The Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer

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Title: Die Osternacht
       Erste Abtheilung

Author: Leopold Schefer

Release Date: August 18, 2012 [EBook #40523]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








Leopold Schefer




Die Osternacht




Die Osternacht.


Erste Abtheilung.




Sinnwort:

   Erdennoth
   Keine Noth!
   Nur vom Herzen
   Kommen Leiden,
   Leben, Freuden,
   Tod und Schmerzen.





1.


Wer machte denn die Thr auf, Johannes? -- Johannes, hrst Du! schlafe nur
nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh', mache
sie zu! ich frchte mich. Sieh', guckt es nicht dort mit funkelnden Augen
herein? hat es nicht Hrner? --

Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach
Johannes; und das kommt daher, da Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem
vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschmt und nur im
Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in
ihren besten Jahren? Nun hab' ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch
der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem
Hasenfu anrhrt. -- Geh'; Daniel, stehe Du auf und mache die Thr zu und
sperre die Ziege ein.

Der kleine Daniel sprang mit bloen Fen aus dem Bett, um zu gehen.

Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis ber die Kniee! Mutter, die
Wiege ist schon zum Fenster geschwommen.

Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter.

Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hrst Du? -- Und nun rauschte er mit den
Fen darin.

Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum
Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus.

Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das
Wasser! --

Johannes antwortete nicht. Er hrte nur scharfes Luten vom Kirchthurm, ein
dumpfes Rauschen, ngstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der
Kinder und hohles gedmpftes Gebrll des Viehes. Mnner und Weiber und
Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in
Khnen vor dem Hause vorber, wo Abends noch trockene Strae war. Ein Mann
fhrte seine Khe watend nahe am Zaune des Grtchens vor seinem Fenster
hin. -- Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem
Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er
diesen. -- Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. --

_Das Mal_ ist er es! antwortete Jener drauen vom Pferde, vorber eilend;
macht, da Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! --

Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter
Mann erzhlt? fragte Christel.

_Das Mal_ ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte
Johannes. -- Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ngstlich!
Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort!

La Dich nicht bereilen, Johannes! sagte Christel gefat. Einen Augenblick
berlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. _Der_ Augenblick kommt
nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe
fertig zu machen, selber die Ruder hab' ich hineingelegt. -- Das Erste ist
die Nrnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die
Sonntagskleider! Weit Du noch Etwas?

Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Hnden. Unser Haus
war das Beste -- und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So
bleiben wir Fischer! --

Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel.

So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine
Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den
Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mdchen, sein
Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel
stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nrnberger
Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch
das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Da ich
nicht wei! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den
Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel;
und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig ber die niedrige, schon
berschwemmte Mauer des Gehftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe
hinber nach den Bergen, ber welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit
langem, weiem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes
Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gtig
und freundlich den Menschen leuchtete.

Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an
Allem schuld!

Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem
Stabe.

Es ward pltzlich still auf den verworrenen Lrm im Dorfe. Das Schreckliche
war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still,
auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur
manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hhne, die den Morgen
anriefen, oder Gelut aus benachbarten Drfern, auch wohl ferner Schsse
Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden
Sten vom Himmel.

So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, ber Grten und Wiesen,
die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hrten sie rufen:
Johannes! und dann wieder schwcher: Johannes! aber es fiel ihnen nicht
ein, da sie ihre _Dorothee_ vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie
waren froh, da ein Kahn sie einholte. Guten Morgen! grte es beklommen
herber. Guten Morgen! dankten sie wehmthig hinber, und schweigend
gelangten sie ans Ufer.




2.


Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem
Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mdchen sei zuerst ans Ufer
gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich
um, sie berblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken
htte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen
lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich ber das Kind. --

Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas
vergessen.

Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie.

Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. --

Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den
Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das
Mdchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als
Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr'
um! Soll sie so milich umkommen? Wie viel Huser sind schon eingestrzt.
Johannes kehre um. Johannes! rief sie, Johannes! jetzt wei ich, wer
rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! --

Ich will! trstete sie Johannes; nur wrmt Euch erst. So stiegen sie aus
und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekmmert; Daniel las Holz
zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nchsten
Unglcksgenossen, und whrend dessen erschien der Purpurstreif der
Morgenrthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch
die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit lutete es noch im
Dorfe vom Thurme. -- Wer mu das sein? sagte der junge Prediger, der
herzugetreten, denn dort steht der alte Kster mit allen den Seinigen. Die
Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nchst Gott, am meisten
verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im
geffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und
keiner aus dem Dorfe; ich dchte, er trge einen andern Rock, als wir Leute
hier, jetzt weht er auch mit einem weien Tuche. Nun geht er wieder luten,
horch!

Das ist gewi der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause
fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.

Ja, sagte der alte Kster. Als ich den Thurm aufschlieen lie, war er
schon da und ri mir die Schlssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang
selber zu luten. Er lie sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im
Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.

Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle
dort tief.

Das war wohl ein Schreckliches!

Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und
die Augen voll Thrnen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weie
Gestalt sa neben der Leiter.

Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.

Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte
Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt,
denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht
gethan! --

Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten auer ihm?
Die Mnner sind fort nach allerhand Hlfe, oder retten noch; ich verstehe
es nicht, das Ruderscheit zu fhren, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr
ins nchste Dorf, da Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.

Christel kte ihren Johannes; er kte die Kinder, dann fuhr er allein
zurck. Er mute zuerst an der Kirche vorber, worauf der Fremde jetzt
strker gelutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes htte
mssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und
nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinber rudern zum
Hause, von dem das Mdchen ihn mehr gengstet als er sich selbst ber seine
Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, ri ich wieder an der Glocke!
erzhlte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie muten ihr laut
zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen sa sie da oben. Ja es
erschien dann, als sie gleichgltig die Mnner ansah, sogar ein Trotz, eine
Rache, eine wehmthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward ber
und ber roth. Sie whnte sich _vernachlssigt_, als eine arme vater- und
mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes
_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rckfahrt! So
blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thrnen
und kehrte sich ab. -- Lat das arme Mdchen erst ausweinen und sich die
Thrnen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der
Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun
schlgt ihr das Herz auf einmal zu voll.

Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg
whrend der Fahrt nach den Bergen und sahe zurck auf die Flche des
Wassers, whrend die Mnner hinber ruderten. Sie brach voll brauner
Knospen schimmernde Zweige von den Obstbumen, an denen sie hinfuhren, und
warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.

Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun
seid Ihr so arm als ich!

Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel.

_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir
diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei
ihm, wie oft hab' ich geweint!

Was kannst Du fr Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch
das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten
Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.

Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.

Der Fremde hatte das schne, sechzehnjhrige Mdchen mit Verwunderung
betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schne Mdchen mssen
nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger.
Dorothee wollte ihn bse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem
freundlichen Blick getroffen, mute sie endlich sogar auch lcheln, wie er
lchelte.

_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, da ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht
einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!

Das ist nicht nthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie
er spricht. Oder nicht?

Freilich! sagte Johannes.

So schenkte der Fremde nur einige kleine Stcke Geld an die Kinder, schrieb
sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drckte ihm die Hand,
versicherte ihm, da er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock
aus dem Haselgestruch, lie sich den Weg nach Gro-Breitenthal weisen und
wanderte in die Berge.

Whrend dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen
Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf
den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine
Strmung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte
dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! --
Christel schwieg; Dorothee lchelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich
auf den Stein und melkte Milch zum Frhstck fr die Kinder.




3.


Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel,
die darin las; welches Winzerhuschen in den Weinbergen ist denn noch leer?
oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen?

Christel machte gelassen die Bibel zu, drckte die Schlsser fest, und eine
Hand auf den Deckel gesttzt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte
sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so
kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und
Vertrauen!

Aber knnen wir darin wohnen, wie in einer Htte? knnen wir sie den
Kindern geben als Brot?

Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir mu man das
anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz knnen wir
einmal nicht, da fern auch ber den angeschwollenen Main, aber unter dem
Lesen ist mir nun eingekommen, da mein Vater dem Herrn von Borromus in
guten Zeiten auf instndiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein
schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein Herr
von die Hand gedrckt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach
Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf
nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser
Sophiechen da noch am Halse trgt, und einen Ku, den ich mir hundert Mal
abgewaschen. Ach, ich wei noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor
Scham und Schande und Jammer, und wer wei vor was allem in Thrnen aus und
war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben,
verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr
sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden
gehren von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf;
denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstrt, und von dem Gelde bauen wir
es neu auf.

Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und
behauptet, er htt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lchelte Johannes.

Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas
hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen,
nun wird er es gewi bezahlen, gewi! nun wir verarmt sind.

Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig.

Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schoo in die
Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden
wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden
wir das Geld bekommen?

Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! --

Da hrst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt.

Du httest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! -- Ist denn
das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon
aberglubisch; das macht das Unglck! meine gute Christel.

Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr.

Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe
kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hlfe. Es ist nicht zu weit
hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinber! hier haben wir uns satt
gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein
Huschen, oder ein Stbchen haben der Borromus. Es sind auch Wagen von
Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurck, die
nehmen die Kinder mit, und wir gehen.

Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den
Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurck und weinte dann, wenn er die
Kinder auf dem Wagen frhlich darber sah, da sie fuhren, und Daniel, da
er das Ende der Zgel halten durfte.

An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurck
geblieben, hingekniet und dankte fr die glckliche Rettung und betete fr
die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg.

Ist das _unsre_ Heilige! fragte er sie strafend.

-- _Auch unsre!_ sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des
Heilandes vor, der doch _unser_ Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine
_Mutter_. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz
zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater,
das kann ich Dir sagen -- und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das
kannst Du mir glauben.

Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er fhrte sie fort, und
nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebsch einen Jger stehen, der dem
Wagen nachsah.

Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen.

Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes.

Ihr seid also mit verunglckt, sagte der Jger mit halbem Frageton! und mit
stillen Blicken auf dem hbschen jungen Weibe, den braunen Augen, den
rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lchelnd, fragte
er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? --

Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten
htten.

Da kann ich Euch rathen! sagte der Jger; ich heie Niklas und bin in
Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde wei ich nun freilich nichts;
aber da der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Glubiger, die an
ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das
eine und dasselbe Prludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage
auf der Orgel hren. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber
einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehrt, da er
zu seinem Herrn Sohne, dem gndigen Gottlieb -- denn so heit er -- und das
ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das
chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefllte Scke im
Zimmer von der Decke hngen, und der Spieler stellt sich mitten in die
Scke, setzt sie in Bewegung, da sie alle gehen, wie gelutete Glocken:
bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der
ihn stoen will, selber zuerst fortzustoen, und weder von den groben
Scken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tchtig getroffen zu
werden! Freilich bricht mir der Angstschwei aus, von der unaufhrlichen
Arbeit mit meinen sackgroben Glubigern! aber ich stehe doch noch fest,
wenn auch mit tchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet.
-- Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kmmert
nur das Proxeneticum! -- so sagt' er und lachte. -- Aber lat das nur gut
sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da
das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stckfssern sich
nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel
schon bei lebendigem Leibe nur der _selige Herr_ im Dorfe heit -- und eine
rothe Nase hat er sich auch schon blo angekostet, und statt der Gradewage
braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er -- wenn er noch lange der
selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine
Glubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht
gerade die grte Sorge, aber desto grere Geduld. --

Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes --

-- so wird er Euch auch fr einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind
zollfrei. Aber dafr ist der gndige Gottlieb; das ist ein prachtvoller
Mann! dabei blickte er wieder auf Christel -- und da er eine Frau hat, das
schadet nichts.

