The Project Gutenberg EBook of Die Deportirten, by Leopold Schefer

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Title: Die Deportirten

Author: Leopold Schefer

Release Date: October 8, 2012 [EBook #40985]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








Leopold Schefer




Die Deportirten




Die Deportirten.


_Rectorei Rowlandhill_,
den 1. Januar 1822.

Lieben, lieben Freunde!

Da ich vielleicht Euch vielen Kummer gemacht habe, wie ich hoffe, hoffe ich
nun, da die Sache so gar einen glorreichen Ausgang genommen, Euch gewi
viele Freude zu machen! Man kann Abends noch vor Schlafengehn auf dem
Stiefelknechte das Bein brechen; und Ich bin um die Welt gereiset, und mir
hat kein Zahn wehgethan, kein Haar ist mit gekrmmt worden! Die guten
Menschen die, welche alle da rund umherwohnen, lieben, leben und sterben,
Gott segne sie! Ich habe nur lauter gute Menschen gefunden! Nicht einmal
eine Nachtmtze hab' ich verloren -- ich hatte leider meine beste und
einzige zu Hause gelassen -- nur meine schwarzseidenen Strmpfe hat mir
eine Art von geistlichen Herren gestohlen. Ach nein, nein, nicht gestohlen!
ich habe sie ihm im Herzen viel zwanzigmal geschenkt, als ich sie an meiner
Wiederherstellung des Zwickels erkannte; der arme Mann bedurfte ihrer zu
seiner Amtskleidung, und sie mgen ihm seine magern Beine, die ihm der Herr
strken wolle, warm halten, wo er geht und steht. Ich bin so freudenvoll,
da ich es Euch gar nicht sagen kann! Ich habe ein Groes berstanden. Wenn
nur meine Mutter noch lebte, oder mein Vater, oder nur der Grovater! Gott
segne ihn! Wie wrde es ihm die Seele laben, wenn er meine Geschichte unter
seinen Sixpence-Bchlein mit im Lande umher tragen knnte! Gewinn wrde er
freilich wenig davon haben, er schenkte gewi mir zur Liebe alle Exemplare
weg und sagte: leset nur Leute! das hat mein Sohn gethan! -- Er war einmal
so; wie manchem armen Kinde hat er ein schnes Lied, ein Paar Ohrringe
geschenkt, die es ansah, die Hnde auf dem Rcken, mit sehnschtigen Augen,
und sich bescheidendem Lcheln, wie uns armen Leuten eigen ist. Wenn ich
nun auch von mir mit rede, sollte ich hier eigentlich das Imperfectum
setzen: eigen _war!_ Aber Gott erhalte mir die Bescheidenheit, sie steht
einem Reichen viel schner, als einem Armen; denn das soll mir Niemand
sagen, da dieselben Sachen immer dieselben sind. Es kommt gar viel darauf
an, wer Etwas hat: ob der Jude die Perle im Schubsacke trgt, oder die
Knigin in der Krone; ob _Belisarius_ Bettelbrot it, oder ein geborner
Bettler, wollt' ich sagen: ein gebornes Bettlerkind, nein doch! und
kurzweg: ein Bettlerkind oder Bettler. Ich mu mich nmlich jetzt meiner
Wrde nach, an richtiges Schreiben, oder besser: richtiges Denken gewhnen,
und die Reise hat mir wirklich die Gedanken aufgerumt. Freunde, wenn ich
Euch sagen soll, ich habe viele Gedanken gar nicht mehr; ich habe Bilder,
Wahrheiten dafr; ach, und nun thun mir oft wieder die vielen falschen,
aber so schnen alten Einbildungen leid! Ich kann gar nicht mehr so
sehnschtig in das Morgenroth schauen. Wenn die Schwalben kommen, wird mir
die Brust wrmer, als wenn sie fortziehn. Wenn sie sonst auf dem groen
Rasenplatze vor dem Schlosse meines Principals, oder nun -- mit Respect zu
sagen: meines Schwiegervaters, zur Reise sich bten, schlich ich immer fort
und dachte: Du bist ja nur ein Schulmeister, ein armer
Lancasterschulmeister, der Gott danken mu, wenn er sich nur Zeit Lebens so
fort plagen kann. -- Das war eigentlich wohl recht unchristlich, recht
undankbar gedacht! -- Wenn Sir Horazio eine wilde reisende Gans, oder einen
reisenden Gnserich mit der Kugel gleichsam aus der Luft zu unsern Fen
herab gezaubert hatte -- mir konnt' es ordentlich leid thun! Schon die
armen Rothkehlchen, Drosseln, ja die rothkppigen Gimpel, welchen die
Kinder um einige Penny die Reise so grausam unterbrochen, sie frhlich aus
den Dohnen gelst, einen Faden durch die Schnabellcher gezogen, sie still
nach den Htten der Menschen trugen. Ich habe auch nie etwas Reisendes
gegessen, wenn ich auf dem Schlosse zur Tafel war: kaum einen Hring; eher
trge Austern, eingewachsenes Wurzelwerk und hchstens auf und nieder
gewehte Frchte -- nur nicht Orangen! ich sah sie nur immer gern an, labte
mich an ihrem Dufte, und machte dabei die Augen zu. Lady Theano sagte: ich
htte gar einmal dabei geweint. Jetzt kann ich ihr das schon vergeben! Ich
glaube, mein Grovater, Gott soll ihn auch dafr segnen, hat mir die
Reiselust als Kind auf seinen Knieen einerzhlt. Und mut' ich den Kindern
nicht die fernen Lnder beschreiben, nicht mit dem Zeigefinger reisen ber
Meere, Berge und Welttheile? Das war wohl ein Schweres! Wie oft hielt ich
inne, und seufzte recht innerlich, da mir manchmal ein Westenknopf
aufplatzte; aber lange schweigen durft' ich nicht, sonst htten die Kinder
bald gedacht, ich wisse nicht weiter! Und so mut' ich schon den Finger
nachheben, der wie behext auf Rom stand, und wie Blei auf St. Helena lag!
Und in den Drei Jahren meiner Amtsfhrung kam der Finger schon _dreimal_
wieder auf denselben Fleck! und ich stand so jung und mit so gesunden
Reisebeinen immer auf dem alten Flecke. Das war wohl ein Jammer! Wenn ich
nun gar erst dachte: wie viele liebe Menschen reisen, aus Noth, wie unsere
Herren; um Wein, wie unsere Offiziere; um Brot, wie Virtuosen, Sngerinnen
und Komdianten; aus Hflichkeit, wie Gesandte, oder aus Zwang, wie
Couriere und Fouriere; ja um den Tod, wie Soldaten, denen Allen das Reisen
eine Plage und Klage ist; oder wie Kaufleute und Matrosen, die lieber ihr
Geld, das sie erwerben werden, gleich auf der Stelle ausgezahlt nhmen am
Ufer, ohne zu sehen, zu hren, zu bewundern, was sonst war, was heute ist,
und lange nach uns sein wird, hier und da und berall, denn das heit wohl
reisen -- wenn ich dagegen mit Ohren hrte, wie unntz andere Reisende ihr
schnes Geld verzettelt, um blind und stumm und dumm zu bleiben wie
Theekessel und Koffer -- o wie jammerte mich der edlen Guineen! der edlen
Zeit! Ich konnte das Posthorn gar nicht mehr hren, es machte mich zornig
und traurig; ich weinte unter der Bettdecke darber. Aber jetzt lach' ich
dazu. Der Herr hat dem armen Lambton geholfen, wunderbar freilich genug!
Aber, er hat doch geholfen. Gloria in excelsis Deo!

So viel, lieben, lieben Freunde, mut' ich Euch durchaus vorhersagen, damit
Ihr nicht gar zu traurig werdet, wenn Ihr unter dem Lesen immer denken
knnt: er wird doch glcklich! Gott segn' Euch gleichfalls! Was ich werde
an Euch thun knnen, das werde ich redlich thun. Was nun folgt, ist eine
bloe Abschrift meines Reisebuchs, das ich, weil es so zerlesen war, jetzt
habe drucken lassen. -- Das Kupfer bin ich, nach Clarke gestochen -- Es
bleibt aber dennoch ein bloes Manuscript fr meine Freunde. Das bedenkt!
und beurtheilt es daher ja nicht wie ein Pamphlet, oder Gott behte, gar
wie ein Buch! Denn die werden jetzt oft ganz entsetzlich behandelt, wie ich
nun Zeit zu lesen habe. Aber ich denke, ein bloes Manuscript geht frei
durch alle Welt, wenn auch nicht auf der Post. --

Und besucht mich Alle einmal; nicht nur _Einmal_ etwa; recht oft, alle
Jahre; alle Jahre recht oft! Ihr findet Euer prchtiges Bett, ich mu es
selber sagen, und die comfortabelste Tafel; und bleibt so lange Ihr wollt,
bis Ihr Euch Alle sammelt, und dann je lnger je lieber. Der Herr hat mich
gesegnet. Ich lade Euch nicht aus Eitelkeit; aber freuen knnt' Ihr Euch
doch mit mir, auch ber meine Freude! Und wenn Ihr von mir geht, soll Euch
das alte ehrwrdige Reisegeschenk nicht fehlen, sei es nun von mir, oder
meiner Frau. Aber nehmen mt' Ihr es! Ich habe schon hin und her gedacht,
und angeschafft, was Jedem von Euch am liebsten ist. Nun kommt nur, kommt!

_Es. Lambton_,
Rector.

                   *       *       *       *       *

Am Bord der _Themis_, den 1. April 1819.

Ich mu alle meine Gedanken zusammen fassen, da ich bei gutem Muthe
bleibe! Darum will ich schreiben; das hilft mehr, als sich abgrbeln. Sir
Horazio, mein Principal, sagte immer, wenn er von Rom erzhlte, da die
Bildhauer dort des Nachts im Finstern ein Stck Wachs in den Hnden
kneteten, whrend sie ber ihren Entwurf nachdchten; und wenn sie lange
und tief gedacht, htten die Finger das Mnnchen oder Weibchen fertig, das
ihnen so viel Kopfzerbrechen gemacht, und daraus wrde dann das Modell in
Thon und zuletzt die Marmorstate. Hab' ich meinen Kindern nicht immer so
die Geschichte verdeutlicht, da ich sie auf den Punkt stellte, wo sie das
Factum nothwendig fanden, z. B. selbst den allerrgerlichsten Fall fr sie,
warum Hannibal nach der Schlacht bei Cann nicht rect sc. vi, nach Rom
marschirt? Und ich habe immer gefunden, da man sich in jeder Lage leidlich
wohlbefindet, wenn man sich deutlich den Weg nachdenkt, den man gekommen;
wenn man das unausbleiblich, nothwendig, ja ganz natrlich findet, was
Einen betroffen hat, und die Vergangenheit bis in den Augenblick fortfhrt,
in dem man lebt, und in dem man weiter leben soll, man wei nicht wie. Und
ich wei jetzt auch nicht wie. Darum geschrieben! Auch wer sich verirrt
hat, ist einen sonnenhellen grnen schnen Weg gegangen, nur ist er nicht
dahin gekommen, wohin er wollte. Aber bin ich denn nicht, wohin ich lange
gewollt: im Schiffe! zu Schiffe auf der herrlichsten Reise! Auf einer
Themis, deren schon Aeschylus gedenkt! O du mein Gott und Herr! -- Aber
Lambton, freue dich noch nicht, hre dich erst. Bin ich heut' im Schiffe,
so werd' ich es auch morgen sein. Also freue dich morgen! heute schreib'.
Ach, wie wollt ich mein Reisebuch anlegen -- und nun hab' ich nicht einmal
ein Buch! Ich schreibe auf einzelne Bltter, geschenktes Papier, mit
wriger Tinte, und mit welchem Stummel von Feder mit Zhnen! -- so eine
corrigirt' ich keinem Knaben mehr, so arm er war. Ach, so ein Fest so
unvorbereitet anzutreten und zu feiern! Die Freude kommt doch nie wo, und
wann man denkt! Aber du wirst das Alles natrlich finden, meine Seele, mein
lieber Lambton. Denke nur, wie du in's Schiff gekommen! -- Die Sache war
so: --

-- Doch Crabbe ruft mich; droben ist ein groes Linienschiff in vollen
Segeln zu sehen! --

                   *       *       *       *       *

_Ibidem_, den 6. April 1819.

Die Sache war so. Unsere liebe Marion, die arme Waise in Schlo
Rowlandhill, war auf einmal reich geworden, so reich, da ich ordentlich
vor ihr erschrack. Sie hatte 100 Pfund geerbt! Aber in Brigthon! Sie bat
mich mit solchen schelmischen Blicken, solchen herzbewegenden Anspielungen,
da Ich reisen mchte, das Geld fr sie zu erheben, und sicher zu
berbringen. Sie nannte mich den ehrlichsten, hbschesten jungen Mann, den
sie kenne! Konnt' ich ihr es abschlagen? Auch Sir Horazio, der Baronet,
wnschte es. Er hatte das arme Kind in's Haus genommen, seit ihm sein
Tchterchen auf dem Christkindelmarkte in London geraubt worden war. Er und
Lady Theano hatten ihres Kindes Platz nicht leer am Tische sehen knnen,
und wenn ein Mdchen, angezogen wie sie, mit schwarzem Haar wie sie, im
Park umher lief, konnten sie doch von weitem denken, es sei ihre Tochter.
Sie riefen Sie auch dewegen Elisa, und sie hrte auf den Namen. Nur wir
Andern, die wir von Elisa nichts wuten, nannten die nun Erwachsene nur
immer Marion. Die gute Herrschaft hatte so viel an ihr gethan; was _ich_
Ihr that, that ich den Pflegeeltern. Konnt' ich es ihnen abschlagen?
Kannten sie nicht meine Reiselust, und meinen leeren Geldbeutel? Ich
glaube, sie wollten mir Alle durch die Reise nur einen Gefallen thun, und
Lady Theano drngte mich ordentlich dazu. Aber warum verschweig' ich's? --
Dacht' ich nicht immer noch, das viele Geld auch mir zu holen in mein
kleines Haus? Ein Spiegel im Wohnzimmer htte nicht geschadet; er htte es
scheinbar noch einmal so gro gemacht; ein Schreibepult statt eines offenen
Tisches, wre mir viel brauchbarer gewesen; die alten, von der Sonne
ausgezogenen Vorhnge wren mit Vortheil mit farbigen neuen vertauscht
worden; den Teppich vor dem Kamin htte jeder Andre, als ich, schon lngst
etwa zu einer Vogelscheuche im Grtchen verwandt. Das Bett gedacht' ich
noch einmal so breit machen zu lassen, vielleicht wre gar eine Wiege
nthig geworden -- ach, aber das Alles, wenn statt meiner alten Magd, der
tauben Anna, die ich fast selbst anfangen mute zu bedienen, wenn ich ein
Christ sein wollte, Marion mir die kleinen Sorgen der kleinen Wirthschaft
abgenommen, und mich zum Manne gemacht htte! Und das Geld _machte_ mich
zum Manne. Aber, aber wenn ich so dachte, stand mir der rothe Riese, des
Pachters Sohn, der lange Daniel immer vor Augen! oder ritt mir vorber auf
seinem National-Tiger, wie er ihn nennt, der so mager ist, da man ein
Licht dahinter stellen kann, wie Anna sagte! als wenn man hinter das
dickeste Pferd kein Licht stellen knnte, nur da man es dann nicht
durchleuchten sieht. Freilich, wer den Menschen hbsch nennt, thut ihm das
bitterste Unrecht. Er mibraucht die Erlaubni, garstig zu sein, wie Lady
Theano immer auf franzsisch sagte. Wenn er steht, ist er beinahe gleich
mit der groen Wanduhr in der Halle der Rectorei, und sein Gesicht so klein
wie das Zifferblatt. Aber wenn er sich setzt, ist er halb wie verschwunden
oder eingeschmolzen; er kann die Ellenbogen auf die Schenkel sttzen, und
aufrecht sitzen bleiben, so lang sind seine Arme. Doch Gott behte, da ich
ihn verspotten sollte! er ist ja Gottes Ebenbild! Schme dich, Lambton; die
Eifersucht spottet nur aus dir. Denn wie die Weiber sind! Zwei Jahr bemht'
ich mich, so viel meine Schuljugend mir erlaubte, zugleich mit ihm um
Marion; aber sie war und blieb unentschieden, bis ihm eine Frau
Lieutenantin gerathen: sich eine Fhndrichsstelle zu kaufen, und in Uniform
und Sbel vor seiner Geliebten zu erscheinen. So kam er denn aufgezogen,
nur die Fahne fehlte noch. Wo blieb da Lambton, der schwarze Schulmeister
mit dem Buche unter dem Arm! Das war wohl ein Jammer! Ich htte mir damals
aus Verlegenheit bald das Tabakschnupfen angewhnt, wenn mein Gehalt die
Ausgabe getragen htte; auch sagten die andern Mdchen in Rowlandhill, ich
sei noch zu jung zum Schnupftabak. Aber wie gesagt, das Wort der Lady, die
mir wohl will, war bisher mein Schirm und Schutz, sonst war ich bestimmt
verloren. Eine Geflligkeit im rechten Augenblick entscheidet oft bei den
Weibern, das hatt' ich gehrt; Brigthon, Portsmouth htt' ich gern gesehen,
und wer Woolwich und Chatham nicht gesehen, der hat England nicht gesehen,
sagen selbst die Englnder; nach London kam ich sonst in meinem Leben nicht
-- so beschlo ich die Osterfeiertage zu reisen. Und so reist' ich denn in
Gottes Namen mit meiner Vollmacht. Wer schnell reist, reiset wohlfeil. Wie
viel Mahlzeiten hab' ich dadurch erspart! Was helfen die freundlichen
Wirthe, wenn man viel verzehrt; und die tiefen Bcklinge der Aufwrter fr
das groe Trinkgeld, wo man doch in seinem Leben nicht wieder hinkommt! Es
ist aber wohl nicht recht gedacht; ein Mensch sollte eigentlich keinem
Menschen Schande machen! Doch die Reise ging ja nicht aus meinem Beutel;
ich hatte freie Station, und dann mu ein ehrlicher Mann lieber darben, als
schwelgen, und ein saures Gesicht -- nicht ansehn. Es ist ein albernes
Wort: der Weg ist zwar nicht breit, aber lang; -- der Weg ist aber eben
so albern. Wie schn wre ein meilenbreiter Weg, oder ein Mensch, der wie
eine Colonne in Fronte reisen knnte, wie bei einem Hasentreiben jede
Merkwrdigkeit aufstbern die ganze Breite! Denn wie viel Stdte blieben
zur Seite stehn, links und rechts! Und die Thurmspitzen winkten mir
gleichsam herber hie bin ich -- und hier bin _ich!_ -- hier ich! was
ziehst du denn dort? -- So einen bloen Strich durch die Welt zu machen,
das ist wohl auch ein Jammer. Kurz, ich kam recht verdrlich, unzufrieden,
und ganz durchnt auf dem Dache der Kutsche, wo ich selber in Nebel und
Regen aus Schaulust geblieben, in Brigthon an. Was hatt' ich mir unter
Reisen vorgestellt? Und was war es? Eine Sehnsucht, ein Aufruhr aller
Sinne, ein Flug, ein Traum, kurz: ein Jammer. Mir war so, als wenn mir
jemand aus einem kostbaren persischen Teppich einen Faden herausgezogen und
geschenkt htte.

Die Schwierigkeiten waren bald beseitigt, das Geld -- eine einzige Banknote
-- bald eingestrichen oder leicht -- was man sagt: erhoben, und auf der
Brust wohl verwahrt. Nun war ich mein! Auf Reisen mu man unermdlich sein,
keine Bequemlichkeit einreien lassen. Was Einem, wenn man in der Nhe ist,
Einen Schilling zu sehen kostet, das gilt Einem, wenn man zu Hause ist, das
Geld fr eine ganze Reise. Wer Frhaufstehn, Unruhe Tag und Nacht,
Unbequemlichkeit, Entbehrungen aller Art scheut, der bleibe zu Hause. Warum
ist er gereiset! und die Freude mu und wird die Mhe vergelten. Ich hatte
Menschen ber ihr Phlegma in der Fremde zu spt klagen gehrt, und mir auf
das Titelblatt meiner Reisebemerkungen den Vers eingetragen:

   Sage, warum du hieher vom Vaterlande gewandelt?

Von London war der Schenkel des Dreiecks meiner Reise selbst noch ein wenig
krzer, als der von Brighton nach Hause; die Basis wollt' ich aus meinem
Beutel bestreiten. Meine Mutter hatte mir immer gerathen, einen
Ehrenthaler, einen Freudenthaler und einen Leidenthaler zu sparen; dazu
hatt' ich drei Beutelchen. Diese nun hatt' ich alle mit. Die Ehrenthaler
hatt' ich schon zugesetzt fr Geschenke an meinen Stellvertreter, meine
alte taube Anna, und die besten Schler. Die Freudenthaler wollt' ich in
Portsmuth und Woolwich darauf gehen lassen, einmal ein Stck in die See
hinaus zu stechen; und die Leidenthaler sollten mir die Freude bezahlen,
London zu sehen, und Marion Etwas zu kaufen.

Den chienesischen Pavillon in Brighton besah ich mir am fglichsten des
Abends im Mondenscheine. Ich war im Geiste in China. Die Chinesen, konnt'
ich denken, schliefen; ich konnte denken: der Kaiser denkt eben nach,
welche Gtter, wie Minister, er das nchste Jahr will herrschen lassen. Ich
bildete mir ein, Er knne mich bei dem hellen Mondenscheine aus dem nahen
Fenster erblicken, und als einen _verbotenen_ Fremden, mit dem beliebten,
jedoch nicht Zucker-haltigen Bambus-Rohr von etwanigem Podagra befreien zu
lassen die Kaiserliche Gnade haben wollen -- ich sprte wirklich, ich wei
nicht was, in den Fusohlen -- das Herz fing mir an zu pochen, ich machte,
da ich fortkam, und stie auf eine Schildwache, die gerade abgelst ward,
und sich auf Englisch anrief. Ist denn China Englisch? frug ich mich selbst
halblaut. Noch nicht! antwortete sie, und lachte. Ich schmte mich; der
Mann sieht mich Zeit Lebens nicht wieder -- aber ich schmte mich doch, und
beschlo, mich nicht mehr meiner Einbildung so vllig zu berlassen. Der
Mann konnte wohl gar etwas Anderes von mir denken!

Portsmouth aber war mein Unglck! Was mut' ich eher sehn, als den Hafen,
die Schiffe, die, wie Aristophanes Vgel, das mittelweltische unbegrenzte
Reich selbst gegen die Gtter beschtzen. Ich hatte den ganzen Tag vor
Schaulust nichts gegessen. Gegen Abend trat ich in eine Taverne, worin
frhliche Matrosen und Makler an Tischen umher saen und standen. An den
Wnden hingen Anzeigen von Schiffsgelegenheiten nach Bengalen, Macao, Nord-
und Sdamerika; nach Zanthe, Neapel, Alexandrien, Smyrna, kurz, grad'
berall hin, und fr ein paar einfltige Pfund, wer sie hatte! Ich durfte
sie nur im Office auf den Tisch legen, in's Schiff gehn, die Reise war nur
wie ein Schritt! Denn das Meer ist hben und drben, der Wind rckt es
gleichsam zusammen, fhrt die Schiffe fort, trgt die Kste her, und
breitet das Meer dann wieder aus, wenn man hinber ist.

Drben in Hamburg; drben in Tanger; drben in Boston! unterbrachen und
erzhlten sich die Matrosen. Mir war wie dem Juden in der Mnze! Hundert
Pfund hatt' ich! Ueberall kam ich damit hin! Heim mut' ich doch kommen! --
Aber das Geld war nicht mein! Ach, des Menschen Dichten und Trachten ist
bse von Jugend auf, warf ich mir vor; ich habe ja nicht reisen wollen!
Aber die Thrnen waren mit nher; ich mute mich setzen. Ich stemmte die
Arme auf den Tisch, und verdeckte mir die Augen vor der nach Westen
gesunkenen Sonne, die mich blendete. Denn sie schien prachtvoll aus der
goldenen Ferne zum Hafen herein, und beleuchtete zauberhaft: Mohren,
Chinesen, Amerikaner und Juden hier an einem Orte, da mir die Welt ganz
wunderbar vorkam.

Nicht lange, so stie mich Jemand gelind an, zuzurcken. Ich sahe ihn an,
er sahe mich an. Es war Crabbe. -- Crabbe! rief ich vor Freuden.

Ei, Herr Lambton, grt' er mich, woher? und wohin? Was macht meine
Schwester zu Hause bei Euch in ihrem kleinen Krame? Wird sie so reich wie
dick? Ich bin immer noch Steuermann und kann eigentlich nicht hher
steigen.

-- Wie so? fragt' ich auf alle die Fragen. --

Es giebt nmlich gewisse Leitern fr jeden Stand, sagt' er, ich mchte
sagen: Stockwerkstreppen, ber die Keiner hinaus kann; sie sind oben wie in
die Luft gelehnt. Ein Anderer, in einem hhern Stockwerk geboren, kriecht
gleich als Kind von da aus, wo Unsereiner alt, lahm und marode aufhrt! und
wenn ein Hoher fllt, fllt er uns Niedern immer noch erst auf die Kpfe,
wie die Fische, die man in's Meer wirft, nicht auf den Grund fallen. Nun es
geht Euch auch nicht besser wie mir; ein greres Schiff, eine grere
Schule, das knnen wir etwa erwarten, aber immer nur Schiff und Schule Zeit
Lebens. Nun setzt Euch, Herr Lambton, zu einem Glase echten; Ihr seid hier
in der Fremde.

Dabei -- also bei dem oft eingeschenkten Glase Echten -- trug ich ihm
meinen Wunsch vor, ein Stck auf der offenbaren See zu fahren, und ein
wohlgebautes Schiff zu sehn.

Nun da kommt Ihr mit in mein's, sprach Crabbe. Schner ist noch keins
gebaut in Altengland! Es ist zwar ein Franklinischer
Klapperschlangenkasten, den wir nach van Diemensland, nach Hobarttown
bringen, aber schadet nichts, mein Schiff ist wie Eins, ja Keins! --

Ich stutzte wie billig. Er aber sprach lachend: Wir fahren nur Deportirte
ber, weiter nichts; und unser Schiff hat keine Fallthr, wie sonst die
franzsischen, die das Exportiren der Exportanden ersparten!

Ich wollte wieder fragen, da unterbrach uns ein Kleinhndler, ein alter
Mann mit grauen Haaren, fast wie mein Grovater; sie nannten ihn Oldham. Er
handelte mit allerhand beinahe nur zum Schein, und nahm auch ein Geschenk,
das ihm Dieser und Jener gab. Da, Vater! sprach ich, und gab ihm einen
Leidenthaler. Ich bereute es aber sogleich, als wenn ich nur meines
Grovaters wegen einem Armen geben knnte; ich lie mir den Thaler nicht
wiedergeben, nein, ich schenkte Ihm selber nun noch Einen. Aber das waren
in einer Minute Zwei -- und beide thaten mir leid um Woolwich und London!
Der Alte aber sagte: Ihr wit nicht, wie viel ihr mir heut Gutes thut! So
doppelt gepret von Scham und Mitleid, gab ich ihm auch noch den dritten
und letzten Leidenthaler.

Nun kommt aber in's Boot, Lambton! sprach Crabbe, sonst schenkt Ihr Alles
weg. Es ist auch weg, erwiedert' ich; nur mein Heimreisegeld liegt im
Gasthof zum Fallstaff. Ihr braucht auch heut keins, sagt' er im Gehen zum
Boot; unsere Themis liegt ein halb Stndchen weit schon vor; aber das ist
Euch ja eben recht! Morgen kommt der Capitain, und da kommt auch gewi der
Wind; das mu treffen; denn die Herren kommen eben erst immer, wann der
Wind kommt. Da sollen sich nun die Matrosen wundern, wie das zugeht! Ich
denke aber, wir werden im April immer noch einige Aequinoctien haben. --

Das heit wohl bei Euch: Frhlingsstrme? fragt' ich.

Freilich! antwortete Crabbe; das geschieht so zu Zeiten, aber vorzglich,
wenn die Sonne im Thierkreise steht, Manche sagen, in der Wage. Nun, wie
die Herren wollen! Ich bin nur Steuermann. --

Ich beschuldigte heimlich Crabben, er mchte nicht mehr vom Thierkreise
wissen, als die Bauern, die den Kreisthierarzt den Thierkreisarzt nennen.
Die vier Matrosen warteten auf ihren Meister Crabbe. Wir stiegen in's Boot
und setzten uns. Die Matrosen nahmen Abschied von den Umstehenden, und
sagten ihr Lebewohl, das du guter Junge (good boy) auch zu steinalten
Mnnern, und guter Junge auch zu den Mdchen. Sie schieden, wie man sich
zu Lande gut' Nacht sagt, und ruderten tapfer, jeder eine Beule im
Backen, wie von Zahnschmerzen, sie war aber von Tabak. Viele Boote
begegneten uns mit Vornehmen und Gemeinen, Herren und Damen, Weibern und
Mdchen und Kindern, die von den Ihrigen, den lieben Deportirten mit
Thrnen Abschied genommen: denn sie weinten noch. Ich bedauerte, da meine
Reise schon halb war, als wir die Leiter hinaufstiegen an Bord des
Schiffes.

Meister Crabbe bergab mich dem Stewart, mich berall herum zu fhren, und
alles Erlaubte mich sehen zu lassen. Mit dem Boote, sagt' er, wrd' ich
an's Land gehen, mit welchem der Capitain an Bord kme. Er empfahl ihm
diesen Punkt besonders, im Fall Er nicht daran denken knnte in dem Wirrwar
beim Absegeln. So war Alles besorgt. Ich berlie mich wohl zwei Stunden
lang meiner Andacht, bewunderte Alles im und am Schiff, wie es zu bewundern
war; ja ich getraute mich zu behaupten: da selbst die Arche Noah's so
schn mit Mahagoni-Meubeln, Spiegeln und sthlernem Kamin nicht kann
ausgeputzt gewesen sein; denn wann lebte Noah, und wann leben wir! Und ich
kann als geistliche Person ohne Blasphemie sagen -- da die Welt nicht mehr
durch Wasser umkommen soll -- da eine Sndflut jetzt nur lcherlich wre;
wenn man sie vorher wte, nota bene! Der Herr hat damals schon die
Englnder mit ihren Tausend Schiffen im Geiste gesehen, nota melius! darum
hat er fr die Zukunft nur von Feuer gesprochen. Nota optima! -- Zuletzt
blieb ich in des Steuermanns Cabin sitzen, und las in dem, auf dem ganzen
Weltmeer berhmten Schiffmeisters Assistenten, von dem auf dem Lande
unbekannten David Steel. Der Stewart brachte Punsch, hie mich trinken, und
lie mich lesen.

Da ich dabei eingeschlafen war, bemerkt' ich richtig beim Aufwachen! Ich
schlug das Buch zu, stellte es an seinen Ort, und stieg auf das Verdeck.
Auf der Treppe begegnete mir der Stewart, ganz anders, aber nicht besser,
angezogen, mit einer Schssel kleiner Krebse, mit Eiern, groen Theetassen
und -- Frhstcksgerth. -- Er ward ganz feuerroth, als er mich sah, und
drngte sich mit niedergeschlagenen Augen auf der Treppe an mir vorber. Wo
ist Meister Crabbe? fragt' ich ihn. Er blieb mir die Antwort schuldig. Ich
schenkte sie ihm, und stieg aufs Verdeck. Hoho! sprach ich, die Sonne sitzt
ja noch hoch! Es hat gute Weile! Aber sie mssen das Schiff gewendet haben;
vorhin stand sie rechts, und jetzt links. Ich wendete mich um, nach der
Insel Wight zu sehn, die mir die hngenden Grten der Semiramis aus ihrem
Staube hervorrief -- ich rieb mir die Augen -- ich war entweder von dem
Punsche ein Myops geworden, oder Wight war untergegangen! Aber lieber, als
so vieler Menschen Unglck, war mir doch meins! Doch -- die ganze Kste war
verschwunden! Es war doch Tag! es war kein Nebel -- ich sahe rund umher --
rund umher nichts wie Himmel und Wasser -- das war die offenbare See
offenbar! Aber wie war das mglich? Das Schiff stand ja und wankte nicht;
nur ein leises Pltschern und Glucken glaubt' ich zu vernehmen. Ich blickte
auf dem Verdeck umher -- da stand ein Mann mit einem Fernrohr am Hauptmast
und sah schweigend in die Ferne; auf dem Hintertheile am Steuerrade sa
Freund Crabbe, ernst und im Amtsgesicht, placidus ore, wie Neptunus, der
verschollene Gott. Ich starrte in die Segel! sie blhten voll und zogen,
wie Pferde; die Wimpel spielten im Winde -- es war richtig! Ich sa wie der
Br, der nach Honig gestiegen, hinausgeschnellt auf der Wagschale,
hinausgefhrt in die Welt, ja hinausdeportirt aus der Welt! Die Sinne
vergingen mir -- Crabbe! Crabbe! ruft' ich, und setzte mich in Ohnmacht.
Denn das sah' ich noch, wenn ich in Ohnmacht gefallen wre, -- scilicet:
die enge steile Treppe hinab, -- konnt' ich mir Hals und Beine brechen! So
sa ich, halb vor Schreck, halb vor Freude, wie meine Lampe voll Wasser und
Oel; aber das Oel schwamm oben! -- --

Was soll Crabbe! fragte mich eine unwillige Stimme.

-- Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts -- -- brach ich ab.

Er ist ein braver Steuermann, hrte ich wieder; hinsehn mocht' ich nicht:
denn es war ganz eine Capitainsstimme; sie erscholl mir, wie das Echo
meiner eignen von der Mauer der Kirche, wenn ich Schule hielt und zur Zeit
der Lindenblthen die Fenster hatte aufmachen lassen. Diese angenehme
Erinnerung erquickte mich in so weit, da ich seufzen konnte.

Ist Euch unwohl? hrt' ich wieder. --

Sehr, sehr, in der That! bekannt' ich; wie soll mir anders sein? Wenn Ihr
mich nur entschuldigt! --

Zu Schiffe ist's, wie auf der See, lacht' er -- geht und fttert Fische,
oder legt Euch platt auf den Bauch. Die schnen Damen dort trinken Kaffee,
die denken Alles mit Kaffee zu kuriren! Aber das Mal irren sie sich; ich
wette! ich habe schon gewonnen! -- geht nur auch. Ich stand auf; bla
mocht' ich gerade genug aussehn, das Schwanken kam mir leicht an, so gesund
ich war, und so legt' ich mich im Schatten des Bordes auf den platten
Rcken nieder, faltete meine Hnde ber der Brust, wie ein Leichenstein, d.
h. der Pfarrer darauf, und sah in den reinen, blauen, unergrndlichen
Himmel. Ach, er sah mir doch zu feierlich, ja weinerlich aus, als da er
mit mir scherzen, mich in den April schicken wolle; oder lag das
Weinerliche nur in meinen, Augen, wie die Thrnen?

Nach einiger Zeit hrte ich ein lautes Gelchter erschallen, Einige fragen,
und sie dann mit darein lachen, wie ein vervielfltigendes Echo, dem eine
Gesellschaft unaufhrlich zulacht. Es kam ein Halbkreis von Herren und
Damen um mich getreten, das hrt' ich nur an den Tritten und Trittchen;
denn die Augen hatt' ich fest geschlossen; ich kam mir vor, wie ein Aal auf
dem Aalfange, oder ein Fuchs im Fuchseisen, den die Kinder necken. Crabbe,
der Steuermann, hatte mich ja schwanken sehn! Er hatte gewi mit dem
Capitain von mir gesprochen! Denn dieser lachte mit den andern, ja er
lachte so herzhaft, da er weinte. Darauf sprach er mit der Amtsstimme:
Nun ist es genug! und Alles schwieg augenblicklich und entfernte sich.
Das ist ein braver Schulmeister! dacht ich, der Himmel segne ihn. Er setzte
sich zwei Schritt von mir auf einen Hhnerkorb und sagte zu mir: Bleibt nur
liegen, Herr Lambton! so heit ihr doch? -- Lambton Zeit Lebens! antwortete
ich. -- Crabbe kennt Euch, Lambton; er ist bitterbse auf den Stewart. Wenn
Euch der Zufall nicht leid thut, ist er mir lieb. Ihr habt keine Kisten und
Kasten bei Euch? --

Das wei Gott! seufzt' ich. --

Wohl! so nehme ich Euch fr einen halben Passagier an. --

Wenn Ihr nur mich nicht halbirt, so viertheilt mich meinetwegen! seufzt'
ich mit rckkehrender Ruhe. --

Ihr habt kein Geld? --

Ich? -- keinen falschen Schilling, Herr, antwortete ich mit Wahrheit; die
hundert Pfund waren ja nicht mein; die durft' ich nicht verrathen! --

Also in der That, Ihr habt kein Geld? Ihr! Ich meine Euch! sprach er und
sah mich auf gut Englisch an, und murmelte schlaulchelnd so etwas von
anzuordnender Aussuchung. --

Gott sei mir gndig! rief ich. Das mute er nun gewi verstanden haben fr:
So wahr mit Gott gndig sei! oder sah er meine wahre
Ehrlichen-Mannes-Angst, denn er schien beruhigt und sprach: Wohl! dem
Knige kann ich nichts verschenken; da Ihr aber bezahlt, wann Ihr knnt,
das mte selbst Shylok zufrieden sein. Van Diemensland wird Euch gefallen,
Ihr macht eine schne Reise! Nachher wollen wir schriftlich Richtigkeit
machen. --

Aber wann werde ich bezahlen? --

Wann Ihr knnt! Ihr seht, der Himmel hilft Euch in die Welt, er wird Euch
auch in der Welt helfen. --

Wenn nur nicht _aus_ der Welt! Herr Capitain; Seefahren ist gefhrlich!
seufzt' ich nicht ohne Ahnung; denn mir fielen die Worte meiner sterbenden
Mutter ein, die zu mir sagte: mein Sohn, wenn Du nur noch ein Jahr
berstanden hast, dann -- dann -- dann! -- Dann starb sie! --

Seefahren ist nie gefhrlich, entgegnete mir der Capitain, nur Landen
manchmal! Lambton -- doch still davon, das ist kein Schiffsgesprch, und
verboten: Geht essen, damit Ihr Muth bekommt, und seid munter und guter
Dinge! Denkt, Ihr habt Schulferien, oder Euere Schule ist abgebrannt. --

Behte Gott die Schule! sprang ich auf. Ein Hahn hackte ihm aus dem Korbe
in die Waden, so ging er fort.

Ich bedankte mich, wie billig, hinter ihm drein, mit ihm -- natrlicher
Weise -- unsichtbaren Complimenten wenigstens fr seine Gte; dann stand
ich noch lange in Himmelsangst, die sich nach und nach auswlkte, wie ich
mich, nicht ganz unkluger Weise, in mein Schicksal und in die Themis ergab.
Und so schlich ich -- doch etwas schnell -- in das Cabin des Steuermanns,
sah den gedeckten und besetzten Tisch und lie mir das angerathene
Frhstck aus verzweifelter Verzweifelung schmecken. Darauf kam der
abgelste Crabbe, der mir die Hand gab und sagte: Was ein Kind thun kann,
das noch nicht reden, noch keine Hand rhren kann! Wre dem Capitain York
nicht noch gestern ein kleines Yrklein geboren worden; ich wei nicht was
er mit Euch gemacht htte! Vergebt dafr auch dem _Stewart_! Ich mute an's
Steuer -- und _ihm_ trug der Capitain auf, als er richtig mit dem Winde
kam, gleich die Sachen aufzuheben, die er mit an Bord brachte. Der eine
Anker war bald aufgezogen, nun schwimmen wir! und kein Wind darf versumt
werden, sonst fehlen die Postpferde, wann man ausspannt. Ihr versteht das
nicht, wie der Wind auf der ganzen Welt zusammenhngt, wie er aller Orts
Alles spedirt. Warum habt Ihr Euch auch nicht selbst gemeldet! Doch es ist
nun einmal so, und So ist gut.

Ich dachte aber: So ist freilich gut; doch anders wre besser. Ich schlug
ihm vor, den Capitain zu bitten, mich wieder auszusetzen, in Brest, in
Boulogne, in Cadix doch wenigstens! aber es fiel mir selbst ein, da das
fr mich noch schlimmer wre, als im Schiffe bleiben. Auch schlug es mir
Crabbe rund ab, und sagte: Ein Mensch gilt nichts zu Schiffe, todt oder
lebendig.

Das war genug gesagt! und hatt' ich Flgel, so htt' ich sie hngen lassen.
Und doch wollt' es gar in mir singen und einen Jubel anstellen. Denn wie
viel Vorbereitungen hatte mir diese Ueberraschung, wie man ein wenig
Einheitzen nennt, erspart! Pa, Empfehlungsbrief, Geldsorge nota bene,
Einpackerei, einen Vicarius in meinem Amte, Reiseapotheke, Bcher,
Excerpte, Landcharten -- kurz allen den Tand, ohne den ich nicht glaubte
eine Reise nur antreten zu knnen, geschweige durchzusetzen und
auszufhren; ich htte mich erst alt und blind studirt; und _jung_ mu man
reisen, und scharf sehen mu man knnen Ich bin ich selbst allein sagt
Richard, und ich sag' es getrost; denn die Welt ist reich genug, wenn man
auch noch so arm ist, nur Augen, Herz und Gedchtni hat, oder eine alte
Feder. Aber ach, was mute aus meiner schnen Lancaster-Schule werden!
Waren die Kinder nicht eine Heerde ohne Hirten? Mute sich alles Gute, das
ich sie gelehrt, nicht im Leibe umkehren, nicht in Falsches verwandeln, da
der Mann ein Falscher gewesen, der es gelehrt? Denn was der Lehrer ist, das
bedeutet die Lehre. Von einem Bsen ist nicht gut lernen; und so mut' ich
erscheinen! War ich in Marions Augen mit dem Gelde nicht durchgelaufen, in
alle Welt gegangen, weil sie den langen Daniel mir vorgezogen? Oder glaubte
sie -- wie die Weiber sind -- ich habe mir wohl gar ein Leides gethan? Die
Angst verdiente sie! Sie thut mit leid, aber ihretwegen, nicht meinetwegen.
Nun ich hin bin, ist sie mir hin; denn wenn man scheidet, dann erst soll
man ja wissen, wen man zu Hause lieb hat; und, die Kinder und die alte Anna
ausgenommen, kann ich mich auf Niemand besinnen! Aber der Baronet, der
keinem Menschen etwas Gutes zutraut, der allen noch so braven Handlungen
lauter Eigenliebe unterlegt, mu ich, ich ihm nicht seine frevelnde Ansicht
besttigen? Aber der arme Mann soll von seinem einzigen Freunde schwer
betrogen worden sein; auch hat er keine Kinder, und solche Menschen wissen
niemals recht, was ihnen fehlt. Doch Lady Theano -- -- o Gott, was hilft es
mir nun Zeit meines kurzen Lebens ehrlich gewesen zu sein, wenn ich nun ein
Landlufer, ein Dieb geworden bin? Ja ja, ich verdiene nach Bontanybai
exportirt zu werden! Aber endlich komm' ich einmal wieder! und wenn auch
mein Amt schon besetzt ist, wenn Marion lange den langen Daniel geheirathet
hat, so will ich doch wieder meinen Ehrenplatz in den Herzen einnehmen, und
die Kinder sollen nicht lnger als den ersten Tag mit Fingern auf mich
weisen! -- Ich verfate daher einen Aufsatz, Inhalts: da ich nur durch
ein Versehn nach van Diemensland gereiset sei, und bat den Steuermann
Mstr. Crabbe, den Capitain York und den Stewart das Zeugni zu
unterschreiben, was sie willig thaten.

Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen, als sh' ich ihn mir als eine
Ehrensule aufrichten, als ich das Blatt zusammen faltete. Nur der Gedanke
peinigte mich noch, da der Fhndrich Daniel nun Marion, ohne Geld, nicht
heirathen werde! Es soll sogar Menschen geben, die eine Frau blo um ihres
Geldes willen nehmen, besonders Lieutenants. Aber die Weiber wissen, da
sie mit dem Gelde Eine Person ausmachen, und sind guter Dinge, wenn sie nur
welches haben; und wo ihr Schatz ist, da ist auch ihr Herz. Vielleicht aber
ersetzt ihr Lady Theano die verlorene Ausstattung! Denn sie selber ist
unglcklich, und empfindet also Unglck. Sie ist so gut wie schn, und hat
ein weiches Herz. Hat sie doch 10,000 Pfund, sammt anlaufenden Interessen,
fr den Wiederbringer ihres einzigen Kindes niedergelegt, und bringt
gleichsam die Bill alle Weihnachten vor das Publikum, wie Wilberforce die
seine in's Parlament -- Doch konnt' ich mich den ganzen Tag nicht freuen,
und auch die Nacht that ich kein Auge zu; ich schlief auf dem Fuboden, mit
Kaputzen zugedeckt: denn alle Betten waren besetzt.

