The Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe

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Title: Kasperle auf Reisen

Author: Josephine Siebe

Illustrator: Karl Purrmann

Release Date: July 23, 2011 [EBook #36813]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***




Produced by Jens Sadowski








Kasperle auf Reisen

Eine lustige Geschichte
von
Josephine Siebe

Mit vier farbigen Vollbildern von _Karl Purrmann_

Vierte Auflage




Verlag von Levy & Mller in Stuttgart



Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart




Inhalt

Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus
Zweites Kapitel. Der alte Schrank
Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah
Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf
Fnftes Kapitel. Gnse hten
Sechstes Kapitel. Kasperle im Schlo
Siebentes Kapitel. Rosemarie
Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus
Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule
Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr
Elftes Kapitel. Abenteuer ber Abenteuer
Zwlftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst
Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten
Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin
Fnfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus








Erstes Kapitel

In Meister Friedolins Haus

Mitten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert Jahren ein altes Haus. Wie
alt es war, wute niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, ein
paar hundert Jahre knne es schon stehen. Frher war der Wald drum herum
gro und weit gewesen, man hatte sich recht darin verlaufen knnen. Dann
waren die Drfer nher gerckt, am Rande war viel abgeholzt worden, und vom
uralten Huschen fhrten schlielich drei Straen ins Land.

berall da, wo die Straen endeten, lag ein Dorf, im Osten Schnau, im
Sden Lindendorf und im Westen war eins, das die Leute Protzendorf nannten.
Dort wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmtig waren. Mit den
Bewohnern der andern Drfer verkehrten sie gar nicht, und die Kinder aus
Protzendorf kamen auch nie zum Waldhuschen gelaufen. Das taten die Kinder
aus den andern Drfern nmlich sehr gern, denn im Waldhuschen lebte ein
Holzschnitzer, der gar wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte.
Kasperleschnitzer hie er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen
lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau Annettchen zog die
Puppen an. Da sa manchmal eine bunte Gesellschaft auf der Holzbank im
Waldhuschen, und die Kinder aus Schnau und Lindendorf kamen oft gelaufen,
sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren es immer, wenn wieder eine
Anzahl Puppen zum Verschicken in die weite Welt fertig waren. Liebetraut,
des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind in eins der Drfer
gelaufen und sagte es den Kindern, denn das Mdchen war mit allen Kindern
gut Freund. Ja, manchmal hngte Liebetraut vor eins der kleinen Fenster im
Waldhuschen einen roten Vorhang; dann spielte sie mit den Puppen den
Kindern etwas vor, und das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen.
Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den Kasperlepuppen immer sehr
schwer, doch die wurden in eine groe Kiste gepackt, reisten in die weite
Welt hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurck.

In Lindendorf und Schnau wuten die Leute nicht viel davon, da der
Kasperleschnitzer eigentlich ein berhmter Mann war. Aber auf den
Jahrmrkten und Messen im weiten deutschen Land und darber hinaus, da war
sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater besa, schtzte sich
glcklich, wenn er Puppen hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt
waren. Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und
vergnglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren sie -- ei Potzwetter!
Frau Annettchen und Liebetraut wuten fr die Kittelchen und Mtzchen immer
wieder etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie die Puppen
heraus.

Es ging friedlich und frhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtmer gab's
nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister
Friedolin selbst war ein stiller Mann; er sa von frh bis spt bei seiner
Schnitzarbeit, aber er hrte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und
Liebetraut sang. Von drauen rauschten die Bume herein, der Vgel Stimmen
erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: So schn wie bei uns ist
es nirgends.

Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen,
wute niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines
Bndel ins Waldhaus gebracht und gesagt: Hier, Frau, das habe ich drauen
auf der Strae gefunden. Aus dem Bndelchen hatten Frau Annette zwei
groe, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: O so ein
liebes, trautes Kindle! Das mchte ich gleich behalten! Und beim Behalten
war es geblieben. Niemand wute, wem das Kind gehrte, niemand kannte seine
Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schnau die Kleine auf den Namen
Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das
war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein hbsches, groes
Mdchen geworden, an dem seine Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude
hatten.


Auch Liebetraut fand, im Waldhuschen sei es am allerschnsten in der Welt.
Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spa. Sie sagte
oft: Schade, da sie nicht lebendig sind! Und wie sie das einmal wieder
sagte, an einem rechten Wintertag war es, -- drauen schneite es in groen
Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhuschen brauste
der Sturm -- da sagte pltzlich der sonst so stille Friedolin: Einen
lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgrovater besessen.

Darob mute Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz
ernsthaft: Nein, nein, Kind, darber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du
weit es doch, da mein Ur-Ur-Urgrovater schon ein Holzschnitzer war und
hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren
geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schne Dinge fr den
Hausrat.

Wie die Uhr, rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte
Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab's Bume und
Blumen und allerlei Getier des Waldes.

Der Meister Friedolin nickte. Ja freilich, sagte er, die Uhr hat mein
Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei fr Kirchen und Schlsser. Er war
ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte groen Ruf. Da ist er denn
auch manchmal ber Land gegangen und hat da und dort wochenlang gearbeitet;
auf manchem groen Schlo ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schn sei
das schon, auf einem Schlo wohnen, aber er bleibe doch lieber in seinem
Waldhaus.

Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er
solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der
Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel grer als jetzt. Bei
Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten
jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber
hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde
ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es
an den hohen Bumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich
geglnzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein
sonderbares Gerusch gehrt; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er
ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen
ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbume
schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp -- schwapp hat er das
Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein nrrischer
Kumpan, den er da erwischt hatte. So gro wie ein Bble von sieben bis acht
Jahren ist er gewesen. Das Brschchen hat eine groe Hakennase gehabt und
einen riesengroen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmtze
getragen mit lauter goldenen Glckchen dran; dazu hat der kleine Kerl ein
ganz buntes Kleid angehabt, das aber so zerrissen gewesen ist, als htte
er's schon fnfzig Jahre auf dem Leibe.

>Wer bist denn du?< hat mein Ahn gefragt.

Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum
Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar
festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein
echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er
bei einem berhmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein
uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen
gehalten und oft seinen rechten Spa an ihm gehabt. Aber das einsame Leben
in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines
schnen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe,
sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt
herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Frsten gewesen, dann habe er auf
Messen und Mrkten sein Wesen getrieben.

Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schnes
Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz
gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele
Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu
schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwrdigsten
Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut geraten. Bald
wollten viele Leute solche Kasperlepuppen haben, und als schlielich mein
Ahn starb und sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes
Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. So ist es
dann auch geblieben. Der Sohn lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn
ich selbst einen Sohn htte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer werden.

Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: Aber das
Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?

Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. Ja, wenn ich
das wte! brummelte er. Mein Grovater selig hat's noch gewut; aber der
ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein
ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein
Grovater soll's einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und
wohin der gekommen ist, das wei kein Mensch. Jedenfalls, ich hab' das
Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.

O wie schade! rief Liebetraut. Wie wre das lustig und vergnglich,
htten wir ein richtiges Kasperle hier!

Der Meister schmunzelte. Das glaube ich wohl, du Tollkopf, sagte er, das
knnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im
Huschen herum!

Jetzt kommt er schon wieder! unterbrach auf einmal Frau Annettchen das
Gesprch. Sie schaute ordentlich etwas rgerlich zum Fenster hinaus; der
Gast, der drauen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. Aus einem
Schlitten, der vor der Haustr hielt, stieg ein dicker Mann in einem
Pelzrock; der schttelte sich erst drauen etwas den Schnee ab, dann kam er
in das Huschen. Er ffnete die Tr zur Wohnstube und schrie laut und sehr
freundlich guten Tag hinein.

Sein Gru wurde sehr khl erwidert; Liebetraut lief gleich davon, und die
sonst so freundliche Frau Annettchen sagte gar nichts. Das schien indes
Herrn Pumpel, der ein Hndler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. Er
setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner lauten, lrmenden
Stimme allerlei zu erzhlen, dies und das von seinen Fahrten, von seinen
Geschften, was er alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal Frau
Annettchen ganz laut und streng: Unsere alten Schrnke kriegen Sie aber
doch nicht, Herr Pumpel. In unserem Huschen wird nichts gerhrt und
gerckt, solange mein Mann und ich leben.

Na, na, na! brummte Herr Pumpel, er zwinkerte mit den Augen und sah aus
wie jemand, der sich eben sehr gergert hat.

Gelt, Friedolin, rief Frau Annettchen, unsere Schrnke kriegt Herr
Pumpel nicht?

I wo! Der Meister schttelte bedchtig den Kopf. Ich hab' einmal nein
gesagt, und dabei bleibt's.

Da wute Herr Pumpel, er war wieder einmal vergeblich gekommen, und nach
ein paar Augenblicken nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt
wieder davon.

Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut den Kopf zur Tre
herein und fragte froh: Ist er wieder weg? Hat er wieder die alten
Schrnke gewollt?

Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei Bewohner des Waldhuschens
von Herrn Pumpel und warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen
Schrnke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das gewollt, aber da hatte
Meister Friedolins Vater nein gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin
auch nein.

Die Schrnke, um die es ging, standen im Obergescho des Huschens. Sie
waren uralt, zeigten ein wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner
besonderen Schnheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz gestanden
und sollten weiter dort stehen, mochte Herr Pumpel so viel darum gefahren
kommen, wie er wollte.

Gut, da er wieder weg ist, rief Liebetraut. Sie rckte ihr Sthlchen
dicht neben Meister Friedolins Platz, nahm ein schwefelgelbes
Puppenrckchen in die Hand, um daran zu nhen, und bat: Vater Friedolin,
erzhl' noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle fand.

Und Meister Friedolin schnitzte und erzhlte dazu, Frau Annettchen und
Liebetraut nhten, und alle drei fanden wieder einmal, nirgends auf der
ganzen Welt knnte es schner sein als in ihrem uralten Waldhuschen.




Zweites Kapitel

Der alte Schrank

Herr Pumpel fuhr ganz bitterbse davon. Er rgerte sich gewaltig, da er
die alten Schrnke nicht hatte haben knnen. Er brummte und schalt darob so
viel, da sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten Schrnken hat?
Immer wieder fhrt er danach; ich denke beinahe, es wird etwas Besonderes
damit sein. Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst fhrt
doch wirklich kein vernnftiger Mensch bei einer solchen Klte in den Wald.

Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch viele Tage so. Auf
einmal aber kam der Tauwind; der fing ein gewaltiges Blasen an, und da
schmolz der Schnee und lief davon -- heidi, weg war er! Um das Waldhuschen
sauste und brauste es mchtig in diesen Tagen, aber Liebetraut lief trotz
dem Sturm immer wieder vor die Tre, steckte ihre kleine Nase hinaus und
rief jubelnd: Es riecht nach Frhling; ganz gewi, er kommt bald. Und
dann patschte sie einmal drauen im feuchten Walde herum, und als sie
wiederkam, brachte sie fr Mutter Annettchen die ersten Schneeglckchen
mit.

Das gab eine Freude im Waldhuschen! Ein richtiges kleines Fest wurde es,
denn auf den Frhling freuten sich die Waldhausleute immer. Und diesmal
lie sich der Frhling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange bitten. Er
kam ganz geschwinde angezogen, und bald konnte Frau Annettchen sagen: Nun
heizen wir nicht mehr, jetzt wrmt schon die Frhlingsluft. Da wurden alle
Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz zwischen zwei groen
Tannen guckte die liebe Sonne gerade in das Huschen hinein. Wunderherrlich
war es! Liebetraut lief alle Tage und pflckte Frhlingsblumen. Damit
fllte sie lauter bunte Tpfchen, und wenn die Kinder aus Schnau und
Lindendorf gelaufen kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im
Waldhuschen. Putzniedlich fanden sie es und wren am liebsten gleich drin
geblieben.

An einem dieser schnen Frhlingstage war es, da sa der Meister Friedolin
noch fleiiger als sonst an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nchsten
Tagen eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen, und einige Figuren
mute er vorher noch fertig schnitzen. Wie er so recht mitten in der Arbeit
war, brach ihm an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun wirklich
rgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen vom Frhling redete, brummelte
er doch eine ganze Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem
Vorratsschrank ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die alte Treppe
hinauf, die unter jedem Schritt chzte und krachte, just als wollte sie
etwas aus vergangenen Zeiten erzhlen. Oben auf dem halbdunklen Flur des
oberen Stockwerkes standen ein paar alte groe Schrnke. Das waren die,
welche Herr Pumpel so gerne hatte haben wollen. In diesen Schrnken wurde
seit langen, langen Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner
Kasperleschnitzerei brauchte.

An diesem hellen Frhlingstag flitzte die Sonne auch durch das kleine
Flurfenster; die beiden Schrnke bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab.
Das kam dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er ffnete erst den einen
Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht fand, tat er den andern auf.
Weil es gerade so hell war, kramte er ein bichen in den Schrnken herum.
Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei fiel ihm auf einmal in
dem einen Schrank auf, da auf der einen Seite ein Spltchen offen war. Na
nu, dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und platzt noch gar! Er
schob, zog ein bichen an dem Spalt, und da ging auf einmal ein Trlein
auf, und der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem schmalen
Fach eine Figur stehen, die war etwa so gro wie ein sieben- bis
achtjhriger Bub. Die hatte er doch noch nie gesehen! Der Meister
schttelte erstaunt den Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich
aber fate er danach und zog die Puppe aus dem Fach heraus. Und wie er sie
so anfate, war es ihm, als rhre sich die Gestalt. Er stellte sie flink
auf die Erde und sah sich das Ding an. Nein, so etwas! rief er. Das ist
ja wirklich ein Kasperle!


Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl an sich zu schtteln und
zu bewegen, er nickte mit dem Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke
Staubwolke ging von ihm aus.

Hatzi -- hatzi -- hatzi! Der Meister nieste, der sonderbare kleine Kerl
nieste, und Frau Annettchen, die das unten hrte, rief: Friedolin, du
kriegst wohl einen Schnupfen?

Die Stimme von unten schien das Mnnlein aus dem Schranke ganz munter zu
machen. Er fing auf einmal an zu lachen, und hops -- hallo! lief es die
Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge hchlichst verwundert
nach. Er konnte sich die Sache gar nicht erklren. Und niesen mute er
immer wieder, er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das
kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein.

Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen, und Liebetraut, die gerade
mit Blumen in der Hand in das Zimmer trat, lie die erschrocken fallen. O
du meine Gte, rief Frau Annettchen, was ist denn das fr ein Popanz!

Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen, er sah sich rund um,
schttelte den Kopf, und wieder flog eine dichte Staubwolke auf. Hatzi,
hatzi! nieste er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister
Friedolin kam niesend in die Stube. Hallo, da ist das Ding! rief er und
packte den wunderlichen Gesellen. Jemine, das sieht ja beinahe wie ein
Kasperle aus!

Ich bin doch Kasperle! sagte der Kleine klglich. Wo ist denn die Madame
Erdmute und der Meister Ephraim?

Was schwtzt du da? Meister Friedolin schlug sich pltzlich mit der Hand
vor die Stirn. Das waren ja meine Urgroeltern. Heiliger Bimbam, ich
glaube gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du, -- er schttelte den
Kleinen, da der Staub nur so herumflog, -- besinne dich mal: wie bist du
denn in den Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?

Ich hab' doch geschlafen! Der Kleine ghnte laut. Und auf einmal fing es
in ihm an ganz erschrecklich zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die
Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. Oh, oh, oh, jammerte er, ich
hab' solchen Hunger, ach, so schrecklichen Hunger.

Um Himmels willen, schrie Frau Annettchen, der stirbt ja noch vor
Hunger! Wer wei, wie lange der nichts gegessen hat!

Kann sein bald hundert Jahre, murmelte Meister Friedolin. Nu, nu, das
ist doch nicht mglich, da der so lange im Schranke gesteckt hat!

Hunger, au, au, ich hab' so schrecklichen Hunger! schrie der kleine Gast,
und da rannten Mutter Annettchen und Liebetraut erschrocken in die Kche
und brachten herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch, und alles
stopfte der wunderliche Geselle in seinen groen Mund. Er schluckte und
schluckte, wurde zusehends dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und
sehr vergngt rief: Ich kann nicht mehr!

Na, das ist ein Glck! sagte Meister Friedolin. So eine Esserei hab' ich
mein Lebtag nicht gesehen. Aber nun sag mir mal, du --

Kasperle hei ich, rief der Kleine.

Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank gekommen?

Kasperle ri seine Augen weit auf, den Mund dazu, dann seufzte er,
schttelte sich wieder und murmelte: Ich wei nicht.

Aber besinn dich doch, mahnte der Meister, du mut es doch wissen!

Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und erstaunt, doch pltzlich
erblickte er die groe alte Kastenuhr und schrie: Die hat der Meister
gemacht.

Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. War der schnurrige Kauz nun
wirklich das Kasperle, das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie
war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich so viele, viele Jahre
geschlafen?

Besinn dich doch! sagte Meister Friedolin.

Ich wei nicht. Kasperle suchte wieder, das Nachdenken schien ihm arge
Mhe zu machen. Ganz traurig wurde darber sein Schelmengesicht. Ich wei
nicht, sagte er nur immerzu klglich. Und wieder schttelte er sich
heftig, und dabei fiel ein groer vergilbter Zettel von seinem Kittel ab.

Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte drauf und rief: Da steht
etwas ber Kasperle, hier, Vater, sieh!

Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedchtig seine Brille auf und
las: Wer dies Kasperle findet, der soll es fein sorgsam hten, bis es
aufwacht, sintemalen es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge Johann
Heinrich Pumpel hat bswilligerweise dem Kasperle einen Schlaftrunk
gegeben, ein Wunderelixier, das einstens mein Grovater aus dem Lande
Italien mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre in Schlaf
sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann lebendig wieder auf. Doch ist es
ein Teufelszeug, und es wei jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird.
Das Kasperle schlft nun schon die vierte Woche, und weil ein Gerede in der
Gegend ist, ich htte einen Zauber im Haus, schliee ich es lieber in den
Schrank ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch wei, wie
seines Lebens Gang ist, und es knnte sein, das Kasperle geriete einst in
fremde Hnde. Der Pumpel hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb
war; er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll das Geheimnis
wissen, der soll es wieder seinem Sohne sagen und so fort, bis einmal das
Kasperle wach wird. Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle
sein, ihm kein Leid tun. Nur mu man es sorgsam hten, denn das Kasperle
bekommt manchmal, sonderlich im Frhling, eine trichte Lust auszureien,
und es knnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt es immer
wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.

Das hat der Meister Ephraim, der Urgrovater, geschrieben, sagte Meister
Friedolin, als er fertig gelesen hatte. Und nun wei ich auch, warum der
Hndler Pumpel so gern den Schrank wollte; der wute, wer drin steckte. Das
echte Kasperle, nein so etwas! Und geschlafen hat es fast neunzig Jahre.

Ein Wunder, wirklich ein Wunder! Frau Annettchen war die Geschichte
ordentlich unheimlich, und sie sah das Kasperle mitrauisch von der Seite
an.

Dieses nickte immer vor sich hin, ein bichen nachdenklich und ein bichen
betrbt, und Liebetraut fhlte pltzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen
Kerl. Sie trat zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: Ein
neues Kittelchen mu er aber haben; da seht nur, seins ist ja ganz morsch.

Kasperle blickte zu dem schnen Mdchen auf, und er sah die Gte in ihren
Augen strahlen; da gewann er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und
bettelte: Nh' mir gleich 'nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.

Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim ein, und sie fragte
schnell: Immer folgen und auch nicht ausreien?

Nein, nicht ausreien, versprach Kasperle treuherzig.

Gibst du dein Wort, kleines Kasperle? Liebetraut hielt des Kleinen Hand
fest, und der nickte wieder und beteuerte: Ich reie nicht aus, aber --
ich will auch nicht mehr in den Schrank.

I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein! sagte Meister Friedolin. Der
hatte nmlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er
schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut
emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen.
Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins
Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Mrkten gefallen!

Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je
mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da scho
es pltzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch ber Mutter Annettchen
hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wute, wie ihr geschah, sa das
Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schnen blanken
Zinntellern Fangeball zu spielen.

Warte, du Irrwisch! schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen
Seufzer. I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!

Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unntzer Schelm war er.
Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte
und krachte nur so im kleinen Haus, mal sa Kasperle oben, mal unten. Er
kroch in alle Ecken, und fand er ein Stck vom uralten Hausrat, erhob er
ein groes Geschrei. Viel zu erzhlen, wie es damals gewesen war, wute er
freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er
wieder und die Namen wute er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame
Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle berhaupt etwas gar
zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte:
Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unntz
scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!

Da erhob Kasperle ein groes Geschrei. Ich will nicht schlafen gehen, ich
will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und
bin nicht mehr mde.

Potzwetter, das mu ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich
ausgeschlafen haben! sagte der Meister. Kasperle mag aufbleiben.

Allein aufbleiben? I du meine Gte, der mchte eine nette Wirtschaft
anrichten! Das geht nicht, meinte Mutter Annettchen.

Ich will mit aufbleiben, ich nhe gleich seinen Kittel fertig. Liebetraut
war schon dabei, fr Kasperle ein neues Rcklein zu nhen.

Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte
ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wre
das nicht, und ein ordentlicher Kittel tte Kasperle wirklich not.

So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und
das zappelige Kasperle versprach, es wrde stille sein und nicht Tische,
Sthle und Schrnke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine
Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nhte. Mach' einen
Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen, bettelte er.

Warum denn? Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein
wenig die Augen zu und brummelte: Es brauchen doch nicht alle zu sehen,
da ich ein Kasperle bin!

O Kasperle, rief Liebetraut, ich merke es schon, du denkst ans
Ausreien! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten
Kasperlekittel. Da, die grasgrnen, feuerroten und himmelblauen Flecke
kommen alle darauf.

Kasperle brummte und schmollte ein bichen, als aber Liebetraut mahnte:
Denk' an dein Versprechen! da hing er die Nase und wurde still. Er sah
gleich ganz tiefbetrbt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: Erzhle mir
was, Kasperle!

Erzhle du mir was, Liebetraut! rief Kasperle. Ach bitte, bitte, bitte,
Kasperle hrt schrecklich gern Geschichten!

Na, dann pa' auf! sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe
Geschichten zu erzhlen, vom Wald, von Blumen, Bumen, von schelmischen
Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzhlte und
erzhlte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle:
Mehr, mehr!

Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, da Kasperle ganz still war. Da
lie sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah -- Kasperle war
eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer
neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen,
das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nhte emsig weiter, merkte
es gar nicht, da drauen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den
letzten Stich tat, ffnete sich die Tre und Mutter Annettchen trat ein.
Aber Mdchen, rief diese, die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und --

Kasperle ist eingeschlafen, sagte Liebetraut, sie hob das fertige
Kittelchen hoch, und ich bin fertig.

Gott sei Dank, da der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann! Mutter
Annettchen lachte. Ich hatte schon Angst, redete sie weiter, er wrde
nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mgen. Wir htten ihn dann
wirklich in den Schrank sperren mssen.

Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden, schrie Kasperle
erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken
scho er gleich einen Purzelbaum ber den Tisch hinweg. Hops, bums! Da
purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an
den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: Uff! Na, man merkt, da
ein Kasperle im Hause ist!




Drittes Kapitel

Was am Waldsee geschah

Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon
mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr.

Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer sa er
irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den
Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann
wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Ruwolke flog durch die Stube,
oder er brachte Frau Annettchens Nharbeit auseinander, da die Flicken
berallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: Warte, ich
stecke dich in den Schrank! Aber wenn Kasperle dann so jmmerlich weinte
und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid.

Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unntze
kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach
immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die
nicht bse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und
Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spa an
dem unntzen Schelm.

Das Waldhuschen war klein, und Kasperle ging es wie einst vor bald hundert
Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald
gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und
mehr, wie schn es doch wre, wenn er einmal wieder die weite Welt
durchstreifen knnte.

Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag:
Denk' an dein Versprechen! Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte
bei sich: Es wre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder
es im Ofen verbrennen knnte, damit es weg wre.

Einmal, an einem besonders schnen Frhlingstag, ging Liebetraut nach
Schnau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht
vor der Tr. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Huschen herum,
alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle
recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war
es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es
mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde
recht bse auf den Unntzling. Schlielich rief sie rgerlich: Geh zum
Meister!

Das lie sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte
hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine
neuen Kasperlepuppen an. In Reih' und Glied waren die auf Holzpfhlen
aufgestellt, eine sah drolliger aus als die andere, denn Meister Friedolin
hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.

Heio, schrie Kasperle, das bin ich! Und flink tippte er die erste Puppe
an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch na war.

Ungeschick, du! schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. Marsch,
geh, du hast hier nichts zu suchen!

Da lief Kasperle tiefbetrbt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er
lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann
gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenber nicht. Und
ganz eilfertig rannte er ein Stck in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar
gut. Die Vgel sangen und zwitscherten in den Bumen; die rauschten leise,
und unten am Boden blhten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig
davon. Ein Weg war da, ber den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor
sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick berlegte Kasperle, welchen Weg
er gehen sollte. Er schlug schlielich den Schattenweg ein und kam dabei
bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in
ihm badeten zu Kasperles grtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten
hchst vergngt im khlen Wasser herum, und Kasperle wre am liebsten mit
hineingestiegen, doch frchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den
Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei
entdeckte er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er,
das ist fein! Jetzt werf' ich meinen Kasperlekittel fort und zieh' Jacke
und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner
Freude verga er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er
kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Hslein und eine blaue Jacke
heran und schlpfte hinein. Die Bblein, denen die Sachen gehrten, muten
ebenso gro wie Kasperle sein, denn dem pate beides wie angegossen. Er
hatte einen ungeheuren Spa an der Geschichte, und als er fertig war, warf
er sich in das Gras und quiekte vor Vergngen.

Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelrmt htten, dann htten sie
Kasperles Lachen hren mssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und
tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen
nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile spter,
als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte
der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jcklein
schlpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es
zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blhte
der sich auf wie ein Frschlein und schalt die beiden liederlich. Sucht
nur! schrie er. Wer wei, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab' mein
Zeug ordentlich beisammen.

Das ging nun Fritz und Peterle doch ber den Spa. Sie meinten nun nicht
anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und fr einen
solchen Schabernack, dachten sie, mu einer Prgel haben. Und eins, zwei,
drei fielen sie ber den Christophel her. Doch der war nicht faul und
wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im
Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, da die Vgel beinahe vor
Schreck von den Bumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im
Weiher ohnmchtig wurde. Da erhoben die Frsche zornig ihre Stimmen, und
wer wei, was nicht noch alles geschehen wre, wenn nicht der Herr Frster,
der durch den Wald ging, den Lrm gehrt htte. Der war flink zur Stelle;
er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu
stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er
einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen
hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif
und kerzengerade vor dem Frster stehen und vergaen das Ausreien.

Na, warum habt ihr euch denn gehauen? fragte der Frster schmunzelnd. Es
ist euch wohl nicht warm genug?

Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher!
und jedem brannte ein Bcklein hochrot, denn der Frster hatte eine feste
Hand. Dessen rascher rger aber war schnell verraucht, er sah die drei
Schelme lachend an, und die fanden den Mut, ihm ihr Migeschick zu
erzhlen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich
heftig, und beinahe wren die drei Freunde sich wieder in die Haare
gefahren. Aber der Frster runzelte bedenklich die Stirn, er packte
Christophel fest an den Schultern und fragte: Hast du Jacke und Hosen
versteckt?

Nein! Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Frster
treuherzig an, und der wute da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt.
Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu
behten hatte? Dem Frster schien das ganz unmglich zu sein, er brummelte:
Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?

Aber meins waren doch Hosen! rief Fritz entrstet.

Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schnau bis in den Wald
laufen, der Frster sah das ein. Doch unntze Buben konnten wohl ihren
Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: Lauft nur flink
heim; es wird euch irgend so ein unntzer Bengel aus Spa die Sachen
genommen haben.

Aber ohne Hosen kann ich nicht heim! schrie das Fritzle, diesmal sehr
klglich.

War das eine verzwickte Geschichte! Der Frster sann nach. In seinem Hause
waren drei Buben gro geworden, sie waren jetzt schon in die Welt
hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An
seinem Haus nach Schnau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging
es durch den Wald; da konnte einer schon mal ohne Hslein laufen. Hchstens
lachten die Vgel und die Bume ber das sonderbare Menschenkind. Der
Frster hie also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne
Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.

