The Project Gutenberg eBook, Das Trottelbuch, by Franz Jung


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Title: Das Trottelbuch


Author: Franz Jung



Release Date: July 12, 2011  [eBook #36718]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TROTTELBUCH***


E-text prepared by Jens Sadowski



Das Trottelbuch

Umschlag und Einbandzeichnung
von _Franz Henseler_, Mnchen


Franz Jung

Das Trottelbuch







Berlin-Wilmersdorf 1918
Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert)




Von Franz Jung erschienen bisher folgende Werke:

Im Verlage der AKTION:

_Sophie_. Ein Roman
_Saul_. Ein Drama
_Opferung_. Ein Roman
_Flucht aus der Welt_. Ein Roman.

Im Verlage Weibach, Heidelberg:

_Kameraden . . .!_ Ein Roman.




Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1918 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf.
Dieses Werk wurde gedruckt von H. Klppel, Quedlinburg.




Inhalt

Trottel. Eine programmatische Einleitung
Der Weg ber den Berg
Die Erlebnisse der Emma Schnalke
Der tolle Nikolaus






Trottel


      Eine programmatische Einleitung


Um einen Tisch des Caf du Dme saen mehrere Herren. Eine Frau schritt
drauen am Fenster vorbei.

Sie hatten sie alle gekannt, und einige kannten sie noch.

Einer las vor:

Zwei junge Burschen stolpern aus einer Vorstadtkneipe in die Nacht.
Blutjunge Burschen und sehr betrunken.

Sie schlagen das Pflaster mit ihren Stcken, sie johlen, krmmen sich vor
Lachen, und sie schleppen die schwergewordenen Fe hinter sich her, da
sie von fern wie hinkende Greise erscheinen.

Eine Katze huscht ber den Weg.

Die Betrunkenen bleiben stehen, die Lssigkeit ist aus ihren Gliedern
gewichen, ein Rausch ballt sich zusammen. Sie jagen dem Tier nach,
verstellen den Weg, sie schlagen mit ihren Stcken -- -- als ob das Tier
schuld wre an ihrer Jugend und ihrer Betrunkenheit, so schlagen sie.

Die Katze hlt einen Baum an der Strae umkrallt und windet sich mit
letzter Kraft hinauf.

Die Burschen halten keuchend inne.

Das Tier ist fast aus dem Bereich ihrer Stcke, da holt der eine nochmals
zum Schlag aus und trifft . . . . trifft das Rckgrat . . .

Das Tier wendet den Kopf und starrt durch die Nacht -- starrt -- und
gleitet dann -- ruckweise -- den Stamm herunter.

Die beiden haben sich dann ohne Gru getrennt.

Einer warf ein:

Aber in jener Nacht schliefen sie nicht. Die Krallen gruben sich in ihr
Hirn und lsten Krampf und Zuckungen aus.

Als niemand etwas sagte, fgte er schchtern hinzu:

Wenigstens bei einem . . .

Da lachten sie alle.

Pltzlich sagte wieder einer:

Ihr erinnert euch, ich sah sie einmal mit einem Commis oder Offizier oder
sowas im Caf. Ich ging damals an ihren Tisch und sagte: Du . . . du gehst
nicht mit dem . . . komm. Ihr wit, da sie damals zu mir kam. Wir gingen
in eine Kirche. Sie weinte. Es war sehr peinlich. Neulich war ich wieder in
dieser Kirche, ich sah sie wieder vor mir . . . ich knnte mich heute
ohrfeigen.

Sie nickten alle zustimmend.

Wenn ich damals an den vertrottelten Major geschrieben htte . . . sagte
einer.

Der andere las wieder vor:

Kann ich dafr, da in Montmartre die Lichter stechen, kann ich dafr
. . .?

Hr auf, du zerreit mich, bitte . . . bitte . . du -- du --

Weiter raste der Tanz.

Bleib bei mir. Komm, mich friert hier.

La nur, Kleiner.

Du . . . es war ein Schrei.

Ein Lcheln antwortet.

Aber er liest eine Bitte um Verzeihung heraus und nickt.

Das Weib rast und spiegelt sich in den Blicken aller.

Weiter. Rausch. Schreie. Violinen.

Er richtet sich auf, ballt die Faust, schreit: Komm . . . 

Ein Ri klafft in dem Taumel.

Haha . . aber sie geht mit ihm.

Der Freund ging mit ihnen. Sie waren nie allein, in ihrer Mansarde wohnten
viele Freunde.

Schnee lag auf den Dchern und taute, da das Wasser in die Kammer tropfte.

Er umkrallte die Hand des Freundes: Wir haben zu shnen, ich will ihr die
Ruhe geben.

Und verlasse mich . . hhnte der andere ihm nach.

Ich habe bereits alles auf mich genommen . . bat er wieder.

Es war eine wundervolle Nacht, warf sie ein.

Nein, heulte der eine.

Sie lachte. Ich hatte mich danach gesehnt . . . und gleich alle drei
. .

Du wirst noch Orangen verkaufen, dachte der Freund. (Und der Vorleser
lchelte selbstgefllig.)

Als ihr mich nahmt, war ich so befreit . .

Du warst rein, brllte der eine. Oh ich Schuft, aber ich werde dich noch
. .

Du blder Hund.

Du. Du weit, wie ich dich liebe.

Sie wies mit einer Bewegung der Hand auf den Schnee ber ihrem Fenster.

Schweigen.

Er starrte sie mit fiebernden Blicken an. Verflucht, dachte der andere,
soll ich ihn halten?

Gut . . . schrie der, aber dann . . . Er schwang sich hinaus.

Ein Zucken ging ber ihr Gesicht, sie rang in sich etwas nieder. Der Freund
sa regungslos.

Von drauen kam ein Kratzen und Schrfen. Dann ein Poltern, ein Schrei oder
ein Lachen oder ein Wimmern --

Man sah einen Ring ber dem Dachrand zittern und brechen.

Der Freund sa regungslos.

In ihren Zgen lag ein Leuchten, ein Flackern, eine Flamme, eine
Erstarrung, ihr Leben ballte sich zusammen. Sie sah den Freund ihr
gegenber beschmutzt, stinkend, schamlos in seiner Ohnmacht und Bestrzung.

Dann zupfte sie den anderen am Rock und wrgte lchelnd heraus: Zwanzig
Franken mu er noch haben.

Der Freund rusperte sich, er war erlst.

Dann gingen sie.

Man schwieg eine Zeitlang am Tisch.

Dann setzte einer schnell, wie um den anderen zuvorzukommen, hinzu: Zwei
Freunde treffen sich in London. Der eine schwrmte: Ich habe ein Weib
gefunden. Krampf und Zuckungen. Ich will den Rhythmus ihrer Liebe suchen.

Der andere lchelt und sagt: Dann mut du ihr mehr zu saufen geben.

Whrend sie noch so sprachen, trat die Frau am Arm eines Fremden ins Caf
und schritt an ihrem Tisch vorbei.

Die Herren standen auf und verbeugten sich.

Sie trug eine entzckende Robe, und der Fremde sah aus wie ein russischer
Grofrst. Vielleicht, da in seinem Hemd Brillanten funkelten. Auch
tranken die beiden Gott wei was fr teure Sachen.

Die Herren htten viel darum gegeben, wenn sie etwas von der Unterhaltung
der beiden gehrt htten.

Sie hrten aber nichts und machten nur die Wahrnehmung, da beide sehr
zufrieden aussahen.

Er sog lchelnd an einer sicherlich exquisiten Zigarette, und sie fhrte
von Zeit zu Zeit bedchtig das Glas an den Mund . . . .

Am Tische der Herren fing schlielich einer wieder etwas zu lesen an.




Der Weg ber den Berg


      (In drei Etappen)





Der 50. Geburtstag


Frau Psel feierte ihren 50. Geburtstag.

Frau Psel wartete in einem Garten mit ihrer Tochter, der Frau Knig, zwei
volle Stunden auf Herrn Knig, der unter dem Vorwande, einen Bekannten
aufzusuchen, sich vom Tisch entfernt hatte und wahrscheinlich in einer
Kneipe nebenan ein Wiedersehen bego.

Du httest ihn erst gar nicht gehen lassen sollen, brummte die Alte.

Die Tochter kniff die Augen zusammen und schien mit Trnen zu kmpfen.

Nu ja, besnftigte die Mutter, vertragen mt ihr euch schon. Fr dich
ist es schwer. Sie seufzte tief auf.

Da kam Herr Knig.

Er kam tnzelnden Schrittes, machte eine tiefe Verbeugung und rief lustig:
Guten Taaaag!

Wirklich ein fescher Kerl. So ein Schlingel -- -- dachte die Alte und bekam
einen dicken, feuerroten Kopf. Dann schrie sie: So treibst du's wieder, du
besoffner Lump.

Herr Knig mhte sich, einen Zusammenhang zu finden.

So mu alles zu Grunde gehen, jammerte seine Frau und beobachtete dabei
einen Nebentisch, an dem irgend etwas vorgehen mute, was Herr Knig nicht
sehen konnte.

Herr Knig blieb vorderhand ganz ruhig und setzte sich. Donnerwetter,
dachte er, und immer leiser: Donnerwetter, die paar Glas Bier und so. Aber
es wurmte ihn.

Die Alte redete weiter:

Da du dich auch gar nicht halten kannst. Gleich wieder den verfluchten
Fusel. Sie wischte sich den Schwei von der Stirn.

Du siehst doch, wie sich die Mutter grmt, warf die andere ein und hatte
Verachtung im Blick.

Frau Psel weinte. Dann sagte sie sanft:

Willst du hier etwas essen?

Nein.

Aber i doch, lieber Junge. Wie nett du aussiehst in dem neuen Hut . . .

Fritz, so i doch was.

Halt die Fresse.

Herr Knig schlug auf den Tisch.

Ja, was ist denn -- -- vertragt euch doch, Kinder.

Frau Psel zitterte.

Die andere lachte auf.

La ihn doch, er ist ja besoffen.

Was!? Das sollst du ben. Warte nur . . .

Aber Kinder . . .

Das geht mir doch zu weit, oh warte. . .

Er keuchte vor innerer Erregung.

Sie hat es doch nicht so gemeint.

Oh die -- das mu sein, er schnappte mit der Stimme ber.

Alle Leute werden ja auf euch aufmerksam, flehte Frau Psel. Sie war
leichenbla.

Die andere ri die Augen weit auf, zog die Schultern automatisch ruckweise
rauf und runter und stie schrille, pfeifende Schreie aus.

Die Alte hielt sie.

Um Gotteswillen, was ist dir denn?

Der da -- der da -- der da -- sie schrie weiter.

Er strzte mit erhobener Faust auf sie zu.

Sie hat wieder was, die Komdie, Aas verfluchtes.

Die umsitzenden Leute lachten. Ein Kellner sagte zu jemandem: Was geht das
Sie an . . .

Frau Psel rang die Hnde und stotterte vor sich hin: Was ist denn los um
Gotteswillen. Ein entsetzlicher Gedanke fuhr ihr durch den Kopf: Wenn mich
hier jemand kennt, um Gotteswillen, der Psel. Dann schrie sie ihren
Schwiegersohn an: Dich kenn' ich jetzt.

Herr Knig war starr. Er nahm seinen Hut und ging hinaus.

Was ist denn, Kind? jammerte die Alte.

Die junge Frau stand hastig auf.

Mutter, er geht. Geh schnell.

Frau Psel lief hinaus und erwischte ihn noch an der Straenecke.

Wo willst du denn hin? Sei doch vernnftig.

Ich kann das Frauenzimmer nicht mehr sehen.

Sie kam hinzu.

Was hab ich dir denn getan?

Sie weinte noch leise.

Ich will nicht mehr. Schlu. Immer dasselbe.

Sprich doch nicht so . . .

So vershnt euch doch, Kinder. Was mu ich mit euch noch alles erleben.
Sie sah vllig gebrochen aus.

Mit Kerlen treibt sie sich rum und alles so, und wenn ich dann . . .

Aber es hat ja niemand etwas gesagt, mischte sich die Alte wieder hinein.

Ich will nicht! Er schrie so laut, da die Passanten stehen blieben.

Frau Knig sah hilflos unschuldig aus. Sie schaute zu ihm auf und schien zu
flehen: Siehst du, so bin ich. Nimm mich doch.

Aber er hrte nichts. Er freute sich, da ihm Unrecht geschah und fhlte,
wie ein reiender Strom sie von seiner Seite fortri und entfhrte.

Die Frauen faten ihn unter den Arm und lchelten.

Er merkte, da er mde war, und da es vielleicht besser wre, jetzt alles
gut sein zu lassen, aber er ri sich mit einem Ruck los, da Frau Psel
unter den Stand eines Obsthndlers rollte. Er sprang auf eine
vorbeifahrende Tram und fuhr davon. Zu seiner Enttuschung mute er sich
eingestehen, da niemand hinter ihm her schrie.

Abends auf der Heimfahrt sagte er zu seiner Frau:

Eigentlich haben wir nichts erreicht. Mit dem Pump wird es wohl jetzt
nichts werden.

Siehst du, die Mutter ist nicht mal mit auf die Bahn gekommen, schmollte
sie, du bist auch immer so aufgeregt . . .

Er grbelte: Ob sie es wei, da sie mich betrogen hat, und weiter: aber
der alten Kupplerin htte ich es mal richtig geben sollen, und spter: wenn
wir nur erst allein wren . . . Sie hatten sechs Stunden zu fahren.

Als sie dann im Abteil allein waren, kten sie sich.




Nchtliche Szene


Gegen drei Uhr nachts stolperte der junge Bittner die Treppe zu seiner
Dachwohnung hinauf. In dem drftig ausgestatteten Zimmer brannte noch die
Lampe. Die Anna Zpfel lag angekleidet auf dem Bett und schlief.

So -- schrie er, hab ich dich erwischt!

Er rttelte sie am Arm. Sie wachte auf und rieb sich die Augen.

Kommst du erst jetzt? Ich bin so mde. Mich friert.

Was! Du -- du, du willst mir Vorwrfe machen? du --?? Er schrie, da sie
erschreckt sich aufrichtete. Du -- h, wo warst du denn? h!?

Sie stammelte: Ja, was soll das?

Ah, ich habe es geahnt, ich wei.

Er ging im Zimmer auf und ab.

Ich habe dich auf den Knieen gebeten, beherrsch' dich, ruiniere mich nicht
durch deine Unberlegtheit und Dummheit.

Was hab ich denn aber getan?

Es war nur mehr ein leises Wimmern.

Nichts von heute und gestern. Aber es frit. Wei ich -- vielleicht vor
einem Jahr und vor Wochen, alles das Kleine, die Verzeihungen . . . Er
schnappte nach Luft.

Da merkte sie, da er betrunken war und sagte leise:

Geh doch jetzt schlafen.

Er lie sich neben sie nieder, ballte die Faust.

Du hast alle gegen mich ausgespielt, ich bin allein, verlacht, du hast
mich zerrieben -- zwischen Steinen, getreten, bespieen und immer noch
geschworen, du httest mich lieb.

Sie starrte ihn verngstigt an. Er umspannte ihr Gelenk.