Das sollte ihm schaden? fragte Johannes.

Nun wie ich das meine! versetzt' er. Die Frau ist so schn und brav, da
sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke,
da sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. --

_Diese_ Aeuerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jger das erste Mal
freundlich anzusehen. --

Nun kommt nur, kommt! ermuntert' er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im
Dorfe wt' ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gndigen
Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Huschen weise.
Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen
Stbchen ist auch ein Ofen, da wir es aushalten konnten, wenn wir frh an
kalten Wintermorgen auf die Vgel lauerten, und da die Locken fr den
Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fliet ein muntrer Bach dabei vorber
in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vgel haben einen
andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der
gndige Gottlieb ist gro und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drben
stehen noch die Krakelstangen fr die Vgel, wo sonst in der Mitte der
Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gbe bald ein
hbsches Grtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr
ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Fen.

Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin!

Der Jger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom
Wege ab.




4.


Das Huschen war nett. Christel ffnete die Thr, stie die Fensterladen
auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles
eingerichtet werden msse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug
hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand
mit gefalteten Hnden noch drauen und hatte den Kopf gesenkt. Christel
kte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee,
was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder
schmst Du dich! rhre dich, Mdchen, und hole Wasser aus dem Bach, da
Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das
halbe Leben zubringt, das mu bequem und weich und immer gut gemacht sein.

Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf
dem Ofen erwhlt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen.
Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf
dem Kamin loderte und in das Stbchen leuchtete, kniete Christel vor
Johannes hin, sttzte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist
Du mir gut? fragte sie ihn. -- Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand
auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast
weichmthig. Sieh' nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du
gehrt, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still
und kehrte sich von mir, als er betete: unser tglich Brot gieb uns
heut'. _Der_ fngt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um's Herz ist!
Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann frhlich sind,
was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier berall;
in den Weinbergen ist Plage vom Frhling bis Herbst, und die Ernte will
auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hrt nicht auf,
das heilige Jahr! und die Jahre hren nicht auf! Das geht so fort wie eine
Mhle. Und mu denn die Mhle _unser_ sein? Den meisten Menschen gehrt sie
ja nicht, sie gehrt nur Einem, der Alle aufschtten lt, was sie eben
bringen. In der Welt nhrt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und
_Andern_ arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns _eigenes_ Brot.
Nicht wahr, mein Johannes?

Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so
ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schoo. Und -- fuhr sie
dann lchelnd fort -- wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und
sehen, was uns noch etwa geblieben, und was fr Fische auf unsern Bumen
hngen!

Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist
Dir selber nicht recht um das Herz, sonst wrdest Du mich nicht trsten.
Das hast Du nicht gewut. Nun geh' nur auch zu Bett! sieh', Dorothee hat
sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst
recht lang werden.

Sie wei, was sich _schickt_, lchelte Christel. Wir sind ja Eheleute! --

Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du
mein _lieber_ Schelm, flsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth!
meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an,
Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lchelnd. -- Du bist mein gutes
Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weit, da ich
Dich lieb habe von Herzen.

Wie ich Dich! sagte Christel.




5.


Am nchsten Sonntage gingen sie schon frh hinab in das Dorf. Dorothee
blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr
eigenes Leid ward gemigt, ja berwogen durch das Mitleid mit vielen,
vielen Menschen! Sie hrten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und
Gelut von Begrbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, da
ihre Obstbume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt
waren, da Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, da ihr
Huschen eingestrzt und der Boden ausgewhlt war, denn sie lebten, und
ihre Kinder lebten alle! und drben segnete der Pfarrer einen Todten nach
dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die
Menge der Betrbten, Neugierigen und Weinenden und begrten sich still
durch Kopfnicken und Lcheln mit ihren Bekannten. Dann hrten sie die
Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein
Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im
Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die
ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lchelte
ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mute ihn ordentlich bewundern,
wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so
bescheiden und gnnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich
und beglckt.

Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf
der Sttte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Krbchen voll allerhand
Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich
ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges
Schweinchen auf, das sein gehrte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei
in den Zweigen des groen Birnbaums hngen geblieben, ihr Gottlob und ihr
Annarschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestrkt
durch die Ueberzeugung wieder heim, da hier nichts mehr zu suchen sei, da
sie nicht _das Beste_ verloren htten.

Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare
geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weies Bndel, das
Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu
haben.

Du willst uns wohl verlassen, liebes Mdchen? fragte Christel betreten.

Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch
erleichtern.

Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewi! Was
Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglck, so schwer es
zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drckt. Mit wem soll ich
mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja!
sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhrtest! Und wie
werd' ich mich erst frchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden
Mittagsstunde, und in der Dmmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du
meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee!
sagte sie halb bittend.

Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie
kssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen.

Wo willst Du denn hin? Du thrichtes Kind, fragte Johannes. Mu es denn
sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee!

Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: da Niklas
hier gewesen; da die junge gndige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle
sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.

Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lcheln und
meinte: So ein Schlo, wo das eintrte, wr' heut zu Tage was werth! und
kein _verwnschtes!_ Ich wei des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so
dumm aus, als ich bin!

Auch nicht so bse, Johannes! verwies ihm Christel. Man mu keinem Mdchen
und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg,
kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Bse und wchst wie die
stachlige Wassernu im Teiche. -- Will sie ziehen, so la sie ziehen. Sie
hat kein schwaches Gemth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf
kenn' ich sie.

Wird ihr das helfen? fragte Johannes.

Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrstet.

-- Im Grunde betrachtet, thut sie so bel nicht, nahm Christel wieder das
Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat
sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen,
als Nhen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug
gehabt, Alles bequem, ja nett und schn, bis auf die Handschuh; mein Vater,
der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich
in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr
eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer
zu bedrfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schnes Glck
als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mdchen. Denn nicht die Reichen
werden immer die Glcklichsten! selten! ja selten nur glcklich. Und Vieles
braucht ein Mdchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.

Aber zu _dienen_ htte sie nicht nthig! murrte Johannes. Im eignen Hause
die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das
ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee
und sahe Johannes dabei an.

Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand
dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein
Mdchen sieht in fremden Husern besser als in dem eignen, und mehr und
anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und
kleinen Geschfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug
einst nhen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder
Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und
denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen
folgen, nicht blo Speisen bereiten, die _sie_ gern e, nicht _so_
zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wnschte -- frh
aufstehen, spt zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird,
und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es
entschuldigen will und knnte. Sie lernt schweigen, hren, sie lernt
_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch fr Bses bedanken; kurz
sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden.

_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei
diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von
fremden Leuten -- denn die eignen schmen sich -- nur scheel ansehen,
geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Fen treten liee, lieber
soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine
Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus mu man reden! Das Drberhin
ist Snde, wenn man die Wahrheit im Herzen behlt.

Christel wendete sich ab und weinte!

Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie
lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Hndchen um
seinen Hals und drckte ihn, da es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der
Vater weinte.

Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke
Euch fr Alles, auch fr das!

Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier
schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben
mit der Stimme; und zu deinem Zeugni sollst Du mir ihn immer lesen, wenn
Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch
leben?

Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den
Vers:

   Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!

Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und
ging, ihr kleines Bndel unter dem Arm.




6.


Auf dem Hofe war Alles in Thtigkeit, groe Anstalten wurden gemacht, denn
das Landesvterchen, oder der Lndchenvater sollte durch Breitenthal kommen
und auf dem Schlosse bernachten. Niklas nmlich kam und nannte ihn so,
weil ein Wolkenschatten sein Land schon berdecken konnte, und ladete
Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stck Geld
zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich groen
Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene
schriftliche Sauve-garde gegen seine Unglubigen, die Glubiger. Das
Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent
sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein
Prachtstck, so da dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da
sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhngen, Quasten, Spiegel,
kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist.
Was aber die Zurstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts
Ernsthaftem kann man einem Groen das Herz rhren; die Thrnen lieben sie
nicht, lachen mssen sie! Lachen mssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der
hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gndigen Gottlieb hin
und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht,
die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst prsentiren
soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwldchen
niedergeschlagen bis auf 24 Stmme am Wege; je zwei und zwei, die dicht
neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft
wird; oben werden blo die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm
geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen
Hosen und Westen und Rcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden
umgebunden, und groe Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und
losbrennbare Flinten in die ungeheuern Brentatzen gegeben. Im Rcken aber
wird eine Leiter angesetzt, ein natrlicher Mensch steigt in den Corpus und
exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der
Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein
separates Glockenthrmchen, noch der entsetzliche Flgelmann. Die
rothbckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand,
Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern
Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die groen
Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum groen Glck haben wir
einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der
die Stiefeln nach dem groen Stiefel machen soll, welcher, wenn die
Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straen wandert wie von
sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt,
und die Glser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer
bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er
Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und
Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von
Sagan, den Ehrenvers:

   Unserm Hans von Sagan zu Ehren
   Lat die klingende Musicam hren!

Ihr mt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger
erzhlen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan,
ein Schuhmachergesell, in Knigsberg, das belagert war, in der hchsten
Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm
das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter
klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht fhren die
Herrnschuh-Macher seinen Fu oder Stiefel bestndig im Schilde. -- Und auch
eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dnn, auf
jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg
geworfen. Wre die Arbeit Euch nicht recht, so knnt' Ihr mit an der
Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker
die Inschriften macht, und der Grtner die groen Buchstaben darauf aus
Blumen. Der Daniel kann schon Krnze winden, und wenn Eure Christel nhen
will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Rcke fr die Mannschaft da
drauen machen. Es ist nur ein wahres Glck, da die Kerls nicht essen und
trinken und nicht einmal einrcken, sonst en sie ganz Breitenthal auf und
trnken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frhstckchen aus.

Nun was Ihr wollt, Johannes! ich mu Alles anwerben, was Hnde und Beine
hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit
dazu -- Gott sei Dank!

So ging er. --

Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel frhlich,
als Niklas fort war.

Aber was fr welche! sagte Johannes halb lachend, halb erbot. Ist das
Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Snden? Und
_dazu_ lassen vernnftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln
dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ mssen die
Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mihandeln lassen, als
retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe,
der Leinweber, ein alter, sonst ehrwrdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden
lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Bageige steht, und
immer streicht G. D.! -- D. G.! -- G. D.! denn so viel hab' ich davon
gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Bageigenkopf, dem er seine Percke
aufgesetzt, whrend die jungen Burschen um die Sule toben, da man sein G.
D.! -- D. G.! kaum hrt. Ei, so wollt' ich die Bageige! Manchmal ward er
aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein,
da es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine
Frage, da die alte Bageige glcklicher ist als der arme Mann, und die
hlzerne Sule fast verehrungswrdig gegen die Brschlein, die mit den
Mdchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn
trinkt, und ist es der selige Herr von Borromus! -- Ich lerne die Welt
ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur
sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thricht ist
und alles Nrrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so
kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfu, eher wir, und am
liebsten -- ich. Den Pathen mit der Bageige vergess' ich in meinem Leben
nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Nh' Du, was Du
willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwsten
zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen htten, Jahre lang --
ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! --

Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mhe und Arbeit wird ja die
Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mhselig bestellten Reben?
Nicht wahr Trauben! se Trauben; und was wird aus den mhsam gelesenen,
mhsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast
Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege
schaufelst, denke, Du worfelst Korn fr uns, flugs wird der Sand Dir von
Golde sein! Die Groen verthun ihr Geld, wie sie nur knnen, und wie sie
wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet,
sie knnen es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und
wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit
der Nadel, mit Sge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hnde gegeben hat.
Marsch, mache, da Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und
ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe.