Die Frau Frsterin sah zwar recht erstaunt drein ber die Gste, die da ihr
Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch
wirklich von ihren nun schon gro gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die
holte sie vor, und es fanden sich richtig Hslein fr das Fritzle und fr
Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knpfe hatte und an den Hosen ein
Paar grn und rot gestickte Trger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl
zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, da er alle seine eigenen
Sachen noch hatte. Die gute Frsterin sagte nmlich: Wenn sich Hosen und
Jacke nicht finden, dann mgt ihr in Gottes Namen diese behalten!

Die Buben schieden vergngt vom Frsterhaus, sie kamen sich mit ihrem
Abenteuer hchst wichtig vor, und als sie in der Nhe von Schnau
Liebetraut trafen, erzhlten sie der, was ihnen begegnet sei. Und
Liebetraut sagte wie der Frster: Da haben euch ein paar einen Schabernack
gespielt; ein paar rechte Taugenichtse mssen es gewesen sein.

Nun gab es in Schnau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen
war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten
Dorfhaus sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzhlten jedem, der es nur
hren wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jakble vom
Mller knnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und
die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch
und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle
Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel
htten beinahe von ihren entrsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch shnten
sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen ber die
sonderbare Geschichte schwtzten. Ganz Schnau regte sich darber auf, wer
es gewesen sein knnte.

Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und
wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkrlich
um, als knnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben ersphen. Dabei
sah sie auf einmal im Gebsch etwas hngen, wie ein groer, bunter Lappen
sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt nher,
und wie sie so dicht an den Bschen stand, rief sie laut: Kasperle, aber
Kasperle, was machst du hier?

Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur
Kasperles Kittel, der da zwischen den Bschen hing. Der Wind blhte ihn ein
wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem
war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben
ein, die um Hose und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht
stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel
vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhuschen zu.
Sie ri dort die Tr auf, strmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu:
Wo ist Kasperle?

Drauen beim Vater, antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen
richtete.

Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte
Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle
fragte. Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!

Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht drauen. Liebetraut suchte
das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, ffnete alle Ksten
und Schrnke und rief zrtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab
keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald
hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein
Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon lngst untergegangen, die Vgel
schliefen bereits in ihren Nestern, da tnten immer noch die rufenden
Stimmen durch den Wald: Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!

Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhuschen, und als
er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen,
und alle drei klagten betrbt: Unser Kasperle ist ausgerissen! Sie
dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, die der unntze kleine Schelm
gemacht hatte, sie dachten nur daran, da sie ihn liebgehabt hatten.
Liebetraut hielt die Hnde vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren
schlimmen kleinen Kameraden. Ach Kasperle, Kasperle, klagte sie, warum
hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!




Viertes Kapitel

In Protzendorf beim Bauer Strohkopf

Wo aber war das Kasperle hingelaufen?

Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergngt in den Wald gerannt,
froh ber seine neue Freiheit. In seiner Freude verga der Strick alles
Gute, was er im Waldhuschen gehabt hatte, und er beschlo, in die weite
Welt zu wandern. Und weil er wute, da auf den Straen, die nach Schnau
und Lindendorf fhren, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus
einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den
Bewohnern der anderen Drfer gern vermieden, und Kasperle traf auch
wirklich an diesem schnen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude
ber das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbume zu
schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Strae entlang, und beinahe
wre er so nach Protzendorf hineingepurzelt. Doch da lag ein groer Stein
auf dem Wege; an dem stie sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein
Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte
nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um.
Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhbig
sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer
Buerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen.

Kasperle reckte seine groe Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch
fein! Und gleich fhlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mglein,
und er sperrte seinen bergroen Mund auf wie ein junger Rabe seinen
Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Buerin ein, etwa zu kommen und
dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte
zwar sehr, schlielich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und
trabte dann ins Dorf hinein.

Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf,
hatte an diesem Tage frh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war
so faul, da selbst die Protzendorfer, die alle ein bichen trge waren,
ihn den faulen Matthias nannten. Der Bauer sa vor seiner Haustre, neben
sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein
Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen
Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte.

Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen
Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief
herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stck in den Mund und noch eins,
und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der
halbe Teller leergegessen.

Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht
widerfahren. Du Frechdachs! schrie er, hob seine dicke Hand und wollte
Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung ber Tisch und
Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. Ich
hatt' so argen Hunger! klagte er, und dabei schnitt er ein so jmmerliches
verschmitztes Gesicht, da der faule Matthias trotz seinem rger lachen
mute. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie
gesehen. Woher kommst du denn? schrie er ihn an.

Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stckchen nher und
klagte: Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Bble, hab'
niemand mehr auf der weiten Welt.

Und so klglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, da der dicke Bauer
ganz gerhrt wurde. Er brummte zwar: Das ist noch kein Grund, um andern
den Kuchen wegzufressen, aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle
nherkommen.

Der kleine Strick kam auch heran. Er lie die Nase hngen, als knnte er
nie ein Wsserlein trben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen
glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte
gndig: Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich's dir nicht
nachtragen. Ich brauche gerade einen Gnsejungen, dazu will ich dich
meinetwegen nehmen. Gelt, das httest du dir nicht trumen lassen, da der
reiche Strohkopf dich aufnimmt?

Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn
was ein Gnsejunge war, das wute er nicht. Er sagte nicht ja und nicht
nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer
als Gnsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch
mal, das ist eine Ehre! -- Und weil gerade sein Groknecht Florian aus dem
Hause kam, rief er dem zu: Florian, wir haben einen neuen Gnsejungen. Da,
nimm ihn mit!

Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er
dachte auch: Mit einem Gnsejungen macht man nicht viel Umstnde. Und
schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er
zerrte ihn zum Gnsestall, tat den auf, brummte: Da! schob Kasperle
hinein und schlo die Tre hinter ihm zu. Die mssen sich erst befreunden,
dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.

Da sa nun Kasperle im Gnsestall, und seine weien und grauen Schtzlinge
umringten ihn schnatternd. Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht.
In einem Gnsestall war er noch niemals gewesen, und als die Gnse ihre
Schnbel so weit auftaten und gar so arg schnatterten, begann er sich zu
frchten. Er schnitt frchterliche Gesichter, und weil die Gnse auch noch
nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam ihnen der Gast in ihrem
Stall hchst sonderbar vor. Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle
wurde es himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In einer Ecke des
Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein Schrank sah es fast aus, und
Kasperle, nicht faul, schwang sich hinauf. In den einzelnen Fchern des
Gestelles aber saen dicke, brave Gnse auf ihren Nestern und brteten. Die
erschraken nun gewaltig, als Kasperle ihren Nesterschrank erkletterte.
Zischend fuhren sie von ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich
an dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! fiel es um. Da lag
Kasperle, da lagen Nester und Eier, und zischend und schnatternd fuhren die
Gnse wtend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brten zu stren, das war
doch unerhrt! Zwack, bi eine Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins
Ohr, zisch, hieb eine ihm mit dem Schnabel ber die Nase. Kasperle brllte,
die Gnse schnatterten lauter und lauter, -- es war ein Hllenlrm.

Jemine, was ist im Gnsestall los? rief drauen auf dem Hof die Magd
Karline. Sie dachte: Es ist vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und
rasch rannte sie herbei, ri die Tre auf und sah in allem Wirrwarr das
schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen Mund hatte er ungeheuerlich
weit aufgerissen, und Karline klappte erschrocken die Tre zu. Ein Kobold,
ein Kobold ist im Gnsestall! schrie sie drauen.

Der Lrm hatte die Buerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an,
Florian lief herzu, und der strzte in den Gnsestall hinein und zerrte das
schreiende Kasperle heraus.

Herrje, was ist das? rief die Buerin. Sie schlug die Hnde ber dem Kopf
zusammen, und Berta kicherte in ihre Schrze hinein. Wie der aussieht!
sagte sie.

Ein Kobold ist's, ein Popanz! kreischte Karline.

N, unser neuer Gnsejunge ist's, und jetzt kriegt er Haue, brummte
Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spa war es
nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hren und Sehen, er brllte
ganz mrderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und
wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mgde
durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gnse, Florian
aber zeigte nur auf den Stall. Nachsehen! brummte er. Und klitsch
klatsch, klitsch klatsch, prgelte er weiter auf Kasperle los, bis die
Buerin ihm endlich den Kleinen entri. Du zerschlgst ihn ja ganz!
schalt sie.

Der hat's verdient! knurrte Florian.

Ja zum Kuckuck, der hat's verdient! schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte
inzwischen im Gnsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er
wollte schon mithauen. Doch die Buerin hielt mitleidig seine Hand fest,
ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder
sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klgliches Gesicht sah,
legte sich sein rger, ja er mute lachen; das Kasperle sah zu drollig aus.
Und auf einmal erging es den andern auch so, sie muten lachen; selbst
Florian grinste.

Das arme Kasperle mochte seinen Rcken noch so viel reiben und noch so
betrbt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut;
die htte nicht gelacht, nur freilich jetzt wrde sie traurig sein, weil es
sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle lie
die Nase hngen; ach nein, zurcklaufen konnte er nun nicht mehr ins
Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, frchtete er sich
auch, und so folgte er still der Buerin ins Haus, und als ihm drinnen ein
so gutes Dftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich
wieder vergngt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf,
und das Gnsehten war gewi nicht so schwer!

Beim Abendessen in der groen Wohnstube sa der neue Gnsejunge ganz unten
am langen Tisch. Oben saen der Bauer und die Buerin, neben ihnen Florian,
dann kamen Karline und die andern Knechte und Mgde. Sie waren alle fleiig
gewesen, und sie dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines
recht den neuen Gnsejungen an, bis Berta pltzlich leise lachte. Da
blickte der Paul neben ihr auf, und er sah unwillkrlich auch den neuen
Gnsejungen an. Nein, so ein spaiger kleiner Kerl, wie das war! Paul
lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und Mine auf, und alle sahen
Kasperle an, wie der seinen Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male
lachten alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer selbst. Und
kaum merkte Kasperle, da alle ber ihn lachten, flink fing er an,
Gesichter zu schneiden. Er zappelte auf seinem Stuhl hin und her und
kasperte, bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die Buerin bekam
Angst, dem Bauer knnte der Bauch platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte
ein paarmal: Hr' auf, lach' dich nicht krank! Aber dann lachte sie
selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline unter den Tisch, und
Paul purzelte mit seinem Stuhl um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel
und rief: Jetzt ist's genug fr heute, sonst platzt wirklich noch wer!
Und Florian zog Kasperle aus der Stube, brachte ihn in eine kleine, kleine
Kammer, die ein vergittertes Fensterlein hatte und in der gerade Platz fr
ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er gern, und er
kmmerte sich gar nicht mehr darum, da Florian brummte: Morgen mut du
Gnse hten.

Rrrrrrrrr! Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf
einmal? Rrrrr! klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue
Gnsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. Dummheit ist's,
brummelte Florian und schttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rtteln
und schtteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine groe Sge:
Rrrrr! Rrrrr!

Hol' ihn der Fuchs! Mit dem ist's nicht richtig, knurrte Florian. Und er
verriegelte sorgfltig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und
dachte bei sich, der Bauer htte gut einen andern Gnsejungen annehmen
knnen.




Fnftes Kapitel

Gnse hten

Am nchsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrhe, und als
Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war,
go ihm Florian schwapps einen Krug Wasser ber den Kopf. Da sprang nun
freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem
brbeiigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu
frchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte
ihm zum Gnsestall und stand dort wie ein armes Snderlein, als seine
schnatternden Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten.
Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und sagte: Geh, ht'! Kannst
mit dem Schfer gehen!

Der Schfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger
als dieser. Er hie Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur Damian ohne
Maul. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er
winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gnsen. Es ging zum Dorf
hinaus ber Wiesen, da kam ein lustiges Bchlein gerannt, und hier stie
Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das
gehre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da
folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gnse gar zu
laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem
Stock nach dem Bchlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und
zeigte auch hin. Da wurde Damian ohne Maul fuchswild. Nun mute er am
frhen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! Dort bleiben!
brllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rckwrts,
und die Gnse, denen er beinahe auf ihre Fe trat, nahmen dies gewaltig
bel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht
folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er
fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterbses
Gesicht. Da bekamen die Gnse Angst, und sie spazierten ganz brav, eine
hinter der andern, dem Bchlein zu. Dort schnatterten sie vergngt, sie
meinten, nun knnten sie schmausen und sich gtlich tun. Doch Kasperle
meinte das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gnse so brav vor ihm
hergelaufen waren, und er gedachte sich ein Splein zu machen. Er begann
die Gnse zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange Stab. Die
guten Tiere mochten schnattern, soviel sie wollten, rundum und wieder
rundum jagte sie ihr Hirte.

Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gnsen etwas
vorkaspern. Die armen Gnse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde
immer klglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie,
und weiter ging es, immer rundum, rundum.

Damian ohne Maul pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu
kmmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gnsejungen, weil sein
Bruder ihm gesagt hatte: Pa auf! Und da er nicht allzuweit seine Schafe
weidete, ging er einmal nachsehen.

Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum,
die Gnse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, da denen das Rennen
wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden!

Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans gerade auf den Kopf. Da
packte ihn jemand am Hosenboden. Und Damian ohne Maul hielt sich nicht
mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp, schwipp, und Kasperle sprte
das sehr genau, er schrie mrderlich, und die Gnse schauten mit weit
offenen Schnbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar bel! Wenn die
lteste Gans htte reden knnen, sie htte jetzt gewi das Sprchlein
gesagt:

   Was du nicht willst, da man dir tu',
   Das fg' auch keinem andern zu!


Endlich meinte Damian, sein Stock wre nun lange genug auf Kasperle
herumgewippt. Kasperle fand, viel viel zu lange, und er heulte jmmerlich,
als Damian ohne Maul ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder nichts, aber
so klug war das Kasperle schon, um zu wissen, was die Prgel bedeutet
hatten. Ganz verdattert blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gnse
alle mde und hungrig waren, dachten sie nicht ans Fortlaufen. Es ging
darum ganz friedlich am Bchlein zu. Kasperle streckte sich lang aus, er
hielt seinen Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er wrde
bald weiter in die Welt hineinlaufen.

In Protzendorf hatten sich die Leute von dem putzigen Gnsejungen des
Bauern Strohkopf erzhlt, und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu
sehen. Die beiden hieen August, und weil des einen Vater der Windmller
und der des andern der Wassermller war, wurden beide im Dorf nur
Windgustel und Wassergustel genannt. Unntz waren alle beide, und gute
Freunde waren sie auch. Ihre Vter zankten sich manchmal, der eine schalt
auf den Wind, der andere auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel
machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem Pfingstsonnabend nun
gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht wute der Spe und Dummheiten, die
sie noch nicht kannten.

Sie fanden Strohkopfs neuen Gnsejungen im Grase liegen, und als sie ihn
anriefen, tat er erst, als hre er sie nicht, aber Windgustel und
Wassergustel wuten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. Sie zogen
ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; da sprang Kasperle auf mitten
in seine Gnse hinein.

Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht das Rundumgelaufe wieder los.
Doch statt dessen gab es ein lautes Gelchter. Windgustel und Wassergustel
fanden nmlich das herumspringende Kasperle hchst komisch, und Windgustel
dachte gleich: Uje, knnte ich doch so feine Gesichter schneiden!

Am Lachen merkte Kasperle, da die beiden nicht als Feinde gekommen waren,
und blitzschnell verwandelte sich sein bses Gesicht in ein sehr
vergngtes. Nach zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden,
obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren Jungen htten
sie noch nie gesehen. Was konnte der fr Grimassen machen, wie Arme und
Beine verrenken! Da mute einer schon wirklich ein solcher Sauertopf sein
wie Damian ohne Maul, um nicht zu lachen, doch Windgustel und
Wassergustel waren keine Sauertpfe, die lachten, beinahe barsten sie
auseinander. Und nachher schimpften sie. Kasperle erzhlte ihnen nmlich
von dem Schfer, und da sagten die beiden Unntzlinge, das sei von dem grob
gewesen, und das mit den Gnsen sei fein. Mach's noch mal! bat
Windgustel.

Erst nachsehen, wo der Damian ist, rief Wassergustel. Er sprang auf, sah
nach und kam nach einem Weilchen grinsend zurck und verkndete den
Kameraden: Er schlft.

Das war schon ein rechtes Glck fr die Gnse. Kasperle wollte nmlich gern
dem schlafenden Damian einen Streich spielen, und alle drei lieen die
Gnse, wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schfer. Der lag nun
wirklich unter einem groen Feldbirnbaum und schlief, und ein Stckchen
weiter weideten die Schafe, von Flick, dem treuen Hund, bewacht.

Die drei Freunde standen vor Damian, schauten ihn an und berlegten, was
sie ihm wohl antun knnten.

Einen Frosch aufs Gesicht setzen, schlug Windgustel vor.

Ihm die Knpfe abschneiden, sagte Wassergustel.

Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem Birnbaum; da konnte sich
einer verstecken, und er dachte: Ich schlage Purzelbaum ber ihn weg,
gerade ber seinen Bauch. Kasperles uglein glitzerten vor lauter
Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen, was er, vorhatte, als
pltzlich Flick laut bellte. Der sah es wohl: die drei, die da neben seinem
Herrn standen, hatten nichts Gutes im Sinn.

Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! Rutsch, sausten sie den Abhang
hinab, weg waren sie! und als Damian ohne Maul erwachte, sah er sich
erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so laut und warnend
gebellt? Umsonst tat Flick doch so etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem
Gnsejungen, dem schlimmen Strick. Der Schfer stand auf und ging
nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still und einmtig am
Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine Rute in der Hand wie ein richtiger
Gnsejunge. Die Gnse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah
alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um.

An diesem Abend trieb Kasperle seine Gnse heim, als htte er schon immer
Gnse gehtet, und der Groknecht Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na,
vielleicht wird's mit ihm! Nur -- sein Gesicht ist gar zu unntz. Und dann
sah er, wie sein Bruder Damian den Kopf schttelte, und das war immer ein
schlimmes Zeichen.

Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, sie wollten ihm
morgen am Feiertag das ganze Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie
dachten: Bauer Strohkopf lt doch sicher am Feiertag seine Gnse im Stall.
Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller Herrgottsfrhe aus dem Bett. Er
dachte: Ein Gnsejunge, der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen
Feiertag; Feiertagskuchen ist genug.

Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof stolperte, hielt dort schon
Damian mit der Herde. Dem taten die Schafe leid; warum sollten die um den
schnen Frhlingstag kommen? Also zogen beide wieder eintrchtig hinaus,
und am Bchlein hob Damian drohend den Stock; da hob auch Kasperle flugs
den seinen empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie der Schfer.
Das war dem doch zu toll. So ein Frechling, der ihn noch verhhnen wollte!
Er sprang auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen den langen
Beinen durch, und plumps! lag Damian ohne Maul, so lang er war, im
Bchlein. Das spritzte hoch auf, die Gnse flohen vor Schreck, und Flick
kam eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn geschehen war.
Kasperle aber trieb seine Gnse, so schnell er konnte, ein Stcklein
abwrts. Er rannte, die armen Watschelchens muten auch rennen, bis er an
einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die Gnse, pflockte die Tre
von auen fest zu, und dann lief er selbst einmal wieder in die weite Welt
hinein. Gnsejunge sein hatte er satt.

Doch Damian ohne Maul war rasch hinter dem Ausreier her. Er sah von
weitem, wie Kasperle die Gnse versteckte. Da machte er noch lngere
Schritte, und Kasperle hrte ihn kommen und merkte wohl, er mochte flink
Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen und kugeln, Damian erwischte ihn
doch. Er sprang eine Bschung hinauf, oben ging die Landstrae entlang.
Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian kam nher und nher, doch
da zur rechten Zeit rollte ein schner Wagen heran. Vier Pferde waren davor
gespannt, neben dem Kutscher sa ein stattlicher Diener, und Kasperle
besann sich nicht lange, er sprang, so rasch er konnte, hinten auf dem
Wagen auf. Da gab es freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es
schon so, als dem Damian in die Hnde zu fallen.

Der Schfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte auch noch ein Stck
hinterdrein, aber niemand hrte auf ihn. Eine Biegung kam, -- weg waren
Wagen und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen Schafen zurck. Die
muten nun mit den Gnsen zusammen weiden. Mittags ging's heim, und auf dem
Hofe rief Damian ohne Maul zornig: Ausgerissen!

Wer? Ein Schaf? fragte der Bauer, der das gerade hrte.

Nein! Damian schttelte den Kopf. Kasper!

Ausgerissen? Mein neuer Gnsejunge? Der Bauer ri die Augen weit auf. Wie
war denn so etwas mglich? Bei ihm ri doch sonst niemand aus! Warum
denn? fragte er. Erzhl' doch!

Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzhlen mssen, das war zuviel fr
Damian. Er schttelte den Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte
heien, bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und legte sich in
sein Bett und verschlief den schnen Pfingstnachmittag.

Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein groes Geschrei, als sie von
dem Verschwinden ihres neuen Freundes hrten. Sie redeten laut, nur Damian
sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das
Rundumjagen der Gnse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde
bitterbse auf den Schfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im
Dorf, Damian ohne Maul habe den armen kleinen Waisenjungen gar so
schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht.

Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich
feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grnen Wglein
angefahren, der stellte geschftig mitten auf dem Dorfplatz ein
Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem
grten Jahrmarkt htte es sein Besitzer zeigen knnen, so schn war es.
Die Puppen waren ziemlich gro und sehr prchtig angezogen; am allerbesten
gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Spe zu machen,
staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der
Bauer Strohkopf: Das ist ja mein Gnsejunge!


Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle: das war Kasper, der
Gnsejunge; genau so hatte er ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine
Gesichter schnitt.

Da kletterte der Ruberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien
Windgustel und Wassergustel: Das ist er auch! Genau so bitterbse hatte
Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar,
alle Puppen glichen etwas dem Gnsejungen. Die Zuschauer umdrngten immer
aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hrte hinten den Lrm. Er
kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte
von der wunderlichen hnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzhlte von
dem ausgerissenen Gnsejungen.

Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! Er ist's, er ist's! schrie
er laut. Den mu ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell,
sagt's! Der Kasperlemann packte Damian ohne Maul beim Jackenknopf. Da
erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte Hm! und mehr war nicht
aus ihm herauszubekommen.

Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: Ha, nun merk' ich: Ausgerissen war
der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?

Da erzhlte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte
von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie
ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er, kenne den Namen
des Meisters Friedolin schon lange; der sei unter den Puppenspielern im
Lande weit und breit berhmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue Puppen
gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, da diese noch
viel, viel besser gewesen seien als frher. Da habe er gedacht, er sollte
doch einmal diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und weil er
jetzt gerade in der Nhe gewesen sei, habe er gestern im Waldhuschen
vorgesprochen. Alle darin seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen
habe ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und verlorenen Kasperle
erzhlt. Der liefe nun in fremden Hosen und fremder Jacke in der weiten
Welt herum, und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreier zu suchen
und dem Meister zurckzubringen, denn dahin gehre er.

Ist recht, schrie der Bauer Strohkopf. Sucht ihn nur, und nachher mu
ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hh, hh! So hab' ich in
meinem Leben nicht gelacht wie ber den schnurrigen Kauz!

Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle! sagte der Puppenspieler.
Der versteht das Kaspern schon!

Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an.
Ein bichen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann
erklrten sie doch beide: Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem
Kasperlemann.

Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und
Wassergustels Mutter stie ihren Buben an: Biste nrrisch? Du bleibst zu
Hause und gehst in die Schule.

Der Windmller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er
dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein
Krmchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf
rief ihm noch nach: Ich geb' 'n Taler frs Finden. Dem tat es doch bitter
leid, da Kasperle nicht mehr am Tisch seine Spe machte.




Sechstes Kapitel

Kasperle im Schlo

Kasperle fuhr inzwischen sehr vergngt durch das Land. Der lustige Sitz
gefiel ihm gut, und je schneller es ging, desto froher wurde er. Da konnte
ihn Meister Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht Damian.
Vor dem schweigsamen Schfer hatte er nmlich arg viel Angst. Wenn Leute
dem Wagen begegneten, dann nickte und winkte Kasperle, und die Leute
nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, der im Wagen sa, nickte
auch freundlich, und er wunderte sich, da die Leute immer so lachten.
Kinder liefen wohl immer noch ein Stckchen hinterdrein, weil der lustige
kleine Kerl, der da hinten aufsa, ihnen gar so gut gefiel.

Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die Fahrt. Einmal fuhr der
Wagen auch durch den Wald. Da rauschten die Bume und die Vgel sangen.
Kasperle sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte an das
Waldhuschen und an Liebetraut. Aber so schnell ihm der Gedanke kam, so
schnell lief er ihm auch wieder davon. Es kam nmlich jemand angegangen,
mit seinen kleinen Mauseohren hrte Kasperle die Schritte. Der da kam, war
ein sehr wrdiger gelehrter Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den
einsamen Wald gegangen war, um ber ein sehr gelehrtes Buch nachzudenken.
Als er den Wagen kommen sah, blieb er stehen, und weil er ein hflicher
Herr war, grte er hflich, und der Herr Graf dankte ebenso hflich und
beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen heraus. Und da sah er, wie der
gelehrte Herr zurckwich und entsetzt die Hnde hob, als erblicke er ein
Gespenst.

Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich ungemein, Kasperle aber
zappelte vor Vergngen auf seinem Sitz hin und her. Er hatte nmlich dem
wrdigen Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu sein Rubergesicht
gemacht. Da konnte einer schon erschrecken.

Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile ganz verdattert dem Wagen
nach. Er dachte: Dies war doch der Graf von Singerlingen! Was fllt denn
dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu setzen! Unerhrt so
etwas!

Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und ber dem stieg auf miger
Anhhe ein helles Schlo empor. Von seinen Trmen flatterten Fahnen lustig
im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im Sonnenschein. Im
Schlo war morgen Hochzeit; zu der fuhr der Graf. Es war schon mancher
schne Wagen an diesem Tage zum Schlo hinaufgerollt, und die Dorfkinder
harrten darum alle an der Strae; sie waren neugierig, wer noch angefahren
kme. Als der Wagen des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es
pltzlich ein lautes Lachen auf der Dorfstrae, und schreiend und jauchzend
strmten alle Kinder hinterdrein. Die Pferde wurden fast scheu bei dem
Gebrll, und der Graf schttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. Das
war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der Diener rgerten sich, aber
alle drei merkten doch nichts von Kasperle, der hinten aufsa.

Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem Schlosse immer nher und nher
kamen: Vor einem Schlo mu man gut vorfahren. Er lie darum erst die
Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen konnten, dann zuletzt
trieb er sie an. Sie fuhren im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten
sie.

An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. Der hatte gemeint, das
Gefahre ginge so weiter, und bei dem jhen Ruck verlor er darum das
Gleichgewicht und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab.

Vor dem Schlo stand Rosemarie, die Tochter des Schloherrn, in einem
rosenfarbenen Kleid. Die hatte dem Grafen von Singerlingen einen schnen
Willkomm sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: Da fllt ein
Junge vom Wagen!

Kasperle war mitten in ein schnes Blumenbeet hineingefallen. Da blieb er
drin liegen, steif und starr, und rhrte sich nicht. Der Graf von
Singerlingen aber rief erstaunt: Wo ist denn der hergekommen?

Vom Wagen ist er gefallen, sagte das kleine Rosenmdchen. Ach, und nun
ist er tot!

Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens schon, brummelte der
alte Diener des Grafen. Darum haben die Leute auch so ber uns gelacht.
Und tot ist er sicher nicht.

Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdst, und als ihn zwei Diener
aufhoben, machte er ein so schrecklich dummes Gesicht, da alle um ihn
herum lachten.

Der Graf, dem das Schlo gehrte, seine Frau, die Gste, alle kamen und
staunten das dumme, dumme Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber
betrachtete ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: Komisch, sehr
komisch!

Wo er herkme, wollte der Schloherr wissen. Kasperle kniff die Augen
zusammen, machte ein sehr betrbtes Gesicht und erzhlte genau wie dem
dicken Bauer, da er ein armes verlassenes Waisenbble sei und in die weite
Welt hinaus wolle.

O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das Kasperle nicht geheuer vorkam.
Er htte auch gern seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen
ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel das Kasperle ungemein.
Er bat darum die Schlofrau, sie mchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner
Heimfahrt. Das sagte ihm die Grfin zu, bei sich dachte sie freilich: Wo er
schlafen soll, wei ich nicht. Es waren so viele Gste im Schlo, um die
Hochzeit der ltesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde sollte
auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war jeder Winkel besetzt, und in
der ganzen Nachbarschaft hatte die Grfin Betten borgen mssen. Sie sagte
aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin fhren, die
wrde schon fr ihn sorgen.

