The Project Gutenberg EBook of Geschichten, by Michail Kusmin

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Title: Geschichten
       Aim Leboeufs Abenteuer / Aus den Briefen der Claire Valmont
       / Florus und der Ruber / Der Schatten der Phyllis / Tante
       Sonjas Chaiselongue / Flgel

Author: Michail Kusmin

Translator: Edgar Mesching

Release Date: November 6, 2012 [EBook #41305]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN ***




Produced by Jens Sadowski








GESCHICHTEN
VON
M. KUSMIN




MNCHEN BEI GEORG MLLER




Einzige vom Verfasser autorisierte
bersetzung aus dem
Russischen von Edgar Mesching




Inhalt


Aim Leboeufs Abenteuer / Aus den Briefen
der Claire Valmont / Florus und
der Ruber / Der Schatten der Phyllis
Tante Sonjas Chaiselongue / Flgel




Zweite Auflage
Copyright by Georg Mller Mnchen
1911




Diese
bescheidene
Arbeit berreicht
Gabriele Mesching
der bersetzer
Berlin / am
31./18. Aug.
1911




Aim Leboeuf's Abenteuer





Erster Teil


Erstes Kapitel

Madame de Tombel pflegte Mittwochs ihr Purgativ zu nehmen, an solchen Tagen
verliess sie erst abends das Haus, ich war deshalb sehr erstaunt, als ich
um zwei Uhr nachmittags an ihrem Hause vorberging, sie nicht nur im Garten
lustwandeln, sondern auch schon in Toilette zu sehen.

Sie antwortete nicht auf meinen ehrerbietigen Gruss, was ich dem Gesprch
mit dem Grtner zuschrieb, in dessen Begleitung sie den geraden Gartenweg
auf- und abging, wobei sie sich bald zu diesem, bald zu jenem Strauche
Herbstrosen neigte. Aber sowohl an den verwunderten Blicken des alten
Sulpice, als auch am erregten roten Gesicht der Dame sah man, dass die
Erklrungen des Grtners ebenso zerstreut und nachlssig angehrt wurden.
Obgleich ich mit einem Stck Spitzen zu den jungen Largillac gesandt worden
war, veranlasste mich das Unerhrte, das vor meinen Augen vor sich ging,
meinen Gruss mit erhobener Stimme zu wiederholen. Auf mein lautes:

Guten Tag, teure Madame de Tombel! wandte die Angerufene mir ihr volles,
von grauen Locken umrahmtes Gesicht zu, das jetzt gertet war, und
antwortete, als bemerke sie mich erst eben:

Ach, Sie sind es, Aim? Guten Tag, guten Tag, und als sie sah, dass ich
nicht weiterging, fgte sie hinzu: Was haben Sie denn da in der Hand,
Proben?

Nein, gndige Frau, das haben die jungen Largillac fr Mademoiselle
Clmentine gekauft und gebeten es hinzuschicken.

Es interessierte sie den Einkauf zu sehen und sie sagte etwas trumerisch
vor sich hin:

Wahrscheinlich wird die Zahl Ihrer Kundinnen sich bald um eine
vergrssern, eine Verwandte kommt zu mir.

Wir sind erfreut sie willkommen zu heissen, antwortete ich mit einer
Verbeugung. Belieben Sie das Frulein von weit her zu erwarten?

Aus Paris; aber es ist noch nicht bestimmt, so dass Sie, bitte, nichts
ausplaudern, Aim, weder Papa Mathieu und vor allem nicht Mademoiselle
Blanche, . . .

Weshalb sollte ich wohl, gndige Frau, begann ich gerade, als Madame de
Tombel, welche die Strasse bersehen konnte, der ich den Rcken zukehrte,
das Gesprch abbrach und ins Haus strzte, wobei sie dem zurckbleibenden
Grtner zurief:

Wie wird's nun mit unserem Bouquet zum Willkommen?

Ich kehrte mich um und erblickte eine Dormeuse, die unbemerkt durch den
Schmutz herangefahren war. Bis zum Wagendach war sie mit Bndeln, Koffern
und Kissen vollgepackt. Die Diener und Mgde von Madame de Tombel drngten
sich zwischen dem Kutschenschlag und dem Haustor. Dann sah ich den Hut der
Angekommenen mit seinen im scharfen Winde flatternden Bndern couleur
Adonis mourant. Diane und Mameluk umsprangen sie bellend und von den
obersten Stufen der halbdunkeln Treppe kam die Stimme von Madame de Tombel:

Louise, Louise, mein Kind!


Zweites Kapitel

Als Augenzeuge erregte ich mit meiner Erzhlung von der Ankunft der
Verwandten Madame de Tombel's zu Hause, bei Tische grosse Neugier. Als
Vronique, nachdem sie das Fleisch vor Papa Mathieu zum Zerschneiden
hingestellt hatte, sich an unseren Tisch setzte, beteiligte auch sie sich
an den allgemeinen Fragen, indem sie bemerkte: Ist sie wenigstens
unverheiratet, diese Dame? Aber ich wusste, ausser von den Bndern der
Angekommenen, von nichts zu erzhlen, so dass der Prinzipal sich wieder
daran machte den Braten zu zerlegen und Mademoiselle Blanche mit einem
Lcheln meinte:

Man kann nicht sagen, dass Aim ein guter Beobachter wre.

Er hat sofort gesehen, was er, als Kaufmann, braucht: die Farbe der
Bnder; was fr Bnder waren es denn: aus Lyon oder St. tienne? meinte
Papa Mathieu.

Alle lachten und fingen an zu essen. Zwischen Braten und Kse sprach man
bereits nur von den jungen Largillac und von Geschften. Aber mein Kopf war
ganz von der angereisten Dame in Anspruch genommen: was fr Haare sie habe,
welch ein Gesicht, was fr Kleider, ob sie reich sei, ob verheiratet oder
ledig und dergleichen mehr. Nach dem Abendbrot sass man, wie gewhnlich,
vor der Tr, um den warmen Abend zu geniessen, und wie gewhnlich, erhob
sich auch Papa Mathieu ghnend zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, denn er
sah das Aufstehen mit der Morgenrte voraus, ihm folgte die Hausfrau und
Vronique, und, wie gewhnlich, blieb ich mit Mademoiselle Blanche allein
auf den Stufen der Treppe vor der Haustr sitzen. Wir unterhielten uns
leise darber was morgen fr ein Wetter sein werde, wie die Arbeit heute
gegangen, weshalb Mameluk wohl belle, ob es bald einen Feiertag gbe, --
aber ich war zerstreut und htte beinahe vergessen Mademoiselle Blanche zum
Abschied zu kssen, die sich in ihr grosses Tuch gehllt hatte und bse zu
sein schien. Nachdem ich Nron von der Kette gelst hatte, sah ich nach der
Pforte, verschloss die Gartentr, das Haustor, lschte das Licht aus, stieg
mit einer Kerze hinauf in mein Zimmer und legte mich schlafen, ohne an
Mademoiselle Blanche, als an meine wahrscheinliche Braut zu denken, die
mein Prinzipal und seine Gattin mir, ihrem Adoptivsohne, zugedacht hatten,
der von Kindesbeinen in der Familie aufgewachsen war und weder Eltern, noch
Heimat, noch die Kirche kannte, in der ich Jean, Aim, Ulysse, Bartholom
getauft worden war.


Drittes Kapitel

Aus der ziemlich dunkeln Werkstatt konnte man einen Teil des
gegenberliegenden Hauses mit seinem Ziegeldache und dem langen Zaun sehen,
der der einzige gestrichene in unserer Stadt war. Dann sah man noch das
Strassenpflaster, das Schild der Bckerei, den rotbraunen Hund, der vor der
Pforte lag, den blauen Himmel, in der Luft umherfliegende Spinneweben. Und
das alles erfasste mein Auge wahllos, nicht deshalb, weil mein Verstand von
einem Gedanken ausschliesslich beherrscht wurde, sondern, im Gegenteil,
infolge einer eigentmlichen Leere in meinem Kopfe. Ungeachtet der ersten
Septembertage war es sehr heiss und in der Erwartung von Honors Rckkehr,
der zu ein paar Kunden geschickt war, schlummerte ich auf der Bank,
vergeblich bemht mich zu erinnern, welche und wieviele Stcke gestern fr
Madame Louise de Tombel geholt worden waren, als mich pltzlich eine Stimme
weckte, die sagte:

Schlafen Sie, teurer Monsieur Aim?

Vor mir stand in der Tr, von der Sonne beschienen, ganz in Rosa, mit
Schnheitspflsterchen im lchelnden, runden Gesicht, einen Schferhut von
der Seite an die hohe toupierte Frisur gesteckt, Madame Louise de Tombel in
eigener Person. Obgleich sie schon an die drei Wochen in der Stadt lebte,
hatte ich Madame Louise noch nicht in der Nhe zu Gesichte bekommen, weil
sie nicht nur die Kirche und die Promenade nicht besuchte, sondern
berhaupt sehr selten auf die Strasse hinausging. Wie es hiess, verbarg sie
sich ihrer Schulden wegen oder vor der Eifersucht ihres Gatten, den sie in
Bruxelles verlassen hatte. Sie war von mittlerem Wuchs, etwas ppig, hatte
ein rundes Gesicht mit lustigen braunen Augen, einem kleinen Munde und
einem geraden Stumpfnschen. Ich war so verwirrt, dass ich kaum imstande
war ihre Fragen vernnftig zu beantworten, um so weniger, als das
Bologneser Hndchen, das mit ihr gekommen war, mich die ganze Zeit
anbellte. Ich war, die Kuferin begleitend, zur Tr hinausgetreten und
blieb dann auch auf der Strasse stehen, bis Honor kam, den ich zu Bageot
geschickt hatte, um zu fragen was die Largillac geantwortet htten! Honor
weckte mich grinsend aus meinen Trumen, ich brauste auf und begann ihn zu
schelten, dass er so lange fortgewesen, dass der Laden voll Staub, die
Proben vermengt seien usw. Sein ganzes Leben an Waren, an Kufer denken
mssen, den ganzen Tag, und dazu noch an einem so heissen, im dunkeln Laden
sitzen, nichts sehen, nirgendwohin ausfahren, da wird man unwillkrlich
schlechter Laune und lsst sich ein grobes Wort entschlpfen.

Honor machte sich schweigend daran den Fussboden zu kehren und rckte
geruschvoll die Sessel ab. Ich hatte ihm den Rcken zugekehrt und blieb
eine Zeitlang mit in den Hosentaschen vergrabenen Hnden vor der Tr
stehen, schliesslich sagte ich, so freundlich, wie ich konnte:

Hr' mal Honor, Madame Louise de Tombel war persnlich hier, da msste
man doch . . . .

Honor hrte, sich auf den Besen sttzend zu, und der Staub, den er
aufgewirbelt hatte, tanzte in der Sonne.


Viertes Kapitel

Da die Demoiselles Bageot zu uns zu Besuch gekommen waren, so spielten wir
vor dem Abendessen auf der Wiese, die zum Teiche fhrt, Blindekuh:
Mademoiselle Blanche, die Demoiselles Bageot, Honor und ich. Es dmmerte
bereits und das Abendrot verblasste hinter den Linden; ber dem Teiche
leuchtete schon der Silberschein des Mondes, und die Gnse, die man noch
nicht nach Hause getrieben hatte, stimmten mit lautem Geschrei in unsere
Heiterkeit ein. Mademoiselle Blanche, die einzige ganz in Weiss,
schimmerte, wie Corrigane, hie und da durch die Bsche, die jungen Mdchen
liefen mit Geschrei dahin, und wenn ich die Tochter meines Prinzipals
gefangen hatte und ihr die Augen mit einem dnnen Tuche verband, kehrte sie
ihr Gesicht mit den Augen, die schon nicht mehr sehen konnten, und den
blonden Locken zu mir und sagte seufzend:

Ach, Aim, wie liebe ich Sie!

Als Rose Bageot fangen musste, kam der Junge vom Bcker aus den Gebschen
hervor, rief mich durch ein Zeichen zu sich heran und drckte mir, bemht
von den anderen nicht bemerkt zu werden, ein zusammengefaltetes Papier in
die Hand. Ich trat hinter einen dichten Busch, entfaltete das parfmierte
Blttchen, aber beim unsicheren Lichte des Mondes konnte ich die Worte der
nachlssig hingeworfenen feinen Zeilen nicht entziffern.

Gefangen, Monsieur Aim! Hier also habe ich Sie erwischt, und das ganz
zufllig, weil ich in diesen Graben fiel und ohne Sie zu bemerken auf die
andere Seite hinberging! schrie Rose, mich so schnell am rmel fassend,
dass ich kaum Zeit hatte den Brief in die Hosentasche zu stecken, da ich
beim Spiel kein Gilet anhatte. Die Gste gingen, von Honor begleitet, im
Mondschein fort und nahmen noch lange im Chor auf der Strasse Abschied. Ich
hatte Kopfschmerz vorgeschtzt und eilte nach oben. Vronique ging lange
nicht fort und qulte mich mit ihren rztlichen Ratschlgen; endlich war
ich allein, steckte eine Kerze an und las:

Wenn Sie ein khnes und empfindsames Herz besitzen, ohne das man der Liebe
einer Frau nicht wrdig werden kann, wenn Sie nicht durch einen Schwur
gebunden sind -- werden Sie Mittwoch um halb acht Uhr bei der Kirche St.
Roche sein; aus der >Rue des Quarante Virges< wird eine Frau mit einem
Korbe am rechten Arme herauskommen, an Ihnen vorbergehend, wird sie Sie
mit dem Ellenbogen berhren, was die Aufforderung ihr zu folgen sein wird.
Gehen Sie auf der anderen Seite der Strasse, ohne Ihre Fhrerin aus dem
Auge zu lassen, und Sie werden sehen, welch ein Lohn des Mannes harrt, der
erfllt, was sein anziehendes und ehrliches Gesicht verheisst. Als von
einem edlen Manne wird von Ihnen vollkommene Diskretion erwartet.


Fnftes Kapitel

Die Frau war an den Seitenflgel des Hauses von Madame de Tombel
herangetreten, blieb stehen und winkte mich mit der Hand an ihre Seite. Ich
schlpfte ihrem beim Schein der Sterne kaum sichtbaren Kleide nach durch
ein Pfrtchen, das ich vorher nie vermutet hatte. Nach ein paar Schritten
ber den Gartenweg, betraten wir das Haus durch eine bereits geffnete Tr:
meine Begleiterin fasste mich bei der Hand und fhrte mich sicher, ohne
Kerze, durch eine Reihe von Zimmern, die matt, nur von den durchs Fenster
funkelnden Sternen erhellt wurden.

Ich stiess an einen Stuhl, wir blieben stehen; ich konnte das Klopfen
meines Herzens vernehmen und hrte Muse pfeifen; gedmpft, wie aus der
Ferne, kamen Klnge eines Clavecins herber. Vor der Tr, hinter welcher
die Klnge laut wurden, machte meine Begleiterin halt und klopfte zweimal;
die Musik verstummte, die Tr ging auf und wir betraten ein kleines Zimmer
mit leichten Paravents im Hintergrunde, die Dochte der eben verlschten
Kerzen auf dem Instrument glimmten noch rauchend, das Zimmer wurde von
einer Nachtlampe erleuchtet, die in einer durchsichtigen rosa Schale
brannte.

Warten Sie, sagte die Frau, die durch eine andere Tr das Zimmer
verliess. Nachdem ich eine Weile gestanden hatte, setzte ich mich und
begann das Zimmer zu betrachten. Ich war selbst ber meine Ruhe erstaunt.
-- Irgendwo schlug es acht. Eine andere Uhr antwortete dumpf in der Ferne.
Auch die Bronzeschferin vor dem Spiegel lutete fein achtmal. Mir scheint,
ich war eingeschlummert und erwachte, weil ich gleichzeitig das Licht einer
Kerze dicht vor meinen Augen sprte, einen Kuss und den Schmerz von einem
heissen, auf meine Hand getrufelten Wachstropfen fhlte. Vor mir stand in
reizendem Neglig Madame Louise de Tombel, die mich mit dem Arm umfing, in
dessen Hand sie einen himmelblauen Porzellanleuchter mit einer Kerze hielt.
Durch meine jhe Bewegung fiel die Kerze zu Boden und verlschte. Madame de
Tombel flsterte mir unter Lachen und Kssen zu:

Er schlief, er schlief in der Erwartung! O Ausbund von Tugend!

Sie war augenscheinlich zufrieden mit mir, denn sie hatte mir ein neues
Stelldichein nach vier Tagen gewhrt und begleitete mich durch zwei Zimmer,
von wo mich dieselbe alte Marguerite hinausgeleitete. Es war schon hell,
ich eilte an einer grossen Pftze vorbei, blieb aber doch stehen, um mich
zu spiegeln, wobei ich mich bemhte meine Zge zu betrachten, als seien es
die eines Fremden. Ich sah ein rundliches Gesicht mit hellgrauen Augen,
einer Stumpfnase, einem grossen Munde und vollen goldigen Brauen, die
Wangen waren pfirsichfarben und mit einem leichten Flaum bedeckt; kleine
Ohren, lange Beine und ein hoher Wuchs vervollstndigten das ussere des
glcklichen Sterblichen, welcher der Liebe von Madame Louise de Tombel
gewrdigt worden war.


Sechstes Kapitel

Als ich einmal zur gewohnten Stunde zu Louise kam, fand ich sie in Trnen
aufgelst und verstimmt; sie teilte mir mit, dass gewisse Dinge sie nach
Paris riefen, und sie wisse nicht, wann und ob sie berhaupt zurckkehren
werde. Ich war wie vom Schlage gerhrt und hrte die weiteren Einzelheiten
des nahenden Unheils nur schlecht.

Ich gehe mit Ihnen, erklrte ich, mich erhebend.

Louise sah mich durch Trnen erstaunt an.

Meinen Sie? sagte sie vor sich hin und schwieg.

Ich kann nicht ohne Sie leben, das wrde sein, wie der Tod! und ich
sprach lange und heiss von meiner Liebe und Bereitschaft, meiner Geliebten,
wohin auch immer, zu folgen. Dabei ging ich im Zimmer vor Madame de Tombel
auf und ab, die schon aufgehrt hatte zu weinen. Endlich, als ich schwieg,
sagte sie mit ernster, fast rgerlicher Stimme:

Das alles ist sehr schn, aber Sie denken nur an sich. Ich aber kann nicht
in Paris mit einem Liebhaber en titre erscheinen. Und bemht durch ein
Lcheln die Grausamkeit der ersten Worte zu mildern, fuhr sie fort: Es
gbe einen Ausweg, aber ich weiss nicht, ob Sie mit ihm einverstanden sein
werden.

Ich bin zu allem bereit, um bei Ihnen sein zu knnen.

Reisen Sie mit mir, aber als mein Diener.

Diener?! rief ich unwillkrlich aus.

Nur anderen Menschen gegenber, die wir nicht brauchen, werden Sie Diener
heissen, fr mich werden Sie, wirst du, mein Aim, mein geliebter,
ersehnter Herr sein! Und sie umschlang meinen Hals mit ihren Armen und
bedeckte mein Gesicht mit schnellen, kurzen Kssen, die schwindelig machen.
Wir verabredeten, dass ich einen Tag vor der Abreise Madame de Tombels
einen Vorwand finden sollte in Geschften irgendwohin zu reiten, mich aber
in entgegengesetzter Richtung auf den Weg machen und auf der ersten
Poststation Louise erwarten wrde. So kam auch alles. In regnerischer
Dmmerung ritt ich die von Kindheit auf bekannte schmutzige Strasse mit im
kalten Winde flatterndem Mantel entlang und dachte an das bleiche Gesicht
von Mademoiselle Blanche, die das Nschen an die Fensterscheibe gedrckt,
mir nachgesehen hatte, als ich fortritt, und dachte an ein anderes
rundliches Gesicht mit braunen lustigen Augen und einem geraden
Stumpfnschen, das ich auf der kleinen Poststation, weit von meiner
Heimatstadt, die ich vielleicht fr immer verliess, wiedersehen wrde, --
und es war nicht nur der Regen, der mir ins Gesicht peitschte, wovon meine
Wangen nass wurden.




Zweiter Teil


Erstes Kapitel

O ihr birkenumrandeten Strassen, herbstlich klaren Fernen, neuen Gesichter,
Begegnungen, spt abends die Ankunft, die Weiterreise am hellen Morgen, des
Schwagers lustiges Horn, Drfer, buschige bunte Haine, Klster und den
ganzen Tag und den Abend und die Nacht die sehen und hren, die mir das
Teuerste war -- welch ein Glck htte das sein knnen, welch eine Freude,
wenn ich nicht als ihr Diener mitgereist wre, der die Pferde besorgte, in
der Kche sein Abendbrot ass, im Stalle schlief, und nicht wagen durfte
seine Louise zu kssen, zrtlich mit ihr zu plaudern. Ausserdem klagte sie
whrend der ganzen Reise ber Kopfschmerz. In Paris erwartete uns am
Stadttor ein alter Mann mit Pferden und einer Karosse; er war
augenscheinlich schon vorher benachrichtigt worden, denn er fragte uns, ob
er die Ehre habe, Madame de Tombel gegenberzustehen und stellte sich als
Abgesandter des Grafen vor. Er fhrte uns in ein kleines Hotel, das in
einem dichten Garten gelegen war. Mir wurde in der Mansarde ein Zimmer
angewiesen, aus dem eine geheime Treppe gerade ins Schlafzimmer von Madame
fhrte.

Dieser Bauernjunge ist ganz dumm, ausserdem werde ich die Tr
verschliessen und den Schlssel an mich nehmen, warf Louise, den fragenden
Blick des alten Dieners beantwortend, hin. Aim war unterwegs
unersetzlich, fgte sie hinzu, whrend sie die Kerzen vor dem hohen
Spiegel anzndete und uns ein Zeichen machte, hinauszugehen.

Wir fanden oft genug Gelegenheit mit Louise allein zu sein, aber ich war
sehr erstaunt, als am Ende des Monats der Alte mir Geld gab, wobei er
brummte:

Der Graf sollte diesem Nichtsnutz, der den lieben langen Tag keinen Finger
rhrt, nicht noch Lohn zahlen.

Ich schwieg und nahm das Geld, aber bei der ersten Gelegenheit bat ich
Madame de Tombel mir dies alles zu erklren. Sie wurde etwas verlegen,
sagte aber:

Wir haben doch selbst abgemacht, dass es fr dich, mein Aim, praktischer
ist, vor den Leuten als mein Diener zu gelten. Das hindert uns doch nicht,
uns zu treffen, nicht wahr? Geld aber schadet niemals. Was das Brummen des
Haushofmeisters anbetrifft, lohnt es sich darauf zu achten? Immerhin
solltest du, um die Aufmerksamkeit abzulenken, dich mit irgend etwas
beschftigen.

Zu fragen, wie der Graf dazu kme, mir Lohn zu zahlen, kam mir nicht in den
Sinn, und bald wurde ich fast zu einem wirklichen Lakai, der sich mit den
Dienern der Nachbarhuser zankte, mit ihnen Karten spielte und in die
Kneipen lief, gegen den Haushofmeister grob wurde, ohne dass mich das alles
sonderlich bedrckt htte.


