The Project Gutenberg eBook, Geschichte von England seit der
Thronbesteigung Jakob's des Zweiten, by Thomas Babington Macaulay,
Translated by Wilhelm Hartwig Beseler


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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten
       Fnfter Band (der 11)


Author: Thomas Babington Macaulay



Release Date: May 25, 2011  [eBook #36217]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER
THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN***


E-text prepared by Louise Hope, Delphine Lettau, richyfourtytwo, and the
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[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua
(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]





Thomas Babington Macaulay's

+Geschichte von England+

seit der

Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.


Aus dem Englischen.


+Vollstndige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+


Fnfter Band.







=Leipzig, 1854.=
_G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


Neuntes Kapitel.

  _Jakob II._




=Inhalt.=

                                                               Seite
  Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der
      Rechtmigkeit des Widerstandes                              5
  Russell schlgt dem Prinzen von Oranien eine Landung in
      England vor                                                 11
  Heinrich Sidney                                                 11
  Devonshire                                                      12
  Shrewsbury. -- Halifax                                          12
  Danby und der Bischof Compton                                   13
  Nottingham                                                      14
  Lumley                                                          14
  Absendung der Einladung an Wilhelm                              14
  Mariens Verhalten                                               15
  Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's                      16
  Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischfe                 19
  Entlassungen und Ernennungen                                    20
  Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus                 22
  Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgnge in Oxford               23
  Unzufriedenheit der Gentry                                      23
  Unzufriedenheit der Armee                                       24
  Es werden irische Truppen herbergezogen.
      -- Unwille des Volks                                        25
  Lillibullero                                                    39
  Politische Zustnde in den Vereinigten Provinzen                30
  Fehler des Knigs von Frankreich                                31
  Sein Streit mit dem Papste bezglich der Vorrechte
      auswrtiger Gesandter                                       32
  Das Erzbisthum Kln                                             33
  Kluges Verfahren Wilhelm's                                      33
  Seine Rstungen zu Lande und zur See                            34
  Er erhlt zahlreiche Untersttzungszusagen aus England          35
  Sunderland                                                      36
  Wilhelm's Befrchtungen                                         39
  Jakob wird gewarnt                                              40
  Ludwig's Bemhungen, um Jakob zu retten                         41
  Jakob vereitelt dieselben                                       42
  Die franzsischen Armeen fallen in Deutschland ein              44
  Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten fr
      seine Expedition                                            45
  Britische Abenteurer im Haag                                    46
  Wilhelm's Erklrung                                             47
  Jakob fngt an die Gefahr zu ahnen                              49
  Seine Seemacht                                                  49
  Seine militairischen Mittel                                     50
  Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszushnen          51
  Er bewilligt den Bischfen eine Audienz                         51
  Seine Zugestndnisse werden bel aufgenommen                    53
  Dem Geheimen Rath werden Beweise fr die legitime Geburt
      des Prinzen von Wales vorgelegt                             55
  Sunderland's Ungnade                                            56
  Wilhelm nimmt Abschied von den hollndischen Generalstaaten     57
  Er schifft sich ein und segelt ab                               58
  Er wird durch einen Sturm zurckgeworfen                        58
  Seine Erklrung kommt in England an                             58
  Jakob befragt die Lords                                         58
  Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel                       60
  Er passirt die Meerenge                                         61
  Seine Landung bei Torbay                                        62
  Sein Einzug in Exeter                                           65
  Unterredung des Knigs mit den Bischfen                        69
  Ruhestrungen in London                                         71
  Angesehene Mnner fangen an zu dem Prinzen berzugehen          72
  Lovelace                                                        72
  Colchester                                                      73
  Abingdon                                                        73
  Abfall Cornbury's                                               74
  Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments              77
  Der Knig begiebt sich nach Salisbury                           79
  Seymour                                                         79
  Wilhelm's Hoflager in Exeter                                    79
  Aufstand im Norden                                              80
  Gefecht bei Wincanton                                           82
  Churchill's und Grafton's Abfall                                84
  Rckzug der kniglichen Armee von Salisbury                     85
  Abfall des Prinzen Georg und Ormond's                           85
  Flucht der Prinzessin Anna                                      86
  Jakob hlt eine Berathung mit den Lords                         88
  Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm             91
  Die Unterhandlung eine Finte                                    91
  Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich
      zu senden                                                   93
  Aufregung in London                                             94
  Falsche Proklamation                                            94
  Aufstnde in verschiedenen Theilen des Landes                   95
  Clarendon schliet sich in Salisbury dem Prinzen an             97
  Spaltung im Lager des Prinzen                                   97
  Ankunft des Prinzen in Hungerford                               99
  Gefecht bei Reading                                            100
  Ankunft der kniglichen Commissare in Hungerford               100
  Unterhandlung                                                  100
  Die Knigin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich
      geschickt                                                  104
  Lauzun                                                         104
  Anstalten des Knigs zur Flucht                                107
  Seine Flucht                                                   108




Die Freisprechung der Bischfe war nicht das einzige Ereigni, das den
13. Juni 1688 zu einem wichtigen Datum unsrer Geschichte macht. An dem
nmlichen Tage, whrend auf hundert Kirchthrmen alle Glocken luteten,
whrend von Hydepark bis Mile-End das Volk beschftigt war, fr die
Freudendemonstrationen in der Nacht Reisigbndel zusammenzutragen und
Ppste anzuputzen, wurde ein Actenstck, das fr die Freiheiten Englands
kaum minder wichtig war, als die Magna Charta, von London nach dem Haag
gesandt.


[_Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der Rechtmigkeit des
Widerstandes._] Der Proze der Bischfe und die Geburt des Prinzen von
Wales hatten in den Gesinnungen vieler Tories einen groen Umschwung
herbeigefhrt. In dem Augenblicke, wo ihrer Kirche eine so emprende
Beleidigung und Verhhnung widerfuhr, muten sie die Hoffnung auf eine
friedliche Lsung aufgeben. Bisher hatten sie gehofft, da die Prfung,
welche ihre Loyalitt zu ertragen hatte, wenn auch hart, doch nur
vorbergehend sein werde und da ihre Leiden ohne Verletzung der
feststehenden Thronfolgeordnung bald gehoben werden wrden. Jetzt aber
erffnete sich ihnen eine ganz andre Aussicht. So weit sie vorwrts
blickten, sahen sie die verkehrte Regierung der letzten drei Jahre durch
ganze Menschenalter sich fortspinnen. Die Wiege des prsumtiven
Thronfolgers war von Jesuiten umgeben und es stand zu befrchten, da
dem kindlichen Gemth des Prinzen ein tdtlicher Ha gegen die Kirche,
deren Oberhaupt er dereinst werden sollte, eingeimpft, da dieser Ha
das leitende Prinzip seines Lebens werden und auf seine Nachkommenschaft
bergehen wrde. Und diese unheilvolle Aussicht hatte keine Grenze, sie
reichte ber die Lebenszeit des jngsten Menschen, bis ber das
achtzehnte Jahrhundert hinaus. Niemand konnte sagen, wie viele
Generationen protestantischer Englnder noch ein Joch zu tragen haben
wrden, das man selbst bei der Voraussicht einer kurzen Dauer schon fr
unertrglich hielt. Gab es denn gar kein Heilmittel? Eines gab es noch,
ein rasches, heftiges und entscheidendes, ein Mittel, zu dem die Whigs
nur zu bereitwillig gegriffen htten, das aber von den Tories jederzeit
und unter allen Umstnden als verwerflich betrachtet worden war.

Die grten anglikanischen Gelehrten der damaligen Zeit hatten den Satz
aufgestellt, da keine bertretung eines Gesetzes oder eines Vertrags,
kein berma von Hrte, Raubsucht oder Willkr von Seiten eines
rechtmigen Knigs sein Volk zum gewaltsamen Widerstande gegen ihn
berechtigen knne. Einige von ihnen hatten etwas darin gesucht, die
Lehre vom Nichtwiderstande in einer so berspannten Form darzustellen,
da der gesunde Verstand und die Humanitt sich dagegen empren muten.
Sie bemerkten hufig und mit Nachdruck, da Nero an der Spitze des
rmischen Reiches gestanden habe, als Paulus die Pflicht des Gehorsams
gegen die Obrigkeit einschrfte. Daraus zogen sie den Schlu, da, wenn
ein englischer Knig, ohne ein andres Gesetz als seinen Willen, seine
Unterthanen wegen Nichtanbetung von Gtzenbildern verfolgte, sie den
Lwen im Tower vorwrfe, sie in getheerte Tcher hllte und zur
Beleuchtung des St. Jamesparkes anzndete, und wenn er mit diesen
Grausamkeiten fortfhre, bis ganze Stdte und Grafschaften entvlkert
wren, die berlebenden trotzdem noch immer verpflichtet sein wrden,
sich willig zu unterwerfen und sich ohne Widerstand in Stcken zerreien
oder lebendig braten zu lassen. Allerdings waren die Grnde, welche zu
Gunsten dieser Behauptung angefhrt wurden, unhaltbar, aber der Mangel
vernnftiger Argumente wurde reichlich ersetzt durch die Alles
vermgende Sophistik des Eigennutzes und der Leidenschaft. Viele
Schriftsteller haben ihr Erstaunen darber ausgedrckt, wie die stolzen
Kavaliere Englands sich fr die knechtischeste Theorie, die die Welt je
gesehen hat, so begeistern konnten. Dies kommt daher, weil diese Theorie
dem Kavalier anfangs als der directe Gegensatz des Knechtischen
erschien, denn sie machte ihn nicht zum Sklaven, sondern zum freien
Herrn und Gebieter. Sie gefiel ihm, weil sie dem gefiel, den er als
seinen Beschtzer, als seinen Freund, als das Oberhaupt seiner geliebten
Partei und seiner noch mehr geliebten Kirche betrachtete. Unter der
Herrschaft der Republikaner hatte der Royalist Unbilden und Krnkungen
ertragen mssen, welche er nach der Wiedereinsetzung der rechtmigen
Regierung hatte vergelten knnen. Rebellion war daher in seinem Sinne
gleichbedeutend mit Unterwerfung und Erniedrigung, monarchische
Autoritt mit Freiheit und bergewicht. Es war ihm nie eingefallen,
da eine Zeit kommen knnte, wo ein Knig, ein Stuart die loyalsten
Geistlichen und Edelleute mit grerer Erbitterung verfolgen wrde, als
einst der Rumpf oder der Protector. Eine solche Zeit war gekommen. Jetzt
mute es sich zeigen, wie die Geduld, welche die Anhnger der
Landeskirche aus den Schriften des Paulus gelernt zu haben vermeinten,
die Probe einer Verfolgung bestehen wrde, die noch keineswegs so
schlimm war, wie die eines Nero. Das Ergebni war so, wie es Jedermann,
der die menschliche Natur nur einigermaen kannte, vorausgesagt haben
wrde. Der Despotismus bewirkte bald, was, der Philosophie und der
Beredtsamkeit nie gelungen wre. Die Angriffe Locke's hatte Filmer's
System berleben knnen, aber von dem tdtlichen Schlage, den Jakob ihm
versetzte, erholte es sich nie wieder.

Die Grnde, welche fr unwiderleglich erklrt wurden, so lange man damit
beweisen wollte, da Presbyterianer und Independenten Haft und
Eigenthumsberaubung mit Sanftmuth und Geduld ertragen mten, schienen
bedeutend an Haltbarkeit zu verlieren, als es sich fragte, ob
anglikanische Bischfe eingesperrt und die Einknfte anglikanischer
Collegien eingezogen werden drften. Es war von den Kanzeln aller
Kathedralen des Landes herab oft wiederholt worden, da das apostolische
Gebot, der brgerlichen Obrigkeit zu gehorchen, unbedingt und allgemein
und da es eine gottlose Anmaung der Menschen sei, ein im Worte Gottes
ohne alle Beschrnkung erlassenes Gebot beschrnken zu wollen. Jetzt
aber entdeckten die Geistlichen, deren Scharfsinn durch die drohende
Gefahr, ihrer mter und Pfrnden entsetzt zu werden, um Papisten Platz
zu machen, bedeutend erhht wurde, einige Lcken in dem Raisonnement,
das ihnen frher so berzeugend vorgekommen war. Die ethischen
Stellen der heiligen Schrift, meinten sie, drfe man nicht wie
Parlamentsverordnungen oder wie casuistische Abhandlungen der Gelehrten
deuten. Welcher Christ werde dem Grobian, der ihn auf die rechte Wange
geschlagen, wirklich auch die linke hinhalten? Welcher Christ werde dem
Diebe, der ihm den Rock genommen, auch noch den Mantel geben? Im Alten
wie im Neuen Testament seien durchgngig nur allgemeine Regeln
aufgestellt, ohne die Ausnahmen mit anzufhren. So stehe darin das
allgemeine Gebot, nicht zu tdten, aber ohne einen Vorbehalt zu Gunsten
des Kriegers, der zur Vertheidigung seines Knigs und seines Vaterlandes
tdtet. So stehe ferner darin das allgemeine Gebot nicht zu schwren,
aber ohne Vorbehalt zu Gunsten des Zeugen, der vor dem Richter schwrt,
da er die Wahrheit sagen wolle. Die Rechtmigkeit des
Vertheidigungskrieges und des gerichtlichen Eides werde aber nur von
einigen obscuren Sectirern bestritten, und sei in den Artikeln der
anglikanischen Kirche ausdrcklich behauptet. Alle die Grnde, welche
bewiesen, da die Weigerung des Qukers, Waffen zu tragen oder das
Evangelium zu kssen, unvernnftig und verkehrt sei, knnten auch gegen
Diejenigen gewendet werden, welche den Unterthanen das Recht des
gewaltsamen Widerstandes gegen malose Tyrannei absprachen. Wenn man
behaupte, da die Bibelstellen, welche das Tdten und das Schwren
verboten, trotz ihrer allgemeinen Fassung doch als Unterwerfung unter
das groe Gebot ausgelegt werden mten, welches jedem Menschen
befiehlt, die Wohlfahrt seines Nchsten zu frdern und da sie bei
solcher Auslegung nicht auf Flle angewendet werden knnten, in denen
das Tdten und Schwren zum Schutze der theuersten Interessen der
Gesellschaft durchaus nothwendig sei, dann werde man auch schwerlich
leugnen knnen, da die Bibelstellen, welche den gewaltsamen Widerstand
gegen Vorgesetzte verbieten, ebenso gedeutet werden drften. Wenn dem
alten Volke Gottes unter Umstnden gestattet worden sei, Menschenleben
zu vernichten und sich durch Eide zu binden, so sei es ihnen unter
Umstnden auch erlaubt gewesen, schlechten Frsten Widerstand zu
leisten. Wenn die alten Vter der Kirche gelegentlich eine Sprache
gefhrt htten, aus welcher hervorzugehen schiene, da sie jeden
gewaltsamen Widerstand mibilligten, so htten sie gelegentlich auch
eine Sprache gefhrt, aus welcher hervorgehe, da sie allen Krieg und
alle Eide verwarfen. In der That, die Lehre vom passiven Gehorsam, wie
sie unter der Regierung Karl'sII. in Oxford gepredigt wurde, kann nur
durch eine einseitige Auslegung, die uns unvermeidlich zu den
Schlufolgerungen Barclay's und Penn's fhren wurde, aus der Bibel
hergeleitet werden.

Es waren jedoch nicht allein dem Wortlaute der heiligen Schrift
entlehnte Grnde, vermittelst deren die anglikanischen Theologen in den
unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahren ihren Lieblingssatz zu
beweisen versuchten. Sie hatten sich auch bemht darzuthun, da selbst
wenn die Offenbarung darber schweige, schon die Vernunft den Weisen von
der Thorheit und Verwerflichkeit jedes gewaltsamen Widerstandes gegen
die bestehende Regierung berzeugt haben wrde. Es werde allgemein
zugegeben, da solcher Widerstand, auer im hchsten Nothfalle, nicht zu
rechtfertigen sei. Aber wer knne die Grenze zwischen hchsten
Nothfllen und gewhnlichen Fllen bestimmen? Gbe es wohl eine
Regierung, unter der sich nicht Mivergngte und Aufwiegler finden
wrden, welche sagten und vielleicht auch wirklich glaubten, da ihre
Beschwerden einen hchsten Nothfall begrndeten? Ja, wenn sich eine
klare und bestimmte Regel aufstellen liee, welche den Menschen verbte,
sich gegen einen Trajan zu empren, ihnen aber erlaubte, sich gegen
einen Caligula aufzulehnen, so wrde eine solche Regel allerdings hchst
wohlthtig sein. Aber eine derartige Regel sei nie aufgestellt worden
und knne auch nie aufgestellt werden. Wenn man sage, der Aufruhr sei
unter gewissen Umstnden erlaubt, ohne diese Umstnde genau zu
bezeichnen, so sei dies eben so gut als wenn man sage, Jedermann drfe
sich empren, sobald es ihm passend erscheine; eine Gesellschaft aber,
in der sich Jedermann empren knne, wenn er es fr zweckmig halte,
sei schlechter bestellt als eine unter der Herrschaft des grausamsten
und willkrlichsten Despoten stehende. Daher sei es nothwendig, das
groe Prinzip des Nichtwiderstandes in seinem vollen Umfange aufrecht zu
erhalten. Allerdings knnten besondere Flle eintreten, in denen der
Widerstand eine Wohlthat fr die Gesellschaft sein wrde; im Ganzen
genommen aber sei es immer besser, wenn das Volk geduldig eine schlechte
Regierung ertrage, als wenn es sich durch Verletzung eines Gesetzes zu
helfen suche, auf dem die Sicherheit jeder Regierung beruhe.

Eine solche Argumentation berzeugte wohl eine herrschende und
glckliche Partei sehr leicht, aber die Prfung von Geistern, welche
durch knigliche Ungerechtigkeit und Undankbarkeit heftig gereizt waren,
hielt sie nicht aus. Es ist allerdings unmglich, eine strenge Grenze
zwischen rechtmigem und unrechtmigem Widerstande zu ziehen; aber
diese Unmglichkeit liegt in dem ganzen Wesen von Recht und Unrecht und
findet sich in fast jedem Zweige der ethischen Wissenschaft. Eine gute
Handlung unterscheidet sich von einer schlechten nicht durch so
deutliche Kennzeichen, wie ein Sechseck von einem Quadrat. Es giebt eine
Grenze, wo Tugend und Laster in einander verschmelzen. Wer hat jemals
eine genaue Grenzlinie zwischen Muth und Unbesonnenheit, zwischen
Vorsicht und Feigheit, zwischen Sparsamkeit und Geiz, zwischen
Freigebigkeit und Verschwendung zu ziehen vermocht? Wer hat jemals sagen
knnen, wie weit die Nachsicht gegen Verbrecher gehen darf, wo sie
aufhrt den Namen Nachsicht zu verdienen, um verderbliche Schwche zu
werden? Welcher Casuist, welcher Gesetzgeber ist jemals im Stande
gewesen, die Grenzen des Selbstvertheidigungsrechts zu bestimmen? Alle
unsere Juristen sind der Ansicht, da ein gewisses Ma von Gefahr fr
Leben oder Glieder den Menschen berechtige, einen Angreifer
niederzuschieen oder zu erstechen, aber den Versuch, das Ma der Gefahr
in bestimmten Worten zu bezeichnen, haben sie lngst als unausfhrbar
aufgegeben. Sie sagen nur, es drfe keine unbedeutende, sondern eine
solche Gefahr sein, die einen muthigen Menschen ernstlich um sich
besorgt machen kann; aber wer wird es unternehmen zu sagen, welcher Grad
von Besorgni wirklich ernst genannt zu werden verdient oder wie der
Geist eines Menschen beschaffen sein mu, um als muthig gelten zu
knnen? Man mu es allerdings beklagen, da die Natur der Worte und die
Natur der Dinge eine genauere Gesetzgebung nicht gestattet, und es lt
sich nicht leugnen, da oft Jemandem Unrecht geschieht, wenn die
Menschen Richter in ihrer eignen Sache sind und ihr Urtheil
augenblicklich vollziehen. Aber wer knnte deshalb alle und jede
Nothwehr verbieten? Das Recht eines Volks, einer schlechten Regierung
Widerstand zu leisten, ist ganz analog dem Rechte, mit dem der Einzelne
in Ermangelung gesetzlichen Schutzes einen ihn Angreifenden erschlagen
darf. In beiden Fllen mu die Gefahr sehr ernst sein; in beiden Fllen
mssen alle gesetzlichen und friedlichen Vertheidigungsmittel erschpft
sein, ehe die verletzte Partei zum uersten schreitet; in beiden Fllen
ladet man sich eine groe Verantwortlichkeit auf; in beiden Fllen ruht
die Beweislast auf Demjenigen, der es gewagt hat, zu einem so
verzweifelten Auskunftsmittel zu greifen, und vermag er sich nicht zu
rechtfertigen, so verwirkt er mit Recht die schwersten Strafen. Aber in
keinem der beiden Flle knnen wir das Vorhandensein alles Rechts
leugnen. Ein von Mrdern berfallener Mensch ist nicht verpflichtet,
sich ohne von seinen Waffen Gebrauch zu machen, martern und abschlachten
zu lassen, weil noch Niemand im Stande gewesen ist, das Ma der Gefahr,
welches einen Todtschlag rechtfertigt, genau zu bestimmen. Ebenso wenig
ist eine Gesellschaft verpflichtet, Alles was die Tyrannei ber sie
verhngen kann, mit passiver Geduld zu ertragen, weil noch Niemand das
Ma der Regierungssnden, das eine Emprung rechtfertigt, genau zu
bestimmen vermochte.

Aber konnte der Widerstand der Englnder gegen einen Frsten wie Jakob
eigentlich Emprung genannt werden? Die chten Schler Filmer's
behaupteten allerdings, da zwischen unsrem Regierungssystem und dem der
Trkei nicht der geringste Unterschied sei, und wenn der Knig sich
nicht den Inhalt aller Kaufmannskasten in Lombard Street zueigne und
Stumme mit der seidenen Schnur zu Sancroft und Halifax sende, so
geschehe dies nur, weil Seine Majestt zu mild und gndig sei, als da
er seine ganze, ihm vom Himmel ertheilte Macht ausben sollte. Aber wenn
auch die Tories zuweilen in der Hitze des Wortstreits eine Sprache
fhrten, welche anzudeuten schien, da sie diesen berspannten Lehren
Beifall zollten, so verabscheuten sie den Despotismus doch grndlich.
Die englische Regierungsform war nach ihren Begriffen eine beschrnkt
monarchische. Aber wie kann eine Monarchie beschrnkt genannt werden,
wenn niemals, selbst nicht im uersten Nothfalle Gewalt angewendet
werden darf, um sie innerhalb der ihr vorgeschriebenen Schranken zu
halten? In Ruland, wo der Herrscher nach der Verfassung des Staats
unbeschrnkt war, konnte man vielleicht mit einem Schein von Richtigkeit
behaupten, da er, welche bergriffe er sich auch erlaubte, noch immer
nach christlichen Grundstzen von seinen Unterthanen Gehorsam verlangen
durfte. Bei uns aber stand der Frst so gut unter dem Gesetze wie das
Volk. Es war daher Jakob, der das Wehe ber sich brachte, welches Denen
angedroht ist, die der bestehenden Gewalt Hohn sprechen. Jakob war es,
der sich den Anordnungen Gottes widersetzte, der sich gegen die
rechtmige Autoritt auflehnte, welcher er nicht allein aus Furcht vor
dem gttlichen Zorne, sondern schon nach eigenem Gewissen htte
unterthan sein sollen, und der im wahren Sinne der Worte Jesu dem Kaiser
nicht gab was des Kaisers war.

In Folge derartiger Betrachtungen fingen die kundigsten und
aufgeklrtesten Tories an zuzugeben, da sie in der Lehre vom passiven
Gehorsam doch zu weit gegangen waren. Der Streit zwischen diesen Mnnern
und den Whigs bezglich der gegenseitigen Verpflichtungen der Knige und
Unterthanen war jetzt kein Prinzipstreit mehr. Es blieben allerdings
noch einige gerichtliche Streitpunkte zwischen der Partei, welche
jederzeit die Rechtmigkeit des gewaltsamen Widerstandes behauptet
hatten, und den Neubekehrten. Das Andenken des gesegneten Mrtyrers
wurde von den alten Kavalieren, welche bereit waren, gegen seinen
entarteten Sohn die Waffen zu ergreifen, noch immer so hoch als je
verehrt. Sie sprachen noch immer mit Abscheu von dem langen Parlamente,
von dem Ryehousecomplot und von dem Aufstande im Westen. Aber wie sie
auch ber die Vergangenheit denken mochten, ihre Ansicht von der
Gegenwart war entschieden whiggistisch, denn sie waren jetzt der
Meinung, da uerster Druck gewaltsamen Widerstand rechtfertigen knne
und da der Druck, unter dem die Nation eben seufzte, den uersten Grad
erreicht habe.[1]

Man darf jedoch nicht glauben, da alle Tories selbst unter den
damaligen Umstnden einem Prinzipe entsagten, da sie von Kindheit auf
als einen wesentlichen Bestandtheil des Christenthums betrachten
gelernt, zu dem sie sich viele Jahre lang mit prahlender Heftigkeit
bekannt und das sie durch Verfolgung zu verbreiten gesucht hatten.
Manche hielten aus wirklicher berzeugung, Andere aus Scham an dem alten
Glauben fest. Der grere Theil aber selbst von Denen, welche nach wie
vor jeden gewaltsamen Widerstand gegen den Landesherrn fr unstatthaft
erklrten, war geneigt, im Falle eines Brgerkriegs neutral zu bleiben.
Keine Herausforderung sollte sie zum Aufstande bewegen, wenn aber ein
solcher ausbrche, so glaubten sie sich nicht verpflichtet, fr
JakobII. zu kmpfen, wie sie fr KarlI. gekmpft haben wrden. Paulus
habe den Christen in Rom verboten, sich gegen die Herrschaft Nero's zu
empren; aber es sei kein Grund zu der Annahme vorhanden, da, wenn der
Apostel noch gelebt htte, als die Legionen und der Senat sich gegen den
ruchlosen Kaiser erhoben, er den Brdern befohlen haben wrde, zur
Untersttzung der Tyrannei zu den Waffen zu eilen. Die Pflicht der
verfolgten Kirche sei klar: sie msse geduldig ausharren und ihre Sache
Gott anheim stellen. Wenn es aber Gott, dessen weise Frsorge stets das
Bse zum Guten lenkt, gefallen sollte, wie es ihm oft gefallen habe,
sich zur Abstellung ihrer Leiden der Vermittelung solcher Menschen zu
bedienen, deren heftige Leidenschaften ihre Lehren nicht zu bezhmen
vermocht htten, so knne sie dankbar von ihm eine Befreiung annehmen,
welche auf eigne Hand zu bewerkstelligen ihre Grundstze ihr nicht
gestatteten. So waren die meisten von den Tories, welche noch immer
jeden Gedanken an einen Angriff auf die Regierung aufrichtig
zurckwiesen, doch keineswegs gemeint, sie zu vertheidigen, und freuten
sich vielleicht, whrend sie sich ihrer eigenen Gewissensscrupel
rhmten, im Stillen darber, da nicht Jedermann so bedenklich war als
sie.

Die Whigs sahen, da ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schwert gegen
die Regierung ziehen sollten, war schon seit sechs oder sieben Jahren
bei ihnen nur noch eine Frage der Klugheit und jetzt gebot ihnen eben
die Klugheit, einen khnen Weg einzuschlagen.

    [Anmerkung 1: Dieser Umschwung in den Ansichten eines Theiles der
    Torypartei ist in einem Schriftchen, welches zu Anfang des Jahres
    1689 unter dem Titel erschien: +A Dialogue betwen Two friends,
    wherein the Church of England is vindicated in joining with the
    Prince of Orange+ trefflich dargestellt.]


[_Russell schlgt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England vor._]
Im Mai, vor der Geburt des Prinzen von Wales und whrend es noch ungewi
war, ob die Indulgenzerklrung in den Kirchen verlesen werden wrde oder
nicht, hatte sich Eduard Russell nach dem Haag begeben, hatte dem
Prinzen von Oranien den Zustand der Volksstimmung eindringlich
geschildert und Seiner Hoheit gerathen, an der Spitze einer starken
Truppenmacht in England zu erscheinen und das Volk zu den Waffen zu
rufen.

Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick
erkannt. Jetzt oder nie! sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.[2] Gegen
Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, da die Leiden des
Staats von der Art seien, da sie ein auergewhnliches Heilmittel
erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem mglichen Scheitern des
Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch ber Grobritannien und
ber ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, da Viele,
die sich jetzt in hochtnenden Worten bereit erklrten, Gut und Blut dem
Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden wrden, wenn ihnen die
Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen
trte, und er knne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von
Geneigtheit begngen, sondern verlange bestimmte Einladungen und
schriftliche Untersttzungszusagen von einflureichen und bedeutenden
Mnnern. Russell bemerkte ihm dagegen, da es gefhrlich sein werde,
eine grere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm
stimmte ihm bei und sagte, da einige wenige Unterschriften gengen
wrden, wenn es die von Staatsmnnern wren, welche groe Parteien
reprsentirten.[3]

    [Anmerkung 2: +Aut nunc, aut nunquam.+ -- Witsen's
    Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.]

    [Anmerkung 3: +Burnet, I. 763.+]


[_Heinrich Sidney._] Mit dieser Antwort kehrte Russell nach London
zurck, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch tglich
zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischfe und die Entbindung der
Knigin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es htte erwarten
knnen. Er eilte die Stimmen der Oberhupter der Opposition zu sammeln
und sein Hauptgehlfe bei diesem Geschft war Heinrich Sidney, der
Bruder Algernon's. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, da Eduard
Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob's angehrt
hatten, da Beide theils aus politischen, theils aus Privatgrnden seine
Feinde geworden waren und da Beide das Blut naher Verwandter zu rchen
hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner
unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die
hnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fhigkeiten, stolz,
sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemth und
einnehmenden Manieren seine besonderen Fhigkeiten und Kenntnisse zu
besitzen und in Genusucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht
und Gestalt war er auffallend hbsch. In seiner Jugend war er der
Schrecken der Ehemnner gewesen und selbst jetzt, dem fnfzigsten Jahre
nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides
fr jngere Mnner. Er hatte sich frher in amtlicher Stellung im Haag
aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm's Vertrauen in hohem
Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darber, denn man htte glauben
sollen, da der ernsteste Staatsmann und der ausschweifendste
Miggnger nichts mit einander gemein haben knnten. Swift konnte viele
Jahre spter nicht begreifen, da ein Mann, den er nur als einen
wissenschaftlich ungebildeten und frivolen alten Wstling gekannt hatte,
wirklich in einer groen Revolution eine groe Rolle gespielt haben
sollte. Doch selbst ein minder scharfsichtiger Beobachter als Swift
htte wissen knnen, da es einen gewissen instinktartigen Takt giebt,
der oft groen Rednern und Philosophen fehlt, aber oft bei Personen
gefunden wird, die man fr einfltige Menschen erklren wrde, wenn man
sie nur nach ihren Reden und Schriften beurtheilte. In der That, wer
diesen Takt besitzt, fr den ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn
ihm die glnzenderen Talente mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der
Bewunderung, des Neides und der Furcht machen wrden. Sidney war ein
sprechender Beleg fr diese Wahrheit. So untchtig, unwissend und
ausschweifend er zu sein schien, so erkannte er doch ober fhlte er
vielmehr, gegen wen er zurckhaltend sein mute und gegen wen er ohne
Gefahr mittheilend sein durfte. In Folge dessen leistete er was Mordaunt
mit all' seiner Lebhaftigkeit und all' seinem Erfindungsgeiste oder
Burnet mit all' seinem vielseitigen Wissen und seiner flieenden
Beredtsamkeit nie htten ausfhren knnen.[4]

    [Anmerkung 4: +Sidney's Diary and Correspondence, edited by
    Blencowe+; +Mackay's Memoirs+ und Swift's Note; +Burnet, I. 763.+]


[_Devonshire._] Bei den alten Whigs konnte es keine Schwierigkeiten
haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen Jahren kaum einen
Augenblick gegeben, wo die ffentlichen Rechtsverletzungen nicht den
Widerstand gerechtfertigt htten. Devonshire, der als ihr Oberhaupt
betrachtet werden konnte, hatte sowohl private als ffentliche Unbilden
zu rchen. Er ging mit ganzem Herzen auf den Plan ein und brgte fr
seine Partei.[5]

    [Anmerkung 5: +Burnet, I. 764+; Chiffrirter Brief an Wilhelm vom
    18. Juni 1688 in Dalrymple.]


[_Shrewsbury. -- Halifax._] Russell theilte den Plan Shrewsbury mit und
Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschlo sich mit einem Muthe und
einer Entschiedenheit, welche spterhin seinem Character zu fehlen
schienen. Er erklrte sich sofort bereit, sein Vermgen, seine Ehre und
sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber nahm die erste Andeutung
des Vorhabens in einer Weise auf, welche bewies, da es nutzlos und
vielleicht sogar gefhrlich gewesen wre, sich deutlicher auszusprechen.
Er war in der That auch nicht der Mann zu einem solchen Unternehmen.
Sein Geist war unerschpflich in subtilen Unterscheidungen und
Einwendungen, sein Temperament friedliebend und nicht waghalsig. Er war
bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch anonyme Schriften bis aufs
uerste zu opponiren; aber seine vornehme Ruhe mit dem unsicheren und
bewegten Leben eines Verschwrers zu vertauschen, sich in die Gewalt von
Mitverschwornen zu geben, in bestndiger Angst vor Verhaftbefehlen und
Knigsboten zu leben, ja vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder
in einer Hintergasse im Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er
wenig Lust. Er uerte daher einige Worte, welche deutlich erkennen
lieen, da er nicht wnschte, in die Plne seiner verwegeneren und
ungestmeren Freunde eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte
nichts mehr.[6]

    [Anmerkung 6: +Ibid.+]


[_Danby und der Bischof Compton._] Hierauf wendete man sich nun zunchst
an Danby und mit weit besserem Erfolg. Fr seinen khnen und
thatkrftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter
organisirten Gemth Halifax' unertrglich waren, einen groen Reiz. Die
verschiedenen Charactere der beiden Staatsmnner waren schon in ihren
Gesichtszgen zu erkennen. Halifax' Stirn, Auge und Mund verriethen
einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewhnlichen Sinn fr die
Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines
Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt
oder fr irgend eine Sache zum Mrtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt,
wird sich nicht wundern knnen, da der Schriftsteller, der ihm am
meisten Vergngen machte, Montaigne war.[7] Danby war ein Skelett; sein
hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht
verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen
ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den
Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann pltzlich von seiner Hhe
herabgestrzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang
im Gefngni zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht
zufrieden, er wollte wieder gro werden. Als treuer Anhnger der
anglikanischen Kirche und Feind des franzsischen bergewichts konnte er
nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon
ergebenen Hofe etwas Groes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in
einer Revolution bernahm, welche alle Plne der Papisten vereiteln, der
langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die knigliche Macht
auf ein erlauchtes Paar bertragen sollte, dessen eheliches Band er
geknpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit
hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre frher aus dem Amte
gestoen hatte, verbanden bei seinem glcklichen Wiedererscheinen gewi
ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon
hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn
vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollstndig
wieder ausgeshnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak
zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen
Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, da die
Whigs sich einer groen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte
erklrt, da sie jetzt von ihrem Irrthum berzeugt wren. Auch Danby
hatte Mancherlei zurckzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich
der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine
Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden,
das, wenn es angenommen worden wre, alle Diejenigen, die sich weigerten
eidlich zu erklren, da sie gewaltsamen Widerstand unter allen
Umstnden fr unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben
wrde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das ffentliche
wie um sein persnliches Wohl vollstndig erleuchtet, lie sich jetzt
nicht mehr durch solche kindische Trugschlsse tuschen, wenn dies
berhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklrte sofort seinen
Beitritt zu der Verschwrung, und bemhte sich dann, die Mitwirkung
Compton's, des suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm
auch ohne Schwierigkeit gelang. Kein Prlat war von der Regierung so
rcksichtslos und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte
kein Prlat soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war
der Erzieher der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte
allgemein, da er ihr Vertrauen in hohem Mae geno. Er hatte wie seine
Collegen, so lange er noch nicht unterdrckt wurde, entschieden
behauptet, da es ein Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen;
seitdem er aber vor der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht
in ihm aufgegangen.[8]

    [Anmerkung 7: In Betreff Montaigne's siehe Halifax' Brief an
    Cotton. Ich wei nicht, ob Halifax' Kopf in der Westminsterabtei
    nicht ein richtigeres Bild von ihm giebt als alle gemalten oder
    gestochenen Portraits, die ich von ihm gesehen habe.]

    [Anmerkung 8: Siehe Danby's Einleitung zu den Actenstcken, die er
    1710 verffentlichte, so wie auch +Burnet, I. 764.+]


[_Nottingham._] Danby und Compton wnschten Beide, sich der
Untersttzung Nottingham's zu versichern. Der ganze Plan wurde ihm
mitgetheilt und er billigte denselben. Aber schon nach wenigen Tagen
fing er an besorgt zu werden. Seine Seele war nicht stark genug, um sich
von anerzogenen Vorurtheilen loszureien. Er ging von einem Geistlichen
zum andern, legte ihnen in allgemeinen Ausdrcken angenommene Flle von
Tyrannei vor und fragte sie, ob in solchen Fllen der Widerstand erlaubt
sei. Die Antworten, die er erhielt, vermehrten seine Angst. Endlich
sagte er seinen Mitverschwornen, da er nicht weiter mit ihnen gehen
knne. Wenn sie ihn fr fhig hielten, sie zu verrathen, so sollten sie
ihn umbringen, und er werde sie schwerlich deshalb tadeln, denn indem er
zurcktrete, nachdem er so weit gegangen sei, gebe er ihnen eine Art von
Recht ber sein Leben. Er versichere aber, da sie von ihm nichts zu
frchten hatten; er werde ihr Geheimni streng bewahren und knne nicht
anders als ihnen den besten Erfolg wnschen, aber sein Gewissen gestatte
ihm nicht, thtigen Antheil an einem Aufstande zu nehmen. Sie vernahmen
sein Bekenntni mit Argwohn und Verachtung. Sidney, der sehr unbestimmte
Begriffe von Gewissensscrupeln hatte, benachrichtigte den Prinzen, da
Nottingham Angst bekommen habe. Man ist es jedoch Nottingham schuldig,
zu sagen, da sein allgemeiner Lebenswandel uns zu dem Glauben
berechtigt, da er bei dieser Gelegenheit durchaus rechtschaffen, wenn
auch hchst unklug und unentschlossen handelte.[9]

    [Anmerkung 9: +Burnet, I. 764+; Sidney an den Prinzen von Oranien,
    30. Juni 1688, in Dalrymple.]


[_Lumley._] Einen vollstndigeren Erfolg hatten die Agenten des Prinzen
bei Lord Lumley, der wohl wute, da er trotz des hochwichtigen
Dienstes, den er zur Zeit des Aufstandes im Westen geleistet, in
Whitehall nicht blos als Ketzer, sondern als Renegat verhat war, und
der sich daher mehr als die meisten gebornen Protestanten danach sehnte,
zur Vertheidigung des Protestantismus die Waffen zu ergreifen.[10]

    [Anmerkung 10: +Burnet, I. 763+; Lumley an Wilhelm, 31. Mai 1688
    in Dalrymple.]


[_Absendung der Einladung an Wilhelm._] Im Monat Juni hatten die ins
Geheimni Eingeweihten hufige Zusammenknfte, und am Letzten dieses
Monats, dem Tage, an welchem die Bischfe fr nichtschuldig erklrt
wurden, geschah endlich der entscheidende Schritt. Es wurde eine von
Sidney geschriebene, aber von einer in der Abfassung derartiger Aufstze
gebteren Person entworfene frmliche Einladung nach dem Haag
abgeschickt. In diesem Schreiben wurde Wilhelm versichert, da neunzehn
Zwanzigstel des englischen Volks sich nach einer nderung sehnten und
sich gern zur Herbeifhrung einer solchen verbinden wrden, wenn sie den
Beistand einer solchen auswrtigen Macht erlangen knnten, welche die
sich in Waffen Erhebenden vor der Gefahr sichere, zerstreut und
niedergehauen zu werden, ehe sie sich in irgend einer militairischen
Ordnung formiren knnten. Wenn Seine Hoheit an der Spitze eines
Truppencorps in England erschiene, wrden viele Tausende zu seinen
Fahnen eilen, und er wrde bald ber eine der regulren Armee Englands
weit berlegene Streitmacht zu verfgen haben. berdies knne sich die
Regierung selbst auf diese Armee nicht unbedingt verlassen. Die
Offiziere seien unzufrieden und die gemeinen Soldaten theilten den
Widerwillen gegen den Papismus, der in dem Stande, welchem sie
angehrten, allgemein sei. Bei der Seemacht sei die protestantische
Gesinnung noch allgemeiner. Es sei daher von Wichtigkeit, da ein
entscheidender Schritt geschehe, so lange sich die Dinge in diesem
Zustande befnden. Das Unternehmen wrde viel schwieriger sein, wenn es
verschoben wrde, bis der Knig durch Umgestaltung der Wahlkrper und
der Regimenter sich ein Parlament und ein Heer gebildet habe, auf die er
sich verlassen knnte. Die Verschwornen baten demnach den Prinzen
dringend, so schleunig als mglich zu ihnen zu kommen. Sie gaben ihr
Ehrenwort darauf, da sie sich ihm anschlieen wrden und machten sich
anheischig, die Mitwirkung einer so groen Anzahl Personen zu erlangen,
als man ohne Gefahr in ein so wichtiges und gefhrliches Geheimni
ziehen knne. ber einen Punkt hielten sie es fr ihre Pflicht, Seiner
Hoheit eine Vorstellung zu machen. Er habe die Meinung der groen Masse
der Englnder ber die krzliche Geburt eines Prinzen nicht zu seinem
Vortheile benutzt, sondern im Gegentheil Glckwnsche nach Whitehall
gesandt, wodurch es scheinen msse, als ob das Kind, welches den Namen
eines Prinzen von Wales bekommen habe, der rechtmige Erbe des Thrones
sei. Dies sei ein groer Fehler gewesen und habe den Eifer abgekhlt.
Nicht Einer unter Tausend zweifle daran, da der Knabe untergeschoben
sei und der Prinz wrde seinen Vortheil nicht richtig erkennen, wenn er
nicht die verdchtigen Umstnde, welche die Niederkunft der Knigin
begleitet htten, unter den Grnden fr seine bewaffnete Erhebung obenan
stelle.[11]

Dieses Schreiben war mit den Namenschiffern der sieben Oberhupter der
Verschwrung, Shrewsbury, Devonshire, Danby, Lumley, Compton, Russell
und Sidney, unterzeichnet. Herbert bernahm das Amt des berbringers.
Seine Sendung war mit nicht geringer Gefahr verknpft. Er legte die
Tracht eines gemeinen Matrosen an und erreichte am Freitag nach dem
Prozesse der Bischfe die niederlndische Kste. Er eilte augenblicklich
zu dem Prinzen. Bentinck und Dyckvelt wurden gerufen und es vergingen
mehrere Tage unter Berathungen. Das erste Resultat dieser Berathungen
war, da das Gebet fr den Prinzen von Wales nicht mehr in der Kapelle
des Prinzen verlesen wurde.[12]

    [Anmerkung 11: Siehe die ausfhrliche Einladung bei Dalrymple.]

    [Anmerkung 12: Sidney's Brief an Wilhelm, 30. Juni 1688; Avaux,
    11.(21.), 12.(22.) Juli.]


[_Mariens Verhalten._] Von Seiten seiner Gemahlin hatte Wilhelm keine
Opposition zu frchten. Er bte eine unbeschrnkte Gewalt ber ihren
Geist aus und, was noch merkwrdiger war, er hatte ihre ganze Zuneigung
gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch den Tod und durch
Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten versagt
worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte die
Herrschaft ber ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte sie
wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in frher Jugend
verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und sein
Benehmen gegen sie seit ihrer Vermhlung hatte weder Zrtlichkeit von
seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefhl erwecken
knnen. Er hatte alles Mgliche gethan, um ihr husliches Glck zu
stren und unter ihrem Dache ein frmliches System von Spioniererei,
Aushorcherei und Angeberei eingefhrt. Er bezog grere Einknfte als
irgend einer seiner Vorgnger und bewilligte ihrer jngeren Schwester
ein regelmiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;[13] die
muthmaliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste
Gelduntersttzung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem
hohen Range unter den europischen Frstinnen zukommenden Aufwand zu
machen. Sie hatte es gewagt, sich fr ihren alten Freund und Lehrer
Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischflichen Functionen
suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung
emprender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Frsprache war ungndig
abgewiesen werden.[14] Von dem Tage an, wo es sich klar herausgestellt
hatte, da sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich bei dem Umsturze
der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es ein Hauptzweck
der Politik Jakob's gewesen, sie Beide zu krnken. Er hatte die
britischen Regimenter aus Holland zurckberufen, er hatte mit Tyrconnel
und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und Anstalten
getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu berauben, auf
welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben wrde. Jetzt glaubte
die groe Masse seines Volks und viele Personen von hohem Range und
ausgezeichneten Fhigkeiten, da er einen unchten Prinzen von Wales in
die knigliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines reichen
Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, da auch sie den
herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie unmglich
lieben. Ihre religisen Grundstze waren allerdings so streng, da sie
sich wahrscheinlich bemht haben wrde, das was sie fr ihre Pflicht
hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfllen. In dem
vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, da Jakob's Anrecht auf
ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen msse. In der That
stimmen alle Theologen und Publicisten darin berein, da, wenn die
Tochter des Frsten eines Landes mit dem Frsten eines andren Landes
vermhlt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im
Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite
des Ersteren treten mu. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn
der Gatte im Unrecht wre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm
beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig.

    [Anmerkung 13: Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.]

    [Anmerkung 14: Birch's Auszge im Britischen Museum.]


[_Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's._] Obgleich sie es aber
sorgfltig vermied, irgend etwas zu thun oder zu sagen, was die ihm
entgegenstehenden Schwierigkeiten vermehren konnte, so waren diese
Schwierigkeiten doch sehr ernster Art. Sie wurden jedoch selbst von
Einigen von Denen, die ihn einluden hinberzukommen, nur unvollkommen
begriffen, und sind auch von einigen Geschichtsschreibern der
Unternehmung nur unvollkommen geschildert worden.

Die Hindernisse, welche er auf englischem Boden zu erwarten hatte, waren
zwar die mindest furchtbaren, die der Ausfhrung seines Planes
entgegenstanden, waren aber doch auch sehr ernst. Er sah wohl ein, da
es Wahnsinn gewesen wre, nach dem Beispiele Monmouth's mit einigen
wenigen britischen Abenteurern ber das Meer zu fahren und auf eine
allgemeine Erhebung der Bevlkerung zu rechnen. Es war nothwendig und
wurde von Allen, die ihn einluden, als nothwendig erkannt, da er eine
Armee mitbrachte. Aber wer konnte fr den Eindruck stehen, den das
Erscheinen einer solchen Armee machen wrde? Die Regierung war
allerdings mit Recht verhat, aber lie sich wohl erwarten, da das an
die Einmischung festlndischer Mchte in englische Streitigkeiten nicht
gewohnte englische Volk einen von fremden Soldaten umgebenen Befreier
mit wohlwollendem Auge betrachten wrde? Wenn nur ein Theil der
kniglichen Truppen dem Eindringenden entschlossenen Widerstand
entgegensetzte, wrde dieser Theil nicht bald die vaterlndischen
Sympathien von Millionen auf seiner Seite haben? Eine Niederlage wrde
dem ganzen Unternehmen verderblich geworden sein. Ein blutiger Sieg der
Sldlinge der Generalstaaten ber die Coldstreamgarden und die Buffs im
Herzen der Insel wre fast ein eben so groes Unglck gewesen als eine
Niederlage. Ein solcher Sieg wrde die schmerzlichste Wunde gewesen
sein, welche je dem Nationalstolze einer der stolzesten Nationen
geschlagen worden. Die so eroberte Krone htte nie in Ruhe und Frieden
getragen werden knnen. Der Ha, mit dem man die Hohe Commission und die
Jesuiten betrachtete, wre durch den viel strkeren Ha gegen fremde
Eroberer verdrngt worden, und Viele, die seither auf Frankreichs Macht
mit Furcht und Abscheu geblickt hatten, wrden gesagt haben, da wenn
nun einmal ein fremdes Joch getragen werden msse, das franzsische
weniger schimpflich sei als das hollndische.

Diese Betrachtungen htten Wilhelm wohl bedenklich machen knnen, selbst
wenn ihm alle militairischen Hlfsmittel der Vereinigten Provinzen zur
unumschrnkten Verfgung gestanden htten. In Wirklichkeit aber schien
es sehr zweifelhaft, ob er die Untersttzung eines einzigen Bataillons
wrde erlangen knnen. Von allen Schwierigkeiten, mit denen er zu
kmpfen hatte, war die grte, obgleich von den englischen
Geschichtsschreibern wenig beachtete, die, welche in der Verfassung der
batavischen Republik selbst lag. Noch nie hatte ein groer Staat unter
einer so unzweckmigen Verfassung eine lange Reihe von Jahren existirt.
Die Generalstaaten konnten ohne die Zustimmung der Staaten jeder
einzelnen Provinz weder Krieg noch Frieden beschlieen, weder ein
Bndni eingehen, noch eine Steuer erheben. Und die Provinzialstaaten
konnten wieder ihre Zustimmung nicht ohne die Zustimmung derjenigen
Municipalitten geben, welche einen Antheil an der Vertretung hatten.
Jede Municipalitt war gleichsam ein souverainer Staat und beanspruchte
als solcher das Recht, mit den fremden Gesandten direct zu verkehren und
mit ihnen die Mittel zur Vereitelung von Plnen zu verabreden, welche
andere Municipalitten beabchsichtigten. In einigen Stadtrthen hatte
die Partei, welche mehrere Generationen hindurch den Einflu der
Stadthalter mit eiferschtigem Auge ansah, ein groe Masse. An der
Spitze dieser Partei standen die Behrden der stolzen Stadt Amsterdam,
welche damals in ihrer hchsten Blthe war. Sie hatten seit dem Frieden
von Nymwegen mit Ludwig durch die Vermittelung seines geschickten und
thtigen Gesandten, des Grafen von Avaux, stets einen freundschaftlichen
Verkehr unterhalten. Vorschlge, die der Statthalter als zum Wohle der
Republik unumgnglich nthig beantragt, die von allen Provinzen auer
Holland und von siebzehn unter den achtzehn hollndischen Stadtrthen
genehmigt worden, waren schon mehr als einmal durch die einzige Stimme
Amsterdam's verworfen worden. Das einzige verfassungsgeme Hlfsmittel
in solchen Fllen bestand darin, da Deputationen von den zustimmenden
Stdten der andersmeinenden Stadt einen Besuch machten, um sie womglich
zu berreden. Die Anzahl der Deputirten war unbeschrnkt, sie konnten
ihre Vorstellungen so lange fortsetzen, als es ihnen gutdnkte, und
whrenddem mute die starrsinnige Commun, die sich ihren Grnden nicht
fgen wollte, fr ihren Unterhalt sorgen. Dieses abgeschmackte
Zwangsmittel war einmal mit Erfolg gegen die kleine Stadt Gorkum
angewendet worden, machte aber voraussichtlich keinen groen Eindruck
auf das mchtige und reiche Amsterdam, das durch seinen von zahllosen
Masten strotzenden Hafen, durch seine von stattlichen Gebuden
eingefaten Kanle, durch seine prchtige Stadthalle mit Wnden, Decken
und Fubden von polirtem Marmor, durch seine mit den kostbarsten
Producten Ceylon's und Surinam's gefllten Waarenmagazine und seine
Brse, in der das endlose Summen aller Sprachen der civilisirten Vlker
ertnte, in der ganzen Welt berhmt war.[15]

Die Streitigkeiten zwischen der Majoritt, welche den Statthalter
untersttzte, und der Minoritt, zu deren Spitze der Magistrat von
Amsterdam stand, waren schon mehrmals so heftig geworden, da
Blutvergieen unvermeidlich zu sein schien. Einmal hatte der Prinz den
Versuch gemacht, die widerspenstigen Deputirten als Verrther bestrafen
zu lassen. Ein andermal waren ihm die Thore von Amsterdam versperrt und
Truppen zur Vertheidigung der Privilegien des Municipalraths ausgehoben
worden. Es war nicht zu erwarten, da die obrigkeitliche Behrde dieser
groen Stadt je in eine Expedition willigen wrde, welche fr Ludwig,
dem sie den Hof machte, im hchsten Grade beleidigend war und
voraussichtlich das ihr verhate Haus Oranien zu grerer Macht erhob.
Und doch konnte eine solche Expedition ohne ihre Einwilligung gesetzlich
nicht unternommen werden. Ihren Widerstand durch Waffengewalt zu
brechen, war ein Mittel, da der entschlossene und khne Statthalter
unter anderen Umstnden nicht gescheut haben wrde. In vorliegendem
Falle aber war es von hchster Wichtigkeit, da er sorgfltig jeden
Schritt vermied, der als tyrannisch dargestellt werden konnte. Er durfte
es nicht wagen, in demselben Augenblicke, wo er gegen seinen
Schwiegervater das Schwert zog, weil dieser die Grundgesetze Englands
verletzt hatte, die Grundgesetze Holland's zu verletzen. Der gewaltsame
Umsturz einer freien Verfassung wrde ein sonderbares Vorspiel zur
gewaltsamen Aufrichtung einer andren gewesen sein.[16]

Auerdem gab es noch eine andre Schwierigkeit, welche von den englischen
Geschichtschreibern zu wenig beachtet worden ist, die aber Wilhelm nicht
einen Augenblick aus dem Gesicht verlor. Er konnte das beabsichtigte
Unternehmen nur dann glcklich durchfhren, wenn er an das
protestantische Gefhl Englands appellirte und dieses Gefhl so krftig
anspornte, da es eine Zeit lang das vorherrschende und fast
ausschlieliche Gefhl der Nation wrde. Dies wrde in der That eine
sehr einfaches Verfahren gewesen sein, htte seine Politik einzig und
allein dahin gezielt, auf unsrer Insel eine Revolution hervorzurufen und
daselbst zu regieren. Aber er hatte ein andres Endziel vor Augen, das er
nur mit Beihlfe von Frsten, welche der rmischen Kirche aufrichtig
ergeben waren, erreichen konnte. Er wollte das deutsche Reich, den
katholischen Knig und den heiligen Stuhl mit England und Holland zu
einem Bndnisse gegen das bergewicht Frankreichs vereinigen, daher war
es nthig, da er, whrend er den gewaltigsten Schlag fhrte, der je zur
Vertheidigung des Protestantismus gefhrt worden war, sich das
Wohlwollen von Regierungen zu erhalten suchte, welche den
Protestantismus als eine gefhrliche Ketzerei betrachteten.

Dies waren die verwickelten Schwierigkeiten dieses groen Unternehmens.
Staatsmnner des Continents erkannten einen Theil dieser
Schwierigkeiten, britische Staatsmnner einen andren. Nur ein
scharfblickender und gewaltiger Geist bersah sie mit einem einzigen
Blicke und beschlo sie alle zu berwinden. Es war kein leichtes Ding,
die englische Regierung vermittelst einer fremden Heeresmacht zu
strzen, ohne den Nationalstolz der Englnder zu verwunden. Es war kein
leichtes Ding, von der batavischen Faction, welche Frankreich mit
Vorliebe und das Haus Oranien mit Widerwillen betrachtete, eine
Entscheidung zu Gunsten einer Expedition zu erlangen, die alle Plne
Frankreichs ber den Haufen warf und das Haus Oranien auf den Gipfel der
Gre erheben mute. Es war kein leichtes Ding, begeisterte Protestanten
zu einem Kreuzzuge gegen den Papismus zu fhren, und sich trotzdem die
Freundschaft fast aller papistischen Regierungen und des Papstes selbst
zu erhalten. Doch alles dies fhrte Wilhelm aus. Er erreichte alle seine
Zwecke, selbst die, welche sich am wenigsten mit einander zu vertragen
schienen, vollstndig und zu gleicher Zeit. Die ganze Geschichte der
alten wie der neuen Zeit berichtet keinen zweiten hnlichen Triumph der
Staatskunst.

Die Aufgabe wrde allerdings selbst fr einen solchen Staatsmann wie der
Prinz von Oranien zu schwierig gewesen sein, wren nicht seine
Hauptgegner damals in einer Bethrung befangen gewesen, welche von
vielen gerade nicht aberglubischen Leuten als eine besondere gttliche
Strafe betrachtet wurde. Nicht nur der Knig von England war wie immer
verblendet und verkehrt, sondern selbst die Rthe des klugen Knigs von
England waren thricht geworden. Was Weisheit und Energie irgend
vermgen, das that Wilhelm. Die Hindernisse aber, welche keine Weisheit
oder Energie htte berwinden knnen, rumten seine Feinde selbst
geflissentlich aus dem Wege.

    [Anmerkung 15: +Avaux Neg., Oct. 29. (Nov. 8.) 1683+.]

    [Anmerkung 16: In Betreff des Verhltnisses, in welchem der
    Statthalter und die Stadt Amsterdam zu einander standen, siehe
    Avaux an mehreren Stellen.]


[_Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischfe._] An dem wichtigen
Tage, an welchem die Bischfe freigesprochen und die Einladung nach dem
Haag abgesandt wurde, kehrte Jakob in verdrlicher und gereizter
Stimmung von Hounslow nach Westminster zurck. Er bemhte sich diesen
Nachmittag heiter zu scheinen;[17] aber die Freudenfeuer, die Raketen
und vor Allem die wchsernen Ppste, welche in allen Stadttheilen
Londons leuchteten, waren eben nicht geeignet, ihn zu erheitern. Wer ihn
am andren Morgen sah, konnte in seinen Zgen und in seiner Haltung ohne
Mhe die heftigen Gemthsbewegungen erkennen, die in seiner Brust
tobten.[18] Einige Tage lang schien er sehr ungern von dem Proze zu
sprechen, so da selbst Barillon es nicht wagen durfte, die Sache zur
Sprache zu bringen.[19]

Bald begann es sich klar zu zeigen, da die Niederlage und Demthigung
das Herz des Knigs nur noch mehr verhrtet hatte. Die ersten Worte, die
ber seine Lippen kamen, als er erfuhr, da die Gegenstnde seiner Rache
ihm entschlpft, waren: Sie sollen es bereuen! Schon nach wenigen
Tagen wurde der Sinn dieser Worte, die er seiner Gewohnheit nach sehr
hufig wiederholte, vollkommen klar. Er machte sich Vorwrfe, nicht
darber, da er die Bischfe gerichtlich verfolgt, sondern da er sie
vor ein Tribunal gestellt hatte, wo die factischen Fragen durch
Geschworne entschieden wurden und die feststehenden Rechtsgrundstze
auch von den servilsten Richtern nicht gnzlich aus den Augen gelassen
werden konnten. Diesen Fehler beschlo er wieder gut zu machen. Nicht
nur die sieben Prlaten, welche die Petition unterzeichnet hatten,
sondern die gesammte anglikanische Geistlichkeit sollte Ursache haben,
den Tag zu verwnschen, an welchem sie einen Sieg ber ihren Landesherrn
davon getragen. Etwa vierzehn Tage nach dem Proze wurde eine
Kabinetsordre erlassen, welche allen Dicesankanzlern und Archidiakonen
anbefahl, in ihren betreffenden Sprengeln eine strenge Untersuchung
vorzunehmen und binnen fnf Wochen der Hohen Commission die Namen aller
derjenigen Pfarrer, Vikare und Curaten aufzugeben, welche die
Indulgenzerklrung nicht verlesen hatten.[20] Der Knig weidete sich
schon im voraus an dem Entsetzen, mit dem die Ungehorsamen vernehmen
wrden, da sie vor ein Tribunal gestellt werden sollten, von dem sie
keine Gnade zu erwarten hatten.[21] Die Anzahl der Schuldigen betrug
wenig unter, wenn nicht volle zehntausend und nach dem, was im
Magdalenen-Collegium geschehen war, konnte jeder von ihnen mit gutem
Grunde darauf gefat sein, da ihm die Ausbung aller seiner geistlichen
Functionen untersagt, da er aus seiner Pfrnde vertrieben, zur
Bekleidung irgend eines andren Amtes fr unfhig erklrt und in die
Kosten des Prozesses verurtheilt wrde, der ihn zum Bettler gemacht.

    [Anmerkung 17: Adda, 6.(16.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 18: +Reresby's Memoirs+.]

    [Anmerkung 19: Barillon, 2.(12.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 20: +London Gazette, July 16. 1688+. Die Kabinetsordre
    ist vom 12. Juli datirt.]

    [Anmerkung 21: Barillon's eigene Worte 6.(16.) Juli 1688.]


[_Entlassungen und Ernennungen._] Dies war die Verfolgung, durch welche
Jakob im rger ber seine groe Niederlage in Westminsterhall die
Geistlichkeit zu zchtigen beschlo. Vor der Hand bemhte er sich, den
Mnnern des Gesetzes durch rasche und ausgedehnte Vertheilung von
Belohnungen und Strafen zu zeigen, da consequente und schamlose
Servilitt, wenn sie auch nicht zum Ziele fhrte, ein sicheres Anrecht
auf seine Gunst verleihe und da Jeder, der nach jahrelanger
Unterwrfigkeit nur einen Augenblick auf den Pfad des Muthes und der
Rechtschaffenheit berzuspringen wagte, sich eines unverzeihlichen
Verbrechens schuldig mache. Die Heftigkeit und Frechheit, welche der
Renegat Williams whrend des ganzen Prozesses der Bischfe an den Tag
gelegt, hatte ihn der ganzen Nation verhat gemacht.[22] Er wurde mit
dem Baronettitel belohnt. Holloway und Powell hatten ihren Ruf durch die
Erklrung gehoben, da die Petition ihrer Ansicht nach kein Libell sei.
Sie wurden ihrer Stellen entsetzt.[23] Wright's Schicksal scheint einige
Zeit zweifelhaft gewesen zu sein. Er hatte zwar gegen die Bischfe
resumirt, hatte es aber geduldet, da ihr Rechtsbeistand die
Dispensationsgewalt bestritt; er hatte die Petition ein Libell genannt,
es aber sorgfltig vermieden, die Indulgenzerklrung gesetzlich zu
nennen, und whrend der ganzen Verhandlung hatte er in dem Tone eines
Mannes gesprochen, welcher wute, da ein Tag der Rechenschaft kommen
konnte. Allerdings hatte er auch gegrndete Ansprche auf Nachsicht,
denn es war wohl kaum zu erwarten, da irgend eines Menschen Frechheit
in einer solchen Aufgabe, angesichts einer solchen Barre und eines
solchen Auditoriums von Anfang bis zu Ende htte aushalten knnen, ohne
zu erschlaffen. Die Mitglieder der jesuitischen Cabale tadelten ihn
jedoch wegen seines Mangels an Muth; der Kanzler nannte ihn einen Esel
und man glaubte allgemein, da ein neuer Oberrichter ernannt werden
wrde.[24] Aber es fand keine derartige Vernderung statt. Es wrde auch
nicht leicht gewesen sein, Wright's Stelle wieder zu besetzen. Die
vielen Juristen, welche in Talenten und Kenntnissen hoch ber ihm
standen, waren fast ohne Ausnahme den Plnen der Regierung feindlich
gesinnt; und die sehr wenigen, die ihn in Gewissenlosigkeit und
Frechheit bertrafen, waren fast ohne Ausnahme nur in den untersten
Schichten ihres Standes zu finden und wrden unfhig gewesen sein, nur
die gewhnlichen Geschfte des Kingsbenchgerichts zu leiten. Williams
vereinigte allerdings alle Eigenschaften in sich, welche Jakob von einem
hohen Gerichtsbeamten verlangte, aber seiner Dienste bedurfte man bei
der Staatsanwaltschaft und wre er von derselben entfernt worden, so
wrde der Krone nicht der Beistand eines Advokaten dritten Ranges
geblieben sein.

Nichts hatte den Knig mehr in Erstaunen gesetzt und gekrnkt, als die
Begeisterung, welche die Dissenters fr die Sache der Bischfe an den
Tag legten. Penn, der, obgleich er selbst seinen Gewissensscrupeln
Reichthum und Ehrenstellen aufgeopfert hatte, zu glauben schien, da
auer ihm Niemand ein Gewissen habe, schrieb die Unzufriedenheit der
Puritaner dem Neide und dem unbefriedigten Ehrgeize zu. Er meinte, sie
htten keinen Antheil an den durch die Indulgenzerklrung verheienen
Wohlthaten gehabt, keiner von ihnen sei zu einem hohen und ehrenvollen
Posten berufen worden, und es sei daher kein Wunder, da sie auf die
Katholiken eiferschtig wren. In Folge dessen wurde acht Tage nach dem
hochwichtigen Verdict der Geschwornen in Westminsterhall, Silas Titus,
ein angesehener Presbyterianer, ein heftiger Exclusionist und einer der
Hauptanklger Stafford's, eingeladen, einen Sitz im Geheimen Rathe
einzunehmen. Er gehrte zu Denen, auf welche die Opposition am
sichersten gerechnet hatte. Aber die ihm jetzt angetragene Ehre und die
Aussicht eine bedeutende Summe zu erhalten, die ihm die Krone schuldete,
gewannen die Oberhand ber seine Tugend und er wurde zum groen rgerni
aller Klassen von Protestanten vereidigt.[25]

Die Racheplne des Knigs gegen die Kirche gingen nicht in Erfllung.
Fast smmtliche Archidiakonen und Dicesankanzler verweigerten die
verlangten Angaben. Der Tag, an welchem die ganze Masse der Geistlichen
vorgeladen werden sollte, um sich wegen ihres Ungehorsams zu
verantworten, kam heran.

    [Anmerkung 22: In einer der zahlreichen Balladen jener Zeit kommen
    folgende Zeilen vor:

      Unsere beiden Briten sind Thoren,
      Die sich gegen das Gesetz verschworen,
      Aber das nchste Parlament wird sie kriegen bei den Ohren.

    Die beiden Briten sind Jeffrey's und Williams, beide aus Wales
    gebrtig.]

    [Anmerkung 23: +London Gazette, July 9. 1688+.]

    [Anmerkung 24: Ellis' Correspondenz, 10. Juli 1688; +Clarendon's
    Diary, Aug. 3. 1688+.]

    [Anmerkung 25: +London Gazette, July 9. 1688+; Adda, 13 (23.)
    Juli; +Evelyn's Diary, July 12+; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687,
    6.(16.) Febr. 1688.]


[_Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus._] Die Hohe Commission
trat zusammen. Es zeigte sich, da kaum ein kirchlicher Beamter eine
Liste eingeschickt hatte. Zu gleicher Zeit wurde der Commission eine
Schrift von der hchsten Bedeutung vorgelegt. Es war ein Schreiben von
Sprat, dem Bischof von Rochester. Zwei Jahre lang hatte er in der
Hoffnung auf ein Erzbisthum den Vorwurf ertragen, da er die Kirche
verfolge, deren Vertheidigung eine Gewissens- und Ehrenpflicht fr ihn
war. Aber seine Hoffnung war getuscht worden. Er sah, da er keine
Aussicht hatte, auf den Metropolitenthron von York zu gelangen, wenn er
nicht seinem Glauben entsagte. Er war zu gutherzig, als da er an der
Tyrannei htte Gefallen finden knnen und zu scharfblickend, um nicht
die Anzeichen der kommenden Vergeltung zu erkennen. Daher beschlo er,
seine gehssigen Functionen niederzulegen, und er theilte diesen
Entschlu seinen Collegen in einem Schreiben mit, das gleich allen
Erzeugnissen seiner Prosa in einem sehr eleganten und wrdevollen Style
abgefat war. Er sagte, es sei ihm nicht mglich, noch lnger Mitglied
der Commission zu bleiben. Er habe zwar selbst aus Gehorsam gegen den
kniglichen Befehl die Erklrung verlesen, aber er knne es nicht auf
sich nehmen, Tausende von frommen und loyalen Geistlichen, die eine
andre Ansicht von ihrer Pflicht htten, dazu zu verurtheilen, und da man
beschlossen habe, sie dafr zu bestrafen, da sie ihrer berzeugung
gem gehandelt, msse er erklren, da er lieber mit ihnen leiden, als
zu ihren Leiden beitragen wolle.

Die Commissare lasen das Schreiben mit nicht geringem Erstaunen. Gerade
die Fehler ihres Collegen, die bekannte Lockerheit seiner Grundstze und
seine bekannte Zaghaftigkeit machten seinen Abfall ganz besonders
beunruhigend. Wenn Mnner wie Sprat in der Sprache eines Hampden zu
einer Regierung redeten, so mute diese Regierung in der That sehr
gefhrdet sein. Das vor kurzem noch so bermthige Tribunal wurde mit
einem Male merkwrdig zahm. Die kirchlichen Beamten, welche seiner
Autoritt getrotzt, erhielten nicht einmal einen Verweis. Man hielt es
nicht fr rathsam, nur den Verdacht zu uern, da ihr Ungehorsam
absichtlich gewesen sei. Es wurde ihnen nur bedeutet, da ihre Berichte
in vier Monaten fertig sein mten. Dann ging die Commission bestrzt
auseinander. Sie hatte den Todessto empfangen.[26]

    [Anmerkung 26: Sprat's Briefe an den Earl von Dorset; +London
    Gazette, Aug. 23. 1688+.]


[_Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgnge in Oxford._] Whrend die Hohe
Commission sich vor einem Conflict mit der Kirche scheute, reizte diese
im Bewutsein ihrer Strke und von neuer Begeisterung beseelt, die Hohe
Commission durch eine Reihe von Herausforderungen zum Angriff. Bald nach
der Freisprechung der Bischfe erlag der ehrwrdige Ormond, der
vornehmste Kavalier aus dem groen Brgerkriege, den Gebrechlichkeiten
seines hohen Alters. Sein Tod wurde sogleich nach Oxford berichtet und
die Universitt, deren Kanzler er seit vielen Jahren gewesen war,
versammelte sich augenblicklich, um einen Nachfolger fr ihn zu whlen.
Ein Theil war fr den beredtsamen und gebildeten Halifax, ein andrer fr
den ernsten und orthodoxen Nottingham. Einige erwhnten auch den Earl
von Abingdon, der in ihrer Nhe wohnte und unlngst seiner Stelle als
Statthalter der Grafschaft entsetzt worden war, weil er sich geweigert
hatte, den Knig in seinen Maregeln gegen die Landeskirche zu
untersttzen. Die Mehrheit aber, aus hundertachtzig Graduirten
bestehend, stimmte fr den jungen Herzog von Ormond, den Enkel ihres
verstorbenen Oberhauptes und Sohn des tapferen Ossory. Die Eil, mit der
sie zu diesem Beschlusse kamen, hatte ihren Grund in der Besorgni, da,
wenn sie nur einen Tag zgerten, der Knig es versuchen mchte, ihnen
einen Kanzler aufzudringen, der ihre Rechte nicht wahren wrde. Diese
Besorgni war auch gegrndet, denn kaum zwei Stunden nachdem sie
auseinander gegangen waren, kam ein Befehl von Whitehall, der ihnen
vorschrieb Jeffreys zu whlen. Zum Glck war die Wahl des jungen Ormond
bereits vollendet und nicht mehr rckgngig zu machen.[27] Einige Wochen
darauf wurde der ehrlose Timotheus Hall, der sich durch Verlesung der
Indulgenzerklrung unter der londoner Geistlichkeit ausgezeichnet hatte,
mit dem Bisthum Oxford belohnt, welches seit dem Tode des nicht minder
ehrlosen Parker unbesetzt war. Hall kam nach Oxford, um seinen
Bischofssitz einzunehmen, aber die Canonici seiner Kathedrale weigerten
sich seiner Einsetzung beizuwohnen, die Universitt wollte ihn nicht zum
Doctor creiren, nicht ein einziges Mitglied der akademischen Jugend
wendete sich an ihn behufs der Ordination, kein Hut wurde vor ihm
abgenommen und er war in seinem Palaste bestndig allein.[28]

Bald darauf kam eine Pfrnde zur Erledigung, welche das
Magdalenen-Collegium von Oxford zu vergeben hatte. Hough und seine
vertriebenen Collegen versammelten sich und schlugen einen Candidaten
vor, den der Bischof von Gloucester, in dessen Dicese die Pfrnde lag,
auch ohne Besinnen einsetzte.[29]

    [Anmerkung 27: +London Gazette, July 26. 1688+; Adda, 27. Juli
    (6. Aug.); Neuigkeitsbrief vom 23. Juli in der Mackintosh-Sammlung;
    Ellis Correspondenz, 28., 31. Juli. +Wood's Fasti Oxonienses+.]

    [Anmerkung 28: +Wood's Athenae Oxonienses+; +Luttrell's Diary,
    Aug. 23. 1688.+]

    [Anmerkung 29: Ronquillo, 17.(27.) Sept. 1688; +Luttrell's Diary,
    Sept. 6.+]


[_Unzufriedenheit der Gentry._] Die Gentry war nicht minder
widerspenstig, als der Klerus. Die Assisen dieses Sommers gewhrten im
ganzen Lande einen noch nie dagewesenen Anblick. Die Richter waren vor
dem Antritt ihrer Rundreise zum Knige beschieden worden und hatten von
ihm die Weisung erhalten, da sie den Mitgliedern der groen Jury's und
den Magistratsbeamten im ganzen Reiche die Pflicht einschrfen sollten,
nur solche Mitglieder ins Parlament zu whlen, die seine Politik
untersttzen wrden. Sie gehorchten seinem Befehle, lieen sich heftig
ber die Geistlichkeit aus, schmhten die sieben Bischfe, nannten die
denkwrdige Petition ein aufrhrerisches Libell, kritisirten Sancroft's
Styl mit groer Schrfe und sagten, Seine Gnaden sollten fr ihr
schlechtes Englisch vom Doctor Busby ausgepeitscht werden. Diese
unschicklichen Reden hatten jedoch keine andre Wirkung, als da sie die
ffentliche Unzufriedenheit noch vermehrten. Alle ffentlichen
Achtungsbezeigungen, welche sonst dem richterlichen Amte und der
kniglichen Vollmacht erwiesen worden waren, wurden unterlassen. Die
alte Sitte verlangte eigentlich, da angesehene und vermgende Mnner im
Gefolge des Sheriffs ritten, wenn er die Richter nach der Hauptstadt der
Grafschaft begleitete; jetzt aber hielt es schwer, in irgend einem
Theile des Landes einen solchen Zug zusammen zu bringen. Besonders die
Nachfolger Powell's und Holloway's wurden mit auffallender
Geringschtzung behandelt. Ihnen waren die Assisen von Oxford zugefallen
und sie hatten erwartet, da sie in jeder Grafschaft von einer Cavalcade
der loyalen Gentry begrt werden wrden. Als sie sich aber Wallingford
nherten, wo sie ihre Sitzungen fr Berkshire erffnen sollten, kam nur
der Sheriff ihnen entgegen. Auch vor Oxford, der hchst loyalen
Hauptstadt einer hchst loyalen Provinz, wurden sie abermals von dem
Sheriff allein bewillkommnet.[30]

    [Anmerkung 30: Ellis' Correspondenz, 4. 7. Aug. 1688; Bischof
    Sprat's Bericht ber die Conferenz vom 6. Nov. 1688.]


[_Unzufriedenheit der Armee._] Die Armee war kaum weniger mivergngt,
als die Geistlichkeit und die Gentry. Die Besatzung des Tower hatte auf
das Wohl der gefangenen Bischfe getrunken. Die in Lambeth stehenden
Fugarden hatten den Primas bei seiner Rckkehr in seinen Palast mit
allen Zeichen der Ehrerbietung bewillkommnet. Nirgends war die Nachricht
von der Freisprechung mit lauterem Jubel aufgenommen worden, als im
Lager von Hounslow. Die groe Truppenmacht, welche der Knig
zusammengezogen hatte, um seine meuterische Hauptstadt im Schach zu
halten, war in der That meuterischer geworden, als die Hauptstadt
selbst, und wurde vom Hofe mehr gefrchtet, als von den Brgern. Anfangs
August wurde daher das Lager aufgehoben und die Truppen in verschiedenen
Theilen des Landes einquartirt.[31]

Jakob schmeichelte sich mit der Hoffnung, da einzelne Bataillone
leichter im Zaume zu halten sein wrden, als viele tausend auf einem
kleinen Raume zusammengedrngte Soldaten. Das erste Experiment wurde mit
Lord Lichfield's Infanterieregiment, dem gegenwrtigen zwlften
Linienregiment gemacht. Man hatte dieses Regiment wahrscheinlich deshalb
gewhlt, weil es zur Zeit des Aufstandes im Westen in Staffordshire
ausgehoben worden war, einer Provinz, die verhltnimig mehr
Katholiken zhlte, als irgend ein andrer Theil Englands. Die
Mannschaften wurden vor dem Knige aufgestellt und ihr Major setzte sie
in Kenntni, da Seine Majestt wnschte, sie sollten eine Verpflichtung
unterschreiben, durch die sie sich verbindlich machten, ihn bei der
Ausfhrung seiner Absichten bezglich des Testes zu untersttzen, und
da alle Diejenigen, die sich nicht dazu verstehen wollten, auf der
Stelle den Militairdienst verlassen mten. Zum groen Erstaunen des
Knigs legten ganze Reihen augenblicklich ihre Piken und Musketen
nieder. Nur zwei Offiziere und einige Gemeine, smmtlich Katholiken,
gehorchten seinem Befehle. Er schwieg eine Weile, dann befahl er den
Leuten, da sie ihre Waffen wieder aufnehmen sollten, und sagte mit
einem finstren Blicke zu ihnen: Ein andermal werde ich Euch nicht die
Ehre erzeigen, Euch erst zu fragen.[32]

Es war klar, da er die Armee vollstndig reorganisiren mute, wenn er
auf seinen Plnen beharren wollte. Die dazu geeigneten Elemente aber
konnte er auf unsrer Insel nicht finden. Die Mitglieder seiner Kirche
bildeten selbst in den Districten, wo sie am zahlreichsten waren, nur
den bei weitem kleineren Theil der Bevlkerung. Der Ha gegen den
Papismus hatte sich durch alle Klassen seiner protestantischen
Unterthanen verbreitet und war das vorherrschende Gefhl selbst der
Landleute und Handwerker geworden. Aber es gab einen andren Theil seines
Reichs, wo die Hauptmasse der Bevlkerung von einem ganz andren Geiste
beseelt war. Die Zahl der rmisch-katholischen Soldaten, welche durch
den guten Sold und die guten Quartiere Englands von jenseit des St.
Georgskanals herbergelockt werden wrden, hatte keine Grenze. Tyrconnel
hatte sich seit einiger Zeit bemht, aus dem Landvolke seiner Heimath
eine Heeresmacht zu bilden, auf die sein Gebieter sich verlassen konnte.
Fast die ganze irische Armee bestand schon aus Papisten von celtischer
Abkunft und Sprache. Barillon hatte dem Knige schon fters ernstlich
gerathen, diese Armee herberkommen zu lassen, um der englischen Respekt
einzuflen.[33]

    [Anmerkung 31: +Luttrell's Diary, Aug. 8, 1688.+]

    [Anmerkung 32: Dies wird uns von drei Schriftstellern erzhlt, die
    sich jener Zeit wohl erinnern konnten: von Kennet, Eachard und
    Oldmixon. Siehe auch das +Caveat against the Whigs+.]

    [Anmerkung 33: Barillon, 23. Aug. (2. Sept.), 3.(13.), 6.(16.) u.
    8.(18.) Sept. 1688.]


