The Project Gutenberg eBook, Die Colonie. Dritter Band, by Friedrich
Gerstcker


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Title: Die Colonie. Dritter Band
       Brasilianisches Lebensbild


Author: Friedrich Gerstcker



Release Date: April 27, 2012  [eBook #39545]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***


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DIE COLONIE.

Brasilianisches Lebensbild

von

FRIEDRICH GERSTCKER.

Der Verfasser behlt sich die bersetzung dieses Werkes vor.

DRITTER BAND.







Leipzig,
Hermann Costenoble.
1864.




Inhalts-Verzeichniss.


                                      Seite
  Erstes Kapitel.
  Die Abendgesellschaft                   7

  Zweites Kapitel.
  Fortsetzung                            33

  Drittes Kapitel.
  Auf Khler's Chagra                    57

  Viertes Kapitel.
  Helene                                 87

  Fnftes Kapitel.
  Gerichtspflege in der Colonie         117

  Sechstes Kapitel.
  Vorbereitungen                        143

  Siebentes Kapitel.
  Bux auf der Flucht                    164

  Achtes Kapitel.
  Gefunden                              194

  Neuntes Kapitel.
  Herr von Pulteleben                   214

  Zehntes Kapitel.
  Graf Rottack's weitere Beschftigung  236

  Elftes Kapitel.
  Abschiednehmen                        253

  Zwlftes Kapitel.
  Schlu                                276




1.

Die Abendgesellschaft.


In der Wohnung der Frau Grfin sollte heute Abend groe Gesellschaft
sein, und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmckt,
die Cigarrentische ngstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend
Stearinlichte in den verschiedenen Rumen angezndet, ja, selbst
Helenens Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr
lautete die Einladung, und es fehlten noch etwa fnf Minuten daran,
als die Frau Grfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von
Pulteleben extra aus Rio verschrieben und das _sehr_ viel Geld gekostet
hatte, in den Empfangssaal rauschte, um vor dem Spiegel dort ihre
Toilette noch einmal zu mustern.

Helene sa am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gesttzt und schaute
nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen
Horizont begrnzte, und die Conturen des malerisch eingeschnittenen
Gebirgszuges scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete.

Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig besorgt hat, sagte die
Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht
von ihrem Rckgrat zu bekommen -- ich traue ihm nicht recht; er ist ein
ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.

Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht mglich, sagte
Helene, denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.

Aufrichtig gesagt, fuhr die Mutter fort, ist es mir _nicht_ recht
angenehm, da wir bei der heutigen Gelegenheit gerade wildfremde
Menschen haben, von denen ein paar sogar mit dem frheren Director
eng liirt waren. Der Baron wird wieder schn ber die _brgerliche_
Versammlung die Nase rmpfen.

Es sollte mir leid thun, sagte Helene gleichgltig, wenn der _alte_
Adel des Barons sich dadurch unangenehm berhrt fnde; wenn er aber
unter seines Gleichen leben wollte, htte er nicht nach Brasilien
auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum Aufenthalt whlen
sollen. Der Eine der Herren ist brigens, um Dich und den Herrn Baron zu
beruhigen, von Adel, und zwar ein frherer Artillerieofficier, ein Herr
von Schwartzau.

Und wie heit Dein khner Pferdebndiger?

In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich wei aber
nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist -- wen interessirt das
auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden knnen.

Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm? fragte die Frau und sah
ihre Tochter forschend dabei an.

Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zusammen? fragte Helene
kalt und stolz.

Es ist gut, sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Grtel
trug -- ah, schon acht Uhr, und da hr' ich auch Jemanden auf der
Treppe.

Die Thr des Zimmers wurde in diesem Augenblicke rasch geffnet; Oskar
trat herein und warf, wie gewhnlich, seine Mtze in die Ecke.

Er ist's richtig, lachte er dabei, zu Helenen an's Fenster gehend;
hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?

Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder? fragte die Mutter. Du knntest
Dich doch wenigstens heute Abend ein Bichen zusammennehmen, Oskar, und
Dein wildes, ungestmes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die
Mtze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft
erwarten! Wer ist wer?

Jener Mensch, rief Oskar, den wir neulich Morgens berholten, als uns
die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich,
in die Zgel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von
frher her, hinter dem ich, wer wei wie oft, mit einem Eimer Wasser
hergekrochen bin und ihn nie habe erwischen knnen -- aber abgewhnt
hab' ich's ihm wenigstens, da er das Gekratze hat sein lassen.

Helene antwortete Nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu,
und Oskar, mit einer Quantitt anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne
auf die Schwester weiter zu achten, fort:

Und mit des Meier Frau ist es auch richtig -- die ist in den Flu
gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drben so furchtbar
geprgelt hat, da sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.

Gemeines Volk! sagte die Frau Grfin wegwerfend; aber ich glaubte, Du
wolltest zu der Auction hinausreiten?

Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange
gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend
Kleinigkeiten.

Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?

Verwnscht wenig, sagte Oskar; ein Herr Knnern -- Du mut ihn schon
in Santa Clara gesehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hause --
schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend brauchbar
erwies, und es war gar nicht mglich gegen ihn anzubieten.

Herr von Pulteleben ist zurck?

Hrst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefeln
nicht ankriegen.

Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar! sagte die Mutter und sah nach
ihrer Uhr -- aber wo unsere Gste bleiben, ist mir unbegreiflich.

Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurck, sagte Oskar; der
Director war auch oben und wollte gern einige der guten Mbel haben,
aber Gott bewahre, Herr Knnern brauchte sie selber -- der mu
schmhlich reich sein.

Herr Knnern ist ja wohl auch mit eingeladen? fragte die Frau Grfin
ihre Tochter.

Ja, sagte Helene; er hat sich aber entschuldigen lassen.

So -- entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich nicht vornehm
genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur einbilden?

Da unten hr' ich Jemanden, rief Oskar -- Jeremias unterhlt sich --
der Bursche ist heute gttlich -- hast Du ihn schon in seiner Galatracht
gesehen?

Die Frau Grfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem
Augenblick wurde die Thr weit aufgerissen, und Jeremias, der wirklich
heute im Glanz seines gewhnlichen Ballornats erschien, meldete:

Se. Ehrwrden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwrden der Frau
Gemahlin.

Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drckte sein Taschentuch in
den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wthenden Blick
zuschleudern, denn im nchsten Moment mute sie schon mit lchelndem
Gesicht den Herrn Pastor begren, der in schwarzem Frack, weier Weste,
gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weien Halstuch, darunter aber,
etwas unpassend, mit Nanking-Beinkleidern in der Thr erschien und seine
Frau hinter sich herschleppte.

Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase
und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dnnen Lippen
-- auerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten und
-- wenn das Gercht nicht log -- auch ihres eigenen Mannes. Jetzt aber
schien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute sie sich,
die Frau Grfin wohl und munter zu sehen, so glcklich war sie ber das
vortreffliche Aussehen der gndigen Comtesse -- von Oskar nahm sie keine
Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der Thr durch
sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber furchtbarer
Verachtung.

Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrtige Gestalt, schien sich
noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fhlen, und so behaglich er
drben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo
sa, so beengt fhlte er sich von jeder anstndigen Umgebung. Pastor
Beckstein war auch in der That nicht in hnlichen Verhltnissen
aufgewachsen, sondern daheim ein gar rmliches Dorfschulmeisterlein
gewesen. Aus einem oder dem andern Grunde mute er aber seinen Dienst
quittiren, war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn
und wanderte zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere
Stellung bekommen konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine
Zuhrer jeden Sonntag Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner
sagt, #the gift of the gab#, und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen,
die natrlich Niemand nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt
in seiner Stellung zu behaupten -- konnten die Colonisten doch auch
keinen andern und besseren auftreiben.

brigens war er, und besonders auerhalb der Kirche, tolerant genug,
viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge
Controle ber smmtliche Kirchgnger in der Colonie hielt. Aber auch sie
schien das Umgehen der Kirche weniger fr eine Snde gegen Gott selber,
als fr eine persnliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab
es deshalb nie. -- Sie ging natrlich in ein ziemlich abgetragenes
schwarzes Seidenkleid wie eingeschnrt und ohne Crinoline, mit einer
groen, weien Haube auf, die weiter nichts Merkwrdiges als
zwei furchtbar groe, reich gestickte -- leider auch schon einmal
ausgebesserte -- Zipfellappen und eine sehr groe, orangenfarbige Rose
trug.

Glcklicherweise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gste,
denn die Unterhaltung wre unter so verschiedenen Elementen sehr bald
in's Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: Herr Balthasar
Rohrland nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.

Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines,
rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos
gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer
einzelnen Achatschnur um den Hals.

Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem
Mutterwitze, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in
der bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung.

Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundstzlich
stets genau eine halbe Stunde spter, als die an ihn ergangene Einladung
lautete. Er war natrlich # quatre pingles# gekleidet; seine Toilette
lie Nichts zu wnschen brig, und er htte eben so gut damit bei
dem Lever irgend eines europischen Frsten erscheinen knnen. Pastor
Beckstein schrak auch wirklich ordentlich in sich zusammen, als er
zufllig einmal einen Blick auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin
hate den Baron aber seit diesem Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn
je gehat hatte -- es versteht sich von selber, nur seines Stolzes und
Hochmuths wegen, der ihn sogar nicht ein einziges Mal in _ihre_ Kirche
lie.

Jetzt erschien auch endlich -- als Hausgenosse jedoch eben so
gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet -- Herr von Pulteleben,
gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch neueren
Frackschnitt als der Baron, was seinerseits _diesen_ wieder rgerte.
Herr von Pulteleben ging brigens vor allen Dingen auf die Damen zu,
diese zu begren, machte dem Baron dann die gehrige Verbeugung und
grte den Herrn Pastor mit seiner Gattin, die anfingen, sich in eine
Ecke zu drcken und dort festzusetzen, in etwas summarischer Weise --
was wieder einen Stachel in der Brust der Frau Pastorin zurcklie.
Die Frau Pastorin sammelte berhaupt heute Abend Stacheln -- wren
es thatschliche gewesen, ihr Herz htte beim Nachhausegehen wie
ein blutiges Nadelkissen aussehen mssen. Dann nherte sich Herr von
Pulteleben der Frau Grfin, um ihr nur vorlufigen, brigens nicht
befriedigenden Bericht ber die Auction abzustatten. Die Frau Grfin
hatte nmlich gehofft, da er eine ganze Menge sehr hbscher, wenn auch
vielleicht sehr unnthiger Dinge mitbringen wrde, und sah sich darin
eben nicht angenehm getuscht.

Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Director von
Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit
oder Malice, die Thr vor der Nase zumachte, und dann tausendmal um
Entschuldigung bat.

Gnther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der
That noch bis zum letzten Augenblick unschlssig gewesen, ob er gehen
oder bleiben solle. Ja, noch vor der Thr hatte er des Freundes Arm
gefat und gesagt:

La mich lieber unten, Gnther -- es ist wahrhaftig besser, und die
Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind ja
alle mit einander Komdianten auf dieser wunderlichen Weltbhne, und die
Gesellschaft betrgt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu
werden -- warum ihr also den Spa verderben?

Ich wrde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen, sagte Gnther,
wenn ich nicht heute zufllig gehrt htte, da diese Abendgesellschaft
wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann
mir denken, da Dir das nicht angenehm wre. Hast Du also nicht ganz
besondere Lust mit hinaufzugehen, so kehre ruhig nach Haus zurck; ich
will Dich dann schon oben entschuldigen. Es findet sich spter wohl
einmal eine andere und bessere Gelegenheit, die Frau _Grfin_ wenigstens
wissen zu lassen, da man ihre wahre Abkunft kennt.

Glaubst Du, da mich die Verlobung stren wrde? lachte der junge Graf
bitter -- wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gnne ich der nachgemachten
Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern
die Kammerfrau als Schwiegermutter -- ich wrde mich sogar hten, die
Verbindung zu stren, und wenn mir das auch nur _ein_ Wort kostete. Aber
in _einer_ Art hast Du Recht -- wenn auch in einem andern Sinn, wie
Du es gemeint -- Helene selber knnte nmlich glauben, ich sei der
Verlobung ausgewichen, und deshalb -- gehen wir hinauf. Ich freue mich
jetzt selber darauf, einmal einer echt aristokratischen Gesellschaft in
einer brasilianischen Colonie beizuwohnen.

Du willst mitgehen?

Gewi, lachte Felix, des Freundes Arm wieder ergreifend und ihn mit
fortziehend; es mu berhaupt schon fast dreiviertel sein, und wir
werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie sich die Frau Grfin
freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber ich bitte Dich,
Gnther, nie selber ber meine Entdeckung zu reden. Das Geheimni ist
mein eigen.

Gewi -- aber glaubst Du, da sie Dich wiedererkennt?

Ich glaube kaum -- zu viele Jahre sind verflossen, seit wir uns nicht
gesehen, und ich selber -- bin alt dabei geworden; vielleicht kann ich
jedoch ihrem Gedchtnisse nachhelfen.

Da sind wir.

Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese
erleuchteten Hallen -- wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler
rche -- und Jeremias in Gala -- Ich frchte fast, Gnther, da wir
nicht in standesgemer Toilette erscheinen.

Immer 'rein, meine Hrrschaften, rief ihnen Jeremias unten im Hausflur
entgegen -- immer 'rein -- _hr_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes
sehen und erleben werden -- immer hereun! Erwachsene Herrschaften zahlen
gar Nichts und Suglinge unter zwlf Jahren die Hlfte!

So recht, Jeremias, lachte Gnther -- ist die Gesellschaft
versammelt?

Alle da, meine Hrrschaften, erwiederte Jeremias mit grtem Ernste --
fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen --
und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, ri die Thr auf und
meldete:

Herr Baron, Gnther von Schwartzau mit -- Donnerwetter, ich wei ja
_Ihren_ Namen nicht!

Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lcheln
nicht unterdrcken; nur die Frau Grfin scho einen zrnenden Blick
auf den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die
Fingerspitzen hinein emprt, ber diese Mihandlung jedes Anstandes,
jeder Sitte. Gnther brigens, ohne sich im Geringsten auer Fassung
bringen zu lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Grfin
zu und sagte mit einer leichten Verbeugung:

Gndige Frau, Sie waren so gtig, mich und Freund Randolph auf
heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier
vorzustellen.

Die Frau Grfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von
Schwartzau, die nur an der uersten Kante den neben ihm stehenden
Freund einschlo; Helene aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat
jetzt vor, und von Schwartzau die Hand reichend, sagte sie herzlich:

Sie haben _mir_ besonders eine groe Freude gemacht, da Sie der
Einladung gefolgt sind, denn drauen im Walde wurde mir ja gar keine
Zeit gegeben, Ihnen so herzlich fr die Hlfe zu danken, die Sie mir
geboten, wie ich es wohl gemocht.

Comtesse, sagte Gnther, wirklich berrascht von der fast wunderbaren
Schnheit des Mdchens -- so sehr wir den Unfall _Ihretwegen_ bedauert
haben, so glcklich hat uns der kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen
leisten durften. brigens mu ich die Haupthandlung vollkommen von
mir abwenden, denn Freund Randolph hier war der eigentliche Held des
Morgens, indem er sich Ihrem Pferd entgegenwarf.

Helene hatte sich mit ihrem Danke gegen _beide_ Mnner gewandt gehabt,
aber whrend sie sprach doch immer nur Gnther angesehen, und hchstens
einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter, aber nie bis zu dessen
Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht lnger vermeiden, und auch
ihm die Hand reichend und tief dabei errthend, sagte sie, aber nicht
mehr so zuversichtlich, als vorher:

Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit
meinem wild gewordenen Thier beschftigt, da ich wirklich kaum mehr
hrte oder sah, was um mich her vorging -- viel weniger denn htte
Personen unterscheiden knnen. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten
Dank.

Bitte, mein gndiges Frulein, sagte Felix ruhig, indem er die
gebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los lie
-- machen Sie keine Umstnde. Ich mu zu meiner Schande gestehen, da
ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewohnheit entgegen sprang.
Ich kann nmlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen
stets in den Weg, wo ich sie eben treffe.

Sie wollen also damit sagen, lchelte der Director, da Sie dem
Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zgel fielen.

Genau dasselbe, sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director
ansehend -- mit wem habe ich das Vergngen?

Herr Director von Reitschen, sagte Gnther, ihn vorstellend, und die
beiden Mnner verbeugten sich vornehm gegen einander.

Der Herr Randolph hat etwas sehr Anstndiges in seinem Benehmen,
flsterte Baron Jeorgy leise der Frau Grfin zu, neben der er stand.

Finden Sie? sagte die Grfin und musterte den Fremden mit einem
gleichgltigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm
abgewandt, als es noch einmal dahin zurckkehrte und ihn aufmerksamer
betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben
gesehen?

Helene errthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf so
fast leichtfertige Art zurckwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber
so achtungsvoll und gewandt, da sie ihm auch wieder nicht bse sein
konnte.

Jeremias strte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein
sehr groes Theebret mit einer Anzahl Tassen und Rahmgieer, Zuckerdose
und Rumflasche mitten zwischen die Gruppe hineinschob und auf das
Verbindlichste fragte:

Irgend Etwas gefllig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau
-- hurrjeh, jetzt htten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen
heruntergefegt!

Bald war der Thee allgemein und eben so das Gesprch, denn der Thee
verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder
geistreiche Unterhaltung ist bei hufigem Genu von Thee kaum mglich.
Er schlfert viel mehr ein, als da er aufweckt, und daher sehr
hufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch Thee
umhergereicht wird.

Sehr natrlicher Weise drehte sich aber das Gesprch anfnglich fast
ausschlielich um die Tagesbegebenheit -- die Auction des Meier'schen
Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen,
geheimnivollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als
einer wirklichen Abreise glich. Gnther dankte auch Gott im Stillen,
da Knnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wre ein
Messerstich fr ihn gewesen.

Apropos, Herr von Schwartzau, wandte sich endlich der Director
an diesen -- will sich denn Ihr Freund Knnern bleibend bei uns
niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder
vielmehr Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkufen aber, die
er heute, besonders an Mbeln und anderen, schwer zu transportirenden
Gegenstnden gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier
eine Wirtschaft und einen eigenen Heerd grnden wolle.

Ich mu sehr bedauern, Ihnen darber keine genaue Auskunft geben zu
knnen, Herr Baron, sagte Gnther, denn ich selber habe hier das Erste
von diesen Einkufen gehrt. Mglich, da er dazu den Auftrag von Herrn
Meier selber bekommen, denn so viel ich wei, gedenkt jener Herr hierher
zurckzukehren. Er hat wahrscheinlich nur das berflssige verkaufen
lassen.

In der That? Und waren Sie nher mit der Familie befreundet?

Ganz und gar nicht -- ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum
ersten Male betreten.

Sonderbar, sagte der Director; es scheint eigentlich Niemand im
ganzen Ort zu sein, der sie kennt.

Ich wei Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden
gehabt.

Und weshalb die Frau den Tod knnte gesucht haben?

Das Geheimni ruht wohl mit ihr im Grabe, sagte Gnther ausweichend,
denn ich glaube nicht, da die Familie selber darber Auskunft geben
wrde. Sie soll brigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist
mglich, da die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu
beigetragen hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.

Sehr wahrscheinlich, sagte der Director -- er sah, da er aus Gnther
Nichts weiter herausbringen wrde, selbst wenn dieser wirklich um Eins
oder das Andere gewut htte.

Das Gesprch drehte sich endlich wieder anderen Gegenstnden zu, und
Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin
und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge
verwickelt waren.

Ja, entgegnete die Frau Pastorin auf eine uerung der andern Dame
bezglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefllte Tasse
abnahm und sich Zucker und Milch nahm -- das ist gar Nichts -- denken
Sie nur, was ich fr Fe zu versorgen habe, die Strmpfe verlangen. Ich
mu fr meinen Mann und mich, fr meine fnf Kinder und auch noch fr
den Schwager von meinem Mann, also fr acht Personen, stricken.

Alle Wetter! sagte Jeremias erstaunt -- fr zweiunddreiig Beine!

Die Frau Pastorin warf ihm einen wthenden Blick zu und Jeremias ging
weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand.

Trotzdem, da wir selber bei den Cigarren interessirt sind, lachte
Helene, so halte ich es doch fr eine entsetzliche und fatale
Gewohnheit, die aber eben nicht abzuschaffen ist und deshalb ertragen
werden mu.

Und doch stnde es in der Gewalt der Damen, das zu thun, sagte der
Director galant; die jungen Damen sollten sich nur alle verschwren,
keinen Mann zu kssen der raucht.

Das hlfe gar Nichts, meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret
vorschob -- bitte, langen Sie zu, mir schlft der Arm schon ein --
die jungen Damen sollten sich lieber verschwren, Jeden zu kssen der
_nicht_ raucht -- was nachher fr ein Gereie um den Herrn Director
wre!

Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director sah
Jeremias ber die Schulter verchtlich an, was aber an diesem ruhig
abprallte.

Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument
gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und auer allem Tact,
da ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhren.

Bitte, Comtesse, fragte der Director, wollten _Sie_ nicht die
Freundlichkeit haben und uns Etwas zum Besten geben? Ich habe schon so
viel von Ihrem Spiel gehrt, aber noch nie die Freude gehabt, selber
Ohrenzeuge zu sein.

Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das
Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben
stehen.

Und sind _Sie_ nicht musikalisch, wrdiger Greis? sagte der junge
Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse bereitete.

Ich leider nicht, meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein
Stck Zucker nach dem andern in die Tasse warf -- aber ich stamme aus
einer ganz musikalischen Familie.

So?

Ja, sagte Jeremias -- ich habe drei Schwestern, die sind alle
musikalisch, die eine schlgt das Clavier, die andere spielt das
Pianoforte und die dritte ist Witwe -- nehmen Sie nicht _noch_ ein
Stckchen Zucker?

Ruhig da, sagte Gnther, als Helene gerade zu prludiren begann, und
Jeremias drckte sich mit dem jetzt berall herumgereichten Bret zur
Thr hinaus.

Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich
wunderschn, und das Beste dabei, mit tiefem Gefhl -- und wie
seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie krftig und
frisch sprang sie zu dem Allegro ber, durch das immer und immer wieder
die sen und wehmthigen Klnge zuckten.

Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nchst
dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgltig bleiben wollen, aber die
Tne sprachen zu mchtig zu ihm. Es war die nmliche Melodie, mit der
ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt,
geantwortet hatte, und jetzt -- er deckte seine Augen mit der Hand, und
Alles, was ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen,
aus dem nur die Tne wie Sphrenmusik zu ihm herber drangen.

Jetzt schwiegen sie -- Bravo, Bravo, vortrefflich -- wirklich
meisterhaft! tnte es von allen Seiten -- nur Felix wandte sich ab
und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer
Luftzug seine Schlfe khlte -- die leeren Beifallsphrasen thaten ihm
weh.

Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen -- die
junge Frau Rohrland, die eine sehr hbsche Polka ganz allerliebst und
mit groer Fertigkeit abspielte. Felix hrte es gar nicht, als eine
leise Stimme an seiner Seite sagte:

Sind Sie nicht auch musikalisch?

Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen
htte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz
fragend zu ihm aufgehoben, whrend der Glanz der Lichter ihr goldblondes
Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgieen schien.

Sind Sie nicht auch musikalisch? wiederholte Helene die Frage, als
sie sah, da sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte
berhrt htte.

Ich? -- Nein, stammelte Felix und bi die Zhne auf einander, da er
sich, gerade _dem_ Mdchen gegenber, so schwach und unbeholfen gezeigt
-- nein, Comtesse, wiederholte er fest, und fast rauh -- mir trumte
einmal, da ich spielen knnte -- aber die Zeit liegt dahinten und --
ich sehne sie auch nicht zurck.

Und hren Sie gern Musik? fragte Helene weich.

Nein, erwiederte der junge Graf nach einigem Zgern -- Musik sollte
ein Genu, eine Erholung fr uns sein, und mir -- reit sie nur immer
wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im Dunkeln
schlafen. Ich _hasse_ Musik!

Oder _frchten_ sie, sagte Helene ernst.

Frchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt frchte, Comtesse -- und
doch knnten Sie Recht haben -- ich frchte sie vielleicht.

Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen sen Trost in
Schmerz und Leid!

Sie reden, Comtesse, sagte Felix, fast spttisch lchelnd, als ob
_Sie_ schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter sich und nicht --
einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich htten.

Lieber Gott, sagte das junge Mdchen unbefangen -- Jeder von
uns trgt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der
glattesten Stirn verstecken -- wer will sagen, da er die schwereren
trge. -- Aber wir werden zu ernst, brach sie freundlich ab -- wissen
Sie, Herr Randolph, da wir Beide eine merkwrdige bereinstimmung in
unseren Trumen haben?

_Wir_ Beide?

Ja -- auch mir trumte neulich einmal, da Sie -- spielen knnten, und
doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur flchtig auf der
Strae gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?

Allerdings -- _sehr_ wunderbar! rief Felix und schaute berrascht zu
ihr auf, Helene sah ihn aber so ruhig und unbefangen an, da er den Kopf
wieder abwandte und sagte: Aber wer kann fr seine Trume? Sie kommen
eben und gehen, und drcken dabei trotzdem ihre Fhrten in unsere
Erinnerung, da wir in spteren Jahren die wirklichen von den getrumten
kaum noch unterscheiden knnen. Lassen Sie uns Beide unsere Trume
vergessen.

Dunkles Roth scho in Helenens Zge und ihre Lippen ffneten sich wie zu
einer Erwiederung, aber kein Wort verlie sie, und der laute Applaus
der eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen
breiten Hnden wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter
einander, die sich jetzt um Frau Rohrland drngte und ihren Dank fr den
Genu aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt,
und Oskar's laute Ankndigung, da der Tisch gedeckt sei und der Gste
harre, machte berhaupt jede weitere Unterhaltung unmglich.




2.

Fortsetzung.


Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr
seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland,
da der Director schon die Frau Grfin um die Ehre gebeten, und Herr
Rohrland fhrte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die
Frau Pastorin zu Tische; die brigen Gste folgten mit Oskar der kleinen
Escorte in das Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spa gemacht
hatte, die von seiner Mutter vorher sorgfltig geprfte und durch
kleine Namenszettel bezeichnete Rangliste der Sitzenden, grndlich durch
einander zu werfen und zu verwirren.

Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die Tafel, mit Herrn Randolph an
der einen und dem Director an der andern Seite; neben diesen die Frau
Grfin, Pulteleben zwischen den Pastor und Herrn Rohrland, Oskar selber
zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr gern unterhielt, und den
Baron, der ihn nicht leiden konnte, Gnther auf die andere Seite
zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu
sitzen kam.

Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und
mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen.
Unter ihnen, das Gefhl gekrnkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an
der Stirn, der Baron, der dabei der Grfin einen Bnde sprechenden Blick
zuwarf.

Die Grfin, in dem Gefhl vollstndiger Sicherheit, Alles nach besten
Krften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thr,
um Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder
umdrehte, war das Unglck geschehen.

Aber, meine Herrschaften, rief sie entsetzt -- wie -- wie haben Sie
sich denn gesetzt?

Wie unsere Zettel lagen, meine Gndigste, antwortete der Baron scharf
-- es war die einzige Rache, die er nicht unter seiner Wrde hielt.

Aber das ist ja ganz falsch -- eine Verwechselung!

Ach, wir sitzen ja recht hbsch hier, sagte die Frau Pastorin, die
sich an der Seite des Herrn Directors wohl fhlte -- wir bleiben so,
nicht wahr?

Ja, wir bleiben so, lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der
Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzhlt hatte -- so ein
Durcheinander ist ganz hbsch und gemthlich.

Die Grfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar
wohl zu begegnen htete, und von Pulteleben, der noch immer seinen
Platz nicht eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer
nderung stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und
mit einem klglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn
Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also
Zusammengewrfelten begann bald, mit dem Klappern der Teller und Lffel,
eine lebhafte Unterhaltung.

Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die
Luft gesetzt. Wie hatte er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu
halten sich vorgenommen mit der jungen Dame an meiner Seite --
rechts sa der Pastor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und seine
Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal ansehen, um den geeigneten
Moment aufzufangen; er htte dann um den dicken Beckstein herumgucken
mssen.

Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die
Verwirrung bewirkt zu haben, fhlte sich am Unbehaglichsten zwischen den
beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der grten Unbefangenheit ein
vollkommen gleichgltiges Gesprch mit ihr anknpfte und sogar mit dem
Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten --
und doch war ihr das Herz dabei so weh -- so sonderbar bedrckt -- sie
wute sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb -- und
ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschftigte sich
ausschlielich mit _seiner_ Nachbarin zur Rechten.

Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr
vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director,
grndlich mit ihren Ansichten ber Gemsebau und Schweinezucht bekannt
zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen
fr die Colonie tragen muten.

Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male,
sich ausschlielich der Frau Grfin zuzuwenden -- aber umsonst. Die Frau
Pastorin hielt, was sie einmal hatte -- welches Zeugni ihr auch ihr
Mann zu Zeiten ausstellte -- und er mute sich endlich in sein Schicksal
ergeben und ruhig und geduldig ausharren.

Die Grfin hatte indessen ber den Tisch hinber, so oft das nur
unbemerkt geschehen konnte, die Zge des jungen Grafen gemustert, der
sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingefhrt. Wo
nur hatte sie das Gesicht schon gesehen -- wo diese Zge, die ihr so
merkwrdig bekannt waren, und durch eine zufllige hnlichkeit mit einem
jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedchtni immer wieder auf
eine falsche Fhrte brachten? -- Felix konnte es eben so wenig entgehen,
da ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach
ihr hinbersah -- aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast
spttisches Lcheln um seine Lippen und beunruhigte sein #vis--vis#
zuletzt so, da sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu
fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen htten, ob in Rio
oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken
vertieft geblieben, da sie ganz berhrte, wie Herr von Pulteleben in
einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem
dicken Nachbar weggerufen hatte: Beste Frau Grfin, beste Frau Grfin!
-- und der Pastor, durch den Schall getuscht, sich dann jedesmal nach
der verkehrten Seite umsah.

Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht lnger bezhmen, stand auf,
trat hinter den Stuhl der Grfin und flsterte:

Beste Frau Grfin, glauben Sie nicht, da es -- da es jetzt etwa Zeit
sein drfte, der Gesellschaft -- der Gesellschaft den wichtigen Schritt
mitzutheilen? -- Wir sind schon beim Dessert.

Sie haben Recht, erwiederte die Grfin, rasch aufstehend und einen
flchtigen Blick ber die Gste werfend -- es wird in der That Zeit;
bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast bernehmen.

Herr von Pulteleben verneigte sich -- es war ihm in der That _nicht_
recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es lie
sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen
hinber, die das Flstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben
mochte, denn sie erbleichte sichtbar.

Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich
selber beschftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum
Baron und flsterte diesem einige Worte leise zu.

Mein lieber junger Freund, sagte der Baron achselzuckend, hier
_unten_ von der Tafel? Wnschen Sie das wirklich?

Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Grfin.