Zweites Kapitel

Die wenig zahlreichen Gste von Madame de Tombel bestanden aus lteren
vornehmen Herren, die zu dieser jungen Schnen kamen, um mit ihr zu Mittag
zu speisen, am Kamin zu plaudern oder eine Partie Karten zu spielen. Sie
brachen immer zeitig auf. Madame de Tombel selbst fuhr selten, nur um
Einkufe zu machen, am Tage aus. Sehr selten, drei-, viermal im Monat,
besuchte sie die Oper. Hufiger als die brigen war nur der Graf de
Chvreville bei uns. Er war der einzige, der allein kam. Seine Besuche
machte er zu verschiedenen Tageszeiten und er durfte auch das Schlafzimmer
von Madame betreten. Ich bemerkte, dass Louise nach seinen Besuchen
besonders zrtlich zu mir war, aber ich teilte diese Beobachtung aus Furcht
vor ihrem Spott nicht mit ihr, wnschte nur im geheimen, dass die
grflichen Besuche hufiger wren. Einmal wurde ich mit Briefen zum Grafen
und dem Herzog de Saucier gesandt, bei dem ich noch niemals gewesen war.
Louise lud die beiden, glaube ich, zum Mittagessen ein. Ein alter Diener
nahm meinen Brief und liess mich im grossen halbdunkeln Vorzimmer auf
Antwort warten. Ich setzte mich auf eine hlzerne Truhe. Neben mir sass, in
Gedanken versunken, ein blasser junger Mann in einem abgetragenen langen
Rock. Er war blond und hatte eine lange Nase. Nachdem er eine Zeitlang so
dagesessen hatte, wandte er sein Gesicht zu mir, als bemerke er mich erst
jetzt. Dabei fielen mir seine tiefroten Lippen und seine scharfen und
zerstreuten, durchdringenden und dabei doch nicht sehenden Augen auf. Er
schien mir betrunken oder nicht ganz bei Sinnen zu sein.

Nach dem er mich flchtig und doch aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:

Sie mssen wahrscheinlich bei diesem Regenwetter noch Briefe austragen?

Ja, es ist so, ich muss zum Grafen de Chvreville.

So? . . . nun, wie stehen Sie sich denn mit Ihrem Herrn?

Wie soll ich mich mit ihm stehen? Und weshalb nennen Sie den Grafen meinen
Herrn?

Natrlich macht Ihre Diskretion Ihnen Ehre, mein Lieber, aber unter guten
Bekannten sollte es keine Geheimnisse geben und wir wissen doch
ausgezeichnet, dass die bezaubernde Madame de Tombel sich, sozusagen, des
Schutzes dieses guten Grafen erfreut . . .

Der Lakai kam mit der Antwort zurck und unterbrach unser Gesprch. Zu
Hause erfuhr ich von den Dienern, dass der junge Mann, der sich mit mir
unterhalten hatte, ein Sohn des Herzogs, Franois de Saucier gewesen, den
sein Vater fr irgendwelche dummen Streiche und aus schmutzigem Geize mit
dem Gesinde zusammen hielt. Durch meine Entdeckung erregt, konnte ich drei
Nchte nicht Schlaf finden. Ich beschloss, ohne mich zu verraten, alles
selbst zu erfahren.


Drittes Kapitel

Am Morgen suchte ich mit dem ganzen Hause den Schlssel, den ich in meine
eigene Tasche gesteckt hatte. Da am nchsten Tage der Schlosser gerufen
werden sollte, so musste ich meinen Entschluss noch am selben Abend
ausfhren, was mir durch den Besuch des Grafen de Chvreville erleichtert
wurde. Als er sich, wie gewhnlich, mit Madame de Tombel in ihr
Schlafzimmer zurckgezogen hatte, wartete ich eine halbe Stunde und stieg
die Treppe aus meinem Zimmer vor die bekannte Geheimtr hinunter. Neugierig
sah ich durchs Schlsselloch. Obgleich mein Herz zu springen drohte und es
in meinen Ohren sauste, als ich Louise mit dem Grafen in zrtlicher
Umarmung auf dem Sofa erblickte, obgleich ich ganz von Entrstung und
Bitterkeit erfllt war, die durch die Hsslichkeit und das Alter des Grafen
noch verschrft wurden, folgte ich dennoch schweigend den Bewegungen der
beiden, und erst, als mir der Augenblick gnstig schien, drehte ich den ins
Schlsselloch gesteckten und fr verloren gehaltenen Schlssel um.

Treulose! rief ich, ins Zimmer tretend. Louise hatte sich so schnell von
der Seite des Grafen entfernt und ihre Kleider in Ordnung gebracht, dass
nur die Grndlichkeit meiner Beobachtungen mir nicht gestattete mich als
Opfer eines Irrtums zu betrachten.

Weder Schwre, noch Versprechungen, noch Liebe! . . . begann ich.

Nicht bel, unterbrach mich Louise, die bereits ihre Haltung
wiedergewonnen hatte. Das ist, glaub ich, aus Rotrou? Sie verwenden Ihre
Mussestunden mit Nutzen, indem Sie Tiraden aus Tragdien auswendig lernen,
jetzt sollen Sie noch mehr freie Zeit dazu haben, da Sie schon morgen mein
Htel verlassen werden.

Sie sind in der Tat viel zu nachsichtig gegen alle diese Leute, teure
Madame de Tombel, sagte der alte Graf.

Ja, und Sie sehen, wie ich bestraft werde! antwortete Louise lebhaft.
Aber es ist das letztemal. Weshalb aber sind Sie hier?

Jetzt wandte ich mich an de Chvreville. Ich erzhlte ihm von meinen
Beziehungen zu Louise in der Absicht ihn durch Eifersucht von diesem Weihe
abzustossen. Sie hrte stumm mit einem boshaften Lcheln zu. Und ihre
Augenbraue, ber der ein Schnheitspflsterchen in Gestalt eines
Schmetterlings angeklebt war, zuckte.

Sie tuschen sich, mein Lieber, wenn Sie glauben, dass ich fr Ihre
Geschichten ein besonderes Interesse habe, bemerkte der Graf.

Kein Wort davon ist wahr, flsterte Louise.

Als ob ich das nicht wsste, meinte der Graf, ihre Hand drckend.

Verzweifelt fiel ich mitten im Zimmer auf die Knie.

Louise, Louise, und mein Schlaf, als ich Sie erwartete? Und das
wundervolle Erwachen? Und die alte Marguerite? Und die Reise nach Paris?
Und das Muttermal auf dem linken Bein?

Der Graf lchelte. Madame de Tombel hatte sich erhoben und sagte.

Sie tun mir leid, Aim, aber wirklich, Sie sind nicht bei Troste.

Beruhigen Sie sich, teure Madame de Tombel, sagte der alte Graf und
ksste ihre Hand.

Kanaille! stiess ich, aufspringend, hervor, heute noch verlasse ich dein
widerliches Haus!

Um so besser. Apropos, vergessen Sie nur nicht den gestohlenen Schlssel
abzugeben, warf Louise hin.


Viertes Kapitel

Ich weiss nicht, wie ich auf die Brcke gelangte; es war augenscheinlich
schon spt, denn die Lichter in den Buden am Kai waren verlscht und
niemand kam vorber. Mde vom Umherirren durch unbekannte Strassen, von
Liebe, Eifersucht und Wut zerrissen, ohne mir sagen zu knnen wohin ich
meine Schritte lenken solle, lehnte ich mich ans Brckengelnder und begann
in den schwarzen Fluss hinunterzustarren, auf dessen vom Winde gekruseltem
Wasser der Widerschein einiger weniger Sterne zitterte. Der Gedanke an
Selbstmord lockte und schreckte mich zugleich. Die Hauptsache war, dass man
dann nicht an die Zukunft zu denken brauchte. Aber das Wasser ist so
dunkel, wahrscheinlich sehr kalt; beim Ertrinken steht so viel
unwillkrlicher Kampf mit dem Tode bevor, es ist dann schon besser sich zu
erhngen, das kann man auch am Tage tun, wenn alles viel heiterer ist.
Unter solchen Gedanken hatte ich nicht bemerkt, dass ein Huflein Menschen
mit einer Laterne die Brcke betreten hatte; alle waren der Klte wegen in
ihre Mntel eingewickelt, den Stimmen nach konnte man annehmen, dass die
Gesellschaft aus zwei Frauen und vier Mnnern bestand. Als die Leute an
mich herangekommen waren, leuchtete der Laternentrger mir ins Gesicht und
sagte mit grober Stimme:

Was ist das fr ein Kerl? Ein Selbstmordkandidat?

Ha! ein bekanntes Gesicht, kam es aus der Gruppe, ist das nicht gar das
Kken von Madame de Tombel, der bezaubernden Louise?

Ein Aas -- diese Dame, sagte eine heisere Frauenstimme.

Aber was macht dieser kleine Adonis hier? Warum steckt er nicht im Bette
seiner Herrin, sondern steht auf der Seinebrcke herum? fragte ein Mann
von niederem Wuchse mit seiner Fistelstimme.

In der Tat, wohin gehen Sie allein, ohne Mantel, zu dieser Stunde? Das ist
durchaus nicht so ungefhrlich! meinte, mich beiseite nehmend, Franois de
Saucier (ich erkannte ihn jetzt an Augen und Nase). Ich erzhlte ihm kurz,
aber ziemlich verwirrt, meine Geschichte. Er lchelte und sagte ernst:

Wunderschn, aber ich sehe bloss, dass Sie sehr naiv sind, und dass Sie
kein Obdach haben. Diese Nacht verbringen Sie am besten mit uns. Wir
berlegen dann was weiter zu tun sein wird. ber Nacht kommt Rat, nicht
wahr? Dann schloss er sich wieder der Gesellschaft an und erklrte laut:

Freunde, Mademoiselle Colette, fr heute vergrssert sich unsere
Gesellschaft um diesen reizenden Jngling, er heisst Aim, wer hat etwas
dagegen? Als Herrin des Hauses hast du das erste Wort, Colette.

Er ist der Siebente und luft Gefahr ohne Anschluss zu bleiben, sagte ein
hochgewachsenes Frauenzimmer, das Colette angeredet wurde.

Oder noch schlimmer, er raubt jemand von uns seinen Anschluss.

Zum Teufel, so rhrt euch doch, auf der Brcke blst ein Hllenwind und
das Licht in der Laterne geht zu Ende! Zu Hause werden wir uns schon
verteilen, rief der Laternentrger.


Fnftes Kapitel

   Colette, Colette,
   So kommt es, ich wett':
   Keinen Gruss mehr,
   Keinen Kuss mehr,
   Vergessen die Eide.
   In drftigem Kleide
   Naht das Alter auf Krcken,
   Um dich niederzudrcken
   Ins letzte schmale Bett,
   Colette, Colette!

So sang ein Mann in langem rotem Gilet, ein Bein ber das andere
geschlagen, die Gitarre aufs Knie gesttzt, den Kopf mit dem roten dicken
Gesicht zurckgeworfen. Colette spielte mit dem Marquis Karten, wobei sie
den Snger wtend von der Seite ansah. Die kleine Ninon tanzte, ganz bei
der Sache, ein Menuett ohne Kavalier, der Schauspieler deklamierte mit
seinem hohen Tenor:

   O Herrscher, wenn deine Wnsche sich
   Mit des Volkes Vorteil deckten,
   Wenn auch der letzte Bauer noch
   Vermchte Schutz beim Thron zu finden!

Mir gegenber sass, sich zu de Saucier haltend, ein junger Mann, den alle
Durchlaucht anredeten. Er trug einen bescheidenen Anzug, hatte aber
usserst kostbare Ringe von seltener Schnheit an den Fingern. Seine Augen
hatten etwas, was sie den Augen des Marquis eigenartig hnlich machten.
Spter begriff ich, dass es die Verbindung von Aufmerksamkeit und
Zerstreutheit, von Schrfe und Blindheit war, was sie gemeinsam hatten. Der
Hund unter dem Tische kratzte sich, mit der Pfote klopfend, die Flhe aus
dem Fell; wenn Colette ihm einen Fusstritt gab, heulte er auf.

Das ist unter Freunden unehrenhaft: Du hast eine Volte geschlagen.

Liebe Colette, Sie haben sich versehen!

Was? Glaubst du vielleicht, dass ich blind bin?

Nein, es scheint, dass Mademoiselle unrecht hat, bemerkte leise der Mann
mit den Ringen.

Es ist kein Wunder, dass Sie fr Franois Partei ergreifen.

   Um dich niederzudrcken
   Ins letzte schmale Bett,
   Colette, Colette . . .

Mich macht dieses Gesinge wild! Jacques, hr' auf!

Wie werde ich dann mein Menuett tanzen?

   Und himmelwrts erhbe sich das Stimmenmeer
   Von dir, befreiter, freier Brger . . .

Colette trank mit einem Zuge ihren Wein aus. Mir war es, als trumte ich.
Der Streit wurde immer hitziger. Franois beugte sich zu Colette und sagte:

Nun, kssen Sie mich, meine liebe Colette, mein Engel, meine Seele.

Wrde mir grad noch fehlen jeden Schmutzfinken, jeden Herumtreiber zu
kssen! Was, weiss ich etwa nicht woher du dein Geld hast? Vom herzoglichen
Papa natrlich? Was genierst du dich? Wir sind hier unter uns und ich speie
dir ins Gesicht, wenn du noch zu mir kriechst. Du weisst selbst, was du
weisst!

Ihre Worte beleidigen auch mich, Madame, sagte, sich erhebend, der junge
Mann mit den eigenartigen Augen.

Ach, fhle sich beleidigt, wer mag. Ihr seid mir alle bis zum Halse! Und
was schleppt ihr euch hierher, wenn ihr uns nicht braucht?

Wer beleidigt? Wer wagt Frauen zu beleidigen? brllte der im roten Gilet
und warf seine Gitarre fort.

   So kommt es, ich wett',
   Colette, Colette . . .

sang die kleine Ninon, ihr Menuett tanzend, weiter.

Franois hatte seinen Degen gezogen und drang auf den parierenden
Schauspieler ein. Colette kreischte:

Geoffroi! Geoffroi! . . . .

Der Hund hellte.

Ich bin verwundet, rief der Schauspieler und sank auf einen Stuhl.

Gehen wir! rief Franois' Freund mir zu und zog ihn, der auch etwas
schrie, am Rockrmel mit auf die Strasse hinaus. Draussen war es schon fast
hell.


Sechstes Kapitel

Der Dienst beim Herzog de Saucier war natrlich schwerer, als das Leben bei
Madame de Tombel. Fr die Besorgung des ganzen, wenn auch zur Hlfte
vernagelten, aber immerhin grossen Hauses gab es ausser mir nur noch den
verschlafenen, gefrssigen, faulen Maturin, der geradewegs vom Dorfe kam,
und obgleich der alte Herzog nicht besonders auf Sauberkeit erpicht war,
und der junge Hausherr uns half, gab es bergenug zu tun. Zu essen gab's
knapp, die Kleider, die wir bekamen, waren alt und von anderen Leuten
abgetragen. Wir schliefen von elf Uhr abends bis Sonnenaufgang. Ich war
jung, mir fiel das nicht besonders schwer, um so weniger, als auch der
Marquis, mit dem ich mich, trotzdem sein Vater knurrte, immer mehr
befreundete, unser Leben in jeder Hinsicht teilte. Und wir gingen oft
zusammen aus, um uns in ihm bekannten Spelunken herumzutreiben, wo wir
spielend und zechend so lange zu sitzen pflegten, bis es Zeit war, nach
Hause zu gehen, um die Zimmer aufzurumen. Er war mit mir aufrichtig,
besonders, wenn er betrunken war, aber ich verstand nicht alles von seinen
Bekenntnissen, obgleich sie mich mit Furcht und Neugier erfllten. Aber
Franois ausfhrlich ausfragen, um mir Klarheit zu verschaffen, wollte ich
nicht aus Feigheit und Angst, ich knnte aufhren ihn zu lieben. Wir waren
wiederholt auch bei Mademoiselle Colette, die Franois des Streites wegen
nicht mehr grollte, und an anderen Orten, fast immer in Begleitung des
jungen Mannes, dessen Namen ich nicht kannte, und den alle Durchlaucht
anredeten. Ich wusste, dass Franois hufig von ihm Geld nahm, und einmal,
als wir die Treppen zu Ninon hinaufstiegen, hrte ich diese zu Colette
sagen:

Dieser dumme Geliebte des kleinen Marquis ist heute grndlich
hereingefallen! . . . .

Mir schien, dass sie Franois und dessen Freund meinte. Ich sagte ihm
nichts wieder, aber diese Worte gruben sich tief in mein Gedchtnis. Einmal
-- wir hatten den Frsten lange nicht gesehen -- kam Franois spt nach
Hause, er war wtend, betrunken, verstimmt.

Was ist Ihnen, Franois? fragte ich, ohne von meinem Rock aufzusehen, den
ich bei einer Kerze flickte.

Ohne zu antworten, seufzte Franois noch tiefer auf und legte sich, mit dem
Gesicht zur Wand, aufs Bett.

Mir schien es, dass er weine.

Was ist mit Ihnen, Franois? Sagen Sie es mir. Sie wissen es doch, dass
ausser dem Frsten, niemand Sie so liebt, wie ich. Nun, sprechen wir von
Ihrem Freunde, wollen Sie? fgte ich hinzu, als Franois keine Antwort
gab.

Franois wandte mir sein Gesicht mit den verweinten Augen zu:

Wenn Sie verstehen wrden, Aim! . . . Aber Sie sind ja ein unwissender
Knabe, wenn Sie mich vielleicht auch liebhaben.

Nun, sprechen wir dann von Ihrem Freunde.

Warum qulen Sie mich? Wir werden ihn niemals mehr wiedersehen, er ist
nicht mehr.

Ist er ermordet, gestorben? rief ich aus.

Nein, er lebt -- er hat vorgestern geheiratet, sagte Franois, der, ohne
sich zu bewegen, die Oberlage anstarrte.

Ich schwieg, obgleich ich nicht begriff, weshalb die Heirat des Frsten ihn
uns raube.

Aus den Augen Franois', die offen und gerade vor sich hinstarrten, flossen
Trnen, ohne dass sich sein Gesicht verzog, das fast zu lcheln schien.
Nachdem ich das Licht geputzt hatte, setzte ich mich wieder aufs Bett.

Sie sind darber sehr traurig?

Franois nickte schweigend mit dem Kopfe.

Alles geht vorber, alles vergisst man, man findet Neues; ich hatte Louise
und habe sie verloren, ich weine nicht, und doch fesselt die Liebe fester
aneinander, als die Freundschaft.

Du verstehst nichts, presste der Marquis hervor, und kehrte sich wieder
zur Wand.

Die Uhr schlug zwlf. Ich musste irgend etwas tun. Ich fasste die Hand de
Sauciers, der noch immer zur Wand gekehrt dalag, und begann sie zu kssen,
whrend mir selbst die Trnen aus den Augen flossen.

Lsch die Kerze aus, der Alte wird schimpfen. Und ich tu dir wirklich
leid? flsterte Franois und umarmte mich in der Dunkelheit.


Siebentes Kapitel

Franois war verstimmt, er hatte aufgehrt zu trinken, wurde noch frmmer,
als er es schon immer gewesen, lag oft im Bett, und unsere
freundschaftlichen Gesprche, vor denen ich die Angst verloren hatte,
whrend die Neugier immer lebhafter wurde, schienen ihn nur wenig zu
zerstreuen. Mit zrtlicher Sorge suchte ich sein Leid zu mildern. Einmal
stieg ich, um etwas zu holen, in das obere Stockwerk und fand Franois auf
dem Treppenfenster sitzen. Die Kleiderbrste lag neben ihm, er war in
Gedanken versunken und schien die Landschaft nicht zu sehen, auf die seine
Augen gerichtet waren. Aus dem Fenster konnte man die roten Dcher der
niedrigeren Gebude berschauen, ein Stckchen der Seine schimmerte in der
Ferne, ber ihr blaues Wasser schossen Boote mit vom starken Winde
geschwellten Segeln vorber, am anderen grnen Ufer stand eine Reihe grauer
Huser, Vogelschwrme zogen unter dem wolkenlosen Himmel dahin. Ich rief
Franois an.

Bist du mde? fragte ich, in sein blasses Gesicht blickend.

Ja, ich kann nicht mehr lnger so leben! . . . Und ich wollte dir das
schon lngst sagen, Aim, der du jetzt mein einziger Freund und Genosse
bist: weisst du woran ich die ganze Zeit denke, was mich beunruhigt und
mich immer bleicher werden lsst?

Vielleicht bist du jetzt erregt und sagst es mir lieber hernach?

Nein, es ist einerlei, ich habe beinahe schon meinen Entschluss gefasst.
Siehst du, der Marquis machte eine Pause und fuhr schneller und im
Flsterton fort. Ich bin der einzige und legitime Sohn des Herzogs -- er
ist reich, aber du siehst wie er mich behandelt, schlechter, als einen
Lakai. Spter wird das Geld, sowieso, mir gehren, wenn ich es vielleicht
nicht brauchen werde. Das Leben meines Vaters wird sich in nichts ndern,
wenn er nicht mehr dieses mir bestimmte Geld bewachen wird. Und so habe ich
denn beschlossen es selbst schon jetzt zu nehmen.

Du willst deinen Vater bestehlen? rief ich aus.

Wenn du willst -- ja! und er begann wieder darber zu reden und bat mich,
ihm behilflich zu sein.

Dann werden wir fliehen mssen?

Wir mssen fliehen; wie ich dir dankbar bin fr dieses >wir<! sagte er
lebhaft und wurde rot.

Erregt liess ich mich auf den Stufen der Treppe nieder und hrte seinen
Plnen von einer Flucht nach Italien zu.

Aber zuerst muss man zu Suzanne Bache, das kann morgen am Abend oder am
Tage, nach der Messe, geschehen. Ich werde dem heiligen Christophore eine
Kerze stiften, damit alles glatt ausgeht.

Wird es Ihnen nicht leid tun, Ihren Vater zu verlassen? fragte ich,
aufstehend, um nach unten zu gehen.

Leid tun? Nein, mir ist jetzt alles gleichgltig, so kann ich nicht leben;
ausserdem werden Sie ja mit mir sein?

Gewiss! sagte ich und stieg die Treppe hinunter.


Achtes Kapitel

Als wir das zweite Stockwerk des kleinen Hauses betraten, sahen wir eine
Frau, die, ber einen Trog gebeugt, Wsche wusch. Das Zimmer war mit warmem
Dampf gefllt, man hrte nur das Pltschern des Wassers und das Klatschen
der Leinwand. Wir blieben auf der Schwelle stehen und die Frau fragte uns:

Wen suchen Sie?

Madame Suzanne Bache, antwortete Franois.

Ich glaube, sie ist zu Hause und allein -- treten Sie nher, sagte die
Frau, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

Sind Sie es, de Saucier? Treten Sie ein, ertnte eine Stimme aus dem
Nebenzimmer. In einer kleinen Kammer, in der eine Menge Kleider herumlag,
stand am Fenster auf einer Erhhung ein Tisch und ein Stuhl; dort sass,
einen Haufen von Lumpen durchsuchend, eine etwa dreissigjhrige Frau mit
nichtssagendem blassem Gesicht. Sie trug ein dunkles Kleid. Nachdem sie uns
begrsst hatte, fragte sie nach einigem Schweigen:

Womit kann ich dienen, teurer Marquis?

Sie wissen selbst, was wir brauchen, Suzanne.

Ist das Ihr Freund? Weiss er? wies sie mit dem Kopf auf mich.

Ja, wir brauchen beide deine Prophezeiung vor einem wichtigen, sehr
wichtigen Schritt, sagte Franois und liess sich auf eine Truhe nieder,
nachdem er die darauf liegenden Bndel auseinander geschoben hatte.

