, mit der Umsicht eines reifen Mannes
walten, whrend er wie ein verschchtertes Kind sich verkroch, mit dem
sinnlosen Trotz der bedrngten Kreatur sich gegen das Schicksal bumte,
statt es zu meistern, wie es seinem Alter geziemte? . . . War er denn feig?
. . War er wirklich von niedriger, klglicher Angst beherrscht, -- von
jener erbrmlichen Blindheit der Seele, die ber das eigene Ich nicht
emporblicken, fr keine Idee sich selbst bersehen kann? War er so, ohne
Sinn fr Gemeinschaft, wirklich ganz von kurzsichtiger Selbstsucht
beherrscht; um sein nacktes, elendes Dasein nur besorgt? . . . .

Nein, so war er nicht! Hing nicht mehr an seinem Leben, als irgend ein
anderer; knnte es begeistert hingeben ohne Fahnen, ohne Rausch, ohne
Applaus! Wenn der feindliche Graben da drben mit Menschen, wie der Weixler
gefllt wre, wenn der Kampf gegen diese verbohrte Hrte ginge, gegen diese
mit Menschenfleisch aufgemsteten Schlagworte, gegen diese ganze,
raffiniert aufgebaute Gewaltmaschine, die ihre Schtzlinge als Schutzwall
vor sich hertrieb, -- -- -- er wrde sich mit den bloen Fusten
hineinstrzen, ohne das Platzen der Geschosse, das Wimmern der Verwundeten
zu hren! . . . Nein, er war nicht feig. Nicht so, wie diese beiden
dachten! Er sah sie spttisch blinzeln, sich heimlich lustig machen ber
den unglcklichen Landsturmonkel, der wie ein Hufchen Elend in der Ecke
sa. Was wuten die von seiner Not! Standen da als Helden, fhlten den
Blick der Heimat auf sich ruhen, sprachen Worte, die, getragen von dem Echo
einer Welt, die Einsamkeit mit Gleichgesinnten bevlkerten und die Kraft
von Millionen in ihre Seele strmten; -- und lachten ber einen, der tten
sollte ohne Ha, und sterben ohne Begeisterung, fr einen Sieg, der ihm
nichts war als Gewalt, die sich durchsetzte, weil sie strker zuschlug,
nicht aber weil sie im Rechte, weil ihr Ziel gut und edel war. Mchten
diese nur ber ihn spotten; -- er hatte keinen Grund sich zu verkriechen
vor ihrem Mut!

Ein kalter, stolzer Trotz durchstrmte ihn, da er aufstand, auf einmal
stark geworden, wie gehoben von der bermenschlichen Last, die er allein
auf seinen Schultern trug. Er sah den Oberleutnant immer noch umhertnzeln,
alles zusammenraffen und in seinen Rucksack stopfen; hrte ihn brllend den
Burschen beschimpfen, zur Eile treiben, und zwischendurch immer wieder neue
Einzelheiten auskramen, grausige Episoden aus den Kmpfen der letzten Tage,
die Weixler mit gespannter Aufmerksamkeit verschlang.

-- Was fragst? -- schrie er eben lachend seinen Zuhrer an, -- ob
d'Italiener auch groe Verluste g'habt haben? Ja, meinst, wir hab'n uns nur
so z'ammpfeffern lassen wie die Has'n? Kannst dir ja ausrechnen, was die
verloren haben, in den elf Angriffen, wann mir schon auf dreiig Manderln
zammg'schmolz'n san, ohne aus'm Graben zu kriechen. Die soll'n nur so
weiter machen, noch a paar Woch'n lang, dann werden's bald fertig sein mit
ihrem Menschenmaterial! --

Hauptmann Marschner hatte nicht aufpassen wollen, stand ber die Karte
gebeugt und fuhr in die Hhe, als das Wort Menschenmaterial an sein Ohr
schlug. Das klang in seine Gedanken hinein, wie ein Hohnschrei; -- als
htten die beiden ihn durchschaut und sich verabredet, ihm so recht zu
zeigen, wie allein er war.

Menschenmaterial!

In einem Graben, den Leichengeruch durchzog, der Einschlag der Granaten
durchzitterte, standen zwei: jeder selbst Einsatz, und sprachen, whrend
auch um ihre Knochen die Wrfel noch rollten, von Menschenmaterial!
Brachten dies ruchlos-schndliche Wort ber die Lippen, ohne jede Emprung,
als wre es nur natrlich, da ihr Leib nicht mehr als eine Spielmnze war
in der Hand von Menschen, die sich das Recht nahmen, wie Gtter zu spielen!
Legten ihr einzig-unwiederbringliches Leben ohne Bedenken einer Macht unter
die Fe, die es erst mit ihren Leichen beweisen konnte, ob sie den Einsatz
richtig zu plazieren wei. Und die so sprachen, waren Offiziere! . . . . Wo
gab es da noch einen Hoffnungsschimmer?

Drauen bei den Einfachen, beim Kanonenfutter vielleicht! Die kauerten
jetzt ergeben auf ihren Pltzen, dachten nach Hause, und fhlten sich doch
jeder immer noch als Mensch. -- Es zog ihn zu seinen Leuten, zu ihrer
stillen, stumpfen Trauer, zu dieser wirklichen Gre, die ohne Pathos und
ohne Feierlichkeit, gleichsam in der Hausjoppe, geduldig den Heldentod
erwartete. Lautlos ging er, an den beiden Schwtzern vorbei, hinaus ins
Freie.

Vor dem Ausgang standen marschbereit die briggebliebenen der abgelsten
Kompagnie im Laufgraben: immer zwei Mann mit einem toten Kameraden auf der
Zeltbahn zwischen sich. Ein langer Zug, erschtternd in der lautlosen
Erwartung, in die von oben das Zischen und Knallen der Schrapnells, das
Krachen der Granaten wie eine Drohung an die noch Lebenden sich mischte.
Marschner ballte erbittert die Fuste gegen diese drhnende
Unersttlichkeit, als pltzlich der bleiche Feldwebel vor die Toten trat,
und ihn aus seiner Versunkenheit schreckte.

-- Herr Hauptmann, ich meld' gehorsamst, wir haben noch drei
Schwerverwundete, die net geh'n knnen, auer unsere vierzehn Toten. Fr
die drei Italiener sind mir keine Trger geblieben.

-- Die lass'n wir euch zum Andenken da! -- fiel mit seinem drhnenden
Lachen der Oberleutnant ein, der eben mit Weixler den Unterstand verlie.
-- Bei der Nacht kannst du sie da oben, zwischen den Laufgrben,
verscharren lassen, Herr Hauptmann. Wann's finster wird, verlegen die Herrn
Katzelmacher ihr Sperrfeuer weiter zurck, da kann man schon hinauf. Viel
Ruh werdens zwar net hab'n, denn die Granaten rei'n alles wieder auf; aber
unsere eigenen Toten habens auch net schner. Meinen armen Kadetten hab ich
scho' dreimal begraben lass'n.

-- Wie kommen denn die drei berhaupt her? -- fragte Leutnant Weixler sich
vordrngend, -- Habt's ihr denn einen Grabenkampf g'habt?

Der Oberleutnant schttelte stolz den Kopf: -- Ja warum net gar! So weit
hab'ns die Herrschaften nie 'bracht. Die Drei hab'n uns vorgestern Nacht
den Stacheldraht abzwick'n wollen. Aber unser Maschinist hat's erwischt und
hat ihnen den Spa verdorb'n mit seiner Kugelspritz'n. Na, und nachher
san's uns grad so vor der Nas'n g'legen, und haben so wunderschne
kanariengelbe Schuh ang'habt; die haben ihnen meine Leut net gnnt. Da --
schlo er mit einem Fingerzeig auf die Fe des blassen Feldwebels, -- da
hast gleich ein Paar davon. Jetzt mss'n wir aber gehn! Los, Feldwebel!
Respekt, Herr Hauptmann. Die Katzelmacher wer'n schaun, heut abend, wann's
so daherkommen, um uns schn bequem abzukrageln, und auf einmal legen
hundertfnfzig Gewehre los und zwei feine neue Kugelspritzen. Haha! Schad',
da i net dabei sein kann! Servus Kleiner, viel Glck! -- Einen lustigen
Gassenhauer trllernd folgte er seinen Leuten; ohne sich noch einmal
umzusehen, ohne zu bemerken, da Marschner ihm noch ein Stck weit das
Geleite gab.

Frhlich, wie einen Sonntagsausflug, traten da Menschen den Weg an, der
ber das grausige Trmmerfeld, den steilen, zerschossenen Hgel fhrte.
Welche Hlle muten die hier, in diesem Maulwurfsbau, durchlitten haben!
. . . . Mit einem schweren Seufzer blieb der Hauptmann stehen. Es war, als
ginge mit der langen, grauen Kolonne, die sich langsam durch den Graben
schlngelte, die letzte Hoffnung weg. Der Rcken des letzten Soldaten, wie
er so schaukelnd immer kleiner wurde, war die Welt; der Blick klammerte
sich an diesen Rcken, ma bang die schwindende Entfernung von der
Grabenecke, die ihn bald fr immer verdecken mute. Noch konnte man einen
Gru nachrufen, -- im Laufschritt noch einen Brief nachtragen! Dann
verschwand auch dieser letzte Mittler, die letzte Mglichkeit, die Weite in
zwei Hlften zu teilen. Und die Sehnsucht scheute zurck vor dem endlosen
Raum, den sie nun allein zu berbrcken hatte.

Marschner sank in sich zusammen, als er nun ganz verlassen im leeren Graben
stand. Wie ausgehhlt fhlte er sich, sah hilfesuchend umher, und sein
Blick blieb haften an der Mulde, die nun freigemacht war von den Leichen.
Nur die drei Italiener lagen noch da. Der eine zeigte sein Gesicht, sperrte
immer noch den Mund auf, zu einem Schrei, und seine Hnde krallten sich,
wie abwehrend, in den aufgedunsenen Leib. Die anderen lagen mit
hochgezogenen Knien, den Kopf zwischen den Armen. Die nackten Fe starrten
mit den grauen, verkrampften Zehen wie ausgeraubt, wie eine stumme Anklage
in den Laufgraben hinein. Es lag eine Ferne um diese Leichen, eine
Verlassenheit um diese entblten Fe! Ein wirres Gewebe aus Erinnerungen,
ein Gedrnge von verwehten Gesichtern flimmerte auf: Ruderknechte aus
Venedig -- -- geschwtzige Kutscher -- -- eine zahnlose Wirtin aus dem
Posilipo; -- -- -- zwei Urlaubsreisen durch Italien jagten ein Heer von
Leidtragenden vorbei, -- -- und als Letzte schlo die eigene Schwester den
Reigen, sa sorglos bei der Musik auf der Trkenschanze, whrend der Bruder
schon irgendwo starr auf der Erde lag, als toter Feind, den man mit dem Fu
beiseite schob.

Schaudernd eilte der Hauptmann weiter, als gingen die drei Toten, auf ihren
nackten Sohlen, lautlos hinter ihm her; fhlte sich wie geborgen, als er
endlich bei seinen Leuten ankam. Die Granaten fielen jetzt so dicht, da
keine Pause mehr die einzelnen Einschlge trennte, da alle Gerusche zu
einem einzigen, gleichmig flieenden Donner zusammenschmolzen, der die
Erde wie einen Schiffsleib erzittern machte. Nur einem Volltreffer, der
oben die Deckungen auseinanderwirbelte, folgte ein scharfes Krachen und
Splittern, und, wenige Minuten spter, schleppten zwei Mnner chzend eine
Leiche herunter, lehnten sie an die Grabenwand und stiegen, durch den
schmalen Schacht, wieder zurck auf ihren Posten. Marschner sah den
Feldwebel aufstehn, den Mund bewegen, -- dann erhob sich in der Ecke ein
Soldat, nahm sein Gewehr und stapfte mit schweren Schritten den beiden
anderen nach. Das war so trostlos! So unbarmherzig sachlich; etwa, wie man
bei Einzelbungen im Kasernenhof, gelangweilt der Nchste ruft. Nur da
sich um den Toten sofort eine kleine Gruppe zusammenscharte, von der
scheuen Neugier getrieben, die einfache Leute unwiderstehlich zu Leichen
und Beerdigungen zieht. Auch von ihm erwarteten die meisten, -- er fhlte
es an ihren Blicken, -- da er nun hinbergehen werde, um dem Toten seine
Reverenz zu erweisen. Aber er wollte nicht! Er war fest entschlossen, nicht
zu erfahren, wie der Gefallene hie; fest entschlossen, sich endlich
beherrschen zu lernen, allen kleinen Ereignissen gegenber gleichgltig zu
bleiben! So lange er das Antlitz des Toten nicht gesehen, seinen Namen
nicht gehrt hatte, war nur ein Mann gefallen, Einer von den vielen
Tausenden. Wenn man Distanz behielt, sich nicht ber jeden Einzelnen
beugte, kein fest bestimmtes Schicksal vor sich aufsteigen lie, war es gar
nicht schwer, gleichgltig zu bleiben.

Trotzig ging er vor den zweiten Schacht hin, der nach oben fhrte, und
merkte jetzt erst, da es ganz still geworden war; da kein Heulen, kein
Bersten mehr herunterdrang. Lhmend lste dieses Schweigen den betubenden
Lrm ab, -- fllte den Raum mit einer gespannten Erwartung, die ngstlich
in allen Augen flackerte. Er wollte sich befreien von diesem beklemmenden
Druck, und kroch durch den brckelnden Schacht in die Stellung hinauf.

Das erste was er erblickte, war der gekrmmte Rcken Weixlers, der sich mit
dem Fernglas vor den Augen an ein Schutzschild schmiegte. Auch die anderen
standen wie angesaugt an ihren Schiescharten, und die Regungslosigkeit
ihrer Schulterbltter hatte etwas Erschreckendes. Auf einmal durchlief ein
Zucken die erstarrte Reihe! Weixler sprang zurck, prallte gegen den
Hauptmann, schrie: -- Sie kommen! -- strzte weiter zum Schacht, und blies,
mit geblhten Backen in seine Alarmpfeife.

Hilflos starrte ihm Marschner nach, trat zaudernd zur Schiescharte, und
sah hinaus in das weite, rauchdurchzogene Feld, das jenseits der zerzausten
Drhte, grau, zerrissen und blutbefleckt sich wlbte, wie der geblhte Leib
einer riesenhaften Leiche. Weit rckwrts ging eben die Sonne unter, wuchs,
halb schon versunken, rotglhend aus dem Boden. Und vor diesem blendenden
Hintergrund tanzten schwarze Silhouetten, wie Mcken im Mikroskop, wie
Indianer, die das Kriegsbeil schwingen. Ganz klein waren sie noch
verschwanden bisweilen, sprangen hoch, kamen nher, fuchtelten mit den
Gewehren wie mit Polypenarmen, und ihr Geschrei wurde allmhlich hrbar,
anschwellend, wie fernes Hundebellen; hell heulend, wenn sie Avanti
brllten; wie von dumpfem Donnerrollen abgelst, wenn der Ruf Coraggio
durch ihre Reihen lief.

An der Bschung stand jetzt, dicht gedrngt, Kopf an Kopf die Kompagnie;
die Gesichter aus Stein, verbissen, kreidewei, mit lippenlosem Mund, das
Gewehr im Anschlag; -- ein einziges Raubtier mit hundert Armen und Augen.

-- Nicht schieen! Nicht schieen! Nicht schieen! -- gellte die Stimme
Weixlers ohne Atempause durch den Graben; schlang sich um alle Kehlen, und
hielt die Finger fest, die sich in bleicher Gier um die Hhne krallten.
Schon flog die erste Handgranate in den Graben! . . . . Der Hauptmann sah
sie kommen; -- sah einen Mann sich aus der Masse lsen, dem Ausgange
zutaumeln, mit ausgebreiteten Armen, vornbergebeugt, einen roten Schleier
aus Blut vor dem Gesicht. Da setzte -- endlich! -- erlsend das Tacken der
Maschinengewehre ein, und sofort rasten auch die Gewehre los, wie eine
schnaubende Meute. Eine abstoende, kalte Gier lag auf allen Gesichtern.
Manche schrieen laut auf vor Ha und Wut, wenn wieder neue Gruppen
auftauchten hinter den gelichteten Reihen; -- die Gewehrlufe glhten
schon, -- und immer noch kam das grhlende Coraggio nher und nher.

Wie von Tobsucht befallen hpften drauen die Silhouetten, sprangen in die
Luft, fielen hin, kollerten durch einander, als htte der Kriegstanz jetzt
erst seinen Paroxismus erreicht.

Da sah Hauptmann Marschner, wie der Mann neben ihm fr einen Augenblick das
Gewehr senkte, und mit hastigen, schlotternden Hnden das Bajonett auf den
rauchenden Lauf klemmte. Ein Erbrechen stieg in ihm hoch, da er
schwindelnd die Augen schlo und sich gegen die Grabenwand gelehnt, auf die
Erde niedergleiten lie. -- Sollte, . . . sollte er das . . . das sehen?
. . . Menschen morden sehen, aus nchster Nhe? . . Er ri den Revolver aus
der Tasche, nahm das gefllte Magazin heraus und warf es weg. Nun war er
wehrlos, -- wurde auf einmal ruhig, richtete sich auf, von einer
wunderbaren Gefatheit gehoben, bereit sich niedermachen zu lassen von
einem dieser keuchenden Tiere, die da, von blinder Todesangst gehetzt,
heranstrmten. Er wollte als Mensch sterben, ohne Ha, ohne Wut, mit
sauberen Hnden! . . .

Ein heiseres Aufbrllen, ein frchterlicher, entmenschter Schrei in seiner
nchsten Nhe, ri seine Gedanken in den Graben zurck. Ein breiter Strahl
aus Licht und Feuer fiel in steilem Bogen, blendend neben ihm nieder; flo
spritzend ber die Schulter des groen, pockennarbigen Schneiders vom
ersten Zug. Im Nu stand die ganze linke Seite des Mannes in Flammen. Er
warf sich heulend auf die Erde, wlzte sich kreischend, sprang wieder auf,
lief wie eine lebende Fackel jammernd umher, bis er zusammenbrach, halb
schon verkohlt, zuckend um sich griff, und erstarrte. Hauptmann Marschner
sah ihn liegen, atmete den Geruch des verbrannten Fleisches, und sein Blick
fiel unwillkrlich auf die eigene Hand, wo, unter dem Daumen, ein winziger,
weier Fleck, an die Qualen einer Brandwunde erinnerte, die er sich als
Junge zugezogen.

Durch den Graben lief in diesem Augenblick ein brausendes, jauchzendes
Hurrah aus hundert befreiten Kehlen. Der Angriff war abgeschlagen! Leutnant
Weixler hatte den Flammenwerfer auf's Korn genommen und auf den ersten
Schu getroffen. Die erstarrte Hand des Gefallenen hatte die Flammen, steil
aufsteigend wie eine Fontaine, auf die eigenen Kameraden ergossen, und die
dezimierten Reihen waren von der unerwarteten Gefahr jh zurckgescheut, --
wichen Hals ber Kopf, -- verfolgt von rasendem Feuer aus allen Gewehren.

Wie leblos fielen die Soldaten hin, mit schlaffen Zgen und erloschenen
Augen, als htte jemand den Kontakthebel der Leitung abgestellt, die diese
toten Leiber von irgendwoher mit Kraft gespeist hatte. Einzelne lehnten
ksewei an der Grabenwand, legten den Kopf beiseite, und erbrachen sich
vor bermdung. Auch Marschner fhlte ein belsein in sich aufsteigen;
tastete sich dem Ausgange zu. Nun wollte er in seinen Unterstand, -- ganz
allein sein, -- sich irgendwie befreien von der Verzweiflung, die ihn
umklammerte.

-- Holla! -- rief Leutnant Weixler ganz unerwartet in die Stille hinein,
und galoppierte nach links, wo die Maschinengewehre standen.

Der Hauptmann wandte sich noch einmal um, stieg auf den Antritt und sah ins
Vorfeld hinaus. Da, dicht vor den Drahthindernissen, kniete ein Italiener,
die Linke schlaff am Leib, die Rechte flehend erhoben, und rutschte langsam
heran. Weiter rckwrts, halb verdeckt von dem Knienden, regte sich etwas
auf der Erde. Drei Verwundete krochen dort, an den Boden gepret, dem
eigenen Graben zu; man sah genau, wie sie hinter Leichen Deckung suchten,
immer wieder eine Weile regungslos liegen blieben, um nicht entdeckt zu
werden vom Feind. So jmmerlich war der Anblick dieser gottverlassenen
Kreaturen, die so mit Zhnen und Krallen an das bichen Leben sich
klammerten, vom Tod umlauert, jede Sekunde wie eine Ewigkeit ber sich.

-- Geht's, ist nicht irgendwo ein Strick da? -- rief ein alter Korporal in
den Graben zurck, -- Der arme Teufel von an Salamucci dauert mich. Ziehg
mer ihn rein! --

Mitten in seine Rede perlte eine Skala des Maschinengewehres. Der Knieende
vor dem Stacheldraht horchte auf, warf sich zurck, wie zum Anlauf, und
fiel aufs Gesicht. Hinter ihm sah man die Erde stauben vom Einschlagen der
Kugeln, und die anderen, weit rckwrts, sich wie Schlangen aufrichten.
Dann machten alle drei einen kurzen Satz nach vorne; -- und blieben liegen.

Einen Augenblick stand Hauptmann Marschner sprachlos, sperrte den Mund auf,
und brachte keinen Laut aus der Kehle. Endlich lste sich seine Zunge, und
er schrie, mit einer wahnsinnigen, wrgenden Wut in der Stimme: -- Herr
Leutnant Weixler! --

-- Befehlen Herr Hauptmann? -- kam es unbefangen zurck.

Er lief dem Leutnant entgegen mit geballten Fusten, krebsrot im Gesicht.
-- Haben Sie geschossen? -- keifte er atemlos.

Der Leutnant sah ihn erstaunt an, legte die Hnde an die Hosennaht und
meldete stramm: -- Zu Befehl, Herr Hauptmann. --

Wieder blieb Marschner fr einen Augenblick die Stimme aus; seine Zhne
schlugen klappernd aneinander. -- Schmen Sie sich! -- stammelte er am
ganzen Leibe zitternd, -- auf wehrlose Verwundete schiet ein Soldat nicht,
merken Sie sich das! --

Weixler wurde kreidewei. -- Melde gehorsamst, Herr Hauptmann, der eine,
der bei uns war, hat mir die anderen verdeckt; ich hab' ihn nicht
verschonen knnen. -- Dann, mit jh sich aufbumendem Zorn, fgte er
trotzig hinzu: -- Ich dachte auch, wir htten genug hungrige Muler daheim.

