The Project Gutenberg EBook of Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold Schefer

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Title: Der Hirtenknabe Nikolas
       Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Author: Leopold Schefer

Release Date: July 4, 2012 [EBook #40138]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HIRTENKNABE NIKOLAS ***




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Anmerkungen zur Transkription

Funoten wurden am Ende des Buches gesammelt. Offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert.





Der Hirtenknabe Nikolas.

Motto:

   Der Phantasie gehrt der Mensch; das Kind,
   Vom Ammenmrchen auf; und jeder Thorheit
   Und jedes hchsten Opfers ist er fhig,
   Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt.
   Denn wiederum gewhrt die Phantasie
   Die Welt ihm! Alles Schnste ist ihr Traum,
   _Wer_ in der Phantasie lebt, lebt im Himmel;
   _Was_ aus der Phantasie fllt, das ist todt;
   Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz --
   Am Tage ward er -- eine hohle Weide,
   Und wird nie mehr ein Engel; eine Hhle
   Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf
   Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube.




Der
Hirtenknabe Nikolas,

oder

der deutsche Kinderkreuzzug
im Jahre 1212.


Nach den Chroniken erzhlt
von
Leopold Schefer.


Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1857.






Erstes Capitel. Zwei Flchtlinge und ein Verfolger.


Es ritten drei Reiter nach Kln, am linken Ufer des Rheins zu Thal. Das
waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schne
dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen
Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergngt, als Franzosen. Der krftige
unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und
Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in
spanischem Mantel und Barret -- unverkennbar ein Jude -- nur Doctor, wie er
sich ihm genannt, und der Doctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm
selber lchelnd genannt: Herr Grohndler, ob er gleich ein
Patricierssohn aus Kln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause
reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefhrlichen
Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von
neapolitanischem Gebude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der,
seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen,
weil ihn ein Schmerz in den schnen Zgen stand, die manchmal zu einer
ersehnten Rache aufblitzten.

Der Reitknecht mit dem Packpferde mute, um nichts von ihren Gesprchen zu
hren, immer ber dem Winde reiten -- bei Nordwind voraus, bei Mittagswind
hinterher.

Jetzt sprengte von Kln her ein schner, sehr schner junger Mann mit
goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferde an ihnen
in frhlichem Sturme vorber. Der Italiener hielt, so lang er ihn
daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach;
aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann
verdrossen zurck zu den beiden Gefhrten.

War er es nicht? frug ihn der Klner ins Blaue.

O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich wei ihn da drinnen! Da wohnt er
nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht
. . . wenn auch das hundertste mal erst, gewi, kommt ihm die Rache so gut
wie dem Kaiser,[A] der unser schnes Mailand verbrannt und von der Erde
weggetilgt --. So mag er glauben. Auch ein schner Glaube!

Nichts Bses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; -- ich will es vor
den Thoren der Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Klner, und meine
liebe, liebe schne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei
Knige in ihren Schreinen oder Srgen; und Kln wird noch heiliger als es
schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites
Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar
sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heien
Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim
zusammenhngt, und beide als ein Paar Brder abwechselnd reden und sich
antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wrme
und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Stdte, die auch ihre Wrde
erkennen und ihren Werth fr sich und im Lande zu schtzen wissen, meine
ich.

[Funote A: Friedrich I.]

Das Ding von dem unterirdischen und berirdischen Feuer ist wirklich wahr
und sichtbar, sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova
ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon
hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grnen Feigen zur Noth essen,
und die immer gelsternen Weiber aen schon als Leckerbissen die grnen
rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blhten
die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blten, umschwrmt von
Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand
wie eine grne Pyramide in der blauen Luft -- wie ein begrabener Riese, nur
droben eine weie Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber
allmlig die Wunder der sdlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der
Schweiz, der unberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein
hinab zog uns der Frhling nach, als lichte prchtige Wolken droben,
verleiblicht als wilde Gnse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten
als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im
Grase, angrnende Bume und vollschwellende Knospen mit schon weien
Spitzen der Blten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes
Land, eine verfluchte Fremde, in die wir _hinaus_ gestoen sind in immer
lngere Verbannung -- aber ich wei nicht: mich rhrt doch die Erde und der
Himmel droben, und wir sind dennoch _gleichsam_ noch Menschen mit Augen und
Ohren und Menschenherzen mit Liebe fr ein schnes gutes Weib und junges
liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben,
solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt -- und gewi noch drei Tage
lnger, wenn nicht viere!

So schlo er fast lachend -- aber wischte sich die Thrnen aus den groen
schwarzen Augen und von den gesunden gebrunten Backen und strich sich den
Bart; und die Gefhrten hielten ihre Pferde und sahen sich den schnen
krftigen, verstndigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art
vierter heiliger Drei Knig, der hier in der Irre ritt.

Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins
hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das
grne abendsonnige Gefild mit Drfern und Schlssern und spiegelnden
kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berhrte und
kte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde -- das Zeichen fr alle
Schulmeisterjungen auf den Drfern zum Abendgelut; und der ursprnglich
chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken flo von den
Thrmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft
und go zauberischen Frieden ber die Menschen, die, in der ewigen
Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe luteten, als sei da
wieder eine Blte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein
Friedenvolles fr die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares fr die
Augen, ein Rhrendes fr die Herzen zu sehen -- eine leisschleichende bunte
Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der
gefildgroe Schild einer bunten mehr als riesengroen Landschildkrte; und
die Schildkrte _weinte_ -- sie _sang_ -- sie _klagte_ -- sie _betete_ mit
tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott
-- und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und
wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme
umfalich.

Und der jdische Doctor sprach tief gerhrt: O Herr, ist denn auch hier die
_Krankheit_ ausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in der Zeit gewesen, da
das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus
Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen
sein, mit nur einer kleinen Thr, zu der man nur die Gesunden an Leib und
Geist hereinliee. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in
den aufschlagenden Dnsten, die sich bei jedem Futritt jedes Menschen aus
der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrckt
oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich mu doch sehen: die Augen! die
Zunge! den Puls mu ich fhlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und
Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rcken, ob sie dicke Buche haben,
harte?

Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten
und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen
Menschheit Nutzen und Heil ereifert -- aber vorsichtig nur langsam unter
den nchsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mdchen die sich
hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einbten und vorbereiteten,
wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug ber das Meer und die Lande mit
ihren Jungen auf dem Anger im groen Kreise sich ben; dann wieder ruhen
und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne
Fhrer, sondern wirklich ohne Fhrer; dann nicht nur sie, die Schwalben,
sondern auch die Heerden Kraniche, Strche und wilden Gnse und
schnatternden Enten. Diese Jungen aber hatten Fhrer, fast lauter
Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen.

Nher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die
Uebersetzung derselben, wie er von den franzsischen Kindern gehrt:

   Herr, gib uns das wahre Kreuz zurck!
   Und nebenbei all' all' alles Glck,

Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen
Herren Fhrer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm berflssig. Alle
sind wie Einer und Einer wie Alle, sah er. Er beschenkte einige von ihnen
nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stcken
erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm
gewnschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja
er weinte wirklich nchterne gesunde Thrnen mit ihnen -- mute sie endlich
ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lchelte die
Gefhrten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs
auf einen Hgel zu, der der todte Jud' oder der Judentod beim Volke
heit, wie der Grohndler sagte, von wo man ganz Kln berschauen kann,
worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glhte. Der
jdische Doctor konnte es aber nicht auf dem Herzen behalten, noch zu
sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Hnden zu
greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen -- wenn wir auch andern
Gestirnen am Himmel rings jeden mglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung
gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab' ich gelesen, da die Athener
Brger und Brgerinnen in ihrer aufgeklrtesten Zeit von einem ernsten
Spavogel gehrt: Am nahen Berge Hymettus sind groe goldene Pferdeameisen
und Ameisenhaufen mit goldenen groen Ameiseneiern entdeckt worden; --
worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben
und Scken hinausgezogen, aber mit leeren Hnden zurckgekommen; aber den
Spavogel _fr den lustigen Tag_ mit lachendem Muthe reichlich belohnten.
Und sichtbar ist: das Gelobte Land mu uns nur auf Zeit gelobt worden sein,
denn sonst htten _wir's_ ja noch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann
ich sagen: wie vieles Verwirrende haben _wir_ nicht! Wie Vieles sind wir
los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder
zu erobern. -- Aber auf dem Hgel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen
frische Pfhle ein -- Brandpfhle! Nur etwa fr keinen von unsern Leuten!
Der Herr erbarm' sich!

Aber das sah und hrte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er
18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im
unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die
Mauern glnzten; ihre Thrme leuchteten wie dicke mchtige Kerzen; die
Kuppeln der Kirchen und Klster brannten und ihre hohen Thrme schossen wie
Flammen empor _in den Himmel_ und zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die
hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendeten die Augen bis
hier heraus, da er sie davor mit den Hnden bedecken mute. Dann streckte
er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschttertem
Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Kln! Und die Glocken schlugen
darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rhrende Tne und blhende
Farben berwltigten ihn, da er weinte. -- Und der junge Rittersmann, ja
selbst der Arzt -- ein Fremder in jeder Heimat -- war doch gerhrt. Auch
ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lcheln in seinem Angesicht voll
schweren Ernst der Welt.

Darauf schweifte der klner Herr mit Blicken umher, nach seiner Vter Burg,
mit dem schnen See und dem schnen Garten. Ach, das ist nur die
Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schlo der alten reichen Schaafhausen,
-- und dort nur das Schlo der edeln Hompesche -- dort brennen schon die
vielen Tpferofen in Effern, erst ganz bla und wie der noch in der
Abendrthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos -- dort das ist das Schlo
der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen -- der Delius,
auf Klettenberg -- ach! und dort aus den Linden ragt meiner Vter Schlo,
die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Rmer-Aufwurf, der
Zug, grnt weit herum schon an vom Frhling. Ach, wenn nur nicht alle
meine Vter, Mtter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem groen
Kirchhofe da zu Melaten lgen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem
Staat, das sollte eine sehenswrdige Gesellschaft sein, und gar erst welche
hrenswrdige! Sie hatten die Vorliebe fr alle Drfer auf Ich, die sie
nacheinander besaen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich,
Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, gro und klein Virn-Ich und zuletzt
gar Ichen-Dorf.

Sie sprengten auf den Hgel.

Und einer der berhmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten _Funken_,
ein alter Funke, der hier auf dem Hgel mit andern ber die Arbeiten mit
Pickelhaube und Spie Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und
frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich?
_Das_ ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, frh
und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm
Grovater. Der alte Elias war Schfer derzeit, und ist richtig auch in
Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tchtigen Schfer
nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schnen
Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein
junges kluges Blut, htet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der
alte Bertram -- und Sie, _sind Sie nicht Herr Sinzenich?_

Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das
Wort um ihn herum: Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht
Herr Sinzenich? . . . und selbst der Doctor lachte.

Da sah ihn _der Funke_ scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude?
und trgst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her
mit dem Schwert!

Dabei stie ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und ri ihm das Schwert
aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm
auch noch die Scheide sammt der Kette.

So ist's recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte
ihn klglich und sagte: Ja, ich bin _der Raimund_, und frug ihn: Bertram,
alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die hfliche Antwort
fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat
hier drauen misliche Geschfte -- auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon
offenbaren! Kommt nur erst heim!

Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt?

In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod
oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der
Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, berall hlfreichen Mann
erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit
dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold -- ich
floh aus Spanien, vor . . .

Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein
Geld aber habe ich durch treue Hnde auf sicherm Wege vorausgesandt.

Dem jungen Ritter gab er Strae und Haus an, und erfuhr dagegen von ihm, wo
er wohnen wrde.

Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte fr sich seinen
Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als fr einen Ochsen; und
sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dmmerige Stadt hatte das
Ansehen einer einzigen groen Schneiderwerkstatt; berall in den Lden der
Strae hingen Kinder-Pilgermntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhte mit
breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen
und Fhnlein steckten aus; Schuhe und Grtel hingen -- Alles zu vielen
Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den
Rcken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: der Inhaber habe gelobt: ins
Gelobte Land zu pilgern; wovon ihn kein weltlicher Knig, kein Erzbischof
lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes.

Kln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein groes
lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraen, die schne
Hochstrae und die nach dem Rheine fhrende Schildergasse bilden, soda die
Stadt in vier disparate -- damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie
sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam
nach dem alten Grzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jdischen Arzt nach
seines Bruders groem schnen, palastgleichem verschattetem Hause, in
dessen Halle schon eine Lampe brannte.

Sie stiegen ab, und whrend der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart
zog, da er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem
Arm an die geschnitzte Thr, ja er kte das kalte eherne Lwengesicht
daran.




Zweites Capitel. Die Frau Rath.


Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen
Hauswart und rief vor Freuden den Namen _Hagebald_, alter Hagebald! Er
eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie inde noch gltter
gewordenes Gelnder die heie Hand ihm khlte, und ihn selbst durch und
durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem ber
dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die
Welt laufen mute, weil er die schnste Jungfrau von Kln, die einzige
Tochter des steinreichen _Wollenwebers_, die liebe _Irmentrud_, als
Patricier den Andern allen ehrenrhrig zur Edelfrau genommen, und ich wegen
meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jngling,
schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wre ich schon
eine _Katharer-Brut_, oder ein junger _Petrobrusianer_, die in der Stadt
schon damals bermchtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die
Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ich _ging_ natrlich ohne
Frau und Kinder, und _kehre_ unnatrlich von unsern Feinden beraubt, ohne
Frau und Kinder wieder.

Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, lie
ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: _Wer da weint, ist kein
Feind_, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er lie sich von ihm fr den
Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm
bekannte Wohnzimmer, in welchem ihm seine Schwgerin, die Frau Rath,
entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren
stark und vllig geworden in tausend Freuden- und Gngetagen -- aber
_jetzt_ wie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer groen Augen gekommen,
um die Rthe ihrer vollen Wangen; aber dafr mit Wehmuth in den Zgen, mit
verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre
Strafe Erwartende.

Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen
_Raimund_ aus.

Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, whrend er sie an die Brust
drckte.

Nach langer Zeit sprach er erst: _Mein Bruder_ lebt, hrte ich drauen
soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden
Tchter leben also auch, die ich noch nie gesehen -- die zeige mir doch!
Deine Aelteste, die nach unserer Gromutter _Frederune_ getaufte -- sie mu
schon 18 Jahre sein, und deine Jngste, die _Irmengard_, wol auch schon 13!
Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der gute _Aldewin_, oder alter Wein
-- wie ich ihn immer aus Neckerei nannte.

Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist ber unser
Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine
dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwgt er vor seiner Lampe am
Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O
da wir -- nicht etwa wieder glcklich werden, denn das ist uns auf Erden
nicht mehr mglich; aber da unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in
Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thr ein
Schlitzchen ffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt?

Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber
du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du wrdest
zu uns kommen und triffst auf den Tag ein -- und auch deine angezeigten
drei kleinen Fchen . . . Rosinen -- in jedem ein _kleines_ Tnnchen Gold
-- sind schon zur See ber Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir
drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um
dein Vermgen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so
nacheilst! Aber wo sind deine wahren grten lebendigen Schtze: dein Weib
Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon drauen in unserm Schlosse
die schnsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht
Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darber
freuen!

Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr!
-- Es ist jammervoll fr einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder
langer Zeit _noch ein Brief an einen Todten kommt_, der nicht mehr zu
bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o
nun erst eine groe Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen
gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch
Hlfe bringen soll!

Wozu ist das die ahnungsschwere bestrzende Einleitung? frug die Frau Rath,
indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern
legte und liegen lie.

Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod
nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als bse, rasende, aberglubische
Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen -- aus Furcht zu
bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand
genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weib auf eine Weise, die
einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste
ist fr ein treues Herz; -- und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen
in der Wiege, und das in der angezndeten, brennenden, erstrmten Stadt,
die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wre -- ohne den Verrath
und den Misbrauch, ein wthendes _Kreuzheer in der Heimat_ wthen zu
lassen!

O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heit die Stadt?

Sie hat geheien _Beziers_. -- _Beziers_! sprach er, stellte sich
stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem
Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen
Feind hat, der mu ihn kennen am besten durch und durch, und dazu mu er
sich _in ihn versetzen_, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn
herausfhlen, was er will und was er kann; er mu _aus des Feindes Augen_
sich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so mu er billig und
gerecht sein gegen den Feind, der _sich selber_ nur der beste, zrtlichste
Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufllig oder unvermeidlich
ihm in die Parade fllt . . . in die Percke . . . oder in die Krone. Da
ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem
Morgenlande, _in die Stadt_, die sonst -- wie man das abscheulich
_kleinlich_ und albern nennt -- der Welt gebot, die aber erbrmlich und
abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen
noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht
versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf-
und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem
Volk und den nchsten Vlkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja
grausamen, dort losen, dort tyrannischen oder habschtigen zeitlichen
Herren derselben doch einigermaen durch allerhand Knste und
Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch an _einen Schein_ des
Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu
legen.

Da sieht nun der redlichste _Dlpner_ ein, es braucht noch gar kein kluger
Klner zu sein: da wir dem neuen Pontifex maximus -- oder den grten
Brckenbauer ber die Zeit weg in den Himmel -- ein Dorn im Auge sind, ein
Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige
Schacher und Schacherjude durch seine bloe Erscheinung in der Sonne der
Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu
-- ohne nur zu hauchen -- in die Luft blst, soda er ihr Todfeind sein mu
-- so _mute_ er es auch _uns_ sein, _um nicht etwa schon uns_ -- sonst
ganz unschuldigen Reinen, uns Katharer in Sdfrankreich, Piemont und ganz
Oberitalien -- die wir jede Todesstrafe fr ungttlich und darum fr
hllisch und ganz abscheulich halten -- _fr Menschen zu erklren_. Und
_ohne_ Todesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da
auch diese kaum mehr abschreckt, hchstens nur angestaunte _neue Mrtyrer_
macht in neuer Welt; und nur der _Geistertod_, die Geisterunwissenheit und
Dummheit vermchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das grte Wunder
geschehen wird: Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf. Und wo
befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schrnken ihn ein? Etwa ber
der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit,
die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk
ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst
hier in unserm Kln ihre Zeit erwartend leben -- und an denen ich selbst
getreue, Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort
am frchterlichsten und entschiedensten hart in der Nhe bedrngt ist --
_denn der brennende Rock ist der wrmste_ -- soda er zuletzt nur mit einem
Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet -- oder aus dem Lande flieht, was
ganz gewi noch wird geschehen, wer es erlebt, da er die _Sarazenen_ aus
_Morgen_ und die _Mauren_ aus _Abend_ zu frchten hat, so hat er die
Kreuzzge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor den _nahen_ Feinden
_fr einen Kreuzzug erklrt -- und Er mit Recht!_ Cardinle haben diese
mordbrennenden Kreuztrger gefhrt -- darauf hat der Simon von Montfort die
Stadt Beziers belagert, erobert und Alles ber die Klinge _springen_
lassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten,
und die Kinder, die es noch nicht knnen. Mich, mich hat nach der
Vertheidigung bis auf den letzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines
erschlagenen Wthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den
Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil -- wie der Legat Allen zum
Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: _Gott_ wird schon die Seinen
kennen! Das eroberte Land gehrt nun seinem Eroberer, sammt den nun mit
Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele
und unserer kleinen Kinder.

Armer Mann! sthnte die Frau Rath.

Ich floh, unermordet, sprach er fast lchelnd. Ich freue mich ernst; denn
aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun
ber die Grenze geworfenen Feuerbrnde; die aber voll im Herzen
zusammengeschossener Glut sich auswrts sammeln, vereinigen, strken, um
Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das trstet mich hoch!
Unmenschliche Thoren mssen sich selber alle zugrunde richten.

Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde
gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hnde. Mag dir mein
Mann unser Geschick erzhlen. _Stumm_ duldet eine Mutter noch im
zerrissenen Herzen ihr Leid; aber laut es sagen, gleichsam es gestehen, es
beichten wie eine Anklage des Himmels, das, das kann ich nicht!

Sie ging wieder die Thr leis ffnen. Sie sah lang erstarrt hinein, dann
winkte sie bla wie der Tod den Bruder herbei; doch ehe er kam, strzte sie
schreiend zu ihrem Manne und rief: Er ist todt! Er stirbt!

Er eilte hinein. Die Lampe brannte hell auf dem mit einem niederlndischen
Teppich bedeckten Tische. Der Mann und Bruder und Vater sa daran auf
seinem geschnitzten Grovaterstuhle und hielt mit seinen beiden
ausgestreckten Hnden steif und starr ein offenes Pergament. Sein Bruder
Raimund, der nur kaum eine einzige Viertelstunde zu spt aus der Fremde
zurckgekehrt war, um ihn wiederzusehen, rang die Hnde ber sein Haupt.
Denn sein Gesicht bedeckte schon Todesblsse; er fing sich schon an zu
strecken, da der Tisch knisterte und der alte Stuhl sich rckte und
lebendig zu werden schien; ein Zittern durchrieselte ihn, da das Pergament
in seinen Hnden bebte. Er hatte die starren Augen noch gro und weit
offen, und sie glnzten wei und schauerlich. Sie wollten ihm eben brechen,
als er des Bruders ihn anrufende, ja anschreiende Summe doch noch zu
vernehmen schien, das Haupt noch zu ihm wenden zu wollen rang, aber kaum
regte, ihn anstarrte, ihn anlcheln wollte, aber starb. Die Augen brachen
ihm; der Tisch und der Stuhl knistern jetzt zum Frchten geisterhaft;
geisterhaft erhob sich seine Gestalt, von seinem letzten Willen
geheimnivoll mchtig, aber ohnmchtig emporgerissen, um ihn zu umarmen. So
mit ausgebreiteten Armen brach er zusammen und war, was die Leute so
nennen, ein Seliger.

Der Bruder sprang hinaus und fort nach dem neuen Freunde, dem Doctor, nach
Hlfe, wenn man den Todten noch helfen kann.

Sein Weib hielt ihn treu und thrnenlos in den Armen, ihre Stirn an seine
Stirn gelegt, und empfand sich nicht, und die Welt nicht, nur ein
namenloses Weh.

Der Arzt kam, den sie nie gesehen, und der weltfremde, ernste, gelassene
Mann war ihr der ersehnteste, theuerste Freund. Er prfte den Todten und
den Tod. Doch als er zuletzt mit Achselzucken mit der rechten Hand, wie
hflich, nach unten zu wies, wie um ihn der Erde zu befehlen, da sprach sie
leise: Er ist an Verzweiflung ber die Menschen gestorben. Ach, unsere
bittersten Feinde wohnen uns am nchsten! Was thut uns der Mann im Monde?
der gute Kerl!

Der Bruder drckte ihm sanft die Augen zu, dann band sie ihm schonend den
Mund zu, da er mit offenem Munde im Sarge nicht noch ber die Welt
schreien zu wollen scheine.

Die Todten haben vieles zu vergeben, ja Alles, sich sich selbst, das Leben
und die Welt, die ganze lange, lange Welt; sprach der weinende Bruder. Denn
was man auch dagegen zu sagen sich unterstehen mchte: wre die Welt nicht,
dann wre auch nie nur _ein_ bser Mensch gewesen und noch, oder wrde je
sein -- nie wre _eine_ Thrne geflossen! nie wrde in Ewigkeit ein Tropfen
Blut flieen. _Eine schne Sache!_ -- aber doch eine namenlos-tolle. Drum
wollen wir doch lieber vernnftig bleiben -- oder ganz es werden, und Allen
dazu rathen, Hohen und Niedern!

