The Project Gutenberg EBook of Das Tabu und die Ambivalenz der
Gefhlsregungen, by Sigmund Freud

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Title: Das Tabu und die Ambivalenz der Gefhlsregungen
       ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
       und der Neurotiker II

Author: Sigmund Freud

Release Date: August 14, 2011 [EBook #37069]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ ***




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  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift fr Anwendung der
    Psychoanalyse auf die GeisteswissenschaftenI (1912). S.213-227
    und 301-333.

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
    Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert.

    Die Nummerierung fr die Abschnitte 1. und 3. fehlt im Original.
  ]




ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
Neurotiker.

Von SIGM. FREUD.

II.

Das Tabu und die Ambivalenz der Gefhlsregungen.




1.


_Tabu_ ist ein polynesisches Wort, dessen bersetzung uns
Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht
mehr besitzen. Den alten Rmern war er noch gelufig; ihr _sacer_ war
dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~agos~_ der Griechen,
das _Kodausch_ der Hebrer mu das nmliche bedeutet haben, was die
Polynesier durch ihr Tabu, viele Vlker in Amerika, Afrika (Madagaskar),
Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrcken.

Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen
auseinander. Es heit uns einerseits: heilig, geweiht, anderseits:
unheimlich, gefhrlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu heit
im Polynesischen noa = gewhnlich, allgemein zugnglich. Somit haftet am
Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu uert sich auch
wesentlich in Verboten und Einschrnkungen. Unsere Zusammensetzung
heilige Scheu wrde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken.

Die Tabubeschrnkungen sind etwas anderes als die religisen oder die
moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes
zurckgefhrt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den
Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System,
welches ganz allgemein Enthaltungen fr notwendig erklrt und diese
Notwendigkeit auch begrndet. Die Tabuverbote entbehren jeder
Begrndung; sie sind unbekannter Herkunft; fr uns unverstndlich,
erscheinen sie jenen selbstverstndlich, die unter ihrer Herrschaft
stehen.

_Wundt_(1) nennt das Tabu den ltesten ungeschriebenen Gesetzeskodex der
Menschheit. Es wird allgemein angenommen, da das Tabu lter ist als die
Gtter und in die Zeiten vor jeder Religion zurckreicht.

  (1) Vlkerpsychologie, II.Band, Mythus und Religion, 1906, II,
  p.308.

Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedrfen, um dieses der
psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun einen
Auszug aus dem Artikel Taboo der Encyclopedia Britannica(2) folgen,
der den Anthropologen _Northcote W. Thomas_ zum Verfasser hat.

  (2) Elfte Auflage, 1911. -- Daselbst auch die wichtigsten
  Literaturnachweise.

Streng genommen umfat tabu nur a) den heiligen (oder unreinen)
Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschrnkung, welche
sich aus diesem Charakter ergibt und c) die Heiligkeit (oder
Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das
Gegenteil von tabu heit in Polynesien '_noa_', was 'gewhnlich' oder
'gemein' bedeutet...

In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu
unterscheiden: 1. Ein _natrliches_ oder direktes Tabu, welches das
Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (_Mana_) ist, die an einer Person
oder Sache haftet; 2. ein _mitgeteiltes_ oder indirektes Tabu, das auch
von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von
einem Priester, Huptling oder sonst wem bertragen; endlich 3. ein
Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte hlt, wenn nmlich beide
Faktoren in Betracht kommen, wie z.B. bei der Aneignung eines Weibes
durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle
Beschrnkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religises
Verbot heien knnte, nicht zum Tabu rechnen.

Die _Ziele_ des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu bezwecken a)
den Schutz bedeutsamer Personen, wie Huptlinge, Priester, und
Gegenstnde u.dgl. gegen mgliche Schdigung; b) die Sicherung der
Schwachen -- Frauen, Kinder und gewhnlicher Menschen im allgemeinen --
gegen das mchtige Mana (die magische Kraft) der Priester und
Huptlinge; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berhrung von
Leichen, mit dem Genu gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die
Versicherung gegen die Strung wichtiger Lebensakte, wie Geburt,
Mnnerweihe, Heirat, sexuelle Ttigkeiten; e) den Schutz menschlicher
Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Gttern und Dmonen(3); f) die
Behtung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren,
die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Abhngigkeit von
ihren Eltern drohen, wenn diese z.B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu
sich nehmen, deren Genu den Kindern besondere Eigenschaften bertragen
knnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutz des Eigentums
einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen Diebe.

  (3) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprngliche
  in diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden.

Die Strafe fr die bertretung eines Tabu wird wohl ursprnglich einer
inneren, automatisch wirkenden Einrichtung berlassen. Das verletzte
Tabu rcht sich selbst. Wenn Vorstellungen von Gttern und Dmonen
hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der
Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen
Fllen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes,
bernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen
Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knpfen auch die
ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an.

Wer ein Tabu bertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden.
Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen, knnen
durch Buhandlungen und Reinigungszeremonien beschworen werden.

Als die Quelle des Tabu wird eine eigentmliche Zauberkraft angesehen,
die an Personen und Geistern haftet, und von ihnen aus durch unbelebte
Gegenstnde hindurch bertragen werden kann. Personen oder Dinge, die
tabu sind, knnen mit elektrisch geladenen Gegenstnden verglichen
werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch
Berhrung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn
der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu
widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hngt also nicht nur
von der Intensitt der magischen Kraft ab, die an dem Tabu-Objekt
haftet, sondern auch von der Strke des Mana, die sich dieser Kraft bei
dem Frevler entgegensetzt. So sind z.B. Knige und Priester Inhaber
einer groartigen Kraft, und es wre Tod fr ihre Untertanen, in
unmittelbare Berhrung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine
andere Person von mehr als gewhnlichem Mana kann ungefhrdet mit ihnen
verkehren, und diese Mittelspersonen knnen wiederum ihren Untergebenen
die Annherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch
mitgeteilte Tabu hngen in ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab,
von der sie ausgehen; wenn ein Knig oder Priester ein Tabu auferlegt,
ist es wirksamer, als wenn es von einem gewhnlichen Menschen kme.

Die bertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu
Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Shnezeremonien zu
versuchen.

Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Huptlinge sind
das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen gehrt hat.
Zeitweilige Tabu schlieen sich an gewisse Zustnde an, so an die
Menstruation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach
der Expedition, an die Ttigkeiten des Fischens und Jagens u. dergl. Ein
allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt ber einen
groen Bezirk verhngt werden und dann jahrelang anhalten.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich die Eindrcke meiner Leser richtig abzuschtzen wei, so
getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wten nach all diesen
Mitteilungen ber das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter
vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen knnen.
Dies ist sicherlich die Folge der ungengenden Information, die sie von
mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Errterungen ber die
Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion.
Aber anderseits frchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was
man ber das Tabu wei, htte noch verwirrender gewirkt, und darf
versichern, da die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig ist.
Es handelt sich also um eine Reihe von Einschrnkungen, denen sich diese
primitiven Vlker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen
nicht warum, es fllt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern
sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverstndlich und sind berzeugt,
da eine bertretung sich von selbst auf die hrteste Weise strafen
wird. Es liegen zuverlssige Berichte vor, da die unwissentliche
bertretung eines solchen Verbotes sich tatschlich automatisch gestraft
hat. Der unschuldige Missetter, der z.B. von einem ihm verbotenen Tier
gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt dann
in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genufhigkeit, Bewegungs-
und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen Fllen sinnreich, sollen
offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen Fllen sind
sie ihrem Inhalt nach ganz unverstndlich, betreffen wertlose
Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All
diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zugrunde zu liegen, als
ob die Verbote notwendig wren, weil gewissen Personen und Dingen eine
gefhrliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berhrung mit dem so
geladenen Objekt bertrgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch die
Quantitt dieser gefhrlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine
oder das eine hat mehr davon als der andere und die Gefahr richtet sich
geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran ist
wohl, da, wer es zustande gebracht hat, ein solches Verbot zu
bertreten, selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam die
ganze gefhrliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun
an allen Personen, die etwas Besonderes sind, wie Knige, Priester,
Neugeborene, an allen Ausnahmszustnden wie die krperlichen der
Menstruation, der Pubertt, der Geburt, an allem Unheimlichen
wie Krankheit und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder
Ausbreitungsfhigkeit damit zusammenhngt.

Tabu heit aber alles, sowohl die Personen als auch die rtlichkeiten,
Gegenstnde und die vorbergehenden Zustnde, welche Trger oder Quelle
dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu heit auch das Verbot,
welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu heit endlich
seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, ber das Gewhnliche
erhaben wie auch gefhrlich, unrein, unheimlich umfat.

In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drckt sich ein
Stck Seelenleben aus, dessen Verstndnis uns wirklich nicht nahe
gerckt erscheint. Vor allem sollte man meinen, da man sich diesem
Verstndnis nicht nhern knne, ohne auf den fr so tiefstehende
Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und Dmonen einzugehen.

Warum sollen wir berhaupt unser Interesse an das Rtsel des Tabu
wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem an sich
des Versuches einer Lsung wert ist, sondern auch noch aus anderen
Grnden. Es darf uns ahnen, da das Tabu der Wilden Polynesiens doch
nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, da die
Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen
eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben knnten, und da
die Aufklrung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres
eigenen kategorischen Imperativs zu werfen vermchte.

Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung aufhorchen, wenn
ein Forscher wie W. _Wundt_ uns seine Auffassung des Tabu mitteilt,
zumal da er verspricht, zu den letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen
zurckzugehen(4).

  (4) In der Vlkerpsychologie, BandII, Religion und MythusII p.300
  u.ff.

Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, da es alle die Bruche umfat, in
denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vorstellungen
zusammenhngenden Objekten oder vor den sich auf diese beziehenden
Handlungen ausdrckt(5).

  (5) l.c. p.237.

Ein andermal: Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es dem
allgemeinsten Sinn des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte oder
in ausdrcklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen
Gegenstand zu berhren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder
gewisse verpnte Worte zu gebrauchen....., so gebe es berhaupt kein
Volk und keine Kulturstufe, die der Schdigung durch das Tabu entgegen
wre.

_Wundt_ fhrt dann aus, weshalb es ihm zweckmiger erscheint, die Natur
des Tabu an den primitiven Verhltnissen der australischen Wilden als in
der hheren Kultur der polynesischen Vlker zu studieren. Bei den
Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie
Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das
wesentlich im Verbot des Ttens und Verzehrens besteht, bildet den Kern
des _Totemismus_(6). Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu
seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von
vorneherein auf Bedingungen eingeschrnkt, die fr den Tabuierten eine
ungewhnliche Lebenslage herbeifhren. So sind Jnglinge tabu beim Fest
der Mnnerweihe, Frauen whrend der Menstruation und unmittelbar nach
der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor allem die Toten. Auf dem
fortwhrend gebrauchten Eigentum eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu
fr jeden anderen: so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum
persnlichsten Eigentum gehrt in Australien auch der neue Name, den ein
Knabe bei seiner Mnnerweihe erhlt, dieser ist tabu und mu geheim
gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bumen, Pflanzen,
Husern, rtlichkeiten ruhen, sind vernderlicher, scheinen nur der
Regel zu folgen, da dem Tabu unterworfen wird, was aus irgend welcher
Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist.

  (6) Vgl. darber die vorige Abhandlung in HeftI dieser Zeitschrift.

Die Vernderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Polynesier
und der malaiischen Inselwelt erfhrt, mu _Wundt_ selbst fr nicht sehr
tiefgehend erklren. Die strkere soziale Differenzierung dieser Vlker
macht sich darin geltend, da Huptlinge, Knige und Priester ein
besonders wirksames Tabu ausben und selbst dem strksten Zwang des Tabu
ausgesetzt werden.

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den
Interessen der privilegierten Stnde; sie entspringen da, wo die
primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung
nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dmonischer Mchte_(7).
Ursprnglich nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der
in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dmonischen Macht,
verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es gebietet, wo es
wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dmons
zu beseitigen.

  (7) l.c. p.307.

Allmhlich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begrndeten Macht,
die sich vom Dmonismus losgelst hat. Es wird zum Zwang der Sitte und
des Herkommens und schlielich des Gesetzes. Das Gebot aber, das
unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden
Tabuverboten steht, ist ursprnglich das _eine_: Hte dich vor dem Zorn
der Dmonen.