Wie ein bissiger Hund fuhr der Hauptmann ganz nahe an ihn heran, stampfte
mit dem Fu und schrie: -- Was Sie denken interessiert mich nicht. Ich
verbiete Ihnen, auf Verwundete zu schieen! So lange ich hier das Kommando
fhre, ist jeder Verwundete heilig! Ob er zu uns will, oder zum Feind!
Haben Sie mich verstanden?

Der Leutnant reckte sich hochmtig. -- Dann mu ich Herrn Hauptmann
gehorsamst bitten, mir diesen Befehl schriftlich zu geben. Ich halte es fr
meine Pflicht, dem Feinde mglichst viel Schaden zuzufgen. Ein Mann, den
ich heute laufen lasse, kommt in zwei Monaten geheilt zurck, und schiet
mir vielleicht zehn Kameraden tot.

Eine Sekunde lang standen sie sich regungslos gegenber, und starrten sich
an, wie zwei Kmpfer auf Leben und Tod. Dann nickte Marschner ganz leise
mit dem Kopf, und sagte tonlos: -- Sie sollen es schriftlich haben! --
machte kehrt, und ging. Vor seinen Augen tanzten farbige Kugeln, er mute
alle Kraft zusammennehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und
fiel zerschlagen auf die Konservenkiste nieder, als er endlich den
Unterstand erreicht hatte. Sein Ha wandelte sich langsam in eine tiefe,
erbitterte Mutlosigkeit. Er wute genau, da er im Unrecht war. Seinem
Gewissen gegenber nicht! Ihm galt die Tat als feiger Meuchelmord, -- aber
er und sein Gewissen hatten hier nichts zu sagen, hatten sich hierher
verirrt, und muten Unrecht behalten. Was sollte er tun? Gab er den Befehl
schriftlich aus der Hand, dann bescherte er Weixler eine erwnschte
Gelegenheit, sich hervorzutun, und brachte sich selbst vor den Auditor. Und
diesen Triumph wollte er dem hmischen Kerl nicht gnnen! Lieber selbst
Schlu machen: hingehen zum Brigadekommando, und es den hohen Herren offen
ins Gesicht sagen, da er das blutige Scheibenschieen nicht lnger
mitanschauen, da er Menschen nicht wie reiende Tiere jagen knne,
gleichviel welche Uniform sie trugen. Wenigstens hrte das
Versteckenspielen endlich auf. Sie sollten ihn nur fsilieren, oder
aufknpfen lassen, wie einen gemeinen Verbrecher. Er wrde ihnen zeigen,
da er zu sterben wute.

Mit festen Schritten ging er hinaus, befahl einem Soldaten, den Herrn
Leutnant zu holen. So hell war es jetzt in ihm, und so ruhig! Er hrte das
hllische Feuer, das die Italiener wieder auf den Graben legten, und ging
langsam, wie ein Spaziergnger, nach vorne.

-- Jetzt schmeiens mit schweren Minen! -- meldete der alte Korporal, --
und schaute den Hauptmann verzweifelt an. Aber der ging vorbei, ungerhrt
von dem flehenden Kummer. Das alles ging ihn nichts mehr an. Der Herr
Leutnant bernahm hier das Kommando. Das wollte er ihm eben sagen; konnte
es kaum erwarten, die Verantwortung von sich zu wlzen! . . . Und kroch,
als Weixler noch immer nicht kam, durch den Schacht in die Stellung hinauf.

Die kleinen, schlechten Augen flogen ihm entgegen, suchten den
geschriebenen Befehl in seiner Hand. Er tat, als merkte er den fragenden
Blick gar nicht, herrschte ihn hochfahrend an: -- Herr Leutnant, ich
bergebe Ihnen jetzt die Kompagnie bis . . . .

Ein kurzes Heulen von unerhrter Strke schnitt ihm das Wort ab. Er hatte
das Gefhl: -- Das trifft mich! -- sah im selben Augenblick auch schon
etwas wie einen schwarzen Walfisch, vor seinen Augen aus dem Himmel sausen,
kopfber in die rckwrtige Grabenwand hineinfahren -- -- -- dann brach ein
Krater aus der Erde, ein Flammenmeer, das ihn aufhob, und ihm die Lunge mit
Feuer fllte.

Als er langsam zu sich kam, lag er unter einem Erdwall begraben, nur der
Kopf und der linke Arm waren frei; die anderen Glieder fhlte er nicht
mehr. Sein ganzer Krper war gewichtlos geworden, er fand seine Beine
nicht, es war nichts da, was er htte bewegen knnen, nur ein Brennen und
Whlen, das von irgendwo her in sein Gehirn mndete, die Stirne versengte,
und die Zunge zu einem schweren, wrgenden Klumpen anschwellen lie.

-- Wasser! -- sthnte er. -- War denn niemand da, um ihm einen Schluck
Wasser in die ausgebrannte Mundhhle zu trufeln? War niemand? . . . . Wo
war denn Weixler? Der mute doch da in der Nhe stehen, oder? -- -- -- oder
sollte der . . . am Ende auch verwundet? . . . Er wollte hochschnellen, --
wissen, was mit Weixler geschehen war -- -- -- er wollte! . . . . Wie ein
berlasteter Dampfkran mhte sich seine linke Hand, den Kopf zu erreichen,
und als es ihm endlich gelang, sie unter den Nacken zu schieben, da fhlte
er erschauernd, da der feste Widerstand der Hirnschale ausblieb, da er in
einen weichen, warmen Brei hineingriff, in dem seine Haare, vom geronnenen
Blut verkleistert, wie ein feuchter, warmer Filz an den Fingern pappen
blieben.

-- Sterben! -- durchfuhr es ihn kalt, -- Hier sterben, ganz allein. . . . .
Und Weixler? . . . Er mute erfahren, was mit dem . . . . mute! . . . .

Mit bermenschlicher Anstrengung stemmte er seinen Kopf, mit der Linken, so
weit hoch, da er einige Schritte weit den Graben berblicken konnte. Und
nun sah er Weixler, mit dem Rcken gegen sich, mit dem rechten Arm an die
Wand gelehnt, schief dastehen, die linke Hand an den Leib gepret, die
Schultern hoch oben, wie im Krampf. Noch eine Spanne hher reckte er sich,
erblickte den Boden, und einen breiten, dunklen Schatten, den Weixler warf.
-- Blut? . . . Er blutet! . . . . Oder? -- Das war doch Blut! . . . Konnte
nur Blut sein . . . . Und dehnte sich doch so merkwrdig, zog wie ein
dnner, roter Faden zu Weixler hinauf, dorthin, wo er sich den Leib hielt,
-- -- -- als wollte er die Wurzeln abreien, die ihn an die Erde fesselten.
-- -- --

Er mute doch sehen! . . . schleuderte den Kopf nach vorne -- -- -- und
stie einen rchelnden Schrei aus, einen Schreckensschrei, -- als er
erkannte, da der Unglckliche seine Eingeweide hinter sich herzog. --
Weixler! -- entfuhr es ihm gellend, von heiem Mitleid durchzittert.

Der Angerufene wandte sich langsam, sah fragend zu Marschner hinunter,
bla, traurig, mit erschrockenen Augen. Nur den Bruchteil einer Sekunde
lang stand er so, dann verlor er das Gleichgewicht, taumelte und fiel
nieder, verschwand aus dem Gesichtskreis des Hauptmanns. Kaum da ihre
Blicke Zeit gehabt hatten, sich zu kreuzen, -- vorbeigehuscht war nur das
bleiche Gesicht! Und doch stand es da; blieb haften in der Luft, mit einem
milden, weichen, klagenden Zug um die schmalen Lippen, mit einem
unvergelichen Ausdruck von sanftem, ngstlichem Sichergeben.

-- Er leidet! -- . . . . durchflammte es Marschner. -- Er leidet! --
. . . . jauchzte es in ihm. Und ein Leuchten ergo sich ber seine Blsse,
. . . . seine blutverklebten Finger fuhren wie streichelnd durch die Luft
. . . . bis der Kopf zurcksank, und die Augen brachen.

Die ersten Soldaten, die durch den hochgetrmten Erdwall endlich bis zu ihm
vordrangen, fanden ihn schon entseelt; um seinen Mund schwebte, trotz der
grlichen Verwundung, ein zufriedenes, fast glckliches Lcheln.




Der Sieger


Auf dem groen Platz vor dem alten Rathaus, das jetzt dem
Armee-Oberkommando als Amtsgebude diente, und die drei zauberkrftigen
Buchstaben A. O. K. wie ein kabalistisches Zeichen auf der Stirne trug,
konzertierte auf Befehl seiner Excellenz, von drei bis vier Uhr
nachmittags, tglich eine Militrkapelle. Es sollte der Zivilbevlkerung
fr die vielen Unannehmlichkeiten, die das Einquartieren von mehreren
hundert Stabsoffizieren und einer Reihe niederer Kommandostellen
unvermeidlich im Gefolge hat, dieses kleine Vergngen als Entschdigung
geboten werden. Auch trugen -- nach Ansicht des Excellenzherrn --,
derartige Veranstaltungen viel zur Beliebtheit des Militrs bei, und
frderten den Patriotismus der Schuljugend und der kompakten Masse. Fr die
Stimmung im Publikum zu sorgen und fr gutes Einvernehmen zwischen den
Militrs und Zivilbehrden, hielt der gestrenge Herr Oberkommandierende --
bei aller Wahrung seiner Vorrechte --, im Interesse der Kriegfhrung fr
dringend geboten. -- Nebenbei aber hatte der Umstand, da die Herren des
Generalstabes, mit Excellenz an der Spitze, um diese Zeit ihren Schwarzen
einnahmen, nicht unwesentlich zu der Einfhrung dieser Nachmittagskonzerte
beigetragen.

Unter den hundertjhrigen Platanen, die mit ihren riesigen, ineinander
greifenden Kronen den ganzen Platz wie ein Kirchenschiff berwlbten, sa
es sich sehr angenehm. Die Herbstsonne lag mit mattem Glanz auf den Mauern
ringsum, streute, wie durch Butzenscheiben, goldene Ringe durch das dichte
Laub, auf die kleinen, runden Tische, die in langen Reihen vor dem
Kaffeehaus standen. Fr die Herren vom Generalstab war eine Extrareihe da,
schneewei gedeckt, mit kleinen Blumenvasen, und frischen, knusprigen
Kuchen, die ein Verpflegsfeldwebel, tglich Punkt drei, aus der groen
Feldbckerei herberbrachte, wo sie fr Excellenz und seine
Kaffeegesellschaft eigens, und mit entsprechender Sorgfalt, unter
persnlicher Aufsicht des Kommandanten verfertigt wurden.

Es war ein schnes, lustiges Bild, ein buntes, richtiges Grostadttreiben
um den Musikpavillon, so lebendig und sorglos frhlich, wie auf dem Graben
in Wien, an einem schnen Frhlingssonntag, im tiefsten Frieden. Die Kinder
umstanden andchtig das Orchester, schlugen den Takt, und klatschten
begeistert Beifall nach jedem Stck. In den Straen, die auf den Platz
mndeten, zirkulierte die heranwachsende Jugend, kichernde Backfische mit
buntbemtzten Gymnasiasten; whrend die haute-vole, die Damen der
ortsansssigen Beamten- und Kaufmannschaft, in der benachbarten Konditorei
auf der Lauer saen, um sich emsig zu entrsten ber die
unternehmungslustigen Hte, durchschimmernden Strmpfe, und fast kniefreien
Rcke einer gewissen zugereisten Weiblichkeit, die da, trotz aller Proteste
und Verfgungen, bei hellichtem Tage, schamlos ihr Unwesen trieb.

Die Hauptnote aber gaben doch die durchreisenden Offiziere. Alles was auf
Urlaub ging, oder wieder zur Truppe einrckte, mute durch die Stadt, und
geno in vollen Zgen den ersten oder letzten freien Tag. Jeder geringste
Mangel drauen an der Front, ob es nun Hufngel, Sattelseife,
Sanittsmaterial oder Flaschenbier zu holen galt, -- alles konnte hier am
nchsten und raschesten besorgt werden, in dieser ersten kleinen -- groen
Stadt. Wer Pech hatte oder unbeliebt war, erhielt eine Auszeichnung fr
seine Heldentat, und damit basta. Wer aber die Gunst seines Kommandanten
geno, wurde vor allem hierher zum Einholen geschickt, als Lohn. Eine
unglaubliche Findigkeit im Entdecken dringender Bedrfnisse hatte sich
allmhlich herausgebildet, und ein geheimnisvolles, aritmethisches
Verhltnis waltete unverkennbar, zwischen dem Aufwand der einzelnen
Truppenteile an Holzkohle, Wagenfette etc. und der Entfernung ihres
Standortes von der beliebten Etappenstation.

Lange whrte das Vergngen ja nicht. Gerade die Zeit ein heies Wannenbad
zu nehmen, seine besten Uniformstcke, frisch aufgebgelt, einigemal in den
Hauptstraen herumzuzeigen, zwei Mahlzeiten an weigedecktem Tisch, und
eine kurze Nacht in einem richtiggehenden Bett, mit, oder, -- wenn's
durchaus sein mute --, ohne Zrtlichkeit; -- dann ging es wieder betrbt
und in nervser Reizbarkeit hinaus zum rasend berfllten Bahnhof, und
zurck zur Front, in das feuchte Erdloch oder sonnendurchglhte Blockhaus.

Die Lebensgier dieser jungen Offiziere, die so mit hungrigen Augen durch
das Stdtchen bummelten, ein Hasten im Blut, wie der Taucher, der in einem
Augenblick die Lunge sich voll saugt, -- hatte allmhlich das ganze,
langweilige Provinznest angesteckt. Es prickelte, schumte, bereicherte
sich und wurde leichtlebig; konnte gar nicht genug haben an Sensationen,
nun es einmal im Mittelpunkte des Weltgeschehens stand und einen Anspruch
hatte auf Ereignisse.

Kopf an Kopf wogte die Menge auch an diesem Wochentage an der Musik vorbei,
festlich gekleidet und festlicher Laune, durchzuckt von den Rythmen des
Blauen-Donau-Walzers, den das Orchester mit Trommelwirbel und
Tschinellenschlag hinreiend exekutierte. Wie hinter den Kulissen eines
ganz groen Festspielhauses, whrend der Auffhrung einer Tragdie mit
Chren und Massenaufzgen, ging es eigentlich zu. Von dem blutig ernsten
Stck, das vorne gespielt wurde, sah und hrte man nichts. Das Gesicht der
Akteure entspannte sich hier auf der Hinterbhne; sie rasteten, warfen sich
hinein in den farbigen Rummel, herzlich froh, nichts zu wissen von dem
Fortgang des Trauerspiels; genau wie richtige Schauspieler auch in ihr
brgerliches Dasein zurckfallen, bis zum nchsten Stichwort.

Wer da, im Schatten der alten Bume sitzend, bei Kaffee und Cigarre diesem
Treiben zusah, konnte leicht von der Illusion erfat werden, auch das
Drama, das vorne an der Front gespielt wird, sei nur ein lustiges
Spetakelstck. Der ganze Krieg prsentierte sich, von hier aus gesehen, wie
ein lebenspendender Strom, der Musikkapellen heranschwemmt, Geld und
Frohsinn unter die Leute bringt, und von promenierenden Offizieren
betrieben, von gemchlich verdauenden Generalstblern dirigiert wird. Von
seiner blutigen Seite war nichts zu sehen! Kein Geschtzdonner schlug an's
Ohr, kein Verwundeter trug sein persnliches Elend als strende Note in die
allgemeine Lebenslust hinein.

Das war freilich nicht immer so gewesen. In den ersten Tagen, als das
tgliche Kaffeekonzert noch den Reiz der Neuheit hatte, ergossen smtliche
Sanittsanstalten, alle Ergnzungs-, Not- und Reservelazarette ihren
ungeheueren Bestand an Rekonvalescenten und Leichtverwundeten in die Stadt
hinein, auf die Promenade. Aber das dauerte nur zwei Tage. Dann befahl
seine Exzellenz der Oberkommandierende den Garnisonschefarzt zu kurzer
Audienz und erklrte dem zerknirschten Snder in scharfen Worten, wie
ungnstig ein solcher Anblick die Stimmung im Publikum beeinflute. Er gab
der Hoffnung Ausdruck, da alles was Verbnde trgt, verstmmelt ist, oder
sonstwie geeignet erscheint, deprimierend auf die allgemeine
Kriegsbegeisterung einzuwirken, knftighin in den Spitlern konsigniert
bleiben werde.

Und seine Hoffnung wurde nicht enttuscht! Nichts Unerfreuliches trbte
mehr sein Vergngen, wenn er, mit der geliebten Virginia zwischen den
Zhnen, ber die lange Reihe seiner Untergebenen hinweg, auf die Strae
hinaus sah. Niemand ging da vorbei, ohne einen ehrfurchtsvoll scheuen
Seitenblick auf den allmchtigen Schlachtenlenker zu werfen, der wie andere
gewhnliche Sterbliche seinen Kaffee schlrfte, trotzdem er der berhmte
Generaloberst X. war, unbeschrnkter Herr ber hunderttausende von
Menschenleben, in den Zeitungen mit Vorliebe Der Sieger von *** genannt.
Kein Schicksal gab es in dieser Stadt, das er nicht mit einem Federstrich
htte umbiegen, -- nichts was er nicht nach Gutdnken htte frdern oder
vernichten knnen. Seine Gunst bedeutete Lieferungen und Reichtum, oder
Auszeichnung und Avancement; seine Ungnade Aussichtslosigkeit, oder eine
Marschroute in den sicheren Tod.

Mollig zurckgelehnt in den groen Korbstuhl, der einmal historisch zu
werden versprach, sa lchelnd der Gewaltige und scherzte mit der Frau
seines Generalstabschefs. Er wies mit der Hand hinaus auf die Strae, wo im
grellen Sonnenschein die Menge wogte, und sagte mit einer satten,
triumphierenden Heiterkeit in der Stimme:

-- Da! Dieses Treiben mchte ich einmal den Herren Pazifisten zeigen, die
immer so tun, als wre der Krieg nichts, als ein scheuliches Gemetzel. Sie
htten dieses Nest im Frieden sehen sollen, gndige Frau. Zum Einschlafen!
Der Dienstmann an der Ecke verdient heute mehr Geld, als frher der grte
Kaufmann. Und haben Sie sich schon die jungen Leute angesehen, die von der
Front hereinkommen? Sonnenverbrannt, gesund und vergngt! Die meisten sind
im Frieden in irgendeiner Kanzlei gehockt; schlapp, ksig, verbummelt.
Glauben Sie mir, die Welt ist noch nie so gesund gewesen, wie heute. Nehmen
Sie aber eine Zeitung in die Hand, dann lesen Sie von einer
Weltkatastrophe; vom Verbluten Europas, und was die Herren sonst noch
zusammenschmieren. --

Die buschigen, weien Brauen glitten hoch hinauf, bis zur Mitte der stark
gewlbten Stirne; die kleinen, stechend schwarzen Augen huschten
beobachtend ber die Gesichter der Anwesenden.

Die Anregung des Excellenzherrn wurde sofort emsig aufgenommen. An allen
Tischen flammte das Gesprch auf, wurde die segensreiche Wirkung des
Krieges abgewandelt, ergingen die Spamacher sich in witzigen Bemerkungen
ber das Schreibergeschwtz der Friedensfreunde. Nicht ein Einziger sa in
der ganzen Gesellschaft, dem der Krieg nicht wenigstens zwei
Auszeichnungen, materielle Sorglosigkeit und eine herrschaftliche
Lebensfhrung beschert hatte, wie sie in Friedenszeiten nur vielbeneideten
Geldmagnaten beschieden ist. Der Krieg trug, in diesem Kreise, die Maske
Knecht Rupprechts, einen Sack voll guter Gaben auf dem Rcken, und eine
Anweisung auf glnzende Karriere in der Hand. Wohl hatte der eine oder
andere der Herren einen Trauerflor auf dem rmel, fr den Bruder, oder
Schwager, der, als Truppenoffizier, das andere, das todbringende
Gorgonenantlitz des Krieges geschaut. Aber dieses Antlitz war so weit, --
ber sechzig Kilometer in der Luftlinie; und ein gelegentlicher Ausflug in
seine Nhe war kurzer Nervenkitzel, spannendes Erlebnis. In einer Stunde
raste das Auto wieder in die Sicherheit zurck, zur Badewanne; und man ging
wieder in Stiefeletten ber asphaltierte Straen. Wer htte da nicht
einstimmen mgen in das Loblied der Excellenz? . . . .

Der hohe Herr lauschte eine Weile noch befriedigt dem Stimmengewirr, das
seine Worte entfesselt hatten, und zog sich dann allmhlich wieder in seine
Gedanken zurck. Er blickte ernsthaft vor sich hin, sah die Sonnenringe,
die durch das bewegliche Laubdach, wie durch ein Sieb auf ihn herabfielen,
glitzernd mit den Kreuzen und Sternen spielen, die in drei dichtgesten
Reihen seine linke Brusthlfte bedeckten. Alles, was die Herrscher vier
mchtiger Reiche fr Heldenmut, Todesverachtung und hohe Verdienste als
sichtbares Dankeszeichen zu vergeben hatten, war vollzhlig da in der
reichen Sammlung. Es gab keine Ehrung, die der Sieger von *** noch htte
erstreben knnen. Und das alles hatten ihm elf kurze Kriegsmonate an den
Hals geworfen; war die Ernte eines einzigen Kriegsjahres. Neununddreiig
Dienstjahre hatte er vorher in der Gleichmigkeit, in ewigem Kampfe mit
schbigen Alltagssorgen abgehaspelt; hatte sich mde gerungen mit all den
Nten eines hoffnungslosen Kleinbrgerdaseins, das den klglichen
Bemhungen eines verschmten Armen gleicht, der einen Defekt seiner
Kleidung mit tausend Kniffen zu verbergen sucht, und das verrterische Loch
immer wieder hervorlugen sieht aus der krampfhaft drapierten Verhllung.
Neununddreiig Jahre lang hatte er sich unentwegt auf Enthaltsamkeit
trniert, mit sehr viel Gold auf der Uniform und sehr wenig in der Tasche;
war eigentlich lngst schon bereit gewesen abzugehen, grndlich satt des
billigen Vergngens, als Nero auf dem Exerzierfeld den Krampus zu machen
fr junge Offiziere. Und da kam das Wunder! Im Handumdrehen war aus dem
grantigen alten Herrn eine Art Nationalheld, eine europische Berhmtheit,
war er der Sieger von *** geworden. Genau wie im Mrchen, wenn die gtige
Fee erscheint, der verwunschene Prinz in strahlender Jugend der garstigen
Hlle entsteigt, und, von Lakaien und Rittern umringt, sein prchtiges
Schlo bezieht.

