The Project Gutenberg EBook of Trotzkopf's Brautzeit by Else Wildhagen



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Title: Trotzkopf's Brautzeit

Author: Else Wildhagen

Release Date: August 28, 2011 [Ebook #37241]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TROTZKOPF'S BRAUTZEIT***





                          [Illustration: Cover]





                              [Illustration]





                        [Illustration: Titelseite]

TROTZKOPF's
BRAUTZEIT
               VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
ZWEITER BAND zum "TROTZKOPF"
VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK

Achtundfnfzigste Auflage
oder
Dreissigste Auflage der Wohlfeilen Ausgabe

STUTTGART
GUSTAV WEISE VERLAG





               Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.






                              [Illustration]

Ilse und Leo saen lustig plaudernd auf der Veranda vor dem Macketschen
Hause. Der warme Mittagssonnenschein eines heiteren Oktobertages stahl
sich durch das dichte Blttergewirr des herbstlich gefrbten Weinlaubes zu
ihnen herein.

Leo Gontrau erzhlte soeben von seinem Leben in der kleinen Stadt, in
welcher er als Assessor angestellt war, und nach der er Ilse im kommenden
Frhjahr als seine Frau heimfhren wollte. Sie unterhielt sich kstlich
ber seine ebenso drastischen wie komischen Erzhlungen und sah im Geiste
die geschilderten Personen leibhaftig vor sich. Natrlich war sie schon
jetzt der Gegenstand des lebhaftesten Interesses in dem kleinen Ort und
Leo konnte nicht genug berichten, wie neugierig man sich nach ihr
erkundigte.

"Und mit all den langweiligen Tanten soll ich verkehren?" rief sie
endlich, "mit ihnen Kaffee trinken, klatschen, womglich grauwollene
Strmpfe dabei stricken?" Sie warf sich in den Stuhl zurck und brach in
ein unbndiges Gelchter aus.

"Na - es wird so schlimm nicht werden, Kind, und mir zuliebe mut du es
eben auch mal ber das Herz bringen, mit alten Tanten Kaffee zu trinken."

Das heitere Lcheln verschwand von ihrem Gesicht, und sie sah ihn erstaunt
an.

"Du meinst doch nicht im Ernst, Leo, da ich mit allen diesen Damen
verkehren mu?"

"Ja, Schatz," gab er ihr zur Antwort, "das mssen wir, ich bin Beamter und
habe Rcksichten zu nehmen, das ist nun einmal nicht anders und da wird
sich denn meine kleine Frau auch fgen mssen."

"Fgen," rief sie sich aufrichtend, "nein, Leo, fgen werde ich mich
nicht, besonders nicht, diese Besuche zu machen."

"Wie kannst du dich nur so ereifern, Ilse," sagte er lchelnd und
schttelte den Kopf.

"brigens findest du in B.... auch einige sehr nette junge Frauen, welche
dir gewi gefallen werden."

Sie unterbrach ihn spttisch. "Du bist ja sehr entzckt von unsrem
knftigen Bekanntenkreis; ich mu gestehen, mich verlangt es nicht nach
Bekanntschaften, wenn wir erst verheiratet sind. Nur dir will ich leben,
weiter niemand; du aber zhlst mir jetzt schon vor, mit wem ich verkehren
soll - dir liegt also nichts, gar nichts daran, mit mir allein zu sein."

Sie sah hbsch aus in ihrer Erregung; Leo mochte sie gern so sehen, mit
funkelnden Augen und gerteten Wangen.

Zrtlich zog er sie zu sich heran und strich liebkosend ber ihr Haar.

"Kleiner Brausekopf," sagte er, "kannst du denn nicht ruhig denken, nicht
ruhig mit mir ber unsre Zukunft sprechen?"

Sein etwas berlegenes Lcheln bei diesen Worten brachte sie noch mehr aus
der Fassung.

"Ja, du natrlich fgst dich willig in alles, aber das kann und tue ich
nicht! Denke nicht, da ich eine unterwrfige Frau werde, so eine 'Magd',
wie sie Chamisso besingt."

Trotzig warf sie die Lippen auf und zerzupfte mit solchem Eifer eine
schne dunkle Rose, als wre die unschuldige Blume die Urheberin ihres
rgers.

"Nein, nein," lachte er, "ich wei, ich bekomme ein widerspenstiges
Kthchen, kein sanftes Gretchen zur Frau. Aber du weit doch auch, Lieb,
wie Petruchio sein Kthchen bezwang, da sie zuletzt ganz gefgig ward
und, wenn er es wnschte, die Sonne fr den Mond ansah?"

Sie hrte nicht auf seine scherzenden Worte, ihre lebhafte Phantasie war
mit ihr weit fort geeilt. Sie sah sich im Geiste als junge Frau, brav und
ehrbar wie die andern Frauen, von denen ihr Leo erzhlt hatte; da durfte
sie gewi nicht scherzen, lachen und sagen, was sie wollte, mute gute
Lehren anhren, wurde gefragt und ausgeforscht. Das wrde sie aber nicht
ertragen, das ging nicht, und sie wollte sich von Leo das feste
Versprechen geben lassen, da er sie nicht zwingen wrde, diese
schrecklichen Besuche mit ihm zu machen.

Schweigend hatte der junge Mann seine Braut beobachtet und an ihrem
wechselnden Mienenspiel bemerkt, wie aufgeregt sie in ihrem Innern war.
Jetzt trat sie zu ihm heran und legte ihre Hand an seine Schulter.

"Leo, lieber Leo," sagte sie fast flehend, "versprich mir eins, wenn du
mich wahrhaft liebst! La uns, wenn wir erst verheiratet sind, ganz fr
uns leben; niemand soll unser Heim sehen, niemand wollen wir besuchen, das
denke ich mir reizend; nicht wahr, Schatz, du versprichst mir das? Gib mir
die rechte Hand darauf."

Unwillig wandte er sich ab.

"Nun kommst du wieder auf das alte Thema zurck; ich mu gestehen, du
stellst ein unvernnftiges Verlangen an mich, und ich kann dir deine Bitte
nicht erfllen. Du mut doch einsehen, da es zu meiner Stellung nicht
pat, wenn ich alle gesellschaftlichen Pflichten unbeachtet lasse! Ich
hoffe auch noch immer, du machst nur Scherz."

"Scherz?" brauste sie auf. "Du mut nicht glauben, da ich noch ein dummes
Kind bin, Leo. Ich wei genau, was ich will, und ich sage dir vorher, ich
mache deine langweiligen Besuche nicht mit."

Ihr alter leidenschaftlicher Trotz sprach bei diesen Worten aus ihren
Blicken, und gerade ihn, den sie so innig liebte, mute sie damit krnken.

"Wenn du erst meine Frau bist, liebe Ilse, so wirst du dich auch nach
meinen Wnschen zu richten haben," gab er ihr bestimmt zur Antwort, und
sein ernster Blick richtete sich fest auf sie. Aber schon gereute ihn
seine Entschiedenheit wieder, denn er liebte seine Braut ber alles, und
gerade ihr oft sprdes Wesen hatte ihn stets entzckt. Sie war ja noch ein
halbes Kind, bald wurde sie seine Frau und dann wrde alles anders sein;
er kannte ja den lieben Trotzkopf.

Sie stand an die Brstung der Veranda gelehnt und hielt die entbltterte
Rose noch immer in ihren Hnden. Die braunen Locken waren ihr wirr in die
heie Stirn gefallen, und die langen Wimpern lagen auf den tief gerteten
Wangen. Leo konnte den Blick nicht von ihr wenden, er sah nur das
liebreizende Bild vor sich, und aller Unmut war verraucht. Er sprang auf
und eilte zu ihr, seinen Arm zrtlich um ihren Nacken schlingend.

"Komm her, Lieb, setze dich wieder zu mir. Wollen wir uns um solche
Nichtigkeiten streiten, whrend uns eine selige, rosige Zukunft winkt?
Wenn du erst mein kleines Weib bist, dann sprechen wir wieder ber diese
Sache und dann - ich wei es - dann denkst du ganz anders darber."

Aus seinen schnen Augen sprach die innigste Liebe, aber Ilse war in
diesem Augenblick mit Blindheit geschlagen, sie empfand nur das Eine, - er
gab diesmal nicht nach.

Unwillig machte sie sich aus seinem Arm los und trat zurck.

"Das also ist deine Liebe," fuhr sie auf, "nicht den kleinsten Wunsch
erfllst du mir. Aber ich wiederhole noch einmal, ich will mich nicht
fgen, jetzt nicht und wenn ich deine Frau bin, erst recht nicht. Nein -
ich will dich auch nicht heiraten, denn ich sehe ein, du liebst mich nicht
mehr." Hier brach sie in Trnen aus, in kindische, zornige Trnen. Wollte
sie ihn dadurch zwingen, ihr nachzugeben? Dieser Gedanke stieg pltzlich
in Leo auf; aber das durfte nicht, das sollte nicht sein. Mit der
wrmsten, zrtlichsten Liebe hatte er sie zu beruhigen gesucht, und immer
wieder war er auf Trotz und Widerstand gestoen. Er war rgerlich, sehr
rgerlich, und sein Stolz bumte sich in ihm auf.

"Schme dich, Ilse," stie er hervor, "du betrgst dich wie ein
ungezogenes Kind."

In der Erregung klang seine Stimme vielleicht hrter, als er
beabsichtigte, denn Ilse fuhr fast entsetzt zurck bei seinen Worten.
"Schmen!" wiederholte sie und sah ihn ganz erstarrt an.

"Leo - Leo," rief sie mit zitternder Stimme, "nimm zurck, was du eben
sagtest."

"Ich kann meine Worte nicht zurcknehmen, Ilse," gab er ruhig zur Antwort,
"denn du betrgst dich wirklich wie ein recht ungezogenes kleines
Mdchen."

Das war zu viel! Ihr Atem flog, und sie war nicht fhig, ein Wort zu
erwidern. Ohne Leo noch eines Blickes zu wrdigen, lief sie in das Haus
und stie in der Tre fast mit ihrem Vater zusammen, der eben auf die
Veranda kommen wollte.

"Was hast du denn, Kind?" fragte er, als sie so hastig an ihm
vorbeistrmte und er ihre verweinten Augen sah. Doch sie gab ihm keine
Antwort; wie ein gescheuchtes Reh lief sie die Treppen hinauf in ihr
Zimmer und riegelte die Tre fest hinter sich zu. Sie warf sich in einen
Stuhl und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als wre ihr das
grte Unglck geschehen.

"Schmen" hatte er gesagt, und sie ein "ungezogenes Kind" genannt. Wie
demtigend klangen diese Worte; glaubte er denn ein Schulkind vor sich zu
haben, das er nach Belieben ausschelten konnte? - Sie richtete sich auf
und prete die Lippen fest aufeinander. Sie war kein Kind mehr, das wollte
sie ihm zeigen! Wie konnte er nur so zu ihr sprechen - fhlte er nicht,
wie furchtbar er sie krnkte? Ein neuer Trnenstrom brach aus ihren Augen,
sie legte die Hnde vor das Gesicht und schluchzte bitterlich. Immerfort
tnten in ihrem Ohr die Worte: "Schme dich, du betrgst dich wie ein
ungezogenes Kind," und "nein, nein, er liebt mich nicht mehr," antworteten
ihre Gedanken. Da sie ihn durch fortwhrenden Widerspruch erst zu dieser
uerung gereizt hatte, das kam ihr nicht in den Sinn, das gestand sie
sich nicht ein. Er hatte ihr groes Unrecht zugefgt, nur das empfand sie
in ihrer aufs hchste gesteigerten Aufregung. - Was sollte sie tun, was
beginnen? Wenn sie der Mama ihr Herz ausschttete? Sie fhlte wohl, da
diese ihr nicht recht geben wrde. Wenn sie zum Papa ginge? Ja, der wrde
seinen verzogenen Schtzling gewi in Schutz nehmen, aber lachend und
scherzend wie immer - und das ging nicht, dazu war die Sache zu ernst. -
Nein, es war auch am besten, wenn kein Mensch von dieser Krnkung erfuhr.
Niemand wollte sie ihr Leid klagen. Ja, wre Nellie hier - ihr wrde sie
alles anvertrauen, die wrde sie verstehen. Aber die geliebte Freundin war
in weiter Ferne; ach, wie schmerzlich sehnte sie sich in diesem Augenblick
nach ihr. Sie sttzte den brennenden Kopf in ihre Hand und blickte lange
sinnend vor sich hin. Nellies Bild stand lebhaft im Geiste vor ihr, sie
sah die treuen lieben Augen und hrte ihr kindlich frohes Lachen.

Knnte sie sich doch an ihre Brust lehnen, ihr alles erzhlen, was sie so
schwer bedrckte! Sie kam sich verlassen und einsam vor. Niemand verstand
sie, und sie wollte auch niemand sehen mit dieser Schmach im Herzen. Leos
Bild, das vor ihr auf dem Schreibtisch stand, schien sie spttisch
anzulcheln; sie stellte es fort, denn sie konnte diesen Blick nicht
ertragen. Die Luft in dem kleinen Zimmer kam ihr erdrckend vor, sie
konnte kaum Atem holen, und erst als sie beide Fensterflgel geffnet
hatte und die frische Herbstluft hereindrang, wurde ihr leichter.

Die Sonne war hinter Wolken verschwunden, welche immer dunkler und
schneller herangezogen kamen und auch das letzte helle Blau am Himmel
bedeckten. Ein starker Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den
alten Bumen, vor Ilses Augen tanzten wirbelnd welke Bltter durch die
Luft. Wie de und unfreundlich kam ihr mit einem Male die Natur vor, und
doch hatte sie heute im sonnenhellen Lichte noch so freundlich gelchelt.
So trbselig wie drauen sah es jetzt auch in ihrem Innern aus, sie
glaubte nie wieder froh werden zu knnen.

Ob Leo nicht zu ihr kommen wrde? Er mute doch einsehen, welch schwere
Beleidigung er ihr zugefgt hatte. Aber wenn er jetzt kme, wenn er jetzt
an ihre Tre klopfte - nein - sie wrde ihm nicht ffnen. Noch konnte sie
ihn nicht sehen und hren - noch strmte es zu heftig in ihrer Brust, und
so leicht wollte sie ihm nicht verzeihen, er hatte es nicht verdient.

Unten im Garten knirschte der Kies unter festen Tritten, und laute Stimmen
wurden hrbar. Hatte der Papa Besuch bekommen? Sie bog sich hinaus und sah
ihn mit Leo daherschreiten, welcher lebhaft zu ihm sprach. Seine Stimme
klang ruhig ohne die mindeste Erregung, als wre nichts vorgefallen. Jetzt
schien er sogar einen guten Witz zu erzhlen, denn Herr Macket brach in
ein schallendes Gelchter aus, in welches Leo lustig mit einstimmte. Wie
ein Miklang tnte dieses Lachen an ihr Ohr. Emprt schlug sie das Fenster
zu, da die beiden im Garten verwundert herauf sahen, - aber sie war
schnell zurckgetreten, und von neuem wurde sie von leidenschaftlichem
Zorn erfat. Das war zu viel! Also gleichgltig war ihm alles, er dachte
wohl gar nicht mehr daran, wie er sie gekrnkt hatte. Er war zum Lachen
und Scherzen aufgelegt, whrend sie so schwer litt. Sie konnte das nicht
ertragen, sie wollte ihm beweisen, da er kein Kind mehr vor sich hatte -
sie mute ihm zeigen, da sie sich eine solche Demtigung nicht gefallen
lie. Ja - das wollte sie ihm zeigen! - Aber wie? Was konnte sie beginnen?
- Wie ein Blitz durchfuhr sie pltzlich ein Gedanke, an dem sie sich
zitternden Herzens festklammerte. Sie wollte fort, fliehen, dann wrde er
ja wohl einsehen, da er ihr bitteres Unrecht getan hatte. Sie sah in
ihrem trichten Sinn nicht weiter, sie dachte nicht an die Sorge, den
Kummer, den sie ihren Eltern und Leo durch einen solchen Schritt bereiten
wrde. Der pltzlichen Eingebung folgte sie, ja sie kam sich in diesem
Augenblicke wie eine Heldin vor, ihr sonst so kindliches Gesicht nahm
einen entschlossenen Ausdruck an, und die Lippen waren trotzig aufeinander
gepret.

"Ich will fort und gleich - gleich jetzt!" Sie sagte diese Worte laut vor
sich hin, als wollte sie sich dadurch selbst in dem Entschlu befestigen,
ihr abenteuerliches Vorhaben auszufhren. Hastig durchschritt sie das
Zimmer. Die kleine Uhr, welche auf dem Ofensims stand, fing eben an zu
schlagen; "drei - vier" zhlte Ilse. Um fnf Uhr ging ein Zug nach F., wo
Nellies Mann seit seiner Verheiratung Oberlehrer am Gymnasium war. Eine
Reise zu ihr war schon lngst geplant, und Ilse hatte von den Eltern die
Erlaubnis erhalten, nach Weihnachten einige Wochen in F. zuzubringen. Der
stets sorgsame Papa hatte das Kursbuch schon genau studiert und fr sie
den Zug nachmittags fnf Uhr als den besten bestimmt. Den Bahnhof
erreichte sie von Moosdorf bequem in einer halben Stunde - danach war es
aber die hchste Zeit zum Aufbruch. Die verweinten Augen wusch sie mit
frischem Wasser und ordnete ihr wirres Haar; sie setzte ihren Hut auf,
holte ihren Mantel und hing ihn ber den Arm. So, nun war sie fertig; sie
dachte nicht daran, noch etwas andres mitzunehmen; sie tat alles mit einer
fliegenden Hast, als knnte es sie doch am Ende noch gereuen, den tollen
Streich beschlossen zu haben. Zum Glck fiel ihr im letzten Moment, als
sie schon die Trklinke in der Hand hielt, ein, da sie auch Geld haben
mte. Sie ging zurck und schlo ihren Schreibtisch wieder auf. Aus einem
Kstchen nahm sie 30 Mark, die ihr der Papa erst gestern schenkte, weil
sie irgend eine Dummheit begangen hatte, welche ihn entzckte und die er
unbedingt belohnen mute. Sie steckte das Portemonnaie in die Tasche und
ging nun schnell zur Tre hinaus und die Treppe hinab. An der Haustr
blieb sie zgernd und tiefaufatmend stehen. Lucies Bild trat ihr pltzlich
deutlich vor Augen, mahnend schien es ihr zuzurufen: "Kehre um, kehre um!"
Fast war es, als wrde sie schwankend in ihrem Entschlusse, denn auf ihrem
Antlitz spiegelten sich bange Zweifel, aber Leos Bild drngte sich
dazwischen, sie sah sein heiteres Antlitz, hrte sein ausgelassenes Lachen
- und "fort! fort!" rief es nun in ihrem Innern. Lucie hatte keine Gewalt
mehr ber sie, ihr ungestmer Sinn trieb sie zu einer Torheit, welche ihr
die bittersten Stunden ihres Lebens bereiten sollte. Htte sie ihren
Brutigam betrbt und niedergeschlagen gesehen, vielleicht wrde sie
diesen folgenschweren Schritt nie gewagt haben; aber er lachte ja und war
vergngt, - nichts htte sie mehr darin bestrken knnen, ihr Vorhaben
auszufhren, als sein harmloses Lachen.

Sie horchte, - nichts regte sich im Hause, die Mama war bei dem Brderchen
im Kinderzimmer; vor einer Begegnung mit ihr war sie also sicher. Durch
ein Fenster sphte sie in den Garten - er war leer, die beiden Herren
schienen weiter gegangen zu sein. ber den Hof konnte sie unbehindert
gehen; die Mgde und Knechte waren drauen beschftigt, die brige
Dienerschaft war in den Wirtschaftsrumen, welche auf der andern Seite des
Hauses lagen.

Sie wollte niemand begegnen; es war ihr, als knnte man es auf ihrer Stirn
lesen, was sie vorhatte. Deshalb lief sie schnell ber den Hof durch das
Tor auf die Dorfstrae und schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wie ein
gehetztes Wild floh sie dahin und wagte nicht, nach dem Hause
zurckzublicken; nur von Zeit zu Zeit sah sie ngstlich zur Seite, ob auch
keiner sie bemerkte. Es begegneten ihr einige Bauernfrauen, welche sie gut
kannte, und die sie schon von weitem grten, denn sie war im Dorfe bei
alt und jung beliebt. Heute dankte sie nur flchtig fr die freundlichen
Gre und eilte scheu an den Leuten vorbei; sie fhlte, da ihr eine
brennende Rte in die Wangen stieg, und sie kam sich wie eine ertappte
Snderin vor. Der Gedanke an das erlittene Unrecht beflgelte ihre
Schritte, sie lief auf Koppelwegen durch die Felder, den aufgeweichten
Boden nicht achtend, der sich schwer an ihre Sohlen hing. Aus den Stoppeln
flog bei ihrem Nahen mit lautem Gekreisch eine Schar Krhen in die Hhe,
und ngstlich erschrocken zuckte sie zusammen. Endlich sah sie von weitem
das rote Bahnhofgebude schimmern, und in kurzer Zeit hatte sie es atemlos
erreicht.

Mit unsicherer Stimme forderte sie am Schalter eine Fahrkarte nach F. und
setzte sich in das kleine, halbdunkle Damenwartezimmer an das Fenster. Der
Zug mute in wenigen Minuten eintreffen; sie wollte aber den Perron nicht
eher betreten, bis er da war, aus Furcht, sie knnte noch Bekannte
treffen. Richtig, da kam auch schon jemand, den sie kannte. Es war der
dicke Oberfrster, ein alter Freund ihres Vaters, der mit einem Herrn auf
und ab ging; wahrscheinlich hatte er denselben zur Bahn gebracht. Sie
drckte sich ganz in die Ecke, als die beiden am Fenster vorbeigingen.
Wenn sie nun nachher nicht unbemerkt an ihm vorbergehen konnte, dachte
sie ngstlich, und wenn er sie fragte, wohin sie reisen wolle, was sollte
sie ihm antworten? Dieser peinvollen Ratlosigkeit machte der langgezogene
Pfiff des erwarteten Zuges ein Ende; wenige Augenblicke darauf stand er
vor dem Bahnhofgebude still. Zitternd erhob sich Ilse und ging hinaus.
Der dicke Oberfrster unterhielt sich jetzt eingehend mit dem
Bahnhofinspektor und wandte ihr glcklicherweise den Rcken zu. Sie trat
schnell an den nchsten Schaffner heran und lie sich von ihm ein
Damencoup anweisen. Ihr Herz schlug rasch, und es wurde ihr beklommen zu
Mute, als sie einstieg; sie war froh, da das Coup leer war, denn sie
htte jetzt keinem Menschen frei ins Gesicht sehen knnen. Die Tren
wurden zugeschlagen, noch ein Hin- und Herlaufen, dann lutete die Glocke
zur Abfahrt, ein schriller Pfiff ertnte und die Wagen setzten sich
langsam in Bewegung. Sie wagte es nicht, aus dem Fenster zu sehen, denn
die Stimme des Oberfrsters war immer noch deutlich vernehmbar. Erst als
der Zug im schnellen gleichmigen Tempo dahinfuhr, stand sie auf und trat
an das offene Fenster; die frische Luft wehte ihr erquickend um die
Schlfen und khlte ihr den fieberheien Kopf. Mehr und mehr entschwand
die heimatliche Gegend ihren Blicken, sie kannte schon keins der Drfer
mehr, an denen sie vorbeiflog. Wie es wohl jetzt daheim aussah, ob sie
ihre Flucht schon bemerkt hatten? Im Geiste sah sie die bestrzten
Gesichter ihrer Eltern - der Papa wrde auer sich sein. In ihrer
Aufregung hatte sie daran noch nicht gedacht, aber mit einem Male stieg
dieser Gedanke qualvoll in ihr auf. War es nicht unrecht, die Eltern so zu
ngstigen? Sie nahm sich vor, sofort nach ihrer Ankunft bei Nellie einen
langen Brief an sie zu schreiben, sie um Verzeihung zu bitten und ihnen zu
sagen, da sie nicht anders habe handeln knnen. Was wrde aber Leo zu
ihrer Flucht sagen? Sie dachte mit einer gewissen Genugtuung daran, wie er
nun doch einsehen mte, da sie einen festen Willen besa, und ausfhrte,
was sie wollte. Nun wrde er wohl eine andre Meinung von ihr bekommen.

                              [Illustration]

Wie konnte er sie nur so tief krnken, wenn er sie wirklich liebte - sie
vermochte es nicht zu fassen. Er war doch sonst nie so hart gegen sie
gewesen, und sie hatten sich schon so oft gestritten. Bis jetzt fgte er
sich stets ihrem Willen, so oft sie ihn auch schon im tollen bermut
herausgefordert hatte; warum erfllte er ihr heute nicht den kleinen
Wunsch? Warum betonte er immer wieder, da er als Beamter Rcksicht zu
nehmen habe? Das klang so unterwrfig, so demtig; sie wollte ihn stolz
haben, ber alles Kleinliche erhaben.

Wie fing der dumme Streit denn nur eigentlich an? Sie waren ja so lustig
gewesen und hatten von der Zukunft geplaudert; in einem halben Jahre, im
Frhling sollte ja die Hochzeit sein. Leo war in dem nahen B. als Assessor
angestellt und arbeitete schon seit einigen Wochen am dortigen
Landgericht. Meistens besuchte er Sonntags seine Braut und scherzend
erzhlte er ihr dann von seinen Erlebnissen, von den Bekanntschaften,
welche er gemacht hatte. Komisch und naturwahr schilderte er die Fehler
und Schwchen von allen, was Ilse den grten Scherz bereitete. Da war die
Frau Amtsrichter, welche alle jungen Ehepaare unter ihre Fittiche nahm und
die Ansicht hatte, da sich die jungen Frauen entschieden dem Rate der
lteren "fgen" mten. Dann die Frau eines Arztes, die Neugierige, welche
nicht ruhte noch rastete, bis sie die tglichen Neuigkeiten glcklich
eingesammelt hatte. - Leo erzhlte, wie er ihren Angriffen auf ihn stets
geschickt ausgewichen wre und da es ihr nicht gelungen sei, auf ihre
vielen Fragen ber seine Braut, seine knftige Einrichtung und dergleichen
eine Antwort zu erhalten. Er ahmte dabei das vor nervser Ungeduld
unruhige und bewegliche Mienenspiel der Dame so treffend nach, da Ilse
gar nicht aus dem Lachen kam. Heute hatte er zum erstenmal erwhnt, da
sie sich bald selbst von der Wahrheit seiner Schilderungen berzeugen
knnte, denn alle diese Familien wrden sie besuchen, teilweise auch mit
ihnen verkehren.

Damit hatte der Streit angefangen. Er habe Rcksichten zu nehmen, hatte er
gesagt, und das wollte sie nicht gelten lassen, ihr knftiger Mann sollte
und brauchte das nicht. Die kleine Ilse hatte noch keine Ahnung von der
Welt, wie oft und wie viel der Mensch, welcher etwas erreichen will,
Rcksichten nehmen mu. Ihre Wege waren bisher stets geebnet gewesen, und
deshalb wollte es ihr durchaus nicht in den Sinn, warum sie und Leo
knftig nicht ganz nach ihrem Gefallen leben knnten.

Ob sich wohl Nellie in allem ihrem Manne fgte? Gewi nicht, und Dr.
Althoff war kein Tyrann, das wute sie. Die liebe einzige Nellie! - Ilse
konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie als junge Frau sein wrde. Wie
herzlich hatte sie sich auf ein Wiedersehen mit ihr gefreut, und
schrecklich war es, da sie nun als eine Fliehende mit tief betrbtem
Herzen zu ihr kam. Sie war so glcklich gewesen - und jetzt? Wieder
fllten sich ihre Augen mit Trnen, welche langsam ber ihre Wangen
rollten. Sie kam sich so bedauernswrdig vor, als wre sie hinausgestoen
in die weite Welt, und nicht als htte sie nur ihre eigene unglckselige
Laune zu diesem Schritte getrieben.

Die Dmmerung brach jetzt mit aller Macht herein und breitete ihre dunklen
Schatten immer tiefer ber die herbstliche Natur. Nur nebelhaft noch waren
die Gegenstnde zu erkennen, die vor Ilsens Augen auftauchten, um schnell
wieder zu verschwinden. Einzelne Regentropfen schlugen trbselig gegen das
Fenster, und das einfrmige Gerusch der Rder wirkte fast betubend auf
sie. Ein unbehagliches Frsteln stellte sich ein, furchtsam blickten ihre
Augen in dem halbdunklen Coup umher; das unheimliche Gefhl des
Alleinseins berfiel sie mit einem Male, und ihr Heldenmut sank immer
tiefer. Unbeweglich sa sie in ihre Ecke gedrckt, ihre Aufregung
steigerte sich von Minute zu Minute. Wie spt mochte es denn sein? Sie zog
ihre Uhr hervor und konnte nur mhsam entziffern, welche Zeit es war. -
Gott sei Dank, die Hlfte der Fahrt hatte sie hinter sich, schon zwei
Stunden war sie unterwegs. Sie waren ihr schnell vergangen, aber nun mute
sie noch eine ebenso lange Zeit ausharren, bis sie in F. eintraf. Gegen
neun Uhr sollte der Zug dort sein - es wurde gewi sehr spt, bis sie bei
Nellie war. Ob Althoffs wohl weit vom Bahnhof entfernt wohnten? - Wenn sie
dieselben nur zu Hause traf! Oder - ihr Herz pochte strmisch bei diesem
Gedanken - wenn sie vielleicht noch verreist wren? Die Herbstferien waren
erst in diesen Tagen zu Ende. Nellie schuldete ihr seit einiger Zeit einen
Brief, und sie wute deshalb nichts Nheres von ihr. O Gott, was sollte
sie dann beginnen, allein in der fremden Stadt? Sie konnte doch in kein
Gasthaus gehen und ein Zimmer fordern? Das ging nicht, das wrde sie nie
tun! Aber wo sollte sie in der Nacht bleiben? Dieser Gedanke bereitete ihr
entsetzliche Qualen, und zum ersten Male gelangte sie zu dem vollen
Bewutsein, wie abenteuerlich ihr Unternehmen war. Sie fing in ihrer
Herzensangst an zu weinen. Fast empfand sie Reue; wie behaglich und
sorgenlos knnte sie jetzt zu Hause sein, und mute nun statt dessen in
die dunkle Nacht hinein fahren mit einem Herzen voll Angst und Bangen.

Auf der nchsten Station fragte sie den Schaffner, welcher Licht in dem
Coup anzndete, wie lange sie noch bis F. zu fahren htte. "Noch vier
Haltestellen," brummte er unfreundlich, und Ilse wagte keine weiteren
Fragen. Die Helle im Coup machte wenigstens ihrer Furcht ein Ende, sie
konnte nun deutlich erkennen, da auf den Polstern neben ihr und gegenber
niemand weiter sa, wie sie vorhin in ihrer Furchtsamkeit geglaubt hatte.
Sie freute sich, wenn wieder eine Station vorber war, und alle
Augenblicke sah sie nach der Uhr, ob der Zeiger noch nicht weiter
vorgerckt war. - Jetzt hatte der Zug zum letztenmal gehalten, noch eine
kurze Zeit und sie war da. Ungeduldig ging sie auf und ab, krampfhaft den
Schirm in der Hand haltend, mit dem Mantel ber dem Arm. Unaufhrlich
schlug jetzt der Regen gegen das Fenster, stockdunkel war es drauen, und
nur hier und da blitzten in der Ferne Lichter auf. Fast wnschte Ilse, es
wre auf der letzten Strecke jemand eingestiegen, der ihr mglicherweise
Auskunft ber die Althoffsche Wohnung htte geben knnen. Und doch wieder
war sie ganz froh, allein geblieben zu sein, weil sie fhlte, da sie ihre
Aufregung nicht verbergen knnte.

Endlich ertnte der lang anhaltende Pfiff der Lokomotive, und mit
zitternder Ungeduld sah sie ihrer Erlsung entgegen; der Zug war in die
Bahnhofhalle eingefahren und hielt jetzt still. Neugierig sphte Ilse
durch das Fenster auf den erleuchteten Perron, wo eine Menge Menschen
standen. Die Tre wurde geffnet, und sie stieg aus. ngstlich sah sie
sich um, die vielen lauten Stimmen, das Gedrnge und Hinundherstoen
machten sie ganz beklommen. Bunte Studentenmtzen konnte man berall aus
dem Gewhl hervorleuchten sehen. Scheu wich sie denselben aus, denn sie
dachte noch mit Schrecken an ihre Studenten-Begegnung bei ihrer Abreise
aus der Pension.

Als sie einen Bahnbeamten nach einem Gepcktrger fragte, wies sie der
vielbeschftigte Mann nach dem Ausgang der Halle, und sie drngte sich
glcklich bis dahin durch. Sie sah sich suchend um und war froh, als sie
ganz in der Nhe noch einen Mann mit blauem Kittel und einer
Gepcktrgermtze entdeckte. Sie trat auf ihn zu und fragte, ob er die
Wohnung von Dr. Althoff wte. Er rhrte sich nicht aus seiner Stellung;
faul, beide Hnde in den Hosentaschen, stand er an die Mauer gelehnt und
glotzte sie mit verglasten Augen an; ein widerwrtiger Branntwein-Geruch
stieg ihr unter die Nase. Sie mute ihre Frage wiederholen, und diesmal
schien er sie wirklich verstanden zu haben, denn er setzte sich statt
aller Antwort langsam in Bewegung; ein Wink mit der Hand machte ihr klar,
da sie ihm folgen solle.

Bedenklich schwankend ging ihr Fhrer voran, Ilse angstvoll hinterher. Der
Mann war ja total betrunken, er taumelte hin und her und konnte nur mhsam
das Gleichgewicht halten. Wenn er sie nur nicht den verkehrten Weg fhrte!
Sie wollte ihn aber nicht noch einmal nach der Wohnung fragen, denn sie
war sicher, doch keine verstndliche Antwort zu bekommen. So waren sie
schon eine ganze Strecke zusammen gegangen durch enge, winklige, schlecht
erleuchtete und gepflasterte Straen, in denen der strmende Regen groe
Pftzen gebildet hatte. Den besten Weg schien der Betrunkene auch nicht
gewhlt zu haben; unbekmmert um den grlichen Schmutz und die groen
Wasserlachen, in welche er mitten hinein patschte, so da Ilse vor den
nach allen Seiten spritzenden Tropfen ausweichen mute, trottete er
weiter. Ihre Unruhe wuchs immer mehr. Wohin fhrte er sie eigentlich? In
einer dieser schmalen, belriechenden Gassen wrden Althoffs doch
schwerlich wohnen. Sie fate sich schlielich ein Herz und fragte ihren
stummen Begleiter, ob sie nicht bald da wren. Sein aufgedunsenes Gesicht
drehte sich zu ihr herum, und seine Augen sahen sie keineswegs
liebenswrdig an.

"Knnen Se nich die Zeit abwarten, dann loofen Se doch allene," - bellte
er mit unsicherer Stimme.

Erschreckt wich Ilse zurck; wenn das der Papa wte, da dieser
betrunkene Mann jetzt ihr einziger Schutz war, er wrde auer sich sein.
Wie sorgsam wurde sie stets behtet, und hier war sie ganz allein in einer
fremden Stadt.

Endlich erreichten sie eine besser beleuchtete breite Strae, und Ilse
fiel es wie ein Stein vom Herzen, als sie diese menschenleeren,
unheimlichen Gegenden verlieen. Die Strae fhrte auf einen groen Platz,
den sie berschritten, worauf sie wieder in eine schmalere Strae
einbogen. Hier schienen sie in dem Villenviertel zu sein, denn die Huser
zu beiden Seiten hatten Vorgrten, wie Ilse trotz der Dunkelheit erkennen
konnte. Neugierig sah sie in die hellen Fenster, an denen sie vorbeikamen,
denn in dieser Strae wohnte gewi Nellie. Sie dachte sich das bestimmt,
wagte aber nicht danach zu fragen. Ihre Sehnsucht nach Nellie und ihre
Ungeduld wuchsen immer mehr, seufzend ging sie weiter, es kam ihr vor, als
nhme dieser Weg kein Ende. Endlich blieb der Mann vor einer eisernen
Gittertr stehen und wies auf ein Haus im Hintergrund - "da", sagte er
lakonisch und streckte ihr zugleich die Hand verlangend entgegen. Ilse
griff in die Tasche und nahm ihr Portemonnaie hervor, das er mit
geldgierigen Blicken betrachtete. Sie gab ihm in ihrer Angst ein
blitzendes Fnfmarkstck, nur um ihn los zu werden. Der ber Erwarten
reichliche Lohn stimmte ihn doch etwas freundlicher. Er ffnete ihr mit
groer Ungeschicklichkeit die Tr, und Ilse ging schnell hinein. Sie
bemerkte nicht mehr, welche verzweifelte Anstrengung er machte, sich von
ihr zu verabschieden, indem er seine Mtze abnehmen wollte. Einigemale
griff er vergebens danach, und als er sie glcklich gepackt hatte, entfiel
sie seiner Hand. - Fluchend bckte er sich nach ihr und lie die Tre mit
lautem Krach ins Schlo fallen, da Ilse heftig zusammenschrak.

Zgernden Fues hatte sie den kleinen Vorgarten durchschritten, und blieb
vor der Haustr stehen - zitternd und zagend! Die Fenster in der
Parterrewohnung, welche Althoffs bewohnten, waren bis auf zwei
unbeleuchtet. Vergebens sphte Ilse durch die Vorhnge, ob sie nicht eine
Gestalt erblicken oder Stimmen hren knne. Aber nichts regte sich, alles
blieb still.

Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Ach, wre sie nur erst bei Nellie,
und wre doch der Augenblick des Wiedersehens erst berstanden! Sie konnte
sich nicht entschlieen, die Glocke zu ziehen, sondern blieb wartend, ob
nicht jemand kme, an der Tre stehen. Einfrmig tnte das
Regengepltscher fort; sie fhlte sich bis auf die Haut durchnt, denn in
ihrer Aufregung hatte sie nicht daran gedacht, sich den Mantel anzuziehen,
der nun schwer vom Regen ber ihrem Arm hing. - Ihre Fe waren eiskalt,
dazu kam ein Gefhl der Nchternheit, denn sie hatte seit Mittag nichts
genossen.

Lnger konnte sie es so nicht mehr aushalten. Ach Gott, kam denn kein
Mensch, sie aus ihrer Pein zu erlsen? Erschpft lehnte sie sich an die
Mauer. Endlich hrte sie im Hause Stimmen. Vorsichtig beugte sie sich vor
und sah durch das Fenster in der Haustre, wie Nellie mit ihrem Mann aus
einem der Zimmer heraustrat. Sie holte erleichtert Atem, als sie das
treue, liebe Gesicht der Freundin wiedersah, und wre am liebsten sofort
zu ihr geeilt, aber Dr. Althoffs Anwesenheit hielt sie zurck. Er schien
fortgehen zu wollen, wie sie zu ihrer grten Beruhigung bemerkte, denn er
hatte Hut und Schirm in der Hand. Arm in Arm ging das junge Ehepaar bis
zur Treppe, dann beugte sich Dr. Althoff zu Nellie herab und kte sie.
Glckstrahlend sah sie zu ihm auf, und er streichelte zrtlich ihr
liebliches Gesicht.

"Adieu, Liebste," hrte ihn Ilse deutlich sagen, "ich gehe jetzt. Spt
werde ich nicht zurckkehren."

Nellie nickte ihm herzlich zu.

"Ich schlafe gewi schon, wenn du heimkommst," sagte sie, "ich bin sehr
schlfrig diesen Abend."

Sie blieb an der Treppe stehen, bis er aus der Tre verschwunden war. -
Ilse war bei seinem Kommen schnell zurckgefahren und hatte sich hinter
ein dichtes Gebsch geflchtet. Jetzt ging er durch die Gartenpforte;
zugleich ffnete sich eines der erleuchteten Fenster und eine Gestalt ward
in demselben sichtbar. Es war Nellie, welche ihrem Manne noch zunickte und
ihm nachsah, bis er verschwunden war.

Ilse horchte atemlos, bis seine Schritte in der Ferne verhallt waren. Sie
war seelenfroh, Nellie allein zu treffen, denn Dr. Althoff ihre Flucht
einzugestehen -, es wurde ihr jetzt erst klar, wie beschmend das fr sie
gewesen wre. Nellie konnte sie nun in Ruhe alles erzhlen, und diese
sollte ihr fest versprechen, ihrem Manne nichts davon zu sagen. Und nun
fate sie sich ein Herz und zgerte nicht lnger mehr, sich Nellie
bemerkbar zu machen. Aus ihrem Versteck hervortretend, rief sie schchtern
deren Namen. Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen und, als sie Ilse
erkannte, welche in dem matten Lichtschein, den das helle Fenster in den
Garten warf, leibhaftig vor ihr stand, schrie sie laut auf. Sie war
leichenbla geworden, und ihre Augen blickten so starr, als she sie einen
Geist vor sich.

"Nellie," rief Ilse noch einmal leise, und nun kam jene, so schnell sie
ihre zitternden Fe trugen, zum Hause heraus gelaufen, vor welchem ihr
Ilse in die Arme strzte.

"Um Gottes willen, Ilse, wo kommst du her?" brachte sie atemlos hervor.

"Meine einzige Nellie," das war alles, was Ilse sagen konnte, whrend die
Aufregung und die krperliche Anstrengung der letzten Stunden sich in
einem krampfhaften Schluchzen auflsten.

Nellie fhrte sie in das Zimmer, selbst nicht fhig ein Wort zu sprechen.
Sie nahm der heftig Weinenden Hut und Mantel ab und fhrte sie zum Sofa.
Auf keine ihrer eindringlichen Fragen bekam sie eine Antwort, ratlos stand
sie neben der Freundin und betrachtete sie voll Entsetzen. Was war denn
nur geschehen, wie sah Ilse aus? Ihr nasses Kleid war ber und ber
beschmutzt und die vor Feuchtigkeit tropfenden Haare hingen ihr aufgelst
in die Stirn. Nellie nahm ihr Taschentuch und trocknete damit das wirre
Haar, dann setzte sie sich still neben die Freundin und lehnte ihren Kopf
an deren Schulter.

So saen sie eine Weile wortlos nebeneinander.

Endlich fragte Nellie leise: "Ilse, ser _darling_, was ist mit dich
passiert, wie kommst du hierher?"

Die hellen Trnen schimmerten bei diesen Worten in ihren Augen, ihr
weiches Herz wurde von dem Jammer der Freundin so gerhrt, da ihre Stimme
bebte. Sie streichelte Ilses Hnde und nannte sie mit den zrtlichsten
Schmeichelnamen. Alle Versuche sie zu beruhigen, zum Sprechen zu bringen,
halfen nichts. Sie wute nicht mehr, was sie anfangen sollte, die kleine
Frau, und hilflos sah sie sich um. Ihr praktischer Sinn gab ihr
schlielich das Richtige ein; sie stand auf und schenkte am Bffet ein
Glas Wein ein, welches sie Ilse brachte.

"Trink, Kindchen," sagte sie, das Glas an Ilses Lippen setzend, "das wird
dich gut tun. O, nur ein kleiner Schluck, mehr will ich dich auch nicht
qulen," bat sie schmeichelnd, als Ilse das Glas zurckschob und ablehnend
mit dem Kopf schttelte.

"Du mut, _darling_," entschied sie endlich kurz, und jetzt widersetzte
sich Ilse auch nicht lnger, nahm das dargebotene Glas und trank es in
hastigen Zgen leer. Nellie trug es auf das Bffet zurck.

"Fhlst du dich wohler?" fragte sie teilnehmend und setzte sich wieder
neben Ilse, welche sich in die Sofaecke zurckgelehnt hatte und mit dem
Taschentuch ihr Gesicht bedeckt hielt. Auf Nellies Frage nickte sie mit
dem Kopf. Die junge Frau seufzte leise. Wenn sie doch endlich einmal ein
Wort sprche, dachte sie, denn Ilses Schweigen wurde nachgerade
unheimlich. Unruhig rckte Nellie hin und her; was mochte denn nur
vorgefallen sein, da sich die Freundin gar nicht fassen konnte?

"Lieb Ilschen," sagte sie endlich und griff nach ihrer Hand, "sieh mich
doch einmal an, weit ja noch garnicht, wie ich mir als wrdiges Hausfrau
ausnehme." Sanft zog sie dabei Ilse die Hand vom Gesicht fort. "O sieh
doch her," bat sie und beugte sich vor, um ihr in die Augen zu sehen, "du
wirst in dies brave, ehrbare Gestalt deine Nellie nicht wieder erkennen.
Alles Dumme ist aus mein Sinn heraus, ich bin ein vernnftiges, kleines
Hausfrau geworden."

Sie sagte das so drollig, und Ilse sah, als sie aufblickte, in so
schelmische Augen, da sie nicht widerstehen konnte und durch Trnen
lachend die Arme um Nellies Hals schlang. Erleichtert atmete diese auf,
denn das wortlose Schluchzen war ihr zu schrecklich gewesen. Sie kte die
Freundin innig und streichelte liebkosend ihre heien Wangen.

"Armes _darling_, wie erhitzt hast du dir und wie elend siehst du aus. Ich
werde dir ein wenig Essen holen, sonst habe ich eine kranke Ilse. Bleib
hier nur sitzen, gleich bin ich wieder zurck," sagte sie und stand auf.

                              [Illustration]

"Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort," bat Ilse und hielt sie am Arm
fest, "ich bin ja garnicht hungrig, ich kann nicht essen, wirklich nicht."

"Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mut du essen." Mit diesen
Worten machte sie sich von Ilse los und ging hinaus, um sehr bald mit
einem Prsentierbrett zurckzukommen, auf welchem ein Teller mit
appetitlich belegten Brtchen stand. Sie rckte ein kleines Tischchen an
Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.

"Wirklich, ich kann nichts essen," beteuerte Ilse wieder, als Nellie sie
zum Zugreifen einlud. Aber ihr Struben half ihr nichts, wohl oder bel
mute sie essen; bald schmeckte es ihr auch vortrefflich, und sie speiste
mit groem Appetit. Befriedigt sah ihr Nellie zu und ntigte sie immer von
neuem.

"Du, nun kann ich aber nicht mehr," sagte Ilse endlich und schob den
Teller zurck, "ich bin furchtbar satt."

Nellie stellte das Tischchen zur Seite und lie sich auf einem kleinen
Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa schob. Ihre beiden Hnde
legte sie in Ilses Scho und sah fragend zu ihr empor. Ilse verstand die
stumme Frage in ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie
gedacht hatte, Nellie eine Aufklrung ber ihre Flucht zu geben. Seufzend
lehnte sie sich zurck und sah vor sich hin.

"Lieb Ilschen," sagte Nellie leise und fuhr bittend und zgernd fort:
"Willst du mir nicht erzhlen, warum du in die dunkle Nacht zu uns kommst?
_Darling_, schtte dein armes Herz in mich aus."

Da richtete sich Ilse heftig auf.

"Nellie, ach, wenn du wtest, wie unglcklich ich bin!" rief sie
leidenschaftlich. "Leo liebt mich nicht mehr, er hat mich nie geliebt!
Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien Willen haben, mich immer
fgen, und das kann ich nicht, das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm
nicht wie ein Kind behandeln, ich bin erwachsen und - und -" hier stockte
ihre Stimme unter hervorbrechenden Trnen, die Erinnerung an das erlittene
Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.

"O, bitte Kind, beruhige dir," bat Nellie, "kannst du mir jetzt deine
Geschichte noch nicht erzhlen, so warte ich bis morgen. Weine nicht mehr,
armes _darling_."

Doch unaufhaltsam flossen Ilses Trnen. Nellie war aufgestanden und nahm
einen Leuchter vom Tisch, den sie anzndete. Sie wute jetzt genug und
drang deshalb nicht weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die
Ursache ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite
hinreien lassen! Sie war aufs hchste erschrocken, bezwang sich aber,
mglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch ber die khne Tat ihrer
Freundin innerlich erregt war.

"Komm, Ilse," sagte sie, "ich fhre dich in dein Zimmer und du legst dir
schlafen. Rieke macht dein Bett schon in Ordnung; ich habe ihr gesagt, du
httest mich mit deiner Ankunft berrascht. Aber sie darf dich so mit
deinen Trnen nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lge nicht." Damit
zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und fhrte sie in ein erleuchtetes
Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.

"Ach, wie gemtlich ist es hier, Nellie," rief Ilse unwillkrlich aus und
sah sich neugierig in dem Raume um. Wie freundlich und einladend war hier
alles! Zu der hellgeblmten Tapete paten die Gardinen, und der zierliche
Toilettentisch war so duftig und grazis aufgesteckt, da Ilse sofort
erriet, nur Nellie knne dieses Werk geschaffen haben.

"Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber und fein," sagte
sie wieder bewundernd und betrachtete die Flschchen und Bchsen von
glnzendem Kristall, welche die Toilette zierten.

"Ich sagte dich ja schon, da ich ein braves Hausfrau geworden bin,
sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi; du wirst groe Wunder an mir
erleben," erwiderte Nellie, und der Schelm lachte aus dem Grbchen in
ihrer rosigen Wange.

"Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie frher, wie furchtbar lieb
habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen Welt."

"O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Brutigam mut du am
liebsten auf die ganze Welt haben, dann deine lieben Eltern, und zuletzt
kommt erst Frau Elinor nebst Gemahl." Um Ilses Mund zuckte es spttisch,
und eine bittre Antwort drngte sich auf ihre Lippen, aber sie bezwang
sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie sie ihr Brutigam
behandelt hatte! Konnte er da noch ihr Liebstes auf der Welt sein?

Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und trat nun wieder zu
Ilse.

"So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine Bett. Komm, ich
helfe dich."

Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich behaglicher zu
Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.

"Jetzt will ich dir auch beichten," sagte sie, und als Nellie meinte, sie
solle das am andern Tage tun, denn sie wrde sich wieder zu sehr aufregen,
bat sie flehentlich, sie doch anzuhren.

"Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles weit!" rief sie und
erzhlte ausfhrlich alle Einzelheiten des Streites mit Leo und ihrer
Flucht. Ihre Wangen glhten beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie
wunderte sich nur, da Nellie nicht fortwhrend in lautes Bedauern ber
ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend vor sich
hin, denn sie war entsetzt ber Ilses abenteuerlichen Streich und
durchschaute klar, da dieselbe im Unrecht war. Wie hatte sie nur so
unberlegt handeln knnen! Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen
unglcklichen Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten wrde.

"Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen, wenn er mich
wahrhaft lieb hat, - was sagst du dazu?" fragte Ilse schlielich, als
Nellie sinnend dasa, und sah ihr dabei forschend ins Gesicht.

"Ich sage garnichts diesen Abend, Kind," erwiderte sie ausweichend, denn
sie wute, da eine ehrliche Antwort Ilse in ihrer jetzigen Stimmung nur
krnken wrde; gegen ihre berzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.

Als sie in Ilses Zgen eine Enttuschung bemerkte, streichelte sie
zrtlich ihre Stirn. "Du mut jetzt schlafen, klein Ilschen, deine Augen
haben eine so mde Aussicht. Morgen frh sprechen wir ber deine Sache,
nicht wahr? - Gute Nacht, _darling_." Mit diesen Worten erhob sie sich, um
jedes weitere Gesprch abzuschneiden.

"Ruhe dir schn aus, mache die Augen zu und nicht eher auf, bis morgen
frh; du brauchst dich nicht zu frchten, in das andre Zimmer daneben
schlafen Fred und ich und hren, wenn du rufst. Ich mu jetzt gehen, denn
kommt der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam, so macht er
ein bses Gesicht."

"Nellie!"

"Ja, Ilse, was soll ich?"

"Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins."

"Was soll ich dir versprechen, _darling_?"

"Sage deinem Manne nicht, da ich geflohen bin, ich mte mich ja zu Tode
vor ihm schmen."

"Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie
ich Rieke erzhlte, da du mich eine kleine berraschung bereitet hast."

Im stillen lchelte sie ber die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war,
da Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natrlich wrde
sie Fred alles erzhlen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier
zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.

In der groen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande,
sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nhtisch, der im Ezimmer am Fenster
stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild
ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es
lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefhl des Glckes durchzog sie bei diesem
Anblick, und in berwallender Zrtlichkeit kte sie das Bild.

"Mein Fred," flsterte sie leise mit strahlenden Augen. Sie nahm seine
Liebe mit der Dankbarkeit eines demtigen Weibes entgegen, denn er hatte
sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun fr
immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues
Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen
gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und
Sinn fr seine Wnsche, sie lebte nur fr ihn, und ihr Glck trbte kein
dunkler Schatten.

Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem
Fremdenstbchen in den weien Kissen ruhte. Wre diese doch auch erst, was
sie war, eine glckliche Frau! Aber - sie sah mit groer Betrbnis voraus,
da die arme Ilse noch heie Kmpfe bestehen mte, bis sie ihren starren
Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben wrde.
Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, htte sie dann so
unverantwortlich handeln knnen? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was
Ilses Brutigam wohl zu diesem Schritte sagen wrde? O, mein Gott, wenn er
ihr den Ring zurckgab, wie Lucies Brutigam es getan hatte! Nellie bebte
bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die
Zukunft ihrer Freundin.

Die Uhr ber dem Sofa schlug jetzt 11, nun mute Fred jeden Augenblick
kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos,
und es mute doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewi in Todesngsten
waren, muten auf alle Flle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise,
das mute sie doch erst mit Fred besprechen.

Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Strae hinab, die de und
verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hren.
Ungestm ri sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die khle
Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte
nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorberzogen,
sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz.
Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren
verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er
lnger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen
ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles
erzhlt haben wrde. Schon wollte sie das Fenster schlieen, um ihren
Entschlu auszufhren, da hrte sie von neuem Schritte auf der Strae und
diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schlo sie das Fenster und ging
ins Zimmer zurck. Sie hrte, wie der Schlssel in der Haustr umgedreht
wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schlo er den
Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tr entgegen und nahm sich
krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.

"Nanu, noch auf, wie kommt das?" fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. "Du
weit doch, Kind, da es mich unruhig macht, wenn ich denken mu, du
wartest auf mich und wirst mde und abgespannt." Sie legte ihm
schmeichelnd die Hand auf den Mund.

"Erst hren, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du, ich sei wegen mein
Mann aufgeblieben? O nein, ich lge schon lngst in das tiefste Schlummer,
htte ich nicht eine groe Erlebnis gehabt." Sie blickte ihn ernst dabei
an, und er bemerkte, da sie bla und erregt aussah.

"Was denn fr ein Erlebnis?" fragte er ngstlich. "Was ist denn passiert,
erzhle doch! ich ngstige mich, du siehst so bleich und aufgeregt aus,
hat dir Rieke rger bereitet?"

"O nein," fiel sie ihm lachend ins Wort, "Rieke war eine fromme Lamm wie
immer. La nur, du errtst es nicht, Schatz; komm, setze dich nieder,
damit du nicht in Ohnmacht fllst, wenn du's hrst, was ich dir jetzt
sagen werde. Also hre: Ilse ist da!"

"Ilse!" lachte Dr. Althoff, "das ist himmlisch! Ja, ich glaube wohl, du
mchtest sie wre hier und vertriebe dir die Zeit, wenn dich dein bser
Mann allein lt. Warte nur, Bsewicht," sagte er scherzend und hob ihr
Kinn in die Hhe, um ihr in die Augen sehen zu knnen. "Du willst mir wohl
etwas vorflunkern, weil ich ein bichen spter nach Hause komme, als es
meine gestrenge Gattin sonst von ihrem soliden Manne gewohnt ist? Ach ja,
es ist schrecklich, wenn man so unter dem Pantoffel steht," sagte er
seufzend.

Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.

"Nein, nein, ich mache keine Spa, Fred; es ist wahr, da drben," sie wies
mit der Hand nach der Tr, "liegt Ilse und schlft."

Und als er sie noch immer unglubig ansah, da holte sie Ilses Hut und
Mantel herbei.

"Sieh hier, gehrt mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst du mir nun?"

Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten Augen, mit welchen
er die Sachen ansah. Fragend blickte er seine Frau an.

"Nellie, was ist das, wie kommt Ilse pltzlich her?"

"O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam sie und rief mich.
Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte ein Gespenst zu sehen, als
pltzlich Ilse so bleich vor mir stand. Wie zitterig war armes _darling_,
o, und wie hat sie geweint!"

"Geweint, warum hat sie denn geweint?" fragte er, "sage doch nur, was ist
denn vorgefallen?"

Mit fliegenden Worten erzhlte sie ihm nun alles.

"Und was sollen wir tun, Fred?" fragte sie schlielich. "Ilse ist ein
unvernnftiges Kind; wir mssen fr sie handeln."

Er hatte bei ihrer Erzhlung mehrmals unwillig den Kopf geschttelt.

"Ja, was sollen wir tun?" wiederholte er. "Ich hatte geglaubt, Ilses Trotz
wre gebrochen, sie wre ein vernnftiges Mdchen geworden, und jetzt
macht sie solche Streiche! Das beste ist, wir packen das ungezogene Kind
auf und schicken es morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach
Hause."

"O, so darfst du nicht sprechen," rief Nellie unwillig. "Jeder hat nicht
ein solch fgsames Natur, wie deine Frau. Ilse hat nun einmal ein
trotziges Sinn, aber sie ist gut, und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du
darfst ihr auch nicht zeigen, da du von ihre Flchtigkeit weit; sie hat
mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. - In welche Angst werden ihre
Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?"

"Ja natrlich, Schatz, das mssen wir tun und zwar gleich, sofort. Ich
will die Depesche selbst besorgen."

"O ja, das ist gut von dir, aber nun mut du armer Mann noch einmal in die
dunkle Nacht hinaus."

"Ich brauche ja nicht weit zu gehen," meinte er und zog sich seinen
berzieher an.

"Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, - danke, Kind; gleich bin ich wieder
hier. Gehe nur inzwischen zu Bett, du mut schlafen, du hast dich sehr
aufgeregt."

"Ja, ich bin sehr schlfrig, ich frchte aber, ich kann nicht schlafen,
denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will nochmal nach unsre Trotzkopf
sehen, ob sie schlft. Adieu so lange, Liebster."

Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett. Diese schlief fest.
Noch sah man die Spuren vergossener Trnen auf ihren Wangen, aber sie
lchelte im Traume.

"O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht," sagte Nellie spter zu ihrem
Mann. Nun erlosch auch das letzte Licht in der Wohnung Doktor Althoffs,
und das Haus lag in tiefem Dunkel da.

                                  * * *

In Moosdorf hatte Ilses Flucht groen Schrecken hervorgerufen. Als sie zur
gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr, zu welcher die Familie sich zu versammeln
pflegte, nicht erschien, suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer,
doch war sie nirgends aufzufinden. "Sie wird zu Pastors gegangen sein,"
meinte Frau Anne; "wenn es dich beruhigt, lieber Richard, schicke ich
sogleich dorthin."

