Project Gutenberg's Die Republik des Sdkreuzes, by Waleri Brjussow

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Title: Die Republik des Sdkreuzes
       Novellen

Author: Waleri Brjussow

Translator: Hans von Guenther

Release Date: January 7, 2012 [EBook #38518]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SDKREUZES ***




Produced by Jens Sadowski




Valerius Brjussoff

Die Republik des
Sdkreuzes

Novellen






Mnchen 1908
Verlegt bei Hans von Weber



Die autorisierte bertragung dieses Buches aus
dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt.
Den knstlerischen Schmuck zeichnete
Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar
Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden
auf Van Geldern abgezogen, in goldgepretes
Leder gebunden und handschriftlich numeriert.




Die Republik des Sdkreuzes
Die Schwestern
Im unterirdischen Kerker
Die letzten Mrtyrer
Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .
Im Spiegel
Das Kpfchen aus Marmor








Die Republik des Sdkreuzes



Artikel der Spezialnummer des Nordeuropischen Abendblattes



In letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen jener
entsetzlichen Katastrophe, welche die Republik des Sdkreuzes heimsuchte.
Sie sind einander berraschend unhnlich und geben nicht wenig offenbar
phantastische und unwahrscheinliche Begebenheiten wieder. Die
Zusammensteller dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich zu
leichtglubig gegenber den Berichten jener Bewohner der Sternenstadt, die
sich gerettet hatten, und die, was ja bekannt ist, _alle von einer
psychischen Strung betroffen wurden_. Darum also halten wir es fr
ntzlich und zeitgem, die Summe aller _glaubwrdigen_ Nachrichten, die
uns bislang von der Tragdie auf dem Sdpole bekannt wurden, zu ziehen.

Die Republik des Sdkreuzes entwickelte sich vor etwa vierzig Jahren aus
300 in den sdpolaren Gebieten gelegenen Stahlfabriken. In einem Zirkular,
das allen Regierungen des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat
Ansprche auf alle Lnder, ob sie nun kontinentalen oder insularen
Charakters waren, die in dem Bezirke des sdpolaren Kreises lagen, wie auch
auf jene Teile dieser Lnder, die ber dieses Gebiet hinausragten. Er
erklrte sich bereit, diese Lnder von den Regierungen kuflich zu
erwerben, unter deren Protektorate sie standen. Die Prtensionen der neuen
Republik begegneten keinem Widerstand von seiten der fnfzehn Gromchte
der Erde. Einige strittige Punkte betreffs weniger Inseln, die auerhalb
des Polarkreises lagen, dennoch aber eng an das sdpolare Gebiet grenzten,
erforderten besondere Traktate. Nach Erfllung verschiedener Formalitten
wurde die Republik des Sdkreuzes in die Familie der Weltherrschaften
aufgenommen und ihre Vertreter bei den in Frage kommenden Regierungen
akkreditiert.

Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt erhielt, war am
Pole gelegen. An jenem gedachten Punkte, den die Erdachse berhrt und wo
alle Meridiane zusammentreffen, stand das stdtische Rathaus, und die
Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels emporgerichtet. Die
Straen der Stadt entfernten sich vom Rathaus in der Richtung der
Meridiane, und die Meridionalen wurden von anderen durchschnitten, die in
der Richtung der Parallelkreise strebten. Die Hhe und das uere aller
Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wnde hatten keine Fenster, denn das
Innere der Gebude war durch Elektrizitt beleuchtet. Elektrizitt
beleuchtete auch die Straen. In Anbetracht des rauhen Klimas war ber der
Stadt ein das Licht abschlieendes Dach errichtet worden, in das mchtige
Ventilatoren eingelassen waren, zum bestndigen Erneuern der Luft. Jene
Lnder des Erdballes kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs
Monaten und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch die
Straen der Sternenstadt wurden bestndig vom gleichen und klaren Lichte
beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen Jahreszeiten die Temperatur auf den
Straen knstlich auf der gleichen Hhe gehalten wurde.

Nach der letzten Zhlung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner die
Hhe von 2500000 Menschen. Die ganze brige Bevlkerung der Republik, die
auf 50000000 geschtzt wurde, verteilte sich auf die Hafenstdte und
Fabriken. Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen von Millionen
Leuten und erinnerten in ihrem ueren an die Sternenstadt. Dank einer
geistvollen Anwendung elektrischer Kraft, waren die Einfahrten aller
offenen Hfen das ganze Jahr ber eisfrei. Elektrisch betriebene
Hngebahnen verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander und auf
ihnen wurden tglich Zehntausende von Menschen und Millionen Kilogramm
Waren aus einer Stadt in die andere befrdert. Was das Innere des Landes
anbetrifft, so blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die
durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einfrmige Wsten vorbei, die im
Winter vllig wei und nur in den drei Sommermonaten von sprlichem Grase
bewachsen waren. Wilde Tiere waren schon lngst ausgerottet, und fr das
Leben fehlte dort jegliche Existenzmglichkeit. Doch um so erstaunlicher
war das angeregte Leben in den Hafenstdten und Fabrikzentren. Um einen
Begriff von diesem Leben zu geben, sei nur erwhnt, da in den letzten
Jahren etwa _sieben Zehntel_ allen Metalles, das auf der Erde zutage
gefrdert wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung
gelangten.

Die Konstitution der Republik schien uerlich die vllige Verkrperung von
Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Brger
galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der
Bevlkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der
Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen mglichen
Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuris. Zu ihrer Verfgung
standen auer den wundervollen Rumlichkeiten und einem erlesenen Tische
noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken,
Museen, Theater, Konzerte, Sle fr alle Arten Sport usw. Die tgliche Zahl
der Arbeitsstunden war eine uerst geringe. Um Erziehung und Bildung der
Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller
Religionen bekmmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller
ihrer Nte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wnsche ganz sorglos gestellten
Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings fr ihre Arbeit
keine Geldentschdigung; doch die Familien der Brger, die mehr als 20
Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste
gestorbenen oder arbeitsunfhig gewordenen, erhielten eine reiche
lebenslngliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu
verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner
Stimmabgabe Vertreter gewhlt fr die gesetzgebende Kammer der Republik,
die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings
das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verndern.

Dies demokratische uere verhllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der
Mitglieder und Begrnder des frheren Trustes. Den anderen die Pltze der
Deputierten in der Kammer berlassend, whlten sie immer nur ihre
Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Hnden des Rates dieser
Direktoren konzentrierte sich das ganze konomische Leben des Landes. Sie
empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften
Material und Maschinen fr die Arbeit; sie fhrten die ganze Haushaltung in
den Fabriken. Durch ihre Hnde flossen ungeheure Summen Geldes, die nach
Milliarden zhlten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr
vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung
zu besttigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze
Budget der Republik weit berwog. Der Einflu des Direktorenrates auf die
internationalen Verhltnisse war ungeheuer. Seine Entschlsse konnten ganze
Lnder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst
von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war,
wenn auch nicht so direkt, der Einflu des Rates auf die inneren Geschicke
der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im
Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.

Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des
ganzen Lebens im Lande in seinen Hnden erhalten. Bei anscheinender
Freiheit war das brgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten
normiert. Die Gebude aller Stdte in der Republik wurden nach ein und
demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller
Rumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfgung standen, war bei all ihrer
Pracht doch aufs strengste einfrmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur
gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war
unvernderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten
Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankndigte, war es nicht gestattet,
aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur
untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet
war, wurde durchgelassen. brigens war das ganze Land so sehr von der
Wohlttigkeit eben dieser Diktatur berzeugt, da die Setzer sich
weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. Alle Fabriken
waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem
Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in
leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu berzeugen. Der
wirkungsvollste Beweis war natrlich jener, da das Leben der Arbeiter in
der Republik fr die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt
auch, da der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen
politischen Mord nicht verschmhte. Jedenfalls aber wurde, so lange die
Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von
den Brgern in den Rat gewhlt, der den Grndern feindlich gewesen wre.

Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptschlich aus Arbeitern, die
ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die
Regierung gab ihnen Mittel und Mglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist
es nur natrlich, da die Sternenstadt in den Ruf einer der frhlichsten
Stdte auf der Welt kam. Fr verschiedene Entrepreneure war dies ein
gefundenes Fressen. Die Berhmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente
hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier
erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt
berraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und
Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhuser betrten durch alle Formen des
Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von
der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu
bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der
Gewnder waren nicht eingeschrnkt, doch auch hier blieb das Verbot des
Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der
Prezensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen.
Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch
Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden
Rates.

In den allgemeinen Zgen war dies das Leben in der Republik des Sdkreuzes
und ihrer Hauptstadt. Aufgabe eines knftigen Historikers drfte es sein,
zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung
jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt
fhrte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates.

                                * * *

Die ersten Flle einer Erkrankung am Widerspruche wurden schon vor etwa
20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen
zuflligen und sporadischen Charakter. Die dort ansssigen Psychiater und
Neuropathologen interessierten sich fr sie, gaben ihre genaue Beschreibung
und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden
internationalen Medizinerkongre mehrere Berichte gewidmet. Allein man
verga sie spter, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der
Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen
Namen erhielt dies Leiden daher, da die an ihm erkrankten bestndig sich
selbst und ihren Wnschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz
anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist
mania contradicens.) Sie setzt gewhnlich mit schwach angedeuteten
Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentmlicher Aphasie. Der
Erkrankte sagt anstatt Ja -- Nein; an Stellen von freundschaftlichen
Worten, berschttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Grtenteils
beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in
Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts;
gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu knnen, so drckt er
sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der
Krankheit erfllen diese Widersprche das ganze krperliche und seelische
Leben des Kranken, dabei natrlich mit groer Mannigfaltigkeit und der
individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen
sind die Reden des Kranken unverstndlich, seine Handlungen tricht. Auch
die Regelmigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird
gestrt. Das Unvernnftige seines Handelns erkennend, gert der Kranke in
uerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben
durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen
aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen
Blutergu ins Gehirn. Fast immer fhrt die Krankheit zu einem letalen Ende;
Flle der Wiederherstellung sind uerst selten.

In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren
Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit
war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals grer als 2 Prozent der
berhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhltnis stieg im Mai (dies ist ein
Herbstmonat in der Republik) pltzlich auf 25 Prozent und wurde in den
folgenden Monaten immer grer, whrend gleichzeitig auch die absolute Zahl
der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2
Prozent der _ganzen Bevlkerung_, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als
am Widerspruch erkrankt erklrt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen
Daten. Die Krankenhuser waren berfllt. Das Kontingent der rzte war bald
zu klein. Dazu kam noch, da auch die rzte sowie die Krankenwrter der
Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmglich,
rztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung
der Krankheitsflle illusorisch. brigens treffen die Berichte aller
Augenzeugen darin zusammen, da man bereits im Juli keine Familie mehr
sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wre. Zu diesem kam noch,
da die Zahl der Gesunden sich bestndig verringerte, da eine
Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann,
und die Zahl der Kranken zunahm. Es lt sich denken, da jene nicht weit
von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, da schon im August
_alle_, die in der Sternenstadt zurckgeblieben waren, von einer
psychischen Strung ergriffen waren.

Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen
verfolgen, die das alles in eine stndig anwachsende Rubrik eintrugen:
Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten
Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie
voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine
nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein
Straenwchter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Strae zu
regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein
Museumsbesucher nahm in den Slen, die er durchschritt, alle Bilder
herunter und hngte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur
von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lcherlicher
Versehen. Im Konzerte strte pltzlich ein erkrankter Geiger durch
frchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgefhrte Pice usw. Eine
lange Reihe solcher Zuflle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu
witzigen Ausfllen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die
Sptter zum Schweigen. Das erste bestand darin, da ein Arzt, der am
Widerspruch erkrankt war, einem Mdchen ein unbedingt tdliches Mittel
verschrieb, und da seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die
Zeitungen mit diesem Vorfall beschftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im
Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern
die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschtterte die
ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in
dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und
berschtteten die friedlich wandelnde Menge mit Karttschen. An 500
Menschen wurden gettet oder verwundet.

Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft
strmisch nach sofortigen Maregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In
einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde
beschlossen, rzte aus den anderen Stdten und dem Auslande aufzufordern,
sofort die alten Krankenhuser zu vergrern, neue zu erffnen, sowie
Huser zur Isolierung der am Widerspruch Erkrankten zu grnden, eine
Broschre ber die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und
Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken
und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straen spezielle Jouren von
rzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmige Besuche
in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch
beschlossen, tglich ausschlielich fr Kranke bestimmte Zge auf allen
Strecken verkehren zu lassen, da die rzte als bestes Mittel gegen die
Krankheit eine Ortsvernderung empfahlen. hnliche Mittel wurden
gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und
Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere Gesellschaft zum Kampf mit
der Epidemie begrndet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich
aufopfernde Ttigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, da all diese
und hnliche Mittel mit unermdlicher Energie durchgefhrt wurden, wurde
die Epidemie nicht schwcher, sondern mit jedem Tage strker, betraf in
gleicher Weise Kinder und Greise, Mnner und Frauen, arbeitende Menschen
und solche, die sich erholten, Asketen und Wstlinge. Und bald wurde die
ganze Gesellschaft von unberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen
unerhrten Nten ergriffen.

Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus
der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der
gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die sdlichen
Stdte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann
die zufllig angereiste Bevlkerung: Auslnder, die sehr gerne die
allerlustigste Stadt der Sdhemisphre besuchten, Artisten aller
Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter
Auffhrung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch
die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine
berlieen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers,
die Besitzer von Theatern und Restaurants, die Herausgeber von Zeitungen
und Bchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevlkerung
heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht
ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der
Pension. Doch um sein Leben zu retten, kmmerte sich keiner mehr um diese
Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behrden
dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern
in den Krankenhusern, die Pharmazeuten, die rzte. Das Bestreben zu
fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen
konnten.

Die Stationen der elektrischen Bahnen waren bestndig von riesigen
Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zgen wurden fr enormes Geld
gekauft, und es wurde um sie gekmpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges
brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Pltze nicht
ab. Die Menschen hielten die nur fr Kranke bestimmten Zge an, zogen sie
aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu
fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik
arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den
Hfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Zge waren berfllt;
die Passagiere standen in den Gngen, wagten es sogar, drauen zu stehen,
obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr
des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Sdamerikas
und Sdafrikas machten verhltnismig gute Geschfte bei der berfahrt der
Emigranten aus der Republik in andere Lnder. Zur Sternenstadt aber fuhren
die Zge fast leer. Fr kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen
Dienst in der Hauptstadt zu bernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische
Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat
berechnet, da vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der
regelmige Bahnverkehr aufhrte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt
auf den sechs Bahnlinien verlieen, also fast zwei Drittel der gesamten
Einwohnerschaft.

In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile,
durch seine Unternehmungslust, Willenstrke und Mnnlichkeit ewigen Ruhm
erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni bertrug der Stadtrat im
Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die
diktatorische Gewalt ber die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, bergab
ihm die Stadtkasse zur Verfgung, die Volksmiliz und die stdtischen
Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv
aus der Sternenstadt in den Nordischen Port bergefhrt. Der Name Horace
Divile mte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der
Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 1/2 Monaten kmpfte er
unablssig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es,
sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der
Volksmiliz und den stdtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen
Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwhrend
dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu
erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen
nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen
Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die
Mglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlgen
der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die
Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese
kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er tglich
und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen
Residenz der republikanischen Regierung befrderte: nach dem Nordischen
Port.

Bei bernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk
der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevlkerung zu beruhigen. Er gab
Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, da die psychische Ansteckung am
ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und
gemtsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervsen den Einflu
ihrer Autoritt geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung
mit der Gesellschaft zur Bekmpfung der Epidemie und verteilte unter
deren Mitglieder alle ffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Mrkte,
Straen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend
einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte
man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig
ihre Abnormitt bewies. Grtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand
erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter
dem Einflu ihrer gestrten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in
feindliche Handlungen gegen die in der Nhe Weilenden. Die Kranken wollten
zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in
die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu
bitten, statt dessen packten sie die zufllig Vorbergehenden an die
Gurgel, wrgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder
Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nhe zeigte,
der vom Widerspruch befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder
der Gesellschaft zu Hilfe. Einige von ihnen berwltigten den Kranken,
beruhigten ihn und transportierten ihn in das nchstliegende Krankenhaus;
die anderen beruhigten die Menge und erklrten ihr, da keine Gefahr
vorhanden sei, da nur ein neues Unglck geschehen wre, mit dem alle nach
dem Mae ihrer Kraft zu kmpfen htten.