Wie der Herr aber auch fr einen Schulmeister sorgt, davon bekam ich am
andern Morgen einen Beweis; denn das Essen und Trinken auf Borg schmeckt
ehrlichen Leuten bitter. Capitain York hatte meine, nun ja, saubere
Handschrift in dem Zeugni gesehn; er hat seinen jngsten Bruder William
bei sich, und Stephan, den Sohn seiner Schwester, einer steinreichen
Plantagenbesitzerin. Diese sollt' ich unterrichten. Um richtig eingreifen
zu knnen, examinirte ich die Knaben in seiner Gegenwart. Ich fiel auf die
Zahlenlehre, und fragte William: Wie viel sind 3 Aepfel und 4 Birnen? --
Das ist schon summirt! sagte er. Ich freute mich. Dabei wollt' ich wissen,
ob er in der Pflanzenkunde einen Anfang gemacht, und fuhr fort: Ich dchte
nicht! ich glaube es sind doch Sieben -- aber was? -- Aepfel! sprach er;
die Birne ist eigentlich ein Apfel: malum-pyrum. -- Was ist sie denn aber
uneigentlich? fragte ich weiter, um ihn auf das nichts bedeutende Wort
eigentlich aufmerksam zu machen, und so mich in das Stilisticum zu
spielen. -- Uneigentlich? wiederholt' er -- je nun: eine Birne! -- Ich
freute mich reichlich, und gab ihm die Hand; der Capitain lobte mich ganz
unverschuldeter Maen. Nun nahm ich meinen Stephan vor, grer zwar als
William, aber dick und stumpf und aufgeblasen. Mein Stephan! fragt' ich, in
welches Reich der Natur, als Mensch, gehrst denn Du? -- Ins Steinreich,
erwiedert' er stolz. Der Capitain lachte laut, und sprach: das kommt daher,
da ihm seine Mutter immer gesagt hat: er sei steinreich! Aber es ist gut,
da ich mich daran erinnere. Fr die 6 Monat Unterricht auf der Reise soll
er Euch gut bezahlen, Herr Lambton, und zwar so viel, da Ihr auch die
Rckreise an ihm verdient. Die Meister sind rar auf der See, und was rar
ist, ist theuer. -- Wer war froher als ich! Ihr sollt vom Evangelium
leben beruhigte meine Bedenklichkeit; nur dem Ochsen, der nicht drischt,
soll man das Maul verbinden; aber mein Gott, ich wollte ja dreschen! -- Nun
war mir geholfen! Wenn ich einmal wiederkomme, bin ich ein berhmter
Schulmeister, Victoria! Denn wer nur etwas Gescheidtes gesehn hat, den hlt
man selbst fr gescheidt.

Auch ein Bett bekam ich durch ein Paar lange Beine des einen Herrn; denn in
dem kaum zwei Ellen langen Kasten, der wie fr ein Faulthier, einen
Siebenschlfer, hchstens fr einen jungen Waschbr, eingerichtet war, --
in dem Bett, so zu sagen, waren dem Herrn die Fe ganz verstarrt und
eingeschlafen, da er sie lange Zeit gar nicht wieder aufwecken konnte. Er
war ganz erbost, und wute nicht mehr, oder wahrscheinlich vorher schon
nicht: _wo_ er zu lang sei, ob unten? wie ihm jetzt vorkam, oder oben? wie
ihm aus den Beulen schon vorgekommen, die er sich in den niedrigen Rumen
an Thrstcken schon an die Stirn gestoen. Wer kann seiner Lnge eine Elle
_abnehmen!_ sagen _die Groen_, sprach er; und der Zwerg mu sagen: wer
kann _seiner Elle_ eine Lnge zusetzen. --

Ich habe meine Beine abgeschnallt! rief ein invalider Offizier in die
Scene. --

Sie Glcklicher! rief der Leidende. Ich bot ihm aus Mitleid einen Tausch
an. Mit Freuden acceptirt. Er bettete sich also auf den Fuboden, und ich
an seiner Statt. So sorgt der Herr durch Alles aufs der Welt, es habe
Namen, wie es wolle. Ich aber pries in besagtem Kasten mein Schicksal, wenn
die Wellen kaum einer Hand breit vor meinem Ohre vorber gluckten, wenn ich
an die armen Haifische und Hammer dachte, die in dem ewig-dunklen kalten
Meeresgrund ihr Haupt hinlegen mssen auf Felsen wie auf Amboe, die
nirgends hin und nirgends her fahren in ihrem Irrsal -- da ist doch ein
Schulmeister eine ganz andre Person! Das Schiff, das edle Thier, man mchte
es Herr nennen, wie ein Reitknecht sein Pferd, das Schiff war auch fr
mich erfunden! Der Magnet, die Sternkunde, das Fleischeinsalzen, die edle
Leinwandweberei, kurz Alles, Alles, seit Thubalkain; und Cook kam mir nur
vor, wie der Rabe Noah's, der mir Land, van Diemensland gesucht! Tausend
Menschen _zusammen_ vollbringen fast tausend Mal mehr, als tausend
_Einzelne_. Ein Mensch htte noch nicht den Thurm zu Babel fertig, und wenn
er 6000 Jahr vor Erschaffung der Welt angefangen htte, Ziegel zu
streichen, trotz dem, da keine Sprachverwirrung bei ihm mglich war! Wie
dumm wre nur Ein Mensch, so gro und dick mit ungeheurem Kopfe, aus allem
dem Stoff aller Gebornen zusammen seit Eva's Zeit; wie dumm wr' er noch,
wie Stephan oder der Stephansthurm; doch einmal von weitem sehn, wie eine
Wasserhose gro, mcht' ich ihn wohl, oder wie den einen Mann im Monde. --
Und da die Menschen sterben, das ist erst das Wahre! da erben die
Nachkommen immer Verstand, Kunst und Wissen, wenn es wahr ist; denn der Tod
macht Alles offenbar, das ist unbezweifelt. -- Das waren so meine Gedanken.
Ich wunderte mich ordentlich, wie sich mein Kopf aufthat; aber auf Reisen
mu man klug werden, man mag wollen oder nicht. Selbst Stephan, der nicht
will! Ich will ihn schon lancastern!

                   *       *       *       *       *

_Ibidem_, den 1. Mai 1819.

Mein Gott, wie ist doch Alles anders, wenn man es _sieht_, als wenn man es
sich _einbildet_. Mitten auf dem Meere ist man blo, wie auf einem groen
blanken silbernen Teller, es kommt Einem kleiner vor, wie ein See. Und wie
abgesondert lebt man! Morgens keine Schule, keine Zeitungen aus London mit
Nachrichten aus der ganzen Welt; Sonntags keine Kirche; Abends kein Clubb!
Frh baut die Sonne ihren Silbersteg, Abends zieht sie ihn wieder ein, wie
eine Schiffbrcke, wie die Schnecke ihre Hrner. Und da man die Sterne in
dem immerbewegten Meere she, kein Gedanke! Eine Wolke, ein fernes Schiff
mit den Augen verfolgen, das ist Alles. Und doch wie schn! wie innig und
heimlich! rein abgeschieden von allen Menschen, aller Kunde ihrer Sorgen
und Plagen zu reisen, und wie bequem! -- Man steht auf, und unter dem
Anziehn ist man zwei Meilen gereist; man frhstckt und -- reiset; man it
zu Mittag, geht spazieren, sitzt, ja man geht zu Bett und schlft, und
reiset und reiset! Und _wie_ besonders? der Weg ist nicht Eisenbahn noch
Eis, sondern Wasser; die Wegweiser brennen am Himmel; die Rosse sind
unsichtbar, und doch geht es sausend fort!

Mein Casus hat gemacht, da ich nur lauter freundliche lchelnde Gesichter
sehe, wie Alles die Kinder anlacht. Frh und Abends gehn wir spazieren um
die Mastbume, in geschlossenem Kreise, ohne Rang, wie an der Tafelrunde;
und doch ist ein groer Unterschied. Aber was doch die Deportirten fr
hbsche Leute sind, ganz wie _andre_ Menschen anzusehn, wohl angezogen und
gesprchig! Wenn ich es nicht she, ich glaubte gar nicht, da sie
ausgesetzt wrden, aller Gter der Gesellschaft verlustig. Manche knnen
ihr Handwerk nur noch nicht gleich vergessen. Ich hrte eines Abends ein
Gesprch: Man wollte uns nicht einsperren, sagte der Eine; wir sollten
frei sein, aber man giebt uns eine schne Probe! Das Schiff ist das
elendeste sicherste Gefngni: keine Thr, kein eisernes Gitter, keine
Kette an Hand oder Fu, es wehrt es Einem Niemand, sich hinaus zu bemhen,
und doch kann man nicht fort! Da lob' ich mir ein Stockhaus, das bleibt auf
einem Flecke -- man hat Freunde, man hat Gehlfen da drauen! Der Sturm
hole den Wind, der uns hinfhrt, wo wir nicht hin wollen! --

Ja, ich mchte auch lieber Zeit Lebens so herumschwimmen, als dort
arbeiten! so elend es zu Schiffe ist, das unendliche ewige Bowling-blew
ohne Bume umher, sagte der Andre, von dem Steinkohlendampf noch, ganz
abgesehn, oder abgerochen. --

Sieh nur, wie dunkel es ist! sagte der Dritte; Schade um die rabenschwarze
Nacht! Hui, wer eine Meile von London jetzt auf dem Klepper se und die
Post rasseln hrte -- Jammerschade! --

Andere spielen hier noch um Kreidestriche falsch, und betrgen einander um
Nasenstber. Kurz es ist ein Seidenleben unter den Menschen, und ich sehe
deutlich, da nur ein weites Exil vor Vertrath und Rache sichert. Vor Allem
gefllt mir der junge Maler. Er sieht aus, wie der Engel der Verkndigung,
und ich glaube, jede Jungfrau wrde ihn gern verkndigen hren. Denn er
sieht aus, wie die leibhafte Liebe oder Schnheit, ja wie beide
verschmolzen. Wenn Alle laut sind, und Er kommt, werden sie still, die
Frauen bla, die Mnner roth; er schnrt ihnen gleichsam das Herz und
siegelt die Lippen zu. Schne Menschen sollte man zu Lehrern und Priestern
whlen; ja sogar, was man sagt: _pressen_, und das aus allen Stnden ohne
Gnade, wenn der Vornehmste nur die zum Schulmeister erforderlichen
Kenntnisse und Tugenden bese; schon bei den Persern mute der Knig der
Schnste sein! -- Er lehrt still durch seine bloe Gegenwart, und da er
fast gar nicht spricht, bleibt er bei seinem Respect. Klug! -- Unter Tigern
ist der Wolf das Lamm, und das Lamm, so zu sagen, ein Engel! und doch ist
er ein gefallener Engel! Es ist mir ein Rthsel, was kann Er verbrochen
haben? er heit Clarke.

                   *       *       *       *       *

_Capstadt_, den 30sten Juni 1819.

Capitain York hatte mir einen feinen warmen Oberrock und eine Bibermtze
mit Ohren geschenkt, mu Ich sagen, Er aber sagte nicht einmal, gegeben,
sondern ich fand beides nur eines Morgens fr Reinschrift einiger Papiere.
Die Morgen und Abende, ja die Tage bis in die Gegend von Trafalgar waren
ziemlich kalt, und Rock und Mtze waren mir hier lieber, als in England 100
Schafe und 50 Biberfelle. Doch wie geschahe mir darin! Eine junge nette
Witwe war gar noch nicht zu uns an den Tisch gekommen, sondern hatte, aus
Unbehagen, in ihrem Zimmer, so zu sagen, gelebt, das 3 Ellen lang und 2
Ellen breit ist, und ihr wchentlich 3 Guineen kostet; vielleicht wollte
sie doch ordentlich den theuren Miethzins absitzen. Ich wei nicht, was ich
an mir habe, das ihr gefiel. Sie kam alle Tage in andrer, immer reizenderer
Kleidung. Einige Irlnder hatten mich einem jungen Manne ihrer
Bekanntschaft zum Verwechseln hnlich gefunden, und es kam nachher heraus,
da er ein bildschner junger Mann sei. Ich ward ber und ber roth und
bitterbs -- und die Mistri, deren Tischnachbar ich war, trat mir sanft
auf den Fu. Ich sahe die Dame gro an, welches wohl unhflich und
unpassend sein mute, denn sie errthete ganz. Der feine Clarke aber, den
der Capitain seiner Vorzge wegen mit an den Tisch genommen, lchelte sie
an, zog die Augenlieder leise ber die Augen und erhob sie gleich wieder,
so etwa wie die Augen Ja! sagen mten, wenn sie redeten. Ich fragte
nachher Freund Crabben, wer die Lady sei, und erzhlte ihm, was geschehen.
--

Die Reise kann Euer Glck sein! Lambton, sprach er, mich betrachtend; sie
ist steinreich, aus Martinique, und die Martiniquerinnen sind leicht und
lustig, und heirathen so geschwind, wie bei uns eine Frau Thee kocht. --
Sie heit Mistri Distre. -- Aber kennt sie Euch denn? --

Ich verstand Crabbe's Frage erst einige Tage spter, als mich Einer Herr
Schulmeister nannte, grade als die Mistri mir Etwas sagen wollte. Sie
behielt aber die Rede bei sich! nur erst nach einiger Zeit sprach sie in
Gedanken vor sich hin Schade, Schade! und drehte sich auf dem Absatz
herum. Ich hatte es gleich weg, und dachte: so geht es, wenn man auf
gewisse Art eine Respectsperson ist! Vielleicht hab' ich ihr auch zu
geistlich gesprochen. Einer Frau wegen ndere ich meine Rede nicht! Es ist
mit aber lieb so. So ist gut, spricht Crabbe. Denn, wenn ich nur Guineen
htte, so knnte ich eben so gut ein Zwanzig-Ender werden, nicht ein
Hirsch, sondern ein Rector, der zwanzig Pfarreien zugleich hat und --
niemals predigt. Das getraue ich mich ohne Ruhmredigkeit.

Ich werde bitter, ich mu abbrechen; aber man bleibt ein Mensch, auch wenn
man ein Schulmeister ist. Die Weiber haben den Rang, nachher erst das
_Geld_ lieb. Wenn ich aber auch in allen andern menschlichen Dingen nichts
wei, nichts habe, nichts gelte, so bin ich doch in meiner Schule zu Hause.
Ach, wenn ich nur zu Hause wre! Meinen schwarzen Rock will ich aber als
Ehrenkleid tragen, die vornehmen Herren-Kleider machen mir nur Schande und
Aerger. Was giebt Respect? das Wissen! Was giebt Andern Ehrfurcht? die
Unwissenheit! Denn wenn ich einen Knaben frage: Wer bringt den
Caravanenthee? und er wei es nicht, und Ich sehe ihn an wie allwissend,
und gehe ein Paar Mal schweigend auf und nieder -- dann hab' ich Respect!
Wenn die vornehmen Herren und Damen nur drften gefragt werden, sie sollten
schon Respect bekommen! So trstete ich mich; aber an die Mistri Distre
will ich denken, und nie einer vornehmen Frau trauen.

Nun hatt' ich ein langes Aergerni, so lang wie die Kste von Afrika. Von
so einem Ungeheuer von Lande, das allen Schiffs-, Macht- und Geldinhabern
zum tausendjhrigen Spectakel daliegt, soll man den Kindern immer so viel
erzhlen, und Unsereiner selbst mchte und mchte gern. Aber wenn man sich
nicht in das alte Aegypten zu spielen wei, das gar nicht einmal mehr in
Afrika liegt -- selbst Stephan fragte neulich ganz superklug, wo
Gro-Griechenland liege -- im tempore praesenti so Etwas zu fragen! -- so
ist man so bald damit fertig, wie mit dem Russischen Reiche, welches sich
so um die Erde schmiegt, da die Sonne niemals drin aufgeht, oder wie Andre
lieber sagen, drin untergeht. Wrde man nun die Lancastersche Methode auch
auf das Reisen anwenden, wrde man scilicet ein Regiment Reisende
hinschicken, die sich schtzten, ernhrten, untersuchten, nur etwa den
Niger hinauf: so mte das auch bei Uns zu Tage kommen, was dort am hellen
Tage liegt. Aber Lancaster wird jetzt noch nicht recht begriffen. Doch Gott
segne ihn, ich bin sein Schulmeister und bleib' es, auch _ohne_ Schule!
Gott wird mir helfen!

Ich hatte den Pico nicht gesehn, es war Nacht, als wir Teneriffa
vorbeisegelten; ich hatte St. Helena nicht gesehn, weil der General, der
Generale scilicet, dort bewacht wurde -- jetzt am Johannistage, wo wir im
Gasthause zum Cap der guten Hoffnung ankamen, regnete es die ganze Zeit fr
uns frisches Wasser aus der ersten Hand, da ich nicht einmal den Tafelberg
erkennen konnte. So reiset man! Nicht einen Hottentotten, nicht eine Kuh
hab' ich mit Augen gesehn, noch mit Ohren gehrt. Schiffe lagen viele im
Hafen, aber alle segelten um diese Zeit nach Morgen. Eines, nach
Altengland, war gestern abgegangen, als ich mich erkundigte. So saumselig
ist man! An einem andern, das gleich im Eingange des Hafens lag, war ich im
Boote vorber geeilt. Das Gute soll immer weit sein! Man fhrt in eine
Stadt und glaubt, der Freund, den man sucht, wohne tief in den Gassen, am
Platz; man fhrt hin, und dann wohnt er am Thore, wo man hereingekommen!
Zwar besucht' ich noch Eins; aber es war so beladen, und so besetzt, da
der Capitain lachend sagte, wenn ich im _Mastkorbe_ beim Teufelsdreck mir
es gefallen lassen wollte, knn' ich von der Gelegenheit Gebrauch machen.
Ich htte mich noch auf den Schnupftabak verlassen, und den Vortheil
erlangt, da mir alles nachher Zeit Lebens wie Blauveilchen roch; aber das
Schiff ging noch zuvor nach den vereinigten Staaten, nach Neu-York. So
blieb ich denn in Gottes Namen bei meinem alten York.

                   *       *       *       *       *

_Hobarttown auf van Diemensland_,
Michaelis 1819.

Vom Cap aus ging die ewige Leier wieder an; und nach und nach erlaubten
sich die freien Passagiere fr ihr Geld ungeduldig zu werden, welches ich
Freigut mich nicht unterstehen durfte. Endlich, endlich, brachte uns die
Verzweiflungsinsel fast zur Verzweiflung. Man kann den Schifffahrern nicht
verdenken, solche sonderbare Namen im Ocean auszustreun. Wenn man sie auf
der Charte bei den Inseln sieht, die alle schn grn, oder roth illuminirt
sind, glaubt man, die Leute haben ihnen nur so leichtsinnig Taufnamen
gegeben, wie der Bauer seinen Khen und Ochsen; aber nur hinaus! da
versteht man die redenden Namen. Denn wer die Desolationsinsel benannt hat,
dem kann man zurufen: rem acu! Auch die Ankunft berechnen durften wir nur
im Stillen; denn wenn es Capitain York oder nur Crabbe hrte, da wir
sagten: bleibt der Wind so stehn, bleibt er so frisch, so sind wir in 45
Tagen an der Bassestrae, so schalten sie gleich mit dem eignen
aberglubischen Gesicht: rechnet nicht! macht uns den Wind nicht
rebellisch! Zu Schiffe heit es: mit Einem Brot hundert Meilen, und mit
hundert Broten Eine Meile. -- Wir rechneten aber heimlich den andern Tag
doch, 44! und so fort 43, 42, 41, 40! nun nur noch 10 nach Lwensland; in
20 Tagen erblicken wir den Mwenstein; in 6 Tagen Tasmannscap! Ich mu
sagen, der alten Rmer Art, die Tage zu rechnen, hat viel Hoffnungsreiches.
Sie legten den Monat ganz und voll wie ein hausbackenes Brot auf den Tisch,
und schnitten alle Tage ein Stck herunter. Wir machen uns die Last alle
Tage schwerer, wie die Lebensjahre; 70! So! Kinderspott! Gnadegott! --
Inde hatte man uns nicht ohne Ursache das Rechnen verboten. Die Kenner des
Wolkenhimmels und des Meeres hatten einen Sturm vorausgesehn, ja rascher
herbeigesehnt, um ihn gndiger zu bekommen, der aber zu ihrem Erschrecken
lange auf sich warten lie, und nur uns berraschte, die wir seine
Anzeichen nicht verstanden.

Der Himmel war eines Morgens dicht und schwer berzogen; die Wolken
schienen sich, gar nicht weit von uns auf das Meer zu senken, und an Gehalt
und Farbe sich hnlich, konnte man Meer und Himmel am Horizont nicht
unterscheiden. Ein unwiderstehlicher Sdwest-Sturm trieb uns links von
unserm Wege, an der Knigsinsel im Fluge vorbei, auf die Huntersinseln los,
in die furchtbare Bassestrae! Der Wind mute Nordost gestanden haben, denn
wir muten hgelhohe Wellen, die uns noch entgegen strmten, quer
durchschneiden! Im Schiffe ward alles Bewegliche von den gewaltigen Sten
durch einander geworfen; die Kanonen polterten wie Gespenster; wenn Zwei
mit einander sprechen wollten, muten sie sich anfassen, mit den Armen
gegen einander stemmen und sich anschreien, wie zwei taube alte Weiber, die
sich etwas Wichtiges heimlich zu sagen haben. Dem Schiffe knackten die
Ribben im Leibe, die Masten knarrten und seufzeten ngstlich. Der Wind, der
bisher wie ein Racepferd im Stalle, nur fr ein Lamm oder einen Esel
anzusehn gewesen, nur in Athem (in training) erhalten worden war, lief
jetzt gleichsam Wette; es war nicht mehr dasselbe Thier, nein, ein
geflgelter Drache, ein schrecklicher Dmon! Doch war ich, so zu sagen,
froh: ich hatte nun erst das Meer gesehn; wenn es nur so abging! Denn wenn
man Etwas dann sieht, wenn es Alles ist, was es sein kann, dann erst hat
man es wirklich gesehen, vom Blthenbaum an bis zum emprten Volke. Sonst
tuscht man sich. Wie verchtlich htt' ich zu Hause von Wind und Meer
gesprochen! -- Aber es ging nicht so ab. Ich sollte noch mehr sehn, was
Wasser und Wind Alles sein knnen, scilicet, nicht nur Fische und Wolken,
sondern sogar ein Himmelsthier mit einem Beine, wie es selbst St. Johannes
in seiner Offenbarung nicht vermerkt hat! Wir waren den Tag ber, wenn er
diesen leuchtenden Namen verdiente, den Knoten nach ber 100 Meilen gejagt.
Crabbe, der trotzig und still am Steuer sa, hatte das Schiff durch die
furchtbaren, oft thurmhohen Felsen gleichsam durchgelogen. Da die Sonne
unterging, bemerkte man blo an einem mattgelben Scheine, der durch den
Wolkendom drang, als wre er, die See und Alles aus einem trben
Rauchtopas, worin wir steckten, wie das Insect im Bernstein. Die Wolken
regneten, selbst in dem Winde, grade herunter, als wenn es ihr Letztes
wre. Der Sturm hatte sich auer Athem geheult, und hielt inne. Nach
einiger Zeit kam die Wache aus dem Mastkorbe, und sagte dem Capitain einige
Worte in's Ohr. Sie mute unten bleiben. Er stand eine Weile; dann erst
blickte er verstohlen unter dem Hute links und rechts nach der schroffen
unzugnglichen Kste, die ihm zu mifallen schien; zuletzt sah er nur, wie
von ungefhr, zum oberen Himmel. Ich sah auch hinauf. Es war nichts zu
bemerken, als ein schwarzes Ding, wie ein werdendes Frschchen, mit einem
Schweife, der nach unten hing, und sich dehnte, wie der schwarze Leib sich
aufblies, und nach unten zngelte und lechzete. Jetzt aber brachen die
Wolken gleichsam, wie ein Kirchengewlbe, ein, und der Sturmwind strzte
von oben herab, wie ein Kind in sein Schsselchen blst. Er hielt uns fest
auf einer Stelle und drckte uns fast in den Grund. Der Capitain ging
Befehle ertheilen.

Ich fragte Crabben auf sein Gewissen, was vorgehe?

Ernst und wild murmelt' er zwischen den Zhnen: der Himmel macht Hosen! --

Was fr Hosen? fragt ich. --

Wasserhosen! Hier ist die Wasserhosenfabrik! die Gewitterniederlage! das
Parlament der Winde, wo sie fter die Sprache wechseln, als die Minister.
Still! still! fuhr er fort, wir knnen einem Schneider das Handwerk nicht
legen, der solche Pantalons macht; aber ein rechtschaffener Kerl mu das
Aeuerste versuchen, eh' er sich ergiebt. Darum, Lambton, geht, Ihr seid
eine fromme Seele; da habt Ihr meinen alten Hut, und nagelt ihn mit drei
Ngeln an den Hauptmast, im Namen #, #, #, -- Ihr wit schon. Hilft das
nichts, so hilft nichts! --

Ich eilte und nagelte tchtig den Hut an; ja ich glaube, ich htte eine
Maus gegessen, wenn das htte helfen sollen! Wer keinen Rath wei, befolgt
jeden, und der Hut wenigstens war behtet.

Es war pltzlich Nacht geworden, und zwar so eine, wo Eule wider Eule
fliegt, sich anklammert und recht besehen mu, um die Frau Gevatter zu
erkennen. Bald darauf lie sich von Weitem ein Lrm hren, als wenn sich
eine Heerde Elephanten badet, den Grund aufwhlt, mit dem Rssel Wasser
einschlrft, und frhlich und schrecklich toset. Die Wasserhose hatte also
die Meeresflche erreicht und pumpte mit solcher Gewalt in die Wolken, da
man das Kochen und Wirbeln der See, das Schnarchen der ungeheuren Nase
vernahm. Was doch in der Welt vorgeht! Was das fr Dinge sind! ngstet' ich
mich, und erstaunte noch mehr. Da in solcher Nacht an keine Flucht zu
denken war, hatte der brave Capitain Krieg gegen diesen Polyphem
beschlossen, im Fall er das Schiff allein zu entern drohte. Er lie in
Zwischenrumen mchtige Raketen steigen, die, pltzlich in die Hhe
wachsend und feurige Bltter verlierend, droben gleichsam aufblhten und
ihre Blume, die Leuchtkugel, an einem Fallschirm, langsam herabschweben
lieen, so da sich der Dom des Himmels weit und breit erhellte wie beim
Vollmonde: Der Himmel sah whrend der Zeit aus, wie eine unermeliche
gothische Kirche; denn umher ragten die thurmhohen, schlanken,
geschnrkelten Felsen scheinbar eben bis in die Wolken. Welche von den
Sulen, die ihn zu tragen schienen, aber der Himmelselephanten-Rssel sei,
war nicht zu unterscheiden, obgleich die andern nicht weniger zu frchten
waren; nur mit dem kleinen Unterschied, da _sie_ nicht auf uns los kamen,
sondern _wir auf sie_. Nur das Getose verrieth das lebendige Ungethm, das
nun auf uns zuwandelte. So glaubten wir denn, die andern Sulen wrden sich
nun auch in Bewegung setzen, und uns befiel die einzige Furcht der Celten:
da der Himmel einfalle! Eine neue Leuchtkugel entdeckte uns den Feind nahe
und riesengro vor uns. Aber die Kanonenkugeln fuhren ihm durch den Leib,
ohne da er zuckte, wie der Elephant, von Flintenkugeln gestochen, kaum mit
den dicken Fen stampft. So bekam ich denn gleichsam noch ein Riesenbein
von dem Gotte Tangalon zu sehn, der einst ber alle diese Inseln und
Gewsser geherrscht, und eigentlich noch hier unbekehrbar und unabschaffbar
herrschte, und so stark war, Eilande wie Eier aus der Tiefe zu angeln, so
wie jetzt sein Bein noch: Schiffe empor zu heben! -- Der Capitain
verordnete in dieser Krisis eine Salve aus allen Kanonen des Schiffes
zugleich, um durch den Hall wo mglich die Wolken zu erschttern, oder das
Unthier zu erschrecken, da es wie eine nach Raube vom Baume gesttzte, und
noch oben hangende Boaschlange, wieder zurck in das Gezelt des Himmels
schlpfe. -- Sein Mittel hatte angeschlagen, oder hatte das Podagra-Bein
des groen Christophs, wie die Matrosen diesen Pfeiler oder Absenker der
Wolken nannten, schon ausgetanzt. Denn der wie von Geistern erbaute
Leuchtthurm, den der Capitain aus zwei an einander gebundenen Raketen auf
einige Minuten in die Luft gezaubert, lie nichts mehr davon sehn. Der
Donner war auch entsetzlich! Bis jetzt hatte ich ehrlich bei Crabben
ausgehalten, aber der nun nahende Wirbelwind, die Katarakte von Sand,
untermischten Steinen und sommerlauem Wasser vertrieb nun Alles von dem
Verdeck. Selbst der brave Crabbe befestigte schleunig Steuer und Rad, und
sich selber an das Sicherheits-Seil; ich gab ihm meine Mtze, und er sagte
mir nur: Ihr habt gut genagelt, Lambton! der Hut hat geholfen! Wir Andern
flchteten in den Raum, und verriegelten die Fallthr ber der Treppe.
Unten schrien und jammerten uns die Weiber entgegen, die vor Angst halb von
Sinnen und halb todt waren, wie die Weiber sind; und unser Trost es ist
berstanden schlug noch nicht bei ihnen an. Der Capitain entmigte sich,
ihnen zu sagen: Weiber sind nur zum Spazierenfahren! nicht zum Reisen; wenn
ihr nicht auf der Stelle aufhrt zu heulen, so mssen wir noch vor Euch
in's Wasser springen! -- Sein William aber, der sich ihm an den Arm hing,
begtigte ihn; auch auf Stephan nahm er Rcksicht, der jetzt wirklich in's
Steinreich zu gehren schien. Denn die Dummen frchten und glauben am
meisten. Ich setzte mich vor Ermattung; Clarke kniete vor mich hin und
legte sein in die Hnde verborgenes Gesicht auf meine Kniee. Und weil ich
doch Mitleid zu haben schien, drckte sich auch die Martiniquerin an mich,
und hielt in der Angst meine Hnde fest. Bin ich jetzt gut genug, Frau
Mistri Distre? dacht' ich. Alles war vor dem Capitain verstummt. Ich habe
nur einmal in meinem Leben ein solches Schweigen gehrt, scilicet, wo die
ganze Kirche sich nicht getraute zu sprechen, nur zu seufzen und sich mit
den Augen zu fragen, was sie thun solle, nmlich, als einst der Rector in
Rowlandhill vom Schrecken am Morgen ber die Einziehung seines Sohnes, auf
der Kanzel whrend der Predigt krank geworden, nicht herunter gehen wollte,
und sich auch nicht gleich erholen konnte. Wie wir so stumm im Kreise um
den Capitain saen, der allein im Zimmer umher tragirte, kam mir die Scene
so vor, wie in dem kleinen Theater im Schlosse der alten verrckten
Herzogin von B. -- Ihr Theseus, ihr Mann, hatte sie verlassen, und sie
allein fhrte alle Sonnabend einen ganzen Sommer hindurch das Melodrama:
Ariadne auf Naxos bei verschlossenen Thren auf. Die Einwohner im Dorfe
waren ihr natrlich zu schlecht, ihre unwrdigen Zuschauer zu sein;
dewegen hatte sie ein schon abgesehenes Wachsfiguren-Cabinet theuer
erkauft, und die hohen Personen als Zuschauer in die sechs Logen vertheilt.
Da sa Suwarow Rimninsky im Hemde; Kaiser Paul, Marat, Charlotte Corday,
Ankarstrm, Ludwig der Sechszehnte, Sokrates, Papst Ganganelli, Mirabeau,
Voltaire, Friedrich der Groe, und Kaiser Joseph, Gott segne ihn. Mein
Vater, der Kammerdiener bei der Herzogin war, hatte mir einen Platz in
einer Loge hinter dem Kopfzeuge der Knigin Marie Antoinette verschafft, wo
ich als Kind unbemerkt statt des umgelegten Dauphins erstaunen konnte, wenn
die dicke, dicke Hottentottin Ariadne zuletzt immer vom Felsen plumpte,
ohne sich Hals und Beine zu brechen, selbst nicht in dem federbettenen oder
bettfedernen Meere. Mein Vater regnete, donnerte und blitzte dazu
furchtbar! Von dem Anblicke der Herzogin stammt mein Abscheu gegen den
Selbstmord, und es wre gut, wenn solche Damen solche Vorstellungen publice
gben zum allgemeinen Abscheu vor -- dem Selbstmord! Ich lachte beinahe,
indem ich das Alles durchdachte; und es that mir wohl, zu denken, da es
jetzt auch mein _Vater_ sei, der so donnre und regne. Uns Allen aber ein
solches, weiches, trocknes Meer zu wnschen, wie die alte verlassene
Herzogin sich bereitet, verga ich durch einen entsetzlichen Sto des
Schiffes, welcher so darin krachte, wie es im Kopfe kracht, wenn man sich
einen Zahn ausreien lt. Wenig Minuten darauf erscholl ein tosendes
Getmmel in den Untergemchern. Es entstand durch die Deportirten, welchen
es nicht zu verdenken war, da sie nicht in der zu dem Leck
hereindringenden Flut ertrinken wollten. Man konnte sie nicht beschuldigen,
die Wachen berwltigt zu haben: denn diese wiesen ihnen selbst mit
Dreistufen-Schritten den Weg auf's Verdeck, ja einige Hasen krochen schon
in das Thauwerk. Wer ein allgemeines Unglck nicht abwehren kann, der mu
es sich auch gefallen lassen, da alle Ordnung, aller Gehorsam aufhrt. Man
hrte kaum den Capitain, als er Untersuchung und Ausbesserung des Schadens
befahl! Denn unterdessen schwoll das Wasser sichtbar von Zoll zu Zoll. Man
gehorchte ihm erst, als er die Boote auszusetzen befahl; denn damit befahl
er etwas, das Jeder selbst wnschte und verlangte, ja gefordert htte. --
Da lernt' ich, was ein _Befehl_ ist. -- Auf dem Verdeck befand er das
Schiff unbrauchbar, die Segel zerrissen, verwickelt, selbst die Mastbume
durch die Gewalt des Wirbelwindes verdreht. Das Verdeck lag voll Meersand,
wimmelte von Meerspinnen und Ungeziefer aller Art, tief aus dem untersten
Grunde des Meeres in die Wolken gezogen, und herniedergeschttet. Ein
gewisser See-Elephant darunter war nicht weniger erschrocken, als wir. Die
Damen entsetzten sich und wuten nun nicht mehr, wohin. Das Cabinetsstck
aber schnaufte, erhob sich und suchte das Meer. Die nchste Angst waren wir
los! Darauf ward Alles, was besonders schwer war, was sich davon nur
erreichen lie, ber Bord geworfen. Nach einer Stunde hatte das Wasser im
Schiffe dennoch wieder denselben Stand. Die Pumpen hatten keinen Augenblick
still gestanden. Wir waren ihrer genug zum Ablsen; aber Alles fruchtete
nichts. Die finstre Nacht, die Nhe des Ufers, vielleicht irgend einer
Insel, der Zustand des Schiffes, und dazu noch das Bestrmen der Weiber,
die Liebe zu William und Stephan bewogen den Capitain, diesen Schiffsgott,
das sinkende Schiff zu verlassen, und das groe Boot zu besteigen. Die
_wenigen_ Soldaten besetzten es zuerst; es ward mit den besten Sachen,
Geld, Papieren und Lebensmitteln in eiliger Verwirrung beladen, und da es
nicht die Hlfte der Mann- und Frauschaft aufnehmen konnte, muten
natrlich die 100 Deportirten zurckbleiben. Es ward also der Unterschied
zwischen uns gemacht, den jener Zeitungschreiber -- beging, welcher das
Ertrinken von 6 Personen und 7 Bauern ankndigte. Einer der Deportirten,
ein Richter, uerte laut, da ein Gesetz den Rmern verboten, sein Weib
oder Kind mit zu Schiffe zu nehmen, Den Rmern entgegnete der Capitain.
Ich rette, was zu retten ist, Krongut zuerst, dann Galgengut. Habt Geduld!
Wei Einer noch ein Mittel, uns Alle zu retten, der schlag' es vor. Ich
erlaub' es ihm. Denn bis ich Seewasser trinke, bin Ich Capitain. Alle
schwiegen ohne Rath. Mir stellte er frei, das Boot mit zu besteigen; aber
die hochgehenden Wellen, das Sausen der Nacht, das fast berladene Boot,
vor Allen aber das herzrhrende Bitten Clarke's bestimmten mich, lieber im
Schiffe zu bleiben. Und der Capitain versprach ja das Boot am Tage
wiederzusenden, wenn es uns fnde, um Alle, Alle zu retten. So ruderten sie
ab. Und whrend sie Leuchtkugeln von Zeit zu Zeit steigen lieen,
verschwanden sie mit dem Boot in der Nacht und der Ferne, und Crabbe's
adoptirter Hund heulte vergessen und bellte ihm nach, als wir es lngst
nicht mehr sahen.

So waren wir uns denn allein berlassen! Von der Gefahr schien Allen nur
ungewisse Rettung, von der Angst aber den Meisten gewisse, durch Betubung
vermittelst Porter, Ale, Wein, Rum und Arak, worber sie herfielen! ja
sogar Punsch machten die Furchtsamsten, und preten Citronen mit zitternden
Hnden. Darauf entstand ein Lrmen, Jubeln und Singen, das ber alles
Vermuthen war! Wer uns gehrt htte, mute glauben: Wir htten die von dem
erschrecklich verwogenen Capitain Parry sehnlichst gesuchte, aller Welt
unntze Durchfahrt entdeckt! Den Vernnftigen blieb, wie berall in der
Welt, so auch hier in unserer Lage, die Sorge, Arbeit und Angst um die
Unvernnftigen. Darum giebt es auch jetzt berall so viele -- Sorge. Wir
erhielten die Pumpen im Gange, und steuerten, als in der Gefahr immer das
Vortheilhafteste, dem Winde nach, der sich auf einmal gewandt hatte, und
uns an der Kste nun sdwrts trieb. Unter den brigen Betrunkenen, die
ihre Flasche hielten, hielt ich auch meine Flasche, aber wohl verschlossen,
und darin die Banknote von 100 Pfund mit der eiligst aufgesetzten Adresse:

An Mi Marion in Schlo Rowlandhill in Altengland,
von dem ertrunkenen Lambton.

Postscript:

Jeder _unehrliche_ Finder wird gebeten, diesen Fund von 100 Pfund ja
abzugeben! den ehrlichen braucht man nicht zu bitten.

ut in litteris.

Wenn das Schiff scheiterte oder versank, warf ich sie in's Meer. Es kommen
ja so viele Flaschen an den rechten Mann, warum nicht auch einmal Eine an
die rechte Frau.

Als Tag und Nacht sich schieden, stie unser Schiff wiederum so heftig auf,
da Jeder, nachdem er wieder aufgestanden war (denn wer sa oder stand,
fiel um), nach dem Ersten dem Besten griff, um sich darauf aus dem Meere zu
retten. Dabei hatte Clarke den wollenen Waschbesen der Themis erwischt. Ich
wollte die Flasche schon werfen. Aber das Schiff ging seinen Weg! es war
nicht geborsten. Im Gegentheil mute das Leck, uns unbegreiflicher Weise,
verstopft worden sein: denn die Pumpen wirkten von nun an sichtbar, und wir
gewannen nach und nach hheren Bord. Der Sturm hatte sich in einen frischen
Wind gemigt, die schne grne Kste zur Linken war nicht fern, und das
de van Diemensland bot uns den Vortheil, uns nicht zu verirren! Denn der
erste Ort, den wir erreichten, mute Hobarttown am Derwent sein! Wir
suchten so gut, als mglich, einige Segel wieder brauchbar zu machen, und
der Maler Clarke war der Erste, der nhte, und die andern Weiber dabei
anwies. Er war hchst dankbar, da ich im Schiffe geblieben, und machte
mich jetzt mit seinem Vetter, Herrn Tydal, auch einem Maler, bekannt und
pries mich ihm als des Schiffs-Meisters Assistenten, den er immer neben dem
Steuermann Crabbe am Rade gesehen. Ich dachte zwar bescheiden an das vom
ltern Ochsen lernt der jngere ackern, aber Ich und ein alter Seemann,
Herr Wardrop, zuletzt ein Juryst mit dem Ypsilon, waren doch die einzigen
Steuer- und Compa-Kundigen. Nur des Nachts wollte der Geschworne seiner
Ruhe pflegen, und lie Themis Themis sein; denn er sagte: ich bin so
grausam in der Welt behandelt worden, da ich ihr nur Bses schuldig wre,
wenn wir Rechnung machten, und mein Leben kmmert mich nicht, ich werde
erst froh, wo es aus ist --

Am fnften Abend erblickten wir die Mndung eines Flusses, und er mute der
Derwent sein. Der Rauch stieg aus Hobarttown auf! Mit groem Ungeschick
warfen wir den schweren Anker aus; aber er wurzelte doch, und eben so gut,
als wenn ein lahmer Grtner einen Ahorn setzt. Mich wunderte es ordentlich;
aber Alles in der Welt, und die Welt selber ist und wird schon so
eingerichtet, da sie, wie das Sprichwort sagt: mit weniger Weisheit
regiert wird. Und erst als wir sicher waren, fiel mir die Heimreise wieder
auf's Herz, Rowlandhill, die Schule, und meine verlassene Taube, die Anna!
Ich glaube, ich weinte gar.

Bis spt in die Nacht hielten die Deportirten Rath, ob sie nicht eine
Colonie auf eigene Hand anlegen wollten. Mit leerer Hand? fragte Clarke's
Vetter, Herr Tydal. -- Oder mit Gemeinschaft aller Gter, wie die am
Wabash? setzte der Sprecher fort. Und Tydal widerlegte ihn wieder: Wo
Keiner nur etwas Gutes um und an sich hat, da ist auch keine Gemeinschaft
der Gter! Nichts lt sich schwerlich theilen und gemein haben. -- Aber
wir sind doch frei! fgte ein Dritter; der Capitain hat uns mit sammt dem
Schiffe aufgeben mssen, und ob er gleich sich selbst und die Seinen uns
zum Frommen als Ballast auswarf, so hat uns doch nur ein Wunder erhalten.
-- Richtig! schnarrte einer mit heiserer Stimme, mein Hals steht noch
schief vom Hngen; aber ich ward wieder lebendig, und keine Seele,
geschweige der Henker durfte mir wieder an den Hals. Aber du bist doch
hier, Limmerik, warf ihm ein Bekannter ein. -- Leider! schnarrte Limmerik,
aber fr etwas Anderes! Auf Halssachen lie ich mich nicht mehr ein,
sondern speculirte nur auf solche, worber ich mit drei oder vier Jahr
auswrts weg kam. Versuchen wollen wir doch, sprach Herr Tydal, Clarken
die Hand reichend, ehrliche Leute zu scheinen, und so Gott will, zu
bleiben! -- Darauf wird doch keine Strafe stehen! schnarrte Limmerik. Alle
lachten, und billigten den von Tydal vorgelegten Plan: sich fr Colonisten
auszugeben, die nur das Unglck gehabt, Geld, Psse und Capitain zu
verlieren. -- Wenn der nur auch wirklich verloren wr'! bemerkte Limmerik.
Das Bedenken aber wurde im Punsche vertrunken, ber alle Lebensmittel das
Testament gemacht, und wir beerbten uns selbst bei lebendigem Leibe, und
zehrten Alles rein auf wie vor dem jngsten Tage.