Bitte, lieber Baron, winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu.

Hm, sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund -- hm
-- es ist -- eigentlich gegen meine Grundstze, aber -- wenn Ihnen damit
ein Gefallen geschieht, junger Freund -- und er stand dabei langsam
von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den Fu des vor ihm
stehenden, erst gefllten Glases, whrend er mit der andern Hand leicht
seinen Messerrcken dagegen schlug.

Meine Herrschaften!

Wollen Sie Kse? fragte Jeremias, der das Anschlagen des Glases gehrt
hatte und mit dem Kseteller auf den Baron zufuhr.

Meine Herrschaften! wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit
seinem Teller verchtlich den Rcken zukehrte und alle Gste ihn
erwartungsvoll ansahen. Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle
Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu
nennen, die gesonnen sind, hinfro eben so neben einander durch dieses
Leben zu wandern. Ich wei, da Sie alle von Herzen in meine Wnsche
einstimmen werden, da ihnen nmlich eben dieses Leben nur Rosen und
keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten....

Hbsch in Brasilien, sagte Jeremias halblaut.

Nur Freuden und keine Leiden bieten mge, fuhr der Baron fort, und
ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoen auf das Wohl von Comtesse
Helene und Herrn Arno von Pulteleben -- Sie leben hoch!

Hoch! Hoch! rief Alles, von den Sthlen aufstehend und die Glser
erhebend und gegen einander stoend.

Jetzt ist die Bombe geplatzt, sagte Jeremias, und sprang an einen
Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein
fllte.

Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas
entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt:

Erlauben Sie, _Comtesse_, da ich der Erste sei, der Ihnen seinen
aufrichtigen Glckwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben
bringt -- es ist ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel
bringen knnen, die auerdem nur noch den Glcklichen beneiden mgen,
da er die -- schnste Blume Santa Clara's pflcken darf.

Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berhrte, sah scheu zu ihm
auf, denn sie fhlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei
ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment
in ihren Zgen, da Felix unwillkrlich davor erschrak und mit leiser,
herzlicher Stimme hinzusetzte: Sein Sie glcklich!

Herr von Pulteleben mute um den ganzen Tisch herum, um zu seiner Braut
zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern
wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu gro geworden, und er
drngte sich jetzt nur zwischen die brigen hinein, um nicht ganz aus
dem Weg gesetzt zu sein.

Das ist ja in der That eine groe berraschung, sagte die Frau
Pastorin, die das Geheimni schon einige Tage frher als die
betreffenden Personen selbst gewut hatte -- ei, da gratulir' ich ja
recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemth, und der
Herr gebe seinen reichsten Segen dazu -- und was man Ihnen sonst noch
alles Gute wnschen kann!

Helene stie mit Allen an -- sie wute gar nicht mit wem -- sie bemerkte
auch kaum, da ihr Brutigam sich ihr nahte und verlegen sein Glas mit
dem ihrigen berhrte; sie hrte nur, wie er flsterte:

Meine liebe, liebe Helene -- o, da ich Sie jetzt so nennen darf!

Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fhlte
sich leise am Ellbogen berhrt und wandte sich danach. Er sah auch
Jeremias mit dem gefllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern
konnte, stie der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich
zunickend, mit ihm an und leerte seinen Wein dann auf einen Zug.

Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen.

Die Glser wurden wieder gefllt, und vielleicht zum Beweis, wie
unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor
jetzt ein langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser unerwarteten
Gelegenheit verfat hatte.

Whrend sie brigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen
Grnde haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen,
vorsichtig die Sthle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich,
da der Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die brigen sahen es auch
alle, nur Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte
beschftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung
desselben wieder niedersetzen und wre mitten in die Stube geschlagen,
wenn ihn der dicht hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefat und
gehalten htte.

Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix
wieder von den brigen zurckgezogen. Gnther, der es bemerkte, trat zu
ihm und sagte freundlich:

Ziehe doch nicht ein so furchtbar grmliches Gesicht, Felix. Siehst ja,
bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu
einem Begrbni geladen wren!

Es hat auch so etwas hnliches, sagte der junge Mann dster; aber
wahrhaftig, Gnther, ich -- wollte, ich wre gar nicht hierher gekommen.
Ich fhle, da ich anfange bitter und vielleicht ungerecht zu werden,
und -- Andere entgelten lasse, was -- mglicher Weise Andere gar nicht
verschuldet haben.

Du bist und bleibst ein Trumer, sagte Gnther; aber warte nur; wenn
ich Dich erst im Walde drauen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen
frh um acht Uhr geht's an die Arbeit.

Ich wollte, ich wre schon drauen. Glaubst Du nicht, da wir uns jetzt
empfehlen knnten?

Nur noch einen Augenblick; ich mu Etwas mit dem Director besprechen,
was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen
knnen.

So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Fen.

Gnther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors
habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen
Debatte ber die Einfhrung von Futterkrutern in die Colonie
verhandelte.

Die Frau Grfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf
und ab, whrend Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und
der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und
beobachtete Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha
sa.

Die Grfin schwelgte in dem Gefhl, ihren Zweck erreicht zu haben --
die nchste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte sie ja
berhaupt nie hinaus.

Ach, Jeremias, rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschftigt hatte,
einen defecten Stuhl als Falle irgendwo am Tische aufzustellen, mit
der stillen Hoffnung, da sich Jemand darauf setzen wrde -- thun Sie
mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser -- ich werde Sie
kniglich belohnen!

So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben? sagte der kleine Bursche,
ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen -- da hinten steht die Caraffe mit
Glsern -- bitte, langen Sie zu -- oder wollen Sie lieber den Kaffee
haben? Der ist dnn genug.

Die Frau Grfin ging an Felix vorber und warf ihm einen flchtigen,
sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zhne fest
zusammenbi. Als sie sich wandte, verlie sie Herr von Pulteleben,
um nach Helenen hinber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix
vorberrauschte und mit dem Fcher dabei wedelte und Herrn Rohrland
gndig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben,
wandte sie sich pltzlich gegen den jungen Grafen, und in einer
imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Fen
musternd, sagte sie scharf:

Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name -- ah, ja, Randolph
-- wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht kommt
mir merkwrdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa
Catharina?

Es wundert mich kaum, da Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,
sagte Felix und sah sie fest an, denn als Sie den Dienst meiner Mutter
verlieen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf
von Rottack.

Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch klar
und deutlich, wie fr die ganze Gesellschaft bestimmt. Htte aber ein
Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wnde und
Decke durch einander geworfen, die Frau Grfin Baulen wrde nicht mehr
und furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelhmt,
vor ihm stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte.

Um Gottes willen, was ist Dir, Mama? rief Helene, welche in diesem
Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren Armen sttzte.

Nichts als ein leichtes Unwohlsein, sagte Graf Rottack kalt, verbeugte
sich flchtig und schritt auf Gnther zu, der eben mit dem Director
gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und fhrte ihn
vor die Thr hinaus.

Willst Du fort? fragte dieser.

Ich sagte Dir vorhin, da ich schon zu lange geblieben bin, erwiederte
Felix, und ihre Hte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde
in die Nacht hinaus.

Die Grfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge
scheu umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr
erstaunter Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhrig
war, um Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er
vernommen. Er trat indessen rasch auf sie zu und fragte artig:

Ist Ihnen nicht wohl, meine Gndige? Wenn die Comtesse vielleicht ein
wenig englisches Salz in der Nhe htte.

Ich danke Ihnen, Baron, wies aber die Grfin die Hlfe zurck -- ich
danke Dir, mein Kind -- es ist schon vorber. Meine albernen Nerven
spielen mir manchmal einen solchen Streich.

Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen und
gehrt hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten
Stuhl gesetzt und beinahe damit umgefallen wre, schlug jetzt einen
Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte
jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten
Gste waren aber mde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction
zugebracht, der Director schien ebenfalls erschpft, da er noch auerdem
dem Wein sehr tchtig zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so
rstete sich Alles zum Aufbruche.

Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen --
Oskar war auer sich ber Jeremias' Tlpelhaftigkeit -- alle Tcher und
Hte an falsche Pltze und in die grte Unordnung gerathen waren. Aber
auch das regulirte sich endlich, und whrend Oskar noch ein Wenig in den
Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der frischen
Nachtluft seine Cigarre rauchen zu knnen, trat Herr von Pulteleben
noch einmal in das Zimmer der Damen -- hatte er doch jetzt ein Recht
gewonnen, sich ihnen vertraulich zu nhern -- und bat Helenen, da sie
ihm erlauben mchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glcklich sie ihn
heute gemacht habe.

Bleiben Sie noch hier, lieber Arno, sagte aber auch die Grfin, denn
sie nannte ihn von heute an vertraulich bei seinem Vornamen -- ich
habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen ist es doch
eigentlich noch zu frh.

Aber was hattest Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama? fragte
Helene; er verlie uns auch nachher so pltzlich.

Er hatte sich schon vorher bei mir empfohlen, sagte die Mutter, die
ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan
entworfen hatte -- wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland her
-- er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Grfin Rottack.

Ein Graf Rottack? rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah
ihre Mutter berrascht und fragend an.

Ja -- ist das etwas so Auerordentliches? fuhr aber diese fort --
Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine erschtternde
Nachricht mit -- den Tod einer Verwandten von ihm, was mich etwas
angegriffen hat. brigens will er hier nicht gekannt sein, lieber Arno,
und ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, da ich sein
Geheimni verrathen habe -- aber Sie gehren ja doch jetzt natrlich mit
zur Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte -- ich habe
mir die Sache heute hin und her berlegt, und -- da Ihr doch jetzt mit
einander verlobt seid, so -- thut es eigentlich kein Gut, die Sache
zu lange hinaus zu schieben, und ich wnsche deshalb, da die Hochzeit
recht bald -- so bald als irgend mglich gefeiert werde.

Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glcklich! rief Herr von
Pulteleben entzckt aus.

Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede, sagte Helene, und ein
eigenes eisiges Gefhl erfate ihr Herz.

Liebes Kind, sagte die Mutter, die Verhltnisse reien uns zu Zeiten
mit fort, ohne da wir sie nach unseren Wnschen regeln oder beherrschen
knnen, und eben diese Verhltnisse zwingen uns, von hier fort und nach
Santa Catharina zu ziehen.

Nach Santa Catharina? rief Herr von Pulteleben erstaunt -- woraus
schlieen Sie das?

Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen, fuhr
die Grfin fort, da besonders fr unser Geschft Santa Clara ein Nichts
weniger als passender Platz ist.

Aber wird die Insel besser sein, Frau Grfin?

Entschieden -- aber Du darfst nicht glauben, Helene, da ich einen
solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun wrde, und
ich habe mich vorher sorgfltig nach allen Verhltnissen der Insel
erkundigt. Erstens bekommen wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir
die Auswahl unter den besten Tabakssorten, die gerade von dort aus in
Massen nach dem Sden verschickt werden und viel billiger sind als hier,
und dann -- die Hauptsache -- finden wir selber einen viel besseren
Markt fr unser Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit
dem Sden, ja, selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.

Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloe
Vermuthung hin eine solche Reise...

Bloe Vermuthung -- das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was sie nicht
sieht -- Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So la
Dir denn sagen, da ich, um _ganz_ sicher zu gehen, schon vor mehreren
Wochen an die Prsidentin geschrieben und mit dem letzten Dampfer
Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen -- und zwar sehr
gnstige Nachricht.

Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem
kleinen Wechsel darin.

Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben, lchelte die
Mutter -- ich habe _zwei_ bekommen, einen von Deutschland und einen von
Santa Catharina, den mir der Director selber mitgebracht; wenn Du dem
aber, was _ich_ sage, nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens
selber berzeugen -- hole mir einmal den Brief herber; er liegt auf
meiner Toilette; der in dem gelben Couvert -- es ist nur der eine da.

Helene erhob sich, um den Auftrag auszufhren, als sie die Grfin wieder
zurckrief.

Ach nein, bleib' da, sagte sie, ich habe ihn weggeschlossen.

Wenn Du mir den Schlssel giebst, Mama, hol' ich ihn.

Nein, ich gehe selber, Du reit mir sonst meine Papiere durch
einander, -- und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer, aus
der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurckkam.

Da, sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schoo warf,
nun lies selber, was die Prsidentin schreibt. Danach werden Sie sich
ebenfalls berzeugen, lieber Arno, da wir wirklich gar nicht besser
thun knnen, als nach der Insel berzusiedeln. Die Kosten sind
unbedeutend, und wir bringen in zwei Monaten reichlich die mglichen
Mehr-Ausgaben wieder ein. Ehe wir aber diese Reise zusammen machen,
werden Sie selber einsehen, da es nthig ist die Trauung vorher zu
halten -- schon des Geredes der Leute wegen. Nun, lies nur laut, Helene,
Arno soll ebenfalls wissen, wie die Prsidentin ber unseren Umzug
denkt. Sie ist unendlich liebenswrdig, und bietet uns sogar an in ihrem
Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung hergerichtet haben.

Helene hatte den Brief berflogen, und sah jetzt darber hinaus ihre
Mutter gro und starr an.

Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Prsidentin schreibt doch eine
ganz leserliche Hand. Aber ich verga -- der Brief ist ja portugiesisch,
und Sie verstehen ihn nicht, Arno -- gieb ihn mir, ich werde ihn
bersetzen.

Der Brief hier, sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus
der Hand zu geben, oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, ist
_nicht_ von Santa Catharina.

_Nicht_ von Santa Catharina? rief die Grfin, sich erschreckt halb vom
Sopha hebend -- dann -- dann habe ich die Couverts verwechselt -- gieb
ihn mir -- gieb ihn mir! -- und in einer Aufregung, die besonders Herrn
von Pulteleben staunen machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe
aus.

La ihn mir noch eine Weile, Mutter, erwiederte aber Helene aufstehend
-- er ist so interessant, da ich ihn gern noch _einmal_ lesen mchte
-- gute Nacht! -- und ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der
verblffte Brutigam ein Wort dagegen einwenden konnte, schritt sie
durch die Stube in ihr dicht daran stoendes Zimmer und riegelte die
Thr hinter sich ab.

Aber ich begreife gar nicht, sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls
aufstehend und seine Schwiegermutter #in spe# etwas verdutzt ansehend --
was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst geworden?

Die Grfin wollte Etwas darauf erwiedern -- wollte Herrn von Pulteleben
eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem
Augenblick nicht.

Ich bitte -- lieber Arno -- lassen Sie -- lassen Sie mich jetzt
allein, sagte sie verstrt -- ich habe mit dem Mdchen zu reden -- Sie
-- Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie hat.

Ich mchte um Gottes willen nicht stren, sagte der junge Mann, indem
er seinen Hut ergriff -- es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich
vielleicht...

Es ist Nichts -- Helene ist -- ein verzogenes Kind.

Aber liebenswrdig verzogen, lchelte Herr von Pulteleben in einem
vollstndig miglckten Versuch, dem Gesprch eine freundlichere
Richtung zu geben. Er fhlte selber, da er in diesem Augenblick hier
unten total berflssig sei -- wenn er auch noch lange nicht begriff
weshalb, und in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen
Zimmer empor und legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,
und die Grfin hrte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's
Thr ging, und dort -- fast wie schchtern -- anklopfte.

Helene!

Keine Antwort von innen. Sie pochte strker.

Helene! -- Mach' auf -- la uns vernnftig mit einander reden.

Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie
durch das Schlsselloch erkennen, da das Licht noch drinnen brannte.

Helene! Sprich wenigstens mit mir!

Kein Laut tnte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau
Grfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager.




3.

Auf Khler's Chagra.


Es war noch frh am Morgen des nchsten Tages, als schon in Bohlos'
Hotel die Pferde fr Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie
die nthigen Packthiere gesattelt und vorgefhrt wurden, denn Gnther
schien jetzt ernstlich gewillt, seine noch nthigen Arbeiten aus
allen Krften vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjhrige
Thtigkeit in Brasilien abzuschlieen.

Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schrg gegenber wohnte, hatte diese
Zurstungen gesehen, sich angezogen -- er machte berhaupt jeden Morgen
zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang --
und war hinuntergegangen, zgerte aber heute, seine gewhnliche Bahn
einzuschlagen, und hielt sich noch in der Nhe des Hotels auf, als ob er
Jemanden erwarte.

Indem er in der Strae auf und ab ging und hier und da vor einer Thr
oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern
ein paar huldvolle Worte zu wechseln -- er zeigte sich gern
herablassend, wo er genau wute, da er seiner Stellung Nichts vergab
-- kam er auch zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei
seiner Arbeit sa, und den hineingerufenen Gru freundlich aber nur kurz
erwiederte.

Nun, Pilger, wie geht's? sagte der Baron, indem er seine Hand auf das
Fensterbret legte -- immer so fleiig?

Mu wohl, Herr Baron, sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit
aufzusehen, um das Bichen Brod zu verdienen und -- die Zeit todt zu
schlagen. Was soll man anders thun?

Hm, sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom Zeit todt schlagen
nicht so ganz einverstanden schien -- ja -- ist eigentlich ein einsames
Leben in der Colonie.

Das wei Gott! seufzte der Mann aus voller Brust vor sich hin, und
stach nur so viel eifriger in das Leder.

Apropos, fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die
Familienverhltnisse des Schuhmachers erinnert wurde -- Nichts wieder
gehrt von Eurem Proce?

Mit der Geistlichkeit?

Ja.

Nicht das Geringste und -- werde auch wohl Nichts wieder darber hren,
als da Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts damit
zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes liee sich
nicht ankmpfen -- der alte htte mir vielleicht besser beigestanden.
Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da -- hab' ich denn
natrlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.

Bse Geschichte, sagte der Baron, welchem das Gesprch unangenehm
wurde -- sehr bse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!

Guten Morgen, Herr Baron, sagte der Mann, an sein Mtzchen greifend,
ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen.

Die Strae herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold,
der fr den Baron arbeitete.

Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon? sagte der Mann, indem er
vor dem Baron stehen blieb und seine Mtze abzog.

Guten Morgen, Meister Berthold -- ob ich _was_ wei?

Der Justus ist fort -- der Kernbeutel, mein' ich, der andere Schneider
-- den verrckten Kerl haben Sie ja doch gekannt?

Fort? Wohin? Durchgegangen?

Niemand wei es, sagte der Mann. Er war neulich Abends von Haus
fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber
Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit -- es sind
nun schon ein paar Tage her -- nicht wieder nach Haus gekommen. Die
Frau jammert nun und wehklagt, da er sie ohne einen Groschen Geld habe
sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft
herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt
schuldig, der Lump!

Hm, hm, hm, was man nicht Alles hrt -- guten Morgen, Meister! sagte
der Baron, und brach das Gesprch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthr
erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem
Namen Randolph eingefhrt, und trat zu seinem Pferd, um dessen Gurt noch
einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nmlichen Seite der Strae
herauf, als ob er nur zufllig dort vorbeiging, und als er dem jungen
Mann gegenber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte
lchelnd:

Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen
gut bekommen zu sein, da Sie so frh schon wieder zur Reise gerstet
sind.

Ah, guten Morgen, Herr Baron -- auch schon auf?

In meinem Alter mu man sich an ein regelmiges Leben gewhnen, wenn
man gesund bleiben will, sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen
Leute knnen freilich noch mit Ihrem Krper machen was Sie wollen,
ohne augenblicklich dafr gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise
hingehen, wenn man fragen darf?

In den Wald, sagte frhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht
auf die Schulter schlug -- in den Wald, mein lieber Herr, da ich
einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen
brauche. -- Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der
Civilisation.

Dann wollen Sie wohl unter die Indianer gehen? lchelte der Baron
etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm zu barock, als da er
ihnen htte folgen knnen.

Vielleicht, lachte Felix -- und ich glaube bei Gott, ich passe besser
zu _ihnen_, als in diese erlogenen und knstlichen Verhltnisse, die wir
im gewhnlichen Leben die _Gesellschaft_ nennen.

Das sind ja wahrhaft haarstrubende Ansichten, sagte der Baron
schmunzelnd, aber -- ehe wir Sie denn fr immer verlieren, um da
drauen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen -- und
wenn Sie zurckkommen, mssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die
Indianer auf den Rcken legen und den Bogen mit den Fen spannen, um
einen Vogel aus der Luft zu schieen -- mchte ich noch eine Frage an
Sie richten, lieber _Graf_.

_Graf_? sagte Felix und drehte sich ihm rasch zu.

Bst, bst, lchelte der Baron -- ich wei recht gut da Sie ein Schelm
sind -- hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt -- aber ganz unter
uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen gebhrenden
Rechte hier auftreten wollen -- doch -- eine Frage mssen Sie mir
beantworten, ehe Sie gehen -- und er schob dabei seinen Arm in den des
jungen Grafen und fhrte ihn etwas die Strae hinauf, denn er wollte
sicher sein, da sie nicht gleich gestrt wrden.

Und die ist? Ich bin doch begierig.

Glauben Sie auch um Gottes willen nicht, wehrte der Baron im Voraus
jeden falschen Verdacht ab, da ich aus bloer ungerechtfertigter
Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Grfin Baulen
und der liebenswrdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten
Antheil an ihrem Wohlergehen.

Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.

Ich komme gleich zur Sache -- Sie -- machten gestern Abend der Frau
Grfin eine Entdeckung.

Sie standen in der Nhe? sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an.

Hm -- nicht unmittelbar -- zufllig -- die Frau Grfin schien sehr
bestrzt darber -- auffallend bestrzt -- ich habe sie in der That so
noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und charakterfeste
Dame.

Es schien so, erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war,
dem Baron _nicht_ auf halbem Wege entgegen zu kommen.

Hm ja, fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wute
nicht, wie er auf die geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte --
ich -- ich mu Ihnen nur gestehen, lieber Graf -- aber ich gebe
Ihnen nochmals mein Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen
Hintergedanken -- da ich schon seit einiger Zeit -- ich wei eigentlich
selber nicht recht, weshalb -- den Verdacht gefat hatte, daߠ....

Da?

Da die Frau Grfin -- da der Rang der Frau Grfin, wollte ich sagen
-- verstehen Sie mich vielleicht?

Noch hab' ich keine Ahnung, lchelte Felix, den die Verlegenheit des
Barons amsirte.

Es ist eine kitzliche Sache, darber zu reden -- ich gebe es zu, fuhr
der Baron also gedrngt fort, indem er langsam seine Hnde in einander
rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte -- und unter
anderen Verhltnissen mchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal
gerechtfertigt erscheinen.

Stehen Sie in einem _Verhltnisse_, Herr Baron?

Miverstehen Sie mich um Gottes willen nicht! rief dieser rasch und
ordentlich erschreckt. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist
kein persnliches Interesse, sondern nur das, was ich an der
Aufrechterhaltung des _Standes_ im Allgemeinen nehme. _Jetzt_ haben Sie
mich doch verstanden?

Nicht um ein Jota mehr, als frher, erwiederte der junge Graf mit
einem boshaften Lcheln.

Gut, sagte der Baron entschlossen, dann zwingen Sie mich, deutlich zu
reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also
ganz aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nmliche von Ihnen,
denn wir Beide _sind_ es unserem Stande schuldig.

Sie spannen mich wirklich auf die Folter.

Der Baron erfate des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest
in's Auge und sagte:

Hat die Frau Grfin von Baulen wirklich den Grafenrang?

Aber, lieber Baron, bat jetzt seinerseits der junge Mann, ich bin
heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick
herunter kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie
thun mir einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten
bei Seite lassen und mir gerade heraus sagen, um welchen _wichtigen_
Gegenstand Sie mich fragen wollten.

Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix.

Und ist Ihnen _der_ Gegenstand _noch_ nicht wichtig genug? brachte er
endlich mhsam heraus.

Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten? lachte der
junge Mann jetzt gerade heraus.

Alles, sagte der Baron, vllig vernichtet.

Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine _bestimmte_ Antwort
darber geben zu knnen, und ich mu Sie -- wieder auf Ihren kleinen
Finger verweisen. -- Da kommt auch schon Schwartzau mit Knnern -- wir
mssen fort -- also auf Wiedersehen, lieber Baron! und mit den Worten
lie er den ber solche Gefhllosigkeit vllig emprten Mann mitten auf
dem Wege stehen, schwang sich in den Sattel und sprengte gleich darauf
mit Gnther und von den Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die
Strae hinauf. --

Knnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde
erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten
zu sehen. Ihn selber drngte es, allein zu sein, wenigstens nur mit
fremden, gleichgltigen Menschen zu verkehren, mit denen er ber
alltgliche Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer --
so schwer und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund
bemitleidet zu werden.

Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorfhren lassen, stieg auf und
ritt langsam und im Schritt dieselbe Strae hinab, die er mit Gnther
gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals
so leichten Herzens -- so glcklich gewesen -- er wollte die Stunden
noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter
geblieben auf der Welt, als an _gehofftes_ Glck _zurck_zudenken.

So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fu des
Gebirgszuges, der in einzelnen Ablufern seine Hnge in's niedere
Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht
ausgebesserte und geborstene Brcke umging, und hielt erst wieder, als
er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht ber die ganze
Colonie Santa Clara und die benachbarten Hgelgruppen gewann.

Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich
zuerst dem fremden Platze nherte; wie suchte der umherschweifende Blick
so rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er
Alles gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glck und Liebe --
und Alles wiederum verloren hatte -- Glck und Liebe.

Da drben lag der sonst so freundliche Platz stumm und de -- da unten
in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bume zeigte,
ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da
drben zwischen jenen lichten Hhenzgen irrte vielleicht jetzt das
arme se Kind umher, das seinem ganzen Leben Glck und Frieden bringen
sollte und jetzt -- wenn auch mit zitternder Hand -- den Wanderer wieder
allein und freundlos hinausgestoen hatte in dieses Leben.

Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd
nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und
Kummer zu verzehren? Er wute recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben
war, sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt
schon freiwillig aus ihrer Nhe zu verbannen. So lange er sich noch in
dem Bereich des Platzes wute, in dem er ihr stilles, husliches Wirken
gesehen, ihre liebe Stimme gehrt, in ihre treuen Augen geschaut hatte,
so lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie
wiederkehren _msse_, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und mit
leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen.

Fort, fort mit den Gedanken! -- Das bittere Gefhl der Verlassenheit
stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd herumwerfend, als ob
er auch seiner Erinnerung entfliehen knne, wenn er den theuren Platz
selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg entlang und sah sich
pltzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Khler gegenber, in
dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er sogar
versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht
Alles vergessen und vergessen _mssen_ in der Zeit!

Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedchtni behalten zu
haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich
entgegenrief:

Na, das ist recht da Sie Wort halten, wenn es auch ein Bichen
lang gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal
wiederzusehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen.
Und wie ist's gegangen in der Colonie? fuhr er fort, als er zum Pferd
trat und Knnern herzlich die Hand schttelte. Gut, nicht wahr? Und der
Graue sieht auch prchtig aus. Dem ist da unten Nichts abgegangen,
wie es scheint. -- Aber so steigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch
wahrhaftig nicht im Sattel sitzen bleiben?

Eine Weigerung htte Nichts geholfen, das sah Knnern recht gut ein. Die
Einladung war auch so treuherzig geboten -- er htte dem guten Menschen
schon nicht weh' thun mgen, selbst wenn es ihm auch nicht recht gewesen
wre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen
Trbsinn zu vergessen.

Und wie freundlich wurde Knnern von der lieben jungen Frau empfangen!

Das ist gescheidt, sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die
Hand entgegenreichte -- das ist grundgescheidt von Euch, da Ihr Euch
auch wieder einmal bei uns sehen lat, und da unten bei den Grafen und
Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,
setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an -- gar schlecht seht
Ihr aus, bla und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und
munter wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. Seid Ihr krank
gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund genug?

Krank wohl nicht, antwortete Knnern ausweichend -- vielleicht der
Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?

Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin, sagte die Frau, mit einem
glcklichen Lcheln auf den Liebling zeigend -- sie hatte im Nu alles
Andere darber vergessen. Da liegt er und thut als ob's gar keine
Arbeit auf der Welt gbe, und die Mutter nur zu _ihm_ springen msse,
sobald er die groen Guckaugen und das kleine Mulchen aufthut. --
Aber setzt Euch, fuhr sie rasch fort, und sah sich dabei im Zimmer
um -- Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es sieht auch heute
Morgen noch so wild bei uns aus -- freilich, Besuch hatten wir so frh
noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause zu thun, und noch
dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen geradezu von
Allem abhlt, was man thun mchte.

Aber Ihr mchtet sie doch nicht missen?

Den Jungen da? rief die Frau ordentlich erschreckt aus -- da sei Gott
vor, da ich den Buben je wieder missen mte -- ich glaube, ich -- aber
ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch fr Reden fhrt!

Na, da setzt Euch her und frhstckt ein Bichen, sagte der Mann, und
ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher
komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.

Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld, sagte Knnern, denn
Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.

Desto besser, rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen
schien, dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder drauen -- wir
haben tchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher
frhstcken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man
sich erst ein Bichen Bewegung gemacht hat.

Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort, sagte die junge Frau, und ich kann
allein bleiben -- ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da
wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hnde voll zu thun, bis dem
erst der Schreihals gefllt ist. -- So macht nur da Ihr wiederkommt.
Gr' Gott, Fremder!

Knnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah,
wie dieser dort sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund
jagte, und folgte ihm dann in das Feld.

Ihr seid so still heute, sagte der Mann -- fehlt Euch wirklich
Etwas?

Nein, erwiederte Knnern mit einem wehmthigen Lcheln -- das Einzige
ausgenommen, was _Ihr_ habt und mir kein Arzt der Welt geben kann --
eine glckliche Huslichkeit.

Ei, lachte der junge Bauer, dazu hab' ich _auch_ keinen Arzt
gebraucht; die macht man sich eben selber.

Wie man's trifft, seufzte Knnern -- Ihr aber habt das groe Loos
gezogen mit der Frau.

Sollt's denken, schmunzelte der junge Bauer vergngt vor sich hin, 's
ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune -- ich
kann eigentlich gar nicht sagen, wie glcklich ich mit ihr bin. -- Und
der Junge -- ist das nicht ein Prachtkerl -- habt Ihr schon einmal
einen solchen Jungen gesehen? -- Aber der Alten darf ich's nicht merken
lassen, da ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich bis auf's
Blut -- und das kann sie -- das versteht sie aus dem Grunde.

Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglck,
bis sie schon weit drauen im Feld waren, und Knnern schritt schweigend
an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus
in den dunkeln Wald zog -- freudlos und allein -- sah sie mit wunden
Fen und krank in einer Htte liegen -- sah den Vater ber sie gebeugt,
der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur vermehrte,
und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten Hand
gefat, da es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander
sprengte.

Drauen im Feld nahmen seines Fhrers Gedanken aber eine andere
Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm
trefflich auf dem guten Land belohnte.