Die wird sich ber den Knirps freuen! dachte der Diener. Er nahm Kasperle
am Arm und fhrte ihn etwas unwirsch in die groe Vorkche, in der gerade
Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, die aus der Backstube
gekommen waren.

Fein, hier gefllt's mir! dachte Kasperle und schnupperte vergngt herum.
Wie die Kuchen gut rochen! Ja, so ein Schlo war noch besser als ein
Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: Fein! und nicht: Der gefllt
mir, als sie Kasperle sah, sondern sie rief sehr gergert: Was soll ich
mit dem Popanz? So einen Jungen habe ich berhaupt noch nicht gesehen. Weg
mit ihm, den kann ich hier nicht gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen
Kartoffeln schlen.

Mag ich nicht, rief Kasperle, aber da wurde Frau Emma gleich sehr bse,
und sie befahl zornig: Er soll Kartoffeln schlen!

Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und zerrte ihn in einen Nebenraum
hinein. Dort saen drei junge Dirnen, zu denen sagte sie: Da ist einer,
der soll euch helfen.

Der uns helfen? Die drei kicherten laut, und dann nahm eine eine
riesenweite Kchenschrze, band die Kasperle um, die zweite reichte ihm
eine Schssel, die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle drei
riefen: Nun hilf uns!

Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! Potztausend, das
ging! Schnippel schnappel, schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stck
Kartoffel, dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel
zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Kchenschrze um die Beine,
warf Schssel und Messer auf die Erde und schrie: Ich hab' Hunger!

Die Mgde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, um etwas fr das Kasperle
zu holen, die dritte aber streichelte ihn und fragte, woher er kme. Und
dann schmauste Kasperle und erzhlte, und zuletzt schnitt er Gesichter. So
etwas hatten die drei Mgde noch nie gesehen.

Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nhe der Tre kam, lauschte sie
rgerlich. So ein Gelchter! Zornig tat sie die Tre auf. Da saen die drei
Mgde, lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem Kchentisch
herum. Die Kartoffeln aber waren alle ungeschlt. Frau Emma verstand keinen
Spa. Sie fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mgde duckten erschrocken
die Kpfe. Das Kasperle aber trieb die Frau aus dem Raum. Geh, hilf
Geschirr waschen! herrschte sie ihn an. Da hinein! Sie schob den Kleinen
in einen groen Raum, in dem gewaschen und geputzt wurde.

Hier fhrte die Herrschaft die alte Liesetrine, und die machte gleich ein
schiefes Gesicht, als sie den kleinen Helfer sah. So einen Dreiksehoch
kann ich nicht brauchen, schrie sie. Raus mit ihm, raus! Der schlgt mir
nur alles kaputt.

Na, dachte Kasperle gekrnkt, versuchen kann sie es doch erst mit mir! Und
er wollte zeigen, wie geschickt er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch,
von denen ein groer Sto auf einem Tisch lag, dann wollte er von einem
Gestell einen Teller nehmen, um ihn suberlich zu putzen. Er hatte oft
gesehen, wie Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: Halt,
halt, vergreif' dich nicht dadran! Die Teller -- Klirr, da sausten
smtliche Teller von oben herab, noch ehe Liesetrine mit ihrer Warnung
fertig war. Heisa, gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: Die
allerbesten Teller sind es, die allerbesten! Ein paar Mgde schnatterten
durcheinander, und da tat sich auch noch die Tre auf, und ein Diener
streckte den Kopf herein und fing an ber den Lrm zu schelten. Von der
andern Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen und schalt auch.

In all dem Lrm entwischte Kasperle ganz heimlich. Husch, war er drauen!
Er drckte sich an der Wand entlang und geriet in einen halbhellen, khlen
Gang. Hier verhallte der Lrm etwas, und Kasperle sah, da vier Tren auf
den Gang mndeten. Jede hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte
gerade, auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, war das fein,
was er da erblickte! Er sah in die Speisekammern des Schlosses hinein, in
denen die leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das Wasser im
Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Er klinkte an
einer Tre, an der andern, an der dritten, -- sie waren alle verschlossen;
die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der Eile dieses Tages
nicht zugeschlossen. Und gerade in dieser Kammer standen die sen Speisen:
Fruchtschalen, Kuchen und Torten.

Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu schlecken und zu lecken.
Wie das schmeckte! Viel, viel besser, dachte er, als das Ksebrot beim
Bauer Strohkopf. In einer Ecke stand ein ganzer Kbel Schlagsahne. Kasperle
wute erst nicht, was dieser weie Schaum war, und weil er im Waldhuschen
einmal neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es knnte wohl
etwas hnliches sein. Aber naschhaft, wie er war, steckte er doch sein
Fingerlein hinein und versuchte. Das war fein. Er schleckte den Finger ab,
tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und weil der Kbel etwas
hoch stand, kletterte er schlielich auf den Rand, um besser lecken zu
knnen.

Da sagte auf einmal drauen jemand: Was ist denn das? Hier steht ja eine
Tre auf!

Kasperle erschrak mchtig. Er wollte sich flink in eine Ecke flchten, doch
dabei verlor er das Gleichgewicht, und gerade als Frau Emma in die
Speisekammer trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne hinein. Die
spritzte hoch auf, und Frau Emma, die nur etwas zappeln und krabbeln sah,
hielt Kasperle fr eine Katze, sie strzte schreiend aus der Speisekammer
und rief um Hilfe.

Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem Kbel heraus, als er
hineingekommen war, und er wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma
sah ihn, und merkte auch, da das zweibeinige Ding keine Katze sein konnte;
sie wollte ihn greifen, aber Kasperle, der von oben bis unten voll
Schlagsahne war, entglitschte ihren Hnden. Tren gingen auf, Menschen
kamen, und Kasperle sah einen groen steinernen Pfeiler; hinter den
rutschte er. Von da aus hrte er Frau Emma klagen, Mgde und Diener
schelten, und pltzlich riefen alle: Es fahren wieder Gste vor.

Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus seinem Versteck heraus. Satt
war er, nun htte er gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu
fragen, wo denn das Kmmerlein sei, das er bekommen sollte. Beim Umschauen
entdeckte er eine schmale Treppe, die nach oben fhrte. Ei, vielleicht war
es dort stiller, und er fand wohl ein Pltzchen zum Ausruhen. Oben geriet
er in einen kleinen Flur, auf dem mndeten viele Tren. Der kleine Schelm
schlich etwas an der Wand entlang, so recht gemtlich war es ihm nicht. Der
schmale Flur lief in einen breiten hinein, da war wieder Tr an Tr; alle
waren sie wei und hatten goldene Verzierungen, ganz prchtig sah es aus.
Eine dieser Tren stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle
konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. Das war aber ein
feines Zimmer, in das er blickte! Selbst die Wnde waren mit Seide
bekleidet, und an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. Kein
Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte Kasperle arg. In dem mute es
sich doch sicherlich gut schlafen.

Sachte schlpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, drei war er in dem schnen
Bett. Das war ganz von Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin
herum. Ei, da lag sich's besser als in Bauer Strohkopfs Kammer! Doch
freilich, in Protzendorf hatte ihn bis zum Morgen niemand gestrt, aber
hier! -- Kasperle richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen
drauen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war er aus dem Bette heraus,
strich es schnell ein wenig glatt und kroch dann flink darunter.

Es war aber auch die hchste Zeit, denn gleich darauf tat sich die Tre
auf, und ein lterer Herr, gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die
redeten miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, und dann
trat der Herr an das Bett heran und sagte seufzend: Ich bin heute sehr
mde; ich wollte, der Tag wre erst zu Ende! Bei diesen Worten strich er
etwas ber die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, da diese nicht so
ganz gerade lagen. Was ist denn das? rief er auf einmal erstaunt. Der
Herzog, denn das war der ltere Herr, zog verdutzt seine Hand zurck. Er
betrachtete sie, schttelte den Kopf, strich wieder ber das Bett und rief
dann entrstet: Friedrich, in -- meinem Bett ist -- Schlagsahne!

Schlaaagsahne! Friedrich ri den Mund vor Erstaunen weit auf und kam
eilfertig herbei. Er strich auch ber das Bett, leckte ein bichen am
Finger und rief verdutzt: Schlagsahne! Und dann lief er zur Klingel,
lutete heftig, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, da kam ein
Kammerdiener daher. Der verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der
Herzog wnsche.

Da deutete dieser auf das Bett und sagte: Was ist das? Drberstreichen!

Der Kammerdiener strich erstaunt ber das Bett, wich dann erschrocken
zurck und strich noch einmal darber, leckte auch ein wenig am Finger und
rief ebenfalls: Schlaaagsahne! Und dann rannte er, holte den
Haushofmeister herbei, der Graf kam selbst, und alle standen sie um das
Bett herum und riefen: Schlagsahne!

Der Herzog schttelte immerzu den Kopf, so erstaunt war er ber die
seltsame Geschichte. Und bei diesem Kopfgeschttele sah er auch einmal in
den groen Spiegel, der dem Bett gerade gegenberhing. Darin sah er das
ganze Bett und -- der Herzog schrie pltzlich laut auf und sank in einen
Stuhl. Da, da, da! rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf
den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, der neugierig seine
groe Nase etwas weit vorgestreckt hatte.

Es steckt jemand unter dem Bett, rief der Haushofmeister zuerst. Da
krochen auch schon zwei Diener hinunter, und das Kasperle konnte sich noch
so klein machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen es beide
hervor, und beide riefen entrstet: Er klebt ganz und gar, er ist auch
voller Schlagsahne.

Ah! sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle vor ihm stand. Nach der
Nase hatte er nmlich gedacht, ein groer, ausgewachsener Ruber stecke
unter dem Bett.

Ah! rief auch der Graf zornig. Das ist der, den mein Herr Vetter von
Singerlingen mitgebracht hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten
gemacht hat. Haue mu er kriegen!

Jawohl und eingesperrt werden! sagte der Haushofmeister, und der Herzog
nickte dazu. Nur weil er gerade sehr mde war, flsterte er: Aber erst
morgen hauen.

Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er in den Keller gesperrt,
rief der Graf streng.

Die Sache stand schlimm fr das Kasperle, arg schlimm. Es war wohl am
besten, er bettelte gleich recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh
ihm der Herzog doch. Und es war gut, da er glitschig war, da gelang es
ihm, einen Augenblick den Hnden der Diener zu entwischen. Er tat einen
Riesensprung auf den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme:
Bitte, bitte, bitte!

Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr. Er lehnte sich ngstlich
weit, weit in seinen Stuhl zurck, und auf einmal purzelten Stuhl und
Herzog hintenber.

Um Himmels willen! Der Graf, der Haushofmeister, die Diener, alle griffen
erschrocken zu, und da scho das Kasperle pltzlich einen riesigen
Purzelbaum ber alle hinweg, und drauen war er. Die Tre flog dem einen
Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an den Kopf, da er zurckwich.
Aber dann lief er doch auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie
laut: Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!

Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen kamen? Von dem Kasperle
war keine Spur zu sehen. Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war
spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur rannte kein Kasperle
dahin, die Tren waren alle verschlossen, er hatte also auch in kein Zimmer
schlpfen knnen. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener rannten die
Flure entlang, die Treppen auf und ab, das ganze Schlo geriet in
Aufregung, alle fingen an zu suchen, und die Gste wuten gar nicht, was
sie suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen Leibarzt, weil er
dachte, der Herr Herzog htte sich vielerlei gebrochen, aber der hatte sich
glcklicherweise gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine
gebrochen. Doch seufzte und sthnte der Herzog wirklich, als wre er selbst
entzweigegangen. Es war eine schreckliche Aufregung im ganzen Schlo.
Schlielich aber sagte der Herzog, nun mchte er zu Mittag essen, er habe
Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank! Sie hatten nmlich alle Hunger,
denn es war schon spt; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht
gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee.

Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwchter, die er hatte, sollten berall
suchen und sollten Kasperle gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann
wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut, und alle wurden
wieder ganz vergngt. Sie sagten aber doch alle, mit dem fremden Jungen,
das sei sicher nicht mit rechten Dingen zugegangen.




Siebentes Kapitel

Rosemarie

Rings um das Schlo wachten die Wchter, die groen Hunde umliefen es,
Kasperle fanden sie aber doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war
er. Die Diener und Mgde durchsuchten wirklich das ganze Schlo, sie
schauten sogar in verschlossene Kisten und Schrnke hinein, -- der unntze
Schelm war nicht zu finden.

Nur eine im ganzen Schlo wute, wo das Kasperle steckte, Rosemarie. Die
hatte am Fenster gestanden, als von unten herauf ein lautes Lrmen
erklungen war. Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt,
der wie eine reife Pflaume am Baum in dem Gest des uralten Efeus hing, der
die Schlomauer bedeckte. Der fremde Junge! Rosemarie hatte es verwundert
gerufen, und da purzelte Kasperle auch schon in ihr Zimmer, denn weiter
konnte der nicht klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon ganz
auer Atem.

Unten war das Rufen lauter und lauter geworden, und Kasperle war auf einmal
zu Rosemaries grter Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort her
jammerte er klglich: Sie hngen mich auf!

Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen Schelm gehabt, sie hatte
ihn vorgelockt und ihn in ihrer groen Puppenstube versteckt. Das war ein
kleines Zimmer, in dem alles fr Rosemaries Puppen eingerichtet war. In das
Bett der grten Puppe ging Kasperle gerade noch hinein. Ein bichen
zusammenkrmmen mute er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie sagte:
Das schadet nichts, hier findet dich niemand.

Es war auch niemand im ganzen Schlo auf den Gedanken gekommen, in
Rosemaries Puppenstube nachzusehen. Ihre Lehrerin dachte, sie htte die
ganze Zeit mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der Stube
gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schlo sie sorgsam die Vorhnge
am Puppenbett, und das Kasperle lag in dem weien Mullbettchen, von
himmelblauen Seidenvorhngen umgeben. Das Bettchen war fein und weich, nur
fr so einen kleinen strampeligen, unntzen Kasper zu zart und fein.

Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen war. Am liebsten wre er
aufgestanden und htte in der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber
doch groe Angst, man knnte ihn finden, darum blieb er still liegen.

Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den Gsten gute Nacht sagen mssen
und sollte nun selbst bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn
morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar mitfeiern. Leise zog
sie den Vorhang auseinander, begierig, ob der fremde Kasper wohl schlief.

Kasperle sah sie betrbt an, er seufzte klglich und murmelte: Ich kann in
dem Bett nicht liegen!

Du mut aber drin bleiben, flsterte Rosemarie ngstlich. Ach, Kasper,
klagte sie, was hast du angerichtet! Der Herzog ist bitterbse, und es
sind schon dreiig Landjger gekommen, die sollen das Schlo bewachen,
damit niemand hinaus kann. Und morgen frh soll noch einmal alles, alles
abgesucht werden. Dann kommen sie gewi auch hier herein, und wenn sie dich
finden, wirst du ins Gefngnis gesteckt.

Brrrr! Kasperle schttelte sich, dazu war er doch nicht in die weite Welt
gelaufen, um eingesteckt zu werden. Ich fliehe, brummte er.

Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die Landjger. Rosemarie
seufzte bekmmert. Auf einmal aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. Ich
wei was, sagte sie. Ich gebe dir den Turmschlssel. Gleich neben dem
Turm geht es hinaus, und vielleicht ist gerade da kein Landjger. Komm,
jetzt sitzen alle beim Essen, da zeige ich dir flink den Weg. Sie packte
frsorglich noch ein Stck Torte ein, das sie selbst htte essen sollen,
und steckte es Kasperle zu, und dann lief sie ganz, ganz leise voran.
Kasperle folgte ihr, die Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale,
schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang und ffnete am Ende
eine Tre, und beide betraten ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der
Mitte, Sthle darum, es war noch so hell, da Kasperle alles sehen konnte.
Aus dem runden Zimmer fhrte ein schmales Treppchen abwrts, und Rosemarie
belehrte Kasperle, dort msse er hinabsteigen, die Tr unten aufriegeln,
dann sei er am Parkende und komme vielleicht hinaus. Wie sie das sagte,
erfate sie ein tiefes Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, er
htte doch gar nichts Schlimmes getan. Du armer Kasper! flsterte sie,
und ber ihr liebliches Gesicht liefen helle Trnen.

In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst sehr, sehr arm und
verlassen vor, und er fing an ganz erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt
ihm rasch mit beiden Hndchen den Mund zu, denn Kasperle hatte eine Stimme,
die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. Er schwieg dann
aber auch gleich und sah Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: Nun
mu ich gehen, da purzelten dem Kasperle wieder die Trnen wie ein
Bchlein aus den Augen. Er war jedoch still, versprach auch, er wolle fein
brav alles befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann hielt er ein
Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes fest.

Ach, wie himmelgern wre er jetzt hiergeblieben in dem schnen Schlo und
wre Rosemaries Spielkamerad geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und
schielte Rosemarie traurig an. Da sagte die pltzlich: Weit du, wie du
aussiehst? Wie -- wie meine Kasperlepuppe. Und ganz jh begann sie sich
ein wenig vor dem fremden hlichen Jungen zu frchten, und sie sagte
rasch: Ich mu gehen. Sie nickte Kasperle noch einmal zu und glitt dann
leise aus dem Zimmer. Kasperle hrte sie zuschlieen, dann war er allein.

Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte bitterlich und verga
darber Rosemaries gute Lehren. Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen
und unten die Turmtre aufzuschlieen, wollte er erst einmal durch das
Fenster hinausschauen. Er ffnete das kleine Fensterchen, das klirrte und
knarrte arg, und dann streckte Kasperle den Kopf hinaus und sah sich um.
Ach, war das eine schne frische Luft drauen! Kasperle schaute in die Hhe
und schaute nach rechts und nach links, und dann schaute er auch hinab.

Wauwau, wuwuwu! ging es pltzlich unten los; ein groer Hund stand da und
bellte zu Kasperle hinauf. Wauwau, wuwuwu! Ganz drohend klang seine
Stimme.

Kasperle wollte schnell den Kopf zurckziehen. Doch so schnell ging das
nicht, das Fensterchen war eng und Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder
drin war, tauchte drauen ein Landjger im Gebsch auf.

Gab das ein Hallo! Er steckt im Turm! schrie der Mann. Und dann drohte er
hinauf: Nu, warte du, dich fange ich! Er ma schnell das kleine Fenster
mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge nicht
hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pfrtlein unten keinen Schlssel hatte
und auch wute, da dies immer verschlossen war, lief er eilig in das
Schlo hinein, seinem Hund aber rief er zu: Sultan, pa auf!

Kasperle hrte ihn davonlaufen, und er besann sich einen Augenblick, was zu
tun sei. Dann nahm er flink Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte
blitzschnell das Treppchen hinab und schlo unten auf. Wauwauwau! bellte
ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht faul, warf dem Hund
geschwinde den Kuchen in den Rachen. Rrrabsch! Sultan verga das Bellen. So
ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er schleckte und schluckte,
und da hatte Kasperle auch schon die kleine Tre erreicht. Sie knarrte und
quietschte, da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan seinen
Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine Wchterpflicht. Doch
Kasperle war flinker drauen als er am Trchen. Das schlug ihm vor der Nase
zu, und drauen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloberg hinab in
einen kleinen Bach hinein. Das Wasser spritzte hoch auf, dem Bchlein
gefiel dies Hineingeplumse gar nicht.

Oben auf dem Schlo wurde der Lrm lauter und lauter. Jetzt bellte nicht
Sultan allein, auch die andern Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden
laut, Rufe ertnten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern. Er rannte in
seiner Furcht eine Weile in dem Bach weiter, bis er an ein Gebsch kam; da
schlpfte er hinein. Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese
liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte er sich vielleicht
verstecken. Aber statt ber die Wiese zu laufen, fing Kasperle an
Purzelbaum zu schlagen. Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg
hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte in seinen dunklen
Schatten unter.

Es war aber auch die hchste Zeit. Auf dem Schlo hatten sie den Turm leer
gefunden, und die Landjger schlugen einen gewaltigen Lrm. Den hrten der
Graf und seine Gste, und als der Herzog vernahm, da Kasperle gesehen
worden war, verlangte er, man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer
bitterbse auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden wrde, versprach er
eine hohe Belohnung.

Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle zu suchen. Man fand auch
bald, wo er ausgerissen war, denn Sultan stand und bellte die kleine
Mauerpforte immerzu wtend an. Den haben wir bald, sagte der Landjger,
Sultan findet ihn schon.

Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand pltzlich am Bach still, schnupperte
und schnupperte, aber das Wasser hatte Kasperles Fhrte hinweggesplt. Wo
war das Kasperle?

Landjger, Hunde, Mgde, Diener, alles rannte im Schlo umher, um das
Schlo herum, Kasperle fanden sie nicht. Er ist noch im Schlo, sagten
die einen, nein, er ist entwischt, behaupteten die Landjger; man mu im
Walde suchen. Die Mgde meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold;
aber die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht so viel
Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern nach, sie dachte,
Kasperle htte sich gewi darin versteckt.

Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg empor, der steil in die
Hhe stieg. Der Wald war hier so dicht, da sich ein kleiner Schelm schon
darin verstecken konnte. Aber vor den Landjgern und den Hunden hatte
Kasperle doch eine jmmerliche Angst. Darum rannte er, so schnell er
konnte. Und das war nicht immer leicht. Drre ste, knorrige Wurzeln, auch
einmal ein umgestrzter Stamm erschwerten das Fortkommen sehr. Kasperles
Nase war zuletzt ganz zerschunden, so oft hatte er sich daran gestoen. Und
je hher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg. Steingerll
bedeckte den Boden, und ein Menschenbube wre wohl nicht so schnell in die
Hhe gelangt. Aber Kasperle stieg und stieg immer hher, bis auf einmal vor
ihm eine grne Bergwiese lag.

Es war Abend geworden, und am dunkelblauen Himmel stand schon ganz bla und
fein der Mond. Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar
nicht. Der sank mde am Waldrand nieder. Er kniff die Augen zu, und da
schlief er auch schon. Und die groen Waldbume hatten Mitleid mit dem
armen, verirrten kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen, zum Himmel
empor, haben gtige, fromme Gedanken, sie haben Mitleid mit den Kleinen,
die sich qulen mssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so mde
und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid. Sie rauschten ihm ein
schnes, feierliches Schlummerlied, erzhlten ihm Geschichten, und Kasperle
schlief auf dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen Bett.
Er hrte nicht, wie weiter unten im Wald die Hunde bellten und die
Landjger mit Hussageschrei den Flchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg
keiner hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich, da niemand
dachte, Kasperle knnte denselben gegangen sein.

Kasperle schlief noch s und fest, da kehrten die Landjger schon in das
Schlo zurck, und sie sagten nun auch: Der hat sich im Schlo versteckt.
Und sie bewachten das Schlo weiter, und die Hausverwalterin htete ihre
Speisekammer. Und doch fehlte darin am nchsten Tag ein groes Stck Torte.
Sie sagte: Das war der Junge, und die Mgde sagten es auch. Berta und
Drte aber, die beiden jngsten, die leckten sich heimlich den Mund ab, sie
hatten nmlich die Torte gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der
fremde Junge sei es gewesen.

Der Herzog wurde vor rger, und weil er so furchtbar erschrocken war, am
Tag nach der Hochzeit krank. Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen
gegessen, wer kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: Schafft mir nur
den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen kann! Der Herzog soll sich
doch in meinem Schlosse nicht krank rgern.

Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter schwer. Die htte gern ihren
Eltern alles gestanden, aber sie wagte es nicht. Sie frchtete, der Herzog
knnte dann auch so bitterbse auf sie werden, und sie wute doch, sie
konnte nicht einmal sagen: Es tut mir leid. Dazu freute sie sich viel zu
sehr ber Kasperles Rettung. Aber sie lie tief betrbt ihr Nslein hngen
und ging still und bla einher, und ihre Mutter begann sich recht um sie zu
sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie krank, es war gar nicht gemtlich im
Schlo in diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte: Das mu ein
bichen lustiger werden, ich mu mir etwas Vergngliches ausdenken. Und als
er hrte, unten in dem winzigen Stdtchen, das am Fue des Schloberges
lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte er hinab, der Puppenmann
mchte heraufkommen.

Ich habe eine berraschung, sagte der Graf von Singerlingen bei Tisch.
Und dann erzhlte er von dem Puppenspieler.

Der Herzog, der etwas verdrielich am Tisch sa, mute lachen. Das ist
freilich eine schnurrige berraschung fr groe Leute, sagte er. Doch der
Mann mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.

So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im Schlo. Der Kasperlemann aus
dem Stdtchen kam herauf, er stellte seine kleine Bhne auf, und dann
streckte Kasperle seine groe Nase heraus und -- ja, was er sagen wollte,
das hrten die Zuschauer gar nicht, alle riefen: Der fremde Junge! Genau
so sah er aus.

Kasper ist's! dachte auch Rosemarie erschrocken, und ganz jh begann sie
bitterlich zu weinen. Sie schluchzte so herzbrechend, da der Kasperlemann
seine Reden und der Herzog seinen rger verga. Der fragte milde nach
Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine alles, und sie war froh, es
sagen zu knnen, zu sehr hatte das Geheimnis ihr Herz bedrckt.

O Rosemarie, rief die Grfin ganz erschrocken, warum hast du geholfen
und den schlimmen Jungen ausreien lassen!

Mit Verlaub, redete da der Kasperlemann hinter seiner Bhne hervor, das
ist gar kein Junge, das ist ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.

Potzwetter noch einmal! Der Herzog sah den Kasperlemann ganz grimmig an
und rief: Was redet Er da fr Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas
habe ich in meinem Leben noch nicht gehrt!

Der Kasperlemann aber kam geschwind nher und verbeugte sich immerzu ganz
tief. Er stippte mit der Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog
endlich rief: Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit dem
Kasperle fr eine Geschichte ist.

Da erzhlte der Puppenspieler vom Waldhaus und von Protzendorf und da er
Kasperle fangen wolle, und wenn er, wer wei wie weit ziehen mte.

War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog lie sie sich dreimal
erzhlen, und dann mute der Puppenspieler auch noch heilig versichern,
alles sei bestimmt wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge gewesen.

Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm sich vor ihm gefrchtet
hatte, und da sie sich jetzt nicht mehr frchten wrde; er war ja nur ein
Kasperle. Und ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt den
Herzog sagen hrte: Der mu gefangen werden! So einen seltsamen Kauz will
ich besitzen. Wer ihn fngt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem
Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig werden; der mu mir das
Kasperle berlassen. Schnell, schnell, es sollen zehn Landjger mit Hunden
ausreiten, und es soll berall nachgeforscht werden! Das Kasperle will ich
haben.

Und der Puppenspieler verga, da er dem Meister Friedolin versprochen
hatte, er, nur er allein solle Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung
verlockte ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu bringen, wenn
-- er es erst htte.

Der Herzog aber sagte, er wrde Kasperle in einen goldenen Kfig stecken,
er drfe ihm nicht mehr ausreien, -- wenn er ihn erst htte. Und die
Landjger sprengten davon. Unten im Stdtchen erzhlte es einer dem andern:
Wer das richtige Kasperle findet, der bekommt viel, viel Geld. Manche
Leute rannten da gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu
suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten auf der Landstrae und
lasse sich fangen wie ein Schmetterling.

Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und weinte bitterlich. Als ihre
Mutter noch einmal zu ihr kam, da war das Kopfkissen der Kleinen na von
den vielen Trnen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie leid ihr das arme
verfolgte Kasperle tue, das in einen Kfig gesetzt werden solle. Die Mutter
trstete linde, noch sei Kasperle ja nicht gefangen. Vielleicht findet er
noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist seine beste Heimat, sagte
sie.

Ich will beten, da Kasperle heimfindet, flsterte Rosemarie und faltete
fromm ihre Hnde. Und dann schlief sie ein und trumte: Kasperle sa in
einem goldenen Kfig, und da kam ein Vogel, sang und sang, und pltzlich
war um den Kfig herum der grne Wald, und Kasperle spazierte vergngt
hinein. Er nickte ihr noch frhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf
einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjger und viele, viele
Leute, und alle riefen: Wo ist Kasperle? Da fing die kleine Rosemarie an
zu lachen, sie lachte und lachte und wachte schlielich von ihrem eigenen
Lachen frhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich nicht gefangen,
dachte sie getrstet.