Ich habe keine Ruhe mehr, ich bin krank, matt -- oh du!

Er krallte sich tiefer ein. Sie fing an zu jammern.

Ich hab doch auf dich gewartet.

Warte nur, du Aas! Er zog eine Fresse und kniff die Augen zusammen.

Sieh nur, wie verndert du sprichst, hhnte er.

Sie weinte. Dann ri sie sich los und schrie: La mich!

Die Haare hatten sich gelst, die Miene war straff und hart. Er krallte
sich tiefer ein.

Sie heulte auf wie ein verwundetes Tier und suchte sich seiner mit den
Fen zu erwehren.

Da schlug er sie.

Er schlug mitten hinein ins Gesicht, ruckweise, berlegen, wie ein Schtze,
der ins Schwarze zielt.

Ihre Augen zuckten. Immer neue und fremde Gesichter sah er erstehen, und in
jedes schlug er sie.

Er fhlte, da er manchen Vorgnger zu tten htte.

Immer wieder, maschinenmig.

Es wurde fr Sekunden totenstill. Dann gellten Schreie, kalt, wie hinter
dem eigentlich Menschlichen, sie bohren, fressen. Schreie. Sie stand mitten
im Zimmer, das Gesicht verzerrt, schrie. Der Schwei rann ihm von der
Stirn, er strzte ihr nach, sprach auf sie ein. Er ri an den
krampfzitternden Wangen und kte sie. Die Schreie lsten sich in ein
monotones Heulen auf. Er ging wieder zitternd auf und ab.

Unter ihnen wurde geklopft, im Hause gingen Tren, Stimmen wurden laut.

Sei doch wenigstens jetzt still -- flsterte er.

Seine Annherung peitschte ihre Sinne, sie schrie wilder, stoender.

Es klopfte an der Tr. Hausgenossen lugten scheu herein.

Er brummte etwas von einem Anfall, Hysterie.

Der im zweiten Stock wohnende Trambahnschaffner schrie ihn an: Sehn Sie
denn nicht, da die Frau krank ist!?

Das Blut rann aus ihren Kratzwunden.

Einige Weiber sprachen ihr gut zu und gaben ihr Wasser. Eine streichelte
ihr Haar.

Anna beruhigte sich langsam.

Einer brummte etwas von Skandal und gebildete Leute sein, die Frauen
warfen auf Bittner giftige Blicke.

Dann gingen sie.

Er sa am Bettrand und murmelte vor sich hin: So weit ist es also
gekommen. Alles hat sie sich vernichtet. So weit. Dann wurde es wieder
eine ganze Weile still.

Sie stand in einer Ecke und weinte leise.

Er dachte: Das arme Ding. So dumm und unberlegt. Soll ich wieder gut sein
oder ihr an die Gurgel fahren -- fr das alles wieder --

Und whrend er noch so grbelte, ging er zur Tr hinaus. Langsam tastete er
die dunkle Treppe wieder hinunter, er hrte die Ketten hinter sich
nachschleifen.

Eigentlich bin ich dumm, fhlte er, ich htte mich vershnen sollen, wenn
auch -- und so. Und morgen wird uns der Wirt rauswerfen. Schlielich ist
sie doch auch schwanger. Zu dumm.

Langsam sperrte er das Tor wieder auf und ging schleppenden Schrittes in
die Nacht hinaus.

Ab und zu fuhr er zusammen. Ein Auto jagte vorber. Wenn er jetzt darunter
lge. Es schrie jemand.

Er schleppte sich weiter. Durch endlose Straen, Schritt fr Schritt. Er
dachte nichts mehr. Zuweilen noch zuckte es in ihm nach und polterte dumpf.




Josef


Sie zankten sich.

Er erklrte ihr, da er sie im allgemeinen nicht ernst nehme, da er ihre
Erregung irgendeiner Krankheit zuschreiben msse, es wre ihm im brigen
auch gleichgltig und so.

Sie schrie ihn an: Pack dich!

Dann bekam sie einen feuerroten Kopf.

Du blder Einfaltspinsel! Sie spuckte aus.

Er entgegnete ruhig: Du wirst dich beherrschen mssen.

Aber in seinen Worten zitterte etwas Geheimes, Verstecktes, Lauerndes.

Er sagte: Wenn du die Sache satt hast, so geh'.

Sie lachte gereizt: Das willst du mir sagen, du -- aber warte! Sie zerri
eine Photographie und warf ihm die Stcke vor die Fe.

So -- sie spuckte wieder aus -- ich geh'!

Dann lief sie dem Haus zu.

Er setzte sich in die Laube und dachte:

Was ist eigentlich, warum der Streit? Er versuchte sich der Vorgnge zu
erinnern, ich habe sie zwar gescholten -- vorhin -- wegen der Bemerkungen
-- aber sie sah mich so feindselig an -- ja, wieso eigentlich?

In der Laube sa Josef.

Er achtete nicht auf ihn.

Josef war der kleine Sohn des Wirtes und auf einer Seite gelhmt. Er fuhr
mit dem Finger die Tischritzen entlang und stie kurze Schreie aus.

Der Mann achtete nicht auf ihn. Er dachte weiter: Da unten liegt sicher
mein Bild, was wird sie tun? Was soll das alles? -- Er sah sich Jahre
zurck, wie er sie liebte, wie er bebte und getroffen wurde. Und
schlielich ist sie mit mir verwachsen, fhlte er. Vielleicht ist sie auch
ber mich hinaus -- er erschrak.

Eine peinigende Angst befiel ihn.

Nein -- zitterte es in ihm -- mit dieser Behandlung ist es nichts. Soll ich
ihr nach, sie kssen, um Verzeihung bitten wie frher -- oder still sein?

Rasender Schmerz fra an ihm.

Er fhlte pltzlich, wie tief er Josef hate.

Was tut er hier, warum schlgt man ein solches Vieh nicht tot? Nur zum Ekel
lebt er.

Er hrte ihre Stimme. Sie stand in einem Kreis von Leuten und schien sehr
erregt. Sie schrie und weinte und lachte dann wieder auf.

Josef humpelte scheu aus der Laube heraus.

Ein kleines Mdchen sammelte Steine in einen Schubkarren.

Josef zeigte auf die Steine und schrie.

Das Mdchen lachte und fragte ihn etwas.

In der Luft lag Milde. Die Sonne brannte. An den Kirschbumen waren die
ersten Blten.

Josef stand mit gesenktem Kopf und lauschte. Dann schleppte er das eine
Bein nach und drehte sich auf dem anderen langsam herum.

Josef tanzte.

Die Gartentr fiel ins Schlo.

Der Mann in der Laube fuhr auf. Wenn sie jetzt geht -- dachte er, mag sie
mich wieder verleumdet haben, bespieen, alles wieder breitgetreten -- vor
den Leuten da, es ist gleich, ganz gleich, und es rang sich etwas empor in
ihm, gewaltsam, es war fr ihn schon zu spt, darber klar zu werden, er
schrie verzweifelt: Du -- du --

Aber es klang hart und rauh und befehlend.

Er schrak zusammen, gestand sich, da es so weich und mild htte klingen
sollen.

Es war zu spt.

Doch er fhlte sofort: Nein, nicht zu spt. Sie wird wiederkommen,
vielleicht wird es doch wirken. Sie wird sich damit beschftigen. Ich werde
sie dann prgeln -- wie frher, als sie auf dem Boden lag und ich ihr den
Ha aus den Augen schlug. Sie braucht das. Was tut's, ich verliere einige
Stunden, was tut's.

Eine qulende Unruhe hatte ihn erfat.

Er rief den Wirt und wies lachend auf Josef. Auch der Wirt lachte. Dann
ging er zu seinem Sohn und fate ihn grob am Arm.

Was tust du hier, h? Habe ich dir nicht verboten . . . !?

Josef hing regungslos in der Faust des Vaters.

Er gab keinen Laut von sich, als man ihn in seine Bodenkammer schleppte.

Der Mann ging im Garten auf und ab.

Ich werde sie doch anders behandeln, dachte er, mehr nach auen, mit Liebe.
Wenn sie kommt, werde ich vielleicht vorerst gut zu ihr sein.

Er wurde zufrieden und lchelte. Die Stcke seines Bildes hob er auf und
verwahrte sie in seiner Brusttasche. Sie wird sich freuen, fhlte er.

Das Mdchen sammelte weiter Steine.

Ab und zu erschien Josef in der Dachluke und stie schrille, pfeifende
Schreie aus.

Es klang wie der Schrei wandernder Affen im Urwald.

Der Wirt bediente lchelnd seine Gste. Wenn man ihn totschlagen knnte,
dieses Rabenaas, knurrte er, und bediente lchelnd weiter.

Sptabends kam sie heim.

Er sa im Zimmer und wartete.

Sie beobachtete ihn lauernd und sagte schnell: Weit du, wen ich getroffen
habe, den T. Es war riesig nett.

La nur. Eigentlich wollte ich mit dir noch fortgehen, aber jetzt . . .

Ach ja. Er wird noch warten -- im Caf -- er wute ja nicht . . fgte sie
schelmisch hinzu.

Er stimmte traurig zu. Eine bohrende Angst qulte ihn.

Nur keine weiteren Worte, fhlte er, und wie gehetzt erzhlte er von Josef,
dem Tanz und dem Wirt und nannte ihn irgendwie.

Seine Worte bekamen Wrde, da sie erstaunt zu ihm aufsah. Dann schritten
sie schweigend durch die Nacht.




Die Erlebnisse der Emma Schnalke


      (Nach einem Kouplet: . . . . Der Liebe Glck und Seligkeit . . . .)





I.


Die Person, um die es sich hier hauptschlich handelt, heit Emma Schnalke.
Oder auch anders. Das hat nichts zu sagen. Mit vierzehn Jahren wurde sie
auf die Strae gesetzt. In rascher Aufeinanderfolge war sie bei einem
Zahnarzt, in einem Konfektionsgeschft, Beerdigungsinstitut, Friseurladen,
Schirmgeschft, im Chor eines Operettentheaters. Es gefiel ihr nichts.

Die Mnner, die ihr auf dem nchtlichen Heimwege vom Tanzlokal in die Augen
sahen, erschraken und gestanden sich enttuscht: Es ist nichts. Sie sucht
etwas.

Gern war sie mit lteren Leuten zusammen. Sie log ihnen ein Dirnenleben
vor.

Mit 16 Jahren kam ein Rausch ber sie, der sie erhob und entzckte. Ein
Schler brachte sie zur Kunstschule und zeigte sie den Professoren.

Sie huschte durch die Sle und tanzte und jubelte, und wohin sie kam, war
ein Aufleuchten. Wie etwas Neues, Fernes, das zu ihnen gekommen war, das
alle erstaunte und wiederum auch war wie etwas, das alle erwartet hatten.
So huschte sie durch die Sle und war ihnen bei jeder Arbeit dabei.

Oft sa sie auf einem zierlich gezumten Ro, mit Schellen und Trotteln,
als Edelfrulein, den Jagdfalken auf der Hand. Dann war es, als ob allen
eine Erscheinung aufginge, es kam etwas Erhabenes in diese jungen Kpfe,
und der jngere der Professoren ging manchmal an den Steigbgel, hob sie
herab und drckte ihr einen scheuen Ku auf die Stirn.

Nach solchen Tagen schritt sie taumelnd durch die Straen, mit schlottrigen
Kleidern, eine Nachtwandlerin, oder sa an den Ufern des Flusses und griff
nach den Lichtfetzen, die die Strahlen der Bogenlampen ins Wasser rissen.

Keiner wagte es auszusprechen, was alle fhlten. Knstler waren wohl kaum
darunter. Indessen, diese jungen Leute waren sich bewut, einen vom
alltglich brgerlichen etwas abweichenden Standpunkt einnehmen zu mssen,
auch in den uerungen ihres Gefhlslebens, und sie mhten sich darum. Sie
waren ihr dankbar, da sie ihnen gleichsam die Gelegenheit bot, ihre
Zugehrigkeit zur Kunst zu empfinden und vor sich selbst zur Schau zu
tragen.

Ein Flackern kam in ihre Augen, und mancher krmmte sich wie unter einem
Spott. Es war wie eine geheime Abmachung unter ihnen, ein Schauer, der
jeden gefangen hielt, der die groteske Tragdie eines schal gewordenen
Mrchens mitanzusehen gezwungen war. Es ghrte in diesen Kpfen, eine Wut
stieg auf und ein Begehren, wenn die Straenmodelle den Saal verlassen
hatten.

Manchmal sa sie nackt auf dem Pferde, und Bume waren rings herum
aufgestellt, die mithelfen sollten, die Idee einer lngst verbrauchten
Romantik in die Wirklichkeit umzusetzen. Es blieb ein Torso, und sie litten
darunter. Ihre Kraft erlahmte, und ihre Kunst ging weit, weit fort. Aber
sie schwiegen.

Unter den vielen war einer, der rang mit sich in manchen Nchten, und sein
heies Blut schrie.

Der Rausch und die Ruhe begann zu schwinden, der Blick wurde beseelt und
bewut, und einer, der drauen vor der Stadt das Gurren der Tauben vernahm,
schlug sich vor die Stirn: er kannte es wieder.

Aufregung hatte sich aller bemchtigt, mit dem schwindenden Rausch entwand
sie sich ihnen.

Es gab keine Mrchen mehr.

Einmal kam der ltere der Professoren zu seinem Kollegen und fragte: Der
H. hat mir erzhlt, du willst heiraten?

Der andere schwieg.

Die v. B.?

Minuten des Schweigens verstrichen.

Und deine Kunst? Sein Gesicht verzerrte sich, als wollte ein Pfui sich
durchringen.

Der andere beschwor ihn. Dann sprudelte es hervor. Seine Liebe zur Katze,
seine Qualen, seine Gesichte, das Heilige, und seine ngste um seine Kunst
und um seine Professur -- -- Aber er wrde sie zu sich nehmen -- Es klang
immer bestimmter, je lnger er sprach.

Der Alte drckte ihm die Hand, dann redeten sie mit ernsten Mienen lngere
Zeit, und etwas Sieghaftes lag in ihren Augen.

Es klopfte: -- die Katze.

Verlegenheit war um sie, schwand bald, und es klang herausfordernd:

Ich habe eigentlich eine kleine Bitte, ich mchte gern 100 Mark geborgt
haben, ich will etwas ins Gebirge fahren.

Der Alte zeigte auf den anderen:

Wende dich an ihn -- und mit bedeutungsvollem Lcheln ging er hinaus.

Es wrgte in dem anderen, Trauer und Angst, ein Fremdes, Dumpfes bedrckte
ihn. Eine Sekunde lang stieg alles Liebe und Herzliche in ihm auf:

Du -- (er zwang sich) -- willst fortfahren?

Ja -- mit dem Kapellmeister, du weit -- Eine kleine Spritztour.

Noch einmal versuchte er ihre Seele zu ketten, all' seinen Schmerz
konzentrierte er auf ein ses, tiefes -- Du --, das er im Innern fhlte.
Er rang und griff, aber griff ins Leere. Dann ging er langsam zum Sekretr
und nestelte umstndlich an einer Kassette.

