The Project Gutenberg EBook of Hann Klth, by Georg Engel

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Title: Hann Klth

Author: Georg Engel

Release Date: January 6, 2012 [EBook #38502]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLTH ***




Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor
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  Georg Engel




  Hann Klth


  Roman

  Mit 24 Zeichnungen von
  O.H. Engel

  Deutsche Buch-Gemeinschaft
  G.m.b.H.
  Berlin

  Nachdruck verboten.

  Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten
  Copyright 1910 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig


Meiner Vaterstadt Greifswald


    Du liebe Alte, hoch am Meer,
    Mit blauen Augen, weien Haaren,
    Wann wird mir wohl die Wiederkehr
    Nach all den langen Wanderjahren?

    Wann wirst du mir den Schemel rcken
    Und sprechen: Jnging, ruh di ut?
    Wann werd' ich leis die Hand dir drcken
    Und fragen: Mudding, bst mi gut?

    Vielleicht bin ich schon siech und grau,
    Bevor der Weg zu dir durchmessen.
    Du liebe, gute, alte Frau,
    Vergi mich nicht, ich werd' dich nie vergessen.




Erstes Buch

Moorluke

I


Mudding, sagte der Kranke, ich seh sie ganz deutlich. Es sind zwlf
schwarze Kfer, die da auf dem Zifferblatt von der alten Uhr im Kreis
laufen.

Ne, ne, entgegnete die kleine Frau, und in ihre Stimme kam ein Stocken
und Zittern, whrend sie nichtsdestoweniger unablssig an dem groen,
grauen Strumpf, der schon fast bis auf die Erde herabhing,
weiterstrickte. Das is man dein Fieber. Und wenn das Fieber
wiederkommt, sagte heut der Doktor, dann steht es schlimm.

Das kann sein, meinte der Lotse Krischan Klth, und das Reien krmmte
ihn in den rot und wei gewrfelten Kissen noch etwas mehr zusammen.
Aber ich hab' die Kfers gezhlt -- hr', und nu brummt einer.

An der schmalen Kastenuhr in der Ecke sank ein Gewicht. Es rollte dumpf.

Sechs, zhlte die kleine Frau Klth. Dann seufzte sie tief auf. Ich
soll wohl nun Licht anmachen?

Ja, ja, Mudding, es mu doch hell sein, wenn er kommt.

Ja, wenn er es tut, meinte Frau Klth bedenklich. Denn sobald man ihn
nich hflich einladet, dann kommt er nich.

Von der roten Birkenkommode flackerte ein Talglicht auf. Der Kranke
rckte sich in dem trben Schein etwas hher im Bett zurecht und warf
zuvrderst einen mitrauischen Blick auf das Zifferblatt. Dann strich er
beruhigter ber die Decke. Ja, ja -- nu kriechen die verfluchtigen
Biester nich mehr. Es is doch gut, wenn es hell is. -- Mudding, halt mir
das Licht dicht an die Finger. Mir is kalt. -- So -- sieh eins, wie dnn
sie geworden snd.

Er wurde wieder ungeduldig und schlug auf den Bettrand.

Siehst du das Boot noch immer nicht?

Die Frau trat an das kleine quadratfrmige Fenster, das auf den Bodden
hinausging, und schttelte den Kopf.

Da drauen war nichts als leere, graue Flche. Hinter ihr schrie der
Lotse pltzlich auf. Die tollen Schmerzen wrgten ihn bereits im Halse.

Mudding, gellte der Kranke.

Lieber Gott -- lieber Gott, murmelte die hilflose Frau, ohne sich
umzuwenden, und faltete die Hnde. Was soll man da tun?

Dann wurde es wieder still. Die Uhr knarrte laut und deutlich ihren
Schlag.

Inzwischen hatte der alte Klth nach dem Stuhl gelangt, auf dem ein
Stck gedrehten schwarzen Priems und ein Taschenmesser lagen. Rasch und
heimlich schnitt er ein groes Stck ab und schob es in den Mund.

Doch die Frau, obwohl sie noch immer abgekehrt ber die See sphte,
hatte es gemerkt, als wenn sie auch im Rcken Augen bese. Das darfst
du nicht, verwies sie matt.

Doch ohne darauf zu achten, kaute der Lotse eine Zeitlang begierig
weiter, dann spie er den Tabak wieder aus und schttelte so mutlos das
Haupt, da die schweinassen grauweien Locken ihm struwlig ber die
Stirn fielen. -- Ne, Mudding, sthnte er und sank zusammen -- es wird
nichts mehr. Fnfzig Jahre hab ich ihm nu gekaut. Und seit vier Tagen
will's nich mehr -- kuck' -- das is ein Zeichen vom lieben Gott.

Ja, ja, was wollt's nich? nickte die kleine, ltliche Frau und faltete
wieder zerknirscht die Hnde. Darauf strickte sie, wie erschreckt, an
dem grauen Strumpf weiter.

                              *     *     *

Dicht unter den Fenstern des Lotsenhuschens lag zur selben Zeit eine
kleine Jacht am Bollwerk angeschlossen. Sie war von oben bis unten mit
Kartoffeln beladen und gehrte Johann Christian Petersen. Wenigstens
stand sein Name in goldenen Buchstaben vorne an der Schiffswand. Aber
der eigentliche Kapitn des Fahrzeuges war Frau Drthe Petersen, die
eben in ihrer Kchenkajte einen Eierkuchen gebacken hatte und nun von
der Steuerbordseite aus der kleinen Line, die am Bollwerk stand, ein
groes Stck heraufreichte.

In der bloen Hand. Aber das schadete nichts.

Nu i, mein Dchting, sagte die starkknochige Frau, die mit nackten
Fen und hochaufgeschrzt herumging, denn aus dem kleinen Schiff wurden
von zwei halberwachsenen, strohblonden Shnen der Frau Drthe
ununterbrochen Kartoffeln ber das Landungsbrett gekarrt und drauen in
Scke gefllt. Wenn es zu langsam ging, dann sprang Frau Drthe selbst
entschlossen hinzu, um ihren beiden Sprossen je einen
freundlich-aufmunternden Puff unter die Rippen zu versetzen.

Au, Mudding, das tut jo weh!

Das soll es ja auch. -- Man immer zu.

Und das Karren ging weiter.

So hielt sie alles im Gang. Nur ihr Mann hockte in einem braunen,
fellartigen Anzug auf dem Kajtendach und spielte, ohne sich um etwas zu
kmmern, die Handharmonika.

Eine andere Beschftigung hatte nie einer bei ihm wahrgenommen, und man
verlangte sie auch nicht. Denn bei der groen Flut war ihm bei einer
Rettungsarbeit ein Balken auf den Kopf gestrzt und hatte ihm den klaren
Verstand eingeschlagen. Frau Drthe aber, obwohl sie ihn erst nach
dieser Zeit geheiratet hatte, war dennoch felsenfest berzeugt, da
Malljohann, wie er in Moorluke genannt wurde, ein tiefsinniges und
nachdenkliches Haupt und auf dem Gebiete der Handharmonika ganz
einzigartig dastehe.

Malljohann sa und spielte --

    Judemdel, wasch dich, kmm dich, putz dich schn,
    Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.

Der Walzer, von der Harmonika mit Glockenspiel vorgetragen, klang laut
und scharf ber den stillen Flu und mute auch in die Krankenstube
hinaufdringen. Von oben antwortete auch sogleich ein schriller,
chzender Wehlaut.

Hrst du? begann Frau Drthe zu Line, whrend sie vielsagend die
Achseln zuckte: Da stirbt nu dein Vater. -- Ja, so is es in der Welt.
-- Willst du noch'n Stck Eierkuchen, min Dchting?

Line empfand noch Appetit. Sie hatte sich auf das wurmstichige braune
Bollwerk gesetzt und schaukelte mit den nackten, weien Beinchen
zwischen Schiff und Holzwand nachlssig hin und her.

Fr ein vierzehnjhriges Kind war sie auffllig zierlich und biegsam
gewachsen.

Pltzlich hob sie das schwarze Haupt mit den merkwrdig blitzenden Augen
und sagte bestimmt, auf das kleine Fenster des Lotsenhauses deutend:
Das is nich mein Vater.

Wer denn? fragte Frau Drthe gespannt, obwohl sie ganz gut wute, da
die Kleine recht hatte.

Das is man blo mein Pflegevater, antwortete Line kauend, mein
richtiger ist der Klabautermann.

Huch, schrie die Schifferfrau entsetzt auf und schielte zu Malljohann
empor, ob er das Kind auch ordentlich verstanden htte. -- Huching --
Jochen, hast gehrt? -- Ltting, oh, wer ist denn der Klabautermann?

Der tapfere weibliche Kapitn war ordentlich scheu zurckgewichen.

Der Klabautermann?

Je. -- Die Kleine schaukelte wieder ein bichen mit den nackten
Beinen, dann gab sie so fest zurck, wie sie etwa in der Schule eine
Antwort deklamierte: Je, der Klabautermann is ein Wasserzwerg.

Und von so einem bist du die Tochter?

Ja, so is es, beharrte Line ernsthaft, und wischte sich die
Kuchenhnde an ihrer Schrze ab.

O jeh -- o jeh, schrie Frau Drthe und schlug entsetzt ihre Fuste
zusammen. Und die Shne hielten mit ihren Karren still. Und Malljohann
endete das Judenmdel mit einem schrillen Wehlaut -- und zog sein
glattrasiertes Gesicht in hundert Falten -- und alle starrten sie auf
Line hin.

Aber du liebe Gte, wer hat dir denn so was eingeredet? stotterte
endlich Frau Drthe.

Allein, Line befand sich zu sehr in ihrem Recht.

Das hat mich oll Kusemann erzhlt, brachte sie rasch hervor und stand
beleidigt auf, und Hann hat es auch gesagt.

Oll Kusemann? wiederholte Frau Drthe nun ehrlich emprt und dabei ein
wenig triumphierend -- Jochen, hast's woll gehrt? -- Das is ja der oll
Lgenlotse hier. -- Und Hann? Hann is weiter nichts als ein Dummkopf.

Ja, dumm is er man, pflichtete Line bei. Dann verzog sie das
kirschrote Mndchen zu einem spitzbbischen Lcheln.

Da wurde das Idyll hlich unterbrochen.

Im gleichen Moment vernahmen alle auf dem Schiff so namenloses, tobendes
Geheul aus dem Krankenzimmer herabschrillen, da alle zusammenschreckten
und verlegen auf die Planken sahen.

Als sie wieder aufblickten, lag Line lang auf dem harten Uferboden
ausgestreckt, die Stirn auf kleinen Kieselsteinen, und whlte mit den
Fingern in Gras und Erde herum.

Was machst du da?

Er soll nich sterben! -- soll nich sterben, raste die Kleine in
wtendem Trotz und schleuderte allerlei Steine von sich. -- Wozu mu
denn gerade er sterben? -- Kann es nich Hann sein?

Die Kapitnin sah wieder zu ihrem Gatten empor. Der aber hatte das Kinn
auf die Harmonika gelehnt und schien nachzudenken.

Ltting, du mut zu dem lieben Gott bitten, entschied die Frau endlich
berzeugt und nickte dreimal sehr stark mit dem Kopf. Das ist das
einzigste Mittel.

Aber bei Line verfing es nicht. Immer erregter schlug sie auf das
Bollwerk und schluckte vor Wut und Trnen: Das hab ich alles schon
versucht. Aber es hat mir nichts gentzt. Vielleicht weil ich gar nich
sein richtiges Kind bin, setzte sie hinzu, wie die andern. Ich hei ja
auch nich Line. Ich hei ja Aline. Und drauen auf dem Bodden, da haben
sie mich gefunden.

Damit erhob sie sich auf den nackten Knien und zeigte auf die graue
Wasserflche der See hinaus, als ob sie dort drauen etwas Schreckliches
und Merkwrdiges zugleich ersphe.

Seltsam, wie sich dabei die Augen des Kindes vernderten. Etwas Wildes,
Dunkelleuchtendes flackerte darin auf. Es war jetzt bereits klar, da in
diesem kleinen Wesen die Phantasie mchtig schaffe und wirke.

Unvermittelt fuhr sie empor.

Malljohann, schrie sie zu dem Fellbraunen hinauf: Spiel wieder -- ich
will eins tanzen.

Was? Jochen, untersteh dich, -- rief Frau Drthe fassungslos dagegen,
pfui, was fr ein Gr -- ihr Vater stirbt da oben, und dann will sie so
was!

Doch, doch, wenn der liebe Gott mir nicht hilft, dann tanz ich, schrie
Line noch einmal und wirbelte bereits, wie zum Hohn, auf einem Fue
herum.

Und dann geschah etwas Unvorhergesehenes!

Malljohann lie pltzlich mit aller Macht den unterbrochenen Walzer
ausklingen. Die Glcklein klirrten, die Pfeifen brausten, und die Kleine
begann sich grazis und sicher herumzudrehen, bis ihr rotes Rckchen um
die nackten Beine flatterte und die beiden Schifferjungen begehrlich zu
ihr hinberglotzten. Und immer, wenn sie sich zur Kapitnin wandte,
streckte sie drollig die Zunge heraus.

Jochen, willst du woll? tobte diese noch einmal kirschbraun vor Zorn.

Aber der Mann auf dem Kajtendach winkte mit dem Kopf zu Line herber,
und aus dem sonst so schweigsamen Munde brach ein merkwrdiges Knastern:
Gurr -- gurr -- Klabautermann.

Da erschrak Frau Drthe und schwieg. Jetzt wute sie es. Jochen hatte
sich ebenfalls fr den Seezwerg entschieden. Und Jochen war ein tiefer
und grndlicher Geist.

Und mit heimlichem Schauder sah sie mit an, wie Line sich rter und
immer rter tanzte, gerade unter dem Fenster des gequlten,
hinsterbenden Lotsen, der von Zeit zu Zeit dazwischenheulte.




II


Der Erwartete war gekommen.

Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herbergeholt.

Es war der Schfer von Ludwigsburg. Ein Heilknstler, gegen den alle
Professoren drin von der kleinen Universitt zu lcherlichen Pfuschern
herabsanken.

Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkrfte und dabei von wirklich
frommer Gesinnung.

Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches
Schweigen berall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung
erzeugte.

Dieser war oben.

Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer
hinauffhrte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefrbt
schien, warteten inzwischen die beiden ltesten Shne des Lotsen,
whrend Line auf der untersten Stufe der Treppe sa und gedankenvoll auf
das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube
herunterquoll.

Sie sttzte den Kopf auf und schttelte sich leicht wie im frostigen
Winde.

Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran
zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lgenlotse, oll Kusemann,
hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhuschen an der See
erzhlt, wie Schfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem
Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen
suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines lngst
verstorbenen Fischers wre er dann stehen geblieben und htte einen
Zettel auf dessen Hgel gelegt. -- Einen Zettel. -- Denk' blo, Lineken,
einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben. Der Tote aber sei
der alte Glckspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen
Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans
Tageslicht gefrdert habe. -- Und richtig -- Line zuckte in der
Erinnerung frmlich in die Hhe und starrte mit weitgeffneten Augen vor
sich hin -- als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das
Grab mit einem Schlag geffnet und --

Oben chzte die Tr und fiel schallend wieder ins Schlo.

Tu mir nichts, rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die
Hnde aus.

Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann
polterte herab und stie mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rcken.

Au -- dummer Junge -- nimm dich doch in acht!

O Lining, ich wollt ja nich -- ich soll blo -- -- damit fiel der
fnfzehnjhrige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum
hinein und hob vor seinem ltesten Bruder ordentlich bittend die Hnde
in die Hhe.

Was willst du, Hann?

O Paul -- Pauling -- nich wieder bse sein.

Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben
ist?

Das nich, aber du sollst -- --

Was? unterbrach der junge Theologe ungeduldig.

Du sollst mir das Buch geben.

Welches Buch?

Oh, die Bibel, Pauling.

Die Bibel?

Fr Schfer Sturm!

Was will der mit ihr?

Das darf ich dir nich sagen.

Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren
Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes
und Eckiges.

Hann -- Rasch und stoend redete er, gleich einem, der die Sprache
nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes,
Stammelndes, das zum Herzen drang. Hann -- ich hab' dir nie was getan.

Ne -- ne, schluckte der Junge.

Mir kannst du alles sagen.

In seiner Aufregung berfiel ihn wieder jenes verwnschte Stammeln. Und
diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenber unterlag Hann
widerstandslos.

Der Junge zitterte: Pauling, nich bse sein.

Nein.

Der Schfer -- will einen Spruch aus der Bibel reien, und den soll
Vating verschlucken.

Verschlucken?

Ja, verschlucken, sagte Hann ernsthaft.

Und dazu soll ich ihm das heilige Buch berliefern? entgegnete der
Student entrstet. Schon war er auf einen kleinen Schrank zugeeilt, auf
dem oben ein paar Bcher standen, und nun ri er das umfangreichste an
sich. Etwas Eckiges, Buerisches, berzeugtes steckte in all seinen
Bewegungen.

Das Tiefste, das uns geschenkt ward, soll ich so mibrauchen lassen? So
-- so -- Zu solch aberglubischem Betrug? stammelte er von neuem. Er
drckte das Buch an sich, da ihm die Arme bebten. Dann machte er einen
hastigen Schritt nach der Treppe zu und redete voller Zorn und Eifer
weiter.

Er sei kein Frmmler, aber das drften die Eltern eines Gottesgelehrten
nicht begehen. Solche Snde. Solch heidnisches Hexenwerk. Gleich --
gleich wolle er selbst in die Krankenstube hinauf und Schfer Sturm
vertreiben. Mit Gewalt, wenn es sein mte.

Dabei betrat er schon die erste Stufe.

Allein, unbeweglich, mit aufgesttztem Haupt, aus dem nur die Augen wie
glimmende Punkte herausfunkelten, so sa Line zu seinen Fen und
sperrte ihm den Weg.

Er htte ber sie forttreten mssen.

Line, so geh doch zur Seite, herrschte er sie an.

Nein -- erst gib Hann das Buch.

Was? stotterte der Student.

Gib her, flsterte das Kind noch einmal mit seiner heien Stimme und
schlang trotzig die Arme um seine Beine, um ihn am Steigen zu hindern.
Du verstehst das nicht -- der Schfer kann hexen.

Oh, das kommt davon, das kommt davon, da du so gar nichts lernst, kam
es heiser von den Lippen des Studenten. -- Aber das mu anders werden.
Und jetzt gleich la los -- ich mu -- ich mu hinauf.

Er drngte sie mit seinem Fu beiseite.

Line fiel, im nchsten Moment wre der Gereizte an ihr vorber gestrmt.

Da mischte sich eine neue Stimme in den Streit.

Am Tisch in der kahlen blauen Stube sa der mittelste der drei Brder,
Bruno.

Sekundaner war er drinnen auf dem Gymnasium in der Stadt. Ein hbscher,
dunkelhaariger, siebzehnjhriger Bursche. Der Liebling der Eltern, der
Liebling der Lehrer. Einer von denen, auf die alle Hoffnungen gesetzt
werden, die dann die Zeit erfllen soll!

Die Zeit!

Paul, sagte der Sekundaner mit seiner hellen, frischen Stimme, gib
doch das Buch. Wenn es nichts ntzt, so schadet es doch auch nichts.

Der Theologe beugte sich ber das Gelnder, um Bruno besser sehen zu
knnen.

Ja, ja, so bist du, grollte er. In jedem Wort sprichst du dich selbst
aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit
anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein -- aber es soll doch
wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine
Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer
Sanftmut nie gewut, was Selbstbestimmung heit. Du und dieses kleine
Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und
Hann -- Gott -- er zuckte die Achseln -- Hann ist es nicht so gegeben.
Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, da
wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.

In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich geprete Buch nicht
mehr acht gegeben. Jetzt vermite er es.

Einen halblauten Ausruf der berraschung stie er aus.

Bruno -- Hann -- wo ist die Bibel? -- Wo?

Ja, wo war sie?

Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfig, in all ihrem Schrecken vor
dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Hhe.

In ihren Hnden etwas Schwarzes, Umfangreiches.

Line -- Line, rief der Student totenbleich hinter ihr her.

Da zgerte sie an der Tr noch einen Moment. Als sie aber Schritte,
Sprnge vernahm, duckte sie sich, und -- -- durch die entstehende
Trspalte steckte sie etwas hindurch.

Da --

Ihr Atem pfiff.

Ich dank dich, mein Dchting, tnte es von drinnen.

Es war geschehen.

Im gleichen Moment fhlte sie sich an den Schultern gepackt. Oh, wie
heftig dieser groe, schmale Mensch immer zugriff mit seinen Hnden, die
nichts als Sehnen und Knochen waren. Und doch empfand das wilde, kleine
Wesen eine Art Ehrfurcht vor ihm.

Du -- du Geschpf, keuchte er, du bist wie solch' kleine, bse Hexe
-- aber warte, das mu anders werden. Und wenn ich mich dabei an dir
vergreifen sollte. Diese schreckliche Unbildung mu aus dem Hause. Warte
nur.

Wie wenn er gar nicht wte, was er tat, schttelte er sie zornig hin
und her.

Das Kind gab keinen Laut von sich. Nur als Bruno, erschreckt ber das
dumpfe Gerusch dieses stummen Ringens, mit einem Lichtstmpfchen an die
Treppe trat, da sah der Student, wie ihre Augen ununterbrochen und fest
in die seinen blickten.

Eine groe, merkwrdige Ruhe wohnte in ihnen.

Da lie er von ihr ab, als habe er sich an einem Dorn gestochen.

Tief seufzte er auf und wollte eben wieder hinuntersteigen, als die Tr
des Krankenzimmers sich in ihren Angeln drehte. Und in dem breiten
Lichtschein stand die kleine Frau Klth und sagte mit ihrer ebenen
Stimme: Vating will euch alle noch eins sehen. Kommt!

Hierbei verlor ihre Stimme den ruhigen Klang. Aber den halbfertigen
Strumpf hatte sie noch immer in den Hnden.

                              *     *     *

Ja, nun seid ihr alle da, flsterte der Lotse und hob sich weit aus
den Kissen heraus, um die Anwesenden zu berzhlen.

Seine Hand schwankte dabei hin und her -- --

Und Paul -- und Bruno -- und Line -- und Hann -- un Mudding -- un der
oll Schfer -- un mein Bootsmann Dietrich Siebenbrod -- ihr seid alle da
-- ja, ja, das is mein Bootsmann. Mit dem zusammen hab' ich damals die
kleine Line gerettet. Prsting Dietrich -- -- wann werden wir wieder
eins von dem feinen Kognak trinken? -- von dem feinen Kognak. -- Ja, ja,
Dietrich Siebenbrod -- das mut du nich tun, mmer so viel trinken,
sonst bist du 'n guter Kerl -- und verstehst deine Sach! -- Komm Mudding
-- komm her -- gib mich deine Hand. Und Dietrich Siebenbrod gib mich
auch deine. -- Ich mu nu rauf -- das ntzt allens nichts -- Schfer
Sturm, der doch sonst seine Sach versteht, ntzt da auch nichts. --
Hr', Dietrich Siebenbrod, da sollst du auf mein Haus aufpassen, denn du
bst 'n anstndiger Kerl und verstehst deine Sach'. Ja, Mudding, das is
Dietrich Siebenbrod. -- Du, Mudding und Siebenbrod, ihr bleibt zusammen.
-- Und wenn's mit der Lotsenanstellung nichts is, denn is es mit der
Fischerei was. Ja, ja -- da hat man dann auch weniger Zeit, dann trinkt
man auch nich soviel. -- Der verfluchtige Kognak, -- Mudding, nu spr
ich's. -- Und du und Dietrich Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. Und dann
pat ihr auf die Kinder auf, damit da was draus wird. -- Und -- und --
Siebenbrod, klopf' mich auf den Rcken, mir ist's, wie wenn ich in der
See lg. Weit noch, wie wir das kleine Jhr, die Line, von der
schwedischen Bark gerettet haben, und keiner wut, wie das Ding hie? --
-- Lining, komm her -- steh nich so in der Ecke -- sterben mu jeder
mal. -- Du bist mmer 'n drolliges Ding gewesen und hast mir viel Spa
gemacht. Ja, und Mudding, unser ltester wird Paster -- Paster -- ja --
denn er is 'n feiner Kopf. Und wenn's auch viel Geld gekostet hat -- ja,
Siebenbrod, gar zuviel Geld --'s freut mich doch. 'n Paster, -- 'n
wirklichen Herrn Paster, hab ich doch zustand' gebracht. Und was unser
zweiter is, Bruno -- der is klug, der is sehr, sehr anschlgig -- hat
auch was gelernt. -- Da hat mich Konsul Hollander versprochen, er kommt
zu ihm ins Kontor -- Schiffsreeder -- Bruno wird eins 'n reicher Mann
werden -- Hollander hat ja auch man so klein anfangen, na, man kann nie
-- nie wissen. -- Und ja, pa auf -- ich sag weiter nichts.

Und was soll nu aus Line werden? Line? -- Line? Ja, das wei ich nich,
darauf versteh ich mich nich. Da wird schon einer kommen. -- Aber nu --
nu mit Hann. -- Hann, wein' nich, du kannst da auch nichts fr. Lernt
nichts -- und hat nichts gelernt -- oh, Siebenbrod, den mut du hier
anbndigen. Is'n guter Jung, un 'n Boot regiert er auch ganz gut. Den
mt ihr hier so nebenher mit auffttern. -- O je, Hann, wein' nich, du
kannst da auch nich fr. -- Siebenbrod, klopf' mich auf den Rcken. --
Und nu, nu ruf mir die Lotsen mal her -- du sagst doch, sie stehen hier
an der Tr, die Kollegen. Na, denn soll'n sie raufkommen. Ja, 's is
gut, Siebenbrod, ruf 'runter!

Je, da seid ihr ja, ihr zwei, oll Kusemann un Friedrich Pagels. --? --
Je, nu nehmt man an, vor vier Wochen nu noch Dienst getan -- und nu
jetzt soll's losgehn. -- Na, oll Kusemann -- ich dank dir auch, da du
das mit Hann so gut meinst, dem armen Jung. Aber tu mich den Gefallen,
mut ihm auch nich mehr so viel dumm Zeug erzhlen. Und du, Pagels --
na, hast du auch wieder das verschnrte Bein? -- Ja, ja, auf die Art
geht das mal mit uns allen zu Ende. -- Ich wollt dich fragen, ob du wohl
mein zweites Boot kaufen willst. 's kann ein Zesner draus gemacht
werden. Ganz bequem. Und du hast doch die Erbschaft getan und kannst
gleich bezahlen. Und bei mir is das man -- mit dem Begrbnis --
verstehst du -- es mu doch gleich Geld da sein. Und wir haben nu so
viel eingebrockt durch die Krankheit und das alles. Und wenn du
zweihundert Taler so geben wrdest -- -- Weniger? -- Na,
einhundertachtzig. Aber dafr is 's halb umsonst, nich war, Siebenbrod?
Also, 's is zwischen uns abgemacht, Friedrich Pagels -- ihr habt's
gehrt. --

Und -- und -- Paul, komm her, du bst mein Paster, sing was
Geistliches, ein schnes Gebet, du kannst ja -- -- Und, und Mudding, ich
dank dich auch fr alles -- und -- und der Kauf mit Friedrich Pagels ist
abgemacht -- -- -- und Lining -- un -- un Hann -- un -- abgemacht -- is
-- allens!

Nu 's vorbei, murmelte der aufgeschwemmte Lotse mit dem verschnrten
Bein, dem die Wassersucht deutlich anzumerken war.

Das is es, flsterte oll Kusemann und schlich zu Hann. Und nach einer
Weile sagte er ganz leise: Mich war's, als wenn ich so was Graues an
den Fenstern htt' entlangflattern sehn.

Wollen ihm die Augen zudrcken, sagte der riesige Siebenbrod und
nherte sich vorsichtig dem Bett. Und als er seine Pflicht erfllt
hatte, brachte er noch stockend heraus: Schlaf woll, Herr Klth.




III


Es war am Abend nach dem Begrbnis.

Da begab sich folgendes:

Die leidtragenden Fischer und Lotsen, die so altertmlich in ihren weit
abstehenden, schwarzen Gehrcken und den unfrmigen, pudligen Zylindern
aussahen, waren nach einem reichlichen Leichenschmaus abgezogen. In dem
Stbchen, in dem der Kranke so lange gelegen, blieben nur seine beiden
ltesten zurck, um in einem alten Rollpult nach Papieren zu suchen, die
der Verstorbene vielleicht hinterlassen. Es sollte eine Verschreibung
des Magistrats auf eine Pension vorhanden sein.

Wenigstens hatte sich oll Kusemann whrend des Leichenschmauses bei
einem Glase Kirschlikr urpltzlich darauf besonnen.

Wenn das wirklich ausnahmsweise kein Geflunker war! Wenn das Wahrheit
wre! --

Fast ohne zu sprechen suchten die beiden.

Das Fenster stand offen. Man wollte auslften. Unterdes befanden sich
die andern Trauernden auf dem Hofe hinter dem Huschen.

Es war ein kleiner, ungepflasterter Hof. Rings herum ein Bretterzaun, an
dem rote Johannisbeerstrucher in die Hhe rankten. In der Mitte ein
niedriges, grnmoosiges Rohr, die Pumpe. Ganz in der Ecke, auffallend
niedrig, mit Moos und Schindeln gedeckt, ein Stall fr drei Khe und
daneben, nicht grer als eine Hundehtte, ein hlzerner Schweinekoben.

Aus ihm drang Schnuppern und Schnaufen den ganzen Tag. Auf dem schrgen
Dach jenes Kobens saen an diesem Abend Hann und Line.

Beide in ihren schwarzen Traueranzgen.

Der Junge ungeschlacht, wie ein verzauberter kleiner Schornsteinfeger;
das Mdchen vornehm, wie die Prinzessin, die den Schweinehirten
heiratet.

In dem Kuhstall aber weilte noch ein anderes Paar. Ein lteres. Hier sa
die Witwe, die kleine Frau Klth, mit ihrem vergrmten Gesicht auf einem
Schemel und verrichtete langsam und trauervoll ihr abendliches Werk. Sie
melkte ihre wohlgenhrten, glnzenden Khe.

An der Schwelle, leicht an den Pfosten angelehnt, sah Dietrich
Siebenbrod, gleichfalls im Trauerrock, diesen Geschften nachdenklich
zu.

Er hatte eine kleine Pfeife in der Hand. Aber er rauchte nicht. Er hielt
das in diesen Augenblicken fr unschicklich.

Ein wundervoller Herbstabendglanz lag auf dem Fischerdrfchen.

Bume und Dcher leuchteten einen unbestimmten matten Schimmer. Am
Himmel zogen lichtrosige Wolken dahin. Rosig durchleuchtet ringelte sich
Rauch aus den Schornsteinen. berall tiefe Ruhe. Nur vom Bodden strich
ab und zu ein leichter Windzug daher, und dann sah man fern durch die
Bume und Bsche, wie die See drauen ihre Farben nderte.

Ein Jagen von Grn und Zitterblau!

Dann wieder Stille.

Da regte sich Line auf dem Koben.

Sprich was, sagte sie zu Hann und stie ihn leicht an den Arm. Es ist
so hlich, das Stillsein.

Sie frchtete sich heimlich. Denn ununterbrochen, klammerfest wurde sie
von diesem einen Bilde gefangengenommen, wie die Lotsen den Sarg
heruntergelassen, die Erdklumpen hohl daraufgekollert, und wie oll
Kusemann hinter ihr, scheinbar absichtslos, die Worte geflstert: Sieh,
wenn die letzte Handvoll drauf liegt, dann macht sich die Seele auf
ihren Weg.

Ja, dann macht sie sich auf den Weg, ging es ebenfalls durch Hanns
Gedanken, denn auch er hatte, ohne da Line davon wute, die Worte oll
Kusemanns wohl vernommen.

Und zum erstenmal -- an dem dunklen Grab -- regte sich bei dem blden
Jungen, dem das Lernen versagt war, eine nachdenkliche Frage.

Jetzt sprach er sie aus. Langsam und stockend in den lichten Abend
hinein, whrend unter ihm die Schweine schnffelten und ganz nahe die
Milch in den Eimer klatschte.

Lining, begann er, hast gehrt, was oll Kusemann sagte? -- Weit du,
was 'ne Seel' is?

Nein -- la, versetzte die Kleine ngstlich und zog an ihrem Kleid.
Aber oll Kusemann meinte ja vorgestern, sie sh' grau aus.

Ja, grau sieht sie aus, nickte der Junge schwerfllig, denn irgend
'ne Farb' mu sie haben. Schweine sehen gelb aus und Rosen rot, und
Seelen werden dann woll grau sein.

Vaters Seel' is nu im Himmel, -- sagte Line geheimnisvoll. Sieh, da
oben, wo die rote Wolke geht, da oben sitzt er gewi und sieht zu, wie
hier das Vieh gefttert wird. Das hat er sonst ja auch immer gemacht. --
Meinst du nicht, da er's da oben gut hat?

Das hat er, besttigte Hann ernsthaft.

Woher weit du das? fragte Line rasch.

Hann rckte eine Weile hin und her, als getraue er sich nicht recht.
Dann beugte er sich vor, warf einen sphenden Blick in den Kuhstall
hinein und schob sich endlich ganz dicht an Line heran, so da die
beiden Kpfe sich eng berhrten.

Sonst lie ihn Line nie so nahe heranrcken, ohne die Hand gegen ihn zu
erheben.

Ich wei, da er's gut hat, brachte der Junge scheu hervor und
seufzte, als wenn ihn ein Geheimnis drcke. Aber sieh, du mut es Paul
nicht sagen.

Was denn, Hann?

Wieder ein schwerer Atemzug, dann rasch: Ich hab neulich in den Himmel
reingekuckt.

Du?

Ja, ich.

Womit?

Oll Kusemann hat in seinem Wetterhaus ein Rohr. Damit kann er in den
Himmel kucken. Und da hat er es mir auch gezeigt.

Hann -- Hanning, und was hast du da gesehn?

Lauter Glnzendes, das so hin und her zieht, und dann solche grauen
Punkte, die fliegen berall herum. Das sind die Seelen. Oll Kusemann hat
es mir ganz genau erklrt.

Hann --

Line zgerte einen Moment. Dann schlang sie ihren Arm in den seinen. Die
Frage war zu wichtig.

Hast du auch den lieben Gott gesehn?

Hann zgerte und seufzte wieder.

Es fiel ihm zu schwer.

Hann, was tat der liebe Gott?

Line -- ich darf nicht drber sprechen. Oll Kusemann hat es mir direkt
verboten. Aber -- er wlzte sich seine Last ab -- du sollst es wissen.
Der liebe Gott sitzt an einem groen goldenen Tisch und um ihn herum
lauter graue Seelen.

Und was machen sie da?

Da essen sie Mittag.

Mittag? Jemine, essen die da oben auch?

Jawoll -- -- die Schsseln und Glser hab' ich genau erkannt. Oll
Kusemann sagt, die wren all' von Sonnenschein.

Line starrte ihn an.

So schn is es da oben? fragte sie endlich. Begierig hob sie die Augen
zu den groen roten Flecken empor, die sich allmhlich silbern
rnderten.

Es wurde immer dunkler. -- Pltzlich schrie Line auf.

Line, was is?

O da oben! rief sie und legte schaudernd den Kopf auf das Dach des
Kobens. Sie zitterte.

Deutlich hatte sie den alten, toten Lotsen geschaut, wie er in seinem
roten Schiff ber sie hinfuhr. Dabei hatte er Line gerufen -- ganz
deutlich Line. Jetzt hob auch der Junge das Haupt. Dann nahm er die
Mtze ab und grte nach oben.

Ich hab' ihn auch gesehn, flsterte er dabei.

Fr eine Weile herrschte tiefe Stille zwischen den Kindern. Erst nach
einiger Zeit nickte Hann ernsthaft vor sich hin und legte den
Zeigefinger an seine plumpe Nase: Ich hab's mir gleich gedacht, sprach
er, da er nun da oben als Schiffer angestellt is. Ich mcht' auch gern
einmal in solch schnem roten Schiff fahren.

Mchtest du denn auch schon dahin? fragte Line frierend vor Furcht und
schttelte die schmalen Schultern.

Da kommen alle Menschen hin, die hier unten nicht gesessen haben.

Und die gesessen haben?

Die kommen zum Teufel. -- Oll Kusemann hat ihn erst neulich in
Stralsund getroffen. Er trug einen Zylinder.

Nein, nein, zitterte Line und nahm rasch Hanns Hand in die ihre.

Sie hielt ihn ganz fest.

Aber nach ein paar Augenblicken sprach Hann nachdenklich weiter: Das
hat der liebe Gott schlecht gemacht.

Was, Hann?

Immer nher drngte sie ihre zitternden Glieder an den Jungen heran.

Da er nicht gleich lauter Seelen gemacht hat. Dann brauchte man nicht
erst in solch engen, schwarzen Kasten, und die Begrbniskosten wren
auch nicht da -- und man htte gleich eine Anstellung in so einem
feinen, roten Schiff.

In diesem Moment ging ein Windsto durch die Bume. Altes Laub flog den
Kindern um die Ohren, und eine der Khe nebenan stie ein wehklagendes
Brllen aus.

Da durchdrang das kleine Mdchen ein berwltigender Schrecken. Heftig,
wie sie war, glaubte sie, Hann wre an allem schuld. Und whrend sie ihn
mit aller Kraft in den Arm kniff, so da er einen heiseren Schmerzensruf
ausstoen mute, schrie sie wild auf: Du Dummerjahn -- blo hier unten
bleiben -- ich will nich solch ein Gespenst werden -- nein, nein, ich
will nich grau sein.

Heftig sprang sie auf den zottigen Hofhund zu, den sie schutzsuchend
umklammerte. Und Pluto, der Hann nicht leiden konnte, heulte wtend nach
dem Dach des Schweinekobens hinauf und fletschte die Zhne nach dem
Jungen.

                              *     *     *

So hob ber den Schweinen die Geburtsstunde eines Philosophen an. In dem
Kuhstall daneben aber wurde zu derselben Spanne Zeit das Schicksal
entschieden, das alle, die sich jetzt in dem Lotsenhuschen befanden,
aneinanderketten, verwirren und dann auf ewig trennen sollte.

Im Abendglanz lachte dazu von fern die See, die sich doch einmal
zwischen die Schuldigen legen sollte, unschuldig wie ein kleines Kind,
das in azurner Wiege geschaukelt wird.

Der Bootsmann Dietrich Siebenbrod lehnte am Pfosten des Kuhstalles und
beobachtete, wie die Witwe seines Brotherrn die Khe melkte.

Der leichte Seewind spielte mit den Enden des ihm so ungewohnten
Bratenrockes, und unter dem wolligen Zylinder, der noch immer sein Haupt
bedeckte, fhlte sich Siebenbrod feierlich angeregt.

Deshalb sprach er auch kein Wort, sondern horchte mit Ernst auf das
Einstrmen der Milch.

Strull -- strull, ging es gleichmig fort.

Da schlug vom nahen Kirchturm die Uhr, deren goldene Buchstaben in der
Abendsonne gleiten und funkelten.

Die entscheidende Unterhaltung begann. Erst harmlos und ungewollt, wie
fast alle groen Ereignisse.

Acht, sagte Dietrich Siebenbrod, und nachdem er seine sogenannte
Warmbieruhr gezogen hatte, setzte er hinzu: Nu is der Herr all sechs
Stunden begraben.

Ach, Gott! --

In das Strull-strull mischte sich ein Schlucken, man hrte das
Rascheln des frischen Heus, das von den Khen aus den Raufen gezogen
wurde, und dann rann die Milch wieder stoweise in den Holzeimer.

Nach einer Pause der Sammlung fuhr Siebenbrod fort: Der Lotsenkapitn
aus Ghren war auch beim Begrbnis.

Und die melkende Witwe antwortete seufzend: Ja, ja, sie haben meinem
sel'gen Mann alle viel Ehr' angetan.

Darauf zog sie mit der Linken ihr Taschentuch hervor und fhrte es an
ihre weinenden Augen, mit der Rechten melkte sie frba.

Den Lotsenposten bekomm' ich nich, sprach Siebenbrod ruhig weiter --
Der Kapitn hat gesagt, es is wegen ...

Den Schnaps, tnte es aus dem Stall -- ja, ja Siebenbrod, das is nich
recht von Ihnen.

Jetzt gewhn' ich mir ihn aber ab, unterbrach der Bootsmann mit festem
Entschlu.

Is das sicher?

Ganz sicher. -- --

Die Witwe setzte den vollen Eimer beiseite, jedoch bevor sie den andern
heranzog, wandte sie ihr ltliches, vergrmtes Gesicht der Stallffnung
zu. Dann betrachtete sie den Bootsmann aufmerksam, brach aber sofort,
kopfschttelnd, in ein leises Weinen aus: Ne -- ne, -- es is zu slimm.

Was? -- Frau Klth.

O nix nich -- Siebenbrod -- ich meinte man so.

Damit machte sie sich an die letzte Kuh.

Strull -- strull.

Siebenbrod rhrte sich. Er hatte sich in der Nacht vorher alles
berlegt. Es ging nicht anders. Er mute es tun.

Frau, begann er und nahm vor der Wichtigkeit des Moments den Hut in
beide Hnde: Ich wollt' nun noch fragen, wie es mit mir wird?

Mit Ihm?

Ja, da ich ja nun den Lotsenposten nich bekomm, und da das mit der
Pension wohl auch man dumm's Zeug von oll Kusemann is, so wollt ich man
fragen, wie ich mich von nu an gehaben soll?

Je, Siebenbrod, wie mein lieber Mann gesagt hat -- dann wollen wir es
in Gott's Namen mit der Fischerei versuchen. Man mu doch leben. Und
vier Kinder sind auch nich leicht durchzubringen.

Je, das sag' ich man. Aber -- aber, Frau, nehmen's nich bel -- ich bin
doch nu auch all siebenunddreiig Jahr alt.

Je, was meint Er damit?

Die Witwe melkte hastiger, so da die Kuh ein wehklagendes,
mibilligendes Brummen ausstie.

Siebenbrod berzhlte noch einmal die Khe, dann sagte er ruhig: Je, es
is man wegen den Zesnerfischern.

Was wollen die, Siebenbrod?

Strull -- strull.

Je, Madamming, nehmen's nich bel -- aber sie nehmen keinen
Unverheirateten auf.

Huch, rief die Witwe tief erschrocken.

Was der Bootsmann da vorbrachte, bedeutete ja eine Gefahr fr das
verwaiste Huschen. Ein Fremder wrde sich ihrer sicher nicht annehmen,
und die paar Groschen, die ihr armer seliger Mann erbrigt hatte, ja, du
lieber Gott, die reichten gerade fr ein halbes Jahr.

Strull -- strull.

Und dann das Studium von Paulen -- und Bruno mute erst
Kaufmannslehrling werden (Ladendiener nannte es Frau Klth). Gott -- o
Gott, die offenste Angst sprach sich in dem ltlichen, so merkwrdig
glatten, ausdruckslosen Weiberantlitz aus. Und wenn nun Siebenbrod sie
auch noch im Stich lie? Vielleicht besa er bereits eine Braut? Ja,
dann sa sie ja ganz hilflos mit zwei alten Booten und vier unversorgten
Menschen da!

Was war hier zu tun? Sie wurde sehr nervs, und ihre Gedanken schwenkten
immer rechnender von dem Toten zu dem Heute zurck.

Hat Er denn schon eine? begann sie pltzlich berstrzt, und als
Siebenbrod ein wenig verlegen vor sich hinnickte, setzte sie halb
weinend hinzu, warum er das denn nicht schon frher geuert htte.

An der Kuh wurde lebhaft gerissen. Schmerzlich brllte das Tier auf. --

Muh!

Je, Madamming, sagte Siebenbrod schon etwas sicherer, ich dacht mich
auch, es htt' bis nach dem Begrbnis Zeit. Und whrend er den wolligen
Zylinder etwas langsamer drehte, fgte er noch ehrbarer bei: Denn
vorher schickt sich das doch wohl nich gut?

Ach, mein Gott! murmelte die Witwe.

Dann trat Stille ein.

Eine lange, feierliche Schweigsamkeit, whrend welcher das Strull-strull
immer langsamer auftnte, um endlich ganz zu verstummen. Auch Siebenbrod
versank wieder in seine wrdige Ruhe. Nur da er jetzt den Zylinder
aufsetzte, als htte dieser seine Dienste verrichtet, und da er
aufmerksam in die Ecke des Kuhstalls hinberlauschte, von wo einige
schwere Seufzer laut wurden. Auf einmal sprach aus der Dunkelheit eine
traurige Stimme: Siebenbrod, will Er sich denn wirklich das Trinken
abgewhnen?

Je, Madamming, seit drei Tagen all keinen Tropfen mehr. Nich rhr an.

Das is gut, lobte die Witwe und fiel wieder in ihr frheres Grbeln.

Ja, fuhr Siebenbrod nun schon beruhigter fort, und die beiden
ltesten gehen ja nun aus dem Haus, und Hann lern' ich an, und wenn dann
die ltte Dirn auch erst in die Stadt kommt, je, dann werden wir ganz
gut fertig werden, Madamming. Und die Witwe nickte in ihrer festeren
Ecke und murmelte in sich hinein: Ja, ja, Siebenbrod, das is ja soweit
ganz richtig.

Je, Madamming, und dann freu' ich mich auch, da alles so schn in
Ordnung is. -- Denn ich bin nu auch all in die Jahren. Lassen Sie man,
ich werd' Sie die Eimers raustragen helfen.

Von der Dorfuhr schlug es neun. Ein weiches Abenddunkel sank auf
Moorluke. Auf den beiden schlanken Pappeln vor dem Huschen hatte sich
eine schwarze Wolke junger Stare niedergelassen und zwitscherte
hundertstimmig Braut-, Wander- und Jugendlieder.

Und der alte Klth ruhte jetzt doch bereits die siebente Stunde.

IV


An einem der nchsten Tage -- noch wuten die Kinder nicht, was im
Kuhstall beschlossen war -- wurde Hann ins brgerliche Leben eingefhrt.

Er lag gerade mit Line auf einer der schnen grnen Wiesen, auf denen
Moorluke gebaut ist, und die sich bis zum Meer hinunterziehen. Die
letzten Grser biegen und wiegen sich ber den sanften Wassern und
flstern mit den Stichlingen. Manchmal schiet auch ein rotkppiger
Barsch heran, beit vor Lebenswonne in die schwanken Halme und saust
wieder in die schillernde Weite zurck. Hann wute das alles.

Er fhlte es, wenn er es auch nicht sah. Seine Umgebung war das einzige,
was er gelernt hatte, und was ihm vertraut war.

Da, wo das Gras am hchsten und ppigsten grnt, da liegen die beiden
Kinder.

Line ruht auf dem Rcken. Um sie herum wehen wunderbar feine,
seidig-graue Gespinste. Es sind die zarten Heringsnetze, die aus
meerblauer Seide geknpft sind, damit sie mit der Seefarbe
bereinstimmen und den scheuen Silberfller nicht erschrecken. Jetzt
sind sie zum Trocknen aufgehngt. Wenn der leichte Seewind zuweilen an
sie rhrt, dann zittern sie so seltsam um das Dirnchen, wie ungeheure,
phantastische Spinnenwebe, in denen sich ein Nixenkind gefangen.

Es ist Vormittag.

Ringsherum Sonnenschein.

Das Meer funkelt wie ein weigedeckter Tisch, auf dem eine Million in
Goldstcken aufgezhlt liegt.

Line, sagt Hann, der in seinem abgetragenen, blauen Drillichanzug in
einiger Entfernung von ihr liegt und, den plumpen Kopf in beide Hnde
gesttzt, aufmerksam einen wimmelnden Ameisenhaufen betrachtet: Hast du
wohl acht gegeben -- -- --

Still, unterbricht Line unwillig.

Ich mein', da Dietrich Siebenbrod nun mmer bei uns zu Tisch it?

Wieder eine heftige Bewegung der kleinen Hand: Sei ruhig.

Je, warum?

Weil ich da oben raufkuck.

Lining, siehst du was?

Nein -- aber es is so hlich, wenn du sprichst.

Oh, Lining, warum is das so?

Das wei ich auch nich. Es is hlich.

Je, dann kann ich ja auch ruhig sein.

Das tu. Dann kommt es wieder.

Was kommt?

Das Schne.

Welches Schne?

Dummer Jung. -- Als wenn mich einer streichelt.

Oh, Lining -- --

Sei still.

Und nun liegen sie beide wieder wie vorher. Die feinen blauen Maschen
zittern und beben, und die fleiigen Ameisen rennen auf ihrem Hgel im
Kreise.

Allmhlich vergit Hann, wie die kleine Pflegeschwester ihn schlechter
als Pluto, den Hofhund, behandelt. Aber das ist ja schlielich auch so
natrlich. Sie ist so viel vornehmer als er. Auf einer untergehenden
schwedischen Bark ist sie gefunden worden. Vielleicht stellt sie
wirklich was sehr Hohes vor. Am Ende gar eine Prinzessin. Ja, ja, und
solch eine, die mu wohl so kurz angebunden sein. Das hat er ja immer
gehrt.

Na, denn is es ja ganz in Richtigkeit, meint Hann vor sich hin.

Damit wendet er sich wieder seinem Ameisenhaufen zu und beugt sich
tiefer und tiefer darber.

Wie die Tierchen alle beladen herumrennen. Ganze Zge in einer Richtung.
Das ist sehr wunderbar. Der Junge denkt zum erstenmal darber nach.

Da fllt unvermutet ein langer Schatten ber den grnen Plan. Er gleitet
langsam nher.

Line erhebt sich halb, blinzelt nach vorn und sagt wegwerfend: Da kommt
Dietrich Siebenbrod.

Ja, Lining, antwortet Hann, leiden kann ich ihn auch nicht recht.

Du auch nicht?

Ne, er spuckt mmer in die Stuben.

Ja, ja -- wollen ihn heute mal recht rgern, regt Line an.

Und Hann ist gnzlich damit einverstanden. Ganz selbstverstndlich. Er
ist immer nur der Gefolgsmann seiner Dame.

Der Bootsmann steht nun in seinen groen Wasserstiefeln vor ihnen.

Er hat ein gutmtiges, hageres, dunkelbraungebranntes Gesicht,
glanzlose, schwarze Augen, eine groe Menge schwarzer, schweinasser
Haare und eine glhende Adlernase.

Als er so vor ihnen steht, sieht er mit Vergngen auf die schlanken,
nackten Beinchen von Line herab, die in der Sonne seidig glnzen.

Die kleine Dirn findet er niedlich. Auch Hann mag er leiden. Nur hlt er
es an der Zeit, da aus dem Jungen etwas wird. berhaupt, seit aus dem
Kuhstall die Zukunft ihn, wenn auch nur mit einem alten, unbeweglichen
Weibsantlitz angelchelt, ist er von vterlichen Gefhlen beseelt.

Verwundert blickt er auf die beiden Kinder hinab, die so stumm daliegen,
als wre er gar nicht vorhanden. Nur Line schlenkert ein wenig mit dem
rechten Bein hin und her, als schlge sie damit den Takt zu einem
Liedchen. Hann dagegen starrt unbeweglich in seinen Ameisenhaufen.

Morgen, beginnt Siebenbrod gemtlich, denn der Sonnenschein, die
Kinder und das Gesumm der Kfer wecken Wohlgefallen in ihm.

Aber ja nicht antworten, Man jo nich -- Auf keinen Fall; das rgert
den Sufer sicherlich.

Die kleinen Boshaften verhalten sich muschenstill.

Siebenbrod wundert sich, sperrt den Mund auf und fat sich an die Nase.

Die Stille, das Schweigen, das seltsame Benehmen verwirren ihn
sichtlich.

Wozu tun das die Jren?

Was gibt's denn? ruspert er sich endlich, indem er sich
zusammennimmt. Was is hier?

Stille.

Nur Line summt mit den Kfern um die Wette und dirigiert das Konzert
immer geschickter mit dem Fu.

Na, da soll doch, bricht Siebenbrod, noch immer voller Erstaunen, los,
denn an einen Kinderha, an eine Rebellion denkt er noch lange nicht. --
Auch geht ihn die Dirn schlielich nichts an, ist zudem auch 'n netter
Racker.

Jung, bist du dumm? -- Was kuckst du so in den Haufen? Steh gleich
auf!

Line wendet das Kpfchen und schielt zu ihrem Begleiter hinber. Aber
der bleibt fest. Er ist stolz, sich vor seiner Dame einmal zeigen zu
knnen.

Er rhrt sich nicht.

Hann! brllt Dietrich pltzlich kirschrot, denn er begreift, und die
Nase beginnt so merkwrdig zu zittern und zu funkeln, da beide Kinder
in ein befriedigtes, hhnisches Gelchter ausbrechen.

Siebenbrod reit den Jungen in die Hhe: Verfluchtiger Lmmel, willst
du woll?

La los, schreit Hann wtend dagegen. Aber die Habichtkrallen des
andern geben ihn nicht frei. Sie wirbeln ihn vielmehr im Kreise umher,
wie ein altes Kleidungsstck, das von dem Trdler von allen Seiten
betrachtet werden soll.

Entsetzt springt jetzt auch Line in die Hhe.

Das bedeutet keinen Spa mehr. Dietrich ist gewi wieder betrunken.

La ihn los, will auch das kleine Kind rufen, aber der Laut bleibt ihr
in der Kehle stecken.

Starr, gebannt, mit weiten, erschreckten Augen mu sie das Begebnis mit
ansehen.

Das wickelt sich jedoch unheimlich schnell ab.

Siebenbrod wirbelt den Haufen Kleider noch zwei-, dreimal mit wtender
Kraft herum, dann wirft er ihn ins Gras.

Da lieg.

Was? -- Was? -- heult Hann, halb vor Wut, halb vor Schmerz. Was hast
du mir zu sagen? -- du oll Sufer? -- Nichts -- du bst ja man blo unser
Bootsmann, unser Knecht.

So, lacht Siebenbrod hhnisch, dann komm noch eins her, mein
Hhning.

Wieder streckt er die Klaue aus. Hann, rasend mit weiem Schaum vor dem
Mund, entgeistert von der Scham, vor seiner Dame mihandelt zu werden,
hebt einen groen Feldstein in die Hhe -- und dann -- der arme Junge.
-- Er ist kein David, der den Goliath zerschmettert.

Mit wilden, funkelnden Blicken verfolgt Line nun das sich aufrollende
Bild.

Hinten auf den blauen Hosen hat Hann einen grauen Flicken eingenht. Der
glnzt jetzt in der Sonne, als er ber dem Knie von Siebenbrod liegt,
und gerade auf diesen Fleck prasseln die flachen Hiebe des Bootsmannes
hageldicht nieder.

Immer mehr -- immer mehr -- bis der Schall selbst das Schlucken und
Schluchzen bertnt.

Wart, mein Hhning, wirst du das wieder tun?

Nein -- nein, wimmert es.

Na, dann verbitt' dich.

Oh -- oh -- ich verbitt' -- mich.

Na, denn 's gut -- Und nu gib mich die Hand, mein Shning.

Hann schleicht heran und gibt tiefgesenkten Hauptes die Finger.

Na, dann 's gut -- Nu is alles in Ordnung.

Oh -- und oh -- und oh -- Line -- Line -- hat es gesehen.

Da steht er im Sonnenschein, mitten auf dem zertretenen Ameisenhaufen,
und schluckt und zittert am ganzen Leibe. Und ihm gegenber verharrt
noch immer das kleine Mdchen und sieht auf ihn hin.

Aber merkwrdig.

Ein seltsames, irrendes Lcheln schwebt dabei um die roten Lippen.

Der graue Fleck und die hohe Rundung, wie das aussah!

Wieder mchte sie lachen. Aber dort drben weint der Gespiele so
jammervoll, da sie unbeweglich steht und zu ihm herbernickt.

Was sie jedoch beide nicht wissen, das ist das Merkwrdige, da dieser
Eindruck unverwischlich in dem Gedchtnis des Mdchens fortleben wird,
da er andere Gefhle auszulsen berufen ist, die Hann eines Tages mehr
schmerzen mssen, als die schwielige Hand des neuen Stiefvaters
Siebenbrod, und da diese Zeit nicht mehr gar so fern liegt.

                              *     *     *

Er stand und weinte.

Line lchelte.

Und Siebenbrod meinte endlich befriedigt: Nu komm.

Dann nahm er ihn mit.




V


Nachmittags kehrte Hann pudelna zurck.

Der blaue Drillichanzug klebte an seinen ungelenken Gliedern,
unaufhrlich leckte das Wasser von ihm herab; seine Mtze hatte er
verloren.

Das waren die nchsten Folgen seines ersten Unterrichts. Zuvrderst
hatte ihn Siebenbrod hinten an dem Steuer des weien Lotsenbootes Platz
nehmen lassen. Er hatte ihm gezeigt, wann man rasch, wann man langsam
drehen msse; er hatte ihm die Stellung der Segel erklrt und ihn zum
Schlu in das schwierige Geschft des Windabfangens eingefhrt. Sodann
wurde von Siebenbrod ein frmliches Examen ber das eben Erluterte
angestellt, und bei jeder vergessenen Position tat ein gelinder Puff,
zuweilen auch eine Ohrfeige das brige.

Zuletzt aber kam der Hhepunkt des heutigen Tages. Ein Exerzitium, das
Hann gewi nicht so bald vergessen wird.

Sie segelten gerade im offenen Bodden.

Glatt, wie poliert, lag die glnzende Scheibe da. Nur fern und
verschwommen, wie hinter zarten, blauen Nebeln, ragte das Drfchen. Man
vernahm von dort kaum das monotone Schlagen der Dorfuhr und zuweilen das
Klffen eines Hundes.

Am lichterfllten, tiefen Himmel zeigte sich bereits das bleiche Viertel
des Mondes.

Eben hatte Siebenbrod eine kleine Pause in seinem Unterricht eintreten
lassen.

Mit aufgesttztem Kopf hockte er auf der zweiten Ruderbank und glotzte
whrend des Hingleitens melancholisch auf den Vorratskasten des Bootes,
in dem eine wohlgefllte Kirschschnapsflasche stehen mute, ein Genu,
dem er nun ein fr allemal abgeschworen.

Wer wrde jetzt wohl den feinen Tropfen trinken? Schade -- schade -- aber
wenn man selbstndig werden und in die vornehme Gilde der Zesnerfischer
zugelassen werden wollte?

Kein Spa, wahrhaftig!

Schwermtig nickte er mit dem Kopf, dann sah er zu Hann hinber.

Der Junge hatte lngst den Wind aus den Segeln verloren und trumte
bekmmert zu der blassen Silberscheibe empor.

Verfluchter Bengel!

Jesus!

Der Knabe schrak krampfhaft zusammen. So weit war es schon gediehen.

Na, ich tu dich ja nichts. Hab dich nicht, Jnging.

Damit trat Siebenbrod auf ihn zu und ptschelte ihm auf dem Kopf herum.

Eine Weile sann er dann nach.

Ja, warum nicht? -- Je eher, desto besser. Lernen mute er es ja. Es war
gut, wenn er ihm gleich diese groe Wohltat erwies.

Kannst du schwimmen, Hann? fragte er deshalb mit pltzlichem
Entschlu, wobei er seine Hakennase sprend in die Abendrte erhob.

Ne, Siebenbrod.

Sag' Vater zu mich.

Du bist ja aberst nicht mein Vater.

Das schadet nichts. Sag' so.

Ne, ich kann nicht schwimmen, Vater.

Der Junge begann wieder leise zu schaudern. Warum sollte er dem
Bootsmann diesen Namen erteilen? Sein richtiger Vater schlief doch dort
drben unter den belaubten Ulmen, die man hinter der Kirche hervorlugen
sah -- Und weshalb grinste Siebenbrod so komisch bei dem Worte
schwimmen?

Siehst du, bemerkte der Stiefvater, indem er noch nher an den
sitzenden Jungen herantrat, wobei er mit gespreizten Beinen das
Schwanken des Schiffleins zu verhindern suchte. Das ist das Unglck bei
uns Schiffern und Fischern. -- Keiner kann. -- Mein Vater is auf solche
Weise vertrunken, und mein Grovater is auch vertrunken. Deshalb will
ich dich jetzt die Kunst zeigen. Du willst ihr doch lernen?

Woll, stotterte Hann mit Beben.

Gut, dann komm zu mich -- aberst vorsichtig.

Hann kroch dicht neben den Stehenden hin. Der besah ihn sich
schmunzelnd.

Jetzt folgte ja eigentlich ein groer Spa. Und dann war's ja auch eine
Wohltat.

Frchtest du dich? fragte er noch einmal.

Der Knabe schttelte mit zugeschnrter Kehle den Kopf. Sprechen konnte
er nicht mehr.

Na, dann pass' auf! -- So wird's gemacht. Ein rascher Griff -- die
Habichtskrallen hakten sich wieder, wie am Vormittag, in den Rockkragen
des Jungen ein -- dann hob er ihn hoch in die Hhe und lie ihn
zuvrderst ein wenig herumwirbeln.

Du frchtest dich doch nicht? meinte er noch einmal ehrlich. --Na,
dann schwimm.

Er lie ihn los.

Plumps. Das Boot schwankte, als wollte es kentern. Hann versank sofort
spurlos unter die Oberflche.

Na, also, sagte Siebenbrod neugierig.

Nach ein paar Sekunden tauchte Hann wieder empor, kirschrot im Gesicht,
mit Hnden und Fen wie besinnungslos um sich schlagend.

So 's recht, lobte Siebenbrod, so bleib man bei.

Hilfe -- Hilfe -- la mir ins Boot.

I ne, mein Jnging, dann lernst du ja nichts.

Ich -- ich -- kann nich mehr.

I -- das glaubst du man. Siehst -- sto tchtig aus -- so 's schn.
Erst als Hann nach zehn Minuten wortlos das zweitemal versank, zog der
Lehrmeister seinen Schler auf die Planken zurck. Er war sehr zufrieden
mit ihm. Aus Hann mute etwas Erwhltes werden. Er hatte nach der
Warmbieruhr eine volle Viertelstunde ausgehalten.

Schn -- schning.

Und wie der Junge vllig betubt und teilnahmlos, zitternd und frstelnd
auf dem Vorratskasten sa, da scho Siebenbrod der Gedanke durch den
Kopf, da er diese groe Leistung auch gebhrend ehren msse. Rasch
schlo er deshalb den Kasten auf, nahm die Flasche heraus, und als Hann
errtend voller Ekel abwehrte, setzte er dem Jungen mit sanfter Gewalt
das Glas an den Mund und zwang ihm mehrere Schluck hinunter.

I, Jnging, das is dich ja gesund, der schne Kirsch, so -- so -- siehst
du -- na, ich sag blo, aus dich wird was -- sollst mal sehn.

Hann drehte sich etwas im Haupt. Aber dadurch steigerte sich Siebenbrods
Zufriedenheit nur.

Wie schn roch nicht der geliebte Kirsch.

Wehmtig verbarg der Bootsmann das rubinfunkelnde Na wieder in den
Schiffsschrank. -- Ja, wenn man Zesnerfischer werden wollte. Kein
Spa, wahrhaftig! Aber aus Hann wurde was! -- Das stand fest.

                              *     *     *

Der arme Junge.

Er getraute sich nicht in das Lotsenhuschen zurck, als Siebenbrod nach
der gemeinschaftlichen Seefahrt in dem rotgepflasterten Flur verschwand.
Noch zitterte er vom Kopf bis zum Fu. Dazu summte der ungewohnte
Alkohol frmlich in seinem Kopf herum. Er sah alles, als ob es auf
Wolken tanze.

Und dann die Scham!

Geprgelt, durchgehauen, wie ein boshafter Kter. Nun wuten es doch
gewi bereits alle.

Ganz sicher, von Line muten sie es lngst gehrt haben.

Oh, wenn blo Line nicht dabei gewesen wre. Das tat so weh. Er konnte
sich selbst gar nicht erklren, warum das Bild des erstaunten,
lchelnden Kindes in seinem Innern wie mit Messern eingerahmt schien.

Das ri und schnitt.

Ne, ne, lieber nicht Abendbrot essen, obwohl er vor Mdigkeit am
liebsten sich auf die offene Dorfstrae geworfen htte. Nein, irgend
jemand dasjenige anvertrauen, was er erlebt. Wenn er das nur knnte!

Aber wem?

Der Junge dachte nach.

Seinen Brdern?

Nein, nein, die waren zu fein dazu.

Sein Mudding?

Auch nicht, die weinte und gab selten Antwort.

Drauen klang im selben Moment eine Handharmonika durch die stille
Abendluft herber.

    Judemdel, wasch dich, kmm dich, putz dich schn,
    Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.

Malljohann spielte wieder auf dem Dach seiner Kajte, whrend am
Bollwerk einige Matrosen mit ein paar Dorfmdchen dazu lachten und
sangen.

Bewahre, was sollte Hann wohl unter solch Frhlichen anfangen?

Ne, ne, Malljohann war auch nicht der richtige.

Aber pltzlich wute er's.

Es gab nur einen.

Oll Kusemann.

Ja, zu dem mute er sich schleichen.

Und es war so natrlich, da der Knabe zu dem Lgenlotsen seine Zuflucht
nehmen wollte. Denn dieser Phantast ohnegleichen, dem das Leben eine
einzige bunte Unwahrheit, eine schillernde Seifenblase erschien, der
sich an seinen eigenen, nrrischen Geistessprngen ergtzte wie ein
Kind, das den Affenkfig beschaut, -- er brauchte Hann als sein Publikum,
als seinen Hrer -- und deshalb liebte er ihn. Und auch Hann verehrte
den Alten leidenschaftlich als seinen einzigen Freund. Ja, in das
Wetterhuschen zu oll Kusemann mute der Junge.

Vorsichtig, nach allen Seiten aussphend, schlich der Geprgelte die
wenigen Schritte bis zur Hafenmndung, wo auf einer Steinmole eine
ausrangierte Badehtte stand.

Das war der Beobachtungsposten des Lgenlotsen.

Und richtig, da lehnte der Gesuchte in der offenen Tr, strich ber
seine schmucke, blaue Uniform und fuhr sich wohlig ber den spitz
geschorenen, grauen Kinnbart, denn oll Kusemann hielt sich trotz seiner
Sechzig fr einen schnen Mann, fr einen Eroberer, von dem Frauen,
Dirns und noch Jngere zu erzhlen wuten.

Als er den frstelnden Jungen gewahrte, schielte er mit seinen
frhlichen, blauen Augen auf ihn hin, denn oll Kusemann schielte ein
wenig, spuckte pfeilschnell und kunstgerecht seinen Priem dem Ankmmling
vor die Fe und uerte teilnehmend: Na, Hann, bist ins Wasser
geschmissen worden? Denn der Lgenlotse hatte durch sein Lugfenster und
mit seinem Fernrohr lngst das Erlebnis seines Freundes festgestellt.

