The Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid

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Title: Die Achatnen Kugeln
       Roman

Author: Kasimir Edschmid

Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***




Produced by Jens Sadowski




Die
Achatnen Kugeln

Roman
von
Kasimir Edschmid



Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920



Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin




Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn


Gru
an
Ren Schickele








Vorspiel


Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf
der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten.

Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten,
kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten
und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er
glhte auf, Licht strmte die Neigung der Rasenterrasse herauf.

Das Schlo ber ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel.

Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner,
die die Mntel abwarfen und in weien Samthosen, die Brust offen unter dem
Hemd, sich gegenberstanden. Ein flsterndes Signal berklirrte das Metall.
Aus dem dunklen Laubgang sthnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Sbel in
der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen.

Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des
Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder ber die glserne Pupille
zurck und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle
auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schttelte die Haare.
Das war vorbei.

Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mchtig gewlbt war.

Mein Herr . . . sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem
Handgelenk auf den Toten.

Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfllte, verschwand. Die
steife Gebrde des Todes lschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die
Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte
purpurrot die Zweige.

Zaudern Sie nicht -- flsterte der Sekundant, sofort zu begreifen, da
Sie im kniglichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heit nur bedingt und
halb ein Lebender zu sein.

Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurck. Ein spttisches Lcheln kniff
in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht
sa darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weien Hermen glommen aus der
blauen Dmmerung. Nun paradierte ihn die Wache.

Die Rondells mit den Fontnen waren beinahe rot, und die Tritone schumten
vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dmmerung.
Eine quecksilberne Sule stand das Schlo aufgerichtet neben ihm. Zwischen
dem Schwung von zwei Koniferensten zog sich der ganze Garten noch einmal
zusammen. Dicht ber dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten
Terrassen hing riesenhaft der Mond.

Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine
metallene Platte.

Nchte voll Schwrmerei und Lichtern hoben sich ber dem Park, zogen rasch
vorber. Zuckende Frauenleiber strubten sich vor ihm auf. Ein groer Ritt,
der ihn mit Ruhm behngte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in
der Bgelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete glserne Sle . . . Teile
des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gnge warden
ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau?

Eine Frau, ohne Geheimnis am Krper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne
Leidenschaft der Erfindung, gut fr Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um
ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lchelte, als ob er die weie
Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berhrte, die bleich
durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete.

Das Bild brach ab.

Aus allen Bosketts flossen Blumenrche. Eine Nachtigall jagte einen sen
wilden Schrei schlaftrunken ins Gebsch.

Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des
Totengesichts, von seinem sthlernen Witzwort in der Gurgel gefat, stak am
Boden, blkte ihn an. Das Schicksal ri durch sein Herz. Waren diese
Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblttert die Lauben beim
dritten Knie schon, das er darin geffnet. Blieb ohne die Erregung des
eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts
brig wie nackte Enttuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er
zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in
den See, was ihn ausgefllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff
und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen
wehmtig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verlieen. Dann trat
das alles schon nicht mehr ihm zugehrig von der Neigung der letzten
Rasenflle in Berhrung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus
dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue.

Als er sich aber umbog, berfiel ihn alles, und er krmmte sich vor Schmerz
ber den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie
verbraucht war.

Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, da er, eingekerkert in steinerne
Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit.

Er machte zwei groe Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in
Ruhe, ging berlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel ber den
Kopf und weinte. Nicht weinen Vaudreuil, rief er sein Herz an, stie den
Degen fluchend auf den Boden, bi in den Mantel, zerrte an dem Tuch, was
weinst du, Affe . . . Allein er konnte seinen Schmerz nicht krnken und
schluchzte, als er, den Seitenflgel umschreitend, den groen Empfangshof
betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen.
Kein Garten stand mehr vor ihm. Das groe Gebude verdeckte ihm den Mond.
Er hatte noch nie Abschied genommen.

In der Kehle ein Zittern ri ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies
flimmernde Wei an den Rndern des Schlosses, die Pflastersteine, die der
Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte
sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht.

Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weien Samthosen, die Brust frei
unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grte und grinste. Ein
Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und
her. Sie hielten ihn fr betrunken.

In der Dmmerung rannten die Pferde nach der Kste. Das zweite trug den
Diener, das dritte Gepck, Geldrollen, Hemden, Waffen.

Die Stirnen der Gule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur
Tuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurck
unberhrt. Dann warfen sie die Gule nach Westen, schoben eine sdliche
groe Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne ber
Versailles. Tief im Sden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das
Sommerschlo des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dmonen
getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schrg
herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hgel
von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen
Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, ber
Wiesen mit Rehbcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die
Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus
Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis lie die Gule
saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang pltzlich wild ber einen Giebach
und jagte zurck, an dem See vorbei in die Landschaft der Kste. Gegen
Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis
stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren
zurck. Gegen Abend kamen sie an den Hgel, spter durch das Dorf. Die
Sonne ging unter. Links lag das Sommerschlo. Sie ritten direkt darauf zu.
Sanft stiegen ber die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der
einstckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster.
Die Kieswege, angelegt fr die Zrtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen
trumerisch im Schein des sdlichen Abends. Der Marquis lie Baptiste
vorreiten. Er ritt in den Bgeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten
nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurck, dann hatte der Marquis
ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die
Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel.

Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen ber die
Kste. Der Segler lag weit drauen und lste die Anker. Matrosen warfen die
Mantelscke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein.
Der Steuermann stie das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand
Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er
einen Schritt zurck.

Zwlf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen
. . .?

Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden
Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich
dunkel donnernd zusammenballte! Bin ich ein Hund, da Sie mich mitreien
auch da hinaus . . . zwlf Jahre habe ich Bgel gehalten, vor Frauenhusern
gelauert . . ., er rchelte und verzerrte sein Gesicht vor Ha.

Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie
kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von
diesem letzten schlechten Stck sich ri, versagte sein Herz, da er es
demtigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare ber das
Gesicht.

Bleiben Sie ruhig, sagte er, behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurck
nach Versailles. Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem
Gerusch. Das Boot scho los, sauste eine grne Welle hinunter. Der Marquis
nickte vom Rcken der nchsten dem Diener zu.

Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurck. Auf dem
erhhten Hgel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn
gerichtet, der ihn verlie. Nebel kamen, verwirrten. Lsten sich und immer
brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub.

Wie feig er ist, sagte der Marquis, und doch wie gro seine Sehnsucht.
Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die
Arme in die Luft zu stoen, sein Ha und das Schmierige stritten mit dem
guten Gefhl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Strke
mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der
Erschtterung gab ihm ungeahnte Kraft.

Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal scho eine breite Woge zwischen die
Fregatte und sie, teilte sie. Dann fate Vaudreuil die Schlinge. Wie ein
Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhnde erfaten seine nasse Taille,
schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich wei beflaggt, bog sich und
rauschte. Er sah die Kste nicht mehr. Mven lagen auf den Wellenspitzen.
Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig
zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von
Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefhl die
ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glckes.

Am fnften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf
die andere Seite, stie ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil
auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie ber Bett und
Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein
kraftloser Krper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden
Woche mit Lilotte, der Tnzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schwei
befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber
die Dauer des Zustandes fhrte ihn in die berwindung. Ohne Zorn fand er
sich darein, da seine Kabine stank wie ein Stall, da er tagelang kotzte.
Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem
spiegeligen Wasser. Matrosen saen in den Takelungen. Mit wei knatternden
Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing
Germanen, kpfte sie, warf die Krper den Kabeljaus zum Fressen hinunter,
briet die Kpfe. Nie a er frher so weies Fleisch. Erfinderisch geworden
in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er rstete Flossen, briet Herzen. Der
Tag ward ihm phantastisch, spielend berwand er die Melancholie der Abende.

Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen
liefen mit Haken und Bchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff
in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug scho scharf
drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitn schrie. Aus den Verstaurumen kamen
Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den
Wind strkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: Vila.

Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus
und winkten in ihren bronzenen Brsten hell zwischen den Leinen und dem
blhenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die
Backen auf und ging hin und her den Abend.

Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wnde standen wie
Pyramiden. Schwrme langgehalster Vgel hoben sich, zogen endlose Spiralen
immer hher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil
ging sofort zum Fort. Die Strae war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und
Strmpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen
Namen.

Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die
Finger seiner Hnde hin und zurck gezhlt, um nicht sofort hinzulaufen.
Jedoch der Drang seiner Wrde war grer als seine Neugier. Auf Vaudreuils
anderer Seite sa der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen
umzingelten ihn, faten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlrften jedes
Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aen mit
Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren,
ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wute, vom Hof, den
Stdten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelschtes aus seinem Gedchtnis.
Der Bischof ri einen Fisch mit beiden Hnden am Schwanz auseinander und
frug: Was planen Sie hier? Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie
wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen
fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang.

Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in
Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie hflicher
vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys
brachten Kbel. Um fnf saen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank,
gewann zurck. Ein Fhnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er
hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb
sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag
gerhrt. Der Kommandant zuckte die Achseln: Er liebt, seinen Gewinst
festzuhalten. Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglhenden Auges
Vaudreuil hinberreichte. Sie machten eine Pause, aen kleine scharfe
Fische.

Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie
heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen.
Fettes Schwein, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fuste auf
den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor
Rauch.

Sie kehrten zurck zu den Karten. Die Sonne stand drauen. Der Bischof
setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fhnrich begann ihn sofort zu
entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen fhren. Der Bischof
quietschte mit Faseltnen, flatterte mit den Hnden, umwirbelt von Dampf.
Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der
Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurck in die Lehne,
beugte sich wieder, krampfte die Arme ber den Bauch und bekam das Maul
nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus.

An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fhnriche brachten die Sutane
geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand
hob sich ber ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme
zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus.
Also doch . . . Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen.
Germaine, brllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte
ihn, wandt sich zum anderen, der stie ihm, schmalnasig und hager, im
selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte
mit der Hand. Es htte auch die Kehle sein knnen. Vaudreuil packte die
Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag
ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trbe
Zofe flhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen.

Den Rckweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. Den Degen. Der
Fhnrich, zwlf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme
lallte und berschlug sich vor Besufung. Er richtete die Spitze des Degens
nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst
prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die
Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prgelei. Der
Fhnrich zog ein Lcheln um den dnnen Mund und salutierte. Der Kommandant,
Sergeant an Wuchs, donnerte wtend, die Soldaten johlten weiter. Der
Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward
aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum
Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verlie er
das Fort.

An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. Ich mu Sie
verhaften, ohne Zweifel. Er stemmte sich mit dem Rcken gegen ein Haus,
rlpste Gelchter. Ich warte bis zum Abend. Sie zogen durch die Kneipen.
In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab
einen Skandal. Mitten in der Szene verga er es wieder, versprach Vaudreuil
Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den
Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam ber die Platte,
schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn
erreichte. Dann stand er auf.

Am Bootshaus lag sein Gepck. Vor der Mole schaukelte ein groes Segelboot.
Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Mnner
loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der
Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem
sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Flu, das Meer
blieb strmisch mit schlagenden Wellen zurck.

Pltzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen,
schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und
zwitscherte wie ein Vogel. ffnete die Hand, schlo die Hand, verkrmmte
sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der
anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da
sa ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum
verschwand unter den Fusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich
etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: Courbisson, der Gouverneur.
Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die
Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft:

Sie brachen heute mein Gesetz.

Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .

Haben Sie zu verlieren?

Das Leben.

Sie wissen es einzusetzen.

Der Ehre halber.

Das gengt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr.

Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht.

Der Gouverneur griff an seinen Hut, grte, die Matrosen begannen zu
schreien. Baumstmme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im
Schwung umschwebte sie eine betubende Insel. Der Gouverneur strich den
Knauf, aus dem ein Lwe in die Luft bi.

Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?

Die Diskretion der ersten lt mich auf die zweite verzichten.

Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschftlich, der
Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit.

Ich habe keine Geschfte.

Da stie der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil
machte eine unwillkrliche Bewegung. Nein, sagte der Gouverneur, lchelte
zerstreut, gewinnend, Unruhe wlkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein
Buch hin, kam ihm entgegen: Verhandeln wir.

Courbisson errtete gegen die grauen Schlfen, begann sofort mit Charme zu
reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des
Gouverneurs schlief er ein.

Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten
rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine
Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Flu. Er sah groe Fasane,
stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Bsche auf dem Rckwege, fand
ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere
sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte,
brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog.

Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal,
kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider fr die Jagd, trat in ein
Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurck und zeigte eine
Landkarte, fixierte ein Stck mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der
breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. Das Stck ist
zehn Klafter breit, sagte der Verkufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der
andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe
Goldrolle, drehte um. An der Tr zgerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach
zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flugebiet, das er gekauft hatte, das
ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkufer grinste und schrieb
ihm den Urwald noch dazu.

Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, lie Htten bauen.
Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, grndete er den Kral.
Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wtender Kampf bellte auf. Der
Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fra seine
Horde sich in den Wald. Er wirbelte die xte hinein, schnitt mit Feuer
Lcken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die
Kerle schlugen, die dicksten Pltze, hungerte sie aus, verwstete sie, ging
zurck, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue
Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den
Seiten, vom Rcken gegen das nie angegriffene Urstck. Tiere jagten nachts
heraus. Ein Lwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach.
Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurck. Nun sogen
Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflge rissen in das Herz des
Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote,
nahmen Saat zurck. Meer von Weizen schlug in schnen Wellen gegen den
Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot
fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr ber das Meer. Schon war
der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die
groen Fischzge. Er legte einen Grtel Ablagerungshuser an. Eines Nachts
flog ein Vogel vom anderen Ufer herber, seine Flgel hatten eine grne
Frbung. Als er am Giebel sa, begann das Dach zu brennen. Es war der
dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach
drei Tagen ritt er denselben Weg, lie es wieder aufbauen. Nach einem
halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er
sprach mit dem Fhrer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam
eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bgeln, kniff die Augen.
Dann fhrte er seine Leute zurck, in einem Hohlweg mit steilen Wnden lie
er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stck, dann wieder zurck. Sie
erreichten den Weg, als die Lufer der Prozession auf den Fischen
ausglitten. Sie fielen auf Rcken und Bauch, streckten die Beine hoch, die
Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf
den Hintern und rutschten auf den Fischbuchen die glatte Bahn herunter.
Gescho kam auf Gescho. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte
vorber, schlug mit den Armen wie ein Hher. Vaudreuil zog weiter. Zwei
Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus.

Woher?

Quibeck.

Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit
schrgen Augen, da er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil ber die
Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm
ein Papier. Ich will es quittieren, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren,
sandte dem Bischof fr die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner
eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren
ausgestellt.

Vaudreuil badete, salbte sich ein Stck, zog Strohsandalen unter die
Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Flu, nahm ein Paddelboot, fuhr ab,
legte, als der Fluwinkel berfahren war, an im Gebsch, kehrte zurck,
trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im
Garten tanzten und seine Hte trugen, entlie den Aufseher, der in der
Kche sich Pasteten buk. Dann ging er ber die cker zwei Stunden, bis er
Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund
geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er
ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch
Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer
Gestrpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte
bis Mitternacht. Dann kam er an den Rcken eines Schattens, hob ein Tuch,
war in einem Zelt, zndete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den
Raum. Zehn Frauen saen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker
als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie
durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glnzte unter der
Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Flu. Naimi, flsterte
sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schrg gegen
die Wipfel, die ber den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter
sten mit singenden Vgeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach
Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. Perlen, sie lachte
gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. Wie lange? Er zuckte
die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter
goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht ber den Rand.
Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie,
herber zu ihm, den Kopf auf seine Hnde, die Zunge fuhr ber seine Brauen,
die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf:
Naimi. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann
ihre Haut sich zu frben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging ber sie.
Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinber. Am Abend fuhren sie
weiter. Das Rindenboot schlrfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der
Mond brach weich aus allen sten. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie
flsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie nherten sich
seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr
noch munter. Spter hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn,
erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch
um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den
Wald. Er trieb allein gegen sein Haus.

Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da
trat ein Herr herein, grau an den Schlfen. Er ging ein wenig gebckt. Ich
treffe Sie doch in Geschften, lchelte dnn. Vaudreuil verbeugte sich
wortlos: Courbisson. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch
den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den
Ausladehusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prfte mit der
schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das
Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: Sie wissen nicht,
da ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns
trafen. Dies alles war meine Absicht. Er fuhr mit der Hand im Kreis herum.
Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch
schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dmmerung redeten
sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem
Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Krte sprang schwerfllig ber
den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: Der Krach mit dem Bischof
stellt alles in den Einsatz. Ich wei߫, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur
ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs
berhrte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er
atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: Besuchen sie mich. Vaudreuils
Brust hob sich hoch, senkte sich.

Am Morgen torkelten ber die Felder eine Schar Weiber, kamen in die
Umzunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weie Haut. Sie kamen
halbverhungert aus den Wldern, wo sie breitschenkligen Huronen
nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre
Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren
betrunken, schimpften vor sich hin. Er lie sie hinaustreiben: Ein Neger
erschien mit einem Seil, das ein anderer fate. Eine nahm ein Federmesser
und stach es ihm nach der Hfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die
Treppe herunter. Lie die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die
Neger rissen die Rcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brllte
eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Krper wie in eine
fremde Hlle. Als sie losgebunden ging, ffnete sie den Mund, sang. Ihre
Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstdten von
Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rcken. Sie ri
das Palais Royal vor ihm auf. Er bi die Lippen, aber er drehte nicht um.
Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verlie ihn nicht.

Im Sommer kamen die Meerwlfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie
fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dmmerung an,
beschlichen die Pltze in der Frhe, hoben Gruben aus, versteckten sich,
warteten. Als die Sonne hei ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen
nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rckweg ab. Dann schlugen sie
sie mit Knppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in
schnappigen Sprngen mit dem Maul ber die Luft rasierend. Mde von der
Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein
zu Courbisson und a mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, da der
Gouverneur sehr grau ward: Er lchelte. In der Hauptstrae standen vor
kleinen Husern europische Weiber, hoben die Rcke, wiegten mit den
Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war
noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die se Frische der dunklen
Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich
berschwemmte, taub.

Der Mond kam aus den steifen, hohen Bumen, er ging hinunter, das Pferd am
Zgel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der
Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond
strzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus
ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit
seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drckte sein Gesicht in den
Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und
hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnrte.

Er sprang auf das Pferd, mit trumerischen Zgen trieb es langsam ins
Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich
drehte: Das Schlo . . . mit buntem Kies, gebaut fr die Zrtlichkeit der
Frauen. Tiefe Fenster whlten in der wollstigen Blumendmmerung. Der Park
stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend frh morgens mit
vier Sekretren, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da scho er Tiere.
Warf den Krper in das Bassin, das ihn kristallen umschumte. Dumpfe Nchte
beim Kartenspiel durchschlug er mit schweiigem Haar. Ein groer Ritt, der
ihn mit Ruhm behngt . . . eine Intrige, die in London sich kraus
entfaltete . . . mit groen Orden, den Degen am Fu empfing er eine
Frstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das
er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn
durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlgen; das
seichte Wasser schumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die
Flut. Indem begann der Mund sich zu ffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann
schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied
befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter,
der Mond lag auf weien Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an
seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, da, als
der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf
den Namen der Frau, das belste an Erinnerung, die er verachtet, um die er
sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr
Gewalt in ihm.

Als die Kraft ihn verlie und er unterging, kam Wehmut ber ihn, er
arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Kste, den Mond im Rcken.
Da, als er das Land sah, verlie ihn alles, er wute nichts als Leben und
das Gefhl des Atmens durchstie ihn so, da er weinte vor Gier,
dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mhte sich dreimal
verzweifelt, die Welle schlug ihn zurck. Keuchend erreichte er Grund, kam
an die Kste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte.
Sein Atem schlug wie eine Sule ber den Sand. Er sthnte, machte drei
Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die
Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau.

Spt am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und
ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie
wieder. Am Eingang zu den Husern stieg er auf, glttete seine Kleider und
ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen
Gaul etwas schrg, da Vaudreuil halten mute. Courbisson reichte ihm die
Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn.
Er sah, da er grau geworden war an der einen Schlfe. Er, tglicher Kmpfe
hart im Inneren bewut, lchelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus
wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zrtlich aus der Waldnacht im
Osten. Er sah ihm nach.

Wochen lie er sein Geschft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schrfe des
Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm
ihn mit sich in sein Bro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam
heraus mit verndertem Gesicht. Nach drei Tagen bernahm er die Leitung
einer Abteilung. Vaudreuil rstete sich aus, schaffte zwei Wochen
geheimnisvoll. Als er frhmorgens mit seinem Pferd den Garten verlie,
stand der Arbeiter an dem Pfosten: Nehmen Sie mich mit? Vaudreuil ward
zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte ber
die Bume nach Norden. Er schttelte abwesend den Kopf: Ich mu hier einen
Vertreter haben, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und rgerlich ber
die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich
durch.

Als die Flsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines
Morgens glnzte Wei. Es war der Churchilriver, den noch kein Europer sah.
Er berschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte
die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Kste an,
brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, berstieg sie. Wie von l
berglnzt, war die Ebene reich gegliedert von groen Seen. Wieder kamen
Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend,
wohin er wolle. Er hie sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen
ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer
floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er lie ihn laufen mit so viel
Verachtung, da der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoen.
Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief,
lagerte, a mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens
tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das,
was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten
die Kpfe: er wrde ein Greis, bis er die nrdliche Kste erreiche. Sie
wiesen Renntierhrnerkeule: es gbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur
gefrorene Flsse . . . Er zog die Brauen zusammen, da sie im Dreieck
standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darber.

Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im
Schnee. Sie wollten zurck. Er schalt: Hunde. Sie zeigten ihre Fe. Er
ri die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entlie sie. Im Abstand nur
folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An
diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken
bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schttelten den
Kopf. Er wrde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen
und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nchsten seien. Er wrde nicht
den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte,
ohne da er wute, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal
den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich
sdwrts. Als sie Lagerfeuer sahen, plnderten sie ihn aus, eh er ihnen
schenken konnte, was sie nahmen, lieen ihn liegen. Halbverhungert wlzte
er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die
Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als
aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und
Haarbsche, kam die Kraft ber ihn, da er lief wie ein Ochse, sie
erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es
waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang
hinein, entzndete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand
auf, der schlanke Brste wie Zitronen saen, die den Shawl mit einer
gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blhte die Nstern der
bourbonischen Nase, als rche sie ihn, der Blick der wildsamtenen
Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schnen Bewegung
das Licht aus. Ihr Krper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug,
wie lange, am Morgen. Er schttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als
erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die bersicht der Bcher und trat
ein wenig zurck. Ich danke. Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter
errtete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das
Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil
nickte.

Ist es nicht genug?

Da sah Vaudreuil wieder ber ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach.
Seine Sehnsucht hatte das Ttige nicht gestrt. Er stapelte auf die
Vertrge von den groen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee,
am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren
nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strmte das Innere zu
ihm. Nun liefen die Pelze bers stliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung
am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herri. Was
war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont?

Er sah dem Arbeiter ins Auge: Organisieren Sie es. Der zog den Mund
zusammen, bckte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geffnetem
Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er
sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend
war diszipliniert, stieg in siebenjhriger Probezeit zu hherer Stellung,
zu Beteiligung, zu Prmien fr besondere Leistung. Fr Ausdauer stand Lohn,
fr Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Krfte frei in gerechtem Wettstreit
. . . Gut, sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte:
Verzeihen Sie. Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er
diente.

Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, da die Mgde im Haus
den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten
Dukatengold.

Daran hingen drei achatne Kugeln.

Courbisson hielt ihn zur Taufe ber das Wasser, obwohl die Mutter braun
war, denn seine Schtzung fr den Menschen war noch geringer als die fr
das Beispiel, mit dem Vaudreuil fr das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote,
der die Nachricht hatte, da ihm die Heimkehr frei sei, da unter anderem
Gesetz die Stadt stnde. Er ging zurck in den Schatten, wohin die Kerzen
nicht langten. Er wrde Ruhm haben, Vermgen, Macht, Frauen. Er sah durch
das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der
Ferne schwang. Es ging ber sein Gesicht von oben nach unten, von den
Wangen ber den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut
hielt. Vaudreuil uerte sich nicht.

Im Frhjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flssen,
den groen Hauch des Daseins sprend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr.
Der Erde und ihrem Rcken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins
Hirn durchsplte, gingen die Nchte ber ihn, die Schwingen des
Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zndete Hlzer an, er
verlie es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses,
schwankte, lie liegen, holte zurck unter Lachen. Schichtete um sich in
Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser,
jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.

Am zwlften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er
ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind
erziehen lie. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er
sah sie vom Rcken, sie stand vor einem Spiegel und kmmte ihr Haar. Ihre
Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Gltte der Schlange
und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brste klein und gegen ihn
gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel wei, trat zurck,
erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah ber den straffen
dunklen Zgen sein Haar hell durchblitzt, strzte hinaus. Drei Tage trieb
er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park.

Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tr versuchte er seinen Muskel. Er
warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fu.
Er wurde kleinmtig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein.
Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte
auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkflu. Zog nrdlicher. Kam an
den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun wrden
Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine
Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige
Angst, da das Alter nahe, da er nicht mehr folgen knne, wenn sein Herz
ihn hineinstie in das Sehnschtige, Dunkle. Er bertrieb seine Kraft, sich
selbst davon zu berzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Httenlager.
Gekrftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite
Prrieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn stlich, wo groe Herden der
Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und
sulenhohen Hrnern sprngen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er
werde sterben. Es kmmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das
Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol.

Er kam an einen Flu. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Gerusch.
Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn.

Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie sttzten sich auf breite
Schwnze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weien Zhnen
sgten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer
Gnsefe. An der Ecke saen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit
sie andere warnten, ber die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl
fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die ste trugen.
Der Flu war eine unmebare Wabe, aus der die Kegelhtten hervorstachen mit
den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so
weit er sah.

Auf dem Flu schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die
Dmmerung hllte das friedhafte Summen der bestndigen Arbeit in stumme
Seligkeit. Der Mond schwang darber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte
sich in der Elegie des ttigen Konzertes, der Baum fiel, aber er strzte,
als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll.
In langen Kantilenen zernagten sie die ste, bauten, schufen, langsam klang
die Nacht mit allem Gerusch in die beruhigende Kraft des Tieres.

Er machte eine Skizze, hielt den groen Biberplatz in der Hand, schlich
zurck, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann
stand er auf. Zerri den Plan. Hatte genug Vermgen. Langsam begann er zu
weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den berschwang an
Dunklem, das seine Seele mit groen Trieben hinri da und dort, aber immer
in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewuter Sehnsucht. Das Gefhl
erfllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der
Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt.
Hingerissen, zwischen den Schwngen des rastlos Stoenden, das ihn wegblies
wie gegen den Mond und zurckstie gegen den Boden, den er baute . . ., in
einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glcklichste Stunde seines
Lebens. Er rhrte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den
Wagen seines Herzens stand. Auch dies verlie ihn nie.

Mit hlzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flsse sdlich. Schon kam
Grn, Frhjahr wucherte aus verhaltenen sten. Vgel begannen
unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes.

Von einem Hgel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die
Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald
gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem l . . . die Schuppen, die den
Flu grteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurck, Herden, die brllend
aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein groes Tagewerk. Langsam
schritt er hinunter. Was blieb noch?

Er lie die xte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am
Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er
verlie sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er
lehrte den Sohn, den Wolf auf die glhenden Augen schieen. Eine Erkltung
schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen.
Dann lag er ruhig, als er sah, da es nutzlos war. Er lie das Bett
herumstellen. Sein Scheitel stand zum Flu. Sein Auge sah in die
Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getrmt alles sein Werk. Er hob
die Hand ber die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurckgewichen. Er
sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod.

Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend.
Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen lste sich der Bann
und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos berfiel es ihn
vor Angst des Todes. Das Quellende, Heie, das was flatterte und sich
bumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu
ihm. Allein lag er sthnend, wnschend. Dazwischen fluchte er, kmpfte mit
aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf,
da er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und sthnten:
Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- -- Es war das Lied der
Hure.

Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er
lie den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als
der letzte groe Griff gegen das Herz ging, flsterte er: Der Biberplatz.

Ich verstehe dich nicht, sagte der Sohn.




Der erste Abschnitt


Der schlief mit einer Dnin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller
als Mnner, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War
rundherum sicher, wute, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit
gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit
dem linken Fu, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem
er ihn erhielt. Er hatte drei Shne, einen erschlug der Blitz, der andere
scho sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war
trumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts
stie sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie
schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schpfte Atem, schluckte
nach innen, in sich hinein.

Als Daisy die Mutter verlie, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die
Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Groen Seen. Die Sonne schlug
durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter.

Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen
flammten in kurzer Nacht, umglnzten Daisys ersten Tag. Der vierte
Vaudreuil nahm die Hand des Bischofs, es sprhte in besinnungsloser Trauer
ihm das Gefhl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Rume, schwenkten das
Rauchfa. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im
Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehiter Fahne vom Ontario
kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf
die des Bischofs: Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei.

Er stand am Fenster, sah, ungerhrt, bewegungslos den Bischof hinabgehn,
die Turbine des Motors schumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen
zurck. Abends kam fr Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht
verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der
Dmmerung erst ging Vaudreuil zurck ins Haus. Abends trat er in ihr
Zimmer. Als er die leere Bettflle sah, den faden Geruch sprte, begriff er
erst.

Blieb die Nacht wieder drauen, baute mit vier Grtnern eine Htte ber der
Asche. Jeder Windsto erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die
Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den
Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Frher wagte
Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne
schlagende Drnge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der
Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit
straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch.
Langsam, fest wuchs er in Stunden zurck, bis er senkrecht sa. Er wrde
weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen,
dieses und jenes, wie alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau,
. . . er schlo die Augen.

Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und
Ttigkeit. Htte ihn um sich gehalten, stnke er wie Aas, verga ihm das
Gebet nicht. Nichts htte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown
gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber
wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine
Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gertet.
Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den bertritt vor zu seiner
Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt
worden. Brown war es los.

Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein
Bndel, legte ein Papier auf: Sie irrten. Ich wrde bedauern. Der junge
Bursche trug den Fehler selbstbewut.

Sie haben zum zweitenmal geirrt.

Zu Ihrem Vorteil.

Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer
anerkannt wird. Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen
Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte ber die Schulter, der ging, errtete
vor Freude. Die Ledertr fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene
verlie ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den
Garten. Jeden Tag ward die Frist grer, die er blieb, die Intensitt
erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrngte, durchfuhr. Brown
sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine
Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil
schttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete
den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. Es handelt sich
nicht um Sie. Vaudreuil erblate etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu
zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschlo er, ging aufs Ganze.
Teilte; arrangierte die bersiedlung zu den Ottava-Mhlen. Nachts schlief
er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus,
abends wieder zurck. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag
sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte.

Brown nickte in der Sitzung: Sie bleiben auf eignem Boden. Der Vorsteher
der Bros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: Der Schwerpunkt der
Affren fllt nach Westen. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter
Plan. Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu
begreifen, sagte Vaudreuil.

Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen,
Schlgen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter
Luft. Vgel schrieen. Schlugen hmmernd hinaus in Weizenebenen. Khe
tollten unter Bumen, grad gesetzt, trchtig von Frucht. Blauer Himmel
stieg vom Waldblock herauf, berflog sich taumelnd. Die Nurse sa neben
Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf,
hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm
um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus.
Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern
brachen auf. Grau und sthlern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie
ein, als bese er sie.

                                * * *

Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Flu, rollten die weien
Sonnen der Sgen ber ihr im Himmel. Gegen die Dmmerung heulten die
Dampfhhne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie
wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zhnen, verbeugten sich,
trugen Hte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drngten um sie Koseworte
herum. Die Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um
den Horizont herum. Am Garten begann Duft sie zu berfallen. Aus Kronen
seltsam geformter Bume schttelten sich Schatten herunter, trieben im
Geruch. Nachts schlief sie auf dem Geschaukel des Ottavageruschs. Es
fllte langsam, wachsend ihr Ohr.

Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige,
suchte ppige Grasrosenstnde durch, zirpte in Schneeballendickicht,
Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dnnen Beinen ber den schiefrig
blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus.
Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er,
scharrten sie trumerisch mit den Fen, preten die Ellenbogen aneinander,
verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Pltzlich drckte
Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten,
fuhren rckwrts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.

Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im
Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prrie. Unten tief in der zitternden
blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der
Grser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vgel sangen
gedmpft aus dem Tau der Halme. Das Licht flo auf der Stille, wiegte,
glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die
brausende Stille, vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im
Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, die ber sie spielte,
frchteten das Sphauge, die schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die
Mittelfinger aus den Ohren. Sie hatten nichts gehrt. Daisy hob die Nase.
Sprangen auf. Drauen kam ihnen Wind immer strker, und wie sie liefen,
knatternd sturmhaft um die Schlfen.

Sie banden vom Leib sich Tcher ab, lieen sie hinter sich schwenken. An
der Erhhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die
Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus
einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck
hineingerollt.

Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, fate Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf
Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem
Fu auf, das Wei des Auges bekam einen kristallischen Kern. Do . . . do
. . . Daisy, lockte die Nurse, knotete den Schrzzipfel, tuschelte damit
zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme.
Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln.

Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen
gleicherweise dnne Seide, dieselben Rcke bis zu den Knieen, Shawls ber
den Schultern. Drauen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den
Lenden vor, ging steif auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach
unten. Sie scho nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefat, ohne den
Schwanz zu beschdigen, hoch. Der grne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig
zngelnd herum. Ri einen roten groen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an
Sygs Hand. Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darber,
den Zeigefinger hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte.
Es tat kaum weh.

Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder
Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen.
Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den
Knieen kreist sie herum, hing ber dem Mausloch in Parade gegen die Sonne
zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mcke ab, fegte
es in die Faust. Stie mimutiges Geplrr aus, das Ungeduld bewies.
Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in
die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein
schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fra die Grille, die unten aus dem
Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die Arme jedes quer ber
den Bauch vor Entzcken, traten das Gras, das unter ihren Beinen elastisch
wieder sich erhob.

Tiefer in der Prrie bckte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rcken, sah
sich um.

Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dnnen schlanken Rcken neben
den Grsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die
Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende
darber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade,
hupften sie rehhaft herum, schrten aus Rache neuerdings in dem Haufen.
Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schlten das
letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und
sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie
tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. Sie sehen sich hnlich. Sie
sahen sich an. Syg ist dunkler, sagte Vaudreuil nach einer Weile.

Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Bro. Vaudreuil nickte
hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem
Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy
gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im
Zweifel. Was in Daisys Blick an Zgerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest.
Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weien Frau. Dann trat sie zurck,
lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse.

Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. berraschte sie
mit neuen Dingen, Sachen, Sprchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab,
auf sich, als schenke _sie_ den Eifelturm, _sie_ den Tegernsee. Sie machte
Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber berraschte, einen Haarring, ein
Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brste, wo die Warzen schon unter
sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hftschwung zum Becken, die
Lnge der Taille, die untadelige Wlbung, mit der der Schenkel abbog, mit
der das Knie in die Wade absank. Du, du. Welche Gre habt ihr an Land. Da
werden Schiffe anfahren von drben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und
diese und diese Fahne wird aufgehit. Aber der Reflex war von Daisy ein
stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.

Da machte diese den ersten Umweg und verwhnte Syg. Sie behandelte sie
gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys
gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war fr
weiterhin, verwhnte sie sie damit. Du fhrst dann in Autos. Durch Stdte
drben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg. Syg lachte. Ihr
imponierte mehr Klnisches Wasser, das sie auf die Haut strich, das
bitzelte und khlte und roch. Ihre einfache Dankbarkeit kam der Frau
entgegen. An Daisy aber glitt Sygs Lobgesang vorbei.

Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte
sie Mi und schenkte ihr Tcher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing
die Nurse an ihren Rcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da
machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben,
weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte
die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber
mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brste, aus
denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, da kein
Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt htte. Dies gab einen vollen
Ri. ber ihn hinber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das
letzte, doch es war hirnlos. Sie rckte sich dem Gestirn zu, aus dem
Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er
sah sie nicht.

Nachts kratzte es an Daisys Tr. Sie ffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy
zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verlieen auf
bloen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos.
Dnne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen
schossen unaufhrlich Wolken. Sie hatten nasse Fe vom Grastau. Syg
. . . sieh. Sie hob die Hand ber die Augen, die Nasenflgel bebten.
Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsulen hintereinander deutlich
herauf. Weit du es, Syg? Syg nickte.

Weither? Syg starrte, sagte leis: Viele Tage. Daisy legte die
Handflchen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite groe Flchen. Um die
Rnder band sich weier Rauch, soda es schien, sie flgen, dazu wellte der
Flu Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in
den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fcherstrahlen,
Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem
Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfat von der
Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die
Fle so herunter.

Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab.
Los, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde,
stellte die Zunge gegen den Backen, lie sie dann herausfahren. Zwei
wimmernde Tne stiegen steil durch die Luft! Pha . . . lux.

Auf dem Flu erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flulauf aus, gebar
sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und
gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Flo fing ihn auf,
lie ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitde ein,
schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon
und daher wehmtiger. Er schnellte den Flu hinauf in Springkurven, fiel
irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog.

Sie gingen Hnde ineinander zurck, Syg mit Tanzzucken, das sie
unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fu genau so, da sie
mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Hnden gegen die
Wand, stie einen Sbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet
stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zpfen, ein dnnes Nachtlicht
in der Hand: Woher?

Vom Garten.

Was war im Garten? Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. Syg,
sagte die Gouvernante, die Stimme berschnappte sich. Wir waren beide im
Garten, sagte Daisy schnell. Syg, ihr Licht schwankte, sie keifte.
Hier, Daisy warf Syg zurck, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins
Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen
sa sie auf der Terrassentreppe. Am Auto kte sie sich mit Vaudreuil,
gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen lie durch die Tr,
sah sie schrg zurck: Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlge?
Eiskalt, neugierig ihr Blick. Es wrde an Syg liegen. Sie war
stehengeblieben, etwas drngte ihn zurck, das hartnckig tiefer herkam als
die gleichgltige Frage. Wenn es nicht an Syg lge . . . Es wrde wohl
an Syg liegen . . . Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmtig, sie gab es
preis: Sie irren Papa . . . aber -- wenn sie Daisy schlge und es lge
nicht an Daisy . . . oder: es lge selbst daran. Die Frage schwebte
zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm
sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. Ich ordne es. Sie glitt zur
Seite. Er ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante
darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die gerteten Handgelenke
stiegen hoch, die Manschetten waren auf der Flucht.

Syg lief ein Stck nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. Ich wollte
noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg. Daisy sah auf ihre Ngel.
Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er ghne: Es ist nicht das
gleiche. Aber du kannst es dafr halten. Sie sah nicht auf. Nach drei
Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschpf, zitternd
vor Angst, voller Hingebung, dnn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig
vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefllig. Diese Gte belstigte
Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel.
Ein junger Mann tauchte spter auf, lehrte alles, wute alles, trug ein
Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den seine
korrekte Ttigkeit umschlo. In allem brigen blieb er entfernt.

Die Mhder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Khe dampften
vor den Wagen. Als der Stier brllte, rasselte der Horizont es rundherum
wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer.
Sie gingen ber die Biberwiesen. Syg, waren es Chipeways . . . sag.
Chipeways. Sie starrte in das Summen der Hitze. Fahren sie lange auf den
Flen? Syg dachte an die Nurse: Zwei Monate, sagte sie unsicher. Daisy
zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.

Die Arme auf dem Rcken schlenderte sie vor die Nurse: Du . . . du . . .
ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von frher? O . . . o . . . do
. . . Daisy . . . das sind Hurons.

Aber sind diese grer? Kopfschtteln. Sie ging.

Ging sofort in das Bro, stellte sich neben die Ledertr an die Wand,
lautlos. Der Sekretr raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam,
referierte, ging rckwrts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein
niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil.
Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil
kniff die Mundwinkel ein, um kein Zucken zu verraten, nur die Lider
blinzelten. Du hast es von beiden, durch Mtter und Vter. Sie blieb
stehen: Syg hat auch von Chipeways.

Aber du hast edleres.

Da errtete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, da sie
edleres habe. Liebte Syg ber jedes Schweigen hinaus, wie nichts.

Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends
ward sie ohnmchtig. Das Blut verlie zum erstenmal die Muttergrube,
sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie
Frau. Auf der Haut sa ein glatter Reiz, um den Gang flo ungewisser
Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurckgebliebenes. Nur die Augen
wurden heller, besaen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog
sich alles von oben zur Brusthgelung, unten von Fu und Knie und Hfte zum
Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, soda das Weibliche, Auffangende und
im Wechsel Hingegebene deutlich ward.

Das Frulein spielte groe Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und
hingezogen. Es war, es kme Erlsendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder.
Die Jahreszeiten nderten sich, ffneten wie Kapseln ihr Gehus, gebaren,
stubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, uerte sich nicht. Das
Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, hate
Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten
war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging
und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hrden, an denen
es zerschellte und vor denen das Weite erst brllend vor Verhaltenheit lag.

Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb
verblttert, reckte darber her anderer sich schon bitter, lockender und
schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne da man wte,
welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn,
schlte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den
gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gulen sah, umdrehte, starrte
Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. ber ihrem
Kopf sa unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange.
Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich
Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verlie
den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und khl, flimmernd,
neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff
und klapperte im Gest. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre
Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien,
wogte mit der Brust. Unglcklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in
ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wute nicht, wie, wo, welche Sache. Es
hatte gebumt und sich geduckt. Sie fror.

Die Siebzehnjhrigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte,
wei wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Frulein, der Lehrer
bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mdchen am Reeling.
Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy
schmollte den Mund schief. Noch einmal: Komm. Vaudreuil lachte,
schttelte den. Kopf. Man fuhr los. Pa kommt nicht mit, sagte Syg. In
Daisys Stirn fiel eine Locke: Du solltest dich nicht wei anziehen. Du
bist zu dunkel. Nimm blau.

Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, wei. Abends
ankerten sie spt, um solang als mglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die
Nachthitze traumhaft. Die schwle Ruhe lastete mit sprengender
Unausgesprochenheit. Spt kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den
Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr,
erhob sich das Schlrfen anderer Tiere. Mit jhem Luftdruck schwebte ein
Fregattenvogel von den Wellen glatt bers Deck. Aus dem blauen Dunkel
formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog
sich Manches, nicht gesehen, aber gewut und geahnt. Das Ufer, das versackt
drben lag, spannte sich herber, kam hergeschwebt, ri zurck. Das Gebrumm
der Mcken ber dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es
eine Hhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der
Spannung von Masten, Gelnderspitzen, kleine blaue Flammen auf.

Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit groen Augen
berwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden
Laut, mit jedem Gerusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesusel des
abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch
kam es auch zurck. Sie fhlte in sich, als geschhe es in ihr, das
trumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein
Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nchten schlief
man dann ein.

Nun kamen Inseln. Smaragdgrn und gelb war der Strom getupft. Sie loteten
den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfule lag als
Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betubendes
Labyrinth von Kanlen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach
jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste
nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen
Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drhte gespannt, die wogten, durch
die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Ses, das sich
kaum ber dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war
es.

Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am
Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete,
befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen
Grasbschen wuchsen Bume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brcken
miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen
Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vgel, ohne Rast in Bewegung und
Getn. Dazwischen wogte blauer heier Dunst.

Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten
hinaus. Schrieen: Das Meer! Doch im Untergang brach sich die Sonne in
einem gespaltenen Rubinfcher hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich
auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanlen und Buchten, in denen sie
irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflcke
bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Frulein der Lehrer,
sie sagten nichts, berhrten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer
gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang spter
aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fra neben der Kche zwei Hhner,
die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in
Browns Kajte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen
Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum,
bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich
Licht von oben.

Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten
einen Kreis. Erst da ward es endlos. Das Meer, sagte Daisy.

Es ist auf der anderen Seite.

Ich wei Syg. Sie machte einen Bogen, am Gelnder sa Well, der Wolf des
Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.

Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel
hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glnzenden Himmel
begannen Striche zu wachsen. Hoch ber dem Horizont, fast wolkennah
schwebten drei groe Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein
Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont
ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die
Atmosphre mit einem gepreten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und
dort, hingen Fahnen heraus, bogen ber das glashafte Seidene des Sees
herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal
dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf,
knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder
herunter. Schaumdnn zog Land in einer reinen weien Wlbung heran. Hinter
ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem
berstenden Geknul. In der dnnen singenden Luft begann das Segel ber ihr
sich pltzlich zu drehen. Gerusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel
aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr
hoch. Es bumte sich wieder, berrannte sie, stieg aus ihr und gab sich
hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing
darunter, sprang das Knattern und Schumen wieder in sie. Vorbei. Sie
bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm pltzlich Platz in ihr wie vorher.
Aus einem Hafen kamen Drhte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu,
fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.

Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar
eine Rakete scho hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer
schrgfallenden Strae. Sie kommen, sagte Brown, rieb sich die Hnde,
schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen
nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den
Kpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken
Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown
fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte.
Hinter seinen Gesten sah der Bursch herber, schnitt Fratzen vor Ungeduld,
trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den
Kopf, nahm ihn am Arm, fhrte ihn sorglich hinber, stellte ihn vor. Sein
Neffe.

Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stupten auf.
Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wllen, einen
Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespiet von Klippen. Sahen
grnseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete.
Sahen von Basalt umstellt eine wtende Quelle, die trommelte, schlug,
aufstie, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab,
empfanden, es war gut, war schn. Sahen sich in die Augen, sahen die Hnde,
die Hlse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lchelten, als Browns Neffe
den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb
im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hnde. Sahen
das weihelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drhte mit
Grten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen,
Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straen mit Riesenfelsen, die
selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter
Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten
Lichtes, sprten Bewegung, sahen dnn wie Lippen Gestruch sich spalten.
Sagten: Ontario. Sahen den See.

Sygs Tuch fiel.

Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Mnner sahen nach einem alten
Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, errteten, drehten die Hlse
zurck, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich,
sahen zuletzt in die Luft.

Daisy bckte sich, hob das Tuch selbst, lie die Lider gesenkt, die
Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdekpfe,
Pferdehlse, Browns Manschetten kommen, nher, sich vorschieben, bog sich
hinber: Zum Hafen.

Ging rasch, behend, teilte Handdrcke aus, suchte den Kapitn, ersuchte,
den Abend noch zu fahren, sah nicht zurck, pfiff dem Hund. Der Ontario lag
wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten gro im Mondschein vorber. Das
Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schlo die
Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Scho, einen Zug Leids von der
Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht
durch, den Tag. Fuhren an Drfern vorber, wendeten, sahen sie das zweite
Mal vorbergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelchter erscholl beim Baden. Die
Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog,
belastete, berschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an
bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei
Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schlfen, wimmerte hinter
verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im
Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drngen.
Gegen Morgen frug Brown: Was willst du? Zurck.

Sie hielt dort an sich drei Tage, sa still bei der Mahlzeit im Garten,
fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knpfte nach dem Lunch eine
Hngematte auf die Veranda, stie den Laden zum Privatbro zurck,
schaukelte; als Vaudreuils Kopf ber ihr war, sprang sie auf, eilte ber
die Diele, trat in das Bro, bat, da er Syg adoptiere, stand mit
ausgebreiteten Armen gegen die Wand.

Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papiersto,
schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der
Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte,
nickte, aber sein Blut, das ohne Dnkel war, strubte sich gegen das andere
Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: Sie mu sich
gewhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben. Tonlos, ohne Bewegung
schlug Daisy die Lippe auf: Sie wrde es leichter tragen. Ein Spalt warf
das Lcheln des Vaters ber sie, berlegen, khl: Das ist kein Vorteil.
Aber von ihrer Haltung ging es ber ihn und was er vorbrachte hinaus: Sie
wird es stolzer berwinden. Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken,
machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkrlich, schwach, aber mit einer
Bedeutung, die sie ehrte und grte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie
gefhrt zum Erfolg, zur Sicherheit, lie ab, entfaltete sich in eine
rhrende Bewegung. Sie ging hinaus.

                                * * *

An der Tr sah sie ihn gebckt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren
Namen, weich eingehllt von ihm. Er zog die Nickelschlssel, gebogene,
drahtschlanke, barocke, whlte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie
ging entgegen. Er sprach beilufig, ruhig, gewohnt: Die Frauen trugen sie
zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir frher. Sie trug eine Kette
aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.

                                * * *

Lief stracks zum Schiff, winkte, kam nher, sprang auf das Brett, rief nach
dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstie, zerlegenes Haar, die
Hemdsrmel, die Riemen, geblendete Iris. Was willst du fr Well, sie
deutete mit dem Fu auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm ber die
Stirn, rieb den Handrcken ber die Augen, zeigte rasch die Zhne,
schttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dmmerung wieder, hob
die Luke, stieg zur Kajte, stellte sich in die Tr, lie sie offen.
Fragte. Nein. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grne
Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal
pltzlich: Ich lasse Sie entlassen, ging mit hngenden Armen. In der
Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie ffnete
die Balkontre. Well im Garten stand na, triefend, auer sich. Sie ffnete
unten die Haustr, lie ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf
dem Schiff. Sie verga es nicht.

Ging frh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurck, rief in die
Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. Ich bringe Well zurck. Ging
mit langen Beinen rasch hinauf. Do . . . do . . . Daisy . . .,
schnatterte die Nurse, fate ihr Kleid, kte es, den Arm, schlo sie an
den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte.
Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Khe, eine Magd. Klatschte in
die Hnde, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fu dazu auf. Im
Gang tollte Well. Sie lie ihn zurcktreiben. Sa allein in ihrem Zimmer,
schob das Hemd ab, sah im Spiegel ber dem bronzenen Krper die Kette mit
den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch
Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhlltes, glnzender und khler als
ihre Haut, aber ihr zugehrig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.

Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte
mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Bro,
spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Stdte, Stapel . . .
kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr,
Zufriedenheit . . . ri den Hut hoch, die Tr auf. Well stob herein. Er war
unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn
fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie
nicht, htte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging.
Gib ihm ein besseres Schiff, sagte Daisy Vaudreuil, ich will nicht, da
er mir schenkt.

Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto,
hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag ber, machten Kommissionen,
besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, hufend, bis er
abbrach, die Dmmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie
aus ihnen heraus. Wei eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel.
Das Nachtlicht flog eisern ber Kanle. Halt.

Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am
Trittbrett wandte sie sich langsam herum: Nehmen Sie vor uns Platz,
Frulein. Sie bersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schttelte
sich, legte den Arm auf Sygs Scho, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor
dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. Du bist froh Syg? Ja.

Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er
vortrieb, das Gedrngte, Erhitzte. Mnnerstimmen jauchzten aus Schlitten
zu, die die Gegend berkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte
Frauenhnde Tcher. Schellen berflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der
Flsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich
berschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verrgert wurden, bis sie
sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in
Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht
stoend, hingen die Huser der Seigneurs am Horizont. Kostme kamen,
bliesen Tuben.

Vier Fackeltrger stiepten die Glut durch die beiende Luft. Alf fuhr sie
in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten
Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener strzten auf die Treppe, zwischen
Kerzen ber Treppen. Der alte Fribaurt fhrte Daisy. Syg hatte sein Sohn,
dessen weibische Lippen lchelten, ihre Knabenhnde nachbebten, als sie
eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie
vorbeischwimmen, ihre Zhne leuchteten, den Krper eingespannt in den
Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten
in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewutsein, aufklingen in der
Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie
zwischen Auge und Schlfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der
Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fcher fiel, ein kleiner
Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement scho zum Teufel, die
Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fcher, der alte Fribaurt kte
ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal
hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht fate. Sie spannte sich
ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des
spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner
ungewhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der
Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten uerung
ihrer Krper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor,
erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie
schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie lie die Arme los, die Nasenlinie
ward schrfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg.

Alf auf dem Rcksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy fhrte, das Eis
schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im
Frhlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. Pha . . . lux.

Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie
an. Ri dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals
des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer
mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward
ohnmchtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste
Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das
Tier rchelte, schnappte tief Atem, sprang pltzlich auf die vier Beine,
fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Ngeln
auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf wrgte das Tier,
um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurck.
Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die
Schleife am Flu. Sie stiegen zugleich aus.

Zweimal muten wir das Tier erdrosseln, Syg kte ihn. Zweimal, lachte
Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber
schner, gespannter als Syg.

Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, flo herunter. Ging vor
den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden sdlich,
fra sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah,
rauschte, frbte sich mit Mnnern und Frauen und Pferden hinter dem Glas,
das ihrem Atem sich zuwlbte. Manchmal gings in der Nacht ber den Horizont
hin, wlzte sich, glhte sich breit aus, manchmal surrte es in der
Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brllte um den
Himmel, jagte an den Bumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis
sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gulen. Abends kamen sie von
der oberen Mhle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und
dnn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam
heran, scho nicht. Scho einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil
erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren
stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hften in beispiellos
abfallender Gltte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran,
zurck. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Scke fr die
Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.

Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf
der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner
Studenten kamen in einem berlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei
mit am Rcken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind,
unterm Arm einen grn bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing,
lchelte ein wenig. Es waren Englnder.

Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten
Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten
eine Htte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten
die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil
sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens,
abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein,
entknulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser.
Spritzten, badeten, rauchten.

Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen ber einer Fuchsspur, folgten
sie ber einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann
ihn im Schu hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins
Schufeld, rmpfte die Nase ber die Achsel, scho nicht.

Alf wagte nicht zu schieen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an
den Pappeln hochgewirbelt, war ber den Wald aufgebrochen, losgesaust,
wellig, wei, flieend ohne Pause strzte er herunter. Sie fuhren ihm in
Jollen schnbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf,
herab. Er fate herber nach ihrer Hand, da lie sie den Fock los, der
Grobaum knallte ihm ber den Kopf, er wandte, warf sich herum. Fate
wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, sprte sie, es
wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vgel. Sie hielt sich
fest. Sie hrte immer ihren Namen flstern, bis das Segel gegen den Wind
stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie
nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg bersehen, als sie
farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschtzter, machte er
Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drngte dem
entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fhlte
seine Hand rckwrts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen
standen im Dreieck. Ein grauer Schein stie ihn zurck, verlegen,
stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon
hochmtig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die
Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Bschen, eilte auf der
Treppe. Sagte das Essen ab, krmmte die Schultern verzogen zusammen,
wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurck. Sie verzog das
Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Gallpfeln, die Haut schttelte
sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd ber den
Rock, wusch Wasser ber die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum
Fenster hinaus, legte die Hnde mit den Flchen fest ins Gesicht. Sah den
bronzenen, gebogenen Krper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die
Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade.
Schlo ab.

                                * * *

Vom Hgel trieb der Flu weit und schrg hinunter. Die weie Fahne Torontos
leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch ber
die Felder. Die weien Rder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden
lie sie Alf halten, ritt in ein Waldstck, kniete, wusch die Brust, den
Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flsterte weiter, silberte,
verschwand im Laub. Blumenprrien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont
war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften
Rots, spter nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein
weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flte. Mittags wurde er kalt. An
dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste
Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte
aus, Teppiche, Scke, Gepck. Am Morgen mute er einpacken, sie ritten den
Tag, kamen in ein Dorf, bernachteten, kamen an die zweite Station. Alf
ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter
sich. Sie lie nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er
hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kmmte am
Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knpfte er sich verdammend seine
langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam
nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, ugte nach einem Reh.
Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hrte ihn in den Bart reden.
Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Hhe, dann sockelte er
zurck, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jger. Er gab ihnen
Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen
Halbkreis in die Luft. Sie nherten sich den Ringen.

Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die
Faktoreien, gleich Wellen anschumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen
voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestrmten sich, wurden wilder,
angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre
Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen
gegen den ersten. Sie muten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein
Schimmel ging, als lahme er. Sie hrte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer:
au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurck, stellte ihn
gegen ihr Gesicht. Ich werde entlassen.

Troll dich.

Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten
Faktorei, nicht zu den Bgen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da.
Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte.
Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten
sie von rckwrts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein
Angestellter hngte den Hrer des Telephons rasch ein, begann vor sich
hinzusingen. Ein brtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu
schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flsterte ihm Namen
ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert.

Sofort bot er Jagdpltze aus, erstand sich ihre Beachtung durch
Hartnckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit
Alf an. Offenkundig Komdie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie
blieb drei Tage, fing eine groe Forelle, mit der sie eine Stunde kmpfte.
Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fnften
Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend,
unglubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen
machten sie einen Haken, kehrten zur fnften zurck. Sie war fast leer nun.
Was sind das fr Pelze? frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: fr die
Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schlfen und
brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter,
bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer
eine Spur vor sich.

Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in
die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die
Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen
Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.

Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errtete tief, wilde
Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es
ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort fr Wort, er prgte
sich es ein, ritt auf seiner Spur zurck, murmelnd, da er es nicht
verge, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es
wertvoll, Gold, ein Stein.

Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei
Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfmierten weien
Spitzbart, kte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblffend. Morgens
frh strich sie mit Alf ins Gebsch, es pfiff, durch die Lcke trat der
Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet.
Ritt nach Sden, zurck, immer rascher.

Bol geno. Seine Spirituosen waren etikettiert, er lie die Wahl. Fuhr sie
am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weien Hirsch gab er
zum Abschu ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh
ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der
Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt
des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wrmer,
kaum grer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte
Adimokuh, mit Sbelbeinen und Hngebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das
Traurigste der Welt auf seinen Knien. Trnen besternten vor Lachen die
Gesichter der Zuschauer. Bol lchelte. In seinem schmalen Kopf saen Augen
des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr
Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.

Donnerstags galoppierten sechs Gule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der
junge, zog den Hut. Die Jger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab.
Der Bursche, der sdlich geritten, drngte sich heraus, war brauner,
strker geworden. Ritten zur Station. Aen Lunch, eine Stunde, zwei.
Tranken die etikettierten Likre, Wein und wieder etikettierte. Aen
Geflgel, Braten, Gepkeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken
Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol
an: Du bist entlassen.

Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurck. Fidley
legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: Lump. Hund. Langsam,
vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite
geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. Die dritte
Sektion betrgt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay. In
der Tr stand der junge Mann, der die Sdlichen geholt.

Bol sah ihn nicht.

Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: Bei Versva verfaulen zehn
Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird
ganz bezahlt.

Da sah Bol den jungen Mann.

Stand auf, gefat, die Haltung gereckt, schn im Spitzbart, kte Daisy die
Hand, ging hinaus, scho sich zweimal durch den Bauch.

Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung,
Staunen, Lob, das verwischt und gedmpft kam, zuletzt Befehl: zurck. Sie
wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte
ihn zurck wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur
bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht.
Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den
Rand des Hochplateaus.

Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stck hinunter, ward dann
eingeschlungen in das endlose Getse, das in den Norden sich einfra.
Sterne tummelten darber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen
jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hngen, schwach, dnn,
nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich
etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas
trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt
den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie.
Wog schwerer, hemmte das berflieende. Staute es zurck, hart und
schmerzlich. Zog sie zurck. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch
des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, ri sie zurck. Der junge
Fidley bernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten
sich mit Bols Parfms, drehten die Haare, die Brte, pomadisiert, in die
Hhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bs. Hatte Bol gehat,
gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schnden, wo er futsch war, im Weiher
eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, da
mans nicht beschlug.

Als nach halber Tagestour die Eskorde zurckgeritten, glitt ihr Gaul aus an
einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf
seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmchtig. Er ritt
zurck. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die
Nacht Fieber ber sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort.
Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie,
pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am
Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darber, speichelten,
summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug,
hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schwei. In wochenlanger Pflege
malten sie ihr mit dnner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und
Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die
Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz
wieder runter. Spter lag sie in der Sonne vor dem Haus.

Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vgeln. Einmal umschlich ein Fuchs
das Kchenfenster, wo Hhner hingen. Sie lchelte, gluckste, entsetzt
sprang er zurck. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte,
er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo
ihn umschlug. Sie erbleichte, rckte zurck, lauschte dem Ton ihrer Stimme,
der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als strme aus ihr
hinaus, Gesichertes, Bezhmtes in ein Gef der Worte, das sie berauschte
und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang
das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, spter sanft und gelst.
Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung.
Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut.

Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ
anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Sprte ihr Herz
klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den
Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her.
Sie scheuchte sie, zog sie zu sich Go war: springen. Fu: erfroren fast
halten. Mit Vgeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von
dnnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig
bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum
Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nrdliche Flimmern tobte irgendwo
unter ihr. Sie ging davon, ungerhrt. Ging allein, verschmhte die Flinte,
hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut,
der wie ihr Blut spritzte, suselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und
Flle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden.
So kam auch die Gegend ihr nher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte,
Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward
mit ihr gefllt, lehnte sich hinber zu ihr, empfing ihren Atem.

Es kamen Schwne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her
Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte
Unruhe, Ahnung irgendwie von Glck. Trieb Altes, den Lorenzfall herber in
das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das
zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das
Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen groen
Sfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.

Fidley schlo den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit
noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurck. Ein Stck Land schob sich vor
sie, glitt auch zurck. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann fate sie
fest in die Mhne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem
Schreck, des sie nicht bewut ward.

Unten, unter Dampf lag ein Schiff.

Dahinter das Meer.

Der Bogen der Sehnsucht scho ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr
hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der
vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste
ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verstrmte, die
Lider na. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als
das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen
uerstem Rand dnn die Erscheinung hing der Stdte, Inseln, irgendeines
ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fnf Uhr am Abend. Die
Sonne hatte grte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab.

Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehllt schon in ein
fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie
kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen
hingen herunter. Kanonen lsten sich. Mvenschwrme in Spiralen. Wagen
whlten hinter ihr ein Geschiebe. Mnner kreischten Namen, Gepcke. Sie
fhlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die
Hnde im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon
entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld,
sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mhlen rochen. Die Schreie der
Nurse blieben hinter Bumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem
kalten Eisen. Glitt zurck.

Des Vaters Hand fate die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Ku. Er hielt sie
strmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, sprte aus allen
Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er
erbleichte, senkte den Kopf. Glitt ber ihren Leib mit dem Auge, die Brust,
den Hals, das zrtliche und hochmtige Kinn. In ihrem Auge sa, schlagend
und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach
innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lchelte. Gab ihr den Arm. Sie
gingen hinein.

                                * * *

Das Lcheln hatte gewhrt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es
erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen
Schlund. Die Woche rollte zurck, wie gewohnt. Vaudreuil htete sein
Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder.
Griff vor, erwhnte Zuknftiges, das sich band an Ort und Zusammensein.
Berief einen Unterrichter fr ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an,
Tapeten kamen wei gedert mit Gold. Besprach eine berraschung fr Sygs
Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf
Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontnen, Vgel,
glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend.
Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorbergleitend ber den
augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig,
zwischen Muestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zgern von ihr. Ihre
Erwartung allein sprte, wie tdlich er an den Sekunden hing. Sonntag
bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.

Montag frh berief er sie in das Bro, brach alles ab. Durch die Maske des
gleichgltig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lcheln herauf.
Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschlu. Lste sacht die
Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurck
und bog sie hinter das drauen Strmende und Lockende zu einer tiefen
Wlbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte
nur. Aber die Fhrung der Hand hatte die wissende Lindheit, die,
nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog,
behtete. Widerlegte Widersprche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges,
das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr lste
zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als
es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann.

Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrgen Scheibe ward, durch den Raum
rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber
flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging,
blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen
Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefatheit
des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging
hinaus.

Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die
Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich,
ausgeatmet ihr entgegen von der Prrie. Hindurch, das Auto blinkte vor der
Halle, stie sich heraus, die gesiebte, durchlcherte Brust fauchend,
zermalmend die Luft. Sie beugte sich ber den Flu. Murmeln koste ihr
entgegen, entzog sich ihr, flo tiefer, entfernter, uneinholbar. Drben
schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Stdte, Bahnen sich vor ihr
hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu
sich. Es ging nicht. Aber es ri zu Schmerz mit einer Stille, die
verzehrte.

Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. ber ihrem Nacken
stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glck, Ahnung, in die
sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht
brachen Trnen. Zwischen beidem lag sie, fate die Binsen in die Hand. Sie
wuchsen an ihrer Haut. Sie fhlte, erschttert, wie sie sich vertauschte
der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie fate
das Gras, ri daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war
eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den
schlanken Baum, da blieb nichts brig, was trennte, alles flo, verband
sich, gehrte zueinander. Was trennte, ri entzwei.

Sie sprte pltzlich, das war das Glck. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt,
verdorben, verloren fr immer. Je mehr sie sich trennte, um so schrfer
schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefhl vor ihr auf.
Dies war ihre Heimat, durchsplte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei,
gro. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Stdte
lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drhten, Dampferschrauben
whlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich lse.
Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr.
Teilte sich. Unaufhrlich ging es von ihr: Geruch der Bume aus den Adern,
mit singenden Vgeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen.
Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras.

Frhstckte. Das Nickel des Wagens sa in der Sonne gleich einem
schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurck ins Zimmer.
Schlo die Schublade auf, whlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem
Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im
Spiegel schien es zurck. Das Rot des Achats leuchtete glatt und khl. Ihre
Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die
sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den
Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck
herum. Trat hinaus. Bi die Zhne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging
nicht anders. Sie folgte.

Fuhren Schleifen, den Flu durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr
Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab
Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rcken sah,
begriff sie pltzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fhlte, was sie
versumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an
Mtterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die berlast erhrtete
ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die
Bleivase sich in das frhe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tr fiel
zu. Zurck, Wind strich ber die Mauer, senkte sich brausend einen Moment
herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei
Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Pltzlich, da sie erblate.
Zusammengepret: Willst du mich immer lieben?

Ja, Liebling. Sie gab ihm die kalte Hand. Trnen blieben hinter ihren
Lidern. Fuhr weiter. Nicht traurig, sprte Sygs Hand herberkommen,
zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Frulein: Gehen
Sie gleich aufs Schiff. Die Koffer stapelten sich. Das Meer schumte
leicht. Von der Barkasse lutete die Glocke. Neigte sich, kte Syg. Sprte
an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der
Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heier, blieb eine Sekunde.
Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd,
unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rckwrts, bald zur Barkasse, die
vorwrts stie. Winkte noch einmal. Drehte um. ber dem Wagen, den
schiebenden Gulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.

Das Ende.

Es schien ihr, es msse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke.
Jede Linie der Kste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel
hufte sich dnn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte
sich, heulte, stie vor. Nichts geschah. Da berwltigte sie der traurige
Gedanke mit solcher Gewalt, da sie den Messingknauf des Gelnders zwischen
die Hnde prete, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der
Schmerzlichkeit der Flucht noch die bersinnliche Kraft des Glaubens: nun
reie die Kste ab, komme herber, hielte sie. Da schwand das Land. Der
Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Ha.
Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Hate jede neue
Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem,
der ihr von der anderen Seite entgegenstrmte. Wandte sich aber mit
tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die
Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen,
pufften den Boden auf unterm Fu mit kleinen rhythmischen Schlgen. Sie
wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewlbt von Glut.

                                * * *

Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervs. Ein
Matrose griff fehl, strzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins
Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend
um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den
Bauch, heulte und schrie maman. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd
durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spieten einen Alten auf die
Arme: Vieux Ga . . ga. Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, ber ihr
ein singender Tag.

Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei
unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit
den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwrfe, gereizt, heftig, der
andere pfiff leis. Der dritte schwieg.

Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten,
spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen
Krper, rote Haare. Ein Mischling kam, schner als ein Weib, flsterte,
verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der
Diener ffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen
hnenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurck.
Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten
herber, blieben. Die Frau ghnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern
langsam Dampfer vorber. Das Fieber sank, Temperatur lie nach. Der Rote
erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen
Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll
Geist. Verschenkte Blumen, grte, lie einen Windhund springen. Trug
keinen Hut, die Haare glhend ber dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt.
Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla ber der Schulter, schmalen blauen
Auges, auf hohen Beinen.

Warf pltzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans
Gelnder, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmchtig gegen das
Eisen, der Riese stie einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die
Augen auf, streckte sich lssig. Der Riese zog eine grne Riechflasche,
hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schrg. Er atmete rasch. Der
Mischling Moki kam zu seinem Herrn, sttzte den Roten. Der deutete aufs
Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: Le Beau. Lchelte.

Fribaurt, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen
ein, zeigte ihm eine Sammlung Sbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die
Billardblle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen
Wucht fressenden Metalls. Hrten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm
durch Regen bers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der
innerlich geschwngert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau
wickelte ihn ein, fhrte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki,
trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stie ihn hinein.

Verlor Fribaurt, polierte er die Ngel. Gewann er in Bakkarat, Poker,
Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte
die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine
Konzentration, leckte ber des Dieners Schenkel. Das Spiel bltterte
auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurck. Verlor. Spielte
Paroli. Blhte die Nstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor.
Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert.
Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herber. Le Beau
rhrte ihn nicht an. Polierte die Ngel, sah Fribaurt starr in die Pupille,
fhrte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn
neben das Zentrum, stie ihn endlich hinein. Sagte leis drei Stze,
abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Auslnder. Fribaurt erblate ein
wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich.

Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah
zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn
durchstie, unter ihrem gesthlten Zorn nicht brach. Von der harten,
dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. berrumpelt,
gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie
sein Krper, ihren fhrend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart,
fordernd. Er sttzte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward
rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. ber die
Achsel sah sie zurck. Er beugte sich, hob ihr Tuch. Holen Sie kalten
Tee. Es war hei geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab
das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Khle
kam sie herauf. bersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund,
lchelnd. Am Gelnder sprte Daisy die Richtung eines Fchers, zog den
Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weie Iris der Quintrone,
whrend die Zhne hell sich ffneten. Sahen beide in das Aufzucken der
Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhht, auf
eine Masse Lichter zufuhr, die hher wuchsen und stiegen und an ihnen
vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnre trennten sich, verblaten.
Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit
der ganzen Haut. Das Murmeln kam nher, spanische Missionsweiber
psalmodierten, sahen in die Dmmerung, die fiel. Der Quibekaner flsterte
einer Frau zu, da sie Regen beschwrten. Sie schrie auf. Er griff in der
Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate.
Der Schrei deckte das Manver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier,
sie gingen langsam hinber.

Da sah sie: im Kreuzschein der groen Signallaternen bewegten sich Fribaurt
und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend
gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hfte, bewegte sich in der
Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stie vor, im Angriff,
schien pltzlich mde. bersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in
seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwrts, der dirigierte Moki
hinter seinen Rcken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende
Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar
eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Gre und Breite erstaunlichen
fast mit dem Handgelenk gefcherten Etden heraufwarf. Pltzlich machte Le
Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Krper schlte sich
bronzeschmal aus der Dmmerung. Beau entblste die Brust, fing Fribaurts
unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die
Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende
Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt
Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hnde. Hob pltzlich den
Kopf.

Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn
mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr
Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit,
da sie wankte. Schmerz sprte, als durchstche er sie. Ihr Blut aufflammen
fhlte, zurckstrzen. In den Adern eine bumende, auflsende Kraft. Sie
gab den Blick nicht zurck, schlo ber dem Vorgang die Lider herunter,
ging mit dem Gefllten rasch hinab, unsicher, berwltigt wie ein im Schlaf
begattetes Tier, in der Haltung zart und s, den Kopf mondhaft, nicht
weinend, zur Seite gebogen.

                                * * *

Sie schnitt ihn. Er bersah es. Sie brskierte ihn. Er sah es nicht. Sie
reizte ihn, brachte ihn zu keiner uerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck,
drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward.
Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein
Ma der Ablehnung, das sie derart steigerte, da er ein Lcheln einmal
abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn
gleichgltig, suchte seine Nhe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit,
lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd,
nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmtig, erinnerte in
nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte
von allem. Sie aufhob und ungestm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang
nach Geben und Zurckstrmen des Gefllten war so gro, da selbst die
nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine
Zugehrigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebenschlichstes Wort
hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gesprch mit anderen nahm
Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberhrbar in seiner Gltte.

Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit
mit ihm, vermengte, verstrhnte ihn, da Le Beau schweigend hrte. Sie
ghnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus,
Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. Sie haben durch den Fcher
bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater hat Sie, da
er Sie fast liebt. Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das
Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie bernahm sich im
Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte
die Spitze des Erreichbaren: das Gesprch brach ab. Eine Pause fiel.

Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite
herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut,
verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fhlte sich
verloren. Was sie in ihn berleiten, ihm zurckgeben wollte, den Zwang
. . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete,
da er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht
hinein, lie den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe ber sie. Ihre
Hnde ballten sich ein wenig zusammen. Er nderte seine Stimme nicht. In
der Nacht hrte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen.
Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter
Umarmung. Da schlug ihr die Stimme hei ins Gesicht aus jedem Knie.

In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames,
Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgnge,
ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stie
ihm entgegen. Gewlbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein.
Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurck, umgab sie. Dmpfte das
Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich
mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weiem Bogen.
Lauschend bog sie sich ber den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm.
Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrckter Sigkeit.
Er flsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurck. Nickte.

Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tr der Kreolin schlo sich, bei
Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe
hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weien Lippen vor sich hin, suchte
mit den Augen, den Hnden in der Dmmerung des Korridors. Ihr Arm blieb
stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glhte
mit einem Ruck. Da hrte sie neben sich in der Nische ein Gerusch. Sie
bckte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern
kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berhrte die
bewegte Schnauze. Go . . . Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf.
Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie
zu, umfate sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus
und verlie sie wieder in Seligkeit und Erfllung. Was vorging, was sich
sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie.
Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem pltzlich alles
in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem
entgegen. Es ging ber alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der
Inbrunst des Ziels. Sie lchelte. Kehrte zurck, fiel in Schlaf wie Traum.

Abgelenkt, vorbeigefhrt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene
zeigt, da ihn etwas enttuschte, Unter den Stzen warb seine Stimme um
sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter groer Krper
blieb neben ihr. Hrner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend.
Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh,
verquatscht, Hupen. Die Rder gingen langsam, fielen zurck, die Mole hing
voll Menschen gedrngt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Flche.
Unter den rcklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da
sprang pltzlich ihr Herz.

Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere,
auseinandergespritzt. Hnde durchglitten ihre. Das Frulein stieg auf der
Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie
zu.

Sie gab Le Beau die Hand. Wohin? Sie wute es. Er sagte: Paris. Lchelte
pltzlich: Wohin fhrt ein Franzose . . . Sie lachte ber die Schulter
dem Reeling zu. Sie sah zurck: Versumtes, Verfehltes lag auf seinem
Gesicht pltzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es
blieb. Verlie sie nicht. Leben Sie wohl. Wind bewegte sein rotes Haar.
Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Gelnder verschwimmen.
Zwischen den weien Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf.
Die Musik spielte ber der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.




Der zweite Abschnitt


Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung frchtete den
schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden
Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen.
Das Frulein fhrte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich,
gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das
Drngen. Bald stand ein Defil vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys
Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das
Abendkleid ins Bad. Das Frulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die
Braue etwas hinauf. Verreiste. Bhmer, Below traf sie bei der Holmberg,
berging sie. Erlebte den Skandal, als Mnner auf der Nizzapromenade sich
um deren weibemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere htten
sich gewlzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lchelte.
Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte
traumhaft. Bei Ut kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater
auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf pltzlich seine Gestalt, sprte in
den Knien, im Auge den Schlag, erblate. Lief am Strand auf und ab abends,
allein. Reiste zurck nach Nizza die Nacht.

Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam,
fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand
schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo ber ihr, zog etwas daraus fest in
sich Die Grfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren
Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten
Mitteldeutschen Frsten die Megre auf gemeielten Beinen kommen, auf einem
Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen,
nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte
sich ruhig um, sah, berstrzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war
Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu
bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mute sie unter
Menschen ihn hren. Seine athletische Brust zuckte zurck vor ihrem grau
geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, lie sich aufnehmen
wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es
gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es
war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das
Letzte. Etwas sa darunter, fest zusammengedrngt. Nur, je mehr sie sich
dem Umstrahlenden anschlo, geno, sog und hintertrieb, bedenkenlos die
Stationen nahm, die sie umwlkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie
dem so heftig Genahten tief entzog.

Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt,
Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich,
verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hlse, flsterten,
trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewlbte Gasse kamen Heroen:
Lyonel, Bhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei.
Sie lenkte den Blick khl darber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften,
kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Hhe gehoben, blieb er
dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lcheln, das
sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht
bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr
Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte
nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie
zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt
gegenber war sie eisig verschlossen. In Mnchen schwrmte sie unter herber
sdlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentr sah sie Caspare Symes,
er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach
sich es, schumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses,
Zgerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr
Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurckschlug, was tastend offen
stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich
dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.

Sie sa im Zirkus, wo Sgemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um
den verhaltenen Mund neben dem franzsischen Botschafter. Fuhr im Auto
durch Eifel und Rhn, ber Matten, zu den sthlern gereckten
Chausseebndern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter
nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie
einen Ring, lachte. Masseldoff, flsterte Holl. Sie sah zurck. Die Zeit
staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Mnner,
es beschftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was
blieb, kannte sie.

Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets
dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Strae, Wagen, Park.
Verdichtet aber im Innern. Sie hrte Stimmen, vernahm Dinge, hrte Stefan,
Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In
Christiansand an einer weien Mauer entschlo sie sich pltzlich, bestimmte
die Rckkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie
Symes. Er grte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber
Ohnmacht berfiel sie, so straff hielt sie unnatrlich die Maske. Es schlug
sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heien
Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder.
Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein,
verschrfte sie sogar aus Trotz ber die Abschwenkung. Warf alles zurck
auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus,
suchend, ruhig, bestimmt.

In der Nacht kam sie an. Im Bett frh telephonierte sie nach Lewinsky. Er
war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hrte vom Diener, wo. Fuhr
zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah
Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze ber Favorits, sah eine
Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt.
Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megre hatte sich
erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte
fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei,
schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete
neben ihr, erzhlte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen
Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah
deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, berflog die Versammelten,
hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Pltzlich ging Lewinsky, sie sah
den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte,
schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lssigkeit auf
Stefans Schulter: Die Megre ist tot. Ihr Gesicht war anders wie das, was
sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schrfe
eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hngen. Man sah ihr
Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.

Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky
vor ihr ausgestiegen. Lie halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf
das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, sa noch einige
Minuten am Fenster. ber dem Kiesweg pflckte sie einen Zweig, schwang ihn
hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie lie sich nicht
anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Tren
gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend,
ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der
Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war
pltzlich da. Sein Blick strich die Wnde hinauf, da hingen groe Mnner
seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stie mit der
Zunge an, schlug die Arme ber die herausfordernde Brust, um sicher zu
scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine
Bewegung, die sie ihm ganz ffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie
gehrt. Sie fhlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem
Gesicht, das an Hflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fhlt die Vokale
steigen, glnzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das
Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt
sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. Es gengt nicht? Er spaltet den Mund
nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kmpft einen Augenblick
mit den Kinnmuskeln. Dann schttelt er den Kopf.

                                * * *

Viele Tage verlie sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, da der
Mierfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur
deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie
fest. Sie sah durch das Straenfenster, da ging gedmpft der stdtische
Verkehr der Grunewaldstrae, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum
andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie
hob den Kopf entgegen dem Gerusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang
zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam
die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinri. Da war sie ganz
enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefhl, das
ausflo. Da konnte sie Stze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken
Diphthongen, spielen mit Worten und ungefhren Dingen, die als Sternnebel
um sie waren. Beglckt trat sie zurck.

Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das
gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzufhren. Sie
lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden
Wolfsaugen, leckte die Lippen und fhrte beide Arme verfhrerisch nach den
hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht
lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut sprte sie, es fehle, es stoe
neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah,
strzten ihr Trnen in die Augen. Alles verlie sie. Kein Mut, keine
Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf,
das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: Ich
hatte mich nicht in der Gewalt. Wieder suchte sie jenen Ton, den sie
seither immer besa, der ihr eigentmlich war wie ihre Hand. Sie glaubte,
sie trfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher
ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah
die groe Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr
fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen
Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwrmerischen Stimme:
Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . ., kam mit langen
Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen.
Es kamen nur Trnen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der
Florath im Nacken fhlte, wute sie, da jene sie miverstand. Sie schwieg,
verschlo in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte.
Demtigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fhlte, es
ward klar. Noch machte an der Tr die Florath eine Bewegung mit dem Kinn,
das rtselhaft herabkam: Die Welt ist voll Mglichkeiten, reizvollen, wenn
Sie die Ihren suchen . . ., die runden Wolfsaugen berglitten sie
lchelnd, die Hand glitt ber ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der
Treppe ward sie wieder zh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie sprte
unbedingt, unauslschlich die Stimme in sich An der Straenecke stand Moki.
Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrngte, behing sie mit Geschwtz. Sie log
ihm Krankheit vor, erklrte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er
nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu
Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Lw zu gehen. Rivale Lewinskys.
Sie wute nicht, von wem. Der Goldfischteich glnzte aus der hellen
Dmmerung. Sie bi die Lippen zusammen ber den Eingriff, der in ihr Leben
kam, der Garten stand geweitet wie ein Flutal, Fischflossen glnzten
manchmal weich und rasch.

Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gestrubten
Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grn flimmerte es aus
der Ecke: Dogo . . . Dogo. Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepretes
Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das
wohlwollende menschliche Gesicht Lws. Es zog sie an. Sie sah auf den
Boden. Im Garten, sangen Nachtvgel herauf, schwebten ihr mit Wind Flstern
entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie sprte, da der Brief sie
gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blttern, empfand im Schlieen,
wie es sich in ihr spannte, und da vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des
Lebens stand. Dann hatte sie etwas pltzlich, was alles vertrieb.

Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schn sie
sei. Hinter der Hflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes
Buch. Sie wollte es zwingen. Der Text ist nicht gut. Ein anderes Spiel.
Sie wechselte. Sie bumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon
kmpfte sie gegen das Unfabare, da ging eine Tr hinter ihr, ber den
Spiegel huschte ein Schatten, eine dnne Bewegung. Es lste seine
Oberflche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein
Springbrunn kam hereingepltschert, ihr Mund sprte Blau und Goldregen und
Baumbewegung. Es kam Gerusch der Strme. Auf dem Ontario wogten Segel,
hiten Fahnen, grten. Rhrung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward
goldhell, posaunengro, nun erlebte sich alles. Flog an den Drhten hinauf,
sank zurck ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs.
Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte
den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nstern der Vokale. Hatte ihr
Herz. War voll. War da.

Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Gengts? Lewinskys Kopf war
entblttert. Macht, Hflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand
eine grausame, bebende Linie. Angst, da ihm dies entgehe. Er versprach,
was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster,
Stefan brachte sie an die Tr, hatte Ersticktes in der Stimme: Erhielten
Sie meinen Brief? Sie zgerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut.
Dann hob sie schmal das Kinn: Nein. Er lachte heiser durch die Zhne. Ihr
Blick blieb verwundert.

Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr
fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerst
entzndete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerst war zu
lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem
schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzndete
sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebuche. Fort gingen die
Bahnen, die Wagen. Sie blieb.

Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schrfte, jagte sie in den
Plafond gegen Dogo, da er flatterte und es zurckschrie. Das A baute sie
zu Brcken, weiten Wlbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material.
Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstrze, die erregten.
Die Leidenschaften der Wlder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U.
Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hnde, die
Brste am Gitter.

Ein Lehrer kam, der den auslndischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen
sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte
viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zh dabei. Das
Regulieren von Zunge und Zhnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis
die Figur sich entschlte, das Hartnckige und Sichere, das war ihr Fall,
dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn
geometrisch, wies ihr die Pltze dekorativ. Stellte ihr die Gebrden, zog
eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stlpte den rmel hoch, den Arm auf zur
Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte ghnte. Wozu?,
frug sie Lewinsky mit ermdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten,
belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre
Verwhnung zu berwinden. Er machte ein Kabinettstck, bezauberte mit
seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lchelte.
Sie nahm drei Sthle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in
das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt
die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rcken kehrte. Lie
sie aber tun, was sie wollte. berzeugt selbst ber seine Eitelkeit hinaus.

Einmal gnnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit
Tintenfischen ftterte auf der Veranda und die Morgenkhle ihr unter dem
Leinen den Krper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und
Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von
einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte ber die cker und
Weiden herbei. Als er die Allee berhrte, fingen zwei Drosseln an zu
schlagen, unaufhrlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie
im Spiel, kam nach Haus, empfing von rckwrts in die Einsamkeit das
Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Grser, das Summen, Vorbereiten
und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glcklichen
groen Augen und einer ganz beschftigten Stirn versank sie in die Arbeit.

Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie
hatte, traf sie manchmal, doch wnschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit
Freude und Spannung schon auf die Rckkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie
frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas
zu berreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstrae schlich ein Mann
und ri an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Grtel in der Hand,
begann sie den Widerstand. Doch lie sie fast im gleichen Augenblick den
Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies
zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins
Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund
der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen.
Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie,
als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr
Krper entblt. Es war, als se ihre Seele in den Hften. Alles strmte
zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis
zur Stummheit. Sie lchelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem
blonden Bart. Spter dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit
Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hngen. Schwebte eine
Herzspanne in der Luft, das Verhllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache
in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die
aalglatte Hfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Lie sie
fallen. Bumte, brllte wie ein Tiger.

Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie
unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lchelnd stumm in sich hinein, weil
ihre Inbrunst grer war als die Routine der andern. Sie zog den Schlu:
arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen.

Doch war die Nacht auf ihr heies Decollet gefallen, die Grippe in der
Nacht zurckgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da
stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er
frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Ngeln das Hrrohr ihr an
die Brust. Sie delirierte: Sie kann die bergnge . . . Der Arzt neigte
sich herunter: Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver. Abends zur Zofe
sagte sie: Nehmen Sie drei.

Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten
Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht
hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor
Schwche heraus. Sie sagte: Nehmen Sie vier.

Es ist zu viel.

Ich habe Eile

Am fnften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und
Flstern bewegten sich sanft und weich die Stze. Die Melancholie der
Boskette trumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzcken entlud sich
unaufhrlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die
Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschttelten Schlaf sich mit
aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.

Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Frulein.
Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten
Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren
angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Strae der
Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und
Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und
undurchsichtig hinter dem Gebsch, erschien ihr ein kreideweies starrendes
Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur drauen. Bei
einer Pftze blieb sie stehen, der Regenbogen darber entfhrte sie, mit
gerteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen.
Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mdchen an die Wand, strzte
herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie
ffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe.
Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Plne auf, was sie sehen,
nehmen solle. Syg reiste nach gypten, kam an den Hafenstdten vorber. Sie
konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen,
der die Ferne einfgte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute.
Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie lie einen Hund in den
Garten setzen, streichelte ihn und fhrte ihn am Gitter entlang. Die Spur
ihrer Hnde an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie
empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem
Nchsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzhlte ihm, was all
wnsche, sie zu entfhren. Sein Augapfel ward grn, das Gesicht schwammig.
Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute
schwrmten fr sie. Er erzhlte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwrmte
sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter,
dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin.

Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drckten, erfragte
sie, erfllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Strae einen Bettler
herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, whlte in ihm. Warum haben Sie
Furcht?, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich
pulde. Sie eilte ihm verstndnislos nach, er war schon fern, sprang und
lief.

Um zwlf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fnf
erwachte sie. Alles war bld und idiotisch. Schlaff sank sie zurck. Um
Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs,
dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den
Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie
zurckwarf. Sie bemhte sich und erkannte, je nher sie kam einem Ziel, wie
grere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rhrte sie zu weichen
Klngen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas
sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie
lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung
der Erfolge, das ungeheure kreisende Rderspiel der Krfte, die sich
bedingten und steigerten in einer nicht mebaren Form. Sie sah, da Ziel
kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stck
der endlosen Bemhung, da die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am
Versagen sprte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heier,
heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte,
geschah das Wunderbare und Unerklrliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam
es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt ber der
Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war
da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berhrend, was sich danach
in ihr streckte und sehnte. Das war das uerste und rauschte sie auf wie
einen Baum.

Die Leistung atmete sich fort, ohne Gesprch, ohne Leitung. Das Geschaffene
drang durch die Poren des Raums, durch die Straen, die Stadt. Die Leistung
erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud
sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan
Bhmer, der neben ihr sa, ein Billett zu. Nach drei Tagen erscho er ihn.
Das Lcheln, mit dem Bhmer das Papier geffnet, begleitete sie einige
Tage. Doch kam sie darber, leicht, als sie sich bemhte, hinein in den
Strom, der sie fhrte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und
Tiefe in ihm, da Lewinsky den Schlustrich zog. Er bereitete das erste
Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glcklich den Tag, weich
durch das Erreichte, spielte mit seinen Gsten, sa mit Holl bei Pharao,
und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lsten, mit Fribaurt bei
Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte
bis zum dreiigsten Jahr gekmpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die
Kinnbacken angezogen, war damit ber alles getreten, hatte alles sich, jede
Laune, das Verbrecherische, Wste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem
Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand
erschttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse,
formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze.
Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte
sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er
beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorber am
Bassin. Er holte sie ein. Ich war der Bettler. Zerri ihren Weg. Es war
spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem
Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat
zurck, wtend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte.
Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den
Bschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene
Hund. Sie sprte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte,
abreien, hinberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezhmt zu Gte
fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rhrte sie, sie reichte ihm zum
Ausgleich etwas zurck, eine Lge, einen Trotz: Ich danke fr Ihren
Brief. Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im
gleichen Augenblick war nie der Widerstand strker gegen das, was mnnlich
sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, bersprang es, schlug
es zurck. Es blieb im Boskett, als sie darber war. Khle, Befreiung kam.
Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfnglich
und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da
sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten strzte
hell mit einer Flut Apfelbume in die Nacht.

Aus ihrer Brust ri alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war
Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in
die Hnde, ffnete die hochmtigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie
gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. Caspare. Der Garten
glttete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam
auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glck. Die Bsche stiegen in
dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die ste flammten mit einem Netz
von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schlfen lagen fest aneinander. Es
kam die Obstflut. Da fielen Blten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall
seines Bluts, das von der Ader seiner Schlfe herbersprang. Ihr Blut hrte
auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein,
das Ende sah sie nicht, aber sie sprte, da es gegen den Rand ihres Lebens
hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder
die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfllt, kam von fern die
Lawine des Ottava und die Fle. Der Ontario schliff sich blau mit
wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei
sie dem Vergangenen zugehrig. Da fielen die Rosaenden der Blten sanft
herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bume bewegten
sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen flo,
diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glck der Kindheit zog
an diesem Glck, zog es hinber, als sei es abgeklrt, schn geworden und
still. Sie schlo die Augen, ein Arm fate fest um ihre Brust.

Sie wimmerte, stie den Fu auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurck,
drckte den Nacken ein paar mal zum Rcken. Dann ri sie sich los, ffnete
die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der
zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brllte in das Tuch des
Kleids. Der Horizont war angefllt von einem Donner: Caspare . . . es wrde
klingen bis in die letzte Sigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie
hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit
den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte
den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie
zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die
Todesstunde nicht einzuholen. Sie lchelte: es war nicht gewesen, war
drben vor sich gegangen, wo alles lag, was schn war, sie befreite, die
Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Hhle der Achseln empfand
sie: dies war das Hchste, ihr Glck. Trumte sie es zurck, lag
tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und
Erlsung und Bemhung lagen vor die Mglichkeit allein geschichtet.
Irgendwo wie ein Lichtkegel ffnete diese Sekunde die Ruhe, das Spter,
oder vielmehr das Zurck, den einzigen Glckszustand, als die Strme das
Kind umrauschten. Es war so weit, da sie die Sekunde kaum noch mit dem
Bewutsein erreichte.

Sie stellte drei Sthle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran,
aber mute sich bald unterbrechen, denn die Trnen kamen mit einer wilden
Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen
Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die ntig war zu solchem Gesprch.

                                * * *

Das gab l in die Stze, Mark in das Wort, die groe Kraft in die Bewegung.
Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr
schtig scho. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der
Akt. Sie war gefllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr
die Kpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor
einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Krper rauschte sehnig und
voll gedrngtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verlie sie etwas.

Sie starrte in den Raum, fate sich, sprach weiter. Sie lie den
Silberstift, das Spiel ging nun in Tragdie. Sie machte den Aufschwung.
Aber unter dem, was geschah, hrte sie dumpf, da ihr entflog, was sie
suchte. Der dunkle Ton, der Ergu, das selige Gefhl des Hingegebenhabens
in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog
voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit.

Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und
unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjngte
sich zu einer Wildheit, die die schmchtige Szene anri und dehnte. Die
Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im
Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstrte es. Brach
mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefhlshhe
erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter
ihr das Leere.

Dabei sprte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran.
Atmosphre der Erregung band sie an das Parkett. Es gengte nicht. Eine
Traurigkeit, die ihr Bewutsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte
aber, wlkte wie unter ihren Fen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher
zu denken, zu wnschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was
ihr Schnes seither gegeben, Zrtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das
Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehr verdoppelte sich, sie vernahm
sich selbst. Ihr Auge schrfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewutsein
spaltete sich, war nur zur Hlfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie
Kpfe, beschaute es mig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose
Entblung. Fribaurt mit weibischem Lcheln gebannt an ihr Bein.
Guildendaal, ber den Favorits Froschaugen, Holls nervse spielerische
Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es
sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Ri ging durch sie, doch sie
verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmi die
Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer
Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wute sie, es gengte nicht. Der groe
Ruf versagte. Es war vorbei.

Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drngte sich dazu. Sie wollte, da ihr
Spiel ihr inneres Wesen erflle. Da sich darin restlos und ohne
Sehnsuchtsrest ergiee, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das
Meer getrieben und darber gefhrt. Sie suchte, da es in ihr klar werde.
Nicht da sie nach auen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht fate. Dies
war ohne Bedeutung. Es zhlte nicht. Und nun begriff sie, da nicht zu
zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das
aus der Mondnacht, am Flu und aus den Bschen manchmal schwankte und sie
erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte
keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnschtig, lockend und treibend vor
ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefllt. Doch dies da war nicht der
Weg. Umsonst. Vorbei.

Es strzte ab mit jhem Ruck. Wehmtig kam es, fr was sie sich bemht. Das
Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der
Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfabar. Blieb ein
Zwiegesprch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine
Erfllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte
fr sie keinen Sinn.

So entzog sie sich dem Beifall, entri sich den Menschen, sah Lewinskys
gertetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibl, auf die
Strae. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Husern.
Hindurch. Sie hielt nicht. Es rchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm
ber die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt sa ein Paar, sie
weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch
empfand sie, da sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein
Strom fate sich an von ihr zu ihnen. Und zurck. Eine Sekunde empfand sie
den Anschlu, das Mitleid, es lste sie fast aus. Doch es whrte nur kurz.
War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den
Rand gefllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig
Jahre, die Brust war herrlich, der Krper braun, schlank, schn. Sie begann
zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Mbel, die Wnde
ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der sttzte, wohltat,
barg. Im Vestibl sa das Frulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der
Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschpf zu, fiel hin, tat den
Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.

Das Frulein sa da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts
tief gezeichnet, bld und sinnig, an dnner Sehnsucht erstickt. Sie war
bersehen im Leben, zu einem Bndel gemacht, das Mitleid umsplte,
Verachtung, kleiner Lohn. Kompost fr berflu, hlicher armer Lappen.
Badete nicht tglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem
Gesicht entbrannte ein Staunen: Auch sie mu weinen. Dumm sah sie in die
Luft, stierte, fate es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt,
gerhrt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte
nicht. Es ging in die Hnde. Die strichen sehr zart ber den Kopf zwischen
ihren spitzen Knien. Falteten die Strhnen auseinander, legten alles von
ihr selbst Vernachlssigte, Versumte in die Bewegung, flochten Zpfe,
berhrten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe ber sie. Die Zunge
machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hften,
summte: Do . . . do . . . do . . . Daisy. Pfiffs auf den Zhnen. Eine
Sehnsucht gebar sich riesengro. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange
legen. Aber rhrte sich nicht, obwohls nie heier in ihr gezndet. Wagte es
nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mdchen hinber, machte Licht, zog es
aus, legte es ins Bett. Lschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer.

                                * * *

Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Khne raus,
man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei groe Ewer hielten
die Schleppnetze ein, lieen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen
Land, hochgeschwebt. Seeschwalben berjagten Steingebrckel, zuckten am
Wasser, hakten mit gebogenen Schnbeln: gri. Jns hielt eine geschwollene
Aalmutter in der Faust, drckte den Bauch, spritzte durch den Eiergang
junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und
quallig, ein Darm ging durch und Aderfden. Sie lachte mit ihm. Wind ging
den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe
Pfeifen und Rollen. Krebse schoben ber Miesmuschelkolonien, rolzten,
ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten ber den Sand.
Hahnenfu und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvgel
klatschten sich an Huser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten
gegen Dnengras, die Weidenstmpfe. Die Wimmermve schlgt an, der
korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hrt
sich nur noch ihr Schrein: grik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll
verliebt die Nacht vorm Gedn, dehnt sich und schlgt hinten am Horizont
sich fest, beit dann ans Land, trmt sich haushoch davor. Die Bume im
Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in
Mauslcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermuse. Das faulende
Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen,
Kugelblitze laufen ber die Dnung, die weikochend vor dem zerwhlten
Meerbauch hngt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Gets geil mit ihrem
Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.

Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau,
big, bleibt. Es gibt Lrm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben,
will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrmpten Hosen bis an
die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie
kmpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getmpel
noch geschtzt, mu aber Schuhe, Strmpfe zurcklassen. An den Erlen hngt
das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfu liegt klatschna. Im flachen Sand
fat der Wind sie, reit unter die Rcke, nimmt sie vor, gattet sich an
sie, schont den Busen nicht. Sie luft gertet durch die Tmpel. Taufrsche
verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkrten wie aus
einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde
Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserlufer gleiten wie auf der Eisbahn
ber die Pftzen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt,
hlt sich an Gras, versinkt im Sand, hlt sich an Hahnenkamm, gelber
Stranddistel. Wie sie den Kopf ber den Damm hebt, kocht das Meer, rast
drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gnzlich hinauf,
bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fllt um, rollt zurck.
Triebsand rutscht nach, verschttet Knoblauchkrten unten, die wie Katzen
jammern, sehr bunt waren. Eine Mve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwlf
Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hlt durch, kommt
jetzt vom Land, stt das brllende Wasser zurck.

Jns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen,
Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit
grnlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit
dem Schwanz hauend, herber, beit knackend die Muschel auf. Die
Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den
Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch
voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weier als das Fettbraun
der Dorsche. Frauen heben den aufgestlpten Arm aus den Btten. Kinder
schmeien die Krper in Ksten, hngen die Eingeweide an Angeln, fangen
unter Wasser andere damit. Der Wind lt nicht nach. Die Seeschwalben
taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.

Die Mnner stechen draus Butten, Jungens hpfen von Tmpel zu Tmpel und
sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet
wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest,
Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt,
da die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Grten auftauchen, von
Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Khne, die die Bume
aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hngt an einem Rogen, schmaust, die Asseln
zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Khe,
die Krbe voll Kabeljaukpfen aufgeschttet riechen, kauen und fressen.
Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken
und sinken zurck. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras drrt
losgerissen unter der wei und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Dne.
Nun hat sie weien Sand unterm Fu, der braunrosa sich eindrckt. Moosenten
fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerste. An
Schwnzen hngen Fische in Bndeln daran, klinkern singend im Wind. Sie
kommt an die Nehrung, mu steigen, fllt. Der kleine Schmerz macht sie
irgendwie verrckt. Sie macht die Arme weit auf, pret sie an die Seiten.
Lachmwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrn und wei rauscht auf,
zischt noch fern: rdzsch -- -- -- rb . . . wek. Da steht alles voll
Tmpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die
flachen Buche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden
Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie
sind grau. Ihr Auge fllt in sie zurck. Sie hlt das Tuch darber: sie
sind wei. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken
sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit
den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Fa steht da und Jns mit
Merlans, weiblitzenden Buchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie
nachts, betubt vom Wind mit ausgebreiteten Flgeln im erwrmten Sand. Nun
stoen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der
Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hlt. Es wird gro und
unermelich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie
klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die
Enttuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die
Warzen tun ihr weh. Sie neigt pltzlich sich zurck. Was an Hals zum
Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie fat hinter
sich einen Baum. Der Rcken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach
oben rauscht, in ihr Blut. Die Hften fangen an, eine Bewegung zu bekommen,
werden entdeckt, glhen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem
Tierrcken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geffnet. Die Sonne schlgt
ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schn, als schliefe sie.
Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am
Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wlben sich herber. Sie
springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen
her feucht.

Sie fhrt zurck, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um
den Rest zu Fu zu gehen. Auf diesem Stck Trottoir sieht sie von einer
Menschenmenge vorbeigesplt, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie
bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden.
Dann reckt sie sich, fhrt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt
sich durch, hrt Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr
sticht. Sie kommt nher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist
durchblutet, entfacht. Da lt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft
mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wchst und steigt
malos, da sie erblat. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern,
was sie berging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht
s durch sie hin, whrend sie stehen bleibt. Sie tut eine groe Tat, indem
sie sich nicht rhrt, fhlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie
nimmt etwas auf sich, whrend ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer
stehen, sieht ihn zum letztenmal fr immer, wei da dies das Hchste ist.
Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht ber die Strae, ist
verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mtzen, dann dreht er ab. Mit einer
unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die
Ecke geht. Dann ist es vorbei.

                                * * *

Sie stellte den Fu in die Schnur des Vogelbauer und hrte zu. Zuckte die
Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrngte, drehte sie um, ihre
Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der
Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie frchtete? Vom Tisch entfernten sich
Bcher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick
kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Frulein. Ein rascher Blick suchte
in ihren Wrme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die
Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Frulein stammelte. Ging hinaus,
kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb
einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es
wieder, als rche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag frh kam
Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, lste sich ein
Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag
brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlssel
ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weien bauschigen Mantel, kte er
sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer,
katzenhaft geschnellter Krper ri ihren mit allen Muskeln in seinen
hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebsche den
Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen,
sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel.
Ich bekam heute deinen Brief, flsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht.
Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte
ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schttelnd zwar, aber er war so nie
ohne Tip von ihr. Sie schlo die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich
ber ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund,
ffnete ihn.

Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften
Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem
Herz was herausri. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch.
Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen
Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit
einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er hnelte Symes. Das
machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber ber Trnen auf. Le
Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den
Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er
kte ihre lange braune Hand. Kte jeden Zwischenraum der Finger, hing an
jeder Hautphase, sog sie an, als strbe er mit ihr, lste sich kaum von der
Pore hier, der Pore da. Kte Kreise um die Gelenke, legte den Knchel
wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im
Mund kstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich
seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. ber den Leib glitt
die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklrlich schn hinauflief,
blieb an den zrtlichen Hgeln. Berhrte wirbelnd mit dem kleinen Finger
die Warze, sie sprte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stie
die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die
aufgelsten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur
noch sein Bild unter dem Lid. Sprich, flsterte sie. Es war zuviel. Er
schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Krper, ohne viel
Fleisch und gro hingelegt, wie ein Rmer, spielte auch in der Ekstase
achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Ksse reizten
sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb lnger
unter dem Bewutsein, als er wollte, er kte sie wieder heraus, prete den
Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rckenwirbel herab. Sie
strzte hher ins Unertrgliche: Mehr. Sein Kopf glhte zwischen ihren
Knien. Seine Hnde suchten ihren Rcken herunter, hielten das schmale
Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glttete sich unter den
Umarmungen, dehnte sich so, da er daran glitt wie an einer Frucht. Sie
wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr.
Sie lag dann still, nur manchmal erschttert von Schauern, die abflogen.
Das Silber der Brsten, der Draht der Ampel kamen in die Glckseligkeit.
Die Vgel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie
lchelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hnde
danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er
entzckte Dinge. Sagte ber ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine
Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er
erbebte unter seinen Worten, seine Hnde entzndeten sich daran. So nahm er
ihr Kinn, ihr Knie und geno es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die
Dmmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie ber die
Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da
fhrte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der
Zunge heraus, kte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind
warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote
Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts
hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lcke im Hirn. Da kam
seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurck, sthnend. Die Hand gewhnte
sich an eine Stelle des Fues, strich weiter, blieb in der Mitte des
Krpers. Die schlanken Hften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen.
Die Welle ging ber sie.

Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine
helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog
sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was
herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging
zurck, warf ihm eine Klavierwelle nach.

Die Sonne ging hher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore.
Sie empfand Le Beau durch die Krper, die sich zwischen sie keilten. Die
Schienen gleiten stahlwei, verschwanden. Die Tren knallten. Die Krper
standen reglos aneinander gebumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grte
mit den Augen. Sie hrte seine rauhe Stimme gedmpft reden, aber es war zu
weit, sie verstand sie nicht. Rckte geqult den Kopf zur Seite. Wie ein
Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer,
einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie
nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab
keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden,
aneinandergelegt. Geben Sie . . . Geld. Sie nestelte an der Tasche,
drngte sie gegen ihn, er fate sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die
Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herber. Nahm es mit allem auf. Ein
Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: Leben Sie wohl! Sie ward verwirrt
ber ihre Khnheit. Im Vorbergehen hrte sie seine Stimme, aber entfernt:
Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder. Als der Zug anfuhr, sah sie
durch die Scheibe, da er, draus auf dem Perron vorwrts strebend, bleich
war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau ri es hoch zu ihr. Sie zuckte ein
wenig die Achseln. Ihr Ohr verga aber nicht, was der andere gesagt, ihr
Auge nicht, wie entfrbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf
Claudius zu, es war leer geworden.

Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog
einen Strich, rief, sie sprangen beide ber das Hyazinthenbeet. Drben, im
Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust,
hielt sich mit den Pfoten am Schlsselbein und reckte sich in die Kurve der
Weiche. Anj, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich
durch das elektrisch aufschumende Fell. Das Tier bumte den Rcken, da
Vorder- und Hinterfe nebeneinander standen, sah in die Luft, mit
gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne,
Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken.

Anj sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden auer
Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht.
Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den
Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf,
begannen rauh zu schreien. Daisy ghnte, hielt Anj nieder, da sie nicht
fauche, die auf ihrer Hfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch
scho in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinber, gab
ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nstern
schwebten nach auen. Anj sprang zurck. Sie sah sie bs an, warf sie
zurck an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das
scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut
getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.

Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dnne
Bume wagten keinen Schatten, ausgedrrt, elend, da Hunde nicht einmal sie
nten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und md. Pltzlich sah sie eine
Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie
wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst
niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging
an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf
die Bume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums.
Ihre Augen drckten sie, als seien sie von Blut berfllt. Sie stie den
dnnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck
hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, sprte die
Mdigkeit, die voll und gro abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den
Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und
hinunterreit, standen die Augen des Skandinaven ber ihr, qulten sie.

In der Dmmerung wachte sie auf. Die Vorhnge bogen sich auseinander. Le
Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang
herein. Er nherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft.
Er kam geschmeidig ber den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die
Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzhne lag das
Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schnem Saft, da sie
daran alles verga. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd
hin und her, setzte sie auf den Diwan: Sie werden auf die Zofe verzichten
mssen. Er schlo das Strumpfband an ihr Korsett.

Was ist?, frug Daisy, in Strmpfen und einem Beinkleid, das grofaltig
mit dnnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hften umzischte. Sie
brstete das Haar zurck, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rcken mit
einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhhle.

Auch auf das Bad. Er lchelte und stie den Lffel in den Schuh. Er pfiff
leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, whlte in ihren
Strmpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der
aufgewhlten Sachen erfllte das Zimmer. Wohin?, frug sie ratlos, von
innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel,
ri sie an sich: Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen. Alles
gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand fate ihn drauen,
whrend Daisy die Ngel einrieb. Vgel schlugen herein, immer lauter, zogen
sich an Rufen hher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Bsche dufteten
herber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, da sie stehen blieb,
ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Ponien.
Sie fate den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der
Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faten unter ihre Kniekehlen, der
Schwung in die Luft ri sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder
etwas, mit groen Stzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden
Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein glsernes Gebude die Stille, das
Haus, der Park mit einem Ruck entzwei.

                                * * *

Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphre, reckte sich, fate Fu.
Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wnsche erfllten sich, eh sie sie dachte.
Die Inbrunst einer Blutwelle hllte sie ein, verlie sie nie. So stie sie
an alles, durch die Wolke verhllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll
Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz
dunkler Tnung war sie durchsichtiger als die franzsische, schimmerte wei
auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen
fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fu umrckte,
wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob
alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schlo die Welle
sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es gengte. Gab der
groe Schneider, whrend Ballen vor ihr sich huften . . . Manekins
paradierten, um ihren ermdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im
Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr,
es glitt ab. Vorber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens,
Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heie
Blicke warfen. Es blieb nur Klte und Hochmut, lehnten die Herren an der
Brstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick,
flsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau
umspannte ihren Horizont mit hartnckiger Leidenschaft, erfllte das
Erdenkbarste fr ihren Krper, jede Mglichkeit ihrem Geist. Zofen im
Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre
Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut strzte er
in die bunte Pfauflamme der Folies Bergres, morgen sah sie steifstes
klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in
Geruch von Bumen und Wassernacht. Stie etwas aus ihr gegen die Welt,
stie es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Muse Cluny
begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besa sie am folgenden Morgen.

Sie kleidete sich an im Boudoir: Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr
Vermgen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren.
Polizei ist mir widerlich. Er erbleichte ein wenig. Es geschieht nicht
Ihretwegen, sagte er hflich. Es ist eine Leidenschaft.

Er griff in die Tasche, sein groer Krper funkelte in drei Spiegeln, das
rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie,
die auf verdchtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurck, errtet vor
Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das
Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy
auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen
gelegt. Le Beau suchte man zu bersehen. Er lchelte. Sie sprte es kaum.
Ward es aufdringlich, schrzte sie den Mund ein wenig, ging darber. Ihre
Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schlo um den
Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herstrmen. Vor der Oper fuhr mit
rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hnde streckten sich ihr
entgegen. Le Beau ri sie zurck. Nun trug er eine Falte, sprte Gefahr,
streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er
Witterung nahm, ohne da sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm
hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und scho durch
das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an
zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts,
hatte genug. Wartete nicht mehr.

Er lschte alle Lichter, lie die Bedienung fr den Abend ausgehn,
vernderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die
abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im
Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen
andere. Straen schumten auf, fielen donnernd zurck, Schatten bog sie in
Parkviertel, Schleifen von Laternenstraen schwangen vor ihnen stumm hinaus
gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff pltzlich, wie es um
sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem
rotumhngten Horizont sammelte sich alles in sie zurck, verweilte eine
Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis
bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein
chilenischer Politiker fhrte im lateinischen Viertel sein Knie unterm
Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurck, winkte mit den Brauen,
flsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie
nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt,
abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da ffnete sich der Mund,
bebte mit den Lippen: Zwei Uhr. Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren
Kopf.

Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Gerusch nach, auf nackten
Sohlen entflog ein Umri. Sie lockte ihn zurck. Aber er folgte, hatte
endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im
spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy
wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale
Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr geblht wie von
Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glnzte mit Porzellan aus allen
Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Trme eingelullt. Das Licht
stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Fluband schwang am Horizont
hinauf und Khne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in
einen Park und hatte es mit den Bumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es
ward fast wei. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus
her, wo die Linien der Eisenschnre schon fast zusammentrafen in einem
spitzen Winkel, kam ein weier Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug
zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, berkletterte
Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, splte ihn
herber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le
Beaus hielt vor der Tr. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein
Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte,
zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurck, sie hatte
nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wute er, er
msse zurck. Du mutest zurck, flsterte sie mit geschlossenen Augen,
die Angst um ihn stie sie gegen ihn hin. Sie umschlo seinen Nacken, trat
mit ihm auf den Balkon, flsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos:
Chri . . . doudou . . ., umwrmte ihn mit ihrem Krper, liebkoste sein
Ohr, seinen Mund.

Ein weier Ballen bumte zurck am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen
Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtwei zurckfliehen.
Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es
hinein.

Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer
Ohnmacht. Die Zhne entblsten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem
Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr
liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund
und lchelte, und lauschte, whrend sie berredete, auf jedes Gerusch.
Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse,
schttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er
zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: Kein Mitleid. Je tapfrer er
sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das
andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, whrend er
fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach
von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfliee, die
Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders
gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie
sah in ihren Scho. Er nickte langsam, schwer berzeugt.

Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus
war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place
St. Michel, nahmen den Mtro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend
zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer
Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Hnden
gefat, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, da hinter ihnen
nichts blieb, alles zurckfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft
hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm
Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, whrend die Gassen, Straen
zurckblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Krper, die Hand in sein
Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: Ich bin bei dir. Voll, scharf umrissen
kam sein Gesicht ihrem entgegen.

ber die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst
aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand
wute es, es drang nicht nach auen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der
Erschtterung. Sie wartete, bis dies vorber war, dann lockte sie jeder
Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der
Siebzigjhrige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte fr ihren Arm,
brach sie in Weinen aus, verlie das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan,
schlo ab, ffnete nicht vorm Abend. Ma sich die Schuld zu, ihrer Haut,
dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, da Le Beau leide. Denn um ihretwillen
zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie sprte, so lange sie da sei,
schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie
auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, fate das berall an, sagte:
Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?

Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb
stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, kte ihn
besinnungslos. Gewrtig eines berfalls hielt sie den Ku an bis zum
Ersticken, sah lauschende Kpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts
gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen,
wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedmpftes Ungeheures
heran, gegen sie. Dies drngte ihr Leben zusammen, zielte es in einer
unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strmte sie
ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im
Halbtraum, der fremde, sehnschtige Glieder formt, an andere Mnner, ja
hate sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die
geschmeidige Stokraft seines Krpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr
Krper verlangte. Er trieb sie hher noch, als sie vermochte, schleifte sie
in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie ber seinem Gesicht
nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei.
Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die
Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nchste Zimmer, war ihr, es sei
fr immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe hher, weiter, als sie von ihm
empfand. Er gesundete, war gefhrdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem
Tag ward ihr Auge grer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber
blieb gleich, umschrfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, qulte sie,
liebte sie ohne nderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie
die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Hhe, die nur die
bersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das
Mnnliche zurck, sank zurck, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem
erlsenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Krper.
Whrend sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das
Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose
Ergriffenheit, sprte sie unter wtenden Kssen das Zurckgleitende, Fremde
an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die
schrg gebrochenen Augen auf: Du mut mich mehr lieben. Schmeichelnd
umwand sein Krper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hnde, gab ihnen
Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll,
ausschweifender, als ihr Hirn es trumte, machte sie hingeflossen, in jeder
Blutfaser geffnet nach seinem Angriff -- er trieb sie in den Abgrund,
erhob sie aus den kleinen Seufzern und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf
besinnungslos ward . . . aber erwachend sprte sie unsinnige Angst um ihn,
da sein Herz das letzte Zerschmelzen khle, und empfand verzweifelt, was
er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und da sie ihn darum auch lieben
mute, mehr als er sie.

Nachts kam er spt zurck. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen
Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flsterte seinen Namen.
Zugleich strmte der Weie-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden
bebten am Parktor nieder und berhrten ihre Gesichter. Lieber, atmete
sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend,
was sie erwartete, was auch kam. In den Trnen, die es bergossen, sah er
mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten
Willen kam es entgegen herauf und er sprte ihr Warten, ihre Angst, die sie
verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen
gingen sie hinein. Weich von den Trnen und gerhrt von seiner Milde mahnte
sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er sprte, wie schwer es ihr
ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut
beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den
Globus, legte ihn in ihren Scho, brachte den lauen Bltenwind mit in ihr
Bett: Was willst du?, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie benennen
wollte mit dem Fingernagel. Dorthin fhren sie morgen. Schon der
Sonnenaufgang hie Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg
aufs uerste. Sie verschmhte es.

Sie whlte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf
die Ruhe, um zu leiden fr ihre Liebe. Es war das Hchste. Unverlierbar
nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurckgab: Ich will es nicht,
sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich
zurck, unter ihm kaum mehr lebend, der ber sie kam mit ungekannter
Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen?
Entzcken selbst der Tod.

Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr,
die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewi, schon im Vorsaal. Das
stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband.
Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, verga sie es, schrak
aber dann zurck. Da die Wochen aber leer waren, ermdete sich die
Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das
Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne
Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung,
keinen hrte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint
schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon,
gegrndet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben
zu ihrer Entfhrung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie
khl. Sie ermdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst
recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und
lauerte, spielte nun mit dem Gefhl, tollte darin, da er sie hatte. Allein
der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es lste sich
nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefhls.

Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder.
Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fhlten, traf sich ihr Herzschlag mit
Entferntem, sie, wute nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine
Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam
anders zurck. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter
aus, glitt ab, strzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem
rmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am
Mittag in der Sonne lachte sie ber die pltzliche Furcht, aber die
komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie
dster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der berschwang kehrte
zurck. Der Schwung dmpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben,
gefrchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, khl entfernt, die
uerste Spitze des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie ttete
diesen Gedanken und lchelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne,
zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam.
Sie reisten.

Er frug nach Plnen, Wnschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst
nicht bewut war, verwhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr
kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend,
untermalend das Hauchdnne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt,
die man einsog, bewunderte, geno. Suchte nach Flssen, die im Rauschen ihr
genehm, Wlder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das
Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang ber die
Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder
glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen
Brennpunkt, in den ihr Gefhl zusammenflo, sondern sie jagten auseinander,
so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der
Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich.

Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter
zeigte, zusammengerissener und sthlerner in der Spannung wie in den
Marmorslen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die
Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie
in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Ha.

Das Licht flimmerte khl, und es banden sich die Enden der groen
Kantilenen der Sngerin an das Ende ihres erwachten Bewutseins, und an der
Hhe der Kantilenen erma sie die Hhe des, was sie erstrebt, erglht, als
ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort
sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Krper neben sich, edel und schn
wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fhlte alles, was von ihm zu ihr
gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Gengte
es? War es so viel, da es sie erfllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr
geben konnte, fast mehr. Aber sie sprte wie Ziehendes, sie Beschwingendes
und Reiendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefhls ber sich
schweben, sah alles sich hinneigen nach der Hhe, erblat fiel ihr Kopf
zurck. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie ertrumt und dem
was sie erreicht und besa, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb
schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lchelte, es verblate wieder.
Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber
im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe
und da dies nicht sie erflle, und wie unendlich berlegen ihr Gefhl
schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.




Der dritte Abschnitt


Ein rotbrtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges.
Der Parlamentarier lie sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und
verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie
heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz
behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter
ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Sden sprach er von Stadt zu
Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von
St. Malo zurck. Wieder kamen Olivenbume. Jeden Tag liefen
rckwrtsgeschleudert erleuchtete Sle mit Menschenmassen zurck. Er kam
aus dem Handdrcken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hnde
heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bumten sich, der Mond schwankte
langsam durch die dnnen Alleebume. Einmal kte er ihr die Hand, sie
lachte eine Zeitlang ber seine Zrtlichkeit. Sie sa in der ersten Reihe,
als in Valence er whrend des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und
eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er a dann den ganzen Abend.
Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort
Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen
von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in
den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rcken schlugen. Er wurde
verlegen, legte ungeschickt den Arm, da sie fast zusammenbrach, auf ihre
Schulter. Sie lchelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie
ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr
ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhhnten den
Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht
begann er die Hnde zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort.
In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein
Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Mnner
stampften wie die Ochsen und rissen die Muler bis gegen das Ohr auf. Sein
Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er
den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhtte an, legten ihn auf den Rcken
und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es
tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er
breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit
auseinanderliegenden Augen an, seine bloe Brust dampfte. Mittags spt
saen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie
zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem
Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinber. In Toulouse zog er
den Rock aus im berfllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie
ein Br, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er
in guter Laune auf den Rcken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei
Sthle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie rgerte sich
und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer
Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach,
rusperte er sich nach der Uhr jede fnfte Minute. Sie sah hinaus. Die
Blue spielte um die ste mit einer Leichtigkeit, als durchdrngen sie
sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herber auf ihr Knie zu legen.
Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen
Augen wurden ngstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen
Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schttelte ihn und lie ihn
fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in
die Ecke zurck, fragte traurig und kindisch: Sie haben einen Zug um den
Mund, was ist? Sie lachte. Er schttelte sich vor Behagen und strich den
Bart glatt.

Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine
Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen
geschmckt neben den franzsischen. Der Dichter trat einen Augenblick in
die Loge, den Parlamentarier zu begren. Ihre Blicke kreuzten sich einen
Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten
von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den
Parlamentarier, er wurde mde und schnarchte, aber er mute bleiben, da er
nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus.
Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich,
erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tr,
trat mit zwei groen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler.
Sie nahm seinen Wagen.

Der Frhling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg.
An einem Abend, den die Boulevardbume mit einer blassen Schwermut trugen,
stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und
erleuchteten an dem Ende der schwrmerischen Kurve den Himmel mit ihrem
Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife,
ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden
Hinterrdern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer
grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strau Narzissen mit einer
italienischen Schleife. Spter fand sie einen Brief darin.

Er kam am Morgen. Selbst sein Parfm fragte nach ihren Wnschen, die er
erriet, da es sie bestrzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er
lauerte auch auf das Unbewute jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen
Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke
wieder, nur aus der Frage zum Endgltigen gefhrt, entgegen. Seine
Schpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das
Dunkelste und Trumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden
Verfhrung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und
umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer
berlegenheit, selbst wo er bat, da er sich aufhob. Als sie ihn nicht
empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus
dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, da dieser Ehrgeiz und sie das
Verehrungswrdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit fhrte sie
dicht zu ihm.

Der franzsische Staat lie ihm als Gast Notre Dame allein luten. Er kam
zu ihr: Es war keine Schnheit, da du fehltest.

Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe.
Das Telephon rasselte ohne Unterla. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand
ein Boy, der niemand einlie.

Drei Monate Reklame . . . . flsterte der eine der Direktoren, als sie
den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den
Tantiemensatz um fnf in die Hhe hoben. Acht, sagte der andere leis und
bebend vor Wut, denn sein Gegenber nahm den Finger nicht von der Lippe.
Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: Gehen Sie doch. Er
machte eine geringschtzige Gebrde, er sagte ihr, es lge nichts daran,
denn diesen Ruhm verachte er, es gbe nur jenen einen, der ihn in der
ffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch
liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schlo.

Zehne, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Ngeln das Glas
zum Zittern brachte. Er schttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere
einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm:
Schieber.

Buffone, er hatte Schaum auf den Lippen. Marquis de la bouche.

Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor,
besprach sich, sagte zu, verga die Beleidigung -- denn er frchtete, da
ihre Stimmen Daisy weckten.

Gegen Morgen kam er zurck, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es
schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den
Kissenenden, schmollte mit ihnen, lie sie tanzen, lchelte nach der Seite,
bis er auf den Knien lag. Mit dem Frhstck kamen Zeitungen. Sie sah, da
sein Erfolg riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der
Loge, habe er die Niederlage gewnscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen
knnen, da dieses Rufen bedeutend fr ihn, ja eine Freude sei.