Da, sehen Sie her, sagte er, als sie eine dichte Hecke von
wildverwachsenen Quittenbumen durch ein kleines Thor passirt waren --
da habe ich einen Versuch gemacht, und Sorgho[1] zu Viehfutter gesteckt
-- und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's aus! Das ist ein famoses
Gewchs, das jeder brasilianische Bauer ziehen sollte -- und wie leicht
ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei
Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und den Boden locker,
und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten Mal. Aber er
giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: Nu erst recht! treibt er
noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fnf Wochen
schon wieder geschnitten werden knnen, und dann kommt er in einem
ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert,
da er seinen Sorgho schon in Einem Jahr _fnf_mal geschnitten htte.

Und verlangt er guten Boden? fragte Knnern, dem es wohl that, da der
Mann nicht mehr von seiner Familie erzhlte.

Nicht besonders -- leichter Boden thut's, und selbst Hitze und
Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott wei, wo es den Saft alle
herbekommt. -- Und sehen Sie 'mal, was daneben fr ein Wlschkorn
gestanden hat -- was fr Stengel -- ja, das mu wahr sein, der Boden
hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwrdigerweise da oben
viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das
Unkraut herauszuhalten ist schwere Mh', und ordentlich als ob's hinter
einem wieder herauswchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.

Zuhbel drben klagte, da sich das Land nicht zum Bau von
Futterkrutern eignete.

Zuhbel, lachte der junge Mann, der klagt ber Manches, und lobt
Nichts als seinen eigenen Wein -- gerade aus Widerspruch, weil's eben
kein Anderer thut. Nein, wir knnen hier bauen was wir wollen, es gerth
Alles -- wenn's nur ordentlich behandelt wird, natrlich. -- Nur mit dem
Weizen hat's uns Allen nicht so recht glcken wollen. Im Anfang, ja, da
ging's gut, und wir glaubten schon, wir htten gewonnen, aber nachher
gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr
vorwrts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen
wir, Kartoffeln, besonders se, nach Herzenslust, Maniok, Erdnsse
und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen
aushalten, mit dem sie weiter unten im Sden doch mehr ausrichten als
wir hier.

Und wie steht's mit dem Tabak?

Gut -- von der Art wenigstens wie er hier wchst. Ich hab' ganz
hbschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber
-- ob wir hier nicht recht mit den Blttern umzugehen wissen, oder an
was es sonst vielleicht liegt -- der ganze Tabak taugt eigentlich nicht
viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen
Lndern herber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser
als die von Bahia.

Und wie hbsch und sauber die Chagra eingerichtet ist, sagte Knnern,
der den Blick mit Vergngen ber die reinlichen Felder und die guten
Umzunungen gleiten lie -- man sieht doch gleich, wo eine deutsche
Hand gearbeitet hat.

Nun, lchelte Khler, ich bin zwar ein Brasilianer, das heit im
Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie
wir's daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn
wir selber selbststndig werden.

Euer Vater hat Vermgen mit nach Brasilien gebracht?

Nicht eine rothe Kupfermnze, aber Schulden dafr genug, lautete die
Antwort. Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom
Hundsrck in Deutschland und arm genug, herber, nur mit einer Frau
und zwei Kindern -- meiner Mutter und den beiden ltesten Brdern. Die
Regierung gab ihm ein Stck Land, was sie hier eine Colonie nennen,
und auch noch Subsidiengelder, da er sich die erste Zeit ber Wasser
halten konnte. Ackergerthe bekamen sie ebenfalls von der Regierung, und
nun ging's her ber die Bume, und Land wurde klar gemacht, da es eine
Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die
daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer genug gehabt,
wie mir mein Vater oft erzhlt, bauten sich zuerst eine nothdrftige
Htte und dann ein ordentliches Haus, vergrerten ihre Felder,
sahen ihre Heerden sich vermehren -- und ihre Kinder auch, und fanden
pltzlich, da sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten
Chagra htten. Mein Alter -- und viele andere Alte machten es eben so
-- schickte aber nicht etwa seine ltesten Shne hinaus, um sich einen
neuen Platz zu grnden, nein, er kaufte von der Regierung eine andere
Colonie fr sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften
fing, weil er sich nicht berreden konnte, da es die Jungen eben so
gut verstnden, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch
einmal von vorn anzufangen, und wie _ich_ flgge wurde, lie er mich
hinaus, um mein eigen Nest zu bauen.

So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in
der Gegend und in vielen anderen Gegenden Sd-Brasiliens herumfragt,
werdet Ihr berall Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und
deren Eltern doch daheim nicht genug hatten, da sie sich in der Woche
ein halbes Pfund Fleisch gnnen konnten.

Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte
besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzhlen, wie Der oder Jener
vor fnf, sechs oder acht Jahren herber gekommen sei und Nichts
mitgebracht habe als sein Elend, und eine verkmmerte Familie, und wie
gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und
zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirsichbumen, die das nchste
Jahr schon wahrscheinlich tragen wrden; dann den Flachs, den er fr
seine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte -- und dann,
nachdem er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar
machten, fhrte er ihn zu dem Hause selber zurck, um ihm auch noch
den Gemsegarten und die Stlle zu zeigen -- Stlle nmlich nur fr die
Mastschweine, die er mit dem Sorgho ftterte, denn das andere Vieh lief
lustig drauen im Freien auf einem groen, eingezunten Platz umher.

Der Garten selber stie an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbume,
an denen der frhere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz
erstaunlich ausgebreitet hatten. Khler nannte den Platz des Barons
Laube. Der Gemsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem
Hause, und nur die Fenster der Kche und Schlafkammer fhrten darauf
hinaus.

Die beiden jungen Mnner hatten brigens kaum den Rand des Gemsegartens
erreicht, als ein eigenthmlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf
aus dem Hause drang. Khler zeigte gerade Knnern den trefflichen
Blumenkohl, den er hier gezogen -- er schwieg pltzlich und horchte nach
dem Hause hinber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie.

Was das fr ein klinger Schlingel ist! sagte er lachend; die Frau
hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht _so_ viel
daraus. -- Ja, was ich gleich sagen wollte, der Blumenkohl hier ist
meiner Frau grter Stolz, denn den hat -- wieder hielt er inne, denn
nochmals kam aus dem Hause ein merkwrdiger Laut, der weit mehr einem
rgerlichen Schrei als einem Zanken glich.

Jetzt wollt' ich doch drauf schwren, da ich meinen Namen gehrt
htte, sagte Khler, schritt aber dabei schon rasch dem Hause zu, wohin
ihm Knnern folgte.

Hans! Hans! schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit
zwei Stzen waren beide Mnner im Hause, denn etwas Ungewhnliches
_mute_ dort geschehen sein.

Khler sprang voran in die Stube, deren Thr nur angelehnt war, und
blieb erstaunt mit einem lauten _Halloh_? auf der Schwelle stehen, denn
in dem Zimmer stand ein sehr anstndig gekleideter ltlicher Herr, hatte
_seine_ Frau umfat, die sich aus allen Krften gegen ihn wehrte, und
suchte sie mit dem einen Arme an sich zu ziehen, whrend er mit dem
andern ein paar gut gemeinte Ste parirte, welche sie nach seinem
Gesicht fhrte. Bei dem Ausruf des Mannes lie er freilich die Frau
augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt, mit funkelnden Augen und
zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief:

Gut, da Du da bist -- schmei' mir einmal den Kerl hinaus!

Sie verstehen aber auch gar keinen Spa, lachte der fremde Herr
verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut aus
dem Gesicht wischte, denn die Trine schien nicht immer fehl getroffen
zu haben.

Der Herr selber sah auerordentlich echauffirt und nichts weniger als
erfreut aus, die beiden Mnner in der Thr zu finden. Khler selber war
aber wirklich im ersten Augenblick so verblfft, da er gar nicht
wute was er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur
Besinnung, als Knnern mit einem ironischen Lcheln bemerkte:

Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die
verschiedenen Colonien?

Also _das_ ist der neue Director? rief Khler jetzt, der vor innerem
Zorne gar noch nicht recht wute, wo er zuerst anfassen sollte -- das
ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus seiner Stelle gebissen hat und
jetzt in den Colonien herumkriechen und Stnkereien anrichten will! Ei,
da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter...

Herr Khler, ich warne Sie wohlmeinend, rief Herr von Reitschen, vor
der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurckweichend -- ich
sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz...

Ich mache _auch_ nur Spa, sagte der junge Bauer, den Arm nach ihm
ausstreckend und seinen Kragen erfassend -- nur zum Spa will ich
Sie einmal ein Bichen vor die Thr setzen, da Sie sich doch fr das
nchste Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.

Herr Khler -- ich werde jeden gewaltsamen Angriff -- schrie der
Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers -- aber er kam nicht
weiter; Knnern trat lchelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt wurde,
als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen htte, und im nchsten
Moment flog er auch schon ber die Schwelle mit unwiderstehlicher Gewalt
hinaus, stolperte ber ein paar dort liegende Stcke Feuerholz und fiel
mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, da dieser eine
ganze Menge seiner Frchte auf ihn herabschttelte.

Bitte, bedienen Sie sich, lachte Khler, der bei der ganzen Scene auch
noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher
gerade so ausgesprochen hatte, als ob er gesegnete Mahlzeit sagte --
es ist doch wohl das letzte Mal, da ich die Ehre hatte Sie hier oben
bei mir zu sehen?

Herr von Reitschen mute fhlen welche traurige Rolle er hier oben
spielte, und besonders peinlich war ihm natrlich dabei Knnern's
Gegenwart, da er sich ber das Andere wrde viel leichter hinweggesetzt
haben. Er sprang auch rasch in die Hhe, und ohne sich selber so
lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur oberflchlich zu
reinigen, ging er zu seinem Pferd, lste den Zgel, warf ihn ber, stieg
in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, der Colonie
wieder zu.

Das ist doch ein Hauptlump, sagte Khler, als er sich nach Knnern
umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lchelnder Zeuge der ganzen Scene
gewesen war -- hat er Dir weh gethan, Trine?

Ich hab' _ihm_ weh gethan, sagte die junge, prchtige Frau lachend,
und das blaue Auge und die blutige Nase wird er wohl eine Woche unten
im Ort zu meiner Erinnerung tragen.

Das wird eine schne Wirthschaft hier geben, wenn der das so
forttreibt, sagte Khler kopfschttelnd -- eigentlich htt' ich ihm
vorher die Jacke tchtig aushauen sollen -- es ist mir nur zu spt
eingefallen -- des guten Beispiels wegen, mein' ich.

Es ist so besser, lachte Knnern, und ich gebe Ihnen mein Wort, die
hrteste Strafe fr ihn war, da gerade _ich_ daneben stand und Zeuge
seiner Demthigung sein konnte.

Nun, ich wei nicht, meinte Khler, so eine recht gesunde Tracht
Schlge ist auch nicht so bel, und verdient _hatte_ er sie.

Und aus dem FF, besttigte die Frau -- 's ist aber so auch vielleicht
besser, denn nachher httest Du am Ende mit den Gerichten zu thun
gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wre, htt's Geld gekostet
und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich
ungeschoren lassen.

Das glaub' ich selber, lachte der Mann.

Und wie der Junge schrie, wie er mich anfate, schmunzelte die Frau --
_das_ ist ein Mordkerl -- der wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun
lassen. Wo war't _Ihr_ denn drauen?

Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl
besehen, wie ich den Lrm drinnen hrte; aber wer denkt denn an so
'was?

Aber jetzt frhstckt, sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder
in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf
die Erde -- ich hol' Euch gleich Alles herein -- es stnd' schon
auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wre -- und wie er mich
zugerichtet hat! sagte sie, als sie an dem kleinen Spiegel vorbeiging,
einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder flchtig in
Ordnung brachte.

Aber was wollt' er denn eigentlich? fragte Khler, der sich an den
Tisch setzte und Knnern ebenfalls einen Stuhl hinrckte.

Was wei ich's, sagte die Frau im Hinausgehen -- er fragte nach Dir,
und wie ich ihm sagte, da Du im Felde wrst, glaubte er wahrscheinlich,
_er_ htt's Preh! Der alte Esel! und lachend warf sie die Thr hinter
sich zu.




4.

Helene.


Am nchsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben
sehr frh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu
versumen, seine liebenswrdige Braut begren zu knnen. Was hatte sie
nur gestern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkrlich
mitten im Binden seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen
gestrigen Abschied dachte -- aber die alte Dame war ja oft so wunderlich
und eigenwillig. Nur gestern Abend schien der Anla von Helenen selber
ausgegangen zu sein, und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als
sie vom Tische aufstand und in ihr Zimmer ging.

Was nur in dem _Briefe_ gestanden hatte? Der war jedenfalls schuld daran
gewesen -- aber wenn er Helene heute darum fragte, _ihm_ sagte sie es
gewi, denn sie waren ja jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so
gut wie Eheleute, und Eheleute sollen ja nie Etwas vor einander geheim
halten.

Eheleute -- wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber
angewandt, vorkam -- er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht fertig
-- Eheleute -- wie ehrbar das klang und wie -- wie solid und dauernd
-- und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht hatte -- und wie
wunderlich. Wenn er's recht berlegte, war Niemand daran schuld wie der
Jeremias, der ihn hier gewissermaen in das Stbchen eingeschmuggelt
hatte. Herr von Pulteleben verga ganz seine Cravatte, lie die beiden
Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten Hnden
nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen.

Ob die -- Schwiegermutter nicht darum gewut haben sollte, da er hier
als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthmlich, da ihm das jetzt
gerade einfiel -- aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene Kleider
-- Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her durch den
Kopf wie in einem geschttelten Kaleidoskop, und wenn er es einmal einen
Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten durch
einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die
Schwiegermutter.

Es war eine auerordentliche Frau, so viel lie sich in der That
nicht lugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr
abzustreiten -- eine ganz auerordentliche Frau, und er konnte sich
gratuliren, da er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte
er sich selber nmlich, um sich zu berzeugen, und anderen Gedanken
nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen
wollten.

Es war berhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar gewordene
Thatsache, da er nie an die Schwiegermutter _allein_, sondern immer in
Verbindung mit ihr auch an _Geld_ denken mute. So fiel ihm denn auch
jetzt, in ganz natrlicher Reihenfolge, sein gegenwrtiger Cassenbestand
ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen wrde. -- Aber er
hatte an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem
Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drckte schon noch ein
kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn sie erfuhr, da ihr Arno
unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch auerdem die
einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schn -- wie
bildschn war Helene, und wie stolz wrden die Eltern auf sie sein, wenn
er sie einmal mit hinber nach Deutschland brachte!

Da klopfte Jemand -- es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mute
wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewi schon munter und
unten im Garten, und lachte den Langschlfer nachher aus.

Ist Comtesse Helene schon sichtbar? fragte er die Magd, die mit dem
einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der
andern Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur
verwundert an und sagte:

Sichtbar?

Ist sie schon angezogen und auf?

Wei ich nicht.

Im Garten war sie noch nicht?

Nee.

Hm, sagte Herr von Pulteleben, sich vergngt die Hnde reibend,
whrend die Alte wieder hinunter ging, dann kann ich meinen Kaffee erst
noch in aller Ruhe trinken -- ist doch eigentlich der schnste Moment
vom ganzen Tage. Und damit setzte er sich an seinen Tisch nieder, um
sein Frhstck einzunehmen. Glcklicher Weise hatte seine Braut diese
letzte Bemerkung nicht gehrt.

Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als
Geschftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute
brigens nur drei Cigarrenmacher saen. Die anderen hatten sich mit der
Frau Grfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der
Eine von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nmlichen
Morgen ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Grfin ernstliche
Schwierigkeiten zu bereiten drohte.

Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische Dinge;
er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die
Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu knnen, er sei
schon unten gewesen, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um
bei Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen
Spaziergang mit ihm machen wolle.

Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast
jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer noch
verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort.

Er lie dann durch die Dorothea bei der Frau Grfin anfragen, wie sie
geschlafen htte, alles Weitere der Frau Grfin selber berlassend, und
die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort gut --
weiter Nichts.

Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr
nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewiheit
erhielt, da bei der Frau Grfin wie bei Helenen die Fenster geffnet
seien -- beide Damen waren also schon auf -- an beiden Fenstern waren
aber auch die Rouleaux noch herunter -- also nach allen menschlichen
Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen.

Herr von Pulteleben fhlte sich dadurch beunruhigt -- er wute
eigentlich selber nicht recht warum, es mte denn eine Art von
Ahnungsvermgen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen.
Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinber,
der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank,
und htte bei diesem zu keiner ungnstigeren Zeit vorsprechen knnen,
denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter
Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte
eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei
dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurckkommen
sehen. Er lie sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn
gleich hinauf und klopfte an, fand aber, da er schon wieder einmal zur
falschen Zeit gekommen sei.

Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestrzt war, denn er
hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mute Herrn
von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben,
denn er lie ihn nicht einmal hinein. Er ffnete nur halb, fragte ihn
ziemlich barsch was er wolle, und drckte ihm dann die Thr wieder vor
der Nase zu.

Hol's der Henker! dachte Herr von Pulteleben -- denn dem sonst so
gutmthigen Menschen lief endlich die Galle ber, da geh' ich doch
lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu _mir_ kommen. Die
behandeln Einen ja wie einen -- als ob sie Einen auf der Strae
aufgelesen htten! Und dem Entschlu die That folgen lassend, ging er
rasch in seine eigene Wohnung zurck, zog seinen Rock aus, nahm sein
Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die
Erbrmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte.

Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war
vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon
vollstndig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide,
ffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinber und klopfte an.

Wer ist da?

Ich bin's.

Gleich! sagte die Stimme inwendig -- einen Augenblick nur, und
Helene hrte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht
wurden. Jetzt drehte sich der Schlssel im Schlosse und die Comtesse
trat ein.

Guten Morgen, sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster,
um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu
lassen.

Guten Morgen, mein Kind, sagte die Grfin, die sich aber heute, der
Tochter gegenber, merkwrdig verndert benahm, denn sie schien ganz
das hochfahrende, nachlssige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen
gegenber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu
begren, rckte ihr sogar einen Stuhl und sagte:

Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen,
mein Kind?

Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen, sagte Helene ruhig, ohne die
Mutter anzusehen -- doch -- das hat mit dem Nichts zu thun, ber das
ich mit Ihnen sprechen mchte.

Mit _Ihnen_? rief die Grfin erschreckt -- Helene!

Bitte, setzen Sie sich, sagte das junge Mdchen kalt -- wir haben
Manches mit einander zu besprechen, und es ist nthig, da dies in aller
Ruhe geschieht.

Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur -- wie bist Du? rief
die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.

Was ich habe? sagte das junge Mdchen staunend und sah ihr zum ersten
Mal voll und ernst in's Auge -- und das fragen Sie noch? Aber, bitte,
setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, da ich Ihnen einen
Brief vorlese, der gestern zufllig in meine Hnde kam.

Der unglckselige Brief! jammerte die Frau und setzte sich mit
gefalteten Hnden und wie gebrochen auf das Sopha nieder.

Derselbe, sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus
einander, den sie die Nacht ber schon unzhlige Male gelesen und
ber den sie heie, bittere Thrnen geweint, und las jetzt mit fester,
ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:

  Liebe Constance!

  Anbei sende ich Ihnen -- dieses Mal _direct_ -- den zweiten
  Semester-Wechsel fr die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen,
  ich   habe auch Ihren Wunsch erfllt und die Adresse an die
  _Grfin_ Baulen   gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Tuschung
  nicht einverstanden   und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die
  brasilianischen Verhltnisse nicht, und es _mag_ vielleicht dort
  nthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen.

  Es freut mich, so Gnstiges ber die Fortschritte des Kindes zu hren,
  und ich hoffe, da Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter fr sie
  sorgen.

Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und
immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven
Mann fr Dich gesucht? rief die Frau und hob die Hnde zu der Jungfrau
empor.

Helene las ruhig weiter:

  Es grt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....

Der Name wie Ort und Datum fehlen.

Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das
_nicht_ gethan habe?

Nein, sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang,
aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr
Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.

Wie heit meine Mutter? fragte Helene endlich mit derselben tonlosen
Stimme wie vorher -- wie heit sie und wo wohnt sie, und welches
Geheimni liegt auf meiner Abstammung, da ich hinausgeschickt wurde
unter fremde Menschen?

Liebe Helene, sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre
Augen trocknend -- ich habe einen furchtbaren Eid schwren mssen das
Geheimni zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den
Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich
darf und kann den Eid nicht brechen -- fordere es nicht!

Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein
schwerer Seufzer hob ihre Brust.

Ich bin mndig, sagte sie endlich -- ich bin einundzwanzig Jahr.
_Darf_ mir der Name meiner Mutter -- meiner Eltern lnger vorenthalten
werden?

Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben, sagte die Frau --
gewi, Helene, mit dem nchsten Schiff, und will Deine Mutter bitten
mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn
sie _nicht_ darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du
selber wirst doch nicht wollen, da ich einen Meineid auf meine Seele
lade.

Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefat und sah die
Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich
sagte sie leise:

Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?

Ich _kann_, ich _darf_ nicht, Kind -- wenigstens jetzt noch nicht. La
Dir Zeit -- in wenig Monaten kann ein Brief hinber- und zurckgehen,
und ich zweifle keinen Augenblick, da Deine Mutter mich meines Eides
entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber -- was nutzt es Dir, Helene?
fragte sie wie schchtern nach kurzer Pause, denn -- Du wrdest ihr
doch nicht nahen drfen.

Nicht nahen drfen? rief Helene erschreckt; wer will das Kind dem
Herzen der Mutter fern halten?

Frage mich nicht weiter -- dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe
wegen.

Also _das drfen_ Sie mir doch sagen, rief Helene rasch, und aus
Schonung fr mich glaube ich nicht, da Sie es zurckzuhalten brauchen.
Ich verlange von Ihnen zu wissen, _weshalb_ mir die Mutter vorenthalten
werden soll. Ich mache Sie fr Alles verantwortlich was daraus entstehen
kann, wenn ich es _nicht_ erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was
ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwre, da Sie bei einer Weigerung
keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich
denke, Sie trauen mir zu da ich mein Wort halte.

Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit
zrnendem, drohendem Blick gegenber.

Thrichtes Kind, sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus
ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, ber die sie
verfgte -- Du verlangst Etwas, was Dich unglcklich fr Dein ganzes
Leben machen wird.

_Noch_ unglcklicher als ich jetzt schon bin? lachte Helene bitter --
Sie scherzen, Frau _Grfin_.

Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebhrt? rief
die Frau, jetzt selber gereizt -- wem zu Liebe strzte ich mich in
Ausgaben, die ber meine Mittel gingen -- wem zu Liebe hab' ich selbst
die Heimath verlassen, in der ich glcklich und zufrieden mit meinem
Sohn htte leben knnen?

_Mir_ zu Liebe, nicht wahr? sagte Helene kalt und bitter, nur Alles
_mir_ zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, bergenug der Reden!
Tuschen Sie sich nicht, da ich nach dem, was ich jetzt wei, auch nur
noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln knnte. Wir
Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange
ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter
lastet, da ich ihr nie im Leben angehren soll?

Gut -- Du _sollst_ es wissen, Undankbare! sagte die Frau jetzt nach
kurzem Zgern mit entschlossenem Blick -- Du sollst es wissen, um zu
fhlen, _wie_ allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich Ein Wort
kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hlfe Du jetzt pochst, von Dir
zurcktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernnftig werden und
einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es
_noch_ will, und wie kein Mensch hier _so_ fr Dich sorgen kann und
wird, als gerade _ich_. Vielleicht ist es auch gut so, da der Brief in
Deine Hnde kam, denn ber kurz oder lang httest Du es doch erfahren
mssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen
und Dich wieder in die Arme _der_ Frau fhren, die bis jetzt allein eine
wirkliche und wahre Mutter fr Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird
es mir spter danken -- wenn _er_ auch Nichts davon zu wissen braucht.

Herr von Pulteleben, sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im
Ton -- doch davon spter -- nun Ihr Geheimni, Madame, wenn es Ihnen
gefllig ist.

Die Frau war selber zum uersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha
auf, ging nach der Thr, ffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurck
auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flsterte ihr einige Worte
in's Ohr.

Helene wurde todtenbleich; sie schlo die Augen und stand wohl eine
Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hnde,
deckte ihr Antlitz, und heie, heie Thrnen quollen ihr zwischen den
Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich,
aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob
sie das Zimmer verlassen wollte.

Geh' jetzt nicht, Kind, sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und
sie zurckhaltend -- die Leute drauen brauchen nicht zu erfahren,
da zwischen uns irgend ein Miverstndni vorgefallen. Bleibe hier in
meinem Zimmer, bis Du Dich vollstndig erholt hast, und denke ruhig ber
das Gehrte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon
sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.

Und glauben Sie, da ich _darber_ auch nur noch einen Augenblick in
Zweifel bin? fragte das Mdchen, und der Blick, den sie auf die Frau
heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.

Was das Kind fr einen Trotzkopf hat, sagte die Frau, den Kopf herber
und hinber werfend -- es ist nur ein Glck, da Andere noch fr Dich
denken und handeln, Du richtetest Dich von vorn herein zu Grunde. Der
arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.

Ich glaube nicht, da ich Herrn von Pulteleben je belstigen werde,
erwiederte Helene. Ich hatte mich dem Furchtbaren gefgt, einen Mann zu
heirathen, den ich nicht liebe -- ja, nicht einmal _achten_ konnte,
nur der _Mutter_ wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen,
die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, da der Himmel
wenigstens _das_ Opfer nicht von mir angenommen hat -- ich wre
unglcklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.

Helene, sei vernnftig! rief Madame Baulen erschreckt; Du wirst doch
nicht...

Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurckgeben.

Das darfst Du nicht...

Und wenn Sie mich drngen, ihm auch sagen, weshalb.

Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?

Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen
Schreibtisch, meine Bcher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen,
und mit dem Erls mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher
Weise mein Brod verdienen kann.

Aber das Geschft, das wir begonnen haben -- Herr von Pulteleben
wird den Augenblick zurcktreten, wenn _Du_ ihn so auf das Tdtlichste
beleidigst.

Und was kmmert das _mich_?

Die Frau erschrak, denn erst jetzt fhlte sie, da sie ihr Spiel mit
Helenen vollstndig verloren hatte. Das Mdchen, welches sie die
langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes
Wohlleben fr sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen,
glitt ihr unter den Hnden fort, und zum ersten Mal trat ihr die
furchtbare Mglichkeit vor Augen, da sie auf sich selber angewiesen
werden knne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie
jetzt bewegten, wandte sich verchtlich von ihr ab, und schritt der Thr
zu, die sie aufschlo. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne
sich aber umzusehen:

Was ich heute oder morgen ber meinen knftigen Aufenthaltsort
beschlieen werde, wei ich noch nicht -- aber ich wei, da ich ein
Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es fr passend
finde. Ich werde Sie spter das Nthige wissen lassen -- und ehe
Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war sie durch die Thr
verschwunden.

Arno von Pulteleben, ahnungslos ber alles Das, was in der nmlichen
Zeit unter ihm vorging, sa indessen oben in seinem Zimmer, kaute an
seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier
mit seinen poetischen Ergieungen ber die Erbrmlichkeit des
Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, da er Helenen
als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehre, und
einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei.

Von dem nmlichen Engel -- er war gerade aufgestanden, hatte seinen
Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben
hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen -- erhielt er da einen
Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem
selbstzufriedenen Lcheln ffnete. Was konnte ihm seine Braut anders
schreiben als einen freundlichen Morgengru! Der Brief lautete:

  Herrn Arno von Pulteleben.

  Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Tuschung geworden. Der
  einzige Trost nur bleibt mir, da es noch nicht zu spt ist, den Schritt
  zurck zu thun, der uns fr dieses Leben an einander ketten sollte. Ich
  wei, da Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber -- wir passen
  nicht fr einander -- ich habe Sie nie geliebt, und wir wren auch nie
  glcklich zusammen geworden.

  Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und
  unumstlichen Entschlu zu achten, und keinen Versuch zu machen ihn zu
  ndern -- es wre doch vergeblich.

  Indem ich Ihnen noch hiermit fr die freundliche Gesinnung danke,
  die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewutsein, selbst _mit_ diesem
  Schritt Nichts gethan zu haben, was mich knnte in Ihrer Achtung sinken
  lassen, zeichnet sich

  _Helene_.

Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte
ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer
vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wre. Endlich
bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfnglich auch nur in mehr
als gebrochenen Stzen und Ausrufungen zu uern.

Opfer einer Tuschung? -- einziger Trost? -- guter Mensch? --
unumstlicher Entschlu? -- Achtung sinken lassen? -- Bin _ich_ denn
verrckt, oder ist irgendwo im Weltgebude eine Schraube losgegangen? --
Freundliche Gesinnung? -- Bewutsein? -- Wenn ich auch nur Ein Wort von
dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein
abschneiden lassen! -- Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen,
irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie htte beleidigen
knnen? -- Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die
schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? -- Hat denn nicht die
Schwiegermutter selber -- holla, da sitzt der Haken -- in _dem_ Kuchen
hat die Schwiegermutter wieder einen Finger -- meinen Kopf wollte ich
drauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau, und es
wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu
stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie _nun_ haben will, denn
bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es
wird schon herauskommen, trstete er sich selber, denn damit hlt sie
gewhnlich nicht lange hinter dem Berge.

Mit dieser Schlufolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen
beruhigt, denn er war jetzt so fest berzeugt, da der ganze Brief auf
Nichts weiter als eine pecunire Laune der Schwiegermutter hinauslief,
da er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene _konnte_ ja doch
_die_ Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. brigens bildeten sich
bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Plne von Widersetzlichkeit
gegen das drckende Regiment der Schwiegermutter -- wenn er nur erst
einmal verheirathet war -- denen er aber vorerst noch keine bestimmte
Form gab.

Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber
es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefhl, sich den Morgen nach
seiner Verlobung, den er sich so wunderhbsch gedacht und ausgemalt, auf
eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschlo, ohne Weiteres
hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher --
daran zweifelte er keinen Augenblick -- war dann Alles rasch in's Reine
gebracht.

Diesem Vorsatz lie er die That auf dem Fue folgen, und um die Sache
gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen
der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er
deren Thr noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von
innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und knne ihn jetzt
unmglich sehen.

Auch Helenens Thr blieb fr ihn verschlossen, und selbst zum
Mittagessen lie sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mute
mit Oskar, dem er aber natrlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine
Mahlzeit allein verzehren.

In dem kleinen, sonst so ruhigen Stdtchen war es indessen merkwrdig
lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Strae, oder
standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen.
Es mute augenscheinlich etwas ganz Auergewhnliches vorgegangen sein,
das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das,
und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal
getreten, und dann vor die Thr ging, um frische Luft zu schpfen -- die
ganze Atmosphre kam ihm heute so dumpf und schwl vor -- fiel ihm eben
dieses rege Leben auf.

Na, was ist denn -- was habt Ihr denn heute? fragte er einen
vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in groer Eile zu sein schien.

Sie haben ihn gefunden! sagte dieser, und zog seine Mtze ab.

Gefunden -- wen?

Nu, den Justus! sagte der Mann.

Den Justus? -- Wer ist denn der Justus?