_Wundt_ lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausflu des
Glaubens der primitiven Vlker an dmonische Mchte. Spter habe sich
das Tabu von dieser Wurzel losgelst und sei eine Macht geblieben,
einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer
Beharrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer
Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser Stze zum Widerspruch
reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu
leihen, wenn ich die Aufklrung _Wundts_ als eine Enttuschung
anspreche. Das heit wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen
heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch
die Dmonen knnen in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden,
die jeder weiteren Zurckfhrung trotzen. Es wre anders, wenn die
Dmonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind selbst wie
die Gtter Schpfungen der Seelenkrfte des Menschen; sie sind von etwas
und aus etwas geschaffen worden.

ber die Doppelbedeutung des Tabu uert _Wundt_ bedeutsame, aber nicht
ganz klar zu erfassende Ansichten. Fr die primitiven Anfnge des Tabu
besteht nach ihm eine Scheidung von _heilig_ und _unrein_ noch nicht.
Eben darum fehlen hier jene Begriffe berhaupt in der Bedeutung, die sie
eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen
konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind
dmonisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem spteren Sinne
unrein. Gerade fr diese noch indifferent in der Mitte stehende
Bedeutung des Dmonischen, das nicht berhrt werden darf, ist der
Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das
schlielich dem Heiligen wie dem Unreinen fr alle Zeiten gemeinsam
bleibt: die Scheu vor seiner Berhrung. In dieser bleibenden
Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis
darauf, da hier zwischen beiden Gebieten eine ursprngliche
bereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer
Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schlielich zu
Gegenstzen entwickelt haben.

Der dem ursprnglichen Tabu eigene Glaube an eine dmonische Macht, die
in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berhrung oder unerlaubte
Verwendung durch Verzauberung des Tters rcht, ist eben noch ganz und
ausschlielich die objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in
die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe
annimmt: in die _Ehrfurcht_ und in den _Abscheu_.

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach _Wundt_ durch die Verpflanzung
der Tabugebote aus dem Gebiet der Dmonen -- in das der
Gttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein fllt mit der
Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die
frhere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist,
sondern in der Form einer niedrigeren und allmhlich mit Verachtung sich
paarenden Wertschtzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein
das Gesetz, da eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der
hheren berwunden und zurckgedrngt wird, nun neben dieser in
erniedrigter Form fortbesteht, so da die Objekte ihrer Verehrung in
solche des Abscheus sich umwandeln(8).

  (8) l.c. p.313.

Die weiteren Ausfhrungen _Wundts_ beziehen sich auf das Verhltnis der
Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer.




2.


Wer von der Psychoanalyse, d.h. von der Erforschung des unbewuten
Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu
herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, da ihm diese
Phnomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche
Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso strenge
befolgen, wie die Wilden die ihrem Stamm oder ihrer Gesellschaft
gemeinsamen. Wenn er nicht gewohnt wre, diese vereinzelten Personen als
_Zwangskranke_ zu bezeichnen, wrde er den Namen _Tabukrankheit_ fr
deren Zustand angemessen finden mssen. Von dieser Zwangskrankheit hat
er aber durch die psychoanalytische Untersuchung soviel erfahren: die
klinische Aetiologie und das Wesentliche des psychologischen
Mechanismus, da er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur
Aufklrung der entsprechenden vlkerpsychologischen Erscheinung zu
verwenden.

Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehrt werden mssen. Die
hnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein uerliche
sein, fr die Erscheinungsform der Beiden gelten und sich nicht weiter
auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die nmlichen Formen in
den verschiedensten biologischen Zusammenhngen zu verwenden, z.B. am
Korallenstock wie an der Pflanze, ja darber hinaus an gewissen
Kristallen oder bei der Bildung bestimmter chemischer Niederschlge. Es
wre offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese
bereinstimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedingungen
zurckgehen, Schlsse zu begrnden, die sich auf innere Verwandtschaft
beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, brauchen aber die
beabsichtigte Vergleichung dieser Mglichkeit wegen nicht zu
unterlassen.

Die nchste und aufflligste bereinstimmung der Zwangsverbote (bei den
Nervsen) mit dem Tabu besteht nun darin, da diese Verbote ebenso
unmotiviert und in ihrer Herkunft rtselhaft sind. Sie sind irgend
einmal aufgetreten und mssen nun infolge einer unbezwingbaren Angst
gehalten werden. Eine uere Strafandrohung ist berflssig, weil eine
innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die bertretung werde zu einem
unertrglichen Unheil fhren. Das uerste, was die Zwangskranken
mitteilen knnen, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine bestimmte
Person ihrer Umgebung durch die bertretung zu Schaden kommen. Welches
diese Schdigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhlt man diese
kmmerliche Auskunft eher bei den spter zu besprechenden Shne- und
Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst.

Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das der
Berhrung, daher der Name Berhrungsangst, Dlire de toucher. Das Verbot
erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berhrung mit dem Krper,
sondern nimmt den Umfang der bertragenen Redensart: in Berhrung
kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt, eine
Gedankenberhrung hervorruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare
leibliche Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder.

Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verstndlich,
ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, lppisch, sinnlos.
Wir bezeichnen solche Gebote als Zeremoniell, und finden, da die
Tabugebruche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen.

Den Zwangsverboten ist eine groartige Verschiebbarkeit zu eigen, sie
dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von einem Objekt
auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, wie eine meiner
Kranken treffend sagt, _unmglich_. Die Unmglichkeit hat am Ende die
ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als
wren die unmglichen Personen und Dinge Trger einer gefhrlichen
Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kontakt zu
bertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfhigkeit und der
bertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote
hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu bertreten hat durch die
Berhrung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu und niemand darf
mit ihm in Berhrung treten.

Ich stelle zwei Beispiele von bertragung (besser Verschiebung) des
Verbotes zusammen; das eine aus dem Leben der _Maori_, das andere aus
meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau.

Ein _Maori_huptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn
sein geheiligter Atem wrde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem
Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird,
die Speise der Person, die von ihr it, und so mte die Person sterben,
die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im
Feuer, in das geblasen der Huptling mit seinem heiligen und
gefhrlichen Hauch.(9)

  (9) _Frazer_, The golden bough, II., Taboo and the perils of the soul,
  1911, p.136.

Die Patientin verlangt, da ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom
Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er wrde ihr sonst den
Raum, in dem sie wohnt, unmglich machen. Denn sie hat gehrt, da
dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen
wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin,
die in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem
Mdchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute unmglich, tabu
und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die
Freundin selbst, mit der sie nicht in Berhrung kommen will.

Die Zwangsverbote bringen groartigen Verzicht und Einschrnkungen des
Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von ihnen kann
aufgehoben werden durch die Ausfhrung gewisser Handlungen, die nun auch
geschehen mssen, die Zwangscharakter haben, -- Zwangshandlungen -- und
deren Natur als Bue, Shne, Abwehrmaregeln und Reinigung keinem
Zweifel unterliegt. Die gebruchlichste dieser Zwangshandlungen ist das
Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabuverbote kann so
ersetzt, respektive deren bertretung durch solches Zeremoniell
gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser ist auch hier die
bevorzugte.

Resmieren wir nun, in welchen Punkten sich die bereinstimmung der
Tabugebruche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlichsten
uert: 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung
durch eine innere Ntigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der
Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von
zeremonisen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen.

Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der Flle von
Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt geworden.
Erstere lautet fr einen typischen Fall von Berhrungsangst wie folgt:
Zu allem Anfang, in ganz frher Kinderzeit, uerte sich eine starke
Berhrungs_lust_, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt
wre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald _von auen_ ein Verbot
entgegen, gerade diese Berhrung nicht auszufhren.(10) Das Verbot wurde
aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Krfte sttzen(11);
es erwies sich als strker als der Trieb, der sich in der Berhrung
uern wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des
Kindes gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des
Verbots war nur, den Trieb -- die Berhrungslust -- zu verdrngen und
ihn ins Unbewute zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten;
der Trieb, weil er nur verdrngt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil
mit seinem Aufhren der Trieb zum Bewutsein und zur Ausfhrung
durchgedrungen wre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische
Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot und
Trieb leitet sich nun alles weitere ab.

  (10) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berhrung der
  eigenen Genitalien.

  (11) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot
  gegeben wurde.

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert
worden ist, liegt in dem, was man das _ambivalente_ Verhalten des
Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm,
heien knnte(12). Es will diese Handlung -- die Berhrung -- immer
wieder ausfhren, es sieht in ihr den hchsten Genu, aber es darf sie
nicht ausfhren, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden
Strmungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie -- wir
knnen nur sagen -- im Seelenleben so lokalisiert sind, da sie nicht
zusammenstoen knnen. Das Verbot wird laut bewut, die fortdauernde
Berhrungslust ist unbewut, die Person wei nichts von ihr. Bestnde
dieses psychologische Moment nicht, so knnte eine Ambivalenz weder sich
so lange erhalten, noch knnte sie zu solchen Folgeerscheinungen fhren.

  (12) Nach einem trefflichen Ausdruck von _Bleuler_.

In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des
Verbotes in so frhem Kindesalter als das magebende hervorgehoben; fr
die weitere Gestaltung fllt diese Rolle dem Mechanismus der Verdrngung
auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrngung, die
mit einem Vergessen -- Amnesie -- verbunden ist, bleibt die Motivierung
des bewut gewordenen Verbotes unbekannt, und mssen alle Versuche
scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht
finden, an dem sie angreifen knnten. Das Verbot verdankt seine Strke
-- seinen Zwangscharakter -- gerade der Beziehung zu seinem unbewuten
Gegenpart, der im Verborgenen ungedmpften Lust, also einer innern
Notwendigkeit, in welche die bewute Einsicht fehlt. Die bertragbarkeit
und Fortpflanzungsfhigkeit des Verbots spiegelt einen Vorgang wieder,
der sich mit der unbewuten Lust zutrgt, und unter den psychologischen
Bedingungen des Unbewuten besonders erleichtert ist. Die Trieblust
verschiebt sich bestndig, um der Absperrung, in der sie sich befindet,
zu entgehen, und sucht Surrogate fr das Verbotene -- Ersatzobjekte und
Ersatzhandlungen -- zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt
sich auf die neuen Ziele der verpnten Regung aus. Jeden neuen Vorsto
der verdrngten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen
Verschrfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mchte
erzeugt ein Bedrfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden
Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen
darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromiaktionen, in der
einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemhungen zur Shne und
dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche
den Trieb fr das Verbotene entschdigen. Es ist ein Gesetz der
neurotischen Erkrankung, da diese Zwangshandlungen immer mehr in den
Dienst des Triebes treten und immer nher an die ursprnglich verbotene
Handlung herankommen.

Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als wre es
von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. Wir machen uns
dabei von vorneherein klar, da viele der fr uns zu beobachtenden
Tabuverbote sekundrer, verschobener und entstellter Art sind, und da
wir zufrieden sein mssen, etwas Licht auf die ursprnglichsten und
bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, da die Verschiedenheiten
in der Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein
drften, um eine vllige bereinstimmung auszuschlieen, eine
bertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung in jedem
Punkte gleichkme, zu verhindern.

Wir wrden dann zunchst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden nach der
wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des Tabu zu
fragen. Nach unserer Voraussetzung mssen sie unfhig sein darber etwas
mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen unbewut. Wir
konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgendermaen nach dem
Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer
Generation von primitiven Menschen dereinst von auen aufgedrngt, d.h.
also doch wohl von der frheren Generation ihr gewaltttig eingeschrft.
Diese Verbote haben Ttigkeiten betroffen, zu denen eine starke Neigung
bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu Generation
erhalten, vielleicht blo infolge der Tradition durch elterliche und
gesellschaftliche Autoritt. Vielleicht aber haben sie sich in den
spteren Generationen bereits organisiert als ein Stck ererbten
psychischen Besitzes. Ob es solche angeborene Ideen gibt, ob sie
allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der Tabu
bewirkt haben, wer vermchte es gerade fr den in Rede stehenden Fall zu
entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines hervor, da
die ursprngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch bei den
Tabuvlkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten eine
_ambivalente Einstellung_; sie mchten im Unbewuten nichts lieber als
sie bertreten, aber sie frchten sich auch davor; sie frchten sich
gerade darum, weil sie es mchten, und die Furcht ist strker als die
Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewut,
wie bei dem Neurotiker.

Die ltesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grundgesetze
des _Totemismus_: Das Totemtier nicht zu tten und den sexuellen Verkehr
mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu vermeiden.

Das mten also die ltesten und strksten Gelste der Menschen sein.
Wir knnen das nicht verstehen und knnen demnach unsere Voraussetzung
nicht an diesen Beispielen prfen, solange uns Sinn und Abkunft des
totemistischen Systems so vllig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse
der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird
selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr
Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die
Psychoanalytiker fr den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und
dann fr den Kern der Neurose erklren.(13)

  (13) Vgl. meine in diesen Aufstzen bereits mehrmals angekndigte
  Studie ber den Totemismus.

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den frher
mitgeteilten Klassifizierungsversuchen gefhrt hat, wchst fr uns auf
folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist ein
verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewuten besteht.

Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu
bertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit der
anderen zusammen, da das Tabu nicht nur an Personen haftet, die das
Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in besonderen
Zustnden befinden, an diesen Zustnden selbst und an unpersnlichen
Dingen? Was kann das fr eine gefhrliche Eigenschaft sein, die immer
die nmliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die
eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in
_Versuchung_ zu fhren, das Verbot zu bertreten.

Der Mensch, der ein Tabu bertreten hat, wird selbst tabu, weil er die
gefhrliche Eignung hat, andere zu versuchen, da sie seinem Beispiel
folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen
verboten ist? Er ist also wirklich _ansteckend_, insoferne jedes
Beispiel zur Nachahmung ansteckt, und darum mu er selbst gemieden
werden.