Die strahlende Jugend blieb ihm wohl versagt; aber er war doch wieder
elastisch geworden, das ereignisreiche Jahr hatte ihn aufgerttelt,
Lebenslust und Arbeitskraft eines Vierzigjhrigen pulsierten, neu erwacht,
in seinen Adern. Als Herrscher sa er da, im Schatten der Platanen; das
Glck an seiner Brust spiegelte leuchtend die Sonne, -- und eine Stadt lag
ihm zu Fen! Nichts, gar nichts fehlte, um das Mrchen vollkommen zu
machen. Vor dem Kaffeehaus schlummerte das riesige, graue Tier, von zwei
strammen Unteroffizieren bewacht, mit der Lunge von hundert Pferden im
Brustkasten, des Kurbelschlages harrend, der es weckt, um den Herrn mit
Windeseile hinauszufahren auf sein Schlo, hoch ber Stadt und Tal. Wo war
die Zeit, da man, mit Generalsstreifen auf der Hose, noch mit der Trambahn
nach Hause fuhr, in die standesgeme Sechszimmerwohnung, die, eigentlich,
eine Fnfzimmerwohnung war mit einer Kammer? Wo war das alles? . . .
Jahrhunderte hatten ihre edelsten Krfte, Generationen ihren Kunstsinn
aufgeboten, um das Schlo, -- das jetzt fr seine Excellenz den
Oberkommandierenden der --ten Armee requieriert war, -- mit den erlesensten
Schtzen zu fllen. Sonne und Zeit hatten unermdlich ihre Arbeit getan,
bis der laute Glanz des aufgestapelten Reichtums, zu wohltemperierter
Pracht gedmpft, wie durch einen feingewobenen Schleier schimmerte. Wer da
tglich, als Herr des Hauses, die mchtige Freitreppe hinanstieg, seinen
Willen laut durch die vornehm schlummernden Rume hetzte, -- mute sich als
Knig fhlen, konnte den Krieg nur wie ein herrliches Mrchen erleben. Oder
gab es je einen Hofhalt, der nher das Wunder streifte? In der Kche
regierte ein Meister seiner Kunst: der Chef des ersten Hotels im Lande, --
sonst mit doppeltem Generalsgehalt nicht zufrieden, -- fr einen Lohn von
fnfzig Heller tglich; und wandte doch seine ganze Kunst auf, -- hatte nie
angstvoller gestrebt, dem Gaumen, dem er diente, zu schmeicheln! Der
Braten, den er servieren lie, war das schnste Stck Fleisch, das
zweihundert Ochsen, die tglich im Armeebereich ihr Leben fr's Vaterland
lieen, bei sorgfltigster Wahl zu vergeben hatten! Die wrdigen Mnner,
die ihn auf silbernen Schsseln, -- von Schlern Benvenutos fr den Ahn des
Hauses geschmiedet, -- auftrugen, waren Generle des Kellnerstandes,
lieen, im Frieden, den Frack in London bauen, und lauerten jetzt, wie
verprgelte Piccolos, zitternd auf jeden Wink des Gebieters! Und dieser
ganze Train, dieser ganze frstliche Haushalt funktionierte automatisch,
und -- ganz ohne Geld! Ohne da der Herr, fr den alles sich mhte, jemals
den sonst so unvermeidlichen Griff zur Brieftasche tat. Unerschpflich
zirkulierte das Benzin in den Adern der drei Kraftwagen, die Tag und Nacht
auf den Marmorquadern des Schlohofes sich rekelten; -- wie von Feenhnden
gespendet strmte alles herbei, was Mund und Auge begehrten. Kein Bedienter
forderte seinen Lohn, alles schien selbstverstndlich da zu sein, wie in
Mrchenschlssern, wo jeder Wunsch Schpferkraft besitzt.

Allein nicht nur das Tischlein deck' dich war Ereignis, war ernste,
greifbare Wirklichkeit geworden. Das Wunder war nicht erschpft, wenn es
neunundzwanzig Tage lang alle Vorratskammern gefllt hatte. Es trieb am
dreiigsten Tag auch den Esel, der sich streckt und Reichtum spendet noch
auf, und an Stelle der leidigen Lieferantenrechnungen flatterten Banknoten
ins Haus. Statt rger, Streit, notwendige Knauserei seufzend zu tragen,
stopfte man sich die Taschen gelangweilt mit den Scheinen voll, die ja doch
gnzlich berflssig waren in dem Schlaraffenland, das der Krieg seinen
Vasallen erschlossen hatte.

Eine einzige finstere Wolke nur huschte ab und zu ber das strahlende
Firmament dieses Wunderlandes, und ihr Schatten streifte die Stirne seiner
Excellenz. Der Gedanke, das Mrchen knnte der Wirklichkeit weichen; die
Angst, eines Tages erwachen zu mssen aus diesem herrlichen Traum, strte
zuweilen die reine Freude. Nicht vor dem Frieden war es dem Excellenzherrn
bange. An den dachte er gar nicht. Aber wie, wenn die Mauer, aus
Menschenleibern kunstvoll gebaut, eines Tages doch in's Wanken geriete?
Wenn der Feind alle Riegelstellungen durchstt, die Disziplin der Panik
weicht, und die mchtige Mauer in ihre Bestandteile zerfllt, sich in
angsterfllte, um ihre Leben jagende Menschen auflst? . . . Dann wrde der
Sieger von ***, der allmchtige Mrchenknig wieder in den schbigen Alltag
zurcksinken, mte irgendwo, in einem stillen Nest, unbemerkt, seine
Pension verzehren, seine Trophen in eine bescheidene Etagenwohnung
pfropfen, und, unter andern Ausrangierten, als Stammtischgre sich
bescheiden! Ein Mierfolg, -- und die Welt vergit im Nu ihre Begeisterung;
ein Anderer zieht in's Schlo hinauf, ein Anderer rast im Kraftwagen als
Herrscher durch die Stadt, der ganze riesige Tro blickt demtig zum neuen
Herrn empor, und der alte wird zur Anekdote, eine entlarvte Vogelscheuche,
die jeder Spatz frech besudelt!

Die kleine, fleischige Hand ballte sich unwillkrlich zur Faust und die
gefrchtete Querfalte ber der Nasenwurzel, das Gewitterzeichen, das die
eigenen Soldaten wie der Feind frchten gelernt, grub sich, fr einen
Augenblick, in die hochgewlbte Stirne. Dann hellte sich das Gesicht wieder
auf, und Excellenz sah sich stolz im Kreise um.

Nein! Der Sieger von *** hatte keine Angst. Seine Mauer stand fest und
wankte nicht. Drei Monate hatte jede Nachricht, die in der Abteilung fr
Kundschafterdienste einlief, von den ungeheueren Vorbereitungen im
feindlichen Lager berichtet. Drei Monate lang hatten sie drben Munition
gehuft, und Krfte zusammengezogen fr den Monstreangriff, der nun, seit
heute Nacht, entfesselt war. Der General wute, was die Menschenmenge, die
da lustig in der Sonne wimmelte, erst am nchsten Morgen aus den Zeitungen
erfahren sollte, da drauen an der Front seit zwanzig Stunden eine
erbitterte Schlacht im Gange war; da, kaum sechzig Kilometer von dem
Promenadenkonzert, die Geschtze ohne Atempause tobten, ein dichter Hagel
von glhendem Eisen zischend auf seine Soldaten niederprasselte. Drei
restlos abgewiesene Infanterieberflle hatten die Morgenberichte schon
gemeldet, und jetzt hmmerte mit rasender Wut die Artillerie, als
Einleitung zu neuen Kmpfen whrend der Nacht.

Nun, sie sollten nur kommen!

Mit einem Ruck richtete sich der Excellenzherr auf, und sein Blick bekam
einen gespannten Ausdruck, als knnte er, -- whrend seine Finger auf der
Tischplatte nervs den Takt zum Donauwalzer trommelten, -- das Trommelfeuer
hren, das drauen an der Front wie Sturmwind brllte. Seine Vorkehrungen
waren getroffen: das Menschenreservoir bis zum berlaufen aufgefllt!
Zweimalhunderttausend junge, krftige Burschen, die erlesensten Jahrgnge,
lagen rckwrts bereit, um im geeigneten Moment vor die Walze geworfen zu
werden, bis sie in einem Sumpf von Blut und Knochen stecken blieb. Sie
sollten nur kommen, je strker desto besser. Der Sieger von *** war bereit,
seinen Lorbeeren einen neuen Zweig hinzuzufgen, und seine Augen blitzten,
wie die vielen Tapferkeitszeichen an seiner Brust.

Da erhob sich am Nachbartisch sein Adjutant, kam zgernd heran, und
flsterte Excellenz einige Worte zu.

Der hohe Herr schttelte ablehnend das Haupt.

-- Es ist eine wichtige auslndische Zeitung, Excellenz! -- drngte der
Adjutant, und fgte, als der Gebieter immer noch energisch abwinkte,
bedeutungsvoll hinzu: -- Der Herr hat ein Empfehlungsschreiben aus dem
Hauptquartier mitgebracht, Excellenz.

Da gab der General den Widerstand endlich auf, erhob sich seufzend und
sagte, halb scherzhaft, halb ergrimmt zu seiner Nachbarin: -- Ein
rechtschaffenes Kartschfeuer wr' mir lieber! -- Dann folgte er ergeben
dem Adjutanten, reichte dem kahlkpfigen Zivilisten, der strmisch
hochschnellte und in der Mitte auseinanderbrach, wie ein zuklappendes
Federmesser, jovial die Hand, und lud ihn zum Sitzen ein.

Der Journalist stammelte einige Worte der Bewunderung, schlug
erwartungsvoll sein Notizbuch auf, eine Reihe von Fragen auf den Lippen.
Allein der Excellenzherr lie ihn gar nicht erst zu Worte kommen. Er hatte
sich fr derlei Flle -- im Laufe der Zeit -- einige wohlberlegte,
unverfngliche uerungen zurechtgelegt, und sagte nun seine Rede, mit
scharfer Betonung und kurzen Denkpausen, gehorsam her.

Vor allem gedachte er rhmend seiner braven Soldaten, lobte ihre
Tapferkeit, ihre Todesverachtung, ihre, ber alles Lob erhabenen
Leistungen. Sodann sprach er sein Bedauern aus ber die Unmglichkeit,
jeden Einzelnen dieser Helden nach Gebhr zu belohnen, und forderte vom
Vaterlande, -- mit erhobener Stimme, -- unvergngliche Dankbarkeit fr so
viele Treue und Selbstverleugnung bis in den Tod. Er erklrte, mit einem
Fingerzeig auf den dichten Ordenswald, die Auszeichnungen, die ihm zu Teil
geworden waren fr eine Ehrung, die seinen Soldaten galt. Endlich flocht er
noch einige mavoll lobende Worte ber den Gefechtswert der feindlichen
Soldaten und die Umsicht ihrer Fhrung ein; und schlo mit der uerung
seines unerschtterlichen Vertrauens in den Endsieg.

Der Journalist lauschte andchtig und warf nur ab und zu ein kurzes
Stichwort zu Papier. Die Hauptsache war ja doch das Auftreten des
Gewaltigen, seine Art zu reden, seine Gesten zu beobachten; seine
Persnlichkeit in wenigen, markanten Zgen einzufangen.

Der Excellenzherr legte, nachdem er seine Rede geschlossen, den Feldherrn
gleichsam ab, wandelte sich aus dem Sieger von *** zum Weltmann. -- Sie
gehen jetzt an die Front, Herr Doktor? -- frug er mit verbindlichem
Lcheln, und antwortete auf das begeisterte Ja des Schriftstellers mit
einem schweren, melancholischen Seufzer. -- Sie Glcklicher! Ich kann Sie
nur beneiden. Sehen Sie, das ist der tragische Zug im Leben des Feldherrn
von heute, da er seine Truppen nicht mehr selbst in's Feuer fhren darf!
Ein ganzes Leben lang hat er sich auf den Krieg vorbereitet, ist Soldat mit
Leib und Seele, und kennt die Aufregungen des Kampfes nur vom Hrensagen.
--

Hoch erfreut ber die subjektive uerung, die er nun doch noch ergattert
hatte, und die ihm durchaus geeignet erschien, den allmchtigen
Befehlshaber in der gewinnenden Rolle des Entsagenden, der auch nicht immer
konnte wie er mochte, zu zeigen, hatte der Journalist sich fr einen
Augenblick ber sein Notizbuch gebeugt, und fand, als er wieder aufblickte,
das Gesicht der Excellenz -- zu seinem Erstaunen --, gnzlich verndert.
Die Stirne lag in drohenden Falten, die Augen starrten, weit aufgerissen,
erwartungsvoll ber den Interviewer hinweg. Der wandte sich rasch um und
sah einen blassen, abgemagerten Infanteriehauptmann, mit merkwrdig
schlotterndem Gang, grinsend auf die Excellenz zusteuern. Immer nher kam
er, -- starrte mit glsern glotzenden Augen und lachte ein hliches,
stumpfsinniges Lachen. Schon sprang der Adjutant erschrocken auf von seinem
Tisch, -- die Adern seiner Excellenz schwollen wie Taue aus der Stirne, --
der Journalist sah ein Attentat kommen und erblate. Bis auf einen halben
Schritt wankte der unheimliche Hauptmann an die beiden heran. Dann blieb er
stehen, kicherte bldsinnig und griff, -- wie ein Kind, das nach dem Lichte
hascht, -- in die dichtgehuften Orden der Excellenz hinein.

-- Sehr schn -- -- -- glnzt schn! -- lallte er mit schwerer Zunge; wies
mit seinem endlos dnnen, zitterigen Zeigefinger zur Sonne hinauf, grhlte:
-- Sonne! -- dann, wieder nach den Orden greifend, noch einmal: -- Glnzt
schn! -- Dabei wanderte sein unruhiger Blick, wie suchend, hin und her,
und das hliche, vertierte Lachen wiederholte sich nach jedem Wort.

Die Rechte des Excellenzherrn war in die Hhe geschnellt, um den Kerl, der
da so respektlos auf ihn loskam, vor die Brust zu stoen. Nun legte sie
sich dem armen Narren begtigend auf die Schulter.

-- Sind wohl aus dem Spital hereingekommen, Herr Hauptmann, zur Musik? --
sagte er, und winkte seinem Adjutanten mit den Augenbrauen. -- Es ist weit
hinaus zum Spital mit der Trambahn! Setzen Sie sich in mein Automobil, das
fhrt schneller.

-- Auto -- -- -- schneller! -- -- -- echote der Irrsinnige mit seinem
grlichen Lachen, lie sich geduldig unter den Arm fassen und wegfhren.
Noch einmal wandte er sich grinsend nach den glitzernden Ordenskreuzen um;
dann zog ihn der Adjutant mit sich.

Der General folgte mit den Blicken, bis die beiden das Auto bestiegen
hatten. Zwischen seinen Augenbrauen stand, unheildrohend, das
Gewitterzeichen. Er kochte vor Zorn ber die unerhrte Nachlssigkeit, so
einen Menschen frei herumlaufen zu lassen! Aber der Zivilist an seiner
Seite fiel ihm noch rechtzeitig ein; er bezwang sich und sagte
achselzuckend:

-- Ja! Das sind so die traurigen Seiten des Krieges. Sehen Sie, schon darum
mu der Fhrer heute weit rckwrts bleiben, wo nichts zu seinem Herzen
spricht. Kein Feldherr brchte sonst die ntige Hrte auf, wenn er alles
Elend in der vordersten Reihe mitansehen mte.

-- Sehr interessant! -- hauchte dankbar der Journalist; machte sich rasch
eine kurze Notiz, und klappte das Heft zu. Er mute befrchten, die
kostbare Zeit seiner Excellenz bereits allzulange in Anspruch genommen zu
haben. Nur eine einzige Frage bat er sich noch erlauben zu drfen:

-- Fr -- -- -- wann glauben Euer Excellenz, da wir den Frieden erhoffen
drfen?

Der General zuckte zusammen, bi sich in die Unterlippe und sah bei Seite,
mit einem Blick, vor dem jeder Generalstbler der . . . ten Armee sich in
die Erde verkrochen htte. Mit sichtbarer Mhe setzte er noch einmal das
verbindliche Lcheln auf, wies mit der Hand quer ber den Platz, auf das
offene Portal der alten Basilika: -- Da kann ich Ihnen nur raten, dort
hinberzugehen und den Herrn im Himmel zu fragen! Er ist der Einzige, der
Ihnen diese Frage beantworten kann.

Ein freundliches Nicken, ein krftiger Hndedruck, -- dann ging er,
ehrfurchtsvoll gegrt von der Menge, mit groen Schritten zu Fu in sein
Amt hinber.

Als er das Gebude betrat, stand die gefrchtete Querfalte fingertief auf
seiner Stirne. Eine angehaltene Ordonnanz fhrte ihn zitternd vor das
Zimmer des Garnisonschefarztes. Dann hielt das ganze Haus einige Minuten
lang den Atem an, whrend die Stimme des Gewaltigen durch alle Korridore
donnerte. Er kommandierte den wrdigen, alten Oberstabsarzt, wie einen
Schreiber, an seinen Tisch, und diktierte ihm einen Erla in die Feder, der
allen Spitalinsassen, ohne Unterschied der Charge, gleichviel ob krank oder
verwundet, das Verlassen der Anstaltsmauern strengstens untersagte. -- Denn
-- so schlo der Befehl --, wer krank ist, gehrt ins Bett; und wer sich
gengend krftig fhlt, um in die Stadt zu gehen und im Kaffeehaus zu
sitzen, der melde sich an die Front zurck, wohin die Pflicht ihn ruft. --

Das Auf- und Abgehen mit klingenden Sporen, das Hinabdonnern auf den
zusammengekauerten alten Doktor, hatte seinen Zorn besnftigt. Schon galt
das Unwetter fr berstanden, da spielte ihm ein unglcklicher Zufall die
Meldung der Brigade in die Hand, die, am strksten vom Feinde berannt,
schwere Verluste erlitten hatte und nur noch weiter auf ihrem Platze
belassen wurde, um dem Gegner, in verzweifeltem Ringen, das Vordringen
mglichst kostspielig zu machen. Hinter ihr lauerten schon die
Flatterminen, hockte -- seit gestern schon --, eine ganze frische Division
in unterirdischen Kasematten, um dem siegesfroh heranflutenden Feinde eine
kleine berraschung zu bereiten. Natrlich hatte es der Oberkommandierende
dem Brigadier nicht auf die Nase gebunden, da er auf einem verlorenen
Posten stand und keine andere Aufgabe hatte, als seine Haut teuer zu
verkaufen. Je lnger das Ringen dauerte, desto besser! Und die Leute
schlugen sich viel zher, wenn sie bis zum letzten Augenblick auf Entsatz
hofften.

Das alles hatte der Excellenzherr eigenhndig so verfgt; war im Grunde
hoch erfreut, da die Brigade nach drei bermchtigen Infanterieangriffen
immer noch standhielt. Aber nun lag da eine Meldung vor ihm, die allen
soldatischen Traditionen widersprach, und den schon verebbten Sturm jh neu
entfesselte.

Dieser Generalmajor, -- seinen Namen wollte sich Excellenz, auf alle Flle,
genau merken, -- schilderte, mit einer durchaus unmilitrischen
Gesprchigkeit und Nervositt, die furchtbare Wirkung des Trommelfeuers,
erklrte; -- statt sich auf zahlenmige Angaben zu beschrnken, -- seine
Brigade fr dezimiert, die Widerstandskraft der Mannschaft fr erschpft,
und bat zum Schlu dringend um Verstrkung, da er, mit den Resten seines
Bestandes, den Abschnitt gegen die bevorstehenden Nachtangriffe unmglich
halten knne.

-- Unmglich halten? . . . Unmglich? . . . -- Wie eine Fanfare schmetterte
der Excellenzherr diesen Satz seinen regungslos dastehenden Herren immer
wieder in die Ohren. -- Unmglich?! -- Seit wann hatte sich denn der
Oberkommandierende von seinen Abschnittskommandanten darber belehren zu
lassen, was mglich war? . . .

Purpurrot vor Emprung nahm er die Feder in die Faust, und schrieb als
Antwort den einzigen Satz auf die Meldung: -- Der Abschnitt wird gehalten!
-- und darunter seinen Namen, mit den groen steilen Strichen, die jedes
Schulkind im Lande von den Postkarten mit dem Bildnis des Siegers von ***
her kannte. Er selbst drckte den Umschlag dem Motorradler in die Hand, zur
Befrderung an die Funkenstation, da die Telephondrhte der betreffenden
Brigade lngst schon in Grund und Boden getrommelt waren. Dann brauste er
wie eine Gewitterwolke durch alle Rume, blieb eine halbe Stunde im
Kartenzimmer, hatte eine kurze Besprechung mit seinem Generalstabschef, und
erbat sich die Abendmeldungen in's Schlo hinauf. Als er endlich sein
drhnendes Gute Nacht, meine Herren in den groen Kuppelsaal hineinrief,
seufzte alles erleichtert auf. Die Wache trat unter's Gewehr; der Chauffeur
warf den Motor an; und die groe Maschine strzte aufknurrend, wie ein
wildes Tier, auf die Strae los. Fauchend, mit Sirenengeheul, wandt sie
sich blitzschnell durch die engen Gassen, hinaus ins Freie, wo das Schlo
mit der Perlenreihe seiner erleuchteten Fenster, wie ein Feenpalast, in das
dunstdurchzogene Tal hinabsah.