Sie lieen den Todten sitzen und ihn gleichsam zuhren, da er ber alle
Welt erhaben war; sie setzten erschpft sich an die andere, die leere Seite
des Tisches, und das nunmehrige Haupt der Familie ergriff getrost das
gefhrliche Blatt, und mit dem derben Vorsatze: kein Narr der Welt oder
irgend Jemandes darin zu sein, berflog er es erst mit feindlichen
abstoenden Blicken, um ihm seine ansteckende oder betubende Kraft zu
benehmen, und las dann, erst leis und stzeweise, dann immer lauter und
verbitterter -- _der neuen Witwe_ und dem feuerfesten neuen Freunde die
Antwort der Behrde auf des Gestorbenen Eingabe.

Sie hatten aber eine stille Zuhrerin bekommen, die in das Haus gehrte.
Denn die jngste Tochter des gestorbenen Vaters, welche ohne Einwilligung
der Aeltern _das Kreuz genommen_, die dreizehnjhrige _Irmengard_, war mit
ihrer Kammerjungfer _Gaiette_ -- einem franzsischen tchtigen Mdchen, das
hier im deutschen Lande _Frohgemuth_ oder Frohmuthe hie -- von der groen
Procession der jungen Kreuzfahrer oder Kreuzfahrtjungen und Mdchen, die
sie auf den Feldern vor der Stadt gehalten hatten, jetzt Abends nach Hause
zurckgekehrt und in ihrem langen Pilgerkleide, ihrer _Sklawine_, durch das
dunkle Zimmer der Mutter in des Vaters Zimmer getreten und auf dem weichen
Teppich hingeschlichen sich auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt, die Hnde
zum Beten gefaltet. Aber die Neugier: wer die fremden Mnner seien, war
strker als Alles, und vom Vater hatte sie den falschen Glauben, er sitze
nur so mit verbundenem Munde da, weil er Zahnschmerzen habe.

Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt
im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen
Heerde von Knaben und Mdchen ermdet, sa sie in ihren Locken, zum
Verwundern zugleich und zum Kopfschtteln sonderbar und doch hbsch, wie
eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mit Armen und Beinen
und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da,
der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem
einen Ku gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller
Menschen- und Mdchenglut.

Und so hrte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund
mit erschtterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zgernd Das
aussprach, was berhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, da er es
aussprach:

      -- -- -- Bescheid des Rathes der Hohen
      Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c.

      -- Leider und abermals leider ist das Unglck,
      wie der leidige Satanas, eine so freche
      Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts
      hchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten
      und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja
      an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmigstes
      Bedauern, da das in unsern Zeiten allerschmhlichst
      und redlich geschmhte Unglck auch
      Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes
      Mitglied selbst, in Eurer Tochter das
      Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja
      zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebhrendermaen
      bedauern, da wir Euch nicht helfen
      knnen, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen
      drfen; _ausgenommen wir leugneten die
      Schpfung der Welt, Sndenfall und
      Erlsung, und htten wenig, ja keine
      Furcht vor einem Weltgericht,_ das Gott
      uns Allen gndig gebe! Amen.

      Weswegen wir Euch denn unsere gerechte
      Freude bezeigen und Euch hochbeloben, da Ihr
      in Eurer -- hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst
      gar nicht mehr _um das Leben_
      Eurer verlorenen, ja schon vorlufig verfluchten
      _Tochter_ Frederune bittet, sondern blos, zugleich
      als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu
      leugnender _Grovater_ von mtterlicher Seite,
      nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch
      gottergebenst uns vor Ohren bringt,
      da an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen
      Tage der _Hurd_: ihr armes Wrmlein, ein
      Knblein oder ein Frulein, oder so Gott so
      gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch
      und schon mit verbrennen mssen, ohne noch
      schreien zu knnen; ihr aber zur unnatrlichsten
      oder natrlichsten Qual, ja Verzweiflung, inde
      _wir zu unserm Heil nichts mit der Natur
      zu thun noch zu schaffen haben_, also
      nicht zugeben knnen noch wollen, weil wir,
      wie besagt, nicht wollen drfen, auch wenn wir
      wollten, und unsere Weiber daheim uns mit
      Thrnen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher
      Schwachheit; weil ja Eure Tochter _alsdann_
      sogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle
      mit ihrem Galan, _wenn und sobald sie nur
      das Kind geboren, gesehen, zum Himmel
      gehoben und redlich, ja ber die Maen
      beweint_; ja auch stillschweigend erdulden wolle
      und msse, da es _nach seiner Geburt_ auf den
      Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die
      kleinen Gebeine des armen Wrmleins, des armen
      Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche
      verbrannt werde, weil ihm die bse sndige Welt
      seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines
      Lebelchens gesetzet.

      Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewhrbarste
      und wird der Mutter hierdurch ehrenfest
      abgeschlagen, welches Ihr derselben in
      Person zu verknden und zu ihr in Kerker zu
      gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie
      von der Sndhaftigkeit solcher Bitte zu berfhren
      und wo mglich ihre Seele zu retten,
      _wenn der Glaube die alberne Natur von
      ihr austreibt_. Darum berwindet Euch zu
      dem Gange eines rechtschaffenen Vaters und
      _halb nicht zu leugnenden Grovaters_
      und Rathes!

      Denn wre das Kind _nicht_ eines, wenn
      auch noch so schnen, reichen und ehrlichen, wenn
      man so zu sagen sich herausnehmen drfte: --
      aber doch _Juden_ Kind, so htte das Mal
      nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten:
      es wre ein richtig eingeschriebener Himmelsbrger
      oder Brgerin, und sie nur eine
      voreilige Mutter, die gegen Bue und Reue
      noch ein vergebenes Weib sein knnte. Aber
      ein Judenkind von einer Christin ist die allergreste
      Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein
      Kobold der Hlle, ein ver- und behextes Meisterstcklein
      des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch
      der Krfte Gottes mit Hnden und Beinen,
      wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein
      pures Engelein ist, verzeih' uns die heilige Mutter
      Gottes!

      Drum mu diese Misgeburt mit verbrennen,
      und mu ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen,
      damit Natur und Mutterherz durch
      unbeschreibliche Angst sie zur Erkenntni ihrer
      unverzeihlichen Snde zur gnadenerwerbendsten
      Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in
      den Himmel eingeht -- _wenn noch!_

      Wir haben zwar hier wie in allen Stdten
      am Rhein seit schon lange niemals ermangeln
      lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung;
      wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer
      Schdelsttte beweisen; aber in diesen neuesten
      und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie
      eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden
      Erfrischung! Denn was die Augen sehen,
      das glaubt das Herz. Und so bleibt die
      Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval,
      zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch
      Ihr Euch daran, wie wir Alle.

      Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit
      Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach
      der neu eingefhrten Jahreszahl seit Geburt
      unsers Herrn im Jahre 1212.

Wie die Mutter so ber den Tisch gebeugt lag mit dem Gesicht auf den Armen,
ohne vor Schrecken und Jammer nur eine Thrne vergieen zu knnen -- wie
Raimund, der Bruder des Todten -- wenn ein Todter noch Bruder, Schwester,
Vater und Mutter und Kinder hat und gehabt hat und noch haben kann anders
als dereinst einmal vorher im wachen Leben gehabte Trume -- als der Todte
mit blassem Gesicht und vor der erbrmlichen Welt geschlossenen Augen starr
dasa -- und indem der jdische Arzt halb ingrimmig, halb lachend ber die
kindische Erde erhoben, durchdringend sann: wie da noch zu helfen sei, ja
selbst durch die uersten Mittel; inde hatte sich die junge Tochter
Irmengard, die sich zum Kreuzzuge der Kinder geweiht, erhoben, war wie eine
junge Dmonin -- um fr die besondere Sache ein besonderes Wort zu
gebrauchen -- bis an den Tisch getreten, legte jetzt ihre Hand auf den Kopf
ihrer Mutter und sprach erzrnt: Also Mutter, du hast mich belogen! Meine
Schwester ist nicht nach Aachen gereist, sondern sitzt -- und weswegen! --
im Kerker der schwersten Todsnde schuldig, und unrettbar . . . das freut
mich im erleichterten Herzen -- denn sie ist meine Schwester nicht. Denn:
wer ist meine Schwester? Und du bist meine Mutter nicht, wenn du eine
Thrne ber sie weinst! Denn: wer ist meine Mutter? Und der Mann da, der
seine solche schuldige Tochter der so gnadenvollen seelenheilsorgenden, ja
doch blos zeitlichen Strafe der heiligen Kirche entziehen will, also die
Schuld und die Strafe, sich emprend, nicht anerkennt, der ist mein Vater
nicht! Denn: wer ist mein Vater? Was ist er?

Er ist todt, ein heiliger Todter! ein Vater! ihm thut kein Zahn mehr weh!
riefen Alle voll Grausen zugleich sie an.

Die begeisterte Irmengard schwieg pltzlich, schien gerhrt zu werden, da
sie den guten Mann anstarrte, und dennoch aus innerm grauenvollen Trotz ihr
Wort wiederholen zu wollen die Lippen ffnete, indem sie die Hand mit der
Geberde des Abscheus gegen den Todten ausstreckte.

Alle sprangen auf. Raimund fate sie mit beiden Hnden in den Haaren, hielt
sie starr fest, die ihn ruhig und lchelnd ansah, als er nach treffenden
Worten im Geiste suchte und endlich nur hervorstrmen konnte: Du
vertauschtes Teufelskind! Du auch kein Kind! keine Tochter! Du Molch aus
der Hlle! Drauf ri er sie an den Haaren nieder auf die Knie vor die
Mutter, und dann auf die Knie vor dem todten Vater, dessen kalte Hand er
ihr auf das Haupt legte, zum Zeichen: er habe ihr vergeben. Dann ri er sie
fort und stie sie hinaus, und schlo die Thr hinter ihr zu. Aber sie
donnerte mit den Fusten daran, da Allen der Athem verging, sie stumm sich
ansahen, dann schamvoll ber sie zur Erde und falteten die Hnde.

Da trat Raimund an die Thr und rief ihr zu: O du rasendes armes Kind; o
wisse: Niemand lebt, der nicht in jede Schuld verfallen kann . . . hte du
dich nur, da dich nicht ein Anderer verfhrt, -- ja da du dann dein Kind
nicht ermordest aus verzweifelnder Ehre: unschuldig zu scheinen! Du alberne
junge, noch pipende Gans, du weit es nicht: _wer etwas verwnscht, der
steht dem Verwnschten nher als Alle, die es gelassen empfinden._ Ha und
Verwnschung richten nichts aus, als sich selbst nur zugrunde. Doch was
weit du armes verdreht gemachtes Schaf, und sehr richtig und tchtig
verdreht, das mu man mit Thrnen in Augen gestehen! -- Doch dies mein Wort
das soll dir keine Prophezeiung sein, nur eine Bitte um Schwester- und
Mutterliebe.

Der jdische Doctor aber sprach: Da ist doch Moses ein anderer Mann; und
sein Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben und ehren, ist
das erste und letzte allen natrlichen Menschen, und wird die Welt
ausdauern selber bei wilden Thieren, Bren und Lwen, und Khen und
Klbern. -- Und wenn, was Gott verhten mge und zu verhten versprochen
hat, da die Welt noch einmal losginge, so wrde das Gebot als das Erste
aus der Erde wieder aufwachsen in Schlangen und Geier und Alles was kreucht
und fleugt. -- Ihr armen Leute! _Der Lichtwerth unserer Erde ist noch wenig
werth_; sag' ich dazu als Astrolog.

Die Mutter aber ging zu ihrem gestorbenen Manne, beklopfte ihm Haupt und
Schulter mit der Hand, kte ihm die Stirn und sprach dann: Wie gut haben
es doch die Todten! Hier den Vater rhrt solch Grauses nicht einmal zu
einem Seufzer! Und ber den ich nicht Thrnen fand, den mu ich schon
segnen -- den Todten! Und wie viel wird er noch verschlafen! O, es ist auch
ein Groes todt zu sein und sich nicht zu empfinden oder die Welt; denn
fhlten wir Menschen die Welt noch, wren wir da selig? O Zeit, zu welchen
bittern Qualen und unnthigen Worten zwingt uns das liebe leidige Leben.
Wann habe ich glckliches, ruhiges, einfaches, ja albernes Weib, wie mein
weiser Mann und Rath mich oft nannte, je solche Dinge berhaupt oder nur
fr Andere ertrumt, die ich erlebt und noch erst recht erleben soll! O
meine arme Frederune! und gar erst meine arme Irmengard! . . . Mir hat
einmal ein unglcklicher alter Mann gesagt, den ich trsten und beschenken
wollte: Mein gutes Kind, sagte er, da sagen sie, ohne da es Einer gesehen
hat: Gott hat die Welt geschaffen -- glaube es, wer es will und kann, ich
wei und sage: _Gott hat die Welt geweint!_ und die Sterne sind dir
schimmernden Thrnen aus seinen Augen, und so unzhlige -- er mu lange und
viel geweint haben, oder er weint noch schweigend immer fort. Den Mann
versteh' ich erst heut, und glaub' ihm noch morgen.

Die Mutter war darauf ihrer Tochter, die darum immer ihr Kind noch war,
weinend nachgegangen. Die Tochter war ihr zu Fen gefallen, und hatte ihr
geschworen, sie werde im Heiligen Grabe zu Jerusalem fr den armen Vater
beten! Und die Mutter hatte das angenommen, um sie zu schonen; denn sie
fhlte ihr an, da sie krank war, sehr krank im Kopf und darum auch im
Herzen, und beruhigte sie in der Hoffnung, da _sie_, als ihr letztes Kind,
sie nun doch nicht verlassen und hingehen wollen werde -- wo sie nicht
hinkommen, nur umkommen werde.

Aber Irmengard frug sie dagegen nur: Kann ich und du nun in der Schande mit
Ehren hier bleiben? Komme du selber auch mit! Denn wie viele arme Weiber
haben auch das Kreuz genommen! Und selber alte, die sich getrauen doch mit
uns Kindern fortzuwatscheln und zu humpeln. -- Und die Mutter schwieg. Aber
sie bestellte durch den Hauswart die Brderschaft, die das Begrbni
besorgen, aber sogleich _den Sarg_ herbringen sollte, um den Todten, den
das Volk aus Mitgefhl fr einen Selbstmrder halten knnte, wenn auch
gerade fr einen redlichen Vater -- die Nacht noch hinaus auf ihr Schlo
nach der Lindenburg zu tragen oder zu fahren; sie werde ihn begleiten.
Irmengard komme mit. Von dort aus wollten sie ihn still in ihre
Familiengruft nach Melaten begraben.




Drittes Capitel. Der Rath.


Raimund hatte seinen neuen Freund mit auf sein Zimmer genommen, und die
flinke Gaiette hatte ihnen Rheinwein, grne Becher und einen Teller
Carnevalgebck dazu hingestellt.

Sie gingen Beide gegeneinander auf und ab und blieben zu Zeiten in der
Mitte stehen, noch ohne zu reden, nur zu trinken vor erduldeter
Tageserhitzung und der Erregung des Abends, whrend das Carneval
eingelauten ward, und das lustige Volk durch die Straen schwrmte und
sang. Dem hrten sie so eine Weile zu -- als sei das die Welt.

Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei
Aufgaben zu lsen, schwere, schwere: Eure zwei Mdchen da zu erlsen, die
ltere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug,
also so gut auch wie vom gewissen Tode. _Aber die Kinder sind angesteckt._
Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sind _krank_ -- weiter nichts als
_krank_. Uebernehmt Ihr die ltere zu _retten_, ich will die jngste
bernehmen zu _heilen_, und mit der strksten Hoffnung nicht nur, sondern
mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach
Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr,
ohne rasend zu sein, da Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden
-- bis, wie Eure Frau Schwgerin von dem armen Lebensleider gehrt: die
Welt _ausgeweint hat_ und die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein
raptus, eine geistige Witterungskrankheit, eine Ausbildungskrankheit des
Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der
Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest -- den
Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr
aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die
Sndfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und
entzndetem Lavablut, uns hhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen
hier und da Alles mit der Erde, jetzt _Dies_, zu andern Zeiten _Das_, bis
sie platzt. Fr die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein
in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch, _aus dem die
Trume kommen_, spielt gerade die grte Rolle. Darum mu dem Bauche
geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel pltzlich
ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschen in sinnlose
Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, soda sie
mit Recht und zum Heile verworrener Kpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu
heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jdischer Arzt in
Spanien beschworen hat, da er unzhlige Sarazenen, Mauren, die vor
Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederum _ihres_ Propheten zu
pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens -- und _nach ihrem Tode_ also
damit zugleich -- _ohne Rckfall_ glcklich curirt hat. Und da, wie ich
hre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht -- so lat mich mit; ich
will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern
zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen,
deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes
Vermgen darum gben, sie zu Hause behalten zu knnen, und sie nicht halten
drfen! Die ganze Geschichte ist nur eine Krankheit, die mit _Thrnen_ ber
Andere beginnt -- und wenn die Kranken erwachen, mit Thrnen ber sich
selber erlischt und in Reue und Beschmung erstickt -- und doch sind die
Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt.

Sein Freund lchelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard
thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie
helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wre -- Gift.

Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernnftigen auf der
Erde, sprach der jdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem
widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, das _fhllos_ macht,
selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt
-- das wrde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im
Kerker; aber eben _sterben_, das will sie weder jetzt im Kerker, in
welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der
Hurd auf dem Hgel da drauen, _bis_ sie ihr Kind geboren, um welches sie
als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt -- sie will nur
mit dem Menschenkinde _an ihrem Theil die Welt mit geschaffen_ und mit
_geweint_ haben -- dann hat _sie ihren_ Evatheil erfllt, und will dahin,
begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen
erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der
Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen
und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein
gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlsung _mit Gold!_ Die Gelegenheit fr
Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjhrigen Nacht, zu
jeder Stunde.

Ich will mit Freuden ein Fa groe Rosinen daran setzen, rief der Kaufherr
freudig; das heit, erklrte er leiser dem Freunde: ein Fchen Gold, ja
das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Mnner. Der Handel hat
mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man
kann nichts Ntiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spt bekommt man
nicht mehr, was man bedrfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns
hlfe! -- Da steht man bestraft fr die Saumseligkeit, die Mutter der
Versumni. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Kln,
der mchtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich,
ehe man noch _Anno Eins_ schrieb, welche Einfhrung alle Chroniken erst
recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle
Contracte. Und mein Kln -- sammt seinem ganzen Weichbild mit _Stdterecht_
-- es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mchtigen, innig
verbundenen Hanse. In ihrem Saale hren wir von Fremden aus allen Landen
und von den einheimischen Mnnern -- Ihr von Euern reichen klugen Juden,
und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Ntzliche --
den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen
geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine
Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbst _kein_
Heide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut', als am Sabbath, ist
alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die
Straen.




Viertes Capitel. Der Saal der Hanse.


Als sie nun hinaustraten, muten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und
hren. Ein dumpfes Getrampel lie sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein
Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander,
aber alle als ein einziger Hall, wie von gedmpften Instrumenten, ein
kicherndes Lachen von Frhlichen, die sich den Mund zuhalten.

Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hrt sich an wie
ein verschlossener Hhnerstall. Das erinnert uns, in einem Laden auch
Masken vor unser Gesicht zu kaufen.

Sie drehten und wandten sich langsam durch das frhliche Volk, fanden bald
einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an,
von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an
ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem
Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden
Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich
steckte, und einen halben Centner Adjuvans, das er bezahlte und
versprach, Morgens Sonntags frh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur
Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich
zahlreiche Kunden versprechen durfte.

Wieder auf der Gasse, hrten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf
den Thrmen schlagen, aber ohne Ma und Takt, wie von mchtigen
Schmiedehmmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern
sie wurden geschlagen -- zerschlagen. Nher hinzugeeilt, hrten sie an der
nchsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und
Bolzen von Armbrsten und Rstungen einschieen, da sie droben gellten und
die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach
jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem
ungeheuer groen Hhnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen
Schreier schrien und lachten und krhten aus Masken.

Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die
Freunde zueinander. Das sind die furchtbaren Wollenweber! sagte eine
Stimme eines Vorber- und zu dem Aufruhr Eilenden.

Ein anderer kam, schon weislich entflohen, von dem gefhrlichen Orte
zurck, und sagte zu den furchtsam und mig Dastehenden: Sie sind mit
Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spiee erheben sich und
Hellebarden -- da sind denn auch unsere _Funken_ dabei, die die Stadt und
was drinnen ist beschtzen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder
selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch
durch erbrmliche Schlge und Beulen und Wunden.

Ein Carnevalspa mu sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit
Angst.

Und unter weiterwhrendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und
Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thrmen, eilten der Kaufherr und
der jdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedrnge, das je ferner je
dnner ward, nach dem groen, ber tausend Menschen fassenden Hansesaal im
Rathhaus.

Sie gelangten mit Mhe nur schon vor den Saal, dessen Thren weit offen
standen, und der groe Raum stand vollgedrngt von Menschen. Vor ihnen
drngte sich ein starker vierschrtiger Weinkrrner hinein, der rief: Hoho,
hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Krbis, und wenn
eintausend von der Decke fielen, da wren wol dreitausend Krbiskpfe
darin. Hier kommt man nicht mit Fen, nur mit Elnbogen hinein.

Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lcke gelangten sie
mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei
dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden
Wandleuchter, da an mehren Tischen dahinten doch Mnner saen, dicke und
wohlhbige, die ganz gewi schon vorher bequem hineingegangen sein muten.
Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzhlte, was drauen geschehen, noch
geschehe, und gar erst die Nacht geschehen knne oder wrde. Ein Anderer
schaltete Nachrichten oder Ergnzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal
zugleich, und noch Andere erklrten den bloen -- so Gott will -- Pfutsch
-- sich viel oberflchlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die
Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen
zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelchter erfllt.
Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde
sein, da man einige, gewi bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der
That ertappen, ergreifen und einstecken wrde, fr deren Freistellung ihre
Leute die Kirchenfenster wrden machen lassen und die Glocken umgieen
mssen.

Gut, da das nicht alberne prasselnde Schloen gethan haben oder die
himmlischen Blitze! Was wrde man mit denen allerhchsten Personen thun? --
Da ist es mit dem Einstecken nicht recht richtig und mit dem Bezahlen so
eine Sache! rief eine stmmige Maske zu allgemeinem Gelchter darein,
soweit man ihn gehrt.

Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie
jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den
Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und
Leibes- und Lebensvorsorge an den _jungen Kreuzfahrern_, oder
Kreuzfahrjungen und -Mdchen vergreifen, und an den _alten_ armen Weibern,
die unterwegs sich _besser_ Brot erwarten, oder berhaupt nur welches, und
wo mglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein
Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche auf das lose Maul schlug,
soda er schweigen mute vor Lippenblutspucken, whrend ihn ganz anders
Gekleidete in weien Masken kichernd und bellend und miauend auslachten,
von denen Einer nachher nur halblaut sprach: Der Dlpner hat es
getroffen! Dasmal geht es _gegen_ die Vernunft der Geistlichen, die Recht
haben, _wider_ den Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht
ab! lat das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale!

Und sie folgten langsam und unauffllig.

Da brachten vier bewaffnete Funken einen verwundeten Mann in den Saal
getragen, englisch, wie man es nennt, auf Hnden. Der Mann in
prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im
Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken
zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und bel zerzausetem Bart. Alle
erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines
Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedrnge den
armen Mann nicht hatte bringen knnen. Wo er vorbergetragen wurde, machten
sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saen,
und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorbergetragenwerden zu: Ach, du
unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal stultus in partibus
Insanorum gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. Die
Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.

Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit
besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und
richtig auch _Justus Jost_, war sein treuer lustiger Kamerad in der
lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte,
wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt
durch seine hhere eigenthmliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem
Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbrmlich
gelingt.

Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn,
was ihm fehle -- und er zischte: O, ich _habe_ es noch! Alles! und zeigte
ihnen ein paar ausgeschlagene Zhne, und betupfte die Nase, und legte die
Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir
nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lchelte mit dem
entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt
sprech' ich schuldlos, und gar erst nun _den Willen der Dummen_ kann ich
nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die
grausame Strafe, klug zu werden.