Ein Mensch braucht aber kein Tabu bertreten zu haben und kann doch
permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand
befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelste der anderen
anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten
Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustnde sind von solcher Art und haben
diese gefhrliche Kraft. Der Knig oder Huptling erweckt den Neid auf
seine Vorrechte; es mchte vielleicht jeder Knig sein. Der Tote, das
Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszustnden reizen durch ihre
besondere Hilflosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum
durch den neuen Genu, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen
und alle diese Zustnde tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben
werden.

Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakrfte verschiedener Personen
sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben knnen. Das Tabu
eines Knigs ist zu stark fr seinen Untertan, weil die soziale
Differenz zwischen ihnen zu gro ist. Aber ein Minister kann etwa den
unschdlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das heit aus der
Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie bersetzt: Der Untertan,
der die groartige Versuchung scheut, welche ihm die Berhrung mit dem
Knig bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht
so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst
erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den Knig
durch die Erwgung der Macht ermigen, die ihm selbst eingerumt ist.
So sind geringere Differenzen der in Versuchung fhrenden Zauberkraft
weniger zu frchten als besonders groe.

Es ist ebenso klar, wieso die bertretung gewisser Tabuverbote eine
soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft
gestraft oder geshnt werden mu, wenn sie nicht alle schdigen soll.
Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewuten Regungen fr die
unbewuten Gelste einsetzen. Sie besteht in der Mglichkeit der
Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflsung kme.
Wenn die anderen die bertretung nicht ahnden wrden, mten sie ja inne
werden, da sie dasselbe tun wollen wie der beltter.

Da die Berhrung beim Tabuverbot eine hnliche Rolle spielt wie beim
Dlire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim Tabu
unmglich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose, darf uns
nicht Wunder nehmen. Die Berhrung ist der Beginn jeder Bemchtigung,
jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen.

Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch die
Eignung, in Versuchung zu fhren, zur Nachahmung anzuregen, bersetzt.
Dazu scheint es nicht zu stimmen, da sich die Ansteckungsfhigkeit des
Tabu vor allem in der bertragung auf Gegenstnde uert, die dadurch
selbst Trger des Tabu werden.

Diese bertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose
nachgewiesene Neigung des unbewuten Triebes wieder, sich auf
assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so
aufmerksam gemacht, da der gefhrlichen Zauberkraft des Mana
zweierlei realere Fhigkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an
seine verbotenen Wnsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere,
ihn zur bertretung des Verbotes im Dienste dieser Wnsche zu verleiten.
Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir
annehmen, es lge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, da mit der
Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung der
Tendenz, es durchzusetzen, verknpft sei. Dann fallen Erinnerung und
Versuchung wieder zusammen. Man mu auch zugestehen, wenn das Beispiel
eines Menschen, der ein Verbot bertreten hat, einen anderen zur
gleichen Tat verfhrt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot
fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person
auf einen Gegenstand, und von diesem auf einen anderen bertrgt.

Wenn die bertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch eine Shne
oder Bue, die ja einen _Verzicht_ auf irgend ein Gut oder eine Freiheit
bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, da die Befolgung der
Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gerne
gewnscht htte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen
Verzicht an anderer Stelle abgelst. Fr das Tabuzeremoniell wrden wir
hieraus den Schlu ziehen, da die Bue etwas ursprnglicheres ist als
die Reinigung.

Fassen wir nun zusammen, welches Verstndnis des Tabu sich uns aus der
Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben hat: Das
Tabu ist ein uraltes Verbot, von auen (von einer Autoritt) aufgedrngt
und gegen die strksten Gelste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu
bertreten, besteht in deren Unbewuten fort; die Menschen, die dem Tabu
gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu
Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft fhrt sich auf die
Fhigkeit zurck, die Menschen in Versuchung zu fhren; sie benimmt sich
wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das
verbotene Gelste im Unbewuten auf anderes verschiebt. Die Shne der
bertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, da der Befolgung des
Tabu ein Verzicht zu grunde liegt.





3.


Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des Tabu mit
der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung gegebene
Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert liegt offenbar
nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu
haben ist, wenn sie ein besseres Verstndnis des Tabu gestattet, als uns
sonst mglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, da wir
diesen Nachweis der Brauchbarkeit im Vorstehenden bereits erbracht
haben; wir werden aber versuchen mssen, ihn zu verstrken, indem wir
die Erklrung der Tabuverbote und Gebruche ins Einzelne fortsetzen.

Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir knnen die
Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir
von der Neurose her auf das Tabu bertragen haben, oder der Folgerungen,
zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phnomenen des Tabu unmittelbar
erweisbar ist. Wir mssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen.
Die Behauptung ber die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten
Verbote ab, welches dereinst von auen auferlegt worden ist, entzieht
sich natrlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen
Bedingungen frs Tabu zu besttigen suchen, welche wir fr die
Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der Neurose
zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch das analytische
Studium der Symptome, vor allem der Zwangshandlungen, der
Abwehrmaregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten
Anzeichen fr ihre Abstammung von _ambivalenten_ Regungen oder
Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsch wie dem
Gegenwunsch entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen von den
beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelnge, auch
an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter
Tendenzen aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach der
Art von Zwangshandlungen beiden Strmungen gleichzeitigen Ausdruck
geben, so wre die psychologische bereinstimmung zwischen dem Tabu und
der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stck gesichert.

Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erwhnt, fr
unsere Analyse durch die Zugehrigkeit zum Totemismus unzugnglich; ein
anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundrer Abkunft und fr unsere
Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist nmlich bei den entsprechenden
Vlkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst
von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jnger sind als das Tabu
selbst, wie z.B. die Tabu, die von Huptlingen und Priestern auferlegt
werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. Doch bleibt uns eine
groe Gruppe von Vorschriften brig, an denen unsere Untersuchung
vorgenommen werden kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich
a. an _Feinde_, b. an _Huptlinge_, c. an _Tote_ knpfen, und werde das
zu behandelnde Material der ausgezeichneten Sammlung von J.G. _Frazer_
in seinem groen Werke: The golden bough entnehmen(14).

  (14) Third edition, partII.: Taboo and the perils of the soul 1911.


a) Die Behandlung der Feinde.

Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Vlkern ungehemmte und
reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so werden wir mit
groem Interesse erfahren, da auch bei ihnen die Ttung eines Menschen
zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den
Tabugebruchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit
Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Vershnung des
getteten Feindes, 2. Beschrnkungen und 3. Shnehandlungen, Reinigungen
des Mrders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder
wie vereinzelt solche Tabugebruche bei diesen Vlkern sein mgen, lt
sich einerseits aus unseren unvollstndigen Nachrichten nicht mit
Sicherheit entscheiden, und ist anderseits fr unser Interesse an diesen
Vorkommnissen gleichgiltig. Immerhin darf man annehmen, da es sich um
weitverbreitete Gebruche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten
handelt.

Die _Vershnungs_gebruche auf der Insel _Timor_, nachdem eine
siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Kpfen der besiegten
Feinde zurckkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil berdies der
Fhrer der Expedition von schweren Beschrnkungen betroffen wird
(s.u.). Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer
dargebracht, um die Seelen der Feinde zu vershnen; sonst mte man
Unheil fr die Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgefhrt, und
dabei ein Gesang vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt
und seine Verzeihung erbeten wird: Zrne uns nicht, weil wir deinen
Kopf hier bei uns haben; wre uns das Glck nicht hold gewesen, so
hingen jetzt vielleicht unsere Kpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein
Opfer gebracht, um dich zu besnftigen. Nun darf dein Geist zufrieden
sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? Wren
wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wre dein Blut nicht vergossen
und dein Kopf nicht abgeschnitten worden(15).

  (15) _Frazer_, l.c., p.166.

hnliches findet sich bei den _Palu_ in Celebes; die _Gallas_ opfern den
Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.
(Nach _Paulitschke_, Ethnographie Nordost-Afrikas.)

Andere Vlker haben das Mittel gefunden, um aus ihren frheren Feinden
nach deren Tod Freunde, Wchter und Beschtzer zu machen. Es besteht in
der zrtlichen Behandlung der abgeschnittenen Kpfe, wie manche wilde
Stmme _Borneos_ sich deren rhmen. Wenn die See-_Dayaks_ von _Sarawak_
von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate
hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswrdigkeit behandelt und mit den
zrtlichsten Namen angesprochen, ber die ihre Sprache verfgt. Die
besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt,
Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine frheren
Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er
jetzt einer der ihrigen ist. Man wrde sehr irre gehen, wenn man an
dieser uns grlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil
zuschriebe.(16)

  (16) _Frazer_, Adonis, Attis, Osiris, p.248, 1907. -- Nach _Hugh
  Low_, Sarawak, London 1848.

Bei mehreren der wilden Stmme Nordamerikas ist die Trauer um den
erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. Wenn ein
_Choctaw_ einen Feind gettet hatte, so begann fr ihn eine monatlange
Trauer, whrend welcher er sich schweren Einschrnkungen unterwarf.
Ebenso trauerten die _Dacota_-Indianer. Wenn die _Osagen_, bemerkt ein
Gewhrsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann
um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wre(17).

  (17) J.O. _Dorsay_ bei _Frazer_, Taboo etc., p.181.

Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebruchen zur Behandlung
der Feinde eingehen, mssen wir gegen eine naheliegende Einwendung
Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Vershnungsvorschriften, wird
man uns mit _Frazer_ und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und
hat nichts mit einer Ambivalenz zu tun. Diese Vlker werden von
aberglubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht,
einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der
groe britische Dramatiker in den Halluzinationen _Macbeths_ und
_Richards_III. auf die Bhne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben
leiten sich folgerichtig alle die Vershnungsvorschriften ab, wie auch
die spter zu besprechenden Beschrnkungen und Shnungen; fr diese
Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten
Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen, als von Bemhungen, die
den Mrdern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen(18). Zum
berflu gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der getteten
Feinde direkt ein und fhren die besprochenen Tabugebruche selbst auf
sie zurck.

  (18) _Frazer_, Taboo, p.169 u.s.f. p.174. Diese Zeremonien
  bestehen in Schlagen mit den Schildern, Schreien, Brllen und
  Erzeugung von Lrm mit Hilfe von Instrumenten usw.

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso
ausreichend wre, knnten wir uns die Mhe unseres Erklrungsversuches
gerne ersparen. Wir verschieben es auf spter, uns mit ihr
auseinanderzusetzen und stellen ihr zunchst nur die Auffassung
entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Errterungen ber
das Tabu ableitet. Wir schlieen aus all diesen Vorschriften, da im
Benehmen gegen die Feinde noch andere als blo feindselige Regungen zum
Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen uerungen der Reue, der
Wertschtzung des Feindes, des bsen Gewissens, ihn ums Leben gebracht
zu haben. Es will uns scheinen, als wre auch in diesen Wilden das Gebot
lebendig: Du sollst nicht tten, welches nicht ungestraft verletzt
werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Hnden eines
Gottes empfangen wird.

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften zurck. Die
_Beschrnkungen_ des siegreichen Mrders sind ungemein hufig und meist
von ernster Art. Auf _Timor_ (vgl. die Vershnungsgebruche oben) darf
der Fhrer der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurckkehren.
Es wird fr ihn eine besondere Htte errichtet, in welcher er zwei
Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften
beschftigt verbringt. In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen,
auch sich nicht selbst ernhren, eine andere Person mu ihm das Essen in
den Mund schieben(19). -- Bei einigen _Dayak_stmmen mssen die vom
erfolgreichen Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert
bleiben und sich gewisser Speisen enthalten, sie drfen auch kein Eisen
berhren und bleiben ihren Frauen ferne. -- In _Logea_, einer Insel nahe
bei _Neuguinea_, schlieen sich Mnner, die Feinde gettet oder daran
teilgenommen haben, fr eine Woche in ihren Husern ein. Sie vermeiden
jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren Freunden, rhren Nahrungsmittel
nicht mit ihren Hnden an und nhren sich nur von Pflanzenkost, die in
besonderen Gefen fr sie gekocht wird. Als Grund fr diese letzte
Beschrnkung wird angegeben, da sie das Blut des Erschlagenen nicht
riechen drfen; sie wrden sonst erkranken und sterben. -- Bei dem
_Toaripi_- oder _Motumotu_-Stamm auf _Neuguinea_ darf ein Mann, der
einen anderen gettet hat, seinem Weib nicht nahe kommen und Nahrung
nicht mit seinen Fingern berhren. Er wird von anderen Personen mit
besonderer Nahrung gefttert. Dies dauert bis zum nchsten Neumond.

  (19) _Frazer_, Taboo, p.166, nach S. _Mller_, Reizen en
  Onderzoekingen in den Indischen Archipel, Amsterdam 1857.

Ich unterlasse es, die bei _Frazer_ mitgeteilten Flle von
Beschrnkungen des siegreichen Mrders vollzhlig anzufhren, und hebe
nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders
auffllig ist, oder die Beschrnkung im Verein mit Shne, Reinigung und
Zeremoniell auftritt.

