The Project Gutenberg EBook of Der Kinderkreuzzug, by Marcel Schwob

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Title: Der Kinderkreuzzug

Author: Marcel Schwob

Translator: Arthur Seiffhart

Release Date: May 5, 2012 [EBook #39624]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KINDERKREUZZUG ***




Produced by Jens Sadowski








MARCEL SCHWOB

DER KINDERKREUZZUG





1914
KURT WOLFF VERLAG  LEIPZIG



Dies Buch wurde
gedruckt im Februar 1914
als sechzehnter Band der Bcherei
Der jngste Tag bei Poeschel & Trepte
in Leipzig



Berechtigte bertragung von Arthur Seiffhart
Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1914





Circa idem tempus pueri sine rectore sine duce de universis omnium regionum
villis et civitatibus versus transmarinas partes avidis gressibus
cucurrerunt et dum quaereretur ab ipsis quo currerent, responderunt: Versus
Jherusalem, quaerere terram sanctam. . . . Adhuc quo devenerint ignoratur.
Sed plurimi redierunt, a quibus dum quaereretur causa cursus, dixerunt se
nescire. Nudae etiam mulieres circa idem tempus nihil loquentes per villas
et civitates cucurrerunt. . . .




ERZHLUNG DES GOLIARD


Ich armseliger Goliard, elender Pfaff, der ich in den Wldern und auf den
Landstraen umherstreife, um im Namen unseres Heilandes mein tgliches Brot
zu erbetteln, ich habe ein frommes Schauspiel gesehen und die Worte der
kleinen Kinder gehrt. Ich wei, mein Leben ist nicht sehr heilig und ich
habe den Versuchungen unter den Linden am Wege nicht widerstanden. Die
Brder, die mir Wein geben, sehen wohl, da ich kaum gewhnt bin, ihn zu
trinken. Aber ich gehre nicht zur Sekte derer, die verstmmeln. Es gibt
bse Menschen, die den Kleinen die Augen ausstechen, ihnen die Beine
absgen und die Hnde binden, um sie auszustellen und Mitleid mit ihnen zu
erwecken. Und deshalb habe ich Furcht, wenn ich alle diese Kinder sehe.
Sicher wird sie unser Heiland beschtzen. Ich rede in den Tag hinein, denn
Freude erfllt mich. Ich freue mich ber den Frhling und ber alles, was
ich gesehen habe. Mein Geist ist nicht sehr stark. Ich erhielt die Tonsur,
als ich zehn Jahre alt war und habe die lateinischen Worte vergessen. Ich
bin wie die Heuschrecke; denn ich springe hierhin und dorthin und summe,
und manchmal ffne ich bunte Flgel, und mein kleiner Kopf ist durchsichtig
und leer. Man sagt, da St. Johannes sich in der Wste von Heuschrecken
nhrte. Man mte viel davon essen. Aber St. Johannes war nicht ein Mensch
wie wir.

Ich bewundere St. Johannes, denn er irrte umher und redete ohne Unterla.
Mir scheint, seine Worte htten milder sein sollen. Auch der Frhling ist
mild in diesem Jahr. Niemals hat es so viele weie und rote Blumen gegeben.
Die Wiesen sind frisch gewaschen. berall auf den Hecken glnzt das Blut
unseres Heilandes. Unser Herr Jesus ist wei wie eine Lilie, aber sein Blut
ist rot. Warum? Ich wei nicht. Auf irgendeinem Pergament mu es
geschrieben stehen. Wenn ich Schreiben gelernt htte, wrde ich Pergament
haben und wrde darauf schreiben. Dann knnte ich jeden Abend sehr gut
essen. Ich ginge in die Klster und betete fr die toten Brder und
schriebe ihre Namen auf meine Rolle. Ich wrde meine Totenrolle von einer
Abtei zur anderen tragen. Das ist etwas, was unseren Brdern gefllt. Aber
ich kenne die Namen meiner toten Brder nicht; vielleicht sorgt sich unser
Heiland auch nicht darum, sie zu erfahren. Mir schien, als ob alle diese
Kinder keine Namen htten. Und es ist sicher, da unser Herr Jesus sie
liebt. Sie erfllten die Landstrae wie ein Schwarm weier Bienen. Ich wei
nicht, woher sie kamen. Es waren ganz kleine Pilger. Als Pilgerstbe hatten
sie Hasel- und Birkenstcke. Auf den Schultern trugen sie das Kreuz; und
alle diese Kreuze hatten andere Farben. Ich sah grne, die wohl aus
aufgenhten Blttern gemacht waren. Es sind wilde, unwissende Kinder, Ich
wei nicht, wohin sie irren. Sie glauben an Jerusalem. Ich denke, Jerusalem
mu weit sein und unser Heiland mu nher bei uns sein. Sie werden nicht
nach Jerusalem kommen. Aber Jerusalem wird zu ihnen kommen. Wie zu mir
auch. Das Ziel aller heiligen Dinge liegt in der Freude. Unser Heiland ist
hier, auf diesem Rotdorn, auf meinem Munde und in meiner armen Rede. Denn
ich denke an ihn, und seine Grabsttte ist in meinen Gedanken. Amen. Ich
will hier in der Sonne schlafen gehen. Dies ist eine heilige Sttte. Die
Fe unseres Heilandes haben alle Orte geheiligt. Ich will schlafen. Jesus,
la am Abend alle diese kleinen weien Kinder schlafen, die das Kreuz
tragen. Wahrhaftig, ich sage es ihm. Ich bin sehr schlfrig. Ich sage es
ihm wirklich, denn vielleicht hat er sie gar nicht gesehen und er mu doch
ber die kleinen Kinder wachen. Die Mittagsstunde drckt auf mich. Alle
Dinge sind wei. Amen.