Wir erwachten Alle erst, als die Sonne schon lange unsichtbar arbeitend am
Himmel stand, und Stimmen von Auen uns zuriefen, aus einem Boot, das gewi
schon dreimal um unser Wrack gerudert war. Ich hatte die Schlge mit den
Ruderschaufeln daran zuerst vernommen, und als ich mich ankleiden wollte,
vor ehrlichen Leuten sehen lassen sollte, bemerkt' ich den Zustand meiner
Kleider, die durch Arbeit, Regen und Gewalt der Anstrengung verdorben,
geplatzt, zerrissen, kurz recht jmmerlich waren. Clarke hatte ein
wohlverwahrtes Pack mit einer neuen vollstndigen Canonier-Offiziersuniform
gefunden, mir lngst schon hingelegt, und ich konnte nicht lange Bedenken
tragen, sie anzuziehen. So nobel-militairisch gekleidet stieg ich auf das
Verdeck. -- Es war die Hafenwache von Hobarttown, die angeklopft. Nach und
nach fllte es sich mit Deportirten. Nach einigen Begrungen und
Verhandlungen, nahm sie so viele in's Boot, als es fate und fuhr ab, mit
dem Versprechen mehrere Boote zu schicken. Ich stieg inde in den Mastkorb,
der wie ein Storchnest auf dem Hauptmast stehen geblieben war. Der Maler
Clarke war mit seinem Vetter Herrn Tydal schon droben, sie sahen sich um
und in das herrliche Land hinein. Mir klopfte das Herz! Wohin sollt' ich
die Blicke wenden, was zuerst begren, nachher bewundern, worauf
verweilen? Ich sahe nichts vor lauter Entzcken, ich fhlte nur die blaue
Blendung des Himmels in den Augen, Frhlingswrme um mich her! Ich hrte
ein Rauschen von den Bergen, ein Wehen in den Wldern, ein Schwirren und
Girren um die Felsen. Oben flatterten eilende Wlkchen, und auch drunten im
Wasserspiegel; und der Flu kam so ruhig mitten hindurch und strte das
stille Gemlde nicht. Jetzt war Herbst in Altengland! Die Bume hatten ihre
Frchte getragen, das Feld seine Aehren; dort hing nun Reif um die Berge,
Nebel in den Grnden; Spinnen hatten ihr unabsehliches Gewebe ber die
Fluten und Anger gesponnen, und Thau hing daran und flimmerte, und was
kommen sollte, war -- der Schnee auf den weilichen Wolken, und die langen
Abende und der krzeste Tag! Hier kam ich gleichsam in eines andern
Meisters Werkstatt, der eben Frhling machte, und doch war es derselbe
Meister! Die Theemyrte grnte, die Sprossentanne blhte, junger Mais,
selbst junger Lein, war schon so hoch, da die Lfte ihn bewegen konnten.
Mit leichter Tuschung whnt' ich, hier sei es ewiger Frhling, unter den
Cocospalmen, den Brotfruchtbumen das Paradies! Und wie friedlich ruhten
die Htten der Menschen! Wie wuchsen die Kohlbume, Papierbume, Cedern und
Pisang, da, wo der Mensch sie gepflanzt! Wie bewegte der Wind die
Windmhlflgel, wo der Mensch sie ihm, wie einem himmlischen Kinde, zum
Spiel hingestellt; wie fhrt' er den Rauch von den Htten, wie Kreisel
treibend hinauf in den ewigen Himmel, wo der Rauch zum Wlkchen ward, und
fortschiffte mit Wlkchen, still wie ein Lamm, das neu gekauft zu der
Heerde luft. Die Sonne bleichte Leinwand, wo sie die Mdchen hingebreitet
und eben begossen, und der Hauch der Luft wehte mir ein Wort, eine Strophe
aus ihren Gesngen zu, die mir vorkamen, wie das Athmen der Erde selbst,
voll Wohlklang! Weiter hinaus aber weideten Heerden, und die Lmmer fraen
sich satt an Blumen, die Ziegen an Blthengestruch, und die Rinder
wandelten langsam nach und verloren sich in den Thlern. Dort zogen
Schtzen in die waldbewachsenen Berge, und ber diesen erhoben fernere
Gebirge ihre beschneiten Scheitel, wie Greise ber junges Volk hinwegragen.
Glckseliges Land! rief ich aus. Ja wohl, glckseliges Land! sprach Herr
Tydal; hier sind die Kinder Israel nicht in der Wste umhergerannt, und
doch wird Moses und David unter Euch wandeln! Hier haben die Juden Jesum
nicht gekreuzigt, und doch wird sein Evangelium zu Euch kommen! Hier ist
Csar nicht ermordet worden, und doch werdet Ihr frei sein! Hier hat kein
Mnch einen Kreuzzug gepredigt, und doch werdet Ihr Bume, Knste und
Gelehrsamkeit des Morgenlandes haben! So alles Frevels, aller Verbrechen,
alles Blutvergieens berhoben, werdet Ihr die Ernte von Europa gesammelt,
gedroschen, geworfelt und rein genieen! -- Glckseliges Land, rief ich
darein, sei gesegnet, wenn ein Schulmeister auch segnen, oder Segen
erbitten kann. -- Und ernster fuhr Herr Tydal fort: ich habe dich gesehen,
Ulimaroa, das Land, wohin Alles sich hinber retten wird, was bei uns
gedrngt fliehen wird; wo auskeimen wird, was bei uns verweset. Nun ist mir
schon wohl, und freudig kehr' ich einst wieder selbst zu der vorher
ausschweifenden, nun dafr zu Tode curirten alten Betschwester Europa, und
sterbe noch im Vaterlande, und bleibe dort in die Erde gesenkt bei den
Meinen! --

Clarke schwieg und hatte nur seine Freude an dem schnen begeisterten Mann,
den er seinen lieben Vetter nannte, umarmte und zrtlich kte. Auch ich
war so begeistert, da ich glaube, ich htte hier mssen mein erstes
Gedicht machen. Mir war in meinem Leben zuvor nie so leicht, so frei, so
wonnig zu Muthe, und auch nicht so schwer, so beklommen; die Gedanken
drngten sich mir gewaltsam auf, und nahmen mich ein -- aber sie
berwltigten mich. So ist der Mensch! Heut hab' ich Mhe, sie nur
nachzudenken; und wenn ich auch einige wiedererhascht, so fehlt mir schon
das Gefhl, das sie begleitete; doch bin ich noch davon gestrkt. So wchst
ein Baum von dem zurckgelassenen eingedrungenen Wasser aus sanften
befruchtenden Gewitterwolken, die mit ihren Schauern, ihren Rosenblitzen
lngst entwandelt.

Nun kam das Boot, auch _uns_ abzuholen. Wir wunderten uns nicht wenig, da
keine neugierige, mige, lumpige Menge am Ufer stand, uns zu betrachten;
nicht ein Kind! Ganz Hobarttown war still, wie eine Kirche. Auch das mute
mir gefallen. Als ich ausstieg, prsentirte eine Wache an einem schnen
ffentlichen Gebude vor mir das Gewehr, und ich legte die Hand verkehrt an
den Hut -- in meinem Leben mein erster Betrug! Ich war gewi roth geworden,
das Gesicht war mir warm. Meine Gefhrten fand ich in einer Art
Brsenhalle, umhergehend, und nicht recht wissend, was sie thun oder reden
sollten. Ich hatte ihren Steuermann vorgestellt, und Ein Dienst, oder Ein
Amt macht ja Collegen! Inde die meisten einige Erfrischungen, ohne Zweifel
auf Credit, zu sich nahmen, trat ein Herr aus Hobarttown unter uns, den ich
nur von den Fen aufwrts bis an die Herzgrube anzusehen wagte; aber auch
so schon vermuthet' ich, da er ein heitrer rothbackiger Mann sein mute,
denn auf einem dicken Bauch steht ein frhliches Haupt. Er hatte sich an
einige Frauen gewendet und erfahren, da wir mit dem Schiff Themis,
Capitain York, gekommen wren. Er nahm einige Prisen Tabak hinter einander,
whrend er einen bekmmerten Blick umher that, und sagte: Ja, den erwarten
wir! Clarke klagte ihm mehr unser Unglck, als er es erzhlte. Also der
Capitain und die Mannschaft fehlen! wiegte der dicke Herr mit dem Kopfe --
und die Deportirten! setzte ein sonst ehrwrdiger Herr hinzu, der uns Alle
fr rechtschaffene Auswanderer gehalten wissen wollte, indem er der Frage
nach jenen, welche dem dicken Herrn auf der Zunge schwebte, vorzubauen
gedachte. -- Capitain York ist zwar ein hchst braver Mann, und verbirgt
seine Menschenliebe gern unter seinem barschen Wesen; aber da er die
Deportirten eher geborgen, als Sie, verehrte Herren, scheint mir zu
unhflich von ihm, sagte er lchelnd; darf ich um ihre Psse bitten? --
Unsere Psse! schnarrte Limmerik. -- Die meine ich, ja! --

Wir sind Ausgewanderte! sprach Herr Tydal. Die Lasten und Laster sind in
Europa zu gro; Kinder kann man nur mit Zagen der Zukunft berlassen;
zuletzt will man auch noch England die Schlinge ber den Kopf werfen; die
Nebelkappe tragen wir schon. Kein Pchter besteht mehr; die Dampfmaschinen
richten die Armen, die nur Arme haben, zu Grunde -- so wollen wir frei von
all' dem Unsinn, der sich wieder emporhebt, wie der alte Lwe, den der Esel
doch noch nicht recht getroffen hatte, unbekmmert um Alles, was dort noch
geschehen kann, wenn Gott nicht Gott ist, hier eine Colonie grnden. --

Ihre Klagen sind allgemein, sprach unser ungebetener Gast; jedes Schiff
bringt neue mit; aber hier verhallen sie, und sprechen nicht an. Freilich
scheinen die Dampfmaschinen nur wohlthtig in einem Staate, der mit ihnen
gro wchst, wo Land genug ist, wie in Amerika und hier. Jedoch sind wir in
Hobarttown schon so weit in Cultur und Sitten, da unter die vormaligen
Verbrecher sogar nicht einmal Auswanderer aufgenommen werden, die nicht
treffliche Zeugnisse ihrer vortrefflichen Auffhrung im
allervortrefflichsten England aufzuweisen haben. Haben Sie also wenigstens
Psse, so weisen Sie mir nur diese geflligst auf -- ich bin nicht
zudringlich, noch unverschmt -- ich bin hier Polizeidirector. --

Polizeidirector! schnarrte Limmerik -- wenn ich Dich nicht gleich erkennte,
Roborn, Dich, den -- Du weit schon -- Du wirst es gleich wissen, wer Du
bist, wenn ich Dir sage, Roborn, ich bin Limmerik mit dem schiefen Halse;
Du weit schon, wovon er schief ist! Ein Glaube ist des andern werth! Soll
ich Dir allein glauben, Du seist Polizeidirector, so sei so gtig, uns
Allen zu glauben: Wir sind Ausgewanderte! --

Der Polizeidirector, der nur ein wenig rther geworden, und werden konnte,
als er war, sagte jetzt unbeleidigt und lchelnd: Wenn Du hier bist,
Limmerik, wei ich, wer die Herren und Damen alle sind! Auch seh ich keine
Kinder, und die sind oft das Einzige, was Colonisten bringen; der Capitain
wird schon die Rechten geborgen haben! Doch seid Alle willkommen, Ihr
Linken, wer Ihr auch seid, auch Du Limmerik! War ich wie Du, so werde nun
wie Ich; der steife Hals und die heisere Sprache werden sich unter unserem
reinen Himmel schon verlieren! --

Nimmermehr! schnarrte Limmerik. O bald! widersprach ihm Herr Roborn, recht
trstlich und freundlich; zuerst vergit man England, ist frei von aller
Verleitung durch Umstnde und Menschen, in die man dort wie gebannt ist;
dann wird man ruhig, darauf umsichtig, geschftig, dadurch reich, wenn man
will, und zuletzt dick, wenn man mu. --

Limmerik schttelte sonderbar mit dem schiefen Halse den Kopf. Sprich,
Limmerik, fuhr Herr Roborn fort, warum bekehren sich in Altengland die
alten Snder, selbst die jungen, wenn sie -- sterben? Weil sie glauben, in
den Himmel zu wandeln, wo Alles ehrliche Leute sind, wo Lug und Trug
durchschaut wird, wo man zuerst Jedem das Beste zutraut, und Er sich selbst
dann alles Gute. Hier ist so eine Art Himmel! Limmerik, hier nutzt es
nichts, bse zu sein, und was das Vortrefflichste ist, man hat es nicht
nthig! Wer nur genug zu essen und trinken, alles Nthige zum Leben hat,
der sndigt nicht grob. Jesus _heilte_ zuerst die Lahmen und
Gichtbrchigen, machte die Kranken gesund, und speisete die Hungrigen,
_dann_ -- lehrt' Er sie. Das ist der Gang der Besserung.

Herr Roborn sprach mit Willen so laut, da wir Alle seine Worte hren
konnten und sollten. Aber was fhrt Dich hieher? fragt' er Limmerik nher.
-- Die Angst, die ich im Grabe ausgestanden, erwiederte dieser, als sie --
nmlich die Ochsen unter den Menschen -- mich als einen _armen_ gehangenen
Teufel ohne genauere Untersuchung und groe Umstnde, lebendig beerdigt
hatten, weil kein Hahn nach mir krhen wrde; und als doch auf meinem Grabe
Einer nach mir krhte -- die Hllenangst verpflichtete mich (die 15 Guineen
fr Mann oder Frau nicht gerechnet), ein Auferstehungs-Engel zu werden! und
da Zwei von meinen Erlsten wieder lebendig geworden, und mir eine Pension
gaben, da schon Morde durch meine Erlsungen von den Todten zu Tage
gekommen, bin ich belohnt genug! Ich werde auch wieder damit fortfahren,
wenn ich nach Altengland gekehrt bin! Ich wei die Patentsrge schon patent
zu machen! Sage nun, Herr Roborn, ob ich nicht unschuldig hieher gesandt
worden bin, wo wahrscheinlich bessere Todtenschau ist, als bei den Juden.
--

Du sollst hier dabei angestellt werden, versicherte ihn Roborn.

Nun? wandt' er sich gegen die Andern. Einige dreiste Mnner behaupteten
noch keck gegen den Polizei-Director, da der Capitain, wie es gewhnlich
sei, alle ihre Legitimationen zu sich genommen habe und habe sie da, wo Er
sei. So schafft den Capitain, entgegnet' er ernst! wenn ich nicht schlimmer
von Euch denken soll. -- Er schnupfte dazwischen. -- Doch _danach_ sehen
Sie mir nicht aus, meine Herren, sprach er gelassen, ja verbindlich; die
Herren Deportirten kommen immer besser; immer gebildetere, geschicktere
Leute! Auch den Damen mache ich mein Compliment! Die Fulni, das Miasma
mu dort sehr gro sein, da man schon Kernobst auslesen mu, welches noch
so frisch und schn aussieht! Mancher von Ihnen, hat kaum einen angelegenen
_Fleck_, meine Herrn Deportirten. --

Desto weniger wollten sich nun Einige gefallen lassen, Deportirte zu
heien, und protestirten feierlichst. Da trat mein lebenssatter Gehlfe am
Steuerrade, Herr Wardrop der Geschworne, hervor und sprach: Ja, wir sind
Alle Deportirte! Schonen Sie uns nicht, milder Herr Roborn! Mu ich denn
berall Gnade finden! -- Er hielt jammernd inne; ich war erschrocken, da
er mich mit vermengte! Dann fuhr er fort: Fragen Sie die Uebrigen nach den
Ursachen ihrer -- Reise; die meiner Verweisung ist, da ich Geschworener
war, und ber 10 Menschen nur mein noch fehlendes Schuldig! nach einem
Gesetz ausgesprochen hatte, welches den Tag nach ihrer Hinrichtung
abgeschafft ward! Seit der Zeit hatte ich ein billiges Mitrauen in mein
Amt, in meine Befugni, die so wandelbar war, und wnschte mir den _Tod_.
Aber das Gesetz hatte keine Ursache wider mich, bis ich denn Jemanden
tdtete -- um gerichtet zu werden. Aber das Gesetz lt, und lie mir in
diesem Falle diese Wohlthat nicht angedeihen, ob ich mir gleich einen
vornehmen reichen, aber verderblichen Mann ausersehen, um mir und dem Volke
zugleich einen Dienst zu erweisen. So bin ich leider nun hier! Aber ich
habe auch hier schon einen Kirchhof mit Grbern gesehen, und diese lassen
mich mit Grunde hoffen, da die Menschen auch hier nicht unsterblich sind!
--

Armer Alter! bedauerte ihn Herr Roborn; und in die Vorstellung des
Geschworenen eingehend, sprach er zu seiner Beruhigung: Freilich sind viele
Gesetze nur versteinerte Meinungen alter, vorlngst versteinerter oder
gleich steinharter Menschen; und nach Meinungen sollte man nicht verdammen,
und auch Meinungen nicht; denn sie ndern sich. Kein einziges Verbrechen in
der Welt, seit sie steht, ist zweimal begangen worden; jedes war anders:
denn die Menschen waren immer Andre, die sie begingen; also die Gesinnung,
und was den Hauptunterschied macht: die Veranlassungen, die Umstnde! Es
sind also noch nicht Gesetze genug; jeder Fall verlangt also ein neues --
oder Alle verlangen: geschworene Richter! Sie haben also einer ehrwrdigen
Anstalt gedient -- dabei nahm er seinen Hut etwas ab. -- Aber, warf der
arme Mann ein: der Richter ist vergebens weise, mild, menschlich, und ein
Christ, wenn er nach alten, nach grausamen Gesetzen richten mu! -- Dafr
ist die Gnade des Knigs, das einzige wahre Gesetz, das Gesetz der Liebe --
sprach Herr Roborn, und hier um uns sind hundert lebendige Beweise davon!
-- Dabei nahm er wieder seinen Hut einen Augenblick ab, und da er Zeit
gewinnen zu wollen schien, und sich manchmal wie nach der Wache umsah,
fragt' er einen Blinden, warum er denn hieher gekommen? --

Fragt meinen Vater, Herr! antwortete er. --

Der bin Ich! sagte ein untersetzter starker Mann; ich, Meister Cornbull,
der Fleischhauer. Mein John wollte sich das Stehlen nicht abgewhnen
lassen, so oft ich ihn auch nur durch schweres Geld gerettet. Und da ich
Thor glaubte, die Augen verfhrten nur zum Bsen und fehlten nur, so macht'
ich -- den Fehler gut! Dafr bin Ich nun hier! Bin ich nicht unschuldig?
half ich nicht zur Ordnung? hatt ich nicht noch fnf Kinder, die mein Geld
besser brauchten? Aber mein durch mich blinder John _hrte_ noch den Klang
des Geldes, und fhlte das Gewicht, und stahl wieder, das Rabenkind! und
darum ist Er hier. Aber htt ich ihm auch die Ohren abgeschnitten, und die
Hnde salvirt, so htt' er noch Pech an die leeren Aermel gestrichen, die
Zunge zum Diebe gemacht, oder einen Hund abgerichtet, wie wir einen mit
haben, als Deportirten, inde sein Herr Diebsmeister zu Hause sich gtlich
thut und uns auslacht! Kurz, er ist mein Sohn nicht mehr! und ich hoffe,
da auch Sie ihn nicht bessern, sonst sollten mir seine pfiffigen Augen
erst leid thun! --

Zwei andere verwogene, noch rstige Mnner traten inde Herrn Roborn an,
und forderten gute Behandlung. Ich heie Hogg, und mein Camerad Woost,
sprach Hogg. Wir im Alter erst geizigen, armen Schelme hatten uns wegen
Theilung unserer Beute bei einem Fange auf der Strae vor Gericht verklagt,
und der Richter lie uns Beide gefangen setzen! Ist das erhrt? Waren wir
verklagt wegen Diebstahls? Hatte man Zeugen? Darf man in Altengland nicht
mehr treiben, was man will? Ueber meine Person und Thaten bin Ich Herr.
Thue ich gegen das Gesetz, das kann nur heien: sehen mich die Augen des
Gesetzes die 24,000, der 12,000 Auflaurer in London; ergreifen mich seine
Arme, die Hscher; verdammt mich seine Zunge, der Richter: dann verfall'
ich seinem Arm, dem Henker. Aber kein lebender Mensch hat Macht ber mich;
nur der Buchstabe, der todte Buchstabe, sag ich! Himmelschreiend ist's, da
wir verwiesen sind, so gut, wie das halbe Dutzend, welches der Sheriff
angewiesen hatte, mitzustehlen, um eine Bande zu ertappen; aber da es mit
ertappt wurde, war der Sheriff todt, und nur aus Gnaden ist es lebendig; da
steht's! --

Herr Roborn schnupfte wieder, und fragte dann die Beiden: Auf wie lange
seid Ihr verwiesen? Woost antwortete: auf 40 Jahr zusammen; einzeln Ich 20,
und 20 Hogg. Wie alt seid Ihr? fragte Roborn weiter? -- 130 Jahr zusammen,
antwortete Woost, einzeln 67 Hogg, und 63 ich Woost. Also ungefhr 10 Jahr
nach Eurem Tode knnen erst Eure Verwandten Eure freien Gebeine sich holen,
versetzte Herr Roborn; htet Euch vor Ketten; denn wer in Ketten nur eine
Prise Tabak stiehlt, wird gehangen. Dabei lie er sie gefllig aus seiner
Dose schnupfen. So werdet ihr alles Andere bekommen, was ein Mensch bedarf,
sagt' er.

Inde waren einige sehr wohlgekleidete Herren hereingetreten, welche
Roborn hflichst begrte. -- Nun? fragte der Eine, werden Sie die Mal
Bedacht auf uns nehmen knnen? --

Zu dienen! antwortet' er, sehen Sie sich um! Wessen Sie sich annehmen, fr
den mgen wir nur bei Zeiten ein Stck des schnsten Landes abmessen! --

Nach einem Gange durch die Halle kam der ernste, hagere Herr wieder in
unsere Nhe, und indem er die Blicke auf mich und Clarke mit Wohlgefallen
heftete, wobei er jedoch, wie falsche Menschen thun mssen, mit den Augen
blinzelte, schien er Roborn nach uns zu fragen. Clarke's Vetter, Tydal,
der es bemerkt, und bisher geschwiegen, trat zu Roborn, und sagte
bescheiden: ich empfehle Ihnen diesen jungen Mann zu guter Behandlung, er
heit Clarke und ist ein Maler. Seine Armuth und seine Kunstliebe und ein
in Strandstreet ausgehangener illuminirter Kupferstich von dem reizenden
Hobarttown, haben ihn zu der Habhaftwerdung von so wenig Farben und
Malergerth hingerissen, als ihm besonders dazu nothwendig waren, seine
Deportation hierher zur Folge zu haben; sonst ist er unschuldig!

Clarke errthete hoch. Und Sie, redete Roborn mich lchelnd an, Sie haben
gewi auch nichts begangen? --

Ich? in der That aber gewi nichts! erwiedert' ich verlegen. --

Also wieder ein unschuldiges Kind! wie heit es denn? --

Lambton! stammelt' ich kleinlaut, meinen Namen unter so drckendem Verdacht
zu nennen. Ich erzhlte ihm darauf meine Geschichte, und Clarke wollte sie
besttigen. --

In der Ukraine, wie ich glaube, bemerkte ihm Roborn, bedarf es Sieben
Bauern, um gegen oder fr einen Edelmann zu zeugen; hier ist noch mehr wie
Ukraine! -- Darauf wollt' ich mein entscheidendes Zeugni, vom Capitain,
Steuermann und Stewart unterschrieben, hervorlangen, und suchte es
dringlich, aber -- vergebens! Das war wohl ein Jammer, und machte mich noch
verlegener und verdchtiger! Der Capitain mu es haben, er wollte es noch
untersiegeln! -- entschuldigt ich mich ngstlich.

So warten wir auf den Capitain! morgen geht eine Golette ihn aufzusuchen;
sprach Roborn geduldig und ohne Bitterkeit. Wenn Sie
Lancaster-Schulmeister sind, und nicht Canonieroffizier, Herr Lambton,
kommen Sie uns wie vocirt! Wir wollen nicht hinter Georgtown, uns nrdlich
gegenber, zurckbleiben, das schon seine Lancaster-, ja seine
Sonntagsschule hat. Und wie noch keiner aus dem gefahrlosen Vlkchen der
Schneider hieher verwiesen worden ist, so fand ich auch noch nie einen
einzigen Lancasterschler, und deren Zahl mu doch Legion sein! Selbst
nicht einmal vor Gericht erschienen ist noch je auch nur Einer. Sie sind
also willkommen, Herr Lambton, und gehen inde mit Herrn Clarke in das Haus
des eben so angesehenen, als reichen Herrn Samuel. -- Whrend er uns in
seine Schreibtafel aufzeichnete, fragt' er noch, wie alt ich sei. Ich sagt'
ihm: Sie erlauben, da ich eigentlich erst 5 Jahr alt bin. -- Das hiee
richtiger 5 Jahr jung! Aber wie versteh' ich das? sind Sie ein Riesenkind?
-- Das nicht, erwiedert' ich; aber ich bin an dem raren 29sten Februar
geboren, und Anno 1800 ist der Schalttag ausgefallen, so hab' ich am
letzten 29sten Februar 1816 erst meinen fnften Geburtstag gefeiert. -- Sie
sind also gegen 24 gemeine Jahr alt, nach gemeiner Menschen Rechnung! Ich
wnsche Ihnen auch die Zahl der Lebensjahre gemeiner Menschen! Sie sind
gewi ein Glckskind! lchelte Roborn. Alles Andere wird Ihnen Herr Samuel
sagen und erklren, Arbeit und Gehorsam!

Er empfahl sich diesem, und wandte sich nun zur Versorgung der Andern.
Tydal nahm mit Umarmung und Thrnen von seinem Vetter Clarke Abschied. Auf
Wiedersehn alle Sonntage! versprachen sie sich. Darauf bernahm Herr
Samuel mich und Clarke.

Da wir uns Beide, indem wir ihm folgten, noch oft mit bekmmerten Blicken
nach den Zurckgebliebenen umsahn, was aus ihnen werden wrde, trstete uns
Herr Samuel von selbst darber und sprach: Seid ruhig, lieben jungen
Freunde! Wer hier nicht in tadellose Familien als Hausgenosse und Arbeiter
gegen einen migen Lohn untergebracht werden kann, bekommt sogleich
Mittel, das Geschft, welches er versteht, anzufangen, bis er es auf eigene
Rechnung vermag, und sein eigenes Hauswesen grndet. Arbeiten lernen,
Menschen werden -- ist ihre Strafe; durch Beleidigung Anderer sich nichts
Bses thun, ihr Pensum. Wer so klug ist, das zu lernen, wozu doch wenig
Kopf und Herz gehrt, wird mit Lndereien belohnt, die er sich anbaut. Um
ihm dabei an die Hand zu gehn, bekommt er Neuverwiesene zur Hlfe, die sich
wieder bei ihm Haus, Lndereien und Gehlfen erwerben. Und das so fort. Die
Uebrigen arbeiten fr die Colonie. Aber man sollte aufhren, Uns immerfort
neue -- Colonisten zu schicken. Man schicke sie _dem Lande_. Jeder bessert
sich selbst am besten. Die neuen Brausekpfe stren uns nur zu oft. Wir
sind friedliche glckliche Brger, unsere Herzen sind ausgeheilt und fest,
ja wir deportiren schon selbst in die Inseln, und allemal steigt uns die
Rthe in's Gesicht, wenn wir ein neues Kronenschiff beilegen sehn. Aber das
gehrt noch mit zu unserer Strafe! Denn damit Ihr Euren neuen Hausherrn
kennt, sag' ich Euch unverhalten, da Ich auch ein Deportirter war. _War_,
wohlgemerkt! Einer von denen, die zuerst hier ankamen, und das Alles erst
mit einrichten halfen, was ihr fertig seht. Ihr werdet es unvergleichlich
besser haben!

Fast am Ende der Stadt gewahrt' ich einen schnen Brunnen am Wege, und sah
hinein, inde Herr Samuel vorausging. Was erblickt' ich! Tief und gerumig
ausgemauert und reinlich, enthielt er eine niedrige Pumpe in seinem Grunde;
aus dem vorberflieenden Bache fiel ein abgeleiteter Strahl in denselben
hinab. In dem davon unten gesammelten Wasser stand ein junger Mann schon
bis an die Lenden umsplt; es schwoll allmlig hher und hher, und ich
sahe vor Augen, er mute zuletzt ertrinken, wenn er nicht pumpte! Er stand
mit bergeschlagenen Armen. Besorgt um ihn, rief ich ihm zu. Er sah empor,
und ich traute meinen Augen kaum, als ich unsers alten ehrwrdigen Rectors
Sohn, den falschen Spieler auf Jamesstreet in London, an dem Gesicht
erkannte, das von der hinabfallenden Helle des Himmels erleuchtet erschien.
Verlegen begrt' ich ihn ehrerbietigst, und machte einen Diener nach dem
andern hinab, und entschuldigte mich, ihn hier drinnen gesehen zu haben. Er
aber griff zum Schwengel der Pumpe, und pumpte gelassen und trg, wie ein
vornehmer Herr arbeitet, nur aus Noth, nicht zu ertrinken, mit den Hnden,
die vorhin nur Karten gehalten. Herr Samuel, der mich vermit hatte, kam
zurck, und da er mich neugierig sah, sagt' er: Das ist der Appelmannsborn!
Herr Lambton, worin die vornehmen Snder an Arbeit gewhnt werden. Und nach
einigen Monden Uebung werden die Hnde gangbar und geschmeidig; jede andere
Arbeit wird ihnen auf diese leicht, und darum werden sie dann auch willig
dazu, und ihr Lebensglck ist gegrndet! -- Im Gehen erklrt' er uns
weiter: Ich verschrieb gleich im ersten Jahre Smereien aus Holland, und
statt des Samens ist der Zettel aufgegangen, in welchem sich jener befand,
und trgt nun gute Frchte! Das Blatt war Seite 302 und 3 aus Philipps _von
Zesen_ Beschreibung der Stadt Amsterdam, wo 1595 unter den vier
Brgermeistern Reinier Kant, Balzar Appelmann, Bartel Krumhaut und Jakob
Buhlensen das Clarissenkloster in ein Arbeitshaus verwandelt, und Isebrand
Benne, Isebrand Harmann, und Heinrich Bauch zu Zuchtmeistern bestellt
wurden, die alle verstellte Besessene, Taube, Blinde und Lahme von der
Strae durch den segensreichen Appelmannsborn zur Arbeit brachten. Da war
auch das Zimmer der Unsichtbaren, als ungerathener Kinder und bser
Weiber, welche der Mann zum Schein in das Bad schickte, die aber
unterdessen hier gebessert wurden, ohne Schande davon zu haben. Ein solches
Zimmer der Unsichtbaren ist nun zwar ganz van Diemensland, aber den
Appelmannsborn knnen wir nicht entbehren, und mit gutem Gewissen ihn
recommandiren!

Herr Samuel fhrte uns am linken Ufer des Flusses hinauf, whrend er uns
die schnen Meiereien zeigte und ihre Besitzer nannte. Als wir unter
Bewunderung der reizenden Lage bis dahin gekommen, wo der Derwent eine
Wendung nach Morgen macht, wodurch gegenber ein malerisches Vorgebirge
entsteht, von den frischesten hchsten Platanen bewachsen, wendeten wir uns
links in ein mig breites Thal, welches sich sanft nach Abend erhob, wie
ein rckwrts hingelehntes Gemlde. Hier lag seine Meierei in einem groen
Park. Ein klarer Kieselbach rauschte in mehrern kleinen Wasserfllen, die
in der Sonne blitzten, uns entgegen, als wir den sanften Weg hinanstiegen.
Unter blhenden Apfelbumen standen kleine niedliche Tischchen, Bnkchen
und Sthlchen, um welche viele kleine Mdchen und Knaben versammelt waren,
eine kleine Schule voll, die unmglich alle Herrn Samuel gehren konnten,
und also Kinder aus der Stadt sein muten, die hier spielten. Gleichwohl
hatten sie sich allerhand herrliche Blumen und prachtvolle Blthen
abpflcken drfen! Die Mdchen putzten sich mit den Granatblthen, lieen
einander -- diese von ihrer Winterfeige, die andre von ihrer Orange essen.
Die Knaben verfolgten sich mit blhenden Nectarinenzweigen; die grern
liefen fliegenden Eichhrnchen nach; die kleinern kollerten abgefallene
Cocosnsse den Abhang hinunter, oder hmmerten daran. Jetzt kamen sie um
Herrn Samuel und langten an ihm herauf, und hingen sich an ihn. Das lie er
zu ihrer Gnge geschehen. Durch blhende Strucher und ppige Baumgruppen,
mit unzhligen Singvgeln und Papageien besetzt, kamen wir an eine Brcke,
wo sich das Thal in zwei schmlere Grnde theilte, welche sich in der
Entfernung immer weiter aus einander zogen. Aus jedem derselben rauschte
ein Bach her, welcher sich hier mit dem andern in seiner Natursprache
murmelnd begrte und, wenigstens doch vor seines klaren Laufes Ende mit
ihm vereinigt, eilte, die Wasserflle zu bilden, die uns geblinkt hatten.
Jetzt betraten wir den mit einem sogenannten unsichtbaren Zaune umgebenen
Ziergarten des Parks. Er nahm den Abhang der zwischen beiden Bchen hoch in
der Mitte liegenden breiten Ebene ein, auf deren vorderem Raume ein einfach
geschmcktes gerumiges Wohnhaus uns entgegen schimmerte. Als wir droben
auf dem kostbaren Rasenstck vor demselben angelangt waren, wendeten wir
uns erst, um die Aussicht zu bewundern. Denn wirklich war sie wundervoll.
Uns gegenber das Vorgebirge mit seinen Platanen; rechts und links zu
unseren Seiten das fruchtbarste, sorgsamst bestellte Feld; vor uns im Thale
der majesttische Flu, in demselben hie und da khn und hoch
emporsteigende Felsen, wie Pfeiler einer uralten Riesenbrcke, oben mit
berhangendem Gebsch gekrnt, von girrenden Tauben bewohnt, und weien
Wasservgeln umschwrmt. Rechts weiter hinaus der Meerbusen von sanften
Hgeln umlagert, voll immergrnender Bume; in seinem Schooe die sicher
ruhenden Schiffe von schwarzen Schwnen und Enten umsteuert; uns zu Fen
die wohlgebauete Stadt, jedes freundliche Haus in seinem Garten, in seinen
Blumen! Und nun erst die rthlichen Ufer des Derwent hinauf; hier
Cocospalmen, weiter hin einzelne Mahagonibume, die, wie neugierige Kinder,
sich bis an die steilen Abhnge gewagt, sich mit ihren Wurzeln
anklammerten, um hinunter zu sehen; andere, die auf blumigen Hgeln, wie
Wanderer vor Verwunderung, stehen geblieben zu sein, oder dem Flue immer
weiter entgegen zu gehen schienen, bis wo er in Nordwest aus Marmorfelsen
hervorglnzt.

Und doch bot sich die schnste Aussicht uns erst _hinter_ dem Hause dar. In
bequemer Nhe lag der reinliche gerumige Meierhof in Frucht- und
Kchengrten; noch weiter hinaus die Schferei, und hinter derselben die
fette grne unabsehliche Trift in immer blasserem Schimmer bis hin an die
sonnigen Berge, von Thlern und Schluchten durchbrochen, durch deren Lcken
die fernern Gebirge hereinsahen nach der nie gesehenen, reizenden
Pflanzstadt. --

So sieht ein englisches Kind von 15 Jahren aus! bemerkte Herr Samuel, immer
noch mit Vaterlandesstolz, als wir in die schne Rundansicht versenkt
schwiegen. Hier kann ein Englnder England vergessen! rief ich aus. Wenn er
mu, und dann noch nicht, erwiederte Herr Samuel mit leisem Tone. --
Wenigstens Rowlandhill mitten im Lande, schrnkt' ich ein. -- Rowlandhill!
wiederholt' er. Ihr seid von Rowlandhill? Lambton! frug er mit einem
dsteren Blicke, der keine Antwort begehrte. Er setzte sich auf eine
Marmorbank und zeichnete mit dem Stocke ein T in den Sand, machte ein
Ausrufungszeichen dahinter, und verzog Alles wieder. Wen er aber mit dem H
gemeint, welches er aus Punkten in die Erde gestochen, den schien er
gleichsam durch tiefes Einbohren mit der Spitze des Stockes erstechen zu
wollen. Als er darauf in sich versunken lange sitzen blieb, gingen wir,
schchtern gemacht, inde auf das Haus zu. Aus der Thr trat uns eine
reinliche, braungekleidete Alte entgegen, welche mit scharfen Blicken ohne
Gru an uns vorber eilte, da eben Herr Samuel rief: Frau Russel! Die
war also ihr Name, der mehr sagt, als wenn ich sie beschreiben wollte, und
sagen, sie war eine halbe Kalmuckin, rauh, ja roth, hatte dunkelrothe
Backen u. s. w. Nachdem sie mit Herrn Samuel einige Zeit vor ihm stehend
gesprochen hatte, kam sie wieder zu uns und hie uns willkommen, indem sie
einen Schlssel aus dem ihr anhangenden Bunde suchte. Wir freuten uns
erstaunend, sie zu sehen, scilicet mit Worten; aber im Herzen war die
Freude noch zu ertragen. Doch mu ich ihr nachrhmen, da sie so viel
Sittsamkeit besa, die etwas steile Treppe nicht vor uns hinaufzusteigen;
sondern sie commandirte uns im Rcken wie ein braver Offizier: vorwrts! --
links! -- ber den Saal! -- rechts in das kleine Giebelstbchen mit einem
Bett, -- welches sie mir und Clarken anwies. Clarke wollte einige
Einwendungen gegen das Schlafen in Einem Stbchen und in Einem breiten
Himmelbett machen mit bevorstehenden heien Nchten, Enge des Bettes; aber
sie entschied: Mi Lisanna knne erst in 14 Tagen mit den neuen Betten
fertig werden, welche sie nhe und stopfe, da ihr die Sorge fr den Garten
obliege; und sie selbst habe Haus, Kche und Rauchkammer zu versehen!

Clarke war roth und verdrlich, worauf sie keine Rcksicht nahm. Sie sagte
uns kurz und deutlich, wozu wir im Hauswesen bestimmt seien, nmlich zur
Landwirthschaft! Clarke solle die einjhrigen Lmmer hten, ich aber,
Lambton der Schulmeister, die Rinder! -- Das edle Wort bubulcus, der
Hirtenname Mopsus, das Tityrus -- sub tegmine fagi und das o Corydon,
Corydon! dienten mir jetzt gleichsam als eine trockene Magenstrkung oder
als Geist gegen den Schwindel; ja ich sahe die geliebte Gestalt des
gttlichen Sauhirten Eumus zu der offenen Thr hereintreten, und mir die
braune magere Hand reichen.

Clarke war nun zufriedener; er wischte den Spiegel ab, stellte sein
Malergerth auf dem Tische darunter auf, besichtigte dann das Kamin und
prfte die blanken Zangen. Ich aber trat, whrend Frau Russel die Decke vom
Bette nahm, manches Nthige herbeitrug, manches Unnthige aus dem Stbchen
hinauspracticirte, an das geffnete Fenster, und sah in den freundlichen
blauen Himmel, und meine Seele sprach eine in ihrer Kindheit auswendig
gelernte Stelle, wahrscheinlich im Vorbewutsein, da sie derselben einst
bedrfen werde:

   Geduld, die seligste der Tugenden,
   Ist nicht umsonst! Du kaufst sie nur durch _Dulden_;
   Auch nicht auf _einmal_ wie ein andres Gut;
   Allmlig wird sie Dein durch Stillesein
   Und Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen.
   Der gute Mensch nur kann geduldig sein,
   Geduldig werdend, wird er gut zugleich.
   Drum, willst Du das, so lern' ein wenig tragen
   Und lieben, hoffen und verzeihn; dann immer
   Und immer mehr, und immer lieber, bis
   Du die am liebsten, die allein nur thust;
   Und also gut geworden, Dir zugleich
   Geduld, die seligste der Tugenden,
   Erworben: tausend Schtz' um Einen Schatz.

In der Ferne erblickt' ich eine groe Heerde Schweine, und die waren mein
Augen- und Seelentrost! Denn wenn ich bedachte, da mich Herr Samuel sogar
zum Sauhirten htte ordiniren knnen, so dankt' ich billig Gott, welche
unanstndige Erinnerung er mir erspart hatte, wenn da droben auf unsern
Anstand auf Erden gesehn wird, wie zu bezweifeln steht. Denn derselbe
Dichter sagt ja schon die Worte, welche mir wieder einfielen:

   Dem Menschen sei ein jegliches Geschft
   So leicht als gleich! Denn jedes gnnet ihm
   Ein Mensch zu sein! Das ist die Sache. Wer
   Gelebt hat, der hat viel gethan, der war viel,
   Viel in der Halle dieser schnen Welt!
   Drum denket wrdig von dem Menschenleben,
   Und wrdig denkt von Euch, ihr Lebenden!
   Ein heil'ges Wesen ist, wer diesen Aether
   Einathmet! Unter diesen goldnen Sternen
   Ist Niemand gro noch klein, nur gttlich Alles!
   Und Niemand ist gering, wer die erkennt;
   Der Erde ew'gen Schtzen gegenber
   Ist Niemand reich; dem Himmel gegenber
   Ist Niemand arm! und Keiner ist verachtet,
   Den selbst Allvater fr sein Kind erkennt,
   Wer ihn darf Vater nennen, und das hrt er
   Von Allen gern.

Ich hatte heut mein Morgengebet nicht verrichtet, und ich bat den Himmel,
jetzt diese apokryphen Worte dafr anzunehmen, nachtrglich. So bedurfte
ich nun kaum des Trostes, den mir die alte Russel einsprach: ich wrde
nicht so viel Noth mit dem wohlgewhnten verstndigen Viehe haben, als
vielleicht mit mancher lieben Schuljugend! Es sei das schnste Vieh van
Diemenslandes, und die Hute davon gingen bis Port Jakson, Ostindien, auf
das Cap, ja bis Altengland. Selbst Se. Majestt knne vielleicht Stiefel
davon tragen! vielleicht auch nicht! --

Alles das konnte mir so einerlei sein, wie den Huten selber. -- Sie eilte
darauf, Clarke mit seinen Lmmern, und mich mit meinen gehrnten Zglingen
bekannt zu machen, die ihren neuen Prceptor anbrummten und berochen. --
Das rothe Tuch Eurer Uniform macht sie nur scheu, belehrte mich Frau
Russel; morgen sollt' ihr einen ihnen bekannten Anzug, die Namensliste und
Stammbume des nobeln Viehes erhalten, damit Ihr Euch schtzen lernt. --
Ich erwartete das. Clarken gefielen seine Lmmer, die sie durch die Beine
herauslie und ihm vorzhlte. Wir freuten uns auf die schnen Tage, die
heitern Berge, und die stille Zeit des Hirtenlebens.