Diese Narrengesinnung rhrte seinen Jugendfreund Raimund, da er zu ihm
kniete, seine Hnde fate und drckte, ihm klar und hell in das Gesicht
sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch?

Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit -- noch vor Morgen! sprach
Jost.

Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergnnst du es mir? Ich habe
dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser.

Ich wei, ich wei, antwortete ihm Jost. Aber da mu ich dich bitten: komme
frh! das hat so seine _sterblichen_ Ursachen! Nun habe ich dich doch
wiedergesehen -- dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte
Freude.

Darauf hielten sie sich an den Hnden stumm.

Der jdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Strae ohne
Gefahr worden, ihn in den erzbischftichen Palast zu bringen, da ihm Hlfe
geschehe.

Die vier bewaffneten Funken, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen
gefolgt waren, sperrten inde durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren
saen, und wo es nun stiller ward, inde es ferner im Saal noch Gewirr gab.

Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da
das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne
Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschfte darin kein
Leben, das ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht
und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer
Patricier.

Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere
Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswrdige
redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten
seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafr Leiden zu ernten, unverzagt
erfllen. Das zeigen sie klar daran, da sie jetzt in den Husern von dem
Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thrnen abpredigen, und
wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt -- damit nicht die wol
zwanzigtausend Kinder[A] aus dem Rheinland und drben aus dem nchsten
Deutschland, -- den Vtern und Mttern zum Gram in weiter nichts als
unermeliches Elend rennen!

[Funote A: _Sicardi Chronicon._]

Da sind aber Andere, die obschon glubigen, zahlreichen, mchtigen
Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klglich und vernnftig
selber ihre Kinder zu Vernunft prgeln, die sie einsperren, um sie nicht zu
den Umzgen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen
Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nrnberg und noch
weiter heimlich fortfhren, bis der alberne Sturmwind vorbergebraust; und
was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren Reinen oder Ketzer,
von denen unsere Stadt halb voll ist -- was thun sie? Sie ergreifen jetzt,
fr jetzt und fr die Folge, die Gelegenheit, die so vernnftige
Geistlichkeit berhaupt bei dem glubigen Volke verhat zu machen, weil sie
vernnftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser
alter Hardenberg.

Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswrdig und
vterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung
anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen
der Unschuldige mit dreifachem Recht fhrt. Unschuldig war er am
Kreuzzug. Htte er ihn _verboten_, so htte das Volk ihn fr einen Trken
gehalten, wol abgesetzt. Er drfte noch keine Kirchthr an dem alten
einfallenden Peter an einem Heiligentage verschlieen, das Volk sprengte
sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde
an einer Straenecke auslschen lassen . . . nicht einem Benden sagen:
Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Snde vergeben,
und Priester sind Menschen. Geh' reuig nach Hause und bessere _dich_ -- und
_Gott_ vergibt die Snden unerforschlicherweise. Seine Vorfahren wurden
und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles
leiblich und zeitlich, und rtlich und hrbar, und sichtbar und fhlbar
vor- und darstellten, was _das Volk_ wollte, da sie wren, und was es zu
bedrfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte _in seinem rohen
unbeholfenen Leben voll tausend Mngeln in tausend Angst und Noth_. Einem
solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, da
nicht Gottes lieber Sohn tglich fr dasselbe geopfert wrde und der Welt
Snden auf sich nehme, damit sie wieder frhlich von frischem strebten, wie
neugeborene Kinder, _das_ war unmglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen
getrosten Tod, keinen Himmel; sie htten gemeint in das Fegefeuer zu
strzen, unerlsbar ohne Frbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel
geplagt in der Hlle zu schmachten unerlsbar. Wie wohlthtig ist solchen
armen Seelen, so lange sie solche sind, ein gttlicher allmchtiger
Stellvertreter Petri mit den Schlsseln des Himmels auf Erden -- und wie
wohlthtig ein mchtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle,
weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus -- _nur ein Glcklein,
das Abends Frieden ausduftet ber das Land_ -- und ein Kreuz am Wege, Tags
im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im
Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes
Auge, das getreu ihm zublinkt: Sei getrost -- ich bin da!

Das ist wol wahr und hrt sich recht lieb, ja schn an; sprach ein anderer
Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in
Gold geprgt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde
_inwendig_ einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es
will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will
fr die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts
ohne Ende begreifen kann -- es will fr _alle_ Snden _einen_ Vergeber, fr
_alle_ Uebel nur Einen Erlser -- fr alle Begebenheiten, ja Trume, eine
Zeit und einen Ort -- fr alle Heiligen je ein besonderes Bild -- fr alle
besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen -- und fr sein enges Herz
die ganze Welt in der Nu, in der _Erdenpilgertasche_ -- in der Scarsella.
Aber Eins ist noch wahrer, _noch entsetzlicher_ wahr: das ist die Trgheit,
die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein frh Erwachter _wieder_
aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich
begrbt. -- Ein gewisses faules Leben gefllt Allen! Wozu sich bermig
plagen? . . .

Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns
im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige
faulgewordene rmische Jugend: Ach wre das doch arbeiten!

Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug
aussehender brgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen
Kette sprach: Drauen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer
Metternich, Herr auf Metternich: Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit
in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den
Kinderkreuzzug erst recht nicht wnschen, ja frchten: _denn reisen, weit
und lange reisen_, das macht _klug_ ber Das, _was ist_, was sein kann, und
was nicht! Und nun gar unter _fremden_ Vlkern sehen und sich berzeugen,
da ein gewisser Gott sie segnet, da sie Frau und Kinder haben, und
seelenruhig froh und glcklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie
andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf
ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der
Reisende fr einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich
wird, _sehr_ bedenklich, selbst ber die Grber, die so heilig im Scheine
der Sonne, von Rosen und Jasmin umblht, in Frieden stehen, und zu denen
_sichtbarlich-fromme_ schne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Mnner und
Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche
Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens _die
Duldung_ aus dem rohesten Gemth, _die Verwunderung_ aus dem unverdorbenen
. . . und _das Segnen_ aus dem fr alles Schne und Gute empfnglichen
Menschen. _Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine
Heimat;_ und Pilger sind auch Reisende! -- und alle Heimgekehrten sollten
unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen
Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenlndischen
Mrchen, _weitglubig_ geworden, anhren und mich freuen zu mssen.

Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr drauen noch hinzu: Alles
ist Etwas fr den Tag, und sehr viel fr morgen und bermorgen. Die reife
Aehre ist voll Krner. Und immer gibt es vorschauende Mnner, _die sich
wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen_, und berhaupt
doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern
htten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der
Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschlieen, die wir
Stadt Kln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur
Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei
Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk
untersttzen, und die mchtigen Wollenweber beruhigen, die nur _mehr
Gewalt_ in der Stadt und darum _in den Rath_ wollen, um dann nur desto
erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen -- blos weil es ihnen eine
nicht besonders gnstige und grne, sondern wiederum aus _seiner_ Pflicht
oft stachelige starre _Macht_ ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus,
wo die himmlischen Mchte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt
geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer _Weberschlacht_
mit zerbrochenen Weberbumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen,
sthlernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen
mssen -- aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurckkehren,
die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den uern Rath
durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei mchten denn viele
Hupter des hohen Raths fallen![A] Wir leben also Alle in gar keiner
spahaften Zeit.

Jetzt meldeten hereingekommene Funken, da es nun mglich sei, auf
gewisse Weise den Freund _aller_ Klner, den theuern Narren Jost, nach
Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in
seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen
Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber
darin: die Funken hatten auf der Strae einen vorbergetragenen Sarg
aufgefangen und brachten ihn herein. Mnner Einer Brderschaft in gleichen
Kappen und Masken ergriffen das Mittel, ftterten den Sarg mit Teppichen
aus, baten den Narren, sich geflligst in den Sarg zu bemhen, hoben ihn
sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis
durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne
Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere
bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat
selbst fr einen _Betrunkenen_ eine gar wunderliche Einwirkung, schneller
wie ausgepreter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die
Masken auf der Strae machten Raum fr den Zug, und begleiteten in
pltzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser
duftiger warmer Frhlingsregen in sein offenes Gesicht sprhte, und der
endlich selber in rhrendem tiefen Ba seine Stimme erhob, das Tuba mirum
spargens sonum begann und das Requiem aeternam wundervoll sang.

[Funote A: Wirklich geschah _die Weberschlacht_ und die Belagerung nicht
lange nachher.]

Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht
erschrecken! Der jdische Doctor, als berall hlfreich, wo er durch
Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung ntzen konnte, und
immer ein kleines Besteck bei sich fhrte, hatte dem armen Narren das
Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine
liebenswrdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein
Mdchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt,
jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden
Mnnern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einflu bei dem
als gut und lobens- und liebenswrdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte
war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode
verdammten Juden; -- dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher
der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der
verunglckten schnen _Frederune_. Die Trger und die Geleiter des klugen
Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder
ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschlge ber
die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen
und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zhne auf frischer That wieder
eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt:
Kinder, sagt nur dem Vater immer: Vater, beie die Zhne zusammen! Und
der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat
ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit
den Zhnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete -- das
heit diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue --
dann auf die grne -- dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und
Molltonarten der Maler, als Musikanten fr die Augen. -- Es wre meiner
Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge
paradiren mte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die
Schlge von meinen weinenden Tanten nicht, da ich meine alte Gromutter
unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem
spanischen Rohre ber ihre groe edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen
Himmel genommen. -- Also morgen frh auf Wiedersehen, und hoffentlich
meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloes _Gesehenwerden_.

Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zhne in ihren
Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es
rumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre
Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurckgekehrten Mnner
brachten Hoffnung und Trost ber den theuern Jost wieder; aber wunderlich
genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegrbnizuge
nieder, den sie sich unterde ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt,
und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles
muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer
Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu _der Hurd_, im
Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswrdig sei
und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen
sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein
Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewutes
Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel -- ist Welt!

Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder
machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder
von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu
bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrckte
haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrckte zeigen
zur Erde hngende Kpft, zornige Gesichter, _zu Zeiten_ geballte Fuste und
langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich
erkennen _zu lassen_ und zu erkennen zu geben. Raimund's Glaubens- und
Lebensbrder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem
besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also
unverdchtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer
entschlossenen Schar gleichgesinnter Mnner umgeben, und fhlte sich froh
in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jdische Doctor aber
war wiederum _seinen_ Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie
untersttzten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf
gekommen, da der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so
viele Kinder, Knaben und Mdchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen
und Armen, auf dem fr _sie_ unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben
werden und den Aeltern kaum zurckhaltbar verloren gehen sollten! Selbst
die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fhlten, und deren
Kinder gesteinigt worden wren, wenn sie sich unterstanden htten, sich
auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, _sie_ auch lobten
die so menschenfreundlichen, vterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die
sich so unschuldig die Rache nur herrschschtiger Menschen zugezogen. Die
andern Glubigen aber gelobten Geld ber Geld einem Doctor, der die
wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thrnensucht und ihrer
Seelenkrankheit heilen knnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund
deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen frh an auf sein
Schlo hinaus Alle fr die Cur hinauszunehmen, so viele Mtter oder Vter
oder Schwestern und Brder ihm solche geisteskranke Kinder bringen wrden.

Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und
geheim nher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden
Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurck, woraus Raimund's
todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und
Frohmuthe hinaus auf die fr den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon
fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem berraschend
schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides.




Fnftes Capitel.


Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die
drei Fa spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging
jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin
geborgenen kleinen Fchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er
den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich
mit nicht erst zhlender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte
indessen droben seine Medicin bereitet fr die morgen erwarteten
Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hlfe der schlauen Frohmuthe bedient,
der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wute, da so etwas gerade
erst recht bei Weibern und Mdchen vergeblich ist, der Sache eine
Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber
grte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben
sollen.

Mit _einem_ Verla auf Etwas schlft jeder ein, auf seine Kunst oder
Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und
Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen
Verla unter. Die beiden hlfreichen Freunde verlieen sich aber auf kranke
Kinder und einen berhmten Narren, einen Gronarren, weil er einem Groen
diente, und schliefen Jeder in seinem prchtigen Zimmer, bis die
Morgenrthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig
angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund franzsisch-provenzalisch.

So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die
Thre des groen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge
mit gefaltenen Hnden seine noch junge Witwe in weiem Kleide. Der Todte
war aber unaufgedeckt, soda sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder
irgendeinem andern schweren Gefhl, die weie breite Decke ber seiner
Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen.

Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen,
schlug die Decke zurck und sah sich den todten Bruder an, den die
aufgehende Sonne mit ihren ber die grnende Erde daherschwimmenden, wie in
Blumen und Blten watenden Strahlen beleuchtete.

Armer _Bruder!_ sthnte er; armer _Vater_, den die groe Tochter so
betrogen hat! So unausstehlich, da du es nicht ausgestanden doch
berstanden hast.

Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt
fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschttert, aber erhoben. Und
wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklrtem
Antlitz: Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf
jedem Dorfe ein gtiger weiser Knig, besitze sie alle Weisheit und Kunst,
aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der hchsten Sklaverei stecken:
_Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht
frei_, dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser
einzigen, so leichten und so natrlichen, allen andern Wesen unter dem
Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit _zu bauen_, die die Lerche in
der Luft und den Goldkfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon
hat, und durch sich wie selig macht -- _denn die Ehe sich Liebender ist die
Seligkeit_. Und der heimliche Ha _zweier_ sich nicht von Herzen Liebender
ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar
macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht _ertragen_ werden, sondern
_gefeiert_ als schnstes blumiges Lauberhttenfest! Und der Vater verlor
die groe Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, inde
die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafr bestraft, wie das
gottglubigste, frommste Kind _voraus_ in der gewi erscheinenden, Allen
das Beste gnnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer
Unseligkeit; denn reine Liebe ist der hchste Glaube, ohne gleiches
Nebengut noch Nebenglck.

O wie schn -- und o wie fabelhaft traurig fr den Vater! sprach Raimund
dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglckliche Mutter hier, noch
ihre jngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! --
und den Vater!

Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham
ihr Gesicht mir beiden Hnden und weinte dahinter.

In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwgerin, hngst du
gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben mu; denn deine
Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das
Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder
gar seine Kindheit zurckversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und
schn zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hie
denn der Maler?

Und -- sich bckend und dann wie davon rther geworden, antwortete sie
halblaut: Er heit _van Graveland_. Er war eines hiesigen reichen
Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach
den Niederlanden, ich wei nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt
wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche hflich
sich ausgebeten, sein Bild, als nmlich mich mit dem Mdchen, wiedersehen
zu drfen, um es zu prfen und daraus zu lernen.

Ach, dem la ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mute man gut sein,
und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah!

Die Mnner, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken,
versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen.

Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in
die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischflichen Palast. Er sa im
Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Dte schenkte, mit
der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas
in die Ohren flsterte; er schttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die
Hand drckte und sagte: Es ist nichts schndlicher und despotischer, als
ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem
oder mehren um ihn Verdienstlosen _zu danken_ oder einen ihnen Feindlichen
_zu tadeln_. Ich zerreie dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch
noch diese Dte mit 2000 Goldstcken deinem guten Herrn in meinem Namen zu
verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe fr gestern, und die schnen
Fenster und die zerhmmerten Glocken auf den Thrmen wieder herstellen zu
lassen -- weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich
gesund und lebendig hat heimkehren lassen.

Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, whrend ihn der Arzt neu
verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten
versprach.

Und wenn ich morgen strbe, so wrde heut' doch meine letzte Bitte _fr
Eure Sache_ bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach
Jost. Die _letzten_ Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie
das meines Heiterkeit liebenden, Allen -- beinahe schon ganz vernnftig --
wohlwollenden Herrn, _dem_ zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und
Pritsche dem Erzbischof _Siegfried_ zu Mainz berlassen, und dem zu Leide
ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu
den Bischfen von Lttich, Bamberg, Strasburg und was wei ich wohin
gegangen. Ja, ja, seht mich berhmten Mann nur an! Aber Heiterkeit
bedrfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die
Engel; sagt mein guter Herr -- und nur gestern ist sie mir schlecht
bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung strt nur eben ein
_alberner_ Narr die Bienen, kein kluger; _nach_ der Begeisterung aber
lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall fhren, und
nachtrglich durch eine Tracht Schlge und Hunger ganz zitternd vor
Liebenswrdigkeit machen.

Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache ber, und meinte . . . da sich
der schne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame bereilte
Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem
seinem groen Vermgen mit ihr freilich heimlich wegziehen -- das nutzt
_jetzt_ nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Trkin
vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft:
Es ist nur Ein Gott, das ist hier nur fruchtlos. Da er sich will taufen
lassen, das rettet _das Kind_ nicht; denn es ist noch aus frherm
_teuflischen_ Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die
Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Stdten am Rhein
zu Berg und Thal nicht an Frmmigkeit zurckzubleiben, wre nur
aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten
barmherziger, auer sich gerathener _Weiber_ voll guter Hoffnung. Und
dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder
Bestrafung _nach Rom_ zu berweisen, was zu thun meinem gndigen Herrn das
redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom
wrde zuerst doch in den Kerker, und _noch mehr Geld_ auch endlich aus dem
Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber knnten
sich die Schuldigen ja -- vielleicht verirren! . . . von Rubern geraubt
und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges
Ende leben. Wirkt Ihr also auf der _solchen_ doppelmitleidigen _Weiber_
Herz -- ich will eines braven _Mannes_ Herz erweichen.

Raimund ging in Bekmmerni auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe
fahren und umher die Bume blhen, als gbe es keine unglcklichen, keine
bethrten Menschen, und das Wasser des Stroms flo so silberklar und die
Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast
herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flgel und schwrmten um den
Thurm und flogen zu Nest.

Inde vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen,
die der Narr ganz auf die Natur gegrndet fand, und sich freute, soda er
wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder
Auszufhrenden sich immer und berall bewut, nach dem Maler, der in ihr
Haus kommen und die jngste Tochter malen solle. Da schttelte der Jost den
Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Mnnerverschwiegenheit; der
schne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre
Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum
Weibe gaben, worber der verschmhte junge Mann in die Ferne ging -- aber
vor mehren Jahren, schn, reich und berhmt, und der ersten Liebe
unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen --
wiedergekommen ist, und seine erste _Geliebte_ und ihn zuerst _Liebende_
wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, da sie sich
so an ihm versehen -- doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn
doch schon wo gesehen habt -- als irgend wen und was, ja den schnen Mann
mit vollem schwarzen Bart sogar als _Mdchen ohne Bart_ erkennen.

Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend
Huser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern,
wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit wrde, sobald nur die uere Trauer
aus ist. Denn wer auch nichts Frheres zu _verehelichen_ hat, der sinnt
doch auf _Wiederverehelichen_. Denn die Welt ist eine verliebte Katze,
sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar
nachtrgliche _Redlichkeit_, und dem guten Raimund schadet es nicht und
beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darber unwissend bleibt, da die jngste
Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr
frher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders.




Sechstes Capitel. Die franzsischen Kreuzzugskinder.


Darauf hrten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. Seiner und
meiner Gnaden! sprach Jost.

Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen
treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe.

Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den
Spanier; aber Schmerzen sind ber Narrheit, und Gesundheit geht ber die
Weisheit, oder ist sie selber, aber gewi ihre Tochter, wei ich nun.

Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein
_rechtes_ Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der
freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen,
und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben
seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann
sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fhlte und
wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glcklicherweise
nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Fen des Bettes, und
der schwache alte gute Mann wre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst
umgefallen, und die beiden Freunde, die bereilt ihm dabei helfen wollten;
und er lachte, und Alle muten und durften doch lcheln.

Whrend er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand
hielt, betrachteten ihn die Mnner; das silberweie Haar, das unter dem
veilchenblauseidenem Kppchen hervor die schne glnzende Stirn umquoll
. . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen
Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lchelnde Menschengte . . . und
die sanfte wohlwollende Stimme, die gewi nie fluchen, nur segnen konnte
. . . und die schneeweien Hnde, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur
spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, da Alles, was er thue
und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die
Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost,
als Widerpart der Sorgen und Nthe, der die Wahrheit angenehmlich hrbar
mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mtze und Kappe lutete.

Der seiner _goldenen_ Bitte schon immer durch Rhrung bahnbrechende Jost
unterlie nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der,
nach langen Jahren aus Frankreich zurckgekehrt, nur um eines Hahnschreis
Lnge zu spt seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben ber das
Schicksal seiner Tochter gestorben.

Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt,
mgt Ihr uns endlich grndlich von den Kindern berichten, die von da in das
Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreiigtausend
das Kreuz genommen haben.[A] -- Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu
Thal und aus den Stdten und Drfern des reichen schnen Flugebiets in
Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus
unserm gottesfrchtigen Kln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[B]
Hm!

[Funote A: Matthias Paris.]

[Funote B: Chronicon Sicardi.]

Aber sie lassen sich nicht zhlen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die
Ochsen und kein Schfer die Schafe zhlt, aus Furcht der Strafe, die ber
den Knig David in drei Sorten zur Wahl verhangen worden; so lt auch
hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der
stolze verwegene Hirtenknabe _Nikolas_, seine Schafe nicht zhlen.
Vielleicht weil er nicht so selbstschtig ist, wie der vormalige
Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die _ihn nicht selbst_
treffende Strafe gewhlt, soda der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht
erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Mdigkeit fast abgefallen,
inde der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein
Volk unbekmmerter, unbarmherziger Knig. _Zweifelhaften_ Menschen ist
nicht wohlgethan: _die Wahl zu lassen_ oder Alleinmacht dem selbstschtigen
kleinen David.

Und der fromme Kirchenfrst wiederholte sein Sprich_wort_ oder seine
Sprich_silbe_: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber
Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte
denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit
Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell ber den Kopf und
Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der bernatrlich
gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, da er selbst
sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten.

Und der Arzt berichtete ihm nun bedchtig: Ich mute in Lyon drei Tage
liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser groen Wanderheuschrecken
der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wute ich nicht mehr,
wo ich hingerathen? was die grne Erde fr ein unsinniger Kopf geworden,
den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien
mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses gerumiges Haus
zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstcke und uralte Attalanen
aufgefhrt wrden. Aber das Einzelne, schaubare und hrbare Nahe, ja
Ergreifliche erklrt das Wunderbare und macht es gemein und alltglich.
Eine Rose und ein Bienenstock erklren sich selbst am besten. Kurz also: es
kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der
Kinder, sitzend oder thronend; _der Hirtenknabe St.-Etienne_, zu deutsch
_Stephan_, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere
Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straen auf den Markt,
und Tausende von Kindern, Knaben und Mdchen, folgten in geordnetem Zuge
weinend und singend, und wieder weinend: _Gott, gib uns das wahre Kreuz
zurck, und auerdem all all erdenkbares Glck_; und das Volk sang, ja
schrie das barbarisch _aus tausend Lebensnoth mit_. Das war wol
herzbrechend, himmelstrmend!

Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe,
wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinle von
neun, ja von sieben Jahren gehabt haben?

Von dem wurde nun Abends in den Weinhusern erzhlt: Der Marschall der
Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendme.[A] Da es den Kreuzfahrern in dem,
nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht
ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die
alten Weiber und Priester Umzge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu
befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben lge. Sie haben
Bittfahrten gehalten, um die Hlfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige
in den Weinhusern, wofr man betet oder beten soll anbefohlenermaen, das
wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und
andere Seiten- oder Gegenwnsche ihm gotteslsterlich gemacht. Deswegen
sind falsche Frbitten so gefhrlich; setzten Andere hinzu.

[Funote A: Genauer aus dem Dorfe Cloies an der Loire. _Matthias Paris_
nennt ihn einen Knaben, aufgeregt durch Teufelsvorsorge, des Feindes des
Menschengeschlechts, an Alter einen wirklichen Knaben, aber _an Sitten_
pervilis.]