Die Bewegungen waren seltsam gezwungen, ihre Augen blieben stumpf und
verschleiert. Eine Lge war im Zimmer.

Hier hast du -- -- Wann sehen wir uns wieder?

Danke schn. Nchste Woche --

Dann klang es hart: Ich brauche dich zu einer Magdalena.

Ja, ja -- Sie huschte hinaus.




II.


Wochen vergingen, es wurde Winter. In die Kunstschule ging sie nicht mehr.
Allabendlich stand sie vor dem Varit und wartete auf ihre Gesellschaft.
Der Kapellmeister, zwei Sngerinnen und ein Kraftmensch. Dieser entzckte
die ganze Stadt, wenn er einen Wagen mit vier Insassen auf dem Nacken trug
oder mit Kanonen balanzierte.

Er war der Schwarm verheirateter Frauen.

Er schleppte sie durch die Cafhuser und Bars, begleitet in
ehrfurchtsvollem Abstande von Studenten, Kommis, Kellnern und Nachtmdchen.
Oft saen sie in grerer Gesellschaft in den Separs der Hotels, es wurde
Wein getrunken, Musik gemacht und getanzt.

Mitunter verirrte sich auch ein Knstler unter die Gesellschaft. Meistens
blieben sie aber allein. Sie sa zitternd mitten drin, wie ein flgellahmer
Vogel, nur ihre Augen flackerten Sehnsucht und heies Begehren.

Man wute in diesen Kreisen nie, was morgen war, und immer trennte man sich
in der Besorgnis, die eine se Erwartung war, sich nicht mehr
wiederzusehen.

Jeweilig zwei Tage vor seinem letzten Auftreten in irgendeiner Stadt
pflegte der Athlet seinen Geburtstag zu feiern. Dann ging es hoch her. Die
Katze sa unter all' dem lrmenden Volk an seiner Seite. Sie zitterte und
ertappte sich dabei, wie sie irgendeine lppische Redensart, die gerade am
Tisch gefallen war, immer wieder vor sich hersprach. Sie frchtete sich,
aber die Stimmung ri sie mit fort. Die Blumenarrangements, die ihm von den
Frauen auf die Bhne geschickt worden waren, schmckten die Tafel, die
zahllosen Einladungen zu Dmmerstunden und Soupers, die sie immer wieder in
die Hand nahm und durchlas, der Wein, die Lichter -- kurz, es kam ein
roher, plumper Ton in ihren Verkehr, sie scherzte mit ihm. Sie hatte ihre
Haare zu einem Knoten zusammengebunden und eine rote Sammetkappe
darbergestlpt. Ihre Bewegungen bekamen etwas gewollt Unfertiges und
Kindliches.

So sa sie unter den Betrunkenen, und eine qualvolle Unruhe bedrckte sie.
Oft lachte sie pltzlich laut auf oder kte den Athleten und drckte sich
an ihn oder erinnerte sich irgendeines fernstehenden Menschens, der ihr ein
lieber Bruder und Fhrer htte sein knnen. Wenn der da wre, dachte sie
manchmal, der oder auch der -- Warum ist niemand da? -- Vielleicht gerade
heute -- --

In manchen Augenblicken fhlte sie etwas Verfehltes in sich, ein
Nichtzuendekommen, Ha stieg in ihr auf, und sie warf sich dem Athleten an
die Brust oder streichelte seine Fleischerhnde.

Sie wurde betrunken, die Augen funkelten.

Da nahm er sie an der Hand und fhrte sie hinaus. Drinnen johlten die
anderen. Er trug sie in sein Zimmer und kte sie. Die Lichter verlschten.
Der Lrm kam aus weiter Ferne und drang nicht mehr zu ihnen. Ab und zu
hrte man ein Schlrfen, verwischte Laute sich entfernender Stimmen, ein
letztes Poltern.

Die Stunden waren bitter, da er mit ihrer Seele rang, aber sie wurde blind
-- vor dem Tier, das vor ihr winselte und bettelte.

Wozu? Der Lwe und die Katze -- -- fhlte sie.

So nahm er sie.

Es folgten Tage wie Feuerbrnde und die Stunden des ersten Erwachens. Sie
schlug ihn blutig. Er fesselte sie an den Bettpfosten. Und immer stand sein
Diener Bill, der abends die Gewichte schleppte, dabei, unbeweglich,
lauernd, immer bereit, alle Wnsche zu erfllen und die Befehle seines
Herrn sofort zu vollziehn.

So erkannte sie sich wieder und die Erinnerung kam. Sie reisten ab. Sie
wohnte bei seinen Eltern, und er nannte sie seine Braut. Dann reiste sie
mit ihm. Es lag etwas Verjngtes in seinen Schritten, die Blicke verloren
das Starre, Herzlose -- whrend sein Weib in einem Hotelzimmer verblutete.

Er betrog sie in Brssel und Marseille und gab Unsummen aus fr Brillanten,
mit denen er sie, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, herausputzte.
Schlielich hatte er sich sogar an sie gewhnt und fhlte einen Anflug von
Liebe, wie er Schlchtergesellen eigen ist. Manchmal dachte er daran, ein
Gut zu kaufen und so im brgerlichen Leben unterzutauchen. Mit der Zeit
sehnte er sich sogar danach. Sie wurde von den Franzsinnen und
Englnderinnen beneidet, manche beschenkten sie. Oft fuhr sie des Nachts in
Gesellschaft auf dem Zricher See, man war freundlich zu ihr und wollte ihn
kennen lernen. Dann kam sie manchmal nach Haus und bi ihn, da man auf
seiner Brust abends die Spuren sehen konnte. Oder sie schlug ihm vor dem
Hotelpersonal die Faust ins Gesicht.

Er wurde weich wie ein Kind und liebte sie. Monatelang nahm er kein
Engagement an. Und auch Bill wurde entlassen.

Seine Mutter drngte sich an sie und schmeichelte, wie Schlchterfrauen zu
schmeicheln pflegen. Die ganze Familie fing wieder an zu verarmen, niemand
arbeitete.

Da, eines Tages, nahm sie aus dem Koffer den Rest seines Geldes und blieb
verschwunden. Krank, mit fiebernden Augen bat sie bei ihrer Mutter um
Unterkunft.

Aus ihren Trumen kam hin und wieder ein Auflachen, das man um Mitternacht
um dunkle Straenecken hrt.




III.


Tage und Wochen vergingen. Tiefste Bitterkeit kmpfte mit wiedererwachter
Sinnlichkeit, es wurde ein Ha des Vernichtenwollens, des letzten
Auslschens. Die Mnner, die ihr bisher im Leben begegnet waren, gaben das
Bild ab, an das sich ihre Erregungen klammerten. Sie bespie und verfluchte
sie und glaubte, sie mit Fen treten zu mssen. Oft sa sie mit starren
Blicken, die Hnde zusammengekrampft, und trumte, sie hielte eine Gurgel
umkrallt.

Visionen erschienen ihr und erfllten sie mit Ekel. Dann ging sie nachts in
ein Rummellokal und tanzte mit den Mdchen von der Strae, wild und
zgellos. Aller Blicke begleiteten sie, die Weiber beschwerten sich, manche
fauchten, die Mnner blieben still.

Es war ihnen ein Kribbeln in die Glieder gefahren, ein frischer Rhythmus,
sie streckten sich und ihre Gesichter wurden geschftig, als ob jeder sie
erwartete, und jeder eine Mission zu erfllen htte. Der Tanzmeister, bei
dem man sich beschwerte, aber dachte: Vielleicht ist noch ein Geschft mit
ihr zu machen -- und zuckte lchelnd die Achseln.

An einem dieser Tage war es, da sie erschpft zusammenbrach, und einer der
umstehenden Jnglinge bedauernd sagte: Wie ein gehetztes Reh. Das Wort
durchzuckte sie wie ein Blitzstrahl und wurde eine Erkenntnis fr sie.
Immer wieder wiederholte sie fr sich: Gelt, wie ein gehetztes Reh.

Wie ein Kind, das die Mutter streichelt: Geltel -- wie 'hetztes Reh.
Zitternd lief sie nach Haus und weinte.

Anderntags kamen Kriminalbeamte und holten sie zur Polizeiwache. Es
handelte sich um die berall bliche Verleumdung seitens einer Freundin,
die die Beamten auf sie aufmerksam gemacht hatte.

Wir kennen Sie schon -- so empfing man sie.

Die Leute da hatten ein selbstbewutes, fettes Lachen, ihre Buche
zitterten vor Vergngen und der, der das Mensch zu verhren hatte,
trommelte mit dicken Tintenfingern auf dem Pulte herum. Er wackelte
mitrauisch mit dem kahlen Schdel.

Aus aller Augen leuchtete eine Befriedigung, wie nach einem guten
Frhstck, man konnte sie noch schmatzen hren. Wirklich ein angenehmer und
interessanter Dienst . . . die Weiber . . . und meine zu Hause . . . H h
. . . so dachten sie.

Sie aber fhlte: Hunde.

Dann wurde sie entlassen. Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der
Entschuldigung.

Schweinehunde!

Einer rief leise nach: Na, dann das nchste Mal. Ihre Fressen zogen sich
zu einem Grinsen, einige scharrten mit den Fen, einer schneuzte sich,
einer seufzte aus Gewohnheit tief auf, ein Gerusch von Schreibutensilien
-- dann schleppte sich der Dienst bis zum nchsten Fall weiter.

Nun sa sie fast immer zu Haus und weinte. Manchmal las sie zwischendurch
auch Bcher aus Budapest mit Abbildungen, die frhere Verehrer
zurckgelassen hatten.

Es war, als ob sie stumpf geworden wre, oft fhlte sie in sich ein Tier,
das vor Wut und Schmerzen heulte. Und immer sah sie ein Kind vor sich, das
jmmerlich schrie und zur Mutter wollte.

Ihre Seele verwirrte sich, und ihr Gefhl wurde tglich enger.

Ich mu das Leben bespeien und alles vernichten -- -- fhlte sie.

Es war widerlich zu sehen, wie ihre Mutter, die ein altes Unrecht glaubte,
wett machen zu mssen, um sie herumschwnzelte und Zukunftsplne
schmiedete. Es war widerlich anzusehen.

Man sollte sie vor den Bauch treten -- -- das Aas -- -- dachte sie.

Du wirst schon deiner alten Mutter noch Glck bringen, trstete die, ich
habe noch nichts gehabt in meinem Leben, du bist noch jung und die Mnner
-- sei schlau --

Ja, du Aas -- treten --

Und eines Tages kam ein Mann -- Fabrikbesitzer oder so was --, der sie von
frher her flchtig kannte und auf der Strae jetzt gesehen hatte, und
machte ohne alle Umschweife ein Gebot. 300 Mark monatlich und fr spter
eine grere Summe.

Die Mutter tnzelte und setzte Kaffee an, sonstige Hausfreunde wnschten
Glck.

Sie aber mhte sich verzweifelt um einen Gedanken, der allen Dreck
wegwischen knnte, aber sie fand ihn nicht und ging fort, ohne mit dem Mann
zu sprechen. Dem Kerl wurde bedeutet, er solle noch warten und nchstens
wiederkommen. Er ging, seelenvoll, mit schmerzlichem Augenaufschlage grte
er die Bekannten, die er traf, und wartete. Er hatte es sich eigentlich
anders gedacht.

Den gleichen Nachmittag kam noch ein anderer Mann, an den man geschrieben
hatte. Er stellte Knstlertruppen zusammen und reiste. Nach der Trkei und
Ruland, durch sterreich und Italien. Auch er machte ein Angebot: Freie
Wohnung, freies Essen, freie Kleidung, freier Unterricht in Gesang und
Tanz. Als sie zurckkam, traf sie ihn noch an. Er war entzckt und wollte
nochmal seine Frau mitbringen.

Damit Sie sehen, da es bei mir anstndig zugeht, meinte er.

Sie fhlte nichts mehr, alles war in ihr welk und abgestorben. Um ihre
Mundwinkel lag dmonische Grausamkeit.

Sie nahm sich von ihrer Mutter die goldene Uhr, die nach allerdings
zweifelhaften Angaben ein Erbstck war, und verkaufte sie einem Trdler.
Noch denselben Abend reiste sie in die nchste Hauptstadt. Sie fhlte: Nur
fort. Allein sein. Weit fort von diesen Leuten.

Als ihr Zug in der Morgendmmerung in die Halle einlief, empfand sie ein so
unendliches Siegesgefhl, einen Rausch wiedergewonnener Freiheit, der sie
beglckte. Langsam ging sie nach dem Innern der Stadt zu, um den
heraufkommenden Morgen zu erwarten. Sie wollte vorlufig bei irgendeiner
entfernteren Bekannten ihrer Mutter wohnen.

Bitteres Weh drngte sich auf: Arbeiten und gut werden -- dann kam es ihr
aber wieder sehr lcherlich vor, und sie lachte.

Ihr Weg fhrte an den Markthallen vorbei. Robuste Gesellen luden das
Fleisch auf. Wildes Stimmengewirr.

Die Schritte wurden zgernd, zitternd wollte sie vorbeischleichen. Die
niedrigen und blutrnstigen Begierden dieser Leute hatten sie indessen
schon gewittert.

Sie fing an zu laufen. Rohe Worte prasselten hinter ihr drein. Einer lief
nach, erhaschte den flatternden Rock und wischte sich seine blutigen Hnde
drin ab. Knochenstcke flogen der Fliehenden an den Kopf.

Tolles Johlen toste hinter ihr drein, bis es langsam im Lrm der ein- und
ausfahrenden Wagen unterging.

Blutbefleckt, mit Straenkot bespritzt, schleppte sie sich auf eine
Promenadenbank und brach zusammen.

Eine mitleidige Frau brachte sie in ihr Haus und lie sich erzhlen.

Drei Tage und drei Nchte sa sie in einem dunklen, kahlen Zimmer, das sie
fr wenige Pfennige gemietet hatte. Dann schrieb sie nach Haus und bat um
Reisegeld.

An einem Sonnabend kam sie zurck, mit toten, kalten Blicken, voll Ekel und
Verachtung.

Man mu das Leben und alles vernichten -- und ihr Kindliches stie sie
von sich -- mit Fen treten mu man --

Sonntag wurde sie engagiert, und den nchsten Tag reiste sie mit der Truppe
ab.




IV.


Sie war freudig bei der Arbeit, es war wie eine heilige Sache fr sie. Ihr
Tanz atmete die scheue Zurckhaltung, die Greise zu Phantasten macht. In
vielen Stdten und viele Wochen lang tanzte sie so. Die Verehrung, mit der
man sie umgab, glitt an ihr vorber und rhrte sie nicht. Sie hatte ihren
Ha und nhrte ihn, aber sie wurde zusehends schwcher. Sie wurde mde in
ihrem Ekel und sehnte sich. Nach dem Fernen und Weichen, dem Streicheln und
Einschlfern, dem Katzenhaften und Kindlichen. Die Erinnerung wachte auf
und brachte auch wieder die Eitelkeit mit. Abends sa sie inmitten ihrer
Gesellschaft, unberhrt von den Gesprchen rings um sie herum, und sehnte
sich so.