Ueber all' dem Umsehn und Einrichten war die Mahlzeit herangekommen. In dem
Unterzimmer war ein groer Tisch fr Alle im Hause gerstet, woran gewi
Herr Samuel prsidirte, fr welchen der mit rothem Sammet und goldenen
Zwecken beschlagene Sessel hingestellt ward. Aber er selbst erschien diesen
Abend nicht. Dagegen begrten uns neugierig und schalkhaft ein Paar andere
von dem Hausgesinde, wovon Einer, der Kleine, eine wahre Diamond-Edition
von Spitzbuben schien! Noch trat Jemand zum Gebet mit an den Tisch, den
Frau Russel unter dem Anruf Herr Doctor Toland einlud, heut Abend den
Wirth zu machen. Sie beteten darauf das in Altengland gebruchliche Gebet:
von den jungen Raben, denen der Herr ihre Speise giebt zu seiner Zeit; und
der kleine Dieb betete bei den abwechselnd einfallenden Stimmen, diese
Worte grade allein. Mehrere schlanke, kernige, schne Mdchen, sichtlich
von dem schnen Malayischen Menschenstamme -- Race getrau' ich mich von
den lieblichen, edlen Geschpfen nicht zu sagen -- kamen noch whrend des
Gebetes herzu, und trockneten sich die Hnde. Zuletzt aber kam die
wiederholt gerufene Mi Lisanna, leise wie eine Erscheinung, und darum uns
so pltzlich, so berraschend! Hocherrthet, nach schchterner Verbeugung
setzte sie sich auch an den Tisch, mir und Clarken gegenber -- an ihre
Stelle. Wie die Weiber sind, htte sie uns gern angesehen, welches aber
Clarke's offenes lchelndes Gesicht ihr unmglich machte, so oft sie es
unternehmen wollte. Meine Augen fanden an Clarke den einzigen Haft und
Trost. Als ich jedoch am Ende der Mahlzeit von dem Herrn Doctor Toland
eingeladen ward, auf Sir -- ich hrte recht -- Sir Samuels! Gesundheit zu
trinken, getraut' ich mich Mi Lisanna anzusehen, die von meinen Blicken,
wie ergriffen auf einem Verbrechen, berrascht zusammenschauderte, und eine
Minute lang mit vergehenden Augen da sa, still und bla wie ein schnes
Marmorbild aus Sir Horazio's Bibliothek. Clarke trat mir auf den Fu -- wie
Mistri Distre im Schiffe, und trank mir zu. Dabei fiel mir der
Schulmeister schwer auf das Herz! Ich hrte wieder das Schade, Schade!
Dennoch segnet' ich meine glnzende Interims-Uniform, die mir doch
wenigstens einen seligen Augenblick, die aufkeimende Neigung, das Sprengen
der Knospe ihres Herzens, bei einem so schnen jungen Mdchen zu schauen
vergnnt, wie Mi Lisanna! Denn aus Ovidius wute ich, da eine gewisse
allmchtige Leidenschaft mit Erschrecken und Zittern, mit Furcht und Beben
beginnt. Auch a sie keinen Mundbissen. Auch ich war satt, und wute doch
nicht von was. Ich vergab daher endlich auch ganz und gar der Marion, die
selbst den rothen Daniel dem schwarzen Lambton vorgezogen, und wnschte ihr
frhliche Sechswochen. Nur die 100 Pfund! die 100 Pfund brannten mir auf
dem Herzen! Besonders seit Roborn meine Vollmacht, sie zu heben, kannte,
und Ich die 100 Pfund redlich gezeigt, aber grade zum Schaden meiner
Redlichkeit! -- Mi Lisanna ging zeitig vom Tische, sagte leise gute Nacht,
und sah sich selbst in der Thr nicht einmal um, so sehnschtig ich nach
ihrem Blicke war! Denn -- ach, sie ging! sie sahe nicht auf, mich nicht an!
sie wird mich nie wieder ansehen! Heut ist mein letzter Ehrentag -- morgen
trag' ich den Tityrus-Rock! sthnt' ich, und ballte die Faust in der
Tasche. Wehmthig ging ich mit Clarke zu Bett, der mich frug, was ich so
verzweifelt aussehe! Er legte nur Rock und Stiefel ab, schlpfte in das
Bett, legte sich hart an die Wand und schlief seufzend ein. Vielleicht
seufzt' er gar auch nach Lisanna! Ein Maler versteht sich auf Schnheit,
und schn ist er selber. Darum fhlt' ich die schrecklichste Eifersucht und
Todesangst im Voraus, als er im Schlafe nher und nahe an mich rckte,
seinen Arm um meinen Nacken schlang, und mich, noch lange gedankenvoll
Wachenden, drckte; ja er wollte mit seinem Lockenkopfe auf meiner Brust
ruhen! Jetzt ward ich ernstlich bse -- aber die Hand lie ich doch dem
armen Schelm in seiner. Er liebt ja Lisanna! -- Also Lisanna! das arme
Kind! du armer Lambton! unterbrach ich unwillkrlich mehrere Male mein
Nachtgebet, bis Sir Horazio's Marmorbilder, Lisanna, Theano, die alte
Russel, die Wasserhose, der Gott Tangalon, Roborn, Sir Samuel, Lmmer und
Rinder mich in holder Verwirrung umgaukelten, und in den Schlaf brummten,
blkten, blickten, erschreckten, und entzckten -- jedes nach seiner Art.
--

                   *       *       *       *       *

Sonnabend Abend.

Man soll nicht aus der Schule schwatzen, denn wie die Weiber sind; aber aus
der Schule, die ich von dem andern Morgen an, den ganzen Tag ber alle Tage
mit dem lieben Viehe hielt, will ich gern kein Wort verrathen. Doch ging es
im Ganzen besser, leichter und lustiger, als ich mir vorgestellt, und die
bekannte Methode, mir Ordner, auch unter den Ochsen zu whlen, bewhrte
sich auch hier. Wenn nur die vermaledeiten Bremsen nicht waren! Denn es war
zum Verzweifeln, wenn die Ordner an der Spitze, und dann die ganze Schule
stckweise davon galopirte, durch allerhand Sorten Getreide, wie Hannibals
Ochsen. Ich wartete es geduldig ab, ohne mich mehr, wie das erste Mal, in
Galop zu setzen, wo ich gleichsam mitbieselte, mit aufgehobenem Stocke.
Denn der deportirte Pudel, Herr Phylax, nahm sich darauf meiner an, wie ich
mich seiner durch Crabben verlassenen Person angenommen, und sammelte
wieder die keuchenden Schler. Wenn nun die gewaltigen Thiere, wie so viel
Joves, auf solche Ermdung lange nicht fraen, sondern sich hinlegten, so
waren die Bremsen meine Gtter, die mir diese Ruhe machten. Doctor Toland
gab mir endlich ein Kraut, es den Thieren anzuhngen. Er ist ein
Menschenfreund!

Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen
geduldigen Lmmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, da er
sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hten ist
keine Kunst, aber Rindvieh. -- Lisanna brachte uns das Mittagsessen in's
Feld, und sie trstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mhe das
Lachen verbi; die Thrnen aber standen ihr in den Augen. Betrbt und
ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und
htte auch lieber geweint. Dann wute sie es zu machen, da sie beim
Hinreichen des Korbes meine Hand berhrte, oder ich die ihre mit fate --
darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobi! sprach ich zu mir,
whrend ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah --
wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch
ein Jammer. Doch wenn ich unterde im Grunde des Krbchens noch Orangen,
Feigen und frhe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wute ich
nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhat und
tglich verhater ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen,
setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, whrend der
Wind ihr das schwarze Haar ber die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten
ber uns hinflog, und sie wieder hervorglnzte, als verklre sie sich und
schwebe. Das Alles mut' ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne
herzublicken, da ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und
sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lchelte so hold, so lieb! Wenn
Clarke nicht dabei gewesen, wre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen --
vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdro es mich von
Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gesprch zu ergreifen, ja
ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns sa, aber immer nher an
seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind,
das zu Schaden fra, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen
konnt' ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht bei Clarke, und das war
mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt' ich, da ich -- da ich
-- armer Lambton! Ich htte das nie gedacht, ach -- weil ich es nie
gefhlt, ja nicht getrumt -- das Wort, das umgekehrt Roma heit! Mehr kann
ich nicht sagen, ich schme mich vor mir selber. Auch sucht' ich mir nichts
merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus,
wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab' ich nichts zu
frchten, und dabei sah' er so ehrlich aus, da ich ihm gern geglaubt
htte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, da ich
eiferschtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein
eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schner marmorner
Jngling auf einem gesteppten Pfhl in Sir Horazio's Bibliothek. Ich
dchte, er nannt' ihn einen Aphroditenhermes. So war's doch; und so ist
Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wute und
sagte mir: da sie nicht Sir Samuels Tochter sei, da sie der Frau Russel
als ihrer Pflegemutter am nchsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch
Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedrfe aber eine Waise dringender,
als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und
Liebe, so gering sie sei. So gbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um
Zweien so gut, wie mglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber
doch thu' ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch
gegen sie, da sie ihn durch die grte Stille, den emsigsten Flei bis
tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drckend, da
er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewhre, ja zuwerfe -- doch hasse er sie
nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Gte, Zrtlichkeit, ja etwas
Wehmthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halte ihr Lehrer -- und
schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen -- und verderbe
ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk' er ihr schne Kleider, und
sehe sie gern darin; dann msse sie sich einfach, ja schlechter tragen als
die malayischen Mdchen Talo und Ofa, und sehe sich blo in die Kche
verwiesen, und drfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar
der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke -- und
Herr Lambton! -- -- Das Alles that mir zu hren noch mehr wohl, wie weh!
Denn wie sich zur Liebe fr die schne gute Wesen noch Mitleid gesellte,
dann schmolz mich gleichsam ein wehmthiges Gefhl; und hatte ich sie
bisher schon geliebt, jetzt htte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio
sagte, wenn er von den schnen Madonnenbildern in Italien sprach: Ein Weib
werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich
allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten
die Todten auch schon etwas Heiliges und Gttliches ber uns, die wir mit
zitterndem Herzen vor ihnen stnden, sie beweinen -- und ahnen: da
vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein
gttliches Bild, und ein Bild ein gttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns
anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn
sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege,
dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in
anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt;
Dewegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind. -- Sonst
glaubt' ich Ihm das fast; jetzt -- jeden Tag weniger, da ich an Lisanna
sehe, oder an meiner Seele, da die Liebe ein immer Neues, Schaffendes,
Belebendes ist -- und die Liebe ist ja das Vollkommene! und doch ist mir --
mir Lisanna's erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in
meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in
einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt
erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine
mit dem Schnabelthier, eine mit dem Lamme, und eine mit Lambton; also vier
Gemlde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und
vielleicht kommen noch mehrere hinzu -- vielleicht auch nicht!

                   *       *       *       *       *

Sonntag Abend.

Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser
Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeiten
_Einen_ und ruhen _sechs_. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text
richtig ausgelegt. Immer freut' ich mich daher auf den _Sonntag_; und wenn
ich ihn wieder herangelehrt und gekmpft, und noch mde vom Joche ihn frh
fr einen gewhnlichen Tag hielt, bis ich den Kster hereintreten sah, den
kind-hohen Kirchenschlssel auf den Arm gehangen -- dann ward mir gleich so
wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so
geistlich, so geschmckt aus, und wenn es auch drauen neblig war, da ich
die Lindenstmme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut' ist mir wieder so
wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch fr Clarke und Lambton, und
jeden geplagten Schulmeister, wie fr die Ochsen und Schafe; und der Mensch
lt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fhllosen
Pflug' und dem brunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich
auch denen gegeben, die es nicht verstehn! nur genieen -- der ganzen Welt.
Also Sonntag!

Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt' ich doch heute nicht
hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform -- schmt' ich mich. So
sa ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon,
dacht' ich, bei Lisanna -- als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn
es sei Pflicht, da jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn
Patrik zu hren; brigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in
Galla. Alle saen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte
das Frhstck. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der
englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag
mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab' ich Respect vor Euch;
wochentags verlang' ich ihn vor _mir_. Das schien auszudrcken, da, wie
die heidnischen Rmer blo an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten,
Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle
Menschen gleich wren! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder
Clarke's Bilde im Spiegel sah, das mcht' ich wissen! Aber sie lehrte mich
dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die
malayischen Mdchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an,
aber Ofa nur dann, wenn es einschlgt; daher sagt Sir Samuel: sie haben
keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo
unterrichten, auch Lisanna soll zuhren! Wie wird Sie meine Seele erheben!
--

Im Vorbergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu
gehen htten! Lisanna seufzte schwer -- vielleicht ber mich -- wendete
sich ab, und sah zu den Wolken. Doch mir ist diese gute List zu wohl
bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen mchte und nicht darf, und die
Thrnen Einem in's Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie
der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wte, nur
glaubte, da ich _unschuldig_ bin! Brchte nur die Golette den Capitain
York! das wnscht' ich sehnlich.

In der Kirche fanden wir alle unsere Gefhrten, die uns heimlich und
freundlich grten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene
ernster, aber alle gefater, ruhiger -- sonntglicher! Auch ihre sauberen
Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, da ich
der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete
uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die
mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit
unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft fr die Predigt zu
sparen, und dazu braucht' er sie wirklich.

Denn diese Verdammten-Predigt -- (condemned Sermon) -- die Uns zum Leben
und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der
Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein
Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen
himmlischen Glocken also:

Meine Herren Deportirten! und Brder in Christo! Vielleicht Handwerker,
Pchter, Gentlemen, Esquires und was wei ich . . . . . . aber gewi:
Spitzbuben, Mrder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler,
Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderruber -- -- -- -- Ihr wundert
Euch, da ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr
Euch frher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum mu ich Euch
nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen
kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Snden kommt als seine
Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O da er
Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wre mitgegeben worden, Jedem so
mitgegeben wrde, dann knnten Eltern und Erzieher sich danach richten,
dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt
der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich!

Nun lat mich offen zu Euch reden! Und Ihr, hret mich offen an!

_Erstens_, verschreibe ich Euch das allervortrefflichste Mittel gegen das
Heimweh. Es wchset im Walde und heit -- der Galgen, der Euch in der
Heimath erwartet, wenn Ihr vor der Euch bestimmten Zeit zurck -- flieht.
Ihr knnt auch hier in die Berge fliehn zu den Wilden, wenn Ihr, die Ihr so
lange gegessen habt, auch einmal wissen wollt, wie dem ist, der gegessen
wird. Also bleibt in der Lehre und Zucht! entlauft nicht von der Bleiche,
als halbe Mohren, als Seelen-Mulatten! --

_Zweitens_, erinn're ich Euch und frage: haben Euch Euere Todfeinde je so
viel Herzeleid und Schmach angethan, als Euere Laster? diese falschen
Freunde und sen Schmeichler des Bsen, die fr Eine angstvolle Lust nicht
unter Ein Hundert Schmerzen bereiten. _Sie_ setzten Euch gefangen, sie
brachten Euch Verwnschung und Verachtung, Enterbung und Verweisung; Sie
machten, da Ihr zum Weinen jmmerlich hier vor mit dasteht! Erkennt sie
nun, und jagt sie aus Herzen und Haus! --

_Drittens_, vergleiche ich Euch mit jener Palme in Japan, die keine Nsse
vertrgt, sondern davon verdorrt. Nichts Anderes hilft sie herzustellen,
als sie auszureien, sie drren zu lassen, und dann in eine im Sande
bereitete Grube zu setzen. Da, im Trockenen grnen ihre Zweige wieder
saftig, und krftig trgt sie auf's neue die se Frucht. Wieder vergleiche
ich Euch mit dem Trauerbaum in Indien, der nur blht, wenn die Sonne
untergegangen, und vor dem Tage die Blthen abwirft. Ich vergleiche Euch
mit den Giftpflanzen, die meistens in sumpfigen Gegenden wachsen. Wenn man
sie in reinen guten Boden versetzt und anbaut, verlieren sie ihr Gift. Der
weise Knig Salomo sagt: sie schlafen nicht, sie haben denn Bses gethan;
sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden gethan -- so sage ich Euch denn,
die Ihr Beides: Uebels und Schaden gethan: so schlaft denn! so ruht denn!
--

_Viertens_, dinge ich Euch, Ihr Tyburn entfloh'nes Gesindel, _gewesene_
Ruber! _gewesene_ Mrder! Fr Euch ist kein froheres, kein trostreicheres
Wort, als das sonst so furchtbare, die ganze Natur zerstrende Wort:
_gewesen!_ Nach Allem was der Mensch gethan, gelitten, geliebt und gehat
hat, bleibt er ein Mensch! Und was knnt Ihr mehr sein wollen, als:
Menschen? Aber wollt auch Menschen sein! Nicht was Ihr _bis hieher_
gewesen: Fchse, Luchse, Marder, Maulwrfe, Schlangen und Ottern. Streift
alle die Hute ab, und verwandelt Euch in Menschen! Bildet Euch etwa nicht
ein, da es _lebenslngliche_ Mrder, Ehebrecher und Diebe giebt, wie es
Thiere giebt, die zeitlebens Hynen, Bcke und Raben bleiben bis auf den
letzten Pelz und die letzte Mauser. Bilder Euch also nicht ein, da Ihr
bleiben mt, was Ihr vielleicht nur Eine Stunde waret! Denn welcher Mensch
wei am Morgen, was ihm des Tages ber begegnen wird? Was er denken,
empfinden, beschlieen, welcher Mensch, welche Lust ihn reizen, welche
Leidenschaft seine Seele empren wird! Ach, -- ich hoffe, ich wnsche es --
Alle haben die Nacht zuvor in Frieden geschlafen, ihr Morgengebet
verrichtet und auch die Worte gesprochen: Fhre uns nicht in Versuchung!
Aber die Leidenschaft ist wie der Wind, von dem Niemand wei, woher er
kommt und wohin er fhrt, und Jeder hrt doch sein Brausen. Doch sein
Vorberziehn richtet oft Grauses an, wirft um, was nicht mehr aufgebaut
wird, wie ein Todter nicht wieder erweckt wird. Und so ist auch der bse
Mensch _kein Fehler_ -- er fehlt nur! ein Mensch fehlt! ein Mensch hat
gefehlt. Die Menschen sind Raqueten, die gefllt und trocken ruhig an dem
Gerst des Lebens hngen, bis ein Funke sie entzndet. Die Menschen sind
Kanonen, die nur donnern und morden, wenn sie losgebrannt werden; sonst
stehen alle umher und schlafen wie die Menschen -- ach, und wer es sich
nicht eingebildet, von wem man es nie gedacht hat, den fhrt man am Abend
in Ketten herein, als leichten oder groben Verbrecher. -- Ihr seid
losgebrannt -- entladen! Ihr seid hereingefhrt. Wer wird nicht aufgeweckt
aus seinem schlfrigen Lebensgange, wenn er einen Fehltritt that? etwa
einen tiefen -- von der Hhe der Menschheit pltzlich herab? Wem schlgt
das Herz nicht, der geraubt und gemordet hat, wenn er auch nie mehr von dem
schlafenden Engel in uns, von dem Gewissen gewut htte als seinen Namen!
Wem droht dann nicht sichtbar ein Finger vom Himmel? Wer hrt den Vater
nicht, wenn er sich an dem Kinde vergriff? Wer erkennet den Gott nicht,
wenn er des Teufels war? Glaubt mir, meine Brder in Christo, immer noch
von der Gesellschaft Jesu, Spitzbuben, Ruber und Mrder, Ihr habt hinfort
mehr Anspruch und Hoffnung auf ein ruhiges, ja seliges Leben, als alle die
Millionen _Schlafwandler_, die noch gut heien, weil sie schlafen. Ja, sie
sind darum vielleicht werther und bedrftiger als Ihr, meine Predigt zu
hren. Denn ich verbrge nicht hier mit meiner Sanduhr, da in 8 Tagen auf
der ganzen Erde nicht Hundert -- eingefhrt sind, die heut, jetzt noch sehr
liebe Mnner scheinen, und vielleicht sind. Ihr stahlet -- dieweil Ihr
schliefet! Ihr habt aber das ewige heilige Gesetz, Ihr habt den Gott in
Euch erfahren, Ihr fhlt ihn noch und immer, der da heit: Licht, Rath,
Kraft, ewig Vater, Friedefrst! Das Herz des Menschen ist voll Irrthmer.
Der Tag, wo Ihr keinen einseht, ist ein verlorner. Denn wenn Christus
selber sagte: was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut, so kann unser
Bestreben nur sein: _besser_ zu werden, aber immer besser, ohne Ende, ohne
Ermdung, ohne mige Zufriedenheit mit uns selbst; und in diese verfielen
wir, wenn wir leidige Menschen je glaubten _gut_ zu sein. Und wie sehr, wie
rasch knnt Ihr Euch bessern! und wie viel Irrthmer habt Ihr abzulegen!
Ich wnsche Euch Glck dazu! Der Wille besser zu werden, der ja ein guter
Wille ist, wenn nicht mehr, vertilgt durch sich selbst alle Snde, und Eine
gute That aus vollester Seele ist allen guten Werken gleich. Denn _das
Gute_ umher in aller Welt schafft Gott. So ding' ich Euch denn und geht Ihr
spt zur Arbeit in den Weinberg -- Ihr sollt auch noch eueren Groschen
bekommen.

_Fnftens_, trste ich Euch: Was Ihr auch gethan habt -- Gott hat es
ausgeglichen! Wenn den Menschen die Leidenschaft -- der Teufel -- ergreift,
dann ergreift ihn ihrerseits der Gottheit Hand, damit er Andere und sich
nicht ganz verderbe, im Gegentheil ihnen ntze. Der Mensch ist und wird so
lange unmndig, als er seiner Vernunft nicht mchtig ist; und der
Ober-Vormund Aller wird, bis sie wieder hell ihn erleuchtet, auch der
seine. Die durch Euch Verarmten hat er wieder reich gemacht, wenn sie nicht
besser arm blieben! Denen Ihr die Tochter oder den Sohn geraubt, die hat er
wieder mit Kindern gesegnet, wenn Ihr jene nicht raubtet _zu ihrer Strafe_,
um Eltern und Kindern so auf besonderem Wege das ihnen von Gott zugedachte
Gute zu thun. Die Ihr getdtet, sie schlummern ruhig in seiner Erde, und
ihre Geister leben in seinem Geist. Und doch hat Er Euch dadurch
aufgeweckt. Eine _Seele_ auferwecken ist ein greres Wunder, als einen
todten Leib erwecken -- sagt Augustinus recht sonderbar nun hier, nun heute
durch mich und aus mir. Gebt in den Sarg der vergangenen Tage alle eure
Werke mit! Seien sie todt und begraben. Ihr aber _erwacht! erwacht!
erwacht!_ und wandelt in einem neuen Leben!

_Sechstens_, frage ich Euch, arme Snder, wo ist ein Mann dem Gesetze
verfallen, der eine Million Pfunde oder Menschen commandirt? Wann ist eine
Prinzessin an den Pranger gestellt worden? Wo ist ein Knigssohn gehangen
worden? -- auer in China. Ihr seht also, welche durchgngig tadellosen,
welche vortrefflichen Leute die reichen Leute sind! wie leicht ihnen der
_Anstand_ wird; wie keck der Arme ist, weil er Nichts hat. Vor dem
_Gesetze_ sind Alle gleich, das ist die groe Lge in den Welt-Menschen,
die die Welt-Menschen schon allein verdirbt. Geben die Georgen, unsere
Knige, einem zudringlichen Bettler eine Maulschelle, das ist nur Rang- und
Machtvollkommenheit; aber giebt ein beleidigter armer Schuster dem Bischof
Eine dergleichen -- welcher Gottesschnder! Aber ich sage Euch: Der
Mchtige und Wohlerzogene, der Unrecht thut, ist doppelte Streiche werth;
werth, doch bei dem Werthe verbleibt es. Der gemeine Mann, der arme Mann
sollte, um pari zu wiegen, wenigstens tausendmal besser sein als der
Reiche. Denn Netto und Sporco-Gewicht ist erstaunend verschieden. O Brutto!
O Tara! Ihr Netto-gewogenen, Ihr seid darum alle wahrscheinlich arm, und
dumm, weil Ihr bs, und bs weil Ihr dumm war't: Drei Fehler, wovon schon
Einer den Menschen in der Gesellschaft zu Grunde richtet, aber alle Drei
ihn gewi aus Altengland nach Vandiemensland bringen. Darum werdet reich!
Ich sage reich: an Verstand, klug im Sinn, gut von Gemth -- um keines
Gesetzes, also auch keines Richters mehr zu bedrfen, als dessen -- der im
Verborgenen richtet; und Ihr -- werdet die Wahrheit erkennen; und _die
Wahrheit_ wird Euch frei machen. Also sonst Nichts, aber sie gewi!

_Siebentens_, fordere ich nicht von Euch, da Ihr Einen Fehler ablegen
sollt. Denn die ganze Welt konnte es bis heute noch nicht. Und welche
Vernderungen auf der Erde wrd' es hervorbringen, wenn alle Menschen nur
Einen Fehler ganz ablegen wollten! zum Beispiel: nur den groben Mord, das
Tdten! -- Aus wre Krieg und Streit, das Himmelreich begnne auf Erden,
als da, wo es eben blo nthig ist, und nicht im Himmel. Was halfen bis
jetzt alle sptere Propheten seit Moses, was selbst allein und fr sich
ohne _Thter_ des Wortes, die gttlichste Lehre. -- Das Menschengeschlecht
steht noch, Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernd, am Berge Sinai, es ist in
der Hauptsache: in der Menschen-_Liebe_ kaum einen Schritt aus seiner alten
Wste geschritten, trotz der unendlichen Mhe von hundert Orden (etwa von
Malta) und tausend Klstern, trotz redlicher Ppste und lblicher Clerisey,
trotz Wiklef, Knox und Warden bis heute auf mich herab, der ich im
Kehrwinkel der Welt hier stehe vor Mrdern predigend! Untersteht Euch zu
leugnen, was ich sage! Seid nur ruhig! Denn darum verlange ich nicht, da
auch Ihr Einen Fehler ganz ableget -- sie werden _alle zugleich_ nur
seltener, nur schwcher -- legt Alle nur erst _ein wenig_ ab -- ich meine:
bezwingt sie, dmpft sie, leitet sie ab! Lat den Mord -- eine Ohrfeige
werden -- dann die Ohrfeige wieder ein sanftes Streicheln der Wange; den
Ehebruch: ein Anlcheln, dann das Anlcheln ein Auslachen; den Raub: ein
bloes Handausstrecken, dann das Handausstrecken -- ein Handeinstecken; den
Verrath ein Lallen mit der Zunge, dann das Lallen: ein Schweigen. (Und das
Alles als das halbe Werk, bis die Zunge _Gutes_ spricht, die Hand _giebt_,
der Fu zur Rettung eilt.) So wie Oben gesagt, so thut die Welt, so thun
die Bessern selbst und heien die Guten, bis sie _besser_ werden. Denn ohne
Snde ist Keiner! und auch nicht Einer!

_Achtens_, warne ich Euch: seid nicht so anmaend zu glauben: Ihr leidet um
Eurer eigenen Fehler willen! Dazu seid Ihr die Leute nicht! Ihre eigenen
Fehler ben nur die grten Mnner aller Zeiten, und genieen ihres
eigenen Guten. Das Menschengeschlecht ist so verwickelt, so in einander
verwachsen, aus tausend Abstzen zu einem einzigen Rohre hinaufgeschosset,
da Eines fr des Andern Verschulden leidet, das lebende Geschlecht fr das
vergangene, ja die vergangenen alle; die Kinder leiden fr die Mngel und
Versehen der Eltern, das Volk um -- das Land, der Knig fr das Volk. Ihr
seid die verkrperten schlechten Seelen Euerer Eltern, die Spiel- und
Weinsucht des Vaters, der Putz und die fette Kche der Mutter; Ihr seid die
Dummheit Euerer Lehrer, die ferne und kalte Schule; Ihr seid die
Saumseligkeit, die Hartherzigkeit, die Lieblosigkeit Euerer Nebenmenschen.
Ihr seid der Beweis noch vielfach-irrenden mangelhaften Geschlechtes, die
Opfer eiserner und _doch nicht_ bindender Gesetze. Ihr seid der
Fensterladen eines Zahnarztes in England, den er mit allerhand bsen Zhnen
geschmckt, zum Beweise: was fr ein braver Ausreier er sei, was er fr
Schmerzen gestillt und erregt. Ihr knntet euch freuen und stolz sein, wenn
Ihr die Opfer fr das Glck eueres Volkes wr't, wenn um so viel schlechter
Ihr seid, alle jene Zurckgebliebenen nun besser wren, so wie der Wein,
der seine Hefen ausgestoen. Aber -- aber! ich hre von Schiffen die noch
kommen sollen! Ich hrte Viele sich glcklich preisen, die -- meine Rede
hrten! Und wieder auch, da sie kommen, ist der schnste Beweis fr das
freieste Land! den besten Knig! Darum segnet Ihn, und segnet Altengland,
denn --

_Neuntens_, lehre ich Euch: Es hat Jemand ein Wort gesagt, das dem Jemand
Ehre und Schande macht, so einfach und albern, so schlecht und gerecht, so
erhaben ist es; der Jemand, der mit dem ersten Buchstaben -- Robespierre
heit, sagte, als das seinem -- Menschenkpfe liebenden Gemth mit
Himmelsgewalt abgeprete Wort: Das erste Recht des Menschen ist das Recht
zu existiren. Und nur der Gegenhndler der Schpfung, Satan, kann das
bestreiten -- wollen. Da aber _der_, welcher nun gtigst existiren darf,
ein von Gott mit Geist begabtes, nie ruhendes rastlos vor und
fortschreitendes Wesen ist, so ist ihm Glck, Bildung, Tugend und
Himmelreich mit der bloen Existenz zugleich gtigst zugestanden. Mit
Glck, Bildung, Tugend und Himmelreich -- das bekanntlich und
lautausgesprochenermaen nur in uns liegt, also in uns lebenden Menschen,
also nicht knftig erst wo da drauen in der Luft voll Goldstaub, der
Sterne heit -- mit Glck, Bildung, Tugend und Himmelreich, ist dem
Menschen, also allen Menschen, allem Volke auf dem Lande, in den Stdten
und Pallsten, summarisch: allem Pallast-, Stadt und Landvolke, der Weg und
jedes Mittel zu Glck, Bildung, Tugend und Himmelreich zugestanden! Und da
schon das bloe Himmelreich aus Friede, Freiheit und Gerechtigkeit besteht,
so ist Allen alle Weisheit, alle Lehre, alle Kenntni zugestanden -- nicht
blo schndlicher Weise: dreiig Tropfen davon auf Zucker, mit dem alten
Worte: Gott wird helfen! Und zu aller Weisheit und aller Lehre gehren
allem Volke mit dem bloen gttlichen Rechte der bloen Existenz: alle
Lehrer frei, alle Rede frei, alles Lernen frei, alle Schrift frei, in dem
Hause Gottes, wie ja in jedem Hause der Menschen. Nun hrt mich: Wer nun
Einen oder Mehrere -- Menschen -- an der Existenz gefhrdet, verliert der
den Anspruch auf _Bildung_, oder bekommt er Einen _mehr?_ Hat er sich
derselben als unbedrftig und unfhig gezeigt, oder hat er die unerlliche
Nothwendigkeit: ihrer theilhaft gemacht zu werden, grade durch seine
schlechte That laut schreiend und unzweifelhaft an den Tag gelegt? Von der
Masse des Volks, die so fort faselt, faselt man: sie sei auf dem Wege zum
Guten, oder zum Bessern. Er, hat seine Unbildung, sein Herz, seinen Sinn
verrathen! Seine Tyrannei! Er, er sei wer er sei -- -- Er mu also gebildet
werden, fhig das Leben zu leben, und Andern zu helfen, diesen Schatz zu
heben. Dazu nun darf der Mensch der menschlichen Gesellschaft, die ihn
allein nur bilden kann, nie beraubt werden, am wenigsten aber -- seines
Kopfes, als welchen er eben am nthigsten braucht. Christus hat zwar den
Teufeln erlaubt: Sue in's Meer zu strzen, aber den Menschen nicht:
Menschen vielleicht in _die Hlle_ (und -- Viel besser ist nun ein Mensch
denn ein Schaf; Matth. XII 12.), denn es wre ein ganz unverzeihliches
dahero retour! _dem Himmel_ in Armesnder-Kleidern Kandidaten zu schicken
-- die der Erde zu schlecht sind, weil man glaubt: Gott _msse_ verzeihen,
die sndigen Menschen brauchen es nicht; ja es wre ein Mibrauch der
Unsterblichkeit, weil sie nur ewiges Leben ist, zu welcher auch _dieses
Leben_ gehrt. Denn Luc II. 35. steht ein gar bedenkliches Wort von denen:
Welche aber _wrdig_ sein werden, jene Welt zu erlangen, und die
Auferstehung von den Todten! Demnach kann und wird es also Viele geben --
die da nicht wrdig sein werden. Und man kennt sie schon hier. Der
_Abgethane_ aber, wie man so bequem die so bequem gemachte Sache ausdrckt,
ist verloren fr seinen Zweck auf der Erde, fr sich und die Menschheit.
Wie der Baum fllt, bleibt er liegen. Wenn _man_ nun des _Beispiels_ wegen
abthut, unbetrachtet: da _man_ Niemandem die Nase abschneiden soll, um den
Andern eine Maske zu machen -- und jede Verstmmelung wird, -- auer das
Kopfabschneiden -- mit dem Tode bestraft -- ist _das_ nicht im Gegentheil
grade das _beste_ Beispiel, welches man dem Volke geben kann: da
verwiesene Verbrecher gute Menschen werden, die ihren gttlichen Zweck noch
erreichen! Was bedarf ein Gefallener eher als des Aufhebens, des Trstens,
nicht des in die Erde-Tretens! Was bedarf ein Bser mehr, als guter
Menschen, da er bei ihnen bleibe, bleibe wie sie, und nicht wieder falle.
Man _zhmt_ das Thier, und _lehrt_ den Menschen! -- dann wehrt er dem Bsen
selber. So wird edel und wahrhaft auch fr _die Sicherheit_ gesorgt -- denn
eben nicht die, welche Bses verbet, sind am meisten zu frchten, sondern
die Freiwandelnden, noch Unerkannten; und so gbe es keine uere gngende
Sicherheit, selbst wenn um jedes Haus eine wolkenhohe Mauer gezogen wrde,
und jeder Mann und selbst die Wiegenkinder schufeste Harnische als
Kleidung trgen. Aber -- ein gutes Herz bewacht sich selbst, den Nchsten
und ein ganzes Reich, ein guter Gott die ganze Welt. Also den Strer der
Menschheit bilden, ihn seinen Zweck erkennen lehren, Gut und Bse
unterscheiden, den Trieb zum Guten zur Blthe bringen und dazu ihn der
gewohnten Gesellschaft die nthige Zeit lang entziehen, ihm mit den
Mitteln, deren sein verstocktes, verworrenes, verdunkeltes und reuiges Herz
fhig und bedrftig ist, ernst und stetig beistehen als Einem an dem Herzen
oder dem Geiste _Kranken_ -- und der Lasterhafte ist der leidendste Kranke
-- ihm Arzt und Pfleger verordnen; wenn er geneset, wenn er schwach noch
schwankt, einen Fhrer zu geben, _das_ hielt der Knigliche Stifter von
Bontanybay, von Georgtown und Hobarttown fr seine knigliche Pflicht. Denn
wenn ein furchtsamer Hase trommeln lernt, der Canarienvogel eine Kanone
abfeuern und ein Floh eine Kutsche ziehn -- wenn ein Mensch sich _die_ Mhe
giebt, die Geschicklichkeit das zu lehren und die dazu erforderliche Geduld
hat, dann soll ein Volk sich schmen, das mit seiner Mnner Weisheit es
nicht dahin bringt, da ein Mordbrenner ber die Brandsttte mit
Kindergebeinen _weint_, und weint das Haus wieder aufzubauen, und weint,
da diese Gebeine wieder lebendig werden! Aber freilich ist kein Ruhm und
kein Verdienst dabei, als -- eine Seele zu erretten. Und bessern schwere
Ketten und dumpfe Mauern, schlechte Kost und harte Schlge, Zuchtmeister
und Spiegesellen und Rnkemeister? oder -- die Lehre und das Beispiel, der
Umgang mit festen guten Menschen mit einem Worte: das Leben? Und so lernt
Ihr hier leben! Euer Leben ordnen Mnner, die gleichsam die
_Seelenverwandlung_ deutlich machen, die selbst wie aus Bren in Menschen
gefahren sind, und die nun weder mehr zerreien, rauben noch tdten wollen,
sondern mit der Glut der Erkentni warnen, bewahren, lehren und bessern.
Niemand ist zuverlssiger als ein gebesserter Mensch. Er hat gelernt, ja
erfahren, und er wird es nie vergessen: da das Bse bs ist, und das Gute
gut, was jedes Kind begreifen sollte, und was einzusehen den Meisten doch
so viel Leiden und Reue kostet. Darum ist Euer Kerker: das Wohnhaus des
Gerechtwordenen, Euere Spiegesellen sind: gute Kinder und ein frommes Weib
-- Eure Ketten: Bande der Liebe! Euer Zucht- und Arbeitshaus: die schne
Natur, die Euch zuflstert Worte des Vaters, und Nachts das Kreuz aus
Sternen ber Eueren Huptern glnzen lt, und Euch umfngt, trgt, segnet
als ihre liebsten Kinder! Wenn Ihr das empfindet, ach, dann vergeht nicht
in Reue -- sie will Euch selbst mit ihrer Liebe nicht tdten, nein,
erwrmen, beleben, wieder an's Herz des Vaters ziehen.

Aber ich hab' Euch kein Wort von Euerer _Strafe_ gesagt? Unsere Strafe
sollte bis heut noch _Rache_ heien, denn Strafe als _Strafe_ ist Rache;
wahre Strafe ist aus der mildesten Liebe flieende Warnung, Fhrung zum
Rechten und Guten, wenn auch auf rauhen Wegen, durch bittere Mittel. So
strafet selber die Gottheit, und der Gestrafte wird bei ihm der Gesegnete
vorzugsweise. Drben auf den Sandwich-Inseln opfern sie ihren Gtzen
Menschen. Wir: alten fratzenhaften Gesetzen. Sind die Worte: Beispiel,
Strafe, Sicherheit, etwas Anderes als Gtzen, mexikanische, unchristliche
Gtzen! Gestehen wir nur, es ist selbst in Altengland noch ein gut Theil
jdischer Rache, aus den Zeiten der Wste, darin erscholl: Auge um Auge!
Zahn um Zahn! Keine Vergebung! Keine Menschlichkeit, keine Gttlichkeit!
Und wie Mhl-Rosse konnten die Rechtsgelehrten aus _ihrer_ Mhle: dem
_Rechte_ keinen Ausgang finden, weil barbarische Rmer, Republik-Mnner
ohne Herz und christliche Liebe -- die sie noch nicht haben konnten bis
Christus erschienen, auf _ihnen schdliche_ Verbrechen den Tod gesetzt;
weil Jemand schlecht geboren: ihn zu hngen, weil er schlecht erzogen: ihn
zu rdern, weil er verfhrt, verwhnt, verloren: ihn zu kpfen. Da erschien
fortan und auf immer die Quelle _aller_ menschlichen Gesetze. Wen hat, oder
wen htte Christus kreuzigen lassen, wenn Er am Palmensonntage Knig der
Juden geworden? Selbst keinen Juden! Keinen Phariser -- er _lehrte_ sie,
denn Er war Christus und _ist noch Christus, der Herr aller Herren auf
Erden_. Und Wer sich zu Ihm bekennt -- _ein Jeglicher_ soll _gesinnt_ sein,
wie Jesus Christus auch war! Also doch wohl vor allen andern: Papst und
Jesuiten, Knige und Rthe, _Gesetzgeber_ und _Richter_. Unfehlbar!
unerllich! Furchtbar, wenn nicht unfehlbar! Unerllich, wenn nicht
unerllich! Wann wird Petrus aufhren, Christum zu verleugnen? oder wer
statt _Petrus_ es thut! Wann werden Christen anfangen: Christi Gesetze zu
Gesetzen zu machen, da doch das schauderhafte Parlament in Frankreich durch
einen eigenen Beschlu Gott erlaubte: Gott zu sein! und dieser Gott sprach:
Dieser ist mein lieber Sohn, Den sollt Ihr hren! und dieser sein Sohn
sprach: Was heiet Ihr mich aber Herr! Herr! und _thut nicht_ was Ich Euch
sage? -- Jetzt aber kniet Alle nieder, und betet ein inbrnstiges
Vaterunser fr Alle, welche -- sie wuten nicht was sie thaten -- Menschen
hngen, kpfen, rdern, spieen, mit glhenden Zangen zwicken, mit Pferden
zerreien _lieen_, oder selber zerrissen, es war nun zur Ehre Gottes, oder
zur Rache fr Menschen. Kniet und betet! ich bete still mit Euch! -- -- --
-- Und nun hrt das Gttlichste, was auch Christus gesagt hat, als das
Furchtbarste in dieser Welt; hrt, was Er sprach: Wenn aber des
Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit
ihm; dann wird Er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor
ihm alle Vlker versammelt werden -- (auch Jene, welche die armen sndigen
Menschen enthaupten, verbrennen und mit Pferden zerreien lieen). Und Er
wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirt die Schafe von den
Bcken scheidet. Und Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die
Bcke zur Linken. Da wird denn der _Knig_ sagen zu denen zu seiner
Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das
Euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. _Denn ich bin hungrig gewesen_,
und _Ihr_ habt _mich_ gespeiset. _Ich_ bin durstig gewesen, und _Ihr_ habt
_mich_ getrnket. _Ich_ bin ein Gast gewesen, und _Ihr_ habt _mich_
beherbergt. _Ich_ bin nacket gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ bekleidet.
_Ich_ bin krank gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ besuchet. _Ich bin gefangen
gewesen, und Ihr seid zu mir kommen_. Dann werden ihm die _Gerechten_ (oder
_Gerichten_) antworten, und sagen: Herr, wann haben wir _Dich_ hungrig
gesehen, und haben _Dich_ gespeiset? Oder durstig, und haben _Dich_
getrnket? Wann haben wir _Dich_ einen Gast gesehen und beherberget? oder
nacket, und haben _Dich_ bekleidet? _Wann haben wir Dich krank oder
gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen?_ Und der Knig wird antworten und
sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch: _Was Ihr gethan habt Einem unter
diesen meinen geringsten Brdern, das habt Ihr Mir gethan._ -- Und nun
seht, auch Jene, die gekpft oder kpfen lassen, verbrennen, rdern, mit
glhenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreien. -- -- Wem, ich frage, und
Gott sagt es: Wem haben Sie _das_ gethan? mir schaudert die Wahrheit zu
legen! aber mit Schaudern sag' ich die Wahrheit: sie haben es Gott gethan,
denn _Mir_ habt Ihr es gethan, spricht Christus. Ihr aber verstummt vor
Entsetzen, und betet noch ein inbrnstiges Vaterunser! -- -- -- -- Und nun
steht auf von Eueren Knieen! denn --

_Zehntens_, begre ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des
Knigs in diese groe, freie Lancaster-Schule! Er lt seine christliche
Gnade ber das alte heidnische Gesetz walten, an denen, die _das Gesetz_
nicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch
vergeben, und lie Euch nicht an einem -- wohlfeilen -- Stricke in eine
andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl
bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schnes Land wie
Elysium, einen einsam gelegenen blhenden Genesungsgarten. Da er Millionen
kostet, bedauert Er nicht, da _das kranke Kind_ dem guten Vater Ersparni
zum Verbrechen macht, da Ihr die _Verwundeten_ im Kriege des Lebens seid,
in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeliches Heer in ewigen Kmpfen
dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch
hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte
Vorbild auch _dieser_ Lancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht,
lehret, pfleget, warnet, heilet, ernhren hilft, und wieder von ihnen
beschtzt, genhrt und geliebt wird. -- Die Erfindung lag so nahe! Aber sie
war zu einfach und gro, und das Nchste ist oft das Fernste, weil reine
helle Augen dazu gehren, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele,
von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen.
Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander.
Gleicht nicht dem brigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm
oder den Nebenmenschen schdlichen That _nicht_ warnt, ihm zu einer guten
_nicht_ hilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streit und Rache in
Krankheit, Armuth und Elend, in Ha und Verachtung rennen lt, wenn er ihm
vielleicht nicht die Grube selber grbt! Welche aber das wissentlich thun
oder auch nur geschehen lassen, denn die Snde der _Gleichgltigkeit gegen
Bses_ und _Gutes_, und die daraus quillende Unterlassungssnde ist die
unverzeihliche Snde gegen den heiligen Geist -- _die_ wird der
Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hlle exportiren lassen,
wie Diejenigen von Euch _Deportirten_, die unverbesserlich sich stellen
oder _scheinen_ -- das sag' ich der Menschheit und Gott ihrem Knstler zu
Ehren -- _Exportirte_ werden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind,
ohne Rath und That, auf wstem Eiland! Aber weil _Gott_ will, da Allen
Sndern geholfen werde, darum --

_Eilftens_, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und brgerlich frei und
selbststndig sollt Ihr werden -- statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos:
ehrbar, statt nichtswrdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als
Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den
Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch
Schuldlosigkeit; den bsen Glubigern und unbarmherzigen Mahnern durch
Schuldlosigkeit; allen Zwischenhndlern zwischen Menschen und Satan, die
das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glhende Wste die
fruchtbare Wolke ber sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem
Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafr: da Ihr gut seid; der Strebende wre
unvernnftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech,
nicht klar ber sein Glck im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der
Himmel hrt es und sieht es: Der schnste Lohn des Lebens ist das Leben,
das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend und glcklich zu
fhlen. Das macht die Menschen geringe, wie _man_ sie vielleicht haben
will, legt sie an irdische Ketten, und prgt ihre unsterbliche Seele mit
dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, da sie wegen ihrer Pflicht gelobt und
belohnet -- abgelohnet -- werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern
oft nur Frhnung der Eitelkeit und Verfhrung des Sinnes vom Leben sind, zu
stolzer Erhebung ber den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein
redliches Herz darunter trgt und mit herzlicher Gnge arm und ungeachtet
ist. Aber -- ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und
das Mittel zu leben und zu wirken, und das gnnet Se. Majestt Jedem von
Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedrftig, der mndig ist,
und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fhig sind, diese leben bei
Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eine _Strafe_, die den
Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht
ertheilt wird in Euch. Denn was _schaden_ denn eigentlich alle Vergehen und
Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, da man glaubte, sie sogar mit
dem Tode, dem ganz auer Thtigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu
mssen? (denn dem zu schwer Bereuenden _die Last des Lebens_ abzunehmen,
ihm aus Liebe, aus Hlfe fr seine zerrttete Seele den Tod und den Himmel
zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) -- Das schaden
Vergehen: der Verbrecher raubt _sich_ und Andern _die Zeit_ und die Mittel
zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das
unschtzbareste Material dessen wir bedrfen, und nichts anderes als Zeit,
wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch
zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein
halbes Stndchen am Sonntag lehren, und die brige Woche die Menschen wenig
erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage ber von
Morgen bis Abend bei Euch sein, da Christi Wort Euer tglich Brot wird,
und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinn _erbauen_, als den
Tempel Gottes und der seid Ihr!