"Tue das, liebes Kind," gab er zur Antwort, "es wird jetzt so frh dunkel,
der Weg ist so einsam, und Ilse knnte sich frchten. - Wo steckt das Kind
nur?" wandte er sich, nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an
seinen Schwiegersohn, der am Fenster sa und anscheinend sehr vertieft in
die Lektre eines Buches war. "Weit du nicht, wo sie sein knnte, Leo?
Sie hat es dir doch sicher gesagt, wenn sie zu Pastors gehen wollte."

Leo sah auf und schttelte den Kopf.

"Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach Tisch waren wir
zusammen auf der Veranda, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen."

Herrn Macket fiel es bei diesen Worten pltzlich ein, da sie ihm heute
mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht entgegengekommen war. Die beiden
haben sich gewi mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo sa so
gleichgltig da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um seine
Braut, die man suchte.

Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurck, da Ilse bei Pastors nicht
wre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt wurde der besorgte Papa aber
unruhig.

"Ja, aber irgendwo mu sie doch sein," stie er hervor und stand auf.

Seine Frau trat zu ihm. "Sie wird ins Dorf gegangen sein," versuchte sie
ihn zu beruhigen. "Wenn es dir recht ist, gehen wir ihr entgegen. Ich will
mich sofort anziehen und bin gleich wieder hier."

Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden und verlie zugleich
mit seiner Frau das Zimmer, um bald darauf zum Ausgehen gerstet, den
Stock und Hut in der Hand, wieder einzutreten. Leo sa noch immer lesend
am Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurckkehrte. Herrn
Macket rgerte diese scheinbare Ruhe, er rusperte sich einigemale
vernehmlich und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Es verdro ihn,
da sich Leo durch nichts in seiner Lektre stren lie.

"Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt, da sie berhaupt
fortgehen wollte?" brach er endlich unwillig los.

Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:

"Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten, wohin sie gehen
wollte. Ich glaube auch, wie die Mama, es ist das beste, wir gehen ins
Dorf, dort wird sie sicher bei einem ihrer vielen Schtzlinge zu treffen
sein." Er stand auf, klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.

"So, ich bin fertig," rief Frau Anne ins Zimmer herein, "wir knnen
gehen."

Drauen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun schritten die drei die
einsame Dorfstrae hinunter, blieben bald hier, bald dort an den Tren
stehen, oder traten auch in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber
berall bekamen sie den Bescheid, da Ilse von niemand gesehen sei.

"Unbegreiflich, unbegreiflich," murmelte Herr Macket vor sich hin. "Wo mag
das Mdchen nur stecken?"

Frau Anne mute unwillkrlich ber ihren Mann lcheln, denn in seinem
Eifer und seiner allzugroen Besorgnis hatte er ihren Arm losgelassen und
eilte in beschleunigtem Tempo voraus.

"Wie ngstlich der Papa doch gleich ist," wandte sie sich an Leo, "was
soll denn Ilse zugestoen sein, sie kennt hier jeden Weg und Steg.
Irgendwo wird sie sich festgeplaudert haben, meinst du nicht auch, Leo?"

Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter weiter.

Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte Auskunft ber
Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.

Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man sah es ihm deutlich
an.

"Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen," - sagte er zu seiner
Frau, "vielleicht ist sie dort."

Kathrine war das ehemalige Kindermdchen Ilses, an welchem sie noch mit
groer Liebe hing und welches sie fter besuchte. Sie war unter den
Bauernfrauen gewesen, welche am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse
so scheu gegrt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert
nachgesehen. Sie htte also dem unruhvollen Papa Auskunft geben knnen
ber seinen Liebling. Doch ging es auch hier, wie so oft in hnlichen
Fllen, da noch im letzten Augenblick ein tckischer Zufall hindernd
dazwischen tritt, wenn man unbewut schon dicht vor dem Ziele steht.

Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer, denn ein heftiger Wind
hatte sich erhoben und trieb ihnen den Regen in groen Tropfen entgegen.
Sie zog den Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier tiefer
ber das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie noch so weit gehen! Denn
Kathrine wohnte auerhalb des Dorfes in einem kleinen Huschen. Auch
glaubte Frau Macket, da dieser Weg ohnedies ganz unntz sein wrde, denn
Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen und hatte Ilse gesehen und
gesprochen. Sie sagte das ihrem Mann, und er kam schlielich zu der
berzeugung, da sie Ilse gewi vergeblich dort suchten. Auch war der Weg
dahin einfach grundlos, es war vllige Dunkelheit unterdessen
hereingebrochen, so da er seiner Frau recht gab, und umzukehren beschlo.
"Wir finden Ilse gewi vor, wenn wir nach Hause kommen," sagte Frau Anne,
"es mu ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie sicher wieder da."

Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen, auch er gab sich
der festen Hoffnung hin, da Ilse wohl schon daheim sein wrde. Im stillen
nahm er sich vor, ihr gehrig den Text darber zu lesen, da sie so mir
nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und Schickerei
hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen im Lwen hatte er
ihretwegen versumt, und er fhlte jetzt pltzlich, als Folge der
Abweichung von dieser tglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils
um diesen stillen zu knnen, teils um sich frher Gewiheit zu
verschaffen, ob Ilse daheim wre, verdoppelte er seine Schritte, so da
seine Frau Mhe hatte mitzukommen und einigemale bitten mute, doch etwas
langsamer zu gehen. Leo schritt wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in
seinem Innern, ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine
nachfragen sollte. Zgernd blieb er stehen und berlegte unschlssig, was
zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu heftig in ihm nach;
wenn er sie jetzt bei der Frau antraf, hatte er wieder einmal verlorenes
Spiel. In den Augen seines trotzigen Schatzes wrde ihr Triumph zu lesen
sein, da er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie wrde ihm gndig
verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes Wort gab.
Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das Gefhl, da er ihr schon zu
viel und zu oft nachgegeben habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele
verdrngen lassen, und deshalb, - nein, er wollte nicht umkehren! Wie
seine Schwiegereltern, trstete auch er sich mit der Hoffnung, da Ilse
jetzt wohl daheim sein wrde, und schnell folgte er dem vorangegangenen
Ehepaare.

Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage nach Ilse. Aber er
bekam die Antwort, da sie nicht gekommen war und auch keine Nachricht
geschickt hatte.

Mit nervser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.

"Es ist sieben Uhr," sagte er zu seiner Frau.

"Da mu Ilse ja jeden Augenblick kommen," fiel sie ihm ins Wort, "zum
Abendessen ist sie, ohne Bescheid gegeben zu haben, noch nie
ausgeblieben."

"Ist das Abendessen bereit?" fragte sie das Hausmdchen, das ihr
diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.

"Ja, gndige Frau, es ist alles fertig."

Sie bat ihren Mann und Leo, im Ezimmer auf sie zu warten, da sie nur noch
nach dem Kinde sehen wolle.

Eine behagliche Wrme strmte den beiden Mnnern entgegen, als sie das
Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertmlichen
Kachelofen, das helle Licht, welches die groe Hngelampe ausstrahlte, und
der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit,
welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den
gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchma
das groe Zimmer fortwhrend von einem Ende zum andern mit groen
Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der
alten Standuhr hinber, die schon von seinen Urgroeltern herstammte und
ein wertvolles Familienstck war. Gleichmig rckte der Zeiger vorwrts,
einfrmig tickte der groe Pendel. "Schon 8 Uhr," murmelte der besorgte
Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch
verhallte.

Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. "Wo bleibt nur
Ilse," dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, da sie noch immer
nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so
zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit
fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb
verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie wrde sie sich ngstigen,
wenn sie wirklich den richtigen Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke
verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, da
seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte,
konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.

"Papa," wandte er sich an seinen Schwiegervater, "ich will noch einmal
fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre
Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder
zurckfinden."

Nichts war Herrn Macket erwnschter, und mit Freuden gab er seine
Zustimmung zu diesem Entschlu.

"Das ist recht, tue das," sagte er mehrmals hinter einander, "sie hat sich
gewi verirrt, sie mte ja sonst lngst da sein. Soll ich mitgehen?"

"Nein, nein, Papa," fiel ihm Leo ins Wort, "bleibe nur hier."

"Ja aber, Leo, - kennst du auch den nchsten Weg nach der Wassermhle? Es
fllt mir eben ein, da Ilse gestern davon sprach, da sie dorthin gehen
wolle, weil sie gehrt habe, da die kleine Liese krank sei; es kann also
sein, da sie dort ist. Wenn du ber die Friedenseiche gehst und dann der
Chaussee folgst -"

"Ja, lieber Papa," unterbrach ihn Leo lchelnd, "ich kenne den Weg ganz
genau."

Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an die Gartenpforte und gab
ihm noch gute Ratschlge, wie er diesen und jenen Weg am besten abkrzen
knne.

Als er ins Ezimmer zurckkehrte, fand er dort seine Frau, die am Bffet
stand und den Tee bereitete. Er erzhlte ihr sehr befriedigt, da Leo
fortgegangen wre, um Ilse zu suchen.

"Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen," sagte Frau Anne, die
ihren Mann gern auf andre Gedanken bringen wollte und ntigte ihn zum
Sitzen. Dann stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte
ihm die Speisen. Er a nur wenig, und sie las in seinem Mienen, da er
gespannt auf jedes Gerusch horchte. Jedesmal, wenn die Haustre ging,
stand er auf, sah hinaus und kehrte mit enttuschtem Gesichte zurck.

"I doch nur, lieber Richard," bat Frau Anne dringend, "alles wird kalt,
und es gibt gerade dein Lieblingsessen heute abend."

Er nickte und fllte sich den Teller in der Zerstreutheit bis an den Rand
voll, dann a er einige Bissen, aber mit Hast und berstrzung, nicht mit
der Behaglichkeit, die er sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die
beiden Ehegatten waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang hrte
man nur das Klappern der Messer und Gabeln und das gleichmige Ticken der
Uhr, nach welcher Frau Anne fter verstohlen hinblickte, denn Ilses
Ausbleiben wurde auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, da die Aufregung
ihres Mannes wuchs und da er sich nur ihr gegenber beherrschte. Er hatte
sich in den Stuhl zurckgelehnt und spielte in nervser Unruhe mit dem
Messerbnkchen.

Frau Anne legte den Teelffel, mit welchem sie eine ganze Weile mechanisch
in der Tasse herumgerhrt hatte, auf das Unterschlchen.

"Richard," sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, "heute
abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu
sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette
brachte."

"Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen," rief er und sprang auf, "aber
ich gehe jetzt noch zu ihm; schlft er denn schon?"

"O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!" rief sie ihm noch
nach, als er aus der Tre ging.

Frau Anne war es unerklrlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade
heute, wo Leo da war, ausblieb. Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt
konnte er doch lngst zurck sein. Gewi hatte er Ilse nicht gefunden. Sie
war froh, als sie bald darauf die Haustre gehen und gleich danach Leos
energischen Schritt die Treppe herauf kommen hrte. Rasch ging sie ihm
entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden
berzieher auf.

Auch Herr Macket hatte ihn kommen hren und war herbeigeeilt. "Hast du
Ilse nicht gefunden?" fragte er bestrzt.

"Nein," gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und
erregt.

"Lat uns ins Zimmer gehen," drngte Frau Anne, denn sie bemerkte, da
oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Kpfe zusammensteckten.
Sie gingen hinein, und Herr Macket berschttete Leo, der sich erschpft
in einen Stuhl fallen lie, mit ungeduldigen Fragen.

"berall bin ich gewesen, Papa, berall habe ich nach Ilse gefragt,
niemand hat sie gesehen."

"Wo bist du gewesen?" forschte der gengstigte Vater weiter.

"Beim Pastor, in der Mhle -"

"Warst du nicht bei Kathrine?"

"Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir, da Ilse nicht bei
seiner Mutter wre."

"Dann ist dem Kinde etwas zugestoen," stie Herr Macket hervor und sein
Gesicht wurde leichenbla.

Frau Anne eilte zu ihm hin. "Aber ich bitte dich, Richard," suchte sie ihn
zu begtigen, "nimm doch nicht gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn
zugestoen sein?"

Ihre Worte bten jedoch keinen beruhigenden Einflu mehr auf ihn aus, und
sie gestand sich selbst, da sie wider ihre eigene berzeugung sprach, in
der Absicht, ihm die Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemchtigte, nicht
zu zeigen. Irgend etwas mute vorgefallen sein. Es war jetzt halb zehn
Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne vorher etwas gesagt
oder Bescheid geschickt zu haben. Und wo sollte sie denn berhaupt sein?
Sie hatten ja berall schon nachgefragt.

Leo war ans Fenster getreten und prete sein Gesicht an die Scheiben,
gegen welche der Regen prasselnd aufschlug. Nun wurde es ihm klar: Ilse
hatte in ihrer Aufregung irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst
und Aufregung versetzte. Aber was, was fr ein Schritt konnte dies sein?
Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor, aber er drngte ihn
schaudernd zurck. Um Gottes willen, nein, soweit wrde sie sich nicht
hinreien lassen, das war ja nicht mglich, das konnte nicht sein!

"Rufe die Knechte zusammen, Anne," unterbrach die Stimme seines
Schwiegervaters das bengstigende Schweigen, und als seine Frau ihn
fragend ansah, fgte er hinzu: "Sie sollen die Laternen und Fackeln
zurecht machen, wir wollen Ilse suchen."

Er stie die Worte kurz und abgerissen hervor, seine Stimme bebte in
verhaltener Aufregung, und vor innerer Angst fast gelhmt lie er sich in
einen Stuhl sinken und vergrub sein Gesicht in beiden Hnden.

Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn so gebrochen dasitzen
sah, und sie schlang zrtlich ihren Arm um seinen Hals.

"Richard," bat sie innig, "ich bitte dich, gib dich doch nicht gleich den
schlimmsten Vermutungen hin; ich frage nochmals, was soll dem Kinde
zugestoen sein, das jeden Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die
Knechte wirklich zusammenrufen?" Der Gedanke, da die Leute mit Laternen
fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu schrecklich.

"La nur, Anne," wehrte er jetzt ab, "ich will den Knechten selbst
Bescheid sagen." Mit diesen Worten erhob er sich und verlie das Zimmer.

"Leo," sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, "ich ngstige mich sehr und
will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoen sein?
Wenn ihr nur kein Unglck begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, da
sie noch nicht da ist."

Schweigend hrte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfat, und in
seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fhlte wohl, da es
seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwhnen,
und doch konnte er sich nicht dazu entschlieen. Er hatte seine Braut
wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen
Miverstndnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den
Eltern ausgeplaudert hatte, dies knftig zu unterlassen, - und nun sollte
er selbst erzhlen, da sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte
ihm, das wollte er nicht!

Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in
seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, da zwischen den
Brautleuten etwas vorgefallen sein mute. Aber sie fragte nicht und sagte
nichts, ihr feinfhlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich
Leo jetzt befand.

Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Bffet stand, sein
eintniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der
Spiritusflamme herunter nahm.

"Willst du nicht etwas essen, Leo?" fragte sie.

"Danke, Mama!"

"So trinke wenigstens eine Tasse Tee," bat sie und go das kochende Wasser
in die Teekanne.

"Danke, Mama," erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann
starrte er wieder unbeweglich in die Dunkelheit hinaus, die so
undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab.
Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hrte das chzen der schwankenden
Bume und den strmenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter
trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese
Ungewiheit ber das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht lnger, es
wurde ihm zu hei, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, da der
Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurckflog.

"Es ist erdrckend schwl hier, findest du nicht auch, Mama?" und ungestm
ri er das Fenster auf, da ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht
schlug.

Unten im Hofe hrte man jetzt Stimmen durcheinander tnen, und Lichter
flackerten hin und her. Leo beugte sich hinaus und sah die Gestalt seines
Schwiegervaters, welcher hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel,
des Regens und Sturmes nicht achtend.

"Das geht nicht," meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. "Papa
soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, da er zu Hause
bleibt, ich werde mit den Leuten gehen."

Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einflu
geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, da er daheim bleiben mge.
Aber er lie sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis
wrde er zurck bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres
Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung frmlich verzerrt, und er
schien um Jahre gealtert zu sein.

"Adieu, Anne," sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein
Gesicht fortwandte, fgte er hinzu: "Wir wollen nun unsre arme Ilse
suchen."

"Nein, Richard," rief sie und hielt ihn fest, "so darfst du auf keinen
Fall fort, ohne Hut, ohne berzieher, du wrdest dich auf den Tod
erklten." Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte
sich ihren Mantel umgehngt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.

"La mich mit dir gehen," bat sie ihren Mann.

"Nein, Kind," sagte er und schob sie sanft zurck, "du bleibst hier.
Kommt, Leute," befahl er dann und ging mit groen Schritten voran. An
seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im
Winde. Den grokrmpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein
Blick haftete fest auf dem Boden.

Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann
erst ging sie ins Haus zurck. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der
Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das
aussah! - O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich
bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll prete sie die Hnde
auf dasselbe. Ein nervses Frsteln berlief sie, fester hllte sie sich
in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich
hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas
Ernstes gewi, denn Leo hatte so bekmmert dagesessen, und schon den
ganzen Nachmittag war er ungewhnlich ernst gewesen. Sie grbelte hin und
her, wo Ilse noch sein knnte, wie ihr Fortbleiben zu erklren wre. Kein
Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine
unglckselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen
Gedanken so schnell zurck, wie er ihr gekommen war, - nein, das war Ilse
nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im
geringsten krankhaft berspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.

Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt berall im
Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte nachgelassen, und nur der Regen
klatschte noch an die Fenster. Unaufhrlich rieselten die kleinen Bche in
schnellem Lauf ber die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten
einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einfrmiges
Gerusch die einzige Unterbrechung der nchtlichen Stille war. Und deshalb
zuckte sie auch jh zusammen, als der Glockenschlag der zwlften Stunde
jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und
heimisch berhrten sie sonst diese Tne, aber schauerlich bang klangen sie
heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon ber eine Stunde fort,
ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, da sie zurckkmen, und
vergeblich sphte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner
Lichtschein ihre Heimkehr verkndete.

Da, - es war ihr, als hrte sie pltzlich Schritte, gespannt horchte sie
hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getuscht. Die einsamen Schritte
nherten sich dem Hause, und Frau Anne hrte, da die Gartenpforte
aufgemacht wurde. Eilig ri sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt
ber den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke
gezogen.

"Wer ist da," rief sie von oben hinunter.

"Eine Depesche," antwortete eine Stimme von unten.

Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das
Herz klopfte! - Die Mgde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten
die Tre noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrngt, mit so
angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Tre wre
und Einla begehrte.

"Warum macht ihr denn nicht auf?" fragte Frau Macket und wollte den
Schlssel im Schlo umdrehen, als die alte Kchin sie am Arm zurckhielt
und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu ffnen, denn
man knne ja nicht wissen, wer drauen stnde.

"Ach, liebe, gndige Frau, machen Sie doch nicht auf," jammerte sie, als
Frau Anne den Schlssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drcker von
drauen niederging. Laut kreischend flogen die Mgde auseinander, und mit
bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und ffnete sie.
Sie wurde ganz bla, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht
trauen.

                              [Illustration]

"Es ist nicht mglich," sagte sie laut; dann nahm sie das Blatt, hielt es
dicht unter die Flurlampe und las es noch einmal. Nein, sie hatte sich
nicht geirrt, da stand es deutlich und klar:

"Ilse ist hier wohlbehalten und gesund eingetroffen, Brief folgt.

Doktor Althoff."

Sie faltete das Blatt zusammen und ging zurck ins Zimmer. Um Gottes
willen, was hatte Ilse getan! Geflohen war das tolle Kind, - dachte sie
denn gar nicht daran, wieviel Angst sie durch diesen wahnsinnigen Streich
ihren Angehrigen bereitete? Frau Annes Emprung war gro, und doch
drngte sich der Gedanke: "es ist ihr nichts passiert" beruhigend und
vershnend hervor. Wenn die Mnner nur erst heimkehrten; sie konnte die
Zeit nicht abwarten, bis sie ihrem armen, auf das hchste gengstigten
Mann die Nachricht mitzuteilen vermchte. Ihre Ungeduld, ihre Unruhe
lieen sie nicht lange mehr im Zimmer verweilen; sie beschlo Herrn Macket
entgegenzugehen. Als sie ber den Flur ging, standen dort noch immer die
Mgde, flsternd mit weit aufgerissenen Augen und Mulern. Die eine
erzhlte gerade eine schaurige Geschichte und die andern hrten ihr mit
grausigem Wohlbehagen zu. Auch sie waren ber das Fortbleiben von Frulein
Ilschen in nicht geringe Aufregung versetzt worden und malten sich nach
Art ungebildeter Leute in der schrecklichsten Weise aus, wie und auf
welche Weise das arme, liebe Frulein wohl umgekommen sein knnte. Whrend
Frau Macket eilig an ihnen vorbei der Tre zu schritt, flogen sie mit den
Kpfen auseinander und stieen sich gegenseitig an. Immer unheimlicher
wurde die Lage, nun ging auch noch die Frau fort, allein in die finstere
Nacht hinaus. Was hatte das zu bedeuten? Fragend sahen sie sich an; da
konnte sich die alte Kchin nicht lnger beherrschen.

"Ach, du mein Gott, ach, du mein Gott," wimmerte sie, "was ist das fr ein
Unglck!" und sie nahm ihre Schrze vor das Gesicht, hinter welcher sie
jmmerlich schluchzte. Im Chore stimmten die brigen mit ein.

"Wie gut ist das Frulein immer gewesen," sagte die eine.

"So freundlich gegen jedermann," rief das Hausmdchen, und nun ergingen
sie sich derart in Lobeserhebungen ber Ilse, als wenn sie ber eine
bereits Abgeschiedene sprchen.

"Das Unglck, das Unglck," krchzte die Kchin von Zeit zu Zeit wie ein
Unheil verkndender Unglcksrabe dazwischen.

"Wer htte das gedacht! Ja, ich sage ja - ich habe es immer gesagt, ich
habe es kommen sehen. Ach," - sie unterbrach ihre tiefsinnigen
Betrachtungen mit einem erneuten Schluchzen. Die andern nickten
zustimmend.

"So jung und so reich," rief das Stubenmdchen schwrmerisch aus, "ach, es
ist schrecklich!"

Das kleine Kindermdchen, als die mutigste von allen, hatte sich bis zum
Flurfenster gewagt und schrie pltzlich:

"Jetzt kommen sie, jetzt bringen sie das Frulein!"

Im Nu waren die andern am Fenster, - richtig, da kamen sie. Die Fackeln
tanzten im Winde und kamen immer nher. Voran gingen Herr und Frau Macket
und der Herr Assessor, hinterher folgten die Mnner mit den Laternen und
Fackeln. Jetzt bogen sie in das Hoftor ein.

"Legt euch zu Bett nun," hrten die Mdchen Herrn Mackets Stimme den
Knechten befehlen, und dann schritt er dem Hause zu. Sie zogen sich
schnell in eine dunkle Ecke zurck, als gleich darauf die Haustre ging,
und von dort folgten ihre Blicke neugierig der Herrschaft und dem jungen
Herrn, die wortlos an ihnen vorberschritten, Herr Macket sehr bleich mit
finster zusammengezogenen Brauen.

Das kleine Kindermdchen, das ebenso schlau war, als es sich vorhin mutig
gezeigt hatte, schlich sich durch die Hintertr zu den heimgekehrten
Knechten und lie sich von allem haarklein berichten. In der Kche
erzhlte es dann spter alles, was es erfahren hatte, und kam sich
ungeheuer wichtig vor, als die andern es im Kreise umstanden und seinen
Worten andchtig lauschten.

Herr Macket war mit Frau und Schwiegersohn in das Ezimmer gegangen, wo er
sich auf das Sofa warf. Er sprach kein Wort, aber seine breite Brust hob
und senkte sich in schnellen Atemzgen. Leo lehnte am Tisch und drehte die
zierlichen Enden seines Schnurrbrtchens mit nervsem Eifer zwischen den
Fingern. Ein schmerzlicher Zug lagerte um seinen Mund, aber die Falte auf
seiner Stirn, die sich zwischen den starken Brauen vertiefte, und die
zitternden Nasenflgel gaben zugleich Zeugnis von einer inneren Emprung
und Erbitterung. Unverwandt starrte er vor sich nieder.

Frau Anne blickte besorgt von einem zum andern, und sah selbst tief
bekmmert aus. Nun setzte sie sich neben ihren Gatten und legte ihre Hand
auf seine Schulter.

"Richard," bat sie sanft, als sie sah, da er die zerknitterte Depesche
mit der Hand glatt strich und wieder las, "la uns ber diese Sache nicht
so streng richten, Ilse ist noch ein Kind."

Er warf das Papier fort und sprang auf.

"Ja, ein Kind, ein trichtes, ungezogenes Kind," rief er, und seine Augen
blitzten zornig auf. "Was fllt ihr ein, was soll es bedeuten, da sie
fortluft? Wie kann sie so etwas wagen! Aber sie soll zurck, sofort, -
ich will es!"

Seine Stimme klang so laut und hart, da Frau Anne wieder erschreckt an
seine Seite eilte. Sie kannte ihn heute abend nicht wieder, so erzrnt auf
seinen Liebling hatte sie ihn noch nie gesehen.

"Ja, und warum, warum hat sie uns das getan, was ist denn geschehen?" rief
er wieder, und diesmal klang ein schmerzlicher Ton aus seinen Worten.

Er hatte dabei Leo von der Seite angesehen, denn eine Ahnung dmmerte in
ihm auf, da dieser den Grund zu Ilses Flucht wohl wissen mochte; da ihre
Aufregung, in der er sie diesen Mittag getroffen hatte, damit im
Zusammenhang stehen mute. Leo verstand seinen fragenden Blick, und er
fhlte, da er jetzt nicht mehr schweigen durfte.

"Papa," sagte er pltzlich und trat auf ihn zu, "ich bin dir und Mama eine
Erklrung schuldig. Ilse und ich hatten diesen Mittag einen Streit
zusammen, der damit endete, da Ilse mich in hchster Erregung verlie.
Ich habe sie danach nicht wieder gesehen und" - er stockte - "bin nun auf
das tiefste betrbt, da sie sich zu einer solchen Tat hat hinreien
lassen."

Er sagte nichts weiter als diese wenigen Worte, die er mhsam Atem holend
hervorbrachte. Herr Macket hatte ihn schweigend, mit den Hnden auf dem
Rcken, angehrt und setzte nun seine Wanderung im Zimmer auf und ab
wieder fort. Frau Anne sah voll Mitleid auf den jungen Mann, der durch
Ilses Leichtsinn tief getroffen war.

"Ilse hat unverzeihlich gehandelt, so weit durfte sie in ihrer
Leidenschaft nicht gehen," sagte sie rgerlich.

Ihre besnftigenden Worte von vorhin hatten bei ihrem Manne die
entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen, jetzt aber, wo ihre gerechte
Emprung deutlich aus ihren Worten sprach und auch Leo Ilse nicht in
Schutz nahm, lste sich die Erbitterung von seinem Herzen und verwandelte
sich in zrtliche Sorge fr den fernen Liebling. Er malte sich in Gedanken
Ilses Reise aus und die mancherlei Unannehmlichkeiten, welche sie gewi
betroffen hatten.

"Was mag das arme Kind fr eine Angst ausgestanden haben auf der Reise!"
Mit diesen Worten machte er schlielich seinen Gefhlen Luft. "Und in der
fremden Stadt, wo sie niemand kennt. In der Dunkelheit ist sie dort
angekommen, - sie hat sich gewi sehr gefrchtet."

Frau Anne dachte, diese Furcht und Angst wre am Ende nur die gerechte
Strafe fr ihre Tollkhnheit gewesen.

"Wenn sie nur keine nassen Fe bekommen und sich erkltet hat," fuhr Herr
Macket fort. "Nellie wird doch wohl dafr gesorgt haben, da sie gleich
ins Bett kam."

Seine Stimme klang mit jedem Worte sanfter und weicher. Der erste Unmut
ber Ilses Flucht war erloschen und hatte einer zrtlichen Besorgnis Platz
gemacht. Gedankenvoll blieb er eine Weile stehen.

"Leo," redete er diesen pltzlich an, "morgen frh um 8 Uhr geht der
erste Zug nach F.; mit diesem reisen wir, nicht wahr?"

Verblfft sah ihn Leo an und fragte dann: "Willst du Ilse holen, Papa?
Dann werde ich dich morgen frh sehr gerne zum Bahnhof begleiten."

Jetzt drckten Herrn Mackets Zge eine frmliche Erstarrung aus. "Ja, du
reisest doch mit?" fragte er erstaunt.

"Nein, Papa," erwiderte Leo freundlich aber bestimmt, "ich reise nicht
mit. Erla es mir auch, dir die nheren Einzelheiten unsres Streites zu
erzhlen, und sei berzeugt, da es mir sehr, sehr schwer geworden ist,
diesen berhaupt berhren zu mssen, doch das ging nun einmal nicht
anders. Ich mu nur noch das eine hervorheben, so schmerzlich es mir ist:
ich kann und darf nicht mit zu Ilse reisen, so gern ich ihr, wie schon so
oft, ja ich darf wohl sagen, nur zu oft geschehen, wieder zuerst die Hand
zur Vershnung bieten wrde."

Sein Atem ging schnell und heftig bei diesen Worten, so ruhig er sie auch
aussprach.

Herr Macket hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, auch jetzt sagte er
nichts. Aber seine gerunzelten Augenbrauen, die festen Schritte, mit
welchen er zur Tre schritt und sie hart ins Schlo fallen lie,
verrieten, da er Leos Entschlu durchaus nicht billigte.

Frau Anne sah ihren Schwiegersohn fragend an.

"Es tut mir leid, da Papa rgerlich auf mich ist, aber ich kann nicht
anders handeln," sagte er.

Frau Anne zuckte die Achseln, als begreife sie ihren Mann nicht, denn sie
selbst teilte Leos Ansicht und billigte es vollkommen, wie er in dieser
ernsten, fr seine und Ilses Zukunft entscheidenden Sache zu handeln
gedachte. Ilse jetzt nachzureisen, wre geradezu Torheit gewesen und wrde
sicher nicht dazu beigetragen haben, das leidenschaftliche Kind zu ndern.

"Ich will doch mit dem Papa sprechen, da er nichts in bereilung tut,"
sagte sie zu Leo. "Wenn er erst ruhiger geworden ist, wird er dich auch
begreifen; du kennst ja seine blinde Liebe zu Ilse."

Als Leo allein war, sank er auf einen Stuhl und vergrub seine Hnde in
sein dichtes Haar. Wie wehe, wie grenzenlos wehe hatte ihm Ilse getan! Er
konnte nicht begreifen, wie sie ihm diesen Schmerz und zugleich diesen
Schimpf zufgen konnte; er hatte geglaubt, sein Lieb so genau zu kennen,
das aber, das htte er ihr nie zugetraut. - Sie war keine sanfte, keine
hingebende Braut, seine Ilse, und er mute immer von neuem um sie ringen
und kmpfen, was sie ihm aber doppelt anziehend machte. Hatte er seither
wohl den richtigen Weg eingeschlagen, sich seine kleine Widerspenstige zu
zhmen? Ihr Widerspruch reizte ihn, sie gefiel ihm in ihrem Trotz; war sie
erst seine Frau, dann sollte alles anders werden. So hatte er bis jetzt
gedacht, nun fiel es ihm mit einem Male wie Schuppen vor den Augen, da er
ihren Charakter falsch beurteilte, da es verkehrt war, ihr stets
nachzugeben, denn das stachelte sie immer von neuem zum Trotz und
Widerspruch auf. Diese Erkenntnis war bitter fr ihn. -

In seinen Gedanken versunken hatte er nicht bemerkt, da die Tre geffnet
worden und Frau Anne wieder eingetreten war; erst als sie ihre Hand auf
seine Schulter legte, blickte er auf.

"Ach, du bist es, Mama," sagte er und erhob sich. Sie drckte ihn sanft
auf seinen Platz zurck und setzte sich ihm gegenber.

"Ich habe mit dem Papa gesprochen, Leo, er ist jetzt entschlossen, mit
seiner Reise nach F. zu warten, bis ein erklrender Brief von Ilse
eingetroffen ist."

"So - das ist mir lieb," gab er zur Antwort und sah dann wieder schweigend
in die Finsternis hinaus.

Auch Frau Macket schaute nachdenklich vor sich hin, als kmpfte sie mit
einem Entschlu. Mehrmals ffnete sie die Lippen zum Sprechen, ohne jedoch
etwas zu sagen. Nach einer Weile fing sie endlich an:

"Leo, ich will mich nicht in deine und Ilses Angelegenheiten drngen; darf
ich dich nur das eine fragen, glaubst du dich wirklich vllig schuldlos an
Ilses Flucht?"

Fast schchtern klang diese Frage und zgernd brachte sie dieselbe hervor.

"Es ist das erstemal, da ich ihr nicht nachgab!" stie er erregt heraus.
"Darf sie deshalb einen so abenteuerlichen Streich ausfhren, alle
Rcksichten beiseite werfen und fliehen?"

"Nein, das durfte sie gewi nicht," stimmte ihm Frau Anne bei, "und doch,"
fuhr sie fort, "ich habe es kommen sehen, da sie eines Tages etwas tun
wrde, das uns allen groen Kummer zu bereiten imstande wre. Ich liebe
meine kleine Tochter innig, und auch sie ist mir von Herzen zugetan. Aber
blind bin ich deshalb gegen ihre Schwchen und Fehler nicht, wie der Papa
und - verzeihe mir - begreiflicherweise auch du. Ilse ist schon einmal
gezhmt worden durch die Pension und das reizende Leben daselbst; ihre
prchtigen Freundinnen hatten sie ganz und gar umgewandelt. Halb Kind
noch, wurde sie Braut, sie liebt dich gewi aufrichtig, aber die tiefe
ernste Liebe des Weibes ist ihrem Kinderherzen noch fremd. Hast du wohl
den richtigen Weg eingeschlagen, dir ihre Nachgiebigkeit, ihre Fgsamkeit
zu erringen? Ich habe mich bemht, in ihrem jungen Herzen zu lesen, und
bin berzeugt, es wre ihr lieber gewesen, wenn du ihr fter entschieden
entgegengetreten wrst, statt ihre Einflle, ihre Launen reizend zu
finden; denn sie ist eine stolze und doch zugleich hingebende Natur, die
nur nicht zeigen will, da sie sich auch unterzuordnen vermag, aber
ebensowenig vertragen kann, da man ihr in allem den Willen lt. Nun, da
du ihr zum erstenmal nicht nachgibst, empfindet sie das doppelt schroff
und wird es als eine groe Demtigung ansehen. Aber jetzt, da sie wei,
da ihr Wille nicht immer durchgeht, wird ihre Liebe zu dir, ohne da sie
es eingesteht, gewi erstarken. Ich hoffe, sie wird nach und nach zur
Besinnung kommen, da sie unrecht hatte, und wenn sie diese Krisis
berstanden hat, fr immer geheilt sein."

Frau Anne hatte mit warmem herzlichen Eifer gesprochen und reichte nun
ihrem Schwiegersohne die Hand, welcher diese innig umschlo. "Ich wei,"
fuhr sie fort, "du wirst das, was ich dir eben sagte, nicht falsch
verstehen. Ich htte dir meine Ansicht nicht unaufgefordert mitgeteilt,
wre nicht alles so gekommen. Wie lieb ich euch beide habe und wie
vertrauensvoll ich trotz dieses Vorfalls in eure Zukunft blicke, das
brauche ich dir nicht erst zu sagen, nicht wahr? - Gute Nacht, Leo,"
schlo sie und erhob sich von ihrem Sitz. "Schlafe wohl, morgen wirst du
die Sache schon in einem andern Lichte ansehen."

"Gute Nacht, Mama, ich danke dir."

Die Nachtruhe war fr alle dahin, zu sehr hatte die Bestrzung die Gemter
aufgeregt. - Leo blieb noch auf demselben Fleck sitzen, es wre ihm
unmglich gewesen, jetzt schon zu schlafen. Noch pochte sein Herz zu
unruhig, noch strmten die Gedanken zu lebhaft auf ihn ein. Frau Annes
Worte hallten in ihm nach, sie hatten einen Anklang in seinem Innern
gefunden, denn sie hatte wahr gesprochen. Warum mute es so weit kommen?
Htte er die Tragweite seiner Worte geahnt, er wrde sie vielleicht nicht
ausgesprochen haben. Nochmals lie er die Szene vom Mittag an seinem Geist
vorberziehen. Er war zuletzt auch heftig geworden - gewi -, aber er
hatte sich in dem Augenblick wirklich ber Ilse gergert, zum erstenmal
hatte ihn ihr unfgsames Wesen unangenehm berhrt.

Was sollte nun werden? Der Gedanke an die Zukunft legte sich ihm drckend
und bengstigend wie ein Bann aufs Herz, da ihm fast der Atem stockte.
Erst als er das Fenster geffnet hatte und die khle Nachtluft
hereindrang, wurde ihm wohler. Lange blickte er in die zerrissenen Wolken,
die eilend vorberjagten. Ob sie jetzt auch an ihn dachte? Er sah im
Geiste ihr liebes holdes Antlitz. Er hrte ihr frhliches Lachen und ihre
dunklen Augen blitzten ihn neckisch an, - da schwanden die bangen
Gedanken. Heie Liebe und Sehnsucht erfllten ihn, und er zweifelte keinen
Augenblick mehr, da sie zu ihm zurckkehren wrde. Aber unerschtterlich
befestigte sich in diesem Augenblick die berzeugung in ihm, da er ihr
diesmal nicht zuerst die Hand zur Vershnung reichen drfe.

Die groe Lampe in dem stillen Zimmer, die schon seit einiger Zeit am
Ausgehen war und deren Licht immer schwcher und kleiner wurde, erlosch
jetzt nach einem letzten Aufflackern. Leo erhob sich und ging in sein
Zimmer.

                                  * * *

Ilse wachte am andern Morgen erst auf, als die Sonne das kleine Zimmer
schon lngst erhellte. Sie fhlte sich durch den guten Schlaf erquickt und
erfrischt und war im ersten Augenblick des Erwachens noch so
traumbefangen, da sie sich erst besinnen mute, wo sie sich eigentlich
befand. Nach und nach kam ihr das Geschehene wieder deutlich zum
Bewutsein, klarer als am Tage zuvor. Ihre gestrige Aufregung war einer
unangenehmen Empfindung gewichen. Reue und Beschmung beschlichen sie, und
der Gedanke, was ihre Eltern zu der Flucht gesagt haben mochten,
beunruhigte sie aufs hchste. Auch an Leo dachte sie, aber nicht etwa, ob
er wohl betrbt sein wrde, sondern voll heimlichen Triumphgefhls. Sie
erschien sich ihm gegenber als siegreiche Heldin, denn sie hatte eine Tat
ausgefhrt, die er ihr gewi nicht zugetraut hatte. Womglich langte schon
heute ein um Verzeihung flehender Brief von ihm an, und gewi wrde er
selbst mit dem Papa kommen, um sie zurckzuholen. So blind gefangen war
unsre Ilse, so fest glaubte sie Leo durch ihre Heldentat einen gewaltigen
Respekt eingeflt zu haben! Die Erwartung auf eine Nachricht von Hause
trieb sie aus dem Bette. Sie zog die hellgeblmten Gardinen zurck und
ffnete das Fenster. Man merkte heute nichts mehr von dem gestrigen
Unwetter, kein Wlkchen trbte den Himmel, der Ilse tiefblau
entgegenlachte. Goldener Sonnenschein breitete sich ber die kahlen Grten
und lag blendend auf den hellen Huserwnden. berall hatten die Leute
Tren und Fenster geffnet, da die frische Herbstluft in vollen Strmen
hereindringen konnte. So hatte Ilse gestern frh daheim auch am Fenster
gestanden und sich ber den klaren Herbstmorgen gefreut. Wenn sie da
geahnt htte, welches Ungemach ihr der Tag noch bringen wrde! Was hatte
sie durchmachen mssen! Es war zu schrecklich.

                              [Illustration]

Sie fuhr sich mit der Hand ber die Augen, die wieder feucht wurden, aber
die hervorquellenden Trnen wurden tapfer zurckgedrngt. Nellie und ihr
Mann sollten nicht sehen, da sie geweint hatte, sie wrden sonst wohl
denken, da sie Reue fhlte, was ja so viel bedeutete, als ihr Unrecht
eingestehen. Vor Doktor Althoffs prfenden und ironischen Blicken hatte
sie Furcht, sie kannte diese noch zu gut von der Schule her. Er konnte so
freundlich lcheln mit spottlustigen Augen; kein Tadel, nicht die
schrfste Rge traf so sicher, als ein solcher Blick von ihm.

Durch ein Pochen an der Tr wurde sie in ihren Betrachtungen gestrt,
gleich darauf wurde dieselbe leise geffnet, und Nellies Gesicht kam zum
Vorschein.

"Schon wach, lieb Ilschen?" rief sie freundlich und begrte die Freundin
mit einem herzlichen Morgenku. "Wie hast du geschlafen, _darling_? Ich
hoffe, du hast eine gute Nacht gehabt."

"Herrlich habe ich geschlafen, liebste Nellie; was ich aber getrumt habe,
wei ich wirklich nicht mehr."

"Kann ich dich bei dein Ankleiden helfen, Kindchen?" fragte Nellie, als
sie sah, da Ilse sich jetzt beeilte, in ihre Kleider zu kommen. Die
Toilette war bald beendet, und von den beiden hatte keine das Thema
berhrt, das doch am nchsten lag und sie so lebhaft beschftigte. Erst
als Ilse Arm in Arm mit Nellie vor dem Ezimmer stand, fragte sie zgernd:
"Nellie, ist dein Mann da?"

"Gewi, Ilschen, und er freut sich riesig, sein frheres furchtbar
niedliches Schlerin wieder zu sehen."

"Hast du ihm meine Flucht eingestanden, Nellie?" fragte Ilse ngstlich.

Die junge Frau zgerte mit der Antwort. Sie hatte gestern abend allerdings
versprochen, Fred nichts davon zu sagen, aber nur um Ilse nicht weiter
aufzuregen; doch jetzt wollte sie die Wahrheit nicht verschweigen - so
leid es ihr tat!

"Lieb Ilschen," sagte sie innig, "ich konnte nicht anders, ich wollte mein
Fred nichts vorlgen. Bist du mir bse?"

"Nein, nein," versicherte Ilse, "aber ach, Nellie, was wird dein Mann von
mir denken?"

"O, Ilschen, er denkt nur Gutes von dich - aber nun komm -"

Und um Ilse ber die peinliche Lage hinwegzuhelfen, ffnete sie schnell
die Tre und schob die sich Strubende hinein. Doktor Althoff kam ihr
entgegen.

"Guten Morgen, Frulein Ilse, wie freue ich mich, Sie zu sehen," rief er
freundlich und reichte ihr die Hand zum Grue.

Mit niedergeschlagenen Augen gab sie ihm ihre Rechte, aber kein Wort kam
ber ihre Lippen, und vor Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken.
Nellie war auch hier der rettende Engel. Sie fhrte Ilse an den gedeckten
Kaffeetisch und schob ihr einen Stuhl hin; dann schenkte sie Kaffee ein
und reichte ihrem Mann und Ilse die Tassen. Ihr tat die Freundin leid,
welche wortlos dasa und krampfhaft auf das Muster der Kaffeeserviette
sah, als htte sie sich tief in das Studium der Schnrkel und Arabesken in
derselben versenkt. Die Rte der Beschmung brannte noch auf ihren Wangen,
und vergeblich hatte Nellie sie verschiedenemale angeredet. Jetzt warf
diese ihrem Manne verstndnisvolle Blicke zu, die ihm bedeuteten, er solle
dieser ungemtlichen Stimmung ein Ende machen. Aber Mnner sind nicht so
leicht jeder Lage gewachsen, wie eine kluge Frau, und das dachte auch
Nellie, als ihr Mann sie gar nicht verstand. Ja, er hatte sie sogar mit
den Fragen: "Was soll ich, Kind?" und als sie ihn mit dem Fue anstie:
"warum stest du mich denn?" recht in Verlegenheit gesetzt. Sie versuchte
deshalb von neuem das Schweigen zu brechen, was ihr bisher nicht gelungen
war. Zum zweitenmale fllte sie jetzt Ilses Tasse und reichte ihr Zucker
und Sahne. Sie wollte dabei ein Gesprch anfangen, aber ihre Scherze
blieben unbeachtet und auf ihre freundlichen Fragen bekam sie einsilbige
Antworten. Ilse vermochte die Furcht vor Doktor Althoffs ironischen Augen,
die sie wie zwei Brennpunkte auf sich gerichtet whnte, nicht zu
berwinden. Sie konnte ja nicht wissen, da sie sich tuschte, da seine
gefrchteten Blicke diesmal nicht spttischer Art waren. Ernst und voller
Mitleid sah er auf seine ehemalige Schlerin, - kannte er sie doch so
genau, alle ihre Vorzge, alle ihre Schwchen. Viel, viel mu die Kleine
noch lernen, so dachte er in diesem Augenblick, und bittere Stunden wird
sie das noch kosten. Nicht jeder wurde schon so frhzeitig durch eine
harte Schule gelutert, wie seine Nellie sie hatte durchmachen mssen.
Diese hatte ja das Leben schon als Kind unter fremde Menschen gebracht;
dadurch war ihre Erfahrung gereift worden, und sie hatte gelernt,
Rcksichten zu nehmen. Zrtlich blickte er zu ihr hinber und beobachtete
mit strahlenden Augen, mit welcher Anmut sie sich bewegte und wie sie
verstand, einen Hauch der Behaglichkeit berall zu verbreiten. So saen
die drei wieder eine Weile schweigend am Kaffeetisch, jeder lebhaft mit
seinen Gedanken beschftigt.

"Ilschen," fing Nellie endlich an, "weit du auch wohl, da du hier eine
alte Bekannte triffst, die seit weniges Monate mit ihrem Mann hierher
versetzt ist? Ich hatte ganz vergessen, in meinem letzten Brief davon zu
sprechen. Rate einmal, _darling_!"

Die Frage wirkte erlsend auf Ilses Schweigsamkeit, sie hob den Kopf und
sah Nellie fragend an.

"Rate, Ilschen," wiederholte diese.

"Wer denn, Nellie? Etwa Rosi Mller? Die artige Pastorin ist ja aber schon
seit dem Sommer hier in der Nhe verheiratet, die kannst du doch wohl
nicht meinen."

Nellie schttelte lachend den Kopf; sie war froh, ein Thema berhrt zu
haben, das Ilse interessierte.

"Ein wenig mu ich dir noch foltern," neckte sie lustig, "aber du rtst ja
leicht, denn nur wenige von unsre Freundinnen sind verheiratet."

"Ach, nun wei ich," rief Ilse, "natrlich Flora ist es! Ich dachte im
Augenblick wirklich nicht an sie. Richtig, die ist ja auch schon eine
ehrbare Ehefrau!"

"O, nix da, Ilse - ein ehrbares Frau ist unsre Dichterin nicht geworden."

"Wie kommt sie denn eigentlich hierher?" unterbrach Ilse, "ihr Mann lebte
doch auch in B., wo Floras Eltern wohnen."

"La dich erzhlen, _darling_. Du weit, da Floras Mann ein Arzt ist, er
ist nun als Direktor an das Spital hier berufen - eine sehr gute Stelle,
mit gute Einnahmen. Er soll ein tchtiger Mann sein, wir mgen ihn gern,
er ist so nett. Nicht wahr, Fred? Und, oh, er hat ein so herzig Baby von 4
Jahr - denn Flora ist seine zweite Frau."

"Ja," warf Althoff ein, "Doktor Gerber ist ein liebenswrdiger, gescheiter
Mann, sein einziger Fehler ist seine Frau. Fr diese poetische Seele ist
er viel zu prosaisch, zu materiell! Die arme Flora ist noch ebenso
berspannt wie frher, sie dichtet leider immer noch."

Ilse wagte bei diesen Worten Nellies Mann zum ersten Male mit einem
scheuen Seitenblick zu streifen, bis dahin hatte sie es noch immer
vermieden, ihn anzusehen. Nun fand sie, da der Gefrchtete garnicht so
aussah, wie ihr bses Gewissen sich ihn ausmalte. Seine Augen hatten nicht
den von ihr vermuteten spottlustigen Ausdruck, und das freundliche
Lcheln, mit welchem er sie anblickte, als wenn nichts vorgefallen wre,
verscheuchte bald jede Befangenheit, so da sie nun in die Scherze des
jungen Ehepaares mit einstimmte, und mit Nellie immer neue Erinnerungen
ber Flora auskramte.

Lchelnd hrte ihnen Doktor Althoff zu und warf nur dann und wann eine
treffende Bemerkung dazwischen. Die beiden waren unerschpflich in ihren
Witzen ber Flora, und die eine wute immer noch mehr als die andre.

"O, und die viele zerbrochene Herzen, die in ihre Romane stets vorkamen,
_darling_, weit du noch?" fragte Nellie. "Und wie wir sie immer mit ihre
Gedichte rgerten?"

"Ach ja, das war himmlisch!" beteuerte Ilse unter Lachen, "und wie bse
sie dann wurde und schalt, da wir fr ihre Poesien kein Verstndnis
htten."

"Ihr seid ein bses Volk," sagte Doktor Althoff, "wie knnt ihr euch nur
so ber eure Freundin lustig machen?"

"O, du scheinheiliges Mann," drohte ihm Nellie mit dem Finger, "hast doch
die grte Spa an unsre Scherze. Weit du, Ilschen, bald gehen wir zu der
Dichterin, das gibt ein famose Jux! Sie mu uns aus ihre neuesten Werke
vorlesen."

"Das wird sie gern tun," sagte er, "denn ihrem Mann darf sie gewi mit
solchem Unsinn nicht kommen. Er ist viel zu vernnftig, und ich hoffe ja
immer noch, da er Flora ndern wird."

"Das groe Gegenteil von unsre Dichterin ist Rosi, das wrdige
Pastorenfrau," sagte Nellie mit feierlicher Stimme. "O, Ilse, einmal haben
wir ihr besucht, o, sie ist so brav und zchtig, noch ganz die 'Artige'
aus die Pension. Und der Mann ist so still und sanft, er trgt eine lange
Rock, bis ber den Knie, und eine hohe Kragen, dazu eine groe Brille und
hat eine glatte Scheitel von blondes Haar, ganz zu die brave Rosi passend,
- sie sind ein wrdige Ehepaar."

Ilse brach ber die Beschreibung in lautes Lachen aus, und Nellie stimmte
mit ein. Auch Doktor Althoff freute sich ber seine drollige Frau.

"Du bist eine kleine Boshafte," sagte er zu ihr. "berhaupt, Kinder, ihr
seid mir zu mokant, das kann ich nicht vertragen, deshalb gehe ich fort.
Adieu!"

Er legte die Serviette neben die Tasse und erhob sich mit scheinbar
ernster Miene, soda Ilse ganz erschrocken zu ihm aufblickte. Waren sie
wirklich zu weit gegangen?

Als sie aber seine lustig zwinkernden Augen sah und Nellie mit frhlichem
Lachen ihn umschlang, da wute sie, da er nur Spa machte.

Als er fortgegangen war und die beiden allein gelassen hatte, da war Ilses
erste hastige Frage:

"Nellie, ist denn nichts fr mich angekommen, kein Brief, keine Depesche?"

"Ja, Ilschen, hier ist eine Depesche von deine Eltern, sie ist eben
angekommen."

Ilse ri sie ihr aus der Hand und ffnete sie, dann las sie laut:

"Ilse soll Brief abwarten.            Papa."

Das waren nur wenige Worte, die ihre Ungeduld nicht stillen konnten. Ja,
sie brachten sie nur noch mehr in Aufregung, denn alles mgliche las sie
aus der kurzen Zeile heraus. Wie ernste strenge Richter standen die
einzelnen Buchstaben vor ihren Augen. Hart klang der Befehl, den sie
enthielten; daraus schlo sie, wie bse ihre Eltern auf sie sein muten.

"Nellie," seufzte sie ngstlich, "was werden die Eltern von mir denken?
Sie sind gewi furchtbar bse."

"Du mut ihnen gleich schreiben," sagte Nellie.

"Erst will ich ihren Brief abwarten; ach, wenn er doch erst da wre!"

Nellie nickte beistimmend und meinte, so wre es auch wohl am besten.

"Komm, wir wollen in meine Stube gehen, _darling_," sagte sie und ffnete
die Tre, die in ihr Allerheiligstes fhrte, das zwischen dem Ezimmer und
ihres Mannes Zimmer an der Eckwand des Hauses lag. Ein kleiner nach auen
vorspringender Erker verlieh dem Raum eine anheimelnde Gemtlichkeit.
Nellie hatte ihn dicht mit Blattpflanzen besetzt, davor zwei kleine Sessel
aus Bambusrohr nebst einem ebensolchen winzigen runden Tischchen gestellt
und dadurch ein lauschiges, reizendes Plaudereckchen hergerichtet. Hierhin
ntigte sie jetzt Ilse, die sich rings im Zimmer umsah.

"Es ist entzckend bei dir," versicherte sie wieder, und trotzdem Nellie
bescheiden abwehrte, freute sie sich doch ber das ihr gespendete Lob.

"Fred macht es so viel Freude, wenn die Wohnung hbsch ist, da macht es
mich auch Spa," und dabei fuhr sie liebkosend ber die spiegelblanke
Platte ihres zierlichen Schreibtisches und rckte an den Figrchen und
Nippes, die darauf standen.

"Die vielen reizenden Sachen, die du hast, Nellie!"

"Die schenkt mich alle mein Fred. Er ist so gut zu mir, unbeschreiblich
lieb; o Ilschen, was bin ich fr ein glckliches Frau. Ich denke nur immer
daran, ob er mit mir auch so glcklich ist."

Eine so dankbare uneigenntzige Liebe leuchtete aus ihren Augen, da Ilse
beschmt die ihrigen zu Boden senkte; so wie die Freundin eben sprach,
hatte sie noch nie gefhlt, solche Gedanken waren noch nicht in ihr
aufgestiegen. Dies machte sie doch stutzig. Hatte sie eigentlich jemals
eine Regung des Dankes fr alle Liebe und Zrtlichkeit Leos gehabt? Nein,
das war ihr nie eingefallen! Und hatte sie sich jemals geprft, ob auch
sie alles tue, ihn glcklich zu machen? Nein! gestand sie sich wieder.
Jetzt tauchten zum ersten Male diese Fragen in ihr auf und regten sie zu
ernstlichem Nachdenken an. "Aber Nellie ist eine schwrmerische,
hingebende Natur, und das bin ich nicht und will ich auch nicht sein,"
sagte sie sich schlielich, und bei diesem Gedanken beruhigte sie sich.
Und doch konnte sie die Augen der Freundin nicht vergessen und beneidete
sie fast im stillen.

"Nellie," fragte sie pltzlich, "wann kommt denn der nchste Zug von
Moosdorf hier an?"

"Warum, Ilschen? Glaubst du, deine Eltern kommen dich zu holen? Oder
erwartest du deinen Brutigam?"

"Nein, nein, das denke ich nicht, - ich fragte berhaupt nur so," sagte
Ilse errtend.

Und doch hatte Nellie ihre Gedanken richtig erraten, denn sie erwartete,
ja hoffte mit banger Sehnsucht, da Leo den Tag nicht vergehen lassen
wrde, ohne zu ihr zu eilen. Gewi hatte er jetzt eingesehen, wie unrecht
er ihr tat. Aber wenn er kam, dann wollte sie ihm verzeihen, sie wollte
nicht lnger widerspenstig, sondern nachgiebiger sein als sonst. Das alles
malte sie sich im Geiste aus und konnte doch eine Sorge, eine unbestimmte
Ahnung, da es vielleicht nicht so kommen wrde, wie sie sehnlich
wnschte, nicht unterdrcken.

Die folgenden Stunden waren nicht die behaglichsten fr Ilse. Sie war in
steter Erwartung, bei jedem Klingeln schreckte sie zusammen. Der
Mittagszug war lngst da. Sie hatte whrend dieser Zeit wie zufllig am
Fenster gesessen und auf die Strae gesehen. So oft eine Gestalt in der
Ferne auftauchte, schlug ihr das Herz, und immer von neuem wurde sie
enttuscht. Dann ballten sich ihre Hnde fest zusammen, und sie mute sich
beherrschen, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. Nellie und ihr Mann
berlieen sie sich selbst und ihrer Stimmung. Die beiden, feinfhlenden
Menschen ahnten, was in ihr vorging und sie bewegte.

Ilse wurde von den selbstqulerischsten Gedanken geplagt; sie war heute so
viel milder gestimmt als gestern, sie dachte an den geliebten Vater,
welche Angst er wohl um sie ausgestanden, an die Mama, wie sie sich um ihr
Ausbleiben beunruhigt haben mochte; an aller Sorge der lieben Eltern war
sie schuld. Dies innere Gestndnis machte sie sehr weich, wie die Trnen
verrieten, die in hellen Tropfen auf ihre verschlungenen Hnde fielen.

Der Herbsttag neigte sich bereits seinem Ende zu, die Dmmerung war
hereingebrochen - und wieder sa Ilse am Fenster. Ihre Hoffnung, da Leo
noch kommen wrde, war gesunken, und nur mechanisch sah sie noch auf die
Strae hinunter. Die Gestalten, die jetzt schattenhaft vorber huschten,
verfolgte sie nicht mehr mit ungeduldig klopfendem Herzen, sie war mutlos
geworden! Vor ihrer gengstigten Seele stand Lucies Bild, und wie es sie
gestern zur Umkehr bewegen wollte, blickte es sie jetzt mit schmerzlichen
Augen an und schien ihr zu sagen: "Er kommt nicht! Du wirst umsonst auf
ihn warten." Ihre aufgeregten Nerven lieen ihr diese Worte fortwhrend in
den Ohren klingen. Auf einmal empfand sie die Schwere des unglckseligen
Schrittes, den sie gewagt hatte, und die Angst legte sich gleich einem Alp
auf ihr Herz. Wie eine Erlsung wirkte es daher jetzt auf sie, als zwei
Arme sie zrtlich umschlangen und Nellies Kpfchen sich an ihre heie
Wange legte. Es war ihr, als wrde sie aus einem hlichen Traum
aufgeweckt, und erleichtert holte sie Atem.

"_Darling_," sagte Nellie, "ich habe eine Nachricht von deine liebe Mama."

Ilse fuhr in die Hhe.

"Wo hast du den Brief, bitte, gib ihn mir," flehte sie frmlich und sah
suchend nach Nellies Hnden.

"Warte nur, Kindchen, ich gebe ihn dir schon; aber erst mu ich mit dir
sprechen; deine gute Mama schreibt so reizend. Sehr aufgeregt waren deine
Eltern ber deine Flucht, aber sie haben dir verziehen, und du darfst nun
fr einige Zeit bei mich bleiben; o, wie freue ich mir!"