Er sa auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit
ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, bi die Zhne in die
Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hnde vor das Gesicht.

Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie,
wie er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es
sich. Zwei Falten preten die Augenschlitze gegen die Nase. La packen,
sagte sie.

Du bist noch krank. Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte
den Kopf, ging hinaus.

Im Zug schmerzte sie der Rcken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich
legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber,
gegen Mittag kam es heftig zurck. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das
Decklicht irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in
Decken gehllt. La dich nicht stren, sagte sie. Seine Augen waren
feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich beschftigte. Sie
nahm eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre
Schwche nicht sehe. Er hielt die Hnde nebeneinander und sah durch die
dnne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit
auf ihren Gliedern durch dies Transparent von rosanem Blut.

Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionr mit schwachsinnigen Augen
umkreiste sie wie ein Hund und fing pltzlich mit den Armen zu drehen und
zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll,
da, als sie auf der Terrasse standen, ber den Platz die Herangelaufenen
mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafs zurckstrzten. Schwarze Mnner
standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut
hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im
Wagen begann Daisy zu weinen vor Mdigkeit. An der Ecke sah sie die dnne
Erscheinung ber den leeren Platz rennen.

Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde
kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die
Beine. Es sprang um, jagte auf die Strae. Die Tiere liefen mit geblendeten
Augen an die Huser. Einige Geie bockten, liefen irrsinnig im Kreis,
warfen Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte
das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da
nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy lie
sich auskleiden.

Spter drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie
den Kopf aus den Kissen. Die Unterbeamten, rief er, schon im Salon. Sie
schlo die Augen unter der Mdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im
Nebenzimmer immer Tren, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das
schlferte ein. Die Tren klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad,
es umpltscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite
zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand.
Deputationen, flsterte die Zofe. In der halbgeffneten Tr, als sie
hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen
Lcheln.

Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die
herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schumten.
Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Spter
erwachte sie, es war Lrm auf der Strae, sie sah in sein berhitztes
Gesicht. Der vierte Zug, rief er ihr zu, als er auf den Balkon strzte.
Als er zurckkam, frug sie: Was war es; sie hatte geschlafen in der
Zwischenzeit. Studenten, sthnte er. Sie verstand ihn nicht. Was wollen
sie? Provinzen. Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhnge nicht mehr
und schlief sofort ein.

Sie sah in tiefblauen Himmel, gewlbt und flieend wie Glas. Er stand an
ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum
Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu
bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie
Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fhlte, verfrbte sich ein wenig,
dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz.
Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung
lag in seinem Blick. Er hob sie hinber ins Boot. Die Molen waren schwarz.
Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hrte jedes Wort
aus dem Theater. Die Schrpen standen grell ber den Hemden wie auf
Schilder gelegt. In der weien Glut platzten die Kpfe fast. Sie standen
wie Zinkknpfe, hei und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit
Tribnen, von denen die Photos unaufhrlich knackten. Ein amerikanisches
Boot suchte stndig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die
Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tcher ber dem Schwarz.
Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der
Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er
jene mystische Revolte, hatte die Hnde gegen die Brust gestemmt, die Beine
eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit
der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit groen
Rhythmen durchma. Unter seinen Stzen aber, die ihm die Hhe seines Lebens
waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er
schlo, berkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.

Das Meer schumte ein wenig, als sie zurckfuhren. So lange sie fuhren,
streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer,
schlo ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, lie sich anders
anziehen, legte sich auf den Rcken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach
dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon,
trommelte an ihre Tr. ffnen Sie, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel
beugte er sich ber das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum
Fixieren. Welches Unglck, sthnte er. Er fluchte, verwnschte den Tag,
ma sich die Schuld zu, da sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie
lchelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dmmern sah sie auf dem Tisch
etwas Helles. Es mute vom Mittag liegen. Schlieen Sie, sagte sie der
Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bckte sich, krmmte sich wie eine
Katze.

Er klopfte an die Tr. Er rief durch das Schlsselloch, er stre sie nicht,
nur bitte er, da sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still.
Spter kam er noch einmal, sie hrte ihn hin und hergehen, sein Schritt war
bengstend leis, verhalten.

Nur sie habe Sinn fr ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die
Portiere dmpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. Der
Arzt, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hrte
einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem
Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tr zum Korridor,
durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibl. Sie fuhr ber
Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber lie nach, sobald sie
hrtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis
Calais. Mit dem Fnf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne
aufzuhren, winkend ber den Steg auf sie zu.

                                * * *

Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer
und rot ber den Kies; ber den Hyazinthen strudelte die Luft in einer
Kupferfule. Zwischen den Zweigen des Gebschs fing das Dunkel erst an und
bebte. Bienen strzten in die Hhe und von ihren bervollen Poren
schaukelten hochgetragene Blten langsam und taumelnd in das Wasser zurck.
Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den
Sulen heraus. Die magische Tiefe des Glases bltterte sich nach innen in
den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer
Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhtte taumelte ein Gegenstand
mit unheimlichem Schtteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den
Mondschein, torkelte in ihm ber die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er,
verdrehte die Augen, schrie Do . . . go -- -- go. Dogo . . ., schnurrte
und steckte den Schnabel zwischen die Flgel. Der Mond, wie ein unsichtbar
geschlagenes Schild, war wei von Metall, zitterte durch den Himmel.

Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie
gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es
trug sie nicht hinber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen,
sobald sie Syg sah und sprte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh
machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor
deren naher Gewalt das Gelebte zurckfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie
empfand sogar in Vaudreuils Gren das geheime Suchen und Fragen, aber sie
war so sicher, da sie sie unbefangen zurckgab.

Elfmal schlug die Uhr, dnn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz
nicht nachlie. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lchelten
sich in das Gesicht. Der groe helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem
Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie
der bebende Rcken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen
zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Wei, nun stand der
Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstie gelb und flutend das Fenster.

Daisy richtete sich auf, als lausche sie: Und Well? frug sie und horchte
hinterher . . . und Well? . . . Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war
mit wogendem Lichtnebel ber den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde
immer wrmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der
hintersten Hecke deutlich heraus. O, flsterte Syg und fhrte die flache
Hand ber das Gelnder. Stck auf Stck der Jugend gaben sie sich in die
Hnde, hinber, herber wie Blle, und spielten sie sich zu . . . die
Bume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie
sich die kleinen Dinge, deren zrtliche Erinnerung sie am sorgfltigsten
erfllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefhl zusammen, da
die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich
in sanften Farben wie aus Strohhalmen abgesandte Kugeln und schwammen in
den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond frstelnd und starr.

Die Uhr schlug. Vgel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollstige
Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glhte mit einer hingegebenen
Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett ber Sygs klares
Gesicht. Sie empfand, da ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck
trage. Sie empfand das Glck dieser Gegenwart mit einem berckenden Gefhl.

Wie lange hattest du Fieber, Syg?

Acht Wochen.

Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft
atmen. Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange,
denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, qulte sie in dieser
Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid.

Die Uhr schlug. Syg ghnte; zog die Beine herauf und schttelte die Locken,
reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem
Frhstck. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit
breiten Stben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mdchen
sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale
Gesicht, sie hatte das Kinn auf die Hand gesttzt. Sie sah mit den Augen,
die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten
befiedert waren, dem Mdchen zu. In ihrem Wei lag ein violetter Schimmer.

Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der
Kutscher stammelte. rgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde
vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem
Wechseln der Krper und Erscheinung fhlten sie hingegebener die Harmonie.
Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten
sich unhnlich.

Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter
einer Perle, die ber der Stirn lag, halb ber die Ohren und scheitelte den
Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz wei, der Wind schmiegte sich
in die kleinen Blumen des Battists und der Boa.

Umsonst.

Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blate ab wie ein
Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich
bemhten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse,
sie tauschten die Rollen.

Sie baten mich, die Kette zu besorgen, sagte ein junger Kanadier, reichte
Daisy ein Etui.

Es war meine Schwester, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit
Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen.

Sie kam zurck mit Goldpuder und einem roten Samt. Er berreichte es ihr.
Sie dankte. Die Tr ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie
von der Strae, gab ihm die Hand und frug: Haben Sie meine, Kette, John?

Verblfft sprang der junge Mann auf: Haben Sie noch eine Schwester und wel
. . . Syg klatschte in die Hnde, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen
Kognak ein.

Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und
jeden Abend litt ihr Gefhl, das um Syg Sorge trug und doch nicht
vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond
nach dem anderen am Fenster vorber, und Dogo sa in jedem, auf dem Zweig
des Faulbaums sich schaukelnd.

Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hrer. Er kam nach einer
halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da
er ein geschrftes Ohr hatte fr das herbere in Sygs Organ, frug er, den
Rcken weich, hndisch, biegend: Wozu die Komdie? Sie gingen auf die
Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen.

Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Grtner. Sie tollte
und sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schttelte den Kopf. Sie frug
ihn, er sagte etwas. Sie prete die Hnde in die Hften, da die Ellenbogen
nach auswrts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem
Augenblick ganz unerlst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen
slawischen Namen und zischte. Sie schttelte den Kopf und lachte noch
heller. Sie fate ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn
er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nstern
in Spott.

Er errtete, dann schrie er mit voller Stimme: Zsigis. Syg blieb ganz
ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas
ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie
stehen: Pony . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errtete und
blickte hinauf. Dann wurde er ganz bla. Sie winkte. Er ging.

Warum nennst du ihn Pony?

Wegen der Haare. Auch ihre Locken hingen gefchert in die Stirn.

Daisy prete pltzlich die Hnde fest zusammen: Fribaurt fhrt Donnerstag
nach Italien . . . Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen
Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich
die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem sen Wasser roch, sah
es nicht, denn sein Blick folgte dem Grtner, der in den Bschen
verschwand.

Aber Daisy verga den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen.
Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines
Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.

Ich danke, da du bleibst, sagte sie stockend, als sie in den breiten
Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in
Marmor glhte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von
Fcherschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt
als Segel ber dem Garten, der unter ihren Fen schwebte.

O, sagte Syg mit pltzlich ganz erhelltem Gesicht, ich freue mich, da
du dies sagst., Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glcksgefhl, das
diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zgerte ihr Fu. Sie sprte, wie
unrecht es sei, da auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.

Am nchsten Tag fuhr Syg im Mtro zur Etoile, besuchte eine Dame in der
Avenue Wagram, schlo das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus
und suchte zur Oper zu ein Geschft. Sie sah in ein vorbergleitendes Auto.
Ein Herr sprang heraus, in hchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah
seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr
kleines Stilet, drngte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto,
verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte
neben ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche
gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein
Orchester, das vor dem Caf konzertierte. Sie sa eine halbe Stunde vor
einem Whisky. Dann fuhr sie heim.

Zwei Tage sprach sie kein Wort ber den Vorfall. Sie lebte neben Daisy.
Aber die Worte, die sie gehrt und die nicht ihr galten, sondern Daisys
Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht.
Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die
Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie
auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu
heften.

Du hustest? frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.

Syg schttelte den Kopf. Daisy prete die Lippen, als die Schwester
schlief. Sie fhlte, wie die Unbefangenheit ri, die Ruhe wankte, sie
bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie frchtete, da
dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lsche. Sie lag
lange wach. Pltzlich ffnete Syg die Augen, schlo sie wieder. Mittwoch
Nacht sagte sie, da sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen
nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und
Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Grtner. Sie stiegen ein.

Die Rder rollten.

Sie fuhr zurck.

Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der
Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die
Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum
erstenmal. Ein maloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel
schttelte sie, da sie die eine Hand mit der anderen festhielt und
geschlossenen Auges zurck sich warf in das Polster. -- Sie sah die
Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von
seinem berfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies
Bergres trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unfltige
Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen,
gedrahtet. Sie bi auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den
Garten.

Sie sa auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein
niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und
arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den
elastischen Ruten der Bsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch
der Erde rtlich um seine Hften hinauf.

Sie warf die Hnde gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie,
gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die
Dmmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurck, um eine Lge beraubt, die
sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der
Schwester. Sie frstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als
klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein
Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt
verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die
zarten Gefhle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie
auf als jede Stunde, die sie gelebt.

Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen knne. Aber sie konnte es
nicht.

Es gengte noch nicht.

Sie fhlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe
des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren
zgelloses. Streifen sie zu Gelstheit erhob, die den Atem benahm. Die
Lippen bebten bereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab
Verantwortung fr ihre Handlung. Mit einer zerstrerischen Wollust empfand
sie ihr Ausgestoensein, das ihr eine Khnheit verlieh, die sie fast
berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu
winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem Garten.
Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stie die Flgel
gegen die Wand, als zerbrche er Glas. Sie stand auf.

                                * * *

Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den
Sthlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinber. In
der Toilette brannte eine weie Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot ber
die Lippen. Im Spiegel sah sie die zgernd Eintretende. Ihre Augen trafen
sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tnzerin ging ein Schreck auf, sie
flsterte etwas und glitt zurck. Daisy ging zu Lons Tisch hinaus. Beim
Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte
sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, da Daisy ihr den
Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollstigen Mund der
Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmtig, prfte sie mit einem Blick,
schenkte ihr Strmpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam
Rene herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy
wute jede Bewegung des Attachs, seine Lieblingsworte, seine geheimen
Stze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Lon baden, sie stieg in das
Wasser, das ihren Krper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser heraus selbst
trbte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rckfahrt suchte seine Hand nach
ihrer. Das andere Ufer, kommandierte sie, er mute wenden. Sie ging am
Abend mit Rene in den Florissant.

Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mdchen. Als ihre Hfte
unter den anderen erschien und in der abendlichen Dmmerung in die
Tanzschleife wogte, umgab sie Gedrnge, Blicke, Augen. Ein groer
Steuermann von der savoyischen Linie fate sie, brach die Finger fast an
ihren Korsettstben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte
sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie,
schumte, erhob sich, sie fhrte, sie schwindelten, sie tanzten in den
Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flche. Sein Kopf fiel
auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie lie nicht nach, bis
sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann
besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. -- Ein Kolonialoffizier erscho sich,
einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam
sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine
Tnung blsser, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Mnner
wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostm bei einem Ball jeute
sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnre von Lichtern, die die Fassade
umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie
hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine
Seele zeichneten, verzckten ihn, da er ins Wasser sprang und am Ufer
schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weien Windhunden durch die
Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um.
Auf einer Bank saen Lon und Rene. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie
den Abend lang an Pony.

Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten,
begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bume
des Eingangs geschnitten. Auf der Hhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen
zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner
Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie
stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten
Mond, ber dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. ber
den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel gro und trg.

Hast du die Harmonika? Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach
aufflatternden Vgeln zeigte, da er Sehnsucht hatte. Ich schreibe deiner
Schwester, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine
Stelle und nahm ihm mit einem Brief die groe Sorge. Aus den Weinbergen
glhte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke
ihr nachstieg, lie sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm
seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und
schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfltigen schnen Formen
der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln
fr ihn. Er spiegelte sich im Rcken seines Zigarettenetuis.

Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie sa an seinem Bett, er
frchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie
wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte.
Er tollte in die Gesundung, ri den Schwanz der Hhner aus, sa auf den
Bumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schwei und
Erde, sie fand ihn schner als je.

Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem
Haus herabstrzte. Sie fuhren zurck, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen
den Hunden schritt Pony in weien Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhne.
Er blieb am Gelnder stehen, schaute trumerisch in den tiefblauen Schu,
der aus der Brcke kam, die Insel umrahmte und berschwungen blieb von
unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zhne. Zwei
Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brcke flog eine Autotr auf,
ein Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen
Schiene, starrte sie an. -- Auf dem Balkon sa Rene im Lederstuhl, die
Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glnzten einen milden
Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend
scho durch die Platanen. Rene legte die Gabel hin, kniff ein
Fnffrancstck ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm ber das
Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Kste wich
zurck. Schwrmerische Raketen berwanderten den immer neu gederten
Himmel. Ein Konzertstck wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den
Fuspitzen wiegte Rene erwartend den ganzen Krper langsam ber die Lehne,
blieb einige Minuten von einem unaufhrlichen Zittern durchflossen.
Pltzlich whlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der
Hften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit
einer kreisenden tollen berschwingenden Eile wieder hinein -- dann kamen
die Lenden in ein glcklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des
Leibes ebbten zurck und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte
nur noch mit den Knien, die den Krper in einem fast glsernen Taumel
ertrugen. Die Hften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur
der Rock rauschte, Daisy prete dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber
bedeckten sich, sie kten sich -- Warum brachtest du mich her? frug Pony
schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: Reizt es dich nicht zu
grerer Liebe? Sie zog ihn auf ihren Mund: Pony. Er schlo die Augen.

Eines Nachts brachte sie von den Anlegepltzen vor Versoix Jrme mit, im
Sweater ohne Kragen und rmel. Selbst wenn er flsterte, war seine Stimme
rauh und bi sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die
Wand war so dnn, da das Gerusch einer Fliege im einen Raum im anderen
noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mute
Jrme sie rudern, hinaus, zurck, in die Rhne, um die Insel, dann immer
um ihr Haus. Eine Kette von Schwnen verfolgte das Boot, ihre Weie
verblich am Abend mhlich der Blsse ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer
auf Jrmes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fcher
zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die
Schwne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Lon
von der Gesandtschaft in Bern zurckkam, lag er verzweifelt im Boot vor
ihr, berhrte ihre Hnde, ihre Schuhe. Sie schttelte den Kopf. Sogar das
Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schumte leicht in dunkler Erregung,
wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der
Terrasse des Caf du Nord ballte Lon die Hnde und hrte auf zu atmen nach
seiner Frage. Sie ging hinweg ber Pony, schaute ihn einen Augenblick an,
die Bernsteinkrper in seinen Augen ihr gegenber erstarrten, sie lie eine
Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drngen, wie er es wage, mit ihr
zu reden, habe er doch Rene. Ihr Hochmut lie ihn bei diesem Namen eine
Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht fr sein Leben.
Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renes
Geschrei machte sie mde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern,
weil sie Lon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen
das Blaue und zurck in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein
Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Rene weinte
gerhrt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Mnnerschatten am
Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.

Lon griff sie strmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie
bedeutete ihn ruhig, da das Opfer, mit dem er sich brste, ihr nichts
bedeute, denn es sei eine Selbstverstndlichkeit und ohne die kleinste
Verpflichtung fr sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die
Anlage her, als die Rhne sanft, tiefblau vorberstrmte, schon die
Dmmerung aufnehmend, whrend ihr Anfang noch biegsam und sthlern mit den
Schneebergen glhte. Lon flehte sie an, Pony zu verlassen.

Gab ich nicht Rene? Es verstrte sie eine Sekunde, an die Tnzerin zu
denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, da
sie schrg standen.

Am Morgen war sie verreist. Enttuscht von der Brust eines glatten Fischers
kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Blue in
die Schwebe getragen auf den weien Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder
auftauchen. In der Betubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort
hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die
Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im
Wesenlosen. Als Lon, die Hand am Steuer, den Groschot in der anderen
seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein
weier Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschieen, wenn sie ihn nicht
verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn besttigte, wies sie ihn zurck
mit Nein. Kalt vor Zorn verlie sie ihn ber die Drohung, mehr voll Liebe
zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein
gequlter Krper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus
dem Bett: Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben. Am Abend kreuzte Lon
Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte.
Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn,
als Lon eintrat und legte ihn sofort wieder zurck. Welche Eitelkeit in
Ihrem Gesicht, hhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem
Spiegel. Bestrzt, zerschmettert kehrte Lon um. Am Ende des Zimmers hielt
er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy
trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des
Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grne Lichter bewegten sich
auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Lon
vorbei, strich Jrme in das Haus. Pltzlich hob er den wirren braunen Kopf
und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berckende
Mnnerstimme: Andulko me dite --vy se mne libite . . . Was ist das?
frug Jrme. Sie lauschte. Pony war zurckgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie
einen Hammel am Fell. Einer der Hunde? frug sie ihn; er fletschte die
Zhne. Sie bckte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie
lie ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie
Pony selbst in die Bahn.

Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem
Zimmermdchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf
ihren Kissen. Ein Pferd stnde bereit, schrieb man. Lon schmiegte sich
manchmal durch die Dmmerungsschatten drauen. Eine Yacht trug ihren Namen
am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die Luft
jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat.
Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte ber dem Salve, kurz und
farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es flo
zurck wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermdlich schwang.
Irrsinnig eines Abends erstrmte Lon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo
sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schlo ab, klingelte.
Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann berlegte sie, sie schlo einen
Vertrag, legte ihm auf, da er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern.
Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt
wie immer. Sein Diener erzhlte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem
Leib, er ward ohnmchtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen
des Berufs, sein Leben. Seine Ngel ballten sich in die Handflchen, aber
sie sah die geheimsten Akten. Wre ich eine Agentin? Er zuckte die
Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein
Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer
Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er
hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf
einem Kostmfest, an den Kleinen Pferden, verlor, konnte nicht alles
zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibl. Als sie die
Treppe zurck herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau.

Er neigte sich ber ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang
Jrme hinter einem Busch heraus und schrie: Hure. Etwas bla, unsichtbar
durchglht trat sie zgernd ein wenig zurck. Als sie ihn aber ansah, lie
er die Hnde sinken, schlug sie um den Nacken und lief brllend davon. Der
Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf.
Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem
zehnkerzigen Halter. Die Frcke im Saal glitten durch einen dnnen
silberblulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getrnke schon zum
Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse
Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte
zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklrlichem
Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als
sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie ffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann
hielt sie. Was? Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. Hast
du mich nicht wahnsinnig gemacht? Sie schttelte den Kopf. Sie hatte ihn
kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht
ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: Hure . . . Sie zuckte kaum
merkbar die Schultern. Sie hrte es zum zweitenmal heute. Allein es drang
auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefhl bewegte. Vorbei schon. Ein
Opfer, lchelte ein bergroer lssig gebeugter Herr im Monokel. Schon
suchten an seinem Mund vorber gleichmtig ihre Augen nach Neuem. Ein
olivenfarbener Jngling, der wie ein Mdchen tanzte, legte den Arm um sie.
Lchelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der
Fe wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das
zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als
zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten
hrte sie deutlich eine Frau weinen. Das fate sie wie mit Schrauben, sie
glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als strme mit dem Weinen in dem Busch,
ihr Leben weg, brche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren
Hnden. Sie sah, wie sie Stck auf Stck verloren hatte, unter dem
Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren.
Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorber und rckte ins Dunkel.
Zerfetzte Trmmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut
. . . es knallte um sie zusammen.

Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je
lnger die Trnen ber ihr Gesicht strmten, fhlte sie, wie in ihr die
Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fhlte sich elend wie nie,
aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Sigkeit mit der
anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, da die Stimme
versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berhre. Sie stand
in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie
unwirklich und ihrem Wesen ungehrig sich ab und stieen ins Wesenlose. Aus
der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefhl von einer ergreifenden
Harmonie in die Hhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie
pltzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an
die sie nie gedacht, da ihr Schmerz sie erhob und verband, und da, wie
sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Hnden, in ihr
lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts bertraf. Sie sah die Welt
pltzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr
bumte. Ein Glcksgefhl berflo sie. Demtig grte sie den Fall der
Jete, die Neigung der Berge, das trumerische Schleifen der Schwne.
Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drckte
sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe
die Achse alles, was Hlfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und
ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der
vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurck von der glatten
Flche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein.

Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.

                                * * *

Sie lie ihre Sachen verteilen. Jrme sandte sie einen Ring. Ay . . . ay
. . . rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber kten ihre Hnde und
Fe. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden
Hnden. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die
Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem
Kleid, da ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die
Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen,
durchfhlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stck, das sie
verlie, schenkte sie sich zurck. Und die Wollust des Hingebens verband
sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fhlte, wie unter dem
Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strmte.

Eine kleine Summe fllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besa einen Koffer
noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte
Marguerite, die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt
abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war,
errtete, lie sich langsam zwingen, kte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen
ging sie auf die Strae, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie
nicht, zu wissen, wer es besa, denn jede Tat der Entuerung entlastete
sie zu Glck. Sie beschftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser
Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Mbel, Schmuck versteigert.
Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fhlte sie alles entgleiten. Dem
prchtigen Krper eines verlotterten Mdchens, dessen Anmut sie rhrte,
schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen pltzlich am Badestrand abends.
Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu
der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurck. Sie
zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb
eine Minute in einem merkwrdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es
dem Kind fr sich selbst. Kte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog
die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besa noch zwei Ringe. Einen warf
sie den Schwnen zu, vom Gelnder, abends.




Der vierte Abschnitt


Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei
Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel
die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brllte sie von
oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind
ber den Kopf, legte es der Frau an die Brust. Verzeihen Sie, sagte sie,
schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, da der Mann,
verstummt, sie grte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, da vor
der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken
Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels
am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging
durch die Straen, frh, mittags, die Nacht. Beim Lwen von Belfort sah sie
Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bumen turnen. Kokotten pfiffen ihr
nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie
breche marodierend in ihr Mnnerquartier. Abends in der Olympia Bar
fletschten vierzig Mulattinnen die Zhne um sie, im Saale der roten
Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die
Rudel schnbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut
und der Tierbewegung der Hften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials
rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit
zerrissenen Schuhen, Russen, alte Bcke, aufgegeilt hinter Midinettes her,
neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrmpfen auf.
Sie sa drei Nchte, khlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschlo
er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthon
erscho sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen
gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tr
hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard,
Champollion, zhlte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tr, die Fenster,
Mondaufgnge.

Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trb Quai de Valmy. Kehrte
zurck, als die Seine sie drckte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue
Bonaparte, Bume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die
berschwemmung. Rue des Bernardins verlie sie das Hotel im Kahn, half
Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lchelte sich frei. Ging auf
die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab
sich hin fr berschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes,
ging wieder. Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum
Mtro, damit ich die Kaserne erreiche, flehte in der Rue Pigalle ein
Piou-Piou. Sie gab ein Fnfzig-Centimes Stck. Er lachte sie aus, suchte
sie zu umarmen. Kommen Sie, es ist warm darin, sagte ein groer Mann,
glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Caf Cluny, las die Zeitung,
ignorierte sie, zahlte fr beide, ging mit einem Gru. Erstaunt suchte sie
ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenber Ecole
Polytechnique, wo nach Regen Abenddcher mit weien ovalen Schilden
blitzten, dumpf Seinehrner tuteten, sah die Zglinge der hchsten
Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Sa Closerie
des Lilas, hrte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann
einer Frau durch den Schdel, nahe den Hallen, warf sich heulend ber sie.
Sie belauschte das Gesprch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedrrte, die gleich
Hynen gegeneinander strzten und von der Berhrung des Fingers schon
umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfhig aufzustehen,
nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne
Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Rderbrett, dem
jungen Louis, sie warfen ihr Schlpfriges nach. Sie a mit der
Papageienverkuferin, studierenden Negern, sterreichischen Spitzeln,
Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zglingen der
Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen.

Sie ging zum Lwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bumen
turnten. Wie elend zum Kotzen dies Leben, sagte ein gesunder Mann, der
Postkarten verkaufte, mit weien Zhnen lachte. Da brach eine fremde Frau
in Trnen aus. Haben Sie Hunger? frug Daisy mit einem Blick auf den
Ellenbogen der Frau; die aber stie ihr durch das Kreisloch den spitzen
Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drckte sich hinaus. Sie wohnte Porte
Maillot, wo Mtros aus der Erde stieen, Menschenmassen aufquollen, Korsos
zum Bois wallfahrten, selige Benzingerche in Parkwipfeln schumten, lange
Frauenketten in Wagen unhrbar, mit Pelzen und sen Pferden zu Wiesen
zogen. Sie wohnte Impasse Brthier, Rue de la Rochefoucauld mit der
Grabesruhe und Sacr Coeur blitzend darber mit weien Trmen,
Rosenkrnzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten
Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein.
Sie wohnte Quartier Ternes, fleiige kleine Brger arbeiteten in offenen
Fenstern. Stand Champs Elyses vor Luxushotels, sah Autos anfahren,
gepflegte Frauen, helle Glacs, Skunks, weie wundervolle Fchse. Sah an
sich herunter. Sah gespannter lang hinber. Wohnte Rue Delambre, zweiter
Hof, dritte Baracke, Numro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du
Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerchen.
Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nchte nirgends. Wohnte St. Germain des
Prs, sah um sich Pfauenrder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen ber dem
rtlichen sen Straengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu
Musik, sah sich um, prfte, wer gerufen, ging zurck. Am zweiten Tage hier
folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert.

Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite
Keller, schrieen: Sortez-le!! Peschrsche, Affenschwnze, Bauchzimbel,
Irrgebrunste, Saligots!! Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte
Kalkwand, wei im Gesicht, beugte sich im Ges. Rotz-Lumpen, er
verschwand. Ein ungarisches Violinstck kam aus der Ecke. Sie ging ber den
Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, sa nieder der Bhne
gegenber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmdchen besah im Spiegel
die Zungenwurzel genau und angespannt, schttelte den Kopf lachend gegen
den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: Schlaf mit mir, se
Freundin. Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich
in den Dampf.

Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesten Tischen, den Blick fest nach
vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Fa zog ber ihre
schamlosen Beine einen Keuschheitsgrtel, stampfte im Tanz, grimassierte
den Bauch, zwischen gelben Zhnen: Elle avait un petit cadnaz . . . Auf
der Btte in dem Winkel gegenber schwang die Kitschfanfare eines
militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu:
Allons Camerades, strmten, warfen die Btte um, schwangen einen Kreis um
die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie sa in der ersten
Reihe. Auf der Rampe ber ihr stand ein Mdchen, und die ungewhnliche
Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lrm. Daisys
Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes,
der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie sa nun
ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles
ein schwarzes Mdchen ohnmchtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter
Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: Ich, trat hinter das
aufgespannte Leinentuch, fand dort Rene, die den Stoff ihres Kleides
prfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie kte, neben dem
Confrencier Philippe.

Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in
Schatten verzogen auf der Flche tanzte und es nicht unterlie, in heftigen
Perfidien dem Prsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten.