Vor einem wichtigen, sehr wichtigen Schritt, wiederholte die Bache
nachdenklich, nahm die Karten, breitete sie auf dem Tisch auseinander,
mischte sie darauf, legte sie wieder auf den Tisch und begann, nachdem sie
sie ungemischt zum drittenmal auseinander gelegt hatte, mit tonloser
Stimme:

Was ihr zu tun vorhabt, das tut. Es wird Geld geben. Eine Reise. Weiter
gehen die Schicksale auseinander. Dir, Franois de Saucier, droht Krankheit
und vielleicht der Tod. Dein Freund wird noch lange den gefahrvollen Weg
des Reichtums weiter gehen und ich sehe nicht das Ende dieses Weges. Nimm
dich vor Karossen, rothaarigen Weibern und Menschen in acht, deren Namen
mit >G< beginnt. Dir droht Gefahr von Wasser, aber du wirst sie berstehen.
Der ltere geht frher in den Tod, als der Jngere, viel, viel frher.

Sie schwieg in Gedanken versunken, als sei sie eingeschlafen.

Ist das alles? fragte de Saucier, sich erhebend, leise.

Alles, antwortete Suzanne tonlos, wie vorher.

Ich danke Ihnen, Sie haben uns einen guten Dienst geleistet, sagte
Franois, legte Geld auf den Tisch vor die noch immer regungslos dasitzende
Frau und trat mit mir auf die Strasse hinaus.


Neuntes Kapitel

Ich wollte unten, in Franois' Zimmer, warten, um aufzupassen, ob nicht
jemand komme, und nach oben laufen, wenn meine Hilfe ntig werden sollte.

Als de Saucier fortging, steckte er ein Messer in die Tasche, ksste mich
und sagte:

Genossen auf Leben und Tod?

Auf Leben und Tod, antwortete ich, vor Klte zitternd. Seine Schritte
waren verklungen; eine unter den Tisch gestellte Kerze beleuchtete nur
sprlich das Zimmer, den Tisch, eine Flasche und zwei halbgeleerte Glser
mit Montrachet. Die Zeit verstrich unglaublich langsam; ich frchtete mich,
im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht den schlafenden Maturin zu wecken,
deshalb sass ich am Tisch und betrachtete, den Kopf auf die Hand gesttzt,
mechanisch die Bank, das Bett des Marquis, den Sack, den wir fr die Flucht
vorbereitet hatten, das Gebetbuch und den Rosenkranz, den de Saucier nach
der Kirche fortzurumen vergessen hatte. Jemand kam die Treppe herunter,
ich horchte auf: de Saucier trat bleich, mit einer Schatulle in der Hand,
ins Zimmer. Das Messer fiel aus seiner Hosentasche. Er stellte die
Schatulle auf den Tisch, fllte das Weinglas und schlrfte gierig den im
Lichte der wieder hervorgeholten Kerze goldig schimmernden Wein.

Schlief er? fragte ich. Franois nickte mit dem Kopfe.

Alles? fragte ich wieder, auf die Schatulle deutend. Er nickte wieder
stumm und streckte sich pltzlich mit unter dem Kopfe verschrnkten Armen
aufs Bett aus.

Was ist dir? Wir mssen doch fliehen! Der Herzog kann jeden Augenblick
erwachen, er kann es bemerken. Haben wir nicht ausgemacht bei Jacques zu
bernachten, um morgen abzureisen?

Lass; ich bin mde, antwortete Franois und schlief ein. Ich steckte die
Schatulle in den Sack, wartete eine Zeitlang und begann wieder Franois zu
wecken. Ich sah das Messer am Boden liegen, hob es auf, und besah ob es
nicht blutig sei, aber es war rein. Die Kerze war zu Ende gebrannt und
begann knisternd zu verlschen. Franois sprang pltzlich auf, drngte mich
zu Eile und begann in der Dunkelheit nach dem Haustrschlssel zu suchen.
Wir sprachen flsternd und traten geruschlos auf. Endlich gingen wir durch
den Korridor zur kleinen Haustr, die auf eine Nebenstrasse fhrte, auf die
wir glcklich, ohne von einem der Hausbewohner bemerkt worden zu sein,
hinausgelangten. Den Sack schleppte ich. Der Mond schien noch, obgleich es
schon hell wurde, und ich atmete erleichtert die kalte Luft ein. So
verliessen wir Paris, um unser Glck im fernen und gesegneten Italien zu
suchen. Ich war damals achtzehn Jahre alt.




Dritter Teil


Erstes Kapitel

Schon in Paris stellte es sich heraus, dass Franois, statt der Schatulle
aus Palisanderholz, in der der Herzog einen grossen Teil seines Geldes
aufbewahrte, eine hnliche aus dunkelm Eichenholz mitgenommen hatte, in
welcher, ausser Rechnungen und Schlsseln, sich nur eine Summe von
Louisdors befand, die gerade ausreichte ohne Sorgen nach Italien zu
gelangen, keinesfalls aber uns der Mhe enthob unser Glck weiter zu
suchen. Die Schlssel warfen wir fort, die Rechnungen wurden verbrannt.
Nachdem wir weidlich auf unser Schicksal geschimpft hatten, beschlossen
wir, da das Geld fr ein sorgenloses Leben, sowieso, nicht reichte, es
auszugeben, ohne zu geizen. Dieser leichten und angenehmen Beschftigung
gaben wir uns mit einem solchen Eifer hin, dass wir, als wir in Prato
angelangt waren, bemerkten, das Geld reiche kaum noch, um nach Florenz zu
gelangen und uns dort einzurichten. Dafr aber hatten wir neue Hte,
modische geblmte Kamisols und geftterte Mntel, denn der Winter nahte.
Franois' Mantel war schokoladenfarben, meiner, weil ich blondes Haar
hatte, himmelblau. Im Gasthofe am Domplatz bewohnten wir ein Zimmer im
zweiten Stock. Neben uns lebten zwei Frauen, anscheinend Italienerinnen.
Ich hatte Gelegenheit sie im Korridor zu sehen, als sie zur Messe gingen.
Die ltere war klein von Wuchs, hatte eine lange Nase, war ganz in Schwanz
gekleidet und schien mir buckelig zu sein, die jngere, eine etwas magere
Blondine, sah mit ihrem bleichen, ein wenig verlebten und schmachtenden
Gesichtchen, in einem bescheidenen rosa Fhnchen ganz anziehend aus.

Habe nichts Besseres zu tun, als jeder Herumtreiberin meine Aufmerksamkeit
zu schenken, antwortete mir Franois, als ich ihm meine Beobachtungen
mitteilte. Abends ging er mit einem Florentiner, dessen Bekanntschaft er
schon unterwegs gemacht hatte, und die er sehr schtzte, weil er glaubte,
spter aus ihr Vorteil ziehen zu knnen, in die nchste Taverne. Ich ging
nicht mit. Zu Hause horchte ich auf das Gerusch bei unseren Nachbarinnen.

Durch die dnne Bretterwand konnte man hren, dass die Frauen sich
anschickten, zu Bette zu gehen. Die Alte brummte laut und schimpfte auf
italienisch, die Junge trllerte vor sich hin, whrend sie, augenscheinlich
beim Auskleiden, auf und ab ging, denn von Zeit zu Zeit hrte man, wie
Kleidungsstcke aus einer Ecke des Zimmers in die andere geworfen wurden.
Ich hustete, der Gesang verstummte, man begann leiser zu sprechen, lachte
ber irgend etwas, dann wurde an die Wand geklopft, ich tat dasselbe.
Darauf wartete ich eine Weile. Als ich hrte, dass im Nebenzimmer alles
still geworden war, entkleidete ich mich, und legte mich, ohne die Rckkehr
des Marquis abzuwarten, zu Bett. Ich wurde von einem entsetzlichen Lrm
geweckt; aus dem Korridor drang Weibergeschrei zu mir herber, dazwischen
die Stimme Franois'. Im Gang war Licht. Ich steckte, ohne mich
anzukleiden, meine Nase durch die geffnete Tr.

Die Alte aus dem Nebenzimmer drang in einem Deshabill, das sie durchaus
nicht schner machte, auf Franois ein, der ohne Gilet und Schuhe, in
grsster Unordnung des brigen Anzuges sich gegen unsere Tr zurckzog;
einige Frauen im Hubchen und Mnner in Nachtmtzen standen mit Kerzen in
den Hnden im Korridor, aus dem Nebenzimmer klang Schluchzen herber. Die
Alte schrie:

Es gibt ein Gesetz! Es gibt eine Ehre! Wir sind Edeldamen. Wann hat man
gehrt, dass sich einer in ein fremdes Zimmer einschleicht sich entkleidet
und macht, als sei er in einem ffentlichen Hause?

Franois meinte, er habe sich in der Zimmertr geirrt und geglaubt, im
Bette schlafe sein Freund.

Geht man mit seinem Freunde so um, wie mit einer Frau, die man . . . die
man . . . Hier wurde ihr Geschrei durch ein noch lauteres aus dem
Nebenzimmer bertnt.

Die rmste, die rmste! Gut, dass ich mich diese Nacht an die Aussenseite
des Bettes legte und kitzelig bin. Wasser! Haben Sie nicht Wasser?

Sie schob mich aus unserem Zimmer heraus auf den Korridor, betrat unsere
Nummer, aus der sie gleich wieder mit einem Glase Wasser herauskam. Nachdem
das Geschrei noch lange Zeit gewhrt hatte, gingen die Leute schliesslich
auseinander. Die Alte rief uns noch zum Schlusse nach:

Ich werde es dabei nicht bleiben lassen! Es gibt ein Gesetz!

Franois hatte seine Kleider zurckbekommen, machte jedoch die Entdeckung,
dass sein Geldbeutel aus seinem Kamisol verschwunden war. Auch meiner war
nicht mehr auf dem Tische, auf den ich ihn gelegt hatte. Infolgedessen
hatten wir nicht einmal Geld, um nach Florenz zu gelangen.


Zweites Kapitel

Die Sonne schien grell in das Zimmer, das fast genau so aussah, wie das
unsrige. Die Buckelige wickelte, whrend der Auseinandersetzung mit uns,
Garn ab, Signorina Pasqua sass mit gefalteten Hnden am Fenster und schien
nicht das geringste Interesse an unserem Gesprch zu haben. Franois
bemhte sich vergeblich die alte Dame zu einem Gestndnis und zur
Wiedergabe des gestohlenen Geldes zu bewegen, sie stellte sich taub und
einfltig und machte, als begreife sie nichts, von Zeit zu Zeit brachte sie
den gestrigen Vorfall wieder in Erinnerung und sprach davon, dass es ein
Gesetz gbe. Um nicht der Versuchung zu erliegen die schlaue Buckelige zu
verprgeln, trat ich, als ich vom Streit gerade genug hatte, ans Fenster,
wo Signorina Pasqua im Hauskleide mit gefalteten Hnden dasass. Sie
lchelte ein wenig und sah mich von unten nach oben mit etwas schielenden
Augen an.

Ihnen ist diese Geschichte vom verschwundenen Gelde auch langweilig
geworden?

Ja, um so mehr, als bei der Sache nichts Vernnftiges herauskommen will.

Da kann auch nichts Vernnftiges herauskommen: wer hat denn jemals gehrt,
dass man verlorenes Geld zurckerhalten htte? Ihr Freund bemht sich
vergebens.

Es bleibt ihm halt nichts anderes brig, als sich so eifrig zu bemhen,
denn wir sitzen ohne einen Groschen und knnen nicht einmal bis nach
Florenz.

So? . . . fragte sie, als interessiere sie sich jetzt mehr fr unsere
Angelegenheit, dabei glitt ihr, dnner Finger dem Fensterrahmen entlang, wo
eine versptete Fliege summte. Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte,
wandte sie sich pltzlich den Streitenden zu und sagte mit etwas scharfer,
aber klangvoller, reiner Stimme:

Hret, meine Lieben! Wir sind euch mit Signor Aim gar nicht fr euren
Disput dankbar, um so weniger, als er ganz aussichtslos ist. Sie mssen
sich damit zufrieden geben, dass das Geld spurlos verschwunden ist, aber
wir knnen darber beraten, wie Sie unter so traurigen Umstnden zu handeln
haben. Und mir scheint, fuhr sie, die Augen zusammenkneifend, fort: mir
scheint, dass wir vorzglich zu einem bereinkommen gelangen knnen und es
ist sogar sehr wahrscheinlich, dass wir dasselbe Ziel im Auge haben, meine
Freunde . . .

Und sie begann ihren Plan zu entwickeln.


Drittes Kapitel

In der Nhe des Ponte Vecchio hatten wir uns eine anstndige Wohnung
gemietet, gaben uns fr zugereiste Venezianer aus und legten uns den Namen
der Grafen Gozzi bei. Die alte Buckelige trug den angeblichen Grafentitel
mit Wrde und wir bemhten uns die liebenswrdigen Cousins der falschen
Cousine zu spielen. Signorina Pasqua zeigte sich tglich auf der Promenade,
kleidete sich schlicht und befand sich immer in meiner oder Franois'
Begleitung. Sie machte mit wohlhabend scheinenden Leuten Bekanntschaften,
erzhlte von ihren Unglcksfllen, von der zeitweilig bedrngten Lage der
uralten Familie Gozzi, lud ihre Bekannten zu sich ein, wo sie hflich und
bescheiden empfangen wurden. Signorina Pasqua spielte Clavecin und sang
Arien und franzsische Lieder, wir schlugen zur Zerstreuung ein Spielchen
vor. Franois gewann, aber nicht viel, denn er frchtete, man knnte
darber sprechen und wartete auf eine gnstigere Gelegenheit fr einen
entscheidenden Coup. Wenn einmal neue Bekannte, nicht so sehr durch die
Reize, als durch das Mienenspiel und das Getue der gebeugten Jungfrau
hingerissen, etwas wagten, so erhob die Buckelige ein Geschrei und wir
traten als Beschtzer der Unschuld auf, indem wir den Streit durch Waffen
zu entscheiden oder den Skandal fr Geld niederzuschlagen in Vorschlag
brachten, wobei wir mit unseren Verbindungen in Venedig drohten. So lebten
wir etwa einen Monat lang. Der Verdienst wurde brderlich geteilt,
Ersparnisse machten wir nicht, aber wir konnten sorglos, ohne uns
Vergngungen zu versagen, leben. Schliesslich verliebte sich in Signorina
Pasqua der junge Spaladetti, der Sohn eines jdischen Goldschmiedes und
Wucherers. Seine Schnheit war etwas ssslich, ungeachtet seiner Herkunft,
war er freigebig, treu und leidenschaftlich, ausserdem war er, glaub ich,
noch unschuldig und hoch von Wuchs. Er begann, der Signorina nach allen
Regeln der Kunst mit Blumenstrussen, Serenaden, Soupers, Spazierfahrten,
Sonetten, Geschenken und Fensterpromenaden den Hof zu machen. Das wusste
denn bald auch die ganze Stadt zum grssten Leidwesen des alten Spaladetti
und zur Freude unserer lieben Cousine.


Viertes Kapitel

Einmal, als ich mit Pasqua vor den Stadtmauern spazierenging, trafen wir
den jungen Giuseppe Spaladetti hoch zu Ross in einem lila Sammetgewande.
Als er uns bemerkte, stieg er vom Pferde, bergab dieses seinem berittenen
Diener, der ihm folgte, denn der Sohn des Wucherers war bestrebt, ein
vornehmes Leben zu fhren und fr einen Stutzer aus hohem Hause gehalten zu
werden, und bat um die Erlaubnis, uns begleiten zu drfen. Mit
bertriebener Ehrerbietung und etwas orientalisch schnrkelhaft, so dass
die Schnheit der Bilder den Mangel an Geschmack ausgleichen musste, sagte
er leidenschaftlich und schchtern der Signorina Artigkeiten, whrend ich
nebenher ging und die Miene eines Menschen aufsetzte, der die Natur
geniesst. Als wir auf dem Rckwege am Hause Tornabuoni vorberkamen, sahen
wir den alten Ieronymo Spaladetti im Gesprche mit dem Herrn des Hauses
unter einem eisernen Fackelhalter sitzen. Als wir an ihn herangekommen
waren, rief er seinem Sohne zu:

Giuseppe, hierher!

Wir blieben stehen, die Signorina gab den Arm des jungen Spaladetti frei,
der seinem Vater antwortete:

Wenn ich die Grfin Pasqua nach Hause begleitet haben werde, kehre ich
sofort zu Euch zurck, Signor.

Was gibt es da allerhand Abenteuerinnen zu begleiten! schrie der Alte,
seinen pelzverbrmten Rock zusammenraffend, whrend ich, zu einer Rauferei
bereit, die Hand an den Griff meines Degens legte.

Ich bitte Euch, mein Vater, daran zu denken, was Ihr saget.

Still geschwiegen! Ich, dein Vater, der dich erzeuget hat, befehle dir:
lass ab von ihr!

Pasqua schmiegte sich an mich, Giuseppe entgegnete erbleichend:

Ich flehe Euch an, Vater, keine Befehle zu erteilen, die ich, wie Ihr im
voraus wisset, nicht erfllen werde.

Wie? rief der Alte aus, und eine Flut von Schimpfworten ging auf seinen
Sohn nieder. Die jdischen Flche, der genuesische Akzent, die
Schnelligkeit und Leidenschaftlichkeit der Rede, das halborientalische
Gewand und der hohe Wuchs des alten Goldschmiedes und wir, verlegen dem
Alten gegenberstehend, das alles zog die Aufmerksamkeit der
Vorbergehenden an. Pasqua, die in Ohnmacht zu fallen drohte, flsterte
Giuseppe zu:

Gebt nach, verlasset uns. Spter . . . morgen . . . ich bin die Eure
. . . fr immer. Spaladetti flammte auf und sagte laut:

Ich werde das nicht vergessen, Grfin! Hierauf trat er an den Alten
heran, fasste ihn am rmel und murmelte:

Gehen wir, Vater, ich bin bereit.

Grfin, Grfin . . . dass dich der Teufel hole! Aber ich kriege dich
noch! knurrte der Jude, whrend ich meine angebliche Cousine zum Arno
hinunterzog. Als wir nach Hause gekommen waren, sang Pasqua Kanzonen von
Scarlatti und setzte sich dann schweigend, ohne auf unsere Scherze
einzugehen, ans Fenster und blieb dort lange bei verlschten Kerzen sitzen,
bis der Mond schon lngst verschwunden war. Sie hatte die Hnde auf den
Schoss herabsinken lassen und schien ber etwas ernst nachzudenken.


Fnftes Kapitel

Giuseppe hatte sich aufs Clavecin gesttzt, an dem unsere Cousine gesungen
hatte, und flsterte leidenschaftlich, auf ihre mageren, rosig glnzenden
Finger herabschauend:

Ich bete Eure Hnde an, Pasqua, niemand hat so wunderbare Hnde, ich werde
Euch ein Schmuckkstchen mit Ringen aus dem Laden meines Vaters schenken,
es sind prchtige Amethysten darunter und Topase, rosenrot, wie Eure Haut.
Pasqua sang, die Augen halbgeschlossen, mit dnner feiner Stimme:

   Wie der Schwan, noch sterbend will ich singen,
   Sterbend noch sing ich voll Liebeslust,
   Liebend dich nur pocht in meiner Brust
   Heiss mein Herz und will vor Liebe springen . . .

Die Buckelige spielte aus Langerweile mit Franois Karten um Schokolade,
ich sah zum Fenster hinaus, im Hause drben konnte man eine Kche sehen, in
der Kche das Abendessen bereiteten. Pltzlich klopfte es an die Tr. Wir
fuhren alle auf. Franois liess den alten Spaladetti herein, dem Sbirren
und noch andere Leute folgten.

Vater, Ihr hier? Wozu? schrie Giuseppe, der aufgesprungen war und
Signorina Pasqua mit seinem Krper deckte.

Sind das die Leute, die wir suchen? fragte der Sergeant, sich an Ieronymo
wendend. Dieser nickte mit dem Kopfe. Die ihr euch fr die Grafen
Francesco und Aim Gozzi, die Grfinnen Giulia und Pasqua ausgebet, im
Namen des Gesetzes werdet ihr befragt, mit welchem Recht ihr euch diesen
Titel und diesen alten Namen angeeignet habet? Erkennet Ihr, geehrter Graf,
diese Leute, die Ihr in Venedig gesehen haben msstet? wandte er sich an
einen Greis mit einer runden Brille und in grauem Kamisol, der mitgekommen
war. Dieser sah uns der Reihe nach lange an, schttelte den Kopf und sagte:

Nein, nein, ich habe sie niemals gesehen.

Ist er auch selbst ein Graf? Verrckt ist er oder betrunken! Hinaus aus
unserem Hause! schrie Franois. Giuseppe zankte mit seinem Vater, das
Zimmer mit Gurgellauten erfllend. Signorina Pasqua weinte in den Armen von
Signora Giulia, die mit Wrde irgendeine Erklrung abgab. Der Lrm wurde
immer grsser. Klirrend kreuzten sich die Degen. Die Sergeanten riefen
durch das Fenster nach Hilfe. Die Frauen fielen in Ohnmacht. Franois sank,
vom alten Juden verwundet, zu Boden und riss, im Fallen auf die Tasten des
Clavecins schlagend, die Kerzen vom Instrument mit. Im Halbdunkel strzte
ich mich in diese Richtung und bohrte mein Messer in den mageren Rcken von
Ieronymo, der, sich krmmend, aufheulte. Ich lief durch das Zimmer,
pltzlich wurde ich am Bein gepackt und fiel auf die Buckelige.

Nimm im Vorzimmer eine von unseren Roben, rette dich, flsterte sie mir
zu. Eine kleine Abteilung der Wache nahte dem Hause: ich wartete hinter der
Haustr bis sie an mir vorbei war, zog mir das unterwegs mitgenommene
Frauenkleid an, warf mir ein Tuch ber den Kopf und lief durch die leere
schallende Strasse immer weiter vom Lrm fort.


Sechstes Kapitel

Als ich mich gengend weit vom Hause entfernt hatte, um vor einer
Verfolgung sicher zu sein, blieb ich stehen. Vor Erregung, vom Laufen und
den doppelten Kleidern floss mir der Schweiss in Strmen den Krper herab.
Ich trat in eine dunkle Mauernische, warf mein Kamisol und die Hosen ab und
behielt der Sicherheit wegen nur das Frauenkleid an. Darauf band ich mir
das Tuch sorgfltiger um den Kopf. Nachdem ich die mir unbekannte Strasse
ein Stck entlanggegangen war, bemerkte ich, dass mir ein Mensch folge, der
seinem Gang und usseren nach, dem geistlichen Stande anzugehren schien.
Als er an der Strassenecke stand, pfiff er. Kaum war ich in die
Nebenstrasse eingebogen, als ich mich von etwa sechs Mnnern, mit Larven
vor den Gesichtern und ohne Laterne, umringt sah. Sie warfen mir etwas ber
den Kopf, was mich am Schreien hinderte, hoben mich auf und trugen mich auf
ihren Armen davon, trotzdem ich mit meinen Fssen ihre Buche bearbeitete.
Bald sah ich ein, dass ich mich vergeblich widersetze und hrte, in mein
Schicksal ergeben, auf, mich zu wehren. Wir gingen ziemlich lange durch die
Strassen, dann, nach dem dumpfen Schall der Schritte zu urteilen, durch
lange Korridore, schliesslich stellte man mich auf die Beine und nahm mir
die Binde ab. Ich war, wie mir schien, allein in einem stockfinsteren Raum.
Ich tastete mich bis zu einem Stuhl, der an der Mauer stand. An der Wand
tastete ich mich zu einem Bette, auf dessen Rand ich mich niederliess, ohne
zu wissen, was weiter folgen werde. Bald jedoch stellte es sich heraus,
dass ich im Zimmer nicht allein sei. Feiste, weiche Hnde betasteten mich
behutsam, als wollten sie mein Kleid aufnesteln und ich hrte flstern:

Frchtet Euch nicht, holde Jungfrau, frchtet Euch nicht, Ihr befindet
Euch in Sicherheit, Ihr werdet nur Liebe und Ehrerbietung finden.