[_Es werden irische Truppen herbergezogen. -- Unwille des Volks._]
Jakob schwankte. Er wollte gern von Truppen umgeben sein, auf die er
sich verlassen konnte; aber er frchtete den Ausbruch des
Nationalunwillens, den das Erscheinen einer bedeutenden irischen
Militairmacht auf englischem Boden hervorrufen mute. Wie es gewhnlich
zu geschehen pflegt, wenn ein schwacher Mann einander entgegengesetzte
Nachtheile vermeiden will, schlug er endlich einen Weg ein, der sie alle
in sich vereinigte. Er zog so viele Irlnder herber, als in der That
nicht hingereicht haben wrden, um nur die Hauptstadt oder die
Grafschaft York im Zaume zu halten, die aber doch gengten, um die
Besorgni und den Unwillen des ganzen Knigreiches von Northumberland
bis Cornwall zu erregen. Ein Bataillon nach dem andren, von Tyrconnel
ausgehoben und eingebt, landete an der Westkste und marschirte nach
der Hauptstadt, und irische Rekruten wurden in bedeutender Anzahl
herbergezogen, um die Lcken in den englischen Regimentern
auszufllen.[34]

Dies war einer der verderblichsten von den vielen Fehlern, welche Jakob
beging. Er hatte sich schon die Herzen seiner Nation durch Verletzung
ihrer Gesetze, durch Einziehung ihrer Gter und durch Verfolgung ihrer
Religion entfremdet. Von Denen, welche einst die eifrigsten Anhnger der
Monarchie gewesen waren, hatte er schon viele dahin gebracht, da sie im
Herzen Rebellen waren. Indessen htte er noch immer mit einiger Aussicht
auf Erfolg den patriotischen Sinn seiner Unterthanen gegen einen
eindringenden Feind aufrufen knnen. Denn sie waren der Gesinnung wie
der geographischen Lage nach ein Inselvolk, und ganz besonders damals
waren ihre nationalen Antipathien ber alle Maen heftig und lieblos.
Noch nie waren die Englnder an die Gewalt oder Einmischung eines
Fremden gewhnt gewesen; das Erscheinen einer auslndischen Armee auf
ihrem Boden htte sie bestimmen knnen, sich selbst um einen solchen
Knig zu schaaren, den sie zu lieben keine Ursache hatten. Wilhelm wre
vielleicht nicht im Stande gewesen, diese Schwierigkeit zu berwinden;
aber Jakob rumte sie selbst aus dem Wege. Selbst die Ankunft einer
Brigade von Ludwig's Musketieren wrde keine solche Entrstung und
Beschmung hervorgerufen haben, als sie unsere Vorfahren beim Anblick
der aus Dublin ankommenden papistischen Colonnen empfanden, die sich mit
militairischem Geprnge auf den Landstraen fortbewegten. Kein geborener
Englnder betrachtete damals die Ureinwohner Irlands als seine
Landsleute. Sie gehrten nicht zu unsrem Zweige der groen menschlichen
Familie, sie unterschieden sich von uns durch mehr als eine moralische
und intellectuelle Eigenthmlichkeit, welche der Unterschied der Lage
und der Erziehung, so gro derselbe auch sein mochte, nicht gengend
erklrte. Sie hatten ein andres Aussehen und eine andre Muttersprache.
Wenn sie englisch sprachen, war ihre Aussprache fehlerhaft; ihre
Phraseologie war holprig, wie immer bei Denen, welche in einer Sprache
denken und ihre Gedanken in einer andren ausdrcken. Sie waren daher
Auslnder und zwar die am meisten verhaten und verachteten von allen
Auslndern; am meisten verhat deshalb, weil sie seit fnf Jahrhunderten
stets unsere Feinde gewesen waren, und am meisten verachtet, weil wir
sie besiegt, unterjocht und ausgeplndert hatten. Der Englnder verglich
mit Stolz seine Felder mit den den Smpfen, aus denen irische Ruber
hervorstrzten, um zu plndern und zu morden, und seine Wohnung mit den
elenden Htten, in denen die Landleute und die Schweine vom Shannon sich
zusammen im Kothe wlzten. Der Englnder gehrte einer Gesellschaft an,
welche in Reichthum und Civilisation allerdings noch weit unter der
stand, in welcher wir jetzt leben, die aber doch eine der reichsten und
civilisirtesten der damaligen Zeit war; der Irlnder dagegen war fast so
roh wie die Wilden von Labrador. Er war ein freier Mann, die Iren waren
die erblichen Leibeigenen seines Stammes. Er verehrte Gott nach einem
reinen und vernnftigen Brauche der Irlnder und war in Gtzendienerei
und Aberglauben versunken. Er wute, da mehr als einmal groe Massen
von Iren vor einer kleinen englischen Streitmacht geflohen waren und da
eine kleine englische Colonie die ganze irische Bevlkerung
niedergehalten hatte, und daraus zog er den selbstgeflligen Schlu, da
er von Natur ein hher stehendes Wesen sei als der Irlnder, denn so
erklrt ein herrschender Stamm immer sein bergewicht und entschuldigt
damit seine Tyrannei. Jetzt werden die Irlnder allgemein als ein Volk
anerkannt, das in Bezug auf Lebhaftigkeit, Mutterwitz und Beredtsamkeit
einen hohen Rang unter den Nationen der Erde einnimmt, und da sie bei
guter Leitung vortreffliche Soldaten sind, haben sie auf hundert
Schlachtfeldern bewiesen. Gleichwohl ist es gewi, da sie vor
anderthalb Jahrhunderten auf unsrer Insel allgemein als ein dummes und
zugleich feiges Volk verachtet wurden. Und ein solches Volk sollte mit
bewaffneter Hand England im Schach halten, whrend des Letzteren
brgerliche und kirchliche Verfassung vernichtet wurde. Das Blut der
ganzen Nation kochte bei diesem Gedanken. Von Franzosen oder Spaniern
besiegt zu werden, wrde im Vergleich damit noch als ein ertrgliches
Loos erschienen sein, denn die Franzosen und Spanier waren wir gewohnt
als unsrer ebenbrtig zu betrachten. Wir hatten zuweilen ihr Glck
beneidet, zuweilen ihre Macht gefrchtet, zuweilen uns zu ihrer
Freundschaft gratulirt. Bei all unsrem schroffen Stolze gaben wir zu,
da sie groe Nationen waren und da sie sich in den Knsten des Kriegs
und des Friedens ausgezeichneter Mnner rhmen konnten. Aber von einer
tief unter uns stehenden Kaste dominirt zu werden, war eine Schmach,
gegen die jede andre Schmach nichts war. Die Englnder fhlten dasselbe,
was die weien Bewohner von Charleston oder Neworleans fhlen wrden,
wenn diese Stdte Negergarnisonen erhalten sollten. Die wirklichen
Thatsachen wrden schon hingereicht haben, um Besorgni und Unwillen zu
erregen; die wirklichen Thatsachen aber verschwanden in einer Masse
verworrener Gerchte, welche unaufhrlich von einem Kaffeehause zum
andren, von einer Bierschenke zur andren flogen und auf jeder Station
ihrer Wanderung immer wunderbarer und erschreckender wurden. Die Zahl
der irischen Truppen, welche an unseren Ksten gelandet waren, konnte
allerdings ernste Besorgnisse wegen der daraus ersichtlichen Zwecke des
Knigs erregen, aber sie wurde durch den Schrecken des Publikums um das
Zehnfache vergrert. Es war wohl kaum anders zu erwarten, als da der
rohe Kerne von Connaught, mit bewaffneter Hand unter ein fremdes Volk
gestellt, das er hate und von dem er wieder gehat wurde, einige
Excesse beging; aber diese Excesse wurden durch das Gercht bertrieben
und als Zugabe zu den Gewaltthtigkeiten, die sich der Fremde wirklich
erlaubt hatte, wurden auch die, welche seine englischen Kameraden
begangen, mit auf seine Rechnungen gesetzt. Aus allen Winkeln des
Reiches erscholl ein allgemeiner Schrei gegen die fremden Barbaren, die
sich in Privathuser eindrngten, Pferde und Wagen wegnhmen, Geld
erpreten und die Frauen insultirten. Diese Menschen, sagte man, seien
die Shne Derer, welche vor siebenundvierzig Jahren die Protestanten zu
Tausenden hingeschlachtet htten. Die Geschichte des Aufstandes von
1641, eine Geschichte, die selbst bei nchterner Betrachtung wohl
Mitleid und Entsetzen erregen konnte und welche durch nationale und
religise Antipathien schrecklich entstellt worden war, bildete jetzt
das Lieblingsthema der Unterhaltung. Grauenvolle Geschichten von
Husern, welche sammt allen ihren Bewohnern niedergebrannt worden, von
kaltbltig abgeschlachteten Frauen und Kindern, von nahen Verwandten,
welche durch die Folter gezwungen wurden, einander gegenseitig zu
morden, von geschndeten und verstmmelten Leichen, wurden in vollem
Ernste erzhlt und mit vollem Glauben und gespannter Aufmerksamkeit
angehrt. Dann setzte man hinzu, da die feigen Wilden, welche
heimtckischerweise alle diese Grausamkeiten an einer nichts Arges
vermuthenden und wehrlosen Colonie verbt htten, sobald Oliver zu
seinem groen Rachewerk unter ihnen erschienen sei, in panischem
Schrecken die Waffen weggeworfen htten, und ohne das Glck einer
einzigen Schlacht zu versuchen, in die ihnen gebhrende Sklaverei
versunken seien. Viele Anzeichen deuteten darauf hin, da der
Lordstatthalter eine zweite groe Beraubung und Niedermetzelung der
schsischen Ansiedler beabsichtige. Tausende protestantischer
Colonisten, die sich vor der Ungerechtigkeit und frechen Willkr
Tyrconnel's geflchtet, hatten durch Schilderung der berstandenen und
der nur zu wahrscheinlich in Aussicht stehenden ferneren Leiden den
Unwillen des Mutterlandes erregt. Wie heftig das Publikum durch die
Klagen dieser Flchtlinge erbittert wurde, hatte sich noch ganz krzlich
in unverkennbarer Weise gezeigt. Tyrconnel hatte der kniglichen
Genehmigung die Hauptpunkte einer Bill unterbreitet, die das Gesetz
aufhob, auf welchem das Besitzrecht der Hlfte des ganzen irlndischen
Grund und Bodens beruhte, und hatte als Bevollmchtigte zwei seiner
katholischen Landsleute, die erst unlngst zu hohen richterlichen mtern
befrdert worden waren, nach Westminster gesandt: Nugent, Oberrichter
der irischen Kings Bench, eine Verkrperung aller Laster und Schwchen,
welche die Englnder damals fr characteristische Eigenschaften der
papistischen Celten hielten, und Rice, ein Baron der irischen
Schatzkammer, der in Talent und Wissen vielleicht der Ausgezeichnetste
seines Stammes und seines Glaubens war. Der Zweck dieser Sendung war
wohl bekannt, und die beiden Richter durften es daher nicht wagen, sich
auf der Strae sehen zu lassen, denn wo sie erkannt wurden, rief
sogleich der Pbel: Platz fr die irischen Gesandten! und ihr Wagen
wurde mit hhnischer Feierlichkeit von einem Zuge Ceremonienmeister und
Lufer begleitet, welche Stcke mit daran gespieten Kartoffeln
trugen.[35]

Die Abneigung der Englnder gegen die Irlnder war damals in der That so
gro und so allgemein, da selbst die ausgezeichnetsten Katholiken sie
theilten. Powis und Bellasyse sprachen sogar im Geheimen Rathe in den
rcksichtslosesten und schrfsten Worten ihren Widerwillen gegen die
Fremdlinge aus.[36] Unter den englischen Protestanten war diese Aversion
noch strker und vielleicht am strksten war sie in der Armee. Weder
Offiziere noch Soldaten waren geneigt, den Vorzug, den ihr Gebieter
einem fremden und unterjochten Stamme gab, sich ruhig gefallen zu
lassen. Der Herzog von Berwick, welcher Oberst des damals in Portsmouth
stehenden achten Linieninfanterieregiments war, gab Befehl, da dreiig
Mann, welche soeben von Irland angekommen waren, eingereiht werden
sollten. Die englischen Soldaten erklrten, da sie mit diesen
Eindringlingen nicht dienen wollten. Der Oberstlieutenant Johann
Beaumont protestirte fr sich und im Namen von fnf Hauptleuten dem
Herzoge ins Gesicht gegen diese Beschimpfung der englischen Armee und
Nation. Wir haben, sagte er, das Regiment auf unsere eigenen Kosten
errichtet, um die Krone Seiner Majestt in Zeiten der Gefahr zu
vertheidigen. Es wurde uns damals nicht schwer, Hunderte von englischen
Rekruten zu finden, und wir knnen leicht jede Compagnie vollzhlig
erhalten, ohne Irlnder aufzunehmen. Wir halten es daher fr unvereinbar
mit unsrer Ehre, und diese Fremdlinge aufdringen zu lassen, und bitten,
da es uns gestattet werde, entweder Leute unsrer eignen Nation zu
befehligen, oder unsren Abschied zu nehmen. Berwick schickte nach
Windsor, um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten. Der Knig war hchlich
entrstet und sandte sofort eine Abtheilung Reiterei nach Portsmouth mit
dem Befehl, die sechs widerspenstigen Offiziere vor ihn zu bringen. Sie
wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, und da sie sich durchaus nicht
fgen wollten, wurden sie zur Ausstoung aus der Armee verurtheilt, der
hchsten Strafe, welche damals ein Kriegsgericht zuerkennen konnte. Die
ganze Nation zollte den entlassenen Offizieren ihren Beifall und die
herrschende Stimmung wurde durch das ungegrndete Gercht, da sie
whrend ihrer Haft mit Hrte behandelt worden seien, noch mehr
aufgereizt.[37]

    [Anmerkung 34: +Luttrell's Diary, Aug. 27. 1688+.]

    [Anmerkung 35: +King's State of the Protestants of Ireland+;
    +Secret Consults of the Romish Party in Ireland.+]

    [Anmerkung 36: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland.+]

    [Anmerkung 37: +History of the Desertion, 1689+; vergleiche die 1.
    und 2. Ausg. Barillon 8.(18.) Sept. 1688; Citters von demselben
    Datum; +Clarke's Life of James the Second, II, 168+. Der
    Compilator des letztgenannten Werks sagt, Churchill habe das
    Gericht aufgefordert, die sechs Offiziere zum Tode zu
    verurtheilen. Diese Geschichte scheint nicht den Papieren des
    Knigs entnommen zu sein und ich halte sie daher fr eine der
    zahlreichen Erdichtungen, welche in St. Germain erfunden wurden,
    um einen ohnehin schon hinreichend schwarzen Character noch
    schwrzer darzustellen. Da Churchill bei dieser Gelegenheit
    groen Unwillen affectirte, um den im Sinne habenden Verrath zu
    verbergen, ist sehr wahrscheinlich. Aber man kann unmglich
    glauben, da ein so verstndiger Mann die Mitglieder eines
    Kriegsgerichts aufgefordert haben sollte, eine Strafe zu
    verhngen, welche anerkanntermaen auer dem Bereiche ihrer
    Competenz lag.]


[_Lillibullero._] Die ffentliche Stimmung uerte sich damals noch
nicht durch die Zeichen, welche jetzt bei uns gebruchlich sind, durch
groe Volksversammlungen und heftige Reden. Dessenungeachtet fand sie
ein Organ. Thomas Wharton, der beim letzten Parlament die Grafschaft
Buckingham vertreten und der sich schon als Freigeist und als Whig
ausgezeichnet, hatte eine satyrische Ballade auf Tyrconnel geschrieben.
In diesem kleinen Gedicht gratulirt ein Irlnder einem Landsmanne in
barbarischem Jargon zu dem nahe bevorstehenden Triumphe des Papismus und
des milesischen Stammes. Der protestantische Erbe wrde enterbt werden;
die protestantischen Offiziere wrden verabschiedet werden; die Magna
Charta und die Maulhelden, welche darauf pochten, wrden gehngt werden;
der gute Talbot wrde seine Landsleute mit Stellen und mtern
berschtten und den Englndern die Kehle abschneiden. Diese Verse, die
sich in keiner Hinsicht ber das gewhnliche Niveau der
Gassenhauerpoesie erhoben, hatten zum Refrain ein Kauderwelsch, das
angeblich im Jahre 1641 das Feldgeschrei der Insurgenten von Ulster
gewesen sein sollte. Die Verse und die Melodie entsprachen ganz der
Stimmung der Nation und die hohlen Reime wurden daher von einem Ende des
Landes zum andren von allen Klassen bestndig gesungen. Ganz besonderen
Anklang fanden sie bei der englischen Armee. Mehr als siebzig Jahre nach
der Revolution schilderte ein Schriftsteller mit auerordentlicher Treue
einen Veteranen, der am Boyne und bei Namur gefochten,[38] und ein
characteristischer Zug dieses wackeren alten Kriegers ist seine
Gewohnheit, den Lillibullero zu pfeifen.[39]

Wharton rhmte sich spter, da er einen Knig aus drei Knigreichen
hinausgesungen habe. In Wahrheit aber war der Erfolg des Lillibullero
nicht die Ursache, sondern die Wirkung des aufgeregten Zustandes der
Volksstimmung, der die Revolution erzeugte.

Whrend Jakob so alle die Nationalgefhle gegen sich aufstachelte, die
seinen Thron htten retten knnen, wenn er nicht so verblendet gewesen
wre, bemhte sich Ludwig auf andre Weise nicht minder wirksam, dem
Prinzen Wilhelm die Ausfhrung seines Unternehmens zu erleichtern.

    [Anmerkung 38: Der Onkel Tobias in Sterne's Tristram Shandy. Der
    bers.]

    [Anmerkung 39: Das Lillibullerolied findet sich in den +State
    Poems+. In Percy's +Relics+ findet man den ersten Theil, aber
    nicht den zweiten, der erst nach Wilhelm's Landung hinzugefgt
    wurde. Im +Examiner+ und in verschiedenen Flugschriften aus dem
    Jahre 1712 wird Wharton als Verfasser genannt.]


[_Politische Zustnde in den Vereinigten Provinzen._] Die Partei in
Holland, welche Frankreich geneigt war, war eine Minoritt, die aber der
Verfassung des Batavischen Staatenbundes gem stark genug war, um den
Statthalter an jedem groen Schlage zu verhindern. Diese Minoritt sich
zu erhalten, wrde fr den Hof von Versailles, wenn er klug gewesen
wre, eine Aufgabe gewesen sein, der unter den damaligen Verhltnissen
alles Andre htte nachstehen mssen. Ludwig aber hatte sich seit einiger
Zeit wie absichtlich bemht, sich seine hollndischen Freunde zu
entfremden, und es gelang ihm endlich, obwohl nicht ohne Schwierigkeit,
sie zu zwingen, da sie gerade in dem Augenblicke, wo ihr Beistand von
unschtzbarem Werthe fr ihn gewesen sein wrde, seine Feinde wurden.

Zwei Dinge waren es, in Bezug auf welche die Bevlkerung der Vereinigten
Provinzen besonders empfindlich war; die Religion und der Handel, und
der franzsische Knig griff sie sowohl in ihrer Religion als in ihrem
Handel an. Die Verfolgung der Hugenotten und die Widerrufung des Edicts
von Nantes hatte berall den Schmerz und die Entrstung der Protestanten
erregt. In Holland aber waren tiefe Gefhle strker als in irgend einem
andren Lande, denn viele geborne Hollnder hatten sich im Vertrauen auf
die wiederholten feierlichen Versicherungen Ludwig's, da die von seinem
Grovater gewhrte Duldung aufrecht erhalten werden sollte, zu
Handelszwecken in Frankreich niedergelassen und ein groer Theil der
bergesiedelten war daselbst naturalisirt worden. Jetzt brachte jede
Post die Nachricht nach Holland, da diese Leute ihres Glaubens wegen
mit auerordentlicher Strenge behandelt wrden. Dem Einen waren Dragoner
ins Quartier gelegt worden, ein Andrer war nackt an ein Feuer gehalten
worden, bis er halb gebraten war; und Allen war bei strengster Strafe
verboten, ihre gottesdienstlichen Gebruche auszuben, oder das Land zu
verlassen, in das sie unter falschen Vorspiegelungen gelockt worden
waren. Die Anhnger des Hauses Oranien uerten laut ihren Unwillen ber
die Grausamkeit und Treulosigkeit des Tyrannen. Die Opposition war
beschmt und entmuthigt. Selbst der Stadtrath von Amsterdam, so sehr
derselbe dem franzsischen Interesse und der arminianischen Theologie
zugethan, und so wenig er geneigt war, Ludwig zu tadeln oder mit den von
ihm verfolgten Calvinisten zu sympathisiren, durfte es nicht wagen, sich
gegen die allgemeine Stimmung aufzulehnen, denn es gab in dieser groen
Stadt kaum einen einzigen reichen Kaufmann, der nicht einen Verwandten
oder einen Freund unter den Verfolgten hatte. Es wurden den
Brgermeistern Petitionen mit zahlreichen und sehr angesehenen
Unterschriften berreicht, in denen sie dringend gebeten wurden, dem
Grafen Avaux energische Vorstellungen zu machen. Verschiedene
Bittsteller begaben sich sogar persnlich in das Rathhaus, fielen auf
die Knie, schilderten unter Thrnen und Schluchzen die traurige Lage
ihrer Lieben und flehten den Magistrat um seine Verwendung an. Auf allen
Kanzeln ertnten Schmhungen und Klagen, und die Presse ergo sich in
herzzerreienden Schilderungen und aufregenden Mahnungen. Avaux erkannte
die ganze Gre der Gefahr. Er berichtete seinem Hofe, da selbst die
Gutgesinnten -- denn so pflegte er die Feinde des Hauses Oranien zu
nennen -- die allgemeine Stimmung entweder theilten oder durch dieselbe
eingeschchtert wrden, und er rieth ernstlich dazu, auf ihre Wnsche
einige Rcksicht zu nehmen. Er erhielt jedoch kalte und geringschtzende
Antworten von Versailles. Es wurde zwar einigen hollndischen Familien,
welche nicht in Frankreich naturalisirt waren, die Rckkehr in ihr
Vaterland gestattet, den naturalisirten Hollndern aber verweigerte
Ludwig jedes Zugestndni. Keine Macht der Erde, sagte er, habe ein
Recht, zwischen ihn und seine Unterthanen zu treten; diese Leute wren
aus eigenem Antriebe seine Unterthanen geworden, und wie er sie
behandle, das gehe keinen Nachbarstaat etwas an. Der Magistrat von
Amsterdam fhlte sich durch den hochmthigen Undank des Potentaten, den
er gegen die allgemeine Stimmung ihrer eigenen Landsleute krftig und
rcksichtslos untersttzt hatte, natrlich sehr unangenehm berhrt. Bald
folgte eine andre Herausforderung, die sie noch schmerzlicher empfanden.
Ludwig begann ihren Handel anzugreifen. Er erlie zuerst eine
Verordnung, welche die Heringseinfuhr in seine Staaten verbot. Avaux
beeilte sich seinem Hofe zu melden, da dieser Schritt groen Unwillen
erregt habe, da in den Vereinigten Provinzen sechzigtausend Menschen
vom Heringsfang lebten und da die Generalstaaten wahrscheinlich strenge
Repressalien beschlieen wrden. Der Knig antwortete, da er nicht nur
auf dem Verbot beharre, sondern auch die Einfuhrzlle auf viele Waaren,
mit denen Holland einen eintrglichen Handel mit Frankreich trieb, zu
erhhen beabsichtige. Die Folge dieser Migriffe, welche trotz
wiederholter Warnungen, wie es scheint aus bloem bermthigen Eigensinn
begangen wurden, war, da sich jetzt, wo die Stimme eines einzelnen
mchtigen Mitgliedes der Batavischen Fderation ein der ganzen Politik
Ludwig's Verderben drohendes Ereigni htte abwenden knnen, eine solche
Stimme nicht erhob. Der Gesandte bemhte sich mit all' seiner
diplomatischen Gewandtheit vergebens, die Partei, mit deren Hlfe er
seit mehreren Jahren den Statthalter in Schach gehalten hatte, zu
ralliiren. Die Arroganz und der Starrsinn seines Gebieters vereitelten
alle seine Anstrengungen.


[_Fehler des Knigs von Frankreich._] Endlich sah Avaux sich genthigt,
die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, da man sich auf
die der franzsischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt Amsterdam
nicht mehr verlassen knne, da ein Theil der Gutgesinnten um ihre
Religion besorgt sei und da die Wenigen, deren Gesinnungen unverndert
geblieben wren, es nicht wagen drften, ihre Gedanken zu uern. Die
feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel der
franzsischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der bankerottirten
Kaufleute, die ihren Untergang den franzsischen Maregeln zuschrieben,
hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung versetzt, da kein Brger
es mehr wagen durfte, sich offen fr Frankreich zu erklren, wenn er
sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, in den nchsten Kanal geworfen
zu werden. Man erinnerte daran, da vor nicht mehr als fnfzehn Jahren
das vornehmste Oberhaupt der dem Hause Oranien feindlich gesinnten
Partei im Bereiche des Palastes der Generalstaaten von dem wthenden
Pbel in Stcke zerrissen worden war. Ein gleiches Schicksal knnte
nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen treffen, welche beschuldigt
werden sollten, da sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten
Frankreichs gegen ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben
dienten.[40]

    [Anmerkung 40: Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es wrde mir
    kaum mglich sein, alle die Stellen anzufhren, welche mir
    Material zu diesem Theile meiner Geschichte lieferten. Die
    wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: 20. Sept., 24.
    Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. 1686; 2.
    Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord
    Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, da ohne Ludwig's
    thrichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert
    haben wrde.]


[_Sein Streit mit dem Papste bezglich der Vorrechte auswrtiger
Gesandter._] Whrend Ludwig auf diese Weise seine Freunde zwang, seine
wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu werden, arbeitete er mit nicht
geringerem Erfolge darauf hin, alle Bedenken zu zerstreuen, welche die
rmisch-katholischen Frsten vielleicht noch htten abhalten knnen, die
Plne Wilhelm's zu untersttzen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von
Versailles und dem Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in
welchem sich die Unbilligkeit und der bermuth des Knigs von Frankreich
vielleicht in beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren
Schritte seiner Regierung.

Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, da kein Justiz- oder
Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen
katholischen Staat reprsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht
so weit ausgedehnt worden, da nicht nur die Wohnung, sondern auch ein
betrchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde.
Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem
Schutze stehenden Raumgebiets mglichst zu erweitern, so da endlich die
halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die ppstliche
Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes
Asyl wimmelte von Schleichhndlern, betrgerischen Bankerotteurs, Dieben
und Mrdern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder
eingeschmuggelten Waaren aufgehuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts
Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der
Christenheit war daher das Gesetz so ohnmchtig und das Verbrechen so
dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation.
Innocenz dachte darber, wie es einem Priester und Frsten geziemte. Er
erklrte, da er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem
alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestnde. Anfangs
wurde laut darber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses
war so in die Augen springend, da alle Regierungen, mit Ausnahme einer
einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den
christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der
sich unter allen Hfen durch seine Empfindlichkeit und Zhigkeit in
Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen
Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Frsten thten,
sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach
Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fuvolk begleitet
war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein
siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast
wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um
den geschtzten Bezirk, wie auf den Wllen einer Festung. Der Papst lie
sich dadurch nicht einschchtern. Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,
sagte er, wir aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes. Er
griff energisch zu seinen geistlichen Waffen und belegte das von den
Franzosen besetzte Gebiet mit einem Interdict.[41]

Als dieser Streit den Hhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer
aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der Papst.

    [Anmerkung 41: Prof. Ranke's Rmische Ppste, Buch 8; +Burnet I.
    789+.]


[_Das Erzbisthum Kln._] Kln und das umliegende Gebiet wurde von einem
Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfrst des deutschen Reiches war.
Das Recht der Erwhlung dieses mchtigen Prlaten stand unter gewissen
Beschrnkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof war zu gleicher Zeit
auch Bischof von Lttich, von Mnster und von Hildesheim, seine
Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere starke Festungen,
welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von hchster Wichtigkeit waren.
In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins Feld stellen. Ludwig
hatte keine Mhe gespart, um einen so werthvollen Bundesgenossen zu
gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, da Kln fast von
Deutschland losgetrennt und ein Auenwerk Frankreichs geworden war.
Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das Kapitel
gebracht und der Cardinal Frstenberg, eine notorische Creatur des
Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden.

Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. Frstenberg
war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses Hauses schlugen
den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Frstenberg war bereits
Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation vom Papste,
oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des klner Domkapitels
anschlieen muten, in eine andre Dicese versetzt werden. Der Papst
wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation bewilligen, und der
Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, fr den bairischen
Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den Kapiteln von Lttich,
Mnster und Hildesheim die Majoritt gegen Frankreich. Ludwig sah mit
Unwillen und Besorgni, da eine ausgedehnte Provinz, die er schon
angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone zu betrachten, nahe
daran war, nicht allein unabhngig von ihm, sondern sogar ihm feindlich
gesinnt zu werden. In einem mit groer Bitterkeit abgefaten Schreiben
beklagte er sich ber die Ungerechtigkeit, mit der Frankreich bei jeder
Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, whrend derselbe doch
der ganzen Christenheit seinen vterlichen Schutz angedeihen lassen
sollte. Viele Anzeichen verriethen, da er fest entschlossen war, die
Ansprche seines Candidaten mit bewaffneter Hand gegen den Papst und
dessen Verbndete zu untersttzen.[42]

    [Anmerkung 42: +Burnet I. 758+; Ludwig's Schreiben ist vom 27.
    Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im +Recueil des
    Traits, vol. IV. No. 219+.]


[_Kluges Verfahren Wilhelm's._] So stachelte Ludwig durch zwei einander
entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, die sich
in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich auf.
Nachdem er sich die eine groe Abtheilung der Christenheit durch
Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die
andre durch Beleidigung des rmischen Stuhles. Und diese Migriffe that
er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden
konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen
Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und
Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner
sich bemhten, ein Hinderni nach dem andren aus seinem Wege zu
entfernen. Whrend sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen,
arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit
stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in
verschiedenem Lichte dar, und man mu hinzusetzen, da keine seiner
Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die
norddeutschen Frsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache
aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden
Oberhuptern des Hauses sterreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen
von Seiten des franzsischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit,
England aus seiner Abhngigkeit zu befreien und es in den europischen
Staatenbund aufzunehmen.[43] Er verwahrte sich, und zwar aufrichtig,
gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen Katholiken, sagte
er, sei der kurzsichtige und halsstarrige Knig, der ihnen leicht htte
gesetzliche Duldung verschaffen knnen, anstatt dessen aber Gesetz,
Freiheit und Eigenthum mit Fen getreten htte, um ihnen ein gehssiges
und unsicheres bergewicht zu geben. Wenn man Jakob seine schlechte
Regierung ungehindert fortsetzen lasse, msse dieselbe in nicht zu
ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeifhren, der eine
grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen knne. Der Prinz
erklrte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer solchen
Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, wrde er die Macht, die
er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen besitzen msse,
zum Schutze der Mitglieder der rmischen Kirche anwenden. Zwar knnten
die durch Jakob's Tyrannei entzndeten Leidenschaften es ihm vielleicht
unmglich machen, die Strafgesetze aus dem Gesetzbuche zu streichen;
aber diese Strafgesetze sollten dann wenigstens durch gelinde Ausbung
gemildert werden. Keine Klasse werde aus dem beabsichtigten Unternehmen
mehr Gewinn ziehen, als die friedliebenden und anspruchsloseren
Katholiken, welche nur den Wunsch hegten, ungestrt ihrem Berufe
nachgehen und ihren Schpfer verehren zu drfen. Die einzigen, welche
dabei verlieren wrden, seien die Tyrconnel, die Dover, die Albeville
und anderen politischen Abenteurer, welche zum Dank fr Schmeichelei und
schlimmen Rath von ihrem leichtglubigen Gebieter Statthalterposten,
Regimenter und Gesandtschaften erhalten htten.

    [Anmerkung 43: Wegen der auerordentlichen Geschicklichkeit, mit
    der er zwei verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem
    Lichte darstellte, wurde er spter vom Hofe von St. Germains
    bitter geschmht. +Licet foederatis publicus ille praedo haud
    aliud aperte proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur
    potestas; veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus,
    ut pro comperto habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso
    vel enervato Francorum regno, ubi Catholicarum partium summum jam
    robur situm est, haeretica ipsorum pravitas per orbem Christianum
    universum praevaleat.+ --Brief von Jakob an den Papst,
    unzweifelhaft 1689 geschrieben.]


[_Seine Rstungen zu Lande und zur See._] Whrend Wilhelm sich bemhte,
die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen,
sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit fr Anschaffung der
zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen Hlfsmittel. Er
konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung der Vereinigten
Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung an bevor sein
Plan zur Ausfhrung reif war, so konnten seine Absichten durch eine
seinem Hause feindlich gesinnte Partei mglicherweise vereitelt werden
und jedenfalls mute die ganze Welt Kenntni davon erhalten. Er beschlo
daher, seine Voranstalten mit grter Eil zu betreiben und nach
Vollendung derselben einen gnstigen Augenblick abzuwarten, wo er den
Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die Agenten Frankreichs
bemerkten, da sie ihn noch nie so geschftig gesehen hatten. Es verging
kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa nach dem Haag sprengen sah,
und bestndig hielt er geheime Berathungen mit seinen ausgezeichnetsten
Anhngern. Vierundzwanzig Schiffe wurden zur Verstrkung der
gewhnlichen Seemacht der Republik vollstndig ausgerstet. Fr diese
Vermehrung der Flotte bot sich zufllig ein vortrefflicher Vorwand dar,
denn es hatten sich krzlich einige algierische Corsaren in der Nordsee
zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde ein Lager gebildet und viele
tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um diese Armee zu verstrken,
wurden die Besatzungen aus den Festungen von Hollndisch Brabant
genommen; selbst die berhmte Festung Bergopzoom wurde fast ganz
entblt. Feldgeschtze, Bomben und Munitionswagen wurden aus allen
Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den Hauptquartieren geschafft.
Smmtliche Bcker von Rotterdam bucken Tag und Nacht Schiffszwieback;
alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten nicht hin, um die
Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszufhren; alle Sattler von
Amsterdam arbeiteten mit der grten Anstrengung an Krassen und
Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend Matrosen vermehrt
und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese konnten allerdings
nicht ohne Genehmigung des Bundes frmlich eingereiht werden; aber sie
wurden inzwischen immer eingebt und in solcher Kriegszucht gehalten,
da sie binnen vierundzwanzig Stunden nach erlangter Genehmigung ohne
Schwierigkeit unter die verschiedenen Regimenter vertheilt werden
konnten. Diese Rstungen erforderten zwar viel baares Geld; aber Wilhelm
hatte auch durch weise Sparsamkeit fr den Fall unvorhergesehener groer
Bedrfnisse einen Reserveschatz zurckgelegt, der sich auf ungefhr
zweihundertfnfzigtausend Pfund Sterling belief. Das noch Fehlende wurde
von seinen Anhngern bereitwilligst zugeschossen. Auerdem erhielt er
auch aus England groe Massen Gold, man sprach von nicht weniger als
hunderttausend Guineen. Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitten
des edlen Metalls ins Exil mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles,
was sie besaen, denn sie lebten der frohen Hoffnung, da sie, wenn sein
Unternehmen gelang, in ihr Vaterland wrden zurckkehren drfen, und
frchteten, da sie im Falle des Milingens in ihrer Adoptivheimath kaum
noch sicher sein wrden.[44]

    [Anmerkung 44: +Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.),
    14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688+.]


[_Er erhlt zahlreiche Untersttzungszusagen aus England._] Whrend der
letzten Hlfte des Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die
Rstungen einen raschen, dem ungestmen Wilhelm aber noch immer zu
langsamen Fortgang. Mittlerweile wurde zwischen England und Holland ein
lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die gewhnlichen Mittel zur
Befrderung von Nachrichten und Passagieren nicht mehr fr sicher hielt,
fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer Schnelligkeit bestndig zwischen
Scheveningen und der Ostkste unsrer Insel hin und her.[45] Durch dieses
Fahrzeug erhielt Wilhelm von hochstehenden Mnnern der Kirche, der
Politik und des Heeres eine Reihe von Zuschriften. Von den sieben
Prlaten, welche die denkwrdige Petition unterzeichnet, hatten zwei,
Lloyd, Bischof von St. Asaph, und Trelawney, Bischof von Bristol,
whrend ihres Aufenthalts im Tower die Lehre vom Nichtwiderstande noch
einmal in Erwgung gezogen und waren bereit, einen bewaffneten Befreier
willkommen zu heien. Ein Bruder des Bischofs von Bristol, der Oberst
Karl Trelawney, der eines der tangerschen Regimenter commandirte,
welches jetzt als das vierte Linienregiment bekannt ist, erklrte sich
bereit, fr den protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen.
hnliche Versicherungen kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill
erklrte in einem Briefe, der in ziemlich pathetischem Tone, dem
sicheren Zeichen, da er einen Schurkenstreich im Sinne hatte,
geschrieben war, er sei entschlossen, seine Pflicht gegen den Himmel und
gegen sein Vaterland zu erfllen, und lege seine Ehre ganz in die Hnde
des Prinzen von Oranien. Wilhelm las dieses Schreiben gewi mit jenem
bittern und cynischen Lcheln, das seinen Zgen den mindest angenehmen
Ausdruck gab. Er hielt sich nicht fr bemigt, die Ehre Anderer in
seine Obhut zu nehmen; auch hatten es die strengsten Casuisten nicht fr
unrecht erklrt, wenn ein General die Dienste von berlufern, die er
nur verachten konnte, erbat, benutzte und belohnte.[46]

Churchill's Brief wurde von Sidney berbracht, dessen Stellung in
England gefhrlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines
Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaregeln verborgen hatte, Mitte August
nach Holland kam.[47] Um die nmliche Zeit schifften Shrewsbury und
Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten,
durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte
zwlftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Gter aufgenommen
hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und
Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fu auf die
Insel setzte, bewaffnet erheben wollten.

    [Anmerkung 45: +Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.+]

    [Anmerkung 46: +Burnet I. 765+; Churchill's Brief ist vom 4.
    August 1688 datirt.]

    [Anmerkung 47: +Memoirs of the Duke of Shrewsbury, 1718.+]


[_Sunderland._] Man hat Grund zu glauben, da Wilhelm um diese Zeit auch
die ersten Beitrittsversicherungen von einer ganz andren Seite erhielt.
Die Geschichte der Intriguen Sunderland's ist in ein Dunkel gehllt, das
schwerlich je ein Forscher wird aufzuklren vermgen; wenn es aber auch
nicht mglich ist, die ganze Wahrheit zu entdecken, so kann man doch
leicht einige handgreifliche Erdichtungen nachweisen. Die Jakobiten
behaupteten aus naheliegenden Grnden, die Revolution von 1688 sei die
Frucht eines schon vor langer Zeit angezettelten Complots gewesen, und
Sunderland bezeichneten sie als das Haupt der Verschwrung. Sie
behaupteten, er habe in der Verfolgung seines groen Planes seinen nur
zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, von Gesetzen zu dispensiren, ein
ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies Eigenthum zu confisciren
und die Vter der Landeskirche ins Gefngni zu werfen. Dieser Roman
sttzt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis auf unsre Zeit
nacherzhlt worden ist, verdient er doch kaum eine Widerlegung. Nichts
ist gewisser, als da Sunderland sich einigen der unklgsten Schritte
Jakob's widersetzte, insbesondere der Verfolgung der Bischfe, welche
eigentlich die entscheidende Krisis herbeifhrte. Aber wenn auch diese
Thatsache nicht feststnde, so wrde noch ein andres Argument den Streit
entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte Sunderland haben, eine
Revolution herbeizuwnschen? Unter dem herrschenden Systeme stand er auf
dem Gipfel des Ansehens und des Glcks. Als Prsident des Geheimen Raths
hatte er den Vorrang vor allen weltlichen Peers, und als erster
Staatssekretr war er das thtigste und mchtigste Mitglied des
Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. Er hatte den
Hosenbandorden erhalten, den noch unlngst der glnzende und
leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines
frstlichen Vermgens und seines reichbegabten Geistes verlassen,
verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.[48] Geld,
auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen,
strmte ihm in solcher Flle zu, da er bei einigermaen geregelter
Verwaltung seiner Einknfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer
der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einknfte
seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil
seiner Revenen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmiges
Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden
Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf
fnftausend Pfund jhrlich, oder fnfzigtausend ein fr allemal, einig
geworden. Welche Summen er auerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln
und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmat werden, aber sie mssen
enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergngen zu machen, einen Mann, den
er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthmern frmlich zu
berschtten. Alle Geldbuen, alles verfallende Eigenthum erhielt
Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebhren. Wenn irgend
ein Bittsteller es wagte, sich direct an den Knig zu wenden, so erhielt
er von diesem die Antwort: Haben Sie mit meinem Lordprsidenten
gesprochen? Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die uerung, der
Lordprsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. Ja, erwiederte
Seine Majestt, aber er verdient es auch.[49] Wir werden das
Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf
dreiigtausend Pfund jhrlich schtzen, und man darf nicht vergessen,
da ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwrtig ein
Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, da es
damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinknfte den
Amtseinknften Sunderlands gleichgekommen waren.

Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopulre Regierungsmaregeln so
tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat,
den die Menge auf ffentlichen Pltzen mit dem Geschrei: Papistischer
Hund! verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge
noch grer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der
verdienten Strafe zu entgehen?

Er hatte gewi schon seit langer Zeit die Mglichkeit im Auge, da
Wilhelm und Maria nach dem natrlichen Laufe der Natur und des Gesetzes
einst an die Spitze der englischen Regierung kommen knnten, und
wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch
Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden
wren, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhht haben wrden, ihre
Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewiheit behaupten, da es nicht
sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu
sehen, und da er eine solche Revolution nicht im entferntesten
vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schoo der
rmischen Kirche bertrat.

Kaum jedoch hatte er sich durch dieses unverzeihliche Verbrechen den Ha
und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, da die
brgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnchst durch fremde
und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem
Augenblicke an scheinen alle seine Plne eine Umgestaltung erfahren zu
haben. Angst und Furcht drckten ihn gnzlich darnieder und sprachen so
deutlich aus seinen Gesichtszgen, da Jedermann sie auf den ersten
Blick darin lesen konnte.[50] Es unterlag kaum einem Zweifel, da im
Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bsen Rathgeber zu
strenger Rechenschaft gezogen werden wrden, und er stand unter diesen
bsen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner Gehalte und
seiner Pensionen war das Geringste, was er zu frchten hatte. Sein
Stammschlo Althorpe mit seinen groen Waldungen konnte confiscirt
werden. Er konnte viele Jahre im Gefngni schmachten oder sein Leben in
fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs beschlieen
mssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der unglckliche
Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu werden; er sah
im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt, die beim
Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei ausbrach, er sah ein
schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das Sterbegebet fr ihn
las, und Ketch, auf das Beil gesttzt, mit welchem Russell und Monmouth
in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden waren. Wohl gab es noch
einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, aber dieser Weg wrde
einem edlen Character noch viel schrecklicher gewesen sein, als ein
Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch einen rechtzeitigen und
ntzlichen Verrath von den Feinden der Regierung Verzeihung erwirken. Es
stand in seiner Macht, ihnen in jenem Augenblicke unschtzbare Dienste
zu leisten, denn der Knig befolgte stets seinen Rath, er hatte groen
Einflu auf die jesuitische Cabale, und der franzsische Gesandte
schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer des Zweckes, dem sie dienen
sollte, wrdigen Vermittlerin fehlte es ihm nicht. Die Grfin von
Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von
Frmmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Mnner tuschen lieen,
mit groer Thtigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.[51]
Der schne und leichtfertige Heinrich Sidney war seit geraumer Zeit ihr
begnstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es ganz angenehm, sie auf
diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu sehen. Wenn er eine
geheime Botschaft nach Holland befrdern wollte, sprach er mit seiner
Gattin darber, diese schrieb an Sidney, und Sidney theilte ihren Brief
dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben wurde aufgefangen und
Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei geflscht, und ihr Gatte
vertheidigte sich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit, indem er dem
Knige vorstellte, es sei unmglich, da irgend ein Mensch so schlecht
sein knne, das zu thun, was er gleichwohl fortwhrend that. Selbst
wenn dies wirklich Lady Sunderland's Hand wre, sagte er, so wrde ich
doch nichts damit zu thun haben. Eure Majestt kennt mein husliches
Migeschick. Es ist nur zu bekannt, auf welchem Fue meine Frau mit
Sidney steht. Wer knnte glauben, da ich einen Mann zu meinem
Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der empfindlichsten Seite
gekrnkt hat, den Mann, den ich von Allen am meisten hassen mu?[52]
Diese Vertheidigung wurde fr gengend erachtet und nach wie vor gingen
geheime Nachrichten von dem wissentlich betrogenen Gatten an die
Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan und von dem Galan an die
Feinde Jakob's.

Es ist sehr wahrscheinlich, da Wilhelm um die Mitte des August die
ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland's Untersttzung mndlich
durch Sidney erhielt. Gewi ist soviel, da von dieser Zeit an bis zu
dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine
lebhafte Correspondenz zwischen der Grfin und ihrem Geliebten
unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in
Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten
Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden
Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, da ihr Gatte
Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wnschen knnten; sie
hlt es fr nthig, da er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie
hofft, da seine Verbannung nicht ewig dauern und da ihm sein Erbgut
erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines
passenden Ortes, wohin er sich zurckziehen knne, bis die erste Wuth
des Sturmes sich gelegt haben wrde.[53]

    [Anmerkung 48: +London Gazette, April 25. 28. 1687+.]

    [Anmerkung 49: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland+.
    Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem Schreiben von
    Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 besttigt. +Il
    (Sunderland) amassera beaucoup d'argent, le roi son matre lui
    donnant la plus grande partie de celui qui provient des
    confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encour des
    peines font pour obtenir leur grace.+]

    [Anmerkung 50: Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.)
    1688, da man Sunderland seine Angst angesehen habe.]

    [Anmerkung 51: Vergleiche Evelyn's Mittheilungen ber sie mit dem,
    was die Prinzessin von Dnemark von ihr nach dem Haag schrieb, und
    mit ihren eigenen Briefen an Heinrich Sidney.]

    [Anmerkung 52: Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 53: Siehe ihre Briefe in Sidney's unlngst erschienenem
    Tagebuche und Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der
    Depeschen von Barillon den 30. August n. St. 1688 als den
    Zeitpunkt, von welchem an Sunderland ganz bestimmt ein falsches
    Spiel spielte.]


[_Wilhelm's Befrchtungen._] Der Beistand Sunderland's war hchst
willkommen. Denn je nher der fr den groen Schlag bestimmte Zeitpunkt
heranrckte, um so mehr nahm Wilhelm's ngstliche Besorgni zu. Vor
gewhnlichen Blicken verbarg er seine Gefhle hinter der eiskalten Ruhe
seines Benehmens; Bentinck aber ffnete er sein ganzes Herz. Die
Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon
geahnet und konnte nicht lnger verborgen werden. Der Knig von
Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze
Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach
Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter hate, das
Haupt erhob, so war Alles vorbei. Meine Angst und meine Besorgni,
schrieb der Prinz, sind furchtbar. Ich wei kaum mehr was ich thue.
Noch nie in meinem Leben fhlte ich so stark das Bedrfni der
gttlichen Leitung.[54] Bentinck's Gemahlin war um diese Zeit
gefhrlich krank, und beide Freunde ngstigten sich sehr um sie. Gott
halte Sie aufrecht, schrieb Wilhelm, und gebe Ihnen die Kraft, Ihren
Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es
beurtheilen knnen, das Wohl seiner Kirche abhngt.[55]

    [Anmerkung 54: 19.(29.) August 1688.]

    [Anmerkung 55: 4.(14.) Sept. 1688.]


[_Jakob wird gewarnt._] Es war in der That unmglich, da ein so
umfassender Plan, wie der gegen den Knig von England entworfene war,
viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht konnte es
verhindern, da scharfblickende Leute Wilhelm's groartige
Kriegsrstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser
Rstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu,
da ein groes Ereigni im Anzuge sei. Der schwache und bestochene
Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war berzeugt
oder stellte sich wenigstens so, da die hollndische Regierung keine
feindlichen Absichten gegen England hege. Aber whrend Albeville's
Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschfte eines
franzsischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten
und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausfhrliche Nachrichten.
Avaux war fest berzeugt, da eine Landung in England beabsichtigt
wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser
Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der
entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte
ernste Warnungen mit.[56] Jakob aber war in einer Tuschung befangen,
in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde.
Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie
wagen, eine berseeische Expedition zu unternehmen und Holland von
Vertheidigungsmitteln zu entblen. Die Generalstaaten wrden sich in
Erinnerung dessen, was sie whrend des furchtbaren Kampfes von 1672
gelitten und zu frchten gehabt htten, gewi nicht der Gefahr
aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht
und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings groe
Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion
liege noch eine groe Kluft. Mnner von Rang und Vermgen seien nicht so
leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf's
Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs htten zu der Zeit, als
Monmouth in den Niederlanden war, eine bermthige Sprache gefhrt! Und
welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein
Banner aufgepflanzt? Es sei leicht erklrlich, warum Ludwig sich
stellte, als ob er diesen leeren Gerchten Glauben schenke. Er hoffte
ohne Zweifel, den Knig von England durch ngstigung zu bestimmen, da
er in dem klner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche
Argumente lie Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.[57]
Ludwig's Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton
seiner Briefe wurde immer schrfer und heftiger.[58] Er sagte, er knne
diese Gleichgltigkeit am Vorabende einer groen Krisis nicht begreifen.
Sei denn der Knig behext? Seien seine Minister blind? Sei es mglich,
da Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent
vorging? Eine so thrichte Sicherheit knne doch kaum die Wirkung bloer
Unvorsichtigkeit sein, dahinter msse absichtliche Tuschung stecken,
Jakob msse offenbar in treulosen Hnden sein. Barillon wurde dringend
ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle
Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit
einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstren konnten.

    [Anmerkung 56: Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.)
    Aug. 1688; Ludwig an Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug.]

    [Anmerkung 57: Barillon 20.(30.) Aug., 23. Aug. (2. Sept.) 1688;
    Adda, 24. Aug. (3. Sept.); +Clarke's Life of James the Second, II.
    177. Orig. Mem.+]

    [Anmerkung 58: Ludwig an Barillon, 3.(13.), 8.(18.), 11.(21.)
    Sept. 1688.]


[_Ludwig's Bemhungen, um Jakob zu retten._] Ludwig regte sich
nachdrcklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit berlegen
war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwhnischem Blicke
betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Untersttzung durch
Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den
Generalstaaten zu erklren, da Frankreich den Knig Jakob unter seinen
Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach
der hollndischen Grenze bereit gehalten. Dieser khne Versuch, den
verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen
Einverstndni mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England's am
Hofe von Versailles war.

Avaux verlangte seinen Instructionen gem eine Audienz bei den
Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung
war ungewhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, da er eine Erffnung
in Bezug auf den Handel machen werde, und der Prsident hatte sich mit
einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber
Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, uerten sich
unverkennbare Zeichen von Mibehagen. Diejenigen, von denen man glaubte,
da sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die
Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankndigte, da
sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit
Seiner Grobritannischen Majestt verbunden sei und da jeder Angriff
auf England als eine Kriegserklrung gegen Frankreich betrachtet werden
wrde. Der vllig unvorbereitete Prsident stammelte einige ausweichende
Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den
Staaten angekndigt worden, da Ludwig den Cardinal Frstenberg und das
klner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.[59]

Die Deputirten waren in der grten Bestrzung. Einige empfahlen
Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach
mit Heftigkeit von der franzsischen Anmaung und bat seine Collegen
dringend, sich durch Drohungen nicht einschchtern zu lassen. Er sagte,
die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstrkung des
Heeres und die Ausrstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein
Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige
Besprechung mit dem Kurfrsten von Brandenburg hatte.

    [Anmerkung 59: Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.)
    1688.]


[_Jakob vereitelt dieselben._] Doch man brauchte nicht ngstlich zu
sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu strzen
und jeder Versuch ihn zurckzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als da
er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als
sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich
befleiigte, allen seinen billigen Wnschen entgegenzukommen, als
auswrtige Knigreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu
huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der
Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und
Sldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe
von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine
Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu
entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der
franzsische Schutz, bekam er pltzlich einen Anfall von Stolz und
beschlo seine Unabhngigkeit zu behaupten. Die Hlfe, die er zu einer
Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthrnen
angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit
Verachtung zurck. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit
ngstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Wrde htte halten knnen,
erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmthig in einem Augenblicke, wo
der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mute. Er
fhlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hlfe, die ihn htte
retten knnen. War je ein Knig so behandelt worden? War er ein Kind
oder ein Schwachkopf, da Andere fr ihn denken muten? War er ein
Winkelfrst, ein Cardinal Frstenberg, der fallen mute, wenn nicht ein
mchtiger Beschtzer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen
Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa
herabsetzen lassen? Skelton wurde zurckgerufen, um ber sein Verfahren
Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den
Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und
er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die
Diplomaten in solchen Fllen berhaupt fr nthig hielten, jede
feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die
Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine ffentliche Kenntni von
Wilhelm's Plane, und es war keineswegs unmglich, da sie selbst jetzt
noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklrte, da er
den Gerchten von einer hollndischen Invasion nicht den geringsten
Glauben schenke und da das Benehmen der franzsischen Regierung ihn
berrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen
auswrtigen Gesandten zu versichern, da kein solches Bndni zwischen
Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen
Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der Knig, Ludwig's Absichten seien
mit Hnden zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche
Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge.
Mein guter Bruder, sagte Jakob, hat vortreffliche Eigenschaften; aber
Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrckt.[60] Adda, dem
an Cln mehr gelegen war, als an England, nhrte diese sonderbare
Tuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurckgekehrt
war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen
zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in
dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht bel ausgenommen haben
wrden. Mein Gebieter, sagte er, steht durch seine Macht und seinen
Muth hoch ber der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen mchte. Es
ist ein kleiner Unterschied zwischen einem Knig von England und einem
Erzbischof von Cln. Bonrepaux wurde in Whitehall sehr khl
aufgenommen. Die von ihm offerirte Untersttzung an Schiffen wurde zwar
nicht geradezu abgelehnt, aber er mute wieder abreisen, ohne etwas
festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie
des Hauses sterreich wurden benachrichtigt, da seine Sendung dem
Knige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate gefhrt habe. Nach
der Revolution rhmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, da
er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Untersttzung
Frankreichs zurckzuweisen.[61]

Die unvernnftige Thorheit Jakob's erregte natrlich den Unwillen seines
mchtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, da die englische Regierung
ihn zum Dank fr den grten Dienst, den er ihr htte leisten knnen,
angesichts der ganzen Christenheit Lgen gestraft habe. Er bemerkte ganz
richtig, was Avaux in Betreff des Bndnisses zwischen Frankreich und
Grobritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach,
doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in
Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und
ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von
Ehrenmnnern fr eben so heilig glten als Vertrge, wren seit mehreren
Jahren zwischen den beiden Hfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch
hinzu, da er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch
nie so lcherlich eiferschtig auf seine Wrde sein werde, um in einer
durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu
erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den
Werth des so unfreundlich zurckgewiesenen Beistandes schtzen
lernen.[62]

Trotz Jakob's Verblendung und Undankbarkeit wrde Ludwig aber doch klug
gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekndigten
Entschlusse beharrt htte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und
seines richtigen Urtheils ein Wilhelm's wrdiger Gegner war, erkannte
das vollkommen. Das Bestreben der franzsischen Regierung -- so dachte
der kluge Gesandte -- msse vor Allem dahin gehen, die beabsichtigte
Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, msse
man in die spanischen Niederlande einrcken und die batavischen Grenzen
bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings fr seinen Lieblingsplan
so sehr eingenommen, da er denselben ausfhren werde, selbst wenn die
weie Fahne schon auf den Wllen von Brssel wehte, denn er hatte
wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum
nchsten Frhjahr halten knnten, so wrde er dann mit einer Streitmacht
von England zurckkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern
werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der
Generalstaaten. Diese wrden es gewi nicht so leicht zugeben, da ihr
Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee ber die Nordsee fahre, whrend
ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.[63]

    [Anmerkung 60: +Che l'adulazione e la vanit gli avevano tornato
    il capo.+ --Adda, 31. Aug. (10. Sept.) 1688.]

    [Anmerkung 61: Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(27.)
    Sept., 27. Sept. (7. Oct.); Barillon, 23. Sept. (3. Oct.);
    Wagenaar, Buch 60; +Sunderland's Apology+. Es ist oft behauptet
    worden, Jakob habe die Untersttzung eines franzsischen
    Armeecorps abgelehnt. In Wirklichkeit aber wurde ihm eine solche
    Untersttzung gar nicht angeboten. Die franzsischen Truppen
    wrden auch in der That Jakob viel mehr gentzt haben, wenn sie
    die hollndischen Grenzen bedroht htten, als wenn sie ber den
    Kanal gekommen wren.]

    [Anmerkung 62: Ludwig an Barillon, 20.(30.) Sept. 1688.]

    [Anmerkung 63: Avaux, 27. Sept. (7. Oct.), 4.(14.) Oct. 1688.]


[_Die franzsischen Armeen fallen in Deutschland ein._] Ludwig gab die
Haltbarkeit dieser Grnde zu, aber er hatte sich schon zu einem andren
Verfahren entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhflichkeit und
Verkehrtheit der englischen Regierung gereizt und er lie sich zu seinem
Nachtheile von seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er
auch durch die Rathschlge seines Kriegsministers Louvois irregefhrt,
der groen Einflu hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge
betrachtete. Kurz, es wurde beschlossen, auf einer von Holland
entfernten Seite einen groen und unerwarteten Schlag zu fhren. Ludwig
zog pltzlich seine Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland.
Ein Armeecorps unter dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit
aber geleitet vom Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der
Befestigungskunst, belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen
des Marquis von Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter
dem Marquis von Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von
Karlsruhe bis Cln waren die franzsischen Waffen siegreich. Die
Nachricht von der Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in
Versailles ein, whrend der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst
hrte. Der Knig winkte dem Prediger inne zu halten, kndigte der
Versammlung die frohe Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott fr
diesen groen Sieg zu danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.[64] Die
Nachricht wurde von dem sanguinischen und leicht entzndlichen
franzsischen Volke mit Jubel begrt. Dichter besangen die Triumphe
ihres freigebigen Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die
Weisheit und Gromuth des ltesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde
mit ungewohntem Pomp gesungen und die feierlichen Tne der Orgel
vermischten sich mit dem Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der
Trompeten. Es war indessen wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der groe
Staatsmann, der an der Spitze der europischen Coalition stand, lchelte
im Stillen ber die nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig
hatte zwar durch sein rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland
errungen, aber diese Vortheile konnten ihm nur wenig ntzen, wenn
England, nachdem es unter vier aufeinanderfolgenden Knigen unthtig und
ruhmlos gewesen, pltzlich wieder seinen frheren Rang in Europa
einnahm. Wenige Wochen gengten zur Ausfhrung des Unternehmens, von dem
das Schicksal der ganzen Welt abhing, und fr einige Wochen waren die
Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit.

    [Anmerkung 64: Frau von Svign, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.]


[_Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten fr seine
Expedition._] Wilhelm betrieb nun seine Rstungen mit unermdlicher
Thtigkeit und nicht mehr so heimlich, als er es bisher fr nthig
gehalten hatte. Tglich gingen Untersttzungszusagen von auswrtigen
Hfen ein. Im Haag war die Opposition zum Schweigen gebracht. Umsonst
bot Avaux noch in diesem letzten Augenblicke seine ganze Gewandtheit
auf, um die Partei, welche gegen drei Generationen des Hauses Oranien
gekmpft hatte, zu ermuthigen. Die Hupter dieser Partei sahen zwar den
Statthalter noch immer nicht mit gnstigem Auge an, denn sie hatten
Grund zu der Besorgni, da er, wenn sein Unternehmen gegen England
gelang, er auch unumschrnkter Beherrscher von Holland werden mchte.
Aber die Fehler des Hofes von Versailles und die Geschicklichkeit, mit
der er dieselben benutzt hatte, machten es unmglich, ferner noch gegen
ihn zu kmpfen. Er sah ein, da es jetzt Zeit war, um die Genehmigung
der Generalstaaten nachzusuchen. Amsterdam war das Hauptquartier der
seinem Hause, seinem Amte und seiner Person feindlich gesinnten Partei,
und selbst von Amsterdam hatte er diesen Augenblick nichts zu
befrchten. Mit mehreren der vornehmsten Beamten dieser Stadt hatte er
schon zu wiederholten Malen in Anwesenheit Dykvelt's und Bentinck's
geheime Unterredungen gehabt und hatte sie zu dem Versprechen
bewogen, da sie das groe Unternehmen frdern, oder sich demselben
wenigstens nicht widersetzen wollten. Andere waren ber Ludwig's
Handelsverordnungen erbittert, noch Andere waren besorgt um ihre von den
franzsischen Dragonern tyrannisirten Verwandten und Freunde; wieder
Andere frchteten die Verantwortlichkeit, eine Spaltung herbeizufhren,
welche dem batavischen Bunde verderblich werden konnte, und Einige
endlich frchteten das gemeine Volk, welches, durch die Ermahnungen
eifriger Prediger aufgestachelt, bereit war, an jedem Verrther des
Protestantismus eine summarische Justiz auszuben. Daher erklrte sich
die Majoritt dieses Stadtraths, der so lange Zeit Frankreich ergeben
gewesen war, zu Gunsten der Unternehmung Wilhelm's. Von diesem
Augenblicke an war jede Besorgni wegen einer Opposition in irgend einem
Theile der Vereinigten Provinzen gehoben und die Fderation ertheilte
ihm in geheimer Sitzung die volle Genehmigung zu seiner Expedition.[65]

Der Prinz hatte sich bereits fr einen zum Unterbefehlshaber trefflich
geeigneten General entschieden. Dies war in der That kein unwichtiger
Gegenstand. Ein zuflliger Schu oder der Dolch eines Meuchelmrders
konnte in einem Augenblicke die Expedition ihres Anfhrers berauben, und
fr diesen Fall mute im Voraus ein Nachfolger bestimmt werden, der die
Lcke sofort ausfllte. Einen Englnder konnte man jedoch dazu nicht
whlen, ohne entweder den Whigs oder den Tories zu nahe zu treten; auch
hatte noch kein damals lebender Englnder bewiesen, da er das zur
Leitung eines Feldzugs nthige militairische Geschick besa. Auf der
andren Seite war es nicht leicht, einem Auslnder den Vorzug zu geben,
ohne das Nationalgefhl der stolzen Insulaner zu verwunden. Einen Mann
gab es in Europa, aber auch nur diesen einen, gegen den sich nichts
einwenden lie; Friedrich, Graf von Schomberg, ein Deutscher aus einem
edlen Hause der Pfalz. Er galt allgemein fr den grten damals lebenden
Meister der Kriegskunst. Seine oftmals durch starke Versuchungen
geprfte, aber nie erschtterte Rechtschaffenheit und Frmmigkeit hatten
ihm allgemeine Achtung und Vertrauen erworben. Obgleich Protestant,
hatte er mehrere Jahre im Dienste Ludwig's gestanden und durch eine
Reihe glnzender Waffenthaten seinem Gebieter trotz aller Rnke der
Jesuiten den franzsischen Marschallsstab abgenthigt. Als die
Verfolgung zu wthen begann, weigerte sich der tapfere Veteran
standhaft, die knigliche Gunst durch Abtrnnigkeit zu erkaufen, legte
ohne Murren alle seine Ehrenstellen und Commando's nieder, verlie sein
zweites Vaterland fr immer und zog sich an den berliner Hof zurck. Er
war bereits ber siebzig Jahre alt, aber geistig und krperlich noch
sehr rstig. Er war in England gewesen und dort auerordentlich geliebt
und geehrt worden. Allerdings hatte er eine Empfehlung, der sich damals
wenige Auslnder rhmen konnten: er sprach unsre Sprache, und zwar nicht
nur verstndlich, sondern elegant und rein. Er wurde mit Bewilligung des
Kurfrsten von Brandenburg und zur aufrichtigen Freude der Oberhupter
aller englischen Parteien zu Wilhelm's Stellvertreter ernannt.[66]

    [Anmerkung 65: Witson's MS., angefhrt von Wagenaar; Lord
    Lonsdale's Memoiren; Avaux, 4.(14.), 5.(15.) Oct. 1688. Die
    frmliche Erklrung der Generalstaaten, datirt vom 18.(28.) Oct.,
    findet man im IV. Bande des +Recueil des Traits, No. 225+.]

    [Anmerkung 66: +Abrg de la Vie de Frdric Duc de Schomberg,
    1690+; Sidney an Wilhelm, 30. Juni 1688; +Burnet I. 677+.]


[_Britische Abenteurer im Haag._] Inzwischen wimmelte es im Haag von
Abenteurern aller der verschiedenen Factionen, welche Jakob's Tyrannei
zu einer sonderbaren Coalition verbunden hatte: alte Royalisten, die ihr
Blut fr den Thron vergossen hatten, alte Agitatoren von der
Parlamentsarmee, Tories, welche in den Tagen der Ausschlieungsbill
verfolgt worden waren, und Whigs, die wegen ihrer Theilnahme am
Ryehousecomplot sich auf den Continent geflchtet hatten.

Unter dieser groen Menge zeichnete sich Karl Gerard, Earl von
Macclesfield aus, ein alter Kavalier, der fr KarlI. gekmpft und
Karl'sII. Exil getheilt hatte; ferner Archibald Campbell, der lteste
Sohn des unglcklichen Argyle, der aber von seinem Vater nichts geerbt
hatte als einen erlauchten Namen und die unwandelbare Liebe eines
zahlreichen Clan; Karl Paulet, Earl von Wiltshire, unzweifelhafter Erbe
des Marquisats von Winchester, und Peregrine Osborne, Lord Dumblane,
unzweifelhafter Erbe des Earlthums Danby. Mordaunt, der vor Begierde
nach Abenteuern brannte, die fr sein feuriges Temperament einen
unwiderstehlichen Reiz hatten, war einer der Ersten unter den
Freiwilligen. Fletcher von Saltoun hatte, whrend er die Grenzen der
Christenheit gegen die Unglubigen beschtzte, erfahren, da sein
Vaterland wieder einmal Hoffnung auf Befreiung hatte, und er hatte sich
beeilt, sein Schwert anzubieten. Sir Patrick Hume, der seit seiner
Flucht aus Schottland sehr bescheiden und eingezogen lebte, trat jetzt
wieder aus seinem Dunkel hervor; zum Glck aber konnte seine
Redseligkeit diesmal wenig Schaden anrichten, denn der Prinz von Oranien
war durchaus nicht geneigt, der abhngige General einer debattirenden
Gesellschaft zu sein wie die, welche Argyle's Unternehmen zum Verderben
gereicht hatte. Der verschmitzte und ruhelose Wildman, der vor kurzem
die berzeugung gewonnen, da England ein unsicherer Aufenthalt fr ihn
war und der sich deshalb nach Deutschland begeben hatte, erschien
ebenfalls an Wilhelm's Hofe. Eben so auch Carstairs, ein
presbyterianischer Priester aus Schottland, der an Schlauheit und Muth
keinem Politiker seiner Zeit nachstand. Fagel hatte ihm einige Jahre
vorher wichtige Geheimnisse anvertraut und er hatte sie trotz der
frchterlichsten Qualen, die ihm der spanische Stiefel und die
Daumschraube bereitet, treu bewahrt. Seine seltene Standhaftigkeit hatte
ihm das Vertrauen und die Achtung des Prinzen in eben so hohem Grade
erworben, als irgend ein Andrer, auer Bentinck, sich derselben
erfreute.[67] Ferguson konnte nicht ruhig bleiben, wenn eine Revolution
im Werke war. Er sicherte sich einen Platz zur berfahrt auf der Flotte
und entfaltete eine groe Thtigkeit unter seinen Mitemigranten; aber er
fand berall Mitrauen und Verachtung. Unter der Schaar von unwissenden
und heibltigen Verbannten, welche den schwachen Monmouth ins Verderben
gefhrt, war er ein groer Mann gewesen; unter den ernsten Staatsmnnern
und Generlen aber, welche die Sorgen des entschlossenen und umsichtigen
Wilhelm theilten, war kein Platz fr einen niedrigdenkenden, halb
wahnsinnigen und halb schurkischen Agitator.

    [Anmerkung 67: +Burnet I. 584+; +Mackay's Memoirs.+]


[_Wilhelm's Erklrung._] Der Unterschied zwischen der Expedition von
1685 und der von 1688 zeigte sich schon deutlich genug in der
Verschiedenheit der Manifeste, welche die Fhrer der beiden
Unternehmungen erlieen. Fr Monmouth hatte Ferguson ein abgeschmacktes
und gemeines Libell ber den Brand von London, die Ermordung Godfrey's
und Essex' und die Vergiftung Karl's geschmiert. Wilhelm's Erklrung war
von dem Gropensionr Fagel verfat, der als ausgezeichneter Publicist
bekannt war. Obgleich gehaltvoll und wohldurchdacht, war sie doch in
ihrer ursprnglichen Form zu weitschweifig; aber sie wurde von Burnet,
der populr zu schreiben verstand, abgekrzt und ins Englische
bersetzt. Sie begann mit einer feierlichen Einleitung, in welcher
gesagt war, da in jedem Staate die strenge Beobachtung des Gesetzes fr
das Wohl der Nationen wie fr die Sicherheit der Regierung gleich
nothwendig sei. Der Prinz von Oranien habe daher mit tiefer Betrbni
gesehen, da die Grundgesetze eines Reiches, mit dem er durch Bande des
Bluts und durch Verheirathung so eng verbunden sei, durch den Rath
schlimmer Rathgeber grblich und systematisch verletzt worden seien. Das
Recht von Parlamentsacten zu dispensiren, sei bis zu einem solchen
Punkte ausgedehnt worden, da die ganze legislative Gewalt auf die Krone
bertragen worden sei. Von den Gerichten habe man dem Geiste der
Verfassung widerstreitende Erkenntnisse erlangt, indem man einen Richter
nach dem andren abgesetzt, bis die Bank nur aus Mnnern bestanden habe,
welche bereit gewesen seien, den Befehlen der Regierung blindlings zu
gehorchen. Trotz der wiederholten Versicherungen des Knigs, da er die
Staatsreligion aufrechterhalten werde, seien anerkannten Feinden dieser
Religion nicht nur brgerliche mter, sondern auch geistliche Pfrnden
verliehen worden. Trotz ausdrcklicher Gesetze sei das Kirchenregiment
einem Collegium bertragen worden, das eine neue Hohe Commission sei und
in diesem Collegium sitze ein erklrter Papist. Gute Unterthanen seien
deshalb, weil sie sich weigerten, ihre Pflicht und ihre Eide zu
verletzen, der Magna Charta der englischen Freiheiten zum Hohn aus ihrem
Eigenthum vertrieben worden. Dagegen seien Leute, welche dem Gesetze
nach die Insel gar nicht betreten drften, zur Verderbni der Jugend an
die Spitze von Seminarien gestellt worden. Grafschaftsstatthalter,
stellvertretende Statthalter und Friedensrichter seien massenhaft
abgesetzt worden, weil sie sich geweigert htten eine verderbliche und
verfassungswidrige Politik zu untersttzen. Die Freiheiten fast jedes
Boroughs im Lande seien verletzt worden. Die Gerichtshfe seien in einem
Zustande, da ihre Erkenntnisse selbst in Civilklagen kein Vertrauen
mehr einflten und da ihre Servilitt in Criminalsachen das Knigthum
mit unschuldigem Blute befleckt habe. Alle diese Mibruche, deren das
englische Volk mde sei, sollten nun, wie es scheine, durch ein Heer
irischer Papisten vertheidigt werden. Und dies sei noch nicht Alles. Die
willkrlichsten Frsten htten es einem Unterthanen nie als ein
Verbrechen angerechnet, wenn er bescheiden und friedlich seine
Beschwerden angebracht und um Abhlfe gebeten habe. Aber das
Petitioniren werde jetzt in England als ein schweres Vergehen
betrachtet. Die Vter der Kirche seien wegen keines andren Verbrechens,
als weil sie dem Landesherrn eine in den ehrerbietigsten Ausdrcken
abgefate Petition berreicht, ins Gefngni geworfen und ihnen der
Proze gemacht worden, und jeden Richter, der sich zu ihren Gunsten
ausgesprochen, habe man ohne weiteres abgesetzt. Die Einberufung eines
freien und gesetzlichen Parlaments knne allerdings diesen beln wirksam
abhelfen, aber die Nation drfe nicht hoffen ein solches Parlament zu
erhalten, wenn nicht der ganze Geist der Verwaltung ein andrer werde. Es
sei offenbar die Absicht des Hofes durch neu organisirte Wahlkrper und
papistische Wahlbeamte eine Versammlung zusammenzubringen, welche nur
dem Namen nach ein Haus der Gemeinen sein werde. Endlich erregten
gewisse Umstnde den dringenden Verdacht, da das Kind, welches den
Namen eines Prinzen von Wales erhalten habe, nicht wirklich von der
Knigin geboren sei. Aus diesen Grnden habe der Prinz, eingedenk seiner
nahen Verwandtschaft mit dem kniglichen Hause und dankbar fr die
Zuneigung, die das englische Volk seiner geliebten Gemahlin und ihm
selbst stets bewiesen habe, sich entschlossen, der Aufforderung vieler
geistlichen und weltlichen Lords und vieler anderer Personen aus allen
Stnden Folge zu leisten und an der Spitze einer zur Begegnung
gewaltsamen Widerstandes hinreichenden Streitmacht nach England
hinberzugehen. Jeden Gedanken an Eroberung wies er entschieden zurck.
Er erklrte, da seine Truppen whrend ihres Aufenthalts auf der Insel
unter strengster Kriegszucht gehalten und da sie sobald die Nation von
der Tyrannei befreit sei, wieder zurckgeschickt werden sollten. Sein
einziger Zweck sei die Versammlung eines freien und gesetzlichen
Parlaments, und er verpflichtete sich feierlich, alle ffentlichen und
privaten Fragen der Entscheidung eines solchen Parlaments zu berlassen.

Sobald Exemplare von dieser Erklrung im Haag ausgegeben waren, begannen
auch schon Zeichen von Meinungsverschiedenheit sichtbar zu werden. Der
im Unheilstiften unermdliche Wildman bewog einige seiner Landsleute,
unter Anderen den starrsinnigen und leichtfertigen Mordaunt, zu der
Erklrung, da sie auf solche Grnde hin die Waffen nicht ergreifen
wrden. Das Manifest sei nur darauf berechnet, den Kavalieren und den
Geistlichen zu gefallen. Die Gewaltthtigkeiten gegen die Kirche und der
Proze der Bischfe seien zu sehr in den Vordergrund gestellt und es sei
gar nichts von der Tyrannei gesagt, mit der die Tories vor ihrem Bruche
mit dem Hofe die Whigs behandelt htten. Wildman legte hierauf einen von
ihm selbst verfaten Gegenentwurf vor, der, wenn er angenommen worden
wre, der ganzen anglikanischen Geistlichkeit und vier Fnftheilen des
grundbesitzenden Adels mifallen haben wrde. Die Whighupter opponirten
ihm energisch. Russell insbesondere erklrte, da, wenn ein so
verkehrter Weg eingeschlagen wrde, es mit der Coalition, von welcher
allein die Nation Befreiung erwarten knne, vorbei sei. Der Streit wurde
endlich durch einen Machtspruch Wilhelm's geschlichtet, der mit
gewohntem richtigen Takt entschied, da das Manifest im Wesentlichen so
wie Fagel und Burnet es entworfen hatten, beibehalten werden solle.[68]

    [Anmerkung 68: +Burnet I., 775, 780+.]


[_Jakob fngt an die Gefahr zu ahnen._] Whrend dies in Holland geschah,
hatte Jakob endlich die ihm drohende Gefahr erkannt. Von verschiedenen
Seiten kamen Nachrichten, die man nicht unbeachtet lassen konnte, bis
endlich eine Depesche von Albeville jedem Zweifel ein Ende machte. Als
der Knig sie gelesen hatte, sollen seine Wangen sich entfrbt haben und
er soll eine Weile sprachlos geblieben sein.[69] Er hatte in der That
auch Ursache zu erschrecken. Der erste Ostwind sollte eine feindliche
Flotte an die Ksten seines Reiches bringen. Ganz Europa, mit Ausnahme
einer einzigen Macht, erwartete ungeduldig die Nachricht von seinem
Sturze, und den Beistand dieser einzigen Macht hatte er thrichterweise
abgelehnt. Ja, er hatte sogar die freundschaftliche Intervention, die
ihn htte retten knnen, mit Beleidigungen vergolten. Die franzsischen
Armeen, welche zur Einschchterung der Generalstaaten htten verwendet
werden knnen, wenn er nicht so verblendet gewesen wre, belagerten
Philippsburg und hielten Mainz besetzt. In wenigen Tagen mute er
vielleicht auf englischem Boden fr seine Krone und fr das Geburtsrecht
seines Sohnes kmpfen.

    [Anmerkung 69: +Eachard's History of the Revolution, II. 2+.]


[_Seine Seemacht._] Anscheinend standen ihm allerdings groe Mittel zu
Gebote. Die Flotte war in einem viel besseren Zustande als zur Zeit
seiner Thronbesteigung, und diese Verbesserung mu zum Theil seinen
eigenen Anstrengungen zugeschrieben werden. Er hatte keinen
Lordgroadmiral oder Admiralittsrath ernannt, sondern die Hauptleitung
der Marineangelegenheiten in seiner eignen Hand behalten und Pepys hatte
ihn dabei krftig untersttzt. Ein Sprichwort sagt, da der Blick eines
Meisters sicherer ist, als der eines Stellvertreters, und in einer Zeit
der Bestechung und der Unterschleife kann man annehmen, da ein
Verwaltungszweig, dem der Souverain selbst, sei er auch von noch so
beschrnkten Gaben, genaue persnliche Aufmerksamkeit zuwendet, von
Mibruchen verhltnimig ziemlich frei bleiben wird. Ein
geschickterer Marineminister als Jakob wrde nicht schwer zu finden
gewesen sein; schwerlich aber wrde man unter den damaligen
Staatsmnnern einen Marineminister gefunden haben, der nicht Vorrthe
nutzlos vergeudet, von Lieferanten Bestechungen angenommen und der Krone
Kosten fr Reparaturen aufgebrdet haben wrde, welche nie gemacht
worden waren. Der Knig war in der That fast der Einzige, von dem man
berzeugt sein konnte, da er den Knig nicht bestehlen wrde. Daher
waren denn auch whrend der letzten drei Jahre auf den Schiffswerften
viel weniger Veruntreuungen und Diebereien vorgekommen als frher. Es
waren wirklich seetchtige Schiffe gebaut worden und durch eine
zweckmige Verordnung waren die Gehalte der Kapitaine erhht, zu
gleicher Zeit aber auch ihnen streng verboten worden, ohne besondere
knigliche Erlaubni Waaren von einem Hafen zum andren zu fhren. Die
Wirkung dieser Reformen machte sich schon bemerkbar, und es wurde Jakob
nicht schwer, in kurzer Zeit eine ansehnliche Flotte auszursten.
Dreiig Linienschiffe dritten und vierten Ranges wurden unter dem
Commando Lord Dartmouth's in der Themse versammelt. Dartmouth's
Loyalitt war ber jeden Zweifel erhaben, und er galt fr eben so
geschickt und kenntnireich in seinem Fache als irgend einer der
patrizischen Seeleute, die sich damals ohne ordentliche seemnnische
Erziehung und Ausbildung zu den hchsten Schiffscommando's
emporschwangen und welche zu gleicher Zeit Flaggenoffiziere zur See und
Infanterieobersten im Landheere waren.[70]

    [Anmerkung 70: +Pepys's Memoirs relating to the Royal Navy, 1690+;
    +Clarke's Life of James the Second, II. 186. Orig. Mem.+; Adda,
    24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)]


[_Seine militairischen Mittel._] Die regulre Armee war die strkste,
die je ein Knig von England zu seiner Verfgung gehabt hatte, und sie
wurde rasch noch verstrkt. Alle vorhandenen Regimenter wurden um neue
Compagnien vermehrt und neue Regimenter ausgehoben. Die Strke des
englischen Heeres wurde dadurch um viertausend Mann erhht; dreitausend
Mann wurden eiligst aus Irland gesendet und eine gleiche Anzahl erhielt
Befehl, aus Schottland nach dem Sden zu marschiren. Jakob schtzte die
Streitmacht, die er den Einfallenden entgegenstellen konnte, auf
vierzigtausend Mann, ungerechnet die Miliz.[71]

Flotte und Landheer waren sonach mehr als ausreichend, um eine
hollndische Invasion zurckzuschlagen. Konnte man sich aber auf die
Flotte und auf die Armee verlassen? Mute man nicht befrchten, da die
Milizen zu Tausenden zu der Fahne ihres Befreiers bergehen wrden? Die
Partei, welche vor einigen Jahren fr Monmouth das Schwert gezogen,
konnte es gewi kaum erwarten, den Prinzen von Oranien willkommen zu
heien. Und was war aus der Partei geworden, welche siebenundvierzig
Jahre lang das Bollwerk der Monarchie gewesen? Wo waren jetzt die
tapferen Gentlemen, welche stets bereit gewesen waren, ihr Blut fr die
Krone zu vergieen? Mihandelt und verhhnt, von der Richterbank
vertrieben und aller militairischen Commando's beraubt, sahen sie die
Gefahr ihres undankbaren Gebieters mit unverhohlener Schadenfreude. Wo
waren die Priester und Prlaten, welche auf zehntausend Kanzeln die
Pflicht des Gehorsams gegen den gesalbten Stellvertreter Gottes
gepredigt hatten? Einige waren eingekerkert. Andere ausgeplndert. Alle
waren unter das eiserne Regiment der Hohen Commission gestellt worden
und hatten bestndig gefrchtet, da eine neue Laune der Tyrannei sie
ihrer Pfrnden berauben und ohne ein Stck Brot lassen wrde. Da die
Mnner der Staatskirche den Grundsatz, auf den sie immer das grte
Gewicht gelegt hatten, so vollstndig vergessen wrden, um sich dem
thtigen Widerstande anzuschlieen, schien auch jetzt noch unglaublich.
Aber konnte ihr Unterdrcker erwarten, da er bei ihnen noch den Geist
finden werde, der unter der vorhergehenden Generation die Armeen Essex'
und Waller's besiegt, und sich nur nach einer verzweifelten Gegenwehr
dem Genie und der Kraft Cromwell's unterworfen hatte?

    [Anmerkung 71: +Clarke's Life of James the Second. II. 186. Orig.
    Mem.+; Adda, 24. Sept. (4. Oct.); Citters, 21. Sept. (1. Oct.)]


[_Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszushnen._] Der Tyrann
wurde von der Angst berwltigt. Er sagte nicht mehr, da Nachgiebigkeit
die Frsten jederzeit ins Verderben gestrzt habe, und gab gezwungen zu,
da er sich herablassen msse, den Tories noch einmal zu
schmeicheln.[72] Man hat Grund zu der Annahme, da um diese Zeit Halifax
eingeladen wurde, wieder ein Ministerium zu bernehmen und da er auch
nicht abgeneigt dazu war. Die Rolle eines Vermittlers zwischen den
Throne und der Nation war diejenige, zu der er sich am besten eignete
und nach der er am eifrigsten strebte. Warum die betreffende
Unterhandlung mit ihm abgebrochen wurde, ist nicht bekannt, aber es ist
nicht unwahrscheinlich, da die Dispensationsfrage das unbersteigliche
Hinderni war. Sein Widerwille gegen diese Befugni war vor drei Jahren
die Veranlassung zu seiner Ungnade gewesen, und es war seitdem nichts
geschehen, was geeignet gewesen wre ihn andren Sinnes zu machen. Jakob
seinerseits hatte sich fest vorgenommen, in diesem Punkte kein
Zugestndni zu machen.[73] In anderen Dingen war er minder starrsinnig.
Er erlie eine Proklamation, in der er feierlich versprach, die
anglikanische Kirche zu schtzen und die Uniformittsacte aufrecht zu
erhalten. Er erklrte sich bereit, um der Eintracht willen groe Opfer
zu bringen. Er wolle nicht mehr darauf beharren, da Katholiken ins
Unterhaus zugelassen wrden und er hege das gute Vertrauen zu seinem
Volke, da es einen solchen Beweis von seinem aufrichtigen Willen, ihren
Wnschen zu entsprechen, gebhrend anerkennen werde. Drei Tage spter
kndigte er an, da es seine Absicht sei, alle Magistratsbeamten und
stellvertretenden Lieutenants, welche entlassen worden waren, weil sie
seine Politik nicht hatten untersttzen wollen, wieder anzustellen. Den
Tag nach dem Erscheinen dieser Ankndigung wurde Compton's Suspension
wieder aufgehoben.[74]

    [Anmerkung 72: Adda, 28. Sept. (8. Oct.) 1688. In dieser Depesche
    ist Jakob's Angst vor einem allgemeinen Abfalle seiner Unterthanen
    krftig geschildert.]

    [Anmerkung 73: Die sprlichen Aufschlsse, welche wir ber diese
    Unterhandlung haben, verdanken wir Reresby. Seine Quelle war eine
    Dame, die er nicht nennt und der man gewi nicht unbedingt glauben
    durfte.]

    [Anmerkung 74: +London Gazette, Sept. 24., 27., Oct. 1. 1688+.]


[_Er bewilligt den Bischfen eine Audienz._] Zu gleicher Zeit gab der
Knig allen damals in London anwesenden Bischfen eine Audienz. Sie
hatten um eine solche nachgesucht, um ihm in seiner kritischen Lage
ihren Rath anzubieten. Der Primas fhrte das Wort. Er bat ehrerbietig
darum, da die Verwaltung den Hnden gehrig qualificirter Personen
bergeben, da alle unter dem Vorwande des Dispensationsrechts
vorgenommenen Acte widerrufen, da die kirchliche Commission
abgeschafft, da die dem Magdalenen-Collegium zugefgte Unbill wieder
gutgemacht und da die alten Privilegien der Municipalkrperschaften
wiederhergestellt werden mchten. Er gab sehr deutlich zu verstehen, da
es ein wnschenswerthes Mittel gebe, durch welches der Thron vollkommen
gesichert und das erschtterte Reich wieder beruhigt werden knne. Wenn
Seine Majestt die zwischen der rmischen und anglikanischen Kirche
obschwebenden Streitpunkte nochmals in Erwgung ziehen wolle, so wrde
er durch die Grnde, welche sie ihm vorzutragen wnschten, unter Gottes
Beistande vielleicht zu der berzeugung gebracht werden, da es seine
Pflicht sei, zu dem Glauben seines Vaters und seines Grovaters
zurckzukehren. Bis hierher, fuhr Sancroft fort, habe er die Ansicht
seiner Collegen ausgesprochen. Aber es sei noch ein Punkt, ber den er
sich nicht mit ihnen berathen habe, auf den er jedoch den Knig
aufmerksam machen zu mssen glaube. Allerdings sei er auch das einzige
Mitglied seines Standes, welches diesen Gegenstand berhren drfe, ohne
sich dem Verdachte eines eigenntzigen Beweggrundes auszusetzen. Der
erzbischfliche Stuhl von York war seit drei Jahren erledigt. Der
Erzbischof bat den Knig dringend, er mge denselben schleunigst mit
einem frommen und gelehrten Geistlichen besetzen, und fgte hinzu, es
werde sich unter den eben Anwesenden leicht, ein solcher Mann finden.
Der Knig verstand es sich hinreichend zu beherrschen, um fr diesen
bitteren Rath zu danken und zu versprechen, da er denselben in Erwgung
ziehen wolle.[75] Von dem Dispensationsrecht aber wollte er durchaus
nichts nachlassen. Keine gesetzlich unqualificirte Person wurde von
irgend einem brgerlichen oder militairischen Amte entfernt. Aber einige
von Sancroft's Vorschlgen wurden befolgt. Binnen zweimal vierundzwanzig
Stunden war der Gerichtshof der Hohen Commission abgeschafft.[76] Es
ward beschlossen, der Hauptstadt ihren vor sechs Jahren entzogenen
Freibrief zurckzugeben und der Kanzler selbst mute das ehrwrdige
Pergament feierlich nach der Guildhall tragen.[77] Acht Tage spter
erfuhr das Publikum, da der Bischof von Winchester, der vermge seiner
amtlichen Stellung Visitator des Magdalenen-Collegiums war, vom Knige
beauftragt sei, alle Mistnde in diesem Collegium abzustellen. Zu
dieser letzten Demthigung hatte sich der Knig nicht ohne langen
inneren Kampf und bitteren Schmerz entschlossen. Er verstand sich in der
That erst dazu, nachdem der apostolische Vikar Leyburn, der sich bei
jeder Gelegenheit als einsichtsvoller und rechtschaffener Mann benommen
zu haben scheint, erklrt hatte, da seiner Ansicht nach den
vertriebenen Collegiaten und ihrem Prsidenten Unrecht gethan worden sei
und da ihre Wiedereinsetzung aus religisen wie aus politischen Grnden
erfolgen msse.[78] Nach wenigen Tagen erschien eine Proklamation,
welche die entzogenen Privilegien aller Municipalkrperschaften
wiederherstellte.[79]

    [Anmerkung 75: +Tanner MSS+; +Burnet I. 784+. Burnet hat, wie ich
    glaube, diese Audienz mit einer andren verwechselt, welche einige
    Wochen spter stattfand.]

    [Anmerkung 76: +London Gazette, Oct. 8. 1688.+]

    [Anmerkung 77: +Ibid.+]

    [Anmerkung 78: +Ibid. Oct. 15, 1688+; Adda, 12.(22.) Oct. Obgleich
    der Nuntius im Allgemeinen Gewaltmaregeln abgeneigt war, so
    scheint er doch gegen die Wiedereinsetzung Hough's opponirt zu
    haben, wahrscheinlich aus Rcksicht auf die Interessen Giffard's
    und der anderen Katholiken, welche Mitglieder des
    Magdalenen-Collegiums waren. Leyburn erklrte selbst: +Nel
    sentimento che fosse stato uno spoglio, e che il possesso in cui
    si trovano ora li Cattolici fosse violento ed illegale, onde non
    era privar questi di un dritto acquisto, ma rendere agli altri
    quello era stato levalo con violenza.+]

    [Anmerkung 79: +London Gazette, Oct. 18. 1688+.]