Sie gingen eingehngt zum Boulevard St. Michel, berquerten den Platz,
hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stieen auf d'Harcourt,
passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontne, gingen in
die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt.
Studenten schwenkten die Biretts, drckten aus ihren Mimis se Schreie.
Einer lschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen
durchs Croissant, grten mit Zuruf Jaurs, stoben im Hinterzimmer ber das
Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Ha der
Tische hinaus. Zurck zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten
schrien den Mimis Preise zu. Im Panthon fiel ein Mann klatschend auf einen
rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreiig bis sechzig Franken
stieen verchtliche Parfmwolken aus gegen die Mimis, die frech und
ngstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte
die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwr.
Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saen um einen
Tisch, klatschten in die Hnde, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann
monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu
entziehen, denn am Ausgang stie sie neben der Kranken auf Philippe. Sein
Gesicht, wie er, unermdlich, helfend, gekniet, beschftigt war, hielt sie
fest. Sie beugte sich vor, ging berflssig zurck. Rene tanzte schon auf
dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dnen blendeten in einem Kreis
um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schnen Beine. Man ging Rue des
Ecoles, Notre Dame, eine Brcke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des
Etrangers, whlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der
Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefat beim Gebckdiebstahl. Die Spionin,
die im Gewhl der aus allen schlieenden Cafs sich hier um warme Hrnchen
massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom
Pult brllte der fette Chef mit aufgeschlagenen rmeln: Steck ihr
Pferdpfel ins Maul. Kanalsau. Man ri einige mit aus dem Haufen,
wechselte ein blombiertes Fnffrancsstck, warf ein Pihaus um, rollte es
ber die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an.
Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, ri
Rene aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmnteln, knallte die Tr
hinter sich zu, riegelte ab.

Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und
Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett fr
sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum
zweiten Stock in Renes Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber,
eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Mnnern mit
Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: Alte Sau . . .
Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel
strzte, eine Tr knallte, es scho. Aus den Gngen quollen Weiber. Mnner
in Pyjamas fluchten, drckten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte
alles, pltzlich lief man. An Daisys Krper griff eine Hand.

Sie flog an einen schlanken Krper, der sie rasend kte. Erstarrt hielt
sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, pltzlich
schrie sie. In Renes Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem
blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le
Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob ber die Seligkeit
des Franzosen und sie an eine Wonne hochstie, gegen die nichts im spteren
auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr
Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurckgab, aber er kte
ihr Bauch und Bein, durchwhlte sie, ward blitzscharf am Rande des Krpers,
aber im Gesicht milder, als er sie verlie. Dies blieb in ihrem Schlaf, so
da sie aus dem Traum mit dem Engel glcklicher und befreiter erwachte als
je aus einer Mnnernacht. Sie stellte die Schssel auf die Kiste, wusch
sich, schttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das
Gekeif in das kurz geffnete Fenster hineinstie. Sie schlo auf zu Rene,
sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schwei des Kampfes. Sie wartete
still, geduldig. Hundert Sous im Nebenzimmer. Die Tr klappte. Sie trat
hinein zu Rene, die sich mde im Rcken nach der Schssel bckte. Nein,
sagte Daisy mit unbegreiflichem Lcheln, la mich, und sie hob die
Schssel auf ihre Knie und wusch Rene das Gesicht und die Brust.
Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die
Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel.

Sie hatte nur noch eine.

                                * * *

Fr Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie
allabendlich im Schattenspiel Philippes Stze. Ward seine Angestellte,
Vertraute, Sekretrin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen
durchgehend, Zurufe Besoffener, whrend sie sprach und ihre Stimme einen
Schmelz annahm, der sie nie beflgelt. Sie schrieb unter der Petrollampe
seine Briefe, sein Diktat. Sie schlo, war er weg, die Dachluke, rumte
sein Zimmer, besorgte seine armselige Wsche. Wurde ihr Auge verzerrt von
Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergtzen,
die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus,
was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Strae
sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus
aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die
Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab,
bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als
sie lchelte. Bald konnte sie nur tun fr ihn, was er nicht merkte.

Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam
sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das
Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie
wieder. Er schlief noch. Sie prete das Kinn wider die Brust, weckte ihn,
gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.

Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren lieen, durch
Rosahte, Militrmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch
von Fischen, Kartoffeln, slichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand
sie. Eine Schwester mit spttisch grnem Blick versagte den Eintritt,
Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, ffnete die Tr. Als
sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wlzte sich lautlos auf
dem Rcken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen,
schrien, mit Armen die Kissen zerreiend, nach dem Mann: Rei die Mempel
aus! Schlammbeier, Creusot! Sie rlpsten, ihre Kpfe waren verbunden und
geschwollen, Eiferschtige sich whnend, schmissen die im letzten Stadium
Irren ber sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins
Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht
zurckdrngte. Aber als er der einen sich nherte und das Gesicht
herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rcken, zog das Hemd auf
und stlpte den zerfressenen Scho ihm entgegen. Er wollte etwas sagen,
doch die Schwester ri ihn zurck, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine
dnne Stimme: Zu mir? Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein glserner
Blick wieder zum Plafond zurck. Die Frau vom Boden stie sie zur Seite,
lief bis an die Tr, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen,
umfate mit den Fingern die Klinke, die er berhrt. Links war die Krankheit
schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts sa ein Kind und lchelte,
vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fnf Minuten bei
Madeleine, gab ihr pfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die
Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht,
und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor
innerer Inanspruchnahme, begann, ohne da sie sprach, es immer stiller zu
werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stie, zerbrach.
Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um
den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen,
zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester.
Madeleine sah auf das Grn im Garten, zurck zu Daisy, lie ihre Hand nicht
bis zur Tre. Zu mir? frug die glserne Stimme, wandte das zarte Profil
sich hinauf. In die geklemmte Tr noch zwngte Madeleine den Hals, sah
Daisy nach, bis sie verschwand.

Dies ist ein Zuchthaus.

Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel, sagte Philippe.

Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschttet, an dem glnzenden Lack der
Kinderhte und dem weien Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten
lie auf der Luxembourgterrasse, als streichle er emprt ihre Zartheit.

Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Caf Guijas ihres
Hotels. Sie blieben mit einem Teil, whrend die meisten Studenten und Mimis
durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen a mit Kameraden
um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly
herber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs
Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Rcke nach
rckwrts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich
schon wieder ab, lachend ber die Kuriositt der Hermaphrodite, als diese,
auer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmi. Kellner und Wirt, bleich
vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer
fate sie wie ein Schwein, tat den grten Schimpf, warf sie aus der Tr.
Sie wehrte sich, weinte, bi, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem
Arm. Gut zum Schlafen, wre sie nicht . . . sagte Jeannot achselzuckend
zum Ringkampf, dem er lssig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den
Scheiben in die Gosse, das Gesicht im absplenden Regenstrom, wimmernd: On
m'a sortie. Fiaker? frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, grhlte in sich
hinein, hieb die Gule um die Ecke. Hilf, sagte Daisy leis, als sie
rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann
hinaus, trstete sie, nahm sie am Arm, fhrte sie zurck vorbei an Jeannot,
der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante
ins rote Genick schlug, da der in die Knie scho und ber ihn kindlich
herberlchelte.

Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei
Mnner, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie
machte mit Freundlichkeit Platz, hate ihn nachts, morgens schlich sie in
sein Zimmer, alles aus ihr strzte in sein Wesen zurck.

Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken
war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie
Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner
tglichen Existenz. Sie wies Rene aus dem Zimmer, die mit den Waden nach
einem Literaten kokettierte, die Stunde strte, wo er sich gab. Sie stand
an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten.
Ihre Seele schwang mit, glhte fromm mit seiner, pries er das Unglck, das
tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schner mache. Sie bewunderte ihn, wie
er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem
Gesicht nie die weiche Erflltheit nahm.

Sie strebte, ihm zu gleichen.

Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich,
kasteite sich, bertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte,
was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor
Freude in den Mund steckte, darauf bi und ihn fast verschlang. Sie
begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des
Gefngnisses, verga nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam ber die
Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabstrmte, zu weinen.

Doch die unbewegliche Gte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht
zurck und sie verga die Auflehnung und den Druck, mhte sich stark zu
sein, ihn zu bertreffen.

Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, krzte den Schlaf,
brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm,
wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der ffentlich ihm
fehlte, da er Elend lobte.

Sie sah ihn, Vorbild, gerhrt ins Letzte, den Vorschu des Caf-Konzert an
ein Kleid Renes geben, Essen fr Guigui. Er speiste auf einer Bank im
Monceau, damit sie nicht sah, da er trockenes Brot a. Sein Bett lieh er
aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concirge, obwohl
er wute, da sie seine Manschettenknpfe stahl. Lchelte, als das Sopha
unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig
wegen des Ringes als Diebin abgefhrt ward. Sie sah mit einem schaudernden
Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat
und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber
unrhrbar blieb in seiner Weise.

Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran ber jeden Begriff, wuchs an
jedem hhnischen Lcheln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie
sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah,
wie er sich qulte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinres und
Geistloses aus den Tageskmpfen zog, Unterleib und Hirn des Pbels zu
reizen, um so die armseligen Sous fr sein Leben zu gewinnen, die er doch
wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt
am ungnstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Strke, die ihn
berwindend fhrte, doch ungeheuerlich im Groen, da sie ber alles hinweg
sich diesem hingab, restloser bemht, zu sein wie er, bel zu vergessen,
Trost zu geben, ihm Sttze zu sein. Sie berwand sogar, was schwerer schien
wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie berwand ihren Krper. Holte
Leder und Federn, bte die Tnze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen
hinrissen, um seine schwache Nummer zu sttzen und gab ihren Leib den
geilsten Blicken.

Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glck.

Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgrnde nicht mit
ihren Hnden zusammenschweien, die aus der Not verfluchter Zeit und dem
Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr
gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte
Befriedigung kam.

Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick,
schlo sich ihm demtig an. Sie kamen ins Caf, als Ly von einem Krampf
ergriffen auf dem Rcken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und,
indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, da sie beruhigt
aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Rene verkaufte sich einem
blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach
Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium
ins Gedrm gab, eh er mit ihr schlief . . . May? Die Krankheit.
Riette? Die Krankheit.

St. Denis.

Das Wort schlug wie ein Hammer sekndlich in ihre Seele. Verheerte,
verwstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte.
Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nhe sanfter und demtig, ein
jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn
der Welt. Bald sah sie nur noch so, da sie Kontraste ma, Distanzen
sprte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglcklich machte,
nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend
blieb an der Hartnckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glck
hintertrieb.

Samstag verschwand Rene, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine
kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen
Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit
bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmchtig zurck, wie vom
Blitz zerschmettert von dem einstrzenden Gefhl der Unzulnglichkeit ihres
seitherigen Lebens.

Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnschtig auf
sie gerichtet, wie sie, das Licht ber dem nackten Arm, hereintrat. Sie
ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es
fiel ihr schwer zu sagen: Wre es nicht schner, Philippe, du httest Ly
geholfen, statt mit ihr zu gehen?

Er schwieg.

Dann sagte er: Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glck ist.
Aber ich suchte zu helfen, als sie litt. Es gab fr ihn keinen anderen
Weg.

Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge
die Auflehnung hinweg.

Aber sie sah, wie das Caf mit neuen Mimis sich fllte, wie die wieder
verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue
Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wtete. St. Denis sich fllte,
gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des
Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit
Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Krper
durchwtete . . . . wie Verlebtes herausscho, Angenagtes hineinkam, wie
die Maschine kaute, fra, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel,
nichts umstlpte, was gemeinhin half. Gott nicht untersttzte. Was blieb
als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, ri an der
Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr
Lcheln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht.
Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik,
Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fhlte, da er es brach wie
Brot, zu heben, finden zu lernen, Strke in Ruinen zu bauen.

Ihr Hirn jedoch bumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen
des Daseins strmte, da er dem Ende der Tragdie sich nur hingab, in schon
Zerschlagenem erst das Menschliche zchtete, statt an der Quelle gro und
sicher die alten Schleuen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Ha
empfand sie seine groe Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im
Zerbrochenen gleich das Geluterte sah, aber keinen Sinn hatte fr Anfang
und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete
in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken,
whrend er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwre seien nicht, flge ein
Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dnnes
Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie s aus jeder hilfreichen
Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen
zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es
Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte
bei jedem Zusammensto mit dem Elend ihres Cafs, ihres Hotels, ihres
Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert
zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und lie
sie in Gedanken sndigen stndlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung
des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestrzt aus dem
Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste
deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte
und trstete.

Und mit der Berhrung des Primraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit
des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur
die eine Losung: Hilfe dem Menschen, und aus Dreck und Kot und Unzucht
kamen die bersicht und die Entscheidung in ihr Leben.

Noch hielt sie seine Gte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch
rhrte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, da sie
nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an
ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garon bringen lie, einen Zucker
noch, den er liebte, hinzufgte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der
Treppe stand. Sie mhte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris,
Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostm heller zu verzieren und
ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch
lie, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie
schwieg, whrend ihr Innerstes sich elementar schon emprte, rckte nher
an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in
seinem eingeschlafenen Gesicht.

Am Abend der Neuauffhrung glhte der Kellereingang phantastisch. Die
Sthle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostm halbnackt. Da arretierte
ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel
fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der
Sergeant ri sie schleifend die Treppe hinauf.

Da berstieg der Zorn ber das, was er am Guten verfehlte, an falschen
Pltzen vergeudete und verprate und nicht aufhob fr das Donnernde, das
seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen
Augenblick lang, das an ihm hing. Gerteten Gesichts unter der Schminke bat
sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst
zerstren und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand
leicht ab und einem Ausdruck um den schngeschlossenen Mund, da ihre Hand,
Verzeihung erbittend, die seine strich.

Aber sie verlor nicht das Gefhl, wie sehr die Unzulnglichkeit seines
Lebens das ihre bedrnge und da sie sich zerstre und fessele, lebte sie
weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten
Male die Ungengendheit der Menschen, in denen die Fhrer taub und falsch
gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glhte.

Sie tanzte mit einem Lcheln, das sein Gesicht nicht auslie, steigerte
sich zu den schamlosesten Gebrden, hob Bauch und Schenkel, da nichts ihr
blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich
schnen gebogenen Krpers. Whrend ihre Fe in Unzucht gingen, lobte ihr
Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lcheln.

Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehuften
Teller vor ihn, strich ber seine Hand. Ging.

In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verlie es.

Sie lebte vor Cafs, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam
Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glhender
Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb drauen.
Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zhne aufeinander. Ohnmchtig Knie an Knie.
Immer wars, es strze wie ber Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von
ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurck. Der Papagei der
Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie
kraute seit Wochen in schner Zrtlichkeit, rieb den grnen Kopf an ihrer
Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die
Stange vor der Station, ein Latschmtzer sauste ab, hielt sich, strzte
eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus
kreisrundem Mund Adolphe. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach,
blieb an der Ecke, hhnte: un plomb, der Schaffner warf das Bleistck
wtend auf die Erde, ging mit roten Fusten auf die Apachen, die die
Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn ber einen Zaun
schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen
mit der Frau ab, die Mnner sagten merde, schlenderten weiter. Die Vgel
sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke
heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um
den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine
Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mdchens deutlicher,
stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die
kristallene Abendwlbung kam, hing eine rote Windfahne ber dem Schlo, ein
Mandelbaum, der fast wei ward vor Hingabe, roch wie im Traum.

Frierend fuhr sie zurck.

Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Chteau
d'eau schlief sie bei der Concirge, spielte abends in Porte St. Martin.
Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de
Vincennes. In einer Grtnerei Neuillys go sie Blumen, htete ein Kind, bis
es schrie und lief unter dem Schreien pltzlich davon. Stand fest vor der
Porte Maillot mit Intransigeant, La Presse, empfing das Trinkgeld der
Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile,
spielte Karten mit den Zollwchtern der Barrikade. War eine Negerin im
Odeon, entblte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild
zwischen den zrtlichen Hften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place
des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der
juristischen Fakultt, umbrllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte Les
Trois Couleurs, mit denen der Matin den
Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des Journal bekmpfte. Wohnte Rue
St. Jaques, die barock vom Panthon steil und dmmerig zum Boulevard de
Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhllte ihr Gesicht.
Fiel zurck in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszge ber den
starren Friedhof brausen, drckte Blriots schwielige Faust. Stie im
Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr
vorbei auf einen zottigen Rumnen sich lanzierte. Sah die blauen Monde
elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwrmerisch
durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in
ein Musikcaf, eine Geige ri ihr ins Herz, lste sie wundervoll auf und
zog aus dem Verschtteten mit dem schon ber das Menschliche hinausgehenden
Hinreienden ihrer Stimme sie in die Hhe. Sie ging hinaus, begann zu
weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. Kommen Sie,
sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Trnen sah sie den Mann, der im Caf
Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos
nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen
Stimme, wre sie gefolgt, wre sie rauher noch und befehlender gewesen wie
diese. Verscholl.

                                * * *

Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend,
schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rckwrts, drckte, schob einen
Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien,
ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gule,
eine Hand ri ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zhlten
die cker, sieben Bche, sie lauschte. Gerusche. Alarm. Wasserzge
leuchteten Metall. Mond ber einem lbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt
ein Stck mit ihr im Flu. Der Kstenstrich war alarmiert, er ritt zurck.
Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gule stoben
durch Gestein zurck auf einen Hgel. Vor dem Himmel gebrochen hingen
Bergzge in die Weinacht, darber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu
trieben sie in Wlder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie
schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte
die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er
sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfllte sie mit Nebel, warf
sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. Vier Jahre,
sagte er, seine Hnde zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab,
schlief ein. Anderen Tages mute sie reiten. Sie ritt.

Sie ritt mit ihm, der unter hollndischem Lampenhut das Kostm des
nrdlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in
Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spnen sausten, die Fuste in
den Augen, in die blonden Felder. lbume zitterten erregt unten in Ebenen.
Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Hnden sah sie die Sehnsucht von
Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich ber den Kopf, der
quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand
die Gewalt, schlug die Zweige zurck, auf Schuhspitzen und Handflchen
schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gule, ritt nach der
Kste zurck. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt
das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, berstrmte sich mit Blut.
Kehrte um, wandte den Rcken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen,
fhrte die Gule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins
Wiesenwachs, lie los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug
sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein.

Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern fr
Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das
Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer fr einen Esel. Er sah auf
ihre Weiberhand, mitraute ihr in dem Jnglingsrock mit abgeschnittenen
Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissr, meckerte, sah Rebbach in
der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des
Vorderkamels. Hften schaukelten prall und wei. Ein Tuch fiel. Eine Auge
grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun
verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer mnnlichen Kleidung, der
tnzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane.
In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin,
sie schlo die Augen. Wieder roch sie seinen Krper, dessen breite Muskeln
sie fast zerbrachen. Demtig nahm sie seinen Zorn, seine Beglckung. Sie
hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Hhe,
das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin.
Wtend schlug der Kattun zurck. Das Weib heulte die Nacht, geschndet in
ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Mnner im Palankin war ein
Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich
in die Tler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter
einer Dne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung fllte ihn mit
Mitrauen so, da er sie mehr beobachtete, als htte sie Fuste in sein
Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem
Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte
hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: Halt. Ging er vor
ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rcken. Fhrte sie, fra sie sein
Blick. Doch je mehr er sich bemhte, um so mehr gab sie sich ihm
schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie
verschwieg.

Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug
er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie
schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Krper warf,
sah sie das Blut. Ich schlug dich nicht, sagte sie. Er schwieg. Da kte
sie seine Hand; Verzeih. Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte
nichts, denn er besa.

Je mehr er besa, um so strker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um
sie schlo und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekrper fielen hinter sie
zurck, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhnge, tranken Alkohol, schrieen die
Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen
schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos
fr den Fu bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer
Ergebung ihn wie mit tausend Widerstnden peinigte, regelte er nach Tempo,
Biegung, er htte versucht, sein Blut ihren Adern einzufhren, das dunkle
Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte
der achatnen Kugeln. Im Morgengewlk entbltterte die Spitze. Ein
schnurgerader Weg in Fels gemeielt blitzte hinauf. Links, rechts sausten
Abgrnde. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stie Stefan vor, kam zurck.
Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstrze, den Stein, blieb
die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Wei des Auges. Die Hnde
hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die
Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: Paris . . . Marseille . . . Kalkutta
. . . Pegu.

Sie lchelte, band den Grtel schrg, torkelte, strich die Sandalen ab und
ging mit einem khlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den
vierfachen Rhythmus, es schlo sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die
im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei
Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern,
sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die
gelbe Binde verschwand, bckte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie
kam nher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf fate sie enger um die Mitte,
schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in
Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fnf Minuten kam sie
bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer
und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das
vergangene Jahr verlie sie nicht. Sie strmte durch das Brausen, die
Flgel des Umschwungs geleiteten sie mhlich, hochmtiger aus dem Herz des
Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mhle mit Schweigen, sie bog in die
uerste Peripherie, stand abgestoen vor dem Tor.

Es war dunkel. Komm, sagte sie.

Sie berschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am
Ende ein Tor. Die Tren sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr
Gesicht berflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor scho auf. Die
Ebene lag vor ihnen. Sie lchelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie
konnte sein Gesicht nicht sehen, spter erst ward der Himmel heller, fiel
wei im Bogen gegen den Grenzflu. Unter dieser Bewegung sprte er, da das
Unwgbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm
nher nun, wo sie sich ber ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz
zusammen. Sie bersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung,
gab ihm die Fhrung, folgte ohne Zgern. Sprach ruhig zu ihm von Wldern
und Flssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie hufte alles
auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu
sehr bedrckte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wnschte, er
tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines
Tags. Sie blieb erschrocken, da fra ihn das, was ihm Komdie schien, ans
Herz, er brauste auf, die Schlfen wlbten sich, die Fuste wuchsen. Sie
aber unterzog sich dem ohne Betonung, demtig, nahm es hin wie vorher. Dies
wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer
gefaten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfrchtigen
Entfernung hielt. In diesem Gefhl fand er sich wieder, wurde stolzer,
sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem
Erleben trennte und zu deren Aufstieg der groe Weg ihn noch trennte. Von
weiem Licht besplt, fast unirdisch in der Ruhe der Fcherabende kreiselte
ihr Flo, dessen Rnder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des
Perlhuhns, seiden in der Berckung der Fltendmmerung. So entglitt sie ihm
immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem
sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als hchstes Vertrauen seiner
Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit
schmerzlicher Glut ihn ganz erfllte. Aus einem Abend stachen
Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzndete sich ein Hafen. Eine
Stadt mit Musik, Cafs, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wlbung.
Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: Du bist
der Wirbel, der mein Leben einfngt, aber er sagte es mit einem
schmerzlich vernderten, zu anderen Entschlssen umgebrochenem Gesicht. Sie
nickte zurck. Aus dem Aufschlag ihres gro bewimperten Auges blieb eine
trumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in
dunklem Samt zurck, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau
mit tierischem Glnzen der Flu. Sie schlo die Augen und es kam nur das
lsende Gefhl mit grenzenloser und gtiger Kraft: Schlaf.

                                * * *

Sie sieht ihren schmalen bronzenen Krper im tiefen Glanz des Spiegels
erscheinen. Sie reit das einzige, was auer der leeren Halskette an ihrem
Leib ist, von ihrem langen Schenkel ber dem Knie das Band, zieht die
Schlieen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fhrt sie ins
Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fhrt im Mnneranzug im Wagen zurck,
mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin,
fllt einen Koffer, fhrt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt
die Glocke des Rockes um ihre Hften, zgert die wundervolle kleine Brust
in der Bluse. Da reitet, it sie als Herr.

Ihr Mund hat einen hinreienden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt
sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwhlt sie den Menschenhaufen.
Er fllt nicht vor ihr zurck, gleitet nicht mehr ab. Sie reit, aus der
Einsamkeit her gesammelt und hoch schon ber jeder Enttuschung, zu sich
jetzt, was sie erwittert. Das Auge glttet, schmeit auf, enthllt, zerlegt
. . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach
auen, von vieler Erfahrung her, demtig berlegen. Als Frau zieht sie den
Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hfte.
Sprt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung,
fhrt ihn, zieht ihn nach, sieht endgltig vor Zielen, Aufgaben ihn
entflammt -- sprt aber, migt sie ihr Blut zu Khle, ihn zurckgeschraubt
im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der
anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes
desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das
ihn aufschwnzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse
sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend,
doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verla), dahinter erst
entdeckt sie den Mann. Ungestrt von weiblicher Schwingung trifft sie die
Nchternheit seiner grauen Stunden, die Lge seiner Frische gegenber
Weiblichem. Teilt seine Barnchte, Drftigkeit seines Spiels, die
Phantasielosigkeit seines Hirns. Auerhalb der Polspannung der Geschlechter
empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen
das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heier im Erkennen,
die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie wei, der Mensch versagt,
und Enttuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken.
Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Strae. Sie mischt sich, wo
Meinungen kreuzen, Krfte aufeinanderstoen. In Nankingkleidern treibt sie
sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen
als berlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um
die Fischeransiedlungen, hrt, ffnet ihr Ohr weiter, strker, erreicht die
Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurck zu den Baggern,
Transportern, aufgeregter Meute in groer krperlicher Bewegtheit
Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in
Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind,
schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm
das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt
sich unter die Weiber, trgt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous.
Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch
nchternen Schwungs stt zurck. Doch sie lt sich nicht schrecken. Die
Menschen versagen. Aber sie hlt nicht. Will. Mu.

Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, sprt, wittert,
die Pupille sinkt. Schon mit sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine
Befhigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch
den untrglichen Instinkt, der sie vorwrts fhrt. Sie sieht einen
Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, subern. Sie
schliet sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall,
spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille
sinkt. Im Klub mit Abenteurern sprt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht
sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die
wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur
Aufflammen ungezgelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es
Schwchlinge, Schwrmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten.
Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht fr sich,
denkt nicht fr sich, wird unermdlicher, glubiger. Leid, das sie aus
jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an.
Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des
Daseins, sie mit, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, da sie eine
Frau ist. Lchelt ber die Hilflosigkeit des Geschlechts, beit den Mund
fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Anstze zu Plnen. In der
Drre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu grerem farbigstem
Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantne.
Wohnt ein Stck im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit
Bastkrben von Stein zu Stein springen. Boote vorberfahren. Dampfer
rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder
der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schrferen Glanz,
mildere Schnheit ins Auge, reift mit Brust und Hfte in eine schlanke
Rundung. Prft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mchtig zum
Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitns
schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzckt
erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut.
Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblfft. Der Blick wird
grau, das Dreieck spannt sich ber die Stirn. Die Pupille erweitert sich,
erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines
Dichters die Brderlichkeit. Am Meer ist seine Seele lpsch wie ein
Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem
Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus,
wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen,
franzsischen Frauen. Folgt zwei singenden Vgeln. Die Heide schlgt sich
um sie auf im Abend. In der strzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein
Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reien zwei Lichtkegel zwei Figuren
aus der Dmmerung.

Ein Schu pitscht. Sie weicht zurck, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt
vor dem, welcher schieen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand,
schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebrde auf
den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reit den Mann mit sich in den
Wagen. Sie hrt ihn sagen: Ich habe andere Aufgaben fr dich.

Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen
Facetten, glhen vor Licht.

Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie khl auf. Sie sieht
nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti.
Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden auer
seinem die Gesichter mitrauisch. Ihres glht. Mit schief im schwarzen Bart
gestrecktem Mund fragt Raffaeli: Was geben Sie? Mich! Gordon umreit
mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt
sich skeptisch in den Flgeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage
kalt. Da lchelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller
grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehuften seither nahm und
lebte, sperrt auf die gesamten Depots.

                                * * *

Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die
ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer,
da er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem
Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Khle war unbeschreiblich ber
dem barbarischen Feuer, das gebndigt darunter tobte. Selbst Raffaelis
fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmebare Aktivitt
folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die
fassungslose Nacht entlie, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in
Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne
Brcke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es
keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die
Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor
Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos
bloer Tradition den Feind, das Erwrgende, sprach gelassen gegen die
Schwerkraft, gegen die Anziehung der Krfte. Stemmt gegen die drehende Erde
sich mit der Khle des berlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam
nachts, da aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle berstrmte,
er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschumte, neue
Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der
Flutung diktieren knnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen,
die Drhte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der
Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt,
verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr
auf dem Verdeck, lie sie das Spiel seiner Muskeln spren, Feuer und Lust
seiner Kraft, in diesem Kampf zu fhren. Doch Di Conti gewann ohne Kampf,
besa mit Nichts. An ihm fand sie die Lsung. Er drahtete vom Schiff,
diktierte, erklrte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lchelte
beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajte, ging
geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief
wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das
eigene Vaterland lie Di Conti khl, es lag an der Peripherie, entwickelte
sich im Lauf des Zentralproblems, fiel spter unter Raffaelis
Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um
von dort das Blut in den Krper des Erdteils zu treiben. Fr die asiatische
Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf,
lauschte auf Berichte der Vertrauensmnner, verglich, ma die Stadien der
Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab
Ordres, zgerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst
gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militr. Rettete
darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Ri trug, im Persnlichen so
schwach zu sein, da seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine
verleugnen, in jede Tollheit sich werfen lie. Hatte die Organisation es
aufzuschlen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten
rotierende Gesinnung zu strzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu
nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht
endete hier. Sein Paradies war willkrlich, geschaffen, diktiert, es
kmmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Khnheit zum weiteren
Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgltig einzusetzen.
Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung,
die tausendfaches Gefhl ihm geformt, sprach, war bestimmender als
Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht
befreien konnten, da ihre trichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht
zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit
prziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von
Grungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy
erscho ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepretem Herzen,
zitternd, sahen sie das Land. Es ginge nicht ohne Sie, verbeugte sich
durch die Dmmerung Raffaeli mit Schtzung und Verachtung zugleich auf das
Geld, mit dem er arbeiten mute. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di
Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. Gott selbst
knnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub
aus. Eine furchtbare Gonorrhe. Er hatte den Kopf zurckgeworfen, sein
Mund war bla geworden vor Zusammengedrngtem. Die Nacht sprach er mit ihr
zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfllt von dieser Stunde, da ihr
Leben sich verankerte in ihr. Nie verlie sie das, nahm Besitz von Blut und
Krften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit
hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind
strauchelte und stie Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Percke
ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der
Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.

                                * * *

Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hnde ber den Augen, Raffaeli
an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue
Guijas. Drckte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen
standen am Schieapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen fr einen
Sou die Freimarke zum Caf fr vier. Sie gelangte ans Bfett, ein Mann
stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen lie eine Tasse
in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebck, erhaschte sie mit einem
Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Rte an den Schlfen. Sah
fest nach dem Eingang. Whrend Mdchen an den Wnden hingen, sangen,
plrrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frhe eine
Unterschicht herein, breitete sich aus, fllte heftiger, ein Zittern
durchlief die Krper der Gruppen. Sie drngte weiter. Auf der Erde wieder
wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stie sie zur Seite, brach sich
zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen,
gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas,
fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen
Zettel. Sie hrte Worte, helle, gedmpfte, zischten vorbei, schlugen
vorber. Eine Gruppe lste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen
zusammen, sah in die Hhe. Stie ein Weib an, versehens, neigte rasch den
Kopf, beglckte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schlo sie
fest, ffnete gro und sah dasselbe in dem Gesicht eines groen Mannes. Sie
durchdrckte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis
saen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die
Kette heraufschwang, ihr Gefhl fate, der Rachen aufbrach, schlang, wtete
in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorber.
Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hnde berhrten
Hften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der
Mund war noch schn: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, fate es
nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn fate das Gefhl nicht, sie
heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wute nur dies und dies und die,
nichts Eindeutiges, bckte sich: Gib mir zehn Sous. Sie gab. In der
Bewegung der Hand erfllte sie das Geben ganz zu Glck. Trat aus ihr
hinaus, sie fhlte, da in diesen Tag ihr Leben Flle und Bedeutung
erhielt. Zwei Mnner hielten sie an, einer kte ihre Hand. Sie hrte,
whrend er sprach, Lys Stimme dahinter: Combien . . .? Trapez mit dir --
Sau von Geiz . . . Bleich vor Angst ein Preue vor ihr, sie steigerte ihn
ber die Taxe. Sie lste sich, schon war sie darber. Nichts drckte sie
mehr. Glhend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge
in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf
sie zeigte. Durch Gedrnge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest.
Das Gefhl flo, sie wute, es wrde sie immer verbinden bis in den Tod.
Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg,
keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. Ruiniert. Sein Auge war
voll Geist, stolz. ber den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das
Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurck wie tot. Sein Blick tastete
atemlos nach ihr, miverstand die Pause, die sie ihm gnnte, bog eine Frage
aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther
fllte es sich mit einem Ma reifer und bermtiger Freude. Bleich sah er
die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurcklie, ging mit dem
Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehrig,
hoffnungslos. Sie aber, entzndet weit und hoch ber ihm und seinem
Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Mnnern, deren Leiber alles
abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Sthlen.
Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rcken an die Wand.

