The Project Gutenberg eBook, Die doppelkpfige Nymphe, by Kasimir Edschmid


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Die doppelkpfige Nymphe
       Aufstze ber die Literatur und die Gegenwart


Author: Kasimir Edschmid



Release Date: April 11, 2011  [eBook #35826]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DOPPELKPFIGE NYMPHE***


E-text prepared by Jens Sadowski



KASIMIR EDSCHMID

DIE DOPPELKPFIGE NYMPHE

AUFSTZE BER DIE LITERATUR
UND DIE GEGENWART







VERLEGT BEI PAUL CASSIRER IN BERLIN
1920

ALLE RECHTE VORBEHALTEN
COPYRIGHT 1920 BY PAUL CASSIRER, BERLIN





Mit ein paar Ausnahmen geschrieben im Dezember Neunzehnhundertneunzehn





_Fr Paul Cassirer_




   Wenn man zwischen Diner und Dessert
   alten Kse mit Salat it, soll man diesem
   noch farcierte Oliven und Caviar hinzufgen.

      Der Admiral Briggs

   Man kann nichts tun gegen diese unvermeidlichen
   reaktionren Kanibalen. Ich will
   noch eine an Europa gerichtete Schrift verffentlichen.

      Benjamin Constant







INHALT


    _Notwendiges als Einleitung_
 1. Situation der deutschen Dichtung
 2. Kritik
 3. Schnitzler und die Nervenzerfetzer oder der psychologische Roman
 4. Graf Keyserling und die Gefhlsmosaikler oder der impressionistische
    Roman
 5. Dichter, Zeit, Ren Schickele
 6. Der neue Roman und Herr Wassermann
 7. Dichter, Staatsanwalt, Unzucht, Freiheit
 8. Deutscher Casanova
 9. Der Reisende
10. Datterich-Dialekttragik

    _Profile:_
       11. Dubler und die Schule der Abstrakten
       12. Leonhard Frank
       13. Dblin und die Futuristen
       14. Jdisches (Die Ehrenstein, Brod, Lasker-Schler, Meyrink)
       15. Sternheim
       16. Heinrich Mann

17. Durchstich durch den vierundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertzwanzig
    der deutschen Prosa
18. An einen Staatsmann oder die Tat
19. Bilanz
    Namen






Notwendiges als Einleitung


Seltsame Sechzehnjhrige meiner Zeit, die Neid auf Unsterblichkeit schon
umbuhlt . . .!

Wir hatten damals noch bis zum Scheitel der Zwanzig Ehrgeiz um Game und
Goal und Jolle und waren in den weibehosten Turnieren und Regatten schner
zu Hause als jene Jaguare und Hynen, die schon im Kindbett mit dem Geiste
kokettieren und Unzucht treiben mit Erfolg. Als wir einmal zu Kunst
gelangten, schlugen wir vom Sport und dem Umherschweifen aus uns auch
entschlossener und ungehemmt an das Gesicht des Neuen. Man hatte auch nach
rckwrts unbefangenere Freiheit, Dichterisches anderer Epochen
ungestempelt und wie neu durch die Hnde laufen zu lassen. Einige begannen
zu lachen, wo sie sie trafen, ber die Professionels der Literatur, die
kleinen Eingeschlossenen der Dichtung, arme Fanatiker und Brokraten der
Kunst. Sie waren aberglubig und subaltern fr ewig in ihre Berufswolke
gekettet und trugen in grotesker berschtzung und blutloser Kindischkeit
ihre Geist-Atmosphre durch das ihnen unbekannte Leben. Die Bedauernswerten
wuten nicht, da es Wichtigeres und Glcklicheres gab als Kunst . . . . .

Herrlich wer, da er die Stdte und die Berge und das Meer und die Menschen
vollauf erlebte, an der Spitze der Berufung und mitten in der Leistung, ein
Auenseiter geblieben ist.

Ich habe Umwege ber Ski und Segelboot stets gepriesen und, indem ich
entzckt ihnen von neuem nachgehe, habe ich keinen anderen Ehrgeiz, als, wo
ich angreife, lobe und scheide, es wie ein Nichtznftiger zu tun.

Gute Diana, wir fanden einen Maimorgen in der Rue de Richelieu eine deiner
schnsten Gefhrtinnen, an denen die Meute der Midinettes des Quartiers
sich vergriffen, weil sie mit lndlichen Hften und einer Frische des
Blutes kam, da die Wlder und Flsse hinter ihr sich bogen. Als wir sie
aufftterten, nahm sie Abschied, ohne zu weinen, und manche, die sie spter
am Montmartre gesehen, hatten dieselbe Bewunderung und den Respekt fr ihre
Haltung.

Sie hatte sogar Kritik und Duldsamkeit bekommen.

Ich habe nie etwas mehr gehat wie falsche Wrde und jene dichterische
Separation, deren Phrasenhaftigkeit kein gutes Werk je verdeckte, und
nichts schien mir lcherlicher und mehr eine Schwche und Ohnmacht
anzuzeigen, als das Verneinen der Tatmglichkeiten und die Scheu vor der
Wirkung. Mnnlicher wie mit feisten Worten bei Seite zu stehen, war es mir
und khner auch erschienen, in jeder Arena aufzutreten und das zu sagen,
was Zeit und Minute unter den Fingern brannte. Einmal mute wohl, wenn die
Literaten versagten, ein Irgendwer, ein Mann aus dem Publikum auftreten,
dem dies alles ganz egal sein knnte, der lieber sein selbst gewhltes
Dasein nach seiner Farbe und seinem Geschmack weitertriebe . . . . und in
das zeitgenssische Affengeschrei des Betriebes seine wohl anderen Zwecken
zugewandte Stimme legen. Ich habe immer den Schriftsteller in mir geliebt
und propagiert, obwohl ich mir nie verhehlte, da, zum mindesten den
Deutschen ich in der Erneuerung der Sprache und der dichterischen Prosa
Wege gewiesen und neue Mglichkeiten geboten habe.

Wenn etwas von Verantwortung aber bestand, war es jedoch trotz anderer
Wnsche und Sehnsucht, nicht musiger Idylle allein sich hinzugeben,
sondern, mehr als wissenschaftliche Whler wollen und deutsche Dichter zu
unbegabt oder zu feig sind, den Zusammenhngen der Prosadinge der letzten
Dezennien in Bauch und Seele zu leuchten. Ein Buch war nicht im Plan, aber
es ist aus vielen Einzelgngen sehr rasch gewachsen. Es ist nicht
methodisch, eher attackierend, ich denke es klrend, aber ich bin des
festen Wissens, da es so radikal wie lang ist. Die Dnnen lieben es nur,
schmale Nieren als das Unentwegte hinzustellen, doch echter scheint es mir,
die Epoche aus den Bchern zu den Traditionen, den Werten und vor allem zu
den Menschen zu runden in einer Zeit wo nur Greise, Ehrgeizige und Idioten
das Pfund der Kritik und der Bewertung der Prosa hten. Schicklicher dnkt
mir dies und eines Dichters, dessen Titel allein mich irgendwo letzthin
natrlich begleiten mge, wrdiger als hinter Faltenschwngen und steif
gewordenen Worten die byzantinischen Gebrden der praktischen und das heit
menschlichen Impotenz zu verbergen.

Vor sechs Jahren erzhlte in Paris dem Dreiundzwanzigjhrigen Veniselos mit
der Armwunde, man habe in seinem Garten zu Syrakus eine Herme gefunden, auf
der geritzt war, wie Zeus abends eine Nymphe neben dem Flu gefunden, deren
tragisches und stilles Weinen ihn zum Anhalten erschtterte. Sie sagte in
seinem Arm, da in der aphroditischen Gefolgschaft sie einsam wandre,
Krnze flechte und jene Lieder ersnne, die an allen Festen zu Oliven und
Kornernte ber das Land sie trieben, und die nach Jahren aus den Stdten
der Menschen ihnen wieder entgegenschallten. Venus aber habe sie gestraft,
da sie, in Baum und Wolke nach ewigen Gesngen feurig suchend, Gefahr,
Zeit und Notwendigkeit des Dienstes und Urteils verge, worauf Zeus sich
herunterbiegend ihr verlieh: da unsichtbar den anderen neben dem von
dichterischen Gefgen berstrmten Antlitz sie noch ein Gesicht trage, das
nach Vergangenheit und Zukunft sphend, Verantwortung der Zeit und des
Geschehens um sie herum ihr gewhre und in seinen khnen Biegungen, dem
anderen vom Ewigen erleuchteten nicht unhnlich, immer anschaue, verstehe,
liebe und hasse, aber bedenke auch und urteile vor allem, abgrenzend und
bestimmend, und jede Sekunde im Dienst.

Ich habe diesem nichts von Bedeutung hinzuzufgen.

Partenkirchen, Mrz 1920.

Kasimir Edschmid.




1. Die Situation der deutschen Dichtung


Heutige Dichtung der Deutschen ist eine sehr klftereiche Sache. Da ist
wohl Flu und Weiher, Park, Chaussee und Sturzbach, Wald und Himmel. Aber
da ist auch Lust nach Himalaja neben Dachsberg, Laubenkolonie und Sibirien,
leninischer Durchbruch und tirpitzsche Kanone, auch kruppsche Stauanlage.
Es geht alles toll durcheinander. Man braucht aber Chaos nicht
anzuerkennen. Es kommt auf den Kern an. Schlt man ab, was vorbei ist der
Gesinnung und Form nach, streicht man weg, was an Qualitt nicht uerstes
befriedigt, nimmt man die (oft bedeutenden) Auenseiter nicht zu wichtig,
mit man Geist der Dichtung am guten Barometer des Zeit- und, ohne sich zu
verwirren, des Welt-Geistes, so mu schon ein Typisches herauskommen. Es
kann nicht anders sein.

Es ist das Expressionistische.

Daneben noch einige Menschheitsdichter, die ihre Entschlossenheit wie
Heilige, Sektierer und Irre weit ber ihr kleines Talent hinaufreit. Vor
dem Schicksal steht ihre Kunst en garde. Virginiatabak und Benzin ist ein
Geruch, der aktuell in den besetzten Gebieten, aber nicht von Dauer ist.
Diese Leute kommen mit Posaunen der Liebe, aber sie werden in der
Geschichte keine sortie d'clat haben. Eine unbefangenere Generation, die
auf Kunst lstern an sie herangeht, wird die Achseln zucken. Was blieb, ist
Null. Was ist uns Herwegh anders als schlechte Literatur? Aber sie werden
im Unterstrom der menschlichen Dienstbarkeit an der Idee human, tapfer und
wie wenige mitgearbeitet haben. Agitierend wie Redner, deren Schall
erlischt, haben sie Brnde erregt. Man hat es grausam mit ihnen von oben
her gemeint, da man sie zum Anonymen warf. Da liegt aber in der Regel
unseres Volkes beste Fleischportion. Wenn sie aber groe Knstler waren,
sind sie Expressionisten.

Doch ist das nichts Neues, nicht Formwitz, nicht Mode. Pyramiden,
Strindberg, die Frhgriechen, Gotiker, Litaipe, Novalis, Brueghel waren auf
dem gleichen Marsch. Die Bataillone des Geistes hatten immer die gleiche
Richtung und hnlich modellierte Kpfe. Man soll sich nicht verblffen
lassen durch uerliche Extravaganz. Die Kraftresultanten zieht zwar einmal
ein anderer und die Parade der Knstler und ihrer Leistung nimmt spter
erst einmal an Lende und Zeugung ein schnauzbrtiger Gott strengerer
kommender Zeit ab. Kmmert uns wenig . . . . . .

Aber eine Sache ist fatal verbrgt: Es geht in der Absicht und mit viel Not
das steilste Recken der deutschen Seele vor sich seit Gotik, Barock,
Romantik. Scheinbar ist auf Geistterrain ein Hgel aufgeschossen, der jedem
der drei hnlich sieht. Er ist an der Spitze sehr scharf, glsern und
schwertspitz, denn er mute Gestrpp, aber auch die Ablagerung deutscher
Kultur der letzten hundert Jahre, und ihm schien: eine geistverfluchte
kleine Hlle durchstoen, um ins Belichtete zu kommen und mit seiner
unerbittlichen Form zu beweisen, es gbe keinen anderen Ausdruck fr die
Zeit.

Aber die tausend Rckbleibsel verkalkter Tradition fanden sich rasch in
Stellung.

Es gab einen Teufelsskandal.

In anderen Lndern ist die Kluft zwischen neuer Dichtung und alter nicht so
gewaltig wie bei uns. Das kommt, weil ihre Literatur Nabelschnur hat.
Unsere aber nur die Zentrifugalkraft des Karussels. Wir waren frher nicht
allzu reich an Dichtung, die Sperma hatte und Eizellen, um zu zeugen, fort-
und hochzuentwickeln. Wir hatten gewhnlich ein Paar Riesen, die keine
Kinder machten, um sie herum Miesnicke, die karnickelhaft den Stumpfsinn,
das drittklassige Niveau, die internationale Kitschigkeit weiter
entwickelten. Von der Romantik ab verloren wir total die Orientierung. Da
ging das Brgerliche mit allen Gewehren vor, zimmerte sich in der Literatur
seines glorreichen neunzehnten Jahrhunderts eine eklatante Fanfare, einen
Termitenbau, speziell vom Keller bis zum Plafond fr brgerliches
Weltgefhl eingerichtet. Es fehlte nicht an Hygiene, auch nicht an
elektrischem Licht. Weltanschauung europischen oder kosmischen Gefhls
suchte man bei bequemen Klassikern, schlug es tot in Deutschland, so es
sich reckte, verjohlte es, gewann es an Strke, verwies es aus der
gesellschaftlichen Struktur, hatte es (was jede gute Dichtung haben mu)
revolutionres Blut. Wilhelm der Zweite bestellte Logen ab, ein Dichter
schwankte am Galgen. Sein heldenhafter Sohn geruhte unter schiefer Mtze
ein Stammeln, ein Festspiel wurde abgesagt. So kindisch war jedoch das
Niveau nicht ganz. Das Kunstgemch der Frsten, des Adels, der hfischen
Gesellschaft nahm kein Chauffeur mehr ernst. Konditoren wuten, dies sei
einmal diskutabel zur Renaissance gewesen. Der Kitsch der Siegesallee war
ungefhrlich, weil er komisch war. Die dichterische Ambition der
brgerlichen, liberalen Gesellschaft war gefhrlich, weil sie mit ihrer
Weltanschauung, deren Himmel Aktienblue, deren Form Mechanik, deren Seele
die Rhythmik der Transmissionen und Pferdekrftestrke war, das Geistige in
ihren Bann zog. Da schrieben die Dichter Romane, die nur in solchem
Ideenkreis zirkulierten und darstellten, da das Leben nicht lebenswert
sei, weil ein Oberst einen Leutnant nicht grte, oder da Glck nicht sei,
weil morganatische Trauung undurchfhrbar sei im Kodex eines frstlichen
Hauses, und da die grte Tragik sei, den guten Namen zu verlieren, oder
wenn eine Fabrik einen Handelsmann erledigte. Arme Narren von Dichtern!
Statt den Sirius auf den Mond prallen zu lassen, vertaten sie ihr oft
groes Talent an Affereien, nahmen die Uniform als Weltregulator, das
Kapital als Maschine, als Demiurg, sahen nie die Tragik hinter dem
Menschen. Sahen nur Anwlte, Franzosen, Englnder, Kaminkehrer,
Divisionre. Sahen darum nur Schuld und Leid der gesellschaftlichen
Konvention. Nie das Leid des einfachen wahren Menschen. Sondern das Leid
der Attrappe, des Kleides. Welche Destruktion! Welche Dekadenz in so viel
Fett! Diese Dichter waren keine Europer. Sie waren Nationalisten und noch
rmer als solche. Denn sie malten das blde Ideal der Engherzigen nach,
statt den Fluch auf die abgewirtschaftete Gesellschaft sehr breit und
deutlich an den Himmel Europas zu schreiben. Sie fhlten sich aber wohl,
wie es ihnen ging. Die Bourgeoisie hielt sie aus. Meutern ward streng
bestraft. Das Ganze war glnzend und hohl. Als der Krieg, als die
Katastrophe kam, strzte es ein, verschwand es, eingezogen, aufgeschluckt.
Weg! Dann kam das Neue von der Schicksalstiefe aufgeschaukelt, sein
Hebelarm wogte hoch. Es war da schon vor dem Krieg, mit noch unsichtbaren
Munden, aber durchdringender Stimme sich aus der Tiefe anzeigend, hielt
Liebe, Gerechtigkeit, Furor, neue Fahnen und den Sturm des weitgespannten
Geistes an sich gefesselt. Das Erwachen war mchtig. Es war wie in der
Politik. Die Katastrophe machte die Kontraste berdeutlich. So auch die
Kunst, die in Form und politischer und geistiger Gesinnung revolutionr
war.

In anderen Lndern war die Fassungslosigkeit nicht so gro. Hatte der Geist
genug Tradition, um sich nicht ganz zu verlieren. In anderen Lndern konnte
ein Verndern der Formprinzipien nicht solche Tumulte hervorbringen in der
Dichtung. Seit der Romantik hatten wir an Dichtung nichts. Bei den
Franzosen steht zwischen Hugo und Barbusse immerhin Maupassant. Zwischen
Balzac und France zum mindesten Flaubert. Die Norweger haben seit Jahren,
als bei uns schlimmster Naturalismus uerliche Gravren des Elends
verbrach, Hamsun, diese kstlichste Erscheinung europisch untendenzisen
Geistes, den Dichter, der irgendwie alles hat, was man expressionistisch
nennen kann, den bei uns die Impressionisten mit Beschlag belegten,
patentierten, mit Zucker verdnnten und nachher nachmachten. Ruland hatte
in dieser Zeit schon einen Dostojewski, Gorki, Dymow. Irgendwie war bei
ihnen allen ein Strang, der die Volksseele mit der Ewigkeit verband und
seismographisch mit jeder Nuance der Wechselwirkung erzitterte. Bei uns ist
die Volksseele noch nicht so eindeutig entwickelt, wird mit
nationalistischer Seele (Gott strafe England) verwechselt, und dann hatte
sie siebzig Jahre kein Bedrfnis nach Ewigkeit. Man wollte den Bau der
brgerlichen Gesellschaft literarisch ausgebaut haben. Gab dazu Senkrechte,
Lot, Ma und Hhe. Die brgerliche Gesellschaft wollte ihre eigene
Dichtung. Sie bekam sie. Der Dichtung bekam es schlecht. Sonst fhlte man
sich wohl. Auch die Dichtung war behaglich temperiert. Kleine Fronde des
sozialistischen Naturalismus, kleine Frivolitten und sentimentale
Weibergeheule der raffinierten Psychologen waren angenehme Kitzel, halfen
im Verdauen. Bedrfnis nach Humanitt ward nicht geleugnet, war aber
gedeckt. Dafr war Tolstoi vorhanden.

Es mute etwas kommen, was resolut und mit der Brutalitt der Gte das
Affenzeug durchhieb, Pfrtner, Diener, Besitzer hinauswarf und dem
erstaunten Parkett den adamitischen Menschen zeigte. Damit war alles getan.
Nationalismus war geistig berwunden, sobald die Brderlichkeit postuliert,
nein, sobald sie nur genannt war. Krieg war Dummheit, sah der Mensch ihn
vom rein menschlichen Punkt aus. Der reine, auch primitive, das heit in
seinen Gefhlen gottnahe und daher unverflschte und gro schauende Mensch
wird mit Liebe zu Acker, Nachbar, Saatwind und groen Ideen geboren. Der
Mutterleib, der ihn barg, hat wenig Verbindung mit Montanaktie, Erzbecken
von Briey, mit Marne, Schantung, Monroe, Tabaktrust und Sdseehegemonie. Er
will den inneren Menschenwert steigern. Er will die groen Ideen der
Menschheit, die mit Wolkenschnheit seinen Horizont berschwimmen, pflegen
und geben dem, der es nicht fat. Er will Liebe lernen, Kreatur und Mensch.
Er liebt nicht die Parzellierung der Volksstmme hinter Festung und
Grenzstrich. Er will die Erde als eine Sache, die sein Gesicht umfat. Hat
er sie gelutert, wird er sich vielleicht der Kassiopeia zuwenden. Ihm sind
Franzosen, Bergarbeiter, Russen, Skandinaven gleich, nmlich Menschen. Er
haut die geistigen Grenzen durch, durchschreitet, verachtet sie, stt
begeistert auf gleiche Gedanken. Bald ist er europisch ganz zu Hause,
vllig eingerichtet. Der Kosmos ist seiner Lunge, dem Herzen Freund. Nichts
mehr von Stand und Ansehn und Schicksalembryo der brgerlichen Einstellung!
Der Blick geht auf die Ewigkeit. Das ist die ganze Situation der jungen,
deutschen Literatur.

Das ist der geistgeschichtliche Weg, die Entwicklung und der Zustand.
Verndert sich der Geist so stark, bekommt das Gesicht sehr durchlittene
und heldenhafte Linien, der ganze Habitus verflucht und geheiligt anderen
Umri. Nie hat die Welt, weil sie so lange an Abziehbilder gewhnt war, das
Recken eigener visionrer Formsprache, mit soviel Abscheu, Schauder, Ha
und Wut begeifert. Zu lange war der Geist in Villeggiatur am Nil oder auf
Spitzbergen gewesen, da, als er in Mitteleuropa wieder die Stdte betrat,
Polizisten auf ihn zu schieen begannen. Er war ihnen fremd geworden, und
sein ungewhnliches Aussehen, das weder mit Orden noch Uniformen bedeckt
war, machte feindlichen Eindruck.

Die Gesinnung der deutschen Dichtung, soweit sie ehrlich, jung, qualitativ
ist, ist europisch, einem Vlkerbund zugeneigt, den sie selbst, sehr
anders wie die Versailler, schaffen mchte. Den Bund der guten Europer. So
klangen in aufrhrender Novelle, Gedicht und Essay schon die Rhythmen
anfangs des Kriegs. Bald gab es Phalanx. Es gab Tter des Seitherigen.
Aufpflanzer neuen Ideals. Schwrmer der ungebundenen neugttlichen Kraft,
die sich in die groen Himmel, die aufbrachen, strzten. Aufbauer neuer
Architekturen. Als Motor das Herz, das ohne Ermdung kmpfte und baute. Es
gab keine Behaglichkeit mehr, auch nicht immer Ordnung, aber einen Trieb,
ein Ziel. Die letzten Stangen der abgegrenzten Mglichkeiten galten allein
als erstrebenswert. Die Literatur (und Malen, Bildhauern, Huserbauen,
Musizieren allsamt) begannen den Weg, den sehr leidvollen, sehr
ruhmreichen, an dessen Anfang anfeuernd der Geist steht, an dessen Ende
schmerzlich mit neuer Anstrengung als Ziel der Geist steht. Dazwischen
Hasten und Kmpfen. Eine fiebrige Epoche. Alle Vlker der Welt gehen ihn,
haben ihn schon beschritten oder mssen ihn beschreiten. Vielleicht wird
eine klassische Epoche hinterher in khle Harmonien bannen, was hier mit
Blut gearbeitet wird. Denn heut noch ist das romantische Streiten, Boden
gewinnen, Urwald einhauen. Schlielich schwankt ja seit jeher die Welt
zwischen diesen beiden Spannungen. Im Grund ist ihr Sich-Ablsen immer das
Gleiche. Nur der Geist, der in unendlichem Saft steht, formt die Variation
ein jedes Mal mit unbegrenztem fanatischen Neusein.




2. Marginalien zur Kritik


Kritik heit nie: ber eine Sache reden, sondern ber ihr stehn. Nicht
sie zerfasern, sondern ihr gtig nahen. Kritik heit nicht wahlloses
Urteil, sondern sie verlangt groe Politik. Die Kritik unserer Zeit
ist noch nicht erfunden. Ihr Niveau ist eine Unertrglichkeit. Auf
keinem Gebiet der geistigen Disziplinen wrde gewagt werden, mit
solcher Verantwortungslosigkeit vorzugehen. Zur Kanarienvogelzucht, zu
Petroleumtrusts wrde nie ein Laie delegiert. ber Bcher schreibt jeder
Dilettant. Doch selbst Fhigkeiten gengten nicht. Es bedarf des Menschen.
Denn Kritik heit Aufbau. Nicht Zerstrung. Heit Liebe haben und nicht
Ha. Dies ist das Zentrum. Nur eine groe Persnlichkeit kann die ungemeine
Verantwortung tragen, Kritik ist nichts Artistisches. Es ist eine humane
Angelegenheit. Es ist der sicherste und direkteste Weg zur Kultur. Denn ihr
Sinn ist, Niveau zu schaffen. Aus Liebe das Ungengende zu zerstren, aus
Liebe das Groe immer wieder zu betonen. Das Wichtige zu plakatieren. Immer
Diener sein der eigenen Verantwortung. Durch keinen Zweck der Person, durch
keinen Gewinn, keine Frau, keinen Ehrgeiz gestrt, getrbt zu werden. Nicht
im Zeitlichen stehen bleiben, nicht dem Augenblicksreiz unterliegen,
sondern immer das Momentane messen an der Verantwortung. Aber den Geist der
Zeit frdern. Zeigen, da Pazifismus ntig ist, aber noch lange nicht
Rechtfertigung eines milungenen Gedichts. Aber khn behaupten, da
Hlderlins Hymnen ein ungeheures Ethos tragen ohne einen zeitlichen Gehalt.
Immer die Idee der Qualitt als das Letzte nehmen. Den expressionistischen
Nachlufer stupen, den besseren Impressionisten unseres Tages bedauern,
aber loben. Immer den Weg finden aus Zeit und Unzeit zur ewigen Prgung des
Frstworts. Feurig sein gegen das Gesinnungslose, khl gegen Anmaung.
Fehler bekennen. Immer Linie halten. Nie den groen Dichter um
Kleinigkeiten tadeln, whrend den Nebbich man laufen lt als das, was er
ist. Vielmehr auf das Wichtige sehen. In jahrelanger Arbeit nie den
Lesenden verwirren, sondern ihn erziehen. Kritik ist im allerletzten und
bedeutendsten Sinne Aufbau, Architektur, Arbeit am Leib des Volkes. Es
bedarf nur neuer Rasse, das Werk zu machen. Radikal zu sein im Dienst am
Geist. Klug wiederum mit Bescheidenheit auf vieles Wissen, da es nichts ist
als Voraussetzung. Gttlich streitbar fr Junges, ohne es innerlich zu
berschtzen. Ohne literarische Geste, ohne Kunst zu wichtig zu nehmen,
aber wissen, das alles gro Erlebte in sie zurckstrmt. Vieles gesehen
haben, das Meiste kennen und Menschliches verstehen in seinen Wurzeln,
Fehlern und Gte -- und dann zu richten . . . eine Aufgabe von solcher
Humanitt ausben, ja allein auf diesem Boden der Gesinnung zu stehen, dazu
bedarf es so ungewhnlicher Menschlichkeit, da es nicht erstaunt, heute
keine Urteilenden gerecht am Werke zu sehen. Ist der neue Mensch geschaffen
mit Einkehr, Lust an der kmpfenden Liebe und Hingabe am Werk, wird eine
Generation von Kritikern aufstehn. Keine Eitelkeit wird mehr Triebfeder
sein, kein geistiger Imperialismus Ziel, Diktatur nicht der Zweck, sondern
ameisenhafte Arbeit an der Gre und Aufgabe. Und so Kultur und eine
Tradition guten Sinnes. Und eine nicht zerstrerische und idiotische
Kritik, sondern eine schpferische, helfende, keine Analyse, sondern eine
dauernde Tat.




3. Schnitzler und die Nerven-Zerfetzer oder der psychologische Roman


Was dem deutschen Roman fehlte, war europische Flle. Kleine Kritiker und
sentimentale Idioten wagten daraus ein besonderes Lob zu gestalten. Seien
wir gerecht. Grimmelshausen war noch eine groe Sache und die
mitteldeutsche Epik hatte wundervollen Weltstoff. Er ging verloren,
verhllte sich in Autobiographisches, und die Schicksalsrinne persnlicher
Lebenskurven ri nicht Welt und Dasein in sich hinein. Die Felder der Prosa
wurden nicht durchpflgt, sondern schraffiert. Eine Tradition war es
wahrlich nicht, lief der Individualwahnsinn von Meyer bis Stehr, sondern es
war Impotenz und Entsagung, Nichtknnen, das sich khn mit dem Trotz des
Nichtwollens frisierte. Auenseiterei proklamierte sich als Typus und
Wchter der heiligen Seelenfeuer der Deutschen und hhnte die groen
Einsamen, die es im Wesenlosen, wohin es irgendwie in seiner Vereinsamung
geflchtet, suchten. Ehrlicher und anstndiger ist das Gestndnis, gefehlt
zu haben und unvermgend gewesen zu sein, in Jahrzehnten den Geboten des
Geistes zu folgen. Die Grnde ergeben sich von selbst.

Denn Stil der Kunst und des Lebens folgert sich nicht aus Stil selbst,
sondern aus drngenden harmonischen Krften, die durchblutend
dahinterstehen. Die sind in Europa sonst nicht selten, Frankreich und
Ruland, sterreich besitzen sie ohne Zweifel. Vielleicht hat das
militaristische Preuen damit sogar Fontane gemacht, jedoch als Korrektor
nur der Unzulnglichkeit. Sonst war Deutschland dazu nicht mehr in der
Lage. Die Tradition der Bayern, Badenser und Schwaben war doch nicht
kosmisch genug, um Weltliteratur zu machen, und brachte nur eine
epigonenhafte Lokaldichtergarde hervor, die Gewohnheiten, jene faule
Mischung von Denkunvermgen und Bequemlichkeit, fr Stil, fr strzende und
gestaltende Kraft hielten. Auf Frau Supper, Herrn Finkh, Herrn von Bodmann
braucht die deutsche Literatur nicht stolz zu sein. Aus dem Grabe des
immerhin groen Gottfried Keller saugen sie noch etwas vermodernde Kraft.
Was diskutabel ist in dieser Folge ist Hesse, der, wenn auch Nachfolger auf
diesem Gebiet der Schreibweise, dennoch mit einer sddeutschen
Idyllischkeit und einem Anstand seltener Gesinnung weit ber
Nur-Literarisches hinausreicht. Er ist einer jener Deutschen, die, wenn
auch Formung von Welt und Schicksalsbreite und Tiefe ihnen fernliegt, eine
fast klassische Schnheit erreichen, tauchen sie in die Jugendzeit zurck.
Man mu das ganze Werk dann ansehn und das Leben einer schon langen
knstlerischen Gesinnung. Ausma zu groen Schaffenskomplexen haben noch
andere hinter Keller her. Carl Hauptmann zerlegt es in oft zart und s,
aber immer zerfahrene impressionistische Gefhle. Stehr, der tatschlich
manchmal wahrhaft Durchleuchtendes hat, ist einer der schlechtesten Knner,
obwohl's bei ihm aufs groe Ma hinausgeht, und kann Naturalistisches und
Visionres nie zusammenbringen. Er hat stets zittrige Hnde, es wird nie
was draus. Schaffner zge gern reflektierend den Gedankenkreis der Epoche
ins Rollende der Handlung, allein er bleibt im Schatten, breit, langweilig,
schwerbltig und Desperado seiner Impotenz. Der strkste, mnnlichste unter
ihnen ersteht in Wilhelm Schfer. Hier staut sich das Kellerische noch
einmal in einer dunklen maskulinen Glut und sucht Generation und Ewiges zu
Architektur und jener Allgemeingltigkeit des bernationalen zu formen.
Dennoch steht es neben der Zeit, es ist zu unnatrlich beruhigt in einer
Zeit der ekstatischen Suche. Es ist gute Tradition, jedoch nicht die des
suchenden Geistes, sondern einer Lebensform, die heute vom satanischen
Brodeln des Entwickelns nicht durchleuchtet ist, und spter, wenn
Klassisches, das heit Klar-Gewordenes, wieder die Allgemeinschicht der
Kultur sein wird, auch nicht typisch sein wird. Denn ruhig kann nur werden,
was bewegt war. Und das andere wird kalkig sein, weil es stets besnftigt
war, und nur in alten Venen ein feuriges Atmen noch einmal aufging. Das
alles sind Knstler von manchen, manche von hohen Rngen des Knnens, aber
nicht in jenen mystischen Konnexen vereinigt mit Weltgewissen und
Weltdrehung, die irgendwie erst das Reprsentative schaffen.

Dazu gehrt eine tiefere, saftvollere Verwurzelung. Nicht eine Fortzeugung
der Form, sondern ein Wurzel-Haben im Wesenhaften, im Vlkischen, im
Bodenwasser, im Ideensaft der Volksschicht. Dazu gehrt eine Kultur, nicht
nur Tragfhigkeit und gummihafte Dehnung einer Schreib- und
Anschauungsweise.

Mit der wachsenden Skepsis und inneren Hohlheit, mit dem Bewutsein der
negativen Gehalte der vergangenen Epoche begannen Zerstrungen an dem
sinnigen Erzhlungsaufbau der sddeutschen Klassiker. Die Skandinaven
beeinfluten. Hamsuns Gre verstand man nicht, und wie van Gogh die Maler,
hielten die Literaten ihn fr einen Impressionisten, genau wie die
fadenfeinen Dnen Bang und Jacobsen. Aus all dem gab es ein
impressionistisches Gemisch mit Klugheit wie Bahr, mit Virtuositt wie
Kellermann, mit Aperus wie Altenberg. Mit den berraschend und berschtzt
aufgenommenen Naturwissenschaften wurden die Seelen zu Prparaten
geschlagen. Die Dichtung ging in Dienst, hatte chemische Aufgaben der
Auflsung, medizinische der Diagnose. Krankheitsflle wurden tatschlich
Thema der Darstellung. Von Ibsen zu Hans Heinz Ewers ist der Weg nicht
weit. Wassermann rettete sein sehr groes Talent, das auch aus solcher
geistigen Niederung vogelhaft hervorbrach.

Schnitzler rettete Wien, machte ihn reprsentativ.

Man hat im preuischen Deutschland gute Witze gehabt, sterreich zu
unterschtzen. War die politische Kombination auch unmglich, hatte es
dennoch eine weit berlegene Kultur. Sagt man Rokoko, meint man die
Harmonie der Dinge vom Bidet bis zur Tragdie. Sagt einer Wien, ergibt sich
das Gleiche. Hier ist, ohne da der Wert kalkuliert werden soll, Kultur,
wovon die Deutschen keine Spur haben. Da und im bayrischen Gebirg', in
England, in Stockholm hat das Germanische sich Achsen seines Weltausdrucks
geschaffen. berall da ist Zchtung, ein erlesenes Prinzip am Werk,
Leidenschaft, Landschaft, Gewohnheit und Geist und Menschen zu einer
Einheit zu bringen, sie hautwarm durch die wechselnden Epochen zu tragen.
Das Wienerische ist das Schwchlichste darunter, aber es ist eine
ausgesprochene Sache. Theater, Speise, Mdchendessous und Mentalitt und
Gesellschaftsform haben denselben einenden Rhythmus. Reden die Preuen von
ihren Kurfrsten, von friderizianischen Gesten, von Pflicht und Kaste und
Geist, so ist das diese oder jene Attitde, Schutzwehr, Kokettieren und
Gepflogenheit einer Herrscherkaste, die manchmal sich in ihrer
Einseitigkeit zu gewissen auffallenden Formen verdichtet hat, aber keine
Breite hat, keine Lebensbasis, keine Volkssaftigkeit, eine vielleicht sehr
bewundernswerte, aber schlechthin abscheuliche Sache ist. Was zwischen den
Bergstmmen Bayerns, wo mystischer Saft des Bodens die Menschen gro in die
Landschaft hineinformt, und Schweden liegt, ist Chaos, Unkultur. Es ist
bewundernswert in seinem irren Laufen, seinen groen Heldentaten, seinen
Opfern und Mrtyrern, um deutschen Stil zu formen. Aber es ist noch nichts.
Was die heutige Generation von frheren und von der ganzen Kellerschule
scheidet, ist wesentlich die Idee, als breite Generation diesem Ziel
dienend und neu zu leben.

Weil Schnitzler nur aus diesen Komplexen heraus begriffen werden kann, ist
es schwer, ganz an ihn und seine Bedeutung zu kommen. Wie Mnner nicht nach
einmaliger Tat, Weiber nicht nach _einer_ Umarmung, darf man ihn nicht nach
dieser oder jener uerung betrachten, Die Einstellung wrde lppisch und
kindisch. Wie fr den Mann Kriterium und Abschlu erst ein ganzes Leben
ist, bei der Frau erst: sie ganz bis an die letzten Seelen- und Krperrnde
ausgenossen haben . . . . . so bei diesem Dichter erst das klingende,
runde, massive, in die Hand genommene und gewogene Werk. Bedeutsam ist
nicht ein Glied, sondern die ganze Anspannung. Tastet man so weiter, kommt
aus vielem Verhllten erst die Ahnung, spter der Umri, dann die glatte
Form. Seine Tradition, sein Halt, seine Stadt, seine Kraft, das ist seine
Atmosphre, die er atmet, die ihn politisch umschnaubt, wehmtig
verdunkelt, zrtlich verfhrt, Anregung und Erfllung. Das ist Wien. Das
ist seine Kunst. Milieu wie Figur. Auen und Durchdringung. Hingegebene und
Geliebter. Gestaltung und Liebe. Also: sein Weltgefhl.

Natrlich macht der Wiener Krper sich die Welt entsprechend seinem Wuchs,
es wird keine groe Welt. Aber indem Schnitzler ihr Produkt ist, wird sie
ausgeprgt, genau wie Paris sich Musset formt, und hinter Tschechows
zarter, Schnitzler so naher graziser und leichtfarbiger Welt die groe
Seelentraurigkeit des slavischen Ostens steht. Die Deutschen glauben oft
groer Kultur nah zu sein, indem sie fremde imitieren, und die Mnner sind
stolz, tragen die Taillen ihrer Weiber den Rock, der nur den franzsischen
Hften angepat liegt. Man ist bei uns noch im groen Durchschnitt bei der
Nachahmung, noch nicht einmal bei der Schulung. Die sterreicher und die
Schwedinnen haben ihren eigenen Rock, irgendwie wohl westlich orientiert,
aber irgendwie auch der Form des Lebens, des Charakters und der Schenkel
organisch angepat. Und selbst die grauenhafte Verirrung der Wiener
Werksttten war immerhin in erschreckender Zeit der Formlosigkeit noch ein
Stil.

So ist die Schnitzlersche Leistung unterschiedlich, kommt einmal heftig vom
Arom erfat, quillt einmal dnn, ist wohl nie zu abgeschlossener und ganzer
Leistung gekommen. Man kann jede einzelne Sache von ihm vllig zerreien.
Aber von Buch zu Buch geht Ton auf Ton, in immer neuer Flle, in drngender
Gestalt, der Aufbau zu einer Grundmelodie. Diese und jene Seite der Stadt,
der Herzschlag der Menschen, in Hhe und Tiefe die Luftschicht, die
Erregung, vom Lcheln bis zum Schmerz nur eine sekundliche Bewegung und
dazwischen doch alles gestapelt . . . so ergibt sich seine Zeit. Die
Skepsis seiner Epoche lt ihm, obwohl alle ihre Elemente ihn zu einem
wundervollen Exemplar aller ihrer Eigenschaften machen, etwas Distanz zu
dem, was er schafft. So leitet er seine Figuren, nicht ohne sein Blut mit
ihrer Erregung zu mischen, ein wenig Sentimentalitt mit ihren Abstrzen
fhlend, ihre Lust und Hhe mit dem tragischen Gestus des Zweifels im
Handgelenk zittrig machend, etwas Spott um die Lippen. In dieser dunklen
Heiterkeit schwanken die Schicksalsevolutionen. Es verdichtet sich der Raum
aus der stdtischen zur menschlichen, zur Daseinsschicht. Ohne Wollen. Ohne
Absicht. Die Leistung bekommt pltzlich die allgemeingltige Bedeutung
ausgeprgter hoher Kunst. Man wird in hundert Jahren den Gradmesser der
Zeit an den Schnitzlerschen Bchern nehmen, sagen: das war sterreich.

Das ist nicht wenig.

Das ist unbestreitbar in Aufbau und Hhe und Herausschlung aus der Flut
der anderen. Hier einigt sich fast allein (auer Keyserling) Werk und Zeit
und Volk. Es entbindet aber nicht, das Urteil ber den Wert dieser
Lebens- und Zeitepoche zu fllen. Sie ist das morbide Schluglied eines
Auseinanderfalls, der schne Moment vor einem Schlustrich, das Zeitgefhl,
das auch bis vor die Guillotine gepudert, lebhaft und bei guter Gesundheit
ist. Der Gipfel Schnitzlerscher Kunst ist eine Erhebung, ohne Zweifel, aber
eine sehr kleine neben Lessing, Laotse, Cervantes, Ekkehard, Notker,
Balzac. Aber es ist einer, das ist sein Stolz. Es ist seine Zeit, die ihn
selbst, die er wieder geschaffen und gestaltet. Die Frage nach Schnitzlers
Wert ist nicht auf knstlerischer Ebene allein zu fllen, sie fllt
parallel mit der nach dem seiner Zeit.

Sie decken sich ganz. Man kann sich nicht tuschen: der Atem dieser Kunst
ist oft schwach, dnn gehaucht, Gefhle aus zweiter Hand, Heroisches
berschrien, in fremden Stoffen Dargebotenes doch nur Wiener Geschnaas. Der
Lebensrhythmus dieser Arbeiten stt nicht hei, rasch und tief ins Herz.
In diesen Romanen und Novellen ist zarte und bezaubernde Oberflche gegeben
und der Hin- und Hergang entzndeter Herzen, und oft ist eins wie das
andere. Und schlielich ist keines der Bcher ganz ein Ja und keines ein
Nein. Sondern alles zwischendurch empfunden und beurteilt. So liegt der
Fall und die Frage.

Aber sowie sie sich erhebt, wendet sie das Gesicht weg, dreht es nicht
steinern vor den Mann, den Schaffenden, Abhngigen, sondern weiter hinaus
gegen die Flle seiner Zeit. Denn daher kommt er. Dahin wendet sich
Anerkennung und Anklage, beides. Was auf ihn allein zu fallen hat, ist
Beurteilung seiner Menschlichkeit. Da er zweifellos Liebe hat fr die von
ihm gezeichnete und vorgewiesene Kreatur, war demokratischer Atem in seinem
Werk schon in noch sehr absolutistischer Zeit. Dies ist nun nicht mehr
wichtig, aber es gibt die Linie des Anstandes zurckwandelnd wieder. Dabei
ist er kein ekstatischer Bekenner, kein Tter, kein Konsequenzen-Zieher.
Sondern auch in der Opposition voll Reserve. Untadelig wie wenige, wie fast
kaum einer seines Ranges, seines europischen Ansehens whrend des Kriegs.
Die Haschreie und der nationalistische Wahnsinn fanden in ihm keinen
Trabanten. Auch im Knstlerischen war er nie nach Konjunktur aus, nie voll
Wechsel wie Gerhart Hauptmann. Tadellos, ein vornehmer Reprsentant nicht
nur seiner Zeit und Stadt, sondern des knstlerischen Gewissens geht er in
die neue Zeit, deren Vorkmpfer und Fhrer wenig gemein haben mit seinem
Werk, seiner Atmosphre, deren groe Wertschtzung und Verehrung, deren
Gru und Achtung ihm, wie jedem echten Menschlichen, gerne und eifrig
zukommt.

Die Technik seiner Schreibweise, die den Menschen zerfaserte und an seinen
Nerven hinaufschleichend ihn erriet, statt ihn zu bestimmen, die ihn
festnagelte, statt ihn ins uferlos Gttliche und Menschliche
hinaufzutreiben, war die gepflegte und modernste vor der
expressionistischen Zeit. Wien zchtete champignonhaft Legion dieser
Dichter kleineren Ranges.

Schnitzler scheint nunmehr, wo Zeit sich zwischen die Werke schon stellt,
als bester und gesndester Vertreter. Die Geltung der Kunstform, die er
vertritt, die Grenze der ganzen psychologischen Prosa bestimmt sich durch
ihre Begrenzung schon selbst. Sie ist Kunst wie jede, beschrnkt wie jede.
Doch weniger in Stoffgebiet und Breite, als in der Hhe. Tragisches,
Elementares, also Aufrttelndes und Menschen allein Tragendes kann aus ihr
nicht kommen. Nur liebevolles Nachgehen und Erklrenwollen bestenfalls, wo
vor Schicksal, Tod und Ewigkeit im Grunde nichts zu erklren ist. Diese
Kunst hat nicht Rausch, nicht unvermittelte Hingabe an groe Gestirne, die
unser Leben leiten. Sie rtselt, sie klagt nicht an. Sie jubiliert nicht
vogelhaft, sie ist geistreich vielmehr. Sie kennt nicht den unbeweglichen,
alles bestimmenden Geist, denn sie umschreibt. Sie ist endlich nicht
einfach. Sie will das auch nicht. Sie hat ihr Ma, streckt sich in ihre
Proportion. Im klugen Wissen um die Grenzen des ihr Mglichen gert sie
nicht auf falschen Ehrgeiz. Als Ganzes beschaut, fllt Schnitzlersches Werk
seinen Platz mit Haltung und meisterlich aus. Letzte Gre ist ihm versagt,
doch kmmert das nicht. Es ist darauf gerichtet, sich selbst zu gengen,
Trger zu sein, nicht Aufwerfer und Neugestalter. Es will Gerechtigkeit vor
seiner Zeit. Die Zeit ist in ihm wie in einem Spiegel.

Das ist sehr viel.




4. Keyserling und die Gefhls-Mosaikler oder der impressionistische Roman


Die Gefahr des Feudalismus warfen die franzsischen Revolutionen schon
gegen die Wand. Adel ist heut keine Drohung mehr gegen die Freiheit, Feind
ist allein die geistverdickende Bourgeoisie. Adel ist heute ausgewhlter
Stoff und Symbol der Zchtung. Seine Mnner sind krperlich Trger guter
Gewohnheiten, seine Frauen haben allein (neben Jdinnen) Rasse und Krper
und Takt des Anzugs. Der Ausleseproze hat sie durch Generationen md
gemacht, aber er hat sie gestaltet. Kosmopolitische Ansicht einigt sich
gern mit dem Weitblick alter Magnaten, nie mit dem kleinen und schneidigen
Vertreter raschen Reichtums oder bedachtsamer Brgerlichkeit. Zwischen
guten Revolutionren und alter konservativer Rasse ist immer ein Findepol,
denn beide haben die Khnheit und die Rcksichtslosigkeit von Ideen um
sich. Wird das Gezchtete, Adlige sogar geistige Auslese, ergibt sich
unbedingt eine Hochsteigerung des National-Mglichen. Vielleicht, da es
beschrnkt und problematisch, verfluchbar oder politisch hymnisch ist,
jedenfalls wird es eine ganze Sache sein. Denn in solchen Verfeinerungen
trifft sich der aus dem Jahrhundertwerden aufsteigende Saft mit der
Wellenbrechung der Zeit. Nicht in Bchern, Reden und Museen setzt sich
Kultur und Bewutsein ausgeglichner und groer Vergangenheit fort, sondern
wie jede groe Musik nur in den Menschen. Der Reinhalteproze der
Aristokratie ist irgendwie inferior, weil er, nach bornierten
Gesichtspunkten angelegt, nur Macht, Wrde oder Ansehen, nicht Geist und
berhaupt Fhrerqualitt durch die Jahrzehnte mischt und schleudert. Aber
es ist ein wenn auch enger, so doch unbestreitbarer Zchtungsvorgang. Hier
kommt aus gepflegter und immer wachgehaltener Tradition Tat, Leidenschaft
und Dasein vergangenen Geistes heraus. Nichts Gelebtes, Gedachtes, was eine
Zeit gro machte, was hier nicht in dem Bewutsein noch se. Darum ist
ihre Bewegung mehr nach rckwrts geneigt, weil sie frher stark nach vorne
gingen. Sie sind belastet und nicht aktiv mehr, aber das Reservoir, die
groe Stauung des Seitherigen, ein enormer Besitz. Hier einigt sich
berliefertes mit Blut, ein unerhrtes Zusammentreffen.

Denn wirkender Stil ist ja nicht Oberflche, sondern tiefe Verankerung. Nie
Gewohnheit, sondern aus dem Mu herausgegangene immer wieder bejahte Form,
die stndlich begrndet, sekndlich durchatmet wird. Stil sind die drei
Kronen auf den schwedischen Banknoten, auf den Eisenbahnpolstern, das
Zeichen ist selbstverstndlich, rumlich schn, ist, kurz, symbolisch
geworden, in den Volkskrper bergegangen. Stil ist Walpurgis auf
Haselbakken, ist ein Allguer Haferlschuh, ist der Kontakt der Grfin M.
mit den Pergamentbchern und Wappen in ihrem Burgturm, ist das Lcheln
einer Pariser Hure im lateinischen Viertel, Essen im Caf de la Paix, das
Fest nach der Hopfenernte am Bodensee, Smrgasbord auf sknischen
Schlssern, ist die Anmut einer verschlossenen Dame, die Geistiges
andeutet. All das erbt man, aber lernt es nicht. berall ist die Form wie
Nebenschliches, ja schon souvern jenseits des Formalen, beherrscht von
einem alten Gehalt, von Errungenem und sich in den Sitten und
uerlichkeiten spielerisch weiterbewegende Wahrheit. Stil ist kein
Korsett, keine Rckenmarkstarre, sondern die ungemeine Lebendigkeit
derselben Sache. Stil ist ganz rund, ganz eindeutig, ganz bestimmt und
przisierbar wie ein Krper, jedoch in seiner Vollkommenheit so vibrierend,
so erregend und derart ungewhnlich scheinend, da er nicht zu bestimmen
ist. Ganz feminin im Reiz. Nicht heute Kchin, morgen Dame, dann Dirne,
dann Weib, sondern das Weibliche schlechthin und zwar in der Form der
tadellosen Dame, jedoch mit solchem Geschiller und derartiger
Mglichkeitslinie in Gesicht, Geruch und Stellung, da alles, was
ausdenkbar und erwnscht in weiblichem Weltbild, darum ist. Stil ist darum
nie Mode. Nur Kindische und flache Denker verwechseln seine uerung und
seinen treibenden Grund. Was heute Expressionistisches ist, bleibt in den
echten uerungen nach zwanzig Jahren dasselbe, nur mit anderem Namen.
Ewiges ward immer in die Spirale modischer Formen gebaut und was Drer, was
Rembrandt seinen Mitmenschen bedeutsam zu machen schien, war sicher das
Nebenschliche, nicht sein Kern. Schreien im Jahre Neunzehnhundertzwanzig
Dadaistenjnglinge den Tod des Expressionismus aus, ist das ein Zeichen
ihres Hirnes, das im Tempo der Schreibmaschinen nur Zeit und Symptome fat,
nur sieht, da eine seit Persiens Miniaturen, seit Amenophis, Bhme,
Ekkehard, Bchner, Strindberg bestehende geistige Richtung in ihrer
modischen Schale falsch verstanden und von Knaben und Snobs zu blendenden
Exercitien vergewaltigt wird. Irgendwo ist unter uns, ist in uns der dunkle
Strom eingeschaltet, der das nie versiegende Feuer des Geistes auf uns
richtet und die uralten Gehalte weitertreibt in die Kanle des groen
Ausbruchs und der inneren Verbundenheit. Auch das ist Stil. Er hat keine
Gesetze, sondern Berufung. Ein Bauer, ein Proletarier kann fortsetzen, was
vor hundert Jahren an erlauchter Stelle herauskam. Fritz v. Unruh schreibt
manchmal, als ginge keine berlieferung ihm voraus. Der Sohn eines
Mehlhndlers schwrmt in verzcktesten Adelstraditionen. Die
Vlkerattitden selbst vertauschen sich manchmal sogar scheinbar. Der Dne
Jensen schreibt wie ein Norweger, Madelung wie ein halber Russe. Deutsche
manchmal wie sterreicher. Auch zwischen Deutschen und Franzosen beginnen
Wechselspiele. Am deutlichsten bleibt immer der Russe, trotzdem ist Kusmin
vollstndig franzsiert. Dennoch gibt es dem Kenner und Einsauger des
Vorgesetzten letzthin keinen Zweifel. Aus der Zivilisationsgier des kleinen
Mannes dringt die Geilheit, mehr zu scheinen, durch, neben der Sehnsucht,
die vielleicht vorhanden, nach wahrer Erhhung. Irgendein Fadendnnes ist
auch in Jensens Wolfsgebi. Das Weltgefhl, die geistige Substanz, die das
Ganze gliedert, ihm den Aufbau gibt und die Wrme, in der es atmet,
schwankt unentrinnbar hinauf. Nichts ist delikater wie Stil. Vor so langer
Pflege besteht nichts, was nicht auserwhlt ist und was seine Natur
verlt, wird verlogen und ist erledigt. Nur innere letzte Wahrheit bringt
ans Ziel, und die grobe und wilde Geste des zupackenden Strmers hat genau
die berlieferung des Geistes, wie jene des Besingers der langen schnen
Finger und der abgewandten in sich selbst zufriedenen Gebrden. Nur gibt es
einen Unterschied: Wohl ist auch Zusammenhang zwischen Revolutionr und
Revolutionr. Aber das Weltgefhl einer _Rasse_, das in ihr aufgespeichert
in jeder Bagatelle des banalen Lebens Ausdruck und Sinn fand, kommt in ganz
anderer Abgeschlossenheit, ganz anderer Endgltigkeit ins Kunstwerk, hat
einer dieser Rasse selbst den Funken, der ihn aufsteigen lt und reden.
Hier ist alles vorbereitet. Eine innere Gre des Stils ist als
Vorbedingung vorhanden von einer Sicherheit, die ttlich, einer Gltte des
Seelischen, die souvern, einer inneren Haltung, die von vorn herein
grenzenlos berlegen steht ber Ahnungslose, die stumpf und unklar nach dem
noch forschen, was jener im Blut hat.