Bei den _Monumbos_ in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen Feind im
Kampfe gettet hat, unrein, wofr dasselbe Wort gebraucht wird, das
auf Frauen whrend der Menstruation oder des Wochenbettes Anwendung
findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der Mnner nicht
verlassen, whrend sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln
und seinen Sieg mit Liedern und Tnzen feiern. Er darf niemand, nicht
einmal seine eigene Frau und seine Kinder berhren; tte er es, so
wrden sie von Geschwren befallen werden. Er wird dann rein durch
Waschungen und anderes Zeremoniell.

Bei den _Natchez_ in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten
Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser
Entsagungen gentigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und
kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung.
Wenn ein _Choctaw_ einen Feind gettet und skalpiert hatte, begann fr
ihn eine Trauerzeit von einem Monat, whrend welcher er sein Haar nicht
kmmen durfte. Wenn es ihn am Kopf juckte, durfte er sich nicht mit der
Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens.

Wenn ein _Pima_-Indianer einen _Apachen_ gettet hatte, so mute er sich
schweren Reinigungs- und Shnezeremonien unterwerfen. Whrend einer
sechzehntgigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht berhren,
auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte
allein im Wald, von einer alten Frau bedient, die ihm sprliche Nahrung
brachte, badete oft im nchsten Flu und trug -- als Zeichen der Trauer
-- einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tag fand dann
die ffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des Mannes und
seiner Waffen statt. Da die _Pima_-Indianer das Tabu des Mrders viel
ernster nahmen als ihre Feinde und die Shne und Reinigung nicht wie
diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt
ihre Kriegstchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge oder
Frmmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer auerordentlichen Tapferkeit
erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in
ihren Kmpfen gegen die _Apachen_.

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Shne- und
Reinigungszeremonien nach Ttung eines Feindes fr eine tiefer
eindringende Betrachtung auch sein mgen, so breche ich deren Mitteilung
doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte erffnen knnen.
Vielleicht fhre ich noch an, da die zeitweilige oder permanente
Isolierung des berufsmigen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit
erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehrt. Die Stellung des
Freimannes in der mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat
eine gute Vorstellung von dem Tabu der Wilden(20).

  (20) Zu diesen Beispielen s. _Frazer_, Taboo, p.165-190. Manslayers
  tabooed.

In der gangbaren Erklrung all dieser Vershnungs-, Beschrnkungs-,
Shne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien mit einander
kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit
ihm in Berhrung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des
Getteten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur
Erklrung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig
aufgefat werden sollen, ob das eine das primre, das andere sekundr
ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht
anzugeben. Demgegenber betonen wir die Einheitlichkeit unserer
Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der
Gefhlsregungen gegen den Feind ableiten.


b) Das Tabu der Herrscher.

Das Benehmen primitiver Vlker gegen ihre Huptlinge, Knige, Priester
wird von zwei Grundstzen regiert, die einander eher zu ergnzen als zu
widersprechen scheinen. Man mu sich vor ihnen hten und man mu sie
behten(21). Beides geschieht vermittelst einer Unzahl von
Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hten mu, ist uns
bereits bekannt geworden; weil sie die Trger jener geheimnisvollen und
gefhrlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische Ladung
durch Berhrung mitteilt und dem selbst nicht durch eine hnliche Ladung
Geschtzten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare
oder unmittelbare Berhrung mit der gefhrlichen Heiligkeit und hat, wo
solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die
gefrchteten Folgen abzuwenden. Die _Nubas_ in Ostafrika glauben z.B.,
da sie sterben mssen, wenn sie das Haus ihres Priesterknigs betreten,
da sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt die linke
Schulter entblen und den Knig veranlassen, diese mit seiner Hand zu
berhren. So trifft das Merkwrdige ein, da die Berhrung des Knigs
das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der
Berhrung des Knigs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die
Heilkraft der absichtlichen, vom Knig ausgehenden Berhrung im
Gegensatz zur Gefahr, da man ihn berhre, um den Gegensatz der
Passivitt und der Aktivitt gegen den Knig.

  (21) _Frazer_, Taboo, p.132; He must not only be guarded, he must
  also be guarded against.

Wenn es sich um die Heilwirkung der kniglichen Berhrung handelt,
brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die Knige von
England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurckliegen, diese Kraft
an der Skrophulose gebt, die darum den Namen: The King's Evil trug.
Knigin Elisabeth entsagte diesem Stck ihrer kniglichen Prrogative
ebensowenig wie irgend ein anderer ihrer spteren Nachfolger. CharlesI.
soll im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter
dessen zuchtlosem Sohn CharlesII. feierten nach der berwindung der
groen englischen Revolution die Knigsheilungen bei Skropheln ihre
hchste Blte.

Dieser Knig soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend
Skrophulse berhrt haben. Das Gedrnge der Heilungsuchenden pflegte bei
diesen Gelegenheiten so gro zu sein, da einmal sechs oder sieben von
ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrcktwerden fanden. Der
skeptische Oranier, WilhelmIII., der nach der Vertreibung der Stuarts
Knig von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, als
er sich zu einer solchen Berhrung herbeilie, tat er es mit den Worten:
Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand(22).

  (22) _Frazer_, The magic artI, p.368.

Von der frchterlichen Wirkung der Berhrung, in welcher man, ob auch
unabsichtlich, _gegen_ den Knig, oder was zu ihm gehrt, aktiv wird,
mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein Huptling von hohem Rang und
groer Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner Mahlzeit
am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, krftiger,
hungriger Gesell, sah das Zurckgelassene und machte sich darber, um es
aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein entsetzter
Zuschauer mit, da es die Mahlzeit des Huptlings gewesen sei, an
welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker mutiger Krieger
gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, strzte er
zusammen, wurde von grlichen Zuckungen befallen und starb gegen
Sonnenuntergang des nchsten Tages(23). Eine _Maori_frau hatte gewisse
Frchte gegessen und dann erfahren, da diese von einem mit Tabu
belegten Ort herrhrten. Sie schrie auf, der Geist des Huptlings, den
sie so beleidigt, werde sie gewi tten. Dies geschah am Nachmittag und
am nchsten Tag um zwlf Uhr war sie tot(24). Das Feuerzeug eines
Maori-Huptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der
Huptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner,
um ihre Pfeifen anzuznden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das
Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken(25).

  (23) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei _Frazer_
  Tabu, p.135.

  (24) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei
  _Frazer_ ibid.

  (25) _Frazer_, l.c.

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedrfnis fhlbar machte, so
gefhrliche Personen wie Huptlinge und Priester von den anderen zu
isolieren, eine Mauer um sie aufzufhren, hinter welcher sie fr die
anderen unzugnglich waren. Es mag uns die Erkenntnis dmmern, da diese
ursprnglich aus Tabuvorschriften gefgte Mauer heute noch als hfisches
Zeremoniell existiert.

Aber der vielleicht grere Teil dieses Tabu der Herrscher lt sich
nicht auf das Bedrfnis des Schutzes _vor_ ihnen zurckfhren. Der
andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das
Bedrfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schtzen, hat
an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der hfischen
Etikette den deutlichsten Anteil gehabt.

Die Notwendigkeit, den Knig vor allen erdenklichen Gefahren zu
schtzen, ergibt sich aus seiner ungeheuern Bedeutung fr das Wohl und
Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die den
Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur fr den Regen und
Sonnenschein zu danken, der die Frchte der Erde gedeihen lt, sondern
auch fr den Wind, der Schiffe an ihre Kste bringt und fr den festen
Boden, auf den sie ihre Fe setzen(26).

  (26) _Frazer_, Taboo. The burden of royalty, p.7.

Diese Knige der Wilden sind mit einer Machtflle und einer Fhigkeit,
zu beglcken, ausgestattet, die nur Gttern zu eigen ist, und an welche
auf spteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer Hflinge
Glauben heucheln werden.

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, da Personen von solcher
Machtvollkommenheit selbst der grten Sorgfalt bedrfen, um vor den sie
bedrohenden Gefahren beschtzt zu werden, aber es ist nicht der einzige
Widerspruch, der in der Behandlung kniglicher Personen bei den Wilden
zutage tritt. Diese Vlker halten es auch fr notwendig, ihre Knige zu
berwachen, da sie ihre Krfte im rechten Sinne verwenden; sie sind
ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher.
Ein Zug von Mitrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften
fr den Knig bei. Die Idee, da urzeitliches Knigstum ein Despotismus
ist, sagt _Frazer_(27), demzufolge das Volk nur fr seinen Herrscher
existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und
gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrscher nur fr
seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die
Pflichten seiner Stellung erfllt, den Lauf der Natur zum Besten seines
Volkes regelt. Sobald er darin nachlt oder versagt, wandeln sich die
Sorgfalt, die Hingebung, die religise Verehrung, deren Gegenstand er
bisher im ausgiebigsten Mae war, in Ha und Verachtung um. Er wird
schmhlich davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben
rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als
Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, dies
vernderte Benehmen seines Volkes als Unbestndigkeit oder Widerspruch
zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus konsequent. Wenn ihr
Knig ihr Gott ist, so denken sie, mu er sich auch als ihr Beschtzer
erweisen; und wenn er sie nicht beschtzen will, soll er einem anderen,
der bereitwilliger ist, den Platz rumen. So lange er aber ihren
Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt fr ihn keine Grenzen, und
sie ntigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Frsorge zu
behandeln. Ein solcher Knig lebt wie eingemauert hinter einem System
von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebruchen
und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Wrde zu
erhhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern die einzig
und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurckzuhalten, welche die
Harmonie der Natur stren und so ihn, sein Volk und das ganze Weltall
gleichzeitig zugrunde richten knnten. Diese Vorschriften, weit
entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner
Handlungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie
angeblich versichern wollen, zur Brde und zur Qual.

  (27) l.c., p.7.

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lhmung eines
heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der
Lebensweise des Mikado von Japan in frheren Jahrhunderten erzielt
worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt ber zweihundert Jahre alt
ist(28), erzhlt: Der Mikado glaubt, da es seiner Wrde und Heiligkeit
nicht angemessen sei, den Boden mit den Fen zu berhren; wenn er also
irgendwohin gehen will, mu er auf den Schultern von Mnnern hingetragen
werden. Es geht aber noch viel weniger an, da er seine heilige Person
der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewrdigt,
auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Krpers wird eine so
hohe Heiligkeit zugeschrieben, da weder sein Haupthaar, noch sein Bart
geschoren und seine Ngel nicht geschnitten werden drfen. Damit er aber
nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, wenn er schlft; sie
sagen, was man in diesem Zustand von seinem Krper nimmt, kann nur als
gestohlen aufgefat werden, und ein solcher Diebstahl tut seiner Wrde
und Heiligkeit keinen Eintrag. In noch frheren Zeiten mute er jeden
Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem
Throne sitzen, aber er mute sitzen wie eine Statue, ohne Hnde, Fe,
Kopf oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, knne er Ruhe und
Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen
oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick blo
auf einen Teil seines Reiches richtete, so wrden Krieg, Hungersnot,
Feuer, Pest oder sonst ein groes Unheil hereinbrechen, um das Land zu
verheeren.

  (28) _Kmpfer_, History of Japan bei _Frazer_, l.c., p.3.

Einige der Tabu, denen barbarische Knige unterworfen sind, mahnen
lebhaft an die Beschrnkungen der Mrder. In _Shark Point_ bei _Kap
Padron_ in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterknig, _Kukulu_,
allein in einem Wald. Er darf kein Weib berhren, auch sein Haus nicht
verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend
schlafen mu. Wenn er sich niederlegte, wrde der Wind aufhren und die
Schiffahrt gestrt sein. Seine Funktion ist es, die Strme in Schranken
zu halten und im allgemeinen fr einen gleichmig gesunden Zustand der
Atmosphre zu sorgen(29). Je mchtiger ein Knig von _Loango_ ist, sagt
_Bastian_, desto mehr Tabu mu er beobachten. Auch der Thronfolger ist
von Kindheit an an sie gebunden, aber sie hufen sich um ihn, whrend er
heranwchst; im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt.

  (29) _Bastian_, Die deutsche Expedition an der _Loangokste_, Jena
  1874, bei _Frazer_, l.c., p.5.

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es nicht,
da wir in die Beschreibung der an der Knigs- oder Priesterwrde
haftenden Tabu weiter eingehen. Fhren wir noch an, da Beschrnkungen
der freien Bewegung und der Dit die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie
konservierend aber auf alte Gebruche der Zusammenhang mit diesen
privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von
Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Vlkern, also von
weit hheren Kulturstufen, genommen sind.