Fest in seinen Kragen gehllt, sa der Excellenzherr nachdenklich im Wagen,
und lie, -- wie immer um diese Zeit, -- alle Ereignisse des Tages noch
einmal an sich vorbeiziehen. Auch der Journalist fiel ihm wieder ein und
seine tolpatschige Frage: -- Fr wann hoffen Excellenz auf den Frieden. --
Hoffen? . . . War das zum Glauben, da so ein Mensch, der doch schon was
Besseres sein mute in seinem Beruf, -- sonst htte er kein
Empfehlungsschreiben aus dem Hauptquartier mitgebracht, -- mit einer
solchen Ahnungslosigkeit jedem soldatischen Gefhle gegenberstand? Auf den
Frieden hoffen? Was hatte denn ein Feldherr vom Frieden Gutes zu erwarten?
Konnte denn so ein Zivilist gar nicht begreifen, da ein kommandierender
General eben nur im Krieg wirklich kommandierte und wirklich General war,
im Frieden aber nur so was wie ein strenger Herr Lehrer mit goldenem
Kragen; ein lgtze, der sich aus Langeweile zuweilen heiser schreit. Und
nach dieser den Tretmhle sollte er sich zurcksehnen? Sollte, -- den
Herrn Zivilisten zu Liebe, -- die Zeit herbei hoffen, die den siegreichen
Fhrer der . . . . ten Armee wieder nur zu Inspizierungen verwenden wrde;
sollte es nicht erwarten knnen, wieder jenen anderen, aussichtslosen Kampf
leiten zu mssen, zwischen einer zu knappen Gage und einer auf Glanz
polierten Lebensfhrung, in welchem von Monat zu Monat doch immer der
Geldmangel Sieger blieb? . . .

rgerlich lehnte sich der General in die Kissen zurck, und fuhr erstaunt
auf, als das Auto mit einem pltzlichen Ruck mitten auf der Landstrae
hielt. Eben wollte er den Chauffeur fragen, -- da prasselten schon die
ersten groen Tropfen auf sein Mtzenschild. Es war dasselbe Gewitter, das,
denen an der Front, eine kurze Feuerpause beschert hatte am Nachmittag.

Die beiden Unteroffiziere waren abgesprungen und spannten mit raschen
Griffen das Dach ber den Wagen. Der Excellenzherr hatte sich aufgerichtet,
hielt ein Ohr in den Wind und lauschte gespannt. In das Brausen mischte
sich ganz deutlich, aber ganz -- ganz leise, ein dumpfes Brummen, ein
hohles, kaum hrbares Pochen, wie das ferne Echo der Holzfller im Wald.

Das Trommelfeuer! . . . .

Die Augen der Excellenz leuchteten auf, ber das eben noch verrgerte
Gesicht huschte ein Schein innerer Befriedigung.

Gott sei Dank! Noch gab es Krieg.




Der Kamerad


-- Ein Tagebuch --

Auch mir hat der Weltkrieg einen Kameraden beschert. Einen bessern findst
du nit.

Es sind nun genau vierzehn Monate her, da ich in einem Wldchen, hart an
der Grzer Strae, seine Bekanntschaft gemacht. Fr keinen Augenblick ist
er seither von meiner Seite gewichen! Viele hundert Nchte haben wir schon
zusammen durchwacht und immer noch marschiert er unentwegt neben mir her,
wie's im Liede heit: in gleichem Schritt und Tritt.

Nicht da er etwa zudringlich wre! Im Gegenteil. Die Distanz, die ihn, als
Gemeinen, von dem Offizier trennt, den er in mir verehren mu, hlt er
gewissenhaft inne. Stets bleibt er mir drei Schritt vom Leibe, genau nach
dem Reglement. Respektvoll in eine Ecke, oder hinter eine Sule gepret,
ist es nur sein Blick, den er mir schchtern nachzuschicken wagt.

Er will eben nur zugegen sein. Verlangt nicht mehr, als da ich ihn in
meiner Nhe dulde; -- immer und berall! Wenn ich zuweilen die Augen
schliee, um wieder einmal allein zu sein, fr einige Minuten nur ganz
allein mit mir selbst, wie frher, vor dem Kriege, dann fixiert er mich aus
seiner Ecke, mit einer zhen, vorwurfsvollen Beharrlichkeit so fest und
durchdringend, da sein Blick mich im Rcken brennt, sich unter meinen
Augenlidern einnistet, mich so sehr mit seinem Bilde durchtrnkt, da ich
mich fragend nach ihm umschaue, wenn er mich eine Weile nicht an seine
Anwesenheit gemahnt.

Er hat sich in mich hineingefressen, sich huslich in mir niedergelassen;
er sitzt in mir, wie der geheimnisvolle Zauberer der Lichtspieltheater in
dem schwarzen Kasten, ber den Kpfen der Zuschauer an der Kurbel hockt,
und wirft sein Bild, durch meine Augen, auf jede Mauer, jeden Vorhang, jede
Flche, die meine Blicke auffngt.

Aber auch wo kein Hintergrund fr sein Bild sich findet, auch wenn ich aus
dem Fenster krampfhaft in die Ferne starre, um ihn los zu werden fr kurze
Zeit, -- auch dann ist er da, schwebt vor mir her, als wre sein Bild auf
die unsichtbare Stange meiner Blicke gespiet, wie eine Kirchenfahne,
schwankend vor der Prozession. Gbe es X-Strahlen, die durch die
Schdeldecke dringen, man fnde sein Bild, leicht verschwommen, -- wie die
Figuren alter Gobelins -- in mein Gehirn eingewoben.

Ich entsinne mich einer Reise in Friedenszeiten, von Mnchen nach Wien, im
Orient Expre, an der herbstlichen Milde der bayerischen Seen vorbei, --
durch die goldene Glut des welkenden Wiener-Waldes. Und ber all' die
Herrlichkeiten, die ich, bequem gelagert, in wollstiger Zufriedenheit
eingesogen, lief unentwegt ein hlicher, schwarzer Punkt: eine Luftblase
in der Fensterscheibe meines Abteils. So huscht auch mein hartnckiger
Kriegskamerad ber Wlder und Mauern, bleibt stehen, wenn ich stehen
bleibe, tanzt ber das Gesicht eines Vorbergehenden, ber den
regenfeuchten Asphalt, ber alles was mein Auge streift; schiebt sich
zwischen mich und die Welt, wie jene Luftblase alles vor mir zu ihrem
eigenen Hintergrunde degradierte.

Die rzte, freilich, wissen es anders. Sie glauben nicht, da _Er_ in mir
wohnt und mir die Treue hlt. Wissenschaftlich betrachtet lge es nur an
mir, Ihn nicht lnger hinter mir herzuziehen, Ihm die Kameradschaft zu
knden, so etwa, wie ich auf jener Reise, das Fenster mit der lstigen
Blase zornig in die Tiefe gefeuert. Die rzte glauben's nicht, da ein
Mensch sich dem andern im Tode vermhlen, sein Leben im andern mit zher
Unerbittlichkeit weiter leben knne. Sie meinen: wer am Fenster steht,
msse das gegenberliegende Haus sehen; niemals aber die Zimmerwand, die
hinter seinem Rcken lauert.

Die rzte glauben nur an Dinge, die sind. Da man Tote in sich tragen, vor
sich hinzustellen vermag, so da sie ein Bild verdecken, das hinter ihnen
liegt, -- solcher Aberglauben reicht an die Herren rzte nicht heran. In
ihrem Leben spielt ja der Tod keine Rolle, denn ein Kranker, der stirbt,
hrt eben auf krank zu sein. Und was wei der Tag von der Nacht, die ihn
doch auch ewig ablst?

Ich aber wei, da nicht ich den toten Kameraden gewaltsam durch mein Leben
schleife. Ich wei, da der Tote strker in mir lebt als ich selbst! Mag
sein, da Gestalten, die ber Tapeten huschen, in Ecken kauern, vom
finsteren Balkon aus ins erleuchtete Zimmer stieren und ans Fenster pochen,
so laut, da man die Scheibe klirren hrt, -- nur Visionen sind, und nichts
weiter. Wo kommen sie her? . . . . . _Mein_ Hirn liefert das Bild, _meine_
Augen besorgen die Projektion, -- an der Kurbel aber sitzt der Tote! Er ist
der Filmarrangeur; die Vorstellung beginnt, wenn's Ihm so pat und hrt
nicht auf, so lange Er die Kurbel dreht. Wie knnte ich nicht sehen, was Er
mir zeigt? Schliee ich die Augen, so fllt das Bild eben auf die Innenwand
meiner Augenlider, und das Drama spielt in mir, statt weit weg ber Tre
und Tapete zu tanzen.

Ich sollte der Strkere sein, heit es? Einen Toten kann man doch nicht
umbringen, das sollten die Herren rzte doch wissen!

Hngen nicht die Bilder Titians und Michel-Angelos immer noch in den
Museen, nach Jahrhunderten noch? Und die Bilder, die ein Sterbender mit der
ungeheuerlichen Kraft seines letzten Ringens, vor vierzehn Monaten in mein
Gehirn gemeielt, sollten verschwinden, nur weil jener, der sie schuf, in
seinem Soldatengrabe liegt? . . . . Wer sieht denn nicht, wenn er das Wort
Wald liest oder hrt, irgendeinen Wald, den er irgendmal, irgendwo
durchwandert, aus dem Kupeefenster oder auf der Bhne gesehen? Wem
erscheint nicht, wenn er von seinem verstorbenen Vater spricht, das lngst
vermoderte Antlitz, bald streng, bald milde, bald in der steinernen
Starrheit des letzten Abschieds? Was wre unser ganzes Sein, ohne die
Bilder, die -- jedes auf sein Stichwort --, wie im Lichtkegel des
Scheinwerfers, fr Augenblicke aus der Vergessenheit steigen?

                                * * *

Krankheit? . . . . Gewi! Die Welt ist wund, und duldet kein anderes
Stichwort, kein Bild, das nicht den Massengrbern gilt. Fr keinen
Augenblick kann der Kamerad in mir zu den Toten sich legen, weil Alles, was
geschieht, ein Blitzlicht ist, das ihn streift. Das erste Zeitungsblatt am
Morgen: versenkte Schiffe, -- abgeschlagene Angriffe. Und schon wirbelt der
Film keuchende, ringende Menschen, -- gekrmmte Finger, die aus
Wellenbergen noch einmal nach dem Leben greifen, -- von Tollwut und
Schmerzen entstellte Gesichter durcheinander. Jedes Gesprch, das man
erhascht, jedes Schaufenster, jeder Atemzug: ein Stichwort! Ein Stichwort
auch der stille Frieden der Nacht! Oder tickt nicht jeder Sprung des
Sekundenzeigers das letzte Rcheln von Tausenden? Gengt nicht das Wissen
von abgerissenen Kinnbacken, durchschnittenen Kehlen, von ineinander
verbissenen Leichen, um die Hlle zu hren, die jenseits der dicken
Luftmauer tobt?

Wer da mit Sicherheit wte, da im Nachbarhause eben einer gemordet wird,
whrend er behaglich in den Kissen liegt, -- und aufsprnge mit fliegenden
Pulsen, wre krank? Kann man denn anders als benachbart sein mit den Orten,
wo Tausende in rasender Not sich ducken, die Erde zerfetzte Glieder in den
Himmel speit und der Himmel mit eisernen Fusten auf die Erde hmmert? Kann
man wirklich entfernt leben von seinem eigenen, gekreuzigten Ich, wenn die
ganze Welt von Stichworten widerhallt? . . . .

Nein!

Krank sind die andern. Krank sind jene, die mit strahlenden Augen
Siegesnachrichten lesen und eroberte Quadratkilometer leuchtend ber
Leichenberge aufsteigen sehen, jene, die zwischen sich und ihre
Menschlichkeit eine Wand aus buntem Fahnentuch gespannt, um nicht zu
wissen, was in dem Jenseits, das sie _Die Front_ nennen, an ihresgleichen
verbrochen wird. Krank ist jeder, der noch denken, sprechen, streiten,
schlafen kann, wissend da andere, mit den eigenen Eingeweiden in den
Hnden, wie halbzertretene Wrmer ber Ackerschollen kriechen, um auf
halbem Wege zum Verbandplatz, wie ein Tier zu verenden, whrend weit,
irgendwo, ein Weib mit heiem Leibe neben einem leeren Bette trumt. Krank
sind alle, die das Sthnen, Knirschen, Heulen, Krachen, Bersten, -- das
Jammern, Fluchen und Verrecken berhren knnen, weil rings um sie der
Alltag murmelt, oder selige Nachtruhe liegt.

Krank sind die Tauben und Blinden, nicht ich!

Krank sind die Stumpfen, deren Seele nicht Mitleid und nicht den eigenen
Zorn singt; sind die vielen, die, wie ein saitenloser Geigenkasten, nur
Echo sind jedem Drhnen. Oder ist etwa der Gedchtnisschwache, der wie eine
berlichtete Platte, kein Bild mehr aufnimmt, -- der _gesunde_ Mensch?
. . . . Ist nicht gerade Erinnerung der hchste Inhalt jedes
Menschendaseins? Der Reichtum, den nur Tiere nicht kennen, weil sie
Geschehenes nicht in sich weitertragen, nicht neu aus sich erstehen lassen
knnen.

Soll ich von meinem Gedchtnis geheilt werden, wie von einem Leiden? Und
wre doch ohne mein Gedchtnis nicht mehr ich selbst, weil jeder Mensch aus
seinen Erinnerungen gebaut ist und nur lebt, solange er wie eine geladene
Kamera durchs Leben geht. Knnte ich nicht sagen: wo ich meine Jugend
verlebt, wie die Haarfarbe meines Vaters, die Augen meiner Mutter gewesen;
-- knnte ich nicht, um Rede zu stehen, jeden Augenblick mein Gedchtnis
durchblttern und das betreffende Bild aufschlagen, -- wie schnell wre die
Diagnose: senil oder schwachsinnig bei der Hand! Ja, mu man denn, um
als geistig normal zu gelten, sein Gehirn wie Schwamm und Schiefertafel
handhaben, Bilder, die grlichste Not in die Seele gebrannt, auf Kommando
wegwerfen knnen, wie man Seiten aus einem Photographiealbum reit? . . .

Einer ist vor meinen Augen gestorben; schwer und hart; nach grausamem
Kampfe entzweigerissen von den Titanen: Leben und Tod. Und weil ich alle
Phasen seines Ringens, -- wie Momentaufnahmen in meinem Gehirn aufbewahrt,
-- neu erleben mu, so lange alles Geschehen unerbittlich diese Serie
aufschlgt, wre ich krank? . . . . Ich krank? -- Und die anderen, die ber
das Zerfetzen, Zerfleischen, Zerstampfen ihrer Brder, -- ber das langsame
Verzappeln von Menschen im Stacheldrahte hinwegblttern knnen, wie ber
weie Seiten, _die_ sind gesund? . . . .

Ja, wo soll ich denn mit dem Vergessen anfangen, meine Herrn Doktoren?

Soll ich vergessen, da ich im Kriege gewesen? Vergessen den Augenblick,
da, in der verrauchten Bahnhofshalle, ksewei, mit zusammengekniffenen
Lippen, mein Junge neben seiner Mutter stand, und ich aus dem
Waggonfenster, mit schlecht gemimter Heiterkeit, von Wiedersehen schwtzte,
whrend meine Augen gierig die Gesichtszge von Frau und Kind durchwhlten,
ich ihr Bild in meine Seele einsog, wie nach tagelangen Mrschen die
brennende Kehle das rasend ersehnte Wasser schlrft? Vergessen das
gallenbittere Wrgen, als der Bahnhofsrachen langsam zuschnappte und Kind,
Weib und Welt verschlang?

Soll ich die ganze Fahrt in den Tod, als Einzelreisender in einem Zuge,
berfllt mit Familienvtern, die ber Sonntag in die Sommerfrische fuhren,
mir aus der Erinnerung reien, wie einen lstigen Wisch? Soll ich
vergessen, wie mir's war, als es mit jeder Station stiller um mich wurde,
gleichsam das Leben von mir abbrckelte; bis, gegen Mitternacht, nur mehr
ein -- zwei schlafende Soldaten im Abteil saen und ein kseweies,
schmerzverzerrtes Kindergesicht um das flackernde llicht schwebte? Mu man
wirklich krank sein, um diesen Abschied von Heim und Wrme, dieses
Losfahren, mit Ha und Gefahr als Reiseziel, wie einen unheilbaren Ri in
sich zu tragen? Was wre schwerer zu fassen, wann htten Menschen je
Rasenderes getan, als dieses: mit 6o Kilometer Geschwindigkeit durch die
Nacht fahren, allem Lieben, aller Sicherheit entfliehen, den Zug verlassen
und in einen andern steigen, weil dieser, und nur _dieser_, dorthin fhrt,
wo unsichtbare Maschinen glhende Eisenstcke schleudern, der Tod ein
engmaschiges Netz aus Stahl und Blei zum Fang auswirft? Wer reit mir das
Bild der kleinen, schmutzigen Station, der frstelnden, schlaftrunkenen
Soldaten, die ohne Rausch, ohne Musik im Blute, dem Zivilistenzuge
nachblickten, wie er sich mit hellen Fenstern, frhlich pfeifend, in die
Bsche schlug; wer reit mir dieses Umsteigen in den Tod, im fahlen
Zwielicht, jemals wieder aus der Seele?

Und wenn ich diese erste, endlose Nacht auch durchstreichen knnte, wie
eine erledigte Angelegenheit; -- bliebe mir nicht doch der Morgen, da der
Zug, auf freier Strecke, mitten in einer weiten taufrischen Wiese, vor
einer Weiche hielt und den Neugierigen der Bescheid ward, da wir
Lazarettzge passieren lassen mten? Wie soll ich sie je verscheuchen, die
Erinnerung an die Wolke von Lysol und Blutgeruch, von Drachennstern auf
die frhliche Wiese geblasen? Werde ich nicht ewig die endlosen Schlangen
sehen, wie sie so trge herankrochen, als wren sie bersttigt mit
zersetztem Menschenfleisch? Aus hundert Fenstern blitzten weie Verbnde,
stierten verglaste, stumpfe Augen; liegend, hockend, aufeinander gepfercht,
Leib an Leib, hingen sie, wie blutige Dolden, noch auf den Trittbrettern,
als berquellender Reichtum an Schmerz und Not. Und diese jmmerlichen
Reste von Kraft und Jugend, diese geschundenen, zertrmmerten Menschen
sahen _mitleidig_, jawohl: mitleidig! auf unseren Zug. Bin ich wirklich
krank, weil mir diese Blicke warmen Mitgefhls, von blutenden Krppeln auf
gesunde, stramme Burschen geworfen, unauslschlich auf der Seele brennen?
Und diese Ahnung, die damals frstelnd den ganzen Zug durchlief, von einer
Hlle, der man lieber in blutige Tcher gehllt entflieht, als ihr
unversehrt entgegen zu fahren, -- dieser Schauder sollte zum Wissen, zum
Erlebnis, zur Erinnerung geworden, einfach abzuschtteln sein, solange
immer noch, Tag fr Tag, solche Zge sich begegnen? . . . Ein hingeworfenes
Wort ber Truppenverschiebungen, jede Nachricht von neuen Kmpfen, lt
unfehlbar, wie das Anschlagen einer Taste einen bestimmten Ton erklingen
macht, diese erste, leibhaftige Begegnung mit dem Kriege aus der Versenkung
auftauchen, und ich sehe: auf dem freigewordenen Geleise, auf Steinen und
Schwellen, die Blutstropfen im jungen Sommertag glitzern, als Wegweiser zur
Front.

Zur Front!

Bin wirklich ich der Kranke, weil ich dies Wort nicht aussprechen oder
niederschreiben kann, ohne da inbrnstiger Ha mir die Zunge pelzig
machte? Sind nicht die andern toll, die mit einem Gemisch von Andacht,
romantischer Sehnsucht und scheuer Sympathie, wie hypnotisiert, auf diese
Krppel- und Leichenfabrik mit Maschinenbetrieb starren? Wr's nicht
klger, mal diese andern auf ihren Geisteszustand zu untersuchen? Mu ich
es den Herren rzten, die mich so mitleidig bewachen, verraten, da ein
paar Worte, die man wie tolle Hunde auf die Menschheit losgelassen, das
ganze Unheil angerichtet haben?

Front -- Feind -- Heldentod -- Sieg -- mit hngender Zunge und
rollenden Augen rasen die Kter durch die Welt. Millionen, die man
vorsorglich gegen Typhus, Pocken und Cholera geimpft, hetzt ihr bis in
Raserei! Millionen werden in Zge gepfercht, -- hben und drben, -- fahren
singend einander entgegen, -- und hacken, stechen, schieen aufeinander
los, sprengen sich gegenseitig in die Luft, geben ihr Fleisch und ihre
Knochen her fr den blutigen Brei, aus dem der Friedenskuchen gebacken
werden soll fr jene Glcklichen, die ihre Kalbs- und Rindshute gegen
hundert Prozent Nutzen dem Vaterlande opfern, statt die eigene Haut auf den
Markt zu tragen, fr dreiig Heller tglich! . . . . . Man denke einmal:
das Wort Krieg wre noch nicht erfunden; noch nicht durch tausendjhrigen
Gebrauch geheiligt, wie eine ungeheure Attrappe in raschelnde Buntheit
gewickelt. Wer wrde es wagen, das mangelnde Wort Kriegserklrung durch
folgende Rede zu ersetzen:

Nach langen, fruchtlosen Verhandlungen ist unser Vertreter beim
Nachbarstaate, heute von dort abgereist. Er hat aus dem Fenster seines
Salonwagens zum letztenmal den Zylinder gelftet vor den Herren, die ihm
das Geleite gegeben, und wird ihnen nicht wieder freundlich lchelnd
entgegentreten, ehe _ihr_ nicht viele hunderttausend Mnner des
Nachbarstaates zu Leichen gemacht. Auf also! Hinein in eure Gterwagen fr
6 Pferde oder 28 Mann! Fahrt ihnen entgegen, diesen anderen! Schlagt sie
tot, sgt ihnen die Gurgeln ab, haust wie wilde Tiere in feuchten
Erdhhlen, verkommt, verwildert, verlaust, -- bis wir den Zeitpunkt fr
gekommen erachten, uns wieder in den Salonwagen zu setzen, wieder die
Zylinder zu lften, um in prunkvollen Rumen, vornehm und manierlich ber
den Nutzen zu streiten, der unseren Fabrikherrn und Grokaufleuten aus dem
Gemetzel zu erwachsen hat. Dann drft ihr, soweit ihr noch nicht unter der
Erde fault, oder als Bettler von Tre zu Tre humpelt, wieder nach Hause,
zu euren halbverhungerten Familien, und drft -- nein: mt! -- mit
doppeltem Eifer an die Arbeit, unermdlicher und doch anspruchsloser als
vorher, damit ihr die Schuhe, die ihr in hundert Todesmrschen zerfetzt,
die Kleider, die an eurem Leibe verschimmelt, mit Schwei und Entbehrung
bezahlen knnt! . . . .