ERZHLUNG DES AUSSTZIGEN


Wenn ihr verstehen wollt, was ich euch erzhlen werde, so wisset zuvor, da
mein Haupt von einer weien Kapuze umhllt ist und da ich eine Klapper aus
hartem Holze schwinge. Ich wei nicht mehr, wie mein Gesicht aussieht, aber
ich frchte mich vor meinen Hnden; sie laufen vor mir her wie schuppige,
fahle Tiere. Ich mchte sie abschneiden. Ich schme mich vor dem, was sie
berhren. Mir ist, als ob sie die roten Frchte, die ich pflcke, absterben
lassen, und die armseligen Wurzeln, die ich ausreie, scheinen welk zu
werden unter ihrem Griff. _Domine ceterorum libera me!_ Der Heiland hat
nicht meine bleiche Snde geshnt. Ich bin vergessen bis zur Auferstehung.
Wie die Krte, die beim kalten Licht des Mondes in einen dunklen Stein
eingeschlossen wird, so werde ich in meiner scheulichen Hhle
eingeschlossen bleiben, wenn die anderen mit ihrem lichten Krper
auferstehen. _Domine ceterorum fac me liberum, leprosus sum!_ Ich bin
einsam und mir graust. Meine Zhne allein haben ihre natrliche Weie
bewahrt. Die Tiere haben Furcht vor mir und meine Seele mchte fliehen. Der
Tag stiehlt sich von mir weg. Zwlfhundert und zwlf Jahre ist es her, da
der Heiland sie erlst hat, und mit mir hat er kein Mitleid gehabt. Ich
wurde nicht berhrt mit dem blutigen Speer, der ihn durchbohrt hat. Das
Blut des Heilandes der anderen htte mich vielleicht geheilt. Ich denke oft
an Blut; mit meinen Zhnen knnte ich beien; sie sind unversehrt. Da Er es
mir nicht geben wollte, so habe ich die Gier, den zu packen, der Ihm
gehrt. Deshalb lauerte ich den Kindern auf, die von der Vendme nach
diesem Walde der Loire herabkamen. Sie trugen Kreuze und waren Ihm ergeben.
Ihre Krper waren Sein Krper, und er hat mich nicht eines Krpers
teilhaftig werden lassen. Ich bin auf Erden von einer bleichen Verdammnis
umgeben. Ich habe mich auf die Lauer gelegt, um aus dem Halse eines seiner
Kinder unschuldiges Blut zu saugen. _Et caro nova fiet in die irae._ Am
jngsten Tage werde ich einen neuen Leib bekommen.

Und hinter den anderen ging ein frisches Kind mit rotem Haar. Ich fate es
ins Auge und sprang pltzlich hervor; ich ergriff seinen Mund mit meinen
scheulichen Hnden. Es war nur mit einem hrenen Hemde bekleidet; seine
Fe waren blo und seine Augen blieben sanft. Und es betrachtete mich ohne
Erstaunen. Als ich bemerkte, da es nicht schreien wrde, ergriff mich der
Wunsch, einmal eine menschliche Stimme zu hren. Ich zog meine Hnde von
seinem Munde zurck, und es wischte sich nicht seinen Mund ab. Und seine
Augen schienen anderweit zu weilen.

Wer bist du? fragte ich.

Johannes der Deutsche, antwortete das Kind. Und seine Worte klangen hell
und wohltuend.

Wo gehst du hin? fragte ich weiter.

Und das Kind antwortete: Nach Jerusalem, das heilige Land zu erobern!

Ich lachte und fragte: Wo liegt Jerusalem?

Und das Kind antwortete: Ich wei nicht.

Und ich fragte weiter: Was ist Jerusalem?

Und das Kind antwortete: Es ist unser Heiland!

Da begann ich von neuem zu lachen, und ich fragte: Wie ist dein Heiland?

Und das Kind antwortete: Ich wei nicht; er ist wei!

Und dieses Wort brachte mich in Wut und unter meiner Kapuze ffnete ich
meine Zhne und beugte mich zu seinem frischen Halse. Das Kind aber wich
nicht zurck und ich sprach zu ihm: Warum hast du keine Furcht vor mir?

Und das Kind sagte: Warum sollte ich Furcht vor dir haben, weier Mann?

Da brach ich in Trnen aus, und ich warf mich auf den Boden und ich kte
die Erde mit meinen scheulichen Lippen und schrie:

Weil ich ausstzig bin!

Und das deutsche Kind betrachtete mich und sprach mit heller Stimme: Ich
wei nicht.

Es hatte keine Furcht vor mir! Es hatte keine Furcht vor mir! Meine
grliche Weie galt ihm gleich der seines Heilandes. Und ich nahm eine
Handvoll Gras und wischte seinen Mund und seine Hnde ab. Und ich sprach zu
ihm: Zieh' in Frieden zu deinem weien Heiland und sage ihm, da er mich
vergessen hat.

Und das Kind betrachtete mich, ohne etwas zu sagen. Ich habe es begleitet,
bis es aus der Finsternis dieses Waldes heraus war. Es wanderte, ohne zu
zittern. Weit hinten im Sonnenschein sah ich sein rotes Haar verschwinden.
_Domine infantium, libera me!_ O, da der Ton meiner Holzklapper bis zu Dir
dringe, wie der reine Klang der Glocken. Herr derer, die nicht wissen,
erlse mich!




ERZHLUNG DES PAPSTES INNOCENZ III.