In den Theatern und Versammlungen fhrten die Flle pltzlicher
Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sngern ihr
Entzcken auszudrcken, strzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper
von pltzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, pltzlich auf die Szene
und prgelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem
Selbstmorde schlieen mute, scho in einem Anfall pltzlicher Erkrankung
im groen dramatischen Theater mehrere Male in den Zuschauerraum. Der
Revolver war natrlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser
Nervenerschtterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit,
die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden
Gewhl, whrend dessen die natrliche Panik durch die Handlungen der
Widerspruchsvollen noch verstrkt wurde, wurden an 100 Menschen gettet.
Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im Feuerwerktheater. Die
dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz
zndete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier,
welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedrnge kamen nicht
weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile
alle theatralischen oder musikalischen Ausbungen in der Stadt.

Eine fr die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Ruber und Diebe, die
bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld fr ihre Ttigkeit
fanden. Man beteuert, da einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die
Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben,
simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal fr ntig, den
offenen Raub durch Heuchelei zu bemnteln. Die Ruberbanden brachen in die
verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in
die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und
nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den
Rubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich
Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze
Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkhnten sich, in
offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorflle, wenn unter den Rubern
oder den Miliztruppen pltzlich am Widerspruch Erkrankte auftauchten und
ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Ruber sandte der
Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Brger befreiten sie aus ihren
Waggonzellen, um ihre Pltze einzunehmen. Da fhlte sich der Befehlshaber
gentigt, die Straenruber und alle Gewaltttigen zum Tode zu verurteilen.
So wurde nach einer fast 300jhrigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue
die unverhllte Todesstrafe eingefhrt.

Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenstnden der ersten Notdurft
fhlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die
Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der
Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehrt. Divile organisierte
stdtische Brotbckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch.
In der Stadt wurden allgemeine Speisesle nach dem Muster jener auf den
Fabriken erffnet. Doch es war unmglich, Arbeiter in gengender Zahl zu
finden. Die freiwillig Arbeitenden mhten sich bis zur Erschpfung, doch
ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu
tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer,
sondern wuchs, und schon wurden auf den Straen und in den Privatquartieren
Leichen aufgefunden. Die stdtischen zentralen Unternehmungen, der
Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation,
wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient.
Erstaunlich war es, wie Divile berall hingelangte. Alles verfolgte er,
alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, da er keine Ruhe
kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen
einstimmig, da seine Ttigkeit ber alles Lob erhaben war.

Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig
Maschinisten und Kondukteure da, um die Zge zu bedienen. Am 17. Juni fand
auf der Sdwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache
ein am Widerspruch erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der
Krankheit strzte der Maschinist den Zug aus dreiigfiger Hhe auf das
Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden gettet oder verstmmelt. Die
Nachricht von diesem Fall brachte der nchste Zug in die Stadt und sie
wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanittszug ausgesandt. Er
brachte die Leichen und die verstmmelten halblebendigen Krper zurck.
Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, da
eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren
bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt
verbanden, untauglich. Natrlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem
Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im
Winter ist es in jenen Gebieten fast unmglich, zu arbeiten. Diese zwei
Katastrophen waren nur Vorlufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die
Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das
Vergehen ihrer Vorgnger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil
sie sich _frchteten_, ein Unglck herbeizufhren, fhrten sie es herbei.
Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzge, die
alle voller Menschen waren, in die Abgrnde gestrzt. Tausende von Menschen
fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in
Schneewsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft,
zur Stadt zurckzukehren. Die sechs Magistralen (so hieen die elektrischen
Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich
geworden, die etwa 600000 Menschen zhlende Einwohnerschaft der Stadt war
von der ganzen brigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch
verband sie nur noch der Telegraphendraht.

Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da
es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon
eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken auer der zentralen
geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, da alle Einwohner in
die Zentralteile der Stadt bersiedeln und die Peripherien verlassen
mten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der
Lebensmittel und die rztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen
knnten. Die Leute verlieen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren
Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefhl des Eigentums verschwand. Keinem
tat es leid, das seine zu verlassen, keinem kam es eigentmlich vor,
fremdes zu benutzen. brigens fanden sich noch immer Marodeure und Ruber,
die man schon eher als Psychopathen bezeichnen mu. Sie setzten ihr
Plndern noch weiter fort und man findet gegenwrtig nicht selten in den
leeren Slen verlassener Huser ganze Schtze von Gold und Kostbarkeiten,
in deren Nhe der halbverfaulte Leichnam des Rubers liegt.

Es ist bemerkenswert, da trotz des allgemeinen Ruins das Leben dennoch
seine gewhnlichen Formen beibehielt. Es fanden sich noch Kaufleute, die
Magazine erffneten und aus irgend welchen Grnden ihre der Plnderung
entgangenen Waren zu unerhrten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen,
Bcher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die Kufer ihr unntz
gewordenes Gold fort, welches die geizigen Kaufleute dann trichterweise
versteckten. Noch gab es heimliche Freudenhuser mit Karten, Getrnken,
Lastern, wohin die Unglckseligen strmten, um dort die furchtbare
Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich dort mit Gesunden
und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, die dort vor sich gingen,
geschrieben. Noch erschienen zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber
bemht waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem allgemeinen
Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern dieser Zeitungen, die
schon heute mit dem zehn- und zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt
werden, mssen einst die grten bibliographischen Seltenheiten werden. In
diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns geschrieben und
von halbverrckten Setzern gesetzt wurden, ist ein lebendiges und
furchtbares Bild all dessen enthalten, was die unglckliche Stadt erlebte.
Es fanden sich Reporter, die ber Stadtereignisse berichteten;
Schriftsteller, welche die Sachlage erregt errterten, und sogar
Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern versuchten,
aber die Telegramme, die aus anderen Lndern kamen, von wirklichem gesunden
Leben sprachen, die muten die Seelen der Leser, welche dem Untergang
geweiht waren, mit Verzweiflung erfllen. Man machte hoffnungslose
Rettungsversuche. Anfang Juli beschlo eine riesige Menge von Mnnern,
Frauen und Kindern, die von einem gewissen John Lew gefhrt wurde, zu Fu
den nchsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. Divile begriff die
Torheit ihres Vorhabens, konnte sie aber nicht zurckhalten und mute sie
sogar mit warmer Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp,
es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in den Schneewsten
des Polarlandes, umgeben von schwarzer, sechs Monate whrender Nacht. Ein
gewisser Whiting begann ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er
schlug vor, _alle_ Kranken zu tten, in der Annahme, da alsdann die
Epidemie aufhren wrde. Er fand nicht wenig Anhnger, obgleich brigens in
jenen dunklen Tagen selbst der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste
Vorschlag, sofern er nur Rettung versprach, Anhnger gefunden htte.
Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, brachen in alle
Huser und tteten alle Kranken. In den Krankenhusern vollfhrten sie
Massenschlchtereien. In der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im
Verdacht standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmrdern
gesellten sich Wahnsinnige und Ruber. Die ganze Stadt verwandelte sich in
eine Arena des Kampfes. In diesen schweren Tagen bildete Horace Divile aus
seinen Mitarbeitern eine Truppe und begeisterte sie persnlich zum Kampf
mit den Anhngern des Whiting. Mehrere Tage whrte die Verfolgung. Hunderte
von Menschen fielen auf dieser und jener Seite. Zum Schlu wurde Whiting
selbst gefangen genommen. Er wurde als im letzten Stadium der mania
contradicens befunden und darum nicht zur Hinrichtung gefhrt, sondern ins
Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied.

Am 8. Juli traf die Stadt einer der hrtesten Schlge. Die Beamten, welche
die Ttigkeit der elektrischen Zentralstation beaufsichtigten, zerbrachen
in einem pltzlichen Anfall der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische
Licht versagte und die ganze Stadt, alle Straen, alle Wohnungen tauchten
in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung und keine Beheizung
auer der elektrischen kannte, so befanden sich jetzt alle Einwohner in
absolut hilfloser Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er
hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial hergerichtet. Auf
allen Straen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. Die Einwohner erhielten
Fackeln zu Tausenden, doch diese kmmerliche Beleuchtung konnte unmglich
die gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich oft 10 km
lang in geraden Linien und in der furchtbaren Hhe von 30 Etagen hinzogen.
Mit Ausbruch der Finsternis floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle
Seelen wurden von Entsetzen und Wahnsinn erfat. Die Gesunden konnte man
nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen die furchtbaren
Orgien der verzweifelten Menschen.

Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden des sittlichen
Gefhles zutage. Alle Kultur fiel von diesen Leuten ab, gleich einer
dnnen, wenn auch jahrtausend alten Rinde, und sie waren wie jene wilden
Menschen, Tiermenschen, die damals noch auf der jungfrulichen Erde lebten.
Jeder Begriff von Recht verschwand, -- nur die Kraft wurde anerkannt. Fr
die Frauen wurde der Durst nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die
allerbescheidensten Familienmtter fhrten sich wie Prostituierte auf,
gingen willig von einer Hand in die andere ber und redeten die
unanstndige Sprache der Freudenhuser. Die Mdchen liefen auf die Strae,
boten ihre Unschuld ffentlich aus, fhrten ihren Erkorenen in die nchste
Tre und gaben sich ihm auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die
Trinker veranstalteten in den zerstrten Kellern Feste, gar nicht darauf
achtend, da in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname lagen. Das alles
wurde durch die Anflle der noch immer grassierenden Krankheit noch mehr
kompliziert Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal
berlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden vergewaltigt,
andere von Anhngern des Sadismus, die es pltzlich in groen Mengen gab,
gefoltert. Die Kinder starben in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor
Scham und Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich
oder zufllig gettet. Manche behaupten sogar, da sich Unholde gefunden
htten, welche die Kinder fingen, um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten
Menschenfresserinstinkte zu befriedigen.

Whrend dieser letzten Periode der Tragdie konnte Horace Divile natrlich
nicht der ganzen Bevlkerung helfen. Im Gebude des Rathauses erffnete er
fr alle, die noch ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins
Gebude wurde verbarrikadiert und bestndig bewacht. Innen waren Proviant
und Wasser fr dreitausend Menschen auf 40 Tage hergerichtet. Doch um
Divile sammelten sich nur etwa 1800 Mnner und Frauen. Natrlich waren in
der Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrbter Erkenntnis, doch
kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen sich in ihren Husern. Viele
wagten nicht, auf die Strae zu gehen, und man findet jetzt in einigen
Zimmern zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit Hungers
starben. Es ist bemerkenswert, da unter den ins Rathaus Geflchteten sehr
wenig Flle der Erkrankung am Widerspruch vorkamen. Divile verstand es,
die Disziplin in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum
letzten Tage fhrte er ein Journal aller Vorgnge und dieses Journal ist
zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die beste Quelle, aus der wir
unsere Kenntnisse von der Katastrophe schpfen knnen. Dieses Journal wurde
in einem Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders wertvollen
Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht datiert vom 20. Juli. Divile
berichtet in ihr, da eine wahnwitzige Menge den Sturm aufs Rathaus
begonnen habe und da er gentigt wre, den Angriff mit Revolversalven
abzuschlagen. Worauf ich hoffe, schreibt Divile, wei ich nicht. Vor dem
Frhling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. Bis zum Frhjahr kann ich mich
mit den Vorrten, die in meinen Hnden sind, unmglich halten. Doch ich
werde bis zuletzt meine Pflicht erfllen. Dies sind die letzten Worte
Diviles. Welch edle Worte!

Es ist anzunehmen, da am 21. Juli die Menge das Rathaus im Sturmangriff
einnahm, und da seine Verteidiger entweder gettet oder vertrieben wurden.
Diviles Leichnam ist zurzeit noch nicht aufgefunden wrden. Wir haben keine
einigermaen glaubwrdigen Nachrichten ber das, was in der Stadt nach dem
21. Juli vorging. Nach den Spuren, die man jetzt bei der Reinigung der
Stadt findet, ist anzunehmen, da die Anarchie ihre uerste Grenze
erreichte. Man kann sich die Flucht halbdunkler Straen vorstellen,
beleuchtet vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Sten von Mbeln
und Bchern errichtet waren. Feuer erhielt man, indem man Feuerstein auf
Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen drngten sich in wilder Frhlichkeit
die Scharen von Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein groer Becher machte die
Runde. Dort tranken Mnner und Frauen. Dort geschahen Szenen viehischer
Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefhle erwachten in den Instinkten
dieser Stadtbewohner, und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekmmten
tanzten in Reigen die Tnze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen
der Hhlenbren waren, und sangen dieselben wilden Lieder, welche die
Horden sangen, wenn sie mit ihren Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den
Liedern, dem sinnlosen Geschwtz, dem idiotischen Lachen vermengten sich
die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Mglichkeit verloren
hatten, ihre Fiebertrume in Worten auszudrcken, und das Sthnen der
Sterbenden, die sich dort selbst inmitten schon zerfallender Leichname
wlzten. Zuweilen wurde der Tanz von einer Prgelei unterbrochen, um ein
Fa Wein, um ein schnes Weib oder auch ganz ohne Anla in einem jener
Wahnsinnsanflle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen Handlungen trieben.
Entfliehen konnte man nicht; berall waren dieselben Greuelszenen,
dieselben Orgien, Kmpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut -- oder
die absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und der
erregten Einbildung noch unertrglicher.

In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer groer Kasten, in dem
noch einige tausende lebender menschenhnlicher Wesen im Gestanke von
hunderttausend Leichnamen vegetierten, wo es unter den Lebenden schon
keinen mehr gab, der seine Lage begriffen htte. Dies war die Stadt der
Verrckten, ein gigantisches Irrenhaus, das grte und abscheulichste
Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese Verrckten rotteten einander
aus, erdolchten einander, bissen sich die Gurgeln durch, oder starben vor
Wahnsinn, starben vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen
Krankheiten, deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten.

                                * * *

Es versteht sich, da die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmtig
dem furchtbaren Unglck, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute.
Doch schon sehr bald mute man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen,
entsagen. rzte, Diakonissinnen, Militrs, Beamte jeder Art -- alles
weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der
elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt
unterbrochen, da das rauhe rtliche Klima keine anderen Verkehrswege
gestattete. Auerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf
Erkrankungsflle am Widerspruch gelenkt, die in anderen Stdten der
Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls
epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die
den Ereignissen in der Sternenstadt hnelte. Dies fhrte zu einer
Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf
allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des
Landes erlosch. Doch dank den energischen Manahmen, die in den anderen
Stdten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu
bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der
Hauptstadt.

Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das
Unglck der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis
zu so unerhrter Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war
die Neugierde das herrschende Gefhl. Die hervorragenden Bltter aller
Lnder (darunter auch unser Nord-Europisches Abendblatt) entsandten in
die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten ber den
Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein
Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, da Nachrichten
bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen
verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen
Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern
formierten Escadres von rzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber
die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, da der grte Teil
dieser Operationen nicht zur Ausfhrung kam. Nach der Einstellung des
Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt
nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an
alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet.
Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der
Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene
Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische
Verbindung vllig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die
Apparate beschdigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trgt das Datum
des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 1/2 Monate
lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.

In den letzten Tagen des August erreichte der ronaut Thomas Billie auf
seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei
Menschen, die lngst schon den Verstand verloren hatten und vor Klte und
Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, da die Straen in
absoluter Dunkelheit lagen, hrte aber auch wilde Schreie, die bewiesen,
da noch Lebewesen in der Stadt wren. In die Stadt selbst wagte Billie
sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der
elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt
abliegt, wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem
Proviant und den Mitteln fr die ersten Hilfeleistungen versehener Leute
gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich
allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfllte, nicht
ber die ersten Quartale hinauswagen. Sie muten faktisch Schritt fr
Schritt machen, die Straen von Leichnamen subern und die Luft durch
knstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend
antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit
glichen sie bsen Tieren und muten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich,
es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmige Verbindung mit der
Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen
Renovierung beginnen.