Ein Narr, wer mit solchen Worten um Gefolgschaft buhlte! Und _keine_ Narren
die Opfer, die drauen frieren, hungern, tten, und sich tten lassen, nur
weil sie glauben gelernt: dies ginge nicht anders, wenn der tolle Kter
Krieg mal seine Ketten gesprengt und den Erdball gebissen?

Waren so die Kriege, die uns das Wort Krieg berliefert? Waren Krieg
und Beute nicht gegenseitig bedingt? Fhrte den Landsknecht nicht
Hoffnung auf zgelloses Leben, -- Hoffnung auf Weiber und Dukaten und
goldgezumte Hengste? Ist dieses Kauern in eiserner Zucht, dieses
Kopfhinhalten, dieses passive Vabanque-spielen mit Ungeheuern, die aus
blauer Ferne ihre Hllenkessel schleudern, -- noch Krieg? Krieg war das
Aufeinanderprallen der berschssigen Krfte, -- der Raufbolde aller
Nationen. Jugend, der das Stdtchen zu klein, das Wams zu eng wurde, zog
hinaus, vom Spiel der eigenen Muskeln berauscht. Und nun soll das gleiche
Wort herhalten, wenn Mnner, schon in Haus und Heim verankert, losgerissen,
hinausgepeitscht, vor den Feind hingelegt werden, um in stumpfer
Resignation, wehrlos, als Statisten auszuharren in diesem Duell der
Munitionsindustrien? . . . .

Ist es erlaubt, das Wort Krieg als Standarte zu mibrauchen, wenn statt
Mut und Kraft -- Streukegel und Tragweite kmpfen, und der Flei von
Weibern und Kindern im Granatendrehen? Wer wagt es: die Tyrannen finsterer
Zeiten, die ohnmchtige Menschen vor Lwen und Tiger warfen, heute noch
ohne Ehrfurcht zu nennen, wenn er sie an jenen mit, die diesen Kampf
zwischen Mensch und Maschine, wie ein Marionettenspiel am Telegraphendraht
dirigieren, von der schnen Hoffnung beseelt, da unser Vorrat an
Menschenfleisch den Stahl und Eisenbestand der Gegner berdauern werde? --
-- --

Nein! Alle Worte, die geprgt waren, ehe dieses Schlachten begann, sind zu
schn und zu ehrlich; wie das Wort Front, das ich hassen gelernt! Bietet
man Geschtzen, die hinter Bergen verkrochen, den Tod tagereisenweit ber
Land schicken, oder Sappen, die zehn Meter unter der Erde unsichtbar
herankriechen die Stirne? Eine Kopfstation ist eure Front; ein
zerschossenes Huschen, hinter welchem die Schienen aufgerissen sind, weil
die Zge da kehrt machen, ihre Ladung an frischen, braungebrannten Mnnern
lschen, um sie nachher, wenn sie aus der Maschine kommen, mit blutigen
Gliedern und grnspanberzogenem Gesicht wieder aufzunehmen.

Als ich, gegen Abend, ausstieg an dieser Kopfstation, sa auf der Erde,
gegen das Eisengitter der Perronsperre gelehnt, ein brtiger Soldat, den
rechten Arm in der Binde. Und als er mich blitzblank vorbeigehen sah, da
streichelte er mit der linken Hand zrtlich seine zertrmmerte Rechte, warf
mir einen hlichen, gehssigen Blick ins Gesicht, und rief mit
gefletschten Zhnen:

Ja, ja, Herr Leutnant! Hier gibt's an Menschensalat! . . . .

Sollt' ich's vergessen, dieses hmische Grinsen, das den schmerzumzuckten
Mund in die Breite zog? Bin ich krank, weil ich das Wort Front nicht mehr
hren kann, ohne da mir ein unvermeidliches Echo Menschensalat in die
Ohren krchzte? Oder sind doch die andern krank, wenn sie, statt
Menschensalat zu hren, gierig das feige Gewsch jener zeitgenssischen
Kriegsbarden verschlingen, die wie Weinreisende fr die Marke Weltkrieg
emsig in Reklame machen, weil sie dafr, wie kommandierende Generle, in
Autos herumgondeln drfen, statt, von einem Gefreiten beherrscht, in
lehmigen Grben dem Tode gegenber zu liegen.

Gibt es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut, die noch eine Zeitung in
die Hand nehmen knnen, ohne da ihnen der Schaum vor dem Mund stnde? Kann
man wirklich das Bild von angeschossenen Zweiflern, die unter strmendem
Regen, auf einer schlammigen Wiese, langsam, stumpfsinnig verbluten, im
Gehirn tragen, und doch ruhig die Schurkereien ber lckenlosen
Samariterdienst, federnde Krankenwagen und nobel tapezierte Schtzengrben
lesen, mit welchen diese Kerle sich militrfrei dichten?

Menschen kehren heim mit stillen, staunenden Augen, in denen der Tod sich
noch spiegelt; gehen scheu, wie Traumwandler durch funkelnde Straen. In
ihren Ohren hallt noch das tierische Wutgeheul, das sie selbst in den Orkan
des Trommelfeuers hineingebrllt, um nicht bersten zu mssen vor innerer
Not. Mit Grauen bepackt, wie ein Maultier, kommen sie an, den erstaunten
Blick erstochener, erschlagener Feinde im Gewissen, -- und wagen den Mund
nicht zu ffnen, da alles ringsum, da Weib und Kind selbst, mit
geschwtziger Neugier von Granaten, Gasbomben und Bajonettangriffen
drehorgelt. So perlen die Urlaubstage an ihnen ab, und die Rckfahrt in den
Tod ist Erlsung von der Scham: ein verkappter Feigling gewesen zu sein
unter den Daheimgebliebenen, fr die Sterben und Tten Gemeinpltze ohne
Schauer geworden.

So mag's denn so sein, meine Herren Doktoren! Es ist ehrenvoll, der
Tobsucht bezichtigt zu werden diesen Hallunken gegenber, die um den Kopf
aus der Schlinge zu ziehen, die Menschheit so herrlich abgehrtet, das
Mitleiden abgeschafft und den Stolz auf fremdes Leid eingebrgert haben,
statt, -- als einzige Mittler zwischen Not und Macht, -- das Gewissen der
Welt zu wecken; statt mit einem Sprachrohr bewaffnet auf den belebtesten
Pltzen so lange _Men-schen-sa-lat!_ zu brllen, bis allen, deren Vter,
Mnner, Brder, Shne zur Leichenfabrik gezogen, die Haare zu Berge stehen,
und alle Kehlen der Welt ein Echo werden! . . . . .

Jetzt, -- wenn Sie gerade in der Nhe wren, meine Herren rzte, -- knnte
ich Ihnen meinen Kameraden zeigen, zu leibhaftem Sein ins Zimmer gerufen
von den Stichflammen des Hasses gegen Frontberichte und
Hinterlandsgleichmut. Ich fhle ihn hinter meinem Rcken stehen; sein
Gesicht aber liegt vor mir auf dem weien Bogen, wie ein matter
Wasserdruck, und meine Feder fliegt mit krampfhafter Eile, um wenigstens
die Augen, die mich vorwurfsvoll anstarren, mit Buchstaben zu bedecken.

Gro, -- auseinanderstrebend, -- grauenhaft verzerrt hebt sich sein
Antlitz, langsam anschwellend, aus dem Papier, wie das Bild des Erlsers
aus dem Schweituche der Veronika.

Genau so sahen ihn, an jenem Hochsommermorgen, auch die drei
Zeitungsschreiber am Waldrande liegen, und -- wandten sich unwillig ab, mit
einem fast militrisch exakten kurz kehrt euch. Mir galt ja ihr Besuch!
Ich sollte ihnen Wagen und Pferde leihen, da das Auto, das sie mit
Blitzesschnelle durch die Gefahrzone flitzen sollte, mit gebrochener Achse
auf der Grzer Strae lag.

Liebenswrdige Herren waren's, in mrchenhaft geschwungenen Breaches-Hosen,
mit Reisemtzen, wie aus einem Sherlock-Holmes Film entwendet! Sie wollten
Briefe mitnehmen, und Gre ausrichten, fanden es entzckend bei mir,
lachten aus voller Kehle ber meine Matratze aus Weidenruten, -- und wurden
besonders dankbar, als der Wagen bereit stand, ehe das tgliche
Bombardement der Italiener einsetzte.

Als sie aus dem Walde fuhren, muten sie doch wieder an dem Manne vorbei,
der mit seinem grausam entstellten Gesicht unbeweglich auf der Wiese
kauerte. Aber sie sahen ihn wieder nicht! Wie auf Kommando warfen sie die
Kpfe herum, beugten die Zerstrungen, die ein Fliegerangriff tags vorher
angerichtet, angeregt gestikulierend, als sen sie bereits hinter den
Spiegelscheiben eines Kaffeehauses.

Mein Atem ging kurz, als wre ich ein ganzes Ende steil bergauf gerannt.
Der Platz auf dem ich stand, kam mir pltzlich fremd und verndert vor. War
das noch der gleiche Wald, in den oft krachend die Granaten schlugen, den
die groen Caproniapparate mit weit gespannten Flgeln, wie Geier
umkreisten, mit Bomben und Pfeilen durchsiebten, whrend das Abwehrfeuer
der Maschinengewehre die Bltter wie Hagel peitschte? Aus _diesem_ Walde
fuhren drei Menschen gesund, unversehrt, mit frhlichem Mtzenschwenken?
. . . . Wo war denn die Wand, die uns andere kauernd auszuhalten zwang
unter den knickenden sten? . . . . Gab es da nicht ein Tor, das sich nur
vor fahlen, eingefallenen Wangen, fieberglnzenden Augen, oder blutigen
Gliedern auftat? . . . .

Glatt rollte der Wagen ber die braungestampfte Wiese, und nur das
leuchtende Rot Baedeckers fehlte, um das Bild einer Vergngungsreise
vollkommen zu machen.

Die fuhren heim!

Zu Frau und Kind vielleicht? . . . .

Ein schmerzvolles Ziehen und Zerren, als wre der Blick an die Rder
gebunden; -- -- dann schnellte der Krper, -- wie losgerissen, -- ins Leere
zurck, und . . . . und in diesem Augenblicke, da die Seele, gleichsam
aufgepflgt von dem davonfahrenden Wagen, klaffend und wehrlos war vor
Sehnsucht, sprang jh das Erlebnis mich an! Mit einem furchtbaren Satz, --
mit einem einzigen Bi, -- fr's ganze restliche Leben, unheilbar!.

Ahnungslos ging ich zu dem Verwundeten hin, dem die Drei so abweisend den
Rcken gekehrt hatten, als gehrte er nicht auch zu dem interessanten
Museum fr Granattrichter, das sie neugierig durcheilten. Er kauerte neben
dem schmutzigen, zerfetzten Fhnchen mit dem Rothenkreuz, den Kopf zwischen
die hochgezogenen Knie gepret, und hrte mich nicht, hinter ihm lag der
kreisrunde, kaffeebraune Fleck, der sich, wie eine Manege, aus der immer
noch ein wenig grnschimmernden Wiese hob. Die Verwundeten, die tag-tglich
bei Morgengrauen sich an dieser Stelle sammelten, um mit den Wagen, die uns
Munition brachten, und fr den Rckweg Verwundete luden, ins Feldspital
gefahren zu werden, -- hatten den Flecken aus der Wiese gewetzt, wie eine
Lieblingsecke auf dem Familiensopha.

Wie viele hatte ich schon so kauern gesehen, zehn -- zwlf Stunden lang
oft, wenn die Wagen zu frh abgefahren, oder berfllt, oder -- nach
heftigen Gefechten --, rckwrts, vor dem Munitionsdepot, Queue gestanden
waren. Frhliche Burschen mit zerschmetterten Armen oder Beinen, das
Kriegswort _Tausendguldenschu߫_ auf den fahlen und doch lachenden Lippen,
-- neidvoll begafft von Leichtverletzten und den flackernden Augen der
Typhuskranken, die alle gerne tausend Gulden und ein Glied dazugeopfert
htten, fr die gleiche Gewiheit: nicht mehr wiederkehren zu mssen. Wie
viele hatte ich sich wlzen, in die Erde beien sehen vor Schmerz; -- wie
viele bei strmendem Regen, -- halb schon begraben im aufgeweichten Lehm,
-- sthnen und wimmern, mit aufgerissenem Leibe die Bora berbrllen hren!
. . . .

Doch dieser schien nur leicht am rechten Bein getroffen zu sein. Durch den
flchtigen Verband war das Blut an einer Stelle durchgesickert, und so bot
ich ihm, auer Kognak und Zigaretten, auch mein Verbandpckchen an. Aber er
rhrte sich nicht. Erst als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er
den Kopf, -- und das Gesicht, das er mir zeigte, warf mich zurck, wie ein
Faustschlag vor die Brust.

Mund und Nase waren auseinandergegangen; wie berwuchernd krochen sie die
rechte Wange hinauf, -- die keine Wange mehr war. Ein Stck blaurotes
Fleisch blhte sich da, berzogen von einer bis zum Platzen gespannten, von
Straffheit hell glnzenden Haut! Eine exotische Frucht eher, als ein
Menschenantlitz, war die ganze rechte Seite; whrend von links, aus fahler,
zuckender Traurigkeit, ein banges, wehmtiges Auge zu mir emporblickte.

Wie ein Lasso schlang der jhe Schrecken sich mir um die Kehle!

Was war das? . . . . Solches Grauen hatte auch diese Wiese, dieser
Warteraum zum Jenseits noch nicht gesehen. Selbst die schaurige Erinnerung
an einen anderen, der wenige Tage vorher, genau an der gleichen Stelle, in
den wie schpfend zusammengefgten Hnden behutsam die eigenen Gedrme
gehalten hatte, -- versank beim Anblick dieses Januskopfes, der links ganz
Frieden, ganz milde Menschlichkeit; -- rechts ganz Krieg, ganz verzerrtes,
geblhtes Hagebilde schien.

-- Schrapnell? -- . . . . stammelte ich schchtern die einleitende Frage.

Die Antwort klang verworren. Nur da sein rechtes Schienbein ein
Dum-dumgescho zertrmmert hatte, konnte ich verstehen. Was aber murmelte
er, so oft seine Hand bebend zur glhenden Backe griff, immer wieder von
einer _Angel_? . . . .

Ich konnte ihn nicht verstehen, denn das Erlebte kochte noch so heftig in
seinen Adern, da er wie von gegenwrtigem Geschehen, wie zu einem
Augenzeugen zu mir sprach. Sein Bauernsinn fate es nicht, da es Menschen
geben knne, die von der ungeheuerlichen Not seiner letzten Stunden nichts
gesehen und nichts gehrt. So stieg, mehr erraten als erzhlt, aus kurzen
Stzen, derben Flchen, und gurgelndem Sthnen, allmhlich sein Schicksal.

Eine Nacht lang war er, nach abgeschlagenem Angriff auf den feindlichen
Graben, mit seinem zerschmetterten Bein ohnmchtig vor dem eigenen
Drahtverhau gelegen. Bei Morgengrauen dann warfen sie die Angel nach ihm.
Die Angel, aus Eisenhaken und Seil konstruiert, um die Leichen von Freund
und Feind in den Graben zu ziehen und verscharren zu knnen, ehe die Grzer
Sonne ihre Arbeit begann. Mit diesem Haken, in hundert Leichen getaucht,
hatte ihm ein Tlpel, -- Gott verdamm ihn! -- die Wange aufgerissen, ehe
einer gebteren Hand der Fischzug gelang. Und nun wollte er -- gehorsamst
bittend --, bald ins Spital gebracht werden, denn es war ihm bange um --
sein Bein, und vor einem Bettlerdasein als Krppel.

Ich lief davon, wie gejagt, in weiten Stzen, ber Steine und Wurzeln
hpfend, quer durch den Wald, zur nchsten Kolonne. Umsonst! Im ganzen
Walde war kein einziges Fuhrwerk aufzutreiben. Und ich hatte meinen letzten
Wagen den drei Kerlen gegeben! . . . . . . .

Warum hatte ich sie nicht aufgefordert, den einzigen Verwundeten, der auf
der Wiese lag, mitzunehmen, und im Vorbeifahren abzuliefern beim
Feldspital? Warum hatten die drei nicht von selbst daran gedacht, ihre
Menschenpflicht zu tun? Warum?! . . . . . .

Meine Fuste ballten sich in ohnmchtiger Wut und ich ertappte mich bei
einem Griff nach der Revolvertasche, als knnte ich jene Frhlichen noch
von ihrem Wagen schieen!

Atemlos, durchglht vom langen Lauf, torkelte ich mit zitternden Knien den
Weg zurck; geknickt, als schleppte ich auf den Schultern das
zentnerschwere Bild von Menschen, die sportsmig auf Menschenaas angeln.
Ein merkwrdiges, seit Jahrzehnten vergessenes Wrgen und Kratzen stieg mir
in die Kehle, als ich -- zu meinem Lagerplatz zurckgekehrt, -- dem leisen
Wimmern des Hlflosen lauschen mute.

Er war nun nicht mehr allein. Ein Huflein von Leichtverwundeten hatte
sich, -- whrend meiner Abwesenheit, -- zu ihm gesellt. Ich sah sie, --
zwischen den Baumstmmen hindurchsphend, -- im Kreise auf der Wiese
hocken, whrend der Geangelte, von rasenden Schmerzen gepeinigt, das kranke
Bein in der Hand, umherhpfte, den Kopf von einer Schulter auf die andere
werfend.

Gegen Mittag schickte ich meine Unteroffiziere auf die Suche, versprach
ihnen frstliche Belohnung fr einen Wagen und lief, mit der Kognakflasche
unter dem Arm, wieder auf die Wiese hinaus.

Jetzt tanzte er nicht mehr. Mitten im Kreise der andern lag er auf den
Knien, den Leib vornber gebeugt, und rollte den Kopf, wie einen fremden
Gegenstand, hin und her auf der Erde. Als er pltzlich wieder
hochschnellte, mit einem Wutgeheul, ging selbst durch die Reihe der
Verwundeten, die, versunken ins eigne Leid, gleichgltig dagesessen waren,
ein erschrockenes Murmeln.

Das war nichts Menschliches mehr! . . . . Die Haut, unfhig sich weiter zu
dehnen, war geplatzt. Wie die Strahlen auf einem Kompa liefen die breiten
Spalten auseinander, und in der Mitte quoll glhend das rohe Fleisch
hervor.

Und er schrie! . . . . Er hmmerte mit der Faust auf den riesigen,
rtlich-blauen Klumpen los, bis er unter den Schlgen der eigenen Hand
wehklagend wieder in die Knie fiel.

Es war schon finster als man ihn -- endlich! auf einen Wagen lud. Und als
langsam der Nachtnebel sein Gewebe durch den Wald zog und ich, in einen
Berg von Decken gewickelt, als einziger noch wach lag im Gedrnge der
schwarzen Stmme, die zusammenrckten in der Finsternis; -- da war er
wieder zurck, stand, starr aufgerichtet im Mondlicht, und seine
zermarterte, krbisgroe Wange hob sich blauleuchtend aus dem schwarzen
Schatten der Bume. Wie ein Irrlicht flammte sie bald da, bald dort; --
Nacht fr Nacht; -- leuchtete in jeden Traum hinein, da ich die Augenlider
mit den Fingern auseinanderspreizte, -- bis mein Krper, nach zehn
grauenvollen Nchten, zusammenbrach, und als ein heulender, zuckender
Haufen eingeliefert wurde in das gleiche Feldspital, in welchem Er seinem
verpesteten Blute erlegen war.

Und nun bin ich toll! Schwarz auf wei steht es auf der Kopftafel meines
Bettes zu lesen. Man klopft mich besnftigend ab, wie ein scheues Pferd,
wenn ich aufbegehre und hinausverlange aus diesem Hause, das die _anderen_
einfangen sollte.

Aber die anderen sind frei! Aus meinem Fenster sehe ich ber die
Gartenmauer auf die Strae hinab, und sehe sie eilen, die Hte lften, sich
die Hnde schtteln, sich zusammenrotten vor dem Tagesbericht. Ich sehe
Frauen und Mdchen, kokett geputzt, stolz leuchtend neben Mnnern trippeln,
die ein Kreuz auf der Brust als Mrder zeichnet. Ich sehe Witwen, in
wallenden Schleiern, immer noch geduldig; sehe junge Burschen, mit Blumen
auf dem Helm, aufbruchbereit. Keiner muckt auf! Keiner sieht in finsteren
Ecken zerschundene, zersetzte, geangelte Menschen lauern, mit aufgerissenem
Leib, oder blauleuchtender Wange.

Sie laufen unter meinem Fenster vorbei, gestikulierend, begeistert; -- weil
die Worte der Begeisterung tglich frisch geprgt aus der Mnze kommen, und
jeder einzelne sich geborgen und von Zustimmung umrauscht fhlt, wenn sie
ihm hell von den Lippen klingen. Ich wei, da sie schweigen, auch wenn sie
sprechen, schreien, aufheulen mchten; da sie auf Drckeberger pirschen
und kein Schimpfwort haben fr jene tausendmal rgeren Feiglinge, die von
keinem Schlagworte berauscht, die ganze Sinnlosigkeit dieses Hinmordens von
Millionen klar erkannt im Bewutsein tragen, und dennoch den Mund nicht
auftun, aus Angst vor einem Verweis der Gedankenlosen.

Ich sehe, von meinem Fenster aus, den ganzen Erdball wie einen
tollgewordenen Kreisel tanzen, von stolzen Herren in schlauer Berechnung,
von seilen Dienern in schleichender Ergebenheit gepeitscht.