Ich wurde fast nackt ausgekleidet; ich war mde und wollte schlafen,
deshalb streckte ich mich ohne Umstnde auf das Bett an der Wandseite aus.
Das Flstern, unterbrochen von Kssen, hrte nicht auf:

Wie glcklich bin ich, dass Ihr mein Flehen erhrt habet und mit diesem
bescheidenen Lager frliebnehmen wollet. Die Hnde glitten ber meine
Schultern, den Rcken, die Lenden . . . Pltzlich schnellte mein Nachbar,
wie von der Tarantel gestochen, vom krachenden Bette empor:

Heilige Jungfrau! Sohn Gottes! Bewahre mich vor Versuchung! Da ich mich
nicht regte und schwieg, so begab sich mein gottesfrchtiger Partner noch
einmal auf Rekognoszierung, die nicht weniger trostlos verlief.
Schliesslich unterbrach ich das Schweigen:

Signor, Ihr tuschet Euch nicht und seid auch nicht in Versuchung gefhrt
worden, ich bin tatschlich weit davon entfernt eine Jungfrau zu sein. Bin
ich nun aber schon einmal hier, so werde ich auch bis zum Morgen dableiben,
um nicht Euch und mich selbst einer Gefahr auszusetzen; wenn alle zur
Frhmesse gehen werden, meinte ich (denn ich hatte bereits begriffen, wo
ich mich befand), werde ich mich unbemerkt entfernen. Fassungslos sagte
der Bruder, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte:

Ihr habet recht, mein Sohn, und der Herr, der Wasser in Wein verwandelt
hat, er mge Euch morgen helfen hinauszukommen. Jetzt bleibet auf diesem,
wenn auch schmalen Lager liegen. Die an Euch gebte Gastfreundschaft wird
mir helfen mein Missgeschick zu vergessen.

Amen, antwortete ich, und kehrte mich zur Wand.


Siebentes Kapitel

Der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, half mir nicht unbemerkt
hinauszukommen, denn noch vor Sonnenaufgang weckte uns ein Klosterdiener
und befahl uns im Namen des Abtes ins Refektorium zu kommen, wo die gesamte
Bruderschaft bereits versammelt war. Der Abt antwortete kaum auf unseren
Gruss, als man uns ins Refektorium hineinfhrte. Wir wurden abseits von der
Brderschaft aufgestellt. Mir war das Gesicht mit einem Tuche verhllt
worden. Nachdem der Abt auf die Bedeutung und die Wichtigkeit der
Mnchsgelbde hingewiesen hatte, fuhr er mit einer Handbewegung in die
Richtung, wo wir standen, fort:

Aber siehe, in unserer so musterhaften Herde, in unserem vom Geruche der
Frmmigkeit erfllten Kloster, hat sich ein Schaf finden lassen, das die
Herde verdirbt, hat sich ein Bruder finden lassen, der das Gelbde der
Keuschheit, das Gebot des Gehorsams vergessend, im geheimen vor uns ein
Weib in seine Zelle fhrt, die Nacht mit diesem Weihe zubringt, in unsere
Umfriedung Snde, Tod und Fluch trgt. Mein Mnch weinte, sich die feiste
Brust schlagend, wobei er immerfort murmelte: Mea culpa, mea culpa. Die
brigen Mnche schwiegen vorwurfsvoll. Als ich die Wendung der Dinge sah,
die mir nichts Gutes verhiess, trat ich vor und sagte bescheiden, aber
deutlich:

Heiliger Vater, ehrwrdige Brder, ihr beschuldiget ohne Grund diesen
guten Bruder. Die Augenscheinlichkeit seines Vergehens wird sofort in ein
Nichts zusammensinken, wenn ihr erfahret, dass ich kein Weib, sondern ein
Mann bin, der vor Mrdern Rettung suchend, glcklich war unter dem Dache
dieses Klosters Zuflucht zu finden. Gott ist mein Zeuge, ausserdem beweist
die Natur selbst die Wahrhaftigkeit meiner Worte. Hier hob ich meine Robe
auf, und solange die Brderschaft, berrascht durch das, was man an einem
Manne sehen kann, der keine Hosen anhat und seinen Rock bis zum Grtel
schrzt, wie versteinert dastand, ging ich schnell durch eine Seitentr
hinaus in den Garten, von wo aus ich ohne Mhe auf die Strasse gelangte.


Achtes Kapitel

Ich hatte mich davon berzeugt, wie wenig ein Frauenkleid vor Zufllen
schtzt, deshalb war ich zuallererst darauf bedacht das meinige
loszuwerden. Nachdem ich es sorgsam im Gebsch an der Heerstrasse versteckt
hatte, begann ich, als wre ich bis aufs Hemd ausgeraubt worden, laut um
Hilfe zu rufen, bis ein vorberfahrender Bauer mich zu sich nach Hause
mitnahm und mir ein Paar alte Hosen und ein ahgetragenes Kamisol schenkte.
Beim Bauern traf ich einen Kaufmann aus Venedig, der gerhrt von meiner
Lage und, glaub ich, auch von meinem usseren, mir vorschlug ihn nach
Venedig zu begleiten, um Verkufer in seinem Laden zu werden. Obgleich ich
nicht die Absicht hatte mich lange mit diesem Gewerbe zu befassen, ging ich
doch auf seinen Vorschlag ein, in welchem ich eine Mglichkeit erblickte
nach Venedig zu kommen, wohin es mich zog, wie einen echten Grafen Gozzi.
Die Reise bot ausser den unbekannten Stdten nichts Interessantes, denn
Vivarini reiste bescheiden, ja geizig, und liess mich zudem keinen Schritt
weit von sich. Das alles machte den Entschluss in mir reifen ihn bei der
ersten Gelegenheit zu verlassen. In Venedig kam noch das Geznk einer alten
Haushlterin, schlechtes Abendessen und das tagelange Herumstehen vor den
Ladentischen des halbdunkelen Warenlagers dazu. Schliesslich erklrte ich
dem Signor, dass ich ihn verlasse, er murmelte etwas von Undankbarkeit der
heutigen Jugend, aber eigentlich war mein Abgang ihm ziemlich gleichgltig.
Ich hatte schon vorher mit dem Gondoliere Rudolfino verabredet, dass ich,
als sein Gehilfe, zu ihm in Dienst treten werde. Ich vertauschte das
ruhige, aber langweilige Leben bei Vivarini gegen das armselige eines
Ruderknechtes, das jedoch mehr Mglichkeiten zu unerwarteten Begegnungen
bot. Und in der Tat verhllte so manches Mal die dunkele Nacht oder der
Vorhang des Felze das Glck des jungen Gondoliere und der Dame, die sich
von ihm rudern liess, aber es gab nicht einen einzigen Fall, der
irgendwelche ernstere Folgen nach sich gezogen htte.


Neuntes Kapitel

Es war ein Fest, man riss sich frmlich um Gondeln. Meine, die ich
sorgfltig gesubert und mit gewaschenen Teppichen geschmckt hatte, nahm
ein Abbate mit seiner Dame. Ich interessierte mich nicht besonders fr die
Zrtlichkeiten meiner Fahrgste und beobachtete mehr die vorbergleitenden
Gondeln, besonders eine, die sich die ganze Zeit neben uns hielt. In ihr
sassen zwei ganz gleich gekleidete Damen, beide mit Perlen geschmckt, jede
mit einer gelben Rose im Haar. Sie waren ohne Begleiter, blickten einander
in die Augen und lchelten. Die Sonne versank in eine Wolke. ber den
ganzen Hafen glitten Gondeln mit Musik. Einige hatten schon ihre Laternen
angezndet. Die schwle Windstille schien ein Gewitter anzuknden. Die
Vergngungen hatten ihren Hhepunkt erreicht, als das Gewitter losbrach.
Der Himmel hatte sich ganz pltzlich verdunkelt, es donnerte, ein
Platzregen goss herunter, die Musik verstummte, ohne Ordnung eilten die
Gondeln dem Kanal zu. Das alles sah der Lust, die eben hier geherrscht
hatte, so unhnlich, dass ein Philosoph sich darber durchaus lehrreiche
Gedanken htte machen knnen. Aber ich musste vor allem daran denken meine
Gondel in Sicherheit zu bringen. In der frchterlichen Enge hrte ich mit
Entsetzen, wie unser Boot krachend an etwas anrannte; ich warf auf alle
Flle meinen einfachen Anzug ab. Und Scham und Nchstenliebe vergessend,
war ich bereit mich ins Wasser zu strzen und meine Passagiere im Boote,
das sich bereits mit Wasser zu fllen begann, der Willkr des Sturmes zu
berlassen. Da trieb der Sturm wieder die umherirrenden Gondeln zusammen,
ich hrte ein neues, noch drohenderes Krachen und sprang -- nicht ins
Wasser, sondern in die nchste vorbeieilende Gondel, wozu ich natrlich
nicht so nackt zu sein gebraucht htte. Die Damen im Perlenschmuck und mit
den gelben Rosen hatten sich aneinandergeschmiegt und waren bleich.

Entschuldiget, Signorine! rief ich aus, als die Gondel sich unter meinem
Sprunge auf die Seite neigte. Sie schrien gleichzeitig leise auf, es war,
als htte sie mein unerwartetes Erscheinen und der Anblick, den ich bot,
erschreckt. Dann drngten sie ihren Gondoliere zur Eile.


Zehntes Kapitel

Nackt, wie ich war, wurde ich durch eine Reihe von, dem Anschein nach,
nicht geheizten Gemchern mit vernagelten Fenstern in ein kleines Zimmer
gefhrt, in dem ein Kamin knisterte, dessen flackerndes rtliches Feuer die
dunkeln Mauern beleuchtete. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben
Rosen sassen stumm auf einem Sofa an der Wand und sahen einander lchelnd
an. Ich schmte mich meiner Nacktheit und fror, deshalb wandte ich mich an
die Damen:

Vielleicht hat einer eurer Diener, meine guten Signorine, ein
berflssiges Gewand, denn ich habe es kalt und bin nicht gewohnt nackt vor
Damen zu erscheinen, ohne dass es mir peinlich wre.

Sie fuhren fort zu schweigen und, als ich meine Bitte wiederholte, kehrten
sie mir gleichzeitig ihre Gesichter zu und blickten mich unverwandt und
starr an, so dass es schien, als belebe nur das flackernde Kaminfeuer ihre
Zge. Ihr Schweigen machte meine Lage noch sonderbarer und peinlicher. Ich
beschloss nicht zu staunen und mir weiter keinen Zwang anzutun, nahm den
Mantel, den jemand auf einen Stuhl geworfen hatte, und setzte mich ans
Feuer. Eine der Damen sagte leise:

Den Mantel, lasset den Mantel!

Aus einem Schrank, der sich als Geheimtr erwies, trat eine alte Frau mit
einer Kerze und einer Kanne Wein, sie stellte schweigend beides auf den
Tisch, auf dem ein Abendessen gedeckt war, zndete an verschiedenen Stellen
des Zimmers Kerzen an und schlug die schweren gelben Vorhnge auseinander,
welche ein Bett verhllt hatten. Ich begann unruhig zu werden.

Ist Ambrosio zu Hause? fragte die eine der Damen.

Wo sollte er denn sonst sein? entgegnete die Alte.

Schlft Ambrosio? fragte die andere der Damen.

Was sollte er sonst tun? entgegnete wieder die alte Dienerin.

Heute musst du mehr essen, Bianca, morgen bist du an der Reihe, sagte die
eine Dame.

Ja, morgen bin ich an der Reihe, besttigte die andere Dame.

Wozu diesen Mantel? fragten dann beide laut zu gleicher Zeit.

Ich hielt es nicht mehr aus, stand auf, warf den Mantel ab, denn ich hatte
mich schon erwrmt, und sagte laut:

Machet das Mass eurer Gte voll, rettet mich, gebet mir ein Glas Wein, ein
Stck Brot, um meine geschwchten Krfte zu strken.

Die Uhr schlug zehn, beide Damen ghnten gleichzeitig, begannen, wie nach
dem Schlaf, ihre Augen zu reiben und sahen mich erstaunt an, als versuchten
sie, sich an etwas zu erinnern, schliesslich sagte die ltere, die Bianca
angeredet wurde, mit tnender Stimme, die ganz anders klang, als ihre
frhere:

Jetzt entsinne ich mich . . . Der schne gerettete Jngling vom Meere?
Gewiss, Abendessen, Wein, aber nicht den Mantel, nicht den Mantel! Die
Frist ist vorber, wir sind frei! Schwester, welch ein Krper, o welche
Vollkommenheit!

Der Wein funkelte rot in den breiten Glsern, die kalten, aber wrzigen
Speisen, die reichlich aufgetragen waren, reizten den Hunger, im
Hintergrunde schimmerte weiss das Bett. Die Damen waren lebhaft geworden,
mit glnzenden Augen und gerteten Wangen betrachteten sie mich, wie
Kinder, und machten naive entzckte Bemerkungen, die mich staunen liessen.
Schliesslich gab die Jngere, Catharina, ihr Haar auflsend, das Zeichen
zum Schlaf. Ohne die Kerzen zu verlschen, brachten wir vor dem riesigen
Spiegel im Hintergrunde des Himmelbettes, fast schlaflos, diese lange, fr
Verliebte allzu kurze Nacht zu.


Elftes Kapitel

Laute Stimmen weckten mich; vor mir auf dem Bette, hinter den
herabgelassenen Vorhngen, lag ein bescheidener, aber derber und sauberer
Mnneranzug. Ein Mann sagte mit rauher Stimme gergert:

's ist noch gut, dass es euch gelungen ist, statt des Giovanni, diesen
Narren herzubringen. Aber welche Unvorsichtigkeit! Welche Unvorsichtigkeit!
Haben meine Damen das bedacht? An einem Festtag, vor allen Leuten sich in
der Gondel hinauszuwagen und dazu noch zu einer solchen Stunde, zu einer
solchen Stunde! Rechtfertigt euch nicht! Gengen euch die leeren Zimmer
vielleicht nicht zu Spaziergngen? Die alte Ursula ist nicht schuld daran,
die dreht, seit dieser Taugenichts davongelaufen ist, die Maschine allein.
Ich wiederhole, es ist gut, dass ihr diesen Kerl hergelockt habet, aber
dass das in Zukunft nicht wieder vorkommt!

Ich blickte durch den Spalt zwischen den Vorhngen: im Zimmer ging ein
riesiger pockennarbiger Mann von etwa fnfundvierzig Jahren auf und ab. Er
trug keine Percke, sondern hatte um seinen Kopf ein seidenes Tuch
gewunden. Die bleichen Damen sassen mit mden, angegriffenen Gesichtern und
matten Augen auf dem Sofa nebeneinander und versuchten von Zeit zu Zeit
schchtern sich zu rechtfertigen. Die Sonne liess ihr Licht auf ihre
Gesichter fallen und machte diese den gestrigen ebenso unhnlich, wie es
das Zimmer war, das ein Werktagsaussehen hatte, nicht aufgerumt war. Die
gelben Rosen lagen, nicht ausgekehrt, auf dem Boden, die Perlen, neben
dampfenden Tassen mit Schokolade auf dem Tische. Nachdem er hinter meinen
Vorhngen Gerusch gehrt hatte, trat der Mann, den Damen mit dem Finger
drohend, in den Schrank, durch den gestern die Alte erschienen war, und
verschwand. Ich bekam meine Schokolade, spter ein Mittag-, dann ein
Abendessen. Zwischen den Mahlzeiten spielten die Damen Gitarre und sangen
leise zweistimmig Lieder. Gegen acht Uhr, als das Abendessen schon fertig
war, und wir mit Signorina Bianca an der geffneten Schranktr plauderten,
erblasste die Dame pltzlich, schloss halb die Augen und wurde eigentmlich
sich selbst wieder hnlich, wie ich sie gestern gesehen hatte. Sie sprach
leise und mit Unterbrechungen, whrend auch hinter der Tr verschwommene
Stimmen hrbar wurden.

Alcide da Buonovente . . . ja . . . Ihr werdet es nach neun Nchten finden
. . . es wird nichts geschehen . . . der Tod, der Tod . . . zehntausend
Louisdors . . . . der Rest im linken Schiebfach des Sekretrs . . . .

Ich strzte erschreckt zu Signorina Catharina, die den Finger an den Mund
hielt, um mir Schweigen zu gebieten, und mich ans Fenster zog, whrend die
bleiche Bianca fortfuhr, unverstndliche, abgebrochene Stze zu murmeln,
als beantworte sie ihr allein vernehmliche Fragen.


Zwlftes Kapitel

Eines Morgens befahl mir Signor Ambrosio mich anzukleiden und ihm in die
nchste Kirche zu folgen. Er sagte mir:

Aim, ich werde Euch ein grosses Geheimnis enthllen, welches das Glck
Eures Lebens werden kann; vorher jedoch muss ich Gewissheit haben, dass Ihr
dieses Geheimnis niemand verraten werdet, deshalb werdet Ihr mir vor dem
Altar ein Schriftstck vorlesen, das ich bei mir in der Tasche trage.

Die gewisse Feierlichkeit, mit der diese einleitenden Worte vorgetragen
wurden, die halbdunkele Kirche mit ihren wenigen Betern, der erste Ausgang
nach ziemlich langer Zimmerhaft, das alles hatte mich selbst in gehobene
Stimmung versetzt. In der Kirche, beim Altar, wo die ewige Lampe vor den
geweihten Gaben des heiligen Abendmahles brannte, las ich das Folgende:

Ich, Jean, Aim, Ulysse, Bartholom schwre vor unserem Herrn Jesus
Christus, seiner heiligen Mutter, der heiligen Jungfrau Maria und allen
Heiligen, ewiges Schweigen darber zu bewahren, was ich vom ehrenwerten
Signor Ambrosio, Pietro, Ieronymo Scalzarocca erfahren werde, und niemand,
weder Bruder, noch Vater, noch Sohn, noch Mutter, noch Schwester, noch
Tochter, noch Onkel, noch Neffen, noch sonst einem Verwandten oder einer
Verwandten, keinem Freunde, keinem Manne und keiner Frau dasselbe erffnen,
noch mit mir selber, weder mndlich noch schriftlich darber sprechen, auch
nicht sagen werde: ich knnte etwas erzhlen, wenn ich nicht durch ein
Versprechen gebunden wre, oder: ich weiss etwas, oder andere
Andeutungen machen werde. Mge Gottes Strafe mich, als einen Eidbrchigen,
treffen, mge ich der Seligkeit des Paradieses verlustig gehen, wenn ich
diesen Schwur nicht halte, den ich vor den geweihten Gaben des heiligen
Abendmahles, dem unbefleckten Leibe des Herrn, leiste, am Tage der
Mrtyrer, der Ppste Clytus und Marcellinus, im Monat Aprilis, am
sechsundzwanzigsten Tage, zu Venedig. Amen. Das zu halten gelobe ich, Jean,
Aim, Ulysse, Bartholom. Und alles das ist wahr, wie die ewige Seligkeit
der gerechten Seelen und die ewigen Martern der reuelosen Snder wahr sind.
Amen, amen, amen.

Wir gingen schweigend nach Hause. Nachdem Signor Ambrosio mich in ein
kleines dunkeles Zimmer, eine Art Ablegeraum, gefhrt hatte, zndete er
eine Laterne an. Ich erblickte eine ganze Kette von Rdern, Hebeln, Achsen,
die allem Anschein nach auf irgendeine geheime Art mit dem Nebenzimmer in
Zusammenhang gebracht waren. Die alte Ursula setzte diese Rder mit grosser
Anstrengung mittels eines Griffes in Bewegung, wobei ihr der Schweiss in
Strmen von der Stirn floss. Ambrosio begann wieder mit einer gewissen
Wichtigkeit auf dem pockennarbigen Gesichte:

Hre, Aim, ich teile mein grsstes Geheimnis mit dir. Siehst du, diese
ganze Anlage ist ein Schritt zum grossen Perpetuum mobile; jedoch der
letzte Schritt ist noch nicht getan. Noch fehlt dem grssten Werke des
menschlichen Genius die Krone. Den Leuten aber, deren Spott kleinmtig
macht, will ich das Werk bereits in der usseren Gestalt seiner knftigen
Vollkommenheit zeigen. Einstweilen ersetzen deshalb meine eigenen Hnde,
die schwachen Arme dieser alten, mir ergebenen Frau, und von jetzt ab auch
die deinen, mein Sohn, den ewigen Stoss der Bewegung. Er umarmte mich
begeistert, whrend die schweisstriefende Ursula leise sthnte.

Bald hatte ich alles erfahren: die Signorine, Bianca und Catharina, waren
Hellseherinnen, die tglich von Signor Scalzarocca in magischen Schlaf
versenkt wurden, der bekanntlich die menschlichen Fhigkeiten so
wundersamer Weise schrft. Diese ihre Fhigkeit benutzte Scalzarocca zu
Wahrsagungen und zur Beantwortung von allen mglichen Fragen. Ausser dieser
Beschftigung und der mit dem Perpetuum mobile, trieb er noch Alchemie, zu
welchem Zwecke er sich tglich fr zwei, drei Stunden ganz allein, selbst
ohne mich, den er doch in die Elemente der Magie und der Stellung des
Horoskopes einzufhren begonnen hatte, in ein entlegenes Zimmer zurckzog.
Ich kam selten aus dem Hause. Bald musste ich das Perpetuum mobile drehen,
bald sass ich bei den Damen oder las im Albertus Magnus.


Dreizehntes Kapitel

Eines Morgens, whrend unserer Beschftigungen, sagte mir Ambrosio ernst
und aufrichtig, dass er uns bald verlassen werde und mich mitnehmen knne,
dass die beiden Damen jedoch mit der alten Ursula nach Ferrara ziehen
sollten. Er, Scalzarocca, selbst werde von einem deutschen Herzog, als
astrologischer Rat und Maitre de plaisir an dessen Hof geladen und in den
nchsten Tagen trfen die Abgesandten des Herzogs ein, um ihn abzuholen.
Hierauf entfernte er sich ins Laboratorium. Da Ursula die Maschine drehte,
so benutzte ich die freie Zeit, um einem Duett der Damen, die auf dem Sofa
sassen, zuzuhren. Meine Trume von der bevorstehenden Reise, von
Elixieren, Horoskopen, von Geld, von in der Ferne winkender Grsse wurden
durch einen frchterlichen Knall unterbrochen, der das ganze Haus
erschtterte.

Was ist das?! riefen beide Damen, vom Sofa aufspringend, aus.

Das war oben! entgegnete ich, erbleichend.