[_Seine Zugestndnisse werden bel aufgenommen._] Jakob schmeichelte
sich mit der Hoffnung, da die ausgedehnten Zugestndnisse, die er im
Laufe eines Monats gemacht, ihm die Herzen seines Volks wieder gewinnen
wrden. Es unterliegt auch keinem Zweifel, da diese Zugestndnisse,
wenn sie gemacht worden wren, als noch kein Grund zu der Befrchtung
eines Einfalls von Seiten Hollands vorhanden war, viel zur Vershnung
der Tories beigetragen haben wrden. Aber Frsten, welche der Angst
zugestehen, was sie der Gerechtigkeit verweigert haben, drfen keinen
Dank erwarten. Seit drei Jahren war der Knig gegen alle Vorstellungen
und Bitten taub gewesen. Jeder Minister, der sich erlaubt hatte, seine
Stimme zu Gunsten der brgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs
zu erheben, war in Ungnade gefallen. Ein ausgezeichnet loyales Parlament
hatte es gewagt, bescheiden und ehrerbietig gegen eine Verletzung der
Grundgesetze Englands zu protestiren; es hatte dafr einen strengen
Verweis erhalten und war prorogirt und aufgelst worden. Ein Richter
nach dem andren war des Hermelins beraubt worden, weil er sich geweigert
hatte, Erkenntnisse abzugeben, welche dem gemeinen Rechte und dem
Gesetzbuche zuwiderliefen. Die achtungswerthesten Kavaliere waren von
jeder Theilnahme an der Verwaltung der Grafschaften ausgeschlossen
worden, weil sie sich geweigert hatten, die ffentlichen Freiheiten zu
verrathen. Geistliche waren zu Dutzenden abgesetzt worden, weil sie ihre
Eide nicht brechen wollten. Prlaten, deren unerschtterlicher Treue der
Knig seine Krone verdankte, hatten ihn auf den Knien gebeten, da er
ihnen nicht befehlen mchte, die Gesetze Gottes und des Landes zu
verletzen. Ihre bescheidene Bittschrift war als ein aufrhrerisches
Libell betrachtet worden. Sie waren hart angelassen, bedroht, ins
Gefngni geworfen, gerichtlich verfolgt worden und waren mit genauer
Noth dem gnzlichen Verderben entronnen. Jetzt endlich begann die
Nation, da sie sah, da das Recht durch die Macht mit Fen getreten und
selbst Bitten als ein Verbrechen betrachtet wurden, auf den Gedanken zu
kommen, das Kriegsglck zu versuchen. Der Tyrann erfuhr, da ein
bewaffneter Befreier zur Hand sei, der von Whigs und Tories, von
Dissenters und Anglikanern freudig begrt werden wrde. Da wurde mit
einem Male Alles anders. Die nmliche Regierung, welche treue und
eifrige Dienste mit Beraubung und Verfolgung vergolten, die Regierung,
welche auf gewichtige Grnde und rhrende Bitten nur mit Beleidigungen
und Schmhungen geantwortet hatte, wurde in einem Augenblicke merkwrdig
freundlich. Jede Nummer der Gazette brachte die Abstellung einer neuen
Beschwerde. Man sah es also deutlich, da man sich auf die Billigkeit,
die Humanitt und das verpfndete Wort des Knigs nicht verlassen konnte
und da er nur so lange gut regieren wrde, als er gewaltsamen
Widerstand frchtete. Seine Unterthanen waren daher durchaus nicht
geneigt, ihm ein Vertrauen wieder zu schenken, das er sich vllig
verscherzt hatte, oder den Druck zu lindern, der ihm die einzigen guten
Maregeln seiner ganzen Regierung abgepret hatte. Die allgemeine
Ungeduld, mit der man die Ankunft der Hollnder erwartete, nahm mit
jedem Tage zu. Das Volk verwnschte den Wind, der um diese Zeit
beharrlich aus dem Westen kam, die Flotte des Prinzen am Auslaufen
hinderte und zugleich immer neue Regimenter von Dublin nach Chester
brachte. Man sagte, es sei papistisches Wetter. In Cheapside standen
fortwhrend Massen von Menschen, welche nach der Wetterfahne auf der
Spitze des schlanken Thurmes der Bowkirche blickten und den Himmel um
protestantischen Wind baten.[80]

Die allgemeine Stimmung wurde noch mehr erbittert durch einen Vorfall,
der zwar rein zufllig war, aber leicht erklrlicherweise der Perfidie
des Knigs zugeschrieben wurde. Der Bischof von Winchester kndigte an,
da er auf kniglichen Befehl die vertriebenen Mitglieder des
Magdalenen-Collegiums wieder einzusetzen gedenke. Er bestimmte zu der
Feierlichkeit den 21. October und traf am 20. in Oxford ein. Die ganze
Universitt war in erwartungsvoller Spannung. Die vertriebenen
Collegiaten waren aus allen Theilen des Landes herbeigekommen, um ihre
geliebte Heimath wieder in Besitz zu nehmen. Dreihundert berittene
Gentlemen geleiteten den Visitator nach seiner Wohnung. Whrend seines
Zuges durch die Stadt, gingen alle Glocken und High Street war mit einer
jubelnden Zuschauermenge gefllt. Er begab sich zur Ruhe. Am andren
Morgen versammelte sich eine freudig bewegte Menge an den Eingngen des
Magdalenen-Collegiums; aber der Bischof erschien nicht. Bald erfuhr man,
da er durch einen kniglichen Boten aus dem Schlafe geweckt und
aufgefordert worden war, unverzglich nach Whitehall zu kommen. Diese
rcksichtslose Tuschung erregte groe Verwunderung und Angst; in
einigen Stunden aber trafen Nachrichten ein, welche Gemthern, die nicht
ohne Grund das Schlimmste zu glauben geneigt waren, die Sinnesnderung
des Knigs gengend zu erklren schienen. Die hollndische Flotte war
ausgelaufen, aber durch einen Sturm zurckgetrieben worden. Das Gercht
vergrerte den Unfall. Eine Menge Schiffe sollten zu Grunde gegangen
und tausende von Pferden umgekommen sein. Jeder Gedanke an ein
Unternehmen gegen England msse, wenigstens fr dieses Jahr aufgegeben
werden. Hier mache die Nation wieder eine schne Erfahrung. So lange
Jakob einen nahe bevorstehenden Einfall und Aufstand erwartet, habe er
Befehl zur Wiedereinsetzung Derer gegeben, die er gesetzwidrig beraubt;
sobald er sich aber wieder fr sicher gehalten habe, sei dieser Befehl
widerrufen worden. Obgleich diese Beschuldigung damals allgemein
geglaubt und spter von Schriftstellern wiederholt wurde, welche htten
gut unterrichtet sein knnen, war sie doch vllig ungegrndet. Es ist
erwiesen, da die Nachricht von dem Migeschick der hollndischen Flotte
auf keinem Wege frher nach Westminster gelangen konnte, als einige
Stunden nachdem der Bischof von Winchester den Befehl erhalten hatte,
der ihn von Oxford zurckrief. Der Knig hatte jedoch wenig Recht, sich
ber den Argwohn seines Volkes zu beschweren. Es war lediglich seine
Schuld, wenn es zuweilen ohne genaue Untersuchung der Beweise etwas
seiner unehrlichen Politik zuschrieb, was in Wirklichkeit nur Folge
eines Zufalls oder eines Versehens war. Da Leute, welche
gewohnheitsmig ihr Wort brechen, auch dann keinen Glauben finden, wenn
sie es einmal wirklich zu halten gedenken, ist ein Theil ihrer gerechten
und natrlichen Strafe.[81]

Es ist bemerkenswerth, da Jakob sich bei dieser Gelegenheit eine
unverdiente Beschuldigung lediglich durch das eifrige Bestreben zuzog,
sich von einer andren eben so unverdienten zu reinigen. Der Bischof war
so eilig von Oxford zurckberufen worden, um einer auerordentlichen
Staatsrathssitzung, oder vielmehr einer nach Whitehall berufenen
Versammlung von Notablen beizuwohnen. Auer den wirklichen Mitgliedern
des Geheimen Raths nahmen an dieser feierlichen Sitzung alle geistlichen
und weltlichen Lords Theil, welche zufllig in der Hauptstadt oder doch
in der Nhe derselben waren, auerdem die Richter, die Kronanwlte, der
Lordmayor und die Aldermen von London. Petre hatte den Wink bekommen, er
werde wohl daran thun, wenn er wegbliebe. Es wrden auch in der That
wenige Peers Lust gehabt haben, neben ihm zu sitzen. In der Nhe des
obersten Sitzes war ein Staatssessel fr die Knigin Wittwe bereit
gestellt. Auch die Prinzessin Anna war zur Theilnahme an der Sitzung
eingeladen worden, hatte sich aber mit Unwohlsein entschuldigt.

    [Anmerkung 80: +Vento Papista+, sagt Adda unterm 24. Oct. (3.
    Nov.) 1688. Der Ausdruck protestantischer Wind scheint zuerst
    auf den Wind angewendet worden zu sein, welcher Tyrconnel eine
    Zeitlang verhinderte, seine Statthalterschaft in Irland
    anzutreten. Siehe den ersten Theil des Lillibullero.]

    [Anmerkung 81: Alle hierauf bezglichen Beweise sind in Howell's
    Ausgabe der Staatsprozesse zusammengestellt.]


[_Dem Geheimen Rath werden Beweise fr die legitime Geburt des Prinzen
von Wales vorgelegt._] Jakob sagte dieser zahlreichen Versammlung, da
er es fr nthig halte, Beweise fr die Geburt seines Sohnes
beizubringen. Die Einflsterungen bser Menschen htten die ffentliche
Meinung in einer solchen Ausdehnung vergiftet, da Viele den Prinzen von
Wales fr ein untergeschobenes Kind hielten. Die Vorsehung aber habe es
mit weiser Hand gefgt, da kaum je ein andrer Prinz in Anwesenheit so
vieler Augenzeugen zur Welt gekommen sei. Diese Zeugen traten nun auf
und gaben ihre Aussagen ab. Nachdem sie smmtlich zu Protokoll genommen
waren, erklrte Jakob mit groer Feierlichkeit, da die ihm zur Last
gelegte Beschuldigung durchaus falsch sei und da er lieber einen
tausendfachen Tod sterben als einem seiner Kinder Unrecht thun wrde.

Alle Anwesenden schienen befriedigt zu sein. Die Zeugenaussagen wurden
sogleich verffentlicht und einsichtsvolle und unparteiische Personen
erkannten die Glaubwrdigkeit derselben an.[82] Aber die Verstndigen
bilden immer eine Minoritt, und unparteiisch war damals kaum irgend
Jemand. Die ganze Nation war berzeugt, da jeder aufrichtige Papist es
fr seine Pflicht hielt, einen falschen Eid zu schwren, wenn er dadurch
dem Interesse seiner Kirche diente, und Leute, welche ursprnglich
Protestanten, um des Gewinnes willen aber scheinbar zum Papismus
bergetreten waren, verdienten womglich noch weniger Glauben als
aufrichtige Papisten. Die Aussagen aller Derjenigen, welche diesen
beiden Klassen angehrten, wurden daher von vornherein als null und
nichtig betrachtet, und dadurch wurde das Gewicht des Beweises, von dem
sich Jakob viel versprochen hatte, bedeutend verringert. Was brig blieb
wurde boshaft bekrittelt. Gegen jeden der protestantischen Zeugen,
welche etwas Wesentliches ausgesagt, hatte man etwas einzuwenden. Der
Eine war notorisch ein habgieriger Schmarotzer; der Andre hatte zwar
seinen Glauben nicht abgeschworen, war aber nahe verwandt mit einem
Apostaten. Die Leute fragten, wie sie von Anfang an gefragt hatten,
warum, wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der Knig nicht
dafr gesorgt habe, da die Geburt gengender bewiesen werden knne, da
er doch gewut habe, da Viele an der wirklichen Schwangerschaft der
Knigin zweifelten? Lag etwa nichts Verdchtiges in der falschen
Berechnung der Zeit, sowie in der Abwesenheit der Prinzessin Anna und
des Erzbischofs von Canterbury? Warum war kein Prlat der Landeskirche
anwesend? Warum war der hollndische Gesandte nicht zugezogen worden?
Warum vor Allem hatten die Hyde, diese loyalen Diener der Krone, diese
treuen Shne der Kirche und natrlichen Wchter der Interessen ihrer
Nichten, sich nicht unter den Schwarm von Papisten mischen drfen,
welcher in und neben dem Schlafgemache der Knigin versammelt war? Warum
mit einem Worte befand sich in der langen Liste der Anwesenden nicht ein
einziger Name, der das Vertrauen und die Achtung des Publikums geno?
Die wahre Antwort auf diese Fragen war, da der Knig einen beschrnkten
Verstand und einen despotischen Character besa und da er mit Freuden
eine Gelegenheit ergriffen hatte, um seine Geringschtzung der Meinung
seiner Unterthanen an den Tag zu legen. Der groe Haufe aber, dem diese
Erklrung nicht gengte, schrieb das, was lediglich die Wirkung von
Thorheit und Verkehrtheit war, einer vorstzlichen bsen Absicht zu. Und
diese Meinung beschrnkte sich nicht allein auf den groen Haufen. Lady
Anna sprach am Morgen nach der Staatsrathssitzung bei ihrer Toilette so
hhnisch von den Zeugenaussagen, da selbst die Kammerfrauen, welche sie
ankleideten, sich Scherze darber erlaubten. Einige von den Lords,
welche in der Sitzung zugegen gewesen waren und befriedigt zu sein
schienen, waren in der That keineswegs berzeugt. Lloyd, Bischof von St.
Asaph, dessen Frmmigkeit und Gelehrsamkeit allgemeine Achtung gebot,
glaubte bis ans Ende seines Lebens, da ein Betrug gespielt worden sei.

    [Anmerkung 82: Sie finden sich mit ausfhrlichen Erluterungen in
    Howell's Ausgabe der Staatsprozesse.]


[_Sunderland's Ungnade._] Die vor dem Geheimen Rathe abgegebenen
Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Hnden des Publikums,
als sich das Gercht verbreitete, da Sunderland aller seiner Stellen
entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint die
Kaffeehauspolitiker berrascht zu haben, kam aber Denen, welche die
Vorgnge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte
man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen
knnen; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn
stark in dem Verdachte, da er auf diesem oder jenem Wege mit den
Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm,
Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wnschte er alles zeitliche
und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte,
sein einziger Fehler bestehe darin, da er der Krone zu eifrig gedient
habe. Habe er der kniglichen Sache nicht Brgschaften gegeben? Habe er
nicht jede Brcke abgebrochen, ber die er im Fall eines Unglcks seinen
Rckzug htte bewerkstelligen knnen? Habe er nicht fortwhrend das
Dispensationsrecht aufs uerste vertheidigt, in der Hohen Commission
gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischfe unterzeichnet und sei er
nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwnschungen
der Tausende, welche damals Westminsterhall fllten, als Zeuge gegen sie
aufgetreten? Habe er nicht den glnzendsten Beweis von seiner Treue
gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und ffentlich zu einer der
Nation verhaten Kirche bergetreten sei? Was habe er von einer
Vernderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu frchten? So plausible
diese Grnde waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit
hervorgehoben wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert
verschiedenen Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflsterungen und
Gerchte nicht zu verwischen. Der Knig wurde von Tag zu Tag klter.
Sunderland versuchte es nun, sich an die Knigin anzulehnen, erlangte
auch eine Audienz bei Ihrer Majestt und befand sich gerade in ihrem
Zimmer, als Middleton eintrat und ihm auf Befehl des Knigs die Siegel
abverlangte. An diesem Abend hatte der gefallene Minister die letzte
Privatunterredung mit dem Frsten, dem er geschmeichelt und den er
hintergangen hatte. Die Unterredung war hchst merkwrdig. Sunderland
spielte den verleumdeten Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte,
er bedaure den Verlust des Staatssekretariats und der Prsidentschaft im
Geheimen Rathe nicht, wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und
Gebieters bliebe. Machen Sie mich nicht zum unglcklichsten Unterthan
Ihres Reichs, Sire, indem Sie mir die Erklrung verweigern, da Sie mich
von Illoyalitt freisprechen. Der Knig wute nicht was er denken
sollte. Ein bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und
der Pathos, womit Sunderland log, htte einen schrferen Verstand als
der war, mit dem er es zu thun hatte, tuschen knnen. Bei der
franzsischen Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer
Glauben. Dort erklrte er, da er noch einige Tage in London bleiben und
sich am Hofe zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in
Althorpe zurckziehen und seinen zerrtteten Finanzen durch Sparsamkeit
wieder aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so msse
er nach Frankreich flchten; seine schlecht vergoltene Loyalitt lasse
ihm keine andre Zufluchtssttte brig.[83]

Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston bergeben.
Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankndigte,
enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die
hollndische Flotte betroffen.[84] Dieser Unfall war zwar ernster Art,
aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der Knig und seine wenigen
durch ihre Wnsche irregeleiteten Anhnger zu glauben geneigt waren.

    [Anmerkung 83: Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25.
    Oct. (4. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda,
    26. Oct. (5. Nov.).]

    [Anmerkung 84: +London Gazette, Oct. 29. 1688+.]


[_Wilhelm nimmt Abschied von den hollndischen Generalstaaten._] Am 16.
October nach englischer Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der
Staaten von Holland gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied
zu nehmen. Er dankte ihnen fr die freundliche Frsorge, mit der sie
ber ihn gewacht, als er eine verlassene Waise gewesen, fr das
Vertrauen, das sie ihm whrend seiner Verwaltung geschenkt und fr den
Beistand, den sie ihm in dieser wichtigen Krisis gewhrt htten. Er bat
sie berzeugt zu sein, da er das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge
gehabt und es zu frdern gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht
auf immer. Wenn er im Kampfe fr den reformirten Glauben und fr die
Unabhngigkeit Europa's fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes
Weib ihrer Frsorge. Der Gropensionair antwortete mit gebrochener
Stimme und kein Mitglied des ernsten Senates konnte sich der Thrnen
enthalten. Aber Wilhelm's eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er
stand ruhig und ernst unter seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur
zu einem kurzen Ausfluge nach seinen Jagdgrnden bei Loo htte verlassen
wollen.[85]

Die Deputirten der vornehmsten Stdte begleiteten ihn bis zu seiner
Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz
der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser
Hflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem
Tage ffentliche Gebete fr ihn gehalten.

    [Anmerkung 85: Protokolle der Staaten von Holland und
    Westfriesland; +Burnet, I. 782+.]


[_Er schifft sich ein und segelt ab._] Am Abend kam er in Helvoetsluys
an und begab sich an Bord einer Fregatte, die Brill genannt.
Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehit. Sie zeigte das Wappen
des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fu hohen
Buchstaben eingestickte Devise war glcklich gewhlt. Das Haus Oranien
fhrte seit langer Zeit die elliptische Devise: Ich werde
aufrechterhalten (+Je maintiendrai+); der fehlende Nachsatz wurde jetzt
durch die Worte ergnzt: Die Freiheiten Englands und die
protestantische Religion.


[_Er wird durch einen Sturm zurckgeworfen._] Der Prinz befand sich kaum
einige Stunden an Bord, so wurde der Wind gnstig. Am neunzehnten stach
die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefhr den halben
Weg zwischen den Ksten Hollands und Englands zurck. Pltzlich aber
sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen
Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die
hollndische Kste wieder. Die Brill langte am einundzwanzigsten vor
Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung
bemerkt, da weder Gefahr noch Migeschick nur einen Augenblick seine
ernste Ruhe gestrt hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich
doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, da sein Bleiben an Bord Europa
am deutlichsten zeigen werde, da der ihn betroffene Unfall die
Ausfhrung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzgern knne. In
einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war
gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermit. Nur
einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz
auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von
seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.[86]

    [Anmerkung 86: +London Gazette, Oct. 29. 1688+; +Burnet, I. 782+;
    Bentinck an seine Gattin, 21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24.
    Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.) 1688.]


[_Seine Erklrung kommt in England an._] Seine Erklrung gelangte nur
einige Stunden vor seiner Ankunft nach England. Am 1. November begannen
die londoner Politiker heimlich davon zu flstern, sie ging von Hand zu
Hand und wurde in die Briefksten des Postamts geworfen. Einer der
Agenten wurde verhaftet und die Packete, die er zu besorgen hatte, nach
Whitehall gebracht. Der Knig las die Proklamation und sie machte einen
erschtternden Eindruck auf ihn. Sein erster Gedanke war, das Papier vor
jedem menschlichen Blicke zu verbergen. Er lie daher smmtliche ihm
berbrachte Exemplare bis auf eines verbrennen, und dieses eine wagte er
kaum aus den Hnden zu geben.[87]

    [Anmerkung 87: Citters, 2.(12.) Nov. 1688; Adda, 2.(12.) Nov.]


[_Jakob befragt die Lords._] Der Paragraph des Manifestes, der ihn am
meisten beunruhigte, war der, in welchem gesagt war, da einige von den
geistlichen und weltlichen Peers den Prinzen von Oranien zu einem
Einfall in England aufgefordert htten. Halifax, Clarendon und
Nottingham, welche gerade in London waren, wurden sogleich in den Palast
beschieden und ber diesen Punkt befragt. Halifax weigerte sich anfangs,
eine Antwort zu geben, obgleich er sich seiner Unschuld bewut war.
Eure Majestt fragt mich, ob ich einen Hochverrath begangen habe,
sagte er. Wenn ich eines solchen verdchtig bin, so lassen Sie mich vor
den Gerichtshof meiner Peers stellen. Kann Eure Majestt der Antwort
eines Angeklagten, dessen Leben auf dem Spiele steht, Glauben schenken?
Selbst wenn ich Seine Hoheit ersucht htte herberzukommen, wrde ich
mich ohne Bedenken fr nichtschuldig erklren. Der Knig erwiederte
ihm, da er ihn durchaus nicht als einen Angeklagten betrachte, sondern
ihn nur gefragt habe, wie ein Gentleman einen Andren, der verleumdet
worden sei, frage, ob die Verleumdung irgend eine Begrndung habe. In
diesem Falle, sagte Halifax, nehme ich als Gentleman, der mit einem
Gentleman spricht, keinen Anstand, bei meiner Ehre, die mir eben so
heilig ist als ein Eid, zu versichern, da ich den Prinzen von Oranien
nicht veranlat habe herberzukommen.[88] Clarendon und Nottingham
sagten das Nmliche. Noch mehr wnschte der Knig, die Gesinnung der
Prlaten zu ergrnden. Wenn diese ihm feindlich gesinnt waren, dann war
sein Thron wirklich in Gefahr. Aber das konnte nicht sein. Da ein
Bischof der anglikanischen Kirche sich gegen seinen Souverain empren
sollte, war etwas Unerhrtes. Compton wurde ins knigliche Kabinet
gerufen und gefragt, ob der Prinz den geringsten Grund zu seiner
Behauptung habe. Der Bischof war in Verlegenheit, denn er gehrte zu den
Sieben, welche die Einladung unterzeichnet hatten, und sein nicht sehr
weites Gewissen wollte ihm wahrscheinlich nicht gestatten, eine positive
Unwahrheit zu sagen. Sire, antwortete er, ich bin fest berzeugt, da
es unter meinen Amtsbrdern keinen giebt, der in dieser Angelegenheit
nicht eben so schuldlos wre, als ich selbst. Die Zweideutigkeit war
gut ersonnen; ob aber der Unterschied zwischen der Snde einer solchen
Zweideutigkeit und der Snde einer Lge irgend eines Aufwandes von
Erfindungsgeist werth war, mag vielleicht bezweifelt werden. Der Knig
war zufriedengestellt. Ich spreche Sie Alle vollkommen frei, sagte er;
aber ich halte es fr nthig, da Sie ffentlich die ehrenrhrige
Beschuldigung zurckweisen, die Ihnen in der Erklrung des Prinzen zur
Last gelegt wird. Der Bischof bat natrlich darum, das Papier lesen zu
drfen, dem er widersprechen sollte; der Knig aber wollte ihn keinen
Blick darauf werfen lassen.

Am folgenden Tage erschien eine Proklamation, in der einem Jeden, der es
wagen sollte, Wilhelm's Manifest zu verbreiten, oder es auch nur zu
lesen, die hrtesten Strafen angedroht wurden.[89] Der Primas und die
wenigen in London anwesenden geistlichen Peers waren vor den Knig
beschieden worden. Preston war, mit der Erklrung des Prinzen in der
Hand, bei der Audienz zugegen. Mylords, sagte der Knig, hren Sie
folgende Stelle. Dieselbe geht Sie an. Preston las nun den Paragraph
vor, in welchem die geistlichen Peers erwhnt waren. Ich glaube kein
Wort von dem Allen, fuhr der Knig fort; ich bin von Ihrer Unschuld
berzeugt; aber ich halte es fr nthig Ihnen mitzutheilen, wessen Sie
beschuldigt sind.

Der Primas erklrte dem Knige mit vielen Versicherungen der
Ehrerbietung, da Seine Majestt ihm nur Gerechtigkeit widerfahren
lasse. Ich bin als treuer Unterthan Eurer Majestt geboren, sagte er,
und ich habe meine Unterthanentreue zu wiederholten Malen eidlich
bekrftigt. Ich kann nur einen Knig auf einmal haben. Ich habe den
Prinzen nicht eingeladen herberzukommen, und ich glaube nicht, da ein
einziger von meinen Amtsbrdern es gethan hat. -- Ich wei gewi, da
ich es nicht gethan habe, sagte Crewe von Durham. Ich auch, setzte
Cartwright von Chester hinzu. Crewe und Cartwright konnte man wohl
glauben, denn sie hatten Beide in der Hohen Commission gesessen. Als
Compton an die Reihe kam, umging er die Frage mit einer Gewandtheit, um
die ihn ein Jesuit htte beneiden knnen. Ich gab schon gestern Eurer
Majestt meine Antwort.

Jakob wiederholte ihnen immer und immer wieder, da er sie alle
vollkommen freispreche. Trotzdem drfte es aber doch fr ihn ntzlich
und zu ihrer Ehrenrettung nthig sein, da sie sich ffentlich
rechtfertigten. Er verlangte daher von ihnen die schriftliche Erklrung,
da sie den Plan des Prinzen verabscheuten. Sie schwiegen, ihr
Stillschweigen wurde als Zustimmung betrachtet und sie durften sich
entfernen.[90]

    [Anmerkung 88: Ronquillo, 12.(22.) Nov. 1688. +Estas
    respuestas,+ sagt Ronquillo, +son ciertas, aunque mas las
    encubrian en la corte.+]

    [Anmerkung 89: +London Gazette, Nov. 5. 1688.+ Die Proklamation
    ist vom 2. Nov. datirt.]

    [Anmerkung 90: +Tanner MSS.+]


[_Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel._] Unterdessen schwamm
Wilhelm's Flotte auf der Nordsee. Am Abend des Donnerstag, den 2.
November, ging er wieder unter Segel. Der Wind blies frisch aus Osten.
Zwlf Stunden lang steuerte die Flotte in nordwestlicher Richtung. Die
von dem englischen Admiral auf Recognoscirung ausgesandten leichten
Fahrzeuge brachten Nachrichten, welche die vorherrschende Ansicht, da
der Feind in Yorkshire zu landen versuchen werde, besttigten. Pltzlich
aber machte die ganze Flotte auf ein vom Schiffe des Prinzen gegebenes
Signal eine Wendung und steuerte nach dem britischen Kanal. Der nmliche
Wind, der die Reise der Angreifer begnstigte, verhinderte Dartmouth,
aus der Themse auszulaufen. Seine Schiffe muten Raaen und Stengen
einziehen, und zwei von seinen Fregatten, welche die hohe See gewonnen
hatten, wurden von dem heftigen Sturme arg zugerichtet und in den Flu
zurckgetrieben.

Inzwischen segelte die hollndische Flotte rasch vor dem Winde und
erreichte die Meerenge am Samstag den 3. November ungefhr um zehn Uhr
Morgens. Wilhelm selbst fuhr mit der Brill voraus, und mehr als
sechshundert Fahrzeuge folgten ihm mit vollen Segeln. Die
Transportschiffe befanden sich in der Mitte, und die Kriegsschiffe, ber
fnfzig an Zahl, bildeten den ueren Wehrgrtel. Herbert befehligte die
ganze Flotte unter dem Titel eines Generallieutenant-Admirals. Sein
Schiff segelte unter der Nachhut und viele englische Seeleute, die von
Ha gegen den Papismus erfllt und durch hohen Sold angelockt waren,
dienten unter ihm. Es hatte dem Prinzen viele Mhe gekostet einige hohe
hollndische Offiziere dazu zu bewegen, da sie sich dem Oberbefehl
eines Auslnders unterwarfen. Diese Anordnung aber war hchst weise. Auf
der Flotte des Knigs herrschte groe Unzufriedenheit und ein glhender
Eifer fr den protestantischen Glauben. Aber innerhalb der Erinnerung
alter Seeleute hatten die hollndische und die englische Flotte dreimal
mit heldenmthiger Tapferkeit und wechselndem Glcke um die Herrschaft
auf der See gekmpft. Unsere Seeleute hatten den Besen noch nicht
vergessen, mit dem Van Tromp den Kanal zu fegen gedroht hatte, und eben
so wenig das Feuer, welches De Ruyter auf den Werften des Medway
angezndet. Htten sich die beiden rivalisirenden Nationen noch einmal
auf dem Elemente begegnet, auf welchem jede von ihnen die Herrschaft fr
sich in Anspruch nahm, so wrde die gegenseitige Erbitterung keinen
andren Gedanken haben aufkommen lassen. Eine blutige und hartnckige
Schlacht wrde stattgefunden haben und eine Niederlage wre fr Wilhelm
der Todessto gewesen. Selbst ein Sieg wrde alle seine tief
durchdachten politischen Plne zerstrt haben. Er hatte daher
wohlweislich beschlossen, die Verfolger, falls er mit ihnen
zusammentreffen sollte, in ihrer Muttersprache zu begren und sie durch
einen Admiral, unter dem sie gedient hatten, und den sie hochachteten,
bitten zu lassen, da sie nicht gegen alte Kameraden fr papistische
Tyrannei fechten sollten. Eine solche Aufforderung konnte mglicherweise
einem Zusammenstoe vorbeugen. Erfolgte aber dennoch ein solcher, so
standen wenigstens zwei englische Befehlshaber einander gegenber, und
der Stolz der Inselbewohner wurde nicht verwundet, wenn sie erfuhren,
da Dartmouth vor Herbert hatte die Flagge streichen mssen.[91]

    [Anmerkung 91: Avaux, 12.(22.) Juli u. 14.(24.) Aug. 1688. Herr de
    Jonge, der mit den Nachkommen des hollndischen Admirals Evertson
    verwandt ist, hat die Geflligkeit gehabt, mir einige aus
    Familienpapieren entnommene interessante Notizen mitzutheilen. In
    einem vom 6.(16.) Sept. 1688 datirten Briefe an Bentinck legt
    Wilhelm ein groes Gewicht auf die Nothwendigkeit, einen
    Zusammensto zu vermeiden und bittet Bentinck darum, dies Herbert
    vorzustellen. +Ce n'est pas le tems de faire voir sa bravoure, ni
    de se battre si l'on le peut viter. Je luy l'ai dj dit, mais il
    sera ncessaire que vous le rptiez, et que vous le luy fassiez
    bien comprendre.+]


[_Er passirt die Meerenge._] Zum Glck war Wilhelm's Vorsicht
berflssig. Bald nach Mittag passirte er die Meerenge. Seine Flotte
breitete sich auf eine Meile Entfernung von Dover im Norden und von
Calais im Sden aus. Die Kriegsschiffe auf der uersten Rechten und der
uersten Linken begrten beide Festungen gleichzeitig. Die Truppen
traten auf dem Verdeck unters Gewehr, und das Geschmetter der Trompeten,
der Klang der Cymbeln und der Trommelwirbel wurden an der englischen und
der franzsischen Kste zu gleicher Zeit deutlich gehrt. Eine unzhlige
Menge Neugieriger verdunkelte das weie Gestade von Kent. Eine nicht
minder zahlreiche Menge bedeckte die Kste der Picardie. Rapin de
Thoyras, der durch Verfolgung aus seinem Vaterlande vertrieben, in der
hollndischen Armee Dienste genommen hatte und den Prinzen nach England
begleitete, schilderte viele Jahre spter das Schauspiel als das
prchtigste und erhabenste, das je ein menschliches Auge gesehen. Bei
Sonnenuntergang befand sich die Flotte auf der Hhe von Beachy Head.
Jetzt wurden die Lichter angezndet. Das Meer strahlte davon viele
Meilen im Umkreise. Aber die Blicke aller Steuermnner waren die ganze
Nacht hindurch auf drei kolossale Laternen gerichtet, welche am Spiegel
der Brill leuchteten.[92]

Unterdessen war von Dover ein Courier nach Whitehall abgeschickt worden
mit der Nachricht, da die hollndische Flotte die Meerenge passirt habe
und westwrts steure. Dies machte eine sofortige Abnderung aller
militairischen Anordnungen nthig. Nach allen Richtungen hin wurden
Eilboten ausgesandt, die Offiziere mitten in der Nacht aus den Betten
geholt. Am Sonntag Morgen um drei Uhr fand in Hyde Park eine groe
Musterung bei Fackelschein statt. In der Voraussetzung, da Wilhelm in
Yorkshire landen werde, hatte der Knig mehrere Regimenter nach dem
Norden geschickt. Es wurden unverzglich Expresse abgefertigt, um sie
zurckzurufen. Alle Truppen bis auf diejenigen, welche zur
Aufrechthaltung der Ruhe in der Hauptstadt nthig waren, wurden nach dem
Westen beordert. Salisbury war zum Sammelplatz bestimmt; da man es aber
fr mglich hielt, da Portsmouth der erste Angriffspunkt werden knnte,
so brachen drei Bataillone Garden und ein starkes Kavalleriecorps nach
dieser Festung auf. In einigen Stunden erfuhr man, da Portsmouth sicher
sei, und die Truppen erhielten deshalb sofort den Befehl, umzukehren und
nach Salisbury zu eilen.[93]

    [Anmerkung 92: +Rapin's History+; +Whittle's Exact Diary+. Ich
    habe einen aus der damaligen Zeit herrhrenden Plan von der
    Ordnung gesehen, in welcher die Flotte segelte.]

    [Anmerkung 93: Adda, 5.(15.) Nov. 1688; Neuigkeitsbrief in der
    Mackintosh-Sammlung; Citters, 6.(16.) Nov.]


[_Seine Landung bei Torbay._] Als der Sonntag, der 4. November, anbrach,
hatte die hollndische Flotte die Klippen der Insel Wight in Sicht.
Dieser Tag war zu gleicher Zeit Wilhelm's Geburtstag und Hochzeitstag.
Whrend der ersten Stunden des Morgens wurden die Segel losgemacht und
auf den Schiffen Gottesdienst gehalten. Am Nachmittag und die Nacht
durch steuerte die Flotte in der bisher verfolgten Richtung weiter.
Torbay war der Ort, wo Wilhelm zu landen gedachte. Der Morgen des 5.
November war trbe und nebelig, so da der Steuermann der Brill die
Seezeichen nicht erkennen konnte und die Flotte zu weit westlich fhrte.
Die Gefahr war gro. Dem Wind entgegen wieder umzukehren war unmglich.
Der nchste Hafen war Plymouth, aber dort lag eine Garnison unter dem
Commando des Lord Bath. Diese konnte sich der Landung mglicherweise
widersetzen und ein Unfall konnte schlimme Folgen haben. berdies konnte
man kaum daran zweifeln, da die knigliche Flotte jetzt die Themse
verlassen hatte und mit vollen Segeln dem Kanal zusteuerte. Russell
erkannte die ganze Gre der Gefahr und sagte zu Burnet: Sie knnen
immer beten, Doctor. Es ist Alles vorbei. In diesem Augenblicke sprang
der Wind um, es erhob sich eine leichte Sdbrise, der Nebel zerstreute
sich, die Sonne schien, und bei dem matten Lichte eines
Herbstnachmittags wendete sich die Flotte, umschiffte das hohe Cap Berry
Head und lief wohlbehalten in den Hafen von Torbay ein.[94]

Seit der Zeit, als Wilhelm auf diesen Hafen blickte, hat sich die
Gestalt desselben sehr verndert. Das Amphitheater, welches das weite
Becken umgiebt, bietet jetzt berall Zeichen von Wohlstand und
Civilisation dar. Am nordstlichen Ende ist ein groer Badeort
entstanden, dessen milder italienischer Himmel Gste aus den
entferntesten Theilen der Insel anzieht, denn hier blht die Myrthe im
Freien und selbst der Winter ist milder als in Northumberland der April.
Die Einwohnerzahl beluft sich auf ungefhr zehntausend Seelen. Die
neuerbauten Kirchen und Kapellen, die Bder und Leseinstitute, die
Gasthfe und ffentlichen Grten, das Krankenhaus und das Museum, die
sich terrassenfrmig an der Kste hinaufziehenden weien Straen, die
hinter Buschwerk und Blumenbeeten hervorschimmernden freundlichen
Landhuser gewhren einen Anblick, wie ihn England im siebzehnten
Jahrhunderte nirgends aufweisen konnte. Auf der andren Seite der Bucht
liegt, durch Berry Head geschtzt, der lebhafte Marktort Brixham, der
wohlhabendste Sitz unsres Fischhandels. Zu Anfang des gegenwrtigen
Jahrhunderts wurde hier ein Molo und ein Hafen angelegt, die sich aber
fr den zunehmenden Verkehr bald als ungengend erwiesen. Die
Bevlkerung betrgt etwa sechstausend Seelen und der Schiffsverkehr
beluft sich auf mehr als zweihundert Segel. Der Tonnengehalt der
ein- und auslaufenden Schiffe bertrifft sehr oft den des Hafens von
Liverpool zu den Zeiten der Stuarts. Als aber die hollndische Flotte in
der Torbay vor Anker ging, war sie nur als ein Hafen bekannt, in den
sich zuweilen die Schiffe vor den Strmen des atlantischen Oceans
flchteten. Das Gewhl des Handels und des Vergngens strte noch nicht
die Ruhe ihrer stillen Ufer und nur sprliche Bauer- und Fischerhtten
lagen zerstreut umher auf dem Boden, der jetzt mit belebten Marktorten
und prchtigen Lusthusern bedeckt ist.

Die Landleute an der Kste von Devonshire gedachten noch in Liebe des
Namens Monmouth und verabscheuten den Papismus. Sie kamen daher ans Ufer
herbeigestrmt, um Lebensmittel und Dienstleistungen anzubieten. Die
Ausschiffung begann unverzglich. Sechzig Bte brachten die Truppen ans
Ufer. Zuerst wurde Mackay mit den britischen Regimentern ans Land
gesetzt. Ihm folgte bald nachher der Prinz. Er landete an der Stelle, wo
sich gegenwrtig der Quai von Brixham befindet. Die Gegend hat jetzt ein
ganz andres Aussehen. Wo wir jetzt einen mit Fahrzeugen angefllten
Hafen und einen von Kufern und Verkufern wimmelnden Marktort
erblicken, brachen sich damals die Wogen an einer den Kste; aber ein
Stck von dem Felsen, auf den der Befreier beim Aussteigen aus seinem
Boote trat, ist sorgsam aufbewahrt und in der Mitte des geruschvollen
Quais als ein Gegenstand der ffentlichen Verehrung aufgestellt worden.

Sobald der Prinz den Fu auf festen Boden gesetzt hatte, verlangte er
Pferde, und zwei Thiere, wie die kleinen Gutsbesitzer sie damals zu
reiten pflegten, wurden aus dem nchsten Dorfe herbeigeschafft. Wilhelm
und Schomberg bestiegen dieselben und ritten fort, um die Gegend zu
recognosciren.

Sobald Burnet ans Land gestiegen war, eilte er zu dem Prinzen, und es
fand ein ergtzliches Gesprch zwischen ihnen statt. Burnet ergo sich
in freudige Beglckwnschungen und fragte dann begierig, was Seine
Hoheit zu thun gedenke. Militairs haben selten Lust, sich ber
kriegerische Angelegenheiten mit Geistlichen zu berathen, und Wilhelm
betrachtete die Einmischung von Laien in Kriegsfragen mit noch grerem
Widerwillen als andere Soldaten bei solchen Gelegenheiten. Aber er war
in diesem Augenblicke gerade besonders gutgelaunt, und anstatt daher
durch einen kurzen, dem Gesprch sofort ein Ende machenden Verweis sein
Mifallen zu uern, reichte er seinem Kaplan freundlich die Hand und
antwortete auf dessen Frage mit einer andren, indem er sagte: Nun,
Doctor, was halten Sie jetzt von der Prdestination? Der Tadel war so
mild, da Burnet, der eben nicht sehr feinfhlend war, ihn gar nicht
fhlte. Er antwortete mit groer Wrme, da er nie vergessen werde, wie
sichtbar der Himmel ihr Unternehmen begnstigt habe.[95]

Am ersten Tage hatten die ausgeschifften Truppen manche
Unannehmlichkeiten zu ertragen. Der Boden war vom Regen erweicht, und
die Bagage war noch auf den Schiffen. Hohe Offiziere muten in
durchnten Kleidern auf der feuchten Erde schlafen und der Prinz selbst
hatte kein besseres Obdach als eine gewhnliche Htte. Auf dem
Strohdache derselben wurde sein Banner aufgepflanzt und einige Betten,
die man von seinem Schiffe mitgebracht hatte, wurden auf den Boden
gebreitet.[96] Die Ausschiffung der Pferde machte einige
Schwierigkeiten, und es hatte ganz den Anschein, als wrde dieses
Geschft mehrere Tage Zeit wegnehmen. Am folgenden Morgen aber
erheiterte sich die Aussicht. Der Wind legte sich und das Wasser der Bai
war eben wie ein Spiegel. Einige Fischer zeigten eine Stelle, wo sich
die Schiffe der Kste bis auf sechzig Fu nhern konnten. Dies geschah
und in drei Stunden wurden mehrere hundert Pferde wohlbehalten ans Land
geschafft.

Die Ausschiffung war kaum beendigt, so erhob sich der Wind von neuem und
schwoll bald zu einem heftigen Weststurme an. Der zur Verfolgung den
Kanal herabkommende Feind war durch den nmlichen Witterungswechsel,
welcher dem Prinzen die Landung ermglichte, aufgehalten worden. Seit
zwei Tagen lag die knigliche Flotte auf windstiller See angesichts
Beachy Head. Endlich konnte Dartmouth wieder unter Segel gehen. Er fuhr
bei der Insel Wight vorber und eines seiner Schiffe bekam die
Mastspitzen der bei Torbay liegenden Hollnder in Sicht. Gerade in
diesem Augenblicke erhob sich der ihm widrige Sturm, der ihn zwang, sich
in den Hafen von Portsmouth zu flchten.[97] Jakob, der in
Schifffahrtsangelegenheiten wohl ein Urtheil hatte, erklrte damals, er
sei fest berzeugt, da sein Admiral Alles gethan habe, was in eines
Menschen Macht stehe und da er nur der unberwindlichen Feindschaft des
Windes und der Wogen gewichen sei. Zu einer spteren Zeit begann der
unglckliche Frst mit schlechtem Grunde Dartmouth des Verraths oder
wenigstens eines Mangels an Energie zu beschuldigen.[98]

Das Wetter hatte in der That die protestantische Sache so auffallend
begnstigt, da manche Leute, deren Frmmigkeit grer war als ihr
Verstand, fest glaubten, die gewhnlichen Gesetze der Natur seien um der
Erhaltung der Freiheit und der Religion Englands willen auer Kraft
gesetzt worden. Gerade vor hundert Jahren, sagten sie, sei die fr
unberwindlich gehaltene Armada durch den Zorn Gottes vernichtet worden.
Die brgerliche Freiheit und die gttliche Wahrheit seien abermals in
Gefahr gewesen, und wieder htten die gehorsamen Elemente fr die gute
Sache gekmpft. Der Wind habe krftig aus Osten geblasen, als der Prinz
den Kanal hinabzusegeln wnschte, sei nach Sden umgesprungen, als er
habe in die Torbai einfahren wollen, habe sich fr die Dauer der
Ausschiffung gelegt und sei sobald die Ausschiffung vollendet gewesen,
wieder zu einem Sturme angeschwollen, der den Verfolgern gerade ins
Gesicht wehte. Auch unterlie man nicht, auf das sonderbare
Zusammentreffen Gewicht zu legen, da der Prinz unsere Ksten gerade an
dem Tage erreicht hatte, an welchem die anglikanische Kirche die
wunderbare Errettung des kniglichen Hauses und der drei Stnde von dem
schwrzesten Complot, das die Papisten jemals ersonnen, durch Gebet und
Dankgottesdienst feierte. Carstairs, dessen Winke bei dem Prinzen stets
beachtet wurden, rieth dazu, da sogleich nach bewerkstelligter Landung
ein ffentlicher Dankgottesdienst fr den sichtbaren Schutz, den der
Himmel dem Unternehmen habe angedeihen lassen, gehalten werden solle.
Der Rath wurde befolgt und hatte auerordentlich gute Wirkung. Die
Truppen, die sich nun als Gnstlinge des Himmels betrachten lernten,
wurden von neuem Muthe beseelt und das englische Volk fate die
gnstigste Meinung von einem General und einer Armee, welche den
Pflichten der Religion so groe Aufmerksamkeit schenkten.

Am Dienstag den 6. November begann Wilhelm's Armee landeinwrts zu
marschiren. Einige Regimenter rckten bis Newton Abbot vor. Ein im
Mittelpunkte dieses Stdtchens errichteter Denkstein bezeichnet noch die
Stelle, wo die Erklrung des Prinzen den Bewohnern feierlich vorgelesen
wurde. Die Truppen konnten sich nur langsam vorwrts bewegen, denn der
Regen fiel in Strmen und die Straen Englands befanden sich damals noch
in einem Zustande, der Leuten, welche die vortrefflichen
Communicationswege Hollands gewohnt waren, entsetzlich vorkam. Wilhelm
nahm auf zwei Tage sein Hauptquartier in Ford, einer Besitzung der alten
und vornehmen Familie von Courtenay, unweit Newton Abbot. Er fand hier
eine prchtige Wohnung und glnzende Bewirthung, aber es ist auffallend,
da der Hausherr, obgleich ein eifriger Whig, nicht der Erste sein
wollte, der Leben und Eigenthum aufs Spiel setzte, und sich sorgfltig
htete, irgend etwas zu thun, was, im Fall der Knig die Oberhand
behielt, als ein Verbrechen angesehen werden konnte.

    [Anmerkung 94: +Burnet, I. 788+; Auszge aus den Legge'schen
    Papieren in der Mackintosh-Sammlung.]

    [Anmerkung 95: Ich glaube, wer Burnet's Bericht von dieser
    Unterredung mit dem Bericht Dartmouth's vergleicht, kann nicht
    zweifeln, da ich den Vorgang richtig dargestellt habe.]

    [Anmerkung 96: Ich habe eine Abbildung der Ausschiffung aus der
    damaligen Zeit gesehen. Einige Mnner bringen eben die Betten des
    Prinzen in die Htte, auf deren Dache seine Fahne weht.]

    [Anmerkung 97: +Burnet, I. 789+; Legge-Papiere.]

    [Anmerkung 98: Unterm 9. Nov. 1688 schrieb Jakob an Dartmouth:
    Niemand htte anders zu Werke gehen knnen als Sie es gethan
    haben. Ich bin berzeugt, da alle erfahrenen Seeleute der
    nmlichen Meinung sein mssen. Siehe dagegen +Clarke's Life of
    James, II. 207. Orig. Mem.+]


[_Sein Einzug in Exeter._] In Exeter herrschte inzwischen groe
Aufregung. Sobald der Bischof Lamplugh erfuhr, da die Hollnder in der
Torbai angekommen waren, eilte er in Todesangst nach London. Der Dechant
entfloh aus der Dechanei. Die Behrden waren fr den Knig, die groe
Masse der Einwohner fr den Prinzen. Alles gerieth in die grte
Bestrzung, als am Morgen des 8. November ein Truppencorps unter
Mordaunt's Commando vor der Stadt erschien. Mit Mordaunt zugleich kam
Burnet, dem Wilhelm aufgetragen hatte, die Geistlichkeit der Kathedrale
vor Beleidigungen und Insulten zu schtzen.[99] Der Mayor und die
Aldermen hatten die Thore schlieen lassen, ffneten sie aber auf die
erste Aufforderung. Die Dechanei wurde zum Empfang des Prinzen
eingerichtet. Am folgenden Tage, Freitag den neunten, kam er an. Die
Behrden waren dringend aufgefordert worden, ihn am Thore der Stadt mit
Geprnge zu empfangen, hatten dies aber beharrlich verweigert. Der Pomp
dieses Tages konnte sie auch entbehren. Ein solches Schauspiel hatte
Devonshire noch nie gesehen. Viele kamen eine halbe Tagereise weit
herbei, um den Vorkmpfer ihres Glaubens zu begren. Alle umliegenden
Drfer sandten ihre Einwohnerschaft. Eine groe Volksmenge,
hauptschlich aus jungen Landleuten bestehend, die ihre Knotenstcke
schwangen, hatte sich auf dem Gipfel des Haldonhgels versammelt, wo die
von Chudleigh kommende Armee zum ersten Male das reiche Thal der Exe und
die beiden massiven Thrme erblickte, welche aus der ber der Hauptstadt
des Westens lagernden Rauchwolke emporragten. Der ganze Weg den Abhang
hinunter ber die Ebene bis aus Ufer des Flusses war in seiner ganzen
Lnge mit Zuschauern bedeckt. Vom Westthore bis zum Domplatze war das
Gedrnge und der Jubel allenthalben so gro, da anwesende Londoner sich
dabei an den Umzug des Lordmayors erinnerten. Die Huser waren festlich
geschmckt und alle Thren, Fenster, Balcons und Dcher mit Zuschauern
besetzt. Ein an kriegerischen Pomp gewhntes Auge wrde jedoch an dem
Schauspiele mancherlei zu tadeln gefunden haben, denn mehrere
beschwerliche Tagemrsche bei Regenwetter und auf Straen, wo ein
Fugnger bei jedem Schritte bis ber die Knchel in den Schmutz
einsank, hatten das Aussehen der Mannschaften und ihrer Monturstcke
eben nicht verbessert. Die Bevlkerung von Devonshire aber, welche an
den Glanz wohlgeordneter Feldlager durchaus nicht gewhnt war, wurde von
Freude und Ehrfurcht berwltigt. Beschreibungen des kriegerischen
Schauspiels wurden im ganzen Lande verbreitet, und sie enthielten
Vieles, was wohl geeignet war, den Geschmack des gemeinen Volks an
Wunderdingen zu befriedigen. Denn die hollndische Armee, aus Mnnern
zusammengesetzt, die unter verschiedenen Himmelsstrichen geboren waren
und unter verschiedenen Fahnen gedient hatten, gewhrte Inselbewohnern,
welche grtentheils sehr undeutliche Begriffe von fremden Lndern
hatten, einen zugleich grotesken, prchtigen und furchtbaren Anblick.
Voran ritt Macclesfield an der Spitze von zweihundert Gentlemen meist
britischer Abkunft, mit blitzenden Helmen und Brustharnischen, auf
flmischen Schlachtrossen reitend. Jeder von ihnen hatte einen aus den
Zuckerplantagen der Kste von Guiana mitgebrachten Neger bei sich. Die
Brger von Exeter, welche noch nie so viele Exemplare der afrikanischen
Menschenrace beisammengesehen hatten, betrachteten mit Staunen die
schwarzen Gesichter, welche durch gestickte Turbane und weie Federn
noch mehr hervorgehoben wurden. Dann kam eine Schwadron schwedischer
Reiter mit gezogenen breiten Schwertern in schwarzer Rstung und
Pelzmnteln. Sie erweckten ganz besonderes Interesse, denn man sagte,
da sie aus einem Lande stammten, wo das Meer zugefroren und es die
Hlfte des ganzen Jahres hindurch Nacht sei, und da sie die riesigen
Bren, deren Felle sie trugen, selbst erlegt htten. Hierauf folgte,
umgeben von einer eleganten Truppe Gentlemen und Pagen das hoch
getragene Banner des Prinzen. Auf den breiten Falten desselben las die
Menge, welche Fenster und Dcher besetzt hielt, mit Wonne die
denkwrdige Inschrift: Die protestantische Religion und die Freiheiten
Englands. Der Jubel steigerte sich noch, als der Prinz selbst, mit
Brust- und Rckenharnisch und einer weien Feder geschmckt auf seinem
weien Streitrosse erschien. Mit welchem kriegerischen Anstande er sein
Pferd lenkte, wie sinnend und gebieterisch der Ausdruck seiner breiten
Stirn und seines Falkenauges war, kann man noch heute an Kneller's
Portrait von ihm sehen. Einmal milderten sich seine ernsten Gesichtszge
zu einem Lcheln, als eine alte Frau, vielleicht eine von den eifrigen
Puritanerinnen, welche durch achtundzwanzig Jahre der Verfolgung im
festen Glauben auf den Trost Israels ausgeharrt hatte, vielleicht die
Mutter eines Rebellen, der in der blutigen Schlacht von Sedgemoor oder
bei dem noch frchterlicheren Gemetzel der blutigen Assisen umgekommen
war, sich hervordrngte, sich mitten unter die gezogenen Schwerter und
bumenden Rosse strzte, die Hand des Befreiers berhrte und ausrief,
da sie jetzt glcklich sei. Nicht weit von dem Prinzen ritt ein Mann,
der mit ihm die aufmerksamen Blicke der Menge theilte. Das, sagte man,
sei der groe Graf Schomberg, der erste Soldat in Europa, seitdem
Turenne und Cond nicht mehr wren, der Mann, dessen Genie und
Tapferkeit die portugiesische Monarchie auf dem Schlachtfelde von Montes
Claros gerettet, der Mann, der sich noch hheren Ruhm dadurch erworben,
da er um seines Glaubens willen den Stab eines Marschalls von
Frankreich niedergelegt. Man hatte nicht vergessen, da die beiden
Helden, welche, durch ihren gemeinsamen Protestantismus unauflslich
aneinander gekettet, jetzt zusammen in Exeter einzogen, vor zwlf Jahren
einander unter den Mauern von Mastricht gegenberstanden und da damals
der Feuereifer des jungen Prinzen dem kalten Wissen des Veteranen, der
jetzt als Freund an seiner Seite ritt, nicht gewachsen war. Dann kam
eine lange Colonne des brtigen Fuvolks der Schweizer, die sich seit
zwei Jahrhunderten in allen festlndischen Kriegen durch vorzgliche
Tapferkeit und Disciplin ausgezeichnet, aber bis diesen Augenblick noch
nie auf englischem Boden gesehen worden waren. Hinter ihnen folgte eine
Reihe von Truppencorps, welche nach ihren Anfhrern Bentinck, Solms und
Ginkell, Talmash und Mackay genannt wurden. Mit besonderem Vergngen
mochten die Englnder ein tapferes Regiment betrachten, das noch den
Namen des verehrten und bedauerten Ossory fhrte. Der Eindruck des
ganzen Schauspiels wurde noch erhht durch die Erinnerung an die
denkwrdigen Ereignisse, an denen viele von den Kriegern, welche jetzt
durch das Westthor einmarschirten, Theil genommen. Denn sie hatten ganz
andren Dienst gesehen, als den der Miliz von Devonshire oder des Lagers
von Hounslow. Einige von ihnen hatten den ungestmen Angriff der
Franzosen auf dem Schlachtfelde von Seneff zurckgeschlagen, und Andere
hatten an jenem hochwichtigen Tage, an welchem die Belagerung von Wien
aufgehoben wurde, fr das Christenthum mit den Unglubigen die Schwerter
gekreuzt. Selbst die Sinne der Menge wurden durch die Einbildungskraft
getuscht. Neuigkeitsbriefe verbreiteten nach allen Gegenden des Reichs
fabelhafte Berichte von der Gestalt und Krperkraft der Eingedrungenen.
Es wurde versichert, da sie mit wenigen Ausnahmen sechs Fu lang seien
und da sie so groe Lanzen, Schwerter und Musketen trgen, wie man sie
noch nie in England gesehen htte. Das Erstaunen der Menge verminderte
sich nicht, als die Artillerie ankam, bestehend aus einundzwanzig
kolossalen ehernen Geschtzen, deren jedes von sechzehn Lastpferden mit
Mhe fortgeschleppt wurde. Groe Bewunderung erregte ein sonderbares,
auf Rdern ruhendes Gebude. Es war eine ambulante Feldschmiede mit
allen zur Ausbesserung von Waffen und Fuhrwerken nthigen Werkzeugen und
Materialien versehen. Nichts aber wurde mit so groem Erstaunen
betrachtet, als die Brcke von Bten, welche zum bersetzen der Wagen
mit groer Leichtigkeit ber die Exe geschlagen und dann eben so schnell
wieder auseinandergenommen wurde, um weiter transportirt zu werden. Wenn
man dem Gercht glauben durfte, war sie nach einem Muster angefertigt,
welches die an der Donau gegen die Trken kmpfenden Christen erfunden
hatten. Die Fremden erweckten eben so groe Zuneigung als Bewunderung.
Ihr umsichtiger Fhrer sorgte dafr, die Einquartierungen so zu
vertheilen, da die Bewohner von Exeter und der umliegenden Ortschaften
so wenig als mglich belstigt wurden. Es wurde die strengste
Kriegszucht gehandhabt, und nicht allein Plnderung und
Gewaltthtigkeiten wirksam verhindert, sondern auch den Truppen
eingeschrft, da sie sich gegen Jedermann, we Standes er auch sei,
artig zu benehmen htten. Diejenigen, die sich ihre Vorstellungen von
einer Armee nach dem Verfahren Kirke's und seiner Lmmer gebildet
hatten, waren ganz erstaunt, Soldaten zu sehen, welche niemals eine
Hausfrau barsch anfuhren und kein Ei nahmen ohne es zu bezahlen. In
Anerkennung dieses gesitteten Benehmens lieferte das Volk den Truppen
Lebensmittel im berflu und zu migem Preise.[100]

Sehr viel hing von dem Verfahren ab, welches in dieser wichtigen Krisis
die Geistlichkeit der anglikanischen Kirche beobachtete, und die
Mitglieder des Kapitels von Exeter waren die Ersten, welche aufgefordert
wurden, ihre Gesinnungen offen zu erklren. Burnet kndigte den
Canonici, welche durch die Flucht des Dechanten ihres Vorgesetzten
beraubt waren, an, da sie hinfro das Gebet fr den Prinzen von Wales
nicht mehr sprechen drften und da zu Ehren der glcklichen Ankunft des
Prinzen von Oranien ein feierlicher Gottesdienst gehalten werden mte.
Die Canonici fanden es nicht fr gut, in ihren Chorsthlen zu
erscheinen; aber einige von den Chorsngern und Pfrndnern waren
anwesend. Wilhelm begab sich mit militairischem Geprnge in die
Kathedrale. Als er die prchtige Vorhalle betrat, lie die berhmte
Orgel, welche kaum von einer einzigen von denjenigen bertroffen wird,
die der Stolz seines Geburtslandes sind, Triumphklnge ertnen. Er
bestieg den Bischofssitz, einen prachtvollen Thron mit reichem
Schnitzwerk aus dem fnfzehnten Jahrhundert. Burnet stand am Fue
desselben und zu beiden Seiten versammelte sich ein zahlreiches Gefolge
von Kriegern und Kavalieren. Die weigekleideten Snger stimmten das
Tedeum an. Als der Gesang, zu Ende war, las Burnet die Erklrung des
Prinzen vor; kaum aber hatte er die ersten Worte derselben gesprochen,
so drngten sich Geistliche und Snger eiligst aus dem Chore. Am
Schlusse rief Burnet mit lauter Stimme: Gott erhalte den Prinzen von
Oranien! und viele Stimmen antworteten feierlich: Amen![101]

Am Sonntag, den 11. November, predigte Burnet vor dem Prinzen in der
Kathedrale und sprach ber die sichtbare Gnade, welche Gott der
englischen Kirche und Nation gewhrt. Um dieselbe Zeit ereignete sich in
einem bescheideneren Gotteshause ein sonderbarer Vorfall. Ferguson hatte
sich vorgenommen, in dem presbyterianischen Versammlungshause zu
predigen. Der Geistliche und die ltesten wollten dies nicht zugeben;
aber der heftige und halbwahnsinnige Schurke, der wahrscheinlich die
Zeiten Fleetwood's und Harrison's zurckgekehrt glaubte, erbrach die
Thr, schritt mit dem Schwert in der Hand durch die Versammlung, bestieg
die Kanzel und hielt eine heftige Schmhrede gegen den Knig. Die Zeit
fr solche Albernheiten war vorber und der Skandal erregte nur Spott
und Widerwillen.[102]

    [Anmerkung 99: +Burnet, I. 790.+]

    [Anmerkung 100: Siehe in Whittle's Tagebuch die Expedition Seiner
    Hoheit und den um diese Zeit erschienenen Brief von Exon. Ich habe
    selbst zwei geschriebene Neuigkeitsbriefe gesehen, in denen der
    Einzug des Prinzen in Exeter geschildert war. Einige Monate darauf
    schrieb ein schlechter Dichter ein Theaterstck betitelt: Die
    letzte Revolution. Eine Scene spielt in Exeter. Bataillone von
    der Armee des Prinzen auf ihrem Marsche in die Stadt treten mit
    wehenden Fahnen, unter Trommelwirbel und Zujauchzen der Brger
    auf. Ein Edelmann, Namens Misopapas spricht:

              Mylord, knnt Ihr Euch denken,
      Wie furchtbar Schuld und Angst dem Hof geschildert
      Eure Truppen? Man bertreibt die Zahl
      Wie die Gestalt. Sechs Fu soll jeder sein, gehllt
      In Brenhaut, der Schweizer, Schwed' und Brandenburger.

    In einem Liede, das kurz nach dem Einzuge in Exeter erschien, sind
    die Irlnder im Vergleich mit den Riesen, welche Wilhelm
    commandirte, als wahre Zwerge geschildert:

      O, Berwick, wehe Deinen Mannen,
      Im Kampf mit dem Viaggio!
      Gleich Zwergen wird man sie verhhnen
      Vor Brandenburgs und Schwedens Shnen.
          Coraggio. Coraggio!

    Addison erwhnt in seinem +Freeholder+ den auerordentlichen
    Eindruck, den diese romantischen Schilderungen machten.]

    [Anmerkung 101: +Expedition of the Prince of Orange+; +Oldmixon,
    755+; +Whittle's Diary; Eachard, III. 911+; +London Gazette, Nov.
    15. 1688.+]

    [Anmerkung 102: +London Gazette, Nov. 15. 1688+; +Expedition of
    the Prince of Orange.+]


[_Unterredung des Knigs mit den Bischfen._] Whrend dieser Vorgnge in
Devonshire herrschte in London groe Ghrung. Die Erklrung des Prinzen
war trotz aller Vorsichtsmaregeln jetzt in Jedermanns Hnden. Am 6.
November beschied Jakob, der noch immer nicht wute, auf welchem Theile
der Kste die Eroberer gelandet waren, den Primas nebst drei anderen
Bischfen, Compton von London, White von Peterborough und Sprat von
Rochester, zu einer Conferenz in sein Privatkabinet. Der Knig hrte die
warmen Loyalittsversicherungen der Prlaten gndig an und gab ihnen
sein Wort darauf, da er sie nicht in Verdacht habe. Aber wo ist die
Rechtfertigung, die Sie mir bringen sollten? fragte er dann. Sire,
antwortete Sancroft, wir haben keine solche mitgebracht, denn wir
drngen uns nicht danach, uns vor der Welt rein zu waschen. Es ist uns
nichts Neues, da wir verleumdet und flschlich angeklagt werden. Unser
Gewissen und Eure Majestt sprechen uns frei: dies gengt uns. -- Ja,
entgegnete der Knig, aber eine Erklrung von Ihnen ist um meinetwillen
nothwendig. Hierauf zeigte er den Prlaten ein Exemplar von dem
Manifeste des Prinzen und sagte: Lesen Sie, wie hier von Ihnen
gesprochen ist -- Sire, versetzte einer von den Bischfen, nicht
Einer unter Fnfhundert hlt dieses Manifest fr cht. -- Nein! rief
der Knig mit Heftigkeit; dann wrden diese Fnfhundert den Prinzen
herbeirufen, um mich zu ermorden! -- Das wolle Gott verhten!
erwiederten die Prlaten einstimmig. Aber der niemals helle Verstand des
Knigs war jetzt vllig verwirrt. Es war eine seiner Eigenheiten, da,
wenn man seiner Ansicht nicht beipflichtete, er glaubte, man ziehe seine
Wahrhaftigkeit in Zweifel. Dieses Papier wre nicht cht? rief er aus,
indem er die Bltter umwendete. Verdiene ich keinen Glauben? Hat mein
Wort gar keinen Werth? -- Jedenfalls, Sire, sagte einer der Bischfe,
ist dies keine geistliche Angelegenheit, sondern sie gehrt in das
Bereich der Civilgewalt. Gott hat Eurer Majestt das Schwert in die Hand
gegeben, und es kommt uns nicht zu, in Ihre Functionen einzugreifen.
Dann sagte der Erzbischof mit der sanften und gemigten Ironie, welche
die schmerzlichsten Wunden schlgt, der Knig msse ihn entschuldigen,
wenn er zu keinem politischen Schriftstck seine Hand leihe. Ich und
meine Amtsbrder, Sire, setzte er hinzu, haben fr unsre Einmischung
in Staatsangelegenheiten schon hart genug ben mssen, und wir werden
uns vor einem derartigen Wiederholungsfalle sorgfltig hten. Wir
unterschrieben einst eine durchaus harmlose Petition, wir berreichten
dieselbe auf die ehrerbietigste Weise, und wir muten erfahren, da wir
ein schweres Verbrechen begangen hatten. Nur durch Gottes gndigen
Schutz wurden wir vom Untergange gerettet. Und, Sire, der Grund, den
Eurer Majestt Fiskal und Prokurator damals anfhrten, war der, da wir
auerhalb des Parlaments Privatleute seien und da Privatleute eine
strafbare Anmaung begingen, wenn sie sich in die Politik mischten. Sie
griffen uns mit einer solchen Heftigkeit an, da ich meinestheils mich
fr verloren hielt. -- Ich danke Ihnen fr diese Lection, Mylord von
Canterbury, sagte der Knig; ich htte gedacht, da Sie sich nicht fr
verloren halten wrden, wenn Sie in meine Hnde fielen. Eine solche
Sprache wrde einem milden Herrscher ganz wohl angestanden haben, aber
sie klang sehr sonderbar aus dem Munde eines Frsten, der eine Frau
lebendig verbrannt hatte, weil sie einen seiner fliehenden Feinde bei
sich aufgenommen, und dessen eigner Neffe in nutzloser Verzweiflung
seine Knie flehend umschlungen hatte. Der Erzbischof lie sich dadurch
nicht zum Schweigen bringen. Er fuhr in seiner Rede fort und zhlte die
Beleidigungen auf, welche die Creaturen des Hofes der Kirche Englands
zugefgt, wobei die Verhhnung seiner eigenen Schreibart besonders
hervorgehoben wurde. Der Knig wute nichts weiter zu erwiedern, als da
es unntz sei vergangene Beschwerden wieder aufzuwrmen und da er
geglaubt habe, diese Dinge seien vllig vergessen. Whrend er selbst nie
die geringste Beleidigung verga, war es ihm unbegreiflich, wie Andere
nur einige Wochen lang die empfindlichste Beleidigung, die er jemals
zugefgt, im Gedchtni behalten konnten.

Endlich kam das Gesprch wieder auf den Punkt, von dem es ausgegangen
war. Der Knig bestand darauf, da die Bischfe ffentlich ihren Abscheu
gegen das Unternehmen des Prinzen erklren sollten. Unter zahlreichen
Versicherungen der unterwrfigsten Loyalitt weigerten sie sich dessen
beharrlich. Der Prinz, sagten sie, behaupte sowohl von weltlichen als
von geistlichen Peers eingeladen worden zu sein. Die Beschuldigung sei
gemeinsam, warum solle also nicht auch die Rechtfertigung gemeinsam
sein? Ich errathe Alles, sagte der Knig; einige weltliche Peers sind
bei Ihnen gewesen und haben Sie berredet, mir in dieser Angelegenheit
einen Strich durch die Rechnung zu machen. Die Bischfe versicherten
feierlich, da dem nicht so sei. Aber es wrde sonderbar aussehen,
bemerkten sie, wenn in einer Frage, bei welcher hochwichtige politische
und militairische Rcksichten im Spiele seien, die weltlichen Peers
vllig bergangen wrden und die Prlaten allein eine hervorragende
Rolle spielen sollten. Ich will es nun einmal so, entgegnete Jakob.
Ich bin Ihr Knig und ich mu wissen, was das Zweckmigste ist. Ich
will meinen eigenen Weg gehen, und ich verlange von Ihnen, da Sie mich
untersttzen. Die Bischfe versicherten ihn, da sie vollkommen bereit
seien, ihn im Bereiche ihres Wirkungskreises zu untersttzen, als
christliche Geistliche mit ihren Gebeten und als Peers des Knigreichs
mit ihrem parlamentarischen Rathe. Jakob, der weder die Gebete von
Ketzern, noch den Rath von Parlamenten brauchte, sah sich bitter
getuscht. Nach einem langen Wortwechsel sagte er endlich: Genug, ich
will Sie nicht weiter belstigen. Da Sie mir nicht beistehen wollen, mu
ich mich auf mich selbst und auf meine eigenen Waffen beschrnken.[103]

    [Anmerkung 103: +Clarke's Life of James the Second, II. 210+;
    +Sprat's Narrative+; Citters, 6.(16.) Nov. 1688.]


[_Ruhestrungen in London._] Kaum hatten die Bischfe den Knig
verlassen, so brachte ein Courier die Nachricht, da der Prinz von
Oranien am vorigen Tage in Devonshire gelandet sei. Whrend der
nchstfolgenden Woche war London in gewaltiger Aufregung. Am Sonntag,
den 11. November, verbreitete sich das Gercht, da in dem unter dem
Patronat des Knigs zu Clerkenwell errichteten Kloster Messer, Bratroste
und Siedekessel versteckt wren, welche zur Folterung von Ketzern htten
dienen sollen. Zahlreiche Menschenmassen belagerten das Gebude und
schickten sich eben an, es zu demoliren, als eine Truppenabtheilung
ankam. Die Menge wurde auseinandergetrieben und mehrere von den
Aufwieglern wurden niedergemacht. Die Leichen der Gefallenen wurden von
einem Todtenschau-Gericht[104] untersucht, und dieses gab einen
Ausspruch ab, der fr die allgemeine Volksstimmung sehr bezeichnend war.
Die Jury erklrte sich dahin, da gewisse loyale und wohlgesinnte
Personen, welche ausgegangen seien, um eine Versammlung von
Landesverrthern und ffentlichen Feinden in einem Mehause aufzuheben,
vorstzlich von den Soldaten ermordet wren, und dieses sonderbare
Verdict war von smmtlichen Geschwornen unterzeichnet. Die Mnche von
Clerkenwell, welche diese Symptome der Volksstimmung natrlich nicht
wenig beunruhigte, sorgten ngstlich fr die Sicherung ihres Eigenthums.
Es gelang ihnen auch, den grten Theil ihres Mobiliars fortzuschaffen,
ehe dieses Vorhaben ruchbar geworden war. Endlich aber wurde der
Verdacht des Pbels doch rege, die beiden letzten Lastwagen wurden in
Holborn angehalten und Alles was sich darauf befand, auf offener Strae
verbrannt. Die Angst unter den Katholiken war so gro, da alle ihre
Gotteshuser mit Ausnahme derjenigen, welche der kniglichen Familie und
den auswrtigen Gesandten gehrten, geschlossen wurden.[105]

Im Ganzen hatten jedoch die Dinge bis jetzt noch kein fr Jakob
ungnstiges Aussehen. Die Eingedrungenen befanden sich schon ber eine
Woche auf englischem Boden und noch hatte sich keine hervorragende
Persnlichkeit ihnen angeschlossen. Weder im Norden noch im Osten war
ein Aufstand ausgebrochen; kein Diener der Krone schien noch seiner
Pflicht untreu geworden zu sein; die knigliche Armee sammelte sich
rasch in Salisbury, und wenn sie auch dem Heere Wilhelm's in der
Kriegszucht nachstand, so war sie doch an Zahl demselben berlegen.

    [Anmerkung 104: In England mu der Coroner bei unnatrlichen
    Todesfllen eine Jury von zwlf Personen versammeln, welche
    darber zu entscheiden hat, ob ein Verbrechen begangen worden ist,
    um in diesem Falle bei den zustndigen Gerichten Anzeige zu
    machen. --Der bers.]

    [Anmerkung 105: +Luttrell's Diary+; Neuigkeitsbrief in der
    Mackintosh-Sammlung; Adda, 16.(26.) Nov. 1688.]


[_Angesehene Mnner fangen an zu dem Prinzen berzugehen._] Der Prinz
war ohne Zweifel berrascht und gekrnkt durch die Lauheit Derer, die
ihn nach England eingeladen hatten. Das Volk von Devonshire hatte ihn
zwar mit allen Zeichen der Freude empfangen, aber kein Adeliger, kein
angesehener Gentleman war bis jetzt in sein Hauptquartier gekommen. Die
Erklrung dieser auffallenden Erscheinung ist wahrscheinlich in dem
Umstande zu suchen, da er in einem Theile der Insel gelandet war, wo
man ihn nicht erwartet hatte. Im Norden hatten seine Freunde alle
Anstalten zu einem Aufstande getroffen, in der Voraussetzung, da er
bald mit einer Armee bei ihnen sein werde. Seine Freunde im Westen aber
hatten gar nichts vorbereitet und waren natrlich betroffen, als sie
pltzlich aufgefordert wurden, sich an die Spitze einer so wichtigen und
gefhrlichen Bewegung zu stellen. Dazu kam noch, da sie die traurigen
Folgen eines Aufstandes: Galgen, abgeschlagene Kpfe, zerrissene
Glieder, Familien, die noch um tapfere Dulder trauerten, welche ihr
Vaterland aufrichtig aber nicht mit Klugheit geliebt, frisch im
Gedchtni, ja dicht vor Augen hatten. Nach einer so schrecklichen und
so neuen Warnung war einige Unschlssigkeit natrlich. Ebenso natrlich
aber war es auch, da Wilhelm, der im Vertrauen auf die ihm aus England
zugekommenen Versprechungen, nicht nur seinen eignen Ruf und sein
persnliches Glck, sondern auch das Wohl und die Unabhngigkeit seines
Vaterlandes aufs Spiel gesetzt hatte, sich bitter gekrnkt fhlte. Er
war in der That so aufgebracht, da er schon davon sprach, sich nach
Torbay zurckzuziehen, seine Truppen wieder einzuschiffen, nach Holland
heimzukehren und Die, welche ihn verrathen hatten, ihrem verdienten
Schicksale zu berlassen. Endlich am Montag, den 12. November, schlo
sich ein in der Nhe von Crediton wohnender Gentleman, Namens
Burrington, der Fahne des Prinzen an, und diesem Beispiele folgten bald
mehrere von seinen Nachbarn.


[_Lovelace._] Schon waren aber auch Mnner von wichtigerer Bedeutung aus
verschiedenen Theilen des Landes nach Exeter aufgebrochen. Der erste von
diesen war Johann Lord Lovelace, ein Mann, der sich durch feinen
Geschmack, durch Prachtliebe und durch die tollkhne und malose
Heftigkeit seines Whiggismus auszeichnete. Er war fnf- oder sechsmal
wegen politischer Vergehen in Haft gewesen. Das letzte ihm zur Last
gelegte Verbrechen war, da er die Rechtsgltigkeit eines von einem
rmisch-katholischen Friedensrichter angestellten Verhaftbefehls
verchtlich geleugnet hatte. Er war vor den Geheimen Rathe gefordert und
streng verhrt worden, aber mit geringem Erfolge. Er weigerte sich
entschieden, sich schuldig zu bekennen und die Zeugenbeweise gegen ihn
waren ungengend. Er wurde entlassen, aber ehe er sich entfernte, rief
Jakob ihm mit groer Heftigkeit zu: Mylord, dies ist nicht der erste
Streich, den Sie mir gespielt haben. -- Sire, entgegnete Lovelace
unerschrocken, ich habe weder Eurer Majestt noch sonst Jemandem je
einen Streich gespielt. Wer mich dessen bei Eurer Majestt angeklagt
hat, ist ein Lgner. Bald darauf war Lovelace von Denen, welche den
Plan zu einer Revolution entworfen hatten, ins Vertrauen gezogen
worden.[106] Sein Schlo, das seine Vorfahren von der Beute
indisch-spanischer Galleonen erbaut, stand auf den Trmmern eines Hauses
Unserer Lieben Frau in dem schnen Thale, durch welches die Themse, noch
nicht durch die Nhe einer groen Hauptstadt verunreinigt, noch mit der
Ebbe und Fluth des Meeres fallend und steigend, unter Buchenwldern
zwischen den lieblichen Anhhen von Berkshire dahin strmt. Unter dem
von italienischen Malern decorirten Prunksaale befand sich ein gewlbtes
Souterrain, in welchem hin und wieder Gebeine von vorzeitlichen Mnchen
gefunden worden waren. In diesem finstren Gemache hatten eine Anzahl
eifriger und verwegener Gegner der Regierung whrend der angstvollen
Zeit, als England mit Ungeduld auf protestantischen Wind wartete, viele
nchtliche Zusammenknfte gehalten.[107] Jetzt war der Augenblick zum
Handeln gekommen, Lovelace brach mit siebzig wohl bewaffneten und
berittenen Begleitern nach dem Westen auf. Er erreichte ohne
Schwierigkeit Gloucestershire. Aber Beaufort, der Statthalter dieser
Grafschaft, verwendete sein hohes Ansehen und seinen ganzen Einflu zu
Gunsten der Krone. Die Miliz war aufgeboten und eine starke Abtheilung
derselben nach Cirencester verlegt worden. Als Lovelace hier ankam,
wurde er bedeutet, da ihm der Durchzug nicht gestattet werden knne. Er
mute daher entweder von seinem Vorhaben abstehen, oder sich
durchschlagen. Er beschlo das Letztere zu versuchen und seine Freunde
und Untergebenen schlugen sich tapfer. Es fand ein hitziges Gefecht
statt. Die Miliz verlor einen Offizier und sechs oder sieben Mann;
endlich aber wurde Lovelace's Truppe berwltigt und er selbst gefangen
genommen und nach Gloucester Castle geschickt.[108]

    [Anmerkung 106: Johnstone, 27. Febr. 1688; Citters unter demselben
    Datum.]

    [Anmerkung 107: +Lyson's Magna Britannia, Berkshire.+]

    [Anmerkung 108: +London Gazette, Nov. 15. 1688+; +Luttrell's
    Diary.+]


[_Colchester._] Andere waren glcklicher. An dem Tage, an welchem das
Scharmtzel bei Circencester stattfand, kam Richard Savage, Lord
Colchester, Sohn und Erbe des Earls Rivers und durch eine unerlaubte
Liebe Vater jenes unglcklichen Dichters[109], dessen Verbrechen und
Migeschicke eine der dunkelsten Seiten der Literaturgeschichte fllen,
mit sechzig bis siebzig Reitern in Exeter an. Mit ihm zugleich traf der
khne und unruhige Thomas Wharton ein. Wenige Stunden spter kam Eduard
Russell, Sohn des Earls von Bedford und Bruder des tugendhaften
Edelmanns, dessen Blut auf dem Schaffot geflossen war. Kurz darauf wurde
die Ankunft eines andren noch wichtigeren Mannes gemeldet.

    [Anmerkung 109: Richard Savage. -- Der bers.]


[_Abingdon._] Colchester, Wharton und Russell gehrten der Partei an,
welche dem Hofe von jeher opponirt hatte. Jakob Bertin, Earl von
Abingdon dagegen war stets als eine Sttze der Willkrherrschaft
betrachtet worden. Er war in den Tagen der Ausschlieungsbill Jakob treu
geblieben, war als Lordlieutenant von Oxfordshire mit Energie und
Strenge gegen die Anhnger Monmouth's verfahren und hatte zur Feier der
Niederlage Argyle's Freudenfeuer angezndet. Aber die Furcht vor dem
Papismus hatte ihn zur Opposition und Emprung getrieben. Er war der
erste Peer des Reichs, der im Hauptquartier des Prinzen von Oranien
erschien.[110]

Doch von Denen, die sich offen gegen seine Autoritt auflehnten, hatte
der Knig weniger zu befrchten, als von der im Dunklen schleichenden
Verschwrung, deren Verzweigungen sich durch seine Armee und bis in
seine Familie erstreckten. Als die Seele dieser Verschwrung mu
Churchill betrachtet werden, der in Bezug auf Scharfblick und
Gewandtheit seines Gleichen nicht hatte, den die Natur mit einer
gewissen kaltbltigen Unerschrockenheit ausgestattet, die sich weder im
Kampfe noch im Lgen je verleugnete, und welcher dabei einen hohen
militairischen Rang einnahm und sich der Gunst der Prinzessin Anna in
hohem Grade erfreute. Fr ihn war jedoch die Zeit zu dem entscheidenden
Schlage noch nicht gekommen. Indessen brachte er doch schon jetzt durch
die Vermittelung eines untergeordneten Werkzeugs der Sache des Knigs
eine gefhrliche, wenn nicht tdtliche Wunde bei.

    [Anmerkung 110: +Burnet, I. 790+; +Life of William, 1703.+]


[_Abfall Cornbury's._] Eduard Viscount Cornbury, der lteste Sohn des
Earls von Clarendon, war ein junger Mann von unbedeutenden Geistesgaben,
von lockeren Grundstzen und heftigem Temperament. Man hatte ihn von
Jugend auf gelehrt, seine Verwandtschaft mit der Prinzessin Anna als die
Grundlage seines zuknftigen Glcks zu betrachten, und ihm eingeschrft,
da er ihr fleiig den Hof machen solle. Seinem Vater war es nie in den
Sinn gekommen, da die angestammte Loyalitt der Hyde im Hause der
Lieblingstochter des Knigs gefhrdet sein knnte; aber in diesem Hause
fhrten die Churchill die unumschrnkte Herrschaft und Cornbury wurde
ihr Werkzeug. Er commandirte eines von den nach dem Westen gesandten
Dragonerregimentern. Man hatte es so einzurichten gewut, da er am 14.
November einige Stunden lang der hchste Offizier zu Salisbury war, so
da alle dort versammelten Truppen unter seinem Oberbefehl standen. Es
mu auffallend erscheinen, da zu einem so kritischen Zeitpunkte die
Armee, auf welche Alles ankam, nur einen Augenblick dem Commando eines
jungen Obersten berlassen werden konnte, der weder Talent noch
Erfahrung hatte. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, da diese
Anordnung das Resultat eines geschickt angelegten Planes war, und eben
so wenig kann man darber in Zweifel sein, welchem Kopfe und welchem
Herzen dieser Plan zuzuschreiben ist.

Pltzlich erhielten drei von den in Salisbury stehenden
Kavallerieregimentern Befehl zum Abmarsch nach dem Westen. Cornbury
stellte sich an ihre Spitze und fhrte sie zuerst nach Blandford und
dann nach Dorchester. Von Dorchester brachen sie nach einer kurzen Rast
von einigen Stunden nach Axminster auf. Einige von den Offizieren
begannen Verdacht zu schpfen und verlangten eine Erklrung dieser
sonderbaren Bewegungen. Cornbury antwortete, er habe Befehl, einen
nchtlichen Angriff auf eine Truppenabtheilung zu machen, die der Prinz
von Oranien bei Honiton postirt habe. Doch der Argwohn war einmal rege,
es wurden weitere Fragen gestellt, aber ausweichend beantwortet. Endlich
wurde Cornbury geradezu aufgefordert, seine Instruction vorzuzeigen. Er
sah ein, da es ihm nicht nur unmglich sein wrde, mit allen drei
Regimentern berzugehen, sondern da er sich auch selbst in einer hchst
gefhrlichen Lage befand. In Folge dessen stahl er sich mit einigen
wenigen Begleitern fort in das hollndische Hauptquartier. Der grte
Theil seiner Truppen kehrte nach Salisbury zurck; ein andrer Theil
aber, der von dem Hauptcorps detaschirt worden war und die Absichten des
Befehlshabers nicht ahnete, marschirte bis Honiton. Hier sahen sie sich
inmitten eines zu ihrem Empfange vollstndig gersteten starken
Armeecorps. Widerstand war unmglich. Ihr Anfhrer drang in sie, unter
Wilhelm zu dienen. Es wurde ihnen ein Monatssold als Geschenk angeboten,
und die Meisten nahmen dies an.[111]

Die Nachricht von diesen Vorgngen kam am Fnfzehnten nach London. Jakob
war am Morgen dieses Tages sehr heiterer Laune gewesen. Der Bischof
Lamplugh hatte eben nach seiner Ankunft von Exeter dem Hofe seine
Aufwartung gemacht und war sehr gndig empfangen worden. Mylord, sagte
der Knig zu ihm, Sie sind ein chter alter Kavalier. Lamplugh erhielt
zum Lohn fr seine Loyalitt sofort das schon seit mehr als dritthalb
Jahren erledigte Erzbisthum York. Am Nachmittage, als der Knig sich
eben zu Tisch setzte, kam ein Expresser mit der Nachricht von Cornbury's
Abfall. Jakob erhob sich von der Tafel, ohne die Speisen zu berhren,
geno nichts als eine Brotrinde und ein Glas Wein und zog sich in sein
Privatkabinet zurck. Er erfuhr spter, da nach seinem Weggange aus dem
Speisesaale mehrere anwesende Lords, in die er das grte Vertrauen
setzte, sich in der anstoenden Gallerie die Hnde geschttelt und
einander beglckwnscht hatten. Als die Botschaft der Knigin
mitgetheilt wurde, brach sie mit ihren Damen in Thrnen und Wehklagen
aus.[112]

Der Schlag war allerdings hart. Zwar belief sich der unmittelbare
Verlust der Krone und der unmittelbare Gewinn der Feinde auf kaum
zweihundert Mann und eben so viele Pferde. Aber wo konnte der Knig von
nun an hoffen, diejenigen Gesinnungen zu finden, welche die Strke der
Staaten und der Armeen bilden? Cornbury war der Erbe eines Hauses, das
sich stets durch seine Anhnglichkeit an die Monarchie ausgezeichnet
hatte. Sein Vater Clarendon und sein Oheim Rochester waren Mnner, deren
Loyalitt fr unerschtterlich galt. Wie stark mute das Gefhl sein,
gegen welches die am tiefsten wurzelnden angeerbten Vorurtheile nicht
Stand hielten, das Gefhl, das einen jungen Offizier von vornehmer
Geburt zu einer durch Vertrauensbruch und grobe Falschheit
verschlimmerten Desertion bewegen konnte? Da Cornbury kein besonders
talentvoller und unternehmender Mann war, machte den Vorfall nur noch
beunruhigender. Man konnte unmglich daran zweifeln, da er irgendwo
einen mchtigen und gewandten Verfhrer hatte. Wer dieser Verfhrer war,
das sollte sich bald zeigen. Mittlerweile aber konnte Niemand im
kniglichen Lager sicher sein, da er nicht von Verrthern umgeben war.
Politische Stellung, mititairischer Rang, Kavalierehre, Soldatenehre,
die strksten Betheuerungen, das reinste Adelsblut boten keine
Sicherheit mehr. Jedermann konnte mit Grund zweifeln, ob nicht jeder
Befehl, den er von seinem Vorgesetzten erhielt, den Zwecken des Feindes
dienen sollte. Der pnktliche Gehorsam, ohne den eine Armee nichts als
ein zgelloser Pbelhaufe ist, mute nothwendig vorbei sein. Welche
Disciplin konnte man von Soldaten erwarten, welche eben einer Schlinge
entgangen waren, indem sie sich weigerten, ihren commandirenden Offizier
zu einer geheimen Expedition zu folgen, und indem sie auf Vorzeigung
seiner Befehle drangen?