Hann stutzte.

Was war das wieder fr ein neues Wunder?

Woher weit du das, oll Kusemann?

Statt einer Antwort wies der Angeredete mit seinem Fu ein wenig in die
Hhe, und da sah denn Hann, wie oben auf dem Dach der Htte der gezhmte
Rabe oll Kusemanns, Niklas mit Namen, hin und her hpfte, von dem der
Lotse oft mit grtem Ernst behauptet hatte, da dieser Vogel ihm alle
mglichen Geheimnisse hinterbringe.

Ach so, sagte der Junge und senkte demtig den Kopf.

Dann heulte er auf.

Jung, rohr nich, trstete oll Kusemann gutmtig und zog den Knaben in
das enge Bretterloch hinein, hr' zu. Ebenso wie dich -- so is es --
hm, ja -- so is es Kolumbussen auch gegangen.

Hann, der zu seinen Fen sa, schluckte noch.

Wer is Kolumbus?

Was? Du weit das nicht? -- Jung, das kommt von deine verfluchtige
Ungebildheit -- hm, ja. --

Oll Kusemann schob behaglich seinen Priem hin und her und schielte
unternehmungslustig auf den ruhenden Bodden, ber den die Dmmerung
daherzog wie eine Schlachtreihe grauer Nebelgeister. --

Na also -- Kolumbus, je -- na, Kolumbus, was is er weiter gewesen, as
so'n ltter spanischer Schiffsjung? -- Aberst sein Vater, der hatte sich
das in den Kopf gesetzt, er sollt' was entdecken, womglich einen ganzen
Weltteil, und, um ihm das anzugewhnen, hat er ihn auch immer im Wasser
untergetmpelt als Siebenbrod heut mittag dir -- na, und shst du, was
hat der Jung getan? -- Ausgerissen is er, mit noch paar andere solche
Strper und hat Amerika entdeckt! Wat sagst nu?

Hann verga eine kurze Zeit sein Unglck.

Woher weit du das alles? fragte er rasch, bist du denn dabei
gewesen?

Diese Frage reizte den Lotsen zu einer krftigeren Leistung.

Je, erzhlt ich dich das noch nie? -- Ich bin es ja gewesen, der da so
immer in dem Mastkorb schrie: Land -- Land!

Dann hast du ja Amerika entdeckt? echote der Kleine.

Hann versumte vor Bewunderung, den Mund zuzumachen.

Das hab' ich, besttigte oll Kusemann behaglich. -- Das kann mir
keiner streitig machen. -- Und hier -- dabei zog er eine auslndische
Mnze aus der Tasche -- kannst du noch die spanische Medaille sehen,
die ich dafr bekommen hab. Kuck -- hier.

Hann sah hin; dann begann er wieder zu heulen.

Was is?

Prgel, jammerte der Junge. Und nun teilte er dem neugierig
aufhorchenden Lotsen das Begebnis auf der Wiese mit, und wie er in
Gegenwart von Line so entwrdigend geschlagen worden sei.

Der Lotse wurde ungeduldig. Der kleine Bursche amsierte ihn heute
nicht. Und oll Kusemann war mehr fr einen Spa zu haben. Am liebsten
war es ihm, wenn man lauschend seinen Lgenphantasien folgte.

Hr eins -- mibilligte er -- was is das mit der ltten Dirn? Den
ganzen Tag steckst du mit ihr zusammen. Is sie deine Braut?

Was, oll Kusemann?

Ob sie deine Braut is?

Der Junge wurde dunkelrot. Er ahnte selbst nicht, warum. Am ehesten
hielt er diese Frage fr eine neue Entwrdigung.

Na, ich mein, -- na, wie soll ich dich das klarmachen? -- Kt du ihr
denn? -- Und fat du ihr manchmal liebreich um? Und wenn sie eins 'n
Schnupftuch verliert oder 'ne Schleife, steckst du das zu dich und hast
dir damit?

Hann hrte furchtsam zu. All das, was der alte Lgenlotse jetzt
anfhrte, flte ihm eine ungeheure Furcht ein. Das Schnupftuch, die
Schleife, das Umfassen, alles. Eine ngstliche Neugierde erfate ihn.

Hastig schttelte er seinen plumpen Kopf.

Na, dann will ich dir was sagen, ermahnte der Alte, wenn du das Ding
so gern leiden magst, dann mut du fix machen -- denn spter -- er
schttelte bedenklich das Haupt -- sie is 'ne kleine Hex, wer wei, was
spter mit ihr los is -- ob sie dich dann noch will? Verstehst du auch,
du ltter Dmlak, was ich mein?

Ne, oll Kusemann, ich versteh' dich nicht.

Na, dann pa auf, der Umgang zwischen Mnnliche und Weibliche is
nmlich sehr schnurrig -- hr zu, ich will dich das erklren: Siehst du,
da gibt es nmlich Mnners, die von allen, aberst ich sag' dir, auch von
allen Weibers geliebt werden, und die dabei gegen Damens sehr stolz
sind. -- So einer bin zum Beispiel ich. Ich wei auch nicht, wie es
kommt. Aber es is so!

Ein alter Professor drin aus der Stadt sagte mich mal, es liegt an dem
Geruch. -- Wie gesagt, ich hab' da noch nich drauf geacht.

Und zum zweiten gibt es Mnners, die nu wieder ihreseits gegen die
Weiber 'ne groe Liebe und Andacht haben und sehr demtig gegen ihr
sind. -- Sieh, zu dieser zweiten Sorte wirst du woll gehren, wenn es
mal so weit sein wird. Und deshalb mssen diese zweiten Schafskpp' sich
recht frhzeitig verloben und verfreien, damit ihnen die
Herzallerliebsten noch in der Dummheit zulaufen. Denn spter pfeifen die
Frauenzimmers auf die Demtigkeit und halten das fr Langweiligkeit und
machen denn ganz verfluchte Chosen. -- Verstehst du mir?

Hann starrte ihn an und hielt sich krampfhaft an der auf- und
niederknarrenden Brettertr fest. Zum Umsinken mde war er, und doch
htte er gern noch mehr gehrt, denn das kleinste Wort kam ihm
geheimnisvoll vor, weil Line damit irgendwie in Verbindung zu stehen
schien. Es wurde ihm ganz kalt vor Furcht.

Was nu aber deine Brautschaft anbetrifft -- wollte der Lotse seinen
Spa fortsetzen, -- da wurden auf der steinernen Mole kurze Tritte laut,
wie wenn leichte Holzpantffelchen darber klapperten, und aus den
Wassernebeln, die zerfasert und gespenstisch an der Steinwand in die
Hhe quollen, tauchte eine kleine Gestalt auf.

Line.

Oll Kusemann, is Hann bei dir? rief sie atemlos und beugte sich mit
halbem Leib in die Htte hinein.

Ja, hier, Lining, stammelte der Junge.

Ihm fiel alles ein, was sein Freund eben vorgebracht hatte. Jetzt wre
er am liebsten davongelaufen.

Ihr Atem strzte nur so aus der kindlichen Brust hervor, aber die Augen
blitzten vor Neugierde und Spannung.

O Hann, komm fix nach Haus. -- Abendessen. -- -- Wenn du blo wtest,
wie Siebenbrod wieder schimpft.

It der jetzt auch an eurem Tisch? fragte oll Kusemann hastig.

Ja.

Und er schimpft?

Furchtbar.

Sh -- sh, dachte der Lotse fr sich, und Hann soll Vater zu ihm sagen?
I, Kinnings, sprach er laut, hrt ihr nicht, was Niklas eben ruft?
In der Tat begann der Rabe, den wohl frieren mochte, laut zu krchzen:
Scharp -- scharp.

Hrst du's, verkndigte oll Kusemann, whrend er schnell die Htte
verschlo, Hochzeit, sagte er. -- Es gibt Hochzeit bei euch.
Siebenbrod heiratet euer Mutting. Und horch --

Wieder schrie der Rabe sein Scharp.

Der Lotse pfiff und tat einen Luftsprung. Ne so was lebt nich, schrie
er beglckt. >Verlobung< sagt er auch, hast du's gehrt, Dirning? --
Ganz deutlich >Verlobung<. Nu kommt fix.

Er zog die Kinder mit sich fort. Sorgsam, damit sie in dem dicken,
milchigen Nebel nicht ins Wasser strzten.

Deshalb schritt er voran.

Hinter sich hrte er, wie die Kinder ngstlich miteinander ber
Siebenbrod flsterten.

So spt -- so spt, hauchte Line erwartungsvoll. Wird er dich jetzt
nicht wieder schlagen?

Ja, das wird er woll, gab Hann zu, dem die Zhne klapperten.

Die Kleine sah ihn an. Ihre Spannung stieg immer hher.

Ganz finster war es unterdes geworden.

Vom Flu tnte ein scharfes Murmeln herauf, und auf den Wiesen tanzten
kolossale, bleiche Gestalten.

Da machte der Lgenlotse, der ihnen bis dahin schweigsam
vorausgeschritten war, obwohl er ihre Unterhaltung Wort fr Wort
aufgefangen, pltzlich an einem gespenstisch aufragenden Querbaum halt.

Ein vergessenes, grobes Netz flatterte im Abendwind von der Gabel herab
und verbreitete einen tzenden Fischgeruch. Es sah aus, als ob von einem
Galgen eine Riesin in langem, schleppendem Gewande herabschlottere.

Dieser Platz schien oll Kusemann fr den nrrischen Spa, den er mit den
Kindern treiben wollte, der rechte Ort. An dem Pfahl blieb er stehen.

Kommt her, flsterte er darauf, und als die Kinder in der Schwrze
neben ihm standen, legte er jedem von ihnen den Arm um die Schulter und
beugte sein brtiges Haupt zwischen die jungen Kpfe.

Kommt her. -- Ihr mt ein Bndnis machen gegen Dietrich Siebenbrod. --
Das ist klar. Aber das beste Bndnis zwischen einen Mnnlichen und eine
Weibliche is die Verlobung. Ihr mt euch also verloben. -- Da ihr noch
'n bischen jung seid, das is woll wahr, aber es braucht ja auch erst
spter die richtige, die ganz richtige Verlobung zu folgen. -- Na also,
was sagt ihr?

Prachtvolle, glitzernde Sterne brachen hier und da durch den stillen
Nebelhimmel hindurch, und in seinem Halbtraum vernahm Hann, da oll
Kusemann von neuem vor sich hinlachte, whrend er die beiden Kinder eng
aneinander schob.

Nu kt euch, befahl er.

Voller Angst kten sich die Kinder.

Der Lotse pfiff durch die Zhne und sprang, wie er es bei freudigen
Anlssen zu befolgen pflegte, hoch in die Luft.

So, schmunzelte er seelenvergngt. Nu seid ihr so weit. -- Ich
gratulier' euch. -- Kommt, Kinnings, fix, fixing, damit ihr zu Haus nich
Schlg kriegt. -- Und wenn ihr Hochzeit macht, Lining, weit was? --
Dann schenk' ich dir ein goldenes Brokatkleid -- ja -- hm -- natrlich
-- ein goldenes Brokatkleid und silberne Schuhe mit diamantne
Schmetterlinge darauf. -- Da drben im Kloster, da liegt so was
vergraben. Ich kenn' die Stell'. Ja, und Hann -- na, du weit doch,
Jung, da hier in unserem Bodden die alte Stadt Vineta untergesunken is.
Pass' auf, fr dich hol ich mal in 'ner besonderen Stund eine Molle voll
alter Dukaten rauf. Ich hab neulich erst mit meinen Wasserfernrohr so
was funkeln sehn. -- Und nu adjssing, Kinnings -- hier is mein Haus und
mein Alwining wartet all -- und nu macht, da ihr weiterkommt.

Er verschwand.

Die beiden Kinder aber liefen Hand in Hand heim.

Eine Stunde spter lag Hann in seinem Dachverschlag im Bett. Um das Haus
wehte jetzt ein frischer Seewind. Der raschelte in dem Stroh des Daches,
wisperte Mrchen und fuhr auch durch die Ritzen, so da der Knabe fror.

Er schauderte zusammen und konnte nicht einschlafen, denn all dieses
Merkwrdige, Zauberische schwirrte in dem Kmmerchen vor seinem Lager
hin und her. Die grne Wiese und Line, die Prgel und die Verlobung, der
Ku und die untergegangene Stadt voller Dukaten. -- Und pltzlich
begannen noch die Ameisen aus dem Hgel an der Wand wirr durcheinander
zu kreisen.

Ihn nahm der Schlaf.

Aber das glaubte er doch noch zu hren, da Pantffelchen an seiner Tr
vorberklapperten und eine Stimme hindurchrief: Hann, bist du noch mein
Brut'gam?

Dann huschte es nebenan in die Kissen.

Er konnte es aber auch getrumt haben, denn der Mond lachte bereits auf
ihn herunter und freute sich ber all die bunten Lgen und nannte ihn
einen dummen Jungen.




VI


Ein weigedeckter Tisch befand sich in der Mitte. Porzellanteller
standen darauf, und wahrhaftig -- Messer und Gabeln sah man suberlich
auf glserne Bnkchen gelegt.

In der groen Parterrestube, die jahraus, jahrein ganz leer stand und
nur zu groen Feierlichkeiten benutzt wurde -- zuletzt hatte der Sarg
des alten Klth darin gestanden -- war heute am Sonntag Sand in feinen
Kringeln auf den Estrich gestreut. Grobe, weie Gardinen bemerkte man
vor die Fenster gesteckt, und mitten auf dem Tisch prangte ein Strau
bunter Georginen.

Das hatte etwas zu bedeuten.

Alle empfanden es, aber keiner erriet den Zweck dieser Vorbereitungen,
oder man scheute sich doch, ihn ernstlich ins Auge zu fassen.

Allerdings, eine Mglichkeit, eine denkbare Erklrung schien vorhanden.

Bruno, der Sekundaner, hatte vor drei Tagen zu den Michaeliferien den
Berechtigungsschein zum einjhrigen Dienst aus der Stadt nach Hause
gebracht und erwartete nun als freier Mann den Augenblick, da irgend
jemand mit ihm zum Konsul Hollander fhre, damit dieser weitere
Aufschlsse ber die Zukunft seines neuen Lehrlings erteilen knnte.

Wer jedoch dieser begleitende Jemand sein sollte, darber war keine
Gewiheit zu erlangen. Paul, der Student, hatte sich bereits mehrfach
dazu erboten, war indessen von der Mutter mit einem leisen, beinahe
wehmtigen Kopfschtteln abgelehnt worden.

Also ein anderer!

Aber wer?

Siebenbrod? -- der Sekundaner stampfte mit dem Fu -- das war
hoffentlich vllig ausgeschlossen. Der Bootsmann konnte sich doch
unmglich vermessen, mit dem feinen Bruno, dem sein Jackettanzug so
elegant sa, und der sich seit drei Tagen bereits im heimlichen Besitz
eines Zigarettenetuis befand, den Weg zum Konsul anzutreten?

Also Siebenbrod nicht.

Wer aber?

                              *     *     *

Die vier Kinder warteten schon in dem groen Zimmer eine geraume Zeit.
Noch war die Mutter nicht erschienen, was ganz gegen alle Gewohnheit
verstie. Und nur Line, die vor einer Weile verstohlen und mit ihren
katzenhaften Tritten an der Bodenkammer der kleinen Frau vorbeigehuscht
war, sie allein wute, da es in dem verschlossenen Raum merkwrdig
geraschelt habe. Gerade wie wenn dort schwere alte Seide geglttet
wrde.

Und Frau Klth besa in der Tat ein altes, schwarzes Seidenkleid, ein
echtes, ehrwrdiges Lyoner Stck, das von oll Kusemann vor etwa dreiig
Jahren, als er sich noch Strom nannte, direkt fr die drei
Lotsenfrauen nach Moorluke eingeschmuggelt war.

Line kauerte in einer Ecke, bi mit ihren spitzen Zhnen in die Lippen
und sann fieberhaft darber nach, ob die Mutter dieses Heiligtum
wirklich anlegen wolle.

Ja, wenn jenes Prachtstck hervorgeholt wurde, dann stand Groes bevor.

Auch Hann stand mitten in der Aufregung.

In seinem zottigen, dffelblauen Sonntagsanzug hockte er am unteren Ende
des Tisches und war starr vor Ehrfurcht ber die ungewohnte Pracht
dieser Zurstungen.

Das groe Zimmer. Die feinen Ringelkreise des Sandes auf dem Fuboden.
Am Fenster die beiden schwarzgekleideten Brder, die leise miteinander
verhandelten; in der Ecke Line mit dem wunderhbschen weien Kleidchen
und der rosa Schleife im Haar! -- Die Georginen, und drauen auf der
Dorfstrae die vorberwandelnden Fischer, die alle so seltsam nickten
und lchelnd in die Fenster hineinsahen!

Nein, das war alles so spannend -- so -- so --

Dem Jungen sa etwas in der Kehle, das Herz schlug ihm stark vor
Erwartung, und nicht ein einziges Mal wagte er es, zu Line
hinberzublicken.

Seit sie seine Braut geworden, bedeutete sie fr ihn direkt einen
Gegenstand namenloser Furcht. Nach jenem Abend ging er ihr scheu aus dem
Wege und erkhnte sich nicht mehr, das Dirnchen anzureden.

                              *     *     *

Da fiel etwas Schwarzes in das sonnenbeschienene Fenster.

Alle im Zimmer muten wie auf Verabredung auf die helle Dorfstrae
hinausblicken.

Welch ein wunderliches Bild.

Dort drauen auf dem weien Sande ragte die lange Gestalt des
Bootsmannes aus einem Menschenhaufen hervor, merkwrdig ungelenk
anzusehen in seinem Bratenrock und dem wolligen Zylinder, aber heute
noch steifer wie gewhnlich, da er eine groe Mappe mit aller Kraft an
sich prete, als wnsche er sich eines kostbaren Gutes bestndig zu
versichern.

Da standen sie alle um ihn herum. Ein paar Zesnerfischer, ferner die
beiden Lotsen, oll Kusemann in seinem schmucken, blauen Wams, und
Friedrich Pagels mit dem verschnrten Bein, sodann Klaus Muchow, der
strkste Fischer von Moorluke mit einem blondlockigen Neptunshaupt, das
stumm und taub zugleich war, ja selbst Malljohann, dessen Kartoffelkahn
gerade wieder vor dem Lotsenhuschen der Klths ankerte, beteiligte sich
von fern an dieser Ehrung. Tiefsinnig sa er auf seinem Kajtendach und
spielte in Anbetracht der Feierlichkeit: Deutschland, Deutschland ber
alles.

Und alle gratulierten dem Bootsmann.

Ich dank' euch auch, sagte Siebenbrod stolz, ich werd' nun mein
Mglichstes tun.

Ja, stellte der wasserschtige Lotse mit dem Schnrbein, der sich am
besten auf Geschfte verstand, fest, das Haus is ja auch ganz nett. Das
Dach mu ausgebessert werden.

Ne, ne, widersprach Siebenbrod mit einer gewissen
Besitzerbehaglichkeit. Vier Jren -- kein Spa -- sparen, sparen.

Ja, mischte sich nun auch oll Kusemann listig ein und redete ganz
laut, damit ihn sein Freund Hann in der Stube besser verstehen sollte,
Siebenbrod, kiek, da sind drei Khe und zwei Schweine. Wenn man sich
die ein paar Jahre vermehren lt, sieh, dann kommt 'ne recht anstndige
ltte Viehzucht raus. Ich hatt' mal einen Vetter, der -- --

Ne -- man ja nicht -- und der Rotlauf und die Klauenseuche, wehrte der
neue Besitzer ab und drckte das Zesnerfischerpatent in der Mappe
zrtlicher an sich. Sparen -- sparen.

Na, dann auch so! -- Es is ja wirklich allens ganz nett, fuhr der
Lgenlotse, immer mit erhobener Stimme, bedchtig fort. Und Mudding
Klth is ja auch noch ganz gut zu Weg. Man mu eben ein Auge zudrcken.
Wenn sie sich mein schwarzes Seidenkleid aus Lyon anzieht, dann lt sie
sich noch ganz hbsch wonach.

Ja, was sollt' sie nich, murmelte Siebenbrod dagegen und blickte sich
mitrauisch im Kreise um, ob vielleicht einer Spa mit ihm treiben
wollte. Frau Klth is noch sehr bei Kraft.

Deutsche Frauen -- deutsche Treue, klang es von dem Kartoffelkahn.

Na, die Hauptsache bleibt aber doch das Haus und die Schweine, schlo
Friedrich Pagels bestimmt. Dabei bleibt es.

Ja -- ja, dagegen lt sich nichts einwenden, nickte Siebenbrod sehr
vergngt und drckte allen unter beiflligem Gemurmel die Hnde.

Dann trat er in das Klthsche Familienhaus.

                              *     *     *

Unter befangenem Schweigen hatte man an der festlichen Tafel gesessen.

Alle scheuten sich, von ihren Tellern aufzusehen. Man hrte die
herbstlich-matten Fliegen an der Decke summen und vernahm nur zuweilen
das erzwungene Hum -- Hum des Bootsmannes, der sich bemerkbar machen
wollte.

Doch keiner redete.

Es war, wie wenn sich die vier Kinder hinter dieses Schweigen wie hinter
einen letzten Wall zurckzgen.

Zuletzt konnte es Siebenbrod nicht mehr aushalten.

Hum -- Hum -- Frau Klth, begann er endlich, whrend er ratlos und
eingeschchtert neben der Frau in dem steifen seidenen Kleide hin und
her rckte. Ich glaub', nun wr' es Zeit mit dem Bier.

Ja, dann knnen wir ja nun.

Rauschend erhob sie sich, rauschend kam sie zur Tr wieder herein und
stellte einen groen, braunen Krug auf den Tisch.

Dann lie sie sich mit ihrem unbeweglichen Gesicht neben dem Bootsmann
nieder, aufrecht wie ein Licht, das in den Leuchter gesteckt wird.

Frau Klth -- ich werd' das selbst eingieen.

Schn, Herr Siebenbrod.

Die Anreden steigerten sich in ihrer Feierlichkeit. Doch auch der
Gerstensaft lie keinen greren Frohsinn aufkommen, immer wieder
blickten acht Augen forschend und anklagend nach der Mitte der Tafel,
als se dort ein Paar, das einen ungeheuren Frevel verben wollte. Bis
endlich Siebenbrod dreimal energisch ber seinen Kopf strich und sich
halb verzweifelt zu der Witwe wandte: Frau Klth, nu mu ich es wohl
tun?

Einen Augenblick Schweigen.

Dann ein tiefes Aufatmen: Ja, Herr Siebenbrod, nun bleibt wohl nichts
mehr brig.

Na, denn --, der Bootsmann gab sich einen gewaltigen Ruck, sperrte
den Mund auf und blickte jedes der vier Kinder, Nachsicht heischend, an:
Na, denn also -- Paul, Bruno, Hann und Line -- ich hab' ihr nu.

Was haben Sie? fragte der Theologe langsam, whrend er seine finsteren
Augen nicht von ihm wandte.

Das Zesnerpatent, Herr Paul.

Siebenbrod holte das Papier aus der Tasche und hielt es wie einen Schutz
oder eine Erklrung vor sich in die Hhe.

Ja, aber was folgt daraus? forschte der Student unbarmherzig weiter.

Was daraus folgt? --

Siebenbrod sah sich verwirrt im Kreise um, wischte sich die Nase und
machte wieder den Mund auf. Ja, was sollte denn daraus anderes folgen,
als was doch so klar war? -- Herr Gott -- Herr Gott -- solch ein
studierter Mensch -- was fr Umstnde: Je, stotterte er, da ich hier
nu alles bernehme.

So? -- Das stand ja aber schon vorher fest. Dabei ist doch nichts
Besonderes?

Als sich der Fischer derartig in die Enge getrieben sah, geriet er in
Verzweiflung. Weit schob er die Fe von sich, legte eine Faust auf den
Tisch und sagte in vlliger Resignation: Ja, das mag ja nun alles sein,
wie es will -- aber wir snd einig -- wir heiraten uns.

Und Frau Klth blickte mit ihrem starren Gesicht jedes einzelne der
Kinder an und setzte traurig hinzu: Glaubt mir, es geht nicht anders.

Nach dieser Erklrung waltete neues, drckendes Schweigen. Als jedoch
zwischen Mittagbrot und Kaffee der Bootsmann, froh, der schwlen Stille
zu entfliehen, ein wenig an den Flu und an Malljohanns Kahn
geschlendert war, da sahen die andern Kinder, wie Paul mit der Mutter in
einer Ecke sa, und hrten abgebrochene, geflsterte Worte von dorther
dringen: Paul -- Pauling -- tu das nicht.

Es ist besser so -- ich brauche dann von euch nichts mehr.

Aber wie willst du das blo anfangen?

Privatstunden. --

O Pauling -- ich geb's ja gern -- ich tu's doch blo euretwegen.

Ja -- ja, aber im Andenken an den Vater -- ich kann's nicht mit ansehn
-- ich zieh -- morgen schon in die Stadt.

Dann umschlang die Mutter ihren ltesten, und man konnte hren, wie der
harte Junge von einem Schluchzen frmlich geschttelt wurde. Bruno stand
dabei abgewandt am Fenster und sah hinaus. Auch ihm war bel zumute.
Aber er dachte mehr daran, was seine stdtischen Bekannten, was vor
allen Dingen wohl Konsul Hollander, der doch ein Gnner des alten Klth
gewesen, zu dieser pltzlichen Verlobung sagen wrde. Die beiden
Kleinen, Hann und Line, hingegen schlichen mit gesenkten Kpfen hinaus.

                              *     *     *

In dem verwilderten, struppigen Garten, der wie alle Moorluker
Anpflanzungen von dem hufigen Nordoststurm zerzaust und verwstet
aussah, machten die Kinder vor den traurigen, geknickten
Sonnenblumenstauden halt.

Das Gelb der Kelche hatte schon etwas Giftiges angenommen, und die
mchtigen Blumenhupter hingen so trostlos, so greisenhaft gebrechlich
darnieder, als wten sie, da der nchste Norder sie hohnlachend in den
Flu schleudern wrde. Der ganze Fleck hatte etwas Unrastiges.

Schrge, schlecht gezogene Beete, auf denen Rben und Petersilie
wuchsen, und hier und da ein verkrppelter Apfelbaum, der im Kampf mit
dem Winde bucklig geworden.

In den Blttern raschelte ein unfreundlicher Zug, am Himmel fand ein
hhnisches Spiel zwischen Sonne und grauen Wolken statt.

                              *     *     *

Das Dirnchen hatte eine der Sonnenblumenstauden zu sich herniedergebeugt
und zupfte nun ein Blatt der kranken Kpfe nach dem andern ab.

Allmhlich frbte sich ein gelber Teppich zu ihren Fen, bis ihn der
Wind wieder von dannen fegte.

Lining, fing Hann an, der hinter ihr stand und in seiner Trauer seine
Furcht vor ihr vergessen mochte, siehst du, Niklas von oll Kusemann hat
recht behalten. Nu is Vater abgesetzt -- und sie haben sich verlobt.

Nun htte sie fragen mssen, welche Zweifel ihn eigentlich plagten.
Indessen sie schwieg. Warum, wute sie selbst nicht. Aus Eigensinn oder
weil sie gewohnt war, mit ihrem treuen Begleiter, der berall hinter ihr
hertrollte, nach Laune zu spielen.

Sie schwieg und zupfte schneller.

Lining, fuhr Hann eingeschchtert fort und sah verlegen auf seine
Stiefel hinunter: Verloben? -- Das is doch eigentlich was sehr
Feierliches.

Noch immer rhrte sie sich nicht, und doch schielte sie ein wenig
seitwrts nach ihm hin. Dem kecken, frhreifen Ding kam die Erinnerung,
da ihr treuer Gespiele sie neulich gekt. -- Im Grunde war sie auch
seine Braut. Sie spitzte die Lippen.

Was er ihr wohl zu sagen hatte?

Lining, stotterte der Junge, bei dem die ersten forschenden Gedanken
durchaus nicht in dem groben Gehirn verharren wollten, die vielmehr aus
ihrem Kfig ausbrachen wie eine Schar schreiender Gnse auf die
Landstrae. Lining, hinter dem Verloben mu doch noch was stecken, kuck
-- wir -- er wurde glhend rot -- wir sind doch auch verlobt -- wie
oll Kusemann sagte -- aber -- wir -- Lining, sei nicht bs -- wir mgen
uns doch auch leiden --! Dietrich Siebenbrod aber und Mudding, die
mgen sich doch nicht ausstehen und verloben sich doch. -- Da so was
erlaubt is?

Nachdenkend hielt er inne.

Immer wandte sie ihm noch den Rcken. Langsam jedoch, mit einer unbewut
koketten Bewegung bog sie jetzt den Hals und blickte ihn mit ihren
braunen Augen suchend und staunend an.

Sie wartete. Er hatte gewi noch etwas Wunderschnes zu sagen. Wie eine
ganz feine, leise Musik begann es in dem herbstlichen Garten um sie
herum aufzuklingen. Viel, viel spter noch leuchtete diese Szene zu ihr
herber, wie ein farbenschimmernder, erwartungsvoller, verheiender
Kindertraum.

In dem frischen Winde flatterte die Schleife in ihren Haaren gleich
einem rosigen Wimpel; die vollen roten Lippen bebten vor Frost und vor
Neugierde.

Du magst mich gern leiden? brachte sie hervor.

Ja, entgegnete Hann erschreckt. Das hab' ich gesagt.

Ich mag dich auch gern leiden, flsterte Line und streckte ihm mit
einer raschen Bewegung ihre runde, rosige Hand hin.

Da verdarb ihm die Philosophie alles. Dieses verwnschte methodische
Hinstarren auf die Gedankenkegelbahn, auf der er die ersten
ungeschickten Wrfe tat.

Der Amtsvorsteher nimmt Mutter und Siebenbrod am Ende gar nicht an,
gab er dem Gesprch eine andere Wendung, whrend er sich aus Furcht vor
der ausgestreckten Hand beinahe zum Ausreien wandte. Wenn er erfhrt,
da sie sich nicht gern haben, dann schickt er sie vielleicht nach
Hause.

Noch immer wartete Line. -- Langsam sank das Hndchen herunter, vor dem
Hann bereits bis hinter den Apfelbaum zurckgewichen war.

Ein pltzlicher Windsto brauste durch die Zweige und warf harte Frchte
herab.

Da ri Line in aufflammendem Zorn eine riesige Sonnenblume, die hinter
ihr herabhing, von ihrem Stengel und schleuderte sie dem Jungen mit
aller Kraft ins Gesicht. Hart klatschte es gegen seine Haut.

Lining, rief er bestrzt. Was tust du?

In demselben Moment rollte eine Equipage die Dorfstrae entlang und
hielt vor dem Klthschen Hause.

Dummer Bengel, rief das Mdchen.

Dann lief sie mit flatternden Rcken auf das glnzende Gefhrt zu.




VII


Der Konsul Hollander war ein griesgrmiger Herr.

Wohl hatte er vier der schnsten Pferde im Stalle, doch pflegte er sie
aus Trotz gegen sich und gegen seine Familienangehrigen selten zu
benutzen. Jeder Luxus schien ihm etwas so Verabscheuungswrdiges, da er
sich von Zeit zu Zeit sogar seines schnen, lebenden Besitztums schmte.

Mute er notgedrungen, so wie heute, den Bitten seines Tchterchens
Dina, die so gar nicht in das stille, vereinsamte Kaufmannshaus pate,
nachgeben, wurde die altvterliche und bequeme Equipage zu einer
Spazierfahrt einmal angespannt, thronte der alte, steifleinene Johann in
seiner verschossenen Livree wirklich einmal vorn auf dem Bock, dann
konnte man sicher sein, da der Konsul brummig auf seinem Hintersitz
hockte, den Stock mit dem englischen Knopf fest gegen das Kinn gepret,
um ununterbrochen leise Zeichen der Unzufriedenheit vor sich
hinzumurmeln.

Das klang ungefhr so: Alle Krankheiten laufen sich die Tiere auf so
einer verwnschten holprigen Chaussee. Diese ruckartige Bewegung ist dem
Krper in hohem Grade unzutrglich. berhaupt das ganze ein
Frauenzimmervergngen. Mssen sich zeigen -- und das alles in den
wichtigsten Geschftsstunden.

Und zu seiner Schwester, einer unverheirateten Dame, die wie ein
gepudertes Bild aus der Rokokozeit breitrckig neben ihm thronte,
pflegte er mit einer ironisch-hflichen Verbeugung und bittersem
Lcheln hinzuzusetzen: Habe ich dich getreten? Das tut mir leid, aber
in diesem Kasten kann ich mir nicht anders helfen.

Derartige Reden waren aber so bekannt, da die beiden Damen sich nicht
sonderlich darum kmmerten. Die Tante erklrte vielmehr ihrer Nichte
Dina, die erst krzlich aus der Schweizer Pension zurckgekehrt war, mit
gutmtiger Regelmigkeit alle irgendwie hervortretenden
landschaftlichen Schnheiten, ohne sich dadurch irgendwie stren zu
lassen, da sie dies bei ihren Ausfahrten jedesmal zu befolgen pflegte.
Und das elegante Frulein, das so blond, modern und vornehm aussah,
nickte stets dazu und erwiderte immer: Danke, danke.

                              *     *     *

Als der Konsul in die Nhe des Klthschen Familienhauses gelangt war,
versetzte er pltzlich dem alten Johann mit dem Stock einen leichten
Schlag auf den Rcken.

Anhalten!

Richtig -- hier hatte er ja etwas abzuwickeln.

An den alten Klth, der einmal Schiffszimmermann auf seiner Werft
gewesen, hatte ihn noch etwas Persnliches gebunden.

Nun sollte ja eine neue Generation, eine feinere, kultiviertere mit ihm
in Verbindung treten.

Diese mute er sich erst einmal genau besehen.

Wer wei, was da wieder dahintersteckte. Er hielt es nicht sehr mit der
neuen Zeit.

                              *     *     *

Die beiden Damen saen auf zwei Sthlen, welche die kleine Frau Klth
mit unheimlichem Eifer und ohne da es notwendig gewesen wre, gereinigt
hatte. Der Konsul dagegen stand mitten in der Stube, den Stock wie immer
gegen das glattrasierte Kinn gepret und sah mit seinen grauen Augen,
die so gro unter den weien Brauen hervorblickten, auf Bruno herab, der
schweigend und doch unsicher vor seinem zuknftigen Chef verharrte.

An den Wnden ringsherum befanden sich die brigen Familienmitglieder.
Alle hielten den Atem an, als knnten sie den mchtigen Handelsherrn
irgendwie beleidigen, whrend Siebenbrod von Zeit zu Zeit langsam an
seiner eigenen Hose herabfuhr, um jede Bemerkung des Konsuls dann mit
einem beistimmenden: Jawoll, jawoll -- so 's recht, Herr Konsul zu
begleiten.

Eingehend erkundigte sich Hollander nach Brunos Vorbildung und
Kenntnissen, und merkwrdig, bei jeder neuen Wissensposition, die sein
knftiger Lehrling zu besitzen behauptete, entfuhr dem Kaufmann stets
ein zweifelhaftes Na, na!

Englisch?

In meinem Zeugnis steht gut!

Na, na! grunzte Hollander, und nachdem er sich noch die Handschrift
seines Schlers betrachtet und ebenfalls verdchtig mit dem Kopf
geschttelt hatte, sagte er hart und abweisend, als wenn er dem
Neuaufzunehmenden in der Tat nicht viel Vertrauen entgegenbrchte: Das
mag alles recht schn und gut sein. Aber die Hauptsache liegt ganz
woanders. -- Wissen Sie, wo?

Nein, entgegnete Bruno nach einigem Besinnen offenherzig.

In der Treue und Ehrlichkeit liegt sie, knurrte Hollander.

O Herr Konsul, erlaubte sich bei dieser Stelle die kleine Frau Klth
anzufgen, so was ist doch wohl selbstverstndlich!

Na, na -- wollen sehen, ich meine auch eine Ehrlichkeit, wie sie jetzt
in Geschften selten geworden, so eine Treue im groen. Und nun, lieber
junger Mann, mssen Sie sich vor allen Dingen nicht berspannten Ideen
darber hingeben, was Geschft heit. Ich hab' da mal so ein Buch
gelesen von einem Gustav Freytag -->Soll und Haben< --. Sehr schn.
Wenn Sie so was erwarten, dann knnen Sie gleich zu Hause bleiben.
Kaufmann ist der Stand der Demut, wer nicht bescheiden ist, bringt's da
sicher zu nichts. Und nun sagen Sie mal, mein junger Freund, was glauben
Sie denn nun, werden Sie zuerst bei mir zu besorgen haben?

Bruno kmpfte das niederdrckende Gefhl tapfer nieder und versicherte,
er denke, man werde ihm vielleicht zu Anfang eines der untergeordneten
Bcher zur Fhrung bergeben.

So, so? lachte Hollander kurz und stie sich mit dem Knopf gegen das
Kinn. Untergeordnete Bcher? Sehr hbsch! Untergeordnete Bcher, das
ist ein guter Anfang. In einem anstndigen Betrieb gibt es berhaupt
keine untergeordneten Bcher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein
liebes Jnging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also
zuerst schlieen Sie frh morgens sieben Uhr hbsch die Kontore auf,
dann fegen Sie die Dielen auf. -- Sollte Ihnen das nicht passen, dann
wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den
Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die
nchste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fngt
der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter
wollen wir den Herren in London berlassen. Haben Sie sich alles so
vorgestellt?

Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, da er
sich groe Mhe geben wrde.

Schn, meinte Hollander, wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie
zunchst bei mir, und morgen frh schicke ich meinen Wagen heraus, damit
er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut -- abgemacht!

Er streckte ihm die Hand hin, drckte sie gewichtig und ging dann fest
auf Frau Klth zu.

Haben Unglck gehabt, sagte er, braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat
mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. -- Na,
wollen sehen, kann dafr vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm,
Dina!

Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden
die Hand reichten.

Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich
erfreut zu der Rokokotante und flsterte Wie hbsch!

Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren
Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde.

Nach Hause, befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz
befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig
wurde, blickte er ihn nochmals prfend an und murmelte: Na also --
wollen sehen!




VIII


Mchtig verhaltene Aufregung war ber die Familie gekommen. Kaum hatte
der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die
Bodenrume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer
zu verpacken.

Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Vterliches leisten.

Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag ber dem
Drfchen, und berall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar
erscheinen lie.

Da litt es den aufgeregten Bruno nicht lnger in der weiten, niedrigen
Stube, eine Furcht war ber ihn gekommen, die er sich selbst nicht
erklren konnte. -- Wenn nur die Rede des Konsuls ber seine neuen
Pflichten nicht gewesen wre!

Eine merkwrdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fhlte, etwas
Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerstet, der Welt, die
er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten.

Unbestimmte, ferne Dmmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder
plagte ihn der phantastische Eindruck, als hre er drinnen aus der
Stadt, von der er nur die Trme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und
Mdchenlachen. Das war grlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb
verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in
der Stadt gekauft war, und lief hinaus.

Ah, hier war doch Blue, Frische, Abendsonnenschein.

Was kmmerte es ihn, da auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm
zugleich aus der Tr traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso
schneller dahin.

Nein, nein, er mute erst mit diesen trichten und doch qulenden
Dingen, die er nur aus unreifen Bchern aufgelesen haben konnte, fertig
werden.

Bruno -- nimm uns mit!

Er hrte nicht.

So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm
aussphend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem
erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu
drfen.

Gegenber von der gemtlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von
Studenten schallte, berschritt Bruno eine baufllige Brcke, die in das
Nachbardorf hinberleitete.

Und immer auf die fernen Trme der alten Hansestadt starrend, die im
Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war
er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Gtterhain, der seit
grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet.

Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstrte Kreuzgnge eines
alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen
Lieblingsplatz. Aus roter, zertrmmerter Mauer brach in halber
Manneshhe eine mchtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein
wute, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die
Schriftzge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben
Buchstaben ein Wort hervor: Mors.

Dort lie sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann
hallten Tritte durch den Wald.

Verwundert merkte er, da die beiden Kinder mit ihm waren.

Was wollt ihr? fragte er gezwungen lchelnd, denn hart und verletzend
wie sein lterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben.

Treuherzig antwortete Hann: Bei dir bleiben!

Da lie er sie beide neben sich auf den steinernen Sitz. Und stumm und
ohne sich viel zu rhren saen die drei nun nebeneinander.

Durch die dunklen Bume schimmerte das Blau der See, durchschnitten von
ungeheuren, blutroten Brcken, die die scheidende Sonne ber die Flche
gezogen hatte. Und ber diese Stege sahen die Geschwister tausend und
aber tausend bunter, perlender Kugeln auf sich zu rollen.

Ein stiller -- klarer -- deutscher Abend!

ber ihnen, in einem der zerstoenen Fenster des Klosters nistete eine
Meisenfamilie. Die schwirrten in scharfem unhrbarem Flug den langen
Hauptgang herunter, verschwanden im Dunkel des Laubes und kehrten
sausend zurck.

Aus dem Binsensumpf kurz vor der See drang ein Surren und Summen. Sonst
schwieg alles, wie die drei auf dem Stein.

Auch der Wald regte sich nicht. Er sann und trumte wie sie.

                              *     *     *

Aber einer war unter ihnen, der war bereits dazu bestimmt, einem Beruf
anzugehren, der ihn immer wieder hart und rauh aus solch goldenen,
undurchdringlichen Jugendtrumen herausri.

Von der Seite, wo das zerstrte Bauwerk mit dem Dominium zusammenstt,
drngte sich durch die Eichengebsche eine groe, vierschrtige Gestalt.

Hann! schimpfte Siebenbrod, der sich mhsam auf die Spur der Kinder
gefunden hatte und nun entrstet war, mindestens eine Stunde Zeit zu
verlieren.

Jung! Was ist nun wieder? Was sitzst du hier und kuckst in die Luft?
Weit du nicht, da wir raussegeln mssen? Bist ja ganz dumm, Bengel.
Steh auf, hier ist es nicht hbsch.

Damit packte er ihn bei der Hand, und ohne da er die beiden anderen
eines Blickes gewrdigt oder zugelassen htte, da Hann sich auch nur
verabschiede, zog er seinen Schutzbefohlenen mit sich fort.

In dem dmmrigen Kreuzgang wurde es wieder ruhig. Dann bemerkten die
beiden Zurckbleibenden, wie ein einzelnes Boot sich von der Mndung
lste und mehr und mehr die See gewann.

Die braunen Segel blhten sich, undeutlich gewahrten sie hinten am
Steuer einen plumpen Kopf, der nach dem Hain und den roten Ruinen
sehnsuchtsvoll zurckzusphen schien.

Dann wurde der braune Punkt winziger und verging.




IX


In dem Walde wurde es neblig. Line frstelte. Sie sa noch immer in dem
weien Kleidchen, von dem die rosige Schleife in Hanns Augen so
wundervoll abgestochen hatte.

Ob er nun nicht bald nach Hause geht? dachte das Mdchen, fr das der
neue Lehrling mit seiner geschmeidigen Figur und den immer gut und
stdtisch sitzenden Anzgen von jeher einen vornehmen Herrn bedeutet
hatte. Unwillkrlich legte sie dabei ihre Hand auf seine Finger.

Die frstelnde Haut brachte den Nachdenklichen zu sich.

Was willst du eigentlich hier, Kleine? fragte er freundlich, whrend
er ihr leicht ber die Haare strich.

Er sah sie an.

Das Verhltnis zu der niedlichen Pflegeschwester war immer nur das eines
erwachsenen Jungen gegen ein unbedeutendes spielendes Ding gewesen.

O nichts, versetzte sie ein bichen schnippisch, kmmere dich nicht
um mich.

Dabei fhrte sie den Finger an die Lippen und lie sie leicht
gegeneinanderschnellen.

Das sah liebenswrdig und trotzig zugleich aus. Bruno gefiel das so
sehr, da er pltzlich hell auflachte und die Kleine bat, dieses Spiel
noch einmal zu wiederholen.

Sie jedoch schttelte verwundert das Haupt. Wozu? versetzte sie
gekrnkt. Ich bin kein Kind mehr. Das mut du nicht glauben.

So? -- Ach was? -- Sag mal, wie alt bist denn eigentlich?

Das weit du nicht?

Ihre Stimme nahm einen immer verletzteren Klang an, doch den Lehrling
schien dies nur in seiner heiteren Laune zu bestrken.

Das weit du nicht? wiederholte sie heftig, whrend sie auf der
Steinplatte herumkratzte.

Nein, nimm's nicht bel, Kleine, ich hab' nicht so genau aufgepat.

Schn, dann will ich dir's sagen. -- Ich bin tausend Jahre alt,
platzte Line heraus und stie ihn mit der kleinen Faust zornig vor die
Brust. So, nun weit du's.

Ihr Krper krmmte sich dabei zusammen wie der einer geschmeidigen
Katze, mit einem Satz war sie von der Platte herunter.

Ich geh nun nach Haus!

Dummes Zeug! rief Bruno verblfft. Wozu? -- Was soll das?

Dennoch mute er hinter ihr herrennen.

Sie wirbelte wie ein weier Schatten durch den Klostergang.

Die Bltter raschelten zu ihren Fen.

Line -- Donnerwetter -- steh doch.

Da war sie verschwunden.

Wohin?

Eingesunken, von der Erde verschluckt. Eine Sage ging, da oft
Namenlose, von denen keine Pergamente melden, ehemals bei den Mnchen so
verschollen seien. Verwirrt blickte Bruno nach allen Seiten.

Line, lockte er nochmals.

Kein Laut!

Nur die Eichenkronen schttelten sich und an dem brckligen Mauerwerk
lachte die Abendrte.

Ein Eichhrnchen hockte in einer Fensternische und zog ihm eine Nase.

Unvermittelt erhielt er im Rcken einen Sto, so da er vorwrts
taumelte. Eine Baumwurzel krmmte sich vor seinen Fen. Die lie ihn
stolpern.

Er kniete jetzt.

So wird's gemacht, klang hinter ihm Lines schadenfrohe Stimme, du
bist doch nicht klug genug.

Teufel nochmal, Ding; woher kommst du?

I, ich wollte dir blo zeigen, da ich auch manches kann, was du nicht
weit.

Sie weidete sich einen Moment an dem Knienden und zeigte ihre weien
Zhne.

Pltzlich schrie sie auf.

Der Sekundaner war auf die Fe geschnellt und prete mit einem festen
Griff ihre Hnde in den seinen.

So, forderte er atemholend, nun bitt' ab.

Nein, widersprach Line.

Kleine, sei artig, ermahnte der Lehrling. Solche Wildheit mu dir
abgewhnt werden. Immer friedlich, Wurm.

Allein sie strubte sich, und er gab sie nicht frei. Bei dem Winden und
Drehen stieg ihr das Blut in die Wangen, der geschmeidige Krper bog
sich wie eine schlanke Gerte. Eine kurze Zeit, dann verlie sie die
Kraft, und allmhlich drngten sich ihr ein paar groe Tropfen in die
Augen.

Tu ich dir weh? forschte Bruno gespannt.

Line verbi den Schmerz.

Er aber zog hastig seine Hnde von ihr zurck und gab sie frei.

Merkwrdig -- jetzt htte sie entwischen knnen. Doch sie blieb und ging
von jetzt an ruhig neben ihm her.

So waren sie bis an die niedrige, verfallene Feldsteinmauer gelangt,
welche die Ruinen der Landstrae abschliet.

In der Abendsonne wand sich hier die Chaussee wie eine goldene Schlange
vorbei, zur Seite schob der Wald seine dunklen Massen weiter ins Land
hinein, und ganz hinten aus den nebligen ckern, umquollen von den sich
hebenden Abenddnsten, rollte unter undeutlichem Luten die Sekundrbahn
heran.

Bruno blieb stehen. Ihm kam der Gedanke, da er das alles heute fr
lange Zeit zum letztenmal sehen wrde.

Leise vor sich hinsummend, lie er sich auf dem Mauerwerk nieder und
starrte in die weite, nebeldampfende Ebene hinein. So merkte er erst
nach einer Weile, wie das Mdchen unschlssig neben ihm verharrte, weil
sie sich scheuen mochte, in ihrem weien Festkleid ebenfalls auf der
schmutzigen Mauer Platz zu nehmen. Da zog er sie einfach an sich.

Komm!

Und ohne viel Umstnde, kindlich und natrlich setzte sie sich ihm auf
die Knie. Er schlug seinen Arm um sie, und sie rckte sich zurecht.

Nach geraumer Zeit erst uerte der Sekundaner: Das ist hbsch.

Und Line nickte ernsthaft dazu und sagte: Ja, das ist es.

Dazu lag still und warm und rot die scheidende Abendsonne auf ihnen und
aus den herbstlichen Bumen raschelten braune Bltter auf ihre Hupter.

Da wandte sich Line nach ihm zurck. Als sie ihn ansah, bemerkte sie mit
Erstaunen, da in dem hbschen braunen Gesicht des Pflegebruders ein
dunkles Schnurrbrtchen auf der Oberlippe zu sprossen begann. Das war
ihr neu. Und aus ihren Augen und aus dem sich langsam ffnenden Munde
sprach so viel Bewunderung, da Bruno, der wohl fhlte, da etwas
Schmeichelhaftes fr ihn darin lag, das kleine Ding pltzlich lachend
und doch mit Hast an sich ri.

Sie strubte sich gar nicht.

Ganz eng schmiegte sie sich an ihn, ja, sie verkroch sich geradezu an
seiner Brust, so da er deutlich empfand, wie weich und fest zugleich
ihre Glieder sich fgten.

Eine schlerhafte, scheue Begierde stieg in ihm auf, auch ihren Mund zu
berhren. Die roten Lippen leuchteten ihm so dicht!

Aber nein -- nein, das wagte er nicht.

Es war berhaupt das erste Mal, da er so kosend nah sich einem Mdchen
fand. Und nun noch gerade diese! --

Nein!

Er schmte sich, frchtete sich und lchelte doch ein wenig unwillig
ber sich selbst.

Ein merkwrdiger, angenehmer Schauer begann ihn dabei zu berrieseln.
Und sie wand sich immer wohliger in seinem Arm. Noch war ihr unklar,
warum, doch immer tiefer nistete sie sich bei ihm ein, blinzelte
verstohlen zu dem Schnurrbrtchen empor und spann vor Freude, wie eine
kleine Katze vor dem Schlummern.

Wieder wiegten sich beide einen frhlichen Moment. -- Dann surrte die
Sekundrbahn mit ihren drei schwarzen kreischenden Waggons heran, und
ein schriller, durchdringender Pfiff weckte beide auf.

Sie sahen sich an.

Dann muten sie lachen. Keiner wute den Grund.

Es war das Lachen zweier blutjunger Menschen, die sich entdeckt haben.

Aber sie wuten es nicht.

                              *     *     *

Langsam schlich der Abend ber die Landstrae. Rechts und links fing er
in seinem schwarzen Sack die letzten Sonnenstrahlen, die wie goldene
Muschen ber den Weg huschten.

berall stiegen Schatten an Mauern und Bumen empor und griffen nach der
Rte, die dort noch ruhte.

Die Sekundrbahn, die am Flu entlang auf die Stadt zustrebte, fuhr wie
in einen dunklen Tunnel hinein. -- Nur ihre roten Augen, die sie auf dem
Rcken besa, glimmten noch eine Weile nach dem einsamen Paar zurck.

Da wand sich Line von Brunos Knien herab und streckte den Arm nach den
roten, blinzelnden Augen aus. Morgen abend bist du auch da drin,
begann sie beinah anklagend.

Ja, morgen abend schlafe ich schon in der Stadt, entgegnete er rasch.

Hastig atmete er dabei auf.

Was wirst du in der Stadt anfangen? fragte sie weiter.

Er sah sich um, ob ihn auch niemand hre. Dann schlpfte ganz heimlich
das Unterste, Verborgenste aus ihm heraus.

Der Traum, der tief in der Seele im verschlossenen Kmmerchen auf
weichem Bette geschlummert, der stieg scheu und schmig auf die Erde.

Reich will ich werden, Line.

Reich?

Sehr reich. Unermelich reich.

Wozu willst du das?

Mit einem Ruck hatte er sie wieder an sich gezogen. Doch sie setzte sich
ihm nicht mehr aufs Knie. Stehend, von seinem zitternden Arm
umschlungen, whrend ihr Ohr fast seinen Mund berhrte, hrte sie alles
mit an, sog es in sich ein, was er ihr nun mit fiebernder Hast, mit
ausbrechender, ppiger Knabenphantasie vormalte.

Ein eigentmliches Beben ging durch seine flsternde Stimme.

Ja, das mute jahrelang in ihm geschafft und gewirkt haben. -- Was
vernahm sie nicht alles? -- Das Gold, das sei der Schlssel zu aller
Macht und Herrlichkeit. Diese blitzenden Goldstcke hingen wie Sterne
ber jedem irdischen Menschenhimmel. Manchmal regne es von dort oben in
weiten Strmen. Dann wchsen aus dem getroffenen Acker Schlsser,
Palste, Grten mit seltenen Blumen, Kleider, Livreen, schnelle Pferde
und die seltensten Braten hervor. Freilich, nur ein paar Auserwhlte
seien es, die das Geheimnis ergrndet htten. Hollander gehre dazu. Der
htte es. Und von dem alten Manne mte er es auch erlernen. Sonst kme
er nicht wieder, ganz gewi nicht, sonst strze er sich irgendwo in die
See, wenn er das nicht erreiche. Denn sonst lohne es nicht, zu leben. --
Aber er wrde es erreichen, jede Nacht beinah htte er ja davon
getrumt, ja manchmal htte er ganz deutlich gehrt, wie es vor seinem
Bette seltsam geklungen und geklappert htte.

Ganz deutlich.

Klipp -- klapp.

Das ist fein, flsterte Line, der es wie Feuer durch die Adern
brannte.

Die schnen Kleider und die Schlsser hatten es ihr angetan.

Ja, aber es ist schwer, murmelte er bekmmert.

Nun tastete langsam der Mond ber die Baumkronen herauf.

Und wenn du dann reich bist? forschte sie mit verhaltenem Atem weiter,
dann --?

Ja, dann -- --

Ganz berauscht, toll von dem Klang der eingebildeten Schtze prete er
die Stehende an sich, bis er die Schlge ihres erregten Herzens hmmern
hrte. Seine Knabenaugen leuchteten in den ersten Mondesstrahlen gleich
einem Paar prachtvoller Edelsteine.

Kann ich auch reich werden? forschte sie pltzlich mit aufwachender
Gier.

Du?

Er lchelte.

Warum lachst du? Warum schttelst du den Kopf?

Du nicht.

Da ri sie ihre Hand ungestm von ihm zurck. Ihr Mund zuckte. Warum
nicht? rief sie verzweiflungsvoll.

Weil du nicht genug gelernt hast, erklrte er begtigend und erhob
sich, um sie mit fortzuziehen. Aber, das schadet ja auch nicht,
Liebling. Wenn man so hbsch ist wie du. -- Komm.

Halb im Taumel lie sie sich von ihm leiten. Alles summte in der
aufwachenden Seele durcheinander, die Liebesworte und der Goldklang. Und
immer wieder, fast bettelnd, suchte sie den Groen davon zu berzeugen,
wie sie am Ende doch nicht so wenig gelernt htte. Dabei ergab sich, da
sie die unregelmige Dorfschule monatelang berhaupt nicht gesehen, ja,
wie dies dem alten verbummelten Lehrer Toll nicht einmal als etwas
Besonderes aufgefallen wre.

Spitzbbisch wollte sie die Lippen bei dem losen Streiche spitzen. Doch
ganz ohne bergang fuhr sie zusammen und begann laut vor sich
hinzuschluchzen.

Herrgott, Lining, was weinst du?

O nichts!

Damit schttelte sie sich die Trnen ab und warf ihr Kpfchen krftig in
den Nacken.

Ich kann nicht reich werden, ich hab' nicht genug gelernt, ging es
durch ihre Gedanken. Und dann blickte sie wieder mit heimlichem Neid auf
ihren Gefhrten, der nun bald in diesen goldenen Grten spazierengehen
wrde.

Pltzlich griff sie in der Dunkelheit heftig nach seiner Hand, und
beinahe zornig strzte es aus ihr heraus: Sag' mal, kommst du nun bei
Hollander auch mit lauter solchen Menschen zusammen, die was gelernt
haben?

Das bejahte er. Lachend ber ihre kindliche Wut, und geschmeichelt, da
sie ihn augenscheinlich gleich einem hheren Wesen verehre.

Nun standen sie vor der Brcke. Unten gurgelte und sang der Flu, vom
jenseitigen Ufer blinkten die erleuchteten Fenster der Krugwirtschaft
herber. Und da! -- Was war das?

Grobe Tanzmusik drang ber das Wasser, hinter den angelaufenen
Fensterscheiben huschten blasse Schatten vorbei!

Kling -- kling -- plump -- plump -- trala!

Line griff nach dem Gelnder der Brcke und wurzelte an. Ihre Augen
saugten sich an den kleinen, leuchtenden Fenstern, die so wunderliche
Lichtstrahlen in die Finsternis hinaussandten, frmlich fest; ihre Zhne
bi sie scharf zusammen.

Nicht doch! -- Was soll das? -- Komm, Kleine.

Bruno?

Ja.

Sieh da, bei Gastwirt Krgern da tanzen jetzt die Studenten mit den
Fischerfrauen und den Mdchen.

Auch er warf einen verlangenden Blick hinber und streckte dann die Hand
nach ihr aus.

Ja, ja -- aber was soll das? -- Du mut nach Haus.

Du, da drben mcht' ich auch hin.

Da drben? Er hielt sie fest. Hr', -- da gehren keine Kinder hin.

Ich bin kein Kind mehr. Das sollst du sehen.

Mit einer schlangenhaften Wendung wischte sie ihm unter der Hand fort.

Jetzt lauf ich rber.

Er geriet in Angst.

Lining -- bedenk doch -- wir haben ja Trauer.

Oh, bei so einer, die nichts gelernt hat, schadet das nichts. Nein,
nein, da schadet das gar nichts. Ich will blo zusehen.

Um Gottes willen, bitte, tu das nicht -- mir zuliebe! Ja?

Seine Stimme zitterte so flehentlich, da sie stehen blieb und zgerte.
ber die hohen Schwebebalken der Brcke glitt der Mond, so da sich
beide genau betrachten konnten. Da ffnete sich drben in der Schenke
eine Tr. Ein Strom von Musik und Gelchter scho heraus.

Kling, kling, plump, plump, trala!

Das entschied.

Line zitterte vom Kopf bis zu den Fen. Blo zusehen, rief sie noch
einmal mit geschnrter Stimme, du kannst auf mich warten!

Im nchsten Moment flog sie ber die Brcke, und wie von unsichtbarer
Hand zurckgehalten starrte ihr Bruno nach. Seine scharfen Augen
verfolgten die Fliehende, bis sie gleich einem weien Pfeil durch den
Wirtshausgarten scho. Dann griff er sich an die Stirn und sah sich um.
Rechts von ihm ruhte die unendliche, finstere Masse des Meeres, links
glitzerte im Mondenlicht der silberne Flu, und weiterhin zuckte am
Himmel ein breiter leuchtender Schein. Unter diesem lag in der Ferne die
Stadt, in der er morgen schon wohnen und wirken sollte.

Line! rief er laut und ngstlich in unerklrlicher, aufsteigender
Bangigkeit.

Aber nichts antwortete ihm.

Nur zwischen den nahen, glitzernden Fenstern glaubte er den weien
Schatten des Mdchens in das Innere des Hauses schlpfen zu sehen.

Da brach auch bei ihm unvermittelt alle berlegung zusammen. Die Trauer
und den finsteren Ernst des Lebens, der dahinten lag und auf ihn
lauerte, alles verga er. Er wollte nur die Kleine holen -- nur sie
berwachen, das unerfahrene Ding, das so hbsch auf seinen Knien
gesessen. Noch fhlte er die heimliche Wrme. Ja, nur sie holen.

Ein paar leichte Sprnge.

Er war bereits jenseits der Brcke. Ganz nahe drang durch geschlossene
Tren die Musik -- hinter ihm versank still und schweigend die Stadt, in
der er morgen einziehen und leben sollte.

Er sprang in den Saal.

Und drauen tauchte alles wieder in nchtliche Versunkenheit; die Ufer
und die Landstrae und die raschelnden Binsen am Moor. -- Nur unten, wo
der Strom um die Brcke gurgelte, da sah Malljohann, der zur selben Zeit
nachdenklich auf dem Dach seiner Kajte hockte und zu dem Mond
hinaufmurmelte, wie sich vorsichtig ein winziges Mnnchen aus dem Wasser
hob, und wie es in die Hnde klatschte und in ein scharfes Kichern
ausbrach.

Das war nichts Menschliches.

Und Malljohann wute recht gut, so lachte nur der Klabautermann, den ja
Line fr ihren Vater ausgab, und der sich nun ber sein flinkes Dirnlein
freute.




X


Der Mond tanzte auf den Wassern.

Durch den schwarzen, glatten Spiegel streckte er berall sein feuchtes
Gesicht hindurch, zwinkerte mit den Augen und spie goldene Funken nach
Hann.

Es war gerade um die Zeit, als Line mit feurigen Wangen das erste Mal
durch den Saal schlich.

Siebenbrod war eingeschlafen, er schnarchte. Kein Lftchen regte sich;
mitten auf der toten Flche stand das Boot unverrckbar still.

Die groen Stellnetze waren bereits eingezogen, ein paar andere hatten
sie ausgelegt; mitten in dem Boot schillerte fast fuhoch ein dicker
Haufe zappelnder Heringe.

Die zuckten und sprangen und leuchteten einen fahlen, blauweien Glanz.

Von fernher hallte ein einsamer Glockenschlag. Dann kroch wieder dieses
ungeheure tote Schweigen ber den Spiegel. Der Junge, des Nachtdienstes
ungewohnt, hockte vorn am Bugspriet und kmpfte gegen den Schlaf.
Zuweilen neigte sich sein plumpes Haupt schwer gegen den Bordrand, doch
ein letzter verlschender Blick auf den Stiefvater, der, das Steuer im
Arm, zu einer unfrmigen Masse zusammengesunken schien, lie ihn immer
wieder zur Hhe taumeln.

Der Bootsmann hatte ihm anbefohlen, wach zu bleiben. Und die Furcht
wirkte strker als die Mdigkeit.

Allmhlich aber begann er zu zittern. Ein eisiger Frost stieg aus der
schwarzen Tiefe auf und legte sich wie ein enger Mantel um seine Brust.

Voller Angst und in der Sucht, sich an etwas festzuhalten, an etwas
Lebendigem, blickte er berall umher.

Dort der Mond. -- Er kam und ging.

Es war, als wenn er sich wasche und immer um das Boot herumschwimme!

Was war eigentlich der Mond?

Der Junge rieb sich den Kopf, aber das Richtige sprang nicht heraus. Er
fuhr mit der Hand in die glitzernde Scheibe, aber das Wasser war so
eisig, da er zusammenschrak.

Immer toller grinste das Gesicht aus den Fluten. Deutlich sah der
Einsame, wie die groen Augen auf und zu klappten. Dazu verzog sich der
Mund und wies blitzende Zhne.

Herrgott -- Herrgott -- was war eigentlich der Mond?

Das Gesicht wurde immer deutlicher und runder. Jetzt hob es sich aus dem
Wasser, jetzt tauchte es unter, im nchsten Augenblick klappte das Maul
auf und fing an zu reden.

Jesus!

Der kalte Schwei lief Hann herunter. Er war der Nacht und dieses
frchterlichen Schweigens noch ungewohnt.

Siebenbrod -- Siebenbrod! schrie er auf.

Vom Steuer tnte ein chzen, dann rhrte sich nichts mehr.

Nein, er mute wissen, was der Mond war. Die Unwissenheit bedrckte ihn,
wie kurz vorher Line. In wildem Schrecken versuchte er fortzusehen, doch
kaum gedacht, schwoll das Haupt riesengro an, ein Zischen quirlte um es
her, und dann grinste es wieder tckisch unter der zitternden Flut.

Da kam Hann ein Gedanke.

Er wollte sein Abendgebet hersagen, denn seine Furcht war gro. So
faltete er die Hnde:

    Ich bin klein,
    Mein Herz ist rein,
    Soll niemand drin wohnen
    Als Gott allein.

Er betete es noch immer, obwohl er ein groer Junge geworden. Er hatte
kein Gefhl fr die Lcherlichkeit.

Als er den Spruch gesagt, schielte er von neuem auf seinen Feind. Der
hatte sein Antlitz in tausend goldne Runzeln gezogen und lag grmlich
und zitternd da.

Und immer wieder ging es durch den dummen Jungenschdel: Was ist
eigentlich der Mond?

In der Schule war er so weit nicht gekommen. Ob Line das wohl wute? Ja,
wenn er heute nacht nach Hause kam, dann wollte er doch an die Nebenwand
klopfen, hinter der sie schlief, um einmal anzufragen. Ja, ja, Line
hatte es gut. Die lag nun weich in ihrem Bett.

Gutmtig nickte er.

Das war auch ganz in Ordnung, da sie nicht mit auf der schwarzen See
weilte. Sie sollte nicht arbeiten. Dazu war sie zu fein.

Und als er von neuem in das glitzernde Gebilde starrte, kam es ihm vor,
als ob sich dort drin etwas verndere, als ob ein ganz kleines Pppchen
darin herumtanze.

Wahrhaftig, so warf Line die Beinchen.

Freudig reckte er sich vor, so da das Boot schwankte. Alle Bangigkeit
war vergangen. Statt des gespenstischen Hauptes nahm er mit einmal eine
goldene Stube wahr, in der Line herumhuschte.

Ja, ja, wohlgefllig lachte er dazu, und ganz hinten am Steuer, wo die
formlose Masse des Bootsmanns hockte, rusperte sich etwas, und
Siebenbrods knastrige Stimme fragte gemtlich: Wat is de Klock?

                              *     *     *

Um Mitternacht fuhr das Boot in Moorluke ein. Eine Viertelstunde spter
stieen die beiden Fischer auf Frau Klth, die in der Dunkelheit vor dem
Lotsenhuschen stand und die Hnde rang. Als Siebenbrod sich erkundigte,
erfuhr er, da Line und Bruno diese Nacht nicht nach Hause gekommen
wren. Paul, der Student, sei bereits trotz Nacht und Nebel in die
Klosterruinen gelaufen, wo man die beiden zuletzt gesehen.