Zu Hilfe! Der Herr, der Herr! schrie Ursula, die in der Tr zum
Ablegeraum erschien. Ich befahl ihr zu schweigen und eilte die Treppe
hinauf an die verschlossene Tr:

Signor, Signor! Was ist mit Euch geschehen? rief ich und trommelte mit
den Fusten an die Tr, hinter der nur ein atemraubender Geruch
hervorquoll. Ausserstande, die eisenbeschlagene Tr aufzubrechen, stieg ich
auf einen Stuhl und sah durch das Fenster im Rauche, der das ganze Zimmer
erfllte, Signor Ambrosio am Boden ausgestreckt daliegen. Das Fenster
einschlagen, durch das tzender Qualm herausdrang, und ins Zimmer springen,
war das Werk eines Augenblicks. Scalzarocca lag mit verbranntem Gesicht,
ganz in Rauch gehllt, neben einer gesprungenen Retorte, er war ohne
Zweifel tot. Es wurde an die Tr geklopft und als ich von innen mit dem
Schlssel ffnete und hinaustrat, flsterte Ursula entsetzt:

Die Abgesandten des Herzogs!

Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, aber pltzlich erfllte
Entschlossenheit meinen Verstand mit kalter Ruhe. Ich verschloss die Tr,
befahl Ursula zu schweigen und stieg wichtig und langsam die Treppen zu den
rosigen jungen Deutschen hinunter.

Ihr seid vom Herzog Ernst Johann nach mir gesandt? fragte ich ruhig. Die
Deutschen verbeugten sich und begannen gleichzeitig:

Wir haben die Ehre mit . . .?

Ja, Ihr sprechet mit dem berhmten Ambrosius, Petrus, Hieronymus
Scalzarocca.

Aber, ehrenwerter Herr, man sagte uns . . . machte uns auf Eure Jahre
aufmerksam . . . .

Am Tage der heiligen Jungfrau Praxedis, den einundzwanzigsten Juli, werde
ich fnfundvierzig Jahre alt werden, sagte ich wrdevoll und lchelte
trumerisch vor mich hin. Als ich den zweifelnden Blick der Deutschen
gewahrte, fgte ich, auf die an der Tr herumstehende Ursula weisend,
hinzu: Diese Frau wird Euch meine Worte besttigen. Dem Weisen
erschliessen sich alle Geheimnisse der Natur, und selbst die Jahre haben,
wie Gift und Verleumdung, keine Macht ber ihn.

Die Deutschen hrten mit halboffenem rosigem Munde ehrfurchtsvoll zu,
whrend der tzende Rauch aus Scalzaroccas Laboratorium in einem feinen
Streifen sich an der Oberlage hinzog.




Vierter Teil


Erstes Kapitel

Und Ihr glaubet, dass dieses Elixier den Flug der Zeit in unseren Zgen
unsichtbar machen kann, dass mit vierzig Jahren unsre Augen glnzen, unsre
Zhne schimmern, unsre Wangen blhen werden, unser Haar so ppig, unsere
Stimme klangvoll sein wird, wie mit zwanzig Jahren? So sprach die kleine
Prinzessin Amalia, whrend sie sich mit mir im Schlossparke unter den
beschorenen Bumen erging. Ich sah in ihr rundes, rtlich glnzendes
kleines Gesichtchen, mit den runden hervorquellenden Augen, die so
erschreckt-naiv in die Welt blickten, whrend das winzige Persnchen in
einem grnlichen Kleide, das mit grell-rosa Buketts berst war, hpfenden
Ganges ber den Weg trippelte und den kleinen chinesischen Fcher bald auf-
und bald zuklappte. Dann sagte ich:

Glaubet mir, Prinzessin, dieser Wundertrank kann nicht bloss den Lauf der
Zeit aufhalten, er kann die Zeit wiederbringen, dass die Rosen, die schon
zu verschwinden begonnen, wieder auf den Wangen erblhen und das Feuer der
Augen, das als schwacher Funke glimmte, wieder in frhlichen Flammen zu
spielen beginnt. Ihr sehet in mir selbst das anschauliche Beispiel dafr.

Da wir durch eine abgelegene Allee zum See, auf dem Schwne hinglitten,
hinuntergingen, lehnte sich die Prinzessin zrtlich auf meinen Arm und
flsterte noch zrtlicher:

So dass auch mir, die sich schon bereit macht, auf alles zu verzichten,
noch Hoffnung lcheln kann?

Prinzessin! rief ich aus, jeder wird besttigen, dass das Elixier, zu
dem Ihr ohne Ursache zu greifen Euch herabliesset, bereits begonnen hat,
seine Wirkung auszuben.

Ach, Ambrosius, teurer Meister, sprechet zu mir, als mein Freund und
nicht, wie ein Hofmann meines Bruders . . . Und die Prinzessin begann sich
darber zu beklagen, dass die Herzogin sie, die unglckliche Amalia, auf
alle Art in den Hintergrund drnge, sie verfolge und sie mit ihrem Bruder,
dem Herzog, zu veruneinigen trachte, weil sie selbst unter dem Einflusse
des alten Rates von Hohenschwitz stehe, der ein schlauer und heimtckischer
Hfling sei. Dieser Bericht war mir nicht neu, ebensowenig, wie die
leidenschaftlichen Blicke, die Amalia mir schenkte. Ich ksste ehrerbietig
ihre Hand, versprach alles aufzubieten, was in meinen Krften stehen wrde,
um die Eintracht in der herzoglichen Familie wiederherzustellen, und ohne
den Kopf nach dem zweiten Handkusse zu erheben, sagte ich kaum hrbar:

Wann werden wir uns wiedersehen, gttliche Gnnerin?

Mittwoch abend, im kleinen Pavillon, antwortete die Prinzessin erfreut
und tnzelte, wie eine hinter die Kulissen abgehende Ballerina, in eine
Seitenallee. In Gedanken versunken war ich fast bis ans Gitter des Parkes
weiter gegangen, als ich weibliche Stimmen vernahm. Mir schien, dass ber
die herzogliche Familie gesprochen werde, deshalb blieb ich stehen, denn
ich wollte mir die Unterhaltung zunutze machen.

. . . . nein, nein, das weiss man schon, die Mutter der seligen Herzogin,
Therese Pauline und deren Mutter, Pauline Therese, und auch ihre Mutter,
Ernestine Viktoria, bei allen, allen ist es, wie man sagt, so gewesen: das
erste Kind ein Sohn, dann sechs Tchter. Und -- denk an mein Wort! auch
unsere Herzogin -- Gott geb' ihr eine leichte Geburt -- wird als erstes
Kind den Thronerben gebren.

Gb's Gott!

Und alle rothaarig, wie die Fchse . . .

Nun, dieser kann auch schwarze Haare bekommen.

Was willst du damit sagen, Barbara?

Hast du das Jugendbildnis des Rates gesehen, das in seinem Speisesaal
hngt?

Dummheiten! Das geht uns nichts an! Ich glaub's nimmer!

Gewiss, ich sag's ja auch: meine Sache ist, dass die Khe gefttert
werden, dass sie rein sind und gemelkt werden, ja, das ist meine Sache,
aber was die herrschaftlichen Angelegenheiten anbetrifft, so bewahre mich
der Herr davor, nicht wahr?

Hier trat ich aus der Allee heraus, beantwortete den ehrerbietigen Gruss
der beiden Viehmgde und ging langsam meinem Schlossflgel zu, an den
Pftzen vom gestrigen Regen herum, in denen der grellrote Widerschein der
vom Sonnenuntergang gerteten Wolken glhte.


Zweites Kapitel

Ich trat dem Diener nach eilig in das grosse rote Zimmer, in dem ich den
Herzog Ernst Johann am offenen Fenster im Gesprch mit seinem jungen
Bruder, Philipp Ludwig, antraf. Durch das Fenster sah man auf eine gerade,
bereits gelb gewordene Weissbuchenallee. Mit weiten Schritten, irgendeinen
Knig, den er sich zum Muster gemacht, nachahmend, kam der Herzog mir
entgegen und drckte fest meine Hand. Dann fragte er mich nach dem Ergebnis
meiner Beobachtungen und Berechnungen. Herzog Ernst Johann war hager,
mittelgross von Wuchs, hatte eine lange Nase, ein skrophulses Gesicht und
schmale Schultern. Er hnelte seinem Bruder Philipp Ludwig, der ein wenig
frischer aussah mit dem etwas fieberhaften Rot auf den Backenknochen und
den glnzenden hervortretenden Augen. Indem ich hier und da aufgegriffene
Gerchte in Einklang brachte, mich der Unterweisungen meines Lehrers, der
aus magischen Bchern geschpften Formeln und Verordnungen entsann, konnte
ich, mehr oder weniger erfolgreich, die Zweifel meines Herrn lsen,
Ratschlge in laufenden Angelegenheiten erteilen und Voraussetzungen ber
knftige Ereignisse machen. Der junge Herzog stand an den Fensterrahmen
gelehnt und schien erleichtert die durch den Regen erfrischte Luft
einzuatmen.

Ew. Liebden werden einen Thronerben haben, sagte ich langsam, um dem
Inhalt meiner Rede mehr Bedeutung zu geben: Ew. Liebden werden einen Sohn
haben, aber Eure Freude wird durch das Blut verstorbener Vorfahren und
einen Knoten getrbt werden, der aus verschiedenen Fden geknpft,
demjenigen Unheil droht, der ihn lst. Der Herzog hrte mir gespannt und
errtend zu, drckte mir wieder die Hand und murmelte im Fortgehen:

Ein Sohn, das ist das Erste, das andere wollen wir spter in Erwgung
ziehen.

Ich hatte mich ehrerbietig verneigt und begleitete ihn zur Tr. Dann kehrte
ich zu Philipp Ludwig zurck, dessen dunkle Gestalt sich noch immer scharf
vom bereits erblassten Abendhimmel abhob.

Also, mein junger Freund!

Er wandte sich hastig zu mir und rief mit gerhrter und begeisterter
Stimme:

Meister, Meister, ich neige mich vor Eurem Wissen, Eurer Wissenschaft,
Eurer Person, ich verehre Euch, nehmet mich, lehret mich, leitet mich,
sehet -- ich bin ganz der Eure! Er warf sich an meine Brust und barg
seinen Kopf an meiner Schulter.


Drittes Kapitel

Die Herzogin Elisabeth Beatrix sass, im Hinblick auf ihre sich dem Ende
nhernde Schwangerschaft, in weitem Gewande, in einen tiefen Sessel
zurckgelehnt, da und blickte mit verschmtem Stolz auf ihren hinter den
Armen des Sessels hervorragenden dicken Leib. Herzog Philipp Ludwig, der
Rat und ich standen vor ihr und lauschten auf ihre leise, absichtlich noch
leidender verstellte Stimme:

Teurer Meister Ambrosius, Ihr handelt vielleicht nicht ganz berlegt, wenn
Ihr Euch in unserem betrblichen, freilich bloss leichten Familienzwist so
offen gegen mich, gegen unseren ehrenwerten Freund, den verdienstvollen
Rat, auf die Seite der Prinzessin Amalia stellet. Die krankhafte
Einbildungskraft der armen Prinzessin und Eure Vertrauensseligkeit tragen
allein die Schuld an alledem, teuerer Meister.

Ich bin berzeugt, dass der Meister sich, wie immer, nur von den edelsten
Gefhlen hat leiten lassen, mischte sich Philipp Ludwig mit
Leidenschaftlichkeit ein, indem er einen Schritt vortrat. Elisabeth Beatrix
schlug ihre Augen zu dem Sprecher auf und senkte sie dann wieder auf ihre
mageren Hnde, die sie ber dem Magen gefaltet hatte, worauf sie bemerkte:

Ich habe auch gar nichts anderes gedacht, lieber Schwager!

Ew. Liebden, ich bin weit davon entfernt den Kreis meiner Befugnisse zu
berschreiten und ich kann berhaupt nur ganz bescheiden zu handeln
beginnen, wenn der gndige Herzog sich selbst an mich um meinen
ohnmchtigen Rat wenden sollte . . .

Der Rat lchelte und bemerkte:

Und deshalb, ehrenwerter Scalzarocca, wre es uns erwnscht Euch mehr vom
Wohle der Untertanen und der Frderung des Ansehens unseres guten Herzogs,
als von den krankhaften Illusionen der unglcklichen Prinzessin geleitet zu
sehen.

Ich bin berzeugt, dass der Meister immer von Gefhlen der Menschlichkeit
und Gerechtigkeit geleitet wird, erhob der junge Herzog wieder seine
Stimme.

Ich habe die gleiche berzeugung, aber hufig berwiegt die Empfindsamkeit
des Augenblickes die Erwgungen des klaren Verstandes zum Schaden der
Gerechtigkeit, bemerkte Hohenschwitz.

Aber der Meister wird jetzt auch unserer unbedeutenden Persnlichkeiten
bei den Beratungen gedenken, nicht wahr? fragte die Herzogin, die den
Versuch machte ihr eingefallenes Gesicht zu einem freundlichen Lcheln zu
verziehen.

Ich hielt die Audienz fr beendet, verneigte mich schweigend und ging in
die Antichambre hinaus, wo ein Livreediener vor einer trufelnden Kerze
schlummerte. Es schlug dumpf elf Uhr, als ich eine Tr zufallen und die
hohen Stiefelabstze des herzoglichen Bruders klopfen hrte, der mir mit
jugendlichem Schritte nachlief. Ich blieb, den Griff der Ausgangstr in der
Hand, stehen.


Viertes Kapitel

Als Lieschen vor dem kleinen Pavillon stand, legte sie den Finger an den
Mund und ffnete die Tr, aus der das Licht in langen Streifen auf den
Gartenweg, das Beet und den Rasen fiel, um in den Berberizenstruchern zu
verschwinden. Die Prinzessin sass in schmachtender Stellung auf dem Sofa
und liess trge die Finger ber die Saiten einer Laute an grnem Bande
gleiten. Wenn das kurze Ritornell schloss, fing sie es von vorne an, ohne
mit dem Gesang einzusetzen. Ich war eingetreten und blieb an der Tr
stehen; Die Prinzessin tat, als errate sie an den im Zugwinde flackernden
Kerzen, dass jemand hereingekommen sei und flsterte:

Bist du es, Lieschen?

Prinzessin, sagte ich leise.

Ambrosius! rief Amalia aus, mir schnell ihr, im Kerzenschimmer noch mehr,
als sonst, glnzendes rundes Gesicht zukehrend, wobei sie die Laute aus den
Hnden gleiten liess, dass sie dumpf auf den dicken Teppich unter dem
Tische aufschlug.

Prinzessin . . . sagte ich noch leiser.

Ambrosius! rief Amalia schmachtend und liess sich wieder aufs Sofa
gleiten.

Prinzessin, flsterte ich fast, liess mich vor ihr aufs Knie sinken und
bedeckte ihre Hand mit Kssen.

Ambrosius, seufzte Amalia zwischen meinen Kssen. Beim Aufstehen stiess
ich mit dem Fuss an die Laute, die einen schwachen Ton von sich gab. Durch
das Fenster sah man grosse Sterne. Die Prinzessin sass verwirrt, mit
gertetem Gesicht in Erwartung meiner Rckkehr da. Pltzlich wurde laut an
die Tr geklopft. Ich ordnete meine Percke und ffnete dem erregten
Lieschen die Tr.

Der Herzog . . . verlangt . . . die Herzogin ist von einem Sohne entbunden
worden, murmelte das Mdchen.

Von einem Sohne? fragte ich zerstreut.

Ambrosius! rief mir die Prinzessin zu, die sich mit sssem Lcheln etwas
vom Sofa erhoben hatte.

Prinzessin, antwortete ich und winkte der zurckbleibenden Dame einen
Abschiedsgruss zu.

Die Sterne flimmerten grell ber den Struchern beim Boskett. Ein im
allgemeinen Trubel vergessener Springbrunnen pltscherte leise. Im Korridor
traf ich den Bruder des Herzogs, der mich beim Mantel ergriff und mich
abgebrochen und erregt ansprach:

Meister, Meister, sehet, Eure Voraussagung ist eingetroffen, Euer Stern
steigt, Euer Weg ist hell und strahlend: wie ich Euch liebe!

Im Gehen ihn mit einem Arm umfassend, sagte ich:

Ja, mein Freund, mit der Geburt dieses Kindes beginnt etwas Neues.

Von der Treppe oben kam ein Diener mit einer Kerze geeilt:

Meister, der Herzog bittet Euch unverzglich ins Eckzimmer.

Ich betrat einen dunklen Gang, aus dessen Tiefe, hinter verschlossenen
Tren hervor, Kindergeschrei ertnte.


Fnftes Kapitel

Ein glckliches Lcheln hinter affektierter Wichtigkeit verbergend,
unterhielt sich Herzog Ernst Johann mit mir ber Regierungsgeschfte,
whrend der Rat dastand und ber unsere Vertraulichkeit lchelte, die
seinen Einfluss zu verringern drohte. Die Paare gingen im Schritte der
Polonaise an der seit kurzem wiederhergestellten Herzogin vorber, die in
einem Lehnstuhl unter einem hohen an der Marmorsule angebrachten
Kandelaber sass; sie war magerer und etwas hbscher geworden, und zum Takte
der lauten Musik, die von den Galerien erschallte, machten die Tanzenden
ihre Verbeugungen vor ihr. Diener reichten Frchte umher und Philipp Ludwig
stand in roter Uniform, hohen Kanonenstiefeln und weissen hirschledernen
Hosen, einem Portrt Moritz' von Sachsen etwas hnlich, an der
gegenberliegenden Tr und sah, die Arme ber der Brust gekreuzt, mit
leuchtenden Augen zu uns herber. Trompetenstsse kndeten im Garten den
Beginn des Feuerwerkes an. Die erste Rakete war schon aufgestiegen und
zerstubte in buntfarbigem Regen, als wir mit Philipp Ludwig, nachdem ich
das Gesprch mit dem Herzog beendet hatte, den glnzend illuminierten Park
betraten. Als wir die Grotte mit dem Raube der Sabinerinnen erreicht
hatten, liessen wir uns auf einer Steinbank nieder. Das grne Licht der
Laternen, die man auf die Terrassen des knstlichen Wasserfalles gestellt
hatte, beleuchtete uns phantastisch. Eine Zeitlang sassen wir schweigend da
und sahen einander bedeutungsvoll an.

Nun, unterbrach Philipp Ludwig das Schweigen, wir knnen zufrieden sein,
mein teurer Lehrer: wir stehen am Tore zu Grsse, Reichtum, Einfluss!

In der Stimme des jungen Mannes schienen mir feindselige Noten
mitzuklingen, weshalb ich mich beeilte ihn so zu unterbrechen:

Mein lieber und teurer Freund, Ihr tuschet Euch, wenn Ihr glaubet, dass
Einfluss, Reichtum und Ansehen mich so unwiderstehlich anziehen. Nur die
Mglichkeit mehr Gutes zu tun freut mich bei der Erhhung meiner Stellung.
Und glaubet mir, ich lege mehr Wert auf Eure Zuneigung zu mir als auf das
Aufsteigen meiner Ehrenmter.

Wie man beim Schein der Laternen hinter dem Wasser sehen konnte, war das
Gesicht Philipp Ludwigs traurig. Ich wollte ihn trsten, denn der arme
Jngling tat mir wirklich leid, obgleich ich den Grund seiner Trauer bloss
vermutete, ohne ihn genau zu kennen, deshalb begann ich von seinen
bevorstehenden wissenschaftlichen Beschftigungen zu sprechen, aber das
Gesicht des herzoglichen Bruders klrte sich kaum auf und nur ein fast
nicht bemerkbares Lcheln spielte um seine Lippen. Nachdem er meine Worte
angehrt hatte, sagte er unerwartet:

Meister, Ihr seid ein reiner Mensch, Ihr kennet die Liebe nicht, das Weib
ist Euch fremd, deshalb liegt die Zukunft offen vor Eurem Blick und Ihr
frchtet Euch nicht Geheimnissen auf den Grund zu sehen. Und darum liebe
ich Euch!

Und bevor ich noch Zeit gefunden mich zu besinnen, hatte er sich gebeugt
und schnell meine Hand geksst. Verlegen rief ich aus: Was ist Euch,
Prinz?! Und ich ksste seine Stirn.

Nichts, ich bitte Euch, achtet nicht darauf, erwiderte tonlos Philipp
Ludwig.

Und dann knnet Ihr Euch in bezug auf meine Person irren; und wenn Ihr
mich dann so erblicken werdet, wie ich wirklich bin, so wird Eure
Unzufriedenheit mit mir wegen der Euch bereiteten Enttuschung eine nur um
so grssere sein.

Nein, Meister, nein, mein Teurer, redet nicht schlecht von Euch, ich kenne
Euch besser, als Ihr selbst, sagte der Prinz zrtlich und lehnte, wie in
Sehnsucht, seinen Kopf an meine Schulter.


Sechstes Kapitel

Es war zum erstenmal, dass die Prinzessin es wagte zu einem Stelldichein zu
mir auf mein Zimmer zu kommen. Wenn es auch gefhrlicher war mich
aufzusuchen, als mich in ihren Gemchern zu erwarten, so wurde das Wagnis
doch durch die vollkommene Ungestrtheit whrend des Beisammenseins selbst
reichlich belohnt. Ich hatte einen Geschftsbrief beendigt und sass vor
meinem Pult, auf dem eine Kerze brannte, in einen Stuhl zurckgelehnt. Ich
bemhte mich nicht an die nahe Stunde des Stelldicheins zu denken. Ich war
weit davon entfemt die Prinzessin zu lieben oder sie zu begehren, durch
meine Stellung und eine gewisse am herzoglichen Hofe herrschende Strenge
war ich gentigt mich mehr zu zgeln, als ich es gewohnt war, und ich hatte
eine gewisse Sehnsucht nach dem freien Leben in Italien und unwillkrlich
kehrte ich in Gedanken immer wieder zum Bruder des Herzogs zurck, dessen
zrtliche, fast verliebte Ergebenheit mich aufrichtig rhrte. Nachdem ich
meinen Brief versiegelt hatte, versank ich, den Kopf auf die Hand gesttzt,
in die bewegungslose Flamme der Kerze starrend, in Nachdenken. Von einem
leisen Klopfen an die Tr geweckt, liess ich eine kleine Gestalt in einem
dunkellila Mantel, der vom Regen fast schwarz geworden war, ins Zimmer. Es
war Prinzessin Amalia. Ich beeilte mich sie an das brennende Kaminfeuer zu
setzen und goss ihr ein Glas Wein ein. Glcklich lchelnd, reichte die
Prinzessin mir, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand, welche ich ehrerbietig
an meine Lippen zog. Dann legte ich meinen Arm auf die Lehne des Stuhles,
in dem Amalia sass. Sie schmiegte sich an mich und blickte zrtlich und
glcklich zu mir auf. Der Wind rttelte an den Fensterrahmen, ber den Mond
jagten Wolken, der Regen schien aufgehrt zu haben. Es klopfte wieder an
die Tr, dieses Mal schnell und fest; Amalia sprang erbleichend auf.

Was ist das? flsterte sie.

Seid ruhig, frchtet Euch nicht, flsterte ich, sie wieder in den Stuhl
drckend, den ich mit seiner hohen Lehne zur Tr kehrte, nachdem ich ber
die Prinzessin einen grossen orientalischen Schal geworfen hatte. Man fuhr
fort, immer strker an die Tr zu klopfen und die Stimme Philipp Ludwigs
wurde laut:

Meister, Meister, ich bin's, Prinz Philipp, machet auf!

Die leuchtenden Augen des Jnglings, sein erregtes, ungleich gertetes
Gesicht, seine bebenden Hnde, zeugten davon, dass sein Zustand ein
aussergewhnlicher sei.

Was ist mit Euch, mein Freund? sagte ich, ein wenig zurcktretend.

Ich habe mich entschlossen . . . ich bin entschlossen . . . und hier bin
ich, um es Euch zu sagen . . . stiess der Prinz, der in seiner Erregung
fast schn war, mit Unterbrechungen hervor.