Als daher die Jnglinge und Mnner scharenweise begannen, die Welt in
kleine Teile zu zerlegen und mit Watte, Sachet und Sentiment umbrmt die
einzelnen Stcke nebeneinanderzustellen, als ein Dilettantismus des
Schreibens ausbrach, der keine Scham trug neben so ausgezeichneten
Knstlerleistungen der impressionistischen Malerei zu existieren, als die
Mdchen und Jungfrauen Deutschlands in Ansammlungen sich aufmachten,
Kellermann zu lesen, blieb Keyserling, Graf, Balte und Dichter die einzige
Entschuldigung, die einzige Rechtfertigung dieser Zeit. Er ist nahe bei
Renoir. Er hlt Deutschland allein gegen Bang und Jacobsen. Was Kellermann
im Virtuosen, Altenberg im Albernen mit Erfolg unternahmen, rechtfertigte
er in Stille. Sonst haben wir niemand. In der Malerei Liebermann, Slevogt.
Dieser Stil hat wenig Positives jenseits der Trikolore geschaffen, wo
Renoir ber Manet und Pissaro die glnzende und ruhige Schnheit eines
Jahrhunderts in silbernen Rausch fing. Prsentiert man uns Pierre Loti, die
Dnen, den Schweden Gejerstam, Peladan, den Englnder Wells, den Russen
Korolenko, Brjussow, den Anfang des Spaniers Baroja, stnden wir mit
schlappen Mulern, htten wir den einen nicht. Er ist sogar, was kein
deutscher Maler der Zeit, kein Dichter sagen kann, unbeeinflut. Die
anderen schlugen krachend in Zolas Kerbe, schielten nach Monet, Czanne,
warfen sich den Nordlndern in die Hnde, die das feine Gestrichel der
Impressionen mit Gefhlen weich im Kreise schwangen, und deren sinnierendes
und augenblickshaftes Leben den Boden abgab, wo dieser Stil glnzend und
fast national ward. Er ist der einzige Nenner gegen die Zeitblamage, wo in
Deutschland Autoren begannen ein Raum- und Stilgefhl aufzulsen, das gar
nicht vorhanden war, und nur sliche Vapeurs in eine belriechende Luft
wlzten: Eine Revolution, die in alten Rahmen vor sich ging, die Sensation
eines roten Fracks, aber im Salon der Frau Meyer. Er war ein Adliger in der
Zeit der sozialsten Anfangskmpfe, der Literaturbarrikaden, des
Proletariatszusammenschlusses. Zu seiner Zeit schwoll das Gesinnungshafte
auf in zerflatternden Elendszenen, in naturalistischer Photographie. Was
blieb? Wenn heut Aktivisten den Tod der Kunst brllen und nur
gesinnungshafte Sauhatz loben, fllt dies Echo als barbarischer Keil in
einem Dezennium auf ihre nackten Schdel. Ich bin mit jedem Aktivisten
gegangen, ich habe ihn im Krieg als einzige Flamme gesehen der Jugend. Ich
habe ihn geschtzt, weil die Idee wichtig war, weil das Prinzipielle mehr
gilt als dies und das darum, was grn und faul und dumm war. Ich habe jede
berschrfung der Forderungen gebilligt, weil ich wei, da ich das Leben
aus den Tiefen her und mehr in den Hhen auch als viele kenne, da die
Forderungen sbelscharf berspitzt wurden, weil man auf dem Weg zum
Gestaltwerden der Idee die besten Stcke aus den Lenden beit. Aber liebe
Freunde, werdet Ihr starr und kalt und dogmatisch wie deutsche Professoren,
diktiert, verbannt, richtet, nehme ich mir freie Luft und die Mglichkeit
jeder Bewegung. Ich bin fr jede Aktivitt, aber fr jede Duldung. Ist
Handlung nur Motor, Geist nur Zweckmaschine, rette ich mich in jene
Landschaft, wo Menschen an Wachstum und Flle, Tropischem und Bodenfrucht
still und menschlich Freude haben. Wchst aus Politik kein gutes und
rasches Machtgefhl, werdet Ihr geschliffen zu Kastratenkompromissen, und,
wo Illuminierte eingingen, speien die Tore Zwitter aus. Was heut
proklamiert wird, soll von der ersten Eizelle an den Menschen bessern, es
wird nicht mit Kommandos gehn, er mu willig sein, berredet werden, nicht
militarisiert zum Geist. Dann kommt nur aus groer Zeitkunst, wo Form,
Idee, Kraft und Genie sich zu geheimnisvoller Schpfung vereinigt, zurck,
was bleibt, da ist, und ein neues Geschlecht begeistert, befittigt. An
Zweckkunst allein erbricht sich das Gefhl wie der Stei an
Jugendstilmbeln. Nicht Kunst ist unwichtig, sondern nie war sie wertvoller
und von greren Sonnen beschienen. Geist ist nicht Enge, nicht Diktat,
sondern wie jede uerung des Ungewhnlichen und Groen loyal und auch in
der Duldung voll Gre. Schaut in ein Dutzend Erdumdrehungen die Erde nach
anderen Schwngen, sind die Voraussetzungen heutiger Ekstasen vorbei.
Nichts bleibt als Gestaltung.

Immer war die Muse die groe Trsterin und die schn Aufnehmende unseres
Leides, und kein Gott hat gewagt, ihrem unerbittlich groen Gang sich
entgegenzustellen. Eine seltsame Erleuchtung hat es unternommen, da, als
erste soziale Feuer sich entfachten und hymnische Knaben erfanden, da
Freiluftkunst und Fidus, Naturstimmung und Stammeln Hhen des Erlebnisses
seien, ein Aristokrat die reinste Musik seiner Jahrhundertshlfte in der
Prosa formte, indem er in vollendeter und schner Schwche den Todesgesang
und das entzckende Sichneigen seiner Rasse und seiner Generation begann.
Auer Menschen, die die Wehmut seiner Sprache liebten oder Dandysmus des
Gefhls in der spielerischen Geste zu sehen glaubten, auer Frauen und
emporgekommenen Jnglingen hat niemand seine Sprache vernommen, niemand
diesen groen Abschlu begriffen. Ehe er starb, war er jahrelang blind.
Jenseits der Menschen schon, wie er ber der Form stand, gleich Klee und
Renoir ein Handwerkszeug so meisterlich beherrschend, da er es fast nicht
mehr gebrauchte. Eine Knnerschaft ging weg, wie in der Ausbalanzierung der
Worte, in der Elastizitt der schwankenden Stze, in der tragischen Grazie
dieses Land sie generationenlang nicht besa. Wie allein Sternheim in der
unheimlichen Knappheit jahrhundertalter Hirnkultur sie konstruktiv
danebenstellen kann, aber niemals diese Gelassenheit erreicht, in der alte
Mbel und Schlsser, Schlachten, Heiraten, Herbste, Ernten, Rokoko und
erlauchte Blutmischungen Farbe und Erinnerung hineingaben. Da wir Kraft des
Ausdrucks scheints mehr schtzen und haben als erlesene Prozesse der
inneren Luterung, liegt dem Deutschen und Kaffern das Einfhlen dahinein
schwer. Weltgefhl hatten Staufer, die Ottonen. Man hat es nicht bewahrt.
In der Breite blieb keine Form. Kommt ein Sptling damit ans Licht, zeigt
in sieben Stzen davon mehr als der Durchschnitt heutiger Autoren aufweisen
kann, schelten sie ihn, achselzucken sie: Artist. Niemand ahnt, keiner
wei, welche Leiden, Mhen und Jahrzehnte es erst braucht, setzt aus den
Strmen und Kmpfen unseres Weltgefhls heut sich einmal nur die erste
Stufe glatter Tradition, so da irgendeiner schon jenseits all unserer
Kmpfe leicht wie in luftloser Freiheit Summen und se Kraft zieht. Im
Chaos unserer Bewegung durch die Jahrhunderte steckt beste Kraft. Aber das
ist kein Zustand, ist barbarische Gewohnheit. Lsterern, die sich der
Roheit brsten, ja uns allen, die an der Roheit wir ohne Schuld tragen, ist
nur selten ein Zeichen gekommen, das zur Arbeit an der Gemeinsamkeit einer
Harmonie riefe. Hier verscholl eines. Sein Gedanke war in andere Welt
gekehrt. Kein Fanatismus, keine Problematik gab es mehr. Zeitfragen waren
Stoff und Vorwurf, der so unwesentlich ihm war wie irgendeinem. Zum Schlu
sah er nur noch Menschen. Die Melodie, mit der eine Welt aufwuchs noch
einmal, war beste europische, mnnlich, zurckhaltend und auch in der
Schwche ernst.

Zwischen Ruland und Deutschen hat die baltische Kultur sich in
abgeschlossenen Jahrhunderten zu Reife und Enge entwickelt. Chinesisches
kam aus hnlicher Einsamkeit. Die Herrenkaste hate Deutsches und
Preuisches, schwang in Ruland die Geiel. Schon das Kokettieren mit
Preuen, als der slavische Imperialismus die Brcken und Stowagen
verbrannte, htte diese ber Zeit und Jahrhunderte unwahrscheinlich
gebogenen Zustnde innerlich zerstrt. Zwischen Bolschewiken und Junkern
laviert eine Kaste, die ein Jahrhundert zu lang Kondottieri und Ritter
geblieben war. Um ihre Wlder und Schlsser aber staute sich die Zeit wie
eine Schale gegen den Himmel. Darin wuchs wie aus Urformen Gewohnheit und
Blutstrae sich zu einem Daseinsrhythmus, der in seiner berzchtung weit
ber Wien hinausgehend, den Rekord auf deutschredendem Boden mit tausend
Lngen schlug. Hier war ein Volk noch aristokratisch, noch mittelalterlich,
flackten Feuer, Feste, Fackelzge bers Eis in bung und Sinn des
achtzehnten, des zwlften Jahrhunderts. Stoffe und Menschen, der Frhling
und die Geburt kamen in Einstellung auf ein Dasein, dessen Inhalte diese
Vorgnge nie gliederte, sondern nur beherrschte. Alles ist abgerichtet,
fertig. Den letzten Dichter der Epoche lt das Schicksal sterben, ehe eine
neue Zeit das alles zerstrt. Was er findet aber, ist so vorbereitet, so
vollendet, so voll verhaltenem, kaum ertragbarem Ton, ist so in seine Hand
hineingetrieben und ihren Rinnen gem gebaut, da seiner geringsten
Bewegung alles gehorcht. Er denkt die Vorgnge in seine Prosa, nie schreibt
er. Das Mechanische ist tief unter ihm. Wissende spren, wie ungeheuer das
Bedeutendste bei ihm zwischen den Zeilen ist, wie bei Hamsun in der
Atmosphre so nah liegt, da es nie, sondern nur Unwichtiges gesagt wird.
Barbaren warfen mykenischen Stuten Menschen zum Fra vor. Religise und
Erschauerns fhige Vlker wagten den Namen Gottes nie auf die Lippe zu
nehmen und umschrieben ihn mit einfachen Symbolen.

Er filtriert Menschen nicht zur Idee, denn was Menschen damit meinen, ist
in ihrer langen Vergangenheit schon irgendwie ihnen begegnet, in sie
eingetaucht, Probleme gibt es nicht mehr. Die Zeit ist so alt geworden, da
alles bekannt und freund ist. Leidenschaften werden nicht mehr von Belang.
Sie werden getragen, sind sie zu stark, stirbt man unter ihnen wie bei zu
sehr Geliebten. Ein Heroimus des stillen Unterliegens und der passiven
Widerstnde erhebt sich und wird allgemein, nicht besonders. Gutes, Bses,
Soziales und die Forderungen, mit denen Zeit und Schicksal die ewige
Drehung des Gestirns begleiten und dirigieren, werden nicht mehr bewut,
das ist geregelt, Widerstand wird nicht erdacht. Es wrde Unsinn, denn in
welche Welt wre zu scheiden aus dieser, es sei denn in den Tod? Man trgt.
Wie bei den Russen. Auch hier wie bei Tschechow. Aber erlesener, man hat
mehr an Sigkeit vergangener Zeit und ungemeinen Geschehens auf seinen
Leib gesammelt. Die groen Gebrden waren schon da, sie werden aus Achtung
nicht wiederholt. Die Welt ist ganz in Zurckhaltung zusammengewachsen. Was
den Neu-Aufgekommenen bestaunbar, strmisch, durchwatbar und Meersehnsucht
des Unendlichen scheint, belchelt man. Es war zu den Kreuzzgen schon
Fanal. Die Landschaft gliedert sich in Alleen mit Nebel, auch etwas Sonne.
Natrlich ist es sehr farbig im Herbst, der Sommer bringt zum tausendsten
Mal Frucht. Die Seelen der Frauen sind sehr seltsam geworden in diesen
Wiederholungen der Krper. Bild an der Wand gleicht Bild an der Wand und
denen, die sie beschauen. Der Makrokosmos ist in ihre Seelen schattenhaft
eingegangen. Man kennt nicht viel, wei aber fast alles. Daher ist die
Wehmut in allem, im Glck, in der Zeugung, im Schrei. Manchmal hat sie die
uersten Grade des Sen erreicht, vollendet bis zum Glanz des Porzellans
und starr geworden wie die Welt asiatischer Miniaturen, dnn im Atem und
ttlich in der Tragdie und von einer Selbstverstndlichkeit der
menschlichen Schwnge und Charaktere, da die zitternde Hand vor dem Sausen
der Natur zurckschreckt.

Mit feinem Anschlag kommt eine Hand an die Tastatur. Beherrscht, klar,
Gefhl bei Gefhl, die tanzende Weltkugel in der Mitte auf Wasserstrahl in
absoluter Geschlossenheit, mit gewhltestem Anstand, beginnt ein Orchester.
Blser und Trommeln sind nicht vonnten. Man sieht berhaupt keine
Instrumente. Nur ein groer Dirigent hat eine heimliche Melodie
angeschlagen, aber, als er begann, waren Solisten und Instrumente schon in
jenen Nebel entzogen, den die Zeit vor die Abschlsse stellt. Doch da sie
zur Katastrophe den guten Ton setzt, haben, lang noch, Engel und Verfluchte
Glanz und erlesene Substanz irgendwo im Raum von einer Wolke abgelesen.

Jedes Schachteln und Bestimmen hrt damit auf. Er wurde aus einer Schule
heraus gro. Ein Schlagwort hat immer allgemeinen Sinn, und sage ich
zgernd expressionistisch, meine ich Cheops so gut wie Roswida, Dubler,
den Baalschem, den William Shakespeare. Mir wchst das Wichtige ins
Gesicht, nicht die gorillahafte Frbung. Heut ist mir's Ausdruck des
Weltgefhls meiner Epoche, es bedeutet mir Phalanx mit Pazifisten, Mutigen
und Aktivisten und Malern. Es knnen Blasse dabei sein und
Fliegerleutnants. Es sind Brder zum Ziel. Messe ich nach fnf Jahren,
lasse ich nur die Leistungen passieren, das, was hart und dick geworden
ist. Das Schlagwort zerflattert. Wahrscheinlich ist mir dann, ich habe es
nie gewut. Da, als Keyserling lebte, getpfelt ward, Bang strichelte,
Jacobsen schraffierte, Gejerstam an dem Filetrahmen sa, Programme darauf
geschrieben wurden, Gierige sie ausschrien und sich damit kostmierten, hat
nie eine Zeile des Mannes umgedreht. Zuviel war hinter ihm. Stil und
Haltung, die ihn trugen, waren geschmeidig genug, den Luftzug aufzunehmen
und sich untertnig zu gestalten, wie alles, was die Zeit herantrug. Als
van Gogh und Czanne tot waren, schlug sich der Pbel, der von ihnen lernte
und lebte, darum, ob sie als Im- oder als Expressionisten sich gedacht
hatten, solange sie sehnschtig oder berdrssig den romanischen Teil der
Oberflche Europas besiedelten. Sie haben schwer sich geschunden und um den
Ausdruck ihrer Kraft gerungen. Was groe Persnlichkeiten einfngt in die
Spiegeleien an den vier Wnden der aktuellen Zeit, ist nur von sekundlichem
Belang. Was suselte in impressionistischen Kapiteln, ist abgefallen, nicht
mehr da. Die Zeit drngt enorm zusammen. Bald werden Renoir und Picasso
dicht nebeneinander liegen. Das ist die groe Einstellung. Im Ausscheiden
und Niveaudurchbilden von Monat und Jahr geht es ums andere, ums
Gegeneinanderstellen, um die Kontraste, ums Deutlich- und Gesundmachen der
problematischen Vereiterungen durch Operation. Von denen der letzten
fnfzig Jahre ist Wassermann durch Romancierflle in einer asketischen und
mager gewordenen Romanzeit, Heinrich Mann durch die groe Geistigkeit,
Sternheim ber seine schmale und glitschige Florettbegabung durch die
Zeitprophetie und sein unerschtterliches Bekennertum weit und sehr ber
Schulehaftes hinausgestrebt.

Da gibt es nach dem Durchbruch eine Luftschicht, wo unten sich Befeindendes
zusammenrckt. Man ist unter sich, Cervantes, Chrestien von Troies, Tomas a
Kempis und Hutten, Heine und Hlderlin. Zola und Maupassant. Man darf in
dieser Hhe die unten wichtigen Unterscheidungen der Stile nicht zu ernst
nehmen. Man tut es im letzten Grund berhaupt nicht, auf Gipfel, Kerle,
Leistungen bedacht. Die kleinen Gefhlvollen haben den groen Dichter
deutscher Prosa einen stheten genannt. Manchmal war er allerdings gegen
feuchte Hnde und Rllchen. Es war ein Reinlichkeitstrieb, den selbst
Papageien und Hunde haben, mit Dichtung hat dies nichts zu tun.
Fortgeschrittene liebten ihn wegen seiner Milieus und seiner Gefhle. Sie
waren nicht gefhrlich, auch Gouvernanten erkannten im Leben der Vielen,
die sich selbst unterdrckten, ihre geschundene Kreatur wieder und
beschlagnahmten ihn fr sich. Kenner aber statuierten ihn zum
Impressionisten. Liebe Ahnungslose, er war nicht von euch, der das
Martyrium reiner Menschlichkeit in zu sehr auserlesenen Exemplaren zu
Hyperbel und Schleife ber den Schicksalsrcken zog. Indem er jenseits von
Kunst stand, weil er zusehr sie beherrschte, war er nicht mehr
kategorisierbar. Wohl war nicht stark seine Hand, ein Knick in jedem Buch,
langsam das Blut und fadendrftig das Rollen des Vorgangs, aber es war ein
Bild. Ein Erdbild. Schon als er begann es auszusprechen, war er Symbol
einer Zeit, die fast nicht mehr bestand, als er endete, war sie vorber.
Ihr Weltgefhl ist nur noch in seinem Werk. Ein kleiner Narr nur redet von
Kunstform vor solcher Wlbung aus der Jahrhundertkurve. Dieser Mann nur,
nicht Hauptmann, nicht Thomas Mann, nicht euer dummer Liliencron, kann auf
solcher Hhe mit solchem Anspruch neben France, Chesterton, D'Annunzio auf
irgendeinem Olympos der Vlker, wo schon nicht mehr um Forderung und um
Zeit gefeilscht, sondern um Reprsentation der Gefhle und Gezeiten
gefochten wird, in erster Linie und mit der Haltung solcher Wrde
eingefhrt und empfangen werden.




5. Dichter -- Zeit -- Ren Schickele


Die deutsche Dichtung ist sehr stark in die Politik getrieben. Es begann
schon, ehe die Probleme von damals Katastrophen wurden. Das sthetische und
Artistische, das sich in mder Prtention auf den Oberflchen sehr sicher
lagerte, brach mit einem bestrzenden Ruck ein und sah sich einer Phalanx
gegenber, die entschlossen diese Generation bei Seite legte. Der Krieg
machte dann die Atmosphre aufs uerste zugespitzt. Aus seinen Zuckungen
erwchst der Jugend, dem Nachwuchs, berhaupt der ganzen Masse der Dichter
und Knstler die politische Verschmelzung. Die soziale Idee dringt rasch in
den Mittelpunkt. Sie wird nicht mehr naturalistisch nachmalend geformt, wie
Zola es tat (der ein genialer Riese war, und mit der monumentalen Wucht der
aufeinandergeschichteten Tatsachen cyklopische Wirkungen erreichte, wenn
auch nicht knstlerische in dem Sinn, wie wir Gestaltetes verstehen)
vielmehr ist das Soziale und Politische nun nur eine Umschreibung, ein
Deutlichermachen der Begriffe Gerechtigkeit und Liebe, ein kosmisches
Hineinschwrmen, ein tapferes Reiten fr die Internationale des Geistes.
Immerhin: es ist selbstverstndlichstes Thema geworden, sogar so sehr, da
die Polizisten dieses literarischen Links-Terrains schon
Gesinnungslosigkeit riechen, geht ein Dichter auf Minnesang oder
Weiberabenteuer. Ja es wurde so sehr fast Konjunktur, da junge Leute statt
mit fester Arbeit mit tendenzisen und pazifistischen Gedichten sich in die
Avantgarde hineinpauken wie Korpsstudenten ehemals mit Mensuren. Es kam so
weit, da, in Deutschland wie in Frankreich Worte wie Pacifismus,
Demokratie, Politische Literatur bei den Aufrechten und Ehrlichen in jenen
Verruf gekommen sind wie alle Altre, deren Schwurempfnge die grten
Lgenposten sind. Die Aufrechten mssen flchten aus den Zirkeln, die sie
selbst gegrndet haben, weil die Hynen mit den Masken der Frommen und
Begeisterten die Zune bersteigen. Aber selbst diese uersten Flle haben
innere Figur, gestalten das Bild ins Typische. Die Idee marschiert, man mu
sie schon vor den eigenen Sklaven schtzen. Unter dem Gesicht keines
Dichters aber kommt die politische Lagerung so deutlich und echt und schon
so frh heraufgeschwommen wie aus dem Schickeles.

Er ist Elssser, als Dichter das Bedeutendste, was dieser Grenzstrich seit
Gottfried von Straburg abgestoen. Es gibt schlechthin in Deutschland
nichts, was an spiritueller Bewegtheit, an Buntheit, Geist und Weisheit
auch annhernd nur die maskuline Eleganz dieser gallisch-allemanischen
Figur erreichte. Seine Abstammung, seine Heimat rckten ihn in den
Brennpunkt der Weltkatastrophe. Damit die Revolution im Osten zustande
kme, hat die Vorsehung es wohl gewollt, da die Verstndigung im
Mittelpunkt Europas nicht erreicht wrde. Denn hier mehr als am Balkan lag
das Gespenst. Und hatte unter der dritten franzsischen Republik auch
anfangs die Kriegsidee etwas Verachtetes und berwundenes, dem auf
internationale Weltfreiheit eingestellter Blick kaum Bedeutung beima, so
sprengten beim ersten Ansto die atavistischen militrischen Instinkte die
republikanische Bonhomie und entfachten mit Elsa-Lothringen als Kampfruf
die nationalistische Gebrde. In Deutschland war noch weniger
Verstndigung. Man wies Jaures aus, der als einzige Mglichkeit den Frieden
zu erhalten und die deutsch-franzsische Verstndigung als pivot de la
politique mondiale zu verwirklichen, die Verleihung der Autonomie an
Elsa-Lothringen innerhalb des Deutschen Reichs gefordert hatte. Das htte
den Krieg gebremst. Aber im Sommer Neunzehnhundertachtzehn noch, als
Einsichtige in Berlin und im Hauptquartier wie Tiger dafr kmpften, war
niemand da, der, um sein Volk zu retten, dies bichen Freiheit konzediert
htte. Man war mit Blindheit sehr geschlagen, wie dies bei allen groen
Katastrophen im Lager der Machthaltenden ist. Man schliet die Ventile, bis
die Kessel platzen. Die Vorsehung hat es wohl so dirigiert, da die
Explosion ihr die erwnschte Mglichkeit war, Krfte zu steigern und frei
zu machen. Aber einige wenige Kpfe, denen der Einsatz von Millionen Toten
zu hoch schien, um diesen Preis zu erlangen, hatten wie Lwen und
Irrsinnige ihr Hirn wund gestritten, um es billiger zu haben. Sie kmpften
seit einem Jahrzehnt, je mehr die Kriegsseuche heraufschwoll, den
elsssischen Reizkrper zu entfernen, indem sie ihm durch grere Freiheit
die Gltte und die Beweglichkeit gaben, ohne Reibung und Verwundung
zwischen den beiden Lndern zu rollen, glatt und vermittelnd, wie dies die
groe kulturschpferische Aufgabe des herrlichsten aller Grenzlnder sein
mu, wo zwei der besten Vlker der Erde sich schon so deutlich im Krper
und im Geist gemischt haben. Zu ihnen gehrte die geistige elsssische
Jugend, darunter der sehr unwillig in solchem Krieg gefallene Ernst
Stadler, dessen Herz ganz von einer groen Internationale drhnte, und den
es zerri, das heldenmtig tun zu mssen, was er aufs heieste bekmpft
hatte: in dem Vlkerha eine Rolle zu spielen. Alle diese jungen Leute
wollten fr das Grenzland die Autonomie. An ihrer Spitze Schickele.

Man hat nie begriffen, da die Elssser sich nie als Deutsche oder
Franzosen dachten, wenn sie ihre Mission auf diesem Gestirn berlegten. Sie
hatten lediglich die Sehnsucht, sich selbst, also, nicht wahr, Elssser zu
sein. Eine ganz eigene Sache, was sie ja auch, wenn nicht der Politik oder
der Geographie nach, sondern um ihrer Mentalitt und ihrer berleitenden
aber hartnckigen Situation halber waren. bersahen sie ihren Standpunkt
und die Entfernung zum Ziel, so war es nicht ihre Schuld, wenn sie von
Deutschland gar nichts, von Frankreich immerhin Einiges zu erwarten hatten.
Die Schwenkung nach Frankreich war also ein taktischer Schritt zur
Freiheit, aber nur der erste und eine Etappe. Die Bewegung wird nicht
stille stehen, und zweifellos aus Frankreich genau so hinausfhren, wie aus
Deutschland und wird erst ein Ende haben, wenn die Autonomie da ist. Dann
wird dies so oft eingeschlungene und ausgestoene, reiche und paradiesische
Land, das diese Wanderung mit vielen Luterungen, aber auch vielen
Schmerzensrufen unternommen hat, die Plattform sein einer neueren und
europischeren Gesinnung und Berhrung der Geister. Man mu sich das ohne
Ha und mit viel Hingabe klar machen und ohne jede nationalistische
Voreingenommenheit sich einstellen. Denn hier ist einer der seltsamsten
Prozesse im Werden, der fr die neuen vlkerschaftlichen Beziehungen von
einer taktischen Bedeutung ist wie der Sozialismus, denn er bedeutet das
Sichprparieren eines Erdstcks auf den bergang aus nationalistischen
Grenzen in sich selbst und darber hinaus ein Zusammenfhren der beiden
noch getrennten anderen Gebiete ber sich ineinander. Ein Bindeglied, das
sich in beide auflst und die beiden damit aus ihren Grenzen reit und
entnationalisiert. Diese Aufgabe, die das Elsa in sich trgt, seit jeher
aber nie erreichte, ist erst mglich, wenn es selbst im Zustand der letzten
Glcksphase eines Volkes angelangt ist, in dem der Freiheit. Wer aber
diesen Gedanken schon immer liebte, propagierte, den Tauben in die Ohren
schrie, Weltfrieden damit sttzen, Militarismus damit strzen, irgend einen
paradiesischen Zustand damit herauffhren wollte, es nicht erreichte, aber
auch im Zusammenbruch all seiner Plne, im Krieg, die Fahne hochhielt,
immer hher: Schickele.

Er machte den Kampf gegen den Krieg. Alles, was eigentlich seither ber
Politisches, Geographisches und Landschaftliches gesagt ist, ist ber
Schickele gesagt. Es deckt sich vollauf das Persnliche und das Allgemeine.
Man mu diese Dinge sehr genau und mit aller Wahrheit und voll Nachdruck
sagen, damit sie unbefangen genommen und in ihrer ganzen Khnheit begriffen
werden. Schickele kmpfte gegen den Krieg. Er stellte sich auerhalb dieser
Dinge, wo Feldherren und Vlker sich tteten und die Grenzen der Lnder wie
Goalstangen hin- und herschoben. Er nahm keine deutsche Partei. Aber auch
keine franzsische. Er trieb eine europische Politik, und es mag sein, da
er, Elssser (das heit weder Deutscher noch Franzose, sondern in diesem
Fall fast schon Bewohner eines fremden Sterns, denn wer war sonst auer
Planetenbewohnern ohne Ha), da er als Elssser, die Situation klug
bedenkend, taktisch denselben Ruck machte wie das Elsa und den Sieg des
demokratischen Gedankens und der Befreiung des Elsa mehr von einer
Demtigung des deutschen Militarismus erwartete als von der des
franzsischen. Hier mu ein Akzent gemacht werden. Schickele war nicht fr
einen franzsischen Sieg, er war berhaupt fr keinen Sieg, weil er nur ein
Imperium des Geistes liebte und jede Gewalt bekmpfte, sei sie fr Wilhelm
den Zweiten oder fr Lenin. Er glaubte hchstens, wie viele der besten
Deutschen, da eine Niederlage des militaristischen Geistes das deutsche
Volk im Sinne der Humanitt und der Liebe weiter seiner Vollkommenheit und
seiner Mission entgegenbringen werde. Sein Kampf war khn, tapfer und
ehrlich. Aber er ist in die furchtbarste Lage gekommen. Die Menschen
verstanden ihn nicht. Die Deutschen schalten ihn Deserteur. Die Franzosen
machten eine Kampagne gegen ihn als Kompagnon Erzbergers und Beteiligten an
der deutschen Propaganda, obwohl Schickele Erzberger nicht kennt. Die
Tgliche Rundschau nennt ihn einen Vaterlandsverrter und bergiet ihn
mit jener Mayonnaise, die an Verleumdung, Verdchtigung und Deutsch der
Gosse ein wesentliches und penetrantes Requisit der alldeutschen Presse
ist. Der Fhrer der Elssser, Grumbacher, der aus der Schweiz heraus den
Krieg bekmpfte, dmpft den franzsischen Aufruhr, indem er im Mhlhauser
Republikaner fr Schickeles unantastbare Ehrlichkeit eintritt. Aber er
zeichnet Schickeles Bild nicht als das des Europers, sondern malt seine
Gesinnung mit den Farben der Trikolore, den Farben, die nur den Durchmarsch
der Elssser auf dem Weg zum eigenen Volk umgeben. Das verdirbt seine
Stellung wieder gegen Deutschland. Und krzlich verffentlicht die
franzsische Regierung den Erla, da Schickeles Altersklasse zu den Fahnen
gerufen werde, als mobilisiert betrachtet sei. Und Schickele, durch die
Annexion seiner Heimat Franzose geworden, Schickele, der den deutschen
Militarismus bekmpft hat, steht dem franzsischen nationalistischen mit
der gleichen Geste gegenber. Schlt sich nicht aus so zwischen zwei
Fronten hin- und hergehetzter Figur, aus solch zwischen den Heerlagern der
Vlker von Miverstndnissen umwlkter Person die europische reine
Menschlichkeit? Die Linie seines Geistes liegt von vornherein klar. Seine
Taktik, sein menschlich sichtbarer Weg ist der seines Landes. Nur Narren
knnen hier verwechseln und die Idee da nicht sehen, wo sie schon siegt.

Was Schickele in solchem Kampf zu sagen hat, das ist die Genfer Reise. Es
ist ein Buch, so ppig wie seine Landschaft, mit schrger Sonne und
muskulsen, herben, doch von starker Grazie gefhrten Vogesenzgen, an
deren Abhngen der Wein wchst und ber denen franzsische Winde und
deutsche Wolken stehen. Dieses Buch ist locker komponiert. Es schlingen
sich Marginalien um eine Reise von Zrich nach Genf. Aber immerhin ist in
dem Buch das Bedeutendste gesagt, was ein Dichter Geistiges ber den Krieg
gesagt hat. In Stzen von blhendster Kraft und springender Schnheit
verblutet ein europisches Herz, das keinen Augenblick bereut, sich an
einen Ort begeben zu haben, dessen unerhrte Khnheit den Lebenden noch zu
nah ist, um gebilligt zu werden, dessen groer Kampf gegen den Kampf und
das heit gegen die Welt, aber nie das tapfere Echo verlieren wird, solange
noch Jnglinge da sind und mutige Mnner, die den Herzschlag weitertragen
in eine Epoche, die unsere Zeit mit dem Abscheu besieht, den das wahre
Menschliche der Barbarei gegenber unentwegt getragen hat. In dem Buch
stehen Novellen, die Essais sind. Aufstze von der Anmut tiefer Erzhlungen
und der sprden Gltte und Durchsichtigkeit der Sprache. Es ist bezaubernd
und weise. Spielerisch, aber unter der vollendeten Form das Tiefste nicht
verschweigend. Als selbstverstndlich und darum aus leichtem Handgelenk
gebend, was eigentlich groes Wagnis und berzeitliche Khnheit ist. Die
Hften der frheren schnen Gttinnen sind darin gemalt, die
Sulenheiligen, der duftige Mai, in dem die Kathedralen liegen, die
heidnische Fruchtbarkeit eines Landes, das eine Normandie hat und
gleichzeitig bis in die Levante sich schiebt. Dazu ist die Blondheit, die
Strenge des Gemts des Germanen gegeben. Zur Phrase die Sachlichkeit. Der
sittliche Ernst zur Begeisterung. Das tieflangende Schwert zum schmalen
Segelboot. Etwas ganz Germanisches, das sich auflst in schne
Segelschwnge. Ein schweres Flugzeug manchmal mit zrtlicher
Flgelstellung. So und hnlich ist die Tragdie des Menschen im Krieg
beschrieben. Die Not des Geistigen und die tiefe Trauer dessen, der aus dem
Hben und Drben zu einem ber-beiden-sein will. Das Buch ist locker
komponiert, weil es viel umfassen will, es ist ungemein viel geschaut und
gezeichnet, was an Ideen und Menschen Schatten warf gegen die Wand dieses
neutralen Landes. Der geistige Mensch reit sich unter heftigsten Qualen
von allem los und lutert sich langsam zu den bernationalen Erkenntnissen
des reinen Geistes. Wenn einmal das, was heut noch franzsischer Mensch,
deutscher Mensch heit, in einer utopischen, aber nicht weniger realen Zeit
sich zum Idealtyp mischt, wird ein Name ausgegraben: Schickele. Es war
alles bereits in ihm. Der gallische Hahn hatte hier schon Grndlichkeit,
die deutsche Barke einen grazilen Fock. Auch wurde hier mit Tapferkeit der
Seele mehr wie von Priestern der Konfessionen und nicht minder fanatisch
und bis ins letzte brav und ehrlich wie von jenem Rabbi Jeschua von
Nazareth, mnnlich und zwischen den Schlachten der Welt, Liebe gepredigt.
Man wird sehr verblfft sein ber die Entdeckung.




6. Der neue Roman und Herr Wassermann


Tut Euch nicht dick, Freunde, die Ihr aufs Neue stolz seid. Das war erst
der Durchbruch. Noch schleift Ihr die Schenkel Euch ab um den Roman. Nichts
ist da, was wie ein Globus kompakt und glasig, wie ein Kuheuter am Belchen
voll Saft, khn wie ein Verfhrer und voll Zeitdonner und Anklage wie die
Stimme Jaurs. Eingnge nach Licht sind geschlagen, die Novelle steht im
besten Saft. Noch rauft Ihr um Programme und blkt um Ziele, aber das
Querschnittbuch ist noch nicht geschrieben. Weltgefhl ist da, addiert man
die Zhler. Es fehlt die Reprsentation. Vous tes foutus, ein Kropf hngt
die Volkstragdie an Euren Hlsen. Wo Ihr bereit steht, endlich mit schnen
Netzen den Kosmos einzufangen, fehlt Euch der Tll, und die Schwnge sind
Euch nicht mehr gelufig. Am groen Start versagen Eure Gule. Noch habt
Ihr wie Besessene ums Drumherum zu kmpfen, whrend Ihr vergeht vor
Geilheit, den Geist zu fassen. Nie hatten Eure Vorfahren Zeit. Schlielich
braucht's fnf oder sieben Generationen, bis eine Volksart nationalen
Ausdruck findet. Wir wurden nach zweien jeweils von den Nachbarn wegen
Ungeheuerlichkeiten erledigt oder schlugen uns nach dreien heulend, lachend
selbst die Schdel ein. Als Ihr von den Terrassen Eurer Trume
herunterkamt, den neuen Menschheitstag zu gren und empfangen, waren die
Stufen zerschlagen und die Rte ber den Seen kam durch den verwilderten
Park nicht herauf. Eure Soldaten rhmten sich, mit Faust und Bibel im
Tornister zum Krieg gezogen zu sein, welches Durcheinander, was hat beides
miteinander zu tun und welche Dreistigkeit mischt hier Gott mit den
Verdammten? Seht Ihr Euch um, ist Wahnsinn um einige Pyramiden gesammelt.
Zwischen Balzac und Dostojewsky ist am Rhein nichts briggeblieben. Kein
deutscher Roman mischt Euer Blut mit europischen Sften. Ihr habt da und
dort ein paar Bcher (Dblins Drei Sprnge, Heinrich Manns Kleine
Stadt, Hauptmanns Quint). Nationalistische Hybris will Euren Volksnamen
degradieren, und, heulen sie deutsch, meinen sie Blm und Herzog. Noch ist
nicht ganz vergessen, wie sie im Vorzimmer des speisenden Kaisers mit
Ganghofer die traurigen Siegesmrsche den kmpfenden Armeen zugetrieben.
Deutsch heit nicht annexionistisch, hat mit Talmud und Kalewala mehr zu
tun als mit Generalkommando-Lyrik. Ausgleich mu einmal endlich stattfinden
zwischen Eurem Charakter rein menschlichen Gefhls und dem Weltgeist,
Zwiesprache zwischen Leid deutscher Kreatur und Demiurg. Das ist das
einzige Alphabet gttlicher Dichtung, und nur, ob es sanfter oder wilder
erschallt, ist ein Zeichen, ob's serbische oder malayische Menschheit
singt. Noch sind wir daran, Europa zu nivellieren. Man hrt die russische
Stimme, Dostojewskys in sich selbst verzehrte, Tankschlachten in den Nerven
ausspielende, ungeheuer nach erlsendem Oben sich drngende Demut. Seine
Landsleute kommen weiter in die Seele hinein, indem sie sich opfern, und
die Thermopylen ihres Geistes beginnen strker als die hellenischen
berlieferungen die Jugend zu ergreifen. Bei France und Flaubert kommt aus
der souvernen Skepsis die Engelsehnsucht untadelig und elegant in der
heiligen Prozessuale. Selbst die kleinsten Vlker scheinen mit Schallrohren
sich anzukndigen. Schweden mit Belman voran. Am Ende des Zugs fr das
allerkleinste mit Munch der Norweger Hamsun, neben Gorki und France der
beste Mann Europas. Die deutsche volle Stimme ist nicht in dem Orchester.
Einige untadelige Geister bemhen sich um Gehr, aber es scheint, sie
schweben im Raum. Keiner ist da, aus dem wie aus einem apokalyptischen
Maule die Musik eines Volkes brche und strze, und wo das deutsche
Temperament, jene Mischung aus Gte, Barbarei und Hochmut, sich
schrankenlos auflste in die Einheit des Kosmos, dem sie diente und der
Zeit, die sie schallend und freundlich einfgte ins Orgelgerippe ihrer
Brust.

Man hat eh' Ihr in die Flammenwerfer geworfen wurdet, Thomas Mann Euch
vorexerziert als Wahrzeichen anstndigen und deutschen Gefhls. Ach, aus
seiner Welt, die er vornehm baute, kam keine Erneuerung. Nach wenigen
Monaten, als die Katastrophenfeuer am magischen Horizont blitzten, rckte
er ab wie die Gesellschaft, die er dichterisch vertrat. Es schwindelte
ihnen vor soviel neuer Grelle. Heinrich Mann, den sie Franzosen schalten,
trat in einen Kreis, der sich ums deutsche Spektrum nicht mehr stritt,
sondern weitlufigere Sorgen hatte. Ihr verlort damals auch Dehmel, den
bewunderten Streiter von frher. Der Sddeutsche Wassermann zeigte in einem
Kartenspiel historischer Gestalten, was er fr deutsch hielt (Charaktere),
und stellte das meiste auf jenen preuischen Drilltyp, der, mit einem
Funken Geist, damals Deutsches verkrperte. Narren machen Euch aus
Temperamentsfarbigkeiten ein brgerliches Bild des Nationalcharakters.
Winkt ab. Gingen die Erbauer der Dome nicht nach Frankreich und lernten
fromm wie Schler, und ist die Gotik nicht steil wie die hchste
sonntgliche Inbrunst Eurer heidnisch groen Herzen? Auch Franz Marc ist
deutsch wie die Idillischkeit Eurer See, auch wenn seine Seele dorther
kommt, wo aus byzantinischen Sprchen und asiatischen Legenden Eure
deutschen Mrchen stammen. Ihr seid Shne der Erde, die Asien, das Euch
einmal austrieb, besonders liebte, und Europa ist so nahe und klein, da in
dem schmalen germanischen Herzstck ein weiter Ton gefunden werden mte,
der Euch mit groen Traditionen vereinigt. Der Stern, den Ihr bewohnt, hat
sich lebhaft gedreht. Ihr seid mitgezuckt und habt durch den Spalt gesehen.
Die frheren Generationen fanden nichts, den dreihrnigen Stier zu fassen.
Vor Euch aber hat sich die Sperrkette gesenkt, und manchmal erreicht Euer
Blick die Formen des neuen Paradieses. Schaut rckwrts, klagt an! Schaut
vorwrts und preist und stachelt nach dieser Richtung! Es kommt nicht an
auf Geschwtz, die Richtung ist eindeutig, die Anspannung ist nur noch
vonnten, der heroische Angriff, Impetus zum Heulen schn und zum
Zerplatzen gewaltig. Endlich sind die Barrikaden gelftet, die Dezennien
vor den Freiheitsstraen lagen. Schaut der deutsche Mensch nun lange ber
so weit ins uferlos Neue wogende Chausseen, wird er beruhigter und klarer
an deutsche Seelenaufgaben denken. Atmet er eine Zeitlang in die Welt statt
in Divisionsverbnde, spricht er in ein Publikum von Europern statt
Generlen und Standeskonventikeln, wird er aus dem Hin und Wider auch seine
deutsche Sehnsuchtsstellung zur Ewigkeit und der Erde erhalten. Was seither
bedrngte, fiel ab. Man hat pltzlich den verantwortungsvollen Blick
Europas auf Euch gerichtet.

Tut Euch nicht dick. Noch schleift Ihr Euch die Schenkel um den Roman. Das
mu ein Grundstock werden mit Sperma wie keiner. Was Ihr in der Weltachse
jetzt einsetzt, ist Beginn. Packt Ihr's, ist es eine triumphale Sache,
miglckt es, wart Ihr am Werk, immerhin. Es kommt darauf an, da Mnner
und Krfte da sind, die alles wie immer entscheiden, wo das Gute daneben
steht. Nichts fehlt von Belang. Ihr habt die Begeisterung, die Mhe ums
Handwerk, das Thema ist Euch gelegt, hinter denen eine Welt zurckkracht,
vor denen eine neue urwalds sich breitet. Als die Schweden in Polen einen
italienischen Helm eroberten, war das ganze Weltgeschehen in ihn
hineingeschrieben, und mancher Abbate hat malend die Kirchenfenster und
Portale des frommen Mittelalters damit geschmckt. Malt die neue Welt
hmmernd, meielnd in die Herzen, eine Aufgabe, so Lobes und Khnheit wert
und gierig, wie selten eine von der Zeit gebotene. Es ist viel Neugier auf
Euch da, und was noch nicht so weit im Vordergrund steht, wartet wie auf
den Rngen, da der Vorhang aufgeht und die krachenden Evolutionen sich
vollziehen, auf denen Ihr in die parnassische Hhe mit massiven
Ergriffenheiten schreitet.

Einer hat seine Hand ber Euch weggestreckt, und einer der wenigen, die vor
Eurer Zeit um groes Romanwerk sich bemhten, einer der vier oder fnf, hat
vor Euch eine Trompete geblasen: Wassermann. Was er seither geleistet, ist
groer Aufwand. Er besitzt, was bei Euch unerprobt noch, das Knnen, den
Griff, den Griff. Zwar stammt seine Form aus impressionistischen
Gefhlslagen, sein Gemlde aus einer Tradition, die beschaulich und malend
das Erlebnis bewltigte. Doch war sein Geist immer auf Weites aus, zwar
brgerlich oft in Konflikten und Breiten. Doch nie ohne Lust nach Gre.
Manchmal kam er herauf und schaukelte ber seiner blen Zeit. Man mu sehr
genau horchen, wenn dieses Knnen nun Eure Themen und enthusiastischen
Probleme bewltigen will, denn es ist der Verdacht, da, wenn die Hnde
schon jenseits des Flusses an neuen Architekturen klug und geschickt
formen, der Geist noch diesseits des Wassers ruhet und Larven sucht, um
sich die Augen zu maskieren.

Hat dieser den Ehrgeiz, das Zeitbuch zu schreiben, mu es zwei Bogen haben.
Der erste zeigt das Seither, das Leben, an dem er jahrelang schon malte,
die Gesellschaft, das stolze und farbige Spiegeln der kapitalistischen
Epoche. Das zweite mu geben was folgt, das Nachher, die neue Zeit. Das
erste mu den Zusammenbruch schildern, unerbittlich sein, das Gehetz
aufbrechen und das Geglnz. Der zweite mu den Schwung haben, die
Forderung, den Schrei ans Schicksal. Der zweite mu die Vollendung sein,
mu den Menschen zum Paradies hinentwickeln, auch in der Zeithlle das
Unfehlbare, Gttliche weisen. Sonst ist das ganze Ethos Humbug. Sonst ist
das Ganze Schwindel, ein Nichts. Sonst bleibt das Ganze ein khner
Ingenieurkniff, eine Brcke ber Festland geschlagen, zwecklos, ein
Marnesieg. Ein verantwortungsloses Kunststck. Hohl, verfehlt, verworfen
eben des groen Ausmaes halber, das es plant. Da hilft kein Knnen, kein
Sprachglanz, kein Mal-Virtuosentum, kein Wortpltschern. Steht einer da vor
dem Abgrund und schildert, whrend die anderen einsacken, Herrlichkeit der
Blitzzge und Luxusdampfer, ist er ein Phantast, vielleicht ein Schwtzer,
aber kein Verantwortungsvoller, kein Helfer. Darauf kommt es allein an.
Talent ist Vorbedingung, guter Wille selbstverstndlich. Alles andere ist
verbrecherisch. Wassermann macht tatschlich den groen und staunenswert
khnen Versuch, den umfassenden deutschen Zeit-Roman zu schreiben. Er
unterliegt vllig.

Es soll die groe Welt zuerst gegeben werden. Der Aufwand ist bedeutend.
Zwanzig, vierzig Menschen, ebensoviel Schicksale gleiten durcheinander. Das
Technische ist vorzglich, die Kuppelungen, die Konstruktion
auerordentlich, die Linien gebrochen, weitergefhrt, in langen Atmungen
hingestreckt. Jede Vorbedingung die des groen Knstlers. Das Ausma ist
Dostojewsky. Der Gehalt: Belletristik. Der Russe strzt in solch weit
abgestecktes Terrain ein mit einer Psychologie, die wild wie ein Tier,
explosiv, aus dem Chaos unzhmbarer Kraft der russischen Seele nicht nach
auen, sondern nach innen sich zerfetzt. Wassermann hat keine elementare
Bindung in den Boden hinein. Er hat Gemischtes, Jdisches, Deutsches,
sterreichisches, sthetisches, also viel Vorbereitung fr eine Kunst
schner Spiegelungen und idealer Seelenzerlegung, aber nicht das heisere,
rauhe Seelenhurra der Naturkraft. Er hat Hirn, und zwar mehr als Blut. Das
ist schon eine Inkonsequenz im schpferischen Menschen. Er hat geschickte
Hand, geniale Konstruktion, die wechselnden Schicksale laufen wie
Springnummern des Automaten -- aber er hat nicht Dynamik, die unabwendbare
Schicksale schleudert. So wird sein erster Romanteil Konstatierung und
lediglich Schilderung, und es mag wahr sein, da keiner das Jahrzehnt vor
den Kriegen so gro und elegant, in solchem Fresko und mit solcher
Leidenschaftlichkeit gemalt hat. Damals lebte man wohl, um zu reisen,
schlief lange, um gut zu dinieren, nahm Kunst wie Parfm, Politik wie
Poker, lebte einsam, unbeteiligt an der Menschheit. Unendlich einsam im
Reichtum und abgeschlossen durch Genu. Ahnte vielleicht, die Nase
zuhaltend, den Vulkan unter sich am blen Geruch aus dem Inneren der
Dampfer, aber bertubte das Grollen der sozialen Welle, die Weltwende
bedeutete, indem man sie ignorierte. Wurde vielleicht im besten Falle
hypnotisch angezogen, ging hin und sah es, stieg vielleicht hinunter. Aber
was war das? Mischung aus Sensation und Magie des Schicksals. Neugier und
Blutdnne. Weiter nichts. Aber Thema und Ergebnis des Wassermannschen
Romans.

Dies alles Zeug, was da lebt, geniet und glcklich ist, soll ein
Querschnitt sein, aber nur Vorbereitung fr das Kommende. Jedoch, es wird
wohl gegen die Konstruktion, aber nicht gegen das Herz des Autors
Hauptsache. Da steht mit Kainz und Saharet und Heymel und vielen lebenden,
nur wenig cachierten Typen die vorkriegerische Welt jener etwas fauligen
Gesellschaft, die Geld und Stellung und gepflegtes Fleisch bis zu einer
Sterilitt und uerlich raffinierten Kultur gebracht hat, die beim ersten
Ruck zusammenflog. Da stehen wundervolle, von groer Knstlerschaft
zeugende Kapitel. Doch nicht jener Spro des Reichtums, der sich umwendet
und in die andere Welt der stinkenden Lcher geht, wie es die Lineatur des
Romans verlangt, entwickelt sich hier, spielt hier Flte und Klavier seines
Schicksalsmarsches. Was gekonnt und vollendet ist, ist das eigentlich
Nebenschliche, ist die groe Tnzerin, ist der Gourmet Crammon. Das ist
mit Liebe und mit oft klassischer Zartheit gemalt. Aber wo sind die
Ergebnisse? Angedeutet vielleicht, ein Wind wird wohl gehrt, der Laternen
dieses Festes ausblst. Aber wo bleibt die Verantwortung, wo der Dichter,
der anklagt? Nichts. Nur im einzelnen, bei diesem, bei jenem, wird eine
Folgerung gezogen. Im Groen versagt das alles, hat keinen typischen Wert.
Hier liegt schon die Tragik. Das Weltbild versagt. Das Ziel kann nicht
werden, da der Dichter verstrickt ist. Es kann sein, da irgendeiner, der
diese Welt hat, ihre Weiber, ihre Gensse aber bis zum Exze liebt und
braucht, menschlich vielleicht zu schwach ist, zu entsagen, aber darunter
leidet und in der Sache und in der Wahrheit seine Anklage darum um so
heftiger schleudert. Aber wem diese Welt so malos imponiert, wer so
innerlich fasziniert ist von ihr wie Wassermann, kommt nicht frei. Der
zieht keine Schlsse. Der kommt nicht zu Summen. Der macht keinen Strich.
Der hat in keiner Weise jene Radikalitt der Wahrheit, die knstlerisch
allein Wertvolles hinsetzt. Der malt und zeichnet immer noch auf der
Oberflche, whrend in der Tiefe die Entwicklung sich schon vollzog. Das
ist aber ohne Bedeutung. Die Zeit schildert nur der, welcher aus dem Alten
das Neue herausentwickelt. Wir haben keine Lust, zuzuhren, wenn um eine
Sache herumgeredet wird. Es fehlt uns die Geduld zu Umwegen ohne Ergebnis.
Das Motto ist nicht: ich wei -- sondern: ich kreuzige mich. Die Fahne weht
nicht: ich komme dahin -- sondern: ich erkenne, erreiche oder gehe ein.
Alles andere ist miverstanden, wird berhrt oder verflucht.