Es war dies die Zeit, wo sie fast tglich an ihre Mutter schrieb. Ein neues
Aufatmen schien gekommen.

Und einer war, der zu ihr sprach mit leiser Stimme, von Dmmerung und
vertrumtem Zittern, von asketischem Insichhineinversenken und ewiger
Einsamkeit.

Er beweinte im voraus, da er sie nie besitzen wrde. Sie lchelte oder war
auch pltzlich bitterernst, und streichelte seine Hand, abwesend, wie eine
unbeteiligte Fremde. Dann pflegte er mit hohler, vibrierender Stimme Verse
zu zitieren, manchmal auch eigene, und er bevorzugte den Refrain:

   Da ich noch einmal wrde lieben,
   Ich htt' es nimmermehr gedacht!


Es war ein Schauspieleleve, der schon eine Anzahl brgerliche Berufe hinter
sich hatte. Aber es kam so genau nicht darauf an, denn er lebte bei den
Eltern.

Einmal kam sie nach einer heien Nacht zu ihm und gab ihm leicht blinzelnd
die Hand. Es war wieder Bewegung in ihr. Sie schmiegte sich an ihn und
lauerte.

Da sagte er: Sprich nicht so laut. Meine Mutter ist krank, zwei Zimmer
weiter -- -- -- und wies mit der Hand.

Du -- -- -- sie knackte mit den Fingern, es klang gurgelnd, drohend, ein
Befehl, dann aber in eisiger Ironie: komm mit.

Er nahm ein Bild vom Schreibtisch und schenkte es ihr. Mit resignierter
Miene berreichte er die Widmung: Da ich noch einmal u. s. w.

Dann ging er mit ihr durch die Straen. Sie waren still und bedrckt.
Pltzlich lachte sie auf, grhlte und summte vor sich hin. Einen
Gassenhauer mit hchst eindeutigem Text. Er war starr, wie aus dem Gleis
geschleudert, grinste indigniert und benahm sich auch sonst seltsam, wie es
ein Mann tut, den die Verlegenheit berrascht. Was ist das nur, so wunderte
er sich, aber er schwieg, und sie wurde auch wieder still. An ihrer Wohnung
verabschiedete sie ihn, und er versuchte seinem Mienenspiel, das noch immer
eine gewisse Bestrzung zeigte, einen hndischen, treu besorgten Zug mit
beizumischen.

Wenige Stunden spter polterte es an ihrer Tr.

Er war betrunken und bat um Einla. Die Haare waren zerzaust, die Kravatte
verschoben. Mit funkelnden Augen stand er da, bald flsterte er Kosenamen,
dann wieder besann er sich und stammelte von einer dringenden Angelegenheit
oder seufzte weh und verzichtend, wie von Schmerz zerrissen, dann wieder
drckte er an die Klinke, und sein Gesicht wurde weich und zart. Aber die
Tr blieb verschlossen. Er schwor sogar, da er fr sie alles aufgeben
wolle, aber sie schwieg und rhrte sich nicht. Ein neuer Rausch war ber
sie gekommen, eine dumpfe Macht, die sie verwirrte und gefangen hielt.

Sie schrieb an den Herrn v. B., der sie seit einigen Tagen verfolgte, ein
Billet: Erwarten Sie mich noch heute nach Schlu, und bringen Sie den Pelz
mit.

Herr v. B. sprang von seinem Divan auf. Was ist das? -- -- Jaso -- -- der
Pelz. Dann betrachtete er im Spiegel wohlgefllig sein hageres Gesicht, den
englischen Schnitt. Er lchelte berlegen.

Abends brachte er einen wundervollen echten Pelz, einen entzckenden Pelz.
Sie hllte sich hinein und war wieder Kind. Plauschte und stotterte, die
ganze Gesellschaft nahm sie gefangen.

Herr v. B. feierte Triumphe. Seine Freunde -- die ganze Stadt -- -- oh, es
war wirklich ein Triumph. Er war fast traurig und gerhrt, seine Augen
wurden glsern.

Dann nahm sie ihn mit in ihr Zimmer hinauf. Sie lie ihn eine Melodie
summen und tanzte vor ihm. Sie kuschte sich zu ihm und trieb zu tausend
Kapriolen und Spen. Oder sie fuhr ihm an die Gurgel und streichelte dann
sein erschrecktes Gesicht. Oh, es war reizend.

Herr v. B. schwitzte und dachte in sestem Selbstbewutsein: Gerade ich --
-- ja -- -- hchst seltsam und wunderbar -- --

Sie zwickte und puffte ihn und stie ihn zu Boden. Ein schwerer Rausch
hielt sie umfangen.

Er begann, wie aus einer Familientruhe heraus, seine Gefhle auszupacken
und sprach von Liebe und Glck und hnlichem. Eine hpfende Seligkeit war
in ihm. Oh, es war reizend -- -- -- ja gerade ich -- -- fhlte er nur immer
wieder. An alle Bekannten dachte er.

Der Morgen kam grau und abweisend, wie ein Henker.

Da stie sie ihn mit Futritten von sich. Ihr Gesicht war aschgrau und
verzerrt, das Haar hing in drren Strhnen.

Herr v. B. fhlte: Das ist kein Erwachen, ich komme um den Genu. Er
versuchte sie zu beruhigen und sprach schne Worte.

Sie spie ihn an, eine Flut von Flchen schwoll ihm entgegen.

Dann schrie sie laut auf und Krmpfe schttelten ihren Krper.

Das Hotelpersonal lief zusammen, der Direktor kam, Kollegen.

Man wusch sie mit klnischem Wasser, alle standen ratlos.

Herr v. B. blutete aus vielen Kratzwunden, aber er achtete nicht darauf.
Herr v. B. blieb ein Ehrenmann. Er behob das Peinliche der Situation durch
eine kurze Erklrung, bat den Direktor zu einer vertraulichen Aussprache
auf den Korridor und stellte seine Dienste nach jeder Richtung hin zur
Verfgung. Seine Hand zitterte, als er vor einem Spiegel die Blutrinnsel
aus dem Gesicht entfernte. Er hatte einen greisenhaften Zug bekommen, er
kam sich selbst wie ein zerhackter Hher vor. Es fehlte nicht viel, und er
htte ein ganz klein wenig gelchelt.

Er schrieb einen Brief: Teuerste -- -- wenn Ich Ihnen irgendwie noch
behilflich sein knnte -- -- -- -- aber der erreichte sie nicht mehr.

Ein paar Stunden spter hatte sie sich aus dem Koffer des Direktors einiges
Reisegeld genommen und war verschwunden.




V.


Es kam alles anders, wie sie gefrchtet hatte. Der Direktor schrieb einen
vershnlichen Brief, sie solle nur ruhig zurckkommen, sie wrde es schon
noch zu was bringen.

In den Tagen, da sie zu Haus war, frischte sie alte Bekanntschaften wieder
auf. Sie erschrak vor ihrer inneren Unruhe und suchte sich zu betuben. Man
mu das Leben vernichten -- -- -- erinnerte sie sich.

Ein Distriktsbeamter aus einer afrikanischen Kolonie bemhte sich um sie
und wollte sie mitnehmen. Dies schien ihr der Rausch, den sie suchte. Nur
nicht denken -- -- -- -- fhlte sie. Ihr Blick bekam etwas lauerndes,
haerflltes, etwas vom Vampyr. Schwere Tage schlichen dahin, und tolle
Nchte verbluteten in rasendem Taumel.

Eines Tages war der Afrikaner verschwunden.

Er traute nicht.

Sie erlie Aufforderungen in die Bltter, sie lie ihn suchen durch die
Polizei und Privatdetektivs. Es half alles nichts, er blieb verschwunden.
Niemand kannte seine Adresse, und man hrte nichts mehr von ihm.

Schlielich fuhr sie wieder ihrem Direktor nach und wurde der Stern der
Truppe. Ein Schwarm junger Mnner war um sie. Blumen und Schmucksachen
flogen ihr zu. Sie verschenkte alles wieder. Mit kaltem Lcheln und
brennendem Ekel. Zwei Monate lang lebte sie so und immer war der Direktor
um sie herum und nannte sie seine Tochter. Er lie sie nicht aus den Augen
und lebte von ihr.

Da erhrte sie einen ihrer hndischen Anbeter, der ihr von Stadt zu Stadt
gefolgt war, und verlie die Truppe.

Es war schon ein gereifter Mann, der irgend eine grere kaufmnnische
Position innehatte und in Petroleum spekulierte.

Sie tuschten sich ein gewisses Frhlingsglck vor und waren oft still und
traurig.

Wenn sie Hand in Hand auf den Dnen entlang schritten oder den Rhein
hinabfuhren, stiegen Erinnerungen in ihnen auf, und eine opferwillige Liebe
ergriff ihn. Er sprach von dem Herbst seiner Liebe und der Htte, die er
errichten wolle, denn er hatte bei seinem gelegentlichen Umgange mit
Knstlern sehr wohl auf deren Umgangsformen geachtet. Er traf Anstalten zum
Ankauf eines Huschens, das mitten im Walde gelegen war, und berhufte sie
mit Erbstcken von seiner Mutter und Gromutter.

Sie fhlte von alledem nichts. Sinnlichkeit raste in ihr und rttelte. Wenn
sie sich ihm gab, fhlte er eine bittere Trockenheit aufsteigen und
prasselndes Feuer, das sich in den Leib fra. Er wurde in den Taumel mit
hineingerissen. Ein unendliches Mitleid qulte ihn, und in den Nchten der
tiefsten Ermattung rang er mit dem Entschlu, alles von sich zu werfen und
zu heiraten. Ihr Leben wurde immer trauriger und drckender. Er frchtete
fr seine Liebe und bebte vor deren Ende. Er fhlte sich der Situation
nicht mehr gewachsen. Die Hilflosigkeit verstrkte indessen noch seine
Liebe, und er fand keinen Ausweg mehr.

Sie verlor allmhlich ihre Sicherheit. Sie strubte sich dagegen, als
Heilige verehrt zu werden. Ein dmonischer Wille erfllte sie, ihn darin zu
erschttern. Sie bot sich seinen Freunden an oder inszenierte auf der
Strae einen Zank und schlug ihm den Hut vom Kopf. Sie wute mit seiner
Liebe nichts anzufangen und wollte sie nicht, nur Ha und Vernichtung.

Sie nahm Weiber zu sich, er sah nichts. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn
zu vergiften, er achtete nicht darauf. Sie zeigte ihre Wirtin wegen
Kuppelei an, er lchelte darber.

Die ganze Stadt war voll von Gerchten, und man riet ihm, sie aufzugeben.
Aber in ihm lebte eine Hoffnung von einer ber alles kostbar belohnten
Mission, die ihn alles vergessen lie.

Auch ihn hatte jetzt der Rausch erfat.

Eines Tages hielt sie ihm den Revolver unter die Nase.

Ich bin schwanger!

Sein Gesicht strahlte reine Freude.

Ich will kein Kind von dir -- -- -- ein Aufschrei in wildem Ha.

Er lchelte und entwand ihr die Waffe.

Du bist doch mein -- -- und wollte sie umarmen.

Du langweiliges Spielzeug -- -- -- -- sie spie aus -- -- -- -- ich hab'
dich satt.

Die Umrisse im Zimmer begannen sich zu verwischen. Aller Schmerz stieg in
ihr auf. Nichts denken -- -- schrie sie. Sie sah sich in dieser Sekunde
und ihr ganzes Leben. Der Rausch zerbarst.

Die Krampfanflle kamen wieder. Er lag zu ihren Fen wie ein geprgelter
Hund. Er htte weinen wollen, bitten wie ein Kind, aber er fhlte, er war
nicht rein genug. Ein Gefhl der Befriedigung zog ein, er wurde sich der
Held eines Romanes und hatte seinem Leben endlich einen Inhalt gegeben.

Er schrieb ihr nach Haus Briefe, die eines gewissen poetischen Schwunges
nicht entbehrten. Ich will immer auf dich warten, so schrieb er, die Sonne
wird auf- und untergehen und ich werde sie nicht sehen, solange du nicht
bei mir bist -- -- -- -- und -- -- -- -- ich will mit dir hassen lernen.
Der Mutter schickte er Geld und schrieb: Pflegen Sie sie mir gut. Wenn
alles vorber ist, will ich hinkommen und mit ihr sprechen. Und dann kam
er. Sie sah ihn mit scheuen Augen an und frchtete sich. Sie dachte: Was
will er nur von mir?

Oder sie schleifte ihn abends durch die Tanzsle und suchte sich zu
betuben. Aber es gelang nicht mehr. Ihr Ha hatte sich entwurzelt, und
ihre Seele war ausgebrannt. Sie sprach mit grausamem Lcheln von ihren
Erinnerungen oder bot sich ihm an, mechanisch, wie eine Uhr, die tglich
aufgezogen werden mu.

Es wurde ihm unheimlich. Der Roman war doch nicht nach seinem Geschmack. Er
sprach hin und wieder mit ihrer Mutter, schlielich reiste er ab. Sein
Innenleben war ausgelscht. Ein unbestimmtes, dumpfes Gefhl bedrckte ihn
und wollte auch spterhin nicht mehr von ihm weichen, selbst wenn er die
grten Geschfte machte.




VI.


In dieser Zeit war es, da ein junger Mann zu ihr kam. Bei einem Konzert
hatte er sie inmitten einer groen Gesellschaft gesehen und ihren suchenden
Blick gefhlt. Er lie groe Inserate in die Tageszeitungen einrcken,
worin er um ein Rendezvous bat. Aber sie las ja keine Zeitungen. Zufllig
traf er sie nach Wochen wieder und sprach sie an. Schlielich kam er dann
jeden Tag zu ihr.

Er war im allgemeinen scheu und zurckhaltend und verlangte nichts. Sie
beschftigte sich nicht allzuviel mit ihm, aber sie empfand, da von ihm
etwas von der Kraft reiner, wahrer Liebe ausging und fhlte eine wonnige
Beruhigung. Manchmal sprach er den ganzen Tag kein Wort, er wollte nur um
sie sein und trumen -- -- sagte er.

Es war wirklich eine Beruhigung fr sie. Oft seufzte sie in einsamen
Nchten: Wer doch gut sein knnte, so gut.

Dieses Wort hatte fr sie einen besonderen Klang bekommen.

Es lag soviel Befriedigung und Sehnsucht darin. Es war, als ob sie langsam
an seinen Worten gesunden sollte.

Seines Zeichens war er Journalist und beschftigte sich auch privatim mit
schriftstellerischen Arbeiten. Sie arbeiteten zusammen mit zwei Listen. Die
eine fhrte er, auf der die Daten der Geburts- und Todestage aller groen
Mnner und Frauen verzeichnet waren, whrend sie die zweite Liste fhrte,
auf der die Zeitungen und Journale angestrichen wurden, die refusiert oder
angenommen hatten, mit rotem oder blauem Stift -- je nachdem. So wute sie
auch immer, wieviel Geld einkam.

Manchmal las er knstlerische Versuche vor und enthllte sein Innerstes
schonungslos, seine Begierden und Befriedigungen. Und ber allem schwebte
sie, die Unantastbare, die Knigin, die da kommen mute, und der alles
bereitet war.