Bei den Worten berfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt
ein Mittel aus seiner kleinen Bchse nahm: Stckchen krystallisirten weien
Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so
gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am
Himmel wren nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner
Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niedertrufelndem Regen nur als
einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen she, und sich
begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige.

Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen
vortrefflichen Zhnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum
Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem,
wozu sein Freund Raimund, _zufolge seiner Bauchrednerkunst_, gern
Anmerkungen eingeschaltet htte; aber es waren keine weitern Personen,
nicht einmal ein Bild da, dem die Hrer sie htten aufbrden knnen.

Jost's beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten
an den gndigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschlo, und
sie bedeutete, still zu sein und zu hren. Ihr Vater hatte Lust, sie an den
Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur
mit zornigen Augen an. Der Arzt erzhlte jetzt weiter: Dem Knaben _Stephan_
ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller
furchtbaren, ja wthigen Macht _Nichts_ ausgerichtet, auf sein Herz
gefallen. Er hat _eine Erfahrung_ aus seinem Traume gepredigt, da der sehr
schne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm
offenbart, und ihn als Kreuzprediger fr die unschuldigen Kinder
bevollmchtigt; ja, er habe ihm einen eigenhndigen Brief an den Knig von
Frankreich ausgehndigt an den noch lebenden Philipp August, den er den
Kindern gezeigt und unzhlige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes
gebracht. Vor den frommen Knig nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur
Prfung befragt: was ihm die Nacht getrumt? habe er es dem Knige nur
etwas leise ins Ohr geraunt, da der Knig erblat sei. Auf die nunmehrige
Bitte des Knigs, ihm den Brief auszuhndigen, habe er getrost danach in
seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit
dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der
Teufel gestohlen! Und als der Knig die umstehenden Priester befragt: ob
Jesus erscheinen knne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm
schreiben, wie einst dem Knig Abgarius? . . . da haben sie ber die
entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfgige
Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu
St.-Denis vor der Knigin noch grere Wunder verrichtet; er hat durch
Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja
sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hlle geht? und Antworten der
Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehrt, soda Alle erstaunt und
verstummt sind vor seinen Engelsgaben.

Sein Gang und sein Bezeigen vor dem Knig und die Erzhlung seiner Wunder
umher im Lande, welche _Erzhlung_ eine wahre Thatsache geworden, haben dem
frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und
Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, da in kurzem sich eine
zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn
versammelt, und nun drngend und treibend wieder _auf ihn_ gewirkt. Andere
Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren
Beruf auch durch Wunder beweisen muten, und auch bewiesen, worauf sie das
von Stephan begonnene Werk mit groem Erfolge gefrdert. Alle lieben
begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit
meinen Augen gesehen, den _Stephan von Vendme_ als ihren Herrn und Meister
ber Leben und Tod, und waren fest berzeugt, da sie unter seiner
Anfhrung den furchtbarsten Sieg ber die Sarazenen erfechten wrden mit
bloen Hnden . . . durch ihre bloe Erscheinung, oder hchstens obendrein
durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hrbaren,
sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glcklich, der
von seinem _lebendigen_ Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen,
ja erkmpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus
gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schnen blonden Locken
kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben
und Mdchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung
fhrten. Unter meinen Reisemerkwrdigkeiten habe ich einen kleinen
verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen
Knaben fr eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glcklich, die sich
nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um
den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlrften andchtig mit zum
Himmel gekehrten Augen die Neige aus.

Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe.

Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzhlen: Den folgenden
Tag rckte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne's, _der
Hirtenknabe von Chartres_, in die Stadt. Von diesem erzhlte man Abends
dann neue Dinge.[A] Als er von einer Uebungsprocession zurckgekommen, auf
welcher seine Schar um die Gnade Gottes fr die Glubigen gebetet, gesungen
und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die -- Unglubigen gefleht, da
habe er gesehen, da seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwstet,
von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen
wollen; da habe sein _Tiras_ geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem
Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie
niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblkt. Auf dieses Wunder hin sei
er in den eigenthmlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen
Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugestrmt, wirkliche
_Menschenkinder_, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und
franzsisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und
bezauberte Puppen bser Geister.

[Funote A: Chronik des Johannes Iperius.]

Darauf haben sie mit groem Geprnge und mit vielerlei eigenthmlichen
willkrlichen Gebruchen in den Stdten, Burgen und Weilern von Frankreich
ungestrt, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzge unter
Thrnen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefe, Wachskerzen und Kreuze
unter Gesngen umhergetragen. Selbst junge Mdchen, Jnglinge, Weiber und
Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen
der Stdte und Drfer oder auf den Aeckern und Wiesen verlieen, wenn ein
solcher Zug vorberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. _Denn
sie weinten entsetzlich!_ Und berall wurden dem Kinderzuge vom Volke
Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und _sie aen
desgleichen entsetzlich_.

Viele Brger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder
alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten?
zu Gott! antworteten, knne man doch wol der Hoffnung Raum geben, da
also Gott durch die Jugend groe Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie
denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem
Worte: Kommt wieder Menschenkinder! Auch wren sie ja so vernnftig, sich
nur fr das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn
sie shen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, da es fr den Heiland
im Himmel weder nthig noch mglich sei. -- Andere behaupteten: nur
ruchlose Betrger htten sie aufgeregt.[A]

So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz
verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der Knig Philipp
August, der sich selbst solange als mglich von einem Kreuzzuge zurckhalte
-- erst _das Gutachten_ der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris
gefodert, in welchem der grte Theil der Geistlichkeit und manche Laien
die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt,
worauf er -- und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und
fortmarschirt -- geeignete Maregeln verfgt, um die Knaben von
Ausfhrung ihres Vorhabens abzuhalten.[B] -- _Wie klug, etwas zu spt
thun!_

Der Herr sei gelobt! rief jetzt Sr. Gnaden dazu, da _wir dort_ einen
solchen Vormann an dem Knige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor
Rache, da wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen!

Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke
fr seine ihm trstliche Nachricht mit den Worten: Wer she nicht, da Ihr
ein Jude seid; aber auch ein menschenntzlicher Mann, ja Mensch; und _die
Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben -- was schadet da Einer
mehr!_ das wre lcherlich! Also: meine Hand von Rache fr Unglauben, oder
irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des
Guten, _ohne Schuld auf sich zu laden!_ Man kann Alles umgehen durch festen
getreuen Sinn. -- Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung
fllt mir ein: da ja der Patriarch von Aquileja _sogar die erwachsenen_
Kreuzfahrer zurckhlt, und sogar das Interdict nicht frchtet, laut
welchem den Stdten und Drfern jeder Geistliche, jede Messe, jede
Vergebung der Snden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe
vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefhrlich, die Menschen ohne
_Das_ leben zu lassen, inde sie doch merken, da Gott ihnen auch ohne
_Das_ gndig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frhe so
fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben
. . . und sie glcklich sind. Das ist gefhrlich sie inne werden zu lassen.
-- Nur die Sachsen, das treue Volk, hre ich, sind fortgezogen nach dem
Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die
Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere
Rmischen die Griechischen nunmehr als _unsere Todfeinde_ nach und nach
auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaten
Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug
gemacht zu haben -- glauben; das heit diesmal: whnen. Und selbst der
Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: Inde wir Alle
schlafen, rhren sich nur die Kinder! und will sie ziehen lassen, weil --
er mu. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und
ist dem Unverstande noch gndig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu
regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben
Volke -- seine immer neuen tausendfachen und tausendfltigen Fehler immer
barmherzig vergebend, unermdet lehrend, und aus seinen Irrthmern
schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwchtem Vertrauen und
neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen!

[Funote A: Spiritu deceptionis arrepti, sagt Roger Bacon, currebant
post quendam malignum puerum.]

[Funote B: H. Chronik: Coenobii Mortui maris. I. c.]

Der redliche Greis lie jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete
dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: Ehe denn die Berge
. . . und: Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . . -- vernahmen.

Darber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerhrten
Freunde schieden still von dem Narren, der dem jdischen Arzt mit Hand und
Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und
Versprechungen mit den Augen zuwinkte.




Siebentes Capitel. Der Kinderherzog Nikolas.


Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem
Palast, die aber noch groe Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon
verlangte durch das Judenquartier und durch das erbrmliche enge
Bechergchen zu gehen, wo seine Leute viele in verborgenem Reichthum,
aber als verachtete Sklaven zusammen und bereinander geschichtet, aber im
Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und
weltberhmten Namen leben verdiente. Hier ward aber nur der Becher des
Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Sigkeit getrpfelt.
Raimund fhrte ihn dann, um ihm seine heute sonntglich stille schne
Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen
zu lassen, ber die Pltze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmlig
schlendernd ber den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das
Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher
vernommen, der berhmte Maler _van Graveland_ in seines Vaters Hause bei
seiner verwitweten Mutter wohnte.

Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen
Namen genannt, ihm gesagt, da er komme ihn zu bitten: seinen _gestern
gestorbenen Bruder Aldewin_ todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt,
auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und
gespannt auf den schnen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth
sich niedergelassen hatte -- _da er erschrak_, berrascht stand und vor
sich hin sann, es dann _abschlug_, und hchstens vor vieler Arbeit das Bild
nach vier Wochen zu malen vermchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die
selbst ewig Zeit haben, ist es unmglich, lange Zeit zu verlieren -- oder
ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern.

Der Maler zuckte die Achseln.

Da setzte Ramon hinzu: _seine Witwe_ lt Euch besonders darum sehnschtig
bitten, auch zugleich _ihre jngste Tochter Irmengard_ zu malen; zum
Andenken, da sie das schne liebe Mdchen wahrscheinlich auf immer
verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mdchen der Vornehmen
mit nach dem Heiligen Grabe. Es wre am besten ein _wirkliches_ Kniestck,
wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er
sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es knne sie
gewi Niemand so lieb und herrlich machen.

Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da drauen auf unserer
Lindenburg.

Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an
dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lcherlich auch nur Hm!
sagte; worauf _Ramon_ nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere
Sache; aber auch doppelt eintrglich, und mein Freund hier bezahlt Euch
jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer --;
es ist richtig! und als armen Teufel mit Hrnern kann er ihn doch nicht vor
Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch _ein Beraubter!_ Schme
dich, Ramon! Und um was beraubt: um glckliche Liebe, Liebesglck und
Schnheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den
Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen,
besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich
gro und lieb, sein Kind! und lt sich von der in der Seele verworrenen,
sich in ihrer _eingeborenen_ Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und
bleibt trotz aller Verirrung doch schn und hold und eine Belohnung fr
Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmglich zu
erfllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen
wollen und wenn auch spt erst -- und er steht gesund und frisch erst in
den dreiiger Jahren -- doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glck
erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist
_diese edle_ That zu verdenken? _Er kommt! er malt!_ Ich brauche ihm mit
Raimund's geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da
wrde er sich schmen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit
Trotz unglcklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal
spter Rath und Hlfe durch seine Weiterentfaltung, aber _selten_; darum
verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in
frhern Tagen!

Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und
sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umstnden, also dem Todten nach, alsbald
hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentpfe und Pinsel sogleich
fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen.

Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein
Weh bei alledem geschehen war, sondern erst knftig dadurch geschehen
sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an
den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Mttern, jene von Vtern,
auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah.

Laut zurckgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute
mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren _schon
ber ein in Vorrath eingerhrtes Frhstck her_, dem nichts anzuschmecken
war von gefhrlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel
lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen
Beistand, da sie zu arm oder zu beschftigt seien in ihren Gewerken, um,
wie andere Aeltern, die Kinder in fremde gesunde Stdte oder Drfer, nach
Franken, Wrtemberg, oder nach dem immer gar nchternen glcklichen Holland
zu bringen; inde andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf
knstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel _bld_ auf die
Augen, ja _krank_ auf den Leib, _furchtsam_ vor Rubern und Riesen und
Ottern und Bren und Wlfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern,
dem Gras- und Krautessen, vor den Nchten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem
Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und
sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Khe auf den
Bergeshalden, und geschwnzte feuerbrllende Drachen mit Krallen und
Flgeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Krten und Basilisken und
zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben sen mit Gewalt eingesperrt in
den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick,
Schnure, ja nur Bindfaden.

So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mdchen
alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte fhren lassen,
trstete er sie auf ihren Zweifel: da es nur, ach, nicht mchte zu spt
sein, ihnen zu helfen, und sprach: _Mit der Vernunft ist es niemals zu
spt, und niemals zu frh_, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem
Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur da kein neuer Znder, Raptus,
oder neue Wuth sie berfllt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine
Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins
Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt.

Er vergnnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie
ausdrcklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einshen: sie
htten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in
Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel
und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann
niemals verloren gehen, ja kann nie verrckt werden, es sei um was es
wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen
Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell
und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bgeleisen,
oder als Tuchscheerer mit der gefhrlichen Scheere mit beinahe
windmhlflgelgroen sthlernen Flgeln. Das seien alles nur Narrenspossen
und Carnevalsmasken auf Erden; denn der _Kern_ sei die Nu, und die Traube
der Most und der Wein.

_Frohmuthe_ bediente die kleinen und groen Gste lebhaft und heiter, und
es war ihnen so wohl, als wren sie aus der ngstlichen Welt hoch in den
friedlichen Himmel versetzt; _den Kindern aber graute knstlich und
grndlich bel vor der ganzen Welt_.

Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die
alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmiges
Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau
Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein
gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen,
aufmerksam auf einen Knaben in gebruchlichen Sonntagskleidern gemacht.
Aber der Knabe schien doch ganz besonders, soda Raimund ihn ohne Frage aus
seiner Vorstellung als _den Hirtenknaben Nikolas_ gleichsam erkannte. Er
kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloem Halse; eine
prchtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfu, einen
abgebrochenen Bltenzweig in der Hand; aus groen dunkeln Augen trumte er
nur die Frhlingswelt an, und hrte mit reizendem Lcheln die singenden
Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die
bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz
leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein
ernstes, schnes, von der Frhlingswrme schon leicht gebruntes Gesicht.
Der Schritt seiner Fe war nur schwebend, und eine Ruhe umflo und
umglnzte ihn, da die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben,
whrend er vorberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange
nachdem er vorber war, sich schchtern nach ihm umsahen. Sein Hndchen,
sein _Phylax_, begleitete ihn, und er begleitete einen groen langbeinigen
Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern
Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen
Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem
Pilgerstabe, soda er einem alten heidnischen Snger, einem Aoiden, am
meisten hnlich gesehen haben mchte in seinem ehrwrdigen Bart. Seine
kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher;
seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne
hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rndern aufglnzenden
verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter
Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschlo. Seine Seele schien, wie
ihre festen wie angreifenden Blicke verkndeten, _mit allen gestalteten
Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstnde machen zu wollen_, die Welt
fr einen Frhlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles
Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne
Fusohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten,
nachher eben nicht besonders zu bedauern.

Der Knabe Nikolas fhrte ihn desgleichen geradeaus in das Schlo seiner
Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, ber welchem das groe Bild
des Erzengel Michael hing, der den gekrmmten Teufel auf tausend Jahr in
den Abgrund stt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal:
Raimund und Ramon, die Diener, die Mgde; aber die junge Irmengard stand
erst wie gebannt, mit gefalteten Hnden den Blick zu Boden. Dann kam sie
nur so wie geflogen, wandte sich pltzlich zurck, fiel ihrem Mdchen um
den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: _Er ist da! Er ist da!_

Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; -- der lange Mann?

Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bs, und zitterte ganz. Aber
dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg,
und blieb halb gleichgltig und halb gereizt und wie unwillig ber sich
selbst, von Ferne stehen.

Soll der Hahn krhen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es
klang wirklich peinigend, als drauen ein wirklicher Hahn krhte.

Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst
ber die Wirkung nur schon der _einen_ Gabe von seinem Mittel; aber sie
schien vorberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder
berziehen. Doch lehnte sie sich bla an die Wand, Der lange hochbeinige
Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel
stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: _Ich bin mde_, und
habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich
drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr
mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde
oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Krper, oder durch ihn aus der
ganzen Welt umher herauf- und herauszutnen schien: Theure Mutter, die
unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns
zum Fhrer gesendet. In unserer Htte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn
mein irdischer Grovater Elias, der bei Menschen geehrte und berhmte
Scharfrichter, der nur aus Eifer fr die Ehre Gottes und aus Ha gegen den
Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und _zu der nahe
bevorstehenden brennenden Hurd_ einberufen worden, liegt mir und der Mutter
zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Fhrer aber ist mir von der
Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen
Geiste getrieben. Denn hre nur.[A] Er kommt aus Brabant, wo er schon lange
in groer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten
Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten
durch die weite Pilgerreise durch die sdlichen Vlker auf der elenden Erde
zu unterbrechen. _Jetzt_ ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen
Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben -- -- und Raimund
sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem
Bilde an der Wand her vernehmlich herabertnen lie, inde er mit eisernem
Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: _Ja, das sollte man gar
nicht glauben!_ Aber -- du sagst es!

[Funote A: Thomas Champr, Ap., II., 39.]

Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier,
als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da
sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen,
wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfllen. Darauf hat ihn
der Engel ergriffen und ihn _in der einen Nacht_ zu allen Orten der
heiligen Lande gefhrt, soda er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und
auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurck, alle merkwrdigen Stdte
von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.--

Und Raimund's Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: _Das sollte man gar
nicht glauben!_

Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeielte den
Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blhenden Apfelbaumzweige, da die
Blten umherflogen, indem er betreten und demthig leise dazu sprach: Ja!
auf tausend Jahr ihn verschlieen, war zu kurze Zeit -- denn er erhebt sich
wieder wie vor, und abscheulicher -- verzeihe Gott mir die Snde! Ach, er
ist gegen uns alle arme Snder zu gndig!

Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine
Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und
er beschlo seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten:
Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett!

Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: _Das sollte man
glauben._

Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber
bemerkte, da dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal _sein
Unverstand stille stand_. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte
mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da
sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen,
sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestrkt und er sagte getroster:
Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu
werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den
dritten zurck, denn wir ben ja keine Todsnde ab. Der theure Mann hat
sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener
Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl!

Darauf fate er Irmengard an beiden Hnden und befahl ihr: diesen Abend in
der heiligen Ursulinerkirche _den Kindern eine Predigt_ zu halten. Die
Kirche werde erleuchtet sein; sie werde auer den Knaben und Mdchen und
ihren Mttern viel Hundert andchtige Zuhrer haben, und von den hohen
Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf
die Kanzel fhren und sie werde mit Engelflgeln geschmckt sein, mit einem
Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand.

Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede
weder ihrer Mutter noch ihres berraschten Oheims, an der Hand, um sie in
den Garten zu fhren, und ihr die Gegenstnde zu sagen, von denen sie
predigen solle, und ber die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung
und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er kte sie drei mal auf die
Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und
fortzufhren.

Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers,
Malertuch und Tpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel
gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel
ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten
-- _wenn Todte noch Witwen haben_ -- sich ruhig geathmet hatte, trat der
Maler leise, bescheiden und schchtern, ja wie furchtsam vor dem
zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie ber ihren
unersetzlichen Verlust und sah mit dem glhroth gebckten Gesicht zur Erde.
Beide und Alle standen _so_, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den
Todten zu malen, und so mute er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe
Rath selbst mute das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an
-- aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorlufig auch die
Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und
Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der
jdische Arzt sagte: Knnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht
und der arme Todte Euch ansieht! Das wre eine neue Art Bild.

Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfltig gekleidet und
geschmckt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von
Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich
sich die schnen Haare aus der heien Stirn.

Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgltig nach der Tochter, die er
auch malen solle; wie gro sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon
immer ordnen knne. Raimund ergriff das schne, edle, gewi engelgleiche
Mdchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder,
und er unterdrckte ein inneres Entzcken, eine heilige Ueberraschung kaum
mit Mhe; ja, er mute aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu
keinem Bilde fr keinen bloen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes
gehrt; er frug ihre Mutter: _Wie heit_ denn Eure Tochter?

Die Blicke des mnnlich schnen Malers auf die aufblhende schne Irmengard
verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rhrten, als
treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhllten
Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund
unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des
Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, fhrte sie hinaus und fort
in den blumigen blhenden Garten; und Raimund stie heimlich die schlaue
Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht
den Entwurf zu der Kinderpredigt stre.

Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine
Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der
langbeinige Herr immer Schritte ber zwei, drei Stufen zugleich.




Achtes Capitel. Die Kinderpredigt.


Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensngstlichkeit
verschlichen, holte er den schnen, in seinem begeisterten und
begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nchternsten Manne fast
_erhaben_ zu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar
leithammelmig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rhrte, und doppelt,
weil sie so schn war, aus dem Garten; whrend er, tief durchbebt, doch
vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem sie _bis zum Weinen_
hnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wre oder wer sie gewesen sei,
ja wer sie noch werden knnte -- oder wirklich wrde. Er war wie bezaubert.
Doch was half das. Er fhrte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten
langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen Angelus gegeben,
bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er,
um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auch _Don_
Ramon nannte. Sie setzten sich alle vier um den mdegelaufenen Angelus, und
es wurde von der verhalten lchelnden Frohmuthe Liebfrauenmilch kredenzt,
in welche Don Ramon aber von seinem nchternmachenden, unschdlichen
geheimen Heilmittel getrpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im
Stillen sehr ernst und genau beobachtet.

Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach lngerer Zeit
verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwrmerischer Begeisterung
und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn khler, ihre
Wangen blsser, ja bla, ihr Laut gemigter und ihre Sprache langsamer und
ruhiger wurden, und sie saen zuletzt da, die Hnde mig im Schoos. Eines
wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und sa
jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu
beleben, trank Irmengard am meisten, fllte neu und trank dem Nikolas, der
zrnend und erglhend dasa, das Glas zu. Er hatte wie mit den
allerfeinsten Sinnen begabt -- und als wre er wirklich, wie das Volk von
ihm rhmte, mit hhern, ja mit Wundergaben begabt -- nur von Zeit zu Zeit
den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der
Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief:
Das ist ein Feind, ein Verrther, ein Unglubiger! Fort von ihm! -- Er ist
betrunken!

Und whrend Don Ramon selbst berrascht stand, sprach sein Freund Raimund
in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen
tnen lie: Knabe, _du_ bist betrunken! Die Trunkenen halten die Nchternen
fr _perfect_, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und
den Mond fr _perfect_; ja Huser, Kirchen und Thrme, die Glocken darauf,
und ihren eigenen wrdigen Grovater, der mausstill im Sarge liegt, fr
besoffen, und sich nur fr nchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog.

Der entflammte Knabe, zugleich von einem _widerwilligen Grauen wie in zwei
unsichtbare Geister zertheilt_, aber fate und hielt das Mdchen an ihren
beiden Hnden, kte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine
Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heut _zu Nacht!_

Raimund konnte sich nicht enthalten, darein zu sagen: _Heut zu Tag_ --
das gibt es nicht mehr -- bis Weiteres.

Als Nikolas entrstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein
Schferhund _Phylax_ den Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard
vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus,
aber sie mute gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu
knien.

Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme
Witwen geblieben waren.

Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon
sagte es ihm in kurzen Worten, und erluterte es ebenso kurz, berzeugend
und bndig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Mal _zu
Schiffe gefahren, also seekrank gewesen_ -- also ist Euch ganz erbrmlich
zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgltig gegen Himmel und Erde, Vater und
Mutter, und httet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr?

Ja wahr! antwortete Raimund lachend; fr einen Kreuzer!