Und dabei soll es da drben spuken, jammerte Frau Klth.

Na, sie werden sich wohl wieder zufinden, trstete Siebenbrod in
ziemlicher Ruhe und ghnte mchtig. Die Hauptsache is nu, da wir
schlafen gehen. Puh -- ich schuddere man so durch den ganzen Leib. -- 's
is niedertrchtig kalt. -- Und whrend er die Witwe und Braut an die
Hand nahm, murmelte er noch: Leg dich man auch nieder, Frau Klth. Es
sind ja groe Gren.

Die kleine Frau lie sich nach einigem Struben ins Haus ziehen.

Hann aber stand vor der Tr und zitterte vor Frost. Mit bldem Blick und
schweren Augenlidern sah er in die Nacht hinein.

Hatte er das getrumt? Spukte der Mond noch vor seinen Augen.

Line war weg?

Schwerfllig schttelte er den Kopf, als wr' ihm das Merkwrdige noch
immer nicht klar, dann schauerte er wieder zusammen, und alle seine
Glieder zuckten vor Klte.

Line war weg?

Pltzlich berkam ihn eine seltsame Wut; die Mattigkeit wich von dem
jungen Krper, mit voller Wucht schlug er mit der Faust gegen die
Hausmauer, immer fester, immer rger, als htten die Steine nicht
gengend ber die Kleine gewacht.

Warum kam sie denn nicht wieder? -- Wo war sie? Wenn sie nun beide,
Bruno und das Mdchen, im Rick lgen? Laut heulte er auf und hieb wieder
auf die Steine ein.

Aus der Hand sprang Blut.

Da klappte etwas auf der Dorfstrae.

Dicht am Rick entlang kam eine Fischersfrau in Holzpantoffeln daher. Es
war die Frau des taubstummen Klaus Muchow, die ihren Mann aus dem Krug
nach Hause holen wollte. Als der Junge in der Dunkelheit auf sie zufuhr,
erschrak sie.

Huching.

Line -- Line is weg, stammelte er.

Die Frau dachte nach. Ne, berichtete sie dann, die hab' ich bei
Gastwirt Krgern gesehn, mitten unter die Studenten.

Bei Gastwirt Krgern? echote Hann, der es nicht glauben konnte, und
ri den Mund auf.

Warum schlug ihm das Herz dabei so gewaltig an die Rippen? Noch war sein
Verstand zu dumpf, um ihm das zu beantworten.

Na, ich sag man, die tanzt fein, meinte die Frau und lachte. Dann
machte sie den Vorschlag, da Hann sie begleiten solle, sie wrde ihn
mit hineinnehmen.

Darf ich denn da hin? stotterte Hann.

Die Frau warf ihm einen zweifelnden Blick zu: I ja, warum denn nicht?
entschied sie, wenn ich mit dabei bin -- komm man, mein Jnging.

Na, denn nehm' ich's an, brachte der Junge halb betubt hervor und
schttelte sich, um sich zu erwrmen. Dann hol' ich Line.

Ja, das tu man.

Es is wegen der Trauer, entschuldigte Hann voller Scham.

Ja, ja, das ist auch so.

Und dann verschwanden die beiden.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Line, jetzt komm nach Haus, drngte der Sekundaner wiederum.

Er hatte sie einen kurzen Moment an der Hand, doch sie entzog sich ihm
wieder.

Gleich -- gleich, Bruno.

Nein, du gehst jetzt.

Sie lachte wild: Ich tu ja nichts

Dabei schimmerten ihre Wangen in heller Rte, aus dem leicht geffneten
Munde stie kurz und rasch der Atem, und in den schwarzen Augen
zngelten hundert glnzende, kleine Feuer.

Ihre Fchen trippelten ungeduldig, und jetzt, jetzt wo die Musik wieder
einsetzte, da wiegte und dehnte sich der Krper so leicht, so frank und
frei, als wre das weie Kinderkleidchen lngst von ihr abgeglitten, als
stnde sie nackt und aller Hllen ledig und wrde bald einen unerhrten
Tanz beginnen.

Line -- Line.

La mich doch, Bruno, ich tu ja nichts.

Du hast mit dem groen Studenten da drben getanzt.

Das ist nicht wahr -- la mich jetzt los -- bitte, bitte.

Nein, du darfst nicht mehr.

Oder tanz du selbst mit mir.

Er erschrak ber ihr Verlangen und starrte sie an. In ihrer Stimme lebte
soviel kindliche Leidenschaft. Hinter ihm paukten und schmetterten ein
paar Musikanten, die aus der Stadt herausgekommen waren, scharrendes
Gerusch schleifender Fe mischte sich drein.

Hopsa -- hopsa -- hopsasa, sang pltzlich oll Kusemann neben ihnen,
der in seiner Extralotsenuniform bei jedem Ball die Stellung eines
Tanzkommandeurs bekleidete, hopsasa, sang er und hob das rechte Bein
unternehmend in die Hhe: Komm, Dirning, tanz mit mir! -- Ich hab'
spanische Korken in die Stiefel -- siehst du so. Er sprang hoch in die
Luft. So ein paar Dinger schenk, ich dir auch, wenn du hbsch artig
bist und mir einen Ku gibst -- fix, Marjelling. Hoch nahm er sie in
seine Arme und schwenkte sie weit in der Luft herum.

Ihre Rckchen wirbelten, die schwarzen Zpfe rasten um sie herum, von
der einen Wade war der Strumpf heruntergestreift und entblte die
braune, seidige Haut.

Huch, schrien die Fischerweiber schamhaft.

Solchen Tanz hatten sie noch nicht gesehen. Der taubstumme Riese Klaus
Muchow lachte dazu, da die Wnde drhnten, whrend die Studenten ihre
Seidel schwangen, um Line ein donnerndes Hoch auszubringen.

Line -- hurra, schmetterten die jungen Stimmen.

Line hurra, knatterte es aus allen Winkeln.

Line hurra, greinte oll Kusemann und spitzte seiner Tnzerin, die noch
nicht den Erdboden berhrt hatte, die Lippen entgegen.

Ich will nicht mehr, keuchte die Kleine, vor deren Blicken alles
verschwamm, und begann mit dem Lotsen zu ringen. Ich will runter.

Ihre Fuspitzen suchten den Estrich.

Oh, und Bruno mute oben von der Terrasse der Musiker, wo er krampfhaft
einen Stuhl gepackt hielt, alles mit ansehen, mute die entblte Wade
schauen und die tastenden Zehen, mute auch knirschend beobachten, wie
der taubstumme Riese sich erhob, um dem angetrunkenen Lehrer Toll
pantomimisch vorzumachen, wie er das Ding auf seinen Arm setzen wolle
und dann auf den Kopf.

Dazu erhob er taktmig die mchtigen Beine, grinste schlau und drehte
sich komisch im Kreise umher.

Solch ein Kerl, murmelte Bruno in erstickter Wut. Solch ein Kerl.

Wie kam es, da die Gestalt des alten verstorbenen Lotsen pltzlich vor
ihm auftauchte, seines Vaters, der erst wenige Wochen in seinem Grabe
ruhte, und der doch Line wie sein eigenes Kind gehalten?

Wie ist das mglich? -- schnitt es ihm durch den Sinn, wie ist das
blo mglich? -- Hab' ich denn das Ding noch gar nicht gekannt?

Ein merkwrdiges Gefhl, von Grauen und Verlangen gemischt, whlte in
ihm herum, keinen Blick konnte er von der Kleinen abwenden, und jetzt,
jetzt trug sie oll Kusemann schleifend und zierliche Winkel drehend
wieder in seine Nhe.

Wie er zitterte, wie er sich schmte, und er hatte sie doch erst vor
wenigen Stunden weich auf seinem Scho gehalten. --

Dirning, hrte er den Lotsen schmunzeln, leg' mich deinen Arm um den
Hals, sonst fllst du.

Und was antwortete sie?

Du alter, hlicher Kerl.

I, Lining, das ist grade was Apartes. -- Au, Kind, wozu kratzt du denn?
Ich wollt ja blo sagen: Hann liegt jetzt auf der See.

Line schlug mit der Hand durch die Luft. Wo Hann liegt, das ist mir
ganz gleich.

Na, du gehst gut, du Racker, wollte der Lotse eben belobigen, da
fhlte er unvermittelt, wie etwas an ihm herunterglitt; dadurch verlor
er das Gleichgewicht und purzelte, sich berschlagend und unter dem
drhnenden Gelchter der Studenten, gerade auf den Scho seiner Gattin
Alwining.

Die zog ein strenges Gesicht und kniff ihn heimlich in den Arm.

Alwining, flsterte oll Kusemann und griff seiner Frau unter das Kinn:
Sei ruhig, ich wei, was du denkst. -- Aber die kleine Krabbe lie mir
gar nicht in Frieden. Du weit ja, aus der wird nichts Gutes! -- Sollst
sehen, Alwining. -- Ich kenn' meine Leute.

                              *     *     *

Sie forderte zu trinken, als sie nun atmend und glhend neben ihrem
Pflegebruder auf der Terrasse stand.

Aber er verweigerte ihr alles. Eine tiefe Verachtung gegen dies tolle
Ding war in dem feinen gebildeten Jungen aufgestiegen. Fast mit Gewalt
hatte er sie in eine Ecke hinter die Musiker gezogen, und nun schttete
er dort sein Herz vor ihr aus. Wie sie sich benommen, wie sie ihn
blamiert htte, und was die Mutter zu Hause dazu sagen wrde. Den
Abschlu bildete immer der eine Satz: Du hast nichts gelernt, du
gehrst eben unter die Fischer.

Doch sie antwortete nichts.

Ihre schwarzen Augen, die so seltsam auf dem blauweien Untergrund
schwammen, lugten noch immer gierig nach allen Seiten. Die Musik und der
Tanz hatten sie offenbar betubt. Immer noch blinzelte sie nach den sich
drehenden Paaren.

Line, verstehst du mich denn nicht? -- Ich trag dich mit Gewalt raus,
wenn du nicht von selbst gehst, flsterte er mit neu aufbrausender Wut.

Verstndnislos -- kindlich und doch mit einem merkwrdigen, bewuten Zug
um die Lippen lchelte sie ihn von unten herauf an. Dann streichelte sie
ihm schmeichelnd ber die Wange, um gleich darauf das Haupt zu neigen
und mit ungeheucheltem Erstaunen auf ihre entblte Wade herabzublicken.

Jetzt bemerkte sie es erst.

Auch der Sekundaner mute diesem Blick folgen. Das Blut scho ihm dabei
ins Gesicht, er verachtete sich selbst, weil er sich nicht sofort
abwenden konnte. Doch er verharrte und blinzelte hinunter. Und Line
lachte ber den Unfall, whrend sie tiefgebeugt ber ihrem Strumpf
nestelte. In diesem Augenblick nahte sich ein junger, schlanker Student,
Jahn mit Namen, derselbe, der vorhin das Hurra auf diese jngste
Tnzerin kommandiert hatte, und streckte einfach die Arme nach ihr aus.

Schon berhrten seine Finger die Schulter der Gebckten, als Bruno sich
nicht mehr migen konnte. Er ri sie empor, da sie frmlich in die
Hhe zuckte, beide flogen von der heftigen Bewegung die wenigen Stufen
hinunter, und dann -- hatte er begonnen oder Line?

Keiner wute es spter.

Aber die schlanken Arme, mit denen sie ihn unwillkrlich umschlungen,
lste sie nicht, und dann war es Bruno, als ob alles um ihn
herumwirbele. Die Wrme, die heie Glut, dieser erste Lebenstaumel des
jungen Wesens an seiner Brust hatten es ihm angetan --! Er tanzte! --
Nein, er ri sie rasend mit sich fort. Er sah nichts als die
aufblitzenden Augen und die weien Zhne, die hinter den schmalen Lippen
glnzten. Immer herum -- immer weiter, wenn es ihm auch war, als ob er
ber spitze Messer tanze, wenn ihm auch eine flchtige Erscheinung kam,
als stnde sein Bruder Hann drauen an den Fensterscheiben und stiere
blden Sinnes herein. Schneller, wilder, dieses sich immer
gleichbleibende, beglckte Lcheln der Tnzerin berauschte ihn und
hetzte ihn weiter.

Oh, murmelte Line, noch lnger -- noch lnger.

Ja -- ja.

So gut wie du tanzt doch keiner, Bruno.

Aber du auch -- du auch, Line.

Ja, das hab' ich gelernt, flsterte sie stolz, whrend sie ihn leise
in den Arm kniff.

Doch ehe er noch antworten konnte, kam das, was ihn zur Besinnung
brachte, vor dem er floh, als htte er ein Verbrechen begangen.

Wie eine Erscheinung, unvorhergesehen, stand es da.

Leise, aber entsetzt schrie Line auf.

Was war das fr eine breite, nasse Hand, die sich auf ihren Arm legte?
-- Weshalb strzte pltzlich ihr Tnzer fort, als ob er sich verfolgt
whne?

Wer war das eigentlich, der sie festhielt und mit ihr sprach?

Erst mute sie sich die Haare aus der Stirn streichen, eh sie ihn
erkannte. Dann blickte sie sich wirr im Saale um. Ihr Herz begann
krampfhaft zu pochen, eine schneidende, berwltigende Angst durchfuhr
sie.

Wie kam sie denn hierher? -- All die fremden Leute? Die Fischerweiber,
die mit Fingern auf sie zeigten, und die Studenten, die so vertraut mit
ihr taten?

Zitternd und zerknirscht blieb sie vor dem Schifferjungen in dem nassen
Rock stehen. Der sah sie mit seinen dumpfen blauen Augen bekmmert an
und sagte mit kaum merklichem Vorwurf: Ich such' dich, Lining.

Hann, stotterte sie.

Da fate er sie fester am Arm und meldete ernsthaft: Ich soll dich nach
Haus bringen.

Ja -- ja, stie sie scheu hervor, whrend sie sich an ihn drngte: O
komm blo, ich will mit dir.

Er lie ihr keine Zeit zur Besinnung, bevor sie es selbst recht
bemerkte, hatte er sie aus dem tabakdurchqualmten Saal geleitet und
fhrte sie nun durch die stockfinstere Nacht.

O Lining, murmelte er nur einmal mit tiefem Kummer, was hast du
gemacht?

Hastig atmete sie auf. Ich wei auch nicht, brachte sie dumpf hervor,
aber dann setzte sie halb voll Angst hinzu: Aber ich glaub', es kommt
davon, weil ich so wenig gelernt hab'.

Ja, ja, das mit dem Lernen, stimmte Hann beklommen bei.

Er dachte immerfort daran, wie sein feiner Bruder, der doch morgen in
die Welt sollte, und dies kleine Mdchen zusammen getanzt hatten,
getanzt, whrend der alte Lotse in seiner Grube kaum kalt geworden.

Das war greulich.

Aber er sprach darber kein Wort. Etwas Unbestimmtes, ngstliches hielt
ihn von der Schwester fern.

Endlich waren sie an der Seite des murmelnden Flusses bis vor die Tr
des Lotsenhuschens geschlichen.

Hann, begann Line hier, der das Schweigen Pein verursachte, wacht
Mutter noch?

Er schttelte das Haupt.

Bist du allein auf?

Er nickte.

O Hann -- sie drngte sich in ihrer schmeichelnden Art an ihn --
sprich doch mit mir -- ich will's ja nie wieder tun, hrst du? -- aber
sprich mit mir.

Wieder schttelte er das plumpe Haupt. Ihm war so trostlos zumut, da
ihm keine Worte einfielen. Da wurde die bohrende Verzweiflung in Lines
Brust bermchtig, heftig sprang sie an dem Jungen in die Hhe und
drckte ihm einen heien, bittenden Ku auf den breiten Mund. Ich
will's ja nie wieder tun, hauchte sie dazu, ganz gewi, nie wieder --
aber sag hier zu Haus nichts davon, hrst du? -- sag kein Wort.

Noch stand sie einen Augenblick vor ihm. Durch die tiefe Nacht glaubte
er das Weie ihrer Augen zu erkennen. Dann hrte er etwas ber die
Treppe huschen, und ber die Stelle, wo sie gestanden, suselte der
Nachtwind.

Es war stockfinster und Hann auf der Landstrae allein.

Da senkte der dumme Junge langsam den Kopf in seine groben Hnde und
begann unhrbar vor sich hinzuschluchzen.




XI


Zur selben Zeit sa Line im Hemd auf ihrem Bette.

Die nackten Fe lie sie hinabhngen, die Hnde hielt sie auf dem Scho
krampfhaft ineinandergefaltet, und so bohrte sie ihren Blick
unverrckbar auf die nahe Bretterwand des Verschlages, als wre dort in
der Schwrze irgendeine helle Stelle und sie vermchte auf ihr etwas
Merkwrdiges zu ersphen. Sie fror nicht, sie zitterte nicht,
aufgerichtet und muschenstill hockte sie, und alle ihre Gedanken
schienen sich wie Pfeile in ein einziges Ziel einzuspieen.

Endlich seufzte sie tief auf, griff nach dem Stuhl, auf dem ein
Lichtstmpfchen stand, und entzndete es. Behutsam hielt sie die Hand
vor das Flmmchen, so da ihre Finger wie in Blut getaucht erschienen,
und schlich dann verstohlen mit ihren nackten Fen in die Ecke hinter
dem Bett, in der eine ehemalige Zuckerkiste stand.

In diesem Behlter whlte Line heftig herum. Bald holte sie ein paar
alte Bcher und einige vollgeschriebene Schreibhefte heraus, bald
bltterte sie emsig in einem zerrissenen Volksschulatlas, immer erregt
dazu murmelnd und buchstabierend. Zum Schlu band sie um alles einen
Bindfaden und schlug leicht mit der Faust auf das Pckchen, als htte
sie einen festen Entschlu gefat.

Den Atlas aber behielt sie bei sich, eng an den Leib gedrckt. Und als
sie ins Bett huschte, legte sie die verstreuten Bltter erst sorgfltig
unter ihr Kopfkissen.

Licht aus.

Still lag sie da, lang ausgestreckt, die groen Augen weit offen, nur
ihre regelmigen Atemzge verrieten, da sie lebe.

                              *     *     *

Das ist ein ekliger Qualm, hustete Siebenbrod und spie ein paarmal
aus, pfui Deibel.

Ja, das is, wie wenn Satans Gromutter verbrannte Milch auf die Erde
giet, brummte oll Kusemann, dessen Konturen ebenfalls zuweilen durch
den weien Brodem sichtbar wurden. Manchmal schien es auch, als tanzten
die Kpfe von Malljohann und Frau Drthe Petersen um ein paar
Pferdeschnauzen herum, doch alles verschwand gleich wieder hinter dem
feuchten, bleiernen Linnen.

Da brummten Glockenschlge aus der Hhe, und durch die Nebel ging ein
Zittern.

Acht Uhr.

Die Equipagenpferde des Konsuls wieherten laut und durchdringend.

Mudding -- nu mach fix, mahnte Siebenbrod. Nu mut du die Hnde von
Bruno und Paulen loslassen.

Doch die kleine, stille Frau konnte sich noch nicht trennen. Immer
wieder griff sie nach den Fingern ihrer beiden ltesten, die
nebeneinander auf dem leichten Korbwagen saen, und nur die milchigen
Gespinste verhinderten, da nicht alle bemerkten, wie dicke, schwere
Trnen ber die Wangen der Witwe rollten.

Mudding, drngte Siebenbrod, die Pferde friert.

Wo ist Hann? fragte des Studenten harte Stimme.

Und wo Lining? beeiferte sich oll Kusemann ironisch hinzuzusetzen.

Zur Seite des Wagens, dicht unter dem Bollwerk knirschte etwas. Dort
hatte Hann bis jetzt in seinem festgebundenen Boot gesessen und
schwerfllig in sich hineingesonnen. Viel, viel lieber wre er hinter
der dicken Nebelwand versteckt geblieben, als jetzt seinem Bruder Bruno
die Hand zu reichen, gegen den er seit gestern so Schweres auf dem
Herzen trug. Doch auf den Ruf des Theologen trottete er folgsam heran.

Adieu, Hann, sagte der Student, whrend er ihm rasch ber das Haar
fuhr, achte auf das Grab von Vater -- versprich mir das.

Ja, ja -- Pauling, heulte Hann los.

Adieu, Hann, verabschiedete sich jetzt auch der andere, bleib gesund
und besuch mich bald mal -- hrst du? Er reichte ihm zgernd die Hnde.

Der Schifferjunge drckte sie aus Leibeskrften. In seiner Rhrung hatte
er lngst den Groll vergessen. Bleib immer gut zu Weg, Bruno -- immer
gut zu Wege.

Du auch.

Aber wo ist Line? schrie oll Kusemann dazwischen, der seine Tnzerin
durchaus dabei haben wollte.

Keiner wute es.

Nur Malljohann, der zuweilen etwas sah, was kein anderer bemerkte, stand
unaufhrlich in seiner schlotternden Haltung da und glotzte schweigend
und mit dem breiten Maul merkwrdige Kaubewegungen ausfhrend nach dem
kleinen, kreisrunden Giebelfenster. Und je mehr die andern riefen, und
je lauter sie sich wunderten, desto deutlicher erkannte Malljohann mit
grinsendem Behagen, wie dort oben aus dem dunklen Kreise der Kinderkopf
unbeweglich durch die Milchnebel hindurchsah.

Hh! rief der Kutscher.

Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, laut knackten die Rder in
dem feuchten Lehmboden.

Adsch, meine lieben Kinder, rief die Mutter mit erhhter Stimme.

In einer Sekunde hatte das weie Nichts das Gefhrt verschlungen. Das
Rollen allein tnte noch heraus und nach diesem sich verlierenden
Gerusch bog Line weit, weit den schlanken Leib aus der Bodenluke, bis
sie fast auf den qualmenden Kissen zu ruhen schien. Die Hand warf sich
vor, ihre Finger bogen sich, als wollte sie nach etwas Verlorenem
greifen.

Alle gingen sie darauf ihren gewohnten Tagesbeschftigungen nach.
Malljohann spielte die Handharmonika, oll Kusemann verzog sich in die
Wrterhtte, Siebenbrod flickte in der Kche an einem Segel, und Hann
sa mit dumpfem Kopf und schweren Gedanken in seinem verankerten Boot,
wo er ein Brettchen an eine der Schiffsrippen zu schlagen hatte.

ber alle aber warf der Nebel seine dichten wallenden Decken. So kam es
auch, da niemand wahrnahm, wie Line mit dem Bndel, das sie in der
Nacht verschnrt, vorsichtig aus dem Hause witschte.

Geradeswegs ging sie in das Pfarrhaus, das neben dem Kirchhof lag. Und
als der geschftige winzige Pastor, der gerade mit seiner korpulenten
Frau auf dem rot gepflasterten Flur damit beschftigt war, ein Fchen
Malaga abzuziehen, als der muntere, weinlustige Herr ihr vergngt die
Haare kraute und sich nach ihrem Begehren erkundigte, da streckte sie
ihm wortlos, jedoch mit einer wilden Bewegung und klopfendem Herzen, das
Bndel Bcher entgegen.

Ich will was lernen.

Hm, murmelte der Pastor und sah verdutzt von der Kleinen auf den Kse,
den er gerade zum Abprobieren in der Hand hielt, ach so -- ja, ja --
hm, hm.

Und dann reichte er ihr auf jeden Fall ein Glas von dem goldbraunen,
spiegelnden Malaga.

  Ende des ersten Buches




Zweites Buch

Frau Welt




I


Ich zweifle, ob ihr wit, da es noch Gtter auf der Welt gibt. Aber ihr
knnt es glauben, es ist so.

Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell
entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, da sie in Wahrheit die alte
Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrckte, da hat
sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijhrigen
Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgchens
die Hte vom Kopfe scho.

Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich ber die
Bekanntschaft sehr gefreut.

Dieses steht fest, das hat er mir eigenhndig geschrieben. Einen
anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich wei
nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht sehaft war, da habe ich
ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen
Eid leisten.

Ein Jahr war gerade im Abtrpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit
hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und
Hecken wund zu reien, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche
Dornrschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstndlein
schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und
Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar
Stunden spter auf einem dick verschneiten, abenddmmerigen Felde, ber
das ein Weg nach Moorluke fhren sollte. Doch der Pfad mute eine
Frhlingssage bilden. Jetzt war er lngst versunken. Inzwischen brach
die Nacht ein -- es war Silvester 1896 -- ringsherum wirbelte dicker
Schnee, ber die toten Felder heulte der Wind, und das Eis unter meinen
Tritten sthnte und chzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer
trume, -- da -- tuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwrze
ein langer ungefger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwrdiges
rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mchtige Schimmel
ihr Fuhrwerk an mir vorberziehen. Da rief ich sie an: Heda!

Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im
weien Schafpelz, die eine Tte mit einem Licht darin in der Hand hielt,
leuchtete mir ins Gesicht.

Fhrst du schon lange, Alter? fragte ich hinauf.

Lange, antwortete eine trockene, hstelnde Stimme.

Wohin?

Gradeaus.

Das klang merkwrdig, und halb ohne berlegung fragte ich, ob ich mit
nach Moorluke fahren knne?

Der Schafpelz rckte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz
genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was
der Alte fr Ladung fhre.

Dung.

Wieder beschlich mich ein seltsames Gefhl, aber wie ward mir erst, als
jetzt beim Schein des Ttenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz
zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen trnten zwei mde, schwarze
Augen heraus, und bis unter die drre ragende Hakennase ber den
zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweier Bart,
der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor.
Der Mann war unbestimmbar alt. Und pltzlich berkam mich die
schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in
Greifswald, welcher ber seinem eigenen Werk Die immanente Philosophie
der Menschheit verrckt geworden sein sollte, in einer geistreichen
Spekulation nachgewiesen, da sich zwischen Moorluke und der Stadt ein
alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener
Gott wre und eigentlich Chronos hiee.

Chronos! rief ich unwillkrlich laut heraus.

Wat? keuchte mein Gefhrte und bewegte sein Licht.

Es war kein Zweifel, oll Chronos, der wiedergefundene Gott meines
armen Freundes Asmus, sa neben mir. Eine Zeitlang blieb es still
zwischen uns beiden. Geruschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen
Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in drrer
Hand seine Tte in die Hhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann
fate ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke
kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern.

Flocken, murrte der Alte in sich hinein.

Wie, oll Chronos? forschte ich immer verwirrter.

Was ist das fr ein Nam'? lachte der Mistkutscher so halb verchtlich
und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die
leuchtende Tte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer
Hustenanfall beinah alle Glieder verkrmmt, keuchte er etwa folgendes
hervor:




II


Hr! Menschens! -- Menschens -- Wat sind Menschens? Auf die kommt es
gar nicht an! Menschens sind dasselbe, was ich hier fahre. Dung. Sie
blhen und sie verfaulen und werden Mist und machen wieder andere
blhen! Ohne da sie dat wissen, und ohne da sie es wollen. In dem
Dung, siehst du, liegt allein die Kraft dazu. Aberst wie sie dahinein
kommt, das ist das Geheimnis. Aber eins bleibt merkwrdig. Die richtige
Kraft steckt doch nur in dem Allerbersten und in dem Alleruntersten.
Der Mist treibt, und die Blte oben, die zeugt, -- was dazwischen liegt,
Jnging, das wird Grummet und Spreu. Aber la man, eins macht mich doch
vor allen Dingen stolz, kuck, in diesen meinen Wagen hier kehrt doch zur
Zeit alles zurck, was jetzt wer wei wie weit verstreut liegt. Ich fahr
mal die ganze Welt spazieren. Verstehst du das?

Hm, murmelte ich.

Du bist doch ein rechter Dummerjahn, brummte der Alte. Ihr seid
berhaupt alle recht dmlich und bildet euch zuviel ein. Wozu fragst du
nun nach Line und Hann, und Bruno und oll Kusemann, nach Siebenbrod und
die anderen? Das kommt, weil ihr immer glaubt, jeder lebe nach seinem
eigenen Kopf. Prost Mahlzeit, das haben euch blo eure Bchermacher
eingeredet, in Wahrheit verhlt es sich ganz anders. Ich will es dir
sagen, die Hauptsache sind die Jahren, -- verstehst du das?

O ja, versetzte ich bekmmert, obwohl es mir merkwrdig im Kopf
summte, denn das Schneetreiben wurde so arg, da mir die Ohren schon
halb verstopft lagen und ich nur noch undeutlich vernahm, wie der Alte
mde die Peitsche schwang.

Also du verstehst mir, mein Jnging, fuhr er fort, -- hh, denn man
weiter. Ja, also die Jahren bleiben die Hauptsache. Die Jahren kommen
einfach zu die Menschens heran und holen sie ab. Zu allerlei Taten. Ob
das Menschenkind will oder nicht, das is ganz gleich. Die Jahren wollen.
Die sind nun eingeteilt, wie beim Kommi die Soldaten. Weit du, welche
zuerst kommen?

Nein.

Zuerst kommen die Traumjahren.

Wie meinst du das, oll Chronos?

Der Alte schttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern hre, dann
fuhr er fort: Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen
dir wie die ltten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit
Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob
das Puppen wren. Aber dafr sind die Jahre auch die glcklichsten, denn
eine Einbildung macht immer glcklich. -- Begreifst du mir?

Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich
kalt.

Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz.

Siehst du, hustete er, die Einbildungsjahren hatten Hann und Line
grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre
her. -- Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten,
denn die werfen die Beine gewissermaen noch so unter dem Kommando. Eins
-- zwei -- eins -- zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann
freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die
hatte den richtigen Heihunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn,
da der spaige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding
auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natrlich
alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie wei doch nun berall
Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und
da die Erde sich im Kreis rum kseln soll, worber ich aber lache. --

Und Hann?

Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mute,
wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hrte, und wie sie
immer feiner wurde und beinah ein Frulein, da setzte er sich das in den
Kopf, Pastor Witt mt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei
leider man recht nachlssig, sa ganze Ncht' in dem Boot wie im Traum
da und hat von Siebenbrod, der allmhlich ein recht geiziger Filz
geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund fhrt sparen, sparen,
manchmal erbrmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du
wohl, da das was ntzte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' blo immer
stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche
die Predigt mit angehrt hatte und sie zu Ende war und der muntere
Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Kster Bollentin immer mit einem
Glas Wein auf ihn warten mu, da ging er ihm nach. Und da stand er nun
vor ihm und drehte an seiner Mtze und sagte endlich: >Herr Paster,<
fragte er, >is es wahr, was Line sagt, da sich die Erde dreht?<

>Ja,< meinte Pastor Witt ein bichen verwundert, >das hat sie so an sich.<

Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie mu ich das anstellen, da ich
von dem Drehen auch was merken tu'?<

Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr
unrecht von ihm find', und hat zu Kster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich
eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so
behaglich auf dem Kopf herumgettschelt und hinzugefgt: >Hr eins, mein
Jnging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei
Arten merken. Erstens, wenn du spter auf einen Tanzboden gehst. Oder
zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen
Malagawein abzieh' -- was? Kster Bollentin, dann merkt man's. -- Und am
allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverstndliches
Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drhnung kriegst, dann hast
du keine Anlage dazu. Aber la man, ich mach blo Spa.<

>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Trnen traten dem Lmmel
in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem
Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche
Bcher zeigen?<

>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bichen
verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?<

>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und
damit ich wieder mit ihr sprechen kann, so wie frher.< Und dabei
schttelte es ihn durch alle Glieder.

Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat
zurck und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten
an und sagte endlich zu dem Kster, aber ganz leise: >Bollentin, wei
Er, was ein Roman is? -- Ja? -- Na also, hier steckt einer.< Und dann
gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei
hinaus.

Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte ber das knackende
Feld, ber das ein merkwrdig hallender Ton hinwegzog. Hrst du?
keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein.
Dort drben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwlf,
und Silvester mu ich an Ort und Stelle sein, -- hh.

Mit einem Ruck zogen die beiden Gule strker an, und der Dampf, der aus
ihren Nstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und
links tauchten jetzt groe Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten.
Das waren aber nur versunkene Huschen, die aus ihrem Daunenbett
herauslugten.

Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: Da drin brennen sie nun
die Tannenbume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja -- allens hat seine Zeit.
Anznden und Auslschen.

Inzwischen erreichten wir den Flu. Scharf fegte hier der Wind ber die
vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der
Folterschrei eines bsen Geistes klang.

Der Alte lachte: Das is ein Fuchs, murmelte er, graul' dir nicht --
das Biest hat Hunger.

Erst als wir die groe Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an
meinen Gefhrten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein
Philosoph geworden wre.

Je. Der Alte wiegte den Kopf und schttelte sich ein wenig, um sich
die Flocken abzustuben: I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der
Paster merkte ja gleich, da mit richtige Bcher bei Hann nichts
auszurichten wre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als
der Herr Paster das vortrug, was sie so Schpfungsgeschichte nennen tun,
da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beilufig damit heraus,
die Schpfungsgeschichte htte einen Fehler. Nu nimm blo mal an, einen
Fehler, sagte der Bengel.

Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?

I, der sah sich zuerst ganz dsig in der Stub' um und kuckte auf Line,
die auch ganz rot vor rger dasa, und fragte endlich blo >wieso?< Na,
und was glaubst du nu woll, womit der Lmmel zu Raum kam? -- Es hatte
sogar ordentlich einen Sinn: >Herr Paster, sagen Sie mich mal,< fing er
an, >die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Khe geben Milch, und
von den Schafen schert man Wolle; und dafr, da sie das all tun, da
haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas
Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlgt und auffrit, der hat
eine. Herr Paster, ist das auch Gte?< Sieh, da wut nu Paster Witt
nichts drauf zu antworten, und sah blo in sein Buch und machte den
Finger na und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er
endlich verdrielich vorbrachte, da sich ber so was ein richtiger
Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.

Ein hllischer Jung, warf ich dazwischen.

Ja, Menschenkind, das meinst du woll, sagte der Gott, aber als sie
nun in der biblischen Religion so allmhlich bis zu die Geschicht' von
Adam und Eva'n und den Sndenfall vorgerckt waren, sieh, da wollte Hann
wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schttelte, so
da sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach
erkundigte, was denn nu all wieder los wre. -- Und daraufhin packte
Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, da er sagte: >Herr Paster,
nehmens nicht bel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und da
daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl blo eingebildet,
denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die
Frauensleut ab.< Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster
hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch
hinzu: >Und bei die Tiere ist das grad so! -- Ich war erst neulich
dabei, wie Nachbar Piepern seine weie Kuh ein lttes Kalb geworfen
hat.<

>Junge,< rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er
ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fgte
noch rasch bei: >Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus
dem schnen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, da wir andern
nicht wieder rein knnen? -- Wir haben ja doch keine pfel gegessen? Ich
mag berhaupt keine pfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr
Paster, wegen so'n einzigen Appel. -- Bei Schullehrer Tollen hngen
lauter pfeln ber den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr
Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke,
und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.<

Ein ganz niedertrchtiger Kujohn, warf ich darein.

Ja, das meinst du woll, knurrte der Mistkutscher behaglich und
wackelte mit dem Kopf.

Na, und was wurd' nu draus?

Ja, das kannst du dir nicht denken. -- Das kam anders, als mit Petrus
und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst sa der kleine Herr Pastor da und
war ganz rot im Gesicht, und man wute nicht, ob er rgerlich war, oder
ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf
und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er mchte
eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide drauen vor dem
Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrhlingstag;
an allen Bumen lag noch fuhoch der Schnee, und die Birken an dem
Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grnen Schu in die Hhe. Da
sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gtig ber die Backens:
>So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr lnger unterrichten. Du
gehrst zu ganz andern Lehrern.< Und als Hann mit groen Augen fragte,
was das fr welche wren, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher,
bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Flu, ja wahrhaftig sogar auf
Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklrte endlich: >Ja, die mein' ich.
Die knnen dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch
besser. So, mein Jnging, und nun la dir von meiner Frau noch eine
Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adsch.<

Als oll Chronos bis hierhin erzhlt, krmmte er sich unter der Last des
Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu
wollen. Wenigstens lallte er unverstndliche Worte vor sich hin und hob
fter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche.

Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch
Nacht und Schneetreiben etwas zu:

Prost Neujahr!

Allein der Rosselenker schttelte mimutig den Kopf: Is noch nich
soweit, das wei ich besser.

Wir fuhren frba. Die Tte leuchtete matter und matter, das Licht
zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und
besah es sich. Wieder ein anderes, murmelte er, wird auch nicht
besser brennen. Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so
gewichen, da er mir gar nicht mehr gespenstisch erschien. Und als die
ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so
ziemlich alles aus ihm herausgefragt.

Hann ist in den sieben Jahren ein Trumer geblieben. Das, was er nicht
gelernt hat, und worauf er nun berall selbst kommt, das steckt ihm
schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungeniebar gemacht.
Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden
spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen.

Aber Line?

Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in
der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heit das olle Frulein. Bei die ist sie
ja woll so ein Stck Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch
immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.

Line mu doch bildschn geworden sein?

Schn? Der Alte begann zu kauen und grinste. Je, darin seid ihr alle
ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.

Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno.

Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in
Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurckkommen. Das is
en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und
braune Glacs!

Und Paul?

Chronos schttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat
hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem
hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. Ein
richtiger Schwarzrock, knurrte der Mistkutscher.

Achtung!

Wir kamen ber die Moorluker Brcke. Und pltzlich legte mir der alte
Gott seinen Arm um den Hals, da eine niegefhlte Klte durch meine
Brust schnitt, und flsterte mir ins Ohr, als glte es ein Geheimnis:
Jnging, die Brunstjahren, vor die ht dir, das sind die strksten, da
hab' ich meinen meisten Spa dran. -- Dann kommen die Schaffensjahren,
und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weit du, was die sind?
Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol'
dich ab, aber dahinten -- kuck, hier.

Er zeigte auf seine Ladung.

Ein Windzug lschte das Licht aus. Bim -- bum hallte es verschlafen vom
Moorluker Kirchturm.

Zwlf, sprach der Alte aus der Dunkelheit.

Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Huschen. Der Lgenlotse
selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch
in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: Jnging,
Jnging, Prost Neujahr -- Prost Neujahr -- komm rein, hier drin bei mir
sitzen alle Professoren von der Universitt. Und dich kann Alwining auf
ihren Scho nehmen, ich erlaub's.

Steig ab, forderte der alte Gott.

Und du? fragte ich, nachdem ich herabgeklettert.

Na, ich fahr noch ein Stck.

Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzndete
an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der
Wagen um die nchste Ecke bog.

Der Alte knallte mit der Peitsche.




III


Die Hyazinthen blhen, rief Line, whrend sie an dem dick vereisten
Fenster die Glser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrckte: Sehn
Sie blo, Frulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir
nur rote und weie.

Es war Neujahrsmorgen.

In dem gemtlichen Stbchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte
in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fuboden, die
gelblackierten Korblehnsthle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls
Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem
weien Schimmer davon, da das alte Frulein Dewitz die Eigentmlichkeit
besa, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres
Schmuckkstchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen.

Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven
hervorschimmern sah. Es schien beinah unmglich, da sich an diesem
schneeigen Wei jemals Menschenhnde vergriffen haben sollten.

Die allergrte Sauberkeit jedoch, nein, frmlich eine Art Leuchtkraft
der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Rume selbst
aus.

Da sa sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die
Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem
Stumpfnschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Scho
unwillkrlich ein hheres Wei angenommen hatten.

Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestrt.

Sehn Sie blo, Frulein, rief Line noch einmal. Diese schnen Farben
und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!

Du sollst nicht Frulein sagen, verwies die grauhaarige Dame und
schttelte zwei groe Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.

Tante, verbesserte sich Line.

Gut -- so klingt es liebevoller. -- Zwar, wenn wir allein sind, dann
hre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich
bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich,
mu man auf Respekt halten. Das ist ntig.

Gewi, besttigte Line, die gar nicht gehrt hatte, jedoch der alten
Dame nie widersprach. Darin hast du ganz recht, Tante.

Ja, ja, fuhr das gute Frulein fort und befeuchtete sich ihre
Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als
Handarbeitslehrerin angenommen, du bist nun die letzte, die ich
erziehe. Gott ja, wenn ich so zurckdenke, -- und am Neujahrsmorgen
kommt einem das so unwillkrlich -- dreiig Jahre hab' ich all die
kleinen Mdchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nhen, stricken und
sticken gelehrt -- jede hatte ihren eigenen Knuel, den sie bei mir
kaufen mute -- und ich rechnete genau dasselbe dafr, was er mich
selbst kostete. -- Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu
ungeschickt an; aber schlielich -- lernen muten sie es eben, denn
damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat
verlangt. -- Ja, siehst du, mein Dchting, ich hab' oft darber
nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, da in den
kleinen Dingern so allmhlich eine rechte Stille und Ruhe gro wrde,
und dazu -- das wei ich gewi -- dazu war grade mein Fach so recht
geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Hkeln herabbeugten und
dabei zhlen muten: >Eins, zwei, drei -- feste Masche -- eins, zwei,
drei -- Stbchen --,< siehst du, dann kam ordentlich etwas
Hausmtterliches in sie hinein. Es war rhrend anzusehn. Jetzt ist das
alles anders.

Das alte Frulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe
mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben
entfaltet hatte.

Eine Zeitlang hrte man nichts als das Murmeln von Frulein Dewitz und
das frische Knacken der Holzkltze, die in dem blankgescheuerten, weien
Ofen lustig brannten.

Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer
abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.

Lachtest du? fragte das alte Frulein, erstaunt von ihrem Briefe
aufsehend.

Bewahre, beteuerte Line, whrend sie mit ihrem Finger ein kleines
Guckloch in die Eisscheiben malte.

Aber es klang doch so.

Ich habe nur gehustet, versetzte das junge Mdchen ganz ruhig, indem
sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Strae
hinausblinzelte.

Ja, ja, du mut dich vor Zugluft in acht nehmen, ermahnte die Tante.
Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner lteren Bekannten tragen
dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.

Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts
mehr davon, wie sich das Mdchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die
angespannten Glieder ein kurzes, unterdrcktes Lachen bebte, und da
sich ber das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein
Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich
bei dem sonst folgsamen Geschpf zu unterdrcken bemht war.

Auf der anderen Seite der Strae wanderte zur selben Zeit eine
untersetzte stmmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer
Dffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und
bis unter die blaue Mtze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter
nicht abblaten. Unter beiden Armen aber trug die Gestalt je einen
mchtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lftete, um dann, nach einem
Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschmt
vorberzutraben.

Das war Hann Klth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod
alljhrlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und
Leberwrste sowie zwei schneeweie, lebende Gnse in diesen Krben zu
Frulein Dewitz befrderte. Allein jedesmal bedurfte es grerer
Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Frulein
Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Frulein ihn mit
wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnsthle
niederntigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gnse auch selbst
gestopft htte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen
wrde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere
Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.

Warum Line ihn wohl so fragte? -- Und weshalb sie stets die Lippen zu
solch eigenartigem Lcheln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde?
Ja, ja, es war richtig, sie war bei Frulein Dewitz eine wirkliche junge
Dame geworden, die auf dem Kapitnsball und bei dem Studentenball
getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er -- Hann Klth -- das wuten
alle andern man nich -- und dabei lachte er whrend des Hintrabens
wehmtig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab -- er war auch gar
nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er
ebenfalls sich herausgeklstert hatte, whrend der langen Boddenfahrten
bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht ber das
meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die
richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, --
das von eins auf zwei kommen, und von da in die groen Zahlen hinein,
das war nun mal sein einziges Vergngen. Das hatte er gegen all die
Pffe von Siebenbrod und die Trnen von Mudding und mit alleiniger
Untersttzung des Lgenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.

O je -- nehmens nich bel, stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus
und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen
Korpsmtze, mit dem er eben whrend seines Trotts zusammengestoen war.

Donnerwetter -- Mensch -- nehmen Sie sich doch in acht, schnauzte der
junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, da Line, welcher
er gegenber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine
Fensterpromenade schnitt, das lcherliche Zusammenprallen mit diesem
Bauerntlpel bemerkt haben msse.

Nehmens nich bel, entschuldigte sich Hann noch einmal, ich habe
Ihnen nich gesehn.

Doch der Musensohn mute den armen Fischer erst noch etwas grndlicher
seine berlegenheit fhlen lassen: Was geht mich das an? schimpfte er
fort, whrend sein brauner Neufundlnder wtend gegen Hann zu knurren
begann, soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?

Je, wenn Sie mich zuerst sehen? meinte Hann ehrlich.

Dummkopf Sie, schrie der Student, der es in der natrlichen
Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, wenn Sie nicht solch ein
Schafskopf von einem Esel wren -- -- --

Ich wei woll, studiert hab' ich nich, sprach Hann gelassen dagegen,
und nachdenklich setzte er hinzu, ich dacht' mich blo, die offenbare
Strae wre fr jedwereinen da, denn wozu wre sie sonst so breit? Und
wenn ein feiner Herr von einem gewhnlichen Mann nicht gestoen werden
mcht', da es dann besser wr', er ging' ihm aus dem Weg.

Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewhnt
hatte, fr das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universitt noch nicht
existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen
wtenden Blick zu, und in dem Bewutsein, die Gattung des Korbtrgers
jetzt erst felsenfest fixieren zu knnen, rief er noch verchtlich:
Kamel, und strzte triumphierend davon.

Je, wieso? sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann
zweifelnd nach. Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier
zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den groen Wsten zum
Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen
natrlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen
ntzlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das mcht ich wissen. --
Auch >Hund< und -- -- Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen.
Denn oben an dem Blumenfenster ffnete sich ein Flgel und eine helle
Stimme rief halblaut herunter: Hann!

Der Schiffer zuckte zusammen.

Diese Stimme hatte noch immer fr ihn etwas Weckendes, Alarmierendes.
Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt
lebte, hatte er lngst eingesehen, da der Abstand zwischen ihnen beiden
ein unermelicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul
Hollander zu Tisch a -- und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der fr
eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. -- Ne, ne, die
Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel
getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd gekt hatte, die waren
vorber. Fr immer. Blo das Drandenken, das blieb schn. Und das tat er
auch. Ohne da einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn
Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Kche saen und Netze
flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte,
dann sann er und sann. Und wenn dann eine Mwe an der Mauer mit scharfem
Flgelschlag vorberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line
husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen
sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in
der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mute er sich
erinnern. Ja, ja, wie hbsch ihre Rcke damals wirbelten -- hm --

Hann, rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum zweiten Male
empor und begann sich heftig zu schmen. Richtig, jetzt hatten ihn die
verfluchtigen Gedankens, die so oft ber ihn kamen, jetzt hatten sie
ihn auf offener Strae in ihre Gewalt bekommen, so fest, da er beinah
vergessen hatte, weswegen eigentlich die Krbe an seinen Armen hingen.
Nun half es nicht lnger, jetzt mute er hinauf. Ohne den Blick zu
erheben, lftete er die Mtze vor Line und stieg die schmale, gewundene
Holztreppe in die Hhe.

Oh, rief Frulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Krbe
vor ihr niedergesetzt, Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein
Geschenk fr uns. Was das wohl sein mag?

Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lcheln stand sie
noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb
griff, um eine der Gnse am Halse in die Hhe zu bringen.

Ei der Tausend -- eine Gans, verwunderte sich Frulein Dewitz, obwohl
dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war.
Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges
Erstaunen eine Freude bereiten zu mssen. Und was mag wohl in dem
andern Korb sein? fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die
Lippen. Das sind doch nicht etwa -- -- --?

Ja, Madamming, unterbrach Hann, Wrste.

Nein, wie aufmerksam, lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte
sie mit ihrer gepflegten weien Hand eine einladende Bewegung, damit
sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenber niederlassen mchte.

Allein das war der gefrchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte
wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, da heute Neujahr
sei, und da er herzlich gratuliere.

Ich danke Ihnen -- ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klth,
sprach die alte Dame wohlwollend und vollfhrte nochmals ihre
Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem errten lie.

Und bei alledem stand Line und lchelte. Mit der linken Hand hatte sie
nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen
Kopf an den Arm. So bot sie ein hbsches, anmutiges Bild. Ein paarmal
hatte Hann nach ihr hinbergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen
aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm
aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. -- Wie gro war sie
geworden, wie hatte sie sich entwickelt.

Gratulierst du mir nicht auch? fragte sie ein bichen gnnerhaft.

Ja, Lining -- dir auch, brachte er hervor. Das du wollte ihm gar
nicht recht aus der Kehle.

Dann gib mir doch die Hand, forderte sie, wobei das Lcheln nicht von
ihrem Antlitz weichen wollte.

Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht nher trat, noch
einmal einen und streckte zgernd den Arm nach ihr aus: Da, Lining.

Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schttelnd:
Wie geht es der Mutter? forschte sie rasch.

Oh, bis auf die Fe is sie noch ganz gut zu Weg.

Und Siebenbrod?

I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft.
Wir haben ordentlich den Koben ausbauen mssen.

Wieder tnte von den Lippen des Mdchens ein kurzer, spttischer Ton.

Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wre nichts zu spotten.
Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft
vermehre.

Ja, gewi Tante, lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen
Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann
weiter, wie es ihm selbst ginge.

Oh, so weit ja ganz gut, Lining, blo --

Er stockte.

Nun, was denn?

Ich mu mich nmlich nun zu den Soldaten stellen.

Du?

Mit einer pltzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann
dabei etwas herum, als wnsche sie den knftigen Krieger von allen
Seiten zu betrachten.

Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr? warf die Tante
dazwischen. Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen -- wie?

Aber Hann schttelte den Kopf und sah bekmmert auf den Fuboden: Ne,
Madamming, das tu' ich nich!

Nicht? riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde.

Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, da hier
etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fruleins
verstoen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er
sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: Soldaten? -- Ne --
werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder
totschiet? Und dann -- wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring',
dann werd' ich gekpft -- aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich
dafr noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?

Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: Nein, ich
mcht' lieber nich unter die Soldaten.

Das alte Frulein erhob sich: So? versetzte sie khl. Das ist ja
sonderbar -- hm -- Und mit den Worten: Ich will nun doch mal nach der
Kche sehn, ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus.

Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line
in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurck und lie
ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer
ihrer taxierenden Blicke ber den ungelenken Besuch fort, und pltzlich
lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenber Platz zu
nehmen.

Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mtze in der Hand und blinzelte
ehrerbietig zu ihr hinber. Nein, wie beraus fein und zierlich er alles
an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strmpfe
hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschrze, die so glatt ber den
Hften abschlo -- -- und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her
wiegte, das schwarze Kpfchen seitlich an die Lehne gedrckt, whrend
ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herberblitzten, das erfllte den
groen Burschen schlielich mit solcher Freude, da er immer
wohlgeflliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand
wohlig am Knie auf und nieder fuhr.

Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, da Hann beinah' einen
Schrecken bekam, sttzte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es
als Kind stets gepflegt, und ber ihre Lippen kam es kurz und berlegen:
Sag', Hann, hast du schon eine Braut?

Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekmmert
in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen?
Wute sie denn gar nicht, da er nicht auf so was ausging, ja, da er
alle Frauen ngstlich vermied, weil -- ja weil -- --

Er schttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und
scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder.

Lining -- oh --

Na, was wr' denn dabei?

Ihr schien die groe Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten.
Und dann -- immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie
weiter, leise, flsternd, damit es das gute Frulein Dewitz in der Kche
nebenan nicht vernehmen knnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter
Genu, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert
necken und schwatzen zu drfen.

Hann, da sind doch aber die beiden Tchter von Schullehrer Toll. Und
die lteste, die hbsche, von der sie sagen, da sie Krankenschwester
werden will, die hat neulich hier erzhlt, wie du mit ihr getanzt hast.

Hann rckte hin und her.

Lining -- das wohl -- ich konnt' mir auch nich anders helfen.

Aber die wr' doch was fr dich, fuhr sie fort. Denk mal, wenn die
nun blo deinetwegen Krankenschwester werden wollte? Und pltzlich
fate sie seine beiden Hnde und brach in ein langes, frhliches Lachen
aus. Die Idee, Hann als Brutigam der hbschen Schulmeisterstochter zu
sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfllen. Merkte sie nicht,
wie der arme Bursche immer blder den Boden suchte, fhlte sie gar
nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drckender ums Herz
legten?

Endlich erhob er sich; er berwand sich und sagte mit gepreter Stimme:
Lining, das alte Frulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, da
ich geh'.

Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knpfte
langsam sein blaues Schifferwams zu.

Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn
messend, als wre des Spaes noch nicht genug. Pltzlich huschte sie
dicht an seine Seite, hob ihm krftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie
anzublicken. Seine blauen Augen sprachen frmlich von zurckgedrngtem
Kummer.

Sag' mal Hann, begann sie, wenn es Klara Toll nicht ist, dann
mchtest du wohl lieber mich? Wie? -- Weit du noch, wie wir uns verlobt
haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstcke aus der
untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?

Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen groen,
treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrbten Blick
begegnete, hielt sie inne.

Na, la gut sein, Hann, brach sie schonend ab.

Ja, Lining, brachte er mit Anstrengung hervor, wir waren eben noch
Kinder und sehr dumm.

Ja, ja, Hann, sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie
hinzu: Aber die Molle voll Goldstcke, die wnsch' ich dir. Wenn du so
die untergegangene Stadt finden knntest, dann --

Ihre Augen vergrerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zhnchen. Dabei
sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren
unermelichen Schtzen wohl liebhaben knnte. Doch Hann zerstrte den
Traum.

Kuck, Lining, murmelte er achselzuckend, das mit der Stadt, das is
auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und
als du noch bei uns drauen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz
deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll
Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann spter, je
lter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man
so 'ne Kinderstadt --

Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn
noch verwundert ber seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als
sonst drang es endlich ber ihre Lippen: Hann, was du da sagtest, das
war gar nicht so dumm.

O Lining, wehrte er bescheiden ab, ich dachte das blo so -- Und nun
adsch.

Er nickte, raffte die Krbe in die Hhe und wollte gehen.

Da fate sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen
der Briefe vom Tisch, die das alte Frulein Dewitz unerffnet hatte
liegen lassen. Hann, flsterte sie, sieh den -- weit du, von wem der
is?

Hann schttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja
noch zu.

Und die Schrift, kennst du die auch nicht?

Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzge und las den
Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem
Bruder Bruno stammen.

Eifrig nickte Line: Ja, ja -- und weit du, was drin steht? Heute
morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.

Bruno?

Sie nickte, strich sich ber die Haare und warf einen Blick in den
Mahagonispiegel in der Ecke.

Ja -- aber woher weit du denn den Inhalt? fragte Hann ganz betroffen.

Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tr um und
atmete endlich tief auf. Und whrend ihr das Blut die Wangen glhend
frbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: Mut es nicht
weitersagen, Hann, stotterte sie, -- ich -- war so neugierig -- du
weit ja -- und da hab' ich den Brief in der Kche ber dem Wasserdampf
ein bichen geffnet -- blo ein bichen. Dabei is doch nichts? Was? --
Aber nicht weitersagen! -- Hrst du?

Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin.
Er schmte sich derartig, da er zitterte, als htte er selbst das
Unerhrte begangen.

Aber Lining, murmelte er, wie konntest du das blo -- -- wie --

O, das war doch nur Spa.

Ja, aber wenn nu einer aus Spa stehlen wollte? sprach er in seiner
philosophischen Methode weiter.

Jedoch Line war bereits wieder ganz getrstet. Sie versetzte ihm mit
ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und whrend sie
ihn lachend zur Tr hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedmpften, kaum
hrbaren Art ber die Treppe nach: I, du bist nicht klug, du dummer
Junge. -- Und nun gr alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald
wieder was Gutes zu essen. Hrst du?

Ja, gern, Lining, sprach der Schiffer vor sich hin, whrend er noch
halb befangen die Treppen hinuntertappte. Und wenn du mir's erlaubst,
dann komm' ich auch bald wieder; aber -- aber --

Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekmmert zu dem
Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten
und hinter welchem die Hyazinthen so s geduftet hatten.

Ja, ja, seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: Das is auch
nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja,
ja -- aber will man nach Haus gehn.




IV


Es war ein sehr einfaches, beinahe rmliches Stbchen, in dem der Konsul
Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem
derben Holzstuhl gegenbersa. Er selbst steckte noch in seinem weiten
orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weien Unterhosenbnder
lustig ber ausgetretene grne Pantoffeln herabschlngelten; auf dem
Haupte trug er eine schwarzseidene Mtze, und von Zeit zu Zeit fuhr er
sich verdrielich ber seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er
sich heute ganz besonders unbehaglich fhle. Und doch hatte er nicht den
geringsten Grund zu dieser blen Laune. Befanden sich doch die
Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hbschen braunen Schnurrbart und
der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die
Reisespesen des Vertreters ungewhnlich hoch waren -- -- --
Schockschwerenot -- nobel, nobel, murmelte der Konsul, whrend er
heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite
Abschlsse und Bestellungen fr die Werft heim, wie sie der Chef schon
so lange nicht mehr in Hnden gehalten hatte.

Sieh mal an! -- Die asiatische Linie bestellt also doch den
Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm -- und die Hollndische
Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh -- schockschwerebrett.

Dem Konsul trufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder
auf das Blatt. Aber die Besttigungen der Abschlsse blieben stehen;
aufrecht, in der schnen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet.

Merkwrdig.

Und wieder blinzelte der Werftbesitzer ber das Blatt fort auf seinen
jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenbersa, und
wieder fate ihn die Unbehaglichkeit so stark, da er sich fast die
Backe wund rieb.

Akzeptable Preise, murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er
die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenber
an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller
Grobheit an.

Lnger konnte er sich nicht mehr bndigen.

Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?

Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.

Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lcheln. Hollander verzog die Stirn.

Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun
eigentlich mit der Wurzel?

Vierundzwanzig, Herr Konsul.

Nicht zu glauben -- also ganze vierundzwanzig -- So!? -- Kuck mal an!
Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjngt, oder sind Sie wirklich
der Ausnahmemensch, fr den Sie sich ja, wie ich Ihnen frher immer
gesagt habe, heimlich halten?

Bruno blieb ruhig sitzen, whrend der Konsul mit flatternden
Hosenbndchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch frbten
sich die Wangen des jungen Mannes glhend rot, seine Augen erhielten
frmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt uerte endlich, endlich,
der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was whrend Brunos
langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert
hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mitrauen, das sich
vergrerte, je schneller und berraschender sich die spielende
Tchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen
Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte
sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwrts gezogen,
auch heute nicht entschleiern.

Glhend rot berzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und
lchelndem Munde sagte er: Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten
Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt.
Ich mu also annehmen, da ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen
habe und sie auch heute noch nicht besitze.

Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte
mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. --
-- I was, Zufriedenheit, knurrte er barsch heraus. Was brauchen Sie
sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? -- Sie leisten ja das Ihrige.
-- Das ist es eben. -- Na, ich mu mir mal Luft machen, Sie nehmen mir
das nicht bel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht
helfen. -- Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich
meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlsse zum Beispiel
hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir
durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? -- Sie kommen einfach und
haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzhlen, die
Vorsichtigsten so zu blenden, da -- -- --

Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm,
erschreckte ihn unwillkrlich: Herr Konsul, unterbrach er stockend,
Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, da ich Ihre Kunden durch
lgenhafte Berichte tusche? Seine Rechte schlo sich dabei krampfhaft
um die Ledermappe.

I bewahre, fllt mir gar nicht ein, fuhr der Werftbesitzer fort,
whrend er wieder auf das Kissen schlug -- Lgen!? -- I wo, so dumm
werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine
Einbildungsgabe, so eine -- na, wie drck' ich mich aus? -- solch eine
Kraft in Ihren Schilderungen, da Sie einen ordentlich zwingen, alles
das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.

Und das wre etwas so Schlimmes? brachte Bruno staunend hervor.

Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und
drckender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frsteln
berlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das
kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.

Schlimmes? wiederholte Hollander rgerlich, wandte sich nach ihm um
und lie sich schwerfllig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder.
Ja, das wei ich auch nicht. -- Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich
will Ihnen, lieber Klth, mal ganz reinen Wein einschenken. Whrend
Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da
frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? -- Nein! War auch
nicht ntig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische
Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im
Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerckt. So im
Flug -- wenn auch heimlich gegen meinen Willen. -- Aber ich konnte nicht
recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der
Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist -- sehr gut sogar, in
mein Geschft zurck, und wenn mich nicht alles trgt, dann haben Sie es
jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie mchten also jetzt mein Vertreter
werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. -- Nicht wahr, Sie
wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie
mal aufrichtig, Klth -- ist es nicht so?

Bruno sprang auf. Er fhlte, da er an sich halten mte, da nur kalte,
geschftliche Nchternheit hier zum Ziele fhren knnte, allein die
verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mitrauen, das den
Jngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen
grauen Augen umlauert hatte, das lie ihn jetzt alle Migung vergessen.
Was hatte er auch zu frchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle
seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines
Geschftes gerichtet gewesen?

Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und
krftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort
zu erteilen gewagt, rief er mit heier, zorniger Stimme: Ja, Herr
Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die mglichen
Folgen auch gleichgltig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja,
die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie
allein. -- Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumsphen, als
htte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse
auszuplndern -- -- --

Klth, rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf.

Ich kann Ihnen nur sagen: da ich darber nicht wirklich schlecht,
nachlssig und ein Duckmuser geworden -- hier erhob sich die Stimme
des Heimgekehrten hher, und er trat heftig einen Schritt auf den
Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm
verharrte, da ich darber nicht wirklich ein Duckmuser geworden,
wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so
geschmhten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan,
um diese Frhlichkeit zu unterdrcken. Oder glauben Sie, es wre mir
leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit ber, die ich in Ihrem
Hause lebte, wie einen lstigen Freiesser in meinem Stbchen im
Hinterhaus sitzen lieen, whrend die meisten meiner Kollegen zu den
groen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden?
Wie oft hab' ich Tanzmusik gehrt und hab' allein gesessen. Das hat mich
heie Trnen gekostet. Heute knnen Sie es erfahren. Das verga ich
Ihnen nicht, Herr Konsul.

Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich,
und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Trnen in seinen Augen
aufstiegen.

Der Alte knurrte etwas, das wie Dummheiten klang, doch man sah, da er
noch mehr hren wollte. Eine Weile herrschte Ruhe in dem kleinen Raum.
Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr,
plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spttisch: Na, und
was nun weiter?

Was weiter? -- Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund
angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebhrt,
vorenthalten? Oder ob es nicht berhaupt besser wre, wenn wir diesem
unleidlichen Verhltnis lieber gleich ein Ende bereiteten?

Der Konsul zog die Augenbrauen in die Hhe: Sie wollen gehn?

Ja.

Hm!

Er wandte sich, zog mit den schlngelnden Hosenbndchen zum Fenster und
kehrte ihm dort den Rcken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht
lange, dann hrte er hinter sich ein seltsames Gerusch, ein tiefes
Atmen, ein Schlucken, schlielich ein gewaltsam gebndigtes Schluchzen.
berrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurck. Doch wenn er
die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmigen
Ausbrchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht
von frher gekannt htte, so wrde er nur an den bebenden Lippen Brunos
erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes strmte.

Denn uerlich stand die feine Gestalt unverndert da, nur die braunen
Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung.

Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch
zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jngeren an einem Rockknopf,
an dem er ihn whrend des Folgenden energisch hin und her zupfte: Na,
nun wollen wir's gut sein lassen, Klth, nun beruhigen Sie sich man
vorlufig, Sie -- verstehen Sie? -- Und whrend er ihn noch energischer
bewegte, fuhr er brummig fort: Da Sie heute mal ausnahmsweise nicht
lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, da Sie mir sogar ordentlich
Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht bel,
junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! --
Wahrhaftig! -- Vielleicht, na, hm -- blo das Pistol auf die Brust setzen
kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die
Prokura nicht ab -- nur Zeit zum berlegen will ich haben. Verstanden?
Das mu ich. Zwingen lasse ich mich nicht.

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von
neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu
kmpfen, dann fiel es noch so ber seine Lippen, seine Tochter Dina
wrde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und da es
ihn, den Konsul, freuen wrde, wenn Bruno sich dazu einstellen mchte.
Frulein Dewitz und das kleine Ding, wie heit sie noch? --

Line.

Jawohl, die wren auch da. Auch der ltere Bruder von Bruno, der
Predigtamtskandidat.

Na, kommen Sie nun? fuhr der Werftbesitzer pltzlich auf, als sein
Angestellter noch immer schwieg.

Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das
Definitive ber seine Stellung hren wrde.

Diese Zhigkeit, dieses kaufmnnische Festhalten schienen dem Konsul zu
imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte
er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: Na gut -- sehr
schn -- sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen -- ganz richtig.
In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, da Sie
fortkommen, Klth, ich will nun doch in meine Bxen hinein! -- Morjen,
ja, ja, schon gut -- hol' Sie der Deuwel, Adieu!




V


Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die
Teeeinladung an Frulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand
in der schnen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: Frulein
Line kommt natrlich mit.

Hrst du, wie nett sie schreibt? fragte Frulein Dewitz wohlgefllig,
als sie sich in der Kche die Brille abputzte. Sie ist wirklich ein
sehr wohlerzogenes Mdchen. Du mut ein bichen auf ihre Manieren
aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das
feinste. -- Und nun bind' dir die Schrze um, mein Kinding, damit das
schne, blaue Kleid nicht fleckig wird.

Und whrend sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah,
die Kche benannt wurde, weil auf einem sehr weigescheuerten Tische
ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen
und uerte endlich halb fragend: Sollen wir nicht die schnen
Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu
essen. -- Und man sollte sich vorher den Magen nicht berladen. Was
meinst du? -- Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn
an?

Oh, entgegnete Line wegwerfend, fr wen sollte ich mich da wohl
besonders fein machen?

Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht.
Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefhl, die guten
Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.

                              *     *     *

Zwischen drei und vier hielt das alte Frulein im Alkoven ihr
Mittagsschlfchen.

Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Rumen. Das
Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strmte
beruhigende Dmmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen
umher, und man hrte nichts, als hchstens einmal das feine Luten eines
Schlittens, der vom Lande durch die Strae klingelte, dazwischen das
ruhige Atmen der alten Dame.

Aber, wei der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder
unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen
Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es
wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer
Viertelstunde und ffnete die Tr zum Nebenzimmer.

Verdutzt blieb sie an der Schwelle.

Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem
sie ein Licht entzndet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem
englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schlo, besser
betrachten zu knnen. Langsam strichen ihre Hnde an der Taille
herunter, dann lie sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust
dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mute ein wohliger Traum
sein, der das junge Geschpf entfhrte.

Frulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein
Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollfhrte Line
wirklich dort solch merkwrdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame
begann vor Erstaunen leicht zu zittern. Mein Gott, Lining, brachte sie
endlich hervor, was machst du denn da?

Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des
Mdchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr
kindliches, halb verlegenes Lcheln.

O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu
eng geworden. Du meintest doch selbst, da es bei Hollanders heute so
fein zugehn wrde.

Ja, ja, das wohl. Frulein Dewitz schttelte das Haupt und mute
wieder an die ppigen Bewegungen denken. Ja, aber ein junges Mdchen
sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.

Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: Tanting, ich
wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weit du das nicht?

Mir? Frulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale,
lebhafte Gesichtchen und wurde vershnt. Freilich, das war etwas
anderes. Na, denn geh hinaus, mein Kind, entschied sie endlich, und
mach den Kaffee fr uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier
das Licht aus. Das wre doch wirklich eine Verschwendung.

                              *     *     *

In einem kleinen Stbchen in der Rakowerstrae bei der
Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls ber die Einladung zum
Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der lteste Sohn der Klths, der
Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge,
krumme Gasse hinaus.

Drauen schwarzgraue Dmmerung, Schneegewimmel, kein Futritt hrbar,
nur manchmal tickten hrtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Flu
sthnte einmal ein Windzug herauf.

Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zgen sa bei einer
einfachen Stehlampe ein elfjhriger Junge am Tisch und schrieb mit
kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der
vielen Schler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das krgliche
Brot fr seine Existenz gewhrt hatte.

Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, da Paul nicht
frhlicher und umgnglicher bei dieser Lebensweise geworden.

An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hlzerne Vogel
sprang heraus und rief seinen frhlichen Ruf: Sechs Uhr.

Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.

Paul verzog die Stirn.

War es nicht seltsam, da er erst dort mit seinem zurckgekehrten Bruder
zusammentreffen sollte? Da es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus
seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und
brderlich zu ihm gezogen?

Immer schwrzer sank die Dunkelheit in das enge Gchen. Und tiefer und
bohrender grbelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das
Merkwrdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd
seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden,
dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare
Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen
Unbeholfenheit er nur ein heies Mitleid fhlte, und dennoch -- ja, das
war es -- etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geielte ihn
dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhrlich an
dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu frdern, und
immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu
machen.

So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den
grobkrnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der
Mutter zugebracht, so war er whrend Brunos Lehrzeit fast tglich mit
dem Jngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten
Stube von Frulein Dewitz hatte er sich -- ein von der Lehrerin
besonders geschtzter Gast -- hufig eingestellt.

Seine Gedanken irrten weiter.

Warum Bruno wohl nicht kam? -- Ob er in der reichen Handelsstadt sich
nun vllig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit
Mibehagen an dem Jngeren bekmpft hatte? Vielleicht war es dem
Heimgekehrten berhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines
ernsteren Bruders auszusetzen?

Oh, wenn das mglich wre? -- Paul bi sich auf die Lippen, whrend er
immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte -- nein, es
war vielleicht doch unrecht von ihm, da er sich nicht gleich aufmachte,
um zu ergrnden, was aus dem Jngeren geworden. Er wollte -- -- -- -- --

Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.

Der kleine Quartaner, der bis dahin fter sehnschtige Blicke auf die
Wanduhr geworfen, sttzte schwermtig den Kopf auf, dann bezeichnete er
mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: Herr
Klth, ist Semiramis masculinum oder femininum?

Paul fuhr auf.

Was? -- Was? -- Ob die Knigin Semiramis --?

Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte vllig als ein Mann, und
da dachte ich -- -- --

Semiramis ist eine Frau, schnitt der Lehrer, dem der Sinn fr Humor
abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die
Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stubte der Schnee durch die
Strae, deutlicher sthnte der Wind um die Ecke, und mitnend kreischte
die Feder, die der Quartaner nun -- beruhigt ber das Geschlecht der
Semiramis -- wieder emsig ber das Papier fhrte.

Da wurde kurz an die Tr geklopft.

Herein!

Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und
Zylinder.

Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach
dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.

Na, Jnging, wie geht's?

Bruno? Du?

Ich, Herr Pastor.

Das klang so jugendlich, so frisch, da in Pauls sorgendes Herz fr
einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit,
ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, strmte er auf den
Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schlieen. Doch
unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mute ihn sein starrer Sinn anders
belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestm,
beinahe sehnschtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere
sie mit voller Lebhaftigkeit schttelte.

Bruno, brachte er stammelnd hervor, lieber Bruder!

Ja, ja, altes Haus, lachte der andere, jetzt freu' dich mal.

Ja, ich freue mich, -- ich freue mich.

Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hlle des Jngeren, die ihn
anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben
Zge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.

Der Ankmmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der
Tabaksgeruch und die derben Mbel schienen ihm wenig zu gefallen.

Wohnst du noch immer so hlich? fragte er ein wenig mitleidig,
whrend er dem Theologen gutmtig die Wange streichelte.

Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem
Schler unpassend.

Hlich? fragte er. -- Es ist doch hier alles recht bequem?

Na ja, dagegen will ich nichts einwenden, lenkte Bruno ein und setzte
sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete
er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah
ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.

Paul blickte ihn bekmmert an: Willst du denn nicht ablegen?

Natrlich -- gewi -- blo ich dachte -- er deutete auf den
Quartaner, der die Ohren spitzte.

Oh, ich kann ja auch gehen, stimmte der Pennler sehr vergngt zu und
begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versumnis
widersprach Pauls Pflichtgefhl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen
Bruder, da der Schler unmittelbar vor der Versetzung stehe und da das
tgliche Pensum nicht unterbrochen werden drfte. Bruno mchte eine
kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam
ber den Ostermann, und lchelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes
Murmeln; lngst entwhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und
erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gnzlich entschieden
waren und der Kuckuck sieben schrie, da durfte Walter Mller nach
Hause eilen.

Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rckwrts
aus der Tr zurckzog.

Gottlob! atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt
hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. Gottlob, da wir
diese Pennlerjahre hinter uns haben.

Du bist also jetzt zufriedener? forschte der Theologe, der sich dem
Heimgekehrten gegenber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die
Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu
genieen.

Zufriedener? Gewi. Was waren das aber auch fr magere Jahre, Paul.
Denk' blo mal nach -- wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja
schon ein Festtag.

Hm -- daran erinnere ich mich kaum.

Ja du -- und dann bei dem alten Hollander das Gedrcktsein, diese
schreckliche Abhngigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch
gebracht. --

Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben
ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurck und
fuhr lebhaft fort: Pa mal auf -- jetzt kommen wir auch einmal an die
Reihe.

Wieso? Was heit das, Bruno?

Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht -- rauchst du?

Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.

Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.

Fi! Bruno verzog die Nase. -- Sieh, das hier sind russische
Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! -- Riech' mal blo,
Kerlchen -- diese blauen Wolken! Fein! -- Was? Ja, und was ich sagen
wollte -- -- weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Hhe kommen? Das
ist doch ein bekannter Proze, die Oberen sterben ab, und die Unteren
drngen sich an ihre Stelle.

Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so da sich seine Brust hob,
und die ganze Gestalt reckte sich.

Der Theologe sttzte den Kopf in beide Hnde und sah den Jngeren immer
forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des
andern hineindenken.

Erzhl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast, bat er.

Das tat der junge Kaufmann.

Und whrend er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzndete,
und whrend er groe Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand
zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwrmen.

Da zog es an dem ngstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden
Bildern vorber, das Leben und Walten der groen Stadt, das Getriebe der
Brse, die Schiffahrt, die nervenspannende Ttigkeit bei Spekulationen
und berseeischen Geschften, und alles, alles klang aus in den einen
Jubelruf, da der Erzhler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, da
es aber grer werden mte, und immer grer, und wie er dann seine
Familie heben wolle, alle, alle -- und da Geld eine Macht sei, ein
Zauberstab, der beleben und tten knne.

Oh, du sollst mal sehn -- du sollst mal sehn.

Da sa er wieder -- ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten
Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr
geflstert, die wie klirrende Goldstcke geklungen.

Und der ltere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen
vergrerten sich immer mehr, und er wute selbst nicht, warum ihm das
Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hmmern begann.




VI


Zum Tee geladen, und dann vier Gnge -- warm --. Und zum Schlu Eis,
flsterte Frulein Dewitz Line anerkennend zu, als sie sich endlich vom
Tisch des Konsuls erhoben, um sich in das Musikzimmer zu begeben. Und
hast du auf die Selleriestauden geachtet? -- Dein Bruder Paul fragte
mich, wozu man diese brauche? -- Mein Gott -- aber dein Bruder Bruno --
wirklich, er hat recht ansprechende Manieren, es tut ordentlich wohl,
wie gut er zu essen versteht. -- Ja, ja, daran erkennt man gleich die
Lebensart. Und nun gib dem Konsul die Hand, Lining -- und sei nicht so
still; das bist du doch sonst nicht.

                              *     *     *

Man hatte whrend des Mahls ber den Text des Yankee doodle gestritten,
von dem Bruno in drolliger Weise berichtet hatte, da ihn die jungen
Damen der ersten Hamburger Kreise seit kurzem auf eine merkwrdige Art
zu tanzen pflegten. Der Konsul, der am unteren Ende der Tafel gesessen,
neben Frulein Dewitz, der er stets in beraus hflicher Weise die
Honneurs erwies, war ber diese neue Torheit der Zeit entrstet gewesen.

Werden wohl demnchst Negertnze auffhren -- -- hatte er der
Handarbeitslehrerin brummig zugeflstert. Und das alte Frulein mute
erwidern: Ja, ja, zu unserer Zeit wurde Menuett getanzt, und hchstens
mal ein Schottischer -- ach Gott, und es war doch auch schn.

Recht -- ich besinne mich noch, pflichtete Hollander bei. Sie hatten
damals einen ltten, zierlichen Fu.

Hm.

Frulein Dewitz schluckte an ihrem sen Wein und begann noch heute
ehrlich zu errten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des
Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen
und Line zu Tisch gefhrt hatte, rusperte sich und uerte zum
erstenmal ein Wort: Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut. Und dann
zupfte er an seiner altertmlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in
sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter.

                              *     *     *

An einem groen amerikanischen Flgel fanden sich die Jngeren zusammen.

Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoenden
Herrenzimmer ihre Zigarren entzndet, Tante Mathilde, die Schwester des
Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina
Hollander lehnte in der Beugung des Flgels und bltterte in einem Sto
Noten. Nichts -- entschied sie endlich, in diesem Heft nationaler
Lieder fehlt der Yankee doodle.

In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, berlegtes. Wie sie so
dastand in dem einfachen weien Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden
Haar und der groen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der
Reinheit umweht, da erhhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch
gewesen, von neuem der Eindruck, da er vor der Klarheit dieses Mdchens
eine Scheu empfinde, ja, da in der gleichmigen Ruhe ihrer Augen eine
Art Beleidigung fr ihn lge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt
ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben,
diese Gleichgltigkeit zu mildern, zu berwinden, oder wenigstens zu
entdecken, ob etwa das Mitrauen des Vaters von diesem auf die Tochter
bertragen worden sei.

Aber warum? -- Warum?

Ohne da er es wute, war dadurch in sein Benehmen eine Art
Zwiespltigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ngstliches Achten auf
sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der
Wunsch, mit sich fortzureien, zu gefallen. Und durch alles hindurch
bohrte das Gefhl, da er unausgesetzt und heimlich von den grauen,
unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet wrde.

Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen.

Whrend des ganzen Abends empfand er nur eine einzige Unbehaglichkeit,
die er gern bannen wollte, und die ihn doch immer wieder zu neuen
Versuchen zwang.

Schade, uerte Tante Mathilde, die gerade wieder mit kleinen
Mokkatassen hereintrippelte, ich htte den amerikanischen Gassenhauer
ganz gern einmal gehrt. Denn, nicht wahr, in der Familie schadet das
doch nichts, liebes Frulein Dewitz?

Wenn Sie gestatten, dann mchte ich Ihnen gern die Melodie vorspielen,
erbot sich unerwartet Bruno, whrend er der Tante eine leichte
Verbeugung machte, jedoch gleichzeitig halb ngstlich wieder auf die
Tochter seines Chefs blicken mute.

Man war allgemein erstaunt. Der Theologe, der in einem unmodernen,
schwarzen Rock unter der Gardine des Fensters lehnte, rckte besorgt hin
und her. Von musikalischen Fhigkeiten seines Bruders hatte er bis dahin
nichts gewut.

Spielen Sie denn? fragte Tante Mathilde nicht unfreundlich.

Ja -- ein wenig nach dem Gehr.

Sieh -- sieh, meinte der Konsul, der einen Augenblick durch die Tr
lugte. Das ist ja interessant. Er winkte seiner Tochter jovial mit der
Hand zu und lie sich wieder bei seinem Jugendfreund nieder, von wo die
beiden Alten trotz eifrigen Rauchens aufmerksam auf das Folgende zu
lauschen schienen.

Und Bruno lste seine Aufgabe meisterhaft.

Ein frischer, frhlicher Klang quoll unter seinen Fingern hervor, seine
Hnde flogen, voll und melodis, mit rauschender Begleitung, tnte der
pikante Gassenhauer durch das Zimmer.

Yankee doodle went to town.

Da teilte sich allen die innere Frhlichkeit mit. Selbst Dina wandte
sich langsam und blickte den Spielenden erstaunt an; und der kleine
Funke, der ihr Auge vorberhuschend durchblitzte, feuerte Bruno an, noch
mehr zu wagen.

Oh, er mute diese schweigende Abneigung, die hier gegen ihn wirkte,
endlich besiegen, er war doch ein Kind des Glcks, ihm flogen ja sonst
die Herzen zu, und hier sollte -- -- -- er begann pltzlich mit seiner
hellen Stimme den Text des Liedes zu singen.

Oh, wie nett, flsterte Tante Mathilde, wobei sie Frulein Dewitz
bezeichnend auf die Schulter tippte; auch der Konsul erschien wieder an
der Tr, scheuerte sich ein wenig am Kinn und kehrte darauf von neuem zu
dem Steuerrat zurck; Dina aber ffnete leise den Mund, und an ihrem
flchtigen Lcheln erkannte Bruno, da er der Schweigsamen jetzt besser
gefalle.

Weiter -- weiter, er mute sich hier Sympathien erringen. Das Gefhl
verlie ihn nicht mehr, als ob er um sein ganzes ferneres Leben kmpfe.

Line sa hinter dem Fauteuil der Handarbeitslehrerin und hatte ihr
feines Kpfchen so vorgebeugt, da ihr Kinn fast auf der Lehne des
Sessels ruhte. Durch das enge, schwarze Kleid hindurch htte Bruno, wenn
er einen Blick fr sie gehabt, das rasche Atmen der jungen Brust
wahrnehmen, er htte schauen knnen, wie feucht ihre Augen schimmerten,
und wie dennoch die kleinen, schmalen Fe, unbewut einem mchtigen
Trieb folgend, nach seiner Melodie auf und nieder zuckten.

Allein Bruno war von seiner eigenen Erregung bereits hingerissen, und
nur der Theologe, der noch immer, halb von der Gardine verborgen,
schweigend verharrte, beobachtete es allein, und er sah auch, welch ein
schneller, dunkler Blick aus diesen Augen gegen die Tochter des Hauses
zngelte, die immer ahnungsloser und erfreuter vor sich hin lchelte.

                              *     *     *

Im Herrenzimmer beugte sich der Konsul zu seinem Jugendfreund heran und
raunte ihm etwas ins Ohr.

Daraufhin musterte der Steuerrat sehr ernsthaft die Gruppe am Flgel,
dann zog er einen schwarzen Hornkneifer hervor, und nachdem er ihn
sorgfltig geputzt, sah er eine Zeitlang angestrengt auf den hbschen,
jungen Menschen, der die anderen dort drin augenscheinlich so angenehm
unterhielt.

Na, Julius, was meinst du? forschte Hollander, indem er sich, beinahe
wie ratlos, hinter dem Ohr kraute.

Ja, Kindchen, was ist da viel zu meinen? entgegnete der alte Herr
leise. ber sein glattrasiertes, feingepudertes Junggesellenantlitz zog
ein schlaues Schmunzeln. Das kannte der Konsul. In seinen langen
Dienstjahren bei dem Hafenzollamt hatte sich sein Freund daran gewhnt,
den Dingen durch die Emballage zu blicken. Ein durchdringender
Menschenkenner.

Na?

Gott, scheinbar ein sehr talentvoller junger Herr.

Schn, aber?

Was, aber?

Menschenskind, ich meinte -- gefllt er dir denn?

Der Steuerrat lachte leise in sich hinein. Die Frage schien ihn zu
ergtzen. Dann legte er seinem Schulkameraden sacht die Hand auf das
Knie, und mit gutmtigem Spott kam es heraus: Will ich ihn denn
heiraten? Aber sieh dir mal die beiden jungen Damen an. Kuck. Die eine
lacht und die andere weint.

I, das wre ja -- -- Der Konsul sprang auf und warf seine Zigarre
fort.

Mir gefllt er im brigen sehr gut, schlo der alte Junggeselle,
ironisch blinzelnd.

                              *     *     *

Der Konsul schritt in das Musikzimmer und stellte sich breitbeinig an
das Instrument, an dem Bruno gerade unter groem Beifall geendet hatte.

Bravo -- Bravo! klatschte der Werftbesitzer schallend in die Hnde.

Bruno stutzte. Die lrmende Anerkennung seines Chefs machte ihn
betroffen. Man konnte aus diesem wunderlichen alten Manne nie so recht
klug werden. Hatte Hollander seinen Gesang vielleicht unpassend
gefunden? Blitzschnell blickte er sich um, um aus den Gesichtern der
anderen mglicherweise die Wahrheit zu ersphen. Allein ringsum
herrschte nichts als Zufriedenheit.

Wie frisch und wohllautend Ihre Stimme klingt, unterbrach Dina die
Stille. Vielen Dank, Herr Klth. Sie wollte ihm die Hand reichen,
allein ihr Vater schob sich wie unbeabsichtigt dazwischen.

Schn -- schn -- ausgezeichnet, lieber Klth -- htte nicht geglaubt,
da Sie das auch verstehen -- na also -- er klopfte ihm auf die
Schulter -- Nun wollen wir aber mal den jungen Damen das Feld rumen.
Wie --? Damit schlurfte er auf die kleine Line zu, mit der er stets
seinen brummigen Spa trieb, fate ihre beiden Hnde und zog sie empor.
Na, wie wr's, Sie kleiner Racker? Da ber dem Klavier hngen noch die
beiden Klappern -- Tarantella -- wissen Sie noch? Zu meinem Geburtstag
-- he?

Herr Konsul! stotterte Line.

Na, weshalb weinen Sie denn, Sie kleine Balletteuse?

Ich weine nicht.

Unmutig schleuderte sie den hellen Tropfen, der ihr noch an den Wimpern
hing, fort. Dann eilte sie an das Instrument und nahm hastig das Paar
Kastagnetten von der Wand, lehnte sich in die Beugung des Flgels, und
ihre Augen suchten Bruno, als harre sie nur auf ein Zeichen von ihm, um
den schnellen, schlangenhaften Tanz, den sie vor etwa Jahresfrist
gelernt, zu beginnen.

Sie sah keinen anderen mehr in dem Kreis, nur vor ihm, der so oft ihre
Gedanken beschftigt, wollte sie aus gekrnkter Eitelkeit ihre Knste
zeigen.

Sieh -- sieh, schmunzelte der Steuerrat, der voller Erstaunen in das
Zimmer getreten war, das wird ja hbsch.

Line, rief Frulein Dewitz nun strafend, die an den Ernst der
Situation nicht glauben wollte, whrend sie sich langsam aus ihrem
Fauteuil erhob. Inzwischen war auch Paul aus seiner Verborgenheit
besorgt zu der Pflegeschwester getreten. Deutlich hatte er die
merkwrdigen Blicke des Steuerrats und des Konsuls gesehen, sowie das
verwunderte, ein wenig berlegene Lcheln Dinas, und wie von ferne hatte
er das Gefhl, als ob diese reichen Leute aus seiner Familie eine Schar
Gaukler zu machen gedchten.

Line, sagte er herb, der Herr Konsul treibt nur Scherz mit dir.

Es ist berhaupt Zeit, da wir jetzt gehen, fgte die
Handarbeitslehrerin bestimmt hinzu und stopfte ihr Taschentuch in das
Gesellschaftstschchen.

Schau? Schau? bedauerte der Konsul und klopfte Bruno auf den Rcken.
Htte Sie gern noch lnger bei uns gesehen. Na, aber ein andermal,
lieber Klth --. Nicht wahr, ein andermal?

Allgemein brach man auf.

Nur Line verharrte noch einen Moment an dem Flgel und legte langsam,
wie im Traum, die Kastagnetten auf die Platte.

Line! rief Frulein Dewitz ungeduldig.

Da schreckte sie auf, flog hinter den anderen her und half dem alten
Frulein, dienstbeflissen wie immer, in den altmodischen Pelzumhang
hinein.

Der Steuerrat, der einen vornehmen, grauen Zylinder trug, bot Frulein
Dewitz den Arm.

Da drngte sich in der letzten Minute noch der Konsul in den Flur und
hndigte Line verstohlen ein kleines Paketchen ein.

Pst! bemerkte er und klopfte ihr auf die Backen. Zum Andenken --
und mit einer plumpen Verbeugung setzte er fr alle laut hinzu: Gut
Nacht -- gut Nachting -- kommen Sie gut nach Hause.

                              *     *     *

Paul und Bruno hatten die beiden Damen bis an die Haustr geleitet.

Jetzt schritten sie ber den dicken, weichen Schnee ihren Weg wieder
zurck. Langsam und schwer fielen die Flocken um sie her. In den engen
Gchen hallte kein Laut, neblige Schwrze berall, und nur ganz
vereinzelt brach gespensterhaft das trbe Licht einer Petroleumlampe
durch die dunklen Schleier hindurch.

Du, sagte Bruno endlich, der seinen Arm unter den des lteren
geschoben, wollen wir nicht noch in die Weinstube zu Kroll gehen?

Jedoch der Kandidat schlug kurz ab. Das sei in der kleinen Stadt nicht
Sitte. Er bat auch den Bruder, solche Vergngungen knftig nicht auf
eigene Faust zu unternehmen.

Der andere atmete kurz und nickte dann. Ja, ja, jetzt hie es ja wieder:
Strecken nach den Decken.

Zu dumm -- wirklich.

Wieder wanderten sie frba.

Der Theologe mit schweren Gedanken darber, ob sich Bruno bei dem ersten
Besuch im Hause seines Chefs nicht zu ungeniert, zu aufdringlich
benommen, und dann auch von der Erinnerung bedrckt, warum wohl der
Konsul die kleine Line zu dem wilden Tanz animiert habe. Ob er seiner
Tochter gegenber ebenfalls auf diesen Einfall geraten wre?

Immer tiefer bohrte er sich in diese ihn verletzende Vorstellung hinein.

Bei dem Heimgekehrten hingegen hatte sich der Mimut ber die
aufgegebene Weinkneiperei lngst wieder verloren. Immer heller wurden
seine Mienen, immer freundlicher seine Gedanken, leise begann er den
Yankee doodle vor sich hinzusummen.

Du, sprach er pltzlich aus seinem Sinnen heraus, doch eine schne
Erscheinung, diese Dina, was?

Der Theologe verzog die Stirn. Ja, entgegnete er langsam, sie hat
viel innere Vornehmheit.

Allein der junge Kaufmann berhrte diese Abwehr. Wohlig schttelte er
sich in seinem Pelze und stubte den Schnee von seinen Fen ab.
berhaupt scheint der Konsul ganz in sie vernarrt zu sein. Meinst du
nicht auch?

Ungeduldig bewegte der Theologe den Kopf und zog rasch seinen Arm von
dem Bruder fort: Hier bist du zu Hause, versetzte er, ohne direkt zu
antworten, schlie leise auf, damit du nicht strst.

Ach, richtig, solche Nachtexzesse liebt ja der Alte nicht.

Nachdem er den Schlssel in dem alten Holztor umgedreht hatte, reichte
er dem Bruder warm die Hand. Dabei fiel ihm im Zurcktreten ein Licht
auf, das oben aus einem Seitenfenster rtlich durch den Vorhang
dmmerte. Interessiert starrte Bruno hinauf, dann stie er seinen
Begleiter leicht in die Seite.

Da oben schlft sie.

Immer peinlicher wurde dem Kandidaten dieses Gesprch.

Geh du nun zu Bett, Bruno -- ermahnte er, aber leise, hrst du?

Ja -- ja -- auf Zehenspitzen -- War doch heute ein hbscher Abend. --
Was? -- Na, gute Nacht.

                              *     *     *

Einsilbig war auch Frulein Dewitz in ihr Bett gezogen. Auch ihr wollte
die Aufforderung, welche Hollander an ihre Pflegebefohlene gerichtet
hatte, nicht aus dem Sinn, und ohne da sie es selbst wute, grollte sie
der kleinen Line dafr, weil so etwas berhaupt geschehen konnte.

Sie mute in Zukunft wohl doch besser auf das Mdchen acht geben. Ja,
ja, die Kleine wurde jetzt lter, und die Welt war nach der Ansicht
aller verstndigen Leute seit den Jugendtagen des Frulein Dewitz
erheblich schlechter geworden.

Ja, ja, also besser Obacht geben!

Damit faltete sie die Hnde, rckte ihr schneeweies Hubchen zurecht,
sprach ihr umstndliches Nachtgebet und entschlief.

Kaum hrte Line das leichte Nseln, so schlich sie in die Kche, um die
Kleider der Lehrerin zum Reinigen hinzuhngen. Mit wenigen Bewegungen
warf sie auch ihr eigenes Gewand ab, dann zog sie rasch das Pckchen aus
der Tasche, das ihr Hollander so heimlich zugesteckt.

Noch ein rasches Aufhorchen nach der Schlafstube hin, und dann --

Ah --

Die beiden Kastagnetten.

Ein heier Funke begann in Lines schwarzen Augen aufzuglimmen. Im ersten
Moment fingen die hlzernen Dinger ihre Seele. Unbewut fast nahm sie
das Spielzeug kunstgerecht zwischen die Finger, und ihre rasche
Einbildungskraft trug das Mdchen wieder an den feinen amerikanischen
Flgel des Konsuls, an den Ort, an dem es sich so gern vor dem Einen
hatte zeigen wollen.

Sanft bog sie die Arme, in einem scharfen Schlag knackten die Hlzer
gegeneinander.

Line taumelte auf.

Spurlos war der Traum zerstoben.

Dann lauschte sie wieder.

Nein, gottlob, noch drangen die nselnden Tne aus dem gemeinsamen
Alkoven.

Mit einem entschlossenen Griff packte sie das Geschenk zusammen, ffnete
lautlos das Kchenfenster und warf die Hlzer mit einem krftigen
Schwung in den tiefen Schnee des Nachbargartens.

Einen Augenblick weilte sie dann noch vor dem Fensterspalt. Ihr war es,
als ob aus der Ferne eine frische, schmeichelnde Mnnerstimme
herberlocke. ber ihre junge Brust schnitt die drauen wehende Klte,
Schauer rieselten ihr ber den Rcken. Vom Kopf bis zu den Fen begann
sie zu zittern.




VII


N'abend auch, wnschte oll Kusemann, als er mit einem hflichen
Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende
in die ziegelsteingepflasterte Kche der Klths trat.

Drauen heulte der Schneesturm und drckte eine Wolke von Kienrauch
herab.

Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein krftiges Holzfeuer
fauchte, sa die Familie Klth und flickte eifrig an blauseidenen
Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten.

Mudding war viel lter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und
silberwei gefrbt. Unter ihren Fen brauchte sie jetzt einen Hker,
denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen.

Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war
er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht
erinnerte noch an die Vergangenheit.

N'abend auch, wnschte oll Kusemann, whrend er etwas weiter in die
dstere, halberleuchtete Kche hinkte, an deren Ziegelsteinwnden
merkwrdig rote Schatten hinaufkletterten. Ich soll hier auch einen
schnen Gru bestellen.

Der Lgenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Hhe und pfiff, wie wenn
er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schttelte
er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und lie sich
prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder.

Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hrte das Holz unter
dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln.

Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei
ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte
die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er
frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu
schmauchen.

Jawolling, uerte er endlich behaglich, einen Gru.

Von wem? fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff.

Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stie er ein
befriedigtes Knurren aus und pfiff leise.

Von einem feinen, feinen Herrn, gab er wichtig zurck und tat, als ob
er ein groes Geheimnis auspacken knnte. Ich traf ihn auf dem
Werftbro.

Wohl unsern Bruno? warf Mudding rasch dazwischen, ohne da sich jedoch
ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verndert htte.

Nein, beim Vornamen, meinte der Lotse wichtig, wrd' ich ihn doch
nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. --
Ja -- er hustete, blies ein paar knstliche Ringe und blinzelte durch
die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. Ja, was ich sagen wollt',
in den verschiedentlichen Bros erzhlen sie nmlich, da er nun bald
einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. -- Ja, ja, so was
kommt vor. Und dann -- -- -- Er schluckte und suchte mit seinen
schiefgestellten Augen zu ergrnden, ob die Klths nicht doch einmal
neugierig werden knnten. Aber die Familie flickte gleichmtig fort.

Und dann -- hm -- da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll
blo so -- aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?

Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk.
Nur Siebenbrod rhrte sich, rckte an dem Kessel und lauschte dann nach
drauen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde.

Dann fragte er: Mudding, haben sie all? womit er das Futter meinte,
und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hrte man wieder
nichts als das Klappern der Nadeln.

Na, wenn sie nicht wollen, dachte der Lgenlotse gleichmtig, streckte
die Beine von sich und fing an, unter mchtigem Dampfblasen fr sich
allein zu erzhlen.

I, warum sollt' so was nicht passieren? -- Ich hab' da man in meine
Jugend gelesen -- von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll -- hm --
na, ihren Kutscher geheiratet -- Und als sie den ber hatte, dann alle
paar Monat einen andern Kosaken. Weit woll noch, Hann? -- Die so viel
Flh' haben?

In diesem Augenblick stie ein mchtiger Windzug in den Schornstein, das
Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine tzende
Rauchwolke schlug durch den Raum.

Puh, hustete oll Kusemann. Nu mt' man einen Grog fr die Kehl'
haben.

Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinber. Doch
die kleine Frau schlug ngstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob
sein Haupt und zhlte.

Nebenan knarrte die Uhr.

Sieben -- acht -- neun.

's wird Zeit ins Bett, Mudding.

Ja -- ja --

Aber der richtige Augenblick wr's fr so einen kleinen
Schlummerpunsch, fate der Lotse nach.

Siebenbrod erhob sich. Dann ghnte er. Er hatte durchaus nicht die
Absicht, diesen ewig durstigen Lgner, der ihn mit seiner Sparsamkeit
aufzog, zu trnken.

Ja, oll Kusemann, ich gb' ihn dir herzlich gern -- aber sieh, wir
haben so was gar nicht. Was, Mudding?

Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts.

Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn
aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzhlte? fragte oll
Kusemann und lachte ber das ganze Gesicht vor Freude darber, da seine
Frechheit durch nichts zu verblffen war.

Was darin steht?

Und Siebenbrod, der noch immer sehr jhzornig war, bekam wirklich seinen
roten Kopf.

Die Kist' is noch zu, knurrte er. -- Was, Mudding? Und als die
kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hren schien, sondern nur Hann ein
Zeichen gab, ihr die Fubank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da
fuhr er sie heftig an: Na, Mudding, nu sag' doch was! -- Nu tu doch
eins den Mund auf -- damit er nicht glaubt, ich gb's ihm blo nicht
gern --. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?

Da warf die kleine Frau auf den Lgenlotsen einen einzigen Blick. Der
war so flehend, da er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine
Phantasie veranlate, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: Ja,
und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch, lenkte er
unerschttert ab. Morgen -- zum Sonntag -- hat's mir selbst gesagt. --
Na, da wrd' ich morgen die Kist' aufmachen. -- Is'n Gedanke, wie? Is er
denn schon mal bei euch gewesen?

Ne, knurrte Siebenbrod, whrend er einen schiefen Seitenblick auf
seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten.

Also kommt zum erstenmal?

Ja, murrte der Fischer.

Da freut ihr euch woll sehr?

Ja, schrie Siebenbrod und ri den Leuchter an sich. Komm, Mudding,
wir mssen morgen frh wieder raus. Und du, Hann, pa auf, bis das Feuer
aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. -- Fix, Mudding, nicht
so langsam.

Gut' Nacht auch, wnschte oll Kusemann, wobei er sich hflich
verbeugte.

Nacht.

Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Fen voran, ihr Mann
klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hrte man die beiden
die Treppe hinaufziehen.

Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater, meinte oll Kusemann im
ernsten Ton. Er schlug die Knie bereinander und schaukelte sich auf
seinem Schemel hin und her.

Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind
zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte
goldgelbe Flssigkeit.

Rum? forschte oll Kusemann, whrend er die Lippen zum Pfeifen spitzte.

Wortlos go Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf
Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen
alten Freund nieder.

Gott's Blitz -- lobte der und strzte das Paglas auf einmal hinunter
und hielt es wieder zum Fllen hin. Das ist ein Nmmerchen, -- so --
gut -- Hann, bist doch ein anschlgiger Kopf -- prost -- wirst immer
klger. Ja, was ich sagen wollt' -- weshalb, meinst woll, da ich heut'
hierherkomme?

Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? bermorgen mu ich hin,
meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen
hatte, wo er sich ber den Flammen die Hnde wrmte.

Jawoll, versicherte oll Kusemann nachdenklich, das is 'ne bse
Geschicht', Jung. Pa auf -- dich nehmen sie. Und dann wirst du nach
Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Vlker im
Ozean -- Karolinen heien sie ja woll -- nich hinterrcks kaput
geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz
sicher den Kopf ab. Anders is das nich.

Ja, denn la das so.

Je, Menschenkind -- -- aber gib mich erst noch so'n ltten Grog --
danke -- ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?

Oll Kusemann, sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf trumerisch
in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; ich hab dich all
lngst eins fragen wollen -- aber nu sprich auch ernsthaft -- wozu lebt
man eigentlich?

Der Lotse lie langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft
hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas
einfiele, hob er langsam an: Je -- kuck -- das wei ich ganz genau. Der
Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.

Dazu also blo?

Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.

Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das
ersterbende Feuer hinein. Dsterrot zuckte es in der Kche auf.

Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken.

Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann, fing er geheimnisvoll an.
Menschen mssen sein, die drfen nicht aussterben. Kuck, als ich
neulich so in der Kirch' sa und wie ich all die vielen Beter da drinnen
so gebckt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. -- Da dacht' ich,
wenn die Menschens nich wren, dann wr' am Ende auch der liebe Gott
nicht da. Und all das andere Schne wr' auch nicht da.

Allein den Lotsen schien dies feierliche Gesprch ernstlich zu
langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genu
genippt, bemerkte er schlrfend: Hann, weit was? -- Pastor Witt sagt,
du bist ein -- Phi -- --

 -- losoph, ergnzte Hann, ja, ich wei.

Na, und wenn sich das so verhlt, wie du sagst, denn mssen also mmer
mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar, damit der liebe Gott
nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt -- und deshalb,
mein' ich, Hann -- prost Hann -- sehr fein, dein Rum -- wie is das nu
mit eine Braut? Wie? -- Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich
unter den Kessel? Eine mu doch hier sein, die en bichen weinen tut,
wenn du zu die Karolinen gehst -- oder zu die Mohren? Und auf die kleine
Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wre ja genau so, wie
ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flh'. -- Und
das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.

Da schlug drauen auf dem verschneiten Hof der Hund an.

Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Klffen, wie wenn er einen
bekannten Tritt spre. Darauf hrte man deutlich das Rasseln der Kette,
als das Tier beruhigt wieder in seine Htte zurckkroch.

Da kommt wer, meldete Hann.

Oll Kusemann mute lachen: Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu
braucht man nicht grad' ein Phi -- na, du weit ja -- zu sein.

An die Tr wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen Herein lugten
zwei Mdchenkpfe durch den Spalt -- ein brauner und ein roter. ber die
Haare hatten sie dunkle Tcher gezogen, und ihre Rcke wirbelten vor dem
nachbrausenden Sturm.

Huching, rief der Lotse erfreut. Hann -- sieh, Schulmeister Tollen
seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings -- ihr seid gewi en
bichen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hbscher strammer Kerl bn
-- komm, Dirning.

Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, krftig neben sich
auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weien Zhne zeigend
sitzen blieb.

Unterdessen hatte Hann die Grere, ein etwa zwanzigjhriges Mdchen,
das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach
ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort.

Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klth zu treffen. Zu
Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie
bitten, ob vielleicht -- -- --

Selbstverstndlich, unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. Da steht ja
so'n olles Geschtz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und
eine Aufmerksamkeit daraus machen. -- Was, Jnging?

Ja, besttigte Hann.

Nun trat eine Pause ein, whrend welcher Hann rasch das kupferne Gert
von seinem Riegel hob, als dchte er, solch eine Angelegenheit msse
schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen.
Er fhrte die wirklich bildhbsche Klara Toll mit der vollen,
geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns
verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung
niedergentigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch
Damenwsche, die man morgen kochen wolle. So hbsche Frauenhemden ohne
rmel, und mit Krausens oben, und Hschen und schwarze Strmpfe, recht
lang, die shen besonders gut aus.

Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Kche und sah voller Angst
und Scham auf das Mdchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt,
und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte.

Was war das? -- Ein leichtes Zittern lief ber den starken Nacken des
Burschen.

Oh -- oll Kusemann, bat er.

Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, whrend Klara Toll
sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob.

Aber ne, wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den
Kessel mit Gewalt abnahm -- her damit -- erst mssen die jungen Damens
ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen
der Klte, und dann -- hrt, Kinnings -- er kredenzte jedem der Mdchen
ein Glas --weil dies ein Abschiedstrunk fr Hann is. Der wird nmlich
bermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen
wird, oder zu die Mohren, na, ihr wit schon, wo die Weibers so
schnurrig umlaufen.

Bei dem Worte Abschied bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie
wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen.
Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle
Trne hervorperlte. Die glnzte wie ein Leuchtkferchen in dem
Feuerschein. Ohne Scham lie sie sie zur Erde fallen und griff dann
lchelnd nach dem Grogglase.

Worber weinst du denn, mein ses Kinding? fragte oll Kusemann
lauernd. Er geht ja erst zum April.

Da berzog wieder ein froher Schimmer das blhende Gesicht, sie trank
und lchelte vor sich hin und meinte dann leichthin: Was geht das mich
auch an? -- Zum April werde ich Krankenschwester.

So plauderten und lachten die vier Menschen in der rucherigen Kche
noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rckte enger an die
kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang:

    Gib ein Kchen, rotes Rschen --
    setz dich zu mir auf mein Schchen.

Da lachte der Rotkopf und sagte sehr einfach: Du Affe, was oll
Kusemann seinerseits wieder fr Erlaubnis genug hielt, ihren roten Kopf
in die Hand zu nehmen und seine wulstigen Lippen darauf zu drcken.

Ja, wenn mein Alwining mal selig werden wrd', wer wei, was denn alles
passierte. Aber noch is sie sehr gesund.

Das Feuer auf dem Herd begann zu verlschen. Da besannen sich die
Schwestern darauf, da sie heimkehren mten. Zwar strubten sie sich
erst dagegen, da Hann sowie der Lotse ihnen den umfangreichen Kessel
tragen helfen wollten, aber als der Bursche, das schwere Metall unter
dem Arm, wortlos in den Schneesturm hinaustrat, folgten ihm alle.

Jedes laute Wort erstarb vor der Wucht der anstubenden Schneemassen.
Tief versanken die Wanderer in den weichen, weien Teppich, und gegen
ihre Kpfe schleuderte die Windsbraut spitze, feste Krner. Hann und
Klara trugen jetzt den Kessel gemeinschaftlich. Von den beiden
Vorauftappenden gewahrten sie nur die dunklen Umrisse. Und schon waren
sie bis in das Inner-Dorf gelangt, als Hann in der schneidenden Stille
ein Wort fand: Klara, nimm mir's nicht bel. Warum wirst du
Krankenschwester?

Nichts von ihren Zgen konnte er in der Dunkelheit erkennen, er hrte
nur ihr flatterndes Kopftuch und die wirbelnden Rcke.

Sie atmete auf. Wohl wegen der andringenden Luft.

Hann, ich wei auch nicht. Aber man mu doch was haben, worum man sich
kmmern kann.

Da nickte Hann.

Das is richtig, Klara, das liegt in manchem von uns tief drin. -- Na,
gute Nacht.

Sie waren vor dem flachen Lehrerhuschen angekommen.

Durch die Schwrze fiel von fernher ein Strahl des roten, drehbaren
Leuchtturmlichtes und lie auf den vereisten Mauern tausend zuckende
Rubinen aufblitzen.

Auch Klaras Kopf trat einen Moment blendend und blutrot beleuchtet aus
der Nacht hervor.

Hann erschrak.

Doch im nchsten Augenblick bot ihm seine Begleiterin, schon wieder in
Finsternis gehllt, die Hand.

Gute Nacht, Hann, und viel Glck fr bermorgen bei der Gestellung!
tnte ihre ruhige Stimme.

Oh -- es kommt alles so -- als es soll, Klara, gab er zurck.

Eine kleine Weile standen beide Hand in Hand. Dann tauchten zwei
Schatten auf.

Nu fixing, Kinnings, trieb der hinzutretende Lotse und trennte sie.




VIII


Es war frh am Sonntag morgen, als Bruno mit der Bitte zu Frulein
Dewitz ins Zimmer trat, ob Line ihn nicht zu einem Besuch bei den Eltern
in Moorluke begleiten drfe. Sein Bruder Paul, an den er ebenfalls
gedacht, wre in der Kirche.

Ja, ja, schob Frulein Dewitz beifllig dazwischen, den Gottesdienst
versumt Ihr Herr Bruder nie.

Und unten vor dem Hause, berichtete der junge Kaufmann weiter, warte
bereits des Konsuls Schlitten, den ihm sein Chef, damit sich die Pferde
einmal auslaufen knnten, zur Verfgung gestellt.

Im selben Augenblick hrte man wie zur Bekrftigung lautes
Schellengelute.

Line stand wie erstarrt.

Die Hnde prete sie gegen ihre Brust, wie wenn sie sich selbst
zurckhalten, bezhmen wolle, damit sie dem hbschen, frischen Menschen
nicht um den Hals falle.

In einem Schlitten -- aus der Stadt heraus -- entzogen der ewigen Obhut
der Lehrerin, sich austummeln knnen, und zwar mit ihm, den sie so gern
hatte!

Oh, vergessen, wie weggeweht war die Vernachlssigung, die er ihr so
lange hatte angedeihen lassen -- und wenn es auch nur ein Tag war -- ein
einziger -- nur einmal fort aus dieser Unterordnung und Verstellung.

Unter ihrem hbschen, blauen Kleide klopfte ihr das Herz vor Aufregung.
Abwechselnd rot und bla erwartete sie die Entscheidung ihrer Herrin.
Wenn die nun nein sagte? --

Frulein Dewitz hatte inzwischen nachgerechnet. Aber sie vermochte trotz
aller Regeln des kleinstdtischen Anstandes keinen Grund zur Weigerung
zu finden. Es handelte sich ja am letzten Ende um Bruder und Schwester,
und der Ausflug whrte nur wenige Stunden, fhrte zudem in das
Elternhaus, und vor allen Dingen: der Schlitten war extra von dem Konsul
gestellt. Das entschied.

Einen Moment scho es ihr zwar noch durch den Kopf, warum der
wohlerzogene junge Mann nicht auch sie selbst zu dieser Fahrt invitiere,
aber dann kam ihr der schmeichelhafte Gedanke, da er wohl nur nicht
wage, sie, das Frulein Dewitz, in sein Elternhaus zu fhren.

Schn -- schn.

Mit gutmtigem Kopfnicken erteilte sie die Erlaubnis, reichte dem
galanten jungen Herrn wrdevoll die Finger zum Handku, freute sich an
seiner tiefen Verbeugung, und nachdem sie ihn noch gebeten, ja nicht
ihre Gre an seine Mutter zu vergessen, schrfte sie ihm besonders ein,
da Line punkt neun Uhr zu Hause sein mte.

Nicht spter -- nicht wahr, Sie verstehen mich, mein lieber Herr
Klth?

Gewi, vollkommen, gndiges Frulein.

                              *     *     *

So saen denn die Geschwister, dicht nebeneinander, wohlverpackt in dem
leichten, eleganten Schlitten.

Strahlender Sonnenschein, blauer, heller Frost war dem Unwetter von
gestern gefolgt.

Die beiden Rappen wieherten laut in die leuchtende Weie hinein,
pfeilschnell, schnurgerade scho der Schlitten ber die funkelnde Bahn
der Chaussee, die auf einem Umweg ber das Klosterdorf fhrte.

Da fiel es Bruno, ber dem gleichfalls die ganze Glckseligkeit dieses
Wintertages lag, auf, da seine Begleiterin so muschenstill neben ihm
verharre.

Verwundert blickte er auf sie hin.

Das war doch seltsam. Da sa sie, als wenn sie ihn, den Kutscher, den
Schlitten, die beiden schnaubenden Rosse, alles Leben berhaupt ganz
vergessen htte. Den Kopf hielt sie vorgebeugt, die Lippen waren leicht
geffnet, als schlrfe sie die pfeifende Luft wonnetrunken ein, die
Augen blitzten immer geradeaus auf die glitzernde Strecke, starr,
erwartungsvoll, ein unerhrtes Wunder heischend.

Bruno wurde von dem Bild gefangen. Was konnte das bedeuten?

Er wute nicht, da diese sieben Jahre der Knechtschaft pltzlich von
ihr abfielen, da hier auf den stillen, freien Feldern ein
freigewordenes, sich auf sich selbst besinnendes Weib neben ihm sitze.

Line, murmelte er erstaunt, da ihr Schweigen ihn immer mehr
befremdete.

Da lchelte sie beinah unwillig und schttelte den Kopf, wie wenn der
Traum noch weiter klingen solle.

Seltsam.

Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, und dabei fiel ihm ein, da
dieses schlanke, so ganz eigenartige Geschpf viele Jahre aus seinen
Gedanken entschwunden gewesen, verdrngt von den sich jagenden
Eindrcken der groen Stadt.

Was mochte wohl aus ihr geworden sein?

Er hatte sich nicht einmal Mhe gegeben, sich danach bei seinem lteren
Bruder zu erkundigen. Allerdings, so sagte er sich, wie konnte sie sich
auch sonderlich entwickelt haben? In ihrer abhngigen, fast dienenden
Stellung bei einer alten Handarbeitslehrerin? Nein!

Aber elegant sah sie aus. Sehr vornehm. Und das schmeichelte seinem auf
das uerliche stark gerichteten Sinn.

Wie voll und dabei doch schlank sie dies graue, weiche Pelzjckchen
erscheinen lie.

Vorsichtig prfend strichen seine behandschuhten Finger an dem
Rauchwerke hinunter und fuhren zurck, als sie den runden, festen
Frauenarm sprten.

Seine Nachbarin sah ihn im selben Moment an. Ein rascher Blick streifte
sein Gesicht, dann rckte sie nher zu ihm und schaute wieder zu ihm
auf.

Bruno stutzte.

Ihre roten Lippen schienen ihn verspotten zu wollen. Im nchsten
Augenblick aber brauste pltzlich der ganze glckselige Rausch der
Jugend in ihm empor.

Alle Bedenken, da dies seine Pflegeschwester wre, die sich ihm
anvertraut, bersprang er.

Zuversichtlich zwirbelte er sich den Schnurrbart und legte, wie
zufllig, seinen Arm um ihre Schultern.

Nein, sagte sie spttisch und schob krftig seine Hand zurck.

Das brachte Bruno zur Besinnung. Siedendhei stieg es ihm in die
Schlfe. Zur rechten Zeit fiel ihm ein, was er eben beinahe gewagt, und
wie seltsam sich die Kleine dabei benommen htte. Abwehrend, und doch --

Mein Gott, was mochte sich nur hinter dieser weien, von schwarzen
Haaren umringten Stirn abspielen?

Da schreckte sie ihn von neuem auf.

Hast du Geld?

Ja, wozu?

Sieh -- den Leierkastenmann da auf dem Prellstein -- mit dem Stelzfu
-- gib was.

Er schttelte sein Portemonnaie ber ihrem Scho aus.

Es waren lauter Talerstcke darin.

Schenkst du mir was davon? flsterte sie in hchster Eile.

Er vermochte nur noch ein Ja zu stammeln.

Da hatte sie auch schon mit einem erstickten Jauchzen drei, vier der
Mnzen in den Hnden, schttelte sie, lie sie klingen, und pltzlich
hochaufgerichtet, schleuderte sie mit einer krftigen Bewegung ein
Silberstck nach dem Veteranen hin.

Die Leier kreischte auf.

Danke, scholl es herber.

Und noch eins -- und noch eins.

Der Stelzfu schwenkte seine Mtze. -- Hurra, verklang es.

Ah -- das war schn -- das war schn! sank Line in ihren Sitz zurck.

Line, stotterte Bruno. Aber seine Augen blitzten, die wilde Tollheit
des Mdchens hatte ihn angesteckt. Krampfhaft drckte er ihr beide Hnde
unter der Decke.

Ah -- das war schn -- das war schn, wiederholte sie wie berauscht
und schlo die Augen. Gleich darauf entzog sie ihm hastig ihre Finger.
La das, verbot sie ihm herb, und zwischen ihren Augenbrauen erschien
eine Falte. Wozu soll das?

Da hielt der Schlitten.

Mehrere Gefhrte, die auf der Landstrae vor einem schmucken Krug
hielten, sperrten den Weg.

Wollen wir auch einen Augenblick da hinein, Kleine? fragte Bruno, wie
wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, denn Vater Siebenbrod
wird uns doch gewi vor dem Mittag nichts Warmes vorsetzen, und als
Line erfreut mit einem Ruck hochsprang, half er ihr aus dem Gefhrt
herab.

Er nahm noch wahr, wie fein und schmal ihr Fu sei, als sie die Rcke
ein wenig schrzte.

Ein prachtvolles Mdel, dachte er, um einen toll zu machen. Aber
sachte, sachte.

Bald saen sie in dem Krugzimmer an einem Tisch am Fenster.

Es war ein kahler, lichtblauer Raum. Nicht ein Bild hing an den Wnden,
nur im Sonnenschein konnte man eine Herde Winterfliegen bemerken, die
unbeweglich ihren langen Schlaf hielten.

Aus der Ecke feuerte ein eiserner Ofen rotglhende Hitze. Aus dem
Nebensaal drang das Gemurmel zechender Menschen.

Erst schauten die beiden schweigend eine Weile auf die schneeweie
Landstrae hinaus, wo ihre Schlittenpferde unter den Decken dampften,
dann brachte eine halbwchsige Wirtstochter Glhwein, und die beiden
jungen Leute stieen miteinander an. Sie blickten sich dabei in die
Augen, der junge Mann herausfordernd, als ob er auf des jungen Mdchens
Gesundheit trnke, was sie nur schnippisch und mit einem Achselzucken
aufnahm. Wohlig strmte das heie Getrnk ihnen durch die Glieder. Line
reckte sich, ihre Wangen, auf denen im Sonnenlicht ein feiner Flaum
zitterte, frbten sich dunkler. Mit einer raschen Bewegung zog sie den
Handschuh von der einen Hand und klatschte ihrem Begleiter damit leicht
auf die Finger.

Du, forderte sie, indem sie sich ein wenig ber den Tisch bog, eh' es
langweilig wird, erzhl' was. Von dir.

Von mir?

Ja, weit du noch, wie wir damals, bevor du zu Hollander gingst,
zusammen auf der Mauer im Hain saen, und was du mir da alles
erzhltest? Sag' mal, ist davon schon etwas in Erfllung gegangen? --
Hast du Hoffnung, bald reich zu werden?

Bruno warf sich in die Brust und drehte berlegen an seinen goldenen
Ringen.

Ich habe vorlufig viertausend Mark Gehalt, warf er stolz hin, whrend
er sich unternehmend durch sein Gelock fuhr.

Das ist nicht viel, uerte sie bestimmt.

Er wurde eifrig.

Aber in wenig Wochen schon werd' ich Prokurist.

Bekommst du dann mehr?

Viel mehr.

Gut -- das ist recht -- und dann -- sie lehnte sich hintenber, hielt
ihren Kopf mit beiden Hnden und blinzelte ihn spttisch an, dann
heiratest du Dina Hollander.

Bestrzt fuhr er zurck, glhend rot vor rger darber, weil ihn dieses
merkwrdige Wesen durchschauen wollte, und daneben schmeichelte es ihm
doch nicht wenig, da sein Name mit dem der Konsulstochter berhaupt in
eine Verbindung gebracht werden konnte.

Woher willst du das wissen? fragte er nichtsdestoweniger von oben
herab Das werde ich doch nicht jedem auf die Nase binden!

Sie ma ihn mit einem halb mitleidigen Lcheln.

Du glaubst doch wohl nicht, Bruno, da man dir das damals bei
Hollanders nicht anmerken konnte? Dann, la dir sagen, ich habe es auf
den ersten Blick gesehen!

Du?

Ich -- jawohl.

Donnerwetter, entfuhr es ihm unwillkrlich, und er starrte auf die
schwarze, kleine Hexe ganz fassungslos, die sich bedchtig auf ihrem
Stuhl schaukelte, heimlich sich an seiner Verblffung weidend.

Herrgott, Herrgott, was war nur aus ihr geworden.

Mdel, wie alt bist du denn eigentlich? stammelte er zuletzt.

Einundzwanzig.

Dein Wohlsein, fuhr sie fort, indem sie, wie im Hohn, das Glas gegen
ihn hob und ihn durch die scharfgeschliffenen Rnder mit einem
zugekniffenen Auge anblinzelte. Ah, das macht warm.

Damit dehnte sie ihre Glieder, erhob sich und schritt ein paarmal mit
ihrem leicht wiegenden Gang im Zimmer umher.

Immer gefolgt von seinen Blicken, die sich an ihren Bewegungen
entzndeten.

Ein schnes -- schnes Mdel, dachte er wieder. --

Pltzlich klingelte Musik durch seine Gedanken. Klirrend und klimpernd
begann der Musikautomat aus der Ecke eine Melodie abzuschnurren.

Mit vorgebeugtem Leib, den Kopf nach ihrem Gefhrten gewendet und den
Finger leicht gegen die roten Lippen gelehnt, whrend die andere Hand
noch an der ffnung weilte, durch die sie eben die kleine Mnze
geschoben, so sah Bruno das zierliche Mdchen lauschen.

Line.

Pst -- der Faustwalzer.

Mit einer raschen Gebrde schrzte sie den Rock und machte ein paar
Tanzschritte. Er sah die reizenden kleinen Fe sich drehen, da hielt er
sich nicht lnger. Mit einem lauten Freudenruf eilte er auf sie zu,
wollte ihr als Tnzer seinen Arm um ihre Hfte schlingen, -- allein da
stockte sie, wurzelte unbeweglich fest und schickte einen finsteren
Blick zu ihm empor. Du, sprach sie scharf, ich verbat mir das schon
einmal.

Und da steckte auch schon Friedrich, der Kutscher, seinen Kopf in die
Stube hinein.

Na? fragte er wartend.

Jawohl, wir kommen, versetzte Line, und ihrem Begleiter die Bezahlung
berlassend, schritt sie aufgerichtet auf die Landstrae hinaus, ohne
auch nur den Kopf nach dem Verlassenen zurckzuwenden.




IX


Das war ein langweiliges, hinschleichendes Mittagbrot, das da in der
groen guten Stube des Lotsenhuschens eingenommen wurde, und die beiden
Kinder, Bruno und Line, atmeten heimlich auf, als Mudding endlich sagte:
So, Siebenbrod, jetzt sagst du wohl gesegnete Mahlzeit.

Das tat der Zesnerfischer auch mit merklicher Erleichterung, denn diese
beiden feingekleideten Menschen waren ihm so unbehaglich, als irgend
mglich. Vor allen Dingen, weil er sich genierte, vor ihnen zu essen, so
da er auch heute im stillen einen gewaltigen Hunger sprte.

Na, sie werden woll so bald nich wiederkommen, dachte er.

Auch Mudding, die sich doch im Herzen so sehr ber ihren Heimgekehrten
freute, sprach niemals viel, und heute wurde ihr Geist noch besonders
oft durch die Frage abgelenkt, ob auch alles, was ihr Bruno von sich
mitgeteilt, recht und billig wre, und ob sich seine khnen Hoffnungen
wohl erfllen knnten.

Ach lieber Gott -- la mich das noch erleben, dachte sie innerlich und
faltete wie von ungefhr die Hnde, obwohl sich in ihrem unbewegten
Gesicht nichts regte. So hatte am Tisch eine steife Gezwungenheit
geherrscht, denn Hann in seinem blauen Sonntagswams vermochte
gleichfalls nur, seinen Geschwistern von Zeit zu Zeit die Schssel zu
reichen, oder die Bierflaschen zu entkorken, die Siebenbrod heute extra
spendiert hatte. In ihre Gesprche jedoch, die sie ausschlielich fr
sich allein fhrten, wagte er sich nicht zu mischen. Da klang ihm ein zu
fremder, zu hoher Ton hindurch, und so sa er nachdenklich da und
berlegte, wie gut die beiden zueinander paten.

Ja, das waren frohe, lebendige Leute; die kamen in der feinen Welt
zurecht, und ber Bruno lachte auch Line nicht, wie stets ber Hann.

Das wenigstens hatte er gleich gemerkt.

Ja, ja, so war das wohl auch alles recht gut.

Nach Tisch machte Line den Vorschlag, ein bichen im Dorf
herumzuwandern. Und als Bruno, ganz erlst, beigepflichtet hatte, schlo
sich auch Hann an.

Er hatte kaum bemerkt, da gar keine Aufforderung dazu an ihn ergangen
war.

Drauen war es noch hell.

Vom Kirchturm schlug es gerade drei, als sie sich nebeneinander auf den
Weg machten.

Nichts gleicht der Feiertagsruhe eines Ostseedorfes um die Winterzeit,
wenn die Sonne im blauen Luftmeer bereits blasser wird, und der Wind auf
den silberblitzenden, niedrigen Dchern eingeschlafen scheint. Eine
wohlige Ruhe und Stille berall. -- Man hrt die Schneeflocke fallen, die
sich zuweilen von einer vorspringenden Schindel lst.

Als die drei in die einzige Gasse einbogen, die auf beiden Seiten von
kleinen Fischerkaten besetzt ist und, lang verlaufend, bis zum Kirchhof
fhrt, berhrte Hann den Arm seines Bruders.

Hr', fragte er wichtig, willst du vielleicht Vatings Grab sehen?

Dar war doch nun wieder ein ganz dummer Einfall des Tlpels. Verstimmt
blieb Bruno stehen und blickte voll Verlegenheit zu Line hinber, die
Hann mit ganz erschrockenen Augen ma: -- Jetzt -- an diesem einzigen
freien Nachmittag unter Grabkreuzen?

Aber da fragte der junge Kaufmann bereits, ob der Kirchhof nicht doch zu
dick verschneit sei, und Hann lenkte sofort schwerfllig nickend ein:
Ja, ja mit euren Stiefeln ist da wohl nicht durchzukommen -- wollen's
lieber lassen.

Line atmete tief auf, sah aber doch noch fter furchtsam auf den
Friedhof hin. Weiter schritten sie, aber fr die nchsten Minuten war
doch die Stimmung gestrt. Sie unterbrachen das Schweigen erst wieder,
als unvermutet zweistimmiger Gesang auftnte, und jetzt erkannten die
Spaziergnger auch, wie vor der Dorfschule zwei junge Mdchen auf und
nieder wanderten, beide Arm in Arm, und eifrig, wenn auch mit halber
Stimme, singend.

Das tun sie hier fters Sonntags nachmittags, erklrte Hann.

Noch kehrten die beiden Frauengestalten den Ankmmlingen den Rcken,
doch unterschied man bereits deutlich den Text des Liedes, der nicht
gerade aufheiternd und munter klang:

    Morgenrot,
    Leuchtest mir zum frhen Tod?
    Bald wird die Trompete blasen,
    Dann ich mu mein Leben lassen,
    Ich und mancher Kamerad.

Ja, sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andchtig gelauscht hatte,
Klara und Rosa Toll haben hier die schnsten Stimmen. Wenn sie im
Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.

Und in seinem inneren Vergngen nickte er noch ein paarmal bekrftigend
und bersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die
Seite stie, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen
heimlich nach dem greren der beiden Mdchen hinberzwinkerte.

Da mute Bruno auflachen.

Nun begrte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstchter knicksten
vor den feinen Stdtern, und Line klopfte der schnen Klara Toll so
mtterlich die Wange, da die also Behandelte, die ein wenig grer als
Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte.

Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mdchen ein so trauriges
Soldatenlied gesungen, und whrend die ltere nicht mit der Sprache
herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg,
begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klth htte ihnen gestern
abend davon erzhlt, da er sich morgen in der Stadt zum Militr stellen
msse, und nun htten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und
mit einmal htte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wre nur
so zur Begleitung eingefallen.

O -- nicht doch, stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er
nach der Hand der Greren greifen, besann sich jedoch und steckte seine
Rechte plump in die Tasche.

Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich.

Die Sperlinge, die auf der Dorfstrae und auf den sten der weien
Pappeln saen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu
frben.

Sieh, sagte Line zu Bruno, da sie auf die den, knackenden Wiesen
traten, die sich bis an die zugefrorene See hinabgezogen. Da drben.

Da glhte im roten Licht die Klosterruine, die fr die beiden jungen
Menschen so viele Erinnerungen barg, herber, von ihren Schneemassen
rann purpurnes Feuer herab, wie ein ungeheurer, weier Korallenwald
standen die kahlen Eichengerippe um das Mauerwerk herum.

Da, sprach Line noch einmal und sah ihren Gefhrten von damals mit
einem flchtigen Blicke an.

Bruno stutzte.

Pltzlich begann ihm das Herz wild zu klopfen, die Erinnerung stieg in
ihm auf. Jetzt, ja jetzt htte er die lockende Gestalt in dem grauen
Pelzjackett wild an sein Herz gerissen, wenn -- ja, wenn nicht dieser
strende Tlpel neben ihnen gestanden, der sie beide immer so
nachdenklich betrachtete.

Aus der eben verlassenen Dorfstrae trug dazu der Wind eine neue
Liedstrophe herber. Die beiden Lehrerstchter fuhren wohl in ihrem
stillen Sonntagsvergngen fort:

    Kaum gedacht,
    Ward der Lust ein End' gemacht.
    Gestern noch auf stolzen Rossen,
    Heute durch die Brust geschossen,
    Morgen in das khle Grab!

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Pst! Fr'n Sechser Ruhe! rief eine heisere Stimme rgerlich
dazwischen.

Aus seiner bretternen Wachthtte, die eigentlich eine Badezelle gewesen,
streckte oll Kusemann seinen gelten und frisierten Kopf heraus und
legte noch den Finger an die Lippen, um auch pantomimisch anzudeuten,
da er einer Beschftigung obliege, bei der er keine Strung vertragen
knne.

Oll Kusemann, was machst du hier am Sonntag? Und noch dazu, wo der
Bodden zugefroren is und gar kein Schiff in Sicht kommen kann? fragte
Hann nhertretend und steckte seinen Kopf in den engen Spalt der Tr,
die oll Kusemann ihm eben brummig vor der Nase zuschlagen wollte. Und
wozu hast du die beiden Flintens da in der Ecke?

I, die bel' ich mir 'n bischen, brummte der Lotse ausweichend und
beugelte mit seinem schiefen Blick die beiden Stdter. Fr die Dinger
is l dasselbe, was fr uns Lebendige Rotspohn is.

Oll Kusemann, fuhr Hann strafend fort, auf Ludwigsburg drben ist
Jagd, und du lauerst hier blo darauf, da sich ber das Eis fort wieder
was zu dir verlaufen soll. Hast du nicht vorigen Monat erst deswegen vor
Gericht gestanden?

Ja, aber ich bin freigesprochen, triumphierte oll Kusemann, indem er
sich schmunzelnd seinen spitzen Kinnbart strich, und der Prsident hat
mir noch eine Zigarre dafr geschenkt, weil ich so'n oller ntzlicher
Mitbrger wr', der die fatalen Seehunde hier wegputzt.

Aber ehe sich noch ein anderer in das Gesprch mischen konnte, winkte
der Lotse pltzlich lebhaft mit Hnden und Beinen ab, sprang in die
Ecke, ergriff eine der Flinten, pflanzte sich in die Trffnung und
starrte aufgeregt ber das Eis des Boddens.

ber die graue Flche fuhr im rasenden Lauf ein schwarzer Punkt.

Das ist doch kein Seehund? rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf
der Bchse greifen, aber der Lotse schttelte verchtlich den Kopf: Was
sonst? -- Das is einer, wie er leibt und lebt!

Nun kam die Jagdlust ber die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten
sie den sich nhernden Farbenfleck.

Jetzt, murmelte der Lotse und hob das Gewehr.

Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen.

Line war unvermutet in die Htte gesprungen, ri jetzt die Waffe an ihre
Wange und stammelte mit blitzenden Augen: Ich auch, ich auch.

Kannst du denn zielen? stie Bruno hervor.

Wei nicht.

Dann la mich visieren, -- so.

Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und sttzte mit der
linken Hand den Kolben. Ohne da sie darauf zu achten schien, lehnte sie
so voll in seinen Armen, da sein Mund, wenn er es gewagt htte, die
Haut ihres Nackens htte berhren knnen.

Oll Kusemann schmunzelte: Wer trifft, kriegt von dem schnen Frulein
ein Kssing. -- Ich treffe, bautz.

Der Schnee stubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwrts; kuck, brummte
der Lotse verblfft und schob sich die Mtze in den Nacken.

Da krachte der zweite Schu.

Liegt -- liegt, schrien pltzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei
Besessenen, und im Wettlauf strmten sie auf die beschneite Flche, weil
jeder den toten Seehund fr seine Partei zu requirieren gedachte.

In der Htte blieben die beiden Sieger allein. Bruno fate sich an die
hmmernde Schlfe. Ob er sich jetzt seinen Schtzenlohn holte? Sachte,
indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tr hinter sich zu,
so da das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das
kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zgerte er wieder -- einen
Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mdchen ihr Gewehr in die
Ecke. Deutlich sah er die schne Rundung ihrer Glieder, als sie sich
bckte. Da kam seine kecke Wagelaune ber ihn. Tausend Nerven prickelten
ihm in den Armen, kaum wute er noch, was er tat; tief aufatmend drngte
er sich an ihre Seite.