Dieser Held, der aus der schrankenlosen Flle kommt, marschiert wohl auch
in die Armut. Er geht in sie hinunter wie in einen Stollen. Er hlt sich in
ihr auf. Er befindet sich in ihr. Sein Zustand ist in ihr. Weiter kann man
es nicht ausdrcken. Er ist so steril, da er einfach hingeht. Genau wie er
am Ende aus ihr herausgehen, sich aus ihr entfernen, sie verlassen knnte.
Es wre weiter nichts Erregendes. Es wre eine Vernderung. Man flge
vielleicht bis dahin auf den groen Bren oder entdeckte ein Fischvolk
unter Ceylon. Grer ist die seelische Temperatur beim berschreiten des
sozialen quators wirklich nicht bei ihm. Er tut das seiner Kaste
Unerhrteste mit einem kindlichen Miverstehen jedes sozialen Instinkts. Er
kommt nicht unter Zuchthusler, Huren, Verbrecher aus dem luziferischen
Sturz her, sondern auf Grund einer Hypnose, einer Konstruktion. Er hlt
sich unter ihnen nur passiv auf. Er hat eine scheinbar sehr mystische
Kraft, da sich (gro angelegt, aber schlecht entwickelt) beltuende zum
Guten entwickeln. Aber gengt das? Wo ist das Seelenfazit? Sammelt er die
Elenden, schart sie um sich, klagt ihnen die Anklage vor gegen die
Gesellschaft, organisiert er sie? Er lchelt. Er lebt unter ihnen. Aber das
ist nur ein Affront gegen seines Vaters Millionen. Lange noch keine Tat.
Knirscht er, leidet er unter dem Elend der Menschen? Er ist nicht ohne
Gte, aber das kann auch bis zur Blte kultivierter gesellschaftlicher
Anstand sein. Das Ganze ist unsicher, unerlsend, ohne Absicht, ohne
Bestimmung, ohne Ziel.

So steht auch die Form in Schwankung. Manche Partien sind
expressionistisch, rattern herunter, schmeien das Psychologische heraus.
Verstehen aber nicht, im Gedrngten das Seelische elementar zu heben,
sondern mssen das ausgestoene Psychologische in langen Psychologieblasen
wiederbringen. Manchmal geht es dann statt ins bersinnliche ins
Medizinische; Wissenschaft und Hysterie stellen sich, als ginge es nun an
Gottes Vaterbrust. So kommt man aber nicht hin. Und dann hat der an Glanz
und elegante Kurvenfhrung gewhnte Stil gar kein Organ fr die Kaschemme.
Stilisiert geht es nicht. In unheilvoller Instinktlosigkeit wird es
naturalistisch versucht. Das wird dann komisch, denn das wird toll
Literatur, und diese Gesprche zwischen Lustmrder und Held sind in ihrer
monumental gedachten Dialektfresserei, ihrem naturalistischen Geschwafel
genau so verlogen und unecht wie die Tiraden der Profilromantiker. Fr
solche Dinge hat Wassermann gar kein Gefhl. Elend ist es noch lange nicht,
wenn eine Hure berlinisch redet, oder wenn der Held das kostbarste
Perlenband (das seiner Mutter) der Luetikerin, mit der er platonisch lebt,
in den Scho gibt. Elend ist das zitternde, nackte Leben, das nach oben
will, wo Gerechtigkeit aufsteht und das Leidende anspannt, da es gro wird
in dieser Dehnung. Elend ist nicht eine Malerei von Dreck. So ist das
Ganze: verfehlt, falsch gesehen, vorbeiverstanden, unerlst. Dies alles
spricht gegen die Einordnung dieses Versuchs in den Rang des Ziels, das es
anstrebt. Lediglich dagegen. Man soll nicht verblendet sein und das
Nichterflltsein auf das Knnen des Autors zurckfallen lassen. Wer viel
riskiert, setzt andere Mae voraus, hheres Gericht als dieser und jener
Miesnick, der sein kleines Thema wacker herunterspielt.

Als Knner ist Wassermann einer der ersten Autoren der Zeit. Auf drei
Seiten des Buchs gibt er oft mehr an grader Schnheit, da, wo er
kontemplatorisch wird, ein Einzelschicksal wendet, meist mehr wie andre,
die an sicherer Stelle segeln, im ganzen Werk. Auch der problematische
Torso des Christian Wahnschaffe verdient jeden, der ihm naht. Die
blhende Flle der Figuren gibt ihm Niveau von selten erreichter Breite.

Wir sind konsequent und wollen das Loyale. Im Schtzen und Anerkennen liegt
aber nicht die letzte Liebe. Das Maul der Zeit ist grausam, und das
Gewissen der weichenden Minute hat Gorgonisches im Ausdruck. Die Umkehrung
wird symbolisch. Vor den Forderungen dieser Jahre bricht der Kern zusammen:
es ist zu wenig. Mit diesen Stzen, solchem Bau erreicht er nicht das obere
Gerst. Gespanntere Schenkel, wildere Kehlen erstrmen nur die Hhen des
neuen Tons. Der Dichter bleibt geschtzt und ihm jeder Respekt. Aber die
Hand soll drben bleiben und den Vorhang nicht aufzureien suchen, der sich
eines Tages weit aufschlgt aus eigenem Schwung. Die Hand soll jene Epoche
weiter malen, in der ihre Triumphe und Sigkeiten liegen. Denn
schpferische Strke ist gebannt an ihren mystischen Untergrund und
gehorcht nicht wie Pferd und Autorad dem Hirn und der Klugheit. Von jener
Insel, die schon hinter uns liegt und schwankt, wird kein neues Weltbild
geschaut und geformt.

Erreicht Ihr es nicht, Freunde, fehlte Euch Kraft und Flle, aber nicht die
Berufung. Eure Torsos werden aber dann heller und reiner vom Geist heraus
marmorn strahlen. Irgendwie wird der Boden, auf dem sie stehen, ihnen
huldvoll und gndig sein.




7. Staatsanwalt, Dichtung, Unzucht, Freiheit


Immer haben die jammervollsten Kmpfe der Menschen ihren eigenen Gesetzen
gegolten und nie war ihre Verzweiflung grer, als wenn sie sich in den
Maschen der khl erdachten Normen in dem Augenblick verfingen, als ihr Blut
hei und ihre Leidenschaft so gro war, da nichts mehr zwischen ihnen und
dem Schicksal stand. Stets kam die Tragik unaufhaltsam bis in die
erbrmlichsten Kalkls der Menschheit, wo sie lchelte statt zu erstarren.
Nie haben Pensionierte aufgehrt, die Glnzenden zu hassen. Brger greinen
hinter den Freien. Staatliche Autoritre haben immer die unabhngigen
Fhrer verfolgt. Nie hat das Starre versumt, sich gegen das Bewegende zu
verschwren, und keine Idee hat, wenn sie in die Tatsache bertrat, sich
nicht sofort verleugnet und gegen sich selbst gekehrt. Als die Menschen das
Gesetz erfanden, wichen die efeubekrnzten, Pauken zur Flte mischenden,
Bacchantinnen in die thebanischen Wlder, und die Unzucht der Paragraphen
ersann sich die scheuliche Migeburt des ffentlichen, bezahlten und zur
Anklage verpflichteten Beamten. Das Gesetz nahm das intellektuelle Monocle
ins Auge, den Staatsanwalt; und die Maschine der Gerechtigkeit erhielt die
Musik der Vorstdte und der Verdammten, den Grammophonschrei, die blecherne
Tirade. Die Humanitt hatte einen starken Arm und spiete, ihrem Zeitalter
nicht unwrdig, auf Degenspitzen die Opfer wie Gnseherzen ber den Rost.

Der Ha gegen die Dichtung, die sich frei und ohne Zirkular bewegte, blieb
immer in der Luft dieser Sle. Die Autodafs rauchten, aber man hat nie
aufgehrt das edelste Wild zu jagen. Die Gerichte waren immer Tempel der
Reaktion, und die Politik hat ganze Arbeit mit ihnen gemacht. Vom Fall
Dreyfus bis zu den Mrdern der Landauer, Luxemburg, Liebknecht luft eine
Idee. Aber die Romanen haben irgendwie die Hartnckigkeit ihres Geistes
gegen die Formeln in jahrelangen Kmpfen bewahrt. Zola hat gesiegt, als er
sich gegen das Dumpfe erhob und Dreyfus gerettet. Flaubert errang vor den
Assisen, der unzchtigen Dichtung angeklagt wegen der Bovary, einen
Triumph. Die Deutschen verurteilten achtzehnhundertfnfunddreiig Gutzkow
und mit seinem Werk die Freiheit berall, wo sie sich regte. Spter setzten
sie in Dresden ihm ein Denkmal. Das Blamabelste vollzog sich in Leipzig,
als von Nichts berhrte Richter im Juni achzehnhundertneunzig Alberti,
Conradi, Wallot verurteilten und damit den Sinn ihrer Maschine und die
Duldsamkeit der offiziellen Deutschen gegen den Geist in nie gut zu
machender Geste verrieten.

Die Geschichte dieses Prozesses darf nicht vergessen werden.

Sie war kunterbunt und einfltig aber nicht ohne Warnung. Enkel und
Optimisten werden ihre Freude daran haben, aber die Tieferschauenden werden
grausen, wenn sie bedenken, wohin mancher Weg von heute im Zeitpark zu
fhren vermag. Die Verantwortungsvollen haben ihr sicheres Gefhl, das
ihnen Ziel und Richtung ohne Unterla besttigt. Wohl werden Hexen nicht
mehr auf die Mrkte ins Feuer geschleift, aber die Dummheit liebt wie immer
die Symbole des Geistes zu zerstren, um im Stande der Macht gerne die
Roheit des Siegers auch in den einfachsten Realitten wieder zu genieen.
Man ist am bequemsten eingerichtet, wenn das idiotische Gewissen die
herrlichsten Formen der Vergangenheit am deutlichsten wieder in bung
nimmt, das hat jede Historie gezeigt und jede Entwicklungsempirie des
menschlichen Herzens.

Leider kann man keine Apologie dieser Dichter geben, sie waren nichts. Aber
nicht mehr und nicht weniger als ihre Zeit, die sie schlielich vertraten.
Man schrieb den Dingen das Gesicht und den Leib nach, verga auch das
Unaussprechliche nicht, die Kanle und das Geschlecht. Vielleicht betonte
man es heftiger, weil Paul Heyse und der Teutone Wildenbruch gar zu sehr
darber geschwiegen. Man stritt um die Bagatellen, da auch, statt
zuckriger Linien solche von Kot, gut gemalt, bedeutsam seien. Am Schlu war
alles doch nur kindische Photographiererei und Provinz des Dichterischen.
Von der ganzen Prosa ist ja nichts geblieben. Zola, ein Riese, kam aus
monumentalen Talentgrnden nur hoch darber in sphrischere Luftschicht.
Die anderen verga man bald, Doch haben sie, tapfer und eigentlich mehr
Opfer als Fhrer so lumpiger Epoche, Bestes gewollt und mit Anstand
gestritten. Auch hat der damalige Geistseismograph sie zu den bekanntesten
und erlesensten Schriftstellern des Realismus angezeigt, was Geheime
Hofrte schlielich und auch ein frstliches Kabinett bezeugten. Aber als
man sie verurteilte, hat nicht Deutschland einen Augenblick stillgestanden.
Kein Atemzug hat das Volk aufhorchen lassen. Niemand hat daran gedacht, da
hier die tollste Kavalkade der Dummheit sich in das Fleisch der Kultur
trieb. Zynisches blieb da und machte frivole Mtzchen. Der Dichter war den
Menschen ein bunter Wolf, den hinterm Gitter man gern sah, dessen Berhrung
aber irgendwie beflecken mute und wo man nie Garantien hatte, da er nicht
um sich bi oder gegen Regierung und offizielles Moralgesetz Ketzereien
sagte. Das Urteil des Gerichts wird vor der Zeit gegen die Richter
gesprochen, denn man kann die Freiheit nicht in Schutzmannshnde geben und
sie hat noch nie, wie jener Alberti von sich sagte, die Ehre gehabt, vor
einem Gerichtshof zu erscheinen. Die Gtter zahlen keine dreihundert Mark
an fiskalische Kassen, weil sie grblich die Scham- und
Sittlichkeitsgefhle mit unzchtigen Schriften verletzten. Wer den Geist
insultiert, behngt sich selbst mit Fkalischem. Die Dichter selbst, gegen
die man sprach, wurden nur Trger des Miverstndnisses wie tausend vor
ihnen, an denen sich in der Wut auf das berlegene der Pbel der Macht
vergriff.

Auch war man ber nichts im klaren. Seltsame soziale Schwrmer: M. G.
Konrad beschwor Wilhelm den Zweiten sich der berschwemmung durch
auslndische Literatur entgegenzusetzen. Conradi grte im Kaiser den
Fhrer der Neuen Generation. Man hatte gar keine Grundbegriffe, sonst htte
solche Narretei sich nicht vollziehen drfen. Conradi starb an den
Aufregungen des Prozesses spter, und machte es oben aus, was ihn unten
erwartete, wo man Gefngnisse ffnete, weil er in die Nhe des Namens
Christi das Wort verrecken setzte, ohne da er anderes wollte, als den
schweren Tod intensiver zu geben. Selbst der Figaro schrieb, die junge
naturalistische Generation erwarte vieles von diesem Kaiser, und durch
irgendwelche Manipulation geschah es in der Tat, da Heinrich Hart eine
Staatsuntersttzung erhielt, um einen Humanittsgesang unbeschwert zu
schreiben. Die Anklage des Gerichts aber enthielt mit dem Aufgebot
dreitgiger Verhandlung als Inkriminiation zwei Stellen: und starrte
verschlafen auf die weien, wie Weiberbusen schimmernden Hgel. Der
Staatsanwalt stt sich daran, da ein Kleid zu eng war, da ein Korsett
geffnet wurde, und da Menschen Fleisch haben, schlielich aber auch, da
das Weie des Spitzenbesatzes durch die oberste ffnung der Robe
geschimmert habe. Als der Dichter auf diese Stze im Plaidoyer kommt, wird
die ffentlichkeit entfernt. Wie ein Sachverstndiger erwhnt, in Italien
stille man ffentlich, unterbricht ihn der Prsident ngstlich. Das Leben
wird in dieser Atmosphre eine staatlich regulierte Maschine. Man hat von
Kind auf gelernt, wo man sich zu schmen, wo zu schweigen, wo zu reden hat.
Lang nach Beginn der Verhandlung verteilt man die Bcher. Der Rechtsanwalt
ruft: Der Staatsanwalt verteilt unzchtige Literatur. Kein Richter hatte
eine Ahnung, um was es sich handelt. Dem Gerichtshof ist literarischer
Gebrauch, dichterisches Unternehmen hllisch entfernt. Er soupsonniert,
Freiexemplare seien von den Autoren verlangt, um sie unter der Hand
schielend und bckend zu verkaufen. Da Dichter Geld erhielten fr ihr
Werk, kommt ihnen schamlos vor, die sich besolden lassen, um Urteile zu
fllen, grausam zu sein, im Schmutz zu whlen. Im frommeren Mittelalter war
der Beruf des Henkers schndlich, und die Ritter zogen als Dichter auf den
Pferden. Im Zeitalter gewonnener Kriege und beginnenden Autorennen ist der
Dichter ein Aussatz, der ffentliche Anklger jeder Wrde wert. Sinn fr
menschlichen Anstand und die Wrde der Ttigkeit ist verloren, eine
Verdrehung des Gesichtsfelds von schauderhafter Groteske beginnt und wrgt
sich in der eigenen Lende ab bis zum Krieg. Der medizinische
Sachverstndige ist der berufenste. Stnde er fest auf dem Standpunkt, im
Zustand des Schpferischen sei der Dichter verminderten Bewutseins, der
freien Bestimmung ausgeschlossen, der Prsident schlsse die Akten, sprche
frei. Der Fall lge wie Trunksucht, zu Imbezillen und Mikrozephalen
verwiese man den Trger der symbolischen Fackel. Nichts bestnde, die
Ausnahme zu konstatieren, die Zusammenhnge lgen kurioser. Von den
Unterschieden wre wenig die Rede. Die Seele ist in der Brokratie einer
Gesellschaft in solche Schablonen verraten worden, da auch der
schamloseste Inzest sich nicht mehr begreift. Man hat hier nicht einmal wie
Makart und Fragonard gemalt, mehr wie Hogarth, aber das Dstere ist
verfehmter wie wollstiger Glanz diesen Menschen, die immer nur den Staat
sehen, die blitzende, fressende Maschine eines kaiserlichen,
traditionslosen und schneidigen Zeitalters. Wie Alberti, dessen Partie als
Jude von vornherein verloren, sich auf Hebbel beruft und den Staatsanwalt
Nagel in Parenthese fragt, ob er ihn kenne, antwortet der: Nein, sind
seine Schriften in Leipzig erschienen? Redet er von Goethes Tagebchern,
unterbricht ihn das Monocle, ob es sich um eine Publikation des Verlages
Dettmann handle. Ihm dmmert hinter dem Glas, da der Verlag steckbrieflich
verfolgt sei. Man kann nicht davon reden, da hier Stil fehle oder da der
Apparat nicht von einer Eindeutigkeit und Ausprgung sei, die Bewunderung
verlange. Alberti mu vierzig Mark niederlegen, als er diesem Beamten sagt:
er erlaube sich zu behaupten, da auch Staatsanwlte es gebe, die den Ovid
nicht begriffen. Das Einauge faucht. Die Macht wird eingeschaltet. Jedes
Jahrhundert hat die Blamage, die es verdient.

Was ist Kunst? Begreifbar wie eine Wage, eine Algebra, eine Manipulation?
Wehrt keinen die Scheu, von ihr zu reden? Jeder Plattkopf findet den Mut
sich zu uern und Respekt haben sie nur noch vor Spezialisten des U-Boots
und der Parsevale, denen Wissenheit der Sanskrite und Etymologen schon
humoristisch vorkommt, da es erwerbloses Gut ist und nichts einbringt den
Hschern des Geldes. Da nur Geld ihnen gleich Geld gesetzt Wert wird,
finden sie es anmaend, auch nur den Geist gleich Geld zu setzen und
nivellieren ihre Landschaft nur nach Kapital. Sie hufen und bremsen,
schlingen das berlegene in die Rder wie die stumme Materie, bis das Eisen
sich durchfrit am strkeren Weltstoff. Dann stehen sie atemlos vor der
Katastrophe. Ihre Besessenheit und der Frevel ist ihnen nicht bewut und
sie waren mit Blindheit gegeielt, als sie sich am Licht vergriffen. Sie
praten innen in einer Welt, an deren Stacheldrhten die Dichter entlang
strichen. Manchmal trieben sie einen Stier ihnen hinaus, da sie ihn
schlachteten, aber anderen Tages lieen sie sie in Kostmen paradieren und
freuten sich des Spektakels. Einmal sollte der Tag kommen, wo dieser
Gesellschaft die Rechnung schwer auf die Stirne gelegt und die Snde der
Generation auf Schultern geladen ward, die aus der Tragik, die die Welt
spaltet, nicht aus ihrem eigenen Verschulden, ihnen als Erbteil werden
sollte. Als sie den Nazarener bers Kreuz nagelten, Galilei peinigten,
waren es Dieselben und meinten sie das Gleiche, als sie Heinrich Mann
beschlagnahmten und nach der glorreichen deutschen Revolte Sternheim so
unterdrckten, wie sie Unruh und Kerr in den dunklen Monaten vor dem
Festungwerden der Welt beschlagnahmt hatten. Es sind immer die Gleichen und
der Ton ist derselbe verschwrerische internationale, den jedes Jahrhundert
und jede Sprache findet, wenn die Bedlamiten das heilige Beil gegen die
Tapferen aus der Erdrinde graben.

Niemand kann den Mut finden in eine Diskussion einzutreten, die ernstlich
die Gegenberstellung eines Gerichts und des Geistes, der die Kunst
darstellt wie jede menschliche Erhebung, versuchte, ein Gelchter wrde in
den Wolken entfacht, das benachbarte Planeten infizierte und unseren
Irrsinn ihnen denunzierte. Das Wort will immer das Unfabare tten. Der
Paragraph hat den Neid auf die Freiheit. Die Cochonnerien werden
entschlpfen, indem sie sich verkleiden, das geile Aufreizende, das
verfhrt und sich enthlt, die drittklassige Erotik werden lcheln und
siegen. Das Logische wird das Falsche treffen, den Vorgang verwechseln mit
dem Unwgbaren, was dahinter steht, der Form, der Gestaltung. Plumpe Finger
werden selbst bei gutem Willen das Gute bluten lassen und die versteckte
Ethik verfllt dem Gesetz. Wie Meer und Blitz und Erschtterung hassen sie
das Direkte, und das Elementare ist von den Menschen stets verabscheut und
gefrchtet worden, weil es ihre mhsamen Dmme einreit, an deren Richtung
und Strke sie ihr Selbstbewutsein und nichtige Gre gern vergleichen.
Eine Umarmung und ein Donner sind Dinge voll Ehrfurcht und heilig gewesen,
solange wir einfltig und einfach waren. Als wir uns in die Stdte begaben
und Moses vom Sinai abstieg, verloren wir die Spur der Erschtterungen und
begannen ihnen feind zu werden. Das Zupackende ist ursprnglich und schn,
ein Sommerregen, zwei verkettete Falter, der Sprung des Hengstes sind
uerungen der erhabenen zeugenden Kraft. Es waren die schmutzigen Tiere,
die den anderen die Unreinlichkeit vorwarfen und die Systeme haben erst das
Menschliche geschndet, als sie begannen, es zu untersuchen.

Staatsanwlte, die ahnungslos vor der Wucht knstlerischer und geistiger
Fragen das Leben mittelmiger Beamten zwischen Zahlenerrterungen und
Bestimmungen vollbringen, stehen heute noch am Rande der Seelenuerungen
und zhlen mit Uhr und staatlichem Messer Erlaubtes und Verfehltes als
letzte Kompetenz. Der Zustand ist schamlos. Urenkel werden sich auf die
Beine schlagen vor Entzcken. Unseren Kindern wird es vielleicht vorkommen
wie Besuchern von Folterkammern in unseren Tagen.

Haben sie keinen Areopag gehabt, werden sie fragen, wenn sie wirklich
Angst hatten, da ein Volk von den Dichtern verfhrt und verdorben werde
(statt auf Staatsmnner und Generale zu schauen), hatten sie keinen
geistigen Areopag, vor dem sie ihre Gesetze sich selbst machen konnten?
Muten zwischen Dieben und Mrdern sie auf den Anklagebnken sitzen vor
Richtern, die ihre erlesensten Reprsentanten nicht kannten? Haben ihre
Generle selbst nach den Revolutionen je vor Tribunalen gestanden, die den
Rang der Leutnante und der Divisionsfhrer nicht zu unterscheiden wuten?
Und ist nicht, auch ohne rote Bestreifung der Pantalone und
Goldverbuckelung ihrer Schultern das geistige Gesetz, das hier nur
unterschied, von feinerer Substanz? Hat man das hchste Menschliche so
wenig mehr gekannt, da man selbst, als die Vlker begannen, sich selbst zu
regieren, so gering es bewertete, ja es noch unter die Kaste jener Mrder
stellte, die die Landsleute zu Millionen um der Bereicherung willen
schlachten lieen? Ist so tief der Schlamm der Jahrtausende um sie gehuft
gewesen, da sie das Tnen darber so wenig metallen erhrten?

Ach wie ist unser Leben doch besser und unsere Einsicht, so gering sie noch
ist vor der groen Erhhung des Lebens, da wir doch wenigstens begonnen
haben zu unterscheiden, wenn auch vom Erkennen und Befolgen oder gar dem
Erreichen wir unsterblich noch entfernt sind. Diese Armen, die noch nicht,
so stolz sie sich gebrdeten, sahen, da sie immer ins Blinde schlugen,
wenn sie reglementieren wollten, was ber ihnen ist, da sie das Schlimme
sich zufgten, wenn sie das Lebendige fesselten, die noch nicht verstanden,
da aus dem Knstlerischen allein ihnen das ehrfurchtgebietende gttliche
Gesicht entgegenstrahlt, und wie sie mit glasbeugten Affen es schndeten
und da das einzige und letzte Gesetz nur die groe und gtige Bewegung
ist, die den Geist entlt, im Widerspiel der Krfte sich auszuwirken: die
Freiheit. Da aber keiner unter ihnen war, der, wohl lchelnd, aber doch
voll Zorn gegen die Bldheit seiner Zeit auf einen Sockel stieg und schrie:
Auf Kameraden! Da niemand sich reckte und unter einem abendlichen Himmel
oder aus einem bermig schnen Garten zwischen den hpfenden Wassern
ihnen die Liste vorlas der groen Namen und der Geschehnisse der
Leidenschaft und Liebe von den Gttern her, Leda und Europas Abenteuer,
Noas Scham, Sarahs Verkauf, von Lea, Hagar, von Thamar, Aristophanes
Lysistrata, Trimalchios Szenen. Siegfried bei Brnhilde, die Tchter Loths,
den Boccaccio, den Simplizissimus, Macchiavell, Cervantes, Plato, sogar die
deutschen Klassiker, ber die das Volk so beruhigt ist, da in ihrem
sicheren Besitz es geistlos bis in die Ewigkeit gern schliefe. Und Homer am
Ende, wo lieblich und anmutig die Gtter alle um Vulkan und Venus traten,
Witze machten und sich des Spieles erfreuten. Und da nicht alle dann sich
aufmachten, zu zeigen, Begeisterung sei nicht erstorben, und in
herostratischer Tat sich bewiesen, alle sich in die Maschine begaben und
sich konfiszieren lieen, damit es heie, nur der sei kein Dichter, der
nicht dem Moloch geopfert und nicht verboten sei. Das wren Taten gewesen.
Da keiner aufstand und das Monocle einwarf, das den Geist schund! Aber es
scheint, sie wuten nur, wenn sie _schrieben_, was Rausch und Welt war und
gestalteten nur Trume, nicht tapfer genug als Leute der Welt und
berlegene ebenso zu leben wie sie dachten, und auerstande die Rolle
einzunehmen, die ihnen vom Geist her zukam. Sie wuten, wenige ausgenommen,
vielleicht nicht, da Leben nicht nur ber ihnen, sondern in ihnen war.
Nicht einmal Hohn kannten sie, wo an Handlung es schon fehlte. Arme Dchse,
die den Geist so verkannten, da sie ihn anbeten, aber nicht zu erleben
vermochten.

Sie werden voll Mitleid neben der Verwunderung sein.




8. Deutscher Casanova


Sein Werk liegt als Wrack auf dem Grund. Es wird gehoben. Seine Bedeutung
ist glatt vergessen. Sie wird geweckt. Es ist sehr an der Zeit geworden. Er
hie Friederich und nannte sich Frhlich. Er ist sich der Ironie nicht
bewut geworden.

Goethes Verwandtschaft, der Schatten des Luftschiffers Blanehard, die nahe
Erinnerung Voltaires scharen sich um seine Taufe. Die Totalitt ist
erreicht. Die Gruppierung wird symbolisch: Gre, Schweifen, intellektuelle
Geschftigkeit machen sein Leben aus. Seine Memoiren sind fr die Deutschen
ein groes Ding, die arm sind an Kerlen und Erscheinungen jener
weltmnnischen Khnheit, die durch Absturz und Zurckfallen nie das
Trommeln des Herzens und die Schnheit der groen Welt vergessen. Er
beginnt seine Tagebcher mit einem spttischen Fresco der Frankfurter
Brgerschaft. hnlich endet es. Dazwischen schweifen seine Gefhle um jeden
kosmischen Pol. Eine tierhaft schne Seelenbewegung spiegelt sich, keine
Konfession. Er kann nicht mehr geben, als die Zeit, die ihn trgt, ihm
verleiht, und das mindeste ist immerhin doch zum wenigsten, Trger gewesen
zu sein einer europischen Idee, die Napoleon zwar mit Kanonen aber nicht
ohne seelische Gre betrieb. Heut stehen organisierte Massen und Sklaven
schon hinter dem Gedanken aufmarschiert. Durch ein Jahrhundert der
Verkautzung blitzt ein Bild, das zwar auf Genu ging und lebte und stritt
und Welt mit Leidenschaft umspannte, mit einer Inbrunst und Hingabe, die
erst groe Ziele geheiligt htten, das aber die ungeheure Bedeutung
besitzt, dagewesen zu sein. Nichts gilt mehr als das. Zwischen all dem
kommt ein Leben, sehr gekurvt, wie ein Ball geschleudert. Keine Zone des
Abenteuerlichen bleibt entfernt, denn keine Flche und Erhebung, an der er
unbewut sich nicht beweist. Da rollt sein Dasein dahin, er sucht ihm
keinen Sinn zu geben. Es vollendet den Sinn aus sich selbst.

Es gibt fr alles dieser Art nur einen Mastab: Casanova. Der ist die
weitestgespannte Leistung. Er ist Ma fr Geist, Politik und Frauen. Er ist
Ma fr Hhe und Tiefe, universal in Geschehnis, Wissen und Gefhl. Nicht
da andere nicht besser, dringlicher, im einzelnen strker wren. Die Welt
als Ganzes hat niemand so mit Persnlichkeit umfat wie er. Was sonst in
unseren Zeitlufen an Memoiren erscheint, ist politisch, erotisch,
kitschig, konfessionell. Es ist nicht universell.

Dieser Bursche aus der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert
aber erinnert stark an Casanova, denn er hat einen ungeheuren Drang nach
der Welt der Bedeutung, der Frauen und auch des Geistigen. Zwar ist er
nicht so breit, hrter, herber und wohl auch brgerlicher als der
Venetianer, der seine Italienischkeit dauernd zu gallizieren suchte. Auch
ist er weniger launenhaft und weniger literarisch als der Deutsche Pckler.

Es ist nicht allein die schrankenlose Bekenntnishaftigkeit, nicht das
vllige Fehlen brgerlicher Scham und ihr Ersatz durch rcksichtslose
Persnlichkeit, es ist nicht allein die bestrzende Flle von Welt, Tat und
Gre, auch nicht die offengelegte Kultur der Zeit, die seinen Memoiren
ihren hchsten Reiz geben. Es ist vielmehr die allen guten
Bekenntnisbchern bei grter Subjektivitt trotzdem eigene Bedeutung des
Sekundren. Es drngt sich nicht Psychologie in jede Falte der Erzhlung.
Es ist nicht alles Entwicklung aus den Nerven. Die Dinge, die Stze
entstehen elementar. Es ist ein stetes Geschiebe von Oberflchen, die
heftiger wirken als sublime Vertiefungsversuche. Die groe Persnlichkeit
des Autors erhlt dadurch Khle und Distanz.

Es wird einfach alles hingesagt, gleichgltig, was es sei. Menschen kommen,
verlieren sich, sterben, Man sagt es. Dinge geschehen und wirken tdlich.
Man sagt es. Man sagt es wie das Herrlichste, Furchtbarste, Intimste. Darin
steht noch einmal die Unpersnlichkeit, das Registrierende, das
Uninteressierte des Rokoko gegen das Schicksal auf. Die Menschen
unterstehen alle noch dem Ungefhr. Sie stehen noch im Kampf mit dem
Elementaren. Was wir nur noch kennen durch den kleinen Ausschnitt der
Zeitungsnotizen, was sich verringert hat auf die Unflle des stdtischen
Verkehrs, braust hier tglich als dumpfes Ereignis herein. Jedermann nimmt
es als Schicksal. Flsse werden berschritten, Menschen ertrinken dabei,
man rechnet damit. Menschen treten auf, an deren Laune tausend Leben hngen
und die der Laune nachgehen, wann es ihnen beliebt. Morde und Entfhrungen
sind alltglich. Bagnosklaven rudern die Schiffe, Kugeln fallen und
pfeifen. Blitze schlagen in die Mndungen der Gewehre. berall strmt das
Leben heran mit seinen primren uerungen.

Und doch ist hier schon ein Wendepunkt der Zeit. Doch beginnt hier ein
Ineinanderwachsen von zwei Welten. Es gibt heute noch eine wste Seefahrt.
Hunderte Menschen liegen seekrank gedrngt in engstem Raume. Die Menschen
sterben in Scharen. Man wirft sie den Haien hinaus, die sie fressen. Die
Matrosen aber fangen die Haie und speisen sie mit Wonne. Morgen aber ist
alles schon Kultur. Theater, Seide, Geist, Parfme wirken. Die Revolution
ist schon vorber. Noch klafft ein scharfer Ri zwischen alter Welt und
neuer Welt der Organisation. Doch langsam entwickelt sich die Welt nach
vorn.

In einem Frankfurter Familienhaus wird er geboren. Um 1789. In Frankfurt
wird gut gespeist, gut getrunken. Das Gewoge einer Kaiserkrnung leuchtet
noch einmal durch die Stadt. Seine Jugend berflutet bald Deutsches, bald
Franzsisches. Er wchst heran, im kindlichen Herzen schon Zorn und Fehde
gegen das Brgerliche. Er kommt zur Erziehung nach Homburg. Sofort beginnt
er nach Erlebnis zu suchen. Sie hetzen Sue in den Schlogarten, werden
verhaftet, schneiden der Wache die Zpfe ab. Homburg loht vor Emprung. Nun
kommt er nach Offenbach. Diese Stadt ist damals eine beliebte Niederlassung
von Mystik. Ein Polenfrst und Heiliger lebt dort mit einer Sekte. Er
reitet nur mit groer Leibwache aus. Tausend Magnaten aus Bhmen, Lausitz,
Polen und Mhren kommen bei seinem Tode und fllen die Stadt mit Geschrei.
Frhlich erffnet ein Liebhabertheater. Bettina Brentano ist dabei. Groe
Sensationen reien ihn mit, er rckt aus nach Mainz, um die Hinrichtung des
Schinderhannes zu sehen.

Hier zeigen sich schon deutlich zwei Pole seines Wesens: Theater und Frau.
Man kann sagen, da er ein unterdrckter Schauspieler gewesen sei. Als er
es werden wollte, widersetzt sich die Familie, die Landgrfin in Homburg
sperrt ihm die guten Huser, denn Schauspieler werden hie etwas sehr
Gemeines sein. Frhlich versucht es mit Gewalt, reit aus und fhrt zu
Goethe nach Weimar. Zwar ist Schiller sehr freundlich, kann aber ohne
Goethe nichts tun. Der aber empfngt Frhlich steif. Frau von Stal steht
neben ihm. Goethe wei dem Jungen nichts zu sagen, schreibt aber sofort an
Frau Rat, Frau Rat geht zu seiner Mutter und die Familie lt den Ausreier
arrestieren.

In dem Knaben brennt die Lust nach Frauen. Der Knabe hat schon drei
Geliebte. Don Juan, die Liaisons und der Faust sind ihm Lektre und
Inspiration. Ihm wird nun alles Weg zur Frau. Darum zog ihn auch das
Theater. Alles, was er knftig nun tut, hat alle Rckwirkung, alle
Bedeutung, allen letzten Sinn nur in der Richtung auf die Frau. Das
Feminine wchst als Zentrum in sein Gehirn. Sein Leben gruppiert sich
darum. Die Welt kristallisiert sich ihm mit allen Offenbarungen in die
Frau. Wertlos ist ihm, was nicht dahin zielt. So ergibt sich fr sein Leben
Linie und Bestimmung. Darum wird er Offizier. Ihn lockt nicht dies
Handwerk, dieser Beruf. Ihn reizt das Sekundre. Die malose Weite der Welt
mit allen Mglichkeiten und Ahnungen schliet sich darin fr ihn auf. Als
man ihm Hessen-Kasselsche Dienste offeriert, lacht er ber die
Parade-Zopfsoldaten. Er geht nach Mainz in franzsischen Dienst. Hier
schlgt das Leben schon lebhaft. Er empfindet und philosophiert ber den
Gegensatz zwischen der leichten Lebensart dieser Stadt und der kalten
Spieigkeit der Frankfurter Prozentgesichter. Er kommt in Berhrung mit dem
Franzsischen, das allen seinen Sehnschten entgegenkommt und ihn hebt, ihn
aber mit einer so freien Lebensform belastet, da ihm andere Milieus
unertrglich werden mssen. Zuerst war sein Liebesempfinden bei allem Genu
keusch. Nun wird frh sein Urteil ber Frauen bestimmter. Er sucht in der
Liebe den Geist. Dirnen verachtet er. Hier ist er enger als Casanova, der
in dem unscheinbarsten Mdchen die Welt sich offenbaren fhlte, der das
Leben empfand im unbedeutendsten Femininen, weil das Weibliche ihm noch
ungeheuerer als Frhlich letzter Sinn und Mittelpunkt der Welt geworden
war. Aber er hat mit Casanova gemein das Trsten ber die Frau bei der
Frau. Eine Trauer, die zur Vereinsamung fhren mte, treibt sie zu anderen
Frauen, und diese saugen sofort den Schmerz ein.

Hier ist er sechzehn Jahre alt.

Man gibt ihm sechzig Soldaten. Deserteure, Russen, Verbrecher. Er fhrt sie
in tollem Zug in Garnison nach Toul. Dort entwickelt sich ein Garnisonleben
mit Liebe, Kaffeenchten, Duellen und Komdie. Das Milieu ist Gesellschaft
und Militr, beides unsicherer Boden, von Frauenintrigen durchkreuzt. Die
Mnner haben alle eine Vergangenheit und pendeln zwischen Uniform und
Galeere. Dann zieht er nach Avignon. Petrarcas Name deckt zahlreiche
Amouren. In Tarascon liefern sie den Brgern eine Schlacht und kommen in
Garnison nach Montpellier. Frhlich kommt in die Stadt und denkt: Frauen.
Er lt den ersten Friseur kommen, gibt ihm Gold und fragt ihn aus. Er
beginnt schon mit Methode. Er lernt den Wert des Geldes kennen als
Bahnbrecher zur Erlangung von Macht. Er schildert das Bagno, eine Menagerie
angeketteter Verbrecher, Bischfe, Generle und Dichter. Dann fhrt er zu
den Besatzungstruppen nach Genua.

Seine Empfindung ist knstlerisch. Doch ist dies nicht wegen der Kunst als
solcher, als abstrakten Genusses, so. Auch hier zielt er nach der Frau.
Knstlerisches hat ihm nur Wert in Beziehung auf Empfindung und Leben.
Leben heit ihm aber: Frau. Bilder liebt er nicht. Natur, die er gut
schildert, ist ihm letzten Endes gleichgltig. Er schaut sie als
Hintergrund des Erlebnisses, als groen Rahmen des Abenteuers. Besucht er
in neuen Stdten Museen, alte Viertel, Kirchen, tut er es nur, vielleicht
unbewut, in dem Trieb, in dieser Atmosphre der gesteigerten und erregten
Menschlichkeit Weiber zu finden. Als er Canova kennen lernt, mifllt ihm
dessen monumentaler Napoleon. Aber die Figur einer Nymphe reit ihn in alle
Himmel. Durch die Frau kommt er zur Musik. Hier findet er unerschpfliche
Mittel, zurckzuwirken. Er bildet sich aus, singt, lernt Instrumente,
komponiert und gibt Mrsche heraus, mit denen die Garde spter ins Feuer
marschiert. Sein groer Trumpf ist Mozart. berall holt er die Noten heraus
und singt und die Frauen ergeben sich. Er macht Mozart zur Mode in Italien.

Aber er lernt auch sofort Italienisch. Es ist eine neue Waffe zum Triumph.
Damit dringt er in das italienische Leben ein. Er kommt in die
Gesellschaft, das Leben weitet sich vor ihm. Die kulturellen und sozialen
Verhltnisse des Landes durcheilt er in uerst reizvoller Schilderung. Er
hat wunderbare Gaben, sich in fremde Milieus hineinzufinden. Er verkehrt
bei den Doria und Spinola. Die Welt nchtlicher und mondbeschienener
Polichinell- und Pierrot-Tragdien erffnet sich. Die Damen flstern: der
franzsische Offizier, der den Don Juan singt . . . Mit einer glnzenden
und komplizierten Faschingsintrige erobert er eine groe Frau, die Marchesa
P. Und trotzdem diese Handlung ihn dem Tod aussetzt, trotzdem er seinen
ganzen Willen, seine volle Erlebnisfhigkeit darauf gerade richtet, hat er
dennoch andere Frauen nebenher.

Zum Abschied schenkt ihm die Marchesa einen Rubin. Morgens um sechs
knattern die Trommeln. Sie ziehen weiter. Wasserleitungen, Mauern und
Galgen bereiten Rom vor. Sie durchziehen Italien bis Neapel. Neapel wird
ihm das Dorado der groen Welt. Die Eleganz des Lebens und der Theater ist
fabelhaft. Die Mistnde der Regierung aber sind schlimm, da sie von
schlechten Pariser Subjekten gefhrt wird. Der Knig Joseph verlt sich
auf die Minister, diese machen alle Migriffe der Organisation. Das Land
grt. Es gibt blutige Aufstnde in Kalabrien. Die Englnder landen Truppen,
die Franzosen erhalten eine Niederlage. Das Land loht ganz auf. Da siegen
die Franzosen. Die Englnder schiffen sich ein und berlassen das Land
seinem Schicksal. Die Weltgeschichte wiederholt sich Schlag um Schlag.
Frhlich macht bei dem ersten Rckzug einen Aufsehen erregenden Durchbruch
mit wenig Leuten durch die Franktireurlandschaft. Er kmpft tollkhn, wie
ein Lwe, und ganz khl. Auf einer gewagten Streife fngt er einen falschen
Fra Diavolo. Der echte wird spter gefangen. In unzhligen Momenten
offenbart sich in diesen Partien Einzelschicksal tragisch und elementar.

Frhlich liebt den Krieg. Seine Phantasie fliegt dem Abenteuerlichen,
dessen ewige Inkarnation die Frau ist, zu. Schlacht, Blut, unstetes
Streifen sind Stationen, sind Wege zu ihr. Ruhm ist ein Glanz fr die Frau.
Keinen liebt sie mehr, als den, den sie in Gefahr wei. Dies kennt er all.
Rinaldo, Schinderhannes, Fra Diavolo -- er bewundert sie, denn er sieht
hinter ihren Taten den Eindruck auf die weibliche Psyche. Deshalb bekmpft
er sie, um als ihr Besieger noch strahlender zu sein. Er ist ihnen
innerlich nher als irgend einer. Er bekmpft sie. Aber aus Ruhm und nicht
aus Moral.

In Rom fhrt er sich ein mit Musik. Seine Kehle ist geschult durch den
groen Kastraten Matuccio. Dort besucht er auch Angelika Kaufmann. Sie
unterhlt sich mit ihm ber Malerei. Sie drngt vom Krperlichen weg ins
Geistige, ganz allgemein. Das mifllt ihm, denn seine Tour ist das
Gegenteil. Malerei allein langweilt ihn. Darum besucht er sie nicht mehr.
In Rom formt er sich ganz an der ersten Gesellschaft. Das Frankfurtische
verschwindet. Hier kommt ihm dann sein grtes Erlebnis: die Liebe einer
Frstin, die einzige, die gro scheint und auch ein gewisses Nachklingen in
sein Leben hineinwirft. Er durchkostet es mit hchster Glut. Wie die Maler
alter und beschaulicher Zeit liebt er die Kontraste. Er verliert sich mit
ihr in den Katakomben und geniet ihren ersten Ku, den Tod schon im
Gefhl. Das steigert die Sigkeit unendlich. Doch sie werden gerettet.

In einer Laune prgelt er gelegentlich einen Bischof. Es folgt die
Strafversetzung nach Genua. Bald ist er wieder nach Rom zurck. Sein
Empfinden in der Liebe verfeinert sich immer strker, er nuanciert nach
Stdten, entwickelt das Geistige aus der Hautfarbe und gibt eine
Psychologie der Frau nach Stdten. Manchmal, besonders spter, doziert er
ber die Liebe, gibt Lehren wie Casanova. Und zwar sind dies Lehren nicht
gegen die Moral, sondern fr sie. Er lehrt nicht das Verfhren, er zeigt
lediglich lchelnd seine Karten und warnt. Er ist aber darin Sohn der
Revolution, da er nicht nur philosophiert ber dieses Thema. Er besitzt.
Nie steigt er zu dem Flehen um Liebe, das dem Romanen eigen ist und ihn
leicht slich macht, herunter, nie erreicht er Liebe mit einem Glissando
der Seele. Freilich lt er alle Minen springen, aber seine Eroberung ist
stets etwas Maskulines. Das Ungefhr und die Freiheit der Verhltnisse, das
abendliche aufreizende Italien, das nchtlich dunkle, von Paaren
durchhuschte Rom, die freien Blle, die Begegnung von Loge zu Loge in den
Theatern ermglichen alles. Nach zwei Jahren bricht er mit dem Heer auf
gegen Spanien.

Zu diesem Lande hat er Distanz. Er kennt die Sprache nicht. Er beginnt sie
sofort zu lernen. Aber es geht nicht so rasch, wie die Tatsachen laufen. Er
wird kontemplatorisch in der Schilderung. Was er schildert ist allgemein,
nicht durchschimmernd und fein wie in Italien und Frankreich. Das kommt, er
hat das Land nicht durch die Frauen gesehen.

Dafr gibt es groe Gemlde der Ereignisse. Aufstand in Madrid. Das Toben
der Tausende, die verbissen in die Straen gepfercht miteinander kmpfen,
Kanonen und Frauen. Er wird von Murat angeredet. Dann belagert er
Saragosso. Wieder prallen Massen aufeinander. Magazine fliegen in die Luft.
Generle werden erschossen. Nachts sausen glhende Kugeln in die Stadt und
in den Ebro. Strme gehen gegen die Mauern. Rasende Priester fechten gegen
sie. Man verschanzt sich hinter toten Kapuzinern und Karmelitern. Trotzdem
mssen die Franzosen zurck. Dazwischen fllt ein wenig Erlebnis der Liebe
auf das entzckende Intermezzo eines Nonnenklosters. Vor Barcelona wird er
verwundet. Er vertrgt die Luft nicht und schlgt sich durch die englische
Flotte auf einer Feluke nach der franzsischen Kste durch. Er kehrt nach
Neapel zurck. Er spricht mit Murat, als er sich zur Eroberung Capris
einschifft. Spter mu er in Rom den Papst Pius VII. gefangen nehmen. Sie
binden ihn auf einen Stuhl und lassen ihn an Seilen auf die Strae. Er tut
es mit Bedauern, obwohl er Protestant ist, denn der Mann scheint ihm
vornehm. Als Depeschenoffizier reist er verkleidet nach Wien zu Napoleon.
Die Wienerinnen begeistern ihn, bei Mnnern findet er mit Recht den Dialekt
abscheulich. In Schnbrunn empfngt ihn Napoleon. Er ist steif und khl.
Frhlich bittet um Versetzung zur Garde. Napoleon: Nous verrons.

Als die Mglichkeit, in einer Mission nach Paris zu kommen, am Horizont
auftaucht, verdoppelt er sich. Er fhrt dann darauf hin, wie zu einem
Magnet, der ihn an sich reit, reist Tag und Nacht, sieht kein Bett. Am
ersten Tag fhrt er die ganze Stadt ab, um sie gleich voll zu umfassen.
Dann it er um vierzig Francs zu Nacht und schlft sehr lange, um in den
kommenden Wochen die Stadt im einzelnen zu durchtosen. Er kommt wieder hier
in die groe Welt. Salons und Foyers nehmen ihn auf. Er arrangiert ein
Trauermahl, das Paris skandalisiert und Napoleon erzrnt, das Huysmans in
seinem Roman A rebours siebzig Jahre spter glatt kopiert, das hnlich De
la Reynire schon vor der Revolution gegeben hatte und das schon in den
Orgien des Roms der kaiserlichen Dekadenz Mode war. Das noch nicht
modernisierte Paris schildert er berauschend mit Gassen und Pomp und seiner
ganzen unaussprechlichen Sigkeit. Er geniet es mit Massen und Festen und
Illuminationen, wo Seiltnzer zwischen Raketen ber dem Marsfeld schweben,
er erlebt den Brand bei Napoleons Hochzeit und erklimmt den hchsten
Triumph seines Daseins: liebt und besitzt Pauline, Napoleons Schwester. Sie
gibt sich ihm in einer blauen Grotte, wo sie ihn erwartet. Allein er hat
sie nicht erobert. Ihre Augen haben zuerst mit Wohlgefallen auf ihm geruht.
Deshalb verlt er sie bald. Aber er bekommt Einblick in die intimsten und
privatesten Dinge des Reiches. Beim Abschied verschafft ihm Pauline eine
Stelle bei der Garde Murats. Er kehrt zurck. Im Liebhabertheater fhrt er
von sich selbst bertragen Fiesko auf, Kotzebue und Zschokke. Bald
kreuzen sich aber seine Liebeswege mit denen seines Knigs. Murat lt ihn
fallen und sendet ihn nach Korfu.

Frhlich liebt alles Wesen der Welt, nur nicht wie Voltaire le genre
ennuyeux. Er arrangiert sofort Theater. Er schreibt ein Stck, in dem eine
lange Versenkung vorkommt, um eine bewachte Schauspielerin sehen zu knnen.
Er entfhrt aus Langeweile fr alle seine Kameraden Griechinnen.
Komplizierte Liebesintrigen folgen Schlag auf Schlag. Als Einwohner rmlich
verkleidet besucht er, den Homer in der Hand, die Insel des Odysseus, auf
der achtflgelige Windmhlen wehen. Er kehrt zwischen zischenden Kugeln
zurck. Er kommandiert eine Expedition nach Albanien, wo die Einwohner das
Niegesehene europischer Soldaten wie Zentralafrikaner umstaunen. Ihr
Diktator Ali schenkt ihm vier Frauen, er gibt sie an seine Unteroffiziere
weiter. Den Sommer tanzen sie, machen Feuerwerk, trinken und essen
Langusten. Die Englnder blockieren die Insel dicht. Eines Tages kommt die
Nachricht von Napoleons Fall, die Englnder bernehmen die Insel, die
franzsische Besatzung schifft sich nach Frankreich ein. Als sie Elba
passieren, steht Napoleon am Strand. Die Besatzung meutert schier. In
Marseille hat er scharfe Quarantne, weil durch dies Einfalltor die Pest
aus der Levante sich auf Sdfrankreich strzt. Paris, von Emigranten, die
zurckkehrten, berschwemmt, enttuscht ihn. Er kehrt ber Straburg
zurck. Auf den Hgeln der Bergstrae brennen Feuer zum Jahrestag der
Leipziger Schlacht, Darmstadt durchfhrt er, begreiflicherweise ohne
Aufenthalt, kommt nach Frankfurt und nimmt preuischen Dienst.

Die Kurve der Bewegung neigt sich. Die Entwicklung stlpt sich um und geht
nach rckwrts. Es war ein leichtes gewesen, sich aus der beschrnkten
Existenz der Jugend ins Weite zu verlieren. Von Frankfurt aus Europa zu
durchschweifen, dies wollte nur heien: Anspannung und Verbreiterung der
Krfte. Aus der Welt in das Begrenzte der scharfen Disziplin und der
Sachlichkeit zurckzukehren, war schwerer. Es schien ihm grenzenlos
einfltig. In der Kolberger Garnison lebt er fast blinden Auges fr seinen
Zustand und ist nur drauf aus, viele Weiber zu haben. Es ist ihm Rettung
und Opiat fr die beispiellose Nchternheit dieses Daseins. Sein Verhltnis
zur Frau verdoppelt sich. Die Weiber sind ihm nher gerckt, die einzige
Berhrung mit Welt. Seine Haltung zu ihnen wird summarischer. Er lockt
nicht mehr im einzelnen Reize heraus, nimmt nicht mehr, immer wieder
berrascht und erstaunt, das Pltzliche. Er instrumentiert jetzt seine
Nerven und sein Gefhl. Das Tempo hat den Schlufinish der Verzweiflung.
Der erste groe Schwung endet hier, vom festen gleitenden Boden weg, ins
Uferlose aufgebogen. Er zerkracht. Er kann nicht stets, nicht jeden Tag an
Brot und Zopf und makabrer Imbezilheit sich reiben, nicht jede Geste gleich
an Wand und Mauer fhren. Wie Casanova in England scheitert, kommt er in
Preuen auf den Hund. Hier ist nicht mehr romanisches Land, wo
Persnlichkeit, wo stolze Arrivierte alles sind. Hier ist eine Maschinerie
trostloser Nichtigkeit, hier endet Welt allwege an Strae, Bach und Mauer.
Und nie gabs Geist auerhalb des Reglements. Die Souslieutenants haben
begonnen, einen Staat und ein Reich mit subalterner Ameisenhaftigkeit zu
bauen, das von Mittelmigkeiten getragen, Idee und Geist verachtete und
das Achtzehnhundertsiebenzig ironisch besttigt, Neunzehnhundertachtzehn
mit apokalyptischem Gelchter zurckgetrommelt ward in die Hundehtte, aus
der es kam. Sogar die Opposition, die bei den Romanen das Heroische ist und
von Ruhm und Leuchtkraft umgeben ist, ward hier ein Zustand, den
Polizeibefehle richteten und den die gute Gesellschaft (whrend die Salons
in Frankreich sie fhrten) verachtete wie Diebstahl, schlechten Anzug und
Armut. Sein Widerstand, durch den er seither auffiel, der anzog und ihn
hochtrieb, wird abgestoen, in die Ecke verwiesen. Festung auf Festung. Er
nimmt Abschied und reist.