Ilse horchte gespannt.

"Was steht sonst noch im Briefe?" fragte sie hastig. "Was hat Papa
gesagt?"

"Dein Papa wird dir schreiben, wenn ein Brief von dich angekommen ist. O,
dein Vater ist ein so lieber Herr, er zrnt nicht mehr mit dir,"
versicherte Nellie treuherzig. "Hier lies ihn selbst, das Brief, was sonst
noch darin steht," sagte sie und reichte ihn Ilse hin, die ihn mit
zitternden Hnden aus dem Kuvert nahm. Hastig faltete sie die
engbeschriebenen Bltter auseinander, suchend berflogen ihre Augen Zeile
auf Zeile, und eine schmerzliche Enttuschung malte sich in ihren Zgen,
als sie fertig gelesen hatte. Schweigend legte sie den Brief wieder
zusammen und gab ihn Nellie zurck.

"Nun, Kindchen," sagte die junge Frau, "freust du dich nicht ber den
lieben Brief von deine Mama? Wie mssen dir deine Eltern lieb haben! Wie
schn, da du bei uns bist! Bleibst du auch gern hier?"

Ilse nickte. "Sehr gern, Nellie, und ich wei auch," fuhr sie mit erregter
Stimme fort, "da mich meine Eltern lieben, sehr lieben, mehr wie irgend
jemand auf der Welt. Ich will deshalb auch immer bei ihnen bleiben und sie
nie verlassen!"

"O, Kind -," sagte Nellie vorwurfsvoll; aber Ilse unterbrach sie. "Ja das
will ich, das will ich bestimmt, denn er ist ja doch nur froh, wenn er
mich los ist!" rief sie laut und warf mit bitterem Lachen den Kopf zurck.

Nellie sah die Freundin erschrocken an, und zurechtweisende Worte drngten
sich auf ihre Lippen. Aber sie sagte nichts, ihr mitleidiges Herz hielt
sie zurck, als sie sah, wie aufgeregt Ilse war, und da sie nur mit Mhe
einen leidenschaftlichen Ausbruch zurckhielt.

"O, _darling_, ich kenne dich nicht wieder," sagte sie leise und sah ihr
traurig in die Augen. Da lste sich die Spannung von Ilses Gemt, sie
legte beide Hnde vor das Gesicht und brach in heftiges Weinen aus.

"Was hast du, Herz? Sprich doch," bat Nellie, "vertraue mich, ich bin doch
deine geliebte Freundin und verrate dich nicht. Sprich dir aus, Ilschen,
mach dein kleine Herz leichter! Oder darf ich dir sagen, warum du so
weinst? Ist es, weil dein Brutigam nicht schrieb oder nicht kam, seine
Schatz wieder zu holen? Ist es nicht dies Kummer, was deine Seele drckt?
Gestehe es mich doch."

Zrtlich und einschmeichelnd klang ihre Bitte, und Ilse wurde dadurch
bezwungen. Sie nickte und lehnte sich an Nellies Schulter, indem sie leise
fortweinte.

"Siehst du, ich dachte es mich wohl, _darling_, aber nun hre mich an. Ich
bin dein vernnftige alte Freundin und mu dir ein paar ernste Worte
einreden. Du kennst noch nicht die Mnner, du lernst sie erst verstehen,
wenn du deines Leo kleine Frau bist. Er ist viel zu nachgebend gegen dich;
aber wenn ihr verheiratet seid, wird er nicht immer tun, was lieb Ilschen
will. Das wird im Anfang viel Streitigkeit geben, denn die Mnner wollen
haben, da wir uns in sie fgen, weil sie die Herren der Schpfung sind. O
du, du wirst lernen, wie schn das ist; denn haben wir uns einiges Mal
gefgt, so knnen wir das liebe Mann um den kleinen Finger wickeln, und er
merkt es nicht! Darum lieb' Schatz, sei nicht hartnckig. Du mut dein Leo
schreiben und ihn bitten, da er dich verzeiht."

Bis dahin hatte Ilse ruhig zugehrt; nun brauste sie auf, und ihre Augen
funkelten, als sie hochaufgerichtet vor Nellie stand.

"Um Verzeihung bitten?" rief sie spttisch. "Nellie, du kennst mich
schlecht! Ihn um Verzeihung bitten, nein, dazu bin ich zu stolz. Nellie,
so weit erniedrige ich mich nicht, nie und nimmer!" Sie betonte die
letzten Worte nachdrcklich und fuhr leidenschaftlich mit dem Taschentuch
ber ihre Augen, die noch von den eben vergossenen Trnen feucht glnzten,
als wolle sie damit ausdrcken: "er ist es nicht wert, da ich seinetwegen
Trnen vergiee."

Nellie sah sie angstvoll an, sie begriff die Freundin nicht.

"O Ilse," sagte sie, "wie kannst du so sprechen? Es ist groe Unrecht von
dich. Wie hast du mich selbst so oft geschrieben, wie treu und gut dein
Leo ist, wie lieb -"

"Ich bitte dich," fiel ihr Ilse ins Wort und erhob flehend ihre Hnde;
"la uns ber diese Geschichte schweigen. Ich sehe ja, du bist auch auf
seiner Seite. Ich natrlich, nur ich habe schuld! Ich soll mir alles
gefallen lassen von ihm, so denkst auch du, Nellie; aber deshalb demtige
ich mich doch nicht vor ihm!"

Nellie schwieg. Sie merkte, da jetzt keines ihrer gutgemeinten Worte
etwas fruchten, ja, da ihr Zureden Ilses Trotz nur verschlimmern knnte.
Aber sie wnschte in diesem Augenblick sehnschtig, da bald die Zeit
kommen mchte, die Ilse bekehren und ndern wrde.

Das schrieb sie auch an Frau Anne und versprach ihr, allen Einflu
aufzubieten, der ihr zu Gebote stnde; vorlufig aber msse man den
geliebten Trotzkopf ganz in Ruhe lassen.

Am andern Morgen sa Ilse eifrig schreibend in ihrem Stbchen, als Nellie
hereintrat.

"Ich schreibe an die Eltern," sagte sie errtend und kam mit diesen Worten
einer Frage Nellies zuvor. Dann sprang sie auf und ergriff Nellies Hnde.

"Wollt ihr mich denn auch wirklich fr einige Zeit behalten, bin ich euch
nicht zur Last, und ist es auch deinem Manne recht und hast du mich auch
noch ebenso lieb wie frher, Nellie?"

So lie sie in ihrer lebhaften Weise die Fragen durcheinanderschwirren.
Die junge Frau zog sie an sich.

"O, _darling_, wie kannst du so fragen? Wenn es dich verwhnte Schokind
nur bei uns einfache Leute gefllt, so werden wir froh sein. Wie freue ich
mir auf dein Aufenthalt! Wir wollen eine vergngte Zeit durchleben," rief
sie jubelnd. In diesen Jubel stimmte Ilse nicht mit ein, sondern blickte
gedankenvoll vor sich hin. Sie wollte Leo zeigen, da sie fest bleiben
knne; dieser Entschlu vollzog sich jetzt in ihrem Innern und verlieh
ihren Zgen einen trotzigen Ernst.

Der Brief an die Eltern war abgeschickt, und Ilse war sicher, da er sie
wieder ganz vershnen wrde. Sie hatte dieselben herzlich um Verzeihung
gebeten, aber zugleich die instndige Bitte ausgesprochen, nicht nach dem
Grunde ihrer Flucht zu forschen.

In den nchsten Tagen traf ein groer Koffer mit Sachen fr sie ein, worin
ein langer zrtlicher Brief von ihrem Papa lag. Kein Tadel, kein Vorwurf
enthielt derselbe; die sorgende Liebe, die aus jeder Zeile sprach,
beschmte sie tief. Hatte sie dieselbe wohl verdient?

Am Schlusse des Briefes schrieb der Papa:

"Amsiere dich nur recht gut bei deiner Nellie, liebes Kind, sei heiter
und vergngt, aber bleibe nicht zu lange fort und vergi nicht deinen
alten Vater!"

Diese Worte rhrten sie sehr.

Nein, gewi! Vergessen wrde sie ihren einzigen guten Herzenspapa nicht.
Leo wurde von ihm mit keiner Silbe erwhnt, und auch als ihr der andre Tag
einen Brief von Frau Anne brachte, war sie enttuscht, denn derselbe
bewahrte ebenfalls tiefes Stillschweigen ber ihn. Von allem erzhlten die
Eltern ausfhrlich, aber ber Leo schwiegen sie beharrlich. Sie wuten
gewi, was zwischen ihnen vorgefallen war, und glaubten wohl, es wrde ihr
peinlich sein, wenn sie diesen Punkt berhrten. Viel lieber wre es ihr
gewesen, von ihnen darber zu hren, denn sie htte gern gewut, wie Leo
die Entdeckung ihrer Flucht aufgenommen hatte; aber dennoch wollte sie um
keinen Preis die Eltern danach fragen. Sie nahm sich fest vor, nicht mehr
daran zu denken, ob ihr Leo schreiben wrde oder selbst kme, um sie zu
holen. In ihrem Herzen freilich lebte die sehnschtige Hoffnung nach einem
Lebenszeichen von ihm fort und lie sich durch alle ihre Vorstze nicht
zurckdrngen. Ohne da sie es sich gestand, wuchs ihre Ungeduld von Tag
zu Tag, und sie war schlielich in einer fieberhaften Aufregung. So oft
der Brieftrger kam, zitterte sie vor banger Erwartung, jedes Klingeln an
der Tre lie sie zusammenschrecken. Den Eltern schrieb sie eifrig, fast
tglich, und erhielt ebenso regelmige Antworten. Wenn ein Brief von
daheim ankam, ging sie schnell auf ihr Zimmer, riegelte die Tr zu und
erbrach ihn mit zitternden Fingern. Sie durchflog die Seiten und wurde
immer von neuem enttuscht. Dann strzten ihr oft heie Trnen aus den
Augen, und sie knitterte zornig das unschuldige Papier zusammen.

So schwanden ihr die Tage unter Zweifel und Ungewiheit dahin, und sie
litt schwer darunter. Nellie war ihr eine treue Freundin voll zarter
Aufmerksamkeit. Aber auch sie berhrte nicht mehr das peinliche Thema. "Es
ist besser, du schweigst," hatte ihr Mann gesagt, als sie wieder einmal
versuchen wollte, ob sie Ilse bewegen knne, an ihren Brutigam zu
schreiben. Sie wute von Ilses Mutter, da Leo, emprt und zugleich
betrbt ber die Tat seiner Braut, ihr auf keinen Fall schreiben oder gar
selbst kommen wrde. Aber sie brachte es nicht bers Herz, Ilse das zu
sagen. Sie frchtete einen neuen leidenschaftlichen Ausbruch und glaubte
Ilses Widerstand dadurch nur noch grer zu machen. "Armes _darling_, wie
tust du mich leid," sagte sie oft leise, wenn sie in dem blassen Gesichte
der Freundin deren heimliche Kmpfe las, und sie fhlte mit ihr, wie sie
litt.

Zwei Wochen waren fr Ilse in Hangen und Bangen verstrichen. Sie hatte
sich bei ihren liebenswrdigen Freunden vollstndig eingelebt, und Nellie
hatte es verstanden, sie bisweilen etwas aufzuheitern. Aber dann konnte
sie auch wieder lange schweigend vor sich hinstarren, und die trotzig
aufgeworfene Oberlippe lie erraten, woran sie dachte.

"Ich mu ihr etwas zerstreuen," sagte Nellie zu ihrem Mann. "Sie ist so
bla und hat schwarze Ringels unter den Augen; sie darf nicht mehr so viel
an der Sache denken. Sie ist eine kleine Widerspenstige, und ihr knftiger
Mann mu ihr sehr heilen, bis sie eine so sanfte Weibchen wird, wie ich es
bin," fgte sie mit einem schalkhaften Blick hinzu.

"Ja," lachte Althoff, "wenn man einen so guten Mann hat, wie ich es bin,
der zu allem 'Ja' und 'Amen' sagt, dann ist es leicht, sanft zu sein."

"O, du," drohte Nellie scherzend mit dem Finger, aber er schlo ihr den
Mund mit einem Kusse.

"Heute mssen wir einige Visiten machen," sagte Nellie eines Tages zu
Ilse. "Die Leute betrachten dir schon wie eine verwunschene Prinzessin,
weil ich dich nirgends zeige. Und Florchen, wie wird sie grimmig sein,
wenn sie hrt, da du bist schon lange bei mich und hast ihr noch nicht
ins 'eigene Heim' besucht. Das ist nmlich ihr Lieblingsausdruck."

Ilse zeigte wenig Lust fr diese Besuche, lie sich endlich aber doch dazu
bewegen.

Seit dem Abend ihrer Ankunft war sie nur einige Male in der Dmmerung mit
Althoffs spazieren gegangen, heute sah sie die kleine Stadt zum ersten
Male im hellen Tageslicht. Mancher neugierige Blick folgte den beiden.
Frau Doktor Althoff hatte Besuch, und davon wute man nichts? Das war doch
unerhrt! Wer mochte denn die junge Dame sein? Frau Doktor Althoff hatte
ja gar nicht erwhnt, da sie Besuch bekme, warum hatte sie das
verschwiegen? So zerbrachen sich Nellies Bekannte, die ihnen begegneten,
den Kopf. In der breiten Hauptstrae vor einem hbschen Hause machte
Nellie Halt.

"Hier wohnt die Dichterin Frau Doktor Flora Gerber, in dies Haus, eine
Treppe hoch," sagte sie und ffnete die Haustre.

Als sie oben angekommen waren, flsterte sie Ilse zu: "Ilschen, wenn dir
das neugierige Flora nach alles fragt, nach dein Hiersein, dein Verlobten,
la mir nur machen, ich geb' ihr Antwort."

Wie ein Stein fiel es Ilse bei diesen Worten vom Herzen, denn heimlich
hatte sie schon berlegt, ob sie Floras Fragen ausweichen oder sie
beantworten sollte. Sie drckte Nellie mit einem dankbaren Blicke die
Hand.

Auf Nellies zweimaliges Schellen wurde die Tre von einem wenig sauberen
Mdchen geffnet.

"Sind die Herrschaften zu sprechen?" fragte Nellie.

"Der Herr Doktor sind nicht zu Hause," stotterte das Mdchen verlegen,
"aber ich will mal nachsehen -"

Ohne den Satz zu beenden, verschwand sie eiligst hinter der Tre. Nach
einem Weilchen erschien sie wieder, ri die gegenberliegende Stubentre
weit auf und meldete lakonisch:

"Da sollen Se rein gehen."

Flora war nicht im Zimmer, und Ilse hatte Mue, sich grndlich darin
umzusehen. Sie bedurfte brigens nur weniger Blicke, um einen deutlichen
Eindruck zu gewinnen. Wie viel vermite hier ihr stark ausgeprgter
Schnheitssinn! Traulich, harmonisch, geschmackvoll war es bei Nellie,
ungemtlich, geschmacklos, ein wirres Durcheinander bei Flora! Die Mbel,
gut und neu, entbehrten jeder Pflege, das sah man ihnen nur zu deutlich
an, denn eine graue Staubdecke lag darauf. Die Bilder an den Wnden hingen
schief, die Pflanzen am Fenster und im Blumentisch lieen durstig die
Kpfe hngen, und die gelben vertrockneten Bltter an den Stengeln gaben
ihnen ein traurig verkommenes Aussehen. Ilse, die eine groe
Blumenfreundin war, betrachtete sich die rmsten mitleidig und sah sich
unwillkrlich nach einer Giekanne um, ohne jedoch eine solche entdecken
zu knnen. Auf dem Tisch vor dem Sofa, ber den eine blaue Samtdecke
gebreitet war, welche schief herabhing, lagen eine Menge Bcher, zum Teil
aufgeschlagen, mit Flecken und umgebogenen Ecken, dazwischen
Visitenkarten, Briefe, lose Bltter in einem wahren Chaos zusammen.

"Nellie, sieh nur," rief Ilse halblaut und zeigte mit der Hand auf diesen
Wirrwar, "das nennt Flora gewi 'malerisch'."

"O, stre mir nicht in mein heiliges Andacht," gab Nellie zur Antwort, und
als sich Ilse bei diesen mit Pathos gesprochenen Worten umwandte, sah sie
Nellie mit gefalteten Hnden vor einem Schreibtisch stehen, der seinen
Platz am Fenster hatte.

"Hier schafft unser groe Dichterin, Ilschen. An was fr ein herrliches
Mordgeschicht' mag sie wieder dichten," fuhr sie in demselben feierlichen
Tone fort.

Ilse hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzulachen, denn
Nellie war zu komisch.

"Eben hat Florchen dieses Platz verlassen, wir haben ihr gewi aus ihre
schnste Gedanken gescheucht," fing Nellie wieder an.

Sie schien mit ihrer Vermutung recht zu haben, denn die Feder glnzte noch
feucht von Tinte, der Stuhl stand jh zur Seite geschoben, und einige
Bltter, die an der Erde lagen, waren wohl beim eiligen Aufstehen auf den
Boden geflogen. Mit beschriebenen und unbeschriebenen Blttern war der
ganze Schreibtisch bedeckt, kaum da die Stelle freigeblieben war, wo ein
ber und ber bespritztes Tintenfa thronte, das nicht aussah wie fr
einen Damenschreibtisch bestimmt.

"Sieh hier, _darling_," sagte Nellie leise und zog die noch immer sich
verwundert umsehende Freundin mit sich fort, "das ist Florchens Mann."

Sie zeigte auf ein Bild, das ber dem Schreibtisch hing. Ilse trat nher
heran und sah sich den nicht gerade hbschen aber interessanten Mnnerkopf
mit dem kurz geschorenen Haar und Bart voll Interesse an. Sie war noch in
der Betrachtung des Bildes versunken, als sich die Tre ungestm ffnete
und Flora auf der Schwelle erschien. Dieselbe fuhr erstaunt zurck, als
sie Ilse gewahrte, deren Besuch sie gar nicht vermutet hatte.

                              [Illustration]

"Mein Gott, Ilse, bist du es wirklich, oder ist es dein Geist?" rief sie
theatralisch mit weit vorgestreckten Hnden.

"Beruhige dich, Flora," antwortete Nellie, "komme zu dich, es ist nicht
ihre Geist, es ist die liebe Ilse in wahre Leibhaftigkeit. Sie kam uns auf
recht lange Zeit zu besuchen."

"Das Mdchen sagte mir, es wre noch eine Dame dabei, aber ich hatte
natrlich keine Ahnung, da diese Dame Ilse war. Ich dachte, es wre
vielleicht Rosi."

"Wir wollten dir berraschen, Flora," erklrte Nellie.

"Aber nun willkommen, herzlich willkommen im eigenen Heim!" rief Flora und
ging mit geffneten Armen Ilse entgegen, die kaum das Lachen verbergen
konnte, weil Nellie sie bei dem 'eigenen Heim' mit dem Ellbogen angestoen
hatte.

"Und nun setzt euch, Kinder," sagte Flora, als die Begrung vorber war
und sie sich von dem Erstaunen ber Ilses pltzliches Erscheinen etwas
erholt hatte. Sie fhrte die beiden zum Sofa und lie sich ihnen gegenber
in einen der blauen Plschsessel fallen, die um den Tisch standen. "Seid
nur nicht bse, da ich noch im tiefsten Negligee erscheine,"
entschuldigte sie sich und wies auf ihren allerdings recht primitiven
Morgenrock. Mit einem schwrmerischen Ausblick fuhr sie fort:

"Doch, wenn ich einmal im Schaffensdrang bin, verlt mich der Gedanke an
die Wirklichkeit vollstndig. Was liegt auch an dem elenden Putz und Tand!
Am liebsten hlle ich mich in eine einfache Kutte, nur um die Zeit zu
sparen und mich noch mehr meinen Arbeiten widmen zu knnen."

Sie seufzte leise bei diesen Worten. Ilse und Nellie erwiesen ihr nicht
den Gefallen, auf ihre Phrase vom Schaffensdrang nher einzugehen. Nellie
schnitt das Thema kurz ab mit der Frage: "Wo ist dein Mann, Flora? Und die
kleine Baby?"

"Ernst macht Krankenbesuche und kommt erst zu Mittag nach Hause," gab
Flora gedehnt zur Antwort, die letzte Frage scheinbar berhrend.

"Ach Kinder," fuhr sie fort, "ihr glaubt nicht, wie entsetzlich schwer es
ist, die Frau eines Arztes zu sein. An was mu man sich da nicht alles
gewhnen! Der Beruf ist furchtbar prosaisch, entbehrt jeder Poesie. Schon
allein die Karbol- und Jodoformgerche, in welche sich der Arzt hllen
mu, - puh, unausstehlich!"

Sie schnitt bei dem Gedanken an diese verpnten Gerche ein wegwerfendes
Gesicht und hielt sich unwillkrlich ihr stark parfmiertes Taschentuch
unter die Nase.

"O, ich finde sie ein sehr schnes Parfm, nix rieche ich lieber als
Jodoform und Karbol," sagte Nellie ganz ernsthaft.

Entsetzt sah Flora sie an.

"Pfui, Nellie! das kann dein Ernst nicht sein," rief sie. "Aber freilich,
du warst von jeher eine trockene, nchterne Natur, du httest eigentlich
gut zu Ernst gepat."

"O ja," erwiderte Nellie lchelnd, und aus ihren Grbchen sah der Schelm
hervor, "und ich glaube, du gut zu mein Alfred, weil er hat ein so fein
Verstndnis fr deine Poesien."

Ilse freute sich im geheimen ber Nellies Schlagfertigkeit, aber ber
Floras Gesicht ergo sich eine brennende Rte. Sie fhlte den Stich aus
Nellies Worten deutlich heraus, denn noch heute konnte sie Doktor Althoffs
Kritik ber ihre Werke nicht verschmerzen. Zugleich hatte Nellie unbewut
auf eine kleine Schwche angespielt, die sie noch immer fr ihren frheren
Lehrer besa. Sie antwortete nicht, sondern verbarg ihren Unmut und wandte
sich an Ilse.

"Wie geht es deinem Brutigam, du glckliches Menschenkind?"

Jetzt war an Ilse die Reihe zum Errten, und die Verlegenheit trieb ihr
das Blut hei in die Wangen. Zum Glck deutete Flora ihr Errten ganz
anders; sie fand es entzckend, reizend, es sollte ihr den Stoff zu einem
Gedicht geben, dessen Titel unbedingt heien mute: "Das schmige
Brutchen." Sie fand diese Idee wundervoll, einzig in ihrer Art, und war
so begeistert davon, da sie laut ausrief:

"Nun sieh mir nur einer das schmige Brutchen an." Und trumerisch vor
sich hinblickend, fuhr sie fort: "Ja, Ilse, die Brautzeit ist die
poesievollste des ganzen Lebens. In sem Tndeln verflieen die Tage, die
angeborene Rauheit des Mannes liegt da noch gebndigt in den Rosenfesseln
der Liebe, in duftigen Zauber gehllt vergeht die Zeit, nur der Krper
berhrt noch mit flchtigem Fu die profane Erde. Der Geist, das Herz, sie
entflohen in himmlische Gefilde und trumen dort den ewigen Traum der
Liebe, fern vom lauten Getmmel der Welt, der Prosa des Lebens!"

Nellie und Ilse hatten sich bei diesem poetischen Ergu schon einige Male
verstndnisinnig angeblickt; aber als Nellie die letzten Worte Floras mit
einem urkomischen Gesicht begleitete, die Augen schwrmerisch
aufgeschlagen und gen Himmel gerichtet, konnte Ilse ihre Heiterkeit nicht
mehr verbergen und fing zu lachen an. Natrlich stimmte Nellie mit ein.
Flora war emprt ber den verkehrten Eindruck ihrer Worte und wtend sah
sie die beiden an.

"Ihr scheint noch ebenso albern und verstndnislos zu sein wie in der
Pension," sagte sie erregt. "Ich glaubte wirklich, Nellie, du wrst als
Frau vernnftiger geworden und du, liebe Ilse, scheinst mir ja eine recht
prosaische Braut zu sein. Mein Gedankenflug war eben zu hoch fr euch, wie
ich merke." Die letzten Worte betonte sie besonders und sah dabei die
beiden herablassend an.

Ilse rgerte sich ber Flora, sie war ganz ernst geworden und hatte eine
Erwiderung auf den Lippen. Aber Nellie kam ihr zuvor.

"Da haben wir unsere Teil," sagte sie mit der liebenswrdigsten Miene,
ohne durch Floras Abfertigung im mindesten aus der Fassung gebracht zu
sein. "Florchen, ich werde mich bessern, damit ich mit dich fliegen kann
in deine hohe schne Land."

Diese spttischen Worte erregten Floras Zorn noch mehr.

"Nimm mir nicht bel, Nellie," rief sie, "aber in dir lebt auch nicht ein
Funke von Poesie, du ziehst alles in den Staub und Schmutz herab."

Ilse war auer sich ber diese Schmhung ihrer geliebten Freundin.

"Nun ist es aber genug, Flora!" rief sie heftig, doch weiter kam sie auch
diesmal nicht, denn die Tre wurde geffnet, die intelligente Dienstmagd
erschien und meldete, Herr Referendar Lders wnsche Frau Doktor zu
sprechen.

Flora schnellte wie elektrisiert empor.

"Wie furchtbar fatal, - Herr Lders und ich noch in Morgentoilette. Aber,
er ist ja unser Hausfreund. Ich knnte mich schon so vor ihm zeigen."

Sie trat vor den Spiegel und besah sich musternd, aber nicht ohne
Wohlgefallen.

"Was meint ihr?" fragte sie, "kann ich ihn so empfangen?"

"Ich meine nicht," antwortete Ilse in ihrer gewhnlichen Offenheit. "Es
ist doch schon Mittag jetzt, und dann, denke ich, darf man im Morgenrock
berhaupt keine Herren empfangen."

"So denkt man wohl bei euch auf dem Lande," entgegnete Flora gereizt,
indem sie Ilse ber ihre Schultern hinweg einen mitleidigen Blick zuwarf.
"Ich mu gestehen, das nenne ich enge Ansichten. Htte ich nur meine
hochelegante Matinee an, dann natrlich wrde ich Herrn Lders sofort
empfangen. Sage Herrn Referendar, ich liee ihn bitten einzutreten, ich
wrde sofort erscheinen," wandte sie sich zu dem Mdchen, das stumpfsinnig
und bewegungslos an der Tre stand, der Dinge harrend, die da kommen
sollten.

"Adieu, Flora, wir mssen gehen," sagte Nellie und erhob sich.

                              [Illustration]

"Nein, auf keinen Fall! Bitte, bleibt nur noch so lange, bis ich
zurckkomme, bitte," bat Flora dringend und verschwand eiligst, weil die
Tre weit aufging und Herr Lders erschien. Nellie wollte mit einem
hflichen Grue an ihm vorbei gehen, er kam aber schnell auf sie zu und
machte ihr eine tiefe Verbeugung.

"Gndige Frau," sagte er, "ich bin beglckt, Sie hier zu treffen; darf ich
mich nach Ihrem Befinden erkundigen."

Nellie antwortete khl.

"O, ich danke, ich befinde mich sehr wohl. Ilse," wandte sie sich zu
dieser, "darf ich dir Herrn Referendar Lders vorstellen, - Frulein
Macket."

"Eine groe Ehre," sagte er verbindlich mit einer neuen eleganten
Bewegung.

"Wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, bis Flora kommt," sagte
Nellie.

Ilse bemerkte, da sie gegen diesen Herrn merkwrdig zurckhaltend war,
ganz gegen ihre gewhnliche liebenswrdige Art. Er gefiel auch ihr nicht;
sie konnte ihn jetzt, whrend er sich mit Nellie unterhielt, prfend
betrachten. Das glatte Gesicht war nicht unschn, aber ausdruckslos, die
hellen blauen Augen erschienen ihr geradezu unangenehm. Er hatte blonde
Haare, blonde Augenbrauen, blonde Wimpern und vom hellsten Blond war auch
das kleine Schnurrbrtchen, das in zwei steif abstehende und kunstvoll
gedrehte Spitzen auslief. Die Gesichtsfarbe war mdchenhaft zart und
rosig. Ohne da sie es wollte, drngte sich Ilse der Vergleich auf
zwischen ihm und ihrem Brutigam. Wie kraftvoll und energisch war dessen
Gestalt gegen die des zierlichen Herrchens, das keine Spur von
Mnnlichkeit und Ernst zeigte. Jetzt wandte er sich zu ihr und rckte an
seinem Kneifer, der auf der kleinen, etwas aufgestlpten Nase keinen
rechten Platz finden konnte.

"Wie lange weilen gndiges Frulein schon in unsern Mauern?" fragte er und
sah ihr dabei keck ins Gesicht, da sie unwillkrlich den Kopf zurckwarf
und ihn von oben herab unnahbar anblickte. Sie fand ihn in diesem
Augenblick unausstehlich, so da sie sich Mhe geben mute, seine Fragen
artig zu beantworten, und froh war, als Floras Eintreten der Unterhaltung
ein Ende machte.

"Mein lieber Herr Lders, verzeihen Sie nur, bitte, bitte, da ich Sie
warten lie," rief sie ihm entgegen mit kindlich gefalteten Hnden und
demtigem Augenaufschlag.

"Wie knnte ich Ihnen bse sein," sagte er mit Nachdruck und fhrte ihre
Hand an seine Lippen.

Flora hatte in groer Eile Toilette gemacht, das sah man, und ebenso
geschmacklos wie vorher, auch das fiel sofort auf. Die Haare trug sie
jetzt hoch aufgetrmt, was ihren ohnedies groen Kopf noch grer
erscheinen lie.

Das schwarze Kleid, das sie trug, war berreich mit Perlen besetzt, von
denen schon viele die Flucht ergriffen und kahle Stellen zurckgelassen
hatten. Aber fr solche Kleinigkeiten hatte die geniale Flora keinen Blick
und jetzt besonders nicht, denn ihre Aufmerksamkeit nahm der Referendar in
Anspruch. Er hatte aus seiner Tasche ein Heft gezogen und berreichte ihr
dasselbe.

"Ich habe mich an den Kindern Ihrer Muse wahrhaft ergtzt," sagte er,
"seit lange habe ich nichts von so tiefem Inhalt, so poetischem Wert
gelesen. Ich bewundre Ihre Phantasie, Ihren Geist, gndige Frau."

Flora schwamm in einem Meer von Seligkeit, ihr Gesicht strahlte, und
triumphierend sahen ihre Augen zu den Freundinnen hinber.

"Seht, es gibt doch noch Menschen, die mich und meine Werke verstehen,"
schienen sie zu sagen.

"Wie freue ich mich, da Ihnen die kleinen Blmchen, die ich in dem
Grtchen meiner Poesie pflckte, gefallen," sagte sie bescheiden. "Macht
es Ihnen Spa, so gebe ich Ihnen ein greres Opus zum Lesen mit, ich bin
gerade damit fertig geworden."

Sie stand auf, es zu holen, und diese Gelegenheit bentzte Nellie und Ilse
sich auch zu erheben, um sich zu verabschieden. Flora hielt sie jetzt auch
nicht lnger mehr zurck; es war ihr offenbar ganz erwnscht, da sie
gingen. Sie kte beide mit berwallender Zrtlichkeit, trug Nellie
tausend Gre fr den strengen Gebieter und Ilse ebensoviel an ihren
Brutigam. Als sie von der Tre zurck ins Zimmer trat, fing sie noch
gerade den bewundernden Blick auf, den Herr Lders Ilse nachsandte. Das
stimmte ihre gehobene Laune etwas herab.

Als Ilse und Nellie schon auf der Treppe waren, fiel es ersterer ein, da
sie ja einen Schirm mitgebracht hatte. Sie gingen deshalb zurck, fanden
ihn aber nicht mehr auf dem Platz, wo sie ihn hingestellt hatten.

"O, wahrscheinlich hat ihn das saubere Dienstbot weggestellt, ich werde
ihr fragen," sagte Nellie und ging in die Kche, die am Ende des Korridors
lag. Gleich darauf rief sie:

"Komm, Ilschen, sieh dir mal die kleine Stiefkind von Flora an, - o, ist
es nicht eine se Baby?"

Sie hatte das kleine Wesen schon auf dem Arme, als Ilse hereintrat, welche
als Kinderfreundin, die sie war, das Kind nun ebenfalls liebkoste und
streichelte. Es war ein reizendes kleines Mdchen von vier Jahren, mit
dunklen Augen und dunklem lockigen Haar. ngstlich und schchtern sah es
die beiden an und bog sich bei ihren Liebkosungen abwehrend zurck, indem
sie die Hndchen fest gegen Nellies Brust stemmte.

"Bitte, Nellie, gib mir die Kleine nur ein einziges Mal," qulte Ilse,
"ich mag Kinder so schrecklich gern. Meinen kleinen Bruder schleppe ich so
viel herum, da Mama oft schilt, denn sie will nicht, da er so viel
getragen wird. Der se kleine Kerl, ob er sich wohl nach mir sehnt, oder
mich schon vergessen hat?"

Sie seufzte bei diesen Worten, und in dem sehnschtigen Gedanken an das
Brderchen nahm sie Nellie das Kind so heftig aus dem Arm und prete es so
strmisch an sich, da es jmmerlich zu schreien anfing und mit Hnden und
Fen die grten Anstrengungen machte, von Ilses Arm zu kommen.
Erschrocken lie diese es auf den Boden gleiten, Nellie aber kniete neben
ihm nieder und fragte es:

"Wie heit du denn, _darling_?"

Die Kleine antwortete nicht, weder auf diese noch auf ihre weiteren
Fragen. Sie zog sich in eine Ecke zwischen dem Tisch und Kchenschrank
zurck, und sah sich die beiden mit trotzig verschlossenen Blicken an. Dem
armen kleinen Wesen fehlte die liebende, sorgende Hand der Mutter. Das
fleckige Kleidchen aus dunklem schwerem Stoff, die schmutzige Schrze aus
grellbuntem Kattun bewiesen, da ihr Anzug ohne Lust und Liebe gewhlt
war.

"Arme Baby," sagte Nellie leise und sah mitleidig auf das Kind.

"Findest du nicht," fragte Ilse, "da sie hnlichkeit mit unserer sen
Lilli hat? Ihre Augen haben denselben schwermtigen Ausdruck. Ist Flora
denn nicht sehr glcklich ber dieses reizende Kind?"

"O, ich glaube nicht," meinte Nellie, "es ist nie die Rede von die kleine
Kthe, sie besorgt sich wenig um ihr. - Nun aber, Ilschen, es ist die
hchste Zeit, da wir fortgehen, sonst kommt Fred nach Hause und findet
mich abwesend."

Nellie beugte sich zu dem Kinde nieder und griff nach ihren Hndchen,
Kthe entzog sie ihr aber schnell und versteckte sie auf dem Rcken.

Als sie ber den Vorplatz gingen, hrten sie Floras laute, etwas
weinerliche Stimme; sie schien in lebhafter Unterhaltung mit Herrn Lders
begriffen zu sein. Auf der Strae hing sich Nellie an Ilses Arm und lachte
mit dem ganzen Gesicht.

"Ein schner Besuch, nicht wahr, Ilschen?" fragte sie heiter. "Wie gefllt
dich Flora als Frau und Mutter? Ist sie nicht noch eine ebenso
verschraubte Person wie frher?"

"Noch schlimmer ist sie geworden," stimmte Ilse bei. "Ich finde sie zu
lcherlich! Hast du wohl bemerkt, wie holdselig sie den Referendar
anlchelte, als er ihre Werke lobte? Und hast du sein spttisches Gesicht
gesehen?"

"O, ich habe alles gesehen, _darling_, ich habe auch eine scharfe Blick.
Dieser Lders, ich mag ihn gar nicht, er ist keine Gentleman, er ist nicht
richtig."

"Er ist nicht richtig?" fragte Ilse erschrocken, "hat er denn schon mal im
Irrenhaus gesessen?"

"O nein," lachte Nellie, "du verstehst mich nicht."

"Ja, aber du sagst doch, er wre nicht richtig, und das heit so viel als:
er hat seinen vollen Verstand nicht."

"_Darling_, ich meine ja ganz anders, ich denke, er ist nicht richtig,
weil er nicht die Wahrheit sagt."

"Ach so," rief Ilse, "nun geht mir ein Licht auf; du meinst, er ist nicht
aufrichtig?"

"Ja, ja," besttigte die junge Frau, "so heit das Wort, der ich nicht
finden konnte."

Dieses Miverstndnis belustigte beide aufs hchste, sie kamen immer
wieder darauf zurck und muten immer von neuem darber lachen. In
heiterster Laune langten sie zu Hause an.

"Herr Doktor ist schon lange da," empfing sie das Mdchen.

"O weh," flsterte Nellie, "da haben wir die Zeit verfehlt. Wie viel ist
denn die Uhr, ich habe kein Begriff."

"Gleich zwei Uhr," berichtete das Mdchen. "Der Herr Doktor hat schon oft
nach den Damen gefragt."

Auf dem Vorplatz kam ihnen Nellies Mann entgegen, und man sah es ihm an,
da ihn die Ungeduld unwillig gemacht hatte.

"Wo bleibst du denn so lange?" fragte er verstimmt, "ich warte nun schon
seit ein Uhr auf dich. Du weit doch, liebes Kind, da ich die
Pnktlichkeit liebe und es vor allen Dingen nicht in der Ordnung finde,
wenn die Frau ihren Mann warten lt."

Er hatte Ilse nicht bemerkt, die sich bei seinen Worten ngstlich hinter
einem Kleiderschrank versteckt hielt, und glaubte wohl, da sie schon in
ihr Zimmer gegangen wre. Sie blieb in ihrem Versteck, bis das Ehepaar
fortgegangen war, und huschte dann in ihr Stbchen.

"Das war aber stark," sagte sie vor sich hin, "das htte mir mein Mann
nicht bieten drfen; ich htte mir das nicht so ruhig gefallen lassen. Es
war doch recht dumm von Nellie, da sie ihm keine Antwort gab."

Das Mdchen unterbrach sie in ihrem Selbstgesprch und rief sie zum
Mittagessen.

"Das wird ein heiterer Mittag werden," dachte Ilse, "Doktor Althoff ist
schlechter Laune und Nellie doch sicherlich auch nach diesem Empfang."

Zgernd trat sie ins Ezimmer. Doktor Althoff stand am Fenster und
trommelte gegen die Scheiben. Er drehte sich bei ihrem Grue nur flchtig
um und nickte ihr zu. Nellie stand schon am Tisch und fllte die Suppe
auf.

"Kommt, Ilschen und Fred, wir wollen essen," rief sie freundlich und
setzte ihnen die dampfenden Teller hin. Doktor Althoff war, wie Ilse
richtig vermutet hatte, in bler Laune. Er a schweigend, und fr Nellies
Fragen hatte er nur einsilbige Antworten. Erstaunt sah Ilse, da Nellie
sich durch sein Benehmen nicht stren lie und gleichmig freundlich
blieb. Sie verstand die Freundin nicht. Sie wrde im gleichen Falle
einfach vom Tisch aufgesprungen und hinausgegangen sein. Aber auch noch
ein freundliches Gesicht machen, wie Nellie es tat, das wrde sie auf
keinen Fall vermocht haben.

Das Mittagsmahl verlief wenig gemtlich fr die drei.

Ilse, durch Althoffs Schweigsamkeit eingeschchtert, wagte kaum ein Wort
zu sagen, nur Nellie war wie sonst, man sah ihr auch nicht den leisesten
Unmut an.

Als der Tisch abgerumt war, sollte wie gewhnlich der Kaffee in Doktor
Althoffs behaglichem Arbeitszimmer getrunken werden.

"Lieber Fred, der Kaffee ist fertig," sagte Nellie, "wollen wir nicht
trinken?"

Er zog seine Uhr heraus.

"Nein, es ist schon viel zu spt," entgegnete er kurz. "Ich kann keinen
Kaffee mehr trinken; es ist hchste Zeit, da ich gehe. Adieu."

Ohne Ilse die Hand zu reichen und Nellie den blichen Abschiedsku zu
geben, ging er fort. Ilse sah, wie der jungen Frau eine heie Blutwelle
ins Gesicht stieg und ihre Augen sich mit Trnen fllten. Sie nherte sich
ihr voller Mitleid und umschlang sie. Aber Nellie schob sie sanft zurck
und eilte ihrem Gatten nach. Sie macht sich rein zu seiner Sklavin, dachte
Ilse erbittert. Nun bittet sie ihn wohl gar noch um Verzeihung; ich
begreife sie einfach nicht.

Nach kurzer Zeit kam Nellie zurck, und in ihrem vergngten Gesicht sah
man keine Spur von Erregtheit mehr. Sie nahm Ilse gegenber Platz, welche
am Fenster sa.

"Arme Ilse," sagte sie schelmisch, "du hast dir heute mittag gewi recht
gemopst mit uns langweilige Menschen; sei nicht bse."

"Wie sollte ich bse sein, Nellie? Ich fasse nur nicht -" hier stockte sie
und sprach nicht weiter.

"Was fassest du nicht?" fragte Nellie.

"Nun, ich fasse nicht," sagte Ilse, "wie du dir so viel gefallen lassen
kannst von deinem Manne. Das ist mir rein unbegreiflich."

"Du bist noch eine kleine unverstndliche Person," gab Nellie zur Antwort.
"Du wirst auch noch lernen zu schweigen, wenn dein Mann mal bs ist."

"Das werde ich nie, niemals!" beteuerte Ilse lebhaft.

"Du wirst," fiel ihr Nellie entschieden ins Wort. "Fred hat oft viel rger
mit die Jungens in der Schule und wenn er nach Hause kommt, darf ihn sein
kleine Frau nicht auch rgern. Heute hat er so groe Verdru gehabt, das
arme Mann. Du bist noch so jung, Kindchen, du verstehst noch nix von die
Ehe, von das Benehmen der Frau gegen ihre Mann."

Ilse lachte! "Das ist himmlisch! Du bist gerade zwei Jahre lter als ich
und tust immer, als wenn du meine Gromutter wrst."

"O, ich habe Erfahrung," rief Nellie, "und kenne die Welt mit die Menschen
besser als du, Baby."

"Ja, du bist meine einzige kluge Nellie," sagte Ilse, sie umschlingend.
"Aber wenn dein Mann mal wieder bse gegen dich ist, bekommt er es mit mir
zu tun."

Nellie hatte sie durch ihre Worte zwar nicht bekehrt, und sie gab ihr
nicht recht, denn sie wollte nicht die Sklavin ihres Mannes werden, aber
im Grunde ihres Herzens bewunderte sie doch die Freundin und ihre
Selbstbeherrschung.

                                  * * *

Seit dem Besuche bei Flora war wieder eine Woche verstrichen. Das
Doktorpaar hatte schon nach einigen Tagen einen Gegenbesuch gemacht, und
Floras Mann hatte Ilse auerordentlich gut gefallen. Er war klug und
liebenswrdig und hatte ein ruhiges, sicheres Benehmen. Bei Floras
berschwenglichem Unsinn schwieg er meistens, und es erschien dann in
seinem Gesicht ein Ausdruck, als ergebe er sich in das Unvermeidliche, das
zu ndern er aufgegeben hatte.

"Wie kam nur der nette Mann dazu, sich in Flora zu verlieben, Nellie?"
fragte Ilse. "Ich begreife das nicht."

"O," meinte diese, "Florchen wird sein Herz mit ihre schne Liebesgedichte
gefangen haben. Wir mssen ihr gelegentlich ber ihre Verlobung
ausforschen. Mich tut der arme Mann leid und die kleine Baby; Flora macht
ihnen kein Glck, weil sie nichts wie dummes Zeug im Kopf hat." -

An einem Sonntagmorgen sa das junge Althoffsche Ehepaar mit Ilse
gemtlich am Kaffeetisch, als das Mdchen einen Brief fr Nellie
hereinbrachte.

"Eine groe Neuigkeit!" rief sie, als sie ihn gelesen hatte. "Ratet, ich
sage nix," und geheimnisvoll sah sie zu Ilse hinber, deren Blicke
ngstlich fragend auf ihr ruhten. Was mochte der Brief fr eine Nachricht
enthalten, von wem mochte er sein? Ihr Herz pochte in heftigen Schlgen,
und wieder tauchte die Hoffnung in ihr auf: es ist vielleicht eine
Nachricht von ihm, und er meldet sein Kommen an. Die erwartungsvolle
Aufregung, in der sie die erste Zeit hier verbracht hatte, war nach und
nach einer bitteren Ruhe gewichen. Sie zerflo nicht mehr in
leidenschaftlichen Trnen, wenn Briefe von den Eltern eintrafen, die
nichts von Leo enthielten, und sie schreckte auch nicht mehr bei jedem
Klingeln zusammen. Nur abends, wenn sie im Bette lag, scheuchten noch
hufig angstvolle Gedanken den Schlaf von ihren mden Lidern, und sie
wlzte sich dann manchmal ruhelos auf ihrem Lager umher. Schwarz wie die
Nacht erschien ihr dann die Zukunft, sie kam sich einsam und verlassen vor
und schlief unter Trnen ein. -

Ilse wagte nicht, Nellie, welche sich mit ihrem Manne herumneckte, nach
dem Inhalt der Karte zu fragen.

Doktor Althoff, der nach langem Hin- und Herraten, das ihm jedesmal ein
lakonisches "Falsch" von seiner Frau eingetragen hatte, ungeduldig
geworden war, nahm schlielich Nellie den Brief aus der Hand.

"O, was seid ihr Mnner neugierig," sagte sie lachend. Er las den Brief
und warf ihn dann auf den Tisch.

"Wenn es weiter nichts ist," sagte er mit enttuschter Miene, "ich dachte
Wunder, was der Brief enthielte! Also Pastors wollen uns heute besuchen,
das ist die ganze interessante Neuigkeit. Na, das wird einen heiteren
Sonntag geben," setzte er mit sauerser Miene hinzu.

Ilse hatte gespannt auf jedes seiner Worte gelauscht, sie war von neuem
enttuscht, und doch lste es sich wie ein Alp von ihrer Brust.

"Ilschen," wandte sich Nellie jetzt zu ihr, "die artige Rosi mit ihre
Pfarrersmann wird uns heute besuchen. Freust du dich nicht?" Sie nahm den
Brief wieder an sich und las ihn nochmals. "Durch Flora hat Rosi von dein
Hiersein gehrt und freut sich riesig dich wiederzusehen," teilte sie Ilse
mit. "Sie fahren mit der Kutsche, schreibt mich Rosi, um acht Uhr von den
Dorf weg; wann sind sie also hier, Fred?"

Sie mute ihre Frage wiederholen, denn er las in der Zeitung und hatte
nicht zugehrt.

"Um acht Uhr fahren sie fort," berechnete er, - "vielmehr sind sie
fortgefahren, da werden sie gegen elf Uhr hier sein."

"O, dann haben wir noch viele Zeit," meinte Nellie, "dann knnen wir in
Ruhe Vorbereitungen zu Ehrwrdens Empfang machen. Hilfst du mir, Ilschen?"

"Natrlich, Nellie! Ich bin riesig gespannt, Rosi wiederzusehen. Sie ist
gewi eine unterwrfige Frau, eine demtige Magd, wie sie im Buche steht,
geworden."

Die Kaffeestunde wurde heute abgekrzt, denn Nellie mute fr das
Frhstck und Mittagsmahl sorgen. Geschftig eilte sie mit dem
Schlsselkrbchen klappernd hin und her, bald war sie in der Kche, bald
im Zimmer. Jetzt kam sie mit einem Pack Tischzeug herein, legte dasselbe
auf den Etisch und fing an zu decken. Ilse stand mit verschrnkten Armen
daneben und sah ihr zu.

"Nellie, weit du noch, wie ungeschickt ich mich in der Pension benahm,
als ich zum ersten Male den Tisch decken sollte? Jetzt mache ich solche
'Dienstbotenarbeiten' ganz gern; so geschickt wie du bin ich natrlich
noch nicht und werde es auch nie sein."

"O, _darling_," erwiderte Nellie, "wenn du erst ein kleines Hausfrau bist,
wirst du alles schn machen, viel schner als ich es -"

Ilse lie sie den Satz nicht beenden. Das Wort Hausfrau hatte sie peinlich
berhrt und machte sie verlegen. "Nein," rief sie schnell, "nie, nie! Ich
bin ein ungeschicktes, plumpes Bauernmdchen gegen dich."

"O, o," sagte Nellie, indem sie bei diesen bertriebenen Worten erstaunt
aufblickte, "wie kannst du dich unterstehen, eine liebe Freundin von mir
so schlecht zu machen, das verbitte ich mich. Komm, hier hast du eine
Obstschale und hier den Obst von dem Bffet. Da sind auch einige
Weinbltter noch, du mut ihr malerisch zwischen die Frchte gruppieren."

"Ich will versuchen, ob ich die Bltter malerisch gruppieren kann," lachte
Ilse.

"O du kannst," entschied Nellie, "du hast ein gro malerisch Sinn."

Der Frhstckstisch war fertig, und die Obstschale prangte in der Mitte.
Nellie berschaute alles noch einmal mit prfendem Blicke.

"Wir haben unser Sach gut gemacht," sagte sie befriedigt zu Ilse, "wir
drfen uns dieser Lob spenden. Vor artig brave Rosi drfen wir uns aber
auch keine Bloheit geben."

"Das ist klassisch: Bloheit geben. Ble meinst du wohl, Nellie?"
verbesserte Ilse heiter. "Du hast oft Ausdrcke zum Totlachen, aber sie
klingen in deinem Munde furchtbar niedlich und s!"

"O, du furchtbar niedliches Ilsekind," neckte Nellie, "du mut nicht ber
mich lachen, wenn ich falsch spreche, du mut mir ausbessern."

Es war eine kleine Koketterie von der jungen Frau, da sie sich oft nicht
die Mhe gab, die richtigen Worte zu finden, weil sie genau wute, wie
drollig und komisch es klang, wenn sie so gebrochen deutsch sprach.

Nellie verschwand jetzt eiligst, um ihren hellblauen Morgenrock mit einem
Hauskleide zu vertauschen.

"Du mut mir rufen, wenn du den Wagen kommen hrst," rief sie Ilse noch
zu, die sich ans Fenster gesetzt hatte und nun nachdenklich auf die Strae
hinabschaute.

Mit gemischten Empfindungen sah sie Rosis Ankunft entgegen. Sie freute
sich, die Pensionsfreundin wiederzusehen, aber der Gedanke, da sie wieder
peinliche Fragen nach ihrem Verlobten ber sich ergehen lassen msse, wie
bei Flora, beunruhigte sie schon im voraus. Sie kam sich wie eine
Schuldige vor, die ihre Schuld vor der Welt verbergen mute, und dieses
Gefhl war ihr schrecklich. Gegen elf Uhr hrte sie fernes Wagenrollen und
schnell rief sie nun die Freundin herbei.

                              [Illustration]

"Das Landpastorkutsch erregt groe Aufsicht," sagte Nellie und wies auf
die Fenster der Nachbarhuser, die mit Neugierigen besetzt waren, welche
das herannahende Wagengebude in Augenschein nehmen wollten. Langsam
bewegte sich dasselbe vorwrts und unterbrach jh die sonntgliche Stille
durch das Gerassel, welches es auf dem holperigen Straenpflaster
verursachte. Zwei schwerfllige dicke Gule wurden von dem Kutscher durch
Zureden und Peitschenhiebe angetrieben, ohne da es ihm gelungen wre, sie
aus ihrem Phlegma aufzurtteln. In unregelmigen Schwankungen bewegte
sich der groe, ber und ber mit Schmutz bedeckte Wagen, dessen
ehrwrdiges Alter nicht zu verkennen war, vorwrts; die einstmals
wahrscheinlich blauen, jetzt bis zur Unkenntlichkeit verschossenen
Gardinen waren zugezogen, und umsonst reckten sich die Hlse der
Neugierigen krampfhaft aus, in dem Bemhen die Insassen zu sehen.
Diejenigen, welche dem Althoffschen Hause gegenber und dicht daneben
wohnten, harten es bequemer; denn als der Wagen hielt, konnten sie ohne
Genickverrenkung erkennen, wer ihm entstieg.

Also Althoffs bekommen Besuch, das war ja hchst interessant! Leider
konnte man seine Neugierde nicht gengend befriedigen, denn die zwei
Personen, welche den Wagen verlieen, wurden nicht, wie man erwartet
hatte, drauen an der Pforte in Empfang genommen, sondern verschwanden
sogleich hinter der Haustre. Man htte sich die beiden so gern erst
genauer betrachtet, gerne gewut, welches Kleid die Dame unter ihrem
Mantel trug, und den Schnitt desselben geprft. Auch konnte man unter dem
dichten Schleier, den sie vor das Gesicht gezogen hatte, nicht erkennen,
ob sie jung oder alt, hbsch oder hlich war. Kurz und gut, man war
enttuscht, wie die verwitwete Frau Sekretr, welche Althoffs gegenber
wohnte, durch das rgerliche Zuschlagen ihres Fensters deutlich bewies.

"Komische Moden fhrt die junge Frau da drben ein," sagte sie zu ihrer
verblhten Tochter. "Bisher war es Sitte, da man seinen Gsten
entgegenging; wie unpassend, ihnen nicht mal beim Aussteigen behilflich zu
sein! Na, wie ich das finde!" Sie begleitete ihre Worte mit einem
mibilligenden Kopfschtteln und setzte sich wieder an ihren Nhtisch.

"Ja, das kommt mir auch merkwrdig vor," pflichtete das lteste Mdchen
bei. "brigens kann es uns ja ganz egal sein, was die da drben machen und
tun."

Und doch war es ihr nicht gleichgltig, was "die da drben" taten, denn
sie war eine scharfe Beobachterin ihres Gegenber. Das glckliche junge
Ehepaar weckte so oft ein geheimes Sehnen in ihrem Herzen, mancher Seufzer
entstieg dann ihrer Brust und voll Bitterkeit dachte sie, da ihr, der
alten Jungfer, niemals ein solches Glck erblhen wrde. -

Drben war die Begrung vorber, und Althoffs saen mit ihren Gsten
bereits am Frhstckstisch. Die beiden Ehepaare waren im lebhaften
Gesprch, und Ilse hatte daher Mue, sich ihre Schulfreundin und deren
Mann grndlich zu betrachten. "Genau, wie sie Nellie geschildert hat,"
dachte sie in ihrem Innern. Rosi hatte sich wenig verndert, nur strenger
waren ihre Zge geworden, und die Haare glnzten vielleicht noch heller
als frher in ihrer Gltte. Tadellos wie immer war ihre Haltung und von
fast klsterlicher Einfachheit ihr Anzug. Das schwarze Kleid sah doch
recht trist und altmodisch aus, und wie steif war der weie Strich am
Kragen, den die goldene Brosche zusammenhielt, welche schon in der Pension
aller Entsetzen gewesen war. Auch der Herr Pastor im langen, schwarzen,
tabakduftenden Rock wurde von Ilse einer eingehenden Prfung unterworfen,
ihrem scharfen Blick entging nichts. In dem gutmtigen Gesicht berhrte
ein liebenswrdiger Zug uerst angenehm, aber ber den schchternen
Ausdruck in seinen blauen Augen mute Ilse unwillkrlich lcheln. Und wie
unbeholfen waren seine Bewegungen, als er sich jetzt mit der Hand ber
seine dnnen blonden Haare strich und dann die goldene Brille zurecht
rckte.

Rosi ri Ilse endlich aus ihren Betrachtungen.

"Liebe Ilse," sagte sie freundlich, "ich freue mich, dir nun mndlich noch
zu deiner Verlobung gratulieren zu knnen. Ich nehme den wrmsten Anteil
an deinem Glck. Wann heiratet ihr denn?"

"O, noch lange nicht," stie Ilse hervor und wurde blutrot, denn sie
bemerkte, da der Pastor bei diesem Gesprch zu ihr herber blickte,
wahrscheinlich wollte auch er seinen Glckwunsch hinzufgen. O, diese
Wnsche fr ihr Glck erschienen ihr wie der bitterste Hohn, und die
Heuchelei, die Verstellung, mit der sie dieselben hinnehmen mute,
widerstanden ihrer ehrlichen Natur.

"Ach, ich dachte, ihr wrdet schon bald heiraten! Nellie, sagtest du mir
nicht, die Hochzeit sollte im Frhjahr oder Sommer sein?" fing Rosi das
peinliche Verhr wieder an.

Ilse sa wie auf Kohlen, verstohlen blickte sie zu Nellie hinber, welche
diesen flehenden Wink auch verstand und ihr zu Hilfe kam. Rosis Frage
scheinbar berhrend, nahm sie eifrig einen Teller mit Aufschnitt vom
Tisch und reichte ihr denselben hin.

"Bitte, i noch, Rosi," ntigte sie lebhaft, "denn wenn wir nachher in der
Stadt umherlaufen und Besorgungen machen wollen, mut du dir erst tchtig
satt essen."

"Ja, liebe Frau," wandte sich der Pastor jetzt an sie, "was meinst du, ich
denke, du machst deine Besorgungen mit Frau Doktor und Frulein Ilse, und
wir treffen uns nachher im Ratskeller, wo wir beiden Herren einen
Frhschoppen trinken wollen."

Rosi sah ihren Mann mit so erstaunten Augen an, da er ganz verlegen
wurde, sich einige Male rusperte, wobei er die Fingerspitzen auf den Mund
legte und schlielich nach einer kleinen Pause die Worte hervorstotterte:

"Doktor Althoff machte mir nmlich den Vorschlag."

"Frau Pastorin," fiel dieser ihm in die Rede, "Sie haben wirklich einen
ganz durchtriebenen Gatten. Jetzt schiebt er alle Schuld auf mich, whrend
er es war, der mich zum Frhschoppen verleiten wollte."

Rosi verzog bei diesem Scherz keine Miene.

"Ich denke, wir bleiben besser zusammen," sagte sie entschieden zu ihrem
Mann, "und dann, du weit doch, in Wirtshuser gehe ich grundstzlich
nicht."

Ilse sah verwundert zu ihr hin. War das denn die sanfte, fgsame Rosi von
frher?

"O," rief Nellie, "du armes Rosi, wie bedaure ich dir, denn in der Kneip
ist es zu schn. Oft gehe ich mit Fred und einige gute Freunde ins
Wirtshaus, und dann trinken wir Bier zusammen. O, das ist fein! Und das
Comment hat mir Fred auch gelehrt, ich kann es gut - pa auf!"

Sie sah Rosi mit schelmischer Herausforderung an, erhob ihr Glas und hielt
es dem Pastor entgegen.

"Herr Pastor, trinken Sie auf mein Wohl, dann werde ich mir _a tempo_
lffeln," rief sie lustig.

Er wurde ber und ber rot wie ein junges Mdchen, aber dem lieblichen
Gesicht der jungen Frau konnte er nicht widerstehen. Er nahm sein Glas und
stie mit ihr an. Er wollte auch etwas sagen, aber das Wort blieb ihm in
der Kehle stecken, als er einen verstohlenen Blick auf seine Frau warf.