_Zwlftens_ bete ich: Der Herr segne Euch und behte Euch! Er sei Euch
gndig, und gebe Euch Frieden! --

                   *       *       *       *       *

Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend,
whlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann
schmerzlindernd, trstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus
Bethlehem. Es war groe Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne,
Herr Wardrop, gab Zeichen groer Herzensangst von sich. Der
Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder
John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik
nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerhrt auf meinen
Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die
Weiber waren -- geputzt; wie die Weiber sind.

In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden,
und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die
schnsten Aussichten fr ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich
nach acht langen Tagen wieder genieen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr
Tydal mir lchelnd, worber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte
dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst berlassen; aber es that
mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde fr ein Schatz! Mittheilung
des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung der Heimath und der Fremde,
und jeder Genu wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der
Ferne neben uns -- und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf
einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat
ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glnzt
von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen;
und wenn wir ihn daheim betrachten, knnen wir whnen, er sehe das Alles
noch, und wir stnden nur abgewendet, mit dem Rcken gegen die sonnige
Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dcht' ich, mte dasselbe,
und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzglich, wenn sie dann in der
Heimath unser Weib ist. -- Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit
in der Welt zu genieen, die so heimlich, und doch so gewi vorhanden ist
-- wem sie gewhrt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal
uns andern armen Menschen -- sie genieen sie nur. Ich denke immer: noch
kein Glcklicher hat ein _Buch_ geschrieben, hchstens einen Brief. Darum
machen die Bcher auch nicht glcklich, sie zerstreuen blo die
Gleichgltigen oder Unglcklichen; nur das _Leben_ beseligt. Wer nur recht
leben knnte! Oder wem nur das beste Glck des Lebens gewhrt wrde -- wenn
Ich es nennen sollte, ich nennt' es nach meiner Art: Lisanna! Htt' ich
dann nicht Alles, was Ich mir wnsche? und ich wei ja die Stelle
auswendig:

   Der, wer des Lebens beste Gter hat,
   Begehre nicht die kleinen auch zugleich!
   Im Groen und im Ganzen segnet' ihn
   Ein Gott; und macht die Sonn' ihm hellen Tag,
   Was soll ihm all' der kleinen Kerzen Schein!

Des Armen bestes Gut ist Wnschen und Hoffen. Hab' ich doch nun mein eignes
Bett: von Lisanna berhrt, und kann unbemerkt und ungestrt trumen und
weinen -- wenn Clarke die Nacht seufzt, ja sthnt. So lange Er seufzt, bin
Ich glcklich! Wenn er nur auch weinen wollte! dann knnt' ich lachen --
aber ich wrde nicht!

                   *       *       *       *       *

Weihnachts heiliger Abend 1820.

In Altengland ist heut' Christbescherung, und die Christkinder -- -- wer
sie wohl eigentlich sein sollen! wohl gar -- -- oder doch Engel -- sie
schweben mit ihren groen goldenen Flgeln und Kronen in dem sternehellen,
blinkenden Winterabend, wie von den Sternen hernieder, um die Htten der
Menschen, und treten mit ihrem himmlischen Gru hinein zu den Kindern, mit
ihrem Krbchen mit Geschenken voll eigenen Duftes; und die Kinder weinen
vor heiliger Scheu, und verstecken sich hinter der Mutter. Auch die arme
Lady Theano wird vor dem Christbaum sitzen und weinen und Marion wird ihr
Alles bescheren -- nur ihr Kind nicht, das arme schne Kind! Daniel lie
sich niemals nehmen, den Knecht Ruprecht zu machen, so gern ich es neben
Marion gewesen -- gewesen! Nun hat er freien Platz. Nun freut Euch nur in
Rowlandhill mit Schneebllen -- hier _blhen_ die Schneeblle, hier stehen
die Gefilde in voller Pracht; ja, das Jahr schickt sich gemach zur Ernte.
Auch diese Vergleichung mit Sommer und Winter, die se Wissen, da beide
zugleich sind, die Hinberempfinden und Herziehen im Geist, ist eine von
den so heimlichen, und doch so gewi vorhandenen Freuden in der Welt. Ich
mu mich auch an solche halten. Andere habe ich keine erlebt. Doch stille
Wunder giebt es hier viel. Wenn ich hier wieder durch Blumen und blhende
Pflanzen ziehe, die mir bis an den Grtel reichen, whn' ich wieder: ich
bin ein Kind, wie einst, als sie mir um die Brust leuchteten! Aber sie
waren mir nur so gro, weil Ich so klein war. Denn, wenn ich neben meiner
Mutter einzigen Ziege stand, war sie hher als ich; selbst die Lilie war
grer als ich, ich mute sie beugen, um in den Kelch zu sehen, und zu
riechen. Es ist ganz richtig, da jeder glaubt, eine Welt verloren zu
haben, wenn er kein Kind mehr ist; ich glaubt' es auch, und konnte sie nie
vergessen. Das zog mich auch so zu den Kindern, da ich lieber nicht mochte
Vicar werden. Und einen Schulmeisterposten sollte man im Grunde theurer
verkaufen, als eine Stelle im Parlamente; denn sie erhlt uns das Paradies
um uns. -- Hier nun mitten in den hohen Blumen auf den unabsehlichen Wiesen
fand ich, Kinderloser, jene erste, liebliche Welt nun wieder; ich bin
wieder im Jugendlande, im Paradiese. Froh in ihm wandelnd, habe ich ein
Herbarium vivum angelegt, und nicht aus dem Grunde, aus welchem mir Doctor
Toland freundlich dazu gerathen, scilicet in England ein gro Stck Geld
dafr zu lsen! Ich lege die Blumen und Pflanzen nur sauber in die Bogen,
schreibe die Zeit dazu: wann, und die Gegend, wo sie blhen, ob hoch oder
niedrig, feucht oder trocken, und sammele ihren Samen unter Nummer einer
jeden. Den Namen wei ich kaum von Einer; ich glaube, sie haben auch
keinen, wie Findelkinder; wer sie findet, _benennt_ sie. Aber das
untersteh' ich mich nicht, weil ich es nicht verstehe. Es mu aber nicht
gut sein, die Namen schner Blumen zu wissen; denn wenn ich welche bringe,
und Dr. Toland Eine oder die Andere sieht, sagt er nur: Aha, das ist diese
oder jene -- -- perennis, diese oder jene palustris; dann hat er Alles
gesagt, und lt die Blume Blume sein! Mir aber stehen noch die Augen auf
ihr fest, und gehen mir ber. Behte doch Gott jede Blume vor einem Namen!
Ich glaube, es wre auch besser, wenn die Menschen keine htten, besonders
keine Titel, z. B. Schulmeister. Die Leute sprechen dann nur wie Doctor
Toland: Ah, das ist der und der -- und kehren Einem den Rcken, wie Mistri
Distre, ohne zu denken, da man ein Mensch ist, _zuerst_ und _zuletzt!_
Und die Rcken gefallen mir einmal nicht, weder an Frau noch Mann; sie
sehen alle aus, wie Bracteaten auf einer Seite geprgt.

Clarke hat Sir Samuel gemalt, und so getroffen! Die hohe gefurchte Stirn,
die zusammengezogenen Augenbraunen, das dstere und doch feurige Auge, den
Mund so bitter lchelnd. Das Bild ist darum fast ganz Sir Samuel, weil es
auch nicht spricht. Ich dchte, man knnte nur einen Todten im Bilde ganz
hnlich finden, weil er uns in der Erinnerung lebt, und das Bild auch nur
Eine Miene, Einen Augenblick darstellt. Das ist das Elend der Bilder! Man
sollte tausend von jeder Landschaft, von jedem Menschen haben, nur ein Jahr
betrachtet, wenn sie noch hinreichten! Auch die alte Russel hat er
verdoppelt, und nennt sie einen schnen Kopf! Wenn man sie lieber knnte
ein gutes _Herz_ nennen, wr' es fr uns Alle besser; und doch versteht
sich die alte Hexe auch auf Malerei, und giebt ihm Rath; und als ich mich
mute malen lassen, gab sie mir die Stellung, und ich mute sie bestndig
ansehen, whrend sie strickte. Ich konnte den schnen Kopf nicht an ihr,
oder auf ihr finden, besonders da Lisanna hinter ihr stand, wie die Rose
auf dem Dornstrauch. Doctor Toland hat die Bilder in der Stadt gezeigt, und
Clarke's Glck ist gemacht. Alles will sich malen lassen, und den Seinigen
nach England senden. Die Hoffnung bezahlt der Mensch am theuersten, und so
verdient er viel. Sir Samuel hat ihn auch von den Lmmern genommen, und ich
weide allein meine Unverbesserlichen. Clarke hat Lisanna's Bild, das er
noch vollenden zu mssen vorgiebt, auf unser Zimmer genommen. Es hngt ber
seinem Bett! Dadurch seh' Ich es freilich besser -- ach, und seh' auch, da
es sein ist, und Sie vielleicht bald dazu. Denn Sir Samuel befrdert nicht
ihr Beisammensein, das sei ferne -- er kmmert sich so gut wie gar nicht um
das Glck oder Unglck des armen Kindes; und die Russel -- verkaufte sie
sogar, wenn van Diemensland von franzsischen Schiffen besucht wrde! Am
Ende mu ich Lisanna's Schicksal segnen, wenn sie nur noch Clarke's _Weib_
wird! O Himmel, Lambton! Letzthin besah' ich Clarke's Bltter in seiner
Mappe whrend seiner Abwesenheit, und fand zwei Gedichte hineingeschoben.
Wer malen kann, kann am Ende auch dichten, oder vielleicht gar schon vor
dem Malen. Ich trau' es ihm zu: denn welche schne Hand schreibt er, so
gleich und leicht, als wenn er nie einen Apfel aufgehoben htte. Ich
schrieb sie mir ab. Das Erste Gemeinsamer Stoff berschrieben, lautet --
ja wirklich, es lautet mir immer in den Ohren:

   Wenn ich die Rosen seh' im Mondenschein
   So dmmernd blhn wie Er, und ihr Gedft
   Mich wrzig anhaucht, so wie seines -- wenn
   Die Stillgeliebte mir so sanft daherkommt,
   So Licht-beglnzt, wie Nachtgewlk am Himmel,
   Mir ihre Stimme bang und reizend klagt,
   Wie Nachtigallen im Gebsch; wenn Ihr
   Im schwarzen Haare nun Johanniswrmchen,
   Die Ich Ihr in die Locken eingestreut,
   So golden schimmern, wie die goldnen Sterne,
   Wenn Ihr die Thrnen auf den Wangen schimmern,
   Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien --
   Dann scheinet mit Entzcktem Alles, Alles,
   Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen,
   Die Feuerwrmchen und die Sterne, ja
   Die schlummernde Geliebte, und ich selbst
   Mir nur aus Einem Stoff gewebt, und Alles
   Scheint mir so selig, wie ich selber bin!
   Ich ksse dann die Rosenknospen, statt
   Der Lippen meiner hold Entschlummerten!
   K' Ihre sanftgeschlonen Augenlieder,
   Wie das Gewlk, das leicht den Mond bedeckt!
   Und wenn Sie mich an ihren Busen drckt,
   Geschieht mir, als umarmte mich Beglckten
   Die heil'ge Nacht! die schne Frhlingserde!

Es trifft Alles zu: Lisanna's schwarze Locken, die groen
Blumenglocken-artigen Augenglieder, die Lippen wie Rosenknospen, und auch
die Johanniswrmchen fliegen jetzt! Aber das folgende Gedicht zeigt schon
von frherer Vertraulichkeit: denn der Nordschein blhte ja gleich die
ersten Wochen, als wir hergekommen. Ach, wehe Dir, Lisanna, wenn es nur
nicht auch von genauerer, vielleicht sogar verbotener zeugte. Aber, da
sich die Verliebten solche Gedichte geben! Ich schmte mir die Augen aus.
Aber Clarke malt auch Manches als von hier, was ich doch nirgends _hier_
gesehen habe. Doch ach, Lisanna spinnt ja, sie hat ein kleines Stbchen!
Der feine Flachs, der Berg, die alten Weiden -- o es trifft Alles! Ich will
es mir zum Jammer herschreiben, das Gedicht, wenn es eins ist, --
vielleicht auch nicht!

   Wir mochten endlich eingeschlummert sein --
   Doch Traum und Schlaf sind gttlicher Natur,
   Und kennen selig nicht das Ma der Zeit! --
   Da stie mich leise die Geliebte an,
   Und zeigte mir der Morgenrthe Glanz,
   Die wallend in das freundliche Gemach
   Wie eine Rosenflut vom Himmel flo;
   Und blinkend schien das reinliche Gef
   Vom Simms der Wand und schattete sich ab;
   Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwamm
   Im khlen Feuerglanz der feine Flachs
   Gerthet, und die Spindel eingetaucht,
   Womit die Liebliche des Abends spann,
   Und jedes Eckchen glomm von Licht erfllt,
   Da selbst die Spinne an zu weben fing,
   Ihr Tagewerk beginnend, und der Hahn
   Erregte laut die ganze Nachbarschaft
   Und alle krhten rings den Morgen an.
   Da trieb Sie mich mit bangen Kssen fort,
   Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging,
   Noch oft zurckgewandt zum kleinen Haus.
   Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg'
   Nun einsam hier, und sehe ganz erstaunt
   Das Morgenroth erbleichen und gemach
   Und allgemach erlschen, aber nicht
   Und immer nicht die Sonne mit dem Blitz'
   Erscheinen! ja dagegen treten leis'
   Die greren Gestirne wieder vor,
   Und selbst der kleinen Silberflimmer blinkt
   Aus lichter Blue; rauschend flammt der Wald,
   Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf!
   Die Lerche, die schon an zu singen fing,
   Steigt wieder stumm, getuscht und wie beschmt
   Vom Himmel nieder in die junge Saat!
   Bang chzend schwirrt die Eule wieder um,
   Die alte Weide leuchtet wie ein Geist,
   Und nach der Sterne Stand ist's Mitternacht!

   Ist's nicht genug, da Menschen Liebende
   So oft beleidigen? -- Nun fngst du selbst,
   O Himmel, sie zu tuschen an, und schickst
   Als Irrlicht gar das schne Nordlicht mir?

Das war ein Schweres! Ja Nordlicht ist es auch berschrieben. Aber ich
stehe mit meinem Kopfe fr Lisanna, da sie ein Engel ist, an Reinheit und
Liebe. Ach, ich hab' es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben,
und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben mte! --
Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der
Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklren, als wenn sie mein
Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug
zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Klber ab, wie
Clarken die Lmmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur
hingejagt, wo schne Aussicht war, bis auf die hchsten Berge, wo Tydal
sa. Aber auch auf Clarke mcht' ich trauen! Ich seh' und hr' ihn selber
so gern! Er ist lange in London gewesen, und wei tausend Dinge Lisannen
und den malayischen Mdchen zu erzhlen, und ich nicht einmal viel von
Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfhrt _der_
in der Schule? Die Kinder wollen von _ihm_ erfahren, und das Wenige, was
ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa wei, hatte mir die Russel in
einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefllt auch den Mnnern durch
sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so
gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewhnlicher Hflichkeit von Mann
gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien fr sie mit ein. Freundlich
gegen den Geringsten, hlfreich selbst den Weibern in der Kche, und Mi
Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste fr Sir Samuel, wozu er ihr
Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir
anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen
buckligen Hobday ber die Mdchen, und selber Lisannen, anhren muten, und
so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts
aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend
fortzugehen: so mu ich doch Clarke die Ehre geben, da Er durch seine
glckliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstnde seines Gesprchs, durch
Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich -- wenn auch nicht
das schne Gefhl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch
eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren
Gewohnheit sie bndigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um
Lisanna's willen, die ganz unglcklich wre, wenn Sir Samuel und Frau
Russel nicht bestndig wegen ihr uneins wre, so da Eines von ihnen sie
immer niederdrckt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht
getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre
Seite! Dafr segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett
geworden, als sollt' er hier Mayor werden. Ich wrde es dem gesunden Klima
zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blsser wrde! Aber auch Er sieht
dabei blsser und bekmmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht also _nicht
immer_ ein frhliches Haupt. Er lt sich auch verlauten, er wolle sich in
der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefllt -- und wer der Mutter
gefllt, den soll gewhnlich die Tochter heirathen -- hat ihm, horribile
dictu, Lisannen angetragen! Und er macht Ausflchte! Sie ist ihm
wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie
unglcklich wrd' es mich machen, wenn mich Lisanna liebte -- dann ginge
erst meine Noth an. -- Sprachbemerkung: Anna darf in Compositis niemals
voran stehen, denn wie schn klingt Marianna! und wie hlich Annamarie!
wie hbsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig
Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft
doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist
doch immer so schn, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna!

                   *       *       *       *       *

Osterfeiertage 1820.

Was ich heut' einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter
gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland
zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe
herbeizutreiben und zu schtzen, Wolle zu wiegen, Hute zu zhlen, Schinken
und gerucherte Zungen aus der groen Rauchkammer zu holen und einzupacken,
und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschfte macht,
um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestrae
geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland
regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um
einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als
grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch
unbewohnt, rings umher war mit leichter Mhe und ohne Kosten der fruchtbare
Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die kstlichen
Blumen abgebrannt! Das macht mir den Ort schon verdrlich. Er malte auf
einem groen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die
Gegend. Ganz von weitem erblickt' ich Lisanna und Doctor Toland, welche
kamen -- Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen fr
sein fertig werdendes Bild.

Nach ziemlich langem, verdrlichem Schweigen sprach er zu mir: Freilich,
wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie
Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal
nachgeschaffen hat, mit diesen natrlichen Landschaften hier vergleicht, so
kann man nur unsern Herrgott fr einen Meister halten! Menschliches Wesen
ist Schlerwerk; und doch versteht man nur diese schne Welt als ein groes
Kunstwerk, vollendet ausgefhrt bis auf die feinste Ader im kleinsten
Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so
nachzumachen. Die Kunst schliet den Knstlern den Geist auf, und die
Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit mu ein Vernnftiger
zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste
Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat -- in
denen man spazieren gehen kann -- keins seiner Marmorbilder dem
Meisterstck der Natur, dem schnen Menschen, gleicht -- das mit uns reden,
uns lieben kann -- nicht das wrmste frischeste Gemlde seinem Urbilde.
Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nur _vor_, was man in sich tragen
mu, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam
in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht
auf Wolken und Sonne. --

Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn
nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, der sie wieder darstellen kann,
der Knstler? Sind nur die Knstler die Glcklichen? Aber ich kunstloser
Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemlde, und wer
Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke!
-- Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen
zu knnen, als einen gebratenen, Lambton! --

In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch
sagt' ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen fr unglcklich,
der keinen Sinn, keine Fhigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und
so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Knstler. Liebe als
das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich
schner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein
Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die
Staubfden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen
da ist! Von Felsen strzen, schumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien mu,
was sie locken und rhren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder --
aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch
hat sie nicht gemacht, sie ist nicht -- gemalt! --

Man will also doch auch gemalte Natur, spitzte mich Clarke, und von diesem
Wahne leben wir Maler! Es mu etwas dahinter sein, sonst verhungerten wir!
--

Aber ich hoffe von den Menschen, versetzt' ich ihm, wenn Jederman:
Hausflur, Saal und alle Zimmer bis auf den Boden wird voll Gemlde haben,
da er sich dann wieder hinaus in's Freie begeben wird, um das ihm selten
Gewordene zu sehen. Ich -- ich bleibe gleich lieber drauen! --

Freilich, wer mit der Natur selbst verkehrt, wer ihre Morgenrthen, ihre
Abendscheine, die Frhlingserde, die bunte Herbstlandschaft oft bestaunt,
als Gotteswerk, wie Ihr, guter Gottesmann Lambton, und dabei ein armer
Schelm ist, fr den mal' ich keine Gemlde. --

Ihrentwegen, sprach ich ber die Anspielung auf meinen Beutel rgerlich,
mi' Ich wenigstens niemals den Sonnenaufgang, oder das unheimliche
Helldunkel der Sonnenfinsterni, die selige Ahnung bei Mondverschattung --
oder das feurige _Nordlicht!_ Ich verliee gern die kleine Htte des
Nachts um -- -- -- Das Nordlicht! wiederholte Clarke, und errthete, als
wenn es ihn eben anglh; ach, das Nordlicht! seufzt' er, und senkte sein
Kinn auf die Brust. --

Getroffen! dacht' ich, und fuhr fort: Nicht um alle gemalten St. Johannes-
und Christus-Kinder, wollte ich missen, Ein lebendes kleines schnes Kind
zu betrachten, besonders, wenn es mein eigenes wre. --

Mein eigenes! wiederholte Clarke unruhig, und hrte auf zu malen.

Nun mut' ich das Schreckliche wagen und sagen: Nicht um alle Magdalenen,
Marien, Annen und Lisen wollt' ich nicht mehr _Lisanna_ sehen! --

-- Auch Sie hab' ich getuscht, was wird Sie sagen? und erst Sir Samuel,
Roborn und -- Patrik! sprach Clarke, nur eben noch verstndlich vor sich
hin. --

Das war die bitterste Stunde meines Lebens! Es gab mir einen Stich in's
Herz, und der helle blaue Himmel ward mir dunkel und schwarz. Unfhig, mich
sitzend zu erhalten, sank ich mit dem Gesicht in das grne Moos auf dem
Felsen und athmete kaum.

Das war wohl ein Jammer! -- Nach einiger Zeit hrte ich eine Stimme rufen:
Clarke! Herr Clarke! -- und nach einer Pause erst wieder: Lambton! Herr
Lambton! o lieber Lambton! Es war Lisanna unten am Steine. Ich regte mich
nicht, und nun erst brachen die Thrnen mir aus, da ich schluchzte.
Endlich kam sie herauf und stand vor mir und klagte: Mein Gott, bester,
einziger Lambton, was ist geschehen? Wie seht Ihr aus, bla und auer Euch.
Ihr weint!

Sie kniete zu mir, und beugte sich ber, da ihre Locken meine Stirn
berhrten. O! seufzt' ich, und wollte sie wegdrngen von mir -- aber sie
hing mit ihrem Engelsgesicht ber meinem, ihre grogeffneten Augen
schwammen in Thrnen, ihr Gesicht war lilienbla, und ihre Zge sprhten
doch gleichsam Angst, Hast und Zrtlichkeit, inde ihre Lippen bebten! Und
so voll unendlichen Mitleids mit ihr, sagt' ich nur leise: Gehe zu
Clarke! --

Von dem komm' ich ja! erwiederte sie -- der liegt unten am Felsen und regt
sich nicht. Ermuntere Dich -- ! -- lieber Lambton, komm', hilf ihm, o
komme, wenn Du -- -- mich lieb hast -- ! --

So eilte sie vor mir hinunter. Als ich ihr nachkam, kniete sie schon bei
Clarke, und hielt seine rechte Hand in ihren; seine linke hielt noch den
Malerstock. Gewi war er, von Gefhlen berwltigt, rcklings bergesunken,
und an dem langen grnen Grase hinunter geglitten. Mich jammerte sein und
Lisanna's! Es that ihm ja leid! --

Wo ist Doctor Toland? fragt' ich sie, mich besinnend. --

Er ist nach Hanse gegangen. --

Hol' ihn! mein Mdchen! --

Sie eilte fort, wie mit Flgeln.

So blieb ich allein mit Clarke, und wute nicht, was ich anfangen sollte,
ihm Hlfe zu leisten. Aus Mitleid und Angst umarmt' ich ihn, drckte ihn,
und kte ihn auf die Stirn, auf die Lippen; mit ward so eigen! Ich band
ihm das Halstuch ab -- er schlug die Augen auf, und wollte mich abwehren.
Ich schpfte nun Trost und ri ihm die Weste auf, ihm Luft zu schaffen. Da
fiel er wieder in Ohnmacht. Aber _Er_ nicht -- so viel sah' ich -- o Gott!
ich schme mich noch, und halte mir die Augen zu -- _Sie_ fiel in Ohnmacht,
Sie, Mi Clarke -- Clarke war ein _Weib!_ Das Blut scho mir in's Gesicht
vor Erstaunen. Dann stand ich auf, rieb mir die Hnde wie thricht -- ich
wusch sie mir gleichsam, um so zu sagen, in Unschuld, und vor
unaussprechlicher Freude fing mein Lambton an -- was er, in seinem Leben
nicht gethan hat -- zu tanzen. Ho! ho! ho! Jetzt ist mit geholfen! rief
er aus, jetzt bin ich glcklich! Gestern war das Jahr um, von dem meine
Mutter sagte wenn Du das berstanden hast -- dann -- dann -- dann! --
Nun! nun! nun! rief er aus, ist es berstanden. Victoria! --

Dann aber schmte er sich, Clarken so zu vergessen -- ach, und das Erste,
das Unerllichste war -- er mute ihm die Weste wieder zuknpfen. Sie
konnte erwachen und sehen, da sie verrathen sei! ach Gott, da er knpfte!
Lisanna konnte jeden Augenblick kommen, und sehen, was er, und da er
gesehen habe! Jeder, der jemals in eine so unglckliche Lage gerathen ist,
wird seine Angst begreifen. -- Aber -- und so ein Aber giebt es nicht mehr
in der Welt -- aber wollte er Sie nicht beschmen, nicht auf immer vor
Clarke beschmt stehen, mut' er sich entschlieen. Er nannte sich zu
tuschen, zu betubst, zu beruhigen, sie seinen _Clarke! Clarke!_ Er band
sich _Clarke's_ Halstuch breit ber die Augen, und wie er die Soldaten
gesehen hatte ihre Knpfe auf dem Knopfholz putzen, schob er Clarke's
Malerstock in die Weste, und knpfte sie hochgehoben eilend und mit
zitternden Hnden zu. Das Sprichwort was man selbst thut, ist gleich
gethan, traf nicht bei Lambton ein. Denn er hrte schon Stimmen und Tritte
sich nahen. Das war das schwerste Werk in seinem Leben, die sauerste Weste,
die er zugeknpft.

Da kam der Doctor Toland, Lisanna voraus, ihm die Stelle zeigend, und
hinter ihnen, von Neugier gelockt, die malayischen Mdchen und Hobday.
Lambton sagte nur eilig noch Toland, da sie -- -- da Clarke die Augen
aufgeschlagen; -- und als sie sich um Sie bemhten, lief er in die Felder,
froh wie der Knig von Ulimaroa!

-- Ich habe die Alles in terti personn von Lambton erzhlt -- ganz
natrlich ist mir das eingekommen, da ich es von mir per Ich! Ich! Ich! aus
bitterer Scham doch unmglich konnte, unmglich Mich zu dem nrrischen
Menschen bekennen, der ich, oder er, da war; denn ich bin's ja nicht
_mehr_, und war es vorher nicht! Ich wird siebenzig Jahr alt -- der
Mensch sollte alle Tage anders heien, oder kurz weg: Anders! Immeranders!
-- Und doch war das der Wendepunkt meines Lebens.

Aber die Verlegenheit war damit nicht aus! Die Verwirrung ging nun erst
recht an! Da ich erst spt, spt nach Hause kam, war natrlich. Da ich
blo an unserm Stbchen horchte, war natrlich. Da Hobday mich anlachte
und sagte: Der Maler Clarke ist in die Wochen gekommen, und hat den
Schulmeister Lambton um die Kinderruthe und die Schule gebracht --
natrlich! so entsetzlich ehrenrhrig es auch war -- das heit, Gott sei
Dank nur fr mich armen Schulmeister sein sollte. Aber meine Unschuld war
-- natrlich; Kindergeschrei -- natrlich. Da Lisanna die Hnde rang, sich
einschlo und schluchzte, da ich es unter ihrem Fenster hren konnte --
gleichfalls natrlich -- wenn sie mich liebte! scilicet. Und da die alte
Russel alle Hnde vollauf zu thun, und nicht Beine genug zu laufen hatte,
war Alles natrlich! Aber unnatrlich, da sie mir nachschrie Ein schner
Schulmeister! ein schner Maler! Es ist nur noch ein tausendes Glck, da
wir dahinter gekommen sind, ehe unsre Lisanna den Clarke geheirathet hat!
Was daraus Alles htte entstehen knnen! Nun Gott sei ewig gedankt! Man
denkt, man ist in van Diemensland, in Hobarttown, wo altes Elend blo
abgebt wird! Aber, du lieber Himmel, es ist hier wie in Rowlandhill, in
London, in England, in Europa, in der ganzen Welt!

Ich lie sie hausen, lief in die Nacht und in das Freie hinaus und dachte:
Iliacos muros intra peccatur et extra! Aber Wer gesndigt hatte, und
vielleicht extra, sc. muros schon -- das wird schon zur Welt kommen, wie
das unschuldige, liebe Neugeborne. Und doch that ich die ganze Nacht kein
Auge zu, blo um Lisanna, die Ich erst so ungerechter Weise mit Clarke
beeiferschtigt hatte, -- besonders zuletzt auf dem elenden Steine -- so
gewi es an sich mglich war! -- -- Aber o Gott, wenn sie nur auch wirklich
ber mich weinte! seufzt' ich -- Dann ist mir geholfen, und Ihr zu helfen.
Ueber was weint sie denn aber sonst, und worber kann sie weinen? Ueber --
die Ausnahme von der Regel, die heut zu Tage bald die Regel ist? Ueber ein
neugebornes Kind? Mein Gott, das weint ja selber genug! Aber, aber wenn Sie
so schlecht ist, von mir, von Lambton, so schlecht zu denken -- ach, wie
ich doch schlecht genug gewesen war, von Ihr zu denken, einen Augenblick
einen bsen, den elendesten Augenblick meines Lebens -- wie sollte ich ihr
da am Morgen vor die Augen treten? Wie sollt' Ich ein Wort herausbringen,
mich zu entschuldigen, wenn es nicht Clarke that -- oder vielleicht der --
Vetter Tydal! Da ging mir ein Licht auf, grade mit der Sonne, und so froh,
wie sie, da ich endlich einschlief, wie die Menschen in England, bei denen
sie jetzt unterging. Man wird ganz confus in diesem Lande! Dort gehen sie
schlafen, hier wachen sie auf! Ich mchte wohl wissen, wer eigentlich Recht
hat?

Nun in dem kummervollen Schlafe in der Morgenklte hatte ich wunderliche
Trume auf meinem Steine; aber ich war auch wieder in England, in
Rowlandhill! Ich sahe einmal die alte Anna, und die Schulkinder, und freute
mich, da mir die Glieder zitterten, und die Zhne klappten. Sir Horazio
besuchte mich in der Schule, und ich machte ihm lauter gehorsame Diener.
Das mute mir wohl von dem fteren Nicken und pltzlichen Vorfallen des
Kopfes im Schlafe, im Traum einkommen! denn mich erweckte mit einem
tchtigen Stoe vor die Stirn unser groer Ziegenbock, der an mich gewhnt,
jetzt frh zu mir gekommen, mich nicken gesehen, und geglaubt hatte, sein
Prceptor wolle sich heute einmal zu ihm herablassen, und sich mit ihm
stoen; und auf meine wiederholten Aufforderungen: Butz! Butz! hatte er
es gewi erst mit schwerem Herzen gewagt und gestoen! und ganz freimthig,
also tchtig und derb-gehorsam als tchtiger Ziegenbock. Er hatte mich auch
berwunden, und stand ber mir wie ein vierbeiniger Triumphbogen, mit
seinem Bart, und leckte mir nun mitleidig das Gesicht, und funkelte mich
mit den Augen an. Ich war ganz na vom Nachtthau und zitterte noch vom
Morgenfrost, und hatte Ohrenklingen, wie das Bild Memnonis beim Aufgang der
Sonne. Da ich meine Linden, meine Kinder, meine Anna wiedergesehen, hatte
mich heiter gestimmt; da mein untergebener Bock mich so subordinations-
und respect-widrig behandelt hatte, brachte mich zum Lachen! und wer in
irgend einer Lage lacht, der lacht; und der lacht, er mag wollen oder
nicht, versteckt zugleich ber seine ganze Lage; denn der ganze Mensch
lacht, und auch weinen kann man nicht mit Einem Auge. Ich lachte und
rgerte mich dann wirklich weit weniger. Dennoch lie ich mich nicht sehen.
Denn man konnte ja -- da man mich einmal schuldig glaubte, mich nun noch
gar fr schamlos und frech halten, wenn ich kam! und ach, auch wiederum fr
hartherzig, da ich nicht nach Mutter und Kind sahe; wie es blo die
vornehmen Herren knnen, wenn sie ein armes Mdchen unglcklich gemacht
haben. Darum wre ich bald hingegangen! Aber Lisanna, Lisanna! Ich war so
bse auf sie, da ich sie auch bald Anneli -- -- gescholten htte. Mich fr
so schlau, so versteckt und so verstellt zu halten, da ich unter dem
Deckmantel der Liebe zu ihr -- -- Aber war der Schein nicht wider mich, und
Clarke's Schnheit? Und in dem Liebes-Rechtshandel trat ein vierbeiniger
hlzerner Zeuge, der fr zwei lebendige Zweibeinige gelten konnte -- das
frhere Eine Bett -- gegen mich auf; das Zusammensein, das Schwatzen mit
Clarke bis tief in die Nacht. Doch that er mir leid -- wie mute ihm zu
Muthe sein! Und nur das Vertraun auf Doctor Toland den _Menschen_freund,
und auch _meinen_, beruhigte mich ber seine Behandlung, wenn etwa das
Mdchen oder Weib -- ja ja _Weib_, das ist mir eine Herzstrkung von ihm zu
vermuthen -- nun ben sollte, was Clarke der Maler durch seine Kleidung
verschuldet. Vielleicht auch nicht.

Nur die schne Talo war mir ein lcherlicher Trost. Hatte sie sich nicht in
Clarke verliebt? und hatte Clarke das sinnige arme Kind nicht manchmal
mitleidig sogar umfat und gekt, um sie mit geistigem Zuckerbrot zu
nhren wie einen Canarienvogel mit dem wahren leiblichen vom Zuckerbcker.
Das gefllt mir jetzt allerdings von ihm. Doch verrieth ich es auch damals
nicht, so sehr ich zrnte ber allen Scherz in der Liebe, und warnte blo
die kindgute Talo in Lisanna's Gegenwart, vielleicht etwas zu
schulmeisterhaft; zu sehr berzeugt, da der Scherz in der Liebe der
bitterseste Ernst sei; denn alle groen Leidenschaften spielen mit dem
Leben, und Scherz, Herz und Schmerz reimt jedes Kind zu leicht! Denn Talo,
die treue Seele, fing -- damals -- an zu weinen! und auch Lisanna -- als
wenn ich Sie auch mit ihm verdchte. Und ich will mich von dem Doppelsinn
meiner Warnung nicht frei sprechen! Ich htte Talo vielleicht --
schndlicher Weise -- gar nicht oder doch nicht so gewarnt, wenn ich nicht
Lisannen warnen wollte! Ach, die Liebe ist wohl der Grund von allen guten
und bsen Gedanken und Werken in der Welt! Aber das Bse ist nur der
Schatten der Liebe! man _hat_ den Einen nicht, man _liebt_ nur den Andern;
wie der arme Vater Brot _nimmt_, und seinen hungrigen Kindern _bringt!_ Mir
kommt es immer so vor, als wenn er es nur _brchte_; nur _bringen_, nicht
nehmen wolle. Ich kann auf keinen Menschen bse sein, hchstens thut mir
einer leid, recht leid, noch ohne da er einmal ein Vetter von mir ist! Was
mu also nicht erst der fhlen, der ihr Vater ist? Wenn Er immer die Liebe
ist: Liebe! Ich getraue mich hierin Recht haben zu wollen. Mir thut es
bitterlich weh, da ich mich auf dem Steine so abscheulich mit Clarke
gezankt hatte, oder, da ich ihn doch hatte so angreifen _wollen_, und er
es sich so zu Gemthe gezogen, da er sich sogar entpuppt hatte; was
freilich wohl Alles auch ohne mich, vielleicht zu selbiger Stunde,
geschehen wre. Ich hatte das Heimweh so arg, wie eine Krankheit; ich
durfte es haben, denn das Patrik'sche Patent-Mittel dagegen, wuchs ja fr
mich in Altengland nicht -- vielleicht auch ja!

Ich sahe in meiner Angst schon am Morgen von der Hhe im Felde in das Meer
hinaus, sahe Schiffe kommen, und erkannte zuletzt das meines Herrn Samuel!
Mir klopfte das Herz; ich trieb in den dunkelsten Wald. Spt nach Mittage
hrt' ich Talo's Stimme mich rufen. Ich war in keiner geringen
Verlegenheit, als ich vor Sir Samuel erscheinen sollte! Aber zur
Abendmahlzeit! Was sollte das bedeuten? Talo sagte mir weiter kein Wort,
denn sie schmte sich vor mir, wie ich mich vor ihr, und eilte mir voraus.
Ich trieb meine Schler nach der Hrde, langsam und zgernd. Dann schlich
ich nach dem Wohnhaus. In der Hofthr begegnete mir Lisanna. Wir standen
beide, stumm uns ansehend, vor einander; die Fe versagten mir den Dienst.
Ich lehnte mich mit dem Gesicht an die Wand und hielt mich fest mit flachen
Hnden; sie schlich nur an mir vorber. Als ich mich umsah, war sie
verschwunden. Ich bedauerte herzlich, und mit gefalteten Hnden, da man
die Unschuld, die Gedanken, die Liebe nicht sehen kann! Das wre doch viel
besser, und ersparte tausend, ja alle Miverstndnisse, Spione, Foltern,
Inquisition und Justizmorde. Auch die Gesandten htten es leichter. In
Summa: dadurch wrde eine neue Welt, eine neue Sprache, ein neues
Menschengeschlecht, ja ich behaupte: Engelsgeschlecht! Dem Herrn, der so
viel Wunderbares eingerichtet, der das Johanniswrmchen erleuchtet, den
Diamant durchsichtig geschaffen, war die Kleinigkeit auch noch eine
Kleinigkeit! Wie gute Wege den Verkehr verkrzen, so wrde, wenn jede Brust
ein illuminirter Telegraph wre, jedes Geschft viel krzer, das Leben also
viel lnger sein. Auch viel ser und sicherer! denn Jeder kennete seinen
Mann, und seine Frau, Notabene. Und wie keine Frau, ja kein Mann mit
Flecken im Kleide gehen will, so mten dann Alle mit reiner Seele
erscheinen. Das wre wohl Manchem und Mancher ein Schweres, es gbe dann
wohl so viele arme Seelen -- wie jetzt arme Schelme in Lumpen. Und wenn der
Mensch einmal durchsichtig wre, dann she man auch, was jeder im Magen
htte; und welcher Schulmeister liee gern alle Tage dreimal seine
richtigen Kartoffeln darin bedauern? Ich schon nicht! Das allzuschwere
Fleisch, wie Hamlet sagt, ist also recht weise den armen Seelen zum Kleide
gegeben, wie die Kleider eine Wohlthat fr die Hlichen und Alten sind.
Man sieht doch ein Halstuch mit Spitzen; einen seidenen Rcken, feine
Casimirhosen und blanke Schuhe, statt magerer Beine &c.; wie man nun feine
gefllige Rede hrt, statt List und Trug. -- So ist gut! sagt ja Crabbe.
--

Ich hatte kaum seiner gedacht, als mich der leibhafte Crabbe, wie der Wolf
in der Fabel, umarmte! Ich traute meinen Augen kaum.

Ja, ja, sagt' er lachend, Wir sind die Seeklber, die Herr Samuel das Mal
mitgebracht hat! Das war ein wstes Leben in der Wste, wo wir mit dem Boot
in der Wasserhosennacht gestrandet! --

Phylax, der mir nachgekommen, sprang an Crabbe in die Hhe, und grte ihn
mit Gebell. Nun herein! rief Crabbe, hinein! Dabei drngt' er mich so in
das Zimmer, da ich sehr uns schicklich und pltzlich vor der Gesellschaft
darinnen erschien, und der freundliche Sto sie um meinen gehorsamen Diener
brachte. Capitain York bewillkommnete mich schon von weitem, Stephan und
William hingen an meinem Halse, und selbst Mistri Distre freute sich, da
sie mich wieder sahe. Das konnt' ich ihr glauben. Wer sich freut, da er
einen Andern wiedersieht, der lebt ja selber! Mich aber freut' es am
meisten, auch um meinetwillen, den Vetter Tydal zu sehen! Auch der gute
dicke Roborn fiel leicht in die Augen, und die Stimme des braven Predigers
Patrik war nicht zu verhren. Heut, hier, lernte ich mir ihn nun ordentlich
auswendig: Ein sehr schner, hoher, hagerer Mann mit schwarzem kurzem Haar,
schwarzen glhenden Augen und lnglichem edlen feinen Napoleonfarbigem
Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand,
mein unvergelicher Patrik, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie
kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder Knig htte Muth
bedurft ihn zu hren, ja jeder Geistliche; den allergrten Muth aber htte
der Papst zu einem ffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn Er,
nmlich, versteht sich Patrik, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und
brannte freileuchtend, wie ein groes stilles Gestirn -- am nchtlichen
Himmel. Und mir war er -- Freund. Es ging gleich zu Tische. Auch Lisanna
war dabei; und jedes Wort, das Capitain York sprach, mich zu legitimiren,
war mir in Ihrer Gegenwart eine Guinee werth. Doch als man zuletzt Herrn
Tydal eine Gesundheit auf die Bevlkerung von van Diemensland zutrank,
als der Vetter zum Vater ward, da ertrug es das gute Kind nicht lnger, und
ging vom Tische. Sie sprang auf Talo zu, schien ihr etwas zu sagen und
hielt sie dabei umarmt. Sir Samuel schien noch etwas ungehalten, aber er
hielt sich doch, und Frau Russel war am meisten _darber_ unwillig, da sie
sich mit all' ihrer Klugheit doch getuscht hatte!