Zwecklos zuerst noch, allein mit Kunst. In Polen sieht er melancholisch, da
er die Sprache noch nicht ganz beherrscht, den Hintergrund lockender
Erlebnisse sich verdunkeln. Die Frauen weichen schattenhaft zurck. Er
neigt sich. Der Horizont des Daseins wird ungewisser, hie und da nur
belichtet. In Berlin widert das Preuische ihn so, da es ihn aktiv macht.
Er kommt zur Satire. In Magdeburg lernt er Carnot kennen, ehemaligen
Direktor der Republik. Im Scherz animiert der ihn, die Geschichte der
Revolution zu schreiben. Noch lacht der andere, sieht Reisen und Abenteuer
abgespiegelt im Abendhimmel.

Dann fat ihn der Plan, lt ihn nicht wieder los. Er kommt zum Schreiben.
Grillparzer, den sehr zu Unrecht die Deutschen fr einen bedeutenden
Dichter halten, meinte, Auenseiter der Gesellschaft seien zu Landsknechten
frher, jetzt zur Literatur gelaufen. Irgendwie wird es in hherer Sphre
in anderem Sinne aber in vlliger Dreiheit wahr. Er geht in die deutsche
Opposition und das heit in ein Leben der Verachtung, der Reibung mit den
minimalen Hirnen, ins Elend. Das Brgerliche kreist ihn ein. In Frankfurt,
Offenbach, Kln ediert er Zeitschriften, attaquiert und kmpft. Er
frondiert, verpufft sich im Kleinen. Die Tragik nhert sich strker. Seine
Memoiren sind ein Spiegel, in dem er Vergangenes in allen metallenen Farben
zurckgestrahlt sieht. Um ihn herum ist die kleine Meute, in deren Radius
er sich verstrickt hat, die er reizt und die ihn hetzt. Regierung, Senat,
Frankfurt, Gericht, Verleger, alles ist von dem Geist der kalten Schulter
beseelt, die ihm gegenber bleibt und nicht wankt, ihn ignoriert und
verhhnt, und an der seine Briefe und Beschwerden abprallen, nutzlos,
vertan. Die Ohnmacht, allein einer Welt kleinbrgerlicher Miasmen
gegenberzustehn, hebt seinen Mut, berspitzt sein Selbstvertrauen. Er
schildert sich, wie alle Verzweifelten, denen Mut aus eigener berschtzung
kommt, da in Verwechselung der Krfte sie sich fr die Idee selbst halten,
von der sie nur gestreifte und versprengte Schildhalter sind: Voll Feuer,
Geist und Leben, von sehr interessantem ueren, wohlgewachsen, voller
Talent und Kenntnisse, ein Todfeind aller Vorurteile, sehr galant, ein
trefflicher Reiter, ebenso guter Tnzer als Schtze und Fechtmeister, der
Liebling der Damen. Er hatte keinen Wert darauf gelegt, als Vorkmpfer
einer Richtung, einer Herzenssache sich zu prsentieren. Ihm war Europa
Gleitbahn und Lebensnotwendigkeit, Spiel des Hirns. Er wollte nach oben und
vorwrts, hatte die Sehnsucht nach Welt und gut zu leben. Aber vom Dienen
im Sinn der Idee wute er nichts. Er versteht nicht darum zu leiden. Er
begehrt es, wie eine Frau, die er haben, aber nicht durch Bemhung der
Seele leidend erringen will. Er kennt nur die Tuschs und die Clairons.
Irgendwo hinter der forcierten Eleganz steckt der arme Schlucker. Mit
Prinzessinnen ging es. Mit den Brgern ist das Leben aus und vertan.

Einmal hat er noch Erfolg, Glanz der Liebe kommt aus groer Welt. Der Park
von Ludwigsburg biegt sich um nchtliche Zusammenkunft. Man redet von
Entfhrung, London, Heirat, er glaubt es vielleicht, aber im Grunde will er
es nicht. Zwar packt er das Erlebnis mit aller Gier, es verbindet ihn noch
einmal mit jener Sphre, als er italienische Frstinnen hatte und
schwrmerisch Don Juan sang. Er ist zu sehr schon zugedeckt von seinem
neuen Milieu, er sieht die Liebe nur als unverhoffte letzte Frucht. Nun ist
der Horizont leer geworden, die Frauen sind ganz tief und verblat
hinausgetreten. Es bleiben Arbeiten, Kmpfe, rastloses, zweckhaftes Mhen
um Gewinn, Leben, Geld. Doch vergit er die Freiheit nicht. Sie ist mit
langsamer Schnheit irgendwie vor alles andere getreten. Doch er liebt sie
wie eine Courtisane, nicht wie eine Heilige. Er hat sie im Blut, sie hat
ihn infiziert. Sie hat ihn wie Pauline. Aber er hat nicht den unsglich
mhsamen Weg gemacht, um sie ganz zu begreifen und so tief lieben zu
knnen, da er strbe fr sie.

Er hatte auch bei den Weibern nicht den Elan, sich in der Liebe fr die
Ewigkeit so hoch zu recken. Er ist Abreke, Abenteurer, Jeu-Genie. Um den
Augenblick der Liebe zu fassen, setzt er lchelnd das Leben ein. Ein ganzes
Leben Liebe ist ihm ttliche Angst. Er ist ein Impressionist im Leben, eine
schne und oft sehr farbige Angelegenheit, aber auf der Ebene der
Herumgeworfenen, Eitlen und Nur-Talente. Wo er aufhrt, fngt der groe
Erotiker erst an. Viele Frauen zu haben ist ein Talent der Oberflche, der
Verfhrung und der Kraft, zu gefallen. Aus ihnen herauszuholen, was an
Fiktivem und Echtem in ihnen ist, an das zitternde Menschliche zu geraten,
ist schon Genie. Es fehlt ihm im ganzen Leben, was Casanova hatte: die
groe Inbrunst, die Lust zur langen Liebe. Nie wird dem Venetianer ein Weib
leid. Sie bieten ihm noch Mglichkeiten, wenn das Leben ihn von ihnen
reit. Es fehlt dem Deutschen auch Liebe solcher Frauen, die, auch wenn sie
sich trennen, immer Daheim, Hafen und Rckkehr ihm sind und die seine
Berhrung wie gttliche Auszeichnung durch ihr an Glanz nicht armes Leben
tragen. Seine Frauen sind ausgezeichnet, innig, aber einmalig und ohne Echo
fr das Weitere. Es mangelt ihm das Lauschen, lange Kosten, die tiefe
genieende Sigkeit des Venetianers. Ihm schien das Weib der Mittelpunkt
der Welt. Aber er sucht nur und geht weiter. Casanova aber sucht in ihr,
wenn er sie hat, alle Endlichkeiten des Kosmos bis zur Unendlichkeit.

Doch er hat seine Zeit in sich, seine Sehnsucht bleibt ihr treu. Seine
Tagebcher hat er abwechselnd, durcheinander deutsch, italienisch,
franzsisch gefhrt. Das Werk, das er aufbaut, hat immer als Titel: Welt,
Enzyklopdien, Zeitschriften, Welttheater. Immer will er das Ganze fassen.
Je hrter ihn die Umgebung bedrngt, um so weiter will er hinaus.
Politische Phantasierereien lassen ihn den Globus immer dichter
zusammenziehen, das Deutschland, das vor der Revolution noch
fnfzehnhundert Regenten beherrschten, wird immer einheitlicher. Er ist
gegen das Soziale, weil er die darauf folgenden Tyranneien frchtet. Er ist
Aristokrat, aber er hat Feudalismus, weil er die Freiheit liebt. Er baut
an lenkbaren Luftschiffen, an Unterwassertorpedos, er mchte gern den
Meergrund und die Planetenhhe einbeziehen. Er kmpft seinen kleinen Kampf
mit aller Tapferkeit und als Seigneur, der nur selten zeigt, da diese
Rolle nur die Verlegenheit der Situation ihm gegeben. Da er viel lieber um
Throne und Feldherrn und groe Stdte mit Macht und Ruhm sein Leben
herumbewege, als zu schreien und fechten, mit einem Gegner, den er so tief
verachtet. Und manchmal, sehr selten, ist in seiner Allre der Ton des
Ausgetriebenen, des Neidischen, des Hundes, der seine Ttigkeit auch
verachtet, aber in der Welt, wie sie hinter Napoleon sich schlo, keine
andere Wegfahrt sieht, als den Widerspruch, die Pasquille, das Buch des
Protestes. Seine spielerische Klugheit fhrt in politischen Dingen ihn bald
auf den Grund der Probleme, er ist nicht sehr engagiert und sieht daher
klarer. Er ist fr die Revolte der Herzen, wohin die Resignation an den
Revolutionen bald die Engagierten fhrt. Doch ist es Kalkulation, nicht
Glaube. Er wei, da INRI nicht nur das Schild des Nazareners war, sondern
das Anagramm der napoleonischen Idee war und dem franzsischen Imperator
die sdliche Knigswrde der Italer zufgte und das europische
Mittelterrain bedeutete, und da es aus damit sei fr lange Zeit. Da er
Napoleon bekmpfte, beweist gerade in seiner Feurigkeit nur, wie sehr sein
Herz an den Dingen dieses Zeichens hing.

Deutschland ist kein Land zum Sterben. Ganz in ihm zu leben haben trotz
oder wegen ihrer Liebe zu ihm seine besten Kreaturen nicht vermocht. Aus
der Dumpfheit des Rheinlandes kommt er nach Paris. In Ingouville sieht er:
der Himmel ist unendlich, die Terrassen der Villen und Lichter senken sich.
Die Seine hat blau den Ozean erreicht. Die Natur hat eine groe Melodie
angeschlagen. Sie ist aus seinem Leben hinausgetreten und kt den noch
einmal, den das Sterben wohl nicht drckt.

Dort hat er seine Memoiren geschrieben. Da kam es ihm herauf aus Welle und
Mondbogen: die Welt. Man hat das Werk in viele Sprachen bersetzt. Die
Deutschen hatten das Dokument bald vergessen, wie sie Pckler versumten,
aber Ebers und Freytag wie Gebck und Bier konsumieren. Sie sind kein
weltmnnisches Volk und berauschen sich eher am barbarischen Spiegel
sentimentaler Urvergangenheit als an den Momenten ihrer Geschichte, wo
Weltwende fiel und Schicksal zwischen den Zeilen der Passion gewittrig sich
ballte. Dem Geist der Kriegervereine und Kaiser-Geburtstagsfeiern ist
Denken und Zusammenhang eine Pest. Sie haben auch Casanova als Erotiker
abgetan, der doch ein geistvolles Zentrum der Welt war, und, nur wissend,
wie sehr aus den primitiven, das heit den erotischen Wurzeln Menschen,
Vlker und Schicksale sich entscheiden, sein Weltbild wachsen lie vom
Phallischen in den Geist. Sein Ausma ist riesiger wie das des Deutschen.
Den hat die Vorsehung nie so fessellos gepackt wie den, der als Besitzer
des Alphabetes sich Marquis de Seintgalt nannte. Der Deutsche hat als
Offizier eine Kaste, einen Ausschnitt. Von da aus erlebte er, von da aus
schlug ihn die Welt. Den Venetianer aber wirft das Schicksal an jeden
Strand und an jede Hlle. Er erfhrt Hheres, aber auch jede Tiefe des
Daseins. Sein Fall ist furchtbarer, sein Aufstieg illuminanter. Der ganz
groe Schicksalsausschlag fehlt dem Deutschen. So fehlt auch seinem Ende
die groe Tragik Casanovas, der, wie der Prinz von Ligne sagt, zahnlos und
alt, ein Spott der Domestiken ward, ein Hrchen in Venedig aushielt und an
jenem Petrolfeuer sich zurckerinnernd fabelhafter Erlebniswrfe, wie
glhender keinem Menschen vor ihm sie gelangen, den Prunk und die Grazie
und die Weisheit seiner Memoiren schrieb. Dies ist Schicksal.

Es hatte ihn ganz umgeschmissen, aber er griff um so hher hinauf. Der
Deutsche blieb in der Mittellage. Nicht so malos reprsentativ wie
Seintgalt. Aber, endlich auf das Ma seines Anspruchs gebracht: wundervolle
Haut, abgeschpft von seiner Zeit. Er wollte nichts, aber die Zeit bewies
sich gerade darum in ihm. Sein Kampf vom Augenblick an, wo er ins
Brgerliche desertierte, ist nicht Tragdie, sondern Marsch in die Spirale,
ins Enge und ins Unwesentliche. Nur blieb er auch hierbei seinem Blut treu,
schrieb den Deutschen in ihre minderwertige Memoirenliteratur ein Oeuvre
erster Form und blieb zwischen Hndlern und Spieern ein Funke greren
Lichts. Es fehlte dies und dies und dies zu Gre. Er hatte die europische
Einstellung. Aber nicht den Charakter. Er hatte die Sehnsucht dumpf danach.
Aber nicht die unerbittliche Richtung. Htte er an Revolutionen geglaubt,
er htte ganz richtig von den Franken sie erwartet, denn die Unfhigkeit
der Deutschen gerade hierzu kannte er deutlicher wie ein anderer. Aber er
htte sie des Glanzes und der freiheitlichen Geste halber nur von dieser
Seite gewnscht und nicht gedacht, da wohl die Explosion vom Westen, der
Geist aber vom Osten kommen knne. Dahinaus war er verschlossen. Nicht aus
Leichtsinn. Eher aus Courtoisie. Aber im ganzen darum: man war noch nicht
so weit. Einem Panter, einer Antilope gleich, die nicht wissen, wo
Hottentottisches gegen Suaheli sich grenzt, glitt sein Geistiges durch
europischen Bezirk. Es blieb, an Terrain und geringes Feld der Zune
gebunden, nichts anderes spter als in Melancholie oder Verachtung zu
krepieren. Es hat das letzte an sich genommen und einen tapferen Kampf mit
den Stben gefhrt. Das Meer mit den Schiffen unter Le Havre wird ihn
erlsend, wird Befreiung gewesen sein. Sein Zirkel kreist nicht gerade die
Senkrechte einer Zeit ab, und um Polhhe zu schweifen war in Wirklichkeit
nicht lange seine Mission. In ihm, dem von allen Leidenschaften und
Talenten der Epoche Gefllten, luft das unterirdische Sehnsuchtsstrmen
der Vereinigung und Weite, das alle groen Herzen getrieben hat und in dem
seine Zeit ihn aufweist, lssig und richtungslos wie eine Glaskugel, die
ihr Strahl hebt und senkt. Mehr wollte sie damals nicht. Die spielerische
Grazie hat ihr wohl gengt. Ein Pedant mchte nur verurteilen, wo die
Wichtigkeit allein im Anschauen besteht.




9. Der Reisende


Es wre Lsterung, nicht sofort auf das Bild und den Namen des Mannes zu
stoen, der schon frh hier unerreichbare Erfllung war. Ungekannt von den
Deutschen, verschollen seine Bcher, vergessener noch mehr sein
menschliches Bild, das in der Zeit, die Menschen braucht wie keine, wichtig
und bedeutsam ist. Es mu gewagt sein, seine Erscheinung in einer Laune,
die so gro war, da nur er sie wagen konnte, sein Bild in einem gebogenen
Glas zu geben: Auf einer europischen Landstrae rollt ein Wagen,
himmelblau ausgeschlagen, mit goldenen Quasten, riesigen Spiegelscheiben.
Ein Windspiel auf dem Teppich innen als einzigen Gast. Hinten auf dem Bock
ein blonder Jger, vorn auf dem Bock der Herr. Er ist schlank, vornehm, in
seiner Haltung ist Zartes gemischt mit groer Energie. Er trgt
Nankinghosen und Lackschuhe. Die Stirn ist ungewhnlich. Sein dunkles Haar
fllt aus einem tunesischen Fes. Er schaut nachlssig mit einer Lorgnette
in den Wald. Den Hals bedeckt ein bunter Kaschmirschal. Erste Hlfte des
neunzehnten Jahrhunderts. Dies ist Frst Pckler-Muskau, der grte
deutsche Reisende. Er ist der europischste Charakter. Er steht dicht neben
Casanova in der unerhrten Urbanitt der Gesinnung. Wie der Venetianer
stets Italiener, bleibt er immer typisch deutsch. Seine moralische
Einstellung kommt nicht aus dekadentem Hirn, sondern aus dem Temperament.
Aristokrat der Gesinnung und Haltung, ist sein Kosmopolitismus rein aus dem
Geist. Er reist, als Reisen Gefahr ist und Frage der Persnlichkeit, nicht
Nuance des Kapitals. Er wird Kaleidoskop seiner Zeit. Seine Schilderung
Karlsbads gliedert das gesellschaftliche Jahrhundert. Seine Lebenskurve ist
sehr weit gespannt. In der Nhe Abessyniens ist seine Geste dieselbe wie am
Berliner Hof. Ein franzsischer Autor sucht ihn zu erledigen, indem er aus
seinen Bchern die Mens zusammenstellt. Zwischen einer Anekdote und einem
inbrnstig erlebten Sonnenaufgang lchelt ihn der Frst zu Tod. Er hat
eigene Orthographie, die pittoresk ist. Sein Buch ber Parks ist die grte
Form. Er scheidet sich von der geliebten Frau, um in England reich zu
heiraten, verwirft den Plan, lebt geschieden mit ihr weiter. Er fhrt unter
betubendem Donner von Fregatten- und Linienschiffen im Hafen Alexandrias
ein, wo er sich mit Mehemed Ali befreundet, dessen Werk, wre es gelungen,
eine Revolution der Historie geworden wre. Auf afrikanischer Erde das
erste Glas trinkt er auf seine Frau. Er ist zart, gesund und anmaend. War
Rittmeister in der Garde, in russischem Dienst, Gouverneur von Brgge. Die
Literaturgeschichten Deutschlands lieben ihn ahnungslos zu zerreien. Bei
Louis Philippe geladen, kommt er zu spt, die Knigin nimmt gleich seinen
Arm, er lobt die Kche, redet von Politik. Er dringt nach den Nilquellen
vor, weiter wie je ein Europer. Kamele tragen seine Weine. Lwen fallen
die Karawane an, in der Frauen und Knaben seiner Wahl mitreisen. Einer
sagenhaften Stadt nachfahrend, ihr gegenber erkrankt er. Im Zelt von
Blitzen umjagt, liest er zum zehnten mal Voltaires Candide fhrt dann auf
dem mit Affen und Vgeln beladenen Boot aus dem Sudan zurck. Sein Wissen
ist profund. Seine wissenschaftliche Rolle bedeutend. Gesinnung, Pikantes,
Muskelhaftes spielen wundervoll ineinander. Sein Stil oft dichterisch,
seine Erlebnisflche unerhrt, sein Aspekt stets von weltmnnischer
Objektivitt . . . . . wer htte solchem Zueinanderkommen von so viel Glck
und solcher Beherrschung hnliches entgegenzusetzen?

Zumal unter Deutschen. Wer versteht den tieferen Sinn des Weltdurchlaufens
von ihnen? Reisen heit: Gesamtwillen haben, Spannung besitzen, eine
Persnlichkeit sein, die zentripedal den groen Radius zu _Urteil_
zusammenzieht. Wer hat unter den Deutschen die Geste, die
Selbstverstndlichkeit, die innere Voraussetzung, bei solch innerer
Zerrissenheit der Kultur die Welt beschauen zu knnen? Wer ist so stark,
von so ungefestigtem Boden her, gegen das Totalste treten zu wollen, das
uns sichtbar gegeben ward: die Erde? Sie, die sich sphinxhaft verhllt, zu
entschleiern, aufzubrechen, auf Leib und Brust ihr loszugehen, ihr Rtsel
schlielich aufzulsen und zu groem Ausdruck zu gestalten . . . . . welche
Aufgabe?

ndern sich die Voraussetzungen des Reisens, so ndert sich auch die
Psychologie. Frher riskierte der Schweifende sekndlich den Leib. Spter
ging es nur um eine Diarrhe in Honkong, ein Fieber in Kapstadt. Frher war
der Reiz unerhrt und bedrckend. Nun geht es mehr um das Urteil. Frher
kam es an aufs Entdecken, aufs Whlen in Unbekanntem. Heute schaut man,
Reisen wird Politik des Geistes.

Aus welchem Herzen kam frher der Drang in die Welt? Gelehrte,
Verzweifelte, Abenteurer waren die Heroen. Groe Exploiteure brechen in
Afrika ein. Gordon legt Eisen um den Sudan. Gessi, Baker, kmpfen dort.
Emin Pascha liegt im Krankenbett zu Bagomoio, whrend sein Retter Stanley
auf der Somali, gefolgt von einer ganzen Flotte, europischem Ruhm
entgegendampft. Livingstone, der Schwede Andersson treffen den See Ngami,
durch die Wste, durch Betschuanen sich durchschlagend. Rane, Franklin
stoen nach den Polen vor. Schreiben sie, ist es bezaubernde Sachlichkeit.
Ihnen ist die Gebrde fern, die heut Helden zu Feuilletonisten ihrer Tat
erniedrigt. Sie schreiben lediglich sich und ihrem Gewissen einen Bericht.
Der Chevalier Chardin reist segelnd ber Smyrna vor einigen hundert Jahren
als Juwelenhndler nach Persien. Im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts
sendet die franzsische Akademie Bouguer nach Peru, um die Erdgrade unter
der Mittellinie auszumessen. Mit dem britischen Gesandten durchquert John
Barrow Esqu. China 1793. Die spanischen Dreieinigkeitsmnche brauchten
rzte in Tunis. So kam Herr Grager nach Afrika. Da die Revolution sein Herz
degoutiert, wandert De la Tocnaye zu Fu durch Irland und Skandinavien. Aus
Tbingen bricht der Chemie- und Kruterwissenschafts-Lehrer Gmelius auf und
bereist Sibirien auf das Ersuchen der russischen Regierung. 1788 kommt
Philipp Ticknesse nach Frankreich und Katalonien. Ein Proze hat dem
Weltmann die Rente gekrzt. Er reist um zu sparen.

Diese Leute schrieben ohne Ehrgeiz, sahen, schilderten glubig. Ihre
Mission war getan. Das Buch war ihnen das sekundre. Ihre Aufgabe war
anderswohin orientiert.

Das Bild der Erde ordnete sich, vervielfachte sein Einzelnes, kam in
genaues Ma. Nun Reisende befuhren sie auf Bahnen und Schiffen, um sie zu
beschreiben. Sie repetierten Geschildertes in die Unertrglichkeit des
tausendsten Falles. Sie dilettierten mit geschmacklosen Impressionen.
Brgerliche Herzen reflektierten den Strahl der Welt zu grauenhafter
Uniformitt. Das Mechanische ist leicht geworden. Niemals begriff der
Reisende aber, der fuhr aus Reichtum, aus Genu, aus Langeweile, da das
Geistige sich malos komplizierte. Gelehrte sind phantasielos, wo der Stoff
sich nicht selbst betont. Dichter und Knstler fahren, geben dieser Gegend
jenen Reiz ihrer Anschauung, dieser die Leuchtkraft ihres Stils. Da nichts
zu entdecken mehr, bleibt die Sensation der individuellen Darstellung.
Solch Geschaffenes kann schn sein, aber fr das Allgemeine ist es ohne
Wichtigkeit. Es bleibt im sthetischen wie bei Kellermann. Im brgerlichen
Impressionimus wie bei Hesse, Bonsels. Der groe Auftrieb fehlt. Es gengt
nicht. Es wird dichterisch in manchem Hhepunkt vielleicht wichtig als
Gestaltung, wie bei Loti, Brun und Suars. Dies zielt aber in anderes
Gebiet. Hier entsteht Dichtung. Aber die vielgestufte Erde wird damit nicht
umfat.

Es bedarf der Persnlichkeit. berlegenheit des Temperamentes ist die erste
Forderung dieser imaginren Figur. Seine Stirn bleibt stets oberhalb der
betubend in Flle ihn umschwankenden Erde. Sein Auge dichterisch, seine
Phantasie leicht gezgelt, sein Herz voll Gesinnung . . . . . erlesenes
Zusammenspiel. Er kann schreiben, aber dies ist ihm nur Durchgang. Er
schaut, er durchlebt, er bersieht. Am Hebelwerk von Zivilisation und
Kultur erblickt er den ewigen Ausgleich der Welt mit der Triebkraft der
Elemente. Er geht durch das Schne, das ihn berauscht, hinunter zu den
schpferischen Quellen humaner Existenz. Im Wirbel der Nationen erkennt er
das Endgltige und legt das Einzelne danach aus. Mensch zu sein als oberste
Pflicht, gerecht zu sein mit Hrte als Bedingung . . . . wie entschlt bei
solcher Haltung sich das Dasein zu ungeahntem Zusammenhang. Wie kreist die
Flle, blendet der bunte Umschwung, gebiert sich das Rtsel. Er ist Dichter
und Gelehrter, er ist ein Kerl und Geliebter, voll Schmutz und voll
Inbrunst. Ihm geht nichts, was erhebt und erniedrigt, ab . . . welche
Mischung. Er sieht durch den Gegenstand durch auf den Sinn. Ihm kommen die
Zusammenhnge entgegen. Darum schildert er nicht. Er hat glhendere
Leidenschaft. Er sieht, und das bedeutet ihm Abschtzung. Er urteilt. Er
reist . . . . und das heit -- um endlich die Spitze zu treffen -- er ist
politisch. Weltmann, Genieender und Forderer . . . . diesen Politischen
Sinn hat unter den Deutschen nur der frstliche Muskauer gehabt. Aus der
Totalitt seines innerlich kultivierten Herzens vermochte er die Erde zu
beurteilen und sich gleichzeitig an ihr zu berauschen. Er konnte es damals
schon, als er in unbekannte Territorien stie. Denn er war ein Mensch, der
sich rund wute. Der seine Verantwortungen kannte und somit die
Verantwortungen der Schicksale, der Erde sah. Nur das Bild des innerlich
geformten, in Gesinnung erglhten Menschen spiegelt die ganze Form der
Schpfung wieder. Die fremde Erde, die wunderbaren Grten der Inseln und
entlegenen Lnder und die Betriebsamkeit ihrer Stdte und Vlker fallen und
steigen vor solchem Blick nach dem Rhythmus der menschlich gerichteten
Gesetze. Er sieht und urteilt. Was er entschlt, ist der Mensch. Ist sein
Bild gut, wird auch das Antlitz der zerrissenen Erde heiter und schn sein.
Weiter hat alles andere keinen Sinn.




10. Datterich (Dialekt-Tragik)


      Ich setze diese (zu seiner Skular) geschriebene
      Zeilen hierher, um Niebergalls Andenken zu retten.
      In seiner Heimat streiten Pastoren und Pollissons,
      ob er als versoffene Unke oder gleisnerisch und im
      Gehrock sehr frh die Jagdgrnde vertauscht habe.
      Seine Tragik ist aber, da diesen Schaffer des
      strksten Dialektgeballs zehn Stunden hinter seiner
      Vaterstadt kein Mensch und keine Rbe mehr
      versteht. Er wollte das grte und hat (immerfort)
      das kleinste Publikum. So deutsch schrieb kaum
      je einer, es ward aber (den anderen) chinesisch. Er
      war ein armer Kerl, vor dessen Werk die Zeit
      ihre Ironie exerzierte. Er soll im Angedenken nicht
      verloren gehen.


Kann etwas leichter sein, als mittags, das Gesicht gegen den Himmel
schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hngt das Glasdach eines
Atelier. Kann etwas leichter sein, als da Mrzgewitter klingend
darberspielen, Hagel auf dem Dach sich zerhaut, der aus dem Imaginren
kommt und mit einem Mal ganz nahe wie ein Tier in wtendem Bndel gegen das
Gesicht strzt. Aber das Glas schwebt ihm entgegen, leicht und glnzend,
und das Eis zerknackt sich an ihm mit klirrendem Anprall. Es lautet, als
beie der Hagel sich toll die Zhne aus und unser Gesicht liegt lchelnd
darunter. Gewitterschlge schwingen und stehen berall in der Luft.
Regenbogen laufen ber das Kristall des Atelier, einer Blase von Glas gegen
die se Wut der Gewitter aufgebeult und mit einem Male dann wieder lichter
Ballon und breiter Schmetterling in seidiger Sonne schwimmend, von
strahlendem Himmel gehalten. O Leben unserer beiden hessischen jungen
Dichter, das diesen Tagen glich wie ein Tanz einem andern und jeder kurze
Rausch den ungeheuren Ruschen dieses Seins. Georg Bchner, erster und
liebster der Darmstdter Dichter, dessen Kunst ein zuckendes Tremolo von
Faustschlgen war ber einem schlanken Stck Jugend, und der aus der
fabelhaften Explosion seines vierundzwanzigsten Jahres wie ein
metaphysisches Projektil in rasende Unendlichkeiten geschleudert wurde. Und
dann, Genosse seiner Stadt und Zeit, trunkener Bruder seines malosen
Suchens, stiller und sehafter Mensch, Ernst Elias Niebergall, Hauslehrer
und Theologe, immer gefllte, nie zerplatzende Petarde im sonntglichen
Raum der kleinen Stadt, aber immer geschwellt und ewige Drohung, auf einem
schmalen gezunten Steg Leben lavierend, manchmal von Ruschen
berschaukelt, taumelnd durch Wein und Brgertum, und im achtundzwanzigsten
Jahre sanft hinausgeschoben ber die breite Drftigkeit des Lebens, das mit
groteskem Schweigen und wahnsinniger Komik gefllt war bis zum obersten
Rand. In Darmstadt heien sie solche, die mit neidisch-verkrampften Fingern
gierig und bebend nach dem Glas haschen, ehe es noch die Tischkante
berhrt, deren Hnde tanzen den ganzen Tag vor zitternder Sehnsucht und die
sich erst beruhigen im Griff des Rmers, solcher Leute Zustand heien sie
Datterich. Ernst Elias Niebergall hat seine verschwiegene Tragik, seinen
unheimlichen Humor, in ein Stck hineingeschrieben, dessen Mittelpunkt,
Helden und Partikulier er Datterich nannte. So heit auch das Stck, das zu
herrlich war, als da man es ber hundert Jahre htte vergessen knnen. Es
kann sein, da man das Stck sieht fnfmal, fnfmal in vier Wochen, es kann
sein, da das Falsett begeisterungsfhiger Weiber in Lerchentnen
schluchzt, das Herz mu folgen, denselben Takt, denselben Takt.

Hier schwankt das brgerliche Leben in jeder Breite voll Tollheit, Drre,
klebend, aber wundervoll in allen Gngen bewegt gleich einem rasch
durchhauenen Ameisenbau in der Vielheit der Gestalten hin und her. Luft vom
Anfang vorigen Jahrhunderts, dick und bleischwer, weht mit Figuren belebt,
die taumeln. Niemand kennt mehr diese Butzenscheiben und guten Stuben und
blankgefegten Dielen der Kneipen, die das Geschehen der Dinge, diese
Menschen einschlieen. berall hier kmpfen Auenseiter des Brgerlichen
den uralten Kampf ihrer ewigen Legion gegen die starre Barrikade der
kleinen Stadt. Typen, Typen, Typen . . . es ist unsglich, Saft, Blut,
aufspritzende Kraft, trunkenstes Sein . . . das Leben ist zu rund, ist zu
massiv, als da es tten knnte. Wie Geigenstriche rennen die Streiche der
Kneipenhocker ber die biedere Physiognomie der Stadt. Ihre Sprache hat
eine Gedrngtheit von lapidarem Humor, ihre Geste hat das Groteske des
Tragischen, ihre Hose die Sehaftigkeit der langen Nchte und des gering
gebliebenen Horizonts. Aber in der nichts Weites und Glhendes gewohnten
drftigen Enge ihrer Seelen und Gesichte heult mit dunkler Ewigkeit die
klingende Fronde. In ihren Herzen vagabundiert die Endlosigkeit der Welt,
whrend sie skaten und saufen. Ihre Lge ist Geistigkeit, ihre Kehlen, die
strotzend voll Musik liegen wie die Buche der Bageigen, legen jedes Wort
hin wie einen Stein, so fest, und fassen alle Sachen ihres gewhnlichen
Lebens in Worte von ungewhnlichster Gewalt. All ihre Anstrengungen
scheinen nur Kmpfe gegen Kellnerinnen, Schuster, Vorste gegen Beamte,
Metzger, Barone, aber im tieferen Grunde ist es gegen die unerhrt schne
Borniertheit des schlechthin Brgerlichen der Anprall der heien Welle der
Phantasie. Zwischen den groen Fugen liegen die kleinen Entreakte von
Liebeslauten gelispelter Derbheit, Duelle der Drechsler, Politik im
Mikrokosmos des Weindorfs, nchtliche Parke und Philomelen, von bourgoisen
Blicken gestreichelt, bourgoisen Rahmen eingeordnet und doch in einem
tollen Wirbel darberhinaus sich hngend wie schwere Goldreinettes ber
Landschaftswegen. Manchmal aber fllt alles in einen bacchantischen Strudel
des Geschehens, der Rede, der mitlebenden Szene. Worte fallen, platzen.
Gesten explodieren, die gefesselte Seele des Stcks entzndet sich ber die
Enge des spieerischen Raumes hinaus, brennt immanent dem Milieu, strahlt
von innen, glht, johlt, die Szene biegt sich wie unter dem Gestampf eines
schweiig ringenden Paares, die Bhne birst vor der Kraft und steht am Ende
dampfend da und erledigt von der Wucht des Gewesenen.

Durch den unermelichen Strudel in Emotion gebrachter und glhender
brgerlicher Weltatome aber schwingt sich wie ein Sommermond schn,
tragisch, toll und hundsfttisch die Figur des Datterich. Er hlt gleich
einer berlegen parodierenden Gerechtigkeit die sechs Bilder des Stcks in
seinen Hnden, doch sie werden seinem Gleichgewicht zu schwer und ziehen
ihn nach der Seite und lassen ihn eine Weile in hellen Zirkusrdern
hinrollen, bis er in einer Minute neuer Balance in eine groe Pose
zurckfllt. Am Ende schlgt sich das Stck mit allen Agierenden in einem
bunten und prachtvollen Rad noch einmal vor ihm auf und er hlt Abrechnung
mit der Welt, den Kopf in den Nacken gelegt, die Hand leis bewegt von oben
nach unten. Er ist berlegen in allem Angeborenen und vom Blut Bedingten,
himmlischer Gegenpol des Stdtischen, Verschwisterten, Engzusammengebauten,
siegreich, glnzend, allein. Kurz darauf aber jagt ihn am letzten Horizont
des Stcks die harte Realitt eines Futritts aus der Bahn. So schwenkt
auch hier in einer hheren Bedeutung der tolle Kreislauf des Lebens den
Helden in einer entzckenden Miniatur aus dem Hochgefhl in die Beschmung,
denn es ist gut und recht so, da ein Wechsel sei.

Datterich ist alles, was das Leben schn macht: er ist Romantik, ist
geistvoll, ein Schwein, verkommen, voll boshafter Lyrik und pragmatischen
Sentiments, Filou, brennend vor Unternehmen, ein Hund, voll Ehre bis unter
den Fingernagel, ohne Geld und das Leben wie auf einem Karussell
mitfahrend, auf dem Gelage, Wind und Abenteuer ist. Seine Gestalt erscheint
komisch und heldisch, aber unethisch am Ende, weil sie alles hat, nur nicht
das letzte und trbste Requisit des Nichts-Als-Brgerlichen: Gte aus
Sentimentalitt. Durch das Transparent von Spieigkeit und feineren Weinen
ist er ein Fenster auf die tragische Narrheit des Lebens, das leichter und
klger scheint wie das der Bouffons des Briten und vor allem -- viel zu
massiv als da es tten knnte.

Schneidet man ein Filet von gutem Ochsen, rasch auf heiestem Rost
gebraten, blank auf, luft der Fleischsaft hellrot heraus. Das ist die
Sprache des Stcks, Dialekt, Darmstdtischer, stumpfer, modulationsloser
wie der des Elsa, mehr in allen Kapriolen der A und O aufsteigend und
fallend, nicht schillernd, unmusikalisch, aber schwielig und breit und
ungeheuer spieisch, derbblutig, doch ohne Elan. Und wie das klingt . . .
und drber hinaus, wie die Drhte laufen vom Lokalen zum letzten Seelischen
und vom Dialekthaften pltzlich ins bitter Schmerzende und um alles
schlielich Funken der groen Fahrt aufsprhen in der rasenden Bewegtheit,
der latenten Seinsrealitt in allem Flieenden . . . wie die Stze jagen,
Schlag um Schlag, Schluche gefllt mit Drastik, Urtum, Bauernhaftigkeit
und derbem Leben . . . wie das Ganze so muskelhaft ist, da es die besten
Spieler unserer Zeit mit den redlichsten Darstellungen nicht verhunzen
knnen -- man mu das sehen, es ist mit der verzweiflungsvollsten Wucht
noch immer nicht zu sagen.

Da das Stck Lokalposse heit, ist eine Bescheidenheit, die sich nach
sechs Stzen von selbst auffrit. Denn hebt man das kriwwelnde Gehuse
tiefsten Brgertums unter eine rasche Lupe, strzt in einem jhen
Aufrauschen die Welt mit grtem Geschehen unter das Glas, und mit einer
schreckhaften Blsse erkennen wir keine Gebundenheit mehr an Zeit, Ort und
Sprache, sondern alles Zierliche und Kleine hngt mit einem Male in
ungeheueren Dimensionen mit gewaltigen Mulern schluckend und saufend an
den breiten Mutterbrsten der obersten Welt.

Ernst Elias Niebergall wurde geboren Achtzehnhundertfnfzehn und starb mit
achtundzwanzig Jahren. Neben anderem liebte er Wein. Auch war er nicht ohne
europische Gefhle.

Kann etwas leichter sein, als an Dichter denkend, mittags, das Gesicht
gegen den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hngt
das Glasdach eines Atelier. Mrzgewitter stehen wie wilde Hummeln ber dem
seidigen Blau im Horizont.




Profile





11. Theodor Dubler und die Schule der Abstrakten


Theodor Dubler ist im menschlichen Schnitt schon kosmisch geraten. Aber
seine Monumentalitt ist nicht mehr rassehaft; mit schwarzem Bart, dem
riesigen Krper und den kleinen halbmondhaften, schrgen Augen langt er
nach Asien wie sein Werk. Es geht da alles schon bers Europische hinaus.
Auch ist er der einzige, der neben Schickele weise genannt werden kann.
Seine Blutmischung ist romanisch-italienisch, die des Schickele
romanisch-frnkisch. Wir scheinen keine germanischen Geistsouverne mehr zu
haben, sind in einem Tiefstand der Rasseuerung. Wir htten sonst den
Krieg nicht angefangen und nicht verloren. In Clmenceau, in George, in
Ptain ist ein auch dem Blutfeind ins Gesicht hpfender
berlegenheitswille. Bei Jagow, Scheidemann, Hindenburg eine platte
Mittelmigkeit. Erst aus den Katastrophen wird die deutsche Seele,
wahrscheinlich spter, wenn beruhigtere Epochen uns ablsen, sternhafte
Klarheiten uern. Dubler ist eine der wenigen Figuren, die heut nicht nur
genial sind, sondern eine Gre darstellen, wie sie die berlegeneren
Franzosen mehr besitzen. Er ist ein Bruder des Francis Jammes, des in
Deutschland fast unbekannten groen Charles Louis Philippe, aber auch einer
Litaipes und der Veden. Er ist einer der von innen Leuchtenden, selbst das
Dunkle und Wirre hat den einfachen Reiz. Eigentlich ist er wohl Lyriker.
ber Kunst hat er das Schnste nicht nur, sondern auch Wesens-Tiefstes
gesagt. Als europischer Wanderer hat er noch fr Impressionisten gekmpft,
Picasso durchgesetzt, und ist erst im Kriege nach Deutschland gekommen. Man
sagt, auch ber Musik habe er Bedeutendes geuert. Lange, ehe italienische
Nationalisten damit energisch Schule propagierten, hat er futuristische
Verse geschrieben. Seine Prosa ist von groer Bedeutung fr die
Entwicklung. Sie ist wie sein Vers merkwrdig undiszipliniert, an manchen
Stellen luft sie hinter ihm her, als kmmere sie ihn nicht. Dann aber
macht er sie wie Schnee.

Das ist der geheimnisvollste Proze auf der Erde berhaupt. Im Schneien
sind alle Farben, Freuden und Abenteuerlichkeiten des Erlebens immer
vorhanden. Bauern und Gebirgler unterscheiden ihn auch nicht etwa wei,
sondern blau und rot. In Wahrheit ist das natrlich erst der Anfang, ihn zu
begreifen. So ist das Wichtigste wohl an ihm. Man mu denken, da er stark
im Sden wandre und am besten von dort aus seine Sehnsuchtsverschwisterung
mit den Sternen erreiche, und man kann nicht verfehlen, dabei von Malern
reden zu mssen, um ihn deutlich zu machen. Da ist Chagall, der ja auch im
slavischen Seelenlabyrinth die Sdlichkeit hat. Die russische Seelenbreite
hat Dubler gewi, aber es ist nur ein Bogen. Dann hat er jene Klarheit,
die schon aus dem Gefhl vom Jenseits der Gegenstnde kommt, das Klee in
guten Momenten erreicht. Jenes Nur-Wissen um Tiefe der Farben und der
Mondbewegungen. Manchmal scheint es, als laufe die ganze Epoche dort hinaus
und das dauernde Zerstren der Form lande in einer ganz abstrakten Kunst.
Mir scheint das ein bedeutsamer und enger Irrtum. Denn nur ganz wenigen und
innerlich erlauchten Personen ist es verliehen, ber die Dinge hinaus zu
sehen und die Mauer zu berblicken, hinter der das Weltgeschehen wie ein
schnes und feierliches Changieren der leuchtenden und klaren Weltkrper
vor sich geht. Dahin rechne ich nicht die italienischen Futuristen, aber
Chagall, Klee und Dubler. Die andere Kunst wird immer auf der Erde
bleiben, wo sie im Kampf mit den Gegenstnden und ihrer Vergeistigung
schwere Niederlagen und heftige Siege von fast gleicher Gre erreichen
wird. Auf das ins grammophon- und bilderbuchhafte Treiben des Dramas, das
in den Scharnieren schon knackt, geistig wohlverstanden, aber dennoch
knackt wie ein Panoptikumsaffe, wird ein wilder Hereinsturz
naturalistischer Gefhle folgen. Ihr habt's zu weit geschoben schon. Das
Negieren der Tatsachen und Ins-Blaue-Wursteln mit reinen Vorstellungen ist
eine Rterepublik von 1919. Die Bauern werden Euch mit Knppeln erschlagen.
Eine Schule der gegenstandslosen Kunst halte ich fr unmglich, aber es
wird vielleicht ein starker dekorativer Stil daraus entstehen. Die
Suggestivitt des erregenden und harmonisch-einschlingenden Weltalls werden
nur ganz wenige berirdisch schauende Knstler fertigbringen. Fast alle
abstrakten Knstler sonst wrden versagen, wenn man sie vor Aufgaben der
Stofflichkeitsbezwingung stellte, und zwar so, da ihnen nur offensichtlich
Dilettantisches und Dnnes gelnge. Das heit, ihr Zusammenbruch wre kein
radikaler und bestrzender, was ja fr sie sprche, sondern er wrde werden
wie eine Entschleierung. Nun hat aber Dubler noch etwas, nmlich auch die
kosmische Ruhe, das Idyllische und sich im Geistigen so zu-Hause-Fhlende,
als sei das seit Jahrtausenden die Ttigkeit seiner Familie. Etwas
hnliches hat Franz Marc bei uns versucht, indem er auf die groen
persischen Vorbilder kam. An geistiger Idylle haben wir ja den Schweizer
Walser. Der schreibt immer wie ein Knabe, aber nicht ohne Raffinement.
Walsers idyllische Welt hat auch Regenbogen, aber mehr im Sinne der naiven
Kinderbcher, sie ist doch in wichtigen Momenten ins andere Jahrhundert
zurckgewandt und hat brgerlich-romantisches Blut wie der Spitzweg. Seine
Abenteuerlichkeit besteht doch wesentlich darin, da er sich abseits der
Gesellschaft empfindet, er steht im Gegensatz zu ihr, aber deshalb noch
lange nicht in Ninive. Wenn die Schweiz die Welt allein wre, liee sich
diskutieren, da er ein groer Dichter des Kosmos sei. Aber wenn Dubler
erstaunt ist, ist es nicht die erzwungene Naivitt des grazisen, fast
rokokohaften Jnglings, sondern das Staunen der ersten Tiere, der Heiligen,
des Defoe und der Erdkrper selbst, wenn es wahr ist, da sie in einem
gttlichen Atem immer schaukeln. Sein Glaube an die Erde und gerade ihre
Mission und die der Menschen ist ungemein gro. Seine Prosa sagt es genau
wie die Lyrik. Interessanter, als was er sagt, ist daher immer das
Darumzitternde. Obs ein Bild oder eine Nacht ist, pltzlich geistert es.
Natrlich hat er nie Erzhlungen geschrieben oder Sachen, die vorgehn.
Hchstens, da er auf sie gleich einem Schemel steigt, um rasch da hinauf
zu kommen, wohin ihn es zieht. Seine Stze werden sofort visionr, umnebeln
sich und irren im Freien. Dabei haben sie eine Zeugungskraft in sich
selbst, die Dubler oft fast in Hoffmannsthalsche Nhe bringen, wo Lust und
Klang sich berauschen an sich selbst. Doch er gleitet immer heraus, er ist
weich und monumental, das weist ihn auch (wie die Lasker-Schler) auf den
Erdteil manchmal, der der Welt geistig nher ist als Europa, nach Asien.
Suchte man hnliches im Rein-Deutschen heut, bliebe Hans Thoma, mit guten
Altmnnersprchen und der meisterlichen Gestaltung eines Stcks Deutschtum,
das man Waldbach oder Mondschein nennen kann, das aber nicht in
Siriusakkorde einschwingt. Tief unter Dubler. Wir sind doch sehr arm, eben
weil wir, den Anschlu verloren hatten. Welche Geistriesen waren die
Ottonen, war Heinrich der Vierte und Geprfteste noch gegen diesen armen
mechanisierten Ludendorff. Dublers Sprache ist eigentlich tatschlich
Schnee. Sie setzt sich aus wenigen Flocken in ein Gestber um, Vision
opalisiert sich an Vision der Farben, fter kommt eine fabelhafte
Gebirgsgegend unter fast fremder Sonne mit donnerndem Blauhimmel. Er hat in
der Sprache keine logische Absicht mehr, sondern vielmehr den Willen, aus
ihrer ungeheuren Vielhaftigkeit immer das Sternspiel herauskommen zu
lassen, berauscht sich am Anblick und spielt damit immer weiter, bis er
rasch in Seelenzustnde wieder hineinschwingt. Dabei bekommt die verhllte
Farbskala immer einen dalmatinisch silbernen Schatten um die Kontur. Immer
neue Landschaften der Seele fallen vor den Wortvisionen auf.

Er hat da einen Antipoden und einen Freund im gleichen Bezirk, sowie einen,
der halb in seinem Ring, halb auer ihm liegt. Nmlich das sprengende
Prinzip, das hnliches erreicht, doch nicht mit Pendelschwingen eines alles
einbeziehenden Gefhlsmeeres, sondern mit einer bombenhaften
Zerschmetterung aus dem Hirn her, das ist Gottfried Benn. Er hat nur ein
ganz kleines Territorium inne gegen Dubler, ist aber neben ihm in anderem
Sinne gleich wichtig fr die in ganz ungekannte Grenzen brandende
Bedeutungsentwicklung der Prosa, die wahrlich heut fast genau so viel
ausdrcken kann wie die Lyrik. Auf Vorgnge kommt es ihm nicht an, ihn
sensationiert das Wort wie eine Metallkugel, in der ihm alles gespiegelt
ist, was er liebt, braune Haut, Weiber, Gttliches in berflle. Das
Zerebrale feuert ihm die Welt auseinander, fast um sich beiend, drckt er
aus dem Wort die letzte Schlagkraft heraus, ein dramatischer Vorgang, ein
Krampf immerhin. Sein Gesicht wird derart mit Spannung und Ladekraft
berhuft, da es ungemein angezogene Kurven erhlt. Im molluskenhaften
Urnebel Dublerscher Sprache vollzieht sich der Bennsche Vorgang wie
Kristallisieren, Eckenbekommen, geometrische Schlagkraft des
Ewigkeitsausdrucks. Die Entschlossenheit ist hnlich wie die von Heckel
oder Kirchner, wahrscheinlich aber innerlicher und neuere Gebiete
aufbrechender als die der beiden Maler. Tatschlich wird hier explodiert
und bis zum Wehtun intensiv umgedacht in gehmmerte neue Gestalt.

Genau so sicher verleugnet Franz Kafka alles, was im menschlichen Bezirk
beziehungshafte Bedeutung hat, es interessiert ihn keine Minute. Logik und
Psychologie und alles, was uns an menschliche Begrenztheit und
Abgeschlossenheit gegenber dem ther erinnern knnte, ist gar nicht mehr
da spter. Allerdings noch am Anfang, was ihn allein von den anderen
unterscheidet, denn er fngt Geschichten zu erzhlen an, Handlungen und
Hergnge wie die Dichter unserer Gromtter auch. Aber dann ist bis zum
Gefrieren erschreckend, mit welch bersinnlicher Sicherheit und Przision
sich die Sache ins Kosmische entwickelt. Grad' wie er die Linien
durchbricht, die unsere Welt von der auenliegenden absperren, ist
phnomenal. Pltzlich, wie durch Magnetisches, sind sie durch das Glas weg,
was uns einschliet, und gehorchen mit gleichen Absichten ganz anderen und
greren Gesetzen. Man denkt an Jules Vernes Vorgang der Expeditierung der
Menschen auf den Mars mittels des Fernrohrs, natrlich nur ein recht grober
Vergleich. Jedenfalls praktiziert Kafka das Wunder tatschlich ganz
natrlich in seine Vorgnge hinein, die sich auch ganz bernatrlich
auflsen. Tod, Schmerz und Lust existieren in diesen Rumen nicht mehr, da
entwickelt alles sich aus den Formen eines bergeordneten tragischen
Geschehens. Diese Form ist im Grunde natrlicher und bedeutender wie die
Meyrinks, der sein Geisterreich immer konstruiert, immer einen Fcher
aufschlgt, immer die Pose hat, da selbst der naivste Schwung bemerkt:
alleweil geht es ins Nebulose. Allerdings kommt er dann auch glatt hinein.
Natrlich ist aber Kafka ein bescheidenes Talent in der Kraft seiner
uerung, schmale Novellen und Betrachtungen machen einen recht kleinen
Kreis um Prag. Aber die Eindeutigkeit ist gewi sehr ausstrahlend.

Ebenso ist es mit Paul Adler. Diese Dichter all haben ja nicht die Absicht
und wahrscheinlich keineswegs die Gestaltungskraft, das Bild einer Epoche
und eines Volkslebens aufzubauen wie Dickens, Voltaire, Balzac, Zola. In
diesem Sinn kommen sie berhaupt nicht in Frage und knnen so gar nicht
angeschaut werden. Es fllt eher in Philosophisches statt in soziale
Strukturen, was sie erstreben, und viel mehr ins Abseitige, aber ungeheuer
erweiternde, Material, geistiges Fundament und Bedeutung Schaffendes als in
Kunst allein oder Architektur der Geistesbogen. Wenn Dubler im Nebel der
Adria einen Raben schreiend auffliegen sieht, bestrzt ihn der Ton so, da
ihm das Gefhl gibt, dies sei der erste menschliche Ton. Er schaut im
Sanskrit nach, da stimmt der Laut. Auf solchen Bgen luft hier alles; von
den ersten Ursprngen des Existierens bis in die letzten Geahntheiten der
Menschenkugel. Alle Grenzen sind durchbrochen, die eine Handlung, einen
Zeitkatafalk bauen knnten. Strzen die Dmme des hochgelegenen Festlands
ein, wird Meer Afrika, Asien, Australien, Amerika, Europa, die Pole und
alle Inseln berschwemmen. Das wird vielleicht eine Sensation ungemeinen
Grades sein. Die Sdseeflecken, Palau und Otaheiti werden wie Monde in dem
brausenden Nebel zittern, vielleicht wird eine Stadt, Moskau oder Theben,
zehn Meter unter der Oberflche silbern, die Dschungeln, der Bois de
Boulogne und der Lunapark mit dem Hradschin und Pekingzentrum auf
Mondregenbgen flackern. Es wird ein gewaltiges Ahnen groer Zusammenhnge
des Weltgeschehens da sein. In dieser Verbreiterung, die nicht Chaos ist,
sondern nur berwinden der menschlichen Gebundenheiten, vollzieht sich
diese Kunst. Bei Paul Adler sind die letzten Konsequenzen gezogen. Er hat
einen archimedischen Punkt auerhalb des Sterns gefunden. Von dort aus
setzt er sich die Erinnerung des menschlichen Gestirns neu und besser
zusammen. Raum und Zeit hebt er auf und schiebt alle Ebenen ineinander, die
sehr sauber und abgestaubt auf der reinlich-brgerlichen Erde
bereinanderstanden. Was frher dmmrig war, ist ihm das Chaos der
Gebundenheiten, Verwirrungen und Tierheiten. Daraus entwickelt er aus
Rumen mystischer Verwandlungsfhigkeit sich ins Gottsucherische hinan.
Samten und goldweich seine Sprache. Unergrndlich die glanzvoll gedmpfte
Biegung der Bilder. In Graves und Largos ergeht die Zwiesprache mit der
Schpfung und aus paradiesisch umnachtetem Raum singen Steine, reden die
Pferde. Keine Verwstung geschieht hier, nur ein Durcheinanderhufen, damit
das harmoniesuchende Menschliche tiefer steigen und hher gleiten kann.