Sie las viel in den Schriften der neuen Generation, und jede Zeile war ihr
ein ser und billiger Trost.

Aber es wurmte noch etwas in ihr und bumte sich auf. Ein Bodensatz. Es
kamen noch Tage, wo sie ihn floh. Es kamen noch Nchte, da sie durch
Tanzsle raste. Aber die Reste ihrer Kraft schwanden immer wieder, so da
sie bald zu ihm zurckkehrte. Sie fand ihn stets wie ein treues Tier
wartend, voll Dankbarkeit.

Er litt, doch es war eine trstende Gewiheit um ihn.

Auch als sie noch einmal mit einer Lge zu ihrem Kaufmann reiste. Auf acht
Tage. Sie kam wie eine Fremde und dachte auf Schritt und Tritt an ihren
armen Jungen. Noch vor der Zeit war sie wieder bei ihm. Sie raffte alle
Schnheiten in ihrer Erinnerung zusammen, wie jemand, der vor den Trmmern
seines abgebrannten Hauses das letzte sucht, und sie bauten darauf auf. Mit
blutendem Herzen tat der andere seine Phantasie hinzu.

Dann aber drckte sie wieder ihre Stille.

Ein neuer Taumel ri sie mit fort.

Sie betrog ihn mit einem Studenten, der ihr ber den Weg lief -- -- --
nein, sie betrog ihn nicht, sie sagte es ihm.

Er hetzte hinter ihr her, Tag und Nacht.

Noch einmal war alles Rausch in ihr und Grausamkeit.

Dann aber wrgte sie die Scham, etwas Neues, Unbekanntes. Urpltzlich griff
sie zu und ri sie zu Boden und schleuderte sie herum und zerrte und zog.
Die Scham.

Sie sa an einem Cafhaustisch unter lrmenden Gesellen. Man sprach
Persnliches und schien sie vergessen zu haben. Ringsum gleichgltige
Menschen, mit dreckigem Lachen und blinzelnden Augen. Und fernes
Musikgepolter. Lge und Einsamkeit.

Da stand sie auf und lief hinaus. Jubelnd lief sie in seine Wohnung, frei
und strahlend. Er war nicht da, sie schrieb. Tage vergingen. Endlich lag es
vor ihr: Ich habe unter Qualen auf dich gewartet. Du wirst mich finden.

Ihre Stimmung war verflogen. Sie schttelte den Kopf: Das war es nicht, was
sie erwartet hatte. Wochenlang lebten sie nebeneinander her, es keimte
Mitrauen zwischen ihnen.

Ich habe was verpat, fhlte er, -- -- oder der Eigensinn -- -- -- --

Sein Vater war in alles eingeweiht und traf Anstalten fr eine dauernde
Verbindung. Sie sahen einen heien Kampf unter sich vor Augen, doch der
Sieg schien sicher. Das Wort >gut< hatte eine zu tiefe Bedeutung fr sie
gewonnen, und sie baute sich aus dem Gelesenen ein System zusammen, das sie
freisprach und befriedigen sollte. Er selbst trug dazu bei und stellte sie
in den Mittelpunkt von Komdien und Novelletten, die er an die
Zeitschriften verschickte, mit Rckporto versehen.

Ihre Abende vergingen etwa so, da sie daran dachte, wem sie wohl von ihren
frheren Freunden Verlobungsanzeigen schicken solle, whrend er Verse
deklamierte und sich pathetisch mit den fahrenden Sngern des Mittelalters
verglich.

Es war eine himmlische Ruhe in ihr. Der Blick begann sich fr das Leben zu
schrfen. Sie hatte wieder ihren suchenden Blick. Sie begann zu hnseln und
zu widersprechen. Zu dem anfangs gutmtigen Spott gesellte sich unmerklich
Bosheit und Hohn. Aus dem sichern Gefhl eines wiedererwachten
Selbstbewutseins heraus.

Sie trieb ihn zu Freunden und Gesellschaften. Ihr Blick wurde unstt und
flackernd. Da kam sie mit einem seiner Bekannten, dem Werner, zusammen und
wurde nachdenklich und unruhig.

Aber es war eine Unruhe, die ihr neu war, und die sie entzckte. Sie
zitterte, wenn sie den anderen nach ihm fragte.

Er schien sie nicht zu beachten, denn er war fast immer betrunken. In
seinen Bewegungen war wie Entschuldigung, und seine Blicke hatten etwas
Hilfloses, Verzichtendes. Das war einer, der hate und vernichtete. Ein
Kind.

Da hielt aber auch der andere seine Zeit fr gekommen, und eine geheime
Furcht, seine Bemhungen ergebnislos zu sehen, lie ihn alle Besonnenheit
vergessen. Er fhlte, wie sie seinen Hnden entglitt. Er zermarterte sich
den Kopf; aber er fand keinen Anhaltspunkt mehr.

Es war plump, wie er sein Spiel verloren gab. Er fhlte es selbst, es war
plump.

Ganz unvermittelt drngte er in sie, ohne bergang, ungeschickt, mit
verlegenem Lcheln. Er griff zu Reizmitteln und stammelte Andeutungen. Oh,
es war sehr plump.

Ein Abgrund tat sich auf.

Sie hatte den Moment seit Wochen gewittert und empfing ihn: Du -- -- also
auch einer, sie lachte verchtlich. Pfui Teufel!

Er versteckte sich hinter einem Wortschwall, er empfand eine Lust sich zu
erniedrigen und dachte: es ist gewi meine letzte Niederlage. Wo liegt der
Fehler -- -- -- --

Ja, ja -- -- so bin ich! schrie er.

Es folgte jetzt eine Szene, von der man nicht wei, ob sie sich wirklich
abgespielt hat. Sie zerrten sich, spieen sich an, er ri sie an den Haaren
im Zimmer herum, sie ri ihm die Fetzen vom Leibe, er fhlte ihren Mund in
Wollust zittern -- -- -- -- -- -- ihren heien, sen Mund. Er sah das
Zittern, aber er wute nicht, ob etwas war. Er wurde stumpf und sank
ermattet in sich zusammen.

Anderntags schrieb sie:

Ich danke dir vieles, vielleicht alles, meinen Krper kann ich dir nicht
geben. Nie! Mich ekelt. Da du es weit . . . . .

Wieder einen Tag spter schrieb sie:

Schicke mir durch den P. etwas Reisegeld, ich mu nach Haus fahren.

Ihre Seele war frei, sie fhlte: ein Tempel. Es war ihr, als ob sie etwas
unendlich Zartes und Heiliges behtete. Erregt schritt sie im Zimmer auf
und ab oder lief weit hinaus vor das Tor der Stadt. Sie fhlte dieses
Glcksgefhl dumpf und in ser Ungewiheit emporwachsen. Und immer
wiederholte sie sich: Nur nicht denken.

Die Leute entsetzten sich, als sie durch die Straen zum Bahnhof ging. Alle
hielten sie fr betrunken. Sie lehnte sich zum Coupefenster hinaus, und
alles war verklrt. Die Leute, die rauchgeschwrzte Halle. Die Trains
donnerten in die Halle, Lokomotiven kreischten und pfiffen. Es waren ihr
himmlische Fanfaren. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Jemand rief:

Also leb wohl und gr mir . . . . .

Aber das galt ihr nicht.




VII.


Einige Tage spter erhielt sie von Werner ein Schreiben:

Wenn Sie sich vielleicht auch meiner nicht mehr erinnern, so erlaube ich
mir doch, Ihnen zu sagen, da ich die Lsung Ihrer Verbindung fr eine sehr
glckliche halte. R. ist zu sehr ein Mann mit festen Plnen und Zielen,
einer, der wei, was er will. Es ist gleichgltig, ob er etwas fr sich
allein tut oder dabei fr andere noch mit zu tun meint, es bleibt immer die
eine Selbstliebe. Es gibt Mnner, die das Weib als Spiegel ihrer selbst,
als Bank zum Ausruhen, als Kissen in der Dmmerstunde benutzen.

Sie brauchen ja selbst einen, an dem sie sich ausruhen wollen. Ich wei
nicht, ob es ein Wurstl oder ein k. k. Staatsrat sein mu, aber das wei
ich, da es einer sein mu, der Ihnen die Ruhe gibt, indem er Ihre Seele
stndig in Atem hlt.

Sehen Sie den Mann, den Menschen, den Sie so inbrnstig suchen. Was tut er?
Er sieht das Weib und greift danach. Wie ein Knabe, der nach dem Falter
hascht. Er greift danach, nach jedem, das ihm in den Weg kommt, und sieht
dann ein graues etwas, zerbrochene Flgel, und wischt sich die Hand ab. Das
Weib ist der Stieglitz, den man ins Bauer sperrt, das zitternde Krperchen,
das alle Sehnsucht lst, und das sich so entzckend strubt, wenn man ihm
Futter geben will. Das ist das Weib, das wir lieben. Und das Weib ist die
Pest, die sich ins Blut setzt und alles Leben aufsaugt und verdorren lt.
Das ist das Weib, das wir hassen mssen. Wo sind sie, die Gezeichneten und
Auserwhlten, die auch dann in himmlischen Wonnen lcheln. Wir zittern
manchmal voll Ahnungen und Erkenntnissen, voll Dmmerungen und
Schummrigkeiten und hren in der Ferne den Ruf. Aber das Mitleid macht uns
dreckig, das verfluchte Mitleid, das uns blind und zu eitlen Trotteln
macht.

Viele sitzen und stellen das Weib vor sich hin, wie ein Petschaft und
grbeln. Und merken nicht, da es lngst in ihnen ist und fault. Sie sehen
nicht, da das Weib unsere Vershnung mit Gott ist und unsere Strafe, der
lchelnde Tod, der uns einlullt. Aber fr Sie ist der Mann Taumel und
Straenkot, Wurstl und Staatsrat -- -- -- -- sie las nicht mehr weiter.

Sie dachte, er ist doch ein verrckter Kerl, und fuhr zu ihm.

Sie traf ihn inmitten betrunkener Brger.

Sie folgte ihm von Schnke zu Schnke, sa die Nchte mit ihm zusammen und
wich nicht von seiner Seite. Wenn er sthnend umsank, war sie glcklich,
ihn sttzen zu drfen, oder sie steckte ihm den Finger in den Mund, um ihm
beim Speien behlflich zu sein. Voll innerer Seligkeit fhlte sie: Endlich
habe ich dich gefunden.

Er dachte: Wie mag es nur sein mit dem Mitleid. Verflucht -- -- -- -- da
ich mir auch noch ein Weib aufgeladen.

Er diskutierte mit ihr ber die Psyche des Weibes und zergliederte
Einzelheiten. Dann sagte er:

Du solltest dir etwas Geld verdienen.

Er teilte alles mit ihr, und seine Kasse war knapp.

Sie sah ihn erstaunt an und schwieg.

Wir werden dann schon sehen, wo wir dich unterbringen.

Ihr Lcheln wurde hhnisch. Es war die Entscheidung, als sie sagte:

Ich finde schon immer noch einen. Aber ich glaubte, du wrest mehr --
Peinvolle Minuten des Schweigens vergingen.

Wann ist man eigentlich verpflichtet, dachte er sich, und im Grunde
genommen . . . ich kenne das Leben nicht . . . .

Sprich nicht so . . . du . . . bat er und rang mit seinem Mitleid.

Sie zitterte beglckt unter seinen hilfesuchenden Blicken.

Jetzt kommt meine Feigheit, fhlte er.

Dann nahm er ihre Hand und sah die Trnen aufsteigen.

Dann kten sie sich.

Ihre Krper blieben kalt, und eine fast unberwindliche Scham trat zwischen
sie. Einmal sagte sie:

Ich will dich herausreien aus diesem Leben.

Er lchelte. Es war eine Willenlosigkeit in ihm, die ihn erschreckte.

Ja, ich bin ein Verurteilter, erwiderte er.

Sie schwieg, aber in ihrem Blick lag soviel Hingebung und kindliche Bitte,
da er weich wurde.

Du solltest in einem Palaste wohnen, oder nein, in einer Htte und wissen,
da dir ein Palast gehrt.

Es klang lcherlich, aber er mute etwas sagen und schwieg jetzt beschmt.

Ich will doch nur immer um dich sein . . . es war fast ein Vorwurf.

Das Leben kam ihr zu Hilfe. Er war arm und schlug sich mhselig durch.
Hunger und die Angst vor dem Morgen trieb sie enger zusammen. Sie drngte
ihn, eine bescheidene Stellung anzunehmen. Sie selbst traf Anstalten,
wieder zu ihrem Direktor zurckzukehren, er sollte mitkommen.

Sein allmhliches Unterliegen geno er wie eine unaussprechliche Seligkeit.
Er fhlte im Innersten eine Flle aufsteigen, die seine Zweifel nicht mehr
zu durchdringen vermochten. Das uere wurde leicht und frei, seine Freunde
suchte er nicht mehr auf.

In ihre Ksse mischte sich unmerklich Sehnsucht und qulte.

Er erschrak, aber das stndliche Auf und Nieder seiner Stimmungen lie
berlegungen nicht aufkommen. Sie schrieb ihm:

Wie der Nordwind braust durch der Eichen Zweige und Wipfel, so will ich
mich einwhlen in das Gest deiner Seele und bei dir sein Tag und Nacht.
Denn du bist meine Heimat. Oder sie erinnerte sich: Wei denn die
Nachtigall warum sie singt ihr ses Lied?

Pltzlich war die Sehnsucht Herr ber sie geworden. In ihren Kssen stand
das Blut gegen sie auf und zwang sie.

Im Taumel vergaen sie sich und alles, was sie ber ihre Liebe geschworen
hatten.

Noch einmal wurde er aus dem Rausch zurckgerissen. Er sah eine Vision
. . . wie ein Stab zerbrochen wurde . . . . . aber er fhlte: Weiter!

Sie frchteten sich und zitterten. Er schritt kopfschttelnd durch die
nchtlichen Straen und dachte: Wer bin ich -- -- -- wie ist alles gekommen
. . . gerade ich . . . Er tappte im dunklen. Im Geiste sah er turmhohe
Felswnde aufstehen, die ihn zu erdrcken drohten, und sah tausend Wege zu
sich und neue Mglichkeiten. Aber er rhrte nicht daran. Dann setzte er
seinen Weg fort und erinnerte sich: Ja, ich will dich lieben . . . .




VIII.


Was ist das Leben? -- so grbelte er -- Dmmerschlaf, Minuten des
Erwachens, eine Sekunde der Erkenntnis oder nur der so kurze Rausch des
Erkennens? Der Rest ist Verwesung -- -- Was ist das Leben?

Sie verkauften alles, was sie nicht unbedingt ntig hatten und logierten
sich in einem kleinen Ausflugsort unweit der Stadt ein.

Es ging in den Monat Mrz. Drauen wechselten sich Regen und Schneegestber
ab. Der Sturm rttelte. Manchmal kam ein Sonnenstrahl, da alles glitzerte.
In die graue Ebene leuchtete erstes Grn.

Oft stapften sie Hand in Hand durch das Tal, an einem Flchen entlang,
dessen Eisdecke rostbraun war, und ihre Fe wurden von dem Boden, der sich
in Klumpen daran gehngt hatte, schwer.