Weit vom Weihrauch und den Megewndern kann ich sehr leicht mit Gott reden
in dieser schmucklosen Kammer meines Palastes. Hierher komme ich, um an
mein Alter zu denken, ohne da mir die Arme gesttzt werden. Whrend der
Messe erhebt sich mein Herz, und mein Krper strafft sich; das Funkeln des
geweihten Weines erfllt meine Augen, und mein Geist ist gesalbt mit den
kostbaren len; aber an diesem einsamen Ort meiner Kirche darf ich mich
unter meiner irdischen Ermdung beugen. _Ecce homo!_ Denn durch den Prunk
der Hirtenbriefe und Bullen kann die Stimme seiner Priester wahrlich nicht
bis zum Herrn dringen und sicherlich gefallen ihm weder Purpur, noch
Kleinodien, noch Bilder; aber in dieser kleinen Zelle hat er vielleicht
Mitleid mit meinem unvollkommenen Gestammel. O Herr, ich bin sehr alt, sieh
mich hier weigekleidet vor Dir. Mein Name ist Innocenz, und Du weit, da
ich nichts wei. Verzeihe mir mein Papsttum, denn es ist eingesetzt worden,
und ich erdulde es. Nicht ich habe seine Ehrungen befohlen. Ich sehe Deine
Sonne lieber durch diese runde Scheibe, als in dem prchtigen Widerschein
meiner Kirchenfenster. La mich seufzen wie andere Greise und Dir dieses
bleiche, gefurchte Antlitz zuwenden, das ich mhsam aus den Wogen der
ewigen Nacht erhebe. Die Ringe gleiten von meinen drren Fingern, so wie
die letzten Tage meines Lebens dahingleiten.

Mein Gott! Ich bin Dein Stellvertreter hier, und ich strecke Dir meine
hohle Hand entgegen, voll des reinen Weines Deines Glaubens. Es gibt groe
Verbrechen. Es gibt sehr groe Verbrechen. Wir knnen von ihnen
lossprechen. Es gibt groe Ketzereien. Es gibt sehr groe Ketzereien. Wir
mssen sie unerbittlich bestrafen. In dieser Stunde, da ich vor Dir kniee,
wei, in dieser weien, schmucklosen Zelle, leide ich, o Herr, unter einer
groen Angst, denn ich wei nicht, ob Richten ber Verbrechen und
Ketzereien zu meinem prunkhaften Papsttum gehrt oder in diese, durch einen
kleinen Lichtkreis erhellte Zelle, in der ein alter Mann schlicht die Hnde
faltet. Und ich bin auch unruhig wegen deiner Grabsttte; sie ist immer
noch von Unglubigen umgeben. Man hat sie ihnen noch nicht abnehmen knnen.
Niemand hat Dein Kreuz nach dem Heiligen Lande getragen. Wir sind in
Unttigkeit versunken. Die Ritter haben ihre Waffen niedergelegt und die
Knige knnen nicht mehr befehlen. Und ich, Herr, klage mich an und schlage
gegen meine Brust: ich bin zu schwach und zu alt.

Jetzt, Herr, hre auf dies zitternde Flstern, das aus dieser kleinen Zelle
meiner Kirche zu Dir dringt und rate mir. Seltsame Nachrichten haben mir
meine Diener gebracht, von Flandern und Deutschland bis zu den Stdten
Marseille und Genua. Unbekannte Sekten entstehen. Durch die Stdte hat man
nackte Frauen laufen sehen, die nicht redeten. Diese stummen schamlosen
Weiber zeigten empor zum Himmel. Mehrere Wahnsinnige haben auf den Mrkten
den nahen Untergang gepredigt. Die Einsiedler und umherziehenden Mnche
sind voller Aufregung. Und mehr als siebentausend Kinder sind, ich wei
nicht durch welche Zauberei, aus den Husern gelockt worden. Siebentausend
befinden sich auf der Landstrae und tragen das Kreuz und den Pilgerstab.
Sie haben nichts zu essen; sie haben keine Waffen, sie sind unfhig und
machen uns Schande. Sie verstehen nichts von jeder wirklichen Religion.
Meine Diener haben sie befragt. Sie antworten, da sie nach Jerusalem
gehen, um das Heilige Land zu erobern. Meine Diener haben ihnen gesagt, da
sie nicht ber das Meer kommen wrden. Sie antworteten, das Meer wrde sich
teilen und austrocknen, um sie hindurchzulassen. Die guten Eltern, die
fromm und klug sind, bemhen sich, sie zurckzuhalten. Sie aber zerbrechen
die Riegel bei Nacht und bersteigen die Mauern. Viele sind Shne von
Adligen und Kurtisanen. Es ist ein Jammer. Herr, alle diese Unschuldigen
werden dem Schiffbruch und den Anbetern Mohammeds preisgegeben. Ich sehe,
wie der Sultan von Bagdad von seinem Palast aus nach ihnen spht. Ich
zittre davor, da die Seeleute sich ihrer Leiber bemchtigen, um sie zu
verkaufen.

Herr, erlaube mir, mit Dir zu reden nach den Geboten der Religion. Dieser
Kreuzzug der Kinder ist kein frommes Werk. Mit ihm kann man nicht das
heilige Grab fr die Christenheit gewinnen. Er vermehrt die Zahl der
Landstreicher, die an der Grenze des erlaubten Glaubens herumirren. Unsere
Priester knnen ihn nicht beschtzen. Wir mssen glauben, da diese armen
Geschpfe vom Bsen besessen sind. Sie laufen herdenweise auf den Abgrund
zu wie die Sue im Gebirge. Wie du weit, Herr, bemchtigt sich der Bse
gern der Kinder. Einst erschien er in Gestalt eines Rattenfngers und
lockte mit dem Klange seiner Pfeife alle Kleinen aus der Stadt Hameln. Wie
manche erzhlen, ertranken alle diese Unglcklichen im Weserflu; andere
behaupten, da er sie im Innern eines Berges einschlo. Du mut befrchten,
da Satan alle unsere Kinder den Martern derer entgegenfhrt, die nicht
unseren Glauben haben. Herr, du weit, da es nicht gut ist, wenn der
Glauben sich neugestaltet. Sobald er im feurigen Dornbusch erschien,
lieest Du ihn im Tabernakel einschlieen. Und als er Deinen Lippen auf
Golgatha entfloh, befahlst Du, da er in den Kelch und die Monstranz
eingeschlossen werde. Diese kleinen Propheten werden das Gebude Deiner
Kirche erschttern. Das mu ihnen verboten werden. Willst Du die empfangen,
die nicht wissen, was sie tun, ohne Rcksicht auf Deine Geweihten, die in
Deinem Dienst ihre Chorhemden und Stolen trugen, die den schweren
Versuchungen widerstanden, um Dich zu gewinnen? Wir mssen die Kindlein zu
Dir kommen lassen, aber auf dem Wege Deines Glaubens. Herr, ich spreche mit
Dir nach Deinen Geboten. Diese Kinder werden umkommen. La es nicht
geschehen, da unter Innocenz ein neues Blutbad unter den Unschuldigen
stattfindet.