Achtes Kapitel

Ein neues Heimathaus

Auf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief. Der kleine Schelm hrte
kein Hundegebell, kein Hussageschrei, nichts; in die einsame Hhe drang
kein Laut von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte, da lag die
ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine, zarte, bunte Blten waren
aufgeblht. Wie ein grnseidenes Festgewand, mit Edelsteinen bestickt,
breitete sich die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend die
Augen. Wie wunderschn war es hier! Im Halbkreis umschlo der hohe
Tannenwald die Wiese, und ber ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan.
Darber glnzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen und Schwirren
erfllte die Luft. Bienen, Kfer, Fliegen und bunte Falter flogen von Blte
zu Blte, und hoch in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch
das wute Kasperle nicht, sonst htte er sich wohl vor dem Knig der Vgel
gefrchtet. Kasperle schaute und schaute, er verga darber seine Not, bis
auf einmal sein Mglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: Frhstckszeit
ist lang vorbei!

Ja, Frhstck, woher das nehmen? Kasperle fuhr in seine Taschen, die waren
leer, und es half ihm nichts, da er an die gefllten Speisekammern im
Schlo dachte, und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und Beeren,
mit denen er wenigstens ein kleines Loch im Magen htte ausfllen knnen,
gab es auch nicht. Vom Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden.

Er erhob sich also und beschlo weiterzuwandern. ber die Berge hinber,
dachte er; bis dahin wrden sie ihm doch vom Schlo aus nicht nachkommen.
Wie hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann tapfer zu laufen,
berquerte die schne Blumenwiese, und dann ging das Klettern los. Wohl
eine Stunde mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad sah, der
am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich anzusehen, da er nicht oft
begangen wurde; ein Weg fhrt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle
rannte, so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger war inzwischen
riesengro geworden, und auf einmal meinte er, er knne nicht weiter; er
setzte sich auf einen Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger
zu weinen.

Da ertnte pltzlich ein feines Klingen, es schwoll an, wurde strker und
strker, und das Kasperle dachte: So klang es doch immer Sonntags im
Waldhaus, wenn sie in Schnau zur Kirche luteten! Heisa, da mute eine
Kirche in der Nhe sein! Und wo eine Kirche war, wohnten Menschen. Da
rannte Kasperle auch den Glockentnen nach. Er brauchte nicht weit zu
gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon tiefer unten ein Dorf
liegen. Um ein groe, weie Kirche scharten sich die Huser; friedsam und
behaglich sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig ein feines
Rauchwlkchen zum Himmel empor. Da merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und
die Glocke lutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle wre am
liebsten kopfber den Berg hinabgekugelt, um da unten mitzuschmausen. Er
blieb aber doch still auf dem Berge sitzen, weil er sich frchtete, unter
die Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche Hunger gewesen wre!
Kasperle bog sich ganz zusammen, so hungrig war er, und weinend sah er auf
das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut! Die waren nicht so
mutterseelenallein und verlassen wie das arme Kasperle!

Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann zu den hohen Bergen empor.
Es war dies Herr Habermus, der Schullehrer. Der wollte auf der schnen
Bergwiese, ber die Kasperle vorher gelaufen war, Blumen suchen. Dort
wuchsen seltene Heilkruter, und Herr Habermus war ein kruterkundiger
Mann. In das einsame Dorf, das den Namen Waldrast fhrte, kamen wenig
Menschen, und wenn Krankheit herrschte, war es mhsam und beschwerlich,
einen Arzt herbeizuholen. Da gingen dann die Drfler lieber zu ihrem
Schullehrer; der half ihnen mit seinen Krutertrnklein, so gut es ging. An
diesem schnen, hellen Tag nun gedachte Herr Habermus seine grne
Botanisierbchse voll Kruter zu fllen und fand dafr das weinende
Kasperle. Jemine, schrie er, als er den Kleinen erblickte, was ist denn
das? Er dachte wirklich, es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich
er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das Kasperle kam ihm doch
zu sonderbar vor, auch war dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst
Fremde daherkamen. Heda! rief er und packte das weinende Kasperle. Wo
kommst du denn her? Wo willst du hin? Warum weinst du denn?

Drei Fragen auf einmal, das war ein bichen viel. Kasperle sagte
schluchzend wieder sein Sprchlein her, er sei ein armes verlassenes
Waisenbble und wolle in die weite Welt gehen.

Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz, dem tat Kasperle gleich
ungemein leid. Nun, nun, sagte er, da mut du nicht so schrecklich
weinen; in der weiten Welt wird schon noch Platz fr so ein Bble sein!

Ich hab' doch Hunger! schrie Kasperle so laut und klglich, da Herr
Habermus gleich ganz erschrocken seine grne Bchse um und umdrehte. Die
hatte ihm seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen wohl gefllt,
und der Schullehrer drckte Kasperle Brot und Kuchen in die Hnde und
wollte gerade ermahnen: I! da -- schrippschrapp! hatte Kasperle schon
beides in seinen groen Mund gesteckt. Schluck, schluck, hinunter war es!

Potzwetter, schrie Herr Habermus, du kannst das Essen gut! Er fllte
wieder Kasperles Hnde, und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles
hinab. Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekmmert. Aber es
reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der Schullehrer sagte: Nun erzhl'
mir mal, wo du eigentlich herkommst.

Das war eine schwere Sache. Kasperle erzhlte verlegen von Protzendorf, er
klagte Damian und Florian bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der
kleine Schelm sei wer wei wie lange dort Gnsehirt gewesen. Bist du denn
auch ordentlich dabei in die Schule gegangen? fragte er mitleidig.

In die Schule? Kasperle ri seinen Mund vor Erstaunen noch weiter auf als
zuvor aus Hunger. Denn da er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen
sollte, daran hatte er nie gedacht. N! rief er und schttelte immerzu
den Kopf. In die Schule, -- n!

Nanu, bist du berhaupt noch nicht in eine Schule gegangen? fragte Herr
Habermus ordentlich entsetzt.

N, nie! Das ganze Kasperle wackelte nun hin und her, und Herr Habermus
schttelte auch den Kopf; das war doch wirklich eine schlimme Geschichte!
Hier mute geholfen werden, der Bube mute in die Schule gehen. Ei, das
wre noch etwas, ein Bble in der weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer
an der Schule vorbei! Das geht nicht, rief er; mein Sohn, du mut in die
Schule gehen!

Htte der gute Herr Habermus gerufen: Kasperle, ich mu dir die Ohren
abschneiden, dann htte es den nicht mehr erschrecken knnen. Im Waldhaus
hatte Meister Friedolin manchmal gedroht: Na warte, ich schicke dich noch
in die Schule! Und Windgustel und Wassergustel, seine Freunde in
Protzendorf, hatten ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut. Und
Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr als Herrn Habermus, der
jetzt sagte: Ei, ein rechter Junge mu in die Schule gehen und mu sich
darauf freuen, denn in einer Schule ist es wunderschn! Und dann legte
Herr Habermus den Finger an die Nase; er dachte nach, wie dem Kasperle zu
helfen sei. Und als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: Mein Sohn,
ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben nur zwei Kinder, also ist Platz
im Schulhause. Du kannst der Frau in der Kche helfen und mir beim
Krutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst du hinein. Du sollst
etwas Ordentliches lernen. So, nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das
Krutersuchen lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen machen, wenn
sie den Gast sieht, den ich mitbringe!

Dem Kasperle war es zumute, als htte ihn ein Wirbelsturm rundum gedreht.
Auf einmal sollte er, das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen!
Wie wrde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter dem Schullehrer her,
der auf einem schmalen Zickzackweg ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide
am Dorf an, und gleich am ersten Haus unter einer groen Tanne saen
etliche Buben und Mdel. Die staunten ber den seltsamen Buben, der da mit
hngendem Kopf hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie nach,
um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies Angeschaue verdro Kasperle,
er drehte sich auf einmal blitzschnell um und machte sein
Ruberhauptmanngesicht.

Huhuhu! Die Mdel kreischten laut, die Buben lachten, Herr Habermus aber
drehte sich rgerlich um. Was soll denn der Lrm? fragte er.

Der da macht so 'n komisches Gesicht! Lauter kleine Zeigefinger streckten
sich aus und deuteten auf Kasperle.

Doch da wurde Herr Habermus ernstlich bse. Schmt euch! rief er. Was
kann der arme Junge fr seine groe Nase! Ein armes Waisenkind ist's, dem
es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm nur, Kasper, morgen in der
Schule werden sie sich schon mit dir vertragen! Und Herr Habermus stapfte
wieder voran und das Kasperle hinterher.

Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt sein allerdmmstes
Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten laut vor Vergngen, und der
Schullehrer drehte sich wieder um. Aber Kinder, mahnte er strenge, was
soll der Lrm!

Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger aus, und wieder ertnte
es im Chor: Der da macht so 'n komisches Gesicht!

Kasper! Herr Habermus sah seinen kleinen Schtzling fragend an, doch der
sah so unschuldig drein, als knne er kein Wsserlein trben. Dumm, dumm!
brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das Schulhaus lag ganz am
andern Ende des Dorfes. Trapp, trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar
Gnse angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen sein
Rubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei! Die Gnse wuselten
erschrocken durcheinander, die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte
sich wieder rgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle mit gesenktem Kopf
ganz bescheiden hinter sich gehen, und er schalt auf Kinder und Gnse.
Geht heim, gebot er den Kindern, lat mir den Kasper in Frieden! Dann
nahm er selbst Kasperle an der Hand und fhrte ihn seinem Hause zu, denn so
ganz traute er dem Schelm doch nicht.

Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als ihr Mann so bald schon und
mit einem so sonderbaren Kerl zurckkehrte. Jemine, rief sie, was
bringst du da fr einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie 'n Kasperle aus
'ner Jahrmarktsbude!

Herr Habermus war sehr gekrnkt. Er erklrte seiner lieben Frau, wie er
Kasperle gefunden habe, und der Schlingel stand trbselig dabei und machte
ein so unschuldiges Gesicht, da er der Frau, die von heiterer Gte war,
bitter leid tat. Sie nahm den Kleinen freundlich an der Hand und fhrte ihn
in das Haus hinein.

Drinnen gab es freilich Geschrei und arg bse Blicke bei Kasperles Anblick.
Fr das Geschrei sorgten Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und
vierjhrig und noch ein bichen dumm waren. Sie hrten freilich bald wieder
auf zu schreien, als Kasperle ein lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie
jauchzten ihm vergngt zu. In das laute Gelchter stimmte nur die Base
Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg bse Gesicht machte. Wie eine
Gewitterwolke sah sie drein. Ihr pate nicht der Gast im Hause, der unntze
Esser, und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. Wie ein Spatzenschreck
sieht er aus, behauptete sie und sah den Kleinen scheel an.

Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch recht wenig. Er merkte gleich,
an der hatte er keine gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn
die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein Rubergesicht. Hach,
kreischte die Base, wie sieht der Bengel aus! Man mu sich frchten.

Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepat hatte, da just niemand
anders sein Rubergesicht sah, und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll
dreinblickte, schalt die Lehrerin: Aber Base, das Bble tat doch nichts!
Sei nicht so ungut!

Hach! Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. Jetzt, jetzt hat er
wieder so ausgeschaut, jammerte sie. O du meine Gte, mit dem gibt's noch
ein Unglck!

Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich drein. Es fiel ihm ein, wie die
Kinder gekreischt und gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf
gegangen war, er sah auch in Kasperles Augen den Schalk glitzern und
funkeln, da dachte er: Ich mu wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline
mal wieder hach! und ach! schrie, sagte er streng: Nun ist's genug;
Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute ausschlafen; morgen fngt die
Schule wieder an, da mu er tchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht
gemacht, fgte er drohend hinzu.

Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte Kasperle betrbt, als er sich im
Bette ausstreckte. Ich doch nicht! Und dann lauschte er und hrte, wie nach
einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer ging. Die lag neben der
seinen. Da stieg das Kasperle flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen
Stock, der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an der Base
Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun wollen und fiel vor Schreck
mitsamt ihrer Haube kopfber in die Waschschssel. Sie pustete und chzte
und meinte nicht anders, als ein Gespenst sei drauen vor ihrem Fenster.
Doch pltzlich besann sie sich, nahm ihr Licht und rannte in Kasperles
Kammer hinber. Doch da lag das Kasperle im Federbett ganz still und
friedlich und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base Mummeline
schttelte den Kopf. Das war doch wohl ein Gespenst gewesen und nicht der
fremde Bube. Hm, hm! brummelte sie und ging zur Tre hinaus, da aber
drehte sie sich noch einmal um und -- hach! kreischte die Base wieder und
stolperte vor Eile ber ihre Pantoffeln. Das Licht fiel ihr aus der Hand,
sie rannte an ihre Tre an und fand nicht in die Kammer. Der Schullehrer
und seine Frau kamen angerannt und fragten erschrocken, was der Lrm
bedeuten solle. Da -- da drin liegt ein Gespenst! jammerte die Base und
zeigte nach Kasperles Kammer. Es ist ein Gespenst!

Unsinn! Herr Habermus tat die Tre auf und sah hinein. Da lag Kasperle
fromm und friedlich im Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig.
Was die Base nur hat! brummte Herr Habermus rgerlich und schlo sachte
Kasperles Kammertre. Ach, dessen bitterbses Rubergesicht hatte eben nur
die Base Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die halbe Nacht nicht
vor Grausen ber den unheimlichen kleinen Gast.




Neuntes Kapitel

Kasperle in der Schule

Am nchsten Tag ging Kasperle zum ersten Male in die Schule. Er war sehr
brav aufgestanden, hatte still am Frhstckstisch gesessen, und selbst die
Base Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so schlimm. Dann
wanderte Kasperle an Herrn Habermus' Hand hinber in die Schulstube, und
der Schullehrer sagte: Hier bringe ich euch einen neuen Mitschler.

Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus sah ganz verdutzt drein; so
waren doch sonst seine Schulkinder nicht. Er sah die an, er sah Kasperle
an; der stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben ihm. Aber
stille doch! rief Herr Habermus. Kasper, sage nun einmal allen guten
Tag.

Guten Tag! brllte Kasperle sehr vernehmlich, und sofort erhob sich ein
allgemeines jauchzendes Gelchter. Buben, Mdel, Kleine, Groe, alle
lachten sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche brummten
wie Bren dazwischen. Gar nicht aufhren konnten sie. Und Kasperle lachte
mit. Der ri seinen Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden
bespannt hineinfahren.

Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wute nicht recht, lachte
Kasperle, weil die Kinder lachten, oder lachten die ber Kasperle. Aber
Kinder, Kinder! rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, da eben Kinder
immer ber ein echtes Kasperle lachen mssen, sie mgen wollen oder nicht.
Und Herrn Habermus erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und
konnte nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende Kasperle ansah,
dann zuckte es ihm um die Mundwinkel, er mute immer fortsehen. Jetzt
setze dich einmal, da gleich vornhin, sagte er endlich, und Kasperle ging
gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das Lachen ab, denn nun
konnten die Kinder alle Kasperle nicht von vorn sehen.

Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille ein, und die Schule konnte
beginnen. Erst sangen die Kinder ein Lied, und Kasperle hrte fein
andchtig zu; das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben und
die Groen biblische Geschichten erzhlen. Herr Habermus trat zu Kasperle
und zeigte dem, wie er schreiben mte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink
auf und ab ber die ganze Tafel, dazu nahm er noch die linke Hand.

Linkshnder! schalt Herr Habermus, nimm die rechte!

Er nimmt wieder die linke! rief pltzlich jemand von hinten vor. Das
dicke Jakble hatte es gerufen, und gleich schrieen ein paar nach: Er
nimmt immer die linke!

Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper! mahnte Herr Habermus.

Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing die ganze Klasse zu
lachen an. Da wurde der Lehrer rgerlich. Kasper, rief er, weit du
nicht, was links und rechts ist?

N, sagte Kasperle. Er wute das wirklich nicht. In seinem Schlaf hatte
er vielerlei vergessen, darunter auch dies, und die Waldhausleute hatten es
ihm noch nicht wieder beigebracht.

Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die Kinder lachten, und
Kasperle lachte mit. Da war es wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer,
und der Lehrer wollte bse werden und konnte nicht. Bleib ganz still
sitzen, Kasper, gebot er, und hre zu! Da blieb Kasperle steif sitzen
und sperrte wieder den Mund himmelweit auf. Herr Habermus erzhlte und
fragte, die Kinder hoben die Hnde und antworteten. Das gefiel Kasperle
ganz ungemein, und auf einmal hob er auch seine Hnde empor, beide
zugleich. Na, was weit du denn? fragte der Lehrer. Er wollte gerade die
Namen der zwlf Jnger wissen und nickte Kasperle zu, da schrie der laut:
Windgustel!

Waaas? Herr Habermus meinte nicht recht gehrt zu haben, die Kinder
jauchzten wieder, und Kasperle sah sich strahlend rundum und brllte
vernehmlich: So, ja, er ist jnger als Wassergustel.

So ein Schafskopf! Herr Habermus dachte es nur, er htte es aber beinahe
gerufen. Er sagte jedoch streng: Still jetzt, und du, Kasper, hebe die
Hnde nicht mehr, hr' zu!

Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter, die Kinder wuten gut
Bescheid, die Hnde flogen nur so hoch. Kasperle fand das wieder sehr
spahaft, er htte gerne mitgetan, aber die Hnde sollte er ja nicht
hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging doch auch! Und hops!
pendelten pltzlich Kasperles Beine in der Luft herum.

So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze Klasse schrie, lrmte und
lachte, und der sonst so geduldige Lehrer wurde schlimm bse. Rausche,
bausche, packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die Bank
nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah tief erschrocken drein. Er
hatte doch nichts Arges tun wollen, und fr ein Kasperle ist das
Beine-in-die-Luft-Strecken kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und
starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und der Unterricht ging
weiter.

Nach ein paar Minuten schon aber ertnte ein ganz helles Stimmlein, das
rief: Er weint! Die kleine Brbe hatte es gerufen, und flugs schauten
alle Waldraster Mdel und Buben zu Kasperle hin, denn nur der konnte
gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich, aber wie! Die Trnen rannen
stromweise ber sein Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrll an,
als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So jmmerlich klang es, da
gleich ein paar Mdel auch zu weinen begannen. Da mute der gute Herr
Habermus trsten, er sagte zu Kasperle: Sei nur still, ich bin nicht mehr
bse! Wenn du so heulst, kommt ja noch die ganze Stube unter Wasser.

Weg waren da Kasperles Trnen, gleich war er wieder putzvergngt, er
grinste, schaute nach rechts, schaute nach links, schaute hinter sich, und
wieder brach die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus.

Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum erstenmal wurde Herr Habermus mit
seiner Klasse nicht fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war
eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn rgern. Es war wie verhext.

Wir wollen singen, sagte er endlich. Er dachte: Darber vergessen sie am
besten das Lachen, und die Kinder klappten auch alle vergngt ihre Bcher
zu; singen taten sie alle gern. Also zuerst: Der Mai ist gekommen, sagte
Herr Habermus. Kasper, kennst du das Lied?

N! schrie Kasperle vergngt.

Wir sagen's ihm vor, riefen ein paar Stimmen.

Sagt mal zuerst das Lied her! gebot Herr Habermus.

Das taten die Kinder, und nun geschah etwas Wunderbares. Kasperle stand auf
und sagte ihnen gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der
Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt! sagte ihm schnell ein
paar andere Verse vor, und Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus
sah auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner Tafel
angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst hatte er gedacht: Der
Kasper ist ja frchterlich dumm! jetzt fand er ihn doch nicht so
beschrnkt. Wer so fix auswendig lernen konnte, der wrde schon
vorwrtskommen, meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich zu, dann nahm
er seine Geige, und die Singerei sollte beginnen.

Singen kann aber kein Kasperle, nur brllen. Und Kasperle brllte mit der
allerschrillsten Stimme in den Gesang hinein, und jh wurde aus der
Singerei ein lautes Gelchter.

Kasper, schweig! rief Herr Habermus. Du lernst in deinem Leben nicht
singen.

Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut immer gesagt! Kasperle
schwieg traurig, er htte doch so gern mitgesungen, aber dann sa er ganz
andchtig da, hrte zu und sah wieder so unschuldig drein, als knnte er
keine kleinen Dummheitle machen.

Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm, ja eigentlich ist's ein
lieber, lustiger Kerl, ich will schon Geduld mit ihm haben. Er war an
diesem Tage aber froh, als die Schule zu Ende war, whrend die Kinder alle
gerade heute noch himmelgern geblieben wren. Sie drckten sich sehr
langsam aus den Bnken heraus, und da der Lehrer nicht wie sonst wartete,
bis alle hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaen die Kinder alle
miteinander das Heimgehen.

Herr Habermus sa schon ein ganzes Weilchen in seiner Stube und ordnete
Pflanzen ein, als seine Frau kam und sagte: Drben im Schulzimmer ist ja
so arger Lrm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?

Der Schullehrer lief eiligst hinber. Schon drauen hrte er die Kinder
lachen, und als er mit einem Ruck die Tre aufri, sah er das Kasperle auf
dem Katheder sitzen. Der hatte ein Bein drber hngen, ein Bein
untergeschlagen, und so erzhlte er die Geschichte, wie Damian ins Wasser
gefallen war.

Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine Jahrmarktsbude, und das
Kasperle schwtzte auch wie auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hrte
den Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder, und immer von neuem
gellte ihr Lachen auf. Aber wie spaig das Kasperle auch war, was es fr
Gesichter schneiden konnte!

Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mute an sich halten, um nicht
mitzulachen, und ein paar Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den
Lrm hinein: Wollt ihr wohl heimgehen!

Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom Katheder herunter, und die
Buben und Mdel standen verwirrt und betroffen. Sie wuten gar nicht recht,
wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle gesehen, nur an ihn
gedacht. Doch Herr Habermus sah eigentlich nicht bse drein, nur ein
bichen betrbt. Er dachte nmlich: Ja, was habe ich da fr einen kleinen
Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit ihm werden? Er nickte den
Kindern zu und sagte nur noch einmal: Geht nun aber heim! Und da leerte
sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten es alle sehr eilig
heimzukommen, sie purzelten beinahe ber ihre eigenen Beine. Drauen
schauten ein paar Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: Da hat's
doch was gegeben, und wie spt die Schule aus ist! Gar haben sie alle
nachsitzen mssen.

Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimsttten zu, und die meisten fingen
schon drauen vor der Tre an, von dem wunderlichen neuen Schulgefhrten zu
erzhlen. Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder hervor,
stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch nicht bse: Kasper, was
bist du fr ein unntzer Strick!

Kasperle schaute betrbt zu dem Lehrer auf. Ich hab' doch nur gekaspert!
antwortete er klglich.

Ja, du bist doch -- Herr Habermus stockte, er wollte sagen: kein
Kasper, da sah er seinen Schtzling an und dachte erschrocken: Er sieht
doch wirklich wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins Haus
gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich seine Hand in die seine und
sah ihn so traurig bittend an, da all sein rger verging. Nun komm nur
mit, du Schelm! sagte er. Auf dem Katheder darfst du mir aber nicht mehr
kaspern.

N, versprach Kasperle treuherzig, und dann nahm er seine neue
Schiefertafel, die der Lehrer ihm geschenkt hatte, unter den Arm und
schlitterte vergngt hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die
Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base Mummeline zusammen.
Die hatte gerade eine Schssel Milch in den Hnden, und da lagen dann
pltzlich Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde, und es gab
ein allgemeines Zetergeschrei. Er hat's mit Absicht getan! kreischte die
Base, die sich aus dem Milchsee aufrichtete. Hach, jetzt sieht er mich
wieder so an!

Er konnte nichts dafr, sagte die Frau Lehrerin. Ich hab's gesehen, nur
ein bichen geschwinde ist er zur Tre hereingekommen.

Er hat's mit Absicht getan. Hach, das schreckliche Gesicht! Die Base
Mummeline stand wtend und scheltend auf, und bitterbse sa sie dann am
Tisch. Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Rubergesicht machte er
auch nicht, denn er hatte Angst vor der Base Mummeline.

Nach Tisch gab es ein Ruhestndchen fr den Lehrer, auch Lenchen und
Lorchen sollten schlafen, obgleich sie heftig verlangten, sie wollten mit
Kasperle spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: Geh du und tummle dich
drauen herum, macht aber keinen Lrm um das Schulhaus herum! Bei sich
dachte die gtige Frau: Es ist ihm schon zu gnnen, da er etwas spielt,
und hier im Hause mchte die Base Mummeline doch immerzu schelten.

Kasperle sprang vergngt hinaus, und kaum war er drauen, da packten ihn
ein paar Buben. Komm mit, du mut uns noch was vorkaspern, baten sie.

Nicht hier, sagte Kasperle ngstlich, ich soll keinen Lrm machen.

Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen, da sieht uns niemand,
schlug der lange Blasi vor. Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem
alten Schuppen zu, und das Trpplein war wie eine Lawine. Es wuchs und
wuchs unterwegs, Buben und Mdel fanden sich dazu, und dann verschwanden
sie alle in Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom Dorf, mitten
auf einer Wiese.

An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute in Waldrast. Ein paar
Frauen sagten zueinander: Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule
gehen? Wo stecken sie denn?

Ja, wo sind sie denn? fragte die Krmerfrau, die das hrte.

Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus und fragte: Wo sind denn
die Kinder? Und seine liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang
immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz zornig ins Weite: Die
Schule fngt an, die Schule fngt an! Doch niemand hrte darauf: keine
Bubenbeine, keine Mdelbeine kamen angetrabt, es blieb alles still. Nur von
den Erwachsenen kamen mehr und mehr, ein paar erzhlten, sie htten die
Kinder alle miteinander laufen sehen, aber wohin, das wute niemand.

Sie sind vielleicht in den Wald gegangen, sagte Frau Veronika
Lappenmeyer.

Aber es ist doch Schule! rief Herr Habermus entrstet. In den Wald konnte
man schon gehen in Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis
tief, tief ins Tal hinein, viele Stunden weit.

Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren. Der rief: Frau
Lappenmeyer, was ist denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin
brllt es ja frchterlich!

Die Kinder sind's mit Kasper. Herr Habermus dachte das nur, er rannte aber
gleich los, die Drfler folgten ihm, und alle miteinander drngten sie ihm
nach, als er die Scheunentre aufri. Da waren sie wirklich. Kasperle sa
hoch oben unter dem Geblk, und unten standen Mdel und Buben und starrten
lachend hinauf zu dem neuen Gefhrten, der sich drehte und verrenkte und
den allergrten Unsinn schwtzte.

Bimmelim, bimmelim, bimmelim! Die Frau Lehrerin war ihrem Mann mit der
Schulglocke nachgelaufen, und in das Lachen und Jauchzen der Kinder hinein
ertnte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken, alle schauten sich
verwirrt um. War es wirklich schon Schulzeit?

Bimmelim, bimmelim, bimmelim! Die Glocke gellte ihnen in den Ohren, und
ein paar schrien: Wir mssen in die Schule! Und dann rannten sie an den
Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um und sahen vor lauter
Eile und Eifer niemand und nichts. Und Kasperle sprang pltzlich von oben
herab in einem weiten Bogen, auch er sah und hrte nichts, auch er raste
den andern nach, und im Umsehen war der Schuppen leer.

Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. Die Kinder sind ja wie
besessen! rief die Krmerin, die andern stimmten ihr zu, Herr Habermus
aber kehrte bedrckt nach dem Schulhaus zurck. Kasper war daran schuld,
nur er allein. Was war das fr ein schlimmer Junge! Er darf nicht mehr in
die Schule, dachte er und betrat das Schulzimmer. Da saen alle brav auf
ihren Bnken, rechts die Groen, links die Kleinen, und Kasperle sa wieder
auf der vorderen Bank. Sein Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein,
als knnte er nicht das kleinste Dummheitle machen.

Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn zum Katheder, dort sagte er
streng: Ihr seid alle zu spt gekommen, darum mt ihr alle nachsitzen.
Da senkten sich erschrocken und schuldbewut alle blonden und braunen
Buben- und Mdelkpfe, nur das Kasperle sah hchst verwundert drein, es
krhte mit seiner lauten Stimme: Es hat ja eben erst geklingelt!

Sei du still, du verlt sofort die Schule! rief Herr Habermus streng.
Du bist an allem schuld. Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule
kommen. Ich schicke dich berhaupt wieder fort.

Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes Schweigen im Schulzimmer.
Kasperle selbst sa ganz verdattert da, er war sich keiner Schuld bewut.
Dann erhob sich aber jh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrbtes,
jmmerliches Geheule, wie es Herr Habermus noch nie vernommen hatte. Und
nicht nur die Mdel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und alle
miteinander riefen flehend: Kasper hat keine Schuld, Kasper soll
dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper soll nicht wieder fort!

Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an, und deren Gebitte wurde
immer lauter und dringlicher, und je mehr sie flehten, je lauter heulte das
Kasperle. Es ist rein, als htte der die Kinder verhext! brummte Herr
Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte er, als er das Kasperle ansah
und der kleine Kerl ihm einmal wieder herzlich leid tat. Bse, nein, bse
war er gar nicht mehr auf ihn.

Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet, sagte er schlielich. Das
Nachsitzen sei euch auch geschenkt, aber eine Strafarbeit gibt es, ein
Stck zu schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und nun stille --
jemine, Kasper, was ist denn nun wieder los?

Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und von dorther ertnte wieder
sein furchtbares Jammergebrll. Ich kann doch nicht schreiiiben, klagte
er, ich kann nicht schreiiiben!

Dummer Bube, brummte Herr Habermus, du brauchst natrlich nicht die
Strafarbeit zu schreiben, du brauchst blo Striche zu machen, und nun,
potzwetter, sei still, sonst --

Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer noch ausreden konnte, und dann
sa er da mit dem allervergngtesten Gesicht. Da ihm die Schule Spa
machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er gab kreuzdumme Antworten,
und immer wieder durchbrauste ein lautes Lachen die Schulstube. Herr
Habermus wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich tat Kasperle
gar nichts Bses. Da klingelte es, die Schule war aus. Sonst atmeten die
Kinder meist alle auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst
die allergrten Faulpelze: Ach, bitte, bitte, wir wollen noch bleiben, es
ist so wunderschn in der Schule!

Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen. Er erzhlte ihnen von
den Blumen und Bumen, von Felsen und Bergen, von den feinen
Schmetterlingen und den dicken Brummkfern, und alle lauschten still, am
aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie dann auch am lautesten:
Schon? als Herr Habermus sagte: Nun ist's aber wirklich genug, nun geht
heim, nicht zu laut, und verget eure Arbeiten nicht!

Und dann verlieen die Waldraster Kinder das Schulhaus, und sie kamen so
vergngt heim wie noch nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend
brummten allen Vtern und Mttern in Waldrast die Kpfe, so viel schwtzten
die Kinder von ihrem neuen Schulgefhrten.




Zehntes Kapitel

Eine neue Gefahr

Kasperle schlief an diesem Abend putzvergngt ein; pardauz! fiel er ins
Bett, und bums! da schlief er auch schon. Der gute Schullehrer von Waldrast
aber, Herr Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau: Mit dem
fremden Buben werden wir viel Sorge und Verdru haben. Htte ich ihn doch
lieber nicht mit heimgebracht!

Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter: Mach' dir keine Sorge,
Mann! Ein lieber kleiner Kerl ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er
schon ein rechter braver Schulbube werden.

Danach sah es freilich am andern Morgen nicht aus. Kaum betrat das Kasperle
die Schulklasse, gleich ging der Lrm los. Alle schrieen: Du mut uns was
vorkaspern, bitte, bitte, bitte!

Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers, auf dem Katheder drfe er
nicht kaspern, und darum kletterte er eins, zwei, drei auf den groen
braunen Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: Hallo! und die Mdel
rissen vor Erstaunen den Mund weit auf. Jemine, so flink war noch nie
jemand auf den Schulschrank gekommen! Das war ein Spa! Herr Habermus hrte
das Geschrei drben in seiner Wohnung, und noch ehe die Base Mummeline die
Klingel geschwungen hatte, lief er schon hinber. Er ri die Tre auf und
schrie: Potzwetter, was ist das fr ein Lrm!

Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank herab. Er fiel auf
einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers neue Schiefertafel; die nahm das
bel und ging mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten in
der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps' Nase, trafen ein Tintenfa; das
sauste in einem weiten Bogen herab, und auf der Mdelbank gab es ein lautes
Gekreisch. Fnf gute Schulschrzen bekamen dicke schwarze Tintenkleckse.
Ihre Besitzerinnen heulten, ihre Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit,
Heine Fistelmeyer heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte, etliche
lachten und jauchzten, -- es war wieder einmal ein Lrm wie bei Teufels
Gromutter.

Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld. Klatsch, klatsch,
klatsch, ging es, Kasperle bekam seinen Teil, die rgsten Schreier bekamen
etwas ab, und schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute
nicht gut Spa zu machen. Nach und nach trat Ruhe ein, nur die fnf Mdel,
die bekleckste Schrzen hatten, weinten ganz leise, und Kasperle heulte
laut. Himmel, konnte der brllen! Selbst die fnf Mdel verstummten
schlielich, alle staunten sie das heulende Kasperle an, und allmhlich
erfate sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden mit dem kleinen Irrwisch.
Herr Habermus fate den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine
Ecke. So, sagte er streng, da bleibst du stehen, bis du vernnftig
geworden bist.

Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf der Mdelbank hob ein leises
Weinen an, eine nach der andern weinte, dann schluchzte einer auf der
Bubenbank, erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Groen ein, und nach
ein paar Minuten weinte und schluchzte die ganze Schule mit Kasperle. Herr
Habermus schttelte erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch nie
vorgekommen, da alle heulten, weil einer gestraft wurde. Er wollte streng
sein und nicht darauf achten, aber merkwrdig, Kasperles Weinen und das
klgliche Echo rhrten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: Nun
hrt aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm wieder an deinen Platz. Seid
jetzt endlich stille!

Flink trocknete Kasperle seine Trnen, er flitzte aus der Ecke heraus, und
auf einmal begannen alle Kinder zu lachen, selbst Herr Habermus lchelte
ein wenig. Er seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es heute noch
geben!

Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es auch. Aber er gab wieder
blitzdumme Antworten, und wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder
die andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder Lrm und Unruhe. Und
nachher hallte die Dorfstrae wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und
von den Mttern sagten etliche: Den Buben htte der Schullehrer nicht
aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist's, ein arger Unntzling!

Die Base Mummeline hatte nmlich im Dorf allerlei herumgeredet, wie schlimm
der kleine Gast im Lehrerhause sei. Kein gutes Hrchen hatte sie an dem
armen Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche die Hlfte.
Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen alle an.

Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu kaspern. Dummheiten hatten
auch sonst die Waldraster Kinder genug gemacht, aber solche
Hanswurstsprnge, ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode
gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei Tisch an zu zappeln,
hielt die Beine in die Luft und berschlug sich samt seinem Stuhl. Seine
Mutter dachte, er htte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins auf
den Hosenboden, darber verga er das Kaspern. Am Abend aber kam Frau
Bimmelmann, die nchste Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps
mchte mitkommen, ihr Peter habe die Krmpfe, er schneide frchterliche
Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie Fistelmeyers alte Muhme Trine, die
jammerte, bei ihnen sei der Heine bergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer
einen Tee holen.

Was auf den Hosenboden, schrie Vater Schrumps, das wird schon helfen!

Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in diesen Tagen als uerst
heilsam; und bald bekamen es die Waldraster Vter und Mtter heraus: ihre
Buben und Mdel, aber besonders die unntzen Buben, wollten alle kaspern,
wie des Schullehrers kleiner Schtzling tat.

Das gab viel rger und Geschelte im Dorf, und der arme Herr Habermus bekam
manches ungute Wort zu hren. Die Base Mummeline schrte noch das Feuer. Im
Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lrm, immer hatte Kasper dies und das
getan, so sagte wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle wirklich
brav sein, weil es ihm nmlich in Waldrast sehr gut gefiel. Er ging
furchtbar gern in die Schule, und das Spielen mit seinen Kameraden machte
ihm besonders Vergngen, ber das Geschrei der Base Mummeline wunderte er
sich sehr; er fand es nur spaig, wenn sie ber den Scheuereimer purzelte,
oder wenn alle Hhner in ihrer Stube herumgackerten, weil Kasperle sie
hineingetrieben hatte. Auch brauchte die Base nicht so mrderlich zu
schreien, weil sechs dicke Krten in ihrem Bette saen und allerlei Getier,
Kfer und Tausendfler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten oder gar ein
Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. Das war doch alles nur Spa! Und
ber das Rubergesicht brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. So
meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden stimmten ihm zu.

Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus schalt, Frau Habermus
schalt, aber beide hatten dabei den unntzen kleinen Schelm von Herzen
lieb. Der Schullehrer bekam es auch nicht fertig zu sagen: Kasper, geh'
wieder in die weite Welt. Dazu tat ihm der in seiner Verlassenheit zu
leid.

So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle blieb in Waldrast. Die
Dorfbuben lernten das Kaspern immer besser, und der gute Herr Habermus
plagte sich weidlich mit den Kindern ab, und daheim hrte er auch noch die
Base Mummeline den ganzen Tag schelten. Er war daher sehr froh, als die
eines Tages sagte: Ich geh' morgen in die Stadt.

Es war eine groe Sache, wenn in Waldrast jemand in die Stadt ging. Der
mute dann viele Stunden abwrts steigen und zurck wieder lange, lange den
Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: Ich geh' in die Stadt, dann
kamen gleich die Nachbarn und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten
allerlei gekauft haben und sagten auch: Pa gut auf, was es Neues in der
Welt gibt! In jenen Tagen stiegen die Briefboten noch nicht tglich in das
entfernteste Dorf, und in Waldrast empfing hchstens einmal im Jahr irgend
jemand einen Brief. In das Schulhaus kamen darum auch noch am gleichen
Mittag etliche Nachbarinnen, eine wollte Gewrz, die andere Nhnadeln, die
dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so ging es weiter, und zuletzt hatte
die Base Mummeline einen langen Zettel, auf dem alle Wnsche verzeichnet
standen.

Das wird zuviel zu tragen, sagte die Lehrersfrau; Base, da tust du dir
Schaden. Nimm den Kasper mit, der kann dir helfen.

Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit dem schlimmen Buben
sollte sie gehen! Na, da wrde sie sicher vor rger unterwegs sterben,
behauptete sie; der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base
Mummeline rstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. Der war arg froh
darber. Ja, schlimm genug, als er die Base in aller Morgenfrhe aufstehen
hrte, schaute er ihr vom Fenster aus vergngt nach, zog ihr eine lange
Nase und schnitt, als sie sich noch einmal umdrehte, sein allerbsestes
Rubergesicht.

Meine Gte, erschrak die Base! Sie kollerte fast mit ihrem Korb den Berg
hinab, so rannte sie davon, und erst als Waldrast schon ein Stck hinter
ihr lag, wagte sie es, aufzuatmen. Na, warte du! Sie drohte mit der Faust
dorthin, wo das Schulhaus lag, und dann wanderte sie bergab und dachte
dabei: Knnte ich nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base
Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen Wald, ber grne Wiesen, an
Felsen entlang bergab nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten die
Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das Kasperle war purzelvergngt.
Beim Mittagessen schalt keine Base, er hrte kein bses Wort, ja die Frau
Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft ber seine drolligen Gesichter.
Der Schullehrer sah auch freundlich drein und Kasperle dachte: Wenn die
Base doch nie wiederkme!

Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans Fortbleiben. Die erlebte in
der Stadt eine hchst seltsame Geschichte, und sie stieg am nchsten Tag,
als sie alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder nach
Waldrast hinauf. Zu spter Nachmittagsstunde kam sie im Dorfe an. Die
Lehrersfrau war mit Lenchen und Lorchen bei der Pate Schnlein, der Lehrer
sa in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte gerade aus dem Hause
gehen zu seinen Kameraden, als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn
nicht, sie schritt aus, als htte sie eine Schlacht gewonnen, und Kasperle
schlpfte ein wenig erschrocken in die Wohnstube. Als er drauen den
Schritt der Base vernahm, da kroch er flink in einen dunklen Winkel am
Ofen, die Hlle genannt. Warum er das tat, wute der kleine Schelm selbst
nicht genau. Der Gedanke an die lange Nase und das Rubergesicht bedrckte
ihn etwas, und dann war die Base dahergekommen, als trge sie den schnsten
Rohrstock im Korb. Ein paar Minuten spter tnte auch ihre Stimme durch das
Haus, und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. Der Base erste
Frage war: Wo ist Kasper?

Kasperle in der Hlle erschrak, und ganz leise schob er ein paar
Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht sehen sollte. Indem kam die
Lehrerin zurck, sie begrte die Base, als wre die von einer langen,
langen Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: Wo ist
Kasper?

Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein, meinte
die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefhrten zu gehen.

Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das
Sofa, schlo den groen Schrank auf und sah auch in die Hlle hinein. Da
lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. Er ist
nicht da, rief sie; nun will ich euch erzhlen, wer eigentlich der Kasper
ist, na, ihr werdet staunen!

Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu
erzhlen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn
was hrte er? Seine ganze Geschichte erzhlte die Base! Da war unten in der
Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hlzernes
Kasperle gezeigt und laut verkndet: Wenn ihr einen findet, der so
aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafr eine hohe
Belohnung. Und dann hatte er erzhlt, da Kasperle ein urechtes lebendiges
Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. Seht
ihr, schrie die Base Mummeline, ich hab' es immer gesagt: mit dem Buben
ist's nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt
wird. So will es der Herzog.

Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: Armer
kleiner Kerl!

Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Trnen ber die Backen. Am liebsten
wre er vorgelaufen und htte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach
gewi, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base
Mummeline wieder laut und hart: Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er
bringt noch einige Landjger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen.
Ich hab' es nmlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schnen
Goldgulden hab' ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, da der
heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir mssen nur
sorgen, da er nicht gar noch vorher ausreit. Na, die Landjger werden
schon aufpassen!

Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: Armes, armes Kasperle! und ihr
Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink
ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der
Schullehrer mge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die
Landjger kmen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verlieen
die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurck.

Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. Ach, wenn er nur fliehen
knnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die
Landjger wieder fort waren! Aber dazu mute er zuerst aus der Stube
heraus, denn in die Hlle wrden die Verfolger sicher schauen. Die
Lehrersfrau sa still am Tisch, so mild, so gtig sah sie drein, da
Kasperle dachte: Sie verrt mich nicht. Und pltzlich kam er schnell aus
seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. Kasper, rief
sie, da bist du ja! Hast du alles gehrt?

Kasperle nickte traurig. Er kam leise nher, umschlang die gute Frau und
sah sie flehend an. Ausreien! bettelte er. Ausreien!

Ja, ja. Die Frau Lehrerin nickte. Ich kann mir's schon denken, da du
gern ausreien mchtest, du armer kleiner Schelm, du! Und sacht
streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie
vom Tisch ein groes Stck Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab
ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: Versuche dein Heil! Geh hinten
zur Kchentre hinaus! Mein guter Mann wird mir's schon verzeihen, da ich
dir geholfen habe.

Sie gab dem Kasperle noch einen Ku und lie ihn in die Kche witschen. Von
dort aus fhrte eine Tre in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und
wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, da die Kirchtre aufstand. Ich
verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es
war aber auch die hchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base
Mummelines Stimme: Sie kommen!

Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjger hintendrein, und
die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war
geschehen? Warum kamen die Landjger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten
es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die
Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen htten.

Die Buben spielen am Bach, rief jemand, und gleich liefen ein paar hin,
um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wre der kleine
Schelm ein schlimmer, schlimmer Bsewicht.

Aber wo war denn Kasperle?

Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen,
der Schullehrer wute nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen.
Er ist ausgerissen! riefen die Base und der Kasperlemann. Wir suchen,
sagten die Landjger. Platz da, erst suchen wir das Haus ab. Alle mssen
suchen helfen, schrie der Schulze. Na, das wre doch eine Schande, wenn
einer aus Waldrast ausreien knnte, den unser Herzog fangen will!
Vorwrts, alle mssen suchen!

Und alle suchten. Kasperles Schulgefhrten suchten am eifrigsten, und jeder
dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreien. Nur die Frau
Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie
Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die bitterlich um ihren lieben Kasper
weinten, trstete sie die Kleinen und sagte linde: Es wird ihm schon
nichts geschehen!

Die Bauern und Landjger suchten in allen Husern, Scheunen und Stllen,
aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: Nun
mssen wir noch in der Kirche nachsehen.

Sie ist ja verschlossen, sagte ein anderer, und die Fenster sind auch
alle zu.

Der alte Kster hatte nmlich inzwischen die Kirche verschlossen, und weil
er alt und mde war, kmmerte er sich nicht um den Lrm im Dorf. Er sa in
seinem Lehnstuhl und schlief, und die Landjger gingen alle um die Kirche
herum und sagten: Darin kann er nicht sein, er ist sicher ausgerissen.
Aber wohin? War er in den Wald geflohen, sa er oben in den Bergeinden?
Auf dem Weg zur Stadt htten sie ihn doch alle sehen mssen!

Morgen frh wird die ganze Gegend abgesucht. Alles, was Beine hat, mu
mitlaufen, sagte der Schulze. Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt
wre!

Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht, riefen alle, und heute mu das
Dorf bewacht werden; keine Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht
nicht.

Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: Ich bin zwar rechtschaffen
mde, aber ins Bett gehe ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause
herum, und ich erwische ihn doch!




Elftes Kapitel

Abenteuer ber Abenteuer

Allmhlich wurde es stiller und stiller im Dorf. Kasperle hrte drinnen im
Kirchturmwinkel den Lrm verklingen, und nun wagte er sich erst einmal
recht umzuschauen, wo er eigentlich war. Er sa in einer dunklen Vorkammer,
eine Treppe neben ihm fhrte zum Turmaufgang, und von oben strmte noch ein
matter Lichtschimmer herab.

Gerade dachte Kasperle, es wre gut, bis hinauf zu steigen, als jemand
drauen sagte: Aber morgen mssen wir doch einmal in der Kirche
nachsehen. Es waren die zwei Landjger. Sie gingen vorbei, um mitten auf
der Dorfstrae Wache zu halten. Da kletterte innen Kasperle angsterfllt
die ganz schmale, steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben
suchen sie vielleicht nicht.

Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit vielen, vielen Jahren Eulen.
Eine alte Eulenurgromutter, die gerade zur Zeit lebte, erzhlte, schon
ihre Urgromutter habe erzhlt, da ihrer Urgromutter Urgromutter im Turm
gewohnt habe. Niemand strte je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben
den Strick zogen, um die Glocke zu luten, immer die brvsten durften das
tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer in ihre Nester hinein. Die
Glockenklnge waren ihnen vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang,
dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den Turm hinauf, denn die
Treppe war morsch und das Hinaufklettern gefhrlich.

Davon wute Kasperle nichts. Er stieg immer hher, und die Eulen, die sich
gerade ihren Tagesschlaf aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den
kleinen, sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie erschraken
sehr. Die alte Urgromutter schrie heiser: Nehmt euch in acht, der hat es
auf die Kleinen, die Nestlinge abgesehen! Da schrien alle Eulen;
unheimlich klang es, und alle schwirrten empor. Und auf einmal flatterte
und rauschte es Kasperle um den Kopf, und er sah in viele funkelnde, bse
Eulenaugen. Er erschrak ganz frchterlich. Eine ganz unbeschreibliche Angst
vor diesen fremden, unheimlichen Vgeln ergriff ihn, und er wollte die
Treppe eiligst wieder hinabsteigen. Doch er trat fehl und fiel, die Eulen
kreischten laut, und das purzelnde Kasperle erfate in seiner Angst den
Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte.

Bum, bum, bum! tnte es dumpf.

Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklnge um diese Zeit waren ihnen
ganz ungewohnt. Sie flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle
klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke geriet ins Schwingen.
Bum, bum, bum, bimbam, bimbam! Die Glocke begann lauter und lauter zu
rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die Glocke schwang
heftiger hin und her, die Eulen flatterten wild und Kasperle hing am Strick
und flog hin und her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Fe
nicht mehr auf den Boden setzen.

Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam! ber das schlafende Dorf rauschten die
Glockenklnge. Die Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren
erschrocken in ihren Betten empor. Die Glocke lutete, was war das? Der
Schneidermeister Pimperling sprang zuerst auf die Dorfstrae hinaus.
Feuer! schrie er, Feuer! Feuer!

Der Ruf fand Widerhall. Aus den Husern strzten die Leute, und alle
schrien sie: Feuer! Feuer! Und alle sahen sie sich um, wo es denn
eigentlich brennen knnte. Die Wassereimer her, die Wassereimer her!
schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze gab es damals noch nicht in
Waldrast. Und alles lief und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer
fragte den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den Gedanken kam,
das mte doch der wissen, der die Glocke lutet. Ja, wer lutet sie denn?

Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst geworden. Er hielt
sich schlielich verzweifelt am Geblk fest, lie den Strick fahren und
sauste nun etwas unsanft die Treppe hinab. Auf halber Hhe blieb der
zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen war er, und als er von
drauen, von der Dorfstrae her, Lrm hereindringen hrte, wute er erst
gar nicht, was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle endlich
einfiel: die Glockentne hatten alle aus dem Schlafe geweckt. Er hrte
Feuer! Feuer! schreien, er hrte lautes Rufen und Fragen vor der
Kirchentre, und da -- Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe hinab,
jemand hatte drauen laut gerufen: Ich wette, das ist der Kasper gewesen,
der hat sich in der Kirche versteckt. Es war die Base Mummeline, die das
rief.

Die Tre ist aber verschlossen! rief jemand anders.

Man mu den Kster holen, er mu aufschlieen, verlangten ein paar
Stimmen. Flink, holt ihn!

Bim -- bam, bim -- bam! Das Luten oben wurde schwcher, aber Kasperle
hrte noch immer die Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er
fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten ihm wohl gar die Augen
aus; unten standen die Dorfleute, wehe wenn die ihn erwischten! Er hrte
jemand rufen: Da kommt der Kster, nun aufgepat, jetzt mssen wir den
Kasper fangen!

Es war wieder die Base Mummeline, die so rief, und das Kasperle sah sich
ganz verzagt um. Wohin sollte er denn nur fliehen? Da sah er pltzlich
neben sich eine lange Stange stehen, und -- ein ganz unntzer Gedanke kam
dem Kasperle.

Der Schlssel knirschte im Schlo, die Tre ging auf. Uje, ist's hier aber
dunkel! Holt flink ein paar Laternen! rief jemand. Und dann gab es einen
Plumps, ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war ber die Stange
gefallen, die Kasperle quer vor die Tre hielt.

Au, Donnerwetter! Da lag der dicke Schulze.

Himmel, Hagel, was ist das! Der eine Landjger fiel dem Schulzen nach,
und der Schneidermeister Pimperling quiekte: Potz Hosenknopf und Ellenma,
hier spukt's!

Ich werde totgedrckt! kreischte die Base Mummeline.

Laternen her, Laternen her! Einer nach dem andern fiel in den Vorraum
hinein, und in diesem allgemeinen Gepurzele, in dem lauten Lrm gelang es
Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen. Er
drckte sich ganz eng an die Mauer an und wutschte um den Turm herum, und
er war gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute mit
Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte sich am Turm, mit den
Laternen wurden die hingepurzelten Leute beleuchtet, und alle riefen: Das
ist ein Streich von Kasper.

Man mu den ganzen Turm absuchen, sagte der Schulze, der sich sthnend
aufgerichtet hatte, und die Base kreischte: Der darf uns nicht entwischen,
dieser heillose Bsewicht!

Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein, dnn und mutig war, erbot
sich, auf den Turm zu steigen. Er nahm einen alten Nachtwchterspie und
eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. Er schaute dabei
in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, ob sich das Kasperle da nicht
versteckt htte, und unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die
Kirche, alles ab, -- kein Kasperle war zu finden.

Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben drang. Das blendete
sie, und sie versteckten sich scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her,
aber soviel der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle fand er
nicht.

Unten sagte der Kasperlemann: Wir mssen ihn finden, er mu doch da sein!
Und er erzhlte von der hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und
alle suchten noch eifriger, alle sagten: Er mu doch da sein! Wer soll
sonst die Glocke gelutet haben?

Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde zu. Weil alle nach der
Kirche liefen, bewachte keiner die Wege, die nach auswrts fhrten, und
Kasperle gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den Weg ein, der
zur Stadt hinabfhrte, sondern lief seitwrts; dort wute er, dehnte sich
der Wald viele, viele Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch fhrte
der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute aus Waldrast nie
gingen. In der tiefen Dunkelheit verlor Kasperle nun bald den Weg; er mute
wieder mhsam ber Steine klettern und fiel ber Wurzeln und umgestrzte
Bume, und als er so ein paar Stunden dahingelaufen war, sank er todmde zu
Boden. Er schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die Sonne
durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. Soweit er blicken konnte,
war dichter Wald um ihn her, und ganz still war es.

Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und sah sich traurig
um. Nun war er wieder mutterseelenallein in der weiten, weiten Welt, nun
hatte er keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen Kameraden.
Er dachte an das Waldhaus; ach, wre er doch dort geblieben und nicht
fortgelaufen! Dort war doch seine Heimat. Er wre gern zurckgekehrt, aber
wie sollte er den Weg finden? Er mute dann doch an dem Schlo vorbei, in
dem die liebliche Rosemarie wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man wrde
ihn fangen und ins Gefngnis setzen. Kasperle hatte davor eine ganz
schreckliche Angst. Der Herzog und die Base Mummeline, das waren seine
Feinde, und als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief weiter
durch den Wald. Er wanderte und wanderte, viele Stunden lang, der Wald nahm
kein Ende; ganz undurchdringlich schien er zu sein.

Endlich setzte sich Kasperle wieder mde auf den Boden nieder. Er zog das
Brot heraus, das ihm die gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann
traurig zu essen. Und wie er so sa, vernahm er ein Pltschern und
Rauschen; ein Bchlein mochte nicht allzu ferne flieen. Weil Kasperle
durstig war, stand er auf und ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen
sah er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach, der kam mit
viel Gebrause aus einer hohen, hohen Felsspalte herabgestrzt. Am Bach war
der Wald etwas zurckgetreten, nur Himbeerbsche wuchsen dicht an seinem
Rand. Von ihnen waren viele reife Frchte in das Wasser gefallen, sie
schimmerten rot aus den weien Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden
blauen Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser aber lag eine
winzige Insel. Da wuchsen groe, weie Bltendolden, auf denen lauter
schimmernde, goldbraune Schmetterlinge saen. Und im schumenden Wasser,
das aus der Felsspalte strzte, glitzerte die Sonne. Das leuchtete,
funkelte und glnzte in allen Farben, und Kasperle staunte verwundert; wie
ein Mrchenwinkel kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu locken:
Komm, Kasperle, komm! Das Wasser spritzte ihm an die Nase, die
Himbeerbsche bogen sich unter der Last ihrer reifen Frchte, und da war
Kasperle denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste, trank erst
vom klaren Wasser, a dann zum Brot die Himbeeren und wurde plumpsatt. Da
legte er sich an das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der aus
der Felsspalte hervorstrzte, und lie sich die Sonne auf das Buchlein
scheinen.

Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief. Er schlief und schlief
in die warme, Sommernacht hinein. Einmal wachte er auf, da stand eine ganz
schmale Mondsichel gerade ber dem Waldwinkel, und das Bchlein rann wie
ein Silberstrom aus seiner Felsspalte hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu,
er sah die silbernen Lichter auf dem Wasser glitzern und sah ber sich am
dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele, viele Sterne. Das war schn
und friedsam. Kasperle reckte und streckte sich und schlief weiter.

Auf einmal tnte laut eine Stimme in seinen Schlaf hinein: Hallo, he,
aufgewacht du!

Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich verwirrt um. Da stand
neben ihm ein Bub, nicht viel grer als er, der trug ein Hemd und ein
Hslein, geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf sa ein verbeultes,
verblichenes Htlein mit einem mchtigen Busch Hahnenfedern daran. Es sah
beinahe aus wie der Kopfschmuck, den der Ruberhauptmann im Kasperletheater
zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten lustig; der ganze kleine Kerl
sah berhaupt so vergngt in die Welt, da Kasperle auch gleich lachen
mute.

Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst machte der fremde Bube
Kulleraugen vor Erstaunen, als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum
andern zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen steckte wieder das
Kasperle an, und so lachten sie eine gute Zeit um die Wette, und die
Felswand gab vergngt das Echo zurck. Sonst hrten es nur noch eine Anzahl
Geien, die kamen zierlich ber die Steine geklettert und umringten die
beiden Buben. Aber pltzlich sprang der fremde Bube auf und schrie:
Rosemarie fehlt! Und dann rannte er mit schnellen Sprngen davon.