Gegenwrtig ist der grte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesubert.
Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt.
Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt
an, da in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen
gerettet, doch der grte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische
Strung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen
nur hchst ungern von dem, was sie berlebten und von den grauenhaften
Tagen. Zudem sind ihre Erzhlungen voller Widersprche und werden sehr oft
vom dokumental Gegebenem nicht besttigt. An verschiedenen Orten hat man
Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli
erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte,
enthlt die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im
Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blttchen gefunden,
das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, da man den Autor
(der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden fr
unzurechnungsfhig erklren mu. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace
Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse
in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthlt. Nach den
furchtbaren Funden, die man auf den Straen und im Innern der Huser
gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen
Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt
geschahen. berall sind furchtbar verstmmelte Leichen: Menschen, die des
Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwrgt wurden, Menschen,
die von Wahnsinnigen in Anfllen der Ekstase gettet wurden, und endlich --
benagte Krper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im
Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsrhren, in unterschiedlichen
Koffern, in Kesseln: berall suchten die ihres Verstandes beraubten
Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller
Huser ist zerstrt und die Immobilien, die den Plnderern nutzlos
erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Rumen
versteckt.

Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige
Monate vergehen. Gegenwrtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei
Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000
Arbeitern bewohnt, die mit der Suberung von Straen und Husern
beschftigt sind. brigens kamen auch einige der frheren Einwohner an, um
die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten
oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige
Touristen, die das ausschlieliche Schauspiel der verwsteten Stadt
hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels erffnet, die
schon recht flotte Geschfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines
Caf chantant erffnet werden, fr welches die Truppe bereits engagiert
ist.

Das Nord-Europische Abendblatt hat seinerseits einen neuen
Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in
genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen,
die in der unglcklichen Hauptstadt der Republik des Sdkreuzes gemacht
werden sollten.




Die Schwestern



Ein unaufgeklrter Fall





1.


Ferne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, so da es bald
schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn noch hre, oder ob er nur in der
Erinnerung klnge.

Langsam und schweigend kehrten die Schwestern in den Saal zurck. Keine sah
die andere an. Wuten nicht, was zu sprechen.

Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem beendeten traurigen
Abendbrotes, eine kaum angebrochene Weinflasche, ein kalt gewordener
Teekessel.

Lydia wagte es, zu sprechen:

-- Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst noch nicht.

Mara zuckte nervs mit den Achseln. Kett schttelte den Kopf.

Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. Dachten an ein
Schneefeld und an ein Dreigespann, das schnell ber die Wege frischen
Schnees dahinbraust; dachten an ein Stationsgebude, das ganz in Lichtern
steht; hrten schon das gleichmige Rderrollen, das sich immer, kaum da
die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, so sehr mit
den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . Dann dachten sie an das
ferne Paris, an breite und helle Pltze, an bunte, schwirrende Boulevards.
Dachten daran, da Nikolai nun nie wieder zurckkme.

Und in jeder Seele erhob sich das Gefhl kraftloser zu spter Reue, schwoll
an wie Wasser, strmte ber: das qulendste aller Gefhle. Und in den drei
verschiedenen Sprachen dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten
sich selbst, sagten sich die gleichen Worte: wie es mglich war, diesen
letzten Augenblick vorbergehen zu lassen. Wie es mglich war, nicht den
letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu wagen? Wie, wenn man eilen
wrde, ihn ereilen, etwas sagen, etwas ausfhren? . . . Oder ist es schon
zu spt? Zu spt? Zu spt?

Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten sie
nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten sie auch nichtssagende
Worte aus und es war ihnen nur, als wenn sie schwiegen.

Drauen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz der wehenden
Schneeflocken war noch verwischter die Biegung des Weges und der Abhang mit
dem schwrzlichen Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne
leblosen Feldes.

Irgend eine Zeit verging. Und es wre ein Tropfen genug gewesen, zu fallen
in dies Gef der Hoffnungslosigkeit, ein Wort, ein Ansto, damit diese
drei Frauen aufspringen wrden mit dem Schrei des Entsetzens, hinstrzen
wie ohne Gefhle oder sich aufeinander wie drei Wlfinnen werfen, um sich
zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreien.

Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den Minuten. Nur der
Schneewirbel wurde dichter. Nur die Tne verstummten in dem Huschen, das
die Dienerschaft bewohnte.

Und jemand sagte, da schon Mitternacht wre.

Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von einander, gingen in
ihre Zimmer. Und hrbar wurde in den Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann
verstummte auch dies.

Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken.

Drauen hob der Sturm an.

                                * * *

Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hrbar, so da es schwer
wurde, zu unterscheiden, ob man ihn hre oder ob er nur in der Erinnerung
klnge, ergo sich langsam in die nchtliche Stille, verstrkte sich,
gewann eigenen Krper. Und schon klingen die Glockentne nah und deutlich.
Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege heran, biegt ab und schon wird auf
dem frischen Schnee das dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hrbar, und,
der Freitreppe sich nhernd, hlt der Kutscher die Pferde an.

Die Schwestern an der Tr sehen einander ins Gesicht. Alle drei sind
bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen nichts zu sagen. Erwarten.

Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die Vorhalle. Die Tr geht
auf. Herein strmt der Winternacht harte Klte. In seinem von Schnee
silbern gewordenen Pelz steht Nikolai in der Tre.

Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig gelernte
Antwort zu sagen:

-- Ich kam zu spt zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum Morgen auf der
Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, morgen zu fahren. Der Abendzug
ist bequemer. Und vielleicht berlege ich's mir und fahre berhaupt nicht.

Und pltzlich strzte Lydia weinend auf ihn zu und wollte etwas
trnenerstickt sagen, ganz vergessend, da die Schwestern sie hren. Doch
leise wehrte er ab.

-- Morgen will ich alles erklren; morgen. Ich bin heute sehr mde. Mge
man mir ins Kabinett Wein bringen. Ich habe mich ein wenig im Froste
erkltet. Und bitte regt mich nicht auf. Ich mu einige wichtige Briefe
schreiben.

Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er blickte sie nicht an, doch
er sah sie. Er fhlte die Notwendigkeit, auch ihnen etwas zu sagen, doch er
hatte keine Worte.

Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen Augen Maras
begegnend, senkte er ihn wieder, und ging schweigend hinaus, glitt vorbei,
verschwand in der Tre seines Kabinetts.

Lydia lief fort. Man hrte ihre geschftige Stimme.

Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte sich in ihr
dunkelhimbeerfarbenes Tuch.

Mara fhlte eine Schwle. Sie ffnete die Tre und schritt die Freitreppe
hinab. Fast erstickend zerri sie den Kragen ihres Kleides. Der Sturm
schlug ihr ins Gesicht. Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an
ihrer Brust und das khle Wasser rieselte an ihrem Krper herab. Sie
erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein.

Der Schnee lie den Himmel bleich erscheinen. Der Wind bewegte die
kraftlosen, weien Massen. Am Tore und ber dem Zaune heulte der Sturm.

Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne des Kutschers, der
die Pferde bestellte.



2.


Nikolai sa an seinem Schreibtisch.

Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, die Bcherreihen
auf ihren Brettern, die Mappen mit den angefangenen und lang schon
vergessenen Arbeiten. Es brannte die bekannte Lampe unter dem
grnmetallenen Lampenschirm.

Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die Fe auf das
Brenfell. Er wollte denken, viel denken, immer und immer noch denken. Sich
dem Gedankengange so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es
lag eine physische Wollust darin, da die Gedanken wieder so auf den
vorgemerkten Wegen eilen konnten.

Natrlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein ganzes Leben ausmachte
und seine ganze Seele erfllte: an diese drei Frauen, an die er durch
furchtbare Banden der Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem
sinnlosen Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit
anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei Teile zu teilen, ist
er wieder hier, bei ihnen, und wieder haben die Tage der entrckten Stunden
zu beginnen, die Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er
begriff heute, da er auerhalb dieser Atmosphre gemeinsamer Beleidigungen
und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, nicht leben knnte, da
er ohne sie sterben mte, wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er
wute, da er auf ewig hierher zurckgekommen war.

Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Mdigkeit, vielleicht
von Erkltung. Die Bilder und Gestalten der Gedanken waren so deutlich, wie
sonst nur im Traum oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes
fhlte er sich fhig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, Gestalten
herbeizurufen, wie es ein Zauberer durch die Kraft seiner Beschwrungen
vermag.

Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den
ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, -- ein schchternes Mdchen, ein
schamhaftes Weib, das in dem fr sie Unsagbaren unvernnftig wurde. Und er
sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich,
die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen
Lmpchens inmitten der zerdrckten Pfhle ihren zerbrechlichen und fast
kindlichen Krper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Kssen, kte
jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du
bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur
unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.

Und gleichzeitig lie er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo
sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt
auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstrzte, so
da aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strmte. Und wieder hob er sie
auf seine Hnde und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige unglubige Augen,
die pltzlich frmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war
ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, auer dem
unersttlichen Mitleid zur Geliebten, auer dem zrtlichen Hunger, ihr ein
grenzenloses Glck zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu
zerschmelzen.

Doch sei dies nicht Lydia, -- o wrde in seinen Hnden der entblte,
vllig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenknfte,
welche die beiden aus der Welt der Lebenden vllig hinausrissen und sie auf
einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das
Verlangen der Entrckung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr
war, das Verlangen nach etwas grerem als Ksse, als Zrtlichkeiten, als
die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem
ganzen Leben in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich
aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berckend die Linien ihres Leibes und
das eigentmliche qulend-erwnschte Atmen dieses Leibes flo frmlich in
seine Nasenflgel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getrnk.

Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der
sinnlichen Verzckung. Sie wchst, sie geht bis an alle Grenzen, sie
verwandelt sich in Wut und Ha. Und da stoen auch beide schon mit Abscheu
einander von sich. Als ob sie erwacht wren, sehen sie sich voll Entsetzen
an und jedem ist es unertrglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im
andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die
beleidigenden Worte der Schmhung, welche nur der Ha ihnen zuflstern
kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schmen sich ihrer Nacktheit. Seine
Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berhrung.
Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, tten, tten . . .

Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank,
jungfrulich, unberhrt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon frher in
dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu
sagen, da sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben
wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frhere Glaube, da
mit ihr, nur mit ihr es ihm mglich wre, den unsagbaren und unerforschten
Segen zu erlangen, da sie, nur sie alle die geheimsten Wnsche seines
Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errt, lt ihn wieder sich ihr
zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und
da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre
Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wtenden Ksse,
welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hnde verschlingen sich in
Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie
fallen auf den Fuboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde
in einem Walde, so kmpfen sie. Er bricht ihre Hnde, und sie beit ihn wie
eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien ber. Wie metallene
Federn springen sie pltzlich jh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit
entblter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein
Schatten . . .

Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie
Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen ber
ihn ihre Gesichter, die bald glcklich sind, bald berauscht, bald von
Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verchtlich. Er
hrt Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwrfe. Und er will, er will
das alles: wie dies Glck, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen
Frauen in trunkenem Tanze, bald pret er sich an ihre entblten Brste,
bald verhllt er die Augen vor ihren wilden Schlgen. Das Tempo des
teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon
ist er kraftlos, ihm zu folgen.

Ein Windsto schlgt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen
Augenblick. Seine Hand fhrt ber die Stirn. Die Bilder waren so deutlich,
da er wie nach einer krperlichen Anstrengung in seinen Hnden eine
Schwche fhlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkltet haben?
Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerstrme flieen durch seine Adern.

Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts
ist dort zu sehen, auer dem Netz aus weien Punkten.



3.


Vor Nikolai stand Kett.

Lange schaute er sich in sie hinein und wute nicht, ob dies wirklich Kett
wre oder nur eines seiner Traumgesichter. Endlich begann er zu glauben und
reichte ihr seine Hnde.

-- Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich.

Sie schttelte verneinend den Kopf.

Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf den Knien zu liegen
und ihre langen schmalen Finger zu kssen. Er flehte:

-- Ksse mich. O beug dich ber mich.

Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann sprach sie:

-- Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf nicht mehr mit dir
sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche Liebe. In dir ist keine
solche Liebe. Meine Liebe ist allzu gro fr dich; und deine ist fr mich
-- zu klein. Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, da man sich ihr
vllig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du aber gabst unserer
Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz genau ein Drittel und frmlich wie
auf der Wage abgewogen!

Er suchte sie zu besnftigen, indem er sein Gesicht an ihre Finger prete.

-- Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin mde, ich
bin kraftlos. Ich wei ja selbst nichts. La mich mit dir sein, nur in
deiner Nhe sein, nur fhlen, da du meine Seele begreifst.

Sie befreite ihre Hnde aus den seinen und entwand sich ihm.

-- Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre
beobachtet. Sie hat von allem ein wenig ntig. Ein wenig meiner Liebe, ein
wenig der Zrtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der
Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas
ganz verlangen wrdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas
bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt httest, zu entfliehen! Doch du
fuhrst bis zur Station und kehrtest zurck. Wie sieht das dir hnlich!

Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Hheren zum
Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung
erfllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hnde fest,
obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.

-- Wie aber, wenn du dich tuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben
verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir gengt deine reine klare
kristallene Seele nicht! Mir gengt dein geschlechtloses Gefhl nicht! Ich
begehre auch nach jener Zrtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst
zerreit meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwnscht dann
die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure
Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurck, doch ich tat es, um zu sagen, da
ich nicht mehr euer Sklave bin, da ihr mich nicht mehr beherrscht.

Hochmtig lchelnd entgegnete ihm Kett:

-- Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich
trumte einmal davon, die ganze Flle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den
sinnlosen Traum, die Liebe ber alles siegen zu sehen, -- ber
Leidenschaft, Mitleid, ber das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine
Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrgen:
sie wrde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe
mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Kssen meiner
anderen Schwester zu trennen! Und ferner, -- dich hinderten die
verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen
Schwren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener
Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den
ich will. Leb wohl!

Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er
nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine
Hnde fest an seine Brust drckend, bemhte sich Nikolai gleichfalls hart
und kalt zu sprechen:

-- Warum heuchelst du? Glaubst du, ich htte nicht schon lange den
wirklichen Sinn deiner groen Worte erraten? Du willst einfach deine
Mdchenunschuld bewahren. Du frchtest die Snde, dich dem Manne deiner
Schwester hinzugeben. Du htest deine erste Nacht fr deinen gesetzlichen
Ehegatten.

Da bog sich Kett ber den Tisch, nherte ihr Gesicht dem Nikolais, so da
er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut
und Spott:

-- Glaubtest du denn, da ich dich liebe? Glaube es nicht: ich
experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren,
alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglckt! Ich
habe mich umsonst gezwungen, deine Ksse zu ertragen. Ich habe umsonst das
Zittern des Abscheus bekmpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen.
Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete.
Triumphiere, -- du hast mich betrogen, da du dich grer und wrdiger
anstelltest, als du tatschlich warst.

Sie begann zu lachen.

So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon
viele Male im Leben gegenber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor
Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um
dann aufs neue zu erstehen. Und schon wute er nicht, ob sie zu ihm die
wtenden Flche sprach, oder ob er sie fr Kett sich selbst sagte.

Wie Gewitterschein fiel pltzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der
Erkenntnis Nikolais. Scheu und unglubig streckte er seine Hand aus und
berhrte ihre Hnde.

-- Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es
ist ja nicht mglich, da du mir das alles sagen kannst. Es sind doch
dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder
dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!

Und sehr unerwartet, mit sehr verndertem Gesicht, mit unendlicher
Zrtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett:

-- O, natrlich, natrlich, ist das alles Lge! Es ist nur das eine wahr,
da ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her,
dir meine Liebe beweisen.

Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie fhrte die Schneide an
ihre Lippen und kte sie. Dann ffnete sie das Kleid. Langsam stie sie
den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mute. So stand sie noch einige
Augenblicke, bleich und mit geffneten Lippen. Dann fiel sie hin.

Und sofort verlie Nikolai jene Erstarrung, die sich immer im Traum
einstellt, wenn man fliehen mu. Er warf sich auf Kett, um sie aufzuheben,
seine Lippen auf ihre Wunden zu drcken, ihr zu sagen, da er nur sie liebe
-- und erwachte.

Er war allein in seinem Kabinett, und sa auf seinem Sessel. Unter dem
grnmetallenen Schirm brannte die Lampe hell und gleichmig. Ringsum war
es still.

War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war alles nur ein Fiebertraum?

Er trank noch mehr Wein. In den Schlfen hmmerte es.



4.


Lange sa Nikolai so, seinen Kopf in seine Hnde gepret. Um seine Erregung
zu bekmpfen, bemhte er sich, etwas Nebenschliches, Unwichtiges zu
denken. Dann, dann, sprach er zu sich, dann will ich alle Fragen
entscheiden, aber jetzt mu ich mich beruhigen, sonst werde ich verrckt.
Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm
kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehhlten Stein kommen.

Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie pltzlich
ein unabhngiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestrmen und die
geschwchte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Knnte man weggehen aus
diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, -- zum
Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende
Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wre und
trsten knnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.

Und leise und kaum hrbar ffnete sich die Tre. Mit den zrtlichen
Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte
ihre Hnde auf seine Schultern:

-- Du bist mde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.

Fieberhaft grub er sich in ihre Hnde. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht
zu. In der Welt qulender Halluzinationen, wie war es freudig, ein
schlichtes und mildes Gesicht zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen
um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?

Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:

-- Ja Lydia, ich bin krank, bin mde, sehr mde. Doch nicht vom heutigen
Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, fhre mich fort. Doch nicht
nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich
zurck. Ich erklre mich fr besiegt. Rette mich, da du allein mich retten
kannst.

Ihre Augen fllten sich leise mit Trnen. Kraftlos sank sie zu seinen Fen
nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flsterte ihm zu:

-- Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen
Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wnde schlug, wo ich
stundenlang auf dem Fuboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch
tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran,
da ich vor Trauer fast verrckt wurde? Aber du verlangtest, da ich
lcheln sollte; du fragtest, ob ich nicht glcklich wre und warum ich mich
nicht freue, da ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem
Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte
sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein
Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwstet, was erwartest
du jetzt noch von mir?

Wie in einem Anfall pltzlichen Schmerzes prete Nikolai ihre Hnde.
Antwortete voller Trauer:

-- Ich werde nicht lgen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles
nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhren,
jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen,
weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch
du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal,
meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ltere
Schwester. Wiege mich ein mit zrtlichen Hnden. Streichle mit ihnen mein
Herz, -- es hat so ntig die Berhrung zarter Finger.

Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen ber. Sie zitterte auf seinen Knien,
die Kleine, die Hilflose.

-- Zu spt! sprach sie durch Trnen. Monate und Monate hindurch erwartete
ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden
Quellen der Liebe und Verzeihung zurck. Ich sagte mir: er wird zu mir
kommen, ein Unglcklicher, Zerqulter und ich werde alles vergessen und ihm
alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch
hei waren von anderen Kssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den
anderen, verlangtest, da ich in deinem Leben eine Dekoration wre. Und
vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich wei
selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte
der letzte Rausch. Ich bin eine Wste. Ich bin nur ein Schatten. Was knnte
ich dir geben?

Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten
Krper an seinen und, indem er sich bemhte, seiner Stimme all die Tne
frherer Tage zu geben, flsterte er ihr zu:

-- Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres
knftigen Kindes.

Sie befreite sich aus seinen Hnden. Ihr von Trnen gertetes, ihr seltsam
zerdrcktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war
furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und
gro.

-- Unseres Sohnes? fragte sie zurck. Hast du es denn noch nicht begriffen,
da ich selbst ihn gettet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an
seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn
geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der
mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus
seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und whrend ich weinte und
seinen Krper kte, erwrgten ihn meine Hnde. Und als er aufgehrt hatte
zu atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und
alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!

Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais
Gedanken verwirrten sich. Er wute, er fhlte, da sie die Unwahrheit
sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit
wre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm:

-- Es ist Lge, es ist Lge.

Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem
Sessel, auf dem weien verhllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und
hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes.

Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, da es erwrgt sei? dachte
Nikolai.

Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu:

-- Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und lngst
begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.

Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das
Zimmer begann sich mit kleinen nackten Krpern gestorbener Kinder zu
fllen, mit diesen blutlosen, verkrmmten, abscheulichen. Das war eine
ungeheuere Morgue, in welcher er der Mrder aller war, schuld an jedem
Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen,
und ein wildes Geheul erfllte seine Ohren, als wrden Teufel um ihn
kreisen.

Mit letzter Willenskraft entri er sich diesem Alpdrcken und kehrte zur
Wirklichkeit zurck.

Rings war alles wie immer still. Wie frher sa er an seinem Schreibtisch.

Er fhlte groe Hitze. Er hatte Fieber. Man mte weggehen von hier, sich
ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fhlte, da die Klarheit nur
einen Augenblick dauern wrde, da das Fieber sofort aufs neue beginnen
msse.

Einige Zeit kmpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich
gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch
irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so strzte er
wieder in den Abgrund seiner Gesichter.



5.


Die Tre bewegte sich zum dritten Male.

Jetzt werde ich Mara sehen, dachte Nikolai.

Mara kam herein.

Ihre Lippen waren aufeinandergepret. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie
sagte:

-- Ich kam, um dich zu holen.

Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstrke, um zu kmpfen. Mit einem
Zeichen hie sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondschtiger folgte er
ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das
Aussehen aller Gegenstnde verndere.

Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.

-- Sieh hin, sagte Mara.

Auf dem Divan lagen zwei Krper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot.
Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und frbte in
ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfllte das ganze
Zimmer.

Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer
Krper zitterte. Um nicht zu fallen, sttzte er sich auf die Lehne eines
Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realitt all dessen, was er sah,
zuweilen erkannte er, da es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er
erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen.

Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man
vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu
hren und den Sinn ihrer Worte zu verstehen.

-- Darum ttete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war
ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon nicht mehr vorbergehen lassen.
Sie wrde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu
spielen. Das Schicksal mu wohl schn sein. Und nur jene Liebe ist wirklich
schn, die vom Tode gekrnt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf
des Mannes und der Frau. Du httest wohl gewnscht, da alle Frauen der
ganzen Welt dir gehren sollen; ich aber wre bereit, die ganze Welt zu
verwsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der
letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue
erkmpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere
Welt ist verwstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in
diesen Stunden werden wir allein sein!

Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den
Verstand zu verlieren. Mara dachte, da er schwankend geworden wre und
sprach ihm mit weiem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Da sie
alles vorhergesehen htte. Da es nutzlos wre, jemand zu rufen. Da man
ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen wrde, ihn
richten, verurteilen . . .

Die letzten Worte machten Nikolai fast lcheln. So lcherlich erschien ihm
der Gedanke, da der nchste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser
wahnsinnigen Nacht sein knnte.

Seltsam kam es Nikolai vor, da er nicht bemerkt hatte, wann Mara die
Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr
nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden
Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Krpers bis zu ihm.

Und Mara rief ihn, zrtlich und liebkosend.

-- Liebster, komm her, komm. Ich will, da du mich liebkosen sollst. Ich
will dich. Will, da wir im selben Augenblicke dasselbe fhlen sollen. Und
dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod
wird uns sein, wie eine Zrtlichkeit.

Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und
ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern:

-- Ich wei, da du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine
Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was
ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, da aus all den Gefhlen, die mich
peinigten und betrten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte,
deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Krpers zum Krper war, und
ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder
Mtterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche
elementare Geheimnis, das den Menschen hnlich macht den Dmonen und
Engeln.

Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von
etwas Vergangenem sprach.

Dann lieen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preten sich
in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu
verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die
beiden Krper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der
Mensch sich als einen Vogel fhlt, der ber dem Abgrund hngt, und wo er
immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der
Qual entrckter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und pltzlich
loslassend wie ein Pfeil hinunterschiet in die Gischt der Abgrnde.

Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Krper, die noch immer so
unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und
ihre klagenden geffneten Lippen fragten: schon? -- aber das stolze und
ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Krpern
nhern wollte, hielt Mara ihn zurck:

-- Nicht ntig, nicht ntig.

Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und
Leidenschaft ein. Sie bemhten sich, nur einander in die Augen zu schauen.
Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die
brennenden Kerzen wie Funken.

Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen
der Ermattung. Und es war die Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit
des Schweigens. Ihre Krper waren von Umarmungen geschwcht und konnten
dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals
dem Leben wie blhende Blumen geffnet hatten, errieten hinter jedem
gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber
verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und
wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fuboden, der kaum vom
Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut.

Drauen begann es, trotz des wtenden Sturmes allmhlich heller zu werden.
Bleiche Lichtflchen legten sich auf die Wnde, die Mbel, die Teppiche.
Langsam vernderte sich die Welt.



6.


Drei Tage lang beschftigten sich die rtlichen Zeitungen mit den
ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Gehfte des Nikolai S. Die vier
Leichname konnten niemand von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht
erzhlen. Die Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge
mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis blieb ein
unaufgeklrter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen Morde oder
Selbstmorde der drei Schwestern und des Mannes einer derselben drang nur in
Form von kurzen Bemerkungen in die greren Bltter und erschien dort in
kleiner Schrift auf der vierten Seite in der Provinzialchronik. brigens
konnten sich die Leser dieses intimen Familiendramas im Lrme der groen
politischen Ereignisse jenes Jahres dafr auch nicht interessieren.




Im unterirdischen Kerker



Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts





1.


Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich
unterworfen hatte, vierzehn Knigreiche und zweihundert Stdte, schwor, da
er sein Ro mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom fttern wollte.
Achmed Pascha, der Grovezier des Sultans, durchschiffte mit einem
ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und
nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger
kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den
Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Sge, viele der noch
kampffhigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und
die Mnche wurden in ihren Kirchen auf alle mgliche Weise beleidigt, die
wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschndet.

Des Francesko Largo Tochter, die schne Julia, begehrte der Grovezier
selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein,
Maitresse des Unglubigen zu werden. Sie empfing den Trken bei seinem
Besuche mit solchen Schmhungen, da ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie
befiel. Natrlich htte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mdchens
mit roher Gewalt besiegen knnen, doch er beschlo, sich grausamer zu
rchen und lie sie in den stdtischen unterirdischen Kerker werfen. In
diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche
Mrder und schwrzeste Bsewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als
der Tod.

Julia, die man an Hnden und Fen durch dicke Stricke gefesselt hatte,
wurde in einer verhllten Snfte zum Kerker getragen, da selbst die Trken
ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht
verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die
Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand
geschmiedet. Julia hatte nur ihr prchtiges Gewand aus Lyoner Seide an,
alle ihre Schmucksachen hatte man ihr fortgenommen: goldene Ringe und
Armbnder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr
sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so da Julia
barfu blieb.

Der Kerker war eine Erdhhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit
dicken Eisenstben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige
Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie lieen nur
ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wre, und
damit die an das Halbdunkel gewhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden
knnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengrteln
angebracht. Diese Grtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und
dann verschlossen.

Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Trken wollten keinen von ihnen
befreien, da sie die Gebruche der Lnder, die sie erobert, fortzufhren
liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen
Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem
bleichen Jngling Marco, der schon whrend der Belagerung hier eingesperrt
wurde, da er an einer Verschwrung gegen den Befehlshaber der Stadt
teilgenommen hatte.



2.


Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war
von all dem mit ihr Geschehenen erschttert und glaubte in der dumpfen und
belriechenden Kerkerluft ersticken zu mssen. Von Minute zu Minute
erwartete sie ihr Hinscheiden.

Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wuten,
besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange ber den
Grund des Erscheinens der Trken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia,
kritisierte ihr ueres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf,
wer sie sei und was sie wohl in diese Hhle gebracht htte.

-- Ein schnes Mdchen, sagte Lorenzo, der alte Ruber, der an dem der
Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, -- schade nur, da
ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, sume nicht!

-- Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht fr uns, sagte die alte Vanozza,
-- und was trgt sie fr ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.

-- Da ich den Kopf ihr zerschlge, wr sie mir nur nher, sagte Cosimo aus
seiner dunklen Ecke heraus, -- sie ist von jenen, die in Seide gehen,
whrend wir hungern.

Die leidende Maria, die schon lngst fast zum Skelett geworden, und die der
frhere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald strbe,
bemitleidete Julien:

-- O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfhle auf die nackte Erde
zu kommen, vom frstlichen Mahle zu Wasser und Brot!

Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mnch, der im Kerker schon ber
zwanzig Jahre sa, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit
schrecklicher Stimme:

-- Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Unglubigen bergeben,
zur Zchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit spter die Kleinen und
Armen sich freuen knnen. Freut euch.

Und nur Marco schwieg. brigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht
vllig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.



3.


Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie
bewegte sich nicht. Sie hrte von sich sprechen, aber begriff kaum ein
Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach
dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte
Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte.

Frh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren
zwei Trken: der eigentliche Kerkermeister war lter, sein Gehilfe jnger.
Sie begannen, wie das auch ihre Vorgnger taten, den Kerker zu reinigen.
Der Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsber
ansammelte, weg, whrend der andere den Gefangenen Stcke verschimmelten
Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrge Wasser go.

Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkhnten sie
sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht
freiliee, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht wrde. Doch die
Trken verstanden kein Italienisch.

Den altern Kerkermeister reizte Julias Schnheit und Jugend. Er legte
seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und
wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage verga, wollte
keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht.

Der Trke wurde wtend, ergriff eine Peitsche, die er zufllig bei sich
trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom
Lachen und frhlichen Schreien des ganzen Gefngnisses, vergewaltigte er
sie.

So gewann die Jungfernschaft der schnen Julia Largo, die ihre Gunst selbst
dem Grovezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Trke, dem es nicht
einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu
knnen.



4.


So vergingen die Tage im Kerker.

Julia gewhnte sich allmhlich an ihre furchtbare Umgebung, an die
verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie
gewhnte sich selbst an Dinge, an die sie frher ohne die uerste Scham
nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters
Liebkosungen tglich hin, sowie auch zuweilen seine Schlge. Sie entschlo
sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die
Leute gewhnlich verbergen.

Die Gefangenen waren in solchen Abstnden angekettet, da der eine sich nur
mit Mhe bis zum andern strecken konnte. Die Lnge der Kette erlaubte ihnen
zu sitzen, doch schon zu stehen war unmglich. Doch ungeachtet dessen
erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo
und Cosimo stellten sich Wrfel her und wrfelten ganze Tage -- um Brot und
Wasser; zuweilen mute der Verlierende ganze fnf Tage hungern. Sehr oft
nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich auerdem
damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch
brachte er dann den Filippo so in Wut, da der wie ein Stier zu brllen
begann und an den Ketten ri, da die Wnde nur so zitterten. Sonst war
Filippo eifrig damit beschftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben
sich zu meieln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange
Gesprche, die immer in ein wstes Geschimpfe bergingen. Zuweilen aber
gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in
ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.

Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage,
und es war, als hrte sie die Schmhungen nicht, mit denen sie berschttet
wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis fr alle
Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen,
ohne zu weinen, ohne zu klagen.

Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige
Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre sa, gab Julien mehrere
wichtige Ratschlge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen
zu sitzen, damit die Fe nicht steif wrden. Zeigte ihr, wie man es
anstellen msse, damit der eiserne Grtel nicht allzu sehr den Krper
presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest
auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mute die
Ntzlichkeit dieser Ratschlge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf
die Stimme der Vanozza.

Einmal stie Julia unversehens an ihren Krug und vergo ihr Wasser. Die
Gefangenen hteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr
hei. Furchtbar qulte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.

Der neben ihr angekettete Marco rckte ihr seinen Krug heran.

-- Du willst trinken, sagte er, -- und ich bitte dich, nimm mein Wasser.

Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schn vor und
ebenso seine bleichen Wangen.

Sie sagte:

-- Ich danke dir.

An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.



5.


Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre
Gesprche sehr abgerissen. Aber allmhlich begannen sie mehr und mehr
miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in
Unterhaltungen.

Julia erzhlte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palsten: von
den gewlbten Galerien und dem Fuboden aus Mosaik, von Mbeln aus
kostbarem Holze und Lstern aus venezianischen Glase, von Grten mit
knstlichen Wasserfllen und Fontnen, von Kleidern, die mit Gold und
Perlen ausgenht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bllen mit
Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmckten Grten, von
Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von
Theaterauffhrungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flte und
dem Klaviere; erzhlte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten,
Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen
Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen
Bildern der groen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen
Geschichte, Szenen aus den rmischen Gttersagen oder Bilder des
gegenwrtigen Lebens darstellten; erzhlte alles, was sie in den Bchern
des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenssischer
Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und
Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca.

Marco hingegen sprach von den schnen Muscheln, die er im Meere gesammelt,
von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen,
von den Krabben, deren Gang seitwrts ist, und von den unfrmlichen
Tritonen; gedachte der nchtlichen Fischfnge, beim Schein der Pechfackeln,
der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Strme
auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Lndern,
wo schwarzhutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die
Erzhlungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den
Rcken eines Meeresungeheuers fr ein Eiland angesehen htte, der in den
Lndern war, wo Menschen ohne Kpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter
den Mondbergen gejagt hatte; er trumte von den Sirenen des Meeres, die des
Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu
sich heranlocken, um sie zu ertrnken, trumte von den Salamandern, die
unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar
sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen mssen, trumte von
den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer
Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den
singenden Blten und von den Mdchen mit Flgeln, ganz wie Schmetterlinge.

Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwrtigen und
Zuknftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wren, und was sie erwartete.

Die anderen Gefangenen lachten anfangs ber ihre Gesprche, hrten aber
bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.



6.


Da sie einander erkannten, schmten sich Julia und Marco wieder vor
einander. Und wieder begannen sie jenes im geheimen zu tun, was die Leute
vor fremden Augen verbergen.

Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine Aufmerksamkeit wieder
zu, obgleich sie, geschwcht durch Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht
mehr zu den ausnehmenden Schnheiten gerechnet werden konnte. Der Trke
setzte sich neben sie auf den Fuboden, lachte und wollte sie umfangen, wie
er solches in den ersten Tagen ihrer Kerkerzeit getan. Doch Marco packte
ihn von hinten an den Schultern, warf ihn um und zertrmmerte ihm fast mit
seiner Kette das Hirn.

Dem heraneilenden Gehilfen war es natrlich ein leichtes, den von der
langen Gefangenschaft geschwchten Jngling zu bewltigen. Beide Trken
strzten sich auf ihn und begannen ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie
schlugen ihn abwechselnd, bis beider Hnde vor Ermattung niedersanken.
Schimpfreden und Drohungen ausstoend, entfernten sie sich endlich und
lieen den Marco in einer Blutlache zurck.

Im Kerker schwieg alles. Keiner wute, was zu sagen.

Julia nherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zulieen, wusch seine
Wunden und legte ihm feuchte Umschlge um den Kopf.

Marco ffnete die Augen und sagte:

-- Ich bin im Paradies.

Julia kte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen nicht erreichen
konnte und sagte ihm:

-- Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht.

Alle dachten, da der Trke am nchsten Tage Marco totschlagen wrde. Doch
aus irgend welchen Grnden kamen am nchsten Morgen zwei neue
Kerkermeister, den Kerker zu reinigen: beide waren dster und beachteten
die Gefangenen keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor der Rache,
oder wurden sie abgelst -- dies blieb fr den Kerker ein Rtsel.



7.


Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte ihn nach Krften.
Doch als Marco wiederhergestellt war, erkrankte Julia.

Eines Abends begann sie laut zu sthnen, da sie ihre Schmerzen nicht lnger
verbeien konnte. Die alte Vanozza erfate die Sachlage und hie sie
nherrcken.

Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind.

-- Schade, da es tot ist, sagte Lorenzo, -- es wre ein prchtiger Halunke
geworden! Selten genug trifft einen das Schicksal, im Kerker geboren zu
werden.

Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen hatte.

-- La sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende Maria.

Am Morgen kamen die trkischen Kerkermeister, wie immer, schaufelten den
kleinen ungetauften Leichnam mit dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend
wohin fort.



8.


Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als alle schliefen:

-- Marco! Du mut mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste,
den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines
Krpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin
deiner unwrdig, obwohl ich mich nicht an dir versndigt habe. Ach, wre
ich dir in frherer Zeit begegnet, und httest du als erster meine Brust
gesehen, die kein Mann je zu berhren wagte! Dann gbe es keine Liebkosung,
die ich nicht in mir finden wrde, um sie an dich mit aller Hingabe der
Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, la mich, und
wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon
unmglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein
Mdchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch
nicht, da du dich spterhin deiner Wahl schmen mtest. Ich werde dich
ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch
der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hlle festhlt, o, so lange erlaub
mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung berwinden
kann, die Todsnde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Frsprache
der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder erwirken, so gedenke
vielleicht zuweilen jener Seele, der du ewig als ein Leuchten erscheinen
wirst. Ich aber werde in der Zelle des Klosters nicht ermden, Gebete fr
dich emporzusenden.

Jedoch Marco entgegnete ihr:

-- Julia! Du bist der lichte Engel ber mir. Niemals noch, sei's im Traum
oder im Wachen, sah ich etwas, was schner wre, als dein Bildnis. Du
lieest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner
Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche
Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde
zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der
Blitz. Wenn deine Hnde mich berhren, erbebe ich: es ist wie eine
glhende, aber se Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der
taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrnten Welle,
nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu kssen, den du berhrst, ist
meine hchste Bestrebung. Du bist unberhrt und in deinem Wesen aller
Snden ledig; die Snde ist unter dir und du bist immer ber ihr, wie der
kristallene Himmel immer ber den Wolken ist. O, meine Herrin, la nicht
mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.

Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:

-- Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau?

Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:

-- Mdchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich
dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den
kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulsen.

Und so vereinte sie die Ehe, nachts, whrend alle schliefen und nur die
beiden auf den Knien voreinander lagen.



9.


Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natrlich nicht ruhig
ertragen, die Unglubigen in einem Lande zu wissen, in dem sonst der
Stellvertreter Christi sich bestndig aufhielt. Alfons, der Herzog von
Calabrien und Sohn des damaligen Knigs von Neapel, berief, um die Trken
aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel zu vereinigen, ein
gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. lie kirchliche Gerte einschmelzen und
zu Mnzen umprgen, bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe.
Ein Gleiches taten die Arragonier und Ungarn.

Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den Widerstand der
Unglubigen, denen auerdem der Mut entfiel, als sie vom Tode ihres Sultans
Mahomed hrten, der sein ungestmes Leben im Mai des Jahres 1481 beschlo.
Die Muselmnner flohen aus Italien und aufs neue nahmen die Neapolitaner
die wohledle Stadt Otranto ein.

Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand sich auch Pietro,
der Bruder des unglcklichen Fernando Largo, und er beeilte sich, den
Aufenthaltsort seiner Nichte auszukundschaften. Man fhrte Julia aus ihrem
Verlie. Sie vermochte kaum, auf ihren geschwchten Fen zu stehen und
unertrglich blendete sie das Licht der Sonne. Jene aber, die ihre Blsse
und Magerkeit sahen, konnten sich kaum der Trnen enthalten. Flinke
Dienerinnen badeten sie in wohlriechendem Wasser, kmmten ihre Haare, und
kleideten sie in leichtes feines Linnen.

Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei Fragen Antwort. Am
Tage nach ihrer Befreiung befiel sie eine schwere Krankheit, und mehrere
Wochen hindurch war sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als
ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer verurteilt wre, und
als ob die Teufel auf jede nur denkbare Weise ihren Krper zu peinigen und
schnden bestrebt wren. Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr
sich Nhernden flten ihr Entsetzen und Abscheu ein.

Als sie dank der rztlichen Kunst und der Frsorge ihrer Verwandten sich
langsam zu erholen begann, schien es ihr, als wre all das Vergangene,
jenes furchtbare Jahr, das sie im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine
Erscheinung ihrer Fiebertrume. Niemand versuchte es, von den Monaten ihrer
Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemhte sich, bei ihnen nicht
einmal im Gedanken zu verweilen.



10.


Nach ihrer endgltigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und
wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene Knig
Fernando gab ihr im Angedenken des Mrtyrertodes ihres pflichtgetreuen
Vaters eine jhrliche Rente von tausend Dukaten. Auerdem gingen als ihr
Erbe alle Schlsser und Lnder ihres Vaters in vollem Bestande an sie ber.
Die Schnheit Juliens erblhte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den
Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte
es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Mnnern, die sich um ihre
Hand bewarben.

Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebude
errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Pltzlich bemerkte sie in
einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco.
Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und
eine rote phrygische Mtze.

Als htte ein bser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe gedroht, wurde es
Julien pltzlich traurig und qualvoll zumute. Sie wollte so tun, als htte
sie den Marco nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen und
erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen zu dem Marco, und hie
ihn, am Abend desselben Tages bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie
Marco lchelte und zum Zeichen des Einverstndnisses mit dem Kopfe nickte.

Den ganzen Tag ber kannte Julia keine Ruhe. Am Abend erschien Marco, jung,
frisch, krftig, khn. Julia empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren
ihre Freundin Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug ein
goldverbrmtes Samtgewand, mit durchbrochenen rmeln, ein Perlengeschmeide
zierte ihren Hals, und auf die Stirne fiel ihr ein Diamantschmuck herab.
Sie sa in einem hohen Sessel bester florentinischer Arbeit.

Ehrfrchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein einfacher Fischer vor
einer edlen Signora gewi tun mute.

Einige Zeit hindurch wute Julia nicht, was zu sprechen; dann fragte sie
ihn:

-- Sage mir, mein Freund, womit beschftigst du dich jetzt?

Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lchelte ebenso wie am Morgen
und entgegnete:

-- Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und fhre zuweilen
Waren aus Otranto nach Neapel.

-- Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia.

-- Mehr habe ich nicht ntig, als leben und die goldene Sonne und blauen
Wellen sehen knnen, antwortete Marco, und seine Stimme tnte so zart, wie
in den Stunden ihrer langen Gesprche im Kerker.

Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur:

-- Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrsten lassen, damit du
einen selbstndigen Handel beginnen kannst.

Marco senkte den Kopf.

-- Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch eine Weigerung
krnken. Erlauben Sie mir nur, die Barke zum Gedchtnis an Sie mit Ihrem
Namen zu benennen.

Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs hflichste und bat um
die Erlaubnis, sich entfernen zu drfen. Nachdem er hinausgegangen war,
sagte Julia zu der Monna Lucrezia:

-- Ich wei, da dieser Mensch an einer Verschwrung gegen meinen Vater
teilgenommen hat. Doch da er gleich mir die Einnahme unserer Stadt
berlebte, kann ich ihm nicht zrnen. Ich werde tatschlich fr ihn eine
Barke ausrsten lassen, werde aber bitten, da man ihm verbiete, sich in
Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschfte irgendwo um Tarent weiterfhren.




Die letzten Mrtyrer



Ein unbestellter und dem Henker zum Verbrennen bergebener Brief



Diesen Brief schrieb mir mein unglcklicher Freund Alexander Athanatos nach
seiner wunderbaren Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten, jene
fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren einziger lebendiger Zeuge er
verblieb. Den Brief fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab und
vernichteten ihn als ein schdliches und sittenloses Werk. Erst nach dem
tragischen Tode meines Freundes, als mir alle seine hinterlassenen Sachen
zugestellt wurden, fand ich inmitten seiner Papiere das Konzept zu dieser
Erzhlung; alsdann erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen
Briefes.

Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose Geschichte
eines der charakteristischen Begebnisse, welche im Beginne jener riesigen
geschichtlichen Bewegung, die ihre Anhnger heute die Welt-Revolution
nennen, vor sich ging, braucht man, schtze ich, nicht dem Vergessen
anheimzugeben. Die Niederschriften Alexanders illustrieren natrlich nur
einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt an jenem denkwrdigen Tage
des Aufstandes geschah, sind dafr aber fr einige Fakten die einzigen
Quellen, aus der knftige Historiker ihr Wissen schpfen werden. Das
Bewutsein dieses Umstandes, schtze ich, veranlate den Autor, seine Worte
mit besonderer Aufmerksamkeit zu wgen, und, ungeachtet eines gewissen
bltenreichen Stiles, im Rahmen strengster historischer Wahrhaftigkeit zu
bleiben.

Zum Schlu kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir ein Asyl bot, meine
Dankbarkeit auszudrcken und meine Freude darber, da es auf der Erde noch
einen Ort gbe, wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo
man ruhig Meinungen aussprechen knne, die nicht unbedingt zu einer
Lobpreisung der Zeitweiligen Revolutionren Regierung neigen.



1.


Du weit, da ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution vllig
unvorbereitet gegenberstand. Allerdings gingen dunkle Gerchte, es wre
zum Neujahrstage ein allgemeiner Aufstand angekndigt, aber die letzten
unruhvollen Jahre lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen.
Die nchtlichen Ereignisse kamen fr mich vllig unerwartet. Ich hatte
beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und arbeitete ruhig in meinem
Zimmer. Pltzlich versagte die elektrische Leitung. Bevor ich noch eine
Kerze anznden konnte, hrte ich hinterm Fenster das hlzerne Knattern von
Schssen. Man hatte sich schon an diese Tne gewhnt, und ich zweifelte
nicht.

Ich zog mich an und ging auf die Strae hinaus.

Im vlligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine groe Volksmenge, die
auf der Strae auf- und abwogte, mehr erraten als sehen. Die Luft war ein
Getse von Schritten und Stimmen. Das Schieen verstummte nicht und mir kam
es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht ber meinem Kopfe.
Nach jeder Salve freute ich mich, da der Tod noch vorbergegangen.

Doch die Neugier des Zuschauers berwog die Furcht. Ich zgerte an der
Haustr in einem Haufen ebenso unschlssiger Beobachter, wie ich es war.
Wir tauschten kurze Fragen aus. Pltzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener
Strom, strzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die schreiend in
panischer Angst liefen. Wir muten entweder mit ihnen laufen oder zertreten
werden.

Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus brannte und des
Feuerschadens Schein beleuchtete die Umgebung. Ich erinnerte mich an einen
Vers Vergils: dant clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses
Platzes. Und sieh, er war so voll, da es schwer wurde, sich zu bewegen.
Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend Menschen. Die vom flchtigen
roten Feuer beschienenen Gesichter waren seltsam und unkenntlich.

Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amsant, eine Reihe sich
widersprechender und unglaublicher Antworten zu hren. Einer sagte, da die
Arbeiter alle wohlhabenden Leute totschlgen. Ein anderer, da die
Regierung alle Nichtvermgenden ausrotte, um der revolutionren Bewegung
ein Ende zu machen. Ein dritter, da alle Huser unterminiert wren, und
eine Explosion der anderen folge. Ein vierter wollte mich davon berzeugen,
da dieses gar keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben.

Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein fast ein Viertel
der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, erregt sich drngte, geschah eben
jenes furchtbare Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hrtest. Der
dumpfe Donner von Geschtzsalven tnte, ein feuriger Strich zerschnitt das
Dunkel und ein Explosivkrper fiel mitten in die dichteste Ansammlung der
Leute. Neues Kreischen bertnte den Lrm und betubte, fast wie ein
krperlicher Schlag. Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite
Granate. Dann wieder, wieder und wieder . . .

Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten der Zentralfestung befohlen,
auf alle Volksansammlungen zu schieen.

Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der springenden
Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschtze, in welchen die
durchdringenden Schreie der Verwundeten drangen, taumelten die Leute
zwischen Steinwnden hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden
mit Fusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, fielen aufs neue
hinab und verbissen sich vor Wut mit den Zhnen in den Fen der
Nebenanstehenden. Dies war Schrecken und Chaos, war Hlle, in der man
verrckt werden konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard
hinausgestoen wurde, wei ich nicht.

Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionren.

Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht mehr, doch es waren
organisierte Truppen vor der bestrzten Menge. Um einander zu erkennen,
trugen sie ihr Abzeichen: eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene
Bewegung hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, die
Menge beruhigte sich.

Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewhnlich und
unzeitgem erscheinen lie, erhob sich irgend ein Mensch auf den Sockel
der Statue des Nordens und machte ein Zeichen, da er sprechen wolle. Ich
stand ziemlich weit, eng an einem Baum gedrckt, und konnte daher nur den
allgemeinen Sinn der Rede hren. Die einzelnen Worte erstarben, ohne bis zu
mir zu fliegen.

Der Redner rief zur Ruhe. Erklrte, da der friedliche Lauf des Lebens
nicht gestrt wrde und da keinem der Brger eine Gefahr drohe. Da im
ganzen Lande um diese Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt:
berall ginge die Regierung zeitweilig in die Hnde der Milizstbe ber.
Da nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet wrde, -- alle die der
gestrzten uns allen gleich verchtlichen Regierung anhingen. Da ber
diese Leute das Urteil des Geheimen Gerichtes schon ausgesprochen sei.

Zum Schlu sagte der Redner noch einiges von dem Tage, den man Jahrtausende
hindurch erwartet htte, von der endlich erkmpften Freiheit des Volkes.

Im allgemeinen war die Rede eine der allergewhnlichsten. Ich dachte, die
Menge wrde den Schwtzer herunterreien, ihn verjagen wie einen Narren,
der in den Minuten der Gefahr lcherlichen Bldsinn treibt. Doch von allen
Seiten hrte ich ungestme Schreie der Zustimmung. Die noch vor einem
Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten Leute verwandelten sich
pltzlich in eine ganze Armee sinnloser und sich aufopfernder Aufrhrer.
Den Redner trug man auf den Hnden, dabei die Revolutionshymne anstimmend.