Na, der verrckte Schneider, von dem man geglaubt hatte, da er
durchgebrannt wre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen
Teufel, und jetzt luft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so
schrecklich zugerichtet sein, da er sich gar nicht mehr transportiren
lt -- bei die Hitze auch!

Und der Mann machte ebenfalls da er hinauskam, um sich den
schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gnnen, und dann Nchte lang
in dem Gedanken daran nicht schlafen zu knnen.

Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem
Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um
sich das Nhere selbst anzusehen.

Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien,
ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann
beschftigt, das wenige Gepck das er bei sich fhrte, auf einen Esel zu
laden. Die Frau und der lteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste
lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen
konnte, wenn es schrie.

Bux hatte den grten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils
verkauft -- um nicht zu verhungern, wie er sagte -- und wollte nun Santa
Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein Glck zu versuchen.
Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt, und heute Morgen
brach er mit seiner Familie auf.

Gerade als von Pulteleben vorberging, schnrte er das Gepck auf
dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil
herbergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als
er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch
verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um
den Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslsterlichen
Fluch gegen den Schenkel, da er heulend mitten in die Strae flog.

Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh, rief von
Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrstet aus -- das
nehme mir denn doch kein Mensch bel!

Geht's _Euch_ was an? knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen
mihandelten Jungen weiter zu bekmmern, das Seil selber herumwarf und
festschnrte, und zwar so fest, da das arme Thier kaum noch athmen
konnte -- einen Quark habt _Ihr_ drein zu reden, und ich kann mit
meinem Jungen machen was ich will!

Gefhlloser Mensch, murmelte der junge Mann vor sich hin und ging
vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen
auf offener Strae in einen Streit einzulassen. Er htte auch jedenfalls
den Krzeren ziehen mssen.

Die Leute zogen sich die Strae hinauf, in welcher der Schneider Justus
gelebt hatte. Vor der Thr seiner Wohnung stand die alte Frau und
erzhlte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen
aus dem Leben des Verstorbenen, die als hchst brauchbarer Stoff zu
weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden.

Herr von Pulteleben ging die Strae hinauf, weiter und weiter. Er
bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein
Freund von langen Spaziergngen, aber es lie sich jetzt nicht mehr
ndern -- der Weg zog sich schmhlich in die Lnge und die Sonne brannte
unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in
die heien Felsen hinauf, in denen ein, gegenwrtig freilich sehr
unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mchtiges Gestein mit
heruntergewaschen und durch einander geworfen hatte. Oben zog sich
ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dnnen Wasserfall
bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt,
in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entstellte
Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nhern
durfte.

Herr von Pulteleben schauderte brigens zurck, wie er nur einen Blick
darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff
jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von
den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes.
Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen
worden, und zwar mit einem etwa vierpfndigen Steine, den man circa
vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt
gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen
haben, denn der ganze Schdel war ihm zerschmettert, und er todt da
niedergesunken, wo er lag. Der Mrder mute den Stein also weggeworfen
haben.

Da der Unglckliche bei einem zuflligen Sturz um's Leben gekommen sei,
zeigte sich als unmglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade
dort emporragte, so htte er doch von da oben herunter nie an die Stelle
strzen knnen, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren
zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche
Beschdigung glaubbar zu machen -- selbst ohne den entfernt davon
gefundenen blutigen Stein.

Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermnzen
ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche
ausging. Er lag -- als man ihn, durch eine Unmasse darber kreisender
Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte -- auf dem Gesicht, beide
Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn
die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite
gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.

Jeremias stand auch oben, die Hnde in beiden Hosentaschen, und
betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu
verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine
Frage und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in
die Stadt zurck.

Als er die Strae hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem
Esel schon Santa Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der
frheren Meierei -- den Namen hatte die Chagra noch immer behalten --
vorber fhrte.

Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurck und
betrat es mit dem unbehaglichen Gefhl, da er darin nicht Alles in der
gehrigen Ordnung wute. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Grfin
anklopfen? Er stand noch unschlssig an der Treppe, da ging pltzlich
die Thr auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings
Herrn von Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und
ihr erstes Gefhl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurckzutreten. Das
aber war jetzt nicht mehr mglich; der junge Mann nherte sich ihr auch
schon und sagte mit sehr bestrztem Gesicht:

Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Grfin, was ist denn nur
eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief
geschrieben, da ich...

Hat sie in der That? sagte die Dame ruhig -- das Mdchen ist voller
Launen, aber ngstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, ich
werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.

Sie glauben wirklich?

Lassen Sie mich nur machen -- und die Thr schlo sich wieder hinter
der Schwiegermutter.




5.

Gerichtspflege in der Colonie.


In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen und
ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf
gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Khler, und zwar als Mrder
des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen
eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hbsche
Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzhlte unter Thrnen, wie die
Soldaten oben bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und
Fenster zerschlagen und sie selber auf die boshafteste und rohste Art
gekrnkt und beleidigt htten.

Khler selber, als er durch die Colonie gefhrt wurde, sah wohl
todtenbla vor innerlich kochender Wuth aus, lie aber sonst nicht durch
ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm vorging; mute er
sich ja doch auch dem Unabnderlichen fgen, denn die Hnde hatten ihm
die Burschen auf dem Rcken zusammengeschnrt, und als er sich unterwegs
nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden wollte, war
er mit Kolbensten bedeutet worden, da er sich mit Niemandem zu
unterhalten htte, bis er von seinem Richter verhrt und vielleicht auch
gleich abgeurtheilt sei.

Ehe er gehngt wrde, trstete ihn einer der rohen Gesellen, drfe er
seiner Frau noch einmal einen Ku geben. -- Wenn er selber einen dafr
von ihr bekomme, wolle _er_ ihm das erlauben.

Khler knirschte mit den Zhnen und vertrstete sich nur darauf, da
sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhr herausstellen msse
und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt
geschehen. -- Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, da
kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem
Director gegenwrtig von dem Prsidenten auch die oberste Polizeigewalt
bergeben sei.[2] Er hatte hier also keine Behrde ber sich als den
Director selber, von dem er, wie er recht gut wute, nach den letzten
Vorgngen keine besondere Freundlichkeit erwarten durfte.

Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwrtige Stadtgefngni -- ein
kleines, heies, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern vor
dem niedern Fenster -- abgefhrt und dort trotz seiner Berufung, da er
verhrt werden wolle, mit Spott und rohem Gelchter eingeschlossen und
allein gelassen.

Knnern, der kurz vorher in die Stadt zurckgeritten war, hrte kaum
von der Verhaftung Khler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als
er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurckgewiesen. Es war
strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis
die Untersuchung geschlossen sei, und da eine Bitte von _ihm_ bei
dem Director Nichts fruchten wrde, wute er vorher. Khler's Frau war
indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen Hlfe in Anspruch zu
nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara
wohnenden Bruder zu schicken, da der so lange oben auf der Chagra bei
ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen haben konnte; denn
sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der Nachbarschaft
herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte
doch auch ihr mhsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich lassen.

Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu
ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebude stattgefunden, die der
Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl
fhlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestrzt, als
er den steilen Hang herunterritt, und htte sich eigentlich recht
beschdigen knnen. Glcklicher Weise lief es noch gut ab.

Die beiden Hauptzeugen gegen Khler waren Justus' alte Haushlterin und
der Wirth Buttlich. Die Frau erzhlte, da der arme, unglckliche Mann
an dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann
mit ihm fort in den Wald gegangen wre. Der Angeschuldigte sei dann erst
am nchsten Abend mit der Dmmerung wiedergekommen und der Justus gar
nicht, weil er da schon, von Mrderhand erschlagen, im Walde gelegen
htte.

Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause
fortgegangen sei, denn er wre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau
erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Hnden gehabt. Es war
eine silbervergoldete Uhr mit weiem Zifferblatt, und in den innern
Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, #J.
K.#, eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem
Pfeile durchstochenes Herz -- wovon aber die Frau nicht wute, auf was
es sich beziehen sollte.

Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte
allerdings nicht angeben wie viel und was fr Mnzen, aber ohne Geld
wre er nie im Leben ber Land gegangen, und wenn er htte 'was dafr
versetzen mssen. Ein paar Milreis seien es gewi gewesen, wenn nicht
vielleicht noch mehr.

Der Wirth, Buttlich, sagte aus, da er an Justus' Haus vorbeigekommen
wre, als Khler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig
gezankt htte. Es sei ihm so auffallend gewesen, da er noch gerufen
htte: sie mchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein
wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schmen -- er erinnere sich
aber nicht mehr genau der Worte, die er gebraucht htte, oder was die
Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er auerdem, da der
Khler den Schneider nie htte leiden knnen -- wenigstens so lange _er_
jetzt in der Colonie sei -- und ihm stets alles nur erdenkliche
Bse nachgesagt habe. Er selber knne ein solches Urtheil aber nicht
besttigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als
ein nchterner, anstndiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen
die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte.
Deshalb wollten auch alle die Anhnger des frheren Directors, zu denen
Khler ebenfalls gehre, Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders
sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort
den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen frhlichen Abend zu
feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Khler war nicht
dort eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen.
Es wre auch mglich, da sich die beiden Mnner gerade ber diesen
nmlichen Gegenstand vorher gezankt htten, denn die eine Partei htte
ber diese sogenannten Director-Feste immer ihren Spott gehabt und die
andere verhhnt.

So weit Buttlich, der auerdem noch zwei andere Zeugen brachte, die
Justus und Khler zusammen auf der Strae etwas vor Sonnenuntergang und
ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht besttigen konnten, da
sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwischen den Beiden
bemerkt htten. Sie seien freilich auch zu rasch vorbeigeritten, um
darauf zu achten.

Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen
hatten, und zwar in Begleitung Khler's und gar nicht so weit von der
Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden,
ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen,
darber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die
weitere Untersuchung aufgehellt werden.

Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhrt; es sollten
vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mhe und
Noth erlangte Rohrland persnlich die Erlaubni vom Director, ihm ein
Bett und gute Speisen in das Gefngni schicken zu drfen. Vor diesem
standen auerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen
etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurckzuweisen. Niemand dachte
aber an einen solchen, denn Khler hatte ein viel zu reines Gewissen, um
sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur hchstens
bis zum nchsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind
jetzt gut aufgehoben wute, kmmerte er sich um das Andere wenig genug.

Desto mehr aber emprte es den besseren Theil der Colonisten, einen
aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen
Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflchlichen
Verdacht hin wie einen Missethter und gemeinen Verbrecher behandelt
zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bckermeister Spenker und
mehrere andere ansssige Handwerker und auch Colonisten lieen sich noch
an dem nmlichen Abend beim Director melden und erboten sich, fr Khler
irgend eine verlangte Brgschaft zu stellen, da er keiner Untersuchung
ausweichen wrde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht
an.

Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht
vorlag, mute sorgfltig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis
die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Auen auf irgend eine
Weise beeinflut werden knne. Nach geschlossener Untersuchung knne
ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Brgschaft
entlassen werden.

Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe
zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere
zu besprechen und ihrer Entrstung in gemigter Weise bei einem Glas
Bier den natrlichen Ausflu geben zu knnen. Ursache zu klagen hatten
sie auerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen
Herrn waren eine Menge von Mibruchen zu Tage getreten, von denen die
Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt.

Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser! rief der Schneidermeister
Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. Jetzt stecken
sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist,
und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da
gewesen?

Das wre das Wenigste, meinte der Bckermeister Spenker, denn den
Khler knnen sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director
fngt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wit
Ihr, da er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar
Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt,
fr die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt?
Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, da die armen Leute auf
solche Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den
Hals zu jagen.

Lieber Meister, zu _Buttlich's_ Nutzen geschieht das auch nicht,
lachte Rohrland, der mit am Tische sa; ich wei aus ganz sicherer
Quelle, da unser sehr verehrter Director ein stiller Compagnon des
Buttlich'schen Geschfts ist, da er als Director offen keinen Laden
halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann, eben durch die
Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens fnfhundert
Milreis monatlich.

Und ist das etwa recht und billig? rief Berthold.

Davon sage ich kein Wort, meinte Rohrland, aber ich erzhle Nichts,
was ich nicht beweisen kann.

Aber da sollte man ihn darauf verklagen! rief Spenker.

Wo? sagte Rohrland ruhig -- bei der Regierung in Rio ist Keiner von
uns bekannt, und beim Herrn Prsidenten in Santa Catharina? Das wre
schade um das Papier, das man damit verschriebe!

Und hat ein Director das Recht, sagte ein anderer Mann, der Tischler
Nithal, da er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen
kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich wei auch,
da sich die Regierung selber die grte Mhe giebt, ordentliche und
tchtige Handwerker in's Land zu bekommen, und der -- Herr da treibt
mich wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehre und in sein
krummes Horn stoe.

Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal, sagte Spenker -- _ich_
geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fnf Jahre, wie's die Regierung
thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter bringen.

Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu
Schaden kommen!

Das wei ich und bin nicht bange drum.

Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht? fuhr Rohrland fort --
der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens seit
den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut gehrt
und gesehen. Wenn sie aber an den Grnzen herumschlichen, wohin gehrten
die Soldaten denn da anders, als eben an die Grnze, um uns wirklich
zu schtzen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen Colonie
zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich da
wren, alle die Grnz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anznden
knnten, ehe das Militr auch nur ein Wort davon erfhre, viel weniger
denn zu Hlfe kommen knnte.

Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr, sagte Berthold -- da unten
am Flu nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als da sie wie die Raben
stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fnf Minuten
lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da
klage nachher einmal Jemand -- was wr's dann? _Die_ Halunken verrathen
einander schon lange nicht.

Guten Abend mit einander, sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die
Wirthsstube trat, seine Mtze abnahm und sich an einen andern kleinen
Tisch allein setzte. Der Mann war sehr rmlich gekleidet und sah
vollkommen aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach
auf den Fen, und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stck
Schwarzbrod.

Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen.

Wohl bekomm's! sagte er -- und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid wohl
krank gewesen.

Danke schn, antwortete der Mann -- nein, krank gerade nicht, aber
das Klima hat mich ein Bichen heruntergebracht. Wir kommen aus dem
Norden.

Aus dem Norden? Von Rio?

Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.

Alle Teufel -- und habt Ihr lange da oben gesteckt?

Zehn Jahre, sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust.

Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten? fragte Berthold vom
andern Tische herber -- kommt, setzt Euch mit zu _uns_ herber; was
hockt Ihr da allein an einem Tisch?

Wenn's erlaubt ist, sagte der Mann demthig, und nahm sein Bier und
Brod und ging hinber; ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die
jetzt aus dem Parcerievertrag zurckgekommen, meine Frau und ich und
zwei Kinder -- drei sind mir gestorben -- und mein Schwager mit _seiner_
Familie.

Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?

_Recht_ schlecht, erwiederte der Mann, noch einmal tief aufseufzend
-- und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich selber noch
nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngesunde Menschen, wenn ich
auch jetzt ein Bichen abgemagert aussehe.

Abgemagert aussehe -- Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelett
als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in sein
Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere Zeit
Geist und Krper bei ihm gebrochen.

Und haben sie Euch schlecht behandelt dort? fragte Rohrland.

Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht, sagte der Deutsche, aber
arbeiten muten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles
Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser
Herr machte uns manchmal Vorwrfe, da wir so viel brauchten und immer
mehr in Schulden kmen. Ja, lieber Gott, leben muten wir doch, und
weiter wie das Bichen schlechtes Essen und die nothwendigsten Kleider
bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten htten, was uns der
Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben
haben, da wir nmlich ein Stck Land sollten angewiesen bekommen, was
wir uns selber htten bebauen knnen -- dann wr's gut gewesen.

Aber das _muten_ sie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht
war! rief der Tischler.

Ja, lieber Herr, sie gaben's auch, lchelte der Mann verlegen, aber
nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's
uns auch der Agent erklrte -- da das _eigenes_ Land sein sollte. Aber
hier war's anders. Ein Stck Land bekamen wir richtig angewiesen --
Waldland mit groen dicken Bumen darauf, und das muten wir uns urbar
machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf
bis in die spte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten, und dann
bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre
um waren, nahm's uns der Eigenthmer weg, pflanzte Kaffeebume drauf und
wies uns ein anderes Stck Land an, wieder mit dicken Bumen, und wenn
wir uns nur ein paar Scke Bohnen, ein Bichen Reis und dergleichen
ziehen und nicht gar hungern wollten, so muten wir richtig wieder an
die schwere Arbeit gehen, und das ist fr Jemanden, der eigentlich an
ein kaltes Klima gewhnt war, bei _der_ Hitze da oben wahrhaftig keine
Kleinigkeit!

Das war ja aber schndlich -- und litt denn das die Regierung?

Ja, lieber Gott, sagte der Mann, es war einmal so ein vornehmer
deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte
bei unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein
Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten
ihn, ob er uns nicht helfen knnte, denn es ginge uns doch gar zu
schlecht und wir wren lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts
Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und
meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das
abgearbeitet htten, was der Herr fr uns ausgelegt habe, und dann wren
wir ja wieder frei und knnten thun und lassen, was wir wollten.

Und habt Ihr das gethan? fragte Rohrland.

Ach nein, lieber Herr, sagte der Mann wehmthig -- wie sich's nachher
herausstellte, wren wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden.
Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin
und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam
nachher zurck und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten,
denn unser Herr htte nicht ordentlich in seine Bcher eingeschrieben,
was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wre
sehr leicht mglich, da wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm
abgearbeitet htten. Aber es liee sich Nichts weiter dagegen machen,
denn er sei ein sehr vornehmer Herr, und htte eine Menge Verwandte in
Rio -- und der Brasilianer wollte uns auch _noch_ nicht fort lassen,
aber da wurden wir bse, und wie er sah da er Nichts mehr ausrichten
konnte, da lie er uns eben ziehen.

Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen
knnen? fragte Spenker kopfschttelnd -- zehn Jahre waret Ihr dort
oben, nicht wahr?

Zehn Jahre und zwei Monate, besttigte der Mann -- aber verdienen?
Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht
Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so
rasch.

Nicht so rasch? rief Rohrland erschttert von der einfachen, rhrenden
Schilderung des Mannes, der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der
Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahre hier, der
Bellheim erst acht, der Bastel drben gar erst sieben, und mit Nichts
herbergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade
voll Wsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt zu
denen hinaus, seht, was sie fr eine hbsche Chagra, Vieh, Ackergerth,
Huser und gesunde Familien haben, und abgehen lieen sie sich in der
Zeit doch auch wahrlich Nichts.

Ja, Manchem glckt's, seufzte der Mann -- aber die Gegend soll ja
auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch
freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die
Versicherung, da wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director
Untersttzung bekommen wrden. -- Aber 's ist wieder Nichts, und was wir
jetzt mit uns anfangen sollen, wei nur Gott -- ich nicht!

Wart ihr schon bei dem Director? fragte Spenker rasch.

Ja -- unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stckchen Land und ein paar
Milreis Subsidiengelder, da wir nur anfangen knnten -- lieber Gott,
schaffen wollen wir ja schon und knnen's auch. Aber er schlug es uns
rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch
keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe htte, mit dem wolle er auch
Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, da wir wieder aus seiner
Colonie kmen, desto besser.

Aus _seiner_ Colonie? rief Berthold in voller Entrstung -- na, Gott
straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! Aus _seiner_ Colonie!
Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und
bermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die
Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben
knnen, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei
gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute! wandte er
sich, pltzlich aufstehend, an die brigen Gste, von denen sich
nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den
verschiedenen Tischen vertheilt hatte -- hier sind zwei arme deutsche
Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes
herunter gekommen -- krank dabei und elend, denen der Director Subsidien
verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil sie
kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel
zusammenbringen knnen, um den armen Leuten einen vergngten Abend zu
machen und ihnen zu beweisen, da sie wieder unter Landsleuten und nicht
unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis -- wer hat noch
ein Bichen klein Geld bei sich?

Hier ist auch einer -- hier auch einer! rief es von allen Seiten --
hier sind fnf, sagte der Bckermeister, und hier auch, erwiederte
Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mtze des
Schneiders mit Silbermnzen fast halb angefllt.

Da, nun gebt einmal _Eure_ Mtze her, lachte Berthold den armen Teufel
an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum trauend daneben stand,
indem er ihm das Geld klirrend hineinschttelte -- so, nun lauft heim
und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager -- denn fr den ist's auch
mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien fr Euch
herbekommen. Nur nicht ngstlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's
nur auf der rechten Seite anfat.

Ja, aber du lieber Gott... stotterte der Mann.

Fort mit Euch! rief aber der Schneider, der ihm die Verlegenheit
ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thr hinaus -- wenn Ihr
wollt, knnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erst Eure
Capitalien ab.

O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal! rief der
berglckliche, aber Berthold hatte die Thr schon hinter ihm zugemacht.

Immer mehr Gste kamen herein, so da sich das groe Zimmer ziemlich
gefllt hatte, und das Gesprch wurde immer lebhafter, gab es doch heute
auch gengenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen
gehrig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darber bald
ausgesprochen hatte -- denn Keiner von Allen glaubte, da Khler lnger
als bis morgen frh zu sitzen haben wrde -- fing an zu singen. An dem
einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und nnchen von Tharau,
Wir sitzen so frhlich beisammen und eine Menge andere deutsche Lieder
wurden vorgenommen.

Bohlos' Hotel war nmlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wute
jetzt, da Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte
Nichts mit ihm zu thun haben.

Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thr pltzlich aufging,
einer der braunen brasilianischen Soldaten den Kopf hereinsteckte und in
portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine
Partie Bierkrge in der Hand, an der Thr vorbeigehen wollte, blieb
stehen, sah den Burschen an und fragte:

Na? Was ist nu wieder los?

Es ist neun Uhr, erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer
trat.

So? sagte Bohlos, bist Du Nachtwchter hier im Orte geworden?

Es ist neun Uhr, wiederholte jedoch der Bursche, und der Director hat
befohlen, da um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und da nicht mehr
gesungen wird.

Nanu? rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.

Was ist los? Was giebt's da? riefen eine Menge Gste durch einander,
welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. Was
will er, Bodenlos? Ist er durstig?

Polizeistunde, bei Gott! rief jetzt der Wirth, und das Singen strt
den Herrn Director.

Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken, lachte Berthold
-- Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!

Alle sollen nach Hause gehen und Singen aufhren! schrie der Soldat
ber den ganzen Lrm hinaus, und stie dabei seinen Gewehrkolben heftig
auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es drauen
dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stieen
drauen auf, die Thr wurde aufgerissen, und die Gste sahen zu ihrem
Staunen, da hier wirklich Ernst gemacht wurde.

Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein! schrien aber
ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkr
nicht gutwillig fgen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die
Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen
faten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, da diese eben
nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurckflogen, und es
wre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlgerei gekommen, wenn
nicht Bohlos dazwischen gesprungen wre.

Meine Herren, rief er auf die Gste ein, ich bitte Sie um Gottes
willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich
gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie
wissen nicht, in was fr Schererei wir deshalb kommen knnen. Thun Sie
_mir_ den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus -- morgen
wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun lt.

Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gste
folgten seinen Bitten und verlieen -- aber alle mit bitteren Flchen
auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten
verstehen sollten -- das Hotel. Drauen aber formirten sie sich zwei
Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor
des Directors Haus. Natrlich schlossen sich ihnen noch gleich eine
Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz
richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der
Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch
den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.

Etwa drei Viertelstunden spter traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel,
gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen
leere Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.

Thut mir leid, meine Herren, sagte Bohlos ruhig -- Sie haben mir
im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch
Etwas auszuschenken; von mir knnen Sie also Nichts bekommen. Ich
habe brigens gesehen, da sich das Verbot nicht auf den andern Wirth
Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gste noch fest; wenn
Sie also Branntwein haben wollen, bemhen Sie sich dort hinber.

Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen,
und sprachen leise mit den brigen. Endlich drehten sie sich, um
hinauszugehen.

Hier ist's verdammt dunkel! rief der Eine, und da er drauen ein
Gepolter hrte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den
Hausflur. In dem Augenblick sah er, da einer der Soldaten mit einem
groen Zaunpfahl, den er von drauen mit hereingebracht hatte, gegen ihn
ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen,
um sich vor dem Schlag zu schtzen, als dieser mit voller Wucht auf ihn
niedertraf. Unwillkrlich stie er einen Schmerzens- und Hlfeschrei
aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thr sprangen, und im
nchsten Augenblick im Dunkel drauen verschwunden waren.

Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestrzt, und die Dienstleute
eilten herbei. Bohlos aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch
todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig:

Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den
Arm zerbrochen -- und sank dann ohnmchtig zusammen.




6.

Vorbereitungen.


So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche
Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht
viel, so wre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die
lteren Leute hielten das junge Volk noch zurck, da sie nicht das
Directions-Haus strmten und Herrn von Reitschen selber zu allen
Teufeln jagten.

Herr von Reitschen mochte auch etwas hnliches frchten, denn die
Stimmung gegen ihn _konnte_ ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte
zwlf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes
Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten muten. Die
brigen waren theils vor das Gefngni, theils in das Auswanderer-Haus
postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter htten am Flu-Ufer
lagern mssen, wre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner Hintergebude
angewiesen worden.

Bohlos' Arm war brigens durch den Schlag dicht ber dem Handgelenke
wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director
erwiederte dieser:

Bohlos sei ein widerspnstiger Gesell und in seinem Hause gestern
sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militrgewalt vorgefallen, was
brigens noch weiter geahndet werden wrde. Diesen Fall nun betreffend,
der unwahrscheinlich genug klinge, da der Wirth nmlich von einem
Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung berfallen und ihm der
Arm zerschlagen sein, so mge er den betreffenden Soldaten bringen und
die Sache werde dann weiter untersucht werden.[3]

Natrlich war das unmglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen
den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in hnlicher Uniform, die
sich selbst am Tag auffallend glichen, wre es ganz unmglich fr
Bohlos gewesen, den Thter mit Bestimmtheit bezeichnen zu knnen -- und
vielleicht wute das auch der Director, denn es geschah weiter Nichts
in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage spter davon in Kenntni
gesetzt, da er wegen Widersetzlichkeit gegen die Behrden fnfzig
Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle,
die Schankgerechtigkeit entzogen werde.

Und Khler kam nicht frei. Erst am fnften Tage, als das Gesicht des
Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mihandlung
zeigte, wurde er zum _ersten_ Mal zu seinem Verhr gefhrt und -- als er
nicht bekennen wollte -- wieder in seine Zelle zurckgebracht.

Knnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie
geritten, Niemand wute wohin. Als er aber nach acht Tagen zurckkehrte,
sa Khler noch immer, und er beschlo jetzt den Director selber
aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich htte voraus denken
knnen, kein gnstiger, denn da ihm der Director nicht freundlich
gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, lt sich denken.
Auerdem war er Zeuge oben auf Khler's Chagra gewesen, wie er
jene Mihandlung erlitten, und mit aller Hflichkeit und einigen
nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, da er das
Directionsgebude emprt verlie.

Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum uersten
zu treiben, und beschlo nun Gnther aufzusuchen und dessen Rath
einzuholen. Gnther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen,
Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn mglicher Weise
treffen wrde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem
aufgeschlagenen Lager fand.

Hier erzhlte er Gnther mit kurzen Worten die Vorgnge in Santa Clara,
und dieser sa dabei, nickte mit dem Kopfe und lchelte nur still vor
sich hin.

Ich hab' mir's gedacht, da es etwa so kommen wrde, sagte er endlich,
und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen;
aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth,
Knnern, dem armen Teufel, dem Khler, knnen sie doch Nichts anhaben,
denn das darf er nicht wagen, und er lt es auch nicht zum uersten
kommen, und wenn es jetzt fr unseren jungen Freund auch schlimm genug
ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er
sich doch darauf verlassen, da er glnzende Genugthuung erhlt. Also
Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was
gb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wre und das spter einmal
der Frau Prsidentin htte recht ausfhrlich erzhlen knnen! Aber die
alte Geschichte -- wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Lffel --
so 'was Gutes kommt an mich nicht!

Und knnen Sie mit hinunter?

Ja, sagte Gnther nach einigem Zgern -- das heit heute nicht
mehr, aber morgen Abend oder sptestens bermorgen frh habe ich meine
Arbeiten hier oben so weit beendet, da ich das brige an jeder andern
Stelle fertig machen kann -- mein neuer Hlfsarbeiter hat mich aber auch
wacker dabei untersttzt.

Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?

Vortrefflich! lachte der junge Mann -- und auerdem hatte ich nie im
Leben wirklich geglaubt, da ich noch je einmal zu Etwas ntzlich
sein knnte, whrend ich sogar jetzt das volle Vertrauen des von der
Regierung angestellten Beamten besitze.

Du findest gewi noch solche Freude an dieser Beschftigung, sagte
Gnther, da Du wacker dabei aushltst, und gar noch ebenfalls
brasilianischer Beamter wirst.

Mglich, aber nicht wahrscheinlich, sagte Felix achselzuckend;
jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantitt Zeit todtzuschlagen,
und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar
nicht hoch genug anzuschlagen wei.

Du bist unverbesserlich! lachte Gnther -- und nun wieder an die
Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide
noch genug zu thun.

Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber
doch zu spt, um noch an dem nmlichen Abend an den Abmarsch denken zu
knnen, den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.

Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter
gehrt? fragte Gnther den Freund, als er mit ihm zusammen einen
Waldweg nach Santa Clara hinber ritt -- Felix war gerade ein Stck
zurckgeblieben.

Nichts -- gar Nichts, sagte Knnern leise -- ich habe sie sogar
gesucht -- ich bin fnf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarschaft
umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese
urpltzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von
den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, da
ihnen, allein und hlflos wie sie waren, ein Unglck zugestoen sein
knne. Meine arme, arme Elise!

Spurlos verschwunden? sagte Gnther, unglubig mit dem Kopf schttelnd
-- wie wre das _hier_ in der Colonie _mglich_?

Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstrae verlassen und sich nach
rechts oder links in den Wald ziehen, wo berall noch einzeln zerstreute
Htten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden
vermchte, knnen sie verdorben sein.

Und von dem Mrder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar
keinen Verdacht?

Keinen -- der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als da
das knnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Hkeleien
ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde
gemacht, da man glauben knne, der Mord sei irgendwie aus Rache verbt.
Es bleibt rthselhaft.

Der Director kann doch unmglich Khler fr schuldig halten?

Sicher nicht, sagte Knnern, aber eine bessere Gelegenheit fnde er
im Leben nicht, sich an dem zu rchen, der ihn einmal mihandelt hat,
und da er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.

Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten knnen.
Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist,
hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen;
jetzt ist Nichts weiter nthig, als in Santa Clara die genauen Daten der
letzten Vorflle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nchsten
Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.

Sie wollen wirklich fort -- und dann nach Deutschland?

Dann nach Deutschland, nach meinem Thringen! rief Gnther, und
spornte fast unwillkrlich sein Pferd zu schrferem Trab, als ob ihn
schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenfhre.

Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurck?