Cornbury wurde bald durch eine Menge in Rang und Fhigkeiten hoch ber
ihm stehender berlufer untersttzt; einige Tage lang aber stand er
ganz allein mit seiner Schande da und wurde von Vielen, welche nachher
seinem Beispiele folgten und ihn darum beneideten, da er zuerst den
entehrenden Schritt gethan, heftig geschmht. Unter diesen war sein
eigner Vater. Der erste Ausbruch von Clarendon's Zorn und Schmerz war
ergreifend. O Gott! rief er aus, da einer meiner Shne ein Rebell
werden mute! Vierzehn Tage spter entschlo er selbst sich dazu, ein
Rebell zu werden. Man wrde ihm jedoch Unrecht thun, wollte man ihn fr
einen bloen Heuchler erklren. In Revolutionen lebt der Mensch schnell;
die Erfahrung von Jahren drngt sich in wenigen Stunden zusammen; alte
Gewohnheiten im Denken und Handeln werden gewaltsam gebrochen; man wird
mit Neuerungen, die auf den ersten Anblick Entsetzen und Abscheu
erwecken, binnen wenigen Tagen vertraut, man findet sie ertrglich, ja
anziehend. Viele weit tugendhaftere und muthigere Mnner als Clarendon
waren vor dem Schlusse jenes denkwrdigen Jahres zu Handlungen bereit,
die sie am Anfange desselben fr ruchlos und entehrend erklrt haben
wrden.

Der unglckliche Vater trstete sich so gut er konnte und hielt um eine
Privataudienz beim Knige an. Sie wurde ihm bewilligt. Jakob sagte mit
mehr als gewhnlicher Freundlichkeit, da er Cornbury's Verwandte
aufrichtig bedaure und sie von aller Schuld an dem Verbrechen ihres
entarteten Familienmitgliedes durchaus freispreche. Clarendon kehrte
nach Hause zurck und wagte es kaum, seinen Freunden ins Auge zu
blicken. Bald aber erfuhr er zu seinem Erstaunen, da der Schritt, den
er anfangs fr seine Familie auf immer entehrend gehalten hatte, von
vielen hochstehenden Personen gelobt wurde. Seine Nichte, die Prinzessin
von Dnemark, fragte ihn, warum er sich so zurckziehe. Er antwortete
ihr, da die Schndlichkeit seines Sohnes ihn vllig zu Boden drcke.
Anna schien diesen Kummer durchaus nicht zu begreifen. Das Volk, sagte
sie, ist der Herrschaft des Papismus mde. Ich glaube, da Viele von
der Armee das Nmliche thun werden.[113]

Der Knig rief nun in seiner Angst alle noch in London anwesenden hohen
Offiziere zusammen. Churchill, welcher kurz vorher zum Generallieutenant
befrdert worden war, erschien mit der heiteren Ruhe, die weder Gefahr
noch Schande je zu erschttern vermochten. Heinrich Fitzroy, Herzog von
Grafton, der sich unter den natrlichen Kindern Karl'sII. durch seine
Verwegenheit und Thtigkeit auszeichnete, wohnte der Zusammenkunft bei.
Grafton war Oberst des ersten Regiments der Fugarden. Er scheint damals
ganz unter Churchills Einflu gestanden zu haben und war bereit, bei der
ersten gnstigen Gelegenheit die knigliche Fahne zu verlassen. Auerdem
waren noch zwei andere Hochverrther anwesend, Kirke und Trelawney,
welche die damals unter der Bezeichnung der tangerschen Regimenter
bekannten zwei wilden und zgellosen Heerhaufen befehligten. Sie hatten
Beide, wie alle anderen protestantische Offiziere der Armee, die
Parteilichkeit, welche der Knig fr die Mitglieder seiner eigenen
Kirche an den Tag legte, schon seit langer Zeit mit groem Mifallen
betrachtet, und Trelawney erinnerte sich mit bitterem Grolle der
Verfolgung seines Bruders, des Bischofs von Bristol. Jakob hielt eine
Ansprache an die Versammlung, die eines besseren Mannes und einer
besseren Sache wrdig gewesen wre. Es knnte sein, sagte er, da einige
von seinen Offizieren Gewissensbedenken htten, fr ihn zu kmpfen. Wenn
dem so wre, sei er bereit, ihre Patente zurckzunehmen. Aber er
beschwre sie als Gentlemen und Soldaten, das schmachvolle Beispiel
Cornbury's nicht nachzuahmen. Alle schienen tief ergriffen zu sein, am
tiefsten Churchill. Er war der Erste, der mit vortrefflich gespielter
Begeisterung gelobte, da er sein Blut bis auf den letzten Tropfen fr
seinen huldvollen Gebieter zu vergieen bereit sei. Grafton ergo sich
in hnliche laute Betheuerungen und seinem Beispiele folgten auch Kirke
und Trelawney.[114]

    [Anmerkung 111: +Clarke's Life of James the Second, II. 215. Orig.
    Mem.+; +Burnet, I. 790+; +Clarendon's Diary, Nov. 15. 1688+;
    +London Gazette, Nov. 17.+]

    [Anmerkung 112: +Clarke's Life of James the Second, II. 218+;
    +Clarendon's Diary, Nov. 15. 1688+; Citters, 16.(26.) Nov.]

    [Anmerkung 113: +Clarendon's Diary, Nov. 15, 16, 17, 20. 1688.+]

    [Anmerkung 114: +Clarke's Life of James the Second, II. 219. Orig.
    Mem.+]


[_Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments._] Durch diese
Versicherungen getuscht, schickte der Knig sich zum Aufbruch nach
Salisbury an. Vor seiner Abreise wurde er benachrichtigt, da eine
betrchtliche Anzahl weltlicher und geistlicher Peers ihn um eine
Audienz bitten lieen. Sie kamen mit Sancroft an ihrer Spitze um eine
Petition zu berreichen, in der sie um Einberufung eines freien und
gesetzlichen Parlaments und um Einleitung von Unterhandlungen mit dem
Prinzen von Oranien baten.

Die Geschichte dieser Petition ist interessant. Die Idee scheint zwei
wichtigen Parteihuptern, welche lange Nebenbuhler und Feinde gewesen
waren, Rochester und Halifax, zu gleicher Zeit gekommen zu sein. Sie
zogen Beide unabhngig von einander die Bischfe deshalb zu Rathe. Diese
zollten dem Vorschlage warmen Beifall. Es wurde nun darauf angetragen,
eine Generalversammlung der Peers anzuberaumen, um ber die Form der dem
Knige zu berreichenden Adresse zu berathen. Es war gerade Terminzeit
der Gerichtshfe, und zu dieser Zeit war Westminsterhall jeden Tag von
hochgestellten und vornehmen Mnnern angefllt, wie gegenwrtig die
Clubs in Pall Mall und St. James Street. Nichts war leichter, als da
die dort versammelten Lords sich zu einer Berathung in ein Nebenzimmer
begaben. Allein es erhoben sich unerwartete Schwierigkeiten. Halifax
wurde zuerst kalt und dann sogar der Sache abgeneigt. Es lag in seiner
Natur, gegen Alles Einwendungen zu entdecken und in gegenwrtigem Falle
wurde seine Erfindungsgabe durch die Eifersucht noch besonders
geschrft. Der Plan, der seinen Beifall gehabt hatte, so lange er ihn
als seinen eigenen betrachtete, begann ihm zu mifallen, sobald er
entdeckte, da es auch der Plan Rochester's war, der ihm so lange
hinderlich im Wege gestanden und ihn endlich verdrngt hatte, und gegen
den er eine so starke Abneigung empfand, als er bei seinem sanften
Character berhaupt gegen Jemanden empfinden konnte. Nottingham stand
damals bedeutend unter Halifax' Einflusse. Sie erklrten Beide, da sie
die Adresse nicht unterzeichnen wrden, wenn Rochester sie mit
unterzeichnete. Clarendon's Vorstellungen blieben erfolglos. Es ist
nicht meine Absicht, sagte Halifax, Mylord Rochester zu beleidigen,
aber er ist Mitglied der kirchlichen Commission gewesen, die Proceduren
dieses Gerichtshofes werden bald einer strengen Untersuchung unterzogen
werden, und es ist unpassend, da ein Mann, der einen Sitz darin
eingenommen hat, sich an unseren Maregeln betheiligt. Nottingham
sprach unter lebhaften Versicherungen seiner persnlichen Hochachtung
fr Rochester die nmliche Ansicht aus. Die Autoritt der beiden
dissentirenden Lords hielt mehrere andere Kavaliere ab, die Petition zu
unterschreiben; aber die Hyde und die Bischfe blieben bei ihrem
Vorhaben. Es kamen neunzehn Unterschriften zusammen und die Petenten
begaben sich +in pleno+ zu dem Knige.[115]

Er nahm ihre Adresse sehr ungndig auf. Er versicherte zwar, da er
selbst den Zusammentritt eines freien Parlaments dringend wnsche und
versprach ihnen auf sein knigliches Wort, ein solches einzuberufen,
sobald der Prinz von Oranien die Insel wieder verlassen haben wrde.
Aber, setzte er hinzu, wie kann ein Parlament frei sein, so lange ein
Feind im Lande ist und nahe an hundert Stimmen gewinnen kann? Zu den
Prlaten sprach er mit besonderer Gereiztheit. Neulich, sagte er,
konnte ich Sie nicht dazu bewegen, Sich gegen die Invasion zu erklren;
jetzt aber sind Sie vllig bereit, Sich gegen mich zu erklren. Damals
wollten Sie Sich nicht in die Politik mischen; heute tragen Sie kein
Bedenken mehr, Sich in dieselbe zu mischen. Sie haben den Geist der
Emprung unter Ihren Heerden erregt, und jetzt schren Sie ihn noch an.
Sie wrden Ihre Zeit besser anwenden, wenn Sie sie lehrten mir zu
gehorchen, anstatt da Sie mich lehren wollen zu regieren. Sehr
aufgebracht war er auch gegen seinen Neffen Grafton, dessen Name
unmittelbar unter Sancroft's Namen stand, und er sagte mit groer
Heftigkeit zu dem jungen Manne: Sie verstehen nichts von Religion, Sie
kmmern Sich auch gar nicht darum, und doch wollen Sie behaupten, da
Sie ein Gewissen haben! -- Es ist wahr, Sire, erwiederte Grafton mit
schamloser Offenheit, ich habe sehr wenig Gewissen; aber ich gehre
einer Partei an, die sehr viel hat.[116]

So gereizt die Sprache des Knigs gegen die Bischfe selbst war, so
wurde sie doch noch viel bitterer, nachdem sie sich entfernt hatten. In
der Hoffnung, sein pflichtvergessenes und undankbares Volk zufrieden zu
stellen, sagte er, habe er schon viel zu viel gethan. Der Gedanke an
Zugestndnisse sei ihm von jeher verhat gewesen, doch er habe sich
berreden lassen, und jetzt habe er wie sein Vater gesehen, da
Zugestndnisse die Unterthanen nur noch anspruchsvoller machten. Er
wolle nun aber nichts mehr bewilligen, kein Atom, welche letzten zwei
Worte er seiner Gewohnheit nach mehrere Male mit Heftigkeit wiederholte.
Er wolle den Angreifern nicht nur keine Erffnungen machen, sondern auch
keine von ihnen annehmen. Sollten die Hollnder Parlamentaire schicken,
so wrde der erste ohne Antwort zurckgeschickt und der zweite gehngt
werden.[117]

    [Anmerkung 115: +Clarendon's Diary vom 8. bis 17. Nov. 1688.+]

    [Anmerkung 116: +Clarke's Life of James the Second, II. 212. Orig.
    Mem.+; +Clarendon's Diary, Nov. 17. 1688+; Citters, 20.(30.) Nov.;
    +Burnet, I. 791+; +Some Reflections upon the most Humble Petition
    to the King's most Excellent Majesty, 1688+; +Modest Vindication
    of the Petition+; +First Collection of Papers relating to English
    Affairs, 1688.+]

    [Anmerkung 117: Adda, 19.(29.) Nov. 1688.]


[_Der Knig begiebt sich nach Salisbury._] In dieser Stimmung reiste
Jakob nach Salisbury ab. Sein letzter Act vor seiner Abreise war die
Ernennung eines Rathes von fnf Lords, die ihn whrend seiner
Abwesenheit in London vertreten sollten. Zwei davon waren Papisten und
deshalb gar nicht befhigt zu diesem Amte. Ihnen zur Seite stand
Jeffreys, zwar ein Protestant, aber von der Nation mehr verabscheut, als
irgend ein Papist. Gegen die brigen zwei Mitglieder des Collegiums,
Preston und Godolphin, war nichts Erhebliches einzuwenden. An dem Tage,
an welchem der Knig London verlie, wurde der Prinz von Wales nach
Portsmouth geschickt. Diese Festung hatte eine starke Besatzung und
Berwick war Gouverneur. Die von Dartmouth commandirte Flotte lag nahe
zur Hand, und so hoffte man, wenn die Dinge eine unglckliche Wendung
nahmen, den kleinen Prinzen ohne Schwierigkeit von Portsmouth nach
Frankreich bringen zu knnen.[118]

Am Neunzehnten traf der Knig in Salisbury ein und stieg im
bischflichen Palaste ab. Von allen Seiten kamen ihm nun in rascher
Aufeinanderfolge schlimme Nachrichten zu. Die westlichen Grafschaften
hatten sich endlich erhoben. Sobald Cornbury's Abfall bekannt wurde,
faten sich viele reiche Grundeigenthmer ein Herz und eilten nach
Exeter. Unter ihnen befand sich Sir Wilhelm Portman von Bryanstone,
einer der angesehensten Mnner von Dorsetshire, und Sir Franz Warre von
Hestercombe, der in Somersetshire groen Einflu hatte.[119]

    [Anmerkung 118: +Clarke's Life of James, 220, 221.+]

    [Anmerkung 119: +Eachard's History of the Revolution.+]


[_Seymour._] Der Bedeutendste von den Neuangekommenen aber war Seymour,
der unlngst eine Baronetschaft geerbt hatte, welche jedoch seinen Rang
wenig erhhte, und der in Folge seiner Geburt, seines politischen
Ansehens und seiner parlamentarischen Talente entschieden der erste
Torygentleman Englands war. Bei seiner ersten Audienz soll er seinen
characteristischen Stolz in einer Weise geuert haben, die den Prinzen
berraschte und ergtzte. Soviel ich wei, Sir Eduard, sagte Wilhelm,
der sehr artig zu sein glaubte, gehren Sie zur Familie des Herzogs von
Somerset? -- Entschuldigen Sie, Sire, entgegnete Sir Eduard, der nie
verga, da er das Oberhaupt der lteren Linie der Seymour war, der
Herzog von Somerset ist ein Mitglied meiner Familie.[120]

    [Anmerkung 120: Seymour's Antwort an Wilhelm wird von vielen
    Schriftstellern mitgetheilt. Sie hat groe hnlichkeit mit einer
    Anekdote, die man sich von der Familie Manriquez erzhlt. Sie soll
    zu ihrer Devise die Worte gewhlt haben: +Nos no descendemos de
    los Reyes, sino los Reyes descienden de nos. --Carpentariana.+]


[_Wilhelm's Hoflager in Exeter._] Das Hauptquartier Wilhelm's fing nun
an das Aussehen eines Hofes zu gewinnen. Mehr als sechzig angesehene und
vermgende Mnner wohnten in Exeter und die tgliche Schaustellung von
glnzenden Livreen und sechsspnnigen Equipagen auf dem Domplatz verlieh
diesem stillen Orte etwas von dem in Whitehall herrschenden Glanze und
Leben. Das gemeine Volk konnte es kaum erwarten, die Waffen zu
ergreifen, und man htte mit Leichtigkeit mehrere Bataillone Infanterie
bilden knnen. Schomberg aber, der auf frisch vom Pfluge genommene
Soldaten wenig Werth legte, war der Meinung, da, wenn das Unternehmen
nicht ohne solche Hlfe gelingen knne, es berhaupt gar nicht gelingen
wrde, und Wilhelm, der das Kriegshandwerk eben so genau kannte als
Schomberg, theilte diese Ansicht. Es wurden daher nur wenige neue
Regimenter errichtet und nur auserlesene Rekruten dazu genommen.

Man hielt es jetzt fr wnschenswerth, da der Prinz die smmtlichen in
Exeter anwesenden Edelleute und Gentlemen ffentlich empfing. Er hielt
eine kurze, aber wrdevolle und wohl durchdachte Anrede an sie. Er
sagte, er kenne nicht alle um ihn Versammelten persnlich, aber er habe
eine Liste ihrer Namen und wisse, wie hoch sie in der Achtung ihres
Vaterlandes stnden. Er tadelte mit milden Worten ihr sptes Erscheinen,
sprach aber die zuversichtliche Hoffnung aus, da es noch nicht zu spt
sei, das Knigreich zu retten. Somit, schlo er, heien wir Euch,
Gentlemen, Freunde und Mitprotestanten, sowie Eure Begleiter an unsrem
Hofe und in unsrem Lager herzlich willkommen.[121]

Seymour, ein seit langer Zeit an die Parteitaktik gewhnter Staatsmann
von scharfem Blicke, erkannte sogleich, da die Partei, welche sich um
den Prinzen zu schaaren begonnen hatte, der Organisation bedurfte. Bis
jetzt, sagte er, sei sie nur ein Sandhaufen, kein gemeinsamer Zweck sei
ffentlich und feierlich angekndigt worden, Niemand habe sich noch zu
etwas verpflichtet. Sobald die Versammlung in der Dechanei wieder
auseinander gegangen war, lie er Burnet rufen und schlug ihm vor, da
ein Bund gebildet werden und alle englischen Anhnger des Prinzen eine
Urkunde unterzeichnen sollten, durch welche sie sich zur Treue gegen
ihren Fhrer und gegen einander verpflichteten. Burnet theilte diesen
Vorschlag dem Prinzen und Shrewsbury mit, die ihn Beide billigten. Es
wurde eine Versammlung in der Kathedrale gehalten und Burnet legte einen
Entwurf vor, der angenommen und eifrig unterzeichnet wurde. Die
Unterzeichner verpflichteten sich, die in der Erklrung des Prinzen
dargelegten Zwecke einmthig zu verfolgen, ihm und sich selbst
gegenseitig beizustehen, gegen Jeden, der ein Attentat auf seine Person
unternehmen sollte, exemplarische Rache zu ben und selbst wenn ein
solches Attentat unglcklicherweise gelingen sollte, in ihrem
Unternehmen zu beharren, bis die Freiheiten und die Religion des Volks
wirksam gesichert seien.[122]

Um die nmliche Zeit kam ein Bote vom Earl von Bath, der in Plymouth
commandirte, in Exeter an. Bath erklrte, da er seine Person, seine
Mannschaft und die Festung, deren Gouverneur er war, dem Prinzen zur
Verfgung stelle. So hatten die Angreifenden keinen einzigen Feind mehr
im Rcken.[123]

    [Anmerkung 121: +Fourth Collection of Papers, 1688+; Brief von
    Exon; +Burnet, I. 792.+]

    [Anmerkung 122: +Burnet, I. 792+; +History of the Desertion+;
    +Second Collection of Papers, 1688.+]

    [Anmerkung 123: Brief von Bath an den Prinzen von Oranien vom 18.
    Nov. 1688; Dalrymple.]


[_Aufstand im Norden._] Whrend der Westen sich so gegen den Knig
erhob, stand hinter ihm auch schon der ganze Norden in Flammen. Am
Sechzehnten griff Delamere in Cheshire zu den Waffen. Er rief seine
Pchter zusammen, forderte sie auf, ihm beizustehen, versprach ihnen,
da, wenn sie im Kampfe fielen, die Pachtungen ihren Hinterlassenen aufs
neue bewilligt werden sollten, und ermahnte Jeden, der ein gutes Pferd
habe, entweder selbst ins Feld zu ziehen, oder einen Ersatzmann zu
stellen.[124] Er erschien mit funfzig bewaffneten und berittenen Mnnern
in Manchester und bevor er Boaden Downs erreichte, hatte sich seine
Truppe verdreifacht.

Die benachbarten Grafschaften waren in heftiger Ghrung. Es war
festgesetzt worden, da Danby York nehmen und Devonshire in Nottingham
erscheinen sollte. In Nottingham erwartete man keinen Widerstand zu
finden, in York aber lag eine kleine Garnison unter dem Commando Sir
John Reresby's. Danby ging mit groer Klugheit und Umsicht zu Werke. Auf
den 22. November war eine Versammlung der Gentry und der Freisassen von
Yorkshire ausgeschrieben, um eine Adresse wegen der Lage der Dinge an
den Knig zu berathen. Alle Statthaltersubstituten der drei Bezirke,
mehrere Kavaliere und eine Menge reicher Esquires und wohlhabender
Freisassen hatten sich zu dieser Versammlung in der Provincialhauptstadt
eingefunden. Vier Abtheilungen Miliz waren zur Aufrechthaltung der Ruhe
und Ordnung commandirt. Das Rathhaus war gedrngt voll Freisassen und
die Berathung hatte eben begonnen, als sich pltzlich der Ruf vernehmen
lie, die Papisten htten sich erhoben und metzelten die Protestanten
nieder. Die Papisten von York waren viel wahrscheinlicher darauf
bedacht, sich zu verbergen, als einen Feind anzugreifen, der ihnen um
das Hundertfache berlegen war. Aber damals konnte eine Geschichte von
Papistenwuth noch so bernatrlich und wunderbar sein, sie fand dennoch
bereitwilligen Glauben. Die Versammlung ging erschreckt auseinander. Die
ganze Stadt war in Aufruhr. In diesem Augenblicke ritt Danby an der
Spitze von etwa hundert Reitern der Miliz entgegen und erhob den Ruf:
Keinen Papismus! ein freies Parlament! die protestantische Religion!
Die Miliz stimmte ein. In einem Nu war die Garnison berrumpelt und
entwaffnet. Der Gouverneur wurde in Gewahrsam gebracht, die Thore
geschlossen und berall Schildwachen ausgestellt. Man lie den Pbel
ungehindert eine katholische Kapelle niederreien; sonst aber scheint
kein Unfug verbt worden zu sein. Am folgenden Morgen war die Guildhall
von den vornehmsten Gentlemen der Grafschaft und den hchsten
Magistratsbeamten der Stadt angefllt. Der Lordmayor wurde zum
Vorsitzenden ernannt. Danby schlug eine Erklrung vor, in der die Grnde
dargelegt werden sollten, welche die Freunde der Verfassung und der
protestantischen Religion bewogen hatten, zu den Waffen zu greifen.
Diese Erklrung wurde mit allgemeinem Beifall angenommen und war binnen
wenigen Stunden von sechs Peers, fnf Baronets, sechs Rittern und vielen
hochangesehenen Gentlemen unterzeichnet.[125]

Inzwischen verlie Devonshire an der Spitze einer starken Truppe von
Freunden und Untergebenen den Palast, den er eben in Chatsworth bauen
lie, und erschien bewaffnet in Derby. Hier bergab er der stdtischen
Behrde in aller Form eine Schrift, in der die Beweggrnde seines
Unternehmens auseinandergesetzt waren. Dann marschirte er nach
Nottingham, das bald das Hauptquartier des Aufstandes im Norden wurde.
Hier erlie er eine in khnen und harten Ausdrcken abgefate
Proklamation. Das Wort Rebellion, hie es darin, sei ein Popanz, der
keinen verstndigen Mann schrecken knne. Sei es Rebellion, die Gesetze
und den Glauben zu vertheidigen, zu deren Aufrechthaltung jeder
englische Knig sich eidlich verpflichte? Wie dieser Eid neuerdings
gehalten worden sei, darber werde hoffentlich bald ein freies Parlament
entscheiden. Die Insurgenten erklrten, da sie es, bis diese
Entscheidung erfolge, nicht fr Rebellion, sondern nur fr rechtmige
Nothwehr hielten, sich einem Tyrannen zu widersetzen, der kein andres
Gesetz kenne, als seinen Willen. Im Norden gewann der Aufstand mit jedem
Tage eine grere Ausdehnung. Vier mchtige und reiche Earls,
Manchester, Stamford, Rutland und Chesterfield, begaben sich nach
Nottingham, wo sich ihnen Lord Cholmondely und Lord Grey de Ruthyn
anschlossen.[126]

Whrenddem kamen die feindlichen Heere im Sden einander immer nher.
Als der Prinz von Oranien erfuhr, da der Knig in Salisbury angekommen
war, hielt er es fr an der Zeit, Exeter zu verlassen. Er stellte diese
Stadt und ihre Umgegend unter das Commando Sir Eduard Seymour's und
brach Mittwoch den 21. November in Begleitung vieler der angesehensten
Gentlemen der westlichen Grafschaften nach Axminster auf, wo er mehrere
Tage blieb.

Der Knig wnschte sehnlichst, da es zu einem Kampfe kommen mchte, was
offenbar in seinem Interesse lag. Jede Stunde entri ihm etwas von
seiner Strke und vermehrte die seiner Feinde. berdies war es sehr
wichtig, da seine Truppen sich ans Feuer gewhnten. Eine groe
Schlacht, welchen Ausgang sie auch nehmen mochte, konnte die Popularitt
des Prinzen nur vermindern. Dies Alles erkannte Wilhelm sehr wohl und er
nahm sich deshalb vor, einen Zusammensto so lange als mglich zu
vermeiden. Als Schomberg die Nachricht erhielt, da der Feind anrcke
und zu einer Schlacht entschlossen sei, soll er mit der Gelassenheit
eines sich seiner Geschicklichkeit bewuten Taktikers gesagt haben: Das
wird lediglich von uns abhngen. Es war indessen nicht mglich, alles
Scharmtzeln zwischen den Vorposten der beiden Armeen zu verhindern.
Wilhelm wnschte, da bei diesen Scharmtzeln nichts geschah, was den
Stolz der Nation, die er befreien wollte, verletzen oder ihr Rachegefhl
aufstacheln knnte. Daher stellte er mit bewundernswerther Klugheit
seine britischen Regimenter dahin, wo die Wahrscheinlichkeit eines
Zusammenstoes am grten war. Die Vorposten der kniglichen Armee waren
Irlnder, und in Folge dessen hatten die Eingedrungenen bei den kleinen
Gefechten dieses kurzen Feldzugs die aufrichtige Sympathie aller
Englnder fr sich.

    [Anmerkung 124: +First Collection of Papers, 1688+; +London
    Gazette, Nov. 22.+]

    [Anmerkung 125: +Reresby's Memoirs+; +Clarke's Life of James, II.
    231. Orig. Mem.+]

    [Anmerkung 126: +Cibber's Apology+; +History of the Desertion+;
    +Luttrell's Diary+; +Second Collection of Papers, 1688+.]


[_Gefecht bei Wincanton._] Das erste derartige Treffen fand bei
Wincanton statt. Mackay's Regiment, das aus britischen Soldaten bestand,
lag in der Nhe einer Abtheilung irischer Truppen des Knigs, welche ihr
Landsmann, der tapfere Sarsfield, befehligte. Mackay schickte ein
kleines Detachement unter einem Lieutenant Namens Campbell aus, um
Bagagepferde herbeizuschaffen. In Wincanton fand Campbell was er
brauchte, und als er eben die Stadt wieder verlie, um zur Armee
zurckzukehren, rckte eine starke Abtheilung von Sarsfield's Truppen
heran. Die Irlnder waren ihren Gegnern um das Vierfache berlegen,
dennoch aber entschlo sich Campbell bis zum uersten zu kmpfen. Mit
einem Huflein tapferer Mnner stellte er sich auf der Strae auf, und
seine brigen Soldaten besetzten die Hecken zu beiden Seiten der Strae.
Der Feind kam heran. Halt! rief Campbell, fr wen seid Ihr. -- Ich
bin fr Knig Jakob, antwortete der Anfhrer der feindlichen Truppe.
Und ich fr den Prinzen von Oranien, versetzte Campbell. Wir wollen
Euch beprinzen! rief der Irlnder mit einem Fluche. Feuer!
commandirte Campbell, und augenblicklich knatterte ein wohlgezieltes
Feuer hinter den Hecken hervor. Die kniglichen Truppen erhielten drei
krftige Salven, ehe sie das Feuer erwiedern konnten. Endlich gelang es
ihnen, eine der Hecken zu nehmen, und sie wrden die ihnen
entgegenstehende kleine Schaar berwltigt haben, htte nicht das
Landvolk, das die Irlnder grndlich hate, falschen Lrm gemacht, da
noch mehr Truppen des Prinzen anrckten. Sarsfield rief seine Leute ab
und zog sich zurck und Campbell setzte mit den Bagagepferden seinen
Marsch ungehindert fort. Dieses Gefecht, das zwar dem Muthe und der
Disciplin der Armee des Prinzen Ehre machte, wurde durch die Fama zu
einem Siege vergrert, den britische Protestanten ber eine bedeutende
bermacht von papistischen Barbaren davongetragen, welche aus Connaught
herbergeholt worden seien, um unsre Insel zu unterdrcken.[127]

Wenige Stunden nach diesem Scharmtzel ereignete sich ein Vorfall, der
jeder Wahrscheinlichkeit eines ernsten Kampfes zwischen den beiden
Armeen ein Ende machte. Churchill und einige von seinen Hauptcomplicen
befanden sich in Salisbury. Zwei der Verschwornen, Kirke und Trelawney,
hatten sich nach Warminster begeben, wo ihre Regimenter standen. Alles
war reif zur Ausfhrung des lange erwogenen Verraths.

Churchill rieth dem Knige, Warminster zu besuchen und die dort
stehenden Truppen zu inspiciren. Jakob willigte ein und sein Wagen hielt
schon am Thore des bischflichen Palastes, als er mit einem Male
heftiges Nasenbluten bekam. Er mute die Reise aufschieben und sich
einer rztlichen Behandlung unterziehen. Drei Tage vergingen, ehe die
Blutung vllig gestillt war und whrend dieser drei Tage kamen ihm
beunruhigende Gerchte zu Ohren.

Eine so weitverzweigte Verschwrung wie die, an deren Spitze Churchill
stand, konnte unmglich lange streng geheim gehalten werden. Man hatte
zwar keine Beweise, die einer Jury oder einem Kriegsgericht htten
vorgelegt werden knnen, aber es circulirten sonderbare Gerchte im
Lager. Feversham, der das Obercommando fhrte, meldete, da ein
schlechter Geist in der Armee herrsche. Man machte den Knig darauf
aufmerksam, da gewisse Personen seiner nchsten Umgebung nicht seine
Freunde seien und da es nur ein Schritt weiser Vorsicht sein wrde,
wenn er Churchill und Grafton unter Bedeckung nach Portsmouth sendete.
Jakob verwarf diesen Rath. Neigung zum Argwohn gehrte nicht zu seinen
Fehlern. Im Gegentheil, er setzte ein so groes Vertrauen in
Versicherungen der Treue und Anhnglichkeit, wie man es wohl von einem
gutmthigen und unerfahrenen jungen Menschen, nicht aber von einem in
Jahren vorgerckten Staatsmann htte erwarten sollen, der die Welt
kennen gelernt, der von schurkischen Rnken und Intriguen viel zu leiden
gehabt hatte und dessen eigner Character keineswegs ein vortheilhaftes
Muster der menschlichen Natur war. Es drfte schwer sein, einen zweiten
Mann zu finden, der sein Wort so leichtsinnig brach, als Jakob und der
dabei so schwer zu dem Glauben zu bringen war, da Andere ihr Wort gegen
ihn brechen knnten. Nichtsdestoweniger machten ihn die ihm zukommenden
Berichte ber die Stimmung seiner Armee sehr besorgt. Er sehnte sich
jetzt nicht mehr nach einer Schlacht, ja er begann sogar an den Rckzug
zu denken. Samstag Abend, den 24. November berief er einen Kriegsrath
zusammen, dem auch diejenigen Offiziere beiwohnten, gegen die er
ernstlich gewarnt worden war. Feversham sprach sich dahin aus, da der
Rckzug wnschenswerth sei. Churchill stimmte fr das Gegentheil. Die
Berathung dauerte bis Mitternacht. Endlich erklrte der Knig, da er
sich zu dem Rckzuge entschieden habe.

    [Anmerkung 127: +Whittle's Diary+; +History of the Desertion+;
    +Luttrell's Diary.+]


[_Churchill's und Grafton's Abfall._] Churchill bemerkte oder glaubte
zu bemerken, da man ihm nicht traute und vermochte trotz seiner nicht
gewhnlichen Selbstbeherrschung seine Angst nicht zu verbergen. Er
entfloh daher noch vor Tagesanbruch mit Grafton ins Lager des
Prinzen.[128]

Er lie eine schriftliche Erklrung zurck, welche in dem anstndigen
Tone gehalten war, den er bei aller Strafbarkeit und Ehrlosigkeit doch
stets beobachtete. Er erkannte an, da er der Gunst des Knigs Alles
verdanke. Interesse und Dankbarkeit, sagte er, zogen ihn nach der
nmlichen Seite hin. Unter keiner andren Regierung knne er hoffen so
einflureich und mchtig zu werden, als er es gewesen sei; aber alle
solche Rcksichten mten einer hheren Pflicht weichen. Er sei
Protestant und sein Gewissen gestatte ihm nicht, gegen den
Protestantismus das Schwert zu ziehen. brigens aber werde er stets
bereit sein, zur Vertheidigung der geheiligten Person und der
gesetzlichen Rechte seines gndigen Gebieters Gut und Leben
aufzuopfern.[129]

Am nchsten Morgen war im kniglichen Lager Alles in der grten
Bestrzung. Die Freunde des Knigs waren wie vernichtet und seine Feinde
konnten ihre Freude nicht unterdrcken. Jakob's Bestrzung wurde noch
durch Nachrichten vermehrt, welche denselben Tag von Warminster
einliefen. Kirke, welcher dort commandirte, hatte Befehlen, die er von
Salisbury erhalten, den Gehorsam verweigert. Es konnte keinem Zweifel
mehr unterliegen, da auch er mit dem Prinzen von Oranien im Bunde
stand. Es hie, er sei schon mit allen seinen Truppen zum Feinde
bergegangen, und obgleich dieses Gercht falsch war, fand es doch
einige Stunden lang vollen Glauben.[130] Jetzt ging dem unglcklichen
Knige wieder ein neues Licht auf. Er glaubte zu errathen, warum man ihn
vor einigen Tagen gedrngt hatte, Warminster zu besuchen. Er wrde dort
hlflos in der Gewalt der Verschwrer und in der Nhe der feindlichen
Vorposten gewesen, Die, welche es versucht htten ihn zu vertheidigen,
wrden leicht berwltigt und er als Gefangener in das Hauptquartier der
feindlichen Armee gebracht worden sein. Vielleicht wre ein noch
schwrzerer Verrath verbt worden, denn Menschen, die einmal ein
strafbares und gefhrliches Unternehmen begonnen haben, sind nicht mehr
Herren ihrer selbst und werden oft durch ein Verhngni, das einen Theil
ihrer verdienten Strafe bildet, zu Verbrechen getrieben, an die sie
vorher nur mit Schaudern htten denken knnen. Gewi war es das Werk
irgend eines Schutzheiligen, da ein der katholischen Kirche ergebener
Knig in dem Augenblicke, wo er blindlings der Gefangenschaft, ja
vielleicht dem Tode entgegenzueilen im Begriffe war, pltzlich durch
eine Unplichkeit aufgehalten wurde, die er damals als ein Unglck
betrachtete.

    [Anmerkung 128: +Clarke's Life of James, II. 222. Orig. Mem.+:
    Barillon, 21. Nov. (1. Dec.) 1688; +Sheridan MS.+]

    [Anmerkung 129: +First Collection of Papers+, 1688.]

    [Anmerkung 130: Brief von Middleton an Preston aus Salisbury vom
    25. Nov. Schurkerei ber Schurkerei, sagt Middleton, die letzte
    immer grer als die vorhergehende. +Clarke's Life of James, II.
    224. 225, Orig. Mem.+]


[_Rckzug der kniglichen Armee von Salisbury._] Dies Alles bestrkte
Jakob in dem am vorhergehenden Abend gefaten Entschlusse. Es wurde
Befehl zum unverweilten Rckzuge gegeben. Ganz Salisbury war in Aufruhr.
Das Lager wurde mit der Verwirrung einer Flucht abgebrochen. Kein Mensch
wute mehr, wem er trauen und wem er gehorchen sollte. Die materielle
Strke der Armee hatte sich nur unbedeutend vermindert, aber ihre
moralische Kraft war vernichtet. Viele, die sich geschmt haben wrden,
mit dem bertritt zu dem Prinzen voranzugehen, folgten nun bereitwillig
einem Beispiele, das sie nie gegeben haben wrden, und viele Andere, die
zu ihrem Knige gehalten haben wrden, so lange er muthig gegen den
Feind vorzurcken schien, hatten keine Lust, bei einer zurckweichenden
Fahne zu bleiben.[131]

Jakob ging an diesem Tage bis Andover. Sein Schwiegersohn, Prinz Georg,
und der Herzog von Ormond begleiteten ihn. Beide gehrten zu den
Verschwornen und wrden wahrscheinlich mit Churchill geflohen sein,
htte dieser es in Folge der Vorgnge im Kriegsrathe nicht fr rathsam
gehalten, seine Abreise zu beschleunigen. Dem Prinzen Georg kam seine
Geistesbeschrnktheit in diesem Falle besser zu statten, als es Klugheit
gethan haben wrde. Wenn ihm eine Nachricht gemeldet wurde, pflegte er
auf Franzsisch auszurufen: +Est-il possible?+ (ist es mglich?) Diese
Phrase war ihm jetzt sehr ntzlich. +Est-il possible?+ rief er, als
man ihn benachrichtigte, da Churchill und Grafton vermit wurden. Und
als die schlimme Botschaft von Warminster kam, rief er abermals:
+Est-il possible?+

    [Anmerkung 131: +History of the Desertion+; +Luttrell's Diary.+]


[_Abfall des Prinzen Georg und Ormond's._] Prinz Georg und Ormond wurden
in Andover eingeladen, mit dem Knige zu Abend zu speisen. Dies mu eine
traurige Mahlzeit gewesen sein. Der Knig war von seinem Unglck zu
Boden gedrckt, und sein Schwiegersohn war der langweiligste
Gesellschafter, den es geben konnte. KarlII. sagte einmal: Ich habe
den Prinzen Georg nchtern gesehen und habe ihn betrunken gesehen, aber
mag er nchtern oder betrunken sein, es ist nichts an ihm.[132] Ormond,
der whrend seines ganzen Lebens schweigsam und zurckhaltend gewesen,
war in einem solchen Augenblicke gewi auch nicht heiter. Sogleich nach
beendeter Mahlzeit ging der Knig zur Ruhe. Fr den Prinzen und Ormond
standen schon Pferde bereit; sobald sie sich von der Tafel erhoben
hatten, saen sie auf und sprengten davon. In ihrer Begleitung befand
sich der Earl von Drumlanrig, der lteste Sohn des Herzogs von
Queensberry. Der Abfall dieses jungen Kavaliers war kein unwichtiges
Ereigni, denn Queensberry war das Oberhaupt der protestantischen
Episcopalen Schottlands, einer Klasse, im Vergleich zu welcher die
entschiedensten englischen Tories whiggistisch genannt werden konnten,
und Drumlanrig selbst war Oberstlieutenant von Dundee's Regiment, eines
Corps, das die Whigs noch mehr haten, als Kirke's Lmmer. Dieses neue
Unglck wurde dem Knige am nchsten Morgen gemeldet. Er war von der
Nachricht weniger ergriffen, als man hatte erwarten sollen. Der Schlag,
der ihn vierundzwanzig Stunden frher getroffen, hatte ihn auf fast
jedes nur mgliche Unglck vorbereitet, und er konnte dem Prinzen Georg,
der kaum zurechnungsfhig war, unmglich ernstlich zrnen, da er den
Kunstgriffen eines Verfhrers wie Churchill erlegen war. Wie? rief
Jakob, ist +Est-il possible+ auch fort? Nun, im Grunde wrde ein guter
Dragoner ein grerer Verlust gewesen sein.[133] Der Zorn des Knigs
schien sich in der That, und nicht ohne Grund, damals auf eine einzige
Person zu concentriren. Von glhendem Rachedurst gegen Churchill
erfllt, reiste er weiter nach London und erfuhr bei seiner Ankunft
daselbst ein neues Verbrechen des Erzverrthers. Seit einigen Stunden
wurde die Prinzessin Anna vermit.

    [Anmerkung 132: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 643.]

    [Anmerkung 133: +Clarendon's Diary, Nov. 26+; +Clarke's Life of
    James, II. 224+; Prinz Georg's Brief an den Knig ist oft gedruckt
    worden.]


[_Flucht der Prinzessin Anna._] Anna, welche keinen andren Willen als
den der Churchill hatte, war vor acht Tagen durch sie bewogen worden,
eigenhndig dem Prinzen Wilhelm zu versichern, da sie sein Unternehmen
billige. Sie schrieb ihm, da sie ganz in den Hnden ihrer Freunde sei
und ganz nach deren Bestimmung entweder im Palaste bleiben oder in der
Stadt einen Zufluchtsort suchen werde.[134] Am Sonntag, den 25. November
mute sie und Diejenigen, welche fr sie dachten und handelten,
pltzlich einen Entschlu fassen. An diesem Nachmittag brachte ein
Courier von Salisbury die Nachricht, da Churchill verschwunden sei, da
Grafton ihn begleitet habe, da auch Kirke untreu geworden und die ganze
knigliche Armee im vollen Rckzge begriffen sei. Wie gewhnlich, wenn
wichtige Nachrichten, gleichviel ob gute oder schlimme, in der Stadt
anlangten, so versammelte sich auch an diesem Abende eine groe
Menschenmenge in den Gallerien von Whitehall. Neugierde und ngstliche
Spannung sprach aus allen Gesichtern. Die Knigin ergo sich in wohl zu
entschuldigende uerungen des Unwillens ber den Hauptverrther und
schonte dabei auch seine allzu parteiische Gebieterin nicht ganz. An den
Zugngen des Palastflgels, den Anna bewohnte, wurden die Schildwachen
verstrkt. Die Prinzessin war in der grten Angst. In wenigen Stunden
mute ihr Vater in Westminster eintreffen. Da er sie persnlich mit
Strenge behandeln wrde, war nicht anzunehmen, aber sie durfte nicht
hoffen, da er ihr fernerhin den Umgang mit ihrer Freundin gestatten
werde. Es war kaum daran zu zweifeln, da Sara festgenommen und einem
strengen Verhr durch gewandte und rcksichtslose Inquisitoren
unterworfen werden wrde. Jedenfalls wurden ihre Papiere mit Beschlag
belegt, und vielleicht fand man darunter Beweise, die ihr Leben in
Gefahr brachten. In diesem Falle war das Schlimmste zu frchten. Die
Rache des unerbittlichen Knigs kannte keinen Unterschied des
Geschlechts; um viel geringfgigerer Vergehen willen als diejenigen,
deren Lady Churchill mglicherweise berfhrt werden konnte, hatte er
Frauen aufs Schaffott und auf den Scheiterhaufen geschickt. Ihre starke
Zuneigung zu Lady Churchill verlieh dem Geiste der Prinzessin eine
ungewhnliche Energie. Es gab kein Band, das sie um des Gegenstandes
ihrer abgttischen Liebe willen nicht zerrissen, keine Gefahr, der sie
sich fr sie nicht ausgesetzt haben wrde. Eher springe ich aus dem
Fenster, rief sie aus, als da ich mich von meinem Vater hier finden
lasse! Die Freundin bernahm es, ihre Flucht zu bewerkstelligen. Sie
berieth sich in aller Eil mit einigen Oberhuptern der Verschwrung und
binnen wenigen Stunden waren alle Anstalten zur Flucht getroffen. Am
Abend zog sich Anna wie gewhnlich in ihre Gemcher zurck. Sobald es
vllig dunkel geworden war, stand sie auf und schlich leise, von ihrer
Freundin Sara und einigen Kammerfrauen begleitet, im Morgenrock und
Hausschuhen die Hintertreppe hinunter. Die Flchtlinge gelangten
unangefochten auf die Strae, wo ein Miethwagen sie erwartete. Zwei
Mnner bewachten die bescheidene Equipage: Compton, Bischof von London,
der alte Lehrer der Prinzessin, und der prachtliebende, talentvolle
Dorset, den die Gre der ffentlichen Gefahr aus seiner ppigen Ruhe
aufgerttelt hatte. Der Wagen fuhr sogleich nach Aldersgate Street, wo
damals der stdtische Palast der Bischfe von London im Schatten ihrer
Kathedrale stand. Hier brachte die Prinzessin die Nacht zu. Am folgenden
Morgen reiste sie nach dem Eppingwalde ab, wo Dorset ein altes Schlo
besa, das schon vor langer Zeit zerstrt worden ist. In dieser
gastlichen Wohnung, viele Jahre lang der Lieblingsaufenthalt von
Schngeistern und Dichtern, hielten die Flchtlinge eine kurze Rast. Sie
konnten es nicht ohne Gefahr versuchen, Wilhelm's Hauptquartier zu
erreichen, denn der Weg dahin fhrte durch eine von kniglichen Truppen
besetzte Gegend. Es wurde daher beschlossen, da Anna sich zu den
Insurgenten im Norden begeben sollte. Compton legte fr diese Zeit
seinen geistlichen Character vllig ab. Gefahr und Kampf hatten in
seiner Brust wieder das ganze kriegerische Feuer entzndet, das ihn
achtundzwanzig Jahre frher beseelte, als er unter der Leibgarde diente.
In einem Bffelwams und Reiterstiefeln, das Schwert an der Seite und
Pistolen in den Holstern, ritt er vor dem Wagen der Prinzessin her.
Lange vor ihrer Ankunft in Nottingham war sie bereits von einer
Leibwache von Gentlemen umgeben, die sie aus eignem Antriebe
begleiteten. Sie ersuchten den Bischof, sich als Oberst an ihre Spitze
zu stellen, und er erfllte ihren Wunsch mit einer Bereitwilligkeit,
welche bei den strengen Kirchenmnnern groes rgerni erregte und
seinem Rufe selbst in den Augen der Whigs keinen Vortheil brachte.[135]

Als am Morgen des Sechsundzwanzigsten Anna's Gemcher leer gefunden
wurden, war die Bestrzung in Whitehall gro. Whrend ihre Kammerfrauen
jammernd und hnderingend durch die Hfe des Palastes liefen, whrend
Lord Carven, der die Leibgarde zu Fu commandirte, die Wachen in der
Gallerie ausfragte, whrend der Kanzler die Papiere der Churchill
versiegelte, strzte die Amme der Prinzessin in die kniglichen Gemcher
und rief aus, ihre geliebte Herrin sei von den Papisten ermordet worden.
Die Nachricht gelangte nach Westminsterhall. Hier erzhlte man sich,
Ihre Hoheit sei gewaltsam in ein Gefngni gebracht worden. Als es nicht
mehr geleugnet werden konnte, da sie freiwillig entflohen war, wurden
eine Menge Geschichten zur Motivirung ihrer Flucht erdichtet. Sie sei
grblich beleidigt und bedroht, ja sogar von ihrer gefhllosen
Stiefmutter geschlagen worden, obgleich sie sich in Umstnden befand, in
denen eine Frau Anspruch auf eine besonders zarte Behandlung hat. Das
durch eine mehrjhrige schlechte Regierung argwhnisch und reizbar
gemachte Volk wurde durch diese Verleumdungen so aufgebracht, da die
Knigin ihres Lebens kaum sicher war. Viele Katholiken und mehrere
protestantische Tories von erprobter Loyalitt eilten in den Palast, um
sie im Fall eines Ausbruchs vertheidigen zu knnen. Inmitten dieses
Schreckens und Entsetzens kam die Nachricht von der Flucht des Prinzen
Georg. Dem Courier, welcher diese schlimme Botschaft berbrachte, folgte
der Knig selbst auf dem Fue. Es war bereits vllig dunkel, als der
Knig ankam und von dem Verschwinden seiner Tochter unterrichtet wurde.
Nach Allem, was er schon gelitten hatte, prete dieser neue Schlag ihm
einen Jammerschrei aus. Gott stehe mir bei! rief er aus; meine
eigenen Kinder haben mich verlassen![136]

    [Anmerkung 134: Der vom 18. Nov. datirte Brief ist in Dalrymple zu
    finden.]

    [Anmerkung 135: +Clarendon's Diary, Nov. 25, 26. 1688+; Citters,
    26. Nov. (6. Dec.); +Ellis Correspondence, Dec. 19.+; +Duchess of
    Marlborough's Vindication+; +Burnet, I. 792+; Compton, an den
    Prinzen von Oranien, 2. Dec. 1688 in Dalrymple. Das militairische
    Kostm des Bischofs wird in unzhligen Flugschriften und
    Spottgedichten erwhnt.]

    [Anmerkung 136: Dartmouth's Note zu Burnet I. 792: Citters, 26.
    Nov. (6. Dec.) 1688; +Clarke's Life of James, II. 226. Orig.
    Mem.+; +Clarendon's Diary, Nov. 26.+; +Revolution Politics.+]


[_Jakob hlt eine Berathung mit den Lords._] Noch denselben Abend hielt
er mit seinen ersten Ministern eine bis spt in die Nacht dauernde
Berathung. Es wurde beschlossen, da er alle zur Zeit in London
anwesenden geistlichen und weltlichen Lords am folgenden Tage zu sich
entbieten und sie feierlich um Rath fragen sollte. Demgem versammelten
sich die Lords am Dienstag Nachmittag, den 27. November, im Speisesaale
des Palastes. Die Versammlung bestand aus neun Prlaten und zwischen
dreiig und vierzig weltlichen Edelleuten, smmtlich Protestanten. Auch
die beiden Staatssekretre, Middleton und Preston, waren anwesend,
obgleich sie nicht Peers des Reichs waren. Der Knig selbst prsidirte.
Die Spuren schwerer krperlicher und geistiger Leiden waren in seinen
Gesichtszgen und in seiner Haltung deutlich zu erkennen. Er erffnete
die Verhandlung mit der Erwhnung der Petition, die ihm kurz vor seiner
Abreise nach Salisbury berreicht worden war. Der Inhalt dieser Petition
war die Bitte um Einberufung eines freien Parlaments. In seiner
damaligen Lage, sagte er, habe er es nicht fr zweckmig gehalten, der
Bitte zu willfahren. Whrend seiner Abwesenheit von London aber seien
wichtige Vernderungen eingetreten; auch habe er bemerkt, das sein Volk
berall den Zusammentritt der Kammern sehnlichst wnsche. Daher habe er
seine getreuen Peers zu sich entboten, um ihren Rath zu hren.

Es trat eine Pause ein. Dann sagte Oxford, dem sein in Alter und Glanz
unerreichter Stammbaum ein gewisses bergewicht in der Versammlung gab,
seiner Ansicht nach mten die Lords, welche die von Seiner Majestt
erwhnte Petition unterzeichnet htten, ihre Meinungen jetzt
aussprechen.

Diese Worte bestimmten Rochester zu reden. Er vertheidigte die Petition
und erklrte, da er noch immer nirgends eine Hoffnung fr den Thron und
das Land sehe, als in einem Parlament. Er wage es nicht zu behaupten,
da in einer so unheilvollen Bedrngni selbst dieses Mittel wirksamen
Erfolg haben werde; aber er wisse kein andres vorzuschlagen. Er setzte
hinzu, da es rathsam sein drfte, Unterhandlungen mit dem Prinzen von
Oranien zu erffnen. Nach ihm sprachen Jeffreys und Godolphin, und Beide
erklrten sich mit ihm einverstanden.

Jetzt stand Clarendon auf und ergo sich zum Erstaunen Aller, die sich
seiner lauten Loyalittsversicherungen und der heftigen uerungen von
Scham und Schmerz erinnerten, die ihm noch vor wenigen Tagen die
Nachricht von dem Abfalle seines Sohnes entrissen hatte, in eine
Schmhrede gegen Tyrannei und Papismus. Noch in diesem Augenblicke,
sagte er, errichtet Seine Majestt in London ein Regiment, in welches
keine Protestanten aufgenommen werden. -- Das ist nicht wahr! rief
Jakob mit Heftigkeit aus. Clarendon bestand auf seiner Behauptung und
verlie dieses beleidigende Thema nur um auf ein noch beleidigenderes
berzugehen. Er beschuldigte den unglcklichen Knig des Kleinmuths.
Warum sei er nicht in Salisbury geblieben? warum habe er nicht das Glck
einer Schlacht versucht? Knne man es dem Volke verargen, da es sich
dem Angreifer unterwarf, wenn es seinen Knig an der Spitze seiner Armee
davonlaufen sehe? Jakob fhlte diese Vorwrfe tief und verga sie nicht
so bald. In der That, selbst Whigs hielten Clarendon's Sprache fr
unpassend und unedel. Halifax sprach in einem ganz andren Tone. Seit
mehreren Jahren der Gefahr hatte er mit bewundernswrdigem Talent die
brgerliche und kirchliche Verfassung seines Vaterlandes gegen die
Prrogative vertheidigt. Aber sein klarer, fr Begeisterung durchaus
unempfnglicher und Extremen entschieden abgeneigter Verstand begann
sich gerade in dem Augenblicke, wo die grosprecherischen Royalisten,
welche noch vor Kurzem die Trimmers als wenig besser denn Rebellen
verwnscht hatten, sich berall zum Aufstande erhoben, zur Sache des
Knigthums hinzuneigen. Er setzte seine Ehre darein, in diesem
kritischen Augenblicke der Friedensstifter zwischen dem Throne und der
Nation zu werden. Seine Talente und sein Character befhigten ihn zu
diesem Amte und wenn sein Versuch scheiterte, so ist dies Ursachen
zuzuschreiben, gegen die keine menschliche Geschicklichkeit etwas
auszurichten vermochte, ganz besonders der Thorheit, Wortbrchigkeit und
Hartnckigkeit des Frsten, den er zu retten versuchte.

Halifax sprach manche bittere Wahrheit aus, aber mit einer so zarten
Rcksicht, da er sich den Vorwurf der Schmeichelei von Leuten zuzog,
welche viel zu niedrigdenkend waren, als da sie htten begreifen
knnen, da Worte, die mit Recht Schmeichelei genannt werden mgen, wenn
man sie an einen Mchtigen richtet, einer gefallenen Gre gegenber ein
Tribut der Humanitt sind. Er erklrte es unter vielen Versicherungen
von Theilnahme und Ehrerbietung als seine Ansicht, da der Knig sich zu
groen Opfern entschlieen msse. Es sei nicht genug, da er ein
Parlament einberufe und mit dem Prinzen von Oranien in Unterhandlung
trete. Wenigstens einige von den Beschwerden, ber welche die Nation
klage, mten augenblicklich abgestellt werden, ohne darauf zu warten,
bis die Huser oder der Anfhrer des feindlichen Heeres die Abstellung
verlangten. Nottingham erklrte sich in eben so ehrerbietiger Sprache
mit Halifax vollkommen einverstanden. Es waren drei Hauptzugestndnisse,
zu denen die Lords den Knig zu bewegen suchten. Er sollte, sagten sie,
alle Katholiken sofort aus dem Staatsdienste entlassen, sich ganz von
Frankreich lossagen und Denen, welche bewaffnet gegen ihn aufgestanden,
unbedingte Amnestie zusichern. Man sollte denken, da der letzte von
diesen drei Vorschlgen keinen Einwand zugelassen htte. Denn hatten
auch Einige von Denen, die sich gegen den Knig zusammengeschaart, so
gegen ihn gehandelt, da er sich dadurch bitter gekrnkt fhlen mute,
so war es doch viel wahrscheinlicher, da er bald von ihrer Gnade
abhngen wrde, als sie je von der seinigen. Es wre geradezu kindisch
gewesen, mit Wilhelm Unterhandlungen zu erffnen und zu gleicher Zeit
Mnnern, welche Wilhelm nicht im Stiche lassen konnte, ohne eine
Schndlichkeit gegen sie zu begehen, mit Rache zu drohen. Aber der
umwlkte Verstand und der unvershnliche Character Jakob's strubten
sich lange gegen die Grnde der Mnner, die ihn zu berzeugen suchten,
da er wohl daran thun werde, Krnkungen zu verzeihen, die er nicht
bestrafen konnte. Ich kann es nicht thun, rief er aus; ich mu ein
Exempel statuiren, vor Allem an Churchill, den ich so hoch erhoben habe.
Er, und nur er allein hat dies Alles gethan. Er hat meine Armee
verfhrt, er hat meine Tochter verfhrt und er wrde mich ohne den
besonderen Schutz Gottes dem Prinzen von Oranien berliefert haben. Sie
sind auffallend besorgt um die Sicherheit von Verrthern, Mylords;
keiner von Ihnen aber kmmert sich um meine Sicherheit. Als Antwort auf
diesen Ausbruch ohnmchtigen Zornes stellten Diejenigen, welche zur
Amnestie gerathen hatten, mit tiefster Ehrerbietung, aber mit
Entschiedenheit vor, da ein von mchtigen Feinden angegriffener Frst
nur durch einen Sieg oder durch Nachgiebigkeit gerettet werden konnte.
Wenn Eure Majestt nach Allem was geschehen ist noch von den Waffen
Rettung erwartet, so sind wir fertig, wo nicht, knnen Sie nur dadurch
gerettet werden, da Sie die Zuneigung Ihres Volks wieder zu gewinnen
suchen. Nach einer langen und lebhaften Debatte hob der Knig die
Versammlung auf, indem er sagte: Mylords, Sie haben Sich viel Freiheit
herausgenommen, aber ich zrne Ihnen deshalb nicht. In einem Punkte bin
ich zu einem Entschlusse gekommen. Ich werde ein Parlament einberufen.
Die anderen Rathschlge, die Sie mir gegeben haben, sind von ernster
Bedeutung, und Sie werden Sich nicht wundern, wenn ich mir eine Nacht
zur berlegung vorbehalte, ehe ich mich entscheide.[137]

    [Anmerkung 137: +Clarke's Life of James, II. 236: Orig. Mem.+;
    +Burnet I. 794+; +Luttrell's Diary+; +Clarendon's Diary, Nov. 27.
    1688.+ Citters, 27. Nov. (7. Dec.) und 30. Nov. (10. Dec.).
    Citters schpfte seine Angaben offenbar aus Mittheilungen von
    einem der anwesenden Lords. Da der Gegenstand wichtig ist, will
    ich einige kurze Stellen aus seinen Depeschen hier anfhren. Der
    Knig sagte, +Dat het by na voor heem unmogelyck was te
    pardoneren persoonen wie so hoog in syn reguarde schuldig stonden,
    vooral seer uytvarende tegens den Lord Churchill wien hy hadde
    groot gemaakt, en nogtans meynde de eenigste oorsake van alle dese
    desertie en van de retraite van hare Coninglycke Hoogheden te
    wesen.+ Einer von den Lords, wahrscheinlich Halifax oder
    Nottingham, +seer hadde geurgeert op de securiteyt van de lords
    die nu met syn Hoogheyt geengageert staan. Soo hoor ick,+ sagt
    Citters, +dat syn Majesteyt onder anderen soude gesegt hebben:
    Men spreekt al voor de securiteyt voor andere, en niet voor de
    myne. -- Waar op een der Pairs resolut dan met groot respect
    soude geantwoordt hebben dat, so de difficulteyt dan nog te
    surmonteren was, dat het den moeste geschieden door de meeste
    condescendance, en hoe meer die was, en hy genegen om aan de natic
    contentement te geven, dat syne securyteyt ook des te grooter
    soude wesen.+]


[_Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm._] Anfangs schien
Jakob die ausbedungene Bedenkzeit vortrefflich anwenden zu wollen: der
Kanzler erhielt die Weisung, Ausschreiben zur Einberufung eines
Parlaments auf den 13. Januar zu erlassen. Halifax wurde ins knigliche
Kabinet beschieden, hatte eine lange Audienz und sprach mit mehr
Freimuth, als er in Anwesenheit einer zahlreichen Versammlung zu zeigen
fr schicklich gehalten hatte. Es wurde ihm angekndigt, da er zu einem
der Commissare ernannt sei, welche mit dem Prinzen von Oranien
unterhandeln sollten. Nottingham und Godolphin waren ihm beigegeben. Der
Knig erklrte, da er im Interesse des Friedens groe Opfer zu bringen
bereit sei. Halifax antwortete ihm darauf, da es auch ohne Zweifel
groer Opfer bedrfen werde. Eure Majestt, sagte er, darf nicht
erwarten, da Diejenigen, welche die Macht in Hnden haben, auf
Bedingungen eingehen werden, welche die Gesetze in die Gewalt der
Prrogative geben. Mit dieser deutlichen Erklrung seiner Ansichten
nahm er den Auftrag an, den der Knig ihm ertheilen wollte.[138] Jetzt
wurden die vor wenigen Stunden noch hartnckig verweigerten
Zugestndnisse auf das Bereitwilligste gewhrt. Es wurde eine
Proklamation erlassen, durch welche der Knig nicht nur Allen, die sich
gegen ihn emprt hatten, unbedingte Verzeihung zusicherte, sondern sie
sogar als whlbar fr das bevorstehende Parlament erklrte. Nicht einmal
die Niederlegung der Waffen wurde als Bedingung der Whlbarkeit
gestellt. Dieselbe Nummer der Gazette, welche den bevorstehenden
Zusammentritt der Huser anzeigte, enthielt auch die Ankndigung, da
Sir Eduard Hales, der als Papist, als Renegat, als Hauptvorkmpfer fr
die Dispensationsgewalt und als der strenge Kerkermeister der Bischfe
einer der unpopulrsten Mnner des ganzen Reichs war, nicht mehr
Gouverneur des Tower sei und seinen krzlichen Gefangenen Bevil Skelton,
der zwar in der Achtung seiner Landsleute eben nicht hoch stand, aber
wenigstens nicht gesetzlich vom Staatsdienste ausgeschlossen war, zum
Nachfolger erhalten habe.[139]

    [Anmerkung 138: Brief des Bischofs von St. Asaph an den Prinzen
    von Oranien vom 17. Dec. 1688.]

    [Anmerkung 139: +London Gazette, Nov. 29., Dec. 3. 1688+;
    +Clarendon's Diary, Nov. 29, 30+]


[_Die Unterhandlung eine Finte._] Diese Zugestndnisse hatten jedoch nur
den Zweck, die Lords und die Nation ber die wahren Absichten des Knigs
zu tuschen. Im Stillen hatte er sich vorgenommen, selbst in dieser
uersten Bedrngni nicht nachzugeben. An dem nmlichen Tage, an
welchem er das Amnestiedecret erlie, sprach er seine wirklichen
Gesinnungen offen gegen Barillon aus. Diese Unterhandlung, sagte
Jakob, ist eine bloe Finte. Ich mu Commissare an meinen Neffen
senden, damit ich Zeit gewinne, um meine Frau und den Prinzen von Wales
fortschaffen zu knnen. Sie kennen die Stimmung meiner Truppen. Nur die
Irlnder werden mir treu bleiben, und sie sind nicht stark genug, um dem
Feinde Widerstand zu leisten. Ein Parlament wrde mir Bedingungen
vorschreiben, die ich nicht ertragen knnte. Ich wrde Alles was ich fr
die Katholiken gethan habe, wieder zurcknehmen, und mit dem Knige von
Frankreich brechen mssen. Sobald daher die Knigin und mein Kind in
Sicherheit sind, werde ich England verlassen und mich nach Irland,
Schottland oder zu Ihrem Gebieter flchten.[140]

Jakob hatte bereits die nthigen Anstalten zur Ausfhrung dieses Planes
getroffen. Dover war mit Instructionen, fr den Prinzen von Wales zu
sorgen, nach Portsmouth geschickt worden, und Dartmouth, welcher die
dort liegende Flotte befehligte, hatte Ordre erhalten, allen Anordnungen
Dover's in Betreff des Kronprinzen Folge zu leisten und eine mit
zuverlssigen Matrosen bemannte Yacht bereit zu halten, damit sie jeden
Augenblick nach Frankreich unter Segel gehen knnte.[141] Jetzt sandte
der Knig den bestimmten Befehl ab, da der Prinz augenblicklich nach
dem nchsten Hafen des Continentes gebracht werden solle.[142] Nchst
dem Prinzen von Wales war der Hauptgegenstand seiner Sorge das groe
Staatssiegel. Diesem Symbole der kniglichen Autoritt haben unsere
Juristen jederzeit eine besondere, fast geheimnivolle Wichtigkeit
beigelegt Man ist der Ansicht, da, wenn der Siegelbewahrer es auch ohne
knigliche Genehmigung einem Peerspatent oder einer Begnadigung
aufdrckt, er sich zwar eines schweren Vergehens schuldig macht, die
Gltigkeit des Instruments aber von keinem Gerichtshofe angefochten und
nur durch eine Parlamentsacte annullirt werden kann. Jakob frchtete
wahrscheinlich, da seine Feinde dieses Organ seines Willens in die
Hnde bekommen und dadurch Maregeln, die ihn nachtheilig berhren
knnten, gesetzliche Gltigkeit geben knnten. Seine Besorgnisse knnen
auch nicht unbegrndet erscheinen, wenn man bedenkt, da gerade hundert
Jahre spter das groe Siegel eines Knigs mit Bewilligung der Lords und
der Gemeinen und unter Gutheiung von Seiten vieler groen Staatsmnner
und Juristen zu dem Zwecke benutzt wurde, um seine Hoheitsrechte auf
seinen Sohn zu bertragen. Damit der Talisman, der so furchtbare Krfte
besa, nicht in unrechte Hnde komme, beschlo Jakob, ihn wenige
Schritte von seinem Kabinet aufzubewahren. Jeffrey's erhielt zu dem Ende
Befehl, sein erst krzlich mit groem Kostenaufwande erbautes Haus in
Duke Street zu verlassen und ein kleines Apartement in Whitehall zu
beziehen.[143]

Der Knig hatte bereits alle Anstalten zur Flucht getroffen, als ein
unerwartetes Hinderni ihn zwang, die Ausfhrung seines Vorhabens
aufzuschieben. Seine Agenten in Portsmouth fingen an Bedenklichkeiten zu
hegen. Selbst Dover lie, obgleich er Mitglied der jesuitischen Cabale
war, Zeichen von Unschlssigkeit merken. Noch weniger war Dartmouth
geneigt, den Wnschen des Knigs zu willfahren. Er war bisher dem Throne
treu gewesen und hatte mit einer migestimmten Flotte und bei widrigem
Winde sein Mglichstes gethan, um die Landung der Hollnder in England
zu verhindern; aber er war ein eifriges Mitglied der anglikanischen
Kirche und durchaus nicht befreundet mit der Politik der Regierung,
welche zu vertheidigen er fr eine Pflicht und eine Ehrensache hielt.
Die meuterische Stimmung der unter seinem Befehle stehenden Offiziere
und Mannschaften hatte ihm viel zu schaffen gemacht und die Nachricht
von der Einberufung eines freien Parlaments und der Ernennung von
Commissaren, welche mit dem Prinzen von Oranien unterhandeln sollten,
hatte ihn sehr erfreut. Die ganze Flotte gab ihre Freude darber laut zu
erkennen. An Bord des Admiralschiffs wurde eine Adresse entworfen,
welche dem Knige fr diese der ffentlichen Meinung gemachten gndigen
Zugestndnisse den wrmsten Dank aussprach. Der Admiral unterzeichnete
zuerst und achtunddreiig Kapitne schrieben ihre Namen unter den
seinigen. Dieses Schriftstck kreuzte sich auf dem Wege nach Whitehall
mit dem Boten, der den Befehl nach Portsmouth brachte, da der Prinz von
Wales unverzglich nach Frankreich bergefhrt werden sollte. Dartmouth
erkannte nun mit bitterem Schmerz und Unwillen, da das freie Parlament,
die allgemeine Amnestie und die Unterhandlung nur Theile eines gegen die
Nation zu verbenden groartigen Betrugs waren und da er bei diesem
Betruge eine Rolle spielen sollte.

    [Anmerkung 140: Barillon, 1.(11.) Dec. 1688.]

    [Anmerkung 141: Jakob an Dartmouth, 25. Nov. 1688. Die Briefe
    findet man in Dalrymple.]

    [Anmerkung 142: Jakob an Dartmouth, 1. Dec. 1688.]

    [Anmerkung 143: +Luttrell's Diary+.]


[_Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich zu
senden._] In einem ergreifenden und mnnlichen Schreiben erklrte er,
da er in seinem Gehorsam schon so weit gegangen sei, als ein Protestant
und Englnder nur irgend gehen knne. Den muthmalichen Erben der
britischen Krone den Hnden Ludwigs zu berliefern, wrde nichts
Geringeres als ein Verrath gegen die Monarchie sein. Die dem Knige nur
zu sehr schon entfremdete Nation wrde aufs uerste erbittert werden.
Der Prinz von Wales wrde entweder gar nicht, oder in Begleitung einer
franzsischen Armee zurckkehren. Wenn Seine Knigliche Hoheit auf der
Insel bliebe, so wre das Schlimmste was zu befrchten stnde, da er
als Mitglied der Landeskirche erzogen wrde, und jeder loyale Unterthan
mte den Himmel bitten, da dies geschehen mchte. Er schlo mit der
Erklrung, da er bereitwillig sein Leben zur Vertheidigung des Thrones
opfern werde, sich aber nimmermehr an der berfhrung des Prinzen nach
Frankreich betheiligen knne.[144]

Dieser Brief warf alle Plne Jakob's ber den Haufen. Zu gleicher Zeit
erfuhr er, da er bei dieser Gelegenheit nicht einmal passiven Gehorsam
voll seinem Admiral erwarten durfte, denn Dartmouth war so weit
gegangen, da er mehrere Sloops am Eingange des Hafens aufgestellt,
welche Befehl hatten, kein Schiff ununtersucht passiren zu lassen. Der
Plan mute somit abgendert werden. Das Kind mute nach London
zurckgebracht und von hier aus nach Frankreich befrdert werden. Dies
konnte aber erst nach Verlauf mehrerer Tage geschehen, und whrend
dieser Zwischenzeit mute die ffentliche Meinung durch die Hoffnung auf
ein Parlament und durch eine Scheinunterhandlung hingehalten werden. Die
Ausschreiben zu den Wahlen wurden erlassen. Zwischen der Hauptstadt und
dem hollndischen Hauptquartier gingen Trompeter hin und her. Endlich
kamen auch die Psse fr die kniglichen Commissare und die drei Lords
traten ihre Gesandtschaftsreise an.

    [Anmerkung 144: +Second Collection of Papers+, 1688; Dartmouth's
    Brief, datirt vom 3. Dec. 1688 findet sich in Dalrymple; +Clarke's
    Life of James, II. 233. Orig. Mem.+ Jakob beschuldigt Dartmouth,
    die Flotte zu einer Adresse um Einberufung eines Parlaments
    bestimmt zu haben. Dies ist eine grundlose Verleumdung. Die
    Adresse ist eine Dankadresse an den Knig dafr, da er ein
    Parlament einberufen, und war bereits abgefat, ehe Dartmouth die
    entfernteste Ahnung davon hatte, da Seine Majestt die Nation
    hintergehen wollte.]


[_Aufregung in London._] Die Hauptstadt war bei ihrer Abreise in einem
Zustande furchtbarer Ghrung. Die Leidenschaften, welche im Laufe dreier
unruhiger Jahre nach und nach immer heftiger geworden, zeigten sich
jetzt, wo sie von dem Zgel der Furcht befreit und durch Sieg und
Sympathie aufgestachelt waren, unverhohlen, selbst im Bereiche des
kniglichen Schlosses. Die groe Jury von Middlesex nahm eine Anklage
gegen den Earl von Salisbury, weil er Papist geworben war, an.[145] Der
Lordmayor lie bei den Katholiken der City eine Haussuchung nach Waffen
halten. Der Pbel strmte das Haus eines dem verhaten Glauben
anhngenden achtbaren Kaufmanns, um sich zu berzeugen, ob er nicht von
seinem Keller aus unter die benachbarte Pfarrkirche eine Mine angelegt
habe, um den Geistlichen mit der Gemeinde in die Luft zu sprengen.[146]
Die Ausrufer schrien in den Straen einen Aufruf zur Festnehmung Pater
Petre's aus, der seine Gemcher im Palaste gerade noch zur rechten Zeit
verlassen hatte.[147] Wharton's berhmtes Lied wurde mit vielen neu
hinzugefgten Versen lauter als je in allen Straen der Hauptstadt
gesungen. Selbst die Schildwachen des Palastes sangen auf ihrer Runde:

  Der Englnder auf den Untergang des Papismus trinkt,
  Lillibullero bullen a la.

    [Anmerkung 145: +Luttrell's Diary+.]

    [Anmerkung 146: Adda, 7.(17.) Dec. 1688.]

    [Anmerkung 147: Der Nuntius sagt: +Se lo avesse fatto prima di
    ora, per il R ne sarebbe stato meglio.+]


[_Falsche Proklamation._] Die geheimen Pressen von London waren
unausgesetzt in Thtigkeit. Tagtglich kamen Flugschriften durch Mittel
und Wege in Circulation, welche die Behrden nicht entdecken konnten
oder nicht hindern wollten. Eine davon ist durch die Gewandtheit und
verwegene Rcksichtslosigkeit, mit der sie geschrieben war, sowie durch
den ungeheuren Eindruck, den sie machte, der Vergessenheit entrissen
worden. Sie gab sich fr eine ergnzende Erklrung von der Hand und
unter dem Siegel des Prinzen von Oranien aus, war aber in einem ganz
andren Style gehalten als sein chtes Manifest. Allen Papisten, die es
wagen sollten, sich der kniglichen Sache anzuschlieen, war mit einer
bei christlichen und civilisirten Nationen unbekannten Rache gedroht.
Sie sollten nicht als Soldaten oder Gentlemen, sondern wie Freibeuter
behandelt werden. Das bis jetzt durch eine starke Hand im Zaume
gehaltene Heer der Feinde sollte in seiner ganzen Wildheit und
Zgellosigkeit auf sie gehetzt werden. Die guten Protestanten,
namentlich diejenigen, welche die Hauptstadt bewohnten, wurden bei Allem
was ihnen theuer sei beschworen und bei Strafe des allerhchsten
Mifallens des Prinzen angewiesen, ihre katholischen Nachbarn
festzunehmen, zu entwaffnen und einzusperren. Das Manuscript dieser
Schrift war angeblich von einem whiggistischen Buchhndler eines Morgens
unter seiner Ladenthr gefunden worden. Er beeilte sich, es drucken zu
lassen. Viele Exemplare wurden mit der Post versandt und gingen rasch
von Hand zu Hand. Scharfsichtige Leute erkannten es jedoch ohne Mhe als
das falsche Machwerk irgend eines unruhigen und characterlosen
Abenteurers, wie sie in bewegten Zeiten stets bei den unreinsten und
schwrzesten Parteiumtrieben thtig sind. Der groe Haufe aber lie sich
vollkommen tuschen. Der nationale und religise Abscheu gegen die
irischen Papisten war in der That so stark erregt, da die Mehrzahl von
Denen, welche die Proklamation fr cht hielten, sie als eine ganz
zeitgeme Entfaltung von Energie mit Beifall begrten. Als es bekannt
wurde, da ein solches Dokument von Wilhelm selbst nicht ausgegangen
war, fragte man neugierig, wer wohl der Betrger sein mchte, der so
khn und so glcklich die Rolle des Prinzen gespielt hatte. Einige
hatten Ferguson, Andere Johnson im Verdacht, bis endlich nach Verlauf
von siebenundzwanzig Jahren Hugo Speke sich zum Autor der Flschung
bekannte und fr diesen der protestantischen Religion geleisteten groen
Dienst vom Hause Braunschweig eine Belohnung verlangte. Er behauptete in
dem Tone eines Mannes, der etwas hchst Lobenswerthes und Ehrenvolles
gethan zu haben glaubt, er habe, als die hollndische Invasion Whitehall
in Bestrzung versetzt, dem Hofe seine Dienste angeboten, habe
vorgegeben, mit den Whigs zerfallen zu sein und sich erboten, bei ihnen
den Spion zu spielen. So habe er Zutritt in das knigliche Kabinet
erlangt, habe Treue gelobt, dafr das Versprechen groer Geldbelohnungen
erhalten und sich Geleitsbriefe verschafft, die ihn in den Stand
setzten, die feindlichen Linien zu passiren. Dies Alles versicherte er
nur in der Absicht gethan zu haben, damit er, ohne in Verdacht zu
kommen, der Regierung einen tdtlichen Streich versetzen und einen
heftigen Ausbruch des Nationalgefhls gegen die Katholiken herbeifhren
konnte. Die falsche Proklamation erklrte er fr sein Werk; ob sie dies
aber wirklich war, drfte in Zweifel zu ziehen sein. Er machte seinen
Anspruch so spt erst geltend, da wir mit Recht vermuthen drfen, er
habe auf den Tod Derer gewartet, die ihn widerlegen konnten; auch berief
er sich auf kein andres Zeugni als sein eignes.[148]

    [Anmerkung 148: Siehe die +Secret History of the Revolution+, von
    Hugo Speke, 1715. In der Londoner Bibliothek befindet sich ein
    Exemplar dieses seltenen Werks mit einer handschriftlichen Note,
    welche von Speke selbst herzurhren scheint.]


[_Aufstnde in verschiedenen Theilen des Landes._] Whrend dies in
London vorging, brachte jede Post aus jedem Theile des Landes die
Nachricht von einem neuen Aufstande. Lumley hatte sich Newcastle's
bemchtigt und die Bewohner hatten ihn freudig willkommen geheien. Die
Statue des Knigs, die auf einem hohen Piedestale von Marmor stand, war
umgerissen und in den Tyne gestrzt worden. In Hull erinnerte man sich
noch lange des 3. Decembers als des Jahrestages der Einnahme der Stadt.
In dieser Stadt lag eine Garnison unter den Befehlen Lord Langdale's,
eines Katholiken. Die protestantischen Offiziere entwarfen im
Einverstndni mit dem Magistrat den Plan zu einem Aufstande; Langdale
und seine Anhnger wurden festgenommen und Soldaten und Brger erklrten
sich gemeinsam fr die protestantische Religion und ein freies
Parlament.[149]

Inzwischen hatten sich auch die rtlichen Grafschaften erhoben. Der
Herzog von Norfolk erschien mit einem Gefolge von dreihundert
bewaffneten und berittenen Gentlemen auf dem stattlichen Marktplatze von
Norwich. Hier begrten ihn der Mayor und die Aldermen und
verpflichteten sich, ihm gegen Papismus und Willkrherrschaft
beizustehen.[150] Lord Herbert von Cherbury und Sir Eduard Harley
griffen in Worcestershire zu den Waffen.[151] Bristol, die zweite Stadt
des Reichs, ffnete Shrewsbury ihre Thore. Trelawney, der Bischof, der
im Tower das Prinzip des Nichtwiderstandes vllig verlernt hatte, war
der Erste, der die Truppen des Prinzen bewillkommnete. Die Stimmung der
Einwohner war so, da man es fr unnthig hielt, eine Garnison unter
ihnen zurckzulassen.[152] Das Volk von Gloucester erhob sich ebenfalls
und befreite Lovelace aus dem Gefngni. Es sammelte sich bald ein
irregulres Truppencorps um ihn. Einige von seinen Reitern hatten nur
Stricke anstatt der Zgel und viele von seinen Fusoldaten hatten keine
andre Waffe als einen Knotenstock. Aber diese Truppe marschirte
unangefochten durch Grafschaften, welche einst dem Hause Stuart ergeben
waren, und zog endlich triumphirend in Oxford ein. Die Behrden
bewillkommneten die Aufstndischen mit feierlichem Geprnge. Selbst die
durch neuerliche Krnkungen noch erbitterte Universitt war nicht
geneigt, den Aufstand zu tadeln. Schon hatten die Oberhupter
angesehener Familien eines ihrer Mitglieder abgesandt, um den Prinzen
von Oranien zu versichern, da sie aufrichtig fr ihn seien und ihm gern
ihr Silbergerth zum Einschmelzen berlassen wrden. Der whiggistische
Anfhrer ritt daher unter allgemeinem Jubel durch die Hauptstadt des
Toryismus. Vor ihm her schlugen die Tambours den Lillibullero. Hinter
ihm folgte ein langer Zug von Reiterei und Fuvolk. Ganz High Street war
mit orangefarbenen Bndern freundlich geschmckt, denn das orangefarbene
Band hatte bereits die doppelte Bedeutung, die es noch jetzt, nach
Verlauf von hundertsechzig Jahren besitzt. Es war schon fr den
protestantischen Englnder das Sinnbild der brgerlichen und religisen
Freiheit, fr den katholischen Celten das Sinnbild der Unterjochung und
Verfolgung.[153]

Whrend sich so rings um den Knig Feinde erhoben, wichen die Freunde
mehr und mehr von seiner Seite. Jedermann hatte sich mit dem Gedanken
des Widerstandes vertraut gemacht. Viele, die mit Abscheu die Nachricht
von den ersten Abfllen vernommen, machten sich jetzt Vorwrfe, da sie
die Zeichen der Zeit so spt erkannt hatten. Man konnte jetzt ohne
Schwierigkeit und Gefahr mit Wilhelm verkehren. Indem der Knig die
Nation zur Erwhlung von Vertretern aufforderte, hatte er Jedermann
stillschweigend ermchtigt, sich an diejenigen Orte zu begeben, wo er
Stimmen oder Einflu hatte, und viele von diesen Orten waren schon von
Truppen Wilhelm's oder von Insurgenten besetzt. Clarendon ergriff
begierig diese Gelegenheit, um sich von der verlornen Sache loszusagen.
Er wute, da er mit seiner Rede in der berathenden Versammlung der
Peers unverzeihlichen Ansto gegeben hatte, und es verdro ihn, da er
nicht mit zum kniglichen Commissar ernannt worden war. Er hatte
Besitzungen in Wiltshire. Er beschlo, da sein Sohn, von dem er noch
unlngst mit tiefem Schmerz und Abscheu gesprochen, ein Wahlcandidat fr
diese Grafschaft werden sollte und unter dem Vorwande, fr diese Wahl
die nthigen Veranstaltungen zu treffen, begab er sich nach dem Westen.
Seinem Beispiele folgte sehr bald der Earl von Oxford und Andere, welche
bisher jede Connection mit der Unternehmung des Prinzen von sich
gewiesen hatten.[154]

Inzwischen waren die Eingedrungenen, langsam aber unaufgehalten
vorrckend, der Hauptstadt bis auf siebzig Meilen nahe gekommen.
Obgleich die Mitte des Winters vor der Thr war, hatte man doch schnes
Wetter, der Weg war angenehm und die grnen Wiesen der Ebene von
Salisbury erschienen den Truppen, die sich durch die kothigen Gleise der
Landstraen von Devonshire und Somersetshire hindurchgearbeitet hatten,
von ppiger Weichheit. Der Marsch der Armee ging ber Stonehenge, wo ein
Regiment nach dem andren Halt machte, um diese geheimnivolle Ruine
anzusehen, die auf dem ganzen Continent als das grte Wunder unsrer
Insel bekannt ist. Wilhelm zog mit demselben militairischen Pomp, den er
in Exeter entfaltet hatte, in Salisbury ein und stieg in dem Palaste ab,
den wenige Tage zuvor der Knig bewohnt hatte.[155]

    [Anmerkung 149: +Brand's History of Newcastle+; +Tickell's History
    of Hull.+]

    [Anmerkung 150: Ein Bericht ber die Vorgnge in Norwich findet
    sich noch in mehreren Sammlungen in der Originalschrift. Siehe
    auch die +Fourth Collection of Papers, 1688+.]

    [Anmerkung 151: +Clarke's Life of James, II. 233+;
    Handschriftliches Memoir der Familie Harley in der
    Mackintosh-Sammlung.]

    [Anmerkung 152: Citters, 9.(19.) Dec. 1688; Brief des Bischofs von
    Bristol an den Prinzen von Oranien vom 5. Dec. 1688, in
    Dalrymple.]

    [Anmerkung 153: Citters, 27. Nov. (7. Dec.) 1688; +Clarendon's
    Diary, Dec. 11+; +Song on Lord Lovelace's entry into Oxford,
    1688+; +Burnet I. 793.+]

    [Anmerkung 154: +Clarendon's Diary, Dec. 2, 3, 4, 5. 1688.+]

    [Anmerkung 155: +Whittle's Exact Diary+; +Eachard's History of the
    Revolution.+]


[_Clarendon schliet sich in Salisbury dem Prinzen an._] Hier wurde sein
Gefolge durch die Earls von Clarendon und von Oxford und andere
hochgestellte Mnner vermehrt, welche noch vor einigen Tagen als eifrige
Royalisten betrachtet worden waren. Auch Citters erschien im
hollndischen Hauptquartier. Er war seit einigen Wochen in seinem Hause
bei Whitehall unter der bestndigen Aufsicht einander ablsender Spione
fast ein Gefangener gewesen. Doch trotz dieser Spione und vielleicht mit
ihrer Beihlfe hatte er sich von Allem was im Palast vorging genaue
Kenntni zu verschaffen gewut und er kam nun mit werthvollen Notizen
ber Menschen und Dinge reich versehen, um Wilhelm durch seinen Rath zu
untersttzen.[156]

    [Anmerkung 156: Citters, 20.(30.) Nov., 9.(19.) Dec. 1688.]