Vergib mir jetzt, mein Gott, da ich unter der Tiara Dich um Rat gefragt
habe. Mich ergreift die Greisenschwche. Betrachte meine armen Hnde
. . Ich bin ein sehr alter Mann. Mein Glaube ist nicht wie der der ganz
Kleinen. Das Gold dieser Zellenwnde ist durch die Zeit verblichen; sie
sind wei. Der Schein Deiner Sonne ist wei. Auch mein Kleid ist wei, und
mein verdorrtes Herz ist rein. Ich habe nach Deinem Gebot gesprochen. Es
gibt Verbrechen. Es gibt sehr groe Verbrechen. Es gibt Ketzereien. Es gibt
sehr groe Ketzereien. Mein Haupt zittert vor Schwche: vielleicht darf man
weder strafen noch lossprechen. Das vergangene Leben macht uns in unseren
Entschlssen schwanken. Ich habe nie ein Wunder gesehen. Erleuchte mich.
Ist dieses ein Wunder? Welch Zeichen hast Du ihnen gegeben. Ist die Zeit
gekommen? Willst Du, da ein sehr alter Mann, wie ich, gleich sei in seiner
Weie Deinen kleinen arglosen Kindern? Siebentausend! Wenn auch ihr Glaube
unwissend ist, willst Du die Unwissenheit von siebentausend Unschuldigen
bestrafen? Auch ich werde Innocenz, der Unschuldige, genannt. Herr, ich bin
unschuldig wie sie. Bestrafe mich nicht in meinem hohen Alter. Die langen
Jahre meines Lebens haben mich gelehrt, da diese Herde von Kindern keinen
Erfolg haben kann. Ist dies dennoch ein Wunder, Herr? Meine Zelle bleibt
friedlich, wie bei anderen Andachten. Ich wei, es ist nicht ntig, Dich
anzuflehen, damit Du Dich offenbarst. Aber ich flehe zu Dir von der Hhe
meines Greisenalters, von der Hhe Deines Papsttums. Belehre mich, denn ich
wei nicht. O Herr, es sind Deine kleinen Unschuldigen. Und ich, Innocenz,
ich wei nicht, ich wei nicht.




ERZHLUNG DREIER KLEINER KINDER


Wir drei, Nikolaus, der nicht sprechen kann, Alain und Denis, sind
hinausgezogen auf die Landstraen, um nach Jerusalem zu ziehen. Schon lange
laufen wir. Weie Stimmen riefen uns in der Nacht. Sie riefen alle kleinen
Kinder. Sie waren wie die Stimmen der Vgel, die im Winter starben. Und
zuerst haben wir viele arme Vgel gesehen, die ausgestreckt auf dem
gefrorenen Erdboden lagen, viele kleine Vgel mit roten Kehlen. Dann haben
wir die ersten Blumen und die ersten Bltter gesehen und wir haben daraus
Kreuze geflochten. Wir haben vor den Drfern gesungen, wie wir es sonst
immer zum neuen Jahre taten. Und alle Kinder kamen zu uns gelaufen. Und wir
sind weitergezogen wie eine Herde. Da waren Mnner, die uns fluchten, weil
sie nicht den Heiland kannten. Frauen gab es, die uns am Arme festhielten
und uns ausfragten und unsere Gesichter mit Kssen bedeckten. Und es gab
auch gute Seelen, die uns Holznpfe mit warmer Milch und Frchte brachten.
Und alle Leute hatten Mitleid mit uns. Denn sie wissen nicht, wohin wir
gehen und sie haben die Stimmen nicht gehrt.

Auf der Erde gibt es dichte Wlder und Flsse und Gebirge und Wege voller
Dornen. Und am Ende der Erde ist das Meer, ber das wir bald fahren werden.
Und am Ende des Meeres liegt Jerusalem. Wir haben weder Fhrer noch
Wegweiser. Nikolaus luft wie wir, Alain und Denis, obwohl er nicht
sprechen kann, und alle Lnder sind gleich und gleich gefhrlich fr
Kinder. berall gibt es dichte Wlder und Flsse und Gebirge und Dornen.
Aber berall werden die Stimmen mit uns sein. -- Bei uns ist ein Kind, das
Eustachius heit; es ist blind geboren. Es hlt die Arme immer ausgebreitet
und lchelt. Wir sehen nicht mehr als er. Ein kleines Mdchen fhrt ihn und
trgt sein Kreuz. Sie heit Allys. Sie spricht niemals und weint niemals.
Sie richtet ihre Augen immer auf die Fe Eustachius', um ihn zu halten,
wenn er strauchelt. Wir lieben alle beide. Eustachius wird die heiligen
Lampen des Grabes nie sehen knnen. Aber Allys wird seine Hnde nehmen, um
mit ihnen die Steine des Grabes zu berhren.