Der _Flamen Dialis_, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, hatte
eine auerordentlich groe Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. Er
durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring
tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gewndern
haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berhren, eine Ziege, einen Hund,
rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar
durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten,
seine Haare und Ngelabflle muten unter einem glckbringenden Baum
vergraben werden; er durfte keinen Toten anrhren, nicht unbedeckten
Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die
_Flaminica_, hatte berdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer
gewissen Art von Treppen nicht hher als drei Stufen steigen, an
gewissen Festtagen ihr Haar nicht kmmen; das Leder ihrer Schuhe durfte
von keinem Tier genommen werden, das eines natrlichen Todes gestorben
war, sondern nur von einem geschlachteten oder geopferten; wenn sie
Donner hrte, war sie unrein, bis sie ein Shnopfer dargebracht
hatte(30).

  (30) _Frazer_, l.c., p.13.

Die alten Knige von _Irland_ waren einer Reihe von hchst sonderbaren
Beschrnkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, von deren
bertretung alles Unheil fr das Land erwartet wurde. Das vollstndige
Verzeichnis dieser Tabu ist in dem _Book of Rights_ gegeben, dessen
lteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418
tragen. Die Verbote sind uerst detailliert, betreffen gewisse
Ttigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser
Stadt darf der Knig nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen
Flu nicht um eine genannte Stunde bersetzen, nicht volle neun Tage auf
einer gewissen Ebene lagern und dergleichen(31).

  (31) _Frazer_, l.c., p.11.

Die Hrte der Tabubeschrnkungen fr die Priesterknige hat bei vielen
wilden Vlkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und fr
unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-Knigswrde
hrte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand,
der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird
es auf _Combodscha_, wo es einen Feuer- und einen Wasserknig gibt, oft
notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Wrde zu zwingen.
Auf _Nine_ oder _Savage Island_, einer Koralleninsel im Stillen Ozean,
kam die Monarchie tatschlich zum Ende, weil sich niemand mehr bereit
finden wollte, das verantwortliche und gefhrliche Amt zu bernehmen. In
manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode des Knigs ein geheimes
Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen die
Wahl fllt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus in Gewahrsam
gehalten, bis er sich bereit erklrt hat, die Krone anzunehmen.
Gelegentlich findet der prsumptive Thronfolger Mittel und Wege, um sich
der ihm zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Huptling
berichtet, da er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um jedem
Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen(32). Bei
den Negern von _Sierra Leone_ ward das Widerstreben gegen die Annahme
der Knigswrde so gro, da die meisten Stmme gentigt waren, Fremde
zu ihren Knigen zu machen.

  (32) A. _Bastian_, Die deutsche Expedition an der Loangokste bei
  _Frazer_, l.c., p.18.

_Frazer_ fhrt es auf diese Verhltnisse zurck, da sich in der
Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprnglichen
Priester-Knigstums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die
von der Brde ihrer Heiligkeit erdrckten Knige wurden unfhig, die
Herrschaft in realen Dingen auszuben, und muten diese geringeren, aber
tatkrftigen Personen berlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der
Knigswrde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen
Herrscher, whrend die nun praktisch bedeutungslose geistliche
Oberhoheit den frheren Tabuknigen verblieb. Es ist bekannt, inwieweit
diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Besttigung findet.

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen zu ihren
Herrschern berblicken, so regt sich in uns die Erwartung, da uns der
Fortschritt von seiner Beschreibung zu seinem psychoanalytischen
Verstndnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr
verwickelter Natur und nicht frei von Widersprchen. Man rumt den
Herrschern groe Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der
anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie drfen eben
das tun oder genieen, was den brigen durch das Tabu vorenthalten ist.
Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, da sie durch andere Tabu
beschrnkt sind, welche auf die gewhnlichen Individuen nicht drcken.
Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen einem
Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschrnkung fr dieselben Personen.
Man traut ihnen auerordentliche Zauberkrfte zu und frchtet sich
deshalb vor der Berhrung mit ihren Personen oder ihrem Eigentum,
whrend man anderseits von diesen Berhrungen die wohlttigste Wirkung
erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu
sein; allein wir haben bereits erfahren, da er nur scheinbar ist.
Heilend und schtzend wirkt die Berhrung, die vom Knig selbst in
wohlwollender Absicht ausgeht; gefhrlich ist nur die Berhrung, die vom
gemeinen Mann am Knig und am Kniglichen verbt wird, wahrscheinlich,
weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, nicht so
leicht auflsbarer Widerspruch uert sich darin, da man dem Herrscher
eine so groe Gewalt ber die Vorgnge der Natur zuschreibt und sich
doch fr verpflichtet hlt, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm
drohende Gefahren zu beschtzen, als ob seine eigene Macht, die so
vieles kann, nicht auch dies vermchte. Eine weitere Erschwerung des
Verhltnisses stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das
Zutrauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der richtigen
Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden
wollen; man mitraut ihm also und hlt sich fr berechtigt, ihn zu
berwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung des Knigs, seinem
Schutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er
ihnen bringt, dient gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des
Knigs unterworfen wird.

Es liegt nahe, folgende Erklrung fr das komplizierte und
widerspruchsvolle Verhltnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu
geben: Aus aberglubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung
der Knige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne
Rcksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen
dann die Widersprche, an denen der Intellekt der Wilden brigens so
wenig Ansto nimmt wie der der Hchstzivilisierten, wenn es sich nur um
Verhltnisse der Religion oder der Loyalitt handelt.

Das wre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird vielleicht
gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Nheres ber die
Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den
geschilderten Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er
sich im Symptombild einer Neurose fnde, so werden wir zunchst an das
berma von ngstlicher Sorge anknpfen, welches als Begrndung des
Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen
berzrtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die
wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gewhnlich. Ihre
Herkunft ist uns sehr wohl verstndlich worden. Sie tritt berall dort
auf, wo auer der vorherrschenden Zrtlichkeit eine gegenstzliche aber
unbewute Strmung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall
der ambivalenten Gefhlseinstellung realisiert ist. Dann wird die
Feindseligkeit berschrieen durch eine bermige Steigerung der
Zrtlichkeit, die sich als ngstlichkeit uert und die zwanghaft wird,
weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewute Gegenstrmung in der
Verdrngung zu erhalten, nicht gengen wrde. Jeder Psychoanalytiker hat
es erfahren, mit welcher Sicherheit die ngstliche berzrtlichkeit
unter den unwahrscheinlichsten Verhltnissen, z.B. zwischen Mutter und
Kind oder bei zrtlichen Eheleuten, diese Auflsung gestattet. Auf die
Behandlung der privilegierten Personen angewendet, ergbe sich die
Einsicht, da der Verehrung, ja Vergtterung derselben im Unbewuten
eine intensive feindselige Strmung entgegensteht, da also hier, wie
wir es erwartet haben, die Situation der ambivalenten Gefhlseinstellung
verwirklicht ist. Das Mitrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der
Knigstabu unabweisbar erscheint, wre eine andere direktere uerung
derselben unbewuten Feindseligkeit. Ja, wir wren -- infolge der
Mannigfaltigkeit der Endausgnge eines solchen Konfliktes bei
verschiedenen Vlkern -- nicht um Beispiele verlegen, in denen uns der
Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel leichter fiele. Die
wilden _Timmes_ von _Sierra Leone_, hren wir bei _Frazer_(33), haben
sich das Recht vorbehalten, ihren gewhlten Knig am Abend vor seiner
Krnung durchzuprgeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen
Vorrechtes mit solcher Grndlichkeit, da der unglckliche Herrscher
gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht lange Zeit berlebt,
daher haben es sich die Groen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie
einen Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum Knig zu
whlen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fllen die Feindseligkeit
sich nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebrden.

  (33) l.c., p.18 nach _Zweifel_ et _Monstier_, Voyage aux sources du
  Niger, 1880.

Ein anderes Stck im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher ruft
die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allgemein
verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zutage tritt. Es
wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person auerordentlich erhht,
ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto
eher die Verantwortlichkeit fr alles Peinliche, was dem Kranken
widerfhrt, aufladen zu knnen. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit
ihren Knigen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht ber Regen und
Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder
tten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine
reife Ernte enttuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im
Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhltnis des Kindes zu
seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtflle in der
Vorstellung des Sohnes regelmig zu, und es zeigt sich, da das
Mitrauen gegen den Vater mit seiner Hochschtzung innig verknpft ist.
Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu seinem
Verfolger ernennt, so hebt er sie damit in die Vterreihe, bringt sie
unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie fr alles Unglck seiner
Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie
zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, wie
vieles im Verhltnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen
Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag.

Den strksten Anhaltungspunkt fr unsere Betrachtungsweise, welche die
Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden wir aber
im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung fr die Stellung des
Knigstums vorhin errtert wurde. Dieses Zeremoniell trgt seinen
Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar
zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, da es die Wirkungen, die es
hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet
nicht nur die Knige aus und erhebt sie ber alle gewhnlichen
Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur
unertrglichen Brde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit rger
ist als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige
Gegenstck zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrckte
Trieb und der ihn unterdrckende zur gleichzeitigen und gemeinsamen
Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist _angeblich_ ein Schutz
gegen die verbotene Handlung; wir mchten aber sagen, sie ist
_eigentlich_ die Wiederholung des Verbotenen. Das angeblich wendet
sich hier der bewuten, das eigentlich der unbewuten Instanz des
Seelenlebens zu. So ist auch das Tabuzeremoniell der Knige angeblich
die hchste Ehrung und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe fr
ihre Erhhung, die Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die
Erfahrungen, die _Sancho Pansa_ bei _Cervantes_ als Gouverneur auf
seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des hfischen
Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr
wohl mglich, da wir weitere Zustimmungen zu hren bekmen, wenn wir
Knige und Herrscher von heute zur uerung darber veranlassen knnten.

Warum die Gefhlseinstellung gegen die Herrscher einen so mchtigen
unbewuten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein sehr
interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit berschreitendes Problem.
Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;
fgen wir hinzu, da die Verfolgung der Vorgeschichte des Knigtums uns
die entscheidenden Aufklrungen bringen mte. Nach _Frazers_
eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugestndnis nicht ganz zwingenden
Errterungen waren die ersten Knige Fremde, die nach kurzer Herrschaft
zum Opfertod bei feierlichen Festen als Reprsentanten der Gottheit
bestimmt waren(34). Noch die Mythen des Christentums wren von der
Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Knige berhrt.

  (34) _Frazer_, The magic art and the evolution of kings. 2vol.
  1911. (The golden bough).


c) Das Tabu der Toten.

Wir wissen, da die Toten mchtige Herrscher sind; wir werden vielleicht
erstaunt sein zu erfahren, da sie als Feinde betrachtet werden.

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Vergleiches mit
der Infektion bleiben drfen, bei den meisten primitiven Vlkern eine
besondere Virulenz. Es uert sich zunchst in den Folgen, welche die
Berhrung des Toten nach sich zieht, und in der Behandlung der um den
Toten Trauernden. Bei den _Maori_ war jeder, der eine Leiche berhrt
oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs uerste unrein und
nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen
boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe
kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte
nicht einmal Nahrung mit seinen Hnden berhren, diese waren ihm durch
ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen
auf den Boden hin, und ihm blieb nichts brig, als sich seiner mit den
Lippen und den Zhnen, so gut es eben ging, zu bemchtigen, whrend er
seine Hnde nach dem Rcken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt,
da eine andere Person ihn fttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm
tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berhren, aber diese
Hilfsperson war dann selbst Einschrnkungen unterworfen, die nicht viel
weniger drckend waren als seine eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein
ganz verkommenes, von der Gesellschaft ausgestoenes Individuum, das in
der armseligsten Weise von sprlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es
allein gestattet, sich auf Armeslnge dem zu nhern, der die letzte
Pflicht gegen einen Verstorbenen erfllt hatte. War aber dann die Zeit
der Abschlieung vorber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte
sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen
er sich in der gefhrlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles
Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war.

Die Tabugebruche nach der krperlichen Berhrung von Toten sind in ganz
Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die nmlichen; ihr
konstantestes Stck ist das Verbot, Nahrung selbst zu berhren, und die
sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen gefttert zu werden. Es
ist bemerkenswert, da in Polynesien oder vielleicht nur in _Hawaii_(35)
Priesterknige whrend der Ausbung heiliger Handlungen derselben
Beschrnkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf _Tonga_ tritt die
Abstufung und allmhliche Aufhebung der Verbote durch die eigene
Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten Huptlings
berhrt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst ein
Huptling war, nur durch drei, vier oder fnf Monate, je nach dem Rang
des Verstorbenen; aber wenn es sich um die Leiche des vergtterten
Oberhuptlings handelte, wurden selbst die grten Huptlinge durch zehn
Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, da, wer solche
Tabuvorschriften bertritt, schwer erkranken und sterben mu, so fest,
da sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch
gewagt haben, sich vom Gegenteil zu berzeugen(36).

  (35) _Frazer_, Taboo, p.138usf.

  (36) W. _Mariner_, The natives of the Tonga Islands, 1818, bei
  _Frazer_, l.c. p.140.

Im wesentlichen gleichartig, aber fr unsere Zwecke interessanter sind
die Tabubeschrnkungen jener Personen, deren Berhrung mit den Toten in
bertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angehrigen, der
Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erwhnten Vorschriften nur
den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsfhigkeit des
Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch,
und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir fr die
tiefliegenden, echten halten drfen.