Hieher? Gewi nicht! Ich habe das wilde, unstte Leben recht von Herzen
satt bekommen und mu doch jetzt auch wieder einmal fhlen lernen, wie
einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Knnern -- sechs
Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewutsein, da Alles, was mir lieb
und theuer auf der Welt ist, da drben treu und geduldig, aber mit immer
wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der
mich drben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen;
jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen
vorzulegen und mein Geld einzucassiren -- wobei ich aber dafr sorgen
werde, da Sarno Gerechtigkeit widerfhrt, und dann mit dem nchsten
Dampfer heim -- heim -- es giebt ja gar kein schneres Wort in unserer
reichen, deutschen Sprache -- _heim_!

Knnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heie Sehnsucht,
welche den Freund zurck in die Heimath trieb, fand in _seinem_ Herzen
keinen Wiederklang. Fr ihn war die Heimath todt und leer, denn all'
_sein_ Hoffen, all' _sein_ Lieben deckten die dsteren Schatten des
brasilianischen Urwaldes -- vielleicht schon mit Todesnacht -- arme
Elise!

Noch an demselben Nachmittag erreichten sie die Colonie, in der sich in
den Tagen Nichts verndert hatte, das ausgenommen, da die Erbitterung
gegen den Director fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von
Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Grfin;
die gewhnlichen Colonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten
und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut
warten muten, bis der Herr Director einmal einen Augenblick zu ihnen
heraustrat.

Gnther von Schwartzau lie sich brigens, als er Alles das erfuhr, gar
nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm
anzeigte, da er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der
ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen wrde. Wnsche der Herr Baron
ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu
finden.

Natrlich kam Herr von Reitschen, ber eine solche Zumuthung emprt,
_nicht_, arbeitete aber dafr sehr fleiig an verschiedenen Depeschen,
die allen mglichen ungnstigen Berichten in Rio entgegenwirken
sollten. Wute er doch recht gut, da er an Herrn von Schwartzau keinen
Frsprecher finden wrde.

Knnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen Versuch gemacht, bei
dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und sa eben in seiner Stube
mit einiger Correspondenz beschftigt, die Gnther mit nach Rio nehmen
sollte, als es an die Thr klopfte. Er rief: Herein! und im nchsten
Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmthiges Gesicht, aber mit
einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thr.

Heda, Jeremias! rief Knnern, der den kleinen, komischen Burschen
gern leiden mochte, noch dazu da er wute, wie treu er frher an Sarno
gehangen -- lt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?

Wieder sehen? sagte Jeremias, nachdem er sich berzeugt hatte, da
Knnern allein im Zimmer sei -- Sie haben mich wohl erwartet, und _ich_
laufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Neste die Beine ab und
suche den Herrn Knnern in allen Winkeln und Ecken.

Mich -- und weshalb? -- Ich war im Walde drauen.

Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber -- wollen Sie mir einen
Gefallen thun?

Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschftigt.

Wie lange?

Ist es so wichtig?

Ja.

Nun denn, heraus damit!

Hier nicht. Sie mssen einen Spaziergang mit mir machen.

Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?

Es ist auch ein Geheimni, sagte Jeremias, sich leise und scheu
umsehend, das ich zwischen den papiernen Wnden hier nicht auskramen
mchte, denn man wei nicht wer dahinter steckt.

Und wie lange wird es mich aufhalten?

Eine gute Stunde -- vielleicht zwei -- vielleicht eine Woche.

Alle Teufel, lachte Knnern, Dein Geheimni scheint dehnbar zu sein;
doch dann la mich erst diesen Brief schlieen und siegeln, nachher habe
ich eine Stunde Zeit fr Dich -- vorausgesetzt aber, da es wirklich
wichtig ist.

Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl,
seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Knnern
seine Correspondenz vllig beendet und seine Schreibmaterialien
weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun
sagte: So komm! stand er auf, ffnete dem jungen Mann die Thr und
folgte ihm die Treppe hinunter.

Und wohin wollen wir? fragte Knnern, unten angelangt, und sah zu
seinem Erstaunen, da ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und
angebunden hatte -- ist es so weit?

Nein, meinte Jeremias; aber Sie knnen's sich eben so gut bequem
machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzhle Ihnen dann
die ganze Geschichte.

Knnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem
Pferde, bis sie den Fu des Hgelrckens erreichten, ber den der
Weg nach Zuhbel's Chagra fhrte. Dort sprang er vor, hielt Zgel und
Steigbgel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zgel
und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Knnern, zu dem er ein
groes Vertrauen hegte, seine ganzen Geldverhltnisse zu erzhlen und
ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann
kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld
dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der
Dieb seines eigenen Geldes, den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig,
vor die Fe geworfen habe, und dann in wilder Flucht in den Wald
gesprungen sei. -- Sie hatten inde dieselbe Stelle erreicht und
Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der
Verbrecher gestrzt und in den Busch hineingebrochen war.

Ja, mein guter Jeremias, sagte Knnern endlich, das ist eine ganz
interessante und hchst wunderbare Geschichte, aber -- nimm mir's nicht
bel -- was geht _mich_ das eigentlich an?

Das will ich Ihnen gleich sagen, erwiederte der kleine Bursche, nicht
im Mindesten dadurch gekrnkt. Sie wissen doch, da sie den Khler, als
des Mordes verdchtig, eingesperrt haben? -- ich wei aber jetzt wer der
wirkliche Mrder ist.

Du -- Du kennst ihn? rief Knnern rasch und erstaunt.

Ahem! nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe -- Bux.

Bux? -- Wer ist Bux?

Sie kennen Buxen nicht? -- den Bauchredner, den Lump?

Und wo ist er jetzt?

Pfutsch! sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.

Und woher glaubst Du das?

Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes
Klappmesser und zeigte es Knnern.

Sehen Sie, sagte er, das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im
Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorbersprang,
als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen
vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehrt, und der Buttlich kannt'
es und wollt' es mir abnehmen. -- So, und jetzt steigen wir zu meinem
Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich
Ihnen die ganze Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen
ist.

Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?

Die Sache ist einfach genug, sagte Jeremias, der mit ziemlich
richtiger Combination der That folgte. Die beiden Lumpen, denn der
Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott wei _wie_,
nachgesprt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas
ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und
haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den
Kopf geklopft, um den ganzen Sack fr sich allein behalten zu knnen.
Mit dem bsen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er
die Angst, sah nicht auf den Weg, strzte und glaubte nun im ersten
Schrecken, als er eine Stimme neben sich hrte, er solle des Mordes
wegen abgefat werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Bsche
fuhr.

Bux? -- Bux? -- Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.

Aber ich bitte Sie, sagte Jeremias -- der Liedrian, der immer einen
Tressenstreifen um die Mtze trug.

Der? rief Knnern, rasch auffahrend -- den hab' ich neulich auf
meinem Ritt in die Colonien getroffen. -- Es war ihm Etwas geschehen,
ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestrzt,
und er mute dort bei einem Bauer liegen bleiben.

Dann kriegen wir ihn auch, sagte Jeremias bestimmt.

Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an
Gewiheit grnzt, nicht schon lange ausgesprochen? rief Knnern
vorwurfsvoll -- und der arme Khler sitzt die ganze Zeit!

So? sagte Jeremias, und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen
von den Consorten htte merken lassen, dann wr' der Bux wohl nicht
unter Hand gewarnt worden, nur um den Khler noch ein Bichen lnger
unter dem Daumen zu halten? Und dann, sollt ich's _denen_ wohl auch auf
die Nase binden, da ich so viel Geld htte, um es verstecken zu mssen?
-- ber jeden Milreis wrden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und
meines eigenen Lebens wre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher
gewesen. Nein, lieber nicht, und ich htt's auch jetzt noch nicht, und
selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht -- der Khler heute krank geworden
wre. Der arme Teufel hlt die Hitze in dem Loche aber nicht mehr
lange aus, und wenn dem 'was passirte -- _das_ mcht' ich nicht auf dem
Gewissen haben -- da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen
sie den Bux, so kommt's nachher mit _meinem_ Gelde auch heraus, das
ist sicher, denn gestehen mu er und wird er, weshalb er den Justus
todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht
von ihm, wenn er erfhrt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und
da ich beinahe eben so erschreckt gewesen wre, als er selber.

Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen, rief
Knnern rasch.

Nein, sagte Jeremias ruhig, wir wollen gerade das Gegentheil thun und
augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie
sich erst von Allem berzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige
machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefhr wo er steckt,
so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn
Director dann die Beweise unter die Nase reiben, _mu_ er den Gefangenen
herausgeben, oder -- wir stecken ihm das Haus ber dem Kopf an und
ruchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird berhaupt
Zeit, da die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!

Knnern mute sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen
fgen, der sein Pferd in das Dickicht fhrte und dort anband und dann
mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau
bekannt wrde. Dabei erzhlte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux'
Leben, wie er seine Familie mihandelte und sich berhaupt die kurze
Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem
jungen Mann nach Santa Clara zurck, wo dieser ohne Sumen die beiden
Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nthige zu berathen.

Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen
Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mrders zu versichern, ehe
man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht uerte. Es schien
allerdings kaum mglich, da dieser, nur um einem Gefhl der Rache zu
folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen
wrde, aber -- sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede
mehr.

Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Knnern zu begleiten, brachte
das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte,
und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer
Expedition zu sagen. Da Jeremias schwieg wuten sie auerdem, und je
geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten
sie rechnen.

An dem nmlichen Tage hatten fast smmtliche Einwohner Santa Clara's auf
Gnther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt
und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die
gegenwrtigen Verhltnisse und deren Rechtszustand schilderten und um
Abhlfe baten. Sie sagten auerdem darin, sie wollten die Regierung
nicht drngen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es
keinen verhateren Menschen in der Colonie gbe, aber das knnten
sie verlangen, da wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen
zugetheilt wrde und die Polizeigewalt, nicht lnger in Einer Hand mit
der brgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wren sonst verrathen
und verkauft und htten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und
Gerechtigkeit bekommen knnten, als das abgelegene und schwer zu
erreichende Rio de Janeiro.

Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio,
angeblich regelmig, lief, wre allerdings schon wieder seit zwei Tagen
fllig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien
an der brasilianischen Kste eine solche consequente Unregelmigkeit,
da man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon
vorgekommen, da der eine vierzehn Tage ber seine Zeit ausblieb und der
andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.

Gnther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem
nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten
hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas
geruchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet
und seine Karte ber die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da
er die Copie dem Director zurcklassen mute, schickte ihm dieselbe am
nchsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die
ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen
ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder
Fu auf deutschen Boden setzen wrden, und eine halbe Stunde spter
sprengten Graf Rottack und Knnern auf der Strae hinaus, die an der
Meierei vorber in den Wald fhrte.




7.

Bux auf der Flucht.


Was wir doch eigentlich fr ein wunderliches, abenteuerliches Leben
fhren, brach Felix endlich das Schweigen, denn Knnern's Herz war
heute, wo er sich dem Platze wieder nherte, an dem er Elisen zum
ersten Mal gesehen, schwer und gedrckt, und wie die Ahnung eines groen
Unglcks lag es auf seiner Seele. -- Heute hier, morgen da, heute
philisterhaft sich mhend, um das tgliche Brod zu verdienen, nur des
tglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel -- wie wir Beide
heute -- als Rcher und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie
man sie nicht brauchbarer erfinden knnte.

Mein lieber Graf, sagte Knnern, wie oft auch gleicht unser Leben
einem knstlich erdachten und selbst unnatrlich combinirten Romane,
mit all' den Zuflligkeiten, die hineingreifen und alle Plne ber
den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien
auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so
gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten Verhltnissen, die
nach auen die glatte, nichtssagende Oberflche zeigen. Knnten wir
oft den Schleier heben, der darauf liegt, was fr wunderbare und
interessante Dinge wrden wir zu sehn bekommen!

Graf Rottack lchelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem
Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen.

Apropos, sagte er, haben Sie krzlich Nichts von unserer _Grfin_
gehrt? Ich verga in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz
nach ihr zu fragen -- oder kennen Sie die Dame gar nicht?

Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Strae gesehen, sagte Knnern,
aber nie das Vergngen ihrer persnlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich
mu sogar zu meiner Schande gestehen, da ich selbst meine Schuldigkeit
versumt habe: ihr nmlich meine Aufwartung nach der unbenutzten
Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufllig gehrt,
so scheinen Mihelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.

In der grflichen? lachte Felix.

Allerdings; da ich mich jedoch fr die Leute nicht interessire, sind
mir auch die Einzelheiten wieder entfallen -- ich hatte berhaupt damals
den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, da die Verbindung
zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist...

Ha! rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.

Und da sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat, fuhr
Knnern fort, was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt htte, wenn
die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschftigt
gewesen wren. Gesprochen wurde aber doch viel darber.

Helene fort? sagte Felix nachdenkend; was mag da vorgefallen sein? --
Und wo wohnt sie jetzt? -- Wo konnte sie hin?

Das habe ich zufllig bei Rohrlands gehrt, ohne der jungen Dame selber
aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer
gemiethet und einen Theil ihrer Mbel wie ebenfalls ihr Pferd an
Director von Reitschen verkauft.

Wunderbar, wunderbar! murmelte der junge Mann kopfschttelnd vor sich
hin. Von der _Mutter_ getrennt, und die Verbindung mit dem Brutigam
abgebrochen, da mu etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie,
Knnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit
den interessantesten Persnlichkeiten: einem schnen Mdchen, einer
intriguanten Mutter und -- einem berflssigen Brutigam. Schade nur,
da der wirkliche _Geliebte_ fehlt, der zu einem wnschenswerthen Schlu
gehrt, denn _die_ Damen, die in einem Buche immer zuerst die letzten
Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. -- Und
da drben auch, fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der
Stelle hinber, wo des alten Meier Haus lag -- dort hat sich ebenfalls
eine anscheinend glckliche Familie pltzlich ohne bekannt gewordene
Veranlassung zerstreut -- die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater
und Tochter sind verschwunden -- verdorben vielleicht, und Alle hatten
die Berechtigung an dieses Leben, wie wir -- gerade so gut als wir, und
jetzt Alles -- Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichte das,
hchst sonderbare Geschichte, und man wei zuletzt wirklich nicht einmal
ganz gewi, wer von uns Allen denn auch sicher _wacht_.

Knnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach
riefen, ohne da Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos
er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite,
und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen
und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und
schweigend neben einander hin.

Hol' der Teufel die Grillen, sagte Felix pltzlich mit seinem frhern
wilden Humor, man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn
man selbst berflssige Zeit hat, und das -- haben wir hier nicht
einmal! Wir wollen an unsere Jagd denken, Knnern, Diebsfnger, die
wir doch jetzt nun einmal sind, an den mrderischen Schuft und an das
glckliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau -- um die ich den
Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mgen mich auslachen wie
Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem
jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wte, da
mich beim Herauskommen ein Paar _solcher_ Arme in Glck und Seligkeit
umschlingen wrden. -- Aber was haben _wir_ Beiden, wenn wir
zurckkommen? -- Quartier bei Bodenlos fr unser gutes Geld und ein
einschlfiges Gastbett, zweischlfig mit Flhen versehen -- es ist zum
Todtschieen!

Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden? lchelte Knnern.

Wollt' ich auch nicht, sagte der junge Graf; aber unwillkrlich
steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gesprch, selbst
wenn man sich von Mrdern und Dieben unterhlt. Wo haben Sie denn jenen
Bux -- so heit der Kerl ja wohl -- zum letzten Mal gesehen?

Wir biegen an der nchsten Chagra links in den Wald, sagte Knnern,
und knnen den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.

In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen -- auf
der Jagd?

Wo streift ein Maler nicht berall umher, war Knnern's ausweichende
Antwort -- noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rcken hat!

Von dem sind Sie unzertrennlich?

Bei unserm jetzigen Ritte war es nthig, denn wir wissen nicht, wie wir
es gebrauchen knnen. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, da sich jener
verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind _Sie_ kein
Jger?

Nein, und nie gewesen, sagte der junge Mann; zu Hause htte ich dazu
Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden,
mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos
daherkommendes Stck Wild wie ein Meuchelmrder niederzuschieen. Die
Jger nennen das freilich auf dem Anstand, ich hielt es aber fr
unanstndig -- wie ich denn berhaupt mein ganzes Leben lang mit den
verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich
habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto hufiger
hetzte ich aber dafr Fchse und Hasen im freien Felde. Das ist List
gegen List, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit
Pulver und Blei, dem das arme Wild keine hnliche Waffe entgegenzusetzen
vermag.

Aber eine Tigerjagd mit der Bchse hier in Brasilien wrden Sie doch
nicht fr so ungleichen Kampf halten?

Nein, meinte Felix; wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wren.
Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrpp umherkriechen, von
Durst und Hitze halb aufgerieben werden und dann nicht einmal einen
Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur hchstens einmal seine Fhrte zu
finden, wo _er_ seinen Durst lschte, whrend ich auf irgend einem
unwirthbaren Bergrcken sa und schmachtete, dafr danke ich ebenfalls.
Dazu gehrt eben eine Passion die mir fehlt, und ich berlasse es denen,
die wirklich Freude daran finden.

Die Reiter hatten indessen die nchste Chagra, die ebenfalls einem
Deutschen gehrte, erreicht, und Knnern hielt hier, ohne das Haus zu
berhren, gleich schrg in den Wald hinein, umritt die Umzunung und
traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast
direct nach Westen hinberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang
und muten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn
an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und
da fhrte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Knnern
schien aber vllig vertraut mit seiner Bahn und zgerte nur immer lange
genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege
genau und sorgfltig untersucht hatte.

Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht
hatten. Halbdurchgebrannte Stcke zusammengetragenen Holzes lagen dort,
und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren
mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den
Nachtthau herzustellen.

Knnern erfate ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah,
denn hier hatte -- dem Berichte der Leute nach, die in der nchsten
Colonie wohnten -- seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde
zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Hnden
Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und
versucht eine Htte fr ihn zu spannen. -- Und an der nchsten Chagra
eben verlor sich vollstndig ihre Spur. Der Pfad war von da an
steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nchsten
menschlichen Wohnung wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit
noch war er damals umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch
Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge --
umsonst, wie in den Boden hinein schien das hlflose Paar verschwunden,
und es blieb keine andere Mglichkeit, als da sie vom Wege abgekommen
seien und sich verirrt htten, wo sie dann rettungslos in der
furchtbaren Wildni verderben muten.

Wieder durchlebte Knnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue nherte,
alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen
gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid
mitzutheilen -- was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst
hoffen, da er ihn verstehen wrde?

Hier haben Reisende campirt, sagte Rottack, als Knnern unwillkrlich
sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte,
-- ob das _unsere_ Familie gewesen ist?

Nein -- Andere, sagte Knnern leise -- Bux hat mit seiner Familie an
dem nchsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra geben lassen.
-- Aber vorwrts, oder wir versumen hier die schne Zeit!

Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie pltzlich
wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche
niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche
der Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und
Militrmacht in die Colonie zu legen.

Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont zu, und die Reisenden
beschlossen, hier zu bernachten. Essen und Trinken fanden sie auch
genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie hatten, und
waren auerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in ihrer
Einsamkeit zu sehen.

Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben
knnte, sich in dieser Einde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht
einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung
hatte frher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche
Colonie anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht
werden. -- hnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und
anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das
Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, whlte im Walde
zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem
Centralpunkt zu arbeiten -- aber es ging nicht.

Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den
besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer
Producte zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden auerdem noch
die, nie von einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu
bahnlosen Morsten, und die darauf gesetzten Colonisten verlieen meist
alle ihr Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der
Welt noch in Verbindung standen.

Einzelne blieben aber trotzdem zurck; es gewhrte ihnen einen eigenen
Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu
schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so
viel sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen
auch hier und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch,
da die fr jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden
knnte. Dann aber stieg nachher ihr Land natrlich bedeutend im Werth,
und ihre Producte fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen
und gnstigen Absatz.

Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz,
an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu groen Last
nicht weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte
dafr, wie roh und niedertrchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein
berladenes Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er
nach einer andern Colonie hinberschneiden, nach der zu ein Weg von
der nchsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, da er das
Schmiedehandwerk verstehe -- was recht gut sein konnte -- und als er
hier erfuhr, da sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er
den Entschlu gefat zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und
weshalb er hieher in den Wald gekommen sei, darber sollte er kein Wort
geuert haben, und die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich
sein Esel wieder so weit erholt hatte, da er weiter konnte.

Die beiden jungen Leute erwhnten kein Wort davon, weshalb sie hinter
dem Burschen her seien und da sie ihn berhaupt suchten, machten sich
die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Stteln und Satteldecken zurecht
und brachen am nchsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nchste
Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut
frhstcken.

Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hrten hier zu
ihrem Erstaunen, da Bux bis gestern dort gehalten habe und in der
That noch lnger geblieben sein wrde, wenn die Deutschen nicht seiner
berdrssig geworden wren. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier,
denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdrftig wieder
erholt, war nicht im Stande gewesen, seine frhere Last noch einmal
aufzunehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Bursche indessen
kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, denn die Frau war ebenfalls
krank geworden und so schwach, da sie sich mit dem Kinde kaum vorwrts
schleppte.

Nachdem Knnern und Rottack gefrhstckt und ihre Pferde gefttert
hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flchtigen, der ihnen jetzt
nicht mehr entgehen konnte. berall an weichen Stellen im Wege sahen sie
die kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der ngelbeschlagenen
Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren pltzlich
verschwunden und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von
keinem kleinen Eselshuf und keinem ngelbeschlagenen Mannesschuh berhrt
worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede
Fhrte htte abdrcken _mssen_, und die Wanderer, des Gebsches wegen,
auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur
der Verfolgten irgendwo hinein.

Nun, durch die Luft sind sie _nicht_, trstete sich aber Knnern, und
jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links irgendwo abgewandt,
um etwaige Verfolger irre zu fhren; da sie ihm so dicht auf den Fersen
wren, dachte er wohl nicht. Wir mssen also ein Stck zurck, Graf
Rottack, und jetzt aufgepat, wo wir den schmalen Eselshuf zuerst wieder
in Sicht bekommen.

Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt
zurckgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte
Knnern's scharfes und an den Wald gewhntes Auge auch einen ganz
schmalen Fuweg, der, von Gras berwachsen, links in den Wald fhrte
und kaum zu passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der
ngelbeschlagene Schuh hier wieder sichtbar.

Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes, rief Felix, hat
sich der unglckselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den
Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer
Fhrte zu folgen, davor habe ich allen mglichen Respect!

Ich habe mich nur gewundert, sagte Knnern, da er nicht schon lange
vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Mglichkeit
einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am
Allerleichtesten entgehen. Jetzt mchte ich aber die grte Wette
eingehen, da wir ihn am nchsten Wasser finden.

Ja, sagte Felix leise, und seine Frau und Kinder auch. Hren Sie,
Knnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich doch nicht ordentlich
berlegt, und htten es am Ende lieber der Polizei berlassen sollen,
den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine
Scene geben, an die wir spter einmal mit Schaudern und Entsetzen
zurckdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen
und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau dazu
kommt -- und krank soll sie ohnedies sein -- und kleine Kinder --
verfluchte Geschichte, und da mir das gerade erst jetzt einfllt, wo es
natrlich schon ein paar Posttage zu spt ist!

Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht, sagte Knnern ernst, aber
ich habe die feste berzeugung, da der Frau gar kein grerer Segen
widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit
zu werden, und wer wei, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafr ist.
Keinesfalls knnen wir's jetzt ndern, und denken Sie nur immer an
Khler's junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr
nicht einmal verstattet wird, den _erkrankten_ Mann zu pflegen. _Der_
mssen wir ihren Frieden wiederbringen, und ich denke, nachher werden
wir auch wohl im Stande sein, fr das arme Weib mit ihren Kindern zu
sorgen. Meinen Sie nicht?

Sie haben Recht! rief Felix jetzt entschlossen aus -- der armen Frau
soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid zu
tragen hat, und eine Beschftigung fr sie wird sich auch schon finden.
So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mrder her. Ich freue mich
wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director
berliefern knnen. Aber sind wir denn noch auf der Fhrte? Ich sehe
hier gar Nichts mehr.

Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab, erwiederte
Knnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte.

Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung, rief Felix pltzlich, denn
Knnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen -- das da
unten mu doch eine Chagra sein.

Wahrhaftig, dort liegt eine Htte, sagte Knnern, der Richtung mit den
Augen folgend -- wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in
das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fhrten wieder links ab,
als ob er die Stelle htte umgehen wollen.

Er wird nicht gerade aus gekonnt haben, sagte Rottack, denn
wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich einem steilen,
dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mute.

Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit rthlichen
Porphyrblcken untermischt, fiel ein kleines Stck weiter vor so schrg
ab, da die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefhrlich, doch sehr
beschwerlich gewesen wre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen
Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als
Knnern pltzlich leise rief:

Halt! Ich hre Stimmen!

Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich lie sich jetzt,
unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe
Stimme eines Mannes hren, der wilde Flche ausstie. Dazwischen klagte
die Stimme einer Frau.

Das ist er! flsterte Rottack -- gleich dort hinter der Palmengruppe
mu er stecken.

Knnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren
Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg
erlaubte, vorwrts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert
Schritten in dieser Richtung zurckgelegt, als er die kleine Carawane
vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch ber sie zu
kommen. Er wute, da ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte.
Rottack hielt sich dicht an seiner Seite.

Es war in der That der wrdige Bux mit seiner Familie, dem -- wie
Knnern ganz richtig vermuthet hatte -- der unbehagliche Gedanke
gekommen war, da er doch am Ende verfolgt werden knne. Wie der
Verdacht auf _ihn_ fallen sollte, wute er freilich nicht, denn hatte er
auch sein Messer in der Zeit vermit, so war es sehr die Frage, wann
das je einmal gefunden, und ob es berhaupt Jemand kennen wrde, und
bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht konnte
aufgelauert haben, darber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber
erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher,
sonst wre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt
hatte? -- er knirschte mit den Zhnen, wenn er daran dachte -- sagte
ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur
gebrauchen, den Weg fr kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar
Wochen im Walde, in irgend einer einsamen Htte sitzen und seine Zeit
abwarten, als sich, wie er bei sich dachte, ewig den Kopf abzudrehen,
ob Jemand hinter ihm her kme.

So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch
nicht ruhen lassen.

Als Knnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die
Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte.

Aber ich _kann_ ja nicht mehr, Bux, sagte die Unglckliche -- la
mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's schon
wieder gehen.

Aber das Haus mu dicht vor uns sein, rief der Mann mit einem
abscheulichen Fluch -- wir haben die Hhne von da oben ganz deutlich
krhen hren -- es _kann_ nicht mehr weit sein.

Ich bin's nicht im Stande, sthnte die Frau und sank mit dem Kinde,
das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum -- mach'
mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder la mich liegen und hier
umkommen, aber ich kann nicht weiter.

Dann komm allein nach, fluchte der Bursche, warten thu' ich,
Gott straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte -- er fuhr
erschreckt empor, denn dicht dabei hrte er den Schritt der Pferde im
Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an.

Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster:

Seid Ihr denn auch ein Mensch, da Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr
geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib
mu auch noch das schwere Kind schleppen -- 's ist doch wahrlich eine
Schande! Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine
Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: Da, trinkt einmal
einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun -- Ihr seht aus, als ob Ihr's
nthig httet.

Das wei der Allerbarmer! sthnte die Frau -- und der mag's vergelten
-- Ihr seid doch auch _Menschen_, Ihr werdet mich nicht hier im Walde
allein liegen und mit dem Kinde verhungern lassen.

Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut, sagte der Mann
finster, aber doch scheu zu Knnern emporsehend, der, sein Gewehr vor
sich auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den
Mrder finster und ernst betrachtet hatte. Da er dabei den Rechten vor
sich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Die scheue,
ekle Gestalt pate vollkommen zu der Beschreibung, und der unechte
Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mtze lieferte noch den letzten
Beweis, wenn es dessen bedurft htte.

Na, sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde
-- was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen
Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen
httet? Das glaub' ich! _Ihr_ knnt's aushalten auf Euren Pferden
oben, aber so ein armer Teufel, der mu sich wie ein Hund durch's Leben
schinden -- na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?

Knnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mrder
gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam:

Ihr heit Bux, nicht wahr?

Wie ich heie, darum hat Niemand 'was zu fragen, knurrte der Gesell
-- ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich
niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann. Er hatte dabei einen
scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den
Hnden der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte
jetzt einen Schritt zurck, um Beide besser im Auge behalten zu knnen.

Es ist eine verwnschte Geschichte! rief der junge Graf Knnern
in franzsischer Sprache zu -- die Frau und die Kinder werden ein
Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber
warten, bis wir ihn allein haben?

Ehe aber Knnern Etwas darauf erwiedern konnte, berhob sie Bux
selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich spter
herausstellte, aus dem Elsa und verstand recht gut die franzsisch
gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mitrauen gegen die
beiden Reiter gefat, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen
in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewiheit. Sie
waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt
Rettung -- Flucht!

Aha, darauf luft's hinaus! schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von
dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, ri dieser ein gewhnliches langes
Kchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, fhrte einen
Sto nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit _einem_ Satz
in Dorn und Gebsch hinein, den steilen Hang mehr hinab strzend, wie
laufend.

Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Sto
auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm streifte, seinen Rock
zerschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln
und fiel auf den rauhen Boden, so da der Flchtling, ehe er sich wieder
aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwlf Schritt Vorsprung vor ihm
hatte.

Knnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende
Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier
dem Reiter Nichts weniger als gnstig, und whrend sein junger Begleiter
mit einem Wuthschrei wieder auf die Fe schnellte und rcksichtslos
um seine eigene Sicherheit hinter dem Flchtling hersprang, bumte
Knnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurck
und wollte nicht vorwrts.

Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann? gellte die
Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und
auch die Kinder stieen ein Wehegeschrei aus. Knnern aber ri das Pferd
zurck, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, da sie
Nichts zu befrchten htte, griff er sein Gewehr auf und folgte der
Jagd.

Den Mrder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen
Tagesmarsch und der ungewhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern
hatte auch, um seinen Durst zu lschen, mehr Branntwein heute Morgen
getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und
unermdet, mit kaltem Blut und frischen Krften, mit denen er jede
ffnung in den Bschen benutzte, whrend der Fliehende rcksichtslos
mitten hindurch brach und damit seine Kraft schwchte, sah bald, da er
dem Flchtigen an Schnelligkeit berlegen war, und suchte ihm deshalb
den Weg abzuschneiden.

Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort -- weiter
-- aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo
sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinber
-- vergrerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter
Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nmlichen Hang jetzt
hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und
erst als Bux auch diesen zu Fu bemerkte -- denn da ihm hier ein Pferd
nicht folgen konnte, wute er --, sah er, da er verloren war. Aber er
lie deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links
schaute er mehr, vorwrts brach er ber Alles, was ihm im Wege stand
und lag -- vorwrts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die
Rcher! -- Er strzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb mit
seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt ri er
sich los, da ihm die Fetzen am Leibe hingen -- seine Mtze hatte
er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig
gekratzte Stirn -- vorwrts -- vorwrts -- bis seine Krfte ermatteten
und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.