Doch dieser Atemzug verriet ihn. Krftig raffte sie sich auf und sah ihn
gro an. Weshalb hast du die Tr geschlossen? fragte sie rauh.

Er schttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen.

Mit dem Fu stie sie die Tr auf.

Ich hab's nicht gern im Dunkeln, sagte sie mit einem feindseligen
Blick, und wieder scho ihr der Gedanke an Dina widerwrtig durch den
Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: Da bringen sie den
Seehund.

Sehr demtig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem
ungelenken Gefhrten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen
war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Kpfchen heraus.

Verfluchtet Pech, wimmerte er, 's richtig wieder ein Hase. Da kann
man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen
Mallhr is nich aufzukommen. Na adjssing.

So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrbt seinem Huschen zu,
ehrwrdig, als oller ntzlicher Mitbrger.

                              *     *     *

In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen
Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen
mssen, da ihr eigenes Gefhrt auf Wunsch des Konsuls noch bei
Tageshelle den Heimweg angetreten.

So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen
Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hrte er
undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um:
Nich horchen, dachte er, das pat sich nich.

Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine
Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden
Schlitten hineinstiegen.

Passen gut zusammen, dachte er. Was kann er gut mit Reden fort und
sie -- so hbsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Fllen -- ja,
ja, man mcht' ordentlich eins berstreichen.

Hier stockte er, erschrak und schmte sich.

Ach, es war ja das Unglck dieses nachdenklichen Bauern, da ein
schlichter, tiefer Schnheitssinn in ihm lebte, und da er dieses junge,
blhende Mdchen da drinnen von seiner Jugend an als das berma
weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war.

Und wie sie sich in den Hften dreht, dachte er bewundernd weiter.

Hh, schrie er wtend dazwischen. Aber im nchsten Moment kehrten
seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurck. Ob Bruno ihr aber
auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es
auch ganz treu und ehrlich meint?

Hh, schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch
Dunkelheit und Mondschein.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch.

Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhllen und lieen
die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor
sich hin, um im vorberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen,
dann frstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wrme suchend, in
sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefhrte fast
atemlos neben ihr sa, betrt und bezaubert von dieser widerspenstigen
Schnheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken
abzubringen.

Bist du mde? fragte er.

Ja.

Er berhrte zaghaft ihren Arm.

rgerlich zuckte sie den Ellbogen zur Hhe: Was willst du?

Ich wollte dich nur einmal fragen, was du eigentlich in diesen sieben
Jahren getrieben hast? -- Es interessiert mich so.

Gott, gelernt und gelesen hab' ich, das merkst du doch wohl, und tu's
auch heute noch.

Und zu welchem Zweck?

Wie du auch fragst? lachte sie und warf die Lippen auf. Damit ich in
die Hhe kommen kann. Das ist doch selbstverstndlich. Pa mal auf, so
wie dir, wird's mir auch glcken. Ich bin ja nicht hlich.

Nein, bei Gott, das ist sie nicht, scho es Bruno durch die erregten
Sinne, nur wild, widerspenstig und berechnend, wie es ihm scheinen
wollte, und sich nher zu ihr vorbeugend, drngte er weiter: Willst du
denn irgendeinen Beruf ergreifen? Da traf ihn schon wieder solch ein
feindseliger Blick.

Wenn ich nicht durch eine Heirat mein Glck mache, dann gewi. Bei
Frulein Dewitz bleibe ich nicht lnger. Das kann mir keiner verdenken.
Aber weit du was? -- Sie schmiegte sich pltzlich an ihn und senkte
das Kpfchen auf die Brust, als glte es ein Geheimnis. Und es bedeutete
auch wirklich eines.

Da waren neulich die Hofschauspieler aus Schwerin im Voglerschen Saal
-- du, und da war eine dabei, die war nicht lter wie ich, aber so
ausgelassen, und wild, und gab lauter solche Rollen, wo man die Mnner
anfhrt. Weit du, ich glaub', das knnt' ich auch. Und wie sie im
letzten Akt auftrat, da flogen aus der Offiziersloge lauter Buketts auf
sie zu, bis sie endlich eine Kuhand warf. Immerfort -- lauter Kuhnde.
Ah -- das htt' ich auch tun mgen. Wahrhaftig.

Sie verzog den Mund und nickte wie zur Bekrftigung mehrmals vor sich
hin.

Da war es heraus, das Innerlichste von ihr, jenes Abenteuernde,
Irrlichtierende, das Bruno nur dunkel geahnt hatte, das ihn jetzt aber
mit solcher Macht fing, da er, halb seiner selbst beraubt, die Hnde
gegen die Augen prete, um sich zurckzuhalten, sich zu zhmen.

Hast du was? fragte sie.

Er verneinte. Kopfschmerzen.

Ja, ja, es ist auch kalt, brach sie ab. Wollen schlafen, ich bin
mde.

Damit lehnte sie sich in das Leder zurck, und bald verkndeten ihre
regelmigen Atemzge, da ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar
wre.

Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin.

Ob sie wirklich schlief? -- Oder ob die raffinierte kleine Person ihm
nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht ber sie
huschte, und wie wei die Zhne hinter den halbgeffneten Lippen
hervorblitzen konnten.

Nein -- nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf
deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange
Schlangen, die auf das Gefhrt zukriechen wollten.

Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht.

Nein, nein.

Die Schlferin rhrte sich. Sie sa jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war
hintenbergesunken, whrend die Brust sich leise hob und senkte.

Ob sie wirklich schlief?

Schon nahten die ersten Huser der Stadt.

Da hatte Bruno ausgekmpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war
strker als er.

Ziemlich unsanft, beinahe rttelnd fuhr er ber ihren Arm.

Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. Wach auf, wach auf! schrie
es in ihm.

Aber die Schlferin sank, der Bewegung folgend, in voller
Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes.

Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen.

Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grbchen in ihren
Wangen konnte er bei dem trben Lampenlicht gewahren, und leise, leise,
wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Frchten.

Da gab es einen Sto. Ruckartig hielten sie.

Ob Hann zurckgeblickt hatte?

Wie taumelnd sprang der grobkrnige Geselle von dem Schlitten herab,
dann ffnete er den Schlag und grollte: Wir sind da.

Schon? gab Bruno atmend zurck, und auf Line deutend, setzte er hinzu:
Fest eingeschlafen.

Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin.

Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mdchen zu wecken.

Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und
meinte gleichgltig: Ah -- das war geschlafen. Aber seht da oben, da
lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut
nach Hause.

Durch die klingelnde Haustr sprang sie die Stufen hinauf, nickte
nocheinmal zurck und verschwand.

Als Hann nach einer Weile im Schritt zurckkutschierte, da hielt er in
seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstck. Das hatte ihm Bruno beim
Abschied in die Hand gedrckt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld.
Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte
sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf.

Hh, Schimmels!




X


Zwei Tage spter -- bei Sonnenaufgang -- da fand der einzige, goldige
Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen
konnte, den Moorluker Philosophen frstelnd und mit bldem Haupt auf der
Pritsche des Militrgefngnisses hingestreckt und mit dumpfem,
verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren.

Nee, stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod msse ihn ja
zuletzt mit einem Futritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich
den Kopf und schlo die Augen. Aber der liebe, erlsende Tritt
Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof
aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Gerusch folgte, wie
wenn Gewehre taktmig auf das Pflaster gestoen werden.

Je -- je --

Hann ri abermals die Augen weit auf.

Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von
neuem kopfschttelnd um sich herum zu stieren.

Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein
Kasten, der hlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft
darein verrichten sollte. Sonst nichts.

Kein Stuhl -- kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle,
graue Mauern, und eine niedrige, braune Tr, die von innen keine Klinke
bot.

Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schttelte sich.

Darauf schlich er zur Tr, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen,
als an dem Holz in Manneshhe eine Klappe herabsank, whrend ganz dicht
etwas polterte.

Nun, das war doch gewi ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann
die Hand durch die ffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand
einen Hieb auf die Finger, da er schreiend zurckfuhr, und zu gleicher
Zeit wurde die Klappe durch ein brtiges Gesicht ausgefllt.

Nicht so hitzig, Patron, knasterte eine Stimme, die sehr
geschftsmig und keineswegs wohlmeinend klang. 's kommt schon.

Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommibrot, und
der Verschlu hob sich wieder.

Halt, schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. Mnning, weswegen --
-- --

Jawoll, knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hrte,
wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde.

Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? -- Was war denn nun?

Erschpft, mit ngstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die
Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot.

Fi -- das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch
tglich gab, und dabei frstelte ihn, da ihm die kalten Schauer die
Brust zusammenschnrten.

Prsentiert das -- Gewehrrr! scholl es schrill von unten. Darauf ein
klirrender Schlag.

Je, ja, waren das nicht Soldaten? -- Hann erschrak so sehr, da ihm
beinahe der Krug entglitten wre, -- Bilder, lauter fremde Bilder
zuckten pltzlich durch seine langsame Vorstellung. -- Ein
Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! --

Wo war er denn gestern gewesen?

Mit Gewalt schob er sich pltzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf,
und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen.

Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten
Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit
geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte. An der Seite, beinahe
unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines
Unteroffiziers mit roten Hnden und roten Gesichtern Griffe bten.
Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag.

Das Gewehrrr ber -- Gewehrrr ab. -- Das Gewehr ber!

Also doch!

Schwerfllig stieg Hann herab. Nun wute er genug. Und nachdem er auf
seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit
der Faust auf die Stirn.

Ja -- ja -- er hatte es also doch erlebt. -- Wie war's doch?

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein lrmender Zug junger Fischer- und Bauernshne vor dem Voglerschen
Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingefhrt.

Unter der ersten Abteilung befindet sich -- Hann.

Er hrt noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in
die Stadt gekommen.

Immer an den groen Zeh denken. Das hilft.

Ein kleines quadratisches Vorzimmer, wei getncht, mit einigen
Kleiderrechen und Sthlen. Drinnen ein Unteroffizier -- richtig,
Hoffmann hie der Brave -- der sich unternehmend einen mchtigen,
starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem berlegenen Blick
die Schar gemustert, das Kommando erteilt: Ausziehen!

Die Burschen entkleiden sich.

Den Rock auch? fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines
berziehers entledigt.

Selbstverstndlich -- wie Gott euch geschaffen hat, Kerls, befehlt der
Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend.

Hann streicht sich ber die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so
auf die anderen schielt.

Die Bxen auch? hlt Hann nach einer Weile von neuem inne.

Donnerwetter -- Mensch -- was sind das fr Reden? wettert der
Aufseher.

Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.

Aha, ich wei schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.

Ein verdchtiger Blick streift ihn, whrend Hoffmann rasch in seinem
Notizbuch etwas revidiert.

Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verstndlich
genug. Was fr einer? will er sich eben vorsichtig erkundigen, da
erhlt er einen Sto gegen die Schulter, da die streitigen Hosen ihm
von selbst abfliegen, und eine wtende Stimme zischt dicht an seinem
Ohr: Maul halten -- vorwrts -- das weitere wird sich finden.

-- -- -- Die zehn nackten Menschen stehen pltzlich in einem niedrigen,
weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem
mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem
Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere.

Heinrich Kagelmacher, ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von
da.

Hier, meldet eine Stimme neben Hann.

Stand?

Fischer!

Woher?

Aus Hermsmhl.

Geboren -- Konfession?

21. Oktober 1877. -- Evangelisch.

Kagelmacher, Heinrich, murmelt daneben der zweite kontrollierende
Beamte. Stimmt.

Kagelmacher, fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben
Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Lnge und das Ma
festgestellt werden.

Der Querbalken senkt sich.

1,70, meldet Hoffmann.

Kagelmacher, Heinrich -- 1,70, murmeln beide Schreiber.

Gut, na, nu kommen Sie mal her, tnt jetzt eine bierfette, gemtliche
Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen
Lippen und weien, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas
zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, whrend er mit
seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt.

Das mu woll so eine Art Doktor sein, denkt sich Hann Klth, whrend
sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein groer, krftiger
Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der
Oberstabsarzt, der von dem Bcken noch rter geworden, streicht
Kagelmacher wohlwollend ber die nackte Brust und blinzelt ihn schlau
an: Na, klagen Sie vielleicht ber was?

Jetzt wird der Bursche blutrot: Herzklopfen, bringt er zgernd hervor.

Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen
merkwrdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf
hinber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment
erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie emprt zurck und wandert,
leise Verwnschungen ausstoend und sbelrasselnd, im Zimmer auf und ab,
whrend er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlgt, das er
in der Hand hlt.

Mit einem Male bleibt er baff vor einem eleganten, jungen Herrn
stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit ber den Tisch
gebeugt, verfolgt.

Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?

Der Angeredete erhebt sich und flstert dem Oberst etwas zu. Darauf
zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre
Pltze nieder.

Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lcheln,
bei Kachelmacher tatschlich starkes Herzklopfen konstatiert. Na, da
wird wohl nicht viel zu machen sein -- treten Sie mal vorlufig zurck,
Mann.

Der Nchste.

Er ist gleichfalls aus Hermsmhl und klagt ber dieselbe Beschwerde.

Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, da dieses Hermsmhl in
seinem Kreise doch ein hchst ungesundes Loch sein msse.

Als aber auch bei den nchsten drei Hermsmhlern, die zwar verschchtert
ber nichts zu klagen haben, unter groer Zufriedenheit des
Untersuchenden starkes Herzklopfen festgestellt wird, pfeift der
Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fllt ein
unterdrckter Fluch: Die Bande.

Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmhler stehen
in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Huflein nackter Snder, das auf
den Henker lauert.

Hann perlt der Schwei von der Stirn, obwohl sein entkleideter Krper
vor Klte zittert.

Er merkt, da hier nicht alles richtig ist.

Da --

Johann Klth, ruft es von dem Unteroffizierstisch. Er stottert etwas,
wird von seinem Freund Hoffmann unter den Galgen befrdert, der Querbaum
fllt ihm nicht gerade sanft auf den Kopf, und eine geringschtzige
Stimme meldet: 1,65.

Klth -- Johann -- 1,65, rapportieren die beiden monotonen Echos
gleichgltig.

Was nun kommt, gleitet wie ein Traum vorber. Er befindet sich unter den
Hnden des dicken Herrn, es wird etwas von einem gesunden Herzen
gesprochen.

Hierauf allerlei unverstndliche Bemerkungen, und dann das bedauernde
Wort, da es sehr schade wre, aber der Mann htte linksseitig einen
krzeren Fu.

Ersatzreserve ohne Dienstpflicht.

O je -- o je -- Hurra, stt er hervor.

Was das bedeutet, das hat oll Kusemann Hann bereits vorher erklrt. Das
wre das Beste, das Allerbeste, Hanning, ja, wenn das dich so passieren
knnte -- -- --

Und ber Hanns Gesicht verbreitet sich ein Leuchten, er lacht vor
Vergngen und will eben, nackt wie er ist, eine Art Dankverneigung
machen, da bemerkt er mit Schrecken, wie sich der Oberst mit beiden
Fusten auf den Tisch stemmt und schreit, als ob der Kalk von den Wnden
fallen sollte. Warum er sich so aufregt, das versteht Hann nicht. Er
hrt blo verschwimmend: Frechheit -- hier Freude Ausdruck geben --
Drckeberger von Kaisers Diensten -- Exempel gegen solche
Sozialdemokraten statuieren -- stehen zum Glck am heutigen Tage alle
unter den Kriegsartikeln -- die Hermsmhler Bande noch besonders
vornehmen --

Und als er sich halbwegs auf sich selbst besinnen kann, da sieht er mit
dumpfem Erstaunen, wie ihn zwei Soldaten in die Mitte nehmen, um ihn
nach einem Marsch durch die Stadt hinter der roten Mauer abzuliefern.

Es ist Sptnachmittag, und noch immer hlt er das Brot und den Krug in
der Rechten und der Linken.

Was is denn nu?

Is das Kaisers Dienst??

Und von unten schallt es herauf, es werden Monturstcke geklopft, und
eine frische Stimme summt dazu:

    Wer will unter die Soldaten,
    Der mu haben ein Gewehr,
    Der mu haben ein Gewehr,
    Das mu er mit Pulver laden
    Und mit einer Kugel schwer.




XI


Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.

Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes.
Hann fand, da er noch niemals so ungestrt htte nachdenken knnen wie
hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von
Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns
unzeitige Spe.

Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Drauen
auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder,
damit nur alles hbsch still bliebe, und nichts ihn stre.

Ja, ja, fr die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhbscher
Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pnktlich dabei noch fr
einen gesorgt wurde.

Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues
halbes Kommibrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren
Blick.

Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen,
allein dafr blieb ihm schlielich die wollene Schlafdecke. Und er
schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehllt, auf
der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine
Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.

Langsam, langsam, wie Wanderer, die mhsam ber ungepflasterte
Landstrae dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.

Was da allmhlich fr schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott
und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.

Und Hann sa da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und whrend
von unten wieder die Kommandorufe: Das Gewehrrr ber -- Gewehrrr ab --
das Gewehrrr ber! herauftnten, da merkte der Einsame gar nicht, wie
er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden,
nmlich das Hauptbuch des Lebens umblttern und addieren und
subtrahieren und schlielich zu einem Resultate gelangen. Zu einem
wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.

Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar
unumgngliche Posten dabei, nmlich Wahrheit und Bescheidenheit.

Aber der eingesperrte Sozialdemokrat Hann Klth, der hatte das Glck,
diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr
begnstigte.

Und so vermochte er's.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens
schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch spter noch
vorgenommen und vorgetrumt hat.

Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen,
ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen --
nachher hat man doch fr sich selbst so'n bichen was ins Trockne
bringen mgen -- aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhngiger
Bootsmann was aufs Trockne bringen? -- Zuletzt hat dann das dumme Herz
noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und
mu zusehen, wie ein anderer die sie im Schlitten abkt, wenn auch
man im Schlaf. -- Nee, das mu nun alles hinter einen liegen, einmal mu
man doch Schlu machen und vernnftig werden, und jedes Ende hat auch
was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen,
denn das Ende is eben -- das Ende.

Na ... aber was soll man dann hinterher?

I, Jnging, das is doch ganz einfach -- der Mensch mu ebend nach seinem
Glck aussehn.

Ja, aber -- hum -- was is denn nu eigentlich das Glck?

I, das mu doch rauszukriegen sein, was soll es denn gro vorstellen?

Kuck -- ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glck is ein
groer Haufe Talerstcke.

Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mchtigen Haufen sitzt, der sitzt
auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er ber die ganze Welt
fortgucken kann, wenn's ihm Spa macht. Und wer wei, ob der Berg, auf
den der Deuwel einst unsern lieben Heiland gefhrt hat, nich auch so ein
Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glck
einfach so in Wispelscke stehen und --

Halt, Jnging -- stopp, nich so fix -- alles kann man sich schlielich
auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen
anschlgigen Kopf und dann -- Liebe. Nein, das is wahr. Die
sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack
mit Talerstcken s, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line wrd
mich deswegen doch nich lieber haben. -- Und dann, was sagen woll die
alten, weisen Sprichwrter dazu? Reichtum macht nich glcklich. --
Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein
Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!

Aber, was nu weiter?

Das Glck mu also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. -- --

Da fllt mich so ein, wo kommt berhaupt der Reichtum her? Sieh, das is
doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an
dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er mu also doch
erst so allmhlich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die
Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich vterlich
von ihm war -- -- -- Holl eins an -- -- -- die Arbeit, stopp, Kinding,
stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, da aus der Arbeit sich
eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander
so viel Sck' mit Talerstcken stehn hat, wie er hat, dann hat er
eigentlich lauter Scke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit
fremde Arbeit. Ja, berleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf
einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und
auf seinen Speicher stellen? -- Pfui, ich wrd's nich tun. Ne, mit dem
Reichtum bleib mir einer vom Leibe.

Aber nun vielleicht mit der Arbeit?

Vielleicht steckt's darin.

Denn, da der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche
Geschlecht hat ausben wollen, i, das mag ja auch woll blo so ein
Luschen[1] vorstellen; ich frag man, wozu htt' der liebe Gott sonst am
Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, da er ja
eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die
Sache mu ihm doch hllischen Spa gemacht haben, und deshalb wollte er
den Menschens vielleicht auch von der Art Spa was zukommen lassen.

Na, und is es nun nich mglich, da in der Freud' an dem Spa das Glck
stecken tut? -- --

Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und
da die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er
schttelte das Haupt.

Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin.
Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frit's dann
wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? -- Nun,
er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit
er dran it, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er
fngt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch
arbeitet blo um das gewhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber
da den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so
besonders glcklich macht, das htt' ich auch noch nich erlebt.
Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so.

Zwar die Pasters sagen, da Arbeit besser machen soll. Spa. -- Ich frag
man: bnn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall
von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren
seh'? -- Und fr wen is denn schlielich all die Rackerei? Doch blo fr
den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermrbt. Ne, das
seh ich woll, das Glck von die Arbeit is auch blo solch ein
Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem
umkucken!

Aber zuerst will ich nu schlafen! --

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Als Hann seiner Spinne freundschaftlich Guten Morgen geboten und nun
feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles
Signal geblasen. Frhlich schmetterte es ringsum, die starken
Luftschwingungen stieen sich frmlich an den Mauern.

Was is? fragte Hann unwillig ber die Strung.

Rataplan -- Ratatata --, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort.
Ratatata.

Was nu? -- Nu kommt woll der Kaiser?

Aber bald hrte der Eingesperrte an den drhnenden, klappernden Tritten,
da nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren mte.

Man gut, da sie fort sind, dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen
fr einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. Man gut.

Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfrchtig neben
dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab.

Ja, das is noch was, sagte er. Das nenn' ich noch 'ne Stellung.

Er bedeckte sich wieder.

Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der
die Macht hat, da is woll's Glck zu Hause. -- Ich kann mir man denken,
so einer pfeift -- hh -- und dann gleich zehn Dieners schmieren ein
Butterbrot, -- und pfeift wieder, und -- hast du nich gesehn -- zehn
andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das la ich mir noch gefallen --
Aber -- hm -- ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich
doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll
es so 'ne Sorte geben, die es fr ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn
mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rcken? Ich trink 'ne Tasse
Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drck' jemandem freundschaftlich
die Hand, und die Karnallge stt mir zur Antwort ein Brotmesser ins
Genick. Pfui Deibel, mir knnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst
anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst
aushalten mu -- Ne, das wr ja rein zum Verzagen.

Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen
rund um sich herum sehen knnen, da bin ich nu durch. Is aber berall
das Glck nich dabei gewesen. Na aber -- da mir das zuletzt noch
einfallen mu -- vielleicht verhlt sich das mit dem Glcke nich anders
wie mit dem lieben Gott; -- es is unsichtbar. --

Hier schlug er vor Freude ber den Einfall schallend auf die Pritsche,
da das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim lieben
Gott angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen
Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frmmigkeit. Wer fromm is,
dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.

>Selig ist -- -- --<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber
das is wahr, wer so recht fest an oben hngt, der kommt sich wohl zum
Schlu vor, als ob ihm an Hnden und Beinen ein langer Faden angebunden
wr', wie bei die Hampelmnner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird
nun bei jedem Schritt gezogen, so da man am Ende gar nich fehl gehen
kann. Wahrhaftig, das wr doch recht sicher! -- Und is das nicht auch
beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heit's:
>Lat ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phnix zahlt nachher
doch.< Sieh, dies Stck knnt' mir eigentlich gefallen.

Na ja, wenn blo der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.

Wer nmlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix
auf die faule Seite legen? -- Und dann -- gegen die Bettelei haben sie
Vereine gegrndet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott
aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschmt. --
Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was fr Dinge belstigen
sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere
um eine Nacht bei einer hbschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf
Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andchtig gebeten, ob er seine Frau
nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der
erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet,
was soll der Herr da anfangen? -- Da is gar keine Menschenmglichkeit.

Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie
Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der
Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen mten sie
was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wr', zum Beispiel
einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und
nich immer blo die off'nen Bettlerhnd' hinhalten. Denn was mu das auf
den lieben Gott woll auf die Dauer fr einen Eindruck machen? -- Ne, wenn
ich Er wr', ich htt' all lngst das Schild >gegen Bettelei< an der
Kirch' anschlagen lassen.

Ja, aber nun berhaupt mit dem lieben Gott --

Diesen Satz beendete Hann Klth jedoch nicht, sondern erschrak und zog
scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddmmerung war
bereits niedergesunken.

Er frstelte zusammen.

Oll Kusemann meint ja, man knne gar nich wissen, ob -- -- hm -- -- --
ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott la ich mir nich ausreden, man
braucht ja blo die Augen zuzumachen oder in eine recht wste Gegend zu
gehen, dann fhlt man ja ordentlich, wie nah er is.

Aber -- aber ich sagte doch von Wissen.

Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors
in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glcklich macht?

Darber mu ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem
Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die
Professors wei, davon wei der andere just immer das Gegenteil. Und
wenn der eine rausklstert, alles Leben km' aus der Luft, dann find't
der andere, es km' aus dem Wasser -- und Professor Rmer sagt, es km'
aus dem alten Testament. Und wie dsig mu wohl den Studentens zumute
werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen.

Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel --

Maul halten! schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die
Tr. Und Hann mute sich auf seinem Lager ausstrecken, whrend sein Atem
regelmig in der Klte ausdampfte.

                              *     *     *

Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. -- -- Nun wird mich das
aber mit der Zeit recht ungemtlich, sprach Hann Klth. Ich frier hier
ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich
denn nu frs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich
wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommibrot liegt mir auch schon
wie Steine in'n Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch
den ganzen Leib.

Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man blo so streng
zu mir?

Er erhob sich schwerfllig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke
zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das
Tierchen mit eingezogenen Fen, erstarrt, eine Art Krmel, vorfand.

Herr im hohen Himmel, stotterte er. Die is also auch bereits so weit?
Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all
recht elend. Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort
sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Klte senkte immer
grere Mdigkeit und Erstarrung auf ihn.

Merkwrdig, ganz merkwrdig, murmelte er, weshalb eigentlich die
Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts
Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.

Aber was geht mich das an? -- Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich
wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die
Spinne, und steh nich wieder auf.

Damit bettete er die graue Decke ber sich, richtete die blauen Augen
nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag
gleichgltig hereinsah, und lag regungslos.

Da erhob sich ein Gepolter an der Tr. Das brtige Gesicht erschien
wieder in der Klappenffnung und schrie, Hann mchte ihm den Topf
abnehmen, er sei sehr hei. Extraration, setzte er erklrend hinzu,
vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.

Da sa nun Hann, lachte ber das ganze Gesicht und atmete neubelebt den
Dampf ein, der ihm aus dem heien Napf entgegenquoll.

I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh blo mal, und
wie warm, wie schn warm.

Und nachdem er heihungrig sein Mahl lngst beendet, sa er noch immer
und streichelte dankbar den Napf.

Kuck, sprach er zu dem Topf, zu Haus, bei Mudding, e ich so was aus
verschiedenen Grnden, die ich hier aus Anstand nich anfhren will, gar
nich gern. Aber hier? -- hm! Wenn ich mir berleg', wie leicht, wie
kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein.
Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heie Bohnen.

Pfui Deibel, -- aber gut war's doch.

Ja, aber nun hab' ich solang ber das menschliche Glck nachgedacht, und
dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, da ein bichen Liebe doch
eigentlich das Hauptstck bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun
noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich blo von so'n
Schweinigel, dessen Geschft das is, ja, ich glaub', das htt' solche
Wirkung, da man sich beinah einbilden knnt', es wr eigentlich
Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.

Ja aber, wen soll man nun lieb haben?

Den lieben Gott?

I, das wr ja so selbstverstndlich, als wie die eignen Eltern, und wr
woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe,
mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel
Respekt.

Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt
hat? sieh, das wrd' ich nun fr mein Leben gern tun, aber sie meinen ja
jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehrt hab', dann wr man
ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlssigte auch sein Eigens
zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Tpfe kucken wollt'. -- Ne!

Was bleibt also brig?

Na, Hanning, du schmst dich ja blo, nu sag's doch, es bleibt eben das
brig, wovon Line das Allerschnste is -- die Frauensleut.

Hier seufzte er tief auf.

Ja, ja, die mssen wohl zuletzt doch das Glck sein, denn man steht ja
allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem
andern Grund htte sonst wohl Mller Pkel in Moorluke bereits die
fnfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is
aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glck einfach in dem
Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wr' woll zu wenig. Oder
in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das
Sprichwort: >Allzuviel is ungesund<.

Das kann es also auch nich sein.

Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es
is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das
Schnste, das is wohl das Glck.

Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn
wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wute er
wohl. Und ebenso fest stand es, da dieses Gefhl berwunden werden
mte, wollte er nicht dulden, da man ihn verspottete oder gar
verlache.

Ne, ne, ermannte er sich bekmmert, Klara Toll -- Klara Toll, ich
sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib',
Klara Toll, die is fr mich, und ich bin fr sie! Die is still und
ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmhlich auch still und
ruhig werden. Ja -- ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche
Sehnsucht nach Klara Toll.

Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt:
Klara Toll -- Klara Toll.

Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.




XII


Es dmmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm
mitzuteilen, da sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde ber den Hof
gefhrt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar
heimliche Worte, dann chzte das schwere Holz, und der Befreite befand
sich auf der dunklen Strae. Ein tiefer Atemzug, dann fate er sich an
den Kopf. Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch
das Letzte gewesen? -- Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara
Toll; ja, ja die besonders.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.

Als er sich berrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und
hinter jenem -- ja, wer war denn das schlanke Mdchen mit dem Tuch ber
den Haaren und dem Krbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? -- Hann
wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt nher trat, erkannte er,
da es die Schulmeisterstochter wre.

Er senkte das Haupt.

Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil
genommen.

Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht
auf den Rcken, whrend er davon anfing, da der Gefangene es hinter den
Mauern wohl nicht besonders gut gehabt htte.

Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer ber die Befangenheit
forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch
gutmtig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand
zurck. So scherzhaft fate er den Zwischenfall nicht auf: Es ist fr
uns nicht besonders ehrenvoll, sagte er, da die Sache mit dir so
abgelaufen ist, aber, hm -- er sah seines Bruders unschuldiges,
bekmmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, aber es ist eben
jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur
davon berzeugen, da du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu,
Hann.

Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und
verschwand um die nchste Ecke.

Hann befand sich mit dem Mdchen an der Kasernenmauer allein.

Drinnen bte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: Zum Ausschwrmen.

Tarattata -- tarattata.

Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, mde
Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.

Hann kratzte sich hinter dem Ohr: Ja, ja, Klara, begann er endlich,
daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll fr mich.

Leichtfig trat sie ihm nher, ihre dunklen Augen standen voll Trnen.
Oh, Hann, la das doch, bei uns drauen fragt da kein Mensch nach.

Das is wohl wahr. Das tun hier blo die Gebildeten, Bruno und -- Line.

Na, la sie.

Ja.

Und nach einigem Nachsinnen fgte er hinzu: Wollen wir fortgehen,
Klara.

Langsam ausschreitend lieen sie das Gemuer hinter sich. Es sank in die
Dunkelheit zurck, und damit wich auch etwas von der Bedrckung, die den
Burschen gefangen hielt.

Die Schulmeisterstochter stie ihn sanft mit dem Krbchen in die Seite.
Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines
Flschchen Kognak.

Weil ich meinte, du mtest sehr hungrig sein, Hann.

Oh, Klara, du bist doch gut.

Na, da nimm.

Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und
mutig.

Langsam streichelte er whrend des Hinschreitens an ihrem Arm herunter:
Klara, du bist doch sehr gut, wiederholte er.

Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.

Also, du machst dir nichts draus, da sie mich eingespunnt haben? fing
er wieder an.

Nicht das mindeste, erwiderte sie, besonders, seit ich von oll
Kusemann wei, da du nun frei bist.

Ja, das bin ich, besttigte Hann und warf sich in die Brust. Ein Fu
von mir is krzer.

Und da sie dich nicht nach Afrika schicken.

Bewahre, ich bleib' nun hier.

Ja, jetzt bleibst du, sagte sie zufrieden.

Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur
wenig voneinander entdecken.

Klara Toll! murmelte er pltzlich.

Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.

Was sagst du da? forschte sie.

O nichts -- ich will hier blo, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus
fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.

Hier, Hann.

Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trb erleuchteten Schaufenster
eines Goldarbeiters der Hafenstadt.

Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann
mehrfach bekrftigend: 's is recht -- aber nun -- --

Er whlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde
unsicher.

Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara,
knntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?

I, gern, bejahte sie mit Hast, hier ist ein Goldstck, das ich immer
bei mir trag. Ist's auch genug?

Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja
nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.

Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder
zurckkehrte, glhte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte,
wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.

Du erhltst noch zwei Mark zurck, stotterte er atemlos, hier -- und
nun komm.

Ja, aber Hann, was -- -- --?

Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.

In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hmmern, sie wute
nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses
angelangt waren.

Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht
darauf, sondern drngte seine Gefhrtin ber die Geleise der Hafenbahn
fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen
Rinnsteinbord aus eine kmmerliche, zuckende Helle verbreitete.

Hier mute man warten.

Die Hafenbahn ist noch nicht da, sagte Klara Toll, der allmhlich
ngstlich zumute wurde.

Ja, aber man hrt sie schon luten, gab Hann verwirrt wieder,  --
hrst sie?

Ja.

Nun is sie keine fnf Minuten mehr weit, fuhr er fort.

Sie nickte.

Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zhne klapperten
gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stnde.
Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.

Herr Gott, schreckte sie auf, was is?

Nichts -- nichts -- ich wollt' blo sagen, jetzt sieht man schon die
Lichter, stammelte Hann.

Ja, das sind sie.

Klara?

Ja?

Wer wei, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher -- willst
-- willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?

Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hlle hin, und sie warf einen
halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprhte ihr ein rotgoldener
Funke entgegen.

Herr des Himmels! rief sie und schlug die Hnde zusammen.

Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: Ich wrd' sehr
froh sein, wenn du ihn von mir annhmst -- und -- und es is auch gleich
Zeit zum Einsteigen.

Jetzt griff auch das Mdchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie
Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.

Hann, flsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, sag' die
Wahrheit, hast du mich lieb?

Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: Ich
bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und
ruhig bist -- Und du?

Ich? --

Nun errtete sie und zupfte an ihrem Korb. Ich hab' dich auch sehr
lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.

Oh, -- Klara, das is schn von dir -- das -- das htt' ich wirklich
nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will
ich mir Mhe geben, so, und nun nimm auch den Ring -- nein, nich umarmen,
das is unplich auf der Strae; und hier kommt auch schon der Zug.

Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon
gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch
die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte
feierlich und ernst: Nu kss' ich dich als dein Brut'jam, Klara.

Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.

Beide schwiegen.

Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: Und im
ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.

Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten,
bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem
philosophischen Gemt sprach es nachdenklich heraus: Es is mir doch
heil komisch, da du jetzt meine Braut bist, Klara.

O Hann.

Er fuhr auf.

Ja -- ja -- willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hlt auch
unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich
runter.




XIII


Rastlos knarrten die Rder.

Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren;
und eines schnen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren
gebunden.

Nu is Frhling, murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein;
kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal
solch grnen Plunder zur Stadt brcht'; dummes Volk, die Hauptsache
bleiben die Jahren.

Der Konsul Hollander merkte das Grnen und Blhen daran, da sein neuer
Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frhjahrsanzug in dem
Bureau erschien.

Menschenskind, rief Hollander s-sauer, was haben Sie da wieder fr
ein schnes Gebude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? --
Die Adresse von dem Schneider mssen Sie mir geben.

Auch bei Frulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich
an.

Der Bursche des Weinhndlers Kroll stellte sich nmlich in der Kche der
Lehrerin ein und bergab dem erstaunten Frulein zehn Flaschen Maibowle,
die Bruno aus spezieller Verehrung fr die alte Dame gesandt hatte.

Auf einer beigefgten Karte stand auerdem zu lesen: Da der Spender,
wenn er nicht frchten msse, das hochverehrte Frulein zu stren, sich
gern erlauben wrde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemtlichen guten
Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Frulein whrend des
Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.

Sieh -- sieh, rusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektre
dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in
Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wren,
sieh -- sieh -- ja, es stimmt -- nein, dieser Herr Bruno ist wirklich
-- Gott, wie sag' ich -- wie solch ein Kavalier aus dem ancien rgime.
Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darber verwundern, Lining, wie
du darauf verfllst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es
manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu krnken.
Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schn du zu lesen
verstndest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren
Vergngungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit
uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich mu mich noch immer an euch beide
als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und
Ferdinand reien an meiner Seele< -- sieh, da hast du mich wirklich
direkt gerhrt.

Line hrte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen
spielte ein vieldeutiges Lcheln. -- --

Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wre sie wohl solch
schwarze, kleine Hexe, die es den Mnnern mit einem gemurmelten Spruch
antun knnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit
Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wute ja besser, was den hbschen Bruno
so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Frulein Dewitz hinauftrieb.
-- Der Ku -- dieser eine brennende Ku -- und sie lchelte hinterlistig
-- den sie geleugnet htte, wrde man sie daran erinnert haben, denn er
war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende
Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrckt war, und das
sich nun weiterfressen mute bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine
Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line -- und niemals
Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. -- Nur sachte, sachte, sie wute
schon, wie Netze gelegt werden mten, nicht umsonst war sie eine
Fischertochter -- und die andre, was war sie weiter als eine kalte,
dummstolze Geldprinzessin --? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn
nicht zu allerlei Tollheiten verfhren und ihn qulen und wieder
glcklich machen und wieder qulen, ganz wie es geschehen mute, bis man
seiner vllig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb
im Besitz?

Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Frulein Dewitz geahnt htte, zu welchen
Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise -- leise -- still, da
ja keiner hrt! Da lagen in den Ksten ihrer Kommode, tief unten
versteckt, allerlei Ringe und Armbnder und Halsketten von roten
Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf
ihrer weien Haut schimmern gesehen, und Grtel mit bunten Steinen, und
das allerschnste war ein winziges Glasdschen voll mit Goldstcken, es
konnten gewi fnfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war,
verstohlen durch die Hand laufen lie.

Das alles hatte er heimlich, Stck fr Stck gebracht, grade wenn sie
recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verstndnislos
gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen lie, und dem sie auswich,
glatt wie eine huschende Schlange.

Ja, ihr Hexenmittel wrde schon wirken -- bald -- bald. -- --

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Auch in Moorluke wollte man trotz Frhlingsanfang in Liebesdingen
sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung -- man fuhr bereits
wieder fleiig zum Fischfang -- hatte Siebenbrod eines Sonntags
vormittags, whrend er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam
eintrante, in der Kche folgendes Gesprch mit seiner Frau, die ihr
Gesangbuch auf dem Scho liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Fe
wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: Mudding, weit was? -- Mit
Hann stimmt was nich.

Die kleine Frau lie ihr Buch sinken.

Wieso, Siebenbrod?

Es is was mit Liebe, fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine groe Portion
Tran auf das Leder go -- er singt.

Hann? -- Was singt er denn?

Trauriges -- solche Lieder, wie: Ich wei nich, was soll es bedeuten!
und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.

Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?

Je, 's mu eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, wei ich nich.
Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, da Lehrer Toll seit einiger
Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und da er dich 'ne Kruke Honig
geschickt hat; ganz umsonst -- und da ich der einzigste bin, den er
noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. -- Na,
Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wrtchen mitzureden.

Du?

Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den
Fischer starr an, der ungestrt und ruhig an seinem Stiefel
weiterbrstete.

Jawoll, Mudding, brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder
roch; kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bichen
was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da
werd' ich eine von meine Dirns fein los! -- Aber Essig! -- Wenn er Hann
nich ein paar Hundert Taler mitgibt, da ich davon ein Motorboot bauen
kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe
allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir
auch nich gelebt. Nich so?

Von diesen ueren Anfechtungen ahnte das Moorluker Prchen freilich
kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annherung der
beiden auch ohne dies nur auerordentlich tastend und zagend. Denn Hann
war ein gar zu schwerflliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schnheit
des Mdchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenber, sich ihm zrtlich
anzuschlieen, noch eine zu groe Schchternheit empfinden, oder
drckte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn
sie des Abends in der Dmmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch
erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem
darber, da das Schicksal sie beide zusammengefhrt. Selten wagte er,
ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem
Verlobungsabend, berhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so
nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den
nebeldnstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe,
da sich alle Wnsche und Hoffnungen wie in wohlttigen Schlummer
eingesungen fanden.

Manchmal standen sie in der Dmmerung, denn am Tage wagten sie noch
nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der uersten Spitze der Mole und
blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der
Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.

Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit,
weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im
Traum vor sich hinsagen: Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man
nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm
Leben.

Das war nun so dunkel, da es dem Philosophen mchtig behagen mute.

Leise drckte er ihre Hand, und whrend der Westwind anhob zu summen,
lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.

Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.

Aber dunkler nur und schtzender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der
Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.

Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern
ganz zaghaft ber die Haare des Mdchens zu streicheln.

In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog
sich zu einem stillen Lcheln.

Klara, begann Hann whrend des Streichelns und wlzte sich etwas von
der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfllt hatte, nun sag' ich
endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is fr
dich nich gut.

Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schttelte sie langsam das
Haupt.

Nein, tu's nicht, entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die
Wange. Noch nicht.

Aber warum nich?

Wieder zgerte sie und strich ein paarmal ber seine Hand.

Weil -- weil es noch nicht gut ist -- nur noch eine kurze Zeit. Hrst
du?

Diese Weigerung, die Klara schon fter vorgebracht, vermochte er nicht
zu begreifen: Ja, aber, stammelte er, willst du mir denn nie
erklren, warum -- --?

Er unterbrach sich, denn das Mdchen hatte wiederum ihren Kopf an seine
Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht
weiterforschen sollte.

Ich erklr's dir schon mal, beschwichtigte sie ihn, vielleicht bald
-- -- vielleicht sehr bald.

Das war ihm nun unfalich und nicht im entferntesten ahnte er, welch
feiner Regung der Entschlu seiner Verlobten entsprang. Sie war
berhaupt ein nachdenkliches Wesen.

Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.

Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von
Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind fhrte Heideduft ber
das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende,
tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden
Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf
hervorlugen.

Den kannte er. Er hielt inne.

Sie sa ihm abgekehrt, pltscherte mit nackten Fen in dem anspielenden
Wasser, und whrend ihre Hnde ruhig auf dem Scho ruhten, summte sie,
halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:

    In einem khlen Grunde,
    Da geht ein Mhlenrad;
    Mein Liebchen ist verschwunden,
    Das dort gewohnet hat.

Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.

Merkwrdig, dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals
mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.

Die Sngerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar
nicht daran zu denken, da sie auf nackten Fen ginge.

Beide streckten sich still die Hnde entgegen.

Als sie sich so grten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die
Pfingstglocken begannen zu luten. Und so feierlich zog es durch die
sonnige Morgenluft und ber die stille See, da jedes Wort eine Strung
gewesen wre.

Das fhlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den
Hnden. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentne immer heller und
klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.

Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des
Burschen, er sah ihre roten Lippen immer nher den seinen, und dann
fhlte er einen langen, langen Ku.

Seltsam trumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glck,
dem er so lange nachgesonnen, schien ber ihm zu sein.

So merkte er erst geraume Zeit spter, wie ernst das Mdchen ihn dabei
anblickte. So tief, so -- --

Klara, sagte er rasch, du siehst mich so an?

Ja, Hann, ich mchte einmal was wissen.

Er nickte.

Hast du mit einem andern Mdchen auch schon so schn getan?

Der Gefragte duckte sich und mute auf die Stelle sehen, wo er schon
einmal mit Line gelegen.

Er beugte nur kurz das Haupt.

Line?

Wieder nickte er plump.

Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm
von neuem den Mund.

Das war alles so weich und sanft.

Klara, stammelte er wie beschmt.

Nun mu ich in die Kirche, verabschiedete sie sich, und sie nickte
noch immer, whrend sie langsam von dannen schritt.

Er sah ihr nach.

Erst als die weien, glnzenden Fe lngst in dem Grase verschwunden
waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, sttzte nachdenklich
den Kopf und horchte auf das Surren und Suseln des Windes. Die
Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mute
unwillkrlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?

    Hr' ich das Mhlrad gehen,
    Ich wei nicht, was ich will --
    Ich mcht' am liebsten sterben,
    Da wr's auf einmal still.

Hr' ich das Mhlrad gehen -- -- --

Sonderbar. Er lie den Kopf in beide Hnde sinken.

Was is woll das Glck?

Und ber ihm klangen die Pfingstglocken fort.




XIV


Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen
herumrechnete, nur erregter, mit glhenden Wangen und khneren Plnen,
whrend er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls sa, um die
eingegangenen Briefe zu revidieren.

Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat fr den Einsamen stets etwas
Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht
einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.

Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses
gelesen, eines Mannes, der nicht viel lter war, als er selber, der
ebenfalls aus Hollanders Geschft hervorgegangen, spter in Neuyork
reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drben selbstndig
arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun fr sich
selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch
den Kopf, mit glnzenden Augen starrte er ins Weite, um pltzlich laut
aufzuseufzen.

Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hrte, aber seine
Gedanken drangen vorwrts.

Und er?

Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhhung nicht viel zugelegt, und
mit der Summe, ber die er verfgte -- nein, nein, er mute sich die
Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen,
-- er kam nicht aus, seine Ausgaben berschritten bereits seine
Einknfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher
nicht mit der Wirklichkeit berein. Wenn der Konsul das geahnt htte!

Oder wenn er den Grund je erfahren wrde, diesen wahnsinnigen, tollen
Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinri. Aber
waren es denn nur Streiche, solche, die man verbt und wieder vergit?

Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorbergehenden
und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzutrllern, allein das
Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune
Hexenbild, das ihn mit dunklen, spttischen Augen und kirschroten Lippen
ma, es lie sich nicht so leicht wieder verscheuchen.

Sein Herz begann heftig zu hmmern, gerade so wild, wie stets, wenn er
ihr gegenbertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte
zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn ber ihn
gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor
sich her und machte ihn elend.

Solche Schlechtigkeit -- solche Schlechtigkeit, murmelte er vor sich
hin und griff sich an die Schlfen. Oh, es war ja so namenloses Glck,
da ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Hnden entwischte, da
sie klug war, und da er niemals sein bses Ziel erreichen wrde. Denn
schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest
entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr gro zu werden
und immer grer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur
einmal in den glorreichen Grnderjahren gesehen. Und wenn erst einmal
der goldne Boden da war, wer wei, was ihm dann fr bltenschwere
Zauberbume entsprieen knnten, vielleicht auch das Weib, jene
schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte,
deren bloer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und fr
deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen
gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.

Nein, nein, er mute sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf
schlagen, die zu nichts fhrte, die nur namenloses Unglck
heraufbeschwren konnte, und mit der pltzlichen Energie phantastischer
Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch
zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte
gute Stube von Frulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.

Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er
bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines
Freude an goldglnzendem Tand zu frnen?

Welch kindlich-gieriges Lcheln dabei ber ihr Gesicht ging, wenn sie
dergleichen erhielt!

Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.

In heller Verzweiflung entfaltete er ein groes Handelsblatt und begann
mit Hast die Kurse zu berfliegen. Spekulationen?

Er stutzte.

Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Brse ein
steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage
vorher noch keinen Heller besessen.

Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber
leider -- leider, der Weg war fr ihn nicht gangbar. Erstens seine
eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich,
nur die Khnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlsse
bereits die Hamburger Freunde, die seine Einflle befolgt hatten, in
Erstaunen gesetzt?

Aber nein, nein, die spiebrgerliche Ehrbarkeit des Hauses drckte auf
ihn; von diesem Gedanken mute er Abschied nehmen.

Whrend er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hrte er
unten einen Wagen vorfahren. Drin sa Dina, die seit einigen Tagen um
diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.

Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.

Ja, ja, es war tricht, da er diesen ganzen Winter ber die stolze
Erbin so vernachlssigt hatte, rein behext von seinem ungestillten
Verlangen. -- Aber das lie sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit
ihm nicht ber literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er
wollte sich Bcher besorgen, er wollte -- --

Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tnten Schritte, der Einsame
unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen
Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.

Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch frhliche
Unterhaltung die beiden dort drinnen zu fhren schienen? Bruno hrte
deutlich das grobkrnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des
alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging,
kam wieder, und der nherrckende Prokurist hrte jetzt, wie die Freunde
drinnen wisperten, dann -- ein Knall, wie er nur von einer entkorkten
Champagnerflasche herrhren konnte; und nun entdeckte der Horcher, da
hinter dem Milchglase der Nebentr der dicke Kopf des Werftbesitzers
sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen
aussphen.

Was sollte das?

Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich tricht, aber
ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Glserklingen und das
Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn
veranstaltet wre.

Fahrende Rte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich ber
seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.

Klthchen, sagte der Konsul, der pltzlich mit seinem Champagnerkelche
hinter ihm stand, sind doch ein fleiiger Kerl, alle Achtung, -- aber
hier -- nun nehmen Sie mal -- und damit reichte er ihm das volle Glas
-- sind doch ein Liebhaber von so was -- Rderer carte blanche -- sagt
Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier
ausdrcklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u.
Co. in Hamburg?

Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er
vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhltige alte
Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon, da dieses Haus
gewi eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wre und im Moment des
Konsuls gefhrlichster Konkurrent.

Siehst du, Julius, wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem
Jugendfreund zurck, whrend er seinem Prokuristen wohlwollend auf die
Achsel klopfte, Klth und ich, wir sind immer derselben Ansicht. Und
pltzlich strzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen
Untergebenen kordial in die Seite und flsterte ihm augenzwinkernd zu:
Halten's noch geheim, Klth. Seit acht Tagen befindet sich der junge
Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und
gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen
Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?

Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: Nu kuck blo unsern Klth an.
Is er nich ganz bla geworden ber diese Fusion? -- Ja, ja, is ein groer
Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klthchen, nu trinken Sie
auch!

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht
mehr. Erst, als ihm laute Militrmusik entgegenschallte, entdeckte er zu
seiner Verwunderung, da er in seinem Hingrbeln auf den groen Markt
gelangt wre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle
konzertierte. Und um ihn herum -- auf allen vier Seiten des Platzes,
flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mdchen, gefolgt von langen
Zgen buntmtziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz,
diese eine, flchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte
Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hbschen, jungen
Menschen, den mancher Mdchenblick streifte, schien der frhliche
Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.

Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz
freigeworden von drflichem Aberglauben, da irgend eine feindliche
Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, da er zu dem
goldnen Glck nicht bestimmt wre.

Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.

Dicht neben sich vernahm er unwillkrlich ein sonderbares Raunen und
Wispern.

Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmtzen
wie bezaubert auf zwei vorbergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort
Frulein Dewitz und Line erkannte.

Einen vorberhuschenden Moment fhlte er, wie Lines Augen aufblitzten,
dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nchsten
Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben
abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorber, auch da noch
allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz
fremdartig unter all diesen Brgermdchen erscheinen lie.

Bruno blickte ihnen nach.

Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten
und die Achsel zu zucken.

War das sein Schicksal?

Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst
entdeckte Bruno, da er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers
halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte
rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der
offenen Ladentr aus folgte, hflich an und forderte ihn auf, nher zu
treten.

Ja -- aber -- --

Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wren da ein paar russische
Muster fertig geworden, und da Herr Klth sich ja so sehr fr
dergleichen interessiere -- --

Den jungen Kaufmann beschlich die hliche Empfindung, der Ladenbesitzer
sei vielleicht bereits mitrauisch geworden, und in dem Wahn aller
schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit mglichst
gleichgltiger, sicherer Miene in den Laden.

Noch whrend ihm in seiner halben Betubung allerlei goldene
Schmucksachen durch die Hnde glitten, beherrschte ihn der Entschlu,
da ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen drften, ja, da
jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute.

Was ist das?

Eine Fcherkette, erklrte die Verkuferin, sie wird um die Hfte
geschlungen -- so.

Bruno lchelte: Wie auf Zauberschlag stand Line in seinem Geiste da, wie
sie sich oft seltsam in den Hften wiegte. Wie mochte erst dieses
goldene Geriesel ber ihre jungen Glieder flieen? Und wenn er ihr das
nun selbst umlegen drfte!? --

Pltzlich war's, als wenn ein Sturmwind alle Angst, alle Bedenklicheren
ber den Haufen gefegt htte.

Er blickte sich um, mit klaren Augen, wie wenn er jetzt erst begriffe,
wo er sei und was um ihn geschehe.

Lcherlich -- ganz lcherlich; weil diese eine Brcke vor ihm
zusammengebrochen war, die ber den Strom leitete, hinter welchem seine
Zukunft sich dehnte, deshalb die Betubung, die Verzweiflung? --

Lcherlich, war er nicht der Mann, drei neue Brcken zu bauen? Ja, jetzt
wollte er erst wagen, jetzt sollten sein Chef und die andern schon
sehen; und nicht das geringste Vergngen wollte er sich rauben lassen,
auch Line nicht. -- Man lebt nur einmal.

Mit einer Hast, als ob er stehlen wolle, steckte er das feine Etui zu
sich, und besann sich erst auf der Strae, da er tatschlich vergessen
habe, nach dem Preis zu fragen.

Ein andermal.

Ins Weinhaus!

Bis in den spten Nachmittag sa er nun im halbdunklen Gastzimmer bei
Kroll, wo nur eine einzige Gasflamme auf die braunen Eichentische
herableuchtete, blies den Rauch einer feinen Importe von sich und sah
gespannt zu, wie mehrere Gutsbesitzer aus der Umgebung ein kleines
Spielchen machten.

Einer von ihnen, ein hochgewachsener, blonder Hne, den die andern
Rittmeister titulierten, dieser war sein Mann. Auf dessen Karte setzte
er heimlich, und als der Rittmeister nach einigen Verlusten endlich ein
paar blaue Scheine in die Westentasche stecken konnte, da begannen die
Augen des Prokuristen zu glnzen, und er atmete tief und befreit auf.

Ah, natrlich -- natrlich -- die ngstlichen erjagen's eben nicht.

Zwischen den Bildern der beiden Kaiser schlug die kleine Uhr sieben.

Wenn er nun noch zu Frulein Dewitz hinaufwollte, so war es die hchste
Zeit. Um acht -- das wute er -- speiste die alte Dame, und mit
Einladungen ging sie sparsam um.

Also eilen!

Das ganze war ja doch nur ein Spa, ein unschuldiger Zeitvertreib, und
da Frulein Dewitz ja stets anwesend blieb, eigentlich doch auch ein
entsagungsvolles Vergngen.

Also ohne Bedenken.

Nachdem er dem Kellner ein reichliches Trinkgeld geschenkt, wandte er
sich in der Tr noch einmal zurck. Er sah, wie sein Rittmeister
wiederum einen neuen Blauen zwischen den Fingern knitterte.

Gottlob, dachte er und schlug auf der Strae mit seinem dnnen
Spazierstock sausend durch die Luft, als htte er einen Feind
niedergestreckt.

Ich sagte es ja, das sind alles Bedenklichsten der kleinen Stadt.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Klingel lutete.

Hinter den roten Gardinen der Glastre zuckte es, der Besucher sah, wie
Lines dunkles Kpfchen herauslugte.

Vorsichtig ffnete sie einen Spalt.

Wer ist da? fragte sie, denn bei der schlechten Treppen-beleuchtung
vermochte sie nichts zu erkennen. Sonst war sie nicht so zaghaft.

Ich, antwortete Bruno.

Ach, du blo, meinte sie, trat zurck und nahm eine kleine Kchenlampe
von der Wand, um ihm zu leuchten, komm.

Als er dicht vor ihr stand in seinem modischen, dunklen Mantel und dem
Zylinder auf dem Haupt, lachte sie hell auf.

Bruno stutzte.

In den lackierten Altjungferrumen der Handarbeitslehrerin, in denen
Line sonst nur auf Zehen umherzuhuschen wagte, war solch heller Ton
ungewohnt. Das mute Frulein Dewitz bald rgen. Und befremdet sphte
Bruno in die halboffene gute Stube, ob die alte Dame noch nicht
wrdevoll herausschritte. Doch Line schien ihm den Gedanken von der
Stirn zu lesen: Nein, sagte sie, sie ist nicht da.

Nicht da?

Nein, beim Konsul eingeladen. Da sind nur die Nchsten. Zur Verlobung.

Bruno erschrak. Das Blut stieg ihm ins Gesicht.

Er schmte sich, als ob das Wort absichtlich gegen ihn gerichtet wre.

Unterdessen war ihm Line in die Stube vorangetreten. Auf dem Tische
brannte eine hohe Porzellanstehlampe, in deren Glanz Fuboden, Spiegel
und die lackierten Sthle frmlich widerstrahlten.

Komm, forderte Line den Zgernden auf. Er zauderte noch und fragte, ob
er trotz der Abwesenheit des alten Fruleins wirklich nhertreten drfe,
aber Line warf ihm nur einen verwunderten Blick zu: Natrlich -- es ist
doch hbsch, da sie endlich mal weg ist -- ach, dieses
Beobachtetwerden.

Dabei stand sie in ihrem roten Kleide vor dem Spiegel, wandte sich ein
wenig hin und her und blickte sein Spiegelbild in dem Glase an.

Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, da Bruno mit geheimem Bangen
fhlte, wie hei ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch
legte er den berzieher ab; der war vielleicht daran schuld. Recht,
nickte Line immer in den Spiegel hinein und lchelte seinem Bilde zu.
Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.

Mit dir? -- er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem
matt schimmernden Glase zu betrachten, wird nicht Frulein Dewitz --
--? warf er ein.

Die erfhrt natrlich nichts davon. Das wre noch schner. Ich wasche
nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. berhaupt, es ist so
hbsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. -- Nicht?

Damit sah sie ihn von der Seite an, lchelte verschmitzt und huschte an
die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch
hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: Da sieh -- da stehen
auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klger.

Als Bruno in dem Hefte bltterte, da war es eine bersetzung
Maupassantscher Novellen.

Dergleichen liest du? fragte er an sich haltend.

Warum nicht?

Und Frulein Dewitz erlaubt dir das?

Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hften glatt: Die,
sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, was wird die gro lesen?
Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich fr sie tauschen geh', dann
bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch
kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weit ja auch, woher.
-- Ach, es ist so schn, soviel Geld zu haben.

Und sie prete die Fuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos
starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust
stieg und fiel.

Gehen -- gehen! flog es ihm durch den Kopf, und seine Hand strich ber
den berzieher, der neben ihm auf der Lehne des Sofas lag.

Line wandte sich zu ihm hin und pochte auf den Tisch.

Du bist so still, wunderte sie sich.

Er schwieg und verfolgte, wie sie mit dem Finger ber die Platte strich.

Was ist dir denn? -- Sag doch was! -- Ach so -- ich wei schon, wegen
Dina.

Sie trat wieder mitten in das Zimmer zurck, spreizte die Finger aus,
als ob sie kratzen wolle, und aus ihren dunklen Augen blitzte es auf,
wie Siegesfeuer. Ihre ganze Gestalt schien einen wilden Triumph zu
feiern.

Ja, sagte sie und lchelte ihren Besuch trotzig an, die hat es nicht
dumm gemacht.

Er hob den Kopf, als wollte er fragen, was sie damit meine, aber ber
die fest zusammengepreten Lippen wollte kein Wort dringen. Immer mehr
fhlte er, da wieder jener Betubungszustand ber ihn kme, in welchem
er jede Gewalt ber sich verlor.

Gehen -- gehen, klang's von neuem in ihm auf. Line stand wieder vor
dem Spiegel: Kennst du ihn? forschte sie nun, ihn halb ber die Achsel
messend.

Ich? -- wen?

Den Brutigam.

Ja

Reich?

Ein Millionr.

Ah -- hier fhrte sie die flachen Hnde vor die Augen, als knnte sie
sich so besser, wohliger in die Pracht der Bilder versenken, die vor
ihrem Geiste vorberhuschten.

Hat er auch eine Equipage? fragte sie rasch, ohne sich zu regen.

Ja.

Und -- und Bediente?

Gewi.

Und -- sag' mir -- auch ein Schlo?

Allerdings -- eine Villa in Uhlenhorst, dicht neben der Alster. Sie
stockte; dann klang es beinahe, als ob sie leise sthne: Da das alles
fr solch dumme Gans sein soll! -- drang es ber ihre Lippen. Und wild
sich zu ihm wendend, fgte sie hinzu: Fhrt von dem Haus auch eine
Marmortreppe ins Wasser? -- Lach' nicht, ich will es wissen.

Ich lache nicht, herrschte er auffahrend, denn er rgerte sich ber
ihre Gier nach jenem Reichtum, den er ihr nicht bieten konnte. Aber
wozu soll das?

Verlangend blickten ihre schwarzen Augen auf das matte Glas der
Lampenglocke; und halb willenlos sprach sie vor sich hin: Wenn sie da
so des Nachts hinuntersteigt, ah -- --

Line, flsterte er und stand langsam auf.

Das Gerusch lie sie emporfahren, verwundert, als msse sie sich auf
ihn besinnen, sah sie ihn an, und vor diesem fremden Blick entschwand
ihm wieder aller Mut.

Was willst du? fragte sie abweisend.

Ich?

In seiner Verwirrung fand er nichts Gleichgltiges, das er anfhren
konnte.

Du mchtest wohl auch all das haben, brachte er endlich mit Mhe
hervor. Die Equipage und die Diener und das Schlo und -- und das
alles? -- Wie?

Da brach aus ihren schwarzen Augen ein beinah feindlicher Strahl, als
sie den Kopf in den Nacken warf und trotzig erwiderte, man knne ja
nicht wissen, vielleicht bekme sie das alles einmal. Es wren ja im
Maupassant ebenfalls Mdchen geschildert, die nichts als ihre Schnheit
besessen, und schlielich wren sie doch in eigenen Equipagen gefahren.
Du, nicht so, das ist doch mglich?

Sie drehte sich ein wenig vor dem Spiegel und legte erwartend den Finger
an die Lippen.

Ach, es war ja diese Abenteuerlust, die so stark in ihm widerhallte,
dieses Vagantenblut, das in beiden jungen Menschen summte, das war es,
was sie nicht auseinanderkommen lie.

Ihre Gier, ihre Sucht nach Gold und Wohlleben hatten ihn im Moment
angesteckt, mit einem raschen Schritt trat er auf sie zu und prete ihre
Hand: Du hast recht, Line, wenn man nur Mut hat, nur Mut, dann erreicht
man das alles -- alles.

Ja, ja, nicht wahr? sagte sie erfreut und blickte ihn beinahe zrtlich
an.

Beide schwiegen nun eine Weile, beide sphten sich forschend in die
Augen, als warteten sie, der andre solle zuerst das Wort sprechen, das
diesen drckenden Bann zu lsen vermge.

Doch die Furcht war strker, als der glimmende Brand. Langsam, mit einer
feinen Falte des Unmuts zwischen den Brauen, wandte sich Line endlich
ab, zuckte ein paarmal die Achseln nach ihm, schnippte mit den Fingern,
summte etwas und lief endlich in die Kche.

Der Zurckgebliebene fand sich allein.

Als er sich umblickte, da drngte alles lhmend auf ihn ein.

Diese spiebrgerliche Sauberkeit der Stube, das Bild der
Handarbeitslehrerin, das verblat ber dem Sofa hing, und pltzlich
fhlte er in seiner Tasche das Etui mit der goldenen Kette. Eine
berwltigende Scham befiel ihn, er mute ganz unvermittelt an seinen
Bruder Paul denken, wie der gewi jetzt in seiner kahlen Stube se, um
zu studieren, und wie er sich heimlich um ihn und das Mdchen sorgen
mochte.

Wenn der wte!?

Wenn der wte, wie der Jngere auf die trichten Wnsche dieses
unreifen Geschpfes eingegangen, wie er ihr die Kommode mit allerlei
Schmucksachen gefllt, wie er jetzt wieder eine neue bereit hielte, ber
die er nachsann, wie er sie ihr in der einsamen Stube umlegen wolle.

Nein, nein -- bei Gott.

Der Schwei brach ihm aus.

Gehen -- gehen.

Drauen in der Kche tnte Tellerklappern.

Mit einem schnellen Griff wollte er seinen berzieher aufraffen, da
hrte er ihren leichten Tritt, und ehe er noch das Kleidungsstck in den
Alkoven, aus dem, halb im Schatten liegend, die wei eingedeckten Betten
schimmerten, werfen konnte, stand sie vor ihm.

Was tust du da mit dem Mantel? fragte sie scharf.

Verlegen zuckte er die Achseln und starrte Line ungewi an, wie sie, ein
Prsentierbrett mit allerlei Tellern haltend, hinter ihm stand.

Und doch nahm er wahr, wie scharf sich das schwarze Seidenschrzchen,
das sie wohl inzwischen umgelegt, von dem roten Kleide abhob.

Dann raffte er sich auf und erzwang ein Lcheln, die Leichtigkeit seiner
Lebensauffassung kam pltzlich ber ihn, er wollte ihr beim Decken
helfen.

Nein, lehnte sie herb ab und schob ihn mit dem Ellbogen zurck. Erst
das.

Und nachdem sie ihr Geschirr abgesetzt, schritt sie rasch zum Alkoven
und warf heftig die Tr zu. Der Schlag drhnte durch die Wohnung.

Was tust du? schrak er zusammen. Man hrt es im ganzen Hause.

La, gab sie hochmtig zurck, wir brauchen uns ja nicht zu
frchten.

Wieder mute er die Augen niederschlagen und verbarg seine Verlegenheit,
indem er mit einem Scherz die Teller zurecht rckte. Aber die Lust Lines
an dieser heimlichen Gasterei verscheuchte ihre schlechte Laune bald
wieder und machte sie ganz glcklich.

Oh, es ist doch zu reizend, rief sie einmal ber das andere, wenn
man so was Eigenes hat, so was Heimliches -- und das -- sie streichelte
pltzlich katzenhaft zrtlich seine Hand, hab' ich von dir. Sieh eins.

Mit einem Sprung war sie an ihrer Kommode, kniete nieder, warf allerlei
Wschestcke um sich herum, und dann kamen sie zum Vorschein, all die
verborgenen Kostbarkeiten.

Line, rief er mit aufsteigender Scham, denn der Anblick dieser
Geschenke war ihm unangenehm, wollen wir uns jetzt nicht setzen? -- Es
ist halb neun, und ich bleibe nur noch ganz kurze Zeit.

Aber sie war zu sehr in ihrem Element. Nein, erst wollte sie sich ihm zu
Ehren mit all seinen Geschenken schmcken. Kuck eins, diese
Opalohrringe -- sie rutschte auf Knien zu ihm hin, die mut du mir
zuknipsen -- so -- und hier das Armband, und das Herz mit dem
Brillanten, schade, dazu mu man ausgeschnitten gehen.