Da fhlte ich pltzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht in der Menge, aber
mit Menschen, die gleich mir denken, mit Freunden. In meiner Seele erstand
das Bildnis des Domes, und ich begriff, da in dieser Nacht der Platz eines
jeden Glubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung schon zum
Heiligtume gemacht hatte.

Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten der
allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren berall die Milizen, welche,
da sie die elektrische Leitung noch nicht herzustellen wnschten, eine
Beleuchtung aus Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorber, die
sich um die Ruhe bekmmerten. Hier und dort bemerkte ich kleine Meetings in
der Art von jenem, dem ich beiwohnte.

Irgendwo ferne drhnten zuweilen noch Salven.

Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich allmhlich an den
Weg inmitten des Labyrinthes alter Gchen erinnernd, tastete ich mich bis
zum Eingang unseres Domes durch.

Die Tren waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer.

Ich klopfte an die Tre auf die gewohnte Art und man lie mich ein.



2.


Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt.

Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Danteschen Hlle drngten
die Menschen sich, und stiegen hinab und hinauf. Das halbe Dunkel
veranlate alle, zu flstern. Und fhlbar war die Anwesenheit eines Druckes
in all dem leisen Gesprch.

Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und Adamant und Dmitri und
Lycius und alle und alle. Man begrte sich mit mir. Ich fragte Adamant:

-- Was denkst du von all diesem?

Er antwortete mir:

-- Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche Scheitern jener
neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet, etwa drei Jahrtausende
whrte. Dies ist die ra neuen Lebens, welche unsere Epoche mit den Zeiten
des russisch-japanischen Krieges und den Feldzgen Karls des Groen im
Sachsenlande in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir zwischen den
zwei Welten werden von diesen gigantischen Mhlsteinen zu Staub zermalmt
werden.

Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des Domes schien noch
riesiger zu sein. Die Winkel verlngerten sich ins Unendliche. Die Symbole
unserer Feierlichkeiten wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der
Finsternis.

Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen.

Irgendwo war eines Weibes hysterisches Weinen.

Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie sa auf dem Fuboden. Ich lie mich
neben ihr hin. Sie ergriff meine Hand, sie, die gewhnlich so verhaltene,
selbst in den Stunden der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine
Brust und sagte:

-- Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Mglichkeit zu leben.
Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern bereiteten meine Seele vor.
Ich kann nur in der Pracht leben und atmen. Ich hab Flgel ntig, kann
nicht kriechen. Ich mu ber den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele
neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen berzarten, jenen
verfeinerten Erlebnissen, welche nur die Hhe ermglicht! Wir,
Treibhausblten der Menschheit, mssen ja in Wind und Staub vergehen. Und
ich will nicht, ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will
lieber eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer
Brderlichkeit!

Sie schluchzte und ihre kleinen Fuste ballend, drohte sie jemand. Ich
suchte sie zu beruhigen, sagte, da es noch zu frh wre zu verzweifeln,
unvernnftig, dem ersten Eindruck sich hinzugeben. Die Revolutionre
bertrieben natrlich ihren Sieg. Vielleicht wrde morgen die Regierung sie
aufs neue unterbekommen. Vielleicht wre ihnen in der Provinz der Umsturz
gar nicht gelungen . . . Doch Anastasia hrte mich nicht.

Pltzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf und andere hoben die
Kpfe. Licht irrte -- und vor dem Altar stand Theodosius.

Zwei Diakonissinnen in weien Gewndern trugen wie immer die hohen Leuchter
vor ihm her. Er selbst war in schneeweiem Chitone, seine dunklen Locken
fielen ber seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng.
So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine Hnde und sprach. Seine
Stimme drang in die Seele wie Wein.

-- Schwestern und Brder! sagte er, fr uns beginnt der Tag der Freude.
Unser Glauben kann nicht sterben, denn er ist die ewige Wahrheit des Seins,
und selbst unsere Denker tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch
unbewut, in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt, das man
in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen Planeten. Fr uns aber ist
jetzt der Tag gekommen unsern Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der
Ewigkeit. Wir drfen uns der hchsten Leidenschaft angeloben: jener vor dem
Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzckung unsere Krper
geielten und wie der Schmerz die Sigkeit des Verlbnisses verdoppelte.
Der Tod aber wird den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit
ffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wit, zum blendenden
Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern! Brder! Der Augenblick
letzter Vereinigung wird wie ein Blitz unser ganzes Sein durchdringen und
noch unser letzter Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glckes. O ihr
letzten Glubigen, o ihr letzte Mrtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich sehe
Krnze des Ruhmes auf euren Huptern!

Ich bin fest davon berzeugt, da in der Stimme des Theodosius sowohl wie
in seinem Blicke eine hypnotische Kraft ist. Unter seinem Einflu wurden
alle im Dome wie umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hrte
heroische Ausrufe.

Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte sich an die Orgel.
Die Luft wogte. Die Melodie erfllte den dumpfen Raum, strmte zwischen uns
hin, verflocht uns alle mit ihrem unberwindlichen Netz in ein
vielgesichtiges Wesen. Die Verse unseres groen Poeten rissen sich
unwillkrlich von unseren Lippen los, so wie unwillkrlich der Ozean tnt
im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines groen Orchesters,
Stimmen gewaltiger Orgel, rhmend das ewige Rtsel, preisend schpferische
Leidenschaft.



3.


Etwas spter rief man mich in den Rat der Ausfhrenden. Beim Schein der
Kerzen versammelten wir uns im gewhnlichen Zimmer des Rates. Kaum
erkennbar waren die gttlichen Fresken an den Wnden. Theodosius war
Vorsitzender.

Er sammelte alle Daten ber den Lauf des Aufstandes. Die Lage war
hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den Revolutionren ber. Alle
Generle und hheren Offiziere waren arretiert und grtenteils schon
verurteilt. Die Zentralfestung erlag dem Sturmangriff. Smtliche
Regierungsgebude -- das Palais, das Parlament, die Polizeiprfektur --
nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten meldeten
betreffs der anderen Stdte einen hnlichen Erfolg des Aufstandes.

Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die Mehrzahl schlug vor, sich
zu ergeben und der Gewalt zu unterwerfen.

Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus einem Tschchen ein
Papier und legte es uns zur Durchsicht vor. Das war eine der
Proskriptionslisten des Zentralstabes. In ihr waren all jene aufgezhlt,
die in unserem Ausfhrenden Rate saen, darunter auch ich. Uns alle hatte
das Geheime Gericht zum Tode verurteilt.

Ein bedrcktes Schweigen begann. Theodosius sagte:

-- Brder! Lasset uns die Schwcheren nicht in Versuchung fhren. Zeigen
wir diese Liste allen Glubigen, so werden viele schwankend werden. Werden
hoffen durch Verrat und Abtrnnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die
Liste verheimlichend, lassen wir sie an der groen Ehre teilnehmen, durch
die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens zu besiegeln. Erlauben wir
ihnen denn mit uns zu teilen unser dreifach beneidetes Schicksal.

Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius nherte ruhig das Papier
mit den Namen dem Licht und verbrannte es. Wir sahen, wie die kleine Rolle
sich langsam in Asche verwandelte. Pltzlich klopfte eine Diakonissin. Ein
Vertreter des Stabes begehrte uns zu sprechen.

Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat ein. Im Namen der
zeitweiligen Regierung verlangte er, da ein jeder von uns sich in seine
Wohnung verfge. Ein besonderes Komitee wrde, dies waren seine Worte, das
Statut eures religisen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem
gesellschaftlichen Leben unschdlich sei.

Wir wuten, da diese Worte nur Betrug seien, da wir schon verurteilt
waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. Die alsdann gesprochenen zwei
Reden -- die des Theodosius und jene des Abgesandten -- kann ich auswendig.
In kurzen Worten sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus.

Dieses sprach Theodosius:

-- Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lgnerische Sprache.
Uns ist es schon bekannt, da wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung
verurteilt sind. Wir wissen, da unser heiliger Glauben von euch schon von
vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure
Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Hhen der
Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns
zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer
Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blte unserer
Zeit: eure Poeten, Knstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme
jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch
zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebrende
Licht. Ihr, die Mglichkeit des Lebens; wir -- das Leben. Ihr seid der
Boden, der not und ntzlich ist nur dazu, da aus ihm wachsen knnten
Stengel und Blten -- also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere
Huser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, da ihr auf
den Hnden uns zum Palais trget und auf den Knien liegend unseren Willen
entgegennhmet.

Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und
Kleinmtigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht. Doch dieses Mal, seine letzte
Predigt sprechend, war er wirklich gro und schn. Er war wie ein
biblischer Prophet, sprechend zu aufrhrerischem Volke, oder wie ein
Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums,
inmitten Scharen von Mrtyrern, die gleich in die Arena hinausgefhrt
werden, den Raubtieren zum Zerfleischen.

Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:

-- Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjhrige Versuche
zeigten uns, da morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren
eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der
groen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgnglichen
Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfhigen von
unserem Krper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit
gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Krperteil
abschneidet. Und warum rhmt ihr euch, da ihr Poeten und Denker wret! In
uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Knstlern zu
gebren, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal
zu ahnen vermget. Nur der frchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu
schaffen. Wir sind die schpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir
sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schtze selbst schmieden
wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Knftige, aber das Gegenwrtige,
das ist das Schwert in unseren Hnden!

Lrm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mute schreien:

-- Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die
Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rhmt eure
Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den
Marmor des Altertums zerschlgt!

Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone:

-- Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen
Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu ffnen und euch
in unsere Hnde zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr
durch Trug und Verfhrung an euch zogt, vor unntzem Tode bewahren. Das ist
alles.

-- Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.

-- Werden unsere Geschtze dieses Gebude dem Erdboden gleich machen, und
euch alle werden die Trmmer begraben.

Der Abgesandte entfernte sich.

-- Den Dom zerstren! wiederholte Lycius, unseren Dom, die wundervollste
Schpfung Leanders! Mit Statuen und Bildern der grten Meister! Mit
unserer Bibliothek, der fnftgrten in der Welt!

-- Mein Freund, entgegnete Adamant, fr jene ist unsere Kunst schon
Archologie. Ob nun in ihren Museen zehn unntze Altertmer mehr sind oder
nicht, -- ist ihnen unwichtig.

Jemand sprach sein Bedauern darber aus, da man den Abgesandten lebend
hinausgelassen. Theodosius hie ihn schweigen.

-- Wir sind hier, sagte er, um _unser_ Blut zu vergieen, nicht _fremdes_.
Wir sind hier fr eine Tat des Glaubens, nicht des Mordes. Lasset uns die
purpurne Blsse unseres Martyrtumes nicht verdstern durch die schwarzen
Flgel des Zornes und der Rache.



4.


Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des flimmernden
Wintertages.

Unser Dom war vllig von Kerzen erleuchtet. Zum erstenmal sah ich solch
eine Feier des Lichtes. Es waren vielleicht an tausend Flammen.

Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten.

Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die Stimmen des Chores so
feierlich. Noch nie war die Schnheit der nackten Hero so flammend und so
verzckend.

Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere Gesichter als wie
mit schlanken flaumigen Fingern. Im schattenhaft blulichen Weihrauch
geschahen die groen Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend,
nahmen die nackten Jnglinge die Hllen vom Heiligtum. Der unsichtbare Chor
der Diakonissinnen lobpries das Blinde Rtsel.

Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer sglhender Wein
jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der Seele. Beflgelte jeden durch
die Erkenntnis, da dieser Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei.

Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen Schlange als Grtel
anstatt jeder anderen Gewandung, und ihre zwlf Schwestern, die gleich ihr
angetan waren, -- sie gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den
Dom. Die magischen Orgeltne und das harmonisch-geheime Singen zogen jeden
hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes Wiegen.

Unmerklich, unfhlbar, unwillkrlich, folgten wir alle ihrem leisen Tanz.
Und dieses Kreisen berauschte mehr als Wein, und diese Bewegung war
trunkener als Liebkosungen, und dieser Gottesdienst bertraf jedes Gebet.
Der Rhythmus der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der
Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten wir vorwrts, im
Kreise, ihr nach, der einzigen, der gttlichen, -- Hero. Und schon
entrckte uns die Ekstase, und schon keuchten wir, durchglht von geheimem
Feuer, und schon zitterten wir, beschattet von der Gottheit.

Da ertnte die Stimme des Theodosius.

-- Kommet ihr Glubigen, das Opfer zu vollziehen.

Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die wieder nahe dem
Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen des Theodosius rief einen
Jngling herbei, den ich bis dahin noch nicht gesehen. Errtend warf er
sein Gewand ab und stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie
Ganymed, licht wie Balder.

Die Pforten ffneten sich und verschlangen das Paar. Der Vorhang wurde
vorgezogen.

Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an.

Und Theodosius verkndete uns:

-- Es ist vollbracht.

Er erhob den Kelch und segnete uns.

Es strmten die betrten Tne der Orgel und keiner hatte mehr die Kraft,
seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen einander, und im
pltzlichen Dster des aufsteigenden Weihrauches suchten sich die Lippen,
die Hnde, die Leiber. Dies waren Nherungen, Verbindungen, Vereinigungen,
waren Schreie, Sthnen, Schmerz und Jubel. War die Trunkenheit
tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum alle Bilder, alle Formen,
alle Mglichkeiten, alle Biegungen weiblicher, mnnlicher und kindlicher
Krper und alle Verzerrtheit und Verzcktheit der verwandelten Gesichter
sind.

O noch nie, noch nie, fhlte ich solche Flamme, solche Unersttlichkeit des
Verlangens, das vom Leibe zum Leibe eilen hie in zweifache, dreifache,
vielfache Umarmungen. Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem
Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen waren.

Pltzlich, ich wei nicht auf wessen Gehei, schoben sich die dichten
Hllen der Vorhnge von den Fenstern und das ganze Innere des Domes ward
den Blicken der Auenstehenden enthllt: das Bildnis des Symbols, die
rtselhaften Fresken an den Wnden und die Menschen, die in seltsamen
Umschlingungen auf den weichen Teppichen lagen. Ein wtender Schrei drang
von der Strae her bis zu uns.

Und schon bohrte sich der erste Schu mit Getse in das Spiegelglas der
Fenster. Und dem ersten folgten weitere. Die pfeifenden Kugeln
durchschnitten die Wnde. Die Miliztruppen konnten das Schauspiel nicht
ertragen, das sich hier ihren Blicken enthllte, und hielten daher die
angegebene Zeit nicht ein.

Doch es war, als hre keiner die Schsse. Die von unsichtbarer Hand
gespielte Orgel setzte ihr betrendes Lied fort. Des Weihrauches Aroma
wogte in der erregten Luft. Und auch im klaren Tageslichte, wie frher beim
Scheine der heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht
geringer.

Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte als erste und fiel,
whrend ihre Lippen der Schmerz verzerrte. Hier und dort sanken Arme;
einige Krper fielen wie in endgltiger Ermattung zusammen.

Es begann ein furchtbares Blutvergieen. Die Kugeln fielen zwischen uns wie
Regen, als wrde eine gigantische Hand sie schockweise auf uns streuen.
Doch von den Getreuen wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung
lsen.

Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleinglubigen wurden Helden,
wurden Mrtyrer, wurden Heilige. Das Todesgrauen floh unsere Seelen, als
wrde es einem magischen Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten wir
die Wahrheit unseres Glaubens.

Einige, die getroffen waren, strzten. Andere, in der Nhe der Gestrzten,
drckten ihre Leiber fester aneinander. Und noch die Sterbenden suchten im
letzten wtenden Kusse die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende
Hnde streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen verkrmmter
Krper war es schon unmglich zu erkennen, wer noch liebkoste und wer schon
starb. Inmitten der Schreie konnte man unmglich das Sthnen der
Leidenschaft von dem des Todes unterscheiden.

Irgendwelche Lippen preten sich auf die meinen und ich fhlte den Schmerz
verzckten Bisses, der vielleicht nur der letzte Krampf eines Sterbenden
war. In meinen Hnden hielt ich einen Krper, der entweder vor gesttigter
Lust, oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein dumpfer
Schlag auf den Kopf in den Haufen der Krper, zu den Brdern, zu den
Schwestern.

Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres Symboles. Allein
das letzte, was ich hrte, war der Ausruf des Theodosius, den
tausendfltiges Echo nicht unter den Gewlben des Domes, aber in den
unendlichen, von Finsternis beschatteten Gngen meiner Seele wiederholte:

-- In deine Hnde befehle ich meinen Geist!




Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .



Memoiren eines Psychopathen



Natrlich hielt man mich schon in meiner Kindheit fr entartet. Natrlich
wollte man mich davon berzeugen, da niemand meine Gefhle teile. Und ich
gewhnte mich daran, vor den Menschen zu lgen. Gewhnte mich daran, platte
Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glcke, andere
Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich berzeugt und bin
auch jetzt noch davon berzeugt, da der Mensch seiner Natur nach
Verbrecher ist. Ich glaube, da inmitten aller Empfindungen, die man
gewhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die
den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, da der
Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trgt, die ihm
Gleichenden zu qulen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natrliche
Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums fhrten die menschliche Seele zu
dem Glauben, da fremde Leiden ihr schmerzlich wren. Und heute weinen die
Leute vllig aufrichtig ber andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur
eine Einbildung und eine Tuschung des Gefhles.

Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das
Provencerl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und
nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert
ihre Wirkung auf das l. In den physikalischen Lehrbchern heit es, da
zufolge des Bestrebens seiner Atome das l dann die Form einer Kugel
annimmt. Diesem hneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich
von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und
Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen ueren Einflssen, die
gewhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht,
von dem Bangen vor der ffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des
gewhnlichen Schlafes, in welchen das tgliche Bewutsein, wenn auch
dmmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht
Tage des Irrsinns und der Geisteszerrttung: die gewhnlichen Einflsse
werden von anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind
Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Krper im Schlafe ruht,
und der Gedanke dies pltzlich begreift und zu seinem in der Welt der
Trume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, da deine
Handlungen nur fr dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig
deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben
hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend
eine gute Tat auszufhren. Im Gegenteil, wissend, da ich bis zu den
letzten Grenzen vllig unbestraft bleiben wrde, beeilte ich mich, irgend
etwas Wildes, Bses und Sndiges zu tun.

Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im
Traume verbrachte, fr verloren. Vllig gleich der Wirklichkeit erfllt
auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und mu
berhaupt unserem ueren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng
gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, -- welche von
diesen man vorzieht, hngt von den persnlichen Neigungen ab. Ich zog schon
seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zhlte ich die Nchte,
in denen ich keine Trume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich
erwachte, ohne da ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fhlte ich
mich unglcklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, qulte ich
mein Gedchtnis, um dann pltzlich in einem seiner dunklen Winkel einen
Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung
pltzlich die ganze Herrlichkeit des krzlich vergangenen Traumlebens vor
mir zu haben! Heihungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene
Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher
Schulung meines Gedchtnisses erreichte ich, da ich meine Trume niemals
mehr verga. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts
den Traum.

Besonders liebte ich Alpdrcken wegen der erschtternden Kraft der
Wirkungen. Ich entwickelte in mir die Fhigkeit, es knstlich
hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als
der Krper lag, und sofort schon prete mich ein Alpdrcken mit
squlenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren
Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet,
beschlo ich, wieder hineinzustrzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen
und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frhen Jahren jene
Traumzustnde, wenn man es wei, da man schlft. Schon damals begriff ich,
welche groe Geistesfreiheit sie geben knnten. brigens verstand ich es
nicht, sie willkrlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich
pltzlich einen elektrischen Schlag bekme, und dann begriff ich mit einem
Male, da die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des
Traumes durch seine Palste und Tler, wohin ich wollte. Bei hartnckiger
Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen,
die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einfhren, nach der ich
Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke,
um mich ber die Leute lustig zu machen und alle mglichen Streiche
auszufhren. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden
ber: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da
erst begriff ich, da Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien.

Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der
Unterwrfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mute niemals
um das Recht zu leben kmpfen. Ich hatte die Mglichkeit, mich meinem
Glcke ungeteilt hingeben zu knnen. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich
den grten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel:
nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzckungen, sondern um meinen Traum
zu verlngern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewhnung gaben mir die
Mglichkeit, mich immer fter und fter an der grenzenlosesten aller
Freiheiten, die ein Mensch nur ertrumen kann, zu berauschen. Allmhlich
begann sich mein nchtliches Bewutsein in diesen Trumen an Strke und
Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nhern, sondern vielleicht es auch zu
bertreffen. Ich verstand es, in meinen Trumen zu leben, wie auch dieses
Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als wrde ich meinen
Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu
gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit
durchleben.

Ich erschuf mir fr meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war
irgendwo tief unter der Erde ein gerumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer
zweier riesiger fen beleuchtet. Die Wnde waren augenscheinlich eisern.
Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle blichen Marterapparate:
Schrauben, Pfhle, Sitze mit spitzen Ngeln, Gerte zum Strecken der
Muskeln und zum Aufwickeln der Gedrme, Messer, Zangen, Peitschen, Sgen,
glhende Stangen und Rechen. Wenn ein glckseliges Geschick mir wieder die
Freiheit gab, trat ich berzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen
Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich
wollte, in diese unterirdische Halle zu fhren, zuweilen meine Bekannten,
fters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es
Mdchen und Jnglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden
sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwhlte. Ich kannte
ihre Namen. An einigen lockte mich die Schnheit ihres Krpers, an anderen
ihr tapferes Ertragen der grten Qualen, ihre Verachtung aller meiner
Listen, whrend ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwche,
Willenslosigkeit, ihr Sthnen und unntzes Beten liebte. Zuweilen und nicht
einmal selten lie ich auch die von mir bereits zu Tode gequlten wieder
auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Mrtyrertode zu erfreuen. Anfangs
war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf
ich mir eine Schar unfrmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach
meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit
Verrenkungen fhrten sie alle meine Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich
meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flche.

Wahrscheinlich wre ich so wahnsinnig, einsam und glcklich, wie ich es
war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich
fr krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt
zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich
hege auch den Verdacht, da sie jenes Mdchen, das nachher meine Frau
wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. brigens
wrde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung
wrdig erklrt htte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich
in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in
allen Tagen meines Lebens, die mir brig geblieben sind, nicht aufhren
werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen
Unglcklichen, den man retten msse. Sie begann mit Neugierde und ging dann
zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft ber.

Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark
das Gefhl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der
Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich
in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschlo. Doch
das regelmige Leben, zu dem man mich zwang, trbte allmhlich meine
Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, da mit meiner Seele
eine Umgestaltung geschehen knne, da sie ihrer von den Leuten nicht
anerkannten Wahrheit entsagen wrde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten
mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der
Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres
Heim. Ich begann mir vorzureden, da mich die Weltereignisse und
Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen
regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts,
inmitten der entrckten Liebkosungen zweier Liebender berfiel mich
gewhnlich ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In
der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu
freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltglichkeit.

Doch natrlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach
anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu fabaren Wirklichkeit
betubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der
Hochzeit fhlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersttlichen
Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen
Woche qulte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig
mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, da ich mir
anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine
Frau, die ich liebte, zu meiner nchtlichen Feier zu bringen, und ihr
Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kmpfte, kmpfte
sehr lange und bemhte mich, meine Nchternheit zu bewahren. Ich war
bestrebt, mich mit allen Vernunftsgrnden zu berzeugen, doch ich konnte
ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das
Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht
entfliehen.

Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als htte ich eine groe
religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite
Divans und verbrachte dort ganze Nchte. Etwas spter verbrachte ich dort
auch ganze Tage. Auf alle nur mgliche Weise verhllte ich mein Geheimnis
vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, da sie in das eindringen
wrde, was ich so eiferschtig htete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie
zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder s, wie in den ersten
Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine grere Wollust trieb mich jetzt.
Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklren. Ich zog es sogar vor, sie bei
dem Gedanken zu lassen, da ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein
mit ihr vermiede. Und tatschlich glaubte sie das, qulte sich und wurde
mde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, da der Gram sie
zum Grabe fhren wrde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die
frheren Liebesworte sprach, erblhte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte
mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten
widersprachen.

Doch wenn ich auch, wie frher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich
meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab,
irgendwie hatte ich meine frhere Fhigkeit, vllige Freiheit zu gewinnen,
verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um
mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu strken und um eine neue Dosis des
Schlafmittels einzunehmen, allein der erwnschte Augenblick kam nicht. Ich
durchlebte die sen Qualen des Alpdrckens, seine Pracht und
Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Trume
erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Trume, die so konsequent
und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und
unlogisch, so entzckend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung,
aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wlkchen umhllt. Mir fehlte die
alte Macht, ber den Traum zu verfgen, ich konnte nur jenes, was mir von
auen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten
Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: strte knstlich die
Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und
alle anderen betubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber.
Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in
denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war,
und ber die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und
Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.

Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Trume
zurckkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheienes
Glck wiederum mir zurckgegeben wurde. Im Traume fhlte ich pltzlich den
mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, da ich frei sei, da
ich schliefe, doch stark genug sei, ber den Traum zu verfgen, da ich
alles ausfhren knne, wonach ich verlangte und da es doch nur ein Traum
bleiben wrde! Eine Welle unsagbaren Jubels berstrmte meine Seele. Und da
konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen.
Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich
zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die _sie_ gewhnt war,
die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter
Genu. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewutsein sah ich mich
selbst in der Tr meiner Bibliothek stehen.

Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, _sie_ schlft jetzt
und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.

Ich gehorchte und ging den gewhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es
kam mir so vor, als wrde ich nicht gehen, und nicht meine Fe bewegen,
sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal
ging, sah ich durchs Fenster die Dcher der Stadt und dachte: dies alles
ist in meiner Gewalt. Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel
funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch
ich lie sie verschwinden. Lautlos ffnete ich die Tre zum Schlafzimmer.
Das Zimmer wurde von einem Lmpchen gengend erhellt. Ich trat an das Bett
heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so
mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zpfe flocht, hingen vom Bett
herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie
sich niederlegte, darber geweint, da sie mich wieder nicht erwarten
konnte. Ein bitteres Gefhl schnrte mein Herz zusammen. In diesem
Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das
Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Fe zu
kssen. Doch sofort erinnerte ich mich, da dieses alles im Traume wre.

Ein merkwrdig seltsames Gefhl qulte mich. Ich konnte mein geheimes
Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und
doch wrde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie
wiederum mit allem Rausche der Zrtlichkeit umgeben, sie trsten, lieben
und liebkosen . . . Indem ich mich ber den Krper meiner Frau bckte,
prete ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so da sie nicht schreien
konnte. Jhlings erwachte sie, ffnete die Augen und erbebte unter meiner
Hand. Doch ich nagelte sie frmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich
fortzustoen, krmmte sie sich, war bemht, mir etwas zu sagen und sah mich
mit verstrten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer
Erregung an, dann aber stie ich unter der Decke mit einem Schlage meinen
Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer
nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen fllten sich mit Entsetzen und
Trnen entstrmten ihnen. ber meine Hand, die den Dolch hielt, flo das
klebrige und warme Blut. Dann stie ich langsam den Dolch mehrere Male in
ihren Krper, ri die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die
Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfate
ich sie am Kopfe und stie den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die
Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle
durch. Gurgelnd strmte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu
atmen bemhte, ihre Hnde wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen.
Ein wenig spter war sie schon unbeweglich.

Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, da ich mich sofort
zu erwachen bemhte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle
Willensanstrengungen, ich erwartete, da die Wnde ihres Schlafzimmers
pltzlich zerfallen wrden, verschwinden, zerschmelzen, da ich mich auf
meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen wrde. Doch das Alpdrcken ging
nicht vorber. Der blutige und unfrmliche Krper meines Weibes lag vor mir
auf dem vom Blute berstrmten Bette. Und in der Tre drngten sich mit
Lichtern schon die Menschen, die hierherstrzten, als sie den Lrm des
Kampfes hrten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen
kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.

Da begriff ich pltzlich, da dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im
Traume geschah.




Im Spiegel



Aus dem Archiv eines Psychiaters



Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frhesten Jahren. Als Kind weinte
und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe
blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und
den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen
Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu berschreiten und vor
Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mdchen begann
ich, mein ganzes Zimmer mit groen und kleinen, getreuen und ein wenig
verzerrenden, klaren und etwas trben Spiegeln zu fllen. Ich hatte mich
gewhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in
einander bergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue
erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich
diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen
abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch
zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren.
Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelflche
getrennt und dem Tastvermgen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an
und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.

Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel
herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemhte
mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide,
und, wie es sein knne, da ihre rechte Hand meine linke sei und da alle
Finger dieser Hand umgestellt wren, obgleich auf einem von ihnen sich eben
mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum
da ich in dieses Rtsel eindringen wollte, um es zu lsen. In _dieser_
Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Tne sind,
da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener _Spiegel_welt, die man nur sehen
kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht
vllig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht eine
dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wute,
was _ich_ nicht erraten konnte, verfgte ber jenes Geheimnis, das auf ewig
meinem Verstande verborgen war.

Doch ich bemerkte, da jeder Spiegel seine eigene Welt htte, seine ihm
eigentmliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei
Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in
verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die
alle mir hnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In
meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mdchen, dessen klare Augen
mich an meine frheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg
sich ein schamloses, freies, schnes, khnes Weib, das alle die
verschiedenen Sigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der
viereckigen Spiegeltre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle,
kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere
Doppelgnger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren,
vergoldeten Triptychon, im Hngespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem
Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen,
die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Mglichkeit, zu erscheinen.
Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten muten sie immer das Bildnis
dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in
dieser angenommenen uerlichkeit ihre nur ihnen eigentmlichen Zge.

Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich
hate. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu
vertiefen und mich in ihren lockenden Rumen zu verlieren. Andere wiederum
vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgnger. Ich wute,
da alle mir feindlich gesinnt wren, schon weil sie mein von ihnen
gehates Bildnis annehmen muten. Doch einige der Spiegelfrauen
bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Ha und verhielt mich zu ihnen fast
freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren
kraftlose Wut ich zu verlachen liebte, die ich mit meiner Selbstndigkeit
neckte, und mit der Macht, die mir ber sie zustand, qulte. Dagegen gab es
auch solche, die strker als ich waren und sich erkhnten, ihrerseits ber
mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den
Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an,
versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem
Zerschlagen eines Spiegels mute ich tagelang weinen, weil ich erkannte,
da ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter
einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an.

Den fr mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf
irgend einem Ausverkaufe. Es war ein groes Trumeau, das sich in
Scharnieren bewegte. Es berraschte mich durch die ungemeine Klarheit der
Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit vernderte sich bei der
geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbststndig und
schrankenlos lebendig. Als ich whrend des Ausverkaufs das Trumeau besah,
schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmtigen
Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht
zeigen, da sie mich erschreckt htte, kaufte darum das Trumeau und lie es
in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich
sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner
Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir,
wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris
spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein
Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine
Willensanstrengung ri ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stie
mit dem Fu an den Spiegel, so da er zu schaukeln begann und sich das
Bildnis meiner Gegnerin klglich verzerrte, und verlie das Zimmer.

Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser
Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nhern; ich war mit
meinem Manne im Theater, ich lachte bermig, und man hielt mich fr sehr
lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich
khn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im
selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Tre, kam mir
entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenber hin. Unsere
Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Ha auf mich, sie in den
meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der
Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend,
hypnotisierend. Jede von uns bemhte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu
besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan
zu machen. Und es mte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu
sehen, die einander regungslos gegenbersitzen, vom magischen Einflu der
Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewutsein
verlieren . . . Pltzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf
und ging hinaus.

Nun wiederholten sich unsere Zweikmpfe jeden Tag. Ich begriff, da diese
Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu
verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war
ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalitt lag fr
mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Mglichkeit einer
Niederlage versteckte sich eine se Versuchung. Zuweilen zwang ich mich
ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschftigte mich
mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb
immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rckkehr zu ihr geduldig und
siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurck, und sie trat vor mich hin,
noch triumphierender als frher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren
Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen,
und in kraftloser Wut fhlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes.
Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu
fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde zu
verbergen, doch sogleich begriff ich dann, da dies unmglich wre, da ich
dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher
zurckkehren mte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte
ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrmmern, diese unbekannte und
mir drohende Welt vernichten, und zuweilen strzte ich sogar mit irgend
einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber
das verchtliche Lcheln meiner Gegnerin hielt mich zurck. Ein so
erkaufter Sieg wre das Gestndnis ihrer Macht und meiner Niederlage
gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns
zu enden.