Oder sie standen an den Ufern des Weihers und lauschten dem Krachen des
Eises, das sich bumte, oder zeigten sich die erste Lerche, die zum Himmel
stieg. Oder sie gingen durch den Wald und folgten trunkenen Blicks den
Wolken, die am Horizont dahinschossen.

Und immer war Hoffnung und gedmpfter Jubel um sie.

Sie saen in der niedrigen, rauchgeschwrzten Wirtsstube und herzten und
drckten sich, da die Brust sich in tiefem Seufzer hob, und die Augen
glnzten.

Ein Musiksprechapparat krhte, Tnze und Mrsche und auch einen Chorus --
(Teure Heimat . . . . .)

Sie sprachen mit der Wirtin, dem Wirt, den Mdchen und dem Haushlter lang
und breit. Sie fhlten sich zugehrig.

Dann sprachen sie von ihrem Leben und dem Gewesenen. Sie sahen sich in die
Augen und verschwiegen sich nichts. Es lag ein Schleier ber dem
Durchlebten und jeder fhlte:

Was tut es. Wenn ich bei dir bin . . .

Aber eines Tages packte ihn ein Anfall und drohte ihn zu zerbrechen. Ein
schleichendes Gift fhlte er in sich und er sah fern seine Mutter. Sie
schrie nach ihm und weinte. Ihre Arme reichten bis zu ihm, und ihr Gesicht
war gramverzerrt. Die weien Haare flatterten und wurden Pfeile.

Die andere verstand nichts von seiner Vision, aber sie frchtete sich, wenn
er jetzt im Hause herumschlich, gedrckt, wie von Zentnerlasten. Sie
glaubte, sie msse ihn wiedergewinnen, wurde abweisend und versuchte seine
Klte noch zu bertrumpfen. Er aber dachte: Warum streichelt sie mich nicht
-- -- und rief im Innersten: Hilf mir und sei gut!

Sie verstand ihn nicht und hrte nicht auf sein Flehen.

Sie warf ihm Worte hin, schneidend, brutal, voll Abgrnde. Um ihn zu sich
zu reizen. Mit der Hoffnung, die Liebe durchbrechen zu lassen. Da ballten
sich die Fuste. Er schlug sie ins Gesicht, da sie auf die Diele
aufplumpste. Mit Fen trat er sie. So! -- -- er wischte sich den Schaum
vom Mund, so . . . hier hast du . . .

Er fhlte alles verloren, empfand einen beienden Schmerz im Kopf, ein
qulendes Wrgen, das ihn betubte.

Dann aber stieg es in ihm auf, hpfend und prickelnd und wurde strker, wie
Schellengelute, und tanzte. Eine sieghafte gttliche Heiterkeit kehrte
ein. Er sah sich verzerrt, die Fuste geballt, und lachte, lachte laut auf.

Sie lag noch am Boden, in sich zusammengeduckt, regungslos. Sie sah ihn
gro an und wurde ganz verschchtert.

Dann fhlte sie, wie er sie in seine Arme nahm und sie herzte und kte.

Sein Lachen war wie se Musik. Da lchelte sie auch und flsterte:

Hab mich doch lieb . . . .

So ketteten sie sich immer fester.

Manchmal dachte sie: Wo ist meine Kraft hin, und wird's sich auch lohnen
. . . aber sie schmiegte sich schnell an ihn und wies alle Gedanken von
sich.

Sie nannte sich Rehchen oder Ktzchen oder Osterhase, so hatte er sie
getauft.

Sie hpfte wie ein Hase im Zimmer herum, wackelte mit den Ohren, kuschte
sich, spielte Mnnchen und kroch zu seinen Fen und sah zu ihm auf, lange,
voller Demut.

Aber es kamen Tage, wo sie an die Zukunft denken muten, trotzdem sie sich
dagegen verschworen hatten, und dann gestanden sie sich, da sie nur noch
drei Tage wohnen bleiben konnten.

Da fhlte jeder: Wir gehren uns nur noch drei Tage und drei Nchte . . . .
und dann werden wir weiter sehen, dachten sie. Und jeder machte ein
entschlossenes Gesicht.

Sie schlossen sich in ihr Zimmer ein und liebten sich. Immer wieder fielen
sie sich um den Hals und liebten sich. Sie aen und tranken nichts, und
wenn eins sich an den Tisch setzte und eine lebte Zeile schreiben wollte,
flugs sprang das andere hinzu und kte und drngte so lange, bis alles im
Taumel wieder unterging.

Sie frchteten sich allein, und jeder floh das Erwachen.

Doch am Mittag des zweiten Tages wachten sie auf, und ihre Blicke trafen
sich. Lange maen sie sich wie zwei Fechter, die gegeneinander schreiten.

Er senkte den Kopf und schien zu allem entschlossen.

Da hngte sie sich an ihn und sprudelte hervor, sie htte bereits einen
Plan, und es wrde vorderhand gehen, und zhlte alle Einzelheiten auf.

Er htte aufjauchzen mgen, aber er fhlte: ich mu berlegen sein.

So streichelte er sie und kte sie auf die Stirn.

Dann sahen sie sich wieder an, und dann tanzten sie und jubelten, und das
Glck war losgelst und frei.

Noch denselben Abend gingen sie nach der Stadt, einen weiten steinigen Weg.




IX.


Harte Arbeit empfing sie. Tagtglich mhten sie sich, aber es langte nicht.
Sie schrieben Adressen, gaben Stunden, spielten des Nachts in Kaschemmen,
aber es langte nicht. Er suchte wieder hufiger Bekannte auf und traf auf
einen Schauspieler, der sich Sren nannte. Dieser empfahl ihn fr einen
Posten bei irgendeiner Gesellschaft. Er schleppte ihn in Familien, wo er zu
Mittag a und auch kleine Gelduntersttzungen bekam.

Sren machte Geschfte als Bcherreisender, seine Frau wurde durch einen
Freund, mit dem sie ein Verhltnis hatte, zur Hebamme ausgebildet. Er
fhrte sich ein, indem er aus einer Gesellschaft den Verschchtertsten
herausgriff und ihn als den einzigsten Menschen begrte. Er vertraute ihm
seine geistige Einde und Verlassenheit an und verkaufte ihm dann seine
Lexiken.

Diesem Sren schlo sich Werner an.

In einer Aufwallung mitleidsvollen Verstehens fhrte er ihn zu ihr, er
solle noch einen anderen Menschen kennen lernen.

Sren sah und himmelte. Er murmelte nur wie im Rausch oder rollte mit den
Augen. Er fhrte beide ins Caf und untersttzte sie auch sonst.

Er blieb jetzt fast immer um sie.

Werner war stolz und kam sich wie ein Knig vor, der aus der Flle seiner
Schtze verteilt. Sie bangte und zitterte.

Sren hatte sich bereits fest eingenistet.

Eines Tages sagte er zu Werner:

Eine wahre Liebe hat Raum fr drei. Ich will die Brosamen nehmen, die von
eurem Tische fallen.

Du lieber Freund . . . und er schttelte ihm die Hand.

Dann kten sie sich und waren gerhrt. Es ist etwas Schnes um die
Freundschaft, dachte Werner.

Man mu die Feste im Sturm nehmen, dachte der andere.

Sie saen die Nchte wieder in den Kneipen und tranken. Jeden Tag kam Sren
mit einem neuen Tragdienstoff und schwrmte von Anregungen und Entwrfen.

Einmal, als Werner schon sehr betrunken war, lie Sren sie holen und bat
sie zu kommen.

Sie kam und sah die Blumen auf dem Tisch und die vielen Flaschen und wurde
traurig. Da flsterte ihr Sren ins Ohr:

Wir wollen in ein Caf gehen und ihn hier sitzen lassen.

Sie sah ihn erschreckt an. Verneinte.

Da bedrngte er sie: Es handelte sich um Werners Interesse. Der wrde dann
nachkommen, und vieles hnliche.

So gingen sie heimlich, wie Diebe.

Werner sah alles und trank.

Erst drngte es sich ihm auf: Wie dumm, wenn sie stark bliebe. Ich wrde
doch nicht glauben . . . Stunden vergingen in qualvoller Dmmerung. Dann
aber wieder trieb es ihn, und er suchte sie im Geiste zu umklammern. Die
Bilder an den Wnden sprachen zu ihm und die Blumen, die Flaschen, und alle
hatten ihre Stimme.

Sie sprach zu Sren: Wo mag er nur bleiben. Holen Sie ihn her.

Sie frchtete sich.

Sprich nur das eine Wort, und ich gehe sofort zu meiner Frau. Ein Wort.
Heute abend ist alles perfekt. Siehst du denn nicht, da er immer betrunken
ist? Meine Frau wei, da sie mir nicht gehren kann. Noch heute abend
. . .

Holen Sie Werner! und sie entwand sich ihm. Hoffnungslosigkeit
bemchtigte sich ihrer. Werner! Werner! Er konnte ihre Schmerzensschreie
nicht hren. Er sa unbeweglich und eisig und trank. Er trumte von weiem
Flieder und roten Rosen, die er zu einem Strau wand, und den er ihr zu
Fen legen mte. Blitzhell durchzuckten ihn einige Gedanken, aber er
kroch immer wieder in sich zusammen. Er dachte schlielich: Wozu etwas
abwenden, was ich verursacht. Verurteilt. Dem Henker ausgeliefert.

Da kam Sren und stotterte, er wolle ihn nach Haus begleiten. Er bat und
drngte, aber Werner ging nicht. Da ging der andere wieder fort.

Er sprach zu ihr: Ich habe ihn nach Haus gebracht.

Sie dankte ihm und sagte: Wir wollen Freunde bleiben.

Dann verlie sie ihn. Sie dachte: Vielleicht, wenn es ein anderer wre
. . .

Er raste und tobte.

Es war eine Nacht, in der drei Menschen sich zerfleischten.

Anderentags sandte ihr Werner in aller Frhe weie Rosen und einen Zettel:
Wei denn die Nachtigall usw.

Er war mit der Hoffnung eingeschlafen: Wenn ich ihm jetzt zuvorkomme
. . .

Sie weinte Freudentrnen, es war, als ob sie ihn wiedergefunden htte. Eine
Last, die sie bedrckt hatte, wich von ihr. Nun kann ich dir wieder ganz
gehren, fhlte sie.

Sie dachte aber auch: Ob er mich wirklich liebt, da er mich so leicht
aufgab? . . . Und es blieb eine Mistimmung in ihr zurck.

Ihr rger wuchs von Tag zu Tag, und als ihr Sren schrieb: Ich mu eine
Aussprache herbeifhren, antwortete sie: Komm, Werner und ich erwarten
dich.

Es geht also doch zum Henker, dachte Werner.

In einem Caf trafen sie sich.

Jeder schien entschlossen den Platz zu behaupten. Sie maen sich mit
feindseligen Blicken. Sren fing an:

Es ist feig von dir, jetzt davon zu laufen.

Und Werner: Gemein von dir, meine Freundschaft zu mibrauchen.

Du bist ja noch ein Kind, warf der andere verchtlich hin.

Werner schwieg. Sie rhrte sich nicht. Du mut kmpfen, dachte sie, und sah
auf Sren.

Einen Menschen braucht sie. Du, ein heruntergekommener Student, bietest
nichts und kannst's auch nicht.

Aber ich werde sie mir noch erringen . . Es klang ganz eingeschchtert.

Ich dagegen brauche sie fr meine Kunst. Zeige, was du leistest, und dann
wage es, sie von mir zurckzufordern.

Werner schwieg. Ja, so wird es wohl sein, fhlte er.

Eine Furcht, die in ihr aufstieg, wich. Es war belustigend.

Ich suche mir doch meine Menschen selbst, dachte sie, aber sie schwieg.

Stockend entrang es sich den Lippen Werners: Du hattest doch gesagt, du
wolltest bei mir bleiben.

Da lachte sie laut auf, wie ein Peitschenhieb war ihr Lachen.

Aber es wurde geqult und verstummte und Mitleid ergriff sie.

Sie fhlte sich selbst getroffen, und dachte, ein zu dummer Kerl . . . Die
Unterhaltung wurde erregt. Sren schrie. Die Kellner standen um sie herum.
Die Gste reckten die Hlse. Dann gingen sie. Auf der Strae setzten sie
ihre Reden fort.

Werner fhlte einen Zusammenbruch, ein Ende. Bitterkeit stieg in ihm auf.
Er ri sich los.

Siehst du, da geht er hin, sagte Sren und triumphierte.

Sie antwortete ihm nicht. Wenn er wirklich ginge, dachte sie, und voll
bitterer Reue lief sie ihm nach.

Ich erwarte dich in . . . hrte sie noch hinter sich herrufen.

Wenn er wirklich ginge . . .

Qualvolle Angst jagte sie durch die Straen, durch die Schnken.

Sie fand ihn nicht. Stundenlang hockte sie vor seiner Tr.

Da kam er, schleppend, voll dumpfer Gefhle eines neuen Anfangs. Er ging
kopfschttelnd an ihr vorbei. Sie zwngte sich ins Zimmer. Sie flehte und
beschwor ihn. Sie fiel vor ihm nieder, heulte auf.

Er ging im Zimmer schweigend auf und ab. Sie fhlte: der andere . . . Sie
hing sich an ihn. Er stie sie zurck.

Da warf sie mit einem Fluch die Tr hinter sich zu. Sekundenlang stand sie
drauen wie gebannt. Dann jagte sie die Treppe hinunter. Er nach und holte
sie unten ein.

Lange sahen sie sich an und fanden sich nicht. Und immer wieder trafen sich
ihre Blicke, und jeder fing den brodelnden Zorn in geballten Fusten ein.
Da lchelte er, und sie schmiegte sich an ihn.

Du . . . glaub mir doch . . .

Und spter flsterte sie:

Weit du denn nicht, da ich immer bei dir bin . . .




X.


Es ging mehr und mehr bergab. Die paar Pfennige, die er verdiente, reichten
zu ihrem Unterhalte nicht aus. Sie bewohnten ein kleines mbliertes Zimmer,
mitten im Lrm der Stadt.

Eines Tages sagte sie zu ihm: Man sollte wieder als Modell gehen.

Er wehrte ab. Sie erwiderte hhnisch: Oder vielleicht zum Theater? Aber
ich mu erst Garderobe -- -- -- machen.

Sie verschaffte sich Empfehlungen und ging zu Leuten, die er kannte.

Er redete sich ein, es wre von diesen aus Geflligkeit, und das beruhigte
ihn.

Als er sie das erstemal hinbrachte, hielt er sie an der Haustr zurck und
sah sie lange an. Dann war sie ohne ein Wort im Hausflur verschwunden. Er
htte das Haus aus seinen Fugen reien mgen. Sie arbeitete drei Stunden
vormittags und drei Stunden nachmittags. Er brachte sie hin und holte sie
ab. Schlielich wurde ihr Kommen immer unregelmiger, und er stellte seine
Gnge ein. Ab und zu ging er mit hinauf und trank den Tee, den sie
briggelassen hatten.

Er sah immer eine Fliege, die sich auf ihren Krper setzte, und immer den
Mann, der sie mit einem Wedel verscheuchte.