Das ist ein entzckendes Spiel, das der Geist sich mit dem Kosmos
gestattet. Manchmal gelingt es dem einen oder anderen, mit einem Traum wie
mit einem Tritt die Erde bei Seite zu schieben, dann sieht er das Aquarium
des Geschehens in rtselhafter Schnheit. Es wird nicht ganz gelingen
vorderhand, solang der Stern noch so unvollkommen, die Menschen so
irregeleitet und die Fhrer so kleinkpfig sind, die Erde selbst zu
ignorieren. Wir anderen sind magisch an sie gebannt, mssen ihre Schmerzen
durch Bauch und Herz mitschreien, ihr Weggehen mitwandeln, die Not und das
Leid unserer Erdenjahre erdulden, mitleiden und gestalten und unser
Durchgemachtes aufbauen zu dem Monument, das, einmal an Schmerzen und
Shnen bergro geworden, den Weg uns ins Kosmische gestattet. Nicht aus
dem Spiel des Geistes kommen wir hinter die Mauer, wo Kometen laufen und
Raum und Zeit in schne Farbdunkeleien eingestrzt sind, sondern vorderhand
durch die Streiterei und das Aufunsnehmen der Welt. Wir mssen hindurch uns
bohren und knnen uns nicht, schne Verantwortungslose, hinbersehnen oder
sie bei Seite schieben in einer erstaunten Stunde. Zentaurisch sind wir am
Leib der Zeit festgewachsen. Das ist Weg und Ziel der Generationen. Das
andere ist ein Spiel von Gre, aber ein Spiel nebenan. Es ist sehr
wichtig, weil es uns unerschpfliche Neuatmungen, Aussichten, Farben,
Pollen, Fabeltiere, zeigt und zutrgt. Manchmal sehen wir, die wir uns
Tausende von Jahren noch mhen mssen, wichtiger als die anderen, wie
Dubler dann, der Genosse der groen Indier und Chinesen, von einem Baum
aus Sterne wie Uhren reguliert und berwandert ist von Monden, viel grer
geworden wie die Sterne all um ihn, spter aufstehend und wie in einem
Regen zwischen ihnen urwrts fortwandern.




12. Leonhard Frank


Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen
von dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form
gebrochen. Die Situation liegt so, da hier das Deutsche sich mit den
Realitten auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft:
Dostojewsky plus deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein
Schlosser, ein Fuballspieler, auen rechts, den beim Goalsprung die
ekstatische russische Seelenhlle berfllt. Sie hat ihren Zug durch
Deutschland schon vor Lunatscharsky und Lenin begonnen. Eigentlich werden
Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell. Ganz vom (gewhnlich jdischen)
Geist her aufgefat und weitergegeben, hat sie mancherlei Gefolgschaft.
Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen Monologen oft bezaubernder Art
gefangen. Mondn und elegant verfuhr mit ihr schon Bruno Frank, doch ist er
nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die Angelegenheit, als sie
tatschlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie wurde mit furioser
Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres geschichtet. Die Musik
der ganz reinen Wolkengeister ist immer fr den Cenakel, den ergriffenen
Schwrmer unter der Abendlampe und fr abstrakte Kaffern. Geschmetter und
Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn ihr unterwegs ein
gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fhrt. Aus der
Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fhrt erst das
elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stie Frank, noch grob
und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert
aus seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch.
Da war noch Jugendliches manchmal, aber es drngte schon Bitternis nach.
Dann griff er entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive
deutsche Beine, das heit, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich
damit. Aus der Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie
ein verstrter, im Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und
Gewiheit unfehlbar sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten
sind. Man wird einmal finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen
Dichter gegen den Krieg. Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter
beamteter Wchter durch die Pressezentralen der Generalkommandos aus der
Schweiz nach Deutschland sickerten, whlten Tausende auf. Er hat
tatschlich Furor. Man kann nicht sagen, er habe in die Sprache besondere
Akzente getragen, ins Dichterische neuen Schwung gebracht. Er war
jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrstigkeit in der Herde der
Dnnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flten sich ungemein erbosen.
Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in hllische Zucht
genommen und in die Stze Sprengstoff und klotzige Geistdurchwitterung
getrieben. Bedenklich ist nur die Intensittsgrube seiner Kraft. Da seine
Strke der Angriff ist, mu man ihn sich in Gte vorstellen. Das ist
unmglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein
Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein
gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlgt, kommt nicht aus Hingebung
und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Ha nur auf, und
ber diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht hat. Er liebt Opfer der
brgerlichen Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei
aller Flamme eine tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster
Wichtigkeit, da Erscheinungen wie Leonhard Frank existieren, und ihr Mut
wird nicht vergessen sein, wenn irrgeleitete Knaben mit neu polierten
Phrasen in neue Kriege ziehen werden. Viele Unbestochene werden an seinem
Namen einen Halt finden und werden sein Buch dem Wahnsinn vielleicht
entgegenhalten. Aber es werden auch heute Menschen da sein, die in die
tieferen Grnde sehen wollen und eine unbedingte Angst tragen, dieser
Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als Felsen
schleudern, wrde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen nicht
schonen sondern erschieen lassen. Es wre zum mindesten konsequent. Aber
es ist nicht der Wille des Schicksals, da auenseitige Fallen in das
Fleisch der ewig marschierenden Ideen schlagen.




13. Dblin und die Futuristen


Am achten Mrz an der Rampe des Theaters Chiarella war die Schlacht von
Turin. Auf hinuntergegebene Ideen folgten ebensoviele Faustschlge. Die
Futuristen gaben dreitausend Menschen ihr erstes Manifest. Es war ihre
heftige Zustimmung zu dem, womit ein Jahr frher Marinetti im Figaro die
dichterischen Programme aufwarf. Am neunundzwanzigsten Mai entwickelte
neunzehnhundertelf im Circolo Internazionale Artistico in Rom der Maler
Umberto Boccioni die Ideen des malerischen Futurismus auf breiter Basis.
Carr, Russolo, Balla, Severini schlossen sich an. Am fnften Februar
Montags neunzehnhundertzwlf stellten sie in Paris bei Bernheim-Jeune aus.
Es ist nicht unwichtig, die Daten festzuhalten. Europa war eine groe
Sensation reicher. Manche behaupten, das Moment der Zersetzung dieses
Erdstrichs habe damit begonnen. In Deutschland fand sich erst nach fnf
Jahren ein innerlicher Vertreter dieser Richtung, George Grosz, bedeutender
scheinbar wie die nationalistischen Italiener. Stichhaltig blieb nicht viel
mehr als die Mission der Zerstrung.

Vielleicht war nicht einmal das wichtig, denn im Grunde ward das alles
berschtzt. Es war ja nichts anderes als das Mosaik, mit dem die
Impressionisten noch einzeln spielten, pltzlich in einen Ventilator zu
Dutzenden gebracht und durcheinandergewirbelt. Sieht ein Genie die Welt so,
wird sie dermaen ebenfalls in allen Schnheiten strahlen, das ist sicher.
Als rein knstlerisches Schema ist es bedeutungslos. Junge Artisten, die
mit bergehung von Arbeit und Sorge gern in den groen Saal der
ffentlichkeit rasch hinein sich turnen, lassen Artikel, Satzzeichen und
Frisur weg und whnen sich Expressionisten. Es ist dieselbe Betrgerei vor
dem Geist. Die Nebenumstnde irritieren, diskreditieren. Die Zeit fegt das
rasch in ihre Eimer und fhrt es auf die cker hinaus zu Gemse, Pul und
Baum.

Die Futuristen waren nur ein Wind, der apokalyptisch zu wehen begann. An
groen Figuren sollte sich spter manches daran erfllen. Man sagt, der
Maler Pascin habe, obwohl gut gekleidet, durch die raubtierhaft aufreizende
Freiheit seiner Atmosphre auf den Boulevards harmlose Spazierer lteren
Jahres und guter Herkunft und Pfrnde in solche eigentlich grundlose
Erregung gebracht, da sie mit klirrendem Stock und bebenden Favorits vor
dem stehen blieben, der sie gar nicht sah. Auch die Futuristen gellten den
Brger auf, wie es kaum eine Revolution vermocht hatte. Denn dieser
gegenber hatte er gerade noch Angst. Die anderen aber reizten wehrlos alle
seine Instinkte bis zur reienden Wut und es mag sein, da dies symbolische
Zeitzeichen ein Gleichnis ihres Sinnes und ihrer Mission gewesen ist. Sie
sind mir persnlich trotz allem ungewhnlich sympathisch gewesen.

ber Ja oder Nein eines Stils zu streiten ist armer Unsinn. Immer wird nur
der ihn vertragen, der ihn frit und verdauen kann. Auch die Starken haben
den Appetit nach dem Geist, der sie umgibt, weil sie allein ihn vertragen
knnen. Beredet kann nur werden, ob ein Stil gelegentlich so mchtig und im
ethischen Bedrfnis der Zeitgenossen von Rang so glubig verankert ist, da
er sich zu wlben vermag: oben als Kuppel, unten als Tragflche der Zeit.
Man kann in diesem Sinn nicht von den Futuristen, die verbrecherisch sich
von der mtterlichen Erde ins Anarchische begaben, reden, wohl aber von den
Expressionisten.

Als Alfred Dblin in Deutschland die futuristischen Prinzipien voll und
ganz unterschrieb, war er zweifellos von dem Moment der Bewegung und der
nderung berzeugt, das mit einem Male durch die Welt autote. Allein es ist
nicht wichtig, eine Sache zu begreifen, sondern sie zu erleben. Zhlen die
Hillerschen Aktivisten und andere heute auf Sekunde und Woche fest, wann
dieser, wann jener schon aktiver, jener noch sthetisierender Mensch
gewesen ist . . . . wird Sandglas und Stechuhr Kontrolle fr den Gehalt
dieses oder jenes Revolutionrs, dann beginnt schon die Starre, die
Verkalkung wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Hirnschlag steht
bevor. Erkenntnisse verpflichten zu keiner letzten Bindung, kommen sie nur
aus dem Intellekt. Ich sehe manche, die heute rechnen, erbleicht vor der
ungeheuren Strke des kommenden Schicksals, sehen sie sich pltzlich vor
nderungen und Weltkonstellationen gestellt, die sie nicht erahnen und
errechnen konnten. Mathematik in der Weltbetrachtung ist viel niederer als
Glaube und Wille. Und wo die Genauigkeit ist, weilt nie die Flle. Aber die
Ehrgeizigen waren stets daran, sich am Ziele zu dnken, wenn sie beweisen
konnten, da sie es erstrebt hatten. Doch schon im Herzhlen zeigte es
sich, da sie Angst nur hatten, es mge sie einer berholen, und da sie
Kraftflle nicht in diesem Mae mehr sprten, schrieben sie ihre Daten in
Stein und kategorisierten andere Lufer, die aus dem Dunklen kamen, nach
Tag und Woche und Jahr. Die aber schauten nicht darauf.

Dblin hatte das Programm nicht probiert, als er es lobte, und wie er es
anpate, sprengte er es auseinander. Er ist einer der strksten und
bedeutungsvollsten Prosaiker heute, manchmal sogar fast monumental. Doch
das gilt nur von dem chinesischen Buch. Er war viel zu breit und zu
architektonisch, darum konnte er keine Schnitzeljagd und Konfettibattaillen
der Bilder und Ballone um sich wirbeln lassen. Ein futuristisches Wirken
ist wohl auch nur in der Lyrik recht denkbar, wo Stramm und Becher es
bewiesen. Doch brachte Becher nur eine Leistung, weil er wohl Genialisches
besitzt, das allerdings noch nicht zur Rundheit, ja fast noch nicht zum
Gedicht geschwollen. Stramm aber, einer der wenigen wahrhaft echten
Stotterer, erregte nur das Blut wie javanische Instrumente, wie Bartnze,
Niggersongs.

Als die Lappen vor unserem Wagen in Smland sangen, wurden wir auch nach
dem Eis und der Einsamkeit sehnschtig wie ausgehungerte Wlfe, obwohl ihre
Melodie uns nicht einging, aber weil die Erregung ihrer Seelen sich uns
mitteilte. So wird aus dem Futuristischen sicher nur ein interessanter
dekorativer Stil, aber man wird, wie den Jugendstil, ihn in zehn Jahren
nicht mehr ohne Wanken sehen knnen. Was an berirdischen Spektren und
Monden aber abstrakte Maler heute gestalten, wird vielleicht tragbarer sein
und lnger halten.

Dblin hat riesenhaften Respekt vor der Kunst, ist wie ein Frettchen hinter
der Psychologie her, deren man keine Spur in seinem Terrain antrifft, er
lt sich von keinem Schlagwort, keiner Begeisterung vom Kunstduft
wegdrngen. Gelobt und bestaunt, der das heute wagt, wo Achselzucken und
Denunziation dem Freien folgen. Das macht ihm einen guten Boden. In seinen
Novellen probiert er andere Dinge aus als im Roman. Dort ist er zu klug,
Experimente zu machen im Grundbau, da ihm die ganze Geschichte dann das
Genick einschlgt. Da hat er krzere Stellen vor sich, eine Mauer nur oder
ein Gestell, gewhnlich nur ein paar Menschen, die er umfassen kann. Sie
sind ihm zu naturalistisch, zu nah, er will sie in allgemeinere Luft
stellen. Das strengt ihn sehr an, liebenswrdig kann er es nicht machen.
Auch ist er nicht so dumm (weil er etwas an athletischer Statur in seiner
Schreiberei hat), den Fehler zu machen, den geisttiefe, aber muskeldnne
Juden oft probieren. Die netzen solange mit Suren an der armen
Menschgestalt, bis blo vom schnen Fleisch nur noch das Gerippe
brigbleibt. Nun, meinen sie, htten sie den wahren Menschen. Um die Ohren
sollte man den Burschen das Geknoche schlagen. Wir wollen das Fleisch, aber
in gehobeneren bersinnslsten. Dblin macht es nun so, da er das Fleisch
mit Geistinjektionen so fabelhaft durchwhlt und durchschimmert, da nur
das Gespenst (was eine andere Geschichte ist als das Skelett) entsteht. Im
Drama hat das ja der Schwede Strindberg auch fertiggebracht. Im Prosastck
ist es aber ein anderes Ding. Denn das verlangt eine Kurve, eine Folgerung,
einen Abschlu und bedankt sich dafr, pltzlich einfach sich aufzulsen,
wie ein Rauchkringel zu verschwinden und infolge einiger Doppelampullen
Ewigkeitsspritzen aus einer schnen Handlung sich geschwinde aus der
eigenen Existenz herauszudrcken. Schlielich ist Prosa keine Graphik. Was
dem mchtigen Radierer Beckmann recht ist, hat mit Herrn Dblin aus Berlin
nichts zu tun. Wo junge Literaten nur noch malerisch suseln und aus der
auffallenden Parallele der Knste instinktlos und, vom Malerischen selbst
in keiner Weise berhrt, lerchenhaft geschwtzige Hymnen ber Malerisches
anstimmen (auch ich tat es einmal, kreuziget ruhig), mu man polizeihaft
darauf schauen, da Unbefugte und Kindliche die Grenzen der Knste, das
heit ihrer Wirkungsmglichkeiten, nicht verwischen. Die Misere kommt aber
aus einer Kraft, weil Dblin nmlich, wie alle starken Handwerker und
Leidende am embarras de richesse, die Sprache nicht nur als Mittel, sondern
als Selbstzweck ansehn. Auch die groen Erotischen wollen nicht nur Kinder,
sondern spielen nchtelang mit den Frauen, und Zweck allein ist eine Fessel
fr den Geist, eine Unzucht und eine Ignoranz strafhafter Niedrigkeit vor
der Flle und Tropischkeit der Welt.

Dblin ist ein langer Maurer, er geht immer hin und her mit Steinen, Mrtel
tut er keinen dazwischen. Er setzt nur breites, viereckiges, genau
bemessenes Stck auf das gleiche. So kommt er zum Roman. Da ist tatschlich
noch Welt wie sie in naturalistischen Bchern auch besteht. Man verfhrt
Euch in kein Geschluchz hinter Tchern, in keine Askese nackter Dialoge,
wo, wie man sagt, zwischen Stoffbespannung der Geist reiner sich
entfalte. O Kulissenschieber der unreinen Zeitseele, ist das nicht eine
Frage des Polsterers oder des Dekorateurs oder Oskar Wildes, und kann der
Geist, wenn er irgendwo ist, schner sein als im vollen und weiten
Menschlichen, man mu ihn doch nicht in die Hirnwste senden. Dblin
beschreibt sogar, wird ganz real und zeichnend, wenn es auch immer Vierecke
sind. Sein Geheimnis beim Roman ist, da er eben einfach das Knstlerische
zum Menschlichen hinzutut. Nicht mehr und weniger als Rubens in seine
Fleischmassen, Lionardo in seine Gesichte, Grnewald in seine Visionen. Es
ist nmlich nichts studiert und wiedergegeben, sondern da fngt er erst an:
er denkt, er schaut, er formt es sich zurecht. Aber immer, selbst bei den
Novellen, wo die Handlung und der Mensch gern ins Unsichtbare auskneifen,
ist eine kontinuierliche Entwicklung da, ein schwerer Bogen, der die Last
der Idee nie fahren lt, sondern sie hoch und unwandelbar bis zum Ende
trgt. Da ist von Futurismus keine Spur. Der Krper der schpferischen
Kraft ist viel zu zh, als da er sich aufgbe. Er schafft sich weiter.
Einmal erreicht er auch First, Turm und Regentraufe, steckt den Dannebusch
mit Bndern an die oberste Gerststange.

Von weitem sieht das Werk dann aus wie ein riesiger Wrfel, drohend in der
Unbezwingbarkeit seiner Architektur. In der Nhe ist manches nicht so
unbedingt. Schlielich besteht das Wachstum jedes powren Grases aus Zellen,
die ein Saft, eine Leidenschaft nach Leben durchzieht. Bei Dblin ist eine
Konstruktion enormer Breite und Hhe, aber es ist, sie sei etwa aus einem
Stein, der die Eigenschaften des Eises habe. Kein Blut, kein Saft pullt
sich empor. Keine Leidenschaft whlt die Formen auf. Man ist nie abgeneigt,
groe Bewunderung sehen zu lassen, aber man sehnt sich nach den
Skisprngen, mit denen in Blutsonne und Firnschnee Schickeles eifrige und
hautse Geistigkeit in die Schufahrt geht. Selbst Franks Fanatismus hat
Hochofenglut und Fackeltempo.

Dies da ist aber wie ein Wachstum schon abgestorbener Kristalle. Es wird
mit dem Fernrohr noch originell aussehen, und manches Verblfftsein wird
sehr lange whren. Als wir, Zwanzigjhrige, von Paris nach Brssel fuhren,
um, mit allen heimatlichen und familiren Geldquellen verkracht, nach
Zeitungsverkuferzirkulation ber die groen Boulevards und
Araberstatistereien im Odeon auf der Weltausstellung als Fhrer
unermeliche Goldmnzen uns zuzuerwerben, waren wir gezwungen, im
Speisewagen beim Servieren zu helfen und, da uns die Umstnde der greren
Welt nicht unbekannt waren, wurde jene Pause und Passion des Daseins kein
Stilversto. Wie ein mchtiger Amsterdamer auf der Silberplatte den
herrlichsten Zander sah, den ihm mitteleuropische Speisewagen vor den
Blick gesplt, erhhte er einen Augenblick sich vor Erstaunen ber die
Schnheit des Biestes, aber als Kenner und eingedenk des Kommenden winkte
er ab und sprach: Visch laat een mensch als ie is. Er pflegte nur das
Frdernde zu sich zu nehmen, auch sprach er ein wenig Dialekt, aber ich
mchte nicht miverstanden sein.




14. Jdisches (Die Ehrenstein, Lasker-Schler, Brod, Meyrink)


Wer das jdische Weib kennt von der Wollust bis in den Todesschrei, hat
keine Notwendigkeit, den Geist der Rasse lange zu studieren.

Das klingt im berlegungsweg wie eine Roheit. Aber es ist eine mchtige
Lobpreisung. Es gibt im Schreibtum wie bei den Frauen die zwei Linien, von
denen eine das Ghetto durchgemacht hat, von denen die andere stolz und
aristokratisch aus Spanien ber Saloniki oder Amsterdam ins zentrale Europa
kam. Einmal gab es eine national-bernationale Poesie unermelichen
Flgelschwungs, die Bibel, die Psalmen, das hohe Lied. Im Ghetto ging diese
Unmittelbarkeit verloren, da schliffen in den Judengassen die Stdte,
Feudalen und Bourgois den Asiaten so die Leber, da ihnen nichts andres
brig blieb als Verteidigungs-Parade wie eine dolchscharfe Kultivierung des
Hirns. An dieser bung zehrt, krankt und jubelt die ganze jdische
Dichtung, die, ob sie deutsch, polnisch, russisch sich coiffiert, im
Boulevardrock, in Talmudlocken doch immer international und asiatisch ist.
Das ist wie ihre Diaspora wohl auch ihre Mission, so sehr Erwerbs- und
Konjunkturbeflissene, sowie einige in den Stand der Bourgeois bergegangene
im Krieg sich germanisch maskierten, keltisch fluchten oder jingoisch die
Zhne bleckten. Das ist Rampenkomdie. Im Blut rollt unerbittlich, golden
und von den Jahrtausenden gefeiert der Rhythmus des Roten Meeres und des
Jordans und der Tempel Jerusalems.

Gott warf das Volk hinaus, damit es den groben Teig der stumpfen und
westlichen Vlker durchsure, es aufpeitsche, vermittle, Mrtyrer sei fr
die groen Ideen und die neuen Gewitter der geistigen und knstlerischen
Spannungen, aber er gab ihnen auch die wundervollste Tragik: nie vergessen
zu knnen, da sie aus schner Heimat zum schweren Dienst nur ausgesandt
seien, in Wahrheit aber die Sehnsucht nach der Rckkehr und der eigenen
Bestimmung nie verlren und einmal wohl besttigt sehen wrden. Die groen
Rabbiner des Ostens fanden, als sie gegen die rabbinitische Dogmatik
kmpften, in die Schlichtheit des Herzens zurckkehrend, wieder Klnge von
der Reinheit der davidischen Snge. Baalschem hat eine in wundervollen
quellklaren Ekstasen Gott erreichende Stimme. Als Werfel zu singen begann,
war man erstaunt, in ihm die Anstze manchmal einer Hymnik zu finden, die
unbeschwert und hell war. Doch sie dauerte nicht lange. Der grte Rufer zu
dem Goldton hin ist heut Martin Buber, der die junge jdische Generation zu
einer Selbstbesinnung berzeugt. Ihm ist Palstina nicht so wichtig wie das
Bewutsein der palstinensischen Idee. Schler von ihm haben sich an
Hlderlin verschenkt, aber sie ertrinken in ihm. Das alles sind Kmpfe
gegen ein tragisches Schicksal. Nur die Lasker-Schler, auf Mondsicheln
fahrend, ist frei. Sie ist die bedeutendste Dichterin des jdischen Volkes
seit Jahrhunderten. Weib und Geist der Rasse sammeln sich unmittelbar in
ihr, fast ber der Erde. Asien ist mchtig aufgewacht. Sie steht dicht
neben dem hohen Lied, keine irdische Passion, die sie hemmt. Wahrscheinlich
ist sie durch einen Irrtum einige tausend Jahre zu spt in die
Krperlichkeit geraten. Sie hat das Blutfunkeln, was auch Planetengeleucht
sein kann, und der Geruch ihrer Gedichte und ihrer Prosa ist von den
dumpfen und schnen Uranfngen der Menschheit. Sie trgt frei und kniglich
das, worum die anderen unten sehr verzweifelt streiten. Manchmal scheint
es, sie lchle ber diese Bemhung.

Das andere ist verhirnt. Doch darf man diesen Zustand nicht mit
Europischem verwechseln, wo es vertrocknet, unschpferisch, pedantisch,
lehrhaft klingt und den Kunstfunken schon bei der Geburt kastriert. Bei den
Juden ist das Hirn in die geistigen Zeugungsorgane gerutscht. Vielleicht
auch stieg das Sperma in das Hirn, es ist anatomisch nicht zu erklren.
Jedenfalls ergab sich aus der Ghettozeit her eine Vereinigung. Das rein
Gescheite kann nunmehr so sehr beflgelt werden, da es Wolkenhhe nehmen
und Blumenduft erreichen kann. Manchmal reitet das Hirn zrtliche Menuetts,
oft ist es auch in galanten Situationen. Es hat seine straffe Begrenzung
ausgezeichnet erweitert. Was an Vorrat bei einem von uns Goijims nur ein
mittelmiger Aufsatz oder eine berzeugungstafel wrde, kann sich zu
dichterischer Glosse und gut geformter Novelle hier steigern. Sie haben
eben Handikap, und als wir mit Macht und Gewalt jahrhundertelang sie
striezten und dumm und breit verlachten, wuchs ihr Hirn und ihr Instinkt
ein paar Jahrhunderte und viele Kilometer uns voraus. Stets hat der Geist
sich gegen die Brutalitt gewehrt und gercht mit Sieg. Schreit
alldeutscher Pressepbel heut hepp hepp gegen jdische Entrepreneure,
vermchte ihr teutonischer Gott, selbst mit Stierhelm und Wolfsgurt
herabsteigend, sie leider nicht davon zu berzeugen, da, wer dem
verkannten Knstler, dem genialen Projekt, dem extravaganten
Gedankenjongleur zh, mit unbedingtem Glauben und materiellem Einsatz
jahrelang die Treue hielt, auch spter Lohn dafr ernten drfe. Es gibt fr
alles Neue die ersten Jahre ja nur jdisches Publikum. Sie opfern sich
schon fr den von ihnen sofort erkannten Gehalt, whrend die protzigen
Kimbern sich noch vor Lachen ber die Verrcktheit ihre fetten Wnste
schlagen. Auch ich bin, als ich zum erstenmal bei anderen die Sachlage
erkannte, von Wodan zu Jehova bergegangen. In gewissen Fllen, mit einigen
Vorbehalten, aber mit der besten berzeugung.

Als unter dem groen Pderasten und Savoyer Eugen man mit Kreuzfahnen noch
gegen Belgrad und weie Halbmonde zog, starrte Wien als Bollwerk des
Abendlandes gegen den zngelnden Orient. Heut haben Asiaten die Kanonen
herumgeworfen, und die Praterstadt ist die Schleuse, aus der Asien
unabnderlich in uns sich ergiet. In diesem Boden, wo es quirlt von
Zukunft und Rasse, und wo slavisch-sdlicher Kulturboden ganz nah ist, hat
das Jdische sich glnzend entfaltet. (In Norddeutschland hat nur Kerr
einen freien Blutstil des Essaiistischen gefunden und Hillers
Intellektualismus zieht einen rassig hirn-expressionistischen Stil herauf
(den er aber nicht haben will). Arnold Zweig, Heymann, auch Sternheim und
tausend andere haben das rein jdische Bewutsein nicht so bewahrt oder es
brgerlich, politisch oder literarisch gemischt.) Der bedeutendste Snger
seines Leids an der berbewutheit ist dort Ehrenstein. Manchmal reit er
sich zu Gesngen auf, die fast klassisch in ihrer schmerzlichen Khle
werden. Seine Verzweiflung wird oft kosmisch, eine teuflische Hilaritas,
ein Veitstanz aus dem wienerischen Geklgel ins Transzendente, Gelchter
mit Geheul drin. Kinder, es weint sich ein Beschnittener ins Himmelreich.
Die Welt ist ber ihm als eine Wand, darum sucht er sie einzuschlagen, zu
anarchisieren. Keine groen Worte schttet er auf seine Pistole. Er geht
spazieren an Wirtshausschildern, da wei er alles, was ihn qult. Er sieht
da Arme, Reiche, an allem fhlt er begeistert, was ihn reit. Er zumt das
Zerebrale bis in die barocke Phantasie hinauf, aber auch in den
exotischsten Reichen, in spinneten Zustnden reit er nur die Ironie bitter
in sie hinein. Sein Kampf ist karnevalisch-grotesk und erhaben im Pathos
wie ein Stck alten Stils. Wenn auch die Erkenntnis des Intellekts ihn
immer wieder befreit, lt sie den Juden immer weiter schinden in der
Entsetzlichkeit der Realitt. Es gab einmal eine analytische Malergruppe,
die nur grau malten. hnlich schon, wie er schreibt, aber er hat Geniales,
whrend die anderen spekulative Lapins waren. Das ist der Unterschied. Aber
in diesem kleinen Zerschlagenen und Aufgebumten hat die jdische
Intellektdichtung ihre heroisch-depressive Hhen Ein Zwerg hadert mit
sophokleischen Worten vom Sinai gegen Gott, aber dieser schaut nicht nach
dem Buckligen. Drumherum stehen Weltwendegewitter.

Ehrenstein kam aus Wien, wo die Psychologen im Zerspalten immer gro waren.
Auf tschechischem Kampfboden schlug die Einstellung etwas verndert aus.
brigens ist auch von da Galizien nicht mehr weit, wo die Hemmungslosigkeit
wohnen soll, und es gab und gibt viele, die Not und Eigenart der jdischen
Seele aufzeichnen, ihre Landschaftslosigkeit, ihre Heimatlichkeit in
Jordanideen, ihre Efeuzhe, das Angeschmiegte an jede Staude, und doch im
Herz der unsplitterbare Glaube an die eigene Berufenheit. Scholem Alechem
und noch dichterischer Micha bin Gorion. Aber sie sind Schauende, Gebende,
Willige. Mehr zeigen die Gepreten, die von der Tragik selbst Gehobenen,
die Exponenten des Zustandes. Die Prager gaben es bald auf, zu zerfasern
und Betrachtungen durch Zerlegung ihres inneren Wesens vorzunehmen. Sie
waren glubig und hatten gleich ihr Ziel hoch im Ethischen aufgepflanzt und
machten sich entschieden gegen hchste Klarheiten hin auf. Das besserte ihr
Niveau ganz erstaunlich, und man dachte gar nicht so sehr an ihre
Machtflle, sondern an ihre Absicht und ber die Klugheit, die fast glatt
und sicher so sehr wute, was not tat und was sie wollte.

Die Vordergrunderscheinung ist Max Brod und der medizinisch einwandfreieste
Fall. Wren Unruh oder Frank so gescheit, es zerschnitte ihnen mit vielen
Messern jeden Arbeitsblock. Bei Brod schleift es und treibt es voran. Je
unheimlicher das Kluge Gott zu suchen scheint, um so nher kommt es ihm
scheinbar, ja es findet bei Tycho de Brahe sogar einen philosophischen
Kunstgriff, ihn zu erreichen. Baalschem sandte wie einen Atemkringel den
Kreis der Glubigkeit aufwrts, und bald stand der um den Jehova gespannt.
Brod erreicht ihn im Tennisduble. Es wird ein Kombinationsspiel.
Netzspieler und Driveschlger ergnzen sich zum dreifach eingesackten Satz.
Der bewute Schaffer und der pltzlich eintretend Berufene erspielen die
Lsung, den HERRN zu erreichen. In Haag nennt man das Swanze. In
Marseille sagt man im Theater: Une blague. Am Hafen: Un canard.

Da das mit Anstand, immer dichterisch, oft sehr langweilig, aber im Grunde
mit der letzten hingebenden Haltung, die das Talent ausgibt, gemacht ist,
darber diskutiert man nicht. Aber diese Feststellung ist ungengend. Es
kommt auf die Ausgiebigkeit an. Auf die Trommel der Brust, die Penetranz
des Tons. Man kann es nicht ganz als offene Karte hinnehmen, wenn zufllig,
weil es fast gleich aussieht, Gehirnwrze statt Unmittelbarkeit und
vornehmste Klugheit als Geist auftreten. Man wird sie entwirren.

Man schiet Brod wie Hirsche beim Wechseln ab.

Nach _einer_ Wiese geht seine Sehnsucht besonders absonderlich, aber es ist
sehr schwer fr ihn hineinzukommen. Das ist das bersinnliche. Er rennt,
wenn er sich unbeobachtet glaubt, immer davor auf und ab, und sieht man ihn
aus der Ferne, schaut es aus, obwohl gar nichts Hemmendes da ist, er renne
wie ein Zimmerfalter gegen Glas. Es gibt da etwas, was ihn hemmt, was er
nicht sieht. Aber da die Bewutheit bis in die hchste Kultur bei ihm
verfeinert ist, wei er es wohl, was hemmt, und es bedrckt ihn.

Durch nahe Schleier sieht er die wundervolle Weite der jdischen Mystik,
die oft donnernder ist von Gottes Nahen als die katholische, und er mchte
gern in ihr sein wie die Rabbiner, die Propheten, mchte auch das Gras
essen des Rabbi Nachmann, und des Sirach. Aber ach, der Eingang ist ihm
unsichtbar versperrt. Nun hat er aber den heilgen Berg in manchem Traum auf
raffiniertesten Zirkeln seiner Seelenwege erschlichen, darum probiert er
jede Finte, mit dem Geweih, mit den Tnen, duckt sich, macht sich
unsichtbar, umschmckt sich mit Laub, da er Bumen gleiche.

Ehern ist ihm der Eingang gesperrt.

Einmal scheint es, er habe es erreicht. Doch ist es eine Spiegelung
gewesen. Je schwerer es wird, um so zher wird er es versuchen. Es wird
noch lange so gehn.

Aber es gibt keinen Weg ins bersinnliche, weil es im Herzen selbst ist.
Und wo die Einfachheit der Blutkanle fehlt, kommt keine berlegene
Geistigkeit hinein. Sein Schleichen um die paradiesische Wiese ist ein
Zirkulieren um sich selbst. Er hat gezeigt, da man Gott erleben kann auch
aus dem Hirn. Er hat es gewiesen auf die edelste Weise. Auch Karl May wrde
auf seine Art es nicht unversucht lassen, dies Gleiche uns ebenfalls zu
klren. Schon in dem Augenblick, wo nur der Gedanke auftaucht, er wolle ins
Unsinnliche, liegt schon eine Welt zwischen ihm und dem Ziel. Wo er
versucht, das Mystische zu beschwren, indem er auf die Wiese wechselt,
springt ihm das eigene Hirn ins Gesicht und macht ihn blind.

Ich habe bei Hagenbeck in Beasts and Men ersehen, da er glaube, in den
Smpfen Afrikas wrden ohne Zweifel noch Dinosauren leben. Krzlich las ich
in der Times, bei Port Elizabeth im Kongo htte Herr Levage ein Vieh
angeschossen, das einen Rssel und zwei Nashrner hatte, vorne die Beine
des Gauls, hinten zwiegespaltene Hufe und zwischen den Schultern schalige
Wlste. Es werden dies, wie ich, auf dem Lande, in York, Chester, Norfolk,
im Lincoln Wold, in Kingston, in Hornby, Australien, Neuzeeland, im
schottischen Wigtown, in Haidarabad, im kanadischen Athabaska, am
Missinaibi-River, im Betschuanaland, in Somerset, in Kent, viele einfache
Menschen, Bauern, Neger, Kinder, lesen und glauben. Sie werden Gott nher
sein wie Max Brod, indem er ihn am heftigsten beschwrt. Ich zweifle nicht,
eine solche Sache wrde den Prager sehr reizen, aber er in phantastischem
Intellekt oder in logischer Ausschweifung daran verderben. Ich glaube, er
wrde das Tier theleologisch erklren und auch der Tatsache des Wunders
einen tieferen Sinn und eine humane Notwendigkeit verleihen. Das gute Tier
bei Port Elizabeth aber frit und liegt in der Sonne afrikanischer Wollust,
leckt sich den Bauch und verdaut. Ich mu dies bei aller Liebe und
Bewunderung zu so feiner Zchtung des Hirns hinzufgen.

Aber der Zeitgeist liebt Rderschlagen. Der Nichtjude Meyrink geht auf der
Wiese spazieren. Er ist tatschlich darauf anwesend und geht mit
Selbstverstndlichkeit in den jdisch-mythologischen Bezirken sogar. Ihm
ist dagegen sehr unwohl drauen im Lebenskalkl. Als der Krieg ausbrach,
beschlo er sogar, als er mit dem Marktnetz, um Gemse zu kaufen, nach
Mnchen hineinfuhr, in eine Bank einzutreten. Doch halfen ihm die pltzlich
einsetzenden Brsenhaussen seiner Bcher darber hinweg. Ist er jedoch aus
dem Erd-Gedrckten ins bersinnliche gekommen, hebt sich ihm Tatkraft und
Kopf, er wird gleich in Vollwichs erscheinen. Buber wird schmerzlich
lcheln und diese Prosa als Schndung des Gttlichen empfinden. Darber
hat, da es ums Heiligste geht, wohl der feinste Jude nur das richtige
Urteil.

Meyrink ist der bedeutsamste Groteskendichter (weil symbolisch) unserer
Zeit. Er konnte frher fast allein berweltliche Atmosphre gestalten.
Gewi war sie oft von auen her gekommen, aber schlielich drang sie doch
in die Zimmer. Es ist etwas an Unerlstheit schon daran, wie bei Kubin, wo
zwar die Gesichte manchmal tadellos durch die Bewutseinsketten strzen,
aber meist doch eine literarische Vorstellung bleibt. Auch mache ich das
Kreuz vor den Erfolgsbchern. Man befat sich nicht literarischen Erwerbs
halber jhrlich mit der Abfassung eines Buches um die letzten Dinge.
Dennoch ist er schwer verkannt. Sein Wesentliches wird effektiv lange
whren, wenn auch die Signale und Symbole, die er um sein Starnberger Haus
gesteckt hat, mit manchen Winden nach der Zugspitze flattern werden. Aber
aus Kolportage, Bordell und heiliger Handlung richten sich gleich
Fahnenspitzen die Dinge immer ins Gespenstige und das Entscheidende tritt
ein, da es hieraus genau so sicher ins Symbolische geht. Also ist Gre
oft nicht fern. Auch ist die Sprache oft von dichterisch gezhmter Kraft.
Manchmal kommt er von Kubin bis Ensor und zu Munch. Und das Jdische mit
mittelalterlicher Ghettoverdichtung, mit Angst, die Berufung verlieren, die
Ewigkeitsverbindung bers Leben hinaus, den Hineinbruch des Todes in die
Lebensebene als eine Parallele . . ., das sammelt sich hier in einer
Hellsicht, die vielleicht gartenlaubisch gefhlt ist, aber die Atmosphre
hat, den Proze, die Faust und das Gelste. Und selbst die Fanatiker, die
jeden, der in Deutschland mit Auflagen die Kaffeehausziffer berschreitet
und Erfolg hat, als Karrieremann und Miesnick so lange verbrllen, bis sie
das gleiche erreicht haben und verchtlich nach hinten schauend lcheln
ber die zurckgebliebenen Radikalen, auch jene Hanswurste der falschen
Entschlossenheit werden zugeben, da ihm eine Reinheit des Gefhls sehr oft
nicht fehle, die an eine schnere und bersinnlichere Welt ein aromatisches
und gutes Erinnern trge.

So wandelt er, vielleicht kitschig aber sicher, auf den mystischen
hebrischen Wiesen. Es hat den Fnfzigjhrigen verwundert, als die
Antisemitischen ihm die Fenster einwarfen. Unten schaukelten seine
Segelboote, oben las er im aufgeschlagenen Fachblatt: Wenige unseres Klubs
werden wissen, da unser Ruderobmann Meyrink auch ein bekannter
Schriftsteller ist. Aber wie Groes kann aus jdischer Dichtung kommen
(schon Werfel zeigt es), wenn sie vom Hirn einmal wieder losgelst ist und
mit Meyrinkscher Geschlossenheit auf den Wiesen geht. Buber wird Wege
wissen, wie dies zu erreichen sei. Wahrscheinlich wird die Zeit es noch
umfassender verstehen. Umsonst ist das internationale Band durch die
Palstinensische Invasion nicht um die Vlker der Erde geschlungen.




15. Sternheim


Er hat die Zeitzusammenhnge am tiefsten und erbittertsten begriffen,
schlielich ist er tatschlich schier ein Komplex von Profetie. Er deckte
auf, ri Hllen weg, geielte und spottete wie keiner. Ehrgeizig gab er
sich selbst den Namen des Neuen Moliere. Damit man ihn gut begreife, machte
er die Sprache zu Latein, wundervoll glatt wie ein Tnzerinnenleib aus
Lodz, gespannt und schmal wie ein Negerbogen von Fungurume, elegant wie ein
Zebrafell, totsicher in der Fhrung der Linie wie Gulbransson oder der
Fjord bei Tvervik. Noch interessanter wie seine Stcke spielen seine
Prosanovellen in der Arena. Eine doppelte Bhne ist gebaut, bereinander.
Unten geht vor sich im Detail und peinlich genau gezeichnet der Lebenslauf
eines Kriminalen, einer Kchin, einer Ladnerin. Oben marschieren in ihren
Krperhllen (scheints), ebenfalls aber schemenhaft, imperatorisch
aufgeblasen, dantehaft, hlderlinisch verzckt ihre Gefhle. Zwischen den
beiden Bhnen ist ein Brett. Spter wird um das Groteske zu nehmen, eine
Vereinigung ntig. Der himmlische Ausgleich soll bewiesen werden. Da von
unten die Kocherls nicht von selbst nach oben flammen, die Schutzleute sich
nicht aus eigener Kraft aufsalutieren knnen, da Bewegung des Irdischen
unten mit der himmlischen oben noch auseinanderklappt wie Kinobewegung und
begleitende Musik, wird ein Apparat zugezogen. Schleier fallen, Scharniere
kreischen, Nietungen krachen, ein Looping the Loop tritt in Ttigkeit, die
guten kleinen Kerle kommen in die Schleife und sausen mit Motorgepuff,
Vergaserradau in die dritte Kurve und die obere Seeligkeit. Einige riefen
Herrn Sternheim auf die Bhne, da es ihnen schien, er habe die Regie
verantwortlich gezeichnet. Un Dupe schrie ein verkleideter Heiliger, der
von Gethsemane gekommen, und die neue parsifalische Verheiligung der
niederen Menschen besichtigen wollte, verlie seine Loge und fuhr, auf
franziskanische Schablone eingestellt, nach Kopenhagen, um den Minister und
Gesandten der franzsischen Republik Herrn Paul Claudel, der immer noch
nicht gegen den Versailler Vertrag protestiert hat, aber ein groer
Glubiger sein soll, zu besuchen. Es war dem Wanderer bitter um das Herz
geworden, denn er gab Geist und Knnen leicht und billig hin in einer Zeit,
wo, wie er vernommen, es auf Gesinnung mehr ankam und auf Bekennertum wie
auf das brige.

Doch tat er Sternheim Unrecht, indem er ihn fr einen Buffone ansah und das
Geknirsch der Maschinerie fr die Taktiken eines Rotuschers hielt oder
irgend eines Brouillon. Die Untersttzungen durch die Mechanik waren nicht
die Taten eines Bswilligen, sondern die Handlungen eines Verzweifelten,
der die Gesinnung riesenhaft in sich sprte, aber nicht Muskel genug besa,
ihren Aufforderungen ganz zu gengen. Prokrusteisch eingespannt in Mu und
Nicht-ganz-knnen zog er es vor, mit den Mitteln der Geistmaschine
nachzuhelfen. Auch die Kreuzfahrer hatten sie verwandt, als sie die Mauern
brachen, die die Predigt nicht strzte.

Ja, als einige Zweifelnde, eine ffentliche dconfiture witternd, die
Kulissen erstrmten, fanden sie einen Flei und eine Bemhung, die sie fast
erschtterte. Die Ideen waren zwar in der zweiten Bhnenetage nicht mehr
vorhanden, denn sie traten nur auf, solange unten die kleinen Existenzen im
Parterre agierten, und waren nur solange bereit, diese in sich aufzunehmen,
damit sie aus der Existenz bersinnlicher Marionetten oder weltlicher
Schatten in eine einmalige und ganze Realitt sich schlssen. Denn dann
erst knnte allen deutlich bewiesen werden, wie sowohl Welttragik, wie
Kunst, wie Herr Sternheim sich aus dem blen Fall, da alles in dem Dasein
zweihaft sei, herauszge und Gut und Bs, Gro und Klein, Gerecht und
Unglck, zwischen die sich immer Tragdie klammert, zu einem unirdisch
schnen Lebenssymbol sich verbnde. Sie untersuchten genau. Aber ach, sie
fanden nichts, was gegen Sternheim sprche. Die Auswahl seiner Puppen war
glnzend, er beherrschte das Weltbild, er kannte die Drhte, die Schliche,
die Leidenschaften und Fehler seiner Zeit und des Menschen berhaupt wie
kaum je einer. Die Knige, die Dirnen, die Mnner, die Generle, die
Niederen waren geordnet und gestaffelt wie der Geist es verlangte. Das
Spiel war auf bestes Gelingen angelegt im Sinne der grten Dramatiker, die
diese Erde berwandert. Sogar zur Untersttzung waren den Figuren die
Linien groen Geschehens in die glatten erlebnislosen Hnde hineingemalt.

Sie muten sich achselzuckend und verlegen entfernen. An der souvernen
Fhrung und Einsicht, auch am besten Glauben des Autors war nicht zu
zweifeln. Auch der Herr aus Gethsemane hatte geirrt und eine Verwechselung
vorgenommen zwischen der Einsicht des Dichters und seinem Knnen. Denn der
Apparat war ihm schon profanierend. Ritt er jetzt nach Kopenhagen, ritt er,
wie die Damen vor hundert Jahren,  califourchon.

Das Malheur ist eingetreten, da ein Dichter hier zwar fast allein in einer
Epoche frh kapiert hat, da die Zeitlge gezchtigt werden mu bis aufs
Skelett, damit dahinter eine neue Menschlichkeit vorgewiesen werden kann,
da einem neben der klaren Einsicht der genialste Kopf fr Instinkt
verliehen wurde, eine eigene neue Sprachform ihm zufiel, und da dies alles
aber nur bis zu viereinhalb Metern und nicht bis zum fnften gengte. Es
fehlte Fhigkeit, umzuschmeien, Kraft der Erschtterung, Schmi ins Blut.
Es blieb bei den Nerven. Man war abgestoen oder entzckt, jedenfalls voll
unbeschrnkter Bewunderung. Keiner wird es lieben. Niemand, was selbst
vollkommenste Werke verursachen knnen, wird Schrei oder Weinen fhlen. Man
wird sie auch nicht hassen, hchstens beschimpfen.

Einer zog aus, den Stein der Kalifen zu suchen, aber als er ihn fand, war
seine Hand zu klein, ihn zu heben. Jedoch auch da er ihn nur fand und nach
allen Richtungen drehte, ist im menschlichen Umkreis ein unvergeliches
Verdienst. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit und Unfehlbarkeit Sternheim
die Touren der Drehung nun vornimmt. Das Thema bleibt klein umschrieben, an
einen geringen Kreis, an die Erde immer gebannt. Er versucht auch nicht
titanisch ihn zu recken, mllert nicht, auch schwedische Gymnastik liegt
ihm fern. Er bringt Hebebalken und Dampfdruckpressen, so kommt er manchmal
etwas hher. Jedenfalls wei der Autor immer, was ntig ist, wohin es mu.
Er wei es so genau, da, wenn seine geliebten Marionetten am Horizont
hinziehen und sie als typische Anonyme, als Kleine, Bagatellen der Zeit
erscheinen, ihre Kulmination ausgezeichnet verluft. An den Schnren und
Drhten menschlich vorgeschriebener, preuischer oder beamteter Existenz,
zwischen Standesanschauung und gesellschaftlicher Verpflichtung luft solch
ein Dasein bis zur Schleife, wo das passiert, was keinem erspart bleibt. Da
kommt Tod, Schmerz oder Umwurf oder irgend eine andere Maskerade des
Tragischen daher. Das ist der brennende Moment. Nun kommts auf den
Entschlu der Seele an, auf ihre Luterung. Sternheim hat allein kapiert,
da hier der Schwerpunkt aller Kunst in unserer Zeit liegt. Nmlich zu 1:
da die Zeitlichkeit geschildert und dargestellt werde statt in
phantastischen Zirkeln allein zu laufen und da z. B. im Moment des
tragischen Blitzschlags die Luterung der Subjekte zu der seeligen
Allgemeinmenschlichkeit vor sich gehe. Versteht sich wohl, natrlich und
aus den Subjekten pflanzenhaft herausgewachsen.

Aber der Teufel fgte es, da gerade an diesem Moment der Stein zu gro,
die Hand zu klein war fr den mchtigen Intellekt. Da aber strzt sich, um
zu retten, was mglich, Sternheim selbst in seine Figuren. Nun bewohnt
nicht mehr das Schicksal den Busen der Bonne, sondern Herr Sternheim singt
aus ihr das allgemeine Lied der Schpfung und der Gttlichkeit. Nun ruft
nicht aus der Pflichtgebrde des Schutzmanns eine sanfte Stimme von Aufgehn
in der Kosmischkeit, sondern wie Ktchen Paulus an der Mongolfiere,
durchfhrt an ihn geklammert Sternheims scharfes Sprechorgan die
Ballonkurve zur Ewigkeit. Im springenden Moment aufklafft der Knax. Der
Sprung ist nicht zu bersehen. Einmal nur gelangs ihn zu verdecken. Doch
diese Novelle ist von seiner Frau.

Vielleicht liegt mancher hervorragender Erscheinungen Sinn wesentlich in
der Befruchtung, und ein reifrundes Werk htte nur wieder einen Einzelblock
in unseren Kulturweiher geschmissen. Wo aber Reste blieben, sammelt sich
bald eine Armee. Hofmannsthal hat seine Generation gelehrt, auf
Zwischenfarben zu sehen, geheimnisvolle Musik aus den Worten zu schlrfen.
Wilde zeigte, wie apart es sei, da Apfelschimmel Isabellaschnauzen htten.
Es pate wohl in ihre Zeit. Wo die Erdachse heier sich luft an unteren
Gewittern, sind schon strkere Programme ntig. Fhrend ist Sternheim dabei
ohne Zweifel an der Spitze. Auch hat er nebenbei nach Keyserling den
klassischsten Stil im Deutschen, so barock er ihn aufzumt und so grotesk
er ihn verfhrt. Es ist ein Stil. Weltgefhl kommt hinzu, ergnzend zum
dasigen Elend tut er die rosaschne Ewigkeitsgebrde nach dem Loch ins
Jenseits. In seiner Ironie ist wirklich auch Liebe zum Bessern, in der
Anklage Wissen um neue Gebiete, der Ha ist oft berschrieene Verzweiflung.

Wie der Trke den Hund fat er sein Lieblingsinstrument, den Brger, nur
mit der linken Hand an, das bringt die entzckende Schiefe in seine
geistige Haltung. Wie einen Kinderdobsch jagt er ihn an der Treibschnur das
Parkett der Gesellschaftsstruktur hinauf und dann decrescendo, worauf
unfehlbar ein ethischer Trger schlicht in seinem Prunk am Ende erscheint.
Und er kennt seine Welt. Verbeugungen, Ihr ahnungslosen Nichtse der
Gesellschaftsschilderung, vor diesem Knner! Nicht nur den knabbernden
kleinen Bourgeois hat er unterm Mikroskop, den groen auch. Die Welt ist
aus Waschkche und schlecht gelftetem Doppelbett nicht allein gemacht, das
brgerliche Zeitalter hat auch seine luxurisen Idioten. Nur die Symbole,
die Richtungen, die Sehnschte sind die gleichen bei Kriegervereinsprolet
und kapitalbuntem Landrat.

Oben steigen die einfach geschlemmten Mahlzeiten ins Raffinierte. Was da
Kalbsbraten mit Gurkensalat, kann sehr wohl bald sein Artischockensoe aus
Milch, und Eier in Zitronensaft. In der Provence speist man Trffeln,
Wachteln, Bordeaux, Ortolane. Sternheim schreibt es nicht, denn er kennt
nur die Brler und Pariser Kche. Ich fge Terrine de Nrac und Pte de
Toulouse hinzu. Auch Kaffee mit gestoenem Kandis und Wein in
Lackledergefen. Da unten fangen die Frauen schon an, vergoldete
Augenbrauen zu tragen. Jasminessenzen steigen in die Nase. Ein tolles
Leben. Die schnen Saffias tanzen mit den Buchen . . . .