Sie stimmte nicht mit ein in das frhliche Lachen Althoffs und Ilses,
sondern richtete sich noch steifer auf, und ihre Zge blieben unbeweglich.
In ihrem Innern dachte sie mit Unwillen: "Nellie ist doch recht
burschikos."

"Ich denke, wir brechen jetzt auf, lieber Adolf," sagte sie sanft aber
bestimmt und stand auf. "Wir haben eine Menge Besorgungen; es mchte sonst
zu spt werden."

Die andern erhoben sich pflichtschuldigst.

"Kommen Sie mit in mein Zimmer, Herr Pastor," sagte Althoff. "Bis die
Damen fertig sind, wollen wir eine Zigarre rauchen." Der Pastor begrte
diese Aufforderung mit groer Freude, denn er frchtete jetzt ein
Alleinsein mit seiner Frau.

Nellie war in die Kche gegangen, um fr das Mittagessen noch einige
Anordnungen zu treffen. Ilse hatte Rosis Sachen vom Vorplatz hereingeholt
und belustigte sich nun ber die Umstndlichkeit, mit der die Frau
Pastorin ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte.

Sie war doch noch ganz die pedantische Rosi aus der Pension! Die Bnder
des Kapothutes wurden zu einer streng symmetrischen Schleife zusammen
gebunden, dann feuchtete sie die Fingerspitzen mit der Zunge an und strich
mit denselben ber den Scheitel, damit jedes sich vorwitzig
hervordrngende Hrchen in seine Schranken zurckgewiesen wurde. Eine
innere Unruhe ergriff Ilse bei diesen Anstalten. Wie konnte man nur beim
Anziehen so langweilig sein. Wenn sie sich ihren Hut aufsetzte, blickte
sie nur flchtig in den Spiegel, um zu wissen, ob er schief oder gerade
sa, und damit Punktum! Endlich war Rosi fertig, und die Reise konnte nun
losgehen.

Als alle zum Ausgehen gerstet auf dem Vorplatz standen, nahm Rosi eine
Tasche vom Kleiderstnder herunter und hing sie sich ber den Arm.

"O, dieses entsetzliche Tasch nimmt sie mit," flsterte Nellie Ilse zu und
betrachtete das Ding mit mitrauischen Augen.

Schn war die Tasche nicht, das konnte man nicht behaupten, aber desto
grer, von grober grauer Leinwand, worauf mit lila Wolle in Kettenstich
die Worte gestickt waren: "_Bon voyage_".

"Willst du den Sack mitnehmen, Rosi!" machte Nellie ihren Gefhlen Luft.
"Du brauchst nicht," fgte sie freundlich hinzu, "die Kaufleute schicken
gern alle Ware ins Haus."

"Einen Sack brauchst du diese Tasche nun nicht gerade zu nennen, Nellie,
wenn du sie auch nicht schn findest," erwiderte Rosi gereizt und zog die
Geschmhte noch fester ber ihren Arm.

"O, sei nicht bse, ich kenne in der deutsche Sprach noch oft nicht die
richtige Worte", entschuldigte sich die junge Frau, und der Schalk lachte
aus ihren Augen.

"Das scheint so," meinte Rosi khl und ging voran.

Verschiedene Einkufe waren schon besorgt und die Pakete in die verpnte
Tasche gewandert, die sich behaglich in die Weite und Breite dehnte.

"Hier mchte ich noch eine Arbeit fr meinen Mann zu Weihnachten kaufen,"
sagte Rosi leise zu den beiden Freundinnen und blieb vor einem
Stickereiladen stehen.

"Lieber Adolf," wandte sie sich zu ihrem Manne, "du bleibst wohl hier so
lange vor dem Laden stehen; ich mchte etwas kaufen, was du nicht sehen
sollst. Sei auch so gut und halte die Tasche so lange."

Sie wollte ihm damit die lila '_bon voyage_' in die Hnde geben, aber Ilse
ri sie ihm fast fort. Sie fand Rosis Zumutung ihrem Manne gegenber
emprend.

"Bitte, Herr Pastor, lassen Sie mir die Tasche," bat sie, als er sie ihr
fortnehmen wollte, "es wrde doch zu lcherlich aussehen, wenn Sie das
Ding hielten."

"Sie sind zu gtig," stammelte der Pastor, "aber Rosi mchte doch gern,
da ich die Tasche hielte; bitte, geben Sie."

Ilse war jedoch schon hinter der Ladentre verschwunden und gesellte sich
zu Nellie und Rosi, welche bereits eifrig mit dem Ladenfrulein
verhandelten.

Hilflos sah ihr der Pastor nach.

"Ob es Rosi wohl recht ist, da ich die Tasche hergab?" sagte er halblaut,
und sein ngstlich fragendes Gesicht war so komisch, da sich Doktor
Althoff abwenden mute, um nicht laut aufzulachen.

"Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen," sagte Althoff, als sie eine
Weile gewartet hatten, "die Damen scheinen lange zu whlen; ich kenne das
schon von meiner Frau her."

"Wenn Sie meinen, Herr Doktor," entgegnete der Pastor zaghaft. "Nun ja,
wie Sie wollen. Ich hoffe jedoch, die Damen werden bald fertig sein."

Er trat an die Ladentre heran und sah durch das Fenster. Die drei Damen
schienen noch nicht ans Fortgehen zu denken. Auf dem Ladentische vor ihnen
lag eine unendliche Menge Sachen ausgebreitet, unter denen die Wahl recht
schwierig sein mochte, denn sie wanderten von Hand zu Hand und wurden
eingehend besichtigt, worauf die drei Kpfe zu einer eifrigen Beratung
dicht zusammenrckten. Der Pastor berzeugte sich, da die Damen wohl noch
lange nicht fertig sein wrden, und ging deshalb auf Althoffs Vorschlag
ein. Langsam spazierten die beiden Herren auf und ab und jedesmal, wenn
sie an dem Laden vorbei kamen, warf der Pastor forschende Blicke in das
Innere desselben.

"Es dauert recht lange, bis die Damen fertig sind," meinte er.

"Ja," lachte Althoff, "das kenne ich schon, wenn Frauen einkaufen, mu man
Geduld haben. brigens da fllt mir ein, ich mchte Ihnen gern das Rathaus
zeigen, dessen Renovierung jetzt sehr fortgeschritten ist. Es wird
wirklich hbsch, kommen Sie."

Er fate den Pastor unter den Arm und zog den halb Widerstrebenden mit
sich fort.

"Ja, ich she es gern, aber Verehrtester, wenn wir dann unsre Frauen nur
nicht verfehlen."

"Aber ich bitte Sie, in diesem kleinen Nest kann man sich ja gar nicht
verfehlen."

Nach einigem Zgern willigte der Pastor ein.

Das alte Rathaus im neuen Schmuck gefiel ihm und mit Interesse betrachtete
er alle Giebel und Trmchen des gotischen Baues.

"Und innen mssen Sie es auch besichtigen," sagte der Doktor, "die
Vorhalle ist sehenswert. Jetzt sind die Fresken an den Wnden auch bis auf
einen kleinen Teil fertig."

Sie stiegen die Steintreppe empor, betraten den mit Fliesen ausgelegten
Fuboden der groen Vorhalle, unterwarfen die neuen Gemlde einer
eingehenden Kritik und schritten dann weiter. Die ausgebauten Erker mit
den Butzenscheiben und den Holzbnken ringsherum waren nicht verndert und
die bis zur Hlfte der Hhe mit Eichenholz getfelten Wnde hatte der
Pastor auch schon frher bewundert. Nur auf den Gesimsen, die mit alten
Krgen und Glsern besetzt waren, entdeckte er manches noch nicht gesehene
Stck und blieb davor stehen. Althoff kam es vor, als betrachte er die
schweren Humpen nicht einzig und allein mit dem Interesse des
Kunstkenners, und da er sich dabei auf seinen eigenen durstigen Gedanken
ertappte, fragte er scherzend:

"Was meinen Sie, Herr Pastor, wollen wir nicht einen solchen Humpen auf
das Wohl unserer Frauen leeren?"

Erschrocken sah sich der Angeredete um.

                              [Illustration]

"Wir haben es hier nmlich sehr bequem," fuhr Doktor Althoff fort, "wir
brauchen nur diese kleine Treppe hinunterzugehen und knnen uns unten an
einem herrlichen Frhschoppen laben."

Der Pastor stand noch immer unschlssig da.

"Ja, aber meine Frau," warf er ein, "sie wei dann nicht, wo ich geblieben
bin, und darum mchte ich es lieber nicht tun."

"Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem Laden, wo die Damen
sicher noch sind," beschwichtigte ihn Althoff, "kommen Sie nur. Es gibt
hier ein famoses Spatenbru."

"So?" sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser verlockenden Aussicht
schon geneigter, mitzugehen; "ach ja, gutes Bier habe ich lange nicht
getrunken. Wir trinken abends stets Tee."

Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war wieder voll Zweifel, ob
er mitgehen sollte.

"Wenn es meiner Frau nur recht ist," sagte er unentschlossen.

"Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, da ich Sie zu einem Glas Bier
berredet habe."

"Nun ja denn, vielleicht freut sie sich," sagte er schlielich, obgleich
er innerlich vom Gegenteil berzeugt war. Aber der Wunsch, mal wieder eine
gemtliche Kneipstunde zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er
sagte nochmals, um seine Zweifel zu verscheuchen: "Vielleicht freut sie
sich." Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem Gefhl
hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. -

Rosi hatte nach langem Whlen ihren Einkauf beendet und war sehr vergngt
darber, denn sie hatte gefunden, was sie suchte, nmlich ein Paar
angefangene Morgenschuhe und einen geschnitzten Pfeifenstnder, der noch
mit einer gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die
Morgenschuhe besonders schn und konnte nicht begreifen, da Nellie und
Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu whlen. Ihr gefielen diese
roten Rosen, welche sie mit schwarzer Wolle ausfllen wollte, ganz
besonders gut. Als sie aus dem Laden auf die Strae traten, sah sich Rosi
suchend um.

"Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja garnicht."

"Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft schne
Weihnachtsdinge fr dir," meinte Nellie, "wir wollen die Strae
hinuntergehen und in die Ladens schauen."

Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren nirgends zu entdecken.

"Ich begreife das nicht," sagte Rosi kopfschttelnd, "Adolf wollte doch
bestimmt auf mich warten."

"Dein Mann wird sich ja auch schon finden," meinte Ilse, welche sich ber
Rosi rgerte, da diese ihre gute Laune durch den kleinen Zwischenfall
schon wieder ganz eingebt hatte.

Rosi berhrte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas
andres in Anspruch genommen. Sie sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben
von einem Jungen ein Zettel bergeben worden war, welchen sie eifrig las.

"O, das ist fein," rief sie und reichte Rosi den Zettel. "Unsre Mnner
sind im Rathauskeller und Alfred schreibt, wir mchten sie dort abholen."

"Was," brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen, "Adolf sitzt im
Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!"

Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging mit schnellen
Schritten vorwrts. Nellie und Ilse wechselten einige verstndnisvolle
Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen leuchtete etwas wie heimliche
Schadenfreude ber die angefhrte Rosi.

"Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?" fragte sie die aufgeregte
Pastorin, "sonst knnen wir gleich nach das Rathaus gehen."

"Ich begreife dich nicht, Nellie," gab Rosi unwillig zur Antwort. "Wir
sind doch keine Studenten, da wir in die Kneipe gehen knnen. Willst du
deinen Mann abholen, dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach
Hause gehe."

"O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natrlich gehen wir mit,"
entgegnete Nellie.

Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht wieder zustande.
Nellie und Ilse machten einige schwache Versuche, mit Rosi ein Gesprch
anzufangen, aber sie antwortete kurz und einsilbig.

"Ich kenne unsre 'artige Rosi' ja gar nicht wieder," flsterte Ilse der
Freundin zu.

"O, ich erstaune mich auch ber ihr," gab diese ebenso leise zur Antwort,
"was hat sie, da sie ihr Mann nicht in der Kneip lt? Sie ist eine
Tyrann!"

Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit hinter einer
ungemtlichen Schweigsamkeit, aber man sah ihr an, wie es in ihr kochte
und wie sie sich nur mhsam bezwang, ruhig zu erscheinen.

Desto gemtlicher war die Stimmung in dem Ratskeller, wo die beiden Herren
in dichte Rauchwolken gehllt in einer behaglichen Ecke saen. Dem Pastor
mundete das Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige
Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als er noch ein frhlicher
Studiosus war.

"_Tempi passati!_" sagte er mit einem leisen Seufzer. "Aber hier ist es
auch gemtlich," fuhr er dann fort, indem er sich noch fester in seine
Sofaecke zurcklehnte und in Erinnerungen versunken dem blauen Dampf
seiner Zigarre zusah, wie dieser in die Hhe stieg und langsam zerrann.

"Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?" fragte Althoff.

"O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich es nicht so gut
getrunken."

Und er liebugelte mit dem frisch gefllten Glase, das vor ihm stand, und
aus dem er dann einen tiefen Trunk tat. -

Der Doktor hatte fter nach der Tre gesehen, da er noch immer hoffte,
Nellie wrde die Pastorin berredet haben, sie abzuholen.

"Ich dachte, Ihre Frau wrde sich noch haben bewegen lassen,
hierherzukommen," sagte er zum Pastor und fgte erklrend hinzu, als er
dessen erstaunt fragende Augen auf sich gerichtet sah: "Ich hatte meiner
Frau nmlich geschrieben, da wir die Damen hier erwarteten."

"So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr Doktor, meine Frau geht
in kein Wirtshaus, sie sagte es ja noch heute morgen."

"Das war doch nur Scherz," fiel Althoff ein.

"Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau nicht."

Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten ber die Zge des Pastors, von
denen jetzt die ruhige Behaglichkeit verschwunden war. Der Gedanke an
seine Frau machte ihn unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wre die
hchste Zeit, da sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch, an
den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.

"Ich mchte doch meine Frau nicht warten lassen," sagte er, indem er sich
seinen berzieher anzog. Unterwegs schwrmte er noch immer von dem schnen
Frhschoppen und erklrte scherzend, da er bald mal wieder kommen wrde,
allein schon des guten Bieres wegen.

Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, berlegte er im stillen,
wie er Rosi am besten beschwichtigen knnte und was er zu ihren Vorwrfen
sagen wollte. Er stieg zgernd die Treppe hinauf und dachte: "Wie wird sie
mich wohl empfangen?" Aber Rosi empfing ihn besser, als er erwartete.
Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie zu besnftigen, ihnen
verdankte es der Pastor, da er von seiner Frau zwar frmlich und
gemessen, aber wenigstens ohne die erwartete Gardinenpredigt begrt
wurde. Mit keinem Worte erwhnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies
Mann lebhaft bedauerte, da die Damen nicht nachgekommen wren, schwieg
sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf und setzte sich in bester
Stimmung mit den brigen zu Tische. Es schien, als erwarteten ihn heute
lauter Gensse. Doktor Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem
Keller geholt und forderte lebhaft zum Trinken auf.

"Frau Pastor," sagte er zu Rosi, "Sie mssen aber besser trinken. Sie sind
ja wahrhaftig noch beim ersten Glase. Nehmen Sie sich ein Beispiel an
Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit ich heute morgen bewundert habe. Und
zu spahaft ist es, da er noch obendrein behauptet, er knne jetzt nichts
mehr vertragen, als Student htte er - nun, ich gebrauche die Worte Ihres
Gatten - einen ganz anderen Stiefel vertragen knnen."

Der Pastor rckte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sah seine
Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte und kein Wort erwiderte, scheu
von der Seite an. Warum schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm
nachgerade unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war. Wenn nur der
Doktor auf ein andres Thema kommen wollte, aber immer wieder fing er an,
alle mglichen Studentenfahrten zu erzhlen, die der Pastor ihm diesen
Morgen in frhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die
bedeutungsvollen Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen,
ja als er ihn mit dem Fue anstie, zog er den seinigen schnell fort, als
wre er aus Versehen dagegen gestoen. Nellie und Ilse unterhielten sich
kstlich und hrten aufmerksam zu, aber seine Frau verzog keine Miene.

"Wenn sie nur einmal ein Wort sagte," dachte er, ihre Ruhe kam ihm zu
unnatrlich vor. Bis jetzt wute sie noch nichts von allen seinen lustigen
Streichen. Er hatte sie ihr wohlweislich verschwiegen, denn ihr
pedantischer Sinn wrde dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch,
wie schn war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie bermtig hatte er
damals sein knnen. Aber das war schon lange, lange her!

Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft in ihm wachgerufen.
Von seinen Jugendlieben hatte er dem Doktor leichtsinnigerweise auch
erzhlt; wenn er wenigstens davon schwieg, aber in demselben Augenblick
schlug auch schon das Wort "Flammen" an sein Ohr, und mit ahnungsloser
Breite erzhlte Althoff, wieviel reizenden Mdchen jener nachgelaufen
wre. Der Pastor senkte bei diesen Erzhlungen die Augen wie ein junges
Mdchen, denn er fhlte, da jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte.
Verlegen griff er immer wieder zu seinem Weinglas und strzte einige
Glser voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem Gesprch
eine andre Wendung zu geben. ngstlich sann er darber nach, stand dann
pltzlich auf und schlug mit dem Messer an sein Glas. Als Rosi ihres
Mannes gertete Wangen und glnzende Augen sah, sprang sie auf und ging zu
ihm.

"Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder," sagte sie anscheinend sanft und
legte die Hand auf seine Schulter. Da drehte er sich herum und wollte den
Arm um sie schlingen, aber unwillig wich sie zurck.

"Ich wollte mich nur bei unsern liebenswrdigen Wirten fr die freundliche
Aufnahme bedanken, Rschen," sagte er lchelnd. "Fr die wirklich reizende
Aufnahme, die wir hier gefunden haben." Ohne sich von Rosis strengem
Gesicht beirren zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet fort:
"Sie mssen uns auch recht bald besuchen, und dann kommen wir auch wieder
zu Ihnen, denn es ist zu schn hier. Der Wein ist kstlich, das Essen
schmeckt so gut und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prchtiger
Mann," hier erhob er seine Stimme, "und die Frau Doktor ist eine kleine
famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht auf unsrem einsamen Lande. -
Rschen, la mich doch," wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder
genhert hatte und ihn zum Schweigen bringen wollte, "ich mu doch den
guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen Ku."

Er breitete die Arme aus und wollte sie kssen, aber nun ri Rosis Geduld,
sie stie ihn unsanft zurck und lief zum Zimmer hinaus.

Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.

"Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!" rief er, indem er
Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger Stimmung begann er das
alte Burschenlied zu singen:

"_Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus._"

"O, wie dumm von sie," sagte Nellie halblaut, stand auf und ging Rosi
nach. Sie fand sie im andern Zimmer, aufgelst in Trnen.

"Was hast du?" fragte Nellie, "warum weinst du?"

"Du fragst auch noch," schluchzte die Pastorin, "und weit recht gut,
warum ich weinen mu? Meinst du, es ist mir angenehm, da sich mein Mann
so betrgt?"

"O," gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, "dein Mann hat ein gut
Betragen. Was macht es, er hat ein klein Schwips und ist lustig, das
schadet doch nix?"

"Wenn seine Amtsbrder das shen, er mte sich ja zu Tode schmen!"

"La doch die dumme Amtsbrder, sie wissen ja nichts davon. Komm Rosi, geh
wieder hinein und tue, als wre nichts geschehen. Es ist gewi das
klgste, was du tun kannst."

Sie fate die Weinende unter den Arm und wollte sie fortziehen, aber Rosi
entwand sich ihr schnell und sagte beleidigt:

"Du denkst ber solche Sachen eben anders, als ich, liebe Nellie; ich kann
mich aber nicht so leicht darber hinwegsetzen. Ich gehe nicht mit! Bitte,
schicke das Mdchen nach unsrem Wagen, da er sofort kommt; ich will nach
Hause fahren."

"O nein, du mut noch bleiben," rief Nellie.

"Nein, auf keinen Fall," entschied Rosi kategorisch und achselzuckend
schwieg Nellie. Sie rgerte sich ber Rosis Halsstarrigkeit und merkte,
da ihre Bitten nichts ausrichten wrden. Im stillen glaubte sie auch, da
nach diesem Auftritt keine rechte Stimmung wieder aufkommen wrde, und
deshalb gab sie dem Mdchen den Auftrag, den Wagen zu bestellen, ohne Rosi
noch weiter zum Bleiben zu ntigen.

"Es tut mir leid, da du fort willst," sagte sie zu ihr, die mit dem
Taschentuche ihre gerteten Augen trocknete.

"Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das beste, wenn wir fahren;
habe vielen Dank fr deinen freundlichen Empfang. Und nun komm, ich will
meinem Mann sagen, da der Wagen gleich da sein wird."

Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht tief berhrt zu
haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff und hatte mit Ilse
wiederholt auf das Wohl ihres Brutigams angestoen, was ihr jedesmal eine
tiefe Rte in die Wangen trieb.

Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges Gesicht, als sie
ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in der Hand und ihren Mantel ber dem
Arm und legte beides auf einen Stuhl.

"Lieber Adolf," sagte sie, zu ihrem Manne tretend, "willst du dich zurecht
machen, ich habe den Wagen bestellt und er wird sogleich vorfahren."

"Was, Rschen, geliebtes Weibchen, du willst schon fort?" fragte er.

"Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die hchste Zeit, da wir uns auf den
Weg machen."

Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich sanft klang ihre Stimme.

Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So heiter und fidel war er
seit Jahren nicht gewesen. Lustig sang er:

  "Nach Hause gehn wir nicht,
  Nach Hause gehn wir nicht,
  Nach Hause gehn wir lange nicht - -"

"Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht," unterbrach ihn Rosi, "so
komm doch nur, ich will fort!"

"Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin," bat Althoff jetzt, aber ein
verstndnisvoller Blick seiner Frau bedeutete ihn, da er seine Bitte
nicht wiederholen solle. Rosi antwortete auch gar nicht darauf; voller
Verzweiflung zupfte sie ihren Mann verstohlen am rmel und trieb
fortwhrend zum Aufbruch.

Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, prallten an ihm ab.

"Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren," erklrte er mit einer
geradezu hartnckigen Entschiedenheit und blieb sitzen. Rosi war auer
sich und kmpfte von neuem mit den Trnen.

Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang ihren Arm um sie
und fhrte sie fort.

"Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann schon," sagte sie und gab
ihr den Mantel.

"Das kommt von dem Wirtshausgehen," fuhr die emprte Pastorin heraus, mit
einer Miene, als htte sie in dieser Beziehung schon die trbsten
Erfahrungen in ihrer jungen Ehe gemacht.

Nellie lchelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt, in ihren
Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als da sie ihr eine andre Meinung
htte beibringen knnen.

Ilse meldete jetzt, da der Wagen vorgefahren sei. Von neuem ging Rosi zu
ihrem Manne.

"So, ich bin fertig, willst du nun kommen?"

Er rhrte sich nicht vom Platze.

"Aber Adolf," drngte sie wieder mit weinerlicher Stimme.

Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heien roten Wangen und ihre
zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob er sich endlich.

"Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist so reizend hier;
warum mssen wir denn schon fort, Rschen? Was hast du denn fr Eile?"

Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwhrend wiederholte,
machte er sich zum Aufbruch bereit. Rosi verfolgte seine Bewegungen mit
angstvollem Gesicht, es kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe
hinunter, als wre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie konnte
er sich so weit vergessen! Sie war froh, da es schon fast dunkel drauen
war, da sah ihn wenigstens niemand.

"Rschen," sagte der Pastor unten zu ihr, "sage dem Kutscher, da der
Wagen aufgemacht wird, ich mchte beim Fahren in die Sterne sehen."

Sie gab keine Antwort und ri die Wagentre auf.

"Sage dem Kutscher, da er den Wagen aufmacht, Kind," wiederholte er.

"Ich glaube, Herr Pastor," warf Althoff ein, "zum Fahren im offenen Wagen
ist es heute abend zu khl, Sie knnten sich erklten."

"Ich begreife berhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber
Adolf," sagte Rosi unliebenswrdig, "wir sind doch nie im offenen Wagen
gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die
Sachen zureichen kann." Sie drngte ihn zur Wagentre. Er stieg aber nicht
ein, sondern erklrte mit Bestimmtheit: "Der Wagen soll offen sein, sonst
fahre ich nicht mit!"

"Herr Pastor, Ihre Frau hat recht," legte sich nun Nellie ins Mittel, die
bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, "es
ist keine schne Luft diese Abend, ein ander Mal knnen Sie der Sterne
besehen."

Sie sprach das erlsende Wort, denn der Pastor bestand nicht lnger auf
seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drckte ihr die Hand.

"Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schn, zu schn," versicherte er voll
Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nhme er Abschied,
mindestens um nach Amerika zu gehen; dann bermannte ihn die Rhrung, er
konnte nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm
her, machte schnell die Tre zu, als htte sie Angst, da er wieder
entschlpfen knnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch
flchtig aus dem Fenster und nickte den drauen Stehenden zu, dann zog sie
die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerflligen Gule, durch
einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die groe Kutsche
rumpelte von dannen.

Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestm
ins Sofa und brachen in ein unbndiges Gelchter aus.

"Ihr seid doch noch recht alberne Kinder," sagte Althoff kopfschttelnd.
Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise
herum.

"Kein strenge Wort, Fred," rief sie lustig, "ich mu mir erst auslachen
ber den Pastoren-Ehepaar."

"Ich finde, da es hier nichts zu lachen gibt, Nellie," sagte er ernst.
"Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich ber
Rosi gergert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fgsamen sanften
Mdchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren
pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen
scheint."

"Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verndert hat," sagte Ilse.
"Sie hat ihren Mann vollstndig unter dem Pantoffel."

"O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch' schlecht
ergehen," rief Nellie. "Ich mcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel
artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich
leid!"

"Rosi hat nicht nur tricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie htte mit
Scherz ber die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche
Ungemtlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es so
weit gekommen. Sie hat sich lcherlich gemacht. Es ist durchaus unwrdig
von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will."

Ilse war bei diesen Worten ihres frheren Lehrers nachdenklich geworden.
Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte
sie nicht, da es in der Zukunft auch so sein mte? Ja, Doktor Althoff
hatte recht, es machte einen lcherlichen, unwrdigen Eindruck, wenn die
Frau herrschte und der Mann sich fgte. Heute hatte sie sich davon
berzeugen knnen. Ein Pantoffelheld, wie grlich, nein, den mchte sie
nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und knftig immer
ihrem Willen fgen sollte, wrde er etwas anderes sein? Htte sie nicht so
gedacht, wre es so weit gekommen? Wre es nicht besser gewesen, sie htte
nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf,
wenn sich Nellie den Wnschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fgte
und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbstndigen Willen?
Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fgsam zu
sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen
Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. - Ein Gefhl der Reue wallte
pltzlich hei in ihr auf, und sie gestand sich, da alles anders wre,
wenn sie nur das eine Mal nachgegeben htte.

"Du bist ja so still geworden," sagte Nellie, "an was denkst du?"

"Ach, an gar nichts," gab sie ausweichend zur Antwort.

"Nellie," fragte sie dann nach einer Weile pltzlich, "nicht wahr, du
magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?"

"O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn," rief die
junge Frau. -

Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft bei Leo, und die
ganze Nacht trumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber
ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der
Unterwrfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: "Ja,
ganz wie du wnschest, mein Kind." Das fand sie schrecklich und wurde
schlielich rgerlich, bis er ihr sagte: "Du willst ja, da ich mich dir
in allem fgen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch
verlassen." Sein blasses, demtiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung,
und sie flehte ihn auf den Knien an, da er doch wieder anders werden
mchte, so wie er frher war; sie wollte sich auch ndern und sie knnten
dann wieder so glcklich sein wie frher. Als sie hierauf sehnschtig die
Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drcken, griff sie in die
leere Luft, - das Traumbild war verschwunden. Da qulte sie die Reue und
entlockte ihr heie Trnen, und als sie endlich aufwachte, fhlte sie, da
sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal bengstigend an
ihrem Geist vorber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt kme, ihn wohl
mit offenen Armen empfangen wrde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz.
- "Aber er kommt ja nicht," dachte sie traurig, "denn er liebt mich nicht
mehr. Und doch wollte ich anders werden, kme er mich zu holen, aber mich
so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich
nicht, das darf er nicht von mir verlangen." -

                                  * * *

Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.

Wie Ilse hoffte, da er ihr schreiben oder zu ihr kommen wrde, so
begrte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von
ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttuscht zur Ruhe. Eine rastlose
Unruhe ergriff ihn schlielich, er versuchte sich durch eine angestrengte
Ttigkeit zu betuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte
Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergngen daran. Nichts half ihm, sein
jetziges Leben ertrglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu
verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben?
Diese Frage qulte ihn unzhlige Male, und doch, - nein, nein, das war ja
nicht mglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen,
um dann getuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich,
da er nach diesem Fall eine Vershnung zwischen ihnen herbeifhren
knnte? Er hatte fest darauf gerechnet, da sie einsehen wrde, wie
unrecht sie ihm getan habe, und da sie umkehren wrde auf dem
gefhrlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe
einer harten Prfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr
gleichgltig?

Sein verschlossenes, verndertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne
Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes
Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschtzte. Sie wren tief
betrbt gewesen, htten sie gewut, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen
war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzhlt, da Ilse einige Zeit bei
ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause
wute er das Gesprch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages
erklrte er seinen Eltern, da er sich einige Zeit Urlaub genommen habe,
da er fhle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedrfe. Deshalb habe
er vor, fr einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort
seine Studien fortsetzen wolle.

Herr und Frau Gontrau waren ber den pltzlichen Entschlu wohl etwas
verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollstndig und fand es sehr
lobenswert, da er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise bentzte. Frau Annes
kluge und diplomatisch abgefate Briefe an Gontraus lieen keinen Argwohn
in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Gre von Ilse, entschuldigte ihr
Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertrstete sie immer von
neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch
alle mglichen Ausflchte erklren mute; Ilse hatte nmlich auf ihre
Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht
einmal schreiben wolle, geantwortet, da ihr dies unmglich sei. Und Frau
Anne dachte, es wre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn
das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhltnissen haben wrde,
mute die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen
gebracht hatte, und die mit so groer Zrtlichkeit an der Schwiegertochter
hingen, doch befremden.

Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern
verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen.
Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn
Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, da er seinem Liebling nicht
nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar
gelungen, ihren Mann davon zu berzeugen, da Leo ber Ilsens khnen
Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen knnte, aber die Sehnsucht
nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen
heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrcken, wenn er schlielich
auch einsah, da derselbe ungerecht war.

Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter ber
Ilse gesprochen, und auch sie erwhnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie
mit, da Leo nach Paris gereist wre. "Was wird Ilse dazu sagen?" schrieb
sie. "Ich frchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich
aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung fr Leo notwendig, denn er
ist bla und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der
Kummer auf ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege
die besten Hoffnungen fr Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch,
und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht
bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das wei ich, denn an
einem einmal gefaten Entschlu hlt er mit eiserner Beharrlichkeit fest.
Sollen die beiden jungen Menschen eines unglckseligen Miverstndnisses
wegen fr ihr ganzes Leben unglcklich werden? Es wre schrecklich, und
diese Strafe zu hart fr Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor,
baue ich am meisten und ich glaube, da es Ihnen am besten gelingen wird,
unser Kind auf den richtigen Weg zurckzufhren. Sie haben einen groen
Einflu auf Ilse, welche Sie schwrmerisch liebt, und darum hoffe ich
innig, da Sie es vermgen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter
den jetzigen Verhltnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die
Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen,
kleine Frau, und schtte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der
Himmel gebe, da sich noch alles zum Besten wende!

                                                Ihre mtterliche Freundin
                                                    Anne Macket."

Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend
wieder, und in ihrer drolligen gemtvollen Weise schilderte sie ihr die
Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.

"Es geht schon besser mit sie," hie es in dem Briefe, "sie versinkt in
eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres
schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Brutigam noch, und wenn
man sie in Ruhe lt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine
Verzeihung erbitten. Von der Reise nach Paris sage ich ihr nix, denn ich
glaube auch nicht, da sie dieser Reise gern sieht!" - -

                                  * * *

Bei Flora war groe Gesellschaft! Die Gste waren schon zum Teil
versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora
strmisch begrt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung
mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem
hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die
ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben,
nherte sich Ilse sofort und berhufte sie mit einer Menge Fragen, so da
das junge Mdchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie
alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die
Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, da
Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswrdigsten
Weise die gewnschte Auskunft gab, und als sie von der Dame fr einen der
nchsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.

"Da gehe ich aber nicht mit," dachte Ilse. Zu Nellie sagte sie spter
leise: "Wer ist denn eigentlich diese schreckliche Frau, die alles wissen
mu? Ich htte ihr an deiner Stelle keine ihrer neugierigen Fragen
beantwortet."

"O, wr ich ein dummes Ding," entgegnete Nellie mit schlauem Lcheln,
"denn diese Dame ist die Frau vom Direktor, hat viel Einflu auf ihr Mann,
und wenn ich unfreundlich bin gegen ihr, mu arme Fred ben. Ich mag ihr
auch nicht, aber ich bin klug."

"In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen, nicht wahr?"

"Natrlich, _darling_, da mssen mir hin und uns fein brav benehmen,"
neckte Nellie die Freundin.

Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den beiden und reichte Ilse
den Arm, um sie zu Tisch zu fhren. Es war der Assistent von Floras Mann,
Doktor Andres, dessen liebenswrdiges Benehmen und kluges, vornehmes
Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen war.

Im altdeutschen Ezimmer stand die lange gedeckte Tafel, die Ilse
schnellen Blickes berflog. Zwei Lampen, deren schwaches Licht durch rosa
Lampenschirme noch mehr gedmpft wurde, standen zu beiden Enden des
Tisches. In der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz,
mit Blumen und Frchten in wirrem Durcheinander gefllt, der sein Haupt
bedenklich nach der einen Seite neigte. Das war Florchens Werk, man sah es
auf den ersten Blick. Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora
verfaten Vers, in einem Blumenstruchen versteckt. Mit strahlenden Augen
erntete sie jedes Lob ein, das ihr ber ihre dichterische Begabung
gespendet wurde; freilich die spttischen Mienen dabei bemerkte sie nicht.
Ilses Verschen besang in berschwenglicher Weise die junge Braut. Sie las
den Zettel und legte ihn dann errtend neben sich hin. Ihr gegenber sa
Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen hatte, als sie
ihren ersten Besuch bei Flora machte. Er hatte eben das zusammengefaltete
Papier aus seinem Blumenversteck hervorgezogen und las mit lchelnder
Miene den fr ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn Flora an und
lie sich dann mit vielem Behagen seine slichen Schmeicheleien gefallen.
Das war ein Scherzen und Lachen, Flora schien whrend der ganzen Zeit bei
Tische nur Auge und Ohr fr ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft sah
die junge Frau heute wieder aus! berladen mit Spitzen und Blumen war ihr
Anzug. Unwillkrlich mute Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken,
damals als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren hatten. Es
war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle vor der Tr standen und die
mutwillige Grete dem klassisch frisierten Haupt einen Sto gab, da es
gegen die Tre flog. Ein vergngtes Lcheln huschte bei dieser Erinnerung
ber Ilsens Gesicht.

"Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken," unterbrach die Stimme
des jungen Arztes ihre Gedanken, whrend er die jugendlich frische
Mdchengestalt im einfachen weien Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.

"Natrlich, Herr Doktor," rief Flora ber den Tisch herber, "Frulein
Ilse denkt an etwas sehr Schnes, an ihren Brutigam nmlich." Und der
Referendar hob sein Glas in die Hhe und hielt es ihr entgegen.

"Der Glckliche soll leben," sagte er. Eine heie Rte stieg in Ilses
Wangen, zgernd nahm sie ihr Glas und stie mit ihm an. Der helle Ton der
beiden Glser tnte wie ein schriller Miklang in ihrem Ohre, und der
Blick, den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so
durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was sie in diesem
Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die Augen nieder, aber selbst
durch die gesenkten Lider fhlte sie seine brennenden Blicke auf sich
gerichtet.

"Gndiges Frulein, darf auch ich mir erlauben, auf das Wohl Ihres Herrn
Brutigams anzustoen?"

Wie liebenswrdig klang diese Bitte ihres Nachbars! Ohne Scheu sah Ilse
auf und blickte in ein Paar ruhige ernste Augen, denen sie nicht
auszuweichen brauchte.

"Ich danke Ihnen," sagte sie leise und griff nach ihrem Glase.

Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu knnen, als wenn er
in dem Gesprchsthema fortfuhr; denn wovon konnte man eine Braut besser
unterhalten, als von ihrem Brutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon
verlobt wre, wann sie heiraten wrde und was ihr Verlobter wre. Sie
htte ihm vielleicht unbefangener geantwortet, wenn sie die Augen ihres
Gegenber nicht unablssig auf sich ruhen gefhlt, wenn sie nicht
empfunden htte, mit welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drben
belauscht wurde.

"Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr lieben Freund," sagte
der Arzt zu Ilse, "der auch Jurist war und jetzt schon lngere Zeit
wohlbestallter Assessor ist. Vor ungefhr zwei Jahren bekam ich seine
Verlobungsanzeige, und er kndigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen
ausfhrlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute noch
nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu erkalten, wenn man
verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich nehmen die Liebesbriefe zu viel
Zeit in Anspruch. Sie mssen das ja aus Erfahrung wissen, gndiges
Frulein. Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen
studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben Jahre bin ich hier
am Hospital Assistent des Doktor Gerber. - Mein Freund wird sich wundern,
wenn ich nchstens von hier aus einen Angriff auf ihn ausben werde, denn
ich mchte gern mal wieder etwas von ihm hren. Vielleicht ist er schon in
den Hafen der Ehe eingelaufen und ein biederer, solider Ehemann geworden.
Ich kann ihn mir als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus,
ein famoser Korpsbruder, der gute Gontrau."

Es war ein Glck, da er sich eben jetzt zur Seite wandte, weil ihm seine
Nachbarin eine Schssel reichte, und da er deshalb nicht bemerken konnte,
wie Ilse bei der Nennung dieses Namens zusammenfuhr und bla wurde. Und
wieder begegnete sie den forschenden Blicken des Referendars, der wie auf
der Lauer zu sitzen schien und dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit
Flora, nichts von dem Gesprch des ihm gegenbersitzenden Paares entging.
Ilses Zusammenschrecken bei dem bewuten Namen interessierte ihn
augenscheinlich aufs hchste. Was fr eine Bewandtnis mochte es damit
haben? Pltzlich berflog ein triumphierendes Lcheln seine Zge, er
beugte sich zu Flora hinber und fragte sie, wie der Brutigam von
Frulein Macket hiee. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hrte Ilse doch
seine Frage, und voller Angst, da ihr Nachbar Floras Antwort vernehmen
knnte, richtete sie schnell einige gleichgltige Worte an ihn.
Erleichtert atmete sie auf, als gleich darauf die Tafel aufgehoben wurde
und der junge Doktor sie in das andre Zimmer fhrte. Sie htte so gerne
Nellie gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen
Hndedruck freundlichst zugenickt und sa jetzt neben einer alten Dame,
mit der sie sich eifrig unterhielt. So mute sie sich denn bis spter
gedulden und kam der Aufforderung eines jungen Mdchens, neben ihr Platz
zu nehmen, gerne nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer
zurckgezogen, und Flora hpfte von einem zum andern. Sie wollte durchaus
die liebenswrdige Wirtin spielen, was ihr aber schlecht gelang, denn
durch ihr fahriges Wesen versetzte sie ihre Gste mit in Unruhe.

"Sie mssen uns etwas vorsingen," wandte sie sich jetzt an das junge
Mdchen neben Ilse, die jedoch gegen diese Zumutung eifrig Einsprache
erhob, da sie ganz heiser wre und so lange nicht gesungen htte. Mit
diesen blichen Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora lie
nicht locker.

"Sie mssen, Liebste," entschied sie schlielich kurzweg und ging in ein
kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand, das sie ffnete. Nachdem sie
noch die Lichter angezndet und aus einem Schrank einen Sto Noten
hervorgeholt hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurck und
zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte, mit sich fort. Eine
geraume Zeit stberten die beiden in den ungeordneten Noten herum, und als
sie endlich etwas Passendes gefunden hatten, ertnte ein lauter Akkord,
der energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im Damenzimmer
verstummte denn auch sofort, und die Herren in Doktor Gerbers Zimmer
dmpften ihre Stimmen. Einen Genu konnte man die nun folgende
musikalische Auffhrung nicht nennen, denn die gnzlich ungeschulte Stimme
war nur dnn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag konnte dafr
nicht entschdigen. Man brauchte ja nur das junge Mdchen mit der
schlechten Haltung und der eingefallenen Brust anzusehen, aus der
unmglich ein freier Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre
Pltze verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht hinter der
Sngerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen machte und aus der
Fassung brachte. Sie kam denn auch mehrere Male aus dem Takt, und es
erklangen infolgedessen solche Disharmonien, da einige der Zuhrerinnen
das Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Ilse
fand den Gesang abscheulich, und da sie sich dabei langweilte, schlich sie
sich leise von der offenen Tre, in welcher sie gestanden hatte, fort und
trat an ein kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und mit
Bchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie sich und bltterte
mechanisch in den Bchern.

Es war ihr sehr erwnscht, jetzt nicht sprechen zu mssen, denn der
Gedanke, da der junge Mediziner ein Freund Leos war, beschftigte sie
unaufhrlich. Sie entsann sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres fter
gehrt zu haben. Gerne htte sie sich bei Tisch noch von ihm erzhlen
lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter gegenber
lhmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch teilweise die Herren
herangelockt, nur Floras Mann lie sich in seinem lebhaften Gesprch mit
einem Kollegen nicht stren, und er mute es sich daher gefallen lassen,
da seine Frau ihn zur Ruhe verwies.

"Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich," sagte sie halblaut und
scheinbar im Scherz. "Du solltest doch auch fr hhere Gensse zugnglich
sein, lieber Ernst."

"Du weit, Kind," antwortete er freundlich, "ich bin nun einmal ein
Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon verstehe, habe ich auch kein
Interesse dafr."

"Ja, leider," sagte Flora, ihm verdrielich den Rcken wendend, und ging
wieder in das andre Zimmer.

"Es ist traurig," sagte sie mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Lders,
"wenn alle Poesie, alles Hhere in dem Materiellen und Nchternen
untergeht. Mein Mann hat fr nichts weiter Sinn als fr seine Kranken."

Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er hatte jetzt Wichtigeres
zu sehen und zu hren, als Flora mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in
die Musik vertieft, sa er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand
gesttzt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was ihm den
kstlichen Genu stren knnte. Durch seine Finger aber sah er unverwandt
nach dem kleinen Tisch hinber, wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres
unterhielt, der sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darber
erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn
nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darber nach, wie sie das
Gesprch auf ihn bringen knnte, ohne da er es auffllig fnde.

"Sie lieben wohl die Musik nicht, gndiges Frulein?" richtete der junge
Mann das Wort an sie. "Ich vermute dies wenigstens, weil diese Bcher Sie
viel mehr zu interessieren scheinen, als der Gesang."

"O doch," erwiderte Ilse schnell, "aber offen gestanden, diese Stimme und
der Vortrag sind doch zu schlecht, finden Sie nicht auch?"

Er nickte lachend.

"brigens ist mein Urteil gnzlich unzulnglich," meinte er dann, "denn
ich habe es nur bis zu den Kneipliedern gebracht und selbst diese sang ich
falsch; ich habe deswegen auch von meinen Heidelberger Freunden manchen
Spott ertragen mssen."

                              [Illustration]

Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn wohl nach Leo
fragen, ohne da er Argwohn schpfen wrde.

"In Heidelberg ist es wohl sehr schn?" fragte sie unbefangen.

"O," rief er entzckt, "wenn es ein paradiesisches Stck Erde gibt, so ist
es Heidelberg. Sie mssen es sehen und kennen lernen und werden mir recht
geben. Wenn ich mich mal verheiraten sollte, dann wrde ich meine
Hochzeitsreise entschieden nach Heidelberg machen."

"Diesen guten Rat knnen Sie ja ihrem Freunde geben," unterbrach ihn jetzt
Ilse, "von welchem Sie mir vorhin erzhlt haben, der verlobt ist und dem
Sie nchstens schreiben wollen. Wie hie er doch, Gontring? Verzeihen Sie,
ich habe den Namen wieder vergessen."

"Gontrau," verbesserte er.

"Richtig, Gontrau," wiederholte sie leise und schlug die Augen nieder,
damit diese ihm nicht verrieten, welche Heuchlerin sie in diesem
Augenblick war.

"Gontrau und ich," fuhr der Doktor fort, dem man die Freude an diesem
Gesprch auf dem Gesichte las, "haben eine herrliche Studienzeit in
Heidelberg verlebt. Er war ein ausgelassener lustiger Mensch; wie viel
tolle Streiche haben wir zusammen ausgefhrt! Gontrau ist ein hbscher
Kerl, und die Heidelberger Schnen waren nicht blind dagegen, sondern
machten ihm frmlich den Hof."

"Ach?" fragte Ilse etwas zgernd. Diese Erffnungen waren ihr ja hchst
interessant! Bisher war sie nie auf den Gedanken gekommen, da auch andre
Mdchen sich in Leo verliebt haben knnten und umgekehrt.

"Hat Ihr Freund den jungen Damen auch die Kur geschnitten?" forschte sie
weiter.

"Nun natrlich," antwortete er mit Lachen, "ein flotter schneidiger
Student wird doch fr die Huldigungen der Damenwelt nicht unempfindlich
bleiben, noch dazu in Heidelberg, wo es so reizende Mdchen gab, als wir
dort studierten. Gontrau stellte uns immer in den Schatten, bei Bllen,
Partien, Schlittenfahrten, berall war er die Hauptperson. Den einen
Winter hatte er sich sterblich in eine junge Amerikanerin verliebt, welche
die Freundin einer Professorentochter und bei dieser zum Besuch war."

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hrte Ilse zu, und als er schwieg,
fragte sie schnell:

"Sagen Sie mir, bitte, wirklich richtig verliebt war Ihr Freund in das
junge Mdchen?"

So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme klang ein leises
Beben, da der junge Mann sie verwundert anblickte.

Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.

"Bitte, sagen Sie," wiederholte sie mglichst unbefangen, aber mit schwer
unterdrckter Neugierde, denn es brannte ihr auf der Seele, das weitere zu
wissen.

"Ja, wirklich richtig verliebt war er." Doktor Andres gebrauchte Ilses
eigene Worte und sprach sie mit Betonung aus, innerlich belustigt ber
ihre kindliche Frage. "Er hat ihr die schnsten Blumen geschickt, und wir
hatten ihn sogar in Verdacht, da er ihr Gedichte gemacht hat."

Gewi sind das dieselben, die er mir nachher geschickt hat, dachte Ilse,
und ein Gefhl eiferschtiger Abneigung gegen diese Nebenbuhlerin stieg in
ihr auf. - Leo hatte dieselbe nie erwhnt, - warum nicht? Ob sie wohl
hbsch war?

"Wie sah denn das junge Mdchen aus?" fragte sie laut. "War sie schn,
blond oder dunkel, gro oder klein? Bitte, bitte, beschreiben Sie mir
dieselbe!"

Wieder mute der junge Arzt lcheln, denn Ilses Neugierde kam ihm so echt
weiblich vor; er konnte ja nicht wissen, da hinter dieser 'weiblichen
Neugierde' ein berechtigtes tiefes Interesse versteckt war.

"Sie fragen aber grndlich," sagte er lachend. "Man merkt, da Sie eine
Juristenbraut sind. Hier haben Sie die Personalbeschreibung der jungen
Dame, also: sie war mittelgro, zierlich und grazis. Sie hatte dunkle
Haare und wundervolle schwarze, wahrhaft phnomenale Augen -"

"Also wirklich schn," unterbrach ihn Ilse.

"Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas kokett. Sie war sich
zu genau bewut, wie verfhrerisch sie war."

"Ihr Freund lag ihr natrlich zu Fen?"

"Wenn Sie das wrtlich meinen, gndiges Frulein, so habe ich Gontrau in
dieser Situation allerdings niemals gesehen; aber es ist wohl mglich,
denn er war ein feuriger Anbeter."

Htte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt, welchen Sturm seine Worte in
dem Herzen seiner Nachbarin hervorriefen, er htte gewi geschwiegen. Aber
es plauderte sich zu angenehm ber alte Erinnerungen, besonders da Ilse
eine so eifrige Zuhrerin war. -

"Liebte denn das junge Mdchen Ihren Freund auch?" fragte sie weiter.

"O, natrlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr gut, das haben ihm
ihre schwarzen Augen oft genug verraten. Es wrde mich nicht gewundert
haben, wenn sie sich verlobt htten, aber die Amerikanerin reiste dann
wieder fort, und 'aus den Augen, aus dem Sinn'. Er hat sie jetzt gewi
lngst vergessen, diese seine Studentenliebe. Da seine Zuneigung keine
ernstliche war, beweist ja schon seine Verlobung mit einer andern."

Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer wachsende Aufregung
nicht mehr verbergen.

"Mir ist es auch unbegreiflich, da sich Ihr Freund nicht mit jener Dame
verlobt hat," sagte sie mit blitzenden Augen. "Wie konnte er es wagen,
sich mit einer andern zu verloben? Das ist doch merkwrdig, das ist
unrecht! Er htte seiner ersten Liebe treu bleiben mssen; warum hat er es
auch nicht getan? Gewi ist er doch jetzt recht, recht unglcklich
geworden?"

Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Trnen, und sie sttzte
zitternd die Hand auf den Tisch.

Doktor Andres sprang nun ebenfalls in hchster Bestrzung auf.

"Aber, mein Frulein," rief er ganz ratlos und erschrocken, "was ist denn
geschehen? Ich verstehe Sie nicht, erklren Sie mir doch Ihre Aufregung!
Habe ich Sie beleidigt? Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch," drngte er,
als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den Trnen kmpfte. Sie
antwortete nicht.

"Habe ich Sie denn beleidigt?" fragte er nochmals mit verzweifelter Miene,
ohne jede Ahnung, was er angestiftet hatte.

Sie schttelte schweigend den Kopf.

"Kennen Sie denn das junge Mdchen, oder vielleicht meinen Freund
Gontrau?" fragte er endlich, denn er hatte sich berlegt, da zwischen ihr
und einer dieser Personen doch irgend eine Beziehung sein mte.

Von seinem Platze aus hatte der Referendar das Gesprch der beiden
belauscht, nichts war ihm davon entgangen, und er benutzte diesen
Augenblick, um nher zu treten.

"Dachte ich es mir doch, als ich Sie mit dem gndigen Frulein so eifrig
im Gesprche sah, da von Assessor Gontrau, dem glcklichen Brutigam des
Fruleins, die Rede sein wrde," sagte er scheinbar harmlos und
unbefangen, aber ein hliches Lcheln umspielte seinen Mund.

Ilse war bei seinen Worten jh erblat, und eine namenlose Verlegenheit
bemchtigte sich ihrer. Mit unverhohlener Verachtung sah sie Lders an;
als sie aber seinen triumphierenden Blicken begegnete, wandte sie sich
erschrocken ab. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn ja kaum und er sie
auch nicht. Warum sah er sie so sonderbar an? O Gott, wenn er ihre
Unterhaltung mit dem Doktor gehrt hatte! Und was sollte sie jetzt zu
diesem sagen, wie sich entschuldigen? In ihrer peinlichen Verlegenheit
wagte sie nicht aufzublicken, denn sie fhlte, da ihr die Schamrte hei
in die Wangen gestiegen war. Sie betrachtete es als ein Glck, da Flora
jetzt dazu kam und sie aus ihrer Pein erlste.

Die junge Frau suchte den Referendar. Die Sngerin schien jetzt kein Ende
finden zu knnen, nachdem sie nach so langem Struben einmal den Anfang
gemacht hatte. Fr jedes Lied erntete sie viel Beifall und dieser
begeisterte sie zu immer neuen Vortrgen. Nun wollte sie gern die
Trompeterlieder von Riedel singen, welche sie sich aber nicht selbst
begleiten konnte. Herr Lders sollte deshalb die Begleitung bernehmen. Er
war damit durchaus nicht einverstanden, denn es war ihm viel interessanter
zu erfahren, wie Ilse sich aus der Affre ziehen, was sie zur Aufklrung
sagen wrde. Da zwischen ihr und ihrem Brutigam etwas vorgefallen war,
unterlag fr ihn keinem Zweifel mehr, und zu gern htte er des Rtsels
Lsung, die ihm jetzt sehr nahe zu sein schien, vernommen.

Mit Ausreden und Ausflchten suchte er daher Floras Aufforderung zu
entkommen. Er knne nicht begleiten, gab er vor, er spiele zu stmperhaft
und sei besonders heute nicht zum Spielen aufgelegt. Aber Flora lie sich
nicht zurckweisen.

"Sie Heuchler!" rief sie und schlug ihm kokett auf die Schulter, "nur
Schmeicheleien wollen Sie hren, warten Sie nur! Zur Strafe mssen Sie uns
nachher noch etwas deklamieren, wissen Sie, das kleine Gedicht von mir,
das so unverdiente Gnade vor Ihren Augen gefunden hat. Kommen Sie,
Bsewicht!"

Sie legte ihren Arm in den seinigen, und widerstrebend ging er mit, im
Innern wtend auf Floras Dazwischenkommen.

Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras Geschwtz geachtet. Ilse
stand noch immer stumm und wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie
berlegte fortwhrend, was sie Andres sagen solle; mute er sich denn
nicht mit vollem Recht ber ihr Schweigen wundern? Sollte sie ihm die
Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie mte sich unsagbar vor ihm
schmen. Sie wute keinen Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser
so peinvollen Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie kme! Sa sie denn
noch immer nebenan im Musikzimmer?

Suchend schweiften ihre Blicke umher.

"Suchen Sie jemand, gndiges Frulein?" fragte Andres, "soll ich Ihre
Freundin rufen?"

Sie schttelte den Kopf.

"Nein, bitte bleiben Sie," bat sie fast flehend.

Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls hchst unangenehm,
und er htte derselben gern ein Ende gemacht. Aber durfte er fortgehen, da
sie ihn so flehentlich bat, zu bleiben? Da sein Freund Gontrau wirklich
der Brutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach Ilses Erschrecken
nicht zweifeln. Htte sie auch sonst dem Referendar nicht widersprochen,
oder, wenn ein Irrtum vorlag, denselben aufgeklrt? Warum hatte sie ihm
verschwiegen, da sie die Braut Gontraus war, was sollte das bedeuten? Die
ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm aber, da er sie nicht fragen
drfe, ohne sie peinlich, ja vielleicht schmerzlich zu berhren.

So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend nebeneinander.
Ilse spielte mit dem Blatt einer Fcherpalme und Andres betrachtete eine
Photographie, welche auf dem Tische stand.

Im Nebenzimmer sang das junge Mdchen in den schmelzendsten Tnen und mit
einer fast ans Weinen grenzenden Rhrung die Klage Margarethas: "O Lieb',
wie bist du bitter, o Lieb', wie bist du s!"

So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen geneigt war, heute
fanden diese Worte ein Echo in ihrem Herzen. Ja, s war auch ihr die
Liebe erschienen, aber mute sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn
sie die Menschen fr eine glckliche Braut hielten, war es nicht eine
Lge, da sie es mit lchelndem Gesichte zu besttigen schien? Mute sie
nicht sagen: "Ihr tuscht euch, ich bin nicht glcklich, ich bin
unglcklich, tief unglcklich?" War denn wirklich der Grund ihres
Zerwrfnisses mit Leo wichtig genug, um solche Folgen zu haben, da sie
nun Komdie spielen mute, was sie in die rgsten Verlegenheiten brachte,
ihr die grte Pein bereitete? "Ach, wre es doch nicht so weit gekommen,
htte ich mich nicht zu der unglckseligen Flucht hinreien lassen!" So
dachte sie jetzt in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.

Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die Dauer ungemtlich, und
als er ihren Seufzer vernahm, ergriff er die Gelegenheit und fragte, ob er
sie vielleicht zu den andern Damen fhren solle.

Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen Arm, doch nach dem
ersten Schritt blieb sie schon wieder stehen. Was sollte er von ihr
denken, wenn sie ihm nach ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklrendes
Wort sagte? Er wrde sie mindestens fr recht albern halten. Sie fhlte,
da seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja, sie mute ihr rtselhaftes
Benehmen entschuldigen.

Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die ernst und
teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle Seele, ein feines
Zartgefhl verrieten. Sie htte sehr bedauert, von dem ihr so
sympathischen jungen Manne falsch beurteilt zu werden, was sie nach diesem
Zwischenfall ja gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie
sprechen, so schwer es ihr auch fiel. "Bitte, Herr Doktor," sagte sie
leise, "wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, ich mu Ihnen etwas
sagen."

Er erfllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung an. Eine kleine Pause
entstand, denn Ilse konnte sich nicht entschlieen, Leos Namen ber die
Lippen zu bringen, den sie in der letzten Zeit gar nicht mehr
ausgesprochen hatte, den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen
trug. "Sie halten mich gewi fr recht kindisch," begann sie endlich, "und
wissen nicht, was Sie von mir denken sollen. Ja, es ist wahr, Assessor
Gontrau ist mein Brutigam. Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen
das nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre berraschung sehen, wenn Sie
es dann von mir erfuhren, und da - da rgerte ich mich so, da Herr Lders
mir den Spa verdarb."

Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben, und sie wunderte sich
jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen hatte, dieselbe auszusprechen.
Hinterher schmte sie sich ihrer Lge und blickte verlegen vor sich
nieder. Sie hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine
groe Tugend von ihr. Daher kam sie sich verchtlich vor und schwankte, ob
sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen solle, denn er hatte sie
doch sicher ohnedies schon durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht
blickte, in dem sie keinerlei Zweifel ber ihre Worte entdeckte, als sie
in seine unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck
auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich streckte er ihr die
Hand entgegen und rief vergngt:

"Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau kennen gelernt zu
haben! Von Herzen wnsche ich Ihnen zu solchem Manne alles Glck. Aber
bitte, Frulein, nun erzhlen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut
und treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben."

Andres glaubte wirklich an Ilses Erzhlung, und da ihre Aufregung nur aus
dem rger ber den verdorbenen Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er
mit aller Unbefangenheit weiter und merkte nicht wie peinlich die junge
Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berhrten. Sie sa wie auf Kohlen
und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber auf die Dauer wurde es ihr
uerst schwer, die Diplomatin zu spielen, zu der sie nicht geboren war.
Sie wurde immer verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor
sie fragte, ob sie und Leo sich tglich schrieben, und bat, sie mchte ihn
in ihrem nchsten Briefe von ihm gren, da brachte sie es nicht mehr ber
das Herz, sich noch weiter zu verstellen.

"Ich - ich," stammelte sie, "schreibe meinem Brutigam nicht und kann ihn
deshalb auch nicht von Ihnen gren."

Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm denn berhaupt
niemals schriebe.

Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.

"Nein," wiederholte sie erregt, "berhaupt nicht! Ach, ich bitte,
schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklren, jetzt nicht sagen -"

Sie brach ab, denn zum ersten Male schmte sie sich ihres Zerwrfnisses
mit Leo aus tiefstem Herzensgrunde; es kam ihr unwrdig vor, und in dieser
Stimmung wute sie nichts andres zu tun, als ihr Taschentuch
herauszunehmen und wie ein Kind zu weinen.

Erschrocken und erstaunt ber dieses neue Rtsel, das ihm seine Nachbarin
aufgab, war Andres aufgesprungen, und er empfand es wie eine
Erleichterung, als in diesem Augenblick Nellie hereintrat, welche die
Freundin holen wollte, da ein allgemeiner Aufbruch stattfand. Sie war
nicht wenig berrascht, Ilse in dieser Verfassung vorzufinden. Fragend
blickte sie auf den jungen Arzt, der ihr mit einem Achselzucken
antwortete, als wollte er sagen: "ich wei auch nicht, was dieses bedeuten
soll." Er entfernte sich hierauf rasch und die beiden Freundinnen waren
allein.

"Um Gottes willen, Ilschen," flsterte Nellie, "fasse dich, die Leute
drfen dir so nicht sehen. Was hast du, was ist geschehen?"

"Ach Nellie, ich habe mich furchtbar blamiert," schluchzte Ilse, "la mich
jetzt, ich erzhle dir alles, wenn wir zu Hause sind."

"Tu der dumme Tuch ins Tasch; die andern kommen, was sollen sie von dich
denken? Sieh nur, wie der Referendar dir prft."

"Der unverschmte Mensch," fuhr Ilse auf, "was fllt ihm ein? Er fixiert
mich fortwhrend, schon bei Tische hat er kein Auge von mir verwandt, der
freche Bursche!"

"Still, Ilschen, nicht so laut," mahnte Nellie die Aufgeregte, "er hrt
ja, was du sagst."

"Und wenn er es hrt," sagte Ilse absichtlich laut, mit einem drohenden
Blick auf Lders, "er soll es hren, ich wrde es ihm auch ins Gesicht
sagen."

Nellie hielt ihr den Mund zu. Sie war ber Ilses Heftigkeit nicht sehr
verwundert, kannte sie dieselbe doch hinlnglich und wute, da sie ebenso
entschieden in ihren Abneigungen, wie in ihren Zuneigungen war.

Die brige Gesellschaft umstand im Kreis die Wirte und nahm mit vielen
Komplimenten Abschied.

"Nimm dir zusammen, wir mssen gehen," sagte Nellie leise zu Ilse.

"Na, was habt ihr beide denn wieder zu tuscheln?" fragte Althoff, der
jetzt zu ihnen trat. "Kommt, Kinder, alle machen einen schnen Knix, jetzt
ist die Reihe an uns. Ilse, Sie sehen ja so elegisch aus, was ist Ihnen
denn? Hat Florchen Ihnen etwa ihre Gedichte zu lesen gegeben und sind Sie
davon so gerhrt geworden?"

Ilse lachte gezwungen zu diesem Scherz, denn ihr war nichts weniger als
lcherlich zu Mute, fhlte sie sich doch beschmt und unzufrieden, da sie
sich soweit hatte hinreien lassen, kurz und gut, sie wurde von den
selbstqulerischsten Gedanken heimgesucht und dadurch in hchst
unbehagliche Laune versetzt.

Auf dem Heimweg, den man gemeinschaftlich antrat, htte sie zu gern den
jungen Arzt noch gesprochen, denn ihr Benehmen ihm gegenber lag ihr
bleischwer auf der Seele.

Einer nach dem andern trennte sich von der Gesellschaft. Zuletzt hatten
Althoffs nur noch Andres und den Ilse so verhaten Referendar, welche
beide in ihrer Nhe wohnten, zu Begleitern.

"Wenn dieser Mensch doch nicht mitginge," dachte Ilse; er machte es ihr
unmglich, mit Andres noch ein Wort zu sprechen, denn er wich nicht von
dessen Seite.

Als sie vorm Hause angelangt waren, kam ihr noch eine gnstige Gelegenheit
zu Hilfe, ihr Herz zu erleichtern.

Althoff richtete eine eingehende juristische Frage an Lders, und Nellie,
am Arm ihres Mannes, hrte dem Gesprche zu. Diesen Augenblick benutzte
Ilse, sich dem jungen Arzt zu nhern und ihm hastig zuzuflstern:
"Verzeihen Sie mir mein dummes Betragen von heute abend. Nicht wahr, Sie
halten mich fr recht kindisch?"

"Aber mein Frulein!" rief er etwas verlegen ber dieses offene
Bekenntnis. "Warum sollte ich Ihnen bse sein? Ich -"

"Still!" unterbrach sie ihn, und ihre Augen blickten scheu zur Seite, denn
die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war beendet.

"Gute Nacht!" sagte Ilse und reichte Andres freundlich die Hand, whrend
sie Lders eine frmliche Verbeugung machte, ohne seine ihr
entgegengestreckte Hand zu beachten; sie htte sich nicht entschlieen
knnen, sie zu berhren, einen solchen Widerwillen flte ihr dieser
Mensch ein.

Noch lange sa sie in ihrem Stbchen und dachte nicht daran, sich
auszuziehen. Die Vorgnge des Abends erregten sie noch zu sehr, als da
sie htte schlafen knnen, wenn sie sich auch zur Ruhe gelegt haben wrde.
Von Nellie hatte sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere
Aufklrung zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der
Geschichte sprechen. Desto mehr beschftigte dieselbe ihre Gedanken. Sie
konnte sich nicht beruhigen, da sie sich so dumm benommen hatte.

Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten angefangen htte, die
ihr doch unmglich gleichgltig sein konnten. Sie hatte niemals darber
nachgedacht, ob Leo wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte,
bevor er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufllig, da er ein
flotter Kurmacher gewesen war und da ihn die jungen Mdchen sehr
umschwrmt hatten. Zum zweiten Male ertappte sie sich heute abend auf
einem eiferschtigen Gefhle, das ihr bis dahin vllig unbekannt gewesen;
auf der andern Seite aber berhrte sie es doch nicht unangenehm, da Leo
so begehrenswert erschien. Nur die schne Amerikanerin wollte ihr nicht
aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in ihr auf: warum hat er dir nie
etwas davon erzhlt? Warum hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewi
ist ihm die Erinnerung an das schne Mdchen schmerzlich, die wohl so viel
schner und klger war, als du.

Unwillkrlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend. Es
war ihr nie eingefallen, daran zu denken, ob sie wohl fr Leo hbsch genug
wre; nie hatte sie Wert darauf gelegt, sich fr ihn besonders zu
schmcken, wie das andre Brute fr den Brutigam tun. Aber heute prfte
sie ihr Gesicht Zug fr Zug, und verglich sich im geheimen mit der
reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie ihr so lebhaft
vorfhrte, als htte sie dieselbe schon in Wirklichkeit gesehen. Sie fand
sich grundhlich gegen ihre Phantasiegebilde, welches sie mit einem
berlegenen Lcheln anzublicken schien. Sicher hatte Leo eine Photographie
seiner Angebeteten, die er immer bei sich trug, womglich auf dem Herzen.
Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wren geradezu 'phnomenal'
gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel die ihrigen damit, und wieder fiel
der Vergleich zur grten Unzufriedenheit aus.

Ein leises Klopfen an der Tr hatte Ilse in der eifrigen Betrachtung ihres
Spiegelbildes ganz berhrt. Nellies Stimme lie sie zusammenfahren.

                              [Illustration]

"Warum siehst du dich denn so in den Spiegel, _darling_, mit so bse
Augen, da ich mir frchten mu?"

Ilse war betroffen zurckgetreten in grter Verlegenheit, die aber von
Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an ganz etwas anderes dachte.

"Es ist gut, da du nicht schon schlfst und ich dein ses Schlummer
stren mu," sagte sie, "denn Ilschen, ich habe eine groe Neuigkeit, die
ich nicht bis morgen frh bei mich behalten konnte, ohne da du ihr weit.
Lies hier dieses Brief!"

Ilse zitterte. "Eine groe Neuigkeit," so sagte Nellie und brachte einen
Brief. Von wem war er, was fr eine Neuigkeit mochte er enthalten? Dann
schalt sie sich tricht, da sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo
dachte, als ob jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen
mte. Er dachte gewi nicht daran, ihr zu schreiben, ja vielleicht hatte
er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen Gedanken fhlte sich Ilse so
weich werden, da sie sich abwandte, damit Nellie ihr Gesicht nicht she.

Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen und entfaltet.

"Du ratst nicht, von wem er kommt, _darling_. Denke dich nur, er ist von
unsre Orla!"

"Von Orla?" fragte Ilse erstaunt.

"Ja, von ihr. Aber hier lies."

Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen Bltter mit den
energischen, fast mnnlichen Schriftzgen.

"Lies laut vor," bat Nellie, "ich habe ihn so in der Flucht gelesen, weil
neugieriges Fred ihn haben wollte."

Ilse las wie folgt:






Liebste Nellie!

Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel,
denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung
gnzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glckwnsche
dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend,
um zu wissen, da ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze
und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick an deiner
Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch
machen mchte. Doch davon spter! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht
es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, da euch diese Zeilen im besten
Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glcklichen Menschen und
gnne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das
Schicksal mchte euch immer so gndig gesinnt bleiben.

Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewhnliche Stimmung
geraten bin? Du sollst eine Erklrung haben. Warum fiel ich auch nicht
sofort mit der Tre ins Haus und hielt mich erst bei groen Umschreibungen
auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hlt sich das
unangenehme gern so lange wie mglich fern. Mit wenigen Worten will ich
dir erzhlen, wie bel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weit ja,
liebe Nellie, mein Grovater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen
und erzogen. Mein Grovater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das
nur zu frh elternlos geworden, nichts versagen zu drfen, er hat mich in
jeder Beziehung verwhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weit, eine
skeptische Natur, das mte so sein und knne niemals anders werden. Aber,
da aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mdchen werden
kann, mu ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.

Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser
ganzes Vermgen verloren haben. Mein armer Grovater ist vollstndig
fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein grter Kummer. Der Mann, der
noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes
Glck zerstrt zu haben und qult sich mit den grten Vorwrfen, trotzdem
ich ihm immer wiederhole, da ich, jung und krftig wie ich bin, es wage,
mit dem Leben aufzunehmen.

Das sage ich brigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre
Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur
die Zukunft meines alten Grovaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun
von seinem Sohne abhngig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn
in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.

Mein Onkel hat glnzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und fhrt ein
groes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines
Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.

Auch mir haben meine Verwandten in liebenswrdigster Weise ihr Haus
geffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklrt,
da ich mich auf meine eigenen Fe stellen wollte, und mein Onkel hat mir
eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfgung gestellt. Mit
meinen sogenannten 'noblen Passionen' ist es nun natrlich vorbei; ich
ritt und fuhr mit groer Leidenschaft, war berhaupt dem Sport sehr
ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits fr
einen hohen Preis verkauft, und auch fr mein Pony-Dreigespann habe ich
schon einen Kufer gefunden. Die schnen Tiere kommen zum Glck in gute
Hnde, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate
ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir
nichts ferner als das!

Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder
Gesellschafterin zu werden; dagegen strubte ich mich mit aller Energie!
Wenn ich mich auch vor den Verhltnissen beugen mu, so mchte ich mich
doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten
verzogener Kinder abhngig machen. Und dann, du weit ja, bin ich zu offen
und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht.
Diese Tugend oder Untugend, wie man will, pat aber nicht fr eine
Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los!
Meine guten Ratgeber haben sich auch schlielich berzeugen lassen, da
ich fr solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan,
den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn
dir mitteile.

Ich will mich nmlich immatrikulieren lassen und zwar fr die medizinische
Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil
mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich wei,
da eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein knnen,
aber ich schrecke davor nicht zurck. Meine Verwandten sind mit meinem
Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zrich mein erstes
Semester anzutreten.

Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen
Einleitung, die nun einmal unumgnglich notwendig war. Die groe
Verehrung, die ich fr deinen Mann, meinen frheren Lehrer, empfinde, hat
den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schlerin zu werden
und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zrich gehe, damit auszufllen, da
ich unter seiner Leitung die Lcken in meinen Kenntnissen auszufllen
suche.

Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht unttig gewesen: aus
Liebhaberei nahm ich noch regelmig Stunden in allen mglichen Fchern
der Wissenschaft und hoffe deshalb, da ich deinem Manne nicht zu groe
Mhe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu berlegen, ob
er gesonnen ist, meine Bitte zu erfllen, was mich sehr glcklich machen
wrde, denn ich habe die grte Hochachtung vor dem Wissen und
pdagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe
Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und
benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden Tag von hier
abreisen zu knnen, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch
gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich
nach einer passenden Pension fr mich, bei netten Leuten. Du bist ja so
praktisch, da ich dir alles weitere berlasse. Meine Verwandten gren
dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr,
_notabene_, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den
freundschaftlichen Gren fr euch beide, stets

St. Petersburg 17/29. 10. 18 ..
                                                            deine treue
                                                         Orla Sassuwitsch.






"Arme Orla," sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu Ende gelesen hatte, "ich
hatte ihr stets so gern."

"O, ich auch!" rief Ilse. "Aber weit du, Nellie, ich hatte immer ein
bichen Angst vor ihr; sie ist so klug und sieht einen so durchdringend
und scharf an, als knnte sie die geheimsten Gedanken erraten. Zur
Studentin pat sie famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein Mann
dazu, da sie studieren will, ist er damit einverstanden?"

"O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint nur, es wre ein
groer Schritt von einer Frau, zu studieren, und will ihr das auch
vorstellen. Doch ich sage ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das
tut sie, du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr gleich,
sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf. Und nun, gute Nacht,
_darling_, ich bin mde von die langweilige Flora-Gesellschaft und auch du
hast schlafrige Augen."

Die Freundin war schon lngst fort, und Ilse hatte sich gleichfalls zur
Ruhe begeben, lag aber noch wachend im Bette; die Erinnerung an den
ereignisreichen Abend raubte ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschftigte
sie lebhaft. Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was wird
Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende und
energische Russin niemals verstanden hatte, sie wird ber diese
Emanzipation gewi auer sich sein.

Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine Arme schlo, trumte
sie lauter wunderliches Zeug. Orla stand in Mnnerkleidern vor ihr und
hatte das Cereviskppchen flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen
Spazierstckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und blies aus
einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die Luft. Dann wieder erschien
Leo in Ilses Trumen. Er lag zu den Fen der schnen Amerikanerin, die
ihn mit ihren schwarzen Augen verfhrerisch anblickte. Ilse wurde bei
diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen, sie wollte
dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und konnte sich nicht vom
Flecke rhren. -

Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in aller Frhe geschrieben;
die Antwort war sofort in einem kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte
enthielt: "Ich werde Montag abend 8 Uhr dort eintreffen.

                                                                    Orla."

Nach einer Wohnung fr dieselbe hatte sich Nellie nicht umgesehen, denn
selbstverstndlich wrde sie die Freundin nicht ausquartieren; sie sollte
vielmehr das Fremdenstbchen mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft
Orlas war jetzt ein lebhafter Gesprchsgegenstand. Flora fand die Idee,
da Orla studieren wollte, 'einfach genial' und war so begeistert darber,
da sie behauptete: wenn sie nicht 'Hymens Fesseln' bnden, wie sie sich,
stets poetisch, ausdrckte, wrde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch
nicht gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium whlen mchte,
die nach ihrer Meinung nun einmal alles Ideale in der menschlichen Brust
ersticke.

"Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind sozusagen 'geistig
verwandt'," sagte sie zu Nellie und Ilse, "ich freue mich deshalb
schrecklich, sie wiederzusehen."

Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in einem Blumenstrau
versteckt zum Empfange berreichen wollte und in dem sie in
berschwenglichster Weise eine Heldin der Zukunft besang.

"Wit ihr noch, Kinder," fragte sie die Freundinnen, "wie Orla die
wirklich groartige Rede unter dem Lindenbaum hielt, und wie ich ihr
damals schon prophezeite, da einst etwas Groes aus ihr wrde? Ich habe
mich nicht getuscht, ich ahnte, da sie sich ber das Niveau des
alltglichen Lebens erheben wrde. Ihre gro angelegte Natur strebt nach
Hherem, mit krftiger Hand zerreit sie die engen Fesseln der
Weiblichkeit und stellt sich den Mnnern an die Seite. Ich begreife sie,
ich verstehe sie voll und ganz, denn wer so wie ich den Drang nach etwas
andrem, besserem in sich fhlt, der leidet bestndig unter dem Druck der
grauen Alltglichkeit, welche eine nchterne, kalte Oede im innersten
Gemt hinterlt."

Ihre wasserblauen Augen waren bei dieser schnen Rede schwrmerisch gen
Himmel gerichtet, und sie bemerkte deshalb nicht, da Nellie unwillig den
Kopf schttelte.

"O Flora," sagte diese ernst, "du versndigst dir. Wie darfst du von einer
kalte, graue Oede in dein Inneres sprechen und hast ein so guten Mann, ein
herziges Baby -, o, wie s ist das Kind! Wr es mein, wie wollte ich ihr
hegen und pflegen. Warum hast du es so wenig um dir? Du mut mit die
Kleine spielen, ihr schne Geschichtens erzhlen, wie wir es mit unsere
kleine Lilli taten."

"Verschone mich mit deinen weisen Reden," unterbrach sie Flora beleidigt,
aber doch etwas verlegen. "Eine so alberne Mutter, wie du sie eben
schilderst, bin ich Gott sei Dank nicht. Das Kind ist gut versorgt. Habe
keine Angst, liebe Nellie, ich bin mir der heiligen Mutterpflichten wohl
bewut."

Das war wieder echt, wie Flora gesprochen, theatralisch und berspannt. Es
war ihr offenbar unangenehm, da Nellie hiervon angefangen hatte, und sie
gab deshalb dem Gesprch mglichst schnell eine andre Wendung. In ihrem
Innern dachte Nellie, da sie es mit den 'heiligen Mutterpflichten' doch
wohl nicht so genau nhme; das kleine verschchterte, nachlssig
gekleidete Stiefkind war der sprechendste Beweis dafr. Es war nicht
frhlich und vergngt wie andere Kinder, ein wehmtiger Ernst lag in
seinen groen Augen, und der kleine Mund war trotzig fest geschlossen. Nur
wenn Kthchen bei ihrem Vater war, dann strahlte sie und ein glckliches
Lcheln machte das Kindergesicht unendlich liebreizend. Um die Mittagszeit
stand sie schon lange, bevor er kam, am Fenster und wartete auf ihn. Sah
sie ihn kommen, so lief sie ihm entgegen und hing an seinem Halse. ber
sein ernstes Gesicht flog es dann wie Sonnenschein, er kte und liebkoste
die Kleine.

"Du verwhnst Kthe einfach grenzenlos," warf ihm Flora einmal vor, "sie
ist bereits furchtbar verzogen, ein schrecklich unartiges Kind, man hat
seine liebe Not damit."

"Flora, du vergit, wie lange das Kind mutterlos gewesen ist," sagte er,
und man sah ihm an, wie weh ihm ihr hartes Urteil ber seinen Liebling
tat, "ich konnte mich neben meiner Praxis wenig um dasselbe bekmmern, es
war fremden Hnden berlassen. Ist es da wunderbar, da seine Erziehung
vernachlssigt ist? Habe doch Geduld mit ihm."

Er wollte noch hinzusetzen: und bekmmere dich mehr darum, aber er sagte
nichts, denn er kannte Floras Empfindlichkeit. Im Anfang ihrer Ehe, als er
seine Frau immer am Schreibtische sitzend vorfand, wenn er nach Hause kam,
hatte er sie sanft aber instndig gebeten, sich mehr um den Haushalt zu
bekmmern, denn nie war das Essen zur rechten Zeit fertig, und wenn es auf
den Tisch kam, war es nur zu oft ungeniebar. Da kam er aber schn an, sie
warf ihm vor, er sei doch gar zu materiell und das Essen spiele bei ihm
die Hauptrolle.

Er war mit Scherz ber diese unangenehme Bemerkung hinweggegangen und
hatte freundlich zu ihr gesagt: "In den Muestunden, liebes Kind, kannst
du so viel schreiben als du willst, aber nie darfst du darber die
Pflichten der Hausfrau und Mutter versumen."

Das nahm Flora sehr bel und tagelang sprach sie kein Wort mit ihm. Aber
ihre Lebensweise nderte sie in keiner Beziehung, ja seine Vorwrfe regte
sie nur zu neuen Taten an, in langen Gedichten klagte sie ihr Leid, da
sie eine miverstandene Frau sei. Sie dachte nur an sich; was lag auch
daran, da ihr Mann, wenn er hungrig und mde nach Hause kam, keine
Behaglichkeit vorfand, und sich dann in sein Zimmer zurckzog? Wie konnte
man berhaupt so prosaisch sein und sich durch solche Dinge die Laune
verderben lassen! Sein liebevolles Zureden, seine eindringlichen Vorwrfe,
nichts half, um Flora zu ndern. Da ri dem sonst so gutmtigen Manne die
Geduld, er bat nicht mehr, er verlangte, und es kam zu heftigen Szenen
zwischen den beiden Eheleuten. Flora spielte dann die schwer Beleidigte.

Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt war und Flora ihn
mit berschwenglichen Gedichten berschttete, die er nur flchtig las,
da er einst unter dieser poetischen Ader zu leiden haben wrde. Er sah es
fr eine Spielerei an, die ein Ende nehmen wrde, wenn erst ernste
Pflichten an die junge Frau herantrten. Wie bitter wurde er enttuscht!
Aus der sanften, hingebenden Braut, die ihn schwrmerisch anzubeten
schien, in der er eine treue Lebensgefhrtin, eine sorgende Mutter fr
sein Kind zu finden hoffte, wurde eine unfgsame, selbstschtige Frau,
welche Mann und Kind vernachlssigte und sich obenein noch gekrnkt
fhlte, da er ihrer dichterischen Beanlagung so wenig Interesse schenkte
und so geringes Verstndnis entgegenbrachte. "Sie mit ihrer idealen Natur
passe nun einmal nicht in diese profane Welt," so trstete sie sich
schlielich. Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung, nachdem
seine Liebe und Gte, dann seine Strenge, ja selbst sein Zorn nichts
gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden Berufe nach und sagte
nichts mehr; Flora war froh, da sie keine Vorwrfe mehr hren mute und
Ruhe hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar
gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal klagte und wie hart
es sei, von dem eigenen Manne verkannt zu werden.

"Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der ich lebe," sagte sie
zu Lders, "denn wer versteht mich? Auer Ihnen niemand," fgte sie mit
einem gefhlvollen Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer
gewissen Geringschtzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung
wenigstens, vollstndig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen auf.

Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert: "Tut nix, von schne
Gedichte und Romans kann mein Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein
prosaisches Frau, liebe Dichterin."

"Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang bei Nellie
finden," dachte Flora im stillen und meinte, es wre eigentlich besser,
Orla wohne bei ihr. Sie beneidete Althoffs grenzenlos um ihren
interessanten Besuch und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren.
Ihrem Freunde, dem Referendar Lders und ihren Bekannten erzhlte sie mit
groer Wichtigkeit und Ausfhrlichkeit von der bevorstehenden Ankunft der
jungen Russin, die eine intime Freundin von ihr sei, da sie beide
sozusagen 'geistesverwandt' wren, da sie zusammen in der Pension gewesen
seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende Begabung
ausgezeichnet htte. Sie umgab deren Persnlichkeit mit einem Nimbus, der
darauf berechnet war, seinen glnzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst
zurckzuwerfen. Da war es denn bald stadtkundig geworden, welchen Besuch
Althoffs erwarteten, und man sah demselben mit Spannung und Neugierde
entgegen, ja sogar die Mnner waren begierig, die junge Dame kennen zu
lernen!

                                  * * *

Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden, und da sie sich mde und
abgespannt von der Reise fhlte, ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos,
wie sehnschtig man im Stdtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr
sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte. Flora kam fast
jeden Tag; sie war natrlich auch auf dem Bahnhof gewesen, als Orla ankam,
hatte diese berschwenglich umarmt und ihr den Strau mit dem bewuten
Gedicht in die Hand gedrckt. Orla nahm diese Begrung etwas khl und
verwundert auf, war sie doch gerade mit Flora nie vertraut gewesen, deren
Natur ihr vollkommen unverstndlich und unsympathisch war. Dagegen freute
sie sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.

"Nellie," hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, "bitte, erzhle Orla nur
gleich alles -, du weit schon, die Geschichte mit der Flucht. Wenn sie
mich nach Leo fragte, das wre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenber
schme ich mich doppelt, sie kann gewi nicht begreifen, da ich eines
lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt so erhaben ber alles
Kleinliche."

Nellie hrte mit heimlicher Genugtuung und Freude die Freundin an und
sagte zu ihrem Manne: "Du Fred, Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt
den Streit mit ihre Schatz schon 'lumpig' und meint eine solche
'Kleinigkeit' knne Orla nicht begreifen."

Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzhlen, und manche Stunde wurde
mit alten Erinnerungen verplaudert. Waren diese im Grunde doch noch so
frisch und neu; nur zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon
verwischen knnen. Die kurze Spanne Zeit hatte aber manche Vernderungen
hervorgebracht, namentlich wollten Orla die drei wrdigen Hausfrauen unter
den Pensionsschwestern nicht recht in den Sinn.

"Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen - Ilse rechne ich mit - wie ein
Wickelkind vor," sagte sie scherzend.

"Na Orla," neckte Ilse, "wie lange wird es dauern, und du bist auch
verlobt und verheiratet, du bist so hbsch und klug -"

"Um Gottes willen, Ilse," fiel ihr Orla in die Rede, "du willst mir doch
nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind! Du weit doch, da ich sie hasse."

Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu wollen. Aus ihren
Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung und sie war viel zu offen,
jemand etwas Angenehmes zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung
war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt, denn sie
fand sie jetzt noch viel hbscher, als in der Pension. Sie war grer und
voller geworden, dabei schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut
gefiel Ilse Orlas 'interessante Blsse', und in der Tat bot der matte,
aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen Augen, dem kurzen,
leichtgelockten Haar ein unendlich anziehendes und reizvolles Bild. Ihr
Profil war scharf geschnitten, ein keckes Stumpfnschen verlieh ihrem
Gesicht etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den stolz
geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension als 'vollendet
klassisch' besungen. Trotz einer gewissen Schroffheit in Orlas Wesen
konnte sie hinreiend liebenswrdig sein und jedermann bezaubern.

Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden alles erzhlt, was sie
Trauriges betroffen hatte, und mit ihnen ihre Zukunftsplne beraten.
Doktor Althoff machte sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres
Entschlusses aufmerksam, und Orla war ihm fr seine Aufrichtigkeit sehr
dankbar, aber - so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung
unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er ihr auch an ihrem zuknftigen
Beruf gezeigt htte, sie wre trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu
werden.

"Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt davon, eine
Optimistin zu sein," sprach sie, "ich wei ganz genau und habe mir das
auch reiflich berlegt, da ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir
habe, bis ich mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurck."

Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht, das wute er, denn schon
in der Schule hatte er seine Freude an ihr gehabt und war oft berrascht
gewesen, wie sie bei einem schnellen Fassungsvermgen fr eine Frau
auffallend klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen
oberflchlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die Dinge bis auf
den Grund. Da es ihr aber heiliger Ernst mit dem Studium war, da kein
Gedanke der Eitelkeit, noch die Sucht nach Auergewhnlichem sie dazu
bestimmt hatten, das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit
Althoff sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der Folge
ber seine eifrige und fleiige Schlerin nicht zu beklagen. Mit dem
Unterricht wurde gleich am bernchsten Tage ihres Eintreffens begonnen.

"Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?" hatte Nellie gefragt, "du bist
von die vielen Aufregungen in der letzte Zeit doch gewi sehr angespannt?"

"Nein, nein, Nellie," gab sie zur Antwort, "ich darf keine Minute Zeit
verlieren, auerdem ist gegen elegische Gedanken, wie sie jetzt manchmal
in mir auftauchen wollen, Arbeit das beste Mittel."

Sie hatte sich entschieden gestrubt, bei Althoffs zu wohnen, indem sie
behauptete, das ginge nicht, es wre ihr peinlich. Sie wrde sich daher in
den nchsten Tagen selbst nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt
Nellie, da sie es nicht vorher schon getan htte. Vorlufig bewohnte sie
mit Ilse das Fremdenstbchen, und wenn diese abends schon lngst im Bette
lag, sa Orla noch auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.

"Aber Orla," sagte Ilse oft, "du darfst nicht so lange aufbleiben, du
wirst sonst krank; komm und lege dich schlafen."

"La mich nur Kind," antwortete Orla, "schlafe ruhig weiter und habe keine
Angst, ich werde nicht krank."

"Kind, sagt sie immer zu mir," dachte Ilse, "gerade als wenn sie viel
lter wre als ich, und sie ist doch erst neunzehn Jahre alt." Aber da
Orla, trotz des geringen Altersunterschiedes viel reifer und verstndiger
war als sie, das empfand sie nur zu oft und sie kam sich dann ihr
gegenber noch recht kindisch und albern vor.

"Gegen Orla bin ich doch furchtbar dumm," sagte sie einmal zu Nellie.

"O Ilschen," lachte die junge Frau, "du nicht allein, ich auch. Aber wir
wollen ja doch keine Studentens werden und fr die tgliche Gebrauch sind
wir klug genug."

"Weit du, Nellie, wenn Orla mich mit ihren groen Augen so prfend und
scharf ansieht, dann denke ich immer, da sie mich in ihrem Innern gewi
recht verspottet und verhhnt, weil ich davongelaufen bin. Was sagte sie
denn eigentlich dazu?"

Nellie konnte sie darber beruhigen, da Orla sie weder verhhnte noch
verspottete. Sie htte Ilse stets gerne gehabt, weil sie 'Temperament'
bese, und es tte ihr nur leid, da sich der kleine Brausekopf selbst
bittere Stunden bereitete.

"Selbst bittere Stunden bereitete," wiederholte Ilse Orlas Wort, "als ob
ich daran schuld wre."

Noch glaubte sie nicht an ihr Unrecht, noch war sie im Gegenteil
berzeugt, da sie in der Sache selbst im vollsten Recht sei. Allerdings
hatte, wenn sie sich die Szene an jenem verhngnisvollen Mittag ins
Gedchtnis zurckrief, wohl schon manchmal eine Stimme in ihrem Innern
geflstert: du httest nachgeben mssen, du warst zu widerspenstig; aber
dann hrte sie im Geiste wieder deutlich Leos beschmende Worte, und ihre
besseren Regungen hielten davor nicht stand. -

Als Orla zum ersten Male mit den Freundinnen ausging, flog ihr mancher
bewundernde Blick zu, einige Vorbergehende blieben sogar stehen und sahen
der neuen Erscheinung musternd nach. Auch Doktor Andres begegnete ihnen,
der durch Flora von der 'interessanten russischen Freundin' schon viel
gehrt hatte und diese nun mit kritischen Blicken betrachtete. Er hatte
sich ein anderes Bild von ihr gemacht, denn von Floras berschwenglichen
Beschreibungen glaubte er immer nur die Hlfte, weil er sie lngst
durchschaut hatte. Er hatte sich unter der knftigen Berufsgenossin eine
starkknochige, keineswegs anziehende Erscheinung vorgestellt und war nun
angenehm berrascht, eine schne junge Dame, deren Weiblichkeit schon aus
ihrer anmutigen Erscheinung sprach, zu erblicken. Mit unverhohlenem
Wohlgefallen sah er Orla an.

"Wer war der groe stattliche Mann, der uns eben grte?" fragte sie,
nachdem er vorber war.

Nellie nannte seinen Namen.

"Eine sympathische Erscheinung," bemerkte Orla noch. "brigens, Nellie,
werden alle Leute, die neu hierherkommen, so angestarrt wie ich? Sie
staunen mich ja an wie ein Wundertier. Sieh nur da drben die Dame, wie
sie dir zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, da du stehen bleiben
sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und kommt ber die Strae
zu uns."

                              [Illustration]

Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht bemeistern konnte und
unbedingt den fremden Gast von Althoffs kennen lernen wollte.

"Liebe Frau Doktor," redete sie Nellie an, "ich habe Sie ja so lange nicht
gesehen, es geht Ihnen doch gut, kleine Frau? Und Sie, liebes Brutchen,"
wandte sie sich an Ilse, "ist die Sehnsucht nach dem Schtzchen nicht zu
gro, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefllt es ihm denn in
Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht wahr? Ja? Dann habe ich mich
nicht geirrt, als ich neulich zufllig durch einen Bekannten meines
Sohnes, einen Referendar, erfuhr, da Assessor Gontrau sich einen lngeren
Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da wird er Ihnen jetzt
gewi viel Interessantes erzhlen."

Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen und unterbrach die
redsame Dame deshalb schnell.

"Frau Direktor," sagte sie, "darf ich Ihnen unsere Freundin Frulein Orla
Sassuwitsch vorstellen?"

Und nun ergo sich ber diese ein gleicher Redestrom; Orla verstand es
jedoch geschickt, mit khler, aber ausgesuchter Hflichkeit ihren Fragen
auszuweichen, so da die aufgeregte Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie
schon wute. Die vornehme Zurckhaltung der jungen Dame imponierte ihr
gewaltig, und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.

"Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit einer Handarbeit zu
einer Tasse Kaffee," sagte sie, Orla die Hand schttelnd, und
verabschiedete sich.

"Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen," meinte Ilse offenherzig,
"wie unverschmt sie jeden ausfragt! Ich knnte ihr kein Wort erwidern, so
furchtbar rgere ich mich ber sie."

"Aber, beste Ilse," lachte sie Orla aus, "wenn man sich ber solche
Lappalien im Leben schon 'furchtbar rgern' will, dann knnte man ja nie
froh sein. Die gute Dame hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen
scheint ihr Lebensbedrfnis zu sein. Du lieber Gott, 'jedes Tierchen hat
sein Plsierchen', also: lassen wir ihr das Vergngen."

"Nein," sagte Ilse erregt, "ich knnte mit dieser Frau nicht verkehren,
und warum soll man denn auch jemand besuchen, den man nicht ausstehen
kann? Nellie mag sie auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr."

"Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mdchen, Ilse, und hast
noch sehr naive Ansichten, nimm mir das nicht bel! Von der
'konventionellen Lge' hast du wohl noch nie etwas gehrt? Weit nicht,
da man den Personen, die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen
kann: geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm. Man knnte leider
beinahe sagen: je besser man lgen kann, desto weiter kommt man in der
Welt. Man nennt das 'weltklug' sein."

"Siehst du, Ilschen," warf Nellie ein, "Orla spricht so, wie ich dich
schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das neugierige Direktorsfrau, aber
sie darf mich das nicht anmerken."

Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den Freundinnen her.

Am Abend, als die beiden jungen Mdchen sich zur Ruhe begaben, fragte Ilse
pltzlich:

"Orla, wrdest du mit deinem Manne alle Besuche machen, die er wnscht?"

"Nrrchen, warum nicht? Natrlich! Man braucht ja deshalb noch nicht mit
denen, die einem mifallen, zu verkehren. Wie kommst du berhaupt zu
dieser Frage?"

"Ach, ich dachte eben nur so zufllig daran," antwortete Ilse ausweichend
und schwieg dann.

Orla schlief schon lngst, als Ilse noch wachend in ihrem Bette lag. Leo
in Paris, daran mute sie immer denken. Was wollte er dort, warum reiste
er dahin? Um sich zu amsieren, natrlich nur deshalb. Sie hatte Nellie
gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr mitgeteilt hatte, und
ob sie auch wte, da Leo in Paris sei. Nellie besttigte es; sie wute
es ja schon lnger, hatte ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich
verschwiegen. Ilse fragte nichts weiter, sondern hatte das Gesprch
schnell abgebrochen und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie sollte
nicht etwa denken, da sie sich rgerte oder grmte. Aber ihre Gedanken
beschftigten sich fortwhrend mit dieser Reise und raubten ihr selbst den
Schlaf. Sie warf sich unruhig von einer Seite zur andern. War es denn
nicht der beste Beweis, da er sie nicht mehr liebte, da er keinen Kummer
empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergngen nach Paris zu reisen?
Paris - er hatte ihr schon so oft davon vorgeschwrmt und dabei gesagt,
wenn wir erst verheiratet sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste
er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges
Versprechen und unterhielt sich gewi herrlich. Ihr Interesse fr diese
Stadt wurde pltzlich wach, sie htte gar zu gern etwas nheres ber Paris
gewut. Ob Orla wohl schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Grovater
weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt gesehen; gewi war sie
auch in dieser Weltstadt gewesen und konnte ihr davon erzhlen. Die
Neugierde lie ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas Namen.

"Ja, was denn, was ist denn, hast du mich gerufen, Ilse?" fragte diese
noch halb im Schlafe.

Ilse war es nun doch peinlich, Orla zu fragen, denn was wrde diese dazu
sagen, wenn sie jetzt mitten in der Nacht eine Beschreibung von Paris
haben wollte.

"Was willst du denn?" fragte Orla und richtete sich im Bett auf, da sie
keine Antwort erhalten hatte. "Warum hast du mich denn geweckt?"

Endlich fate sich Ilse ein Herz und erkundigte sich zaghaft, ob Orla wohl
schon in Paris gewesen sei und wie es dort wre, sie mchte ihr doch davon
erzhlen. Sie war froh, da es Nacht war und Orla sie nicht sehen konnte,
denn sie fhlte, wie rot sie bei dieser Frage wurde.

"Mein Gott, Ilse, du phantasierst doch nicht, oder hast du etwa getrumt?"
rief Orla erstaunt.

"Ach nein, ich habe berhaupt noch nicht geschlafen," gab Ilse kleinlaut
zur Antwort, "und da dachte ich so zufllig an Paris."

"Ach ja," sagte Orla, "nun begreife ich, du beschftigst dich natrlich
deshalb in Gedanken lebhaft mit Paris, weil dein Brutigam dort ist?"

Ilse erschrak; sie hatte geglaubt, Orla habe es nicht gehrt, als die Frau
Direktor ihr die Neuigkeit von Leos Reise mitteilte, da sie gerade in dem
Schaufenster eines Kunstladens, vor welchem sie standen, die Bilder
einiger Professoren betrachtete. Sie hatte dabei nicht gedacht, da die
neugierige Dame eine sehr helle und durchdringende Stimme besa, so da
Orla recht wohl hren konnte, was sie sagte. brigens war dieser erst
jetzt bei Ilses Frage die Angelegenheit wieder eingefallen, der sie zuerst
keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Ilse wute nicht, was sie auf Orlas Frage antworten sollte, und schwieg
deshalb still. Es wre ihr jetzt sogar lieb gewesen, wenn Orla das
Gesprch abgebrochen htte, aber diese fuhr nach einer kleinen Pause fort:

"Paris ist sehr schn, Ilse, und ich bin berzeugt, da es deinem
Brutigam dort vorzglich gefallen wird."

"Ja, das glaube ich auch," fiel ihr Ilse mit spttischem Auflachen ins
Wort, "er wird gewi furchtbar vergngt und ausgelassen sein, natrlich,
warum sollte er denn auch nicht?"

"Aber Ilse," sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre Freundin ber
diese Reise dachte und empfand, "ich bitte dich, warum soll sich denn dein
Verlobter nicht amsieren?"

Die Gefragte schwieg, aber ein mhsam unterdrcktes Schluchzen klang zu
Orla herber.

"Du kleines leidenschaftliches Mdchen," sprach Orla liebevoll und sanft
zu ihr, "vor allen Dingen werde etwas ruhiger. Ich mu jetzt mal in einem
weisen Tantenton mit dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt
ohnedies Schweres genug, warum da noch unntz Grillen fangen und es sich
durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf deinen Wunsch alles
erzhlt, und ich sage dir aufrichtig, ich bedaure dich und deinen
Brutigam, da es soweit zwischen euch gekommen ist. Ich wei ja nicht,
was vorgefallen ist, aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in
deinen Augen habe ich gelesen, da du ihn noch liebst, da du mit allen
Fasern deines Herzens noch an ihm hngst, mit allen deinen Gedanken noch
bei ihm bist. Nicht wahr, du bist bse auf ihn, weil er fortgereist ist
und nicht als echter Ritter Toggenburg hintrauert? Das wrdest du lieber
sehen, das wrde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht,
nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht nach dir, der
Schmerz, da du ihn verlassen hast, sie machen, da er es nicht mehr
daheim aushlt, eine unbezwingliche Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er
mu andre Menschen, andre Dinge sehen und je grer der Strudel der
Vergngungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen, desto besser.
Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du nicht darin nur einen Beweis,
wie tief und innig er dich liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll
Kraft und Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm
aussieht? Glaubst du, da er wirklich geniet, was er sieht und hrt, da
ihn nicht berall sein Kummer, der Gedanke an dich begleitet? Ilse, du
bist mit Blindheit geschlagen, glaube es mir. Sei nicht bse, da ich
offen spreche, aber ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir."

Ilse hatte bebend zugehrt. Orlas Worte machten einen tiefen Eindruck auf
sie. War es nicht richtig, was sie sagte, verstand sie Leo nicht besser,
als seine eigene Braut es tat? Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich
auf einmal so kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr pltzlich wie ein
Licht auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch neue
Eindrcke zu betuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte sie so wenig in
seiner Seele zu lesen? Keine Silbe von dem, was ihr Orla gesagt hatte,
htte sie bestreiten mgen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie
noch nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmtige junge Frau konnte nicht
sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann gleich tausend zrtliche
Trostesworte fr sie, aber um keinen Preis htte sie ihr das Herz durch
Vorwrfe noch schwerer gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit,
so war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge Mdchen ber sie
urteilte, und sie war ihr dankbar, da sie so offen mit ihr gesprochen
hatte.

"Gute Nacht, liebe Orla!" rief Ilse innig.

Keine Antwort.

Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?

Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die gleichmigen Zge
verrieten, da sie fest schlief. Ilse betrachtete mit Entzcken das schne
Gesicht der Freundin, welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt
beleuchtet wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren Schatten auf die
blassen, im Mondeslicht fast marmorweien Wangen. Ilse drckte einen
leisen Ku auf die Stirn der Schlferin und schlich sich dann auf den
Zehen zurck nach ihrem Lager.

                                  * * *

                              [Illustration]

Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der Winter ein, der
mit Schnee und Eis sein Recht behauptete. Seit einigen Tagen schneite es
unaufhrlich, leise und sacht fielen die weien Flocken zur Erde nieder.
Baum und Strauch muten sich unter der Schneelast beugen. Flora, deren
Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt den "gestrengen
Winter", und das tanzende, wirbelnde Schneegestber wurde fr sie ein
unerschpfliches Thema mit den verschiedensten Abwechslungen. Sie ward
nicht mde, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde
Flockengewirr zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare blaue Himmel
entgegen und die freundliche Wintersonne schien ins Fenster herein.

Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob man nicht das herrliche
Winterwetter benutzen und mit mehreren Bekannten eine Schlittenpartie
unternehmen wolle, es wre die schnste Bahn. Voller Begeisterung begrte
Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort bereit, nach
Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie aufzufordern.

"Ihrer reizenden kleinen Freundin, Frulein Ilse wird gewi eine
Schlittenfahrt auch Spa machen. Ich werde mir erlauben, das Frulein
selbst zu fahren."

rger und Enttuschung kamen bei diesen Worten in Floras Gesicht zum
Ausdruck.

"Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das nicht? Sie hat ein
frisches, glattes Gesicht, aber Sie mssen doch gestehen, da demselben
jede Vergeistigung fehlt, die ein Antlitz doch erst anziehend und
interessant macht. Ohne diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schn finden
und deshalb lt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig."

Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer Eitelkeit
verletzt fhlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht, als sie Lders
auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht erst seine wahre Schnheit bekme,
und sie erwartete, da auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde.
Aber er blieb stumm und ein ironisches Lcheln zuckte um seinen Mund.

Erregt stand Flora auf.

"Gehen Sie mit?" fragte sie. "Ich will zu Althoffs. brigens - Sie wissen
doch, Ilse ist Braut! Khlt das Ihre Begeisterung nicht etwas ab?"

Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spttische Frage keine
Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis mit dem jungen Mdchen
zusammenzukommen. Er verabschiedete sich von Flora, indem er ihr sagte,
da er gegen Abend wiederkommen wrde, um das nhere ber die Partie zu
erfahren.

"Adieu," sagte Flora schnippisch und drehte ihm den Rcken, ohne seine
ausgestreckte Rechte zu berhren.

"Nun, bekomme ich keine Patschhand?" fragte er.

"Nein, Sie sind zu unartig gewesen," sagte sie und sah ihn ber die
Schulter mit kokett schmollender Miene an.

"Aber wenn ich verspreche, jetzt wieder artig zu sein, Frau Flora, auch
dann nicht?"

"Eigentlich haben Sie keine verdient, aber ich will gndig sein. Hier!"

Sie reichte ihm ihre Hand. Er fhrte sie mit einem scheinbar demtig um
Verzeihung flehenden Gesicht an seine Lippen und ging dann fort.

Ein triumphierendes Lcheln umspielte ihren Mund; voller Selbstbewutsein
sah sie ihm nach. Sie hielt alles bei ihm fr bare Mnze, die arme, blinde
Flora, und keine noch so leise Ahnung sagte ihr, da er in seinem Innern
ganz anders ber sie dachte, als er uerlich zeigte. -

Pnktlich um zwei Uhr sollten sich die Teilnehmer an der verabredeten
Schlittenpartie vor dem Althoff'schen Hause am andern Tage versammeln.
Auer Flora mit ihrem Manne, Referendar Lders und Althoffs mit den beiden
jungen Mdchen, hatte man noch den Assistenzarzt von Doktor Gerber zu der
Partie aufgefordert. Es wurde beschlossen, nach dem Dorfe zu fahren, in
welchem Rosis Mann Pastor war, weil dorthin die beste Bahn sei und man
erwarten konnte, daselbst, was Essen und Trinken betraf, gut aufgehoben zu
sein. Der Pastor und seine Frau waren natrlich benachrichtigt und gebeten
worden, zur angegebenen Zeit pnktlich in dem Gasthaus zu sein und dort
fr ein warmes Zimmer und guten Kaffee zu sorgen.

"Orla, du wirst dir staunen, unsre artige Rosi wiederzusehen, nicht wahr,
Ilschen?" sagte Nellie lustig, whrend sie zur Schlittenpartie gerstet
vor dem Spiegel stand und noch einen langen weien Schleier um ihre
Pelzmtze legte, den sie unter dem Kinn zu einer groen Schleife
zusammenband, welche ihrem rosigen Gesicht reizend stand.

Ilse lachte.

"Ja wahrhaftig, Orla, du wirst dich wundern, wie die ihren Mann unter dem
Pantoffel hat. Ich sage es ja immer, die Sanften haben es faustdick hinter
den Ohren. Sieht Rosi nicht aus, als knnte sie kein Wsserchen trben?
Sie hat ein Gesicht wie eine Madonna mit dem Heiligenschein und dabei ist
sie mindestens ebenso widerspenstig, wie meine Wenigkeit."

"Selbstbekenntnis einer edlen Seele," deklamierte Orla feierlich, worauf
alle drei in ein Gelchter ausbrachen.

"Still, Kinder," mahnte Nellie und lief ans Fenster, "die Schlittens
kommen, ich hre ihnen klingeln."

Durch die Tre rief sie:

"Fred, bist du fertig?"

"Ja, Kind," antwortete er und kam herein.

"Hier bin ich."

Vergngt eilten die jungen Menschen die Treppe hinunter. Vor der Tre
hielten vier mig elegante, aber mit guten Pferden bespannte Schlitten.
In dem ersten saen Gerbers, in dem zweiten der Referendar und Andres.
Flora, die mit verdrossener Miene neben ihrem Manne sa, hatte verweinte
Augen und begrte in klglichem Tone die Freundinnen. Erst als Nellie sie
fragte, ob ihr etwas fehle, erwiderte sie mit weinerlicher Stimme:

"Denkt nur, beinahe wre mir das ganze Vergngen verdorben worden. Mein
Mann wollte nicht mit, er behauptete, sich nicht wohl zu fhlen, er htte
Kopfschmerzen, Fieber und wer wei was alles noch. Aber man mu nur die
Mnner kennen. Wenn ihnen der kleine Finger weh tut, stellen sie sich
gleich furchtbar an. Nein, die Schlittenpartie, auf die ich mich so riesig
gefreut habe, wollte ich mir deshalb nicht vereiteln lassen. Wahrhaftig,
Mnnchen, ich wre ohne dich mitgefahren."

Sie sah ihren Mann mit trotziger Herausforderung an und zog die Oberlippe
in die Hhe, wie ein ungezogenes Kind.

"Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora," entgegnete ihr Mann
ruhig, "aber du sagtest, dann mte eine Person allein fahren, weil nur
zweisitzige Schlitten bestellt wren. Das sah ich ein, und um dir das
Vergngen nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl
abgetan, ich bitte darum."

Es war ihm offenbar unangenehm, da Flora erzhlte, was zwischen ihnen
vorgefallen war, aber er bezwang seinen Unmut und nur die tiefe Falte
zwischen seinen starken Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er
sprach, verrieten, da er sich rgerte.

Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur den einen Gedanken und
der war - die Schlittenpartie! Sie strzte auf Orla zu und umarmte sie auf
offener Strae, denn sie wollte immer zeigen, wie 'intim' sie mit ihr war.
"Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und mir," hatte sie
zu Lders gesagt, "schlingt ein festes unauflsliches Band um uns."

Orla, welche berhaupt keine Zrtlichkeiten liebte, wehrte unwillig ab und
sagte mit Entschiedenheit: "Ich bitte dich, Flora, la doch diese
Liebesbeweise auf offener Strae, du bereitest vielen Zuschauern nur ein
Schauspiel. Sieh doch die Kpfe an den Fenstern."

In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen Arzt heran.

"Frulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Doktor Andres vorzustellen.
Und hier, Doktor: Frulein Orla Sassuwitsch, eine liebenswrdige Kollegin
_in spe_." ber Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Rte,
und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht, wie schn sie
gerade in diesem Augenblick war, und da die Blicke des jungen Mannes
bewundernd auf ihr ruhten. Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie
trug ein dunkelgrnes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum mit
Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch der kostbare
Schulterkragen, der Muff und das Mtzchen, das tief in die Stirn gedrckt
war.

"Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem luftigen Aufzuge
fahren?" fragte Flora, "du hast ja nicht einmal eine Jacke an, du
erfrierst ja. Hu!"

Zusammenschauernd wandte sie sich ab.

"O nein, Flora, ngstige dich nicht, ich bin abgehrtet und zog mich in
Ruland bei viel strengerer Klte niemals wrmer an."

"Na," erwiderte Flora, "da bin ich doch zarter besaitet, als du, ich mu
mich ordentlich einhllen, sonst friert mich."

Ordentlich eingehllt, ganz vermummt vielmehr sah die junge Frau
allerdings aus in ihren Mnteln, Tchern und Schleiern.

"Ich meine, wir fahren nun los. _Messieurs, engagez les dames_," rief
Althoff scherzend.

Ilse, welche sah, da der Referendar auf sie zukam, trat schnell auf
Nellies Mann zu.

"Bitte, bitte, Herr Doktor," flsterte sie hastig, "darf ich mit Ihnen
fahren?"

"Das wird mir nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein groes Vergngen
sein," antwortete er mit einer drollig feierlichen Verbeugung.

Lders wurde von Ilse ziemlich ungndig und von oben herab abgewiesen und
zog mit langem Gesicht ab. Was blieb ihm nun anders brig, als mit Flora
zu fahren, denn Nellie sa mit Gerber im Schlitten und Orla mit Doktor
Andres. Floras Augen waren ihm gefolgt, als er zu Ilse trat. Sie war
voller Freude darber, da ihm diese einen Korb gab, und mit
siegesgewisser Miene sah sie ihn jetzt auf sich zukommen. Seine
Verdrossenheit ber Ilses Abweisung malte sich deutlich in seinen Zgen,
aber Flora schien das nicht zu bemerken. Mit ihrem liebenswrdigsten
Lcheln nickte sie ihm zu und kletterte dann ungeschickt und steif in den
Schlitten, wo sie fast ganz in ihren Umhllungen verschwand, so da nur
die von der Klte blulich angehauchte Nase hervorschimmerte.

"_All right?_" rief Althoff jetzt.

"Ja, ja, _yes_, _oui_," antworteten die lachenden Stimmen durcheinander,
die Pferde zogen an, und mit lustigem Schellengelut flogen die Schlitten
ber die glatte Bahn dahin. Bald hatte man die letzten Huser der Stadt im
Rcken, und groe Schneeflchen, von der Sonne beschienen und wie mit
Diamanten berst, breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus.

"Ein weies, groes Leichentuch ist ber die tote Natur ausgebreitet,"
trug Flora mit tragischem Augenaufschlag vor. Aber sie machte heute keinen
Eindruck auf ihren Nachbar, der einsilbig neben ihr sa und ihr nur
zerstreute Antworten gab.

"Lders, Sie sind heute langweilig," sagte sie schlielich, "nun, ich
brauche glcklicherweise die Unterhaltung andrer nicht, um mich zu
amsieren. Meine Gedanken sind mir die liebsten Gesellschafter," fgte sie
spitz hinzu und wandte sich von ihm ab zur Seite. In demselben Augenblick
traf ein Schneeball empfindlich ihre Nase und Nellies helles Lachen ber
den gut gelungenen Wurf verriet die Anstifterin. Flora verstand keinen
Scherz, sie drehte sich deshalb entrstet um und scho Nellie einen
bitterbsen Blick zu, indem sie rgerlich den Schnee von ihrem Mantel
abschttelte.

"Ich glaube, Ihre Frau zrnt mich ber die kleine Spa," sagte Nellie zu
Doktor Gerber.

Er schttelte mit mattem Lcheln den Kopf, denn er wollte der jungen Frau
nicht recht geben, trotzdem er berzeugt war, da Flora den harmlosen
Scherz ernstlich bel genommen hatte. Seine mden Bewegungen fielen Nellie
auf, er hatte sonst etwas Energisches und Kraftvolles in seinem Wesen.

"Fhlen Sie sich sehr unwohl?" fragte sie ihn teilnahmsvoll.

"Ja," erwiderte er, "es geht mir heute nicht gut, ich wei, da ich Fieber
habe, und fhle heftige Stiche in der Brust beim Atemholen. Aber wir
wollen nicht mehr davon sprechen, es wird schon wieder besser werden. Ein
Arzt darf ja berhaupt nicht krank sein, er berlt das lieber seinen
Patienten, selbst hat er keine Zeit dazu."

Er sprach scherzend, aber die feinfhlende Nellie empfand, da er sich
heute zu einem heiteren Ton zwingen und sich sehr elend fhlen mute.

"O wenn Ihnen nur der kalte Zugluft nicht schadet," sagte sie besorgt,
"hier, bitte nehmen Sie dieser Tuch um Ihren Hals, bitte erlauben Sie
mich."

Er wollte ihr abwehren, aber sie hatte schon ein seidenes Tuch aus ihrer
Tasche hervorgeholt und band es ihm eigenhndig um.

Fast gerhrt blickte er sie an.

"Sie sind eine frsorgliche kleine Frau, tausend Dank!"

Er ergriff ihre Hand und fhrte sie an seine Lippen. Nellie wurde rot und
entzog ihm schnell ihre Hand.

"O," sagte sie, "Sie mssen mir nicht fr eine Kleinigkeit ein so groer
Dank geben. Ich bin es von mein Mann so gewohnt, ich mu fr ihn an alles
denken und sorgen. O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die
Thermometer, ob es kalt oder warm drauen ist."

Doktor Gerber dachte unwillkrlich an den Unterschied zwischen seiner Frau
und Nellie. Er schtzte letztere hoch, ihr echt weiblicher Sinn, ihre
huslichen Gaben hatten ihn oft entzckt. Im stillen hatte er gehofft,
Flora wrde von ihr lernen, aber bald mute er einsehen, da auch das
beste Beispiel sie nicht ndern konnte. Sein Beruf lie ihm zum Glck
nicht viel Zeit zum Grbeln brig, aber in den wenigen Erholungsstunden
litt er schwer unter dem Druck der Ungemtlichkeit in seinem Heim, und nur
wenn er in die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein
Lichtstrahl in die de Leere seiner Brust. Nellie betrachtete voller
Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich deutlich in seinen
Zgen verrieten. Sie hatte schon oft traurig empfunden, da dieser Ehe die
Weihe des wahren, echten Glckes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn
Flora nicht und ist sie blind dagegen, da er leidet? Nein, die wahre
Liebe kannte sie nicht, - wrde sie sonst stets nur an sich denken und
ber ihre elende Stmperei Mann und Kind vergessen? Wute sie nicht, wie
schn es ist, den Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu
erfllen? Nellie war sich desselben tief bewut, fr sie gab es keinen
andern Wunsch, als ihren Mann zu beglcken, seine Liebe war ihr das
Hchste, Herrlichste auf dieser Welt! Der einzige Fred! In dem liebe- und
glckerfllten Gedanken an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mute ihn
in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.

"Fred!" rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im lebhaften Gesprch mit
Ilse, die ihrer heiteren Laune die Zgel schieen lie, weil sie froh war,
dem Schicksal entronnen zu sein, mit dem ihr so verhaten Referendar
fahren zu mssen. Sie erzhlte sich mit ihrem frheren Lehrer lauter Witze
und Scherze, und immer von neuem ertnte ihr frhliches Lachen.

Pltzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla mit ihrem Begleiter
sa, in sturmeshnlicher Geschwindigkeit an ihnen und den andern vorber.
Orla hatte die Zgel in der Hand, sie sa kerzengerade aufgerichtet. Die
scharfe Luft hatte ihre Wangen gertet, Feuer und Lebenslust blitzten aus
ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste, fuhr diese mit einem
Aufschrei zusammen und schlo wie ohnmchtig die Augen. Lders aber schien
die Schwche seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten
besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten hhnischen Lcheln blickte
er sie von der Seite an. Als Flora die Augen wieder aufschlug, sah sie,
wie sich Orla umdrehte und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie
sich von ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zgel straff angezogen
und lie die Pferde in langsamem Tempo gehen.

"Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt," wandte sie sich an ihren
Nachbar, "ich vermute es fast, weil Sie mir die Zgel entreien wollten.
Sie dachten gewi, die Pferde gingen durch?"

"Natrlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken, da ich doch keine
Ahnung haben konnte, welche khne Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos
sagten Sie zu mir: bitte lassen Sie mich doch einmal die Zgel nehmen, ich
mchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das war recht
hinterlistig von Ihnen."