Einmal sah er, wie das dreijhrige Tchterchen des Malers zu ihren Fen
spielte und dann mit den belillten Hnden den Krper betatschte.

Die gndige Frau rief aus einer Trspalte im Hintergrunde mit fltender
Stimme das ungezogene Kindchen zurck.

Da ging er nicht mehr mit zu den Malern.

Er dachte manchmal: Was nun? -- -- was hab' ich berhaupt mit dem Weib zu
schaffen . .

Sein Verdienst hrte fast ganz auf. Er trieb sich wieder in Kaschemmen
herum und brandschatzte alte Bekannte.

Wenn er spt nachts ins Zimmer kam, von Zweifeln mde und betrunken,
tastete er mit zitternden Hnden, ob ihr Krper schweiig ist . . . .

Sie sprachen wenig zusammen. Manchmal erzhlte sie ihm Atelierwitze oder
weinte: Tu ich denn nicht alles nur fr dich?

Er hatte sich daran gewhnt, gleichgltige Worte vor sich hinzumurmeln.

Was hast du denn? -- Ich bin dir wohl zu dreckig geworden.

Ha keimte in ihren Worten.

Einer von seinen Leuten sprach von ihm: Schade. Er ist an dem Weibe hrig
geworden. Und einer seiner Freunde sagte: Wenn ich wollte, htte ich sie
nehmen knnen. Man knnte ihm vielleicht einen Dienst erweisen . .

Aber es waren eben keine Freunde.

Er selbst fhlte: Wie feig, da ich sie damals nicht gehen lie. Ich htte
aushalten sollen. Acht Tage vielleicht.

An einem leuchtenden Herbsttage raffte er sich auf. Blitzhelle Gedanken
hatten ihn durchzuckt. Er schrieb an Verwandte und Studienfreunde, Briefe
um Protektion, Bettelbriefe. Es gelang ihm auch wirklich, eine Position
irgendwo zu bekommen. Es ging wieder vorwrts.

Ihr Leben nderte sich. Sie sa jetzt wieder zu Haus und wartete auf ihn.
Sie gingen dann noch ein Stck in die hereinbrechende Nacht und weideten
sich daran, tausend Kleinigkeiten durchzusprechen. Oder sie holte ihn ab,
und sie fuhren weit hinaus vor die Stadt und schmiedeten Zukunftsplne. Man
mu sich zwingen, dachte er.

Aber eine zuckende, flackernde Unruhe wich nicht mehr von ihm.

Sein Mitrauen qulte sie, und sie wurde scheu.

Einmal kam ein Paket an sie. Ein Kostm, ohne Brief, ohne Karte.

Sie war erstaunt und verlegen. Ein lterer Herr htte sie angesprochen und
bis ins Haus verfolgt.

Er rang mit sich und schwieg. Sie beschwor ihn und weinte.

Schlielich dachte er auch: Ihre Kleider sind heruntergerissen, es wird
ganz praktisch sein.

In der Nacht umkrallte er pltzlich die Gurgel.

Du -- -- -- ich werde dich erwrgen! Was ist's mit dem Kostm?

Es wurde ein Skandal. Sie schlugen sich. Worte fielen, von der Strae
aufgelesen, und ihre Erinnerung bespieen sie.

Die Hausbewohner liefen zusammen. Den nchsten Tag warf sie der Wirt raus.
Aber es war, als ob ein Gewitter die Luft gereinigt htte.

Eines Tages schmiegte sie sich an ihn:

Gib mir ein Kind . . . ich will ein Kind von dir . . . .

Sie kaufte sich eine Puppe und einen kleinen Bren und trug sie im Zimmer
herum. Gib mir ein Kind . . . . so waren ihre Trume.

Sie wanderten Hand in Hand durch die Straen der Stadt und sahen die Leute
nicht. Die Gedanken waren frei und leicht, ein sieghaftes Lcheln schwebte
ber ihnen. Es war wie das Glck. Mit seiner Stellung kamen auch wieder
Freunde und Bekannte in sein Haus, und sie blieben sich gute Kameraden.

Oft dachte er ber seine Liebe nach.

Was ist berhaupt die Liebe? Vielleicht eine Ordnung, ein Geschft oder ein
Fehltritt, sicher eine Seligkeit ohne Glck.

Oft sagte er, wenn sie schmeichelte: Ich liebe dich, aber la mich
allein. (Wenn sie die Haare sich waschen wollte!)

Manchmal dachte er: Nein, ich liebe sie nicht, aber ich kann sie nicht
missen. Manchmal wiederum kam ihm der Ekel, wenn er sie essen sah, so wie
sich das Kind vor den Eltern graut . . .

Was ist berhaupt die Liebe?

Dann streichelte er ihre Wangen, und sie bedeckte seine Hnde mit heien
Kssen.

Oft sa er in der dunkelsten Ecke einer Weinstube und grbelte. Da sah er
die Maler, den Athleten, den Kapellmeister, den Kaufmann, den Studenten,
den Schauspieler, den Herrn v. B., ein langer Zug, an sich vorbeiziehn. Oh,
wer so glcklich ist, dabei zu sein, dachte er.

Er kroch frmlich in sich zusammen und wurde alt.

Es bleibt etwas fr mich zu tun, fhlte er, aber ich wei nichts Nheres,
vielleicht eine Mission . . . .

Im Grunde genommen wurde ihm das gleichgltig. Er trumte:

Sie ist mde in der Erfllung und ruhig. Wie aber die, die in der Sehnsucht
altern? Er ging wieder unter die Brger und trank.

Einmal hielt er in der Trunkenheit den johlenden Brgern folgende Rede: Man
mu einen Aufruf erlassen. Zur Befreiung eurer Tchter. Gegen die
Ladenschwengel und Referendare. Gegen Einjhrige und sonstiges Gesindel
. . . .

Da war ihm eine Vision. Er sah den Studenten als Amtsrichter, dickbuchig,
beim Frhschoppen. Man witzelt ber Weiber. Der Dickbauch lchelt in sein
Glas. Voll leiser Erinnerung. berlegen. Interessant. Dann nimmt er einen
Schluck, sieht sich verstohlen im Kreise um und seufzt erleichtert auf. Im
Hafen . . . . der Hund!

Werner starrt in den Qualm, strzt hinaus. Der Lrm tost hinter ihm drein.
Von qualvoller Angst gehetzt, jagt er durch die Straen.

Uh jeh! Wenn jetzt der D., der Kujon, bei meiner Frau liegt, denkt er und
jagt weiter. Nach Haus.

Sie sieht ihn vorwurfsvoll an: Ich sage dir's schon, wenn ich gehe.

Er fhlt: Um Gotteswillen, vielleicht schon Ruine . . .




Der tolle Nikolaus





I.


In den neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts wurde Herzog Nikolaus von
Oppeln zu einem Bankett des schlesischen Adels nach Breslau geladen.

Der Kfer im Schlosse zu Oppeln rollte die Fsser aus dem Keller. Nikolaus
nahm mit seinen Kumpanen den Abschiedstrunk.

Frau Bertha sa am Erkerfenster und weinte.

Gewi, Nikolaus war wieder in Gnaden aufgenommen, nachdem man ihn jahrelang
bei diesem Bankett bergangen hatte. Allerdings war erst vor Wochen der
Sohn und Stammhalter ertrunken.

Auf Frau Berthas Gehei hatte der Vogt die Bauern prgeln lassen. Nikolaus
liebte das nicht. Man wute eigentlich nicht, warum und sprach dies und
jenes. Diesmal kam er zu spt, um es noch zu verhindern. Er hatte getobt
und die Fuste gegen Frau Bertha geballt und nachher noch manches in sich
hinein gebrummt, da sie im Innersten erschrak. Dann hatte er die heulenden
Bauern mit in den Keller genommen und ein tolles Gelage begonnen. Der
Kleine spielte gerade am Weiher, als am nchsten Morgen die Bauern nach
Hause schwankten. Man hat niemals erfahren, ob sie nur tppische Reverenzen
gemacht und mit ihm Spe getrieben, da er erschrecken mute und
verngstigt wurde und in den Weiher fiel, oder vielleicht einer aus bermut
Hand an ihn legte und dann verga, oder gar eine Verschwrung bestand, das
alles hat man nicht erfahren.

Nikolaus wurde zu Frau Bertha hart wie Stein.

Der kleine Nikolaus wurde nachts verscharrt, whrend die Frstlichkeiten
und Bischfe, die auf die Kunde von dem Unglcksfall herbeigeeilt waren,
den Rausch, der ihnen beim Empfang verabreicht wurde, ausschliefen.

Man fand es zwar absonderlich, aber es wunderte nicht weiter, denn man
dachte und mutmate so und so.

Jedenfalls wurde er wieder eingeladen. Was tat's, da er mit den Bauern
zusammensteckte und soff. Es standen ernste Zeiten bevor, und auch Frau
Bertha hatte heimlich manches Brieflein ausgesandt und teilnehmende Vettern
geworben.

Aber ihre Gter blieben unbestellt. Die Pchter warfen die Boten, die den
Zins fordern sollten, vor die Tr. Die Prgelmaschine verstaubte. Nikolaus
wollte seine Bauern frei. Grund genug, da Frau Bertha weinte.

Am dritten Tage ritt Nikolaus mit seinen Kumpanen nach Breslau. Als die
Schlobrcke hinter ihm aufgezogen wurde, war es ihm, als sollte er sich
umwenden und sprechen oder hinaufwinken oder noch schnell einen Vertrauten
gewinnen oder ein ganz klein wenig Anordnungen treffen, aber das Etwas, das
aufblitzte und anschwoll und ihn zu zerreien drohte, zerbarst in dem
Rattern und Knirschen der Zugketten.

Es stak im Innersten, was er vor sich hermurmelte.

Es war ein tierischer Laut und wie ein Fluch, so da auch die anderen
begeistert fluchten und lachten.




II.


Die Keller und Schenken in Breslau wurden zu klein. Die Brger stritten
sich mit den Pfaffen, und die Pfaffen mit den Felljuden, die gerade
Markttag hatten.

Unter all diesem Volk saen Nikolaus und seine Gesellen und soffen.

Manch frstlicher Vetter ritt ber den Markt und stieg am Stadthaus ab.
Schuster und Schneider liefen zum Empfang geschftig in Ratsfrcken hin und
her.

Nikolaus sparte nicht mit Witz und Schimpf. Das Gejohle seiner Gesellen
schwoll gegen die Maskerade, da die Brger still wurden. Als der Abend
hereinbrach, lagen die Meisterlein unter dem Tisch. Die Weiber keiften.

Dann luteten alle Glocken, und Fanfaren ertnten.

Nikolaus erhob sich und seufzte schwer.

Die Fanfaren schrieen ihn an und rttelten.

Aus dem Rlpsen seiner Gesellen sprach jetzt eine leise milde Stimme zu
ihm. Er krampfte die Faust zusammen, Sturm war in ihm. Er wollte schreien,
brllen und sah irr um sich. Es schrie jemand in ihm -- wie ein Fhrmann,
dann klang es wie geborstenes Metall.

Nikolaus schritt langsam ber den Markt und die Treppe zum Bankettsaal
hinauf. Den Kopf hielt er gesenkt. Wie zum Sto. Die breiten Schultern
zitterten.

Man beachtete ihn drinnen nicht sonderlich.

Er fhlte sich bedrckt, gefesselt und tat mit in feinen Manieren. Stunden
verflossen. Der Wein und die mancherlei Reden taten das ihrige.

Nikolaus blieb schweigsam. Kaum da berhaupt jemand ihm Anrede gab.

Es wurde wie bei jedem Bankett. Welche fingen mit rauhen Spen an, wieder
welche sprachen von Weibern. Es gab wohl auch Pffe und Maulschellen, und
man vertrug sich dann wieder.

Nikolaus blieb schweigsam. Man hatte ihn zwar geladen, aber man beachtete
ihn nicht.

Er htte wohl gern mitreden mgen, und er wunderte sich, da sie dasselbe
taten, was sie bei ihm so verachteten. Er hatte auch jene Weiber besessen,
die sie lsterten, die heiligen und die Weiber der Brgermeister und
Schffen. Er liebte sie noch alle und bewahrte es wie etwas Kostbares, so
da er nie davon sprach.

Er sehnte sich fort. Er dachte, wie er sich doch besser von mancherlei
trennen sollte, er dachte an sein Haus, still liegen und in die Sonne
schauen. Seine Gedanken verwirrten sich. Er fhlte, da er die Heilkraft
der Ruhe nicht finden wrde. Der Ruf von Haus war so trbe und vergiftet
und viel zu schwach.

Sie wurden lrmender.

Es war ihm, als ob sie alle von ihm sprachen. Als ob sie ihn um seine
Streiche beneideten.

Der Frstbischof meckerte etwas und alle lachten.

Nikolaus schien es, als starrten sie ihn an, da jeder etwas Besonderes von
ihm wte und er jedem mit dem Becher Bescheid trinken mte.

Er sah sich wie an den Schandpfahl geschlossen.

Pltzlich sprang er auf, da seine Tischnachbarn vom Sessel fielen.

Er bahnte sich unter dem Gelchter der brigen zu dem Frstbischof einen
Weg und schlug ihm in das vor Lachen verkrampfte Gesicht.

Es wurde ganz still im Saal.

Nikolaus duckte sich, als ob er unter einer Last zusammenbrechen mte.

Er fate blitzschnell die Eminenz und schritt durch den Saal zur Tr.

Und er warf den zitternden Pfaffen die Treppe hinunter, da das Volk unten
aufschrie.

Dann stieg er langsam die Stufen hinab, schritt durch die Volksmenge und
hinber in seine Herberge.

Seine Stimme bebte, als er seine Leute zu sich rief.

Die Humpen wurden wieder gefllt. Man hrte aus dem Geschrei der drauen
stehenden Menge, wie die Stadtwache aufzog.

Nikolaus sa schweigend und trank.

So will ich mich selbst vertrinken, dachte er und fhlte dumpf, wie eine
Woge seine Erinnerungen und Trume hinwegsplte.

Spter kamen Frau Berthas Brder.

Wir wollen dich vor der Wut des Pfaffengesindels schtzen, sagten sie.
Fge dich in unsere Anordnungen.

Dann legten sie ihn in Fesseln.




III.


Viele Boten kamen ins Oppelner Schlo. Schlielich ritten auch Frau Berthas
Vettern ber die Brcke.

Im Schlohof saen die Bauern und soffen.

Es gab ein groes Gelchter, als die Kunde von Breslau offenbar wurde. Frau
Bertha sparte nicht.

Manchmal dachte sie: Vielleicht haben sie einen bestimmten Plan, sie hassen
ihn alle.

Dann aber wieder: Aber es wird ihm eine gute Lehre sein. Dieser Saufbold!
Kein Bauer will arbeiten.

Und auch: Was mag geschehen? Schlielich ein freier Herzog und Spe
. . . Aber dann lachte sie wieder laut auf. Wie er nur aussehen mag. Der
Br. In Ketten. Vielleicht ganz hilflos. Mit suchenden Blicken. Hin und ihm
helfen. Das Tor ffnen und knurren: Na komm, diesmal noch . . . und sie sah
lange dann starr vor sich hin.