Napoleonisch reitet Sternheim die Parade ab seiner Welt, lt dann alles
sich bis auf die Unterhosen entkleiden, da kommen trotz der ausgesuchten
Laster bemerkenswerte und ignominse Dinge zum Vorschein. Er vermeidet es,
keine bis auf die Hoden zu verspotten. Auch lt er die Stdte der Menschen
mit Spiegeln aushngen, das verdreifacht den entsetzlichen Effekt. Man darf
nicht eins oder das andere seiner Kommandos anfassen, sie sind oft dnn und
zerbrechen. Im ganzen hat er eine bestaunbare Strategie bewiesen, Kapital
und Arbeit, Soziales und Gesellschaft gegenberstellt, jedes nicht zu
treffen vergessen, aber da geschoben, wo es nach vorne ging. Dann hat er
wie der beste Mann de l'ancienne Roche sich nicht festgelegt, sondern den
guten und idealen Menschen allen vorgeschildert. Aristokratisch letzthin im
Prinzip wie Heinrich Mann auch und, wie sein stilistischer Bruder Cicero in
seinem Buch ber den Staat, gleichfalls die Meinung geuert, nur die
weisesten und edelsten Mnner sollten den Staat regieren. Mag er selbst
mauscheln, bleibt ihm irgendwo das heigeliebte Ideal, die Flamme. Zwar
etwas mager geraten und nicht gut von Statur zu Pferde, aber in
ausgezeichnetem Trab und mit glnzender Fechtkunst schlgt er sich durch
Barbarei und Dummheit, oft fast an ihr vor Wut krepierend, kreuzritterhaft
mittenmang: en l'honneur de Dieu et de Notre Dame. Das ist wohl seine
allgemeine Lage.

Aber vergessen darf nicht werden, da das Instrument klein ist. Die
Variationslinie war von reizvollster Krausheit, aber doch nur ein
umfabarer Kreis an Radius. Bongr malgr ein genialer Knner mit Krcken.
Aber da alles bis in die Satzzeichen und Gotteinstellung tadellos und von
Spannkraft, ist die Wirkung auf breitere Flche geronnen. Selbst Kaiser und
Heinrich Mann gingen in das Garn dieser skeletthaft geschmeidigen Prosa.
Alles wird gepackt und durchstoen. Immer wieder wird krampfhaft und eifrig
mit Jgerpfeifen und Balzen das Menschliche durchs Transparent der Leiber
und Krpfe hindurch hervorgelockt. Diese Bemhung ist so konsequent, da
sie nicht echolos bleiben kann. Auch der Versager mu Anerkennung sich
erzwingen. Auch hat die Linie der Prosa eine hypnotische Wirkung. Wie in
Rilkes leicht fabaren Rhythmus verfingen die jungen Leute sich an sein
rasch lernbares Diktat.

Doch auch das genialste Rezept ist nur gut fr seinen Koch. Die Sternheim
degengesenkt und schweigend vor Respekt anhrten, selbst wenn er ihnen zum
Kotzen zuwider war, begannen leicht zu schwindeln, als diese Drachen am
Himmel zu steigen begannen. Es schien, es sei die Sonne und das Blau aus
ihm vergangen. Jugend, Dampf der Kuhfladen und cker, Einfltiges und
Wildheit sei vor solch eisiger Diszipliniertheit, solch pinguinischer
Leidenschaft und greisenhafter Athletik davongegangen. Die Bsche selbst
begannen zu weinen, da es ihnen dmmerte, nun kme Le Ntreische Zeit
wieder und die Natur werde gleich den Pferdeschwnzen von neuem kupiert. Es
wrde ein erstaunliches Ghnen geben, htte je dieser Stil die Gartenlauben
erreicht. Doch die Imitation hat natrlich keine Frucht.

Wohl aber kommt das Beste aus Sternheims leidenschaftlicher Kraft des
Ausscheidens. Nicht deshalb sind seine Stze sehnenhaft, weil sie dnn
gedacht wren, sondern weil er gleich Sherlock Holmes seine
Produktionszellen bewacht, die mit der Funktion ausgezeichneter Nieren nur
das Geschiedene durchlassen. Das Oberflchliche hat er am radikalsten
verjagt. Er hat am intensivsten aufs rein Wesentliche den intellektuellen
Stil beschrnkt, und was kritische Kpfe von der Ovalform Rudolf Presbers
ihm als Telegrammstil vor die Fe warfen, war nichts anderes, als das
operative Messer, das als Zeitstil die musisch gewellten Leibchen des
Kronprinzendichters unkeusch lftete und in den Boreas hing.

Auch verfhrte Sternheim sehr zur Sachlichkeit, was nicht unwichtig ist.
Begrenzt ist es natrlich, geht er vor gegen das Ekstatische. Man liebt ja
seine eigenen Fehler gemeinhin so wenig wie die Tugenden seiner Feinde.
Doch gilt es nicht eine subjektive Norm hinzustellen, sondern blo Klares
und Unklares abzuwgen, um zu harmonischem Urteil zu kommen. Es ist etwas
infantil, sein Temperament als Ma fr die Welt zu projizieren. Das ist
vielleicht Politik, aber nicht Urteil. Ist eventuell erklrlich, aber
keineswegs gerecht. Vielleicht ist es in manchen Fllen sogar klug, aber es
ist nicht das Bestimmende. Darauf aber kommt allein es an. Auch ist
wichtig, da er allzuvielen Ekstatisierern immerhin ein khl lchelndes
Gegengewicht bietet. Auch auf die Balance kommt es an. Eine Sternheimschule
als fhrende Literaturrichtung Deutschlands wrde keine menschliche, ja
nicht einmal eine literarische Angelegenheit, es wrde eine rein
stilistische. Wir htten die ledernste Akademie.

Der Autor ist auch selbst nicht einseitig in dem Werk selbst. Schwingt sein
Reck doch selbst zwischen zwei Regionen, der irdischen und der
paradiesischen. Allerdings hat er nicht genug Wade und Hfte, um ganz
hinberzuschwingen. Jedoch ist keinem seine Richtung unklar: da es ihn aus
dem Boshaften und Harten immer ins Weiche und Unendliche verlangt, jenem
Georg dem Vierten nicht unhnlich, der nicht allein ein herber Knig der
englischen Menschheit, sondern auch ein Liebling an Grten und groer
Blumenamateur gewesen war.




16. Heinrich Mann


Ein glnzender Blitz fhrt durch Europa vom Sden herauf ber Venedig,
Genf, Mnchen, Paris, Stockholm. In den Stdten ist grenzenlose Blue.
Landschaft mit schwebenden Grten. Meer glht, See oder Flu bis in
uferlose Berauschung. Die Luft ist erregend, im Blut nur zu verstehen und
auszutragen. In der deutschen Achse steht Heinrich Mann, nicht umsonst ist
die Leopoldstrae die schnste Gerade Deutschlands, nicht umsonst fllt auf
die Dcher der Theatinerstrae schon italienischer Himmel. In Frankreich
htten sie Mann gefeiert, die Rmer htten ihm gehuldigt. Bis in sein
fnftes Jahrzehnt haben ihn die Deutschen geschmht. Er hatte Hohn nur auf
die Bourgeoisie und empfing die Quittung. Auch haben seine Bcher einen
Stil nach konzentrierter einsamer Gre, da man, allein an Plumpuddings
und Gelees gewhnt, die breite Schrfe nicht begriff. Was an ihm schon ins
Europische wollte, hielten sie fr franzsisch. Sie hatten nicht ganz
unrecht. Er war wie eine Brcke aus dem Sumpf in die hellen Orchester einer
jungen Generation, aber auch der Schwebebalken, den die absterbende groe
romanisch-demokratische Kultur tief in die deutsche Ratlosigkeit
hinbersenkte.

Als Rembrandt, Poussin, Bernini starben, stand das Sptbarock den groen
Meistern schon ohne Verstndnis gegenber. Wieland hhnte, als Bodmer sich
an seinen Zpfen erhing. Auch Heine hatte nicht viel brig fr die
Romantik, die wiederum an den Klassikern nur Gefhle der Abneigung empfing.
Seltsam, da aber in der Zeit widerstrebender kleiner Kmpfe die groen
bergangsbegabungen gleichzeitig die Riesen waren und, noch halb verwirrt
und oft ziellos nur im Instinkt, schon nach dem griffen, was der kommenden
Generation als einzig sicheres, klares Bild vorschwamm. Wedekind,
Strindberg, Heinrich Mann wurden pltzlich aus der Einsamkeit der
nachnaturalistischen Zeit zu Mittelpunkten erhht. Man kann ruhig auch Kerr
hinzufgen. Es scheint heute, sie htten die breiteren Achseln gehabt,
whrend die Generation heut sehniger, aber schmler ist. Bei den
Schauspielern ist's das gleiche. Bassermann, Steinrck, Wegener spielten
den Kitsch ihrer Zeit, aber wen setzt die geisthafte junge
Schauspielerschaft ihnen an Blutflle, Erdkraft und Gewalt der Wirkung
gegenber? Heinrich Mann hatte vor drei Jahren die Liebe der Jugend, es ist
mglich, da es sich ndert. Sie erkannte an ihm im Instinkt den Kmpfer
gegen Seitheriges und den angestrengten Arbeiter nach gemeielter Form, den
Erhalter des Dichterischen in der Prosa, als vogelweidhaft aufgeputzte
Brger und Beamte diese in ihre niederen Betten fhrten. Auch war sein
Wuchs zu deutlich, sein Oeuvre das einzig Reprsentative in der neuen
geistigen Haltung und Politik (wenn auch lange nicht so geschlossen wie das
des Grafen Eduard Keyserling, doch um vieles sicher mchtiger im Knnen).
Das Ausma dieses lange Alleinigen zog den Respekt an. Er war unter dem
Ansturm einer ihn begeifernden Zeit sehr breit geraten. Auch die Griechen
liebten die Eckpfeiler der Sulentempel ein Sechzehntel dicker zu nehmen
wie die der Kolonnen, da, wie Vitruv sagt, die Ungeheuerlichkeit der
Luftmasse sie dauernder attackiere wie die anderen, und sie nicht, wie die
inneren Rohre der Sphinx, aneinandergelehnt und gesichert stnden.

So entwickelte sich die Sache, doch ist die historische Form des Anfassens
genau wie ihre Wahrheit wahrlich nicht de saison. Wie die Jungen Mann
holten, werden sie ihn wieder abstoen. Die Entwicklungen haben lange
gezgert und sich dann berstrzt. Dem deutschen Publikum waren es lange
Anaglyphen, was er edel und unentwegt forderte. In absolutistischer Zeit
stritt er fr Demokratie. Als der Zustand erreicht war und man seine
Bedeutung pltzlich erkannte, war die Seele der Jugend weiter gerutscht und
versuchte nicht mehr in Parlamenten und der Mehrzahl vlkischen Wollens
Gottes Finger an unserm Geschick zu erkennen. Die Distanzen werden sich
vergrern, er wird tatschlich zwischen den Generationen stehen als ein
Knner, der einzige Romancier Balzacschen Sinnes, ein groer Diener und
Bewltiger der Idee einer imaginren Gerechtigkeit auf der Erde.
Wahrscheinlich werden sogar die fr Gestaltung unzugnglichen
Literaturgeschichten nach uns dies de rigeur annehmen. Ich habe keine Lust,
perpendikulr zu kommen. Aber es wre mglich, da durch eine
Flankenbewegung in noch spterer Zeit Mann wieder Anschlu bekme.

Denn die ganz ins Linke geflogene jngere Generation knnte aus dem
Versagen der Revolutionen sich zu einem souvernen Skeptizismus erheben,
der wohl Bessern aufs Panier setzt, aber an die Verwirklichung nicht
glaubt. Denn immer zog nach heftigsten Revolten die Anziehungskraft der
Erde das Bestehende noch grausamer zurck. Die Menschheit war selbst in
Ruhrepidemien, zur Blte der Pestbeulen und in dreiigjhrigen Kriegen zu
trg und zu elend, sich vorbereiten zu lassen auf das irdische Paradies.
Sie liebten ihre Peiniger, und je mehr die Dmonen ihnen das nackte Fleisch
aus dem Krper fraen, lobten sie ihren Bi. Als Dom Miguel nach seiner
Verbannung am dreiigsten Juni Achtzehnhundertachtundzwanzig den
Staatsstreich in Portugal machte und alles tierisch tyrannisierte, war es
genau die gleiche Erscheinung und das nmliche Theater, das im gesegneten
Jahr Neunzehnhundertundneunzehn in Budapest und Mnchen die Generle der
weien Garden auffhrten. Aber es ist vergessen worden. Auch sonstwo trifft
sich in jeder Jahrhundertparzelle der Historie dasselbe Spektakel, nur da
Deutschland die raffinierte Wrze hat, den Akt durch eine sozialistische
Regierung in Szene gesetzt zu sehen. Immerhin glaubt und kmpft die
europische Jugend noch fest an einem Ziel, das ber Manns Ideale der
Demokratie weit hinausgeht. Selbst wenn es Utopie und Brgerspa bleibt,
wird der Akkumulator der ethischen Energien es nicht umsonst sammeln und
eines Tages zurckgeben aufgespeichert, gespannter und wie alles Gerade und
Khne nicht umsonst getan.

Die Menschen von ganz links sind die besseren, weil sie die ganz
anstndigen und idealistischen sind. Die von ganz rechts sind die Schlauen,
weil sie auf festem Boden stehen und Kilometerstaffeln der Untersttzung
durch alle Dummen und Trgen haben. Auerdem riskieren sie nur wenig.
Vielleicht wird eine geistige Partei der optimistischen Skeptiker oder der
schlauen Idealisten sich ergeben. Sie werden taktischer vorgehen.
Vielleicht ist Heinrich Mann dann aber, wenn sie ihn wieder erreichen
knnten, schon von Sturzben der Zeit berschwemmt, und andere
unvorhergesehenen Richtungsschwenkungen der Weltwagen machen dieses Problem
hinfllig. Auch dies wre Tragik. Doch darf man ber das Ganze sich keiner
Tuschung hingeben. Es ist ein komplizierter Vorgang.

Genau wie Werk und Figur des Mannes selber, der als ein glnzendes Bild des
Mutes der unentwegten Gesinnung und des fast beispiellosen Knnertums
dasteht. Immer schlingen sich aber Verwirrungen hinein. Eigentlich ist er
eine Besttigung von der ungewhnlichen Prgungskraft der Form, zu der
alles letzthin strebt, und die allein uns alles gro Menschlich-Gewagte
zurckgibt. Dies starre, die Materie zermalmende Element fra sich bei
Manns Bchern allein durch die Unkultur seiner Jahrzehnte, ohne sie wre
alles ihm auseinandergefallen. In seinen ersten Vorsten ist soviel
Jugendstiliges, Breites, Kitschiges, da nur die berlegene Gestaltung es
hlt. Spter ist das klassizistische Suchen und Schwrmen in reinen
italienischen Linien uns arg lugber. Die Fule des oberen Brgertums zu
detaillieren gengt noch nicht; auch wute er anfangs nichts damit zu
machen. Die minervischen Enthaltsamkeiten der Herzogin von Assy fhren in
einen geschlechtlosen sthetizismus. Es hlt schwer, sich fr diesen Marmor
zu begeistern. Es ist interessanter, bei einem Gewitter einer Dame mit
roten Seidenstrmpfen Alfred de Musset vorzulesen.

All das damals Geschaffte hlt tatschlich nur die Form. Doch steckt hinter
ihr natrlich als Motor der unerbittliche Geist. Irgendwo kommt auch in den
satirischen Bchern, wo's mehr um Unterleib und Brgerluxustapeten geht,
die radikale, durchpfeifende Fanfare der Gerechtigkeit und des siegreichen
Feldherrn Geist durch. Auch in der virtuosen Hanswurstiade von der Kleinen
Stadt krnt das schlielich. Gewhnlich findet er fr seine Bcher keine
Schlsse, da wird er tastend, unsicher, bricht in ganz neue Themen aus und
kneift irgendwie in den anderen Stoff. Das ist natrlich bezeichnend fr
den bergang, er ist sich noch nicht klar in der Welt, auch ein Wort wie
Gerechtigkeit und Demokratie mu bis in die letzten Konsequenzen des
Weltgefhls gestaltet werden knnen, wie Balzac aus einer Wiese, aus Blumen
und Frchten Ursein machte. Bei ihm wird aber noch viel reflektiert und
gedacht. Es ist da ein Zwiespalt. In den Essais ist die Lage fest erfat,
doch geht es da um Denken und nicht um Stadt, Schwanz, Rasse und Gewchs.
Das einzurangieren blieb auch dem nicht ganz erfllt, der zweifellos der
grte Geist der Epoche ist. Auch all das Scheitern sagt nichts dagegen.

Seine Novellen werden neben Kleist gesetzt werden, obwohl sie um etwas
Hohles herum gemacht sind. Innen ist ein Krampf. Klopft man die Farundung
ab, klirrt es nach Ungeflltem. Etwas fehlt. Einmal dekouvriert er sich: Er
hat gekmpft jahrelang und manches erreicht, den Deutschen ein groes
Oeuvre hingesetzt, fr das selbst die Jugend hinter ihm her ihn liebt, wie
es scheint. Aber er kennt den Spalt in seinem Wollen. Sein romanisches
Mischblut vermag es oft glnzend zu berdecken. Er mchte alles tun, mu
aber alles denken. Er mu sich entscheiden zwischen Leben und Schreiben. Er
whlt das letzte. Er schreibt und krepiert vor Neid um den Tatmensch. Jene
Entscheidung, die jedes Knstlers Zwiespalt ist und die der Instinkt eines
jeden von selbst reguliert aus der Kraft heraus, die entscheidet bei Mann
sich einseitig. Er geht nur auf das Nachschaffen des Lebens. Er asketisiert
sich. In ungeheuren Gebilden phantasiert er Leben zurecht, aber er
verzichtet selbst. Liberi aut libri! Er ist fr die Bcher, aus ihnen soll
der Geist hinausgehen, es wird ein entsetzlicher Krampf, wohl mit Ehre,
Ruhm, Ansehen und Glck bekrnzt. Spttisch sieht er gegen die Wand, wo ein
Condottieri im Rahmen steht, der nur mit Frauen und Raub sich befate, nie
geistig Geronnenes in unsterbliche Phantasien schmolz.

Als sich die Blicke treffen, senkt sich der des Dichters.

Hier ist vieles verfehlt. Sein Bau zwar ist errichtet, doch in der Mitte
ist Unerlebtes, aus Angst Versumtes, einer Fischleiche nicht unhnlich,
die nur die leere Blase aufrecht hebt. Mediziner und Betrachter niedrigen
Rangs nannten es Hysterie. Es ist das Sichaufsparen einer nicht ganz
gengenden Potenz fr eine einzige Richtung. Manchen Tag wird er sagen: Roi
ne puis, Duc ne veux, Rohan suis. Aber es wird eine Verlegenheit sein, die
der Geist ihn taktisch zwingt zu gestalten. Er wre wohl gern das eine und
das andere und htte nie wohl das Knigliche vermieden, wre es in Leben
und Gestalten, in Flle und Geist ihm verliehen worden.

Beschrnkung und Verdoppelung kam so aus Schwche. Indem er sich zurckzog
in die Empfindlichkeit seiner Nerven, hat er nicht verfehlt, den Kontinent
der Abenteuerlichkeit und der geistigen Navigation bis in die exotischsten
Hfen anzulaufen. Er wird oft grausam in der Verhaltenheit, aber die
tragischen Hgel seiner Wanderung erhalten eine Se, als seien Madonnen
und lbume auf ihre karge Erhebung gepflanzt. Auch speit er und keift aus
Ha gegen die Woge der Zeit, die an ihn heranschwemmt, Grnderjahre und
Geld, die ihn manchmal verfhren zu spielen, statt zu richten. Aber im
einzelnen ist der Geist unfehlbar bei ihm.

Den Menschen erreicht er stets und treibt ihn an die Rampe mit wundervollen
Triumphen. Die Gebrde des Stolzes ist spt aber byzantinisch im Goldton
und demtig in der Verantwortung. Die Enttuschung bei so breit angelegten
Werken hlt ihn nie auf. Plus je connais l'homme, j'aime le chien hat
Pascal, nie ihn zur Flucht gewendet. Auch Skepsis wird ihn nie berwltigt
haben, so sehr die romanischen Nischen seines Bewutseins ihn dazu fhren.
Das verwechselt sich leicht mit Gerechtigkeit, die er sich konstruiert. Er
wird nie Partei nehmen, auch nahm er sie nie. Etwas ngstliches kommt dann
ins Gesicht der Stze. Er ist nicht fr Tat und Konsequenz, mehr fr
Aufgabe. Und fr den Egoismus, sich ihr zu erhalten. Verget diese
Reservatio nicht. Doch bleibt er, schaut nach einem langsamen Jahrhundert
man zurck, ein Turm da, wo er stand. Er konnte viel. Vielleicht irrten,
die ihm Pltze zuwiesen, an ihm mkelten. Vielleicht wird man erst in
zweien Skulis das Hohle wieder hren, dann donnert es vielleicht. Die
Zeiten trennen sich jedenfalls hier. Manche werden vielleicht von rckwrts
aus der Jahrhundertiefe vor uns ihn reklamieren, etwa kann's auch
geschehen, da er vom Zuknftigen vor und heftig verleugnet wird.
Jedenfalls ist hier Kste. Manchmal strzten Wachttrme ein und man
vermite sie spter nicht.

Letzten Endes kann er immer die Lebenskonsequenzen nicht ziehen. Er hat
sich faustisch dem Gerechtigkeitskompa verschrieben. Das fhrt ihn zu
Summen, die er nicht zu addieren, die er nicht zu gebrauchen vermag. Er
wei den Sinn zu predigen. Als er ans Soziale gelangt, zerbricht es ihm in
der Hand. Er hat die Renaissance durchschweift, Seelen und Krper sich
hingeben lassen an den Glauben und verschwendet wie kein Deutscher vor ihm.
Aristokrat auch er und Gemeines hassend wie Pest. Nun soll er, mu er,
gefhrt und geleitet von dem fhrenden Stern, die proletarische Kaste
beschreiben, die er nicht versteht, deren Sinn ihm nebelhaft ist. Er wei,
das will herauf. Er sieht, wie Zola gigantisch sich gemht. Er htte
vielleicht vermocht, in einer viel spteren Existenz die Seelengre des
Zeitalters, entfernt und voll innerer Khle, zu geben wie keiner. Das
gengt nicht mehr, er soll nun fhren, Weg weisen, nicht Tragik der
Tribunen geben. Ach, dieses Ufer ist nackt und ohne Farbe. Es brckelt Sand
ihm aus der Hand. Weiter nichts. Es bleibt vielleicht die Schilderung der
Zeit, das Herzeigen der Konflikte, nicht ihre berwltigung. Matt wird das
Blut, dnn der Aufstieg. Auch hierin steht er zwischen der Zeit.

Die Jungen nennen voll Ehrfurcht seinen Namen, bergehen Tadel gerne, weil
es ihm geschuldet ist aus den tausend Wunden, die er voll Zhigkeit fr sie
trgt. Doch sehen sie ihn nur noch spielen mit Ideen und Formeln der
Gerechtigkeit, nicht mit ihrem blhenden Fleisch. Als der letzte Groe aus
Rom kam, den Louvre zu bauen, empfing ihn der Hof des vierzehnten Ludwig
mit den grten Ehren, die der Geist verlangte. Den Bau hat aber spter ein
Junger, Perrault, geschafft. Wundervoll die gespannte, innen tief
verhaltene und verkrampfte Gebrde, mit der, wie niemand heute, Heinrich
Mann, geistig und adlig, sein vielspaltiges und groes Werk zusammenhielt.
Ohne diesen Ring brche es auseinander wie eine aufgeschnittene Garbe. Es
war Leuchte und Kraft in dester Zeit. Man wird nicht aufhren, sich der
Herzogin von Assy zu verneigen, die Sigkeiten und Trauermrsche stolzen
Seelenbewutseins schwingend zu verspren. Einer hat die Zeit wtend da
gegeielt, voll Distanz, und beherrscht, und ihr doch das Schne gewiesen
der Inseln der Schiffe, der Tapferkeit tief aus den Rinnen der Historie
herauf. Ausschweifungen des Geistes fanden keinen strahlenderen Heros.
Sden, Macht des gerechten Kampfes und Blutes sind um ihn. Seine Jacht ist
um den Tierkreis und die Erde weit herumgelaufen, whrend er trumte, auch
hat er gebaut, an manches gedacht und kolonisiert. Fahnen senken sich,
Hupter sind entblt vor der Leistung.

Manchmal wird nur gedacht, wo es hohl klinge in der Wlbung des Werks, sei
vielleicht falsch gehrt. Kein knstlerisches Vakuum sei im Zentrum, auch
nicht allein das Versagen. Er habe vielmehr, indem er sich der einen
Richtung des Geistes verschrieb, gegen das Menschliche versndigt und mehr
gegeben, als er dafr nahm. Ruhm wohl empfangen auf dem Weg des Geistes,
aber es sei ein drrer Kranz. Wo er gegeizt habe wie ein Wucherer, wo er
gespart und gefeilscht habe, vom Leben und der Tat immer wegnehmend und es
ins Imaginre der Idee setzend, um Kraft aus der Schwche zu ziehen, da sei
ein Fehler in das Zentrum gefahren, er habe das Wichtigste versumt und mit
schiefer Einstellung nur noch gesehen. Wo blutig das Herz schlge, sei
blaues Eis.

Er habe die Menschen nicht geliebt, sondern ihre Ideen.

Sei fanatisch, aber egoistisch gewesen, habe als schiefer Radikaler und
verschobener Mrtyrer nur der Pfunde gewaltet. Sei nie bis an die Menschen
gekommen, habe, Hand ber den Augen, tief denkend, an der letzten Kste
gehalten.

Der Weg war indirekt.

Ob er es begriffe.

Am Kap Matifu, als er in Tunis strandete, schrie Karl der Neunte: Glck sei
die Hure, die nur von Jugend karressiert sein wolle. Am Ufer sind Kmpfe
weit von Mann, neue Generationen aufmarschiert mit anderen Losungen. Ob ihm
ein Schleier reie und er fhle, er habe eigentlich sie nie erreicht, nie
erfat?

Edel in der Haltung, wird vielleicht er es nicht verstehen, nicht sehen,
neuen Bchern zufahren, whrend die Zeit sich vollendet in seinem Rcken.
Vielleicht aber ist jedes Wort falsch und jeder Schritt unrecht, den die am
Ufer tun. Aber sie haben sich entschieden und haben aus heier menschlicher
Leidenschaft gehandelt. Doch auch das wrde dem Wegfahrenden wohl nicht
klar sein, denn es wre zu nah fr ihn. Er kann es aus dem Blut nicht
verstehen, nur aus dem Geist. Der aber segelt ihn nur bis dahin, wo das
Begreifen beginnt. Hier scheiden sich die Wasser, man mu es nicht
deutlicher zeigen wollen, als es ist.




17. Durchstich durch den vierundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertzwanzig
der Literatur


Zur Not begriffe mein Hund Tobias, da, als die Menschen in Zahnradbahnen
auf die Gletscher glitten, mit Gasbomben und Feuerspritzen sich tteten, im
Luftschiff nach Stockholm vom Bodensee aus flogen, das Fett des
Zivilisatorischen ihre Brste und Hften bergo, und die heimlichen Lenden
der Dichtung abmagerten wie Mdchen im fnfzehnten Jahr. Darum waren
Revolutionre der Ideen wie Baudelaire entschlossene Gegner des
Fortschritts. Die Schlappschwnze, welche die Prosa von einem Krieg zum
andern zu hten hatten, liefen aber hinter den Techniken her, und unfhig,
sich berhaupt des Greren zu begeben, verloren sie sogar die
Verantwortung vor dem Wort. Bierbaum, der seine Zeit frstlich
reprsentierte, hatte stilistisch nicht mehr als ein Kommis. Man schrieb,
wie man a, badete, ins Bett stieg. Die Magie der Stze, die Farbskala der
Vokale, die dichterische Biegung und Bremsung der Perioden, es galt ihnen
nichts. Sie hatten es vergessen. Die Sprache ward Mittel und Zweck, sie
kehrten ihre Lcherlichkeiten damit in die Ecken. Jeder Wurm, dem drei
Verse gelangen, war ein Papst, aber der Titan, der die mihandelte, tags
genotzchtigte Sprache aus Gosse und Brgerschleim auftrieb, melodisch
beschwingte und zu Glut der Entfesselungen bestrmte, ward verlacht,
bergangen. Irgendwo lebte zwar Nietzsche. Man wute es nicht. Sie hatten
an nichts sich mehr erinnert. Man wird ihre Unfhigkeit vielleicht
entschuldigen, weil sie schlielich ihr Leben auch gelebt haben wie andere
und nicht mehr Fhigkeit abgeben konnten, als in ihren Knochen Saft hockte,
doch man wird sie ohne Besinnen in die Kehrichte schmeien, weil sie vor
der Verantwortung fahrlssig sndigten und wie betrunkene Kutscher
vergaen, wohin sie sollten; aber noch mehr, welche Vermchtnisse und
Aufgaben hinter ihnen lagen.

Geliebte Dichter.

Wie sa im Stabreim schon, der nichts anderes war als beherrschte Prosa,
die heidnische Rhythmik wie ein gefesselter Athlet und zuckte mit den
Muskeln. Man hat die ganze germanische Dichtung erzhlend vorgetragen: Die
Zaubersprche der Merseburger, Wiens Hundesegen, Lorscher Bienensegen und
Blutsegen, der wundervolle Torso des Wessobrunner Gebets das hinter einer
Litanei eine heidnische groe Schpfung schwingt. Notker Labeo entri den
Klerikalen sie aus dem Latein. Hinter dem Epos her fhrten Ekkehard und
Mechthild sie bis an den Rand der Seelendarstellung, glhten sie in
Inbrnsten und Sehnschten. Brant und Gailer hinterher. Grimmelshausens
Sprache ist breit und gewachsen. Volksbcher bringen Derbes,
Abenteuerliches, Unzchtiges hinzu, es geht manchmal schon gewaltig al
fresco. Hutten schmi sie wieder aus dem Auenseiterigen der Bildung und
feuerte den Mut und das Bekenntnis hinein, es stieg ins Menschliche und auf
die groe Tribne der Gerechtigkeit. Luthers Plastik. Lessings
bersachliche Strenge. Nun wurde es reifer Obstgarten, himmlische Schmiede
und hohes Urteil. Die Eleganz gab Wieland. Bchner den wilden Aufruf und
die Jugendlichkeit der Begeisterung. Die gigantische Ausweitung kam bei
Jean Paul, dem schpferischsten Phnomen der Deutschen. In romantischen
Epochen schwankt der Geist immer mehr in der Atmosphre, und Jugend ist auf
Treppen, Dchern und Bergen aus, ihn zu suchen. Dazwischen Heines ppige
Schrfe und Gepflegtheit. Klassisches kommt in der Regel auf Jambus und
trumt sich in Alexandriner, hat Kothurne fr die Bhne. Was in ihr fr
Prosa bleibt, ist gemessene Beschreibung und zu edel und zu sehr voll
Langeweile, die feurigen und sehnschtigen Pferde der Stze die Gangarten
groer Erhebungen machen zu lassen. Mit gutem Geschmack ist ein Gedicht
Paul Heyses zwischen glitschigen Austern und Crme fraiche vielleicht noch
zu ertragen, seine Prosa unentschuldbar. Heinrich Mann und Kerr und
Wedekind standen umheult, als nach der Romantik die Prosa in die Trottoirs
des Verkehrs geriet und man sie dort verbuhlte. Es scheint, man hatte ihr
ein Opiat eingegeben, und die armseligen Verbrecher, die sie beschliefen,
entlockten ihr immer wieder das Gedchtnis daran, woher sie komme und
welche Haltung und Wrde ihr angemessenes Mindesterbe sei. Sie fuhren mit
ihr Schnellboot und, Lunapark und Hundertzwanzigpferdekrftler, und als
Herr Kellermann sie besa, hatte sie einen eleganten Geliebten, der sie
wohl khn aus brgerlichem Gequassel entfhrte und Geschmeidigkeit und
Tempo ihr vorfhrte wie keiner der Nullen vorher, aber nur raffiniert
berkandierte Schleifen mit ihr jagte, innerlich unbeteiligt blieb und
reizlos wie Herr Ebers und Schlaf, und nie daran dachte, den Kreisschwung
zum Rosahorizont Geist mit ihr zu machen. Er hatte sie getuscht, denn er
sah Bildern frherer Geliebter hnlich. Sie verlie ihn rasch, als die
anderen und Neuen kamen und Verantwortung und das groe Pathos um die
Lippen hatten, welches sie seit dem Malermller und der Bettina nicht mehr
gesehen. Auch ging ein Schatten ber die Pupille und sie kam nher an
Europa. Sie nahm ohne Zgern eine Fackel in die Hand.

Sie hatte damit immer schon hinber und herbergeleuchtet. Einmal gings
zwischen Dnen und Deutschen mit den Sagen der Helden. Von den Italienern
kams, als Petrarca nach Prag kam, Hutten zwischen den Humanisten
heraufritt. Spt gings hinber zu den Tschechen. Spter noch, als der
Glchezare den Ysengrimes den Niederlndern nahm, und die indische Fabel
unter dem Scheine hereinzog zwischen Elbe und Ems. Immer aber hatte sie
zwischen den Vogesen geleuchtet und ohne Pause war es ber den Rhein
herbergestrmt. ber der Mystik stand Bernhard von Clairvaux. Zwischen
Silberhimmel und Olivengrn kam das Provenalische zum Minnesang herber.
Namen fielen ihr ein, als sie Gottfrieds von Straburg, Wolframs, des von
der Aue gedachte, die als gute und groe Fhrer diesen Deutschen den Weg
gaben: Chrestien de Troies, der von Britanje, Benoit de St. Maure. Hinter
diesen zogen scharf und fast blau die Pyrenen und das Loch aus dem
Asiatischen her, wo blonde Mauren einmal in das brutliche Fleisch Europas
eingeritten und die Dulce France von den Hhen her mit fremden und schnen
Orchestern so berspielten, da es bis ber den Rhein, nur in franzsische
Zungen umgebogen, brauste. Immer hatte die Fackel den Zug der europischen
Bindungen berschienen.

Sie lchelte, als groe Worte heraufklangen. Es schien ihr, als ob ihre
Haut und ihre schnen langen Schenkel bald wieder in paradiesischen Grten
und um wilde Pferdebuche gehen wrden. Als sie den Bart des Francis Jammes
sah, der die schnste Stimme Frankreichs hat, nickte sie. Auch Schickele
bersah sie nicht, als er sich aufmachte, das denen ber dem Rhein zu
sagen. Es wurden Feste in Mnchen, Heidelberg, Berlin, Darmstadt und in den
Bergen gefeiert.

                                * * *

Man war dort sehr erfreut, denn die jungen Dichter fhlten den Atem der
gleichen Absicht, das humanitre, straffe, helfen wollende und
leidenschaftlich angreifende aus der Luft. Zurck wich mehr gegen den Rand
das Allzuviele, in dem ihre Strae nur als blankster Keil lag. Es kam
Verwandteres und Geliebteres als das, was Volksgenossen immer noch den
Kriegsinstinkten, den Hetzereien, der bsartiger Dummheit und den
einfltigen Lastern gaben, und wo schlechte Handwerker an groen Aufgaben
turnten. Epigonen des alten Schrifttums herum schlugen die Leier als
Elegiker ihres Verkanntseins und hatten endlich als Frsten Herrn Paul
Ernst sich erwhlt. Geschwnzte Knaben ritten Foxtrott auf den Stteln,
unter denen Gule fehlten, aber sie bertnten den Galopp mit Geschrei. So
brandet es rechts und links und von allen Hhen heran, man hlt die Mitte
und schaut nicht um, aber man saugt es gern auf, strzt der Horizont
herunter mit fremden Freunden. Ich sage es gern.

Denn natrlich steht mir Anatole France nher wie Hermann Stehr. Und Ren
Arcos und Martinet, Goldring, Barbusse, Duhamel, Jules Romain, Dymow nher
wie Herr Presber, Herr von Zobeltitz, Frau Dill, Frau Gabriele Reuter, Frau
Boy-Ed, wie dieser oder jener Literaturschieber Cohn oder Kahn. Natrlich
ist es wichtiger, das nackte Herz der Fremden eigenem Volk angenehm zu
zeigen als Quatsch und Bockkohl eigener Volksproduktion immer wieder am Weg
zu sehn.

Aber es mu einen Sinn haben, wie der Austausch sich untereinander
verbindet.

Einmal mssen endlich die Zollwchter der Verantwortung an den Rhein- und
Elbbrcken stehen und auf den Bodenseemonitoren, auf den Ost- und
Nordseetorpedos sitzen, damit nur das bei uns einfllt, was als gute
Sternschleuder bis auf den Boden zischt und die Vlker einander kenntlich
macht: so sind diese, das sind jene . . . und da die Idee, mit Blei und
Kugel einmal gegen diese an einem unsinnigen Tag heran zu ziehen, verzischt
und verknallt. Aber natrlich darf nichts in jener Tendenz nahen wie die
unsterblichen Dokumente der Dummheit, in denen Heerfhrer und Gesandte
anderen Vlkern ihre Barbarei bewiesen, indem sie den prunkvollen Glanz
deutscher Demut und Kraft ihnen anpriesen wie Wurst und Prservativs. Die
Vorsehung wollte es, da man den gegenteiligen Zweck erreichte. Auch hat
man gelacht. Man braucht den Deutschen nur zu zeigen, da auch die Anderen
Menschen und nicht Mrder sind. Haben sie das kapiert, wird ihnen auch die
Folgerung aufgehn. Man braucht nur zu sieben, da nicht der franzsische
Schlamm hereinbricht, sondern da die Bcher Laternae Magicae der Qualitt
als Dichtung und der menschlichen Gedanken als Inhalt sind. Das gengt.
Aber man mu sie deutlich und mit nicht nachlabarem Nachdruck zeigen.
Sonst halten sie es fr einen Film.

Immer war Deutschland schon der Kulturbottich und das mitteleuropische
Bassin, in dem die fremden Fischsorten schwammen, Delphine und Krabben,
Schildkrten und Heringe. Auch Miesmuscheln und Sand. Haifische und Hechte
waren selten geworden, eher noch fette Schollen. Aber sie waren immerhin
von Zeit zu Zeiten da. Man war urban, um es mit Gerechtigkeit zu sagen. Man
gab den Refugis des Geistes immer Asyl, aber die mittlere speckige Ware
kochte ebenfalls durch alle Kessel. Jedoch auch die Genies der kleinen
Vlker wurden gemnzt. Heut noch degoutieren die Schweden den August
Strindberg, heut noch fhrt ihr reprsentativer Dichter Per Halstrm (den
sein konservatives Herz nur schlafen lie, wenn die Deutschen am Tage ein
Tausend Gefangener machten . . . so waren unsere Freunde) Krieg gegen ihn
und den famosen Inselbewohner Hamsun, whrend das von Millionen beschossene
und berannte Deutschland seine spten Stcke zuerst spielte, seinen Namen
wie den eines Halbgotts feierte. Den Norweger Hamsun nahmen sie auf, zogen
sie aus seinen paar hunderttausend Landsleuten, kiepten ihn auf die
Schleuder und zeigten auf dem Donnerschlag des Paukenfells zwischen Alpen
und Holstein, da hier ein Genie lebe, von dem die Franzosen zwei Jahre
nach dem Rckzug der Deutschen aus Pikardie und Belgien kaum den Namen und
nicht eine einzige bersetzung kannten. Sie verdarben sich, indem sie Herrn
Ibsen zehn Jahre lang ausschlielich spielten, die Schauspielerschaft einer
ganzen Generation mit Nervengeflster und bemerkten gar nicht, da sie
darber ihren bedeutendsten Dramatiker der letzten fnfzig Jahre, Frank
Wedekind, gnzlich vergaen. Sie haben die Dnen Jensen, Jrgensen,
Jacobsen, Madelung, Aage von Kohl, die Schweden Gejerstam, Lagerlf,
Heidenstam weit ber ihr Verdienst hinaus, aber auch dreiig hinter diesen
her, in die Mitte gezettelt. Sie grinsten in allen Pressenotizen hinter
d'Annunzios Abenteuern, Bangs Lastern, Wildes Extravaganzen, Bjrnsons
Spen schamlos her. Sie haben sich weit ausgebreitet, waren wirklich
aufnehmend, geschmacklos in der Gastlichkeit nach allen Seiten wie das Haus
eines Parvens (das sie auch hatten). Doch erstaunlicherweise, sogar im
Kriegsgeifer zeigten sie etwas Genie, serbische Gedichte kamen, Russen und
immer mehr Franzosen von Reprsentation erschienen und ihre Geister
schwebten ruhig im Kanonenlrm. Zwar hatten der dramatischen Industrie
Beflissene unter der strategischen Leitung der Presber und Fulda verlangt,
bei Kriegsausbruch schon, den Fremden die Freiheit deutscher Bhnen zu
sperren. Doch werden auch in den kaufmnnischen Branchen Wucher und
Unfairheit mittlerer Huser keineswegs der ganzen Zunft als belastend
ausgelegt. Auch waren die besten Dichter im Dienst des bertragens. Schon
begann im belsten Lrm der Zeitgenossen die Solidaritt der Knstler und
geistigen Fhrer. Die ersten Stufen stiegen sie und proklamierten den Weg,
den im Dienste des menschlichen Gedankens sie so bald nicht aufhren werden
zu gehen: den zur Macht.

Sie haben einen langen Chausseestaub an sich bis zu diesem Punkt. Der
hliche kleine Homosexuale Sokrates hat sie noch bespieen, selbst Plato
sie zu einfltigen Ingenieuren der Idee verwiesen. Das Pamphlet auf sie zu
schreiben, blieb Plutarch, der zur ffentlichen Verachtung aufrief, aber
Lukian, dem wohl gefiel, was sie schufen und der die Tragweite der heiligen
Form begriff, war hinter den Verfertigern noch her als Tagedieben, Apachen
und Fronsuen. Auf den Mrkten wandernd fhrte sie Dio Chrysostomos ans
gttliche Licht, Plotin zeigte, ihre Schwngerung sei vom Geist, und Drer
machte sie deutlich, offen die Brust und diese ganz voller Figur. Alberti
und der schne Lionardo hoben sie in die geistige Sphre ohne Makel hinein,
und, im Quattrocento setzte sie der Facius genau neben die Ppste und
Kaiser und Frsten. Aber die Dmonie erst, mit der Michelangelo den
Menschen die berlegenheit seines Lebenssaftes unerhrt bewies, stie den
Stand an die Linie des Sichtbaren heran zu Bedeutung und Einflu.
Brgerliche Epochen haben das manchmal wieder verwischt, aber sie wagten es
nie, wie im Mittelalter den Knstler und geistigen Menschen in den Abhub zu
stoen. Man hielt sie fr gefhrlich, vielleicht fr Revolutionre und
Schweine, aber nicht fr Schmutzscke und Sklaven. Sie waren Herren
geworden, Marquis, Kavaliere, Gentlemen. Ich verlange, da Sie keine
Kleinigkeiten von mir erwarten sagte hochfahrend ein italienischer
Sculptore der adligen Hofwolke, als ihn der grte franzsische Knig
empfing. Dort gings um Ruhm noch. Die Richtung ist abgebogen. Es geht um
der Menschen und der Gerechtigkeit willen, um den Staat und die Macht. Die
Geistigen schlieen sich zusammen, werden ein Faktor. An einem Tage der
Weltgeschichte werden die Schacherer der staatlichen Maschinerie, die Horde
der Minister, Gesandten, Beamten unter die Kontrolle anderer Fhrer endlich
gekommen sein.

Aber man mu die Einzelnen lernen, Sinn aus europischen Einflssen zu
ziehen. Lobe ich die entgegenkommende Tornre der Teutonen, gebe ich lang
noch keinen Preis. Sie taten es aus einer angeborenen Tugend oder Neugier,
vielleicht aus Haltlosigkeit allein, keineswegs aus Verstand oder
Moralitt. Man wei wohl, Mischung sei gut und tut es bei Dnger, Tabak und
Weinen. In England nimmt man zur Aussat durchgngig auslndisches Getreide.
Die Bardrinks sind internationalste Koloristik. Kinder aus zweierlei Volk
sind schner, ja, der Verfasser des alten Buches ber Zeichen und Wert des
verletzten und unverletzten jungfrulichen Zustands ist der Ansicht, die
Hlichkeit der Juden und Neger stamme lediglich von ihrer Abscheu sich
stramm zu vermischen. Auch sind die Kinder sdlicher Serails, wo
Frauenelite aller Stmme in schnen Stllen stutet, von bester Form. Doch
setzt dies alles voraus, da Wille und Sehnsucht da ist zur anderen
Vereinigung. Die Deutschen haben aber ohne Sinn und meskin und roh gelesen
und getauscht.

Sie waren sehr verblfft, da Maeterlinck ber seine groen deutschen
Auflagen nicht verga, da der Preue ihm sein belgisches Haus zerstrte
und da Verhaeren, dem Deutschland mehr als Frankreich Bett und Heimat war,
Flche sprach, als Belgien berflutet wurde. Der deutsche Mensch hatte
geglaubt, Dank erwarten zu mssen. Er hatte alle Seelen umsonst studiert,
alle Bcher ohne Sinn gelesen, groen Aufwand aus den Fenstern geschmissen
in den Hof und den Mist. Sie hatten nicht gelernt, aus der Luft der
Freiheit in Tolstoi und Balzac die Lehre zu ziehen, sich selbst zu
regieren, und seine Regierer rannten wie arme und stolze Wlfe gegen die
ganze Welt, die ihnen so fremd war wie der Geist. Es half dem guten
deutschen Teufel den Dreck, da in seinem Kulturbottich die halbe
europische Literatur bis zu den kleinsten Schreibsardinen sa, als die
Generalitt in Belgien hauste. Und da wir an Dichtern und guten, nur
seither machtlosen Herren nicht rmer sind als andere, untersttzte uns
nicht die Spur, da drauen in der Breite der Masse man sie nicht kannte.
Man setze dies den gallischen Freunden aufs Genick und schreibe es in die
Minusspalte. Nur solche, die selbst nichts Gelingendes verstehen, sind
drben bei der Vermittlung ttig. Kleine Literaten und schiefe Journalisten
bertragen. Man kann ein hochsteigendes Buch den Stallknechten zum Reiten
nicht geben. Deutsche schlupften gern in das Trikot jedes
Boulevardschmarrn. Doch zur Zeit des direktesten grten Einflusses unsrer
Dichtung auf die romanische, als Musset, Hugo, Gautier vom Saft deutschen
Genies berlebten und neben Byron in Hoffmann sich verzckten, gab es nur
einfltige Verstmmelungen, nichts an Rhythmus und Klarheit hnlich
aufgetrmtes. Whrend die Stal von Deutschland schwrmte, empfahl Mathieu
de Mirampal, da er dies Land fr eines der Eisberge hielt, zum
Zurckdrngen der Geschlechtsreife die franzsische Jugend in das kalte
Klima zu senden. Selbst der zarte und seste Dichter des Rolla kannte kein
Wort in Deutsch. Nun aber wird getan und nicht geschwatzt. Es geht nicht um
Utopie, sondern um Aktion. Schon sind bereite und tapfere Hnde da, das
Blau des Vergessens und der Besserung auf die Wunden zu legen, mit denen
man den rmsten vom Krieg zerstrten Tieren, den Pferden, die geschlagenen
Fesseln und Beine bedeckte. Steht Mensch zu gleichgeartetem Mensch erst
einmal freundlich im Bund, ist das beste Geschtz gebaut gegen
Kriegsgeheul, Revanche, Kastengeknurr. Man knnte ein neues Zeitalter
einluten, wollte man nicht mit der Skepsis, die aller Tapferkeit
gesundester Bankert ist, die Resultate erst abwarten. Doch sind die Straen
voll von einigen Zgen Entschlossener, den Griff zu versuchen, der ihnen
Mitbestimmung an den Leitungen der Vlkergeschicke gbe. Es ist dafr
reichlich an der Zeit geworden.

Whrenddem hat d'Annunzio mit Freischaren sich nach Norden begeben. Die
Versailler Csaren haben in ihrem kompromilichen Herzen eine Torte Europas
zurechtgeschnitten, die zwar die Kandierung eines ersten Vlkerbundes
verste, aber in ihrer wilden Annexionsgier den stolzen sdlichen Romanen
nicht gengte. Ein Dichter hat Divisionen gegen den Vlkerbund gefhrt und
hat kein Unglck damit gehabt. Man hat ihn im pazifistischen Europa ein
Konjunkturferkel genannt. Die Pariser haben unter der Fhrung Barbusses,
der mit seinem Feuer den Krieg allen Menschen blo und grausam in nackter
Verviehtheit vor die Pupillen warf, dagegen protestiert. Augenfllig: hier
scheidet sich alte und neue Welt.

Man mu gerecht sein. Die Nebbiche sollen einen Dichter nicht verheulen.
D'Annunzio wird die Segel gerefft bekommen, die er auf dem Nationalismus
aufgezogen hat. Das ist die Zeit, die solche Khnheiten als eitel und
verbraucht bei Seite legt. Als Dichter ist d'Annunzio strker als Barbusse.
Doch dessen ethisches und groes Pathos fllt die Welt wie seinerzeit nur
der Englnder Richardson. Die Wikingerei d'Annunzios ist eine Farce. Der
Sturzhelm des Fliegers tanzt ein wenig wie auf der neapolitanischen
Maskerade, allein wenn er dem Geist abtrnnig geworden, so ist er doch von
ihm gestreift und auch nach dem Sturz noch Ritter. Der letzte Knauf ist in
ihm von jener Pyramide, mit der die Romanen seit Jahrhunderten selbst den
Ruhm dem Staate zufhrten und die groe Entdeckung und die Beute des
Geistes immer nur so sahen, als seien sie lediglich da, bedeutenderen Glanz
um das Gefge ihres Volkes zu legen. Manchmal kam d'Annunzio in seiner
Verehrung des Heldentums so weit, da er wie der Verfasser des Speculum
historicum glaubte und wie die Kathedralen franzsischer Brudererde es
lehrten, seit der Ankunft des Christus habe auer Bekennern, Doktoren und
Mrtyrern die Welt keine groen Mnner mehr gehabt, und er wies den
Eroberern, Siegern, Kaisern und Knigen den geringsten, aber fr Hirten,
bte, Mnche und Bettler den erhabensten Platz an. Doch aus dieser Gabelung
treibt ihn rasch in die andere das, was an Glanz und Bedeutung der
Jahrhundertsaft in ihm vorangezeigt am Heldentum der Tollkhnen, der
Strategen, der Volksfhrer. Wie von Cicero bis zu dem Mittelalter und den
Tempelrundungen alles Italienische ihn durchdringt, so stehen alle
Glnzenden auf in der Historie der Schlachten und Niederlagen und geben ihm
die Entscheidung. Er wird Instrument mehr als freier Wille. In ihm erfllt
sich eine Epoche und sein Zug wird symbolisch als Abgrenzung der Linie. Da
endet irgendwie eine Welt, die vielleicht aufsteht einmal wieder in diesem
und jenem Jahrhundert, die aber den Fangspie im Hals hat, weil zum ersten
Mal sich gro und mit aller Bedeutung der Erstmaligkeit eine neue erhoben
hat. Meisterlich und sehr verehrt als Dichter hllt d'Annunzio Schweigen.
Um Barbusse steht irgendwie schon die Weisheit.