Beruhiget Euch, vielleicht wird es Euch gelegener sein, mir spter das
mitzuteilen, was Ihr auf dem Herzen habet?

Nein, nein! Jetzt! Gleich, o Meister! Hret, ich habe mich entschlossen.
Ich schtte mein Herz vor Euch aus . . . rief der Prinz, und noch ehe ich
die Mglichkeit hatte, irgend etwas zu tun, warf er sich in den Lehnstuhl,
auf dem die versteckte Amalia sass.

Ein zwiefacher Schrei gellte durch das Zimmer: der Prinz hatte den Schal
von Amalia, die, in eine Ecke des Stuhles gedrckt, ihre Augen
zusammenkniff, heruntergerissen und starrte sie an wie einen Basilisk.

Meister, ich hasse Euch . . .! zischte er, als er mir sein in Trnen
gebadetes Gesicht zukehrte, und lief, die Tr hinter sich zuschlagend, aus
dem Zimmer.


Siebentes Kapitel

Zum kleinen Souper waren, ausser mir, noch der Rat von Hohenschwitz und die
lustige Kammerfrau, Bertha von Liebkosenfeld, geladen; Prinz Philipp war
nicht erschienen, er hatte sich krank gemeldet, Prinzessin Amalia und die
Herzogin Elisabeth Beatrix, beide in Kleidern mit chinesischem Muster,
sassen zu beiden Seiten des Herzogs, den Rat und mich zu Tischnachbarn,
whrend die Liebkosenfeld Ernst Johann gegenbersass und mit ihrer vollen
rosigen Gestalt unseren Kreis abschloss. Das Orchester spielte aus
Dardanus, die Diener (der grsseren Intimitt wegen waren ihrer nur zwei
befohlen) schenkten Wein ein, und der Herzog unterhielt sich, um die
Etikette aufzuheben, ber den Tisch laut mit der lustigen Bertha, die ihm
mit einem Lachen antwortete, das zwei Reihen blendendweisser Zhne sehen
liess.

Ew. Liebden haben recht mit der Annahme, dass das Herz, so unter meinem
linken Auge angeklebet, kein Zufall sei. Ich bin bis zum Wahnsinn verliebt,
allein der Gegenstand meiner Verehrung ist allzu hoch und unerreichbar,
sagte Bertha, ihre grossen blauen Kuhaugen senkend. Hohenschwitz hustete
laut, nahm eine Prise, nieste und putzte seine Nase mit einem grnseidenen
Tuche.

Ohne jemand krnken zu wollen, frei von Parteilichkeit, einzig um das Wohl
des Landes besorgt, ernennen wir Euch, lieber Scalzarocca, zu unserem Rat
und ersten Minister. Der Bitte Gehr schenkend, welche der unserem
gerechten Herzen nicht weniger nahestehende von Hohenschwitz krzlich
usserte, gewhren wir ihm die Mglichkeit, in Ruhe und Frieden die ihm in
so reichem Masse verliehenen philosophischen Fhigkeiten zu entwickeln.

Die Herzogin war etwas blass geworden, gab dem Diener das Zeichen, die
bereits vorher gefllten Schaumweinkelche zu reichen. Sie whlte selbst den
Kelch, den sie dem Herzog gab, dann reichte sie zum Zeichen besonderer Huld
jedem von uns den seinen mit eigener Hand. Von Hohenschwitz hustete
angestrengt.

Bertha von Liebkosenfeld lachte laut auf, als der Herzog ber eine kleine
Unpsslichkeit klagte und sich in seine Gemcher zurckzog.


Achtes Kapitel

Vor mir stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, ohne Percke, in
bescheidenem schwarzem Kamisol, blass, mit glnzenden Augen und spitzem
Kinn und entwickelte mir utopistische Ideen von Gleichheit, Freiheit,
Brderlichkeit, sprach von grossen Ereignissen, welche angeblich
herannahten, von Welterschtterung und neuer Sintflut. Ich fragte ihn:

Ihr seid Englnder?

Nein, ich bin Franzose und habe mich an Euch, als an meinen Landsmann, um
Frderung gewandt.

Ja, ich kenne Eure Angelegenheit, sie wird geordnet werden, aber Eure
Worte interessieren mich auf das lebhafteste; Ihr saget, dass diese
Schwrmereien eine ganze Masse von Leuten beseelen, welche nicht nur um der
eigenen Befreiung willen zu handeln bereit sind?

Wir werden die Welt befreien!

Befreien? Wovon befreien? Von mir zum Beispiel?

Von den Tyrannen! rief der Knabe, dessen Gesicht rot geworden war.

Aber Vorurteile, Sitten, unsere Gefhle schliesslich, sind grausamere
Tyrannen, als die gekrnten Hupter. Es heisst doch ganz mit Recht:

   Tyrannin ist die Liebe, herrscht ber knigliche Macht,
   Den stolzen Simson selbst hat sie zu Fall gebracht . . .

Ein Diener berreichte mir einen Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben
stand:

Freund, rettet Euch, der Herzog ist nach dem gestrigen Souper an den
Blattern gestorben. Eure wtendsten Feinde haben die Macht in Hnden. Im
besten Falle droht Euch die Verbannung. Ntzet die Zeit. Euer Freund.

Ich sah den Jngling an, der bereit war seine Rede fortzusetzen, und sagte:

Euer Anliegen wird, meinen Worten entsprechend, erledigt werden, und
beantwortete mit einem wohlwollenden Lcheln seine ehrerbietige, wenn auch
wrdige Verbeugung. Als ich allein geblieben war, sah ich durch das Fenster
lange in den feinen Regen hinaus, der in eine Pftze trpfelte, dann
klingelte ich nach meinen Kleidern.


Neuntes Kapitel

Im Saal, in dem schon die Kandelaber angesteckt waren, befand sich nur
Bertha von Liebkosenfeld. Sie stand mitten im Zimmer und las einen Zettel.
Ihr rosiger feuchter Mund lchelte. Als sie mich bemerkte, winkte sie mich
zu sich heran, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte:

Meister, nur im Unglck erkennet man seine wahren Freunde. Glaubet mir,
dass ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .




Aus Briefen der Jungfer Claire Valmont an Rosalie Ttel Mayer


27. Juli 172*.

Entschuldigt, teure Tante, dass ich Euch so lange nicht geschrieben habe,
aber ber diesem Umzuge haben wir alle den Kopf verloren; jetzt kommt alles
nach und nach in Ordnung, und gestern wurde schon das Schild aufgehngt;
Papa macht alles selbst, rgert sich und schilt uns und gestern kam es mit
ihm so weit, dass er sein Gilet mit dem Hinterteil nach vorne angezogen
hatte. Mama lsst Euch vielmals grssen; ich habe ein eigenes Zimmer, aber
neben dem ihrigen und die Tr lasse ich zur Nacht offen stehen, weil ich
immer noch derselbe Hasenfuss geblieben bin. Papa hat, ausser Jean und
Pierre, nur noch einen Lehrling und dann noch Jacques Mobert, der unlngst
zu uns in Dienst getreten und, wie ich glaube, von hier gebrtig ist. So
ein sonderbarer Kauz! Er kam, sich zu verdingen, in spter Nacht, als wir
uns schon schlafen legen wollten; Papa htte ihn beinahe, ohne weiter zu
reden, davongejagt, aber schliesslich ging alles gut aus. Arbeit gibt es,
gottlob! viel, so dass Papa sich ordentlich mde arbeitet; aber was ist
dabei zu machen, man muss doch auf irgendeine Art leben. Was soll ich Euch
ber Lachaise-Dieu sagen? Es ist das ein ganz kleines Stdtchen mit einem
alten Kloster, das wie eine Festung aussieht, in der Ferne kann man Berge
sehen. Ich weiss nicht, ob wir es hier nicht sehr langweilig haben werden,
obgleich wir schon einige Bekanntschaften gemacht haben. Einstweilen kommt
man noch, wegen der Einrichtung, zu nichts. Lebet wohl, liebe Tante,
entschuldigt, dass ich wenig schreibe -- ich habe furchtbar wenig Zeit und
dann ist es auch so heiss, dass mein Hals ganz nass ist. Ich ksse Euch
usw.

Eure Euch liebende Nichte
Claire Valmont.

                   *       *       *       *       *

15. September 172*.

Ich danke Euch, liebes Tantchen, fr das Wintermntelchen, das Ihr mir
gesandt habt. Wirklich, Ihr seid zu vorsorglich, da Ihr mir Euer liebes
Geschenk jetzt geschickt habet, wo wir noch in Kleidern auf die Strasse
gehen. Ich erkenne das liebe Tantchen Rosalie sowohl in dieser
Aufmerksamkeit, als auch in der Wahl des Zeuges! Wo habt Ihr bloss einen
solch prchtigen Stoff gefunden? Hauptschlich einen mit solchem Dessin?
Diese so grellen Rosen mit den grnen Blttern auf goldig-gelbem Grunde
sind der Gegenstand der Bewunderung aller unserer Bekannten, die uns
besonders besuchen, um Euer Geschenk zu sehen, und ich warte mit Ungeduld
auf die Klte, um diese Pracht einzuweihen. Wir sind alle gesund, wenn wir
auch bescheiden leben und uns nirgendwo zeigen. Zu Hause macht uns Jacques
viel Spass; das ist ein sehr lustiger, lieber junger Mann, talentvoll und
arbeitsam, so dass Papa nicht genug Lob finden kann. Mtterchen gefllt es
nicht, dass er nicht zur Kirche geht und nicht fromme Gesprche liebt.
Natrlich ist das nicht gut, aber man kann diesen Fehler mit seiner Jugend
entschuldigen, um so mehr, als Jacques ein sehr bescheidener Jngling ist:
er treibt sich nicht herum, spielt nicht und trinkt nicht. Noch einmal
danke ich Euch, liebe Tante, fr den Wintermantel und bleibe

Eure Euch liebende Nichte
Claire Valmont.

                   *       *       *       *       *

2. Oktober 172*

Teures Tantchen, ich wnsche Euch von ganzem Herzen Glck zu Eurem
Geburtstage (es ist doch schon das neunundsechzigste Lebensjahr, in das Ihr
tretet!) und wnsche Euch ihn mit weniger dunkeln, weniger gemischten
Gefhlen zu begehen, als ich sie eben habe. Ach, Tante, Tante. Ich bin so
gewhnt Euch alles zu schreiben, dass es mir viel leichter fllt Euch ein
Gestndnis abzulegen, als Pre Vital, unserem Beichtvater, den ich doch
bloss einige Monate kenne. Wie soll ich beginnen? Und womit? Ich zittere,
wie ein kleines Mdchen, und nur die Erinnerung an Euer liebes, gutes
Gesicht, das Bewusstsein, dass ich fr Tante Rosalie immer noch dieselbe
kleine Claire bin, verleiht mir Mut. Entsinnet Ihr Euch, dass ich Euch von
Jacques Mobert schrieb, nun also, Tante, ich liebe ihn. Erinnert Euch an
Eure Jugendzeit, an Regensburg, an den jungen Heinrich von Monschein und
geht nicht zu streng ins Gericht mit Eurer armen Claire, die dem Zauber der
Liebe nicht widerstanden hat . . . . Er hat versprochen Vater alles zu
sagen und mich nach Weihnachten zu heiraten, aber zu Hause argwhnt niemand
etwas und bitte verratet mich nicht. Wie mir leichter geworden ist, seit
ich Euch gestanden habe. Ich liebe besonders seine Augen, die so gross
sind, wenn er ksst, und dann pflegt er sich mit den Augenbrauen an meine
Wangen zu reiben, was bezaubernd angenehm ist.

Verzeihet mir, liebe Tante, und seid nicht bs auf Eure arme

Claire Valmont.

Ich wollte bloss noch sagen, dass Jacques gar kein Hiesiger ist und in
Lachaise-Dieu kennt niemand ihn, wir haben es uns ganz ohne Grund
eingebildet. Aber ist das eigentlich nicht ganz gleichgltig? Nicht wahr?
. . .

                   *       *       *       *       *

6. Dezember 172*.

Es ist wahr, dass ein Unglck niemals allein kommt! Mama bemerkte gestern
meine Taille und fing an mich auszufragen und ich gestand alles. Ihr knnt
Euch Mamas Kummer, Papas Zorn vorstellen. Er schlug mich ins Gesicht und
sagte: Ich habe nie geglaubt, eine Dirne zur Tochter zu bekommen, dann
ging er fort und warf die Tr zu. Mama trstete sich unter Trnen selbst,
so gut sie konnte. Wie Ihr mir fehlet, liebe Tante, Eure Liebkosungen, Euer
Rat. Jetzt gehe ich nirgendwohin aus und ich werde keine Gelegenheit haben
Euern Mantel einzuweihen. Aber schrecklicher, als alles, ist, dass Jacques
unsverlassen hat. Ich bin berzeugt, dass er sich in seine Stadt aufgemacht
hat, um den Segen seiner Eltern zu erbitten; wie dem aber auch sein mge,
er ist nicht da, und meine Langeweile und Niedergeschlagenheit wird durch
seine Abwesenheit nur noch grsser. Mir scheint, dass alle von meiner
Schande wissen, und ich frchte mich ans Fenster zu treten; ich nhe ohne
zu rasten, obgleich es mir jetzt schon schwerfllt lange gebckt zu sitzen.
Ja, eine schwere Zeit ist fr mich gekommen. Wie das Lied singt:

   Plaisir d'amour dure qu'un moment,
   Chagrin d'amour dure toute la vie.

Lebet wohl usw.

Eure Euch liebende
Claire.

2. Juni 172*.

Ihr habet wohl geglaubt, liebe Tante, dass ich schon tot sei, als Ihr so
viele Monde keinen Brief von mir erhieltet. Zum Unglck bin ich noch am
Leben. Ich will ruhig alles erzhlen, was vorgefallen ist. Jacques ist
nicht da, mge Gott ihm seine Bosheit vergeben, wie er uns von den Rnken
Satans erlst hat. Am 22. Mai kam ich mit einem Kinde, einem Knaben,
nieder. Aber, allgtiger Gott, was war das fr ein Kind: ganz behaart war
es, ohne Augen, mit deutlich sichtbaren Hrnern auf dem Kopfe. Man
frchtete fr mein Leben, als ich mein Kind zu sehen bekam. Mein Kind, wie
schrecklich! Desungeachtet wurde beschlossen, es nach dem Ritus der
heiligen katholischen Kirche zu taufen. Whrend des heiligen Sakramentes
fing das fr die Taufe vorbereitete Wasser zu dampfen an, es erhob sich ein
frchterlicher Gestank, und als die Anwesenden, nachdem der tzende Dampf
sich verzogen hatte, die Augen wieder ffnen konnten, erblickten sie im
Taufbecken, statt des Kindes, einen grossen schwarzen Rettich. Mgen wir
vor den Rnken Satans verschont bleiben. Knnet Ihr Euch den ganzen Kummer,
das ganze Entsetzen und die Freude darber vorstellen, dass wir nicht
vllig ins Verderben gestrzt worden sind. Als man mir alles erzhlte, was
in der Kirche vorgefallen, war ich wie wahnsinnig. Bei uns wurde eine Messe
gelesen und jeden Tag wird mit geweihtem Wasser gesprengt. Fr mich werden
Gebete um Austreibung bser Geister gelesen. Pre Vital riet meinen
Organismus vom bsen Samen zu reinigen . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ihr wrdet mich
nicht wiedererkennen, liebe Tante, so habe ich mich in dieser Zeit
verndert. Nicht jeden trifft ein solches Unglck. Aber Gott erhalte alle,
die ihre Zuversicht auf ihn setzen. Lebet wohl usw.

Eure Euch liebende
Claire Valmont.

                   *       *       *       *       *

15. Juni 172*.

Ich schreibe Euch wieder, liebe Tante, weil ich glaube, dass Ihr Euch
unserer Angelegenheiten wegen beunruhiget. Nach meiner Reinigung begannen
die Einwohner auch bei sich die berbleibsel der Spuren des bsen Geistes
auszurotten. Man erinnerte sich an alle Arbeiten, die Jacques Mobert
(obgleich es besser wre ihn Teufel Beelzebub zu nennen) gemacht hatte:
Stiefel, Halbstiefel, Schuhe und Kanonenstiefel, und nachdem sie alles auf
dem Platze vor der Abtei zu einem Haufen geschichtet hatten, wurde es
verbrannt. Nur der alte Uhrmacher Limosius weigerte sich seine Stiefel
herzugeben, weil ihm, wie er sagte, dauerhafte Stiefel wichtiger seien, als
ein alberner Aberglaube. Aber er ist natrlich ein Jude und Gottloser, der
nicht um die Errettung der unsterblichen Seele besorgt ist. Lebet wohl,
liebe Tante, usw.

Ich verbleibe Eure Euch liebende
Claire Valmont.




Florus und der Ruber



I.

Jedesmal, wenn milius Florus die gegenberliegende, aus demselben
rotglnzenden Stein gebaute Mauer erreichte, kehrte er ungestm sein bleich
gewordenes Gesicht um, und seine schallenden Schritte, die der gewhnlichen
Leichtigkeit seines Ganges so unhnlich waren, machten den greisen Sklaven
und den stummen Knaben, die auf der Erde sassen, zusammenfahren, und sie
blickten erschreckt auf, wenn die Rnder des blauen Gewandes ihres Herrn
sie bei seinen hastigen Wendungen streiften.

Als wre er vom Hin- und Herlaufen ermdet, schickte er den Alten hinaus,
mit geschlossenen Augen den Kopf schttelnd, um zu zeigen, dass er die
Wirtschaftsberichte nicht zu hren wnsche. Der Knabe, der zu dem jetzt
sitzenden Florus herangekrochen war, ksste ihm die Knie und versuchte,
einen Blick von ihm aufzufangen. Florus pfiff dem grossen zottigen Hunde
und sie traten alle drei in den Garten hinaus, wo sie wieder hintereinander
auf und ab zu gehen begannen. Zuerst ging schweigend und mit grossen
Schritten der Herr, dicht hinter ihm trippelte der stumme Knabe, den
grossen Kopf schttelnd, schritt der Hund als Letzter in der Reihe. Durch
den zweiten Spaziergang beruhigt, betrat Florus das Haus und schrieb den
bereits angefangenen Brief weiter:

. . . Dir wird es eine Kinderei scheinen, was ich mich anschicke Dir zu
sagen, aber diese Kleinigkeit raubt mir die Ruhe und das Gleichgewicht
meiner Seele, deren jeder bedarf, dem die Wrde des Menschen etwas gilt.
Dieser Tage traf ich einen Mann aus dem Volke, den ich vorher niemals
gesehen hatte, aber von so bekanntem Aussehen, das ich -- teilte ich die
Lehre der Brahmanen von der Seelenwanderung -- geglaubt haben wrde, wir
seien einander schon in einem frheren Leben begegnet. Und noch sonderbarer
ist es, dass der Gedanke an diese Begegnung, der in meinem Kopfe stark
geworden ist, wie Bohnen aufquellen, wenn man sie zur Nacht in Wasser legt,
mir keine Ruhe lsst, und ich bin bereit hinzugehen und selbst diesen
Menschen zu suchen, weil ich mich nicht entschliessen kann, mich jemand
anzuvertrauen und mich selbst meiner Schwche schme. Vielleicht hngt das
alles vom ungengenden Zustande meiner Gesundheit ab: hufige
Schwindelanflle, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit und grundlose
Angstgefhle gestatten nicht, sie befriedigend zu nennen. Der Mann, den ich
traf, hatte ungewhnlich helle graue Augen, gebrunte Hautfarbe und dunkles
Haar; an Wuchs und Krperbau gleicht er mir. Calpurnia meinen Gruss, ksse
die Kinder; die Amphoren habe ich schon lngst in Dein Stadthaus geschickt.
Nochmals vale.


II.

Der Arzt schwieg eine Weile und fragte:

Mit welch einem Zustande hat der deinige am meisten hnlichkeit, Herr?

Ich kenne den Zustand eines Menschen nicht, der ins Gefngnis geworfen
worden ist, aber ich glaube, dass der meinige diesem am nchsten kommt.
Seit einiger Zeit fhle ich mich in meinen Bewegungen behindert, die
Willensfreiheit selbst scheint beschrnkt; ich will gehen und kann nicht,
will atmen und ersticke, mich beherrscht eine dunkle Unruhe und unbestimmte
Angst.

Florus schwieg, als sei er ermdet, und erbleichend, begann er wieder:

Vielleicht wirkt auf meine Vorstellung vom Gefngnis ein Traum, den ich
vor Ausbruch meiner Krankheit hatte.

Du hattest einen Traum?

Ja, einen so deutlichen, handgreiflichen! Und sonderbar: es ist, als htte
er bis jetzt nicht aufgehrt, und wenn ich wnschte (davon bin ich
berzeugt), knnte ich ihn ununterbrochen weiter trumen und dich, mein
Freund, fr ein Gespenst halten.

Wird es dich aufregen, wenn du ihn mir erzhlst?

Nein, nein! wiederholte milius hastig, die Schweisstropfen fortwischend,
die an seiner Stirn hervorgetreten waren. Und er begann, als mache es ihm
Mhe, sich zu erinnern, abgerissen zu sprechen, und bald hob sich seine
Stimme zu lautem Schreien, bald sank sie zu raunendem Flstern herab:

Sage es niemand, was du hren wirst . . . schwre es . . . . vielleicht
ist es gerade die Wahrheit. Ich weiss nicht . . . . ich habe gemordet --
denke nichts . . . es war -- dort, im Traume. Ich floh, lange irrte ich
umher, ich nhrte mich von Frchten (ich entsinne mich, es waren wilde
Kirschen), stahl Brot, Milch geradewegs aus den Eutern der Khe auf dem
Felde. Ach, die Sonne brannte und betubend war der Dunst der Smpfe! Als
ich durch das Hafentor ging, wurde ich, unter dem Verdacht ein Messer
gestohlen zu haben, ergriffen. Ein hochgewachsener rothaariger Hndler,
(ja, Titus nannten sie ihn), hielt mich fest: ich fhlte mich schwach und
war fassungslos; ein rothaariges Frauenzimmer lachte laut, ein rotgelber
Hund winselte zu meinen Fssen, auf dem Pflaster lag eine Nelke, gepanzerte
Soldaten gingen vorber . . . man schlug mich . . . die Sonne sengte. Dann
Finsternis und stickige Khle. O Khle der Grten, der klaren Quellen, des
Bergwindes, wo bist du? . . .

Und Florus schwieg entkrftet und liess sein Haupt sinken. Der Arzt sagte:
Schlafe ein, und ging hinaus zum Schaffner ber den Kranken zu sprechen.
Der stumme Knabe lauschte mit gierig geffneten Augen und offenstehendem
Munde. Gegen Abend rief Florus die alte Amme. Vor ihm kauernd sprach die
Alte, die ihre Mrchen und Kindheitserinnerungen erschpft hatte, ohne
Zusammenhang von dem, was ihre alten Augen gesehen und ihre taub werdenden
Ohren gehrt hatten. Sich in ihren Mantel wickelnd, zischelte sie mit
zahnlosem Munde:

Shnchen, vor ein paar Tagen sah ich am Hafentor einen Mrder: er hielt
das Messer in der Hand, aber sein Anblick war nicht frchterlich; hell,
ach, so hell waren seine Augen, dunkles Haar, wie ein Knabe sah er aus.
Mein Schwager, der Hndler Titus, hat ihn festgehalten . . .