"Nein," lachte sie, "es war nicht hinterlistig von mir, denn ich wute in
der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht verlernt hatte; ich habe so lange
keinen Zgel in der Hand gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir
dieselben gaben, da kam das Bewutsein der Sicherheit wieder ber mich,
die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder daheim in
Petersburg, ich sa in unserm Schlitten, es waren unsre Ponys, die ihn
zogen, kurz und gut, es war meine lebhafte Einbildungskraft, die mich
fortri und Ihnen diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?"

"O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben mir ja einen
riesigen Spa bereitet, gndiges Frulein. Ich bleibe jetzt bequem in
meiner Ecke sitzen und lasse mich von schnen Hnden spazieren fahren,
denn Sie verstehen es ja weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?"

"Und wie gern," versetzte sie mit blitzenden Augen.

"An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafr habe ich Beweise. Fr
ihren knftigen Beruf ist das brigens viel wert, denn es gibt da vieles
zu berwinden, selbst fr einen Mann."

"Ja, ja, ich wei," gab sie kurz und halb verlegen zur Antwort.

Wie merkwrdig, es war ihr peinlich, wenn er davon anfing. Es kam ihr vor,
als lge ein gewisser Spott in seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges
Lcheln seine Lippen, wie wenn er dchte, du eine schwache Frau willst
dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene Male hatte er sie
heute ber ihre Zukunftsplne befragt, die natrlich ihn interessierten,
da er selbst Arzt war, sie hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet.
Mit Althoff und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand
und holte ausfhrlich ihren Rat ein; warum hatte sie eigentmliche Scheu,
mit Andres darber zu sprechen? Sie wute sich das selbst nicht zu
erklren.

Das fr mitleidig gehaltene Lcheln um seinen Mund deutete sie aber
falsch. Er lchelte, weil er sich ber das junge schne Menschenkind
freute, sowie ber ihre klugen durchdachten Antworten, die sie ihm gab,
und die so ganz anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner
Bekanntschaft. Er war berzeugt, da sie keine oberflchliche Jngerin der
Wissenschaft werden, da sie leicht und grndlich erfassen und lernen
wrde. Und dennoch, - er bedauerte sie, denn der jungfruliche Hauch, der
sie trotz ihres mnnlichen Geistes umgab, wrde abgestreift werden. Voll
Bewunderung folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich
sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen Kleinstdterinnen,
welche vor der Zeit schlaff und alt wurden, weil sie ohne Mark und Kraft
waren, was ihre schlechte Haltung und der schleppende, aller Spannkraft
entbehrende Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten sich
jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasa, wurde er nicht mde sie
anzuschauen.

Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften sie mit dem Kopf
einen unter der Schneelast tief gebeugten Zweig, und der kalte, prickelnde
Schnee stubte ihnen ins Gesicht. Die Dmmerung brach schon frhzeitig
herein, whrend der Himmel noch von der untergehenden Sonne in ein
zartrosa Violet getaucht war, und matt glnzend stand der Mond am Himmel.
Der zauberhafte Anblick der entzckenden Winterlandschaft, das tiefe
Schweigen ringsum, nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus
der Ferne von den andern weit zurckgebliebenen Schlitten wie ein Echo
herbertnte, hielt die beiden jungen Menschen wie in einem magischen Bann
umfangen. Sie saen schweigend nebeneinander, als frchteten sie den
Zauber durch Worte zu zerstren. Erst als sie von weitem rote Ziegeldcher
schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die Ankmmlinge begrte,
erwachten beide wie aus einem Traum, und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar
mit den Worten:

"Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid, wo sich das bewute
Gasthaus befindet, das uns aufnehmen soll?"

Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten sie dasselbe erreicht.
Mit einem festen Ruck zog Orla die Zgel an, schnaubend und dampfend
standen die Pferde still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch
seine wohlbeleibte Ehehlfte begrte die jungen Leute unter vielen
unterwrfigen Knixen.

"Herr und Frau Pastor wrden Herrn und Frau Doktor im Zimmer empfangen,"
sagte sie zu den beiden, die eben ins Haus treten wollten.

"Nein, das ist zu komisch," rief Orla laut lachend, war aber rot geworden
und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.

"Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau," erklrte Andres
ebenfalls lachend der Wirtin. "Sie verwechseln uns mit den Herrschaften,
die auch gleich kommen werden."

Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann mit einem vielsagenden
Blick auf das junge Mdchen:

"Na, was nicht ist, kann noch werden," denn sie war nun einmal der
Meinung, da das schne Paar zusammengehren mte. Orla wurden die Reden
der geschwtzigen Alten ungemtlich, sie wollte deshalb ins Haus gehen, um
ihre Freundin zu begren.

Andres ging mit ihr hinein.

Rosi und ihr Mann kamen ihnen schon auf dem Flur entgegen. Rosi umarmte
Orla mit steifer Wrde und gab ihr einen Ku auf die Wange.

"Ich war ganz berrascht, wie ich von Nellie erfuhr, da du hier bist,"
sagte sie, als sie im Zimmer waren, "aber ich freue mich sehr, dich
wiederzusehen. Kamst du nur nach Deutschland, um Althoffs zu besuchen,
liebe Orla oder fhrt dich noch ein andrer Zweck hierher?"

"Du erlaubst wohl," unterbrach sie Orla, "da ich dir Herrn Doktor Andres
vorstelle und dich bitte, mich mit deinem Manne bekannt zu machen."

Rosi war innerlich emprt ber die Zurechtweisung, wie sie Orlas Bitte
nannte. Mit einer kaum merklichen Neigung ihres Kopfes erwiderte sie die
Verbeugung des jungen Arztes und stellte dann ihren Mann vor, dessen Augen
unablssig auf Orlas Gestalt geruht hatten. Rosi hat mir ja niemals
erzhlt, wie schn diese Freundin von ihr ist, dachte er, und es wre doch
wahrhaftig der Mhe wert gewesen.

Lautes Sprechen und Lachen drauen kndigte jetzt die Ankunft der
Zurckgebliebenen an. Orla lief ans Fenster und die andern folgten ihr
dahin nach. Sie klopfte an die Scheiben und nickte den Freunden grend
zu. Leicht, wie ein Vogel vom Zweig, war Ilse aus dem Schlitten gehpft,
und Flora, welche das mit neidischen Blicken beobachtet hatte, nahm jetzt
einen Anlauf, ebenso grazis, wie Ilse, herunterzuspringen. Aber,
verwickelte sie sich in ihre vielen Hllen und Tcher, oder war ihre
Ungelenkigkeit daran schuld, kurz und gut, sie stolperte und fiel, so lang
sie war, in den Schnee. Man lachte ber diesen kleinen Unfall und kam ihr
unter Scherzen diensteifrig zu Hilfe. Flora machte denn auch gute Miene
zum bsen Spiel.

"Ich begreife nicht, wie man ber solches Migeschick auch noch lachen
kann," sagte Rosi kopfschttelnd und ging Althoffs und Gerbers entgegen,
welche soeben eintraten. Ilse eilte auf Orla zu.

"Himmlisch, kannst du aber fahren," rief sie voller Begeisterung, "so gut
wie du kann ich es allerdings nicht."

"Auch ich mache Ihnen mein Kompliment, Frulein Orla," sagte Althoff
hinzutretend.

"Jetzt lat eure schnen Komplimente bis nachher," unterbrach ihn Nellie,
"und kommt zum Kaffeetrinken."

"Du bist wohl eiferschtig, Nellie, da dein Mann zu tief in Orlas schne
Augen sieht?" neckte sie Flora.

"O nein," lachte Nellie, leicht errtend, aber sie fhlte sich doch etwas
getroffen, denn sie besa wirklich eine kleine Anlage zur Eifersucht.

Lebhaft plaudernd setzte man sich an den Kaffeetisch, und Nellie bernahm
die Rolle der Wirtin. Die mchtige weie Kaffeekanne, welche mitten auf
dem Tische prangte, erregte allgemeine Heiterkeit. Althoff meinte, sie
she nicht vertrauenerweckend aus, und als ihr der erste Strahl so
durchsichtig und hell entstrmte, sank er mit einem komisch geseufzten
"Ach, du lieber Gott" in seinen Stuhl zurck.

"O, du leckres Mann," verwies ihn Nellie, die sich innerlich selbst ber
diesen Trank entsetzte, "du darfst nicht unbescheiden sein, der Kaffee ist
ganz schn."

"Ich glaube auch, da der Kaffee gut ist," ergriff der Pastor ernsthaft
das Wort, "wir trinken ihn nie strker. Meine Frau meint, starker Kaffee
wre ungesund, nicht wahr Rosi?"

Sie schien seine Frage zu berhren.

"Ich htte euch so gern gebeten, in unserem bescheidenen Hause frlieb zu
nehmen," wandte sie sich an Nellie, "aber die Rume sind so eng, wir
wohnen so beschrnkt, da dachte ich, das wrde nicht gemtlich fr euch
sein."

Den wahren Grund, weshalb sie keine Gste haben wollte, verriet sie
natrlich nicht. Als die Nachricht von Nellie eintraf, da sie kommen
wrden, hatte Adolf ihr gesagt, da sie Althoffs und die andern doch
eigentlich einladen mten, da sie von ihnen schon so oft und so
freundlich aufgenommen worden waren. Er dachte dabei an den vergngten
Sonntag bei Althoffs, den er nicht vergessen konnte, denn er war wie ein
Lichtstrahl in sein einfrmiges Leben gefallen. Mit diesem Vorschlag war
er aber bei Rosi schlecht angekommen. Sie hatte soeben eine grndliche
Hausreinigung glcklich vollendet, tagelang gescheuert; und nun sollten
ihr die Fubden wieder schmutzig getreten, alles wieder in Unordnung
gebracht werden! Nein, auf keinen Fall! Der Pastor wurde durch ihre
Entschiedenheit so eingeschchtert, da er keine weiteren Einwendungen
wagte, trotzdem er die Freunde sehr gern bei sich gesehen htte. Um ihr
mglichstes zu tun, hatte sie einen groen Kuchen gebacken. Derselbe
prangte jetzt, in dicke Streifen geschnitten, die quer bereinandergelegt
und hoch aufgeschichtet waren, auf dem Kaffeetisch.

"O, dieses furchtbare Bauernkuchen," flsterte Nellie Ilse heimlich ins
Ohr und nahm aus einem Krbchen feines Gebck heraus, das sie mitgebracht
hatte.

"Er sieht so trocken aus," erwiderte Ilse, "wir mssen aber davon essen,
sonst wird Rschen bse."

Nach der langen Fahrt in der Klte schmeckte es allen herrlich, selbst
Rosis Kuchenberg verschwand, und die groe Kaffeekanne wanderte schon zum
zweiten Male hinaus, um frisch gefllt zu werden. Sogar Althoff lie sich
zu einer zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer
drolligen Grimasse.

Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abrumte, verschwand
Flora mit geheimnisvoller Miene. Die Herren blieben sitzen und zndeten
sich eine Zigarre an, die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im
Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige Jahrhunderte alt, das
Gebude gehrte frher zu einem Kloster, und erst die Groeltern der alten
Wirtsleute hatten eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig
verndert, und gerade das Altertmliche gab dem Ganzen etwas ungemein
Gemtliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft sich befand, mochte
einst das Refektorium gewesen sein; es war ein groer Raum, ringsum mit
Eichenholz getfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefrbt hatte. Ebenso
dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der Decke; ein alter
Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen heute brennende Kerzen
schmckten, hing am mittelsten Balken. Die dicken Mauern bildeten an den
Fenstern tiefe Nischen, mit molligen Pltzchen, zu welchen man eine Stufe
hinaufsteigen mute. Die niedrigen Fenster gingen nach dem Garten hinaus
und lagen nicht hoch ber der Erde, so da man drauen bequem mit der Hand
hineinreichen konnte. In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in
niedrige, lange Kasten gepflanzt. Die grnen Ranken hatten sich fest an
die alten Mauern angeklammert und waren so ppig gewachsen, da sie die
ganzen Wnde bedeckten und eine reizende Laube bildeten. Hohe
korbgeflochtene Wnde zu beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen,
lieen nur einen schmalen Eingang frei. Dahinter sa man auf dem alten
geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug vollstndig
verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres Versteck denken.

Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen und waren entzckt ber
diese grnende Laube mitten im Winter. Sie malten sich aus, wie schn es
sein mte, hier so abgeschlossen und ungestrt ber einem Buche zu
sitzen.

Da wurden sie pltzlich durch erstaunte 'Ah's' und 'Oh's' der Herren
aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten Flora im weien Kleide,
das berall mit glsernen Eiszapfen behngt war; einen weien Schleier,
mit kleinen Watteflckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen, und
das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut. Man konnte keinen
Augenblick im Zweifel sein, da sie ein Sinnbild des Winters vorstellen
wollte.

In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte mit vielem Pathos
ein langes Gedicht, das natrlich ihrer Feder entstammte. Es war darin
viel vom kalten Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet
hatte, blickte sie siegesgewi umher und sah in lauter vergngt lachende
Gesichter. Sie glaubte natrlich, die Freude ber ihr schnes Gedicht wre
es, welche die Zuhrer so heiter gestimmt htte, und als man sogar in die
Hnde klatschte und ihr 'bravo' zurief, strahlte sie, und ein
triumphierender Blick flog zu ihrem frheren Lehrer hinber; er sollte ihn
daran erinnern, wie er damals in der Pension ihre Dichtung zu der
Vorsteherin Geburtstag so schnde abgewiesen hatte. Jetzt mute er doch
einsehen, wie er ihr groes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr
zugefgt hatte.

Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen Eindruck ausgebt,
und das war die alte Wirtin. Sie hatte Trnen der aufrichtigsten Rhrung
in den Augen, ber die sie fter verstohlen mit dem Schrzenzipfel fuhr.
Flora weinte beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das
Gedicht zu schicken.

"Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre Sinn fr Poesie; der
Geist, noch ungeknstelt und natrlich, begreift leichter das Edle,
Schne."

"Unbescheiden bist du gar nicht, Flora," lachte Orla, "das mu ich
gestehen."

"Orla," versetzte Flora ernst, fast feierlich, "du, der die enge Welt des
Weibes zu klein wurde, wie mir, du welche die Schranken durchbrachst, wie
ich es tat, du, welche eine Jngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft
werden willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige Dinge
handelt."

"Was meint denn Flora mit der Jngerin der Wissenschaft?" fragte Rosi
neugierig.

"Nun, ganz einfach," versetzte Orla kurz, "ich will Medizin studieren."

"Du willst" - Rosi prallte frmlich zurck. "Du willst unter die Studenten
gehen?"

"Wie, Sie wollen studieren?" fragte jetzt auch der Pastor. "Das ist ja
famos!"

Ein verweisender Blick seiner Frau traf ihn als Strafe fr seinen
begeisterten Ausruf; er bemerkte ihn aber nicht, da er Orla anstaunte.
Wahrscheinlich beneidete er im stillen die Studenten, die nchstens neben
so viel Schnheit und Geist sitzen durften. So etwas war ihm whrend
seiner Studienzeit leider niemals vorgekommen. Rosi konnte sich von ihrem
Entsetzen ber Orlas Entschlu noch nicht erholen, sie fragte Nellie, ob
Orla nicht Spa gemacht htte, und wollte es nicht glauben, als diese ihr
fest versicherte, da Orla wirklich im Ernst gesprochen habe.

"Unbegreiflich," murmelte Rosi vor sich hin, und laut sagte sie zu Orla:

"Nun, Orla, dann wnsche ich dir viel Glck bei den Studenten. Da mut du
natrlich auch das Kneipen und Raufen lernen, was doch wohl die Hauptsache
im Studentenleben ist. Ich an deiner Stelle wrde am liebsten gleich
Mnnerkleidung anlegen, denn als Frau unter den Studenten wirst du dir
gewi manches gefallen lassen, manches aushalten mssen."

Man htte der sanftblickenden Rosi eine so spttische Bemerkung kaum
zugetraut. Orla hatte ihre beleidigenden Worte ruhig mit angehrt und
wollte ihr eben darauf antworten, als ihr Andres zuvorkam.

"Frau Pastorin," sagte er sehr bestimmt, "Sie trauen Ihrer Freundin" - er
betonte das Wort - "ja ungeheuer wenig Taktgefhl zu und scheinen das
Studieren so aufzufassen, als ob es nur aus Kneipen und Raufen bestnde.
Gewi, der Student fhrt ein lustiges Leben, wenn er nicht ein geborener
Philister ist, er kneipt und rauft mitunter. Ihr Herr Gemahl, der gewi
auch eine frhliche Studienzeit verlebt hat, wird Ihnen davon am besten
erzhlen knnen."

Hier rusperte sich der Pastor vernehmlich. Mein Gott, woher wute denn
dieser Mensch etwas von seiner Studentenzeit? Sollte Althoff geplaudert
haben? Er wrde sich wohl hten, seiner Rosi etwas davon zu erzhlen.

"Ich versichere Sie, Frau Pastorin," fuhr der junge Mann fort, "es sind
nicht die schlechtesten Menschen, welche Sie als Raufbolde verachten, und
ebensowenig sind diejenigen die besten, welche tun, als knnten sie kein
Wsserchen trben. Die Jugend mu austoben und kann auch mal ber den
Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter besitzt, dem wird die
ernste Pflicht zu arbeiten schon zur rechten Zeit einfallen, der wird
trotzdem ein brauchbares Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor
allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student mag raufen, oder auf
den Bnken der Hrsle sitzen, niemals wird er die Ritterlichkeit gegen
eine Dame vergessen. Und deshalb braucht Ihre Freundin keine
Mnnerkleidung anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen,
wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verlt. In dieser
Beziehung wird Frulein Sassuwitsch nichts zu befrchten haben, denn
keiner ihrer knftigen Studiengenossen wird ihr jemals zu nahe treten.
Wehe dem, der das wagte!"

Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend gefunkelt und alle
waren erstaunt ber diese warme Verteidigung. Flora aber eilte strmisch
auf ihn zu und drckte ihm unter berschwenglichen Dankesworten die Hand,
weil er so lebhaft fr das Weib eingetreten sei, welches sich aus den
alltglichen Verhltnissen befreit habe, um einem hheren Triebe zu
folgen.

Sie geriet frmlich in Verzckung und klagte ihm immer wieder vor, wie
bitter und schwer sie oft darunter zu leiden htte, da sie sich noch mit
andern Dingen beschftige, als mit Kochen und Strmpfestopfen. Es htte
ihr so wohl getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hren. Sie
sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, da die Eiszapfen an ihrem
Kleid bestndig aneinander klirrten. Er hrte aber nur halb auf die
schwatzende unruhige Gestalt vor ihm und nickte nur mechanisch einige Male
mit dem Kopfe, indem er sich willenlos von ihr die Hand drcken lie.
Seine Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten war und die
Bltter und Ranken spielend durch die Finger gleiten lie. Warum ertappte
sie sich gerade diesem Mann gegenber auf einer Befangenheit, die ihr
sonst fremd war, warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu
begegnen? Es war ihr unbehaglich, dieses Gefhl, und doch, wie ein Echo
tnten seine Worte in ihrem Herzen fort.

"Orla, du bist ja so in Gedanken versunken," sagte da Ilse neben ihr.
"Komm, ich glaube Rosi ist rgerlich auf den Doktor, sieh nur, was sie fr
ein bses Gesicht macht!"

Sie hing sich an Orlas Arm und fhrte sie mit sich fort. Sie selbst war
voller Begeisterung ber Andres, weil er die Freundin so warm verteidigt
hatte, und wunderte sich nur, da diese so wenig darauf einging, ja nicht
einmal damit einverstanden zu sein schien, da der junge Mann so lebhaft
ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im stillen mit Leo; ganz so
wrde auch er gesprochen und gleich offenmtig eine gute Sache verteidigt
haben. Sie gnnte Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich ber deren
schroffes Urteil sehr gergert.

Die Frau Pastorin sa neben ihrem Mann und machte in der Tat ein sehr
bses Gesicht. Leise und aufgeregt sprach sie auf ihn ein, und versuchte
in ihrer Emprung, da ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen
mit ihr zu bereden.

"Aber Kind, es war doch nicht so bse gemeint," suchte er sie zu
beruhigen, "was sollen sie denken, wenn wir jetzt fortgehen!"

"Du httest fr mich eintreten mssen," sagte sie erregt, "aber natrlich,
deine Frau kann beleidigen wer will, dir ist es gleichgltig."

"Aber Rosi," verteidigte er sich, "wie kannst du nur so etwas sagen! Ich
fand, der Doktor hatte ganz recht."

"Natrlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hrt doch alles auf."

Wtend drehte sie ihm den Rcken zu.

Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall in der Gesellschaft
nicht wieder aufkommen. Nun wurde auch noch Floras Mann, dessen
Anwesenheit im Dorfe bekannt geworden war, zu einem schwer Kranken geholt.
Er zgerte selbstverstndlich keinen Augenblick und sah sich suchend nach
Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal mit dem Referendar. Er
bat daher Nellie, sie mchte Flora mitteilen, da er in kurzer Zeit wieder
zurck sein wrde. Kaum war er fortgegangen, als sich die Tre ffnete,
und aus einem Nebengemach die Klnge eines Strau'schen Walzers ertnten.
Flora erschien auf der Schwelle, whrend man Lders vor einem alten
Klavier sitzen sah.

"O, das ist schn!" rief Nellie vergngt ber diesen Einfall. "Florchen,
du bist eine Engel mit deine berraschungen heute. O, das herrliche
Walzer!"

Sie wippte mit dem Fue den Takt und summte halblaut die Melodie dazu.

                              [Illustration]

Mit den Klngen der 'schnen blauen Donau' war wieder Leben in den kleinen
Kreis gekommen. Die Herren sprangen auf und holten sich die Damen zum
Tanze. Eben wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten
Andres mit Orla, und als sich die beiden Mdchen endlich mit heien Wangen
niederlieen, tanzte Nellie mit ihrem Mann und der junge Arzt forderte
Rosi zum Tanze auf. Sie nahm bei seiner Bitte eine unnahbare und
beleidigte Miene an und lehnte dankend ab, aber er bat so liebenswrdig,
da sie sich schlielich von dem Zauber seiner Persnlichkeit hinreien
lie und einwilligte, mit ihm zu tanzen. Ganz vershnt und sogar heiter
lchelnd kehrte sie auf ihren Platz zurck. Welche Frau bliebe auch
unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte Huldigung eines schnen
Mannes!

Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt, als ihm seine
Frau entfhrt wurde, er tanzte aber so ungeschickt, da Ilse seinen khnen
Sprngen kaum folgen konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als
er sich ganz bestrzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze ja
sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergngen nicht verderben. Dem flotten
Walzer folgte eine Polka, dann ein Galopp und so weiter; man wurde nicht
mde, alles plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder
eingekehrt. Nellie lste jetzt den Referendar ab, der sofort zu Ilse
eilte, um sie zum nchsten Tanz aufzufordern. Sie schtzte aber Mdigkeit
vor, und wieder mute er mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Rte stieg
ihm ins Gesicht und er bi sich wtend auf seine schmalen Lippen.

"Nun ist's genug," entschied Althoff, als eben ein neuer Tanz beginnen
sollte. "Wir mssen an das Abendessen denken. Herr Pastor, wollen wir
zusammen den Punsch brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand
Delikatessen mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verstndigen!"

"_O yes, darling_, ich werd schon machen. Die Herren brauen den Punsch,
wir Damens decken den Tisch, - o, es wird fein. Kommt Kinder!"

Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch zu decken, als Nellie
sie aufsuchte. Die jungen Damen halfen der alten Frau unter Lachen und
Scherzen, so da diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange
nicht bei ihnen eingekehrt.

Nur Rosi bewahrte ihre steife Wrde, ihr pedantischer Sinn verstand keine
harmlose Heiterkeit.

Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen, da man mit dem
Abendessen nicht auf ihn warten solle, da er noch lngere Zeit fortbleiben
msse.

"Habe ich nun nicht recht?" seufzte Flora. "Wird mir nicht jedes Vergngen
vergllt? Wahrhaftig, wer die Frau eines Arztes wird, bernimmt damit die
Rolle einer Entsagenden."

Heute abend jedoch fiel Florchen gnzlich aus dieser Rolle, sie verga die
Abwesenheit ihres Gatten sehr bald und stimmte in die Ausgelassenheit der
andern mit ein. Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und
Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weien Gewande heut
abend die Hebe zu spielen. Sie lie sich das nicht zweimal sagen, stellte
sich aber bei diesem Amt so ungeschickt an, da sie jedesmal vorbeigo und
der Punsch am Glase herunterlief, bis schlielich Nellie sagte: "La mir
nur machen, Flora," wobei sie ihr den Lffel aus der Hand nahm.

Vergngt lchelnd sa der Pastor hinter seinem Glase. Rosi hat ihn zu
Anfang beiseite gezogen und sich fest von ihm versprechen lassen, da er
nicht, wie damals bei Althoffs, zu viel trinken wrde. Sie selbst nippte
kaum am Glase, indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu knnen, da
er ihr zu Kopf stiege.

Ilse war merkwrdig still geworden. Sie wute selbst nicht, wie es kam,
da ihre Gedanken diesen Abend immer in die Ferne schweiften und an einem
Wesen haften blieben, welches Leos Zge trug. Erinnerten sie die
leuchtenden Augen des jungen Arztes, der neben Orla sa und in eifriger
Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die Augen ihres Leo, die
mit so viel Glck und Innigkeit auf ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das
silberne Mondeslicht, das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch
beide im Mondenschein zu schwrmen. Oft war sie mit ihm Hand in Hand weit
hinaus ber die Felder und Wiesen gegangen und sie hatte sich ganz dem
Zauber eines Mondscheinabends hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am
Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch das Bltterwerk im
Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch an sie dachte, ob er, wie sie,
solche Bilder an seinem Geiste vorberziehen lie?

Das Lachen und Stimmengewirr rief sie in die Wirklichkeit zurck, und doch
htte sie gern so noch weiter getrumt. Sie blickte durch die offene Tr
in den Saal, wo die Kerzen erloschen waren und statt dessen das Mondlicht
voll hereinflutete. Wie magnetisch davon angezogen, stand sie auf und ging
hinein. Sie hatte den dringendsten Wunsch, jetzt allein zu sein, um sich
ungestrt in die Vergangenheit senken zu knnen. In dem efeubewachsenen
Erker auf dem alten Stuhl lie sie sich nieder und schmiegte den Kopf an
die hohe Lehne. Hier bergo der Mond alles mit einem blulichen Lichte,
welches auf den dunklen Blttern glnzte. Nun war es fast wie daheim, wenn
sie und Leo auf der von wildem Wein umlaubten Veranda saen und er ihr
unter dem grnen Blttergewirr tausend se Liebesworte zuflsterte. Es
kam ihr vor, als wre sie pltzlich alt und diese Zeit lge weit, weit
hinter ihr. Wrde sie denn noch einmal wiederkehren, oder war Liebe und
Glck fr immer vorbei? Dann allein durch ihre Schuld, raunte ihr eine
innere Stimme zu. Sie mute sich die Hand auf das unruhig klopfende Herz
pressen.

Flora hatte dem Verschwinden Ilses mit den hochtrabendsten Worten eine
Erklrung gegeben. "Die Sehnsucht nach dem Ferngeliebten," sprach sie
theatralisch, "zaubert ihr sein Bild hierher. Sie ist nun mit ihm vereint,
und wir drfen das glckliche Paar nicht stren."

Sie erhob die Arme und streckte sie aus, wie wenn sie als Schutzengel ber
die beiden zu wachen htte.

"Hu, hu, du siehst ja wie ein Geist aus, ich frchte mir," rief Nellie und
brachte damit Flora, die wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, in die
Wirklichkeit zurck.

Der Referendar, welcher sich Ilse beim Abendessen nicht mehr genhert
hatte, nachdem er heute wiederholt von ihr abgewiesen worden, war ihr mit
seinen stechenden Augen in den Saal gefolgt, und so sah er auch, wie sie
in dem Erker verschwand. Sofort nahm er sich vor, ihr dahin nachzugehen,
und als nach einer Weile Althoff nach der Uhr sah und zum Aufbruch mahnte,
ergriff er schnell die Gelegenheit und erbot sich, das Anspannen besorgen
zu lassen. Beim Hinausgehen lehnte er wie zufllig die offene Tre, die
zum Saal fhrte, an. Als er dann zurckkehrte, klinkte er leise die andre
Tr auf, die vom Hausflur in den Saal fhrte, und schlich sich auf den
Zehen nach dem Platze, wo Ilse sa.

Sie hatte ihn nicht kommen hren und erschrak nun um so mehr, als sie
pltzlich seine Stimme vernahm und ihn zwischen den Efeuwnden stehen sah.
Sie sprang auf und wollte forteilen, aber er lie sie nicht vorbei und
drckte sie mit sanfter Gewalt auf ihren Platz zurck.

"Was wollen Sie hier?" fragte sie in einem nicht mizuverstehenden Tone,
der deutlich bewies, wie fatal ihr seine Gegenwart war.

"Wie Sie, mein teures Frulein, mchte ich den herrlichen Mondenschein
genieen und dabei in Ihre schnen Augen sehen."

"Was fllt Ihnen ein!" rief sie emprt und schnellte wieder empor.

"So bleiben Sie doch, ich tue Ihnen ja nichts," sagte er mit
einschmeichelnder Stimme, indem er ihr den Ausgang versperrte. "Gestatten
Sie mir nur eine Frage: Sind Sie glcklich?"

Sie gab keine Antwort, weil ihr eine namenlose Angst die Kehle zuschnrte,
und sie nur den einen Gedanken hatte, wie sie ihm entfliehen knnte. Er
aber deutete ihr Schweigen anders. War es nicht auch eine Antwort auf
seine Frage?

"Ich wute es ja," hub er wieder an, "ich las es in Ihren Augen, da Sie
nicht glcklich sind. Sie finden in mir eine mitfhlende Seele, welche Sie
leider nur zu gut begreift. Auch ich bin an ein Wesen gekettet, das mich
zu dem Unglcklichsten der Unglcklichen macht. Meine Braut, - o Himmel,
da ich ihr diesen sen Namen geben mu -, nun, sie ist reich und sie
wissen ja, 'nach Golde drngt, am Golde hngt doch alles.' Auch meine
Existenz hngt von dem leidigen Mammon ab, denn ich bin ehrgeizig und
strebe nach hohen Zielen, aber ich bin arm und habe mich deshalb mit dem
reichen Mdchen verlobt. Das arme Ding, sie ist so in mich verschossen!"

Ilse hatte schon einige Male versucht, ihn zu unterbrechen und sich
durchzudrngen, - vergebens! Ekel und Abscheu erfate sie.

"Lassen Sie mich fort," sagte sie bebend vor Zorn.

"Wenn Sie mich angehrt haben und den Kummer meines Herzens kennen, dann
sollen Sie den Weg frei haben, aber erst mssen Sie mich hren und
vielleicht gnnen mir Ihre Lippen ein Wort des Trostes."

"Ich will Sie nicht hren," stie Ilse in hchster Aufregung hervor;
"lassen Sie mich gehen, oder ich rufe laut um Hilfe."

"Sie werden doch keine Szene machen, den andern kein Schauspiel gnnen,"
sagte er hhnisch lachend.

"O mein Gott!" stammelte Ilse und fiel in den Stuhl zurck, indem sie ihre
Augen mit beiden Hnden bedeckte.

"So, nun bleiben Sie ruhig sitzen, bis ich Ihnen zu Ende erzhlt habe. Wie
gesagt, meine Verlobte ist nrrisch in mich verliebt, mir ist sie aber
gleichgltig. Ich ertrug diese Fessel mit Geduld und Fassung, bis ich Sie
sah, Ihre se Stimme hrte, in Ihre himmlischen Augen schaute, die mir
verrieten, da auch Sie ein Band umschlingt, das Sie zerreien mchten.
Sah ich es nicht oft und deutlich aus Ihrem Errten, aus ihrem gesenkten
Blick bei der Nennung desjenigen, dem Sie ohne Liebe ihre Hand reichen
wollen? Wie fhlte ich mich schon in dem Gedanken gehoben, in Ihnen eine
gleichgestimmte Seele gefunden zu haben. Ilse, sagen Sie mir ein Wort des
Trostes, der Hoffnung!"

Er nherte sich ihr. Sie hatte sich ganz in die Ecke gedrckt, unfhig,
ein Wort hervorzubringen. Ihre Augen hatten einen starren Blick, ihr Atem
stockte und ihr Puls flog wie im Fieber. Nun ergriff er ihre Hand, die
sie, wie von einer Viper gestochen, zurckschleuderte.

"Sie kleine Sprde!" sagte er mit uerster Ruhe und beugte sich zu ihr
herab, da sein Atem sie streifte. In qualvoller Angst sprang sie auf und
stie ihn mit krftiger Hand zurck, da er taumelte. Dann schob sie die
Efeuwand zur Seite. In dem Augenblick aber, als sie an ihm vorber wollte,
versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen.

"Unverschmter!" keuchte Ilse mit blitzenden Augen. In ihrer Todesangst
wute Ilse nicht, was sie tun sollte, sah nur sein Gesicht, das ihr wie
das eines Teufels erschien, sie fhlte seine Berhrung. Schon wollte sie
um Hilfe schreien, da fiel ihr Blick auf das Fenster. Sie ri es auf, und
ehe er es hindern konnte, war sie auf den Stuhl gesprungen, von da auf das
Fensterbrett, und im nchsten Moment war sie drauen. Bis ber die Knie
versank sie in dem weichen Schnee. Sie raffte sich aber auf und lief, als
folge er ihr auf den Fersen, so schnell als mglich weiter. Fort, nur fort
aus seiner Nhe! Furcht und Scham trieben sie unaufhaltsam vorwrts. Sie
kletterte ber die niedrige Gartenhecke und rannte noch eine Strecke auf
der Strae weiter, die ins Dorf fhrte. Endlich blieb sie erschpft
stehen, die Hand auf das pochende Herz gedrckt.

"O mein Gott," rief sie laut, "es ist zu schrecklich! O Leo," schluchzte
sie in den stillen Winterabend hinein, "warum bist du so fern? Ach, wrst
du doch jetzt hier, knnte ich bei dir sein!"

Und sie dachte, wie er doch so gut und edel sei. So htte er nie
gehandelt, wie der Erbrmliche, nie, niemals! Und wrde er sie jetzt noch
lieben, nachdem sie ihm so tiefes Leid zugefgt hatte, wrde er vergessen
knnen, was sie ihm getan? Und wenn er sich von ihr wandte, wenn sie fr
immer seine Liebe verloren hatte, mit der sie ein frevles Spiel getrieben,
wie sie sich jetzt selbst in qualvoller Pein gestand! Sie bedeckte ihr
brennendes Antlitz mit den kalten Hnden. So trostlos mute es einer
Verstoenen und Verlassenen zu Mute sein, wie ihr in diesem Augenblick.

Pltzlich hrte sie Schritte in ihrer Nhe, und in ihrer Angst, es knnte
ihr der Schreckliche gefolgt sein, wagte sie kaum aufzublicken. Gott sei
Dank, er war es nicht, es war Doktor Gerber, der von seinem Krankenbesuch
zurckkam. Sie schlpfte hinter den nchsten Baum, denn sie wollte in
dieser Verfassung nicht entdeckt werden. Der Stamm des Obstbaumes konnte
sie aber nicht ganz verdecken, auch hatte Gerber bemerkt, da bei seinem
Nahen eine Gestalt sich scheu zu verbergen gesucht hatte, er blieb stehen
und sah forschend hinber.

Ilse rhrte sich nicht.

"Wer ist da?" fragte er.

Keine Antwort.

Da stapfte er durch den hohen Schnee, als er aber dicht vor ihr stand und
sie erkannte, prallte er frmlich zurck.

"Frulein Ilse, wie kommen Sie hierher, was wollen Sie hier?" fragte er
erstaunt.

Und als er ihr bleiches, entstelltes Gesicht sah, fragte er nochmals.

"Was ist Ihnen denn, ist Ihnen etwas begegnet? Und ohne Mantel, ohne Hut!
Sie werden sich erklten."

Sie blickte ihn flehend an, als wollte sie sagen: o, dringen sie nicht
weiter in mich. Er verstand ihre stumme Bitte.

"Kommen Sie," sagte er und ergriff ihre zitternde Hand.

Schweigend gingen sie die mondhelle Dorfstrae hinunter. Kaum konnte Ilse
ihre Aufregung bemeistern, so tobte und kmpfte es in ihrem Innern; ihre
Gedanken konnten sich von dem schrecklichen Erlebnis nicht losreien.
Einige Male versuchte sie mit ihrem Begleiter ein gleichgltiges Gesprch
anzufangen, aber die Worte wollten nicht ber ihre Lippen. Sie beherrschte
sich krampfhaft, denn bevor sie das Gasthaus erreichten, wollte sie ganz
ruhig sein, damit die andern nichts merken sollen. Sie durften um Gottes
willen nicht erfahren, was sie Beschmendes erlebt hatte. Zu welchen
Auseinandersetzungen wrde es sonst zwischen Doktor Althoff und dem
Verhaten kommen? Nein, nur das nicht, schon der Gedanke allein regte sie
auf.

Ilses khner Sprung aus dem Fenster hatte dem Referendar keinen geringen
Schrecken eingejagt.

"Donnerwetter, das tolle Ding!" hatte er bestrzt und rgerlich zwischen
den Zhnen gemurmelt. Aber seine Geistesgegenwart verlie ihn darum nicht.
Schaden konnte Ilse nicht genommen haben, beruhigte er sich, das Fenster
war ja nur wenige Fu ber der Erde, und auerdem lag tiefer Schnee. Er
beugte sich hinaus und sah sie in groen Sprngen ber die weie Flche
hineilen. Leise schlo er hierauf das Fenster wieder.

"Temperament hat die Kleine," sagte er halblaut vor sich hin mit einem
unangenehmen Lcheln. Unbedingt mute er jetzt in die Gesellschaft
zurckkehren, wenn sein Ausbleiben nicht auffallen sollte. Trotz der Ruhe,
die er nach diesem amsanten Abenteuer, wie er es innerlich nannte,
empfand, konnte er doch ein gewisses unbehagliches Gefhl nicht
unterdrcken, denn sicher wrde Ilse plaudern, - wie fatal! Da galt es
vorher berlegen, wie er ihre Anschuldigungen geschickt parieren sollte.
Nun, an jesuitischer Spitzfindigkeit fehlte es ihm nicht, er wollte sich
schon aus der Angelegenheit ziehen.

Ebenso leise, wie er den Saal betreten, schlich er sich jetzt wieder
hinaus und erschien dann vergngt lchelnd in der Tre, durch welche er
vorhin die Gesellschaft verlassen hatte. Er setzte sich zu den andern und
nahm dankend das dampfende Glas Punsch entgegen, welches ihm Flora mit
verfhrerischem Lcheln reichte. Er berichtete, da er alles gut besorgt
habe, und da die Kutscher, die er sehr gemtlich bei Bier und Grog
angetroffen habe, jetzt dabei wren anzuspannen.

"Nun mssen wir auch Ilse in ihrer Einsamkeit stren," sagte Nellie und
war im Begriff, in den Saal zu gehen, als sich die Tre, die nach dem Flur
fhrte, ffnete und Ilse leichenbla eintrat, gefolgt von Floras Mann, der
sich ebenfalls bla und erschpft niederlie.

Erschrocken eilte Nellie ihr entgegen.

"Was hast du, _darling_, ist dich nicht wohl?" fragte sie leise und
blickte verwundert in das starre Gesicht des jungen Mdchens.

"Mir fehlt gar nichts, Nellie, ich bin ganz wohl," erwiderte Ilse ruhig
und setzte sich neben Orla.

Aus Lders' Antlitz war bei Ilses Eintreten doch die Farbe gewichen. Er
lchelte krampfhaft und stand wie ein Fuchs auf der Lauer, indem er
gespannt auf jedes ihrer Worte horchte. Gott sei Dank, dachte er nach
einer Weile erleichtert, sie scheint vernnftig zu sein und schweigt.

Nellie fhlte sich durch die Antwort der Freundin nichts weniger als
beruhigt, sondern sah dieselbe besorgt an. Jetzt fiel ihr Blick auf Ilses
durchnte Kleider, und als sie nach ihrer Hand fate, bemerkte sie, wie
kalt diese war.

"Ilse, du bist ja ganz feucht und kalt, wo bist du gewesen?" fragte sie
ngstlich.

"Gewi hast du drauen im Mondenschein vom Herzallerliebsten geschwrmt,"
sagte Flora neckend, "gestehe es nur, Ilse."

"Du hast ganz recht, Flora," gab sie zur Antwort, "ich sehnte mich nach
frischer Luft und bin eine Strecke in das Dorf gegangen, wo ich deinen
Mann traf."

Sie wunderte sich selbst ber die Ruhe, mit welcher sie diese Worte
sprechen und auch die Fragen und Neckereien der andern ertragen konnte.
Als aber der Referendar versuchte, mit ihr zu scherzen, traf ihn ein so
verchtlicher, drohender Blick aus ihren Augen, da er verlegen fortsah
und schwieg.

Abgespannt und teilnahmlos sa Doktor Gerber da; auf die Frage, ob ihm
etwas fehle, gab er zur Antwort, da er sich ganz wohl fhle und nur etwas
mde wre. Sogar seiner Frau, welche sich umgezogen hatte und jetzt
zurckkam, fiel seine Blsse und Mattigkeit auf; sie fragte ihn besorgt,
ob es mit seinem Befinden schlimmer geworden sei. Seine verneinende
Antwort beruhigte sie indessen schon wieder, und sie meinte, sein
schlechtes Aussehen rhre gewi nur von dem Aufenthalt in der dumpfen
Krankenstube her. Man war allgemein froh, als die Schlitten angespannt vor
der Tr standen, denn wie ein Alp lag es auf der vorher so lustigen
Gesellschaft, seitdem Ilse und Gerber so bleich und still unter ihnen
saen und sichtbar ungeduldig auf den Aufbruch warteten. Ilse war die
erste, welche aufsprang, als gemeldet wurde, da alles zu der Abfahrt
bereit sei.

Whrend die andern sich von Pastors verabschiedeten und die wrmenden
Hllen umlegten, war Ilse zu Nellie getreten und fragte sie leise, ob sie
mit ihr zusammen fahren drfe.

"Ich mu dich sprechen," flsterte sie hastig, "dringend mu ich dich
sprechen."

"_Darling_, wie kommst du mich vor diesen Abend, so zerstrt, was hast
du?"

"Nachher erzhle ich dir alles, jetzt frage mich nicht," gab Ilse zur
Antwort.

Mit Entsetzen vernahm Nellie unterwegs, was der Freundin begegnet war.
Glcklicherweise war der Kutscher, der die beiden fuhr, etwas schwerhrig
und hatte sich obenein den Pelzkragen ganz ber die Ohren gezogen, so da
er nicht verstehen konnte, was die Damen sprachen. Er htte sonst eine
spannende Geschichte zu hren bekommen, denn Ilse sprach in ihrer
Aufregung so laut, da Nellie sie fter ermahnte, vorsichtiger zu sein.
Das Blut stockte ihr fast in den Adern bei Ilses Erzhlung, und sie
unterbrach diese oft mit dem ihr eigenen Ausruf 'o, o'!

"Du armes, armes Kind," sagte sie, als Ilse zu Ende war, "was hast du
durchgemacht, schrecklich! Das infame Mann, - was wird Fred sagen, wenn
ich ihm das erzhle? Es bleibt ihm weiter nichts brig, als ihm ein
Ohrfeig zu geben auf der Strae, wenn alle Leute es sehen."

"Um Gottes willen," fuhr Ilse auf, "so etwas darf dein Mann nicht tun, es
wrde einen ffentlichen Skandal geben, die Stadt wrde davon sprechen, -
bitte, bitte nicht Nellie! Aber Flora werde ich sagen, da ich ihr Haus
nicht wieder betrete, wenn ich diesen Menschen noch einmal bei ihr treffe.
Oder - nein, es ist besser, auch sie erfhrt nichts von dieser Geschichte.
Sie setzt sich sonst womglich hin, dichtet eine Schauer-Ballade und liest
sie dem Menschen noch obenein vor. Aber warnen will ich sie, warnen vor
diesem Teufel!"

Die dunklen Augen in dem bleichen Gesicht funkelten und spiegelten einen
leidenschaftlichen Ha wieder, der dem jungen Antlitz etwas Dsteres
verlieh. Schweigend blickte sie in die sternenklare Winternacht, ohne zu
bemerken, da Nellie sich noch warmer einhllte und ihre Fe fester in
die Decke wickelte.

Die beiden sprachen wenig whrend der brigen Fahrt, und auch aus den
andern Schlitten tnte kein frhliches Lachen, wie bei der Hinfahrt.
Lders, der wieder neben Flora sa, meinte, es wre zu kalt zum Sprechen
und zog seinen Rockkragen in die Hhe, so da sein Gesicht fast ganz
verschwand. Flora verga seine Schweigsamkeit, denn der Mondesglanz, die
Sterne, die klare Winternacht gaben ihr unzhlige poetische Gedanken ein,
die sie am andern Tage auf das Papier bringen wollte.

Althoff bekam von seinem Nachbar, Doktor Gerber, auch nur kurze Antworten,
man merkte, da ihm das Sprechen schwer wurde. Nur in dem Schlitten, in
welchem Andres und Orla saen, schien die schnste Harmonie zu walten.
Orla hielt wieder die Zgel in ihren Hnden, denn der Kutscher hatte zu
tief in das Glas gesehen und war in eine Art Halbschlummer verfallen, aus
welchem ihn Andres von Zeit zu Zeit aufschreckte, damit der mde hin und
her Taumelnde nicht unversehens vom Sitze fiele und ihnen verloren ginge.

Scherzend hatte er zu dem jungen Mdchen gesagt, da es eigentlich nicht
in der Ordnung wre, sich von einer Dame nach Hause fahren zu lassen,
worauf sie lachend erwiderte, da sie nach der Meinung ihrer Freundin Rosi
gar nicht mehr unter die Frauen gehre und er sich deshalb getrost ihre
Leitung gefallen lassen mge. Den beiden verging unter lebhaftem Geplauder
die Zeit so schnell, da sie ganz erstaunt waren, schon in die
heimatlichen Straen einzufahren und bald darauf vor der Althoffschen
Wohnung zu halten. -

Als sich die beiden jungen Mdchen zur Ruhe begaben, fielen Ilse die
seltsam glnzenden Augen der Freundin auf und ein heimliches Lcheln um
ihren Mund, das ihr Antlitz wunderbar verklrte. Sie gab auch einige Male
zerstreute Antworten auf Ilses Fragen, ganz gegen ihre sonstige Art.

"Gute Nacht, Ilse," sagte sie schon im Bette liegend und bemerkte erst
jetzt, da diese noch nicht angefangen hatte sich auszuziehen.

"Willst du noch nicht zu Bette gehen?" fragte sie.

"Nein, Orla, ich bleibe noch etwas auf, ich bin noch nicht mde."

                              [Illustration]

Sie wartete noch eine Weile bis Orla fest eingeschlafen war, und holte
dann ihre Schreibmappe hervor. Hierauf stellte sie die Lampe auf den Tisch
am Fenster, an welchem Orla oft bis tief in die Nacht arbeitete, nahm
einen Briefbogen, tauchte die Feder langsam in das Tintenfa und schrieb
nach langem Besinnen die Worte: 'Lieber Leo!' auf das Papier, dann sttzte
sie wieder den Kopf in die Hand und starrte gedankenvoll auf das weie
Blatt vor ihr. Wie schwer wurde ihr der Anfang, und doch war das Herz ihr
zum Zerspringen voll. Es lastete wie ein Verbrechen auf ihr, sie kam sich
erniedrigt und nach dem heutigen Erlebnis wie treulos gegen ihren
Brutigam vor, weil sie das schndliche Bekenntnis des ihr fremden Mannes
mit angehrt hatte. Welche Worte hat er zu ihr gesprochen, - noch tnten
sie in ihren Ohren fort -, wie konnte er das wagen, wie durfte er ihr so
etwas bieten und sie unglcklich nennen! -

Und doch, konnte sie das alles so wunderbar finden, hatte sie den Leuten
nicht gengend Veranlassung gegeben, sie fr eine unglckliche Braut zu
halten? Ihr 'gesenkter Blick', ihr 'Errten', wie der Abscheuliche gesagt,
und dann die Szene mit Andres, die er, - jetzt wute sie es, - belauscht
hatte, alles dieses waren fr ihn Beweise gewesen, da sie nicht glcklich
sei. Und hatte er denn unrecht? Hatte sie sich nicht selbst fr
unglcklich gehalten, fr tief unglcklich? Warum emprte sich denn ihr
Inneres darber, da ein anderer ihre geheimsten Gedanken erraten hatte,
war sie denn vielleicht nicht mehr unglcklich?

Nein, tausendmal nein, rief es in ihr! Seit sie drauen in der kalten
Winternacht die brennendste Sehnsucht nach ihm, nach seinem Schutz
empfunden, fhlte sie, da sie allein an diesem Unglck die Schuld trug,
da es in ihrer Hand lag, ihn und sich wieder glcklich zu machen. Und sie
hatte sich vorgenommen, ihn noch heute abend zu bitten: vergi, was ich
dir getan, - und ihm alles erzhlen, was sie hatte erleben mssen, dann
wrde ihr leichter, sie wrde dann ruhiger werden. Unterwegs hatte sie
sich den Inhalt des Briefes im Geiste berlegt und immer wiederholt, aber
jetzt, da sie ihre Gedanken in Worte kleiden und diese niederschreiben
sollte, konnte sie nicht damit fertig werden.

Endlich nach langem Zaudern berwand sie den schwierigen Anfang und
schrieb flieend weiter, ohne nur einmal innezuhalten. Sie hrte nicht
auf, bis sie einen heftigen Schttelfrost bekam und nun erst daran dachte,
da sie die feuchten Kleider und Schuhe noch nicht ausgezogen hatte. Sie
verschlo nun die Mappe mit dem Briefe in ihrem Koffer und begab sich zur
Ruhe. Aber auch im warmen Bett noch berlief sie ein Frsteln, Hnde und
Fe waren eiskalt, und nur ihr Kopf brannte wie Feuer; sie legte ihre
Hand auf Stirn und Wangen, was ihr wohl tat. Den brennenden Durst, der sie
qulte, konnte sie kaum lschen, immer von neuem schenkte sie sich Wasser
ein und trank das Glas auf einen Zug leer. Endlich, nachdem sie lange
wachend gelegen, nahm sie der erlsende Schlaf in seine Arme, und sie
wachte erst auf, als Orla bereits fertig angezogen vor ihrem Bette stand.

"Guten Morgen, du Langschlferin!" rief sie ihr entgegen. "Endlich
ausgeschlafen? Aber Kind, was hast du in dieser Nacht fr einen Spektakel
gemacht, du hast fortwhrend geredet, bald fuhrst du in die Hhe, und
warfst dich dann wieder hin, nicht fnf Minuten lang hast du ruhig
gelegen. Ich war einige Male an deinem Bett und wollte dich wecken, aber
du schliefst so fest. brigens hattest du entschieden Fieber, dein Puls
ging schnell und die Haut war hei und trocken. Gib mir mal deine Hand,
wie sie sich heute morgen anfhlt? - Immer noch fiebrig, dein Puls schlgt
nicht normal."

"Die knftige Doktorin," neckte Ilse.

"Na, um das zu erkennen, braucht man kein Arzt zu sein. Ich an deiner
Stelle bliebe im Bett liegen, du siehst so elend und angegriffen aus, -
hast du auch Schmerzen?"

"Ich habe Kopfweh, Orla. Aber bitte, gehe du nur zum Kaffeetrinken und
entschuldige mich, wenn ich heute erst spt erscheine."

Da sie auch heftige Schmerzen im Hals hatte, verschwieg sie.

"Also du willst wirklich aufstehen?" fragte Orla.

"Natrlich, so schlimm ist es ja gar nicht."

Aber sie war doch matter, als sie dachte, das empfand sie erst, als sie
das Bett verlassen wollte. Erschpft sank sie einige Male wieder zurck,
sie fhlte Schwindel, der Kopf war ihr schwer und die Schmerzen im Halse
qulten sie. Sie zog sich nur ihren Morgenrock ber und ging dann in das
Ezimmer. Doktor Althoff war schon fortgegangen, Nellie und Orla saen
noch am Kaffeetisch. Die junge Frau erschrak ber Ilses Aussehen.

"O _darling_, wie schaust du aus, so wei wie diese Tischtuch und ganz
blau unter der Auge, du mut dir sehr krank fhlen."

Lchelnd versuchte Ilse die Besorgnis der Freundin abzuwehren, aber sie
konnte dieselbe nicht tuschen. Nellie wollte durchaus, da sie sich
wieder zu Bette legen solle, wozu sie sich indessen nicht bewegen lie.
Als aber Nellie den bequemen Diwan aus ihres Mannes Zimmer in das ihrige
bringen lie, da bedurfte es keines langen Ntigens, da sich Ilse darauf
legte, da sie sich immer schlechter fhlte. Sie lie es auch geschehen,
da Nellie eine wollene Decke ber ihre Fe breitete, und fgte sich bald
ganz ihren Anordnungen, trank khle Limonade und legte ihren Kopf auf das
weiche Kissen, das ihr Orla brachte. Es war ihr jetzt ganz recht, da sie
still liegen konnte, denn sie hatte nur das eine Bedrfnis nach
unbedingter Ruhe. Ja, sie strubte sich sogar nicht dagegen, als Nellie
ihr Mdchen nach Doktor Gerber schickte, weil sie selbst frchtete,
ernstlich krank zu werden.

Mde schlo sie die Augen, und der gestrige Tag zog noch einmal
bengstigend an ihrem Geist vorber. Was hatte sie gelitten, welche Qualen
ausgestanden, als sie die leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht
vor den ihrigen sah, seinen heien Atem fhlte und festgebannt wie eine
Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich in der Braut des
Verhaten ein stilles, sanftes Mdchen, das mit zuversichtlicher Liebe und
in vollem Vertrauen zu ihm aufblickte. Wenn sie wte, wie sie
hintergangen, auf die erbrmlichste, niedrigste Weise getuscht wurde! Sie
htte nicht gedacht, da ein Mensch so schlecht sein knnte, denn das
Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt; die dunklen
hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie wute noch so viel wie nichts von
Schlechtigkeit und gemeiner Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr
alles fernzuhalten gewut, was ihr kindlich reines Gemt htte trben
knnen.

Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo, zum ersten Male
kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften so recht zum Bewutsein. Ob
er wohl je so von ihr sprechen wrde, wie dieser Lders ber seine Braut
sprach? Nein, nie, das wute sie. Kein bitteres Wort ber sie wrde aus
seinem Munde kommen, trotzdem sie im Zorn und Groll von ihm geschieden
war. Wann sehe ich ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn
erweckte ihr die Vorstellung, da er krank sein knnte, ja vielleicht
sterben mte, ohne da sie ihn jemals wiedergesehen und erfahren htte,
ob er ihr noch gezrnt habe. Ihre krankhafte Phantasie malte dieses
Ereignis in den grellsten Farben aus, es entlockte ihr heie Trnen,
Tropfen auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider und
fiel auf ihre Wangen herab. -

Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hrbar und sie hrte Nellie sagen:

"Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein."

Schnell fuhr Ilse in die Hhe und wischte sich mit dem Tuch ber ihre
Augen. Orla, die am Fenster sa, sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt
die Tr ffnete. Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger
Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Hnden und sie bckte sich
schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie eine Verlegenheit nicht
verbergen, als er jetzt vor ihr stand und ihr die Hand reichte. Sie war
rgerlich auf sich selbst, und als er sie freundlich fragte, wie ihr die
Schlittenpartie bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und
lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.

"Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse, welche Folgen die
Schlittenpartie fr sie gehabt hat; da liegt sie nun, ein Bild des Jammers
und der Leiden. brigens," sie hatte jetzt ihre volle Fassung
wiedergewonnen, "wie kommt es, da Sie uns besuchen, da doch nach Doktor
Gerber geschickt worden war?"

"O ja, Orla, hre nur," fiel Nellie ein, "lauter Patienten! Das arme Mann
liegt krank im Bette und hat der ganze Nacht phantasiert. Als unsre
Botschaft kam, war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich
hierher, arm Ilschen zu kurieren."

"Er ist doch nicht gefhrlich erkrankt?" fragte Orla, als sie bemerkte,
da sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwrdig ernst geworden war.

"Ich frchte fast; noch lt sich keine bestimmte Diagnose stellen, aber
alle Anzeichen sind vorhanden, da eine Lungenentzndung im Anzuge ist."

Er hatte Ilses Handgelenk umfat, zog die Uhr heraus und zhlte die
Pulsschlge. Dann untersuchte er ihren Hals und erklrte, da eine leichte
Halsentzndung vorhanden wre. Sie sollte sich einige Tage schonen und
wrde dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen,
verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte scherzend zu Orla, da sie jetzt
sein Assistent sein und ihm morgen genauen Bericht ber seine Patientin
erstatten mge.

Jeden Tag erschien Andres pnktlich zu derselben Stunde, und stets fand
sich auch Orla ein, wenn er kam. Ilse mute noch immer auf dem Sofa
liegen, obgleich sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fhlen. Aber da
es der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen, und lie
es sich schlielich ganz gern gefallen, da sie auf das liebevollste
gepflegt und verhtschelt wurde. Einige Male hatte sie Orla dabei ertappt,
da sie zu der Zeit, wenn Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs
Fenster blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch diese
hatte schon bemerkt, da der junge Mann Orla nicht gleichgltig geblieben
war, und da auch seine Augen strahlten, wenn er mit der Russin sprach.
Und als Ilse wieder gesund war und seine rztlichen Besuche aufhrten, da
war er ein Freund des Hauses geworden, ein hufiger, gern gesehener Gast
bei Althoffs.

                                  * * *

Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse, sein Zustand hatte sich
von Tag zu Tag verschlimmert, er war schwer an einer Lungenentzndung
erkrankt. Andres hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide
blickten mit groer Besorgnis in die nchste Zukunft. Die Freundinnen
standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, tglich kam eine, um
zu helfen und zu raten; denn Flora war in der Krankenpflege ganz
unerfahren und ungeschickt. Sie hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes
mit groer Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht weichen
wollte, die Krfte ersichtlich abnahmen und sie die besorgten Gesichter
der beiden rzte sah, da fiel es ihr pltzlich wie Schuppen von den Augen,
und eines Tages war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte
ihrem gengstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie auf das
liebevollste getrstet und ihr Mut eingesprochen. Als sie dann aber den
einst so krftigen Mann abgemagert und teilnahmlos in den Kissen liegen
sah, da vermochte sie selbst die Trnen nicht zurckzuhalten, und auch
nachher konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause kam und
ihm erzhlte, wie Gerber verndert und kaum wieder zu erkennen sei.