Bei den _Shuswap_ in _Britisch-Columbia_ mssen Witwen und Witwer
whrend ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie drfen weder ihren
eigenen Krper noch ihren Kopf mit ihren Hnden berhren; alles
Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogen.
Kein Jger wird sich der Htte, in welcher solche Trauernde wohnen,
nhern wollen, denn das brchte ihm Unglck; wenn der Schatten eines
Trauernden auf ihn fallen wrde, mte er erkranken. Die Trauernden
schlafen auf Dornbschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese
letztere Maregel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen ferne zu
halten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen nordamerikanischen
Stmmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang nach dem Tode des
Mannes ein hosenartiges Kleidungsstck aus trockenem Gras zu tragen, um
sich unzugnglich fr die Annherung des Geistes zu machen. So wird uns
die Vorstellung nahe gelegt, da die Berhrung im bertragenen Sinne
doch nur als ein krperlicher Kontakt verstanden wird, da der Geist des
Verstorbenen nicht von seinen Angehrigen weicht, nicht ablt, sie
whrend der Zeit der Trauer zu umschweben.

Bei den _Agutainos_, die auf _Palawan_, einer der _Philippinen_, wohnen,
darf eine Witwe ihre Htte die ersten sieben oder acht Tage nach dem
Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, wenn sie
Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, gert in Gefahr,
augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer
Annherung, indem sie bei jedem Schritt mit einem hlzernen Stab gegen
die Bume schlgt; diese Bume aber verdorren. Worin die Gefhrlichkeit
einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere Beobachtung
erlutert. Im _Mekeo_bezirk von _Britisch-Neu-Guinea_ wird ein Witwer
aller brgerlichen Rechte verlustig und lebt fr eine Weile wie ein
Ausgestoener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht ffentlich
zeigen, das Dorf und die Strae nicht betreten. Er schleicht wie ein
wildes Tier im hohen Gras oder im Gebsch umher, und mu sich im
Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib,
herannahen sieht. Diese letzte Andeutung macht es uns leicht, die
Gefhrlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der
_Versuchung_ zurckzufhren. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll
dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat mit demselben
Wunsch zu kmpfen und mag berdies als herrenlos die Begehrlichkeit
anderer Mnner erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung luft gegen den
Sinn der Trauer; sie mte den Zorn des Geistes auflodern lassen.(37)

  (37) Dieselbe Kranke, deren Unmglichkeiten ich oben (S.221) mit
  den Tabu zusammengestellt habe, bekannte, da sie jedesmal in
  Entrstung gerate, wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der
  Strae begegne. Solchen Leuten sollte das Ausgehen verboten sein!

Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebruche der
Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den _Namen_ des Verstorbenen
auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige
Ausfhrungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt.

Auer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabugebruche
in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Verbot bei
so entfernten und einander so fremden Vlkern, wie die _Samojeden_ in
Sibirien und die _Todas_ in Sdindien, die _Mongolen_ der Tartarei und
die _Tuaregs_ der Sahara, die _Aino_ in Japan und die _Akamba_ und
_Nandi_ in Zentralafrika, die _Tinguanen_ auf den _Philippinen_ und die
Einwohner der _Nikobarischen_ Inseln, von _Madagaskar_ und _Borneo_(38).
Bei einigen dieser Vlker gilt das Verbot und die aus ihm sich
ableitenden Folgen nur fr die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es
permanent, doch scheint es in allen Fllen mit der Entfernung vom
Zeitpunkt des Todesfalles abzublassen.

  (38) _Frazer_, l.c. p.353.

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel
auerordentlich strenge gehandhabt. So gilt es bei manchen
sdamerikanischen Stmmen als die schwerste Beleidigung der
berlebenden, den Namen des verstorbenen Angehrigen vor ihnen
auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die
fr eine Mordtat selbst festgesetzte(39). Warum die Nennung des Namens
so verabscheut werden sollte, ist zunchst nicht leicht zu erraten, aber
die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von
Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen
interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die _Masai_ in Afrika auf
die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach
seinem Tode zu ndern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen
erwhnt werden, whrend alle Verbote an den alten geknpft bleiben. Es
scheint dabei vorausgesetzt, da der Geist seinen neuen Namen nicht
kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stmme an der
_Adelaide_ und der _Encounter Bay_ sind in ihrer Vorsicht so konsequent,
da nach einem Todesfall alle Personen ihren Namen gegen einen anderen
vertauschen, welche ebenso oder sehr hnlich geheien haben wie der
Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erwgung die
Namensnderung nach einem Todesfall bei allen Angehrigen des
Verstorbenen vorgenommen, ohne Rcksicht auf den Gleichklang der Namen,
so bei einigen Stmmen in _Victoria_ und in _Nordwestamerika_. Ja bei
den _Guaycurus_ in _Paraguay_ pflegte der Huptling bei so traurigem
Anla allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan
erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen htten(40).

  (39) _Frazer_, l.c. p.352usf.

  (40) _Frazer_, l.c. p.357 nach einem alten spanischen Beobachter
  1732.

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines
Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den
angefhrten Vlkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu
benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen
erinnert werde. Daraus mute sich eine nie zur Ruhe kommende Vernderung
des Sprachschatzes ergeben, die den Missionren Schwierigkeiten genug
bereitete, besonders wo die Namensverpnung eine permanente war. In den
sieben Jahren, die der Missionr _Dobrizhofer_ bei den _Abiponen_ in
Paraguay verbrachte, wurde der Name fr Jaguar dreimal abgendert, und
die Worte fr Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten hnliche
Schicksale(41). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem
Verstorbenen angehrt hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin
aus, da man alles zu erwhnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine
Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrckungsprozesses
ergibt sich, da diese Vlker keine Tradition, keine historischen
Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die
grten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser
primitiven Vlker haben sich aber auch kompensierende Gebruche
eingebrgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von
Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die
Wiedergeburt der Toten betrachtet werden.

  (41) _Frazer_, l.c. p.360.

Das Befremdende dieses Namentabu ermigt sich, wenn wir daran gemahnt
werden, da fr die Wilden der Name ein wesentliches Stck und ein
wichtiger Besitz der Persnlichkeit ist, da sie dem Wort volle
Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten
ausgefhrt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme
einer bedeutungslosen Worthnlichkeit begngen, sondern konsequent
schlieen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so
mte damit eine tiefgehende bereinstimmung zwischen beiden bezeichnet
sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten
seines Benehmens noch erraten, da er von dem Voll- und Wichtignehmen
der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und da sein
Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es
stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anla
findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewuten Denkttigkeit
hinzuweisen(42). Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu
erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die
volle Komplexempfindlichkeit gegen das Aussprechen und Anhren
bestimmter Worte und Namen (hnlich wie auch andere Neurotiker), und
leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft
schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die
Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er
knnte in jemandens Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stckes
von ihrer Persnlichkeit gekommen wre. In der krampfhaften Treue, durch
die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schtzen mute,
hatte sie sich das Gebot geschaffen, nichts von ihrer Person
herzugeben. Dazu gehrte zunchst der Name, in weiterer Ausdehnung die
Handschrift, und darum gab sie schlielich das Schreiben auf.

  (42) _Stekel_, _Abraham_.

So finden wir es nicht mehr auffllig, wenn von den Wilden der Name des
Toten als ein Stck seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den
Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten
lt sich auf die Berhrung mit ihm zurckfhren, und wir drfen uns dem
umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berhrung von so strengem
Tabu betroffen ist.

Die naheliegendste Erklrung wrde auf das natrliche Grauen hinweisen,
welches der Leichnam und die Vernderungen, die alsbald an ihm bemerkt
werden, erregt. Daneben mte man der Trauer um den Toten einen Platz
einrumen, als Motiv fr alles, was sich auf diesen Toten bezieht.
Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten
der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklren, da die
Erwhnung des Toten ein schwerer Schimpf fr dessen Hinterbliebene ist.
Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu beschftigen,
sein Andenken auszuarbeiten und fr mglichst lange Zeit zu erhalten.
Fr die Eigentmlichkeiten der Tabugebruche mu etwas anderes als die
Trauer verantwortlich gemacht werden, etwas, was offenbar andere
Absichten als diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns
dies noch unbekannte Motiv und sagten es die Gebruche nicht, so wrden
wir es aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren.

Sie machen nmlich kein Hehl daraus, da sie sich vor der Gegenwart und
der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen _frchten_; sie ben eine
Menge von Zeremonien, um ihn fern zu halten, ihn zu vertreiben(43).
Seinen Namen auszusprechen, dnkt ihnen eine Beschwrung, der seine
Gegenwart auf dem Fue folgen wird(44). Sie tun darum folgerichtig
alles, um einer solchen Beschwrung und Erweckung aus dem Wege zu gehen.
Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(45), oder sie
entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wten gegen den
rcksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf
seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmglich, der Folgerung
auszuweichen, da sie nach _Wundts_ Ausdruck, an der Furcht vor seiner
zum Dmon gewordenen Seele leiden(46).

  (43) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei _Frazer_,
  l.c., p.353, die Tuaregs der Sahara angefhrt.

  (44) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fgen: so lange noch etwas
  von seinen krperlichen berresten existiert. _Frazer_, l.c., p.372.

  (45) Auf den Nikobaren. _Frazer_, l.c., p.382.

  (46) _Wundt_, Religion und Mythus, II.B., p.49.

Mit dieser Einsicht wren wir bei der Besttigung der Auffassung
_Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehrt haben, in
der Angst vor den Dmonen findet.

Die Voraussetzung dieser Lehre, da das teuere Familienmitglied mit dem
Augenblicke seines Todes zum Dmon wird, von dem die Hinterbliebenen nur
Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen bse Gelste sie sich
mit allen Mitteln schtzen mssen, ist so sonderbar, da man ihr
zunchst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle magebenden
Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben.
_Westermarck_, der in seinem Werke: Ursprung und Entwicklung der
Moralbegriffe dem Tabu, nach meiner Schtzung, viel zu wenig Beachtung
schenkt, uert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt:
berhaupt lt mich mein Tatsachenmaterial den Schlu ziehen, da die
Toten hufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(47) und da
_Jevons_ und _Grant Allen_ im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe
frher geglaubt, die Bswilligkeit der Toten richte sich in der Regel
nur gegen Fremde, whrend sie fr Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und
Clangenossen vterlich besorgt seien.

  (47) _Westermarck_, l.c., II.B., p.424. In der Anmerkung und in der
  Fortsetzung des Textes die reiche Flle von besttigenden, oft sehr
  charakteristischen Zeugnissen, z.B.: Die Maoris glaubten, da die
  nchsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen ndern
  und selbst gegen ihre frheren Lieblinge bel gesinnt werden. -- Die
  Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit bsartig; je
  enger die Verwandtschaft, desto grer die Furcht. Die Zentraleskimo
  werden von der Vorstellung beherrscht, da die Toten erst spt zur
  Ruhe gelangen, anfnglich aber zu frchten seien als unheilbrtende
  Geister, die das Dorf hufig umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes
  Unheil zu verbreiten. (_Boas._)

R. _Kleinpaul_ hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten
Seelenglaubens bei den zivilisierten Vlkern zur Darstellung des
Verhltnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(48). Es
gipfelt auch nach ihm in der berzeugung, da die Toten mordlustig die
Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten tten; das Skelett, als welches
der Tod _heute_ gebildet wird, stellt dar, da der Tod selbst nur ein
Toter ist. Nicht eher fhlt sich der Lebendige vor der Nachstellung der
Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn
gebracht hat. Daher begrub man die Toten gerne auf Inseln, brachte sie
auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrcke Diesseits und Jenseits
sind hievon ausgegangen. Eine sptere Milderung hat die Bswilligkeit
der Toten auf jene Kategorien beschrnkt, denen man ein besonderes Recht
zum Groll einrumen mute, auf die Ermordeten, die ihren Mrder als bse
Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie
die Brute. Aber ursprnglich, meint _Kleinpaul_, waren alle Toten
Vampyre, alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden,
sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat berhaupt erst den Begriff
eines bsen Geistes geliefert.

  (48) R. _Kleinpaul_: Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben,
  Religion und Sage. 1898.

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu
Dmonen, lt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die
Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnesnderung
zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dmonen? _Westermarck_ glaubt,
diese Frage leicht zu beantworten(49). Da der Tod zumeist fr das
schlimmste Unglck gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt
man, da die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal uerst unzufrieden
seien. Nach Auffassung der Naturvlker stirbt man nur durch Ttung, sei
es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht
man die Seele als rachschtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie
die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehrigen
-- es ist daher begreiflich, da sie trachtet, sie durch Krankheiten zu
tten, um mit ihnen vereinigt zu werden....

...Eine weitere Erklrung der Bsartigkeit, die man den Seelen
zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht
ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.

  (49) l.c., p.426.

Das Studium der psychoneurotischen Strungen weist uns auf eine
umfassendere Erklrung hin, welche die _Westermarcksche_ miteinschliet.