Alles hatte sie angelegt, schttelte die Arme, bog den Hals und setzte
sich dann rasch neben ihn auf dem Sofa nieder. In geschftiger Eile
begann sie ihm danach die Brtchen zu streichen, immer bemht, die
Finger so zu drehen, da die Ringe im Lampenlicht funkeln knnten.

Gefllt's dir so? fragte sie mit einem raschen Seitenblick.

Er sah sie bewundernd an.

Immer mehr verlor er die klare Beherrschung der Stunde.

Nun tranken sie von dem heien Tee und ergingen sich dann in ihrer
beiderseitigen Lieblingsbeschftigung, ber die Zukunft zu phantasieren.

Hier war er ihr berlegen, war er ihr Meister. Andchtig sa sie neben
ihm, die Hnde gefaltet, den Mund vor Bewunderung leicht geffnet, und
das Hervorblitzen der weien Zhne ri ihn zu immer bunteren Trumen
hin. Da sah sie all ihre Erwartungen sich formen; die Equipage wurde,
und die Diener und das Schlo, und alles war seinem Willen untertnig --
und bald wohl auch ihrem -- bald wohl auch -- -- --

Pltzlich schrie sie auf. Er sprach nicht mehr von dem Schlo, wirre
Worte fielen: Du bist das Schnste -- du bist das Schnste.

Im ersten Schreck lief sie bis in die Mitte der Stube, doch vor dem
Spiegel erreichte er sie. Sie kehrte ihm den Rcken, als grolle sie ihm,
aber er sah, wie ihre Augen ihn in dem Glase halb erwartungsvoll, halb
flehend beobachteten.

Da fiel ihm pltzlich wieder die Kette ein. Mit einem unterdrckten Ruf
ri er das Schmuckstck hervor, und immerfort stammelnd: Du bist das
Schnste, faltete er es blitzschnell auseinander, und mit hocherhobenen
Armen fhrte er die goldene Schnur ber ihr Haupt fort.

Mit groen erschrockenen Augen stand sie da. Das hatte er bis jetzt noch
nie gewagt.

Unter seinen Hnden begann sie zu zittern, als ob ein Fieber sie
schttelte.

Ein betubender Sturmwind brauste ber beiden.

Erwartend, still, ohne Bewegung, hatte sie geduldet, da er wilde,
besinnungslose Ksse auf ihren Nacken gepret, und es war, als ob sie
die Schlge zhle, die dort die kleine Uhr an der Wand tickte.

Eins -- zwei -- drei -- vier.

Du bist das Schnste, klang es vor ihr auf, verschchtert vor ihrer
Schnheit.

Aber dieser erste Menschenlaut schlug alles in Trmmer. Mit wilder Kraft
schleuderte sie die Kette pltzlich von sich, da sie zerrissen auf die
Erde klirrte, und wie erschrak er, als er das schneebleiche Antlitz
gewahrte, in dem nur die Lippen von blutvollem Leben redeten.

Ganz seltsam war es, wie sie jetzt langsam und voller Besinnung auf ihn
zuschritt: Hr', sagte sie mit bebender Stimme, whrend ihre Augen in
dsterer Glut seine Meinung zu durchdringen suchten, ich bin nicht so
eine, wie du vielleicht glaubst. Das mut du nicht denken. Ich will es
dir sagen, ich bin dir auch gut, schon seit langem, aber ich wei, was
ich will. Wenn du's nicht ganz ehrlich mit mir meinst, dann la mich
allein meiner Wege gehen. Ich komm' auch ohne dich in die Hhe -- hrst
du?

Ihre Stimme nahm einen drohenden Klang an.

Die Uhr schlug wieder ihren Schlag.

Eins -- zwei -- drei -- vier --

Und mit jedem Schlag wuchs die rechnende Besinnung in den beiden
Menschen.

Nun sag, drngte sie schroff. Aber er stand wie gelhmt. Der Gedanke,
der ihn sein ganzes Leben hindurch beherrscht hatte, da er seine
Zukunft im Auge behalten msse, da er alle Hilfsmittel wahrnehmen, eine
reiche Frau heiraten, und weder links noch rechts abirren drfe, der war
pltzlich riesengro in ihm aufgeschossen und hielt ihn fest. -- Er wand
sich, wie unter einem krperlichen Schmerz.

Doch sie besa wohl wirklich die Hexenkraft, alles von seiner Stirn
lesen zu knnen.

Pfui! schrie sie laut auf.

Wie einen blhenden Rotdorn, den der Sturm peitscht, so fate der Zorn
all die feinen Glieder in dem roten Gewande an. Der Betroffene sah sie
sich frmlich zusammenkrmmen, dann ri sie ihr Kleid enger um sich
zusammen, und vor Scham und Wut aufschluchzend strzte sie auf den
Alkoven zu.

Das war der Sto, den der ber den Abgrund Gebeugte noch erhalten mute.

Als er diese prachtvollen wilden Bewegungen sah, diesen ganzen
hinrasenden Zorn, da hatte die Hexe ihr Werk vollbracht. Wie es kam,
wute er spter auch nicht mehr, er hielt sie mit seinen Armen
umklammert, und mit hervorbrechender Angst flehte er, sie solle nicht
weinen, alles, was sie nur wolle, wrde er tun. Alles und jedes.

Ja? fragte sie unter ihren Trnen siegreich lchelnd und sich von ihm
befreiend.

Ja.

Dann gib mir den Ring, den du da trgst.

Rasch steckte er den Reif an ihren Finger.

Was noch?

Schwre mir, da du mich nie verlassen wirst.

Nein, niemals.

So nicht, bei unsrer Mutter. Drauen in Moorluke sollst du's tun.

In schttelnder Angst stammelte er ihre Worte nach.

Als der letzte Laut verklungen war, trat sie nochmals, wie prfend,
einen Schritt zurck, pltzlich aber stie sie ein helles Jauchzen aus,
und ihre Arme hoch ber seinen Hals hebend warf sie sich strmisch an
seine Brust.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das verblate Bild der Handarbeitslehrerin ber dem Sofa errtete und
schttelte den Kopf, aber oll Chronos, der unten durch die einsame
Strae fuhr, brummte hinauf: Dummheiten, alte Schachtel, la sie; es
sind die Jahre.

  Ende des zweiten Buches




Drittes Buch

Philosophie und Liebe




I


Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein trger Junge, der hinter der
Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen
lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen
Sonnenhitze schnarche.

Der Lgenlotse und Hann saen an der Molenspitze und angelten. Und alle
Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes
Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der
hinter ihm stand.

Ffteihn, schmunzelte er.

Nun wute Hann zwar ganz gut, da es nur zehn wren, doch er lie seinen
alten Kumpan gewhren.

Wie machst du das? fragte er nur nach einiger Zeit, whrend der er
nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte.

Hrst nicht? erwiderte oll Kusemann stolz, ich pfeif'.

Er gab einen zischenden Laut durch die Zhne, so da Hann lcheln mute.

Und darauf beien sie an? fragte er langsam.

I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehrt Kunst dazu.
Pass' eins auf.

Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und
nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu
zittern begann.

Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen
Dreipfnder aus der See.

Wat sagst nu, Flesch? fragte er triumphierend und klopfte seinen
Gefhrten herablassend auf die Achsel.

Und wieder mute Hann ber die harmlose Tcke des Alten den Mund
verziehen.

Schn, lobte er.

Na, siehst, brummte oll Kusemann sehr befriedigt.

Aber das Gesprch wollte nicht weitergehen.

War es die Glut, die ordentlich summend ber das Wasser schlich, oder
hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lgenlotse mit
Mibehagen, wie sein Freund allmhlich die Angel unter das Knie schob,
um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weie Wolke zu richten,
die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese
Gleichgltigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln
erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein
paarmal, spuckte ins Wasser, rckte hin und her und brummte endlich, als
alle Versuche milangen, in sich hinein: 's is nichts mehr los mit
Hann. So macht er es all fter. Na wart eins, mein Jnging. Pltzlich
schwenkte er aus Leibeskrften seine Mtze: Line, schrie er, wie
besessen.

Wer? -- ja -- wo? fuhr der Trumer erschreckt herum.

Je, ich meinte man, sagte der Lotse stillglcklich ber die gelungene
List, sie wr' ein hbsch' Mten.

Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder
seiner Wolke zu.

Da soll doch ein Donner reinschlagen, dachte oll Kusemann, als das
Schweigen wieder anhob, aberst ich wei ja, er is ein Phi -- und so
weiter, ich mu ihm woll nher aufs Fell rcken.

Hanning, fing er bedchtig an, whrend er sich ein Stck Priemtabak
schnitt, ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel
feiner versteht, als ich. Weit, wer das is?

Nein, warf der Gefragte achtlos hin.

Dein Bruder Bruno.

Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem Burschen
hinschielte, hatte die Genugtuung, da sein Genosse unmerklich
zusammenzuckte.

Wieso? fragte er plump.

Ja, mein Jnging, ich wundre mich, da du das nich weit, fuhr der
Alte mit groer Behaglichkeit fort, ich dacht mich nmlich, du mtest
das wissen, wie fein der angeln kann, solche hbschen, schlanken
zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann
will ich dich gern draufbringen. -- Hm, ja, siehst du, -- es mag ja jetzt
wohl so ein Stckener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach
Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager
Bnhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weit, ich bin ein
Gutmtiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach
widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, -- aus purer
Gutmtigkeit -- und weil mich mein Alwining das spter immer anriechen
tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um
mich die Geschichte auszulaufen.

Mach rasch, murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer grer und
ngstlicher auf dem andern ruhten.

Kommt allens, beruhigte oll Kusemann und rckte erst sorglich an
seiner Angel. mmer eins nach dem andern, sagte der Vo, als er die
Kken auffra -- na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den
Bumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend,
da seh' ich auf einmal auf einer Bank -- --

Bruno und Line, stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden
war.

Sieh, wie fein du das raten kannst, gab der Lotse schmunzelnd zu,
spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare
Kchen austeile, aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst
mten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem
Gestrpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden
rberkuckte. -- Weit, wer das war?

Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mute zugreifen, um
sie noch im letzten Augenblick zu fangen.

Das weit du auch? quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus,
whrend er die Mtze abnahm, um sich den Schwei zu wischen.

Ja, entgegnete der andere und zerri umstndlich einen allzulangen
Wurm, wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mut
du dich nich die Mtze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab'
Erfahrungen, die Dingers snd zu verrterisch.

Hann glotzte den Erzhler an, dann blickte er wieder verdstert in die
Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes
deutlich hinausschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden
eine Erklrung zu stottern.

Er wre an jenem Abend in der Rucherei in der Stadt gewesen, Heringe
abzuliefern, und da habe er das Paar pltzlich in grerer Entfernung
vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wre er ihnen nachgegangen, und
als sie sich spter auf dem Wall befunden, da wre alles so gekommen,
wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst -- Hann -- sei dann
unbemerkt wieder die Bschung des Walles hinuntergestiegen.

Je, dann sind sie woll verlobt? fragte der Lotse lauernd.

Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das
Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten.

Jedoch oll Kusemann lie nicht so leicht locker.

Jnging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in
Kenntnis gesetzt? Was?

Ja, murmelte Hann beinah unverstndlich und wischte sich wieder
Schwei. Aber die Lge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben.

So -- so, meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten
Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu
streichen. -- Und blinzelnd fuhr er fort: Ja, ja, bei diesen ollen,
ltten, ndlichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hlt der
eine so'n Dings gern auf'n Scho und der andere versteckt sich vor ihr
hinter Fischnetze. -- Aber la -- da beit gerade wieder solch ein
Biest.

Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne bergang
fhlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt.

Oll Kusemann?

Was?

Das letzte.

Hanning -- la mich los.

Nein -- erst sag'.

Herr Gott, was is denn? -- Du drckst mich ja. -- Ich habe eben Augen,
die sehen, wenn eine Mcke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag'
nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorbergeht und du auf der
Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so da
sie ruhig wieder nach Hause gehn mu, dann soll ich das nich sehen?

In der dicken, sengenden Glut fhlte Hann, wie ihm etwas Kaltes ber den
Rcken rann. Dann sthnte er pltzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in
beide Hnde: Ja, ja, das hab' ich getan.

Na, was denn?

Da ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht -- aber ich mu in
dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann
nicht dafr. Oll Kusemann, weit du, woran das liegt?

I, ja, Hanning, du bst eben ein Phi -- -- und so weiter.

Eine Weile blieb es still zwischen den beiden.

Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der
Seetang strmte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger
trmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann
nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen?

Gewitter, meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft
aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit
beiden Hnden nach dem Arm des Alten.

Mut mich was versprechen.

I, gern.

Nich drber reden, was wir heut hier erzhlt haben.

I, wo werd' ich? -- Aber sieh, Hann -- und der Lgenlotse streichelte
halb zrtlich, halb verschmt ber das Knie des Burschen -- da hat eure
kleine Spitzhndin neulich geworfen, -- und sieh, wenn du mich so einen
von die ltten Spitze geben wrdest, ja, dann wrd' ich noch einmal so
gut dran denken, denn ich bin sehr vergelich.

Hinter den Wassern murrte es deutlicher.

Das wird tchtig, meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich
erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. Na, kann ich mich den ltten
Spitz holen? -- Und als Hann wortlos genickt hatte, da fate der
Lgenlotse den jngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: Ich tu' es
eigentlich blo zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der
Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tchtig.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Und es wurde tchtig.

ber der Stadt, ganz dicht auf den Dchern hatten sich die
Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten
Nattern herab, lustig, tnzelnd, schlngelnd, und wenn sie an den
Fenstern der Stdter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit
tckisch-glhenden Augen etwas zu: Kuck, Dirning, zischelte eine,
whrend sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Frulein Dewitz und Line
saen, da unten geht er, an den du denkst. -- Aber mut es ihm sagen --
sagen -- sagen --. Wissen werden es doch bald alle, wissen -- wissen.
-- Mach schnell -- zisch!

Da schlug es ein.

Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Strae, die Huser bebten.

Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz,
als sie jetzt ihr dunkles Kpfchen wandte, um dem jungen Manne
unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Strae trotz des
prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. --
Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen.

Sieh, sprach Frulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles
in der Welt nicht die ngstlich gefalteten Hnde gerhrt htte, er ist
und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter
hat er jede von uns besonders begrt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott,
wenn es doch nur bald vorber wre.

Es war ein wildes, fast unmutiges Lcheln, das bei diesen Worten der
Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie htte sich ja ber dieses
verabredete Zeichen des Vorbereilenden freuen mssen, denn es
bedeutete, da irgend einer der Plne Brunos zum glcklichen Ziele
gelangt sei.

Aber -- aber -- -- --

Was er wohl treiben mochte?

Sie konnte es nicht ergrnden. So oft sie auch fragte. Aber er hielt
fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fhlte auch
selbst, wie gro ihre Macht ber ihn war. Das blieb doch die Hauptsache.

Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und
so waren es wohl nur die vielen Plne, welche die Zukunft von ihnen
beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig
erscheinen lieen.

Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl
alles gefgt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das
war wohl nur diese dumpfe Schwle, denn Frulein Dewitz litt nicht, da
das Fenster geffnet wrde.

Es prasselte und zischte um die Scheiben.

Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und ugelte unter
dem Regen nach ihr hin: Mut es ihm sagen -- sagen, eh' sie es alle
wissen -- wissen! -- Zisch!

Was ist dir, Lining? erkundigte sich die alte Dame.

Mir? nichts -- Es ist nur die Schwle.

Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorber wre.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Aber das Wetter wollte nicht.

Es war, als ob es wte, da es heute etwas Entscheidendes zu erfllen
gbe.

Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen
Faust, lief ber den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen
ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weien Krnzen im
Haar Ringelkranz -- Rosentanz zu spielen.

Twt ji Marjellen, willt ji woll to Hus[2].

Da strzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da
stand der Donner-Alte, der schrie, da es frchterlich ber das Land
hallte: Hier vrbie -- hier vrbie, ick fret juch up[3].

Da gab's kein Halten mehr.

Schreiend, heulend, halb ohnmchtig vor Angst, drngten und stieen sich
die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich
gegenseitig unter die Fe, rissen ihre weien Kleidchen in Fetzen und
kreischten in Todesfurcht: Mudding, Mudding, to Hlp.[4]

Twt, ick ward juch helpen,[5] drhnte der Alte, und schleuderte mit
voller Wucht einen Blitz gegen die Brcke, unter der sich die Kleinen
gerade verbargen.

To Hlp -- to Hlp.[6]

Krach, chzte das morsche Holz und strzte bis auf ein paar Balken
kopfber in den gischtigen Strom.

Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergngen.

Dat's recht -- dat's recht.

Kiek, sagte der Donner-Alte, wat ick oll Mann noch bi Krften bnn --
aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schnen
Schottischen danzen.[7]

Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darber, da es nach dem
Einsturz der alten Brcke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und
dem gegenberliegenden Dorfe gbe.

In Strmen prasselte der Regen dabei hernieder, und ber Flu und Land
leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.

Dat's slimm, meinte der wasserschtige Lotse Pagels mit dem
verschnrten Bein.

Wieso? fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine
Rechnung an. Da kann jetzt einer mit einer Fhre ein schnes Geschft
machen.

Schn -- schn, das kommt alles davon her, fuhr der spindeldrre,
lange Lehrer Toll dazwischen, da das olle Ding nicht versichert war,
denn bei Versicherten schlgt's nie ein. -- Noch kein Fall dagewesen,
Herrschaften. -- Na, also.

Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten
pltzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes
Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Flu
drnge.

Was war das?

Alles schwieg.

Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein? fragte oll
Kusemann. Sein Schiff liegt hier.

Und durch den Haufen drngte sich ein groes, starkknochiges Weib. --
Frau Drthe Petersen, der weibliche Kapitn.

Herrgott, was wollt's nich -- was wollt's nich, jammerte sie und rang
die Hnde. Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brcke und
sagt, er msse gegen den Donner aufspielen. -- Was kann da einer fr?

Malljohann -- Malljohann! riefen drei, vier Stimmen, um ihn
anzulocken.

Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf, klagte das
Weib weiter und beugte sich ber das Bollwerk verzweifelt gegen die
zerrissene Brcke vor: Huch, kreischte sie pltzlich, kiekt -- oh,
kiekt da -- da sitzt was, wie sein Gespenst -- o Gott, o Gott, wie ich
mich frcht'.

Alle drngten sich um sie, alle starrten mit den seegebten Augen durch
Dnste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues
Fischernetz alles umwob.

Richtig, da -- mitten im Flu -- auf den drei einzelnen,
stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes -- und jetzt, wo
der Donner wieder ber die vernebelten Wiesen knatterte, da
unterschieden sie von neuem ein schwaches Getn.

O je -- o je, heulte Frau Drthe, hrt blo -- hrt blo, jetzt
spielt er: Wer nur den lieben Gott lt walten -- Und wie spielt er.

Nun drngte und schrie alles durcheinander.

Man msse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die wrden nicht
anhaften. Vielleicht einen Strick hinberwerfen, allein der Verrckte
rhrte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weien Strudels mit
einem Boot versuchte? --

Ich wrd's tun, erbot sich oll Kusemann. Ich hab' all vier Menschen
gerettet.

Ja woll, oll Kusemann -- oll Kusemann, stimmte alles zu.

Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag, kam der Lotse hinterher.

Den wird er wunderbar erhalten, quiekte die Harmonika durch den Regen.

Hrt blo -- hrt blo, heulte wieder die Frau.

Hanning? rief der Lgenlotse durch den Lrm, wo is Hann Klth?

Hier -- was soll er? -- da steht er neben der Frau, antworteten
einige.

Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrmmerte
Brckenwerk hinbersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.

Hanning, der Mensch soll fr seine Mitmenschen was tun. Nich so?

Aber der lange Lehrer Toll, der fr seinen knftigen Eidam frchtete,
drngte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: Schn,
Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer,
der seinen Verstand nicht voll hat.

Seinen Verstand nich? Wieso? sprach Hann Klth, indem er immer noch
nachdenklich zu Boden sah. Ich frag man, hat er sich nich auf den
einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in
den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand
tut, was wrd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all
mmer gedacht, wir verstehen ihn blo nich. -- Um den wr's schad'.

Mit einer schnellen Bewegung lie er sich ber das Bollwerk gleiten, in
ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand.

Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme
Riese Muchow, dem die Sache groen Spa zu bereiten schien: H -- h,
schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.

Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes
in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so da alle
Rippen krachten. Im nchsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits
den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgltig alle Vorbereitungen
mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stie darauf mit so
gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, da der Nachen knirschend auf
den Ufersand scho.

Hurra! schrien die Moorluker entzckt.

Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Hhe und
warf seine Ladung gleichmtig wie einen Sack ans Land.

Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. H --
h, gurgelte er, Eierkauken.

Hurra, schrien die Moorluker von neuem. Nun Hann noch.

Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.

Eine einzige, wtende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch
in die Hhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer
zu schleudern. Hann flog kopfber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den
Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es
ihm, als ob die Sonne glhend und blutrot vor ihm unterginge.

Line, sthnte er.

Hann -- Hanning -- Hann Klth.

Das kommt davon, sagte Siebenbrod, der Bengel is immer solch ein
Dmlack gewesen. Nu mu ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war gegen Abend.

In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen
gebettet.

Zwei Frauen saen bei ihm.

Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die
nun hilflos zusehen mute, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten sa,
um ihm unausgesetzt khlende Umschlge auf den Kopf zu legen.

Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren
geschwollenen Fen, aber stets wenn das schweigsame Mdchen dort in die
Schssel langte, dann streichelte die Alte langsam ber ihre nasse Hand
und murmelte: Lieb's Dchting.

Es war bengstigend still in dem schmalen, dmmrigen Raum. Nur zuweilen
hrte man das Pltschern des Wassers und Klaras tiefe, zurckgeprete
Atemzge.

Das Fenster stand offen.

Drauen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen
fiel noch, aber hinten ber den dampfenden Wiesen sah man die Sonne
glhendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind
schttelte die nassen Pappeln vor dem Huschen, und von berall her
erhoben sich die erquickenden See- und Heudfte.

So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.

Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rhrte
sich auch nicht, als Klara Toll sich leise ber ihn beugte, um ohne
Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu
pressen.

Lieb's Dchting, murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des
Mdchens. Lieb's Dchting.

Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie
behutsam ber das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren
zitternden Arm um die Hfte der vor ihr Stehenden und drckte sie an
sich.

Du bist die Rechte, sagte sie dann nach einiger Zeit.

Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten
Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch
die nassen Pappelzweige.

Aus dem Garten rief stark und krftig eine Schwarzdrossel.

Mudding? flsterte Klara.

Was?

Sieh.

Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die
auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.

Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.

Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mdchen. Dann begann er:
Bist du nun da, Lining?

Hann, rief Mudding erschreckt.

Still, verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und
strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berhrung schien dem
Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mdchens fest
umspannt.

So, uerte er endlich nach einiger Zeit, so ist's gut.

Dann wurde er wieder unruhig.

Lining, hob er von neuem an, ich krieg das nich aus'm Kopf, ich mu
immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining -- seine Stimme
nahm einen flehenden Klang an: Es ist doch allens recht und in Ordnung
mit ihm? -- Ich kann gar nicht mehr schlafen -- denk', ich geh Klara
Toll immer aus'm Weg -- oll Kusemann wei es auch all -- -- Ach Lining,
wenn du doch immer hier im Haus geblieben wrst.

Klara, rief Mudding erschrocken und beschmt, er is nich bei
Verstand.

Ja, er fiebert, sprach das Mdchen, ohne sich zu rhren und ohne
aufzuhren, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.

Und wie du getanzt hast, Lining -- weit noch?

Und die Molle voll Goldstcke aus der untergesunkenen Stadt -- Und im
Gefngnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht -- ich krieg dich
nicht aus'm Kopf. -- Aber die Angst -- die Angst --

Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her
und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es mte hell
werden.

Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein
Talglicht. Dessen Flmmchen zuckte vor der einstrmenden Luft hin und
her. -- Wie die Seele des Kranken.

Er sah sich in der unsicheren Helle ungewi um.

Klara, murmelte er endlich.

Ja, Hann -- kennst du mich?

Ja, ja -- was wollt ich nicht? -- Aber -- aber war noch jemand hier?

Nur Mudding.

Mudding -- ich dacht' man, flsterte Hann und sank zurck, und noch
einmal kam es ganz leise: Ich dacht' man -- --

Dann ward es still.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war beinah gegen Mitternacht, da sa auf der Bank vor dem Lehrerhaus,
vor dem die blhenden Fliederbume ihre Dfte in die Nacht hauchten, ein
Mdchen und hatte das Haupt in beiden Hnden verborgen, als sollte es
noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.

Von fernher strich ein Windzug ber das einsame Meer, der stie an die
Kirchturmglocke.

Es war, als ob die Nacht ber ihre Verlassenheit seufzte. Und das
Mdchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie
nicht finden knnte, und schttelte den Kopf und sann und sann.




II


Inzwischen zog der Sommer ins Land.

Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme
belgische Seebad gereist und die Geschfte ruhten fast ausschlielich in
den Hnden mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des
unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die
Unternehmungslust der Reedereien heraus.

Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen
Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die
deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die
einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten.

Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Kstenwinkel
der Neuen Welt -- man wute nur nicht genau, wo. -- Diese Flotte konnte
hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey berraschen, konnte -- -- -- --
die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. -- --

Fr Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher
Laune hatte er sich noch nie befunden.

Ja, ja, Herzdame war fr ihn eine gute Karte. Sie schlug.

Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller
Goldstcke und die Brieftasche gefllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der
vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt bestndig eine halbe
Flasche Champagner, und fr Line ersann er die zierlichsten
berraschungen.

Ach, was war doch Line fr ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie
selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd waren
ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen
lieen. Und dann -- er merkte es deutlich -- in der letzten Zeit war
dieses kratzende Ktzchen bereits zahmer geworden, fgsamer; ihr Trotz
verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, da sie hufig in
den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden
konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten
Beifall nickte.

Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte
sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so bla aussah, so
dringend, so fordernd ansehen, da er oft ganz betreten wurde.

Was konnte das bedeuten?

Ja, ja -- sie wnschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewi in
dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald
um ihr Haupt flieen -- aber ihre kleinen Fe muten dann in goldenen
Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz wrde sich ja
dieses lebenshungrige Geschpf nicht fgen; dazu hatte er ihr die
Zukunft schon zu herrlich ausgemalt -- und auch er ertrug solche
Beschrnkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein.

Schlielich gehrte ja nur ein einziger harter Entschlu dazu, den mute
er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglckt!

Und doch!

Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz
des Konsuls mit dem durchgedrckten Lederkissen sah, die abgeschabten
verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Kolo von Geldschrank, dann
befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine
Kollegen muten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte.

Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht,
die ihn htte alarmieren mssen.

Ein jngerer Beamter trat vor ihn.

Wissen Sie schon?

Keine Antwort.

Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total
vernichtet sein --

Was? -- was sagen Sie?

Hier -- Depesche aus London.

Bruno taumelte auf.

Da war es! -- Da war der Moment, der ergriffen werden mute.

Aber er stand und sah mit zitternden Hnden auf die Gesichter der
Beamten, sah auf die alte verrucherte Tapete, hrte auf das Knarren der
Drehbcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter
dem der Kassierer, ein gebcktes, zitterndes Mnnchen mit blauer Brille,
seit Jahrzehnten die Hufchen der Kassenscheine schichtete und den
Abgang mit Kreide auf den Zhltisch schrieb.

Langsam sanken ihm die erhobenen Hnde, die Depesche flatterte zu Boden,
ein leises Sthnen entrang sich der gequlten Brust.

Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht gebt.
Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Strkere.

Er stand und lauschte ngstlich auf das Kritzeln der Federn, das
Rauschen der Folioseiten und das chzen des alten Geldschrankes, als
sollten ihm alle diese etwas Trstliches sagen. Und von dem Platz des
Konsuls schien eine spttische Stimme zu dringen: Na, Klthchen, wieder
mal so tief in Gedanken?

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Lining, sagte Frulein Dewitz an demselben Nachmittag, du gehst so
viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die
Strmpfe zum Beispiel, die du fr mich stricken sollst, liegen nun
schon seit ein paar Tagen unberhrt auf dem Nhtisch; was ist dir denn?
-- Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie frher.
-- Sie rckte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mdchen forschend
an: Fehlt dir etwas?

Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lcheln:
Nichts, erwiderte sie gleichgltig, und doch ballten sich ihre Hnde
fast krampfhaft und ffneten sich wieder, ohne da sie es selbst fhlte.

Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster sa, um beim
Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorbergehenden zu
beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf
andere Gedanken bringen.

Was ich dir noch sagen wollte, Lining, sprach sie, heute vormittag,
als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus
Moorluke wieder hier, der sollte uns nmlich einen Gru von deiner
Mutter bestellen und erzhlte, da es deinem Bruder Hann schon seit
langem wieder besser ginge. Darber freute ich mich sehr, und da
behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen,
denn, wie er sagte, wre er ein genauer Freund von unserem Landrat,
worber ich wieder herzlich lachen mute. Aber -- die alte Dame schob
sich die Brille auf die Stirn, Lining, was ist denn das? du hrst ja
gar nicht zu?

Line stand vor ihr und wurde bald bla, bald rot.

Ich wei auch nicht, stie sie pltzlich entschlossen hervor, ich
mchte ein bichen an die Luft.

Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt.

Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek
mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was
unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weit du, wie neulich diese
Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich
aber, mein Kind, da du zum Abendbrot wieder zurck bist. -- --

Kurz nach Bureauschlu stieg Bruno die engen Treppen des Hinterhauses
hinauf, in dem er, sowie einige hhere Beamte Hollanders wohnten.

In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der Stralsundischen Zeitung,
in der ebenfalls die Gerchte ber den groen spanischen Seesieg genau
verzeichnet standen.

Wenn man das sicher wte, dachte er, whrend die Stufen unter ihm
chzten, aber die Gefahr, diese frchterliche Gefahr.

Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte
sich wieder auf seinen Nacken, als htte er eine berschwere Last die
Treppen hinaufgetragen.

Wer da einen Weg wte?

Schwerfllig wie nie, zerrttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er
sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag.

Er schritt an den Tisch und wollte nach Zndhlzern suchen; da knisterte
etwas.

Bruno hielt inne.

Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn
zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn
hindern, den Raum zu erleuchten.

Die Hand zitterte.

Bruno.

Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen
htte?

Darauf kann ich jetzt keine Rcksicht nehmen. Du mut mich anhren.

Lining; was hast du denn? -- Soll ich nicht Licht machen?

Nein.

Und dann trat sie ihm noch nher, ihre Finger umspannten seinen Arm
fester und fester, und mit heiserem Flstern teilte sie ihm ihr
Geheimnis mit.

Allmhlich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei
schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos
anstarrten.

Aber dann -- sie hatte sich nicht geirrt. Erschttert, wie er war, fiel
er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter
hervorbrechenden Trnen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur,
kte er ihre Fe, ihre Hnde, und zwischen tausend Schwren und Bitten
suchte er ihr ihre Angst auszureden, whrend sein eigenes Herz zitterte.

Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen
Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie lie
sich nicht mehr irre machen: Also acht Tage noch, drngte sie dann
kommst du zu Frulein Dewitz?

Gewi -- gewi -- wie kannst du nur fragen?

Und auch zu den Unseren nach Moorluke.

Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den
Mund.

Weit du, sagte sie, wie zu sich selbst, ich glaube, wenn du schlecht
gewesen wrst, ich htt' mit einem Messer nach dir gestochen.

Line, stammelte er.

Nein, nein.

Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nchsten Moment die
Treppen hinuntergehuscht.

Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei
wunderte er sich, da vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken
pltzlich von ihm genommen war, er konnte berhaupt nicht mehr
nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen
seines eigenen Herzens.

Wie das hmmerte!

Ob das Angst war?

Angst? Wovor?

Wovor?

Und pltzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende
Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und
folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen.

Was nun?

Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit fr Weib und Kind, die ewig gleiche
Mhe eines kleinen Beamten. Morgens -- mittags -- abends, immer wrde
der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fhlbarer das
Abhngigkeitsverhltnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach
denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart.

Kein Vergngen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen -- sparen.

Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das
ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung
brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurck.

Lieber Gott im Himmel, es mute ja sein, sofort, schnell, berstrzt,
ehe die Katastrophe da war, -- denn ein Zgern, ein Entrinnen gab es
nicht mehr.

Oder doch? -- Oder doch?

Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er pltzlich fest. Mit
blendender Deutlichkeit, farbenprchtig, als ob er herrliche Lichtbilder
she, flog es an ihm vorber.

Was war das?

Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drngen
und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Brse. An den schwarzen
Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen -- -- Freudenrufe werden
laut. -- Nein, nein, nicht daran denken.

Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht,
so mhelos machen knnte, der -- --

Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger
krumm werden, einrosten und sich von Hollander hhnen und abkanzeln
lassen -- -- und -- und --

Licht.

Wer hatte ihm die kleine grne Lampe entzndet? Er wei es nicht.

Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf?

Als der letzte Buchstabe stand, berfiel ihn eine lhmende Ermattung.

Mit stumpfer Gleichgltigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen
Hut und schritt in den Sommerabend hinab.

So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und
seelenlos, bis er die groe, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht
hatte.

An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent:
Telegraphenamt.

Das war sein Ziel.

Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: Nach Hamburg?

Ja, nach Hamburg, antwortete er gleichgltig, Bankier Solmsen.

Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus.

Merkwrdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoenden Straen
schienen leer. Bruno hatte pltzlich das Gefhl, als ob er gar nicht
hierher gehre, sondern ausgestoen, an einem unbekannten Orte weile.

Dort die roten gotischen Huser, um die die Abendschatten webten, er
blickte zu ihnen hinber, befremdet, als she er sie zum erstenmal.

Wohin nun?

Nach Haus -- natrlich, nur zurck in das kleine Zimmer, und dann
schlafen und alles vergessen.

Als er das Geschftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber
unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig nher und teilte
ihm mit, da oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn
Klth warte.

Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde
die Stufen hinauf.

In dem Zimmer brannte noch die kleine grne Lampe. Und als der junge
Kaufmann ffnete, da sah er mitten in dem Stbchen einen
schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rcken kehrte und sich jetzt rasch
wandte.

Es war sein Bruder Paul.

Du? fragte der Ankmmling enttuscht und zugleich etwas erschreckt,
denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor
dem lteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe.

Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben.

In des Theologen eckigen Zgen arbeitete eine Verklrung, wie man sie
sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den
Jngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Mdigkeit und
Erschpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schtteln, da
leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, da es dem Sitzenden trotz
seiner Gebrochenheit auffiel.

Paul, was ist dir?

Was Gutes.

Aber was?

Ich bin zum Pastor gewhlt -- zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.

Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er
noch hinzu, jetzt wre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen
Klth whrend seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch
gesehen htte, und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.

Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen
Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so
merkte er wohl kaum, da sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer
tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berhrte.
Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang
der Jngere unvermittelt auf und ri den Strandpastor strmisch an seine
Brust. Paul mute ber das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns
lcheln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl.

Dann folgten rasche, heftige Fragen.

Wissen's die Unsrigen schon?

Ja, von Line komme ich eben.

Bruno schlug die Augen nieder.

Merkwrdig, fuhr der ltere fort, whrend er nachdenklich an der Lampe
schraubte. Als ich ihr's erzhlte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht
zugetraut htte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube,
die Stadt bekommt ihr nicht recht.

Bruno rckte seinen Stuhl.

Und unsre Mutter? fragte er beklommen.

Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten,
Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen wrde.

Aber der Jngere lehnte dies ab. Er htte noch zu korrespondieren -- die
aufgeregte Zeit -- und seine eigene Mdigkeit. -- Und so kam es, da nach
einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. --

Als er ber den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die
dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der
Nacht lste.

Laut und fest tnten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem
Zurckbleibenden war es, als mte er sich an diese weichende schwarze
Gestalt klammern und sie zurckhalten, um jeden Preis. -- Als er
aufblickte, stieg der Mond gerade ber das Gehft. Alle Zacken und
Spitzen rnderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich
ber den Hof. Natrlich, sprach Bruno zu sich selbst, es mu ja
wieder hell werden. Und in dem Augenblick war er getrstet.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das war ein Sonntag, den die Klths nie vergaen. Solange sie lebten.

Als lngst alles zerschlagen war, kein Stck mehr auf dem anderen stand,
Srge in den Grbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind
hinber und herber bangen, sehnschtigen Herzen Kunde trug, da
dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stckelten ihre
Erinnerungen zusammen. -- --

Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das
Altjungfernstbchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl
besonders polieren.

Blank -- blank -- blank, summten ihre Strahlen. Und Frulein Dewitz
selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder
nachher.

Sie las aus der Zeitung vor.

Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an.
Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit
Erstaunen. Sie wurde immer hbscher. Sie drehte und wandte sich. --

Hre, Lining, las die Handarbeitslehrerin kopfschttelnd: Ganz fett
gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral
Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser
gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das mu doch ein
tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner
einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich fr ein sehr wildes
Volk. Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte.

Bruno trat ein.

Es war fr die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und
adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm.
Er kte dem alten Frulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes ber
ihr Aussehen, erzhlte, da der Konsul gegen Mittag zurckerwartet
werde, und schlo endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke
begleiten drfe. Er mchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen.

Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch
Frulein Dewitz die Familienanhnglichkeit der beiden jungen Leute nicht
genug rhmen zu knnen glaubte, indessen das alte Frulein schickte sich
eben an, den Konsul und Dina von der Bahn abzuholen, und Line msse sie
begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nchsten
Tagen. Gerne -- sehr gerne.

Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er
plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet.

Hinter der Glastr hielt sie ihn noch einen Augenblick fest.

Spter blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffllig sich alles
abgewickelt hatte. Aber die groen Momente des Lebens pfeifen vorber
wie die kleinen, wie dieses selber! -- Was bleibt?

Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an
ihn.

Bruno, fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drngend zu ihm
erhob, es bleibt doch bei unserer Verabredung?

Bei unserer? -- Er warf rasch ein Ja -- ja hin und schien es sehr
eilig zu haben.

bermorgen kommst du also zu Frulein Dewitz -- nicht so? fuhr sie
fort.

Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der
Diele und griff dann fest nach ihrer Hand.

Line, du sollst doch mit mir kommen.

Du hrst ja, ich darf wieder mal nicht. Auerdem bin ich auch noch
nicht ordentlich angezogen.

Wie du hier stehst.

Wieso? -- es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?

Sie starrte ihn an.

Er erschrak. Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.

Da lchelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als
sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu
schnippen.

Da sprang er pltzlich zurck, zog die berraschte an sich, und ein
rascher, verstohlener Ku brannte auf ihren Lippen.

Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Fen erregt
wurde, erschreckte Line.

Sie bog sich zurck.

Du, flsterte sie warnend.

Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Stzen
die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Frulein Dewitz zurck, und
als sie wieder an dem Spiegel vorber mute, da schwellte sie das stolze
Gefhl, wie unberwindlich doch die Macht der Schnheit wre, und sie
huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie
es als Kind getan hatte.

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Spter erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und
wunderten sich, da sie es erst so spt verstanden htten.

Und es war doch so einfach.

An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in
Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzhlen, und wo die
Mdchen Arm in Arm vorberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem
Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte
nachlssig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem
gefragt, wie noch nie.

Woher er die rote Narbe ber der Stirn empfangen, und ob es wahr sei,
was oll Kusemann ihm im Vorbergehen zugeraunt, da Hann jetzt heiraten
wolle -- und wer denn die Erwhlte wre, und schlielich msse sich Hann
doch ein hbsches Smmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd
denke?

Aber Hann hatte nur zu allem bedchtig den Kopf geschttelt und dann war
herausgekommen, da er bis jetzt nur fr Siebenbrod geschafft habe, und
da er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn
sicher sei sicher.

Ja aber, Siebenbrod -- der, raunte oll Kusemann wieder im
Vorbeiflitschen. Auf der Sparkass' nennen sie ihn all mmer
>Ltt-Rotschild<.

Spter besann sich Siebenbrod, da sich der feine Bruno, kurz bevor er
die Rckfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt htte.

Der ehemalige Bootsmann sa gerade auf der Bank vor dem Teil des
Huschens, der gegen den Flu gelegen war.

Siebenbrod hielt die Hnde gefaltet und sonnte seine Hakennase.

Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gesprch:

Wie hbsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind
doch ein fleiiger Mann.

Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: Je, man hat weiter
nichts gelernt.

Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters mssen Sie unser Besitztum
recht vermehrt haben.

Je, sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strmpfe, die
aus den Holzpantoffeln hervorguckten, die Leute sind hier all so
schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.

Aber aus den zwei Khen sind doch jetzt fnf geworden.

Je, das sag' ich man, nickte Siebenbrod Beifall, sie fressen mich
rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben mt', ich
htt' die Kh' all lngst wieder abgeschafft -- aber Krankheit --
Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau
im Haus -- so trgt man bald den Tisch heraus -- na, ja, das konnt
keiner wissen.

Damit erhob er sich und tffelte in den Flur.

Bruno starrte ihm nach.

Das war der letzte.

Und wieder stand er und wunderte sich, da ihm weder leicht noch schwer
war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und de, als wandle sein Geist nicht
mehr mit seinem Krper zusammen.

Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nchsten Dampfer in die
Stadt.

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Kusch, Sultan! sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem
er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschftshauses sa. Kusch!

Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder
zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste,
um durch die Eisenstbe in das Bureau zu sehen.

Gleich darauf kletterte er wieder hinunter.

Kusching, sagte er, es is blo Herr Klth -- das tut nichts.




III


Die erste, die es erfuhr, war Line.

Frulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des
Konsuls zurck, schlo die Tr hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob
sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt whne, und sank im Hut und
Mantel schreckensbla auf dem Sofa zusammen.

Wer htte das gedacht, vermochte sie nur geistesabwesend vor sich
hinzumurmeln; wer htte das gedacht?

Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, da
Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht
unterdrcken konnte, whrend ihr doch bereits das Herz still stand.

Lach' nicht, flsterte die Handarbeitslehrerin, in Trnen ausbrechend,
und winkte mit der Hand, es ist zu schrecklich. Ich htt' auf ihn
geschworen.

Jetzt lachte das Mdchen nicht mehr.

Auf wen? -- sag' doch -- auf wen, Tante? klang es pltzlich so
schrill, so kreischend, da das alte Frulein entsetzt in die Hhe fuhr.
Aber sie hatte sich wohl getuscht, denn das Mdchen stand schon wieder
ganz ruhig vor ihr, nur die Hnde wanden sich in ewiger, unruhiger
Drehung umeinander.

Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin -- --

Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen
herumzuknpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben
erfahren. Unzusammenhngend Bruchstcke. Der Konsul htte einen Brief
erhalten -- denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch
nicht einmal rasiert, aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen,
auch der Koffer verschwunden. -- Und gerade als das alte Frulein
eingetreten, wren Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr
Pastor -- ja, wohin sei er doch gewhlt? Auf den Walsin oder auf den
Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. -- Und der erste, der es merkte,
wre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem
Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer htte auch glauben sollen, da
dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrger werden knnte. -- Gott
verzeih es einem, man mge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke
dir, Lining, fnfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des
Konsuls an der Brse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie,
seien die Amerikaner schuld. Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist
nicht gut, wenn Republiken so gro werden. -- Ich sagte es ja.

So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knpfte erregt ihre
Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine groe
Trne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren
Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen gekt hatte.

Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien rgime. Ach, du lieber Gott, und
jetzt ein Betrger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden?
Damit raffte sie sich zusammen, schlo die Tr auf und, einem
bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders
zu eilen, um abermals zu hren, zu ratschlagen und wieder von dannen zu
flattern, als ihr pltzlich auffiel, da Line sich noch gar nicht
geuert htte.

Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.

Da sa sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer
rastete, und zupfte mit einem verstrten Lcheln an den Fransen des
Fensterkissens herum. Frulein Dewitz stutzte. Wie merkwrdig zuckten
die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie
ihre Finger, und wie unnatrlich wogte die Brust, als ob sie nur mit
groer Qual laute, wilde Rufe unterdrcke.

Lieber Gott!

Frulein Dewitz erschrak so ber diesen Anblick, da ihr alles andere
nebenschlich wurde und ihre Hand auf der Trklinke zitterte.

Herrgott, Lining, stotterte sie.

Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zgen fuhr es hin und
wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: Wei man nicht,
stie sie atemlos hervor, wohin er gegangen ist?

Wohin?

Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen?
Nach Amerika natrlich, nach Amerika war er geflchtet, jenseits des
Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren
haben, und -- --

Die Hast der Erzhlerin hatte sie bereits wieder zu weit gefhrt. Von
neuem mute sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.

Mein Gott, mein Gott, dachte das alte Frulein, wie wenn ihr die
Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck mu sie wohl
versteinert haben.

Lining, stammelte sie ngstlich. Was ist dir? Da stie das Mdchen
endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rcksichtslos, durchdringend,
und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie
niemals auf Zehen durch diese Rume gehuscht wre.

Sie strzte auf die alte Dame zu und rttelte diese am Arm, als htte
das gute Frulein ein Verbrechen gegen sie begangen.

Hat er nichts fr mich hinterlassen? schrie sie und ballte die Fuste.
Ich will wissen, ob er fr mich nichts hinterlassen hat?

Fr dich? wiederholte Frulein Dewitz vor Schreck starr und gnzlich
verstndnislos.

Hat er nichts fr mich hinterlassen? tobte die Verzweiflung noch
einmal aus dem Mdchen. Und als die Handarbeitslehrerin gnzlich
erschttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an
Line -- ber sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die
Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches ber die
Beschrnktheit hhnt, die das Natrliche nicht sehen will, und warf sich
vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszurumen.

Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren
Augen nicht traute, gerade vor die Fe.

Da -- und da -- und da.

Herrgott, was soll das?

Dem armen alten Frulein begannen die Hnde zu zittern, vor ihren Augen
flimmerte es, sie mute sich an der Klinke festhalten, sonst wre sie
gefallen.

Lining -- barmherziger Himmel -- woher dast du das alles?

Das? -- das?

Das wute die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen?
Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und
Ringen herum und schlug mit den Fusten darauf, und dann -- dann brachte
sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stcke zu reien, und die
Fetzen im nchsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder
wie entsetzt von sich zu schleudern.

Ach, und die gute, alte Dame!

In ihrem Altjungferngemt dmmerte durch all ihr Entsetzen die einzige
Erklrung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschrnktheit
mglich erschien: Lining, stotterte sie vor Furcht und berraschung
beinahe gelhmt. Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?

Ja -- nein -- ja.

Lining, willst du mir denn nichts davon erzhlen?

Nein. -- Das Mdchen erhob sich pltzlich von den Knien, sah sich wirr
um und raffte ihren Schmuck zusammen: Ich will hier fort.

Fort? Fort? -- Doch nicht von mir? -- Warum denn?

Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt
werden will -- weil ich hier nichts mehr hren und sehen mag! rief sie
wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind
aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes,
nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung
glhte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief
Line von dannen, barhuptig, mit flatterndem Kleide, hnlich, wie sie
einstmals gekommen.

Die Handarbeitslehrerin aber sa auf ihrem Sofa und knpfte die
Handschuhe auf und zu und fate sich an die Stirn und wollte ihrer
Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende
zu verknpfen und sann und sann und rang die Hnde: Wie war denn das?
Und die gute Erziehung ntzte gegen die Snde nichts mehr? Und
Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? -- Kein Wort des Dankes? Und all die
guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus htete
nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen lieen noch etwas
anderes zu? -- Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr?
Wie ist denn das? -- Junge Welt -- alte Welt -- wie ist denn das?

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Unterdessen lief Line durch die Straen, mit dem kleinen Bndel in der
Hand und barhuptig, denn dieser bergewaltige Sto hatte sie die junge
Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die
Fischerdirne, die da meinte, da die Welt sich an ihr versndigt habe,
da sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham scho es ihr
zuweilen unklar durch den Sinn, sie msse sich rchen.

An wem?

Das wute sie nicht, aber sie fhlte doch diesen heien, brennenden
Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwrts trieben und die ihr vorlufig
noch das Gefhl ungebndigter Kraft liehen. Und whrend sie am Flu
entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden
Schwren, unaufhrlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich
schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verlieen, sie wrde schon
triumphieren, sie wrde -- -- -- Und strmisch eilte sie weiter, dem
pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstie. Sie sah nicht, wie
grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hrte nicht das
Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der
Staubwolken, die an ihr vorberjagten, nur vorwrts rannte sie, ohne zu
wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu
sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwrts getrieben, bis sie
pltzlich dunkle Bume sich erheben sah, und darber aufragend von ferne
die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.

Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.

Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie,
schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit berkam sie die
Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen
gesessen, damals, als sie sich als kleines Mdchen auf seinem Scho in
den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.

Ja, ja, dort drben war es gewesen.

Sie hob den Arm und schttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind
zauste in ihren Haaren. Jmmerlicher Kerl! -- Erst sie in Schande
gestrzt -- in Schande -- Schande, und dann fortgelaufen und sie unter
den hhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und -- --

Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich,
und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind
durch das Jckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem
schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie
weltverlassen sie hier stand. Auer ein paar weidenden Khen jenseits
des Flusses nichts Lebendiges ringsum.

Sie frstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch
gekommen wre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie.
Brennende Angst wuchs in ihr gro.

So -- ja, so wrde sie gemieden sein, denn die Leute hier frchteten
sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran,
wie Frulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und
die Schande versperrte ihr ja auch anderwrts fr die nchste Zeit Pfad
und Unterkommen. Gewi -- sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins
Auge gefat. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn
fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Fen
darauf herum, um schlielich wieder die Faust gegen die Ruinen zu
richten: Jmmerlicher Mensch!

Aber was war das?

Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers
ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes,
Markerschtterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, da der
Laut von einem der weidenden Tiere herrhren msse, nein, sie stand und
starrte mit weit aufgerissenen Augen ber das Wasser auf die fahle
Ebene.

Wie lautete doch ihr letztes Wort? -- Jmmerlicher Mensch? -- Nein, nein,
das war ja nicht die Wahrheit. Sie -- sie allein trug ja alle Schuld.
Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.

Ihre Sinne muten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie ber das
moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser ber ihren
Fu kroch.

Hu, das war eisig.

Ruckartig zuckte sie zurck und strzte wieder auf den Weg.

Dort drben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz
dicht ihr zur Seite starrten die Brckenreste aus dem Flu, und da -- da
bei den Stmpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die
Fhre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von
Hann zu erkennen.

Und jetzt? -- Rief da nicht etwas Lining?

Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das
Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen,
davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: Lining!

Mehr hrte sie nicht. Mit wirbelnden Rcken lief sie den Landweg zurck,
immer vor sich hinsagend: Nicht Hann -- nicht Hann.

Vor ihr trmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.

In einer halben Stunde wrde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor
einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem
lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu
schluchzen. Ob sie nicht doch zu Frulein Dewitz gehen und alles
bekennen sollte? -- Nein, nein, lieber zurck in das schwarze Wasser.
Aber pltzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.

Der neue Pastor. Warum gerade der, darber vermochte sie sich in ihrer
Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fhlte nur, er sei der
Rechte, auf seinem Namen lge Ruhe.

Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die
Wirtin meinte, Paul msse bald zurckkehren, er sei nur von einem Diener
des Konsuls abgerufen worden, so beschlo Line zu warten.

Todmde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bndel, das sie bis
jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.

Sie wunderte sich zwar ber den Klang, aber sie rhrte sich nicht mehr.
Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz,
traumhaft umflossen von dem Gedanken wie ruhig -- wie ruhig.

Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben,
nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmig auf
eine kleine, weie Christusstatuette, die mit den gastlich geffneten
Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.

Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die
weie Gestalt vor ihrem Blick, und pltzlich mute sie daran denken, da
dies die Stellung wre, in der Er gesprochen: Lasset die Kindlein zu
mir kommen.

Wie merkwrdig das Wort: Lasset die Kindlein zu mir kommen.

Und wie seltsam, da sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung
aufdrngte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren
Fen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und
tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengerusche
verschwanden, und allmhlich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschpfte
vllig hinber.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht
empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken ma, und als sie
seine knochige Hand am Arm sprte, schrie sie laut auf.

Sie taumelte in die Hhe. In der Stube war es beinahe finster geworden,
vor ihr stand Paul.

Du? stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu knnen, und stie mit
ihrem Fu an das Bndel, so da es klirrte, bist du endlich da?

Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit
erklren zu knnen, denn er uerte nur rasch, ob Frulein Dewitz
ebenfalls bereits von allem unterrichtet wre, und als Line wortlos
genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit
der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Hhe
und durchma mit langen, schweren Schritten das dunkle Stbchen, immer
gefolgt von den Blicken des Mdchens, das in seiner Erschpfung noch
immer ohne klare Gedanken dasa.

Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und
dieses gnzliche Zerschlagensein, als ob sie nun fr immer auf seinem
Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmhlich aufzufallen.

Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen? fragte er, und seine
Stimme klang dabei so rauh und gepret, da Line merkte, wie sehr er
sich zusammennehmen msse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.

Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.

Zu dir, entgegnete sie mde, ja -- zu dir.

Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.

Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu
durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.

Der Theologe wurde unsicher.

Was bedeutete dieses schwchliche Gebaren, noch dazu von Line, deren
Lebensmut nie zu unterdrcken gewesen? War dieses Gebrochensein allein
durch das Unglck der Familie bedingt? Prfend blickte er wieder auf die
Erschpfte. Und ohne da er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen
das Mdchen dasselbe Mitrauen zu regen, das seit dem ungeahnten
Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.

Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach
Moorluke hinausgefahren? drngte er von neuem.

Zu den Unseren? wiederholte sie verwundert, und wie wenn die
Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr
brig gelassen htte, fgte sie schlfrig hinzu: La mich.

La mich? Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: Weit du
denn nicht, was geschehen ist? fragte er heftiger, allein seine Worte
muten wohl an ihr vorberhallen, denn sie streckte sich aus, ihr Kopf
sank hintenber, und wenn ihr Fu nicht wiederum das Bndel berhrt
htte, so htte der Schlaf die Todmde von neuem entfhrt, so aber
schreckte das klirrende Gerusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen,
dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.

Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin
und her.

Was hast du da? fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehrt hatte.

Das? -- o -- -- nichts.

Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht
mehr oft betreten!

Ich?

Der Schreck lhmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: Warum gerade
ich nicht?

Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine
Bcher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts brig.

Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte
sich die verschrnkten Hnde gegen das Haupt. Wieder klang ein leises
Sthnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.

Wird er verfolgt? forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die
Frage durchfuhr.

Das wei ich nicht, gab er widerwillig zurck, und dann ging er
abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzhlung drang an ihr Ohr von
Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie
Mudding endlich drauen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line
hrte teilnahmlos zu, denn seit Paul whrend einer Pause die kleine
Stehlampe entzndet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube
durchdmmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr
aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? -- Wo ein Kissen fr die Nacht?
Wo ein Versteck vor der Schande?

Weit du, wo er sich aufhlt? stie sie endlich hervor und fingerte in
Hast mit den Ngeln auf der Tischplatte herum.

Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: Der Dieb? schrie
er dunkelrot und voller Abscheu, der Halunke, der seine Mutter aus dem
Hause treibt, whrend er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit
Armbndern und goldenen Ketten behngt? Oh, wenn ich nur wte, wo er zu
treffen wre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir htte!

Dabei nahm er einen Stuhl und stie ihn in ohnmchtigem Zorn auf den
Boden, da die Fe zitterten. Line starrte ihn an.

Ganz wei war sie geworden, langsam bckte sie sich und hob ihr Bndel
auf, denn jetzt wute sie, hier war ihres Bleibens nicht lnger, und als
sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weie Statue.

Lasset die Kindlein zu mir kommen, sprach sie, wie geistesverloren vor
sich hin. Aber sie war so matt, da sie keinen Schritt machte, sondern
mit hngenden Armen stehen blieb.

Gleich darauf fhlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so da
sie htte schreien mgen; ganz nahe blitzten die finsteren,
mitrauischen Mnneraugen in die ihren.

Wozu sagst du das? hrte sie seine vor Aufregung heisere Stimme,
berhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich
traue dir nicht. Und was trgst du da im Bndel? Ich will es jetzt
wissen.

Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schtze hoch in die
Hhe.

Dann begann sie pltzlich aufzulachen, hhnisch und verzweiflungsvoll,
und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, da zum Fenster bereits
schwarze Nacht hereinsah.

Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch
drohender als vorhin.

Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles strzte zusammen, hier
war ihre Ruhesttte nicht.

Aber drauen lugte die Nacht herein und rief und rief.

Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.

Was in dem Bndel steckt? schrie sie und whlte alles hastig auf, da
der Inhalt hervorquoll. Hier, sieh, Ketten und Armbnder und Ringe --
ganz teure, die sind was wert -- und alle fr mich -- alle fr mich --
die verkauf -- hrst du -- hier -- hier.

Damit raffte die Rasende einzelne Stcke heraus, schleuderte sie ihrem
Bedrnger mit aller Kraft vor die Fe, warf das ganze Bndel hinterher,
und nachdem sie ihn noch einmal verchtlich angelacht hatte, wie sich
weidend an seiner Betubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schlge
frchtet, zur Tre hinaus. Paul hrte sie die Treppe hinunterspringen,
vernahm einen heulenden Ruf, er hrte die Haustr klingeln, aber er
regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die
Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen
Fen wanden; in groen gleienden Ringeln -- die ewige Versucherin der
Menschheit.




IV


Unterdessen sa Dietrich Siebenbrod gerade unter der breitschirmigen
Petroleumhngelampe des Moorluker Kruges, den er seit seiner Hochzeit
nicht mehr betreten hatte, und vor ihm stand ein groes Glas Branntwein,
was ebenfalls ganz gegen seinen Pakt verstie.

Aber sein Pakt war aufgehoben, war intzwei gegangen, wie er schon
mehrfach vor sich hingesthnt hatte, es war allens intzwei gegangen,
die lange Arbeit, und de fiv Kh, und das Haus und die
Sparkassenbchers, ja, ja und die fiv Kh.

Aberst warum? -- Warum?

Mit dumpfem Grollen schob der Fischer die langen Beine weit von sich
unter den Tisch, und nachdem er seinen Branntwein hinuntergestrzt,
strich er sich ber das erhitzte Gesicht, denn er konnte die Spirituosen
nicht mehr vertragen.

Smeckt nich mehr, der ltte Kirsch, seufzte er und steckte beide
Daumen in den Mund und bi darauf und schttelte sich und fuhr sich
durch die Haare und warf sich auf seinem Stuhl herum, als ob er die
richtige Lage nicht finden knnte. Und so war es auch, denn wie er sich
drehte, immer sah er durch die Tr, die der Schwle wegen weit offen
geblieben war und durch den Garten, in welchem die Bltter
herumwirbelten, auf sein eigenes Haus, up sin Hsing, das nun ein
fremder Barbier kriegen sollte.

Ja, ja, wie er sich um dies Haus Mh gegeben hatte, all damals, als der
selige Herr Klth noch lebte, denn, wei der Deuwel, es war ihm immer so
vorgekommen, als ob er der nchste Erbe des alten Lotsen sein wrde.

Und nu? Intzwei -- ganz intzwei.

Ja, ja, das kommt davon, wenn man in 'ne vornehme Familie heiratet.

Und dieser Pastor, der gar keine Ahnung von das praktische Leben hatte,
der gar nicht wute, was eigentlich ein Klwer bedeutete oder gar
Ballast und der keinen Hering von einer Rotauge unterscheiden konnte,
wodurch doch erst all das schne liebe Geld in die Sparkassenbcher
reingekommen war; der konnte nu ganz einfach kommen und alles
fortschenken, das Haus und die Sparkassenbcher und die Kh? -- I, das
stritt doch gegen jede Menschlichkeit. Ne, ne, blo nichts mehr hren
und sehen, hol alles der Deuwel, blo alles der Deuwel. Denn, wenn man
da dran dachte -- Mller noch ein Glas, sehr schn dein Kirsch -- kannst
mir gleich die ganze Flasche bringen, ich bleib heut lange, aus
Schabernack, aus purem Schabernack, prost.

Ja, das war heut morgen gewesen, in aller Frh, er hatte gerade nach der
langen Nachtfahrt sich auf den Schemel hinter dem Herd gesetzt, um noch
ein paar Augen voll zu nehmen, und Mudding, die neben ihm sa, hatte ihm
eben den Kaffeetopf aus der Hand gewunden, damit der nicht auf die roten
Ziegelsteine strze, da war der Hafenmeister in die Kche getreten, mit
der Meldung, der Herr Konsul Hollander htte eben selbst
heraustelefoniert, Siebenbrod mchte eiligst in das Kontor kommen. --

Mller, Mller, noch ein Glas -- --

Darauf das verwunderte Reden von Mudding.

Siebenbrod, sollst sehn, da stimmt was nicht.

Ja, Mudding, das hab' ich mir all lang gedacht.

Du auch? -- Du meinst doch nicht etwa gar wegen Bruno?

Ja, kuck, Mudding, wenn man bunte Oberhemden trgt und enge Hosen, dann
-- --

Was? -- ach du lieber Gott -- was meinst du, Siebenbrod?

Je, ich mein, dazu mu man geboren sein, Mudding. Und dann -- --

So sag' doch --

Hat mich auch gestern so viel ber unsere paar Groschen ausgefragt, und
ber unsere Kh, sieh Mudding, dabei hab' ich immer ein ungemtliches
Gefhl. Von so verschwiegenen Dingen spricht man doch nich.

Geh rasch! rief die kleine Frau und rang aus ihrem Stuhl die Hnde.
Geh blo.

Ja, ja, Mudding, ich geh ja all -- aber das sag' ich man, was Gutes
wird das nich.

In dem Kontor war er dann mit dem neuen Pastor zusammengetroffen. Es war
das kleine Privatkabinett des Konsuls, und ehe Stiefvater und Sohn noch
ihre Verwunderung ber das Zusammentreffen hatten austauschen knnen, da
war der Konsul bereits eingetreten, hatte sich auf das Ledersofa
geworfen, um mit niedergeschlagenen Augen, und als wenn er von sich die
grte Dummheit erzhle, seinen Besuchern das Vergehen und das
Verschwinden Brunos auseinanderzusetzen. Dabei war es fr den Fischer,
den das Ereignis nicht gerade sonderlich umzuwerfen schien, obwohl er es
dennoch fr familir und passend hielt, eine bedenkliche Miene
aufzusetzen, dabei war es fr ihn doch heil komisch gewesen, zu
betrachten, wie sich Hollander bei seiner Erzhlung zwar entrstet das
Knie rieb, anderseits aber schmerzlich-behaglich schmunzelte, wie
jemand, der zuletzt doch recht behlt.

Na ja, war 'ne riesige Dummheit von mir, hatte mich zum Schlu
wahrhaftig ebenfalls sicher machen lassen, kostet mich viel Geld die
Erfahrung -- aber schlielich, -- was habe ich gleich gesagt? Unsicherer
Kantonist, das Kerlchen! -- Na also, Herr Pastor, nun mchte ich mit
Ihnen noch eine Kleinigkeit besprechen, eine ganze Kleinigkeit. Kommen
Sie.

Damit waren die beiden in das leere Kassenzimmer getreten und hatten den
Fischer ruhig drauen sitzen lassen, als wenn er an der Angelegenheit
nicht weiter beteiligt wre.

Als der Zechende bei diesem Teil seiner Erinnerungen angelangt war,
schien ihn die Wut von neuem zu bermannen. Er stie mit den Fen gegen
die Tischbeine, da es krachte, und rief beinahe schmerzlich: Einen
Seidel und einen Schnaps zugleich, Mller -- und mach' die Tr zu, die
verfluchte Tr, damit ich nich mehr mein Haus sehen kann, -- mein
Hsing. -- Mak de Dr tau, Kirl. Prchtig -- gut der Schnaps -- gut das
Bier.

Da waren der Pastor und Hollander eine lange Weile in dem kleinen
Verschlag geblieben, und als sie endlich heraustraten, da hatte Paul
verweinte Augen gehabt, und dann war der Strandpastor schweigend mit dem
Fischer an den Hafen geschritten, von wo sie mit einem der kleinen
Fludampfer nach Moorluke zurckfuhren.

Aber diese Begleitung und das brtende Schweigen des stillen, wortkargen
Menschen, dem noch jetzt von Zeit zu Zeit ein Tropfen ber die Wange
lief, waren Siebenbrod allmhlich drckend geworden: Willst du -- --
wollen Sie denn zu meiner Frau? hatte er gefragt, whrend sie beide
neben dem Schornstein des Dampfers standen und in das aufwogende
Hafenwasser sahen.

Ja.

Was wollen Sie da?

Da will ich uns wieder ehrlich machen.

Was?

Der Fischer steckte beide Hnde in die Taschen und schlug ein grobes
Gelchter auf: Was! -- Ich will Ihnen eins was sagen, Herr Pastor, ich
hab' keinem was gestohlen, und deshalb bin ich auch keinem was schuldig,
verstehen Sie mich, Herr Pastor?

Der Hagere sah ihn an, verstndnislos, als habe er gar nicht auf die
Worte des anderen geachtet, nickte und beugte sich wieder ber Bord, um
die ganze Fahrt in das schwarze, strudelnde Wasser zu starren.

Den Fischer beachtete er nicht mehr, sprach kein Wort mit ihm, erkannte
ihn wohl auch nicht einmal, wenn sein Auge zufllig auf ihn fiel.

Ja, ja, wenn man blo ein Fischer mit Transtiefeln an den Fen war.

Mller -- Mller -- bring' mich noch mehr. -- Nun seh ich mein Hsing
nich mehr. -- Hurra, nun seh ich wenigstens nichts mehr -- das Haus nich
und den Pastor nich, und die alte Frau nich -- hol alle der Deuwel.

Und dann zu Hause.

Wie die alte Frau in Ohnmacht lag, und wie Hann ihre Hnde in kaltes
Wasser tauchen mute, und wie sie immer nach dem Spitzbuben rief. Und
dann wollte sie auch mit ihrem ltesten allein bleiben, und ebenso, wie
beim Konsul, sa der Mann auf der Bank am Flu und hielt die Hnde in
den Taschen und besah sich seine Pantoffeln, und dachte gemtlich: Wie
das woll wird?

Aber dann kam's.

Dann kam's.

Halunken, studierte Menschen, verrckte Weibsbilder, wollt ihr mich
woll vom Leibe bleiben! Mller, Mller, zu trinken. -- Was? -- Nu sieh
doch. Ihr wollt dem alten, lungrigen Fuchs, dem Hollander, sein
Verlorenes wiedergeben? Hr ich auch noch richtig? -- Mller, Mller,
hast's auch gehrt? Sie wollen fnfundzwanzigtausend Mark bezahlen? Ha
-- ha. Spa, Spa, das is ja blo zum Lachen. Nein? Ihr habt keine
ruhige Minute mehr? Und ihr meint das alles im Ernst? -- Da soll ja der
Satan -- aber was schert mich das alles? Meinetwegen. Wenn ihr soviel
Geld brig habt. Immer zu. Mir ist allens recht. Mudding hat vielleicht
soviel im Strumpf versteckt. Das nich? -- Sondern meine Spar -- kassen
-- bcher? Und -- ah -- das Haus?