[_Spaltung im Lager des Prinzen._] Bis hieher hatte die Unternehmung des
Prinzen einen die sanguinischesten Hoffnungen bertreffenden glcklichen
Fortgang gehabt. Jetzt aber begann das Glck nach dem allgemeinen
Gesetz, das die irdischen Dinge regiert, Uneinigkeit zu erzeugen. Die in
Salisbury versammelten Englnder spalteten sich in zwei Parteien. Die
eine davon bestand aus Whigs, welche die Lehren vom passiven Gehorsam
und vom unveruerlichen Erbrechte stets als knechtischen Aberglauben
betrachtet hatten. Viele von ihnen hatten Jahre lang im Exil zugebracht.
Alle waren lange von jedem Antheil an den Gunstbezeigungen der Krone
ausgeschlossen gewesen. Jetzt frohlockten sie ber die nahe Aussicht auf
Gre und Rache. Von glhendem Zorne beseelt und von Sieg und Hoffnung
aufgeblht, wollten sie von keinem Vergleiche hren. Nur die Absetzung
ihres Todfeindes konnte sie zufriedenstellen, und es lt sich nicht
leugnen, da sie hierin durchaus consequent waren. Neun Jahre frher
hatten sie sich bemht, ihn vom Throne auszuschlieen, weil sie
frchteten, da er ein schlechter Knig werden mchte, und nachdem er
sich als ein viel schlechterer Knig erwiesen, als irgend ein
vernnftiger Mensch es htte vermuthen knnen, durfte man wohl kaum
erwarten, da sie ihn gutwillig auf dem Throne lassen wrden.

Auf der andren Seite waren nicht wenige von Wilhelm's Anhngern eifrige
Tories, welche bis vor ganz Kurzem die Lehre vom Nichtwiderstande in der
absolutesten Form aufrechterhalten, deren Glaube an diese Lehre aber
einen Augenblick durch die heftigen Leidenschaften erschttert worden
war, welche die Undankbarkeit des Knigs und die Gefahr der Kirche in
ihnen geweckt hatten. Keine Lage konnte peinlicher und bengstigender
sein, als die des alten Kavaliers, der mit bewaffneter Hand dem Throne
gegenberstand. Die Gewissensscrupel, die ihn nicht abgehalten hatten,
sich in das hollndische Lager zu begeben, begannen ihn furchtbar zu
qulen, sobald er sich dort befand. Eine innere Stimme sagte ihm, da er
ein Verbrechen begangen habe. Jedenfalls hatte er sich Vorwrfen
ausgesetzt, indem er im directen Widerspruch mit den erklrten
Prinzipien seines ganzen Lebens handelte. Er empfand einen
unberwindlichen Widerwillen gegen seine neuen Verbndeten. Es waren
Leute, die er, so lange er denken konnte, geschmht und verfolgt hatte:
Presbyterianer, Independenten, Anabaptisten, alte Soldaten Cromwell's,
kecke Burschen Shaftesbury's, Theilnehmer am Ryehousecomplot, gewesene
Anfhrer des Aufstandes im Westen. Natrlich wnschte er eine Ausflucht
zu finden, die sein Gewissen beruhigen, seine Consequenz rechtfertigen
und zwischen ihm und der groen Masse schismatischer Rebellen, die er
stets verachtet und verabscheut hatte, mit denen er aber jetzt in eine
Kategorie geworfen zu werden frchten mute, eine Scheidewand ziehen
konnte. Er verwahrte sich daher entschieden gegen den Gedanken, die
Krone von dem gesalbten Haupte nehmen zu wollen, das der Wille des
Himmels und die Grundgesetze des Reichs geheiligt hatten. Es war sein
sehnlichster Wunsch, auf Grundlagen, welche die knigliche Wrde nicht
herabsetzten, eine Vershnung zu Stande kommen zu sehen. Er war ja kein
Verrther, er widersetzte sich eigentlich gar nicht der kniglichen
Autoritt; er stand nur deshalb unter Waffen, weil er berzeugt war, da
man dem Throne keinen besseren Dienst leisten knne, als indem man Seine
Majestt durch ein wenig Zwang aus den Hnden schlechter Rathgeber
befreite.

Die schlimmen Folgen, welche die gegenseitige Erbitterung dieser
Factionen herbeizufhren drohten, wurden zum groen Theile durch den
Einflu und die Weisheit des Prinzen verhtet. Umgeben von
streitschtigen Disputanten, von zudringlichen Rathgebern, von
kriechenden Schmeichlern, von wachsamen Spionen und bswilligen
Verleumdern, bewahrte er stets seine heitere, undurchdringliche Ruhe. Er
schwieg so lange als Schweigen mglich war, und wenn er sprechen mute,
brachte der ernste und gebieterische Ton, in welchem er seine reiflich
erwogenen Ansichten kund that, bald jeden Andren zum Schweigen. Was auch
einige seiner allzu eifrigen Anhnger sagen mochten, er uerte kein
Wort, das die mindeste Absicht auf den Besitz der englischen Krone
verrieth. Er wute sehr gut, da zwischen ihm und dieser Krone noch
Hindernisse standen, die vielleicht keine menschliche Klugheit zu
beseitigen vermochte, die aber ein einziger falscher Schritt
unberwindlich machen konnte. Er hatte nur dann Aussicht, den glnzenden
Preis zu erringen, wenn er sich desselben nicht mit rcksichtsloser Hand
bemchtigte, sondern es ruhig abwartete, bis sein geheimer Wunsch ohne
sichtbares Bemhen oder List von seiner Seite, durch den Drang der
Umstnde, durch die Migriffe seiner Widersacher und durch die freie
Wahl der Stnde des Reichs erfllt werden wrde. Diejenigen, die ihn
auszuforschen wagten, erfuhren nichts, konnten ihn aber doch nicht der
Winkelzge beschuldigen. Er verwies sie ruhig auf seine Erklrung und
versicherte, da seit der Abfassung dieses Dokuments in seinen Ansichten
keine nderung eingetreten sei. Er behandelte seine Anhnger mit so
kluger Gewandtheit, da ihre Uneinigkeit seine Hand eher gestrkt als
geschwcht zu haben scheint; aber sie brach mit Heftigkeit hervor,
sobald seine Aufsicht nachlie, strte die Eintracht geselliger
Zusammenknfte und respectirte selbst die Heiligkeit des Gotteshauses
nicht. Clarendon, welcher durch sein Prahlen mit loyalen Gesinnungen die
unleugbare Thatsache, da er ein Rebell war, bemnteln wollte, hrte mit
heftiger Entrstung einige seiner neuen Verbndeten bei der Flasche ber
die knigliche Amnestie lachen, die ihnen so eben huldvoll angeboten
worden war. Sie brauchten keine Verzeihung, sagten sie; im Gegentheil,
der Knig mte sie um Verzeihung bitten, ehe sie ihn laufen lieen.
Noch beunruhigender und krnkender fr jeden guten Tory war ein Vorfall,
der sich in der Kathedrale von Salisbury ereignete. Sobald der
fungirende Geistliche das Gebet fr den Knig zu lesen begann, erhob
sich Burnet, zu dessen vielen guten Eigenschaften Selbstbeherrschung und
feines Schicklichkeitsgefhl nicht gehrten, von den Knien, setzte sich
in seinen Stuhl und gab einige verchtliche Laute von sich, welche die
Andacht der Gemeinde strten.[157]

Bald hatten die Factionen, welche das Lager des Prinzen spalteten,
Gelegenheit, ihre Strke zu messen. Die kniglichen Commissare waren auf
dem Wege zu ihm. Schon mehrere Tage waren seit ihrer Ernennung
verstrichen, und eine solche Versptigung in einer Angelegenheit von so
dringender Wichtigkeit war auffallend. In Wahrheit aber wnschte weder
Jakob noch Wilhelm die schleunige Anknpfung von Unterhandlungen, denn
Jakob wollte nur Zeit gewinnen, um seine Gemahlin und seinen Sohn nach
Frankreich schicken zu knnen, und Wilhelm's Stellung wurde mit jedem
Tage gebietender. Endlich lie der Prinz den Commissaren sagen, da er
in Hungerford mit ihnen zusammentreffen wolle. Er whlte diese Stadt
wahrscheinlich deshalb, weil sie gerade auf halbem Wege zwischen
Salisbury und Oxford lag und sich daher zu einer Zusammenkunft seiner
bedeutendsten Anhnger am besten eignete. In Salisbury befanden sich
diejenigen Kavaliere und Gentlemen, die ihn von Holland aus begleitet
oder sich im Westen ihm angeschlossen hatten, und in Oxford waren viele
Hupter des Aufstandes im Norden.

    [Anmerkung 157: +Clarendon's Diary, Dec, 6, 7. 1688.+]


[_Ankunft des Prinzen in Hungerford._] Donnerstag Abend, den 6. December
traf er in Hungerford ein, und bald fllte sich die kleine Stadt mit
Mnnern von hohem Rang und Ansehen, welche von allen Seiten herbeikamen.
Der Prinz war von einer starken Truppenabtheilung begleitet, und die aus
dem Norden kommenden Lords brachten Hunderte von irregulren Reitern
mit, deren Armaturen und Reitkunst die Heiterkeit Derer erregte, welche
an den glnzenden Anblick und an die prcisen Bewegungen regulrer
Armeen gewhnt waren.[158]

    [Anmerkung 158: +Clarendon's Diary. Dec. 7. 1688.+]


[_Gefecht bei Reading._] Whrend des Prinzen Anwesenheit in Hungerford
fand zwischen einem zweihundertfnfzig Mann starken Detaschement seiner
Truppen und sechshundert in Reading stehenden Irlndern ein heies
Gefecht statt. Bei dieser Gelegenheit bewhrte sich die bessere
Disciplin der Eingedrungenen auf das Glnzendste. Obgleich von weit
geringerer Anzahl, trieben sie doch sogleich beim ersten Anlauf die
kniglichen Truppen in wilder Flucht durch die Straen der Stadt bis auf
den Marktplatz. Hier machten die Irlnder einen Versuch, sich wieder zu
sammeln, da sie aber von vorn krftig angegriffen wurden und zu gleicher
Zeit die Bewohner der umliegenden Huser aus den Fenstern auf sie
feuerten, so entsank ihnen bald der Muth und sie flohen mit dem Verlust
ihrer Fahne und fnfzig Mann. Von den Siegern fielen nur fnf. Die
Nachricht von diesem Kampfe erfllte die Lords und Gentlemen, die sich
Wilhelm angeschlossen hatten, mit ungetrbter Freude. Nichts an diesem
ganzen Vorfall konnte ihren Nationalstolz krnken. Die Hollnder hatten
nicht die Englnder geschlagen, sondern hatten einer englischen Stadt
geholfen, sich von der unertrglichen Herrschaft der Irlnder zu
befreien.[159]

    [Anmerkung 159: +History of the Desertion+; Citters, 9.(19.) Dec.
    1688; +Exact Diary+; +Oldmixon, 760.+]


[_Ankunft der kniglichen Commissare in Hungerford._] Samstag Morgens,
den 8. December, kamen die kniglichen Commissare in Hungerford an. Die
Leibgarde des Prinzen war in Parade aufgestellt, um sie mit
militairischen Ehrenbezeigungen zu empfangen. Bentinck bewillkommnete
sie und erbot sich, sie sofort zu seinem Gebieter zu geleiten. Sie
sprachen die Hoffnung aus, da der Prinz ihnen eine Privataudienz
bewilligen werde; aber es wurde ihnen darauf erwiedert, da er
beschlossen habe, sie ffentlich anzuhren und ihnen ebenso zu
antworten. Sie wurden in sein Schlafgemach eingefhrt, wo sie ihn von
einer Menge Lords und Gentlemen umgeben fanden.


[_Unterhandlung._] Halifax, dem seine Stellung, sein Alter und seine
Fhigkeiten den Vorrang gaben, fhrte das Wort. Der Vorschlag, den die
Commissare zu machen beauftragt waren, bestand darin, da die streitigen
Punkte der Entscheidung des Parlaments, fr welches die Wahlen bereits
angeordnet seien, anheimgegeben werden und da sich bis dahin die Armee
des Prinzen der Hauptstadt nicht weiter als bis auf dreiig oder vierzig
Meilen nhern sollte. Nachdem Halifax erklrt hatte, da er und seine
Collegen bereit seien, auf dieser Grundlage zu unterhandeln, berreichte
er Wilhelm ein Schreiben vom Knige und entfernte sich dann. Wilhelm
erbrach den Brief und schien ungewhnlich bewegt zu sein. Es war der
erste, den er von seinem Schwiegervater erhielt, seitdem sie erklrte
Feinde geworden waren. Sie hatten einst auf gutem Fue gestanden und
einander vertraulich geschrieben; auch hatten sie selbst als sie schon
anfingen, einander mit Mitrauen und Abneigung zu betrachten, die
freundschaftlichen Formen, welche nahe Verwandte zu gebrauchen pflegen,
noch nicht aus ihren Briefen verbannt. Das von den Commissaren
berbrachte Schreiben aber war von einem Sekretr in diplomatischer Form
und in franzsischer Sprache abgefat. Ich habe viele Briefe vom Knige
erhalten, sagte Wilhelm, aber sie waren alle in englischer Sprache und
von ihm eigenhndig geschrieben. Er sprach mit einer Gemthsbewegung,
die er sonst nicht zu zeigen gewohnt war. Er dachte vielleicht in diesem
Augenblicke daran, welche Vorwrfe sein Unternehmen, so gerecht, so
wohlthtig und so nothwendig es auch sein mochte, ihm selbst und der ihm
ergebenen Frau zuziehen mute. Vielleicht beklagte er das harte
Geschick, das ihn in eine Lage versetzt hatte, in der er seine
Staatspflichten nur dadurch erfllen konnte, da er Familienbande
zerri, und beneidete die glcklichere Lage Derer, die fr das Wohl von
Nationen und Kirchen nicht verantwortlich sind. Doch wenn solche
Gedanken wirklich in ihm aufstiegen, so wurden sie mit mnnlicher
Festigkeit unterdrckt. Er forderte die Lords und Gentlemen, die er in
Folge jenes Schreibens zusammenberief, auf, ber die zu ertheilende
Antwort zu berathschlagen, ohne da er sie durch seine Anwesenheit
irgendwie behindern wolle. Er selbst behielt sich nur das Recht vor,
nach Anhrung ihrer Meinungen in letzter Instanz zu entscheiden. Hierauf
verlie er sie und zog sich nach Littlecote Hall zurck, einem etwa zwei
Meilen entfernten Schlosse, das bis auf unsere Tage nicht allein durch
seine ehrwrdige Bauart und Einrichtung, sondern auch wegen eines
entsetzlichen und geheimnivollen Verbrechens berhmt ist, das zu den
Zeiten der Tudors daselbst verbt wurde.[160]

Vor seiner Abreise von Hungerford erfuhr er, da Halifax den dringenden
Wunsch geuert habe, mit Burnet zu sprechen. In diesem Wunsche lag
nichts Auffallendes, denn Halifax und Burnet hatten lange auf
freundschaftlichem Fue gestanden. Allerdings konnte es wohl kaum zwei
Mnner geben, die einander so wenig glichen. Burnet fehlte es gnzlich
an Takt und Zartgefhl. Halifax besa dagegen ein auerordentlich feines
Gefhl und sein Sinn fr das Lcherliche war von krankhafter
Reizbarkeit. Burnet betrachtete jede Handlung und jeden Character durch
ein vom Parteigeist entstelltes und gefrbtes Medium. Halifax dagegen
war stets geneigt, die Fehler seiner Verbndeten mit schrferem Blicke
zu untersuchen als die Fehler seiner Gegner. Burnet war bei allen seinen
Mngeln und Schwchen und durch alle Wechselflle seines in
Verhltnissen, welche der Frmmigkeit eben nicht gnstig waren,
hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiser Mann. Der skeptische und
sarkastische Halifax wurde fr einen Unglubigen gehalten. Halifax zog
sich daher oft den unwilligen Tadel Burnet's zu, und Burnet war oft die
Zielscheibe von Halifax' scharfem und feinem Witze. Dennoch fhlten sie
sich zu einander hingezogen, fanden gegenseitig Gefallen an ihrer
Unterhaltung, schtzten ihre beiderseitigen Talente, tauschten
freimthig ihre Ansichten aus und erwiesen einander auch in Zeiten der
Gefahr gute Dienste. Indessen wnschte Halifax seinen alten Bekannten
jetzt nicht aus rein persnlichen Rcksichten zu sprechen. Es mute den
Commissaren daran gelegen sein, den eigentlichen Endzweck des Prinzen zu
erfahren. Er hatte sich geweigert, sie privatim zu empfangen, und aus
dem, was er ihnen bei einer frmlichen und ffentlichen Zusammenkunft
sagen konnte, war wenig zu ersehen. Fast Alle die sein Vertrauen
besaen, waren eben so verschwiegen und unergrndlich als er selbst.
Burnet bildete die einzige Ausnahme. Er war notorisch geschwtzig und
indiscret, die Umstnde aber hatten es nthig gemacht, ihn ins Vertrauen
zu ziehen, und es unterlag keinem Zweifel, da es dem gewandten Halifax
gelingen wrde, ihm eben so viele Geheimnisse als Worte zu entlocken.
Wilhelm wute dies sehr gut, und als er erfuhr, da Halifax mit dem
Doctor sprechen wollte, konnte er sich der uerung nicht enthalten:
Wenn die Beiden zusammenkommen, wird es ein schnes Geschwtz geben.
Es wurde Burnet nicht erlaubt, privatim mit den Commissaren zu sprechen,
ihm aber versichert, da seine Treue in den Augen des Prinzen ber jeden
Verdacht erhaben sei, und damit er keinen Grund haben konnte, sich zu
beklagen, wurde das Verbot allgemein gemacht.

An jenem Nachmittage versammelten sich die Lords und Gentlemen, welche
Wilhelm um ihren Rath ersucht hatte, in dem Hauptsaale des ersten
Gasthofes zu Hungerford. Oxford prsidirte und die Erffnungen des
Knigs wurden in Erwgung gezogen. Es zeigte sich bald, da die
Versammlung in zwei Parteien gespalten war, deren eine sehnlichst einen
Vergleich mit dem Knige wnschte, whrend die andre seinen Sturz
wollte. Die letztere Partei hatte das numerische bergewicht; aber es
wurde bemerkt, da Shrewsbury, von dem man glaubte, da er von allen
englischen Kavalieren den grten Antheil an Wilhelm's Vertrauen hatte,
bei dieser Gelegenheit auf Seiten der Tories stand. Nach langem Hin- und
Herreden wurde die Frage gestellt. Die Majoritt war fr die Verwerfung
des Vorschlags, den die Commissare zu machen beauftragt waren. Der
Beschlu der Versammlung wurde dem Prinzen nach Littlecote gemeldet. Bei
keinem Anlasse whrend seines ganzen ereignivollen Lebens zeigte er
mehr Klugheit und Selbstbeherrschung. Er konnte unmglich wnschen, da
die Unterhandlung Erfolg habe; aber er war viel zu klug, um nicht
einzusehen, da er die ffentliche Meinung nicht mehr fr sich gehabt
haben wrde, wenn die Unterhandlung an unbilligen Forderungen von seiner
Seite scheiterte. Er verwarf daher die Ansicht seiner allzueifrigen
Anhnger und erklrte, da er entschlossen sei, auf der vom Knige
proponirten Grundlage zu unterhandeln. Viele von den in Hungerford
versammelten Lords und Gentlemen erhoben Einwendungen dagegen, und ein
ganzer Tag verging unter Hin- und Herstreiten; aber Wilhelm's Entschlu
stand unwiderruflich fest. Er erklrte sich bereit, die Entscheidung
aller streitigen Punkte dem eben einberufenen Parlamente zu berlassen
und sich London nur bis auf vierzig Meilen zu nhern. Er stellte
seinerseits einige Forderungen, welche selbst Diejenigen, die am
wenigsten fr ihn eingenommen waren, als mig anerkannten. Er
verlangte, da die bestehenden Gesetze so lange befolgt wrden, bis sie
durch die competente Autoritt abgendert wren, und da alle
Diejenigen, welche ohne gesetzliche Qualification mter bekleideten,
sofort entlassen werden sollten. Er war ferner der vollkommen
begrndeten Meinung, da die Berathungen des Parlaments nicht frei sein
knnten, wenn es von irischen Regimentern umgeben war, whrend er mit
seiner Armee mehrere Tagemrsche weit von demselben entfernt stand. Er
hielt es daher fr recht und billig, da, wenn seine Truppen sich im
Westen der Hauptstadt nur bis auf vierzig Meilen nhern sollten, auch
die kniglichen Truppen im Osten sich auf gleiche Entfernung
zurckziehen mten. So wre um den Ort herum, wo die Huser tagten, ein
groer Kreis neutralen Bodens gewesen. Allerdings befanden sich
innerhalb dieses Umkreises zwei fr die Bewohner der Hauptstadt hchst
wichtige Festungen, der Tower, der ihre Huser, und Tilbury Fort, das
ihren Seehandel beherrschte. Ohne Besatzung konnten diese Pltze
unmglich bleiben, und Wilhelm schlug daher vor, sie einstweilen der
Obhut der City von London zu bergeben. Ferner konnte es der Knig
mglicherweise fr angemessen erachten, sich zur Erffnung des
Parlaments mit einer Abtheilung Leibgarden nach Westminster zu begeben.
Der Prinz kndigte an, da er in diesem Falle das Recht beanspruchen
werde, sich ebenfalls mit einer gleichen Anzahl Soldaten dahin zu
begeben. Es schien ihm gerecht, da, so lange die militairischen
Operationen eingestellt waren, beide Armeen gleichmig im Dienste der
Nation stehend betrachtet und gleichmig auf Kosten des englischen
Staatsschatzes unterhalten wrden. Endlich verlangte er noch eine
Gewhrschaft dafr, da der Knig sich den Waffenstillstand nicht zu
Nutze machte, um franzsische Truppen nach England zu ziehen. Der
gefhrlichste Punkt in dieser Beziehung war Portsmouth. Der Prinz
bestand jedoch nicht darauf, da ihm diese wichtige Festung berliefert
werden sollte, sondern machte nur den Vorschlag, sie fr die Dauer des
Waffenstillstandes unter das Commando eines Offiziers zu stellen, zu dem
er und Jakob Vertrauen habe.

Wilhelm's Vorschlge waren mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit und
Aufrichtigkeit entworfen, wie sie eher von einem unbeteiligten
Schiedsrichter, der sein Urtheil abgiebt, als von einem siegreichen
Frsten, der einem hlflosen Feinde Bedingungen vorschreibt, zu erwarten
gewesen wren. Die Anhnger des Knigs fanden nichts daran auszusetzen.
Unter den Whigs aber wurde viel darber gemurrt. Sie wollten von einer
Vershnung mit ihrem gewesenen Gebieter nichts wissen, sie glaubten sich
aller Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden, sie wollten die
Autoritt eines durch ihn einberufenen Parlaments nicht anerkennen,
waren einem Waffenstillstande entschieden abgeneigt und konnten nicht
einsehen, warum ein solcher, wenn er dennoch abgeschlossen werden
sollte, auf gleiche Bedingungen basirt sein msse. Nach allen Regeln des
Kriegs habe die strkere Partei das Recht, aus ihrer Starke Vortheil zu
ziehen, und sei Jakob's Character von der Art, um eine auerordentliche
Nachsicht zu rechtfertigen? Die, welche so raisonnirten, hatten keinen
Begriff, aus welchem erhabenen Gesichtspunkte und mit welchem scharfen
Blicke der von ihnen getadelte Fhrer die ganze Stellung Englands und
Europa's betrachtete. Sie wollten Jakob schlechterdings strzen und
wrden sich daher entweder geweigert haben, unter irgend welchen
Bedingungen mit ihm zu unterhandeln, oder sie wrden ihm unertrglich
harte Bedingungen gestellt haben. Wenn Wilhelm's umfassender und tief
durchdachter politischer Plan gelingen sollte, mute Jakob durch
Zurckweisung auffallend liberaler Bedingungen sich selbst ins Verderben
strzen. Die kommenden Ereignisse bewiesen sprechend die Weisheit des
Verfahrens, welches die Mehrzahl der in Hungerford versammelten
Englnder zu verdammen geneigt war.

Am Sonntag, den 9. December, wurden die Forderungen des Prinzen
niedergeschrieben und Halifax bergeben. Die Commissare speisten in
Littlecote mit einer glnzenden Gesellschaft, welche ihnen zu Ehren
eingeladen worden war. Die alte Halle, geschmckt mit Panzerhemden,
welche die Kriege der Rosen gesehen und mit den Bildnissen von
Kavalieren, die eine Zierde des Hofes Philipp's und Mariens gewesen
waren, war an jenem Tage mit Peers und Generlen angefllt. In einem
solchen Gedrnge konnte man leicht eine kurze Frage und Antwort
wechseln, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Halifax benutzte
die Gelegenheit, die sich ihm darbot, um Burnet Alles was er wute und
dachte zu entlocken. Was wollt Ihr eigentlich? fragte der gewandte
Diplomat; wollt Ihr den Knig in Eure Gewalt haben? -- Durchaus
nicht, antwortete Burnet, wir wrden seiner Person nicht das mindeste
Leid anthun. -- Wenn er aber flchtete? fuhr Halifax fort. Dies wre
uns das Erwnschteste. Es kann nicht bezweifelt werden, da Burnet die
allgemeine Ansicht der Whigs im Lager des Prinzen aussprach. Sie
wnschten Alle, da Jakob das Land verlassen mchte, aber nur einige
wenige von den weisesten unter ihnen sahen ein, wie wichtig es war, da
seine Flucht von der Nation seiner eignen Thorheit und Verblendung und
nicht harter Behandlung oder begrndeter Furcht zugeschrieben wurde.
Wahrscheinlich wren selbst in der verzweifelten Lage, in die er
versetzt war, alle seine Feinde zusammengenommen noch immer nicht im
Stande gewesen, seinen vlligen Sturz zu bewirken, wre er selbst nicht
sein schlimmster Feind gewesen; aber whrend seine Commissare an seiner
Rettung arbeiteten, arbeitete er eben so eifrig daran, alle ihre
Bemhungen nutzlos zu machen.[161]

    [Anmerkung 160: Siehe eine hchst interessante Note zum fnften
    Gesange von Sir Walter Scotts Rokeby.]

    [Anmerkung 161: Die Quellen meiner Mittheilungen ber die Vorgnge
    in Hungerford sind: +Clarendon's Diary, Dec. 8, 9. 1688+; +Burnet,
    I. 794+; das Schreiben, welches die Commissare dem Prinzen
    berbrachten, und dessen Antwort darauf; +Sir Patrick Hume's
    Diary+; Citters, 9.(19.) Dec.]


[_Die Knigin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich
geschickt._] Seine Plne waren endlich reif zur Ausfhrung. Die
Scheinunterhandlung hatte ihren Zweck erfllt. An dem nmlichen Tage, an
welchem die drei Lords in Hungerford eintrafen, kam der Prinz von Wales
in Westminster an. Man hatte die Absicht gehabt, ihn die London-Brcke
passiren zu lassen, und einige irlndische Truppen waren ihm daher nach
Southwark entgegengesandt worden. Aber sie wurden von einer zahlreichen
Volksmenge mit solchem Geschrei und solchen Verwnschungen empfangen,
da sie es fr gerathen hielten, schleunigst wieder umzukehren. Das
unglckliche Kind passirte die Themse bei Kingston und wurde so in aller
Stille nach Whitehall gebracht, da Viele glaubten, es sei noch in
Portsmouth.[162]

Den Prinzen und die Knigin auer Landes zu schicken, war jetzt das
Hauptziel Jakob's. Aber wem konnte die Leitung der Flucht anvertraut
werden? Dartmouth war der loyalste aller protestantischen Tories, und er
hatte sich geweigert. Dover war eine Creatur der Jesuiten, und selbst er
hatte sich nicht entschlieen knnen. Es war nicht sehr leicht, einen
Englnder von hohem Range und von Ehre zu finden, der es unternommen
htte, den wahrscheinlichen Erben der englischen Krone den Hnden des
Knigs von Frankreich zu bergeben. Unter diesen Umstnden dachte Jakob
an einen damals in London lebenden Franzosen, Namens Antonin Graf von
Lauzun.

    [Anmerkung 162: +Clarke's Life of James, II. 237.+ Burnet hat
    sonderbarerweise nichts davon gehrt oder es vergessen, da der
    Prinz nach London zurckgebracht wurde. (I. 796.)]


[_Lauzun._] Man hat von diesem Manne gesagt, sein Leben sei wunderbarer
gewesen, als die Trume anderer Leute. In seiner Jugend war er Ludwig's
intimer Gesellschafter gewesen und man hatte ihm Aussicht auf die
hchsten mter unter der franzsischen Krone gemacht. Dann hatte sein
Glcksstern sich pltzlich verdunkelt. Ludwig hatte seinen Jugendfreund
mit bitteren Vorwrfen von sich gestoen und sollte sich angeblich kaum
haben enthalten knnen, ihn zu schlagen. Der gefallene Gnstling war als
Gefangener auf eine Festung geschickt, aber wieder in Freiheit gesetzt
worden, hatte sich aufs neue der Gunst seines Gebieters erfreut und das
Herz einer der vornehmsten Damen in Europa, Anna Maria, Tochter des
Herzogs Gaston von Orleans, Enkelin Knig Heinrich'sIV. und Erbin der
unermelichen Besitzungen des Hauses Montpensier, erobert. Die beiden
Liebenden wnschten sich zu vermhlen, der Knig gab seine Einwilligung
und einige Stunden lang wurde Lauzun vom Hofe als ein Mitglied des
Hauses Bourbon betrachtet. Die Mitgift der Prinzessin wre in der That
der Bewerbung souverainer Frsten werth gewesen, denn sie bestand aus
drei groen Herzogthmern, einem unabhngigen Frstenthume mit eigner
Mnze und eigenen Tribunalen, und einem Einkommen, das die
Gesammteinknfte des Knigreichs Schottland weit berstieg. Aber diese
glnzende Aussicht trbte sich, die Verbindung wurde abgebrochen und der
Freier wurde viele Jahre in einem Alpenschlosse eingesperrt. Endlich
lie sich Ludwig wieder erweichen. Lauzun durfte nicht vor dem Knige
erscheinen, aber es war ihm gestattet, fern vom Hofe seine Freiheit zu
genieen. Er ging nach England und wurde im Palaste Jakob's und in den
vornehmen Cirkeln London's wohl aufgenommen, denn damals galten die
franzsischen Edelleute in ganz Europa fr Muster von Eleganz, und viele
Chevaliers und Vicomtes, welche in den Privatcirkeln zu Versailles nie
Zutritt gehabt hatten, sahen sich in Whitehall von allgemeiner Neugierde
und Bewunderung umgeben. Lauzun war der gegenwrtigen Anforderung in
jeder Hinsicht gewachsen. Er hatte Muth und Ehrgefhl, war an
excentrische Abenteuer gewhnt und verband mit dem scharfen
Beobachtungssinn und dem sarkastischen Witze eines vollendeten Weltmanns
eine entschiedene Neigung zum irrenden Ritterthum. Alle seine nationalen
Gefhle und alle seine persnlichen Interessen trieben ihn an, das
Abenteuer zu wagen, vor dem die treuesten Unterthanen der englischen
Krone zurckzuschrecken schienen. Als Beschtzer der Knigin von
Grobritannien und des Prinzen von Wales in einer gefahrvollen Krisis,
konnte er mit Ehren in sein Vaterland zurckkehren, es konnte ihm wieder
gestattet werden, Ludwig ankleiden und speisen zu sehen und nach so
vielen Wechselfllen konnte er am Abende seines Lebens noch einmal die
so wunderbar bezaubernde Jagd nach der kniglichen Gunst beginnen.

Von solchen Gefhlen beseelt, nahm Lauzun das ihm angebotene wichtige
Amt bereitwilligst an. Die Vorkehrungen zur Flucht wurden schleunigst
getroffen, ein Schiff erhielt Befehl, sich bei Gravesend bereit zu
halten; aber nach Gravesend zu gelangen, war nicht leicht. Die City war
in einer furchtbaren Aufregung. Die geringste Ursache war hinreichend,
um einen Auflauf zu veranlassen, kein Fremder durfte sich auf den
Straen zeigen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte,
angehalten, ausgefragt und als verkappter Jesuit vor einen
Magistratsbeamten gefhrt zu werden. Man mute sich daher auf der
Sdseite der Themse halten. Es wurde keine Vorsichtsmaregel versumt,
um jeden Verdacht zu zerstreuen. Der Knig und die Knigin begaben sich
wie gewhnlich zur Ruhe. Jakob wartete, bis eine Zeit lang im Palaste
Alles still gewesen war, dann stand er auf und rief einen Diener, zu dem
er sagte: Ihr werdet an der Thr des Vorzimmers einen Mann finden;
bringt ihn hierher. Der Diener gehorchte und Lauzun wurde ins
knigliche Schlafgemach eingefhrt. Ich vertraue Ihnen meine Gemahlin
und meinen Sohn an, sagte der Knig zu ihm; sie mssen auf jede Gefahr
hin nach Frankreich gebracht werden. Lauzun sprach mit cht
ritterlichem Sinne seinen Dank aus fr die ihm zu Theil werdende
gefhrliche Ehre und bat um die Erlaubni, sich der Mithlfe seines
Freundes Saint-Victor, eines Edelmanns aus der Provence, dessen Muth und
Treue vielfach erprobt sei, bedienen zu drfen. Die Dienste eines so
werthvollen Beistandes wurden bereitwillig angenommen. Lauzun reichte
Marien die Hand, und Saint-Victor hllte den unglcklichen Erben so
vieler Knige in seinen warmen Mantel. Die Gesellschaft schlich leise
die Hintertreppe hinab und stieg in einen offenen Kahn. Es war eine
traurige Fahrt. Die Nacht war kalt, es regnete, der Wind heulte und der
Wellenschlag war heftig. Endlich erreichte der Kahn Lambeth und die
Flchtlinge landeten in der Nhe eines Gasthofes, wo ein Wagen und
Pferde sie erwarteten. Es dauerte eine Weile, bis die Pferde angeschirrt
und angespannt waren. Marie wollte aus Furcht erkannt zu werden nicht in
das Haus treten. Sie blieb bei ihrem Kinde, zum Schutz vor dem Unwetter
unter dem Thurme der Lambethkirche kauernd und jedesmal vor Schreck
zusammenfahrend, wenn der Hausknecht sich ihr mit seiner Laterne
nherte. Sie hatte zwei von ihren Kammerfrauen bei sich; die eine nhrte
den Prinzen, die andre hatte das Amt, ihn zu wiegen; ihrer Gebieterin
aber konnten Beide nur wenig ntzen, denn sie waren Auslnderinnen,
welche kaum englisch sprachen und bestndig ber das rauhe Klima
Englands klagten. Der einzige trstliche Umstand war, da das Kind wohl
war und nicht ein einziges Mal schrie. Endlich war der Wagen bereit.
Saint-Victor begleitete denselben zu Pferde. Die Flchtlinge kamen
wohlbehalten in Gravesend an und schifften sich auf der sie erwartenden
Yacht ein. Sie fanden auf derselben Lord Powis mit seiner Gattin und
drei irische Offiziere. Diese waren dahin geschickt worden, um Lauzun in
einem etwaigen verzweifelten Nothfalle beizustehen, denn es wurde nicht
fr unmglich gehalten, da der Kapitain des Schiffes sich als treulos
erwies, und man hatte sich fest vorgenommen, ihn beim geringsten
Verdacht von Verrtherei sofort niederzustoen. Man kam jedoch nicht in
die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen. Die Yacht fuhr mit gnstigem
Winde den Strom hinab und nachdem Saint-Victor sie hatte absegeln sehen,
sprengte er mit der guten Nachricht nach Whitehall zurck.[163]

Am Montag Morgen, den 10. December, erfuhr der Knig, da seine Gemahlin
und sein Sohn ihre Reise unter gnstigen Aussichten fr die glckliche
Vollendung derselben angetreten hatten. Um die nmliche Zeit kam ein
Courier mit Depeschen von Hungerford im Palaste an. Wre Jakob ein wenig
scharfsichtiger und etwas weniger halsstarrig gewesen, so wrden diese
Depeschen ihn bestimmt haben, alle seine Plne noch einmal zu erwgen.
Das Schreiben der Commissare berechtigte zu guten Hoffnungen. Die von
dem Sieger gestellten Bedingungen waren auffallend liberal. Der Knig
selbst konnte sich der Bemerkung nicht enthalten, da sie gnstiger
seien, als er es erwartet htte. Zwar konnte er nicht ohne Grund
annehmen, da sie in keiner freundlichen Absicht gestellt wurden; allein
dies kam hier nicht in Betracht; mochten sie ihm in der Hoffnung
angeboten werden, da er durch Annahme derselben den Grund zu einer
gtlichen Ausgleichung legen werde, oder, und dies war wahrscheinlicher,
in der Hoffnung, da er sich durch ihre Zurckweisung der Nation als
durchaus unvernnftig und unverbesserlich darstellen werde, jedenfalls
war der Weg, den er hatte einschlagen sollen, vollkommen klar. In beiden
Fallen wrde es die Klugheit erfordert haben, sie ohne Besinnen
anzunehmen und treulich zu halten.

    [Anmerkung 163: +Clarke's Life of James, II. 246+; +Pre
    d'Orlans, Revolutions d'Angleterre, XI.+; Frau von Svign,
    14.(24.) Dec. 1688; +Dangeau Mmoires, 13.(23.) Dec.+ ber Lauzun
    siehe die Memoiren Mademoiselle's und des Herzogs von St. Simon
    und die Characteristiken von Labruyre.]


[_Anstalten des Knigs zur Flucht._] Es zeigte sich aber bald, da
Wilhelm den Character, mit dem er es zu thun hatte, richtig beurtheilt
und durch das Anerbieten jener Bedingungen, welche die in Hungerford
anwesenden Whigs als zu nachsichtig getadelt, nichts gewagt hatte. Die
feierliche Komdie, mit der das Publikum seit dem Rckzuge der
kniglichen Armee von Salisbury unterhalten worden war, wurde noch
einige Stunden fortgesetzt. Alle noch in der Hauptstadt anwesenden Lords
wurden in den Palast beschieden, um von den Fortschritten der auf ihren
Rath eingeleiteten Unterhandlungen unterrichtet zu werden. Eine zweite
Versammlung von Peers wurde auf den nchstfolgenden Tag festgesetzt. Der
Lordmayor und die Sheriffs von London wurden ebenfalls vor den Knig
geladen. Er ermahnte sie, ihre Pflichten mit ungeschwchtem Eifer zu
erfllen und gestand ihnen, da er es fr zweckmig erachtet habe,
seine Gemahlin und seinen Sohn auer Landes zu schicken, versicherte
aber, da er selbst auf seinem Posten ausharren werde. Als er diese
unknigliche und unmnnliche Lge sagte, war es schon sein fester
Entschlu, noch vor Tagesanbruch abzureisen. Er hatte bereits sein
werthvollstes bewegliches Eigenthum mehreren fremden Gesandten zur
Aufbewahrung bergeben. Seine wichtigsten Papiere hatte er dem
toskanischen Gesandten anvertraut. Etwas aber mute vor der Flucht noch
geschehen. Der Tyrann schmeichelte sich mit der Hoffnung, da er sich an
dem Volke, welches seinen Despotismus nicht lnger ertragen wollte,
werde rchen knnen, indem er es bei seinem Scheiden allem Unheile der
Anarchie preisgab. Er lie das groe Siegel und die Ausschreiben fr das
neue Parlament in sein Zimmer bringen. Die noch vorhandenen Ausschreiben
warf er ins Feuer und die bereits abgesandten erklrte er durch eine in
gesetzlicher Form abgefate Urkunde fr ungltig. An Feversham schrieb
er einen Brief, der nur als ein Befehl zur Auflsung der Armee
verstanden werden konnte. Gleichwohl verhehlte der Knig selbst seinen
ersten Ministern noch immer seine Absicht, zu entweichen. Ehe er sich
zur Ruhe begab, befahl er noch Jeffreys, am andren Morgen bei Zeiten im
Kabinet zu erscheinen, und als er ins Bett stieg, raunte er Mulgrave zu,
die aus Hungerford angelangten Nachrichten seien hchst befriedigend.
Jedermann entfernte sich hierauf, mit Ausnahme des Herzogs von
Northumberland. Dieser junge Mann, ein natrlicher Sohn Karl'sII. und
der Herzogin von Cleveland, war Commandant einer Abtheilung der
Leibgarde und Kammerherr. Es scheint damals am Hofe Sitte gewesen zu
sein, da in Abwesenheit der Knigin ein Kammerherr im Zimmer des Knigs
auf einem Feldbett schlafen mute, und Northumberland war an der Reihe,
diesen Dienst zu versehen.


[_Seine Flucht._] Dienstag den 11. December um drei Uhr Morgens stand
Jakob auf, nahm das groe Siegel an sich, befahl Northumberland, die
Thr des Schlafzimmers erst zur gewohnten Stunde zu ffnen und
verschwand durch einen verborgenen Ausgang, wahrscheinlich derselbe,
durch welchen Huddleston ans Bett des vorigen Knigs gebracht worden
war. Sir Eduard Hales erwartete ihn mit einer Miethkutsche. Jakob fuhr
nach Millbank, wo er in einem kleinen Nachen ber die Themse setzte. Als
er bei Lambeth vorberfuhr, warf er das groe Siegel mitten in den
Strom, wo es viele Monate darauf zufllig in ein Fischernetz gerieth und
herausgezogen wurde.

In Vauxhall stieg er an's Land. Hier erwartete ihn ein bekannter
Reisewagen und er schlug ohne Aufenthalt den Weg nach Sheerne ein, wo
ein dem Zollhause gehrendes Boot fr ihn in Bereitschaft gehalten
wurde.[164]

    [Anmerkung 164: +History of the Desertion+; +Clarke's Life of
    James, II. 251. Orig. Mem.+; +Mulgrave's Account of the
    Revolution+; +Burnet, I. 795+.]


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  =Zehntes Kapitel.=

  _Das Interregnum._




  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Die Flucht des Knigs wird bekannt                               5
  Groe Aufregung                                                  5
  Die Lords versammeln sich in Guildhall                           5
  Tumulte in London                                                8
  Das Haus des spanischen Gesandten geplndert                     9
  Verhaftung Jeffreys'                                            10
  Die irische Macht                                               11
  Der Knig wird unweit Sheerne angehalten                       14
  Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung                    18
  Wilhelm's Verlegenheit                                          19
  Verhaftung Feversham's                                          19
  Ankunft Jakob's in London                                       20
  Berathung in Windsor                                            21
  Die hollndischen Truppen besetzen Whitehall                    24
  Das Schreiben des Prinzen wird Jakob berbracht                 24
  Jakob's Aufbruch nach Rochester                                 25
  Wilhelm's Ankunft im St. Jamespalaste                           25
  Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des
      Eroberungsrechtes aufzusetzen                               27
  Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente
      Karl's II. zusammen                                         28
  Jakob's Flucht von Rochester                                    30
  Berathungen und Beschlsse der Lords                            31
  Verhandlungen und Beschlsse der von dem Prinzen
    einberufenen Gemeinen                                         32
  Eine Convention berufen                                         33
  Bemhungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung              33
  Seine tolerante Politik                                         34
  Zufriedenheit der katholischen Mchte                           35
  Stimmung in Frankreich                                          35
  Empfang der Knigin von England in Frankreich                   36
  Ankunft Jakob's in St.-Germain                                  37
  Stimmung in den Vereinigten Provinzen                           39
  Wahl der Mitglieder zur Convention                              39
  Die Angelegenheiten Schottlands                                 40
  Stand der Parteien in England                                   42
  Sherlock's Plan                                                 44
  Sancroft's Plan                                                 45
  Danby's Plan                                                    47
  Der Plan der Whigs                                              48
  Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses
      der Gemeinen                                                50
  Wahl eines Sprechers                                            51
  Debatte ber die Lage der Nation                                52
  Beschlu, durch den der Thron fr erledigt erklrt wird         54
  Der Beschlu wird den Lords vorgelegt                           55
  Debatte im Oberhause ber den Regentschaftsplan                 55
  Spaltung zwischen den Whigs und den Anhngern Danby's           61
  Versammlung bei dem Earl von Devonshire                         62
  Debatte im Hause der Lords ber die Frage der Thronerledigung   63
  Die Majoritt fr die Verneinung                                64
  Aufregung in London                                             64
  Brief von Jakob an die Convention                               65
  Debatte                                                         65
  Unterhandlungen                                                 65
  Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby                   65
  Die Prinzessin Anna erklrt sich mit dem Whigplane
      einverstanden                                               66
  Wilhelm spricht seine Absichten aus                             67
  Die Conferenz zwischen den beiden Husern                       68
  Die Lords geben nach                                            69
  Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit
      vorgeschlagen                                               70
  Streitigkeiten und Vergleich                                    71
  Die Rechtserklrung                                             73
  Ankunft Marien's                                                73
  Anbietung und Annahme der Krone                                 74
  Wilhelm und Marie werden ausgerufen                             75
  Eigenthmlicher Character der englischen Revolution             75




[_Die Flucht des Knigs wird bekannt._] Northumberland gehorchte
pnktlich dem erhaltenen Befehle und ffnete den Eingang zu den
kniglichen Apartements erst als es heller Tag geworden war. Das
Vorzimmer war mit Hflingen, welche ihre Morgenvisite machen wollten,
und mit den zu einer Berathung in den Palast beschiedenen Lords
angefllt. In einem Augenblicke verbreitete sich die Nachricht von
Jakob's Flucht von den Gallerien in die Straen und die ganze Stadt kam
in Aufruhr.


[_Groe Aufregung._] Es war ein schrecklicher Augenblick. Der Knig war
fort, der Prinz noch nicht da und keine Regentschaft war ernannt. Das
zur Verwaltung der ordentlichen Rechtspflege unentbehrliche groe Siegel
war verschwunden, und bald erfuhr man, da Feversham bei Empfang des
kniglichen Befehls seine Truppen auf der Stelle entlassen hatte. Welche
Achtung vor dem Gesetz und den Eigenthumsrechten konnte man von
bewaffneten und zusammenhaltenden Soldaten erwarten, welche aller
Beschrnkungen der Disciplin entledigt waren und denen es an den
nothwendigsten Lebensbedrfnissen fehlte? Auf der andren Seite hatte
auch der Pbel von London seit einigen Wochen eine starke Neigung zu
Tumulten und Rubereien gezeigt. Die dringende Gefahr des Augenblicks
vereinigte auf kurze Zeit alle Diejenigen mit einander, die ein
Interesse an der Ruhe und Sicherheit der Gesellschaft hatten. Rochester
hatte bis zu diesem Tage fest zur Sache des Knigs gehalten. Jetzt sah
er nur noch ein Mittel, um einer allgemeinen Verwirrung vorzubeugen.
Rufen Sie Ihre Abtheilung Garden zusammen, sagte er zu Northumberland,
und erklren Sie sich fr den Prinzen von Oranien. Der Rath wurde
sofort befolgt. Die zur Zeit in London anwesenden hheren Offiziere der
Armee hielten in Whitehall eine berathende Versammlung und beschlossen,
sich der Autoritt Wilhelm's zu unterwerfen, ihre Truppen
zusammenzuhalten bis er seinen Willen kund thun wrde, und die
Civilgewalt in der Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung zu
untersttzen.[1]

    [Anmerkung 1: +History of the Desertion+; +Mulgrave's Account of
    the Revolution+; +Eachard's History of the Revolution+.]


[_Die Lords versammeln sich in Guildhall._] Die Peers begaben sich nach
der Guildhall, wo sie von dem Magistrat der Stadt mit allen
Ehrenbezeigungen empfangen wurden. Streng gesetzlich waren sie so wenig
als irgend ein andrer Verein von Personen befugt, die ausbende Gewalt
zu bernehmen. Aber im Interesse der ffentlichen Sicherheit war eine
provisorische Regierung durchaus nthig und zu dem Ende richtete sich
der Blick des Publikums natrlich auf die erblichen Magnaten des Reichs.
Die Gre der Gefahr trieb auch Sancroft aus seinem Palaste. Er nahm den
Prsidentenstuhl ein und unter seinem Vorsitze beschlossen der neue
Erzbischof von York, fnf Bischfe und zweiundzwanzig weltliche Lords
eine Erklrung aufzusetzen, zu unterzeichnen und zu verffentlichen. Sie
erklrten in diesem Aktenstcke, da sie treu zur Religion und
Verfassung ihres Vaterlandes hielten, da sie die Hoffnung gehegt
htten, die ffentlichen Mistnde durch das vor kurzem vom Knige
einberufene Parlament abgestellt zu sehen, da aber seine Flucht diese
Hoffnung zerstrt habe. Sie htten daher beschlossen, sich dem Prinzen
von Oranien anzuschlieen, damit die Freiheit der Nation und die Rechte
der Kirche gesichert, den Dissenters gebhrende Gewissensfreiheit
gewhrt und der Protestantismus durch die ganze Welt befestigt werde.
Bis zur Ankunft Seiner Hoheit wollten sie die Verantwortlichkeit fr die
zur Aufrechthaltung der Ordnung nthigen Maregeln bernehmen. Es wurde
sofort eine Deputation abgesandt, welche dem Prinzen diese Erklrung
vorlegen und ihm sagen sollte, da er mit Ungeduld in London erwartet
werde.[2]

Die Lords schritten nun zur Berathung der Maregeln, welche ergriffen
werden muten, um Ruhestrungen vorzubeugen. Sie schickten nach den
beiden Staatssekretren. Middleton wollte sich einer Autoritt, die er
fr widerrechtlich angemat hielt, nicht unterwerfen; Preston aber, der
ber die Flucht seines Gebieters ganz bestrzt war und nicht wute, was
er zu erwarten hatte, noch wohin er sich wenden sollte, kam der
Aufforderung nach. Es wurde ein Bote an Skelton, den Gouverneur des
Tower gesandt, um ihn in die Guildhall zu berufen. Er kam und ward
bedeutet, da man seiner Dienste nicht lnger bedrfe und da er
augenblicklich seine Schlssel abzuliefern habe. Zu seinem Nachfolger
wurde Lord Lucas ernannt. Zu gleicher Zeit wurde auf Befehl der Peers an
Dartmouth ein Brief geschrieben, welcher die Weisung enthielt, da er
sich jeder feindseligen Operation gegen die hollndische Flotte
enthalten und alle unter ihm commandirenden papistischen Offiziere
entlassen solle.[3]

Die Rolle, welche Sancroft und einige andere Personen, die bis zu diesem
Tage das Prinzip des passiven Gehorsams streng festgehalten hatten, bei
diesen Manahmen spielten, verdient besondere Erwhnung. Den Oberbefehl
ber die Land- und Seemacht des Staats eigenmchtig zu bernehmen, die
Offiziere zu entlassen, denen der Knig seine Schlsser und Schiffe
anvertraut, und seinem Admiral alle Operationen gegen seine Feinde zu
verbieten: dies war gewi nichts Geringeres als offener Aufruhr.
Indessen redeten sich mehrere rechtschaffene und talentvolle Tories aus
Filmer's Schule dennoch ein, da sie dies Alles thun knnten, ohne sich
des Widerstandes gegen ihren Souverain schuldig zu machen. Die
Unterscheidung, welche sie dabei machten, war wenigstens sinnreich. Die
Regierung, sagten sie, ist eine gttliche Anordnung. Die erbliche
monarchische Regierung ist vorzugsweise eine gttliche Anordnung. So
lange der Knig befiehlt was recht und gesetzlich ist, mssen wir ihm
bereitwillig gehorchen, und wenn er etwas Ungesetzliches befiehlt,
mssen wir ihm passiv gehorchen. Selbst im uersten Falle sind wir
nicht berechtigt, ihm gewaltsamen Widerstand entgegenzusetzen. Legt er
aber freiwillig seine Functionen nieder, so erlschen dadurch seine
Rechte ber uns. So lange er uns, wenn auch schlecht, regiert, sind wir
ihm Gehorsam schuldig; will er uns aber gar nicht mehr regieren, so sind
wir nicht verbunden, fr immer ohne Regierung zu bleiben. Anarchie ist
keine gttliche Anordnung und Gott wird es uns gewi nicht als Snde
anrechnen, wenn ein Frst, den wir trotz der heftigsten Provokationen
niemals die Ehrerbietung und den Gehorsam verweigert haben, pltzlich
abreist, ohne da wir wissen wohin und ohne da er einen Stellvertreter
hinterlassen, und wir schlagen dann das einzige Verfahren ein, durch das
wir die vllige Auflsung der Gesellschaft verhindern knnen. Wre unser
Monarch bei uns geblieben, so wrden wir, so wenig er auch unsre Liebe
verdiente, mit Freuden zu seinen Fen gestorben sein. Htte er, als er
uns verlie, eine Regentschaft eingesetzt, die uns whrend seiner
Abwesenheit mit stellvertretender Autoritt regieren sollte, so wrden
wir dieser Regentschaft allein die Leitung der Geschfte berlassen
haben. Aber er ist verschwunden, ohne fr die Erhaltung der Ordnung oder
fr die Verwaltung der Justiz Vorsorge getroffen zu haben. Mit ihm und
seinem groen Siegel ist auch das ganze Triebwerk verschwunden, durch
welches ein Mrder bestraft, das Recht auf einen Besitz entschieden und
das Vermgen eines Bankerotteurs vertheilt werden kann. Seine letzte
Handlung war, da er viele Tausende bewaffneter Mnner von den Zgeln
der militairischen Disciplin befreite und sie in die Lage versetzte,
entweder plndern oder darben zu mssen. Noch einige Stunden, und
Jedermann wird sich an seinem Nachbar vergreifen. Leben, Eigenthum und
Frauenehre werden allen Ungesetzlichkeiten preisgegeben sein. Wir
befinden uns diesen Augenblick thatschlich in dem Naturzustande, ber
den die Theoretiker soviel geschrieben haben, und in diesen Zustand sind
wir nicht durch unsre Schuld, sondern durch den freiwilligen Abfall des
Mannes versetzt worden, der unser Beschtzer htte sein sollen. Sein
Abfall darf mit Recht freiwillig genannt werden, denn weder sein Leben
noch seine Freiheit war gefhrdet. Seine Feinde hatten sich eben bereit
erklrt, auf einer von ihm selbst vorgeschlagenen Grundlage mit ihm zu
unterhandeln und sich unter Bedingungen, deren Billigkeit er nicht
leugnen konnte, erboten, alle feindseligen Operationen sofort
einzustellen. Unter solchen Umstnden hat er sein Amt niedergelegt. Wir
widerrufen nichts, wir sind in nichts inconsequent, wir halten noch
immer ohne Unterschied an unseren alten Prinzipien fest, wir sind noch
immer der Meinung, da es in allen Fllen sndhaft ist, sich der
Obrigkeit zu widersetzen; aber wir sagen, es giebt keine Obrigkeit mehr,
der wir uns widersetzen knnten. Der Mann, der die Obrigkeit war, hat
seine Gewalt, nachdem er sie lange gemibraucht, endlich niedergelegt.
Der Mibrauch berechtigte uns nicht dazu ihn abzusetzen, die Abdankung
aber giebt uns das Recht, zu erwgen, wie wir seine Stelle am besten
wieder besetzen.

Aus diesen Grnden gewann die Partei des Prinzen viele neue Anhnger,
die sich bisher von ihm fern gehalten hatten. Seit Menschengedenken war
man der vollkommenen Einigkeit aller verstndigen Englnder noch nie so
nahe gewesen, als bei dieser Gelegenheit; nie hatte man aber auch der
Einigkeit so sehr bedurft. Eine gesetzliche Autoritt gab es nicht. Alle
die schlimmen Leidenschaften, welche eine Regierung zu zgeln
verpflichtet ist und welche auch die besten Regierungen nur unvollkommen
zu zgeln vermgen, waren pltzlich von jedem Zwange befreit: Habgier,
Sittenlosigkeit, Rachsucht, Seelenha und Nationalha. Bei solchen
Gelegenheiten wird man stets finden, da das menschliche Ungeziefer,
das, von den Dienern des Staats und der Kirche vernachlssigt, inmitten
der Civilisation und des Christenthums in heidnischer Rohheit und mit
allen mglichen physischen und moralischen Lastern befleckt in den
Kellern und Dachkammern der groen Stdte nistet, sich mit einem Male zu
furchtbarer Bedeutung erhebt. So war es damals auch in London.

    [Anmerkung 2: +London Gazette, Dec. 13. 1688.+]

    [Anmerkung 3: +Clarke's Life of James, II. 259+; +Mulgrave's
    Account of the Revolution+; Legge's Papiere in der
    Mackintosh-Sammlung.]


[_Tumulte in London._] Als die Nacht, zufllig die lngste Nacht im
Jahre, hereinbrach, spieen alle Hhlen des Lasters, der Brenzwinger von
Hockley und das Labyrinth von Kneipen und Bordellen in den Friars,
Tausende von Einbrechern und Straenrubern, Taschendieben und Gaunern
aus. Zu ihnen gesellten sich Tausende von Lehrbuben und Gesellen, denen
lediglich nach der Aufregung eines Tumults gelstete. Selbst
friedliebende und achtbare Leute wurden durch die religise Erbitterung
angetrieben, sich dem gesetzlosen Theile der Bevlkerung anzuschlieen.
Denn der Ruf: Kein Papismus! ein Ausruf, der mehr als einmal die
Existenz Londons gefhrdet hat, war das Signal zu Gewaltthtigkeiten und
Rubereien. Zuerst fiel der Pbel ber die katholischen Andachtshuser
her. Die Gebude wurden demolirt. Bnke, Kanzeln, Beichtsthle und
Breviarien wurden auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Ein
ungeheurer Berg von Bchern und Gerthschaften brannte in der Gegend des
Klosters von Clerkenwell. Ein andrer Haufen wurde neben den Trmmern des
Franziskanerklosters in Lincoln's Inn Fields angezndet. Die beiden
Kapellen in Lime Street und in Bucklersbury wurden niedergerissen. Die
Gemlde, Bilder und Kruzifixe wurden beim Scheine der von den Altren
genommenen Wachskerzen im Triumph durch die Straen getragen. Die
Prozession starrte von Schwertern und Stcken, an welche Orangen
gespiet waren. Die Druckerei des Knigs, aus der whrend der letzten
drei Jahre unzhlige Schriften zur Vertheidigung der ppstlichen
Oberhoheit, des Bilderdienstes und der Klostergelbde hervorgegangen
waren, wurde, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, welcher damals zum
ersten Male aufkam, vollstndig ausgeweidet (+gutted+). Die groen
Papiervorrthe, welche zum Theil noch nicht bedruckt waren, lieferten
das Material zu einem ungeheuren Freudenfeuer. Von den Klstern, Tempeln
und ffentlichen Anstalten wendete sich die Wuth der Menge auf
Privatwohnungen. Mehrere Huser wurden ausgeplndert und zerstrt; die
Geringfgigkeit der Beute aber befriedigte die Plnderer nicht, und bald
verbreitete sich das Gercht, da die werthvollsten Effecten der
Papisten den auswrtigen Gesandten zur Aufbewahrung bergeben worden
seien. Der rohe und unwissende Pbel fragte nichts nach dem Vlkerrechte
und nach der Gefahr, die gerechte Rache von ganz Europa auf das
Vaterland zu bringen. Die Huser der Gesandten wurden belagert. Ein
groer Haufe sammelte sich vor Barillon's Palaste in St. James' Square.
Er kam jedoch leichteren Kaufes davon, als man htte erwarten sollen,
denn obgleich die Regierung, welche er reprsentirte, allgemein verhat
war, so hatten doch sein gastfreier Haushalt und seine pnktlichen
Zahlungen ihn persnlich beliebt gemacht. berdies hatte er die Vorsicht
gebraucht, um eine militairische Schutzwache zu bitten, und da mehrere
andere in seiner Nhe wohnende Mnner von Rang das Nmliche gethan, so
war auf dem Platze eine ansehnliche Streitmacht versammelt. Die
Tumultuanten lieen ihn deshalb unbelstigt, nachdem er versichert
hatte, da keine Waffen oder Priester in seinem Hause versteckt seien.
Auch der venetianische Gesandte war durch eine Truppenabtheilung
geschtzt; die Huser aber, welche die Gesandten des Kurfrsten von der
Pfalz und des Groherzogs von Toskana bewohnten, wurden zerstrt. Einen
werthvollen Kasten konnte der toskanische Gesandte vor den Plnderern
retten. Derselbe enthielt neun Bnde Memoiren, von Jakob eigenhndig
geschrieben. Diese Bnde kamen unversehrt nach Frankreich, wo sie nach
Verlauf von mehr als einem Jahrhunderte in den Strmen einer noch weit
furchtbareren Revolution als die, weicher sie glcklich entronnen waren,
zu Grunde gingen. Einige Bruchstcke davon sind indessen noch vorhanden,
und obgleich diese arg verstmmelt und in Massen lcherlicher
Erdichtungen gekleidet sind, so verdienen sie doch aufmerksam studirt zu
werden.


[_Das Haus des spanischen Gesandten geplndert._] Das kostbare
Silbergerth der kniglichen Kapelle war nach Wild House, unweit
Lincoln's Inn Fields, der Wohnung des spanischen Gesandten Ronquillo,
gebracht worden. Ronquillo, der sich bewut war, da er und sein Hof
keine ble Behandlung von Seiten der englischen Nation verdienten, hatte
es nicht fr nthig erachtet, um Soldaten zu bitten; aber der Pbel war
nicht in der Stimmung, um feine Unterschiede zu machen. Der Name Spanien
wurde in der ffentlichen Meinung seit langer Zeit mit der Inquisition
und der Armada, mit den Grausamkeiten Mariens und den Anschlgen gegen
Elisabeth in Verbindung gebracht. Auch hatte sich Ronquillo selbst unter
dem Volke viele Feinde gemacht, indem er sich seines Vorrechts bediente,
um der Nothwendigkeit, seine Schulden zu bezahlen, berhoben zu sein.
Sein Haus wurde daher ohne Gnade geplndert und eine von ihm gesammelte
prchtige Bibliothek den Flammen berliefert. Sein einziger Trost war,
da die Hostie in seiner Kapelle dem gleichen Schicksale entging.[4]

Die Morgensonne des 12. Decembers beleuchtete ein grauenvolles
Schauspiel. Die Hauptstadt bot an vielen Stellen den Anblick einer mit
Sturm genommenen Stadt dar. Die Lords versammelten sich in Whitehall und
bemhten sich, die Ruhe wieder herzustellen. Die Milizen wurden unter
die Waffen gerufen und ein Kavalleriedetaschement in Bereitschaft
gehalten, um tumultuarische Zusammenrottungen zu zerstreuen. Fr die den
fremden Regierungen zugefgten Insulten wurde Genugthuung gewhrt, so
weit es in jenem Augenblicke mglich war. Es wurde eine Belohnung auf
die Entdeckung der aus Wild House geraubten Effecten ausgesetzt, und
Ronquillo, der kein Bett und keine Unze Silbergeschirr mehr besa, wurde
in dem verlassenen Palaste der Knige von England glnzend einquartirt.
Eine splendide Tafel wurde ihm gehalten und die kniglichen Leibwachen
erhielten Befehl, ihn in seinem Vorzimmer mit der nmlichen
Aufmerksamkeit zu bewachen, die sie dem Souverain zu erzeigen gewohnt
waren. Diese Beweise von Achtung beschwichtigten selbst den
empfindlichen Stolz des spanischen Hofes und beugten jeder Gefahr eines
Bruches vor.[5]

    [Anmerkung 4: +London Gazette, Dec. 13. 1688+; Barillon, 14.(24.)
    Dec.; Citters, von demselben Datum; +Luttrell's Diary+; +Clarke's
    Life of James, II. 256. Orig. Mem.+; Ellis' Correspondenz, 13.
    Dec.; Berathung des spanischen Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689.
    Ronquillo beklagte sich gegen seine Regierung bitter ber die
    erlittenen Verluste: +Sirviendole solo de consuelo el haber
    tenido prevencion de poder consumir El Santisimo.+]

    [Anmerkung 5: +London Gazette, Dec. 13. 1688+; +Luttrell's Diary+;
    +Mulgrave's Account of the Revolution+; Berathung des spanischen
    Staatsraths vom 19.(29.) Jan. 1689. Es wurde von Repressalien
    gesprochen, aber der spanische Staatsrath wies den Vorschlag mit
    Verachtung zurck. +Habiendo sido este hecho por un furor de
    pueblo, sin consentimiento del gobierno, y antes contra su
    voluntad, como lo ha mostrado la satisfaccion que le han dado y le
    han prometido, parece que no hay juicio humano que puede aconsejar
    que se pase  semejante remedio.+]


[_Verhaftung Jeffreys'._] Trotz der wohlmeinenden Bemhungen der
provisorischen Regierung nahm jedoch die Aufregung stndlich in
erschreckendem Mae zu. Sie wurde noch vermehrt durch einen Vorfall, der
selbst nach so langer Zeit nicht ohne ein Gefhl von Schadenfreude
berichtet werden kann. Ein in Wapping wohnender Geldmkler, dessen
Hauptgeschft darin bestand, da er den dortigen Seeleuten Geld auf hohe
Zinsen vorstreckte, hatte vor einiger Zeit eine Summe auf Bodmerei
ausgeliehen. Der Schuldner suchte bei dem Billigkeitsgericht um
Entbindung von seiner schriftlich eingegangenen Verpflichtung nach, und
der Fall kam vor Jeffreys. Da der Rechtsbeistand des Schuldners sonst
wenig zu sagen wute, so sagte er, der Darleiher sei ein Trimmer. Der
Kanzler gerieth sogleich in Flammen. Ein Trimmer? rief er aus; wo ist
er? ich will ihn sehen, ich habe von dieser Gattung Ungeheuer gehrt.
Wie mgen sie aussehen? Der unglckliche Glubiger mute vortreten. Der
Kanzler sah ihn mit einem durchbohrenden Blicke an, berhufte ihn mit
einer Fluth von Schmhungen und schickte ihn dann halb todt vor Angst
wieder fort. Dieses frchterliche Gesicht, sagte der arme Mann,
whrend er aus dem Gerichtssaale wankte, werde ich zeitlebens nicht
vergessen. Jetzt aber war der Tag der Vergeltung gekommen. Auf einem
Gange durch Wapping sah der Trimmer am Fenster eines Alehauses ein ihm
wohlbekanntes Gesicht. Er konnte sich nicht irren. Zwar waren die
Augenbrauen abrasirt und der von Kohlenstaub geschwrzte Anzug war der
eines gemeinen Matrosen; aber Jeffreys' wilder Blick und boshafter Mund
waren nicht zu verkennen. Es wurde Lrm gemacht, und in einem
Augenblicke war das Haus von mehreren hundert Leuten aus dem Volke, die
unter lauten Verwnschungen gewaltige Knittel schwangen, belagert. Eine
Compagnie Miliz rettete dem Flchtling das Leben und fhrte ihn vor den
Lordmayor. Dieser war ein einfacher Mann, der sein ganzes Leben in
Dunkelheit zugebracht hatte und jetzt ganz bestrzt war, als er sah, da
er in einer groen Revolution eine wichtige Rolle spielen sollte. Die
Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden und der gefahrdrohende
Zustand der seiner Obhut anvertrauten Stadt, hatte seine geistigen und
krperlichen Krfte fast erschpft. Als der groe Mann, bei dessen
Zornesblicke noch vor wenigen Tagen das ganze Knigreich gezittert
hatte, von Ru geschwrzt, halb todt vor Angst und von einem tobenden
Pbelhaufen verfolgt, in das Gerichtszimmer geschleppt wurde, stieg die
Aufregung des unglcklichen Mayors auf's Hchste. Er bekam Nervenzuflle
und wurde zu Bett gebracht, um nie wieder aufzustehen. Inzwischen wurde
die Volksmenge drauen immer zahlreicher und wthender. Jeffreys bat
darum, da man ihn ins Gefngni fhren solle. Man holte von den in
Whitehall tagenden Lords einen dazu nthigen Verhaftbefehl herbei und
Jeffreys wurde in einem Wagen nach dem Tower gebracht. Zwei Regimenter
Miliz waren zur Eskorte aufgeboten worden, und sie hatten ein schweres
Stck Arbeit. Sie waren zu wiederholten Malen genthigt, sich so zu
formiren, als ob sie einen Kavallerieangriff abzuwehren htten, und dem
Pbel einen Wald von Lanzen entgegenzuhalten. Die Tausende, die sich in
ihren rachschtigen Hoffnungen getuscht sahen, verfolgten den Wagen
unter wthendem Gebrll bis zum Eingang in den Tower, dabei bestndig
ihre Stcke schwingend und dem Gefangenen Stricke vor die Augen haltend.
Der Unglckliche war vom Entsetzen und der Angst wie gelhmt. Er rang
die Hnde, blickte bald aus diesem, bald aus jenem Fenster und man hrte
ihn trotz des betubenden Lrms deutlich ausrufen: Haltet sie zurck,
Gentlemen! um des Himmels willen, haltet sie zurck! Endlich nachdem er
weit mehr als die Qualen des Todes gelitten, wurde er in dem
Staatsgefngnisse, in welchem einige von seinen erlauchtesten
Schlachtopfern ihr Leben beschlossen hatten und in welchem auch er seine
Tage in unsglicher Schmach und Angst beschlieen sollte, in Sicherheit
gebracht.[6]

Diese ganze Zeit ber wurde eifrig auf katholische Priester gefahndet.
Viele wurden festgenommen und zwei Bischfe, Ellis und Leyburne, wurden
nach Newgate abgefhrt. Der Nuntius, welcher kaum erwarten durfte, da
die Menge seinen geistlichen oder weltlichen Character respectiren
werde, entkam als Bedienter verkleidet, im Gefolge des Gesandten des
Herzogs von Savoyen.[7]

    [Anmerkung 6: +North's Life of Guildford, 220+; +Jeffreys' Elegy+;
    +Luttrell's Diary; Oldmixon, 762+. Oldmixon befand sich unter der
    Menge und war, wie ich nicht zweifle, einer der Wthendsten. Er
    erzhlt die Geschichte gut. Ellis' Correspondenz; Burnet I. 797,
    und Onslow's Note.]

    [Anmerkung 7: Adda, 9.(19.) Dec.; Citters, 18.(28.) Dec.]


[_Die irische Nacht._] Ein zweiter Tag der Aufregung und des Schreckens
ging zu Ende und auf ihn folgte die seltsamste und grauenvollste Nacht,
welche England je gesehen. Gegen Abend machte der Pbel einen Angriff
auf ein stattliches Haus, das vor wenigen Monaten fr Lord Powis erbaut
worden war, unter GeorgII. die Wohnung des Herzogs von Newcastle wurde
und sich noch jetzt unter den Gebuden der nordwestlichen Seite von
Lincoln's Inn Fields auszeichnet. Es wurden einige Truppen hingeschickt,
welche den Pbel zerstreuten; die Ruhe schien hergestellt zu sein und
die Brger gingen sorglos zu Bett. In diesem Augenblicke tauchte ein
Gercht auf, das rasch zu einem furchtbaren Geschrei anschwoll, in einer
Stunde von Piccadilly bis Whitechapel flog und sich durch alle Straen
und Gassen der Hauptstadt verbreitete. Es hie, die Irlnder, welche
Feversham entlassen, marschirten nach London und machten unterwegs
Alles, Mnner, Frauen und Kinder, nieder. Um ein Uhr Morgens schlugen
die Trommeln der Miliz Generalmarsch. Allenthalben weinten die
gengstigten Frauen und rangen die Hnde, whrend ihre Vter und Gatten
sich zum Kampfe fertig machten. Noch vor zwei Uhr gewhrte die Stadt das
Ansehen ernster Kampfbereitschaft, das einem wirklichen Feinde gewi
Respect eingeflt haben wrde, wenn ein solcher im Anzuge gewesen wre.
An allen Fenstern brannten Lichter. Auf den ffentlichen Pltzen war es
so hell wie am Tage. Alle Hauptzugnge waren verbarrikadirt. Mehr als
zwanzigtausend Piken und Musketen zogen sich die Straen entlang. Die
spte Morgensonne des Wintersolstitiums fand die ganze City noch unter
den Waffen. Die Londoner erinnerten sich viele Jahre lang lebhaft dieser
Nacht, die sie die irische Nacht nannten. Als es sich zeigte, da kein
Grund zu Besorgnissen vorhanden gewesen war, versuchte man den Ursprung
des Gerchts zu entdecken, das eine so groe Aufregung veranlat hatte.
Es stellte sich heraus, da einige Personen, welche aussahen und
gekleidet waren wie eben vom Lande hereinkommende Bauern, kurz vor
Mitternacht das Gercht zuerst in den Vorstdten ausgesprengt hatten;
woher diese Leute aber kamen und in wessen Dienste sie standen, blieb
ein Geheimni. Bald kamen von vielen Seiten Nachrichten, welche das
Publikum noch bestrzter machten. Der Schrecken hatte sich nicht auf
London allein beschrnkt. Das Gercht, da irische Soldaten im Anzuge
seien, um die Protestanten niederzumetzeln, war mit boshafter Arglist in
vielen weit von einander entfernten Stdten zu gleicher Zeit verbreitet
worden. Eine groe Anzahl Briefe, welche sehr geschickt abgefat waren,
um das unwissende Volk zu ngstigen, waren durch Diligencen,
Landkutschen und durch die Post nach verschiedenen Gegenden Englands
gesandt worden. Alle diese Briefe kamen fast gleichzeitig in ihre
Bestimmungsorte. In hundert Stdten zugleich bemchtigte sich des
niederen Volkes der Wahn, da bewaffnete Barbaren in der Nhe seien,
welche eben so emprende Verbrechen verben wollten, wie die, welche den
Aufstand von Ulster geschndet hatten. Kein Protestant sollte verschont
bleiben, Kinder sollten durch die Folter gezwungen werden, ihre Eltern
zu ermorden, Suglinge sollten auf Lanzen gespiet oder in die
brennenden Trmmern der vor einigen Stunden noch friedlichen Wohnungen
geworfen werden. Groe Volksmassen traten unter die Waffen; an einigen
Orten fing man schon an, die Brcken abzubrechen und Barrikaden zu
errichten; bald aber legte sich die Aufregung wieder. In vielen
Districten erfuhren die so schndlich Betrogenen mit einer mit
Beschmung gemischten Freude, da sich bis auf die Entfernung eines
Achttagemarsches nicht ein einziger papistischer Soldat befinde. In
einigen Orten erschienen zwar vereinzelte herumstreifende Banden von
Irlndern und forderten Lebensmittel; aber man darf es ihnen kaum als
Verbrechen anrechnen, da sie nicht Hungers sterben wollten, und es ist
durch nichts bewiesen, da sie irgend einen muthwilligen Frevel
verbten. In der That waren sie auch bei weitem nicht so zahlreich, als
man allgemein glaubte, und es sank ihnen aller Muth, als sie sich
pltzlich, ohne Anfhrer und ohne Lebensmittel inmitten einer starken
Bevlkerung erblickten, von der sie mit Gefhlen betrachtet wurden, wie
man sie etwa gegen eine Heerde Wlfe empfindet. Von allen Unterthanen
Jakob's hatte Niemand mehr Ursache, ihm zu fluchen, als diese
unglcklichen Mitglieder seiner Kirche und Vertheidiger seines
Thrones.[8]

Es macht dem englischen Character Ehre, da trotz des Widerwillens, mit
welchem die katholische Religion und das irische Volk damals betrachtet
wurden, trotz der Anarchie, welche Jakob's Flucht herbeifhrte, und
trotz der kunstvollen Machinationen, welche angewendet wurden, um die
Menge durch die Furcht zur Grausamkeit aufzustacheln, bei dieser
Gelegenheit kein blutiges Verbrechen verbt ward. Allerdings wurde viel
Eigenthum zerstrt und geraubt, die Huser vieler Katholiken wurden
angegriffen, Parke wurden verwstet und Wild geschossen und gestohlen.
Manch' ehrwrdiges Denkmal der huslichen Baukunst des Mittelalters
zeigt noch heutigen Tages die Spuren der Gewaltthtigkeit des Volks. Die
Straen waren an vielen Stellen durch eine selbst errichtete Polizei
gesperrt, welche jeden Reisenden anhielt, bis er bewies, da er kein
Papist war. Die Themse war von einer Art von Piraten heimgesucht, welche
unter dem Vorwande, auf Waffen und Delinquenten zu fahnden, jedes
vorberfahrende Boot durchstberten. Miliebige Personen wurden
insultirt und hin und her gestoen. Andere gerade nicht miliebige waren
froh, wenn sie sich selbst und ihre Effecten dadurch loskaufen durften,
da sie den eifrigen Protestanten, die sich ohne gesetzliche Autoritt
das Amt von Untersuchungsrichtern angemat hatten, einige Guineen gaben.
Aber inmitten dieser Verwirrung, welche mehrere Tage whrte und sich
ber viele Grafschaften erstreckte, kam nicht ein einziger Katholik ums
Leben. Der Pbel zeigte kein Verlangen nach Blutvergieen, ausgenommen
bei Jeffreys, und der Ha, den dieser abscheuliche Mann erweckte, stand
der Menschlichkeit nher als der Grausamkeit.[9]

Viele Jahre spter behauptete Hugo Speke, die irische Nacht sei sein
Werk gewesen; er habe die Bauern angestellt, welche London aufgeregt,
und er sei der Verfasser der Briefe, welche im ganzen Lande Schrecken
verbreitet hatten. Seine Behauptung an sich ist nicht unwahrscheinlich,
aber sie sttzt sich auf kein andres Zeugni als sein eignes Wort. Er
war wohl der Mann dazu, eine solche Schurkerei zu begehen, aber auch
eben so fhig, sich flschlich einer solchen That zu rhmen.[10]

In London wurde Wilhelm mit Ungeduld erwartet; denn man zweifelte nicht,
da seine Energie und Einsicht die Ordnung und Sicherheit bald wieder
herstellen werde. Seine Ankunft aber erlitt eine Verzgerung, wegen der
er billigerweise nicht getadelt werden kann. Es war ursprnglich seine
Absicht gewesen, sich von Hungerford nach Oxford zu begeben, wo ihm ein
ehrenvoller und warmer Empfang zugesichert war; die Ankunft der
Deputation von der Guildhall aber bewog ihn, seinen Plan zu ndern und
direct nach der Hauptstadt zu eilen. Unterwegs erfuhr er, da Feversham
dem Befehle des Knigs zufolge die royalistische Armee entlassen habe
und da Tausende von Soldaten, des Zwanges der Disciplin enthoben und an
dem Nothwendigsten Mangel leidend, in den Grafschaften, durch welche der
Weg nach London fhrte, zerstreut umherirrten. Wilhelm htte daher nicht
ohne groe Gefahr, nicht allein fr seine Person, um die er sich wenig
zu kmmern pflegte, sondern auch fr die wichtigen Interessen, die er
wahrzunehmen hatte, unter schwacher Bedeckung weiter vordringen knnen.
Er mute seine eigenen Bewegungen nach den Bewegungen seiner Truppen
regeln, und Truppen konnten sich damals im tiefsten Winter nur langsam
auf den Heerstraen vorwrts bewegen. Er kam bei dieser Gelegenheit doch
ein wenig aus seiner gewohnten Ruhe. So darf man mir nicht kommen,
rief er mit Bitterkeit aus; Mylord Feversham soll das bald erfahren.
Es wurden sofort die geeigneten Maregeln getroffen, um den durch Jakob
herbeigefhrten beln abzuhelfen. Churchill und Grafton wurden
beauftragt, die zerstreute Armee wieder zu sammeln und zu ordnen. Die
englischen Soldaten wurden aufgefordert, ihren militairischen Character
wieder anzunehmen, und die Irlnder erhielten Befehl, ihre Waffen
abzuliefern, widrigenfalls sie als Banditen betrachtet werden wrden;
zugleich aber wurde ihnen versprochen, da, wenn sie sich gutwillig
fgten, sie mit allem Nothwendigen versehen werden sollten.[11]

Die Befehle des Prinzen wurden fast ohne Widerstand, ausgenommen von
Seiten der irischen Soldaten, welche in Tilbury gelegen hatten,
ausgefhrt. Einer von diesen drckte ein Pistol auf Grafton ab. Es
verfehlte, und der Mrder wurde von einem Englnder auf der Stelle
niedergeschossen. Ungefhr zweihundert der unglcklichen Fremden machten
einen tapferen Versuch zur Rckkehr in ihr Vaterland. Sie bemchtigten
sich eines reichbefrachteten Ostindienfahrers, der eben in die Themse
eingelaufen war und versuchten es, in Gravesend Lootsen zu pressen. Sie
fanden jedoch keinen und muten sich daher ihrer eigenen
Geschicklichkeit in der Schifffahrtskunde anvertrauen. Sie liefen mit
ihrem Schiffe bald auf den Grund und wurden nach einigem Blutvergieen
gezwungen, die Waffen zu strecken.[12]

Wilhelm befand sich jetzt seit fnf Wochen auf englischem Boden und
whrend dieser ganzen Zeit war ihm das Glck nicht einen Augenblick
untreu geworden, seine Klugheit und Festigkeit hatten sich glnzend
bewhrt; noch mehr aber hatte die Thorheit und der Kleinmuth Anderer fr
ihn gethan. Und jetzt, in dem Augenblicke, wo es schien, als ob der
vollstndigste Erfolg seine Plne krnen sollte, wurden sie durch einen
jener unerwarteten Zwischenflle zerstrt, welche so oft die klgsten
Berechnungen des menschlichen Scharfsinns zu Schanden machen.

    [Anmerkung 8: Citters, 14.(24.) Dec. 1688. +Luttrell's Diary+;
    Ellis' Correspondenz; +Oldmixon, 761+; +Speke's Secret History of
    the Revolution+; +Clarke's Life of James, II. 257+; +Eachard's
    History of the Revolution+; +History of the Desertion.+]

    [Anmerkung 9: +Clarke's Life of James, II. 258.+]

    [Anmerkung 10: +Secret History of the Revolution.+]

    [Anmerkung 11: +Clarendon's Diary, Dec. 13. 1688+; Citters,
    14.(24.) Dec.; +Eachard's History of the Revolution+.]

    [Anmerkung 12: Citters, 14.(24.) Dec.; +Luttrell's Diary+.]


[_Der Knig wird unweit Sheerne angehalten._] Am Morgen des 13.
Decembers wurde die Bevlkerung von London, die sich noch nicht ganz von
der Aufregung der irischen Nacht erholt hatte, durch das Gercht
berrascht, der Knig sei angehalten worden und befinde sich noch auf
der Insel. Im Laufe des Tages gewann das Gercht an Consistenz und
erhielt noch vor dem Abend die vollkommenste Besttigung.

Jakob war mit untergelegten Pferden das sdliche Ufer der Themse entlang
gereist und hatte am Morgen des 12. Decembers Emley Ferry, in der Nhe
der Insel Sheppey, erreicht. Hier lag das Fahrzeug, auf welchem er sich
einschiffen wollte. Er ging an Bord, aber der Wind blies frisch und der
Schiffer wollte es nicht wagen, ohne mehr Ballast in See zu gehen.
Darber wurde die gnstige Gelegenheit einer Ebbe verloren. Es war nahe
an Mitternacht, ehe das Boot flott zu werden begann. Inzwischen hatte
sich die Nachricht, da der Knig verschwunden, da das Land ohne
Regierung und London in der grten Bestrzung sei, rasch die Themse
stromabwrts verbreitet und berall Gewaltthtigkeiten und Unruhen
erzeugt. Die rauhen Fischer der Kste von Kent betrachteten das Boot mit
argwhnischen und gierigen Blicken. Es hie, einige vornehm gekleidete
Herren seien eiligst an Bord desselben gegangen. Vielleicht waren es
Jesuiten, und vielleicht waren sie reich! Fnfzig bis sechzig Schiffer,
vom Ha gegen den Papismus und vom Hang zum Plndern angetrieben,
hielten das Boot an, als es eben wieder abfahren wollte. Sie erklrten
den Passagieren, da sie ans Land gehen und sich bei einem
Magistratsbeamten legitimiren mten. Das Aussehen des Knigs erregte
Verdacht. Das ist Pater Petre! rief Einer von der Horde; ich erkenne
ihn an seinen hohlen Backen. -- Durchsucht den alten Jesuiten mit dem
Fratzengesicht! erscholl es nun von allen Seiten. Er wurde sehr unsanft
hin und her gestoen und man nahm ihm seine Brse und seine Uhr. Er
hatte seinen Krnungsring und einige andere werthvolle Kleinodien bei
sich; aber diese entgingen den Nachforschungen der Ruber, die sich
berhaupt so wenig auf Juwelen verstanden, da sie die Diamanten auf
seinen Schuhschnallen fr Glasstckchen hielten.