7.


Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben
huslichen Frau langte er glcklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn
zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mute Christel mit
helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die
bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem
grnen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht.
Als er aber sein Werk so prangen sah, war er berglcklich, und wie ein
junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will
berhmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzcken: so sah er
auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr
und war ganz begngt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten
Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur
wissen! nun knnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die
Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich mu zu Hause nachsehen, mein Fritz
schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus
Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert --
der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister fr die
bedungene ffentliche Erwhnung, so wirft mir der selige Herr bei
erwnschtem Resultate doch eine Klafter raupenfriges Schuldeputatholz an
den Kopf, da meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie blo in die
Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im
Stocke. Mit blauen Ngeln schreibt man schlecht, das mu ich wissen! und
von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hnde zu wrmen, aus
Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei
Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.

Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.

Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Hnden
und Fen. Die Kinder suchten sich den schnen groen wohlriechenden
Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein
Mdchen hatte ein E und ein M in den Hnden, ein andres ein E und ein R,
und sie spiegelten damit in der Sonne, lieen sich an die Blumen riechen,
ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher.
Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich
verschreibe mich ja sonst! Seht der gndige Gottlieb kommt dort geritten!
-- So blieben denn pltzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben
mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lcken,
wie es eben kam, und schlichen sich fort.

Der gndige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten,
und hinter ihm ritt Niklas und sein Jgerbursche in Galla, mit aufgesetzten
Bchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor
Christel, die vor ihm auf dem Rasen sa und ganz rothgeworden war. Sie
erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lchelte nur, und
sie ritten vorber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in
lndlicher Tracht, das seidene Kissen fr das Gedicht auf den Hnden, und
andere Mdchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gndige Frau,
kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit
gesenktem Kpfchen hinweg. Dorothee aber grte kaum ihre Christel, ja es
schien sie zu verdrieen, da Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie
es gehe?

La sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht
mit uns darber im Hause, wenn sie den Vers liest.

Der Ronneburger und die Schneider schwrmten herbei, standen und gingen
dann, ihrer Hnde Arbeit in vlligem Glanze en parade zu sehen.

Der Prinz kam erst spt gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt
auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem
Wasser gezogen. Der Wirbel der groen Trommel, aus einem Orhoft erdacht,
war bis ins Dorf zu hren, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem
Lndchenvater glcklich ein Lcheln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der
Pyramide.

Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler
bei Johannes veranlat, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie
er angewiesen, die Buchstaben zwar pnktlich befestigt, auf jede Seite der
Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender
hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte
hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzglichsten Seiten waren zum Glck
dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nmlich, da aus dem hflichen
SALUTEM ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes
SALUTATE geworden, und da das E M davon an das Ende des BOV gewandert
war. Aus dem ursprnglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX
VOTO hinum, und das V dafr herum gewandert mit den Kinderfen, und das
zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so da den guten Herrn nun
rhrend anschimmerte: EX NOTH. -- Das letzte O aus dem Bono, das nun
abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das
verwirrte G Breitenthal gemischt, so viel davon noch brig gewesen, und
so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit
rmischen Buchstaben ausgedrckte Jahrzahl 1811, die durch das brige M mit
Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die
_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an.
--

Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterlie am
andern Morgen ein gndiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen
in die offenen Hnde seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:

Mein Herr Kreisrath von Borromus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales
Memorial gelesen. Resolution: Abgeschlagen.

Grnde:

Tausend, auer diesem!

Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein
ohnmchtiger Frst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie
machen dem Volke die Augen auf! ber sich, den Luxus und die Unzahl
eingeschlichner unmenschlicher Bedrfnisse. Sie setzen das Volk in den
wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurck und, gebe Gott,
wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem,
alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der
Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begrnden
vermeint, anstatt durch selbststndige Minorate und ignoble
Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen
erklecklich nhrt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den
verhngnivollen Jahren verhltnimig, ja unverhltnimig _weniger_
gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_
wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf --
sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht
sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hnde gerhrt! So soll es
sein, und _so_ mu es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen
-- schlechten Zeiten. Ich bin auer mir, vor wahrer menschlicher Freude.
Honni soit qui mal y pense! Sind die schlechten Zeiten nicht die besten?
-- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromus, nhern sich laut
Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vortrgt, mit groen
Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst
doppelt lieb und schtzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den
_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch
ausgefhrt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung
verdient, nmlich nach unserm System: _Nichts_, und da ich Sie ganz
_fallen_ lasse, bis in Ihr Huschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu
wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und
die Hnde rhren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wnsche Ich und
flehe Ich vom Himmel tagtglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So
hebt sich der alte Mistand. Meine Herren Brder arbeiten alle an diesem
frommen Plan fr das groe Reich, und ich treffe dazu alle mglichen
Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_
Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glcklichen Mnner,
die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die
Hausfrau ist und alle Hnde vollauf mit Tisch, Wsche, Kche, Keller,
Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun mu. Das sind auch
die glcklichen Weiber! Denn anordnen, mig bereiten sehen, nachsehen,
_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heit _bei Gott_
nicht Wirthschaft fhren! das macht nicht glcklich, wie ein braves Weib
ist, sondern unglcklich, wie der Ueberflu macht, die Unsitte und das
Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt trumen die
Menschen alles Andere zu sein: Frsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisrthe,
kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur
nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk
anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird
er machen, sprechen die Weinhndler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute
Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu
Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nmlich von
dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die
schlechtesten Zeiten verheien. Er ist der Schlssel zu mir. Ihm folg' ich,
und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt.

P. S.

Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden -- meine
Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese
Revue hat mir _meine_ erspart! Man kann nicht Soldaten _machen_, nicht
_ansen_ wie Fichten und _einhegen_ -- _das_ haben Sie Mir gezeigt, und
verdienen eine Brger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann
fortlaufen, bergehen, sich schlecht schlagen -- aber hab' ich die
_Meinung_ fr mich, besonders diese, da ich alle Welt gern arm haben will:
so luft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute
lassen sich geradezu todtschlagen fr mich. Was will ich mehr? sagen Sie
selbst, von Borromus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben
meinem Lndchen Millionen erspart und tausend Hnde und Beine geschenkt,
ditto viel Tausend Chakos, Sbel, Flinten. Trommeln, Rcke, Tornister,
Westen, Mntel -- die Knpfe nicht zu vergessen!

An der Inschrift sind Sie unschuldig, das wei ich, und es sagt es Ihnen
gern

Ihr

in Affect gerathener Hannes Manu propria.

Die erste Folge davon fr den armen Johannes war, da er vor dem
Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis
fhren sollte, da er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben knne! Der
auerordentlich gewandte Mann wute in diesem Fall selber einmal nicht, wie
er ihm das Lesen und Schreiben beweisen knne, wie Johannes mit Augen und
Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermge. Seine Praxis war
hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man
jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation
ward also der Schulmeister Wecker suspendirt wegen ermangelnder Absicht;
wie statt Obsicht im Urtheil stand.

Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn fr
alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste fr ihn, seine Christel und
die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.




8.


Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er,
Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, da Du mich
geheirathet hast, da Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst,
Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stcke,
die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und mu Dich die ganze Woche
ber verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben
schneide, und sie weinen und trpfeln, da kann ich mir denken, wie es
daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! --

Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren groen braunen
Augen an, die sich regten und feucht glnzten.

Dir sind die Augen na, meine Christel, sagt' er.

Nun ja, ber Dich! da Du so traurig bist, da Du sprichst, es thue Dir
leid, da Du mich geheirathet hast.

Sie weinte nun wirklich sanft.

Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.

Ich bin ja munter und vergngt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.

Wir knnen fast nicht unglcklicher werden, als wir schon sind, seufzte
Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich
schme mich sonst so im Staate.

Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Scheln bekommt der
kleine Gotthelf ein Kppchen, nicht wahr? Aber, da Du sprichst, wir
knnten nicht unglcklicher werden -- das sage nicht! Da htte der Himmel
noch viel! Bitte lieber, da wir so glcklich bleiben!

So ward denn die Jacke und das Kppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an
die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und
kam nur Sonnabend nach Hause. Das wute nun Niklas.

Aber der gndige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor
ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er
sich vorgenommen, mit der grten Gelassenheit und anscheinenden
Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und
ihr einige Wrtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das
Huschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und
ungesehen nahen, ohne anzuklopfen pltzlich die Stubenthr ffnen und im
saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie
sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt
seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die
Hand hin, die sie ihm kssen wrde -- er wrd' es verweigern. -- Sie sollte
in hchster Verlegenheit sein, einen hlzernen Schemel abwischen, vielmal
den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im
Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schrze, mit weien
feinern Strmpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht ber die
Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben knnen, da der gndige Gottlieb
ihre -- seine -- niedrige Htte mit seiner hohen Person beehrt zum
unvergelichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder
ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf
sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand
fassen, sie drcken, sie halten und sagen: So ein schnes Weib ist der
alberne Johannes gar nicht werth! Wie glcklich wrd' ich sein, an seiner
Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen:
Wir mssen zusammen nher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert!
Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen
im Schoo. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren
schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann kte er
sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fhlte er leise einen nur
angedeuteten Ku wieder, dann kte sie deutlicher, lnger -- dann sog er
an ihren Lippen -- dann fragte er nur flsternd: sind wir allein? -- Aber
sie wand sich los, stand glhend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur
ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein groer, vornehmer Herr, Sie
werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Nrrchen! sagt' er.
Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich
nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schnes, junges, gutes Weib! -- Und Du
einen grmlichen, einfltigen Mann! -- Und nun schmte sich Christel,
fhlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte ber die
Khnheit, da sie ihn gekt, ber das Glck, da er sie gekt, und
glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und
bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthnige Magd, der geschehe,
wie er gesagt hat. --

Oder:

War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur
an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach
-- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genthigt, die Schule mit
ihr durch zu machen, so gab er groe Lectionen auf einmal, und die
Schlerin schritt mit groen Schritten vorwrts. Denn aller Feinheiten,
aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr berhoben. Und wie er als Knabe
hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schne Stieglitze
nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch
eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er berzeugt, da dieselben
Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch die Mal heilen wrden.

Er lchelte nur -- auch ber das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe,
fhlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig
darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.

So ffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib --
Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein
blankes Salzfa, kaum ein Stuhl; ein Stck zerbrochenen Spiegels auf dem
Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief
ihn an: Du Dieb! Du Dieb! Mit dem Fue, den er in die Stube setzte, trat
er das andere kleine Kind auf sein Hndchen, das er ganz bersehen. Das
Kind schrie. Sein Solofnger fuhr hinein und fiel ber ein irdenes Npfchen
mit Milch fr die Kinder her. Der Staar flog auf den Rcken des Windspiels
und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar
fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen
Dieb, brach in Thrnen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus
der Kammer herein, die Gelte in der Hand.

Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begtigte es erst und schalt dann
Daniel, da er darauf nicht Acht gegeben, whrend sie gemolken, und das
Alles, als wenn der gndige Herr gar nicht zugegen wre. Dann ging sie und
reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei
uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lchelnd.

Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gesprch, und
so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in
seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmlig und langsam, oft inne
haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. --
Aber da brach Christel in Thrnen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,
und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor,
mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und
zuletzt auf das Brot legte.

Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im
Gehen mit Drohen und Lcheln.

Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drckte und
kte ihm nun die Hnde, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein
Johannes knnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn
mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nhm' ich mir gleich das Leben!
Dabei drckte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden
solle.

Das war zu natrlich, ja schn und bezaubernd, nur nicht fr ihn, da er
ihr glaubte; denn er wute, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus
stillem Gram ber ihn. Es ward ihm schwl unter dem Dache, er sah von
Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn
es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein
Wort, und der Hund boll um ihn her.

Johannes trat ein. Er sah, da die Frau sich die Thrnen trocknete und ihn
wehmthig lchelnd ansah, und doch eine selige, unergrndliche Heiterkeit
aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote,
glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der
gndige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde,
verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst
Du anders? --

Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein
Johannes, das wre theures Gold fr Dich! nicht wahr, so wohlfeil
verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder
nicht, die dann nicht mehr mein wren, und das gute Gewissen, und die
Seligkeit.

Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich
hab' ihn sehen gehen, den gndigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, da
Du mir das sagst; denn eine brave Frau mu nicht solche schndliche Dinge
dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu
ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist
nur gut, da wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.

Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht,
und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die
Erde mehr unter meinen Fen.

Ich rgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bsen Dingen ist
das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf!
Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er
mich fragt, sonst auch nicht.

Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie
ihn. Siehst Du, der Schwan lt keine Ente neben sich brten; die Sperlinge
beien die Schwalbe aus ihrem Neste; groe Bume ersticken die kleinen
darunter, aber das schchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht,
und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der
paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer,
weil er wei, da er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut,
der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth fr einen Andern. Und
wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der
verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo
die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.

Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde fr seinen
armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines
Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von
Vergimeinnicht daran und weinten sich satt.

Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frhstck, er sang
nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn
die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und
begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die
Mutter ihm wo anders ein Ruhepltzchen gab und den Kindern, die ihn
suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.




9.


Im Huschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wren glcklich
gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft htten! So
gefhrlich fr die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur
drckend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befngt den
Menschen, und er machte auch Johannes blind ber das Glck, das er hatte,
und er konnte nicht Freude aus der Armuth schpfen, wie die Biene Honig aus
der einfachen, aber wunderschnen Fichtenblthe vor seinen Fenstern.

So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu
ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld fr Kosten
bezahlen muten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las:
da der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwren wollen, da
ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so
heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, da das arme junge Weib
vor demselben, als vor der Entweihung gttlicher Majestt, geschaudert. Der
Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo
verborgen und aufgehoben, das wute sie nicht. --

Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte,
_dem_ ihre Noth zu klagen.

Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte
Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebrunt in der Sonne, da sie
keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hbsch. -- Wenn Du noch lange
Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in
Dich! -- Ich will recht fleiig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange
wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter!
mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld
war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung qulte sie nicht mehr.
Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten,
und das gemiethete Stbchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte
Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis
zum Tode. Selbst sein drftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgerth war
_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam
ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und
stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage,
die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfat' er zugleich auch den
Mangel.

Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pchter, der auch Johannes
hie, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein
einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in
Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, da es fertig stehe,
und da es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden fr die Vergoldung der
Namen bezahlte.

Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gndigen
Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee kme, um ihn mitzunehmen. Dennoch
ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, da der Stein fertig war,
und Daniel las ihm die Schrift des vom Grovater erwhlten Textes:

   Halt fest an Gottes Wort,
   Es ist dein Glck auf Erden
   Und wird, so wahr Gott lebt,
   Dein Glck im Himmel werden.

Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.

Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thrnenden Augen,
und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.

Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte:
Johannes, Ihr frchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor
der Unverschmtheit! die mu man vermeiden.

Niklas hrte das nicht und sprach: Ihr seid fr Eure Miethe im Vogelheerd
noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Frh um 6 Uhr an der
Waldkapelle!

Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.

Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie
ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Frchte von den
Obstbumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts
leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bume bis an die Kronen
verschlemmt waren, so hatten gewi die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.

So ging sie betrbt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes
besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn
Gevatter-Pathen _Krieg_. --

Gut, da Ihr kommt, Christel! sagte er frhlich. Ihr erspart mir einen Gang
zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der
Frankfurter?

Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthr geklebt,
da sie nicht verloren gingen.

Da bringt mir das Feld aus der Stubenthr! oder sgt sie aus mit der
Lochsge. Ich mchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu
gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum
denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.

Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hrt mich an! Die
96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier
hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt,
und hier sind die 300! Ein Stck wie das Andere, blank und neu! -- Dann
setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. --

Christel sa ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hnde wie
jemand, der sich wscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, da sie
bete und danke. --

Und dort ist ein Fchen Most, Kometenmost, wie er heit, das nehmt Euch im
Krbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe.
Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand
eine neue Percke und einen nagelneuen echten cremoneser Contraba aus Prag
oder Mittenwalde geschenkt htte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!
Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals.
Mein Brot ist verdient! --

Christel schttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand,
aber er fing an, den Stuhl zu rhren, das Schiffchen zu werfen und trat und
dichtete mit dem Zeug, da die Leinwand schtterte, und tanzend alles Geld
hinunter fiel.

Da habt Ihr etwas fr Eure Mhe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun
leset es auf, aber lat mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich
meinte: mein Brot mit der Bageige wre verdient, aber nicht das mit dem
Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backfen
-- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?

Christel war bse.

Nun danken will ich Euch schon, das ist billig fr Euern guten Willen! da
nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, da Ihr
fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch
und schlug und warf das Schiffchen, da er keine Hand frei und ruhig hatte,
die ihm Christel htte drcken oder gar kssen knnen. Und als sie drauen
war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.




10.


So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als die Mal. Sie
dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben wrde, wenn er nach
Hause kme. Als sie in die Stube trat, kte sie die Kinder erst, die sich
an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Gekten drngten sich wieder
an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so
viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthr --
sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thr stand nur weit offen -- sie waren
noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz
hatte. Darauf zhlte sie das Geld weitlufig auf, da der ganze Tisch davon
voll ward.

Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes kme, und sahe nun erst
den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt,
damit er vielleicht nicht drauen beschdigt werde, und las den vergoldeten
Namen Johannes und Martha und das: Halt' fest an Gottes Wort.

Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.

Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.

Du lgst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht,
mein Kind. Wer hat denn bezahlt?

Mutter! bat Daniel.

Daniel! drohte ihm die Mutter!

Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.

Wovon denn? fragte sie.

Du hast mir ja immer gebracht -- Du weit schon was! sagt' er.

Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir
gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den
Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf
jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem
Schsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen?

Mutter! sagte Daniel.

Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.

Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!

Christel sprang hinaus an den Wagen.

Johannes reichte ihr die linke Hand ber die Leiter, das Stroh war blutig.
-- Das Volk schiet auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie
blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt
und im Dickicht wre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber
das mu geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann
er nicht bleiben. Fat nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! --

Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das
blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwrts, und ihr wehmthiger Blick fiel
gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen
Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.

Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um
nach Johannes und horchte. Er war in guten Hnden; er war schon verbunden
und lag ruhig. Die gndige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der
zwar aus der Stadt war, aber sie selbst fter und tagelang besuchen mute.

Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand
und kte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie
auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh'
doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! --

-- Er schlief. --




11.


Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saen
und auf seine geffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch
Christel auf Socken im Stbchen umher ging, und nur die nothwendigste
Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er trume noch, oder er sei gestorben,
da er den Denkstein sah.

Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er.

Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Fen im Bette sitzt? Ja, das ist ja
ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen,
und fhlte dadurch erst seine Schmerzen.

Ja so! -- jammerte er fr sich. Es hat nicht eben Noth, ich verga mich
nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wte, wer geschossen htte?

La das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich
und besorgt.

Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an
Gottes Wort! --

Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.

Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend:
Christel, weit Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?

Das ist ja nun einerlei, lchelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich
Dich pflegen! --

Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich
denke, wie ich es wei. _Welches_ hat denn gewonnen?

Je nun, die 96! lchelte Christel.

Was wei ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mut mir sagen, ob das mit dem
schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh
doch einmal hin!

Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thr stehend, lauter:
ist No. 15,000.

Nun das ist unser! sagte Johannes.

Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So
sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth
unterstrichen.

Was wei Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.

Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte
Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.

Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96
ist unser.

Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.

Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser.

Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! --

_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und
keinen Fu zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.

Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blsser und
gespannt. --

Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee
genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen
und Unterschied fr mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse
gemacht.

Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das
schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thricht!

Du seufzest, Du siehst bse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel,
meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und
Gedanken?

Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.

Nun siehst Du, so mu man auch die Gedanken halten. Gedacht ist gethan!
sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, la das
Gewinnloos aussgen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und
haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke
die Wirthin und den Daniel. Das Mdchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom
Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang
eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.

Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um
uns, Du guter Junge!

Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh.

Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel.

Aber Du wirst bse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser
und wollte nicht reden.

Ich wei schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6
Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand
nahm, berfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als htt' ich's entwendet.
Wem? -- wute ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben!
und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mhe und Arbeit! Und wenn ich einen
ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun
das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglcklichen Leuten, die
sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als
htt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die
andern Nchte wachte ich auf aus schweren Trumen, worin die Kobolde mich
vor den Knig Salomo fhrten, als eine heimliche Diebin und unehrliche
Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten,
verwnschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach,
da sie mein Geld htten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht
gerechter Frau Redemehr -- sprach er -- Euer Sinn ist schlecht! Ihr
wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen! und spuckte vor mir aus. Und so
geschahe mir alle Nchte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem
neuen heiligen Geiste ber die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_
Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so
zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes
aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Mdigkeit und meinem Tage, den
mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzhlt,
als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrckt, da
seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld
besitzen und Nachts vor dem Knige Salomo erscheinen. Darum freut er sich
so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!

Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das
Geld fr die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie
fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter
seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.

Jetzt htten wir knnen arm werden! meinte Johannes. --

Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut htte! das
krnkt mich; wenn Du nur nicht krank wrst, nicht strbest! -- Nun wirst Du
mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich!
Nur um die Kinder!

So mein ich's auch; seufzte Johannes.

Nein! ich nicht so. Da sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid!
und Du _mich_ nicht! --

Mir aber, da die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du
stirbst dann auch -- ich und Du.

Lieber Johannes, trstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, da das
viele Vermgen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, da er
die Kinder ganz verwhnt und verzogen, und da sie es durchgebracht haben!
Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann
nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du
denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle
wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und
wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Huschen und ein Grtchen,
so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? --
Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberflu und _gesegnete_ Ernten
und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Miwachs, Krieg und
Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hnde, da erwirbt, wer fleiig und klug ist!
Siehe, Adam verlie seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt,
und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.

Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.

Du hast keine Liebe zu Gott! Heit nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst,
-- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trgst, Johannes; ach, Du
hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thrnen und
Vorwurf.

Es mag ihnen auch manchmal kmmerlich genug gegangen sein, als sie auf
Erden pilgerten und blo vom _Sen_ lebten! sagte mitleidig Johannes.

Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht lie an Noth
und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm
sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so
viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die
Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem
Herrgott fr die empfangene Wohlthat? --

Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schrze dazu und siehst mich nicht
an. Du denkst, ich bin taub und blind, da ich nicht sehe, wie die Kinder
so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine
Kinder! wie Du dich grmst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich
auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke fr Alles, was
wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann
strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben
kann, was sie bedrfen! und reichlich, da sie freudig sind! Wohl dem, und
wohl ihnen, da sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus,
worin nichts ist fr sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die
Kirschbume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der
Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden
Krbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, da die Gottesgabe nicht
_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, da man sie mit einem Kreuzer
_bezahlen_ kann, dann die Hnde auf den Rcken legen und traurig fortgehen,
da sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine
Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem
Gesichte an die Wand.

Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge
gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lchelte sein Gesicht! Und
doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und
geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat
er nun nicht gewut, da wir ohne ihn verlassen sein wrden? O ja, er hat
es gewut. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_
helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen
empfunden_, da er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein
Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hlflosigkeit, in
die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an,
zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und lie uns die Hnde, darauf zu
weinen; aber er lchelte nur in unsere Thrnengesichter und verwunderte
sich; und so schlo er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte
die _Gleichgltigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heit -- und die
stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden!
Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergngliches,
wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater
erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war
auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur
seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick
zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein
stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh'
nur hin, es glnzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein groes Glck fr
den leichtsinnigsten Menschen, geschweige fr den Frommen. Und wir, die wir
es sehen, wie die Sterbenden lcheln, wie sie still dahin ziehen, wir
sollten sie nicht verstehen? Wir knnten mit offenen Augen, mit klopfendem
Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein
nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt
die Arbeit und Sorge und Mhe, da Gott auch um uns ist; wenn wir das reife
Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns,
mde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das
Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedrfen.

Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte
Johannes.

Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als da wir
_das Unsere_ gethan, wenn wir fr unsere Kinder sorgen. Aber wie weit
reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst fr die Kinder
von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und mssen
wir diese nicht schon doch Gott und der Welt berlassen? Und warum denn
nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch
nur in Liebe und Wnschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb?
Antwort: Ja! Und wnschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage?
Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden,
besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du
bist der Hasenfu -- nicht der kleine Junge!

Johannes lchelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mhsam
verhaltenen Thrnen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn
vom seitwrts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so
blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.




12.


Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab
Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie.
Christel erwartete in Gedanken, da sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr
bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein
besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann
es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mute --

Christel lchelte und hob das Papier auf.

Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.

Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.

Da ich nicht wte! versetzte Dorothee.

Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich
das etwa beklemmt.

Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers.
Wir haben um Dich verdient, da wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine
Ursachen dazu.

Sie schlug die Bibel auf, zndete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah
lang auf die Bltter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die
Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich,
dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.

Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.

Aber da ist noch das Goldstck; gut, da es mir einfllt! So holte sie es,
wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du
solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee errthend. Nun so nimm
es Deinem gndigen Herrn mit! Dem gehrt es.

_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu
sehen, ob und was sie meine.

Nun ja: Deinem, versetzte Christel.

Ich bin ja Jungfer bei der gndigen Frau; erwiederte Dorothee.

Sie soll eine gute gndige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! --
Und so ging sie, und sie sahen dann erst, da sie das Goldstck dagelassen.

_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.

Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um
Deinetwillen mu ich besser werden!




13.


Christel that es nur leid, da sie den vortrefflichen Kometen-Most allein
trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schdlich und vom Lizentiat
verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon
trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ geniee seine
Sigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte
Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich
seine Suspension zu Gemthe gezogen, besonders das Wort des
Gerichtshalters: da es ihm leid thue, da suspendiren nicht aufhngen
bedeute. So war er denn bergeschnappt, zuletzt sogar und die Mal nicht
ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen
Verdru ber den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig
vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die
Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt
worden, und der arme, irre Mann bersetzte das Wort nun: _zweimal
gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in
seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als
abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewhnlich,
nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die
allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel
eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das
Butterfa auf dem Kopfe? --

Christel aber sahe mit feuchten Augen, da er eine neue Wintermtze auf dem
Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. --

Sehr schn! Herr Wecker; antwortete sie ihm. --

Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem
Kuckuck auf den Fen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. --

Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.

Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um
zu beweisen, da ich auf Euren Johannes nicht bse bin, da er mich um mein
Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, da ihn seine lieben Aeltern
nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die
Scharte auszuwetzen! Aber tchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich
habe eine tchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es
kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann!
Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige
Schulhaus nebst allem Zubehr, und was darum und daran hngt, wie an meinem
alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat,
und wenn er die Sonne ausblst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das
Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die
sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!

Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen
auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den
Vers:

   Erhalt' uns in der Wahrheit!
   Gieb ewigliche Freiheit,
   Zu preisen deinen Namen
   Durch Jesum Christum. Amen!

Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte
sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die
Ruthe neben sich hin.

Und so mute denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen
that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre
Huser lehren, und man hrte sein: Erhalt' uns in der Wahrheit. Manche
behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum
Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden
Brotschrank, die groen Taschen, das er ruhig geschehen lie, als wenn er
nichts merkte, und whrend dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers
zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich fr das
reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo
es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt
war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein groer
Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der
alte Mann Wecker hie, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so
hatte er einen Ha gegen die Hhne bekommen und fhrte Krieg mit ihnen, wo
er einen sah und krhen hrte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin
Wecker! und so fing er an, frh die Menschen selber zu wecken ohne
Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen
Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krhte zuletzt dabei auf
einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Mnner in dem Pallaste der
Knige von England krhten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie
-- Petrus.

Das war seine ganze Verrcktheit und sein ganzes Unglck. Uebrigens war er
glcklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der
neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er
sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast
eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen
lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die
Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen sa, machte oft grobe
Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft
hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so
legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthr an, und es
standen nach und nach mehr als ein alt Schock Snden angeschrieben, jede
nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich
und lschte dann einen Sndenbock an der Thr hinweg. Denn er selber lie
sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder
berhrte ihn.

Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes
Herstellung trank und sich alle Mhe gab, ihm durch einen guten Zug zu
beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu
seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte.
Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mhe bei ihm gegeben,
_um der gndigen Frau gefllig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon
die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau
Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thr, lie ihn
heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung.

Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm.

Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an
Gelde!

Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lchelnd.

Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.

Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrielichen
Miene.

Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich fr die Kinder!

Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.

Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schrze
hervor.

So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Lat uns doch sehen!
sagte die Frau Lizentiatin.

So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemhten sich, es in
Augenschein zu nehmen und zu befhlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich
nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man mu _von_ Euch nehmen, was
Ihr habt! Es thut mir recht leid.

Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja
wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne
Wurst.

Man hat jetzt Beispiele, da Menschen daran gestorben sind! Wurstgift --
das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend,
und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: Nimm! _wann_ es
schmerzt -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine
Verbindungswrtchen auch ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und
festgebunden auf den Bedientensitz!

Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, da es
wieder abgebunden werden mute. Die Gans im Wagen schrie auch.

Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubni, zu gehen
und wieder Eure Geschfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fhlen,
da Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen --
die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg
mit dem kleinen guten Dinge.

Die Frau Lizentiatin aber wute sich noch hin und her zu beschftigen und
lie sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie
fuhren erst fort, als Johannes schon lngst einen tchtigen Stock genommen
und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Strae war.

Christel und Wecker sahen nach.

Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er.

Das Schweinchen? sprach Christel.

Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.

Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.

Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.

Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. --

Das wollt' ich nur wissen! lchelte Wecker.




14.


Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erbot
den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes
Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett.

Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.

Recht schlecht! sagt' er.

Bist Du mde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.

Nein! sagt' er; aber erbittert!

Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So
drang sie nicht weiter in ihn.

Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglck, das aus dem alten
entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang
auf dem Rckwege von dem Lizentiat an das Feldgrtchen der alten Frau,
seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den
Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu
frieren, mrbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er
sprang ber den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich
ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem
unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein
ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu
schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn ber den Zaun ins Feld.
Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch klglich qukte
wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn vllig todt.

In diesem Augenblicke kam der gndige Gottlieb geritten, von einem Fremden
und Niklas begleitet.

So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewi auch die Rebhhner
und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer,
und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!

Johannes erzhlte den Fall.

Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt
ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!

Johannes mochte nicht bitten.

Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal
ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, da es Euch trifft. Die
Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie
_vornehmer_ und reicher Leute Rechte schtzen. Auf den Sonnabend ist
Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und
Euch zu _beweisen_, da Ihr Hasen todt schlagen knnt. Stellt Euch also nur
dann zu rechter frher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will
ich Euch sparen aus Gnaden.

So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.

Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo
anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf
dreimonatliche Gefngnistrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hrte das
ruhig an und bat nur, da er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche,
weil jetzt noch Verdienst sei, aber im vlligen Winter nur wenig. Und er
hatte groe Freude, da ihm das zugestanden ward, in der Klte gefangen zu
sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lchelte der Herr Gerichtshalter.
Dann bat Johannes nur noch, da seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er
wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch
das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen
ber die Angst seiner Christel und lie nicht ab, bis er auch das erlangte.

Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum
gndigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich
immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige
Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene
zu machen, die Rolle durchzufhren und immer gleichgltig -- grau
auszusehen und uns sicher zu stellen, da man _uns_ nicht auf das Pergament
klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir knnen das Sackspiel! und besser!
_Ruhig_ sie -- hngen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun knnen Sie
die Schule mit ihr anfangen!

Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hlt gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich
habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.

Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der
Justini--anus.

Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten
Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleiig bis zum
Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn
ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht
durch Zwei, wie Gott nun segnete.




15.


So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise sa Johannes in
trben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei
sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die
Groen verbieten oder gebieten, das mssen wir kleinen Leute schon meiden
oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlsung
auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei,
die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der
Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklrt -- und einen armen
Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest
steht im Zimmer, der vertrgt einen derben Sto; ein alter kranker
Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe
hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt.
Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie
unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren
Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter
ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbcher, die
ihm der Herr Amtsschreiber nachtrgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja,
dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein
wahrer Pilatus, der zchtigt und loslt, wie es ihm gefllt, wie er die
Sache dem Principal vortrgt -- um ein Paar Eier. Gut, da mir das Beispiel
einfllt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer
Johannes ganz Anderes litt!

Christel sah, da er traurig war, und sprach: ich halte es selber fr
rahtschaffen, da Du die Wanderung machst, da wir einmal aus der Noth
kommen! Ich kann Dich nicht lnger so sehen, Du grmst Dich mir ordentlich
ab, und die Jacke ist Dir so weit, da mir die Thrnen in die Augen treten.

Wenn wir nur nicht die Kinder htten! Du allein kmst indessen schon durch,
seufzte Johannes.

Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du
noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden,
wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtglich vor: _das_ ist ein
groes Glck, zu besitzen, was ein groes Unglck wre zu verlieren. Da
hast Du's! Sag' einmal, wrdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder
_nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind,
und doch nicht sind! --

Curioses Pathchen, wrde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die
Kinder haben, und noch Etwas fr die Kinder dazu? sprach Johannes. --

Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast
Christel. La uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser
haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts
Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn
Du auch lange bleibst, und la einmal schreiben! --

Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der
Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie
er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich
strzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die strmenden
Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten
sich auf der Flche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,
verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder
barfu im Schnee frhlich umher sprangen und Schneeblle wlzten, auf
einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee
bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen
und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie
dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, da sie berhaupt nur
Kleider auf dem Leibe trgen, geschweige berall geflickte scheckige
Jckchen, und keine Hte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den
drftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand
dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen groen Hut im
Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, da er kaum
hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er
noch nicht mitspielen konnte.

Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie
nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich mu ihnen doch lieb sein! und
Christel nennt mich: lieber Mann! ich mu ihr doch lieb sein, -- ich mu
ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen
knnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein knnte!

Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und
es war Jubel im Hause, da die Mutter Ruhe gebieten mute, weil die alte
Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.

Ich mache ein Hirtenhuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker,
ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich
noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hnde
reibend.

Ihr seid ein braver Mann! lchelte Christel auf Johannes.

Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte.

Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten
Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert --
er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich frchten und
freuen, da das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum
Troste sagen wrde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen
frge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, da Daniel ihm schon beschert
-- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder
baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem
kleinen Pcktchen beschwert; aber er mute es nehmen, die Kinder und sie
darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang.
Das Herz pochte ihm laut, und seine Thrnen entschuldigte der Abschied. Und
er mochte wohl oder bel, so mute er auch vom Schulmeister die Wintermtze
-- sein verwandeltes Butterfa, sich auf den Kopf drcken lassen und hren,
wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns!
-- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen!




16.


Weihnachten aber saen sie, um das Lmpchen zu sparen, still in der
finstern Stube; der Kleine frchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooe,
weil er sie mit dem, in der dstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht
kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee drauen dmmerten wohl
herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr
selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.

Da macht' es die Hausthr auf, ein leises Gerusch auf dem Flur, dann ging
sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drben kam Wecker mit dem
Hirtenhuschen, das hell schimmerte wie eine groe Laterne. Christel war
ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt
angezndet, hatte noch die Thr in der Hand und wollte nachfolgen. Da stie
Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte
Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer
sein, fr die Kinder, Christel! Wer wei, wer sich die unschuldige Freude
gemacht!

Christel dachte an Dorothee, nahm das Krbchen und setzte es auf den Tisch,
das Hirtenhuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast bse, da seine
Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch,
und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten
htte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf
Aepfel und Nsse und einen Zappelmann.

Die Mutter ffnete nun, whrend die Schatten der ausgeschnittenen Bilder
aus dem Hirtenhuschen ber den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes
darin im Kreise getrieben, und Jger und Hunde und Hirsche sich einander
friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.

Ein Pischkind! schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!

Das ist recht knstlich gemacht! als wenn es natrlich wre, sagte die
Alte, die ihre Brille vermite; und das Hubchen! die Wickelschnuren! nur
geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!

Aber Christel hatte die Augen voll Thrnen, denn das Pischkind schlug die
Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog ber sein
Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann nher und hielt ihm den
kleinen Finger an den Mund.

Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen,
das scheint mir doch Snde, wer so was gethan hat, der mu Euch nicht
kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin!

Wecker aber sagte: Hchstens geben _die_ das Krbchen wieder auf die Ziehe!
und Wer bekommt es dann? Es heien nicht alle Weiber Christel, meine Frau
Redemehr! Ich dchte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird
Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben?
--

-- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige
Gottesgabe von sich zu stoen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott fr
das gndige Zutrauen zu uns Armen!

Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker.

Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?

Ja! sagte die Alte, ich mu noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht
getauft! das macht wieder Kosten!

Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die
Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die
Aeltern. Noth ist Noth, das wei Ich! --

Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, da sie eine
herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den
Kindern geben zu knnen.

Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter.

Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein
Annarschen?

Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung
indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte
Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder
kramten im Grunde des Krbchens und fanden kleine Hemdchen, Hubchen und
mehrere Silbergulden.

Die Mutter schlief vor zrtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder
kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhuschen brannte,
lieblichen Dmmer und eine stille Jagd an den Wnden verbreitend, bis zum
Morgen.

Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_,
wie er frhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll!
Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu _den_ Kuchen
backen! ergo heit _Einen_ Kuchen backen auch Kuchenbacken. Und dazu
gehrt ein ganzer Backofen, so gut wie zum Schulmeisterabsetzen _ein
ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze
Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose
_Anonyma_. Der Mann bin ich. --

Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten
groen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen
Gulden auch in der grten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern blo fr
das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was
es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der
groen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam
nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier?
und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand
mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in
der Bibel verborgen gewesen.

Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromus was
htte! Der ist nicht der Mann!

Ach, wenn er nur nicht geschworen htte! seufzte Christel. Nun soll mich
mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.

Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh'
mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum
seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so
nrrisch soll sein -- was kmmern ihn die lieben Kinder!

Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth
vergelten.

Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerhrt. Aber der alte Mann weinte zum
ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel
gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weien Haare und sah ihn mild
und lchelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein groes
Stck vor ihm hin, da er Freude habe, wenn er erwache.

Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, da sie das Krbchen beschert.
Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weie feine
Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers
Tchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und
dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gndigen
Clementine, und eine alte Kchin. Sie hatte des Nachts schon geweint ber
das verfhrte Mdchen, das ihr nichts anging, als da sie es liebte, weil
ihm der Vater gut gewesen war.

Jetzt aber ffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren
Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie
las, da der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da
Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld fr die
Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern knn' er, nun
er scheide, nicht zutrauen, da sie das Mdchen erziehen wrden, und da es
die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Grovater zu, sich das
Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den
Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus
Frankfurt, der, um Wein im Groen einzukaufen, sich oft Wochen lang in
Ihrem Hause aufgehalten.

Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Grovater zugesandt,
der Brief war an den Pastor berschrieben, der Grovater hatte ihn nicht
aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch
der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sndlich vergangen? Und so
beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich
jetzt, da Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knbchen noch
lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich
_Gottliebchen_ hie, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes
Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte.




17.


Viele schwere Wintertage berwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und
herzinniger Zufriedenheit. So nahte der Mrz schon heran, und an einem
heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf
und an Frau Redemehr's Huschen vorber gegangen, der wrmenden Sonne
entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorber fhren; aber die
arme junge Frau war krank, ihre Krfte dahin, und sie wnschte zu ruhen.
Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat
sie freundlich, einzukehren! Clementine lchelte und nahm es an. Dorothee
folgte stumm. In dem freundlichen Stbchen sa Clementine lange still, sah
sich Alles mit wehmthigem Lcheln an, was es enthielt, und war dann lange
ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschlfchen
halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der
Hand: Htt' ich hier in dem kleinen Stbchen gelebt, so lebt' ich noch!

Christel verwunderte sich ber das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich
lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche
wird mich nicht mehr finden. Wie gern htt' ich mit Dir getauscht, mein
Kind!

Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gndige Frau, sagte
Christel ihr zum Troste; von frh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich
lege mich so mde hin, zu schlafen, da mich das arme Kind kaum weckt.

Glckliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.

Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen.
Clementine schien zu wissen, da es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja
deutlich an Christel vor Augen, da sie vor den wenigen Wochen des Kindes
seine Mutter nicht knne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren
Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht,
waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schnen Frau mit ihrem
sanften lchelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so
lieblich sa sie da, so innerer Wrde und Reinheit voll, da Christel kaum
sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.

Dann lchelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thrnen
vergo, es nicht sah, wie Jene lchelte, und nur den schwachen Druck an
ihrer Hand fhlte, die sie ihr zuckend entzog.

Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder
Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, da ihre
Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche
nicht mehr viel. Zu meinem Begrbnis wird es langen.

Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im
Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann pltzlich auf und machte
der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.

Das ist ja unsere liebe gndige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich
Wecker, setzte seine weie Nachtmtze wieder auf, erkannte auch Dorotheen
und ging erbittert hinaus.

Das verdien' ich nicht! lchelte Clementine; an allen solchen Thaten bin
ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott wei
es ja.

Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken ber sie gewi zu werden.
Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit
Verdru; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdru.

Und whrend Clementine wie eingeschlummert da sa und Sophiechen neben sich
im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom
alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.

Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr
eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker drauen ein kleines
Strohkrnzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es
hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte
es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann
unaufhrlich, aber still.

Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel trstete sie.
Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner
Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen
wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstck nicht! --

Christel war bse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind
aufstehen und sich die Thrnen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und
behielt seine Mtze auf.

Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb
hat, sagte sie weich, so lt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den
die Welt nicht kmmert, der hat die besten Gter, mit welchen sich
Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange vertrgt und zuletzt sie
heimlich aufhebt und zu Grabe trgt -- und sei's des Reichen eigne, reiche,
unglcksel'ge Frau! --

Liebe gndige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der
Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!

Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird
der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es
zu wissen, unschuldig mit ihr glcklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. --

Das heit ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts.

Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.

Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der
gndige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern lie in die kalte
Zugluft, ruckt' er und stie er mit seinem in Hnden habenden Stckchen,
wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mtze, bis ich mit bloem
Kopfe da stand! Aber ich schmte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu
sein, dem der Kopf durch die Haare wchst! Jetzt nehm' ich meine Mtze
_tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schme mich nicht mehr vor
ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!




18.


Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die
Zeit schon Wochen vorber war, in welcher ihr Johannes zurck sein konnte,
da ward ihr bang und bnger um ihn, und Kummer um sein Auenbleiben
bermannte sie manchmal, da sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen?
getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee
ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann
schmte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, da
es ja gar nicht mglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem
Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige fr immer.
An sich selber dachte sie kaum.

Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von
ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rhrung, als sie ihn sah: denn sie
getraute sich nicht ber den Steg zu gehen, so verdunkelten Thrnen ihre
Augen.

Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann
ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den
Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald
drber hinweg. Seid nur ruhig.

So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er lngst schon vorber war. Sie
ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun
verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie
ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.

Um nun ihren Johannes zu erlsen, er sei, wo er sei, beschlo sie, den
Herrn von Borromus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand.
Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich
nicht mehr entfernen.

Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, da es mit dem seligen Herrn
zu Ende gehe, da ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld
bernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle
exigibilen Reste wren im Transsubstantiations Verkauf mit angenommen;
die inexigibilen aber wollte der selige Herr noch fr sich eintreiben zu
einem Ausgedinge, und es wrden schon Ziegeln angefahren auf den
Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein
Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die
Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? --
Das sahe Christel ein. Sie sah auch, da sich Wecker zusammennahm, so
verstndig als mglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine
Freistelle in einem ganz nrrischen Hause versprochen worden, wie er
umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der
arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und
Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am
sesten schlafende Pastor sehr bel genommen; desgleichen hatten es die
anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich
verbeten; und so mute der alte Mann in die weiteren Drfer wandern, sein
tgliches -- Schulgeld holen, das er mit Thrnen a, und dabei Christel mit
Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoen in der Klte.

Denn so lau und fter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem
Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so strmisch und kalt
winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine
mhrchenhaften Einflle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich
brennende Flsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den
Weinstcken statt der Trauben -- wie mit weien Blthen beschttete Bume
im Walde -- eingefrorene Fische -- weibereifte Brte und Blumen an den
Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schnheit zeigen und
recht lange den Wintergarten sie genieen lassen wolle, damit sie sich satt
daran shen und wieder einmal merkten, da die Erde allein des Herrn sei.
Denn alle Raine, Zune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur
waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wre das
groe alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur
_eine_ weie flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit
seiner Sonne; zum Zeichen, da Alles nur Einem Herrn gehre.