Doctor Toland besnftigte Beide und sprach: Die Deportirten kommen ja nicht
ohne Fehler hierher, sondern grade sie _abzulegen_; und der kleine
lebendige Fehler der Mi _Clara_ ist so munter und holdselig, da wir ihrer
Schamhaftigkeit schon vergeben mssen, wenn sie lieber lnger das Ansehen
eines lobenswerthen Jnglings, als eines tadelnswerthen Mdchens haben
wollte! --

Auch ist sie ja Herrn Tydal nur aus Liebe hieher gefolgt, nahm Herr Roborn
das Wort; und um das Glck ihrer Verbannung mit ihm zu erlangen, tuschte
sie nur mit schwerem Herzen! und langte nur mit ihren sehr niedlichen
Fingern in Strandstreet im Laden nach dem -- freilich nicht ihr gehrigen
-- unbedeutenden Malergerth, das ihr aber ganz Hobarttown werth war! Auch
ist sie selbst so darber erschrocken, und wie versteinert stehen
geblieben, da die schwerste That -- sich selbst zu verrathen, ihr leicht
gemacht ward von ihrem reinen Gefhl. Herr Prediger Patrik wird sie dann
trauen, und ein Viertelstndchen nachher das Kind taufen, damit doch
einigermaen die Ordnung hergestellt werde, was unsere Pflicht ist! --

Ich ward bald bla bald roth, und herzte die Knaben links und rechts. Am
meisten beschmte mich Capitain York's Toast auf mein-Wohlergehn. Er dankte
mir, zur Rede aufgestanden, da ich das Schiff Sr. Majestt durch meine
Bemhung erhalten -- ohne auf das Wunder Rcksicht zu nehmen, das uns
gerettet. -- Er sagte ich htte das Wort Gnade noch einmal ber 100
Menschen ausgesprochen. -- Ist mir ganz unbewut! -- Und es msse und
werde mir hier und dort wohlgehen. In van Diemensland und in England!
dacht' ich bei mir; denn _Der_ in dem wahren _Dort_ wei Alles das ja
besser. -- Unterde wird sich Sir Samuel fr uns Alle abfinden. -- So
kann es Einem gehen, wenn man nicht ertrinken will! dacht' ich bei mir; und
wenn ich recht gehrt, so weinte Lisanna in dem Jubel. Herr Roborn
erklrte mich fr frei, und dankte gleichfalls, bat aber nicht um
Verzeihung. Ich habe meine Schuldigkeit gethan, sagt' Er, und Sie, Herr
Lambton, sind so ein pflichtdurchdrungener Mann, da ich mir von Ihnen
meine Pflicht nicht darf vergeben lassen! Ich werde mit dem Gouverneur
Macquarie sprechen, der dieser Tage hier ankommen wird, und einen guten
Gehalt als Lancaster- und Sonntagsschulmeister, wenn Ihnen Beides nicht zu
viel ist, kann ich Ihnen im voraus versprechen -- wenn Sie bleiben wollen.
Aber Sie wollten doch nur gute Menschen aus Kindern bilden in ihrem
Rowlandhill -- und hier sind Kinder! und hier ist Rowlandhill! -- Ich
konnte fr so viel Glck und Gnade gar keine rechte Worte finden, und bat
nur Sir Samuel mit Thrnen, mich in seinem Hause zu behalten! -- Ist denn
mein Haus Ihr Glck? oder in meinem Hause? sprach er, mich lchelnd von
der Seite anblickend, und dann sich im Zimmer umsehend. Lisanna verbarg
sich hinter Talo, welche fr sie und fr sich ein gleichsam doppelt
lchelndes Gesicht annahm, und nach Sir Samuel sah. Da ich gut gegen Sie
denke, sollen Sie erfahren, Herr Lambton; fuhr er fort. Ein Schulmeister
mu eigene Kinder haben, wenn er Anderer Kinder lieben soll. Die Liebe zu
Andern ist blo eine Uebertragung unserer Liebe zu den Unsern: auf Andre.
Aber als diese Versetzung oder Phantasie ist sie noch alles, und alles von
Allen zu fordernde Mgliche, jedem nun klare wohltht'ge Himmlische; und zu
Kindern gehrt, meines Wissens, eine Frau nothwendig; und fr diese Noth
hab' ich Rath und That. Moses hat bei Jethro Schafe gehtet, und ist Moses
worden. Jacob hat um Rahel 7 Jahr gedient, und gewi allerlei Vieh gehtet,
und auch wohl mit dem Bieseln der Khe seine tausendste Noth gehabt, wie
Sie! und die rothe Brausche auf Ihrer Stirn, die Ihnen heut' Morgen der
Bock gestoen, wird sich auf einige Weinumschlge verziehen, noch ehe Sie
ein Brutigam werden, wie man sagt. Uebrigens pflege ich Jeden, den ich in
mein Haus nehme, zuerst an Gehorsam und Arbeit zu gewhnen, welche nicht
nur verstatten ein Mensch zu _sein_, sondern erst recht zu _werden_. Auch
Lisanna erzieh' ich nach alter Weise, welche die einzig wahre bleibt, um
sie glcklich zu machen! Denn die alten Knigstchter trugen Wasser vom
Brunnen, spannen und webten -- und liebten, da sie vor Freuden vom Cameele
fielen, wenn sie ihren Brutigam sahn, und waren glcklicher als die neuen.
War ich oft hart gegen das liebe Kind, so hatte das seine Ursachen, die an
Ihr und Mir nicht liegen, deren Wirkungen wir Beide nur dulden -- um der
argen Welt willen, um nicht zu sagen der schnen Welt. --

Darauf schwieg er mit finstrem Gesicht. Herr Prediger Patrik nahm in dieser
Frist das Wort und sprach: Ja, Gehorsam und Arbeit sind die beiden
Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft und des allgemeinen Glckes!
Wehe denen, die sie nie gekannt, nie gelernt haben und an sie nicht gewhnt
sind! Jeder Mensch darf nur arbeiten, wozu er Neigung hat; und aus den
verschiedenen Neigungen, welche weise von der Vorsehung allen verschieden
zugetheilt sind, entsteht doch ein mit Allem wohlversorgtes, wohl in
Ordnung gehaltenes Ganze. Und jeder Mensch darf nur so viel arbeiten, als
die Bedingung gesund zu bleiben erfordert. Faulheit ist die Quelle aller
mit Recht so genannten Unthaten; und die Quelle der Faulheit ist die
Unkenntni des wirklich Guten. Denn Jeder ist eifrig, ja unermdlich nach
dem, was Er fr reizend und strebenswerth hlt. -- Und den Gehorsam, die
Gewhnung einem fremden, ja nur dem eigenen Willen unterthan zu sein, o
mein Gott, wenn ich diese nur mit Engelszungen predigen knnte! Allen
Mttern und Vtern zuerst, die ihn das Volk der Kinder lehren sollen! Denn
im Leben verlangt ein Gott den unverbrchlichsten, ruhigsten, immergleichen
Gehorsam gegen die Gesetze seiner Welt von jedem, der glcklich sein will.
Er lt dagegen denken und handeln -- aber die Gesetze walten allmchtig
und eisern fort, und zermalmen den ohn' Erbarmen, der sich nicht fest an
sie anhlt. Denn so nur besteht seine Welt, und gehen seine Sterne so
richtig. Welcher Sohn seinem Vater nicht gefolgt, der wird ein Ungehorsamer
bleiben gegen Gott und Menschen; und welche Tochter ihrer Mutter nicht
Arbeit abgelernt, die wird ihrem Manne und ihren Kindern verderblich sein.
Denn wo das Gute nicht ist, da ist das Bse! Wo Frhling ist, da hat der
Winter die Macht verloren, und das Menschengeschlecht darf nicht das Bse
ausrotten, nur das Gute pflanzen. Dewegen mu die Schule eine ernste,
kirchenheilige Anstalt sein! Ein guter Lehrling wird ein guter Meister, ein
guter Schulknabe ein guter Brger. Denn im Leben ndern sich nur die
Gegenstnde, die uns beschftigen -- das Gemth, der Eifer, der Sinn, die
Thtigkeit sollen dieselben bleiben. Nur andere Zwecke, so ist die
Schulstube das Vaterland und die Welt fr den Menschen. Wie das _Vaterhaus_
Ihr Vaterhaus war, mu das _Haus_ (Parlament) Ihr Haus -- wie der _Vater_
Ihr Vater war, der _Knig_ Ihr Knig sein, die Gesetze Ihre Gesetze, und
seine Diener im ganzen Reiche Ihre Diener, Alle Menschen umher ihre
Gehlfen, Lehrer oder Lehrlinge und Ordner, wie in der Lancasterschule. Wie
schon als Kind findet sich dann im Leben jeder berechtigt, zu helfen, zu
lehren, zu warnen und abzuwehren! Wenn Menschenliebe, das heit also
menschliche Liebe, in ihnen lebt und strebt, dann bedarf es keiner Gesetze;
denn die Gesetze berflssig machen, allmlig alle einschlafen lassen bis
auf das Eine, das Selige: die Liebe zu den Unsern und durch sie zu den
andern Bildern des Menschen -- das ist der Triumph des Volkes, und der
Beweis seiner Bildung. Der Liebe fhig, beladen von ihr ist die ganze Welt;
auf Erden haben sie alle Gebilde, alle -- niedertrchtig oder unbedacht
sogenannten Thiere, von Maus bis Elephanten, von Wallfisch bis Biber. Aber
die Thiere haben keine Phantasie, und lieben aus eingeborener Kraft und
Macht nur sich und die Ihren, aber sie sind furchtbar allen Andern, eben
nur ohne die einzige wahre Mittlerin: die Phantasie. Fhig der Phantasie
ist auf Erden nur der Mensch, -- der Mann, das Weib, die Jungfrau, der
Jngling, schon das Kind mit seiner eingeborenen Liebe, und durch sie
folgsam jedem Gesetz Gottes oder der Menschen, wenn es auer Ihr noch Eines
gbe! Der Mensch voll Liebe und, wohlgemerkt, voll aufgethaner Phantasie --
der Einbildungskraft, der heiligen Kraft sich in Andere einzubilden, und
somit Andere, alle Anderen so treu und lieb zu empfinden wie sich -- _der_
Mensch wird kein Gesetz bertreten, Keinen beleidigen, sondern Jedem
helfen, wo und was er kann, und unendlich mehr thun, als man ihm
vorschreiben knnte. Und wo, wandte sich Herr Patrik an mich, wo werden
solche Menschen gebildet, durch Gottes in allen Menschen bereite gestaltete
Kraft? Schler, die einst Fhrer der Andern zu sein verstehen, knftige
Armenpfleger, Vormnder der Waisen, Beistnde der Wittwen? Wo, Herr
Lambton? -- Ich antwortete fragend: Wohl in der Lancasterschule! -- Wo,
fuhr er fort, hat man nur Eine Tafel mit dem Ordnungsgesetz, und nur Eine
mit dem Sittengesetz? Wo lehrt man Einen den Andern lehren, sein Leben
ordnen, und es Andern ordnen? Wo, mein Lambton? --

Wohl in der Lancasterschule! versetzt' ich.

-- Ja, wohl, sehr wohl, am besten da! sprach Er. Und wo wird dem Knige,
dem Richter, dem Prediger ein gehorsames arbeitsames, wohlgesittetes und
belehrtes Volk zugebildet, und dadurch wieder dem Volke wohlgesittete,
wohlbelehrte, arbeitsame, getreue Richter, Prediger, und dadurch endlich
eine glckliche, selige Menschheit, ein Reich Gottes -- Lambton?

In der Lancasterschule! bestand ich mein Examen. --

Und das wollen Sie bei Uns, nach allen Ihren Krften, allem Ihrem Verstande
treu und fleiig thun, lieber Lambton? frug mich Herr Patrik gerhrt, und
reichte mir seine Hand dar.

-- Ich schlug ein, und unter einer rauschenden Gesundheit Lancaster fr
immer! weinten wir Beide.

Da ging die Thr auf, und blieb offen stehn, es schallte Gescharr und
Wirwarr herein. Was war zu sehn? -- Hobday hatte Crabben vorher schon
weggewinkt, und Crabbe wiederum Stephan und William. Und wahrlich nunmehro
ganz zur Unzeit brachten sie lrmend den von den Lichtern geblendeten
stutzigen Bock, als Sieger bekrnzt, hereingefhrt und nachgestoen an
unseren Tisch, wo ihn jeder besah, am Barte bezupfte und mit Dessert
ftterte. An Mistri Distre stieg er, unter einem lcherlichen Hurrah! auf
die Hinterbeine, und lie sich ihren Blumenstrau schmecken. In dem Aufruhr
schlich ich in die Kche, wo Lisanna beschftigt stand, ein Hutchen aus
einer Eierschale zu schlen. Schweigend sah ich der Schweigenden zu. Kein
Wort, kein Blick. Dann trat sie vor mich, strich mir die Haare aus der
Stirn, und ein wenig auf die Zehen gestellt, legte sie mir es auf, mit
einigem sanften Schlagen wohl mehr als nthig war. Das htte eigentlich
gleich geschehen sollen! sprach sie. Ich aber, um inde nicht die Hnde
steif am Leibe hinunter zu halten, und die schlank Ausgedehnte im
Gleichgewicht zu erhalten, da sie mich nicht berhren msse, nicht an
meine Brust antreffen -- legte meine Hnde sanft in ihre Seiten, hielt den
Athem an, und schlo die Augen. Aber ich fhlte doch Ihren Hauch -- ach,
wenn Sir Samuel Sie mit dem Glcke gemeint htte, was ich ganz leise leise
in meinem dunkeln seligen Kopfe meinte! Und ich wei nicht, sie lchelte
doch horchend, als ich sie wieder ansah, stand noch ein Weilchen --
errthete, und schwebte dann von der Flamme des Herdes beglnzt hinaus. --
Denn Doctor Toland kam -- und gab mir -- was gab er mir wieder -- mein
Tagebuch! Heben Sie es besser auf! sprach er zu mir. Doch werden Sie mir
vielleicht und dem Schicksal danken, da ich es fand, und als das beste
Recept fr Lisanna's Krankheit, es ihr verschrieben. Denn die Russel,
gestern Abend, um den leidenden Zustand des lieben Kindes ernstlich
besorgt, hatte mich zu ihr geschickt, und als ich leise zu ihr eingetreten,
verrieth sie sich selbst durch schwere Seufzer und Klagen ber einen
gewissen Lambton! Ich schlich wieder aus dem dunklen Stbchen hinaus, holte
Licht und kam nun laut geschritten, und setzte mich zu Ihr, um etwas
vorzulesen. Sie lie Alles geschehn. Ich las, sie ward still; sie setzte
sich auf in den Kleidern; sie sank wieder hin, und weinte wieder, aber
Freudenthrnen, Reuethrnen -- ich las nun von Ihr -- dann sprang sie auf,
sie! mir um den Hals -- ja sie kte mich sogar still und fest, und
versiegelte mir Lippen mit Lippen, und lachte und jammerte und war zornig
auf mich und Euch. Sagt was Ihr wollt, aber jede Verwirrung ist eine
Krisis, je rger, je krftiger! krzer! Die krumme Linie ist auch ein Weg!
der Gestirne Weg durch den Himmel! Alles verdankt Ihr Clarken! Verdankt es
ihm auch! Sie, die nunmehrige Clara Tydal, lt Euch bitten, ihr Kind aus
der Taufe zu heben. Das Heft hatt' ich in Mi Clara's -- und Eurem Zimmer
gefunden, -- auch Sir Samuel hat heute schon darin geblttert und die
Russel mit der Brille ihm ber die Achsel gesehen. Nun, werden Euch auch
Sir Samuel's, Roborn's und Patrik's Tischreden verstndlich sein! und wer
das Gedicht an das Nordlicht gemacht hat -- Ihr lieet Euch ja nicht sehn.
Nun frisch, angezogen, und Pathe _gesessen_ meinetwegen, wenn Ihr vor
Freude und Scham nicht _stehn_ knnt. Talo wird auch getauft! --

Ich glhte ber und ber! Er war wie verschwunden, whrend ich auf mein
Heft sah!

In meinen Rock war bald gefahren, und mit erleichtertem Herzen ging ich die
Treppe wieder nach unserem Stbchen. Darin fand ich die ganze untere
Gesellschaft schon versammelt, den Bock ausgenommen. Mi oder in Wahrheit
und Ehren: Mistri Clara, in dem weien Sonntagskleide der Lisanna, sehr
bla und lchelnd, hie mich willkommen, wie einen bekannten Freund, oder
Bruder. Sie putzte an dem Kinde, welches Talo auf den Atmen hielt; und
diese schien nun, anstatt in Clarke, in das Kind verliebt! -- Wunderbar! --
Tydal machte den Kindtaufen-Vater, stellte den Tisch in die Mitte, half ihn
mit dem weien feinen Tuche behngen und die 4 Zipfel aufstecken, stellte
das silberne Becken darauf, und die gefllte silberne Kanne darein, und
fhlte noch mit dem Finger nach der Wrme des Wassers. Lisanna nahm nun das
Kind von Talo's Armen, und die schne, vor heiligem Zagen blasse Talo trat
nun mit dem sinnigen, friedevollen Gesicht als Taufkind vor den Tisch. Herr
Roborn, Doctor Toland und Mistri Distre, stellten sich als Pathen um
sie, die Mal alle Drei der unmglichen Mhe berhoben, das Taufkind zu
halten, und fr dasselbe dem Teufel zu entsagen. Nach einer schnen Rede,
die ich leider nicht erhalten konnte, weil sie Herr Patrik aus dem Kopfe,
nein, aus dem _Herzen_ sprach, tauft' er die rhrend Hingebeugte. Sie
weinte in Einem fort, nur nicht strend, wie ein kleines Kind; aus ihren
Augen trpfelte der fromme Thau in das ausgegossene Wasser, und sie ward
mit ihren eigenen Thrnen getauft. Dann trat sie zurck, sahe Alle mit
himmlischem Lcheln an; fiel mir als ihrem Lehrer in die Arme, und wollte
mir danken, aber sie schluchzte nur. --

Herr Patrik stand inde mit gefalteten Hnden, und erwartete das Brautpaar.
Bei der Trauung von Tydal und Clara hrte ich mit Erstaunen ihren wahren
Namen. Welch vornehmes Kind! welcher reichen Eltern! Ob aber der Malerkunst
wegen in Tydal verliebt, oder Tydal's wegen in die Malerkunst, das lie mir
ihr unwidersprechliches Talent zu lieben und zu malen, nur zu errathen
brig.

Talo war dewegen zuerst getauft worden, da Sie -- zugleich mit Lisanna
und mir, nun bei Clara's Kinde Pathe stehen knne. Frau Russel bemerkte
halbleise gegen Sir Samuel: der Taufstein trennt! Sie drfen nicht
zusammen stehn! -- Er zuckte die Achseln, aber, sich fgend, winkte er
Herrn Patrik auf die Seite, und sprach heimlich und lchelnd mit ihm;
dazwischen lie er ihm etwas Goldfunkelndes -- gewi zwei Ringe, in die
Hand fallen, und sie klangen leise! -- In Gottes Namen, sagte nun dieser
ganz laut, trau' ich sie erst. -- Wen konnt' er meinen? War Talo ein
_Mann_, wie Clarke ein _Weib!_ und wollt' er Talo und Lisanna trauen? --
das wre herzbrechend! -- Oder war gar _Lisanna_ ein Mann? -- das wre
entsetzlich! wenn sich gleich Talo darein gefunden und ergeben, da Clarke
_Clara_ war! -- Ich sahe sie an -- nein, sie war ein Weib! in vollem
Wuchse, voller Schne, in der Halle der Jugend, mit einer Hand noch die
Jungfrauen, ja die Kinder haltend, mit der andern von den Weibern gefat
und gezogen, ihre Knigin zu werden. -- Oder wollt' er mich und die Talo
traun? War _Sie_ das Glck in Sir Samuel's Hause? Ach, Talo hatte ja vorhin
ihm zugelacht und genickt! Mein Gott -- und Talo sahe mich jetzt auch
lchelnd an! Um Gotteswillen, was wird daraus werden? Mu ich mir denn
geradezu Alles gefallen lassen, weil ich -- Lambton bin! Doch so schn auch
Talo war, ich htte am Altare, denn das bedeutete nun der Tisch abwechselnd
mit Taufstein, am Altare noch Nein! Nein! Nein! um Hlfe gerufen! Herr
Toland aber, der Menschenfreund! fate meine linke Hand und -- Lisanna's
rechte -- ja die rechte! und fhrte uns, die wir uns ansahen, anglhten --
zgern wollten, nein, nicht wollten, nur vor Entzcken scheuten, und doch
fhren lieen vor den Tisch des Herrn. Frau Russel, deren Fortschleichen
ich gar nicht bemerkt, kam jetzt leise hinter Lisanna getreten, und setzte
ihr einen grnen Jungfraunkranz von den schon schlafenden Myrten leicht in
das Haar. Sie ahnete ihn mehr als sie ihn fhlen konnte, und errthete
rosig im Antlitz, und rosig ber, Nacken und Brust. Herr Patrik nahm das
sechste Gebot zu seinem Text, als Casualprediger, und bearbeitete ihn so,
wie ich es in meinem Leben nicht gehrt. Und doch wei ich die Worte nicht
mehr, ich fhle sie nur, ihre Glut durchrollt mich warm, wie ein Flu, von
der Sonne erwrmt, die schne Sommernacht noch lieblich dahinfliet, wenn
nur der safranfarbige Nachtschein in ihm glnzt. Trauen sehen, und getraut
_werden_, ist doch ein Unterschied! Das kleine Zimmer war mir nicht allein
eine Kirche, ach, der Himmel! Mutter und Vater erschienen mir im Geiste,
und der Grovater stand hinter ihnen mit einem Heft Lieder mit goldenem
Schnitt, wie Hochzeitgedichte unter dem Arm -- aber er stand da in seinem
abgetragenen, braun gewordenen grauen Rocke, seine alte Mtze in der Hand,
da es recht gut war, da er unsichtbar war! Sogar die alte Anna erblickt'
ich; sie hielt die blaue Schrze vor die Augen und weinte, und wandte den
Kopf seitwrts und horchte auf die Traurede. Auch Marion stand vor mir da,
und beurtheilte Lisanna, und Sir Horazio, und seine Theano mit dem Kopf auf
seine Schulter sich lehnend -- und ber Alle sahe der rothe Daniel hinweg,
und kmmerte mich wenig. Nun war Ich so weit, wie viele Tausende vor mir.
Nun sollt' Ich die Erde fllen, so sprach Gott zu mir und meiner Lisanna,
das erste Wort, was er zu Menschen geredet. Meinetwegen hatt' Er von Adam
die Ribbe genommen, der gute Vater! Meinetwegen hatte Lisanna's Mutter
Schmerzen ertragen, Nchte durchwacht. Die gute Mutter! Gott segne sie! Wer
und wo sie sei! -- Aber Lisanna blieb -- Lisanna! Ihre Eltern _unbekannt_,
und ich mute sie nehmen, und nahm sie voll Freude, wie eine kstliche
Blume voll Pracht des Wuchses, der Bildung und der Farben, nur unbenannt.
Sir Samuel weinte laut whrend der Trauung, und ich hrte ihn sogar
seufzen: O wie glcklich knnt' ich sein! Nach der Einsegnung schlo er
Lisanna in seine Arme, und mich Frau Russel in die ihren! Polizeidirector
Roborn, Capitain York und Steuermann Crabbe unterschrieben sich unter
Patrik's Trauschein als Tranzeugen. Ich wei nicht, was ich geredet, gehrt
und gesehen habe, und was geschehen, bis Tydal's Kind -- das Gott sei ewig
Dank, nicht Lambton hie! getauft wurde. Ich war so von Krften, da ich
wirklich nicht stehen konnte, und mute Pathe sitzen, wie es mir Doctor
Toland vorausgesagt. Er hatte also auch alles Andre vorausgewut, und
vielleicht, o gewi, mir bereiten helfen! Der Menschenfreund! Gott segne
ihn, und Sir Samuel, und sogar auch die bse Russel! Sie bedarf Gottes
Segen am ersten, am meisten. So betet' ich im Herzen. Denn ich war ihr nun
Dank schuldig, so schnen Dank, wie Lisanna!

Lisanna schwebte dann leise hinaus, hinab, hinber in den Garten unter die
duftenden Brotfruchtbume. Es war spter Abend, oder frhe Nacht, und von
dem Tage im Vaterlande schimmerte nur ein Safranschein, wie der Rand eines
goldenen Tellers herauf. Aber ich war ihr nahe gefolgt, auch sah sie sich
heut' nach mir um! ja unter den Cocospalmen erwartete sie mich. Nun mu
ich Dir um den Hals fallen! sprach sie feurig. Nun mu ich Dich an das
Herz drcken! sprach ich. Das war unsre ganze Rede. Dann setzten wir uns
in die Blumen, und hielten uns umarmt: Sie lehnte das Kpfchen an meine
Brust; ich sahe hinaus ber das murmelnde Meer, daraus silberner Duft
aufstieg, und in dem Dufte strahlte das schnste Sternbild, das ewige
Kreuz, golden hervor mit seinen ewigen Lampen, und stand wie ein Geist,
herauf getaucht, auf den Wassern, bis es unsichtbare Engel schienen in den
Himmel zu heben. Ueber uns in den Zweigen lieen junge Vgel im Nest ihre
zarte Stimme hren, und Mutter und Vater redeten ihnen zu, und zwitscherten
sie in den Schlaf. Sterne fielen von Zeit zu Zeit, und drunten im Flusse
sprangen die Fische pltschernd aus der schimmernden Flut; in die laue
Nacht. -- So saen wir, wer wei wie lange! denn der Mond ging nun auf, und
beleuchtete uns. Darum schlichen wir nach dem Hause. Ich nahm an der Thr
zu Lisanna's kleinem Zimmer gute Nacht mit einem Ku, und immer wieder; und
sie kte mir gute Nacht, und entlie mich doch nicht, noch nicht! Drinnen
aber hatte sich der Mond schon auf ihr Bett gelegt! Und heut' bedeutete mir
sein feuriger Schein des Nordlichts Glanz:

   Der wallend in das freundliche Gemach,
   Wie eine Rosenflut vom Himmel flo,
   Und blinkend schien das reinliche Gef
   Vom Simms der Wand und schattete sich ab;
   Und glimmend, und doch nicht verglimmend, schwamm
   Im khlen Feuerglanz der feine Flachs
   Gerthet, und die Spindel eingetaucht,
   Womit die Liebliche des Abends spann,
   Und jedes Eckchen glomm von Licht erfllt --
   -- Da hielt sie mich mit langen Kssen fest --
   Und ich, der ich nicht gehen mute -- blieb!

Am Morgen erschrak ich natrlich nicht wenig, da ein schnes, glhendes
Mdchen, mit weien, vollen Armen, in _meinem_ Bette lag! Entsetzt darber,
wollt' ich hinausspringen -- noch einen Blick forschend ber sie hin -- das
Herz pochte mir laut, und die Sonne, die ihr Licht ber sie ausgo, sagte
mir: es sei Lisanna! und mein Gewissen sagte mir: Lisanna sei mein Weib!
Und nun bestaunt' ich sie lange, und dankte Gott fr sie, und betete laut;
im Bett aufsitzend. Davon erwachte sie, schlug ihre Augen auf, errthete
holdselig, setzte sich auf und verbarg sich verschmt an meinem Halse! Nur
Eins fhlt' ich, was Patrik in unserer Trauung gesagt: Mu denn der Mensch
Bses thun, um selig zu sein? Anderen rauben, um zu haben? Alle seine
Krfte zerstreuen, oder sammeln, um reich zu werden? Sein Leben an Vieles,
oder an Eines setzen, um das Leben zu gewinnen! Nur auf dem Wege zum Himmel
wandelt der Mensch in Blumen, und der einfache, reine Weg ist der reichste,
der seligste! Wenn er auch nicht so reich, so selig wre, da das Herz in
voller Gnge schwelgt -- und fast zerspringt, wie mir! setzt Ich hinzu.
Das war wohl kein Jammer!

                   *       *       *       *       *

_Hobarttown_, Pfingsten 1820.

Seit Ostern htte ich nichts einzutragen gehabt als: Arbeit und Freude!
Freude und Arbeit! Arbeit und Freude! Ich hatte meine Schule und mein Weib,
meine Arbeit und meine Freude. Ich denke immer: der Ehestand ist der Stand,
wo man sich nicht etwa das Leben unangenehm machen, einander verbittern
soll! Nein: angenehm und s! Eines dem Andern! Und so thaten wir einander.
Wer nur wenigstens die Seinigen immer so hflich, so liebreich behandelt,
wie _Fremde_, die einen Augenblick in das Haus treten -- wie freundlich
behandelt Der sie schon! Aber hat, was _mein_ ist, dem Ich angehre, mit
dem ich immer leben soll, nicht _mehr_ verdient? ja Alles, mich selbst,
meine grte Sorgfalt, unwandelbare Freundlichkeit und Liebe? Ich wei
nicht -- ich denke mir immer, wenn ich aus Gewohnheit, da Lisanna -- der
Engel -- mein ist, einen Augenblick ihr nicht zulchle: da sie ein Engel
sei, der vorher nie gesehen und fremd, mir vom Himmel in das Haus gesandt
ward -- und gleich ist es gut! Und so denk' ich auch von den Kindern: sie
sind Engel! die nicht erst lngst auf der Erde sind, und bald wieder
fortwandeln; und rechne mir es zur Ehre, da ich sie lehren kann von ihres
Vaters Reich! Manchmal denk' ich auch: es sind _meine_ Kinder, und nun
lehr' ich mich warm und satt, da ich ganz das Essen vergesse, bis Lisanna
geduldig nur leise winkt! Ja ich glaube: da der Herr 40 Tage gefastet hat,
da man 7 Krbe voll Brot nach der Bergpredigt aufgehoben! Ein voller Geist
fhlt keinen leeren Magen. Das mssen die Obern in England auch wissen, da
sie die Prediger und Schullehrer so drftig abspeisen! Aber man hat ja Frau
und -- -- -- -- Kind! siehe mir nicht in's Buch! das schreibe ich, da Du
es lesen sollst, Lisanna!

                   *       *       *       *       *

_Schiff Argo_, am Johannistage 1820.

Ach, was soll ich sagen? Ach, meine Schule hab' ich nur gegrndet! Von
meinen Kindern hab' ich mit Thrnen Abschied genommen, und sie von mir! Ich
schreibe schon im Schiffe auf der Fahrt in das Vaterland, und Lisanna
begleit' ich, und Toland begleitet uns. Sie sitzt und weint; aber ich kann
mir nicht helfen. Warum ist sie nicht Lisanna! Warum bin ich Lambton, und
bleib' es vielleicht, vielleicht auch nicht! Sir Samuel hat nicht
wohlgethan!

Aber warum kriecht auch die alte Russel immer in die Rauchkammer? nach
Zungen, die Leckerzunge! Warum fllt auch die Thr hinter ihr zu? Warum
fllt uns keinem die Rauchkammer ein, wo sie weinen, dursten, husten und
niesen sitzt, zwei lange Tage lang. Denn wir suchten sie auer dem Hause
und berall, nur nicht, wo sie war, und hrten ihr Gedonnere nicht auf dem
Boden noch obendrein in dem Sturme, der so wthete, da Hobday sagte: die
Russel hat sich gehangen! was Sir Samuel gar nicht bezweifelte. Der
deportirte Phylax war ihr Retter, der, immer von ihr gefttert, nun
hungrig, sie gesucht und gefunden, kam und uns _anboll_, zerrte und voran
lief. Und als wir sie endlich erlst, von allem Jammer sterbensmatt, von
all' den aus Hunger gegenen gerucherten Wrsten sterbenskrank, und vor
Durst ganz verlechzt, von dem unendlichen Husten ganz aufgedunsen, mit ganz
roth-gebeizten Augen, und die Thrnen und den Rauch im ganzen Gesicht
herumgewischt, -- da war sie fast selbst geruchert, und sah' aus wie eine
schwarze so genannte gyptische Marie. Warum stellte sie Doctor Toland doch
wieder her! Er war ja kein Arzt, kein Carrhadis unter van Diemenslndern,
welche ihn zur Dankbarkeit mit der Lanze erstechen, wenn der Kranke stirbt.
Wir Europer bezahlen den Tod ja mit schwerem Gelde, sonst lernte auch
keiner mehr curiren. Und was bezahlt' ich nicht erst fr der Russel ihren!
Warum gaben die hngenden Schinken ihr nicht ein schweigendes Beispiel?
Warum war ihre Zunge wenigstens nicht geruchert, verzeihe mir Gott die
Snde, da sie Herrn Patrik beichten konnte; da dieser Herrn Roborn
verlangte, da Beide schrieben, Zeugnisse aufnahmen, und selbst Sir Samuel
in die Enge trieben mit lauter Menschenliebe! Denn, obgleich Sie nun besser
ist, so ist mir doch schlimmer! Sie hat nur den Rauch des Fegefeuers
gekostet, mich hat sie wirklich hineingestoen!

Acht Tage nach ihrer Erlsung, aus der Marterkammer nmlich, besuchte mich
Sir Samuel des Abends, und lud mich zu einem Gange in's Freie ein. Wir
gingen schweigend und weit hinaus, und lange stumm wie unsere Stcke. Es
war bald lcherlich -- nein, sehr bald zum weinen! -- Herr Lambton, sprach
er endlich, was ich Ihnen zu sagen habe, ist ein Glck fr Sie und Lisanna!
--

Ich verlange kein greres, noch Lisanna; unterbrach ich ihn nicht grade,
denn er hielt von selbst inne, und wute nicht recht anzufangen, und
kmpfte mit sich selbst. --

Freilich! begann er wieder: wer ein Glck nicht begehrt, den macht es nicht
glcklich; es ist ihm fremd! Jeder kann nur in der Lage glcklich sein, die
ihm natrlich ist. Denn jeder Mensch, ja jegliches Wesen hat sein eigenes
Glck, das in dem allgemeinen beruht, was der Welt berhaupt, und seinem
Geschlechte in's Besondere zugetheilt ist. Nur durch Vertauschung unserer
angeborenen Zustnde werden wir unglcklich! -- Der Esel im Pallaste, der
Lachs im Punsche befnden sich beide schlecht. Dem Biber ist in seinem
Huschen wohl, der Spinne in ihrem Netz. Aber wer die meisten, die Edelsten
Bedrfnisse hat, die er befriedigen kann, ist der Glcklichste, und diese
hat vorzugsweise der _Mensch_. Ein sicherer, bequemerer Platz auf Euere Art
in's Grere zu wirken, reicher bewut zu leben, kann Euch nicht schaden,
und ich bin gezwungen, Euch in denselben zu verpflanzen! --

Zu was ist das die Vorrede? Sir Samuel! fragte ich traurig.

Zu groem Vermgen, und hohem Stand; sagt' er, nicht ungerhrt. Wer immer
reich war, an dessen Glck verzweifl' ich; wer arm, glcklich war, _kann_
auch reich glcklich bleiben! und das hoff' ich von Euch, und wnsch' ich.

Aber was haben Sie mit uns vor, Sir Samuel! fragt' ich ganz erschrocken. So
viel haben ist genug, als man selbst bewalten kann! Alles die schon, jedes
Einzelne, sei es nun ein Kind, ein Lamm, ein Pflug, macht uns Sorge, es zu
erhalten, und beunruhigt uns schon genug, wenn es nicht in dem Stande und
Gange ist, wie wir es brauchen und wnschen. Diese Sorge aber wohnt dem
menschlichen Leben unabnderlich und nothwendig bei, und Jeder mu sie
ertragen. Haben wir aber nun _mehr_, als _wir selbst_ bewalten knnen,
selbst bedrfen, dann wird unsre Sorge so gro, so vielfach, als sie der
Mensch eigentlich nicht haben soll, _wenn_ wir uns _so_ darum kmmern, wie
es Dinge, die wir besitzen, doch immer erheischen! Kmmern wir uns aber
nicht um dieselben, sind sie unsern Gedanken nicht tglich da, bilden sie
nicht den Kreis, in welchem wir uns bewegen: so _besitzen_ wir sie wiederum
nicht, und sind so arm, wie die Uebrigen -- und die Hoffnung des tglichen
Brotes, der Erlsung von dem Uebel, hat jeder tglich, der das Vaterunser
betet. -- Verschonen sie uns also, verschonen Sie uns, Sir Samuel!

Sie sprechen fast wrtlich aus Patrik's Predigten, bester Lambton! Aber
hren Sie! und wenn Sie Lisanna lieben, werden Sie um Ihres Glckes willen
Ihr eigenes Glck mit in den Kauf nehmen.

Selbst um mein Unglck! sprach ich hastig. Es wird wohl so sein! --

Hren Sie ruhig zuerst mein Unglck! und wer ein greres kennt, als ein
treuloses Weib, dem will ich nachstehen; sprach Sir Samuel. Doch nach und
nach gewhnt sich der bessere Mensch, nur das fr Glck oder Unglck
anzusehen, was Er Gutes oder Bses thut, nicht was ihm gethan wird. Ich
habe 15 Jahre nicht geweint, bis zu Ihrer Trauung; denn Lisanna konnte
_mein_ sein, meine Tochter sein von meinem Weihe. Aber als ich erst
unglcklich ward, war ich das Unglck nicht eben gewohnt; das ist das
Unglck des Unglcks; und leider wird man erst besser durch schlechter
sein, als gut ist. Das mag mich im Voraus entschuldigen! Jetzt bin ich im
Klaren, und wenn ich Allem nachdenke: so fehlt' ich zuerst gegen die alte
Regel, und glaubte nicht, da eine Tochter so wird, wie die Mutter gewesen
ist. Das Schicksal begnstigte _mich_ wenigstens mit keiner Ausnahme. Mir
hatten Canova's glatte Weiber und die Venus von Medicis den Kopf verwirrt
-- mich reizte nur die schne _Form_, ohne mit Augen zu sehen, da man sie
auch dem Marmor aufdrcken kann. Die schnsten Blumen riechen nicht, die
schnsten Vgel singen abscheulich; Ihr Schmuck ist ihr Werth, und die
Schnheit ist gewi das Anlockendste fr den Liebenden. Aber das Weib mu
mild sein, schweigsam gleich der Natur, sich immer gleich, wohlthtig,
uneigenntzig, ja gromthig; sie mu den ewigen Sinn der Natur, so weit
ihn eine menschliche Seele fassen kann, aus sich kund geben, das heit:
_lieben!_ -- Da davon Gelehrsamkeit, -- nicht weiser Sinn; Schautragen von
Schnheit und Reizen, -- nicht Schnheit und Reize; Werthlegen auf
weltliche Gter, -- nicht ihr Besitz selbst, _ganz_ ausgeschlossen sei, ist
eine Bedingung, die unerllich ist, wenn der Mann nicht blo Menschliches,
Weibisches, Gemeines in ihr erkennen, und -- Sie fliehen soll! nicht sehen
soll, da sie Viele, oder nur Zwei liebe, also Ihn nicht, und berhaupt
nicht liebe. Denn die Liebe ist das Erflltsein von Einem, die Liebe liebt
Eines, das Einzige, Schnste fr sie. Dewegen sind Schnheit, Rang und
Gold auch wiederum nicht im Stande, so die Jungfrau zu gewinnen, als die
se Sprache des Herzens, voll Gefhl, Tapferkeit, kurz alles dessen, was
berhaupt den Mann sie ahnen lt. Feigheit -- nicht Vershnlichkeit,
Verschwendung -- nicht Armuth, kaltes oder gar schlechtes Herz -- nicht ein
begrabenes, und vollends Lcherlichkeit, die Travestie der Menschenwrde,
zersetzen gewi, und oft pltzlich, die Liebe auch in den vorher
befangensten Jungfrauen. Wir sahen daher so viele, schne, reiche und
vornehme Mnner, die nie geliebt waren, weil ihnen Eines fehlte: das
Gemth! der Sinn zur Natur, zu welcher das Weib auch dann, und dann erst
eben recht und weiblich hinstrebt, wenn sie dem Manne sich ergiebt. -- Mein
Vergehen, das mich hieher gefhrt, auf meinen und meines Weibes Fehler
gegrndet, liegt in diesen Worten eingehllt. Es half mir nichts, da ich
mein schnes Weib liebte, unaussprechlich liebte! Sie wissen, Lambton, um
mich Ihnen verstndlich zu machen: wenn Zwei Substantiva zusammenkommen, so
steht das Eine im Genitiv, oder: die Liebe hat auch das mit dem Magnet
gemein, da sie positiv und negativ _zugleich_ in den Liebenden ist, wenn
auch die Pole wechseln. _Ganz gleich_ lieben sich nie zwei Liebende, oder
Eheleute, und wenn sich auch beide noch so sehr lieben! Ich liebte _mehr_
-- und stand also im Genitiv! Da wir kein Kind, zu unserem Erbe hatten,
war ein Antrieb fr ihre ausgelernte, weltlichgesinnte Frau Mutter, dem
Verfhrer eine Brcke zu ihr zu bauen, und fr Sie selbst -- sie zu halten.
So thricht macht ein groes Besitzthum die Menschen: sich Erben fr
dasselbe zu ersndigen, oder einzuschwrzen -- die doch dann _Ihre_ Erben
nicht sind! Und wenn auch alles Andere ungewi ist, was die Weiber sind, so
sind sie doch kinderliebend gewi; und was man liebt -- begehrt man. Inde
wre meine Theano so schnell nicht gefallen!

_Theano!_ rief ich, und schlug vor Erstaunen die Hnde zusammen. Doch
erzhlte er eisern fort: Aber Sir Horazio, mein Freund auf Reisen, lud uns
nach Schlo Rowlandhill.

Rowlandhill! -- Horazio! rief ich nun wieder. Nun war es richtig! Da
sanken mir die Arme wie gelhmt. Mir war, wie gewissen Aberglubigen, denen
ihre Gtter und ihre Gttin in den Koth gefallen -- und Ich sollte sie
aufheben, rein waschen und allen wieder als ungefallene Gtter aufstellen!
Doch er erzhlte eisern fort: Ich jagte sein Wild im Walde, Er inde das
meine im Hause. Er feierte Feste und Blle . . . . und die Lust ruft die
Lste, die Lste die Laster. Alle sanften Vergngen und Empfindungen
erweitern das Herz, alle rauschenden verengen, bedingen es. Der Mensch
steht dann dem blo sinnlichen Geschpf, dem Thier, nher als der Gottheit;
und ein leises Uebergewicht, so sinkt er zu ihm hinab. Die rauschenden
Feste und Lste sind furchtbarer, als man glaubt, oder aus Drang dazu sich
gesteht; sie lsen das Herz auf; ber alle se und gewohnte Bande fhlt
sich der Mensch emporgetragen, sein Sinn taumelt und raset ber die schon
bedingenden Schranken; er fhlt sich frei! Scham und Sitte stehen im
Hintergrunde, die Frechheit naht sich wohlbekannt, und gern verkannt; das
Ohr hrt gnstig den Verfhrer, der Mund lchelt wenigstens selbstzufrieden
ber die gepriesenen Vorzge, wenn er auch nichts erwiedert -- und das
geduldete Bse wird das verschuldete. Alle Snden des _Herzens_ werden
durch auflsende Lust begrndet, alle Verbrechen der _sanften_
Leidenschaften begangen. Nur die ungeheuern Verbrechen des Verstandes
kommen nicht aus der Lust, als Verrath und Meuchelmord. Sie werden in der
Stille, im giftigen Winkel neben der Kreuzspinne ausgebrtet und
angeknpft, aus vergllter -- Lust, und vergifteter -- Liebe. Und so war
auch das meine! Ich will mir nicht wieder das Herz zerreien durch
Nachgefhl des Jammers bei meinen Entdeckungen. Vielleicht war ich zu
rasch, zu rachschtig, zu gewaltthtig, zu guter Kenner bser Weiber und
Mnner, und trieb mein Weib durch meinen Verdacht, durch meine Veranlassung
erst zu dem Verfhrer, dann in das Verbrechen, erst als sie sich aufgegeben
sahe von mir. So schmeichelt es mir noch heute zu muthmaen -- doch es wre
zum Verzweifeln, wenn ich Unrecht gehabt, wenn Theano unschuldig, nur
Freundin _meines_ Freundes -- wenn Horazio ein ehrlicher Freund gewesen und
also Lisanna doch _meine_ Tochter wre! Denn auch -- bei Weibern ist nichts
unmglich. Aber -- an den Weibern mu man den _Verdacht_ strafen, den sie
erregen; so thut schon die Welt -- und ich wollte nicht klger sein, als
sie. Weibliche Snden sind unsichtbar, und Geister fngt man nicht. Darum
verlangt das kein Richter. Ich konnte Horazio nach unserm Gesetz am Beutel
strafen; aber was half es mir, ihm zu nehmen, was er genug hatte, Geld!
Weibertreue ist unschtzbar, und Untreue hat keinen Preis, wie eine
zerbrochene Perle. Eine untreugewordene Frau ist schon zu_vor_ nichts fr
uns werth gewesen -- als unser zerflossene Wahn. Und welche Schande fr ein
Weib sich mit Geld ersetzen zu lassen. Die frechste Strafe ist immer und
berall die Geldstrafe: der Reiche lacht dazu, -- was er eben wohl nur
soll, mu man wirklich glauben; den Armen beraubt sie. _Geld_ pat nur als
Ersatz fr das, was Geld Alles vorstellen kann, selbst Arbeit und Zeit. Fr
alle Seelenleiden, alle Ehrenkrnkungen, fr verlorene Freiheit, verlorenes
Weib und Kind, kurz fr alles, was der _Seele_ des Menschen verdient
_theuer_ zu sein, als ein unschtzbar Gut, dafr mit Geld zu bezahlen, es
bis auf den _Bajoch_ auszurechnen, und das emprendste der Werke
herauszugeben, dazu gehrt das ausgebrannte Gemth eines armen Italieners
-- wie heit doch schon der Mann? Und doch verkaufte auch Ich mein Weib,
nach unserm Gesetz, dem Horazio, aber Ihr, der Verliebten, zum Schimpf nur
fr Ein Pfund -- _Sterlinge_. _Ihn_ konnte ich nicht strafen, als dadurch,
ihm wieder an's _Herz_ zu greifen, wie er mir gethan, -- und an Einer
Stelle ist Jeder verwundbar, von Achill bis auf den gehrnten Siegfried.
Die Gelegenheit fand sich erst nach 5 Jahren. Denn dem Horazio ward seine
junge se Tochter Elisa auf dem Christkindmarkt in London geraubt, whrend
er einen Freund begrte, und sie von der Hand gelassen. Unrecht Gut
gedeiht nicht! Die bestrafte Theano versprach die lockende, fr ein Kind
wie Elisa noch immer erbrmliche Belohnung von 10,000 Pfund, nebst
Interessen -- jetzt 15,000 Pfund -- au porteur! Aber wer sie geraubt,
brachte sie nicht aus Furcht der Strafe; das Mdchen mute von Andern
erkannt und verrathen werden -- nur von _Mir_ nicht! Denn in einem
begonnenen Gemlde meines Freundes, des berhmten Malers L . w . . . ce,
erkannte ich Elisa in dem Mdchen Maria, welches die Stufen zum Tempel
hinaufging, um dem Hohenpriester vorgestellt zu werden, der sie oben mit
ausgebreiteten Armen erwartete. In der Ecke, welche die Treppe mit der
Mauer bildet, sa ein altes Weib und verkaufte Maria's Mutter junge Tauben
zum Opfer. Das ganze Bild erinnerte fast zu sehr an Tizians Prsentation
der Maria in der Carit zu Venedig. Ich lie das Werk vollenden, nur bat
und bewog ich meinen Freund, dem angelegten Hohenpriester meinen Kopf zu
geben, und Maria's Mutter das Gesicht der Theano, deren schnes
wohlgetroffenes Portrait ich von seiner eigenen Hand, noch in meinem
Schlosse gemalt, besa. Ich wollte das Bild Lady Theano in die Hnde
bringen, abwechselnd aus Mitleid und Wiedervergeltung. Ich sahe hinter
einem Vorhange verborgen die Scene, fast meine Eifersucht verwnschend, und
das Weib in der unbeschreiblichen Mutter vergessend, als Theano Elisa
erkannte. Sie rief nach ihr, wollte in ihrer Betubung sogar den Fu auf
die gemalte Treppe setzen, ihr Kind herabzuziehen, und glhte und starrte
in der Unmglichkeit, es in dem Bilde, wie in dem Spiegel eines See's zu
erreichen, inde das Kind, ihre jammervolle Klage berhrend, den nach ihm
ausgestreckten Armen schweigend entgegen ging! -- Ich hatte lngst
Bekanntschaft mit der Russel gemacht, welche die Taubenhndlerin im
Gemlde, und die Modell-Zufhrerin des Malers war, die er ihr ohne Weiteres
nannte. So ward denn dieser der Raub des Kindes zugeschrieben. Nicht mir --
dem Erkufer der Russel. Ich brachte Elisa in Sicherheit. Meine Russel
leugnete kalt und strrisch, obgleich die Mutter sich ihr im Gericht zu
Fen warf, und sie um des letzten Gerichtes willen beschwur. Sie leugnete
-- nicht mehr: sie sprach gar nicht mehr, auch berwiesen, und ward zur
Deportation verurtheilt. Theano ward ohnmchtig hinweggetragen. Ich sa
unter den Zuschauern. Ein hartes Wort machte mich zum Ableiter ihres innern
Grimms und verdchtig; aber nur verdchtig. Doch kam nun meine bisher
verschwiegene -- Scene zur Sprache; und als ich dafr zum _Deportirten_
ernannt (eine Stelle, die ich mit Freuden annahm, um meinen Raub zu
vollenden) -- in van Diemensland eingetroffen, mit der, einem auswandernden
Freunde anvertrauten Elisa -- Ihrer Lisanna, bester Lambton, vergalt ich
der Russel, wie ich konnte, und wie sie fhig war. So hatte denn Ich etwas
gethan, was kein Gesetz im Stande ist, nmlich eine unsittliche Handlung
bestraft durch eine unsittliche Handlung, und zugleich den Beweis fr die
Welt, wenigstens meiner Seele gegeben, da man Unrecht nur durch Unrecht
strafen, durch Strafwrdiges Strafwrdiges ausgleichen kann, was nur der
Gottheit zukme, wenn sie nicht die Gottheit wre. Seit der Zeit ist mir
Strafe als Strafe ein Unding, ein Verbrechen. Der Mensch, der strafen will,
unterfngt sich Unmgliches, oder Teuflisches. Sieben Mal siebenzig Mal
soll Jeder dem Andern tglich Alles, Alles vergeben! Vergebet also auch,
Lambton, der Russel und mir!