Endlich wurden die Gefangenen ans Land gebracht und in einen Gasthof
gefhrt. Hier hatte sich ein Volkshaufen versammelt, um sie zu sehen,
und obgleich sich Jakob durch eine Perrcke von andrer Form und Farbe,
als er sie gewhnlich trug, entstellt hatte, wurde er doch sofort
erkannt. Einen Augenblick schien der Pbel von ehrfurchtsvoller Scheu
ergriffen, aber die Zureden der Fhrer gaben ihm wieder Muth und der
Anblick Hales', den sie genau kannten und tdtlich haten, entflammte
ihre Wuth. Sein Park lag in der Nhe und eine Horde Tumultuanten war
eben damit beschftigt, sein Haus zu demoliren und sein Wild zu
schieen. Die Menge versicherte den Knig, da sie ihm nichts zu Leibe
thun wolle, ihn aber nicht abreisen lassen werde. Der Earl von
Winchelsea, ein Protestant, aber eifriger Royalist, das Oberhaupt der
Familie Finch und ein naher Verwandter Nottingham's, befand sich damals
zufllig in Canterbury. Sobald er erfuhr was geschehen war, eilte er in
Begleitung einiger kentischen Gentlemen nach der Kste. Durch ihre
Verwendung erhielt der Knig eine anstndigere Wohnung, aber er blieb
ein Gefangener. Der Pbel bewachte fortwhrend das Haus, in das er
gebracht worden war, und einige von den Rdelsfhrern lagen an der Thr
seines Schlafzimmers. Er benahm sich dabei wie ein Mann, den die Last
des Migeschicks vllig zu Boden drckt. Zuweilen sprach er in einem so
hochmthigen Tone, da die Bauern, die ihn bewachten, zu unehrerbietigen
Antworten gereizt wurden. Dann nahm er wieder zu Bitten seine Zuflucht.
Lat mich gehen, sagte er, verschafft mir ein Boot. Der Prinz von
Oranien trachtet mir nach dem Leben. Wenn Ihr mich jetzt nicht fliehen
lat, so wird es zu spt sein. Mein Blut wird dann ber Euch kommen. Wer
nicht fr mich ist, der ist gegen mich. ber diesen letzten Text
predigte er eine halbe Stunde lang. Er sprach ber eine Menge
verschiedener Gegenstnde: ber den Ungehorsam der Collegiaten des
Magdalenenstiftes, ber die durch den Brunnen der heiligen Winfrede
bewirkten Wunder, ber die Illoyalitt der Schwarzrcke und ber die
Wunderkrfte eines Splitters vom wahrem Kreuze des Erlsers, den er
leider verloren habe. Was habe ich gethan? fragte er die anwesenden
kentischen Squires. Sagen Sie mir die Wahrheit: welchen Fehler habe ich
begangen? Diejenigen, an welche er diese Frage richtete, waren zu
human, als da sie ihm die Antwort htten geben sollen, die ihnen gewi
auf den Lippen schwebte, und sie hrten daher sein verworrenes Geschwtz
mit mitleidigem Stillschweigen an.[13]

Als die Nachricht, da er angehalten, insultirt, mit roher Hrte
behandelt und ausgeplndert worden sei und da er sich noch in der
Gewalt roher Bauern befinde, in der Hauptstadt ankam, uerten sich
verschiedenartige Leidenschaften. Strenge Staatskirchenmnner, welche
wenige Stunden zuvor angefangen hatten zu glauben, da sie ihrer
Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden seien, wurden wieder
schwankend. Er hatte sein Reich nicht verlassen und also die Abdankung
nicht vollendet. Sollte er sein knigliches Amt wieder bernehmen,
konnten sie ihm dann nach ihren Grundstzen den Gehorsam verweigern?
Einsichtsvolle Staatsmnner sahen mit tiefer Betrbni voraus, da alle
Streitigkeiten, welche seine Flucht auf einen Augenblick beschwichtigt
hatte, durch seine Rckkehr wieder angeregt und mit vermehrter
Erbitterung fortgesetzt werden wrden. Viele Leute aus dem Volke wurden,
obgleich sie noch den Schmerz der ihnen unlngst zugefgten Unbilden
fhlten, von Mitleid fr einen von Rubern mihandelten groen Frsten
ergriffen und waren zu der Hoffnung geneigt, welche mehr ihrer
Gutherzigkeit als ihrem Verstande zur Ehre gereichte, da er jetzt noch
die Fehler bereuen knnte, die eine so entsetzliche Strafe ber ihn
gebracht hatten.

Von dem Augenblicke an, wo es bekannt wurde, da der Knig sich noch in
England befand, erschien Sancroft, der bis dahin als Prsident der
provisorischen Regierung fungirt hatte, nicht mehr in den Sitzungen der
Peers. Halifax, der eben aus dem hollndischen Hauptquartier angekommen
war, bernahm den Vorsitz. Seine Ansichten hatten sich in einigen
Stunden vllig verndert. Sowohl politische als religise Gefhle
bestimmten ihn jetzt, sich den Whigs anzuschlieen. Wer die auf uns
gekommenen Beweisstcke unbefangen prft, mu der Meinung sein, da er
das Amt eines kniglichen Commissars in der aufrichtigen Hoffnung
bernahm, er werde eine Verstndigung zwischen dem Knige und dem
Prinzen unter billigen Bedingungen zu Stande bringen. Die Unterhandlung
hatte mit gnstigen Aussichten begonnen; der Prinz hatte Bedingungen
gestellt, die der Knig selbst als billig anerkennen mute und der
beredte und geniale Trimmer durfte sich mit der Hoffnung schmeicheln,
da er im Stande sein werde, zwischen den erbitterten Parteien zu
vermitteln, zwischen extremen Meinungen einen Vergleich zu dictiren, die
Freiheiten und die Religion seines Vaterlandes zu sichern, ohne es den
von einem Dynastiewechsel und einer streitigen Thronfolge
unzertrennlichen Gefahren auszusetzen. Whrend er sich in derartigen,
seinem Character so wohl zusagenden Gedanken wiegte, erfuhr er, da er
hintergangen worden war und da man sich seiner als eines Werkzeugs
bedient hatte, um die Nation zu hintergehen. Seine Sendung nach
Hungerford war eine bloe Komdie gewesen. Der Knig hatte nicht daran
gedacht, an den Bedingungen festzuhalten, welche die Commissare auf
seinen Befehl vorschlagen hatten. Er hatte ihnen aufgetragen, zu
erklren, da es sein Wille sei, alle streitigen Fragen dem von ihm
einberufenen Parlamente zur Entscheidung vorzulegen, und whrend sie
sich dieses Auftrags entledigten, hatte er die Wahlausschreiben
verbrannt, war mit dem Staatssiegel entflohen, hatte die Armee
entlassen, die Justizverwaltung suspendirt, die Regierung aufgelst und
war aus der Hauptstadt entflohen. Halifax sah nun ein, da eine gtliche
Verstndigung nicht mehr mglich war. Wahrscheinlich empfand er wohl
auch den Verdru, welcher bei einem durch seine Weisheit weltberhmten
Manne, der die Erfahrung macht, da ein in jeder Beziehung tief unter
ihm stehender Geist ihn betrogen hat, und bei einem groen Meister der
Satire, der sich selbst in eine lcherliche Situation versetzt sieht,
sehr natrlich ist. Sein Verstand und sein Unwille bewogen ihn in
gleichem Mae, die Vershnungsplne, auf welche er bisher hingearbeitet
hatte, aufzugeben und sich an die Spitze Derer zu stellen, welche den
Prinzen Wilhelm auf den Thron erheben wollten.[14]

Es existirt noch ein von ihm eigenhndig geschriebenes Tagebuch ber die
Vorgnge in der Rathsversammlung der Lords whrend seiner
Prsidentschaft in derselben.[15] Es wurde keine Vorsichtsmaregel,
welche zur Verhtung von Gewaltthtigkeiten und Rubereien nthig
erschien, verabsumt. Die Peers erlieen auf ihre Verantwortung den
Befehl, da, wenn der Pbel noch einmal aufstnde, die Soldaten scharf
schieen sollten. Jeffreys wurde nach Whitehall gebracht und ber das
Schicksal des Staatssiegels und der Wahlausschreiben befragt. Auf seine
eigenen dringenden Bitten wurde er wieder in den Tower geschickt, als
den einzigen Ort, wo er seines Lebens sicher sei, und er entfernte sich
unter Dankesversicherungen und Segenswnschen gegen Diejenigen, die ihm
den Schutz eines Gefngnisses gewhrt hatten. Ein whiggistischer
Edelmann trug darauf an, da Oates in Freiheit gesetzt werden solle;
aber dieser Antrag wurde verworfen.[16]

Die Geschfte des Tages waren so ziemlich erledigt und Halifax wollte
sich eben erheben, als ihm gemeldet wurde, da ein Bote von Sheerne
angekommen sei. Kein Vorfall konnte unangenehmer und strender sein. Man
lud eine groe Verantwortlichkeit auf sich, mochte man etwas thun oder
nicht. Halifax, der wahrscheinlich Zeit zu gewinnen wnschte, um sich
mit dem Prinzen in Vernehmen zu setzen, hatte die Versammlung am
liebsten vertagt; Mulgrave aber ersuchte die Lords, auf ihren Pltzen zu
bleiben und fhrte den Boten ein. Der Mann erzhlte seine Geschichte mit
Thrnen in den Augen und berreichte einen Brief, der vom Knig selbst
geschrieben, aber an keine bestimmte Person gerichtet war, sondern nur
den Beistand aller guten Englnder anrief.[17]

    [Anmerkung 13: +Clarke's Life of James, II. 251. Orig. Mem.+; ein
    in Tindal's Fortsetzung zu Rapin abgedruckter Brief. Dieser
    interessante Brief befindet sich in den Harley'schen
    Handschriften, 6852.]

    [Anmerkung 14: Mulgrave erfuhr von einer Dame, die er nicht nennt,
    da der Knig erst dann entfliehen wollte, als er einen Brief von
    Halifax erhielt, der sich damals in Hungerford befand. Dieser
    Brief, sagte sie, habe Seine Majestt darauf aufmerksam gemacht,
    da sein Leben in Gefahr sei, wenn er bleibe. Dies ist sicherlich
    ein Roman. Vor der Abreise der Commissare von London hatte der
    Knig Barillon gesagt, ihre Sendung sei eine bloe Finte, und den
    festen Entschlu ausgesprochen, das Land zu verlassen. Aus
    Reresby's eigner Erzhlung geht hervor, da Halifax sich
    schndlich hintergangen glaubte.]

    [Anmerkung 15: +Harl. MS. 255.+]

    [Anmerkung 16: +Halifax MS.+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]

    [Anmerkung 17: +Mulgrave's Account of the Revolution+.]


[_Die Lords geben Befehl zu seiner Freilassung._] Eine solche Bitte
konnte man kaum unbeachtet lassen. Die Lords gaben Feversham Befehl, mit
einer Abtheilung der Leibgarde an den Ort zu eilen, wo der Knig
zurckgehalten wurde, und Seine Majestt in Freiheit zu setzen.

Middleton und einige andere Anhnger des Knigs waren bereits
aufgebrochen, um ihrem unglcklichen Gebieter beizustehen und ihn zu
trsten. Sie fanden ihn in strengem Gewahrsam und sie wurden nicht eher
zu ihm gelassen, als bis sie ihre Degen abgegeben hatten. Er war von
einer ungeheuren Menge Volks umgeben. Einige whiggistische Gentlemen aus
der Umgegend hatten eine starke Abtheilung Miliz zu seiner Bewachung
herbeigefhrt. Sie waren der sehr irrigen Meinung gewesen, da sie sich
durch seine Festhaltung bei seinen Feinden beliebt machen wrden, und
waren nicht wenig erstaunt, als sie vernahmen, da die dem Knige zu
Theil gewordene Behandlung von der provisorischen Regierung in London
gemibilligt werde, und eine Kavallerieabtheilung unterwegs sei, um ihn
zu befreien. Feversham kam bald an. Er hatte seine Truppe in
Sittingbourne zurckgelassen; aber man hatte nicht nthig, Gewalt
anzuwenden. Der Knig durfte ungehindert abreisen und wurde von seinen
Freunden nach Rochester gebracht, wo er sich einige Ruhe gnnte, deren
er dringend bedurfte. Er war in einem traurigen Zustande. Nicht nur sein
niemals sehr heller Verstand war vllig verwirrt, sondern auch der
persnliche Muth, den er in seinen jngeren Jahren in mehreren
Schlachten, zur See wie zu Lande bewiesen, hatte ihn verlassen. Die
harte krperliche Behandlung, die er jetzt zum ersten Male erfahren,
scheint ihn mehr als irgend ein andres Ereigni seines bewegten Lebens
niedergedrckt zu haben. Der Abfall seiner Armee, seiner Gnstlinge und
seiner Familie erschtterte ihn weniger als die Rohheiten, die er beim
Anhalten seines Bootes ertragen hatte. Die Erinnerung an diese Rohheiten
nagte noch lange an seinem Herzen und uerte sich einmal in einer
Weise, welche den verchtlichen Spott von ganz Europa erregte. Im
vierten Jahre seiner Verbannung versuchte er es seine Unterthanen durch
das Versprechen einer Amnestie wieder zu gewinnen. Dieser Amnestie war
jedoch eine lange Liste von Ausnahmen beigegeben, und auf dieser Liste
standen neben Churchill und Danby auch die armen Fischer, welche seine
Taschen so unsanft untersucht hatten. Aus diesem Umstande kann man
schlieen, wie schmerzlich er die ihm widerfahrene rcksichtslose
Behandlung empfunden haben mu, als sie noch neu war.[18]

Htte er indessen nur das gewhnliche Ma von gesundem Verstande
besessen, so wrde er eingesehen haben, da Diejenigen, welche ihn
festnahmen, ihm unabsichtlich einen groen Dienst erzeigt hatten. Die
Ereignisse, welche seit seiner Abwesenheit von der Hauptstadt daselbst
eingetreten waren, htten ihn berzeugen mssen, da, wenn seine Flucht
gelungen wre, er nie htte zurckkehren drfen. Er war wider seinen
Willen vom gnzlichen Untergange errettet worden. Jetzt hatte er noch
eine Aussicht, die letzte und einzige, die ihm noch blieb. So gro auch
seine Vergehen sein mochten, ihn zu entthronen, so lange er noch in
seinem Reiche war und sich den Bedingungen fgte, die ein freies
Parlament ihm vorschrieb, wre fast unmglich gewesen.

Eine Weile schien er geneigt, zu bleiben. Er sandte Feversham von
Rochester mit einem Briefe an Wilhelm. Der Inhalt dieses Briefes war,
da Seine Majestt auf der Rckreise nach Whitehall begriffen sei, da
er eine persnliche Unterredung mit dem Prinzen wnsche und da der St.
Jamespalast zum Empfang Seiner Hoheit eingerichtet werden solle.[19]

    [Anmerkung 18: Siehe seine aus Saint-Germains datirte Proklamation
    vom 20. April 1692.]

    [Anmerkung 19: +Clarke's Life of James, II, 261. Orig. Mem.+]


[_Wilhelm's Verlegenheit._] Wilhelm befand sich jetzt in Windsor. Er
hatte mit schmerzlichem Bedauern die an der Kste von Kent stattgehabten
Vorflle erfahren. Kurz vor dem Eintreffen der Nachricht hatten seine
Umgebungen bemerkt, da er ungewhnlich heiter war. Er hatte auch in der
That Ursache, sich zu freuen. Er stand am Fue eines erledigten Thrones.
Es schien, als wrden alle Parteien ihn einstimmig auffordern, denselben
zu besteigen. Doch pltzlich trbten sich seine Aussichten. Es ergab
sich, da die Abdankung nicht vollstndig gewesen war. Ein groer Theil
seiner Anhnger trug gewi Bedenken, einen Knig abzusetzen, der noch
unter ihnen war, der sie aufforderte, ihre Beschwerden auf
parlamentarischem Wege anzubringen, und der vollstndige Abstellung
derselben versprach. Der Prinz mute seine neue Stellung erwgen und ein
neues Verfahren einschlagen. Kein Weg stand ihm offen, gegen den sich
nicht Einwendungen htten machen lassen, kein Weg, der ihn in eine so
vortheilhafte Lage versetzen konnte, als die war, in der er sich vor
wenigen Stunden noch befand. Etwas konnte indessen gethan werden. Der
erste Fluchtversuch des Knigs war gescheitert. Das Wnschenswertheste
war jetzt, da er einen zweiten Versuch mit besserem Erfolge unternehmen
mchte. Er mute zu gleicher Zeit gengstigt und gekdert werden. Die
Liberalitt, mit der man ihm bei der Unterhandlung zu Hungerford
entgegengekommen war, und die er mit einem Treubruche vergolten hatte,
war jetzt nicht mehr angewandt. Vergleichsvorschlge durften ihm nicht
mehr gemacht werden, und wenn er solche machte, so mute man sie kalt
aufnehmen. Aber auch Gewalt durfte nicht gegen ihn angewendet, ja ihm
nicht einmal angedroht werden. Indessen war es vielleicht nicht
unmglich, einen so schwachen Mann auch ohne Anwendung oder Androhung
von Gewalt um seine persnliche Sicherheit besorgt zu machen. Dann
dachte er gewi bald wieder an die Flucht, und in diesem Falle mute ihm
die Flucht auf jede Weise erleichtert und dafr gesorgt werden, da er
nicht wieder durch einen diensteifrigen Tlpel zurckgehalten wurde.


[_Verhaftung Feversham's._] Dies war Wilhelm's Plan, und die
Geschicklichkeit und Entschlossenheit, womit er denselben ausfhrte,
contrastiren auffallend mit der ihm gegenberstehenden Thorheit und
Feigheit. Bald bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit dar, sein
Einschchterungssystem zu beginnen. Feversham kam mit Jakob's Brief in
Windsor an. Die Wahl des Boten war eben keine glckliche. Er hatte die
knigliche Armee entlassen und ihm gab man vorzugsweise die Verwirrung
und Angst der irischen Nacht Schuld. Sein Benehmen wurde von der
ffentlichen Meinung entschieden getadelt. Wilhelm hatte sich zu einigen
drohenden Worten reizen lassen, und einige drohende Worte aus Wilhelm's
Munde bedeuteten gewhnlich etwas. Feversham wurde nach seinem
Geleitsbriefe gefragt. Er hatte keinen. Indem er ohne einen solchen in
einem feindlichen Lager erschien, hatte er sich nach den Kriegsgesetzen
der strengsten Behandlung ausgesetzt. Wilhelm weigerte sich ihn zu
empfangen und gab Befehl ihn festzunehmen.[20] Zulestein wurde sofort
abgesandt, um Jakob zu benachrichtigen, da der Prinz die verlangte
Unterredung ablehne und wnsche, da Seine Majestt in Rochester blieb.

    [Anmerkung 20: +Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688+; +Burnet, I.
    800.+]


[_Ankunft Jakob's in London._] Aber es war zu spt. Jakob war bereits in
London. Er war anfangs unschlssig gewesen und hatte sich schon einmal
wieder vorgenommen gehabt, einen neuen Versuch zur Flucht auf das
Festland zu machen. Endlich aber gab er dem Andringen von Freunden,
welche klger waren als er, nach und reiste nach Whitehall ab. Am
Sonntag Nachmittag den 16. December kam er daselbst an. Er hatte
gefrchtet, das Volk, das whrend seiner Abwesenheit so viele Beweise
von Ha gegen den Papismus gegeben, werde ihm einen schimpflichen
Empfang bereiten. Aber gerade die Heftigkeit des neuerlichen Ausbruchs
hatte eine Erschlaffung zur Folge gehabt. Der Sturm hatte sich selbst
aufgezehrt. Heiterkeit und Mitleid waren auf die Wuth gefolgt. In keinem
Stadttheile Londons uerte sich die mindeste Neigung, den Knig zu
beschimpfen; man hrte sogar einzelne Lebehochs, als er durch die City
fuhr. Auf einigen Kirchthrmen luteten die Glocken und ein paar
Freudenfeuer wurden zu Ehren seiner Zurckkunft angezndet.[21] Sein
kurz zuvor von der Verzweiflung berwltigter schwacher Geist wurde
durch diese unerwarteten Zeichen der Gutherzigkeit und Theilnahme des
Volks mit bermiger Freude erfllt. In der frohesten Stimmung betrat
er seine Wohnung, welche sehr bald ihr frheres Aussehen wieder annahm.
Katholische Priester, welche in der vergangenen Woche froh gewesen
waren, wenn sie sich in Kellern und Dachkammern vor der Wuth der Menge
hatten verbergen knnen, kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und
machten Anspruch auf ihre frher innegehabten Gemcher im Palaste. Ein
Jesuit sprach das Tischgebet an der kniglichen Tafel. Der irische
Jargon, damals jedem englischen Ohre der verhateste von allen
Dialecten, wurde wieder berall in den Hfen und Gallerien vernommen.
Der Knig selbst zeigte wieder seinen ganzen frheren Hochmuth. Er hielt
einen Staatsrath, den letzten, dem er prsidirte, und berief selbst in
dieser uerst gefhrlichen Lage Personen in denselben, welche
gesetzlich nicht berechtigt waren, einen Sitz darin einzunehmen. Er
sprach sein hohes Mifallen ber das Verfahren der Lords aus, die es
gewagt hatten, whrend seiner Abwesenheit die Regierungsgeschfte zu
bernehmen. Er meinte, es sei ihre Pflicht gewesen, eher die
Gesellschaft sich auflsen, die Huser der Gesandten niederreien und
London in Brand stecken zu lassen, als sich die Functionen anzumaen,
welche er niederzulegen fr gut befunden hatte. Unter den so Getadelten
befanden sich einige Kavaliere und Prlaten, die ihm trotz aller seiner
Fehler stets treu geblieben waren und selbst nach dieser Provocation nie
weder durch die Hoffnung noch durch die Furcht bewogen werden konnten,
ihre Unterthanentreue von ihm auf einen andren Souverain zu
bertragen.[22]

Doch sein Muth ward bald gebrochen. Kaum war er in seinen Palast
eingezogen, so wurde ihm Zulestein gemeldet. Er berbrachte Wilhelm's
kalte und ernste Botschaft. Der Knig bestand noch immer auf einer
persnlichen Unterredung mit seinem Neffen. Ich wrde Rochester nicht
verlassen haben, sagte er, wenn ich gewut htte, da er dies nicht
wnschte; da ich aber nun einmal hier bin, wird er hoffentlich in den
St. Jamespalast kommen. -- Ich mu Eurer Majestt offen sagen,
entgegnete Zulestein, da Seine Hoheit nicht nach London kommen wird,
so lange Truppen hier sind, welche nicht unter seinen Befehlen stehen.
Der Knig schwieg bestrzt ber diese Antwort. Zulestein entfernte sich,
und bald darauf trat ein Gentleman in das Schlafzimmer mit der Meldung,
da Feversham verhaftet worden sei.[23] Jakob erschrak nicht wenig
darber. Doch die Erinnerung an den Beifall, mit dem er begrt worden
war, hielt seinen Muth noch immer aufrecht. Eine khne Hoffnung stieg in
ihm auf. Er glaubte London, so lange das Bollwerk des Protestantismus
und des Whiggismus, werde bereitwilligst zu seinem Schutze die Waffen
ergreifen. Er lie den Gemeinderath fragen, ob er sich verbindlich
machen wolle, ihn gegen den Prinzen zu vertheidigen, wenn er, der Knig,
seine Residenz in der City aufschlge. Der Gemeinderath aber hatte die
Entziehung des Freibriefs und den Justizmord Cornish's nicht vergessen,
und weigerte sich das verlangte Versprechen zu geben. Da sank dem Knige
der Muth wieder. Wohin, fragte er, solle er sich um Schutz wenden? Es
sei ganz das Nmliche, ob er hollndische Truppen um sich habe, oder
seine eigene Leibgarde. Was die Brger betreffe, so wisse er jetzt, was
ihre Lebehochrufe und ihre Freudenfeuer werth seien. Es bleibe ihm
nichts Andres brig als die Flucht, obgleich er recht wohl wisse, da
seine Feinde nichts sehnlicher wnschten, als da er wieder fliehen
mchte.[24]

    [Anmerkung 21: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+;
    +Burnet, I. 799.+ In der +History of the Desertion (1689)+ wird
    behauptet, die Lebehochs seien bei dieser Gelegenheit nur von
    einigen jugendlichen Gaffern ausgerufen worden, die Hauptmasse des
    Volks aber habe schweigend zugesehen. Oldmixon, der sich unter der
    Menge befand, sagt das Nmliche, und Ralph, dessen vorgefate
    Meinungen von denen Oldmixon's durchaus verschieden waren, erzhlt
    uns, da ein achtbarer Augenzeuge ihm dasselbe mitgetheilt habe.
    Die Wahrheit ist ohne Zweifel die, da die Freudenbezeigungen an
    sich unbedeutend waren, aber auerordentlich schienen, weil man
    einen heftigen Ausbruch des ffentlichen Unwillens erwartet hatte.
    Barillon erwhnt auch, da einige Zurufe und Freudenfeuer
    vorgekommen seien, setzt aber hinzu: +Le peuple dans le fond est
    pour le Prince d'Orange.+ --17.(27.) Dec. 1688.]

    [Anmerkung 22: +London Gazette, Dec. 16. 1688+; +Mulgrave's
    Account of the Revolution; History of the Desertion+; +Burnet, I.
    799+; +Evelyn's Diary, Dec. 13, 17. 1688+.]

    [Anmerkung 23: +Clarke's Life of James, II. 262. Orig. Mem.+]

    [Anmerkung 24: Barillon, 17.(27.) Dec. 1681; +Clarke's Life of
    James, II. 271+.]


[_Berathung in Windsor._] Whrend er sich in diesem Zustande von Angst
und Ungewiheit befand, war sein Schicksal in Windsor der Gegenstand
ernster Berathung. Wilhelm's Hof war jetzt mit ausgezeichneten Mnnern
alter Parteien angefllt. Die meisten Fhrer des Aufstandes im Norden
hatten sich ihm zugesellt, und mehrere von den Lords, welche whrend der
Anarchie der vergangenen Woche die Functionen einer provisorischen
Regierung bernommen hatten, waren sogleich nach der Rckkehr des Knigs
von London ins hollndische Hauptquartier abgereist. Einer von diesen
war Halifax. Wilhelm hatte ihn mit groem Vergngen willkommen geheien,
hatte aber ein sarkastisches Lcheln nicht unterdrcken knnen, als er
diesen genialen und vollendeten Staatsmann, der so gern der
Schiedsrichter in diesem groen Kampfe geworden wre, gezwungen sah, den
Mittelweg zu verlassen und auf eine Seite zu treten. Unter Denen, die
sich damals nach Windsor begaben, waren auch Einige, welche Jakob's
Gunst durch schmachvolle Dienstleistungen erkauft hatten und die jetzt
das Verbrechen, ihr Vaterland verrathen zu haben, durch Verrath an ihrem
Gebieter wieder gut machen wollten. Ein solcher Mann war Titus, der in
Widerspruch mit dem Gesetz im Geheimen Rath gesessen und sich bemht
hatte, die Puritaner mit den Jesuiten zu einem Bunde gegen die
Verfassung zu vereinigen. Ein solcher Mann war auch Williams, ein
gewesener Demagog, der aus Eigennutz zum Vertheidiger der Prrogative
geworden und der jetzt zu einem abermaligen Abfalle bereit war. Diese
Mnner lie der Prinz mit gerechter Verachtung in seinem Vorzimmer
vergebens auf eine Audienz warten.[25]

Am Montag den 17. December wurden smmtliche in Windsor anwesende Peers
zu einer feierlichen Berathung in das Schlo berufen. Der Gegenstand der
Besprechung war die Frage, wie es mit dem Knige gehalten werden sollte.
Wilhelm hielt es nicht fr passend, der Discussion beizuwohnen. Er
entfernte sich daher und Halifax wurde aufgefordert, den
Prsidentenstuhl einzunehmen. ber einen Punkt waren die Lords einig,
da nmlich der Knig da wo er war nicht bleiben drfe. Jedermann
fhlte, da es unpassend sein wrde, wenn der eine Frst sich in
Whitehall, der andre in St. James verschanzte und es auf einem
Flchenraume von hundert Acres zwei feindliche Besatzungen gab. Eine
solche Situation mute fast unvermeidlich Argwohn, Beleidigungen und
Reibungen hervorrufen, welche einen blutigen Ausgang nehmen konnten. Die
versammelten Lords hielten es daher fr zweckmig, da Jakob aus London
entfernt wurde. Ham, das Lauderdale von dem geraubten Gelde Schottlands
und von den Geschenken Frankreichs am Ufer der Themse erbaut und
ausgeschmckt hatte und das fr das prchtigste Lustschlo Englands
galt, wurde als ein geeigneter Aufenthaltsort vorgeschlagen. Sobald die
Lords diesen Beschlu gefat hatten, lieen sie den Prinzen bitten, da
er zu ihnen kommen mchte, und Halifax theilte ihm ihre Meinung mit.
Wilhelm hrte sie an und billigte sie. Es wurde sogleich ein kurzes
Schreiben an den Knig aufgesetzt. Durch wem sollen wir es ihm zu
senden? fragte Wilhelm dann. -- Sollte es nicht durch einen Offizier
Eurer Hoheit berbracht werden? entgegnete Halifax. -- Nein, Mylords,
mit Verlaub, erwiederte der Prinz; es wird auf Anrathen Eurer
Herrlichkeiten abgesandt, und daher mssen Einige von Ihnen es
berbringen. Und ohne weitere Einwendungen abzuwarten, ernannte er
Halifax, Shrewsbury und Delamere zu berbringern.[26]

Der Beschlu der Lords schien einhellig zu sein; aber es waren Einige
darunter, welche die Entscheidung, mit der sie einverstanden zu sein
vorgaben, keineswegs billigten und den Knig mit einer Strenge behandelt
zu sehen wnschten, die sie nicht offen anzuempfehlen wagten. Es ist
eine bemerkenswerthe Thatsache, da das Oberhaupt dieser Partei ein Peer
war, der ein heftiger Tory gewesen und der nachher als Eidverweigerer
starb: Clarendon. Die Rapiditt, mit der er in dieser Krisis von einem
Extrem zum andren bersprang, mu Leuten, die in friedlichen Zeiten
leben, unglaublich erscheinen, wird aber Diejenigen nicht Wunder nehmen,
welche Gelegenheit hatten, den Gang von Revolutionen zu beobachten. Er
wute, da die Rcksichtslosigkeit, mit der er in Anwesenheit des Knigs
das ganze Regierungssystem getadelt, seinen ehemaligen Gebieter tief
gekrnkt hatte. Auf der andren Seite durfte er als Oheim der
Prinzessinnen hoffen, bei der bevorstehenden neuen Ordnung der Dinge
gro und reich zu werden. Die englische Colonie in Irland betrachtete
ihn als ihren Freund und Beschtzer, und er sah ein, da von dem
Vertrauen und der Zuneigung dieser wichtigen Partei seine zuknftige
Bedeutung groentheils abhing. Diesen Rcksichten muten jetzt die
Prinzipien weichen, zu denen er sich whrend seines ganzen Lebens mit
Ostentation bekannt hatte. Er begab sich ins Kabinet des Prinzen und
stellte ihm vor, wie gefhrlich es sein wrde, wenn man den Knig frei
liee. Die irischen Protestanten seien dann in der grten Gefahr. Es
gebe keinen andren Weg, um ihr Eigenthum und ihr Leben zu sichern, als
die strenge Gefangenhaltung des Knigs. Ihm ein englisches Schlo zu
seinem Aufenthalt anzuweisen, drfte nicht klug gehandelt sein; aber man
knnte ihn ber's Meer schicken und in die Festung Vreda einschlieen,
bis die Angelegenheiten der britischen Inseln geordnet seien. Wenn der
Prinz in Besitz einer solchen Geiel sei, wrde Tyrconnel wahrscheinlich
das Staatsschwert niederlegen und die Oberherrschaft Englands in Irland
wrde ohne einen Schwertstreich wiederhergestellt werden. Wenn dagegen
Jakob nach Frankreich entkme und an der Spitze einer fremden Armee in
Dublin erschiene, so mte dies die verderblichsten Folgen nach sich
ziehen. Wilhelm gab zu, da diese Grnde sehr gewichtig seien, erklrte
aber, da er sich dadurch nicht bestimmen lassen knne. Er kenne den
Character seiner Gemahlin und wisse, da sie nie in einen solchen
Schritt willigen werde. Auch wrde es ihm selbst nicht zur Ehre
gereichen, wenn er seinen besiegten Verwandten so rcksichtslos
behandelte. brigens knne man gar nicht wissen, ob Gromuth in diesem
Falle nicht die beste Politik sei. Wer knne sagen, welchen Eindruck
eine solche Strenge, wie Clarendon sie anempfahl, auf die ffentliche
Meinung machen werde? Sei es unmglich, da die loyale Begeisterung,
welche das verkehrte Benehmen des Knigs erstickt hatte, wieder
auflebte, sobald es bekannt wrde, da er sich innerhalb der Mauern
einer auslndischen Festung befinde? Aus diesen Grnden beschlo
Wilhelm, seinen Schwiegervater keinem persnlichen Zwange zu
unterwerfen, und es ist kaum daran zu zweifeln, da dies ein weiser
Entschlu war.[27]

Jakob blieb, whrend ber sein Schicksal deliberirt wurde, durch die
Gre und Nhe der Gefahr gleichsam wie festgebannt, in Whitehall, eben
so unfhig zu kmpfen, wie zu fliehen. Am Abend traf die Nachricht ein,
da die Hollnder Chelsea und Kensington in Besitz genommen hatten.
Dessenungeachtet schickte sich der Knig an, wie gewhnlich zur Ruhe zu
gehen. Die Coldstreamgarden hatten im Palaste den Dienst. Sie standen
unter den Befehlen Wilhelm's, Earl von Craven, eines hochbetagten
Mannes, der sich fnfzig Jahre frher im Kriege und in der Liebe
ausgezeichnet, der bei Kreuznach seine hoffnungslose Stellung mit
solchem Muthe behauptet hatte, da der groe Gustav ihm auf die Schulter
klopfte, und von dem man glaubte, da er unter tausend Mitbewerbern das
Herz der unglcklichen Knigin von Bhmen erobert habe. Craven stand
jetzt in seinem achtzigsten Lebensjahre; aber die Zeit hatte seinen Muth
nicht gebrochen.[28]

    [Anmerkung 25: +Mulgrave's Account of the Revolution+;
    +Clarendon's Diary, Dec. 16. 1688.+]

    [Anmerkung 26: +Burnet, I. 800+; +Clarendon's Diary, Dec. 17.
    1688+; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]

    [Anmerkung 27: +Burnet, I, 800+; +Conduct of the Duchess of
    Marlborough+; +Mulgrave's Account of the Revolution.+ Clarendon
    sagt davon nichts unter dem richtigen Datum, aber man sehe sein
    Tagebuch vom 19. August 1689.]

    [Anmerkung 28: +Harte's Life of Gustavus Adolphus.+]


[_Die hollndischen Truppen besetzen Whitehall._] Es war zehn Uhr
vorber als ihm gemeldet wurde, da drei Bataillone von der Infanterie
des Prinzen, nebst einigen Reitern, mit brennenden Lunten und vollkommen
kampffertig durch die lange Hauptallee des St. Jamesparks heranrckten.
Graf Solms, der die fremden Truppen befehligte, sagte, er habe Befehl,
die Posten in der Umgebung von Whitehall militairisch zu besetzen und
forderte Craven auf, sich gutwillig zurckzuziehen. Craven schwur, er
werde sich eher in Stcken hauen lassen; als aber der Knig, der sich
eben auskleidete, erfuhr was vorging, verbot er dem tapferen alten
Soldaten jeden Widerstandsversuch, der doch keinen Erfolg haben konnte.
Um elf Uhr waren die Coldstreamgarden abgezogen und hollndische
Schildwachen machten auf allen Seiten des Palastes die Runde. Einige vom
Gefolge des Knigs fragten ihn, ob er es wagen wolle, sich, von Feinden
umringt, niederzulegen. Er antwortete, da sie ihn kaum schlechter
behandeln knnten, als seine eigenen Unterthanen ihn behandelt htten,
und mit der gefhllosen Gleichgltigkeit eines durch das Unglck
abgestumpften Mannes legte er sich zu Bett.[29]

    [Anmerkung 29: +Clarke's Life of James, II, 264+, grtentheils
    aus den +Orig. Memoirs. Mulgrave's Account of the Revolution+;
    +Rapin de Thoyras+. Es mu bemerkt werden, da Rapin an diesen
    Vorgngen thtigen Antheil hatte.]


[_Das Schreiben des Prinzen wird Jakob berbracht._] Es war kaum erst
wieder ruhig geworden im Palaste, so gerieth aufs neue Alles in
Bewegung. Kurz nach Mitternacht kamen die drei Lords von Windsor an.
Middleton wurde ersucht, sie zu empfangen. Sie erklrten ihm, da sie
mit einer Sendung betraut seien, welche keinen Aufschub gestatte. Der
Knig ward aus seinem ersten Schlummer geweckt, und sie wurden in sein
Schlafzimmer eingefhrt. Sie berreichten ihm das ihnen anvertraute
Schreiben und kndigten ihm an, da der Prinz in einigen Stunden in
Westminster eintreffen und da Seine Majestt wohl thun werde, vor zehn
Uhr nach Ham abzureisen. Jakob machte einige Einwendungen. Ham gefiel
ihm nicht. Im Sommer sei es ein ganz angenehmer Aufenthalt, um
Weihnachten aber sei es dort kalt und unbehaglich, und berdies sei auch
das Schlo nicht mblirt. Halifax antwortete, da sofort Mbeln
hingeschickt werden sollten. Die drei Abgesandten entfernten sich;
Middleton aber eilte ihnen nach, um ihnen zu sagen, da Rochester dem
Knige viel lieber sein werde als Ham. Sie erwiederten, da sie keine
Vollmacht htten, den Wunsch des Knigs zu erfllen, da sie aber
augenblicklich einen Expressen an den Prinzen absenden wollten, der in
Sion House zu bernachten gedenke. Es ging unverzglich ein Courier ab,
der noch vor Tagesanbruch mit Wilhelm's Einwilligung zurckkam. Wilhelm
gab seine Zustimmung in der That sehr gern, denn es unterlag keinem
Zweifel, da Rochester deshalb gewhlt worden war, weil es groe
Erleichterungen fr die Flucht darbot, und da Jakob fliehen mchte, war
der sehnlichste Wunsch seines Neffen.[30]

    [Anmerkung 30: +Clarke's Life of James, II. 265+; +Mulgrave's
    Account of the Revolution; Burnet, I. 801+; Citters, 18.(28.) Dec.
    1688.]


[_Jakob's Aufbruch nach Rochester._] Am Morgen des 18. December, einem
regnerischen und strmischen Morgen, hielt die knigliche Barke
frhzeitig an der Treppe von Whitehall, umgeben von acht bis zehn mit
hollndischen Soldaten gefllten Bten. Mehrere Edelleute und Gentlemen
begleiteten den Knig bis ans Wasser. Es wird erzhlt und lt sich wohl
auch denken, da viele Thrnen vergossen wurden. Denn selbst der
eifrigste Freund der Freiheit konnte das traurige und schmachvolle Ende
einer Dynastie, welche so gro htte sein knnen, nicht gleichgltig mit
ansehen. Shrewsbury that sein Mglichstes, um den gestrzten Monarchen
zu trsten. Selbst der erbitterte und heftige Delamere war ergriffen.
Man bemerkte aber, da Halifax, der sich sonst durch seine
rcksichtsvolle Freundlichkeit gegen Besiegte auszeichnete, bei dieser
Gelegenheit weniger theilnehmend war als seine beiden Collegen.
Wahrscheinlich konnte er die Scheingesandtschaft nach Hungerford noch
immer nicht vergessen.[31]

Whrend die knigliche Barke langsam ber die hochgehenden Wellen den
Flu hinabfuhr, zog eine Brigade von den Truppen des Prinzen nach der
andren in London ein. Man hatte die sehr weise Anordnung getroffen, da
der Dienst in der Hauptstadt namentlich von den im Dienste der
Generalstaaten stehenden britischen Soldaten verrichtet werden sollte.
Die drei englischen Regimenter wurden in und um den Tower, die drei
schottischen in Southwark einquartirt.[32]

    [Anmerkung 31: Citters, 18.(28.) Dec. 1688; +Evelyn's Diary+ unter
    demselben Datum; +Clarke's Life of James, II. 266, 267. Orig.
    Mem.+]

    [Anmerkung 32: Citters, 18.(28.) Dec. 1688.]


[_Wilhelm's Ankunft im St. Jamespalaste._] Trotz des schlechten Wetters
sammelte sich eine groe Volksmenge zwischen Albemarle House und dem St.
Jamespalaste, um den Prinzen zu bewillkommnen. Jeder Hut, jeder Stock
war mit einem orangefarbenen Bande geschmckt. Alle Glocken von ganz
London wurden gelutet, und an allen Fenstern standen Lichter zu einer
Illumination bereit, whrend in den Straen Reiigbndel zu
Freudenfeuern aufgehuft wurden. Wilhelm aber, der kein Freund vom
Gedrnge und vom Jubelgeschrei war; nahm seinen Weg durch den Park. Vor
Einbruch der Nacht kam er, von Schomberg begleitet, in einem leichten
Wagen im St. Jamespalaste an. In kurzer Zeit waren alle Zimmer und
Treppen mit Leuten gefllt, die ihm ihre Aufwartung machen wollten. Das
Gedrnge war so arg, da die hochgestelltesten Mnner nicht im Stande
waren, sich bis in das Empfangszimmer hindurchzuarbeiten.[33] Whrend
sich Westminster in dieser Aufregung befand, entwarf der Gemeinderath in
der Guildhall eine Dank- und Beglckwnschungsadresse. Der Lordmayor war
nicht im Stande den Vorsitz zu fhren. Er hatte das Bett noch nicht
wieder verlassen, seitdem der Kanzler in dem Anzuge eines
Kohlenschiffers in den Gerichtssaal geschleppt worden war. Die Aldermen
aber und die brigen Beamten der Corporationen waren auf ihren Pltzen.
Am folgenden Tage kam der Magistrat der City in Gala, um dem Befreier zu
huldigen. Ihre Dankbarkeit wurde mit beredten Worten durch ihren
Syndikus, Sir Georg Treby ausgesprochen. Einige Prinzen aus dem Hause
Nassau, sagte er, seien die ersten Beamten einer groen Republik
gewesen. Andere htten die Kaiserkrone getragen; der gegrndetste
Anspruch dieses berhmten Geschlechts auf die ffentliche Verehrung
bestehe darin, da Gott es zu dem hohen Amte auserwhlt und geweiht
habe, von Generation zu Generation die Wahrheit und die Freiheit gegen
die Tyrannei zu vertheidigen. An dem nmlichen Tage machten auch alle in
der Hauptstadt anwesenden Prlaten, mit Ausnahme Sancroft's, dem Prinzen
+in corpore+ ihre Aufwartung. Dann kam, mit ihrem Bischof an der Spitze,
die londoner Geistlichkeit, an Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Einflu
die ersten Mnner ihres Standes. Ihnen hatten sich einige hervorragende
Dissentergeistliche angeschlossen, welche Compton, was ihm zu groer
Ehre gereichte, mit ausgezeichneter Artigkeit behandelte. Einige
Monate vorher oder nachher wrde diese Artigkeit von vielen
Staatskirchenmnnern als ein Verrath an der Kirche betrachtet worden
sein, selbst damals konnte ein scharfes Auge nur zu deutlich erkennen,
da der Waffenstillstand, zu welchen die protestantischen Secten
gezwungen worden waren, die Gefahr, aus der er entsprungen war, nicht
lange berdauern werde. Ungefhr hundert in der Hauptstadt wohnende
nonconformistische Geistliche berreichten eine Separatadresse. Sie
wurden durch Devonshire vorgestellt und mit allen Achtungs- und
Wohlwollensbezeigungen empfangen. Die Juristen brachten ihre Huldigung
unter Anfhrung Maynard's dar, der im Alter von neunzig Jahren noch so
rstig und so hellen Geistes war als zu der Zeit, da er in
Westminsterhall als Anklger Strafford's auftrat. Mr. Serjeant, sagte
der Prinz zu ihm, Sie mssen alle Juristen, die mit Ihnen studirten,
berlebt haben. -- Ja, Sire, erwiederte der Greis, und wre Eure
Hoheit nicht gekommen, so wrde ich auch die Gesetze berlebt
haben.[34]

Aber obgleich die Adressen zahlreich und voll von Lobeserhebungen,
obgleich die Jubelrufe laut und die Illumination glnzend, obgleich der
St. Jamespalast fr die Masse der Hflinge zu klein und obgleich die
Theater jeden Abend vom Parterre bis zur letzten Gallerie von
orangefarbenen Bndern strotzten, so fhlte Wilhelm doch, da die
Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen hatten. Er hatte eine
Regierung gestrzt: jetzt galt es die Lsung der weit schwierigeren
Aufgabe, eine neue zu errichten. Von dem Augenblicke seiner Landung bis
zu seiner Ankunft in London hatte er die Autoritt ausgebt, welche nach
den in der ganzen civilisirten Welt anerkannten Kriegsgesetzen dem
Oberbefehlshaber einer im Felde stehenden Armee zukommt. Jetzt mute er
die Rolle eines Generals mit der eines Civilbeamten vertauschen, und
dies war keine leichte Aufgabe. Ein einziger falscher Schritt konnte
unheilbringend werden und es war unmglich, irgend einen Schritt zu
thun, ohne Vorurtheile zu verletzen und heftige Leidenschaften zu
entznden.

    [Anmerkung 33: +Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary+; +Clarendon's
    Diary, Dec. 18. 1688; Revolution Politics.+]

    [Anmerkung 34: +Fourth Collection of Papers relating to the
    present juncture of affairs in England, 1688+; +Burnet, I. 802,
    803+; +Calamy's Life and Times of Baxter, chap. XIV.+]


[_Es wird ihm gerathen, sich die Krone kraft des Eroberungsrechtes
aufzusetzen._] Einige von den Rathgebern des Prinzen drangen in ihn, da
er sich die Krone ohne weiteres kraft des Eroberungsrechtes aufsetzen
und dann als Knig unter seinem groen Siegel Einberufungsschreiben zu
einem Parlamente erlassen solle. Dieses Verfahren wurde ihm von einigen
ausgezeichneten Juristen eifrig anempfohlen. Sie sagten, es sei der
krzeste Weg zu dem Ziele, welches auerdem nur mit zahllosen
Schwierigkeiten und Streitigkeiten erreicht werden knne. Es stimme
genau mit dem glckverheienden Beispiele berein, das vor ihm
HeinrichVII. nach der Schlacht von Bosworth gegeben. Auch werde es die
Bedenken vieler achtbarer Personen wegen Statthaftigkeit der bertragung
des Unterthaneneides auf einen andren Regenten zerstreuen. Weder das
englische Recht noch die englische Kirche gestehe den Unterthanen die
Befugni zu, ihren Landesherrn abzusetzen. Aber kein Jurist und kein
Theolog habe je geleugnet, da eine im Kriege berwundene Nation sich
dem Beschlusse des Gottes der Schlachten unterwerfen drfe, ohne eine
Snde zu begehen. So htten nach der chaldischen Eroberung die
gottesfrchtigsten und patriotischesten Juden die Pflichten gegen ihren
angestammten Knig nicht zu verletzen geglaubt, indem sie dem neuen
Herrscher, den die Vorsehung ihnen gesandt, mit Treue dienten. Die drei
Bekenner, welche im feurigen Ofen so wunderbar erhalten worden waren,
htten in der Provinz Babylon hohe mter begleitet. Daniel sei
nacheinander Minister des Assyrers, welcher Juda, und des Persers,
welcher Assyrien unterjochte, gewesen. Ja, Christus selbst, der seinem
Blute nach ein Prinz aus dem Geschlechte David's gewesen, habe dadurch,
da er seinen Landsleuten befahl, dem Kaiser Tribut zu zahlen,
ausgesprochen, da fremde Eroberung erbliche Rechte aufhebt und
wohlbegrndeten Anspruch auf Herrschaft giebt. Es sei daher
wahrscheinlich, da eine groe Anzahl Tories, wenn sie auch nicht selbst
mit gutem Gewissen einen Knig whlen knnten, doch unbedenklich einen
durch den Ausgang des Kriegs ihnen gegebenen Knig annehmen wrden.[35]

Auf der andren Seite standen jedoch Grnde, welche bei weitem
berwiegend waren. Der Prinz konnte die Krone als mit dem Schwerte
erobert nicht beanspruchen, ohne sich eines groben Wortbruches schuldig
zu machen. In seiner Erklrung hatte er versichert, da es nicht seine
Absicht sei, England zu erobern, da, wer ihn einer solchen Absicht
beschuldige, nicht nur ihn persnlich, sondern auch die patriotischen
Kavaliere und Gentlemen, die ihn herbergerufen, schndlich verleumde,
da die Streitmacht, die er mitgebracht habe, zu einem so schwierigen
Unternehmen offenbar nicht genge und da es sein fester Entschlu sei,
alle ffentlichen Beschwerden, wie alle seine eigenen Ansprche einem
freien Parlamente anheim zu geben. Um keines irdischen Zweckes willen
konnte es recht oder klug sein, das im Angesicht von ganz Europa
gegebene Wort zu brechen. Auch war es keineswegs ausgemacht, ob er, wenn
er sich als Eroberer gerirte, dadurch die Bedenken zerstreute, welche
die strengen Hochkirchenmnner ungeneigt machten, ihn als Knig
anzuerkennen. Denn er mochte sich nennen wie er wollte, Jedermann wute,
da er in Wirklichkeit kein Eroberer war. Es wre notorisch eine bloe
Fiction gewesen, hatte man sagen wollen, da dieses groe Knigreich,
mit einer mchtigen Flotte auf der See, einer regulren Armee von
vierzigtausend Mann und einer Miliz von hundertdreiigtausend Mann, ohne
eine einzige Belagerung oder Schlacht durch eine fnfzehntausend Mann
starke Invasionsarmee in eine abhngige Provinz verwandelt worden sei.
Es war nicht anzunehmen, da eine solche Fiction wirklich empfindliche
Gewissen beruhigen wrde, aber es war kaum zu bezweifeln, da sie den
ohnehin schon gereizten Nationalstolz verwundete. Die englischen Truppen
waren in einer Stimmung, welche die zarteste Schonung erheischte. Sie
wuten, da sie im letzten Feldzuge eben keine glnzende Rolle gespielt
hatten. Die Anfhrer wie die Soldaten sehnten sich danach zu beweisen,
da sie nicht aus Mangel an Muth einer geringeren Streitmacht gewichen
waren. Einige hollndische Offiziere waren so unbesonnen gewesen, sich
in einem Wirthshause beim Weine zu rhmen, da sie die Armee des Knigs
vor sich her getrieben htten. Diese Beleidigung hatte unter den
englischen Truppen eine Ghrung hervorgebracht, welche ohne das rasche
Einschreiten des Prinzen wahrscheinlich mit einem furchtbaren Gemetzel
geendet haben wrde.[36] Welchen Eindruck mute unter solchen Umstnden
eine Proklamation machen, welche verkndete, da der Oberbefehlshaber
der Fremden die ganze Insel als rechtmige Kriegsbeute betrachte?

Auerdem war zu bercksichtigen, da der Prinz durch Erlassung einer
solchen Proklamation mit einem Male alle die Rechte vernichtet haben
wrde, zu deren Vertheidiger er sich erklrt hatte. Denn die Autoritt
eines fremden Eroberers wird nicht durch die Gebruche und Gesetze der
besiegten Nation beschrnkt, sondern sie ist ihrem Wesen nach
despotisch. Wilhelm war also entweder nicht berechtigt, sich zum Knige
zu erklren, oder er war auch berechtigt, die Magna Charta und die Bitte
um Recht fr null und nichtig zu erklren, die Geschwornengerichte
abzuschaffen und ohne Zustimmung des Parlaments Steuern zu erheben.
Allerdings konnte er die alte Verfassung des Reichs wiederherstellen;
aber wenn er dies that, so that er es ebenfalls kraft eines
willkrlichen Beschlusses. Von diesem Augenblicke an wrde die englische
Freiheit auf eine niedere Stufe herabgesunken sein. Sie wre dann nicht
mehr ein uraltes Erbtheil gewesen, sondern ein neues Geschenk, welches
der gromthige Gebieter, der es verliehen, auch wieder entziehen
konnte, wenn es ihm sonst beliebte.

    [Anmerkung 35: +Burnet, I. 803.+]

    [Anmerkung 36: +Gazette de France+ 26. Jan. (5. Febr.) 1689.]


[_Er beruft die Lords und die Mitglieder der Parlamente Karl'sII.
zusammen._] Wilhelm beschlo daher rechtschaffener und kluger Weise, die
in seiner Erklrung gegebenen Versprechungen zu erfllen und die Aufgabe
der Einsetzung der Regierung der gesetzgebenden Gewalt zu berlassen. Er
vermied Alles was fr Usurpation htte erklrt werden knnen, so
sorgfltig, da er es ohne einen Schein von parlamentarischer Autoritt
nicht ber sich nehmen wollte, nur die Stnde des Reichs einzuberufen
oder whrend der Wahlen die ausbende Gewalt zu handhaben. Eine
eigentlich parlamentarische Autoritt gab es nicht im Staate; aber es
war mglich, in einigen Stunden eine Versammlung zusammenzubringen, der
die Nation wenigstens einen groen Theil der einem Parlamente
gebhrenden Achtung zollte. Die eine Kammer konnte aus den vielen
geistlichen und weltlichen Lords, welche damals in London waren, die
andre aus ehemaligen Mitgliedern des Unterhauses und den
Magistratsbeamten der City gebildet werden. Dieser Plan war hchst
sinnreich und er wurde rasch ins Werk gesetzt. Die Peers wurden auf den
21. December in den St. Jamespalast beschieden. Es erschienen etwa
siebzig. Der Prinz forderte sie auf, die Lage des Landes in Erwgung zu
ziehen und ihm das Ergebni ihrer Berathungen vorzulegen. Bald darauf
erschien eine Bekanntmachung, welche alle Gentlemen, die whrend der
Regierung Karl'sII. einen Sitz im Unterhause gehabt hatten,
aufforderte, am Morgen des Sechsundzwanzigsten vor Seiner Hoheit zu
erscheinen. Die Aldermen von London wurden ebenfalls entboten und auch
der Gemeinderath ersucht, eine Deputation zu schicken.[37]

Man hat oft in tadelndem Tone gefragt, warum diese Einladung nicht auf
die Mitglieder des im vorhergehenden Jahre aufgelsten Parlaments
ausgedehnt worden sei. Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Einer der
Hauptmistnde, ber welche die Nation klagte, war die Art und Weise der
Erwhlung jenes Parlaments. Die meisten Abgeordneten der Boroughs waren
durch Wahlkrper gewhlt worden, welche in einer allgemein als
gesetzwidrig betrachteten und von dem Prinzen in seinem Manifeste fr
verwerflich erklrten Weise reorganisirt worden waren. Jakob selbst
hatte unmittelbar vor seinem Sturze eingewilligt, die frheren
municipalen Freiheiten wieder herzustellen. Es wrde gewi von Seiten
Wilhelms die grte Inconsequenz gewesen sein, wenn er, nachdem er zur
Vertheidigung der angetasteten Freibriefe der Corporationen die Waffen
ergriffen, Personen, welche jenen Freibriefen zuwider gewhlt worden
waren, als rechtmige Vertreter der Stdte Englands anerkannt htte.

Am Sonnabend den 22. versammelten sich die Lords in ihrem
Sitzungslokale. Dieser Tag wurde damit hingebracht, die Geschftsordnung
festzusetzen. Es wurde ein Schriftfhrer ernannt, und da man keinem der
zwlf Richter Vertrauen schenken konnte, so wurden einige von den
angesehendsten Sergeants und Barristers[38] eingeladen, um ber
juristische Punkte ihren Rath abgeben zu knnen. Es wurde hierauf
beschlossen, da am nchsten Montag die Lage des Knigreichs in Erwgung
gezogen werden sollte.[39]

Die Zwischenzeit bis zur Montagssitzung war erwartungs- und
ereignivoll. Eine starke Partei unter den Peers nhrte noch immer die
Hoffnung, da die Verfassung und die Kirche Englands auch ohne die
Absetzung des Knigs gesichert werden knnten. Diese Partei beschlo,
eine feierliche Adresse an ihn zu beantragen, durch die er beschworen
werden sollte, sich Bedingungen zu unterwerfen, welche die durch sein
frheres Verfahren hervorgerufene Unzufriedenheit und Besorgni
beseitigen konnten. Sancroft, der seit der Rckkehr Jakob's von Kent
nach Whitehall keinen Theil an den ffentlichen Angelegenheiten genommen
hatte, beschlo jetzt, aus seiner Zurckgezogenheit wieder ans Licht zu
treten und sich an die Spitze der Royalisten zu stellen. Mehrere Boten
wurden mit Briefen an den Knig nach Rochester gesandt. Es wurde ihm
darin versichert, da seine Interessen energisch in Schutz genommen
werden sollten, wenn er sich nur in diesem Augenblicke entschlieen
knnte, Plnen zu entsagen, die sein Volk verabscheue. Einige angesehene
Katholiken begaben sich persnlich zu ihm, um ihn im Namen ihres
gemeinsamen Glaubens zu bitten, da er den fruchtlosen Kampf nicht
weiter treiben mchte.[40]

Der Rath war gut; Jakob aber war nicht in der Stimmung, um ihn
anzunehmen. Sein Verstand war stets stumpf und schwach gewesen, jetzt
aber verhinderten ihn weibische Befrchtungen und kindische Einbildungen
an dem Gebrauche desselben. Er wute, da seine Flucht das war, was
seine Anhnger am meisten frchteten und seine Feinde am sehnlichsten
wnschten. Selbst wenn sein Bleiben mit ernster persnlicher Gefahr
verknpft gewesen wre, so htte er es doch unter den obwaltenden
Umstnden fr schimpflich halten mssen, das Feld zu rumen, denn es
handelte sich jetzt darum, ob er und seine Nachkommen auf dem Throne
seiner Ahnen regieren oder heimathlose Bettler werden sollten. Doch die
feige Angst um sein Leben hatte jedes andre Gefhl aus seiner Brust
verdrngt. Auf die eindringlichen Bitten und unverwerflichen Grnde der
Bevollmchtigten, die seine Freunde nach Rochester gesandt, hatte er nur
die eine Antwort: sein Kopf sei in Gefahr. Umsonst versicherte man ihm,
da er durchaus keine Ursache zu einer solchen Besorgni habe, da der
Prinz von Oranien schon durch den gesunden Verstand, wenn nicht durch
seine Grundstze abgehalten werden wrde, die Schuld und Schande eines
Knigsmordes und eines Verwandtenmordes auf sich zu laden, und da
Viele, welche niemals in die Absetzung ihres Souverains willigen wrden,
so lange er noch auf englischem Boden war, durch seine Flucht sich der
Unterthanentreue gegen ihn entbunden erachten wrden. Die Furcht
unterdrckte jedes andre Gefhl. Er beschlo abzureisen, und die
Ausfhrung dieses Entschlusses war leicht. Er wurde sehr nachlssig
bewacht, Jedermann hatte Zutritt bei ihm, segelfertige Schiffe lagen in
geringer Entfernung bereit, und ihre Bte konnten bis dicht an den
Garten des Hauses herankommen, das er bewohnte. Wre er klug gewesen, so
wrde schon der Umstand, da seine Wchter sich bemhten, ihm die Flucht
zu erleichtern, hingereicht haben, um ihn zu berzeugen, da er bleiben
mute, wo er war. In der That, die Schlinge lag so offen zu Tage, da
nur ein durch die Angst geblendeter Thor sie nicht sehen konnte.

    [Anmerkung 37: +History of the Desertion+; +Clarendon's Diary,
    Dec. 21. 1688+; +Burnet I. 803+, und Onslow's Note.]

    [Anmerkung 38: Sachwalter ersten und zweiten Ranges. --Der
    bers.]

    [Anmerkung 39: +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+; Citters unter
    dem nmlichen Datum.]

    [Anmerkung 40: +Clarendon's Diary. Dec. 21, 22, 1688+; +Clarke's
    Life of James, II. 268, 270. Orig. Mem.+]


[_Jakob's Flucht von Rochester._] Die Vorbereitungen wurden schleunigst
getroffen. Am Samstag Abend, den Zweiundzwanzigsten, versicherte der
Knig einigen von den Herren, welche von London aus mit Nachricht und
gutem Rathe zu ihm gesandt worden, da er sie am folgenden Morgen
wiedersehen werde. Er legte sich zu Bett, stand mitten in der Nacht auf,
stahl sich in Begleitung Berwick's durch eine Hinterthr fort und ging
durch den Garten bis ans Ufer des Medway. Hier erwartete ihn ein kleines
Boot. Bald nach Tagesanbruch befanden sich die Flchtlinge am Bord einer
Schmacke, welche die Themse hinab fuhr.[41]

Am Nachmittag gelangte die Nachricht von der Flucht nach London. Die
Anhnger des Knigs waren ganz bestrzt, whrend die Whigs ihre Freude
nicht verhehlen konnten. Die gute Nachricht ermuthigte den Prinzen zu
einem khnen und wichtigen Schritte. Er hatte erfahren, da die
franzsische Gesandtschaft mit der ihm feindlich gesinnten Partei
fortwhrende Communication unterhielt. Man wute sehr wohl, da diese
Gesandtschaft sich vortrefflich auf alle Verfhrungsknste verstand, und
es unterlag kaum einem Zweifel, da bei einer solchen Gelegenheit weder
Rnke noch Goldstcke gespart werden wrden. Barillon wollte gar zu gern
noch einige Tage in London bleiben, und zu dem Ende lie er kein Mittel
unversucht, um die siegreiche Partei zu vershnen. Auf den Straen
beruhigte er den Pbel, der zornige Blicke auf seine Equipage warf,
dadurch, da er ihm Geld zuwarf. An seiner Tafel trank er ffentlich auf
das Wohl des Prinzen von Oranien. Wilhelm aber lie sich dadurch nicht
bethren. Er hatte zwar die Ausbung der kniglichen Autoritt noch
nicht auf sich genommen, aber er war commandirender General und als
solcher nicht verbunden, einen Mann, den er als einen Spion betrachtete,
innerhalb des von ihm militairisch besetzten Gebietes zu dulden. Noch
vor dem Ende des Tages erhielt Barillon die Weisung, da er England
binnen vierundzwanzig Stunden verlassen msse. Er bat dringend um einen
kurzen Aufschub, aber die Minuten waren kostbar, der Befehl wurde in
noch bestimmteren Ausdrcken wiederholt und er reiste mit Widerstreben
nach Dover ab. Um kein Zeichen von Geringschtzung und Trotz zu
unterlassen, wurde er durch einen seiner protestantischen Landsleute,
den die Verfolgung ins Exil getrieben, bis an die Kste begleitet. Der
Ehrgeiz und die Anmaung Frankreichs hatte so bitteren Groll erregt, da
selbst diejenigen Englnder, welche im Allgemeinen nicht geneigt waren,
Wilhelm's Verhalten mit gnstigem Auge zu betrachten, ihm lauten Beifall
dafr zollten, da er dem bermuth, mit dem Ludwig viele Jahre hindurch
alle europischen Hfe behandelt hatte, so herzhaft entgegentrat.[42]

    [Anmerkung 41: Clarendon's Diary. Dec. 23. 1638; Clarke's Life of
    James, II. 271, 273, 274. Orig. Mem.]

    [Anmerkung 42: Citters, 1.(11.) Jan. 1689; Witsen's Handschr.
    angefhrt von Wagenaar, Buch 60.]


[_Berathungen und Beschlsse der Lords._] Am Montag versammelten sich
die Lords wieder. Halifax wurde zum Prsidenten gewhlt. Der Primas war
abwesend, die Royalisten traurig und muthlos, die Whigs heiter und guter
Dinge. Es war bekannt, da Jakob einen Brief zurckgelassen hatte.
Einige von seinen Freunden stellten in der schwachen Hoffnung, da der
Brief vielleicht Vorschlge enthielt, welche als Grundlage zu einem
gtlichen Abkommen dienen konnten, den Antrag ihn vorzulegen. ber
diesen Antrag wurde abgestimmt und er wurde angenommen. Godolphin, der
keineswegs als ein Feind seines ehemaligen Gebieters bekannt war, sprach
einige Worte, welche den Ausschlag gaben. Ich habe das Schreiben
gesehen, sagte er, und mu Ihnen zu meinem Bedauern bemerken, da es
nichts enthlt, was Eure Herrlichkeiten irgend zufriedenstellen knnte.
Es enthielt in der That keine uerung von Bedauern ber frhere Fehler;
es gab keiner Hoffnung Raum, da diese Fehler in Zukunft vermieden
werden wrden, und es wlzte die Schuld an allem Geschehenen auf die
Bswilligkeit Wilhelm's und auf die Blindheit des Volks, das sich durch
die schimmernden Worte Religion und Eigenthum habe bethren lassen.
Niemand wagte den Vorschlag zu machen, da Unterhandlungen mit einem
Frsten eingeleitet werden mchten, den die hrteste Schule des Unglcks
nur hartnckiger im Unrecht gemacht zu haben schien. Es war die Rede von
einer Untersuchung der Geburt des Prinzen von Wales; aber die
whiggistischen Peers behandelten diesen Vorschlag mit Geringschtzung.
Ich htte nicht erwartet, Mylords, rief Philipp, Lord Wharton, ein
alter Rundkopf, der bei Edgehill gegen KarlI. ein Regiment commandirt
hatte, da unter den gegenwrtigen Umstnden Jemand das Kind erwhnen
wrde, das Prinz von Wales genannt worden ist, und ich hoffe, es wird
zum letzten Male von ihm die Rede gewesen sein. Nach langer Berathung
wurden zwei Adressen an Wilhelm beschlossen. Die eine ersuchte ihn, die
Leitung der Regierung provisorisch zu bernehmen; die andre rieth ihm,
durch eigenhndig unterzeichnete Rundschreiben alle Wahlkrper des
Reichs zur Absendung von Vertretern nach Westminster aufzufordern. Zu
gleicher Zeit nahmen die Peers es auf sich, eine Verordnung zu erlassen,
welche alle Papisten, mit Ausnahme einiger weniger bevorzugter Personen,
aus London und dessen nchster Umgebung verwies.[43]

Die Lords berreichten ihre Adressen dem Prinzen am folgenden Tage, ohne
den Ausgang der Berathungen der von ihm einberufenen Gemeinen zu
erwarten. Es scheint in der That, als ob der erbliche Adel in diesem
Augenblicke um die Aufrechthaltung seines Ansehens sehr besorgt gewesen
wre und keine Lust gehabt htte, einer Versammlung, von der das Gesetz
nichts wute, eine ebenbrtige Autoritt zuzugestehen. Sie hielten sich
fr ein chtes Haus der Lords; die andre Kammer aber verachteten sie als
ein blo nachgemachtes Haus der Gemeinen. Wilhelm lehnte es jedoch
wohlweislich ab einen Entschlu zu fassen, bevor er sich von der Ansicht
derjenigen Gentlemen berzeugt haben wrde, welche frher mit den
Vertrauen der Grafschaften und Stdte Englands beehrt worden waren.[44]

    [Anmerkung 43: +Halifax's notes+; +Landsdown MS. 255+;
    +Clarendon's Diary, Dec. 24. 1688+; +London Gazette, Dec. 31.+]

    [Anmerkung 44: Citters, 25. Dec. (4. Jan.) 1688/89.]


[_Verhandlungen und Beschlsse der von dem Prinzen einberufenen
Gemeinen._] Die einberufenen Gemeinen kamen in der St. Stephanskapelle
zusammen und bildeten eine zahlreiche Versammlung. Sie ernannten zu
ihrem Prsidenten Heinrich Powle, welcher Cirencester in mehreren
Parlamenten vertreten und sich unter den Vertheidigern der
Ausschlieungsbill hervorgethan hatte.

Es wurden hnliche Adressen wie die von den Lords bereits berreichten
beantragt und angenommen. In keiner wichtigen Frage zeigte sich eine
Meinungsverschiedenheit und einige schwache Versuche, ber formelle
Punkte eine Debatte zu erffnen, wurden durch die allgemeine Verachtung
vereitelt. Sir Robert Sawyer erklrte, er knne nicht begreifen, wie der
Prinz ohne einen unterscheidenden Titel, wie Regent oder Protektor, die
Regierung verwalten knne. Der greise Maynard, der als Jurist seines
Gleichen nicht hatte und dabei ein mit der Taktik der Revolutionen wohl
vertrauter Staatsmann war, versuchte es gar nicht, seinen Unwillen ber
einen so kindischen Einwand zu verhehlen, der in einem Augenblicke
erhoben wurde, wo einmthiges und rasches Handeln von der grten
Wichtigkeit waren. Wir werden sehr lange hier sitzen, sagte er, wenn
wir warten wollen, bis Sir Robert begreifen kann, wie so etwas mglich
ist. Die Versammlung hielt diese Antwort der Krittelei ganz
entsprechend.[45]

    [Anmerkung 45: Der Urheber dieses Einwandes wurde in damaligen
    Bchern und Pamphlets nur mit den Anfangsbuchstaben seines Namens
    bezeichnet und diese wurden zuweilen miverstanden. Eachard
    schrieb die Krittelei Sir Robert Southwell zu; ich bin aber fest
    berzeugt, da Oldmixon ganz Recht hat, wenn er sie Sawyer in den
    Mund legt.]


[_Eine Convention berufen._] Die Beschlsse der Versammlung wurden dem
Prinzen mitgetheilt. Er erklrte sogleich seinen Entschlu, dem
vereinten Ansuchen der von ihm einberufenen beiden Kammern zu
entsprechen, Ausschreiben zur Einberufung einer Convention der Stnde
des Reichs zu erlassen und bis zum Zusammentritt dieser Convention die
ausbende Verwaltung selbst zu bernehmen.[46]

    [Anmerkung 46: +History of the Desertion+; +Life of William,
    1703+; Citters, 28. Dec. (7. Jan.) 1688/89.]


[_Bemhungen des Prinzen zur Herstellung der Ordnung._] Er hatte sich
keine leichte Aufgabe vorgenommen. Die ganze Regierungsmaschine war in
Unordnung. Die Friedensrichter hatten ihre Functionen eingestellt. Die
Finanzbeamten hatten aufgehrt, Steuern zu erheben. Die von Feversham
aufgelste Armee war noch immer in Verwirrung und zur Emprung bereit.
Die Flotte befand sich in einem kaum weniger beunruhigenden Zustande.
Die brgerlichen und militairischen Diener der Krone hatten bedeutende
Soldrckstande zu fordern und im Staatsschatze befanden sich nur noch
vierzigtausend Pfund. Der Prinz ging mit Energie an die
Wiederherstellung der Ordnung. Er erlie eine Proklamation, durch welche
alle Magistratspersonen in ihren mtern besttigt wurden, und eine
andre, welche Anordnungen zur Erhebung der Staatseinknfte enthielt.[47]
Die Reorganisation der Armee wurde rasch betrieben. Viele von den
Kavalieren und Gentlemen, welche Jakob des Kommandos englischer
Regimenter enthoben hatte, wurden wieder angestellt. Auch wurden Mittel
und Wege gefunden, um die Tausende von irlndischen Soldaten, welche
Jakob nach England hatte kommen lassen, zu verwenden. In einem Lande, wo
sie dem religisen und nationalen Hasse preisgegeben waren, konnten sie
nicht bleiben. Eben so wenig durfte man sie in ihre Heimath
zurcksenden, wo sie Tyrconnel's Armee verstrkt haben wrden. Man
beschlo daher, sie auf den Continent zu schicken, wo sie unter den
Fahnen des Hauses sterreich der englischen Verfassung und der
protestantischen Religion indirecte, aber wirksame Dienste leisten
konnten. Dartmouth wurde seines Commando's enthoben und die Seemacht
durch das bestimmte Versprechen gewonnen, da jeder Matrose so bald als
mglich seinen rckstndigen Sold erhalten solle. Die City von London
nahm es auf sich, den Prinzen aus seiner finanziellen Verlegenheit zu
reien. Der Gemeinderath verpflichtete sich durch ein einstimmiges
Votum, ihm zweimalhunderttausend Pfund zu verschaffen. Es wurde als ein
groer Beweis von dem Reichthume und dem Gemeinsinne der londoner
Kaufmannschaft betrachtet, da binnen achtundvierzig Stunden die ganze
Summe ohne ein andres Unterpfand als das Wort des Prinzen eingezahlt
wurde. Wenige Wochen zuvor war Jakob nicht im Stande gewesen, eine viel
kleinere Summe aufzubringen, obgleich er hhere Zinsen bot und
werthvolles Eigenthum verpfnden wollte.[48]

    [Anmerkung 47: +London Gazette, Jan. 3, 7. 1688/89.+]

    [Anmerkung 48: +London Gazette, Jan. 10, 17. 1688/89; Luttrell's
    Diary+; Legge-Papiere; Citters, 1.(11.), 4.(14.), 11.(21.) Jan.
    1689; Ronquillo, 15.(21.) Jan., 23. Febr. (5. Mrz); Berathung des
    spanischen Staatsrathes vom 26. Mrz (5. April).]


[_Seine tolerante Politik._] In sehr wenigen Tagen war die Unordnung,
welche die Invasion, die Aufstnde, die Flucht Jakob's und das Aufhren
aller regelmigen Verwaltung herbeigefhrt hatten, zu Ende und das
Knigreich hatte wieder sein gewohntes Aussehen angenommen. Ein
allgemeines Gefhl von Sicherheit war zurckgekehrt. Selbst diejenigen
Stnde, auf welche der ffentliche Ha vorzugsweise gerichtet war und
die am meisten Ursache hatten, eine Verfolgung zu befrchten, wurden
durch die weise Milde des Siegers beschtzt. Leute, welche in die
gesetzwidrigen Handlungen der vorigen Regierung tief verwickelt gewesen
waren, gingen nicht nur unangefochten einher, sondern traten sogar als
Candidaten fr Sitze in der Convention auf. Mulgrave wurde im St.
Jamespalaste nicht ungndig empfangen. Feversham wurde seiner Haft
entlassen und ihm gestattet, das einzige Amt zu verwalten, dem er
gewachsen war: das eines Bankhalters am Bassettische der Knigin Wittwe.
Doch Niemand hatte so viel Ursache, Wilhelm dankbar zu sein, als die
Katholiken. Es wrde nicht rathsam gewesen sein, die strengen
Verordnungen, welche die Peers gegen die Bekenner eines von der ganzen
Nation verabscheuten Glaubens erlassen hatten, frmlich aufzuheben;
durch die Klugheit und Menschlichkeit des Prinzen aber wurden diese
Verordnungen praktisch nicht angewendet. Auf seinem Marsche von Torbay
nach London hatte er Befehl gegeben, da an den Personen oder Wohnungen
von Papisten durchaus keine Gewaltthtigkeiten verbt werden sollten.
Diesen Befehl erneuerte er jetzt und wies Burnet an, auf strengste
Befolgung desselben zu sehen. Eine glcklichere Wahl htte er nicht
treffen knnen, denn Burnet war ein so edelmthiger und gutherziger
Mann, da sein Herz stets in warmer Theilnahme fr Unglckliche schlug,
und sein Ha gegen das Papstthum bot zugleich auch den eifrigsten
Protestanten hinreichende Gewhr dafr, da die Interessen ihrer
Religion in seinen Hnden wohl aufgehoben waren. Er hrte die Klagen der
Katholiken freundlich an, verschaffte Denen, die ber das Meer gehen
wollten, Psse und besuchte selbst in Newgate die dort gefangensitzenden
Prlaten. Er gab Befehl, da sie in ein bequemeres Zimmer versetzt und
ihnen jede mgliche Erleichterung verschafft werden sollte. Er gab ihnen
die feierliche Versicherung, da ihnen kein Haar gekrmmt werden und da
der Prinz, sobald er es wagen knnte, nach seinen Wnschen zu handeln,
sie in Freiheit setzen wrde. Der spanische Gesandte meldete seinem
Hofe, und durch seinen Hof dem Papste, da kein Katholik wegen der
letzten englischen Revolution Gewissensscrupel zu hegen brauche, da
Jakob allein fr die Gefahren, denen die Mitglieder der wahren Kirche
ausgesetzt wren, verantwortlich sei und da Wilhelm allein sie vor
einer blutigen Verfolgung gerettet habe.[49]

    [Anmerkung 49: +Burnet, I. 802+; Ronquillo, 2.(12.) Jan., 8.(18.)
    Febr. 1689. Die Originale dieser Depeschen wurden mir durch die
    Geflligkeit der verstorbenen Lady Holland und des gegenwrtigen
    Lord Holland mitgetheilt. Aus der letzten will ich einige Worte
    anfhren. +La tema de S.M. Britanica  seguir imprudentes
    consejos perdi  los Catolicos aquella quietud en que les dexo
    Carlos segundo. V.E. asegure  su Santidad que mas sacar del
    Principe para los Catolicos que pudiera sacra del Rey.+]


[_Zufriedenheit der katholischen Mchte._] In Folge dessen war die
Befriedigung, mit der die Frsten des Hauses sterreich und der Papst
erfuhren, da die langjhrige Abhngigkeit Englands zu Ende sei,
ziemlich ungetrbt. Als es in Madrid bekannt wurde, da Wilhelm dem
glcklichen Erfolge seines Unternehmens entgegenging, sprach nur eine
einzige Stimme im spanischen Staatsrathe schchtern sein Bedauern
darber aus, da ein vom politischen Standpunkte betrachtet hchst
erfreuliches Ereigni den Interessen der wahren Kirche nachtheilig
werden msse.[50] Aber die tolerante Politik des Prinzen zerstreute bald
alle Besorgnisse und die bigotten Granden Castiliens betrachteten seine
Erhebung fast mit eben so groer Befriedigung, als die englischen Whigs.

    [Anmerkung 50: Am 13.(23.) Dec. 1688 gab der Admiral von Castilien
    seine Meinung folgendermaen ab: +Esta materia es de calidad que
    no puede dexar de padecer nuestra sagrada religion  el servicio
    de V.M.; porque, si el Principe de Orange tiene buenos succesos,
    nos aseguraremos de Franceses, pero peligrar la religion.+ Der
    Staatsrath wurde am 16.(26.) Februar sehr erfreut durch ein
    Schreiben des Prinzen, in welchem er versprach, +que los
    Catolicos que se portaren con prudencia no sean molestados, y
    gocen libertad di conciencia, por ser contra su dictamen el forzar
    ni castigar por esta rzon  nadie.+]


[_Stimmung in Frankreich._] Mit ganz anderen Gefhlen war die Nachricht
von der groen Revolution in Frankreich aufgenommen worden. Die Politik
einer langen, ereignireichen und ruhmvollen Regierung war in einem Tage
ber den Haufen geworfen worden. England war wieder das England der
Elisabeth und Cromwell's und alle Beziehungen zu smmtlichen Staaten der
Christenheit wurden durch die pltzliche Einfhrung dieser neuen Macht
in das System vllig verndert. Die Pariser sprachen von nichts als von
den Vorgngen in London. Nationale und religise Gefhle bewogen sie,
fr Jakob Partei zu nehmen. Sie kannten die englische Verfassung nicht,
sie verabscheuten die englische Kirche und unsre Revolution erschien
ihnen nicht als der Sieg der ffentlichen Freiheit ber den Despotismus,
sondern als eine grauenvolle Familientragdie, in der ein ehrwrdiger
und frommer Servius durch einen Tarquin vom Throne gestrzt und unter
den Wagenrdern einer Tullia zermalmt wurde. Sie schrien Zeter ber die
treulosen Heerfhrer, verwnschten die unnatrlichen Tchter und
betrachteten Wilhelm mit einem heftigen Widerwillen, der jedoch durch
die Achtung, welche Tapferkeit, Genie und Erfolg fast immer erwecken,
gemildert wurde.[51] Die Knigin, dem Nachtwind und Regen ausgesetzt,
den unmndigen Erben dreier Kronen an die Brust drckend und der von
rohen Buben angehaltene, beraubte und gemihandelte Knig waren in ganz
Frankreich Gegenstnde des Mitleids und der romanhaften Theilnahme.
Ludwig aber betrachtete das Unglck des Hauses Stuart mit ganz besonders
lebhaftem Mitgefhl. Alle egoistischen und alle edlen Seiten seines
Characters wurden gleichmig erregt. Nach langen Jahren des Glcks traf
ihn endlich ein groes Unglck. Er hatte auf die Untersttzung oder
Neutralitt Englands gerechnet; jetzt hatte er von diesem Lande nichts
mehr als energische und beharrliche Feindseligkeit zu erwarten. Noch
wenige Wochen zuvor htte er nicht mit Unrecht hoffen knnen, Flandern
zu unterjochen und Deutschland Gesetze zu geben. Jetzt konnte er froh
sein, wenn er im Stande war, seine eigenen Grenzen gegen einen
Staatenbund zu vertheidigen, wie ihn Europa seit vielen Menschenaltern
nicht mehr gesehen hatte. Nichts konnte ihn aus dieser ganz neuen
beunruhigenden Lage reien, als eine Contrerevolution oder ein
Brgerkrieg auf den britischen Inseln. Ehrgeiz und Furcht bestimmten ihn
daher, sich der gestrzten Dynastie anzunehmen. Man mu ihm jedoch die
Gerechtigkeit widerfahren lassen, da auch edlere Motive als Ehrgeiz und
Furcht ihn bei seinem Verfahren leiteten. Er besa von Natur ein
mitfhlendes Herz und der vorliegende Fall mute nothwendig sein ganzes
Mitgefhl erregen. Nur seine Stellung hatte die volle Entwickelung
seiner guten Charactereigenschaften verhindert. Bei groer Ungleichheit
der Standesverhltnisse wird selten ein starkes Mitgefhl aufkommen
knnen, und er stand so hoch ber der groen Masse seiner Nebenmenschen,
da ihre Drangsale nur geringe Theilnahme in ihm erweckten, hnlich der,
mit der wir die Leiden niederer Geschpfe, eines verhungerten Vogels
oder eines abgetriebenen Pferdes betrachten. So hatte die Verwstung der
Pfalz und die Verfolgung der Hugenotten kein theilnehmendes Gefhl in
ihm erregt, das nicht durch Stolz und Bigotterie wirksam unterdrckt
worden wre. Aber die ganze Sympathie, deren er fhig war, wurde durch
das Unglck eines groen Knigs erweckt, der noch vor wenigen Wochen von
knieenden Lords bedient worden und der jetzt ein verlassener Verbannter
war. Mit dieser Rhrung verband sich im Herzen Ludwig's eine nicht
unedle Eitelkeit. Er wollte der Welt ein Beispiel von Gromuth und
Artigkeit geben. Er wollte der Menschheit zeigen, wie sich ein
vollendeter Edelmann in der hchsten Stellung und bei der wichtigsten
Veranlassung benehmen msse, und sein Benehmen zeichnete sich in der
That durch ritterliche Gromuth und Urbanitt aus, wie sie die
Geschichtsbcher Europa's nicht wieder geziert hatten, seitdem der
schwarze Prinz beim Souper auf dem Schlachtfelde von Poitiers hinter dem
Stuhle Knig Johann's gestanden.

    [Anmerkung 51: In dem Kapitel von La Bruyre unter der
    berschrift: +Sur les Jugemens+, kommt eine Stelle vor, welche
    gelesen zu werden verdient, weil sie zeigt, in welchem Lichte
    unsre Revolution einem Franzosen von ausgezeichneten Fhigkeiten
    erschien.]


[_Empfang der Knigin von England in Frankreich._] Sobald die Nachricht
von der Landung der Knigin von England an der franzsischen Kste nach
Versailles kam, wurde ein Palast fr sie in Bereitschaft gebracht.
Equipagen und Garden wurden zu ihrer Verfgung abgesandt. Arbeiter
wurden angestellt, um die Strae von Calais auszubessern, damit ihr die
Reise mglichst erleichtert werde. Lauzun erhielt nicht nur die
Zusicherung, da ihm seine frheren Vergehen um ihretwillen vergeben
sein sollten, sondern er wurde berdies mit einem eigenhndigen gndigen
Schreiben von Ludwig beehrt. Marie war schon auf dem Wege nach dem
franzsischen Hofe, als sie die Nachricht erhielt, da ihr Gemahl nach
einer strmischen berfahrt glcklich bei dem kleinen Dorfe Ambleteuse
gelandet war. Einige Personen von hohem Range wurden sogleich von
Versailles abgesandt, um ihn zu begren und zu begleiten. Unterdessen
brach Ludwig selbst mit seiner Familie und seinem hchsten Adel auf, um
die verbannte Knigin mit Geprnge zu empfangen. Vor seiner prachtvollen
Staatscarosse marschirten die schweizer Hellebardiere. Zu beiden Seiten
und hinter derselben ritt die Leibgarde mit klingendem Spiel. Der
glnzendste Adel von Europa folgte dem Knige mit hundert sechsspnnigen
Equipagen; Alles strotzte von Federn, Bndern, Juwelen und Stickereien.
Der Zug war noch nicht weit gekommen, als die Annherung Mariens
gemeldet wurde. Ludwig stieg aus und ging ihr zu Fu entgegen. Sie brach
in leidenschaftliche Dankesversicherungen aus. Madame, sagte der
Knig, es ist leider ein schmerzlicher Dienst, den ich Ihnen heute
erzeige. Ich hoffe spter im Stande zu sein, Ihnen grere und
angenehmere Dienste zu erzeigen. Er kte den kleinen Prinzen von Wales
und lie die Knigin in seinem Staatswagen zur Rechten sitzen. Dann
setzte sich der Zug nach Saint-Germains in Bewegung.

In Saint-Germains hatte Franz I. am Saume eines von Jagdwild reich
bestandenen Forstes und auf dem Gipfel eines die Windungen der Seine
beherrschenden Hgels ein Schlo erbaut und HeinrichIV. eine prchtige
Terrasse angelegt. Keine von den Residenzen der Knige von Frankreich
hatte eine gesundere Lage und eine herrlichere Aussicht. Die gewaltige
Gre und das ehrwrdige Alter der Bume, die Schnheit der Grten und
der berflu an Quellen waren weit berhmt. LudwigXIV. war hier
geboren, hatte hier als Jngling sein Hoflager gehalten, hatte das
Schlo Franz'I. durch mehrere stattliche Pavillons erweitert und die
Terrasse Heinrich's vollendet. Bald aber bemchtigte sich des
prachtliebenden Knigs ein unerklrlicher Widerwille gegen seine
Geburtssttte. Er vertauschte Saint-Germains mit Versailles und
verwendete ungeheure Summen auf das vergebliche Bemhen, einen ganz
besonders unfruchtbaren und ungesunden Ort, dessen Boden nur aus Sand
oder Lehm bestand und der weder Wald, noch Wasser, noch Wild hatte, in
ein Paradies umzuschaffen. Saint-Germains war jetzt zum Wohnsitz fr die
knigliche Familie Englands erwhlt worden. Prachtvolle Mobilien waren
in aller Eile dahin gesandt worden und die fr den kleinen Prinzen von
Wales bestimmten Gemcher waren mit Allem versehen, was ein Kind
bedurfte. Einer von dem Gefolge berreichte der Knigin den Schlssel zu
einer kostbaren Chatulle, die in ihrem Zimmer stand. Sie ffnete
dieselbe und fand darin sechstausend Pistolen.