O, wie schn sind die Dinge auf der Erde. Wir erinnern uns an nichts, weil
wir nie etwas gelernt haben. Doch wir haben alte Bume und rote Felsen
gesehen. Manchmal gehen wir lange durch die Finsternis. Manchmal laufen wir
bis zum Abend ber helle Wiesen. Wir haben Jesu Namen in Nikolaus' Ohren
gerufen, so da er ihn gut kennt. Aber er kann ihn nicht nennen. Er freut
sich mit uns ber das, was wir sehen. Denn seine Lippen knnen sich zum
Lachen ffnen und er streichelt unsere Schultern. Und so sind sie gar nicht
unglcklich; denn Allys wacht ber Eustachius und wir, Alain und Denis,
wachen ber Nikolaus.

Man sagte uns, da wir in den Wldern Menschenfresser und Werwlfe treffen
wrden. Das sind Lgen. Niemand hat uns erschreckt; niemand hat uns ein
Leid getan. Die Einsiedler und die Kranken kommen, uns zu sehen, und die
alten Frauen znden fr uns Lichter in den Htten an. Man lt fr uns die
Kirchenglocken luten. Die Bauern erheben sich von den ckern, um uns zu
ersphen. Auch die Tiere betrachten uns und laufen nicht fort. Und seit wir
unterwegs sind, ist die Sonne wrmer geworden und wir pflcken nicht mehr
dieselben Blumen. Aber alle Stengel lassen sich in derselben Form flechten
und unsere Kreuze sind immer frisch. So ist unsere Hoffnung gro und bald
werden wir das blaue Meer sehen. Und am Ende des blauen Meeres liegt
Jerusalem. Und der Heiland wird alle kleinen Kinder zu seinem Grabe kommen
lassen und die weien Stimmen in der Nacht werden frhlich sein.




ERZHLUNG DES SCHREIBERS FRANOIS LONGUEJOUE


Heute, am fnfzehnten Tage des Monats September, im Jahre
zwlfhundertundzwlf nach der Fleischwerdung unseres Herrn, sind in die
Kanzlei meines Herrn Hugues Ferr mehrere Kinder gekommen, die verlangen,
ber das Meer zu fahren, um das heilige Grab aufzusuchen. Und weil
genannter Ferr nicht genug Handelsschiffe im Hafen von Marseille hat, so
hat er angeordnet, da ich Meister Guillaume Porc bitte, er solle die
Anzahl vervollstndigen. Die Meister Hugues Ferr und Guillaume Porc werden
um unseres Heilandes Jesu Christi willen die Schiffe bis zum heiligen Lande
fhren. Es sind augenblicklich um die Stadt Marseille mehr als
siebentausend Kinder versammelt, von denen einige welsche Sprachen reden.
Die Ratsherren frchteten mit Recht den Ausbruch einer Hungersnot und haben
sich im Rathause versammelt, wohin sie nach geschehener Beratung unsere
obengenannten Meister befohlen haben, um sie zu ermahnen und dringend zu
bitten, eilends die Schiffe zu schicken. Das Meer ist jetzt wegen der Tag-
und Nachtgleiche sehr bewegt, aber es ist zu bedenken, da ein so groer
Zustrom fr unsere gute Stadt sehr gefhrlich werden kann, um so mehr, als
alle diese Kinder durch die Lnge des Weges ausgehungert sind und nicht
wissen, was sie tun. Ich habe es den Seeleuten im Hafen bekannt gegeben und
die Schiffe bemannen lassen. Zur Vesperstunde wird man sie ins Wasser
ziehen knnen. Das Kinderheer ist nicht in der Stadt, sondern alle laufen
am Strande herum und sammeln Muscheln als Abzeichen fr die Reise und man
sagt, da sie sich ber die Seesterne wundern und denken, sie seien lebend
vom Himmel gefallen, um ihnen den Weg zum Heiland zu weisen. Das ist, was
ich ber dieses auergewhnliche Ereignis zu sagen habe: erstens, da es
wnschenswert ist, da Meister Hugues Ferr und Guillaume Porc schnell
diese fremde, unruhige Menge aus unserer Stadt fhren; zweitens, da der
Winter sehr hart war, wodurch die Erde in diesem Jahr arm ist, was die
Herren Kaufleute genau wissen; drittens, da die Kirche gar nicht von der
Absicht dieser vom Norden kommenden Herde unterrichtet war, und da sie
sich nicht um die Torheit einer kindischen Schar _(turba infantium)_
kmmern wird. Und man mu Meister Hugues Ferr und Guillaume Porc loben
wegen der Liebe, mit der sie unserer guten Stadt zugetan sind, wie auch
wegen der Ergebenheit fr unseren Heiland, indem sie ihre Schiffe schicken
und sie begleiten zu dieser Zeit der Tag- und Nachtgleiche und trotz der
groen Gefahr, durch die Unglubigen angegriffen zu werden, die auf ihren
Feluken von Algier und Bugia aus Seeruberei auf unserem Meer treiben.