Ich mute mich vor Wehmuth wegwenden. Doch hatte ich die Hand schon
gleichsam vorrthig in der Tasche -- zur Vergebung.

Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung sagen: Manchmal
wollt' ich das Kind verderben, verwahrlosen! an Geist und Krper zerrttet
seinen Eltern wiederschicken, mit dem rgsten Verbrecher durch Verbrechen
verbunden -- wenn der Engel nur das leiseste Versehen htte begehen knnen!
Wenn ich es nur ber ihre Schnheit, ja ber die treuen jungen Zge ihrer
einst geliebten Mutter vermocht! Denn ich hatte doch _einen_ Ersatz: ich
hatte mein Weib wieder -- als Kind! als zartes Mdchen -- als rosige
Jungfrau! Wie ich Jene nie gesehen, wie selten ein Mann seine Frau schon
gesehen hat: in ihren Spielen, in ihrer Unschuld, ihrer Entwickelung zur
reizendsten Jungfrau -- so sah ich Sie! Und, Lambton, ich gnne Euch
dasselbe Glck: einst Elisen so zu sehen in ihrer -- Eurer Tochter. Es ist
gar so s! Und so mu sich der Mensch das Leben zusammenstellen, wenn er
Alles haben will, was es nicht zu enthalten scheint, und doch so wunderbar,
so lieblich enthlt! Auch ohne da sich die Russel an Patrik verrathen und
dieser sie und mich an Roborn, der nun auf Wiedersendung des Kindes an
seine Eltern dringt, htte ich Euch eines Tages gewi zu ihnen gefhrt;
denn meine Zeit hier ist zwar aus, aber nicht mein Ehrgefhl, und die Scham
vor den -- eingebildeten -- Guten und Glcklichen. Wie mein Auge den
Thrnen, ist meine blasse Wange dem Blute verschlossen, um vor jedem
Menschen immer wieder zu errthen; und man mchte mich fr verstockt, fr
aus- -- geschmt halten. Das hlt die meisten Entlassenen hier, wie die
Gewohnheit den Genesenen im Bett. Hier: bin ich ein Frst, der
Schlangenknig! der ohne Gift ist, wie der Weisel ohne Stachel. Inde wird
Doctor Toland mit Euch gehen. Elisa's Anerkennung kann nicht fehlen; es ist
Alles dazu eingeleitet. Nur an Elisa -- Eure Lisanna -- verrathet nicht,
wer, wie reich und vornehm ihre Eltern sind! es soll sie berraschen. Doch,
da sie mich leichter vergit, und selbst die alte Russel, die sie, wie das
Kind die hliche Ziegen-Amme, die es gesugt, unglaublich liebt; da sie
mit Hoffnung nach England zieht sagt ihr, Ihr fhret sie zu ihren
wiedergefundenen Eltern. Das erlaub' ich Euch; denn, wie sie fromm gesinnt
ist, nhme sie Tagelhner mit Freuden dafr an. In England aber sagt nicht,
am wenigsten ihren Eltern, da Ihr Elisa's _Gatte_ seid, so lieb Euch Elisa
ist! Auch _Sie_ soll nicht offenbaren: _da sie Euere Gattin ist_, so lieb
ihr Lambton ist, bis _Toland_ es Euch Beiden gestattet. Nur das sind meine
Bedingungen, die Ihr mir mit Handschlag gelobt! Das Schiff geht Montag; die
Argo, worauf Ihr Euch das goldene Vlie in die Heimath fhrt. Gut' Nacht!
--

Er lie mich stehen. Er schied; und was schied alles mit ihm von mir! Was
war alles ber mich gekommen! Was war alles schon um mich und fr mich
vorhanden gewesen! Welche Riesenhand vorrthig -- _wie meine Hand in der
Tasche_ -- zur Vergebung. Was wollte _mir_ die groe Geisterhand aus
_ihrer_ Tasche -- _der Welt_ -- reichen? _Doch nicht blo die Hand!_ Wie
Ich sogar nicht! -- Mein erster Blick war zum Himmel; er war mir auf einmal
fremd, so fremd geworden! Die Sterne zogen hoch und glnzten hell. -- Ich
ging ihnen nichts mehr an, wie ein Sterbender! Die dmmernden Berge, die
suselnden Cocos, die geschlossenen Blumen -- sie waren mir gleichsam vom
Herzen gefallen! Sie gehrten nun Andern, mir nicht mehr! -- die Hgel, die
Bume, der Flu und die Felsen _hatten mir die kurze Scene gebildet_, aus
der ich -- hinausging. Und Lisanna! -- Mir war so Angst, als sollt' ich vom
Felsen in's Meer springen, wie die verlassene wahnsinnige Herzogin! Mir
fiel aller Muth. Denn Sir _Samuel_ schien mir immer noch etwas, wie Rache,
im Schilde zu fhren, ja gerade dadurch, da er an Sir _Horazio_ und Lady
_Theano_ die Tochter zurckgab -- jetzt erst, und _verheirathet!_ und _mit
wem?_ wenn auch mit keinem Verbrecher, aber doch mit einem Schulmeister;
welcher sonst hchstens eine ruinirte, und ihn vollends ruinirende
Kammer-Jungfer, so zu sagen, zur Frau erhlt, so zu sagen! Ach, ach! ja in
der Eltern Sinn und Glauben nicht einmal verheirathet -- wie Lisannen und
mir bei dem uersten Verluste zu sagen verboten war! -- und doch, ach,
ach, war sie gewi dort Mutter von einem, ach, ach, Kinde! -- Und sollt'
Ich der Giftbaum sein, welchen Sir Samuel in den Park des Horazio pflanzte?
Das Gespenst des Schlosses Rowlandhill? der Nagel zum Sarge fr Lady
Theano? und der Schminktopf der zu Mi Elisa erhobenen Lisanna? Und wie
pate zu allen ihren hohen Namen -- zu dem classischen: _Horazio!_ zu dem
Homerischen Namen der: _gttlichen Theano!_ -- wie zu dem
Virgilisch-Carthagischen Kniginnamen: _Elisa!_ wie pate da mein geringer
Name: _Esau Lambton!_ der mich an den Verlust meiner Erstgeburt jetzt
erinnerte, und mich sauer, wie Linsen anroch. Ich sahe Elisa im Geiste sich
schon vor mir auf dem Absatz umkehren, wenn _sie sich_ kannte, wie Mistri
Distre, da sie _mich_ kannte, und hchstens sprach sie nur auch: Schade!
Schade! ja sie ward mir die wahre Mistri Distre, meine Frau Unglck. --
Kurz, mein Entschlu war gefat, mich von ihr zu scheiden, bei Ehren zu
bleiben -- und selber nach Bedlam zu gehen, ehe man mich dahin brachte.

So stand ich vor meiner Schule; ich hrte Lisannen drauen im Hause frisch
gebackenes liebes Brot mit anklopfendem Finger prfen, ob es wohl gerathen
sei -- o wie dauerte sie mich bei solchen Geschften armer Leute, mit ihren
weien Armen im Backfa zu kneten, mit den vornehmen Hndchen zu wirken!
statt Spitzen und Hauben! Und wie man sonst mit dem Finger nur an die
Stubenthr anklopft, klopft' ich schon an der Hausthr an. Sie glaubte, ich
wollte sie necken, und ihr antworten auf das Brotanklopfen, und sie klopfte
wieder, die arme Seele! und trug es hinein. Dann blieb ich an der
Stubenthr stehen, wie man bei vornehmen Leuten steht. Lisanna war mir auf
einmal eine Respectsperson geworden, und ich blinder Thor, ich sahe nun
wirklich erst, da sie die, -- nur junge, kummerlose, schne Lady Theano
war! Sie stand so hoch, so blendend ber mir, da ich nicht wagte, sie
anzuschauen, mich demthig vor ihr verbeugte, und wehmthig die Hand kte,
aber die Augen nicht zumachte, damit die Thrnen ihr ja nicht darauf
fielen. Ach, sie glaubte, ich scherze, verneigte sich, kte Mir die Hand
und sprach: Ihre Dienerin, mein Herr Schulmeister! -- Das waren lauter
Dolchstiche! Nun ging es zum Abendbrot, das heit: Brot des Abends. Gott,
wie schonte sie fr sich die Butter, wie bestrich sie mir es fett; wie
geduldig, wie munter a sie, mit welchem geringen Messer; wie bald war --
die Tafel -- und das Brot aufgehoben! Nur die _Bananas_ in ihrer Hand
freute mich, die ganze! in England bekme sie nur ein Schnittchen! Vor
ihrer Zrtlichkeit, ihren Kssen blieb kein Mittel, als mich vom heutigen
Abend an, auf das liebe neugebackene Brot, Gott verzeihe mir die Snde! das
mir von ihrer Hand sonst immer so wohl, so s, aber wirklich heut' etwas
bitter geschmeckt -- _mich krank zu stellen!_ Wenn ich nur vorher nicht
immer so ein rstiger Mann Gottes gewesen! Sie wollte die Nacht noch im
Regen zu Doctor Toland. Ich heuchelte nach einander nun Chiragra und
Podagra, Gesichtsschmerz und Schmerzen an allen Gliedmaen, da sie nur von
fern um mich schleichen, mich nicht anrhren durfte! Ich that ihr so leid,
so leid! und sie mir, wenn sie nahe vor mir kniete, zu mir herauf sah, oder
die Haare auf meiner Schulter doch in ihre Hand nahm, und sie streichelte
und kte statt meiner! Das war wohl ein Jammer! --

Doctor Toland hatte sie unterrichtet, sie gehe zu ihren Eltern; sie hatte
beschworen, nicht vor der Zeit zu verrathen, ich sei ihr Lambton. Aber sie
wollte nicht reisen, weil Ich krank war -- und: Ignoti est nulla cupido,
auch wenn _Cupido_ selbst, oder Vater und Mutter die Unbekannten sind. So
mut' ich denn _an mir selbst ein Wunder thun_, was noch kein Wunderthter
gethan noch vermocht, und mich gesund machen, was spottleicht war -- um Ihr
das ihr zustndige Glck zu verschaffen. Es that mir wieder wohl, ihr nahe
zu ruhen, und mich mit dem Hirten Anchises zu vergleichen, der das
himmlische Kind Aphrodite in seine sonnenbraunen tchtigen Arme -- wie
meine -- geschlossen. Nun erst fhlt' ich die sammet-weiche Haut an
Schulter und Nacken Elisa's, ganz heimlich und leise, wenn sie schlief! Nun
erst sah ich das erhabene Gesicht, auf dem der Adel ihrer Familie lag; sahe
die zartgebildete Hand, vornehm und fein, und feiner bis auf die Ngel an
ihren Fingern, und das rosige Roth, wie der rosenfingrigen Aurora, wenn sie
eben drauen am Himmel die Nachtgewlke zu Taggewlken frbte und die
Spitzen der Berge berhrte! Dann blickt' ich wehmthig zum goldenen groen
Morgenstern, und war doch selig und selbst zufrieden darber, _was_ ich,
und _da_ ich es _besessen!_ um die niedrige Wort zu gebrauchen. Ach,
dacht' ich, es ist doch ganz ein anderes Ding um ein vornehmes Kind! Doch,
wenn ich nun gar an mein Anchisesloos dachte, dann kann sich kein Grieche
so vor dem groen Aeneas, dem Hasenfu, gefrchtet haben, als ich _vor
einem kleinen!_ Der brachte mich um! --

Toland, der Menschenfreund, glich aus, was auszugleichen war, und trstete
_Lisanna_ und mich. Sein Wort: _Elisa_ wird keines Trostes mehr bedrfen!
war mein Trost und Gram. Denn, da ich doch etwas Uebles von ihr sage, mu
ich gestehen, da sie sich nicht wenig darauf einbildete, des
Lancaster-Schulmeisters -- Lambton -- Ehefrau -- zu sein! Darin lag gar
viel Samen des Unglcks fr mich, und Alles kam darauf an, wie sie in ihrem
Herzen den Ton auf die Worte legte, ob auf _Schulmeister?_ oder _Lambton!_
ja, ach, ach, _Ehefrau!_ Denn von _Lancaster_ wute sie so viel, wie die
groen Herrn von mir! Ich hoffte wirklich manchmal noch, da Sie mein
bleiben werde, oder doch _wollen_ werde, wenn auch die Eltern nicht -- und
dann lchelte ich sie an, wie mein! nicht blo wie eine Fremde, nach meiner
Ehestandsregel. Sie erinnerte sich meiner doch -- und

   Frei ist die Zunge genug, der man -- zu schweigen vergnnt!

sagt Owen, dacht' ich!

In den letzten Tagen vor unserer Abreise aus dem nie wiederzusehenden
schnen unvergelichen Lande -- meinem Paradiese -- lief ich auf jeden
Hgel, schaute in jeden Quell; ging die Wege, die ich sonst gegangen, und
rhrte doch noch einmal die Bume an, in deren Schatten ich gesessen, ja
selbst von meinen Rindern, meinem Bocke nahm ich Abschied. Das Leben
scheint uns eine Vorbereitung, ein geschftiger Sonnabend. Mit dem Gefhle,
als werde man Alles immer wieder thun und schauen, als sei aller Reichthum
der unwandelbaren Natur Uns unwandelbar und immer gegenwrtig bei der Hand
-- schaut und thut und liest man die und das, als einen Versuch, im Scherz
-- und kaum ist es gethan, so ist es unwiderruflich und ein rechter Ernst:
_es war die Sache selbst!_ -- So war es auch hier mit meinem Aufenthalt, --
so war er, so blieb er! Wenn nur auch mit meiner Ehe! -- wehe! -- Mit allem
Nothwendigen versah uns Sir Samuel reichlich, und die Russel schickte noch
ein Fchen, ein Pcktchen, ein Flschchen, eine Kiste, ein Tschchen,
einen Topf, einen Korb nach dem andern fr uns in's Schiff mit sen
Pataten, herrlicher Schafbutter, Blumenkohl, Broccoli, Schinken,
gerucherten Fettgnsen, frischen Austern, Eiern, frhen Kirschen, grnen
Mandeln, Ananas, Bananas, Cananas -- das ganze Alphabet von Frchten durch,
bis auf die Yamswurzeln und den Apricosen-Zider, den sie mit dem Z. auf den
Zettel geschrieben, so gut wie das Co in Cocosmilch mit Cow, als wenn sie
von der Kuh kme; aber ganz frisch war sie! Wie schwer schied die Russel
von Lisanna! und Lisanna dankte ihr noch tausend Mal fr alle Liebe, alles
Gute, und kte ihr die kinderruberischen Hnde! Ich wute das freilich
besser, aber lie ihr auch die se Wehmuth zu scheiden ungetrbt. Wie
glcklich macht die Unwissenheit, die so gut wie Dummheit ist, und die
Dummheit so gut wie Unwissenheit; darum dringen die groen -- Gelehrten so
darauf. Wissen macht ein schweres Herz; der Glaube macht selig! aber _was_
steht dahinter! Ach, ach!

Sir Samuel, Tydal, Roborn und Patrik begleiteten uns in das Schiff;
Mistri Clara fhrte die weinende, nur zur Erde sehende Lisanna. Der Maler
Clarke, ihn noch einmal so zu nennen, gab mit zum Andenken fr mich und
Lisanna eine kleine Mappe mit Ansichten von Hobarttown und Sir Samuel's
Besitzungen, dem Park und den Weidepltzen. Der Schalk, der bucklige kleine
_Hobday_, brachte mir selber die getrocknete Haut von dem armen Ziegenbocke
mit nunmehr ihren, nicht seinen groen herrlichen Hrnern weil er
_ausgemeckert, ausgestoen_ hat wie er sagte. Die gute _Ofa_ brachte mir
heimlich auch meinen _Rinderhirtenstab_, den ich kte! Und was, was that
mein Lambton da, aus Ueberstrzung von seinem genossenen und verlorenen
Glck -- -- er kte Ofa dazu! Die einzige, erste und letzte Ueberraschung,
die _meinem Lambton_ je geschehen! -- Aber er weinte dazu -- und unter
reinen andchtigen Thrnen geschieht nichts Arges. -- Und war er nicht ganz
voll Thrnen? Hatte nicht Homer, wie von der heien und kalten Quelle, von
seinen Augen gesagt er weinte mit einem Auge se Thrnen mit dem anderen
bittere. Ja bittere! Denn wem sein Vaterland zum Unglcksort werden soll
durch dumme -- verzeihe mir Gott -- Menschen, wem sein Vaterland
schlechter, verwnschter sein soll als ein, wenigstens freies
Verbrecherland, der mchte wohl aus einem Auge sogar Gttergalle weinen,
aus dem andern vom zerrissenen Herzen heraufstrzendes Herzblut.

Doch, was red' ich von mir! Ich verging fast ganz und gar in meine blasse
ernste _Lisanne_, die sich in eine fremde Gestalt, in _Elisa_ verwandeln
sollte, und leis verwandelte, aber ihres Lebens Kern und Gehalt in die neue
Gestalt mit hinber nahm, ihre Liebe! Ihre Liebe zu mir. Wie ihr aber dabei
zu Muthe war, das trumt nur eine Chrysalide, sogar meine Liebe nicht aus.
Die herzige Talo war untrstlich von ihrer Gebieterin zu scheiden. Sie
mute zurckgefhrt werden. Doch litt sie es nur bis hinter die ersten
Gebsche -- um doch nachzusehen!

Am Ufer umgaben uns Matrosen aus Capitain Yorks Themis, die noch
ausgebessert ward. Manche von ihnen hatten sehr anziehende, aber nur
nothdrftig angezogene malayische Weiber mitgebracht, ihre schwarzen
Haarflechten mit rothem Ocker gepudert. Herr Patrik schalt die Matrosen:
Weiberruber! _Wollt Ihr Europer nur Europer fr Menschen ansehen_,
denen Ihr Rechte schuldig seid, aber in allen andern vier Welttheilen macht
alle Welt was sie will? Man kann auch Leuten Unrecht thun, die kein Gesetz
haben, die uns nicht vor dem unseren belangen knnen. Aber das ist eben das
himmelschreiende Unrecht! Ist nicht Ulimaroa und alle Welt so gut doch wie
Neuseeland, wo fr jeden Raub, jede schlechte Behandlung im _voraus
Caution_ gestellt werden mu? Doch man glaubt das nicht im Hause, wie es in
der Welt zugeht! Die Weiber starrten ihn an, die Matrosen schlichen sich
fort. Das schlgt in mein Fach, sagte Roborn, ich werde mit dem Gouverneur
sprechen. -- Wir waren inde eingestiegen, der Anker war aufgezogen unter
dem taktmigen Geheul der Matrosen. Da kniete im Sande des Ufers noch ein
alter Mann, der seine Zeit der Verbannung ausgestanden. Ich habe nichts
verdienen knnen, ich war fast immer krank! rief er zum Capitain; ich
kann England nicht bezahlen, und mein Weib, und meine Kinder mcht' ich
doch nur noch einmal sehen in dieser Welt. -- Ich fhlte nach den 100
Pfund der Marion, auch die Interessen, die ich mir erbrigt hatte, waren
dabei. Aber es rief in mir: nicht Unrecht thun und knnt' ich der ganzen
Welt die Heimkehr erkaufen! So straft' ich mein blutendes Herz. Lisanna
zhlte ihr armes Beutelchen durch. Immer kniete der Mann das Schiff noch
an, wie der erste Mexikaner das erste Ro. Sir Samuel nahte ihm sanft und
schob ein kleines Blatt in seine Hand. Endlich sah der Alte es in seiner
Verzweiflung an, erkannte die Banknote, sprang auf, um nach dem Schiffe zu
strzen, aber that mit einsinkenden Knieen immer krzere Schritte, bis er
lang hinfiel, und doch nicht aufstand, und still war. Und so blieb er, als
man ihn umwandte; denn die Freude hatte ihn getdtet. Er hielt die Banknote
noch immer in seiner Hand. Patrik segnete ihn ein, da wir Alle weinten von
seinen Worten, dann nahm er sanft und selber weinend das Blttchen von ihm,
gab es Sir Samuel zurck und sprach: Der Himmel wird Euch danken; denn
_dahin_ habet Ihr ihm die Ueberfahrt bezahlt! Er ist im Vaterlande! Grmet
Euch nicht, da Ihr so gewirkt. Wir Menschen wissen nicht, was wir ernten,
nur was wir sen; nicht _was_ wir thun, nur _wie_ wir thun. -- Sir Samuel
nahm die Banknote, legte noch eine dazu, und bergab sie Herrn Roborn, der
sie dem Capitain bergab fr _Weib und Kinder_ des armen Seligen, der auf
dem Rcken liegend, so unbeschreiblich in den blauen Himmel hinauf
lchelte, als lachten ihn sein Weib und alle seine Kinder an, ja selbst der
gttliche Vater, wie die stille Sonne.

Durch seinen Anblick schieden wir Alle ernster und gefater, und nur still
weinend; und inde unsere Blicke an den hohen Platanen und Cocospalmen um
Sir Samuel's Wohnung hingen, wandte sich das Schiff aus dem Derwent um das
Vorgebirge nach Morgen, und Hobarttown verschwand allmlig immer weiter in
die Bai geschoben, wie Kinder langsam ihre bunte Stadt zusammenrollen. Dann
zerschmolz gleichsam die nchste Kste im Meere, der niedrige Grtel
Heidelandes; dann die hhere Ebene mit ihren Eichenwipfeln bis an die
Hgel; dann auch die ewiggrnen Hgel, die Berge, der letzte schneeige
Gipfel. Dann sanken die Wolken am Horizont herab, und deckten das Land zu;
und wie wir von ihnen herauf hher und hher bis zu denen sahen, die ber
uns hoch in der Blue schwebten, erhoben sie unsre Gedanken zugleich in den
Himmel. Whrend uns so van Diemensland, das Land ohne Miwachs, ohne
Ueberschwemmung, in ewigem Ueberflu, wie das Paradies untersank, stand
Doctor Toland mit dem Capitain der Argo zurckgewandt und sprach: Ein Land
fr tausend Stdte und hunderttausend Drfer! und hat nur zwei bis drei!
Wenn man sieht, wie ich gesehen habe, da aus Mrdern und Rubern sich und
andern ntzliche Menschen werden, ja sittliche, welche durch Warnung und
festen Sinn sogar ein besseres Geschlecht erziehen, als andere Eltern, die
theils nicht wollen, theils nicht knnen, und selber gemchlich,
gemchliche Menschen der Welt zum Glck oder Unglck berlassen, so dcht'
ich: es wre doch Schade, wenn man sie gehangen htte, oder Andre, die
thaten, wie sie, und wie ich. Der Mensch ist doch keine Maschine, die immer
dasselbe thun mu, bis sie zerbricht. Der Todtschlger keine Guillotine;
der falsches Banknotenmacher keine Kupferstichpresse; der Dieb kein Rabe,
wie Patrik sagt, sondern es sind gerade die rmsten unglcklichsten
Menschen, die gleichsam in der sinkenden Wagschale der Fortuna stehen,
damit die Andern oben schweben. -- Am Ende wird man noch jeden, der einen
Frevel begangen hat, beklagen, trsten, beschenken und lieben sollen!
entgegnete ihm der Capitain. -- So ungefhr mein' ich's! versetzte Doctor
Toland, und so meint es unseres Knigs Majestt. Wie viele sind zuvor nur
in 20 Jahren in England hingerichtet worden! wie viele in ganz Europa! --
alle nach dem Gesetz, aber nicht durch das scharfe Gesetz, sondern durch
_scharfe Richter_. Gewi eine halbe Million Unglcklicher mit Weib und
Kindern, welche, statt sich selbst ohne Nutzen und der Welt zum Gruel --
wenn sie ihn empfindet -- zu Grunde gegangen zu sein, jetzt schon die
hundert Stdte van Diemenslandes mit einer Million ehrlicher Leute erfllen
wrden! O! was ist den Vlkern heilsamer, als die unbeschrnkte, ber allem
Gesetze waltende Macht, die sie unbeschrnkt _liebt!_ Gott segne die
Monarchen, die nicht am Historischen hngen, sondern an Gott, blo an
Gott. -- Die Thrne, die ihm dabei im Auge stand, war gewi Cleopatra's
Perle werth, ja alle Perlen in allen Kronen.

Ich will nicht nach Europa! bat Lisanna, sich fest an mich schmiegend,
und einen ngstlichen Blick nach Morgen richtend.

Ist Toland nicht auch aus Europa, und Er ist ja ein Menschenfreund, und
dort sind ihrer noch viele, wenn sie auch nicht Toland heien! trstet' ich
sie.

Und Lisanna sprach beschmt: und Du ja auch, Lambton und Sir Samuel, und
die gute Russel! Gott segne sie! Und Du ziehst ja mit und Doctor Toland.

Zieh nur hin, mein Kind, sagte er; dort ist Alles prchtig, Alles
spricht schn, dort sind Millionen Kirchen, die zum Ersticken voll sind
alle Sonntage, und man betet dort das Vaterunser zu Dutzenden in einer
Viertelstunde. --

Lisanna freute sich holdselig, und lchelte vor sich hin. Und ich, der ich
mich schon vor englischer Rang- und Titelschaft genug zu frchten hatte,
sprach in mir leise: o selige Unwissenheit!

                   *       *       *       *       *

Steinkohlenwerk _Aloa_, in Sdschottland,
den 1. Advent 1820.

Diemal segelten wir nach Morgen, der Passatwinde wegen, in die Heimath.
Zuerst um Sdcap auf Tawai-Poenamu mit seiner Bergkette und dem Pic Egmont,
frei, hoch und schn, wie -- Egmont. Dann um Cap Horn. In Rio Janeiro, wo
wir acht Tage lang gleichsam Mittag machten auf unserer Reise, war Elisa
krank, aber nicht seekrank, sagte mir Doctor Toland, nicht von Amphitrite,
sondern von Aphrodite. Ach, ach! Ich war bestndig um sie, und sahe auch
hier wiederum nichts von allem Schnen -- als Sie! Ach, und alles Andere
konnt' ich vielleicht wiedersehen, immer sehen -- Sie hatt' ich ja nur, so
lange das Schiff uns trug! Ich wnschte, die Fahrt dauere ewig; ewig daure
die Hoffnung, nach dem Vaterlande zu steuern, und nimmer anzukommen; wie
man von bezauberten Schiffen erzhlt, die endlos auf dem Ocean
umhersteuern, voll Freunde, die nie sterben. Sonst hatten wir keine
Beunruhigung als von den Ratten, fr welche der Stewart, wie er sagte, eine
_Lectre_ hinlegte, um daran zu lecken und einzuschlafen.

Aber was mut' ich von Doctor Toland hren, dem Menschenfreunde! Der
Capitain fragte ihn eines Tages, ob er in Hobarttown nichts von der
Geschichte gehrt, die sich in London zugetragen? von einem Doctor,
Apotheker und wthigen Hunde? Toland lie sich erzhlen, da ein junges
Weib von einem lufischen Mops leicht geritzt worden sei, und da sich
darauf selbst bedenkliche Folgen gezeigt. Der Doctor, ihr Mann, habe
vergebens die bekannten Mittel dagegen angewandt, und daher den Wirth
seines Hauses, einen Apotheker, um das Arcanum gebeten, wewegen dieser
eben mit der Regierung um eine groe Leibrente in Unterhandlung gestanden.
Der Apotheker habe es ihm zu geben verweigert, um es durch seine, dem
Doctor leicht erkennliche Substanz nicht zu verrathen. Der Doctor habe an
den Sheriff geschrieben, um den Apotheker zur Herausgabe des Mittels
zwingen zu lassen. Dieser aber habe geantwortet: das Gesetz kann keine
sittliche Handlung gebieten, noch alle unsittlichen verbieten; Ihnen nach
ist nur _das_ Pflicht, was sie erzwingen knnen; unrecht und ungesetzlich
ist daher zweierlei. Der Apotheker kann nicht gezwungen werden; auch kein
Doctor. -- Aber zwingen kann er! habe der Doctor gesagt, den Apotheker mit
dem Mops in Ein Zimmer gesperrt, in welchem er ihn zur Beobachtung
aufbewahrt. Von dem nun auch verletzt, habe der Herr Apotheker endlich das
Recept fr sich und des Doctors Frau gemacht, es ihr selbst eingegeben, was
ihm gleich htte einfallen knnen, und Apotheker und Frau leben heute noch.
Der Apotheker aber habe geklagt, und sei als unschuldig freigesprochen,
der Doctor aber nach Hobarttown deportirt worden. -- Haben Sie den Doctor
nicht etwa gesehen? fragt er. Der Doctor bin Ich! sprach Toland lchelnd.
Der Capitain und, wir Andern traten einen Schritt von ihm weg. Er aber
sagte mit Nachdruck: Nur aus Pflichten, die sich auf menschliche,
krperliche und geistige Anlage grnden, kann das Haus ein Gesetz machen;
und das soll das Haus aber auch. Sittliche Freiheit besteht darin, das Gute
_nicht_ thun zu knnen, Tugend darin, es zu _wollen_, und brgerliche
Freiheit darin, es thun zu _drfen_. Aeuere und innere Gesetzgebung sind
daher Eine und dieselbe, obgleich die uere, das Gesetz, nur die
brgerlichen Pflichten des Menschen gegen seine Mitbrger in Betrachtung
zieht und wgt. Aber die Sittlichkeit, die einzig gttliche Kraft der
Religion, ist die Quelle _aller_ Pflichten, auch derer, die ich im
Gegensatz adlige trennen mchte; und jeder Gesetzgeber im Hause mu die
Gesetze aus _ihr_ herleiten, sie immer vor Augen und im Herzen haben, bei
Beurtheilung und Unterlegung von Handlungen unter das Gesetz. Denn
Sittlichkeit und Unsittlichkeit erscheint auch schon in ueren Handlungen
unverkennbar. Zu diesen ueren, hlfreichen, mit Einem Worte, guten
Handlungen mu auch das Haus zwingen knnen, auch schon als bloe
gemeinschaftliche Sicherheitsanstalt. Denn es ist einerlei, jemanden
ermorden, oder nicht das Leben retten. Der Hauptzweck des Hauses aber mu
sein, eine sittliche Ordnung einzufhren; das ist Gottes Wille, darum
Volkswille. Auch das Strafrecht nimmt sich ja schon die Freiheit, auf die
Triebfedern zu wirken. Wer aber den Menschen in die Seele greift, der
braucht ihnen nicht in den Arm zu greifen; wo die sittliche Ordnung
herrscht, kann die blo rechtliche, auch Kirchen-rechtliche aufhren, hrt
mit jedem Gebildeten auf, und hat bei Vielen schon aufgehrt. -- Der
Capitain warf ein: das Haus trgt aber nicht die Schuld, da wir lieben
Menschen noch nicht so gebildet sind, das Gute aus freiem Willen ohne
Gesetz zu thun -- -- das Bse nicht ohne Strafe! wollen Sie sagen;
unterbrach ihn Doctor Toland. Der Capitain fuhr fort: und wenn wir keine
das Gute gebietende Gesetze haben, so liegt es daran, da sie sich
hchstens geben, lehren, verbreiten lassen; aber Sie wissen ja, es fehlt
das eilfte Gebot, die _Kraft_ und der _Zwang:_ du sollst die zehn Gebote
halten! --

Ich, als von geistlichem Stande, der von dem Hause im Collegio Stipendien
genossen, nahm aus Dankbarkeit nun das Haus in Schutz, und sprach endlich
auch mit darein, also: das Gesetz, welches das Gute gebietet, ist da! es
ist Religion! und da es eben so viele Geistliche, Pfarrherrn, Schullehrer
und Vicare giebt, als Richter und Polizeimeister, fr welche das Haus
sorgt, und die geistlichen Rechte fr die hchsten hlt, so ist das Haus
entschuldigt!

-- Ich entschuldige auch das Haus! schlo Doctor Toland. Nur da es
trennt, was es zusammennhen sollte, ist der Fehler. Die Religionsgesetze
sollen die Staatsgesetze allein, und ganz allein sein, was man noch nicht
einmal versucht hat! Das Haus soll nicht unterscheiden: Religion und Recht,
sondern Wollen und Thun. Das Thun aber wenigstens mu gleich sittlich sein,
und nicht nach dem Recht, dem todten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach
dem lebendigen Wort gerichtet werden, wie es aus ihm geboten ist. Wenn
Einer von uns beiden nach Botanybai wandern mute, so war es -- der
Apotheker! Dixi! -- Dabei kehrt' er sich um. Der Capitain raunte mir in's
Ohr: er glaubt gewi das Hosenband verdient zu haben fr seinen
Apothekerzwang! Der ist von der Pfahlwurzel der Radicalen! ein
Unverbesserlicher, der glaubt, er denke und lebe recht.

-- So Gott will! seufzte ich aus tiefer Brust. Wie Gott will! --

Ich sah eben England! und konnte nichts als weinen, weil ich da meine
Lisanna verlieren mute! Wir segelten an der Kste hinauf bis an den
Meerbusen von _Forth_, in den Hafen von _Aloa_. --

Im Gasthause schrieb Doctor Toland sogleich einen Brief an Sir Horazio, den
Baronet, nach Rowlandhill; und ich berschickte heimlich Marion sogleich
ihre 100 Pfund nebst Interessen 6 pro Ct. richtig, nur mit der Bitte, es
Niemandem zu sagen, bis ich entschuldigt wre in Aller Augen. Denn, da man
selbst eine Pflicht nachholt, giebt uns gerade den Schein einer
Pflichtverletzung. Ich war freilich ein besserer Bote nach dem Tode, als
nach Gelde, doch ein ehrlicher, der nur einen kleinen Abstecher von 18,000
Seemeilen gemacht. -- Sir Horazio antwortete, da er nach Aloa kommen
wrde, und bestimmte den Tag.

Je nher nun dieser rckte, je ngstlicher ward mir; ich htte mich lieber
in die Erde verborgen! Und so that ich auch wirklich. Denn als Elisa,
Toland und ich, uns die ungeheuern Steinkohlengruben besahen, welche 2000
Fu tief sich unter dem Schwalle des Meeres hinausziehen, fat' ich den
Entschlu, mich zur Ruhe zu setzen und Steinkohlen zu graben. Meine
Schulmeisterstelle war besetzt; an andern Orten fehlten mir die Gnner; ich
schmte mich vor allen Menschen, aber am meisten Sir Horazio und Lady
Theano vor Augen zu treten, deren einzige Tochter ich so herabgewrdigt
hatte. Aber hier unter der Erde und unter dem Meere zugleich, mein
Schachtlicht vor der Brust, wute ich nichts von der Welt und ihrem
Gerusch und Treiben -- nicht, ob ber mir Schiffe fahren im Sonnenlicht
oder im Mondenschein, ob der Donner rollt, Blitze ein Schiff zerschmettern,
ob es sinkt und versinkt ber meinem Kopf -- mich kmmert es nicht, mich
trifft es nicht -- unwissend sing' ich mein Abendlied, und verdiene mir
morgen es wieder zu singen! Ach, wre ich nur eher hierher gegangen, als
nach Hobarttown! Wie selig knnt' ich hier leben! -- Doch war es hier noch
am besten; ich lie mich zu der Arbeit dingen und verschwand den Tag vor
Sir Horazio's Ankunft. Denn die letzte Nacht fragte Elisa mich noch, so
ganz im sorgenlosen Flusse des Gesprchs: wie ich wohl wrde einen Knaben
nennen? und ich sagte, nichts ahnend, und wie einen Spruch betend: Er
soll Aeneas heien! -- bis mir die Frage auffiel, centnerschwer. Nun war
kein Bleibens mehr! Ich schied selbst ohne Ku von ihr -- ohne mehr sie
anzusehen. Das war ein Jammer! -- Nun Gott segne Sie, Sie! fr sich und
mich, fr Sir Samuel und die Russel! fr Horazio und Theano, fr die ganze
Welt! -- Das fleht' ich im Fortwanken und Weinen. Wo ich hinging, hatte ich
auch dem Doctor Toland verschwiegen. Nur bat ich ihn, mir Nachricht zu
geben von Lisanna, vom Ausgange der Schlacht des Weibes, wie Euripides
sagt, -- und lie ihm meine Adresse. Denn eines Tages, als ich mit Lisanna
die Stadt, ihre Glas-, Tauwerk- und Segeltuchfabriken und die
Schneidemhlen besah, traf ich den alten Kleinhndler Oldham aus der
Taverne im Hafen zu Portsmuth, hier an seinem Wohnorte wieder an. Er
erkannte mich, fhrte uns in sein Haus, zeigte mich seiner Frau, und dankte
mir, da ich ihren Augen htte geholfen, den Staar stechen! Ich verneinte
das; er bejahte es und erklrte, da ein geiziger Arzt es nicht habe
umsonst, noch auch nur ein Auge um weniger Geld als seine Taxe, thun
wollen; darum habe er die Hfen durchstrichen, wo die Matrosen gewhnlich
das Geld wegwerfen, um es nur los zu werden. -- So waren meine Leidenthaler
Freudenthaler geworden! Nun wute Lisanna, was ich damals selbst nicht
wute. Diesem dankbaren alten Oldham entdeckt' ich nun auf sein Gewissen,
wo ich zu finden sei; und an diesen wies ich den Doctor Toland, den
Menschenfreund, wenn er mir einmal schreiben wolle. Dazu lacht' er nur, und
sagte: Wir mssen uns freilich trennen; wir werden Euch aber schon zu
finden wissen! Gebt die Adresse! Gedenkt an Euere Zeilen von der Geduld,
und kommt uns ja nicht nach! --

Das war doch gewi keine Einladung, mit nach Rowlandhill zu gehen, noch Sir
Horazio abzuwarten! Er zwingt ja sonst die Leute zum Guten, also mu es
wohl etwas Bses sein, da ich dort erscheine! Aber hat doch Elisa die
groe, wundervolle Gruft gesehn, worin Ihr Lambton sich selber beigesetzt!
Doch ach, Ich lebe! und Sie unter dem Himmelsgewlbe ist fr mich todt! Ich
kann mich gar nicht mehr satt an dem Morgenstern sehen, wenn ich meine
Nachtschicht abgefahren habe und hinaustrete unter das Firmament, und wenn
Er mich noch immer ansieht, wie damals an Lisanna's Seite! Mstr. Oldham
hatte ein Lied unter seinen Liedern Der Morgenstern, das ich einsteckte.
Das Lied spricht mir ordentlich aus dem Herzen, und das sollen die besten
Lieder sein, die allen Leuten gleichsam aus dem Herzen sprechen und singen.
Das Lied sing' ich dann in der Frhe:

   Die Sterne thaten beraus geschftig,
   Sie regten sich, und hatten ihr Begehn,
   Sie blinkten gar so silbern, frhlingskrftig;
   Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn?
   An Ihrer treuen Brust so treu geborgen
      Verweilt' ich bei ihr, lang' und gern;
   Drauf scheidend, brannte nur im Purpurmorgen
      Der Morgenstern.

   Sind nun die Sterne wieder so geschftig,
   Da mein' ich, mt' ich wieder zu ihr gehn!
   Sie blinken ja so silbern, frhlingskrftig,
   Doch ach, nun hab' ich Zeit hinauf zu sehn!
   Die treue Brust, die mich so treu geborgen,
      Der holde Geist ist ewig fern!
   Und weinend findet mich am Purpurmorgen
      Der Morgenstern.

   Und thut der Stern so beraus geschftig,
   Und regt er sich, und hat er sein Begehn,
   Da mein' ich holdgetrogen, liebekrftig:
   Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn! --
   Du hast sie jetzt gesehn! so raunt's verborgen --
      Dann seh' ich Sie! und seh' so gern:
   Sie ist's! das schne Licht im Purpurmorgen:
      Der Morgenstern!

                   *       *       *       *       *

Steinkohlenwerk _Aloa_, am heiligen Dreiknigstage 1821.

Gestern brachte mir Mstr. Oldham einen Brief von Dr. Toland in den Schacht;
und ich las ihn entfernt von den andern Arbeitern in einer Seitenhalle bei
meinem einsamen Grubenlicht. Den Brief mu ich eintragen, und schreibe also
Folgendes noch einmal selber an mich.

                   *       *       *       *       *

Schlo _Rowlandhill_, Neujahrstag 1821.

Guter Lambton!