Mit dem nchsten Satze war Knnern an seiner Seite und stand, mit der
Flinte im Anschlag, neben ihm, whrend Rottack jetzt ebenfalls mit einem
Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und
zeigte es dem Freunde.

Haben Sie ihn? schrie er schon von Weitem.

Hier liegt er -- er ist sicher -- aber was haben Sie dort?

Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich
sah, wie er etwas Blankes in die Bsche schleuderte, und sprang danach,
da ich Sie dicht hinter ihm wute. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da
liegt die Canaille -- ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen,
der hat uns noch eine hbsche Hetze gemacht! -- Wenn ich nur meine Hunde
hier gehabt htte!

Bux lag auf dem Gesicht und rhrte sich nicht -- nur sein schweres,
hastiges Athmen verrieth, da er noch lebe. Knnern sah schaudernd auf
die vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt.

Wir haben's bernommen, Graf, sagte er ernst, und jetzt auch
durchzufhren, denn den Cadaver hier mssen wir in die Colonie schaffen,
und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes brig als
ihn auf ein Pferd zu binden.

Wir wollen ihm schon Beine machen, sagte Rottack finster, denn
Mitleid verdient die Canaille nicht. -- Aber dort drben ist ein Weg,
Knnern, bei Gott -- und da hinten liegt das Haus -- wir sind dicht an
der Chagra.

Desto besser, sagte Knnern, dann knnen wir vielleicht von dort
Hlfe bekommen. Vor allen Dingen mssen wir den Burschen erst einmal
binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?

Es ist gar Nichts, lachte der junge Mann -- eben nur geritzt,
nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen -- das ist
wirklich niedertrchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen
bleiben -- holla, Freund -- steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mut
wieder wandern.

Nehmen Sie sich in Acht, Rottack, sagte Knnern -- trauen Sie ihm
nicht!

Er ist fertig, rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend
und heftig schttelnd. -- Sei jetzt vernnftig; Widerstand kann Deine
Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mut Du mit zurck,
und wenn ich Dich auf meinem Rcken hineintragen sollte.

Bux regte sich nicht.

Willst Du nicht gehorchen? -- gut, dann darfst Du Dich auch nicht
beklagen! -- und mit den Worten hatte er ein dnnes aber starkes Seil
aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um
die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm
ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der
Hand fhlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor
-- doch zu spt. Knnern, der ihn scharf beobachtet hatte, lie in
demselben Moment sein Gewehr fallen und fate seinen andern Arm. Bux
wollte sich losreien, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei
Minuten spter, whrend er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch
um Hlfe brllte, war er gebunden und in den Hnden seiner Verfolger.

So, sagte Knnern, indem er das Ende der Leine um den nchsten jungen
Stamm schlug, jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten
Sie bei dem Burschen eine kurze Wacht, whrend ich hinunter in das Haus
springe und nachsehe, was dort fr Leute wohnen und ob sie uns Etwas
ntzen knnen.

Thten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter
und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?

Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken,
da wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser,
wir wissen erst wer hier unten wohnt.

Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; da er mir indessen nicht
entwischt, dafr will ich schon sorgen.

Knnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch
einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt
rasch darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich
entgegenkommen sah.

Habt _Ihr_ um Hlfe geschrieen? fragte ihn dieser schon von Weitem in
portugiesischer Sprache. Was ist denn geschehen? Seid Ihr angefallen?

Gerade das Gegentheil, Senhor, erwiederte Knnern -- wir haben einen
Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war
und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte.
Knnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?

Jetzt nicht, sagte der Mann, der stehen geblieben war und Knnern
erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schttelte -- ich habe
einen Sterbenden oder Todten da drin in der Htte und kann den nicht
verlassen.

Das thut mir recht leid, da wir Euch zu so ungelegener Zeit gestrt
haben, sagte der junge Mann theilnehmend, Ihr habt Krankheit in Eurer
Familie gehabt?

_Wir_, Gott sei Dank, nicht, erwiederte der Brasilianer; aber ein
Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter zu uns kam, legte sich
und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon krank, als er mein
Haus betrat.

Ein Fremder? -- mit seiner Tochter? rief Knnern und fhlte, wie ihm
dabei das Blut in den Adern stockte.

Ja, Senhor.

Ein Mann mit weien Haaren?

Kennt Ihr ihn?

Groer, allmchtiger Gott! rief Knnern erschttert aus -- hier also
-- hier -- aber da komm' ich doch noch vielleicht zur rechten Zeit! --
Lat mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen
wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt die Strae
hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm
einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.

Seid _Ihr_ ein Verwandter von dem Alten?

Sein nchster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.

Dann hat Euch der Himmel selber hierher gefhrt -- und nun macht nur,
da Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere
will ich schon mit Eurem Freund besorgen.




8.

Gefunden.


Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der hier
ein kleines, in die Hgel gedrcktes, aber uerst fruchtbares Thal
gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in
diese Nachbarschaft gekommen, da er ziemlich sicher darauf rechnen
konnte, in einiger Zeit die Grnzen ihrer Niederlassungen zu sich
herausgerckt zu sehen, und geschah das, so besa er selber genug Land,
ihnen gute Colonien zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein
reicher Mann sein. Da er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang
allein und einsam in der Wildni sitzen mute, rechnete er nicht.

Natrlich hatte er fr sich und seine Familie, wie fr ein paar Sclaven,
die er hielt, nur eine kleine, ziemlich drftige Htte gebaut, denn der
Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine Arbeitskrfte in Anspruch.
So beschrnkt aber der Raum war, den er bewohnte, so willig theilte
er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem Fremden -- war es nun
ein einzelner Jger, der den Wald durchstreifte, oder eine wandernde
Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten genug zu sehen
bekam. Fr die Frau -- denn der Mann konnte doch wenigstens manchmal
fort und unter Leute, whrend sie das ganze Jahr allein in ihrer Wildni
sa -- war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, und was die Kche
wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht und aufgetischt.

Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem
Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung
zugegeben, da sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte
wieder vollstndig erholt htte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die
Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst
gesunden Krper gearbeitet und gezehrt -- die furchtbare Zeit der
Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie der ungewohnten
Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschpft, die ihn bis dahin
noch fast gewaltsam aufrecht gehalten.

Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der
krperlichen Erschpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger Stumpfsinn,
der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend aufloderte.

Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und
seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd fr ihn eingestanden war,
so da seine persnliche Sicherheit von da an ungefhrdet blieb,
waren aus seinem Gedchtni verschwunden. Im Geist sah er nur noch den
grlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an fr
flchtig vor dem Gesetz und von Hschern verfolgt. Umsonst suchte ihn
Elise zu beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld
sowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beschwrungen des
unglcklichen Vaters, wenn er sie bat, ihn nicht zu verlassen und der
Polizei auszuliefern. Was sie krperlich dabei dulden mute, schwand
zu einem Nichts zusammen, und ihre Lage wurde erst dann wirklich
gefhrlich, als die wilden Phantasien dem Unglcklichen auf keinem
gebahnten Weg mehr Ruhe lieen, sondern ihn in den Wald trieben, um den
Verfolgern zu entgehen, die er fortwhrend auf seiner Fhrte glaubte.

Als sie ihn gewaltsam zurckhalten wollte, brach er von ihr fort, da
sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu
vergehen drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne
einen Trunk Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst
gegen Morgen zeigte ihr der frhe Hahnenschrei von des Brasilianers
Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Htte verrathen
hatte, Hlfe in der schrecklichsten Noth.

Jetzt war Alles vorbei -- Alles berstanden. Wie sich der Krper des
unglcklichen alten Mannes seiner Auflsung nherte, klrte sich auch
wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so
schwach geworden, da er kaum noch den mden Arm heben konnte; aber
heute zum ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das
Fenster warf, und sich Elise ber sein Lager beugte und ihn fragte,
ob sie ihm irgend eine Hlfe leisten knne, strich er ihr mit der
fleischlosen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und sagte leise:

Meine arme, arme Elise!

Vater, mein lieber, guter Vater! rief das Mdchen in ausbrechenden
Thrnen -- kennst Du mich denn?

Soll ich _Dich_ nicht kennen, meine treue Gefhrtin in Jammer und in
Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen
Manne?

Mein guter Vater!

Gottes Segen ber Dich -- Gottes reichsten Segen, und da er die Schuld
nicht an Dir heimsuchen mge, die auf Deines Vaters Seele liegt!

Vater -- _Vater_!

Stille, mein Kind -- stille -- weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und
es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen
Jahren nicht gewesen ist. Nur _eine_ -- _eine_ Sorge liegt mir noch
darauf, und das bist _Du_, mein Kind, das ich allein und hlflos in dem
weiten, fremden Lande zurcklasse.

Vater, sprich nicht so -- Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir
bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen
Krften.

Armes Lieschen, sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken
folgte -- und auch daran trage ich die Schuld -- auch daran, da
ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstschtigen,
sndhaften Plnen folgend -- auch daran, und _das_ Gewicht mu ich jetzt
mit mir hinab nehmen -- hinab in's Grab!

Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und
der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die
dnnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.

Weine nicht, Elise, sagte er leise -- weine nicht -- wir sehen uns
wieder -- wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er
seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit ber Dir gehalten, so
wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande -- nicht
so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen mu, wo Du doch Hlfe
gerade so nthig brauchst. Komm, sei gefat, mein Kind -- sei stark,
Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.

Du wirst _nicht_ sterben, Vater! schluchzte das arme Kind und prete
ihre Stirn nur fester an seine Schulter -- Du wirst leben, mir -- mir
zum Troste, da ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein sptes,
sptes Alter hinein!

Du willst mir den Abschied recht schwer machen, seufzte der alte Mann,
und ich habe doch keine Thrnen mehr, die mir die Brust erleichtern
knnten! -- Sieh, wie der Sonnenschein so warm durch's Fenster dringt,
fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die nur durch Elisens Schluchzen
unterbrochen wurde -- und drauen liegt in Licht und Glanz die Welt,
der schne Wald. -- Gr' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn
wiedersiehst -- die schattigen Bume und den murmelnden Bach, und --
wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag der Gedanke Dich vershnen,
da er im frischen, grnen Walde schlft und das Rauschen der ewigen
Wipfel wie ein frommes Gebet zum Hchsten steigt fr den reuigen
Snder!

Vater!

Fasse Dich, mein Lieschen -- es _mu_ sein -- und nun noch Eins -- rufe
mir unseren freundlichen Wirth herein, da ich ihm danken kann fr alles
Liebe und Gute, das er uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der
Welt, was ich ihm bieten knnte, wie meinen Dank! -- Er wird Dich auch
nicht gleich verstoen; seine Frau ist gut und freundlich -- war sie
doch gut und freundlich gegen mich -- o, wenn ich _den_ Trost mit mir
hinbernehmen knnte, da mein armes Kind nicht ganz verlassen wre!

Elise richtete sich gewaltsam empor -- sie durfte jetzt nicht
zurckdenken -- nur _jetzt_ nicht -- oder das Herz htte ihr brechen
mgen in Jammer und Weh.

Ich gehe, Vater, und rufe ihn, sagte sie leise -- nur einen
Augenblick, ich bin gleich wieder zurck.

Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. Mein armes Lieschen! sagte
er traurig.

Ich bin gleich -- gleich wieder bei Dir, Vater. -- Er ist jedenfalls
drauen -- ich hre schon seinen Schritt.

Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thr,
als sich diese ffnete und Knnern auf der Schwelle stand.

Das Mdchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft
schien in dem Augenblick ihren Krper verlassen zu haben. Sie stand wie
eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie
abwehrend gegen das, was sie fr eine Erscheinung ihrer erregten Sinne
hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: Bernard!

Elise -- Elise! rief Knnern, auf sie zueilend und sie in seine Arme
schlieend -- o, nun ist Alles gut -- Alles, und Nichts im Leben soll
uns wieder trennen!

Und bist Du's wirklich, Bernard? -- Ist es nicht Dein Geist, der nur
gekommen, um mich in meinem grten, furchtbarsten Schmerz zu trsten?
hauchte Elise und drckte ihn wie scheu und furchtsam von sich.

Wer ist der Fremde, Lieschen? fragte der alte Mann und wandte bestrzt
den Kopf der Thr zu.

Ein Freund, sagte Knnern, die Geliebte mit dem linken Arm
umschlingend, indem er sie mit der rechten sttzte -- ein Freund, der
nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht
von sich stt!

Lieschen!

Vater! rief das Mdchen, wand sich aus Knnern's Arm, flog an seine
Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter.

Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen,
und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, da er noch lebe.
Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm
niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes.

Herr Gott, ich danke Dir, sagte er leise -- Lies--chen, leb' -- wohl
-- sei glcklich -- Gott segne Dich -- und wie er noch einmal seine
Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter -- er war
todt. -- --

Drauen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache,
der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zhnen knirschte.
Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu
streifen, aber die Schleife, welche Knnern gezogen, sa zu fest,
und als sein Wchter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm
versicherte, er wrde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden
schlagen, lag er still. Er trotzte noch darauf, da die beiden Fremden
hier im Wald nicht im Stande sein wrden, ihn gebunden zu transportiren,
und baute fr die Nacht seine Plne zur Flucht.

Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr Hallo, und als Rottack darauf
geantwortet, brachen und rauschten die Bsche, und der Brasilianer stand
im nchsten Augenblick vor der Gruppe.

Ei sieh' da, sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend,
das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hngt! -- Wie
geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?

Er hat einen Mord verbt, sagte Rottack, nachdem er den Gru des Alten
erwiedert -- und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben
im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu
werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?

Im Hause -- ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und der
Mann liegt im Sterben.

Im Sterben?

Ja -- aber jetzt kommt, da wir den Patron da hinunterschaffen. Wo sind
Eure Pferde?

Oben am Hang stehen sie und die unglckliche Familie dieses Schuftes
sitzt dort ebenfalls.

Und hat der Lump auch Familie? sagte der alte Brasilianer entrstet;
das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglcklich
gemacht! Und was wird nun aus denen?

Sie mssen mit in die Colonie zurck; es sind Deutsche genug dort, die
fr sie sorgen werden -- besser als der da es gethan. Soll ich hinauf
und die Pferde lieber holen?

Lat's nur sein, Fremder, sagte der Brasilianer, die Familie knntet
Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein
paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel besser und rascher
besorgen. Aber Ihr blutet ja!

Nur ein Ritz; der Schuft stie mit dem Messer nach mir, als wir ihn
fassen wollten.

Natrlich -- wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf
die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwrts, mein
Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhlzer -- oder
sollen wir Dir Beine machen?

Er versteht kein Portugiesisch.

Oho -- noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte auch nach
Brasilien? Fr die ist's aber kaum der Mhe werth, da der Staat Passage
bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch auerdem einen Strick.
-- So sagt _Ihr_ ihm einmal auf gut Deutsch, da er gutwillig mitgeht,
sonst kann ich es ihm doch vielleicht auf Brasilianisch begreiflich
machen.

Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Grtel, hieb einen
jungen Stamm ab und hackte, noch whrend er sprach, die ste davon
herunter.

Bux hatte dem Gesprch der Mnner in der ihm unverstndlichen Sprache
mit scheuem Blick gelauscht. So lange er sich noch allein in den Hnden
der Deutschen befand, schien ihm seine Lage immer nicht zum uersten
gefhrlich. Jetzt zum ersten Mal berkam ihn der Gedanke an die Strafe,
der er entgegenging, berkam ihn zugleich die Angst davor.

Steh' auf, sagte Rottack zu ihm; Du wirst einsehen, da Dir
weiteres Struben Nichts hilft, und Du kannst hchstens Deine Lage noch
verschlimmern.

Landsmann, sagte Bux mit heiserer, angstgepreter Stimme, Ihr werdet
mich nicht den Fremden bergeben -- ich -- ich will ja Alles gestehen --
ich bin ein armer Teufel -- der Bse plagte mich -- der Justus war
auch ein schlechter Kerl -- er hat mich verfhrt -- er reizte mich.
-- Landsmann, bat er dringender, als sich Rottack mit Ekel von ihm
abwandte, indem er sich auf die Kniee warf und die gebundenen Hnde zu
ihm aufhob -- lat mich laufen -- ich will ein ordentlicher, braver
Kerl werden -- ich will meine Frau nicht mehr prgeln und die Kinder
-- ich will arbeiten, da mir das Blut unter den Ngeln vorspritzt --
Landsmann, habt Barmherzigkeit -- Barmherzigkeit! -- und er schrie die
letzten Worte in Todesangst gellend heraus.

Die suche Dir bei Gott, sagte Rottack erschttert -- Deinetwegen
sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der mu
frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versumen.

Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Rder, und der Brasilianer,
der einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem
Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde
geschlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen.

Werft einmal Euer Holz ab, sagte der Brasilianer, und ladet den
Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den
kleinen Schuppen drben bei den Kaffeebumen, da ihn meine Frau und die
Kinder nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf -- wo ungefhr
sind Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?

Etwa in dieser Richtung, sagte Rottack, mit dem Arm aufwrts deutend
-- aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit
den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers
bernehmen wollen.

Fr den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und
thust was er Dir sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf,
wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.

Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und
Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine,
mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und
wenige Minuten spter fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden
riesigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und
hinabschleppten. --

Eine Stunde spter etwa kam Rottack mit der armen, in Thrnen
aufgelsten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos
schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt fr ihn gewesen,
den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu mssen, da er
eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen
werden, denn die so schon unglckliche Frau durften sie hier nicht
allein und hlflos mitten in dem fremden Walde zurcklassen; sie wre
_mit_ den Kindern verdorben. Was aber in seinen Krften stand, sie zu
trsten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das er bei
sich fhrte, und versprach, fr sie in Santa Clara zu sorgen, auch ihre
Kinder unterzubringen -- sie ginge jetzt einem bessern Leben entgegen,
als sie an der Seite des Verbrechers gefhrt -- die Colonisten in Santa
Clara wrden sich ihrer annehmen, und sie solle auer Sorgen fr die
Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug es selber,
da sie leichter vorwrts kam, und that alles Mgliche, nur erst einmal
ihre Thrnen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachsenen
Menschen weinen sah.

So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das
schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Knnern entgegensprang.

Graf Rottack, _Sie_ als Kinderwrter? sagte er lchelnd, indem er
vor ihm stehen blieb, und doch steht es Ihnen gut -- Sie haben ein
schweres, schweres Amt gehabt!

Allerdings, seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden
Negerin das Kind bergab -- da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh
einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Auerordentliches
auf dem Weg hierher geleistet -- und da die arme Frau da Etwas zu essen
bekommt. Ich frchte fast, da ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. --
Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Knnern? -- Ihr Gesicht strahlt
ja ordentlich vor Seligkeit!

Rottack -- Rottack, rief Knnern, seine Hand ergreifend -- ich habe
sie gefunden!

_Sie_ -- so? sagte der junge Graf in komischem Erstaunen; so viel ich
wei, hatte _ich sie_ gesucht, und Sie hatten es nur mit einem _ihn_ zu
thun.

Elise mein' ich.

Elise? -- des alten Meier Tochter?

Sie ist hier -- hierher geflchtet; ihr Vater wurde krank, und ist eben
in ihren Armen verschieden.

Nun, sagte Rottack trocken, fr einen derartigen Sterbefall sehen Sie
leidlich vergngt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen,
weshalb _Sie_ darber so entzckt sind?

Aber wissen Sie denn nicht, da ich Elise schon wie ein Verzweifelter
im ganzen Walde gesucht hatte?

So? -- nicht bel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Khler wieder
zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mrder auf die Spur zu kommen,
und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den Diebsfnger,
nachher den Brautfhrer zu machen, und nebenbei schreiende Kinder durch
den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mtter zu trsten!

Lieber, bester Graf!

Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte
Geschichte -- Gnther geht heim zu seiner Braut, Khler wartet nur
darauf bis wir zurckkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen
Frau da oben in dem Miniaturparadies -- Sie haben ebenfalls jetzt
_gefunden_, was Sie gesucht, und ich bin wie gewhnlich der, welcher
leer ausgeht. _Mein_ einzig sichtbarer Vortheil ist auch wohl nur der,
da ich mich jetzt von Kopf bis zu Fen neu kleiden kann und auerdem
noch eine Apotheker-Rechnung fr Pflaster zahlen, und fr Herrn Bux'
Familie sorgen darf! Hol' der Teufel Brasilien!

Armer Rottack! lachte Knnern gutmthig.

Ja wohl, armer Rottack, sagte der junge Mann, und das ist noch nicht
einmal Alles! Sie knnen natrlich die junge Dame jetzt nicht mit dem
todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nthig
ist. Also darf _ich_ mit ein paar sehr unangenehm ausdnstenden Negern
wahrscheinlich den Transport allein bernehmen -- wieder ein Vortheil!

Von Herzen gern will _ich_ das thun, rief Knnern rasch, wenn _Sie_
nur dann meine Stelle _hier_ vertreten wollen.

Hm, so? -- damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der
jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; _das will_
ich wenigstens haben, und wenn ich's mir stehlen mte. Aber wie weit
ist's von hier nach Santa Clara -- haben Sie eine Idee?

Dieser Weg, erwiederte Knnern, fhrt nach der Colonie Santa Martha
hinber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite,
trockene Fahrstrae bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.

Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. -- Und wann
kommen Sie nach?

Morgen frh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hlt mich
hier Nichts weiter, und wenn es irgend mglich ist, bringe ich die
Familie des Verbrechers gleich mit. Wir mssen jedenfalls sehen, da wir
fr die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.

Das giebt wieder eine passende Beschftigung fr mich, sagte Rottack,
indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mute erst ein
Wenig gefttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.




9.

Herr von Pulteleben.


Nur verhltnimig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die
Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort
begonnen hatte, und welche traurige Vernderung brachte dieser kurze
Wechsel in dem sonst so gemthlichen, selbst freundlichen Orte hervor!
Jede Beschftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten
zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saen den Tag ber in der
Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Glsern Bier Luft
zu machen, und Herr von Reitschen -- regierte indessen ruhig weiter
und verbte unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zhne bewaffneten
Soldaten, jede Willkr, die ihm irgend beliebte.

Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten -- und das waren in der
That wenige genug -- wurden in jeder Weise begnstigt und konnten thun
und lassen was sie wollten; die brigen durften nicht einmal ihr Recht
fordern, wo es gekrnkt worden, und die Soldaten besonders verbten in
rohem bermuth so viel nutzlose Streiche, da wirklich der urgeduldige
deutsche Charakter dazu gehrte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam
dagegen aufzustehen.

Herr von Reitschen kmmerte sich um das Alles nicht; er machte mit
dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmigen
Spaziergnge -- bei denen er aber stets einen Revolver bei sich fhrte
-- und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund
abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien _gratis_ berlassen, der
Regierung gegenber unter dem Vorwande natrlich da der Baron eine
Musterwirthschaft darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der
Colonie wissenschaftlich heben wolle.

Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte
lebensfhig verwalten knnen!

Natrlich machte das Alles nur immer mehr bses Blut, aber es half eben
Nichts -- es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von
Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Khler, der immer noch in
seinem Gefngni stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber
davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen,
schien der Director fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer fr die
erlittene Behandlung zu rchen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in
Hnden hatte, und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten
selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher
Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren
Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden
Freunde mit in Rechnung brachte. Er wute auch besser als mancher
Andere, da sich alle diese Beamten, theils so oder so, compromittirt
hatten, und nur dadurch, da sie Einer den Andern hielten, konnten sie
selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren
aufgebracht zu sehen.

Ganz Sdamerika leidet ja an dem nmlichen bel.

uerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen
Verhltnisse kmmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin
des festen und sen Glaubens gelebt hatte, da er mit schwellenden
Segeln in einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei,
und mit der ersten Morgendmmerung zu seiner Bestrzung fand, er sei gar
nicht mehr flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in
Schlamm und Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.

Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art
von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht -- im Anfange zwar
noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schu kam, desto
rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der
prosaischen Wirklichkeit hinab, da ihm ordentlich selber die Sinne
darber vergingen.

Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rhrenden Ausdauer
bemht, von der einst gehofften Schwiegermutter gengende Auskunft ber
Helenens rthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige _was_ er von
ihr erhielt, war die Erlaubni, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen,
und da _er_ unter solchen Umstnden darin bald ermdete, lt sich
denken.

Das erste Resultat war, da die Arbeiter ihre Beschftigung einstellten,
was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte
den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten, und er schlo
nur _daraus_, das noch gengender Absatz vorhanden sei, weil die
aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen -- ohne
da er selber freilich das Geld fr eine einzige derselben eincassirt
htte.

In der Colonie konnten diese Vorgnge natrlich auch nicht unbeachtet
bleiben, denn da die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verlie und zu
fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum.
Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschftigt, bildete man sich
rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches
Wahrscheinliche fr sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Grfin
wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die
Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da sie
allbekannt stets sehr selbststndig aufgetreten, so war sie einfach aus
dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Brutigam verlassen
habe. Sobald der fort war, wrde sie natrlich zu ihrer Mutter
zurckkehren.

Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft fr Herrn von Pulteleben,
aber der arme Teufel sah, wenn er recht darber nachdachte, selber
keinen andern Grund fr das merkwrdige Betragen seiner frheren Braut,
und begriff dann nur nicht, weshalb sie frher so freundlich mit ihm
gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte.
-- Er rgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurckdachte, da er sich
nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungsku hatte geben lassen,
und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der
Oskar, mit seinen albernen Streichen. ber die Tafel hinber ging das
freilich nicht.

Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschu
von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten -- und was wrden
sie zu Hause sagen, wenn sie von der rckgngig gewordenen Verbindung
mit der Comtesse hrten? -- Er _wollte_ -- er _mute_ fort -- aber die
Schwiegermutter -- er hatte eine Heidenangst vor der Frau Grfin, und
sa heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und
berlegte und grbelte, wie er sich am Besten und Anstndigsten aus der
Affaire ziehen knne.

Drauen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thr auf, durch
die Oskar, eben von einem Ritt zurckkehrend, trat und sich mit einem
Donnerwetter, ich bin mde! auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben
rhrte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite
betrachtete, lachte; endlich sagte er:

Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die
Petersilie verhagelt wre. Was ist nun wieder los?

Nichts Besonderes, da ich wte, erwiederte der junge Mann, gerade
nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche anzuknpfen.

Was der Lene in den Kopf gefahren ist, nahm Oskar das Gesprch auf,
der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natrlich auf
diese Quelle zurckfhrte -- das wei der Henker! Das Mdel mu
bergeschnappt sein, denn sie nimmt _meinen_ Besuch nicht einmal mehr
an. Was sagen Sie dazu?

Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen
Grafen todtzuschweigen.

Die Alte steckt dahinter, fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas
unehrerbietig diese Alte auf die Frau Grfin beziehend fort --
so viel ist sicher, und Sie mssen durch irgend Etwas bei ihr in's
Fettnpfchen getreten haben. Machen Sie nur um Gottes willen wieder
Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause jetzt gar nicht mehr
auszuhalten. Ihr seid _Alle_ unausstehlich, und das Schlimmste dabei,
da man Euch noch dazu Alle einzeln aufsuchen mu, um sich einzeln ber
Euch zu rgern.

Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten ber die
Alte, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein
mgliches Miverstndni -- wenn _er_ auch nicht wute, durch was es
entstanden sein konnte -- aufzuklren. Helene war verndert, seit sie
den _Brief_ gelesen hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe
gestanden und wie weit er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er
nicht, wenn nicht -- er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf
und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu
bercksichtigen. -- Hatten sie -- es lief ihm mit einem unbehaglichen
Gefhl ber die Seele -- hatten sie vielleicht nach Deutschland
geschrieben und von dort aus Nachricht erhalten, da _seine_
Verhltnisse nicht so glnzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet?

Na, wo brennt's nun wieder? sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt
zugesehen hatte.

Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig -- er hatte noch nie
so schnell gedacht. -- Um aus dieser Ungewiheit gerissen zu werden,
mute er, und zwar gleich, mit der Grfin sprechen. Es war berhaupt
nothwendig, da er sie aufsuchte, denn _so konnte_ ihr Verhltni nicht
mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt mute nach der einen
oder andern Seite hin geschehen.

Lieber Oskar, sagte er pltzlich zu dem jungen Manne -- Sie erlauben
wohl, da ich mich anziehen kann, ich -- mu Ihre Frau Mutter sprechen.

Ja, ich habe Nichts dagegen, lachte Oskar -- aber Sie _sind_ ja
angezogen.

Ich -- habe schon einen Spaziergang gemacht und -- mchte meine Wsche
wechseln.

So -- aha, und da soll ich derweil gehen? sagte Oskar, sich langsam
erhebend -- nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, weshalb ich
eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen
frh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.

Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte
abzubinden, hrte mit seiner Beschftigung auf und sah sich nach dem
jungen Mann um.

Lieber Oskar, sagte er endlich, es thut mir wirklich leid, keine
zwanzig Milreis mehr ber zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der
letzten Zeit so bedeutend auf mich gezogen, da ich -- da ich wirklich
das wenige mir noch Gebliebene zusammenhalten mu.

S--o? sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an.

berhaupt, fuhr dieser fort, mssen Sie in den letzten Tagen mehrere
recht hbsche Einnahmen _gehabt_ haben, denn ich sehe, da sich die
Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.

Da fragen Sie meine Mutter, rief der junge Bursche, _die_ besorgt
das; ich habe mit Mh' und Noth tausend Stck fr mich gerettet.

Gerettet? -- hm!

Also Sie haben Nichts?

Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?

Na, wissen Sie, sagte Oskar, wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das
auch einerlei sein. -- Guten Morgen! Und damit verlie er das Zimmer
und warf die Thr hinter sich in's Schlo.

Weiter fehlte mir gar Nichts, brummte von Pulteleben, riegelte hinter
ihm zu und begann dann mit uerster Sorgfalt seine Toilette zu machen.
Selbst den schwarzen Frack brstete er sehr sorgfltig aus, seufzte ber
einige Mottenlcher, die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und
als Dorothea heraufkam, lie er sich bei der Frau Grfin melden, da er
etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen habe.

Das Mdchen kam nach einiger Zeit zurck und berichtete, es wrde der
Frau Grfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit
dem nmlichen Gefhl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein
Zahnarzt wohne, unter dessen Hnden er sich einer sehr gefrchteten
Operation unterwerfen wolle.

Die Frau Grfin -- wir mssen sie doch jetzt schon so fort nennen,
da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte -- sa
in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff
gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer
wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort
einmal allein treffen und sprechen zu knnen, und immer wich ihr Helene
aus, ja, schlo sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte.

Sie haben gewnscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?

Ja -- Frau Grfin, sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und
sich verlegen nach einem Stuhl umsehend -- ich -- und ich bin Ihnen
sehr dankbar dafr, da Sie....

Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz, sagte die
Grfin.

Sie erlauben -- ja, Frau Grfin -- Sie knnen sich doch wohl denken,
sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein,
da mir der jetzige Zustand -- die Vernachlssigung meiner -- Ihrer
Frulein Tochter, der Comtesse, unertrglich werden mu, und ich habe
mir Tag und Nacht den Kopf darber zerqult, _was_ die Veranlassung
dazu gewesen sein knnte. Wenn -- wenn Sie mich nur ber Eines beruhigen
mchten.