Da begann ein Wirbel von der Tr her durch die Menge durchzufluten. Der
Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette
schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die
Wand geschttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glhte ihr
Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei
drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im
Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal
grten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter
denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Hhe getrieben,
entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn
nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfllte, gab ihrem Hochmut
Duldung fr ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah
ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich
lchelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon lste sich ihr Auge
hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer
Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstr kamen Kommandos. Sie reckte
sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte.
Meerhaft wogte die Gruppe. Noch hher, unbedingter wuchs sie in die
Richtung. Husernamen kamen herber, scharf die Straenreihen. Arme hoben
sich. Die Masse zuckte auf, ri, ein Gang wlbte sich. Langsam trat ein
hlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.

In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite.
Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie
erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwlf. Quetschte sich durch die
Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das
Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rtete. Sie ging
durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renes
Bett. Die Schwester beugte sich darber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im
Krampf zerrissen, in der Mitte eine Hhle, aus der pilzig Fleisch wucherte.
Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die
Schwester suchte Rene zu wecken. Unmglich seit Tagen. Sie atmete, stank,
sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren.
Wie sie sich bckte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem,
unvergleichlich und bezaubernd in der Schnheit der Beine, Rene die
Hfttnze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer,
mit dem Mund zum Ohr: Es wird gut sein, Geduld. Malte, schilderte,
versprach, hrte nicht auf mit der Trstung. Aber Rene hrte nichts,
sperrte rchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach
weiter, sah verzerrt pltzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An
der Tr hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mdchens traf
sie ein verzweifelter Ausdruck: Zu mir? Zwei Augen kehrten starr
enttuscht, zur Decke zurck. Es traf, verwundete Daisy nicht.

Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lcken glitzerte
gewitterig die Sonne. Sie sprte das Stck Schuld, das, neben der Welt, sie
an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages lste es Freude
in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann
das Glck. Freude ging ber ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten
eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen
gestrzt, europische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von
Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie
er sie besa und erhob. Eilte, fing alles Unglck ein, nahm es mit,
verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzckung. Keine schne
Taube wrde sinnlos zerstrt, kein Scho zertrmmert, kein Wahnsinn
herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kmpfte sich weiter auf den Boulevard,
traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straen hingen voll
Gedrnge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hrte
Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen
in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand.
Meuterei in der Dauphine. Sie bckte sich, legte die Stirn auf das
Hebelrad, nickte, kte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration.

Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingnge der
Seitenstraen. Die Seitenstraen standen gepfropft mit Menschen. Der
Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate
riefen das Volk auf. Eine dnne Kette Polizei stand zwischen der wogenden
Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse
los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den
Fhrern mit Schrpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum
Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire,
eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Hute gerissen, die Gendarmerie
berschritten. Alle Seitenstraen mit hermetischem Druck in den Boulevard
hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte
etwas, immer hher. Es scho los.

Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straenbahnwagen, hunderte,
hintereinander, best. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen
in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich
band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die
Kokotten der Hallen, Apachen mit Tchern, Araber, Studenten des Quartiers
gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf
die Huser. Die Strae vor dem Zug war ausgestorben, glhte. Vor dem Zug
schlossen sich die Fenster, Lden der Verkaufshuser rasten herunter. Die
Kolonnen drngten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue
Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe
von einem Baum schrie: Es lebe die Freiheit. Eine Lawine kam vom
Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrngtheit, lste sich
ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing
wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brllten sich zu: dein Kopf, deine
Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, da sie sie nicht rhrten.
Eine Wolke Schwei brach aus. Zwei groe Fahnen flaggten ber sieben Etagen
herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief ber den
leeren Raum die Strae herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bumte.
Die Huser zitterten unter dem Druck, in oberen Stcken klirrten die
Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward
lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mute nach vorwrts,
dehnte sich auf die Seite, da der Stein an den Hften knirschte, bewegte
sich, flutete. Laternen standen, Bume im Weg. Eine Sekunde zitterte die
Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Flu, strmten, unwiderstehlich. In
ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bume.
Reiend go es sich auf die Place St. Michel, fllte sie voll und rund.

Di Conti sprach.

Die Khle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner
machte das gefllte Platzbassin totstill. Er bckte sich wie ein Ringer,
stie den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach.
Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie
aus, entleerte sie. Ri sie rasend hinauf, verklrte sie langsam, fllte
begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran.
Wuchs. Stieg hher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken
zurck, rang einen Augenblick die Hnde, entfaltete sich mit einer
ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, ber sich ihre
Herzen, stemmte sie hher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme
geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt.

Sprach.

Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd,
zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in
ihre Visagen, machte Drohung, bestrzte Wut aus den Mulern, donnerte, roch
den Zorn aufgeballt. Fate rckwrts, packte hinter sich den Kopf der
Chimre mit beiden Fusten, fiel nach vorn, schrg, kam nher, tief
herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie
in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen.
Scheinwerfer zuckten die Stze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach.
Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Rcke, trieben in die Pulse,
gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wrme,
gleichen Schlag. Flo den Boulevard hinauf, lste, machte Spiralen, schlug
aus, blhte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Ste kamen herunter,
keilten gewaltig, drngten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es
sich zurck. Conti sprach. Die neue Woge wlzte heran, erstarrte. Sprach.
Die Hnde Schallbecher vor dem Mund. Erreichte grere Distanz, durchma
mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden
Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte
sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lchelte, fate wieder
Fu. Der Druck der Dreikilometersule platzte den Pfropfen, schmi
viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle,
inbrnstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, snftete, ri
die Herzen pltzlich steil, unnachahmlich erschtternd, hoch, ber sich mit
beispiellos schmerzendem Ruck. Die Sule stie weiter vom Boulevard
herunter, warf, scho die Menge vom Platz, strzte sie gegen die Massen vor
dem Kordon, Bume, Laternen kamen ber den Kolonnen gegen die Seine an.
Stieen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie.

Er verschwand unter ihren Fen.

Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Krassiere, Haarschwnze vom
Kupferhelm auf dem Rcken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich
vor die Brcke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das
Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrngt,
gedrckt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gule. Sie riefen:
Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde. Sie sahen in die kleinen dunklen
Lcher, auf das Metall der Drcker. Der Sto in ihrem Rcken strzte sie in
Massen gegen die Pferdekpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine
stoben durch das Licht, sausten. Eine dnne Stimme rief: Tirez. Die
Krassiere zitterten, die dunklen Lcher hoben sich ber den Schenkeln
hher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Strmenden ging es
hinber auf die anderen, durchdrang sie, sugte sie. Die dnne Stimme
schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Sule
stie durch, ein ungeheurer Schrei. Krper an Krper gedrngt, Soldaten,
Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein
spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den
Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweies Gesicht, das Tier
klatschte hinunter ins Wasser. Gule zerstampft. Fraternisierend strudelte
die Masse, wlzte ber die kupferrote Abendbrcke in die Stadt.

Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schu in der Weiche. Von der unteren
Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings
auf den Platz, trieb einen Keil in die dnne Masse. Weg du, schrie ein
roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz bla die Hand zwischen die Knie.
Die Masse flo in den Brckenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward
umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy
warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte
die Hand nicht rhren, lie nicht nach, bi sich in seinen Rock. Ein Druck
kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flsterte
sie: Conti --. Die Masse begriff, schumte auf, warf sich herber, gegen
den neuen Kordon, feuerte ihn zurck, Daisy ward zurckgetragen. Conti
schleppten Soldaten durch die Gassen in die Mtrohalle. Zu spt.

Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Khl, Dame,
Freunde nahmen ihre Hand: Wir werden ihn befreien. Deputierte sprachen:
Wir werden ihn befreien. Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: Wir
werden ihn befreien. Sie hrte, die Verwundung wr leicht . . . Ihm werde
des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurck,
lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort fr
dies Gef? Ma fr diese Tat? Dies Geschenk fr Narren und Kinder wagte
Geschwtzigkeit hinzugeben fr Blut? Behngte diese Maske ihn nicht zum
Komdianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen
wirkte, brllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte
ab, ging auf und nieder, steckte die Hnde in die Taschen, die Augen im
Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwtz und
Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln,
Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mhen. Di Conti mute frei
sein. Hierfr war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen
festen graden Weg.

Die Lichtflut stie Breschen ins Dunkel. Die Seine flo glsern unten. Sie
sah einen Schatten, er lste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei.
Sie drckte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im
Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grnes Gaslicht schmetternd
gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurckzog,
blieb etwas.

Sie trat in das Bro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Rume. Ihre
Karte lief vor ihr. Fnf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit
exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater.
Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten.

Damit fuhr sie die Champs Elyses hinunter, Bume streichelten die Luft,
Helligkeit und Se wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt.
In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der
Wagen glitt, bog, hielt. ber die Teppichstufen des Ministeriums.
Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken,
lchelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schner
Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein,
stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bndel in
perlgeschmcktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals,
zgerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stie eine Tr auf. Ein
grerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt.
Die blaue Seide der Wnde, der geschwungenen Sthle verwirrte, sie lernte
die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde.
Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur
flog ins Auge. Er war nicht gro, kam langsam nher, ugte, bis er genau
sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum
berhrte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten
ins Gesicht. Blut scho ihr auf unter dem jhen Anprall. Er sah auf die
Erde neben seinem Schuh: Auslnder? . . . Italiener . . . in der Tat. Sie
sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flsterte ihn nochmals, stand
auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte,
sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys
saen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich
wlbend. Er trat zurck. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme
schlrfte etwas, stie an die Zunge, die Handbewegung voll zarter
Hflichkeit. Er fhrte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb
gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles
wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Mrzwind. Eine Fahrt ber
St. Malo. Er neigte das Kinn: da die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er
stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr
Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie
wartete, faltete die Lippen, da es kme. Er spielte, lauerte, fhrte
herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine
Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Pltzlich schlug er die weie Hand,
die nicht welk war, la gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick
prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: Wann darf
ich den Wagen senden? Sie knotete die Hnde: Neun Uhr. Er lutete, als
sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page ffnete geruschlos eine
Tapetentr.

Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte,
bekam Klte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zhne ber die
Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Kche
pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam
hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat,
abgeschttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich
lediglich gerichtet auf das Ziel.

Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schlfen, zwischen Wange und
Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das
Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frhstckte, badete, lie sich
massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurck. Am Abend in die Oper, Verdi
rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am
Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie sprte, was sie verlor, um so
ungeheuerlicher fhlte sie aus sich brechen das Bewutsein der Strke und
der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefllt und selbst sie war, voll,
traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie
erblate. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im
Menschlichen. Unverlierbar. Vermchtnis besa sie, beherrschte und
durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestrkt, wunderbar
entzgelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und
das flimmernde Spiel der Hften unter der kleinen Brust begehrenswerter,
zarter heraushob. Sie verlor kein Glck. Sie besa sein Werk.

                                * * *

Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stubten. Es geschah am Horizont. Syg
einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb
unerregt. Der Krper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis
Bruder, Arzt, sagte, wnschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche
Gebrde. Er verstand. Sie wurde klug verfhrt. Sie fuhr mit Briefen,
Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft
war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch
voll Glut. Sie mute weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am
Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der
Segelyacht nach einem ungewissen nrdlichen Punkt. Sie nahm es sofort. Ich
komme mit.

Die Tage fllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der
Berhrung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war,
mit denen der eigene sich schn traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen,
Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen.
Riffe trmten sich wie steigende Esel. Gedrrte Fische hingen an den
Felswnden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt,
schaukelte bunte, rote, grne Huser wie Spielzeug. Auf den Klippen saen
Rypen: ka . . . bauh. Schneehhner: j . . . ak -- j . . . ak. Es
rauschte. Ein Kreis mit heien Wallungen bumte um sie. Sie badeten in
einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias
grter Jger, stie auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit
Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im
Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks.
Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grn, schwrmerisch.
Sie bernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing
ber Sandwsten ein weies, Licht schleuderndes Haus. Jerkins fhrte im
Bogen heran, sein Finger berschrieb die Gegend: Nrdliche Lepra. Der
Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht,
fhrte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern:
Hten Sie sich. Ein Schrei. Sie gingen zurck, warfen den Fock aus. Das
Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die
Windtrommel sa in dem Segel, schmetterte.

Geh in meine Kajte.

Der Schiffsjunge schlo die entzndeten Augen, kroch in die Kabine und
schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht.
Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stt. Die Lappin wurde aufs
vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und
Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mute sich legen, ugte schielend mit
schrgen grnen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin
zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam
einen Rippensto, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach.
Die Segel schlappten pltzlich, klatschten hohl hin und zurck zum Grobaum
. . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie
Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins scho, auf dem Rcken
liegend, eine Mve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr,
die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der
Hand in den orangegelben Flaum und lie die Federn einzeln zu Daisy
fliegen. Schne Frau von der Seefahrt. Fribaurt sang mit dunklem Bariton.
Der schaukelnde Wind lie nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise
kam, schwand. Sie lagen still. Welche Harmonie, ghnte Fribaurt, stie
einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf,
wir haben malose Zeit, meine Freunde. Das Segel aufgerefft, die Lappin
in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand
still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch,
legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen
Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergngen. Fribaurt lchelte
ein Diplomatengesicht: Zu grob. Er legte auf: Street. Die anderen
warfen zusammen, zuckten die Achseln. Pltzlich schob Jerkins auseinander,
runzelte die Stirn, griff hinber, legte die Karten der Lappin
nebeneinander: Zu frh . . . zu schick . . . er bog sich vor Lachen ber
Fribaurt. Umgewendet: Die Sau . . . die Sau . . . Die Lappin kroch ein
Stck davon aus Angst auf dem Leib. Was hat sie? Jerkins hob die Hand von
der Kartenflte. Sie wlzten sich zu zweit: Royal Fluch. Fribaurt zur
Lappin geneigt: Se Freundin, welch verschwenderische Tollkhnheit des
Glckes . . . Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: Die phantastische
Quote . . . und hat es nicht gewut. Weibrstig hing eine Brise vor dem
Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frhstrich vor ihr her wirbelte das Meer
mit einem blulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf,
leierte am Groschot, die Lappin lie das Segel zwischen zwei Tauen herab,
Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel
wechselte, flog hinaus . . . der Sto kam und erzitterte jeden Nagel,
Fribaurt schmi das Ruder herum, tnzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer
nher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung
parallel.

Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm
fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und
gro wie ein Kanoe. Drin sa ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt
deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog strker. Die Blase
des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen
hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinber. Es war, als bewege sich
keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie
Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu
Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hnde vor dem Mund, die Brust aufgesogen
wie ein Schwamm: Hall . . . lo . . . o! Sein Organ schlug den Wind mitten
durch und traf drben auf. Der Wall schickte vier Echos herber. Keine
Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: Hallo . . . y . . . lo!
Eine Pause zitterte, die dnnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort,
kalt: Holla! Jerkins stand am Grobaum, klemmte die Wange ans Holz.
Haltet Ihr die Wette nach Aarvik? Sie lauschten. Dann eine schneidende
helle Stimme: Am Arsch. Sein Pferd sprang ber eine Wolke, Staub ringelte
sich in einer umgelegten Sule hinter ihm. Der Damm bog landeinwrts, eine
rtliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah
nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge
fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort.
Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der
Mvenfedern.

Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurck . . .
um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten.
Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd,
am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im
Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit
Bumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am
Flu mit roten Dchern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner
Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam
in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in
einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus.
Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmtzen im Nacken.
Der Wirt schmi sie heraus. Sie drngten nach. Einer stie mit dem Knie
einer Magd in den Hintern, sie schrie: Dumme Schicksen. Der Wirt zeigte
auf ein Holzbrett, sie schttelten die Fuste. Er nahm es herunter, hielt
es sich vor den Bauch. Ein kleines Fa, schrieen sie, wir scheien auf
das Verbot. Dd og Pine . . . mit Knie und Faust drckte sie der Wirt
die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem
Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flsterte in sein Ohr. Der
Wirt brllte auf, stie ihn in den Magen, da er wie ein Messer einknickte.
Kotzt Lumpen, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die
Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen
den Aussteigenden nur vom Rcken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen
rieben sich die Hnde an den Hosen. Er rief nach dem Weg ber die Brcke.
Abgerissen. Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich
beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der
Geprgelte ri pltzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. Had djvelen
. . . ich schlag dir in die Fresse. Die Matrosen grhlten, steckten die
Hnde in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hften vor und
zurck. Ein Fa rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und
verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur
Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen
einer Magd zu. Hafer . . . mir ein Bett . . . Der Gaul hob den Schwanz
und strich einen groen Furz. Die Matrosen quakten herber, schlugen sich
die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus.

Jerkins schlenderte, die Hnde in den Taschen, ins Haus, kam zurck. Wer?
fragte Fribaurt. Sven Mair. Daisy bog sich zu Fribaurt: Wer ist Sven
Mair? Fribaurt lchelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der
anderen: Jerkins Feind.

Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll
Gerusche. Die Hunde bellten, wurden pltzlich still. Aus dem Bootshaus
soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen.
Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das
Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen khl und geheimnisvoll ber
dem Wasser, panische Stille . . . sie schlo unter ihrem Druck die Augen.
Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Pltzlich ri
sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor
das Haus. Die Nacht war wei. Kupfriger Schein spann ber die Landschaft.
Drei Burschen blkten die Zhne, schrieen:

Sven.

Schritte gingen ber ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein
gedmpfter Ruf von oben: Skideriks. Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen,
ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgerte auf den
Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. Sven . . . Da trat
er heraus aus der Tr unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch ber den
blulichen Boden. Er hatte Lachszeug ber der Schulter, schmi es in seine
Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie
in den Flu. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die
Gule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die
Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der
Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, strzte wie eine Feuersbrunst
zum Herz:

_Dies Gesicht hnelte Caspare Symes._

Sie ging vom Fenster zurck, fiel mit dem Rcken auf das Bett, hrte
Pferdegepltscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond ber
sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glhte
es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es fllte den Rahmen, peitschte sie
auf. Erschpft sank sie in die Kissen, schlo die Augen. Da stand es innen
in den Lidern mit einer Zrtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch
die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie
lag. Kmpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zgen mit dem
Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im
Traum des Hotels neben Rene. Mit tdlicher Schrfe ri ihr Dasein herauf,
sie erkannte die Rechenschaft ber ihr eigenes Lebens, die er brachte,
kannte, forderte, ungestm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie
gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne da es bestimmt war fr dies.
Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen
Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem
Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurck. Nichts blieb auer ihm fr
sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Hllischer
Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem
Kontur das Glck, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfllbar, nicht
erfllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder
zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz
ward so tief, da sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte
er um und erfllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie
erduldet.

Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, berwand ihre Sehnsucht, sah weit vor
sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie grer fllte.
Und je mehr es in ihr glhte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte
auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging
hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die
nichts berbrckte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinber in das
Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum
ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem,
was sie versumte, ihr groes Glck. Gab es auf, lie es. Legte den Kopf
weinend in die Hnde. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung,
lsend, hart, aber tief.

Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie
auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus ber die Schwelle.

Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das
Georgskreuz, schon vorber. Welch unendliche Khle des Sommermorgens.
Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rtlich. Die
Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging.
Gezackte Wolken am Horizont . . . Mvenflgel in Spiralen hoch sich
schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der
Tag stieg, wlbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen,
hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon.

Das Kupferbergwerk glhte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf
. . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweies
Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen
Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem
oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrbt durch Schmerz
wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in
ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand
ber dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen.

Eine grelle Stimme: Was wollen Sie?

Hinein.




Der fnfte Abschnitt


Die zwanzigste Schssel . . . sie hing das Tuch an den Stnder, go den
Zuber aus, stlpte die letzte auf die Neunzehn. -- Durst. Sie brachte
Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, lie heies
Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer
Brste. Nun kamen die Npfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals
der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser
sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tr weit offen . . . es
dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die
Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der
Wanne unter den Hahn.

Neues heies Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter
langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der
Wand spie nach unten Ru, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie
sprang in die Flamme, schob den Schalter zurck. Langsamer ffnen, sagte
eine Stimme hinter ihr. Sie ffnete langsam, entzndete das Holz. Der Ofen
explodierte. Langsamer sage ich . . . Ihr ruiges Gesicht sah um. Langsam
ffnete sie, die Stichflamme scho in das Zimmer, das Gas knatterte
irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus.

Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.

Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei
geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert.

Die Tre fiel hinter dem Arzt.

In der Dmmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie
Brste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in
Hemden und wuschen sich Hals und Brust. Meine Zahnbrste. Schlappmaul
. . . meine. Ein Rippensto . . . sie torkelten im Korridor. Lat mich
durch. Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: nicht in
Ruhe einmal scheien . . . Sie wartete ruhig. Sie bckte sich unter den
Tisch. Deine Zahnbrste -- -- -- Der Mann winselte. Im Klosett keifte es.
In hngenden Hosen erschien er dann in der Tr, ungekmmt, rieb sich die
Augen mrrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte
den Blick. Falle nicht, sagte sie, der Boden ist na. Die sich wuschen,
tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im
Klosett, zog die Wassersplung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan
glatt. Der Schnee drauen schimmerte frostig. Sie schlo das Fenster.

Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm
zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie
den Mann an mit drohendem Ba, die andere band ihm die Hnde fest. Der
Schwren auf seiner Weiche juckte ihn so, da er nun hpfte im Bett. Die
Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.

Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie,
wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, lieen trocknen, fuhren die Betten
herber, bewltigten die andere Seite.

Daisy . . . Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie
gingen ber zwei Korridore in den hheren Stock. Bist du mde? Die Brust
der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer
standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem
Tuch. Groe Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein
Arm . . . und lag in einem Gef mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm
um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel,
scheuerte sie, fllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf
sich im Fieber herum -- -- -- Ja, wir werden deiner Mutter schreiben. Das
elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das
Brett, drckte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu
winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum.
Sie drckte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. Nur ein
kleiner Schnitt. Er lchelte unglubig, sie nickte.

Ihr Name auf der Treppe.

Sie trug mit der groen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt
sie unter den Armen, die andere an den Kncheln. Im Bad stand ein Schemel.
Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag
darbergekrmmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und
dicken Brsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den
Fingerspitzen ab:

Du hast Naga geholfen.

Sie nickte.

Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.

Ich habe nichts versumt.

Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab
wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, Du Schwein . . . Er sah die
groe Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rcken,
die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station,
setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: Liebe
Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . .

Sie a zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu
und schlo die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und frbte ihr
Gesicht. Sie lie die Glieder sich lsen, Mdigkeit flo an ihr herab, halb
schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund.

Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger
Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: Sie werden gut
tun, sich damit auseinanderzusetzen, da Sie hier bleiben. Die Welt drauen
ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger
leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.

Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer.
Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Brten zerflieend in
der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grnland. Die
leichte Abteilung, nichts gegen die Tragdie drben. Gesang:

   Isch un du
   Mir hawwe uns so gern
   un leck'st de misch bei Dag am Arsch
   da brauchst de kei Laddern.

Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster.
Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am
Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der
Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Mnner
kaum sichtbar in dem Qualm:

   Isch un du
   mir hawwe uns so gern
   un leck'st de misch bei Nacht am Arsch
   da scheine der die Schdern.

Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr,
gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er sprte nichts wie die
Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schnen Frau,
seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmglich zu fassen, das konnte nicht
sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schne und tapfere Dinge
sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches
Lcheln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte
er vor sich hin. Fassungslos dies groe Ungeheure vor sich, sein Geist zu
enge ffnung, als da so Maloses sich in ihn schon so rasch ergsse. Zu
klein sein Hirn fr solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann
fra ihn das Neue, indem es ihn an sich gewhnte. Da gab er sich Wochen der
Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stck kmmerliche
Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er
wrde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerche, der Dampf der
regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmdchen, das vorbeiging . . . nichts
zu halten, in die Ferne gerckt, nie zu berhren und zu haben . . . welches
Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrnstig sehen, nie haben
werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hnde
geben wrde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre
stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit
einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend
. . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt
es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rckte
einen Stuhl zurecht, legte Bcher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem
Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen
. . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang,
der Kern des Leides durchlitten war, lste es sich in schmerzliche
Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell
wie ein Kind. Das ganze Haus hrte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy:
Wenn ich begreife, da ein Krper wie meiner verfault -- -- wie soll ich
fassen, da Sie in einer Arbeit wie dieser leben knnen. Da sah er ihren
Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der
seine, fuhr hoch. Was wundert Sie? fragte Daisy. Da begann sein Blick an
ihrem sich zu erstaunen und zu krftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr
schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie
sah.

Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: Sie werden mir operieren helfen.
Sie sind ohne Laune, ruhig. Die groe Schwester hate sie von diesem Tag.
Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von
hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurck. Licht fiel auf sein
Gesicht: Ich sage es diesmal nicht dem Arzt. Er verkroch sich. Auf diesen
Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt.

Sie hatte das Zimmer ber dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen
in Manneshhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente
beschmutzte und zerwhlte. Sie stand frh auf und ordnete es wie neu.

Es kam eine alte Frau, sa an dem Bett des Fiebernden: Ist das mein Sohn?

Ihr Sohn.

Das ist ungeheuerlich.

Der Klo verdrehte die Augen, flsterte, schlug die roten Deckel zurck,
die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch ffneten. Das ist
ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . .
Warum erschlgt man das nicht. Ist das Gottes Gte? . . . Mein Sohn, den
ich auf die Steuerschule schickte . . .

Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.

Sind sie wahnsinnig, Schwester?

So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein. Die Frau
blieb starr unter dieser pltzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy
legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging.
Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saen Zwei und droschen Karten:
Mitspielen . . . Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: Ihr Dorsche
. . . Tief befriedigt brllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der
Frhling. Grn berall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den
silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Hhe. Daisy wiederholte. Die
Amsel pfiff die Lufe zarter und inniger zurck.

Die Uhr schlug. In einem weien Zimmer allein stand eine Wanne. Der
Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rndern aufgesttzt. Sie band das
Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem
Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, lie Eimer auf Eimer heraus. Dann
wusch sie mit Spiritus und Watte den Krper ab, immer im Bogen um die
offenen Stellen. Sie nahm die Fe, rieb sie mit ther aus und gab gelbe
Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, wei, tief
gefurcht. Dann trug sie die Eimer heies Wasser in die Wanne.

Der Kranke lie seinen Urin hinein.

Sie setzte die Glocke an, leerte aus, go wieder neues Wasser ein. Eine
Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein
Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schlo die Augen, als schlafe
er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische
Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohlttiger
Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um
zu greren Geschenken zu rhren, seinen zerfleischten Krper. Die Dame
schluckte, bergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das
Erbrochene auf, der Zigeuner warf wtende Blicke.

Sie mit mich falsch, sagte er dem Arzt.

So . . ., sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite.

Scheien, rief er. Sie lie das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm
weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lge. Sie gab ihm neues
Wasser.

Er lie den Arzt holen. Sie petze ihn . . . Du Schwein, sagte der Arzt
und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der groen Schwester
an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise
ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. Wie knnen
Sie . . .? Sie sagte gegen sein Brausen: Das Statut. Der Arzt
untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An
diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte
er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den
Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. Es wird
durchgefhrt. Ein Blick in die Runde. Die Tr fiel zu.

Daisy folgte, setzte sich fr ihn ein: Warum? Zwei Brillenglser
funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: Er wird sein Leben im Wasser
liegen. Sein Ha gegen alles andere ist natrlich. Aber -- Strafe wird ihn
nie bessern. Nein, sagte der Arzt das ist nicht meine Sache . . . aber
die Autoritt wird gewahrt. In diesen zwei Tagen lie Daisy von Naga sich
vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein
Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der
Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vgel darin, die unsichtbar
sangen. Im Garten Naga, in den Hften gebeugt. Eine Eidechse lief ber den
Kies, grn, glatt, rollte sich ber einen heien Stein, hob die Augen,
zngelte herauf, lief weiter. Naga bckte sich, huschte rasch, geschmeidig
die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf,
unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Krper herum
. . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. Bleib, sagte
Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Ntige auf der Nagas, die
hinter einem Busch sa, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen.

Zwei Mnner kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von
einem spanischen Segler. Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr
wieder raus. Naga fhrte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet,
geruchert, frisch gekleidet. Naga berwachte es. In der Nacht wiegte ein
Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bumen. Dann schwoll
die Bewegung, die Wnde des Gebudes gaben sie weiter, echoten leis,
knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Pltzlich sang einer
heiser und laut.

Naga ging dem Gerusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam
durch Tr und Tren nher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlssel
vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. Coo, rief der eine Spanier
und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden.
Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mntel . . . der Garten.
Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geffnet, die Bettcher
hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund,
taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krhend eine Orgie
. . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging
starr auf den Spanier zu, ri an der Flasche, da ging der Schwarze in das
Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er prete den
Kopf an ihre Knie. Entsetzt fhlte sie den Druck, schon nach der Tr
. . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich
daran, schellte Alarm, ri die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd,
sthnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine
Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glhte aus der
offenen Tr. Weit geffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie
wurde ohnmchtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward
gefesselt, ein Leprser in die Zwangsjacke gesteckt, er schumte. Still
hinber; zwei kurze Befehle: Me caco de la puedra y jodida alma de la
grandissima puda madre qu te caco . . . Ein steiler Arm hob sich kurz vor
Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick
stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat
wusch. Dann gingen Tren. Als alles still war, ffnete sich leis Daisys
Tr. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: Ich kann nicht mehr
. . .

Es war dunkel: Wie lange hast du Kontrakt?

Oktober.

Geh sofort.

Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getrstet werden wollten,
gehalten, die noch nicht gehen wollten: Aber du kannst es doch. Arbeitest
du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrngen. Hast
du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir? Sie zog sie neben sich: Der
Wille gengt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du
nicht wieder, fandest du Gegebeneres fr dein Schicksal. Kommst du wieder,
ist nichts so entsetzlich, du trgest es nicht mit einem Lcheln. Nagas
verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Trnen an ihrem Mund.
Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere
. . . was das Leben zrtlich und schn macht. Geh. Naga ging schlafen.
Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich
fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy
ging hinein, schlo die Tr hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Ku mit
Trnen, die im Mund blieben. Mut, geflstert ein heies Wort zurck, kaum
verstndlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurck zu dem
Zigeuner . . . auch dies vorber. Naga wrde nun fehlen. Kein Lcheln mehr
im Hause sein.

Der Zigeuner fluchte. Sie lchelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein
Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er
beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm
seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine
Tcke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. Schlaf,
sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. Du Armer. Sie setzte sich in
eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der
Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die
Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den
Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie sa bis tief in den Morgen.

Die Sonne kam wei aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem
dunklen Rand. Der Sommer auf der Hhe . . . das Wasser stank faulig. Die
Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene
erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das
Haus fiel. Aus heiem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven
zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . .
sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im
Fleisch, suchten einen Knochen. Da ri der Gummi des Handschuhs.

ther, schrie der Arzt.

Hier. Er ri den Stpsel ab, leerte es ber die Hand, sthnte auf.

Jod . . ., schrie er, die Augen quollen. Schlafsenkel . . . Gans . . .
ist das Jod? Schon verbanden ihn andere. ber dem Waschbecken knurrte er
weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wtenden Blick zu. Unter den
anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Htte sie
nicht wissen mssen, da er irrte, klger sein wie er in der Stunde der Not
. . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es
reichte nicht an ihre Ruhe.

Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter
der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schwei in
den Krankenrumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit
ausgehngt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die
Kranken badeten in ihrem Schwei, der sie anfra. Die offenen Schenkel
wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krchzten. Einmal begann einer
zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam
zu dem Fiebernden: Nimm dir Wasser. Er hob den Hals, konnte sie nicht
ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu ffnenden Augen winselten
Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontne Wasser ohne Pause in die
Luft. Dnner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug
Glck . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge
des jungen Priesters. Erstaunt: Auch Sie . . . Er schttelte den Kopf,
kein Kleinmut, er lchelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche
Gewhnung gelernt, zu schtzen, dies: Der Geruch. Ihr linkes Augenlid
senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die
Flasche, roch sie, Trnen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte
sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger
Banditenkopf gebndigt. Ein Gewitter kommt, sagte sie, mit dem Leinentuch
wehend zum anderen Ende, den Abend wird es frisch vom Meer. Im
Nebenzimmer, wie Fledermuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen
nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lchelnd: Geduld, Struppige
. . . Wind. Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an,
stieen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den
Sthlen. Geduld, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle
sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal
sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer:
Mut. Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste.
Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung,
klammerten sich an sie, schauten glubig, mit ihrem Mut gestrkt, nach der
Erlsung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, sprten nicht mehr Schwei, der
ihr Geschwr bi. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz
verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglcklichen ballte sich
heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglcklichen
stand in dem Zimmer, wuchs in den Rumen. In allen Zimmern stand er auf.
Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein
kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit
einer Schicht Vertrauen, die frher nicht herrschte. Die einzelnen kamen
sich nher, fhlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen
sangen wieder. Freude stand ber den Betten. Dank. Sie rief zurck:
Mut. Der Tag vorber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau,
entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lcheln. Hinaussehen
zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren
vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lstern . . . alle einigten
sich an diesem Lcheln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf
den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flsternd von Ohr zu Ohr,
wenn sie sich bckte: Geduld . . . es kommt. Der Glaube wuchs in den
Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die
anderen glaubten, wuchs in die Rume, ballte sich den Tag . . . die ganze
Nacht. Schaum am nchsten Morgen am Meer, am Mittag die lhmendste Stille.
Gegen Abend wuchs ein Segel, scho in den Himmel wie ein Gaul, bumte, ri
in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd,
irr . . . Khlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich
zu ihr, aller Gefhl: Dank.

Wofr . . .? Sie starrte hinaus.

Ein Wagen traf ein. Ein Brief.

                                * * *

Das Verhngte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berhrt, ri
sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel
Unterwerfung. Ihr Herz rhrte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei
Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hrte das Meer, traf in dem Park vor
einem kleinen einstckigen Schlo Stefan, den sie tdlich getroffen
glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam ber den
Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hrte seine
Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das
zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben
Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste
er mit. Er hatte genug, lie sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er
lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.

Ihr Herz war festgebohrt. Es gengte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme
holte sie ein. Das Raubliebende besa einen Klang, der sie bannte: Nimmst
du mir den Rest Erlsung? Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das
nun der Erfllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah,
hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine
Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst
verwarf, und das Starke sich hinschmi und bat, ergriff sie mit Rhrung,
die alles hinberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch
bezaubert: Gehen wir hinein.

Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewuten die Last, fhlte
seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schlo,
kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bumte sich vor ihr, legte in ihn
hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und
Klarheit.

Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb
sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein
Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der
Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den
tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen,
bliesen aus Hrnern in den blauen Abend. Sie ging zurck, zog sich ins
Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er sa ber Papieren,
schrieb. Sie wich zurck. Er sah den Schatten, fuhr herum: Du strst
nicht. Nie. Das Geschriebene flog vom Tisch. Doch. Sie wollte gegen
seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend,
wute nichts anderes: Bleib. Sie blieb.

Die Luft ward silberblau. Blten rochen herber in der Nacht. Im glsernen
Bauch des Sommers stand noch der Frhling mit Kastanie und Flieder. Es
rauschte Tag auf Tag ber die Hngematte. Morgens beim Frhstck frug
Stefan: Reiten wir? Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm.
Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand
sie, ihre Woche, verlangte, da sie sofort absteige: Welch ein Irrsinn
. . . Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden
vergllen. Lchelnd: Du irrst. Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit
frischen Lippen. Seine Schlfe lief dick an vor Qual.

Sie stand am Morgen frh auf, ffnete die Tr ihres Zimmers, ging hinaus
auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verfhrte mit
Pracht, sie ging um das Moorstck mit den dunklen Blumen, bog um den
Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurck auf die Terrasse. An dem
Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich
herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. So frh? sagte er, der spt
aufstand. Nicht sehr! sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.

Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewlbt,
kreisrund und sthlern, s die Luft darunter, schwrmerisch die Verzckung
des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der
Dmmerung. Eine Syrinx flog ber die Mauer. Sie stand auf, mde. Er
begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte
nicht.

Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der
Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblter Damen, degentragender Herren
steif an den Wnden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer
und ungrndiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . .
kein Gerusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich
der Park. Sie wartete.

Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines
Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn ber die Terrasse herkommen. Sie
errtete. So frh? Er sah auf seine verstaubten Schuhe. Nicht sehr!

Ein weier Blitz setzte ber ihre Hngematte am Mittag, scho ber das
Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war
der Flgel geschlossen, nach rechts folgten Rume, groe Zimmer, vorber im
Lauf bemalte Wnde, goldene Rebstcke, japanische Tapeten, Mosaike,
silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand
Stefan neben einer kleinen Fontne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern
hatte ein weier Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem
geschmeidig zitternden Rcken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere,
ging ungestm auf sie zu, unterdrckte eine Wallung: Nimm den Hund. Ich
gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurck --. Ach,
sagte sie, nein, ich bitte dich, ihn zu behalten. Er liebte ihn, wie
konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, da er litt.
Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. Verzeih, sagte sie an der
Schwelle ihrer Tr, berhrte schwach seinen Arm, sah ber die Schulter.
Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tr schlo, er folgte nicht.
Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerhrtem Herzen. Wohin
trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und
gegen das Opferbereite verstoen . . . Leid auf jedem der Wege . . .
Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang
hinaus, lste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser.
Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stie daran, das Kristall flutete
vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschttert von diesem Fall. Die
Bsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster
auseinanderbiegend, oben ber den Figuren . . sie schlo die Augen zitternd
. . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon
sprach den Mittag. Keine Gebrde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe
sprte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn
verwsteten, die Erwartung der ttlichen Minute, vielleicht schon aus dem
Wipfel eines Baums gezckt. Blieb er unrhrbar, lief sie heftiger in ihn
ein, erschtterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal scho
sein Blick unverhllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort
bndigte er ihn wie ein Tier. Sie sprte, wieviel ihm fehle, was er
unterdrcke und wie es ihn fast sprengte, da er sich berwand, sie nicht
nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufri seines
Herzens, das demtig solche Kraft berwand, wies sie zu vertiefterer
Aufgabe. Sie mute den Himmel ihm schner berrunden, sich unendlicher mit
dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie
verschmhte. In der Nacht, als sie schlief, ffnete ein Gewitterwind die
nach innen geschliffenen Rundfenster, strzte sich auf sie, schreiend fuhr
sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere,
lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam.
Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zgernden
unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus,
ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hnde ber ihrem Bauch, die langen
Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen ber ihr. Lippen zogen ber
ihren Leib, kten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot
wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, lie
wieder, erfate Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. Daisy.
Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zgern:
Ja. Die Hand ber den Hften griff zu, Nebel ri ber den Augen. Haare
lagen zerstrt und locker um den Krper, dessen feuchte glnzende Bronze
das Kerzenflackern berschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lchelte
ber das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom
verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es
war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn
erfllt. Am Morgen ffnete er ihr den versperrten linken Flgel. Ich
sparte es auf bis heute. Sie trat ein.

                                * * *

Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zndete die Kerze an. Schlug das Buch
auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rtselvollen Gesicht.
Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstcke aus
Gold. Fontnenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen
gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und
Jger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den
Trmmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschu in der Mitte. Es kam auf
dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat
wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene,
kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Scho der
Generation. Ihr Blut griff zu, vermhlte sich. Sa ber holzgeschnittenen
Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnrkelte
Zeichnungen machten den bergang unsicher. Hochmtige Stze kamen,
Buchstaben groer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Mnnern
spielt, so wit mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. --
Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den
Blttern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die
Farbe der Gewnder bekam Gewalt und blhte.

Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der
Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die
Wangen rteten sich unter dem Puder und glhten, Lider hoben sich schwarz
und flammten sie an. Degen und brokatene Mntel zuckten. Ein khnes Auge
traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in
der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Kpfe hnlich wie der ihre, wie
ihres Vaters.

Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Krper war grer und
gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei
groen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die
Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen
weiche Hften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen.
Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht fhrte
ihr Geschlecht auf den hchsten Punkt ihres Blutes.

Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und
strubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete glserne
Sle . . . ein groer Ritt, der ihn mit Ruhm behngte, glitt durch die
Luft. An einem heien Abend begann er, dies Schlo zu bauen fr den Sommer
und die Zrtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen
Fenster whlten in der wollstigen Nacht. Terrassen bogen sich khl
hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft
der Rosen und Jasminen. Fontnen bohrten sprhende Lanzen in die blaue
Blumendmmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat
hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretren, noch feucht von der Haut
der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus
Trumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen
hei herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er scho
die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten
um nchtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die
Edelleute naher Hfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in
Wagen. Da schlug er Hunde und kte die Ngel ungeliebter Frauen. Ein
einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme ber die Brust
gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben
sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der
Landstrae ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er
nahm es mit sich. Aus heien Ritten warf er den Krper in das Bassin, das
kristallen um ihn schumte. Dumpfe Nchte durchschlief er mit schweiigem
Haar. Mit groen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine
Frstin, den Fu am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer
Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik.
Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann
schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der
Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den
Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .

Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum
trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich ffneten alle in den Parkmorgen.
Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Bltter, Bsche, Esel tanzten
vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte
ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie.
Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die
gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt
fhrte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als
die Gegenstrmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem
Entsagen. Sie reckte sich, sprte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor
ihr, war der Vordere, lie ihr ein Vermchtnis. Sie lchelte, sicher genug
in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle
bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strmte frischer, die Beeren
leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen
zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermchtnis
wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwrtsgeschnellt fhlte sie sich
getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des
Geschlechts, nach der Ruhe. Sie fhrte zurck in die Gemeinschaft, was er
restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehufte veredelte nun. Er
schuf Platz fr Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die
Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut sa die Vertrautheit seines
Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinbergefhrt
in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhie Vollendung,
Wirkung, aufbumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die besttigte,
bestrzte sie, machte sie gierig nach Ttigkeit, wenn diese Mission
vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans
Hand. Es wrde vorbergehen. Sie gingen.

Das Gefhl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das
Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete
brachen auf unter ihrer Berhrung, die Zinnfiguren trugen ihr Lcheln, die
Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter
den Lerchen flog betubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen
Bogen, die Wiese, die sie berhrte, flammt gelb und zart. Sie gingen,
nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie
zurck. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den
dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen
Schatten in Schlaf. In die violette Dmmerung ergo sich ihre Ruhe. Kein
Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gule ab. Ein Fasan lief ber
den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bume der Allee fielen in rosane
Glut. Stefan nahm eine Gttin, hob sie auf die Erde ins Gebsch, stellte
Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfllten
Bewegung, da ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie sprte ihn,
war pltzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon,
verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die
Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell,
Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit
und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos.

Sie verlie ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel
schwimmen. Das Wasser. Das Bassin berschumte wei, blulich ihre Haut.
Tritone sangen ber ihr. Den breiten Gu eines Lwen fing sie mit der
Brust. Die Blumen schwelgten in der heien Luft. Das silberne Fllhorn
schumte unter der Sichel. Es berkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu
geben, Furcht, etwas zu versumen, Schreck, da das Schicksal niedersause.
Sie berlie sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das
Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis
sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rhrte, alles sie verband. Sie
ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster,
er hatte ihr zugesehen. Sie lchelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der
Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer,
hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen
sumten sich, wurden klein.

Sie frug mit dem Blick.

Ihre Lippen trugen den Namen.

Heiser sagte er:

Le Beau.

                                * * *

Befreite er ihn, klappte das Messer, ri die Schlinge, flog die Mine, die
ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die
Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Mglichkeit.
Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte
sein Leben umgestlpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die
Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner nderung umfing sie,
als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: Ich bin bei dir.

Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu
erweisen. Sie hrte die fadendnne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen
die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mhnigen, windgestrhlten
Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah ber ihm die Katastrophe. Was galt
berlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.

Sie grbelte den Abend, die Ausnahme drckte sie. Sie ma ihr keinen Sinn
zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Gre, nur auf
den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt,
weil er ihn liebte, den sie zurckwies aus Rhrung. Der schmale lange Kopf
strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Gte an Stefan sie fesselte. Kein
Gedanke qulte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch
litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer
herein. Der Hund gengte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr
Ohr im Spiegel, pflckte Glyzinen am Fenster, bckte sich, wechselte die
Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete,
sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in
einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn
schlafen, schwer, fest, Mcken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er
kindlich nahm, whlte sie so auf, da sie erbleichte. Als er erwachte,
konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine
Not eine Sekunde so gro, da sie ihn nicht verlie, hineinging wieder in
sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte,
bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurck. Sah nichts
mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte.
Hrte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in
die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun
atmete sie sicher, sah zurck aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog
nun in die Luft. Vorbei. Es mute sein -- und getragen werden. Von beiden.

                                * * *

Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Flu. Der Motor stockte.
Am Mittag sa sie in der Nische ber einem kleinen See. Die weien
Hotelwnde prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er
fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Wei: durch sie. Macht sich auf. Noch
einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch,
beschftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm
dienen, seiner Enttuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein
. . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die
geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen ber die Terrasse, geht durch das
Zimmer des Ahnen, ffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht
seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: Ist es
Sommer? Sie ist tapfer, sagt hell: Ja, Claudius. Sie fhrt mit der Hand
ber sein rtliches Haar: Ch . . . mon ami . . . ch . . . doudoux. Er
lchelte: Mit Gewalt macht es der andere nie. Sie sagt: Ich befreie
dich. Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen.
Unmglich. Sie nimmt den Spaten, grbt ein Loch von auen. Da steht Stefan
im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen.
Sie strzt in sein Zimmer, er liegt, schlft. Sie beit die Zhne, zurck,
stt das Messer ins Schlo, das wie ein Kuhmagen gefchert ist, die Spitze
bricht ab. Er ist bleich, lchelte aus dem verwsteten Gesicht. Sie schreit
laut: Ich befreie dich. Er lchelt mehr: Das sollst du nicht. Fast in
der Ohnmacht fragt sie: Was . . . was kann ich tun? Sie ist auer sich.
Sein Auge schliet sich:

Denk an mich.

Ja.

Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der
Syringen lstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebsch.
Traurig? Nein, da du mich liebst. Sie beginnt mit den Drhten, arbeitet
eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschpft: Da du so
leidest. Er hebt die an ihren Hnden verkrampften Augen: Leide ich, wenn
du mich liebst? Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft
eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken fat, es gelingt die Flucht.
Ein Gewitter bricht ber den Wagen, weie geballte Kugel saust berm
Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen
unter ihrem Fenster, Motore berspielen delphinisch die Bucht, der Fjord
wird grer, schlgt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt
sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fllt ab,
Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglckt sie es, streift seine Hand sie,
fhlt sie sein Glck. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie
wartet die Minuten, Stunden, zhlt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er
Sie ruft: Deine Frau? Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift
sie. Aber der Schatten grbt sich in ihre Seele. Sie bergeht ihn. Im
Unterdrckten wchst er. Sie bekmpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm
Jahre ersetzen, Glck, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz
leidet mit der Verstoenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor
der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der
Frau. Aber sein Gesicht ist hei, beschwrt sie, fordert Liebe. Sie
lchelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strmende,
nicht das Bewute. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie
sieht auf ihre leeren Hnde. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als
seien sie gefllt. Allein er sieht ihre leeren Hnde, schreit verzweifelt.
Sie hrt den Ton, er reit den Raum weg.

Sie hebt die Lider . . . . -- --

Ein Traum erlie ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren,
dasselbe mit Le Beau.

Die feinen samtenen Lider senkten sich ber den eisgrauen Blick. Der
schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, fr den Fall, da
er kme, sie suche, das ihn zurcktrieb und ihn anfeuerte zugleich. Du
bist elend. Bin ich glcklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie
um mich stehen Ungezhlte. Der Gedanke, da wir da sind, hilft uns beiden.
Mehr kann der Einzelne nicht tun. Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr
Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurck, der groe Schwung ri sie zu
sich. Die beiden, die ihr Blut unvergelich zuerst erregt, fielen aus,
schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte
die magische Grenze der Kraft, die sie zurckzog. Wollte sich nicht
verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem,
Scho des Mitleids sein, sich verzetteln, sndigen gegen das Ziel. Sie
reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die
beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut
durchgelebt ihr Schicksal, strzten zurck. Was blieb: das Werk. Sie fuhr,
stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich
schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb ber die Nchsten ihres
Bluts, die berwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie
geschleudert die Strae gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den
Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel
der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der
Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr
ber den Scheitel der Strae. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser
-- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende.

                                * * *

Sie lie Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf
die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mitrauisch behandelt, trat in ein
offizielles Bro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors hher,
sprte den Gegenschlag, entrtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten
Erkenntnis, zog eine Meute Mnner, ber die sie gesprungen, hinter sich
her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, sprte
aber die Maschinerie, das System. Es gengte. Gab es nach Minsk, blieb acht
Tage im Sdviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen,
verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen,
in der gespanntesten Atmosphre der Lnder, der verfolgenden, war im
Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen.
Glitt die Fden weiter, wechselte Psse. Sah in den Listen nach, machte
Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift
in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione,
Stockholm, in Upsala eine Verschwrung gegen Lund, tastete tiefer, traf den
letzten Zirkel der Jungsozialisten, ma die Spannung zu Wallenberg drben,
Undn, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte
Quarantnen, Auswandererbaracken, Krankenhuser. Erhielt Verstrkung,
Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk.
Vervollstndigte die Listen, fllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus
Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein,
beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der
Eingekleideten, fhrte darber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist,
Auflehnung, Umstlpung, Bessern in jede Lcke. Rue St. Jacques hinter der
Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf,
setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fhlte
mit neuen Krften die uersten Spitzen radikaler Krfte ab. Schob Raffaeli
vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches
scharfes Ziel verflschte. Zog die Linie von hben und drben. Sah die
Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Scho Druckschriften
durch die Netze, Lcher der zementenen Mauer, hrte die Explosion. Sah
Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhuser Bergens. Tabellen, Plne
verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel.
Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form.
Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte
Etappe des Unglcks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte
Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den
Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille
trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coup
eine Frau, die zu kreien begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie
an, schlicht, sachlich, vornehm, strich ber das schwarze Haar, erbat
Mittel fr eine Mission. Sie lchelte, das linke Auge schlo sich. Der Mann
erbleichte, begriff ein berlegenes, ohne da er verstand. Sie setzte nur
auf den groen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht.
Wollte ndern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht
verschlampter heuchlerischer Wohlttigkeit verlogener Gesellschaft einen
Sou, tat nichts in verlorenes versptetes Spiel. Sah in die Listen. Sprte
durch die Zeilen das zischende vulkanische Gerusch aufsteigender Krfte.
Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Brden. Sie
horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, hhnisch. Zchtete junges
Fleisch, legte nichts mit lcherlicher Gebrde ins Faule. Ein Mann kam,
eine Mtze mit Metallschild funkelte in den Hnden. Sie unterzeichnete ein
Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, als ihr Eigentum
bezeichnet. ffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die
Berge ihr abschnitt, da sie einem Jngling glich. Er trug sie in seinen
Kleidern. Sie kamen zurck. Sie lchelte, nur die Augenecken bebten. Fhrte
die Fden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom
Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause.
Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein
Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwhlte, forderte Unbedingtes
-- ging in ihrem Bein, entzndete durch ihr Herz. Bauern starrten bld auf
die Agierende, lachten sich an breitmulig, gespalten, gingen heim,
vergaen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollfhrte die
Entscheidung. Stie, wie als Kind die Schlange, Falsches zurck, ri
Geeignetes an sich, mit sich hoch. Mnner nahmen den Blick von ihrer Hfte.
Jnglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen,
lie die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines,
spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wuten, lie
erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die
Siedepole, weiglhende Spannung, Ruland, Indien. Blieb im Hintergrund,
schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wute nicht, wann ereignet es
sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es gengte. Fhrte sie.
Sie tat das Vermchtnis. Es war genug.

Trat in eine Frderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte.
Raffaeli schob den Mund schief im Bart: Sie sind eine Frau. Sie
schttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die
Polizei der Gesinnung, sah das Bldsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem
Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier
gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich
umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich,
wute es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im
Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tnzerin,
Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwrts.
Noch nicht die Hhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlngerte.
Strich durch, verwarf, erneuerte, erhhte. Grndete ein Restaurant Rue
Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemhte ihres Geistes Essen
erhielten. Gab Raffaeli das Schlo, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein
in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus.
Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah
es nie mehr. Studierte die Krankenhuser groer, kleiner Stdte, machte
eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse,
wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renes
Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im
Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab
Anweisung auf Brot: Schwrmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie,
damit Sie tauchen. Raffaeli schluckte, errtete, schlo die Augen zum
Schlitz: Verzeihen Sie wegen der Frderation. Sie schlug einen Kreis um
das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, lie ein Haus
reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die
Huser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing,
lie gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf,
verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf
Menschen, der unwiderstehlich entzndete, gierig machte, umschlug, die
Augen vernderte, das Leben. Ttig machte mit ihr, fortzog, dienend,
hochmtig vor Verantwortung. Reiste nrdlich. Zog am Todestag Contis die
Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und
Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schlo die Liste. Legte den
Kopf zurck: Fast erreicht, fast erfllt.

Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem
ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fhlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des
Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurck. Traf
ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die
silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es,
legte es zu sich, hrte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward
nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf ber
Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetr des
Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillenglser standen
scharf auf ihr, er prfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr
Zimmer stand leer. Andere Plne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb
dennoch. Sie war nicht drauen ntig, hatte erfllt, was ihre weibliche
Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwrts getrieben
unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: Ist Naga
hier? Nein. Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte
schweigend: Durst. Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie
schpfte sie aus. Grinsend lie er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke
ins Wasser, sog den Schlauch an, lie altes Wasser heraus, neues hinein. Er
lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach
undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Da sie fehlte. Gut . . . wie schn,
das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern.
Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett.
Deine Mutter? Tot. Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie.
Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie
sie lste.

Sie . . . da, des Predigers Auge irrte unstt von ihr zum Fenster. Er sah
die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen
schlug sich von ihrer Schulter bers Meer: dort die Welt, unmebar gepret,
verfhrerisch, sein Schicksal! Ha kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie
neigte sich zurck: Glauben Sie es immer schn . . . leicht? Er wollte es
nicht hren: Nur dort sein. Sie lchelte: Und dann? . . . . . . . . . .
Weiter. Auf und ab die Rume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze
kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. Wasser, sie eilte,
khlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben.
Welches Glck im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus,
schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft
prallte ab, ward Neigung. Die groe Schwester kam in der Tr mit ihr
zusammen. Verzeih, sagte sie, neigte den Kopf, da ich deine Instrumente
einmal beschmutzte. Schon damals verzieh ich. Die Schwester kte
ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem
Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert
ohne Kampf -- -- -- unmgliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm
tglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und
Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tdlich. Als sie vorbei war,
gefestigt in dem berwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte
Schaum aus Soda, Schmierseife, heiem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit
Schssel und Schssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: Es kommt
Gewitter. Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In
der Unmglichkeit wuchs der Glaube nur strker, verbreitete sich, trat aus.
War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weier Hitze, lauschten
schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der
Glaube der Mnner stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des
Predigers traf sie, erstaunt, ohne Ha. Ich sollte nicht Kraft haben, zu
dulden, wo Sie Ungeheures vermgen? Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die
Messer hin: Wie gering ist das alles.

Nachts beim Fllen des Wassers fiel sie ohnmchtig um neben der Wanne des
Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die groe Schwester drckte ihr ein kaltes
Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der
Seite, ein noch nie erblicktes Lcheln um den harten Mund. Der Zigeuner sa
in grter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie
allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fhig: Die . . .
vorher . . . schlug mich. Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie
zu verlieren, lste ihn. Er schlug in die Hnde: Bitte . . . bitte . . .
Dann schwieg er.

Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bsem strotzte,
berwand sie.

In diesem Augenblick fhlte sie verzweifelt, da etwas fehle. Schwer atmend
ging sie durch den schwlen Raum. Die Luft vor der Kste war
zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste
Glut. Sie ging, erschrak, ffnete sich mit malosem Entzcken: das Meer. Es
lag hinter dem Schleier, schlug gro und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob
ber den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen
Seite, wischte den Nebel zu groen Strudeln. Rype, rief sie ihm. Ein Hase
mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, sthlern. Langsam das
Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging
heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Mven schlugen sich
hoch. O Mven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeielt
stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekhlter Wut. Die Mven,
hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug
ihren demtigen Sieg ihr zu. Am hchsten Triumph sprte sie die Lcke. Es
gengte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?

Sie hatte Sehnsucht, wute nicht wohin.

Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden.
Nichts strte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich
glhend ein Glck. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte,
begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermdlichkeit. Kein Phantastisches,
Gewhntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnschtige
unertrglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick
streifte das Meer.

Ihr Rcken stie an etwas.

Ein Baum.

Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein
Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fchern der
Sonne. Abends kamen sie ins Freie. Meer, schrieen sie. Die Sonne sank
blutrot ber Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Fle und
Feuer. Warum flog der Krper nicht ber das Segel. Tausend Klver wiegten
auf dem Ontario, schliffen trumerisch den Horizont stahlblau . . . .

Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang
sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich,
ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im
Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flte. Der Klang des Blutes,
weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach
der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, strzte durch die Gefe,
ein Aufschrei: zurck zur Heimat.

Der Morgen ging auf.

Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel
rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glhend das
Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann
fra das Meer mit einem Ruck das Ganze.

Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit groen raschen Schritten,
schaukelte mit jeder groen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr
entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je nher sie
rckte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den
Kapitn, lchelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug
heraufgeschlagen, legte sich kstlich auf ihre Haut, Schmelz blhte sie
hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft
verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stck fr Stck vergeben, gezahlt im
Guten wie im Bsen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst
der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr
entgegen. Krftigte sie und machte sie schn, glhend, auf langen Beinen
die zarterhaltenen Brste, der wilde Zug um den demtigen Mund, die heien
groen Lippen: da sie die Strke habe, ttig und unermdlich wachsend und
handelnd zu warten, Di Contis Vermchtnis erfllend, da irgendetwas,
Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft
noch lchelnd in ihrer Raserei), durchwhle und strze, da Schicksal sich
balle und sie selbst zurckkehre, die Maschine zu entfachen in den groen
Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und
unentspannbarer Dauer.

Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Mven in Spiralen durchwlzten die
Luft. Kanonen brllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids.
Langsam zhlte sie die Koffer, etikettierte, ging ber den Steg ins Boot,
ans Land. Das Gepck hufte sich um sie in der Morgendmmerung, noch grau
unter Bumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. Hinweg . . . hinweg --,
ein Diener stie sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn
dreimal. Hinter ihr Kommende drckten, kamen vor sie, verdeckten. Da
dienerte ein Neger. Nein. Er lutschte die Zunge zurck, steckte die
kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. ber ihrer Achsel
schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. Etwas
fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bckte sich,
fate ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorber. Sofort schlo
sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich
beiend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen
machte eine Bewegung, aber er ri nichts heraus, sondern streifte die Hand
nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglckung durchfuhr sie, stieg
in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war
blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer
Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutse
blieb. Gepcktrger huften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch
das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre
Schulter, schmi sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoes sich
um die Achse. Eine rauhe Stimme brllte: Idiot. Sie steckte das Paket in
die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur hnlicher, sie
erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen
Kugeln. Zurck? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen
sich, ein Gewlk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht.

Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.

Die Kluft ist zu gro -- ihr Herz erstarrt -- zwischen ihm und ihrem Leben.
Sie hat berwunden, lngst. Die unbefangenen Gefhle fehlen zu dem, was im
Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund
ein.

Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie
schttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.

Da sieht sie erschreckend, da sein Gesicht verndert ist. Di Contis Atem
schlgt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft,
Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schnheit.

Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute pltzlich: Da dies ihr aufgespart
war, damit sie vor eigenem Glck das Grere, Menschliche erst erfahre. Und
da sie tapfer gekmpft bis auf die Hhe, schlgt der andere Pol ihres
Lebens ins Zentrum, wchst, beglckt, ist da, ist da.

Und da sie nicht enttuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch grte
Bemhung nur der Weisheit nher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft,
gegen die Welt zu stoen, sie zu ndern und Contis Hebel aufzuschlagen aus
dem nun unfehlbaren Gehuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und
hei die Hand zu:

Komm.







End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***

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electronic work or group of works on different terms than are set
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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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