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod
verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, da die berlebende von
peinigenden Bedenken, die wir Zwangsvorwrfe heien, befallen wird, ob
sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlssigkeit den Tod
der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie
sorgfltig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurckweisung der
behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa
den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit
langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Flle hat
uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben
erfahren, da diese Zwangsvorwrfe in gewissem Sinne berechtigt und nur
darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die
Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlssigung
wirklich begangen htte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war
doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewuter Wunsch, der mit
dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigefhrt htte, wenn er
im Besitze der Macht gewesen wre. Gegen diesen unbewuten Wunsch
reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im
Unbewuten versteckte Feindseligkeit hinter zrtlicher Liebe gibt es nun
in fast allen Fllen von intensiver Bindung des Gefhls an eine
bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz
menschlicher Gefhlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem
Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise
ist es nicht so viel, da die beschriebenen Zwangsvorwrfe daraus
entstehen knnen. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich
gerade im Verhltnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am
wenigsten erwarten wrde, manifestieren. Die Disposition zur
Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich
herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Ma solcher
ursprnglicher Gefhlsambivalenz gegeben.

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dmonentum der
frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die
Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schtzen, erklren kann. Wenn
wir annehmen, da dem Gefhlsleben der Primitiven ein hnlich hohes Ma
von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der
Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verstndlich,
da nach dem schmerzlichen Verlust eine hnliche Reaktion gegen die im
Unbewuten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die
Zwangsvorwrfe erwiesen wurde. Diese im Unbewuten als Befriedigung ber
den Todesfall peinlich versprte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven
ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der
Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heien diesen im
normalen wie im krankhaften Seelenleben hufigen Abwehrvorgang eine
_Projektion_. Der berlebende leugnet nun, da er je feindselige
Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des
Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie ber die ganze Zeit der Trauer
zu bettigen bemht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser
Gefhlsreaktion wird sich trotz der geglckten Abwehr durch Projektion
darin uern, da man sich frchtet, sich Verzicht auferlegt und sich
Einschrnkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaregeln gegen
den feindlichen Dmon verkleidet. Wir finden so wiederum, da das Tabu
auf dem Boden einer ambivalenten Gefhlseinstellung erwachsen ist. Auch
das Tabu der Toten rhrt von dem Gegensatze zwischen dem bewuten
Schmerz und der unbewuten Befriedigung ber den Todesfall her. Bei
dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverstndlich, da
gerade die nchsten und frher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am
meisten zu frchten haben.

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespltig wie die
neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als
Einschrnkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie
sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den
Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der
Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote
ist wehrlos, das mu zur Befriedigung der feindseligen Gelste an ihm
reizen, und dieser Versuchung mu das Verbot entgegengesetzt werden.

_Westermarck_ hat aber Recht, wenn er fr die Auffassung der Wilden
keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natrlich Gestorbenen gelten
lassen will. Fr das unbewute Denken ist auch der ein Gemordeter, der
eines natrlichen Todes gestorben ist; die bsen Wnsche haben ihn
gettet. (Vergl. die nchste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie
und Allmacht der Gedanken.) Wer sich fr Herkunft und Bedeutung der
Trume vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister)
interessiert, der wird beim Trumer, beim Kind und beim Wilden die volle
bereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegrndet auf die nmliche
Gefhlsambivalenz, feststellen knnen.

Wir haben vorhin einer Auffassung von _Wundt_ widersprochen, welche das
Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dmonen findet, und doch haben wir
soeben der Erklrung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die
Furcht vor der zum Dmon gewordenen Seele des Verstorbenen zurckfhrt.
Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn
aufzulsen. Wir haben die Dmonen zwar angenommen, aber nicht als etwas
Letztes und fr die Psychologie Unauflsbares gelten lassen. Wir sind
gleichsam hinter die Dmonen gekommen, indem wir sie als Projektionen
der feindseligen Gefhle erkennen, welche die berlebenden gegen die
Toten hegen.

Die nach unserer gut begrndeten Annahme zwiespltigen -- zrtlichen und
feindseligen -- Gefhle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit
des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als
Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegenstzen mu es zum Konflikt
kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz
oder zum greren Anteile--, unbewut ist, kann der Ausgang des
Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitten von
einander mit bewuter Einsetzung des berschusses bestehen, etwa wie
wenn man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Krnkung
verzeiht. Der Proze erledigt sich vielmehr durch einen besonderen
psychischen Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als _Projektion_
zu bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts wei
und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in
die Auenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelst und der
anderen zugeschoben. Nicht wir, die berlebenden, freuen uns jetzt
darber, da wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn,
aber er ist jetzt merkwrdigerweise ein bser Dmon geworden, dem unser
Unglck Befriedigung bereiten wrde, der uns den Tod zu bringen sucht.
Die berlebenden mssen sich nun gegen diesen bsen Feind verteidigen;
sie sind von der inneren Bedrckung entlastet, haben sie aber nur gegen
eine Bedrngnis von auen eingetauscht.

Es ist nicht abzuweisen, da dieser Projektionsvorgang, welcher die
Verstorbenen zu bswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen
Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen
wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Hrte, Herrschsucht,
Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zrtlichsten
Verhltnisse unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach
zugehen, da uns dieses Moment fr sich allein die Projektionsschpfung
der Dmonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen
enthalten gewi einen Teil der Motivierung fr die Feindseligkeit der
berlebenden, aber sie wren unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit
aus ihnen erfolgt wre, und der Zeitpunkt ihres Todes wre gewi der
ungeeignetste Anla, die Erinnerung an die Vorwrfe zu wecken, die man
ihnen zu machen berechtigt war. Wir knnen die unbewute Feindseligkeit
als das regelmig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht
entbehren. Diese feindselige Strmung gegen die nchsten und teuersten
Angehrigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, d.h. sich dem
Bewutsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung
verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaten
Personen war dies nicht mehr mglich, der Konflikt wurde akut. Die aus
der gesteigerten Zrtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits
unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es
nicht zulassen, da sich aus letzterer nun ein Gefhl der Befriedigung
ergebe. Somit kam es zur Verdrngung der unbewuten Feindseligkeit auf
dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die
Furcht vor der Bestrafung durch die Dmonen Ausdruck findet, und mit dem
zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schrfe, so
da das Tabu dieser Toten sich abschwchen oder in Vergessenheit
versinken darf.




4.


Haben wir so den Boden geklrt, auf dem das beraus lehrreiche Tabu der
Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versumen, einige Bemerkungen
anzuknpfen, die fr das Verstndnis des Tabu berhaupt bedeutungsvoll
werden knnen.

Die Projektion der unbewuten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die
Dmonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgngen,
denen der grte Einflu auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens
zugesprochen werden mu. In dem betrachteten Falle dient die Projektion
der Erledigung eines Gefhlskonfliktes; sie findet die nmliche
Verwendung in einer groen Anzahl von psychischen Situationen, die zur
Neurose fhren. Aber die Projektion ist nicht fr die Abwehr geschaffen,
sie kommt auch zu Stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion
innerer Wahrnehmungen nach auen ist ein primitiver Mechanismus, dem
z.B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der
Gestaltung unserer Auenwelt normalerweise den grten Anteil hat. Unter
noch nicht gengend festgestellten Bedingungen werden innere
Wahrnehmungen auch von Gefhls- und Denkvorgngen wie die
Sinneswahrnehmungen nach auen projiziert, zur Ausgestaltung der
Auenwelt verwendet, whrend sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es
hngt dies vielleicht genetisch damit zusammen, da die Funktion der
Aufmerksamkeit ursprnglich nicht der Innenwelt, sondern den von der
Auenwelt zustrmenden Reizen zugewendet war, und von den
endopsychischen Vorgngen nur die Nachrichten ber Lust- und
Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten
Denksprache, durch die Verknpfung der sinnlichen Reste der
Wortvorstellungen mit inneren Vorgngen, wurden diese selbst allmhlich
wahrnehmungsfhig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch
Projektion innerer Wahrnehmungen nach auen ein Bild der Auenwelt
entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewutseinswahrnehmung in
Psychologie zurckbersetzen mssen.

Die Projektion der eigenen bsen Regungen in die Dmonen ist nur ein
Stck eines Systems, welches die Weltanschauung der Primitiven
geworden ist und das wir in der nchsten Abhandlung dieser Reihe als das
animistische kennen lernen werden. Wir werden dann die psychologischen
Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen haben und unsere
Anhaltspunkte in der Analyse jener Systembildungen finden, welche uns
wiederum die Neurosen entgegenbringen. Wir wollen vorlufig nur
verraten, da die sogenannte sekundre Bearbeitung des Trauminhaltes
das Vorbild fr alle diese Systembildungen ist. Vergessen wir auch nicht
daran, da es vom Stadium der Systembildung an zweierlei Ableitungen fr
jeden vom Bewutsein beurteilten Akt gibt, die systematische und die
reale, aber unbewute(50).

  (50) Den Projektionsschpfungen der Primitiven stehen die
  Personifikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden
  entgegengesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich
  herausstellt.

_Wundt_(51) bemerkt, da unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten
den Dmonen zuschreibt, zunchst die _unheilvollen_ berwiegen, so da
im Glauben der Vlker sichtlich die bsen Dmonen lter sind als die
guten. Es ist nun sehr wohl mglich, da der Begriff des Dmons
berhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde.
Die diesem Verhltnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren
Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geuert, da sie aus der
nmlichen Wurzel zwei vllig entgegengesetzte psychische Bildungen
hervorgehen lie: Dmonen- und Gespensterfurcht einerseits, die
Ahnenverehrung anderseits(52). Da die Dmonen stets als die Geister
_krzlich_ Verstorbener gefat werden, bezeugt wie nichts anderes den
Einflu der Trauer auf die Entstehung des Dmonenglaubens. Die Trauer
hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die
Erinnerungen und Erwartungen der berlebenden von den Toten ablsen. Ist
diese Arbeit geschehen, so lt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und
der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dmon. Dieselben Geister
aber, die zunchst als Dmonen gefrchtet wurden, gehen nun der
freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur
Hilfeleistung angerufen zu werden.

  (51) Mythus und Religion, II., S.129.

  (52) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an
  Gespensterangst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fllt es
  oft nicht schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven.
  Vergleiche hiezu auch die Sexualgespenster betitelte Mitteilung von
  P. _Haeberlin_ (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um
  eine andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben
  war.

berblickt man das Verhltnis der berlebenden zu den Toten im Wandel
der Zeiten, so ist es unverkennbar, da dessen Ambivalenz
auerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die
unbewute, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten
niederzuhalten, ohne da es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefr
bedrfte. Wo frher der befriedigte Ha und die schmerzhafte
Zrtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine
Narbenbildung die Piett und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur
die Neurotiker trben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren
durch Anflle von Zwangsvorwrfen, welche in der Psychoanalyse die alte
ambivalente Gefhlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem
Wege diese nderung herbeigefhrt wurde, inwieweit sich konstitutionelle
nderung und reale Besserung der familiren Beziehungen in deren
Verursachung teilen, das braucht hier nicht errtert zu werden. Aber man
knnte durch dieses Beispiel zur Annahme gefhrt werden, _es sei den
Seelenregungen der Primitiven berhaupt ein hheres Ma von Ambivalenz
zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist.
Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das
Kompromisymptom des Ambivalenzkonfliktes._ Von den Neurotikern, welche
gentigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu
reproduzieren, wrden wir sagen, da sie eine archaistische Konstitution
als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im
Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen
Aufwand zwingt.

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden
Auskunft, welche uns _Wundt_ ber die Doppelbedeutung des Wortes Tabu:
heilig und unrein geboten hat (s.o.). Ursprnglich habe das Wort Tabu
heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dmonische
bezeichnet, das nicht berhrt werden darf, und somit ein wichtiges, den
beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch
beweise diese bleibende Gemeinschaft, da zwischen den beiden Gebieten
des Heiligen und des Unreinen eine ursprngliche bereinstimmung
obwalte, die erst spter einer Differenzierung gewichen sei.

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Errterungen mhelos ab, da
dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwhnte Doppelbedeutung zukommt,
da es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles
dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. _Tabu_ ist
selbst ein ambivalentes Wort, und nachtrglich meinen wir, man htte aus
dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten knnen, was sich
als Ergebnis weitlufiger Untersuchung herausgestellt hat, da das
Tabuverbot als das Resultat einer Gefhlsambivalenz zu verstehen ist.
Das Studium der ltesten Sprachen hat uns belehrt, da es einst viele
solche Worte gab, welche Gegenstze in sich faten, in gewissem -- wenn
auch nicht in ganz dem nmlichen Sinne -- wie das Wort Tabu ambivalent
waren(53). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes
haben spter dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegenstzen
einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen.

  (53) Vgl. mein Referat ber _Abels_ Gegensinn der Urworte im
  Jahrbuch f. psycho-analyt. und psycho-pathol. Forschungen, Bd.II,
  1910.

Das Wort _Tabu_ hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden
Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst,
respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden.
Ich hoffe, in spterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu knnen,
da sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare
historische Wandlung verbirgt, da das Wort zuerst an ganz bestimmten
menschlichen Relationen haftete, denen die groe Gefhlsambivalenz eigen
war, und da es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt
wurde.