Ihr arbeitet in der Grube ohne Mond und Sterne, Ich unter dem hellen Himmel
im Sonnenschein, und auch die Sterne fehlen nicht, auch nicht gnstige.
Mein Werk ist halb gethan. Doch vom Anfang ist anzufangen. Ihr wit, Was
ich sage, ist immer aufrichtig; aber ich sage nicht immer Alles. Das hab'
ich mir an dem Krankenbett angewhnt, wo die Anverwandten uns Doctoren
bestndig um das Prognostikon plagen. Auch Lisanna war krank, recht krank,
als Ihr Euch uns entzogt. So stellte ich Ihr nun das Prognostikon: es werde
so gut fr Sie und Euch. Wenn es nur gut fr Ihn, seufzte sie, bin ich
zufrieden, und will leiden, meiden und schweigen. Das Recept, worin ich
fr ihre Sehnsucht, als Basis, ihr Vater und Mutter verschrieben, schlug
vortrefflich an; das Adjuvans war ein Mann, und das Bindemittel der
Fenchelzucker der guten Hoffnung. Also noch in Forth, auf, einem
Spaziergange vor die Stadt, landeinwrts, begegnete ich Sir Horazio zu
Pferde. Er war stark geritten, hielt seinen Hut in der Linken, und rieb
sich mit dem gelbseidenen chinesischen Tuche die wenigen schwarzen Haare
zusammen, und trocknete sich den Schwei von seiner hohen Stirn. Daran
schon erkannt' ich ihn, trat ihm in den Weg und sagte: Ich bin Doctor
Toland. -- Er hielt, und erkannte mich, da ich frher sein Hausarzt
gewesen war. Ich sagte ihm nun mndlich, da Ich ihm seine Tochter, seine
Elisa, die verlorne, wiederbringe. Er blinzte mit den Augen. Wie wird sich
meine Theano freuen -- wenn es wahr ist! war seine Freude: dann war er
beinahe kalt, ernst, und ging sehr vorsichtig zu Werke, welches ein
Rechtschaffener jedem gern gestatten kann. Zu uns eintretend, grte er nur
leicht Lisanna, der ich Namen, Wohnort, Stand und Vermgen ihrer Eltern
bisher alles verschwiegen hatte. Ich verzieh ihm den leichten Gru, und
Elisa dankte ihm nicht einmal, denn sie war eingeschlafen. Sie lehnte
rckwrts mit dem Kpfchen an der Tapetenwand, und sa ihrem Vater
gleichsam Probe. Whrend er errthete, erblate, auf die Lippen bi, die
Augen fest zudrckte, und warm und kalt anzufhlen war, legt' ich ihm
Roborn's Zeugni und Aufnahme der Aussage der Russel vor. Er bezweifelte
die Wahrheit ihrer Worte, ja er mochte wohl glauben, es sei dieselbe Russel
nicht. Ich zeigte ihm das Bild unserer Russel, den schnen Kopf von Clarke
gemalt, und die Treue und Aehnlichkeit desselben gestempelten Bildes mit
der in der Rauchkammer krank gewordenen Russel, gleichfalls beglaubigt von
Roborn und Patrik. Horazio stie ihr mit der Faust in's Gesicht, welches
mit keinem Auge blinkte, keine Miene verzog, sondern ohne Furcht ihn ansah.
So etwas macht Eindruck. -- Warum gestehst du jetzt erst, alter Satan!
redete er sie an, da Theano dich umsonst beschworen, da ich Dir vielleicht
Verzeihung ausgewirkt, Dir noch 10,000 Pfund gegeben htte, wenn Du meiner
Theano ihr Kind wiedergabst! -- Wer ein Gesprch gern erlschen sehen
will, der darf nur nicht antworten; und so that die Russel. Dafr
entgegnete Ich ihm: Glauben Sie einem Doctor, Sir Horazio, da vor dem Tode
mancher Menschen die Zunge Dinge verrth, welchen der Tod nur Strick und
Schwert erspart. Der Mensch braucht dann Vergebung -- und vergiebt. Er mu
alles geraubte, unrecht erworbene Gut zurcklassen -- und er giebt es von
selbst wieder, um Ersatz zu leisten. Er hofft die Seinigen wiederzusehen,
und erfreut beraubte Eltern mit den Ihrigen! Vieles, vieles, und grade das
Schwerste, das Ungeheuerste kommt freilich niemals an die Sonne! und kein
Mensch erfhrt es! Das hab' ich auch gesehen in Krankheiten und
Todeskmpfen; aber ich habe auch gesehen, da sich die Menschen mit
verborgener Snde die Seele vergiften, da gegen diese Aqua Toffana kein
Mittel ist, und da leider Viele, Viele daran sterben. -- Sie ist ja aber
nicht gestorben! les' ich; warf mir Sir Horazio ein. -- In der Welt der
Tuschungen gilt der Wahn fr die Wahrheit; man macht auch Testamente auf
den Todesfall -- Schenkungen unter den Lebendigen; begegnet' ich ihm. Dabei
hielt ich Sir Samuel's Bild in den Hnden, dem er Elisa's Erziehung und sie
selbst jetzt hauptschlich zu danken habe. -- Er that einen wunderlichen
Blick darauf, und vor Zorn und Mitleid, Ha und Neigung traten ihm die
Thrnen in die Augen. Er deckte das daneben liegende Bild darauf, Lambton,
es war das Eure! und als er Euch nun sah, tief er aus: Eine schne
Gesellschaft Menschen! Das ist der reiseschtige Thor, der, um seine Lust
zu befriedigen, ein Mdchen um ihre Erbschaft, und dadurch um einen Mann
gebracht, und sich um die Schule und meine Gunst; und nur auf Theano's
wunderliche Frbitte habe ich ihn nicht lassen in die Zeitung setzen, wie
noch geschehen kann! -- Ihr seht, mein unschuldiger Lambton, es mchte
also nur Ein Mittel geben, Euch wieder zu Eurer Stelle zu helfen; und Sir
Samuel, wohlweise, und die vornehme Welt kennend, hat es mir
vorgeschrieben. Das ist mir desto lieber; denn es schmeckt nicht ganz s,
und dauert mich einzugeben. Aber das Mittel, das anschlgt, ist dem Doctor
unschtzbar, wenn er ein Menschenfreund ist, wie Ihr mich immer zu nennen
beliebt. -- Viel Anstalten! viel Auslagen! klug ersonnen! aber die
niedergelegte Summe ist auch nicht klein; murmelte Sir Horazio. Ich machte
die Thr auf, um ihn die Treppe hinunter zu werfen, und fate ihn schon
beim Kragen. Der Lrm erweckte Lisanna, und ein Blick auf sie lie mich
meine Hitze bereuen. Sie sprang auf, sie stand, sie kam auf uns zu und rief
ngstlich: Was beginnt Ihr? -- Sir Horazio sahe ihre Bewegung, ihren
Wuchs, ihre Stellung und hrte ihre Stimme, ja grade diese Worte mit
sichtbarem Erstaunen. Er nahm den Hut, schied bereilt, und sagte mir nur
auf der Treppe: Morgen nach London, Toland! --

Und so geschah's. Dort erhielt Lisanna schne Kleider, die sie noch einmal
so schn machten. Auch als Doctor, und gerade als Doctor, der die Menschen
alle fr Stative, fr nur berfleischte Todtengerippe ansieht, mu ich
sagen: Der Putz ist wirklich kein leerer Schein! Der Hliche mag sich
schmcken und anziehen wie er will, der Schne ist doch geputzt am
schnsten, und schner als er sonst selber! so wohlgeordnet jede Locke und
jede Falte wohlgelegt! Und ist das Weib nicht immer so, kann sie doch immer
wieder so schn sein -- wenn sie sich _wieder_ putzt. Ich sehe, der Putz
ist den Frauen unentbehrlich, wenn sie Alles sein wollen, was sie knnen;
und darum mag ihn keine entbehren, kein Mann ihn seiner Frau, kein Vater
ihn seiner Tochter entbehren lassen. Kurz, Lambton, die vornehmen jungen
Herren ritten und fuhren uns nach, selbst die Damen blieben stehen, und
einige aus den 40,000 Jungfrauen riefen auch wohl bezaubert das schner
Engel! ihr zu. Denn, wenn auch Lady Theano das groe Bild die
Prsentation in Schlo Rowlandhill besitzt, so sind doch hin und wieder in
London in reichen Husern andere Gemlde desselben Meisters, zu welchem er
das schne, schne Kind Elisa als Vorbild, oder Natur, wie die Maler sagen,
benutzt, und sie als Engel hinein gemalt hat. Selbst mit der Krone, als das
Kind, das Macbeth wahrsagt, hab' ich sie sehen im Kessel stecken, ber dem
Feuer und unter den Hexen in Dampf und Glut. Solche Bilder nun zu sehen,
fuhren wir in der Stadt hin und wieder. Horazio verglich dann Farbe des
Haares, Colorit, Oval des Gesichts, Braun der Augen, Gliederung der Hand,
und was wei ich Alles mit ihr, doch ohne da es Lisanna bemerkte, die
ihren Vater nicht erkannte, so wenig, als den Maler L . w . . . ce, und nur
mit gefalteten Hnden und befremdeten Blicken vor den rhrenden kstlichen
Gemlden stand; besonders vor einem, worauf sie als des verlornen Sohnes
kleine Schwester ihm unter der Treppe heimlich ihre Feige zusteckt, wie dem
Lambton manchmal Nektarinen; und vor dem andern, worauf sie als Engel im
Felde den Hirten groe Freude verkndigt! -- In den Zwischentagen habe ich
Eure Kisten alle verkauft, die ich mir hatte aus Forth nach London
nachkommen lassen. Das kostbare Herbarium vivum, die Smereien, die
gottgemalten und im Feuer der Natur vergoldeten Conchylien, die
Incrustationen von den Bergen, die Versteinerungen, Mineralien, Schiefer,
Asbest, gediegenes Eisen, Carneole, Basalte, Bergkrystall, Chrysolith,
Jaspis und Marmorarten -- Alles ist fort! Ich bin zufrieden 3010 Pfund
dafr bekommen zu haben, was Ihr in Eurer Unwissenheit Alles zusammen
gerafft und womit Ihr Euch oft die Taschen entzwei geschleppt habt. Ich
schicke Euch davon 10 Pfund zu Kleidern; mehr kann ich nicht entbehren;
denn ich habe eine Speculation.

Den Ausschlag fr Lisanna's Anerkennung gab endlich in der Christwoche ein
Abendbesuch in Piccadilly bei den ausgestellten Spielsachen. Dieselben
offenen Lden, dieselbe freundliche Alte, dieselben Spielsachen, diese
ewigen Stereotypen der Natur fr die ewige Kindheit auf Erden, da
wunderlich und friedlich, schimmernd von Gold und Farben, lockend und
schweigend beisammen, funkelnd in dem Glanz der Kerzen! Davor standen, an
der Hand ihrer Mtter und Vter und Wrterinnen, die Kinder umher und
erstaunten! Welches zusammengedrngte Leben! welche groen Gestalten, ja
Riesen und riesenartig! denn sehen wir Groen in Wahrheit nicht Alles
klein, selbst in sehr miger Ferne? Sind wir nicht eigentlich die wahren
Kinder? Inde den noch mit der Tuschung der Ferne nicht bekannten im
Natur-Scheine seligen Kindern erscheint ein Pppchen: ein wirklicher
Mensch, ein Pferdchen: ein groes Pferd, ein Ziegenbckchen: ein hoher
Bock, ein winziges Bumchen: ein mchtiger Baum, ein Lmmchen: ein Lamm. O
wie glcklich kann man die Kinder machen! glcklicher als sie je als --
Menschen werden knnen. Ach, wer es kann, sollte es nicht versumen, ihnen
_Freude_ zu machen, denn Freude ist des Lebens Kern, und sie klingt uns
ewig nach aus der vergessenen Kindheit und giebt uns Kraft! Die ganze bunte
Erde ist ihnen knftig keine Weihnachtsbude mehr! Aber jetzt, hier vor
ihnen -- Alles ist ihnen ja das, was sie sehen; es _bedeutet_ es ihnen
nicht blo! es ist die Welt, ihre Welt, bequem, nahe, still, freundlich --
und Alles ihr Eigenthum; Alles lebt, denn sie leihen ihm Leben in dem
seligen Kindertraume. -- Sollt' ich mich wundern, wenn auch das rmste,
frierende Kind mit den Hndchen langte nach den bewunderten Schtzen,
geliebt von ihm, wie dereinst die Welt! Hatt' ich nicht Lust zu weinen,
wenn die arme Mutter, die ihm nur das Entzcken des Anstaunens hatte
gewhren knnen, nun das weinende, schluchzende, zurck verlangende Kind
forttrug, um nicht den Andern die Freude zu stren! Aber ich hatte nicht
Zeit solchen zu kaufen, auch ist ihrer das Reich Gottes -- ich hatte genug
an Lisanna zu sehen, die selbst, wie ein Kind vor dem Himmel der Kinder
stand, an dem sie lieben gelernt, und es nun konnte, aber vergessen zu
haben schien. Sie war wie verwandelt und starrte und hrte, und scheute
sich, anzurhren. So stand sie in tiefen Gedanken, wie nachsinnend und dann
vom Traum erwachend, immer rther und rther, wie eine Rose im
Morgenschein. Jetzt war der Moment gekommen; Sir Horazio, der sie bisher an
der Hand gehalten, lie sie los, und entfernte sich aufmerksam. Und mit
unbeschreiblicher Angst wandte sie sich um, und rief auf einmal laut:
Vater! Vater! und trennte die Menge. Sie stand im Dunkeln abwrts allein,
hielt die Hnde vor das Gesicht und weinte bitterlich. Sir Horazio nahte
sich ihr gerhrt und berzeugt, und schlo das bewegte Kind in seine Arme.
Ja, Du bist es, Du bist Elisa, unsere Elisa, sthnt' er, vom langen
Verhalten der wachsenden Freude wie ermdet. Vater, Vater! waren die
letzten Worte, die in meine Seele durch die Dunkelheit drangen. Vater,
Vater! die ersten, die mir wieder in die Seele dringen. Sei willkommen,
sei tausend Mal willkommen, unser theueres einziges, lange, lang'
entbehrtes Kind! Wie wird sich Theano freuen! rief er -- und versank in
sich selbst. Der Thor, der Samuel! sprach er, wie aus dem Traume. --
Darauf war er wieder ernst, ja ernster als zuvor, und Lisanna, die an ihm
hing, schien ihn zu belstigen.

Wie wir zu Hause im Zimmer auf- und abgingen, hatte Elisa schchtern und
kleinlaut in ihrem neuen Stand und Verhltni, als Erbin einer schnen
Baronie, sich in die Ecke, des Sofa's gedrckt und war gewi voll
Hoffnungen und Erinnerungen eingeschlafen. Sie sprach bald im Traume
losgerissene, herausperlende Worte aus ihrer Seele, die wie ein klarer
Quell bis in den tiefsten Grund aufgeregt worden war. Ein sehnliches
Lambton! perlte herauf, und zerstob auf ihren halb geschlossenen Lippen,
so, da es nur wie _Lamm_ klang. Dann rief sie hastig: Mutter! -- Mutter!
und innerlich weinte sie sehr, aber die Thrnen flossen nur bis auf die
halbe Wange. Wir traten theilnehmend und innig gerhrt vor das liebe Kind,
und sahen dem Schlafwandeln ihres Geistes in seiner stillen Werkstatt zu.
Die Seele ist ja der Traum des Gehirns. Wie wir bald sie, bald uns ansahen,
streckte sie die Arme aus, und rief, wie aus weiter Ferne: Sir Samuel! --
Sir Samuel! -- Der bange Laut ihrer Stimme, der Name selbst emprten
Horazio. -- Ja, rufe nur Samuel! Samuel! sprach er leise, aber desto
schauerlicher; -- du weit nicht, _Wen_ du rufst! Das hat er angerichtet:
die Eifersucht bestraft sich selbst! O da sie auch nur sich qulte! Doch
leider, ist's nicht so. Wir Alle haben gelitten; selbst die Armen, um die
wir uns nicht kmmerten in unserer eigenen Angst! Es giebt Menschen, die
aus Ueberma ihres Glcks, vielleicht bei berwiegender Phantasie, die
immer zur Wehmuth neigt, eine herzerquickende Freude, ein ihnen eigenes
Entzcken darin finden, in Eifersucht zu schwelgen! In diesem sen Gefhl
versuert sie endlich und wird Gift. Die Wahrheit hlt sie fr Lge,
Entschuldigung fr Frechheit, nur ihren Schmerz und Wahn fr wohlbegrndet!
Sonst htte Sir Samuel nicht Theano fr Desdemona gehalten -- aber, o da
er es htte! dann htt' er nicht rasend zum Kopfkissen des Othello
gegriffen! Da kauft' ich das gttliche Weib um jeden Preis ihm ab, Ihr
Leben zu sichern und seines -- meines verirrten Freundes! Aber die Scene
hatte Zeugen herbeigerufen, das was beginnt Ihr? war erschollen, und
obgleich Theano alles aufbot, ihn zu retten, und auer Besinnung vor den
lchelnden Richtern bekannte, da Er sie doch habe das Vaterunser beten
lassen, was gerade gegen ihn zeugte, als sie bekannte, da Elisa -- --

Da bewegte sich unsre Elisa schmerzlich im Schlafe, rang sich mit der
Russel, jammerte laut, erwachte darber, wie ein Kranker und -- strte uns.

Doch weiter! Sir Horazio hatte beschlossen, Elisa seiner Theano zum
heiligen Christ zu bescheren; ja, sie sollte sich selbst als der Engel ihr
wieder bescheren. Dazu lie er ihr ein schneeweies Gewand, groe goldene
Flgel, ein Sternendiadem aus Juwelen, einen Grtel und eine knstliche
duftende Lilie machen. Ich selbst ward zum Knecht Ruprecht ausstaffirt, um
auch dabei zu sein. Devisen wurden gedruckt und in vergoldete Nsse
gesteckt; Lisanna's Kinderkleidchen, welche ihr die Russel mitgegeben,
wurden noch einmal gewaschen, geplttet und gefaltet; ihr Amulet an der
Halskette ward in einem goldenen Apfel verborgen, der bei'm Anfassen des
Stieles sich aufthat. Ehe die Alles fertig war, stellte mir Sir Horazio
die Anweisung der Prmie fr die Wiederbringung der Tochter aus -- au
porteur -- und ich erhob 15 bis 16,000 Pfund mit Einer Hand, ja mit zwei
Fingern. Bin ich nicht ein starker Mann? Spart Eure Bewunderung, Seufzer
und Thrnen! Denn nun reiseten wir nach Rowlandhill, und trafen in der
Dmmerung des heiligen Christabends dort ein. Der Schnee flimmerte in
blitzenden Sternchen vor den Hgeln, Christbume brannten in den Stuben,
und die Kinder jubelten um sie her. Wir sahen Licht im Schlosse. Das ist
in Elisa's Zimmer! sagte Sir Horazio. Nur alle heilige Christabende wird
es geffnet und betreten. Da steht in der Mitte derselbe Christbaum! Da
werden dieselben Wachskerzen ein Viertelstndchen angezndet, die endlich
niedergebrannt, die Jahr, heut! kaum noch ihr letztes Viertelstndchen
leuchten; da stehen die Spielsachen umher aufgeputzt, die das Kind
erwarteten, das ich bringen sollte und verlor. Da liegen die Puppen, wie
weinend um sie, auf dem Gesichte, und der Nuknacker macht sein erstauntes
Gesicht, und die Engel halten ihre Schrift ber der Erscheinung des Kindes:
Gloria in Excelsis Deo! whrend die Hirten niederfallen und anbeten, der
Morgenstern ber dem Hause stehen bleibt, die heiligen Drei Knige
erscheinen, worunter der Mohrenknig ist, und selbst Oechslein und Eselein
an der Krippe sich wundern. Nun: Gloria in Excelsis Deo! rief er aus. In
einiger Entfernung stiegen wir ab; ich trug meine Sachen, Sir Horazio
Lisanna's, die wie im Traume wandelte. So schlichen wir in das Schlo, auf
die Zimmer. Marion ward gerufen und bedeutet. Sie half Lisanna als Engel
kleiden, mir half Sir Horazio in den Knecht Ruprecht fahren. Marion brachte
Nachricht, Lady Theano sitze in Mi Elisa's Zimmer vor dem brennenden
Christbaum, und trume: ihr Kind zu erwarten! Sie knne es nicht mehr
ansehen!

Da kommen wir recht! flsterte Horazio. So gingen wir. Elisa zitterte,
da sie fast die Bescherung aus den Hnden verlor. So traten wir ein. Wir
konnten uns nicht der Thrnen enthalten, als Elisa in ihrem funkelnden
Diadem, ihren goldenen, jetzt blitzenden Flgeln leise und schchtern
nher, und nahe vor ihre Mutter trat, und das arme Weib mit der Lilie an
ihrer gesenkten Stirn berhrte. Wir schauerten! Theano machte eine Bewegung
aufzustehen; aber sie versank in sich, mit geschlossenen Augen, hufige
Thrnen vergieend. Der himmlische Gru bebte Elisen von den Lippen! Sie
bescherte ihr darauf eine Nu nach der andern, so wie sie die darin
enthaltene Devise gelesen, deren Inhalt die Mutter allmlig auf das
Entzcken vorbereiten sollte.

Nichts ist den Lebendigen verloren, als die Todten! gab sie ihr zuerst in
der goldenen Nu. Dann in der silbernen:

Eure Kinder sind auch Gottes Kinder! und zuletzt in der grnen:

Die Todten stehen nicht auf, aber die Verlorenen kehren wieder!

Mein Gott! rief Theano, was willst Du? was sagst Du? Ach, ich habe
ausgelernt zu hoffen! --

Ausgelernt? o Theano! -- so kannst Du es ja! o hoffe! flsterte Horazio ihr
lchelnd und weinend zu. --

Da berreichte ihr Elisa den goldenen Apfel; Theano nahm ihn an dem Stiel,
er sprang auf, und sie zog das Halsband ihres Kindes halb daraus in die
Hhe, und lie Apfel und Halsband fallen, und die Aufgerichtete sank in den
Sessel. --

Bist Du ein Engel, da Du mir diese Gaben wiederbringen kannst? fragte
sie Elisen mit halber Stimme.

Elise nickte, und bewegte doch gleich ihr Kpfchen wie zu einem: Nein! --
Darauf legte sie ihr die Kinderkleidchen nach einander hin, auf die Kniee.
Theano entfaltete sie, und hielt sie in die Hhe. Meine Stickerei! meine
Blumen -- Elisa's Kleidchen -- sprach sie fast athemlos; ach, was bringst
Du mir Alles, Alles wieder; nur mein Kind, mein theures Kind nicht!
schluchzte sie erschttert -- darauf sahe sie Elisa gro an, und an dem
Lcheln ihres Antlitzes zndete sich ein leises Lcheln im Antlitz der
Mutter an, das in beiden schmolz, wuchs, sich verklrte bis zu himmlischer
Freundlichkeit.

Da fragte die Mutter: Wer bist Du? und zog Blick, Haupt und Gestalt
langsam zurck.

Der Engel ist auch Dein Kind! Nimm sie wieder, Elisa! Gloria in Excelsis
Deo! rief Horazio seiner Theano zu.

Sie wollte die Hnde ausbreiten, aber sie sanken, und regungslos blieb sie
ihm in den Armen; Elisa, die schon halb vor der Mutter hingekniet, war ganz
umgesunken -- die goldenen Flgel knisterten, die Lilie lag am Boden, und
Sie, wie ein Engel, wie eine Lilie, bla und schn daneben. Die Lichter am
Christbaume flackerten auf und verschwanden; die Helle des Himmels schien
in das Zimmer; die Uhr schlug Neun und nach dem Schlage spielte sie ihr
Lied.

Lambton, hab' ich je geweint, so war es da; und wenn die Worte meines
Briefes verwischt sind, so ist es von den groen warmen Thrnen, die darauf
gefallen. Nun gehabt Euch wohl!

_Dr. Toland._

                   *       *       *       *       *

Das las ich bei meinem Grubenlicht, und was Toland's Thrnen nicht schon
unleserlich gemacht hatten, das machten die meinen. Ich wute in meiner
Freude um Elisa, meiner Angst um mich kein Mittel, mich wohl zu gehaben als
das: Ich langte meinen Trauschein aus der Tasche auf meiner Brust,
entfaltete ihn und las ihn feierlich. Die Namen Lisanna und Roborn, York,
Crabbe und Patrik als Zeugen bten eine gewisse Kraft ber mich aus, aber
auch keine; und doch las ich immer ihn wieder, ohne mehr daran zu denken,
bis mich die Andern anriefen mit hinaus zu kommen in die Welt wie sie
sagen.

Ich wankte nur in die Welt; denn was sollt' ich darin? Sir Horazio's
Ungunst hatte mir der gute Doctor mit klaren Worten geschrieben! der lange
Daniel hatte Marion nicht geheirathet! -- was noch geschehen konnte. --
Doctor Toland selbst hatte meine Sammlung verkauft, und mir 10 Pfund davon
geschickt. Nun Gott segne ihm das Andre! ich bin reichlich bezahlt. Die
15,000 Pfund hat er wohlverdient! Denn Er hat Lisanna zu Elisa gemacht, ihr
Vater und Mutter, Hab und Gut gegeben! Wenn er nur nichts mehr schriebe! es
macht mich nur prehaft.

                   *       *       *       *       *

Schlo _Rowlandhill_, den letzten April 1821.

-- Und doch erhielt ich am Sonntage Palmarum noch Folgendes von ihm.

Guter Lambton!

Elisa lt Euch heimlich und leise durch mich gren, und herzen und
kssen! Sie herzet und ksset indessen ihr Kind -- den kleinen Aeneas; denn
so mute es in der Taufe genannt werden, ich wei nicht, warum. Um nun in
dieser, fr die Eltern und fr Lisanna so kritischen Lage doch Etwas zu
sagen, hab ich gesagt: der Aeneas sei das Kind des Schulmeisters von
Hobarttown. Das ist ja die bitterste Wahrheit! Lisanna, die unschuldige
Seele begreift nicht, was das ihr auferlegte Verschweigen ihrer _Trauung_
mit Euch _nun_ wirkt! Denn sie ist rein und selig im Herzen! Da Sir
Samuel's Absicht, die ich nur halb loben kann und mu, auf ihre Mutter und
ihren Vater eindringlich und herzangreifend -- durch den unbegreiflichen
und unbegreiflich lieben kleinen Aeneas zu wirken, nun ganz erreicht ist,
gestatte ich Euch, die Verwirrung im Hause zu lsen, wie Ihr wollt.

Dr. _Toland_.

Wenige Zeilen, die aber zu vielen schweren Betrachtungen Anla gaben! Ich
mochte mir ihren Inhalt gar nicht klar aus einander ziehen; wie an einer
Baumwolle-Nu daran gar nicht zupfen; ich brachte das schwellende Gespinnst
nicht wieder hinein. So lie ich die Nu ganz unbezupft. Wenn ich nur Sir
Horazio die Acte meiner Einwilligung zur Ehescheidung berreichte, so war
damit Alles gethan: Elisa befreit von Verdacht und Last, Aeneas zum Erben
von Rowlandhill eingesetzt! Und der arme Lambton hatte sich Sir Horazio und
Lady Theano doch einen Augenblick als Schwiegersohn vorgestellt! -- Ich
verlor eigentlich nur Lisanna -- nur! o Himmel! -- nicht _Elisa_, die ich
meines Wissens nicht geheirathet hatte. Ich bat um Verzeihung, so gut wie
mglich, und war so gut wie zuvor. Ach Gott, wenn Lisanna nur auch noch so
gut war, wie zuvor! Doch war sie ganz gewi noch so gut, wie nur irgend
mglich. -- Und mut' Ich auch das Kind nehmen, o wie nahm ich's so gern;
und ein Strohhtchen im Sommer, ein warmes Rckchen im Winter, vielleicht
doch einige Aepfel und Nsse zum heiligen Christ, vielleicht sogar den
alten Nuknacker dazu -- htten sie ja dem unschuldigen Kinde wohl auch
zugedacht. Victoria! Lambton, rief ich, Du hast berwunden.

Fr die Acte nun, fr einen neuen recht sauberen Anzug von Kopf bis zu
Fen, fr Miethe eines Pferdes bis Rowlandhill, gingen meine 10 Pfund fast
gnzlich darauf. Und so ritt ich denn wirklich zum andern Ende von
Rowlandhill hinein; von Morgen! wie ich nach Abend zu daraus weggeritten,
grade so, wie ich den Kindern erzhlt, da es Dem so gehe, der rund um die
Erde reiset. Es war auch Ostersonnabend, wie damals. Dieselben Wolken
schienen noch am Himmel zu stehen, dieselben Lerchen ber derselben Sat zu
schwirren, dieselben Knospen an den Zweigen zu glnzen! Wie damals, stieg
der Rauch, wie ein Brandopfer, in die Lfte, derselbe gute Kuchengeruch
duftete aus den Husern; die wohlbekannten Glocken schlugen mir gleichsam
an's Herz, und luteten das Fest ein, und die Betglocke nahm gleichsam den
Leuten die Mtze vom Kopfe. Auch mir. Ich hielt an, und betete lang' und
still, und rief dann: Soli Deo Gloria! fr Alles, Alles, Freud' und Leid!
Dabei fielen mir die Engel ein, welche die Schrift ber dem Prsepio in
Elisa's Zimmer halten -- und Elisa -- und mein Kind! O, ihr Engel! betet'
ich nun wieder fort, schwebet auch so ber der schnen menschlichen Mutter
und dem lieben Menschenkinde, dem armen Lmmchen, dem kleinen Lambton! ach,
so heit er leider ja doch! Aber lasset Ihr ihm seinen Namen nicht schaden,
er ist doch halbes Vollblut, und Euch verwandt durch Lisanna. Aber sehen
mu ich den kleinen van Diemenslnder, ja Hobarttowner doch Einmal, zum
ersten und letzten Mal! und meine, meine Lisanna nur zum letzten Mal, und
sollte mir das Herz darber brechen. Und ist das gebrochen -- was dann aus
mir wird, gilt mir, wie billig, Alles gleich. Gefllt es mir nicht auf der
Erde, so zieh' ich unter die Erde, und unter das Meer -- nach Aloa; da hab'
ich ja den Morgenstern! Oder zurck nach dem seligen van Diemensland, da
hab' ich ja mein Kreuz! Und htt' ich noch einen Wunsch -- mchten sie die
alte Anna zur Kindfrau nehmen! Kein Mensch wird das Kind so lieb haben, so
warten und pflegen wie sie; auch des Nachts warm zudecken; sie schlft ja
wenig; und hrt sie nichts, so spricht sie doch viel, das ist gerade fr
Kinder; und singen kann sie, da man Gott dankt, wenn man schlft! So
schlft auch der fromme Aeneas.

Im Gasthause, das neue Wirthsleute gemiethet hatten, die mich nicht
kannten, bestellt' ich eine gute Mahlzeit, um nach gethaner Pflicht, nach
zwanzig Wochen Pein endlich einmal froh zu essen. Ich ging inde noch mit
schwerem Herzen sogleich nach den Schlosse. Ein Diener sagte mir, die
Herrschaften seien nicht gegenwrtig. So ging ich in den Park. Die Blumen
glnzten, die Kirschbume blhten, und sahen aus, als ob sie aus dem Winter
weibeschneit auf das grne Gras, in die milde Luft verzaubert worden
wren; und die Bienen surrten in voller Arbeit, und zogen sich kleine gelbe
Honighosen an, wie zu den Feiertagen! Die Sonne war zum Abend gesunken; und
wie ich am See entlang ging, blendete mich ihr Bild aus dem Wasser; die
Hecken verbargen schon die Nachtigallen, und sie schlugen aus dem
glnzenden Lorbergebsch, und selbst der Kukuk rief von den schimmernden
Lindenzweigen: ich bin wieder da! kukuk! kukuk! -- Ein Mdchen, die im
Grase mir leise entgegen kam, war nicht Lisanna; aber das Kind, welches sie
durch Tritte im Kies nicht erwecken wollte, mute der kleine Aeneas sein.
Ich hielt sie an; ich war unglaublich keck und schlug den Schleier von dem
Kinde zurck -- es schlief! und schlief so sanft. Welches Entzcken -- und
welcher Gram! nicht einmal seine Augen sollt' ich sehen! Es sollte mich,
seinen Vater, nicht sehen! Ich nahm das rosige Blthenblatt, das auf des
Kindes Stirn herabwehte, und hob es mir auf, als Reliquie, die mein Kind
berhrt, als Zeugen dieser Stunde. -- Es mute mir wohl sehr leid thun --
denn die Wrterin fragte mich, was ich denn weine? Ach, seufzt' ich:
gerade so ein Kind hab' ich verloren! und verschleierte es, um es nicht
mehr zu sehen. -- Armer Mann! sagte sie leis', und schlich leise, leise
fort. -- _Das_ war nun berstanden! Auch ich schlich leise fort. Die
Fenster eines Zimmers im untern Stockwerk des Schlosses standen offen, und
wie ich mich unterfing, einen Blick im Vorbergehen hinein zu thun, trat
Elisa in das Fenster, nahe, kaum sechs Schritt mir gegenber. Ich stand,
mich satt zu sehen und zitterte. Sie stand, sie sich -- sie erblate, sie
wankte zurck -- sie war verschwunden! Ob sie die Hnde ausgestreckt, oder
nur erhoben? Ob sie die Lippen geffnet, mir noch etwas zu sagen, und was?
dem dacht' ich nach, als ich endlich wieder denken konnte, und schon fern
war. Auch das war berstanden! So ging ich auf den nahen Kirchhof, wo meine
Mutter ruhte, und suchte und fand ihr Grab, mit jungem Gras begrnt. Ich
sagt' ihr, wie ein Trumender, da ich glcklich wieder da sei! -- so sagt'
ich, aber empfand ich nicht. Ich gedachte ihres Wortes: wenn nur das Jahr
noch um ist -- dann -- dann -- dann! -- Was die Sterbenden uns sagen,
trifft nicht immer ein! geliebte Mutter, bemerkt' ich ihr -- doch daran
bist Du nicht schuld! und Ich nicht schuld!

Aber Ich wohl? -- sagte eine Stimme hinter mir -- und Doctor Toland reichte
mit die Hand. Willkommen Lambton! Ich eilte Euch nach. Elisa ist auer
sich, und schickt mich her. Spielt hier nicht lange den Geist, sondern lat
Euch sehen! Sir Samuel ist mit Capitain York gekommen. Er ist seit zwei
Stunden hier, auch die Russel und Talo. Diese nun hab' ich schon
gesprochen, sie sitzen mit Crabben bei seiner dicken Schwester in ihrem
Laden zur vergrerten Ksemilbe. Sir Samuel ist ausgegangen. Was wollt
Ihr nun thun? fragt' er mich.

Das! Doctor Toland antwortet' ich, und gab ihm die Acte. Er durchlief sie
mit den Augen, und sagte, schlau mich ansehend: das ist der krzeste Weg;
doch bergebt Sir Horazio auch die Papier! Ich nahm es und steckt es
unbesehen mit dem ersten wieder ein. Da sah ich Sir Horazio und Lady Theano
von weitem kommen, Arm in Arm. Er hatte keinen Degen, keinen Stock, und
doch frchtet' ich mich vor ihm. Dr. Toland eilte ihnen entgegen. Ich aber,
aus Erfahrung wissend, da man vor vornehmen Herrschaften nirgends sicherer
ist, als im Gotteshause, ging in die Kirche, die, wie ich glaubte, eben zum
Abendluten offen stand. Aber ein neues groes Altarblatt -- mit dessen
Einfgung man eben erst zu Stande gekommen, denn es lagen noch brige
Stcke von dem breiten goldenen Rahmen auf dem Altar -- zog meine Augen an,
und ohne Mhe erkannte ich das Bild, welches mir Sir Samuel beschrieben,
worauf er selbst als Hoherpriester oben auf den Stufen des Tempels das zu
ihm hinansteigende Kind erwartet. Wahrscheinlich hatte es Lady Theano als
Weihgeschenk fr ihre wiedergefundene Tochter, zum Andenken der Kirche
verehrt, und gerade zu morgen, zum ersten Ostertage. Aber der Mann, der,
seitwrts an die Mauer gelehnt, dasselbe Bild betrachtete, wie es durch das
gothische Fenster von der Abendsonne gewrmt und erleuchtet glnzte, war
selber Sir Samuel! -- Da hrt' ich Tritte in der Halle; heut' hatte ich
mich geirrt, denn Sir Horazio und Lady Theano traten in die Kirche, und
kamen leise und langsam nher voll Betrachtung. Ein Gitterstuhl, vor dem
der Taufstein stand, verbarg mich. Ich drckte das Gesicht in meine Hnde,
und lag so vorgebeugt, wie man das Vaterunser betet. Die Ohren klangen mir.
Wie sich Lady Theano und Sir Samuel getroffen, wie begrt, was darauf Sir
Horazio hinein gesprochen, das wei ich nicht deutlich. Ich wagte spter
nur einen Blick, und sahe Sir Samuel vor Lady Theano knien, die laut
weinte, und sich nicht fassen konnte. Nur die Worte vernahm ich jetzt von
Horazio: -- und wenn es denn Menschen giebt, die nicht zufrieden mit dem,
freilich nur einfachen, prunklosen Gefhl, gut zu sein, darin ein rasendes
Vergngen finden, zu sehen, _wie weit_ sie der Tugend Hohn sprechen knnen,
wie leicht das Weib -- das thrichte nur -- zu bethren ist, mu denn der
Freund den Freund zuerst betrgen? oder jemals! mu er, unklug selbst nach
_seinem_ Sinn, an dem sich vergehen, der ihm die Rache gewi auf das Haupt
schleudert? Und so gewaltsam kannt' ich Dich, meinen Freund, und war dein
Freund, und bin dein Freund! Er umarmte Sir Samuel heftig, drckt' ihn an
die Brust; und sie weinten sich aus, wie zwei solche Mnner weinen. Dann
ri sich Sir Samuel los, und ging, seine Bewegung, seine Reue zu verbergen,
hinter den Altar. Sir Horazio und Lady Theano sprachen kein Wort mit
einander, als wren sie nun geschiedene Eheleute. Aber Sie ergriff zuerst
wieder seine Hand und hielt sie fest. Horazio stand noch unbewegt, gewi
aus Freundschaft, voll beglckender Gedanken fr Sir Samuel, bis er sein
Weib ansah, die ihn mit weinenden Augen anblickte. Und sie drckten sich
die Hnde.

Jetzt waltete Vergebung in dem Hause, wo nur Vergebung und Liebe gepredigt
wird -- jetzt naht' ich mich. -- Lambton! rief Sir Horazio mich
verwundert an. -- Alle gute Geister! rief Theano. Ich verneigte mich
tief; berreichte Ihm die Acte, und trat zurck, sehr glcklich. -- Aber
was sprach er? Also Rector! sprach er, seid Ihr, Lambton! die ganze
Rectorei mit zehn Pfarreien baar bezahlt durch Toland, ist Euer Eigenthum!
Ich wnsche Euch Glck, Herr Lambton, ohn' es zu begreifen. Ihr wart sonst
immer ein braver Mann -- bis auf den Einen Punkt! -- Das schne gothische
Schlo, wie es steht und liegt, mit allen Gemlden, Antiken, und der
Bibliothek, wandte er sich zu Theano; doch der alte Rector ist ein braver
Mann! er will seines Sohnes Schulden bezahlen, da er auf Lebenszeit
verwiesen, sein Erbe nicht sein kann. -- Ich dachte an Appelmannsborn,
worin ich dem Herrn Sohne mein Compliment gemacht; ich errthete ber
Toland, der die 18,000 Pfund in Summa, also fr mich verwendet hatte; ber
Sir Samuel's Gromuth, der gewi noch einmal so viel dazu gelegt, und ber
meinen Migriff. Ich streckte die linke Hand aus, und empfing die
Verschreibungsacte der Rectorei, und gab ihm mit der Rechten nun die Acte,
die ich meinte; aber nicht mehr so kleinmthig! Ich war ja Rector! O wie
schnell verwandelt sich des Menschen Herz! Sir Horazio berlas die Schrift,
und ward feuerroth; er gab sie Lady Theano. Sie las, und kam auf mich zu,
stand lange vor mir und bestaunte mich: Was? Lambton! _Sie_ also sind mit
Elisa vermhlt! vermhlt? Das konnte sie verschweigen bei unserem Gram! so
still wir auch das Schicksal hinnahmen, denn wir hatten ja unser Kind
wieder! Ich war ja Gromutter! -- Aber Lambton! ich bitte Euch! -- Doctor
Toland, der inde gekommen und zu uns getreten war, zupfte mich am Kleide,
und sprach mir leise in's Ohr: Aeneas macht Euch zum Anchises! Das
Antlitz Theano's glhte vor himmlischer Freude ber die Reinheit ihrer
Tochter! Gott segne sie! Doch stand sie wieder auf und bi auf die Lippen,
und sah mich an. Da fand ich in meiner Angst endlich die, zum zweiten Mal
um den Trauschein verfehlte, Ehescheidungsacte, und reichte sie Sir
Horazio. -- Noch mehr? rief er neugierig, und doch -- nicht unwillig. Er
berlas kaum den Anfang, als er schon sagte: Das ist zu viel! doch geht
das _mich_ nicht an! Das hat Sir Samuel zu entscheiden! Da Er Euch aber
_seine_ Tochter gegeben, so wird Er sie Euch nicht zurcknehmen. Denn Elisa
ist seine Tochter, lieber Toland! Die Eifersucht sieht, was nicht ist, und
so sieht sie auch _nicht_, was wirklich _ist_. Aber wovon ihn nichts
berzeugen konnte von Auen, das glaubt er nun, seit er uns vor wenigen
Minuten -- endlich einmal angehrt mit lange unglcklichem Herzen, das doch
des Adels und der Liebe bedarf, um zu leben. Und auch ich werde so
glcklich, als es nun _meine_ Theano wieder werden kann, nun wir _rein_ vor
ihm dastehen. -- Er glaubt wieder an Tugend, das heit an Treue, also nur
an Liebe; und so ist er glcklich, und Ich und Du! sagte Theano. Mein
Blick wollte sich an Doctor Toland strken; aber er selbst sah mich eben so
berrascht an, wie ich ihn. Doch leichter gefat rief er Sir Samuel. Dieser
kam. Er mute schon um Alles wissen, denn er sahe mich lange an, dann
Theano, die ihm zunickte. Darauf sprach er fest: Es soll so bleiben! Ihr
habt keine arme Schule mehr, Ihr habt eine reiche Rectorei, wie ich hre.
Aber bleibt Lambton, der bescheidene, geduldige Lambton, der mein Kind so
liebt, da er selbst seine Liebe bezwingen wollte, wenn Sie nur glcklich
ward -- wie Ihr glaubtet! Aber lieber Lambton! Gebt dem Weibe Alles, und
entzieht ihr die Liebe, so habt Ihr sie bettelarm gemacht! Ihr, braver
Lambton, wart kein Deportirter, sondern ein Deputirter der Vorsehung. Ich
wrde mich noch mehr bedauern, wenn ich nicht gerade durch meinen Irrthum
mein eigenes Kind um mich gehabt! Ja, da ich glaubte, sie sei nicht mein,
und der Engel knne doch mein sein, machte mir sie doppelt im Herzen lieb:
ich hatte Sie! und noch dazu die _Sehnsucht_ nach ihr, und in dieser auch
die Liebe eines Vaters. Ich fhrte sie mir, ihrem Vater zu, als ich
vermeinte, sie ihm zu _rauben!_ Ich raubte sie mir, als ich glaubte sie ihm
zuzusenden. Doch auch Lisanna beklag' ich nicht! Wenn eine Jungfrau so
erzogen sein soll, da sie den Mann glcklich macht; wenn sie selber
glcklich ist, eine gute Mutter ihrer Kinder; wenn sie reine Freude
_gewhrt_, und die einfachen dauernden Freuden _geniet_, welche in uralten
Tagen die Freuden seliger Menschengeschlechter waren: so preis' ich Elisa
glcklich! Und Lambton! -- was sagt mein Lambton dazu? -- Der sagte
nichts, als lchelte und dachte an den Morgenstern und die Mutter im
Himmel. Aber Lady Theano, deren erlittenen Harm er nicht berhrte, wandte
sich schonend aus Samuel's Anblick, stieg die Altarstufen hinauf und sah'
in Gedanken und Thrnen auf das Altarblatt. Da ging Sir Samuel zu ihr,
ergriff ihre Hand und sprach: es ist eine Wohlthat des Himmels, da viele
und verschiedene Menschen oft durch das Glck eines Einzigen ausgeshnt,
vereinigt und beglckt werden. Diese Einzige ist uns Allen Elisa! Was sagt
Ihr Alle dazu? wandte er sich umher. -- Sie geben Dir Alle Recht!
erwiederte fr uns Alle Horazio. -- Eine zarte Weise zu verzeihen! und die
zarteste, die schnste! sprach Doctor Toland, der Menschenfreund. -- Und
was sagt mein Lambton? wiederholte er. Unser, unser Lambton!
verbesserten sie ihn freudig. Da kam Elisa athemlos in die Kirche, und trat
unter uns. Sir Samuel aber streckte ihr die Hnde von den Stufen entgegen,
sie flog ihm zu, er schlo sie in seine Arme, _sie_ schlo mich in die
ihren. Morgen, meine Kinder, rief uns jener zu, zieht ihr in die
Rectorei. Sie hat fr Doctor Toland, sein Weib, seine Kinder, und fr mich
und Talo Raum. Auch die Russel soll dort wohnen! Sie gehrt einmal zu
Lisanna's altem Glck. Auch Eure alte Anna wird ein Kmmerchen finden,
trstete mich Toland recht, der Menschenfreund.

Heut', meine Kinder, sprach Lady Theano zu uns, dem neuverlobten Ehepaar,
mt Ihr es Euch schon noch in Elisa's Kinderstube gefallen lassen, wo der
Christbaum hngt, wo der Engel jedem sein Kind beschert!

Lisanna zog mich fort. Zum Kinde! zum Kinde! rief sie. -- Und dort
bescherte der Engel mir nun auch mein Kind! und sich selbst! und immer
wieder! Und ich las mit seligen Augen das:

Gloria in Excelsis Deo!




Anmerkungen zur Transkription


Quelle: Leopold Schefer's ausgewhlte Werke. Erster Theil. Veit und
Comp., Berlin, 1845, pp. 187-368.

Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Die Deportirten, by Leopold Schefer

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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