Ich sehe die ganze Meute! Die Schreier, die zu hohl und zu trge um das
eigene Ich zu formen, sich blhen wollen im gleienden Lob, das ihrer Herde
gilt. Die Schurken, die von der Menge geschirmt, getragen, genhrt,
scheinheilig zu einem selbsterdachten Popanz emporblicken und ihn Millionen
Braven ins Gewissen hmmern, bis die Masse geschmiedet ist, die nicht Herz
noch Hirn, nur Wut und blinden Glauben noch hat. Ich sehe das ganze Spiel,
das in Blut und Schmerzen weiter rast, sehe die Zuschauer gleichgltig
vorbeiwandern und heie ein Narr, wenn ich das Fenster aufreie, um
hinunterzuschreien, da die Kinder, die sie getragen und gehegt, -- die
Mnner die sie geliebt haben, mit angstvoll rckwrts gewandten Augen wie
Vieh geschlachtet, wie Wild gejagt werden!

Diese Narren da unten, die fr respektsvolle Kondolenzbesuche,
anerkennenden Augenaufschlag, Glanz und Wrme ihres Lebens opfern, -- ihr
Fleisch und Blut in den Stacheldraht werfen, -- als Aas auf dem Felde
faulen und angeln lassen, ohne anderen Trost als den: dem Feinde das
Gleiche angetan zu haben; -- diese Narren bleiben frei, und drfen mit
ihrer armseligen Eitelkeit und lsterlichen Geduld tglich neue Hekatomben
vor die Kanonen hinausschieben! Ich aber mu ohnmchtig hier sitzen, --
allein mit dem unerbittlichen Kameraden, den mir mein Gewissen tglich neu
gebrt.

Ich stehe am Fenster -- und zwischen mir und der Strae liegen
hochgeschichtet die Leiber der Vielen, die ich bluten gesehen. Machtlos
stehe ich da, -- denn der Revolver, den man mir gegeben, damit ich
heimwehgeplagte arme Teufel, die eisernes Mu in andersfarbige Uniformen
gesteckt, ber den Haufen knalle, -- wurde mir hier abgenommen, aus Angst:
ich knnte einige Massenmrder aufstbern in ihrer Sicherheit und als
warnendes Exempel zu ihren Opfern schicken.

So mu ich hier harren, als Seher ber den Blinden, -- hinter meinen
Gitterstben; und kann nichts weiter tun, als diese Bltter dem Winde
bergeben, -- Tag fr Tag von neuem niederschreiben und immer wieder
hinausstreuen auf die Strae.

Unermdlich will ich schreiben. Die ganze Welt bersen! Bis in allen
Herzen der Samen aufgeht, bis in allen Schlafstuben -- gespenstisch blau --
ein lieber Toter seine Wunden zeigt; und endlich, -- endlich, als
herrliches Erlsungslied der Welt, der millionenstimmige Wutschrei:
_Men-schen-sa-lat!_ unter meinem Fenster erklingt.




Heldentod


Der Herr Stabsarzt hatte nicht verstanden. Er schttelte rgerlich den Kopf
und sah, ber den Kneiferrand, fragend auf seinen Assistenten hinab.

Der blonde Oberarzt schwieg schchtern und stramm, denn er hatte auch nicht
verstanden.

Nur der Bursche, am Fuende des Bettes, schien immer noch einigen Kontakt
zu haben mit den Wahnvorstellungen seines Herrn, denn auf den Spitzen
seines aufgewichsten Schnurrbartes glitzerten, wie aufgespiet, zwei
Trnentropfen. Aber der Bursche sprach nur ungarisch, und so lie ihn der
Herr Stabsarzt mit einem halblauten dummes Luder, neben dem Bett stehen
und schob sich, gefolgt von der semmelblonden Schchternheit, schwitzend
und pustend in der Richtung des Operationszimmers weiter.

Die ungeheuerliche Wattekugel, die, laut der Tafel ber dem Bette, den Kopf
des Oberleutnants der Reserve Otto Kadar vom Feldartillerieregiment No
. . . . in ihrem Innern barg, sank, als die rzte gegangen waren, auf die
Kissen zurck. Miska setzte sich wieder auf seinen Rucksack, schnupfte die
Trnen hoch und dachte, den Kopf zwischen die groen, ungewaschenen Hnde
gepret, verzweifelt ber seine Zukunft nach. Denn, da es mit dem Herrn
Oberleutnant nicht mehr lange dauern knne, darber war er sich im klaren.
Er wute ja, was unter der riesigen Wattekugel verborgen lag; hatte die
zertrmmerte Schdeldecke gesehen, und das frchterliche graue Gekrse
unter den blutigen Splittern: das Gehirn des armen Herrn Oberleutnant, der
so ein gar guter Mensch und Vorgesetzter gewesen. Ein zweites Mal durfte er
auf so ein Mordsglck nicht hoffen. Ein zweites Mal gab es solch einen
seelenguten Herrn berhaupt nicht mehr! Die vielen, vielen Scheiben Salami,
die ihm der Herr Oberleutnant von seinem eigenen Vorrat immer geschenkt, --
die sanften, warmen Worte, die er ihn hatte jedem Verwundeten zuflstern
hren, -- alle Erinnerungen der langen, blutigen Zeit, die er, fast als
Kamerad, an der Seite seines Herrn stumpfsinnig durchgelitten hatte,
stiegen jetzt in ihm auf. Er tat sich ganz furchtbar leid, der gute Miska,
in seiner grenzenlosen Wehrlosigkeit gegenber der groen Kriegsmaschine,
in die er nun irgendwo von neuem hineingeworfen werden sollte, ohne der
sicheren Sttze des guten Herrn Oberleutnant an seiner Seite.

So kauerte er, den breiten Bauernschdel zwischen den Fusten, wie ein
Hund, zu Fen seines sterbenden Herrn, und auf den Spitzen seines, mit
Staub und Pomade festgekleisterten Schnurrbarts, spieten sich in sanfter
Folge die herabrollenden Trnen auf.

Ganz klar war es ja Miska auch nicht, warum der arme Herr Oberleutnant
immer wieder so furchtbar nach seinem Grammophon schrie. Er wute nur, da
die Herren im Unterstand gesessen, und sich vom Grammophon den
Rakoczymarsch hatten vorspielen lassen, als pltzlich die verdammte Granate
heranpfiff und dann alles in Rauch und Erde verschwand. Ihm selbst war ja
auch Hren und Sehen vergangen, denn ein losgerissenes Brett hatte ihn, wie
vom Himmel kommend, ber den Rcken geschlagen, da er hinfiel und eine
Ewigkeit nicht Atem holen konnte.

Dann . . . . dann, erinnerte sich Miska nur mehr, ganz unklar, an einen
unerhrten Haufen von zerhackten Brettern, eingestrzten Balken, an einen
Brei aus Sackfetzen, Beton, Erde, menschlichen Gliedern und viel Blut!
. . . . und . . . . an den Herrn Kadetten Meltzar, der immer noch aufrecht
dasa, den Rcken gegen die Reste der Seitenwand gelehnt, mit der
Grammophonplatte, die eben noch den Rakoczymarsch gespielt hatte und die,
wie durch ein Wunder, ganz geblieben war, an der Stelle, wo eigentlich sein
Kopf hingehrte. Aber der Kopf war nicht da. Der Kopf war weg, ganz weg,
nur die schwarze Grammophonplatte stand, auch an die Wand gelehnt, direkt
auf dem blutigen Kragen. Das war schauderhaft gewesen! Kein Soldat hatte
Hand anlegen wollen an den sitzenden Krper, mit der Platte, die genau wie
ein Kopf auf dem Halse oben sa. Brr! . . . . Miska fhlte, wie's ihm kalt
ber den Rcken lief bei der Erinnerung, und das Herz blieb ihm stehen vor
Schrecken, als just in diesem Augenblick der Herr Oberleutnant wieder zu
schreien anfing:

-- Grammophon! nur Grammophon! -- . . . .

Miska sprang auf, sah die groe Wattekugel sich mhselig von den Kissen
lsen, sah das einzige Auge, das seinem Herrn geblieben war, gierig auf ein
unsichtbares Etwas geheftet, und stand beschmt da, wie ein Schuldiger, als
ihm aus allen benachbarten Betten unwillige Blicke zuflogen.

-- Das ist ja nicht zum aushalten! -- schrie ein schwerverwundeter Major
vom anderen Ende des langen Korridors, -- tragen Sie den Menschen doch weg!
--

Aber der Major sprach deutsch, und so stand Miska erst recht ratlos da,
wischte sich den Angstschwei von der Stirne und meldete, -- da ihn sein
Herr ja doch nicht hren konnte, -- einem nebenan liegenden Leutnant, da
das Grammophon kaput gegangen sei, in tausend Stcke kaput, sonst htte er,
Miska, es gewi nicht liegen lassen, sondern mitgebracht, wie alles, was
von den Sachen des Herrn Oberleutnant noch irgend aufzufinden gewesen.

Niemand gab ihm Antwort. Den ganzen langen Korridor entlang hatten die
Herren Offiziere, wie auf Kommando, die Kpfe unter die Kissen gesteckt,
die Decken ber die Ohren gezogen; der alte Major wickelte sich sogar
seinen blutigen Mantel wie einen Turban um, blo um das frchterliche,
glucksende Lachen, das bald in Heulen, bald in wtende Schreie nach dem
Grammophon berging, nicht zu hren.

-- Herr Oberleutnant! . . . . Bitt' gehorsamst Herr Oberleutnant -- . . . .
bettelte Miska, und strich mit seinen groen, harten Pratzen ganz -- ganz
leise ber die zuckenden Kniee seines Herrn.

Aber Herr Oberleutnant Kadar hrte ihn nicht. Fhlte auch die schwere Hand
nicht, die auf seinen Knieen lag. Denn ihm gegenber sa immer noch der
Kadett Meltzar, auf dem Halse einen flachen, schwarzen, runden Kopf, in
welchen der Rakoczymarsch spiralfrmig eingezeichnet war. Nun wurde es dem
Oberleutnant auf einmal sonnenklar, da er dem armen Meltzar bitter Unrecht
getan hatte, sechs Monate lang! Was konnte denn der arme Teufel fr seine
Dummheit, fr die abgeschmackten patriotischen Floskeln? Wie htte er mit
einer Grammophonplatte als Kopf vernnftig denken knnen? . . . . Der arme
Meltzar! . . . . Oberleutnant Kadar konnte einfach nicht begreifen, es
schien ihm unfabar, da er nicht vor sechs Monaten schon, gleich als
Kadett Meltzar seine Einrckung zur Batterie meldete, dahinter gekommen
war, was man dem guten Jungen im Hinterlande angetan hatte! . . . .

Man hatte ihm den Kopf vertauscht! Den hbschen, blonden, achtzehnjhrigen
Kopf abgeschraubt und mit einer zerkritzelten schwarzen Scheibe ersetzt,
die nichts konnte als den Rakoczymarsch krchzen, -- das war ja jetzt
erwiesen. Wie mute der arme Junge gelitten haben, als ihm sein zwanzig
Jahre lterer Oberleutnant immer wieder lange Vortrge hielt ber
Menschlichkeit! Mit der flachen, runden Scheibe, die man ihm aufgesetzt,
konnte er es natrlich nicht begreifen, da die italienischen Soldaten, die
zerfetzt und blutig an der Batterie vorbei gefhrt wurden, auch viel lieber
zuhause geblieben wren, wenn nicht ein Plakat an einer Straenecke sie
genau so gezwungen htte alles stehen und liegen zu lassen, wie die
Mobilmachung in Ungarn die ungarischen Kanoniere.

Jetzt erst begriff Oberleutnant Kadar den unbndigen Trotz seines Kadetten.
Nun verstand er erst, warum der Junge, der ja sein Sohn htte sein knnen,
die schnsten, klgsten Reden und Erklrungen stumm hatte ber sich ergehen
lassen, um zum Schlu mit zusammengebissenen Zhnen den Rakoczymarsch zu
pfeifen, und immer wieder knirschend den stereotypen Satz zu murmeln:

Totschlagen soll man die Hunde!

Also nicht weil er so jung und dumm gewesen! Nicht weil er, vom Hofe der
Kadettenschule, schnurstracks ins Feld gekommen war. Die Grammophonplatte
hatte die Schuld. Die Grammophonplatte!

Oberleutnant Kadar fhlte die Adern wie Stricke anschwellen, das Blut wie
mit Hammerschlgen gegen die Schlfen pochen, so unbndig war seine Wut
gegen die Missetter, die dem armen Meltzar den lieben Jungenkopf, den er
frher auf dem Halse getragen, heimtckischer Weise abgeschraubt hatten.

Und . . . . das war das grlichste an der Sache: er sah, wenn er jetzt an
seine Untergebenen und Offizierskameraden zurckdachte, alle genau wie den
armen Meltzar, ohne Kopf umherlaufen! Er prete die Augen zusammen, wollte
sich die Gesichtszge seiner Kanoniere wieder ins Gedchtnis rufen, . . . .
umsonst! Kein einziges Gesicht tauchte in seiner Erinnerung auf. Monate und
Monate hatte er im Kreise derselben Menschen verbracht, -- und kam jetzt
erst dahinter, da keiner von allen einen Kopf auf dem Halse getragen!
Sonst htte er sich doch entsinnen mssen, ob sein Feuerwerker einen
Schnurrbart gehabt hatte; ob der Geschtzfhrer vom ersten Geschtz blond
oder brnett gewesen war. Aber nein! . . . . Nichts war ihm geblieben. Nur
Grammophonplatten sah er, schwarze, scheuliche, kreisrunde Scheiben auf
blutigen Blusen aufsitzend . . . . .

Die ganze Isonzogegend lag pltzlich, wie eine riesige topographische Karte
tief unter ihm, so wie er sie oft in illustrierten Zeitungen gesehen. Das
silberne Band des Flusses schlngelte sich durch Kappen und Hgel, und
Oberleutnant Kadar flog ber das Gewimmel hinweg, ohne Motor und ohne
Flugzeug, nur von seinen ausgebreiteten Armen getragen. Und berall, wohin
seine Blicke fielen, auf jedem Hgel, jedem Berg, in jeder Mulde, sah er
die Schalltrichter von unzhligen Sprechapparaten in die Erde eingelassen.
Tausende und abertausende von jenen bekannten Fllhrnern aus himmelblauem
Blech, mit Goldkanten verziert, stierten mit geffnetem Maul zu ihm empor.
Und um jeden solchen eingegrabenen Schalltrichter wimmelte ein
Ameisenhaufen von emsigen Kanonieren mit Patronen und Granaten.

Und nun sah es Oberleutnant Kadar ganz genau: alle trugen Grammophonplatten
auf dem Halse, wie der Kadett Meltzar. Nicht einer hatte seinen eigenen
Kopf auf! Wenn aber die Granaten heulend hinausflogen aus den himmelblauen
Trichtern, mitten hinein in einen Ameisenschwarm, dann brachen die flachen,
schwarzen Scheiben unter der Wucht der Sprengstcke krachend auseinander,
und verwandelten sich im selben Augenblick auch schon wieder in richtige
Menschenkpfe. Oberleutnant Kadar sah, aus der Hhe, das Gehirn aus den
zertrmmerten Platten quellen, sah die gleichmig gerippten Flchen sich
blitzschnell in fahle, leidende Menschenantlitze verwandeln.

Alle Geheimnisse des Krieges, alles, worber der sterbende Oberleutnant
monatelang Nchte durchgrbelt hatte, schien jetzt mit einem Schlage
entschleiert. So war es also zu verstehen! Diese Leute bekamen offenbar
ihre Kpfe erst zurck, wenn es schon ans Sterben ging. Weit -- weit
rckwrts, irgendwo, wurden sie ihnen abgeschraubt, mit Platten ersetzt,
die nichts konnten, als den Rakoczymarsch spielen. So prpariert wurden sie
in die Zge gepfercht, kamen so erst an die Front, wie der arme Meltzar,
wie er selbst, wie alle . . . .

Von wtendem Zorn gepackt, schnellte die Wattekugel wieder in die Hhe.
Oberleutnant Kadar wollte aufspringen, den Leuten das Geheimnis verraten,
sie aneifern, ihre Kpfe zurck zu fordern. Jedem Einzelnen wollte er's ins
Ohr flstern, auf der ganzen weiten Front: von Plava bis hinunter zum
Meere. Jedem einzelnen Kanonier und jedem einzelnen Infanteristen, und auch
den Italienern drben! Auch denen wollte er es sagen. Auch denen hatte man
ja Platten auf die Hlse geschraubt. Auch die sollten zurck, zurck nach
Verona, nach Venedig, nach Neapel, wo ihre Kpfe aufgeschichtet lagen in
Magazinen, zur Aufbewahrung bis nach dem Kriege. Von Mann zu Mann wollte
Oberleutnant Kadar laufen, um jedem Einzelnen, Freund wie Feind, wieder zu
seinem Kopfe zu verhelfen!

Aber da merkte er auf einmal, da er nicht gehen konnte. Auch mit dem
Fliegen war's vorbei! Mit dicken, eisernen Trossen waren seine Fe ans
Bett gefesselt worden, damit er das groe Geheimnis nicht enthllen knne.

Nun, dann wollte er es ausrufen, mit schmetternder, bermenschlich lauter
Stimme. Mit einer Stimme, die ber das Heulen und Krachen der Granaten, von
Plava bis Triest, und hinber nach Tirol, und bis ans Meer in Flandern, und
bis zum Persischen Golf hinunter, wie die Fanfare des jngsten Gerichtes,
die Wahrheit verknden sollte! Schreien wollte er, wie noch nie ein Mensch
geschrien hatte:

-- Grammophon . . . . . Holt die Kpfe! . . . . . Nur Grammophon! --
. . . . .

Da brach seine Stimme, mitten in seiner Heilsverkndung, mit einem
gurgelnden Schmerzenslaut pltzlich ab. Es tat zu weh! Er konnte nicht
schreien. Ihm war's, als bohrte sich bei jedem Worte, das er rief, eine
spitze Nadel tief in sein Gehirn ein.

Eine Nadel? . . .

Gewi! Wie hatte er das vergessen knnen? Auch ihm war ja der Kopf
abgeschraubt worden. Auch er trug ja nur eine Grammophonplatte auf dem
Halse, wie alle andern. Wenn er sprechen wollte, grub die Nadel sich in
seinen Schdel und lief, erbarmungslos, ber alle Windungen seines
Gehirnes.

Nein! Das konnte er nicht ertragen! Lieber wollte er schweigen. Das
Geheimnis fr sich behalten. Nur nicht mehr diesen Schmerz, diesen
wahnsinnigen Schmerz im Kopfe! . . . .

Aber die Maschine lief weiter. Oberleutnant Kadar packte seinen Kopf mit
beiden Fusten, krallte die Ngel tief in die Schlfen ein. Gelang es ihm
nicht, die verdammte Maschinerie rechtzeitig zum Halten zu bringen, dann
brach ihm sein eigener Kopf, immer weiter herumgedreht, unfehlbar das
Genick in kurzer Zeit!

Eisig perlte der Angstschwei aus allen Poren.

-- Miska! -- schrie der Oberleutnant in hchster Not.

Aber Miska verstand nicht, was er tun sollte. Die Platte drehte sich weiter
und sang freudig schmetternd den Rakoczymarsch. Schon spannten sich alle
Sehnen, . . . . . immer wieder fhlte Oberleutnant Kadar den eigenen Kopf
seinen Hnden entgleiten; . . . . . schon tauchte sein Rckgrat vor seinen
Augen auf! Mit einer letzten, rasenden Kraftanstrengung versuchte er noch
einmal in den Verband hinein zu greifen, den Kopf nach vorne zu pressen
. . . . . . Dann . . . . . dann noch ein frchterliches Knirschen und
Sthnen . . . . . und dann, dann ward es endlich muschenstill auf dem
langen Korridor.

Als der semmelblonde Assistenzarzt aus dem Operationszimmer zurckkam,
verriet ihm das Winseln Miskas von weitem schon, da wieder ein Bett frei
geworden war auf der Offiziersabteilung. Der ungeduldige alte Major winkte
ihn, zum berflu, noch an sich heran, und verkndete mit respektvoll
vibrierender Stimme, laut, damit es alle Herren hren:

-- Der arme Teufel dort unten hat endlich ausgelitten. Als echter Ungar!
Mit dem Rakoczymarsch auf den Lippen. --




Heimkehr


Durch die Bltter blinkte zum ersten Mal der See, und auch die
wohlbekannten grauen Kalkberge tauchten schon auf, griffen, wie drohende
Finger, ber den Bahndamm tief ins Wasser hinein. Da, hinter dem
verrauchten, schwarzen Loch in der hellen Wand, gleich nach der Ausfahrt
aus dem kurzen Tunnel, guckte fr einen Augenblick die Kirchturmspitze ber
die Bschung, und ein Eckchen vom Schlo.

Johann Bogdn beugte sich weit zum Waggonfenster hinaus, mit gierigem
Blick, wie einer, der sein Inventar revidiert, gespannt und voller
Mitrauen, ob ihm nichts abhanden gekommen, whrend seiner Abwesenheit. Bei
jeder erwarteten Baumgruppe nickte er befriedigt, die Richtigkeit der
Landschaft an dem Bilde messend, das er fest eingebrannt in der Erinnerung
trug. Alles klappte. Jeder Kilometerstein auf der groen Chaussee, die
jetzt neben dem Geleise einherlief, stand fest auf seinem Platze; eben
blitzte auch flammend die Rotbuche vorbei, an der die Racker immer
scheuten, und einmal auf's Haar den Wagen umgeworfen htten.

Johann Bogdn tat einen tiefen, schweren Atemzug, fischte seinen winzigen
runden Spiegel aus der Tasche, und besah sich noch ein letztes Mal vor dem
Aussteigen sein Gesicht. Es schien ihm mit jeder Station hlicher zu
werden. Die rechte Hlfte ging ja noch an: da war noch ein wenig von seinem
Schnurrbart brig geblieben, und auch die Wange war leidlich glatt, bis auf
den schlecht verheilten Ri neben dem Mundwinkel. Links aber! . . . ber
die linke Seite hatte er sich was aufschwtzen lassen von der verdammten
Grostadtsippschaft, die im Krieg, genau wie in Friedenszeiten, doch nur
darauf aus war, arme Bauersleute zum Narren zu halten. Schurken waren sie
alle miteinander, der groartige Herr Professor sowohl wie die feinen
Damen, mit den schneeweien Mnteln und den albernen, geschraubten
Redensarten. Es war, wei Gott, kein Kunststck, einen einfltigen
Kutscher, der mit Ach und Krach das bischen Lesen und Schreiben erlernt
hatte, in eine Falle zu locken. Da haben sie ihn angegrinst und ihm schn
getan, und ihm das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und nun sa er
da, hilflos, sich selbst berlassen, -- ein verlorener Mann.