Florus schrie auf und packte sie am Arm:

Hr auf! Hr auf! Geh! Titus? sagst du Titus, Hexe?

Der Knabe strzte, vom Geschrei erschreckt, ins Gemach.


III.

Viele Tage dauerte noch dieser Kampf, und der Kranke wiederholte, mehr als
einmal: Ich kann nicht mehr: es geht ber meine Kraft! und das heimlich
an ihm nagende Leiden hatte sein frher blasses Gesicht erdfahl gemacht.
Dunkle Schatten umrandeten seine Augen und die Stimme kam wie aus
ausgedrrter Kehle. Er schlief keine Nacht und qulte den stummen Knaben
mit seiner Angst.

Eines Morgens erhob er sich vor Sonnenaufgang und verlangte Hut und Mantel,
als mache er sich auf den Weg. Der Alte unterdrckte jede Frage, und bloss
seinen Blick beantwortend, befahl Florus:

Du wirst mir folgen!

Der Gang des Herrn war wieder frei und leicht; auf den eingefallenen Wangen
rteten sich wieder Rosen. Sie entfernten sich durch Strassen und ber
Pltze weit von Hause, ohne dass der Sklave den Zweck des Ganges zu erraten
vermochte. Schliesslich, wie sie haltmachten, als htten sie das Ziel
erreicht, entschloss er sich zu fragen:

Du wirst hier eintreten, Herr?

Ja.

Die Stimme des Florus klang sorglos. Sie betraten das Gefngnis. Da man
Florus als reichen und vornehmen Mann kannte, so gestattete man ihm, ohne
Schwierigkeiten, wenn auch gegen Entgelt, sich zu berzeugen, ob unter den
Eingekerkerten sich nicht sein, angeblich vor kurzem entlaufener Sklave
befnde. Schnell und aufmerksam durcheilte er das Gefngnis bis hinab zum
letzten Kellerverlies. Er suchte mit einem Blicke, als htten seine Augen
das alles schon frher gesehen. Atemlos fragte er:

Sind alle Strflinge hier? Es gibt keine mehr?

Mehr sind keine da, Herr. Gestern ist einer entflohen . . .

Entflohen? Sein Name?

Malchus.

Malchus? wiederholte er, aufhorchend. Helle Augen, gebrunte Haut,
schwarzhaarig? fragte Florus erfreut.

Ja, du hast recht, Herr, nickte der Gefngniswrter mit dem Kopfe.

Als milius Florus aus dem Gefngnis trat, war er heiter, wie nie zuvor, er
plapperte wie ein Kind, seine Augen, die die dunklen Schatten nicht
verloren hatten, glnzten.

Mein alter Mummus, sieh nur: war jemals der Himmel so sanft, so lieblich
die Bume und Blumen?! Wir wollen zu Fuss auf mein Landgut gehen: wilde
Kirschen werd ich essen und Milch trinken geradewegs aus den Eutern der
Khe. Sanft werden die Tage verrinnen! Du wirst mir ein Mdchen
verschaffen, das nach Gras, Ziegen und etwas auch nach Lauch riecht, den
stummen Lukas nehmen wir nicht mit aufs Land. Ach, alter Mummus, bin ich
nicht gesund, wie jemals? Die Wolken -- als sei es Frhling, als sei es
Frhling!


IV.

Morgens machte Florus sich freudig auf den Weg, das heimliche Haus seines
Landgutes verlassend, um auf schmalen und breiten Wegen ausgedehnte
Spaziergnge zu machen. Gorgo, die der Alte seinem Herrn zugefhrt hatte,
war still, schweigsam, gehorsam und schlicht, wie ein Klbchen; ihren
gebrunten Krper gab sie leicht und in Reinheit hin; wenn sie zu Hause
wartete, sang sie alte Lieder.

Lukas, der Stumme, der selbst aufs Gut hergelaufen war, begleitete seinen
Herrn berallhin, Freude in den traurigen Augen und im mden Knabengesicht.
Schweigend folgte er, Florus keinen Augenblick in seiner pltzlich
wiedergekehrten Heiterkeit verlassend. Immer nur ber Bergpfade schweifen,
im blumenbunten Grase ruhen, auf dem Rcken liegend, ohne Aufhren zur
blauen Feste hinaufstarren, einfache lndliche Lieder singen und den
Stummen die Doppelflte dazu blasen lassen! Die weissen, grellweissen,
blendend weissen Wolken standen still ber Hain und Fluss; sie warteten.
Milchspuren auf den Lippen, unrasiert, mit rotem Munde ksste Florus Gorgo,
das stdtische Schmachten vergessend, auf den Lauchgeruch nicht achtend.
Der stumme Lukas weinte im Winkel. Tag reihte sich an Tag, wie im Kranze
sich eine Blume an die andere flicht.

Eines Abends war es, als werde Florus mitten im sorglosen Spiel von tiefer
Niedergeschlagenheit befallen oder von einem unsichtbaren Feinde ergriffen.
Mit pltzlich heiser gewordener Stimme sagte er: Was ist das? Woher kommt
diese Finsternis? Dieser Kerker? Und er legte sich auf das niedrige Lager,
kehrte sich zur Wand und seufzte schweigend. Leise kam Gorgo herein und
umarmte ihn, der sie nicht ansah. Florus wehrte ihr und sagte:

Wer bist du? Ich kenne dich nicht! Nicht jetzt. Gib acht, das knarrende
Schloss wird den schlafenden Wchter wecken.

Schweigend trat Gorgo zurck und der Stumme schlich sich, wie ein Hund,
wieder herein und ksste die herabhngende Hand des Florus.


V.

Es war eine schwle Nacht fr die Diener, die vor dem Schlafzimmer des
Florus schlummerten. Nur Lukas war, stumm und ergeben, bei seinem Herrn
geblieben. Lange konnte man nur die Schritte des auf und ab gehenden
milius hren. Gegen Morgen umfing die Diener der leise Schlaf vor
Sonnenaufgang. Pltzlich wurde die Luft von einem Schrei zerschnitten, der
Menschenstimme nicht hnlich war. Es war, als htte ein Unirdisches, das
Echo weckend, gerufen: Der Tod!

Die zgernden Diener, die an die Tr gepocht hatten, wurden vom stummen
Knaben ins Gemach hineingelassen, dessen Gesicht vom Schreck bis zur
Unkenntlichkeit entstellt war. Der Tod! Der Tod! wiederholte er mit
wilder, Worte auszusprechen nicht gewohnter Stimme. Die Diener strzten
sich, ohne ber die Laute des Stummen zu staunen, zum Lager, auf dem der
Herr mit zurckgefallenem Kopfe und schwarz gewordenem Gesicht bewegungslos
dalag. Lukas kehrte zum Lager zurck, als habe er eben erst diesen Platz
verlassen, und brach lautlos zusammen.

Mit der Schreckensbotschaft eilte man schnell zum Arzt und zum Schaffner.

Der Stumme hrte nicht auf zu wiederholen: Der Tod! Der Tod! als habe er
die Sprache nur fr diese Worte allein wiedererhalten.

Florus lag mit zurckgefallenem, schwarz gewordenem Gesicht da, eine Hand
hing leblos herunter. Der Arzt hatte den Krper untersucht, den
unzweifelhaften Tod festgestellt und wies staunend den Schaffner auf einen
schmalen, schwarzen, blutunterlaufenen Striemen, der am Halse des
Verstorbenen aufgequollen war und sich durch nichts erklren liess. Der
einzige Zeuge von milius Florus' Tode, der stumme Lukas, sprach, das
gttliche Stammeln des wunderbaren Schreckes berwindend, der ihm die Gabe
der Rede zurckgegeben:

Der Tod! Der Tod! Wieder in Banden . . . er geht, geht: wirft sich, wie
ermdet, aufs Lager . . . kein Wort sprach er zu mir; gegen Morgen begann
er unruhig zu rcheln; ich strzte zu ihm, er schlug, rchelnd, die Augen
zu mir auf. O Gtter! Der Morgen leuchtete rot durchs Fenster. Florus lag,
schwarz geworden, regungslos da . . .

Man hatte Lukas ber Trauer und Besorgungen fr die Leichenfeier vergessen.

Kaum begann es am nchsten Morgen hell zu werden, so erschien ein
barfssiger, zerlumpter, von niemand gekannter Greis, und bat, Florus zu
sehen. Der Schaffner, der glaubte, irgendeine Aufklrung ber den Tod
seines Herrn zu erhalten, trat zu ihm hinaus. Der Ankmmling schien
hartnckig und schlicht. Ringsum heulten sich scharende Hunde.

Du wusstest nicht, dass mein Herr, milius Florus, gestorben ist?

Nein. Es ist gleichgltig. Ich erfllte, was man mir befohlen.

Wer befahl dir?

Malchus.

Wer ist es?

Jetzt ein Hingegangener.

Er ist gestorben?

Gestern morgen wurde er gehngt.

Kannte er meinen Herrn?

Nein. Er entbietet ihm, dem Unbekannten, Gruss und sendet ihm die
Todesbotschaft. Bei euch werden Stumme reden.

Sie reden schon, sagte Lukas, der herangekommen war und die schmutzige
Hand des Greises ksste.

Willst du nicht den Verstorbenen sehen?

Wozu? Er hat sich im Gesicht sehr verndert?

Sehr.

Jenen hat die Schlinge auch verndert. Er hat ein grosses Zeichen am Halse
. . .

Hast du viel zu sagen?

Nein, ich gehe fort.

Ich gehe mit dir! sagte Lukas freundlich zum Unbekannten.

Die Sonne hatte den Hof schon rosig gefrbt und die gemieteten Klageweiber
liessen, ihre abgemagerten Brste entblssend, durchdringendes Wehgeschrei
zum Himmel aufsteigen.




Der Schatten der Phyllis



I.

Als der alte Nektanebes, von einem scharfen und einsam durch die Abendkhle
gellenden Schrei getroffen, die Augen von den ausgeworfenen Netzen erhob,
sah er einen kleinen Nachen in der Lichtsule der beim Untergehen sich im
Wasser widerspiegelnden Sonne und einen Menschen, der vergebliche
Anstrengungen machte ans Land zu schwimmen. Die Netze fahren lassen, zu
jener Stelle hinberrudern, wo der Ertrinkende zu sehen war, sich ins
Wasser werfen und mit dem Geretteten auf den Armen wieder in sein Boot
steigen -- war das Werk weniger Minuten. Das Mdchen hatte das Bewusstsein
verloren. Die natrliche Rte war von ihren Wangen gewichen und um so
deutlicher sah man die Schminke in ihrem mageren lnglichen Gesicht. Erst
als der Alte sie behutsam auf die Bastmatten in seiner Htte niedergelegt
hatte -- denn er war nichts mehr, als ein armer Fischer -- schlug die
Gerettete die Augen auf und seufzte, als erwachte sie aus tiefem Schlafe,
wobei mit den ersten Lebenszeichen auch ihr Kummer wiederkehrte, denn
reichliche Trnen entstrmten unaufhaltsam ihren hellbraunen Augen und sie
begann, wie in hitzigem Fieber, sich hin und her zu werfen und beklagte
laut und bitter ihr Los. Aus ihren unzusammenhngenden Worten und Ausrufen
erfuhr Nektanebes, dass sie eine reiche Erbin und Waise sei, die ein
herzloser Jngling verschmht habe, und dass sie dann in einem Anfall von
Verzweiflung den Versuch gemacht, ihr Leid in den Wassern des Flusses zu
versenken. So erfuhr er auch, dass sie Phyllis hiess. brigens htte er das
auch ohne ihre Worte erraten knnen, denn das Haus ihrer Eltern, die jetzt
schon tot waren, lag nicht weit vom Ufer des Flusses, wo Khne zu
Lustfahrten und anderem Gebrauch ihrer Besitzer angepflockt waren. Beim
Sprechen weinte sie und umschlang mit ihren Armen den Hals des alten
Fischers, sich an ihn schmiegend, wie ein Sugling sich an seine Amme
schmiegt, er aber streichelte ihr Haar und trstete sie, so gut er konnte.


II.

Der Morgen und ein tiefer Schlaf brachten die Beruhigung, welche die
Trostworte nicht gebracht hatten. Im Kpfchen der zrtlichen Phyllis
tauchten heiterere Gedanken und Plne auf. Sie erklrte Nektanebes genau,
wie er zum Hause des grausamen Pankratius gehen und die tuschende
Nachricht erfinden solle, dass ihr Tod bereits eingetreten sei; dabei
sollte er beobachten, um es ihr mitzuteilen, wie dessen schnes Gesicht mit
dem unwandelbaren Hauche von Langeweile sich verndern werde, wenn er ihm
zur Besttigung seines Berichtes den angeblich in den Falten der Gewnder
der Ertrunkenen gefundenen Zettel und den gestreiften Schleier bergeben
werde. Sie klatschte in die Hnde, als sie den Abschiedsbrief beendet
hatte, und drngte voll Erregung und Freude den Alten zu Eile. Der Bote
musste nicht wenig Strassen durchwandern, ehe er das kleine, aber
wohleingerichtete Landhaus des Pankratius erreichte. Als man den alten
Fischer zu ihm hineinfhrte, war der junge Herr des Hauses damit
beschftigt mit einem hochgewachsenen Knaben in himmelblauem leichtem
Gewande Ball zu spielen. Als er hrte, dass der Brief von Phyllis komme,
deren Garten sich zum Flusse hinabzieht, fragte er, ohne das Siegel zu
erbrechen und seine dunklen eingelegten Locken ordnend: Hat dich die
Herrin selbst gesandt?

Nein, aber es war ihr Wunsch diesen Brief in deinen Hnden zu sehen.

Es ist ohne Zweifel ihre Handschrift, lasset sehen, was dieses liebe
Schreiben uns bringt.

Ein Lcheln umspielte noch die Lippen des Jnglings, als er den letzten
Brief des Mdchens zu lesen begann, aber allmhlich verfinsterte sich seine
Stirn, die Brauen hoben sich, die Lippen pressten sich zusammen und seine
Stimme klang erregt und rauh, als er, den Brief in sein Gewand bergend,
fragte: Ist es Wahrheit was in diesem Briefe steht?

Ich weiss nicht, was die arme Herrin geschrieben hat, aber dieses, das
habe ich mit eigenen Augen gesehen -- und er liess jetzt den geschickt
erfundenen, brigens zur Hlfte der Wahrheit entsprechenden Bericht vom
angeblichen Tode der Phyllis folgen. Der Schleier, von dem Pankratius
bestimmt wusste, dass er dem Mdchen gehre, berzeugte ihn vollends von
der Wahrheit der traurigen Erfindung, und nachdem er den Fischer, reich
belohnt, entlassen hatte, kehrte er zerstreut zum Ballspiel mit dem
hochgewachsenen Knaben zurck, das ihn tglich zwischen Bad und Mahl zu
beschftigen pflegte.

Phyllis hatte sich hinter der niederen Tr versteckt und wartete lange auf
die Rckkehr ihres Wirtes, whrend sie den Arbeiten in den Gemsegrten
zusah, bis die Sonne schon begann unterzugehen und die Schwalben schreiend
ganz niedrig dahinschossen, dass sie mit den Flgeln fast das stille Wasser
streiften. Endlich hrte sie das Gerusch der Kiesel, die unter den Fssen
des bergansteigenden Alten hinunterrollten.


III.

Sieben- oder achtmal liess die verschmhte Phyllis sich die Einzelheiten
der Begegnung mit Pankratius wiedererzhlen. Sie wollte wissen, was er
zuerst gesagt und was er darauf gesagt habe, und wie er gekleidet gewesen
und wie er ausgesehen habe: ob er traurig oder gleichgltig, blass oder
blhend gewesen, -- und Nektanebes strengte vergeblich sein altes
Gedchtnis an, um die hastigen und abgebrochenen Fragen des Mdchens zu
beantworten.

Am nchsten Morgen sagte er: Wie denkst du, Herrin? Du musst in dein Haus
zurckkehren, da du doch unter den Lebenden weilst.

Nach Hause? Um nichts in der Welt! Dann erfahren ja alle, dass ich noch
lebe; du vergissest, dass ich eine Tote bin!

Und Phyllis lachte laut auf. Ihre lebensprhenden Augen und Wangen machten
den Scherz ihrer Erfindung noch lustiger.

Ich bleibe bei dir: am Tage, wenn du in die Stadt gehst, lege ich mich
zwischen die Beete, und unter den reifen Melonen wird mich niemand
gewahren, und am Abend wirst du mir erzhlen, was du am Tage gesehen hast.

Schliesslich bewog der Fischer die junge Herrin, ihrer alten Amme, die auf
einem Landgute in der Nhe von Alexandria lebte, im geheimen ein Zeichen zu
geben, ihr aufrichtig alles zu erzhlen und dort abzuwarten, was Zeit und
Schicksal bringen wrden. Er selbst versprach, jeden Tag alles ber
Pankratius zu berichten, was mit Phyllis irgendwie in Zusammenhang stehen
sollte.

Wann soll ich denn dorthin fahren?

Ich setze dich selbst im Boote ber.

Durch die ganze Stadt? Als lebendige Leiche?

Nein, du wirst am Boden liegen unter einem Gewebe.

Die Wchter werden dich fr einen Dieb halten und dich verhaften.

Ich werde dich mit Bastmatten bedecken.

Phyllis war Waise und konnte daher ihr Verschwinden leicht verhehlen und
friedlich bei der alten Manto auf dem Landgute leben. Vom Morgen bis zum
Abend konnte sie die Blumen befragen, ob der ferne Jngling sie lieben
werde. Bald zupfte sie die Blumenbltter einzeln aus den Kelchen, bald
schlug sie mit den Blttern um sich, ber eine ungnstige Antwort gergert
und freute sich kindlich ber eine gnstige. Da die Aufregungen der Liebe
ihr die Esslust nicht geraubt hatten und das bescheidene Mahl des Landgutes
ihrem vom Nichtstun launischen Geschmack nicht gengte, so wurde bald das
Geheimnis ihres Lebens auch der Schaffnerin ihres Stadthauses bekannt, die
ihr tglich mit dem alten Fischer bald ssses Ingwergebck, bald lecker
gebratenes Wild, bald Pasteten mit Hahnenkmmen, bald eine in zartem Honig
abgekochte Melone sandte.


IV.

Die alten Fsse des Nektanebes konnten kaum den schnellen und jungen
Schritten des Pankratius und seines Begleiters folgen. Es war schon Abend,
vom Meere drang der Geruch von Salz und Tang herber, in den Herbergen
wurden grosse Laternen angezndet und man hrte Musik, Matrosen gingen, zu
vieren und mehr einander unter die Arme gefasst, ber die Strasse und
unsere Wanderer kamen immer weiter in dunkle leer gewordene Stadtteile.
Endlich betraten sie, den Vorhang aus geflochtenem Rohr zurckschlagend,
ein Haus, das wie ein Lupanar oder eine Schenke fr den Hafenpbel aussah.
Nektanebes folgte ihnen nicht gleich, um nicht ihre Aufmerksamkeit zu
erregen, und wartete auf andere Gste, um unbemerkt hineinzukommen.
Schliesslich gewahrte er fnf Matrosen, von denen der jngste sagte: . . .
und sie legte ihm einen Schwamm an Stelle des Herzens in den Leib; am
Morgen fing er an zu trinken, der Schwamm fiel heraus und da starb er.

Der Fischer, der mit ihnen zugleich hineingegangen war, konnte sich zuerst,
durch seine Armut und sein Alter vom Besuche solcher Orte entwhnt, nicht
zurechtfinden. Lrm, Rufe, das Klirren der Lehmkannen, Gesang und das
Klappern einer Handtrommel erschtterten die stickige, dicke Luft.
Sngerinnen sassen, sich mit den Hnden den Schweiss und die
herunterfliessende Schminke aus dem Gesichte wischend, vor dem Vorhang. Auf
dem Tische tanzte zwischen Weinkrgen ein nacktes, zehnjhriges
Nubiermdchen, in geschickten Schlangenwindungen ihren Kopf zur Ferse
herabbeugend. Ein dressierter Hund, der mit Hilfe von grob aus Holz
geschnittenen Zahlen die Summe des Geldes in den Beuteln der Gste erriet,
erregte lauten Beifall. Pankratius sass, seine Caracalla noch tiefer ins
Gesicht gezogen, was seine Augen fremd und glnzend machte, mit seinem
Begleiter am Ausgang. Er hielt den Alten an und sagte: Hr mal, bist du
es, der mir die Nachricht vom Tode der unglcklichen Phyllis gebracht hat?
Ich habe dich gesucht, ich, der Redner Pankratius, aber still . . . . Komme
morgen nach dem Mittag zu mir; ich habe dir etwas zu sagen: die Verstorbene
raubt mir meine Ruhe. Er sprach flsternd, war blass und seine Augen sahen
unter der Kapuze fremd aus und sie glnzten.


V.

Phyllis sass auf der Schwelle des Hauses und las die Papyrusrollen, die
Nektanebes eben gebracht hatte, und auf denen von der Hand des Schreibers
aufgezeichnet stand: Elegie der Phyllis, der unglcklichen Tochter des
Palemon. Sie sass gebeugt da und hrte nicht, wie die Sklaven mit Zubern
voll frischgemolkener Milch vorbergingen, wie der Grtner die Blumen
beschnitt, wie das Hndchen, einen hpfenden Frosch verfolgend, bellte, und
wie in der Ferne die Schnitterinnen ein wehmtiges Lied sangen. Die Zeilen
zogen an ihrem Auge vorber und die Erinnerung an ihre vergangenen Qualen
legte sich wiederum, wie Nebel, auf ihre sorglosen Augen.

   Eltern, liebe Eltern,
   Vater und Mutter mein,
   viel habt ihr mir hinterlassen:
   bunte Gewnder,
   weisse Pferde,
   gewundene Spangen, --
   aber lieber, als alles,
   hab ich den grellroten Schleier
   mit den singenden Phnixen.

   Eltern, liebe Eltern,
   Vater und Mutter mein,
   viel habt ihr mir hinterlassen:
   Land und Vieh:
   starkfssige Ziegen,
   starkstirnige Schafe,
   steilhrnige Khe,
   Muler und Stiere,
   aber lieber, als alle,
   ist mir mein weisser Tauber
   mit dem schwarzbraunen Fleck:
   ich nannt' ihn Katamitos.

   Eltern, liebe Eltern,
   Vater und Mutter mein,
   viel habt ihr mir hinterlassen:
   treue Diener:
   Gemse- und Blumengrtner,
   Weber und Spinner,
   Metbrauer und Bcker,
   Narren und Fltenspieler,
   aber lieber, als alle,
   hab ich die Alte,
   meine liebe Amme.

      Lieb hab ich die Amme,
      lieb ist der Tauber mir,
      lieb auch mein Schleier,
      aber mehr noch lieb ich den Garten.

   Er zieht sich, er zieht sich
   zum Fluss hinab, unser Garten,
   flussaufwrts, flussaufwrts,
   da wohnt hoch am Ufer mein Freund.
   Ich kann ihm nicht senden, kann ihm nicht senden
   ein Blmlein von mir,
   es bringen meinen Gruss ihm, meinen Gruss ihm
   die Fergen hinauf.

Und weiter stand geschrieben:

   Am Morgen sprach die Amme zu mir:
   -- was willst du's der Alten verhehlen --
   den ganzen Tag zerpflckst du fragend die Blumen,
   Quitten unterscheidest du von pfeln nicht mehr,
   Du nhst nicht, du stickst nicht,
   kssest zrtlich den bunten Tauber
   und nachts hr ich dich flstern: Pankratius.