                                * * *

Empfange ich Neunzehnhundertzwanzig am vierundzwanzigsten Januar, bereit,
in die Schweiz zu fahren, einen Auslnder, der den Hut abnimmt, hinsitzt
und ernsten Auges fragt: was habt Ihr getan, wo steht Ihr, ich will nicht
Auskunft, eher Rechenschaft, es wre schwer, ihn zum Tee zu bitten in
solcher Eile. Sind Sie ein Spanier, sagte ich wohl, kennen Sie das
Spottbild, wo jedem ein anderer Spruch aus dem Hals speit, Volk Knig,
Knig Minister, Klerus Arbeiter bestiehlt und alle der Teufel einsackt.
Nicht sehr viel anders die Mischung. ber die Grenze knnen Sie aber noch
schrfer sehen und Wichtiges an der Farbe und vertrauten Bewegung im
Zentrum erblicken. Wren Sie Deutscher, wre Ihnen die Orientierung ganz
versaut. In Italien lassen sie die Manegen hgelaufwrts legen, da die
Gule klettern lernen und die Passanten die Muskelarbeit und die
Schrittunterschiede glatt unterscheiden. Die Deutschen treiben ihre Pferde
ins Wasser, da sie, statt zu reiten, fast ersaufen, und Publikus nur die
Nasen sieht und dem greren Schnauber die Sympathie zuwedelt. Wohl wre es
angenehmer und eine Erlsung unter sich, europisch zu sein. Aber es ist
wichtiger, aus Unterschriftstellern, Ahnungslosigkeit und Niedertracht der
eigenen Volksschreiberei ein gangbares Niveau herzustellen. Die
Sehnschtigen nach Klarheit und bersicht wagen sich nicht auf die
trgerische Ebene ohne Pfadkenntnis. Anders kommen wir aber nie zu Stil,
Ausbreitung des Gefhls frs Wichtige. Da liegt aber der einzige
Quellpunkt, Deutschland unter einem Kulturdruck von annehmbaren Graden
allgemein und berall zu setzen. Mir, der ich nicht um Geldes willen mich
damit beschftige, neben der dichterischen eigenen Bettigung mich mit der
Bcherwelle auseinanderzusetzen, und nicht schreibe und rede, um Feinde zu
treffen, Menschen zu gefallen, Weiber zu haben, es auch nicht ntig habe,
an irgendwie fr mchtig Gehaltene mich anzufreunden, da ich selbst mchtig
bin . . . sondern dies mache, weil ich glaube, damit einer Sache zu dienen,
die ich vielleicht schlecht mache, aber im besten Glauben tue, sie tun zu
mssen, weil ich keine zwei sehe, die es hinreichend heut verstnden: mir
scheint, um Prinzipielles endlich zu sagen, die Form falsch, dumm und
sinnlos, wie heut die Masse ber Geschriebenes orientiert wird. Das macht
den Knuel noch undurchsichtiger. Erfolg kann nur erzielt werden durch
Bearbeitung von langer Hand und bedeutender, immer gleicher Richtung. Das
ist das mindeste, was unter heutigen demokratischen Regierungsformen
erwartet werden kann. Dauerndes Beisammensein mit ausgewhlten Dingen
kultiviert bis zu den Graden, zu denen berhaupt auf diese Weise zu
gelangen ist, und das ist schon eine gute Portion. Der Herzog von Modena,
der anfangs ein Schaf schien, pflegte in seiner Galerie sich rasieren zu
lassen, und da Correggios, Raffaels, Tizians ihn umgaben, wurde ein genauer
Kenner der Bildkunst aus ihm. Selbst Halbblinde sollen auf Inseln und
Prrien, weil sie leben muten, ausgezeichnete Schtzen und Jger geworden
sein. Aber natrlich war eine Vorsehung da, die sie in Zusammenhang brachte
mit Wild und Objekt. In Deutschland ist der Schicksalsfhrer in der Regel
ein Dummling, seine Rolle, hflich gesagt, eine Drlerie. Statt da die
schpferischsten Krfte, wie bei allen Fhrer- und Gesellschaftsschichten,
sich mhten, stolz alles nur halb Gengende auszuscheiden und selbst
Richter zu sein ihres Gebiets, lassen sie Halunken und Reporter die letzten
Urteile fllen. Der Tanz dieser Dioskuren ist einer der blamabelsten
Versager unserer geistigen Einrichtung. Da die Unfhigsten die Richter
ber die Fhigen werden, hat kein Negerstamm erlaubt. Ihnen fehlt natrlich
in der Mehrzahl die Bildung, die Souvernitt, die Schreibkunst und die
bersicht. Liebliche Naturen geben Inhalte wieder, intelligentere machen
Synthesen. In Cafhusern ist das Kitzel einiger Literaten. Im brigen
Humbug und Schwindel. Denn die Herrn Stein und Damen Ellenbach und Kuntze,
die belehrt sein wollen, denen ist das eine Hieroglyphe, ein Zro. Die sind
aber die einzigen Zielscheiben, nach denen gerichtet werden mu. Das
einzelne Buch ist vllig schnuppe. Wirkung vollzieht sich nur, wenn von
einem weitsichtigen Feldherrn methodisch und nach Gesichtspunkten der
Schlachtplan gegen Barbarei und Dummheit vorgetrieben wird. Es handelt sich
um die Abgrenzungen, das Ausscheiden, das Herausschlen der Kerne. Da die
Leute endlich Witterung bekommen, schon riechen, wo Geschmack und Dichte
sitzen. Da er unbedingt wei Aha. Da er sprt, worum es geht und welche
Wichtigkeit es hat in der Gesamtoperation, geht ein Sturmtrupp genial vor
oder versagt einer mit aufgebogenen Schnurrbartspitzen. Ist ein ganzer
Durchbruch gelungen, ist das all nicht mehr ntig. Aber ich frchte, es
wird erst direkt vor dem Einlaufen ins Paradies sein, zu dem die Erdfahrt
ja wieder geht, womit der Kurs erledigt sein wird und Ewigkeitsengel wohl
die Lichter lschen und abblasen. Weiter kann man nicht denken. Aber um
diese Form der Kritik zu erreichen, bedrfte man Kerle. Die Menschen, die
eben in allen Entscheidungen zu geringes Ma haben, fehlen auch hier. Denn
in einem Lande, wo die bestwollenden Gazetten auf einer Seite wchentlich
in einer Beilage zwanzig Mnnlein ber zwanzig Bcher reden lassen (wobei
ihr Niveau noch toller ist wie ihre Voraussetzung und die Verschiedenart
des beschwatzten Materials), in einem Lande, wo knapp drei Buchkritiker
erheblichen Verstndnisses vorhanden sind, gibt es infolgedessen
sehr bizarre Resultate und Schiebung ber Schweinerei. Der deutsche
und kluge Dichter scheut aus Eitelkeit die Konsequenzen mutigen
In-die-Bresche-Springens. Es ist keine Kleinigkeit, sich mit den mittleren
Gemeinen einzulassen, berschaut man sie nicht und wirft hin und wieder
einen wie die Fischer zweimal aufs Maul. Leider haben aber, wie Livingstone
des fteren bemerkte, die Lwen stets dem Nashorn gegenber das bessere
Teil der Tapferkeit erwhlt.

In das Gelnde, wo winterlich jetzt die deutsche Schreiberei sich ergeht,
ist zwischen viel zerstreutes Publikum endlich eine glatte und feurige
Bobbahn gelegt. Sie ist der Mittelpunkt und das fiebernde Herz, wo die
Jugend rattert zwischen Signalen, Pfeifen, Starts und irgendwo fern hinter
Kurven hngenden Zielen. Die Sonne, scheint es, ist inbrnstig in das
Stahlband verliebt. Die Expressionisten haben sie auch in hheren Gesngen
gehuldigt. Die wesentlichen Bobs sind die gleichen wie vor drei Jahren. Die
alten Farben tuten gut vorbei. Man bemerkt neu Herrn Krell, der fast einzig
den Ehrgeiz zum groen Roman mit bedeutenden Massen fhrt, in den Kurven
nicht ganz sicher noch ist, aber das meiste brige etwas schlank, aber mit
eisernster bung berrundet. In der Nhe der Prager ist Oskar Baum in einer
zarten bersinnlichkeit noch ein wenig verwoben. Klabund hat Larven vor das
Gesicht der Barmdels getan, mit denen er fhrt. Sehr verbissen und
berlinisch hat Essig gekurvt, haarscharf abgemessen. Sein Bob ist
siebensitzig, groes Format und heit Taifun. Er hat den besten satirischen
Roman seit Jahrzehnt, da er ihn an der Ewigkeitsschleife tatschlich ins
Dichterische und nicht, wie die Besatzung des Mann-Schlittens, ins
Zeitpolitische hinauftreibt. Auch Alfred Wolfenstein hat sich fr einige
Stunden mit starrer und liebender Sorgfalt zu den Prosaikern gesellt, es
sehnt ihn schon wieder zu der kubischen Schne seiner Verse. Paul Zech in
robustem Hrnerschlitten mit Schmiedeglocke, Maurus Fontana mit
italienischem Geleut und Jugendlichkeit sind passiert. Die Frstin Mechtild
Lichnowsky hat rosagepflegte Kufen und geigt mit fast strindbergscher
lautloser Musik das Eis. Robert Mller ist sehr sportlich, fhrt auf dem
Bauch, kopfvoran, man hofft, da ihm nichts zustt. Es ist nicht ganz
einfach, sich auf das Hirn zu verlassen, selbst wenn es apfelsinenfrisch
ist, fruchtsaftig und voll geistigem Schneid. An der Ewigkeitskurve soll er
hurra gerufen haben, doch war es gewi nicht militaristisch gemeint. Als
Herr Wilhelm Lehmann erschien, dachten manche wegen der phallischen Form
seines Vehikels Dionysos kme und riefen Evo, da die Fahnen wackelten, in
der Nhe hatte der Bob aber Butzenscheiben und Kautzornamente, da schwiegen
einige wieder. Aber es blieb trotz barocker Verknorzung der Sttzhlzer
eine fast erotomanisch flagellierte und krftig schne Luft. Schon warf es
an der Ewigkeitskurve einen um, der mit einer Menagerie scheinbar beladen
und Musikgebumm angefahren war Er schien die bse Nachluferschaft zu
symbolisieren, denn als er aufgeschmissen war, entstieg dem Schnee nur ein
Pierrot, so da viele lachten, die ihn fr einen kanibalischen Dresseur
gehalten. Es war Herr Curt Corrinth. Er suchte aus Scham, indem er einen
Affen kopierte, seine Primitivitt und Strke zu beweisen, auch hatte er
ein Paar Hosen von Sternheim an und athletische Runen in ein Gesicht
geschminkt, das wie das des armen Beardsley aussah. Die Massary, die das
scharmanteste Lcheln in Deutschland hat und die vorberkam, gab ihm
Fondants, als er von der Erlsung der Welt durch Umarmung sprach, sah auf
ihre Snow-Boots und empfahl ihm, den Amerikaner Edward Bellamy zu lesen.
Zuletzt kam als Jngster der dmonische Brgerschreck Westdeutschlands,
Herr Mierendorff-Vielgeschrey gefahren. Er hatte unter anderem Wilhelm
Michel als Passagier, whrend er selbst am Steuerrad murkste. Sein weiser
Mitsitzer war nicht gestrt durch das Tempo, es gefiel ihm, aber er dachte
wohl an etwas anderes, wahrscheinlich, da spter einmal eine neue Jugend
Hlderlin, ber den er das Tiefste gesagt hatte, als Fhrer und Leitstern
nehmen werde. Er fhlte sich zwar wohl in seinem augenblicklichen Zustand,
doch jener Gedanke erwrmte ihn wie ein Allasch. Weiter unten hatten sie
ein Kruzifix angefahren, errichtet Gustav Sack, den sie im Krieg erschossen
hatten. Die Lektoren bedeutender Verlagshuser hatten ihn zu Lebzeiten
abgelehnt, sein Horoskop stand nicht auf geschftlichem Erfolg. Die
Lektoren waren der Ansicht gewesen, fr Menschenliebe und Frderung seien
die auf Humanitt abgestempelten Lyriker der Verlage da. Nach seinem
tragischen Weggang werden hohe Auflagen und Ruhme mit ihm erzielt. Guido
Reni hatte, als ihm billige Bilder entlockt und wo anders auf dem Markt
hochgepumpt wurden, eine Taxe festgesetzt: Kpfe fnfzig, Halbfigur
hundert, Ganzfigur zweihundert Taler. Degas hat weise im gleichen Fall die
Achseln gezuckt. Renoir hat hereingemausert, was er konnte. Sie hatten
allerdings Chance und Zeit dazu, da sie weiterlebten. Sack, wie dem anderen
Ekstatiker Van Gogh, scho die Vorsehung Bleiernes ins Gekrse. Ein wirrer
Kopf, Herr Sack, aber strammste Potenz, bezeichnend fr alle
Zerrissenheiten der Zeit, Mischung von Barbarei und Genie. Er hatte nicht
Volkshumus, um anzusetzen und Wurzeln zu schlagen, so gab das Ganze ein
unerlstes Monstrum, aber in einigen Partien ist dieser Mann ein Feldherr
gewesen. Tausend Mglichkeiten starren aus seinem Kadaver, aber die Seele
ist weg. Hier vorbei geht immer wieder die scharfe Fahrt, die die neue
Generation gelegt hat. Kommen aber die hohen und groen Signale, zum
Zeichen, man habe von Herrn Schickele bis Dubler und Sternheim und
Heinrich Mann den Start betreten, werden die Fahrer wieder zu Zuschauern
und sehen die greren Bobs flitzen.

Auf einer Berghalde ben manche schne Schwnge, ihnen kommts auf Kraft und
Zeitfanfare nicht an, sie wollen die gutgebogne Wade sehn, die schmelzende
Bewegung. Es gengt nicht, um auf Skiern Touren zu fahren, aber ihnen ist
genug. Die um George waren die einzigen, die von Baudelaire und ein wenig
von Verlaine herkommend seinerzeit dem Naturalismus ein Retraite zubliesen,
ihre Tat in der Lyrik ist unbedenklich epochal gewesen. Aber Prosa war
ihnen nur ein dekorativer Schmarrn, Erzhlches und minderes Handwerk.
Georges Prosa selbst sogar ist schwach sthetisierend, die des
Schpferischsten Gundolfs, erhebt sich bei aller Schrfe nicht ber
brokatene Wrde. Was die hornbebrillten Jnger in Sandalen und Schillerhemd
zchtig und voll Hochmut schufen, ist trocken berechneter Geist. Nur den
sterreichischen Hofmannsthal umgaukelte Sinnliches. Doch ging er lieber zu
Pantomime und Ballett, und gibt er dichterische Handlung in Prosa, bei
Gott, es wird keine Almeh, die ihre Abenteuer aus dem Blut heraus mit
perlumwickelten Brustspitzen in roten weiten Hosen mit grner Bauchschleife
tanzt, es wird erlauchtes Ballett. Es kommen effektiv die Seelenvorgnge
nicht aus dem Herzen, sondern aus der Pose, mit der die Tnzerinnen es ohne
Wort hervorcharchieren wrden. Sehr grazis und angenehm, aber etwas dnn
fhrt Herr Hofmannsthal seine Schwnge. Viel gelster erreicht es Stucken,
herzuhalten, er ist auch ins wurzlichere Terrain mit den Ameisen-Hgeln
gestiegen. Frher schrieb man an seinem Tisch gern germanisch-mystische
Dramen mit Binnenreimen. Jetzt aber hat man zehn Jahre die Kultur der
Azteken durchschaufelt und eine Trilogie geschrieben, die auf der Linie der
Paul et Virginie und der Salambo liegt und Deutschland ein bedeutsames Werk
hinterlie. Die weien Gtter sind mit guter Form von ihm berwunden
worden, als er der Form nicht mehr bedurfte und also auch in ihr nicht wie
ein Kaninchen im Netze hngen blieb. Da ist auch Kahane, schon halb drben
bei den Keller-Leuten, aber doch mit der Liebe neuromantisch orientiert. Er
lchelt manchmal ein pastellsanftes, verzckt jnglingshaftes Lcheln.
Hinter ihnen, die sich gut abzeichnen im Schnee, ist die neuromantische
Sphinx in Kontemplation versunken.

Was man an Weibern sieht, da und dort, ist nicht sehr appetissant. Ein
Papst meinte schon, es sei unkeusch, wenn sie Mnnerakte zeichneten, sie
mchten groen Vorbildern nacheifern. Er hatte als Klerk den guten Geruch,
da er sie von eigenen Wegen verwies, sie tappen sofort in Mnnerspuren und
werden beispiellos peinlich, verfallen sie in deren Seelenjargon. Sirach,
Eurypides und der Kompilator des kessen Buches: ob Weyber Menschen seyn
. . . haben es drastischer herausgedrckt. Sie knnen dem fast alle nicht
ausweichen, selbst da, wo sie wie Frau von Winternitz mit einer schnen
Seele, den Formen Manns und Wassermanns klug folgen. Doch gibt es ohne
Zweifel Menschen, die auf menschlichen Gehalt gierig aus sind, und denen
wie bei Kahane die berall entblte dichterische Figur in ihrer
menschlichen Nhe wrmer, bequemer und zrter ist als alle Erschtterungen
der Welt. Sie mgen es haben, auch diese Sache hat ihr Recht. Auf der nach
klassischer Vergangenheit hingewandten Seite lt sich eine Fhrerschaft
der Frau Huch nicht leugnen. In der Nhe der Neuen steht mit sehr farbigem
koketten Sweater die silberblonde aparte Frau Godwin. Sie fllt gewi nie
in maskuline Allre. Ist in ihr alles Ktzchenhafte gesammelt bis an den
Punkt, wo das Weibliche ins Hschenhafte bergeht, so mu niemand zweifeln,
da weniger mondn aber international und mit Duft nach Knigshusern,
Jesuiten und Parfms die Weiblichkeit der Annette Kolb schlielich alle
berkreist. Es ist wohl nie ein weiblicheres Buch auf so hoher Ebene und so
berlegen geschrieben worden wie ihr Exemplar, und selten hat eine Frau
so gekmpft wie sie. Frau Lasker-Schler soll auf einem sagenhaften Almfeld
fahren. Sie ist ganz ber allen, zeitlos und eigene Klasse. Einige hrten,
da es ein Versehen sei, und da sie keine Zacke dieses Gestirns sondern
den Walfisch und den kleinen Hund und nur manchmal den quatorbogen
befahre.

Am kleinen Sprunghgel haben sich die Wiener gesammelt, sie haben die
breitest geschnittenen Breeches, schwarzwei gewrfelte Sweater und fter
ixige Beine. Man macht in dem Kostm keine Gletscherfahrt, aber
elegantestes Handwerk, nicht ohne Khnheit. Den Boden zu verlassen und
zurckzugleiten auf seinen Rcken, ist nicht nur mutige Tugend, sondern
Eifer und Leidenschaft. Irgendwo ist in der Nhe Kultur. Mit Dichtung hat
es nicht viel zu tun. Gepflegtsein ist noch nicht Tiefe, brave Eleganz noch
nicht Geist. Doch sie veredeln das Handwerk, in den Bau kommt Erfreuliches.
Unterhaltungsliteratur als Bedrfnis wegleugnen zu wollen, ist Sache des
weltfremden Dichters oder der Snobin. Hier wird er auf eine Hhe
kultiviert, die ihn den Schleimstreichern, der Courths-Mahler und dem
Rudolf Herzog abnimmt, deren unverhllte Roheit der Krebsschaden ist. So
etwas kommt sonst nur noch mit dnischem Einschlag oder aus den
Ostprovinzen, wo Fundamente da sind. Statt als armselige Dichterepigonen
geranienblasse Gefhle das dritte Mal zu pervertieren, tun diese begabten
Talente den Schritt ins Handwerkliche, ohne Ambition der Herzenskonflikte.
Herr von Flesch Bruningen schreibt famos Phantastische Bcher, die die
Deutschen nicht haben, Herr Soyka geht zu Knipslaterne und Revolver und
Dietrich und stellt den einzigen deutschen Kriminalromancier hin. Andere
Vlker, zumal die Skandinaven, haben das dutzendfach. Sven Elvestad, Frank
Heller, Doyle, Renard, Eje, Wells sind Phnomen. Den Deutschen fehlt
Selbstvertrauen und Sicherheit dafr, die Huch versuchte es, es milang.
Sie ist eine Frau. Die Mnner klauben in Kaffeehusern dnnste Lyrik und
scheuen die Wirkung mit Sensation wie gesellschaftlichen Affront. Im Grund
ist das ein Kodex voll eigentlich zappelndst brgerlicher Instinkte, mit
Freiheitsphrase garniert und einer malosen berschtzung des
knstlerischen Berufs berimpft. Groe Dichter scheuten keine Arbeit, aber
wohl mssen die Geringsten mit schiefer und ohnmchtiger Radikalitt ihr
mangelndes Vermgen keusch verdecken. Das Feigenblatt der arroganten Wrde
ist ein verheerendes Ornament fr eine humane Zeit. Statt mit Trommel,
Erbsenblase und Kolophoniumstreichen ttig zu sein, ist mancher lieber
Pasquillant und Togaschwinger. Der Baron von Knigge, der zwar ein
moralisierender Junker, nationalistischer Piepmatz kstlicher
Geschwtzigkeit, aber ein sehr kluger Mann war (weshalb er fr
Pressefreiheit schwrmte), hat, indem er zugab, da der deutsche Roman der
elendste sei auf der Erde, in seinem Buch ber Schriftstellerey vor
hundertdreiig Jahren schon jene Mittellage der Dichtung verlacht, die zu
fadenscheinig als Dichter, zu vornehm fr Schriftstellerei, drohnenhaft und
mit empfindlichsten Nerven die weiten Rume der Literaturgeschwtze
bewohne. Er war ein Weltmann und schlug sie zur Verachtung vor. Es ist mehr
im Sinn der Menschheit gehandelt (um im dichterischen Argot zu sprechen),
wenn das Niveau gebessert wird, als wenn Impotente hinter Groen herwanken.
Wir haben nichts davon. Lesen die Menschen statt Tovote an Dichterischem
geschulte Unterhaltungsbcher, verbessert sich der Geschmack, der
Weltblick, die ganze Struktur. Die hier sich hingeben, sind wahrhaftig im
menschlichen Dienst. Sie tun etwas, um mit Feuilles volantes die Gemter
und Seelen furchtbar zu laxieren. Schwne haben das weieste Vogelgefieder,
aber das schwrzeste unbrauchbare Fleisch, weshalb die klugen Rabbiner sie
in die Klasse der Heuchler zhlten.

Am Sprunghgel sammeln sich viele Menschen, die Gelenke knacken hbsch,
wenn die Kniee beim Aufsprung sich gewandt und sehnig biegen und
unerwartete Wendungen durch die Publikumsreihen jagen. Immerhin ist die
Gefahr nicht gro, denn der Absprung ist nur sechzig Zentimeter. Die groen
Rennen mit den dreiig Meter-Sprngen werden keineswegs hier ausgefahren.

Es hatten Weidenktzchen im Schnee schon Goldfahnen aufgesteckt, dahinter
erhob sich Bardala-Heilo-Geschrei. Doch sah man es nicht, denn mit
Gottfrieds Bild kamen die Keller-Leute in Prozession den Klammweg
heraufgetrappelt. Sie waren wenig sportiv, man vernahm nur schsisch und
schwbisch, spter erst wurde deutlich, wie Herr von Bodman eine Ode auf
seinen Helm rezitierte. Er fand gengenden Beifall. Sie nahmen Richtung auf
die Htte, wo zur Zither gespielt wird, der Kaffee soll wrmend dort sein,
kommt man mit Frsterpfeifen und sinnigem Gesprch bei Straenrock und
Gummischuh durch Schnee. Entfernt von ihnen, die am Waldrand heimatliche
Lieder sangen, ging Karl Rttger, mit christushafter Milde und wahrer
Hingebung im glubigen Gesicht. Auch der Anstand und die vornehme Haltung
des Herrn Kurt Martens war deutlich im Profil. Hinter den Weidentroddeln
ward das brenhafte Gerpel wieder deutlich, als sie verschwanden, und nun
sahen sie den Skandinaven Adolf Paul, der die Tuiskodichtung beschwor, in
nationaler Reckengre in den Jusquauboutismus zu wachsen. Doch Wotans
bankrotte Firma zog nicht sehr. Damit der Geist der Kriegsschieberei, die
Tglichen Anzeiger und Landeszeitungen in dunkelster Provinzen heftig
singen, nicht in den Zeitstrom faulig dringe, malten geschickte Jongleure
ihm die Zeichen seiner Tiefe auf die Rstung, indem sie eine Ziehglocke aus
Draht hinzufgten. Doch als ein Eingeborener dies seltsame Watercloset
benutzte und zog, ergab es wohl drhnendes Gelrme des Wassersturzes --
aber selbst das Metall, das kupfern geglnzt hatte, erwies sich als Blech
und barst.

Man sah in einem Schlitten Herrn Meyer-Grfe, Herrn Hausenstein, Herrn
Westheim, Herrn Wolfradt nahen. Sie waren gut eingehllt und etwas nervs.
Es hatte sie sekiert, da jemand ihnen, die das Malerische als Domne
hatten, sagte, das Tagebuch des Herrn von Chantelou enthielte bereits seit
Jahrhunderten alles Wissenswerte ber jede Kunst. Das Pferd, mit
Fuchsschwnzen und Schellen geschmckt, htte fast an Herrn Steffen
gestoen, denn er ging mit vertrumtem Auge und sah nur, was in frherer
Existenz an diesem Orte vorgegangen und fr ihn allein erreichbar in der
Luft zurckgeblieben. Er wute die Prosa mit schlichter Schweizerischkeit,
seinem angenehmen Nachbar Hesse darin hnlich, in eine glubige Hhe zu
bringen, die seiner Muskulatur nicht entsprach. Aber die Innigkeit seines
theosophischen Glaubens gab ihm bedeutende Unerbittlichkeit. Nur verga er,
da nur Vorbereitete und Eingeweihte die Farbkombinationen einer solchen
Lehre verstnden und da er, der verehrungswrdig ist, besser in Predigten
rede als in dem Kunstrahmen, der sie erstickt. Er geht sehr allein und
gehrte eigentlich der Kellerprozession zu, allein da er knstlerisch nur
nebenschlich, als guter Menschenfhrer aber eigentlich zu betrachten ist,
ist wie das meiste suchende Deutsche er nirgendswohin zu stellen. Es laufen
einige originelle Menschen hnlich durch den Schnee. Die Dialektler, aus
denen allein ja die Sprache neu heraus wchst, da sie tropisch ist und
herrlich unlogisch, haben den Hessen Alfred Bock, der in Drfern und
Mundartschluchten ein saftiges und eigentmliches Mentalittsgebru sucht.
Auf Hickoryskieren kommt Lns, der deutsche Freund des Kipling, des
Jrgensen, der das Kongograuen zeigt, des Fleuron, der die Tierseele aus
sich selbst heraus entwickelt (da Menschen denken, Biester zu sein, statt
des umgekehrten beliebten Verfahrens). Er hat ein Gewehr auf dem Buckel.
Kleine Sachen, groe Sachen. Erdgeruch, hnlich dem frhen Jensen und
Madelung. Ein Landschaftler mit wie die Erde toll und grausamem Gefge. Wie
er ansaust und bremst: erste Klasse, erste Klasse. Man kann am Abend den
dritten Outsider bei Bauernweibern hren. Herr Utzarsky macht Spe seiner
spanischen Reise. Das wurde der deutschen Prosa nicht mehr zugetraut, da
sie so festen Hintern habe, so derb qualme, so stnke und so saftig sei. O
Geist Cervantes, der mit Rabelais sich mischt. Auch die Fabliaux und Squenz
und Straparola haben um die Petrolkugel der Gesprche geschwebt. Es zog sie
wtend an, wo seit Jahrzehnten sie kein Medium fanden, in das sie strzen
konnten. Nun hocken sie zusammen. Das gebildete Publikum eilt hinweg vor so
viel Fleisch und Unanstndigkeit. Im Qualm hat es das Aussehen eines
Holzschnitts, allein das Bild bewegt sich manchmal, man merkt mit allen
Sinnen, wie stark es existiert. In jedem guten Sinn ist hier was
deutschbarock geworden. Jedoch ist fr engagierte Teutonen die Tafel vor
dies Wort gehngt, da keine neue Fraktion und nichts Politisches damit
gemeint sei.

Die Wintergegend ist noch gro. Man kann sie schwer in allen Winkeln
bersehen. Hier ist ein Prisma, es ist genug verkreuzt. Nur gibts noch
tausend Abseitigkeiten, die Maulwrfe haben die ganze Talkesselung umwhlt
und ihre Hgel berall gesetzt. Auch wo von heuschleppenden Pferden Abfall
hinkam, haben blau und grn schillernde Kfer in Legionen sich gesammelt.
Man soll den Zuschauenden nicht belstigen. Mist ist wie Kokotten und
Militarismus auch international von durchaus gleichstem Element. Auch ist,
was ich angedeutet, nicht eine Menschenlebensdauer, es ist tatschlich eine
Saison. Doch sind die Zufallsfischzge die charakteristischsten. Ich bin
nicht in Verlegenheit, dem Frager Wichtiges und das gezeigt zu haben, was
der Pflug durch die Geistebene bei Seite wirft. Ein Demiurg schuf auch die
Wrmer und die Engerlinge. In der Mitte des scheinbaren dlands aber hat
eine Schar die Ehrfurcht vor dem dichterischen Wort ergriffen.

Sind Sie ein Spanier in der Tat, der ausfragt, wo am vierundzwanzigsten
Januar Neunzehnhundertzwanzig ich in Eile bin, in die Schweiz zu fahren,
sind Sie Afrika nher als ich. Was von gyptischer Geistigkeit der
Jahrtausende blieb, ist nur etwas Form, etwas Kunst. Es ist jedoch eine
riesenhafte Sache. Auch hatten sie Niveau. Sie waren nicht fr jenen,
diesen Auenseiter. Ein einzelner Obelisk war ihnen Bldsinn. Sie machten
zweireihige Alleen. Da das Durcheinander so bedeutend ist und so vieles
noch nebeneinander wchst, ist nichts ntiger, wie einen guten Durchschnitt
zu bilden. Es geht um die Tat, das eigene Terrain ins Europische langsam
heranzufhren, nicht darum, in exklusiven europischen Schichten in
Klubsesseln wohl zu sein. Die Qualittsfrage nimmt fast das Schema sozialer
Strukturen an. Auch ist trotz alles Delabrements die Situation
hoffnungsfreudig. Erreichten wir dieses Minimum nicht, wre es vorzuziehen,
gleich Butonesen nicht mehr sich zu waschen und an den Beinen in Bumen
sich zu erhngen. Immer aber schwebte die geflgelte Erde mit der Schlange
vor den Tempeltoren. Man ist auf dem Weg scheinbar und besingt sie heftig.
In Tirol, mein Herr, sah ich eine Orgel, die so langsam lief, da der Cur,
whrend er spielte, das Vergangene hrte, das Gegenwrtige nur auf die
Taste setzte, aber mit dem Blick schon auf der dritten Ebene, den kommenden
Noten, weilte. Er spielte gut und hatte das Augenblickliche fest in der
Tastatur der Hand. Aber mit aller Spannung und jeder Wirkungsabsicht hatte
auf das Kommende er zrtlich den Blick gerichtet. On est bien  la
toilette, quand on attend son amant.




18. An einen Staatsmann oder die Tat


Lieber Herr Staatsprsident, Sie sind alt, temperamentvoll und klug. Sie
wissen wie ich: eine Soldatenrevolte, ein verlorener Krieg, das ist noch
nicht Revolution. Sie haben in einem kleinen Staat die Macht an sich
genommen. Ich heie sein Bestehen gut, es soll nicht alles Deutsche ins
Preuische gefalzt werden, und ehe nicht die Lust zur Einheit aus innerer
Kraft zur Einheit kommt, ziehe ich die Reibungskoeffizienten der bunten
Landkarte vor. Es ist ja im Grund ohne Bedeutung und nur formal. Das
geographisch kleine Ma macht keine Verringerung des Anspruchs. Keine Tat
wuchs in der brennenden Stunde auch aus kleinstem Ausma, ohne sofort
symbolisch zu werden. Ihre Verantwortung, auf die ich Sie festnagle, liegt
in Ihrer Erstmaligkeit. Was Sie tun, ist wichtiger als Handlungen derer
nach Ihnen. Haufen Dinge warten auf Sie. Sie werden sie tun. Aber es wre
entsetzlich, wenn es die falschen wren, die unwichtigen, die von
Hundsftten und Irren die praktischen genannt werden. Was Sie heut
versumen, holen Sie, holt keiner nach Ihnen ein.

Es ist unwichtig, verbrecherisch und fatale Klugheit, wenn Ihre Umgebung,
die Parteifunktionre, die Sie bearbeiten, Ihnen vorkauen, es sei
notwendigstes Gebot, Wahlgesetze zu entwerfen, ein Parlament einzuberufen,
mit liberalen Brgerparteien zu schachern, links und rechts zu lauern,
welchen Kurs der November weiterhin nimmt. Es ist lachhaft, zu denken, wie
Sie die bourgeoisen Beamten im Zartgefhl schonen, von der Front
zurckflutende Truppen schwarz-wei-rot empfangen, den Soldatenrat langsam
kastrieren und die Finanzrte der Kriegsanleiheanimierung das tolle Wort
fhren lassen. Kunst und Macht der Betriebe schnurren wie Gummi langsam in
die zitternden Hnde der Buche und Provinzheroen zurck. Die Jugend und
die Entflammten der Revolution staunen mit erwartungsvollen Augen nach
Ihrem Haus. Sie verstehen nicht, da nun nichts anderes komme als
Kartoffelsorgen und die Verfgung gegen Unabhngige und als liberales
Geschenk die Aufhebung der Bezugscheine. Man kmmert sich den Buckel darum.

Das ist ein Bluff, ist nichts.

Diese Stunde leuchtet nur einmal im Jahrhundert. Was Sie vor realen
Tatsachen heut nicht sehen, geht an Ihnen vorbei in den Abgrund. Es ist
das Wertvollste. Spter erschlgt es Sie und die Ihren, wenn die anderen
das irgendwo umherirrende Tier eingefangen haben und gegen sie geritten.

Greifen Sie der Stunde an die Gurgel, vergewaltigen Sie sie vor Freude
unsinnig, sie wird schn zu ihnen herberkommen. Noch ist Zeit. Verfallen
Sie nicht dem Irrtum, da Sie hier stnden, sei die Folge der schieenden
Soldaten, der Hanswurstiade von neulich nachts, der Organisation Ihrer
Partei. Ahnungslose. Nur die treibende Kraft nach Freiheit und
Gerechtigkeit (wovon Sozialisierung ein geringer kleiner Teil, nicht der
obere, wie Sie glauben), das allein feuerte Sie hoch. Nun halten Sie nicht.
Es gengt nicht, da Sie die Macht haben. Festigen Sie sie. Grnden Sie
sie, indem sie die Sockel aufstellen, die sie erhalten, legen Sie weiten
Blickes die Fundamente zu ihrer schpferischen Existenz. Denn wenn nicht
der Geist, der seither unterdrckt war, nebenan stand und verdammen mute,
wenn der nicht weiterhin hineinsplt in Ihr Werk, wird es austrocknen,
verdorren, die Hscher werden es zusammenhauen, sobald sie sich von ihrem
Choc erholt. Wir brauchen keine Rcksichten aufeinander zu nehmen. Sie sind
durch Ihr Alter sehr klug geworden, sehr berechnend, ich frchte: nicht
weise. Sie ironisieren, wenn ich sage, der Geist. Man hat seither in der
Politik diesen Zhler nicht gekannt. Mit Schachspiel fhren Sie die
Menschen nicht in die Seligkeit. Nur mit Bekenntnis und Tapferkeit. Auch
das ist Ihnen juvenil. Sie wissen, da ich meine Ziele sehr weit hinter den
Realitten aufstelle, aber da ich die Gegenstnde, die ich will, enorm
ramponiere. Reden wir taktisch.

Jean Baptiste Colbert begann die Aufforstung Frankreichs, da er kein Holz
hatte, um zum groen Ruhm des absolutistischen Knigreichs, das er schuf,
eine Flotte zu kreieren. Der grte Knstler der Welt riet Ludwig dem
Vierzehnten, die Porzellanmanufakturen auszubauen, denn nichts trage den
Namen des Knigs so weit in die anderen Erdstriche. Man tat das Gute aus
Instinkt fr eine nebenschliche und schlechte Wirkung. Tun Sie es der
Sache und der guten Tat selber halber, wie die Franzosen nach ihren
Revolutionen sofort den Geist zu sich rissen, damit entflammten, wie Lenin
durch von Kandinsky gemalte Kilometerstraen seine Triumphzge der grten
und bedeutendsten Revolution der Geschichte ziehen lie. Kuppelten sie
frher die schpferischen und inneren Krfte des Volks an zackige Kronen,
war es meistens Notzucht. Sie aber stehen heut zwischen den Lagern, knnen
ins freiere, immerhin revolutionierte Volk Strme gleichen Sinnes fallen
lassen. Sie brauchen nur den Hebel zu drehen. Dann wird keiner Sie
vergessen.

Nichts gibt mehr berzeugung wie das Existierende. Und heute haben Sie noch
die Macht, um die ich Sie grenzenlos beneide, das Schlechte auszuscheiden
und aus dem Flieenden das Neue zu gestalten, schpferisch in der Politik,
wie kaum einer unserer grten Ahnen in der Kunst es vermochte. Dies Volk
der Sklaven und des ewig untertnigen Verstandes hat zum ersten Mal den Mut
gehabt, sich zu befreien. Werfen Sie ihm Notringe, Schwimmgrtel,
Rettungsboote hinaus, da es nicht, erschrocken von der Uferlosigkeit der
Freiheit, geschwind und feig und bla die Ksten wieder erschwimme, wo
zwischen Polizisten, Paragraphen und Galgen es den Paradeschritt des
untertnigen Hirnes wieder beginne. Den weiten kreienden Sternblick
vertrgt nur der innerlich Freie, der immer Melodie in sich sprt und von
Musiken gespeist wird, die ihn geschliffen von Kraft gegen das Unendliche
anschleudern lassen. Der Wicht, die Nulpe will Ordnung und Essen. Nimmt
dafr Stall und Dressur. Es ist ihm lieber, er htte vier Beine und knnte
bellen. Es htte Bequemlichkeit fr sich, und auch der Hund trgt gerne
Marken und Orden um den Hals.

Als Sie noch schliefen in einer Nacht, nie glaubten, Sie trieben durch
Organisation die Revolution auf, platzte dort schon ein Vers, nahm dort vor
Jahren eine Novelle eine Kurve nach oben, kam Erleuchtung und Umsturz in
dies Bild, jenes Manifest. An den Ecken des Reichs verbrannten sie den
faulen brgerlichen Zauber. Die Revolte begann schon da. Die Zerstrung
hatte eine Schleuse aus der Erde gerissen. Dort begann es mehr als in der
Nacht ein paar Jahre spter, als Sie im Manifest des Zusammenbruchs Herr
wurden der neuen Form. Die geistigen Signalfeuer der Revolution haben in
kleinen Zeitschriften und Bchern Jahre hindurch gebrannt, haben sich an
den Peripherien geeinigt und sind im Kreis gegen die Mitte zu gejagt. Sie
kamen recht, zu sehen, da sie Gefahr liefen, umsonst gekommen zu sein.

Vermeiden Sie das schmerzlichste, da die geistigen Fhrer wieder
ausgeschaltet, wieder voll Anklage neben der neuen Macht stehen mten, wie
neben der alten. Schaffen Sie sich Fanfaren ins Herz des Volkes. Lassen Sie
die Literatur, die Ihre Macht vorbereitet hat, eingreifen und feuern. Noch
haben Sie nur Maschinengewehre, die in Ihren Hnden auf die Dauer ein Witz
sind. Wie knnten Sie sich halten mit den Waffen, die selbst den
Bayernrupprecht, den Ludendorff nicht schtzten. Machen Sie das Wort zur
Waffe statt den Sbel. Entfernen Sie die alte Kulturspielerei, die
Schamlosigkeit der Volksbildungsbestrebungen. Fort mit dem Rummel, der
Ahnungslosigkeit, dem Gespiel, Getu, Geschwtz. Sprengen Sie Schulen und
Universitten vor allem in die Luft. Es ist Zeit, da Sauerstoff in diese
Gelb- und Kreuzgasschwaden kommt. Schmeien Sie die Hebel zurck, die der
Intelligenz den Zugang sperren und nur privilegiertem Geldbeutel ihn
ffnen.

Vielleicht wird eine neue Rasse des Fhrertums entstehen statt Querkpfen
und Ttes melons, deren akademische Graduierungen das Gesptt der
fortgeschrittenen Tiere sind. Es kmen die Ideale unserer Zeit in die
Brennpunkte der Kulturwirbel und es wrden nicht weiterhin (wie frher
Schlachtrosse der Helden und gute Muttersue) die Fahnenschwnge von
Achtzehnhundertzwanzig dort in bung und Gnadenfutter gehalten. Endlich
einmal mu doch der Kontakt zwischen der Intelligenz und dem Volk
berspringen. Noch fliet er hinter Zement irgendwo vorbei. Ein Skandal,
da nicht am neunten November schon Deutschland unter Geistflut gesetzt
wurde. Es htte noch erfolgreicher den reaktionren Barbaren widerstanden
als das ypernsche Gelnde, mit dessen berschwemmung die Belgier unseren
Generlen das Tor des Sieges donnernd gegen die Stirne schmissen.

Zwei Lager seh ich allerwege. Ein Volk, das aufbraust und eine Kunst und
Ideologie, die zutiefst mit politischen Idealen sich trifft. Ein Wink, und
Dichter werden wie in Zeiten groer hellenischer Vergangenheit ffentlich
lesen. Auf zur Hebung der Schichten, die im Dunklen schaffen, zur Macht der
Weisheit. Machen Sie aus den Theatern eine Sule, auf der Gesinnungshaftes
gespielt wird. Haben Sie nicht Museen, Bildungssttten, Akademien?
Nivellieren Sie sie, machen Sie sie wieder auf, damit sie nicht
Gebirgswinkel der Reaktion, damit sie lesbare Symbole unserer Zeit sind. In
geistigen Dingen noch wichtiger als in formal-politischen ist die
Kapitulation des seitherigen Systems. Schon der frheren Regierung war ihre
Kunstpolitik diskreditierend. Und Sie schleifen den toten Bren mit.

Einmal, fter, in Renaissance, Barock, Rom, Byzanz, waren Geist und Ppste
und Frsten Schmelzpunkte von einer Klarheit, da es uns heute noch blendet
und uns Gestndnisse unserer Drftigkeit entpret. Heute mu zwischen
freiem Volk und Geist die gleiche Annherung kommen, oder Ihr seid
verloren. Hier wird nicht gearbeitet fr den Tag, sondern fr die
Generation. Nieder mit der Kunst der Gesinnungslosigkeit, dem unhumanitren
Geplrre der Aufpppelung der Kitschiers mit der Ruhmesglorie, dem Mangel
an Richtung, Profil, Gesicht. Nehmen Sie das, was auf den Straen Ihnen
bereit liegt, riesige Arme zur Ertastung des Volksbluts, der Sicherung des
Zustands.

Versichern Sie sich der Jugend vor allem. Halten Sie ihr die Gre der
zuknftigen Ideen vor, damit nicht ihr Rausch abgelenkt werde und
nationalistische Piraten sie mit den Leuchtfeuern der Kaisermythen und der
Schlachtlenker-Legenden in ihre Hfen tuschen. Gehn Sie an die Wurzel,
entfernen Sie unbedingt an den Schulen Minderwertiges, Verfaultes,
Kontrres. Es sollte wie bei den Peripathetikern der Stand des Lehrenden
der erste und nicht wie seither bei uns der geschmhteste zu Trommler und
Pauker entehrte sein, dessen Verachtung die weltmnnisch sich gebrdenden
hohen steifen Kragen irgendwelcher Juristen kaum eine Sekunde zu
unterdrcken geneigt sind.

Hier wchst Ihnen entweder ein Geschlecht oder der Abgrund.

Entfernen Sie den Schund der Lesebcher, geben Sie ihnen eine andere
Kursstellung. Geschichts- und Geographieunterricht nach internationalen
Richtungen. Seien Sie unerbittlich aber auch loyal. Lassen Sie die
Staatsmaschine einmal Glhendes statt Papier speien. Lassen Sie
Staatszeitschriften hinausgehn, jedes Haus erreichen, werben, erklren.
Eifern Sie den Katholischen nach, deren Organisation fr ein geistiges
Ideal ihnen jede Macht gibt und selbst die amerikanischen Trusts weit
bersteigt an Disziplin. Machen Sie Riesenbibliotheken fr das Volk.
Kontrollieren Sie die ffnungen, aus denen ffentliche Meinung gemacht
wird. Legen Sie den Arbeiterznften Redner zu, die nicht das taube Korn der
Partei vormahlen, sondern ihnen Moulins Rouges der neuen Zeit vor die
Stirnen stellen. Stellen Sie an hervorragende Posten Mnner, die keinen
Verdienst haben als in der Idee dem Volke gedient zu haben. Wer im Krieg
wagte, dem schneidigen Regime zu widerstehen und es in seinen Bchern und
Handlungen zu verklagen, hat mehr Recht auf der Spitze des sichtbaren
Kreuzes zu stehen, als einer, den die Maschine der Fraktion oder des
Zufalls hinaufgekartet oder gewrfelt hat. Auch wird es gewaltig ber die
Grenzpfhle wirken, erst gering und klein (wie bei uns auch) aber spter
wie ein Prairiebrand. Ersticken Sie ihn nicht. Es geht endlich einmal, so
sehr ich Zweckliches als Feldgeschrei ablehne, endlich einmal nicht um
Artistisches, um sthetisches, um Schlagsahne, Samt und Geld, kurz nicht um
Literatur, sondern um eine moralische Sache. Es ist ein Widersinn und eine
blanke Dummheit, sollten die, welche in der Schwarmlinie einer ganzen
Generation nach Gerechtigkeit und sozialen Ideen rufend, vor ihnen her die
Revolution gefordert, nicht auch Trger der Idee nach innen hinein werden.
Es wre der erhabenste Stumpfsinn.

Denn bald wrden Sie einer Phalanx von Einfltigkeit und Machtgier der
Seitherigen gegenberstehen, und manche, die Ihnen heut zunicken, werden
drben sein. Et facti sunt amici in illo die Herodes et Pilatus. Ich wei,
da das Schicksal die sozialistische Welle weiterrollen lassen wird, aber
ich kenne nicht die Formen, unter der wie das Christentum der Zusammensto
von Idee und Sachen sie vielleicht zum Gegenteil umschweit.

Aber ich zge es, da ich an napoleonische Tage nicht glaube, und unter
Rupprecht und Lettow-Vorbeck kaum eine Atmensmglichkeit erblicke, indessen
einen tapferen und guten Absolutismus aber diesem Dngerhaufen des Geistes
dennoch voranstellte, ich zge es vor, unter dem dritten Otto, dem
vierzehnten Louis oder dem achten Urban gelebt zu haben. Womit ich in der
Tat selbst aber mich keiner Konsequenz der Zeit, auf der mit festen und in
keiner bung ungewohnten Schenkeln ich sicher zu stehen glaube, entziehen
mchte.

Ich sage eindeutiger, einseitiger und erregter Ihnen das in diesen
Novembertagen des Jahres Neunzehnhundertachtzehn schon, da Sie es wissen
wollen. Sie haben zweieinhalb Mal solange das Leben gesehen wie ich und die
Berechtigung, die Augen manchmal zu schlieen und die Dinge nicht so ernst
zu nehmen, da Sie vieles gesehen und meistens berlebten. Ich wei, da die
Skepsis zur Ekstase gesellt erst jene khle Tatsicherheit gibt, die
gebraucht wird. Ich entziehe mich dem nicht. Doch ich mchte, der Krach
eines panischen Entsetzens mge einmal wenige Sekunden lang in Ihr
Bewutsein schlagen. Dann htten Sie, mit Falten der Klugheit um Stirn und
Auge pltzlich vielleicht weiter gesehen, als die Vorrechte Ihrer Erfahrung
Ihnen gestatten. Denn diese sind nur wertvoll als Ergnzung des Willens,
nicht als sein Gehalt.

Da es darauf ankommt, die Menschen mit ihren Ideen zu erneuern, nicht nur
ein paar Rder der Verwaltung auszutauschen, mssen Sie Konsequenzen sich
hingeben, die tiefer stehen, als Ihre parteipolitische Navigation Ihnen
zeigt. Machen Sie die Bahn dazu frei. Revolution heit Verpflichtung an
ihrem Geist. Es wre eine Niederlage sondergleichen, ja des menschlichen
Gedankens berhaupt, wenn Sie es versumten. Denn vergessen Sie nicht, da,
was Sie an einem kleinen Volk tun, den Ewigkeitswert jeder ersten Tat,
jeder erstmaligen Erkenntnis hat und da Sie es nicht in partikulrem,
sondern in ganz groen Mastben zu verantworten haben werden.

Damit man nicht sage, Sie htten das Schlimme getan, das Gift getrufelt,
den Vogel fliegen lassen und die Revolution so quittiert wie jener
Ingenieur Megret, der, als er Karl den Zwlften tot in der Trenche fand
(womit der schwedische Imperialismus krepierte), sagte: Nun hat die
Komdie ein Ende. Wir wollen zum Nachtessen gehen.




19. Bilanz


Kurz . . . um eine Addition zu machen . . .

Vor einigen Jahren rollte die Welle der Stotrupps neuer Gesinnung und
neuer Form vor, steckten die Grenzlinien ab, verteilten die Terrains,
gewannen die Anfangsschlachten, berschritten die Marne. Ihr Sinn ist nher
bei Tolstoi als bei Gustav Freytag, ihre Art mehr zu Grnewald und Bosch
gewandt als zu den Nazarenern und Symbolisten. Es ist ihnen nicht viel
nachgekommen, einiges, was ergnzte, ein paar Farbflecke neu, aber keine
berstrahlende Figur. Genau wie in der Malerei. Es gibt keinen Nachwuchs.
Lehmbruck, Marc sind tot. Barlach, Feininger, Rohlfs, Klee, Purrmann,
Pechstein, Nolde sind nicht mehr jung. Es bleiben die sieben oder acht
zwischen Heckel und Kirchner und Beckmann, die die ersten Eruptionen warfen
und nun ins Oeuvre hineinwachsen. Hinter ihnen wie den dichtenden Musen ist
nichts wie Krampf, Gets, Radau und jene widerliche verfluchte
revolutionre Geste, die den dicken Wilhelm des radikalsten Expressionismus
mimend _nicht_ andeutet: Durchbruch oder ich verrecke . . . sondern: wie
schiebe ich mich am verdrehtesten und auffallendsten in eine meschuggene
Pose. Junge Leute, Ihr werdet schwer verknppelt, wenn Ihr es, was
wahrscheinlich, nicht vorziehen solltet, der nchsten kleinen Wendung mit
gesteigertem Gebrll zu folgen. Aber man hlt das Ghnen nicht vor solcher
Steeplechase. Die Eselsohren erscheinen, die mangelnde Lende wchst durch
die Tunika, whrend die Offiziere und Echten und Elementaren der
revolutionren Bewegung in die eroberten Stdte einziehn.

Kann man auch mit dem Zirkel schon einen Kreis um das Vorliegende schlagen,
tangentieren und nach Laune mathematische Errterungen springen lassen, so
gibt es doch noch nicht die leiseste Ahnung, ob wir im Anfang sind der
neuen Prosaentwicklung, ob mitten drin, ob vielleicht schon am Ende. Es
scheint, als ob die Geschichte, die verzweifelte Dirne sich wiederholender
Handlungen, lehre, die Exploiteure und Buschmnner neuer Weltgefhle und
Stile seien auch ihre wesentlichsten Trger. Es ist dutzendfach zu
beweisen. Doch kann das Wesentliche auch erst im Schatten dieser
Anstrengungen heraufwachsen. Die Spannung, die zwischen Geist und Stoff
heut liegt, ist zweifellos feindlich, da es immer auf Vergewaltigungen
herauskommt. Das wird nach legitimeren Formen und ehelicheren Annherungen
leiten. Zuerst geht es mit den radikalen Lagern, ganz links oder ins
Tief-Katholische. Nicht jene offizielle Religion wird geliebt, die der
Krieg kompromittierte. Einmal hat sie der Belgier Masereel, der Daumier
unserer Zeit (wenn auch ohne seinen Bizeps) gezeichnet, aus der Bibel
lesend, das Feuerkommando gehend. Es wird das bernationale der
katholischen Glubigkeit gesucht werden wie das Internationale der
sozialistischen Ideen, ein humanitrer menschenliebender und vereinender
Passat streicht ber die Erde. Vorderhand marschiert man tapfer auf eine
Mauer zu, die irgendwie wo steht. Das ist berhaupt die Art der
Lebensroute. Von Schickele bis Dubler und Mann ist man von der Partie.
Erst in dem Augenblick, wo man dicht die Steine berhrt, wird ein Teil
einfallen, ein ungeahnt groer, neuer Horizont wird da sein. Und Ihr werdet
sehr erstaunt sein. Das Neue kommt von einer Seite und Richtung, an die Ihr
gerade am wenigstens dachtet.