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verstndnis des Tabu auch ein Licht
auf die Natur und Entstehung des _Gewissens_. Man kann ohne Dehnung der
Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewutsein nach
bertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die
lteste Form, in welcher uns das Phnomen des Gewissens entgegentritt.

Denn was ist Gewissen? Nach dem Zeugnis der Sprache gehrt es zu dem,
was man am gewissesten wei; in manchen Sprachen scheidet sich seine
Bezeichnung kaum von der des Bewutseins.

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in uns
bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, da diese
Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, da sie ihrer
selbst gewi ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewutsein, der
Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir
bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begrndung erscheint hier
berflssig; jeder, der ein Gewissen hat, mu die Berechtigung der
Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Handlung, in sich
verspren. Diesen nmlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der
Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung
lt ein entsetzliches Schuldgefhl entstehen, welches ebenso
selbstverstndlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(54).

  (54) Es ist eine interessante Parallele, da das Schuldbewutsein des
  Tabu in nichts gemindert wird, wenn die bertretung unwissentlich
  geschah (siehe Beispiele oben), und da noch im griechischen Mythus
  die Verschuldung des dipus nicht aufgehoben wird dadurch, da sie
  ohne, ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde.

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer
Gefhlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen
diese Ambivalenz haftet, und unter den fr das Tabu und die
Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, da das eine Glied des
Gegensatzes unbewut sei und durch das zwanghaft herrschende andere
verdrngt erhalten werde. Zu diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir
aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, da im Charakter der
Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt
als Reaktionssymptom gegen die im Unbewuten lauernde Versuchung, und
da bei Steigerung des Krankseins die hchsten Grade von
Schuldbewutsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den
Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des
Schuldbewutseins ergrnden knnen, so haben wir berhaupt keine
Aussicht, dieselbe je zu erfahren. Die Lsung dieser Aufgabe gelingt nun
beim einzelnen neurotischen Individuum; fr die Vlker getrauen wir uns
eine hnliche Lsung zu erschlieen.

Zweitens mu es uns auffallen, da das Schuldbewutsein viel von der
Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als Gewissensangst
beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewute Quellen hin; wir
haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, da, wenn Wunschregungen der
Verdrngung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu
wollen wir erinnern, da auch beim Schuldbewutsein etwas unbekannt und
unbewut ist, nmlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten
entspricht der Angstcharakter des Schuldbewutseins.

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten uert, so ist eine berlegung
denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverstndlich und bedrfe keines
weitlufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, da ihm eine
positive, begehrende Strmung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun
begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls mu
das, was aufs nachdrcklichste verboten wird, doch Gegenstand eines
Begehrens sein. Wenden wir diesen plausibeln Satz auf unsere Primitiven
an, so mten wir schlieen, es gehre zu ihren strksten Versuchungen,
ihre Knige und Priester zu tten, Inzest zu verben, ihre Toten zu
mihandeln und dergleichen. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den
entschiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nmlichen
Satz an den Fllen messen, in welchen wir selbst die Stimme des
Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir wrden dann mit
einer nicht zu bertreffenden Sicherheit behaupten, da wir nicht die
geringste Versuchung verspren, eines dieser Gebote zu bertreten, z.B.
das Gebot: Du sollst nicht morden, und da wir vor der bertretung
desselben nichts anderes verspren als Abscheu.

Mit man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie
beansprucht, so wird einerseits das Verbot berflssig -- das Tabu
sowohl, wie unser Moralverbot--, anderseits bleibt die Tatsache des
Gewissens unerklrt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und
Neurose entfallen; es ist also jener Zustand unseres Verstndnisses
hergestellt, der auch gegenwrtig besteht, so lange wir nicht
psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden.

Wenn wir aber der durch Psychoanalyse -- an den Trumen Gesunder --
gefundenen Tatsache Rechnung tragen, da die Versuchung, den anderen zu
tten, auch bei uns strker und hufiger ist, als wir ahnen, und da sie
psychische Wirkungen uert, auch wo sie sich unserem Bewutsein nicht
kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker
die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstrkten Impuls, zu
morden, erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz:
Wo ein Verbot vorliegt, mte ein Begehren dahinter sein, mit neuer
Schtzung zurckkehren. Wir werden annehmen, da dies Begehren, zu
morden, tatschlich im Unbewuten vorhanden ist, und da das Tabu wie
das Moralverbot psychologisch keineswegs berflssig ist, vielmehr durch
die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklrt und
gerechtfertigt wird.

Der eine so hufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses
Ambivalenzverhltnisses, da die positive begehrende Strmung eine
unbewute ist, erffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhnge und
Erklrungsmglichkeiten. Die psychischen Vorgnge im Unbewuten sind
nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewuten
Seelenleben bekannt sind, sondern genieen gewisse beachtenswerte
Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewuter
Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine uerung
finden; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprnglich
auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den
Mechanismus der _Verschiebung_ dorthin gelangt sein, wo er uns auffllt.
Er kann ferner dank der Unzerstrbarkeit und Unkorrigierbarkeit
unbewuter Vorgnge aus sehr frhen Zeiten, denen er angemessen war, in
sptere Zeiten und Verhltnisse hinbergerettet werden, in denen seine
uerungen fremdartig erscheinen mssen. All dies sind nur Andeutungen,
aber eine sorgfltige Ausfhrung derselben wrde zeigen, wie wichtig sie
fr das Verstndnis der Kulturentwicklung werden knnen.

Zum Schlusse dieser Errterungen wollen wir eine sptere Untersuchungen
vorbereitende Bemerkung nicht versumen. Wenn wir auch an der
Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen
wir doch nicht bestreiten, da eine psychologische Verschiedenheit
zwischen beiden bestehen mu. Eine Vernderung in den Verhltnissen der
grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, da das Verbot
nicht mehr in der Form des Tabu erscheint.

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuphnomene
von den nachweisbaren bereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten
lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale
Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin
der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kulturschpfung wie
das Tabu zu suchen ist.

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen.
Von der bertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe
befrchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe
droht nun dem, der sich die bertretung hat zu Schulden kommen lassen.
Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm
Verbotenes ausfhren soll, so frchtet er die Strafe nicht fr sich,
sondern fr eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber
durch die Analyse leicht als eine der ihm nchsten und von ihm
geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhlt sich also
hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die
Tabubertretung sich am Missetter nicht spontan gercht hat, dann
erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefhl, da sie durch den Frevel
alle bedroht wren, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung
selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser
Solidaritt zu erklren. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor
der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfhigkeit des Tabu
ist hier im Spiele. Wenn einer es zustandegebracht hat, das verdrngte
Begehren zu befriedigen, so mu sich in allen Gesellschaftsgenossen das
gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, mu der
eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, und
die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der
Rechtfertigung der Shne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen.
Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und
sie hat, wie gewi richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen
beim Verbrecher wie bei der rchenden Gesellschaft zur Voraussetzung.

Die Psychoanalyse besttigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir
seien alle arge Snder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der
Neurose erklren, die nichts fr sich und alles fr eine geliebte Person
frchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, da er nicht primr ist.
Ursprnglich, d.h. zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung
wie bei den Wilden der eigenen Person; man frchtete in jedem Falle fr
sein eigenes Leben; erst spter wurde die Todesangst auf eine andere
geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaen kompliziert,
aber wir bersehen ihn vollstndig. Zugrunde der Verbotbildung liegt
regelmig eine bse Regung -- ein Todeswunsch -- gegen eine geliebte
Person. Diese wird durch ein Verbot verdrngt, das Verbot an eine
gewisse Handlung geknpft, welche etwa die feindselige gegen die
geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausfhrung dieser
Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Proze geht weiter, und
der ursprngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen ist dann durch
die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also so zrtlich
altruistisch erweist, so _kompensiert_ sie damit nur die ihr zugrunde
liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus. Heien wir
die Gefhlsregungen, die durch die Rcksicht auf den anderen bestimmt
werden, und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, _soziale_, so
knnen wir das Zurcktreten dieser sozialen Faktoren als einen spter
durch berkompensation verhllten Grundzug der Neurose herausheben.

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung
zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an
einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum
Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die grte
hnlichkeit mit der Berhrungsangst der Neurotiker, dem Dlire de
toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelmig um das Verbot
sexueller Berhrung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt,
da die Triebkrfte, welche in der Neurose abgelenkt und verschoben
werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berhrung
offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere
des Angreifens, der Bemchtigung, des Geltendmachens der eigenen Person.
Wenn es verboten ist, den Huptling oder etwas, was mit ihm in Berhrung
war, selbst zu berhren, so soll damit demselben Impuls eine Hemmung
angelegt werden, der sich andere Male in der argwhnischen berwachung
des Huptlings, ja in seiner krperlichen Mihandlung vor der Krnung
(s. oben) zum Ausdruck bringt. _Somit ist das berwiegen der sexuellen
Triebanteile gegen die sozialen das fr die Neurose charakteristische
Moment._ Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von
egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten
entstanden.

An dem einen Beispiele von Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose lt
sich bereits erraten, welches das Verhltnis der einzelnen Formen von
Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der
Neurosenpsychologie fr das Verstndnis der Kulturentwicklung wichtig
wird.

Die Neurosen zeigen einerseits auffllige und tiefreichende
bereinstimmungen mit den groen sozialen Produktionen der Kunst, der
Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen
derselben. Man knnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein
Zerrbild einer Kunstschpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer
Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen
Systems. Diese Abweichung fhrt sich in letzter Auflsung darauf zurck,
da die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten
Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit
entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfhrt man, da in ihnen
die Triebkrfte sexueller Herkunft den bestimmenden Einflu ausben,
whrend die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen,
solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und sexueller Anteile
hervorgegangen sind. Das Sexualbedrfnis ist eben nicht imstande, die
Menschen in hnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu
einigen; die Sexualbefriedigung ist zunchst die Privatsache des
Individuums.

Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren
ursprnglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realitt in
eine lustvollere Phantasiewelt zu flchten. In dieser vom Neurotiker
gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die
von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der
Realitt ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen
Gemeinschaft.





  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~hagos~_ der Griechen,
  dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~agos~_ der Griechen,

  'gemein' bedeutet...
  'gemein' bedeutet...

  Vom Begriff das Tabu sagt _Wundt_, da es alle die Bruche umfat, in
  Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, da es alle die Bruche umfat, in

  nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dmonischer Mchte_(7).
  nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dmonischer Mchte_(7).

  durchgedrungen wre. Es war eine unerledigte Situation, ein psychische
  durchgedrungen wre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische

  annehmen, es lge im Sinne eines primitiven Seelenlebes, da mit der
  annehmen, es lge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, da mit der

  Hand kratzen, sondetn bediente sich dazu eines kleinen Steckens.
  Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens.

  Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihn nicht nur fr den Regen und
  Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur fr den Regen und

  auf einen Teil seines Reiches richtete so wrden Krieg, Hungersnot,
  auf einen Teil seines Reiches richtete, so wrden Krieg, Hungersnot,

  (29) _Bastian_, Die deutsche Expedition an der _Loangokste_, Jena
  (29) _Bastian_, Die deutsche Expedition an der _Loangokste_, Jena

  Niger, 1880.
  Niger, 1880.

  Der Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;
  Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;

  werden, da fr den Wilden der Name ein wesentliches Stck und ein
  werden, da fr die Wilden der Name ein wesentliches Stck und ein

  l.c, p.353, die Tuaregs der Sahara angefhrt.
  l.c., p.353, die Tuaregs der Sahara angefhrt.

  (46) _Wundt_. Religion und Mythus, II.B., p.49.
  (46) _Wundt_, Religion und Mythus, II.B., p.49.

  _Wundt's_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehrt haben, in
  _Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehrt haben, in

  Toten sicher, als bis er ein trennende Wasser zwischen sich und ihn
  Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn

  Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gee storbenen, wie
  Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie

  sie des Leben zu berauben. Der Leichnam hat berhaupt erst den Begriff
  sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat berhaupt erst den Begriff

  Primitiven dazu, ihren teueren Toten ein- solche Sinnesnderung
  Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnesnderung

  zuzuschreiben. Warum machten sie sie zu Dmonen? _Westermarck_ glaubt,
  zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dmonen? _Westermarck_ glaubt,

  Feindseligkeit auf den Toten, verschoben wird. Wir heien diesen im
  Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heien diesen im

  Stck eines Systems, welches die Weltanschauung der Primitiven
  Stck eines Systems, welches die Weltanschauung der Primitiven

  Hilfeleistung angerufen werden.
  Hilfeleistung angerufen zu werden.

  (51) Mythus und Religion, II., S.129.
  (51) Mythus und Religion, II., S.129.

  auf andere Personen und Relationen bezogen haben und dureh den
  auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den

  Ursprnglich, d.h. zuAnfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung
  Ursprnglich, d.h. zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Das Tabu und die Ambivalenz der
Gefhlsregungen, by Sigmund Freud

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ ***

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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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