Frau Bertha empfing die Gste mit Hohn im Blick.

Gestern htte man ihn nach Neie geschafft. Vielleicht werde dort ein
Gericht sein.

Sie hatten wrdevolle Mienen.

Dann wieder schttelten sie sich vor Lachen.

Die Frau sagte spitz: Ihr werdet den Spa zu bezahlen haben, wie ich ihn
kenne.

Sie beeilten sich mit Gegenreden. Es lge doch anders und nur ihrem Einflu
sei es zu danken und vor Jahren htten sie schon gewarnt. Die
Verdchtigungen als Lutherischer, ernste Verwicklungen, die Bauern, die
Steuern . . . berhaupt der Adel sei gegen ihn, und wenn schlielich nicht
die Frau wre und die Familie . . .

Sie liefen wie aufgescheuchte Vgel hin und her, traten von einem Bein aufs
andere und verbeugten sich.

Frau Bertha lie Wein auffahren.

Soll man nun eingreifen oder dem Scherz seinen Lauf lassen?

Da lachten sie wieder und tranken sich bedeutsam Bescheid.

Aber Frau Bertha lie nicht locker.

Es schade dem Ansehen und auch nur eine Sekunde Ernchterung wre der Tod.

Gewi, und es sei fr alles gesorgt.

Dann redete der eine bedchtig von Gerchten, die ihm zu Ohren gekommen
wren, ehelichen Zwisten und Frau Berthas traurigem Los und dem abnehmenden
Wohlstand. Seine Stimme wurde butterweich. Der andere half mit in
Klagetnen. Es waren zwei Stimmen, die sich gegenseitig immer wieder wie
Wettlufer berholten und sich scheu nacheinander umblickten.

Frau Bertha sah durch ihre Reden hindurch und hrte sich sprechen: Was
wollt ihr von mir, warum qult ihr mich.

Und sie antworten: La ab von ihm. Acht Jahre sind es her, da wir ebenso
sprachen. Der oder Jener. Willst du uns wieder ziehen lassen?

Es war, als ob sie schreien mte: Hinaus -- -- oh ihr -- -- -- -- Er und
du oder du -- -- -- -- haha.

Heben sie nicht die Finger und grinsen?

Frau Bertha fuhr sich ber die Stirn und schwieg.

Sie fhlte dumpf, wie etwas Geheimnisvolles, Schleichendes sie einspann.
Sie werden Geld verlangen, vielleicht alles Land. Soll ich ihn aufgeben?
Sie erschauerte.

Der Liegnitzer sprach von ihrer Kindheit. Sie hatte ihm ein ganz klein
wenig Liebe gegeben, damals. Sie war allein, und er war stattlich, voller
Plne. Es sah alles damals so viel und gro aus. Aber jetzt -- -- -- nein.
Und war schon Nikolaus fr sie verloren, nicht denen da opfern. Nie.

Ihre Miene wurde zornig. Sie sah das Ende ihrer Reden. Sie erkannte
geifernde Schwtzer, denen sie selbst nur zu oft Gehr geschenkt hatte. Wie
hatte sie dagegen ihn manchmal getroffen und im Innersten erschttert.

Es zuckte in ihr, krampfte sich, schrie.

Pltzlich fhlte sie, wie sie zum Schlag ausholten, sie sah es nher kommen
-- -- -- -- nur nicht hren -- -- -- die Besttigung, die Besiegelung, die
Schuld.

Sie sank mit einem Aufschrei zu Boden.

Die Vettern sahen sich betroffen an.

Gurgelndes Sthnen, leidenschaftliche Anklagen fielen auf sie ein.
Hilferufe.

Einige alte Weiber liefen zitternd herbei. Sie hielten sich scheu in einer
Ecke des Zimmers und glotzten die beiden an. Die Vettern lchelten geqult.

Der eine dachte: die ist hart wie Stein, und schaute den anderen sonderbar
von der Seite an.

Der Liegnitzer recke sich und fhlte: Also dann das nchste Mal. Vielleicht
ein Brieflein?

Sie gingen auf den Zehenspitzen hinaus.

Als sie wieder ber die Brcke ritten, dachte der eine, ob ich ihr doch
noch einen Boten sende, entweder -- oder. Der andere aber besah sich alles
Land und sprach bei sich: Man sollte den Herzog retten, und er machte sich
eine Rechnung.

Frau Bertha stand im Schlohof und lachte seit langer Zeit wieder aus
tiefstem Herzen.

Ich werde offen mit ihm reden, dachte sie, ein neues Leben wird beginnen.
Nicht mehr er, wir. Gegen die anderen.

Tanz und Spiel gingen bis zum Morgen.

Um den Weiher stellten sich die besoffenen Bauern und schwuren, nach
Breslau zu ziehen und ihren Herzog zu befreien.

Ihr wieherndes Gelchter lie ab und zu Frau Bertha erschreckt im Schlafe
auffahren.




IV.


Zwischen Obst- und Gemsegrten liegt die bischfliche Residenz Neie.

Um viele runde und eckige Kirchtrme lebt ein Volk von Krmern.

Dorthin wurde Nikolaus gebracht.

Man hatte sich eigentlich nicht mehr sonderlich um ihn gekmmert. Der Adel
wollte nicht mithineingezogen werden, der Frstbischof frchtete ein zu
groes Aufsehen, vielleicht auch eine Einmischung fremder Frsten, es wre
ihm sogar lieb gewesen, man htte den Herzog berhaupt nicht festgehalten.
Er wute, da jetzt etwas getan werden msse. Die Scherereien wrden kein
Ende nehmen. Schlielich stand auch sein Ansehen auf dem Spiel. Das Volk
wollte sich in Forderungen und Rachegelsten nicht genugtun.

Er bergab seinem Kabinett die Angelegenheit zu weiterer Verfolgung und
reiste irgendwohin.

Den Kmmerern war die Sache sehr unbequem. Sie schoben den Herzog nach
Neie ab. Die htten den Vorfall dort ordnungsmig zu regeln.

Der Rat der Stadt war in arger Bedrngnis. Der Brgermeister las das
Schreiben, das die Ankunft des Gefangenen ankndigte und schttelte den
Kopf. Es kam ihm dunkel zu Bewutsein, da man etwas Besonderes von ihm
verlange.

Bald war es den Schustern und Schneidern und sonstigen Leuten bekannt. Eine
furchtbare Aufregung kam in die Stadt. Alles lief hin und her. Die
Fleischer schlugen Wurstbuden auf, die Bcker boten frische Semmeln und
Brezeln aus, die Komdianten bauten die bereits abgerissenen Zelte wieder
auf. Ratsherren liefen mit hochroten Kpfen umher und erzhlten einander im
Flstertone, da etwas ganz Auerordentliches bevorstehe. Der Brgermeister
fieberte. Seine Frau, die lange Jahre bei Pfaffen gedient hatte, besa
mancherlei Erfahrung in Sitten und Rechten. Sie verstand sich darauf, da
der Herzog noch am gleichen Tage hingerichtet werden mte. Der
Brgermeister schwitzte.

Die Schffen drngten, sogleich das Gericht abzuhalten. Der und jener hatte
keine Zeit, die Weiber kneiften am Portal des Rathauses, fahrende
Musikanten spielten zum Tanz auf. Es war ein Volksfest, das dem Herzog bei
seinem Einzug in die Stadt entgegenflutete.

Der Weg bis Neie hatte ihn weidlich belustigt. Die Komdie war kstlich
und dieser Empfang . . .

Er lachte, da es von einem Tor bis zum anderen schallte.

Das Volk johlte und jubelte auf den Straen.

Es lag so gar kein Unwillen und Ha darin, so da Nikolaus nachdenklich
wurde.

Was hat dieses Volk, dachte er, sie sind Kinder, die ein Spielzeug
zerbrechen, warum lachen sie . . .

Er wurde vor den Rat gefhrt.

Jemand las einen langen Schriftsatz vor.

Er hrte nichts.

Schuster und Schneider sprachen auf ihn ein. Der Brgermeister schlug auf
den Tisch und brllte.

Der Herzog ghnte.

Er sah, wie sie mit wichtigen Mienen Schriftstcke aufsetzten, berieten,
abstimmten, die Kpfe schttelten. Drauen schrie alles durcheinander.

Der Brgermeister verbeugte sich gegen den Herzog und begann wieder etwas
vorzulesen.

Nikolaus versetzte ihm einen Futritt.

Ein Schffe nach dem anderen schlich sich hinaus.

Nikolaus schrie auf. Er hatte den Brgermeister gefat und schleuderte ihn
gegen die Wand.

Sie waren fr eine Sekunde allein im Saal.

Dann kamen Schergen und schleppten den Herzog in das Turmverlies. Sie
griffen roh zu.

Nikolaus blieb stumm. Seine Miene wurde eisenhart.

Vor der Brgermeisterei lief alles Volk zusammen. Man hrte das Weib
keifen. Teller flogen auf die Diele. Es war ein Gehaste, als ob drinnen ein
Toter wre. Der Brgermeister hatte sich in die Hosen geschissen.




V.


Die Stadt wurde still.

Der Raum, in den man den Herzog gebracht hatte, war niedrig und fast ohne
Licht. Ein schmales Fenster ging auf eine Seitengasse.

Nikolaus schlief. Vielleicht zwei Tage, und es war wie eine Stunde. Er
hatte schwere Trume und eine Vision, da er auffuhr und erwachte.

Nikolaus . . . ., schrie es, und dann leiser: Nikolaus . . . . Es fing sich
in den Gngen und Gewlben, es kam immer leiser wieder zurck, und doch wie
ein Boot, das auf einem schwarzen Strom vorberschaukelte.

Er brllte. Wie ein verendendes Tier, nein: ruckweise und dann immer wieder
in der Tiefe versinkend.

Dann wurde er wieder ganz still.

Er fhlte: Ich setze mich ins Unrecht damit. Nicht betteln. Was fllt denen
ein? He . . . .

Niemand antwortete.

Heee . . . . er tastete sich an den Wnden zum Fenster und zerschlug das
Glas. Heee . . .

Niemand antwortete.

Wartet . . . . er knurrte einen wilden Fluch.

Der Raum war dunkel und niedrig.

Er fhlte: die Brust wird zerspringen -- -- -- oh, wer rief doch? Sie kam
wieder. Die ihn qulte, marterte, ihm das Blut aus dem Herzen trieb.

Nicht du . . . . er brllte wieder auf.

Dann lauschte er und hrte sagen: Was tu ich dir, Nikolaus, hrst du, was
. . .

Hee . . . du . . . ich hasse dich . . . du willst mich am Boden sehen
. . . oh . . du hast gesiegt.

Er sank in sich zusammen.

Wieder rief die Stimme: Nikolaus . . bin ich dir nicht gefolgt, ich war
doch bei dir, du Meines . . du . .

Hahahaha . . . . Wie Stahl schlug das Lachen gegen die Wnde. Aber es
sprach weiter: Und siehst du, ich mute dich qulen, so lieb hatte ich
dich, denn das Kind, vielleicht stand es zwischen uns . . . .

Hr auf, er keuchte, ich habe dich nicht verstanden.

Es war totenstill im Raum.

Du hast dich seit jenem Tag gegen mich gewendet, mich gehetzt, verjagt mit
deinem Ha, und du httest mich streicheln sollen, vielleicht kannst du
das, spielen sollen wie frher, noch mehr Kind sein, gutmachen alles
. . . .

Es war als ob etwas schrill anschlge: Nein, das hattest du, gerade du
. . . es schien sich zu zwingen . . . und warum kamst du nicht mehr, ich
wartete Tag um Tag . . .

Nein, ich . . . ich . . . ich. Er wurde unruhig. Was wollen die, hee
. . . was ist?

Wieder schlief er ein.

Der Raum war dunkel und niedrig.

Von allen Ecken wisperte es: Nikolaus . . . Nikolaus . . .

Er fuhr auf. Als ob er eine Last abschttelte.

Er seufzte: Komm, la gut sein. Ich war Schuld und wenn auch . . . nur
ich, denn du vielleicht warst bei mir, auch so.

Er schlug gegen die Wand: Teufel . . . meinetwegen, ich lge.

Warum gingst du fort, weiter und weiter . .

Er schrie: Nein, nein, nicht ich . . .

Seine Stimme schien sich wo anklammern zu wollen.

Dann wurde er ruhig und lchelte.

Komm zu mir, dachte er, ich will dich streicheln, ist es auch meine Schuld
. .

Er schlief wieder ein.

Doch bald schrie er auf, er krallte sich in die Mauer ein.

Du hast mich zu Boden getreten, du . .

Er besnftigte sich: Wer hilft mir, eigentlich wer und wozu?

Er lachte grimmig. Heee . . . .

Niemand antwortete.

Habe ich etwas getan, dachte er, und was? Heee . . . .

Er lauschte.

Dann flehte er: Sprich wieder . . . Zwar kennst du mich nicht. Und
trotziger: Nein, du -- -- du nicht und ihr alle nicht.

Er lachte und ballte die Fuste. Wie gegen Erinnerungen. Stunden
verflossen. Vielleicht waren es Tage.

Kinder standen in der Gasse. Der Herzog brllte und lachte und sthnte. Es
klang immer wie eine Erlsung nach einem verzweifelten Kampf.

Das kann eine schlimme Sache werden, dachten die Krmer und kratzen sich am
Kopf. Am nchsten Morgen tupfte der Bttcher Kunze sich seinen Brummschdel
und dachte: diesmal geht es noch. Der Mtzenmacher Glatzel erhob sich
ghnend aus einem Winkel. Der Brgermeister kroch zu seinem Weibe und
dachte: bald wird wieder Ruhe sein. Und so weiter.

Um diese Stunde schlichen Fleischergesellen zum Herzog und schlugen ihm den
Kopf ab.

Man wei nicht, ob er sich gewehrt oder gelacht oder geseufzt oder sonst
irgendetwas getan und gesagt hat.




Nachschrift.


Viel ist nicht mehr zu sagen.

Ein Gesindel von Geschichts- und Geschichtenschreibern ist an die Arbeit
gegangen. Manche sind genauer . . und viele haben damit recht. Was tut's.

Mancherlei ist vom tollen Nikolaus im Umlauf.

In Neie liegen darber Aktenbndel, und ein verrostetes Schwert wird
gezeigt, vielleicht auch ein Bild, wie Nikolaus auf dem Marktplatz
enthauptet wird. Vielleicht hat dabei auch ein Glcklein gelutet. Das mu
spahaft gewesen sein.

Vielleicht wird erzhlt, da Frau Bertha mit Ro und Reisigen wutschnaubend
in Neie eingezogen ist oder auch wehklagend. (Mit Ro und Reisigen.)
Sicherlich sind auch Boten gekommen, vielleicht kam einer gesprengt mit
verhngtem Zgel durch das Stadttor um die Morgenstunde und hat geschrieen:
Haaalt . . haltet ein . . . Aber aber . . . . Vielleicht ist mit dem
Brgermeister noch etwas geschehen. Das kommt vor.

Aber man wird verstehen, da das alles nichts zu sagen hat.



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information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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