Mit einem wtenden Fluch ri er den Hut vom Kopfe und warf ihn neben sich
auf die Bank.

War das ein menschliches Gesicht? War es erlaubt, einen Menschen so
herzurichten? Die Nase wie aus kleinen, verschiedenfarbigen Wrfeln
zusammengestckelt, der Mund verzogen, die ganze linke Wange aufgedunsen,
wie rohes Fleisch, so rot, und kreuz und quer von tiefen Narben durchzogen.
Abscheulich! Dazu an Stelle des Backenknochens eine langgestreckte Hhle,
so tief, da ein Finger drin verschwand. Und dafr hatte er sich so qulen
lassen? Dafr hatte er sich siebzehnmal, wie ein geduldiges Schaf, in das
verfluchte Zimmer mit den Glaswnden, und den vielen, blitzenden Messern
hineinlocken lassen. Ein heier Schauer lief ihm heute noch ber den Rcken
bei der Erinnerung an die Qualen, die er zhneknirschend ertragen hatte,
nur um wieder ein menschliches Aussehen zu kriegen, und heimkehren zu
knnen zu seiner Braut.

Und nun war er da! Der Zug fuhr pfeifend aus dem Tunnel, die Kugelakazien
vor dem Huschen des Stationsvorstehers grten zum Fenster herein. Grimmig
zerrte Johann Bogdn seinen schwerbepackten Rucksack durch den Korridor,
stieg zgernd die Treppen hinunter, und stand ratlos, hilfesuchend da, als
der Zug, der ihn gebracht hatte, hinter seinem Rcken davonfuhr.

Er zog sein groes, geblmtes Taschentuch hervor und trocknete den Schwei,
der in dicken Perlen auf seiner Stirne stand. Was sollte er nun anfangen?
Warum war er berhaupt hergekommen? . . . . Nun, da er endlich den Fu auf
den heiersehnten Heimatboden gesetzt, berfiel ihn mit einemmal rasendes
Heimweh nach dem Spital, das er am gleichen Morgen, vor wenigen Stunden
erst, jubelnd verlassen hatte. Er dachte an den langen Korridor mit den
vielen, in Verbnde gewickelten Menschen, die alle humpelten, hinkten,
lahm, blind oder entstellt waren. Dort stie sich lngst niemand mehr an
seinem zerschundenen Gesicht. Im Gegenteil! Die meisten waren ihm neidisch,
weil er doch wenigstens arbeitsfhig geblieben war, seine gesunden Arme und
Beine behalten hatte, und das rechte Auge. Gar viele wren gerne bereit
gewesen mit ihm zu tauschen. So mancher hatte mignnische Bemerkungen
gemacht und es fr ein Unrecht erklrt, da der Staat ihm eine
Invalidenrente bewilligt, fr das verlorene Auge. Ein Auge, und ein bisl
ein zerkratztes Gesicht, das war doch nichts gegen ein Holzbein, einen
lahmen Arm, oder eine durchschossene Lunge, die wie eine schlechte Maschine
pfiff und rasselte, bei jeder geringsten Anstrengung. Ein Glckspilz war er
im Kreise der vielen Krppel gewesen. Eine Berhmtheit! Alle Welt kannte
dort seine Geschichte. Wer ins Spital kam, wollte vor allem den Johann
Bogdn sehen, der sich siebzehnmal operieren, die Haut sich in Streifen
hatte aus Rcken, Brust und Schenkeln schneiden lassen. Nach jeder neuen
Operation stand, -- wenn der Verband entfernt wurde, -- die Tre seines
Schlafsaales keinen Augenblick still, hundert Meinungen wurden abgegeben,
jedem Neuhinzugekommenen ausfhrlich erklrt, wie arg das Gesicht vorher
gewesen. Die wenigen, die von Anfang an mit Bogdn das Zimmer geteilt,
schilderten den frheren, grausigen Zustand mit einer Art Stolz, als htten
sie Anteil an den wohlgelungenen Operationen. So war Johann Bogdn
allmhlich fast eitel geworden auf seine frchterliche Verwundung, auf die
Fortschritte, die seine Verschnerung machte, und hatte das Spital mit der
Erwartung verlassen, in seinem Dorf wie eine Sensation bewundert zu werden.
Und jetzt? . . .

Verwaist, allein mit seinem Rucksack und seinem Kofferl, berflutet vom
prallen Sonnenschein der ungarischen Tiefebene, vor sich das weitgestreckte
Dorf, fhlte Johann Bogdn sich jh von Kleinmut berfallen, von einer
Angst, die er beim Heransausen der Granaten, vor Sturmangriffen auf Leben
und Tod, im grausamsten Handgemenge nicht gekannt. Tiefschrfende
Betrachtungen waren seinem trgen Bauernverstand, seiner, aus Trotz und
Eitelkeit roh zusammengezimmerten Natur, versagt. Aber ein instinktives
Unbehagen, das feindselige Mitrauen, das ihn bermannte, sagten ihm
deutlich genug, da er Enttuschungen und Krnkungen entgegenging, von
welchen er sich im Spital nichts hatte trumen lassen. Kleinlaut lud er
sich sein Gepck auf den Rcken und ging mit zgernden Schritten dem
Ausgange zu. Hier, im Schatten dieser verstaubten Akazien, die er, und die
ihn wachsen gesehen, fhlte er sich jh mit seinem frheren Ich, mit dem
schnen Johann Bogdn, der hier als fescher Herrschaftskutscher bekannt
war, konfrontiert. Da waren alle Operationen und Flickereien den Teufel was
wert! Da gab es keinen anderen Vergleich, als den einen, schmerzlichen,
zwischen dem kecken, bermtigen Burschen, der hier am ersten
Mobilmachungstag mit heisergesungener Stimme seiner Marcsa ein letztes
Lebewohl zugerufen hatte, und dem Krppel, der jetzt mit einem Auge,
zertrmmerter Kinnbacke, zerflicktem Gesicht und halbierter Nase vor
demselben Stationsgebude stand, -- verbittert und niedergeschlagen, als
wre ihm das Unglck an diesem Morgen erst zugestoen.

Vor der kleinen Gittertre schwatzte, mit der Lochzange in der Hand, die
Frau des Bahnwrters Kovacs, -- der seit Kriegsbeginn, irgendwo im
Russischen Dienst tat --, und wartete ungeduldig auf den letzten Passagier.
Johann Bogdn sah sie stehen, und sein Herz fing so heftig zu pochen an,
da er unwillkrlich noch langsamer ging. Wrde sie ihn erkennen, oder
nicht? Seine Knie knickten ein, wie pltzlich morsch geworden, und seine
Hand zitterte vor Erregung, als er ihr das Billet entgegenhielt.

Sie nahm es ihm ab und lie ihn passieren; -- ohne ein Wort.

Dem armen Bogdn stockte der Atem. Er raffte seine ganze Kraft zusammen,
sah ihr mit seinem einzigen Auge fest ins Gesicht, und sagte, mhsam seine
Stimme festigend: -- Gr Gott! --

-- Gr Gott -- wiederholte die Frau. Er begegnete ihren Augen, sah sie
sich weiten, erstarren, ber sein zerschundenes Gesicht tasten, und dann --
schnell ber ihn hinwegschauen, als knnte sie den Anblick nicht ertragen.
Schon wollte er stehen bleiben, da merkte er, da ihre Lippen bebend ein
lautloses Jesus Maria stammelten, als wre er der leibhaftige
Gottseibeiuns. Und taumelnd, gekrnkt, ging er weiter.

-- Nicht erkannt! -- hmmerte das Blut ihm in den Ohren, -- Nicht erkannt.
Nicht erkannt! -- Er schleppte sich bis zur Bank gegenber dem
Stationshaus, warf sein Gepck ab und sank nieder.

Nicht erkannt! Die Frau des Bahnwrters Kovacs, den Johann Bogdn nicht
erkannt. Das Haus ihrer Eltern grenzte an sein Elternhaus, sie waren
mitsammen zur Schule gegangen, mitsammen konfirmiert worden; er hatte sie
in den Armen gehalten, sie abgekt, wei Gott, wie oft, ehe der Kovacs ins
Dorf kam und um sie warb. Und sie hatte ihn nicht erkannt. Auch nicht an
der Stimme, -- so verndert war er!

Unwillkrlich warf er noch einen Blick hinber, sah sie eifrig auf den
Stationsvorsteher einsprechen, und erriet aus ihren Geberden, da sie von
dem schauderhaften Anblick erzhlte, von dem greulich entstellten, fremden
Soldaten, den sie eben gesehen. Er stie einen kurzen, krchzenden Laut
aus, einen miglckten Fluch, dann fiel sein Kopf vornber, und er heulte
los, wie ein verlassenes Weibsbild.

Was sollte er nun anfangen? Hinaufgehen ins Schlo, die Tr aufstoen zum
Gesindehaus, und der verblfften Marcsa ein patziges Gr Gott zurufen?

. . . Ja, so hatte er sich's gedacht. Hatte sich, wei der Teufel wie oft,
-- das Bild ganz genau ausgemalt: das Aufkreischen der Mgde, den
Freudenschrei seiner Braut, ihren Sprung an seinen Hals, und die tausend
Fragen, die sich ber ihn ergieen wrden, whrend er, die Marcsa auf den
Knieen, nur so nebenher, dann und wann, eine Antwort gbe der andchtig
lauschenden Gesellschaft.

Wo war das jetzt alles? . . . Zur Marcsa gehen? Er? . . . Mit diesem
Gesicht, vor dem die Bahnwrters Juli sich bekreuzigt? . . . War die Marcsa
nicht im ganzen Komitat berchtigt wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer
Hochnsigkeit? Schockweise hatte sie die Mnner abblitzen lassen, alle
ausgelacht, alle zum Narren gehalten, ehe sie sich endlich in ihn
vergaffte.

Johann Bogdn stopfte die Faust in den Mund und bohrte sich die Zhne tief
ins Fleisch hinein, bis der heftige Schmerz ihm endlich das Schluchzen
berwinden half. Dann vergrub er den Kopf in den Hnden und versuchte
nachzudenken.

Nie war ihm in seinem Leben irgend etwas schief gegangen, berall hatte man
ihn gut leiden knnen, in der Schule, bei der Herrschaft im Schlo, und
auch beim Militr. Als hbscher, aufgeweckter Junge, ausgezeichneter
Reiter, schneidiger Kutscher, den seine Pferde liebten, wie er sie, war er,
vergngt vor sich hin pfeifend durch's Leben gegangen, gewhnt, die Weiber
geschmeichelt lcheln zu sehen, wenn er ihnen im Vorbeisausen gromtig
eine Kuhand zuwarf. Nur bei der Marcsa hatte es etwas lnger gedauert;
aber die war ja auch weit und breit als das schnste Mdel berhmt, und
selbst der gndige Herr hatte ihm fast neidisch auf die Schulter geklopft,
als sie sich verlobten.

-- Ein schnes Paar! -- hatte der Herr Pfarrer gesagt.

Tastend fischte Johann Bogdn seinen kleinen Spiegel wieder aus der Tasche
und sank zusammen, erdrckt von einer tiefen, wehmtigen Traurigkeit. Das
sollte nun der Brutigam der schnen Marcsa sein? Was hatte dieses
Affengesicht, dieses zerflickte, scheckige Gefries, das ihm der verdammte
Gauner, der Betrger, der sich einen berhmten Professor schimpfen lie, da
zusammengeschustert hatte, mit Johann Bogdn zu tun, mit _dem_ Johann
Bogdn, dem die Marcsa die Ehe versprochen und weinend das Geleit gegeben
hatte, als es losging. Fr die Marcsa gab es nur _einen_ Johann Bogdn, der
war Herrschaftskutscher und der schnste Mann im Dorf. War er noch
Herrschaftskutscher? . . . Der gndige Herr wird sich hten, sein schnes
Zeugel mit so einer Vogelscheuche zu verschandeln und in die
Komitatshauptstadt hineinzufahren mit einer Fratze auf dem Bock! Zum Heuen
wird man ihn schicken, zum Ausmisten im Stall. Und die Marcsa, die schne
Marcsa, um die sich alle Mnner reien, sollte die Frau eines elenden
Taglhners werden?

Nein, das fhlte Johann Bogdn ganz genau, fr die Marcsa war der Mensch,
der da auf der Bank sa, nicht der Johann Bogdn mehr. Sie wird ihn nicht
mehr haben wollen, so wenig die Herrschaft ihn wieder auf den Bock setzen
wird. Ein Krppel bleibt ein Krppel, und die Marcsa hat sich mit dem
Johann Bogdn verlobt, und nicht mit dem Kinderschreck, den er ihr jetzt
nach Hause brachte.

Seine Traurigkeit wich allmhlich einer unbndigen Wut gegen das
Grostadtgesindel, das ihn beschwatzt, ihm wei Gott was aufgebunden hatte.
Stolz sein sollte die Marcsa, weil er im Dienste des Vaterlandes entstellt
worden war? Stolz? Haha!

Er lachte hhnisch auf, und seine Finger krampften sich um den
vermaledeiten Spiegel, bis er in tausend Scherben brach, und ihm die Hand
zerschnitt. Das Blut tropfte langsam in den rmel, ohne da er es merkte,
so gro war sein Grimm gegen das vornehme Weiberpack im Spital, das ihn mit
solchem Gewsch ganz um seinen Verstand gebracht hatte. Die dachten wohl,
fr eine Bauerndirne wre auch ein Mann mit einem Auge und halber Nase noch
gut genug? Vaterland? . . . Ging sie denn mit dem Vaterland zum Altar?
Konnte sie mit dem Vaterland Staat machen, wenn ihr die Weiber mitleidig
nachschauten? Kutschierte das Vaterland mit fliegenden Bndern auf dem Hut
durch das Dorf? Lcherlich! . . .

Hier auf der Bank, mit dem Stationshaus und der Aufschrift vor Augen, die
in einem einzigen Wort, einem kurzen Namen, sein ganzes Leben, alle seine
Erinnerungen, Hoffnungen und Erlebnisse zusammenfate, fiel Johann Bogdn
ganz pltzlich der lahme Peter ein, der in dem verfallenen Huschen hinter
der Mhle logiert hatte, vor vielen Jahren, als er selbst noch ein Kind
gewesen. Er sah ihn ganz deutlich vor sich stehen, mit seinem klappernden
Stelzfu und seinem verhungerten, traurigen Gesicht. Der hatte auch sein
Bein hingeopfert fr's Vaterland, -- in Bosnien unten, whrend der
Okkupation, und mute dann allein in der alten Htte hausen, verspottet von
den Kindern, die seinen Gang nachmachten; bellaunig geduldet von den
Bauern, die es ihm nachtrugen, da er der Gemeinde zur Last fiel, und von
ihrem Gelde lebte. Im Dienste des Vaterlandes? -- -- -- -- Nie hatte
jemand vom Vaterland gesprochen, wenn der lahme Peter vorbeikam. Man nannte
ihn verchtlich den Dorfarmen, und damit basta.

Johann Bogdn prete die Zhne aufeinander, da sie knirschten, vor rger
darber, da ihm der Peter nicht im Spital schon eingefallen war. Dann
htte er den Stdtischen tchtig seine Meinung gesagt ber ihr dummes
Geschwtz vom Vaterland, und von der groen Ehre, wie ein Aff' heimzukehren
zur Marcsa. Wenn er jetzt den Professor htte in die Krallen kriegen
knnen! Photographiert hatte ihn der Betrger, -- und nicht _einmal_ nur,
-- ein dutzend Mal wenigstens, von allen Seiten; nach jeder Schinderei von
neuem; als wre ihm wei Gott was fr ein Kunststck gelungen. Und nun
hatte ihn nicht einmal die Bahnwrter Juli erkannt -- die Bahnwrter Juli
-- -- ein Nachbarskind! . . . .

So tief versunken war Johann Bogdn in seinen Kummer, so verbissen in
grimmige Racheplne, da er den Mann, der seit einigen Minuten schon vor
ihm stand, und ihn neugierig prfend von allen Seiten begaffte, gar nicht
sah. Eine Hitzwelle flog ihm ins Gesicht, und sein Herz blieb stehen vor
freudigem Schreck, als ihn pltzlich eine Stimme aus seinem Brten weckte:

-- Bist du's, Bogdn?

Er fuhr auf, selig, doch noch erkannt zu werden, und runzelte tief
enttuscht die Stirne, als er den buckligen Mihly vor sich stehen sah. Im
ganzen Dorf, im ganzen Komitat, gab es keinen zweiten Menschen, dem Johann
Bogdn nicht in aufquellender Dankbarkeit herzlich die Hand geschttelt
htte in diesem Augenblick. Mit dem Buckligen aber wollte er nichts zu tun
haben. Jetzt schon gar nicht! Der Kerl bildete sich am Ende ein, einen
Kameraden an ihm gewonnen zu haben, und war wohl froh, nicht mehr der
einzige Krppel im Ort zu sein.

-- Nun ja, ich bin's. Was gibt's weiter? --

Der Bucklige whlte mit seinen kleinen, stechenden Augen neugierig in
Bogdns narbendurchfurchtem Gesicht und schttelte mitleidig den Kopf:

-- Aa, dich hat der Russ' ja nett zugerichtet.

Wie ein klffender Kter schnaubte ihn Bogdn an:

-- Geht dich nichts an! Hast was zu reden, du! Wr' ich aus 'm Mutterleib
schon so zugerichtet auf die Welt kommen, mit dem Bauch auf dem Rcken, wie
du, htt' mir der Russ' nichts tun knnen.

Der Bucklige setzte sich ruhig neben ihn hin, ohne auch nur im geringsten
gekrnkt zu sein.

-- Hflicher bist du nicht geworden im Krieg, Bogdn, -- das merke ich
schon, -- sagte er trocken. -- Bist nicht in rosiger Stimmung, kann's mir
denken. Ja, so geht's! Die armen Leut mssen ihre gesunden Knochen
hergeben, damit der Feind den Reichen nichts von ihrem berflu wegnimmt!
Kannst noch froh sein, da du so davon gekommen bist.

-- Bin ich auch, -- knurrte Bogdn, mit einem gehssigen Seitenblick. -- Ob
arm oder reich fragt die Granate nicht. Da liegen Grafen und Barone drauen
und faulen in der Sonne, wie hingeworfenes Aas. Wen unser lieber Hergott
nicht schon in der Wiege geschlagen hat, da er nicht zum Mann, und nicht
zum Frauenzimmer taugt, der ist jetzt im Feld, ob er nun arm ist wie eine
Kirchenmaus, oder gewohnt ist aus goldenen Schsseln zu essen.

Der Bucklige rusperte sich, und zuckte die Achseln:

-- 's gibt Solche und Solche, -- meinte er; wollte noch was hinzufgen,
besann sich aber eines besseren, und schwieg. Dieser Bogdn war immer schon
eine elende Lakaiennatur gewesen, stolz darauf, den hohen Herren dienen zu
drfen. Fhlte sich solidarisch mit seinen Unterdrckern, weil er in
verschnrten Joppen mit silbernen Knpfen zu ihrem Glanze beitragen durfte.
Nun hatten sie ihn vor die Kanonen gehetzt, damit er ihren Reichtum
verteidigen half, und der Kerl sa da, entstellt, mit einem Auge nur, und
lie noch immer nichts auf die gndigen Herrschaften kommen. Gegen solche
Dummheit konnte man nichts ausrichten. Es war schade um jedes Wort.

Schweigend saen sie eine Weile nebeneinander. Bogdn stopfte umstndlich
seine Pfeife, und der andere sah ihm interessiert zu.

-- Gehst ins Schlo hinauf? -- frug vorsichtig der Bucklige, als die Pfeife
endlich brannte.

Johann Bogdn wute ganz genau, wohin der verhate Kerl hinaus wollte. Er
kannte ihn ja. Ein Sozi war der! So ein Hallunke, der die armen Leute um
ihr Brot bringt, mit seinem dummen Geschwtz. Genau wie ein schlechter
Hund, der die Hand beit, die ihn fttert. Er hatte in der Ziegelei als
Aufseher sein schnes Auskommen gehabt, und zum Dank die ganze
Arbeiterschaft gegen die Herrschaft aufgehetzt, bis sie den doppelten Lohn
forderten, und das Schlo anznden wollten an allen vier Ecken. Auch bei
ihm hatte er schon einmal sein Glck versucht, hatte den gndigen Herrn
schlecht machen wollen. Aber da war er an den Richtigen gekommen! Ein paar
Ohrfeigen rechts und links und ein tchtiger Futritt dazu war die Antwort
gewesen, damit er's nicht noch einmal versucht, den Johann Bogdn zu einem
Sozi zu machen, zu solch' einem Spitzbuben, der keinen Herrgott und kein
Vaterland kennt.

Der andere rutschte unruhig hin und her auf der Bank, warf ab und zu von
der Seite her einen prfenden Blick auf seinen Nachbarn, fate sich endlich
ein Herz und sagte ganz pltzlich:

-- Sie werden ja wohl froh sein um dich, da oben. Deine Arme sind doch ganz
geblieben, und sie knnen Leute brauchen in der Fabrik.

Bogdn rmpfte die Nase.

-- In der Ziegelei? -- -- frug er wegwerfend.

Der Bucklige lachte laut auf:

-- Ziegelei? warum nicht gar. Wer braucht denn Ziegel im Krieg? Ziegelei
gibt's lngst nicht mehr, mein Lieber. Da werden jetzt Granathlsen
fabriziert. Siehst du die Waggons dort drben? Das ist alles voll mit
Granathlsen. Jeden Samstag geht ein ganzer Zug von hier ab.

Interessiert hrte Bogdn zu. Das war was Neues. Eine nderung auf dem Gut,
von der er noch nichts wute.