Die Luft blieb dem Manne aus, der mit kupferrotem Angesicht in dem
einsamen Krugzimmer sa. In toller Wut schmetterte er ein Seidel auf das
andere, da die Scherben herumspritzten, und schleuderte das nchste
gegen die Wand.

Was? -- was? -- Mein Haus, mein Hsing, -- meine Bcher? Ihr seid woll
mall? Ich hab' nichts -- und ich geb' nichts. -- Acht Jahr gearbeitet
-- im Wasser gelegen -- und nu? -- Und nu? -- Bleibt mir vom Leibe, weg
-- weg.

-- -- Wieder schrie er nach Bier.

Aber was geschah nun?

Er stierte vor sich hin. Er sah es noch einmal, ganz deutlich. Aus dem
Stuhl, in dem sie so viele Jahre gesessen, richtete sich die gelhmte
Frau auf, langsam, ganz langsam. Und sachte, ganz sachte, streckte sie
die weie Hand gegen ihn aus.

Siebenbrod, ich hab' dir das Haus und das Geld so lange gelassen, --
aber nu will ich es wieder haben.

Mudding -- du willst -- mich -- mein Geld nehmen?

Siebenbrod, ich mu.

Mudding, berleg dich, wem gehrt das alles?

Mir gehrt es. Ich habe alles zugebracht, und das Haus und die
Sparkassenbcher sind auf meinen Namen geschrieben.

Das wohl -- das wohl, aber Mudding, das mit den Sparkassenbchern hab'
ich doch nur aus Vorsicht getan. Ich bitt' dich, um Gottes seiner
Barmherzigkeit, du willst mir doch nich meine paar Groschen nehmen? Das
einzige, was ich hab'?

Ihr strzten die Trnen aus den Augen. Sie sah aus, als ob sie sterben
wolle: Ich mu!

Nun dann -- dann hol' euch alle zusammen der Deuwel -- heulte er auf,
dann wei ich ja, mit wem ich's so lang zu tun gehabt hab' -- hier --
hier --

Er war auf einen Schub zugewankt, und nun flogen ein paar Bcher auf die
Erde, da die Fetzen herumflattern -- hier, Pastor, hier hast du's --
is 'ne ganze Masse -- und das Haus auch, das wollte ja immer schon der
Barbier haben. -- Und die Kh -- Herrgott, Herrgott, die Kh auch. Aber
was geht mich das an? Ich sag' weiter nichts, als hol' euch alle
zusammen der Deuwel, alle in einem Wagen. Ich hab' hier nichts mehr zu
suchen.

Und jetzt sa er in dem einsamen Krugzimmer, und drauen wirbelten die
Bltter, und es wurde dunkler und nchtiger.

Prost, Mller -- prost. Wie dunkel das drauen geworden is. Schmeckt
wunderschn, dein Bier. Aber wer kommt da? Is das nich oll Kusemann, der
da reinkommt? Richtig, setz' dich hierher, oll Kusemann. Hab' dich
frher nich leiden mgen, aberst heut bezahl ich alles. Hm, was sagst
du?

Je, ich bin nich neugierig, Siebenbrod, aberst is es wahr, was mich
Hann erzhlt hat, da du dein Haus -- --?

Ja, ja, wird verkauft.

Huch -- und das Vieh und die Boote auch?

Allens.

Herrje, man erschrickt sich ja frmlich, aber was machst du denn
spter?

Ich? -- Ich? Oll Kusemann, warum hast du auf einmal vier Augen und zwei
Nasen? Ich schlag dir eins ins Genick, wenn du das noch mal machst. Oder
ich hng dich hier an den Trpfosten auf. Aber sag' eins, du bist ja ein
kluger Kopf, wie is das eigentlich mit dem Aufhngen? --

Das? -- das? Ne feine Sache soll das sein. Da hrt man Musik, wie auf
einem Tanzboden, aber du wirst doch nich --

Schnack. Oh, das Leben is mal recht dmlich. Als ich klein war, da hab'
ich mich immer ne Spieldos gewnscht, und nu -- aber wollen trinken. --
Die Geschicht mit der Musik gefllt mir -- das lgst du doch auch nich?
-- Wollen trinken -- immer mehr -- immer mehr. Pfui, das Leben riecht
wie ein fauler Hering. -- Pfui, pfui!

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

In das kleine Lotsenhaus war gegen Abend neue Verwirrung eingedrungen,
als Paul zum zweitenmal erschienen war, um, wie er vorgab, sich nochmals
nach der Mutter zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Hann beiseite zu
ziehen und ihm allerlei wirre Andeutungen ber Line zu geben. Der junge
Geistliche war ganz gebrochen. Und als die beiden Brder in der
Dunkelheit auf dem Flur standen, dort miteinander flsternd, damit in
der Stube die Mutter, die ohnehin leise vor sich hinweinte, nichts
bemerke, da mute der Pastor sich an dem Holz der Haustr festhalten.

Da sie so sinken konnte, murmelte er vor sich hin und rttelte
beinahe an der Klinke, da sie so schlecht werden konnte.

Hann stand neben ihm, in seinen blauen Drillichhosen und mit der offenen
Schifferjacke, das plumpe Haupt, auf dem die strohblonden Haare bereits
sprlicher herunterfielen, war ihm tief auf die Brust gesunken. Er mute
sich mehrfach ruspern, ehe er antworten konnte. Auch so klangen seine
Worte noch gepret genug.

Ja, entgegnete er mhsam, sie wird ihn wohl sehr lieb gehabt haben.

Der Strandgeistliche atmete hrbar: Aber sie hat ihn zu
Schlechtigkeiten verfhrt, sie hat gehandelt wie eine -- -- --

Hier sthnte er laut auf.

Ja, sagte Hann vor sich hin, mich dnkt, die eine Liebe is hei und
die andere kalt -- die eine will in Seide gehn und die andere in
Pantoffeln. Es kommt allens so, als es kommt.

Aber wir mssen unsere Natur bezwingen.

Ja, schttelte Hann traurig das Haupt, das sagt ihr so. Ich hab'
immer gedacht, um viele Naturen wr' es dabei doch schad. Kuck, Line zum
Beispiel war mich immer gerade so recht.

Der Pastor sah den Schiffer zweifelhaft an, dann lenkte er rasch ab, und
indem er die Flurtr ffnete, durch die bereits die Dunkelheit
hereinsah, klagte er: Nacht. Wie sollen wir sie jetzt finden?

Mssen sie eben suchen, versetzte Hann halblaut, obwohl seine Stimme
stark zitterte. Dabei bckte er sich und hob von der Diele eine groe
Stallaterne empor, die er ansteckte.

Ein wunderliches, verschwommenes Licht fiel nun ber den
rotgepflasterten, langen Gang.

Wenn sie sich ein Leid angetan htte, fuhr der Pastor fort, und wieder
zitterte die Tr, als ob er an ihr gerttelt htte.

Hann fuhr zusammen. Die Laterne baumelte in seiner Hand hin und her.
Dann dachte er nach.

Nein, schlo er endlich und strich sich die Haare aus der Stirn. Line
hat das Leben lieb; daher kommt woll auch alles.

Wieder traf ihn ein verwunderter Blick des Bruders, dann aber trat Paul
auf ihn zu und drckte krampfhaft die Hand des Fischers. Alle geistige
berlegenheit schien weggewischt.

Wie soll es hier nur werden? fragte er und drngte sich immer mehr an
die Seite des Bruders. Sieh, ich -- ich trete am ersten Juli meine
Stelle auf dem Walsin an, und die Hlfte von meinem Gehalt, die gehrt
euch natrlich. Aber die Pfrnden eines Strandgeistlichen sind knapp,
mehr wrde ich bei allem guten Willen nicht erbrigen knnen. Aber du,
Hann, du armer Junge, wie wirst du hier alles zusammenhalten knnen? Und
noch dazu bei diesen Vorwrfen von Siebenbrod, wenn das Haus erst
verkauft wird und das Vieh? Er ist ja auch tief zu bedauern, der arme
Mann. Aber dann -- was wird dann?

Oh, sagte Hann und suchte in seinem Geiste nach etwas, was den schwer
Bedrngten trsten knnte, wobei er schief in seine Laterne
hinunterblinzelte: Sieh, Paul, eins von den drei Booten bleibt uns ja,
und wenn Siebenbrod auch nicht mehr mithalten will, mit dem Boot werd'
ich schon wieder von vorn anfangen. Es wird schon gehen. Und dann, ich
wei hier eine Stube und eine Kche, wo auch ein Fenster auf die See
zugeht, damit Mudding dran sitzen kann. Die mieten wir uns. Weit du,
bei Klaus Muchow, bei dem Taubstummen, du kennst ihn ja. Und da richten
wir uns ein, so gut es eben gehn will.

Es klang soviel Gutherzigkeit aus den einfachen Worten, da Paul sein
Gefhl nicht lnger unterdrcken konnte, sondern mit einer krampfhaften
Bewegung die Wange des plumpen Burschen zu streicheln begann.

Aber hast du auch bedacht, lieber Bruder, stammelte er, da du mit
diesem Vorsatz dein ganzes Leben unserer Familie zum Opfer bringst? Hast
du das auch bedacht?

Ja, wenn es aber nun nich anders einzurichten geht?

Lieber Junge -- und er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter,
aber deine Braut? -- Denkst du auch daran? -- Klara Toll? Was wirst du
der sagen?

Hier senkte Hann tiefer und tiefer sein Haupt und lie die Laterne
schaukeln, als wenn der Wind sie triebe. Ja, kam es endlich schwer aus
ihm heraus, das arme Mdchen -- htt' ihr auch was Besseres gewnscht.
Aber, seufzte er hinterher, sie verliert woll nich viel an mir.

Als sie so sprachen, fuhr durch die Tr ein Windzug, der heulte durch
das Haus und lie die Bodenklappen zittern und lschte Hanns Laterne
aus.

Line, rief der unwillkrlich, denn ihm fiel ein, da die Unglckliche
noch immer unterwegs sein knnte, und whrend er seine Leuchte mit
tappender Hand von neuem entzndete, warf er hastig die Frage hin: Und
Lining? -- Was wird aus der?

Der Pastor murmelte etwas. Dann schlug er den Mantelkragen in die Hhe,
und nachdem er auf die Strae hinausgetreten war, hrte Hann, der an
seiner Seite geblieben war, wie der Geistliche in Aufregung hervorstie:
Wenn ich sie doch nicht von mir gelassen htte. Wenn ich sie doch
gehalten htte, wie es meine Pflicht war. Aber sobald wir sie wieder
haben, und es kann mit Ehren geschehen, dann nehme ich sie mit mir -- --
bei mir -- -- --

Das brige verwehte der Wind.

Dann gingen sie weiter, sie zu suchen.

                              *     *     *

Durch die sternenlose Nacht heulte ununterbrochen der Wind. Der Flu
wlzte rastlos schwarze Wellen zur Mndung, rascher, immer rascher; aber
drauen, dem groen Wasser, dem nimmersatten, konnte es nicht genug
werden, und es erhob sich wie ein Geizhals, wie ein Glubiger, der
eintreiben will, und schrie: Mehr -- mehr!

Hei, wie zauste und whlte jetzt der Wind in den Binsengebschen, wie
trieb er den Flu stoend gegen sie an, und wie murmelte und gurgelte es
dann zwischen den Grsern.

Nun wurde wieder ein Stck festen Landes mrbe, nun bullerten kleine
Blasen in die Hhe, und der Fu, der dort stand, sank ins Feuchte.

Und dort stand wirklich jemand, ein junges Weib, dem die Haare um das
Haupt wehten, dem die Rcke vor dem brausenden Sturm um den Leib
wirbelten, es stand und hielt sich an den hochgewachsenen Stauden fest
und lugte bald zu den kleinen Lichtern hinber, die aus den Moorluker
Huschen herausdmmerten, bald kehrte es sich zu dem Kreuzweg zurck, wo
die Fnge der alten Windmhle in rasender Eile im Kreise schwirrten.

Es sah aus, als ob dort ber dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste
Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flgeln schlug, und wenn sie
von Zeit zu Zeit ihr: Rah-rah schrie, dann ging ein halb wildes, halb
irres Lcheln ber das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her,
als wte es keinen Entschlu zu fassen.

Ja, dort drben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus
dem Lotsenhuschen. Da sa gewi noch Mudding und strickte an dem ewigen
Strumpf. Sie sa sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des
Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne
den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich
gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen
durchgekrochen kam, um dann zuckend ber das Wasser zu spiegeln. Aber
als das Mdchen der oben vorbertappenden Gestalt mit den Blicken
gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes,
hmisches Gelchter ausstoen mssen.

Freilich, leise -- leise, damit der oben es ja nicht hre, denn sie
wollte sich nicht aufstbern lassen.

Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in
dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und -- da
-- jetzt stolpert er. -- Sie lachte boshaft.

Und dort drben in das verrucherte Huschen wollte sie wirklich wieder
einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den
vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Drfler?
Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzhlen wrde von Tr zu Tr?
-- Und die rohen Scherze von Siebenbrod --?

Rah-rah, schrie die Fledermaus dazwischen.

Nein.

Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Rcke
enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen,
beschrnkten Trpfen lie sie sich nicht herab. Zu Frulein Dewitz auch
nicht. Alles kleinliche, spiebrgerliche Menschen. Und dann -- und dann
-- sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend ber die
vorberwallende Flut --, sie wollte berhaupt nichts abbitten, nichts
beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? -- Namentlich
jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? -- Ihr schien, sie htte nichts
zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer
trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, da es doch eine wilde,
freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stbchen die Schuld
ber sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem
Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zrnen; sie hatte ja
alles so gewollt -- und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen,
sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe
haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwrts, der
moorige Boden gab nach, eiskalt scho es an ihr vorber.

Noch einen Schritt; sie taumelte, ber die Knie bereits stieg diese
furchtbare, bezwingende Lhmung.

Rah -- rah, schrie die Fledermaus auf dem Kreuzweg und schlug wie toll
mit den Flgeln durch die Nacht.

Aber warum klammerte sich Line in Todesangst an die schwanken Binsen,
warum griff sie immer nach neuen hinter sich, sobald sie einen Bschel
abgerissen hatte, warum arbeitete sie sich zurck und lief, wie gehetzt,
fast bis unter die Windmhle zurck?

Dort stand sie mit rasend klopfendem Herzen still. So war sie am
Vormittag schon einmal geflohen, aber jetzt, warum jetzt wieder? In
einen verzweifelten Schrei brach sie aus und prete die Hnde gegen die
Schlfen. Noch suchte sie sich in ihrer Umnachtung zu berreden, es wre
nur der Ort, der ihrem Vorhaben nicht gnstig wirke. Ja, ja, weiter
oben, wo das Ufer schroffer, wo die Steinmauern sich dehnten -- -- --

Wieder trieb sie es, nach der bezeichneten Stelle zu rennen, aber ihre
Fe wurzelten gegen ihren Willen fest, und whrend sie wie ein
furchtgeschttelter, schwacher Mensch aufheulte, klammerte sie sich halb
besinnungslos an die Unterbalken der Mhle an, als wollte sie sich
selbst verhindern, noch einen einzigen Schritt weiter nach der Mndung
hin zu richten.

Nein, sie wollte nicht, sie wollte nicht, sie war noch so jung, es mute
noch einen Weg geben, sie war ja stark und trotzig, und sie hatte das
Leben so lieb, so lieb -- -- --

Ich will nicht, stammelte sie in ohnmchtiger Auflehnung, ich will
nicht.

ber den Landweg irrlichterierte schwankend hin und her -- ein groer,
leuchtender Funke. Manchmal verglimmte er, dann sprang er wieder empor,
wackelte langsam nher und begann eine Lichtbahn vor sich her zu werfen.

Die traf auf das Fachwerk der Windmhlenflgel, dann kletterten die
Strahlen ber die Unterbalken, und nun huschten sie ber das Haupt und
die zerzausten Haare des jungen Weibes.

Als sie das Licht merkte, richtete sie sich gierig auf, auch der
Leuchtkfer hielt inne, in betrchtlicher Entfernung, wie erschreckt.

In der unwegsamen Nacht, bei dem heulenden Winde, der Sto auf Sto
gegen die Mhle fegte, starrten die beiden Menschen zueinander herber,
beide das Licht segnend, das trstliche, gttliche, ohne das sie sich
nicht gefunden htten. Aber es war nur der erste Augenblick, der in dem
gejagten, jungen Geschpf friedlichere Gefhle wecken konnte, dann
stemmte sie sich mit beiden Armen ber den Balken, auf dem sie lehnte,
und ohne auf ihre triefenden Rcke zu achten, rief sie zu ihrem Retter
hinber, in einem Ton, der deutlich erkennen lie, da sie jedes
Einmischen in ihr Leben mit Feindseligkeit zurckweisen wrde: Hann,
was willst du hier?

Lining, bist du's?

Du siehst ja.

Ein Atemzug der Erleichterung kam von Hann.

Der Leuchtkfer kroch wieder einen Schritt nher, seine Strahlen trafen
die Fe des jungen Weibes und ihre Rcke, von denen das Wasser
herableckte.

Hann zuckte zusammen, als ob ihm etwas wehe tte, und seinem natrlichen
Sinn leuchtete sofort ein, was er hier etwa verhindert haben knnte.

Schwerfllig hob er die Laterne und gedachte auch das Gesicht der
frheren Hausgenossin, die er bewut oder unbewut so lange entbehrt
hatte, zu erhellen, da rief sie wieder, nur schrfer, erbitterter und
ganz in dem Gefhl, da sie sich gegen das Mitleid dieses Bauern zu
wehren htte: Hann, wie kommst du um diese Zeit auf die Landstrae? --
Was machst du hier?

Ich? -- O Lining -- --

Und der Fischer, der nie log, empfand sofort, da er ihr jetzt um keinen
Preis gestehen drfe, wie sehr er nach ihr gespht habe.

Oh -- Lining, brachte er hervor, indem er trotz alledem die Wahrheit
sagte, ich hatt' hier was verloren.

Du? Sie bog sich weiter ber ihren Balken vor, der sich wie zum Schutz
zwischen ihnen reckte, und schttelte wild das Haupt.

Das war wohl was sehr Kostbares? hhnte sie rauh. Oh, und dabei tat es
ihr heimlich doch wohl, mit einem Wesen von Fleisch und Bein reden zu
knnen, wenn es auch nur Hann war.

War es etwas sehr Kostbares? rief sie nochmals und stampfte mit dem
Fu, denn es qulte sie, da man drben in dem Huschen ihre Schande
wahrscheinlich schon kannte, und da dieser Tlpel sie mit einer Laterne
gesucht haben sollte.

Was Kostbares? fragte Hann schwerfllig dagegen und starrte wieder
durch die Nacht auf ihren wasserschweren Rock, von dem die Feuchtigkeit
unaufhaltsam herabrieselte. Lining, es will keiner gern was verlieren.
-- Aber du -- -- in seiner Einfalt beschlo er, sie von ihrem Verdacht
abzubringen, und das stellte er so an: Aber es is gut, da ich dich
grad hier treff', denn du wolltest doch gewi zu uns rber.

Die ehrliche Haut verga, da es eben vom Moorluker Kirchturm elf
geschlagen hatte, und da man in dieser Sturmnacht nicht die Hand vor
Augen sehen konnte.

Aber Line wurde durch die plumpe Gutmtigkeit, die sie so deutlich zu
schonen suchte, nur noch mehr erbittert: Was geht es dich an, wo ich
hin will? schrie sie heftig zu ihm hinber, whrend sie in Wut auf den
Balken schlug. Oh, sie wollte so gern diese Leute beschimpfen, die sich
in ihre Selbstbestimmung drngten, und auf der anderen Seite wnschte
sie so sehr, gerettet zu werden. -- Das ist das Leben.

Und Hann hrte in seiner Angst um die Irrende die Beschimpfung gar nicht
einmal heraus. Langsam, vorsichtig, als knnte sie durch jeden Schritt
verletzt werden, tappte er nher, bis er endlich die Laterne zwischen
sich und das Mdchen auf den Balken stellen konnte. Und sofort hielt die
Frierende beide Hnde ber das Licht.

Jedes Geschenk des Lebens nahm sie gierig an.

Es war ein wunderliches Bild, das die beiden jetzt boten: das junge
frierende Weib mit den zerzausten Haaren und dem wilden, unsteten Blick,
und ihr gegenber der ungelenke Mann in der flatternden Schifferjoppe
und dem geduckten Haupt, beide unter der Mhle und bestrahlt von der
Laterne.

Lining, hob Hann wieder an, denn er frchtete nichts so, als seinen
kostbaren Fang aus dem Netz zu verlieren. Is doch gut, da ich dich
hier treff', denn du wolltest gewi zu uns herber, und da die Brcke
gebrochen ist, so mu ich dich in der Fhre rberschaffen.

So? Ist sie gebrochen? wiederholte sie verchtlich. Aber Hann hielt
fest, ganz dicht stand er jetzt vor dem Balken, so da das zuckende
Licht von unten sein Gesicht berhuschte.

Natrlich, Lining, is sie gebrochen. Hast du das vergessen? Aber du, --
du hast gewi von dem Unglck bei uns gehrt. Und da wolltest du kommen,
um Mudding zu trsten. Is nich so?

So hell war der Lichtkreis um die beiden geworden, da die argwhnische
Line sofort an seinen scheu auf sie gerichteten Augen erkannte, wie sehr
der Tlpel alles wute.

Oh, sie htte ihn dafr mit der geballten Faust ins Gesicht schlagen
mgen.

Wozu verstellst du dich? fuhr sie ihn an und ri an seinem Arm. Du
weit ganz gut, da ich alles frher wute, wie ihr. Wozu soll das?

Hann hielt still.

Lining, ich sagte man so. Aber dann weit du gewi auch, da unser Vieh
verkauft wird, und die Boote, und das Haus.

Das Haus auch? schreckte Line zusammen, whrend sie unwillkrlich nach
der Richtung der leuchtenden Fensterchen herumfuhr.

Ja, das Haus auch, und wir mieten uns nun ein Stbing und 'ne Kche bei
Klaus Muchow.

Als er von diesem Zusammenbruch sprach, da begann das Herz der
Verstrten wieder zu hmmern, in rasendem Schlag, sie hob ihre Finger
zum Munde und bi darauf herum. Wilde Verzweiflung durchstrmte sie
wieder.

Warum, warum war sie vorhin nicht unter den Binsen verschwunden? Nur
einen Schritt galt es doch noch, und das Bett war so weich gewesen.
Nein, nein, jetzt wollte sie nichts weiter hren. Mit einer Bewegung,
unter der sich ihr ganzer Krper zusammenkrmmte, schnellte sie von dem
Balken fort, und im nchsten Augenblicke wre sie in der Nacht
verschwunden gewesen, wenn nicht Hann in seiner Angst bereits den
Querbaum bersprungen und sie nun an beiden Armen festgehalten htte.

Feste, klammernde Fischergriffe, unter denen sie sich in aufsteigender
Wut hin und her wand.

Was heit das? -- La los!

Hier sind viel Maulwurfslcher. Ich dachte, du knntest fallen.

Das is nich wahr. Du weit was. Du willst etwas anderes von mir!

Lining, komm hier an die Laterne.

Weg!

Lining, ich kann dich nich so fortlassen. Sieh, es is Nacht. Ich -- ich
glaub' auch, du hast dich mit Frulein Dewitz erzrnt.

So? Glaubst du?

Sie lachte, sie schrie auf.

Und da Mudding jetzt so im Unglck sitzt, so -- oder wenn du nich zu
uns willst, so hat Paul davon gesprochen, da er dich mitnehmen mchte
auf den Walsin. -- Willst du das?

Da hatte sie sich losgeschttelt und stie ihn zurck.

Zu Paul? -- In das Pastorhaus?

Mit einem Sprunge war sie an der Laterne, und unter einem schrillen Ruf,
aus dem die Verzweiflung alles Weibliche genommen hatte, hielt sie die
Leuchte hoch vor Hanns Antlitz in die Hhe, ob er etwa in dieser
grausigen Umgebung Spa mit ihr zu treiben wage.

Aber des Burschen blaue Augen blickten sie in dem Lichtschein so
bekmmert an, da ihr die Laterne pltzlich klirrend auf die Erde sank.

Ihr schwindelte, die Mhle wankte einen Augenblick vor ihr auf und ab,
die Nacht tanzte vor ihr, so da sie sich auf den Balken setzen mute.
Zorn, Todesangst und Erschpfung hatten ihr alle Sehnen durchschnitten,
kraftlos sanken ihre Hnde gefaltet in den Scho und ihr Haupt neigte
sich zur Seite, so da Hann erschreckt es mit beiden Hnden sttzen
mute.

Zu Mudding? murmelte sie traumverloren.

Ja, Lining, oder zu Paul.

Komm her, Hann, ich will dir was sagen.

Und als er sich zu ihr hinabbeugte, nherte sie den Mund seinem Ohr, um
ihm etwas zuzuflstern. Doch unvermittelt hielt sie inne.

Stell' die Laterne erst hinter uns.

Still folgte er ihr.

So hockten nun beide zitternd da, vor ihnen Nacht und hinter ihnen das
Licht. Dann nherte sie ihre Lippen von neuem seinem Ohr und flsterte
etwas. Erst stockend, dann heftiger, zum Schlu zornig, wie eine
Anklage. Es war der Grund, warum sie fr immer von einem Pastorenhause
getrennt war -- es war ihr Schicksal.

Hann sa da, still und geduckt, und sank immer tiefer in sich zusammen.
Er nickte und nickte, und so oft sie, ihn beobachtend, eine Pause
machte, nickte er strker, wie jemand, der etwas Freudiges oder
Natrliches hrt. ber dem armen Burschen war jetzt die Stunde, wo das
menschliche Herz langsam anfngt zu bluten, um nie mehr ganz zu
verharschen.

Aber er nickte immer ernsthaft und beistimmend.

Kann ich zurck? fragte sie am Schlu.

Lining, erwiderte er mit halber Stimme, ber die Frage mu ich mich
wundern. Wozu is ein Elternhaus da, als da es Gutes und Schlechtes
aufnimmt? Wr' es anders, knnt' es mich gestohlen werden. Komm,
Lining.

Eine Viertelstunde spter hrte man die Ruder auf dem Flu klatschen.
Hann fhrte seine Pflegeschwester heim. Als ihr Fu die Schwelle
berhrte, zuckte sie zurck, und noch einmal schien ihr die Nacht
lieblicher als die fischdurchduftete Engnis, aber Hann schob sie sanft
auf den Flur.

Rabenschwrze lagerte hier.

Furchtsam drngte sich die Heimgekehrte an ihn. -- Und als er leise --
leise die Tr schlo, damit Mudding nicht gestrt wrde, da fhlte er
pltzlich unter Herzklopfen, wie eine weiche Hand ber seine Wange fuhr,
und wie neben ihm etwas leise aufschluchzte.

O Lining, murmelte er zerschmettert.

Allein ihre Zerknirschung dauerte nur einen Moment, dann vernahm der
Fischer, wie das Mdchen, das er in der Finsternis nicht sehen konnte,
rasch aufatmete und mit Bestimmtheit fragte: Hann, was du mir
versprochen hast, das bleibt so?

Natrlich, Lining.

Gut, dann gehe ich jetzt nach oben, in meine alte Kammer. Und morgen
spreche ich mit Mudding. -- Gut' Nacht.

Gute Nacht, Lining, schlaf wohl, es is die erste Nacht, die du wieder
bei uns schlfst, hrst du?

Ja, geh du jetzt auch zu Bett, Hann.

Dann huschten leichte Tritte die Stiege hinauf.

Hann horchte hinter ihnen her, dann griff er sich nach dem Herzen, als
ob dort etwas nicht in Ordnung wre. Schwer, schwer seufzte er auf.

Seine Laterne hatte er bereits vor dem Hause ausgelscht, damit ihr
Schein nicht zu Mudding drnge, die jetzt in der groen Stube neben dem
Flur schlief.

Die Kranke aber mute dennoch das Gerusch des Eintretens bemerkt haben,
denn durch die Tr drang eine feine, zitternde Stimme: Hann -- bist
du's?

Ja, Mudding.

Ein Seufzer folgte in der Stube.

Mudding, fehlt dir was?

Ach nein, mein Jung' -- aber Siebenbrod -- er is noch immer nich da.

La gut sein, Mudding, ich schlie' die Tr nich zu. Ich werd' hier
warten.

Drinnen die Kranke uerte sich zu diesem Vorschlag nicht weiter -- sie
warf sich noch ein paarmal hin und her, dann wurde es still.

Drauen auf dem Flur stand ein ungefger, blau angestrichener
Holzkoffer, das einzige Gut, das Siebenbrod mit in die Ehe gebracht
hatte. Auf diesen Schrein setzte sich Hann, sttzte die Ellbogen auf die
Knie und hielt seine Nachtwache.

Drauen summte der Wind, pfiff manchmal und heulte. Die Dorfuhr schlug,
Viertel auf Viertel, der Flu rauschte, und die Pappeln chzten und
schttelten sich, Hann spann an seinen Gedanken fort.

Schwere Gedanken, die nur ungern ein Gewebe werden wollten.

Da oben schlief sie nun.

Und er, er war ein Brutigam und hatte sich doch tglich danach gesehnt,
da die Kammer wieder von ihrer Bewohnerin besetzt werden mge.

Hier war eine Lcke, ein Bruch in seinen Gedanken, an dessen spitzen
Trmmern er sich die Stirn zerstie, genau so wie damals, als er auf den
Anker gestrzt war, und Klara Toll ihn gepflegt hatte.

O Klara!

Er hielt sich den Kopf, damit er nicht wirklich springe, dann lauschte
er wieder nach der Stiege, ob da nicht ein leichter Schritt laut wrde.
Denn er mitraute Line. Ihr konnte es einfallen, trotz aller seiner
Versprechungen zu entwischen.

Lange starrte er hinauf und lauschte.

Aber nichts regte sich mehr, nur die Hauskatze hrte er auf samtnen
Pfoten vorberschleichen.

Schmerzlich wandte der Beobachter das struppige Haupt zurck, und seine
Gedanken verknpften sich wieder.

Mein Gott, wie war die Jugendfreundin, die er so lieb gelabt hatte, so
liebing, wie war sie zurckgekehrt? In Schande, ins Elend gestoen. Und
von wem? -- Von seinem Bruder, der sie htte hochhalten mssen.

Er dachte weiter und fragte sich: War sie nun wirklich schlecht? --
Schlechter als frher?

Je, wer konnte das wissen? -- Ich wei es nich. Denn ich hab' solch eine
Stunde, nach der sich doch alle Menschen und selbst das Vieh heimlich
sehnen, noch nich erlebt. Aber mich dnkt, wer ein Richter ber was sein
soll, der mt' das auch alles erlebt haben.

Und is das nich eigentlich komisch, da das schlecht sein soll, woran
die Menschen doch so viel denken, und was sie sich wnschen? Und
schlielich, solch einen neuen Menschen in die Welt gesetzt zu haben, is
doch auch ein kleines Verdienst. Und wenn ich mir so berleg', was
herrscht nich fr Freude, sogar bei Siebenbrod, wenn eine Kuh kalbt, und
da wollen sich nun viele Leute wirklich so vergehen, da sie ein
neugeborenes Menschenkind, was doch viel mehr is, nich gern in die Welt
reinlassen wollen? Oh, pfui -- ne, dafr will ich woll sorgen.

Aber bei dem Wort sorgen fiel ihm schwer aufs Herz, was er ohnehin
schon alles gegen Line auf sich genommen htte. Ach, was war sie doch
anders, als er sich es vorgestellt hatte. Wie wild, wie trotzig, wie gar
nicht ein bichen demtig war sie. Und was hatte sie sich alles
ausbedungen, bevor sie sich, noch immer ungern und sich strubend, von
ihm hatte in den Kahn ziehen lassen.

Er seufzte.

Sie war doch ganz anders, als er immer gedacht hatte, eigentlich so, wie
ein rechter Mensch nicht sein sollte, denn sie dachte stets an sich. --
Und wie wrden nun die nchsten Tage werden? -- Morgen schon, wenn
Siebenbrod die neue Hausgenossin vorfinden wrde.

Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr; drauen schlug die Dorfuhr
einen mchtigen Schlag.

Eins.

Schon so spt, und Siebenbrod immer noch nicht da? Der Wartende kroch
von dem Koffer herunter, machte ein paar Schritte, um sich die Glieder
auszurecken, und zog sich wieder auf den blauen Schrein zurck.

Es hatte eben zwei geschlagen, als er von neuem auftaumelte: Herr Gott,
es dmmerte schon. Ein neuer Sommermorgen guckte bereits durch das
kleine Stckchen Glas, das oben an der Haustre eingesetzt war. Drauen
zirpten die Schwalben, und der Frhwind strich ber den Flu. Doch in
dem Flur woben noch graue Schleier hin und her, aus denen sich
undeutlich nur die roten Fliesen heraushoben.

War Siebenbrod schon da?

Ganz zerschlagen kletterte der Wchter von seinem Sitz herunter und
wollte eben leise das Haupt an die Tr des groen Zimmers legen, als in
der Ecke hinter der Haustre etwas seinen Blick fesselte.

Zgernd richtete er sich auf, sah sich um, rieb sich die Augen und
starrte wieder in die Ecke, die die Spinnen ganz mit grauen Geweben
angefllt hatten.

Herr Gott!

Er rief leise: Siebenbrod.

Nichts regte sich.

Aber das war er doch? Dort stand er doch in der Ecke, den breiten Rcken
dem Beobachter zugekehrt und so sonderbar gro?

Noch einmal rief Hann mit halber, heiserer Stimme, die ihm nicht recht
aus der Kehle wollte, jedoch der riesige Fischer regte sich nicht. Er
stand, um zwei Haupteslngen hher als Hann, den struppigen Kopf mit den
schwarzen Haaren, von denen die Mtze heruntergeglitten war, eng der
Ecke zugekehrt, wie wenn er sich schme.

Jesus -- Christus, sprach Hann ganz langsam, und mit vorgestreckten
Armen, als ob er sich gegen Spuk schtzen wolle, schlich er nher, bis
er mit dem Finger scheu den Rcken des Riesen berhren konnte.

Siebenbrod.

Siebenbrod, warum bist du heut so gro?

Gott erbarm sich, Siebenbrod, du stehst ja in der Luft?

Aber als keine Antwort kam, sondern die Gestalt unter dem Druck von
Hanns Finger unmerklich hin und her schaukelte, da versuchte der Bursche
in seinem Entsetzen das letzte Mittel, das, wie er sich erinnerte, oll
Kusemann als untrglich gepriesen hatte.

Mit raschem Griff ri er dem Hngenden drei Haare aus und legte sie ihm
in Kreuzform auf die Fe. Allein Siebenbrod hatte bereits die Klnge
seiner Musikdose vernommen, nach denen er sich schon als Kind so
leidenschaftlich gesehnt hatte, und schaukelte deshalb unempfindlich
gegen Hanns Zauber weiter, ja, er begann sich jetzt sogar um sich selber
zu drehen. Da schnitt ihn Hann kurz entschlossen herunter.

Als der Morgen graute, da lag vor dem blauen Koffer, den der Bootsmann
einst als einziges Gut in die Ehe mitgebracht hatte, ein braunes Stck
Segeltuch, unter welchem sich undeutlich die Umrisse eines
hingestreckten Krpers abhoben, und auf dem Koffer sa Hann und hielt
lautlos die Leichenwacht. Und immer wieder guckte er hinunter und fragte
sich: Da liegt er nun so still, so mucksenstilling, und soll doch mal
auferstehen? -- Und wenn Mudding man in den Himmel kommt, dann findet
sie nun zwei Mnner vor. -- Wie das wohl is? -- Und ob der liebe Gott
wohl kleiner wrd', wenn das Wiederfinden man solch ein Trostmrchen von
die Pastoren wre? -- Ich wei es nich. -- Aber hr', da drauen krht
all der Hahn -- und da noch einer und wieder einer.

O Siebenbrod, jetzt takeln die anderen Fischer ihre Boote ab und gehen
zur Ruhe. Und du hast dich all so viel frher hingelegt. Darin liegt
wohl das, was unrecht is, und was die Menschen nich verzeihen mgen.
Denn ich denk mich man, durch das Leben kriegen wir doch erst all die
anderen Gottesgeschenke. Und sieh, jetzt kommt es mich auch so vor, als
ob das Leben selbst doch wohl mit das hchste Glck sei. Denn die Sonne
und die Sterne und das Wasser nie gesehen und niemals eine menschliche
Stimme gehrt zu haben, wie zum Beispiel Line ihre, das is wohl das
Aller -- -- Allerschlimmste. Kuck, Siebenbrod, und all das wegwerfen,
nein, ich mu dich sagen, darin liegt mehr als Snde, darin liegt
Dummheit.

Und als er das sagte, da schmetterte laut und lebensvoll der Hahn, und
immer heller fiel das Morgenlicht auf das braune Segeltuch.




V


Zwei Monate spter.

Die Herbst- und Reisemonate sind vorber. Oll Chronos schmierte um diese
Zeit seine Karre. Er will den Sommer abholen und nebenbei die fauligen
hren von den Feldern lesen, denn in solch mrbegewordenen Sommertrieben
liegt neuer Dung.

In der Kche der kleinen Katenhtte, in der Hann und Line jetzt zur
Miete wohnen, sitzt der Besitzer des Hauses, der riesige Fischer Klaus
Muchow, auf seinem Schemel und hlt sich mit weit ausgespannten Armen an
zwei eisernen Haken der lichtblauen Mauer fest, weil ihm seine Frau
sonst unmglich die gewaltigen Transtiefel ausziehen knnte, die wie
Pech an seinen Fen kleben.

Ne, atmet Frau Fiek[8] nach einigen vergeblichen Versuchen, und die
starkknochige Frau, die ebenfalls eine blonde Riesin ist, wischt sich
den Schwei, nein, wenn ich dich das nich seit dreiig Jahren angewhnt
htt', und du mir nich bis jetzt jeden Stiefelzieher zerbrochen httest,
hr', Mann, ich wrd's nich mehr tun. Da gehrt ja ne Maschine dazu oder
doch zwei Pferde.

Der Riese grinst wohlgefllig, verzieht das blondumbrtete Maul und
versucht, sich fester an den Haken zu klammern, wobei er aber das
fulange Eisen ausreit.

Jetzt gert er in Zorn, besieht sich das Eisen, schleudert es in den
Holzkorb und brllt, da der kleine, kaum sieben Fu hohe Raum
erzittert: Stwelwichs -- Stwelwichs![9]

Hast recht, antwortet darauf Frau Fiek ruhig, der Schmied hat sie
nich ordentlich eingehauen.

Hier knnte man nun einsenden, da Frau Fiek ihrem Klaus ganz unlogisch
antwortete, denn der Riese hat doch augenscheinlich Stiefelwichse
verlangt, von deren Anwendung er vielleicht eine Erlsung von seinen
Transtiefeln erwartete. Aber wer das denkt, der zeigt eben, da er das
strkste Moorluker Ehepaar gar nicht kennt, denn eben hat Frau Fieks
eiserne Faust das Leder dennoch heruntergezogen, und der Gatte brllt
nun in allen Tnen der Freude: Eierkauken -- Eierkauken.[10]

Damit ist Klaus Muchows Wortschatz beendet, denn das blonde Neptunshaupt
ist taubstumm, und erst nach langen Mhen hat ihm Frau Fiek diese beiden
Worte beigebracht, die er nun fr jede Gemtsregung anwendet.

Klaus Muchow ist seelensgut, er hat alles lieb, mit Ausnahme einer
Bchse Stiefelwichse, die ihm einstmals in der Dunkelheit und in der
Abwesenheit seiner Frau an den Mund geriet, um dann allerdings von ihm
in hchstem Grimm in den Rick geschleudert zu werden. Dieser
Gemtserschtterung verdankt er das Wort.

Stwelwichs.

Stwelwichs bedeutet seitdem alles, was ihm schlecht dnkt. Der Teufel
-- ein zerrissenes Netz -- ein betrunkenes altes Weib -- Leibschmerzen --
alles ist Stwelwichs.

Dagegen haben ihm sein Magen und seine Leckerzunge auch das Wort fr
alle Idealitt und die Erscheinung des Guten geliefert.

Eierkauken stellt nmlich Klaus Muchows Leibgericht dar, denn der Riese
ist ein Leckerthn, und da dieser Kuchen nirgends so lieblich mit Butter
und Eiern bereitet wird, als bei Frau Fiek, so drckt Eierkauken jedes
gute Prinzip aus, zum Beispiel den Himmel -- einen scharfen Priem --
einen Bummelschottschen mit Frau Fiek, denn sobald der Fuboden und die
Decke fest sind, dann tanzt das Riesenpaar gern miteinander; Eierkauken
ist ferner ein schattiger Platz in der Kirche -- die Sparbchse, und ein
Faustschlag, den oll Kusemann wegen seiner Lgen und Neckereien zu
empfangen hat.

Das Merkwrdigste aber in dieser Ehe bleibt, da Klaus Muchow nur seiner
Riesin auf die Lippen zu sehen oder ihren heftigen Gebrden zu folgen
braucht, um tatschlich jedes Wort zu verstehen.

Na, Mnning, fragt Frau Fiek, nachdem ihr Gatte mit den Fen in ein
Paar Holzpantoffel gefahren ist und nun den Kaffeetopf in der Hand hlt:
Schn was gefangen heut?

Klaus Muchow schlrft laut den Kaffee und schttelt mimutig das
struwlige Lockenhaupt.

Na, trstet die Riesin und schlgt ihm dabei schallend aufs Knie, was
aber eine Liebkosung bedeuten soll, schadet nich -- wir haben ja erst
gestern aus der Rucherei Geld bekommen; man mu auch nich zuviel
verlangen.

Jetzt grunzt der Fischer zum Zeichen der Zustimmung ein bichen, whrend
das Schlrfen erstirbt. Dann setzt er den Topf hin, zeigt auf die
Seitenwand, schliet die Augen und beginnt einen Augenblick laut zu
schnarchen, worauf Frau Fiek, die bereits am Herd hantiert, den Kopf
schtteln und antworten mu: Nein, sie is noch nich aufgestanden. Kann
sich das Langschlafen aus ihre vornehme Zeit noch immer nich
abgewhnen.

Eierkauken, murmelt Klaus mitleidig und macht mit der Hand die Gebrde
des Streichelns.

Ja, ja, ich wei woll, fhrt Frau Fiek fort, du magst sie gern
leiden, und die beiden haben ja auch viel Unglck gehabt. Erst ihr
bichen Hab und Gut verloren, dann das Unglck mit dem Stiefvater, der
sich aufgehangen hat. Zwei Tage spter noch eine zweite Leiche im Haus.
Die gelhmte alte Frau Klth -- der ja der Tod von Siebenbrod den Rest
gegeben haben soll, zum Schlu das mit dem jungen Ding selbst -- o je, o
je -- was soll man dazu sagen? Aber ich mein, nun knnte sie sich doch
auch ein bichen in die Verhltnisse schicken und sich nich mehr so
vornehm aufspielen. Nu hr' blo! Schlgt all sieben. Und sie schlft
noch immer. Nimmt doch von einem Fischer ihr Brot an, da mt sie sich
auch so haben, wie eine Fischerfrau.

Sie unterbricht sich, denn ihr Klaus grunzt laut und vollfhrt mit
seinen Hnden derartige Bewegungen, als wenn er zwei Stricknadeln in der
Hand hielte.

Ja, ja, versteht ihn die Riesin sofort, ich wei all, was du willst.
Sie strickt seit ein paar Tagen neue Strmpfe fr Hann. I, ja, das is
aber auch man so ne Arbeit fr vornehme Damens. Ihr Frulein Dewitz war
ja ne Handarbeitslehrerin. Weshalb soll sie denn so was nich verstehen?

Huh -- huh, brummte hier Klaus Muchow laut auf und fuhr mit dem
rechten Arm eng im Kreise herum, dann fuscherte er unter den Kochtpfen
des Herdes.

Ach so, sagte Frau Fiek und legte den Finger an die Nase, du meinst,
da sie neulich fr ihn gekocht hat. I, das war auch danach. Hat mir ja
allein ein halbes Pfund Butter verbraucht. Und seitdem hat sie sich auch
nich wieder daran gewagt. Und berhaupt -- hier wandte sie sich und
setzte beide Hnde in die Seiten -- ich mu dich man was sagen. Aber du
bist mucksenstill und hast keine Widerwrter! Gestern war die Frau
Hafenmeistern bei mich, hat mich wieder Klein-Kinderzeug zum Waschen
gebracht. Und bei die kleinen Hemden, da kamen wir auch auf das -- nun
auf das, was bei der da -- jetzt zeigte die Riesin ebenfalls auf die
Seitenwand -- erwartet wird. Und da fragten wir uns so, ob so was
berhaupt fr mich im Hause palich wre? Und die Frau Hafenmeistern
meinte, da das fr ne Frau wie mich un -- unmorastig wr'! Und nun frag
ich man, bin ich nich immer ne reinliche Frau gewesen auch beim Waschen?
Und nun soll ich mit einmal Morast im Hause haben? Ne, Klaus, entweder,
oder -- mehr sag' ich nicht; ich sag' blo -- entweder -- oder.

Aber Klaus Muchow, dem es das zarte, schmale Gesichtchen seiner
Mieterin angetan hatte, erhob sich, so da sein Haupt hart an die Decke
stie, streckte die Faust vor und brllte: Stwelwichs!

Ne, schrie jetzt auch Frau Fiek, diesmal geb' ich nich nach. Die Dirn
soll mir aus dem Hause.

Stwelwichs! schrie Klaus kirschbraun im Gesicht und schmetterte einen
Kochtopf auf die Erde.

Is mir auch recht, lachte die Riesin wtend, ergriff ebenfalls einen
Topf, aber vorsichtigerweise einen kleineren, und schleuderte ihn
ebenfalls auf den Boden.

Soll mir aus dem Hause, tobte sie. Und ich wei es jetzt auch -- die
hat der Teufel hier hereingefhrt -- kein anderer as de Dwel.[11]

Das war die besondere Eigenart der guten Riesin, da sie felsenfest an
den Teufel glaubte, ja, da sie ihn berall herumschleichen sah, in
ihrem Schrank, auf der Strae, ja sogar in ihrem Bett.

De Dwel -- de Dwel.

Stwelwichs.

Der Streit der Riesen htte diesmal ausarten knnen. Aber pltzlich
begann auf der Dorfstrae eine Leier zu spielen. Und der Italiano sang
dazu:

    Du, du liegst mir im Herzen,
    Du, du liegst mir im Sinn --

Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Kchenfenster. -- Er ri die Augen
weit auf.

Musik hat etwas Vershnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen
Herzensbedrfnis Lied und Tanz ausmachte.

Zuerst zog ein seliges Lachen ber des Mannes Zge. Obwohl er die
Melodie nicht hrte, hob er das rechte Bein.

Da konnte auch die Riesin nicht lnger widerstehen; sie lie den
Kochlffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers:

    Du, du machst mir viel Schmerzen,
    Weit nicht, wie gut ich dir bin.

Sie lachten, faten sich an den Hnden und drehten sich.

Line und der Teufel waren vergessen.

Sie tanzten.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eine Stunde spter erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich
mimutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau
Fiek ein Stbing nannte, schttelte verchtlich die Betten des
Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, whrend Hann in
einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stckchen
zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode
stand, um sich die Haare aufzustecken.

Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre
Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig
fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Drauen auf
der Dorfstrae hrte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen.
Rasch ffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick
hinaus.

Aber das Katenhuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine
Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.

Line verzog die Stirn.

Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.

Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein
glitzerten die feuchten Wiesengrser, und eine Wolke gelber und brauner
Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte
das alles nicht.

Diese Einsamkeit!

Sie verschrnkte die Hnde, drckte sie gegen die Stirn und wandte sich
heftig ab, als htte die Ruhe drauen sie verletzt.

Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.

Das roch so schlecht.

Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und
jetzt, wo sie ihn immerfort roch -- jetzt schien er ihr beinahe
unleidlich.

Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See
hinaus.

Oh, wie schn und vornehm hatte es doch bei Frulein Dewitz geduftet.
Jeden Sonnabend nach dem groen Subern hatte sie Lavendelessenz
sprengen mssen. Und hier? --

Dieses verwnschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute.
Oh, sie wute ganz gut, da sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das
Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.

Man munkelte, ohne zu wissen.

Line bi sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.

Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mute sie hier noch
sitzen? Wann war sie endlich frei und erlst? Sie rechnete an den
Fingern. Denn hier -- hier blieb sie keinen Tag lnger, als sie mute.
Hier war ja nur ein Versteck fr sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja
nichts! -- Oder Hann vielleicht?

Sie zuckte die Achseln.

Freilich, sie wute sehr genau, da es Hanns grte Freude im Leben
ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu drfen. Es war lcherlich -- sie
tat nichts dazu -- aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so
ungleichen Bauern.

Und dann dachte sie sich auch, dabei knne man ihn lassen, das schadete
ja keinem, und Hann msse ihr schlielich noch dankbar sein, wenn sie
diese elende Htte mit ihm teile.

Tag, Frulein, klang es von drauen.

Line fuhr auf.

ber den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorber, der
bertrieben tief seine zierliche Lotsenmtze zog und mit den Augen
zwinkernd, wohlwollend fragte: Na, mmer noch gut zu Wege, Mamselling?

Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.

Kuck, wie nett, sprach der Lotse, unbekmmert um ihre Wut, und
dienerte rckwrts, wie ein Krebs, an ihr vorber. Na, solche
Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die
Umstnde mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling
um.

Damit ging er ehrbar seines Weges.

Solch ein Kerl!

Line kratzte mit den Ngeln an ihrer Schrze herum.

Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue
Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl
schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in
Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Kche auf die
Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen
zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegngnis war
sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden
des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehrte, verkrochen.
Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken
natrlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurckgekommen.

Die Einsame stie ein zorniges Lachen aus.

Warum wohl Frulein Dewitz nicht einmal herauskam? -- Ach die! Die mochte
bleiben, wo sie war! -- Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen
lassen? Das alte Frulein htte doch die Verpflichtung gehabt! -- Und
nun gar der Konsul Hollander oder Dina?

Line bedeckte pltzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefhl des
Ausgestoenseins war bermchtig ber sie hereingebrochen, dann jedoch,
als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schme, griff sie ebenso
schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf
die Erde.

An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.

Da lieg.

Die Splitter flogen herum.

Lining, sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter
der niedrigen Tr stehen.

Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen
groen Transtiefeln herunter.

Guten Tag, Lining, fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.

Guten Tag, entgegnete sie gleichgltig, ohne sich nach den Trmmern
umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder
zu festigen.

Du hast wohl rger gehabt? fragte Hann von neuem, indem er
unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen.
Line rckte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa
ausschimpfen?

Nein, erwiderte sie abgewandt, whrend sie zum Fenster hinaussah, ich
tat es nur aus Langerweile.

Aus Langerweile, Lining?

Langsam lie Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfllig
durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.

So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein
eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer
hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war
so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch ber ihm, wenn auch
jetzt das Unglck ber ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar
Heringe gefangen -- kmmerlichen Pfennigerwerb -- heute, wo ihm das
Drckende seiner Armut immer deutlicher wurde, da beschlo er, ihr
seine Lage zu beschreiben.

Vielleicht, da das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte
zugnglich war.

Langeweile, Lining? hob er nochmals mit Anstrengung an: Sieh, Lining,
wenn du dich nun beschftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen fr uns
beide. Das wre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben
viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten mu
ich fr unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel
kochen wolltest, dann wre mir schon geholfen. Natrlich, es is blo so
eine Idee von mir, setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie
Line die weie Stirne kruselte.

Nur eine Idee, Lining, wiederholte er besnftigend. Aber sie warf
bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Hnden.

Wozu soll das erst? fragte sie rgerlich dagegen. Hann, sag' selbst,
wozu soll ich mich erst hier in der Katenkche mit der Fischersfrau
zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da
ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? -- Lieber verkaufe ich die
Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Frulein Dewitz nachgesandt
hat. -- Hrst du? Da -- in dem Schrank, nimm sie.

Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?

So nimm dir den Plunder doch.

Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen? wehrte er mit
beiden Hnden ab. Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja
auch so gehen. Ich meinte nur, Beschftigung bringt den Menschen so
schn auf andere Gedanken.

Sie sah ihn beinahe feindselig an. Ich mach' mir aber gar keine
Gedanken, Hann. -- ber nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hr' mit
solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal
bin.

Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief auf.
Nimm's nich bel, Lining, brachte er endlich hervor, ich hab' mich
das blo so gedacht. Dann sah er sich schchtern nach einem Stuhl um,
der in der Ecke stand.

Darf ich mich hier ein bichen bei dir niedersetzen, Lining? fragte er
nach einer Weile des Schweigens.

Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gesttzt und
nickte kurz.

Er lie sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein,
in der er darber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen
wollte, um ein Geschpf willfhriger zu machen, das doch gewi nicht
mehr zu ndern war. Aber das war ja gerade das Verhngnis dieses
unpraktischen, versonnenen Naturkindes, da es zu dem Schlu gekommen
war, das Glck ruhe in einem Weibe.

Und dies -- gerade dies Weib mute es sein. Zu ihr leitete ihn der
dunkle, unerkannte Trieb.

Lining, begann er endlich wieder leichthin, hast du all Kaffee
getrunken?

Ja, murmelte sie durch die Finger.

Is fr mich auch welcher geblieben?

Das wei ich nicht. Aber, setzte sie achselzuckend hinzu, ich kann ja
mal nachsehen.

Ja, ja, tu das, stimmte Hann heimlich erfreut bei.

Nach einer Weile kehrte das Mdchen aus der anstoenden Kche mit einer
Tasse zurck, die ihr Hann sorglich abnahm.

Sieh, ordentlich eine Tasse, lobte er geschmeichelt, und in seiner
Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise
ber ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmtig zurck.

La.

Ich wollt auch nichts, Lining, murmelte er erschrocken.

Eine Zeitlang hrte man nichts als das Schlrfen von Hann und das Summen
der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line
ruckartig vom Fenster zurck und stie heraus: Bist du nicht gestern in
der Stadt gewesen?

Ja, warum, Lining? fragte Hann, verwundert ber diese neue Teilnahme.

Damit man einmal etwas anderes hrt, fuhr sie in halber Verzweiflung
fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: Damit man mal wieder
etwas hrt, fr das man sich interessieren kann.

Hann sah sie betrbt an.

Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining? brachte er bedrckt
hervor.

Nein, Hann, das weit du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden
mgen.

Ja, ja, Lining, das wei ich.

Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl
stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrckten Stellung
sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht lnger in sich
verschlieen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Fen und fuhr noch
heftiger fort: Manchmal mcht ich mit den Fusten an die Wand schlagen,
da ich das alles von dir annehmen mu. Ja, mu -- ja, mu, wiederholte
sie in vollem Zorn. Und da du so viel fr mich aufgegeben hast, die
ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll.
Ist das nicht so?

Hann rhrte sich nicht in seiner Ecke.

La Klara, bat er nur, la Klara Toll.

Nein, warum? -- Du pat doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht
mehr her?

O Lining, das is doch so natrlich.

Das konnte sie nicht verstehen.

Wieso? -- Was hat sich deine Braut um mich zu kmmern? -- Was hast du
ihr denn eigentlich gesagt?

Langsam hob Hann sein Haupt in die Hhe: Ich hab' ihr gesagt -- Lining,
nimm es nich bel -- ich hab' ihr gesagt, da ich nun fr dich sorgen
mt, und da wrd' es zu lange mit Klara und mir dauern.

Line bekam ganz groe Augen und sank halb unbewut auf ihren Stuhl
zurck.

Und sie? fragte sie darauf und zupfte verstrt an ihrer Schrze, was
hat sie gemeint?

Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre
Stellung als Krankenschwester an. Damit stand Hann auf, raffte sein
Netz zusammen und schritt langsam zur Tr.

Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand
vorwerfen, um ihn zurckzuhalten, dann aber mute sie sich wohl anders
besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster
hinauszusehen.

Dort drauen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen
Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen
Heringe in Kisten zu schtten.

Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herber.

Dabei soll ich vielleicht helfen? dachte Line bitter. Und was dies
Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? -- Nein, nein, wenn's
nur erst vorber wre. Nur hier erst fort.

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Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Kche gegessen. Auf etwas
anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. Ne, hatte sie
widersprochen, ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent
smeckt. Deshalb mu sie in die Kche raus.

Man sa um den Herd, hielt die Npfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr
Klaus versicherten stets umschichtig, da alles prachtvoll geraten sei.

Eierkauken, murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, whrend er einen
ganzen gebratenen Hering verschlang. Eierkauking.

Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schssel, fuscherte in ihr herum
und hob endlich den grten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines
Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.

Eierkauken! lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte
die Gebrde des berbeiens.

Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und
ohne Gru hinaus und warf die Tr hinter sich zu.

Kuck, sprach Frau Fiek gereizt, ganz as ne Prinze. Hann, das is
nichts fr dich.

Oh, Frau Muchow, entschuldigte Hann, sie ist ja krank.

Ganz gleich.

I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz
bestimmt.

Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende
Worte ber ihre Kche und schritt hinter Line her.

Klaus Muchow aber sa noch lange mit offenem Munde da und besah sich
abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tr, hinter welcher Line
verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schttelte sich, und nachdem
er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und
trippelte ein paarmal mit berzierlichen Bewegungen zur Tr, womit er
Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und
brllte verchtlich: Stwelwichs -- Stwelwichs.

Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: Dor hest du nu
wedder eins ganz recht, Klaus.

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Nachmittags sa Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst
aus rohen Pflcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem
stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das
zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefhl, da auch Line seit
einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hnde gesttzt hatte und hinter
dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.

Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberflche schossen
Scharen von Mwen umher und spritzten zuweilen mit ihren Fngen
glitzernde Tropfen in die Hhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang
eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.

Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie
unausgesetzt seine Gefhrtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob
sie versuche, weit, weit ber das verschleierte Meer zu sphen.

Ob sie nun wohl an ihn denkt? fragte er sich beklommen, an den Mann,
der so schlecht gegen sie gehandelt hat?

Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt!
-- Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gnzlich
schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann
berkam wieder das Mitleid mit ihr.

Willst du nich rauskommen, Lining? fragte er.

Sie schttelte das Haupt.

Es is doch recht schn hier drauen, drngte er weiter. Allein sie
lehnte ab. Sie wolle nicht drauen sitzen, wo sie alle Leute sehen
knnten.

Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rhrte.

Der Fischer beugte sich noch tiefer ber seine Arbeit und fate sich
endlich ein Herz.

Lining, begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine
Befangenheit zu verbergen. Du denkst wohl viel daran?

Woran, Hann?

An -- an -- Der Name, der ihr so weh tun mute, wollte kaum ber
seine Zunge. An Bruno, Lining.

Sie antwortete nicht, sondern sttzte ihr Haupt noch schwerer auf die
kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige
Gewlk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: Und an das, was
kommen wird?

ber ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch sa sie ohne Bewegung, als
sie sich nun kurz erkundigte: Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm
gehrt?

Nein, gar nichts, Lining, sonst htt' ich dir's ja auch gesagt.

Sie verharrte noch immer mit weitgeffneten Augen. Pltzlich jedoch
verzog sie die Stirn und warf herb ein: Er hat es gewi inzwischen zu
was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich -- -- --?

Hier brach sie ab und prete die Lippen zusammen und wandte ihren Blick
zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Plne schuld
wre.

Das verwirrte den braven Burschen vollends. Aber ich dachte -- -- ich
wollte fragen, stotterte er, ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich
das fragen?

Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und whrend sie
rasch das Fenster schlo, lachte sie rgerlich auf: Du bist und bleibst
ein Dummerjahn, Hann. La mich zufrieden.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, da Line fr das
innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen
Sinn besa. Ja, da sie es frmlich darauf anlegte, die Scheidewand
zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer hher aufzurichten.

Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es
durchaus durchsetzen wollte, da seine Mrchenprinzessin sich bei ihm
wohl fhle, besonders bitter.

Der August neigte sich bereits seinem Ende.

Eines Sonntags nachmittags -- Hann sa gerade in einem Winkel seines
Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der
Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine
schne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad
einschlug, und an seinen eigenen mchtigen Herzschlgen fhlte er, da
es Klara Toll sein mte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf
zu Line hinunter, die mig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und
so gro war seine Erregung, da er seine Scheu vor der Hingestreckten
verga und sie leise am Arm zupfte.

Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefrbt, es sah lieblich aus, als sie
jetzt langsam die schwarzen Augen ffnete.

Sie mute gut getrumt haben, denn sie lchelte ihn an.

Was willst du, Hann?

Lining, ich hab' eine Bitt'.

Sie richtete sich auf: Jetzt? fragte sie erstaunt.

Doch er lie sich nicht abbringen, sondern drngte weiter: Lining,
Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adsch gesagt, als sie damals
in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du ttest mir
einen groen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit
mir zusammen aufnhmst. Ja?

Er bat so dringlich, da Line von ihrem Lager herunterstieg.
Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mute
lcheln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrngnis, gebannt und
mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.

Ach, ihr Zauber bestrkte ihn tglich mehr in seinem Irrwahn.

Nich wahr, Lining, du tust's doch? brachte er sich endlich selbst auf
andere Gedanken.

Aber die Angeredete schttelte den Kopf.

Wozu, Hann? -- Was hat es fr einen Zweck, wenn ich euch beiden
zuhre?

In seiner Not griff er nach ihrer Hand und prete sie, als wenn er sie
zwingen wollte.

Oh, schrie sie unmutig auf.

Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mut dableiben!

Aber welchen Zweck htte das?

Lining, kannst du dir das nich denken?

Nein, wie sollte ich das?

Nun denn -- ich -- ich -- ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.

Du?

Ja, Furcht, murmelte er in sich hinein und schlo die Augen.

Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurck und lachte
bse auf: Du bist nicht recht klug, Hann, gab sie zur Antwort. Was
geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar
Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch,
wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann,
wie schn sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek drauen Suppe
kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wre doch so
einfach.

Sie machte eine schnippische Handbewegung und bersah es, wie er mit
tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich
seine groen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren
sogleich auf den Rcken.

Also in wenigen Monaten schon? kam es stckweise von seinen Lippen.

Ja, nickte sie nervs, ich zhle jeden Tag.

Ja, ja -- das tust du. Ich wei es woll. Und wohin gehst du dann?

Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber
sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht.
Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. -- Und du vertrag dich
wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.

Damit wand sie sich an ihm vorber, und er starrte auf die weien Dielen
und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den
Kopf und sah sich wirr um: Dummer Hann, quoll es von ungefhr aus ihm
heraus. Jawoll, dummer Hann. -- O Gott, weshalb hast du mich da
reingebracht? -- Und weshalb mu das Weib grade das Glck sein? -- Und
warum mu diese da, die doch so schlecht is, fr mich die allerbeste
sein? -- Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und
solch groe Rtsel da reingeschlossen? -- Wozu soll das alles gut sein?

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Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben
hatte.

Hinter dem groen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte
Wschestcke der Katenleute herabflatterten, weie, blaue und rote, war
sie stehengeblieben und drckte sich jetzt eng gegen das Holz an, so
lange, bis sie dachte, da das junge Mdchen in der blauen Tracht den
Vorderflur erreicht haben msse.

Jetzt lutete die Trglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line
auf den Zehen in die Kche zurck, die zu ihrer Freude leer stand, und
legte ihr Ohr an die anstoende Tr.

Mu doch mal hren, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden
dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.

Und dann blinzelte sie durch den Trritz hindurch.

Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner
Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.

Guten Tag, Hann, sagte die Besucherin freundlich.

Line hrte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die
schmucke Tracht des Mdchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas
Vornehmes und Heiliges verlieh.

Ja, sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mute, das ist
unsere Sonntagskleidung -- in der Klinik gehen wir einfacher.

Auf eine Bewegung des Fischers lie sich nun das Mdchen auf den Stuhl
am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, whrend
er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt
so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mhsam zurck.

Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter, dachte die Lauscherin an
der Tr. Welch ein unbeholfener Mensch.

Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara
endlich das Wort: Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.

Du, Klara?

Er sah sie gro an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht
gewohnt, da man sich viel um ihn kmmere.

Wie zierlich kruselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weien
Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.

Ich dachte, Klara, hob er mit einem schweren Entschlu an, du wrdest
-- gar nich mehr kommen, wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, da es
wohl besser wre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrcken, und
so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: Klara, ich wollt'
fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer
fr dich?

Da ging ein Lcheln ber das Gesicht, von dem er fand, da es die
schnen, roten Farben verloren htte, und die blauen Augen leuchteten,
als sie zur Antwort gab: Hann, ich wei gar nicht, wie andere das eine
Arbeit nennen knnen. Mir nmlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt
wre, bestndig in der Kirche zu wohnen.

In der Kirche, Klara? -- Wird denn dort gebetet?

Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden
beten. Wenn du das einmal hren knntest. Aber das ist es nicht allein.
Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den rzten
bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des
lieben Gottes abhngt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles
Struben nichts ntzt und alles Hoffen, und wie pltzlich eine hhere
Macht an dem Bett steht und den Kopf schttelt, o Hann, das ist, als
sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber
dann wieder das andere, sobald das Unmgliche geschieht, und es kommt in
die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht,
und man merkt ordentlich, da da etwas sein msse, was durch die
vertrockneten Lippen Leben eingiet, Hann, ich kann dir nicht
beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man
meint frmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hren und horcht darauf,
ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spren knnt'.

Bei diesen Worten lchelte die Krankenschwester ganz glcklich, und ihre
Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen,
sonnenbeschienenen Garten shen.

Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er
einfach: Wie fromm du bist.

Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.

Ja, aus dem Leben so die Frmmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.

Dabei nickte er versonnen in sich hinein.

Eine Zeitlang hrte Line drauen kein weiteres Wort. Und wieder mute
sie spttisch darber die Lippen verziehen, weil die beiden ber nichts
weiter zu verhandeln htten, als ber Kranke und ber Beten.

Pfui, raunte sie vor sich hin, es riecht ordentlich nach Klinik. Das
ist mal eine langweilige Person.