ERZHLUNG DES KALANDARS


Ruhm sei Gott! Gelobt sei der Prophet, der mir erlaubt hat, arm zu sein und
den Herrn anrufend durch die Stdte zu irren. Dreifach gesegnet seien die
heiligen Begleiter Mohammeds, die den gttlichen Orden errichteten, dem ich
angehre! Denn ich gleiche ihm, der mit Steinwrfen aus der Stadt gejagt
wurde, die so ehrlos ist, da ich sie nicht nennen will und der in einen
Weinberg flchtete, wo ein Christensklave sich seiner erbarmte und ihm
Trauben gab, und als der Tag sich neigte, durch die Worte des Glaubens
bewegt wurde. Gott ist gro! Ich habe die Stdte Mossul, Bagdad und Basrah
durchquert, ich habe Salaed-Din (seine Seele ruhe in Gott) und seinen
Bruder, den Sultan Seif-ed-Din gekannt und ich habe den Beherrscher der
Glubigen gesehen. Ich kann sehr gut von dem wenigen Reis, den ich mir
erbettele, leben, und von dem Wasser, das man in meine Kalebasse giet. Ich
achte darauf, da mein Krper rein ist. Aber die grte Reinheit herrscht
in meiner Seele. Es steht geschrieben, da der Prophet, ehe er berufen
wurde, auf dem Erdboden in einen tiefen Schlaf fiel. Und zwei weie Mnner
stiegen herab und standen zur Rechten und zur Linken seines Leibes. Und der
weie Mann zur Linken schnitt seine Brust mit einem goldenen' Messer auf,
nahm das Herz und drckte das schwarze Blut heraus. Und der weie Mann zur
Rechten schnitt ihm mit einem goldenen Messer den Bauch auf, zog die
Eingeweide heraus und reinigte sie. Und sie brachten die Eingeweide wieder
an ihren Platz und von nun an war der Prophet rein, um den Glauben zu
verkndigen. Dieses ist eine bermenschliche Reinheit, die vor allem den
himmlischen Wesen zukommt. Jedoch auch die Kinder sind rein. Solcherart war
die Reinheit, welche die Prophetin zu erzeugen wnschte, als sie den
Strahlenkranz bemerkte, der das Haupt des Vaters des Propheten umgab und
versuchte, sich mit ihm zu vereinen. Aber der Vater des Propheten
vereinigte sich mit seinem Weibe Aminah und der Strahlenkranz verschwand
von seiner Stirn und die Prophetin erkannte so, da Aminah soeben ein
reines Wesen empfangen hatte. Ruhm sei Gott, welcher reinigt! Hier, unter
der Vorhalle dieses Basars, kann ich ruhen und ich werde die
Vorbergehenden gren. Hier hocken reiche Tuch- und Juwelenhndler. Hier
ist ein Kaftan, der gut tausend Denare wert ist. Ich brauche kein Geld und
bin frei wie ein Hund. Ruhm sei Gott! Ich erinnere mich jetzt, da ich im
Schatten bin, des Anfangs meiner Rede. Zuerst spreche ich von Gott (es gibt
keinen Gott auer Gott), und von unserem heiligen Propheten, der den
Glauben offenbarte, denn dies ist der Ursprung aller Gedanken, ob sie dem
Munde entquellen oder mit dem Schreibrohr geschrieben sind. Zu zweit
betrachte ich die Reinheit, mit der Gott die Heiligen und die Engel
begnadet hat. Und drittens denke ich nach ber die Reinheit der Kinder. Ich
sah vor kurzem eine groe Schar Christenkinder, die der Beherrscher der
Glubigen gekauft hat. Ich habe sie auf der groen Landstrae gesehen. Sie
liefen wie eine Herde Hammel. Man sagt, da sie von gypten kommen und da
die Schiffer der Franken sie dorthin gebracht haben. Sie waren vom Satan
besessen und versuchten, das Meer zu berqueren, um nach Jerusalem zu
kommen. Ruhm sei Gott! Er hat nicht erlaubt, da eine so groe Grausamkeit
vollendet wurde. Denn die armen Kinder wren unterwegs gestorben, da sie
weder Beistand noch Lebensmittel hatten. Sie sind ganz unschuldig. Und als
ich sie sah, habe ich mich zur Erde geworfen und mit der Stirn auf den
Boden geschlagen und habe den Herrn mit lauter Stimme gelobt. Jetzt will
ich erzhlen, wie diese Kinder aussahen. Sie waren wei gekleidet und
trugen Kreuze auf ihre Kleider genht. Sie schienen nicht zu wissen, wo sie
sich befanden und schienen nicht traurig zu sein. Ihre Augen sind bestndig
ins Weite gerichtet. Ich habe eins von ihnen bemerkt, das blind war und von
einem kleinen Mdchen an der Hand gefhrt wurde. Viele haben rotes Haar und
grne Augen. Es sind Franken, die dem Kaiser von Rom gehren. Sie sind
irrglubig und beten den Propheten Jesus an. Der Irrtum dieser Franken ist
offenbar. Denn erstens ist es durch die Schriften und Wunder bewiesen, da
es kein Wort gibt auer dem Mohammeds. Weiter erlaubt uns Gott tglich, ihn
zu rhmen und unseren Lebensunterhalt zu suchen und er befiehlt seinen
Glubigen, unseren Orden zu beschtzen. Auch hat er den Kindern den
Scharfblick versagt, denn sie sind ausgezogen aus einem fernen Lande,
verfhrt durch Iblis, und er hat sich nicht offenbart, um sie zu warnen.
Und htten sie nicht das Glck gehabt, in die Hnde der Glubigen zu
fallen, so wren sie von den Feueranbetern gefangen genommen und in tiefe
Keller eingeschlossen worden. Und diese Verfluchten htten sie ihrem
menschenfressenden, abscheulichen Gtzen geopfert. Gelobt sei unser Gott,
der alles wohl tut, was er tut und der selbst die beschtzt, die nicht an
ihn glauben. Gott ist gro! Ich werde jetzt meinen Reis im Laden dieses
Goldschmiedes fordern und meine Verachtung des Reichtums verkndigen. Wenn
es Gott gefllt, werden alle diese Kinder durch den Glauben gerettet
werden.