Rosemarie! Kasperle verga das Lachen vor Staunen. War das liebliche
Grafenkind hier im Walde, und war er gar wieder dem Schlosse nher
gekommen? Die Geien umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber sa da,
als wre er aus allen Wolken gefallen. Doch da kam der fremde Bub schon
wieder zurck, er trieb ein schneeweies Zicklein vor sich her und rief
schon von weitem: Das ist Rosemarie; beinahe htte sie sich verlaufen.

Kasperle schttelte den Kopf. N, brummelte er entrstet, Rosemarie ist
eine Grafentochter, keine Gei!

Der fremde Bube lachte hell auf. Freilich, ein Geienname ist's nicht,
rief er. Rosemarie stammt aber auch von einem Schlosse; die alte Einderin
Brbe hat sie dort geholt.

Ist das weit? fragte Kasperle scheu. Er dachte gar, das Schlo mte ihm
vor der Nase liegen.

Weit -- das Schlo? Der fremde Bube sah ihn erstaunt an, die Frage kam
ihm sehr schnurrig vor. Was ging den andern das Schlo an? Weit ist's
schon, sagte er; die Einderin braucht immer ein paar Tage dazu, sie
stammt von dort.

Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm auch ein, es war eigentlich
lngst Frhstckzeit vorbei, und er kramte sein letztes Stck Brot aus der
Tasche. Ich hab' Hunger, sagte er seufzend.

Ich auch. Der fremde Bube zog auch ein Stck Brot aus der Tasche und
sagte: Ich komm' hierher wegen der Himbeeren. So schn sind sie nirgends,
und niemand wei den Ort, selbst der brummige Matthias nicht.

Wer ist denn das? Kasperle setzte sich auch an einen Himbeerbusch, wie es
der andere tat. Beide schmausten los, und dabei erzhlte der fremde Bube,
der brummige Matthias sei ein Frster; er wohne neben des Herzogs
Jagdschlo Hirschsprung, das ganz nahe sei.

Wohnt der Herzog hier? Kasperle lie vor Schreck eine dicke Himbeere und
sein Brot dazu ins Wasser fallen, und er fischte erst beides wieder heraus,
als der fremde Junge sagte: Bist du aber dumm! Der Herzog wohnt doch in
seiner Residenzstadt, weit, weit von hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal
hierher, sonst steht das Schlo immer leer. Du weit aber auch gar nichts!
Woher kommst du eigentlich? Wie heit du? Wer bist du?

Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein Sprchlein sagen, aber
des fremden Buben helle, klare Augen schauten ihn so ernsthaft an, da
senkte er verwirrt seine Nase.

Hast du was Schlimmes getan? fragte pltzlich der andere fast streng.

Kasperle schttelte den Kopf, und dann erzhlte er dem Buben, wer er sei.
Alles erzhlte er, und der andere lachte mit und sah mit traurig drein, und
als Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune Hand hin und
rief: Armes Kasperle! Aber weit du, ich will dein Freund sein. Ich bin
das Geienmichele und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot? Michele
wute in aller Geschwindigkeit nmlich nicht, was er aus Mitleid dem
Kasperle Gutes antun sollte, darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des
Michels Brotvorrat fr seinen rechtschaffenen Bubenhunger gerade nicht sehr
gro. Michele meinte aber, fr einen Freund, den man so unversehens im
Walde finde, mte man auch einmal hungern knnen. Kasperle aber sah, mehr
Brot war nicht im Scklein, und schlug vor, sie wollten teilen. Also
teilten sie, schmausten viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was
aus Kasperle werden sollte.

Michele htte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen, doch das ging
nicht; er hatte nmlich selbst kein rechtes Zuhause. Er war einer armen
Witwe Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen Dorf, und er hatte
sich als Geienbub verdingt, um der Mutter zu helfen, die noch fr drei
kleinere Kinder sorgen mute. Bei einem Bauern schlief er auf dem Heuboden,
dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen. Und Kasperle tat einen
tiefen Seufzer und sagte traurig: Ich mu weiterziehen.

Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter Gedanke, und er berkugelte
sich gleich einmal vor Freude und schrie dabei: Hurra, das wird fein,
fein, fein!

Kasperle wollte natrlich gleich wissen, was fein wrde, und da vertraute
ihm Michele an, das Schlo sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle
darob vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bumlein wurde, erzhlte
Michele, im Schlosse wohne niemand, und der bse Matthias und seine Frau
gingen selten hinein, auch sei das dann ja zu hren. Er aber wute, da
eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit unverschlossen sei, wohl
weil der brummige Matthias den Schlssel verloren habe. Ich bin schon
manchmal drin gewesen; fein ist's drin! tuschelte Michele seinem neuen
Freunde geheimnisvoll zu. Du kannst drin wohnen, und dann treffen wir uns
alle Tage und hten die Geien zusammen. Wenn ich sage, ich hab' arg groen
Hunger, dann gibt mir die Buerin schon mehr Brot, dann langt es fr uns
beide.

Aber der Herzog! Kasperle sah so ngstlich drein, als spaziere der Herzog
schon um die Ecke herum.

Michele lachte ihn aus. Bist ein Hasenfu; der Herzog, kommt hchstens
zweimal im Jahr nach Hirschsprung, na, und das merkst du ja vorher. Komm
jetzt rasch, ich zeige dir die Tre! Er sprang auf und sah nach den
Geien. Die zeigten keine Lust zu groen Klettereien; satt und faul
lagerten sie auf einem Wiesenfleck, und die beiden Freunde konnten beruhigt
zum Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht. Kasperle staunte.
Ein paar Schritte ging es durch den Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese,
rings von Wald umschlossen, lag ein graues Schlo, es hatte einen dicken
Turm und sah etwas dster aus. Unweit davon, am Wiesenrand, lag ein kleines
Haus, die Frsterei. Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund
bellte, als sich die Buben dem Schlosse nherten. Michele fhrte seinen
Freund nun um die grauen Mauern herum und zeigte ihm neben dem Turm ein
Pfrtlein, das fast ganz hinter Gebsch verborgen war. Da hinein geht's,
sagte er, und hier kannst du gleich in den Wald schlpfen, und niemand
sieht dich.

Sie krochen beide durch das Gebsch, und Michele drckte auf die rostige
Klinke; sie gab nach, und da standen die beiden wirklich im Schlo. Ein
schmaler, weigetnchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt ihn ganz
keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft, weil sich aber wirklich
niemand und nichts im Schlosse regte, wurde er auch mutiger. Die beiden
Freunde schlossen Tr um Tre auf, sie gingen durch alle Gnge, stiegen
alle Treppen empor, und Michele war ganz emprt, als Kasperle auf einmal
sagte: Im Grafenschlo war's noch feiner.

Was Feineres gibt's nicht, rief Michele und ri eine Tre auf. Die fhrte
in einen Saal hinein, der nicht, wie die andern Zimmer, etwas dster
eingerichtet war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas und
Sthle waren alle mit rosafarbener Seide berzogen, an den Wnden gab es in
breiten goldenen Rahmen heitere Bilder, und Engel, die Rosenkrnze trugen,
schwebten oben an der Decke.

Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im Grafenschlo, und Michele,
der schon ganz wtend gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun
auch sehr vergngt, da er im Schlosse bleiben sollte, und als sie beide
beim Herumwandern in ein sehr schnes Zimmer kamen, in dem ein breites
goldenes Bett stand, sagte er, hier mchte er schlafen. Ich glaube, das
ist dem Herrn Herzog sein Zimmer, flsterte Michele etwas scheu. Darin
kannst du doch nicht schlafen!

Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit Seide berzogenen Bett und
rief: Hurra, hier schlafe ich: Das ist fein, fein, fein!

Michele htte sich am liebsten auch in das goldene Bett gelegt, aber er
dachte an die armen Geien, die er verlassen hatte. Ich mu gehen, sagte
er betrbt, und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus und
erklrte: Ich geh' mit. Eintrchtig verlieen sie beide wieder das
Schlo, kehrten zu den Geien zurck, fanden die noch ruhig am alten Platz
weiden, und sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner zu
halten gedchten. Michele wollte immer am Schlo vorbeiziehen und pfeifen,
und sobald Kasperle dies hrte, sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie
zusammen spielen, Geien hten und ihr Brot verzehren. Beide freuten sich
schon auf die Tage, die kommen wrden, und einmal sagte Kasperle ngstlich:
Aber der Herzog, wenn der in sein Schlo kommt!


Ach, der kommt ja erst im Herbst! Michele schnippte mit der Hand, als
knnte er damit den Herzog davonweisen, und Kasperle war beruhigt. Mit
seinem neuen Freund zusammen trieb er dann die Geien an zum Heimgehen, und
als das Schlo sichtbar wurde, trennten sich beide. Kasperle schlpfte
wieder durch das Gebsch, ffnete die kleine Tre und stand dann allein in
dem Schlo. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider, und da begann sich
der kleine Hasenfu zu frchten. Am liebsten wre er wieder umgekehrt und
dem Michele nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schne seidene
Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind die Treppe hinauf
und durch die Gnge, bis er das Zimmer erreichte. Dort schlpfte er sehr
eilig in das goldene Bett, zog sich die Decke ber die Ohren und schlief
wirklich nach fnf Minuten ein. Nichts strte ihn in dem einsamen Schlaf.
Nur einmal hrte er ein fernes Blasen, aber so recht wachte er darber
nicht auf. Drauen auf der Waldwiese stand der Frster, den Michele den
brummigen Matthias nannte, und blies auf seinem Hifthorn ein Abendlied.
Feierlich tnte das durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur
die Bume rauschten; sie erzhlten sich, im einsamen Schlo sei ein
wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von dem selbst der Frster nichts
wisse.




Zwlftes Kapitel

Kasperle wird ein Gespenst

Als Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte, schimmerte es ganz golden
durch die herabgelassenen Vorhnge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte
durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr gewarnt hatte, dies zu
tun. Drauen lag die Waldwiese im ersten Frhsonnenschein, und selbst in
das verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und Jubilieren der Vgel,
die den neuen Tag grten. Wie lustig es klang! Kasperle erhob
purzelvergngt sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, da in dem
einsamen Schlo ihn niemand singen hrte, denn vor dem Gesang konnte schon
einer davonlaufen. Es klang, als quietschten zehn schlecht gelte Tren und
drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand seinen Singsang
schn, und singend lief er in dem Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam
er auch in die Kche. Und da merkte er, da er schrecklich hungrig war, und
das Singen verging ihm. Er begann neugierig in alle Tpfe und Schrnke zu
schauen, doch nirgends fand er etwas Ebares. Er dachte seufzend an die
gefllten Speisekammern im Grafenschlo, und gerade wollte er die Kche
wieder verlassen, als er in einer Ecke eine Tre entdeckte. Rasch schlo er
sie auf, ein halbdunkler Raum ghnte ihm entgegen, in dem es merkwrdig gut
roch. Kasperle schnupperte und schnupperte, sah sich um und sah auf einmal
von der Decke herab lange Wrste hngen; auch ein paar Schinken und
Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die Rucherkammer geraten, in der
es noch Vorrte vom letzten Besuch des Herzogs her gab.

Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann er sich nicht, ob er
zugreifen drfe oder nicht. Er sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst
erwischte; an der zerrte er, bis er sie in seinen Hnden hielt. Dann
verschlo er die Kammer wieder und lief vergngt mit seiner Wurst bis zur
kleinen Pforte, an der Michele pfeifen sollte. Das dauerte noch ein
Weilchen, und Kasperle bi inzwischen herzhaft in die Wurst hinein, und als
Michele kam, hatte er schon ein gutes Stck verschmaust.

Der Kamerad machte groe Augen, als Kasperle ihm von der Wurstkammer
erzhlte. Das darfst du nicht, die Wrste aufessen, sagte er bedrckt;
sie gehren doch dem Herzog!

Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der fand nichts Unrechtes am
Wurstraub, sagte, die htte der Herzog gewi lngst vergessen, und Michele
glaubte ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu ihrem Brot, aen
tchtig Himbeeren und verlebten mitsammen einen sehr vergngten Tag. Die
Geien waren brav, die machten ihnen weiter keine Mhe, ja, als Kasperle
dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da stellten sie sich alle dazu und
meckerten erstaunt; so etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie
meckerten, und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von sich, so arg
mute er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh vor Lachen, und er legte sich
flink in die Sonne. Kasperle tat es ihm nach, und beide lieen sich von der
Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und Michele wieder lachen
konnte.

So verging der Tag. Am Abend trieb Michele die Geien heim, und Kasperle
kehrte in das stille Schlo zurck. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern
kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er, bis ihn wieder das
goldene Scheinen hinter den Vorhngen weckte; da war wieder ein neuer
heiterer Tag fr ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schlo, holte
wieder ein Wrstlein aus der Rucherkammer und stand schon an der kleinen
Pforte, als Michele daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von
weitem dem Kasperle halblaut zu: Verstecken, verstecken!

Kasperle witschte flink in das Gebsch, und als Michele herankam, tuschelte
der ihm zu: Der brummige Matthias steht vor seinem Hause, la dich nicht
sehen!

Der Frster wunderte sich ein wenig darber, da der Geienbub seine Herde
so dicht am Schlo vorbeitrieb, aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte
unter die Geien, lief auf allen vieren und war geschwinde im Walde
verschwunden.

Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag wie ein schner Traum. Es
wurde Abend, es wurde wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern, alle
waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust.

ber eine Woche war so vergangen, da wachte Kasperle eines Morgens auf, und
er wunderte sich, wie dunkel es war. Vielleicht ist's noch Nacht, dachte
er, aber dann vernahm er ein unablssiges Pltschern und Rauschen, und als
er durch das Ritzchen im Vorhang hinaussphte, merkte er, es regnete. In
wahren Bchen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch, immerzu. Dster,
grau hingen die Wolken tief herab, der Wald sah aus, als schliefe er noch,
nichts rhrte und regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit seinen
Geien. Der sa bei der Buerin und half Gemse putzen, und er dachte dabei
sehnschtig an seinen Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war
nicht minder gro. Er langweilte sich arg in dem einsamen Schlo, und weil
er nicht wute, was er anfangen sollte, begann er das Schlo von oben bis
unten zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polstersthle, rkelte sich
auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er wieder in des Herzogs
Schlafzimmer. In dem hingen allerlei Bilder, darunter das einer Schferin,
die ein Lmmchen an einem himmelblauen Bande fhrte. Dies Bild gefiel
Kasperle besonders gut. Um es besser zu sehen, rieb er ordentlich seine
groe Nase daran, ja er fing an, das Lmmchen zu streicheln. Dabei fhlte
er an dessen Halsband eine kleine Erhhung, und weil er wissen wollte, was
dies bedeute, drckte er ordentlich fest darauf. Da rauschte es pltzlich
sacht, das Bild wich von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen
kleinen Raum hinein; khl und dumpf wehte es ihm daraus entgegen.

Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene Bett hinein, er kroch
unter die Decke, und da lag er eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles
blieb still. Nur drauen rauschte und rauschte unablssig der Regen.
Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder hervor. Die
geheimnisvolle Tre, die das Bild verdeckte, stand noch halb offen, und in
dem Raum dahinter war es auch ganz still.

Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber neugierig war er auch.
Endlich siegte doch die Neugier, und er kletterte wieder aus dem Bett
heraus und schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale Kammer war es,
die sich vor ihm auftat; aus der fhrte ein Trepplein in die Tiefe. Die
Kammer selbst war in ein grnliches Licht getaucht, und Kasperle sah, da
sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz dicht gewachsen
war; man mochte wohl von drauen das runde Fenster gar nicht sehen hinter
der dichten Efeuwand. In der kleinen Kammer selbst stand nur eine
altmodische Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte.

Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne und goldene Becher und
eine goldene Kette lagen drin und ein dicker Beutel voll Gold. Darber war
ein roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen war. Kasperle
nahm ihn sich um, hngte sich die goldene Kette an den Hals und spazierte
so ein Weilchen hin und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde. Er
warf alles in die Kiste zurck und begann das Trepplein hinabzusteigen,
Stufe um Stufe. Etwas bnglich war ihm doch zumute, und als ihm von unten
herauf eine feuchte Dunkelheit entgegenghnte, da kehrte er rasch um und
schlpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog das Bild wieder zurck, ganz
leicht ging es nicht, aber pltzlich schnappte es ein, und von der
geheimnisvollen Kammer war nichts mehr zu sehen.

Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband des Lammes, er fand ihn,
drckte darauf, und wieder rauschte die Tre auf. Das mu Michele sehen,
dachte Kasperle, als er die Tre wieder schlo. Er ging nun berall im
Schlo herum und untersuchte alle Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild
mte eine geheime Tre sein. Doch soviel er den steifen Herren und Damen,
deren Bilder die Wnde schmckten, auch auf die Nasen, Mnder, Augen und
Buche drckte, keine Tr tat sich mehr auf. Darber wurde es Abend, und
Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich dabei auf den kommenden Tag,
da wrde doch sicher schnes Wetter sein.

Doch der Regen rann und rann. Am nchsten Morgen war es noch grauer; noch
dsterer sah der Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geien
daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder im Schlosse herum. Das
geheime Kmmerchen untersuchte er ganz genau, er ging auch ein paar
Schritte die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er holte sich
wieder eine Wurst aus der Rucherkammer; doch die wollte ihm gar nicht mehr
so recht schmecken. Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren besser
gewesen. Und drauen regnete es weiter. Immerzu, ohne Unterla rann es vom
Himmel herab, und am nchsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle
vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal ein helles Licht das
Zimmer erfllte. Kasperle sprang auf und sah hinaus. Drauen war soeben die
Sonne hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken besiegt. Hier und
da schimmerte der Himmel tiefblau, und die grauen Wolken jagten davon, als
htten sie die allergrte Angst, von Frau Sonne noch beim Schwnzlein
genommen zu werden. Heisa, nun wurde morgen gewi schnes Wetter!

Kasperle tanzte vergngt im Zimmer herum. Dann rannte er wieder im Schlo
treppauf, treppab, holte sich eine riesengroe Wurst, die er morgen
mitzunehmen gedachte, und kroch dann vergngt in sein seidenes Bett.
Morgen, morgen wrde er seinen Freund Michele wiedersehen.

In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein. Er war zwar noch bla, und
es fehlte ihm ein ganzes Stck am Rundsein, doch ging schon ein feiner,
wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade ber der Waldwiese vor dem
Schlo, als Kasperle einmal aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es
schon wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er den Mond glnzen,
und das Rauschen, das er hrte, kam vom Wald herber. Aber noch etwas
anderes hrte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Frsterhaus herber tnte
es, und im klaren Licht des Mondes sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause
drben halten. Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder in
sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief er denn auch bald ein.

Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er erstaunt: Was ist denn das? Es
rummelte, knarrte, klappte und klirrte laut im Schlo, es war gar nicht so
still wie sonst. Ja, und auf einmal ertnte ein lautes Rufen: Matthias,
Matthias, jetzt wollen wir erst in dem Herzogszimmer scheuern!

Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett heraus. Eine furchtbare Angst
ergriff ihn. Menschen waren im Schlo! Wenn ihn die nun erwischten! Ein
paar Augenblicke wute er vor Entsetzen gar nicht, was er tun sollte; doch
da fiel ihm die Kammer hinter dem Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf,
die Tre rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und die Wurst und
witschte in die Kammer. Es war die hchste Zeit, denn drauen drhnten
schon schwere Schritte ber den Flur, und kaum hatte sich die Bildtre
geschlossen, als der Frster und seine Frau das Zimmer betraten. Kasperle
vernahm einen lauten Schrei, die Frsterin hatte das zerwhlte Bett
erblickt. Matthias, Matthias, rief sie, es ist wahrhaftig jemand im
Schlo gewesen! O du meine Gte, und in des Herrn Herzogs Bett hat er
gelegen! Wenn das unser gndiger Herr wte!

Der Frster brummte und knurrte, Kasperle hrte ihn sagen, es mte gerade
ein Gespenst gewesen sein, von einem lebendigen Menschen htte er doch
etwas merken mssen, auch seien ja alle Tren verschlossen gewesen.
Matthias, die kleine Pforte war ja auf! schrie die Frsterin. Weit du,
von der der Schlssel verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas
gestohlen worden ist!

Die Frsterin weinte und klagte, der Frster knurrte und brummte, und
Kasperle hrte ihn sagen, da er die kleine Pforte verriegeln wolle.

Nein, nein, rief seine Frau, unser groes Vorlegeschlo tu dran, das
hlt besser!

Kasperle erschrak. Wenn der Frster die Tre mit einem Schlo verschlo,
dann konnte er nicht hinaus und --. Da sagte die Frsterin: Und morgen
kommt der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit wir fertig
werden!

Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog kommen, und geschlossen sollte
werden. Wie sollte er denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich
klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus und schlafe im Walde.
Damit trstete er sich ber diesen Tag hinweg. Den mute er freilich in dem
Kmmerlein verbringen, denn der Frster und seine Frau wirtschafteten
immerzu im Schlo herum, und er wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen.
Doch als es dunkelte, wurde es still im Schlo, er hrte noch Tren
klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es, die Bildtre zu
ffnen. Er nahm seine Wurst unter den Arm, die er schon halb aufgegessen
hatte, und schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drckte an
der Tr die Klinke nieder und -- merkte, er war eingeschlossen.

Von auen war das Zimmer verschlossen, und als Kasperle versuchte, das
Fenster zu ffnen, sah er erst, da dies vergittert war. Er konnte nicht
hinaus, er war gefangen. Kasperle sthnte, seufzte und weinte und rannte
verzweifelt im Zimmer hin und her; es half ihm alles nichts, er konnte
nicht hinaus. Zuletzt kroch er wtend in des Herzogs Bett, das mit feinem
schneeweiem Linnen berzogen war. Und heulend whlte sich Kasperle in die
Kissen, und er schlief in dieser Nacht nicht wie ein Scklein, sondern
wachte immer und immer wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lrm:
Hrnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr. Und als er
erschrocken aufsprang und hinaussphte, sah er drauen einen ganzen Zug
Reiter ankommen, ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die Fahrt zu seinem
Jagdschlo in den frhesten Morgenstunden gemacht, weil es ein heier Tag
zu werden drohte.

Das war der Herzog, sein Feind. O jemine! Kasperle sah ihn aus dem Wagen
steigen, und da entwischte er flink in sein Versteck. Er zitterte vor
Angst, und ganz verdattert und bedrckt hockte er auf der Geldkiste nieder.
Wie sollte er nun entfliehen?

Im Schlo wurde es laut. Kasperle vernahm Schritte, und dann hrte er auch,
wie in des Herzogs Schlafzimmer die Tre aufgeschlossen wurde und ein
lautes, erschrockenes Rufen ertnte. Himmel, das Bett! Daran hatte das
dumme Kasperle gar nicht gedacht.

In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen unterscheiden. Jemand
schalt heftig, das war der Herzog, und dann weinte jemand, das war die
Frsterin. Sie schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen
gewesen; es msse gerade ein Gespenst im Schlosse sein. Und sie beschrieb,
wie gestern so viele Tren offen gestanden haben und auch das Bett zerwhlt
gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten knnen. Von den
verschwundenen Wrsten sagte sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt,
auch von dem offenen Pfrtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes
Gewissen hatte.

Als die Frsterin immerzu rief: Ein Gespenst, ein Gespenst mu im Schlosse
sein! bekam es Kasperle mit dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor
den Mund, um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend etwas tun
mute, um seiner Lustigkeit Luft zu machen, schlenkerte er das linke Bein
hin und her; er traf dabei einen der silbernen Becher, und der rasselte mit
groem Getse zu Boden.

Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog rief: Was war das, was
war das? und die Frsterin antwortete schluchzend: Das Gespenst, das
Gespenst!

Es mu alles genau untersucht werden, befahl der Herzog. Auch soll das
Schlo ringsum bewacht werden. Schnell, schnell, sucht alle Rume ab!

Dem Kasperle schlug das Herz. Er hrte, wie sich das laute Rufen weiter im
Schlosse fortsetzte, und er hrte auch, wie nebenan jemand sagte, der
Leibarzt msse kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. O
heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte er sich vielleicht ins
Bett, und das Kasperle war noch mehr gefangen.

Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. Er war nmlich an diesem
Tag zu frh aufgestanden, das war seine schlimmste Krankheit. Whrend der
Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge herbeibrachte fr den
Herzog, sa nebenan Kasperle trbselig auf der Geldkiste. Er kaute an der
Wurst herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war durstig geworden
und sehnte sich nach dem schnen Quellwasser, das er mit Michele zusammen
getrunken hatte. Dazu wurde es allmhlich dunkel in dem Kmmerchen, das
winzige runde Fenster mit dem dichten Grn davor lie wenig Licht ein. Auch
ging drauen der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze
Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, schmaler Lichtstreif in die
Kammer, und Kasperle sah zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles
Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, tappte sich zu dem
Loch hin und sah nun zu seinem groen Erstaunen durch die kleine ffnung
gerade in des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing innen in des
Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. In seinem Schwertknauf war das
kleine Guckloch, und es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde uglein
neugierig hereinsphen. Der Herzog lag im Bett, der Leibarzt sa daneben,
dabei noch zwei Herren. In dem einen erkannte Kasperle gleich den Grafen,
Rosemaries Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die in dem
Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzhlte davon dem Grafen, der erst
spter gekommen war. Kasperle spitzte arg seine Ohren, und dabei drckte er
sich fester an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: Was raschelt da so?

Kasperle fuhr erschrocken zurck, verlor dabei das Gleichgewicht und
purzelte mit ungeheurem Getse von der Kiste herab. O jemine, gab das
wieder einen Aufstand! Es ist nebenan, rief der Herzog, in dem Saal,
schnell, schnell, man mu nachsehen!

Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in den groen Speisesaal, der an
des Herzogs Zimmer grenzte. Die Wnde des Schlosses waren ungeheuer dick,
und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den riesigen Schrnken, die im
Speisesaal standen, knnte die Mauer ganz dnn sein. Die Schrnke wurden
abgesucht, Geschirr stand darin, Wsche lag in den Fchern, von einem
raschelnden, purzelnden Gespenst war aber nichts zu sehen. Von der schmalen
Kammer zwischen den Wnden ahnte niemand etwas.

Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz bel geworden. Als Kasperle
endlich wagte, wieder durch das Lchlein zu schauen, sah er den Herzog
Kamillentee trinken. Und gerade hrte er den Kammerdiener sagen: Wenn das
Gespenst nur nicht das Kasperle ist!

Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf? Der Herzog richtete sich
erschrocken auf und machte solche bse Kulleraugen, da Kasperle sich flink
zusammenduckte.

Ja, sagte drben der Diener, ein Landjger hat erzhlt, sie htten vor
einiger Zeit das Kasperle beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da
wieder auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das Kasperle
seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, da ist es doch mglich, da sich
der kleine Kobold hier versteckt hat.

Ja, ja, rief der Graf aufgeregt, so wird es sein! Sicher steckt dieser
Unhold hier irgendwo im Schlo.

Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut mglich, beinahe mchte er
an ein Gespenst glauben.

Mit Verlaub, sagte da der Haushofmeister, der eben eingetreten war, ein
Gespenst frit doch nicht die Rucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich
noch nie von einem Gespenst gehrt.

Da riefen alle, nein, das htten sie auch noch nicht gehrt, und so etwas
wre dem Kasperle schon eher zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun
erzhlte, wie viele Wrste in der Rucherkammer fehlten, da befahl der
Herzog streng: Man mu suchen, auf dem Boden, in den Kellern, berall,
auch in den Schornsteinen, und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen
hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nmlich nicht schon ist. Das
Kasperle, den Unhold, will ich aber streng bestrafen, wehe ihm!

Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl der kleine Unhold stecken
knnte, da niemand den tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstie. Ach,
es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt, und wer wei, wie
bel es ihm erging, wenn er entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs
Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle mde auf den Fuboden nieder,
vielleicht konnte er seine Angst verschlafen. Und Kasperle schlief wirklich
ein, und im Schlo schliefen nach und nach auch alle ein. Sie hatten sich
mde gesucht, und schlielich sagten sie: Es ist sicher ein Gespenst, ja,
und Gespenster findet man nicht.

Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schnen Bett, um das Kasperle
ihn sehr beneidete. Der Kleine wachte aber mitten in der Nacht auf, der
Mond schien ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es. Hinter dem
runden Fensterloch stand noch schief, aber glnzend der Mond und
erleuchtete die winzige Kammer. Ach, dachte Kasperle, wre ich doch jetzt
auf der Waldwiese! Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam, seufzte
er recht tief und vernehmlich.