Also errege ich _Abscheu, Widerdei_, zuerst gegen Alles, dann in Tagen:
Gleichgltigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hlfe in der
Seele, und mache die Krfte _des Leibes_ schwach durch ein zweites
ausfhrliches Mittel. Kann man _Verliebte_ so heilen und migen, eben
denn so auch _Verglaubte_, welche hier vorliegen; so denn auch
Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen. _Das ist nicht Scherz!_ Denn
stellt einen Blumennapf mit einem Busch Marum verum vor das Fenster, da
sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf
herunterhkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzcken
wlzen und vor Wonne miauen, soda sie gar keine irdischen Katzen mehr
scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit
irdischen Schwnzen und etwas hllischen Stimmen; die sich willig _fangen_,
ja _martern_ und _todtschlagen_ lassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem
Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater -- denn
ein Kater ist auch eine Katze -- und Ktzchen _nach_ durch Wasser und
Feuer.

Das wre eine Rede fr meinen Bauch! sprach Raimund lachend.

So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, und _jedes Volk_ eine Zeitlang sein
wahres Marum verum, das zu seinem Glcke es behext, und ihm _ber alle
andern Uebel seiner Zeit hilft_. Aber begieest du es mit Lauge, dann ist
es den Katzen Marum _falsum_, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre
Art, vor Scham ber sich selbst, und vor Rache an sich selbst.

Seid fest berzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und mchte nur ein
vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglck verringern, da eine
Verhinderung ber der Macht aller Ppste, Kaiser und Knige liegt. Die
_Gedanken_, _Gefhle_ und _Wnsche_ der Aeltern in einer Zeit stehen im
nchsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine groe
Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre
Kinder _sind_ die Aeltern mit frischen Hnden und Fen. Denn was wren
sonst Kinder? und was wren sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und
Mdchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt
Kreuzfahrerchen und nhen oder kleben einander Kreuze auf den Rcken, und
selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mtter und wollen schon
ein recht schnes Kreuz von ihr aufgeklebt haben! _Und sind wir Beide
besser?_ Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid der der Euren --
nur mit _der_ Gefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir
Beide nur mit knapper Noth glcklich entritten sind! Diese Priester und
Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut
wie alle andern vernnftigen Menschen, sie mssen aber diese berauschten
Kinder segnen; drum mchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrngten
Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hlfe an den Kindern; und
Euch, mein theurer Raimund, sehe ich noch _mit_ den Kindern ziehen, um
ihnen zu helfen, zu rathen, oder nthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu
weinen und ein armseliges Huflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein
Kind Einer Mutter erhalten ist eine _doch nicht strafbare_ That.

Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard
in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab
sie sich mit ihrer Frohmuthe bei der Abendrthe, wenigstens auf jeden Fall
bereit, in das Haus in der Stadt und lie sich von ihr schmcken. Raimund
kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper
der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen
Gassen Tritte von andchtig Schweigenden drhnten, da befiel es sie wieder
aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund
die Hand, sie in die Sacristei zu fhren. Es erging ihr, wie dem zu einem
Rehchen verzauberten Brderchen -- in dem Mrchen _Brderchen und
Schwesterchen_ -- das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb;
aber wenn drauen im Walde die Hrner lustig zur Jagd erschallten, dann
hinaus mute zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den
Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Knigs -- und sollte
sich sein Schwesterchen darber zu Tode weinen, oder inde doch tausend
Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen.

Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von auen beleuchtet; aber als
sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, da
sie _erleuchtet_ waren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und
smaragdnen Scheiben glhten und sprhten; die heiligen Schdel der
Jungfrauen, als groe Juwelen in Gold und Perlen gefat, sprachen aus ihrem
Glanze von gttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem,
auch dem Kinderherzen verstndlich war, wie den Blumen im Garten die
Sonnenstrahlen. Alles sa und stand unter dem hellen Gewlbe unten voll
Kinder, Mdchen und Knaben, und Mtter und Vter, und alte Muhmen und
Vettern -- himmlisch angefunkelt!

Der leise Gesang begann. Raimund bergab seine zitternde Irmengard dem
Geistlichen in der Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der
Kanzel gegenber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter
standen zu beiden Seiten auf ihrer Brstung. Endlich schwieg der Gesang,
und das heilige Mdchen, die im Antlitz marmorweie Irmengard erschien,
heute viel grer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden
Flgeln, den grnen Palmenzweig in der Hand, whrend der Geistliche etwa
drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war
und nur mit Haupt und Schulter erschien.

Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur
tauchten jetzt ein: Lasset die Kindlein zu mir kommen auf -- ein: Ihnen
ist das Reich; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergo sich
mit ergreifender Rhrung gleichsam ein _brennender Flu_: Lat alle Knige,
selbst den Knig Andreas, zu Hause sitzen -- uns Kindern ist das Heilige
Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rhren,
da er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so
verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu
werden! Das wird ihn doch berwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen
Harnisch und Schwerter wehrt! Und _uns Kindern_ ist der Entschlu so ganz
nicht schwer, so ganz nicht khn, der Sache ein Ende zu machen! Unter
glnzendem Himmel werden wir hinwandern, in schnen Grten unter milden
Lften, ber blumigen Rasen. Goldene Frchte werden uns zu Seiten des Wegs
hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel -- wir
werden _Thrnen Christi_ trinken! Ganz gewi und ganz unmerklich werden wir
jede Nacht eines Rosenblattes Dicke grer wachsen, und also dort gro und
stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reien, kein Aermel nur ein Loch
bekommen, wie ihre Gewnder den Juden nicht in der Wste, die 40 Jahre
gehalten -- und wie weit wren wir in 40 Jahren! Engel werden uns die
Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurckfliehen, wenn wir an seine Ufer
treten, da wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gnse werden
Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und da jedes
Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,[A] der
nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkndet: Das Thier, der
Mohammed, der Lgenprophet soll berhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt,
heute sind _die Hunderte_ davon, und von morgen an liegt er nur noch die
ihm gezhlten Tage im Sterben.[B]

Jubelruf unterbrach sie, soda sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte:
Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und
dort eingeschifft auf sieben groen Schiffen, und brauchen keinen Fu zu
setzen; -- gewi will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe,
voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreiigtausend sind von
einem Seelenverkufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! -- Das, das
glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen?
Kommen sie uns braven _deutschen_ Kindern nicht zuvor! Oder wre ihr Tod
und ihr Unglck wahr -- dann, _nicht desto besser_, sondern desto hher
unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und so sage ich und verknde
ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute ber acht Tage bestimmt von
Nikolas, der seine Boten berall hin ausgesendet. Und ganz berflssig fr
euch, setz' ich hinzu: _Todsnde_ hat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer
nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt!

[Funote A: Innocent III. in Adhortat.]

[Funote B: Im Oratorio des kaum vergleichlich guten Kinderwohlthters,
_Philippo Neri_ zu Rom, finden noch jetzt alle Advente Abends bei Licht
rhrende _Predigten eines Kindes vor Kindern_ statt. Es kann nichts
Holderes geben.]

Und nach dem neuen Begeisterungsstrme fing sie nun an in _Aller Namen den
Mttern und Vtern der Kinder zu danken_; dann fr sie und fr sich zu
beten; dann groen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder
auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel.

Das war ber die Krfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend
Thrnen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehrt und
empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem
Geistlichen in die Arme, und die Freunde fhrten gleichsam eine Selige in
ihr Vaterhaus, whrend Raimund bei sich sprach: _Nun ziehe ich mit!_ und
Ramon beinahe sich schmte: Wie schn ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!
_Aber es fiel ein Stern wunderschn_ vom Himmel. Und er war wieder ein
Mann, ein Bewohner der unermelichen Hallen der Welt, worin die Erde nur
ein Fnkchen ist.




Neuntes Capitel. Das Carneval.


Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen,
Masken und Maskenzge, das Schneidern und Nhen, und Pappen und Kleistern,
und Frben und Malen, Versuchen und Rsten, das andere Jahre nach den
_verschiedenen_ Absichten kleiner und groer Gesellschaften sich richtete,
hatte dieses merkwrdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand
Bezug -- auf den _Kinderkreuzzug_; oder, als das Zweite: auf die brennende
_Hurd_, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten
waren in die Stdte und das Land weit und breit ausgesandt, und es lie
sich schon den Tag vor der Hurd eine groe Menge Thrnen- und
Klageschtiger bis zur Ueberfllung der Stadt erwarten, schon ohne die
Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum.

Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem
Nchsten, Nthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte
ihr eine prchtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr
alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubue
zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie
nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder
aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue
Mdchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen
klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don
Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn
die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem
Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und
ihre kaum zhmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgltigkeit,
ja zu Lcheln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten
Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein lie, und _in Wahrheit_
nicht einmal den Weg von Kln nach Bonn wute, oder nur zu welchem Thore
man hinausgehen mte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, da er
zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden
knnen wie Wasser. _Des Nachts_, so rhmte er sich, _knne er alle
Sprachen_ und unterhalte sich gelufig darin mit allen verschieden
gekleideten Auslndern. Nur frh noch trete in ihm eine Stockung ein; es
falle in ihm wie eine Thr oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht,
da die wie sonnenscheuen Sprachen auch am _Tage_ herausbrechen wrden, und
nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn _reden_ brauche man
ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch
oder vor Trkisch gefrchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaen
froh.

Der Maler war auf der Burg drauen geblieben, soda der todte stille Herr
Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hren, war
Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen -- aber er hatte sie gesehen,
und als Engel gemalt mit Flgeln und Palmenzweig, und er sagte von dem
Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewi sein bestes,
schnstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin
gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte.
Raimund aber war entzckt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein
Goldtnnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise fr
alle Flle mehr als hinlnglich an sichere Huser und treue Handelsfreunde
in einige Stdte des Sdens, und stattete seine Brse damit reichlich aus.
Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem
neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen
Husern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich
diesmal gewi der Jngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen
wirklich den Vers!

   Wenn der Jngste Tag soll werden,
   Fallen die Sternlein auf die Erden,
   Kommt der liebe Gott gezogen
   Auf einem schnen Regenbogen,
   Neigen sich die Bumelein,
   Singen die lieben Engelein:
   Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn!
   Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn:
   Wohlan, wohlan, auf diesen Plan
   Der liebe Gott will uns Alle han.

Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den
Husern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen.
Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und
wer am gerhrtesten war, der legte zuerst den Lffel hin, oder ging gar vom
Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm
nach, und sie herzten und kten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern
und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen
Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und
eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der
Zufriedenheit: Knnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns,
so lieb und treu ist es gewi jetzt in allen hundert Stdten und Drfern
umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: _wie_ schn unser
deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer
Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder -- ja, wenn auch hier
und da eins von euch nicht wiederkme, sondern unterwegs oder dort von
Engeln zum Himmel getragen wrde, Und doch sprach wol eine Mutter darber
zu ihm: Vater, versndige dich nicht! und er zuckte die Achseln.

Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mtterlichen Tochter im
Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte
durch sein Beispiel und seinen Tod den Vtern und Mttern aller Welt nur
eine und zwar diese hchste Bitte verlassen: Steh' deinen Kindern _immer_
redlich bei, den glcklichen, und den unglcklichen noch mehr, in _aller_
ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Snde vor den
Menschen. _Wer wei, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im
Himmel keine Snde ist_ vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst kme
der Heiligste selbst nicht in den Himmel. _Er hatte sich geschmt, ihr erst
zu vergeben._

Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise
vor sich hin gesprochen: _Auch mit den Weibern mu man es so halten._ --
Das war verstndlich jetzt fr Don Ramon.

Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu
ihrer Tochter in der Abenddmmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf
berraschende milde Weise auch ihren _natrlichen_ Schwiegersohn bei ihr
gefunden. Raimund lernte das sanfte, schne, _natrliche_ Weib da kennen
und ehren, und er flsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in
guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe
verabscheuten, und durch die Weiber _der Juden_ im Chor zu ihren Gunsten
geschehen wrde. Der Jost, einzig der Narr wute noch Rath, sprach er. Er
ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes
Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden
Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen.

Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, als
_natrlicher_ Schwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Fen, und
voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur
desgleichen das Wort: _Auch mit der Tochter Manne mu man es so halten!_ --
Ach! ich mte mich schmen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide
wohl -- nur wohl! -- Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehen vergilt das
Scheiden und ist eine neue berschwngliche Freude, ein Himmelsanfang.

Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heit: bewiesen. Das dachte nur
Raimund, herzlich gerhrt und weinend, dazu.




Zehntes Capitel. Die Hurd.


 Motto: Am Himmelsgewlbe sind viel Haken eingemauert, daran das
Menschenvolk seine Thorheiten hngt, und woran sie verwittern. Das neue
Geschlecht reit die alten herunter und hngt dafr seine neuen daran, die
wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt. _Die
Haken halten._

Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprhregen der Zug nach dem
Gericht auf. Wie angenehme oder dstere Farben der Wolken am Himmel die
Erde _tonlos_ schmcken, so gaben die Glocken der Thrme mit ihrem
wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares -- ein gleichsam frommes Dach,
eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur
Darlegung des Abscheus vor solchem hllischen Wesen, wo der Teufel einen
Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele,
soda sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden.

Voran kamen Funken; darauf das schuldige Paar, nicht in Bukleidern, die
ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzuben,
noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie
in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhrt waren. Und so folgte
ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater,
sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora
pro nobis, nur wie fr sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die
Frauen und Jungfrauen, Vter und Mtter; hinter ihnen ein Zug zur Warnung
gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Mnner und Weiber und Jungfrauen,
und alle _ohne Maske_, in schwarzen langen Sabbathrcken. Hinter ihnen kam
nun der wahre groe Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in
wunderlicher Maske _der Ewige Jude_, der die erhabensten Mnner seines
Volks fhrte: eine Reihe Knige, unter denen der kleine David mit dem
Riesen Goliath; Salomo mit der Knigin von Saba, und Absolon mit einer
ehrfurchtgebietenden Percke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel.
Zum Schlu kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schttelnd und
seinen berhmten Strick um den Hals, und hinter ihm ein _wirklicher Dieb_,
der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den
Kindern aus der Tasche -- _doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen_, wie
jedes Land sie -- ihre zeitlang hat.

Sehr viele Mnner und noch mehr Weiber aus allen Stnden und von allen
Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und
Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hgel mit
dem Scheiterhaufen und zwei Pfhlen, zu welchen die beiden Schuldigen
hinaufgefhrt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Hnden hoch
ber den Kopf. Der Scharfrichter Elias in groem Staat, befahl da oben den
Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, da ihr ganzer
weier Rcken erschien, und geielten, ja zergeielten sie, da den Weibern
allen, die sich am nchsten hinzugedrngt, die Augen vergingen, sie sich
jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bckten. Die
Gegeielte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie
schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch rger
geielten. Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten
Schrift ber die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde
Blitze, worber die glubigen Hrer ihn verlachten -- um nicht zu zeigen:
sie wren dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die
Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare
ergriff, da sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor,
und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief: _Und das leidet ihr
Frauen?_ Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen
werden wollt! Das leidet ihr, da eine Mutter lebendig das Grab ihres
Kindes wird? _Das_ ist ber alle Snden und ber alle Strafen. Wehe euch!
wehe! wehe!

Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit
rollenden Augen, mit wthenden Blicken; sie faten sich an, an den
Schultern, sie schttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit
einem einzigen Schrei strmten sie den Hgel, befreiten die wie rasend
Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und kssend, sanft und
sorglich hinab und fhrten sie auf dem Wege zurck nach der Stadt.

Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hrten
mit drohenden Fusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die
Mutter, _wann_ sie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr
sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib
greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht die _Mutterliebe_,
die _himmlische_ Mutterangst.

Selbst ohne Waffen htten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb
nichts brig, als den schnen erbleichten Jngling auch loszubinden, und
mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichen Weibern heimzufhren,
langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der
jdischen Knige, und der _Ewige Jude_ jubelte und tanzte voraus.

Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die
Weiber mit Menschengefhl immer. Nun werden die Armen gewi auch nach Rom
gebracht! Nun mu ich fort. Du wirst ja hren, vielleicht noch heute, wenn
du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. -- Sie
drckten sich die Hnde.

Das lustige Volk aber lief wieder zurck zu dem Galgen, denn es hrte und
sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[A] der rmste
und lustigste Vogel in Kln seit vielen Jahren und Carnevalen. -- Fleisch
lebe wohl! hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht
und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen
zwei Beinen zappeln -- mehre habe ich nicht fr den Augenblick -- und dabei
wit nur: da tanz' ich mit _Lilith_, der alten Gromutter -- ihr wit schon
von wem!

[Funote A: Laut Godofred. Mon. I. c.]

Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu --
denn es war ja Carneval, und ein Spa mute doch sein.




Elftes Capitel. Raimund's erster Bericht aus Koblenz.


So sind wir denn fort -- man sollte es gar nicht glauben! wie du immer
sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nchtern, und doch wie betrunken; denn du
hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter
Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter
lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt
nichts als: bim-baum! -- bim-baum! summen. So singe ich schon zuweilen
mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte
ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine
Wste htten, um drinnen nur zehn Jahre grer zu wachsen, so wrden wir
zusammen mit den frnkischen Kindern ein schner Stamm kluger Abendlnder
im Morgenlande werden, der _aus seiner Erinnerung_ gar kein dummes Leben
herstellen wrde. Denn die ganze Menschheit mu wirklich vorher in einem
sehr vernnftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, da sie immer ein
Vernnftigeres, Besseres -- oder Ewigaltes zutage frdert, wie eine Art
Bergleute oder Berggeister.

Also zum Nagelneuem!

Den Auszug aus Kln[A] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt
wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht
glcklich, das etwas Groes, Ungeheueres, Schnes, Lcherliches und fast
immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefhlt und mit
berstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schndlichen
lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt
den _Zuzug_ der Kreuzkinder aus den andern Stdten, aus Aachen, Wesel,
Dsseldorf, Lttich, ja bis von Mnster singen und weinen gehrt, ihr Lager
auf den freien groen Pltzen gesehen . . . wie die, in den Husern guter
Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen
und den Gngen der Klster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang
alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem
Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmlig zu einer Art
Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas,
von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrdrigen,
vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn
auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen
sollte nicht schlechter sein als die franzsische Kindercarrosse seines
Herrn Bruders _St.-Etienne_. Und das Alles mute man mit frommen Gesichte,
und gefalteten Hnden ansehen, sonst bekam man die schnsten Ohrfeigen.
Meine Gesichter Hab' ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat
seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thrmen habt Ihr uns
nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter
ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Pckchen mit
Hirschtalg, wenn sie sich die Fe wund, oder, was man so nennt, sich gar
einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Kthchen bis auf
das erste Dorf, bis nach _Rothenkirchen_, eine Dte mit Fliederthee nach,
wenn sie sich erkltet htte! -- Da kamen mir die Thrnen schon in die
Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch _sein Bette_
nachbrachte -- nmlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu
Nacht kriechen und die Bndel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und
der liebe Sohn dem lieben Vater dafr um den Hals fiel -- da brachen die
Thrnen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Vlker kann in nichts so
Absonderliches verfallen, da _dem Herzen_ nicht viel Gutes zu thun und der
Seele viel Besseres zu ahnen brig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt,
da die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Wrdegefhl ihres Zugs sich
unterwegs _nichts erbitten_, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehrte, es
geradezu _nehmen_ und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas
Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes fr Snde als -- _ich
wei nicht was!_ und kaum etwas Anderes fr herrlich als ihr Thun und ihren
heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden
fr einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben
wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tchtig angetreten!

[Funote A: Chronik des Bischofs Sicard, und der Mnch Gottfried.]

Zu gutem Glck ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bumen; keine
Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nu -- denn sonst --
_wohldenenselben_! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe ber einen Korb
mit Ziegenksen _erbarmt_ (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein
Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst
angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht
stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und
den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr
sein, und Diebe seid ihr! und Diebe bellte der Hund, und Diebe blkte
das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie _unverwundert_ so hin, als
lebten sie im Alten Testamente zu Bileam's Zeiten, und sie wrden noch der
Anrede von Thieren gewrdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten
den Hund nach und jagten das Kalb umher.

Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hnde an den Schultern,
kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschnen Gesichte in die Augen
-- Gaiette, die eine alte franzsische Theorbe, oder was fr ein Ding, an
einem Bande umhngen hatte. Das sehr schn gewachsene lustige Mdchen frug
mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man
diese Nacht wieder schlafen?

Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum
Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist.

O, hier drauen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie
achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mdchenkammern sind alle
berall immer ehrgeizig, hochnsig. Auch unser neuer Herzog aus dem
Schafstall. Wie ein neugebackener Frst gleich sein neues Wappen und seinen
Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthren malen lt und als Fahne vom
Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen;
so setzt sich der Nikolas auch sogleich ber alle Verwunderung hinaus.
Gestern lie er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu
Fue, und sah sie immer so ehrerbietig an -- freilich als seiner Herrschaft
geliebte Tochter! Freilich ich fhre selbst auch gern, oder setzte mich zum
vornehmsten Herrn, und wenn er ein Trke wre, auf seinen Thron! Wir armen
Mdchen mssen uns was versuchen!

Ihr Schatz, ein Webergehlfe, hatte sie begleitet, wie viele andere junge
Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten
gekt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie
erzhlte, da ganze Scharen Dienstmdchen, bedenkliche Waschweiber und
armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand
verwahrloste, geschftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern
allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben mchte. Wie werden
_die_ Jerusalem plndern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene
armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist
weit. Nun, glckliche Reise! Auf Morgen hat der Alles -- selbst die Haare
der Kinder -- durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom
Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und
Alles wird gehorchen wie blind -- nur ich nicht. Meine Haare sind mein
Schnstes. Aber die demthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen.
So sprach das muthige Mdchen.

Nchstens mehr. Aber kurz, doch bndig.

Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken
bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten:
_Wann_ Irmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom
eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster
vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein
wird? -- Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte
Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem
Schwarme.




Zwlftes Capitel. Zweiter Bericht aus Speier.


Ich wei also alles Nthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm,
diesen in aller Stille mchtigen Herrn, der tausend Gutes durch Spe wirkt
und es _zu thun_ keinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht
und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz.
Es freut mich fr dich, mein Ramon, da du auch dem alten braven Herrn das
Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst. _Knnen_ ist eine schne
Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so
viel Grabmler von _gestorbenen_ Kaisern, da Einem ordentlich frei und
hoffnungsreich und gro zu Muthe wird. Doch das beiseite.

Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa
7000 Mdchen und Knaben betrug, hat sich bis jetzt durch Aufnahme und
Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzge aus dem breiten
Flugebiete bis ber die Hlfte vermehrt, und durch weitere Verstrkung
werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzglern die Alpen bersteigen, wobei die
Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der
Ferne zu beaugen. Sie werden dann -- denn wahrscheinlich werde ich wegen
meines Seiten- und doch Hauptgeschfts nicht mit dabei sein -- ihren Weg
von Basel ber Zrich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nach
_Genua_ nehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch
zum Andenken nur Einen Tag beschreiben.

Frh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann
gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus
allen seinen Leibeskrften ein Frhstck, und sie packen sich die
Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der
singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von
Boten gefhrt, vereinigen sie sich vorwrts und den Ortschaften zur Seite
auf der angenommenen Hauptstrae. Fr unterwegs haben wir _Reise_gebete,
wie die Geistlichen welche haben, nur den Umstnden angepat, weggelassen
oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden
Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen
-- das heit begrt mit Kniefall. Bienenkrbe auszunaschen ist verboten,
weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother
Erdbeeren ist eine kstliche Labung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten
kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird
auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus
ankndigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern
und Kindern in die Huser gefhrt, wo bald Alles von den Tischen
verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem fr davor) wie
Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen
des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab
weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die grern uns den Weg
weisen auf die Seitenwege, da wir dann _in der Breite_ marschiren, und weil
ein Strich Drfer auf einer Strae uns nicht ernhren und Nachts
beherbergen knnte. Die meisten gehen barfu und lernen es recht gut. Viele
haben sich einander die Haare vom Kopf geschoren, um gewisse Kmmernisse
loszuwerden, und lagen wie Lmmchen den Andern im Schoose. Das war eine
groe Wollschur der armen geduldigen Schafkpfchen. Fromme alte Weiber
nahmen sich ganze Schrzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die
Kinder knnen unmglich immer weinen und beten und singen -- das verzieht
sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit
laufen die Knaben wol nach Eichhrnchen, kriechen nach Vogelnestern, und
die Mdchen, schon groe Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und
necken und werfen sie -- aus lieber Natur! Oder sie spielen _Leinwand_, und
die Katze, die Wchterin, miaut erbrmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle
Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber pltzlich stehen sie, wie heim auf
ihre Spielpltze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der
Abendstunde baden Knaben und Mdchen, weit genug durch Gebsche voneinander
geschieden, in den Bchen, und krebsen wol auch darin. Inde sitzen Andere
und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und
Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lmpchen und Lppchen und
Tchel, und flicken die zerlaufenen Strmpfe, oder machen aus den nicht
mehr fadenhaltigen Blle, -- und die kleinen erschpften Wandersleutchen
pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh,
wobei die Kleinen _untrstlich_ weinen und immer rufen: Ich will heim!
. . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter! . . . oder
Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: Ach,
wre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt' ich folgen! Wie wird
meine Mutter weinen!