ERZHLUNG DER KLEINEN ALLYS


Ich kann nicht mehr gut laufen, weil wir in einem heien Lande sind, wohin
uns zwei schlechte Mnner aus Marseille gefhrt haben. Und zuerst wurden
wir an einem finsteren Tage mitten unter Blitzen auf dem Meere hin und her
geschttelt. Aber mein kleiner Eustachius hatte keine Furcht, denn er sah
nichts und ich hielt seine beiden Hnde. Ich liebe ihn sehr und bin
seinetwegen hierher gekommen. Denn ich wei nicht, wohin wir gehen. Wir
sind schon so lange Zeit fort. Die anderen erzhlten uns von der Stadt
Jerusalem, die am Ende des Meeres liegt und von unserem Heiland, der dort
sei, um uns zu empfangen. Und Eustachius kannte unseren Herrn Jesus gut,
aber er wute nicht, was Jerusalem ist, noch was eine Stadt oder das Meer
ist. Er ist fortgegangen, um Stimmen zu gehorchen und er hrte sie in jeder
Nacht. Er hrte sie in der Nacht, weil es dann still ist, denn er kann die
Nacht nicht vom Tage unterscheiden. Und er fragte mich wegen dieser
Stimmen, aber ich konnte ihm nichts sagen. Ich wei nichts und ich habe nur
Kummer Eustachius' wegen. Wir gingen immer mit Nikolaus, Alain und Denis
zusammen; aber sie sind auf ein anderes Schiff gestiegen und kein Schiff
war mehr da, als die Sonne wieder aufging. Ach, was ist aus ihnen geworden?
Wir werden sie wiederfinden, wenn wir bei unserem Heiland ankommen. Das ist
noch sehr weit. Man spricht von einem groen Knig, der uns zu sich kommen
lt und der die Stadt Jerusalem beherrscht. In dieser Gegend ist alles
wei, die Huser und die Kleider, und das Gesicht der Frauen ist von einem
Schleier verhllt. Der arme Eustachius kann diese Weie nicht sehen, aber
ich erzhle ihm davon, und er freut sich. Denn er sagt, das ist das Zeichen
vom Ende. Der Herr Jesus Christus ist wei. Die kleine Allys ist sehr mde,
aber sie hlt Eustachius bei der Hand, damit er nicht fllt und sie hat
keine Zeit, an ihre Mdigkeit zu denken. Heute abend werden wir uns
ausruhen und Allys wird wie immer nahe bei Eustachius schlafen und wenn die
Stimmen uns nicht ganz verlassen haben, wird sie versuchen, sie in der
hellen Nacht zu hren. Und sie wird Eustachius an der Hand halten bis zum
weien Ende der groen Reise, denn sie mu ihm den Heiland zeigen. Und ganz
sicher wird der Heiland Mitleid mit der Geduld Eustachius' haben und wird
erlauben, da Eustachius ihn sieht. Und vielleicht wird dann Eustachius die
kleine Allys sehen.




ERZHLUNG PAPST GREGORS IX.


Hier ist das mrderische Meer, das so unschuldig und blau erscheint. Seine
Falten sind weich und es ist wei umrandet, wie ein gttliches Kleid. Es
ist ein flssiger Himmel und seine Sterne leben. Ich denke darber nach,
auf diesem Felsenthron, auf den ich mich aus meiner Snfte tragen lie.
Dieses Meer liegt wirklich inmitten der Lnder der Christenheit. Das
geweihte Wasser fliet hinein, in dem der Heiland die Snde wusch. ber
sein Gestade beugten sich die Gestalten aller Heiligen und es wiegte ihre
durchsichtigen Spiegelbilder. Groes, gesalbtes, geheimnisvolles Meer, das
weder Ebbe noch Flut hat, Wiege des Azurs, wie ein flssiger Edelstein in
das Erdenrund gebettet, ich befrage dich mit meinen Augen. O Mittelmeer,
gib mir meine Kinder wieder! Warum hast du sie genommen? Ich habe sie nicht
gekannt. Ihr frischer Atem hat mein Greisenalter nicht umhaucht. Sie kamen
nicht, um mich mit ihren zarten, halbgeffneten Lippen anzuflehen. Ganz
allein, wie kleine Landstreicher voll auerordentlichen, ungestmen
Glaubens, eilten sie nach dem gelobten Lande und wurden vernichtet. Von
Deutschland und Flandern, von Frankreich, Savoyen und der Lombardei kamen
sie zu deinen treulosen Wellen, heiliges Meer, undeutliche Worte der
Anbetung murmelnd. Sie zogen bis zur Stadt Marseille. Sie zogen bis zur
Stadt Genua. Und du trugst sie auf deinem breiten, schaumgekrnten Rcken
in Schiffen davon; und du wandtest dich um und strecktest deine grnen Arme
nach ihnen aus und hast sie behalten. Und die anderen hast du verraten, da
du sie zu den Unglubigen fhrtest; und jetzt seufzen sie als Gefangene der
Anbeter Mohammeds in den Palsten des Orients.

Einst lie dich ein hochmtiger Knig Asiens mit Ruten peitschen und mit
Ketten beladen. O Mittelmeer, wer wird dir verzeihen? Du bist beklagenswert
schuldig. Dich klage ich an, dich allein, deine Klarheit ist trgerisch, du
bist ein schlechtes Spiegelbild des Himmels. Ich lade dich zur
Verantwortung vor den Thron des Hchsten, dem alle geschaffenen Dinge
untertan sind. Geweihtes Meer, was hast du an unseren Kindern getan? Hebe
zu Ihm dein blaues Antlitz, strecke Ihm deine schaumbedeckten Finger
entgegen; lchle dein unendliches purpurnes Lcheln; la dein Rauschen
sprechen und gib Ihm Rechenschaft.