-- Siehst du, das ist alles so hbsch eingeteilt, -- erzhlte der andere
weiter, und lchelte spttisch, -- der eine geht hinaus und lt sich den
Schdel kaput schlagen, der andere bleibt schn daheim, fabriziert
Granathlsen, und tapeziert sein Schlo mit Tausendkronenscheinen. Mir
kann's ja recht sein. --

-- Sollen wir vielleicht mit Erbsen schieen, he, oder mit der Luft? Ohne
Granaten kannst keinen Krieg fhren. Die sind genau so ntig wie die
Soldaten. --

-- Stimmt! Und weil die reichen Herren die Wahl haben, so lassen sie dich
deinen Kopf hinaustragen. Was kriegst denn fr dein Aug? Hundert Kronen im
Jahr? Oder gar hundertfnfzig? Und die andern, die von den Raben gefressen
werden, haben nicht einmal so viel vom Krieg. Der gndige Herr da droben
verdient aber jeden Tag seine paar Tausender, und riskiert nicht einmal
seinen kleinen Finger dabei. So wr ich auch gern Patriot. Kannst es mir
glauben! Anfangs hie es ja natrlich, er ginge ins Feld. Ist auch
groartig abgefahren. Aber drei Wochen spter war er schon wieder da, mit
Monteuren und Maschinen, und jetzt hlt er schne Reden, drinnen im
Komitatshaus, schickt die andern sterben und ist auch noch der Hahn im Korb
bei ihren Frauen. Stopft sich die Taschen voll, und ttschelt alle Mdel ab
in der Fabrik. Ist ja der einzige richtige Mann weit und breit.

Unwillig, mit gerunzelter Stirne lie Bogdn die Rede ber sich ergehen.
Nur der letzte Satz machte ihn stutzig. Er horchte auf, wurde unruhig, und
kmpfte eine Weile heldenhaft gegen die Frage, die ihm auf den Lippen
brannte. Dann konnte er endlich doch nicht mehr an sich halten und platzte
heraus:

-- Ist -- -- die Marcsa auch oben in der Fabrik?

In den Augen des Buckligen blitzte es auf:

-- Die schne Marcsa! Das glaub' ich! Vorarbeiterin ist sie geworden. Man
sagt zwar, da sie noch nie eine Hlse in der Hand gehabt hat, -- dafr
haben aber die Hnde des gndigen Herrn -- -- --

Mit einem kurzen, heiseren Krchzen fuhr ihm Johann Bogdn an die Gurgel,
prete ihm den Adamsapfel in die Kehle hinein, hielt ihn fest in
unbarmherziger Umklammerung, bis er, um sich schlagend, mit angstvoll
hervorquellenden Augen, glucksend und blau im Gesicht hinschlug, und
rchelnd liegen blieb. Dann kramte Bogdn eilig sein Zeug zusammen und
marschierte los, weit ausgreifend, mit riesigen Schritten, als knnte er
was versumen oben im Schlo.

Keinen Blick warf er mehr auf den buckligen Mihly, wandte sich kein
einzigesmal um, zog ruhig weiter, und fhlte noch lange die warme Kehle in
seiner Hand.

Was war ihm denn ein Mensch, der rchelnd auf der Strae lag? Ein Mensch
mehr oder weniger! -- An Tausenden war er so vorbeigezogen, in der
schaukelnden Gleichmigkeit der marschierenden Kolonne, stumpfsinnig vor
Mdigkeit, ohne daran zu denken, da die dichtgesten, grauen Flecke in den
Wiesen, die Klumpen, die, wie Dunghaufen im Frhjahr, auf Schritt und Tritt
die Strae sumten, Menschen waren, die der Tod hingelegt. Gewatet waren
sie in Toten, dort bei Kielce, als es ber das Feld ging, wo aus jeder
Furche erdgraue Hnde in die Luft krallten, blutgetrnkte Hosenbeine und
verzerrte Gesichter aus dem Boden wuchsen, als krabbelten alle Toten aus
den Grbern zum jngsten Gericht. Gestolpert waren sie damals ber Leichen;
dem dicken, kleinen Reserveleutnant war es sogar totenbel geworden, zur
groen Belustigung seines Zuges, weil ein schon halbverfaulter Russe, dem
er versehentlich auf die Brust getreten, unter ihm einbrach, so da er den
Fu kaum wieder frei bekam aus dem verpesteten Loch. Lchelnd erinnerte
sich Johann Bogdn an die boshaften Scherze der Kompagnie ber den
leichenblassen Offizier, der, an einen Baum gelehnt, den heiligen Ulrich
anrief, wie einer, der tchtig ber den Durst getrunken hat.

Glhend leuchtete die Landstrae in der Mittagsonne. Im Dorf schlug die
Turmuhr zwlf; drben vom Hgel ertnte, wie als Antwort, das tiefe Summen
der Fabrikspfeife, und ein weies Wlkchen stieg ber die Baumwipfel.
Bogdn beschleunigte seine Schritte, lief mehr, als er ging, ohne sich um
die Schweitropfen zu scheren, die ihm kitzelnd ber den Nacken perlten.
Fast ein volles Jahr lang hatte er Spitalsluft geatmet, nur Dcher und
Mauern gesehen und Lysol und Jodoform gerochen. Wollstig zog seine Lunge
den Duft der blhenden Wiesen ein, und seine Sohlen klatschten krftig auf
die Strae, als marschierte er wieder in Reih und Glied. Seit dem Tage
seiner Verwundung war dies sein erster Gang; die erste Landstrae seit den
wilden Gefechtsmrschen im Russischen. Zuweilen schien es ihm, als hrte er
die Kanonen rollen. Der kurze Kampf mit dem buckligen Lumpen hatte sein
Blut in Wallung gebracht; und seine Kriegserinnerungen, von der den
Eintnigkeit des Lazarettlebens, wie von einer dichten Staubschichte
berdeckt, wirbelten jh wieder auf.

Fast reute es ihn, den verdammten Hallunken zu frh freigegeben zu haben!
Eine Minute lnger, -- und er htte sein Lstermaul nie wieder aufgetan.
Htte den Kopf erschpft zur Seite gelegt, mit auseinandergespreizten
Fingern noch einmal sehnschtig die Luft umarmt, und wre dann blitzschnell
zusammengeschrumpft, genau wie der struppige, dicke Russe, mit den groen,
blauen Augen, der als erster, mit einem schnen Gru vom Johann Bogdn,
beim heiligen Petrus vorsprach. Dem hatte er die Kehle nicht mehr locker
gegeben, ehe er das Gezappel nicht ganz sein lie! Mausetot hatte er den
gewrgt. Und war doch ein ganz possierlicher Kerl gewesen, lange nicht so
widerlich, wie dieser bucklige Schuft. Aber freilich, er war der erste
Feind, den er zu packen bekommen; sein allererster Ru! Eine stattliche
Reihe war gefolgt, aber erwrgt hatte er nur diesen einen. Mit dem Kolben
niedergeschmettert, mit dem Bajonett erstochen, mit den Stiefeln
zertrampelt sogar, den Hallunken, der ihm seinen liebsten Kameraden vor den
Augen niederschlug. Aber erwrgt hatte er keinen mehr. Darum war ihm der
kleine Dicke so in der Erinnerung geblieben! Von den andern wute er nichts
mehr. Sah nur einen Knuel von graugrnen Uniformen, und das Knirschen,
Stampfen, Rcheln und Fluchen des Handgemenges klang ihm wirr ins Ohr, wenn
er an seine Heldentaten dachte. Wie viele er wohl so ins Jenseits
geschickt? Der liebe Gott mochte sie gezhlt haben. Er selbst hatte genug
damit zu schaffen, sich die Kerle vom Leibe zu halten. Wer sich da erst
lange umschauen wollte, wre die lngste Zeit neugierig gewesen.

Und doch! Da war noch ein zweites Gesicht, das er sich auch genau gemerkt
hatte. So ein groer, hagerer Kerl, lang wie eine Hopfenstange, mit groen,
gelben Hauern im Mund, die er wie ein Eber fletschte. Ja, an den erinnerte
er sich noch, als wr's erst gestern gewesen. Er sah ihn stehen, halb schon
an die Wand gepret, das Gewehr ber dem Kopfe schwingend. Noch ein
Augenblick, und der Kolben wre niedergesaust! Aber um dem Bogdn
zuvorzukommen, dazu war so ein schlfriger Ru noch lange nicht der rechte.
Ehe er noch zuschlagen konnte, hatte er das Bajonett schon zwischen den
Rippen, fiel hintenber auf sein Gewehr. Durch und durch war ihm das
Bajonett gegangen, hinter ihm noch in die Wand gefahren, auf ein Haar wre
es abgebrochen. Das passierte aber kein zweitesmal! Das war nur geschehen,
weil er zu stark zugestoen hatte, mit zusammengebissenen Zhnen, die
Finger krampfig um den Schaft gekrallt, aus voller Kraft, als glte es
Eisen zu zerschneiden. Er hatte eben noch nicht gewut, da es gar nicht so
schwer war, einen Menschen niederzumachen; war auf wei Gott was fr einen
Widerstand gefat gewesen, und entsann sich ganz genau, da ihm der Mund
offen stehen geblieben war vor Erstaunen, wie das Bajonett so glatt
hineinfuhr in den langen Kerl, als htte er in Butter gestochen. Wer das
noch nie probiert hat, denkt, der Mensch wre ganz aus Knochen, holt weit
aus, und kann nachher schauen, wie er sein Gewehr wieder frei kriegt, ehe
einer von den struppigen Teufeln seine Wehrlosigkeit ausntzt. Ganz leicht
mute man ansetzen, mit einem kurzen, ruckartigen Sto, dann lief das Ding
ganz von selbst hinein, wie ein gutes Pferd, -- man hatte ordentlich Mhe,
es zurckzuhalten. Das wichtigste war: den Feind nicht aus dem Auge zu
lassen! Nicht aufs Bajonett durfte man starren, nicht dorthin, wohin man
stechen wollte. Immer dem Gegner ins Aug, um seine Parade rechtzeitig
erraten zu knnen. Aus den Gesichtszgen mute man den richtigen Augenblick
zum Zurckweichen abpassen. Sie machten es ja alle ganz gleich: alle aufs
Haar so wie der Erste, der lange, wilde Kerl mit den gefletschten Zhnen.
Mit einemmal wurde ihr Gesicht ganz glatt, als htte das kalte Eisen im
Leib ihre ganze Wut abgekhlt, rissen erstaunt die Augen auf und blickten
zum Feind hinber, als wollten sie vorwurfsvoll die Frage an ihn richten:
Was machst du denn? Dann griffen sie gewhnlich ins Bajonett hinein,
zerschnitten sich berflssigerweise noch die Hnde, ehe sie hinfielen. Wer
da nicht genau Bescheid wute, die Waffe nicht rechtzeitig anhielt und
schnell aus der Wunde herauszog, in dem Moment, da er die Augen gro werden
sah, wurde mit umgerissen, oder bekam von irgendwoher einen Kolbenschlag
ber den Kopf, lange ehe es ihm gelang loszukommen. Alles das hatte Johann
Bogdn gar oft besprochen mit den Kameraden, wenn nach harten Gefechten
Kritik gebt wurde an den Gefallenen, die sich dumm gestellt, und ihre
Ungeschicklichkeit mit dem Leben bezahlt hatten.

Mit Riesenschritten vorwrts eilend auf dem wohlbekannten Wege hgelan zum
Schlo, war er jetzt gleichsam untergetaucht in seinen Erinnerungen. Seine
Beine liefen von selbst, wie Pferde auf dem Heimweg. Er passierte das
offene Gittertor, und ging schon auf gekiesten Wegen, den Kopf auf der
Brust, ohne zu ahnen, da er angekommen war.

Pferdewiehern ri ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr auf und blieb stehen,
von tiefer Rhrung gepackt, als er, wenige Schritte weit, das Stallgebude
erblickte, und drinnen, im Dmmerlicht, schimmernd hell die Krupp seines
geliebten Schimmels. Schon wollte er abschwenken, auf die Stalltre zu; da
tauchte, weit unten, am anderen Ende des groen Platzes, ein Frauenzimmer
auf. Es kam von der Ziegelei her, ein rotgetupftes, seidenes Tuch auf dem
Kopfe, die pralle Bste hochaufgerichtet, mit einem herausfordernden Wiegen
in den Hften, da die weiten Rcke wie reife Halme wogten.

Johann Bogdn stand starr, als htte ihn jemand vor die Brust gestoen. Das
war die Marcsa! So ging kein zweites Mdel im ganzen Komitat. Er warf sein
Gepck auf die Erde und strmte los.

-- Marcsa! Marcsa! -- klang es schmetternd hell ber den weiten Hof.

Das Mdel wandte sich um und lie ihn herankommen, neugierig, mit
zusammengekniffenen Augen. Drei Schritt weit blieb Bogdn stehen.

-- Marcsa! -- wiederholte er flsternd, den Blick angstvoll auf ihr Gesicht
geheftet. Er sah sie bla werden, kreidewei; sah ihre Augen unruhig hin
und her hpfen, von seiner linken Wange zur rechten hinber und wieder
zurck. Dann kam ein Grauen in ihre Augen, sie schlug die Hnde vor's
Gesicht und lief davon, so schnell ihre Fe sie trugen.

Tief traurig starrte ihr Bogdn nach. Genau so hatte er sich das
Wiedersehen vorgestellt; so, und nicht anders, seit die Bahnwrtersfrau,
das Nachbarskind, ihn nicht erkannt. Nur da sie davonlief, wurmte ihn! Das
hatte sie nicht ntig. Johann Bogdn war nicht der Mann, der einem
Frauenzimmer Gewalt antat. Gefiel er ihr nicht mehr, so wie er geworden
war, nun dann konnte sie sich einen Anderen suchen, und er wrde schon auch
noch Eine finden, darum war ihm nicht bange. Das wollte er ihr auch sagen.

In groen Stzen sprang er ihr nach, erwischte sie bei der Hand, als sie
nur mehr wenige Schritte vom Maschinenhaus trennten.

-- Warum laufst du davon? -- knurrte er sie an, atemlos. -- Brauchst nur zu
sagen, wenn du mich nicht mehr willst. Meinst ich fre' dich auf? . . .

Sie starrte ihn an, forschend, -- unsicher. Fast tat sie ihm leid, so arg
zitterte ihr ganzer Krper.

-- Wie siehst du aus? -- hrte er sie stammeln, und wurde rot vor Zorn.

-- Hab's dir ja schreiben lassen, da mich eine Granate erwischt hat, hast
gemeint ich bin schner geworden? Sag's nur grad raus, wenn du mich nicht
mehr willst. Reinen Wein will ich haben! Ja, oder nein? Ich werde dich
nicht zwingen zum heiraten. Sag's nur gleich: ja oder nein!

Marcsa schwieg. Es war irgend etwas in seinem Gesicht, in seinem einzigen
Auge, das ihr den Atem nahm, wie mit kalten Fingern in ihren Eingeweiden
whlte. Sie schlug die Augen nieder und stotterte:

-- Du hast ja noch gar keine Stellung. Wie knnen wir heiraten? . . . .
Mut erst den gndigen Herrn fragen ob er . . . .

Johann Bogdn war's, als fiele ein roter Vorhang, aus Feuer gewoben, vor
seine Augen. Der Herr? . . . . Was sprach sie vom Herrn? . . . . Er dachte
an den Buckligen, und fhlte mit einem Schlag, da der Hallunke nicht
gelogen hatte. Wie eine glhende Zange umklammerten seine Finger ihr
Handgelenk, da sie aufschrie vor Schmerz.

-- Der Herr? -- . . . . brllte Bogdn, -- was hat der gndige Herr
zwischen dir und mir zu suchen? Ja oder nein? Antwort will ich! Der Herr
hat da nichts zu schaffen, zwischen uns.

Marcsa richtete sich auf. Mit einemmal kam eine merkwrdige Sicherheit ber
sie. Ihre Wangen bekamen wieder Farbe, ihre Augen funkelten stolz.
Hochmtig, wie er sie immer gekannt, stand sie da, den Kopf herausfordernd
in den Nacken geworfen.

Bogdn sah die nderung, sah, da ihr Blick ber seine Schultern
hinwegging, lie sie fahren, und wandte sich blitzschnell um. Es war so,
wie er sich's gedacht hatte: aus dem Maschinenhause trat soeben der gndige
Herr, gefolgt vom alten Tth, seinem Waldhter. Wie eine Katze war die
Marcsa vorbeigehuscht, strzte zum Herrn hin, beugte sich nieder und kte
ihm die Hand.

Bogdn sah sie herankommen, zu dritt, senkte den Kopf, wie ein Widder zum
Angriff. Eine entschlossene, kalte Ruhe stieg langsam in ihm hoch, wie im
Schtzengraben, wenn der Hornist zum Angriff blies. Er fhlte die Hand des
gndigen Herrn seine Schulter berhren, und wich einen Schritt zurck. Was
sollte das alles? Der Herr sprach von Tapferkeit und Vaterland, lauter
berflssiges Zeug, das nichts mit der Marcsa zu schaffen hatte! Er lie
ihn sprechen, lie die Worte auf sich niederprasseln, wie Regen, ohne sich
um ihren Sinn zu kmmern. Sein Blick irrte unruhig hin und her, vom Herrn
zur Marcsa und zum Waldhter, bis er an etwas Glnzendem neugierig haften
blieb.

Es war der vernickelte Knauf am Hirschfnger, den der alte Waldhter an
seiner Seite trug, der funkelnd die Sonne spiegelte.

-- Wie ein Bajonett, -- -- dachte Bogdn; und der Einfall durchzuckte ihn,
das Ding aus der Scheide zu reien, und dem Luder, der Marcsa in den Leib
zu rennen, bis zum Heft. Aber ihre runden Hften, die bauschigen, bunten
Rcke machten ihn irre. Mit Weibern hatte er im Krieg nie zu schaffen
gehabt. Er konnte sich's nicht recht vorstellen, wie das wre, wenn man da
hineinstiee. Sein Blick glitt auf den Herrn zurck, und nun bemerkte er,
da er ihn in Harnisch gebracht hatte, mit seinem verstockten, trotzigen
Schweigen.

-- Er fletscht die Zhne, -- fiel ihm ein, -- genau wie der lange Ru! --
Und er lchelte fast bei der Vorstellung, wie auch der gndige Herr gleich
ein glattes Gesicht bekme, und erstaunt, fragende Augen. Sprach er da
nicht gerade von der Marcsa? Was ging ihn die an?

Trotzig richtete sich Bogdn auf.

-- Mit der Marcsa ordne ich mir meine Angelegenheit schon selbst, gndiger
Herr. Das ist eine Sache zwischen ihr und mir, -- sagte er heiser, und sah
dem Herrn fest ins Gesicht. Der hatte noch seinen Schnurrbart! Rechts und
links ganz gleich, und fein hochgezwirbelt. Wie hatte der Bucklige gesagt?
Der Eine geht hinaus und lat sich den Kopf kaputschlagen. -- Er war
eigentlich gar nicht so dumm, der Bucklige.

Nun wurde der Herr ganz zornig. Bogdn lie ihn schreien, und starrte, wie
hypnotisiert, auf den glnzenden Knauf hinber. Erst als immer wieder der
Name Marcsa an sein Ohr schlug, wurde er wieder aufmerksam.

-- Die Marcsa steht jetzt in meinem Dienst -- hrte er den Herrn sagen, --
Du weit, ich kann dich gut leiden, Bogdn; ich will dich auch wieder bei
den Pferden beschftigen, wenn dir darum zu tun ist. Aber die Marcsa lt
du mir in Ruhe. Rauferein dulde ich nicht! Will sie dich noch heiraten, so
ist's mir sehr recht. Will sie aber nicht, dann lt du sie zufrieden! Hr'
ich noch einmal, da du ihr weh getan hast, dann jag' ich dich zum Teufel,
verstehst du mich?

Schumend vor Wut legte Bogdn los:

-- Zum Teufel? -- schrie er biemend. -- Der gndige Herr will mich zum
Teufel jagen? Gehen der gndige Herr doch erst selber hinaus! Ich war schon
beim Teufel! Ich bin acht Monate drauen gelegen in der Hlle. Da ist mein
Gesicht, da knnen der gndige Herr sehen, da ich aus der Hlle komme.
Hier den Beschtzer spielen, sich die Taschen vollpfropfen, und die anderen
sterben schicken, das ist bequem. Wer sich zu Hause herumdrckt, der sollte
nicht andere zum Teufel schicken, die schon fr ihn in der Hlle gewesen
sind!

So malos war seine Wut, da er wie der bucklige Sozi sprach, ohne sich zu
schmen. Sprungbereit stand er da, mit straff gespannten Muskeln, wie ein
wildes Tier. Er sah den Herrn mit verzerrtem Gesicht auf sich losstrzen,
den Reitstock durch die Lust flitzen, -- sah ihn auch niedersausen, aber
den Schlag, der hart und scharf seinen Rcken traf, fhlte er nicht mehr.

Mit einem Satz ri er den Hirschfnger aus der Scheide, und stie ihn dem
Herrn zwischen die Rippen. Nicht etwa weit ausholend, da ihm jemand noch
htte in den Arm fallen knnen. Oh nein! Ganz leicht, von unten her, mit
einem kurzen Ruck, genau wie er es im Felde erlernt hatte. Der Hirschfnger
war nicht schlechter als sein Bajonett; er lief nur so ins Fleisch hinein.

Dann kam alles genau wie immer. Johann Bogdn stand mit vorgepralltem Kinn,
sah das zornentstellte Gesicht des gndigen Herrn jh sich gltten, ganz
weich und ruhig werden, wie ausgebgelt. Er sah seine Augen sich weiten, --
sah ihn erstaunt herberschauen, genau wie ein getroffener Ru, -- mit der
vorwurfsvollen Frage im Blick: Was machst du denn? Nur das Niedersinken
konnte er nicht mehr sehen, denn ein mchtiger Schlag traf ihn von
irgendwoher auf den Hinterkopf, krachend, als strzte aus unendlicher Hhe
ein Wasserfall zermalmend auf ihn herab. Eine Sekunde lang sah er noch das
Gesicht der Marcsa, umrahmt von einem flammenden Rad, dann fiel er mit
gespaltenem Schdel auf seinen Herrn, der schon zuckend auf der Erde lag.







End of the Project Gutenberg EBook of Menschen im Krieg, by Andreas Latzko

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENSCHEN IM KRIEG ***

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