Und was wrden die Mtter, die Vter und Geschwister sagen, wenn sie das
shen! -- Und ich sehe es gleichsam fr Alle, und fhle es fr Alle, denn
ein Mensch fhlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine
behalten gtige Mtter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause
fhren zu lassen, oder auf Khnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie
himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in
Klstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen -- wo welche sind! Sie
sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und
nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Fllen sie Sonntags die
Kirche, dann mssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu
Hause bewanderten Knaben drfen als Chorknaben ministriren, und die
Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die
Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thrmen die Glocken
zu luten, und freuen sich, da sie an den Stricken und Strngen sich
gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe
bis an die Decke _hinaufreien_ lassen -- was uns einen Todten gekostet,
mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem
Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, lt manchmal seine
Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags
von Ferne sehen und gren durfte, so hat er sie hier drauen in Gottes
freier Welt, unter Bltenbumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie
macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das
geneigte Kpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie
mich durch Schnheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natrlich ohne
Eifersucht, fhle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch
kein Mdchen _meinem verlorenen jungen schnen Weibe_, meiner Gabriele, in
ihren Mdchenjahren, _wo ich sie lieb gewann_, hnlicher sehen, als
Irmengard. Und da sie in seinem Wagen fhrt, den immer sich abwechselnde,
sehr rstige Knaben mit Herzenslust ziehen, da die Rder bald zerbrechen,
hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein
wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise -- Schinken, Rheinlachs,
allerhand Klostergebck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins,
die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase
des ganzen Heerzugs.

Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt -- denn er ist nicht
nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der
Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug
eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als
Gerusch nur vernommenen Begeisterung des Auszugs so ergriffen -- sind so
hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils
zu Fu zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren.
Da war Freude!




Dreizehntes Capitel. Der Mdchenbezauberer.


Heut' berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und
Abendland mitgefhrt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und
Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns
in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von
Deutschland wlzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen
drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavastrme. Gewi!

Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrcke
von Kehl, darauf gegangen. Die Abendsonne schien prchtig den aus der Stadt
wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich
einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es
zu kennen; zuletzt selbst ihn -- und ich besann mich: von jenem Abend her,
da wir nach Kln einritten, wo er pltzlich einem uns begegnenden jungen
Reiter in auffallend schnen, reichen, wie goldenen Locken auf der Strae
zurck nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den
nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren
gekommen.

Er war's; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und
wiedererkannte, hielt er, stieg ab, lie das Pferd seinem Knechte, nahm
mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brcke rechts am gerade
menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach
Alexandrien. Ja, sprach er, als ich berrascht ihm ins Gesicht sah. Hrt
eine wahre, noch unerhrte Geschichte.

Ich unterbrach ihn nicht, und er erzhlte, oft sich selbst nur mit Ausrufen
des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd,
mir folgende Jammergeschichte:

Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus
am Genfersee. Wie er sich eingefhrt, das wei ich nicht; denn ich war
auswrts gewesen und kam erst zurck, als ich meine Schwester schon als
seine Braut fand, die sterblich -- leider sterblich -- in ihn verliebt war.
Und sie wre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn
zu verlieren oder je zu verlassen. _Was kann ein Bruder dazu sagen_, dazu
oder davon thun! Die Brder sehen das so mit an, als eine natrliche, wenn
auch neue und berraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und
machen Brderschaft mit dem Schwager und er mit den Schwestern der Braut.
Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge
aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich
nicht nur fr einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen,
da er wirklich einer war von jenem unglcklichen Volke, das jetzt seinen
Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Wrden, hohe
eintrgliche Aemter und Handel und Wandel. Und _wo die Rache ins Unglck
fllt_, wie Gift in Milch, da ist Alles mglich, und wenn nicht
verzeihlich, doch erklrlich. Doch ich berstrze mich. Aeltern mute er
doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, da sie in Kreta wohnten,
und da sie von ihrem groen Vermgen noch Einiges gerettet, was er nicht
bertrieben gro angab. Er erzhlte auch (in Vorrath, sage ich wieder
voraus) von seinem Bruder _Endy_, der ihm als Zwillingsbruder zum
Verwechseln hnlich she, der aber ein so leichtes Leben fhre, da er ihn
selbst, um sich seiner nicht schmen zu mssen, lieber verleugne. Er selbst
nannte sich mit seinem Taufnamen _Mion_; denn der Vater habe den Namen
_Endymion_ in sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten
Begriff von der Schnheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch
sah ich, wie die meinige allen jungen Mnnern ein Wunder, ein
angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen,
der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter
angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberhmten
Stadt viele Jahre lang das Wissen und Knnen der Abendlnder erforscht und
sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollstndig die Wage zu halten. Mein
Schwager wollte sich auch nun ein verstndiges edles Weib mit nach Hause
nehmen, frug nie nach Vermgen, nach einer Mit- oder Nachgift, oder gar
einem Erbe -- und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter
einem _Griechischglubigen_ zum Weibe zu geben . . . _und so weit weg!_ --
Da war meine Schwester eines Morgens entfhrt, sammt der ihr bereitgelegten
Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nchsten
Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein
finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte fr sich auch ein ganz armes,
aber bezauberndes Mdchen mit entfhrt, als leise Gott, zur Kammerfrau
seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat
reden knne.

Meine Schwester schrieb einen rhrenden Brief an die Aeltern, und was
wollen Aeltern mehr als das Glck ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter
eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu
kommen -- und sie war drei Jahre nicht gekommen und hatte auch nie
geschrieben! -- Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen
Bruder; der erstaunte ber meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der
Bruder desselben, und wollte endlich nur gehrt haben, die Frau sei
gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen, _damit sie in der
Seele ihrer Verwandten leben bliebe!_ Er nahm kurzen Abschied. Ich fing
Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner
Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen
Mann! Vielleicht sind die jungen Leute von _christlichen_ Seerubern
geraubt, fortgefhrt und verkauft worden, sagte mir nur ein verstndiger
Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf,
in Nizza wieder. Ich fate ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir
Rede zu stehen! Er entri sich mir. Das machte ihn mir verdchtig,
_schuldig_. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt. _Ihn
plattweg_ _erstechen_ htte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir?
_Er mute mir Rede stehen_, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem
Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von
unzhligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen
knnten, irrte ich verkleidet auf gut Glck mit Euch, bis zu Euch. Er hat
da eine junge, reizend schne, wohlerzogene Franzsin, die, verarmt, sich
bei ihren Anverwandten aufhlt, geheirathet, sich mit _ihr trauen_ lassen,
und war mit ihr verschwunden, als ich glcklich noch _seinen Diener_
ertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, fr Geld
gewissenlose Gehlfen, die ihn Abends von der Strae wegfingen, ihn
knebelten und in ein einsames Gewlbe schleppten. Ich verschaffte mir
gerade mige, brbeiige und mitleidslose Diener bei der Inquisition der
Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam
aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst fr unsere trostlose Mutter
. . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht -- und was?
. . . Meine Schwester war schon die _dritte -- Frau_, um so zu sagen, die
er ihrer Schnheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Trken
verkauft, die fabelhafte Summen fr eine fabelhaft schne Jungfrau mit
Freuden geben. Er hatte sich mit ihr _trauen_ lassen, um sie sicher zu
machen und zu beruhigen! So waren sie, meine Schwester _Isidore_ und er,
nach Alexandrien -- geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die
Ankunft einer frischen Schnen dem Statthalter _Maschemuch_ zu wissen
gethan, die von ihrem Manne rein und unberhrt wie ein Engel geblieben und
bleiben mute. _Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!_ Sie
hatte er gereizt, _ein Harem_ sehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm
gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen --
und _nicht mehr hinausgehen drfen_. Welche Ueberraschung fr ein
liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit
dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem -- worein, wie in
alle Huser, alle Neuigkeiten dringen -- die Nachricht hineinschwrzen
mssen: ihr Mann sei ermordet. _Das sollte ihr Trost sein!_

Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine
bezaubernde _Schnheit_ zum Kder von jungen Schnen gemacht, die noch
Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie whnen, mit sich
zu entzcken.

Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf
den Walfischfang -- _besorgt!_ Er _knnte_ sobald und wrde sich kaum
rchen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem
goldlockigen Apollo bekommen htte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie
vor Gram -- ber ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, bla und
elend geworden -- schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem
Herrn zurckzukaufen, wenn es sein mu, um sein doppeltes . . . dreifaches
Kaufgeld. Ja, ich wre so niedertrchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm
ein wunderschnes Mdchen fr sie zu geben, wenn ich mich nicht schmte,
eine dazu _Willige_ zu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und
Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollen _lieben_;
das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden in
_Geliebtseinwollende_, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt
zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Aus diesen Gebltsarten mischt
das Herz und das Glck und das Unglck _ihnen das Leben_.

                   *       *       *       *       *

Der junge Ritter, der _Heinrich von Savern_ hie, begleitete seinen frhern
Reisegenossen Raimund in sein kleines Stbchen bei rmlichen Leuten, in
deren eigener Stube gegenber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen
mit einem querber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stbchen im Stbchen
abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimni, da die zur
Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; da er die von ihnen
einzuhaltende _Strae_ wisse; die _Zahl_ ihrer Begleiter -- nur zwei --;
die _Farbe_ ihrer Maulthiere; die _Woche_, in der sie an einem ihm
genannten _Orte_ in _Snften_ mit schwarzen Kreuzen und Fhnlein
vorberziehen wrden; und da er sich schon immer mit zuverlssigen Mnnern
versehen und bereit halte, die Unglcklichen aufzuheben und dann weit vom
Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer
Woche ginge die Woche an, sich seitwrts in Wald oder Schlnden wo in
Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des
Kinderkreuzzugs ber die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei
bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder
ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem
Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzschtiger armer Kranken, welche Noth
und Tod erst bei ihren Namen rufen msse und _werde_, um entsetzt und
beschmt zu erwachen und zu sehen, wo sie wren. Aber wohin, frug er,
rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube Salomon,
zu bringen?

Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben ber den See weg,
und dann noch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei, _die
auer allen Wegen liegt_.

Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafr danken, und Savern schrieb ihm in
Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzhlen,
und da er hoffe, in zwlf Wochen zurck zu sein nach Genua.

Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither
herber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der
widerwillig auch zu Zeiten den Unglcklichen befllt: Siehe, Gaiette, da
ist ein Herr, der fhrt mit Engelsflgeln nach dem Gelobten Lande, oder
dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit.

Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand.
Schne Pagenkleider fr dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich
habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen fr dich. _Dort_
bist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein
Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder
Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen!
Also!

Sie lie ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefhlen
im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen?

Und das morgenlandschtige Mdchen rauschte ihm was in den Saiten.

Kannst du singen?

Und das gute Mdchen sang, da ihr die Thrnen in die Augen traten.

Kannst du Trkisch reden?

Und das begeisterte Mdchen redete Worte _aus ihrem Glauben: wie Trkisch
klingen msse!_ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: Ili,
kutsch Ili! Ili, kutsch Ili! soda Alle lachen muten und sie selbst.

Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache:
Kannst du tanzen?

Und nun tanzte das mond- und trkenmondschtige Mdchen, reizend mit
liebenswrdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie
und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr
einen schnen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah --
wie in das Morgenland.

Raimund ward zum Nikolas in einen Rath der Hirtenknaben fort aus dem
Hause berufen, und die beiden Mnner, jeder fr die Seinen zu jedem Opfer
bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewi, ob sie sich wiedershen.

Savern blieb in Gedanken sitzen.

Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herbergestrmt und erzhlte ihm ihren
Schreck, da im Morgengrauen sie ein schner junger Page im Bette
berfallen, ans Herz gedrckt und unter heien Kssen ihr Gesicht und Brust
nageweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei?

Er errthete ber das kecke entflohene Mdchen und ber Savern, der sie
_als letztes Mittel_, seine Schwester zurckzukaufen, mitgelassen,
mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran
setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfllen? Und
des Menschen Wille ist sein Himmelreich, sprach er, nur ein verrckter
Wille: ein Verrcktes.




Vierzehntes Capitel.


Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war groe Heerschau zum Zuge
durch, ja ber die Schweiz, nach Zrich, Zug, Altdorf und ber den
beschwerlichen und gefhrlichen _St.-Gotthard_, nach Bellinzona. Schon
jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend,
die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald
zu ziehen, worin neun bis zehn Ruber hausen sollten, und schleunig um
Schutzwache und Geleit von groen Mnnern gebeten. Es waren groe Gewitter
und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im
Freien bernachten und na am Morgen wieder hungrig weiterziehen mssen. So
hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Fe
wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche
hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege
her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzhligen, nur auf Raub und
liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbbinnen um ihre
noch etwa briggebliebene, fr die uerste Noth erst aufgesparte, an sich
schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht,
und die unter diesen Umstnden mehr als grausamen Heuchler und Diebe und
Diebinnen, die zu desto grerm Vertrauen gerade in Beguinen- und
Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rcken mitgepilgert waren, verzogen
sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so
vieler Tausend auf einem meist huserlosen Wege durch die Schweiz und ber
die Schneegebirge.

Raimund stand und bersah von einem Hgel das groe weite wimmelnde Lager
der Kinder, die im schnen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem
besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei
brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden
sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Mnner, ein Ritter und ein
Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen
konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert:
Wenn einem Heere von Rittern htte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt,
ernhrt und ausgefhrt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele
nacheinander eintretende Tausende von sorgfltigen unermdlichen
Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachrumern, und Heerden von Ochsen und
Schafen und Pferden wrde Das bedurft und gekostet haben -- was hier blos
aus _Leichtsinn_ und auf _Mildthtigkeit_ unternommen, und auch, wie bei
uns Erwachsenen, zu nichts, als _zu einem ebenso jmmerlichen_ Ausgange
gebracht wird.

Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und s sterben doch Kinder! Ich
habe da ein Mdchen sterben sehen -- dagegen ist aller Rittermuth
lcherlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts als _Kinderherz_, noch nicht
ngstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort,
wie ein ausgehauchtes Flmmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und
wenn diese Kinder alle die Teufelsbrcke hinunterstrzten oder gestrzt
wrden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem
Herzen.

Ich mu es sagen, die Kinder ertrugen unzhlige kleine und fr sie groe
Beschwerden -- _mit gar keiner Geduld_, nur mit frhlichem Sinn aus Eifer,
und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen. _Wie viel schwerer knnte der
ganzen Menschheit das Leben sein, und es wrde auch noch gelebt und zu Ende
getragen!_

Und der Priester hielt schon lange seine Hnde gefaltet und sprach jetzt
betrbt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthren!
Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und
Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer.
Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mdchen waschen
ihre Lppchen und Lmpchen und hngen sie zum Trocknen auf Struche und
Zune -- wie den Engeln hin. Andere nhen die Lcher und Schlitze zu,
schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Rcken und stopfen noch einmal
die letzten Strmpfe, oder schleudern sie fort. Da ist kein Schrank, keine
Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen knne
und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich
den Schaden zu besehen, _um ihn zu verschweigen_; -- Ihr wit wol, da alle
Welt, die Augen und Ohren hat, wei . . . wie es schon auf Processionen zu
einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlager
_hin_ und ein Nachtlager _heim_ sehr angenehm ist, in schner Sommernacht,
selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf
Stroh- und Heubden, wo natrlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt
wol gehrt, wie sich die Zge _erwachsener_ Pilger und Kreuzfahrer
gewhnlich nicht durch _besondere_ Heiligkeit auszeichnen, da sie blos mit
dem Glauben und dem beschwerlichen und gefhrlichen Kreuzzuge allein schon
allen andern Ansprchen an Menschenglauben genug zu thun und dabei _keine_
andern Pflichten und Gebote fr Menschen mehr besonders genau zu beobachten
htten, weil sie im _Voraus_ schon Vergebung aller Snden auf ihre Zugzeit
erhalten haben, -- ebenso verdient die Auffhrung unserer jungen
Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mdchen -- vermischt mit so vielem
Gesindel, das nur, _weil es nichts taugt_, mit ihnen gezogen ist -- wol
keineswegs der Hlfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben.
Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um
die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will
nach Italien, in die warmen italienischen Nchte, in Haine bei Mondenschein
und Nachtigallengesang!

Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und
dieser Reine sah ihn wieder _so_ an, und Beide erkannten sich als
Genossen _eines_ Glaubens.

Sie hatten schon lange viele Rheinkhne von Hningen herauf- und von
Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei
Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben
warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten
Sklawinen, sich nach Hause tragen; die grern und grten Mdchen aber
trugen sich Scke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen
waren, und die Scke sollten ber die Berge auf der dorflosen Strae ihre
Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den
Bndern unter dem Kinn sich fest zubinden _sollten_. Damit schien ein
doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des
Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern
Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frhern Jahren an die
_muthigen Schwestern_, die _Syn-ei-Sactas_, erinnert, die das oft
gelungene, oft mislungene Kunststck gewagt, unter Jnglingen und Mnnern
muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewhren; aber aus den
_Sacktes_ hatten sie hier belverstandene _Scke_ gemacht, die
herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mdchen sich
freuten und sie schon probirten.

Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war
gegen Morgen durch Fahrlssigkeit Feuer ausgebrochen; die Scke hatten
geschrien, sich fortgewlzt, sich selbst nicht erlsen knnen, und Keines
hatte das Andere, vor zitternden Hnden, aufkntern knnen -- und so waren
sie fortgehpft, niedergefallen, wieder mhsam aufgestanden, und bei dem
Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den
Todten, oder von groen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden
Kpfen.

Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glcklicherweise kein Mdchen.

Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem
Wagstck, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm.




Fnfzehntes Capitel. Die mehr als tdtliche Wunde.


Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der
Strae gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurckgeschickt, um voraus
berichten zu knnen, wenn die Tochter des gleichsam fr sie gestorbenen
Vaters kme. Da sie aber gewi nicht die Nacht, noch bis Sptabend reisten,
so mute er die Aufhebung am _Tage_, also gleichsam im Fluge vollbringen,
und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tdten.
Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig
herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es!

Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute ritten _mit ihnen_, als
von einem Seitenwege kommend; sie grten sie und unterhielten sich
zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Strae weit hinauf
und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine
menschenunwrdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu
berfallen und als Feinde -- ja von ihrem Widerstande gezwungen -- als
Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist
im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er
Frederune aus der Snfte rufen hrte. Sie hatte ihn also erkannt. Er
foderte kurz mit blankem Schwert, da sich die Fhrer ergben, indem er,
abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar bermannt
von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte
er, fiel auf das Gesicht und der andere Fhrer stach ihn mit seiner Lanze
in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne
Verstand liegen; aber seine Leute banden den Fhrer und dessen gefangenen
Gefhrten mit Stricken, knebelten sie, fhrten sie hinter die vordersten
Bume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, da
keiner den andern losbinden, aber sich spter Hlfe erschreien knnte.
Drauf schlossen sie die Snften mit den den Wchtern vom Halse abgenommenen
Schlsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlsten, drinnen
zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Snften,
banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so
eilten sie schnell von der Strae rechts hinein auf die zuvor gewhlte
Strae im Thale der Aar hinauf.

Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen
Mhle zu deutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude
des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und
ihres Geliebten Dank fr die Errettung war unaussprechlich und wurde nur
geweint. Die Befreiten lieen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen
und vertauschten sie mit Kleidern von Buerin und Bauer. Sie fuhren dann,
zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwgelchen weiter, und an nchster
einsamer Stelle verbrannten sie die Snften und verschenkten die Maulthiere
an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen ber
den See nach Genf, von den selbst Unglcklichen, Vater und Mutter Savern,
mit Thrnen und mit der Hoffnung aufgenommen, da ihrem guten Sohn auch
seine Rettung -- aber einer gewi auf zeitlebens unglcklichen Tochter --
gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam,
da sie vor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrckten, vor Glocken
sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei bersiedelten,
weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorberfhrte; wo kein Thurm, keine
Kapelle rundum sich sehen lie, noch ein Kreuz nur -- wie aus Schonung
ihrer gepeinigten Seelen -- es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem
Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken.

_Hier_ war kein Feiertag, kein Sonntag; sie hrten keine Glocke, als eine
selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier
unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloe _natrliche_ Menschen in
Hirtenkleidern -- _und machten Kse_. So hoch hatten sie sich sogar noch
ber die Katharer da drauen, ber die _Reinen_ erhoben und unter dem
treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklrt.

Raimund, wieder leidlich bei Krften, meldete der Mutter der geretteten
Tochter, in nur ihr verstndlichen Worten, nach Kln die Ursache zu grter
Freude; gab den jungen glcklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf
Lebenszeit fr sie langte; sehnte sich nach dem zerstrten Beziers, wollte
auch seine noch auenstehenden Gelder einziehen und reiste ber Lyon, die
Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von
Montpellier nach der schaudervollen Sttte der Asche seiner Gabriele und
seiner Kinder.

Das ist das groe allgemeine Glck, die sicher und froh machende Naturgabe,
da sich Alles, was lebt, fr klug und verstndig hlt: die Menschen, die
Mnner und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten,
sogar Br und Schlange, Spinne und Biene, ja, da selbst die Irrsinnigen
gar nicht wissen, da sie nicht bei Verstande sind. _Und das wute Raimund
auch nicht._ Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der
Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache, warum er gestorben, und
zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebens _hatten ihm
gleichsam die Erlaubni erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu
sein_; also Unvernnftiges -- _jedoch immer noch mit angeborener
Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit_ zu thun; aber _Unmgliches_ zu
wnschen und _Vergangenes_ mit _Zuknftigem_ oder _Gegenwrtigem zu
verwechseln_. Er sa ganze Nchte bei Mondenschein in den Trmmern seines
Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm
stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist
sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thrnen. Es war ihm
einst, als wenn ein _Licht in ihn falle_, und da in der That _sein Weib_
oder Mdchen _der Irmengard_ sehr hnlich gesehen, so war Irmengard nun
sein Weib geworden oder gewesen, und sein Weib, sein zu Kohlen verbranntes
Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit
betrbter Sehnsucht nach dem Engel durchglhte, der den Kindern gepredigt
hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung
und unbestimmtes Glck und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder
schwarze Knchel -- er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring
daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig
und gewi: _diese Gestalt konnte nicht verloren sein!_ sie mute _wo_ sein!
_wer_ sein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen,
es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel
herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmht und
gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt
aushalten. Aber diesen ihm trstlichen Wahnsinn _glaubte er nun_, und er
zog mit ihm fort.