Da Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem groen Leid. Denn die
alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern
_kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstnde es erlaubten, von Spinnen
lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen.
Nun aber wurden die inexigibilen Reste eingetrieben, wo freilich kein
Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also fr ihren vor 20 Jahren
schon begrabenen Mann 5 Thaler fr Birkenruthen zu Besen entrichten, und
das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur
Ernhrung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mute statt der
geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mute nun fort _auf
das Schlo_ gefhrt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafr
_gelschte_ Geld nur hin, da _Christel_ die groe Schuld abzahlte, wenn
auch die alte Frau noch um Gnade bitten mute. Aber selbst die Ziege
stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau
nach, die ihrer kaum Herr ward.

Dafr erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der
jungen Ziege. Die Kinder wuten nicht, was sie aen, Christel war in der
That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker lie sich den
alten Rest von den Besen schmecken. Von der _Ziege_ e ich auch nicht,
sagt' er; aber welcher groe Herr wei denn immer, _was_ er it? Was wrden
da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl fr Dinge auf dem
Tische stehen! _was_ fr Getrnke wrde man auf den Inhaltszetteln an den
_Wein_flaschen lesen! Von _was_ wrden die Braten und Torten sein, wenn
Alles in rerum natura zu sehen wre! -- Hu! Phantasmata! da mir die Haut
schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu
wissen, was er it, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen
sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als
sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: Das wollt' ich nur wissen,
konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafr: Es hat
einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch
Unterschiedliches gegessen haben sollen und mssen, wie Paulus Alles ohne
Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem
unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie
das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das
will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister mu
sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!

Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er
statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise,
das: Herr Gott, himmlischer Vater an, schmte sich wie ein Nachtwchter,
der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre
Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und
_schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelhner in der
Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der
Bume, sondern er trumte; und so hrte Christel mit Furcht die Worte:
Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie -- -- und wieder: die
Sonnenrinder brllten an den Spieen -- -- und die Hute krochen umher --
-- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir
das Herz abstoen, mein ehrliches Herz? Oder stt sie nur mein Unthier,
den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg!
-- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!

Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder frchteten sich
und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der
Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes,
der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie
rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! --
Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr trumt zum Frchten und wit es
nicht! --




19.


Christel war in der Dmmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe,
schne, gndige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und
sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war
lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und
verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war
Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor
der Thr liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die
Jnger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; a David nicht die
Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der
Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder
weinten! Sie eilte, sie drckte die Augen fest zu und ladete schnell einen
Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit
auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und
es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug,
hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt'
Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor
Dieben sicher in der Klte! Ich will Euch helfen! --

So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mhe und Noth die Stubenthr;
aber niedergedrckt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der
ngstlichen Last, sank sie zu Boden und htte noch lange gelegen, wenn ihr
nicht Daniel beigestanden.

Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze.

Christel aber sa auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt ber
sich selbst, und darber, da das Holz brannte! die Flamme sie anschien und
wrmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie fr sich. Aber es wird den Kindern
wohlthun und dem alten Manne! und da mich die Alte gesehen, das ist meine
Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.

Da trat die Alte ein und sagte ihr: Lat das Holz doch nicht liegen! ich
helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gndige Frau hat
es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem
letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging
sie, Wecker und Daniel.

Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen.
Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur
etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu
seiner Freude. Auerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem
Gott vershnen, da ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte
Zeit, und gut fr jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fue im Grabe steht.

So war sie noch fleiig bis zum Charfreitag frh. Dann wickelte sie das
Goldstck, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig fr den Prediger
ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den
Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste
bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah,
wie sonst an solchen Tagen, und hrte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du
hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that
sie nun von Herzen.

In der Halle der Kirche hrte sie schon den Tremulanten, der heute zum
Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schlge schlugen an ihre
Brust, und sie bebte mit, wie die Tne bebten, da sie hinknien mute, vor
eigenem Elend, weit bertroffen von dem schnsten aber schmhlichsten Tode.
Die Orgel fhrte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O
Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam
schwebenden Tne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und
doch durch die Menge der Stimmen mit erschtternder Macht in die Worte ein:

   O groe Noth:
   Gott selbst ist todt! --

Sie wute nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr;
so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so
traurig und frchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen
schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ngstlich ber das furchtbare
Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehrt und gesehen, aber
es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte
eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:

   O groe Noth:
   Gott selbst ist todt! --

Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt
selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das groe Wasser und Dorothee,
der Leinweber und Wecker einfiel, die gndige Frau, ja selbst die Ziege,
und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor
Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie
vielleicht den Kindern raube und in das Grab strze; so brach ihr das Herz;
und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen
Geiste: Gott selbst ist todt.

Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den
Letzten aus dem Gotteshause.

Wie aber die Geistlichen whrend des Opfers auf dem Altare stehen, ohne
noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Wrdigsten zu Zeiten ein
Blick zur Seite nach dem Gelde fllt: so war besonders das Goldstck dem
Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt,
sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten
wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch da ihr Mann im Stockhause
sitze, und da sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr
dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem
Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hrte kaum mehr, als
er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es
reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie
lispelte nur o groe Noth! und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreien
und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Da Ihr nicht etwa entlauft!
-- pfui schmt Euch, eine Frau, die mit einem Fue im Grabe steht! nach den
Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht,
sondern sie war todtenbla, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die
helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hrte wieder das bange Wort:
Gott selbst ist todt. --

Da das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit
mtterlicher Zrtlichkeit gebildet, nmlich das Weihnachtskind indessen
verschwunden war, da weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche
gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, degleichen nichts davon
wuten, das rhrte sie kaum. Sie glhte, sie war krank ber Nachmittag; sie
sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging
dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thrnen in ihr
Stbchen blickend, wie Fackeln vorber zogen, wie Clementine, die gestorben
war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu
ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgefhrt ward; hrte, wie
die Glocken ihr nachriefen, ngstlich, ngstlich! und der Mond in den
Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schlo.

In der Nacht nun trumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben.
Engel, bla wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor
Wehmuth. Thrnen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel,
und die Kinder standen mit ausgestreckten Hnden und fingen die Tropfen in
ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich
lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhrliches Lauten, wie
von groen silbernen, aber gedmpften Glocken, summte in der Luft, und Alle
sahen und hrten hinauf, und Niemand wute, woher das feierliche Lauten
scholl. Die Sonne stand verfinstert; ngstliche Dsternheit ward auf der
Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Hhlen, die
Johanniswrmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hhne
krhten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr
Haupt, die Vgel schwiegen, und die Krhen zogen zu Walde. Die
verschatteten Gewlke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die
Nachtigall brach in einzelne Klagetne aus und verstummte pltzlich, und
die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in
der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestrzung, und aus der
uersten Ferne des Himmels erdrhnte es dumpf, als strzte sein altes
Gewlbe zusammen und wrde verschttet, und das Drhnen scholl immer nher,
hrbarer, herzbeklemmender, und Niemand wute Rettung. Und die Erde
schwebte mit der Trumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins
Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt
ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in
den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem
Sarge. Und sie klopften an die Thr des Himmels, und Weihrauchduft quoll
ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen,
Alles verhllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen
darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten
Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie.
Und so standen unzhlige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen
Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben
darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie
schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehllt in ihre Flgel. --
Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tdtliche Stille wie
Gewitterschwle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit,
wie Sterbegeseufz der Natur, und Flgelschlag der Winde sauste vorber, und
das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete
lieblich wie ewiger Frhling, und die damit getrnkte Luft verhauchte den
Wohlgeruch, kstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus
tiefer Brust: O groe Noth! Und aus allen Regionen der Welt strzten
athemlos und verblat, Angst im Antlitz, auf ihren Flgeln, wie vor dem
Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu
Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht.

Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las
mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er
wollte die Welt nicht wieder zerstren, seiner Hnde Werk; sie war ihm zu
schn, zu geliebt -- aber zu sndhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk,
ber ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das
einzige Verbot: Du sollst nicht tdten! die grellklingende, leichte Verbot
an die rohen Pilger in der Wste, das Er auf den harten Stein mit dem
Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glcklichere, Sptere seiner Kinder
zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie
Balsam zu allen Herzen drngt, das Sterne und Sonnen voll Milde und
Schweigen _laut_ in Strahlen verknden, das die Erden _blhen_ mit tausend
Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lcheln steht, das Gebot:
liebe Gott ber Alles, und Deinen Nchsten als Dich selbst. -- So ist er
gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein
kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der
Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr
Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt,
auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. --

Und eine Geisterstimme rief:

   Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft!
   Komme hinaus, mein Knig![A]

[Funote A: [Greek: `Exelthe, ` basileu]! rief die Stimme eines zum Engel
verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um
in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.]

Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur
Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute
sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das
offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die
Kraft, und sie zog zurck in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn
umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewlk glnzte
und senkte sich, glhend und rege flieend, auf seine Brust. Finsterni
ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lftchen wehte; die Flsse
versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thrne hatte
selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hnde hatten die Kraft,
zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: Wir wollen uns
lieben, irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Shne Gottes
von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weie Schatten, hauchten Gott den
Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurckgenommenen
geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von
seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermelicher weier Regenbogen, wie
eine unendliche, breite Milchstrae, zog sich aus allen den zerschollenen
und zerstubten flirrenden Massen von Leben und Licht ber dem Grabe
zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine
Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie
beugte sich zitternd ber, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber
sie sah nur zwei Thrnen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen
Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lcheln, ein wie sichtbares
Lieben, das sie unwiderstehlich nher und nher, hinab, und zuletzt ihm
fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-s. Und die letzten
leisen Stimmen der sterbenden Engel chzten: Gott selbst ist todt! -- Und
auch sie war gestorben -- ein Suseln strich noch einmal verlschend ber
die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fhlte auch todt noch ein
warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging.
-- -- --

Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war
wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht.
Ihr Geist war noch nicht zurckgekehrt, in diese Welt, wo so eben das
schwere Geschtz vorber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder
eingewohnt in ihrer Htte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem
Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter kte, bis sie ihm
leise und schchtern erzhlte, was sie getrumt.

Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum
zum Troste gesandt, da Du fr eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens
nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch
uns -- Du hast den Traum fr mich getrumt, und nicht fr Dich, Du gute
Seele, fr alle Armen und wer ihn hrt. Wer reines Herzens ist, der soll
Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja
die Sonne!




20.


Noch in der dstern Morgendmmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater
nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein
anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel
hatte sich ein kleines Sckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie
nthig das Nthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter
verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der
Klte ein kleiner Mantel war.

Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu
Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen
rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht bler
angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der
Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Strkung, gerade an
solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon
geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wit das gar nicht, mein
Johannes. Gnnt das dem Kinde und dem Alten!

Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder.
Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was
sie genht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lchelte nur
Johannes an, sa oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich
nach Mitternacht, mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen, wie es
heit, und den Storch zu holen.

Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mdchen kam ans Fenster,
nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drben im andern Dorfe bei der
reichen Mllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zndete sich eine
Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestber sich leuchtend, und
geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit auer
dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand
auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen
Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natrlichen
Marmorbank, wie in einer Grotte die auer dem Winde und ohne Schnee war,
eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit
Herzpochen; Knpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein
gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lchelte ihn an -- es war
sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Tschchen auf seinem Schooe,
einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an,
er sah es und sah es nicht, er hielt die Hnde fest vor die Augen, es nicht
zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth
hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine rthliche
grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch
getrumt? fragt' er sich froh und bestrzt. -- Er sahe zu Boden. Der
Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem
letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte
Verwirrendes. Er fhlte sich zu dem Kinde, er umfat' es und kte ihm die
Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier,
mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden,
da ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse?
-- Gewi! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen,
und um die Geschwister! Heie mich gehen! mein Kind! und ich mchte doch
bei Dir bleiben! Frchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind!
--

So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermdet und von Klte ergriffen,
ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und s und immer ser
eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts
berall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brder und Schwestern
hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das
dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich mchte doch der Tod
nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin
ich dagegen der arme Johannes! Und doch mu ich das sehen und dulden! Das
Kind ist glcklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie
glcklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's
gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglcklich, da er nicht noch
weit unglcklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei
doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glcklich werden knnte. --
Gewi, der Gute kann immer wieder glcklich werden! -- sprach eine innere
Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist
vielleicht noch einer. -- Wer das wte! seufzt' er. Wer wei, wo Wecker
sitzt! --

Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mhle stand. Die Rder waren
eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Mllerin lie die Kindelfrau
nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und trstete ihn mit
Gott und Gottes Hlfe.

Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mhle
geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn
in Haaren, wie er vergngt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht
halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er
knne auch den alten Mann so finden wie den Knaben.

Wecker trug eine groe Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath
in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als
Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er htte die Fackel fallen
lassen. Aber er zitterte nur, da in den flackernden Lichtern und den
bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. --

Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sndenbekenntni, das Johannes wohl
verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt,
whrend Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden fhrte, whrend
er vorn leuchtete.

Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die
andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen
Betteltschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim
gehen! das heit, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist!
Johannes sollte lieber das alte Schulhaus schleppen, wie die Engel das
Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann mte der
Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich rgern! -- Aber an einer
oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hnde erfrieren, Johannes!
Merkt Euch das.

Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich
die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. --

Aus den Drfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im
Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer
Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden.
Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen
der blinkende groe Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht
ihr eigen, nicht Wald und Flur, Htten und Weinberge nicht, auch die
Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust
der Mdchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_
es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.

Hrt ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker.
Sie haben's heut kalt. Aber sonst wr's auch keine Kunst, zu singen! So
Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mute auch
lauten, und wenn das Gewitter dicht ber mir stand; es hat mich auch einmal
so halb und halb, das heit aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur
angesengt! Dafr hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes
Unglck trifft Niemanden zwei Mal, wie das groe Loos! Das knnt Ihr Euch
merken! --

Johannes merkte sich das mit Sthnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um
auszuruhen und Athem zu schpfen, aber er setzte seinen guten Daniel
unterdessen nicht in den Schnee.

Hrt nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drben das Lied:

   Der Tod ist todt,
   Das Leben lebet,
   Das Grab ist selbst begraben! --

Das wre gut fr den Daniel! und gut fr den Todtengrber, die Erde ist
jetzt steinhart!

Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die
Melodie, ja selbst die Worte:

   Auf, auf, mein Herz mit Freuden,
   Nimm wahr, was heut geschieht!
   Wie kommt nach groen Leiden
   Doch ein so groes Licht!

Johannes stand gerhrt.

Nun da kann ich die Fackel auslschen! meinte Wecker und stie sie vor dem
Hause in den Schnee.

Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hrte mit Freudenthrnen
eine zarte Kinderstimme in dem Stbchen, stand und sah durch das kleine
Fenster in der Thr, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug.
So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht
she. Er dachte kaum, da dieser kein Strohdach hatte, da es schon tief
hinein geschneit, da es immerfort noch hufig hinein schneie -- ihm
schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er;
nahm ihm das Tschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den
alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurck, ob es gleich noch dster
war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thr stehen.
Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und
er hrte, da Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind!
Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest
an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme
fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_
soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch
brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. --

Nun ward es still. Eine Herzstrkung tht ihr nun wohl! meinte leise die
Alte. Und so ffnete Johannes das Tschchen, legte erst ein rothes Osterei
daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging
er und setzte sich zu Christel auf's Bett.

Sie a. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl!
mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weit Du auch,
was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe!
die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rdesheimer
Hinterhuser.

Aber von was fr Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel?
sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan.
Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem
guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch
her. -- Er schlft; sagte Johannes; er war sehr mde, die Augen fielen ihm
immer zu. -- Nun so la ihn schlafen, lchelte Christel; er hat ein gutes
Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte
heraus, was darauf gekritzelt war: Friede sei mit Euch, schnitt einen
Eierkorb und hing es ber dem Etisch auf, zu des Kindes Angedenken.




21.


Da erklang ein Posthorn und rufte wie drben vom zugefrornen und
verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthr auf, derbe
Tritte stampften den Schnee von den Fen, und das kleine, vom Kaminfeuer
erleuchtete Fensterchen in der Thr lockte den Fremden herein.

Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht
im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.

Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man
kommt; sagte Johannes.

An der Stimme, und nher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte
der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich
noch!

Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.

Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von
Breitenthal! versetzte der Fremde lchelnd. Ich bin noch in Eurer groen
Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt
fr Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der
Flu wieder aufgeht, kommt es fr Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer.
Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht rmer.

Ihr habt ja gehrt -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir
ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nthig; wiederholte
Johannes.

Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedrfni, und, seh' ich
recht, auch Euch.

Da mcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr.

Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.

Bester Herr, lie Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht
nach _der!_ Sie hat uns groes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir
ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie
hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehrt, die gndige
Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gndigen Gottlieb,
und Dorothee hat vor Thrnen sich nicht fassen knnen! Nun ist sie
verschwunden, und wer wei, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der
Schnee und das Eis vergangen.

Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.

Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mdchen; sagte Paschalis. Wie man
sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick
eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und
wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.

Er wollte zur Thr hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte
Paschalis das steinerne weie Denkmal, und der vergoldete Namen Martha
schimmerte still ihn an.

Martha! sagt' er fr sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder,
fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?

Er ist fr meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der
Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.

Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein groer
Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus
Leidenschaft fhig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu
schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben
Leidenschaft, die Liebe heit und Verderben ist und es bringt! und als mein
Vater gestorben war, als ich aus fremden Stdten heim kam -- als ich weiser
war -- da war sie todt. Arme Martha!

Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann
ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen!
Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die groe Bibel, Johannes,
und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und
auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewi nun von Euch. Ihr
armer Mann!

Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von
Borromus, selbst die Letzte an Dorothee.

Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht
und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schlo.
Der allzu gndige Gottlieb droht' er. --

_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz
wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.

-- Ich berholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach
Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mdchen, das
ich bei Euch gesehen. --

War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.

Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.

Mir schauert! uerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Hnden
verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann
gedankenvoll vor der Inschrift stehen.

Dorothee trat ein.

Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.

Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit dstern Augen ihn messend.

Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der
Hand.

Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.

Der sich jetzt schmt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von
ihr.

Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klger htt' er
gethan: sich erst zu schmen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von
Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht gro --
ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rcken, ganz erhitzt im
Gesicht, und doch bla und schneller und hrbar athmend.

Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?

Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen
wre! --

Htt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis.
Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie
anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will
morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der
Nacht die Dmme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute,
da sie _meine Stimme_ hre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu
retten -- nur _sie_ -- -- htt' ich doch nicht gelauten! htt' ich doch
Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog
sie nicht auf das Schlo!

Die Alte aber sprach: die gndige Frau ist todt; nun kann sie ja der
gndige Gottlieb _auch_ heirathen.

Das ist meine Tochter! wrd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt
Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.

Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behlt er das Gut.

Ich wrde ihm sagen: Sie heien Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb!
noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg!
rieth ihm Paschalis.

Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wnsche, so seid Ihr doch
werth, da ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie
nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und ppig
genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth,
da eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, da eine Mutter vom
Sarge der Tochter entfloh! --

Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen.
Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.

Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein
einziges Kind! --

Dorothee trat vor ihm zurck. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das
Schlo ist Euer -- das Schlo betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die
Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre
tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, da ich ihn Johannes wieder
erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, da Martha meine Mutter war, und
da Ihr mich in ihr gekrnkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so
schenkt dem alten Leinweber einen neuen Ba, so spielt er wieder, und
Johannes befhrt den alten Rhein.

Einen groen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal!
Dorothee, da Du Dich rein erhalten in solchen Hnden! Johannes aber ein
Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glcklich machen! sagte
Paschalis erregt zu Johannes.

Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch mglich! entgegnete ihm
Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein
gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur
halb!

Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das
Alles! Doch da Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das
segnet Dir Gott und mir!

Ihr wundert Euch und seid ein groer Kaufmann, Herr Vater! lchelte
Dorothee. Das jngste Mdchen ist so klug wie der lteste Kaufmann. --
Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schtze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr
sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein
Mdchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag'
ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.

Gerade nun! Du mut mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.

Das will ich mir funfzig Jahr berlegen! beschied ihn das kecke Mdchen.

Johannes aber hatte schon lngst das Zimmer verlassen und wankte hin, um
sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm.
Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der
wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der
Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist
eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit
Schnee vom Himmel beschttet, war erwrmt, und seine Wrme hat sich eine
Hhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glht. Ex Noth
wird wieder Ex voto! Hrt ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen
Frauen.

Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hnde nicht thun,
was ihn Wecker hie, der das Kind zuletzt auf die Fe stellte und in des
Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch
in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder e, hrte
dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da
hast Du Brot! komm', fhre mich heim, der Mutter wird bange sein!

Und so fhrte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne
Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im
Traume und ghnte und strich sich die Haare aus der Stirn.

Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.

Freilich, da steht er und lchelt ja! sprach Christel, aber allmlig
stammelnd und zgernd, und pltzlich erblat vor Ahnung, die aus Johannes
Worten und Wesen sie anschauerte.

Nun -- nun kannst Du auch wissen, da er todt war! fuhr Johannes leiser
fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.

Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach
ihm.

Mutter! -- sprach er, als bt' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.

Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hrte sie nicht an
Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen
zu.

Nun bin ich glcklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch
einen kleinen: Vom Himmel hoch, da komm ich her! -- Ich habe Alles! --
Dorothee! hrst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein
Mdchen?

Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und
sangen:

   Es gingen drei heilige Frauen
      Alle-alleluja!
   Des Morgens frh im Thauen,
      Alle-alleluja!

Alle erschraken darin und hrten gerhrt die hellen Stimmen singen.
Paschalis lie sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei
Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in
weien Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem
Wechselgesang, und es sangen:

         _Die Engel:_

   Erschrecket nicht, und seid All' froh!
      Alle-alleluja!
   Denn, den ihr sucht, der ist nicht da.
      Alle-alleluja!

         _Martha:_

   Ach Engel! lieber Engel fein,
      Alle-alleluja!
   Wo find' ich doch den Herren mein?
      Alle-alleluja!

         _Die Engel:_

   Er ist erstanden aus dem Grab,
      Alle-alleluja!
   Heut' an dem heil'gen Ostertag.
      Alle-alleluja!

         _Maria:_

   Habt Dank, ihr lieben Engel fein.
      Alle-alleluja!
   Nun woll'n wir Alle frhlich sein!
      Alle-alleluja!

Sie schwiegen nun und lchelten. --

-- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle frhlich sein! sagte Paschalis
und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.

Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr
bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.

Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thrnen ein frohes:
Alle-alleluja!

Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie
Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut'
ist heiliger Ostertag!

Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, groe,
zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm ber, und Dorotheen.

Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem
Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Vershnung, die Hand und blickte mit
feuchten Augen zum Himmel.

Die Engel aber schieden, kten die Kinder und grten Alle mit
freundlichem Lcheln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_






Anmerkungen zur Transkription

Quelle: Leopold Schefer's ausgewhlte Werke. Dritter Theil. Veit und
Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.

Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.






End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