Es wird wohl nicht ins Uferlose der Form hineinziehn und
Geistkonstruktionen werden der neuen Landschaft sehr fern sein, es wre
blamabel, an solche Starre zu denken in sicher melodischerem Vogelgesang
der ersten Sekunden. Wirft Flake mir herber, meine Temperamentsnovellen
liefen Gefahr, die groe Oper des Heroischen zu werden, freut sich alles in
mir, ihm zu sagen, ich habe es vorgezogen, statt ein Gehirnzwitter immerhin
ein Kerl gewesen zu sein. Wie ich es mehr liebe, in der Mitte des Mahls
Beefsteaks vom Rost mit Blut und Kruste zu speisen als Zirbeldrsen, in
denen, wenn ich nicht irre, der Sitz des Verstandes sein soll, und durch
deren Genu wohl der Sinn fr die Konjunkturen des literarischen Betriebes
geschrft wird, und sei es selbst in dem regenbogenhaften Ritt durch alle
geistigen Phasen und Stile, an dessen Ende der Elssser Flake keineswegs
als der Pol der Epoche landet, sondern als die bewegliche und nicht ganz
stilreine Kuriositt eines Kleists des Feuilletons, der er immer schon
war. Hat die Zeit einmal im Abstrakten sich ausgeschweift und gesehen, da
nur Hirnruschlein aber keine durch Tod und Hlle sausenden Erschtterungen
zu holen sind, wird sie sehr bald in sanftere und geregeltere Beziehungen
zum Naturalistischen gehen. Sie werden dann nicht mehr unerhrte Abenteuer
erleben, nicht wie reiende Wlfe das Feminine im Vorwurf und Reiz
erstreben, sondern dem Seienden die Gre der Seele und die Souvernitt
des Geistes wohl als milde Ausstrahlung hinzufgen. Ich zweifle nicht, da
es so gehen wird. Vielleicht bleibt man aber auch wieder im Nazarenertum
stecken. Wer heut Kraft hat, wird auch weiter eine Sache sein, die man
zuerst behandelt, wie die Hunde mit Denkmalen tun und dann gewaltig
respektiert. Ob Ihr in Zukunft Kunst wie Erbsen au sucre oder  l'anglaise
anmacht, das Resultat wird letzten Endes dasselbe sein. Zeit fragt nicht,
wie die Schar der Gourmets nach den Mayonnaisen, sondern nach dem Fleisch.
Das ist ihr unbestreitbarer und unerschtterlicher Vorzug. Das alles liegt
noch in weiter Sicht und wird nur wie die uersten Saiten birmanischer
Instrumente sozusagen als Untermelodie und pizzicato mit berspielt. Denn
vorderhand scheinen wir noch mitten in der Melodie zu sein, und noch hat
kein Abgesang begonnen einzufallen. Was Dadaisten heulen, ist nur Geschrei
der Unvorsichtigen und nicht aus Geist, sondern aus Dummheit berkhnen,
die an den uersten Rndern unseres Weltbildes sich die Finger
verbrannten. Anarchie ist nicht mglich in dieser Form und Zeit. Das
Miverstndnis und die Desavouierung kamen aus dem Erfolg und der modisch
gewordenen Haltung, als das Pendel durch die ffentliche Anerkennung
durchschwang, die im Grunde belanglos ist und in der Konsequenz gefhrlich.

O Ihr Jungfrauen von Ktzschenbroda, Ulm und Gnesen, die Ihr statt
Schlummerrollen und Holzschnitzereien Eure unverstandene deutsche Schwermut
nun in abstrakten Landschaften und gedreieckten Visionen dem erschreckten
und ahnungslosen Publikum Eurer Heimat vorweist, wie sehr habt Ihr (wie die
meisten alle) miverstanden, da die Wlfe allein imstande sind, die
schlanke Geistesbeute zu fassen und zu zerreien, und da die Tauben und
die idyllischen Hhner, selbst wenn sie die tragischen Masken tragen,
unerbittlich an Girren und Scharren gebunden sind. Wer whnte, die neue
Kunst sei modern und es sei ntig und guten Tones gewi, sich mit
zeitgemem Badekostm, Teekleid und Fingergestus auch dem Geistigen
bestimmt nun modisch anzuschlieen, hat schlechte Brsentips des Geschmacks
getan. Modern ist bei Gott hier nicht die Spur -- was hier erstrebt ward,
war uralt. Modern ist allein und undeutsch auch nebenbei der Kitsch, den
die guten Schulen unseres Mittelalters und aller anstndigen Vergangenheit
nicht kannten.

Eins jedenfalls ist sicher: die Generation ist ausgekernt. berraschung
wird nur noch aus der Leistung kommen, nicht aus dem Affront. Die Redner,
Maler, Dichter, Regisseure, Plastiker dieser Jugend stehen in der Arbeit,
es ist wohl abgeschlossen, was hinter ihnen kommt.

Das Formale ist als Frage und Problem wohl erledigt. Nun kommt die stille
Arbeit. Ich bin fr die Leistung. Aber ich bin gegen Expressionimus, der
heute Pfarrerstchter und Fabrikantenfrauen zu Erbauung umkitzelt. Es hat
mich nie gereizt, eine Schar zu fhren, die in geometrischen Orgien und
stilistischen Wettrennen auch nur erstrebenswerte Stationen der Kunst
erblickte. Ich erschauere ber die nachgeplapperte Gebrde, deren
Sinnlosigkeit Brechreiz erregt. Ich bin dagegen, da die siebentklassigen
Leute sich verdrehen, schne Mdchen und zu anderen Hoffnungen durchaus
berechtigende Knaben sich ereifern, die Welt mit kosmischen Tapeten und
hysterischen Gedichten zu erfllen, statt ein bescheideneres und
menschlicheres Dasein sich zu erwhlen. Ich bin dagegen, da die Programme
der Theater und der Kunstgewerbeschulen und der ffentlichen
Vergngungshuser schon allgemach beginnen, sich steil ins Visionre
aufzurecken, und das die alternden Damen bereits nicht weit davon entfernt
scheinen, gyptische Coiffuren den schlichten und sicher in ihrer
Unreizbarlichkeit gelasseneren aufgeklebten Teetassen vorzuziehen. Ich bin
voll Gram und belkeit ber diese Drre, diese Trockenheit, dieses
Miverstndnis eines Nachwuchses, der keiner ist, sondern ein Ameisenhaufen
von Ehrgeizigen, Affen und Modischen und Harlekins. Wahrlich, so setzt ein
Stil sich nicht durch, nie geschieht durch die kritiklose Aufnahme der
Idioten die Wandlung in schpferische Breite. Glaubte ich nicht, da,
nachdem (Lob, wenn es bald sich ereignet) die Allzuraschen das Geraffte
wieder treulos verworfen haben, glaubte ich nicht, da gegen die Programme,
gegen die sie hilflos sind, die Sicheren und Aufrechten, dennoch, sich
wandelnd mit der Zeit und dem aufsteigenden Saft ihrer eigenen Reife, diese
Mischung von Glauben, Einfachheit und Strke des Ausdrucks zum guten Ziel
breiten werden . . . ., mte ich wirklich denken, dies Gewimmel von
Nichtsen und Nachbetern sei die moderne Schule, ich wte keinen anderen
Wunsch, als da ich sekndlich bei aller meiner antimilitaristischen
berzeugung bte, irgend ein deutscher oder gallischer oder tonkinesischer
Kriegsgott mit aufgesteiltem Schnurrbart mge dies alles sporenklirrend in
die Welt-Latrinen tragen.

Jedenfalls hat das Volk wie das Blut den Bauchtanz der Stilaffereien satt.
Als ein Schiff namens Titanic auf einer Rekordfahrt im Frieden von
Neunzehnhundertzwlf oder Dreizehn sich an einem Eisberg zerschlug, damit
eine englische Linie schneller sei wie eine deutsche, hallte die Sensation
noch Monate in den Vlkern Europas nach und die Konjunkturgersteten
verarbeiteten es, wie spter den Krieg, zu Novelle, Film und Drama. So
begann es, aber niemand dachte bis zu den Wurzeln hinunter und fhlte, hier
steige der Ri auf im gottverdammten zivilisierten Jahrhundert, der bald
alles zerschmeie. Man strafte nur Kapitn und vorgeschobene Laffen. Lloyd
strich die Versicherung ein. Niemand holte den Zeitgeist vor die Assisen
und strafte ihn mit dem Bann. Man htte ihm damals schon das E. K. I und
die Lgion d'honneur verleihen sollen, man wre dann allgemein gefater auf
das Kommende gewesen. Es sind dann zuviel Schiffe gesunken, Stdte
zerschossen, Millionen verreckt, Kaiser gewandert, Revolutionen
aufgeflackt, als da irgendeine Sensation auer der des Messers direkt vor
der eigenen Kehle die Menschen noch erschtterte. Man will Ruhe. Vorderhand
betubt man noch die Resignation. Auch der Expressionismus ist kein Stachel
mehr oder tiefer wie eine rothaarige Barmaid oder die erste englische nach
dem Kriege importierte Kokotte mit den neuesten Plissees am Nachtpyjama und
famosen Lastern in den Fingerspitzen. Ich frchte, man wird sehr katholisch
werden oder sich sgeflligem Klassizismus in die Hnde werfen, hat man
erst an Tanzbarrikaden, Aufklrungsfilms, Bac . . . bac und Homosexualem
genug. Sie werden dann vielleicht auf nackten Sohlen zu Trakttchen
schliddern und nachts ihre Bonnen auf Filzsohlen besuchen oder sthetisch
werden mit jenem Oberflchenschleim, der alle Unkultur zudeckt. Sie haben
dann vielleicht Krausen um die Hlse und Filetmanschetten und mehr Zeit,
die Ngel zu polieren als auch in das Gekrse der Zeit zu schauen und
Blutdampf der Schlchtereien zu ertragen. Ihnen wird ein Weltbild
pastelliert wie eine gebgelte Omelette serviert. Wahrscheinlich wird ihr
Anzug auch farbiger sein wie der unsere, wahrscheinlich phantastischer und
nicht so idiotisch beschrnkt. Das wird ihr wesentliches Plus sein. Uns
werden sie als Dreckscke bestaunen, weil sie sich in Parfmwolken
geflchtet haben. Die Armen werden nicht wissen, da, neben anderem, wir
auch das kannten und, hols der Teufel, die Hhen des Daseins abgelaufen
haben wie irgendeiner. Sie haben seinerzeit unter Paul Heyse auch Bchner
und Shakespeare wie zusammengeschossene Kuriositten sich lachend und
frstelnd vorgesetzt, als sie in einer dnnen und lcherlichen Lyrikwolke
saen und, wie immer dieselben, glaubten, ein barbarisches Erdgelchter und
die Dicke und Flle seien Ungeschmack. Ich hoffe, diese Perspektive wird
unter den vielen Perspektiven die des falschen Traums gewesen sein. Es wre
zu lcherlich und beschmender als ein Bankerott. Auch ist es wurscht. Man
tut das seinige. Mehr ist uns nicht zugeschrieben in dieser bel begrenzten
Welt.

Irgendwie hat Kunst eine tiefere Aufgabe als nur ihrer augenblicklichen
Zuhrerschaft etwas zu kitzeln. Sie bedeutet heut ein klein wenig Niveau.
Endlich eine Anschwemmung von Festland im Morast. So und nicht anders
beginnt der Weg zur Kultur und zu den menschheitlichen Aufgaben. Etwas
neues ist in unseren Tagen in die Welt getreten und zum ersten Mal zeigen
sich Bodenstze, auf denen nach anderen Grundrissen als seither das Gebude
der Erdbewohner gemacht werden kann. Die Dichtung hat diesem oft und frh
Ausdruck gegeben, vieles prpariert, manches schon geschaffen. Aber es ist
noch ein Molekl. Es fehlt noch das Zusammen- und Ineinanderschweifen der
Stile, Geister, Kunst, Gefhle zu einer Zeitharmonie, die tatschlich von
Haus bis Bordell, Glck, Ehe, Krieg, sozialen Gleichheiten einen Raum wie
eine Glaskugel so glatt und selbstverstndlich baute. Wichtiger als das
Drama scheint in der Dichtung Prosa und Lyrik. Ohne Strindberg, Wedekind,
Claudel ist die heutige Schaubhne undenkbar, ja fast alles heutige ist in
ihnen schon erfllt. Merkwrdigerweise haben sie die Prosa gar nicht
beeinflut im Kern. In einer absolut neuen und vornehmen Formgebung scheint
sich in ihr die Vereinigung slawischen und romanischen Geistes zu
vollziehen. Dies ist eine groe und praktische europische Aufgabe. Alles
Groe ist ja von Urgrund an verbunden, die Themen jeder bedeutenden Kunst
sind die gleichen, nie siegte die Gewalt, durch Leid erklomm Mensch und
Kreatur erst sich selbst und Seligkeit. Das Europische steht sich noch
nher, denn, so sehr wir natrlich modern sind, sind wir doch Kinder
Flauberts und Jammes und Voltaires, und auf der anderen Seite waren die
Russen auch vor uns da. Nirgends scheint mir das so gesammelt wie in
unseren Prosabchern. Die letzten Resultate stehen noch aus. Vorderhand ist
alles noch zerrissen. Schlssen sich die Kulturanstze dichter zum Kern hin
und ginge ein berlegenes Gouvernement vor und plttete die Ansammlungen um
einige Kulturzentren besser auseinander, kme es auch mehr ins Breite. Da
der Krieg die ethische Seite zum Zerplatzen anzog, kam gute Dichtung
ziemlich in die Massen. Tatschlich brauchts aber Nivellierung, denn die
groen Auenseiter machen das Niveau nicht, sondern machen nur die Distanz
zu den kleinen deutlicher und die Zerrissenheit grer. Vorderhand
vollzieht sich der Blutausgu immer noch in zwei bis drei Zentren, und die
Theater, sehr berholte und, Parlamenten gleich, nachhinkende Instrumente
sind doch ganz einem Kreis von Kapitalisten, Snobs, Begeisterten und
Modisten ausgelieferte Tribnen. Die Masse, das Proletariat zumal, wird
berhaupt nicht erreicht. Nicht so wichtig ist, da eine der Zeit
entsprechende Kunst da ist, als da die Menschen davon erreicht werden.
Noch sitzt nicht in jedem Nest ein aufs Gute kontrollierter Buchladen,
marschieren Gemldeausstellungen in die Gebirgstler, spielen die
Kinosterne Hella Moja und Fern Andra wichtige und menschliche Stcke auf
jener Flimmerleinwand, die heute der fabelhafteste Schu ins Volksherz ist,
surren gute Vorstellungen durch Vorstadt und Bergwerk. Die Sache ist
schiefgewickelt. Was auf dem Groen Bren passiert, ist mir an Europa und
vorderhand durch die Valuta an Deutschland geschmiedeten, ganz pulde. Fr
den Marburger ist Mnchen gleich Mond, Berlin dem Rosenheimer schon Sirius.
In Rodorf und Pcking ist selbst der Name dieses Gestirns noch unbekannt.

Es gibt Architekten, aber kein Baugeld. Fr Plastiker keine Sle. Fr die
Ergriffenen nichts, was statt der gotischen Kirche aus dem Boden wchse und
unsere Zeit als Denkmal ber den Erdrcken hin in die Unsterblichkeit
trge. Einheit ist noch sehr fern. Das Expressionistische scheint in der
Vielheit seiner Aufgaben und der Flamme, die es aus dem Bndel holte, ein
entschiedener und entschlossener Ansatz, vielleicht nur eine Vorbereitung,
damit es dazu komme, da Seele, Raum, Umgebung, Leben zusammenfliee zur
Einheit. Als der Akademiker Annibale Carracci die Galerie Farnese anfing,
malte er die Decke, komponierte die Gewlbe und entwarf sogar, dieses
cervello grande, wie der Cavaliere Bernini ihn nannte, Hermen und Ornamente
nach den Gesichtspunkten originaler Perspektiven. Und dies war nur das
Barock. Daniele da Volterra (mag er heutigen tausendmal ein Troddel
scheinen) fragte Michelangelo um Rat wegen Architektur, und der groe
Bildhauer machte bedeutende Verse. Es gab in bedeutenden Hheerscheinungen
der seitherigen Welt manchmal wunderbare Durchdringungen des Geistsaftes
aus allen Lagern und Poren.

Dazu mu beim Menschen angefangen werden. Das Politische mu sich
auslavieren. Die Revolution ist nicht tief in die Stollen vorgedrungen, hat
aber immerhin eine Anzahl Bollwerke erobert und halten knnen. Die Reaktion
ist khn auf dem Marsch, die Parlamente begannen ihr ausgequietschtes
Scharnierspiel wieder zu schaukeln. In Spanien folgte eine Zeit lang in
Monatsabstnden ein konservatives immer auf ein liberales Kabinett. So
annullierten sie stets das vorher Verfgte. hnlich wird man sich wieder
die Wage halten, ein unfruchtbares Schaffen wird demokratisch genannt
werden. So lieen immer die Vlker ihre Rcken biegen und solange sich zu
Exerzierfeldern benutzen, bis zu bermtige Belastungsproben ihren Unwillen
erregten. Dann lieen sie die Minen springen. Der geheime Zndstoff ist nie
verloren gegangen. Ihn heit es hten als gutes Feuer und Signal, man mu
ihn zum ersten Mal verstndnisvoll anlegen lassen, damit eine knftige
Revolution endlich einmal zur rechten Stunde und nicht als Ente kracht, da
sie am rechten Platz und nicht aus zuflligen Vesuven steigt und da vor
allem Menschen da sind, die nicht von ihr bleich gegen die Wnde gefeuert,
sondern grend dastehn und sie heimholen als die groe Meerentstiegene.
Einmal mu der wilde Bulle einen endgltigen und vorzglichen Sprung tun.

Man soll heftig dabei bleiben und vor allem, was an Tradition da war, nicht
vergessen. Das ist Besitz und nicht Belastung, wie die Futuristen meinten,
man mu eben nur zu entwickeln verstehen. Das Miese auf den Mist. Das
Erhaltene aber in den Humus. Gibt es zwischen Kerr und Fontane noch keine
Bindung, mu man sie erkennen und von dort aus Enterhaken ins Zuknftige
werfen. So ist schon eine Kette da, Stationen warten, sind hergerichtet, es
ist vorbereitet dies und das. So kommt man immer aufs Wesentliche. Das
andere mu liegen bleiben bei Seite oder als Dung, wie es sich eignet.
Talente gengen nicht mehr. Verantwortungen mssen da sein. Auch der Hecht
ist wichtig, als Raubtier hat er Adel und Aufgabe. Auch unerbittliche
Verneinung ist Liebe in diesem Sinn. Aber im Guten auch mu die Absicht
moralisch sein, nicht nur bon sens. Standhaftigkeit und Urbanitt. Kein
Krhwinkel der Eitelkeiten. So kommt Hherzchten, Besinnung, Sachlichkeit.
Kommt zwischen Peitschenknall der Hirten und hrnerblasenden Engeln ein
neues Tagen. Ein Novum ist in die Welt getreten, viele haben es versprt,
die meisten vergessen. Der Wille zur Einheitlichkeit der Handlung und des
Zueinanderwollens hat sich in die Seelen der Vlker festgesetzt immerhin.
Man soll die Zahl der Entschlossenen nicht berschtzen. Aber das Buch ist
eine adlige und gute Angriffstruppe. Zwar haben sie auch Voltaire und
Platon gelesen, aber sie haben es auch nicht vergessen. Vorderhand ist
unsere Zeit noch barock. Eine Rampe ist nicht vorhanden, nur fr wenige,
die es hren knnen, hat das groe Schauspiel auf einer geheimen Bhne
angefangen, und die unsichtbaren Schlachten und Donner und
Verschwiegenheiten der Dialoge und Handlung haben begonnen. Die anderen
aber sind auf ihren Sthlen geblieben und haben nichts vernommen. Orbis
pictus nannten die Guten frher, was an Welt sie schilderten. Welttheater.
Sie sind heute mit unendlicher Dummheit geschlagen, weil sie nicht zur
Bhne hinschauen, aber auch nicht spren, da statt dort in allen Logen von
ihnen selbst ein irres Drama gespielt wird. Nirgends spiegelt sich die Welt
wie in uns.

O Deutschland.

Vor vier Jahren, als es begann, Euch kratzig zu gehen, besannet Ihr Euch
auf Euren Chauvinismus und nanntet uralt lothringische Nester in Eure Zunge
zurck: Mein Metzer Weinnest Siy zu Sigach, Flaucourt zu Flodoaldshofen.
Selbst Jouy-aux-Arches, statt seine bochische Herbheit zu lieben, machten
sie zu Gaudach, indem sie der rmischen Silbe den ersten Wehruf ihrer
Verderbnis folgen lieen. Heut machen sie drben aus Bismarckstraen die
Avenue Foch und aus der Vogesenstrae Straburgs den Boulevard Clemenceau.
Ludendorff begibt sich in die Versammlungen deutscher Burschenschafter und
ernennt sie zu Trgern des Vermittlungsgedankens zwischen Arbeitern und
Fettbuchen und nimmt das irrsinnige Jubelgeheul als Honorierung fr die
Einheizung des monarchischen Gedankens. Die Flieger waren im Krieg
Feuilletonisten geworden, ich hatte es nicht geahnt, als ich Lambert auf
dem Marsfeld als einer der ersten Passagiere begleitete. Sie rochen damals
noch nach Benzin und waren zwar herrlicher aber fast so ungeistig wie die
Reporter des Matin, die sie interviewten. Aber gefallene Generle haben von
Wrde so wenig Ahnung wie die Bankerts aus Pudel und Dachs. In Garmisch
segnet Henny Porten die Loisacher und Werdenfelser, die ausmarschieren,
Mnchen von den Rten zu befreien. In Tegernsee drfen Damen und Herren
selbst in keuschesten Anzgen nicht zusammen am Seestrand baden. Fhrt
meine Jolle zwei Meter weiter im Bodensee, Ren Schickele auf der anderen
Seeseite zu sehen, erschieen mich schweizerische Bleie, da das Wasser hier
schnell und deutlich andere Territorialitt annimmt, ohne im mindesten an
Nsse und Grn und chemischer Substanz zu verlieren. In Mnchen zeigt man
Cook-Reisenden verrostete Stacheldrhte an der Vier-Jahreszeiten-Bar aus
den Apriltagen Neunzehnhundertneunzehn, und whrend den Lemberger und
Darmstdter Spieer es im Fette gruselt, erschieen sie Levin an der
Gefngnismauer im Auftrag einer sozialistischen Regierung. In Passau ist
ein Markt von elfenbeinernen Rokokofen, der Ausverkauf der Schlsser
beginnt. Flieger schaffen Perlen nach Trelleborg, und Luzern berfttern
sie mit Gold und Banknoten. In Mainz ist das Fest des vierzehnten Juli
prchtig verlaufen, in Galauniform hat General Mangin eine Rede auf der
illuminierten Mainbrcke gehalten. Es sei besser, man mauschle und schiele
mit den Fen, schbe und habe Geld, statt zu versuchen, geistreich zu sein
und keines zu haben, denkt einer im steifen Hut im Wartesaal, wo Dichter
schwrmen zwischen zwei Zgen. Ebert spricht von Schiller und Goethe in
Weimar, whrend die eigentlichen politischen Leidenschaften des Volkes die
Schienen um ihn und seine Nationalversammlung aufreien. Man schraubt
Preise und Geist. Einen millionenschweren Dichter verhaften die Weien
Garden in Mnchen, weil er (Gelchter der Literaten) im Besitz der zahmsten
Zeitschrift, Bies Neuer Rundschau, war. In Darmstadt ist aus dem
weltberhmten Exerzierplatz ein Negerdorf fr Kinoaufnahmen geworden, Noske
schrie beim Besuch die Minister an, weil keine Generle da waren. Doch sind
die Hessen Pazifisten, blind und kriegerisch nur in der Etappe. Spter
verffentlichte man das Menu in den Zeitungen, es fand sich, da es nicht
karg war, und die Konservativen feixten. Die Sozis waren aber bse, weil
das Ernhrungsportefeuille ihnen von den Agrariern wie eine Gipsstukkatur
abgerannt wurde. In Moskau hlt man aber die Bauern fr die Sttzen der
bolschewistischen Idee. Die Brger schreiben in ihren Gazetten, taucht
irgendein neuer Revolutionr auf, sofort, er sei lungenkrank und
geistesgestrt, eh sie seinen Namen wissen. Spter fgen sie hinzu, er habe
siebenjhrig sein Wasser ins Bett abgeschlagen und vierzehnlenzig auf
Karneval vor Generlen gescheut, was Anomalie sei. Die im Land irrenden
gehetzten Kommunisten wollen die Brgergarde zum ckerdung. Die im November
Neunzehn kalkig und kindsfromm verschwanden, pauken wieder auf Bauch und
Blasbalg die nationalistische Phrase. Von Fhnrichs werden nicht grende
Matrosen erschossen. Bald wird es so kommen wie in Wien, wo
achtzehnhundertvier, wie Benjamin Constant nebenbei anmerkt, ein
fnfundzwanzigjhriger Mann gehngt wurde, weil er ein Gedicht zum Lobe der
Revolution geschrieben habe. Otto Flake biegt seinen Kriegsnovellen die
Knospen ab, schraffiert sie, lt Kommas und Artikel beiseite und schreibt
damit einen pazifistischen (klugen) Roman und nennt ihn Revolution der
Prosa. Als mein Freund Colin als erster Franzose und europischer
Generalsekretr der Clart zuerst in Deutschland als mein Gast in
Darmstadt sprach nach dem Kriege, sangen drauen zum Protest gegen die
Menschlichkeit die Helden des Mckebundes, Gymnasiasten und kassierte
Leutnants mit entblten Huptern im strmenden Regen die Wacht am Rhein,
bis die Sturmtrupps der U. S. P. und der S. P. D. sie gemeinsam in
unsterbliche Prgel zogen. Ich werde pakontrolliert, wenn ich von
Darmstadt nach Frankfurt fahre, und als gesinnungstchtige Besitzer von
Lastautos die wachstehenden Franzosen dreiviertel Jahr nach der Beendigung
des Krieges mit herausgestreckter Zunge im Vorbeifahren grten, schlo
Herr Foch wegen dieser Beleidigung seiner Armee die Bahnen, und die Fahrten
gingen gegen unendlichen Wucher in den Autokhnen der Arrangeure durch
internationale Staubwolken aufs feurigste vor sich. Aus dem
Festungsgefngnis Eichstdt schrieb der Fhrer der roten Mnchener Armee,
Ernst Toller: Ich habe Ihren Prinz gelesen, es durchfuhr mich so vor Lust
nach dem Dasein und der Flle des Lebens, da ich mit den Fusten gegen die
Wand trommelte, und mein Gefngnisnachbar, der mein Blut fhlte, trommelte
wieder. Wir erinnerten uns und bewiesen uns unser Dasein. Die Glasbilder
und Bauernmbel im bayrischen Gebirge sind ausverkauft. Einmal wird man
auch energisch der Wohnungsnot steuern. In Fiume sitzt d'Annunzio, whrend
hinter seinen annexionistischen Freischaren hundertzwanzig Sozialisten ins
Parlament gewhlt werden. In Japan war, wie Nieuwe Rotterdamske Courant
schreibt, ein Zyklon. In Brssel verliert der Direktor des Blattes L'Art
libre seine Museumsposten, da er, um ein wenig Belgien vor der
Gerechtigkeit zu schtzen, gegen den Versailler Vertrag protestierte, und
die Ligue du Souvenir schwrmt in der Ablsung der deutschen
Kriegervereine. Warum ist Hindenburg nicht in einem friedlichen Zeitalter
Schalterbeamter in Oberau geworden? Tirpitz als Reichskanzler verfolgt als
Traum das Hirn und die Nacht eines Dragonerrittmeisters. Immer whlen,
trotzdem wir kaum japsen knnen, junge Offiziersknaben fr
frisch-frhlichen Krieg. Die Adlerwerke arbeiten nur noch zwei Stunden. Die
Wirtschaft chzt in verstopfte Ohren. Bald wird die Kriegsanleihe auf 25
gesetzt werden. Treffen Bekannte sich, reden sie zuerst, wie sie Steuern
defraudieren. Die Katastrophenhausse in Wertpapieren hat begonnen. Es ist
wenig Holz, keine Kohle vorhanden. Die Bergwerke sind nicht verstaatlicht.
Die Lokomotiven durch die Kriegsrekorde ruiniert, Es wird ein kalter Winter
werden.

Deutschland.

Deine wenigen Getreuen in dir selbst haben dich nie verlassen und sind
nicht mutlos genug, trotz aller Katastrophen und aller Unzucht an deinem
schnen Leib die Gre deiner Wlder und Sagen und die Berge mit den guten
Namen, die weiten Kornfelder und die Flsse mit wandelndem blauen Wasser
und ber ihnen deine groe und schne Mission zu vergessen. Deine Menschen
haben aus der Revolution noch weniger gelernt wie aus dem Krieg, und die
Pleite einer geistigen Verwstung sondergleichen an dich herangetragen. Ihr
Pazifismus ist nur eine Taktik, mit der sie losgerissene und frher
geraubte Stcke des Besitzes deines Landes wieder erluchsen wollen. Als man
Schlagworte in die Volksmasse streute, fachte die Dummheit der
chauvinistischen Leidenschaft dich wieder zu so tragikomischer Gre, da
man verzweifeln knnte, htte man es nicht lange verlernt. Wer die
Verschickung belgischer Arbeiter mit tausendfachem Menschenmassaker freudig
lobte und gern dafr sprach, russische Kriegsgefangene jahrelang nach
Friedensschlu ihre Gter bewirtschaften zu lassen, heult nun mit
ethisch-roten hektischen Kpfen gegen die Zurckhaltung der deutschen
Gefangenen, was eine Schweinerei, aber nach dem Paragraphen der Abmachungen
przisestes Recht ist. Und die Krppel der Zeit, die kaum berzeugten gegen
das Regime seither, heulen, schreien mit. Die Revolution haben sie zu
Lohnschrauben verhandelt, auf den Straen liegt sie wie eine alte Sau. Die
Idee hat sich auf einige Kpfe zurckgezogen. In Wirklichkeit blieb nichts,
was wir hofften. Die Schulen hngen Kaiserbilder auf. Die Universitten
sind Fischksten der Reaktion. Die ganze Jugend haben sie nicht gewonnen,
ist verloren. Alles aus der Hand gleiten lassen, das das Volk fr ihre Idee
gewinnen konnte. Ein Unteroffiziersverstand grenzenloser Nachlssigkeit hat
die Macht an sich gerissen, aber die Instinkte waren zu hndisch, als da
er die Flle und Gre der Aufgabe nur in ihrer Ahnung begriffe. Die Musen
lieben zu scherzen und tragen manchmal statt des marmornen Ernstes der
erfrorenen Zge kleine Larven und Tamburine. Der Geist steht abseits,
enttuscht, diesem Staat zorniger noch gegenber wie dem vorherigen. Die
Methoden sind nur verschrft und vergrbert herbergerutscht. Verbote,
Erschieungen, Mord, Zensur blken mit vergllterer Grimasse. Die Jugend
wendet sich langsam ab, verlt die Feuer und geht mit Wandermienen und
schlankem Schritt in die Wlder und die langentbehrten Berge, die mit
entschlossenem und Irdischem abgewendeten Gesicht ihre ewigere Mission
tragen. Es mute ein royalistischer Aristokrat der franzsischen Armee
sein, der lchelnd sagte, dies sei wohl ein Plunder, eine Farce, die Tat
eines Coviello, vom Geist eines Molireschen Dieners entzndet, was sie in
Deutschland als Revolution entfachten. Wir verstanden uns sehr gut. Htte
er das Wort Cambronnes hinzugefgt, was er vermied, ich htte ihm nichts
entgegnen knnen. Er hatte den Mut und die berzeugung, so zu reden, da er
wute, da in Paris zur Stunde des Petardeschlages andere innere Gewalt und
andere Abrechnung und Konsequenz gegen seine Schicht aufschlagen werde, und
kein Chiaroscuro, sondern nackte fleischhelle Klarheit streng und
vorbereitet in die Zukunft falle.

Die Menschen versagten.

Auf Barrikaden, in Bros, im Bergwerk, in ffentlichen mtern, an grnen
Tischen. In Syndikaten, Brgermeistereien, Freikorps, Rten, Versammlungen,
im Herzen, im Mund, im Hirn. Die oberen, die unten, die von der Mitte. Die
Khnsten waren ohne Hilfe. Die Auserwhlten hatten keine Vorbereitung. In
der Verwirrung zertraten sie eine der schnsten Frauen, aber da sie
unsterblich war, verlie sie diesen Ort der Scham und der Dummheit. Als
einige spter Versumtes, Zerstrtes, als sie der kalten Pleite ins Gesicht
schlugen, erkannten sie, da es die Freiheit war, die sie geschndet und
da fr lange Zeit sie wie Entmannte nun verflucht und zerknttelt leben
mten. Einige schossen sich kaputt, andere gingen hin und beschlossen
hingebender und entschlossener dem Ziel zu leben.

Das Karussell rast weiter, schaukelt, knallt. Manchmal fliegt es wie ein
Ballon durch den erhellten Abendhimmel.

Einer, von dem sie sagten, er sei ein Eingeweihter, verriet mir, es werde
nach Art lenkbarer Luftschiffe gesteuert und nur von Wahnsinnigen bedient,
damit sie das bernatrliche Tempo halten knnten. Aber ein Italiener
gestand, von Fiesole her sehe es aus schon wie eine Seifenblase, die an
ihrer Gelbheit bald in den ther platze.

In Wiesbaden fahren auf der Ludwigsstrae amerikanische Kapitne in einem
Auto mit nackten Weibern die Treppen des Glashotels hinauf und zahlen,
unten wieder, hunderttausend Mark fr zertrmmerte Spiegel. Im Baltikum
wird der deutsche Kriegssekt kalt gehalten, damit er mit krachendem
Pfropfen am Kaisertage der Reaktion phnixgleich steige. In Dsseldorf
verhhnen bei Jahrhundertfeiern der Akademie die Expressionisten sich
selbst, der sozialistische Kultusminister Hnisch bedauert, keine Orden
mitbringen zu knnen. Trotzky hat in seiner roten Armee die
Tapferkeitsmedaillen wieder eingefhrt. In Baden-Baden reisen frhere
Generle zu und bernehmen die Organisation neuer Spielbanken. In Hessen
hat eine Militrvolkshochschule sich geffnet. Wer Revolutionre erschlgt,
wird finanziert und geehrt. Wer einen Brger meuchelt, wird erschossen. In
Breslau sitzt einer, fhrt meinen Namen, sagt, er sei ich, wer ist der
echte? Selbst die schlechtesten Knstler fliehen aus den Knstlerrten. Die
Leiter der Schauspieler-Demokratien legen allgemach die mter nieder, der
Spielplan saust zu Kitsch zurck, die Erhebung ebbt ab, sobald, wo nur die
gerechte Diktatur des groen Knners helfen kann, die Imbezilen,
Talentlosen und Abortfrauen mit dem Stimmzettel in der Hand die Fhrer und
die geistigen Spielwerte kren. In Kelsterbach ist ein Meteor
niedergegangen, er wird wohl wissen, warum er sich die alte
Porzellanmanufaktur ausgesucht hat. In Berlin ist ein Fall Hiller
ausgebrochen, wie die Frankfurter Zeitung sich drahten lt. Aber es war
eine Tuschung. Die Aktivisten haben immer noch keine Menschen gefischt und
mit sich im Sturm vorgetragen, es handelt sich nur um einen Oberleutnant
und Soldatenmihandlung. Gib ihm einen Tritt vor den Hintern, da er
verreckt, sagte der Offizier, als in der Latrine der Soldat immer noch
nicht sterben wollte. Im November lag schon Schnee heuer und machte eine
unwahrscheinliche Weihnacht. Himmel und Bume blhten auf, glashell und
zrtlich wogten die Bsche gegen den Seelenhimmel.

Das Paradies schien gekommen. Am einunddreiigsten Dezember des Jahres
Neunzehn, wo einen Strich zu machen, Summen zu schlieen und Bilanz zu
ziehen es heit, schwrt ein kleiner Korrespondent des Petit Parisien mir
gegenber, der mich ausfragt, sein Blatt sei ein liberales und humanitres
Papier. Wieviel haben die Kelten von den Preuen gelernt, da sie selbst
dem berma des Hasses erlagen, als sie sich anschickten, aus der
Gerechtigkeit her ihn zu besiegen. Die Buchhndler verdienen sechzig
Prozent am Exemplar, die Dichter bestenfalls zwanzig. Es ist die Zeit, den
Ambitionen des Esprits zu entsagen und in Bankhusern und Betrieben ein
gengsames Einkommen zu haben fr alle, die nicht Kraft und Glck haben,
auf breiten Wellen zu schwingen. Selbst die Homosexualen seufzen, da ihnen
die Novemberrevolte nicht einmal die Aufhebung ihres Paragraphen gebracht.
Die Theater sind gehemmt, verwstet. Die Zirkusse kommen sehr selten. Die
Arbeiterschaft verlangt als Revolutionsfeier den Freischtz. Die
konservative Presse wird tglich, wo sie sich in Opposition gesetzt sieht,
besser. Die Beamtenkliquen schieben weiter wie gewohnt. Die Neuen
Machthaber desgleichen. Beide schwer entrstet. Die Preise gehen wie
Kinderdrachen hoch. Das Ausland hermetisch geschlossen. Das Proletariat
verliert seine revolutionren Spannungen. Die Geistigen in holdem Wahnsinn.
In Ingelheim in der Pfalz wurden Zwillinge geboren, deren eines
tonkinesische, das andere afrikanische Zge aufwies. Die Mutter war blond,
blaue Augen. Vielleicht wird hier die neue Weltrasse gezchtet.

O Europa.

Im Schlogrn Borgebys geht in Smland mein Freund, der nordische Dionysos,
Ernst Norlind, durch den Park, steigt in den Wagen, die Hengste traben ihn
durchs flache Land bis an die Nordsee. Schief links liegt Petersburg,
rechts hinber Rgen. Er liegt auf dem Rcken im weien Sand Bjerreds, der
Ostwind trgt ihm die Spiegelung der Blausee mit allen zartflimmernden
Segeln wundervoll ins Gesicht. Er denkt, wie schn dies Dasein. Fhlt: wie
herrlich der Tag, die herunterfallende Welt. Adler und Krhen, die im Wind
immer jagen. Auch silberne Fische springen zierlich, fein, voll Freude das
Dasein. Vierzehnjhrige Mdchen tanzen nackt auf der Klippe. Das
Allstrmende hat ihn aufgesaugt. Alles andere kmmert ihn einen Dreck. Kein
Brief, kein Schrei wrde ihn stren. Eine schne Frau, die jeder gern
htte, im malayischen Archipel, auf Tubuai, die lacht, Netze flickt, Obst
aufbeit, wei keine meiner Sorgen. Wie arm sind wir letztendig mit unseren
Schmerzen. Vor einem Sonnengewitter vor den Klippen Bods auf dem glatten
Bauch des Meeres und dem Nordseestahlhimmel versaust unsere menschliche
Kleinheit wie ein Makrelenschwanz. Selbst die Lieblinge des
Schpfungstages, die groen und rosaschlanken Flamingos wissen nicht, wenn
sie in den Grten des Jardins des Plantes, in Frankfurts Zoo, am
Stockholmer Skansen an ihren Teichen trumen, wie die Welt des Geistes
trotzdem wie Wasser in die Mhlenrder fllt.

Aber dennoch.

Europa.

Sie haben selbst vor dem erschtterndsten Anblick deinen Bau nicht
vergessen. Als sie die Erde schwngerten, hat ihr Leib gezittert eine
Sekunde. Das Herz blieb stehen und zuckte. Nie ist das Beben aus der
Erinnerung geschwunden. Schon haben heie Blutstrme begonnen, den Krper
bis in die Poren der Haut zu durchlaufen. Einmal hat sich der schne und
groe Muskel des Bauches schon strker gehoben. Junge Leute stehen im Kreis
und rufen sich Losungen zu.





NAMEN


Adler, Paul 121, 122
Alberti, Konrad 69, 73, 74
Alberti, Leon Battista 177
Ali von Albanien 9
Altenberg, Peter 25, 36
Amenophis 35
Andersson, C. Joh. 104
Andra, Fern 218
d'Annunzio, Gabriele 46, 176, 180, 181, 182, 225
Arcos, Ren 174
Aristophanes 98
Arnim-Brentano, Bettina von 83, 172
Baalschem 43, 138, 142
Bahr, Hermann 25
Baker, Samuel 104
Balla 129
Balzac, Honor de 15, 29, 57, 122, 163, 179
Bang, Hermann 25, 36, 44, 176
Barbusse, Henri 15, 174, 180, 181, 182
Barlach, Ernst 209
Baroja, Pio 37
Barrow, John Esqu. 104
Bassermann, Albert 159
Baudelaire, Charles 169, 189
Baum, Oskar 186
Beardsley, Aubrey 187
Becher, Johannes R. 132
Beckmann, Max 134, 209
Bellamy, Edward 187
Bellman, Carl Michael 58
Benn, Gottfried 121, 143
Benot de St. Maure 172
Bernhard von Clairvaux 172
Bernheim-Jeune 129
Bernini, Lorenzo 158, 219
Bie, Oskar 223
Bierbaum, Otto Julius 169
Bjrnson, Bjrnstjerne 176
Blanchard, Luftschiffer 79
Bloem, Walter 57
Boccaccio, Giovanni di 78
Boccioni, Umberto 129
Bock, Alfred 195
Bodman, Emanuel v. 23, 193
Bodmer, Johann Jakob 159
Bhme, Jakob 35
Bonsels, Waldemar 105
Bosch, Hieronymus 209
Bouguer, Profossor 104
Boy-Ed, Ida 174
Brant, Sebastian 170
Britanje, Thomas von 172
Brjussow, Valerij 37
Brod, Max 137, 142, 143, 144, 145
Brueghel, Pieter 12
Bruun, Laurids 105
Bchner, Georg 35, 109, 171, 216
Buber, Martin 138, 145, 147
Byron, George Noel Gordon Lord 179
Cambronne, Pierre Jacques Etienne Graf, General 227
Canova, Antonio 85
Carnot, M. F. S. 93
Carr, Carlo D. 129
Carracci, Annibale 219
Casanova, Giacomo, Marquis de Seintgalt 80, 84, 92, 95, 98 101, 102
Cervantes, Miguel de 29, 45, 78, 196
Czanne, Paul 37, 44
Chagall, Marc 117, 118
Chantelou, Sieur de 194
Chardin, Chevalier 104
Chesterton, G. K. 46
Chrestien de Troyes 45, 172
Cicero, M. T. 155, 181
Claudel, Paul 149, 217
Clemenceau, Georges 116, 221
Colin, Paul 224
Colbert, Jean-Baptiste 201
Conrad, M. G. 71
Conradi, Hermann 69, 71
Corregio, Antonio di 183
Corrinth, Curt 187
Constant, Benjamin 224
Courths-Mahler, Hedwig 191
Dubler, Theodor 43, 116-125, 188, 211
Daumier, Honor 210
Defoe, Daniel 119
Degas, Edgar 188
Dehmel, Richard 58
Dickens, Charles 122
Dill, Lisbet 174
Dio Chrysostomos 177
Dblin, Alfred 57, 129-136
Dostojewsky, Fedor 15, 57, 62, 126
Doyle, Conan 192
Dreyfus, Kapitn 69
Duhamel, Georges 174
Drer, Albrecht 34, 177
Dymow, Ossip 16, 174
Ebers, Georg 97, 172
Ehrenstein, Albert 137, 140
Eje, Anders 192
Ekkehard, Meister 29, 35, 170
Ellenbach, Dame 184
Elvestad, Sven 192
Emin Pascha 104
Ensor, James 146
Ernst, Paul 173
Erzberger, Matthias 23
Essig, Hermann 186
Eugen, Prinz von Savoyen 140
Evers, Hanns Heinz 25
Euripides 190
Facius, F. W. 177
Farnese, Galerie 219
Feininger, Lyonel 209
Finkh, Ludwig 23
Flake, Otto 211, 224
Flaubert, Gustave 15, 58, 69, 217
Flesch-Brunningen, Hans v. 192
Fleuron, Svend 195
Foch, General 221, 224
Fontana, Oskar Maurus 186
Fontane, Theodor 23, 220
Fra Diavolo 87
France, Anatole 15, 46, 58, 174
Frank, Bruno 126
Frank, Leonhard 126-128, 136, 142
Franklin, John 104
Freytag, Gustav 98, 209
Frhlich, Friedrich 79-100
Fulda, Ludwig 176
Gailer, von Kaisersperg 170
Ganghofer, Ludwig 57
Gautier, Theophile 179
Gejerstam, Gustaf af 87, 44, 176
Georg IV. v. England 157
George, Lloyd 116
George, Stefan 189
Gessi, Romolo 104
Glchezare 122
Gmelius, Kruterwissenschaftler 104
Godwin, Catherina 192
Goethe, J. W. v. 83, 223
Gogh, Vincent van 25, 44, 188
Goldring, Douglas 174
Gordon, Charles George 104
Gorki, Maxim 16, 58
Gottfried von Straburg 48, 172
Grager, Herr 104
Grillparzer, Franz v. 93
Grimmelshausen, J. Cristoph von 22, 170
Grosz, George 129
Grumbacher, Abgeordneter 52
Grnewald, Matthias 135, 209
Gulbransson, Olaf 148
Gundolf, Friedrich 189
Gutzkow, Karl 69
Halstrm, Per 175
Hamsun, Knut 15, 25, 41, 58, 175
Hnisch, Konrad 228
Hart, Heinrich 72
Hartmann von Aue 172
Hauptmann, Carl 23
Hauptmann, Gerhart 30, 45, 57
Hausenstein, Wilhelm 194
Heckel, Erich 121, 209
Hejdenstam, Verner van 176
Heine, Heinrich 159, 171
Heinrich IV. 120
Heller, Frank 192
Herwegh, Georg 12
Herodes 207
Herzog, Rudolf 57, 191
Hesse, Hermann 23, 105, 195
Heymann, Walther 140
Heyse, Paul 70, 171, 216
Hiller, Oberleutnant 229
Hiller, Kurt 131, 140
Hindenburg, Paul v. 116, 225
Hoffmann, E. T. A. 179
Hofmannsthal, Hugo von 120, 153, 186
Hlderlin, Friedrich 20, 45, 130, 187
Homer 78
Huch, Ricarda 190, 182
Hugo, Victor 179
Hutten, Ulrich von 45, 170, 172
Huysmans, Joris-Karl 90
Jacobsen, Jens Peter 25, 36, 44, 176
Jagow, Traugott v. 116
Jammes, Francis 116, 173, 217
Jaurs, Jean 49
Ibsen, Henrik 25, 176
Jean Paul 171
Jensen, Johannes V. 35, 176, 195
Jeschua, Rabbi v. Nazareth 55
Jesus Sirach 143, 190
Joseph v. Neapel 86
Jrgensen, Jrgen 176,195
Kafka, Franz 121, 122
Kahane, Arthur 190
Kahn, Hannibal 174
Kaiser, Georg 155
Karl IX. 168
Karl XII. von Schweden 208
Kandinsky, Wassily 201
Kauffmann, Angelica 87
Keller, Gottfried 23
Kellermann, Bernhard 25, 36, 105, 171
Kerr, Alfred 25, 140, 159, 171, 220
Keyserling, Eduard Graf von 28, 32-46, 153, 159
Kirchner, Ernst Ludwig 121, 209
Kipling, Rudyard 195
Klabund 186
Klee, Paul 39, 117, 118, 209
Kleist, Heinrich von 163, 211
Knigge, Baron von 192
Kohl, Aage von 176
Kohn, Herr 174
Kolb, Anette 191
Kompilator des Buches: Ob Weyber Menschen seyn 190
Kornfeld, Paul 126
Korolenko, Wladimir 37
Kotzebue, August von 90
Krell, Max 186
Kubin, Alfred 146
Kuntze, Dame 184
Kusmin, Michail 25
Lagerlf, Selma 176
Lambert, Graf 222
Landauer, Gustav 69
Laotse 29
Lasker-Schler, Else 120, 137, 139, 191
Lehmann, Wilhelm 187
Lehmbruck, Wilhelm 209
Lenin 52, 126, 201
Lettow-Vorbeck, General 207
Lessing, G. E. 29, 171
Levage, Herr 144
Levin, Eugen 222
Lichnowsky, Frstin Mechthild 186
Liebermann, Max 36
Ligne, Prinz von 98
Liliencron, Detlev von 46
Liebknecht, Karl 69
Lionardo, da Vinci 135, 177
Li-tai-pe 12, 116
Livingstone, David 104, 185
Lns, Hermann 195
Loti, Pierre 37, 105
Louis Philippe von Frankreich 102
Ludendorff, Erich 120, 203, 221
Ludwig XIV. 201, 207
Lukian von Samosata 177
Lunatscharsky 126
Luther, Martin 171
Luxemburg, Rosa 69
Macchiavelli, Niccolo 78
Madelung, Aage 35, 176, 195
Maeterlinck, Maurice 178
Manet, Edouard 37
Mangin, General 222
Mann, Heinrich 44, 57, 58, 75, 155, 158-168, 171, 211
Mann, Thomas 45, 58
Marc, Franz 59, 119, 209
Marinetti, F. 129
Martens, Kurt 194
Martinet, Marcel 174
Masereel, Frans 210
Massary, Fritzi 187
Matuccio, Kastrat 87
Maupassant, Guy de 15, 45
May, Karl 144
Megret, Ingenieur 208
Mechthild von Magdeburg 170
Mehemed, Ali von gypten 102
Meier-Grfe, Julius 194
Meyer, Conrad Ferdinand 22
Meyrink, Gustav 122, 137, 145, 146, 147
Micha bin Gorion 142
Michel, Wilhelm 187
Michelangelo Buonarotti 177, 219
Mierendorff, Carlo 187
Miguel, Dom von Portugal 161
Mirampal, Mathieu de 179
Modena, Herzog von 183
Moja, Hella 218
Molire 227
Monet, Claude 37
Mozart, W. A. 85
Mahler-Mller, Wilhelm 172
Mller, Robert 186
Munch, Edvard 58, 146
Murat, Joachim 20
Musset, Alfred de 27, 162, 179
Nachman, Rabbi 143
Napoleon I. 89, 90, 97
Niebergall, Ernst Elias 108-114
Nietzsche, Friedrich 170
Nolde, Emil 209
Norlind, Ernst 230
Noske, Gustav 223
Notker Labeo 29, 170
Novalis 12
Otto III. 207
P., Marchesa 86
Pascal, Blaise 165
Pascin, Julius 130
Paul, Adolf 194
Pauline, Napoleons Schwester 90, 95
Paulus, Ktchen 153
Pechstein, Max 204
Peladan, Sar 37
Perrault, Charles 166
Ptain, General 116
Petrarca, Francesco 172
Philippe, Charles Louis 116
Picasso, Pablo 44, 117
Pissaro, Camille 37
Pius VII. 89
Plato 177, 221
Plotin 177
Plutarch 177
Pontius Pilatus 207
Porten, Henny 222
Poussin, Nicolas 158
Presber, Rudolf 156, 174, 176
Pckler-Muskau, Frst Hermann 80, 97, 101
Purrmann, Hans 209
Rabelais, Francois 196
Raffael Santi 183
Rane, Elisha Kent 164
Rembrandt van Rhyn 158
Renard, Maurice 192
Reni, Guido 188
Renoir, Auguste 36, 39, 44, 188
Reuter, Gabriele 174
Reynire, de la 90
Richardson, Samuel 181
Rilke, Rainer Maria 156
Romains, Jules 174
Rohlfs, Christian 209
Roswida von Gandersheim 43
Rttger, Karl 194
Rubens, P. P. 135
Rupprecht von Bayern 203, 207
Russolo 129
Sack, Gustav 188
Schfer, Wilhelm 24
Schaffner, Jakob 24
Scheidemann, Philipp 116
Schickele, Ren 47-55, 116, 136, 173, 188, 211, 222
Schiller, F. von 83, 223
Schinderhannes 83
Schlaf, Johannes 172
Schnitzler, Arthur 22-31
Severini, Guino 129
Shakespeare, William 43, 216
Slevogt, Max 36
Sokrates 177
Soyka, Otto 192
Spitzweg, Karl 119
Stadler, Ernst 50
Stal, Me. de 179
Stanley, Henry 104
Steffen, Albert 195
Stehr, Hermann 22, 174
Stein, Erwin 184
Steinrck, Albert 159
Sternheim, Carl 39, 44, 75, 140, 148-157
Stramm, August 132
Straparola von Cavaraggio 196
Strindberg, August 12, 134, 159, 175, 217
Stucken, Eduard 189
Suars, Andr 105
Supper, Anna 23
Thoma, Hans 120
Thomas a Kempis 45
Ticknesse, Philipp 104
Tirpitz, Admiral 225
Tizian 183
Tocnaye, de la, Weltmann 104
Toller, Ernst 224
Tolstoi, Leo 16, 179, 209
Tovote, Heinz 193
Trotzki, Leo 228
Tschechow, Anton 27, 42
Unruh, Fritz von 35, 75, 142
Urban VIII. 207
Uzarsky, Adolf 196
Veniselos, E. T. 9
Verfasser des Buchs: Zeichen und Wert des verletzten und unverletzten
   jungfrulichen Zustands 178
Verfasser des: Speculum historicum 181
Verlaine, Paul 189
Verne, Jules 122
Vitruv 160
Voltaire 90, 122, 217, 221
Volterra, Daniele da 219
Wallot, Wilhelm 69
Walser, Robert 119
Wassermann, Jakob 25, 44, 56-67, 190
Wedekind, Frank 159, 171, 176, 217
Wegener, Paul 159
Wells, H. G. 37, 192
Werfel, Franz 138, 147
Westheim, Paul 194
Wieland, Christof Martin 159, 171
Wilde, Oskar 135, 153, 176
Wildenbruch, Ernst von 70
Wilhelm II. 13, 52, 71
Winternitz, Friederike von 190
Wolfenstein, Alfred 186
Wolfradt, Willi 194
Wolfram von Eschenbach 172
Zech, Paul 186
Zobeltitz, Fedor von 174
Zola, Emile 37, 45, 69, 70, 122, 166
Zschokke, Heinrich 90
Zweig, Arnold 140



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DOPPELKPFIGE NYMPHE***


******* This file should be named 35826-8.txt or 35826-8.zip *******


This and all associated files of various formats will be found in:
http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/8/2/35826



Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