In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des
Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben groen
Kauffahrteischiffen der beiden verdchtigen Mnner, des _Hugo Ferreus_,
oder des eisernen Hugo, und des _Wilhelm Porcus_,[A] welche die Kinder fr
Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte
Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu drfen, gromthig sie
aufgenommen. Er hrte auch, da zwei berladene Schiffe voll Kinder bei der
Insel _San-Pietro_, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und
untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr
grnes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort
ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er
lie sich auf der kleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche
_der neuen unschuldigen Kinder_[B] grndeten, wozu zwlf Prbenden kommen
sollten. Umher lagen ber die Tausend Kinder begraben. Aber in einem
Gewlbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Srgen einige Knaben
und Mdchen, die wie vom Tode nicht berhrt _unverwandelt frisch und
wunderbar rhrend dalagen_; vor Allen der prchtige Knabe _St.-Etienne_, an
dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben,
konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste gefhrten Seligen die
Hnde zu kssen. _Kann ein Wahn so schn sein?_ Kann er solch Rhrendes auf
der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung fr
die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich
seinen Rosenkranz mit ihm -- und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu:
Schlag' ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres,
Leibliches. Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen fr eine
Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung
einer Hirtin von der Loire neben ihm _ebenso unverwandelt_ dalag, sprach
jetzt sehr sanft und anschauernd: _Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten
sind so schon bettelarm._ Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder
in die Hnde.

[Funote A: Albericus.]

[Funote B: Albericus.]

Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold und _seine Schuldner_ vergessen.

Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans
Land.




Sechzehntes Capitel. Trauer und Freude.


An der anfang- und endelosen Welt _hie der Tag_, zur Erkennung und
Wiedererkennung -- wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zhlt -- und
somit auch _war_ den Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein
sogenannter Mondtag, ja sogar Mari Himmelfahrt; inde kein Orangenbaum,
kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thrme und Kirchen das
Geringste davon wuten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen,
hallten, blhten, schrien und flogen im _ewigen Leben_. Und der _deutsche
Kinderkreuzzug_ war _vorgestern_, den 25. August, an einem sogenannten
Sabbath, in Genua eingezogen.[A]

Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schnen Strae _Balbi_, nach
dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem
Freunde _Savern_ zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah
er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thren betteln;
auch Frauens_personen_ -- Frauen_zimmer_ war zu nobel fr sie gesagt. Sie
sangen _deutsche_ Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglck um Brot
gesungen -- die Seele zerschnitten. Er schmte sich zu fragen, sie
anzureden. Hier mu was vorgegangen sein! sprach sein leiblicher Geist.

Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, _denn_ der
Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein
Freund, er heie Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem
Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder
weiter gereist?

[Funote A: Ogerii annales Genuenses.]

Aber er hrte ein besorgliches Nein; da aber zwei Schiffe in Pisa dieser
Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen fhrte ihn sein Handelsfreund
in den gerumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und
Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrchige Karrete, die ein Sptter
einen Hundestall auf vier Rdern genannt haben wrde. Und wirklich lag ein
Hund darin, und wie die Vgel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel
unter den Flgel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter
das Hinterbein. Raimund schlug die Hnde zusammen, und rief: Phylax!
Phylax!

Phylax richtete den Kopf in die Hhe.

Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert
und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, da er mit dem
Schwanze wedeln _wollte_. Raimund, vor Wehmuth auer sich, sprach mit
tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzhle mir Alles aufrichtig; denn es
ist vor deinem Tode!

Und nun lie er den Hund sprechen, und hrte andchtig den Worten zu:

Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich mu nun hier in der
Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe
auf Erden, und im Himmel erst recht gewi nicht, wenn Schafe nicht
auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grt mir
meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jngste,
den geborenen Stutz; das wird ein Hund, _so gut wie ich!_ Ich mu mir meine
Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist
genug!

Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Krften
nur schwach.

Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mdchen, umstanden ihn, und
die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen.
Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie
prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und berall. Es
ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten
beinahe berflssig, sowie die todten Juden zu taufen -- denn Phylax ist
todt.

Er legte ihn sich zu Fen, schob seine vor Schwachheit nicht angerhrte
Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen,
hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach:

Wie es von allen alten Thronen aller alten Knige, Pharaonen und Kaiser der
Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten
vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier
todtenmde im Germpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in
Grund und Boden zerfahren und zerrdert, mit ihrem in Fetzen herumhngenden
Baldachin. Er war auch einmal in dem 1212 gescholtenen Jahre eine
flchtige, nichtige _Erscheinung von Holz_ gewesen, wie Sesostris' von
Knigen gezogenes Fuhrwerk.

Er sa darauf ganz still. Die Thrnen drangen ihm in die Augen, indem er an
seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu
fragen, da er sich scheute, das Erbrmlichste, ihn Erbarmendste zu hren,
am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und
die Knaben umstanden ihn, und erzhlten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt
diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau
sprach zuerst:

Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik!
Schon lange summte es aus den Alpen: ein unwiderstehlicher Kreuzzug
kommt! Dann war er ber den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte,
ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten ber Boten; denn Niemand
glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als
Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenrcke besetzten dennoch die Mauern,
und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor
den Deutschen zu frchten. Denn wir hatten es mit _dem Papst gegen den
Kaiser Otto_ gehalten, und die Rache dafr konnte zugleich durch den einen
Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; _denn so ein Herr hat
ein Gedchtni_ fr Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder
nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott
bewahre! Aber was war es? Wer kam?

Ja, Mutter, erzhlte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thrme und sahen
auf der Hhe, ganz nahe ber der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf
den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, da sie das Meer
erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da
Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Hhe, und einige haben die Kinder
befhlt und endlich geglaubt, da es wirkliche natrliche Kinder wren, nur
verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in
die Fremde gejagt.

Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann _mit Erlaubni der
Barmherzigkeit_ zum Thore hinein, fllten die Straen und Mrkte und
setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du
lieber Gott, da lie der Herr Petrus ber sie regnen -- da sie aus guten
Grnden aufstehen muten.

Ich htte lieber Manna ber sie regnen lassen, sprach eines der Mdchen,
und die Sonne ber sie scheinen, so warm, so warm!

Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen
Herren waren gndig, sie in die Huser einzuquartieren, damit sie sich
einmal nach lange wieder satt en mit warmen Speisen. Das war vorgestern,
Sonnabend, aber am andern Tage muten sie gleich weiter ins Feld rcken,
als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als
gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar _nur deutsch_ -- aber wer
versteht denn nicht: _Lumpen_, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen,
und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden
da unsere guten Kinder und Weiber _durch Geben und danken Hren!_ Ganz
Genua war ein Ora pro nobis und ein Benedictus qui venit in nomine
domini! Aber fort muten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als
unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkndigen lassen
muten.[A]

Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die
Mutter ein. Nmlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen
geschlagen, damit Wasser herauskme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe
auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurckweichen sollte, um
trocken hindurchgehen zu knnen. Und wahrhaftig: das Meer wlzte sich
zurck! Wir hrten das unermeliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis
in die Keller. Aber was war es: es war nur _die Ebbe_ gewesen! Und als sie
bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurckrauschte, und die
Wellen ihnen die Fe besplten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da
sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und
gesungen und endlich unermelich geweint, wie unermelich betrogen -- o weh
doch, so ein Jammergeschrei wnsch' ich mir nicht mehr zu hren! Und sie
muten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch
Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei groe Schiffe bereit lagen,
sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt berzufhren. -- Was essen nicht
schon die Kinder in einem Hause! Und _wir muten in Genua eine Hungersnoth_
befrchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da
entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, _in die Heimat, in das
wahre Gelobte Land_ zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen
gequollenen Liede: Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles
satt! Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders
Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum _gemiethet_, denn ein
Schaf ist berall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von
Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten bergeben, die
von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich
geschmolzen, da unzhlige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem
Wege zurckgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh _gestorben_. Andere
schne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber
shnelosen, ja in den hchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[B] Und
so muten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen
Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdrftig ausgeflickt und bekleidet,
von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Strae nach Pisa
begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes
-- mit neuen Pilgerhten und Taschen voll Orangen!

[Funote A: Desgleichen Ogerii annales etc.]

[Funote B: Petri Bizari Senat. Popul. Gen. Histor.]

Als Raimund so viel, fr _ihn_ wie nichts erfahren, da er ber Irmengard
nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Strae hinaus,
wo inde schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Mnner
abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als
_Savern_.

Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von
ihren Kameelen abgestiegene Trkinnen in das Haus geschlpft vor dem
neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide
in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Grteln gegrtet, in gelben
Pantoffeln, Beide in prchtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit
kostbaren Tchern verbunden, das Gesicht wei verschleiert. Die weiten
Mntel mit viereckigen Kragen hatten sie drauen gelassen, und Raimund's
Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Trkin den Raimund umschlang
und im Schleier ihn kte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt,
die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden,
sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun
Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch
kommen.

Die Hausfrau fhrte die neuen weiblichen Gste in ihre besten obern Zimmer.
Raimund lie abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte
und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem
Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen
Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzhlte ihm Alles kurz, aber aus
dem Kern, und sprach:

Ich bin glcklich in Aegypten, an seiner flachen weisandigen Kste
angekommen. Zu unserm Glck war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch
_gestorben_, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem,
Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhrtes gewesen, noch jetzt
sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden
Weibern gehrt und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie
jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals
auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten
und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen
Haremswchters konnte ich meine _ausgemerzte_ Schwester desto eher fr ihr
doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu mssen,
wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem
Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz ber ihren verlorenen, soi-disant
ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, bla und
mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine
Wohnung getreulich zurckgefhrt, ja mit Brgschaft, die mich doch
erfreute, soda ich dem schwarzen Gebieter dafr einen Ring zu meinem
Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlsten Isidore war
herzentzckend und seelezerreiend. Sie lag ohnmchtig in meinen Armen und
doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hnde des Mohren hielten sie
mir mitleidig.

Whrend dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schnen
franzsischen Knaben und Mdchen berall in der Stadt und auf den Mrkten
zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeruber _Ferreus_ in den
fnf groen Schiffen von Marseille glcklich geraubt und davongebracht. Und
ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines
Geistlichen Sohn, fr deren Mutter im Hause er die _darauf gelegte
Haushlterinsteuer_ bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft,
und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverstndigen Ftterer und Fhrer
meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prchtigen und
noch beherzten lustigen Knaben -- die vor Uebermenge bis zum Preise eines
fetten Schpfes gefallen waren -- sind fr den Khalifen von Bagdad an
Wiederverkufer an den Ksten von Kleinasien _ausgeladen_ worden.

Ach, aber nun kommt das Gefhrliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte
meinem Diener und dem Mohrensklaven -- den ich schndlicherweise gekauft,
aber keinen Aeltern entfhrte -- den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt
nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nchsten dahin abgehenden Schiffe
einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine
Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter,
nach der Heimat am schnen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. -- Wir
steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. -- Frh gehe ich auf
dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und
grnen Morgenrthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer
Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen -- _wer_ steht da, hinaus
nach Abend gewandt? -- _der Goldlockenkopf!_ meiner Schwester angeblich
ermordeter Mann! Und _wer_ ist der Herr des Schiffes? Wie mir der
frnkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, _das ist
der Ferreus!_ . . . Wollen wir ber Bord springen? oder soll ich ihm, wenn
er sich ber Bord lehnt, die Fe aufheben und ihn ins Meer strzen?

Ich fate mich und war gefat auf ein Aeuerstes; denn meine Schwester, die
er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte,
sie sa in Frieden unten. Die Lage war selten und schndlich, wie je eine
von Menschen auf Erden.

Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen,
bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an
sein Messer im Grtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen,
und sei's am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter;
denn er sah erbarmenswerth bla und krank aus, weil er _es war_, und seine
Augen ruhten gelassen auf mir, _so_, als _wenn Ich und Er Beide keine
Menschen mehr wren._ O Mitleid! o Unglck! Aber gar erst du, du Mitleid
der Unglcklichen mit den Unglcklichen! -- Er frchtete seinen Verrath
durch mich nicht mehr.

So weit hatte Savern mir erzhlt, als im Nebenzimmer der Frauen ein
entsetzlicher Gall _geschah_. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir
eilen herum. -- Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom
Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken
herausgerissen, und hlt ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und
bebt, ihre Zhne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten.

Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan?

Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab' es
gethan! Ich, fr dich! Hre und begreife: Du hast deinen armen Mann
beweint, edel! Nun beweine dafr deinen Ruber, deinen Verkufer, und du
bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das strke dich! Wenn nicht
heute, doch morgen, oder zu Jahre -- wenn der Verstand und der Ha die
Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da
er wute: du seist, fr ein liebendes treues Weib, in der Hlle eines
Harems?

Sie faltete die Hnde und sank zu Boden, und Gaiette bi die Zhne zusammen
und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen
glhten, sie kte Savern die Hnde und aller Uebermuth war ihr verstoben.

Aber um auf das _Schiff_ zurckzukehren, erzhlte Savern weiter: Der
Goldlockenkopf mute zu Bett gebracht werden, denn er bekam _die Blattern_
und lag von seiner -- Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine
gesthnten Worte sogar hrte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit
Straufedern und Scken voll Datteln, womit das Schiff beladen war.

Vor seinem Tod -- denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten
Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln
curiren, die sie meist bedauern -- nicht zu haben, -- lie mich der
Sterbende holen, sah mich weichmthig an, bergab mir einen Beutel voll
Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast
verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen
und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mgliche
gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den
erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: _Behte Euch Gott Euer
Vaterland_ -- das mir und uns die Rmlinge genommen -- denn ein Mensch ohne
Vaterland ist wie welt-vogelfrei _und zu allen Thaten fhig. Das merkt_ und
sagt berall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau -- Eure
Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie
zuvor ihren -- ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden -- nun ist
mir wohl. Viel seien Eurer Jahre ([Greek: polla ta etiasas]) und griff sich
dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare.

Also, was war das Leid Alles gewesen? -- Kindesliebe! Kindesliebe! also
gewi zu _guten_ Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller
Menschen! Ich lchelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald
darauf schon im bloen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer
fr die Fische begraben zu werden, und auf seiner prchtigen Brust die
darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene _Panagia_
erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das
Haupt abzuhauen -- aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir
ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! _und ich
nahm mir das Andenken!_ . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus
angebliche Erde aus dem Gelobten Lande -- auf der Ziegeninsel, der Capraja
-- fr den groen Campo santo in Pisa betrglich einladen lie. Aber _der
gemachte Mann_ sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie
streuen die Erde schon glubig auf Brot und essen sie zu Bue.

So ward denn der ltern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopf_leib_
versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte
sich der alles fr Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflchen ihn
einzusegnen zu seiner Ruhe.

Die rhrende Folge der Hauptserfindung aber war, da Savern und seine
Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch
strotzendvoll gefllten Beutel, und ihn dem Hauswirth bergaben, um ihn
durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in
Konstantinopel zu bermachen.

Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele zchtete, sich sechs
gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister
zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach
Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmdchen geschieden,
nun als Trkin auf einem lutenden Kameele, von einem Mohrenknaben gefhrt,
in dem lieben Kln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh
einzuziehen -- und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit
ihres Lebens vollauf zu erzhlen zu haben.




Siebzehntes Capitel. Heirathen.


   Zuletzt verlieren alle Menschen Alles,
   Und mit dem Balle fngt das Kind schon an,
   Mit seinem Flachshaar und den ersten Zhnen.
   Und grause Fragen kannst du dann an Arme
   Und Reiche, Hohe, Gro' und Kleine thun,
   Da an den Feldherrn, den geschlag'nen, sprich:
   Wo hast du denn dein Heer? . . . und an das Weib:
   Wo hast du deinen Mann? . . . und an die Tochter:
   Wo hast du, ach, dein Kind? -- Und also kannst du
   Jedweden schwer nach Etwas fragen; denn _die Welt_
   Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen
   Verlt sie aber auch mit Trost und Hlfe,
   Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher
   Zu Thrnen doch, zu Duldung und -- zum Grabe.
   Und endlich hat kaum Einiges die Ehre,
   Ein Mrchen fr den Winterherd zu werden,
   Woran _die ganze Welt_ mit Br und Hund,
   Wolf, Esel, Mnch, Hirt, Knigekind und Knig
   Dem klaren Zauberaug' der frohen Kinder
   Als bunte Seifenblase nur erscheint.

   Dem grern Menschen wchst die Welt stets -- _kleiner!_

Der Ritter Savern war mit seiner Schwester _Isidore_ an einem und demselben
Tage aus Vivaldi's Palast nach der Schweiz geschieden, und _Raimund_ mit
_Gaiette_ nach dem Niederrhein. Savern hatte den franzsischen Edelknaben
. . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den
ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und
hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen,
der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre
Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolas that ihr leid, der durch immer
ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswrdig gediehen. Es war ihr
unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in
einer einsamen Htte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide
vor Schande und Unglck das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum
Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen
zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die
Kreuzfahrer gezogen. Da Raimund von der Hitze immer mehr bedrckt, fast
keines vernnftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fllig
war -- das war nicht mehr zu leugnen. Denn _einen_ Augenblick scheint jeder
Wahnsinnige sogar verstndig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm,
und sie seufzte: _Ach, was mu sich der Mensch doch Alles gefallen lassen!
selbst nrrisch zu werden! . . . oder der Narr wieder klug_ . . . wie
unsere Kinder, und ich selbst! -- Sie betrieb die Heimreise ngstlich fr
ihn.

Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen
verhllte Katharer waren, lie man den Zug mit den Kameelen ruhig
schweigend, aber mitleidig vorber; denn von ihnen war nicht ein einziges
Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blhend, nur neugierig
am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zrich und Basel an;
denn hier bemerkten sie, da sich die Aeltern mehr um den Himmel als um
ihre Kinder kmmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Stdten am
Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gercht von Zurckkehrenden
vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thrnen in
den Augen, und wenn sie stumm vorberreiten wollten, schrien die Weiber sie
an: Nun, habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht -- ihr wit; darum macht
uns ruhig, und berlat dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen
geschehen! -- Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, whrend Raimund
wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz
verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt,
verhungert, verloren, verkauft; doch wol ber die Hlfte -- die Hlfte aber
freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen
wiederzusehen.

In den Stdten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von
den Priestern und Mnchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der
Nonnen ins Kloster hflich eingeladen und kam meist ohne Athem um
Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, da ihre Lunge und Zunge bis
nach Kln ganz weg sein wrden. Raimund aber ging unter den armen Aeltern
und Mttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten
und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, ber die
Maen reichlich, soda die Verwunderung ber die Welt und gute Menschen
doch ein Weilchen ihre Wehmuth betubte. Raimund aber hatte unterwegs
einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wnschte, im Gegentheil
von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem
Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete
die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil
sie die Narren und Missethter _abthun_ durften mit Ruhm und Ehren, wie
ohne Gewissen.

Auf den Kameelen muten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die
alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersuften. Zuletzt
kam ihnen ein _Schwarm Menschen_ bis Bonn entgegen, und unter dem
Severinthor von Kln ward den Kameelen selbst bange, da sie widerwrtig
schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche _mit langen Nasen_
gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles
verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine hhere
Welt, in die der Fabeln und Mrchen zu erheben -- und aus Honig und Essig
wird wirklich ein khlender Balsam.

Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte
Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau
van Graveland. Den Brutigam kennend, wie die meisten Brute ja nur
oberflchlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als
Besitzerin von eigenem groen Vermgen, und ihre an ihrer ersten
Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgeshnt
bei den jungen Eheleuten, die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und
prchtige Leute waren. Nur was _Irmengard_, wenn sie ja wiederkme, zu der
Heirath sagen wrde, besorgten sie _ihretwegen_; aber heimlich lchelten
sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern
Stbchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswrdig und
klger und interessanter als ihre gndige Frau geworden, so ward sie von
ihr zum Gesellschaftsfrulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur
fr Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch
oft in kurzes Gelchter aus. Der redliche Jost kam vllig gesund mit
unsichtbar geheilter Nase, die er mit Recht seine Mrtyrerin nannte; er
brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund's Besuch zu warten, da ihm
Don Ramon als _Verstndiger auch des Unverstandes_ vertraut hatte, da sein
redlicher Freund Raimund ein unrettbarer _Candidat des Unverstandes_, nicht
der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thrnen ansehen, und voll
Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von
Kindersachen -- von Mrchen, Sagen, Geistererscheinungen, _Verwandlungen_
durch gute sowol wie durch bse Geister, und ihm am liebsten _vom
Wiederkommen der Todten_. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er
nicht nur ganz unschdlich, sondern hchst wohlthtig, ntzlich und hold
wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Hnden -- er
ging berall umher, berall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem
liebenswrdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er in _seine Sparbchse_
zum knftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle
Monate an einem gewissen _Tage_ eine bedeutende Summe, wodurch er bei dem
verstndigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es
sogar einmal _bei Nacht_ versuchen ... oder _des Tags drei mal_, und
lchelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme
gewi. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige
seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die groe
Scharfrichterei verkuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in
Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von
Raimund hatte ihn um Geld dazu gebeten, und -- Raimund hatte sie gekauft
und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung bergeben, was erlaubt und
Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen
Diener, hatte den Vetter gesehen starken Klbern, ja wolligen Sthren die
Kpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und
hatte es -- zum Scherz -- selbst versucht und prchtig gekonnt. Auch in
seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte, als immer aufmerksam,
schon einige Tchter gefunden, die ihren Mttern, wie man sagt lcherlich
hnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheit _ab_gerechnet oder
_dazu_. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wren?
bis er die Mutter fr die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte,
ob man auch _Wiedergekommene, z. B. Weiber_, als doch im Grunde
_dieselben_, noch ein mal heirathen drfe? _La sie nur erst wiederkommen!_
Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn,
gesagt, und ihm _zur Ruhe_ nur gewnscht, da sein Wahn _Gestalt_ annehme
und ihm _freundliches_ Leben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand
auch Don Ramon fr die glcklich hergestellten Augen in so groer Gunst bei
dem Erzbischof, da er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van
Graveland, der den schnen Greis prchtig in ein groes Altarbild des
heiligen Antonius gemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet,
und dadurch selbst kirchen- und altarfhig worden, war wohl angesehen von
dem dankbaren Kirchenfrsten, der manches bewundernde Hm! vor dem nun
auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze
Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war
vergessen, und auch von Rom aus war in dem groen Wirrwarr daselbst keine
Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer
gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine
groe Todtenmesse fr die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei
sich nur ausbedungen, da sie ganz unverfnglich fr Diejenigen sein
sollte, welche lebendig zurckkehrten. Denn er hatte gestern in der
Abenddmmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise
die Hnde gegeben und in die Thren dreier Nachbarhuser geschlichen,
worauf darin unermelich frohes Geschrei geworden, und in den pltzlich
erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit
geweint.

Und so kamen denn in den nchsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als
Mdchen zurck. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren;
dann die mit rstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber
dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, soda ihre
Aeltern sie nicht erkannten, nicht fr die Ihren annehmen wollten und
klagten: _Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!_ . . .

. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . .

. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewi nicht! sprich: auf welchem
Auge bin ich blind? . . . Wie heit unser Hund? . . . Unsere Katze? . . .
Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt?

. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern
Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden!

Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins
Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe
gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser.

Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint
und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen -- und die Nacht nicht
geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mdchen hatte sich
aufgelst, die Hlfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe
verschwunden.[A] Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen,
ja, von einem gewissen Brindisi[B] aus hatten sie erst noch ihren Kopf
aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden berall verspottet
und verlacht; ja, vor Scham waren sie womglich nur die Nacht, so barfu,
abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thren
gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde
gesehen, da es nicht htte gebettelt heien sollen. Die mitgezogenen
Weibspersonen und junge Dienstmdchen aber schlichen vor Scham nur im
Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten
oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man
Kindchen aus ihren Armen, unter dem ber den Kopf gedeckten Mantel schreien
gehrt.[C] Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und
ein wthend bergeschwollener Strom tritt zurck und fliet, auf sein Ma
gebracht, wieder in seinem gewhnlichen Bette -- wie ein sogenanntes
unschuldiges Kind. _Das kennt man schon!_

[Funote A: Chronicon Senoniensi.]

[Funote B: Vincenz von Beauvais.]