Du bleibst stumm mit allen deinen Mndern, die zu meinen Fen am Strande
ersterben. In meinem Palast zu Rom gibt es eine alte schmucklose Zelle, die
das Alter gebleicht hat wie ein Chorhemd. Papst Innocenz pflegte sich
dorthin zurckzuziehen. Man behauptet, da er dort lange Zeit ber die
Kinder und ber ihren Glauben nachgedacht hat und da er vom Herrn ein
Zeichen forderte. Hier, von der Hhe dieses Felsenthrones, in freier Luft,
erklre ich, da dieser Papst Innocenz selbst den Glauben eines Kindes
hatte und da er vergeblich sein mdes Haupt schttelte. Ich bin viel lter
als Innocenz, ich bin der lteste aller Statthalter Gottes, die der Herr
hier unten eingesetzt hat und ich beginne erst zu begreifen. Gott offenbart
sich nicht. Hat er seinem Sohne am lberge beigestanden? Gab er ihn nicht
preis in seiner hchsten Angst? O kindliche Torheit, seine Hilfe
anzuflehen! Alles bel und jede Versuchung wohnt nur in uns selbst. Er hat
vollkommenes Vertrauen in das durch seine Hnde geschaffene Werk. Und du
hast sein Vertrauen verraten. Gttliches Meer, wundere dich nicht ber
meine Sprache. Alle Dinge sind gleich vor dem Herrn. Die stolze Vernunft
der Menschen gilt nicht mehr im Vergleich mit dem Unendlichen als das
kleine leuchtende Auge eines deiner Tiere. Gott gewhrt gleiche Gunst dem
Sandkorn wie dem Kaiser. Ebenso sndlos wie das Gold unter der Erde reift,
denkt der Mnch im Kloster nach. Ein Teil der Welt ist so schuldig wie der
andere, wenn sie vom Pfad der Tugend abweichen; denn sie stammen von Ihm.
In seinen Augen gibt es weder Steine, noch Pflanzen, noch Tiere, noch
Menschen, sondern nur Geschpfe. Ich sehe all die weien Kpfe, die deine
Wellen krnen und die in dein Wasser tauchen; sie springen nur eine Sekunde
in das Licht der Sonne und sie knnen verdammt oder erlst sein. Ein sehr
hohes Alter verringert den Ehrgeiz und klrt die Religion ab. Ich habe
ebensoviel Mitleid mit dieser kleinen Muschel, wie mit mir selbst.

Deshalb klage ich dich an, mrderisches Meer, da du meine kleinen Kinder
verschlungen hast. Denke an den asiatischen Knig, der dich bestrafte. Aber
er war kein hundertjhriger Knig. Er war nicht alt genug. Er konnte nicht
die Dinge des Weltalls verstehen. Ich werde dich daher nicht bestrafen.
Denn meine Klage und dein Rauschen wrden zu gleicher Zeit vor den Fen
des Hchsten ersterben, wie das Gerusch deiner Trpfchen zu meinen Fen.
O Mittelmeer, ich verzeihe dir und spreche dich los. Ich gebe dir die
heilige Absolution. Ziehe hin und sndige nicht mehr. Ich bin, wie du,
schuldig mancher Snden, die ich nicht kenne. Du beichtest unaufhrlich am
Strande mit deinen tausend seufzenden Lippen und ich beichte dir, groes,
heiliges Meer, mit meinen welken Lippen. Wir beichten einer dem andern.
Sprich mich los und ich spreche dich los. La uns zurckkehren zur
Unwissenheit und Reinheit. Amen.

Was soll ich auf Erden tun? Ein Shnedenkmal wird errichtet werden, ein
Denkmal fr den Glauben, der nicht wei. Die Zeiten, die nach uns kommen,
sollen von unserer Frmmigkeit wissen und nicht verzweifeln. Gott fhrte
die kleinen Kinder, die das Kreuz genommen hatten, durch die heilige Snde
des Meeres zu sich; Unschuldige wurden hingemordet; die Krper der
Unschuldigen werden ihre Ruhesttte haben. Sieben Schiffe scheiterten auf
dem Riff von Reclus; ich werde auf dieser Insel eine Kirche Zu den Neuen
Unschuldigen Kindlein erbauen und zwlf Priester einsetzen. Und du,
unschuldiges, geweihtes Meer, wirst mir die Krper meiner Kinder
wiedergeben; du wirst sie an den Strand der Insel tragen; und die Priester
werden sie in den Grften der Kirche bestatten und ber ihnen werden sie
ewige Lampen entznden, in denen geweihte le brennen und sie werden den
frommen Wallfahrern alle diese kleinen Gebeine zeigen, die hier in der
Nacht liegen.








KURT WOLFF VERLAG  LEIPZIG

MAURICE BARRS: Der Mord an der Jungfrau.
Geheftet M --.80, gebunden M 1.50.

PAUL CLAUDEL: Mittagswende. Drama in drei
Akten. bertragung von Franz Blei. Geheftet M 3.50, Luxusausgabe
M 12.--.

PAUL CLAUDEL: Der Tausch. Drama in drei
Akten. bertragung von Franz Blei. Geheftet M 3.--, gebunden
M 4.--, Luxusausgabe M 18.--.

GUSTAVE FLAUBERT: In Memoriam.
Ein Buch des Andenkens von Caroline Franklin-Grout, Guy de
Maupassant, Edmond und Jules de Goncourt und Emile Zola.
Herausgegeben und bersetzt von Dr. E. W. Fischer. Einbandzeichnung
und Titelholzschnitt von Walter Tiemann. Geheftet
M 4.--, Leinenband M 5.--.

FRANCIS JAMMES: Gebete der Demut.
Geheftet M --.80, gebunden M 1.50.

DIE GESCHICHTE DES ZAUBERERS
MERLIN. Aus dem Altfranzsischen bertragen v. Dorothea
Schlegel. In Bukramleinen M 4.--.

GEORGES RODENBACH: Das tote Brgge.
Roman. Deutsch von F. v. Oppeln-Bronikowski. _Zweite Aufl._
Gebunden M 3.--.

AUGUSTE RODIN: Die Kunst. Mit 70 Bildertafeln.
Ausstattung von Walter Tiemann. _Neue Volksausgabe._
Gebunden M 5.--.

J. J. ROUSSEAU: Der Dorfwahrsager. Ein
Singspiel. Geheftet M --.80.






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