Johann, schrie nebenan der Herzog, hrst du, es hat geseufzt!

Jawohl, es hat geseufzt, antwortete der Diener verschlafen. Es ist doch
ein Gespenst!

Das kam Kasperle spaig vor, da er nun wieder ein Gespenst sein sollte. Er
seufzte noch einmal und noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man
solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze. Flugs schwieg
Kasperle wieder, weil aufs neue das halbe Schlo lebendig wurde. Diener
kamen, der Haushofmeister kam, Kammerherren rannten herbei, und alle
lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill, da wurde es auch
drben still, alle gingen wieder zu Bett.

Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als das Geseufze wieder anfing.
Das Gespenst seufzt wieder! Der Herzog schrie, der Diener schrie, und
wieder rannten alle herbei, horchten und hrten doch nichts. Kasperle
zappelte vor Vergngen, und bums! klirrte und drhnte die alte Kiste, an
die er gestoen war.

Das Gespenst, das Gespenst! Nebenan redeten viele Stimmen durcheinander,
und Kasperle verhielt sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand,
man msse die Wnde morgen abklopfen; vielleicht sei einmal jemand
eingemauert worden, und der geistere nun herum.

Das ist recht, antwortete der Herzog, man soll morgen gleich den
Hofbaumeister holen.

O weh! Da verging dem Kasperle wieder der bermut. Wenn der Hofbaumeister
die Wnde abklopfte, fand er sicher die geheime Tre, und man entdeckte
ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts strte fortan den Herzog
mehr. Dabei schlief Kasperle nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er
beschlo, morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand er da
einen Ausgang.

Als die Sonne aufging und Licht durch das grne Fensterloch in das
Kmmerchen flo, rstete sich Kasperle zur Flucht. Seinen letzten
Wurstzipfel nahm er mit und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und
klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte von dem Gerusch. Weil
dann aber alles still blieb, dachte er, er habe getrumt. Er klingelte nach
seiner Morgenschokolade. Das hrte Kasperle noch, als er das schmale
Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach lieber Himmel, er htte auch lieber
Schokolade getrunken, als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den
schmalen Gang entlang, in den die Treppe mndete; feucht und khl war es,
und ein paarmal huschte etwas vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es
mochten Ratten sein. Kasperle chzte vor Angst, dumpf drhnte das Echo
wieder, und in der Kche lie just in dem Augenblick die Kchin des Herzogs
die Morgenschokolade fallen. O du meine Gte, schrie sie, nun geistert
es hier auch, hrt nur!

Alle Kchenjungen und Kchenmgde hatten das Gechze vernommen, denn
Kasperle war gerade unter der Kche hinweg gewandert. Endlos schien der
Gang zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal sah Kasperle es in
der Ferne hell werden. Nun rannte er, so schnell er mit dem Geldscklein
vorwrts kam, pltzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebsch. Er
kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht weit davon lag das Schlo.
Kasperle wollte weiterrennen, denn er dachte an die Wchter, die das Schlo
bewachten, doch da hpfte und sprang es um ihn herum, und neben ihm schrie
Michele: Endlich kommst du, endlich!

Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand und zog ihn mit fort, die
Geien folgten, und erst als alle weit drinnen im Walde waren, begann
Kasperle seine Abenteuer zu erzhlen. Da, sagte er stolz und hielt
Michele den Geldbeutel hin, den habe ich dir mitgebracht.

Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der sah den Freund tief
erschrocken an. Kasperle, sagte er leise, das Geld gehrt dem Herzog;
das -- das -- ist -- gestohlen!

N! Kasperle ri seine Augen weit auf. Ich hab's doch gefunden!

Aber das Schlo gehrt dem Herzog, und alles, was drin ist, gehrt dem
Herzog! Michele war blutarm, und er wre himmelgern lieber ein
Geigenspieler statt ein Knechtlein geworden, und doch rhrte er den Beutel
nicht an. Du mut das Geld zurcktragen, sagte er, es gehrt dir nicht.
Weit du, schon die Wrste zu nehmen war arg bse. Und Kasperle mochte
sagen, was er wollte, Michele blieb dabei.

Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich an und flsterte leise:
Du bist gut. Er lie den Kopf hngen, denn er schmte sich, da er nur
ein unntzes Kasperle war; er wre auch gern so ein braver kleiner
Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich es ihm war, noch
einmal durch den langen, langen, finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er
wolle es tun.

Gleich, riet Michele, ehe der Hofbaumeister die Tre findet. Er kramte
aus seiner Tasche ein Stckchen Licht und eine Schachtel Streichhlzer
heraus; auf den Besitz war er sehr stolz, aber fr den Freund gab er die
Herrlichkeiten hin.

Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebsch in den unterirdischen Gang
hinein. Innen zndete er das Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm,
er kam bis zur Treppe, und da -- wurde das Kasperle wieder unntz. Er
schleuderte nmlich den Geldsack heftig gegen die Tre, der Herzog sollte
noch einmal tchtig erschrecken. Doch was war das, -- die Tre ging auf!
Das schwere Scklein hatte die geheime Feder getroffen.

Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte Hals ber Kopf die Treppe
hinab, in den Gang hinein. Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es
wieder anzuznden. Er rannte und rannte, endlich wurde es hell, er kroch
durch das Gebsch. Unweit davon weidete Michele seine Geien. Ausreien!
rief Kasperle, ausreien!

Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. Er trieb seine Herde an,
und die armen Geien muten wieder laufen, da ihnen Hren und Sehen
verging. Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die Freunde sich
zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. Kasperle sank ganz atemlos zu
Boden, Michele brachte ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der
kleine Schelm erzhlen, was geschehen war. Er blickte dabei Michele
verlegen an. Was wrde der sagen?

Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude an unntzen Streichen. Er
lachte und meinte, der Herzog habe sich gewi ber das Geldscklein
gefreut, und nun wten sie auf dem Schlo doch, wo die geheime
Schatzkammer sei. Aber nun hast du keinen Unterschlupf, fgte er traurig
hinzu. Hier zwischen den Felsen ist zwar eine kleine Hhle, aber lange
drin hausen kannst du nicht. Und -- und -- Michele tat einen ganz tiefen
Seufzer -- was machst du, wenn ich nicht mehr komme?

Kasperle ri erschrocken seine Augen und seinen Mund weit auf. Michele
wollte nicht mehr kommen! Ja warum denn nicht? Da erzhlte ihm der Kamerad,
in den nchsten Tagen zgen sie mit allen Rindern und Geien aus dem Dorf
fr ein paar Wochen auf eine hochgelegene Bergwiese; da msse er mit, um
alle Tage die Milch hinabzufahren.

Ich geh' mit, schrie Kasperle, denn das Hausen auf der Bergwiese schien
ihm lustig zu sein.

Doch Michele schttelte betrbt den Kopf. Es geht nicht, sagte er
ernsthaft, du mut weiterwandern; hier finden sie dich. Bei uns ist auch
schon ein Landjger gewesen, um nach dir zu suchen.

Kasperle lie bedrckt den Kopf hngen. Ach, das Weiterwandern machte ihm
keinen Spa mehr, und am liebsten wre er in das Waldhaus zurckgekehrt!
Doch wo war das? Er wute den Weg zurck nicht mehr, zuviel war er kreuz
und quer gelaufen, und Michele wute es auch nicht. Der gab aber
verstndigen Rat. Am letzten Tag wollte er Kasperle ein groes Brot
herauftragen, der dafr seine Batzen gab, die die Schulmeisterin ihm
geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine immer oben auf dem Bergrcken
weiterwandern und ein paar Tage alle Drfer meiden, bis er in das
Frstentum S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, knnte ihn der Herzog wohl
nicht fangen lassen. Wenn du an einen blaugelben Grenzpfahl kommst, sagte
Michele, dann bist du an der Grenze.

Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan sehr vernnftig zu
sein. Er tat auch, wie Michele ihm geraten, kroch in die Felsenspalte, als
der Freund mit seinen Geien heimwrtszog, und drin schlief er die Nacht
besser als im Gespensterkmmerlein.




Dreizehntes Kapitel

Der bunte Garten

Das Geldscklein, das Kasperle so heftig an die Tre geschleudert hatte,
war dem Herzog gerade auf den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch,
da lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als htte er das vom
Kasperle gelernt. Das Gespenst, das Gespenst! brllte er, und wieder
rannte, wer das Schreien hrte, herbei, und alle starrten in die schmale
Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen. Vielleicht sa
das boshafte Gespenst noch irgendwo in der Ecke. Endlich kamen etliche
Kammerherren, auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kmmerlein, sahen
die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und stiegen in den dunklen Gang
hinab. Auf dem Flur drngten sich die Kchenmgde zusammen und jammerten:
Das Gespenst wird uns alle totmachen!

Der arme Herzog lag ganz ksewei in seinem Bette, und der Leibarzt gab ihm
Magentropfen und sagte, Kamillentee wrde wieder helfen. Ehe der Herzog
aber noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren zurck; einer
hielt einen Wurstzipfel in der Hand und sagte: Den mu das Gespenst
verloren haben. Und da Gespenster doch keine Wrste essen, mu es schon
jemand Lebendiges gewesen sein.

Das Kasperle war's, rief der Herzog. Ich glaube auch, ich habe es
gesehen, als die Tre aufging.

Der Graf meinte auch, es knnte wohl Kasperle gewesen sein, denn ein
Einbrecher htte nicht mit dem Geldsack Fangeball gespielt, sondern den
lieber mitgenommen.

Die ganze Gegend mu abgesucht werden, befahl der Herzog, irgendwo mu
doch der kleine Kobold zu finden sein!

Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb, ging er dicht am Schlo
vorbei. Er traf auch eine Kchenmagd, und als er die ein bichen dies und
das fragte, da erzhlte ihm die flugs alles, was geschehen war. Dem Michele
wurde das Herz schwer, und er konnte in der Nacht gar nicht ordentlich
schlafen vor lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen seine
Herde so frh aus, da die Bauersfrauen schalten, es sei noch bald
nachtschlafene Zeit. Als Michele am Schlo vorbeikam, sah das auch noch
ganz verschlafen aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den Wald
lief, stand ein Wchter. Der blickte grimmig drein und schrie Michele zu:
Nimm heute deine Geien in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jgern und
Hunden abgesucht.

Ei, da rannte das Michele, und die armen Geien konnten nicht genug hopsen
und springen. Michele trieb sie zu immer grerer Eile an, und der Wchter
lachte hinter ihm her. Htte der nur geahnt, zu wem das Michele eilte! Der
fand Kasperle noch in seiner Felsspalte sitzen, und aufgeregt erzhlte er
ihm die neue Gefahr. Bleib da drinnen, sagte er, ich pflanze flink einen
Busch davor, da sieht dich niemand.

Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub einen Busch aus, pflanzte den
vor die kleine Hhle und machte das so geschickt, da wirklich der Eingang
verdeckt wurde. Kasperle sa innen, Michele auen. So schwtzten sie
zusammen.

Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im Walde, und gerade sagte
Kasperle, nun wolle er ein bichen herauskommen, als aus der Ferne her
lautes Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den beiden Kameraden die
Herzen arg, denn nher und nher kam der Lrm. Und auf einmal trat der
brummige Matthias mit zwei andern Jgern aus dem Walde heraus. Als der
Frster Michele so ruhig seine Geien weiden sah, rief er nur hinauf: Ist
hier jemand vorbeigekommen?

N, niemand! schrie Michele, und er dachte mit heimlichem Lachen vergngt
bei sich: Nun sage ich es doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht
vorbeigegangen!

Die Jger zogen weiter. Einer der Hunde freilich kam angesprungen, der roch
am Boden des Kasperles Spur. Doch Michele fing jmmerlich an zu schreien:
Meine Geien, meine Geien! Da lockte Matthias den Hund zu sich, und
Kasperle blieb unangefochten in seiner Felsspalte sitzen.

Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestrt, und wieder zog Michele mit seinen
Geien heim, und Kasperle blieb einsam zurck. Er dachte voll Sehnsucht an
des Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin gelegen!

Und wieder brach ein heller, schner Tag an. Das war aber ein Abschiedstag.
Michele kam mit dem Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geien aus.
Ganz trbselig hockten die beiden Freunde zusammen, und als das Michele
scheiden mute, da fing Kasperle bitterlich zu weinen an.

Der Freund versuchte ihn zu trsten, aber Kasperle heulte wie ein kleiner
Giebach, und zuletzt heulte Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle
tat ihm bitter leid, und am liebsten wre er mit ihm in die weite Welt
gelaufen. Zuletzt aber muten sie doch scheiden. Kasperle blieb allein in
seinem Felsenloch sitzen, und Michele trieb trbselig seine Geien heim. Er
lie den Kopf hngen, rannte unterwegs beinahe etliche Bume um und ebenso
das Schlo, wenigstens stie er fest mit der Nase daran, und ein Wchter
rffelte ihn grob darum. Der schrie auch: He, hier treibt sich ja ein
fremder Bube herum! und es war gut, da der brummige Matthias den kleinen
Geienhirten kannte. So entkam der und wurde nicht weiter nach dem Kasperle
gefragt.

Kasperle hockte traurig in seiner Hhle. Schlafen mochte er gar nicht, und
als der Mond aufging, der nun schon ziemlich voll und rund war, da rstete
sich Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er buckelte das
Ruckscklein auf, das Michele ihm noch von sich gegeben hatte, und in dem
das Brot steckte, nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten, und
wanderte in die stille Nacht hinaus.

Der Mond go helle silberne Lichtstrme auf Kasperles Weg. Ganz einsam war
der, nur einmal sah der kleine Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da
dachte er an Micheles gute Lehren und machte einen weiten Bogen darum
herum. Als es Tag wurde, suchte er sich tief im Wald einen verborgenen
Platz, da lag er und schlief, bis der Abend dmmerte, dann stand er auf und
wanderte weiter.

Fnf Nchte lang wanderte das Kasperle so einsam dahin, und sein Brot hatte
er bis auf ein Schnitzchen aufgegessen. Endlich erblickte er in der
Morgenfrhe einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal, sah er eine
grere Stadt liegen. Er schlief nur ein paar Stunden an diesem Tage, zur
Mittagszeit a er seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal
hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht hatte, und die Sonne hatte
sich schon ihr schnes rotes Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an
einem der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief nmlich noch eine
uralte Mauer. Die hatte Tore und Trme, und von den kleinen Turmfenstern
herab hingen rote Hngenelken, und Geranium blhte daran.

Kasperle sah aber gar nicht, wie hbsch das war, der erblickte etwas viel
viel Schneres. An der Stadtmauer auen lag ein groer Garten, in dem
tausendfltig bunte Sommerblumen blhten. Da sumten die schnen Malven die
Wege, golden leuchteten Beete voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und
Eisenhut, Braut im Haar und Hiobstrnen, alles blhte dicht nebeneinander.
Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von der alten Stadtmauer herab, und
Kasperle staunte die bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im
Herzogsschlo sei nicht halb so schn als dieser Garten. Zwischen den
Beeten ging ein alter, weibrtiger Mann herum, der bego sorgsam Pflanze
um Pflanze. Er bckte sich, hob die Giekanne auf, go sie leer und fllte
sie wieder an einem Brnnlein. Es sah aber so aus, als wrde ihm dies alles
recht schwer. Und wie er gerade wieder eine Giekanne fllen wollte, stand
auf einmal Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, -- schwipp, schwapp,
begann er mit einem groen Geplantsche zu gieen. Dazu lachte er ber das
ganze Gesicht, und der alte Grtner lachte mit. Dem gefiel der kleine
Helfer, der einfach ber den Zaun gestiegen war, ganz gut. Er setzte sich
auf eine Bank, und Kasperle go den Garten; er meinte, eine vergnglichere
Arbeit habe er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem bunten Garten,
in dem ein kleines, ganz grn berwachsenes Haus stand. Und als Kasperle
fertig war, setzte er sich auf die Bank neben den alten Grtner, blinkerte
den zutraulich an und fragte: Darf ich bei dir bleiben?

Der Alte lachte. Du bist ja ein schnurriger Bube! sagte er. Wer bist du
denn? Woher kommst du? Wie heit du?

Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es ihm wie beim Michele, er
konnte seine Lgengeschichten nicht erzhlen, er schmte sich. Betrbt lie
er den Kopf hngen, und der alte Grtner fragte ernst, doch voll Gte: Du
bist wohl ausgerissen, Kleiner?

Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht, wer er war; er hatte
zu groe Angst vor den Menschen bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der
Hand, fhrte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich: Bleibe nur bei
mir in meinem Garten! Morgen sagst du mir wohl, wer du bist.

Und Kasperle blieb. Sie aen zusammen Abendbrot, und der alte Grtner
erzhlte von seinen Blumen, wie die wuchsen und blhten, und Kasperle wurde
nicht mde zuzuhren. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und der
Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen gehen; er zeigte ihm auch eine
kleine Kammer, darin stand ein Bett. Das dnkte dem Kasperle herrlich weich
nach den vielen Nchten, die er im Walde auf dem Boden geschlafen hatte.
Durch das offene Fenster strmte der Duft der vielen, vielen Blumen in die
Kammer, und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu klingen und zu
tnen, eine wundersame Musik war es, und Kasperle wurde darber hellwach.
Er hatte noch nie etwas Schneres gehrt als diese feine, sanfte Musik.
Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mute weinen. Dicke, dicke Trnen
liefen dem Kasperle ber das Gesicht, er dachte an seine Verlassenheit, und
eine groe Sehnsucht nach dem Waldhaus erfate ihn wieder. Immer
lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt schlief Kasperle darber
ein.

Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der alte Grtner weckte.
Komm, sagte der, jetzt wollen wir wieder in den Garten gehen und gieen,
damit die Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein heier Tag heute
werden.

Kasperle sprang vergngt auf, und vergngt go er die Blumen. Manche
brauchten viel Wasser, manche hatten nur wenig Durst. Der alte Grtner
sagte ihm das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann mute Kasperle
Beeren pflcken, die reif an den Bschen hingen. Er durfte auch davon
essen, die andern mute er aber in kleine Krbe tun, die gar zierlich mit
Blttern ausgelegt waren. Der Alte selbst pflckte Frhbirnen von einem
Baum.

Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als etliche Frauen und Kinder
kamen. Die kauften das Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat
und allerlei Gemse fr die Kche. Ei, Ihr habt Euch ja einen Lehrburschen
zugelegt! sagte die eine der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder
aber starrten den kleinen Grtnerburschen erstaunt an, und der, dem dies
Angestaune gar nicht recht war, schnitt ihnen blitzschnell sein
Rubergesicht.

Kreischend liefen die Kinder erst ein Stck weg, doch sie kamen gleich
wieder und bettelten: Mach's noch mal!

Da mute Kasperle lachen und schnitt die lustigsten Gesichter. Die Kinder
jauchzten laut, und der alte Grtner und die Frauen sahen erstaunt hin.
Ihr habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer! sagten die
Frauen. Wo habt Ihr denn den her?

Der alte Grtner schwieg. Kasperle kam ihm gar sonderbar vor, und als die
Frauen und die Kinder endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen
kleinen Gast: Ei du, was bist du denn fr ein Schelm? Sage doch, wo hast
du deine Grimassen gelernt?

Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzhlte ihm nun, wer er sei. Aber
darber wurde der Alte bitterbse: Schme dich, rief er, einem alten
Mann solche Lgengeschichten zu erzhlen! Ein Kasperle willst du sein? Ei,
mein Lebtag habe ich noch nicht gehrt, da ein Kasperle etwas anderes als
eine Holzpuppe ist! Pfui, ist das hlich, so zu lgen!

Kasperle stand ganz verdattert da, er wute gar nicht, wie er es dem
erzrnten Grtner erklren sollte, da er wirklich ein Kasperle sei.

Indem tat sich die Gartentre auf, und ein feiner junger Mann trat herein.
Der schaute verwundert den Alten an und sagte: Was habt ihr denn, Meister
Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten hren.

Ach, Sie sind's, Herr Severin! rief der Grtner. Nun hrt einmal, was
mir dieser Schelm, den ich gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, fr
Lgengeschichten aufbindet! Er erzhlte rgerlich, was Kasperle ihm eben
gesagt hatte, und Herr Severin blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit
seinen schnen, dunklen Augen an. Dann schttelte er sacht ein wenig den
Kopf. Er hat nicht gelogen, Meister Helmer, sagte er, es ist wirklich
ein echtes, lebendiges Kasperle. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der
Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erzhlt,
irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die
wunderschnsten Blumen blhen; dies sei die Heimat der Kasperles. Blieben
sie dort, dann wrden sie freilich sehr alt, aber sonst wrden sie leben
und sterben wie wir Menschen. Verlie aber ein Kasperle die Insel, dann
knne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er msse immer ein
kleines, trichtes Kasperle bleiben und jedes Kind msse ber ihn lachen.

Als Kasperle diese Geschichte hrte, wurde es ihm pltzlich ganz wind und
weh zumute. Er fing bitterlich an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er
vergessen, er wute gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, aber wie
ein Traum war ihm der Gedanke an den blhenden Garten. Da sagte der fremde
schne Mann mitleidig: Du armes verlaufenes kleines Kasperle, du! Das
klang beinahe wie gestern die Musik und trstete Kasperle wundersam. Ganz
leicht und froh wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte.

Meister Helmer schttelte zwar noch immer den Kopf, die Kasperlegeschichte
kam ihm zu sonderbar vor, aber sein kleiner Gast mute noch einmal
erzhlen, was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzhlte, und seine
Zuhrer lachten und sahen mitleidig drein, und dann sagte Herr Severin: In
einiger Zeit reise ich fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden,
denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.

Und bis dahin bleibst du bei mir, sagte Meister Helmer. Ich will wohl
achtgeben, da dir nichts geschieht.

Da war Kasperle vergngt wie zuvor, und als Meister Helmer sagte: Geh,
pflcke fr Herrn Severin einen Strau, da lief er eilig im Garten hin und
her und pflckte einen ganz kunterbunten lustigen Strau. Der Grtner und
Herr Severin lachten, als sie ihn sahen, und Herr Severin sagte, dies sei
ein so frhlicher Strau, wie er noch nie einen gehabt habe. Dann ging er.
Er wohnte dicht an dem schnen Garten in einem der alten Stadtmauertrme,
und Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei ein gar groer
Knstler. Wenn er ein Instrument spiele, bekomme es eine Seele. Und von
weit her, aus fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle kommen,
damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekme.

Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wute nun, da es Herr Severin
gewesen war, der gestern Abend so schn gespielt hatte. Er freute sich
schon darauf, die liebliche Musik wieder zu hren. Und wirklich schwebten
am Abend die sanften Tne wieder ber den blhenden Garten. Die Blumen
dufteten, und Kasperle sa lange neben dem alten Grtner vor dem Hause und
hatte alle Angst verloren, es knne ihm jemand etwas Bses antun.

Am nchsten Morgen sagte Meister Helmer: Kasperle, heute ist Sonnabend, da
kommen viele Leute und kaufen Sonntagsstrue. Geh, binde welche, binde sie
so bunt und lustig wie gestern den fr Herrn Severin.

Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an Blumen zu schneiden, und er
band sie so bunt berecks zusammen, da Meister Helmer lachen mute, als so
Strau neben Strau im Brunnenbecken lag. Und wie der Grtner lachten auch
die Leute, die kamen, um Sonntagsstrue zu kaufen. Selbst eine ganz
griesgrmige alte Muhme lachte ber das ganze Gesicht, als ihr Meister
Helmer einen Strau gab. So einen Strau hab' ich noch nie gesehen, rief
sie; ei, da mu man ja lachen, ob man will oder nicht!

Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte Kasperlestrue haben,
und alle lachten sie ber den drolligen Grtnerburschen, der wie ein Hase
im Garten herumhpfte. Er band Strue um Strue, endlich sagte der
Grtner, nun sei es genug, sonst blieben keine Blumen mehr brig. Aber
staunend sah er, wie geschickt Kasperle die Blumen gepflckt hatte; es
schien, als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, und als
am Abend Herr Severin kam, erzhlte er ihm, wie brav Kasperle sei.

Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber doch ein unntzer Schelm! Ein
Kasperle mu eben kaspern, und Kinder mssen lachen, wenn sie ein Kasperle
sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft hatten es bald
heraus, was Kasperle fr ein Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und
schon nach etlichen Tagen gab es ein groes Gelaufe zu Meister Helmers
Garten. Die Kinder standen am Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den
Garten kam, ertnte gleich ein groes Jubelgeschrei. Dann schnitt Kasperle
sein Rubergesicht, schaute wie ein dummer August drein oder machte gar
eine Teufelsgrimasse. Meister Helmer mute dann wohl auch lachen, aber als
Herr Severin das einmal sah, warnte er: Kasperle, Kasperle, du verrtst
dich noch!

Und schon am nchsten Tage wurde es dem Kasperle himmelangst. Ein paar
Buben riefen, ihm nmlich zu: Kasper, kommst du bermorgen mit auf den
Jahrmarkt? Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so fein wie
du!

Kasperle verga vor Schreck alles Gesichterschneiden. Wenn das der
Kasperlemann war, der ihn berall suchte! Ganz klglich erzhlte er Meister
Helmer vom Jahrmarkt; da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen.

Am nchsten Tage gab es viel zu tun, und merkwrdigerweise kamen gar keine
Kinder. Kasperle half fleiig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus,
war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, als Herr Severin in
den Garten kam. Der trug einen groen, schwarzen Kasten auf dem Rcken,
ging rasch in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er mchte ihm
flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte er Kasperle, hielt den fest
und zog ihn mit in die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten hin,
ffnete ihn und sagte: Flink, flink, Kasperle, geh dahinein!

Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel hinter ihm zu, und Herr
Severin setzte sich auf den Kasten und begann fein und lieblich auf seiner
Geige zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem Geschrei rannten
viele Kinder in das Haus hinein, ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar
Wchter, und alle brllten sie: Wo ist das Kasperle, wo ist das Kasperle.
Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist
es?

Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister Helmer zu: Wir helfen ihm,
da er ausreien kann.

Meister Helmer schaute sich verdutzt um. Kasperle war eben hier, murmelte
er, und Herr Severin nickte und sagte auch: Er war eben hier. Dabei
spielte er aber ruhig weiter und erzhlte: Meister Helmer, ich verreise;
da, ich habe schon meinen Koffer gepackt. Morgen ganz frh reise ich mit
der ersten Post.

Das ist ja ganz gleichgltig, ob Sie reisen oder nicht, schrie der
Kasperlemann grob; das Kasperle mssen wir finden, es mu hier sein!

Wir suchen das Haus ab, riefen die Wchter streng und sahen Herrn Severin
drohend an. Der nickte freundlich: Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber
den Garten nicht!

Zuletzt war er ja im Garten, sagte Meister Helmer, der das wirklich
glaubte. Bei sich dachte er: Hoffentlich hat er schon ausreien knnen! Da
rasten Kasperlemann, Wchter, Kinder, alle in den Garten. Herr Severin nahm
seinen Kasten auf den Rcken, seine Geige unter den Arm und sagte, Meister
Helmer solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann ging er leise
singend aus dem Haus, durchschritt den Garten, und niemand hielt ihn auf.

Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte selbst auf die
Stadtmauer und berzeugte sich, ob Kasperle wohl da htte ausreien knnen.
Und dann liefen Kasperlemann, Wchter und Kinder in das Haus hinein, kein
Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten sogar ins Salzfa, in Meister
Helmers Kaffeetopf, Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann schrie
und klagte: Er ist uns entwischt, weil wir alle ins Haus gerannt sind. O
wie dumm, dumm, dumm!

Wir werden ihn schon fangen! trsteten die Wchter. Ah bah,
papperlapapp, ein Kasperle kriegen wir schon!

Und dann fragten sie den guten Meister Helmer. Der mute erzhlen, wie
Kasperle zu ihm gekommen war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen
schrie der Kasperlemann: Entwischt, entwischt, dumm, dumm, dumm! und die
Wchter riefen: Ah bah, papperlapapp, den fangen wir schon! Ein paar
Buben aber brllten pltzlich laut: Ausgerissen, hurra, ausgerissen,
hurra! Und dann rannten sie auf die Strae und erfllten die mit ihrem
Gelrme. Sie erzhlten es jedem, der es hren wollte, der Kasperlemann habe
seine Bude aufgestellt fr den Jahrmarkt morgen, und dabei habe er ein
Kasperle gezeigt, das ganz genau so ausgesehen habe wie der kleine
Grtnerjunge, und er habe dabei gefragt: Habt ihr schon so einen flinken
Kasper gesehen? Da htten sie gerufen: Meister Helmers Lehrbursche sieht
gerade so aus! Ja, und so sei es gekommen. Und dann brllten sie wieder
die Strae entlang: Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein, ausgerissen!