Und das wre?

Der Brief, sagte von Pulteleben entschlossen.

Welcher Brief! fuhr die Frau Grfin auf und scho einen mitrauischen
Blick nach ihrem #vis--vis#. Hatte Helene etwa ihr Geheimni verrathen?
Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befrchtung.

Der Brief, den die junge Dame an jenem Abend aus Ihrem Zimmer brachte,
sagte er entschlossen, denn von jenem Augenblick an datirt sich die mir
so ungnstige Vernderung, und ich kann in der That jetzt nicht
anders glauben, als da irgend eine mir bswillig gesinnte Hand darin
Nachrichten ber mich gegeben hat, die zu widerlegen mir wahrscheinlich
ein Leichtes sein wrde, wenn ich -- nur eben wte worauf sie
basirten.

Beruhigen Sie sich darber, erwiederte die Grfin, der damit ein Stein
vom Herzen fiel; der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun
und betraf in der That auch nur gleichgltige Gegenstnde. Meine Tochter
benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, da von Ihnen nie auf
ungnstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch
Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ndern. Lassen Sie uns die Sache
nur ruhig abwarten und Nichts bereilen. Wir mssen im Gegentheil unser
in der letzten Zeit sehr vernachlssigtes Geschft wieder mit frischen
Krften in die Hand nehmen und ich bin dann berzeugt....

Entschuldigen Sie, da ich Sie unterbreche, sagte von Pulteleben, den
schon bei Erwhnung des Geschfts ein eigenes Grauen beschlich; wute
er doch jetzt, da sich das Ganze allein darauf beschrnkte, zu einem
ihm vollkommen rthselhaften Betrieb nur fortwhrend frische Summen aus
ihm herauszudrcken. Selbst die Aussicht auf die fr das Rittergut zu
erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebt, der sie sonst
verklrte. -- Ich fr meine Person setze nicht mehr die geringste
Hoffnung auf die Comtesse, denn -- wie gro auch meine Liebe fr sie war
und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzudringen, und
jedem weiteren Schritt von meiner Seite liee sich kein anderer Name
geben.

Aber, lieber Pulteleben!

Deshalb, fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, bin ich auch fest
entschlossen, mich -- von dem Geschft zurckzuziehen, da ich -- doch
auch nachgerade anfange einzusehen, da ich einer solchen Arbeit
nicht gewachsen bin, und Oskar -- sich entschieden weigert, mir darin
beizustehen.

Aber das wird sich Alles reguliren, suchte ihn die Grfin zu
beschwichtigen; wir mssen nur nicht verlangen, da wir mit _einem_ Mal
Schtze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, da wir mit dem neuen
Tabak....

Ich bin fest entschlossen, fr _meine_ Rechnung _keinen_ Tabak mehr
zu kaufen, sagte der zur Verzweiflung Getriebene. Wollen Sie es auf
_eigene_ Rechnung fortfhren, so wnsche ich Ihnen alles Glck und allen
Segen dabei, Frau Grfin, aber ich bitte Sie ernstlich, mich von diesem
Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu dispensiren.

So? sagte jetzt die Frau Grfin, die wohl fhlte, da die Bande
gelockert, ja, vielleicht schon gelst waren, die den jungen,
schchternen Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu
ihrer _letzten_ Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt vollstndig
von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben? -- und das
sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten Sie jetzt
fr gut und ntzlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, die von
Geschften gar Nichts verstehen _kann_, verleitet haben, meine ganzen
Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu stecken?

Aber, Frau Grfin! rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf
_diese_ Anschuldigung war er nicht gefat gewesen.

Ist das mnnlich, ist das selbst nur _ehrlich_ gehandelt? fuhr die
Frau fort, die wieder Boden zu fhlen glaubte. -- Ich habe mein ganzes
Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich sah, da ich es mit
einem braven, rechtlichen Menschen zu thun hatte, und berlie Ihnen
_ohne_ Rckhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flchtige
Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen
und mich im Stich, mich allein mit allen bernommenen Verbindlichkeiten
lassen? _Knnen_ Sie das ber's Herz bringen, _drfen_ Sie das? Nein,
ich sehe, da Sie den unberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich
trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno -- ich will sogar
diesen Augenblick, der recht, _recht_ bitter fr mich war, das sage
ich Ihnen aufrichtig, vergessen -- es soll nicht einmal der Schatten
desselben mehr zwischen uns liegen!

Frau Grfin!

Keine Entschuldigung, lieber Arno, sagte die Dame, die ihre besonderen
Grnde hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. Ich gehe jetzt
zu meiner Tochter Helene -- in wenigen Tagen kommt auerdem der schon
lngst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und -- Sie
werden mir noch fufllig abbitten, da Sie je an mir gezweifelt haben.
-- Werd' ich Ihnen doch beweisen knnen, da ich wirklich wie eine
Mutter fr Sie gesorgt!

Beste Frau Grfin!

Es ist schon gut, lchelte seine Gnnerin -- wir sprechen heute Abend
weiter darber. -- Guten Morgen, lieber Arno -- guten Morgen!

Die Frau Grfin stand auf, grte noch einmal freundlich mit der Hand
und rauschte dann durch die Thr die Treppe hinunter -- htte sie aber
sehen knnen, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie htte ihn
nicht so rasch verlassen -- wenigstens jetzt noch nicht.

Gerade als die Grfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein
und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn
kommen sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich
wei schon: mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit
den Wechseln, die nie eintreffen! -- Nein, Frau Grfin, _das_ zieht
nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder
angefhrt! -- He -- Jeremias -- Jeremias! Kommen Sie einmal rasch
herauf!

Nun? sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, was haben Sie
denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!

Jeremias, sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung
befand, wollen Sie -- wollen Sie zwei Milreis verdienen?

Sind Sie ein komischer Mensch! schmunzelte Jeremias; knnen Sie mir
einen vernnftigen Grund sagen, warum nicht?

Wo ist Oskar?

Sitzt drben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.

Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepck in Bohlos' Hotel hinber. Wenn
Sie binnen jetzt und fnfzehn Minuten drben sind, bekommen Sie zwei
Milreis; fr jede Minute, die Sie es _frher_ abmachen, lege ich Ihnen
hundert Reis auf, fr jede, die Sie _spter_ dorthin kommen, ziehe ich
Ihnen hundert ab. Sind Sie das zufrieden?

Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!

Das ist in zwei Minuten geschehen und zhlt nicht.

Hurrjeh! sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Sthlen lag,
und rcksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte -- mein Karren
steht gerade unten an der Thr, in sieben und einer halben Minute bin
ich drben.

Um Gottes willen, Sie zerdrcken mir ja Alles! rief Herr von
Pulteleben, ber den Eifer jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine
Bursche entwickelte.

Schad' Nichts, bgeln wir Alles wieder aus!

Hier die Stiefel.

Nehmen wir in die Hand.

Den Plaid.

Knnen wir oben aufschnallen.

Die Hutschachtel.

Schmeien wir auf den Karren -- und die Cigarrenkiste auch.

Die bleibt hier.

Desto besser -- geben Sie einmal den Schlafrock her.

Da klingelt noch Etwas darin.

Macht Nichts -- werden ein paar Louisd'or sein -- knnen Sie drben
herauspuddeln -- Einer wr' fertig!

Da hngt noch eine Weste -- halt, das Handtuch bleibt auch hier.

Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen, meinte Jeremias;
Jemine, ist das ein Vergngen! -- Sonst noch 'was? -- Haarlocken
vielleicht oder getrocknete Blumen?

Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!

Jeremias packte den einen Koffer auf, und die Dorothea strzte
erschreckt aus der Kche heraus, als er damit auf der oberen Treppe
ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spectakel
hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei Kleinigkeiten
aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Fen.

Herr du meine Gte! rief aber Dorothea bestrzt -- ist denn Feuer
oben?

Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch, sagte Jeremias und war im
Handumdrehen die zweite Treppe hinunter.

Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thr zog;
der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er
nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thr
entgegenzog.

Wie er mit einer Masse kleinen Handgepcks beladen auf die erste Etage
kam, stand die Dorothea da, schlug die Hnde zusammen und sagte:

Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn _auch_ fort?

Ich -- werde eine kleine Reise machen, Dorothea, sagte der junge Mann,
der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht einzugestehen;
hier -- ist Etwas fr Ihre Bemhungen fr mich, und er drckte ihr
dabei fnf Milreis in die Hand.

Ach, ich danke auch schn -- das war ja gar nicht nthig -- na, da
wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.

Guten Morgen, Dorothea!

Guten Morgen, Herr von Pulteleben!

Unten an der Treppe begegnete er dem Bckermeister Spenker, der eben
hinauf wollte.

Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr
lieb, da ich Sie noch treffe. -- Ich wollte meine Miethe holen. Die
Frau Grfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.

Die Frau Grfin wird den Augenblick wieder zurck sein, sagte Herr
von Pulteleben -- ich habe die Casse nicht mehr -- guten Morgen, Herr
Spenker!

_Sie_ haben die Casse nicht mehr? brummte der Bckermeister leise vor
sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem Hause war -- na, da
bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. Das ist eine
Staatswirthschaft!

Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Grfin zurckkommt?
schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband drauen umhing und sich
vorspannte, und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem hchst
komischen Blick von der Seite an; wrde ihr doch unendlich leid
thun --

Sieben Minuten sind schon um, sagte Herr von Pulteleben, nach seiner
Uhr sehend.

Und in dreien bin ich drben! rief Jeremias und rasselte auch im
nchsten Augenblick mit seinem Karren die Strae hinab, als ob er
vor eine Feuerspritze gespannt wre und zur Rettung eilte. Herr von
Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. --




10.

Graf Rottack's weitere Beschftigung.


Durch die kleine Colonistenstadt wlzte sich ein Menschenschwarm, der
von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebude zu
hielt.

Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als
das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in
die Hhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung
der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollkpfe gar nicht fr
unmglich. Freilich wute er aber auch, da sie keinen Fhrer
hatten, und was die Masse auch vielleicht gethan htte, wenn richtig
zusammengehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, aus
eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen.

brigens hatte er die bewaffnete Mannschaft grtentheils unten in
seinem Wohngebude liegen, die brigen waren seines Rufes gewrtig im
Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er fr vollkommen gengend,
ein paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto
weniger sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gbe, und mit dem
Baron neben sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich gefhrt war,
aber allem Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte.

Was zum Teufel haben die Holzkpfe nur wieder, Jeorgy, da sie da am
hellen Tag durch die Straen brllen? So wie man ihnen die Zgel nicht
immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder
bermthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem
Maulthier? Ist der Mann nicht gebunden?

Wahrhaftig! sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt
hatte und damit hinaus auf den Zug sah -- das ist der Mensch, der
sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie
die Colonie verlassen hat. Bux heit er, glaub' ich, und wollte hier
Vorstellungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht
glckte.

Und wer ist der Reiter neben ihm?

Der junge Graf Rottack; wie aber _die_ Beiden auf solche Art
zusammenkommen, ist mir ein Rthsel.

Nun, wir werden ja gleich hren, denn augenscheinlich kommen sie
hierher. -- Da Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus lat! rief er
dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus
standen -- nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.

Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von
Hinzustrmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches
Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern
gefhrt wurde, festgeschnrt, die Ellbogen auerdem noch auf dem Rcken
zusammengebunden, sa bleich und blutig der gefangene Mrder, whrend
der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Knnern's Gewehr ber der
Schulter, auf seinem Rappen daneben sa und zu den Umstehenden sprach.

Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es
augenblicklich in das Hotel hinberfhrte, um nur recht bald wieder
zurck zu sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden
Soldaten lieen ihn, dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann
wieder die Thr -- aber es wollte ihm auerdem Niemand folgen, denn er
hatte sie gebeten, seine Rckkunft hier drauen abzuwarten.

Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn
neugierig betrachteten -- sonst war Alles leer und de. Der junge Mann
stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors
fhrte, welchem er wenige Minuten spter gegenberstand.

Guten Abend, meine Herren!

Ah, guten Abend lieber Graf, sagte der Baron mit etwas verlegener
Freundlichkeit, whrend der Director nur eine stumme Verbeugung machte
-- Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie
nur gesteckt?

Drauen im Walde, Baron. -- Herr Director, ich wei nicht ob es nthig
ist, da ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?

Graf Rottack? sagte der Director -- ich hatte das Vergngen bei der
Frau Grfin.

Ja, sagte der junge Mann, whrend ein spttisches Lcheln um seine
Lippen zuckte -- bei der Frau Grfin -- doch zur Sache. Ich bringe
Ihnen den Mrder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den
armen Khler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.

Und sind Sie dessen gewi? fragte der Director, eben nicht angenehm
berrascht.

Hier, sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein
rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, sind zwei Gegenstnde,
welche dem Ermordeten gehrt, und die wir bei seinem Mrder gefunden
haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber
auf -- das Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden.
Auerdem gestand er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei
ausweichende Art zu entschuldigen sucht.

Hm, sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen
anzufassen -- und sind Sie fest berzeugt, da Uhr wie Tuch dem
Ermordeten -- wie hie er gleich, Baron?

Justus Kernbeutel.

Dem Justus Kernbeutel gehrt haben?

Rottack sah etwas berrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er
wieder ruhig:

Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, da der Mann den
Mord gestanden hat. Auerdem haben wir beide Gegenstnde der alten
Haushlterin des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbtig, jeden
Augenblick zu beschwren, da sie nicht allein sein Eigenthum waren,
sondern da er sie auch am Tage der That getragen hat.

Hm -- das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint es,
sagte der Director, als ob der Khler nicht den Mord begangen hat --
keinesfalls wenigstens allein.

Auerdem, fuhr Rottack fort, ist, wie ich eben da unten hre, der
Colonist jetzt mit vor der Thr und hat seinen Schwager und seine beiden
Brder mitgebracht, in dessen Hause sich Khler gerade die Nacht, in
welcher der Mord verbt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal
da, um seine Aussage zu beschwren, wurde aber nicht vorgelassen, und
mute wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.

Hm -- gut -- ich will wnschen da er unschuldig ist, sagte der
Director, nach seiner Uhr sehend -- doch das werden wir ja Alles
bei dem Verhr herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den
gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen -- heute ist es doch zu
spt noch daran zu gehen, und morgen frh um zehn Uhr ersuche ich Sie
dann, sich wieder hierher zu verfgen, um das Weitere zu erwarten.

Herr Director, sagte Rottack staunend, der arme Mann, der Khler,
hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefngni sogar
erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, da er unschuldig
war -- wollen Sie ihn noch eine Nacht lnger ohne Noth in dem Zustande
lassen?

_Sie_ haben den Beweis, mein lieber Herr Graf, lchelte der Director,
aber _ich_ habe ihn nicht eher, als bis das Verhr geschlossen ist. Sie
nehmen sich berhaupt der Sache mit einem solchen Feuereifer an, da Sie
sogar ganz in Gedanken bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.

Herr Director, sagte der junge Graf finster, der Ort wimmelt hier
so von Bewaffneten, da man sich ordentlich in einem Belagerungszustand
glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind
Nebendinge, und im Auftrag der smmtlichen Colonisten von Santa Clara
ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhr des Gefangenen jetzt
_gleich_ vorzunehmen und den Unschuldigen seiner Familie wieder zu
geben.

Der Baron bog sich zu dem Director ber und flsterte ihm ein paar Worte
in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht gefiel, und er
war von je ein Mann des Friedens gewesen.

Mein lieber Baron, sagte aber der Director, es thut wir wirklich
leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschftsstunden
nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorber -- er sah wieder nach der Uhr
-- ja, sogar schon ein Viertel auf Fnf vorbei, und es bleibt uns heute
keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt habe,
Herr Graf, morgen frh um zehn Uhr.

Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenber -- nur der
Tisch war zwischen ihnen -- und man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam
zwang, ruhig zu bleiben.

Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem
Grundsatz heute einmal abzugehen. Khler _mu_ seiner Familie heute
wiedergegeben werden.

Von einem _Mu_, Herr Graf, kann hier gar keine Rede sein, erwiederte
ihm Herr von Reitschen kalt und fast hhnisch -- ich bitte Sie, _Ihre_
Worte ein Wenig auf die Wage zu legen; _mein_ letztes Wort haben Sie.

Nun denn, beim ewigen Gott! rief Rottack, der seinen ausbrechenden
Zorn nicht mehr migen konnte -- dann hren Sie auch meines! Glauben
Sie denn, Sie erbrmlicher Miniatur-Tyrann, da Sie hier wirthschaften
knnen wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu
thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das
Verhr nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an
der Spitze der Schaar da unten dieses Gaunernest strme und Sie
hchsteigenhndig aus dem Fenster werfe!

Herr Graf! rief der Director erschreckt und trat an's Fenster.

Lieber, bester Graf! bat der Baron.

Zum Teufel mit Ihrem Grafen! rief der junge Mann auer sich. Soll
Einem die Galle nicht berlaufen, wenn man da eine solche bleiche
Canaille alle Menschenrechte mit Fen treten sieht! Ha, sehen Sie sich
nach Ihren Soldaten um -- glauben Sie, der Schwarm hohlugiger, in Mark
und Saft verdorbener Brasilianer knnte einem einzigen Anprall unserer
deutschen Bauern widerstehen? Ist _das_ der ganze Schutz den Sie
haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie
aufgetreten sind? Hier, meine Uhr zeigt auf fnf Minuten vor halb -- hat
um drei Viertel das Verhr nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt.
Das Blockhaus, in dem Khler sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel
ber den Haufen geworfen, und fllt ein einziger Schu von Ihrer Schaar,
so strmen wir das Nest hier, und da _Sie_ schneller hinausfliegen als
Sie hereingekommen sind, dafr brgt Ihnen mein Ehrenwort -- also auf
Wiedersehen! und mit den Worten strmte er hinaus, die Treppe hinunter
und unbelstigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lrm da oben
gehrt hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten.

Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie
schon einen solchen Grad erreicht, da es wirklich nur noch des
zndenden Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wthende Graf unter sie
brachte, um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was
der Director beabsichtige und was _er_ ihm zugeschworen, als die jungen
Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn
Minuten spter mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen
mglichen anderen, zu Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen.

Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmchtiger Wuth in
seinem Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand
reiend, schwor er, da er die Bande wolle zusammenschieen lassen, und
wenn er selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter:
Brach hier im Ort eine Revolution aus, so warfen sich die Demokraten
allerdings zuerst auf das Directionsgebude -- und er selber hatte nur
geringes Vertrauen zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mute sich
die Wuth, ihr erstes Ziel erreicht, im natrlichen Lauf der Dinge gegen
die brige Aristokratie wenden, und da er selber nicht bermig im Ort
beliebt war, wute er eben so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er
deshalb den Director -- nur um Blutvergieen zu vermeiden -- der Gewalt
nachzugeben, eine sptere Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen
bestrafen und besonders den Rdelsfhrer treffen. Er war Zeuge, und der
Director konnte in allen Fllen auf ihn rechnen -- wozu jetzt Alles auf
Eine Karte setzen, whrend noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn
waren.

Der Director sah aus dem Fenster -- unten wogte und tobte es -- mehr
als dreihundert Mnner in Hemdsrmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im
Arm, sammelten sich dort um den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der
Hand zwischen ihnen stand. Der Director sah nach seiner eigenen Uhr --
es fehlten noch fnf Minuten an drei Viertel. -- Die Soldaten im Hause
hatten sich vor der drohenden Bewegung gesammelt, und der Unterofficier
steckte jetzt ganz verblfft den Kopf in die Thr und fragte, welche
Befehle der Herr Director gbe. Es war den Blaujacken da unten auch
nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hlflosen Colonisten gegenber
hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber sah es beinahe aus, als ob
sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine Schaar hatte eigentlich
schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache bs abliefe,
in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Flu
hinabzugehen.

Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab.

Sie weichen ja nur der bermacht -- der rohen Gewalt, sagte der Baron
-- kein Mensch in der Welt kann Ihnen darber einen Vorwurf machen, und
die Regierung wird Ihre Migung lobend anerkennen. -- Nachher kommen
_wir_ wieder oben auf, und wenn _Sie_ dann Ihren Vortheil benutzen, kann
Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.

Gut -- so will ich Ihrem Rathe folgen, sagte der Director endlich --
es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. -- Nehmt zwei Mann,
Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefngni und holt den dort
sitzenden Deutschen her.

Aber die Leute drauen, sagte der Soldat mit eben nicht sehr groer
Zuversicht -- sie schreien und toben und sind Alle gut bewaffnet.

Ihr habt Nichts zu frchten, sagte der Director mit finsterem Blick --
geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben oben
bei mir war, augenblicklich seine Zeugen zusammenzurufen und mit ihnen
heraufzukommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? --
_Rasch_, die Zeit vergeht!

Zu Befehl, Herr Director, sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz
herum und stieg hinunter, den Befehl auszufhren. Gerade als er mit den
zwei Mann das Haus verlie, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf
Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es bedurfte
jetzt aber auch seiner Autoritt, die Colonisten abzuhalten, da sie
den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber
befreiten. Sie waren einmal warm geworden und htten nun auch gern eine
kleine Beschftigung gehabt.

Rottack rief alle nthigen Zeugen zusammen; Bux wurde vom Maulthier
gehoben und der Obhut einiger Colonisten bergeben -- man traute den
Soldaten noch nicht, bis Khler wirklich freigesprochen war. Justus'
Wirthschafterin mute dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus
gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den
sie Alle vorher wuten, abzuwarten.

Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, da Niemand die Soldaten
belstige, die Khler aus seinem Gefngni brachten, Niemand sogar mit
ihm sprechen solle, um jede Unregelmigkeit zu vermeiden. Das aber
konnte er nicht verhindern, da ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als
die Schaar zum ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde -- und
wie bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn
hier festgehalten!

Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Khler behielt kaum
Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im
Directionsgebude dem wirklichen Mrder gegenber, und hier zeigte sich
ein _Verhr_ nicht einmal nthig. Es war weiter Nichts als die Abnahme
eines Gestndnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr um sich her
vollkommen eingeschchtert, bei der ersten Frage an ihn auf die Kniee
fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um Gnade
und Barmherzigkeit -- nur um sein Leben flehte.

Jeremias mute auch noch her -- er stand schon vor der Thr -- und die
einzelnen Data besttigen, was er mit klaren, einfachen Worten that.
Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf
Jeremias aber trocken erwiederte:

Das geht Niemanden 'was an. -- Wenn _ich_ einmal vor Gericht stehe,
knnen Sie wieder danach fragen, und damit schob er seine Hnde in die
Taschen und ging hinaus.

Bux wurde in das Gefngni abgefhrt, das Khler bis dahin inne gehabt,
und letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen
wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director:

_Diese_ Sache ist jetzt beendet, Herr Graf, aber fr Ihr Betragen, dem
Gesetz gegenber, werde ich Sie noch besonders verantwortlich machen.

Ich stehe Ihnen in _jeder_ Hinsicht zu Diensten, Herr von Reitschen,
sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen letzten Blick zu und verlie
mit Khler das Haus.

Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drngte sich
eine Frau, ein Kind auf dem Arm.

Hans! Hans! schrie sie -- wo bist Du?

Hier! -- Trine -- Trine! und die beiden Gatten lagen sich in den Armen
und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen msse vor Freude
und Seligkeit.

Und der hat mich frei gemacht, sagte da Hans, als sie sich nur ein
klein Wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack.

Und dafr bekomme ich _auch_ einen Ku, lachte dieser.

Zehn -- zehn! rief die Frau unter Thrnen jubelnd, flog an Rottack's
Hals und kte den jungen Mann herzhaft ab.

Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster -- Rottack sah ihn, nahm
seinen Hut ab, grte hinauf und ging dann lachend die Strae hinunter.




11.

Abschiednehmen.


Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht
stattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeistunde die Rede,
denn die Soldaten hteten sich wohl, sich auf der Strae blicken zu
lassen. Das Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf
Hnden, da er ihnen endlich den Weg gezeigt, das lstig gewordene
und unertrgliche Joch abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch
selber nicht die nchsten Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen
gewohnten Geschften nach. Es war ordentlich, als ob sie sich das Wort
gegeben htten, dem Director zu beweisen, da sie eben nicht durch
Militr in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was
Recht oder Unrecht sei.

Zwei Tage spter traf Knnern mit Elisen ein, die er in der Familie
des Bckermeisters Spenker, den er frher kennen gelernt hatte,
unterbrachte. Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt.
Das Hinderni, welches zwischen ihrer Liebe stand -- die Pflicht, fr
den Vater zu sorgen, war von ihr genommen, und die nchste Zeit dazu
bestimmt, sie mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte
die Zeit nicht hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in
der Welt und konnte ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen.

Etwas ber eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen,
whrend sich in der Colonie nicht das Geringste vernderte. Der Director
brtete Rache, und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er
sah, wie vollkommen machtlos er jetzt den Colonisten, trotz seiner
Waffenmacht, entgegen stand. Die Colonisten selber aber kmmerten sich
gar nicht um ihn, gingen ihren Geschften nach und lieen ihn ruhig mit
dem Baron ber seinen finsteren Vergeltungsplnen grbeln und berathen.

Da wurde, an demselben Morgen, an welchem die Trauung der jungen Leute
festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer vom Norden und dann ein anderer
vom Sden signalisirt, und Herr von Reitschen jubelte. _Jetzt_ wurde
ihm Hlfe, jetzt konnte er die erlittene Schmach fast auf frischer That
rchen, und augenblicklich setzte er sich in ein Boot und ruderte mit
vier Soldaten den Strom hinab.

Den Colonisten flte er aber trotzdem keine Besorgni ein, denn ein
anderer Geist war in sie gefahren. Auerdem hatte die Mehrzahl der
angesessenen Brger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die
jetzt an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, da
sie gegen die Willkr eines einzelnen Mannes geschtzt wurden, und sich
ihr _Recht_ nicht selber zu holen brauchten; erstaunten aber doch, als
ihr Herr Director schon gegen drei Uhr, und zwar allein, zurckkehrte,
rasch in das Directionsgebude ging und sich dort einschlo. Was war da
vorgefallen?

In der That hrten sie bald darauf, da er unterwegs einem andern Boote
des nrdlichen Dampfer begegnet sei, der Depeschen fr ihn berbrachte.
Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle umgekehrt.

Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete Nachricht er da unten
bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gercht durch die ganze
Colonie: Sarno kehrt zurck und der neue Director ist abberufen.
Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht
klang zu gut, als da sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue
Besttigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jlle eintraf,
behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot.

Dem Baron war das Nmliche zu Ohren gekommen, und er lief bestrzt zu
Herrn von Reitschen hinber. Der Director war aber fr Niemanden zu
sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen,
packten stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu
Muthe, als ob er ebenfalls packen msse.

Die Trauung war vorber -- ein recht wehmthiger Act, da sich fr die
arme Braut so viele schmerzende Erinnerungen daran knpften, und doch
auch wieder, wie dankbar war sie Gott, da er ihr gerade in der Stunde
ihrer grten Noth den lieben Beschtzer, und ihrem sterbenden Vater den
letzten Trost gegeben hatte!

Rohrlands, die Tochter des Meisters Spenker und Rottack waren
Trauungszeugen gewesen; Jeremias stolzirte ebenfalls mit einem riesigen
Blumenbouquet vorn im Knopfloche einher, und eigentlich hatte das
junge Paar schon am nchsten Morgen die Colonie auf einem Segelschiff
verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit bequemere Gelegenheit mit
einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio bot, sollte diese
benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte, hatte es
bernommen, die Passage unten fr sie auszumachen.

Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist
und erzhlte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, da Sarno eben
gelandet sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied
erhalten htte.

Es war in der That so. Als Knnern mit seiner jungen Frau zum Flu hinab
eilte, um den Freund zu begren, kam ihnen schon ein frhlich wogender
Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten spter lagen sich die
Freunde in den Armen.

Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurck?

Ja, lieber Freund, lchelte der Mann etwas verlegen. Ich wollte
eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt
bekommen, aber wie mir so von _allen_ Seiten zugeredet wurde, ich mir
zuletzt sagen mute, da ich mit gutem Willen doch hier vielleicht noch
Gutes wirken knne, und der Minister auch in der That nicht gleich eine
andere passende Persnlichkeit hatte, so -- entschlo ich mich zuletzt,
bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist aber hauptschlich _der_
Herr da an meiner Sinnesnderung schuld.

Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinber, und als Knnern der
Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus:
Gnther! _Sie_ wieder in der Colonie?

Groer Gott! seufzte Elise und deckte das Antlitz mit den Hnden.

Gnther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und
angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau.
Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hnde nehmend,
kte er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich:

Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten
Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren muten.

Wo ist er? rief Rottack, der noch zurckgeblieben war, hinter der
Gruppe -- Gnther -- Mensch, wo kommst _Du_ her? und im nchsten
Augenblick lag er in seinen Armen -- aber rasch richtete er sich wieder
empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen, da nicht
Alles so mit ihm sei wie es solle -- was ist geschehen, Gnther? rief
er, ihn auf Armes Lnge von sich drckend -- Du siehst bla und elend
aus -- warst Du krank?

Ja, sagte Gnther leise -- recht krank -- aber es geht wieder besser
und ich -- will mich hier in der Colonie noch ein Wenig erholen, ehe ich
die Heimreise antrete.

Rottack sah ihn forschend an, aber Gnther drckte ihm die Hand, die er
noch gefat hielt, und sagte lchelnd:

Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, da wir zu Tisch gehen; Jeremias
hat mir wenigstens schon gemeldet, da Alles bereit bei Bohlos sei,
und selbst die vermehrten Gste keinen wesentlichen Unterschied machen
wrden. Darf ich die junge Frau zur Tafel fhren, Knnern?

Mein lieber -- lieber Gnther!

Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen -- und nun vorwrts!

Mit dem Vorwrts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, da
Sarno wieder zurck sei und wieder bei ihnen bleiben wrde, hatte die
Colonisten in Masse aus den Husern gejagt. Manche waren wohl frher
nicht mit Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche
Schaar _deutscher_ Colonisten gleichmig zufrieden zu stellen, wre
berhaupt ein Kunststck. Das neue Directorium hatte ihnen aber erst
gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets rechtlich und
gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu haben, war
desto grer.

Man drngte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand schtteln und ihm
sagen, wie sehr es ihn freue, da er wieder da sei, und mit allen den
Begrungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich
aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch uerlich
ihre Freude auszudrcken.

Alle mglichen und unmglichen Fahnen, besonders deutsche und
brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein
Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grner Streifen
aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt
voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden
geschmckt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat -- und Jeremias schien
der Nerv dieser ganzen Bewegung.

Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche
die Colonie fast ausschlielich Gnther zu verdanken hatte. Von Santa
Catharina aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen
Bericht ber das Treiben der Frau Prsidentin gemacht, wie der Prsident
fortwhrend leidend sei und die Frau einen Schwarm von Gesindel
anstelle, der nicht allein die Entrstung jedes braven Mannes, Deutschen
wie Brasilianers, errege, sondern auch den Bestand der Colonien zu
gefhrden drohe. Er hatte dabei nicht unterlassen, Sarno's Wirksamkeit
in Santa Clara und die Art und Weise zu schildern, mit der jetzt auf das
Willkrlichste ber ihn verfgt werden sollte.

Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem
Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, whrend dieser indessen
Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschlu
zum Bessern bald gefat. Es stellte sich jetzt heraus, da die
Abberufung Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei.
Auerdem hatte der Minister noch viel mehr ber die Wirksamkeit der
Frau Prsidentin erfahren, als Gnther selber wute. Der sehr leidende
Zustand des sonst tchtigen Prsidenten machte da eine Verbesserung des
Geschehenen mglich. Der Prsident selber wurde pensionirt, Herr von
Reitschen aber, der Director von Santa Clara, einfach seines Dienstes
entlassen und die Maregel noch durch eine Rge, seines willkrlichen
Verfahrens wegen, verschrft. Eben so rief diese Ordre auch die Soldaten
wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht nthig schienen,
und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno und Gnther
wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director von
Reitschen mit dem Militr nach Santa Catharina zu fhren, von wo es
dem Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der
andere Dampfer brachte die Post von Rio Grande, und ging von hier nach
Rio de Janeiro hinauf.

Herrn von Reitschen lag jetzt die hchst unangenehme Pflicht ob, dem
Manne, den er vorher verdrngt hatte, seine Papiere wieder zu bergeben
und berhaupt die ganze Macht in seine Hnde zu legen. Er entzog sich
dem aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man
seinem Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mute sogar noch
die ganze Nacht die Stndchen, Jubelrufe und Hurrahs hren, die nie
versumten in der Nhe des Directionsgebudes mit frischer Kraft
auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von
seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese
Vernachlssigung der Form nur noch mehr niedergedrckt wurde -- bergab
er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach erfolgter
bergabe folgen konnte, und schiffte sich, etwa eine Stunde vor Tag,
auf dem schon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. Die
Soldaten muten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frhen Stunde
frchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der
Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen
verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der
Platz gerumt.

Auf diesen Tag war auch die Abreise der von hier nach dem Norden
gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag
die Mndung verlassen. Es waren Knnern mit seiner jungen Frau und
Graf Rottack, der sich entschlossen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit
Knnerns nach Deutschland zurckzukehren.

Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen,
es war aber noch Etwas an der Maschine zu repariren und der Dampfer der
unterwegs schlechtes Wetter gehabt, grndlich zu reinigen. Die Abreise
verzgerte sich deshalb um einige Stunden.

Die kleine Gesellschaft sa noch in Bohlos' Hotel, whrend das Gepck
schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war.

Rottack stand in der Thr, hatte eben zugesehen wie Bux vorbeigefhrt
wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit
dem Bruder von Khler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und
nicht genug erzhlen konnte, wie glcklich die jungen Leute seien, als
Gnther an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich
die Strae hinunter fhrte.

Aber sage mir nur, was hast Du, Gnther? fragte der junge Mann, indem
er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drckte. Eine traurige
Vernderung ist mit Dir vorgegangen, seit wir uns nicht gesehen; Du
siehst bleich und elend aus und -- das Schlimmste -- es hat sich ein
Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz
eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland -- nach Thringen
zurck? Du warst so glcklich in dem Gedanken an die Heimath!

Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein
Terrain, auf dem Bsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur
die frei gehaltene Strae zog sich hindurch.

Felix, sagte Gnther leise, ohne den Freund anzusehen, erinnerst Du
Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?

Als ob es gestern gewesen wre.

Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, da
ich Dir erzhlte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen
an demselben Morgen zwei Schwne gesehen, die so geisterhaft vor mir
hergestrichen und zuletzt weit -- weit hinaus in das dstere Meer
verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden --
wie mir ein Gefhl das Herz gedrckt, dem ich nicht Namen geben konnte
-- so einsam -- so de schien mir in dem Augenblick die Welt?

Ich erinnere mich, sagte Felix leise.

Felix, fuhr Gnther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's
Auge sah -- in jener Nacht starb meine Anna -- an jenem Morgen lag sie
kalt und bleich auf ihrem Lager dort -- dort, wohin die Schwne in den
Nebel zogen! -- Und was der starke Mann bis dahin standhaft ertragen,
das brach jetzt aus in ungezgeltem Schmerz, als er das Haupt an die
Brust des Freundes lehnte.

Rottack hielt ihn schweigend umfat; er sprach kein Wort -- kein
Wort des Trostes, denn er wute selber recht gut, da gerade in den
flieenden Thrnen der einzig mgliche Trost liegen konnte fr solchen
Schmerz.

Armer Freund! flsterte er endlich leise, und Gnther richtete sich in
seinen Armen empor.

So -- jetzt ist mir wohl, sagte er, indem ein schwerer Seufzer
seine Brust hob -- jetzt ist mir leicht, denn fortwhrend von Fremden
umgeben, fortwhrend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust
zurckzubannen, das thut doppelt weh!

Armer, armer Freund! -- Und wo erhieltest Du die Nachricht?

Vor wenigen Tagen in Rio -- der Dampfer, der mich in die Heimath fhren
sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschlu war bald gefat --
jetzt _kann_ ich nicht zurck, und ich begleitete Sarno, um hier noch
manche Arbeit zu beenden, die ich -- gehofft hatte von Anderen beendet
zu sehen. -- Aber nun leb' wohl, Freund -- wie ich hre, willst Du
Knnern begleiten -- ich bin nicht im Stande, zu den glcklichen
Menschen zurckzukehren! Knnern und Elise drfen auch nie erfahren, was
ich Dir eben vertraut -- es wrde ihr Glck trben. Bringe ihnen noch
meinen Gru und -- leb' wohl!

Du willst fort?

Hier steht mein Pferd -- Gott mit Dir, mein lieber Freund, und mgest
auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!

Die beiden Mnner hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann ri
sich Gnther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand
zurck und war im nchsten Augenblick im Walde verschwunden.

Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurck. Es war ihm
recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und
allerlei alte, trbe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. -- Als er wieder
an Rohrland's Haus vorberging, stand eine junge Dame an dem einen
Fenster, die sich scheu zurckzog, als sie ihn bemerkte. -- Es war
Helene. -- Fast unwillkrlich grte der junge Mann im Weitergehen und
blieb dann stehn.

Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, da ich nicht einmal von
ihr Abschied genommen habe, murmelte er leise vor sich hin. -- Er sah
nach seiner Uhr -- es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. -- Was
kmmert's denn mich, wenn sie -- ei, ich will aus Brasilien von
keinem Menschen im Bsen scheiden -- am Wenigsten von ihr! und rasch
entschlossen schritt er in das Haus hinein.

Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thr des Zimmers, in dem
das Frulein wohnte. Er klopfte an, und ein kaum hrbares Herein!
antwortete ihm -- Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie
war ganz einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als
Schmuck und sah ungewhnlich bleich aus.

Comtesse, sagte er, ich bin im Begriff, dieses Land fr immer zu
verlassen, und -- wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu
sagen.

Das ist recht freundlich von Ihnen, hauchte Helene, und Rottack konnte
es nicht entgehen, da sie sich befangen, ja ngstlich beklommen fhlte,
so viel Mhe sie sich gab das zu verbergen. Das aber machte ihn selber
verlegen, und wie er das fhlte, suchte er auch den kaum begonnenen
Abschied noch zu krzen.

Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glck, Ihnen
zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, da ich je nach Brasilien
zurckkehren werde.

Herr Graf, sagte Helene leise, und sie mute sich Mhe geben deutlich
zu sprechen, da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, mchte ich
nicht, da wir auf _diese_ Weise von einander scheiden. -- Ich habe
einen Verdacht, Sie _wissen_, da mir der Titel Comtesse nicht gebhrt.
-- Wenn dem nicht so wre, nehmen Sie hier meine Erklrung....

Mein gndiges Frulein, sagte Rottack berrascht -- ich -- wute
nicht, da er Ihnen unangenehm war, da Sie -- ihn so lange schon
gefhrt....

Und glauben auch Sie, da ich die Hand zu einer Tuschung geboten
htte, wenn ich selber darum gewut? sagte Helene bitter. Ich hatte
gehofft, _Sie_ wenigstens wrden besser von mir denken; aber -- lassen
Sie es gut sein, unterbrach sie sich selbst -- ich habe so wenig
Freunde auf der Welt, da ich dem letzten vielleicht, der hier von mir
geht, kein hartes Wort zum Abschied sagen mchte. Leben Sie wohl, Herr
Graf, und -- mge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter
traurige Bilder bieten!

Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmthigen Lcheln unbefangen
ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er lie sie nicht gleich wieder los
und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen:

Gndiges Frulein, es ist Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das seinen
Schatten ber Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glcklich, und der Blick,
den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun lieen, verrth mir mehr
als Sie vielleicht glauben. -- Sehen Sie mir in's Auge -- halten Sie
mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, da ich es
wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in
einer halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht
selbst noch von Deutschland aus ntzen. Sie entdecken mir auch kein
Geheimni, fuhr er fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm
stand -- ich kannte Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause -- ich
wute....

Es _ist_ nicht meine Mutter! sthnte Helene, und ihre Hand aus der
seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit.

Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr.

Es _ist_ nicht Ihre Mutter? wiederholte er endlich, und die Worte
rangen sich ihm nur mhsam aus der Brust.

Nein, hauchte Helene -- aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe Ihnen
schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war -- es war mir
nur ein -- peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen und zu
fhlen, da Sie -- mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, und wenn
Sie einen Funken von Mitleid fr mich haben, so -- verlassen Sie mich
jetzt!

Nein, Helene, nicht so, rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und
Gefhlen das Hirn durchzuckte -- nicht so drfen wir scheiden! Hier
liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen -- o, wenn Sie Vertrauen
zu mir htten -- wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen knnten, wie
gern ich Ihnen wirklich dienen mchte.

Herr Graf, bat Helene scheu.

Sie klagen, da Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben, fuhr
Rottack leidenschaftlich fort -- da es Ihnen peinlich sei, _mich_
scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten
Sie Ihr Vertrauen zurck -- geben mir nur Andeutungen, die mich noch
verwirrter machen mssen, und stoen die Freundeshand selber zurck, die
sich Ihnen entgegenstreckt.

Herr Graf, ich wei nicht, wehrte Helene ab, denn ein eigenes
beklemmendes Gefhl berkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte.

Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mdchens vorging. Er sah ihr
treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte
er herzlich:

Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schtteln
Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg
einzuschlagen, den wir sonst fr den rechten und guten halten. -- Machen
Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden auf
der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!

Helene rang mit sich -- zu pltzlich, zu berraschend war ihr das Alles
gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um _berlegen_ zu knnen.
Noch nie aber hatte sie so das Gefhl ihrer Einsamkeit bermannt, wie
in diesem Augenblick -- noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so
herzlich, so einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich
zu dem jungen Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles besttigt fand,
was er ihr geboten, da fate sie sich gewaltsam zu einem Entschlu, und
mit leiser, aber fester Stimme sagte sie:

Ich glaube Ihnen, Graf Rottack -- ich _will_ Ihnen glauben -- ich wrde
Ihnen auch in diesem Augenblick vertrauen -- wie einem Bruder --
setzte sie kaum hrbar hinzu -- aber fr mich selber ist meine ganze
Vergangenheit in ein geheimnivolles Dunkel gehllt, und die allein
Licht darber geben knnte -- bindet ein Schwur.

Ein Schwur? sagte Rottack erstaunt -- aber woher dann -- ich begreife
nicht, wie Sie da berhaupt....

Helene stand noch immer zgernd vor ihm -- aber wute er nicht schon ihr
Geheimni, und sah er sie nicht mit den groen, treuen Augen, die jeden
Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an?

Ich will Ihnen Alles sagen, was ich wei, Graf Rottack, rang es
sich ihr endlich aus der Brust -- hier, dieser Brief kam durch eine
Verwechslung der Couverts in meine Hnde -- halb abgewandt reichte sie
ihm denselben.

Darf ich ihn lesen?

Lesen Sie ihn, flsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den
Hnden.

Rottack hatte den Brief hastig geffnet und mit den Blicken
verschlungen. Und der Name Ihrer Mutter? fragte er.

Sie weigert sich, ihn zu nennen -- ein Schwur bindet ihre Lippen.

Ein Schwur? rief Rottack, den Kopf verchtlich zurckwerfend; den
Schwur kenne ich -- er heit Selbstinteresse -- aber ich begreife noch
immer nicht -- Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen, unterbrach
er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf den Tisch
legte. Und nun, mein liebes, liebes Frulein, setzte er hinzu, whrend
er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl
ber sein Antlitz zuckte -- nehmen Sie tausend, tausend Dank fr das
Vertrauen, das Sie mir geschenkt -- wenn ich es Ihnen auch nur durch
berraschung abgepret. -- Aber jetzt fort -- Du mein Himmel, mir
schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt
das Hirn durchkreuzen -- und doch war ich nie so glcklich, nie so
lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!

Sie wollen fort? rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich
Rottack's Betragen nicht erklren.

Gewi, lachte dieser -- unten warten sie ja mit dem Boot auf mich --
aber sie mssen noch lnger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen
Besuch zu machen -- und dann komme ich wieder her -- in einer halben
Stunde bin ich wieder hier -- Und ohne Abschied sprang er in jubelndem
bermuth aus dem Zimmer und die Strae hinab.




12.

Schlu.


Knnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten
gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit
flchtigen Stzen angesprungen kam.

Wir fahren nicht ohne Sie ab! lachte Knnern, der Eile des Freundes
eine andere Ursache gebend. Der Capitn des Dampfers ist noch oben im
Hotel, um einige Vorrthe an Bord schaffen zu lassen!

Ich kann auch noch nicht fort! rief Felix -- Sie mssen noch einen
Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges vergessen!

Vergessen -- was?

Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Grfin!

Plagt Sie der Bse? lachte Knnern. Seit wann sind Sie denn so
frmlich geworden?

Ich bin gleich wieder da! rief der junge Mann in wilder
Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Strae zurck und
direct dem Hause der Grfin zu.

Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr.

Ist die Frau Grfin oben?

Ja, in ihrem Zimmer.

Melden Sie mich -- rasch, denn ich habe groe Eile!

Ja, _ich_ kann jetzt nicht hinaufgehen.

Dann meld' ich mich selber! -- und in wenigen Stzen war er oben.
An ein paar falsche Thren pochte er dort zuerst an, dann rief
eine bekannte Stimme: Herein! und Graf Rottack stand im nchsten
Augenblicke der Madame Baulen gegenber, die erschreckt von ihrem Sopha
empor fuhr.

Herr Graf!

Frau _Grfin_, sagte der junge Mann, sich mit Anstand verbeugend
-- entschuldigen Sie einen Besuch, der nur in seiner Krze seine
Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen Frage, um deren
Beantwortung ich Sie ersuche.

Herr Graf, ich werde mich glcklich schtzen, sagte die Frau verlegen,
denn sie wute nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte.

Gut -- dann bitte, setzen Sie sich dahin, sagte Felix eben so
frmlich, und schreiben Sie mir einen Namen auf.

Welchen Namen, Herr Graf?

Den Namen von Helenens Mutter.

Herr Graf! rief die Frau und fhlte, wie ihr die Kniee zitterten.

Ich wei, fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, da Sie
einen Schwur vorgeschtzt haben, was einem armen, unerfahrenen Mdchen
gegenber ging -- _wir_ stehen anders zusammen. Entweder schreiben Sie
mir die volle Adresse _jetzt_ in diesem Augenblick auf, oder ich
gehe direct hinber zum Baron, wie zum Bckermeister Spenker und --
unterhalte mich mit ihnen ber vergangene Zeiten. Sie wissen, da ich
nicht scherze. _Noch_ ruht Ihr Geheimni in sicheren Hnden und wird
da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfllen -- wo nicht -- schreiben Sie
sich selber die Folgen zu. Auerdem mu ich Ihnen nur noch bemerken, da
Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nutzt. Eine einfache
Aufforderung in den Zeitungen drben, mit Angabe der Verhltnisse,
_ohne_ einen Namen zu nennen, wrde Helenen die Adresse sichern. Doch
das ist Nebensache. _Wir_ haben es hier mit dem speciell zu thun, was
_Sie_ betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie da auch am Besten
kennen.

Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen -- wenn ich mir selber
alle Hlfsmittel abschneide, wovon -- o, wovon soll _ich_ denn da leben?
Alles verlt mich -- Alles verlt mich -- auch der undankbare Mensch,
der Pulteleben, hat mich im Stich gelassen!

Der junge Graf warf ihr einen verchtlichen Blick zu und sagte:

Es war allerdings sehr rcksichtslos von Herrn von Pulteleben, da
ihm die _Frau_ abhanden gekommen, nicht doch wenigstens die vermuthete
Schwiegermutter zu behalten -- doch zur Sache. Wollen Sie meinen Wunsch
erfllen oder nicht? ich _mu_ Antwort haben.

Lassen Sie mir Zeit zur berlegung.

Nein -- hier ist Papier und Dinte -- in fnf Minuten bleibt Ihnen keine
Wahl mehr.

Und _Sie_ versprechen mir zu schweigen?

Sie haben mein Wort. berdies verlasse ich in einer Viertelstunde die
Colonie.

Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und
reichte den Zettel dem jungen Mann hinber.

Bitte, sagte dieser abwehrend, schlieen Sie das Blatt in ein Couvert
-- das Geheimni ist nicht fr mich.

Die Frau that auch dieses; sie war vollstndig gebrochen, und zwar mehr
durch die Angst, ihren angematen Titel in der Colonie zu verlieren und
ihren knstlich aufgebauten Rang zusammenstrzen zu sehen -- und der
Baron _mute_ schon einen Verdacht gefat haben -- als durch die Sorge
um die Zukunft, die sie noch nie gekmmert hatte. _Sie_ lebte nur in dem
Augenblicke, dem sie abrang was sie konnte; was kmmerte sie der nchste
Tag?

Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Grfin, sagte Felix, als er mit
einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf
dabei ansah -- wie war es _mglich_, da Helene bis vor wenig Tagen
keine Ahnung davon haben konnte, _Sie_ seien nicht ihre wirkliche
Mutter? Ich begreife das nicht.

Helene, sagte die Frau, war als Kind zuerst zu einer Wrterin, dann
in Pension gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt
mute geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschlu
erklrte, nach Brasilien auszuwandern....

Vollkommen ohne Nebenabsichten?

Vollkommen, sagte Madame Baulen mit Wrde -- da entschlo sie sich zu
dem Schritt -- den wir vorher reiflich berlegt hatten: sie mir nmlich
mitzugeben, und ich -- holte sie damals, _als_ ihre Mutter, aus der
Pension ab.

Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es mglich, da sich
eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?

Lieber Gott, sagte Madame Baulen achselzuckend, die Gesellschaft legt
uns Pflichten auf, und -- in diesem Fall -- sie konnte doch nicht ihren
_Ruf_, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes husliches Glck wre ja
vernichtet worden.

Als ob daran noch Etwas zu vernichten gewesen wre! sagte Rottack
bitter -- doch wie dem auch sei, Frau Grfin, Sie haben _mir_ einen
Dienst geleistet, erlauben Sie, da ich mich dafr revanchire -- wir
tauschen nmlich Papier um Papier. _Dieses_ ist Helenen's Geheimni --
_das_ hier, fuhr er fort, indem er eine Banknote von 500 Milreis vor
der Frau auf den Tisch legte -- ist das _Ihrige_ -- wir sind quitt,
nicht wahr?

Aber Herr Graf! rief Madame Baulen berrascht aus.

Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl! und ehe Sie ihm nur eine Silbe
darauf erwiedern konnte, hatte er die Thr hinter sich in's Schlo
gedrckt und das Haus verlassen.

Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst
und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinber, betrat das Haus wieder
und stand gleich darauf in Helenens Zimmer.

Helene war indessen, von sich drngenden Gedanken bestrmt, in ihrem
Zimmer auf und ab gegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden
zu entdecken, und gerade _ihm_, der sie die letzte Zeit so kalt, fast
hhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein ihr, nein, auch
das Geheimni ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was _konnte_ sie
thun? Stand sie nicht allein, rathlos, hlflos in der Welt? Sehnte sie
sich nicht nach _einem_ Herzen, dem sie vertrauend nahen -- zu dem sie
um Trost -- um Hlfe aufblicken konnte? Und was that _er_ jetzt? Wohin
hatte er sich gewandt? Wrde sie ihn je wiedersehen, und spottete
er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer Seele
losgerungen?

In der Thr stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehrt,
und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er
ihr entgegen. Aber er selber sah verndert aus. Der kalte Stolz
und Muthwille, der sie stets zurckgeschreckt, war aus seinen Zgen
gewichen, und mit leiser Stimme sagte er:

Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthlt --
frchten Sie nicht, da _ich_ Ihr Geheimni belauscht htte -- ich kenne
den Inhalt nicht.

Wie soll ich Ihnen danken? flsterte das Mdchen, bengstigt von dem
ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm.

Sie knnen es vielleicht, sagte Rottack ruhig -- erinnern Sie sich
noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit -- jener Frau in der Stadt
begegnete? Es war das erste Mal, da ich Ihre -- vermeintliche Mutter
sah.

Ja, flsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig
in's Herz -- es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten berrascht auf
-- jene Frau.

Bis dahin, Helene, fuhr Rottack leise fort, whrend sich aber seine
Stimme mehr und mehr steigerte -- hatte ich nur _Sie_ gesehen und hatte
Sie geliebt mit einer Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben
wrde, wenn Sie sie htten ahnen knnen.

Graf Rottack!

Lange schon htte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die
mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener se Zauber in
Fesseln gehalten, der gerade in dem Geheimnisvollen dieser Liebe lag. Da
-- da sah ich Ihre Mutter -- Ihre Mutter, wie ich damals glauben mute
-- deren ganze Vergangenheit vor mir lag und -- ich _konnte_
nicht anders glauben, als da _Sie_ den Betrug theilten -- da Sie
_Mitwisserin_, Mithandelnde der Tuschung wren.

Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott wei es und der stille
Wald, und heie, heie Thrnen habe ich da geweint. -- Rang und Stand
-- Sie trauen mir zu, da mich das keinen Gedanken gekostet htte; ich
stehe frei und unabhngig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener
Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen -- aber der Betrug fra
mir in's Herz hinein -- der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift und --
machte mich unglcklich und elend. Alles kam dann dazu, um die Tuschung
zu vollenden, selbst das Netz, das -- jene Frau nach dem unglcklichen
Pulteleben auswarf, und das -- wie es meiner verblendeten Eifersucht
schien, Sie selber mit in Hnden hielten! Helene, -- rief er
leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank -- ich habe
Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Knnen Sie mir verzeihen?

Herr Graf, rief Helene erschreckt, stehen Sie auf!

Nicht eher, bis ich geendet habe, beharrte aber Rottack -- Helene,
ich _habe_ Sie geliebt, ich habe nie aufgehrt Sie zu lieben, und wie
ich Ihnen kalt und spttisch gegenber stand, htte mir das Herz dabei
zerspringen mgen in der Brust. Knnen Sie mir verzeihen? Knnen Sie
vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefgt -- glht auch in _Ihrem_
Herzen noch ein Funken der alten Liebe fr _mich_? Lugnen Sie es nicht,
Helene -- jene sen Tne, die Abends meiner armen Geige antworteten,
waren nicht bloer bermuth eines schnen, angebeteten Mdchens; jene
Tne kamen eben so aus dem Herzen, wie sie zum Herzen drangen. -- Oh,
knnen Sie nur einen Schatten jener Gefhle zurckrufen, so werden Sie
mein Weib, Helene! rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte
umschlang -- fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie Freude
oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Knnern und seine
junge Frau uns erwarten -- in deren Begleitung machen Sie die Reise nach
Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.

Herr Graf! rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken.

Sagen Sie nur, da Sie mir verziehen haben -- da Sie mir glauben, wenn
ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav -- da
Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glcklich fhlen zu
knnen. Helene!

Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr mdes Haupt an
seine Brust, und aufjubelnd prete sie Felix an sich und kte wieder
und wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment
schien aber auch wieder der ganze alte bermuth ihn zu erfassen. Er
weinte und lachte, aber unter seinen Thrnen ri er sich von Helenen
los, zerrte einen groen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand,
und fing an hinein zu werfen, was ihm unter die Hnde kam.

Um Gottes willen! rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thrnen
lachend aus -- was machen Sie, was soll das werden?

Abreise -- Abreise, mein Schatz! rief Felix, ohne sich in seiner
Beschftigung stren zu lassen -- wir sind ja in der grten Eile --
unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.

Abreisen? rief Helene erschreckt -- aber doch nicht jetzt? -- nicht
heute?

In einer Viertelstunde.

Das ist ja unmglich!

Unmglich ist gar Nichts, Mdchen -- Du bist mein, _ich_ bin
der glcklichste Mensch unter der Sonne, und das Andere ist alles
Kleinigkeit und Nebensache.

Aber wie kann das sein -- Rohrlands...

Brauchen gar nicht zu wissen, da das nicht eine schon seit Monaten
zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drben? Ja? Ich
bin gleich wieder da!

Wie der Blitz fuhr er zur Thr hinaus und kam nicht zwei Minuten spter
mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos,
keines Gedankens fhig, stand.

Liebe Frau Rohrland -- lieber Herr Rohrland -- ich habe hier das
Vergngen, Ihnen die knftige Grfin Rottack vorzustellen. -- Liebe
Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und ziehe ein freundliches
Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wre eine gezwungene
Heirath.

Aber liebe, beste Helene! rief die junge Frau und flog dem Mdchen in
die Arme.

Wissen Sie, das knnen Sie Alles nachher beim Packen abmachen, sagte
Felix -- das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir
drfen Knnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen
Helenen packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau
Rohrland?

Ja, von Herzen gern, aber...

Gar kein Aber -- ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem Karren
herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr
an die Landung?

Ja, von Herzen gern -- aber diese Hast...

Erspart eine Masse von Weitlufigkeiten -- lieber Rohrland, auf ein
Wort, und er fate den ganz verblfften Mann unter den Arm und fhrte
ihn vor die Thr hinaus.

In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?

In _meiner_ Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld
von _ihr_ in Hnden, fr den Verkauf ihrer Sachen.

Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mrders aus, den
wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.

Aber ich begreife gar nicht.

Ich erzhle Ihnen Alles an Bord.

Ja, ich gehe ja gar nicht mit.

Das schadet Nichts, rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei
Seite schob -- also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren oben!
rief er nochmals zur Thr hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein
angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an
die Landung hinunter.

Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack? rief ihm
Knnern entgegen -- wir warten und warten hier.

Lieber Freund, sagte Rottack -- ach Jeremias, nehmt doch Euern Karren
und lauft was Ihr laufen knnt damit nach Rohrlands hinauf -- es geht
noch ein Passagier mit. -- Lieber Freund, ich habe in der kurzen
Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter
gebraucht, und dann _noch_ nicht fertig wird. So recht, Jeremias, das
ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu bezahlen.

Nehmen Sie sich Zeit, sagte der Capitn des Dampfers, der mit an der
Landung stand -- wir haben noch eine volle Stunde brig und Nichts
versumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon wei, da Damen
doch nicht immer gleich fertig werden.

Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt
-- und wo ist Gnther? fragte Knnern, als sie eine Weile an der
Landung auf und ab gegangen waren.

Fort -- in den Wald, sagte Rottack ernst -- ich habe Euch noch seine
besten Gre und Segenswnsche zu bringen.

Braver Gnther, sagte Knnern -- er hat Elisen die letzten Stunden
nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos,
Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Grfin gemacht?

Allerdings.

Wahrhaftig?

Nun, gewi -- und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.

Ihrer Tochter?

Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, da sie es
mit in ihre Koje nimmt.

Ich verstehe Sie nicht.

Lieber, guter Knnern, bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in
die Stadt hinaufgesehen hatte -- ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine
nhere Erklrung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen.
Jetzt mu ich nur noch einmal in die Stadt -- da mir um Gottes willen
Rohrlands das Bild nicht vergessen -- und von Knnern fort, der ihm
kopfschttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit
den Weg zurck, den er gekommen.

Knnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute
haben knne, denn _so_ hatte er ihn noch nie gesehen, und auerdem
drngte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitn sah auch schon in immer
krzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr -- endlich lie sich ein kleiner
Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias an der Spitze
rasch zur Landung herunter kamen.

Knnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge
Comtesse mit in der Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grten
die Damen.

Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein
guter Herr Rohrland? fragte Sarno.

Ich? Denke gar nicht daran, aber -- so viel ich weiߠ...

Grfin Rottack, stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur
erglhende Braut vor -- die Zeit gengte freilich nicht mehr, uns noch
trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und
bis dahin, meine beste Frau Knnern, empfehle ich mein liebes Brutchen
Ihrem mtterlichen Schutz.

Jetzt seh' Einer den Duckmuser an, rief Knnern lachend aus, und
nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.

Ich kann ein Geheimni wunderbar bewahren, lachte der junge Graf,
indem er Helene der jungen Frau zufhrte -- aber nun in's Boot. Sie
haben lange genug auf uns gewartet -- hieher, Jeremias -- _das_ zum
Andenken.

Hurrjeh, das langt! sagte der kleine Bursche mit vergngtem Gesicht.

Eine recht glckliche Reise! riefen die am Ufer Stehenden dem Boote
nach, das in den Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit
Tchern und Hten.

Ade! Ade! tnte der Ruf zurck, und von den raschen Rudern getrieben,
scho das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen.


_Ende._


Druck von _G. Ptz_ in Naumburg.




Funoten

[1] Eine Art Zuckerrohr.

[2] Ein Mibrauch, der in fast allen deutschen Colonien gegenwrtig
    herrscht.

[3] Authentisch.




      *      *      *      *      *      *




Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Grogeschriebene
Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
,  und  ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei
Zweifeln der Originaltext beibehalten. nderungen in der Schreibweise
sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, nderungen in der
Zeichensetzung nicht.

  Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt:
  Sperrung:      _gesperrter Text_
  Antiquaschrift:    #Antiquatext#


nderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 23
  ein sehr groes Theebrett mit einer Anzahl Tassen
  ein sehr groes Theebret mit einer Anzahl Tassen

  Seite 37
  ein leichtes, fast spttisches Lacheln um seine Lippen
  ein leichtes, fast spttisches Lcheln um seine Lippen

  Seite 46
  als sie den Dienst meiner Mutter verlieen
  als Sie den Dienst meiner Mutter verlieen

  Seite 87
  Er hielt unwillrklich mitten im Binden
  Er hielt unwillkrlich mitten im Binden

  Seite 227
  hatte bei ihm den Zauber eingebt, der sie son verklrte
  hatte bei ihm den Zauber eingebt, der sie sonst verklrte

  Seite 247
  mehr als dreihundert Mnner im Hemdsrmeln
  mehr als dreihundert Mnner in Hemdsrmeln

  Seite 260
  denn ein solche Schaar deutscher Colonisten
  denn eine solche Schaar deutscher Colonisten



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. DRITTER BAND***


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