Wieder vergingen Tage, ohne die so hei ersehnte Besserung zu bringen, und
Flora, welche jeden Halt verloren hatte, weinte nur und klagte, selbst im
Krankenzimmer konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich
erboten, Kthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen
vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die groen Augen
angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet, und leise seine Hnde
streichelte.

"La das Kind mit mich gehen," hatte Nellie gebeten, "es ist hier keine
Ort fr ihr." Und auch Andres, der zugegen war, meinte, es wre besser fr
die Kleine, wenn sie in andre Umgebung kme, der fortwhrende Aufenthalt
in der Krankenstube knne ihr nur schaden.

Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge Frau war sofort daran
gegangen, Kthchens Sachen zusammenzupacken und alles Ntige zu besorgen.
Aber so leicht, wie sie dachte, lie sich das Kind nicht mitnehmen; es
strubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa bleiben. Nach
unendlicher Mhe und vielen Liebkosungen Nellies gelang es ihr
schlielich, Kthchen gegen das Versprechen, da sie ihren Papa bald
wiedersehen wrde, und auf die Versicherung hin, da dieser selbst
wnschte, sie mge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen. Alles
war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste vorgerichtet. Nellie hatte
hbsche Spielsachen eingekauft, und die beiden jungen Mdchen versuchten,
mit ihr zu spielen und zu scherzen. Es glckte ihnen aber nicht, ein
Lcheln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die Spielsachen
blieben unberhrt, und Kthchen fragte nur immer, ob ihr lieber Papa bald
wieder gesund wrde. Die weichherzige Ilse mute sich abwenden, um ihre
Rhrung zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in Kthchens
Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend in das Bettchen brachte, das
sie dicht neben das ihrige gestellt hatte, und die Kleine mit gefalteten
Hnden ihr Abendgebet hersagte, das mit der rhrenden Bitte schlo:
"Lieber Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund," da ahnte das
unschuldige Kindergemt nicht, da bereits der Todesengel unheilschwer
ber dem Haupte des Vaters schwebte.

                              [Illustration]

"Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehrt?" fragte sie
Nellie, und als diese unter Trnen lchelnd nickte, legte sie das Kpfchen
voll Vertrauen in die Kissen. Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen,
bis Kthchen fest eingeschlafen war. Die blassen Bckchen hatten sich zart
gertet, und der kleine Mund lchelte im Schlafe. Fast andchtig blickte
die junge Frau auf das schlummernde Kind, - konnte es etwas Seres, etwas
Lieblicheres geben? Sie streichelte die kleinen Hnde und lauschte den
ruhigen, gleichmigen Atemzgen. Wie eine Mutter strich sie mit der Hand
ber die Kissen, da auch kein Fltchen den Schlummer des kleinen
Geschpfchens stren sollte. Dann erhob sie sich, drckte einen leisen Ku
auf die reine Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.

"O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mdchen," sagte sie zu Orla und
Ilse.

Spt am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstrter Miene. Es hatte
ihn gedrngt, den Freunden noch mitzuteilen, da man sich auf das
Schlimmste gefat machen mte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten
Mittel auf gleicher Hhe und die Krfte verfielen zusehends. Alle waren
ber diese Botschaft ttlich erschrocken, und Nellie zeigte sich sofort
bereit, zu Flora zu eilen.

"O nein, ich darf ihr nicht verlassen!" rief sie, als man sie zurckhalten
wollte. "O, Fred, la mich! Ich rege mir viel mehr auf, wenn ich hier
bleibe, whrend meine Gedanken doch bei ihr sind."

"Dann gehe ich mit dir," entschied Althoff, der es schlielich auch ganz
natrlich fand, da seine Frau Flora in den schweren Stunden, vielleicht
den schwersten ihres Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt
verabschiedete sich, er mute wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand
behielt er lnger als gewhnlich in der seinen, und sein tiefer, ernster
Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.

"Auf Wiedersehen!" sagte er leise und ging fort.

Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der Freundin mit
zitternden Hnden beim Anziehen. Wie ein Alp lastete es auf allen, und nur
das Ntigste wurde gesprochen.

Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte jetzt eine fast
unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem sonst heiteres Lachen und
Plaudern ertnte. Orla sa am Tisch, tief ber ein Buch gebeugt. Ilse
lehnte in der Sofaecke, die gefalteten Hnde lagen in ihrem Scho. Sie
frchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies einzugestehen.
Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten Schirm beleuchtete hell den
runden Tisch. Aber die brigen Gegenstnde im Zimmer auerhalb dieses
Lichtkreises verschwanden in einem matten Halbdunkel. Nichts strte die
nchtliche Ruhe, als das gleichmige Ticken der Uhr. Orla sa
unbeweglich, scheinbar in ihre Lektre vertieft, kaum da sie mit der
Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken weilten heute nicht bei dem Inhalt des
Buches, den sie mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schnen
Gestalt, von der sie sich nicht losreien konnte, deren Bild sie im Wachen
nicht verlie und bis in ihre Trume verfolgte. Mit doppeltem Eifer, als
wollte sie es gewaltsam zurckdrngen, hatte sie gelesen und studiert. Sie
war fast unzugnglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer hinter
ihren Bchern gesessen, so da ihr Lehrer, so sehr er sich ber ihre
Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte, ihre Krfte zu schonen.

Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie ber von Geist und Witz. Er
erkundigte sich nach ihren Studien, sie fragte nach den Erlebnissen in
seiner Praxis. Beide schienen dann nur fr einander da zu sein, sie
vergaen vllig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, berlegene Orla
dachte nicht daran, da die Freunde merken muten, was sie als tiefstes
Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen zu halten glaubte.

Kleine harmlose Neckereien lie sie sich lchelnd gefallen, aber jede
ernste Anspielung wies sie entschieden zurck. Sie meinte, wenn zwei
Menschen zusammen bereinstimmten und gemeinsame Interessen hatten, mten
sie nach der Ansicht der anderen natrlich gleich ineinander verliebt
sein. Sie wre berhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.

Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung lchelten sich bei
diesen Worten berlegen an und schwiegen.

Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die kleinen Tndeleien
und Liebschaften, welche andern so viel Freude und auch wohl kindliche
Schmerzen bereiten, waren ihr fremd geblieben. Auer Doktor Althoff, fr
den in der Pension alle Mdchen schwrmten, hatte sie nie eine sogenannte
"Flamme", wie es die andern nannten, gehabt. "Kalt wie eine
Hundeschnauze", diesen sehr drastischen Vergleich hatte Annemie einmal
gebraucht, worber die sthetische Flora ganz entsetzt gewesen war.

An die rmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die Lust zum Dichten wrde
ihr wohl jetzt, da ihr das Leben zum ersten Male seine ernsten Seiten
zeigte, vergehen. Wie es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah
Andres im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und sicher seine
Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit, sein rcksichtsvolles
Wesen, wo es galt, Rcksicht zu nehmen, - stempelten ihn diese
Eigenschaften nicht zum echten, menschlich fhlenden und denkenden Arzte,
zu welchem die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten?
Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende Augen auf ihn
gerichtet, und, - o Gott, wie schwer mute das sein, - vielleicht konnte
er ihr keine mehr geben, vielleicht war schon alles vorbei!

Wenn sie nur wte, wie es ging, die Stunden schlichen so langsam dahin,
eben schlug es drauen von den Trmen in langsamen Schlgen zwlf Uhr. Die
Geisterstunde, wie Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von
den schaurigen Bildern erfllt. Bald starrte ihr aus einer Ecke das
totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber entgegen, oder Leo
erschien ihr, und seine Augen schauten sie traurig und vorwurfsvoll an.
Aus allen Winkeln grinsten sie Fratzen und Gestalten an; die weien
Gardinen erschienen ihr wie wallende Gewnder von Gespenstern, wo sie
hinblickte, sah sie etwas Grliches. Nein, so hielt sie es nicht lnger
aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat an den Tisch.

Orla blickte auf.

"Es ist spt geworden, wollen wir zu Bett gehen, Ilse?"

"Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt."

"Ich bleibe gern mit dir auf," erwiderte Orla und erhob sich. "Komm, wir
wollen nach der Kleinen sehen, ob sie ruhig schlft."

Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie ber den Vorplatz
gingen, und sah sich fortwhrend furchtsam um. Als Orla beim Vorbeigehen
den Schirmstnder streifte, schreckte Ilse bei dem Gerusch jh zusammen
und umklammerte die Russin mit beiden Hnden.

"Kind, ich glaube wahrhaftig, du frchtest dich," sagte Orla erstaunt, da
ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.

"Ach nein, nur heute abend," stotterte Ilse verlegen, die sich gerade von
Orla nicht gern dabei ertappen lie, da sie ein Hasenfu war.

Das Zimmer, in welchem Kthchen schlief, war nur schwach durch eine
Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein auf dem weien Bettchen lag.
Die jungen Mdchen beugten sich darber und betrachteten das sanft
schlummernde Kind.

"Wie entzckend!" flsterte Ilse.

"Armes, kleines Ding!" sagte Orla und kte es auf das weiche Bckchen.

"Wie es nur bei Gerbers aussehen mag," meinte Ilse und lie sich auf einen
Schemel zu Fen Orlas, die sich neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder.
Die Freundin konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie
beschftigte sich innerlich fortwhrend mit dieser Frage.

"Ich kann mir gar nicht denken, da er nicht wieder gesund wird," fuhr
Ilse fort. "Es wre doch schrecklich, so jung sterben zu mssen."

"Danach fragt der Tod nicht," sprach Orla leise wie in Gedanken versunken
vor sich hin. "Meine Eltern waren auch noch jung, als sie starben und mich
als Waise zurcklieen."

Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht in deren Augen
schimmern, die heute einen seltsam weichen Ausdruck hatten. Schmeichelnd
legte sie ihren Kopf in Orlas Scho.

"Liebe, liebe Orla," flsterte sie leidenschaftlich und htte sich ihr in
der Stimmung, in welcher sie sich befand, am liebsten um den Hals
geworfen, um sich dort auszuweinen. Aber sie wute, da Orla eine Feindin
solcher Szenen war, und deshalb begngte sie sich damit, ihr die Hnde zu
streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So sa sie ganz still mit
geschlossenen Augen und als Orla ihr liebkosend ber das braune, lockige
Haar fuhr, da war es ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser liee
ihre Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die
zrtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drngten sich in ihre
Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das wohlige Gefhl, von den
Armen eines geliebten Mannes umschlossen zu sein. Hatte ihr Herz in
solchen Momenten nicht hher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und
warum war es denn anders geworden, warum sollten diese glcklichen Zeiten
vorbei sein? Wie ein Nebel zerflo vor ihren Augen die kleinliche Ursache
ihres Streites, und sie wollte es sich gar nicht mehr eingestehen, da sie
deshalb ihr Glck auf das Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage
hatte sie sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigefhrt!
Wann wird diese ein Ende nehmen?

Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles war, da doch das
Leben nur kurze Dauer hat und die schweren Zeiten ohnedies nicht
ausbleiben. Konnte sie nicht ein gleiches Schicksal treffen wie Flora,
welche auch achtlos in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spt
erkannte, welche Pflichten sie htte erfllen mssen? Wenn jetzt deren
Mann strbe, wrde dann nicht die Reue sie ewig peinigen und ihr
mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlssigt, du hast sein
Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen Vorwurf im Herzen leben zu
mssen, dachte Ilse, nein, das knnte sie nicht, da wrde sie eher
vergehen.

Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glck besessen und beides mit
leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Wrde sie wohl wieder aufrichten
knnen, was sie zerstrt hatte, oder war es schon zu spt dazu? Nein, das
durfte, das konnte nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und
der Gedanke, da Leo jetzt sterben knnte, stand drohend vor ihrer Seele
und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes willen, nur das nicht, nur
das nicht, dachte sie bebend, und sie gelobte sich in diesem Augenblick
feierlich, anders werden, ihm nie wieder solches Leid zufgen zu wollen.

Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern gekrnkt hatte, wie die
darunter leiden und mit welcher Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken
mochten. Dennoch aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre
Briefe waren stets liebevoll und zrtlich gewesen, aus zarter Rcksicht
hatten sie niemals ihr Zerwrfnis mit Leo berhrt. Und wie vergalt sie
solche Liebe und Gte, war sie dankbar dafr?

Beschmt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fhlte, wie unrecht sie
gehandelt hatte und noch handelte; immer klarer wurde es in ihr, ihre
bessere Natur gewann wieder die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich
Trotz und Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lsten.

Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit vorber, die Rckkehr
aus der Pension in das Elternhaus, ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das
kleine Brderchen, sie hrte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und
fhlte sich glckselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die
lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer und
begleiteten sie in ihren Trumen, aus denen sie erst erwachte, als sie
pltzlich ihren Namen rufen hrte.

Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff, der eifrig mit Orla
sprach. Sie wurde sich bewut, da sie sehr lange geschlafen haben mute,
denn die Morgendmmerung stahl sich schon durch die Fenster herein und
berzog alles mit einem grauen, fahlen Schein.

"Komm Ilse, steh auf," sagte Orla und half ihr sich erheben. Mit einem
traurigen Blick auf das schlafende Kind neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr
und sagte mit leiser Stimme: "Der arme Doktor Gerber ist tot."

"O, mein Gott!" rief Ilse so laut, da Orla sie aus dem Zimmer zog, weil
das Kind nicht aufwachen sollte.

"Ist es denn wahr?" fragte sie Althoff mit trnenerstickter Stimme; "das
ist ja frchterlich." Er nickte und lie sich in einen Stuhl fallen, indem
er den Kopf mde in die Hand sttzte.

"Die arme, arme Flora, das se kleine Kthchen," jammerte Ilse, whrend
sie aufgeregt hin und her ging.

Orla war inzwischen hinausgegangen und hatte dafr gesorgt, da Althoff
Kaffee bekme. Sie brachte ihm jetzt selbst eine Tasse herein und setzte
sie vor ihn hin.

"Bitte, trinken Sie, Herr Doktor, ich habe den Kaffee recht stark gemacht,
er wird Sie erfrischen."

Er dankte ihr herzlich und trank. Dann zog er seine Uhr heraus.

"Schon bald acht Uhr, da ist es Zeit, da ich gehe." Er erhob sich.

"Die arme Nellie, sie ist so erregt, es ergreift sie tief," sagte er.

"Sie mu entschieden jetzt Ruhe haben," versetzte Orla, "ich werde zu
Flora gehen und sie ablsen."

"Ich gehe mit," rief Ilse und hing sich an Orlas Arm.

Die beiden gingen mit Althoff zusammen fort. Dieser war froh, da Nellie
nun nach Hause gehen konnte, denn er frchtete, da die entbehrte
Nachtruhe und die Aufregung ihr schaden knnten.

Als die Freundinnen das Trauerhaus betraten, zgerte Ilses Fu auf der
Schwelle; sie mute die Hand auf das klopfende Herz legen. Schon hier
beschlich sie das unheimliche Gefhl, welches der Ort, an dem ein Toter
liegt, hervorruft, und sie wre am liebsten wieder umgekehrt, wenn nicht
Orla, welche die Treppe schon hinaufgegangen war, sie leise gerufen htte.
Oben an der Tr kam ihnen Nellie mit verweinten Augen entgegen und die
drei jungen Wesen umarmten sich stumm, keine vermochte zu sprechen. Sie
traten in Floras Zimmer ein. Heute lagen keine bunt verstreuten Bltter
auf dem Schreibtisch herum, wie bei Ilses erstem Besuche, auch glich die
schweigsame Nellie am Fenster nicht im geringsten der Nellie von damals,
deren bermtiger Spott so belustigend gewesen war. Der dstere
Wintermorgen pate so recht zu der Stimmung in dem stillen Gemach.
Frstelnd, kalt und unbehaglich war es heute, der einfrmig graue Himmel
sah nicht aus, als ob er auch im klarsten Blau strahlen und heiter
lchelnde Sonnenblicke schicken knnte.

"Wo liegt er?" fragte Orla endlich nach langem Schweigen.

Nellie bezeichnete ihr das Zimmer.

"Ist Flora dort?"

"Sie ruht sich ein wenig," gab Nellie zur Antwort.

Orla ging hinaus. Sachte klinkte sie die Tre zum Sterbegemach auf und
trat ein. Durch die weit geffneten Fensterflgel strmte ihr die kalte
Luft erfrischend entgegen, und sie atmete tief auf, denn die dumpfe Luft
in Floras Zimmer war bengstigend gewesen und hatte sie beklommen gemacht.

Noch erinnerte in dem Raum nichts daran, da hier ein Toter lag, noch
hatte keine ordnende Hand den Eindruck des Krankenzimmers verwischt. Auf
dem Tischchen vor dem Bett stand noch das halbgeleerte Glas, aus welchem
er zuletzt getrunken, daneben lag das Thermometer, das mit grausamer
Genauigkeit die hohe Temperatur des Kranken gezeigt hatte. Alles war noch
unberhrt geblieben, und man konnte glauben, da der stille Mann dort im
Bett ein Schlafender wre.

Orla war nher getreten und sah mit wehmtigen Blicken auf ihn nieder.
Ruhig und friedlich war der Ausdruck seines Gesichtes, das wachsbleiche
Profil hob sich scharf von dem dunklen Grund der Wand ab, die Hnde lagen
ber der Brust zusammengefaltet. Sie lie sich auf einem Stuhle nieder,
der dicht am Bett stand, und betrachtete lange das Antlitz des
Verblichenen. So im besten Mannesalter zu sterben, das mute schrecklich
sein, - und doch, konnte man ihn beklagen, der das Leben verlie, dem
Unglck und Leid nun nichts mehr anzuhaben vermochten? Nein, zu beklagen
waren die, die ihn beweinten, die trauernde Witwe, das verwaiste Kind.
Ihnen hatte der erbarmungslose Tod den Gatten, den Vater geraubt.

                              [Illustration]

Ein leiser Schritt hinter Orla lie sie aufblicken; es war Andres, der ihr
ernst die Hand entgegenstreckte und dessen Blsse verriet, da er am
Totenbette seines Freundes und Vorgesetzten viel gelitten hatte.
Schweigend sah er auf den Toten, indem er Orlas Hand in der seinen
behielt. Dann wandte er sich ihr zu, und seine Augen versenkten sich in
die ihrigen.

"Ihr knftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett fhren und oft werden
Sie bitter empfinden, wie schwach die Hilfe des Arztes ist, wenn er
verzweifelt nach Mitteln sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft
vorkommt, wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu
knnen. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht zu viel sein fr ein
zartes Weib?"

Es war zum ersten Male, da er sie beim Vornamen nannte. Flsternd und
schnell hatte er gesprochen und fast flehend hatte seine letzte Frage
geklungen. Sie antwortete ihm nicht darauf, - hatte er nicht recht und war
es nicht gewagt fr ein Weib, von Natur die Schwchere, von ihrem Krper
abhngig, da sie glaubte, sich an die Seite ernster Mnner zu stellen,
wie sie ringen und kmpfen zu knnen, um der leidenden Menschheit zu
helfen? Zum ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen,
da es schwer sein mte und da das Gemt einer Frau sich wohl nie daran
gewhnen wrde, dem unerbittlichen Tod so oft ins starre Antlitz zu
blicken. Es waren also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge
Arzt Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer Seele zu
lesen!

Die Tre wurde jetzt geruschlos geffnet, und ein Luftzug drang durch das
Fenster, der die Gardinen bewegt, und das junge Paar streifte. Flora mit
Ilse und Nellie traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff
war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert, ihre Augen
waren tief eingesunken und ihr Gesicht aschgrau. Unheimlich starren
Blickes sah sie auf ihren Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am
Bette nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft die
Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrckte mit Mhe ein lautes Schluchzen,
sie hatte noch nie eine Leiche gesehen und mute ihre zitternde Gestalt
fest auf Nellies Arm sttzen, als sie nun ngstlich in das regungslose
Antlitz schaute, das vor ihr in den weien Kissen lag. In heiliger Scheu
und Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen, nichts
unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers. Pltzlich ertnte
drauen eine weinende Kinderstimme, man hrte trippelnde Fchen ber den
Vorplatz eilen; im nchsten Moment schnellte die Trklinke auf, und die
kleine Kthe kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die
tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum andern, dann
erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und durch die hellen Trnen
schimmerte in ihren Augen ein glckseliges Lcheln.

"Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und gehe nicht mehr
fort," sagte sie zrtlich.

Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortfhren, sie klammerte sich
aber an das Bett und fing jmmerlich an zu weinen.

"Nein, ich will hier bleiben," rief sie und fragte dann:

"Schlfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte, wache doch auf, ich
will dir ja guten Morgen sagen. Aber Papa, so hre mich doch!" drngte sie
endlich ungeduldig, und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich
auf die Fuspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie ihn
schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend ber seine
erstarrten Hnde. Aber schaudernd fuhr sie zurck, und wie eine unbewute
Ahnung berflog es ihre kindlichen Zge.

"Papa, Papa!" schrie sie laut, "warum bist du denn so kalt, lieber Papa,
warum wachst du nicht auf?" Furchtsam wich sie von ihm zurck, ihre groen
angstvollen Augen fortwhrend auf das bleiche Antlitz gerichtet.

Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen; in demselben
Augenblick sah Flora wie aus einem Traum erwachend um sich, und als sie
das kleine, hilflose Geschpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters
erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei vor ihm
nieder, drckte es heftig an sich, und ein heier Trnenstrom erleichterte
die Qualen ihres Herzens. Mit einem Male schien die Liebe fr die kleine
Waise in ihr erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit
leidenschaftlichen Kssen. Aber fr Kthchen waren Zrtlichkeiten ihrer
Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb schnell ihrer
Umarmung.

"La mich, ich will zu meinem Papa!" rief sie und blickte Flora feindselig
an. "Ich mag dich nicht, ich habe nur meinen Papa lieb," setzte sie noch
hinzu, ohne das geringste Mitleid fr die schluchzende Gestalt, die auf
dem Boden kniete und die Hnde rang. Erbarmungslos sprach der Kindermund
sein Urteil aus.

Die traurige Szene erschtterte alle aufs tiefste, und um derselben ein
Ende zu machen, nahm Andres jetzt das Kind auf den Arm und trug es aus dem
Zimmer. Vertrauensvoll umschlang Kthchen seinen Hals und legte das
Kpfchen an seine Schulter, denn diesen Onkel hatte sie gern, er gab ihr
stets so freundlich die Hand, wenn er ihr auf der Strae begegnete, und
hatte ihr oft Spielsachen mitgebracht, wenn er zum Papa gekommen war.

Nellie war zu Flora getreten, die laut weinte.

"Komm, liebe Flora, wir wollen in das andre Zimmer gehen."

Willenlos lie sie sich fortfhren, Orla und Ilse, deren weiches Gemt
unter diesen Vorgngen entsetzlich litt, folgten ihnen.

Nellie hatte Hut und Mantel wieder abgelegt, trotz Orlas instndiger
Bitte, nach Hause zu gehen. Sie konnte sich nicht entschlieen, Flora in
ihrem Schmerz zu verlassen, besonders da diese sie flehentlich bat, bei
ihr zu bleiben. Mitleidsvoll umstanden die Freundinnen die rmste, die
sich nicht fassen konnte und verzweifelt schluchzte. Sie htten ihr so
gern ein Wort des Trostes gesagt, aber keine vermochte es ber die Lippen
zu bringen. Gab es denn auch Trost fr sie?

"Liebe Flora, du darfst dir nicht aufregen," brachte Nellie endlich
hervor, "denke an deine se Baby, das nur dich noch hat auf die groe
Welt."

"Nellie," schrie die Unglckliche auf, "ach es ist nicht zum ertragen! Das
Kind wendet sich jh von mir, und hat es nicht recht? Bin ich ihm eine
treue Mutter gewesen, dem Vater eine pflichttreue Frau? Jetzt erst fhle
ich, da ich ihn geliebt habe, da ich mich nur im Trotz von ihm wandte,
weil ich glaubte, er wolle mich nicht verstehen. Ich bin schuld an seinem
Tode, htte ich ihn nie zu dieser unglckseligen Schlittenpartie
gezwungen! Dort, dort hat er sich den Tod geholt. Liebe, einzige Nellie,
nie kann ich wieder froh werden, mit dieser Qual, dieser Reue im Herzen,
immer sehe ich sein brechendes Auge vorwurfsvoll auf mich gerichtet! Wenn
er noch lebte, wollte ich anders werden, aber nun ist alles vorbei, er ist
von mir gegangen, ohne mir verziehen zu haben!"

"O nein, so darfst du nicht sprechen, so nicht," sagte Nellie mit
trnenerstickter Stimme und versuchte die Weinende mit liebevollem Worten
zu beruhigen.

Ilse hatte bei Floras Selbstanklage ihr Herz in hmmernden Schlgen
gefhlt, ihr Inneres bebte bei jedem ihrer Worte. Wie furchtbar war es
doch, wenn die Reue zu spt kam und Tag und Nacht keine Ruhe lie! Mute
es nicht zum Verzweifeln sein? Mit einem Schlage war Flora zum Bewutsein
gekommen, jetzt jammerte und klagte sie, da es nichts mehr half, da der
Mund ihres Mannes fr immer geschlossen war und ihr kein verzeihendes Wort
mehr sagen konnte. Ein Angstgefhl schnrte Ilses Brust zusammen, da ihr
der Atem stockte. Dort in dem Zimmer, am Bette des Toten war es ihr wie
Schuppen von den Augen gefallen, mit einem Male konnte sie klar sehen, und
nun kam sie sich erbrmlich und klein vor und zitterte bei dem Gedanken,
da das Schicksal auch sie mit unbarmherziger Hand berhren knnte, wie es
hier getan. War es denn so schwer, vergab sie sich etwas, wenn sie dem
Manne, den sie liebte, den sie durch ihren Widerstand doch erst zum
uersten gebracht hatte, zuerst die Hand zur Vershnung reichte? Ja, war
es nicht ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihn um Verzeihung zu bitten, nach
dem, was geschehen war? Mute er nicht an ihrer Liebe zweifeln, als sie
ihm durch ihre Flucht solche Krnkung zufgte? Orla hatte recht, sie war
mit Blindheit geschlagen gewesen, von der sie nun endlich sich befreit
fhlte.

Die Erfahrungen, welche sie durch den Einblick in das eheliche Leben ihrer
Freundinnen gesammelt, hatte sie aufgeklrt, sie war eine andre geworden.
Erschien ihr nicht Nellie als das Muster einer Gattin, war sie etwa
widerspenstig, qulte sie ihren Mann mit kleinlichen Launen? Nein, sie war
fgsam und nachgiebig. Gerade diese Eigenschaften waren es aber, die ihr
den Reiz der echten Weiblichkeit verliehen.

Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stie nicht ihre Herrschsucht
auf das unangenehmste ab? Sah Rosi denn nicht ein, da sie ihren Gatten in
den Augen andrer lcherlich machte, wenn sie den ihr gegenber viel zu
gutmtigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu fgen? Ilse verabscheute
solches Wesen bei einer Frau, aber - so mute sie sich eingestehen - war
sie nicht auf dem besten Wege gewesen, wie jene zu werden?

Und wie unwrdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen! Sie hatte stets
Mitleid fr den armen Mann und das kleine Mdchen empfunden und war ber
Flora emprt gewesen, die ber ihre verschrobenen Ideen das Wichtigste
verga. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden, ob eine Frau ihren Mann
glcklich machte, sie htte auch Rosi und Flora sagen knnen: so und so
drft ihr nicht handeln, wenn ihr eure Mnner zufrieden sehen wollt. Warum
gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum hatte sie sich nicht
lngst eingestanden, da auch sie ihren Brutigam durch ihren Eigensinn
und Trotz betrben mute? Und verdiente er nicht volles ungestrtes Glck,
da er ihr doch die beste, reinste Liebe gab? Und mute er nicht in ihrer
Achtung dadurch steigen, da er sich einer kindlichen Laune von ihr nicht
beugen wollte?

Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen Ereignis einstrmten,
verfolgten sie wie bse Geister mit den bittersten Vorwrfen, den
selbstqulerischsten Anklagen, sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im
Traume umher.

                                  * * *

Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und der jungen Witwe wurde
die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht. Der Tod des allgemein
geachteten und beliebten Mannes hatte berall groen Anteil erweckt, man
beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung und schon Witwe, das
war ein harter Schlag fr die arme Frau! Flora machte auch in den
schwarzen Trauerkleidern, die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen
lieen, einen bedauernswerten Eindruck; mde und matt war ihre Haltung,
die umrnderten Augen blickten trbe und glanzlos. Sofort nach Empfang der
Unglcksbotschaft waren ihre Eltern eingetroffen, und nun sollte sie mit
dem Kinde wieder ins Elternhaus zurckkehren. Sie lie alles ber sich
ergehen, fgte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollstndig haltlos
geworden. Kthchen verlangte immer noch weinend nach ihrem Papa und
fragte, ob er nicht bald wiederkme, ob sie nicht zu ihm drfe. Als man
ihr sagte, da der Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn
nicht sehen knne, beruhigte sich das glubige Kindergemt dabei. Aber die
traurigen Gesichter um sie her machten sie niedergeschlagen, ihre groen
Augen blickten sehnschtig und trbe, und um den kleinen Mund lagerte ein
fast strenger Ernst. Flora wich sie noch immer ngstlich aus, nur der
Gromutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.

Unter heien Trnen hatte die junge Frau von den Freundinnen Abschied
genommen, ihr Schmerz brach dabei in seiner ganzen Heftigkeit wieder
hervor. Die Unglckliche war nicht wiederzuerkennen; es schien, als htte
sie der furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das schmerzvolle
Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedchtnis verscheuchen, es stand ihr
wie eine drohende Mahnung vor Augen und schien ihr zuzurufen: "Kehre um,
ehe es zu spt ist!"

Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen wohl auf, und Nellie
erriet, was in ihr vorging, aber sie fragte nicht, sie wollte, da Ilse
von selbst sagen sollte, was ihr Herz bewegte. -

Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest, als Ilse eines Abends
in ihrem Stbchen sa und in ihrer Schreibmappe bltterte. Sie suchte den
Brief, den sie in jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben
hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft in den Hnden
gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt, ohne zu einem Entschlu zu
kommen. Heute las sie ihn nochmals durch und zerri ihn dann in kleine
Stckchen, die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten sagen
wollte, sagen mute, das konnte sie dem Papier nicht anvertrauen. Steif
und gezwungen kamen ihr die Worte vor, die sie damals geschrieben hatte,
ganz anders standen sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und
Nacht keine Ruhe lie vor heier Sehnsucht nach Leo.

Er hatte sich - das wute sie - bis Weihnachten Urlaub genommen, und
Nellie erwhnte heute wie zufllig, da er bereits zurckgekehrt sei. Da
hatten ihre Augen aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelchelt,
als wrde sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch! Als sie
hrte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest, da sie Weihnachten
nicht ohne ihn verleben wollte. Sie konnte es kaum erwarten, bis sie sich
zurckziehen durfte, denn heute abend wollte sie ihren Entschlu den
Eltern mitteilen. Ein frohes Lcheln berflog ihre Zge bei dem Gedanken,
da sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte, und sie schrieb einen
langen, ausfhrlichen Brief an die Eltern.

"In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch," hie es zum Schlu, "aber
verratet niemand meine Rckkehr, am wenigsten Leo." Die letzten Worte
unterstrich sie zweimal.

Am andern Morgen teilte sie Nellie mit, da sie den Eltern geschrieben und
ihre Heimkunft zum Weihnachtsfest angemeldet habe. Es kam zgernd und
zaghaft heraus, denn sie konnte ihre groe Verlegenheit nicht bemeistern.
Aber Nellies Gesicht strahlte frmlich bei dieser Botschaft und innig
schlo sie die Freundin in ihre Arme.

"O _darling_," sagte sie gerhrt, "ich wute es ja, du wrdest wieder zu
dich kommen; o, nun ist alles wieder gut!"

"Nellie," fragte Ilse darauf leise, indem sie das erglhende Antlitz an
der Freundin Schulter barg, "glaubst du da er mir verzeihen wird?"

"O wie kannst du nur fragen? Er hat sein kleines Braut so lieb, wie
glcklich wird er sein, wenn er dich wieder hat!"

Die beiden Freundinnen saen noch lange Hand in Hand beisammen. Ilse hatte
so viele Fragen auf dem Herzen, und die junge Frau mute noch manchen
Zweifel verscheuchen, noch manchen innern Streit schlichten, bis ihr
schlielich helles, ungetrbtes Glck aus Ilses Augen entgegenlachte und
diese ihre Freude auf das Wiedersehen mit Leo ganz unverhohlen zeigte.

Die Eltern schrieben umgehend wieder, und Ilse standen die hellen Trnen
in den Augen, als sie las, wie gro die Freude zu Hause ber ihre baldige
Heimkehr war.

Es erfate sie nun eine Unruhe, eine Ungeduld, da sie, so schwer ihr auch
der Abschied von den Freunden wurde, doch kaum den Tag ihrer Abreise
erwarten konnte.

So war der letzte Nachmittag, den sie bei den Freunden verbrachte,
herangekommen. Sie war mit Nellie und Orla in die Stadt gegangen, um noch
einige Einkufe zu besorgen und Abschiedsbesuche zu machen. Als die
ersteren erledigt waren, trennte sich Orla von ihnen, da sie nach Hause
gehen wollte, um fr den folgenden Tag noch zu arbeiten.

Sie whlte aber diesmal nicht den Weg durch die Stadt, sondern zog es vor,
ber den alten Festungswall zurckzukehren, der um diese Zeit meist
menschenleer war. Die hohen, alten Linden, welche sich im Sommer zu einem
grnen, schattigen Dach wlbten, trugen jetzt schwere Schneemassen, und in
ihren Wipfeln saen Scharen von Krhen. Durch den tiefen Schnee, der sich
dicht an die mchtigen Stmme schmiegte, war nun ein schmaler Pfad
gebahnt, auf dem Orla einherschritt. Links sah man in verschneite, zu
Villen gehrige Grten, rechts konnte das Auge weiter schweifen ber die
weien Dcher der Stadt, ber Felder und Wiesen bis zu den Umrissen einer
fernen Hgelkette. Heute war nicht viel davon zu sehen, da die Ferne in
einem grauen Nebel verschwand; auch das wirbelnde Schneegestber lie
schwer etwas erkennen. Orla stand einen Augenblick still und sah in den
lustigen Flockentanz vor ihren Augen. Sie bemerkte deshalb nicht, da eine
Gestalt ihr entgegenkam. Erst als diese neben ihr stehen blieb, erkannte
sie Andres in derselben.

"Das ist ein glcklicher Zufall, da ich Sie hier treffe," sagte er, indem
er sie begrte. "Eben war ich bei Althoffs, fand aber das Nest leer."

"Ja," erwiderte Orla, "meine Freundinnen und ich gingen in die Stadt, und
ich habe mich von ihnen getrennt, da sie vorhaben, Abschiedsbesuche zu
machen, whrend ich nach Hause gehen will, um noch zu arbeiten."

"Darf ich sie begleiten?" fragte er, da sie langsam weiter ging.

"Gerne, Herr Doktor," versetzte sie freundlich, und sie schritten auf dem
engen Wege nebeneinander weiter.

"Es tat mir leid," fing er wieder an, "da ich gerade heute niemand bei
Althoffs traf; ich wollte erzhlen, welches Glck mich betroffen hat."

"So?" fragte sie und sah ihn neugierig dabei an, "bitte, erzhlen Sie mir
doch, was Ihnen so Schnes begegnet ist?"

"Denken Sie nur, mir ist heute die Stelle des verstorbenen Doktor Gerber
angeboten worden. Was sagen Sie dazu, bin ich nicht ein Glckspilz? Vom
einfachen Assistenzarzt rcke ich so schnell vor und bin nun, sozusagen,
ein gemachter Mann."

Die helle Freude ber das frohe Ereignis lachte aus seinen Augen, die
erwartungsvoll auf Orla ruhten.

Sie reichte ihm aufrichtig die Hand.

"Ich gratuliere Ihnen von Herzen, das ist wirklich eine gute Botschaft,
die Sie uns bringen wollten, Herr Doktor."

Er hatte ihre Hand festgehalten, die sie ihm jetzt entzog.

"Wie werden sich Althoffs freuen," fuhr sie fort, "wenn ich ihnen die
interessante Neuigkeit berbringe."

"Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gndiges Frulein; ich kann
nicht beschreiben, wie froh ich darber bin, wie dieses Glck erst jetzt
den rechten Wert fr mich bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen
lese, da Sie sich mit mir darber freuen. Frulein Orla, soll ich Ihnen
sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch viel mehr beglckt, als es
das zu andern Zeiten getan htte? Darf ich sprechen, wie mir um das Herz
ist?"

Er hatte eindringlich mit steigender Wrme geredet. Orla beschleunigte bei
seinen Worten ihre Schritte, sie wagte nicht ihn anzublicken. Ihre
angeborene Ruhe, ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verlieen sie, und
sie sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle. Er hatte in
einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die sie noch nicht kannte, seine
Stimme ging ihr in einer Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch
niemals vorgekommen war.

Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter in sie. Aber seine
Augen blickten feurig und leidenschaftlich in ihr blasses Antlitz. Ihre
feinen Nasenflgel bebten, zwischen den khngeschwungenen, tiefschwarzen
Augenbrauen lag eine Falte, und die schnellen Atemzge verrieten ihre
innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwrts, in beiden wogten die
Gedanken und keines vermochte zu sprechen.

"Habe ich Sie beleidigt?" fragte er endlich, da Orla den Blick noch immer
geradeaus richtete und ihm der Ausdruck ihrer Zge jetzt fast streng
erschien.

"Nein, nein," gab sie schnell zur Antwort, "womit sollten Sie mich
beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam eben, - weil ich an etwas
Wichtiges dachte -." Sie wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber
bei dieser Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.

"Wissen Sie schon," fuhr sie fort, indem sie schnell das Thema abbrach,
"da Ilse morgen abreist? Sie wollte erst nchste Woche fort, aber ihr
Vater wnscht dringend, da sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen."

Er fhlte sich von dieser Wendung des Gesprchs nicht angenehm berhrt.
Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte sagen wollen, und suchte nun leicht
darber hinwegzugehen; begriff sie denn nicht, da dies die
schmerzlichsten Zweifel in ihm wachrufen mute? Und doch mute er sich
wieder sagen, da die Scheu vor seiner Frage echt mdchenhaft und nur zu
begreiflich war, und da sie vielleicht deshalb so handelte, um Zeit zu
gewinnen und sich zu sammeln. Er wute ja genau, da sie keine Kokette
war, die nur mit ihm spielen wollte, und da ihr auch in diesem Augenblick
nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er ihr sagen wollte,
zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen ging er auf ihr Gesprch
ein.

"Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?" fragte Orla wieder.

"Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr die Ferien zubringen."

"Wollen Sie die ganze Ferienzeit fort bleiben?" entgegnete sie wider
Willen betroffen.

"Die ganze Ferienzeit!" wiederholte er mit einem freudigen Aufblitzen in
seinen Augen.

"Wie schade," gestand sie offen, "dann sehe ich Sie also erst im neuen
Jahre wieder. Das Fest wird gewi fr uns ein recht stilles sein, da Ilse
fort ist und Sie auch fehlen. Ich werde die Ferienzeit benutzen, um
fleiig mit Doktor Althoff zu arbeiten."

Sie seufzte leise, wohl unbewut.

"Werden Sie zaghaft, wenn Sie an ihren knftigen Beruf denken, Frulein
Orla?"

"Nein," erwiderte sie rasch, "ich habe mir meinen Beruf ja selbst gewhlt,
wie knnte ich da zaghaft sein? Halten Sie mich fr so wankelmtig, Herr
Doktor?"

Er schttelte den Kopf. "Nein, ich wei, Sie sind anders wie die meisten
ihres Geschlechts, und ich komme nur zu dieser Frage, weil Sie seufzten
und ich annahm, dieser Seufzer gelte Ihrer Zukunft."

"Ja, meiner Zukunft galt er allerdings, da haben Sie recht. Wenn ich auch
nicht zittere und zage, so bin ich mir doch klar bewut, da ich keiner
leichten Zeit entgegengehe. Was mu noch alles in meinen armen Kopf
hinein! Und dann die Examina, - wenn ich daran denke, wird mir doch etwas
bnglich zu Mute. Nicht wahr, die sind sehr schwer? Wenn meine
Examinatoren nur nicht zu streng sind und etwas gndig mit mir verfahren."

"Ich wte einen Ort," warf er fast schchtern ein, "wo Sie ein leichtes
Examen bestehen knnten. Ich kenne den einen Examinator, wie mich selbst,
und wei, da er Ihnen keine Frage stellen wrde, die Sie nicht
beantworten knnten."

"Wie heit dieser Ort?" fragte sie ahnungslos und sah ihn voller Erwartung
an.

Das geheimnisvolle, schelmische Lcheln in seinem Gesicht, als er jetzt
weiter sprach, ohne ihre Frage zu beantworten, bemerkte sie nicht.

"Ja, ich wei sogar, da der bewute Examinator, wenn Sie ihm seine erste
- allerdings schwerwiegende - Frage richtig und zur vollsten Zufriedenheit
beantwortet haben, berhaupt keine weiteren Fragen an Sie richten wird."

Sie sah ihn mit ihren groen Augen erstaunt an.

"Sie sprechen in Rtseln, Herr Doktor, oder wollen Sie sich ber mich
lustig machen? Nicht wahr, Sie finden es so unerhrt, wenn eine Frau sich
auf mnnliches Gebiet wagt, da Sie mich verhhnen wollen? Aber warten Sie
nur, wenn ich erst Doktorin bin, und Ihnen mein Diplom schicke, dann
mssen Sie klein beigeben. brigens - Ihre Zweifel sind ganz heilsam fr
mich, sie feuern mich an, Ihnen zu beweisen, da auch das weibliche
Geschlecht etwas zu leisten vermag."

Sie hatte ohne die geringste Empfindlichkeit gesprochen, aber mit groem
Eifer, so da ihre Wangen zart gertet waren, und sie unbeschreiblich
liebreizend in diesem Augenblick aussah.

"Ich kann Ihnen auch behilflich sein, Doktorin zu werden," sagte er wieder
mit derselben geheimnisvollen Miene, "oder vielmehr der Examinator, von
welchem ich eben sprach, kann Sie zur Doktorin machen, wenn Sie nur
wollen."

Seine Stimme klang erregt, er atmete tief und schnell, und sein seltsames
Wesen fiel Orla jetzt auf. Sie erwiderte nichts und hielt die Augen auf
ihren kleinen Muff gesenkt, von welchem sie mechanisch die immer
wiederkehrenden Schneeflocken fortstrich.

"Orla," sagte er bittend, indem er stillstand und ihre Hand ergriff,
"verstehen Sie mich nicht, oder wollen Sie mich nicht verstehen? Meine
Worte sind ernst gemeint, ich scherze nicht. Der Examinator, von welchem
wir sprachen, - darf ich es sein? Wollen Sie mir die einzige Frage
beantworten? Nur mit einem kleinen Wort, das gengen wrde, mich zum
glcklichsten Menschen zu machen."

Ihr Herz klopfte in raschen Schlgen, und sie holte tief Atem. Aber sie
konnte nicht sprechen, sie fhlte wie seine Hand zitterte, wie qualvoll
diese Ungewiheit fr ihn sein mute, und doch vermochte sie es nicht, ihm
eine Antwort zu geben.

"Orla!"

Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in zrtlichem Ton: "Wollen
Sie meine Doktorin werden?"

Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las er ein stummes Ja.

Im berschwnglichen Glcksgefhl umfate er ihre schlanke Gestalt und
drckte einen Ku auf ihre Lippen.

"Geliebte," flsterte er innig, "bist du ebenso glcklich wie ich? Sage es
mir."

"Ich kann nicht glcklicher sein," gab sie leise zur Antwort, und ihr
schnes Antlitz strahlte in brutlicher Seligkeit.

Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt ihre Hand fest
umschlossen. So gingen sie weiter auf dem schmalen Wege zwischen den
beiden Schneewnden. Wer knnte die ersten Stunden beschreiben, die auf
das beseligende Gestndnis der Liebe folgen? die scheue Zurckhaltung der
Braut schildern, die noch so schchterne Leidenschaft des Brutigams, die
ernsten und doch so heiteren Gedanken, welche die Brust der Glcklichen
wie Frhlingswehen durchziehen und sie still und schweigsam machen? Ein
inniger Hndedruck, ein Blick in die geliebten Augen, sie sind beredter
als tausend Worte. -

Und so schritt auch unser Paar in stummer Glckseligkeit dahin. ber ihnen
heulte der Wind in den Bumen, die alten ehrwrdigen Wipfel muten es sich
gefallen lassen, da er mit ihnen sein Spiel trieb, laut chzend beugten
sie sich seiner Macht und schttelten unwillig den Schnee von ihren
Huptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie achteten der
winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war es licht und sonnig, und
das Blut wallte ungestm durch die Adern, so da Orla oft tief aufatmen
mute und schlielich ihr Jckchen ffnete, weil es so erdrckend hei
wre, wie sie sagte. -

Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten Straen
einbogen. Orla drngte es nach Hause zu kommen. Sie ging durch eine kleine
Seitengasse, welche den Weg bedeutend abkrzte. Andres htte gern noch den
weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte, Nellie und Ilse,
die gewi lngst zu Hause wren, wrden sich sehr wundern, da sie noch
nicht daheim sei. Er brachte sie bis vor Althoffs Haus. An der
Gartenpforte blieb Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.

"Soll ich nicht mit hinaufgehen?" fragte er erstaunt, "wollen wir den
Freunden nicht unser Glck mitteilen?"

"Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich mu erst mit mir allein sein, und
mich zu fassen suchen. Morgen, dann wollen wir es den Freunden sagen."

Wie ein Schatten flog es ber seine Zge. Er sollte sich jetzt von ihr
trennen, sie heute nicht mehr wiedersehen? Wie konnte er bis morgen Ruhe
finden, Ungeduld und Sehnsucht wrden ihn verzehren. Das war zu viel
verlangt!

"Du bist grausam," sagte er leise.

Sie lchelte und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ja, es kam ihr jetzt
selbst grausam vor, da sie sich bis morgen nicht wiedersehen sollten.

"Willst du heute abend nach dem Essen kommen? Du findest uns dann alle
zusammen, und wir berraschen die Freunde mit der Nachricht, da wir
Brautleute sind. Ist es dir recht so?" Statt jeder Antwort prete er seine
Lippen auf ihre Hand und schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie entwand
sich ihm aber schnell.

"Wenn man uns she," sagte sie und blickte sich ngstlich um. "Ich will
lieber gehen. Leb wohl, auf Wiedersehen bis nachher, komm nicht zu spt."

Sie eilte ins Haus. Wie ein Trumender stand er vor der beschneiten Pforte
und blickte ihr noch nach, obwohl sie schon lngst verschwunden war.
Endlich ging er fort, aber er schlug nicht den Weg nach seiner Wohnung
ein. Er wrde es jetzt nicht in den engen vier Wnden aushalten, eine
innere Unruhe trieb ihn immer weiter. Das Strmen und Wogen in seiner
Brust beflgelte seine Schritte, so da er die Straen in Sturmeseile
durchlief und die Leute ihn verwundert ansahen. Seine Bekannten, die ihm
begegneten und die er zerstreut grte, blieben stehen und schauten
kopfschttelnd hinter ihm her.

Orla war unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Sie konnte jetzt niemand sehen
und sprechen, den Freundinnen htte ja ihre Erregung auffallen mssen,
auch wollte sie erst allein die Ruhe zu gewinnen suchen, mit welcher sie
dieselben jetzt noch tuschen mute.

Sie hatte Hut und Jacke abgelegt und wusch ihr heies Gesicht mit frischem
Wasser. Was die Freunde wohl sagten, ob sie geahnt hatten, da es so
kommen wrde? Sie lchelte vor sich hin und malte sich im Geiste die
berraschung auf den verschiedenen Gesichtern aus. Erregt schritt sie auf
und ab und ffnete schlielich das Fenster, weil ihr die Luft in dem
kleinen Stbchen schwl und drckend erschien. Vorwitzig kamen die
Schneeflocken hereingeflogen, sie wirbelten ihr ins Antlitz und setzten
sich in ihren dunklen Haaren fest. In Gedanken verloren blickte sie hinaus
in das Gestber drauen. Sie kam sich so anders, so fremd vor; dieses
heftig klopfende Herz war es das ihre, diese unbeschreiblich schnen
Empfindungen, welche es durchstrmten, - war das alles Wirklichkeit, was
sie empfand und dachte, oder trumte sie nur?

Sie zuckte zusammen, als sich jetzt die Tre ffnete und Ilse hereintrat.

"Herrgott, Orla, bei diesem Wetter am offenen Fenster?" rief sie erstaunt.

"Es war hier so hei, Kind," gab Orla ausweichend zur Antwort und schlo
das Fenster.

"Hei?" wiederholte Ilse, "aber das Feuer im Ofen ist ja schon lange aus."

Orla berhrte diese Einrede.

"Bist du schon mit Packen fertig?" fragte sie und zeigte auf die Koffer.
"Also morgen willst du wirklich reisen? Du wolltest mich wohl zum
Abendessen holen?"

Ilse sah sie verwundert an. Warum fragte Orla so zerstreut und vermied so
auffllig sie anzusehen, whrend sie sonst jedem, mit dem sie sprach,
scharf in die Augen sah?

"Wir dachten, du wrst schon lange zu Hause, Orla, da du gesagt hattest,
du wollest arbeiten."

"Ja, ja, das wollte ich auch, aber - es war so himmlisch drauen, und da
bin ich auf eigene Faust noch etwas spazieren gegangen. Komm Kind."

Sie ging zur Tre und Ilse folgte ihr.

"Himmlisch drauen!" wiederholte sie lachend. "Aber Orla, es ist ja ein
schreckliches Wetter, der eisige Wind und dazu das Schneegestber, - hast
du denn das nicht bemerkt?"

"O ja," antwortete die Russin, "aber ich liebe das gerade und nenne
solches Wetter schn."

Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und konnte mit unbefangenem
Gesicht bei dem jungen Ehepaar eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft
und viel; sie war lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre
Augen leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse sa ihr gegenber und
betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung; sie glaubte, die Freundin nie
so schn gesehen zu haben. Die leicht gerteten Wangen standen ihr zum
Entzcken. Sie erzhlte lebendig und spannend von ihrer Heimat und wute
dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung, welche namentlich
Nellie und Ilse naheging, abzulenken. Dann und wann flogen ihre Blicke
verstohlen nach der Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte
sie schnell den Kopf nach der Tre. Als Nellie erwhnte, da Andres
whrend ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lchelte sie geheimnisvoll, so
da Ilse sie fragte, was denn ihre Heiterkeit erregt habe.

Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft wie gewhnlich in
Nellies gemtliches Zimmer, wo es heute besonders behaglich aussah. Ein
helles Feuer knisterte in dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem
Schirm von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen Schimmer. Ein
zarter Maiblumenduft, den die junge Frau besonders liebte, durchwehte den
traulichen Raum.

Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Jetzt konnte er jeden
Augenblick kommen, denn es war die Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie
sphte die Strae entlang, das Gestber hatte aufgehrt, blendend wei
leuchtete ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit fieberhafter
Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der ihr den Geliebten bringen
sollte, und es dnkte ihr eine Ewigkeit, die er sie warten lie. Endlich
sah sie eine hohe Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig
zu haben schien, denn mit groen Schritten nherte sie sich dem Hause. Das
war er! Die Gartenpforte klirrte, gleich darauf fiel die Haustre ins
Schlo und nun wurde krftig an der Klingel gezogen. Das Mdchen kam
herein und meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fue folgte.
Orla beugte sich tief ber die Maiblumen im Fenster, um ihr Antlitz zu
verbergen.

"Sie strahlen ja frmlich, Doktor, was ist denn mit Ihnen geschehen, haben
sie etwa das groe Los gewonnen?" rief ihm Althoff scherzend entgegen.

"Ja," gab er lachend zur Antwort, und dabei berflog es seine Zge wie ein
verklrender Schimmer. Er schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte
Hand in die seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis
der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig berhauchte.

"Ja," wiederholte er noch einmal, und seine Stimme zitterte leise. "Sie
haben recht, Herr Doktor, ich habe das groe Los gewonnen, - hier, hier
ist meine Braut."

Strmisch zog er Orla an seine Brust.

Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos gestanden, dann aber
brach ein wahrer Jubel los.

Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit Fragen berschttet, whrend
sich die beiden Mnner herzlich die Hnde schttelten. Orla lchelte
selig, und in ihren Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die
weichherzige Nellie in eine solche Rhrung, da ihr nun auch die Trnen
ber die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung festhielt. Ilse,
welche ihr unter vielen zrtlichen Kssen die innigsten Wnsche
zugeflstert hatte, bemerkte kaum die Trnen in den Augen der beiden
festumschlungenen Freundinnen, als auch sie sich der Rhrung nicht
erwehren konnte und ihren Zhren freien Lauf lie.

Jetzt wurde es aber den beiden Mnnern zu viel. "Das ist mir eine schne
Geschichte," rief Althoff, "da weint ihr alle drei statt zu jauchzen und
frhlich zu sein! Lieber Freund," wandte er sich zu Andres, "an Ihrer
Stelle liee ich es mir nicht gefallen, da eine solche Freudenbotschaft
mit Trnen begossen wird. Lat uns dieselbe mit etwas andrem begieen, und
auf das Wohl des jungen Paares anstoen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie,
Weib, wo sind die Weinkellerschlssel? Daran werden Sie sich auch noch
gewhnen mssen, lieber Doktor, da die Frauen alles unter Verschlu
halten, sogar den Weinkellerschlssel, am sichersten aber den -
Hausschlssel!"

Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick auf seine Frau.

"O du verleumderisches Mann," rief diese und nahm den Schlssel aus einem
zierlichen Krbchen. Er hob ihr Kinn in die Hhe und sah ihr in die Augen.

"Bist du mir bse, Schatz?" fragte er zrtlich.

"Natrlich, du schreckliches Mann," antwortete sie und gab ihm scherzend
einen Schlag.

"Au," rief er, "so wird man nun von seiner eigenen Frau behandelt! Erst
sagt sie 'schreckliches Mann' und dann haut sie einen sogar. Doktor,
heiraten Sie lieber nicht, ich rate es Ihnen!"

Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener Laune, denn es machte
ihm groen Spa, seine Frau zu necken. Mit geheimnisvoller Miene
verschwand er jetzt mit Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich hchst
berflssig bei dem Brautpaar fhlte.

Im Ezimmer hrte man bald darauf ein geschftiges Hinundherlaufen. Tren
klappten, Glser klangen, dazwischen tnte frhliches Lachen und Sprechen.
Nach einer Weile wurden die Flgeltren geffnet und das Brautpaar
feierlich hereingefhrt. Trotz der Krze der Zeit hatten es die Freunde
verstanden, alles festlich herzurichten. Die groe bronzene Hngelampe
strahlte in hellem Glanze. In den Wandleuchtern brannten Kerzen, deren
Licht sich in den Glsern und Krgen spiegelte, die ringsherum auf dem
Wandgesims aufgestellt waren. ber den einladend besetzten Tisch war eine
altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der Mitte hatte Nellie ihre
Blumen und Blattpflanzen malerisch aufgebaut. Daneben standen alte Meiner
Schalen, mit Kuchen und Frchten gefllt, whrend aus einem
Champagner-Khler einige Silberhlse hervorschauten. In dem Spitzglas, das
auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein Struchen aus Myrten und
Maiblumen entgegen. Die sinnige Nellie hatte es aus den Blten gebunden,
in deren Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.

"Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken fr soviel Liebe und
Freundschaft!" rief Orla bewegt und auch Andres war voller Dankbarkeit fr
diese berraschung. In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft
Platz. Helle Freude glnzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen
knallten, und als die Glser gefllt waren, ergriff Doktor Althoff das
seinige und lie mit herzlichen Worten das neuverlobte Paar leben. Unter
Scherzen, Lachen und Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte
nicht aus vollem Herzen mit in den Jubel der brigen ein, das war unsre
Ilse. Dem glcklichen verlobten Paare gegenber kam sie sich wie eine
verlassene Braut vor. Eine unerklrliche Bangigkeit rief immer neue
Zweifel bei ihr hervor und machte sie beklommen. Fortwhrend bengstigten
sie qulende Fragen. Liebte er sie noch? Wrde er ihr verzeihen? Ihr
bangte vor den kommenden Tagen. O, knnte sie doch die Zeit verwischen,
die ihm und ihr so viel Trbsal bereitet hatte, den Miton fortzaubern,
der die Eintracht ihrer Seelen strte. Ja, was half nun alle Reue? Die
verflossenen Wochen und Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden
fr immer verloren. Um wieviel frohe, glckliche Stunden hatte sie sich
betrogen! -

Spt in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter erloschen, und die
junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen an der Brust, ging mit Ilse in
das gemeinsame Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glckchen, die traurig
die Kpfe hngen lieen, und legte sie zwischen die Bltter eines Buches.

"Zur Erinnerung an diesen Tag," sagte sie zu Ilse, welche auf ihrem Koffer
sa und der Freundin mit schwermtigen Augen zusah.

"Wie ich dich beneide, Orla," sagte sie leise, "du wirst deinem Rudolf
niemals Gram bereiten, du wirst ihn glcklich machen, denn du bist keine
kleinliche Natur, wie ich es bin."

"Aber Kind, was fllt dir ein, wie kannst du so mutlos sprechen? Du bist
ein kleiner Tollkopf, dessen Trotz in der Pension gebndigt wurde und nun
durch die zu groe Nachgiebigkeit deiner Eltern, deines Verlobten wieder
zum Vorschein kam. Aber jetzt wirst du, wie ich bestimmt glaube, fr immer
geheilt sein. Nur nicht zaghaft, Ilse! Ich kann mir gar nicht denken, da
es so schwer fllt, dem liebsten Menschen auf der Welt ein gutes Wort zu
geben, wenn man ihn gekrnkt hat."

"Wirklich, Orla?" fragte Ilse, der eine solche Ansicht aus diesem Munde
magebend war, "wrdest du deinen Brutigam in einem hnlichen Fall um
Verzeihung bitten knnen? Und das wrde dir nicht schwer werden?"

"Gewi nicht," antwortete die Freundin, "fr den Mann, den ich liebe,
wrde ich alles tun."

Ilse schwieg. Sie hatte geglaubt, die stolze Orla knnte sich nie soweit
demtigen. Aber nun diese erklrte, da sie ohne Scheu ihren Brutigam um
Verzeihung bitten wrde, wenn sie ihn gekrnkt htte, schien es ihr, als
ob sie durch dieses Gestndnis von ihrem Stolz nichts einbte und deshalb
noch lange keine unterwrfige Natur zeigte. Orla war herangetreten und
legte die Hand auf Ilses lockiges Haar.

"Geh nur zu ihm, Kind, du vergibst dir dadurch nichts, sondern machst nur
die Fehler wieder gut, zu denen dich dein leidenschaftlicher Sinn
hingerissen hat."