Der Kasperlemann aber rgerte sich schwefelgelb. Je mehr die Buben
brllten, desto zorniger wurde er. Morgen htte ich Graf sein knnen,
schrie er, wenn dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder
ausgerissen wre. Dumm, dumm, dumm!




Vierzehntes Kapitel

Die Reise mit Herrn Severin

Herr Severin hatte inzwischen still den schwarzen Kasten in sein Turmzimmer
hinaufgetragen, und oben hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz
verstriezelt sah der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht und
gesagt: Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal wrst du beinahe
erwischt worden!

Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz laut, wenn er an das
Gelrme dachte, das sich um ihn herum erhoben hatte.

Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute sich herzhaft, als er
Kasperle unversehrt wiedersah, und er htte ihn gern wieder zu sich
genommen, aber er stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: Kasperle
mu fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im schwarzen Kasten. Und nun,
Kasperle, spitze deine Ohren: es geht zurck ins Waldhaus. Ich wei nun, wo
es liegt, aber --

Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum schlagen wollen, als dies
Aber ihn zurckhielt. Ein wenig ngstlich sah er Herrn Severin an, und
der sagte ernsthaft: Ja aber, Kasperle, du mut arg vernnftig sein, denn
wir kommen an allerlei Orte, wo man dich kennt. In Waldrast soll ich nach
der Orgel schauen, und -- auf Schlo Hirschsprung erwartet mich der Herzog.
Da mut du dann immer im Kasten bleiben und darfst keine dummen Streiche
machen. Wirst du das knnen?

Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er treuherzig, er wolle ganz
ungeheuer folgsam sein. Ja, und dabei glitzerten seine uglein schon wieder
sehr lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschlo und nach
Waldrast zu kommen, machte ihm groen Spa. Viel lieber htte er freilich
Rosemarie und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem Abend noch
mit Herrn Severin zusammensa, erzhlte er dem viel von den beiden, und der
sagte: Nun, wer wei, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise
trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!

Am nchsten Morgen, noch war die Sonne nicht recht aufgegangen, mute
Kasperle in den schwarzen Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu,
denn Herrn Severins Werkzeug und allerlei muten auch noch hinein, und Herr
Severin meinte, schwer sei das Kasperle schon, als er den Kasten aufhob.
Dann ging es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer, und da ringsum
kein Mensch zu sehen war, durfte Kasperle noch einmal aussteigen und noch
einmal flink durch die Gnge laufen. Wie schn war doch der Garten!
Kasperle wurde das Herz schwer, als es an das Scheiden von Meister Helmer
und seinen vielen Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch, gleich
wrde die Post vorbeikommen. Und Kasperle kroch wieder in seinen Kasten,
und da kam schon mit Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der
schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin stieg in den Wagen,
und heidi! fort ging die Reise.

Lieb Stdtchen, ade! Scheiden tut weh, blies der Postillion, und rissel,
rassel fuhr der Wagen ins Land hinein.

Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der Wagen. Die Gste stiegen
aus, und Herr Severin sagte, er mte ein Zimmer haben und allein essen,
dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt, das ist aber ein
Vornehmer! Und er lie Herrn Severin das Essen in einem besonderen Zimmer
auftragen. Da spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus, schmauste
mit, und nachher wunderte sich der Wirt ber den gewaltigen Appetit, den
der vornehme Herr gehabt hatte.

Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich kam ein Wirtshaus mit
einem feuerroten Ochsen im Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und
sagte dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun msse der Herr sich aber
gewaltig schleppen, denn Waldrast liege hoch in den Bergen, und der
schwarze Kasten sei arg schwer.

Wird nicht so schlimm sein, meinte Herr Severin und schritt am roten
Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg in den Wald hinein. Innen ffnete er
den Kasten, und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie paten
beide freilich sehr auf, ob jemand kme, aber niemand begegnete ihnen auf
dem Weg. Herr Severin spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer
Schritt, und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den schwarzen Kasten,
denn die Turmspitze von Waldrast wurde sichtbar.

Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn, er aber sah durch sein
Guckloch allerlei, zuerst die Base Mummeline, die auf der Strae stand und
auf ein paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe Schulhaus, er
sah Herrn Habermus, der kam, den fremden Knstler zu begren. Kasperle
hrte die gute, freundliche Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drckend
eng. Ganz bitter schwer war es ihm, da er niemand guten Tag sagen durfte,
und als Herr Severin etwas spter im Wirtshaus den Kasten ffnete, fand er
Kasperle klitschna von Trnen.

Herr Severin trstete gut und linde; er zeigte Kasperle, da sie dicht
neben dem Schulhaus wohnten. Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen
drben in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun, als die Base
Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr da Kasperle zurck! Ganz bse sah er
gleich aus, und Herr Severin hob warnend den Finger: Kasperle, Kasperle,
mache keinen dummen Streich!

Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur die Base Mummeline nicht
gewesen wre! Aber allemal, wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie
drben. Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und ihre Kinder zu
sehen, und er hatte doch so groe Sehnsucht nach ihnen.

Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen wollte, ffnete drben
die Base die Tre, und sie kam tripp trapp ins Wirtshaus herber. Die
Wirtin war ihre gute Freundin, und Kasperle wute auch, die war genau so
neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink in den Kasten, und nach
einem Weilchen kamen auch richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base
Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle hrte sie sagen: Er
hat alles in dem schwarzen Kasten.

Den machen wir auf, tuschelte die Wirtin, und schon fingerten die beiden
Frauen an dem Kasten herum. Nun wute Kasperle wohl, so leicht bekam den
niemand auf, aber ungemtlich war es ihm doch; er dachte: Ich verjage sie.
Er steckte den Kopf in sein Ruckscklein und blies und brummte pltzlich
hinein, ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen beinahe um
vor Schreck. Uhuhuuuh! tnte es, und die Base Mummeline jammerte: Er hat
den Teufel drin!

Aber die Wirtin war beherzter. Das mu ich sehen, sagte sie und ging
wieder auf den Kasten zu, aber noch war sie nicht dran, als die Tre
aufgerissen wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte schon unten
das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden Neugierigen erschraken arg, doch die
Base Mummeline fate sich schnell und rief ganz streng: Ihr habt einen
Teufel im Kasten.

Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen hat! sagte Herr Severin
lachend. Nehmt euch in acht, manchmal fhrt er auch mit einem lauten Knall
heraus.

Huch! kreischten die Frauen, und rumpel pumpel rasten sie hinaus, die
Treppe hinab, und Kasperle platzte bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr
Severin lachte mit, er sagte aber doch, es sei gut, da sie morgen schon
weiterzgen, Kasperle drfe die Leute nicht mehr schrecken, es knne ihm
doch schlecht bekommen. Und am Abend schlo Herr Severin vorsichtig das
Zimmer. Er ging noch in das Lehrerhaus hinber, und er dachte, das Kasperle
einschlieen ist schon am sichersten. Aber auch am langweiligsten, dachte
Kasperle. Der sah immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus, und
als drauen alles still geworden war, hockte er sich auf das Fensterbrett
und blickte sehnschtig nach dem Schulhaus hinber. Ach, nur einmal
hineinsehen htte er mgen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker
Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte, dann --. Aber da dachte
er an Herrn Severins Verbot, auch lag unten ein Hund, und die Geschichte
kam ihm etwas bnglich vor. Aber ein paar unreife Holzpfel der Base
Mummeline ins Zimmer werfen, das ging vielleicht doch; so platsch ins
offene Fenster hinein, das wre doch ganz spaig!

Die Base wurde immer fuchswild ber so etwas. Kasperle kicherte leise vor
sich hin, griff in die ste und pflckte etliche pfel. Das Werfen konnte
er gut, und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der Base Stube
hinein. Wohin die pfel trafen, das sah Kasperle nicht, aber ein arges
Zetergeschrei hrte er; es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom
Fensterbrett herab. Drben hatte er wohl ein Unheil angerichtet.

Der Lrm dauerte eine Weile an, dann wurde es still. Im Schulhaus sa die
Base Mummeline im Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum und
trsteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und der dachte immerzu:
Kasperle, du bist ein arger Schelm! Da war die Base in ihr Zimmer gekommen
und hatte einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der Tre
stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der Krug in Scherben, bums!
flog ein groer Apfel an der Base recht groe Nase, klirr! einer in den
Spiegel, und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base sah Herrn
Severin schief an und sagte, der Herr werde schon wissen, woher die pfel
kmen; mit seinem schwarzen Kasten sei das nicht richtig.

Da tat Herr Severin ganz bse, und er sagte, die Base Mummeline mchte nur
kommen, er wolle ihr schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon wollte
die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr Zimmer und ging sehr
geschwinde in ihr Bett. Sie kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun
kein Holzapfel mehr in ihre Stube.

Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte darauf. Das klang fein und
lieblich, und in Waldrast vergaen sie darber das Zubettgehen. Sie
lauschten dem schnen Spiel und wnschten, der Geiger mchte noch lang im
Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf
den Spitzen der Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen Kasten von
dannen.

Das war ein Schlimmer, sagte die Base Mummeline hinter ihm her, man
mte seinen Kasten untersuchen. Aber das glaubte ihr niemand, am
wenigsten der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr Habermus fand
die Geschichte mit den Holzpfeln gar nicht wunderbar und gruselich, er
sagte: So etwas und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben fertig.
Wer wei, wer es gewesen ist!

An Kasperle dachte niemand. Der zog inzwischen vergngt mit Herrn Severin
den Weg entlang, den er vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde
war es still, und niemand begegnete den Wanderern. Sie schliefen auch im
Walde und gelangten endlich an des Micheles Hteplatz. Michele ist nicht
mehr da, sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch da. Der sa vor
der Felsspalte und pfiff auf einer Flte, die er sich selbst gemacht hatte.
Seine Geien weideten vergngt um ihn herum. Da erhob Kasperle laut seine
Stimme, und Michele sah sich um, als erwache er aus einem Traum. Und dann
sprang er ber Steingerll und Wurzeln, toller als seine Geien, er packte
Kasperles Hnde und drehte den Freund rundum. Er war ganz atemlos vor
Freude und konnte erst gar nichts sagen. Kasperle mute erzhlen, und Herr
Severin sprach auch ein Wrtlein dazu. So erfuhr Michele alles. Er selbst
war geschwinde mit seiner Erzhlung fertig, er sagte nur: Den Geien
schmeckt's hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.

Das hat sich freilich gut getroffen. Herr Severin sagte es, whrend er
sacht an seiner Geige herumstimmte; er sah wohl des Micheles sehnschtigen
Blick.

Da, nimm und spiel' mir etwas vor! sagte er pltzlich und reichte dem
Buben die Geige hin.

Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob, der im Dorf zum Tanz
aufspielte, der hatte ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen
lassen. Die sah aber anders aus als die des schnen fremden Herrn. Der Bub
wagte kaum, sie recht anzufassen, doch als er sie hielt, kam die Lust zu
spielen ber ihn, und er strich zart mit dem Bogen darber hin.

Kasperle machte so groe Augen, als er nur konnte, wie Michele spielte.
Herr Severin hrte aber still zu, und als Michele verlegen innehielt, sagte
er: Im Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und dich mit mir
nehmen. Deiner Mutter will ich fr etliche Jahre so viel geben, wie du als
Geienhirt verdienst, du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger
braucht. Willst du?

Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle machten solche Freudensprnge,
da beinahe die Geien neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hpfen
konnten. Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb das Michele
so glckselig zurck, als se es mitten auf der schnen Himmelswiese.
Geiger sollte er werden, spielen drfen, was ihm die Bume vorrauschten und
das Bchlein flsterte! Er dachte: Das verdanke ich Kasperle, allein dem
Kasperle! und er ahnte nicht, da Herr Severin bei Kasperles Erzhlung
gedacht hatte: Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldscklein
zurckweist, von dem niemand etwas ahnt, der gefllt mir. Kann er geigen,
dann will ich ihm helfen, ein rechter Knstler zu werden.

Kasperle war purzelvergngt ber des Kameraden Glck. Er wollte vor lauter
Freude singen, aber da sagte Herr Severin geschwinde: Sei still, sei
still, sonst fangen die Bume an zu schelten ber dies Geschrei. Flink,
krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir gar noch einen Jger, der
dich erkennt!

Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten, Herr Severin nahm ihn auf
den Rcken, und er war heilfroh, als das Schlo vor ihm auftauchte. So ein
richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich nicht leicht!

Im Schlo wurde der fremde Knstler wohl empfangen. Nur wunderten sich alle
ber den groen schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. Darin ist ein
seltenes Spielwerk, sagte Herr Severin, das mu ich immer bei mir
fhren. Und er verschlo sorgsam das Zimmer, auch mute Kasperle noch tief
ins Bett schlpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das war
langweilig; viel lieber htte er im Schlo etwas herumgegeistert oder
zugesehen, wie Herr Severin des Herzogs Spinett eine Seele gab.

Herr Severin sa in dem Saal, ganz allein, das hatte er so gewollt, als
sich sacht eine Tre auftat und ein kleines Mdchen hereinkam. Die ging
ganz, ganz leise auf den Fuspitzen und lauschte andchtig, als der
Knstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte: Sie sieht doch aus
wie Rosemarie, von der das Kasperle erzhlt hatte! Da lie er das Spinett
singen, und er selbst sang halblaut dazu:

   Rosemarie, du kleine,
   Rosemarie, du feine,
   Einer hat mir aufgetragen,
   Schnes Grlein dir zu sagen.
   Trallallala, trallallala!
   Rosemarie, du kleine,
   Rosemarie, du feine,
   Sage mir, ob du wohl weit,
   Wie der kleine Schelm doch heit?


Kasperle heit er! klang es lieblich neben ihm. Rosemarie stand am
Spinett und sah Herrn Severin mit ihren groen Augen fragend an: Wo ist
Kasperle?

Du bist also wirklich Rosemarie, sagte Herr Severin. Kasperle kommt ins
Waldhaus zurck, er geht wieder heim.

Rosemarie lchelte holdselig, und sie tippte mit feinem Fingerlein auf das
Spinett, da klang es wie: Gre, Gre, viele Gre!

Ich werd' es bestellen, und wenn du schweigen kannst, kleine Rosemarie,
dann wirst du auch noch einmal das Kasperle sehen.

Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie legte ihr Fingerlein fest auf
den roten Mund, und dann huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand
kam, im Nebenzimmer tnten Schritte.

Der Herzog war es. Der wollte hren, ob das Spinett nun schon eine Seele
habe, und dann wollte er wissen, was fr ein seltenes Spielwerk der
Knstler im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war nmlich etwas
neugierig, und er war ganz verdrielich, als Herr Severin sagte, dies drfe
er nicht zeigen, dies Spielwerk gehre nicht ihm, und er habe versprochen,
es niemand zu zeigen.

Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und ging brummelnd davon. Herr
Severin bekam Angst. Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so eine
Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen Landjgern befahl: Macht mir
den Kasten einmal auf! Sorgenvoll ging er durch die vielen Gnge, an
vielen geschlossenen Tren vorbei nach seiner Stube, und dabei lief ihm
eine schwarze kleine Katze ber den Weg. Halt, dachte er, die kommt mir
zurecht, und er fing schnell das Ktzchen und nahm es mit.

In seinem Zimmer sa Kasperle verdrielich wie einer, dem die Pfingstfreude
verregnet ist. Sein Gesicht wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm
von Rosemarie erzhlte. Gewi hat der Herzog sie mit ihren Eltern
eingeladen, sagte Kasperle.

Ja, mein Kasperle, jetzt knnte dir das auch geschehen sein, wenn du nicht
gar so unntz und neugierig gewesen wrst. Aber nun mut du in den Kamin
kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger. Und Herr Severin erzhlte
Kasperle von des Herzogs Verlangen.

Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor dem Herzog hatte er die
allergrte Angst. Er kroch flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr
Severin steckte das schwarze Ktzlein in den Kasten. Kaum waren sie beide
fertig, da kam ein Kammerherr, der sagte, er wolle dem fremden Geiger das
Schlo zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen will er in den
schwarzen Kasten sehen, dachte Herr Severin und lachte heimlich.

Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus dem Zimmer gegangen, als
Kasperle Schritte hrte, Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs
Befehl: ffnet den Kasten!

Jemine, dachte Kasperle, wie schade, da ein Kamin kein Guckloch hat! Er
wollte versuchen, etwas zu sehen, und gerade war er bis ans Ofenloch
gerutscht, als der Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend
heraussprang. Ritsch, sa sie dem Herzog auf der Schulter, und ehe sie noch
jemand fassen konnte, sprang sie zum offenen Fenster hinaus.

Prschiii! Kasperle war Ru in die Nase gekommen, er mute laut niesen.
Hazzi, prschiii! Und puh! quoll eine dicke, dicke Ruwolke aus dem Kamin,
und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte er aus dem
Zimmer, und seine Diener rannten ihm nach. Sie dachten alle, die schwarze
Wolke sei aus dem Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Knstler
sei ein Hexenmeister. Und schmen tat er sich auch.

Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube zurckkehrte und die
Bescherung sah. Das Kasperle sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er
gefiel sich selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich waschen, da
wurde er wieder blank und kroch vergngt in seinen Kasten zurck. Danach
ging Herr Severin zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare
Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog seufzte sehr und bat Herrn
Severin instndig, ihm abends noch etwas vorzuspielen.

Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es drften keine Kinder dabei
sein. Ach, rief der Herzog, die gibt es ja gar nicht im Schlo! Nur die
kleine Grfin Rosemarie ist da, die strt doch nicht.

Doch, sie strt, sie mu ins Bett, erklrte Herr Severin und tat ganz
streng.

Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal kommen, um dem Spiel des
fremden Knstlers zu lauschen. Aber alle Dienstboten standen hinter den
Tren, und Herr Severin spielte so wundersam, da der Herzog zu weinen
anfing.

Inzwischen aber sa Kasperle selig und vergngt mit Rosemarie zusammen in
einer winzigen Stube neben Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und
war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel es ausgezeichnet darin.
Der gute Herr Severin hatte Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden wrde.
Kasperle erzhlte Rosemarie alles, was er erlebt hatte, und dazwischen
schmauste er Kuchen und Schokolade; dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht.
Rosemarie graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der erzhlte,
wie er immer wieder hatte fliehen mssen, da weinte sie bittere Trnen. Du
armes, armes Kasperle! sagte sie sanft; wie gut, da du ins Waldhaus
zurckkommst! Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig und schalt: Ei,
du Unntz du! Und alle, die Kasperle geholfen hatten, die
Schullehrersleute, Meister Helmer und vor allem das Michele gewann
Rosemarie gleich lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. Der mu auch
mein Freund werden, sagte sie. Und wenn er gro ist und so schn spielen
kann wie Herr Severin, dann -- heiratest du ihn, rief Kasperle. Und
pltzlich rollten ihm die dicken, dicken Trnen ber das Gesicht. Und ich
bin dann immer noch ein Kasperle! klagte er.

Doch Rosemarie trstete ihn. Vielleicht htte er bis dahin seine
Heimatinsel gefunden. Ich will auch suchen, wenn ich gro bin, versprach
sie, und Michele soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.

Da war Kasperle schon wieder getrstet. Er stopfte noch den letzten Rest
Kuchen in seinen groen Mund, und dann erzhlte er noch flink die
Geschichte mit den Holzpfeln. Darber lachte und lachte Rosemarie, bis
Herr Severin kam und sagte: Ei, flink ins Bett, Rosemarie du feine, es ist
schon arg spt!

Auf Wiedersehen morgen! flsterte Rosemarie noch, dann huschte sie zum
Zimmer hinaus. Es merkte niemand, da sie noch nicht ins Bett gegangen war.
Und nachher trumte sie immerzu von Kasperle, von Michele und von dem
schnen, bunten Garten. Doch als sie aufwachte, da war Herr Severin mit
seinem schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie konnte ihn
nicht mehr sehen.




Fnfzehntes Kapitel

Wieder daheim im Waldhaus

Herr Severin zog mit Kasperle wieder durch den Wald. Abwrts ging's, immer
tiefer ins Tal hinein, bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe
Postkutsche wieder erreichten. Trara, Trara! blies der Postillion, Herr
Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen, und fort ging es
in die Weite. Kasper schaute aus seinen Gucklchern sich die Welt an. Da
sah er das Schlo, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam der Weg, den er
mit dem Grafen von Singerlingen gefahren war. Und weiter ging es, immer
weiter. Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein langer
Schfer bewachte sie; Himmel, das war Damian! Ein Dorf tauchte auf, es war
Protzendorf.

Bis hierher geht es und nicht weiter, sagte der Postillion. Ja, die
Protzendorfer sind fein geworden, zu denen fhrt jetzt die Post. Da wurde
der schwarze Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein Guckloch
die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen. Seine einstigen Freunde
Windgustel und Wassergustel stieen sich bald die Nasen daran. Und die
Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt voran, arg enttuscht,
da der fremde Herr nicht bleiben wollte. Sie meinten nmlich, in ihrem
Dorf, in dem die Sulein alle auf der Strae herumliefen, mte es jedem
gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich: Lieber nicht, dem Kasperle ist
halt nicht zu trauen, und das wre doch bel, wenn man ihn so kurz vor dem
Ziel erwischen wrde. Also nahm er seinen schwarzen Kasten und wanderte
weiter, und Kasperle konnte weder Florian einen Schabernack spielen, noch
seine einstigen Freunde begren.

Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus einen Fuweg, der fhrte durch den
dichtesten Wald und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin ein.
Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide wanderten frhlich dem
Waldhaus zu. Kasperle sprang wie ein Eichktzchen, und Herr Severin strich
die Fiedel dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang der
Nachtigall.

Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal eine liebe, warme
Stimme: Ach lieber Gott, das ist ja Kasperle! Ganz tief im Grnen, unter
einer uralten Tanne, sa Liebetraut, und neben ihr weidete ein Reh. Herr
Severin blieb stehen, Kasperle aber strzte mit einem so lauten Jubellaut
Liebetraut zu, da das Reh eilends entfloh. O Kasperle, du liebes,
schlimmes Kasperle! sagte Liebetraut, wo kommst du her?

Nicht bse sein! bettelte Kasperle und huschelte sich an Liebetraut an.
Das schne Mdchen lchelte, sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und
sagte froh: Nur gut, da du wieder da bist, du Schelm, du Ausreier, du
mein kleiner Liebling du!

Und nun erzhlte Kasperle, wie es ihm ergangen war, und Liebetraut lachte
und weinte; dann sagte sie, der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen
und habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurck sei. Doch knne er hier
nichts machen, gerade das Waldhaus liege an der Grenze, und der Frst
dieses Landes und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen. Hier
drfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber in Protzendorf wohne
jetzt ein Landjger, um aufzupassen, und Florian und Damian htten gesagt,
wenn sie Kasperle fingen, wrde es ihm bel ergehen.

Komm, bettelte Kasperle ngstlich, wir wollen ins Waldhaus!

Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie dem Waldhaus zu. Jetzt
kommt gleich die Grenze, sagte Liebetraut; Kasperle, schlupf' flink in
den Kasten, mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjger an der Grenze.

Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte den Herr Severin wieder
zugeklappt, da trat wirklich ein Landjger aus dem Gebsch. Halt! schrie
der, ich mu alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein Kasperle ber die
Grenze trgt.

Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen, wundersam klang es, dazu
sagte er: Ich komme von des Herzogs Jagdschlo, aber der Herzog hat mir
kein Kasperle geschenkt. Darber mute der Landjger lachen, und weil er
auch dachte: So ein feiner Mann, der so schn spielen kann, was hat der mit
einem Kasperle zu schaffen! lie er Herrn Severin und Liebetraut ziehen.
Dies vermaledeite Kasperle! schalt er; seit Wochen suchen wir danach,
mal ist es da, mal ist es dort, und nie fngt man es.

Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, pat nur gut auf, da es Euch
nicht an der Nase vorbeiluft! sagte Herr Severin lustig.

Mir nicht! schrie der Landjger; ha, ich bin ein ganz Schlauer, mir
entwischt das Kasperle nicht!

Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige zu spielen. Diesmal war
es ein heiteres Stcklein, das sollte das Lachen bertnen, das aus dem
schwarzen Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte aber nicht
an sich halten. Er kicherte immerzu, und der Landjger rief Herrn Severin
noch nach: Ei, Herr, Ihr knnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als
lache Eure Geige!

Pat auf, da Kasperle Euch nicht entwischt! rief Herr Severin noch, und
da lachte auch Liebetraut. Lachend schritten sie weiter, und auf einmal
tauchte das Waldhaus vor ihnen auf. Nun lie Herr Severin das Kasperle
wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da tat der einen lauten Freudenruf.
Vor ihm lag das Waldhaus, ganz umblht von einem sommerbunten Garten. Seine
Fenster standen offen, und an einem der offenen Fenster sa Meister
Friedolin und schnitzte. Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das
Haus zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser vor Staunen.
Je, was war denn das!

Kasperle war wieder da, das Kasperle!

Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne in der Hand, so
schnell war sie vom Abendessenkochen weggelaufen.

Und Kasperle mute erzhlen immerzu, und dazwischen mute er essen, und
Herr Severin wurde gentigt, als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam das
allerschnste Zimmer im Oberstock. Da schaute ihm der Wald in die Stube
hinein, und Herr Severin spielte darin bis spt in die Nacht so
wunderschn, da Liebetraut auf ihrem Bette sa und vor Freude weinte.

Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als er am nchsten Morgen
aufwachte, stand Liebetraut an seinem Bette, die lachte ihn an und sagte:
Kasperle, weit du es denn, du bist wieder daheim, bist im Waldhaus!

Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett. Im Waldhaus, daheim! Nun wurde
er nicht mehr verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie
herrlich das war!

Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie dem Kasperle. Er mute
freilich nach einigen Wochen wieder in die Weite ziehen, mute spielen vor
fremden Leuten und mute Instrumenten eine Seele geben. Aber er wollte
wiederkommen, und dann wollte Liebetraut seine liebe Frau werden, und sie
wollten alle mitsammen im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr
Severin sagte, sein Versprechen msse er halten. Ach, das Michele!

Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude, wenn er daran dachte, da
Michele kommen wrde. Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen
lieben, lieben Kameraden.

Denkst du noch an das Fortlaufen? fragte ihn Liebetraut manchmal. Da
schttelte er immer heftig den Kopf und schrie: Nein, nein, nein, ich will
immer, immer im Waldhaus bleiben!

Er htete sich auch wohl, im Wald ber die Grenze zu laufen, und als nach
etlichen Wochen der Kasperlemann wieder erschien, da kroch Kasperle in das
Bett und zog sich die Decke tief ber die Ohren. Aber der Kasperlemann
merkte doch, da Kasperle wieder daheim war; er schnffelte im Hause herum,
doch Liebetraut hatte Kasperles Kmmerlein abgeschlossen und trug den
Schlssel in ihrer Tasche. Da mute der Kasperlemann abziehen, und Kasperle
blieb im Waldhaus. Er lie sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage
spter ein Handelsmann erschien, der ihm wunderschne Dinge versprach und
ihn bat, er solle ihm nur ein Stck seinen Kasten tragen. O nein, Kasperle
war drauen in der Welt gescheit geworden, der lie sich nicht fangen! Und
der Herr Herzog konnte sich so viel rgern, soviel er wollte, Kasperle
bekam er doch nicht.

Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im Waldhaus gab es eine stille,
frhliche Hochzeit. Und dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute
Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit. Da gab es ein frohes
Wiedersehen, und als Herr Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste,
sagte er: Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schler, aber ich htte
dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen. Freilich, im Waldhaus hast
du es am allerbesten.

Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei es so schn wie im Waldhaus;
nur vielleicht auf der Kasperleinsel war es noch schner. Doch niemand
wute, wo die lag, niemand kannte des Kasperles eigentliche Heimat.






Die ferneren
Schicksale und Abenteuer
Kasperles und seiner Freunde
Rosemarie und Michele finden die Leser in
den Bnden Kasperle auf Burg Himmelhoch und Kasperls
Abenteuer in der Stadt erzhlt (Verlag Levy & Mller, Stuttgart).






End of the Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***

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Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

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electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
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1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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     and discontinue all use of and all access to other copies of
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     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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