[_Ankunft Jakob's in St.-Germains._] Am folgenden Tage kam auch Jakob in
St.-Germains an. Ludwig war schon dort, um ihn zu bewillkommnen. Der
unglckliche Verbannte verbeugte sich so tief, als ob er die Knie seines
Beschtzers hatte umfassen wollen. Ludwig hob ihn auf und umarmte ihn
mit brderlicher Zrtlichkeit. Dann traten die beiden Knige ins Zimmer
der Knigin. Hier ist ein Herr, sagte Ludwig zu ihr, dessen Ankunft
Sie gewi erfreuen wird. Nachdem er hierauf seine Gste eingeladen
hatte, ihn am folgenden Tage in Versailles zu besuchen und ihm das
Vergngen zu verschaffen, ihnen seine Gebude, seine Gemlde und seine
Anlagen zu zeigen, verabschiedete er sich ohne alle Ceremonien, wie ein
alter Freund.

Wenige Stunden darauf wurde dem kniglichen Paare gemeldet, da ihnen,
so lange sie dem Knige von Frankreich die Ehre erzeigen wrden, seine
Gastfreundschaft anzunehmen, jhrlich fnfundvierzigtausend Pfund
Sterling aus seinem Staatsschatze ausgezahlt werden sollten. Zehntausend
Pfund wurden zur ersten Einrichtung gesandt.

Viel rhmenswerther und bewundernswrdiger als Ludwig's Freigebigkeit
war jedoch die ausgezeichnete Delicatesse, mit der er sich bemhte, die
Gefhle seiner Gste zu beruhigen und ihnen die fast unertrgliche Last
der Verbindlichkeiten, die er ihnen auflud, zu erleichtern. Er, der
bisher in allen Fragen des Vorrangs empfindlich, streitschtig und
anmaend, der mehr als einmal bereit gewesen war, eher ganz Europa in
Krieg zu verwickeln, als in dem geringfgigsten Punkte der Etikette
nachzugeben, war jetzt bertrieben ngstlich, und zwar fr seine Freunde
gegen sich selbst. Er gab Befehl, da Marien alle Ehrfurchtsbezeigungen
zu Theil werden sollten, die seiner verstorbenen Gemahlin je erwiesen
worden waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Prinzen des Hauses
Bourbon berechtigt seien, sich in Anwesenheit der Knigin
niederzusetzen. Derartige Kleinigkeiten waren an dem alten franzsischen
Hofe sehr wichtige Dinge. Es lieen sich auf beiden Seiten
Precedenzflle nachweisen; aber Ludwig entschied die Frage gegen sein
eignes Blut. Einige vornehme Damen unterlieen die Ceremonie, den Saum
von Mariens Kleide zu kssen. Ludwig bemerkte die Unterlassung und rgte
sie in einem Tone und mit einem Blicke, da diese ganze Pairie von nun
an bereit gewesen wre, ihr den Fu zu kssen. Als das so eben von
Racine geschriebene Schauspiel Esther in Saint-Cyr aufgefhrt wurde,
hatte Marie den Ehrenplatz. Jakob sa ihr zur Rechten, Ludwig nahm
bescheiden zu ihrer Linken Platz. Ja er wnschte sogar, da ein von
seiner Freigebigkeit lebender Verbannter in seinem eigenen Palaste den
Titel Knig von Frankreich fhren, als Knig von Frankreich die Lilien
mit dem englischen Lwen vereinigen und sich als Knig von Frankreich
bei vorkommender Hoftrauer violett kleiden sollte.

Das Benehmen des franzsischen Adels bei feierlichen Anlssen wurde
durchaus vom Souverain geregelt; aber es lag auer dem Bereiche seiner
Macht, sie am freien Denken zu hindern und in Privatzirkeln ihre
Gedanken mit dem ihrer Nation und ihrem Stande eigenen feinen und
beienden Witze auszudrcken. Ihre Meinung von Marien war eine gnstige.
Sie fanden ihre persnliche Erscheinung einnehmend und ihre Haltung
wrdevoll. Sie achteten ihren Muth und ihre Mutterliebe und beklagten
ihr Migeschick. Jakob aber verachteten sie grndlich. Sein Stumpfsinn,
die kalte Gleichgltigkeit, mit der er gegen Jedermann von seinem Sturze
sprach, und das kindische Vergngen, das er an dem Pomp und Luxus von
Versailles fand, waren ihnen widerlich. Sie schrieben diese sonderbare
Apathie nicht der Philosophie oder Religiositt, sondern einem
beschrnkten und niedrig denkenden Geiste zu und uerten, da Niemand
der die Ehre gehabt habe, Seine Grobritannische Majestt seine
Geschichte erzhlen zu hren, sich darber wundern knne, da er in
Saint-Germains und sein Schwiegersohn in Saint-James war.[52]

    [Anmerkung 52: Meine Mittheilungen ber den Empfang Jakob's und
    seiner Gemahlin in Frankreich sind namentlich den Briefen der Frau
    von Svign und den Memoiren Dangeau's entnommen.]


[_Stimmung in den Vereinigten Provinzen._] In den Vereinigten Provinzen
war die durch die Nachrichten aus England verursachte Aufregung noch
grer als in Frankreich. Dies war der Zeitpunkt, wo der batavische Bund
den Hhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes erreichte. Von dem Tage, an
welchem die Expedition absegelte, war die ganze hollndische Nation in
ngstlicher Spannung. Nie waren die Kirchen so gefllt, nie war die
Begeisterung der Prediger so glhend gewesen. Man konnte es nicht
verhindern, da die Bewohner des Haag Albeville insultirten. Sein Haus
war Tag und Nacht von so dichten Volkshaufen belagert, da fast Niemand
es wagte, ihn zu besuchen, und er frchtete ernstlich, seine Kapelle
wrde in Brand gesteckt werden.[53] Da jede Post Nachricht von dem immer
weiteren Vorschreiten des Prinzen brachte, stieg der Muth seiner
Landsleute mit jedem Augenblicke, und als es endlich bekannt wurde, da
er auf Ansuchen der Lords und einer Versammlung ausgezeichneter Gemeinen
die ausbende Verwaltung bernommen hatte, brachen alle hollndischen
Parteien in einen einstimmigen Ruf des Stolzes und der Freude aus. Es
wurde in aller Eil eine auerordentliche Gesandtschaft abgeschickt, um
ihn zu beglckwnschen. Dykvelt, dessen Beistand wegen seiner
diplomatischen Geschicklichkeit und seiner grndlichen Kenntni des
englischen Staatswesens in diesem Augenblicke besonderen Werth hatte,
war einer der Abgesandten, und ihm war Nikolaus Witsen, ein
Brgermeister von Amsterdam, beigegeben, welcher deshalb dazu auserwhlt
worden zu sein scheint, um ganz Europa zu beweisen, da die lange Fehde
zwischen dem Hause Oranien und der Hauptstadt Hollands zu Ende sei. Am
8. Januar erschienen Dykvelt und Witsen in Westminster. Wilhelm sprach
mit einer Offenheit und Herzlichkeit zu ihnen, die man in seinen
Unterredungen mit Englndern selten bemerkte. Seine ersten Worte waren:
Nun, was sagen jetzt unsere Freunde in der Heimath? In der That, der
einzige Beifall, der auf sein stoisches Gemth einen tiefen Eindruck
machte, war der Beifall seines geliebten Vaterlandes. Von seiner groen
Popularitt in England sprach er mit kalter Geringschtzung und
prophezeite nur zu wahr die wirklich eintretende Reaction. Hier, sagte
er, ruft jetzt Alles Hosianna, und morgen wird man vielleicht rufen:
Kreuziget ihn![54]

    [Anmerkung 53: Albeville an Preston, 23. Nov. (3. Dec.) 1688 in
    der Mackintosh-Sammlung.]

    [Anmerkung 54: +'Tis hier nu Hosanna: maar 't zal, veelligt,
    haast Kruist hem, kruist hem, zyn.+ Witsen +MS.+ in Wagenaar,
    Buch 61. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, da einige Jahre
    frher Richard Duke, ein ehedem wohlbekannter, jetzt aber fast
    ganz vergessener toryistischer Dichter, den man hchstens noch aus
    Johnson's biographischer Skizze kennt, ganz denselben Vergleich
    auf Jakob anwendete:

      Ist's nicht der Judenpbel, der einstmals geschrie'n
      Hosianna erst und nachher kreuzigt ihn?
        +The Review.+

    Depesche der auerordentlichen hollndischen Gesandten vom 8.(18.)
    Jan. 1689; Citters von dem nmlichen Datum.]


[_Wahl der Mitglieder zur Convention._] Am folgenden Tage wurden die
ersten Mitglieder der Convention gewhlt. Die City von London machte den
Anfang und whlte ohne allen Widerstreit vier groe Kaufleute, welche
eifrige Whigs waren. Der Knig und seine Anhnger hatten gehofft, da
viele Wahlbeamten das Schreiben des Prinzen als ungltig betrachten
wrden, aber seine Hoffnung wurde getuscht. Die Wahlen gingen rasch und
ohne Hindernisse von Statten. Kaum an einem einzigen Orte gab es
Widerspruch. Denn die Nation war seit lnger als einem Jahre in
bestndiger Erwartung eines Parlaments gehalten worden. Es waren zweimal
Wahlschreiben erlassen und zweimal waren sie widerrufen worden. Einige
Wahlkrper waren in Folge dieser Ausschreiben schon zu der Wahl von
Abgeordneten geschritten. Es gab kaum eine Grafschaft, in der die Gentry
und die Freisassenschaft nicht schon vor vielen Monaten ber Candidaten
einig gewesen wre, lauter gute Protestanten, welche trotz Knig und
Lordlieutenant durchzubringen man keine Anstrengung gespart haben wrde,
und diese Candidaten wurden ohne Opposition gewhlt.

Der Prinz erlie strenge Befehle, da kein Staatsdiener bei dieser
Gelegenheit jene Kunstgriffe anwenden solle, welche der vorigen
Regierung so viele Vorwrfe zugezogen hatten. Namentlich verfgte er,
da in keiner Stadt, wo eine Wahl vor sich ging, Soldaten erscheinen
drften.[55] Seine Bewunderer konnten rhmend behaupten und seine Feinde
scheinen nicht im Stande gewesen zu sein es zu leugnen, da die
Gesinnung der Wahlkrper einen unverflschten Ausdruck erhielt.
Allerdings wagte er auch nicht viel. Die ihm anhngende Partei war
siegreich, voll Begeisterung und energischer Lebenskraft, und die
Partei, von der allein er ernsten Widerstand zu frchten gehabt htte,
war uneinig und muthlos mit sich selbst und noch mehr mit ihrem
natrlichen Oberhaupte unzufrieden. Daher whlte ein groer Theil der
Grafschaften und Boroughs whiggistische Abgeordnete.

    [Anmerkung 55: +London Gazette, Jan. 7. 1688/89.+]


[_Die Angelegenheiten Schottlands._] Wilhelm's Regentenautoritt
erstreckte sich nicht auf England allein. Auch Schottland hatte sich
gegen seine Tyrannen erhoben. Alle regulren Soldaten, durch die es so
lange niedergehalten worden, waren mit Ausnahme einer sehr kleinen
Truppe, welche unter dem Commando des Herzogs von Gordon, eines
angesehenen katholischen Lords, die Besatzung des Schlosses von Edinburg
bildete, von Jakob zum Beistande gegen das hollndische Invasionsheer
aufgeboten worden. Jede whrend des ereignivollen Monats November nach
dem Norden gegangene Post hatte Nachrichten gebracht, welche die
Leidenschaften der bedrckten Schotten aufstachelten. So lange der
Ausgang der militairischen Operationen noch zweifelhaft war, gab es in
Edinburg Tumulte und Demonstrationen, welche drohender wurden, nachdem
Jakob sich von Salisbury zurckgezogen hatte. Groe Volksmassen
versammelten sich anfangs bei Nacht, dann selbst am hellen Tage. Ppste
wurden ffentlich verbrannt, man rief laut nach einem freien Parlamente,
und Plakate wurden angeschlagen, welche auf die Kpfe der Staatsminister
Preise setzten. Der am meisten verhate unter diesen Ministern war
Perth, der den hohen Posten des Staatskanzlers bekleidete, in der
kniglichen Gunst sehr hoch stand, vom reformirten Glauben abgefallen
war und in dem Gerichtsverfahren seines Vaterlandes zuerst die
Daumenschraube eingefhrt hatte. Er war ein Mann ohne Energie und von
niedriger Denkweise; der einzige Muth, den er besa, war der entehrende
Muth, welcher der Schande trotzt und die Qualen Anderer gleichgltig mit
ansieht. Sein Posten war zu solchen Zeiten an der Spitze des
Staatsrathes; aber er hatte nicht das Herz dazu und beschlo daher, sich
der Gefahr, die nach den Blicken und uerungen des wilden und
unerschrockenen Pbels von Edinburg nicht fern war, dadurch zu
entziehen, da er sich auf seinen Landsitz flchtete. Eine starke Wache
begleitete ihn nach Schlo Drummond; kaum aber war er abgereist, so
erhob sich die Stadt. Eine kleine Anzahl Truppen versuchten es, den
Aufstand zu unterdrcken, aber sie wurden berwltigt. Der Palast
Holyrood, der in ein katholisches Seminar und in eine Staatsdruckerei
verwandelt worden war, wurde erstrmt und demolirt. Ungeheure Haufen von
papistischen Bchern, Rosenkrnzen, Kruzifixen und Bildern wurden in
High Street verbrannt. Mitten in der Aufregung kam die Nachricht von der
Flucht des Knigs. Die Mitglieder der Regierung gaben jeden Gedanken an
eine Bekmpfung der Volkswuth auf und wechselten mit einer bei den
schottischen Staatsmnnern damals sehr gewhnlichen Schnelligkeit die
Farbe. Der Geheime Rath erlie eine Verordnung des Inhalts, da alle
Papisten entwaffnet werden sollten, und durch eine andre Proklamation
forderte er die Protestanten auf, sich zur Vertheidigung des reinen
Glaubens zusammenzuschaaren. Die Nation hatte nicht erst auf diesen
Aufruf gewartet; Stadt und Land standen schon fr den Prinzen von
Oranien unter den Waffen. Nithisdale und Clydesdale waren die einzigen
Bezirke, in denen eine schwache Aussicht war, da die Katholiken sich
widersetzen wrden; aber beide Bezirke waren bald von Schaaren
bewaffneter Presbyterianer besetzt. Unter den Insurgenten befanden sich
einige heftige und finstre Mnner, welche frher Argyle verleugnet
hatten und die jetzt eben so wenig von Wilhelm etwas wissen wollten.
Seine Hoheit, sagten sie, habe offenbar Bses im Sinne. Er habe in
seiner Erklrung kein Wort von dem Covenant erwhnt. Die Hollnder wren
ein Volk, mit dem kein wahrer Diener des Herrn gemeinschaftliche Sache
machen wrde. Sie hielten es mit den Lutheranern und ein Lutheraner sei
eben so gut ein Kind der Verdammni wie ein Jesuit. Die allgemeine
Stimme des Knigreichs erstickte jedoch wirksam das Murren dieser
haschnaubenden Faction.[56]

Die Bewegung verbreitete sich bald bis in die Gegend des Schlosses
Drummond. Perth sah, da er unter seinen eigenen Dienern und Pchtern
nicht mehr sicher war. Er berlie sich daher einer eben so trostlosen
Verzweiflung, als in welche seine unbarmherzige Tyrannei oft viel
bessere Menschen als er war, gestrzt hatte. In seiner Todesangst suchte
er Trost in den Gebruchen seiner neuen Kirche. Er qulte seine Priester
um geistlichen Zuspruch, betete, beichtete und communicirte; aber sein
Glaube war schwach und er gestand, da trotz aller seiner
Andachtsbungen die Todesfurcht ihn berwltige. Um diese Zeit erfuhr
er, da er Aussicht hatte, auf einem vor Brentisland liegenden Schiffe
zu entkommen. Er verkleidete sich so gut als mglich und nach einer
langen und beschwerlichen Reise ber die ungangbaren Pfade des damals
mit tiefem Schnee bedeckten Ochillgebirges gelang es ihm sich
einzuschiffen; aber trotz aller beobachteten Vorsicht war er erkannt und
Lrm gemacht worden. Sobald es bekannt wurde, da der blutdrstige
Renegat sich auf der See befinde, und da er Gold bei sich habe, waren
ihm von Ha und Habgier erfllte Verfolger auf den Fersen. Ein von einem
alten Freibeuter befehligtes Boot holte das fliehende Schiff ein und
enterte es. Perth, der Frauenkleider angelegt hatte, wurde aus dem
Kielraume aufs Verdeck geschleppt, ausgezogen, gemihandelt und
geplndert. Man setzte ihm Bajonnette auf die Brust. Mit weibischem
Gejammer um Schonung seines Lebens flehend wurde er ans Land
zurckgebracht und in die Frohnfeste von Kirkaldy geworfen. Von dort
wurde er auf Befehl des Geheimen Raths, dem er krzlich noch prsidirt
hatte und in welchem Mnner saen, die seine Schuld theilten, nach dem
Schlosse Stirling transportirt. Es war an einem Sonntage whrend des
ffentlichen Gottesdienstes, als er unter militairischer Eskorte in sein
Gefngni abgefhrt wurde; aber selbst strenge Puritaner vergaen die
Heiligkeit des Tages und des Gottesdienstes. Die Andchtigen verlieen
die Kirchen, als der Tyrann vorberkam und laute Drohungen,
Verwnschungen und Ausbrche des Hasses begleiteten ihn bis an den
Eingang seines Gefngnisses.[57]

Mehrere angesehene Schotten befanden sich in London, als der Prinz
daselbst ankam, und viele andere eilten jetzt dahin, um ihm ihre
Aufwartung zu machen. Am 7. Januar ersuchte er sie, sich ihm in
Whitehall vorzustellen. Die Versammlung war zahlreich und bestand aus
sehr achtbaren Mnnern. An der Spitze des Zuges erblickte man den Herzog
von Hamilton und seinen ltesten Sohn, den Earl von Arran, die
Oberhupter eines Hauses von fast kniglichem Ansehen. Sie waren
begleitet von dreiig Lords und ungefhr achtzig angesehenen Gentlemen.
Wilhelm sprach den Wunsch aus, da sie sich mit einander berathen und
ihm dann sagen mchten, wie er das Wohl ihres Landes am besten frdern
knnte. Dann entfernte er sich, damit sie, durch seine Anwesenheit nicht
beengt, sich mit einander besprechen konnten. Sie gingen in das
Berathungszimmer und bertrugen dem Herzoge von Hamilton den Vorsitz.
Obgleich nur wenig Meinungsverschiedenheit stattgefunden zu haben
scheint, dauerten die Verhandlungen doch drei Tage, ein Umstand, der
sich durch Sir Patrick Hume's Betheiligung an der Debatte gengend
erklren lt. Arran wagte es, eine Unterhandlung mit dem Knige
vorzuschlagen. Dieser Antrag aber wurde von seinem Vater und von der
ganzen Versammlung bel aufgenommen und fand gar keine Untersttzung.
Endlich wurden Beschlsse gefat, ganz hnlich denen, welche die
englischen Lords und Gemeinen einige Tage vorher dem Prinzen berreicht
hatten. Er wurde ersucht, eine Convention der schottischen Stnde
einzuberufen, ihren Zusammentritt auf den 14. Mrz zu bestimmen und bis
zu diesem Tage die Civil- und Militairverwaltung selbst zu bernehmen.
Er kam diesen Wnschen nach und die Regierung der ganzen Insel war von
nun an in seinen Hnden.[58]

    [Anmerkung 56: +Sixth Collection of Papers, 1689+; +Wodrow, III.
    12. 4. App. 150, 151; Faithful Contendings Displayed+; +Burnet, I.
    804.+]

    [Anmerkung 57: Perth an Lady Errol, 29. Dec. 1688; an Melfort, 21.
    Dec. 1688: +Sixth Collection of Papers, 1689.+]

    [Anmerkung 58: +Burnet, I. 805+; +Sixth Collection of Papers,
    1689.+]


[_Stand der Parteien in England._] Der entscheidende Augenblick rckte
heran und die Aufregung der Gemther stieg auf den Hhepunkt. Kleine
Clubs von Politikern steckten berall flsternd und berathend die Kpfe
zusammen. Die Kaffeehuser waren in heftiger Ghrung, und die Pressen
der Hauptstadt standen keine Minute still. Von den damals erschienenen
Flugschriften knnte man noch jetzt mehrere Bnde fllen und man kann
sich aus diesen Flugschriften unschwer eine richtige Vorstellung von dem
Stande der Parteien bilden.

Eine sehr kleine Faction wollte Jakob ohne irgend eine Bedingung
zurckrufen. Eine andre, ebenfalls sehr kleine Faction wnschte eine
Republik zu errichten und die Verwaltung einem Staatsrathe unter der
Prsidentschaft des Prinzen von Oranien zu bertragen. Diese extremen
Meinungen wurden jedoch allgemein mit Abscheu verworfen. Die Nation
bestand zu Neunzehn Zwanzigsteln aus Leuten, welche mit der Liebe zur
erblichen Monarchie die Liebe zur constitutionellen Freiheit verbanden,
wenn auch nicht alle in gleichem Verhltnisse, und die von der
gnzlichen Abschaffung des Knigstitels eben so wenig etwas wissen
wollten, als von der unbedingten Wiedereinsetzung des Knigs.

Doch in der weiten Entfernung, welche die noch den Lehren Filmer's
anhngenden Bigotten von den Schwrmern trennte, die noch an die
Verwirklichung der Trume Harrington's dachten, war Raum fr viele
Meinungsschattirungen. Lt man die unwichtigen Unterabtheilungen
unbercksichtigt, so wird man finden, da die groe Majoritt der Nation
und der Convention in vier Abtheilungen zerfiel. Drei von diesen
Abtheilungen bestanden aus Tories und die vierte bildete die Whigpartei.

Die Freundschaft zwischen den Whigs und Tories hatte die Gefahr, welche
sie erzeugt, nicht berdauert. Whrend des Marsches des Prinzen aus dem
Westen hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten Spaltungen unter
seinen Anhngern gezeigt. So lange der Ausgang seines Unternehmens noch
zweifelhaft war, hatte seine geschickte Leitung diese Zerwrfnisse ohne
Mhe geschlichtet. Aber von dem Tage seines triumphirenden Einzugs in
den St. Jamespalast an war eine solche Leitung nicht mehr mglich. Indem
sein Sieg die Nation von der Furcht vor papistischer Tyrannei befreite,
hatte er ihm zugleich die Hlfte seines Einflusses entzogen. Alte
Antipathien, welche geschlummert hatten, so lange die Bischfe im Tower
und die Jesuiten im Staatsrathe saen, so lange loyale Geistliche zu
Dutzenden ihres Lebensunterhalts beraubt und loyale Gentlemen zu
Hunderten ihres Friedensrichteramtes entsetzt wurden, erwachten jetzt
mit erneuter Heftigkeit wieder. Der Royalist schauderte bei dem
Gedanken, da er mit allen Denen verbndet sei, die er von Jugend auf am
meisten gehat habe: mit ehemaligen Anfhrern der Parlamentsarmee, die
sein Landhaus erstrmt, mit ehemaligen Parlamentscommissaren, die sein
Vermgen sequestrirt hatten, mit Mnnern, welche das Ryehouse-Gemetzel
angestiftet und an der Spitze der Insurrection im Westen gestanden
hatten. Auch die theure Kirche, der zu Liebe er nach einem qualvollen
Kampfe seine Unterthanentreue gegen den Thron gebrochen, war sie
wirklich in Sicherheit? Oder hatte er sie von einem Feinde befreit, nur
um sie einem andren preis zu geben? Allerdings waren die papistischen
Priester in der Verbannung, in Verstecken oder im Gefngni. Kein Jesuit
oder Benedictiner, dem sein Leben lieb war, wagte es jetzt, sich in
seiner Ordenstracht zu zeigen. Aber die Presbyterianer- und
Independentenprediger zogen in langer Procession zu dem Oberhaupte der
Regierung, um ihm ihre Huldigung darzubringen und wurden eben so
freundlich empfangen, wie die wahren Nachfolger der Apostel. Einige
Schismatiker sprachen die Hoffnung aus, da bald jede Schranke, die sie
von geistlichen mtern ausschlsse, fallen werde, da die Artikel
gemildert, die Liturgie gesichtet, da Weihnachten aufhren werde ein
Fest, der Charfreitag ein Fasttag zu sein, da Canonici, deren Haupt nie
ein Bischof berhrt, ohne das heilige Gewand von weien Linnen in den
Chren der Kathedralen das Brot und den Wein des Abendmahls an auf
Bnken sitzende Communicanten austheilen werden. Der Prinz war zwar kein
fanatischer Presbyterianer, aber hchstens ein Latitudinarier. Er trug
kein Bedenken, nach anglikanischem Ritus zu communiciren, aber es war
ihm auch gleichgltig, nach welchem Ritus andere Leute communicirten. Es
stand zu befrchten, da seine Gemahlin nur zuviel von seinem Geiste
eingesogen hatte. Burnet war ihr Gewissensrath; sie hrte Prediger von
verschiedenen protestantischen Secten, und hatte unlngst geuert, da
sie zwischen der Kirche Englands und den anderen reformirten Kirchen
keinen wesentlichen Unterschied erblicke.[59] Es war daher nothwendig,
da die Kavaliere in diesem Augenblicke das von ihren Vtern im Jahre
1641 gegebene Beispiel befolgten, sich von den Rundkpfen und Sectirern
trennten und trotz aller Fehler des erblichen Monarchen die Sache der
erblichen Monarchie aufrecht erhielten.

Die von solchen Gesinnungen beseelte Partei war zahlreich und
achtungswerth. Sie schlo ungefhr die Hlfte des Hauses der Lords, etwa
ein Drittel des Hauses der Gemeinen, die Mehrheit der Landgentry und
mindestens neun Zehntel der Geistlichkeit in sich; aber sie war durch
Spaltungen zerrissen und auf allen Seiten von Schwierigkeiten umgeben.

    [Anmerkung 59: Albeville, 9.(19.) Nov. 1688.]


[_Sherlock's Plan._] Eine Section dieser groen Partei, die besonders
unter der Geistlichkeit stark vertreten und deren Hauptorgan Sherlock
war, wnschte, da Unterhandlungen mit Jakob erffnet und da er unter
Bedingungen, welche die brgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs
vollkommen sicher stellten, zur Rckkehr nach Whitehall eingeladen
werden sollte.[60] Es springt in die Augen, da dieser Plan, so
energisch er auch von der Geistlichkeit untersttzt wurde, doch in
directem Widerspruche mit den Doctrinen stand, welche der Klerus seit
vielen Jahren lehrte. Es war in der That ein Versuch, einen Mittelweg
einzuschlagen, wo kein Mittelweg mglich war, und einen Vergleich
zwischen zwei Dingen herbeizufhren, welche keinen Vergleich zulassen:
zwischen Widerstand und Nichtwiderstand. Die Tories hatten sich frher
zu dem Prinzipe des Nichtwiderstandes gehalten. Aber diesen Boden hatten
die meisten von ihnen jetzt verlassen und waren nicht geneigt, denselben
wieder einzunehmen. Die englischen Kavaliere in ihrer Gesammtheit waren
bei der letzten Erhebung gegen den Knig direct oder indirect so stark
betheiligt gewesen, da sie in diesem Augenblicke nicht ohne die grte
Schande von der geheiligten Pflicht, einem Nero zu gehorchen, sprechen
konnten; auch hatten sie berhaupt keine Lust, den Frsten, unter dessen
schlechter Regierung sie so viel hatten leiden mssen, zurckzurufen,
ohne ihm Bedingungen vorzuschreiben, die es ihm unmglich machten, seine
Gewalt abermals zu mibrauchen. Sie befanden sich deshalb in einer
schiefen Stellung. Ihre alte Theorie, mochte sie nun vernnftig oder
unvernnftig sein, war wenigstens vollstndig und folgerichtig. War
diese Theorie zweckmig, so mute der Knig unverweilt zur Rckkehr
aufgefordert und es ihm, wenn anders er wollte, gestattet werden,
Seymour und Danby, den Bischof von London und den Bischof von Bristol
wegen Hochverraths hinrichten zu lassen, die kirchliche Commission
wiederherzustellen, die Kirche mit papistischen Wrdentrgern zu fllen
und die Armee unter das Commando papistischer Offiziere zu stellen. Wenn
aber, wie die Tories jetzt selbst zuzugeben schienen, die Theorie
unpraktisch war, warum dann mit dem Knige unterhandeln? Gestand man zu,
da er rechtmigerweise vom Throne ausgeschlossen werden drfe, bis er
befriedigende Garantien fr die Sicherheit der kirchlichen und
staatlichen Verfassung gebe, so konnte man schwerlich leugnen, da er
auch fr immer rechtmigerweise ausgeschlossen werden durfte. Denn
welche befriedigenden Garantien konnte er geben? Konnte wohl eine
Parlamentsacte in klarerer Sprache gefat sein als die, welche
vorschrieben, da der Dechant des Christchurch-Collegiums ein Protestant
sein msse? Konnte ein Versprechen klarer und deutlicher sein als die,
in denen Jakob wiederholt erklrt hatte, da er die gesetzlichen Rechte
der anglikanischen Geistlichkeit streng respectiren werde? Wenn Gesetz
oder Ehrgefhl etwas Bindendes fr ihn gehabt htten, so wrde er nie
gezwungen gewesen sein, aus seinem Knigreiche zu fliehen. Wenn aber
weder Gesetz noch Ehre in seinen Augen bindend fr ihn waren, konnte es
dann wohl rathsam sein, ihn zurckzurufen?

Indessen wrde trotz dieser Argumente wahrscheinlich ein Antrag auf
Erffnung von Unterhandlungen mit Jakob in der Convention gestellt und
von der Hauptmasse der Tories untersttzt worden sein, wre er nicht bei
dieser, wie bei jeder andren Gelegenheit sein eigner schlimmster Feind
gewesen. Jede von Saint-Germains kommende Post brachte Mittheilungen,
welche den Eifer seiner Anhnger abkhlten. Er hielt es nicht einmal der
Mhe werth, Reue ber seine frheren Fehler zu heucheln oder Besserung
zu geloben. Er erlie ein Manifest, in welchem er seinem Volke sagte,
da es stets sein eifriges Bestreben gewesen sei, mit Gerechtigkeit und
Migung zu regieren und da es sich durch eingebildete Beschwerden
selbst ins Verderben habe locken lassen.[61]

    [Anmerkung 60: Siehe die Flugschrift, betitelt: +Letter to a
    Member of the Convention+, und die Antwort darauf; +Burnet, I.
    809.+]

    [Anmerkung 61: Brief an die Lords des Geheimen Raths, 4.(14.) Jan.
    1688/89; +Clarendon's Diary, Jan. 9.(19.)+]


[_Sancroft's Plan._] Die Folge seiner Thorheit und seines Starrsinns
war, da selbst Diejenigen, welche am meisten wnschten, ihn unter
billigen Bedingungen wieder auf den Thron zu setzen, erkannten, da sie
der Sache, der sie dienen wollten, nur schaden wrden, wenn sie in
diesem Augenblicke die Erffnung von Unterhandlungen vorschlgen. Sie
beschlossen daher, sich mit einer andren Abtheilung der Tories zu
verbinden, deren Oberhaupt Sancroft war. Sancroft glaubte ein Mittel
gefunden zu haben, durch welches fr die Regierung des Landes gesorgt
werden knnte, ohne Jakob zurckzurufen, aber auch ohne ihn deshalb
seiner Krone zu berauben. Dieses Mittel war eine Regentschaft. Die
unfgsamsten unter denjenigen Theologen, welche die Lehre vom passiven
Gehorsam eingeschrft, hatten doch nie behauptet, da man diesen
Gehorsam einem Kinde oder einem Wahnsinnigen schuldig sei. Es war
allgemein anerkannt, da, wenn der rechtmige Souverain zur Verwaltung
seines Amtes geistig unfhig sei, ein Stellvertreter fr ihn erwhlt
werden knne, und da Jeder, der sich diesem Stellvertreter widersetzte
und sich zu seiner Entschuldigung auf den Befehl eines Frsten berief,
der noch in der Wiege lag oder geistesschwach war, mit vollem Rechte den
auf Emprung gesetzten Strafen verfiele. Dummheit, Unverstand und
Aberglaube -- so raisonnirte der Primas -- htten Jakob eben so unfhig
gemacht, sein Land zu regieren, wie nur ein in den Windeln liegendes
Kind oder ein auf dem Stroh von Bedlam grinsender und Unsinn
schwatzender Wahnsinniger es sein knnte. Es msse daher der Weg
eingeschlagen werden, den man ergriffen habe, als HeinrichVI. noch ein
Kind war, und dann wieder, als er in Schlafsucht verfiel. Jakob knne
factisch nicht mehr Knig sein, aber er msse es doch dem Anscheine nach
bleiben. Die Regierungsdecrete mten noch unter seinem Namen erlassen,
und sein Bildni und sein Namenszug mten noch immer auf den Mnzen und
im Staatssiegel figuriren. Die Parlamentsacten mten nach wie vor mit
den Jahren seiner Regierung bezeichnet, die Verwaltung aber msse ihm
entzogen und einem von den Stnden des Reichs ernannten Regenten
bertragen werden. Auf diese Weise, behauptete Sancroft allen Ernstes,
werde das Volk seiner Unterthanenpflicht treu bleiben, die Eide der
Treue, die es seinem Knige geschworen, wrden streng beobachtet werden,
und die orthodoxesten Anglikaner knnten ohne die geringsten
Gewissensscrupel unter dem Regenten mter bernehmen.[62]

Sancroft's Meinung hatte bei der ganzen Torypartei und ganz besonders
bei der Geistlichkeit groes Gewicht. Eine Woche vor dem Tage, auf den
die Convention einberufen war, versammelte sich im Lambethpalaste eine
ehrwrdige Gesellschaft, hrte in der Kapelle eine Betbung an, speiste
bei dem Primas und berieth sich dann ber den Stand der ffentlichen
Angelegenheiten. Fnf Suffraganen des Erzbischofs, die im vergangenen
Sommer seine Gefahren und seinen Ruhm getheilt hatten, waren anwesend.
Die Earls von Clarendon und von Ailesbury vertraten die toryistische
Laienschaft. Die ganze Versammlung schien einmthig der Ansicht zu sein,
da Diejenigen, welche Jakob den Unterthaneneid geleistet hatten, ihm
mit vollem Rechte den Gehorsam verweigern, aber nicht mit gutem Gewissen
den Knigstitel einem Andren beilegen knnten.[63]

    [Anmerkung 62: Es scheint unglaublich, da irgend Jemand sich
    durch solchen Unsinn htte tuschen lassen sollen. Ich halte es
    daher fr nthig, Sancroft's Worte anzufhren, die noch in seiner
    eignen Handschrift existiren. Die politische Capacitt oder
    Autoritt des Knigs und sein Name in der Regentenreihe sind
    vollkommen und unleugbar. Da aber seine Person menschlich und
    sterblich und sonst gegen die brigen Menschen nicht bevorzugt
    ist, so ist sie auch allen Mngeln und Fehlern derselben
    unterworfen. Er kann daher zur Leitung der Regierung, zur
    Verwaltung des Staatsschatzes etc. unfhig werden, sei es durch
    Abwesenheit, durch Unmndigkeit, durch Geistesschwche, Wahnsinn
    oder Apathie, durch natrliche oder zufllige Krankheit, oder
    endlich durch gewisse, in Folge von Erziehung oder Gewohnheit
    entstandene und festgewurzelte, mit unabnderlichen
    Entschlieungen verbundene Vorurtheile in mit den Gesetzen, der
    Religion, dem Landesfrieden und der wahren Politik des Reichs
    unvereinbaren Dingen. In allen diesen Fllen, sage ich, mssen
    eine oder mehrere Personen ernannt werden, um solchem Mngel
    abzuhelfen und die Regierungsgeschfte statt seiner und im Namen
    seiner Gewalt und Autoritt zu leiten. Ist dies geschehen, sage
    ich weiter, so sind alle wie frher stattfindenden Proceduren,
    Autoritten, Ernennungen, Verleihungen etc. in jeder Hinsicht
    gesetzlich und rechtsgltig, die Unterthanenpflichten des Volkes
    bleiben die nmlichen, seine Eide und Verbindlichkeiten sind in
    keiner Weise verndert. So lange die Regierung kraft der Autoritt
    und im Namen des Knigs fortgefhrt wird, bestehen auch alle die
    geheiligten Bande und eingefhrten Proceduren fort und keines
    Menschen Gewissen wird mit irgend etwas beschwert, was zu
    bernehmen er Bedenken zu tragen braucht. --+Tanner MS.; Doyly's
    Life of Sancroft+. Die Creaturen Jakob's machten sich nicht ganz
    ohne Grund ber das Englisch des guten Erzbischofs lustig.]

    [Anmerkung 63: +Evelyn, Jan. 15, 1688/89.+]


[_Danby's Plan._] So stimmten zwei Sectionen der Torypartei (diejenigen,
welche eine Verstndigung mit Jakob wnschten, und die, welche von einer
solchen Verstndigung nichts wissen wollten) in der Untersttzung der
Regentschaftsidee berein. Eine dritte Section jedoch, die zwar nicht
sehr zahlreich war, aber groes Gewicht und groen Einflu hatte,
empfahl einen ganz andren Plan. Die Oberhupter dieser kleinen Schaar
waren im Hause der Lords Danby und der Bischof von London, im Hause der
Gemeinen Sir Robert Sawyer. Sie meinten ein Mittel ausfindig gemacht zu
haben, um unter streng gesetzlichen Formen eine vllige Revolution zu
bewerkstelligen. Sie sagten, es widerstreite allem Prinzip, da ein
Knig durch seine Unterthanen abgesetzt werden solle. Durch seine Flucht
habe er selbst seiner Macht und Stellung entsagt. Der Thron sei factisch
erledigt und knne nach der Ansicht aller verfassungskundigen Juristen
keinen Augenblick unbesetzt bleiben. Der nchste Erbe sei daher an seine
Stelle getreten. Aber wer sei der nchste Thronerbe? Was den nach
Frankreich bergefhrten unmndigen Prinzen anlange, so sei dessen
Eintritt in die Welt von vielen verdchtigen Umstnden begleitet
gewesen. Man sei es den anderen Mitgliedern des kniglichen Hauses und
der Nation schuldig, jeden Zweifel hierber zu heben. Der Gemahl der
Prinzessin von Oranien habe daher in ihrem Namen feierlich eine
Untersuchung verlangt, welche auch vorgenommen worden wre, htten nicht
die des Betrugs angeklagten Parteien einen Weg eingeschlagen, der in
jedem gewhnlichen Falle als ein entscheidender Schuldbeweis gegolten
haben wrde. Sie htten sich nicht fr bemigt gehalten, den Ausgang
einer feierlichen Parlamentsuntersuchung abzuwarten, sie htten sich
heimlich in ein fremdes Land begeben und nicht allein das Kind, sondern
auch alle diejenigen franzsischen und italienischen Kammerfrauen mit
sich genommen, welche in den Betrug, falls ein solcher stattgefunden
haben sollte, eingeweiht sein mten und daher einem strengen Verhr zu
unterwerfen gewesen wren. Die Ansprche des Prinzen ohne Untersuchung
anzuerkennen, sei nicht mglich, und Diejenigen, die sich seine Eltern
nennten, htten jede Untersuchung unmglich gemacht. Das Urtheil msse
daher +in contumaciam+ gegen ihn gefllt werden. Geschehe ihm dann
Unrecht, so geschehe ihm nicht von Seiten der Nation, sondern von Seiten
Derer Unrecht, deren auffallendes Benehmen bei seiner Geburt die Nation
berechtigt habe, eine Untersuchung zu verlangen, und die sich einer
solchen Untersuchung durch die Flucht entzogen htten. Er knne daher
mit vollkommenem Rechte als ein Prtendent betrachtet werden. Und so sei
die Krone gesetzmig auf die Prinzessin von Oranien bergegangen. Sie
sei thatschlich regierende Knigin und die beiden Huser htten nichts
weiter zu thun, als sie zu proclamiren. Sie knne, wenn sie sonst wolle,
ihren Gemahl zu ihrem ersten Minister ernennen und ihm sogar mit
Bewilligung des Parlaments den Knigstitel verleihen.

Nur wenige Personen zogen diesen Plan jedem andren vor und es war mit
Gewiheit zu erwarten, da sich demselben sowohl Diejenigen, welche
Jakob noch zugethan waren, wie auch alle Anhnger Wilhelm's widersetzen
wrden. Indessen gab Danby, der auf seine Kenntni der parlamentarischen
Taktik vertraute und wohl wute, was ein kleines Streifcorps
auszurichten vermag, wenn groe Parteien einander ziemlich die Wage
halten, noch keineswegs die Hoffnung auf, da er im Stande sein werde,
den Ausgang des Kampfes so lange in der Schwebe zu erhalten, bis Whigs
und Tories, an einem vollkommenen Siege verzweifelnd und die Folgen der
Verzgerung frchtend, ihn als Schiedsrichter annehmen wrden. Auch ist
es durchaus nicht unmglich, da er reussirt haben wrde, wenn die Frau,
die er auf den hchsten Gipfel irdischer Gre erheben wollte,
untersttzt oder doch wenigstens nicht behindert worden wre. So
scharfblickend und wohlerfahren er in Staatsgeschften war, so kannte er
doch weder den Character Mariens noch die Gefhle, mit denen sie ihren
Gemahl betrachtete, und selbst ihr alter Lehrer Compton war nicht besser
unterrichtet. Wilhelm's Manieren waren trocken und kalt, seine
Constitution war schwchlich und krnklich und seine Gemthsart
nichts weniger als sanft; er war daher nicht der Mann, der nach
gewhnlichen Begriffen fr geeignet gehalten werden konnte, einer
sechsundzwanzigjhrigen schnen jungen Frau eine heftige Leidenschaft
einzuflen. Es war bekannt, da er seiner Gemahlin nicht immer ganz
treu geblieben war und der Leumund hatte ausgesprengt, da sie nicht
glcklich mit ihm lebe. Die scharfsichtigsten Politiker ahneten daher
nicht, da er bei allen seinen Fehlern eine solche Herrschaft ber ihr
Herz erlangt hatte, als selbst Frsten, die wegen ihres Glcks in der
Liebe am berhmtesten waren, wie FranzI. und HeinrichIV., LudwigXIV.
und KarlII. sie niemals ber ein weibliches Herz besessen hatten, und
da die drei Knigreiche ihrer Voreltern in ihren Augen hauptschlich
deshalb einen Werth hatten, weil sie ihrem Gemahl durch die Verleihung
derselben die Innigkeit und Uneigenntzigkeit ihrer Liebe beweisen
konnte. Danby versicherte ihr in seiner vlligen Unkenntni ihrer
Gesinnungen, da er ihre Rechte vertheidigen und da, wenn sie ihn
untersttze, er sie allein auf den Thron setzen zu knnen hoffe.[64]

    [Anmerkung 64: +Clarendon's Diary, Dec. 24. 1688+; +Burnet, I.
    819+; +Proposals humbly offered in behalf of the Princess of
    Orange, Jan. 28. 1688/89.+]


[_Der Plan der Whigs._] Das Verfahren der Whigs war inzwischen einfach
und consequent. Nach ihrer Doctrin war die Grundlage unsrer Regierung
ein Vertrag, der auf der einen Seite durch den Unterthaneneid, auf der
andren durch den Krnungseid ausgedrckt sei, und die durch diesen
Vertrag auferlegten Pflichten waren gegenseitig. Sie hielten dafr, da
einem Frsten, der seine Macht grblich mibrauchte, von seinem Volke
mit vollem Rechte der Gehorsam verweigert und er des Thrones entsetzt
werden knne. Da Jakob seine Macht grblich gemibraucht hatte, wurde
nicht bestritten, und die ganze Whigpartei war bereit, es offen
auszusprechen, da er sie verwirkt habe. Ob der Prinz von Wales
untergeschoben war oder nicht, sei ein Punkt, der gar nicht der
Untersuchung werth sei. Es gebe jetzt viel gewichtigere Grnde, ihn vom
Throne auszuschlieen als die, welche aus den Vorgngen bei seiner
Geburt hergeleitet werden knnten. Ein Kind, das in einer Wrmpfanne ins
Bett der Knigin gelegt worden sei, knne mglicherweise auch ein guter
Knig von England werden. Dies sei aber nicht von einem Kinde zu
erwarten, das von seinem Vater, dem stupidesten und starrsinnigsten
Tyrannen von der Welt, in einem fremden Lande, dem Sitze des Despotismus
und des Aberglaubens erzogen werde, in einem Lande, wo jede Spur von
Freiheit verschwunden sei, wo die Stnde des Reichs sich nicht
mehr versammelten, wo die Parlamente seit langer Zeit, ohne
Gegenvorstellungen zu machen, die drckendsten Erlasse des Landesherrn
zu Gesetzen erhoben htten, wo Tapferkeit, Genie und Gelehrsamkeit nur
da zu sein schienen, um einen einzelnen Mann zu vergrern, wo
kriechende Schmeichelei das Hauptstreben der Presse, der Kanzel und der
Bhne, und wo die grausamste Verfolgung der reformirten Kirche ein
Hauptgegenstand jener kriechenden Schmeichelei sei. Knne man wohl
erwarten, da der Knabe unter solcher Leitung und in solcher Umgebung
die Institutionen seines Vaterlandes werde achten lernen? Knne man
daran zweifeln, da er zu einem Sklaven der Jesuiten und der Bourbons
erzogen und ihm wo mglich noch heftigere Vorurtheile gegen die Gesetze
Englands eingeimpft werden wrden als irgend einem der vorhergehenden
Stuarts?

Auch glaubten die Whigs nicht, da bei der damaligen Lage des Landes
eine Abweichung von der gewhnlichen Thronfolge an sich ein bel sei.
Sie waren der Meinung, da, wenn man diese Ordnung nicht unterbreche,
die Lehre von dem unveruerlichen Erbrechte und dem passiven Gehorsam
dem Hofe stets gefallen, von Seiten der Geistlichkeit eingeschrft
werden und in der ffentlichen Meinung einen starken Anhang behalten
wrde. Es wrde die Ansicht vorherrschend bleiben, da das Knigthum
eine gttliche Anordnung in einem andren Sinne sei, als in welchem jede
Regierungsform eine solche Anordnung ist. Es liege auf der Hand, da die
Verfassung niemals gesichert sein knne, so lange dieser Irrwahn nicht
zerstrt sei. Denn eine wirklich beschrnkte Monarchie knne in einer
Gesellschaft, welche die Monarchie als etwas Gttliches und die
Beschrnkungen derselben als bloe menschliche Erfindungen betrachte,
nicht lange bestehen. Wenn das Knigthum in vollkommenem Einklange mit
unseren Freiheiten bestehen solle, drfe es sich auf keinen hheren oder
ehrwrdigeren Rechtstitel berufen knnen, als den, auf welchen sich
unsere Freiheiten grndeten. Der Knig msse hinfro als ein Beamter
betrachtet werden, allerdings als ein hoher und hochzuachtender Beamter,
der aber wie jeder andre Beamte dem Gesetze unterworfen sei und seine
Macht in keinem andren Sinne vom Himmel herleiten knne, als man von den
Lords oder den Gemeinen sagen drfe, da sie ihre Macht vom Himmel
herleiteten. Das beste Mittel, um diese heilsame Vernderung zu
bewirken, werde eine Unterbrechung der Erbfolge sein. Unter Souverainen,
die es kaum fr etwas Geringeres als fr Hochverrath anshen, wenn die
Lehre vom Nichtwiderstande und die patriarchalische Regierungsform
gepredigt wrde, unter Souverainen, deren auf Beschlsse der beiden
Huser sich grndende Autoritt niemals hher steigen knne als die
Quelle, aus der sie entsprungen sei, wrde man schwerlich solche
Bedrckungen zu frchten haben, welche bereits zwei Generationen von
Englndern gezwungen htten, sich mit bewaffneter Hand gegen zwei
Generationen von Stuarts zu erheben. Aus diesen Grnden waren die Whigs
bereit, den Thron fr erledigt zu erklren, ihn durch Wahl wieder zu
besetzen und dem Frsten ihrer Wahl Bedingungen vorzuschreiben, welche
das Land gegen schlechte Regierung sichern konnten.


[_Zusammentritt der Convention. Leitende Mitglieder des Hauses der
Gemeinen._] Die Zeit der Entscheidung dieser groen Fragen war jetzt
gekommen. Am 22. Januar mit Tagesanbruch fllte sich das Haus der
Gemeinen mit Rittern und Boroughvertretern. Auf den Bnken erblickte man
viele Gesichter, welche unter der Regierung Karl'sII. hier wohlbekannt
gewesen, unter seinem Nachfolger aber nicht daselbst gesehen worden
waren. Die Mehrzahl der Torysquires und der mittellosen Anhnger des
Hofes, welche massenweise in das Parlament von 1685 gewhlt worden
waren, hatten den Mnnern der ehemaligen Vaterlandspartei Platz gemacht,
welche die Cabale gestrzt, die Habeascorpusacte durchgesetzt und die
Ausschlieungsbill vor die Lords gebracht hatten. Unter ihnen befand
sich Powle, grndlich bewandert in der Geschichte und dem Rechte der
Parlamente und ausgezeichnet durch die Beredtsamkeit, welche
erforderlich ist, wenn hochwichtige Fragen feierlich der Erwgung von
Senaten unterbreitet werden sollen, und Sir Thomas Littleton,
wohlerfahren in der europischen Politik und mit einer heftigen,
scharfen Logik begabt, welche oftmals, wenn nach langer Sitzung die
Lichter angezndet worden waren, das erschpfte Haus neu belebt und die
Debatte entschieden hatte. Hier sa auch Wilhelm Sacheverell, ein
Redner, dessen groe parlamentarische Fhigkeiten viele Jahre spter ein
Lieblingsthema alter Leute waren, welche die Kmpfe von Walpole und
Pulteney erlebten.[65] Diesen hervorragenden Mnnern zur Seite stand
Robert Clayton, der reichste Kaufmann von London, dessen Palast in der
alten Judenstadt die aristokratischen Gebude in Lincoln's Inn Fields
und Conventgarden an Glanz bertraf, dessen Landgut zwischen den Hgeln
von Surrey als ein wahres Eden geschildert ward, dessen Gastmhler mit
denen der Knige wetteiferten und dessen einsichtsvolle Freigebigkeit,
von der noch heute zahlreiche ffentliche Denkmale Zeugni ablegen, ihm
in den Annalen der City eine Stelle verschafft hat, welche nur der
Gresham's untergeordnet ist. In dem Parlamente, welches 1681 zu Oxford
tagte, hatte Clayton als Vertreter der Hauptstadt und auf Ersuchen
seiner Whler um die Erlaubni gebeten, die Ausschlieungsbill
einzubringen und Lord Russel hatte ihn darin untersttzt. Im Jahre 1685
hatte die ihrer Privilegien beraubte und von Creaturen des Hofes
regierte Hauptstadt vier toryistische Vertreter gesandt. Jetzt aber war
der alte Freibrief wieder zurckgegeben und Clayton war durch
Acclamation wieder gewhlt worden.[66] Auch Johann Birch darf nicht
unerwhnt bleiben. Er hatte seine Laufbahn als Fuhrmann begonnen, hatte
aber in den Brgerkriegen sein Geschirr im Stich gelassen, war Soldat
geworden, hatte sich zum Range eines Obersten in der Armee der Republik
emporgeschwungen, hatte in hohen fiskalischen mtern groes
Geschftstalent gezeigt, hatte viele Jahre im Parlament gesessen und
obgleich er bis zuletzt die derben Manieren und den plebejischen Dialect
seiner Jugend beibehielt, hatte er doch durch gesunden Verstand und
Mutterwitz das Ohr der Gemeinen gewonnen und wurde von den
ausgezeichnetsten Parlamentsrednern seiner Zeit als ein furchtbarer
Gegner betrachtet.[67] Dies waren die hervorragendsten unter den
Veteranen, welche jetzt nach langer Abgeschiedenheit ins ffentliche
Leben zurckkehrten. Sie wurden jedoch sehr bald durch zwei jngere
Whigs in den Schatten gestellt, welche an jenem wichtigen Tage zum
ersten Male ihre Sitze einnahmen, bald zu den hchsten Ehrenstellen im
Staate emporstiegen, gemeinsam die heftigsten Parteistrme bestanden und
nachdem sie lange weit und breit als Staatsmnner, als Redner, als
freigebige Beschtzer des Genies und der Gelehrsamkeit berhmt gewesen
waren, bald nach dem Regierungsantritte des Hauses Braunschweig wenige
Monate hintereinander starben. Diese waren Karl Montague und Johann
Somers.

Auerdem mu noch ein Name erwhnt werden, ein Name, welcher damals nur
einem kleinen Kreise von Philosophen bekannt war, der aber jetzt bis
ber den Ganges und den Mississippi hinaus mit einer hheren Verehrung
genannt wird, als man sie dem Gedchtni der grten Krieger und
Herrscher zollt. Unter der Menge der schweigenden Mitglieder erschien
auch die majesttische Stirn und das gedankenvolle Antlitz Isaak
Newton's. Die berhmte Universitt, der sein Genie schon einen
eigenthmlichen noch nach Verlauf von hundertsechzig Jahren deutlich
erkennbaren Character aufzudrcken begonnen, hatte ihn in die Convention
gesandt, und hier sa er in seiner bescheidenen Gre als
anspruchsloser, aber unerschtterlicher Freund der brgerlichen und
religisen Freiheit.

    [Anmerkung 65: +Burnet, I. 389+ und Prsident Onslow's Note.]

    [Anmerkung 66: +Evelyn's Diary, Sept. 26. 1672, Oct. 12. 1679,
    Juli 13. 1700+; +Seymour's Survey of London.+]

    [Anmerkung 67: +Burnet, I. 388+ und Onslow's Note.]


[_Wahl eines Sprechers._] Die Gemeinen schritten vor Allem zur Wahl
eines Sprechers, und das Ergebni dieser Wahl deutete schon unverkennbar
ihre Ansicht ber die groen Fragen an, die sie entscheiden sollten. Bis
zum Vorabend der Versammlung hatte man geglaubt, da Seymour zum
Prsidenten gewhlt werden wrde. Er hatte dieses Amt frher mehrere
Jahre bekleidet und hatte mehrfache gewichtige Ansprche auf Beachtung:
Herkunft, Vermgen, Kenntnisse, Erfahrung und Beredtsamkeit. Er hatte
ferner lange an der Spitze eines einflureichen Vereins von Mitgliedern
aus den westlichen Grafschaften gestanden. Obgleich ein Tory, hatte er
doch im letzten Parlament die Opposition gegen Papismus und
Willkrherrschaft mit ausgezeichnetem Geschick und Muth geleitet. Er war
einer der ersten Edelleute gewesen, der sich ins hollndische
Hauptquartier nach Exeter begeben, und war der Urheber der Verbindung,
durch welche die Anhnger des Prinzen sich gegenseitig verpflichtet
hatten, zusammen zu siegen oder zu fallen. Aber einige Stunden vor dem
Zusammentritt der Huser hatte sich das Gercht verbreitet, Seymour sei
gegen die Erklrung, da der Thron erledigt sei. Sobald sich daher die
Bnke gefllt hatten, erhob sich der Earl von Wiltshire, welcher
Hampshire vertrat, und schlug Powle zum Sprecher vor. Sir Vere Fane,
Vertreter von Kent, untersttzte den Antrag. Es htte allerdings ein
plausibler Einwurf dagegen erhoben werden knnen, denn es war bekannt,
da eine Petition gegen Powle's Wahl zum Prsidenten dem Parlament
vorgelegt werden sollte; aber die allgemeine Stimme des Hauses berief
ihn auf den Prsidentenstuhl, und die Tories hielten es fr gerathen,
sich damit einverstanden zu erklren.[68] Das Scepter wurde auf den
Tisch gelegt, die Liste der Mitglieder verlesen und die Namen der
fehlenden vorgemerkt.

Inzwischen hatten sich auch die Peers in einer Anzahl von etwa hundert
versammelt, hatten Halifax zum Sprecher gewhlt und mehreren
ausgezeichneten Juristen diejenigen Functionen bertragen, welche in
ordentlichen Parlamenten den Richtern zukommen. Die beiden Huser
setzten sich im Laufe des Tages hufig mit einander in Vernehmen. Sie
vereinigten sich zu dem Ersuchen, da der Prinz die Zgel der Regierung
in der Hand behalten mchte, bis er Weiteres von ihnen hren wrde, zum
Ausdrucke ihres Dankes fr die Befreiung der Nation, die er mit Gottes
Hlfe bewerkstelligt, und zu der Bestimmung, da der 31. Januar als
Dankfest fr diese Befreiung gefeiert werden solle.[69]

Bis dahin hatte sich keine Meinungsverschiedenheit gezeigt; aber beide
Parteien rsteten sich zum Kampfe. Die Tories waren im Oberhause stark,
im Unterhause schwach vertreten, und sie wuten, da bei einer solchen
Gelegenheit dasjenige Haus, welches zuerst zu einem Entschlusse kam,
einen groen Vortheil ber das andre haben mute. Es war nicht die
geringste Aussicht vorhanden, da die Gemeinen einen Beschlu zu Gunsten
des Regentschaftsplanes der Lords vorlegen wrden, wenn aber ein solcher
Beschlu von den Lords den Gemeinen vorgelegt wurde, so war es nicht
ganz unmglich, da selbst viele von den whiggistischen Volksvertretern
geneigt sein wrden, sich lieber damit einverstanden zu erklren, als
die groe Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, in einer Krisis, welche
Einmthigkeit und rasches Handeln erforderte, Uneinigkeit und
Verzgerung verursacht zu haben. Die Gemeinen hatten beschlossen, am
Montag den 28. Januar die Lage der Nation in Erwgung zu ziehen. Daher
schlugen die toryistischen Lords am Freitag, den 25. vor, sofort an das
wichtige Geschft zu gehen, um derentwillen sie sich versammelt hatten.
Ihre Beweggrnde wurden jedoch von Halifax, der seit seiner Rckkehr von
Hungerford erkannt hatte, da die Regierung nur nach whiggistischen
Prinzipien eingerichtet werden konnte und der sich daher fr den
Augenblick eng an die Whigs angeschlossen hatte, klar durchschaut und
ihre Taktik vereitelt. Devonshire trug darauf an, da Dienstag, der
neunundzwanzigste, der Tag sein solle. Bis dahin, sagte er mit mehr
Wahrheit als berlegung, knnen wir einige Aufklrungen von unten
erhalten, die uns zur Richtschnur dienen knnen. Sein Antrag ging
durch, seine Sprache aber wurde von einigen seiner Mitpeers als ihres
Standes unwrdig streng getadelt.[70]

    [Anmerkung 68: Citters, 22. Jan. (1. Febr.) 1689; +Grey's
    Debates+.]

    [Anmerkung 69: +Lords' and Commons' Journals, Jan. 22. 1688+;
    Citters und Clarendon's Tagebuch von demselben Datum.]

    [Anmerkung 70: +Lords' Journals, Jan. 25. 1688/89; Clarendon's
    Diary, Jan. 23, 25.+]


[_Debatte ber die Lage der Nation._] Am 28. erklrten sich die Gemeinen
zu einem Comit des ganzen Hauses. Ein Mitglied, das vor mehr als
dreiig Jahren einer von Cromwell's Lords gewesen war, Richard Hampden,
Sohn des berhmten Fhrers der Rundkpfe und Vater des Unglcklichen,
der nur durch groe Bestechungen und erniedrigende Demthigungen mit
genauer Noth der Rache Jakob's entgangen war, wurde zum Prsidenten
gewhlt und die groe Debatte begann.

Es zeigte sich sehr bald, da eine berwiegende Majoritt Jakob nicht
mehr als Knig betrachtete. Gilbert Dolben, der Sohn des verstorbenen
Erzbischofs von York, war der Erste, der sich zu dieser Ansicht
bekannte, und er wurde darin von vielen Mitgliedern untersttzt,
besonders von dem khnen und heftigen Wharton, von Sawyer, dessen
beharrliches Opponiren gegen das Dispensationsrecht seine frheren
Vergehen einigermaen wieder gut gemacht hatte, von Maynard, dessen
Stimme, obgleich vom Alter so geschwcht, da sie auf den entfernteren
Bnken nicht vernommen werden konnte, doch noch immer die Achtung aller
Parteien geno und von Somers, dessen glnzende Beredtsamkeit und
vielseitige Kenntnisse sich zum ersten Male in den Rumen des Parlaments
entfalteten. Auch die schamlose Stirn und die gelufige Zunge Sir
Wilhelm Williams' waren auf derselben Seite zu finden. Er war schon
stark betheiligt bei den Excessen der schlechtesten Opposition und der
schlechtesten Regierung. Er hatte unschuldige Papisten und unschuldige
Protestanten verfolgt, er war der Beschtzer Oates' und das Werkzeug
Petre's gewesen, sein Name war mit aufrhrerischen Gewaltthtigkeiten,
deren sich alle ehrenwerthen Whigs mit Bedauern und Beschmung
erinnerten, und mit Handlungen des Despotismus verknpft, welche alle
ehrenwerthen Tories verabscheuten. Wie ein Mensch unter der Last solcher
Schande noch leben kann, ist schwer zu begreifen; aber selbst eine
solche Schande war fr Williams noch nicht genug. Er schmte sich nicht,
den gefallenen Gebieter anzugreifen, dem er sich zu Dienstleistungen,
die kein rechtschaffener Mann irgend eines Justizcollegiums bernommen
haben wrde, vermiethet, und von dem er erst vor einem halben Jahre als
Belohnung fr seine Servilitt eine Baronetschaft angenommen hatte.

Nur drei Mitglieder wagten es, sich der offenbar allgemeinen Ansicht der
Versammlung zu widersetzen. Sir Christoph Musgrave, ein Torygentleman
von groem Ansehen und Talent uerte einige Zweifel. Heneage Finch lie
ebenfalls einige uerungen fallen, welche so verstanden wurden, als ob
er die Erffnung von Unterhandlungen mit dem Knige wnschte. Diese
Andeutung wurde so bel aufgenommen, da er sich beeilte, sie weg zu
erklren. Er versicherte, da er falsch verstanden worden sei. Er sei
berzeugt, da unter einem solchen Frsten keine Sicherheit fr
Religion, Freiheit und Eigenthum denkbar sei. Knig Jakob zurckzurufen
oder mit ihm zu unterhandeln, wrde ein verderblicher Schritt sein; aber
Viele, welche nie ihre Einwilligung dazu geben wrden, da er die
knigliche Gewalt wieder ausbte, knnten es mit ihrem Gewissen nicht
vereinbaren, ihm auch den Knigstitel zu nehmen. Es gebe jedoch einen
Ausweg, der alle Schwierigkeiten beseitigte: eine Regentschaft. Dieser
Vorschlag fand so wenig Beifall, da Finch es nicht wagte, die
Abstimmung darber zu verlangen. Richard Fanshaw, Viscount Fanshaw aus
Irland sprach einige Worte ber Jakob und empfahl einen Aufschub; aber
sein Vorschlag erregte allgemeines Mifallen. Ein Mitglied nach dem
andren stand auf, um die Wichtigkeit der Beschleunigung hervorzuheben.
Jeder Augenblick, wurde gesagt, sei kostbar, die Erwartung des Volks sei
aufs Hchste gespannt, so da alle Geschfte stockten. Die Minoritt
fgte sich murrend und rumte der berwiegenden Partei das Feld.

Worin das Verfahren der Majoritt bestehen wrde, war noch nicht recht
klar, denn sie zerfiel in zwei Abtheilungen. Die eine bestand aus
eifrigen und heftigen Whigs, die, wenn sie ihren Weg htten gehen
knnen, dem Verfahren der Convention einen entschieden revolutionren
Character gegeben haben wrden. Die andre gab zu, da eine Revolution
nothwendig sei, betrachtete sie aber als ein nothwendiges bel und
wnschte sie soviel als mglich unter dem Scheine der Gesetzmigkeit zu
verhllen. Die erstere Abtheilung verlangte die bestimmte Anerkennung
des Rechtes der Unterthanen, schlechte Frsten des Thrones zu entsetzen.
Die andre Abtheilung wollte nur das Land von einem schlechten Frsten
befreien, ohne ein Prinzip aufzustellen, das leicht zu den Zwecke
gemibraucht werden knnte, die rechtmige und heilsame Autoritt
zuknftiger Monarchen zu schwchen. Die erstere Abtheilung hob
namentlich die schlechte Regierung des Knigs, die andre seine Flucht
hervor; jene war der Ansicht, da er seine Krone verwirkt, diese, da er
ihr freiwillig entsagt habe. Es war nicht leicht, eine Beschluformel zu
entwerfen, welche Allen gefiel, deren Zustimmung zu erlangen von
Wichtigkeit war; endlich aber wurde aus den von verschiedenen Seiten
gemachten Vorschlgen ein Beschlu gebildet, der alle Theile
befriedigte.


[_Beschlu, durch den der Thron fr erledigt erklrt wird._] Es wurde
beantragt, da Knig JakobII., indem er es versucht, durch einen Bruch
des ursprnglichen Vertrags zwischen Knig und Volk die Verfassung des
Reichs umzustrzen, und indem er auf den Rath der Jesuiten und anderer
belgesinnter Personen die Grundgesetze verletzt und sich aus dem Lande
entfernt, die Regierung niedergelegt habe und da der Thron dadurch
erledigt worden sei.

Dieser Beschlu ist hufig einer so genauen und strengen Kritik
unterworfen worden wie irgend eine von Menschenhand geschriebene
Sentenz, und doch giebt es vielleicht keine von Menschenhand
geschriebene Sentenz, die eine solche Kritik weniger vertrge. Da ein
Knig seine Macht durch groben Mibrauch derselben verwirken kann, ist
wahr. Da man von einem Knige, der auf und davon geht, ohne Vorsorge
fr die Verwaltung der Regierungsgeschfte zu treffen, und sein Volk in
einem Zustande von Anarchie zurcklt, ohne gewaltsame Wortverdrehung
sagen kann, er habe seine Funktionen niedergelegt, ist ebenfalls wahr.
Aber kein gewissenhafter Schriftsteller wird behaupten, da lange
fortgesetzte schlechte Regierung und Flucht zusammengenommen einen
Abdankungsact constituiren. Ebenso klar ist es, da die Erwhnung der
Jesuiten und anderer schlechter Rathgeber Jakob's die Beschuldigung
gegen ihn schwcht, anstatt sie zu bekrftigen. Denn ein durch schlimme
Rathgeber irregeleiteter Mann verdient gewi mehr Nachsicht als einer,
der lediglich aus eigenem Antriebe Unrecht thut. Es ist jedoch ein
eitles Beginnen, diese denkwrdigen Worte zu analysiren, wie wir ein
Kapitel von Aristoteles oder von Hobbes untersuchen. Derartige Worte
sind nicht als Worte, sondern als Thaten zu betrachten, und wenn sie das
bewirken, was sie bewirken sollen, so sind sie vernnftig, mgen sie
auch an sich widersinnig sein. Erreichen sie aber ihren Zweck nicht, so
sind sie absurd, wenn sie auch Beweiskraft in sich tragen. Die Logik
lt keine Auslegung zu. Das Wesen der Politik aber ist die Auslegung.
Es ist daher nicht zu verwundern, da einige der wichtigsten und
ntzlichsten politischen Dokumente zu den unlogischesten Aufstzen
gehren, welche je geschrieben wurden. Somers, Maynard und die anderen
ausgezeichneten Mnner, welche den berhmten Antrag entwarfen, hatten
dabei nicht den Zweck, der Nachwelt ein Muster von Definition und
Eintheilung zu hinterlassen, sondern die Wiedereinsetzung eines Tyrannen
unmglich zu machen und einen Frsten auf den Thron zu erheben, unter
welchem Gesetz und Freiheit gesichert waren. Diesen Zweck erreichten sie
durch die Anwendung von Worten, welche in einer philosophischen
Abhandlung mit Recht als ungenau und unklar getadelt worden wren. Es
kmmerte sie wenig, ob der Vordersatz und der Schlusatz zu einander
paten, wenn nur der Vordersatz ihnen zweihundert Stimmen und der
Schlusatz weitere zweihundert Stimmen verschaffte. Die einzige
Schnheit des Beschlusses ist in der That seine Inconsequenz. Sie
enthielt eine Phrase fr jede Unterabtheilung der Majoritt. Die
Erwhnung des ursprnglichen Vertrags befriedigte die Anhnger Sidney's.
Das Wort Abdankung beschwichtigte Politiker einer zurckhaltenderen
Schule. Vielen eifrigen Protestanten gefiel ohne Zweifel der gegen die
Jesuiten ausgesprochene Tadel. In den Augen des wirklichen Staatsmanns
war der einzige wichtige Satz der, welcher den Thron fr erledigt
erklrte, und wenn nur dieser Satz angenommen wurde, so war es ihm
ziemlich gleichgltig, welche Einleitung demselben vorausging. Eine so
vereinigte Macht lie keiner Hoffnung auf Widerstand Raum. Der Antrag
wurde vom Ausschusse ohne Abstimmung angenommen, und es wurde
unverzgliche Berichterstattung darber beschlossen. Powle nahm den
Prsidentenstuhl wieder ein, das Scepter wurde auf den Tisch gelegt,
Hampden trug auf Erhebung zum Beschlu an, das Haus gab seine Zustimmung
und die sofortige berreichung an die Lords wurde anbefohlen.[71]

    [Anmerkung 71: +Commons' Journals, Jan. 28. 1688/89; Grey's
    Debates+; Citters, 29. Jan. (8. Febr.). Wenn der Bericht in
    +Grey's Debates+ genau ist, so mu Citters in Betreff der Rede
    Sawyer's falsch unterrichtet gewesen sein.]


[_Der Beschlu wird den Lords vorgelegt._] Am folgenden Morgen
frhzeitig versammelten sich die Lords. Die Bnke der geistlichen wie
der weltlichen Lords waren dicht besetzt. Hampden erschien in der
Schranke und berreichte Halifax den Beschlu der Gemeinen. Das Oberhaus
constituirte sich hierauf zu einem Comit und Danby nahm den
Prsidentenstuhl ein.

Die Discussion wurde bald durch das nochmalige Erscheinen Hampden's
unterbrochen, der eine andre Botschaft berbrachte. Das Haus
constituirte sich wieder als solches und vernahm, da die Gemeinen es so
eben als unvereinbar mit der Sicherheit und dem Wohle der
protestantischen Nation erklrt habe, von einem papistischen Knige
regiert zu werden. So wenig sich dieser Beschlu mit dem Prinzipe des
unveruerlichen Erbrechts vertrug, so gaben die Peers doch auf der
Stelle und einmthig ihre Zustimmung zu demselben. Der dadurch
aufgestellte Grundsatz ist bis auf unsre Zeit von allen protestantischen
Staatsmnnern stets heilig gehalten worden und kein verstndiger
Katholik hat ihn je als Einwendungen zulassend betrachtet. Wenn unsere
Souveraine, wie die Prsidenten der Vereinigten Staaten, bloe
brgerliche Beamte wren, so wrde es allerdings schwer sein, eine
solche Beschrnkung zu rechtfertigen. Allein mit der englischen Krone
ist zugleich die Oberhauptswrde ber die englische Kirche verbunden,
und es ist keine Intoleranz, wenn man sagt, da eine Kirche nicht einem
Oberhaupte unterthan sein kann, das sie als schismatisch und ketzerisch
betrachtet.[72]

    [Anmerkung 72: +Lords' and Commons' Journals, Jan. 29, 1688/89.+]


[_Debatte im Oberhause ber den Regentschaftsplan._] Nach dieser kurzen
Unterbrechung constituirten sich die Lords wieder zum Comit. Die Tories
drangen darauf, da ihr Plan berathen werden sollte, ehe der Beschlu
der Gemeinen, welcher den Thron fr erledigt erklrte, in Betracht
gezogen wrde. Dies ward ihnen zugestanden und die Frage gestellt, ob
eine Regentschaft, die whrend Jakob's Lebzeiten in seinem Namen die
knigliche Gewalt ausbe, das beste Mittel zur Aufrechthaltung der
Gesetze und der Freiheiten der Nation sein wrde.

Der Kampf war lang und heftig. Die Hauptsprecher zu Gunsten einer
Regentschaft waren Rochester und Nottingham. Halifax und Danby waren die
leitenden Hupter der andren Seite. Der Primas trat sonderbarerweise
nicht auf, obgleich die toryistischen Peers ihn dringend ersucht hatten,
sich an ihre Spitze zu stellen. Seine Abwesenheit zog ihm vielfachen
bitteren Tadel zu, und selbst seine Lobredner waren nicht im Stande,
eine seinem Character zur Ehre gereichende Erklrung zu finden.[73] Der
Regentschaftsplan war von ihm ausgegangen und er hatte erst vor wenigen
Tagen in einem von ihm eigenhndig geschriebenen Aufsatze diesen Plan
fr den unzweifelhaft besten erklrt, den man annehmen knnte. Die
Besprechungen der Lords, welche diesen Plan untersttzten, hatten unter
seinem eigenen Dache stattgefunden. Seine Stellung machte es ihm
unbestreitbar zur Pflicht, seine Ansicht ffentlich auszusprechen. Den
Verdacht persnlicher Feigheit oder niedriger Habsucht kann Niemand auf
ihn werfen. Wahrscheinlich that er aus einer krankhaften Besorgni,
etwas Unrechtes zu thun, in diesem wichtigen Augenblicke nichts, aber er
htte wissen sollen, da bei einem Manne in seiner Stellung nichts thun
so viel hie als Unrecht thun. Ein Mann, der zu scrupuls ist, um in
einer wichtigen Krisis eine groe Verantwortlichkeit zu bernehmen,
sollte auch zu scrupuls sein, um die Stelle eines ersten Dieners der
Kirche und eines ersten Peers des Reichs anzunehmen.

Ein Wunder war es jedoch nicht, da Sancroft nicht wohl zu Muthe war,
denn er konnte wohl kaum gegen die auf der Hand liegende Wahrheit blind
sein, da der Plan, den er seinen Freunden empfohlen, durchaus
unvertrglich war mit Allem, was er und seine Amtsbrder seit vielen
Jahren gepredigt hatten. Die anglikanische Kirche hatte sich lange mit
der Lehre gebrstet, da der Knig ein gttliches und unveruerliches
Recht auf die knigliche Gewalt habe und da man sich der kniglichen
Gewalt, selbst wenn sie grblich gemibraucht wrde, nicht widersetzen
drfe, ohne eine Snde zu begehen. Hatte denn diese Lehre wirklich nur
die Bedeutung, da der Knig ein gttliches und unveruerliches Recht
habe, sein Bildni und seinen Namen in ein Petschaft stechen zu lassen,
welches tglich gegen seinen Willen dazu gebraucht werden konnte, seine
Feinde zum Krieg gegen ihn zu ermchtigen und seine Freunde an den
Galgen zu schicken, weil sie ihm gehorcht hatten? Bestand denn die ganze
Pflicht eines guten Unterthanen in der Anwendung des Wortes Knig? Dann
hatten Fairfax bei Naseby und Bradshaw im Hohen Gerichtshofe ihre ganze
Pflicht als gute Unterthanen erfllt, denn Karl war von den gegen ihn
befehligenden Generlen und selbst von den ihn verurtheilenden Richtern
als Knig bezeichnet worden. Nichts hatte die Kirche in dem Verfahren
des langen Parlaments schrfer getadelt als den sinnreichen Einfall, den
Namen Karl's gegen ihn selbst zu gebrauchen. Alle ihre Diener waren
aufgefordert worden, eine Erklrung zu unterschreiben, welche die
Fiction, wodurch die Autoritt des Souverains von seiner Person getrennt
worden war, als hochverrtherisch verdammte.[74] Gleichwohl wrde diese
hochverrtherische Fiction jetzt von dem Primas und vielen seiner
Suffraganen als die einzige Grundlage betrachtet, auf der sie in
strenger bereinstimmung mit christlichen Prinzipien eine Regierung
aufrichten konnten.

Die Unterscheidung, welche Sancroft von den Rundkpfen der
vorhergehenden Generation entlehnt hatte, strzte von Grund aus das
ganze politische System um, das die Kirche und die Universitten vom
Apostel Paulus gelernt zu haben behaupteten. Tausendmal war es
wiederholt worden, da der heilige Geist den Rmern befohlen habe, sich
Nero zu unterwerfen. Jetzt schien dieses Gebot nur den Sinn gehabt zu
haben, da die Rmer den Nero Augustus nennen sollten. Es stand ihnen
vollkommen frei, ihn ber den Euphrat zu jagen, ihn von der
Freigebigkeit der Parther leben zu lassen, ihm gewaltsamen Widerstand zu
leisten, wenn er einen Versuch zur Rckkehr machen sollte, Alle die ihm
beistanden oder mit ihm verkehrten, zu bestrafen, und die tribunitische
und consulatorische Gewalt, den Vorsitz im Senat und den Oberbefehl ber
die Legionen auf Galba oder Vespasian zu bertragen.

Die Analogie, welche der Erzbischof zwischen einem thrichten Knig und
einem wahnsinnigen Knig entdeckt zu haben glaubte, hlt keinen
Augenblick grndlicher Prfung aus. Es war klar, da Jakob sich nicht in
einem solchen Geisteszustande befand, wo ihn, wre er ein Landedelmann
oder ein Kaufmann gewesen, ein Gerichtshof fr unfhig erklrt haben
wrde, einen Vertrag abzuschlieen, oder ein Testament zu machen. Er war
nur in so weit geistesschwach, als alle schlechten Knige geistesschwach
sind, wie KarlI. geistesschwach war, als er aufbrach, um die fnf
Parlamentsmitglieder festzunehmen, wie KarlII. geistesschwach war, als
er den Vertrag von Dover schlo. Wenn diese Art der Geisteskrankheit
Unterthanen nicht das Recht gab, ihren Frsten den Gehorsam zu
verweigern, so war der Regentschaftsplan offenbar nicht zu vertheidigen.
Im entgegengesetzten Falle war das Prinzip des Nichtwiderstandes vllig
aufgegeben und Alles gutgeheien, was ein gemigter Whig je behauptet
hatte.

Was den Unterthaneneid anlangt, um den Sancroft und seine Anhnger so
sehr besorgt waren, so ist wenigstens das klar, da sie Unrecht hatten,
mochte brigens Recht haben wer da wollte. Die Whigs waren der Ansicht,
da der Unterthaneneid gewisse Bedingungen enthalte, das der Knig diese
Bedingungen verletzt und da der Eid dadurch seine Kraft verloren habe.
War aber die whiggistische Meinung irrig, und der Eid noch bindend,
konnten dann verstndige Mnner wirklich glauben, da sie sich keines
Eidbruches schuldig machten, wenn sie fr eine Regentschaft stimmten?
Konnten sie behaupten, da sie die Unterthanentreue gegen Jakob nicht
verletzten, wenn sie trotz seiner angesichts ganz Europa's erhobenen
Protestationen einen Andren ermchtigten, die kniglichen Revenuen zu
beziehen, Parlamente einzuberufen und zu prorogiren, Herzge und Earls
zu creiren, Bischfe und Richter zu ernennen, Verbrecher zu begnadigen,
ber die Streitkrfte des Staats zu verfgen und mit fremden Mchten
Vertrge zu schlieen? Hatte Pascal wohl in allen Folianten der
jesuitischen Casuistiker einen verachtungswertheren Sophismus finden
knnen als der war, welcher jetzt, wie es schien, hinreichte, um das
Gewissen der Vter der anglikanischen Kirche zu beruhigen?

Es konnte nichts Augenflligeres geben, als da sich der
Regentschaftsplan nur vom whiggistischen Standpunkte vertheidigen lie.
ber die Rechtsfrage konnte zwischen den vernnftigen Anhngern des
Planes und der Majoritt des Hauses der Gemeinen kein Streit obwalten.
Es blieb nur eine Zweckmigkeitsfrage brig. Und konnte wohl irgend ein
Staatsmann im Ernst behaupten, da es zweckmig sei, eine Regierung mit
zwei Oberhuptern einzusetzen und dem einen dieser beiden Oberhupter
die knigliche Macht ohne die knigliche Wrde, dem andren die
knigliche Wrde ohne die knigliche Macht zu ertheilen? Es war
notorisch, da eine solche Einrichtung, selbst wenn sie durch die
Unmndigkeit oder Geistesschwche eines Frsten geboten war, ernste
Nachtheile hatte. Da Regentschaftsperioden Zeiten der Schwche, der
Unruhen oder des Unheils sind, war eine durch die ganze Geschichte
Englands, Frankreichs und Schottlands bewiesene, fast sprichwrtlich
gewordene Wahrheit. Indessen war der Knig im Fall der Unmndigkeit oder
Geistesschwche wenigstens passiv, und er konnte dem Regenten nicht
thtig entgegenwirken. Der gegenwrtige Vorschlag aber hie so viel als
England zwei Staatsoberhupter von reifem Alter und gesundem Verstande
geben, die einen unvershnlichen Krieg gegeneinander fhrten. Es war
lcherlich, davon zu reden, da man Jakob blo den Knigstitel lassen
und ihm alle knigliche Macht entziehen wolle. Denn der Titel war ein
Theil der Macht. Das Wort Knig war ein Zauberwort, mit dem sich bei
vielen Englndern die Idee einer von oben stammenden geheimnivollen
Eigenschaft und bei allen Englndern der Begriff einer rechtmigen und
ehrwrdigen Autoritt verband. Wenn der Titel eine solche Macht in sich
trug, so konnten Diejenigen, welche behaupteten, da Jakob _alle_ Macht
entzogen werden msse, gewi nicht leugnen, da man ihm auch den Titel
nehmen mute.

Und wie lange sollte die von Sancroft's Genie ersonnene anomale
Regierung dauern? Jeder Grund, der berhaupt fr ihre Errichtung
angefhrt werden konnte, konnte mit gleicher Beweiskraft fr
Beibehaltung derselben bis ans Ende der Zeiten geltend gemacht werden.
War der nach Frankreich gebrachte Knabe wirklich von der Knigin
geboren, so mute er spter das gttliche und unveruerliche Recht
erben, Knig genannt zu werden, und das nmliche Recht ging dann sehr
wahrscheinlich durch das ganze achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert von
Papist zu Papist ber. Beide Huser aber hatten einstimmig beschlossen,
da England nicht von einem Papisten regiert werden sollte. Es konnte
daher leicht kommen, da, von Geschlecht zu Geschlecht Regenten die
Regierung im Namen vacirender und bettelnder Knige verwalteten. Es
unterlag keinem Zweifel, da die Regenten vom Parlament ernannt werden
muten, und so wrde diese Erfindung, welche das geheiligte Prinzip der
erblichen Monarchie ungeschwcht aufrechterhalten sollte, zur Folge
gehabt haben, da die Monarchie factisch eine Wahlmonarchie geworden
wre.