"Glaubst du das wirklich, Orla? Ach, ich kann dir nicht sagen, wie ich den
Tag herbeisehne, der uns unser Glck zurckgibt. Ich war tricht, ich wei
es, ich habe unrecht gehandelt und bereue -"

"Halt," unterbrach sie Orla, "ich darf deine Beichte nicht anhren, nur
deinem Leo darfst und mut du dies alles sagen. - Aber nun wollen wir
schlafen, sonst sind wir morgen frh nicht zur rechten Zeit wach, und du
versumst den Zug."

"Orla, ich habe noch eine Bitte an dich."

"Nun?"

"Erzhle deinem Brutigam, was zwischen Leo und mir vorgefallen ist. Ich
habe mich ihm gegenber einmal recht kindisch benommen und ihm keine
Aufklrung gegeben. Ich wollte es immer tun und konnte mich doch nicht
entschlieen, die Sache nochmals zu berhren. Jetzt aber, da du mit ihm
verlobt bist und er mir dadurch viel nher gerckt ist, soll er alles
wissen."

Orla drohte lachend mit dem Finger.

"Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hren bekomme. Ihr beide
habt Geheimnisse miteinander, da bin ich doch begierig, das nhere zu
erfahren. Doch nun ernstlich, gute Nacht, ich bin so mde, da mir die
Augen zufallen."

Ilse merkte wohl, da Orla nur Mdigkeit vorschtzte, um nicht mehr
sprechen zu mssen, sondern ungestrt trumen und denken zu knnen.
Schweigend begaben sie sich zur Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da,
aber noch lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kmpften
mit dem strmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch von dem
Nachhall des seligen Glcks, das ihr der heutige Tag gebracht hatte, und
Ilse lie die Sehnsucht nach dem Geliebten spt erst Ruhe finden.

Der dmmerige Wintermorgen war schon lngst angebrochen, als ein krftiges
Klopfen an der Tre die beiden Schlferinnen aus ihren Trumen erweckte.
Die Frulein mten schnell aufstehen, rief das Mdchen, denn es sei schon
sehr spt. -

Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen, zur Abfahrt
bereit stand Ilse auf dem Bahnhof. Die Freunde hatten sie natrlich
begleitet. Whrend Althoff das Billet besorgte, schritt das Brautpaar
selig plaudernd auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen
Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden sehr schwer, das sah man
an ihren verweinten Augen; auf Ilses Wangen perlten noch immer die Trnen
in hellen Tropfen.

"Ach, Nellie, wre doch erst alles wieder gut, ich kann dir nicht
beschreiben, wie es mir ums Herz ist."

"O, du mut nicht so bnglich sein, liebe Ilse, du hast so gute Eltern,
eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geffneten Armen aufnehmen. Du
brauchst wirklich keine Angst zu haben, du mut nur standhaft sein, willst
du mir das versprechen?"

Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch einen sorgenvollen
Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer Brust entrang, bewies, da
die trstenden Worte der Freundin sie nicht vollstndig zu beruhigen
vermochten.

Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg ihr Gesicht in den
duftenden Blumen, welche ihr die Freunde zum Abschied geschenkt hatten,
damit Orlas forschende Augen nicht entdecken sollten, da sie abermals von
Zweifeln geqult wurde, - vor ihr wollte sie sich stark zeigen.

Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepckschein, und nach
wenigen Minuten brauste der Schnellzug herein, der Ilse in die Heimat
entfhren sollte. Noch ein letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig
umschlossen, unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin fr alle
Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann kte sie Orla
und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand sie am offenen
Coupfenster, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

"Gre mich deine lieben Eltern recht schn und das se Baby!" rief
Nellie.

"Und schreibe bald," mahnte Orla.

"O ja, _darling_, du mut uns dein glckliches Ankunft sofort auf eine
Postkarte mitteilen, vergi nicht."

"Nein, nein, ich schreibe euch sofort," beteuerte Ilse.

Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den Zug begleitet, dann
blieben sie stehen und sahen der scheidenden Ilse grend und winkend
nach, bis der letzte Zipfel von ihrem Schleier verschwunden war.

Auch sie schlo das Fenster erst, als nichts mehr von den Zurckbleibenden
zu erblicken war. Dann nahm sie ihren Platz ein und schaute wehmtig durch
die Scheiben.

                              [Illustration]

Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die ihr whrend ihres
Aufenthaltes lieb und vertraut geworden war, ihren Blicken entschwunden.
ber weite, de Schneeflchen schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine
Gruppe von kahlen Bumen, auf denen sich Scharen von Krhen niedergelassen
hatten, die bei dem Gerusch des herannahenden Zuges mit lautem Gekreisch
von den drren Zweigen aufflatterten und davonflogen.

Ilse lehnte sich zurck und schlo in Gedanken verloren die Augen. Als sie
die Heimat verlie, war es Herbst gewesen, welke Bltter wirbelten durch
die Luft, Sturm und Regen waren ihre Reisebegleiter. So strmisch wie
drauen sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefhle wogten
in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls durcheinander, wie
die drren Bltter. Heute begriff sie nicht und konnte nicht fassen, wie
sie zu der abenteuerlichen Reise gekommen war. Sie verwnschte ihr
unbndiges Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrbt, so manchen
heien Kampf gekostet.

Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu sein, war sie
nicht ein verzogenes Kind des Glcks, vor tausenden bevorzugt? War man
nicht immer bemht, sie zu erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese
Liebe vergolten? Um viele Erfahrungen reicher und durch Prfungen
gereifter, kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel
gezeigt, da Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und da der ein Tor
ist, der die schnen Stunden, welche es bietet, nicht dankbar geniet,
sondern in kindischem bermut zerstrt. Vernnftig und fgsam war sie wohl
in der Pension geworden, aber auf wie lange? Durch die stete
Nachgiebigkeit ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr alter Trotz
bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte sie fr immer geheilt
zurck, hatte sie doch das bestimmte Gefhl, da sie nicht wieder in ihren
alten Fehler zurckfallen wrde.

Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick vor ihr auf, und
sie beneidete die Freundin fast um ihr Glck, welches sie sich gewi nie
durch kleinliche Zweifel trben wrde. Der Mann, dem Orla ihr Herz
geschenkt hatte, durfte sicher sein, da sie ihm kein unverdientes Leid
zufgen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel Orlas folgen
und ebenso werden, wie diese? Lag das nicht einzig und allein in ihrer
Hand?

Die Stunden vergingen in schnellem Fluge, so lebhaft beschftigten sie
ihre Gedanken, und je nher sie der Heimat kam, desto ruhiger schlug ihr
Herz, desto leichter wurde ihr Sinn. Die Freude, ihre Eltern und das
Brderchen nach so langer Trennung wiederzusehen, drngte alle andern
Gefhle, welche ihr die Heimkehr erschwerten, zurck. Sie wurde jetzt
ungeduldig, zhlte die Stationen und hauchte an die Scheiben, welche mit
glitzernden Eisblumen bedeckt waren, um einen Blick in die Gegend werfen
zu knnen, die nun immer bekannter und heimatlicher wurde.

Lebhaft drngte sich ihr die Erinnerung auf an ihre Ankunft im Vaterhause,
als sie aus der Pension zurckkehrte. Wessen Bild trug sie damals im
Herzen, rein und klar mit den schchternen Empfindungen der ersten,
erwachenden Liebe? Und heute - welcher Unterschied! - dasselbe Bild stand
auch jetzt deutlich vor ihrer Seele, aber nicht mit den schnen
strahlenden Augen, welche sich bei jenem ersten Abschied so tief in die
ihren gesenkt hatten, sondern mit schmerzlichem und vorwurfsvollem Blick.
Noch war es indessen nicht zu spt. Sie bereute aufrichtig und war fest
entschlossen, alles wieder gut zu machen, was sie verschuldet hatte.
Lucies Bild, welches ihr oft mit drohendem und bengstigendem Ausdruck
erschienen war, sah sie jetzt mit einem vershnenden Blick an, und schien
ihr sagen zu wollen: nur Mut und Vertrauen! Du kannst doch noch glcklich
werden, auch mir ist ja nach langer Prfungszeit noch Verzeihung und
hchstes Erdenglck zu teil geworden.

Die letzte Station war vorber, Ilses Herz bebte, denn noch wenige Minuten
und sie war daheim. Sie suchte ihr Reisegepck zusammen, legte die Blumen
darauf, strich sich das Haar zurecht und stand dann erwartungsvoll am
Fenster. Der schrille Pfiff der Lokomotive erschien ihr jetzt wie eine
Erlsung aus ihrer Ungeduld und Sehnsucht. Sie beugte sich weit zum
Fenster hinaus, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Da standen die
geliebten Eltern, und jetzt wurde auch sie von ihnen bemerkt. Die Freude,
welche bei ihrem Anblick auf deren Gesicht zu lesen war, rhrte sie fast
zu Trnen, und als sie dann in ihren Armen lag, stieg ein heies Gefhl
der Dankbarkeit fr solche Liebe, solches Glck in ihr auf, so da sie
Vater und Mutter immer wieder und wieder kssen mute.

Die Eltern waren mit dem Schlitten gekommen; Herr Macket fuhr selbst, und
mit Windeseile trugen sie die geliebten Braunen dem heimatlichen Dorfe zu.
Jeder Weg und Steg, jeder Baum und Strauch kam ihr wie ein lieber
Bekannter vor. Als sie durch die Dorfstrae fuhren und das Schellengelute
viele Neugierige ans Fenster lockte, lauter bekannte Gesichter, konnte sie
sich der beschmenden Erinnerung nicht erwehren, wie sie an jenem
unglckseligen Tage dieselbe Strae in wilder Hast hinuntergeeilt und wie
eine Snderin den ihr begegnenden Dorfleuten ausgewichen war. Zum Glck
hatten die Eltern so viel zu fragen, da diese peinlichen Gedanken bald
wieder verdrngt wurden.

Endlich hielt der Schlitten vor dem Tore. Wie eine Feder schnellte Ilse
empor und sprang hinaus. Erst begrte sie die Dienstboten freundlich und
streichelte die Hunde, welche vor Freude laut bellend an ihr emporsprangen
und ihr die Hnde leckten. Dann aber lief sie eilend ins Haus, denn es
drngte sie unwiderstehlich, das Brderchen zu umarmen, welches am Fenster
stand und mit seinen beiden dicken Fusten an die Scheiben trommelte. Wie
gro war es geworden, zu Ilses lebhaftem Erstaunen! Aber augenscheinlich
wollte es nichts mehr von ihr wissen, denn es versteckte sich hinter die
Wrterin, als sie es aufnehmen und herzen wollte.

"Ich bin ihm ganz fremd geworden," klagte sie nachher den Eltern; aber die
Mama trstete sie mit der Versicherung, da der Kleine sich bald wieder an
sie gewhnen wrde.

"Nun komm, Kind," sagte Herr Macket zrtlich zu Ilse und nahm ihr Hut und
Pelzjckchen ab, "nun komm, du sollst vor allem Essen und trinken, denn
gewi bist du ganz ausgehungert."

Den Arm um ihre Schulter legend, fhrte er sie fort; man las in seinen
Augen die Seligkeit, da er seinen Liebling wieder hatte. In dem
erleuchteten Ezimmer, das Ilse jetzt mit den Eltern betrat, brannte ein
lustiges Feuer in dem groen Kachelofen, dessen hellen Schein der blanke
Fuboden wiederspiegelte.

Sie blickte sich um! Es war hier noch alles so, wie sie es verlassen
hatte. Dort vor dem Diwan lag das groe Brenfell, das ein Freund ihres
Vaters diesem einst geschenkt hatte. Daneben stand der Schaukelstuhl,
genau auf derselben Stelle wie sonst, nichts fehlte an dem gemtlichen
Pltzchen, und doch kam es ihr anders, verdet und verlassen vor. Sie
mute an die Zeit denken, da sie so oft mit Leo hier gesessen hatte. Der
Schaukelstuhl war sein Lieblingssitz. Sie sah im Geiste, wie er sich leise
hin und her wiegte, was er mit Vorliebe zu tun pflegte. So deutlich stand
eben jetzt dieses Bild vor ihren Augen, da sie seine Stimme zu hren und
die blauen Dampfringel von seiner Zigarette zu sehen glaubte.

Gewaltsam mute sie ihre Gedanken von diesem Platze losreien, als sie
sich jetzt mit den Eltern zu Tische setzte, aber immer wieder kehrten
unwillkrlich ihre Blicke verstohlen nach dem leeren Schaukelstuhl und dem
Diwan mit dem Brenfell davor zurck.

Weder der Papa, noch Frau Anne erwhnten Leo, und Ilse, so sehr sie sich
in ihren Gedanken mit ihm beschftigte, konnte sich gleichfalls nicht
entschlieen, von ihm zu sprechen. Aber dennoch war es ihr schrecklich,
da sein Name nicht genannt wurde, und sie hatte schon einigemal einen
Ansatz genommen, die Eltern um Verzeihung zu bitten und ihnen ihr
Schuldgefhl einzugehen. Das war aber doch schwerer, als sie es sich
gedacht hatte; es wollte sich auch keine rechte Gelegenheit finden, davon
anzufangen, immer wieder kamen sie auf andere Dinge zu sprechen, immer
wieder wurde ihr Entschlu zurckgedrngt. So vergingen die Stunden, und
als sie sich am Abend von den Eltern trennte, da war ihr Gestndnis noch
nicht vom Herzen herunter. Darber niedergeschlagen und verstimmt, suchte
sie ihr Zimmer auf.

Auch hier war alles unverndert. Eine behagliche Wrme strmte ihr
entgegen, auf dem Schreibtisch stand ihre Lampe mit dem Schirm darber,
der ein Geschenk von Nellie war. Die gepreten Blumen und Bltter
leuchteten hinter dem durchsichtigen Papier in fein gestimmten Farben und
reizenden Formen. Einen Augenblick betrachtete Ilse sinnend das kleine
Kunstwerk, dann schweifte ein Blick zu einem Bilde hin, das von dem hellen
Licht scharf beleuchtet wurde. Fast betroffen fuhr sie zurck, als stnde
nicht Leos Bild, sondern er selbst dort. Sie nahm es in beide Hnde, und
die Trnen schossen ihr in die Augen. Keck und bermtig schaute das
schne mnnliche Gesicht sie an, dessen krftig vorspringende Nase und das
feste Kinn auf einen ernsten, edlen Charakter wiesen.

Lange stand Ilse in den Anblick des Bildes versunken; es war ihr, als
fhle sie nun erst die Tiefe ihrer Liebe zu Leo, heie Sehnsucht ergriff
sie, ihm zu sagen, wie sie jetzt dachte und fhlte. Die Trennung von ihm,
die sie so lange ertragen hatte, wurde ihr mit einem Male unertrglich. Ob
er wohl zu ihr eilen wrde, wenn er ahnte, da sie zurckgekehrt sei! Sie
nahm sich fest vor, am andern Morgen mit den Eltern zu sprechen und ihm
dann zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten. Bebend dachte sie, ob
er dann wohl zu ihr kommen wrde?

Ihre Aufregung lie sie nicht zur Ruhe kommen, und sie dachte deshalb auch
nicht daran zu Bett zu gehen. Gedankenvoll lie sie ihre Blicke durch das
Zimmer schweifen. Wie viel Freude hatte ihr die reizende Einrichtung
bereitet, mit der die lieben Eltern sie berraschten, als sie aus der
Pension zurckkehrte. Wie glcklich hatte sie das traute Heiligtum
gemacht, welches sie stets bestrebt war, immer noch mehr auszuschmcken.
Den Blumentisch am Fenster, ein wahres Kunstwerk aus Schmiedeisen, hatte
ihr Leo geschenkt. Mit herrlichen Blumen und Pflanzen gefllt, stand er
eines Morgens in ihrem Zimmer.

Auch der Bcherschrank war ein Geschenk von ihm. Die goldglnzenden
Bcherrcken erinnerten sie lebhaft an vergangene Zeiten. Wie manches Werk
ihrer Lieblingsdichter hatten sie zusammen gelesen, im Sommer unter der
schattigen Linde, im Winter in Frau Annes molligem Boudoir. Sie hrte im
Geiste den Wohlklang seines Organs, sie sah sein lebhaftes Mienenspiel
beim Vorlesen. Und wenn sie ihn mit einer Frage unterbrach, wie klar und
scharf war seine Antwort.

Die schnen Zeiten, sie sind vorbei und tauchen nun in Ilses Erinnerung
auf, als gehrten sie einer fernen, fernen Vergangenheit an. Hier auf
diesem Platze, an dem zierlichen Schreibtisch, welcher nach Mdchenart mit
allen mglichen Nippsachen berfllt war, die zum Teil noch den kindlichen
Geschmack des Backfischalters verrieten, hatte sie manchen Brief an Leo
geschrieben, und in der Schublade rechts - den Schlssel dazu trug sie
stets bei sich - lagen seine Briefe.

Mechanisch griff sie jetzt nach dem Schlssel, zgernd steckte sie ihn ins
Schlo und zog den Kasten auf. Da lagen die Briefe, wohlgeordnet, wie sie
dieselben erhalten hatte. Sie nahm den obersten heraus, eine trockene Rose
fiel ihr entgegen, - es war sein letzter Brief gewesen. Sie entfaltete
ihn, und der Anblick der geliebten, so lange entbehrten Handschrift
stimmte sie unendlich weich. Sie begann zu lesen, Seite fr Seite, und als
sie damit fertig war, nahm sie einen zweiten Brief heraus, dann wieder
einen, immer mehr, immer tiefer versenkte sie sich in die teuren
Schriftzge.

Einmal mute sie laut lachen ber eine witzige Schilderung, und dann
wieder erglnzte ein seliger Ausdruck in ihren Augen. Die zrtlichen
Liebesworte, welche sie jetzt las, war sie derselben auch wert? Hatte sie
nicht um einer Nichtigkeit willen an der Liebe eines edlen, treuen Mannes
gezweifelt und das Vertrauen zu ihm verloren? O, es war entsetzlich, sich
nun mit solchen Vorwrfen qulen zu mssen, die ihr keine Ruhe lieen.
Warum hatte sie ihr Unrecht nicht gleich empfunden, warum ihm erst noch
solchen Schmerz bereiten mssen? Geschah ihr nicht recht, wenn er sie
jetzt nicht mehr liebte, wenn er ihr nicht verzieh?

Erregt sprang Ilse auf. Die nchtliche Stille wurde ihr auf einmal
unheimlich, so allein, so verlassen zu sein mit dem mahnenden Gewissen,
das ihr ihre Schuld immer wieder unbarmherzig vorhielt, war unertrglich.
Wenn sie Leo jetzt schriebe? Sie ergriff diese Idee wie eine Rettung und
gab sich sofort daran. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und
die Feder zitterte in ihrer Hand. Schlielich zerri sie den angefangenen
Brief.

Wenn nur erst die Nacht vorbei wre! Was sollte sie nur beginnen bis zum
Morgen? Jetzt war es erst wenig ber zwlf Uhr, sie mute also noch lange
warten, bis der hei ersehnte Tag erschien. Sie nahm ein Buch und fing an
zu lesen, aber die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen, und sie hatte
im nchsten Augenblick das Gelesene schon wieder vergessen. Gab es denn
kein Mittel, ihren unruhigen Geist zu beschwichtigen, ihren Gedankenlauf
zu hemmen? Nochmals nahm sie zur Feder ihre Zuflucht und schrieb an
Nellie, der sie alles erzhlte, was sie in diesen stillen Stunden dachte
und empfand. Das erleichterte ihr strmisch pochendes Herz, und als sie
mit Schreiben aufhrte, war sie ruhig geworden, eine wohltuende Mdigkeit
berkam sie endlich. Sie begab sich zur Ruhe und bald umgaukelten sie
rosige Trume.

Erquickt wachte sie am andern Morgen auf, und die Ungeduld lie sie keine
Minute lnger im Bett. Drauen lag noch graue Dmmerung, als Ilse, nachdem
sie sich angekleidet hatte, die Gardinen zurckzog und in den beschneiten
Garten hinunterschaute, der sich bis zu dem unmittelbar daran stoenden
Walde hinzog und nur durch eine eiserne Pforte von diesem getrennt war. So
still und friedlich lag die Natur in ihrem Winterschlaf da, so verzaubert
und schweigsam, nichts erinnerte mehr an die Zeit, als sie ppiges Leben
war, die grnen Wipfel geheimnisvoll rauschten, Blumen und Blten ihre
Dfte aushauchten und melodische Vogelstimmen diese Herrlichkeit jubelnd
besangen. Da war es schn im Walde gewesen, und ein junges, glckliches
Menschenpaar war oft mit Bchern und Hngematte nach dem verborgensten,
lauschigsten Fleckchen hinausgewandert, wo sich unter ihren Fen ein
samtweicher Moosteppich ausbreitete und die leise schaukelnden Zweige der
alten Buchen ihnen Khlung zufchelten. Dort befestigte der junge Mann die
Hngematte, und wenn seine Begleiterin es sich darin bequem gemacht hatte,
dann legte er sich in das schwellende Moos, und den beiden verflogen unter
Plaudern und Lesen die Stunden wie Minuten. Niemand strte sie in der
Einsamkeit, die breiten ste ber ihnen spendeten herrlichen Schatten, und
das Auge erlabte sich an dem kstlichen Grn.

Versunken in diese Erinnerung starrte Ilse hinaus, bis der Anblick des
hohen Schnees, der jetzt auf den Zweigen lastete, sie in die Wirklichkeit
zurckfhrte. Es kam ihr vor, als wre es eine andre gewesen, welche dort
mit Leo so glcklich war, als htte sie selbst dies nie erlebt. Ob solche
Erinnerungen wohl auch an seinem Geist vorberzogen, oder ob er die
Vergangenheit aus seinem Gedchtnis verbannt hatte? Jeder Platz, jeder
Baum hier mahnte sie an die frohen Stunden, die sie mit ihm verlebt hatte.
Bei dem Gedanken, da eine solche Zeit vielleicht niemals wiederkme, da
sie fortan nur von diesen Erinnerungen zehren mte, fhlte sie ihr Blut
in den Adern erstarren.

Sie trat vom Fenster zurck und ging rastlos im Zimmer auf und ab. Diese
Angst, diese Zweifel konnte sie nicht lnger ertragen und sie beschlo
deshalb, heute morgen sofort mit den Eltern zu sprechen. War das nicht
ihre Pflicht und wrden sie, welche ihr nur Liebe und Gte
entgegenbrachten, ihr nicht ratend und helfend zur Seite stehen?

Klopfenden Herzens verlie sie ihr Zimmer. Als sie an der Kinderstube
vorbeikam, hrte sie das Brderchen laut jauchzen. Der Kleine lag noch im
Bettchen, als sie hereinkam, und strampelte mit den dicken Beinchen in der
Luft. Sie kte und liebkoste das Kind; wie lange hatte sie mit dem lieben
Schelm nicht mehr gespielt! Jetzt verstand er es schon, wenn sie mit ihm
scherzte, und sein herzliches Lachen versetzte sie in Entzcken. Als Frau
Anne hereintrat, war sie nicht wenig erstaunt, Ilse schon vollstndig
angekleidet zu finden.

"Du bist schon auf, Ilse?" fragte sie verwundert, mit einem herzlichen
Ku. "Eben schlich ich auf den Fuspitzen nach deinem Schlafzimmer, um zu
horchen, und da alles muschenstill war, dachte ich, du lgst noch im
tiefsten Schlummer und wollte dich nicht stren."

Ilse umarmte sie strmisch.

"Wie reizend und drollig ist das Kind geworden," rief sie begeistert und
einer pltzlichen Eingebung folgend fgte sie hinzu: "Ach, liebste Mama,
wie glcklich macht es mich, da ich wieder bei euch bin!"

                              [Illustration]

Frau Anne strich ihr zrtlich ber das Haar, und in ihren Augen funkelte
es froh und siegesgewi. Sie zog Ilses Arm durch den ihrigen.

"Nun komm! Papa wird sich freuen, da du schon auf bist, er wartet mit
groer Ungeduld auf dich."

Bald saen die drei am gemtlichen Kaffeetisch. Herr Macket verwandte kein
Auge von seinem Liebling, der nun wieder leibhaftig vor ihm sa, den er so
sehr entbehrt und oft herbeigesehnt hatte. Ihn erfllte ganz der eine
Gedanke: sie ist wieder da! Deshalb machte er sich auch keine Sorgen, was
nun weiter werden und wie das Verhltnis zu Leo sich gestalten wrde. In
seiner unbefangenen Freude merkte er denn auch nicht, da sich in Ilses
ganzem Wesen eine gewisse Aufgeregtheit zeigte, und da ihre Augen einen
ngstlich fragenden Ausdruck hatten.

Frau Anne aber beobachtete desto schrfer, ihr entging von alledem nichts,
und sie bemerkte auch, da ihr Tchterchen jetzt einen harten Kampf in
seinem Innern zu bestehen hatte. Sie war deshalb so zuvorkommend und
liebevoll wie nur mglich, um ihr den so schweren Anfang zu erleichtern.

Ilse a und trank mit groer Hast zur lebhaften Freude des arglosen
Vaters, dem ihr anscheinend so gesunder Appetit sehr gefiel. Eigenhndig
belegte er die Brtchen, und lchelnd sah ihm Frau Anne zu, - sie wute
genau, warum das Kind so eifrig dem Essen zusprach.

Schon einige Male hatte Ilse die Lippen zum Reden geffnet, und doch
konnte sie sich immer noch nicht dazu entschlieen. Krampfhaft drehte sie
kleine Brotkgelchen zwischen ihren Fingern, - mein Gott, war es denn so
schwer, das auszusprechen, was ihr doch wie Feuer auf der Seele brannte?
Herr Macket war inzwischen aufgestanden und hatte sich in aller
Gemtlichkeit eine Zigarre angesteckt, nun trat er zu ihr und legte
zrtlich den Arm um ihren Nacken.

"Kind," sagte er so recht aus tiefstem Herzensgrunde froh, "es ist gut,
da du wieder da bist." Und als sie aufblickend in die teuren Vateraugen
sah, da sprang sie empor und fiel ihm um den Hals.

"Liebe, einzige Eltern," dabei reichte sie Frau Anne die Hand, "verzeiht
mir, seid nicht mehr bse, ich will ja alles wieder gut machen. Ich habe
kindisch gehandelt, als ich davonlief, ich wei es wohl, er hatte ja
recht, ich bin im Unrecht, ach wte ich doch, ob er mich noch liebt, ob
er mir verzeiht!"

Sie hatte in fliegender Hast gesprochen, nun hielt sie mit einem riefen
Atemzug inne, und es war, als wre eine Zentnerlast von ihrem Herzen
genommen. Herr Macket war bei den Selbstanklagen seines Lieblings ganz
ngstlich geworden; er hatte sie einigemale unterbrechen wollen mit dem
Ausruf: "Aber Kind, liebes Kind, wir sind dir doch nicht bse, sage doch
so etwas nicht." Fast erschrocken blickte er sie an. Frau Anne aber zog
sie gerhrt an ihre Brust und streichelte ihre heien Wangen. Trnenfeucht
glnzten ihre Augen, und mit einem triumphierenden Ausdruck sah sie ihren
Mann an, denn dieser hatte es immer bestritten, wenn sie behauptete, da
Ilse eines Tages zum Bewutsein kommen und zu ihrem Brutigam zurckkehren
wrde.

"Nein, das wird sie nicht tun, ich kenne das Mdchen," hatte er dann
geantwortet, "sie ist viel zu stolz dazu."

Frau Anne schwieg dann lchelnd, sie wute ja viel besser, da die Liebe
ber den Stolz siegen wrde. Und sie hatte recht gehabt, sie hatte die
Seele der jungen, trotzigen Braut besser durchschaut, als der in blinder
Liebe befangene Vater. Jetzt, als sie Ilse fest in ihren Armen hielt und
das heftig pochende Herz fhlte, war sie sicher, da sie diesmal fr immer
geheilt und bekehrt zurckgekommen war, da der Kampf, den Ilse in den
letzten Monaten berstanden, in ihr die ernste Liebe des Weibes gereift
hatte.

Nun war das Eis gebrochen, mit einem Male wurde es Ilse so leicht, von
Leo, von ihrer Flucht zu reden, traf sie doch nicht der geringste Tadel
von seiten der Eltern; im Gegenteil, wenn sie sich ausschalt und Vorwrfe
machte, dann beruhigte die Mama, trstete mit den zrtlichsten Worten der
Papa. Alles, alles beichtete sie, nur den Streit mit Leo lie sie
unberhrt und beteuerte nur immer wieder, da sie im Unrecht sei, und da
sie ganz wie ein unvernnftiges Kind gehandelt habe.

Frau Anne hrte ihr voller Befriedigung zu, und in ihrem Innern dankte sie
Nellie inbrnstig, indem sie deren gutem Einflu den grten Teil dieser
Umwandlung zuschrieb. Noch an demselben Tage gab sie diesen Gefhlen in
einem langen Dankesbriefe an die junge Frau Ausdruck.

Herr Mackets Groll gegen Leo, den er bis jetzt nicht hatte berwinden
knnen, schwand immer mehr, und er mute nun doch einsehen, da nur die
Widerspenstigkeit seines Tchterchens an diesem Zerwrfnis schuld war.

"Und nun will ich gleich an Leo schreiben," sagte Ilse, sich erhebend,
"und ihn bitten, da er morgen kommt, da wir ein vergngtes
Weihnachtsfest zusammen feiern knnen."

Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie unverrichteter Sache zurck.

"Ich kann nicht schreiben, Mama," klagte sie, "es ist mir nicht mglich.
Was ich ihm zu sagen habe, das mu mndlich geschehen. Was soll ich denn
nur tun, ich wei es ja nicht; ach Gott, so rate mir doch, liebste Mama."

Frau Anne schwieg und tat, als berhrte sie die Frage; das Kind sollte
von selbst den richtigen Weg einschlagen.

Sinnend und etwas ungeduldig blickte Ilse vor sich hin.

"Mama," begann sie wieder, "wissen denn Leos Eltern, was zwischen uns
vorgefallen ist?" Sie seufzte bei dieser Frage, denn der Gedanke, da sie
auch ihnen eine Aufklrung geben mte, war ihr hchst peinlich.

"Beruhige dich, Ilse," trstete sie Frau Anne, "Gontraus wissen nichts.
Leo hat ihnen keinesfalls etwas verraten, und ich habe - oft allerdings
durch recht diplomatische Knste - mich bemht, alles zu verheimlichen. Da
sie ganz ahnungslos sind, so werden sie auch nichts bemerkt haben. Wegen
deiner angeblichen Schreibfaulheit mut du dich aber grndlich bei ihnen
entschuldigen, denn sie klagten fters darber, da sie noch gar keinen
Brief von dir htten. Ich habe dein Schweigen, so gut es ging,
beschnigt."

"Du liebe, einzig gute Mama!" unterbrach sie hier Ilse, der bei diesen
Worten ein Stein vom Herzen fiel, indem sie Frau Anne mit beiden Armen
umschlang, "ich verdiene deine Gte ja gar nicht. Warum mu denn auch
gerade ich einen so unglckseligen Charakter besitzen? Wie schwer habe ich
schon darunter leiden mssen, wie viele bittere Stunden habe ich andern
dadurch bereitet! Siehst du ich bin wtend auf mich, ich wei genau, was
fr ein stckisches Wesen ich bin, und darum wird mich Leo auch nicht mehr
lieb haben, ganz gewi nicht."

Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch strzten ihr die hellen Trnen aus
den Augen.

"Ilse," sagte Frau Anne sanft aber bestimmt, "ich dachte, du wrest ein
vernnftiges Kind geworden, und nun kommt doch wieder das tolle Kpfchen
zum Vorschein."

"Ach, Mama, kein Mensch wei, welche Vorwrfe mich geqult haben, und wie
ich bereue, was ich getan. Leo glaubt das gewi nicht, und wenn ich es ihm
auch sage, wird er sich nicht berzeugen lassen."

"Ilse, Ilse," erwiderte Frau Anne kopfschttelnd, "so darfst du nicht
sprechen. Ich wei, wie tief Leo unter den jetzigen Verhltnissen leidet.
Wenn er dich nicht wahrhaft liebte, wrde er gleichgltiger sein."

"Hat er mit dir ber mich gesprochen, hat er dir alles erzhlt?" fragte
Ilse dringlich. "Hat er sich ber mich beklagt?"

"Er hat mir nicht mehr gesagt, als unumgnglich notwendig war, und nicht
das kleinste Wort des Tadels oder der Klage ist ber seine Lippen
gekommen. Ilse, kennst du ihn denn so wenig, da du so etwas von ihm zu
glauben vermagst?"

Das junge Mdchen senkte beschmt das Haupt. Nein, sie hatte eine bessere
Meinung von ihm und wute selbst nicht, warum sie so sprach.

"Ich habe den guten Gontraus auf ihren letzten Brief noch nicht
geantwortet," fuhr Frau Macket fort, "sie fragten darin an, ob du zu
Weihnachten bestimmt zurckkmst, dann wrden wir doch das Fest natrlich
zusammen feiern. Ich war etwas in Verlegenheit, was ich darauf erwidern
sollte, und habe deshalb bis jetzt geschwiegen, heute mu ich ihnen aber
schreiben, Ilse, - was soll ich ihnen fr eine Antwort geben?"

"Mama," sagte Ilse pltzlich, nachdem sie eine Weile gedankenvoll vor sich
hingeblickt hatte, "ich habe eine Idee; ja, so geht es - so mu es gehen.
Ich schreibe an Leos Eltern, da ich morgen frh mit euch kme, aber sie
sollten ihm davon nichts sagen, weil ich ihn berraschen wollte."

Gott sei Dank, nun war ein Ausweg gefunden! Ihre Augen leuchteten vor
Freude ber den glcklichen Einfall, und sie war Feuer und Flamme.

"Herzensmama, so wird es gemacht, nicht wahr?" schmeichelte sie, "und dann
fahren wir morgen gleich nach Tisch alle hierher zurck, und es wird hier
beschert. Ich will sofort schreiben."

Dem Papa brauchte sie ihren Plan gar nicht erst mitzuteilen, er war doch
mit allem einverstanden, was sein Liebling tat. Der Brief wurde denn auch
sofort geschrieben und unverzglich nach dem Bahnhof gebracht, damit er
noch heute an seine Adresse gelangte.

Ilse war wie umgewandelt, die Ungeduld jagte sie rastlos von einem Ort zum
andern. Es gab ja auch noch so viel zu tun fr den folgenden Tag, und mit
einem wahren Feuereifer strzte sie sich in die Arbeit.

Im groen Gartensaale stand die mchtige Tanne, welche sie schmcken
sollte. Die breiten ste waren schon dicht mit Watte belegt, auch Gold-
und Silberfden waren darber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick
von Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen. Wie
heller Freudenschein lag es ber seinem Gesicht, als er sie so froh und
geschftig sah, und verstohlen blickte er sie immer an. Das war wieder
seine alte Ilse, sein lieber, ausgelassener Wildfang, welchem bermut und
Frohsinn aus den Augen blitzten.

Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grn des Tannenbaumes, den ganzen
Saal wollte sie mit Tannenzweigen und Blattpflanzen geschmckt haben; die
letzteren mute ihr der Grtner aus dem Gewchshaus bringen. Die Ecken
sollten Lauben bilden, whrend an den Wnden Guirlanden aus Tannenzweigen
befestigt wurden.

Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit prfenden Augen
und ordnete noch hier und da etwas an; es war ihr immer noch nicht schn
genug, schmckte sie doch den Raum so festlich fr ihn! Das beseligte sie,
und ihr Herz klopfte strmisch bei dem Gedanken, da sie morgen mit ihm an
dieser Stelle stehen wrde, und da dann alle Zweifel und Qualen ein Ende
haben sollten. Wie sehnte sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie
lange, lange hatte sie diese entbehren mssen!

Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet und das ganze Haus
erfllt von dem feinen, harzigen Geruch der Tannennadeln, hatte doch Herr
Macket in seiner Herzensfreude noch mehrere Bume bringen und in dem
Treppenhaus aufstellen lassen. "Es soll recht weihnachtlich sein," sagte
er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn seine Frau lange nicht
gesehen hatte.

Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt dazu. Pnktlich um
acht Uhr stand am andern Morgen der Schlitten vor der Tre, und ungeduldig
stampften die Braunen den Boden. Frau Anne erklrte, zu Hause bleiben zu
wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und anzuordnen gab. Ilse
htte freilich sehr gern gehabt, wenn sie mitgefahren wre, denn an dem
ruhigen, sicheren Wesen der Mama wrde ihr erregtes Herz einen festen
Rckhalt gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder zaghaft
wrde! Aber - war denn das ntig, mute sie zu dem Schritt erst ermutigt
werden, den sie doch mit freudigem Herzen tat? Nein, nein!

Energisch drngte sie jeden solchen Gedanken zurck, und mit klaren,
strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu, welche in der Pforte stehen
geblieben war, um dem Schlitten nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie
Ilse zum Abschied in die Arme geschlossen! Die zrtlichen Worte: "Nun sei
mein verstndiges Mdchen und zage nicht," welche sie ihr dabei
zuflsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren nach. Frisch und rosig
sa sie an der Seite ihres Vaters, der alle Augenblicke fragte, ob sie es
auch nicht frre, und immer wieder die Decke, welche er ber sie gebreitet
hatte, fester und hher hinaufzog.

Sie wehrte ihm lachend. "Aber Papachen, mir ist ja so warm, mich friert
gar nicht; bald kann ich mich nicht mehr rhren, so fest hast du mich
eingewickelt."

Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte Gefhrt mit
Windeseile ber die glatte Bahn, da der Schnee links und rechts zur Seite
stob. Dazu klang das lustige Schellengelute so hell und silberrein, da
es sich wie liebliche Musik anhrte.

Ilse lehnte sich weit zurck und schlo die Augen. Klingling, klingling,
schallte es immerfort in ihren Ohren, und nun schien der helle
Glockenklang auf einmal eine dunklere Frbung anzunehmen, langsam und
gemessen in gleichmigen Schwingungen zu ertnen. Was war denn das? Klang
nicht so die Glocke von dem heimatlichen Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste
vor sich, das winterliche Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn
lichtes Frhlingsgrn. In den Wipfeln der alten Linden, welche vor der
Kirche standen, sangen die Vgel, und Blumenduft strmte durch die
geffneten Fenster hinein. Drinnen tnte die Orgel und begleitete die
hellen Stimmen der Dorfkinder. Alles war so feierlich, und da sah sie sich
selbst im langen weien Gewande an der Seite ihres Leo zur Tre
hereinkommen. Um den festlich geschmckten Altar standen die Eltern,
Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer harrte ihrer. -

Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre Phantasie da vor ihren
Augen aus? Und doch kehrten ihre Gedanken immer wieder zurck zu dem
rosigen Zukunftsbilde.

"Bist wohl mde, Kind," fragte Herr Macket, weil sie so lang stumm und mit
geschlossenen Augen neben ihm gesessen hatte. "Ja, die Fahrt ist lang und
angreifend, sie wird dir doch nicht zu viel werden, Mdel?"

Sorgsam prfend schaute er ihr ins Gesicht.

"O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar nicht mde, sondern
berlegte mir nur etwas und schlo deshalb die Augen." Sie mochte ihm
nicht eingestehen, da sie wachend getrumt hatte.

Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine Weile gerastet hatten,
ging die Fahrt weiter.

"In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind flott gelaufen," sagte
Herr Macket und blickte mit Stolz auf seine beiden Braunen.

Ilse klopfte das Herz hrbar, und ihre von der kalten Winterluft gerteten
Wangen frbten sich noch tiefer. Und mochte ihr auch vor dem Augenblick
des Wiedersehens bangen, so erfate sie dennoch eine unsagbare Ungeduld
bei dem Gedanken, da sie nur noch eine kurze Spanne Zeit, nur noch
Minuten von ihm trennten.

Die weiten Schneeflchen kamen ihr endlos vor, und sie htte sich Flgel
wnschen mgen, um schneller in seine Arme zu eilen. Whrend sie bis jetzt
ihren Trumen nachgehangen hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und
gesprchig, scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, da oft sein
herzliches Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine blauen
Augen unter den buschigen Brauen vor Freude und Lust strahlten.

So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die innere Unruhe besser
bemeistern. Endlich sah sie ganz in der Ferne, noch undeutlich und kaum zu
erkennen, die Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr
es ihre Glieder.

"Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!" rief sie, indem sie ihn am Arm
fate und mit dem Finger auf den fernen Kirchturm zeigte.

Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der angegebenen Richtung,
dann legte er die Hand ber die Augen und beugte den Kopf nach vorn.

"Ich sehe noch nichts," sagte er schlielich.

"Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?" Sie war aufgestanden und starrte
entzckt in die Ferne, als htte sich ein Wunder vor ihren Blicken
aufgetan.

Er schttelte den Kopf.

"Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen. Krischan," wandte
er sich an den hinter ihnen sitzenden Kutscher, "siehst du den Turm von L.
schon?"

"Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl mit die Ogen der
Liebe."

ber diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten Gesicht, whrend die
beiden im Schlitten in ein helles Gelchter ausbrachen.

Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben noch in der Ferne
verschwommenen Gegenstnde tauchten immer klarer auf. Jetzt war auch der
Kirchturm deutlich sichtbar, und die beschneiten Dcher zeichneten sich
scharf vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das Dorf ein, aber
bei einem der ersten Huser machten sie Halt. Eine dicke goldene Traube,
an einem weit vorragenden eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als
Gasthaus. Ilse hatte den Schleier dicht ber das Gesicht gezogen, und Herr
Macket mute den breiten Pelzkragen hinaufschlagen, damit sie von den
neugierigen Blicken, welche dem Schlitten folgten, nicht erkannt wrden.
Hier sollte ausgespannt werden, so war es mit den Schwiegereltern
verabredet worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie mchten Leo im Hause
festhalten.

Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwrmen und eine
Kleinigkeit zu genieen, lehnte Ilse entschieden ab, denn so nahe dem
ersehnten Ziel erschien es ihr unmglich, noch irgendwelche Verzgerung zu
ertragen. So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem Gute,
welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen Tannenwald grenzte.

"Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen," sagte Herr Macket. "Darf
ich denn den verflixten Kragen noch immer nicht herunterschlagen? Mir wird
nmlich verteufelt hei in diesem Futteral."

"Ach bitte, bitte, noch nicht," bat Ilse, die unter ihrem Schleier
fortwhrend ngstliche Blicke nach rechts und links warf, "siehst du,
Herzensvterchen, es knnte uns doch jemand begegnen, und wir sind ja
gleich da."

Herr Macket als ein gehorsamer Vater fgte sich und sthnte nur einige
Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen kleinen Seitenweg ein, der
zwischen zwei Hecken durchfhrte und nicht gebahnt war, so da sie bis
ber die Knchel in den weichen Schnee einsanken.

"Hier knnen wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht. Du bekommst ja ganz
nasse Fe und wirst dich auf den Tod erklten. Komm, wir wollen
umkehren." Damit blieb er stehen.

Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen und hpfte leicht
und flink wie ein Reh davon. Sie sah ja am Ausgang des Heckenweges ein
groes, herrschaftliches Haus, das Gontrau'sche, und sollte nun wieder
umkehren? Das war zu viel verlangt. Wohl oder bel mute Herr Macket ihr
folgen, und wenn er auch etwas unwillig in den Bart brummte, so brachte er
es doch nicht ber sich, auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen
groen Stiefeln trat er in Ilses zierliche Fustapfen; diese war ihm
lngst vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen Tr, welche
den parkartigen Garten hinter dem Hause abschlo.

"Bist mir doch nicht bse, Papachen?" fragte sie ihn mit schelmischer
Zrtlichkeit, und da konnte er natrlich nicht widerstehen.

Der frsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen, und auf besserem
Wege als vorher schritten sie nun den Garten entlang und schlichen zu
einer Hintertre in das Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefat
und eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte Angst
ausgestanden, sie knnte von Leo gesehen werden, da sie jetzt, nachdem
diese Gefahr vorber war, erst einen Augenblick stehen bleiben mute, um
Atem zu schpfen.

Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau'sche Ehepaar mit offenen Armen
entgegen. Ilse war tief beschmt ber all die Liebe und Herzlichkeit, mit
welcher die Schwiegereltern sie empfingen; dieselben waren vollstndig
unbefangen und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt
zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie fhrten ihren Besuch in ein
behaglich erwrmtes Zimmer, und whrend Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und
Hut abnahm, half seine Frau dem Schwiegertchterchen beim Ablegen und
blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften braunen
Augen. Zrtlich strich sie ihr die wirren Haare aus der Stirn und
streichelte ihr die Wangen. Auch Herr Gontrau betrachtete sich die Braut
seines Sohnes mit groem Wohlgefallen.

"Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen," sagte er, indem er sie an sich
zog, "und wie wohl du aussiehst, du blhst ja wie eine Rose. Na, der Leo
wird sich freuen, er hat keine Ahnung von der berraschung, die ihm
bevorsteht."

"Ach ja," meinte Frau Gontrau, "ich freue mich auch, der arme Junge hat in
der letzten Zeit so viel zu tun gehabt, da er ganz ernst und bla
geworden ist."

Ilse errtete und wandte sich ab.

"Wo ist Leo?" fragte sie leise. "Ich mchte ihn doch gern gleich sehen."

"Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind," sagte Frau Gontrau. "Nun, du
weit ja Bescheid; ich war eben noch bei ihm, um zu verhten, da er sich
entfernte."

"Ich gehe zu ihm," sagte Ilse und verlie das Zimmer.

Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor seiner Tre stand, hielt
sie inne und legte die Hand beschwichtigend auf ihr Herz, das ihr zum
Zerspringen klopfte. Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur
Vershnung zu reichen. Ein Gefhl der Demtigung wollte noch einmal in ihr
aufwallen, aber sie unterdrckte es, denn sie hatte sich vorgenommen, oft
und fest vorgenommen, ihm mit keinem andern Gedanken, als dem der
aufrichtigsten Reue entgegenzutreten.

Und als sie immer noch zgerte, erschien ihr Lucies Bild vor den Augen und
blickte sie flehend an. Sie legte die Hand auf die Klinke, drckte sie
sanft nieder und befand sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur
durch eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den Fuspitzen
schlich Ilse nher, schob den Vorhang auseinander und konnte nun das ganze
Zimmer bersehen.

                              [Illustration]

Dort sa er an seinem Schreibtisch, tief ber seine Arbeit gebeugt und
eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich stehen, wie um sich zu sammeln,
und sah unverwandt auf die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wte, wer so
dicht hinter ihm stand! Sie meinte, er mte ihre Nhe fhlen, aber
ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf zur Seite wandte, um
in einem Buche nachzuschlagen, konnte sie sein Gesicht sehen, und -
tuschte sie sich, oder war es wirklich so? - er schien ihr um Jahre
gealtert. Seine Wangen waren bla, die Augen hatten tiefe Schatten, und um
seinen Mund lagerte ein mder, schmerzlicher Zug.

So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll und frisch gekannt
hatte. Die Trnen schossen ihr in die Augen, und sie mute an sich halten,
um nicht laut aufzuschluchzen. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurck, und
sie konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand; ein
grner Tannenzweig schmckte dasselbe. Leise, wie magnetisch angezogen,
schlich sie nher. Jetzt nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es
mit liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht etwas
verdeckte, schob er zurck, damit er ungehindert in das geliebte Antlitz
schauen konnte. Er dachte ihrer also noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe.
Ohne da sie es wollte, tnte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das
Bild entfiel seiner Hand, mit einem jhen Ruck stie er den Stuhl zurck
und drehte sich um. Als she er einen Geist vor sich, so starrten die
dunklen Augen in dem blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat nher und rief
noch einmal: "Leo."

Da lste sich der Bann, der ihn befangen hatte.

"Ilse, du - du, bist du es wirklich?" stie er hervor, und als sie die
Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest an sich und drckte ihren Kopf
mit beiden Hnden an sein Herz.

"Vergib mir, Leo!" flsterte sie unter Trnen.

Statt aller Antwort schlo er ihr den Mund mit leidenschaftlichen Kssen,
gab ihr die zrtlichsten Schmeichelnamen. Und diesem Manne hatte sie
Mitrauen entgegengebracht, an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In
trichtem Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke,
da er sich htte von ihr wenden knnen, erfllte sie jetzt noch mit
Schrecken.

Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren beide nicht fhig,
zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen und besiegelten innerlich
von neuem den geschlossenen Bund. Sie hatten das Gefhl, da sie jetzt fr
immer zusammengehrten, da nichts sie je wieder trennen knnte. Es war
Ilse, als trumte sie, und sie drfte sich nicht rhren, um den schnen
Traum nicht zu verscheuchen.

Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in Hand zusammensaen, da
konnten sie kein Ende finden, bis schlielich Frau Gontrau kam und
schchtern fragte, ob das liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen
wolle.

                                  * * *

Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien am heiligen Abend im
Macketschen Hause lauter frohe, vergngte Gesichter. Es ging ein Knistern
durch die Zweige und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der
Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben wollte.

Frau Anne hatte den Kleinen auf dem Arm, welcher jauchzend seine beiden
Hndchen nach dem Lichterbaum ausstreckte. Herr Macket stand daneben und
neckte seinen Jungen, denn er war ganz bermtig heute. Das Kind mute
alle seine Kunststckchen zeigen, so da Gontraus ganz entzckt waren von
dem reizenden kleinen Kerl.

"Jetzt mu aber mein Schatz zu Bett gehen," entschied endlich Frau Anne,
welche bemerkte, da die Lebhaftigkeit des Kindes durch den Beifall der
Umstehenden sich immer mehr steigerte. Der mtterliche Befehl schien aber
dem kleinen Mann durchaus nicht angenehm zu sein, denn er zog ein
Schppchen und in seinen Mundwinkeln zuckte es verdchtig. Aber die Mama
machte kurzen Proze mit ihm.

"Nun gib dein Hndchen und sage gute Nacht," gebot sie energisch.

Er gehorchte und reichte allen die Hand.

"So nun mut du noch Ilse und Onkel Leo gute Nacht sagen." -

Die beiden hatten sich in eine der grnen Pflanzen-Nischen zurckgezogen;
aus ihren Augen glnzte Glck und Seligkeit. Ilse hatte so viel zu
erzhlen, wie sie zuerst seiner nur im Groll gedacht, wie sie aber nach
und nach einsehen gelernt hatte, da wahre, echte Liebe sich auch zu fgen
wei. Und wie reizend Frau Nellie sei, ein wie furchtbares Schicksal die
arme Flora betroffen habe, wie klug und interessant Orla wre, der
gegenber sie sich immer klein und erbrmlich vorgekommen sei, - das
alles, und noch vieles andre, berichtete sie ihm auf das ausfhrlichste.

"Schatz, es ist, als htten wir uns erst heute verlobt, als htten sich
erst jetzt unsre Herzen fr immer gefunden," sagte er.

"Fr immer!" wiederholte sie mit Betonung, und ihre Augen sahen mit dem
Ausdruck der innigsten Liebe zu ihm empor. "Nicht wahr, Leo, du hast nun
alles vergessen und liebst mich noch wie frher?"

"Mehr als je," gab er ihr zrtlich zur Antwort.

Sie lehnte an seiner Brust, und beide schauten in den flimmernden,
duftenden Tannenbaum. Freundliche Bilder der Zukunft stiegen vor ihnen
auf, sie trumten sich in ihr eigen Heim, und wie sie am nchsten
Weihnachtsabend sich ihren eigenen Baum anznden wrden!

                                  * * *

Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut, den Ilse jetzt im
brutlichen Gewande am Arm ihres Leo dahinschritt. Wolkenlos wlbte sich
der Junihimmel ber ihnen, und goldner Sonnenglanz lag ber der
strahlenden Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen, um
sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie standen zu beiden
Seiten des Weges, und als das Brautpaar in der Kirchentre verschwunden
war, da strmten sie hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen
gefllt.

Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte sie binnen wenigen
Minuten am Altar des Herrn dem geliebten Mann fr ewig Liebe und Treue
schwren.

Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle Sonnenschein, das
leise Rauschen der Bume und der frhliche Vogelgesang drangen herein,
gerade so, wie sie es Weihnachten im Schlitten getrumt hatte. Und jetzt
erscholl die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.

Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten Augen schritt sie
neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen und Blumen festlich geschmckt
war. Da standen die Eltern, die Freunde und Verwandten. Orlas schnes
Antlitz lachte ihr entgegen, Andres neigte grend das Haupt, und Nellie,
die liebe, einzige, blickte wie verklrt zu ihr herber. Der Papa streckte
ihr gerhrt seine Hand entgegen, und Frau Anne lchelte ihr unter Trnen
zu. So viel Liebe, so viel Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten,
da sie in berwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie nun
angehrte fr alle Zeit.

Die Orgel und der Gesang verstummten. "Die Liebe hret nimmer auf," so
begann der alte wrdige Pastor seine Rede. Er hatte Ilse getauft und
konfirmiert, nun stand sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr
seinen Segen geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste
Freundschaft, gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein, seine Rede war
poetisch durchflochten mit den anmutigsten Wendungen.

Herr Macket mute sich einige Male verstohlen ber die Augen fahren; Frau
Anne hatte ihre Hand in die seine gelegt, auch sie war tief bewegt. Die
Sturm- und Drangperiode des jungen Paares zog noch einmal an ihrem Geiste
vorber, und erleichtert holte sie Atem, da sie glcklich berwunden war
und die beiden zusammen dort am Altar standen. Eben fiel ein breiter
Sonnenstrahl schrg durch das Fenster ber die einfach wei getnchte
Wand, gerade auf das frische Myrtengrn in Ilses lockigem Haar und
beleuchtete den weien Schleier, der lang bis auf die kostbare
Atlasschleppe herabfiel, da er wie aus Duft gewoben erschien. Wie
liebreizend sah die junge Braut aus! Voll Stolz und Glck blickte Frau
Anne auf das schne Paar, und der Gedanke, da heute die geliebte Tochter
fr immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige Wermutstropfen in dem
Kelch der Freude. -

In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saen die Hochzeitsgste
noch an der geschmckten Tafel, als Ilse sich bereits fortgeschlichen
hatte, um das Brautgewand mit dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in
ihrem Mdchenstbchen am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften ber
den blhenden Garten, die grnen Felder und den noch frhlingsfrischen
Wald, bis zu den fernen Hgeln, welche die scheidende Sonne vergoldete.
Die abendliche Stille in der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages
tat ihr so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen Zgen die
erquickende Luft ein.

Das unbeschreibliche Gefhl der Seligkeit, des hchsten Glckes, welches
ihr den heutigen Tag zu dem schnsten ihres Lebens machte, mute jetzt vor
dem Gedanken an den Abschied zurckweichen. Sie wute ja, wie schwer dem
Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr sehnen wrde.
Mehrmals mute sie das Tuch an die Augen fhren, um die hervorquellenden
Trnen zu trocknen. Aber Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja
glcklich und folgte ihm gern. Das ernste, heilige Gefhl, da sie nun
sein Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, "nur der Tod
sie schiede", durchschauerte sie, die edelsten, besten Vorstze und
Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.

Zwei Arme umschlangen sie pltzlich, und sich umwendend sah sie in das
Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in die Hhe, und als er Trnen in
ihren Augen schimmern sah, zog er sie fester an sich und strich ihr
liebkosend ber Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, da er nicht
sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein junges Weib
festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht htten.

"Wir mssen fort mein Lieb," brach Leo endlich das Schweigen, denn der
Wagen war vorgefahren und die Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt
drang auch Glserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die Musik
fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewi feierte man nochmals das junge Paar
und trank auf sein Wohl.

Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut und Staubmantel.

"Es ist alles fertig," sagte sie, "ihr mt fort Kinder. Ich will es dem
Papa sagen, nicht wahr?"

Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern in ihrer Stimme
verriet doch ihre innere Erregung. Sie wollte hinausgehen, doch Ilse,
hielt sie zurck und umschlang ihren Hals.

"Liebe, einzige Mama, habe fr alles, alles Dank, und wenn ich dich oft
krnkte, verzeihe mir."

"Aber liebes Kind," fiel Frau Anne ein, "alles ist vergessen, wir haben
dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter. Nun darfst du dich aber nicht
aufregen, du mut verstndig sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen,
nicht wahr, liebes Herz?"

"Komm Schatz, komm," drngte Leo, den ein verstndnisvoller Blick von Frau
Anne dazu trieb, den Abschied mglichst zu verkrzen. Sie lie die beiden
allein und ging in den Saal zurck, wo sie ihrem Mann verstohlen
zuflsterte, da der Wagen vor der Tre stehe. Das heitere Lcheln
verschwand von seinem Gesicht und er stand sofort auf.

Das Kpfchen seiner Ilse mit dem grauen Reisehut nickte ihm schon aus dem
Wagenfenster zu, als er aus der Haustre trat. Er stieg zu ihr ein und
hielt sein Kind lange in den Armen. Dabei prete er ihren Kopf fest an
sein Herz, denn sie sollte die Trnen nicht sehen, die ihm ber die Wangen
rollten. Krischan, der in seiner neuen Livree steif und gerade auf dem
Bock sa, sah mit ungeduldigen Blicken bald auf die Uhr, bald von seinem
hohen Sitz herab auf den Wagenschlag, und schlielich wandte er sich an
Frau Macket mit den Worten:

"Nu is es aber die hchste Zeit, sonst verfehlt das Freilein und der junge
Herr am Ende den Zug."

Er konnte sich noch nicht entschlieen, von der "Frau Assessor" zu
sprechen, fr ihn war Ilse noch das "Freilein".

Frau Macket zupfte ihren Mann am rmel. "Sie mssen fort, lieber Richard,"
sagte sie leise.

Er stieg aus, die Tre flog zu, die Pferde zogen an, und der Wagen rollte
auf der Dorfstrae dahin, eine Staubwolke aufwirbelnd. Herr und Frau
Macket waren aus der Pforte getreten und sahen ihm nach. Jetzt flatterte
Ilses Taschentuch als Abschiedsgru noch einmal aus dem Fenster, dann bog
der Wagen um die Ecke und war den Blicken entschwunden.

"Komm, lieber Mann, wir wollen wieder hineingehen," sagte Frau Anne.

"Nun ist sie fort," sprach er halblaut, wie im Traume.

"Sie ist glcklich," gab Frau Anne zur Antwort.

"Ja, sie ist glcklich," wiederholte er leise und ein heller Freudenschein
berflog sein von der Trennung schmerzlich bewegtes Antlitz. Arm in Arm
gingen die beiden in das Haus zu ihren Gsten zurck.

                              [Illustration]


Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzhlung liebgewonnen
haben, werden gerne erfahren, da die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
Titel "Aus Trotzkopfs Ehe" in gleichen Verlag erschienen ist.






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***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TROTZKOPF'S BRAUTZEIT***



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August 28, 2011

            Project Gutenberg TEI edition 1
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any volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


                                Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
eBooks with only a loose network of volunteer support.

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***FINIS***