[Funote C: Fragm. apud Urstis: Quia plurimae etc.]

So sprachen die vernnftigen, immer gutmthigen Klner bei ihrem Glase
Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth
gerathen.




Achtzehntes Capitel.


Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste der
_sogar Zwlf_ Heiligen Nchte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war
schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward
verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weie
Engel gekleidete unerklrliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand
und einer Krone auf und goldenen Flgeln an den Achseln huschten und
schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die
Huser, wo die Kinder und die Aeltern um die Weihnachtsbume mit brennenden
Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nssen standen, und noch auf ein
Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen drauen an
den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Strae
fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben
weinen -- denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause -- _wenn er
kann_, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den
Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun gro, wieder in
der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzhlen sich aus, essen was Gutes,
die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines
mglichen Endes.

So war auch Herr Raimund herbergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch
ber den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenken behangen fr Jeden, auch
fr die Frau Jost eine goldene Kette und fr ihre Kinder wirkliche goldene
Nsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Lffel. Raimund redete aber
mit dem grnen Bumchen wie mit einem grnen stacheligen Geiste aus dem
Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke
gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zrtlich und sagte ihm zum Troste:
Habe nur Geduld, mein Bumchen! Du weit, du warst sonst ein anderes; so
habe die Hoffnung, wieder erlst, etwas Anderes zu werden. _Die Birke_ ist
besser daran -- die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben.

Dann stand er still, wie nicht da, in Sehnsucht versunken nach seinem
gestorbenen Weibe Gabriele.

Aus der Schweiz war fr den Abend ein Schreiben an die Mutter von der
Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rhrenden Worten:

Herzliche Gromama! Ich melde dir, da ich glcklich auf die Welt
gekommen! in aller Unschuld ohne Snde. Ich habe mir ein Schwesterchen
mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heit sie. Sie schickt dir ein
Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb!

Dein kleiner lieber Adam.

Sie las mit reinem Muttergefhl, und das duftende, langstielige stille
Veilchen erzhlte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglck.
Dem so unglcklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie
ging und kte ihm sein Haupt.

Jetzt brachen die Glocken auf den Thrmen mit himmlischen Freuden aus und
bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. Die _vielen_ Christkinder
flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte
sich ber so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wre, und nur Ein
Ruprecht, die jetzt auf den Gassen einander die Rcken mit den Ruthen
zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhuschen,
Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte
Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten
Altren, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen
nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten
vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das Quem pastores sangen, und
selbst ihre Hndchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern
frhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden -- wie geschrieben
stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu
sein. Und wie zitternd vor Freude erdrhnte der Tremulant in den Orgeln,
da die Gewlbe bebten, und die Posaunenste waren Engelsathemklang.

                   *       *       *       *       *

Da war es, als ob Jemand von drauen mit dem Kopfe gegen die Thr stoe.
Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie
drauen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie
wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber
lie vor Erstaunen und Entzcken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank
aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weies Tuch um den Kopf; ihr Gesicht
hager und todtenbla; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme
ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Snger, der das Lied
gesungen:

   Dich _wieder_sehen . . . wieder dich _sehen_ nur
   Im Thale wandeln, auf Bergen steh'n,
   Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne
   Nieder mir lcheln -- da kniet' ich beten!

   Dich wieder_finden_, leuchtend im Sternensaal,
   _Dich an die Brust mir drcken_ --da strb' ich gleich!
   Und was im Himmel nie geschaut ward:
   Engel bewundern da einen Todten!

Das junge Weib neigte sich vor, als wrde sie zu Boden strzen; er ergriff,
er umschlang sie, drckte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib!
Meine Gabriele! O, darfst du kommen -- und kommst zu deinem armen Freund!

Irmengard war so geistermig verwandelt, da er eher sein erstandenes Weib
in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glcklichen Raimund hatte,
statt des pltzlichen Todes, nur ein pltzlicher Schlaf befallen, und sie
trugen ihn in den Grovaterstuhl, worin er wie im Himmel sa. Irmengard
aber war ohnmchtig, und sie muten ihr Luft machen um die Brust, wobei der
Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg.

                   *       *       *       *       *

Am Morgen lie sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei,
wirklich, oder ob er getrumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der
Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel
schrieb, da sie schon _seit einer gewissen Zeit_ sprachlos sei. Der Doctor
sagte dem Maler etwas ins Ohr -- der Vater errthete ber und ber und
fragte dann heilig erzrnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die
unglckliche Tochter: Wo hast du dein Kind?

Darber faltete sie die Hnde, brach in Thrnen aus und schrieb auf die
Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb' und Leid, und Scham und Schande --
an meiner Brust _nur erdrckt_, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der
hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen,
als ich nicht weiter konnte!

Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten.

                   *       *       *       *       *

Irmengard sa des Tags ber still, gewhnlich die gefalteten Hnde im
Schoos, in einfachen, weien, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von
Gaiette. Raimund besuchte sie schchtern alle Morgen, und hatte im Stillen
seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen
geschrieben: sie wre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein
Schiffchen im Hafen geflohen, und sie htten nach Ostia gewollt, um sich in
Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Strme htten sie wieder zurck
ans Land gedrckt. Darauf wren sie Beide einsam zurckgekehrt; aber nicht
eben weit von hier habe eine rachschtige Gemeinde sie ausgehhnt und ihn
eingesperrt. Da sitz' er wol noch.

Sie lchelte nur vor sich hin, da man sie wegen des todten Kindes
einkerkern, ja richten knne . . . nur die vielen unglcklichen verwaisten
Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie
bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines
Heiligen, da ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen
geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner
_Gabriele_ ein Haar krmmen wrde, oder . . . knne; obwol ihm Don Ramon
vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel
Hexen verbrannt worden . . . und wrden, _und ein von den Todten
wiedergekommenes Weib_ wre ihnen noch viel, viel abscheulicher und
verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren
sein knnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden
Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit
Fauststen vor die Brust wieder zurckgedrngt in das Todtenreich, und vor
Angst und Schrecken dazu gebrllt: _Was willst du wieder unter den
Lebendigen._[A]

[Funote A: Bower.]

Das sagte er ihm nur; denn das Volk wute von seinem ihn seligmachenden
Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm
die bewiesenermaen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in
der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland
erzhlte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine
Geschichte: Einem niederlndischen berhmten Maler stirbt seine Frau,
Margarethe geheien. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in
Gram und Trumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem
gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so hnlich
ist, wie es sich selten trifft, da Zwei etwa im Abenddmmer, ja in
vergoldendem Sonnenglanz sich hnlich sehen. -- Und ein Liebender ist immer
wie geblendet von seinem eigenen Lichte. -- Seine Liebe ergreift sie. Sie
liebt den _von ihr begeisterten_ Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag
und Nacht, da er seine selige _Margarethe_ wieder habe durch Gnade des
Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches,
allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig,
des ganz Ausschlielichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei.
_Margarethe_ nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trgt von jener den
Schmuck. Sie schlft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte,
willige Seele ist mit uerster Hingebung seine Margarethe -- da sie auch,
ihren Namen gewohnt, so hie --, sie ist's bis zur Herzens- und
Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so
dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann
wrde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles
Erdenkliche zu Liebe thun! -- So _kann_ es, so _wird_ es hier werden und
sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus
dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn hre mich, Doctor. Wenn ich
heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt
ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr
Vter und Mtter in hundert Stdten und tausend Weilern und Drfern
unglcklich gemacht? -- Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den
Wolken gefallene groe Frsche, wie aufgewachte Nachtwandler, pltzlich
nchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen:
Wir _wissen es nicht!_ wenn Ihr es nicht wit. -- Und der Doctor sagte: Das
war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie
Nichts in der Welt so jemals wiederkommt.

                   *       *       *       *       *

Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben
Kerker gefhrt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung
abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kstchen den
Ausschlag gegeben, und keiner Erklrung, keines Gestndnisses weiter zu
bedrfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und
selbst der unglckliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen
Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche
recht innerlich, da _ihm_ doch Niemand _die wahre Natur_ seiner
wiedergekommenen Frau beweisen knne, und _ihr_ gar nicht -- und sie
knne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder
verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als
einmal so glcklich, sie wieder zu haben! -- Und so war das Ende des Raths,
da der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine
Schrift auf Pergament gab, die er fleiig und grndlich einsehen und sich
tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren _Pflichten_ und groen
_Rechte_ eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und
unbestrittener Geltung. -- Einen Cardinal haben wir hier nicht zum
Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushndigung; denn welchem zum Tode
gefhrten armen Snder, generis masculini oder feminini, ein solcher
Rothmantel begegnet -- was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder mu --
Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde
aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und
der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, hchst schlaue Raimund --
dem berdies sein voriger groer Verstand auch noch im Unverstande
zustatten kam -- begriff sogleich _seine Stellung_, als eine solche hohe
Person _selbst_, in die ihn seine Gte fr einen armen Vetter gebracht. Und
der alte Elias war aus Gram ber seinen Enkel Nikolas -- wie man ihm
berichtete -- _auf einmal_ gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden
darber im Leibe vergngt dazu: _Auf ein mal!_ Das gnn' ich dem armen
braven Scharfrichter von Herzen! Denn wre er auf _ein paar mal_ gestorben,
so wochenweise, stckweise -- da sollte er mir leid gethan haben. So auf
ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernnftigste Art!
Sonst taugte es gar nichts!




Neunzehntes Capitel.


An dem endlich angebrochenen Ehrentage der ffentlichen Gerechtigkeit,
gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne
ber das liebe, schne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen
sangen wieder in der blendenden Blue des Himmels unsichtbar verborgen,
frhlich ber den auf dem Hgel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem
Rade.

Die dem Himmel in sonderbarer Erdensndertracht Heimzusendende stand von
trstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder
Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Mnner,
Jnglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen,
harrten gleichsam, ihre Herzogin abthun zu sehen. Selbst der gute
Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich,
galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen
Herrn in der Noth schtzenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem
hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit bermthigen
sechs Schimmelhengste kaum bndigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen
zur Unterdrckung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloe
Autoritt; wie alle kleinen Vgel schweigen, und selbst die Katzen sich
verkriechen, als gb' es gar keine, wenn ein Adler oben ber allen schwebt,
und selbst sein Schatten in den Gehften unten macht, da die Hhner
gackern.

Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezumtem hllenschwarzen Rosse der
Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht
dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weien brabanter
Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen
der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe,
und wie eine finstere Wolke im Gesicht; _vor_ ihm -- natrlich -- ein
Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken
Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein
zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern,
genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen -- Alle
in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu
solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht drften leuchten lassen. Er
stieg mit wrdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof,
eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als fr
welches und in dessen Namen Alles geschehe; lie sich das ungeheuere
Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; lie
sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang
er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf
den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut ber das Volk die wie ein
gewaltiger Bann schallenden Worte aus:

Kraft meines uralten Rechts und unverkmmerten Gebrauchs schenke ich
diesem Weibe das Leben, und dadurch, _da ich sie zu meinem Weibe nehme_,
und sie hiermit von diesem Augenblick an fr meine wahre, _leibliche und
geistige_ Ehefrau erklre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe,
der es sieht, und die Menschen es dulden und loben mssen, die es sehen.

Darauf erhob er sie von den Knien, hob sie zu sich auf und drckte die wie
Todte an sein Herz und flsterte ihr ein geheimes Wort zu, lie ihr seinen
schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske
ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, da er seine Richterei seinem
Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe
zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen
Menschen vollbracht zu haben.

_Die Heirath vom Blocke weg_ war also die von Jost in das Pergamentblatt
eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglckte Brutigam ein
weies, groes documentartiges Papier in die Hhe und erklrte dabei: das
ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar
nicht nthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so
lade ich Alle, Alle, die meine Gste sein zu wollen mich beehren, zu heute
Mittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebhrend ein, und
bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes Ja! Ja!, gewilich nicht Nein zu
bekunden.

Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewi
furchtbaren Schmau aus, wobei _Masken_ allen Rang und Stand aufhoben. Und
da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und
noch mit gebcktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm
ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl: _du mut! Denn kein Verurtheilter
darf sich den Tod ertrotzen._ Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett!

So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das
ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewut!
Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem --
jetzt als Braut dastehenden Fehltritt -- absolviren lassen, und vor den
Kirchthren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht,
noch kniend gebckt und ihn noch dazu im Schleier abgebt -- weil sonst
die junge Frau da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was
Gott nur nothgedrungen nur Adam's Kindern und Enkeln hat durch die Finger
sehen mssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur
Durchsicht.

Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die
Weiber: sie geben erst _die Treue_ um ein Kind _vom Geliebten_, und dann
gibt eine Mutter sogar ihre Ehre _um das Kind!_ So etwas ist sogar im
Paradiese nicht geschehen und _wir Menschen fangen an viel besser zu
werden_. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ndern; denn Snde
mu sein, wie wre da sonst das se Vergeben! -- Jetzt heit es fr uns:
Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . . und bring' ihn
ja Einer darauf, da er uns lt um Dukaten spielen! nmlich nur also: _er_
langt sie heraus und setzt sie -- und _wir_ wrfeln darum und stecken sie
ein!

Raimund aber fhrte vom Tdten, also wie selbst vom Tode erlst, seine Frau
heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmckte Lindenburg, wo die
Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen -- _was er nicht recht begriff_ --
anders als neue junge Frau Schwgerin -- und wo Gaiette sich auch einen so
reichen, braven, ja stattlich schnen Mann wnschte, und wenn er sogar auch
glaube: _sie sei Eva!_ Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das
Gesicht dabei und lachte nur spttisch. Als Raimund dem Gebrauche gem mit
seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer gefhrt worden, da legte er in
das breit aufgedeckte, zweispnnige Bett das mannsgroe Schwert die Lnge
nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischen sich und
ihr.[A] -- Gaiette bestaunte das und lispelte: Ich _Unschuldige_ wrde mir
aber doch im Finstern einmal einen Ku ber die Grenze paschen, oder die
Lippen des Mannes darber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe
bezahlen lassen!

Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der
Gerhrteste war, mute lcheln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht
auf den Mund, und einmal in Aufregung, fate ihn das lose Mdchen und kte
ihn tchtig ab zu allem Dank.

[Funote A: Das Recht, ein Frauenzimmer dem Tode so wegzuheirathen, welches
wol darauf beruhte, ungerechte und zu harte Urtheile so zu kassiren,
schrieb aber gegen Misbrauch auch diesen Gebrauch als Gesetz wenigstens
vor. Anmerkung der Frau Historia.]




Zwanzigstes Capitel.


Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch
die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem
Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schner Burg und
prchtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da
lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben
kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre
Einwilligung befragte _Irmengard-Gabriele_ schrieb ein groes Ja! auf die
Tafel und kte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen,
selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, lieen auch Don Ramon
die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam
erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen
Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich -- obgleich stark sich
irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend
-- auf ein wrmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrbt,
und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit
halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Slen, ja unten in
den Kellergewlben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und
Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen
die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals
hinunterlachte, und nur den stark und prchtig hinaufduftenden Wein
bedauerte und rief: ein treuer Hund verlt mit den Menschen das Haus;
die Katze nur bleibt getreu bei den Musen. Dann sprach sie ihm Muth ein,
streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thrnen aus den Augen. Und
er lachte wieder.

Sie meldeten ihr Kommen fr immer an den Genfersee, damit die Ihren dort
Alles ihnen schmuck, bequem, bergenglich, reich und kurz allerliebst
herrichteten. Alles in der Welt -- nur keine Ersparni! Die besten
Sachen, knstlichen Gerthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkhnen
hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war,
wie _um es leichter zu vergessen_ und es gern in Anderer Besitz zu wissen,
an _edle Huser_ verkauft. Raimund's Glaube an seine Gabriele bestand die
Probe auch dadurch, da er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau
Schwgerin Tochter _Irmengard eine Todtenmesse stiftete_ und ein sehr
groes Vermgen dazu vermachte -- das durch Jostens Vermittelung _fr die
Zukunft verstanden_ und in der Gegenwart gndig angenommen ward.

_Das war wahnsinnig von ihm -- aber Er war wahnsinnig._ Und so war es sogar
_ganz natrlich_, und bei ihm und von ihm ganz gut.

Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf
das nchste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten
aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hgel sa und Schalmei
blies fr seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden,
die den Hgel erstiegen -- denn es waren seine Lieder, die er um die
Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten
niedergesetzt. Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog -- blieb
aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr
Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem
in der Brust stocken; aber er mute aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand,
bedauerte ihn, lie sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm
voll von Gold -- und rieth ihm: ja in die Schweiz -- in das Paradies der
Hirten und Khe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er
begleitete sie den Hgel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem
Felsstck auf, und auch _seine Gabriele_ mute dem Nikolas eine Hand geben,
wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenbla und starr dabei zur
Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hgel hinauf und blies ihnen alte
Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er
sieht aus wie aus einem Narrenhause entsprungen, und Schalmei blst er zum
Gotterbarmen!

Das glaub' ich! meinte Gaiette. Sein Hund heit wieder Phylax! Aber das ist
alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf!

Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage
in Genf an. _Frederune_ und ihr _Salomon_ brachten Jedes der Mutter ein
kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr
einen Strau Alpenveilchen. _Savern_ begrte _Gaiette_ als ihm auf der
gyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, da sie mit dem
Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte
Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbare _Ehe einer Todten mit einem
Lebendigen_ -- des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren
Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhltni ungemein erleichterte.
Das groe, in das Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum
mitgebracht und mute sogleich an seinem Orte Wache liegen.

Unter den ausgetauschten Neuigkeiten erfuhr Don Ramon die ihm als Arzt
hochwichtige Kunde von Savern, als den Schlssel zu dem ganzen
Kinderkreuzzuge, nmlich: Es sind zwei Geistliche, zwei Brder nach
Frankreich gekommen aus der Gefangenschaft des Assassinenfrsten, die er
entlassen unter dem Gelbni: fr ihren noch als Geisel zurckbehaltenen
_Vater_ sechs schne Frankenknaben zu bringen. Diese zwei Brder haben, um
Vendme an der Loire zu Hause, nun zwlf Knaben an sich gelockt, sie
beschenkt, ihnen das heilige Morgenland als das Paradies der Erde
geschildert, ihnen groe Versprechungen gethan, ihnen Offenbarungen,
Schtze und Wunder vorgelogen, sie den Aeltern gestohlen, eingesperrt und
nun sie _geistlich exerciren_ lassen bis zum Verrcktwerden, durch Beten,
Singen, Knien, Weinen _auf Commando_, Beichten, Nachtwachen,
Teufelverwnschen und -Austreiben, bis sie durch das geistliche Exercitium
vollstndig gerast. Dann haben sie sechs dieser armen Seelen wie ohne
Leiber dem Frsten zum Lsegeld gebracht, der diese Wahnsinnigen nach Art
der Morgenlnder geradezu fr Heilige gehalten. Die in Frankreich
Gebliebenen sind aber ins Land entlaufen, die entsetzliche Krankheit in
Haupt und Gliedern; haben die Hirtenknaben zuerst, und die Hirtenknaben
dann die Dorfjugend damit angesteckt. So ist die Kinderwuth angegangen, wie
Seelenpocken, bis sie als Kinderkreuzzug ausgebrochen und ihren rasenden
und unseligen Verlauf genommen.[A]

Der Doctor fiel ihm um den Hals und kte ihm die Hnde vor Dank, da er
als Arzt recht gesehen. Aber auch vor edler Menschenfreude, da dem ganzen
groen Wirrwarr nur die _Kindesliebe zu Vater und Mutter_, wenn auch in
ihrer Entartung zugrunde gelegen.

[Funote A: Vincenz von Beauvais.]

Mehr brauchten sie von der Welt nicht zu wissen, als ja sich untereinander
liebend. Sie verpaten in Ruhe und Frieden den neuen Kreuzzug der 70,000
geharnischten Ritter, der wie der Zug der Kinder jmmerlich endete. Sie
verpaten die groe frchterliche _Weberschlacht_ der Wollenweber und
Tuchscheerer gegen die Patricier, die sie aus Kln vertrieben, aber der
Mittelstand in den _weitern_ Rath aufgenommen werden mute. Sie verpaten
den neuen Kampf _Aller_ gegen die Macht und _das_ Herrschen des neuen
Erzbischofs; die Belagerung der Stadt, die Eroberung; die Verjagung und die
Enthauptung der Herren vom Rathe; inde sie selbst hier Alle doch mit dem
Leben, dem grten Schatz, und mit allen ihren goldenen Schtzen
davongekommen!

Sie vernahmen nur noch wie ein Mrchen, da der Kaiser Friedrich II. die
christlichen Seeruber und Kreuzkinderverkufer, Hugo Ferreus und Wilhelm
Porcus, sammt dem sicilischen Emir und dessen Shnen, denen sie hatten den
Kaiser ausliefern sollen -- alle Fnf an einen fnffingerigen Galgen hatte
hngen lassen. Ihr halb vergessenes, halb ausgeheiltes Uebel gab ihnen
keine besondere Freude _an der Vergeltung_.

                   *       *       *       *       *

So verging die Zeit. Der gute Don Raimund ward schwcher und trumerischer.
Endlich lag er unrettbar auf seinem letzten Lager, als ein Opfer der
Rettung der Tochter seines Bruders, die ihm die Wunde in den Nacken und den
Wahnsinn zugezogen. Er lie seine Gabriele an das Bett kommen, hielt sie an
der Hand und dankte ihr, da sie aus Liebe und Treue zu ihm den Himmel
verlassen. Aber, sagte er: Ich kehre zu dir nicht zurck! sondern komme du
lieber gleich mit, oder gesund mir nach -- _mir war es doch zu traurig_ --
du erinnertest dennoch mich immer: _da du gestorben!_ und das war eine
schlimme Zeit! _Die vergi ja lieber!_

Sie beweinte den ihr wie heilig erschienenen Mann redlich und begrub ihn
wie einen Seligen, der ihrer nicht mehr bedrfe.

Nach der Trauerzeit kam einst Nikolas mit seiner Schalmei in ihr Thal. Und
ihr schlug das Herz von den Jugendklngen, die in ihre Liebe gefallen, die
ihr damals nur Frmmigkeit und Glauben geschienen. _Savern_ und _Gaiette_
gaben ihr ein reizendes Beispiel. Soll denn ein Unglcklicher, doch im
Herzen Unschuldiger, gar kein Mensch mehr sein und werden drfen? -- Und
aus Erinnerung wurden sie Mann und Weib, und das mannesgroe silberblanke
Schwert mit dem mchtigen Griffe verschwand aus dem mit weien Lilien
bekrnzten Bett.

Er fand bei ihr einst, aus Raimund's Nachla, das kleine Kstchen mit dem
Kinde, das vormals mit gegen sie hatte zeugen mssen. Ameisen in der Eiche
hatten das kleine Gerippe wie zrtlich und ganz unvergleichlich ab- und
reingenagt.

Der Fund war sein Lohn!

Und als Irmengard darauf ein Kind geboren, und entzckt es vor sich in die
Hhe gehalten, da war vor Erschtterung der Seele _die Sprache_ ihr wieder
in die Brust geschossen. Sie hatte laut geschrien -- aber die Erinnerung
hatte sie berwltigt und _todt_ zurckgestrzt.

Sie ward an ihres _geistigen_ Mannes, des guten Raimund's Seite begraben --
und einst ihr _leiblicher_ Mann an ihrer Seite.

Das kleine neugeborene, wunderliebliche Kind lie sich die alles vergeblich
gewesene Jungfrau, Gattin und Witwe, die arme _Isidore_, nicht nehmen. Sie
ward ihm Mutter, und es ward dafr ihr Trost und ihre Freude. _Ihr
Schnstes und Bestes mssen ja immer die Menschen sich trumen._



   Der Phantasie gehrt der Mensch, das Kind!




Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.







End of Project Gutenberg's Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold Schefer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HIRTENKNABE NIKOLAS ***

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