Allein bald schon fhlte ich, da meine Gegnerin strker war als ich. Mit
jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer grer
und grer werdende Gewalt ber mich. Allmhlich verlor ich denn auch die
Mglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. _Sie_ befahl mir
tglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. _Sie_ beherrschte meinen
Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. _Sie_ teilte mein
Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte,
mute ich ausfhren, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden
Befehle. Ich wute, da sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege
mich zum Verderben fhre, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren
geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere
Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern.
Mein Mann, meine Verwandten sahen, da ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze
Nchte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich fr verrckt und
wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu
enthllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu
sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.

Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens.
Ich erinnere mich noch an alles, vllig klar, vllig genau bis in die
Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie
gewhnlich betrat ich schon frh mein Boudoir, noch bevor es dster wurde.
Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rcklehne, setzte
mich, und gab mich _ihr_ hin. Ohne zu zgern, erschien sie auf meinen Ruf,
rckte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich
anzusehen. Dunkle Vorahnungen qulten meine Seele, aber ich hatte nicht die
Macht, mein Gesicht zu senken und mute den frechen Blick meiner Gegnerin
in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von
uns beiden zndete Licht an. Leise nur glnzte in der Dunkelheit das Glas.
Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen
mich mit der alten Kraft an. Ich fhlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an
anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, da
ich ganz in der Gewalt der anderen wre. Die Zeit flo hin, und ich schwamm
mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwche und
Willenslosigkeit.

Pltzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor
dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von auen
her mich Zwingendes hie auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat
einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre
Hnde aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden
Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwrts, und ich
schritt ihr entgegen. Und merkwrdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage,
trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen
meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, da ich nun
endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich
hingezogen fhlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten
wrde. In einigen Augenblicken wute ich nicht einmal, wer eigentlich den
anderen zu sich zge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem
Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrngen.

Doch als meine Hnde beim Vorwrtsbewegen am Spiegel ihre Hnde berhrten,
erstarb ich frmlich vor Abscheu. Aber _sie_ fate mich gewaltig an den
Hnden und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hnde versanken im Glase, als
wie in feurigkhlem Wasser. Die Klte des Glases drang unter furchtbaren
Schmerzen in meinen Krper, als ob alle Atome meines Wesens ihr
gegenseitiges Verhltnis vernderten. Und schon nach einem Augenblicke
berhrte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die
ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse.
Alles verschwand vor diesem qulenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist,
und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das
ich _aus_ dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und
lachte. Und ich, -- o Grausamkeit! -- ich, die vor Qual und Erniedrigung
erstarb, ich mute gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr
triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz
erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin pltzlich um, schritt zur
Tre, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des
Nichtseins.

Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewutes, wenn
auch heimlich ses Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen
voll trumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen,
fhlten aber unsere Nhe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hrten
nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmglichkeit, zu
atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel
herantrat, konnten wir, die wir pltzlich sein Bildnis annehmen muten, in
die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich
denke, da das Leben der Toten hnlich sein mte, ein unklares Bewutsein
des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frhere und das peinigende
Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen,
zu sehen, zu hren, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte
den verheienen Traum, sich zu befreien, einen neuen Krper zu finden und
wieder der Welt der Bestndigkeit und Unerregtheit anzugehren.

Die ersten Tage fhlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglcklich. Ich
wute und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis
meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel nherte um mich zu verhhnen.
Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein groes Vergngen, vor
mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realitt zu kokettieren. Sie setzte
sich und auch ich mute mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie
sah, da auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre
Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen mte.
Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht
antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte
Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoe drehte sie dann pltzlich den
Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge strzte sie mich in das
Nichtsein.

Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmhlich die
Erkenntnis. Ich begriff, da meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine
Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen
Platz einnehme. Das Gefhl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen
in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu
schmhen, weil ich aus Schwche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die
Mglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war berzeugt, da diese
Abenteurerin niemals ber mich htte triumphieren knnen, wenn ich ihr
nicht selbst in ihren Listen geholfen htte. Und nachdem ich mich ein wenig
mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschlo ich
mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir gefhrt hatte.
Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche
Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten
wurde, nicht strker als diese Erscheinung?

Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als qulte mich der
Hohn meiner Gegnerin immer unertrglicher. Ich lie sie absichtlich alle
Sigkeit des Sieges spren. Und da ich das vergehende Opfer spielte,
reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses
Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue
Martern fr mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand
tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, da ich nur
eine Erscheinung wre, und da ich kein eigenes Leben mehr htte. Bald
spielte sie vor mir auf dem Klavier und qulte mich mit der Tonlosigkeit
meiner Welt. Bald sa sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten
Likre und zwang mich, so zu tun, als wrde auch ich trinken. Bald endlich
fhrte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor
meinen Augen ihren Krper zu kssen, und berlie es dabei ihnen, zu
denken, da sie mich kten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte
sie mit bsem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich
nicht mehr; seine Schrfe trug eine Sigkeit: meine kommende Rache!

In den Stunden, wenn sie mich krnkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich,
mir in die Augen zu sehen, begann ich allmhlich, ihren Blick zu
beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder
zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und
schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des
Leides verbarg. Meine seelischen Krfte wuchsen, und ich erkhnte mich,
meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du
dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und _sie_
fhrte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wnsche, spann
einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine
Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den
Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen pltzlich das siegessichere Lcheln
bemerkte, war es schon zu spt. _Sie_ lief damals in heller Wut aus dem
Zimmer, doch whrend ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurckfiel,
wute ich doch, da sie morgen wiederkehren wrde, wute, da sie mir
gehorchen wrde! Und der Jubel des Sieges schwebte ber meiner willenlosen
Schwche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener
Fcher.

Sie kehrte zurck! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurck, schrie mich
an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mute mir
gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger
Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe strzen, selbst aber
hinaustreten in die tnende und feste Wirklichkeit. Sie wute, da dieses
von meinem Willen abhinge, und dieses Bewutsein qulte sie zweifach. Doch
ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war
mir angenehm, mich mit der Mglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses
ist gewi merkwrdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die
mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war
mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureien und sie in
einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlngerte
die Frist von Tag zu Tag und wute eigentlich selbst nicht, was ich wollte
und was mich erschreckte.

Und pltzlich, an einem hellen Frhlingstage, traten in das Boudoir
Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer
sen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, da
sie hier wren. Die Leute begannen in der Nhe des Spiegels, der mir zum
Weltall geworden war, sich zu beschftigen. Und eine nach der anderen
erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den
Krper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe
erregte meine trumende Seele. Im Vorgefhle des Entsetzens, im Vorgefhle
des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht
meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrcktheit
eines halben Seins zu kmpfen. So kmpfen lebendige Leute manchmal mit
einem Alpdrcken, wenn sie sich aus seinen qulenden Ketten zur
Wirklichkeit befreien wollen.

Ich konzentrierte alle Krfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr,
meiner Gegnerin, zurief: komm her! Ich hypnotiserte und magnetisierte sie
mit der ganzen Anstrengung meines trumenden Willens. Und ich hatte so
wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das
Brettergrab zu legen, um ihn fortzufhren: wohin, das war mir unbekannt.
Und so in letztem tdlichem Triebe rief ich wieder und wieder: komm!
. . . Und pltzlich fhlte ich, da ich lebendig wurde. _Sie_, mein Feind,
ffnete die Thre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte
sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich strubten, als wrde sie
zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschlo ich ihre Augen, fesselte
ihren Blick mit meinem Blicke und dann wute ich, da ich siegen wrde.

Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. _Sie_ gehorchte
und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren
wir allein. Ich durfte nicht lnger zgern. Auerdem konnte ich ihr ihre
Tcke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein
Sthnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie
vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, -- sie kam. Und auch ich
ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche
die Freude weit geffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel
taumelten. Und wieder berhrten sich unsere Hnde, wieder nherten sich
unsere Lippen und wir strzten eine in die andere, verbrannt vom
unnennbaren Schmerze der neuen Verkrperung. Und schon nach einem
Augenblick stand ich _vor_ dem Spiegel, meine Brust fllte sich mit Luft
und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau
nieder vor Ermattung.

Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, da
man meinen frheren Befehl ausfhren mge, diesen Spiegel ganz und fr
immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewutsein.

Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem
Erlebten ein Nervenfieber. Meine Verwandten hielten mich schon lange fr
krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles,
was mit mir geschehen war, zu erzhlen. Meine Erzhlung bestrkte nur ihren
Verdacht. Man fhrte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus ber, in dem
ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon berzeugt, da mein ganzes
Wesen noch immer tief erschttert ist. Doch ich darf nicht lange hier
bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon
ausfhren mu.

Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich wei, da ich Ich bin.
Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen
ist, so erfllt mich eine seltsame Ungewiheit: wie, wenn mein wirkliches
Ich dort wre? Dann wrde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die
dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild.
In mich strmten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefhle jener ber, die
mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatschlich wre ich noch immer
im Nichtsein der Spiegeltiefe, wrde mich qulen, wrde ermatten, sterben.
Ich wei, o, ich wei es fast genau, da dieses nicht wahr ist. Doch um die
letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, mu ich wieder, nur noch einmal,
das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal mu ich in ihn sehen,
um mich zu berzeugen, da dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine
Rolle whrend einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle
Bedrcktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar
und glcklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich
mu, o, ich mu noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . .




Das Kpfchen aus Marmor



Erzhlung eines Landstreichers



Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefngnishaft. Mich
intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen
Umstnde des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem
Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann
aber erzhlte er mir doch sein Leben.

-- Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer
ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich geno eine
ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte
ich schon Geld, lebte geruschvoll: jeden Tag irgend eine
Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage.
An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in
meinen Erinnerungen ist eine Lcke und um sie auszufllen, wrde ich den
ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nmlich alles, was in Bezug zu
Nina steht.

Sie hie Nina, gndiger Herr, ich bin davon berzeugt, da sie Nina hie.
Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber
wie verstand sie es, in dieser klglichen Atmosphre vornehm zu sein und so
besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hnde waren wie gemeielt. Aus
ihren billigen Fetzen nhte sie sich wundervolle Trume. Ja und auch alles
alltgliche, das mit ihr in Berhrung kam, wurde so ungewhnlich, so
phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einflu ein anderer, besserer,
schttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab.

Gott verzeih ihr die Snde, da sie mich liebte. Rings war alles so
ungeschliffen, da sie mich lieben mute, mich, den jungen, hbschen, der
so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie,
dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reien sich
einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glcklich und lustig (o, wie
selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles,
lchelt mir zu . . . O, dies Lcheln kenn ich noch. Dann sind wir irgend wo
zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: Ich wei, du, mein Glck,
wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch
gelebt. O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, -- und
ist dies mit Nina berhaupt wahr? Ich wei nicht.

Natrlich verlie ich sie. Mir erschien das so selbstverstndlich. Vor mir
lag eine glnzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine
romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr
schmerzlich, aber ich bekmpfte das und sah darin sogar eine Tat, da ich
dieses Weh berstand. Ich hrte, da Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach
dem Sden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gesprche
von ihr peinigten mich damals so sehr, da ich alle Nachrichten vermied.
Ich bemhte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Portrt noch ihre
Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natrlich
verga ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe,
begreifen Sie bitte, verga alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als
wre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmhliches fr einen
Menschen, so zu vergessen.

Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzhlen, wie ich
Karriere machte. Von Nina getrennt, dachte ich natrlich nur an ueren
Erfolg, an Geld. Eine Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im
Auslande, heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau starb;
mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu Verwandten und, Gott
verzeih mir, wei jetzt nicht mal, ob meine Jungen noch leben. Natrlich
trank ich. Dann erffnete ich ein Geschft, es kam nichts dabei heraus, ich
verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Krfte. Zum Schlu sank ich
bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. In den letzten Jahren
beschftigte ich mich einige Monate, als ich nicht trank, als Arbeiter in
den Fabriken. Doch wenn ich trank, kam ich auf den Trdelmarkt und in die
Nachtasyle. Auf die Menschen war ich furchtbar wtend und trumte immer,
das Schicksal wrde sich ndern, ich wrde wieder reich werden. Meine neuen
Kameraden verachtete ich deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten.

So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf irgend einem Hofe
herum, wei der Teufel warum, ich glaube, der Zufall fhrte mich. Pltzlich
ruft mich ein Koch an: Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser? Das
bin ich, antwortete ich. Man hie mich ein Schreibtischschlo zurecht
machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett gefhrt; berall Vergoldung
und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, was ntig war, und die Gndige gab
mir einen Rubel. Das Geld nehmend, erblickte ich pltzlich ein auf einer
Sule stehendes Kpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an und will
meinen Augen nicht trauen: es war Nina!

Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina vllig vergessen und dort
begriff ich es erst, da ich sie vergessen. Ich schaue, zittere fast und
frage: Gndige Frau, gestatten Sie zu fragen, was das fr ein Kpfchen
ist? Das, antwortet sie, ist eine sehr teuere Sache, die vor
fnfhundert Jahren gemacht ist, im XV. Jahrhundert. Nannte mir auch den
Namen des Knstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, da ihr Mann dies
Kpfchen aus Italien mitgebracht htte und hieraus wre eine ganze
diplomatische Affre zwischen dem italienischen und dem russischen Kabinett
entstanden. Sagen Sie mal, fragte mich die Gndige, gefllt Ihnen das
Kpfchen? Was haben Sie fr einen unmodernen Geschmack! Die Ohren, sagt
sie, sind nicht am Platze, die Nase ist unregelmig . . . und schwatzt!
und schwatzt!

Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur hnlichkeit, das war
ein Portrt, sogar noch mehr, das war wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie
mir bitte, durch welch ein Wunder konnte ein Knstler des XV. Jahrhunderts
diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten Ohren
schaffen, diese selben kaum mandelfrmigen Augen, die unregelmige Nase
und die lange zurckgelehnte Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das
schnste, das reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder
lie zwei vllig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert, die
andere -- in unseren Tagen? Denn da jene, nach welcher der Marmorkopf
gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, sondern auch dem Charakter, der Seele
nach vllig gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht
bezweifeln.

Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff sowohl die ganze
Niedrigkeit meiner Auffhrung im Vergangenen, als auch die Tiefe meines
Sturzes. Ich begriff, da Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte
und den ich zu erkennen hatte. Es ist unmglich, das Vergangene ungeschehen
zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen an Nina zu sammeln, so
wie man zuweilen die Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest.
O, wenig war es! Trotz aller Mhe konnte ich nichts Ganzes zusammenstellen.
Es waren nur Splitter, Trmmer. Doch wie jubelte ich, wenn es mir gelang,
in meiner Seele irgend etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich
erinnernd verbrachte ich ganze Stunden; man lachte ber mich und doch war
ich glcklich. Ich bin alt, es ist fr mich zu spt, mein Leben von neuem
zu beginnen. Aber noch kann ich meine Seele von schlechten Gedanken
befreien, von Menschenha und vom Murren auf den Schpfer. Und in der
Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung.

Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue noch einmal zu
sehen. Ich strich ganze Abende in der Nhe des Hauses, in welchem sie
stand, herum und bemhte mich, das Kpfchen aus Marmor zu erblicken, doch
es stand zu weit von den Fenstern. Ganze Nchte verbrachte ich vor dem
Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die Verteilung der Zimmer,
knpfte mit der Bedienung Bekanntschaften an. Im Sommer fuhren die Besitzer
aufs Land. Und lnger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekmpfen. Ich
glaubte, da, wenn ich noch einmal die marmorne Nina ansehen knnte, ich
mich an alles erinnern wrde, an alles bis zum Ende. Das wre mein letztes
Glck gewesen. Und ich entschlo mich zu dem, wofr man mich verurteilt
hat. Sie wissen, da es mir nicht gelang, man ergriff mich schon im
Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, da ich in den Zimmern
schon einmal als Schlosser war, und da man mich nicht selten in der Nhe
des Hauses hatte herumlungern gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich
dann eben die Schlsser erbrochen . . . brigens ist die Geschichte aus,
gndiger Herr!

-- Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie freisprechen.

-- Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrbt, noch schndet meine
Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde gleich, wo ich an Nina
denke, im Nachtasyl oder im Gefngnis?

Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte mit seinen seltsamen
verblichenen Augen ansah, sagte er pltzlich noch:

-- Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert htte? Wenn nur
mein armer, durch Alkohol geschwchter Verstand sich die ganze Geschichte
dieser Liebe erdacht htte, whrend ich das Kpfchen aus Marmor ansah?







End of Project Gutenberg's Die Republik des Sdkreuzes, by Waleri Brjussow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REPUBLIK DES SDKREUZES ***

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