Aber gleich darauf prete sie von neuem das Ohr an das Schlsselloch,
denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zgern ihren ehemaligen
Verlobten nach seinem Leben, seinen Plnen, seinem Dasein fragte.

Jetzt kommt's, dachte Line, sie ist gar nicht so dumm.

O Klara, erwiderte Hann, wie gut das von dir is, da du dich danach
erkundigst.

Wieso, Hann? -- Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kmmern
mte.

Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: Ganz genau so geht es mir
mit dir, Klara.

Das wei ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhren, dir herzlich gut
zu sein.

Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: Siehst du -- gut sein -- ja, das
is es -- gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar
keinem anderen sein knnte. Aber sieh -- ich schme mich so, wenn ich es
aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den
menschlichen Herzen, da man der einen Frau so herzlich gut sein kann,
und die andere hat den Zauber?

Welchen Zauber, Hann?

Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr
erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheien haben oder
auch Freiin. Genau wute das der Lotse selber nicht. Jedenfalls jetzt
is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter
einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stck ausben will,
dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschu des Triebholzes zwei
saftige Stbchen, schlt sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer
solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann
bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas
dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stbchen verschluckt.
Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf da das
liebe Tageslicht wieder auf die Hlzer scheint, so lange, Klara, kommen
die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.

Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.

Und das ist alles so bei dir? forschte sie. Ein tiefes Mitleid
zitterte aus ihrer Stimme.

Er holte tief Atem und rang die Hnde.

Ja, Klara, gab er dumpf zurck. Das is so bei mir. Das Tageslicht
will nich auf mich fallen.

Und die Hlzer passen nicht zusammen?

Nein, Klara, sie passen nich.

Und das weit du?

Das wei ich ganz genau.

Armer Hann.

Er wischte sich den Schwei von der Stirn.

Ja, Klara, was hilft das? -- Da hilft kein Beten. Ich will dir was
Geheimnisvolles sagen, hr' zu. Was sie mir auch antut, so viel
Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr
dienen mt. Und das hat kein Ende. -- Gar kein Ende.

Kein Ende, Hann?

In dem Auge der Krankenschwester begann eine Trne aufzuperlen. Die sah
aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm
das Mdchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.

Hann, ich will wnschen, da es ein glckliches Ende wird.

Da schttelte er dster das struwelige Haupt.

Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen.
Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.

Sie stand auf.

Beide reichten sich die Hnde zum Abschied.

Kommst du bald wieder? forschte er scheu.

Sie nickte verhalten.

Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fhle so, als wrst du auch einer
von meinen Kranken.

Da legte er beide Fuste auf ihre Schultern, da es ihr weh tat, und
geqult drang es endlich hervor: Ich wollt', du sest an meinem Bett.
Und das Heilige, von dem du vorhin erzhltest, schttelte den Kopf, und
du drcktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. -- Adsch,
Klara.

Damit schob er sie gewaltsam von sich.

Als die Trglocke ber ihrem Haupte lutete, schluchzte die Enteilende
leise auf.

An der Kchentr aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie
abwehrend ihre Hand gegen den anstoenden Raum, aus dem etwas gegen sie
anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten:
Nicht -- nicht --

Am Abend sa Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam
ber die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Fen
pltscherten kleine Wellen. Die liefen geschwtzig zu ihr hin, und wenn
sie von ihrem Fu zurckgestoen wurden, dann drngten sie sich doch
wieder heran, immer lispelnd, flsternd, immer dasselbe eintnige Wort:
Armer Hann.

Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurck, die der Seewind
lste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.

Der Mond stand voll.

Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stbchen zusammenband.

Das junge Weib schttelte sich und stie wiederum einen lauten Seufzer
aus.

Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhtte: Lining -- Lining -- wo bist
du? -- Die Abendluft tut dir nich wohl.

Da sprang die Versteckte auf, fhrte den Finger empor und schleuderte
unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen
war.

Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, da die herantappende dunkle
Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im
Mondlicht.

Eine Trne? fragt irgendwas im Wind.

Eine Trne! wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.




VI


Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann
zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt.
Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den
gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn
die Muchows etwas zu drhnend werden, wenn sie singen oder mit den Fen
aufstoen, dann zuckt es in ihren Augen auf.

Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.

Aber die anderen merken nichts davon.

Nur Hann fhlt mit Staunen, allmhlich mit Herzklopfen, spter mit Angst
und vorzeitiger Freude, da etwas anders wird.

So merkt's die dumpfe Erdenscholle, da der Schnee schmilzt und warme
Frhlingswsser zu ihr dringen.

Der Winter kam.

Eines Morgens lag Moorluke im weien Bann.

Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.

Manchmal muten die Mnner einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie
wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelste. Mit einem einzigen
Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstcke gegen Tr und
Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den
ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.

Kalt, sthlern, tckisch lag der Feind im Morgenlichte da.

Stwelwichs -- Stwelwichs, schrie Klaus Muchow erbost, und die Mnner
hieben mit Eisxten dazwischen.

Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller
Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die ber
die Wiesen fhrten, hatten sich lngst verkrochen. Man konnte sich
darber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel
getrieben. Eben und wei, unberhrt und teilnahmlos lag jetzt die groe,
leuchtende Flche, die sich ohne Abzeichen ber den Bodden fortsetzte.
Man wute nicht, wo die Grenze war.

Selbst die Kirchenglocke, die doch frher laut zu den Einsamen
herbergerufen hatte, sie war eingefroren und krchzte zuweilen wie ein
heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trgt.

Immer stiller wurd's.

Das aber war Line gerade recht.

Ihre Zeit rckte nher und nher, und damit die Sucht, sich zu
verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu sttzen
und nachzusinnen.

Das war ihr etwas ganz Neues.

Frher war sie Genu suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag
im Morgenrot -- nun war es finster geworden, Fledermuse flogen. Das
waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklren suchten. Da wurde ihr
allmhlich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte
--, kimmerischer Dmmerung wegen, die ber dem Ostmeer braut, -- da
wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrmmt auf dem Stuhl hing,
riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmhlich
ein Schatz.

Dunkler und schneedmmeriger wurden die Tage, dsterer und drngender
wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in
einer Ecke kauerte, dann stieg es pltzlich vor ihr auf und griff nach
ihr. -- Angst -- Angst -- Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr
war, und zu dem sie sich nicht gerstet fhlte.

Dann wirft sie pltzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor
Schrecken: Hann, bist du noch da?

Ja, Lining, ich bin hier.

Dann steck' Licht an, Hann.

Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch
die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.

Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekmmert, wie
flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.

Sie rckt sich zurecht: Hann, hrst du, wie es an die Scheiben tickt?

Es is Schnee, Lining.

Er hat die Fenster schon ganz verklebt.

Ja, Lining, ich seh' nur die ltte Stube und dich.

Sie rckt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann sttzt
sie die Ellbogen auf beide Knie, und whrend sie zusammenschauert,
vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: Hann, weit du, woran ich jetzt
denke?

Nein, Lining, wie soll ich?

Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: Hann, ich meine, wenn ich frh
gestorben wr', htt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. -- Du auch -- wir
beide -- armer Hann.

Es ist das erstemal, da sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verlt.
Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinber.
Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und
doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.

Aber sie hat den ihr so Nahen lngst wieder vergessen.

Es wr' so gut, fhrt sie stammelnd fort.

Was, Lining?

Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren drfte.

Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden.
Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es
gesehen.

Lining, wer soll bewahren? Und seine Augen, sonst so mitleidig,
blicken ernst.

Die Mtter, Hann, die Mtter mten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg,
denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was wrde dann alles mit
einschlafen, all die zuknftigen schlechten Gedanken und all die
schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wnscht, und ein Wunsch ist
schon meistens schlecht.

Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was
er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshtte. Deshalb
wirft er das Netz ber das Knie, schttelt heftig den Kopf, und eilig
geht es ihm ber die Zunge: Lining, das mut du nich sagen -- sieh, das
mut du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte,
wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa
weniger auf der Welt? Mich dnkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir
schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz
komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es
geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lttes Kind, so ein ganz
kleines Wrming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste
Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag'
dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr
schlecht als gut. Denn wieso? -- Na, da es dumm is, wie Bohnenstroh,
das weit du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht,
es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehrt, es is
habschtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? -- Ich
sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? -- Da kommt nun der liebe Gott
und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwrdige Kraft zum
Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum
Bessern. Die liegt in uns, Lining, man sprt sie manchmal leibhaftig.
Und nun kuck dir blo mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem
Neugeborenen vorwrtsgeht. Meistens vorwrts. Denn das Bessere mu wohl
das Strkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben,
und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz groe
Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was ntzen. -- Und, Lining,
um dies >Vorwrts< wolltest du solche ltten Dinger bringen? -- So ganz
schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder
in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da mte man sich ja rein vor den
Regenwrmern genieren.

Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurckzieht,
so da die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind gro
geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den
Fischer, wie frher, wenn der Knabe zuweilen etwas geuert, was mit
seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.

Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Mwen und Raben krchzen
drauen, und an dem Netz wird weitergeflickt.

Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.

Da saen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu
frh, als da Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wre. Auch
frchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.

Soll ich Reuter lesen? fragte Hann, hier >Ut de Franzosentid<.

Sie sa auf ihrem Bett und hatte die Hnde mde in ihrem Scho gefaltet.
Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits ber ihre
Schulter.

Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.

Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.

In diesem Augenblick stubte ber das Dach etwas fort, im Schornstein
heulte es auf, und die beiden hrten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf
laut aufbrummte.

Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: Wenn ich nich
lesen soll, was soll ich?

Sie verzog ein wenig die Nasenflgel.

Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.

Hier rauchen?

Er glaubte zuerst, da er nicht richtig verstanden htte, denn bis jetzt
hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie
nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze
Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mdchen auf und ri ihm
selbst ein Streichholz an.

Hier, sagte sie matt.

O Lining, erwiderte er gerhrt und streichelte leise ihre Hand.

Dieser Tabak schmeckte kstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von
sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.

Heute is es hier schn, wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.

Sie sa wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne
sonderlich auf ihn zu achten.

Heute is es hier gemtlich, sprach Hann schchtern weiter.

Da nickte sie abermals, aber zerstreut, whrend sie auf den Wirbelsturm
lauschte, der an ihrem Katen vorberzog, und pltzlich entgegnete sie
rasch und mit Betonung: In der Stube ist es still.

In der Stube, Lining?

Oh, er hatte fr sie ein so feines Ohr gewonnen.

In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?

Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rckte auf dem Bettrand hin und
her. Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen, drngte sie
verlegen, nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl
fhlst.

Wenn ich -- --?

War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? -- Oder
hatte es eine der kleinen weien Muse gewispert, die ja in den
Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich
hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten
sich die blauen Wolken um das Licht!

Und diese kstliche Stille.

Und diese schne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.

Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rckte das Licht, als ob es
ihn blende.

Und da fragte seine Gefhrtin schon wieder etwas, was sein Herz noch
froher schlagen lie, weil er es noch vor kurzem nicht fr mglich
gehalten htte.

Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.

Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.

Hast du dir das behalten, Lining? warf er mit halbem Stolz dazwischen.

Ja.

Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am
Bettrand auf und nieder. Da mute er zu ihr hinberblicken und
betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.

Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglcklich.

Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!

So rot die Lippen.

Kirschen, dachte Hann, oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche
hatte Mudding gehabt.

Hann, glaubst du, fragte sie unsicher dazwischen, da sich auch
schlechte Menschen bessern knnen?

Da war es!

Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andchtig die
Hnde.

Drauen der Wind klang ihm wie Orgelton.

Line, diese schne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war,
-- nicht ganz gut, verbesserte er sich --, sie wollte in sich gehen.

Hurra -- Viktoria!

Am liebsten htte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur
eilfertig: Aber natrlich, Lining. Aber weshalb fragst du?

Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. Oh, nur so.

Ganz leicht is es, Lining -- ganz leicht, fiel er wieder ein, aber
freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.

Wodurch denn?

Lining, ich mu immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah
all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe
erklrt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil
sie nur den ganzen Tag sa und an uns andere dachte. Siehst du, Lining,
darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen
anziehen, i ja, aber dann mu er erst an sich selbst vergessen, ber
Bord mit allem, und mu irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu
'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das
Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. -- So hab' ich Pastor
Witt verstanden.

Das Mdchen war aufgesprungen.

Eine Liebe? sprach sie erschreckt nach. Eine dstere Rte lief ber
ihre Stirn.

Ja, Lining, so erklr' ich mich das, schlo er glcklich, whrend er
sich die Hnde rieb.

Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch
bereits schwerflliger wurden, zum Fenster, und whrend sie in den
stubenden Schneesturm hinausstarrte, verschrnkte sie beide Hnde vor
der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Sthnen aufzubrechen, da
er sich entsetzte.

Eine Liebe, stammelte sie vor sich hin, o Gott.

Lining -- Lining -- is dir was?

Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu.
Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder
etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zgerte abermals, und
whrend ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft ber
seine struppige Wange.

Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war
ihm noch nie geschehen!

Du bist ein guter Mensch, Hann, sagte sie einfach, aber ohne da ihre
Zge an Dsterkeit verloren.

Da wurde er wieder ganz glcklich.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wnsche schlichen um den Katen
und jagten die Verstrte auf.

Da war zuvrderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr
frheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in
die Hnde fielen und die ersten, dnnen Reclamhefte -- Schillers Kabale
und Liebe -- schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf
die Knie und umklammerte das Holz.

Und woher kam diese Sendung?

Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur
das Moralische.

An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straen blitzte
fuhoher Schnee, da hing sich Frulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein
Erbstck von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen
Handschuhe auf, die sie allein fr vornehm hielt, und lie sich von
ihrem kleinen Aufwartemdchen eine Mietsdroschke holen.

Nach Moorluke, sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn
dabei ganz ngstlich an.

Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.

Je, Madamming, warf er ein, wenn wir man hinkommen. Das erste Mal
sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hie es: umkehren!
Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Rucherhuser.
Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?

Nein, nein, beharrte das alte Frulein, heute tu ich's. Und achten
Sie mir ja auf die Kiste da vorn.

Na, denn h! brummte der Kutscher.

Aber als die weie Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der
Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.

Noch hielt sie sich. Sie prete ihr Antlitz in den Muff, als ob sie
nichts hren und sehen wollte.

Es ist sehr schwer, flsterte sie in sich hinein, fr eine, die sich
ihr ganzes Leben vor so etwas gehtet hat, -- -- -- aber die rmste ist
ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem
Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schlielich nicht. Man hat
ja auch ein bichen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! -- Gott, wie
ich sie blo finden werde?

Drauen wieherten die Pferde.

Frulein Dewitz erschrak.

Waren das nicht bereits die Rucherhuser, die dort vorbeiflogen?

Ja, ja, das waren sie wohl.

Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man
nicht meinen, ich billige solche -- hm, das Wort flt mir bereits Angst
ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas
Tante sich nun von mir zurckziehen wrde? -- Drauen donnerten die
Pferde ber die Moorluker Notbrcke.

Herr Bals -- Herr Bals.

Madamming?

Ich fahre nicht weiter.

Kuck, was sagte ich gleich?

Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. -- Aber die Kiste,
die bringen Sie gleich dahin. -- Sie wissen schon! Herrgott, da drben
wohnt sie. In diesem Katen. -- Nein, sagen Sie gar nicht, da ich da
bin.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

So kam die Kiste in Lines Besitz.

Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien und whlte
in den Andenken und Bchern herum, wie in einem anderen, reicheren
Leben. Immer tiefer!

Ja, Frulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bcher kamen der
Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhtte
traten, um mit der schnen Dirn Kurzweil zu treiben.

Als Hann abends nach einem Sturmtag mde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein
borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehllt, da fand er sie mit
glhenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand.
Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.

Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenber fhlte er sich hilflos.
Was bedeutete das?

Hann, stammelte sie, noch vllig verwirrt.

In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzhlen. Er fuhr an
seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: Unser Boot hat Wasser
gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis
gelegen -- ich mcht' was Warmes.

Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.

Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen ber ihre Teilnahmlosigkeit.

Was hast du da zu lesen?

Ein Theaterstck.

Er ballte die Faust.

Denkst du noch immer an solche Schauspielerstcke? brach es rauh aus
ihm heraus. Ich meinte -- -- Aber er unterdrckte das brige, wandte
sich schwerfllig und verlie mit Gerusch die Kammer, um nebenan bei
den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.

Line starrte hinter ihm her, dann lie sie langsam, zgernd das Heft
sinken und blinzelte trumerisch in das Flmmchen der Kerze.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch
dichter an ihr vorbeistreifen.

Oll Kusemann humpelte in die Kche.

Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein
Frost herrschte, da die Fugen des Katens krachten, und an den Wnden
der Muchowschen Kche ein feiner Eisberzug flimmerte. Oll Kusemann aber
greinte ber das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel
in die Hhe, den er in der Hand trug.

Kinnings, schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das
Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. Ich
komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining
hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Trkow und seine Braut
vermietet. Oder auch seine Frau. Genau wei ich das nich. Aber es sind
sehr anstndige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie
is, sie is umgnglich. Und in dem Pplowschen Saal wird heute gespielt.
Sie belernen sich schon, da es blo so raucht. Kuckt! Alpenknig und
Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein
Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natrlich.

Eierkauken, sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt
hatte und jetzt zrtlich ber das Papier strich: Eierkauking.

Ja, ja, nickte Frau Fiek, so was mag er gern. Und wenn es man halb so
graulich is, als die Geschicht' von dem alten Rubervater im Hungerturm
-- weit noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen mssen? --
denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.

Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem
Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Whrenddessen sa
Hann hinter dem Ofen und krmmte sich vor Reien. Die Stunde im Eise
hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefhrtin hin und sprach kein
Wort.

Jetzt flimmerte drauen auf der Dorfstrae eine einsame Petroleumlaterne
auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.

Da hielt sich Line nicht lnger.

Kommst du nicht mit? begann sie abgewandt, wobei sie sich an der
Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden
Schulter.

Wohin? fragte er kurz.

Nun, du weit doch. Ins Theater.

Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.

Hann, mahnte sie scharf.

Diese Art war ihr neu.

Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: Ich hab' Trauer um meine
Mutter und auch um Siebenbrod. Und du -- --

Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verchtlich von ihr
abwandten.

Nun, und ich? forderte sie herb.

Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,
quoll es ohne Rcksicht ber seine Lippen.

Dann sthnte er wieder und rieb an seinem Knie.

Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoene von den andern Menschen
schied. Ihre krperliche Schnheit war angetastet, ihr letzter Trost,
ihre letzte Zuflucht.

Zuerst sah sich Line um.

Wo befand sie sich eigentlich? -- Und war das Hann, der ewig
freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrmmt in der Ecke
hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthllt hatte?

Sie tastete mit den Hnden umher. Ihre Brust stie, ein leiser,
unartikulierter Ruf wurde hrbar.

Lining -- is dir was?

Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit
den Ngeln auf der Tischplatte herum.

Lining, ich hab' solche Schmerzen -- ich meinte das nich so.

Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt
beobachtete, nahm wahr, wie ber das geneigte Antlitz groe Trnen zu
flieen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie
gesehen.

Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu.

Lining -- Lining.

Lining, ich will dich ja nur hten.

Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch mu sich doch in jeder
Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist doch
das erste. -- Lining, wenn du mir nich bs wrst, wrdest du mir dann
woll die Hand geben?

Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger
ihm entgegenreckten, und pltzlich scho Siedehitze in ihre Wangen, sie
griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: Bin ich schon
lange so hlich, Hann?

Du, Lining? -- O Gott -- Er getraute sich nicht, von seinem vollen
Herzen mehr zu verraten.

Sonst hab' ich dir immer gefallen, fuhr sie nachdenklich fort und
unter Trnen schmerzlich lchelnd.

Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.

Armer Hann -- dir glaub' ich's -- armer Hann.

Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte,
als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Pltze auf,
sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges
Schweigen senkte sich herab.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verlie ihre Kammer nicht mehr. Sie
sa und dachte ber sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte
und konnte es dann gar nicht erwarten, da Hann heimkehrte. Denn seine
dummen, ehrbaren Vernunftsgrnde waren das einzige, was ihr die Furcht
vertrieb.

Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm.

Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?

Lining, was soll ich?

Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bichen Gute
aus mir sprche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?

O Lining -- du -- du.

Ich geb' mir auch Mh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten
hast. Merkst du das, Hann?

Ja, Lining, wie sollt' ich nich?

Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer
Mensch aus mir werden?

Er lachte und weinte in einem Atem: Lining, du bist gar nich mehr so
klug, wie frher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?

O Hann, ich trum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle.
Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie frher, so bin ich
doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?

Lining -- Lining -- du zerreit mir rein das Herz.

Still -- still.

Und dann saen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick
warteten.




VII


Ein verzweifelter Mensch luft ber den Schnee. Er erreicht die Strae,
zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und
strzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung
hereintritt.

Hann, du?

Line stirbt.

Da sei Gott vor.

Klara, Klara, es darf nich -- das kleine Kind -- und ich -- und, und --
warum soll ich es vor dir verschweigen? -- mir is, als ob du und ich und
die ganze Welt mit ihr zusammen sterben mten.

Das wei ich, Hann, das wei ich.

Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach
Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mdchen durch den Schnee von
dannen, beide Hand in Hand, ohne da sie es fhlen.

Klara, sie is gut -- du mut mir glauben, sie is gut, stammelt er im
Laufen.

Und du auch, Hann -- du auch. -- Gott wird helfen.

Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewi, es
geht nich anders.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend
der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards & Co. auf seinem Kontorsessel
und sieht durch die grnen Sprossen eines Weingelnders auf den Ozean
und die hinabtauchende Sonne.

Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rttelt der Wind; und der
junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen
Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, ber das Meer enteilt. Dann
ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen.

Versonnen schttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere
zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit
zufriedenem Stolz seine Lhnung fordert, um dann seine Tatze
abschiednehmend durch das Gelnder zu recken.

Na, adjs ok, Herr.

Adjs? -- Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: Sind Sie denn ein
Plattdeutscher, Schmidt?

I, jawoll, jung Herr, sagt der rotblonde Bursche breit. Ut de Gegend
von Wolgast.

Das Wort mu den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem
Gehege heraus.

Das wut' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns, fragt er rasch,
wollen Sie wieder nach Deutschland zurck? Aus welchem Grunde? Haben
Sie dort eine Braut?

Ne, Brdjam bnn ick dor nich grad. As ich fortfhr, wir sei irst
ffteihn.[12]

Aber Sie haben vielleicht Geschwister?

Ne, dei snd all dot -- aberst Herr, ick -- ick -- und der Zimmermann
reibt sich verlegen an seiner Hose. Nach den ganzen Lann'n heww ick
Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.

Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rtlich
den Raum berzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein
Vorgesetzter erblat ist.

Zgernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und ffnet es. Mit
zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor.

Schmidt, beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, hier hab' ich seit
vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Grnden
nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befrdern? Der Ort
liegt ganz in Ihrer Nhe. Wollen Sie den Weg machen?

I, woll, Herr, erklrte sich der Abreisende bereit, und dabei
buchstabiert er die Adresse: Hann Klth. -- Oh, das is woll ein
Verwandter? Na, den will ich gren, Herr.

Und das Land auch, sagt der andere an sich haltend und blickt auf die
spielende See.

Versteht sich. Das Land auch. Adjs!

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, da die Kranke gesunde.
Das Meer, welches das Mdchen schon als Kind gehat hatte.

Heut' abend knackt das Eis, meinte oll Kusemann.

Und dann gibt es wieder einen Tanz, setzte Frau Fiek hinzu, die mit
Hann in der Kche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. Kuck,
Hann, was er fr schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da -- jetzt
sieht er direkt auf die See raus.

Kinder knnen den Sturm sehen, kaute oll Kusemann, whrend er an dem
Trpfosten lehnte. Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier
fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinluft.

Aber Frau Fiek schttelte ihre Riesenfaust nach der See, ber der sich
noch die Eisdecke spannte. Das wird sie wohl bleiben lassen, schrie
sie -- wird sich hten. Solche Waschschssel voll Wasser. Werden uns
hier gerade frchten.

Stwelwichs, polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd.

Und das Kind begann laut zu schreien.

So, murmelte der Lotse, da habt ihr's, das Gr ahnt es.

Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo er geraume
Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich
zu frchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor
der groen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten,
das tglich einen Fu auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurckzog.

Ein Schauer lief dem plumpen Manne ber den Rcken. Er zitterte einen
Moment, da es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn
bereits erschpft.

Hann, sagte Frau Fiek aufsehend, du solltest dich mal hinlegen.

Er schttelte das Haupt.

Nich eher, als bis Line geschlafen hat.

Damit ging er an die See und ma die Strke des Eises.

Zwei Zoll. Noch hlt's.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Doch im fahlen Glanz der Februarsonne lag die See und schielte mit ihrem
eisigen, glnzenden Auge durch das Fenster nach Lines Lager hin, so da
die Liegende keinen Blick von dem Schimmer wenden konnte.

Sie hatte den Kopf auf beide Hnde gebettet, und ihre glnzenden Augen
lieen die Scheibe nicht.

Unmerklich flsterte sie.

Nun?

Und dann wieder.

Wann kommst du?

Dann winkte sie verstohlen.

Da griff Klara Toll, die nun schon seit Wochen an dem Lager waltete,
sacht nach Lines Hand. Die Kranke mute aufsehen.

Dabei verrieten ihre lebhafter glnzenden Augen, wie ihr die schlanke
Gestalt in dem hellblauen Pflegerinnengewande, das ihr frher soviel
Abscheu eingeflt, jetzt gefiel. Neugierig fast sphte sie nach den
braunen Haaren, die im Glanz der Sonne weich unter dem Haubenlatz
hervorquollen.

Unterdessen hatte die Schwester einen Arm um Lines Schulter geschlungen,
und nun konnte sich die Liegende aufrichten.

Komm, bat Klara, sieh von da fort.

Doch Line schttelte nur eifrig das Haupt und bog den Hals gespannt
wieder nach dem Fenster. Das verstehst du nicht, erwiderte sie leise,
ich mu drauf warten.

Worauf, Line?

Aber Line blieb stumm. Doch wenn sie auch schwieg und wie gezogen wieder
auf das Wasser hinaustrumte, Klara Toll wute aus frheren Reden recht
gut, was die Gedanken der Leidenden lenkte.

Da lag sie nun schon seit Wochen, vom Fieber geschttelt, sie, die so
leidenschaftlich nach dem Leben verlangt hatte, nach einem besseren,
ttigen Dasein, und siehe, das Leben verwarf sie, das Leben hatte sie
auch frder ausgespien. Nichts konnte sie dem Neugeborenen leisten, vor
dem sie ursprnglich solche Angst gehegt, auf keine Weise Hann danken,
der sie unausgesetzt, wie ein groer, treuer Haushund, bewachte. Und nun
waren mitten in ihre Fiebertrume die Reden der Hausgenossen
hereingedrungen ber das Vordringen des Wassers, und seitdem lag Line
und lauerte.

Unausgesetzt, wie auf etwas Wunderbares. Immer wieder wandte sie sich
nach der eisigen Flche. Und wenn sie es auch nicht wieder laut werden
lie, ihre verlangenden Augen redeten es deutlich: Nun?

Und dann wieder.

Wann kommst du?

Am Mittag trat Hann zu der Erschpften, und als sie ihn merkte,
streichelte sie seine Hand, um sie jedoch gleich fahren zu lassen,
sobald sie sich an Klaras Gegenwart erinnerte.

Dann bannte sie ein flchtiges Lcheln auf ihre Lippen, um endlich das
zu fragen, was sie jetzt tglich beschftigte, ob Paul, der Pastor,
etwas von sich habe hren lassen? Und die in der Stadt? Beide nicht? --
Beide nicht?

Sie kannte schon Hanns mitleidiges Kopfschtteln und streckte sich starr
in ihren Kissen aus. Ihre Augen suchten die niedrige Decke.

Der Nachmittag dieses Tages, von dem die Moorluker noch heute sprechen,
dmmerte herauf. Die beiden Frauen saen wieder allein. Line auf ihrem
Bette, Klara am Fuende, mit einer Strickerei in der Hand. Die sah
winzig aus.

Die gelbe Februarsonne glitzerte auf den Fensterscheiben. Da richtete
sich Line auf. Ihre Augen irrten wieder auf der Eisflche herum.

Klara.

Die Pflegerin lie ihre Arbeit ruhen und sah auf. --

Klara, woran arbeitest du da?

Es sind Strmpfchen fr den Kleinen, Line.

Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange
darauf.

Ja, ja, begann sie dann mit eilender Stimme. Du wirst sie ihm auch
spter stricken.

Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.

Die Liegende lchelte eigentmlich und wandte sich dann wieder zur See,
ber deren Eisflche der Wind graue Schneewolken jagte.

Hrst du, sagte sie mit seltsamer Befriedigung, whrend sie mit dem
Finger zeigte, wie es heult?

Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Zge kehrten
sich ganz gegen ihre Gefhrtin: Line, bat sie, willst du mir nicht
einmal erklren, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?

Weshalb willst du das wissen?

Wir ngstigen uns alle deshalb.

Oh, lchelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich
verschlieen, allein pltzlich fhrte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und
raunte: Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du dir's gar
nicht denken kannst. Du weit's ja, du bist mir ja auch nicht gut
gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergngen gedacht, und wenn andere
darber htten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich
wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann
gekommen, und ich wei auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm mu
wohl eine Kraft haben, denn ganz allmhlich, Stck fr Stck ist mir der
Wunsch aufgestiegen, ich mcht' auch so werden wie er, so ohne Lge, und
ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein bermchtig in mir geworden.
-- Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frhere erinnert. Der
Gedanke an das Kind und an seinen Vater -- das stt mich immer wieder
zurck. Und da wei ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben?
Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara,
und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.

Klara schttelte das Haupt. Das sind Phantasien, entgegnete die
Pflegerin, an sich haltend. Die See wird nicht kommen. Aber wenn du
hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden.
Versprich mir das. Sie rckte ihr sanft die Kissen zurecht. Nicht
wahr, du hast Hann doch lieb?

Line zuckte und sah starr auf die Decke.

Nicht so wie du, gab sie endlich mhsam zurck.

Aber du bist ihm doch gut? drngte die andere.

Leise nickte die Gefragte und faltete die Hnde.

Die Pflegerin rckte noch nher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr
schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: Und an Bruno,
Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.

Da lag Line ausgestreckt und fhrte beide Hnde an die Stirn, eine
innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein
langer irrender Blick auf die See hinaus.

Und das Kind, mahnte die andere eindringlich, das wird dich doch ans
Leben fesseln?

Du mut mich nicht qulen, sthnte es aus den Kissen auf. Das Wasser
wei allein, wie alles enden wird.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit
seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes sa. Der Fremde
blieb eine geraume Zeit. Als spter Frau Fiek in ihre Kche trat, fiel
es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebckt neben dem kleinem Lager
harrte, mechanisch mit dem Fu den Gngel tretend, einen Bogen Papier in
der Hand und verstrt darauf niederschauend.

Frau Fiek wurde neugierig.

Hann, was liest du da?

Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er
nicht zu fassen. Erst ganz spt tnte es zurck: Einen Brief.

Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie ber Hanns Dummheit ein
wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen.

Von wem is der woll? examinierte sie freundlich lchelnd weiter und
streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des
Schreibens zu erwischen.

Von weit her, erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei
faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich.

Kuck, wie schlau, platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der
weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und
fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder
vielleicht etwas gewonnen htte.

Wie wrd' ich mich freuen, setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund
wischte. Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler
schuldig bist, Hanning. Ne, das mut du nich glauben. Man ja nich.

Dabei nahm sie die Kchenlampe vom Herd und leuchtete ihrem Mieter ins
Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob.
Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram,
Verzweiflung und vllige Ratlosigkeit. -- Und wie faltig die Furchen
sich in diesem frhgealterten Gesicht eingegraben hatten.

Jetzt stand er auf, schwerflliger als sonst, sah sich um und griff an
seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hrte. Dann nickte
er. Pltzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der
Brust schlich.

Frau Muchow?

Jawolling?

Wird es mit Line besser werden?

Hann, wer kann das sagen? -- Aber mir will es bald so vorkommen.

Ja -- ja.

Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich
nieder. Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie frher, und
ich hab' -- -- --

Was hast du? drngte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es,
weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut
schrie, Hann schttelte den Kopf und warf nur hin: Sehen Sie hier ein
bichen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot
hher ziehen. Wer wei, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir
noch was.

Damit stlpte er sich die Mtze auf und ging Schritt fr Schritt in die
Dunkelheit.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das war eine bse Stunde, die ber Hann eingebrochen war.

Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war
von Nacht zugedeckt, von allen Seiten strmten die bsen Geister heran,
in den Krallen die roten flatternden Fhnchen der Snde, als wollte
jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das hllische Banner
aufpflanzen.

Er sa auf dem Kiel des Bootes, das er fast bis unter die Mauern des
Katens geschoben hatte, und wie in ihm, so tobte auch drauen eine
lrmende, unheimliche, nicht erkennbare Nacht.

Was knallte dort?

Schsse?

Da und dort, von berall her drang das dumpfe Platzen; mchtiger, immer
lnger, bis es ein Donner ward, wie wenn eine Schlachtflotte den Katen,
in dem Line lag, und die Kste und die ganze Welt in Trmmer schieen
wolle.

Und ber Hanns Lippen flog ein schweres, fast unheimliches Grinsen: Gut,
gut, wenn das Eis so platzte, war dann nicht schon fter die Flut
hinterhergedrungen? Erst vor zwei Jahren war doch auf dem Darst eine
kleine Halbinsel mit Menschen und Vieh zur Winterszeit verschlungen
worden?! -- Gut, gut, was aber schadete das? -- Dann ging der Katen
unter, mit allem, was drinnen hauste, dann war es morgen hier still,
dann hatte er eben den Brief, dies verfluchte Papier, das drinnen in
seiner Tasche bei jeder Bewegung knisterte, nicht mehr abgeben knnen,
dann war er zusammen mit ihr untergegangen, und keiner hatte mehr etwas
zu fordern. -- Ne, keiner!

Bei dem Gedanken, da dort hinten, weit hinter der Nacht, jemand lauere,
der ihm das fortnehmen wollte, was er mit seinen plumpen, fiebernden
Hnden auch ber den Abgrund festgehalten, da hob Hann pltzlich in
Wildheit die Faust und schttelte sie drohend gegen das schwarze,
lrmende Meer!

Es war eine rohe, gewaltsame Bewegung.

Du -- du Halunk. -- Was willst du? -- komm ran -- komm blo ran -- dann
wirst du mir ja nich mehr lang im Weg sein. Was? Hast sie nich schon
einmal in Schande gebracht? Mchtst sie nun wohl ganz zugrund richten,
wie?

Drben auf der See ri etwas -- ein langer, weiter Spalt mute es sein,
der sich auftat. An der Molenmauer krachte es.

Immer nher kommt's, murmelte Hann, da -- da fliegen schon die
Eisstcke; und nun -- das mu das Wasser sein, was da durchbricht. Da
schumt etwas, da an dem Steg; der wird nich lange halten -- ganz gut --
ganz gut --

Auf ihrem Lager in der Kammer richtete sich Line in die Hhe,
schneebleich war sie vor Erwartung und Furcht geworden, und doch rief
und forderte sie immer wieder, Klara solle das Rouleau fortziehen,
hinaus msse sie sphen knnen, nach drauen, woher der Donner rollte.
Nichts ntzte es, da die Pflegerin die Hnde rang und anfhrte, da
drauen nichts als Dunkelheit herrsche.

Das schadet nichts, Klara, dann will ich hren --

Mein Gott, Lining, frchtest du dich denn nicht?

Ja, ja, ich frchte mich -- aber zieh fort -- ah jetzt.

Das Rouleau war in die Hhe gegangen.

Sie erhob sich aus den Kissen und starrte mit aufgerissenen Augen
hinaus. Drauen ritt Hann auf dem Kiel des Bootes, lehnte sich an die
Mauer des Katens und hielt sich an einem Vorsprung fest.

Leise, verstohlen begann der Wind zu ziehen -- allmhlich wurde ein
Winseln daraus. Ein heftiger Zug fuhr um die Hausecke und schttelte
Hanns Schifferjacke, so da Brunos Schreiben drinnen knisterte und
rauschte.

Verfluchter Zettel -- willst du wohl still sein?

Am besten wr's, er zerrisse ihn, dann wte keiner etwas davon. Aber,
so tnte eine ganz ferne Stimme, wenn der andere nun doch, wie er
schrieb, von Reue erfllt wre und wieder hinauf wollte und Line ihm
dazu ntig wre, Line und das Kind -- von dem er nichts ahnte -- was
dann?

Der Schiffer fuhr sich in die Haare.

Hlle und Teufel, wem gehrte sie denn eigentlich -- ihm oder dem
Fernen, der sie betrogen, der sie unglcklich gemacht -- --?

Ich find' da nich raus, schrie er auf, wenn Gott mir nich helfen
will, dann soll der Teufel kommen, dann soll er kommen.

Und er kam.

Leiblich, mitten in der donnernden Nacht.

Was war das?

Von dem Fenster, hinter dem Line lag, hob sich etwas, ein gelber
Lichtschein fiel heraus, fort ber den Bootskiel, fort ber den trben
Schnee, fort ber die nasse, kotige Wiese, bis hinab, wo etwas
Unheimliches, Rauschendes pltscherte. Und der Teufel nahm Hann, so da
er auf dem Kiel fortkriechen mute bis zum Fenster, und da er sich
duckte und hineinstarrte.

Und der Teufel ri Line weiter aus dem Bett hervor und stie ihr die
Decke fort, so da der Mann drauen sie sah, wie er den schnen weien
Leib noch nie geschaut. Noch niemals ein Weib.

Da schlug die Flut des Bsen schallend in sein Herz, das bis dahin eine
Kirche war, und Altar und Orgel versanken, und die Glocken klangen aus
den schwarzen Wassern nicht mehr hervor. Ja, und morgen schon wollte er
den Brief verbrennen, und dann wollte er bei dem Weib in der Kammer
hausen, das ihm gebhrte, ihm allein -- -- und --

Lining?

Herr Gott!

Was schrillte dort drinnen fr ein heiserer Schrei?

Das Rouleau wurde herabgerissen, der Lichtschein schwand. berall
Dunkelheit. Aber nein, da und da -- berall auf der Mole feurige Punkte,
Laternen. Auf dem Leuchtturm pltzlich weithin grellendes Notfeuer! In
blutiger Helle blitzen, von dem Scheinwerfer getroffen, da und dort
Kstenstriche auf. Aber nein, das ist ja keine Kste mehr, was schiebt
sich dort vor? Was zischt so? --

Hann, Hann, ruft Frau Fieks Stimme oben aus der Bodenluke. Verworrene
Stimmen aus dem Dorf schreien dazwischen, sie dringen nher, sie eilen
wieder fort. Und nun ber die Dcher fort vom Kirchturm Glocken. -- Wie
das drhnt und wimmert. Und vom Meer sthnt das Nebelhorn eines
Schiffes, das dort in Not sein mu.

Gut -- ganz gut.

Hann rhrt sich nicht. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Kiel und hat
die Bootsrippen umklammert und beit die Zhne zusammen. Nein, er rettet
nichts. Da er dieses schne Weib, das er eben gesehen, von deren Anblick
ihm das Blut summt, nicht behalten soll, dann mag das Wasser nun ruhig
alles holen.

Ganz ruhig.

Was ist das? -- Sein Kahn beginnt sich zu heben. Es mu also schon da
sein. Es schwankt, es stt -- --

Hann -- Hann!

Ja -- wer ruft da?

Das Fenster vor ihm wird aufgerissen -- Licht und dasselbe Bild wie
vorhin. Auf den Knien in ihrem Bett hockt Line und starrt ihn an.

Ja, sie hat ihn erkannt, sie sieht ihn, aber sie winkt nicht, da er sie
holen solle.

Da saust und braust in Hann alles durcheinander.

Wie darf sie sterben, die Freundin seiner Jugend? Mit einem
verzweifelten Sprung, mit einem einzigen, schwingt sich der Fischer ins
Fenster. -- Vergessen ist alles, der Zettel, sein Wunsch und ihre
Nacktheit.

Hinter ihm her schiet das Wasser.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Nun hocken sie alle in den Bodenkammern. Auf Hanns elendem Schragen
liegt Line, ausgestreckt und starr, aber die Augen offen, und um die
Lippen ein merkwrdiges Lcheln. So lauscht sie auf das Gurgeln, das
leiser und leiser um das Haus tnt. Denn nach dem ersten Anprall ziehen
die Wasser schon wieder von dannen.

Das Kind in seiner Wiege hat Klaus Muchow heraufgetragen, und nun
schleppt er es ungeschickt in seinen Riesenarmen herum und will es
nicht wieder abgeben und kt es und wiehert ihm ins Ohr: Eierkauking,
Eierkauking.

Sonst spricht keiner ein lautes Wort.

Bis an den frhen Morgen steht Hann an der einzigen Bodenluke und
betrachtet die ablaufenden Wasser -- da und dort, berall tauchen wieder
die Wiesen auf, das Eis ist verschwunden, ringsherum spiegelt sich die
Morgensonne in freier, unbehinderter See; schneewei rollt der erste
Schaum ans Ufer.

Hann atmet kaum die frische Luft, ihm klopft das Herz so bang, und wenn
das Papier in seiner Brusttasche knistert, dann wird er fahl und
erinnert sich seiner Nachtgedanken.

Als er noch sinnt, weckt ihn Klara Tolls Stimme.

Hann!

Ja, Klara.

Line verlangt nach dir.

Hann schttelt sich und rafft sich zusammen.

Wie geht's?

Besser. Sie erzhlt und lacht und hat ihr Kind gestreichelt -- und jetzt
will sie dir etwas sagen.

Komm, Klara.

An dem Bett steht Hann, steif und unbeweglich, wie immer, bis ihn Line
sachte, sachte sich nher zieht. -- Mein Gott, wie leuchten und blitzen
ihre Augen. Hann erkennt, das ist dieselbe Line, die zu Malljohanns
Handharmonika so zierlich getanzt hat.

Beug dich tiefer, sagt sie.

Er neigt sich herab.

Sie zaust in seinem struppigen Haar und lacht dazu: Und in einer Decke
hast du mich heraufgetragen, du groer Kerl? -- Willst wohl gern, da ich
lebe?

Da schlgt er die Augen nieder und ringt sich ab: Ja, Lining, und wenn
ich dir jeden einzelnen Tag von meinen eigenen dazulegen mte.

Als er das sagt, mit einer Stimme, die schwankt und unsicher wird,
blickt sich Line blitzschnell nach Klara Toll um. Die ist jedoch
gegangen, und die beiden Jugendfreunde sind allein.

Da legt sie sanft ihren Arm um seinen Hals, obwohl der Mann zittert
unter der weichen Berhrung. Du, flstert sie, du lieber, dummer
Mensch, ich hab' dir noch niemals gedankt, aber heute will ich's tun,
denn ich hab' das Leben wieder lieb, ach, so lieb.

Ihre Wange nhert sich der seinen, weich und sanft -- --

Ja, Line, erwidert der Fischer, whrend er sich mhsam aufrichtet,
das Leben is auch wohl das Hchste. Jetzt seh ich es ein. Aber ich
glaub', man mu es auch ohne Vorwrfe und in Stille leben knnen. -- Und
deshalb, Line -- liebes Lining -- sieh, hier geb' ich dir was -- das
lies aufmerksam -- das is unser aller Zukunft -- da drin liegt Recht und
Unrecht, und Freude und Trauer. Aber, wie das Leben es will, so mssen
wir es auf uns nehmen. Und ich am allerwenigsten darf da dazwischen
reden.

Verwundert nimmt Line das Blatt, nun hlt sie es, jetzt liest sie es,
und langsam gleitet ihr Blick von dem Papier zu dem Mann, der lautlos
auf das Meer blickt, und von dem Mann wieder zu dem Bogen.

Und in der engen Kammer und in den beiden Seelen webt alles
durcheinander, Recht und Unrecht, Abschiednehmen und Einsamkeit, Freude
und Trauer.

Es ist still geworden.

Nur drauen auf dem wieder erwachten Meer sieht Hann ein schaukelndes
Boot zwischen den Wellen.

Schiff, wohin zielst du? Ist dein Steuer fest? -- Kannst du dich selbst
regieren?




Ausklang

VIII


Die Grillen sangen zwischen dem Gras des Landwegs, am Rick standen Khe
bis ber die Schenkel im Wasser und schleckerten.

Uff -- uff.

Das ist soviel, als wenn wir sagen: Gut oder delikat.

Die Junisonne spiegelte sich in ihren wei- und braungescheckten Rcken,
und auf der Wiese herrschte eine erbitterte Schlacht zwischen braunen
und grnen Kfern. Ganz fern, bei einer grnmoosigen Pftze, wandelte
ein alter Storch, der bei jedem Schritt ernsthaft mit dem Kopf nickte,
als wre er sehr mit dem Gesumm und dem Dunst des Sommers und der ganzen
schlfrigen Stille einverstanden.

Aber schwer ist es, sehr schwer, zwischen den ausgefahrenen Geleisen des
Feldwegs vorwrts zu wandern, zumal wenn ein alter, knarrender Wagen vor
dir herfhrt, den vier altersschwache Gule kaum durch den Staub
vorwrtszuziehen vermgen.

So setzte ich denn die letzte mde Kraft ein, bis ich neben dem Gefhrt
herschritt.

Der Kutscher, der auf seinem Bock herumschlotterte, hatte bereits einen
schiefen Blick auf den Wandersmann geworfen.

Na? knasterte er.

Ich sah auf.

Potz -- Blitz.

Wir hatten uns erkannt, und zum Gru stie er ein bichen an seine
Mtze. Sonst konnte ich keine besondere Freude an ihm ber unser
Wiedersehen entdecken. Doch hielt er immerhin mit zitternden Hnden
seine Schimmel an: Hh -- -- purr.

Hast noch mmer kein Geld, fragte er, sich ber den Bock herabneigend,
fr einen eigenen Wagen?

Darauf konnte ich nur betrbt den Kopf schtteln und erwidern, da mein
Geschft noch immer nicht soviel abwerfe. Der Alte hob die Hand zu dem
zahnlosen Munde und wackelte hin und her: Je, dein Vater war doch ein
Handelsherr und ein Schiffsreeder, was is nu mit dir?

Leider Gottes, ich bin dmlich aus der Art geschlagen.

Ja, ja, murrte der Alte, Schnurrerwaar, und damit rckte er brummend
zur Seite, was von jeher die Erlaubnis bedeutete, neben ihm Platz zu
nehmen.

Weiter ging's durch den summenden Sommertag.

Warum fhrst du jetzt mit vier Pferden? hob ich an. Aber diese Frage
stimmte den Kutscher sichtlich verdrielich.

Je, kaute er und schlug auf die Tiere ein. Warum? Es soll jetzt alles
schnell gehen auf der Welt, aber es kommt nichts dabei raus, h.

Die Schimmel trabten zu.

Da gedachte ich dem Gesprch eine andere Wendung zu geben: Schner,
kurzer, fetter Dung, den du da fhrst, lobte ich. Fr wen ist der?

Fr Hann Klth.

Ich glaubte, ich htte nicht recht verstanden und forschte zum
zweitenmal: Fr wen?

Der Alte sah mich mit seinen eingesunkenen, triefenden Augen mifllig
an: Ich sagt' dir ja, fr einen ordentlichen Mann, keuchte er, indem
er wieder in sich zusammensank, fr Hann.

Aber ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholen und einwerfen
konnte, ob Hann denn seit den vier Jahren, die ich ihn nicht gesehen,
Landwirtschaft betriebe, streckte der Kutscher seine drre Hand aus und
zeigte auf die hohen Binsen am Flu.

Kuck, machte er mich aufmerksam.

Hinter der grnen Wand, deren Silberfasern im Sonnenschein blitzten,
hob sich ein Angelschacht, und nun knurrte und lachte der Alte wirklich
in sich hinein und schttelte sich und stie mich in die Seite. Maust
all wieder Aale, flsterte er. Aber sie kriegen ihn nich, weil er
selbst ein Aal is. -- Ho! schrie er dazwischen und hieb nach den
Stauden. Soll mich doch wundern, was er diesmal fr eine Ausred parat
hat.

Und wirklich, bei dem Lrm hinkte aus dem Gestrpp eine merkwrdige
Gestalt heraus. Die trug einen leinenen Beutel in der Hand, an den Fen
steckten ihr kolossale Filzschuhe, und ber die schmucke Lotsenuniform
ringelten sich unter der Tressenmtze lange, weie Haarstrhnen herab,
die dem Antlitz gewi etwas Ehrwrdiges verliehen htten, wenn es nicht
gar so trinkrot und listig gewesen wre.

Oll Kusemann war's, der mir sofort mit lautem Freudenruf die Hand
heraufreichte, um dann wehmtig den Kopf zu schtteln.

Kuck, Jnging, was aus mir hbschen jungen Mann geworden is. Die
Jahren, die Jahren. Und das Reien. Sieh, und die Pension, die sie mir
ausgesetzt haben, is auch nich zum Fettwerden.

Aber Aale? fragte lauernd der Kutscher, whrend er auf den Beutel
zeigte, in dem es sich regte.

Der Lotse jedoch sah wie ein gekrnktes Kind aus: Was, Aale? Da is
nichts als Fleisch drin, widersprach er ehrwrdig. Damit geh ich die
armen, hungrigen Biester fttern, weil ich's nich mit anhren kann, wenn
sie zur Sommerzeit so schmatzen, ohne was zu finden. Ich hab' mal ein zu
weiches Herz.

Nu hr eins, grinste der Kutscher, worauf er in solch gewaltiges
Keuchen und Knastern ausbrach, da ich ihn beruhigend auf den Rcken
klopfen mute. Inzwischen war oll Kusemann ebenfalls auf den Bock
geklettert, und ich sa nun zwischen den beiden, wobei sie sich jedesmal
wechselseitig zuzwinkerten, so oft ich wieder nach Hann zu fragen
begann. Ja, was meinst du woll? reizte mich oll Kusemann
geheimnisvoll, was aus ihm geworden is? Und der Mistkutscher starrte
auf den Weg, nickte vor sich hin und murmelte befriedigt: Hat die Zeit
alles machen lassen. Was sagt' ich mmer: Die Jahren tun's.

So reizten sie mich und machten mich neugierig, bis ich endlich ganz
kopfscheu vor mich hinsprach: Ja, was kann sich denn hier Groes mit
Hann ereignet haben? Hat wahrscheinlich schlecht und recht und still,
wie bisher, vor sich hingelebt und ist am Ende Klaus Muchows Bootsmann
geworden. Ja, so denk ich mir's. Und nun fangen sie zusammen Fische.
Recht viele. Und Klaus Muchow sagt dazu >Eierkauken<. Und Line wird
gesundet sein, und nachdem sie sich wieder auf sich selbst besonnen,
drfte sie Hann und das kleine Fischernest, in das sie doch gar nicht
pate, wie ihr mir zugeben mt, verlassen haben, vielleicht, um Bruno
in Amerika aufzusuchen, oder um ihren alten Wunsch wahrzumachen, sich
einer wandernden Schauspielertruppe anzuschlieen. Denn dazu hatte sie
doch nun einmal das heie Blut.

Hatte sie dat? warf der Mistkutscher hmisch dazwischen, whrend er
auf den Lotsen schielte -- Hm, bist ein dummer Bengel.

Wieso?

Die Jahren -- die Jahren.

Und fort is sie also nach Amerika? schob oll Kusemann zweideutig ein.

Ich begrndete meine Ansicht damit, da Hann und Line doch so schlecht
zueinander gepat htten, weil sie ihm in allen Dingen zu sehr berlegen
gewesen.

Ach so, nickte der Lotse mit den weien Locken, und nachdem die beiden
wieder einen verstndnisinnigen Blick getauscht, streichelte mir der
Kutscher ein bichen herablassend bers Knie: Na, schreibst du noch
immer Schriften? kam's aus seinem lallenden Munde.

Zuweilen.

Und kommen da auch Menschens vor?

Freilich.

Kuck, schlo der Alte, schttelte den Kopf, als wenn er etwas nicht
recht begriffe, und strich ber den eisigen Zottelbart. -- Na,
meinetwegen; aber nu sieh da mal grad'aus.

Ja, das war in der Tat ein befremdender Anblick. Statt der hlzernen
Notbrcke zwischen Moorluke und dem Nachbardorf dehnten sich jetzt ein
paar stattliche Steinbogen, und in der Mitte erhob sich ein schlankes
Balkengerst, das einem Fallgatter derartig gestattete, auf und nieder
zu gleiten, da die Meerschiffe ungehindert durch die Brcke in den
Hafen passieren konnten.

Wir karrten hinber.

Vor dem Wrterhuschen stand eine untersetzte Gestalt, um uns den
Brckenzoll abzunehmen.

Auch eine neue Einrichtung.

Der Mann hob das Haupt. Und da -- -- --

Gott im Himmel! rief ich verblfft.

Bist du auch wieder einmal da? sprach Hann mit schner philosophischer
Ruhe, denn das ist der oberste Grundsatz der Gilde, zu der Hann gehrte,
sich durch nichts aus dem Text bringen zu lassen. Wie geht's?

Aber ich konnte mich noch immer nicht von meiner Verwunderung erholen,
und so rief ich denn einmal ber das andere von meinem Bock hinab:
Menschenskind, nu sag' mal blo, was machst du denn eigentlich hier?

Ja, sagte Hann in seiner erschpfenden Weise, ich nehm hier den
Leuten fr einen guten Gedanken, den nich ich, sondern eine andere
gehabt hat, das Geld ab. Es macht fr jeden von euch fnf Pfennig und
fr den Wagen dreiig.

So is es, scho oll Kusemann wehmtig dazwischen, wobei er ausspuckte.
Und es is ein hbsches, ruhiges Geschft, wobei er nich so mager wird,
wie gewisse andere Leute, sieh mal da -- --

Damit zeigte er nach der Stelle am Ufer, wo frher das unscheinbare
Huschen der Klths gestanden hatte, das in den Zeiten der Not an einen
Bartscherer verkauft worden war.

Wie war das jetzt hbsch herausgeputzt, mit einem Anbau versehen und
hell angestrichen.

Das mut du mir erzhlen, rief ich und sprang kurz entschlossen vom
Wagen, von dem nun auch oll Kusemann unter Ach und Weh
heruntergeklettert war. So blieb denn nur der alte Mistkutscher, den
Professor Asmus Zeit seines Lebens fr einen Gott gehalten, auf seinem
Gefhrt, und er nickte schlotternd vor sich hin, stierte geradeaus
zwischen den Kpfen seiner vier Pferde hindurch und lie endlich die
Worte fallen: Na, denn la dir von Hann erzhlen. 's is ein Mensch. Und
das is nich wenig. Und vielleicht wirst dir aus seinen Reden einen Vers
machen, wie es oft ganz anders kommt, als man so meint. Denn, Jnging,
die menschlichen Meinungens kommen auch in die Jahren und verfaulen, und
's wr' gut, ich htt' eine Menge von diese verfaulte Dinger all hier in
meinen Wagen. Na, aber nu werd' endlich klug.

Dies hervorkeuchend, trieb er seine Gule ber die Brcke und richtete
sich auf und schwang, weit ausholend, die Peitsche.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Hh!

Da saen wir nun in Hanns Wrterhuschen, das so eng und winzig war, da
auer dem Brckenmann nur ich noch auf dem zweiten Holzstuhl Platz
nehmen konnte.

Hinten durch das Guckfensterchen leuchtete wie ein grnes Feld mit
weien Blumen die See, whrend unter unseren Fen leise der Flu
pltscherte.

Das klang so wohltuend, heimlich und gemtlich. Dazu noch die blauen
Tabakswolken, die sich um oll Kusemann herumwiegten. Es war kein Wunder,
da ich mich heimisch fhlte.

Ja, sagte Hann, so is es gekommen. Da is vor allen Dingen die Brcke,
ber die du wohl hauptschlich was in Erfahrung bringen willst. (Er
glaubte das wirklich.) Ja, sieh, an dem einen Pfeiler steht mit
Kupferbuchstaben geschrieben: >Erbaut vom Konsul Hollander 1897.< Und
das verhlt sich wirklich so. Line hat es sich ausgedacht, und der Herr
Konsul hat es ausgefhrt. Und das hing so zusammen. Du mut nmlich
wissen, da sie mir lange Zeit keine Ruhe lie, ich htte nich die
richtige Beschftigung fr mich, fr den Fischfang wre ich viel zu
langsam, ich lie mir alle anderen zuvorkommen und noch viel so was
hnliches Gutes. Und eines Tags, als wir beide hier grade ber die alte
Notbrcke spazierten, an der ein Schiff lag, das wieder viel zu hoch
frs Passieren war, sieh, da hatte sie mit einmal den Einfall mit der
Klappbrcke. Und sie beschrieb mir das alles, als ob der Bau schon hier
stnde. Ganz deutlich. Ja, ja, setzte er stolz hinzu, wenn sie so
erzhlt! -- Und dann ging ein Drngen los, und ein Vorstellen, und ein
Muteinreden, ich sollte gleich zu dem Konsul in die Stadt, um bei ihm
wegen der Brcke vorstellig zu werden. Na, lange Zeit, kannst du dir
wohl denken, hab' ich mich dagegen gewehrt; denn der Konsul war schon
oft bei mir drauen gewesen, immer mit einem anderen Vorschlag; einmal
wollt er mir einen kleinen Hochseekutter bauen, dann wieder eins ging es
um vier neue Zesnerboote, aber immer kam es auf Untersttzung heraus,
denn ihn mochte wohl das Geld drcken, das er damals von uns bekommen
hatte. Aber diesmal setzte Line es durch. Sie hrte nmlich eines Tages
auf zu lachen, und weil ich nun frchtete, sie knnte am Ende wieder
krank werden, ging ich richtig zu Hollander hin. Das war ein schwerer
Gang, fuhr Hann fort, whrend er sich den Schwei abwischte, aber
kuck, der Konsul wurde ordentlich lustig ber meinen Vorschlag, und vier
Monate spter, da sa ich schon als Pchter hier in dem Verschlag und
nahm den Leuten das Geld ab.

Kesch -- kesch, warf oll Kusemann ein, wobei er mir bedeutsam
zuzwinkerte und sich zugleich auf die Hosentaschen schlug, um mir das
Eintrgliche von Hanns Geschft anzudeuten. Wie sagt doch das schne
Sprichwort? >Ein kluges Weib, ein starkes Pferd -- ein treuer Hund sind
Goldes wert<. --

Ein kluges Weib? wiederholte ich verblfft. Mir wurde ganz wirr zu
Sinn. Ja, du sprichst immerfort von der Brcke, aber die Hauptsache
erzhlst du nicht, lebt denn Line noch in Moorluke?

Hann nickte.

Und -- und -- nimm mir's nicht bel, ihr seid doch nicht etwa -- --

Nein, das nich, wehrte Hann von sich ab und wurde blutrot.

Aber warum blieb sie dann hier? -- Weshalb ging sie nicht fort?

Hann starrte auf den Lotsen, dessen Gegenwart ihm bei diesem Gesprch
offenbar peinlich wurde, und erhob sich: Ja, siehst du, das is die
Frag', die ich mir selbst jeden Tag vorleg. Aber komm, fuhr er fort.
Du sollst sie sehen, sie hat dich ja immer gern leiden mgen. Und
unterwegs erzhl' ich dir noch mehr.

Oll Kusemann wurde gebeten, in der Zwischenzeit Hanns Stelle
einzunehmen, wozu er sich gern bereit erklrte, und als Hann und ich
bereits ber die Brcke schritten, rief der Lotse mir noch nach, da ich
am nchsten Tage natrlich einen Lffel Suppe bei ihm essen mte.

's gibt Aale! schrie er in einem Augenblick der Selbstvergessenheit,
whrend er triumphierend den regsamen leinenen Beutel schwang. Alwining
kocht sie in Bier und Zwiebeln. Wat meinst du woll?

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Hann erzhlte.

Aber darber kam er nicht fort, der grbelnde Mensch. Dieses Eine konnte
er sich nicht erklren.

Den Brief.

Sie hatte das Schreiben gelesen, damals, als sie so krank lag, und Hann
an ihrem Lager den Teufel berwand, da hatte sie gelesen und den Zettel
schweigend unter ihr Kissen geschoben.

Hann wartete, aber sie entschied sich nicht. Sie sah ihn nur an, mit
einem Blick, der sprach: Ich bin viel klger als du, und lchelte.

Sie wurde gesund, so schnell, wie es keiner geglaubt hatte, sie begann
in dem Muchowschen Katen herumzugehen, zu singen, zu springen, ach, ganz
ebenso, wie es die kleine Line getan hatte. Und Hanns Herz tanzte mit.
Aber dann hmmerte dieses Herz wieder vor Angst, denn der Augenblick des
Scheidens mute ja nherrcken, umso schneller, je krftiger sich Line
fhlte.

Ach, wenn du wtest, fuhr Hann fort, whrend wir an dem Flu
dahinschritten, ber den bereits Abendrte sich senkte, wenn du
wtest, wie schwer mir damals war, wie ich jeden Tag zu mir sagte: Nun
mut du bereit sein, Hann. Wenn du heut von der See nach Hause kommst,
dann wird sie nich mehr da sein, dann is sie dahin gegangen, wohin der
Brief sie haben wollte. Aber nichts -- sie wurde immer nur munterer,
allmhlich begann sie auch bei den Muchows herumzuwirtschaften, sie nahm
alles in die Hand, auch das Kleinste. Siehst du das kleine Rucherhaus
da? Das wurde auch auf ihren Rat von Klaus Muchow und mir gebaut, damit
wir darin ruchern sollten. Das brachte schon etwas. Und als nun die
Sache mit der Brcke kam, da war Line ganz auer sich vor Freude. Sie
sang und sprang, sag' ich dir, Jnging, da selbst Frau Fiek ber sie
lachen mute. Und nun hielt sie Pfennig bei Pfennig zusammen, und jeden
Abend, wenn wir vor der Tr saen, dann kuckte sie auf unser altes
Husing rber, du weit ja, das wir mal an Barbier Schultz verkauft
hatten, und dann sagte sie immer so bestimmt: >Nun noch so und so viele
Tage, denn kaufen wir's wieder.< Und siehst du, Jnging, schlo Hann,
whrend er auf den nahen Bau wies, an dem sich zarte rote Kletterblumen
in die Hhe rankten, auch darin hat sie recht behalten. Seit zwei
Jahren sitzen wir wieder hier. Kuck, der Seitenflgel is neu. Und die
Scheune. Denn du mut wissen, Line will auch Landwirtschaft. Und der
groe Kartoffelacker da hinten is seit vorigem Jahr angelegt.

Ein kleiner, flachshaariger Bursche, der etwa drei Jahre zhlen mochte,
mit roten Pausbacken und schwarzen Augen, lief uns entgegen und
klammerte sich an Hanns Beine an.

N'abend, Hann, sagte der Groe.

Hann heit er? fragte ich.

Ja, versetzte mein Fhrer ein wenig verlegen, Line wollt es so haben.
Aber der wird was lernen, setzte er stolz hinzu. Er kann all das
kleine Einmaleins.

Nimm's mir nicht bel, und du wohnst hier mit Line ganz allein?

Hann blieb stehen und holte tief Atem: Was denkst du, gab er zurck,
die Muchows sind mit uns gezogen.

Na, und was sagen die Moorluker dazu?

Je, versetzte Hann mit einer wegwerfenden Handdrehung, woran sich die
Leut' hier gewhnen, das finden sie auch recht.

Ganz schn -- aber du selbst, Hann, machst du dir keine Gedanken? Wir
haben hier doch zusammen in derselben Dorfschule gesessen, Hann, deshalb
frage ich dich.

Da hob Hann sein Haupt, und als sein Blick auf das freundliche Haus
fiel, das in Abendrte wie eingebettet ruhte, da starrte er wieder zur
Erde und murmelte: Erklren kann ich's mir nich, aber mir is immer, als
stellt' dies blo einen lieben Traum vor, und es wre noch nich Zeit zum
Aufwachen.

Ich nahm ihn unter den Arm. Hr', Hann, das Leben bringt noch
Schneres. Und du wirst bald aufwachen.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Als der Mond jenseits des Flusses aufstieg und sein luftiges Hngenetz
ber das Wasser spannte, als die Nachtvgel schwrmten und die Meerluft
um das Haus lispelte, da saen wir drei schweigend auf der Bank neben
der Mauer.

Ist's hier nicht still? unterbrach Line, die mir lieblicher denn je
erschien, die Ruhe.

Wortlos mute ich nicken.

Ja, sagte sie, das hab' ich nach Hanns Vorbild gelernt. Es ist nicht
gut, wenn unsere Wnsche so wild in die Weite irren. Bescheidenheit,
Friede und Ttigkeit, das wei ich jetzt, mehr soll der Mensch nicht
erstreben.

Aber Hann schttelte das Haupt.

Ne, Lining, so is das nich. Ich hab' viel ber das Glck nachgedacht,
aber es is alles falsch gewesen. Er wandte sich zu mir. Erinnerst du
dich noch, Jnging, wovon wir nachmittag sprachen? -- Jetzt wei ich ganz
genau, ohne was ein Mensch gar nich leben kann. Weit du, was das is?
Das is so ein schner Traum -- und so 'ne schne Hoffnung. Das is das
Allerglcklichste und Allerhchste!

Das ist es, wollte ich eben erwidern, da sah ich, wie Line lchelnd
ber Hanns Wange streichelte, dabei flsternd: Ist er nun ein lieber,
dummer Mensch? Oder ist er am Ende gar ein Philosoph?

Da wute ich, da dicht ber Hann selbst die Hoffnung schwebe.

  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dies ist die Geschichte von Hann Klth.

Sie ist nicht kunstmig mit einem Ende versehen, denn sie ist wahr, und
das Leben dichtet ohne Ende.


FUSSNOTEN:

[1] Mrchen.

[2] Wartet, ihr Mdel, wollt ihr wohl nach Hause?

[3] Hier vorbei -- hier vorbei, ich fresse euch auf.

[4] Mutter, Mutter, zu Hilfe.

[5] Wartet, ich werde euch helfen.

[6] Zu Hilfe -- zu Hilfe!

[7] Kuck, sagte der Donner-Alte, wie gut ich alter Mann noch bei
Krften bin. Aber nun komm, Alte, nun wollen wir einmal einen recht
schnen Schottischen tanzen.

[8] Abkrzung von Sophie.

[9] Stiefelwichse.

[10] Eierkuchen.

[11] Als der Teufel.

[12] Nein, Brutigam bin ich nicht gerade. Als ich fortfuhr, war sie
erst fnfzehn.






End of the Project Gutenberg EBook of Hann Klth, by Georg Engel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLTH ***

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