Auerdem wurde noch ein unverwerflicher Grund gegen Sancroft's Plan
geltend gemacht. Die Gesetzsammlung enthielt ein Gesetz, da bald nach
Beendigung des langen und blutigen Kampfes zwischen den Husern York und
Lancaster zu dem Zwecke erlassen worden war, das Unheil abzuwenden,
welches die abwechselnden Siege dieser beiden Huser ber den Adel und
die Gentry des Reichs gebracht hatten. Dieses Gesetz bestimmte, da
Niemand deshalb, weil er es mit einem im Besitz der Macht befindlichen
Knig gehalten, den auf Hochverrath gesetzten Strafen verfallen sollte.
Als den Knigsmrdern nach der Restauration der Proze gemacht wurde,
behaupteten einige von ihnen, ihr Fall sei nach diesem Gesetze zu
richten. Sie sagten, sie htten der Regierung gehorcht, die im Besitz
der Macht gewesen, und sie seien daher keine Hochverrther. Die Richter
gaben zu, da dies eine gute Entschuldigung sein wrde, wenn die
Gefangenen unter der Autoritt eines Usurpators gehandelt htten, der,
wie HeinrichIV. und RichardIII. den Knigstitel getragen, erklrten
aber, da ein solcher Entschuldigungsgrund Leuten, welche einen in der
Anklageacte, im Todesurtheile und im Hinrichtungsbefehle als Knig
bezeichneten Mann angeklagt, verurtheilt und hingerichtet hatten, nicht
zu Gute kommen konnte. Daraus folgte sonach, da Jeder, der einen
Regenten gegen Jakob untersttzte, groe Gefahr lief, gehngt,
geschleift und geviertheilt zu werden, wenn Jakob einmal wieder zur
hchsten Macht gelangte, da aber Niemand ohne eine solche Verletzung
des Gesetzes, wie selbst ein Jeffreys sie schwerlich zu begehen gewagt
haben wrde, bestraft werden knnte, weil er einen wenn auch
unrechtmigerweise zu Whitehall regierenden Knige gegen einen zu
Saint-Germain im Exil lebenden rechtmigen Knige gehalten hatte.[75]

Man sollte meinen, da diese Grnde keinen Einwand zulieen, und sie
wurden in der That von Danby, der die wundervolle Gabe besa, jeden
Gegenstand, den er behandelte, auch dem beschrnktesten Verstande klar
zu machen, und von Halifax, der in Gedankenreichthum und glnzender
Diction unter den Rednern der damaligen Zeit seines Gleichen nicht
hatte, mit Nachdruck hervorgehoben. Aber die Tories waren im Oberhause
so zahlreich und mchtig, da sie trotz der Unhaltbarkeit ihrer Sache,
des Abfalls ihres Fhrers und der Geschicklichkeit ihrer Gegner bei
einem Haare den Sieg davongetragen htten. Hundert Lords stimmten ab.
Neunundvierzig stimmten fr eine Regentschaft, einundfnfzig dagegen.
Bei der Minoritt befanden sich die natrlichen Shne Karl's, die
Schwger Jakob's, die Herzge von Somerset und von Ormond, der
Erzbischof von York und elf Bischfe. Mit der Majoritt stimmte auer
Compton und Trelawney kein Prlat.[76]

Es war fast neun Uhr Abends, als das Haus auseinanderging. Der folgende
Tag war der dreiigste Januar, der Todestag Karl'sI. Die groe
Krperschaft des anglikanischen Clerus hatte es seit vielen Jahren fr
eine heilige Pflicht gehalten, an diesem Tage die Lehren vom
Nichtwiderstande und vom passiven Gehorsam einzuschrfen. Ihre frheren
Predigten konnten sie jedoch jetzt nicht mehr brauchen und viele
Geistliche waren sogar in Zweifel, ob sie es wagen drften, die ganze
Liturgie zu lesen. Das Unterhaus hatte erklrt, da der Thron erledigt
sei, das Oberhaus hatte noch gar keine Ansicht ausgesprochen, und es war
daher nicht leicht zu entscheiden, ob die Gebete fr den Souverain
angewendet werden konnten. Jeder Gottesdienst haltende Geistliche
handelte nach seinem persnlichen Ermessen. In den meisten Kirchen der
Hauptstadt wurden die Gebete fr Jakob weggelassen; in der
Margarethenkirche aber las Sharp, Dechant von Norwich, welcher ersucht
worden war, vor den Mitgliedern des Unterhauses zu predigen, nicht
allein die ganzen Gebete, wie sie im Buche standen, sondern extemporirte
auch vor seiner Predigt einen Segen fr den Knig und sprach am Schlusse
seines Vortrags gegen die jesuitische Lehre, da Unterthanen berechtigt
seien, ihre Frsten abzusetzen. Der Sprecher beschwerte sich noch
denselben Nachmittag vor dem Hause ber diese Beleidigung. Heute fassen
Sie einen Beschlu, sagte er, und morgen hren Sie denselben mit
eigenen Ohren auf der Kanzel widersprechen. Sharp wurde von den Tories
krftig in Schutz genommen und hatte selbst unter den Whigs Freunde;
denn es war noch nicht vergessen, da er sich in schlimmen Zeiten durch
den Muth, mit dem er trotz des kniglichen Befehls gegen den Papismus
gepredigt, ernsten Gefahren ausgesetzt hatte. Sir Christoph Musgrave
bemerkte sehr treffend, das Haus habe den Beschlu, welcher den Thron
fr erledigt erklrte, noch nicht bekannt machen lassen. Sharp sei daher
nicht allein nicht verpflichtet gewesen, von diesem Beschlusse etwas zu
wissen, sondern er htte sogar nicht Notiz davon nehmen knnen, ohne
sich eine Verletzung des Privilegiums des Hauses zu Schulden kommen zu
lassen, wofr er htte vor die Schranken gefordert und kniend einen
Verweis erhalten knnen. Die Majoritt sah ein, da es nicht weise
gewesen wre, in diesem Augenblicke mit der Geistlichkeit zu hadern und
man lie den Gegenstand daher fallen.[77]

Whrend die Gemeinen ber Sharp's Predigt discutirten, hatten sich die
Lords wieder zu einem Comit zur Erwgung der Lage der Nation
constituirt und hatten den Beschlu, der den Thron fr erledigt
erklrte, Satz fr Satz vorlesen lassen.

Der erste Ausdruck, ber den sich eine Debatte entspann, war der,
welcher den ursprnglichen Vertrag zwischen Knig und Volk anerkannte.
Es war nicht zu erwarten, da die toryistischen Peers eine die
Quintessenz des Whiggismus enthaltende Phrase ohne Einwendungen wrden
durchgehen lassen. Es wurde abgestimmt und mit dreiundfnfzig gegen
sechsundvierzig Stimmen beschlossen, da die Worte stehen bleiben
sollten.

Der strenge Tadel, den die Gemeinen ber die Verwaltung Jakob's
ausgesprochen hatten, wurde nun zunchst in Betracht gezogen und ohne
eine einzige abweichende Stimme gebilligt. Nur gegen den Ausdruck, Jakob
habe die Regierung niedergelegt, wurden einige redactionelle
Einwendungen gemacht. Es wurde hervorgehoben, man knne richtiger sagen,
da er sie verlassen habe. Dieses Amendement wurde, wie es scheint, fast
ohne alle Debatte, und ohne Abstimmung angenommen. Inzwischen war es
spt geworden, und die Lords hoben daher die Sitzung auf.[78]

    [Anmerkung 73: +Clarendon's Diary, Jan. 21. 1688/89; Burnet, I.
    810: Doyly's Life of Sancroft.+]

    [Anmerkung 74: Siehe die Uniformittsacte.]

    [Anmerkung 75: +Stat. 2. Hen. 7. c. 1+; +Lord Coke's Institutes,
    III. 1.+ Cook's Hochverrathsproze in der +Collection of State
    Trials+; +Burnet, I. 813+, und Swift's Note.]

    [Anmerkung 76: +Lords' Journals, Jan. 29. 1688/89; Clarendon's
    Diary; Evelyn's Diary+; Citters; +Eachard's History of the
    Revolution+; +Burnet, I. 813+; +History of the Reestablishment of
    the Government, 1689.+ Die Anzahl der Stimmen fr und wider sind
    in den Protokollen nicht angefhrt und werden von verschiedenen
    Schriftstellern verschieden angegeben. Ich habe mich an Clarendon
    gehalten, der sich die Mhe genommen, Listen der Majoritt und der
    Minoritt zu entwerfen.]

    [Anmerkung 77: +Grey's Debates+; +Evelyn's Diary+; +Life of
    Archbishop Sharp, by his son+; +Apology for the New Separation, in
    a letter to Dr. John Sharp, Archbishop of York, 1691.+]

    [Anmerkung 78: +Lords' Journals, Jan. 30. 1688/89; Clarendon's
    Diary.+]


[_Spaltung zwischen den Whigs und den Anhngern Danby's._] Bis hieher
hatte die kleine Anzahl Peers, welche unter Danby's Leitung standen, in
festem Bunde mit Halifax und den Whigs gehandelt. Das Ergebni dieser
Einigung war die Verwerfung des Regentschaftsplanes und die Besttigung
des Grundsatzes vom ursprnglichen Vertrag. Der Satz, da Jakob
aufgehrt habe, Knig zu sein, war der Vereinigungspunkt der beiden
Parteien gewesen, welche zusammen die Majoritt gebildet hatten. Von
diesem Punkte an aber gingen ihre Wege auseinander. Die nchste zu
entscheidende Frage war, ob der Thron erledigt sei, und dies war keine
bloe Formfrage, sondern eine Frage von ernster praktischer Bedeutung.
Wenn der Thron erledigt war, so konnten die Stnde des Reichs Wilhelm
auf denselben erheben; war er nicht erledigt, so konnte er erst nach
seiner Gemahlin, nach der Prinzessin Anna und nach deren
Nachkommenschaft auf denselben gelangen.

Nach der Ansicht der Anhnger Danby's war es ein feststehender
Grundsatz, da unser Land nicht einen Augenblick ohne einen rechtmigen
Frsten sein konnte. Der Mensch konnte sterben, aber der Regent war
unsterblich; der Mensch konnte abdanken, der Regent aber war
unabsetzbar. Wenn wir, sagten diese Politiker, einmal zugeben, da der
Thron erledigt ist, so geben wir auch zu, da er durch Wahl besetzt
werden kann. Der Souverain, den wir auf denselben erheben, wird dann
nicht ein Souverain nach englischem, sondern einer nach polnischem Modus
sein. Selbst wenn wir die Person whlten, welche dem Geburtsrechte nach
zur Regierung kommen wrde, so wrde diese Person doch nicht kraft des
Geburtsrechtes, sondern kraft unsrer Wahl regieren und wrde als
Geschenk erhalten was als Erbtheil betrachtet werden sollte. Die
heilsame Ehrfurcht, mit der das knigliche Blut und das Erstgeburtsrecht
bisher betrachtet worden sind, wrde bedeutend geschwcht werden. Noch
schlimmer wrde das bel sein, wenn wir den Thron nicht allein durch
Wahl, sondern mit einem Prinzen besetzten, der zwar unbestreitbar die
Eigenschaften eines groen und guten Regenten hat und uns eine
wunderbare Befreiung gebracht, der aber nicht der Erste, ja nicht einmal
der Zweite in der Thronfolgeordnung ist. Wenn wir einmal sagen, da
Verdienste, so gro sie immer sein mgen, ein Anrecht auf die Krone
geben, so erschttern wir die Grundpfeiler unsrer Verfassung und liefern
einen Precedenzfall, den jeder ehrgeizige Krieger oder Staatsmann,
welcher dem Lande einen groen Dienst geleistet haben mag, in seinem
Interesse zu benutzen sich versucht fhlen wird. Diese Gefahr vermeiden
wir, wenn wir die Prinzipien der Verfassung logisch bis zu ihren
Consequenzen festhalten. Es hat eine Niederlegung der Krone
stattgefunden. Im Augenblicke der Niederlegung wurde der nchste Erbe
unser rechtmiger Souverain. Wir betrachten die Prinzessin von Oranien
als nchste Erbin, und sind der Meinung, da sie unverzglich als das
was sie wirklich ist, als unsre Knigin, proklamirt werden mu.

Die Whigs entgegneten hierauf, es sei nutzlos, die gewhnlichen Regeln
auf ein im Zustande der Revolution befindliches Land anzuwenden, die
jetzt obschwebende groe Frage drfe nicht nach den Ansprchen
pedantischer Templer entschieden werden, und wenn sie so entschieden
werden solle, so knnten derartige Aussprche auf der einen Seite eben
so gut wie auf der andren angefhrt werden. Wenn es ein Rechtsgrundsatz
sei, da der Thron nie unbesetzt sein knne, so sei es auch ein
Rechtsgrundsatz, da ein noch lebender Mensch keinen Erben haben knne.
Jakob lebte noch; wie knnte also die Prinzessin von Oranien seine Erbin
sein? Das englische Recht habe allerdings vollstndige Vorsorge fr die
Thronfolge getroffen, fr den Fall, da die Macht eines Souverains zu
gleicher Zeit mit seinem Leben endete, nicht aber fr die seltenen
Flle, in denen seine Macht vor dem Aufhren seines physischen Lebens
endete, und mit einem dieser hchst seltenen Flle habe die Convention
es jetzt zu thun. Da Jakob nicht mehr auf dem Throne sitze, htten
beide Huser erklrt. Weder das gemeine Recht, noch das in den Gesetzen
enthaltene Recht bezeichne irgend Jemanden als befugt, in der Zeit
zwischen seiner Abdankung und seinem Ableben den Thron einzunehmen.
Daraus folge, da der Thron erledigt sei und da die Huser den Prinzen
von Oranien ersuchen knnten, denselben einzunehmen. In der
Geburtsordnung sei er allerdings nicht der Nchste, allein dies sei kein
Nachtheil, sondern vielmehr gerade eine positive Empfehlung. Die
erbliche Monarchie sei eine gute politische Institution, aber keineswegs
heiliger als andere gute politische Institutionen. Leider htten bigotte
und servile Theologen es zu einem religisen Mysterium gemacht, das fast
eine eben so heilige Scheu erwecke und eben so unbegreiflich sei, als
die Transsubstantiation selbst. Die Institution aufrecht zu erhalten,
aber die nachtheiligen aberglubischen Begriffe zu entfernen, die man
seit den letzten Jahren daran geknpft, und die sie zu einem Fluche,
anstatt zu einem Segen fr die Gesellschaft gemacht htten, msse das
Hauptbestreben der englischen Staatsmnner sein, und dieser Zweck werde
am besten erreicht werden, wenn man einmal von der allgemeinen
Erbfolgeordnung ein wenig abweiche und dann wieder zu derselben
zurckkehre.


[_Versammlung bei dem Earl von Devonshire._] Es wurden viele Versuche
gemacht, um einen offenen Bruch zwischen der Partei des Prinzen und der
Partei der Prinzessin zu verhten. Eine groe Versammlung wurde im Hause
des Earl von Devonshire gehalten und daselbst lebhaft debattirt. Halifax
war der Hauptsprecher fr Wilhelm, Danby fr Marien. Von Marien's
Gesinnungen wute Danby nichts. Sie wurde seit einiger Zeit in London
erwartet, war aber zuerst durch die Eismassen, welche die Flumndungen
versperrten, und nach eingetretenem Thauwetter durch heftige Westwinde
in Holland, zurckgehalten worden. Wre sie frher gekommen, so wrde
der Streit wahrscheinlich mit einem Male beigelegt worden sein. Auf der
andren Seite war Halifax nicht ermchtigt irgend etwas im Namen
Wilhelm's zu thun. Der Prinz hatte, getreu seinem Versprechen, da er
die Einsetzung der Regierung der Convention berlassen werde, eine
undurchdringliche Zurckhaltung bewahrt und hatte sich kein Wort, keinen
Blick, keine Geberde entschlpfen lassen, welche Zufriedenheit oder
Mifallen htte verrathen knnen. Einer seiner Landsleute, der sein
Vertrauen in hohem Mae geno, war zu der Versammlung eingeladen und von
den Peers dringend ersucht worden, da er ihnen einige Aufschlsse geben
mchte. Er weigerte sich lange. Endlich aber gab er ihren Bitten
insoweit nach, da er sagte: Ich kann die Gesinnung Seiner Hoheit nur
muthmaen. Wenn Sie es gern wissen wollen, was ich muthmae, so will ich
es Ihnen sagen: ich vermuthe, da er nicht gern der Ceremonienmeister
seiner Gemahlin werden mchte. Doch ich wei nichts. -- Aber ich wei
nun etwas, erwiederte Danby. Ich wei genug, mehr als genug. Dann
entfernte er sich und die Versammlung ging auseinander.[79]

Am 31. Januar wurde die so beendigte Privatdebatte im Hause der Peers
ffentlich wieder aufgenommen. Dieser Tag war zur Feier des
Nationaldankfestes bestimmt worden. Mehrere Bischfe, darunter Ken und
Sprat, hatten fr diese Gelegenheit ein besonderes Gebet abgefat. Es
ist vollkommen frei von Schmeicheleien wie von Gehssigkeiten, welche
derartige Erzeugnisse damals nur zu oft verunzierten und hlt vielleicht
besser als irgend ein andres Gelegenheitsgebet, das seit zwei
Jahrhunderten verfat wurde, einen Vergleich mit jenem herrlichen Muster
reiner, erhabener und ergreifender Beredtsamkeit, mit dem allgemeinen
Gebetbuche aus. Die Lords gingen am Morgen in die Westminsterabtei. Die
Gemeinen hatten Burnet gebeten, in der Margarethenkirche vor ihnen zu
predigen. Von ihm hatte man nicht zu frchten, da er in den Fehler
verfallen werde, welcher den Tag vorher daselbst begangen worden war.
Sein krftiger und lebendiger Vortrag fand gewi lauten Beifall bei
seinen Zuhrern. Die Predigt wurde nicht allein auf Befehl des Hauses
gedruckt, sondern auch zur Erbauung fremder Protestanten ins
Franzsische bersetzt.[80] Der Tag wurde mit den bei solchen
Gelegenheiten blichen Festlichkeiten beschlossen. Die ganze Stadt
strahlte von Feuerwerk und Freudenfeuern; der Kanonendonner und das
Glockengelute dauerten bis tief in die Nacht hinein; aber ehe die
Lichter erloschen und die Straen wieder still geworden waren, hatte ein
Ereigni stattgefunden, das die Freude des Volks dmpfte.

    [Anmerkung 79: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 393. Dartmouth sagt,
    die Lords htten Fagel diese Andeutung abgedrungen. Dies war ein
    Schreibfehler, der in einer eilig hingeschriebenen Anmerkung wohl
    zu entschuldigen ist; aber Dalrymple und Andere htten einen so
    auffallenden Fehler nicht abschreiben sollen. Fagel war am 5. Dec.
    1688, whrend sich Wilhelm in Salisbury und Jakob in Whitehall
    befand, in Holland gestorben. Die richtige Person war vermuthlich
    Dykvelt, Bentinck oder Zulestein, am wahrscheinlichsten Dykvelt.]

    [Anmerkung 80: Das Gebet sowohl als Burnet's Predigt sind noch in
    unseren groen Bibliotheken zu finden und verdienen gelesen zu
    werden.]


[_Debatte im Hause der Lords ber die Frage der Thronerledigung._] Die
Peers hatten sich aus der Abtei in ihr Sitzungslokal begeben und die
Discussion ber die Lage der Nation wieder aufgenommen. Die letzten
Worte des Beschlusses der Gemeinen wurden in Erwgung gezogen, und es
zeigte sich bald, da die Majoritt nicht gemeint war, diesen Worten
beizustimmen. Zu den nahe an fnfzig Lords, welche der Ansicht waren,
da Jakob noch der Knigstitel gebhre, kamen jetzt noch sieben bis
acht, welche behaupteten, da derselbe schon auf Marien bergegangen
sei. Als die Whigs sahen, da ihre Gegner ihnen an Zahl berlegen waren,
versuchten sie es, einen Vergleich zu Stande zu bringen. Sie schlugen
deshalb vor, die Worte, welche den Thron fr erledigt erklrten,
wegzulassen und den Prinzen und die Prinzessin einfach zum Knig und zur
Knigin zu proklamiren. Es war augenscheinlich, da eine solche
Erklrung Alles was die Tories nicht zugestehen wollten, wenn nicht
ausdrcklich aussprach, doch in sich schlo. Denn Niemand konnte
behaupten, da Wilhelm kraft des Geburtsrechts in das knigliche Amt
eingetreten war. Ein Beschlu, der ihn als Knig anerkannte, wre
demnach ein Wahlact gewesen, und wie konnte eine Wahl stattfinden ohne
Erledigung?


[_Die Majoritt fr die Verneinung._] Der Vorschlag der whiggistischen
Lords wurde mit zweiundfnfzig gegen siebenundvierzig Stimmen verworfen.
Dann wurde die Frage gestellt, ob der Thron erledigt sei. Hiermit waren
einverstanden einundvierzig, nicht einverstanden fnfundfnfzig.
Sechsunddreiig von der Minoritt protestirten.[81]

    [Anmerkung 81: +Lords' Journals, Jan. 31. 1688/89+.]


[_Aufregung in London._] Whrend der beiden folgenden Tage war London in
einer unruhigen und angstvollen Stimmung. Die Tories begannen zu hoffen,
da sie ihren Lieblingsplan einer Regentschaft mit besserem Erfolge
wieder zur Sprache wrden bringen knnen. Vielleicht zog der Prinz
selbst, wenn er sah, da er keine Aussicht hatte, die Krone zu tragen,
Sancroft's Plan, dem Plane Danby's vor. Es war allerdings besser, Knig
zu sein als Regent; aber Regent war immer noch besser als
Ceremonienmeister. Auf der andren Seite begann auch die niedere und
heftigere Klasse der Whigs, die ehemaligen Emissre Shaftesbury's die
alten Bundesgenossen College's sich in der City zu regen. Volkshaufen
versammelten sich im Palasthofe und fhrten eine drohende Sprache. Lord
Lovelace, der im Verdacht stand, zu diesen Versammlungen aufgereizt zu
haben, kndigte den Peers an, da er beauftragt sei, eine Petition zu
berreichen, in der sie aufgefordert wrden, den Prinzen und die
Prinzessin von Oranien unverzglich zum Knig und zur Knigin zu
erklren. Auf die Frage, von wem die Petition unterzeichnet sei,
antwortete er: Sie hat noch keine Unterschriften, wenn ich sie aber das
nchste Mal wieder mit hierher bringe, wird sie deren genug haben.
Diese Drohung beunruhigte und verdro seine eigne Partei. Die leitenden
Whigs waren in der That noch ngstlicher besorgt, als die Tories, da
die Berathungen der Convention vollkommen frei seien und da kein
Anhnger Jakob's behaupten knne, da das eine oder das andre Haus unter
dem Einflusse eines Zwanges gehandelt habe. Eine hnliche Petition wie
die von Lovelace berreichte, wurde auch im Hause der Gemeinen
vorgelegt, aber mit Verachtung zurckgewiesen. Maynard war der Erste,
der gegen den Versuch des Straenpbels, die Stnde des Reichs
einzuschchtern, protestirte. Wilhelm lie Lovelace zu sich kommen,
setzte ihn sehr ernsthaft zur Rede und befahl den stdtischen Behrden,
gegen alle ungesetzlichen Versammlungen krftig einzuschreiten.[82]
Nichts in der Geschichte unsrer Revolution verdient mehr Bewunderung und
Nachahmung als die Art, wie sich die beiden Parteien der Convention
gerade in dem Augenblicke, wo ihr Streit am heftigsten war, wie ein Mann
zum Widerstand gegen die Vorschriften des Pbels der Hauptstadt
verbanden.

    [Anmerkung 82: Citters, 5.(15.) Febr. 186 f.; +Diary, Feb. 2.+ In
    dem Werke, +Revolution Politics+, einem hchst abgeschmackten
    Buche, das aber als Sammlung der unsinnigen Tagesgerchte einigen
    Werth hat, bertreibt die Geschichte malos. --+Grey's Debates+.]


[_Brief von Jakob an die Convention._] Obgleich aber die Whigs fest
entschlossen waren, die Ordnung aufrecht zu erhalten und die Freiheit
der Debatte zu achten, so waren sie doch nicht minder fest entschlossen,
kein Zugestndni zu machen. Am Samstag, den 2. Februar beschlossen die
Gemeinen ohne Abstimmung, die ursprngliche Fassung ihres Beschlusses
beizubehalten. Jakob kam wie immer seinen Feinden zu Hlfe. Eben war ein
Schreiben von ihm an die Convention angelangt. Der Apostat Melfort, der
jetzt in St.-Germain in hoher Gunst stand, hatte es Preston berbracht.
Der Name Melfort war jedem Anhnger der Staatskirche verhat. Da er
noch immer ein vertrauter Diener Jakob's war, gengte an sich schon um
zu beweisen, da die Thorheit und Verkehrtheit seines Gebieters
unheilbar waren. Kein Mitglied eines der beiden Huser wagte es, die
Vorlesung eines von solcher Seite kommenden Schreibens zu beantragen.
Der Inhalt war jedoch der ganzen Stadt bekannt. Seine Majestt ermahnte
die Lords und Gemeinen, an seiner Milde nicht zu verzweifeln und
versicherte gndigst, da er Denen, die ihn verrathen htten, verzeihen
wolle, einige Wenige ausgenommen, die er nicht nannte. War es wohl
mglich etwas fr einen Frsten zu thun, der besiegt, verlassen,
verbannt und von Almosen lebend, Denjenigen, in deren Hand sein
Schicksal lag, sagte, da er, wenn sie ihn wieder auf den Thron setzten,
nur einige wenige von ihnen hngen lassen wrde?[83]

    [Anmerkung 83: Jakob's Brief, vom 24. Jan. (3. Febr.) 1689 datirt,
    findet sich bei Kennet. In Clarke's +Life of James+ ist er auf die
    unredlichste Weise entstellt. Siehe +Clarendon's Diary, Feb. 2,
    4+; +Grey's Debates+; +Lords' Journals, Feb. 2, 4, 1688/89+.]


[_Debatte._] Der Streit zwischen den beiden Parteien der gesetzgebenden
Gewalt dauerte noch einige Tage. Montag, den 4. Februar, beschlossen die
Lords auf ihren Amendements zu beharren; aber es wurde ein mit
neununddreiig Namen unterzeichneter Protest in die Protokolle
eingetragen.[84]

    [Anmerkung 84: Es ist von mehrern Schriftstellern, unter anderen
    von Ralph, und B. Mazure behauptet worden, Danby habe diesen
    Protest unterzeichnet. Dies ist ein Irrthum. Wahrscheinlich las
    Jemand, der die Protokolle vor dem Drucke durchsah, Danby fr
    Derby. +Lords' Journals, Feb. 4. 1688/89+. Einige Tage vorher
    schrieb Evelyn flschlich Derby anstatt Danby. Sein Tagebuch vom
    29. Jan. 1688/89.]


[_Unterhandlungen._] Am folgenden Tage beschlossen die Tories, ihre
Strke im Unterhause zu versuchen. Sie erschienen in groer Anzahl und
es wurde der Antrag gestellt, den Amendements der Lords beizutreten.
Die, welche fr Sancroft's Plan und die, welche fr Danby's Plan waren,
stimmten miteinander; allein sie wurden mit zweihundertundachtzig gegen
hunderteinundfnfzig Stimmen geschlagen. Das Haus beschlo hierauf, um
eine freie Conferenz mit den Lords nachzusuchen.[85]

    [Anmerkung 85: +Commons' Journals, Feb. 5. 1688/89.+]


[_Schreiben der Prinzessin von Oranien an Danby._] Zu gleicher Zeit
wurden auerhalb der Mauern des Parlaments energische Anstrengungen
gemacht, um den Streit zwischen den beiden Zweigen der gesetzgebenden
Versammlung zu beendigen. Burnet glaubte es durch die Wichtigkeit der
Krisis gerechtfertigt, das ihm von der Prinzessin anvertraute groe
Geheimni zu verffentlichen. Er wisse aus ihrem eigenen Munde, sagte
er, da es schon lngst ihr fester Entschlu sei, selbst wenn sie nach
der regelmigen Erbfolge auf den Thron gelangen sollte, mit Genehmigung
des Parlaments ihre Gewalt in die Hnde ihres Gemahls niederzulegen.
Danby erhielt von ihr einen ernsten, fast harten Verweis. Sie sei die
Gattin des Prinzen, schrieb sie ihm, und hege keinen andren Wunsch als
ihm unterthan zu sein; man knne ihr keine schwerere Beleidigung
zufgen, als wenn man sie als seine Nebenbuhlerin darstelle und sie
knne Niemanden, der ein solches Verfahren einschlage, als ihren wahren
Freund betrachten.[86]

    [Anmerkung 86: +Burnet, I. 819.+]


[_Die Prinzessin Anna erklrt sich mit dem Whigplane einverstanden._]
Die Tories hatten noch eine Hoffnung. Anna konnte vielleicht auf ihren
eigenen und auf den Rechten ihrer Kinder bestehen. Es wurde keine Mhe
gespart, um ihren Ehrgeiz aufzustacheln und ihr Gewissen zu beunruhigen.
Ihr Oheim Clarendon war ganz besonders thtig. Erst wenige Wochen waren
vergangen, seitdem die Hoffnung auf Reichthum und Ansehen ihn bewogen
hatte, die pomphaft zur Schau getragenen Glaubensbekenntnisse seines
ganzen Lebens zu verleugnen, von dem Knige abzufallen, sich dem Wildman
und dem Ferguson anzuschlieen und sogar vorzuschlagen, da der Knig
als Gefangener in ein fremdes Land geschickt und in eine von ungesunden
Smpfen umgebene Festung eingesperrt werden sollte. Der Kder, der diese
auffallende Sinnesvernderung bewirkt hatte, war das Viceknigamt in
Irland. Bald zeigte es sich jedoch, da der Proselyt wenig Aussicht
hatte, den glnzenden Preis, nach welchem sein Sinn strebte, zu
erringen. Er sah, da Andere ber die irlndischen Angelegenheiten zu
Rathe gezogen wurden. Sein Rath wurde nie verlangt, und wenn er ihn
zudringlicherweise anbot, wurde er mit Klte aufgenommen. Er begab sich
hufig in den St. Jamespalast, konnte aber kaum ein Wort oder einen
Blick erlangen. Das eine Mal schrieb der Prinz eben; ein ander Mal
sollte er frische Luft schpfen und einen Spazierritt durch den Park
machen; das dritte Mal hatte er eine Conferenz mit Offizieren ber
militairische Angelegenheiten und konnte Niemanden empfangen. Clarendon
sah nun, da er keine Aussicht hatte, durch die Aufopferung seiner
Grundstze etwas zu gewinnen, und er beschlo daher, zu denselben
zurckzukehren. Im December hatte der Ehrgeiz ihn zum Rebellen gemacht;
im Januar verwandelte Enttuschung ihn wieder in einen Royalisten. Das
drckende Bewutsein, da er kein standhafter Tory gewesen war, verlieh
seinem Toryismus eine besondere Leidenschaftlichkeit.[87] Im Hause der
Lords hatte er Alles aufgeboten, um eine bestimmte Entscheidung zu
hintertreiben. Jetzt verwendete er seinen ganzen Einflu zu demselben
Zwecke bei der Prinzessin Anna. Aber sein Einflu auf sie war nur gering
im Vergleich mit dem der Churchill, welche wohlweislich zwei mchtige
Verbndete zu Hlfe nahmen: Tilletson, der als Gewissensrath damals ein
groes Ansehen geno, und Lady Russel, deren edle und liebenswrdige
Tugenden, welche die schwerste aller Prfungen bestanden, ihr den Ruf
einer Heiligen erworben hatten. Bald ward es bekannt, da die Prinzessin
von Dnemark ihre Einwilligung zu Wilhelm's lebenslnglicher Regierung
zu geben geneigt war, und es lag auf der Hand, da es ein vergebliches
Beginnen gewesen wre, die Sache der Tchter Jakob's gegen sie selbst zu
vertheidigen.[88]

    [Anmerkung 87: +Clarendon's Diary, Jan. 1, 4, 8, 9, 10, 11, 12,
    13, 14, 1688/89; Burnet, I. 807.+]

    [Anmerkung 88: +Clarendon's Diary, Feb. 5. 1688/89; Duchess of
    Marlborough's Vindication; Mulgrave's Account of the Revolution.+]


[_Wilhelm spricht seine Absichten aus._] Jetzt glaubte Wilhelm, die Zeit
sei gekommen, wo er sich aussprechen msse. Er berief daher Halifax,
Danby, Shrewsbury und einige andere politische Parteihupter von hohem
Ansehen zu sich und richtete mit dem stoischen Gleichmuth, unter dem er
von Kindheit auf seine strksten Gefhlsregungen zu verbergen pflegte,
einige tief durchdachte und gewichtige Worte an sie.

Er habe bis jetzt geschwiegen, sagte er, und weder Bitten noch Drohungen
angewendet, ja nicht einmal eine Andeutung ber seine Ansichten oder
Wnsche laut werden lassen; jetzt aber sei der entscheidende Augenblick
gekommen, wo er seine Absichten offen erklren msse. Er habe weder das
Recht, noch den Wunsch, der Convention Vorschriften zu machen. Er
beanspruche weiter nichts als das Vorrecht, jedes Amt, das er nach
seiner berzeugung nicht mit Ehren fr sich und zum Wohle des Staats
wrde verwalten knnen, ablehnen zu drfen.

Eine starke Partei sei fr eine Regentschaft. Die beiden Huser htten
darber zu entscheiden, ob eine solche Einrichtung dem Vaterlande zum
Heile gereichen knne. Seine Meinung ber diesen Punkt stehe fest und er
halte es fr nthig, mit Bestimmtheit zu erklren, da er fr seine
Person nicht Regent werden mchte.

Eine andre Partei wnsche die Prinzessin auf den Thron zu erheben und
ihm auf Lebenszeit den Knigstitel und denjenigen Antheil an der
Regierung zu gewhren, den sie ihm freiwillig zugestehen wrde. Zu einer
solchen Stellung knne er sich nicht herablassen. Er achte die
Prinzessin so hoch, als nur irgend ein Mann ein Weib achten knne, aber
selbst aus ihren Hnden werde er eine untergeordnete und unsichere
Stellung bei der Regierung nicht annehmen. Es liege einmal nicht in
seiner Natur, da er sich an die Schrzenbnder auch der besten Frau
knpfen lassen knne. Er drnge sich durchaus nicht danach, in der
englischen Geschichte eine Rolle zu spielen, wenn er aber einwillige,
eine solche Rolle zu bernehmen, so gebe es nur eine, die er mit Nutzen
oder mit Ehren bernehmen knne. Wenn die Stnde ihm die Krone auf
Lebenszeit anbten, so wrde er sie annehmen, wo nicht, wrde er, ohne
sich zu grmen, in sein Vaterland zurckkehren. Er schlo mit den
Worten, er halte es fr recht und billig, da Lady Anna und ihre
Nachkommen allen Kindern, die ihm eine andre Frau als Lady etwa schenken
mchte, in der Thronfolge vorgezogen wrden.[89]

Die Versammlung trennte sich und binnen wenigen Stunden war die Rede des
Prinzen in ganz London bekannt. Da er Knig werden mute, war jetzt
klar. Die einzige Frage war nur noch, ob er die knigliche Wrde allein
oder mit der Prinzessin gemeinschaftlich bekleiden sollte. Halifax und
einige andere Staatsmnner, welche die Gefahr einer Theilung der
hchsten Executivgewalt in grellem Lichte erblickten, hielten es fr
wnschenswerth, da Marie, so lange Wilhelm lebte, nur Knigsgemahlin
und Unterthanin sein sollte. Obgleich sich viel zu Gunsten eines solchen
Arrangements sagen lie, so beleidigte sie doch das Gefhl selbst
derjenigen Englnder, welche dem Prinzen am meisten ergeben waren. Seine
Gemahlin hatte ihm einen beispiellosen Beweis von ehelicher Unterwerfung
und Liebe gegeben, und die geringste Vergeltung dafr von seiner Seite
war die Verleihung der Wrde einer regierenden Knigin. Wilhelm Herbert,
einer der wrmsten Anhnger des Prinzen, war so entrstet, da er aus
dem Bette sprang, an das die Gicht ihn fesselte, und mit Heftigkeit
erklrte, da er nie fr Seine Hoheit das Schwert gezogen haben wrde,
wenn er geahnet htte, da eine so schmachvolle Anordnung getroffen
werden solle. Niemand aber zeigte sich so gereizt ber die Sache als
Burnet. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an das seiner gtigen
Beschtzerin zugefgte Unrecht. Er gerieth in einen heftigen Streit mit
Bentinck und bat um Enthebung von seinem Kaplanposten. So lange ich ein
Diener Seiner Hoheit bin, sagte der wackere, rechtschaffene Geistliche,
wrde es mir nicht geziemen, einen Plan zu bekmpfen, der vielleicht
seinen Beifall hat. Ich wnsche daher, meine Freiheit wieder zu
erhalten, um mit allen mir von Gott verliehenen Krften fr die
Prinzessin zu kmpfen. Bentinck bewog ihn, eine offene Kriegserklrung
so lange aufzuschieben, bis Wilhelm's Entschlieungen nher bekannt sein
wrden. In wenigen Stunden war der Plan, der so viel bses Blut gemacht
hatte, vllig aufgegeben, und alle Diejenigen, welche Jakob nicht mehr
als Knig betrachteten, stimmten in der Art der Wiederbesetzung des
Thrones berein. Wilhelm und Marie muten Knig und Knigin werden; die
Mnzen muten beider Brustbilder zeigen, die Regierungsdecrete muten in
beider Namen erlassen werden, beide muten alle persnlichen Ehren und
Privilegien der Knigswrde genieen; aber die Verwaltung, welche nicht
fglich getheilt werden konnte, mute Wilhelm allein bleiben.[90]

    [Anmerkung 89: +Burnet, I. 820.+ Burnet sagt, er habe die
    Ereignisse dieser bewegten Zeit nicht in chronologischer Ordnung
    berichtet. Ich mute sie daher nach meinen eigenen Muthmaungen
    ordnen, glaube aber kaum mich zu irren, wenn ich annehme, da das
    Schreiben der Prinzessin in der Zeit zwischen Donnerstag den 31.
    Jan. und Mittwoch den 6. Febr. ankam und auch der Prinz die
    Erklrung ber seine Absichten kund gab.]

    [Anmerkung 90: +Mulgrave's Account of the Revolution.+ In den
    ersten drei Ausgaben habe ich diesen Vorgang unrichtig erzhlt.
    Die Schuld lag grtentheils an mir selbst, zum Theil aber auch an
    Burnet, dessen nachlssiger Gebrauch des Frworts er mich
    irrefhrte. +Burnet I. 858.+]


[_Die Conferenz zwischen den beiden Husern._] Inzwischen war die zu der
freien Conferenz zwischen den Husern festgesetzte Zeit herangekommen.
Die Wortfhrer der Lords nahmen in vollem Ornat ihre Sitze auf der einen
Seite der Tafel im sogenannten gemalten Saale (+painted chamber+) ein;
aber auf der andren Seite drngte sich eine so groe Anzahl von
Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, da die Herren, welche die Frage
errtern sollten, nicht hindurchkommen konnten. Nicht ohne groe
Schwierigkeit und erst nach geraumer Zeit gelang es dem Stabtrger,
ihnen einen Weg zu bahnen.[91]

Endlich begann die Verhandlung. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen
Reden sind vollstndig auf uns gekommen. Es wird wenige
Geschichtsforscher geben, welche den Bericht darber nicht mit
gespannter Neugierde zur Hand genommen und mit getuschten Erwartungen
wieder bei Seite gelegt htten. Die zwischen den beiden Husern
obschwebende Streitfrage wurde von beiden Theilen als eine Rechtsfrage
behandelt. Die Einwrfe der Lords gegen den Beschlu der Gemeinen waren
formeller und technischer Art, ebenso auch die Entgegnungen. Somers
vertheidigte den Gebrauch des Wortes Abdication durch Citate aus Grotius
und Brissonius, Spigelius und Bartolus. Als er aufgefordert wurde, eine
Autoritt fr die Behauptung anzufhren, da England ohne Souverain sein
knne, legte er die Parlamentsprotokolle vom Jahre 1399 vor, in denen
ausdrcklich gesagt war, da der Thron in der Zeit zwischen der
Abdankung Richard'sII. und der Thronbesteigung Heinrich'sIV. vakant
gewesen sei. Die Lords fhrten zur Widerlegung die Parlamentsprotokolle
vom ersten Regierungsjahre Eduard'sIV. an, aus denen hervorging, da
die Urkunde von 1399 feierlich annullirt worden war. Sie behaupteten
daher, der Precedenzfall, auf den Somers sich sttzte, habe keine
Gltigkeit mehr. Treby kam nun Somers zu Hlfe und legte die
Parlamentsacten vom ersten Regierungsjahre Heinrich'sVII. vor, welche
die Acte Eduard'sIV. aufhoben und demnach die Gltigkeit der Urkunde
vom Jahre 1399 wiederherstellten. Nach einer mehrstndigen Discussion
trennten sich die Disputanten.[92] Die Lords versammelten sich in ihrem
Sitzungslokale. Man wute sehr wohl, da sie auf dem Punkte standen,
nachzugeben und da die Conferenz eine bloe Formalitt gewesen war. Die
Freunde Mariens hatten eingesehen, da sie sie tief gekrnkt hatten,
indem sie sie als Nebenbuhlerin ihres Gemahls hingestellt. Einige von
den Peers, welche frher fr eine Regentschaft gestimmt hatten, waren
entschlossen, wegzubleiben oder den Beschlu des Unterhauses zu
untersttzen. Sie sagten, ihre Ansicht habe sich nicht gendert, aber
eine Regierung sei immer besser als gar keine und die Nation knne eine
Verlngerung dieser qualvollen Ungewiheit nicht ertragen. Selbst
Nottingham, der im gemalten Saale die Discussion gegen die Gemeinen
geleitet hatte, erklrte, sein Gewissen erlaube ihm zwar nicht,
nachzugeben, es freue ihn aber, da die Gewissen Anderer nicht so
ngstlich seien. Mehrere Lords, die in der Convention noch nicht mit
abgestimmt hatten, waren bewogen worden zu erscheinen; so Lord
Lexington, der eben in aller Eil vom Continent herbergekommen war, der
halb wahnsinnige Earl von Lincoln, der an Krcken gehende Earl von
Carlisle, und der Bischof von Durham, der sich verborgen gehalten, um
ber das Meer zu flchten, aber den Wink erhalten hatte, da sein
Benehmen in der kirchlichen Commission nicht gegen ihn geltend gemacht
werden sollte, wenn er fr die Feststellung der Regierung stimmen wrde.
Danby, welcher die von ihm verursachte Spaltung zu heilen wnschte,
mahnte das Haus in einer Rede, die seine gewhnlichen Vortrge an
Genialitt noch bertraf, einen Kampf nicht lnger fortzusetzen, der dem
Staate verderblich werden knne. Halifax untersttzte ihn krftig. Der
Muth der Gegner war gebrochen.

    [Anmerkung 91: +Commons' Journals, Febr. 6. 1688/89.+]

    [Anmerkung 92: Siehe +Lords' and Commons' Journals, Feb. 6.
    1688/89+ und den Bericht ber die Conferenz.]


[_Die Lords geben nach._] Als die Frage gestellt wurde, ob Knig
Jakob die Regierung niedergelegt habe, sagten nur drei Lords
Nichteinverstanden. ber die Frage, ob der Thron erledigt sei, wurde die
Abstimmung verlangt, und es ergaben sich zweiundsechzig Einverstandene
und siebenundvierzig Nichteinverstandene. Unmittelbar darauf wurde der
Antrag gestellt und ohne Abstimmung angenommen, da der Prinz und die
Prinzessin von Oranien zum Knig und zur Knigin von England erklrt
werden sollten.[93]

Nottingham trug nun darauf an, da die Fassung des Unterthaneneides und
des Supremateides dergestalt abgendert werden mchte, da auch
Diejenigen ihn mit gutem Gewissen leisten knnten, die, wie er selbst,
den Beschlu der Convention mibilligten, sich aber dennoch vorgenommen
htten, loyale und gehorsame Unterthanen der neuen Souveraine zu sein.
Gegen diesen Antrag wurde kein Einwurf erhoben. Es kann allerdings kaum
bezweifelt werden, da die Whigfhrer und diejenigen toryistischen
Lords, deren Stimmen bei der letzten Abstimmung den Ausschlag gegeben,
sich vorher ber diesen Punkt verstndigt hatten. Die neuen Eidformeln
wurden den Gemeinen zu gleicher Zeit mit dem Beschlusse, da der Prinz
und die Prinzessin von Oranien als Knig und Knigin proklamirt werden
sollten, zugesandt.[94]

    [Anmerkung 93: +Lords' Journals, Feb. 6. 1688/89; Clarendon's
    Diary; Burnet, I. 822+, und Dartmouth's Note; Citters, 8.(18.)
    Febr. In Betreff der Zahlen habe ich mich an Clarendon gehalten.
    Einige Schriftsteller geben die Majoritt kleiner, andere grer
    an.]

    [Anmerkung 94: +Lords' Journals, Feb. 6, 7. 1688/89; Clarendon's
    Diary.+]


[_Es werden neue Gesetze zur Sicherung der Freiheit vorgeschlagen._] Man
wute nun, wem die Krone verliehen werden sollte. Jetzt waren noch die
Bedingungen der Verleihung zu bestimmen. Die Gemeinen hatten einen
Ausschu ernannt, welcher die zweckmig erscheinenden Schritte zur
Sicherung des Gesetzes und der Freiheit gegen die Angriffe zuknftiger
Regenten erwgen sollte, und der Ausschu hatte einen Bericht
erstattet.[95] Dieser Bericht empfahl erstens, da die groen Prinzipien
der Verfassung, welche der entthronte Knig verletzt hatte, feierlich
besttigt und da zweitens verschiedene neue Gesetze zur Beschrnkung
der Prrogative und zur Luterung der Justizpflege erlassen werden
sollten. Die meisten Vorschlge des Ausschusses waren vortrefflich, aber
es war schlechterdings unmglich, da die Huser in einem Monate, und
selbst in einem Jahre so zahlreiche, so mannichfaltige und so wichtige
Angelegenheiten erledigen konnten. Es war unter andrem vorgeschlagen,
da die Miliz neu organisirt, das Recht des Souverains, die Parlamente
zu prorogiren und aufzulsen, beschrnkt und die Dauer der Parlamente
begrenzt werden sollte; da bei einer parlamentarischen Anklage keine
Berufung an die knigliche Gnade mehr zulssig sein, da den
protestantischen Dissenters Duldung gewhrt, da das Verbrechen des
Hochverraths genauer bestimmt, da Hochverrathsprozesse in einer die
Unschuld mehr schtzenden Weise gefhrt, da die Richter auf Lebenszeit
angestellt, da die Ernennungsart der Sheriffs abgendert werden, da
die Wahl der Geschwornen hinfro in einer Weise stattfinden sollte,
welche Parteilichkeit und Bestechung ausschlo, da der Gebrauch, bei
der Kings Bench Criminalklagen anhngig zu machen, abgeschafft, da der
Kanzleigerichtshof reformirt, da die Gebhren der ffentlichen Beamten
regulirt und da die Quo-Warranto-Acte verbessert werden sollte. Es war
augenscheinlich, da eine umsichtige und besonnene Gesetzgebung ber
diese Gegenstnde das Werk mehr als einer geschftsreichen Session sein
mute, und eben so augenscheinlich war es, da eine bereilte und
unreife Gesetzgebung ber so wichtige Dinge neue Mistnde erzeugen
wrde, schlimmer als die, welche sie vielleicht beseitigen konnte. Wenn
der Ausschu alle die Reformen aufzhlen wollte, welche vor der
Wiederbesetzung des Thrones bewerkstelligt werden muten, so war die
Liste unsinnig lang. Wollte er dagegen eine Liste aller Reformen geben,
welche die gesetzgebende Versammlung zur geeigneten Zeit durchfhren
sollte, so war die Liste sehr unvollstndig. Sobald der Bericht
vorgelesen war, erhob sich in der That ein Mitglied nach dem andren, um
einen Zusatz zu beantragen. Es wurde vorgeschlagen und angenommen, da
der Stellenverkauf verboten, die Habeascorpusacte wirksamer gemacht und
das Gesetz ber die +Mandamus+[96] revidirt werden sollte. Der eine
Gentleman griff die Herdgeldeinnehmer, ein andrer die Acciseeinnehmer
an, und das Haus beschlo, da den Mibruchen dieser beiden
Beamtenklassen ein Ziel gesetzt werden sollte. Ein hchst merkwrdiger
Umstand ist es, da, whrend das ganze militairische, gerichtliche und
fiskalische System so durchgemustert wurde, kein einziger Volksvertreter
die Aufhebung des Gesetzes beantragte, welches die Presse einer Censur
unterwarf. Selbst die aufgeklrtesten Mnner begriffen damals noch
nicht, da die Freiheit der Discussion die Hauptschutzwehr aller anderen
Freiheiten ist.[97]

    [Anmerkung 95: +Commons' Journals, Jan. 29., Feb. 2. 1688/89.+]

    [Anmerkung 96: Die Befehle der Kings Bench an untergeordnete
    Gerichte, so genannt nach dem Anfangsworte. Der bersetzer.]

    [Anmerkung 97: +Commons' Journals, Feb. 2. 1688/89.+]


[_Streitigkeiten und Vergleich._] Das Haus war in groer Verlegenheit.
Einige Redner erklrten mit Heftigkeit, man habe schon zu viel Zeit
verloren und die Regierung msse ohne noch einen einzigen Tag zu sumen,
festgestellt werden. Die Gesellschaft sei besorgt, der Verkehr stocke,
der englischen Colonie in Irland drohe die Gefahr des Untergangs, ein
auswrtiger Krieg stehe zu befrchten, der verbannte Tyrann knne binnen
wenigen Wochen mit einer franzsischen Armee in Dublin sein und von
Dublin aus knne er bald nach Chester bersetzen. Sei es nicht
wahnsinnig, in einer so kritischen Zeit den Thron unbesetzt zu lassen,
und whrend die ganze Existenz der Parlamente gefhrdet sei, die Zeit
mit Debattirung ber die Frage zu vergeuden, ob die Parlamente durch den
Souverain oder durch sich selbst prorogirt werden sollten? Auf der
andren Seite wurde gefragt, ob die Convention ihre Aufgabe damit gelst
zu haben glaube, da sie einen Frsten vom Throne gestrzt und einen
andren auf denselben erhoben habe? Gewi, jetzt oder nie sei es Zeit,
die ffentliche Freiheit durch Schutzwehren zu sichern, welche den
bergriffen der Prrogative wirksam vorbeugen knnten.[98] Die auf
beiden Seiten geltend gemachten Grnde waren ohne Zweifel von groem
Gewicht. Die talentvollsten Fhrer der Whigpartei, unter denen Somers
rasch einen groen Einflu erlangte, schlugen einen Mittelweg vor. Das
Haus, sagten sie, habe zwei Ziele im Auge, welche streng von einander
geschieden werden mten. Das eine Ziel sei die Sicherung der alten
Verfassung des Reichs gegen ungesetzliche Angriffe, das andre die
Verbesserung dieser Verfassung durch gesetzliche Reformen. Das erstere
Ziel knne dadurch erreicht werden, da man den Anspruch der englischen
Nation auf ihre alten Freiheiten durch Aufnahme in den Beschlu, welcher
die neuen Souveraine auf den Thron erhob, feierlich verbriefe, so da
der Knig seine Krone und das Volk seine Rechte kraft einer und der
nmlichen Urkunde besitze. Der letztere Gegenstand werde einen ganzen
Band sorgfltig ausgearbeiteter Gesetze erfordern. Der erstere Zweck
knne in einem Tage, der zweite kaum in fnf Jahren erreicht werden.
ber jenen seien alle Parteien einig; ber diesen herrsche groe
Meinungsverschiedenheit. Kein Mitglied beider Huser werde einen
Augenblick zgern dafr zu stimmen, da der Knig die Steuern nicht ohne
Bewilligung des Parlaments erheben drfe; aber es werde schwerlich ein
neues Gesetz ber das Verfahren in Hochverrathsprozessen entworfen
werden knnen, das nicht lange Debatten hervorrufen und von dem Einen
als ungerecht gegen den Angeklagten, von dem Andren als ungerecht gegen
die Krone verworfen werden wrde. Die Aufgabe einer auerordentlichen
Versammlung der Stnde des Reiches sei nicht, die gewhnlichen Arbeiten
eines Parlaments zu erledigen, die Gebhren des Kanzleigerichts zu
reguliren, und den ungesetzlichen Forderungen der Visitatoren
vorzubeugen, sondern vielmehr die groe Regierungsmaschine wieder in
Gang zu bringen. Wenn dies geschehen sei, dann wrde es an der Zeit sein
zu fragen, welcher Verbesserungen unsere Institutionen bedrften, auch
habe diese Verzgerung durchaus keine Gefahr, denn ein Souverain, der
lediglich durch die Wahl der Nation regiere, knne einer Verbesserung,
welche die Nation durch das Organ ihrer Vertreter verlange, seine
Zustimmung unmglich lange verweigern.

Aus diesen Grnden beschlossen die Gemeinen mit weiser Vorsicht, alle
Reformen so lange aufzuschieben, bis die alte Verfassung des Reichs in
allen ihren Theilen wiederhergestellt sein wrde und unverzglich den
Thron zu besetzen, ohne Wilhelm und Marien eine andre Verpflichtung
aufzulegen, als da sie den bestehenden Gesetzen Englands gem
regierten. Damit die zwischen den Stuarts und der Nation streitig
gewesenen Fragen nie wieder aufgeregt werden mchten, wurde beschlossen,
da das Instrument, durch welches der Prinz und die Prinzessin von
Oranien auf den Thron berufen und die Thronfolgeordnung festgestellt
wurde, die Grundprinzipien der Verfassung auf das Bestimmteste und
Feierlichste darlegen sollte.

    [Anmerkung 98: +Grey's Debates+; +Burnet, I. 822.+]


[_Die Rechtserklrung._] Diese unter der Bezeichnung Rechtserklrung
bekannte Urkunde wurde durch einen Ausschu, in welchem Somers den
Vorsitz fhrte, entworfen. Da dieser junge Advokat von niederer
Herkunft schon zehn Tage, nachdem er zum ersten Male im Hause der
Gemeinen gesprochen, zu einem so ehrenvollen und wichtigen Posten in
einem mit geschickten und erfahrenen Mnnern gefllten Parlamente
ernannt wurde, beweist zur Genge die berlegenheit seines Geistes. In
wenigen Stunden war die Erklrung entworfen und von den Gemeinen
gebilligt. Die Lords nahmen sie ebenfalls mit einigen unwesentlichen
Abnderungen an.[99]

Die Erklrung begann mit einer Aufzhlung der Verbrechen und Fehler,
welche eine Revolution nothwendig gemacht hatten. Jakob habe in das
Gebiet der Gesetzgebung eingegriffen, er habe bescheidenes Petitioniren
als Verbrechen behandelt, habe die Kirche durch ein gesetzwidriges
Tribunal tyrannisirt, habe ohne Zustimmung des Parlaments Steuern
erhoben und in Friedenszeiten ein stehendes Heer unterhalten, habe die
Wahlfreiheit verletzt und den Gang der Rechtspflege willkrlich
abgendert. Handlungen, welche nach dem Gesetz nur vom Parlament
untersucht werden knnten, wren zu Klagobjecten bei der Kings Bench
gemacht worden. Es seien parteiische und bestochene Geschworne ernannt,
von Gefangenen bermig hohe Kautionen verlangt, barbarische und
ungebruchliche Strafen verhngt und das Vermgen von Angeklagten noch
vor ihrer berfhrung anderweitig vergeben worden. Der Mann, unter
dessen Autoritt dies Alles geschehen sei, habe die Regierung
niedergelegt. Der Prinz von Oranien, den Gott zum ruhmvollen Werkzeuge
der Befreiung der Nation von Aberglauben und Tyrannei berufen, habe die
Stnde des Reichs aufgefordert, zusammenzutreten und sich ber die
Sicherung der Religion, des Gesetzes und der Freiheit zu berathen. Nach
stattgefundener Berathung hatten die Lords und die Gemeinen beschlossen,
zuerst nach dem Beispiele ihrer Vorfahren die alten Rechte und
Freiheiten Englands zu besttigen. Es werde demgem erklrt, da die
neuerdings angemate und ausgebte Dispensationsgewalt gesetzlich nicht
bestehe, da der Souverain ohne Bewilligung des Parlaments von dem
Unterthan kein Geld erheben drfe und da ohne Zustimmung des Parlaments
in Friedenszeiten kein stehendes Heer gehalten werden knne. Das
Petitionsrecht der Unterthanen, das Recht der Wahlmnner, die
Volksvertreter nach ihrem freien Ermessen zu whlen, das Recht der
Parlamente auf Freiheit der Discussion und das Recht der Nation auf eine
reine und schonende, dem Geiste ihrer eigenen milden Gesetze
entsprechende Ausbung der Rechtspflege werde feierlich anerkannt und
besttigt. Alle diese Dinge verlange die Convention im Namen der ganzen
Nation als das unbestreitbare Erbtheil der Englnder. Nachdem die Lords
und Gemeinen so die Grundprinzipien der Verfassung gewahrt, htten sie
in dem festen Vertrauen, da der Befreier die von ihm geretteten Gesetze
und Freiheiten heilig halten werde, beschlossen, da Wilhelm und Marie,
Prinz und Prinzessin von Oranien, auf gemeinsame und einzelne Lebenszeit
zum Knig und zur Knigin von England erklrt werden und da whrend der
Dauer ihres gemeinsamen Lebens die Verwaltung der Regierung dem Prinzen
allein zustehen solle. Nach ihnen sollte die Krone der Nachkommenschaft
Mariens, dann der Prinzessin Anna und ihrer Nachkommenschaft, und dann
der Nachkommenschaft Wilhelm's zufallen.

    [Anmerkung 99: +Commons' Journals. Feb. 4, 8, 11, 12.: Lords'
    Journals. Feb. 9, 11, 12. 1688/89.+]


[_Ankunft Mariens._] Inzwischen hatte der Wind aufgehrt, aus Westen zu
wehen. Das Schiff, an dessen Bord sich die Prinzessin von Oranien
befand, lag am 11. Februar auf der Hhe von Margate und am folgenden
Morgen ging es bei Greenwich vor Anker.[100] Marie wurde mit vielen
uerungen der Freude und Zuneigung empfangen; aber ihr Benehmen
verletzte die Tories und wurde selbst von den Whigs nicht fr tadellos
gehalten. Eine junge Frau, welche durch ein so trauriges und
verhngnisvolles Geschick wie das, welches ber den fabelhaften Husern
des Labdacus und Pelops waltete, in eine solche Lage versetzt worden
war, da sie, ohne ihre Pflichten gegen Gott, gegen ihren Gemahl und
gegen ihr Vaterland zu verletzen, sich nicht weigern konnte, den Thron
einzunehmen, von dem so eben ihr Vater herabgestrzt worden war, hatte
betrbt oder wenigstens ernst gestimmt sein sollen. Marie aber war nicht
blos heiter, sondern sogar ausgelassen lustig. Es wurde versichert, sie
habe Whitehall mit einer kindischen Freude darber, da sie nun die
Herrin eines so schnen Schlosses sein sollte, betreten, sei durch alle
Zimmer gelaufen, habe in alle Nebenkabinette geblickt und selbst die
Kissen des Staatsbettes untersucht, ohne, wie es schien, daran zu
denken, wer diese prachtvollen Gemcher zuletzt bewohnt hatte. Burnet,
der sie bis dahin als einen Engel in Menschengestalt betrachtet hatte,
konnte bei dieser Gelegenheit nicht umhin, sie zu tadeln. Er war um so
mehr erstaunt ber ihr Benehmen, da sie an dem Tage, als er im Haag von
ihr Abschied nahm, wenn auch fest berzeugt, da sie den Pfad der
Pflicht ging, doch sehr niedergeschlagen gewesen war. Spter erklrte
sie ihm, als ihrem Gewissensrath, ihr damaliges Benehmen. Wilhelm hatte
ihr geschrieben, da einige von Denen, welche ihr Interesse von dem
seinigen zu trennen versucht hatten, ihre Machinationen noch immer
fortsetzten; sie htten ausgesprengt, da sie sich fr beeintrchtigt
halte, und wenn sie daher ein betrbtes Gesicht zeigte, so wrde dies
dem Gerede Grund geben. Er bat sie daher, bei ihrem ersten Erscheinen
heiter und vergngt auszusehen. Ihr Herz, sagte sie, sei allerdings von
der Heiterkeit weit entfernt gewesen; aber sie habe ihr Mglichstes
gethan und aus Besorgni, da sie eine ihren Gefhlen widerstreitende
Rolle nicht gut werde durchfhren knnen, habe sie dieselbe bertrieben.
Ihr Benehmen rief ganze Riese von Spottschriften in Prosa und in Versen
hervor; sie verlor dadurch in der Meinung einiger Personen, auf deren
Achtung sie Werth legte, und die Welt erfuhr erst, nachdem sie dem
Bereiche des Lobes und des Tadels entrckt war, da das Benehmen, das
ihr den Vorwurf des Leichtsinns und der Gefhllosigkeit zugezogen hatte,
in Wirklichkeit ein seltener Beweis von der vollkommenen
Uneigenntzigkeit und Hingebung war, deren der Mann gar nicht fhig zu
sein scheint und die man nur zuweilen bei dem Weibe findet.[101]

    [Anmerkung 100: +London Gazette, Feb. 14. 1688/89+; Citters,
    12.(22.) Febr.]

    [Anmerkung 101: +Duchess of Marlborough's Vindication+; +Review of
    the Vindication; Burnet, I. 781, 825+, und Dartmouth's Note;
    +Evelyn's Diary, Feb. 21. 1688/89.+]


[_Anbietung und Annahme der Krone._] Am Mittwoch den 13. Februar Morgens
waren der Hof von Whitehall und alle benachbarten Straen mit
Neugierigen angefllt. Das prchtige Bankethaus, das Meisterstck
Inigo's und mit Meisterwerken von Rubens ausgeschmckt, war zu einer
groen Ceremonie hergerichtet. Die Wnde entlang war die Leibgarde
aufgestellt. Zur Rechten unweit des nrdlichen Eingangs hatte sich eine
groe Anzahl Peers versammelt. Zur Linken standen die Gemeinen mit ihrem
Sprecher und dem Sceptertrger. Die sdliche Thr wurde geffnet und der
Prinz und die Prinzessin von Oranien traten zusammen ein und nahmen
unter dem Thronhimmel Platz.

Beide Huser kamen nun mit tiefen Verbeugungen nher. Wilhelm und Marie
gingen ihnen einige Schritte entgegen. Halifax und Powle, jener zur
Rechten, dieser zur Linken, traten vor und Halifax sprach. Die
Convention, sagte er, habe sich zu einem Beschlusse geeinigt, den er
Ihre Hoheiten anzuhren bitte. Sie gaben ihre Einwilligung und der
Schriftfhrer des Oberhauses las mit lauter Stimme die Rechtserklrung
vor. Als er geendet hatte, bat Halifax den Prinzen und die Prinzessin im
Namen aller Stnde des Reichs, die Krone anzunehmen.

Wilhelm antwortete fr sich und seine Gemahlin, da die Krone in ihren
Augen einen um so hheren Werth habe, weil sie ihnen als ein Zeichen des
Vertrauens der Nation angeboten werde. Wir nehmen das, was Sie uns
angeboten haben, dankend an, sagte er, und versicherte dann fr seine
Person, da die Gesetze Englands, die er schon einmal vertheidigt, die
Richtschnur seines Verhaltens sein sollten, da er sich bestreben werde,
das Wohl des Landes zu frdern, da er ber die Mittel und Wege dazu
stets den Rath der beiden Huser einholen und auf ihr Urtheil mehr geben
werde, als auf sein eignes.[102] Diese Worte wurden mit einem
Beifallssturme aufgenommen, den man unten auf den Straen hrte und auf
den alsbald ein tausendstimmiges Hurrah antwortete. Die Lords und
Gemeinen verlieen hierauf unter den gebhrenden Ehrfurchtsbezeigungen
das Bankethaus und begaben sich in feierlichem Zuge nach dem
Haupteingange von Whitehall, wo die Herolde und Staatsboten in ihren
prchtigen Wappenrcken warteten.

    [Anmerkung 102: +Lords' und Commons' Journals, Feb. 14. 1688/89+;
    Citters, 15.(25.) Febr. Citters legt Wilhelm noch strkere
    uerungen von Achtung vor der Autoritt des Parlaments in den
    Mund, als sie in den Protokollen stehen; aus Powle's Reden aber
    ergibt es sich, da die Angabe in den Protokollen nicht ganz
    richtig war.]


[_Wilhelm und Marie werden ausgerufen._] Die ganze Strecke bis Charing
Cro war ein Meer von Kpfen. Die Pauken erdrhnten, die Trompeten
schmetterten und der Wappenknig proklamirte mit lauter Stimme den
Prinzen und die Prinzessin von Oranien als Knig und Knigin von
England, forderte alle Englnder auf, von diesem Augenblicke an den
neuen Souverainen Treue und Gehorsam zu schenken und bat den Himmel, der
schon eine so augenfllige Befreiung unsrer Kirche und unsrer Nation
herbeigefhrt, da er Wilhelm und Marien mit einer langen und
glcklichen Regierung segnen mchte.[103]

    [Anmerkung 103: +London Gazette, Feb. 14. 1688/89; Lords'+ und
    +Commons' Journals, Feb. 13+; Citters, 15.(25.) Febr.; +Evelyn's
    Diary, Feb. 21.+]


[_Eigenthmlicher Character der englischen Revolution._] Die englische
Revolution war somit vollendet. Wenn wir sie mit den Revolutionen
vergleichen, welche whrend der letzten sechzig Jahre so manche
Regierung gestrzt haben, so mu uns ihr eigenthmlicher Character
nothwendig auffallen. Warum dieser Character so eigenthmlich war, ist
leicht zu erklren, scheint aber doch von Lobrednern wie von Tadlern
nicht immer begriffen worden zu sein.

Die festlndischen Revolutionen des achtzehnten und neunzehnten
Jahrhunderts fanden in Lndern statt, wo jede Spur der beschrnkten
Monarchie des Mittelalters lngst verwischt war. Das Recht des Frsten,
Gesetze zu machen und Geld zu erheben, war seit vielen Generationen
nicht bestritten worden. Sein Thron wurde durch ein groes stehendes
Heer beschtzt. Seine Verwaltung konnte ohne die grte Gefahr, selbst
in den wildesten Ausdrcken nicht getadelt werden. Die persnliche
Freiheit seiner Unterthanen hing lediglich von seinem Willen ab. Es gab
keine einzige Institution mehr, die, soweit die ltesten Leute
zurckdenken konnten, den Unterthan gegen die rgsten Excesse der
Tyrannei wirksamen Schutz gewhrt htte. Die groen Rathsversammlungen,
welche ehemals die knigliche Gewalt beschrnkten, waren der
Vergessenheit anheimgefallen. Ihre Zusammensetzung und ihre Privilegien
waren nur noch Alterthumsforschern bekannt. Wir drfen uns daher nicht
wundern, da, wenn es Menschen, die so regiert worden waren, gelang,
einer im Stillen schon seit langer Zeit gehaten Regierung die hchste
Gewalt zu entreien, sie voll ungeduldigen Verlangens waren, zu
zerstren, und unfhig wieder aufzubauen, da jede glnzende Neuerung
sie bezauberte, da sie alle an das alte System erinnernden Titel,
Ceremonien und Ausdrcke verbannten, und da sie, ihrer eigenen
nationalen Vergangenheit und Tradition berdrssig, in den Schriften von
Theoretikern nach Regierungsprinzipien suchten, oder mit unwissender und
widerlicher Affectation die Patrioten von Athen und Rom nachfften. Eben
so wenig drfen wir uns wundern, da auf den heftigen Ausbruch des
revolutionairen Geistes eine nicht minder heftige Reaction folgte und
die Unordnung sofort einen hrteren Despotismus erzeugte als der, aus
dem sie entstanden war.

Wren wir in der nmlichen Lage gewesen, wre Strafford sein
Lieblingsplan Durch gelungen, htte er eine eben so zahlreiche und
wohl disciplinirte Armee gebildet, wie sie Cromwell einige Jahre spter
bildete, htte eine Reihe hnlicher Richtersprche, wie die, welche das
Schatzkammergericht in der Angelegenheit des Schiffsgeldes fllte, das
Recht der Besteuerung des Volks auf die Krone bertragen, htten die
Sternkammer und die Hohe Commission nach wie vor einem Jeden, der seine
Stimme gegen die Regierung zu erheben wagte, mit Geldstrafen belegt,
verstmmelt und eingekerkert, wre die Presse bei uns so vollstndig
geknechtet worden, wie in Wien oder in Neapel, htten unsere Knige
allmlig die ganze gesetzgebende Gewalt an sich gezogen, wren sechs
Generationen von Englndern ohne eine einzige Parlamentssession
vorbergegangen, und htten wir uns dann endlich in einem Augenblicke
wilder Aufwallung gegen unsere Herren erhoben, welch' einen Ausbruch
wrde dies gegeben haben! Mit welch' einem furchtbaren Krachen, das bis
an die entferntesten Enden der Welt gehrt und gefhlt worden wre,
wrde das ganze gewaltige Gebude der menschlichen Gesellschaft
zusammengestrzt sein! Wie viele Tausende von Verbannten, einst die
glcklichsten und gebildetsten Mitglieder dieses groen Volkes, wrden
in den Stdten des Festlandes ihr Brot erbettelt oder in den
ungelichteten Wldern Amerika's in Htten von Baumrinde ein Obdach
gesucht haben! Wie oft wrden wir das Straenpflaster von London zu
Barrikaden aufgethrmt, die Huser von Kugeln zerrissen, die Gassen von
Blut schumend gesehen haben! Wie oft wrden wir selbst in wilder
Leidenschaft von einem Extrem zum andren bergesprungen sein, gegen die
Anarchie im Despotismus Hlfe gesucht haben und durch den Despotismus
wieder zur Anarchie getrieben worden sein! Wie viele Jahre des
Blutvergieens und der Verwirrung wrde es uns gekostet haben, ehe wir
nur die Anfangsgrnde der Staatswissenschaft gelernt htten! Wie viele
kindische Theorien wrden uns getuscht haben! Wie viele rohe und
schlecht erwogene Verfassungen wrden wir aufgerichtet haben, nur um sie
wieder umstrzen zu sehen! Glcklich htten wir uns noch preisen knnen,
wenn eine harte Schule von einem halben Jahrhundert gengt htte, uns
zum Genu der wahren Freiheit tauglich zu machen.

Diesen Calamitten beugte unsre Revolution vor. Sie war eine streng
defensive Revolution und hatte Verjhrung und Legitimitt auf ihrer
Seite. Bei uns, und bei uns allein hatte sich eine beschrnkte Monarchie
des dreizehnten Jahrhunderts unverndert bis ins siebzehnte erhalten.
Unsere parlamentarischen Institutionen standen noch in voller Kraft. Die
Hauptprinzipien unsrer Verfassung waren vortrefflich. Sie waren zwar
nicht frmlich und genau in einer geschriebenen Urkunde festgestellt,
aber sie fanden sich zerstreut in unseren alten, trefflichen Gesetzen,
und, was noch viel wichtiger war, sie hatten seit vier Jahrhunderten in
den Herzen aller Englnder feste Wurzeln gefat. Da ohne Bewilligung
der Vertreter der Nation kein Gesetz gegeben, keine Steuer erhoben,
keine regulaire Armee gehalten, Niemand nach Willkr des Souverains nur
einen Tag in Haft gesetzt und kein Werkzeug der Regierung sich zur
Rechtfertigung wegen der Verletzung eines Rechts auch des geringsten
Unterthanen auf einen kniglichen Befehl berufen konnte: dies waren in
den Augen der Whigs wie der Tories Grundgesetze des Reichs. Ein Land,
das solche Grundgesetze hatte, bedurfte keiner neuen Verfassung.

Aber wenn es auch keiner neuen Verfassung bedurfte, so war es doch klar,
da Vernderungen vorgenommen werden muten. Die schlechte Regierung der
Stuarts und die dadurch erzeugten Unruhen bewiesen hinreichend, da
unsre Verfassung an irgend einer Stelle mangelhaft war, und diesen
Mangel zu entdecken und ihm abzuhelfen, war die Aufgabe der Convention.

Mehrere wichtige Fragen waren noch immer streitig. Unsre Verfassung war
in einer Zeit entstanden, wo die Staatsmnner nicht gewohnt waren,
genaue Definitionen zu machen. Es hatten sich daher fast unmerklich mit
ihren Prinzipien unvereinbare und selbst ihrer Existenz gefhrliche
Anomalien gebildet, welche nach und nach die Kraft der Verjhrung
erworben hatten, weil sie viele Jahre lang keine ernsten Nachtheile
herbeigefhrt. Das Abhlfsmittel fr diese bel bestand darin, da man
die Rechte des Volks in solchen Ausdrcken feststellte, welche allem
Streite ein Ende machten, und da man erklrte, kein Precedenzfall knne
irgend eine Verletzung dieser Rechte entschuldigen.

Wenn dies geschehen war, so konnten unsere Regenten unmglich das Gesetz
noch miverstehen; wenn aber nicht noch etwas Andres geschah, war es
durchaus nicht unwahrscheinlich, da sie es dennoch verletzten. Leider
hatte die Kirche seit langer Zeit die Nation gelehrt, da unter allen
unseren Institutionen die erbliche Monarchie allein gttlich und
unverletzbar sei, da das Recht des Hauses der Gemeinen auf einen
Antheil an der gesetzgebenden Gewalt ein blo menschliches Recht sei,
da aber das Recht des Knigs auf den Gehorsam seines Volks von oben
stamme, da die Magna Charta ein Gesetz sei, das von denen, die es
gemacht htten, wieder aufgehoben werden knne, da aber die Regel,
welche die Prinzen von kniglichem Geblt nach der Erbfolgeordnung auf
den Thron beriefe, gttlichen Ursprungs und da jede dieser Regel
widerstreitende Parlamentsacte null und nichtig sei. Es liegt auf der
Hand, da in einem Staate, wo solche aberglubische Begriffe
vorherrschen, die verfassungsmige Freiheit stets gefhrdet sein mu.
Eine Macht, welche blos als eine menschliche Anordnung betrachtet wird,
kann kein wirksamer Zgel fr eine Macht sein, die fr eine Verordnung
Gottes angesehen wird. Man wird vergebens hoffen, da Gesetze, so
vortrefflich sie auch sein mgen, auf die Dauer einen Knig zgeln
werden, der nach seiner eigenen, wie nach der Meinung eines groen
Theils seines Volks eine ungleich hhere Autoritt besitzt, als jene
Gesetze. Dem Knigstitel diese geheimnivollen Attribute zu nehmen und
das Prinzip festzustellen, da die Knige auf Grund eines Rechtes
regieren, das sich in keiner Weise von dem Rechte unterscheidet, nach
welchem die Freisassen Grafschaftsvertreter whlen, oder die Richter
Verhaftsbefehle ausstellen, war zur Sicherung unserer Freiheiten
durchaus nothwendig.

So hatte die Convention zwei groe Pflichten zu erfllen: erstens die
Grundgesetze des Reichs von aller Zweideutigkeit zu reinigen, und
zweitens aus dem Geiste der Regierenden wie der Regierten die irrige und
verderbliche Meinung auszurotten, da die knigliche Prrogative etwas
Erhabeneres und Geheiligteres sei als jene Grundgesetze. Das erstere
Ziel wurde durch den feierlichen Eingang der Rechtserklrung erreicht,
das andre durch den Beschlu, welcher den Thron fr erledigt erklrte
und Wilhelm und Marien einlud, denselben einzunehmen.

Die Vernderung scheint unbedeutend zu sein. Nicht ein einziges Kleinod
der Krone wurde angetastet, nicht ein einziges neues Recht wurde dem
Volke gegeben. Das ganze englische Recht im Allgemeinen wie im
Besonderen war nach der Ansicht der grten Juristen, wie Holt und
Treby, Maynard und Somers, nach der Revolution noch genau das nmliche
wie vor derselben. Einige streitige Punkte waren nach dem Ausspruche der
besten Juristen entschieden worden und es hatte eine kleine Abweichung
von dem regelmigen Gange der Thronfolge stattgefunden. Dies war Alles,
und es war genug.

Wie unsre Revolution eine Vertheidigung alter Rechte war, so wurde sie
auch mit strenger Beobachtung alter Formalitten vollbracht. Fast in
jedem Worte und Schritte kann man eine tiefe Verehrung der Vergangenheit
erkennen. Die Stnde des Reichs beriethen sich in den alten Hallen und
nach den alten parlamentarischen Regeln. Powle wurde nach der
althergebrachten Form von dem Antragsteller und dem Untersttzer zu
seinem Prsidentenstuhle gefhrt. Der Sceptertrger fhrte die
Abgesandten der Lords an den Tisch der Gemeinen und es wurden die drei
pflichtmigen Verbeugungen gemacht. Die Conferenz wurde mit allen
alterthmlichen Formalitten abgehalten. Auf der einen Seite der Tafel
im gemalten Saale saen die Wortfhrer der Lords bedeckten Hauptes und
in ihren mit Hermelin und Gold besetzten Mnteln. Die Wortfhrer der
Gemeinen standen entblten Hauptes auf der andren Seite. Die Reden
bilden einen fast komischen Contrast gegen die Revolutionsrhetorik jedes
andren Landes. Beide englische Parteien waren darber einig, die alten
constitutionellen berlieferungen des Reichs mit feierlicher
Ehrerbietung zu behandeln. Die Frage war nur, wie diese berlieferungen
zu verstehen seien. Die Vertheidiger der Freiheit sprachen kein Wort von
der natrlichen Gleichheit der Menschen und der unveruerlichen
Souverainett des Volks, von Harmodius oder Timoleon, von Brutus dem
lteren oder Brutus dem Jngeren. Als man ihnen sagte, da die Krone
nach englischem Recht im Augenblicke ihrer Erledigung auf den nchsten
Erben bergehen msse, so erwiederten sie, da nach englischem Rechte
ein lebender Mensch keinen Erben haben knne. Als man ihnen sagte, der
Fall sei noch nie vorgekommen, da der Thron fr erledigt erklrt worden
wre, so legten sie aus den im Tower aufbewahrten Urkunden ein fast
dreihundert Jahr altes Pergament vor, auf welchem in wunderlicher
Schrift und in barbarischem Latein geschrieben stand, da die Stnde des
Reichs den Thron eines treulosen und tyrannischen Plantagenet fr
erledigt erklrt hatten. Als endlich der Streit beigelegt war, wurden
die neuen Herrscher mit dem althergebrachten Geprnge ausgerufen. Der
ganze phantastische Pomp des Heroldwesens war dabei: Clarencieux und
Norroy, Portcullis und Rouge Dragon[104], die Trompeten, die Banner und
die mit Lwen und Lilien gestickten grotesken Wappenrcke. Auch der
Titel Knig von Frankreich, den der Sieger von Cressy sich beigelegt,
wurde von den kniglichen Titulaturen nicht ausgeschlossen. Uns, die wir
das Jahr 1848 erlebt haben, mu es fast als ein Wortmibrauch
erscheinen, da man einer mit so reiflicher berlegung, mit so ruhiger
Besonnenheit und so ngstlicher Beobachtung der herkmmlichen Etikette
bewerkstelligten Vernderung den schrecklichen Namen einer Revolution
giebt.

Und doch war diese Revolution, obgleich die mindest gewaltsame aller
Revolutionen, die wohlthtigste von allen. Sie entschied fr immer die
groe Frage, ob das volksthmliche Element, das sich seit den Zeiten der
Fitzwalter und de Monfort in der englischen Verfassung vorfand, durch
das monarchische Element zerstrt werden, oder ob es sich frei sollte
entwickeln und das vorherrschende werden drfen. Der Kampf zwischen den
beiden Prinzipien war lang, heftig und zweifelhaft gewesen. Er hatte
vier Regierungen hindurch gedauert und hatte Aufstnde, Staatsprozesse,
Rebellionen, Schlachten, Belagerungen, Proscriptionen und Justizmorde
herbeigefhrt. Bald hatte es den Anschein gehabt, als ob die Freiheit,
bald wieder, als ob die Monarchie auf dem Punkte stnde unterzugehen.
Viele Jahre lang war die eine Hlfte der Kraft Englands beschftigt
gewesen, die andre Hlfte zu bekmpfen. Die ausbende Gewalt und die
gesetzgebende Gewalt hatten einander in ihrer Thtigkeit so gehemmt, da
der Staat in Europa fast keine Bedeutung gehabt hatte. Der Wappenknig,
welcher Wilhelm und Marien vor dem Eingange von Whitehall proklamirte,
verkndete sehr wahr, da dieser groe Kampf nun vorber sei, da
vollkommene Einigkeit zwischen dem Throne und dem Parlamente obwalte,
da das so lange abhngige und erniedrigte England wieder eine Macht
ersten Ranges geworden sei, da die alten Gesetze, welche die
Prrogative beschrnkten, hinfro eben so heilig wie die Prrogative
selbst gehalten und bis zu allen ihren Consequenzen durchgefhrt, da
die ausbende Verwaltung in bereinstimmung mit den Ansichten der
Vertreter des Volks geleitet und da keine Reform, welche die beiden
Huser nach reiflicher Erwgung vorschlagen wrden, bei dem Souverain
beharrlichen Widerstand finden werde. Obwohl die Rechtserklrung nichts
zum Gesetz machte, was nicht vorher schon Gesetz gewesen wre, so
enthielt sie doch den Keim des Gesetzes, das dem Dissenter
Religionsfreiheit gab, des Gesetzes, das die Unabhngigkeit der Richter
sicherte, des Gesetzes, das die Dauer der Parlamente beschrnkte, des
Gesetzes, das die Prefreiheit unter den Schutz von Geschwornen stellte,
des Gesetzes, das den Sklavenhandel verbot, des Gesetzes, das den
Religionseid abschaffte, des Gesetzes, das die Katholiken von den
Ausschlieungen von Civilmtern befreite, des Gesetzes, welches das
System der Volksvertretung reformirte, kurz jedes guten Gesetzes, das
seit hundertsechzig Jahren eingefhrt worden ist, wie jeden guten
Gesetzes, das auch fernerhin im Laufe der Seiten zur Frderung des
Gemeinwohls und zur Befriedigung der Wnsche der ffentlichen Meinung
fr nthig befunden werden wird.

Das beste Lob aber, das man der Revolution von 1688 geben kann, ist, das
sie unsre letzte Revolution war. Seit mehreren Generationen hat kein
verstndiger und patriotischer Englnder mehr daran gedacht, sich gegen
die bestehende Regierung aufzulehnen. Alle rechtschaffenen und denkenden
Geister sind der berzeugung, in der sie durch die tgliche Erfahrung
bestrkt werden, da die Mittel, um jede der Verfassung nthige
Verbesserung zu bewirken, von der Verfassung selbst geboten sind.

Unsre gegenwrtige Generation sollte besser als irgend eine die volle
Bedeutung des Widerstandes unserer Vorfahren gegen das Haus Stuart zu
wrdigen vermgen. Rings um uns her wird die Welt von den
Verzweiflungskmpfen groer Nationen erschttert. Regierungen, welche
noch vor Kurzem alle Aussicht auf ein jahrhundertelanges Fortbestehen zu
haben schienen, sind pltzlich erschttert und gestrzt worden. In den
stolzesten Hauptstdten des westlichen Europa ist Brgerblut geflossen.
Alle bsen Leidenschaften, die Gewinnsucht und der Rachedurst, die
Antipathie zwischen den Klassen und zwischen den Stmmen haben sich von
dem Zwange gttlicher und menschlicher Gesetze losgerissen. Furcht und
Angst haben die Stimmen von Millionen verdstert und ihre Herzen
bekmmert. Der Handel ist ins Stocken gerathen und die Industrie gelhmt
worden. Die Reichen sind arm, die Armen noch rmer geworden. Lehren,
welche allen Wissenschaften, allen Knsten und allem Gewerbfleie feind
sind, Lehren, die, wenn sie praktisch angewendet wrden, Alles was
dreiig Jahrhunderte fr die Menschheit gethan haben, vernichten und die
schnsten Gauen Frankreichs und Deutschlands zu eben so wilden Lndern
als Congo oder Patagonien machen wrden, sind auf der Tribne gepredigt
und mit dem Schwerte vertheidigt worden. Europa hat die Unterjochung
durch Barbaren gedroht, im Vergleich mit denen die Barbaren Attila's und
Alboin's aufgeklrt und menschlich waren. Die aufrichtigsten Freunde des
Volks haben mit tiefem Schmerze gestanden, da Interessen, welche
kostbarer als irgend welche politische Rechte sind, auf dem Spiele
stehen, und da es nthig werden knnte, selbst die Freiheit zu opfern,
um die Civilisation zu retten. Whrenddem ist auf unsrer Insel der
regelmige Gang der Regierung nie auch nur einen Tag unterbrochen
worden. Die wenigen schlechten Menschen, denen nach Zgellosigkeit und
Plnderung gelstete, haben nicht den Muth gehabt, nur einen Augenblick
der Kraft einer fest um den angestammten Thron geschaarten Nation zu
trotzen. Und fragt man nach dem Grunde dieses Unterschiedes zwischen uns
und Anderen, so ist die Antwort darauf: weil wir nie das verloren haben,
was Andere mit blinder Hast wieder zu gewinnen suchen. Weil wir im
siebzehnten Jahrhundert eine erhaltende Revolution gehabt haben, darum
haben wir im neunzehnten keine zerstrende Revolution gehabt. Weil wir
inmitten der Knechtschaft Freiheit hatten, darum haben wir inmitten der
Anarchie Ordnung. Fr das Ansehen des Gesetzes, fr die Sicherheit des
Eigenthums, fr die Ruhe unserer Straen und fr das Glck unserer
Familien gebhrt unser Dank nchst Dem, der nach seinem Willen die
Nationen erhebt und zu Boden wirft, dem Langen Parlamente, der
Convention und Wilhelm von Oranien.

    [Anmerkung 104: Bezeichnungen verschiedener Wappenherolde. --Der
    bers.]




Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *
       *       *       *       *       *


Druckfehler und Unregelmssigkeiten

Rechtschreibungsformen wie funfzig : fnfzig, Urtel : Urtheil
und Partein : Parteien sind ungendert. Die Namen Russel und
Russell, Dyckvelt und Dykvelt sind ebenso ungendert (auch
wenn es um die selbe Person handelt). Weitere:

  Geschichtschreiber : Geschichtsschreiber
  Verhaft(s)befehl
  Geschicht(s)schreiber
  angesehen(d)ste


IX. Kapitel

  ihrer mter und Pfrnden entsetzt zu werden  [Pfrnder]
  [Anmerkung 4: ... edited by Blencowe  [Blecnowe]
  welche andere Municipalitten beabchsichtigten  [beasichtigten]
  Er bemhte sich diesen Nachmittag  [be-/bemhte _am Seitenende_]
  um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten
    [ungendert, mgligens Verhaftungsbefehle]
  [Anmerkung 65: Witson's MS.  [ungendert, anderswo Witsen]
  die ihm der spanische Stiefel und die Daumschraube bereitet
    [ungendert, anderswo Daumenschraube]
  [Anmerkung 104: ... welche darber zu entscheiden hat  [enscheiden]
  eine starke Abtheilung derselben nach Cirencester verlegt
    [Circencester]
  oder einen Ersatzmann zu stellen.  [Ersatzman]
  das Schwert an der Seite und Pistolen in den Holstern  [Holftern]
  den 27. November, im Speisesaale des Palastes  [Speisesale]
  ehe ich mich entscheide.[137]  [ _fehlt_]
  hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiser Mann  [relegiser]

X. Kapitel

  in der Gegend des Klosters von Clerkenwell.
    [Clarkenwell, mgligens auch in Macaulays Englisch]
  [Anmerkung 15: +Harl. MS. 255.+]  [Harl;]
  [Anmerkung 37: ... +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+  [21.1688]
  eine prchtige Terrasse angelegt  [Terasse]
  Auch ist es durchaus nicht unmglich, da er reussirt haben wrde
    [ungendert, gewhnliche Form ist ressirt (Fr. russir)]
  Lincoln's Inn Fields und Conventgarden
    [ungendert, rechte Form ist Coventgarden = Covent Garden]
  [Anmerkung 79: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 393.  [Darthmouth's]
  durch die Wichtigkeit der Krisis gerechtfertigt  [gerechfertigt]
  die er mit Nutzen oder mit Ehren bernehmen knne  [knnne]
  da die Mittel um jede der Verfassung nthige Verbesserung  [Mitttel]



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT DER
THRONBESTEIGUNG JAKOB'S DES ZWEITEN***


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Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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     Chief Executive and Director
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