Und weiter stand geschrieben:

   Was soll ich erwhlen, liebe Gespielinnen:
   soll ich dem grausamen Freunde noch einmal mein Lieben gestehen,
   oder soll ich in den schnellfliessenden Bach mich strzen?
   Gleich schwer ist jeder der Wege,
   aber schwerer ist der erste --
   wie werd' ich errten mssen und stammeln.

Und weiter stand geschrieben:

   Am Morgen steht die Purpursonne auf
   und du gehst an dein Tagwerk,
   wer dich daherkommen sieht,
   der denkt sich: stolzer Pankratius --
   und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

   In den Baumgngen wirst du lustwandeln,
   mit den Freunden wirst du im Philo lesen,
   Diskus werfen wirst du und Wettlaufen --
   alle sagen: schner Pankratius --
   und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

   Du kehrst zurck in dein khles Haus,
   badest dich in duftigen Wassern,
   mit dem Knaben spielst du dann Ball,
   und schlfst ruhig ein bis zum Morgen
   und denkst: glcklicher Pankratius --
   und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

Und es stand noch viel geschrieben, so dass das Mdchen, seufzend und ber
seine eigenen Worte Trnen vergiessend, bis zum spten Abend las.


VI.

Jetzt spielte Pankratius nicht mehr mit dem Knaben Ball, er las nicht mehr
und hatte keine Lust zu essen, sondern ging im inneren kleinen Garten an
den Levkoien auf und ab und sah aus, wie ein von Unruhe gequlter Mensch.
Gleich nach der Begrssung begann er: Das gestorbene Mdchen raubt mir
meine Ruhe: ich sehe sie im Traume und sie mich; sie lockt mich
irgendwohin, ein Lcheln im bleichen Antlitz.

Der Alte, der Phyllis unter den Lebenden wusste, meinte:

Es gibt trgerische Trume, o Herr, mgen sie dich nicht beunruhigen.

Sie knnen nicht anders, als mich beunruhigen, vielleicht bin ich dennoch
die unschuldige Ursache ihres Unterganges.

Halte sie fr lebend, wenn dir das deine Ruhe wiedergibt.

Aber sie ist doch gestorben?

Tot ist das, was wir fr tot halten, und das, was wir fr lebend halten --
lebt.

Du willst, scheint es, darauf hinaus, wovon ich mit dir reden wollte.
Gelobe mir, das Geheimnis zu bewahren.

Du hast mein Versprechen.

Kennst du nicht einen Magier, der mir den Schatten der Phyllis beschwren
knnte?

Wie das, den Schatten der Phyllis?

Nun ja, den Schatten der verstorbenen Phyllis. Scheint dir das so
sonderbar?

Nektanebes antwortete, nachdem er die Beherrschung wiedergewonnen hatte:

Nein, das scheint mir nicht sonderbar und ich kenne sogar einen Magier,
wie du ihn brauchst, aber glaubst du auch selbst an die Kraft der Magie?

Weshalb htte ich dich wohl sonst gefragt? Und was hat das mit meinem
Glauben zu tun?

Er wohnt nicht weit von mir und ich kann mit ihm verabreden, wann das
Wiedersehen stattfinden soll.

Ich bitte dich darum. Du hast mir viel geholfen mit deinen Worten: tot ist
das, was wir fr tot halten, und umgekehrt.

Lass es gut sein, o Herr, das sind leere Worte, die ein ungebildeter alter
Fischer, wie ich, ohne zu denken hat fallen lassen.

Du selbst begreifst nicht die ganze Bedeutung dieser Worte. Es ist mir,
als sei Phyllis am Leben. Richte schneller aus, was du weisst!

Der Jngling gab dem Fischer Geld und der Alte war auf dem weiten Wege zum
Landgute mit vielen und verschiedenartigen Gedanken beschftigt, die zu
einem klareren, freudigen Gedanken fhrten, so dass Phyllis, die nicht
schlief und ihm selbst die Gartenpforte ffnete, ihn lcheln sah, als
bringe er glckliche Nachrichten.


VII.

Das Mdchen hrte Nektanebes' Plan mit erstaunten Ausrufen.

Du glaubst? Ist das denn mglich? Wird das nicht Gotteslsterung sein?
Bedenke doch: die magischen Beschwrungen haben die Kraft, die Seelen
Verstorbener heraufzurufen, -- wie werde ich, die Lebende, den tuschen,
den ich liebe? Und wird die hundskpfige Gttin mich nicht strafen?

Wir entweihen den Ritus nicht, du bist keine Tote und bist niemals eine
solche gewesen, wir werden uns nur die ussere Form der Beschwrungen
zunutze machen, um den gequlten Geist des Pankratius zu beruhigen.

Er liebt mich jetzt und will mich sehen?

Ja.

Die Tote, die Tote!

Aber du wirst lebendig sein.

Man wird mir Totengewnder anlegen, den Totenkranz der verstorbenen
Frauen! Ich werde durch Schwefeldmpfe reden, die mein Gesicht totenhnlich
machen werden!

Ich weiss nicht in welcher Gestalt du den Geist darzustellen haben wirst.
Wenn du es nicht wnschest, so lsst es sich vermeiden.

Wodurch?

Durch Verzicht auf die Beschwrung.

Ihn nicht sehen? Nein, nein!

Man knnte sagen, dass der Magier das Mondviertel fr ungnstig halte.

Und dann?

Dann wird Pankratius sich selbst beruhigen und er wird vergessen.

Er wird sich beruhigen, sagst du? Wann kommt Parrhasius, um die
Verabredung zu treffen und mich zu lehren was ich zu tun habe?

Wann du willst: morgen, bermorgen.

Heute noch. Einverstanden?

Als Phyllis allein geblieben war, sass sie lange regungslos da, dann
zerpflckte sie eine Blume und wollte lcheln, als sie auf ihre stndige
Frage ein Ja zur Antwort erhielt, aber sie erbleichte gleich wieder und
flsterte: Nicht als Lebende hast du das Glck der Liebe gewonnen, arme
Phyllis! Aber die Morgensonne und das Zirpen der Grillen im Tau, und der
stille Fluss, und die Erinnerung an die wenigen verlebten Jahre, und die
Trume von Pankratius, der sie jetzt liebte, riefen bald wieder das Lcheln
auf die roten Lippen der lustigen und treuen Phyllis zurck.


VIII.

Als die Harfe, die magischen Formeln beantwortend, erklang und ein
undeutlicher Schatten auf dem Vorhang erschien, erkannte Pankratius Phyllis
nicht; ihre Augen waren geschlossen, die Wangen blass, die Lippen
zusammengepresst, die ber der Brust gekreuzten mit Bndern umwundenen Arme
steigerten die hnlichkeit mit einer Toten. Als sie die Augen aufschlagend,
die lose zusammengebundenen Arme erhoben, stehenblieb, wandte sich
Pankratius, nachdem er den Magier um Erlaubnis gefragt hatte, auf die Knie
sinkend, mit folgenden Worten an sie:

Bist du der Schatten der Phyllis?

Ich bin Phyllis selbst, war die Antwort.

Vergibst du mir?

Wir werden alle vom Schicksal geleitet; du konntest nicht anders handeln,
als du gehandelt hast.

Bist du gern auf die Erde zurckgekehrt?

Ich konnte nicht anders, als den Beschwrungen gehorchen.

Liebst du mich?

Ich liebte dich.

Du siehst jetzt meine Liebe, ich habe mich zu frchterlicher, vielleicht
verbrecherischer Tat entschlossen, als ich dich heraufbeschwor. Glaubst du
mir, dass ich dich liebe?

Die Tote?

Ja. Kannst du dich mir nhern? Mir deine Hand reichen? Meine Ksse
erwidern? Ich will dich erwrmen und dein Herz wieder schlagen machen!

Ich kann mich dir nhern, dir die Hand reichen, deine Ksse erwidern. Ich
bin dazu zu dir gekommen.

Sie trat ihm, der auf sie zugestrzt war, einen Schritt entgegen; er merkte
nicht, dass ihre Hnde wrmer waren, als seine eigenen, wie ihr Herz an
seinem fast erstarrten Herzen schlug, wie ihre Augen glnzten, als sein
trbe gewordener Blick sie traf. Phyllis wehrte ihm und sagte:

Ich bin eiferschtig.

Auf wen? flsterte er, vergehend:

Auf die lebende Phyllis. Sie liebtest, mich duldest du.

Ach, ich weiss nicht, frage nicht, nur du, du allein, dich liebe ich!

Phyllis sagte nichts mehr, sie erwiderte seine Ksse nicht und zog sich
zurck; schliesslich, als er in Verzweiflung sich zu Boden warf und wie ein
Knabe weinend, rief: Du liebst mich nicht! kam es langsam von ihren
Lippen:

Du weisst selbst noch nicht was ich getan habe, und an ihn herantretend,
umarmte sie ihn fest und begann jetzt selbst leidenschaftlich und sss
seine Lippen zu kssen. Pankratius war immer zrtlicher geworden und hatte
nicht bemerkt, wie das Mdchen immer schwcher wurde, und pltzlich liess
er sie mit dem Schreckensruf: Phyllis, was ist dir? aus seinen Armen
gleiten und lautlos sank sie ihm zu Fssen. Er staunte nicht, dass ihre
Hnde kalt waren, dass ihr Herz nicht schlug, aber das Schweigen, das
pltzlich den Raum beherrschte, erfllte ihn mit unerklrlichem Grauen. Er
schrie auf, und die eintretenden Sklaven und der Magier erblickten beim
Schein der Fackeln das Mdchen in den verwirrten Leichengewndern tot
daliegen, die Bnder und der Totenkranz aus dnnen Goldblttchen lagen
fortgeworfen auf dem Boden. Pankratius schrie noch einmal laut auf, als er
die leblos vor sich sah, die eben noch seine Liebkosungen erwidert hatte,
und zur Tr zurckweichend, flsterte er entsetzt:

Sehet: die Spuren von drei Wochen Verwesung in ihrem Antlitz! Oh! Oh!

Der hinzugetretene Magier sagte:

Die der Magie gewhrte Frist ist verflossen und der Tod hat wieder von der
zeitweilig dem Leben Zurckgegebenen Besitz ergriffen, und er gab den
Sklaven das Zeichen den Leichnam der bleichen Phyllis, der Tochter des
Palemon, hinauszutragen.




Tante Sonja's Chaiselongue


Ich habe so lange im Ablegeraum unter altem Germpel gestanden, dass ich
fast die Erinnerung an meine Jugend verloren habe, als der auf meine
Rckenlehne gestickte Trke mit seiner Pfeife und der Hirtenknabe mit
seinem Hunde, der mit erhobenem Hinterbeine sich flht, -- noch in grellem
Gelb, Rosa und Himmelblau leuchteten und noch nicht verstaubt und
verblichen waren; aber eben beschftigen mich die Ereignisse mehr, deren
Zeugin ich gewesen, bevor ich wieder dem jetzt wohl hoffnungslosen
Vergessen anheimfalle. Man hat mich mit neuem hanffarbenem Seidenstoff
bezogen und ins kleine Empfangszimmer gestellt und ber meine Armlehne
einen Schal mit grellen Rosen geworfen, als htte ihn eine Schne aus
meiner Jugendzeit, pltzlich bei einem zrtlichen Stelldichein
aufgeschreckt, liegen lassen. brigens nderte der Schal seine Lage
niemals, denn wenn der General oder seine Schwester, Tante Paula, ihn
zufllig verschoben, gab Kostja, der das kleine Gastzimmer nach seinem
Geschmack eingerichtet hatte, diesem zarten bunten Gewebe wieder sein
frheres, raffiniert nachlssiges, starres Aussehen. Tante Paula
protestierte dagegen, dass ich aus der Rumpelkammer hervorgeholt wurde: auf
mir sei die arme Sonja gestorben, ich sei die Ursache gewesen, dass eine
Heirat nicht zustande gekommen, ich brchte der Familie Unglck sagte sie,
aber fr mich trat nicht nur Kostja, seine Kommilitonen und andere junge
Leute ein, sondern auch der alte General selbst sagte:

Das alles sind Vorurteile, Paula Petrowna! Wenn in diesem Ungetm auch
irgendein Zauber gesteckt hat, so hat er sich im Laufe der sechzig Jahre in
der Rumpelkammer verflchtigt; und dann steht es an einer Stelle, wo man
immer vorbeigeht, so dass niemand es aufsuchen wird, um auf ihm zu sterben
oder einen Antrag zu machen!

Obgleich mir die Bezeichnung Ungetm nicht sonderlich schmeichelte und
der General sich als kurzsichtig erwiesen hat, blieb ich im kleinen
Empfangszimmer mit den grnlichen Tapeten. Ein Porzellanschrnkchen stand
mir gegenber, ber ihm hing ein alter runder Spiegel, der undeutlich meine
seltenen Besucher zurckwarf. Bei General Gambakow lebte, ausser seiner
Schwester Paula und seinem Sohne Kostja, noch seine Tochter Nastja, die
ihre Schulbildung in einem Fruleinstift erhielt.

                   *       *       *       *       *

Aus dem nach Westen gelegenen Nebenzimmer fielen die langen Strahlen der
Abendsonne in meinen Salon und trafen gerade den Schal mit den Rosen, der
noch prchtiger leuchtete und seine Farben spielen liess. Jetzt legten sich
diese Strahlen auf das Gesicht und das Kleid von Nastja, die auf mir sass
und so durchsichtig aussah, dass es sonderbar schien, die Strahlen nicht
durch ihren Krper auf den Herrn, der vor ihr stand, fallen zu sehen, als
gengte ihre Gestalt, das rtliche Licht aufzuhalten. Sie unterhielt sich
mit ihrem Bruder ber eine fr die Weihnachtsfeiertage geplante
Vorstellung, bei der ein Akt aus Esther aufgefhrt werden sollte, aber
die Gedanken des jungen Mdchens schienen vom Gegenstande der Unterhaltung
weit entfernt. Kostja bemerkte:

Ich meine, Sergej knnte uns auch eine Rolle abnehmen: er deklamiert doch
ganz gut.

Soll Sergej Pawlowitsch eine meiner Dienerinnen, eine junge Israelitin
spielen?

Weshalb, ich kann das Travesti nicht ausstehen, obgleich ihn weibliche
Gewnder kleiden wrden.

Wen soll er denn sonst spielen?

Ich verstand, dass von Sergej Pawlowitsch Pawilikin, dem Kommilitonen des
jungen Gambakow, die Rede war. Ich hatte ihn immer fr einen unbedeutenden,
wenn auch sehr hbschen jungen Mann gehalten. Das kurzgeschorene dunkle
Haar liess sein rundes blasses Gesicht voller scheinen; er hatte einen
hbschen Mund und grosse hellgraue Augen. Der hohe Wuchs milderte seine
Neigung zu Krperflle, aber er war sehr schwer, rekelte sich immer auf mir
herum und verstreute die Asche seiner Zigaretten mit den sehr langen
Mundstcken, die er immerfort rauchte, auf mir, und seine Unterhaltung war
leeres Geschwtz. Zur Unzufriedenheit von Tante Paula, die ihn nicht
mochte, war er tglich bei uns zu Gaste.

Das Frulein unterbrach etwas unsicher das Schweigen:

Kennst du eigentlich Pawilikin gut, Kostja?

Auch eine Frage! Er ist doch mein bester Freund!

So . . .? Ist es denn schon so lange her, dass ihr Freunde seid?

Seit diesem Jahre, als ich die Universitt bezog. Aber hat das denn etwas
zu bedeuten?

Nein, ich fragte bloss so, ich wollte nur wissen . . . .

Weshalb interessiert dich denn unsere Freundschaft?

Ich mochte wissen ob man ihm vertrauen kann . . . ich mchte . . .

Kostja unterbrach sie lachend:

Das hngt davon ab! In Geldangelegenheiten wrde ich nicht raten! brigens
ist er ein guter Kamerad und nicht geizig, wenn er Geld in der Tasche hat,
aber er ist arm . . .

Nastja schwieg eine Weile und sagte dann:

Nein, ich fragte nicht danach, sondern was Gefhle, Anhnglichkeit
anbetrifft . . .

Was fr ein Unsinn! Lernt ihr das in euren Stiften? Was weiss ich! . . .
Hast du dich vielleicht in Sergej verliebt?

Das Frulein antwortete nicht und fuhr fort:

Ich habe eine Bitte an dich, wirst du sie erfllen?

Betrifft sie Sergej Pawlowitsch?

Vielleicht.

Gut, aber vergiss nicht, dass er nicht besonders liebt, sich mit euch
Weibern abzugeben.

Nein, Kostja, versprich mir!

Na, schn, ich hab's doch schon versprochen! Also!

Ich sage dir's heute abend, erwiderte Nastja, ihrem Bruder in die
unruhigen Augen blickend, die wie ihre eigenen, braun und gesprenkelt
waren.

Na, schn, also heute abend, meinte der Student sorglos, erhob sich und
ordnete wieder den Schal, den das ebenfalls aufgestandene junge Mdchen
freigelassen hatte.

Aber die Strahlen der Abendsonne trafen die zarten Rosen nicht mehr, denn
Nastja, die ins Nebenzimmer gegangen war, trat ans Fenster und sah fr das
rtliche Licht undurchdringlich, wie vorher, auf die schneebedeckte Strasse
hinaus, bis das elektrische Licht aufgedreht wurde.

                   *       *       *       *       *

Heute kann man den ganzen Tag keine Ruhe finden, so wird durch mein Zimmer
hin- und hergelaufen! Und ich begreife nicht wozu man bloss solche
Vorstellungen veranstaltet! Ein ganzer Schwarm von jungen Mdchen und
Mnnern; das war eine Unruhe, ein Schreien, Laufen, man rief nach
Arbeitern, die irgendetwas absgen sollten; Mbel, Kissen, Stoffe wurden
herangetragen; es ist nur gut, dass sie aus meinem Zimmer nichts genommen
und meinen Schal nicht fortgeschleppt haben! Endlich wurde alles still und
in der Ferne begann man Klavier zu spielen. Der General und Paula Petrowna
kamen leise herein und setzten sich nebeneinander auf mich; die alte
Jungfer fuhr fort:

Es wrde ein Familienunglck sein, wenn sie ihn lieben sollte. Denk bloss:
ein Knabe ist er noch, und was fr einer ausserdem: ohne Namen, ohne
Vermgen, ohne Talent . . .

Ich glaube, du bertreibst stark, ich habe nichts bemerkt . . .

Bemerken denn Mnner solche Dinge? Ich aber werde jedenfalls immer dagegen
sein!

Ich glaube, es wird auch gar nicht so weit kommen, dass man dafr oder
dagegen zu sein brauchen wird.

Er ist ein ganz sittenloser Mensch: Du weisst was man von ihm spricht? Ich
bin berzeugt, dass er es auch ist, der Kostja verdirbt. Nastja ist ein
Kind, sie versteht noch nichts . . . regte sich die alte Dame auf.

Nun, meine Beste, ber wen wird nicht gesprochen? Hre doch bloss was ber
Kostja geklatscht wird! Und ich weiss nicht, vielleicht ist auch etwas wahr
an diesen Geschichten. Das geht mich nichts an. Vor Klatsch bewahrt einen
hchstens das Alter, wie deins und meins! . . .

Paula Petrowna wurde dunkelrot im Gesicht und bemerkte kurz:

Mach was du willst. Ich habe dich gewarnt und ich selbst werde schon
aufpassen! Nastja ist auch mir keine Fremde!

Da trat Nastja selbst ins Zimmer; sie war schon in ihrem himmelblauen,
gelbgestreiften Kostm und trug einen gelben Turban auf dem Kopfe.

Papa, wandte sie sich hastig an den General, warum sehet Ihr Euch nicht
die Probe an? und fuhr, ohne die Antwort abzuwarten, fort: Gib doch
unserm Knig deinen Ring, er hat so einen riesigen Smaragd!

Diesen? fragte der General und wies auf einen alten Fingerring von selten
schner Arbeit und mit einem dunklen Smaragd, der die Grsse einer
Stachelbeere hatte.

Nun ja! antwortete sorglos das junge Mdchen.

Nastja, du weisst nicht worum du bittest! mischte sich die Tante hinein,
den Familienring, von dem Maxim sich niemals trennt, fr das Drunter und
Drber eurer Spielerei hergeben, damit ihr ihn im Handumdrehen verliert! Du
weisst doch, dass dein Vater den Ring niemals vom Finger nimmt!

Fr ein, zwei Mal; wie sollte er denn aus dem Zimmer verschwinden, selbst
wenn er vom Finger fiele?

Nein, Maxim, ich erlaube dir auf keinen Fall den Ring vom Finger zu
ziehen!

Du siehst, Tante Paula erlaubt mir's nicht! sagte der General mit
verlegenem Lachen.

Nastja ging unzufrieden ohne den Ring aus dem Zimmer und Paula Petrowna
begann ihren Bruder zu trsten, dem seine betrbte Tochter leid tat.

Der Lrm und das Gelaufe gingen wieder an; man legte die Kostme ab, dann
begann das Abschiednehmen.

Herr Pawilikin blieb lange bei uns. Als er mit Kostja in mein Zimmer kam,
war es schon gegen vier Uhr morgens. Sie blieben stehen und kssten sich
zum Abschiede. Sergej Pawlowitsch sagte verlegen:

Du kannst dir keine Vorstellung machen, Kostja, wie froh ich bin! Aber es
ist mir so unangenehm, das es gerade heute dazu kam, nachdem du mir dieses
Geld gegeben hast! Du kannst dir, weiss der Teufel, was fr eine Gemeinheit
denken . . .

Der blasse und glckliche Kostja mit verwhltem Haar ksste ihn wieder und
sagte:

Nichts werde ich mir denken, sonderbarer Kauz! Das ist einfach ein
Zusammentreffen, ein Zufall, der jedem zustossen kann.

Ja, aber es ist so peinlich, so peinlich . . .

Lass das, bitte, im Frhling gibst du mir's wieder . . .

Ich brauchte diese sechshundert Rubel auf jeden Fall . . .

Kostja schwieg, dann sagte er:

Nun, auf Wiedersehen. Morgen treffen wir uns also zu >Manon<?

Ja, ja . . .

Und nicht mit Petja Klimow?

Oh, tempi passati! Auf Wiedersehen.

Mache die Tr leise zu und lrm nicht, wenn du an Tante Paulas
Schlafzimmer vorbergehst: sie hat dich nicht zurckkommen sehen und sie
liebt dich nicht sonderlich. Auf Wiedersehen!

Die jungen Leute nahmen noch einmal Abschied; es war, wie ich schon gesagt
habe, gegen vier Uhr morgens.

                   *       *       *       *       *

Nastja kam von der Spazierfahrt, und ohne ihren Pelzhut mit der Rose vom
Kopfe zu nehmen, setzte sie sich auf den Rand eines Stuhles, whrend ihr
Begleiter mit von der Klte gerteten Wangen fortfuhr im Zimmer auf und ab
zu gehen. Das junge Mdchen sprach ungezwungen und heiter, aber hinter
diesem Geplapper hrte man eine gewisse Unruhe hervor.

Wir haben eine schne Spazierfahrt gemacht! So angenehm: Frost und Sonne!
Ich schwrme fr den Palaiskai! . . .

Ja.

Ich liebe schrecklich zu fahren und besonders zu reiten; im Sommer
verschwinde ich tagelang auf solchen Ausflgen. Sie sind noch nicht bei uns
in >Swjataja Krutscha< gewesen?

Nein. Ich ziehe ein Automobil vor.

Sie haben einen schlechten Geschmack Sie wissen doch, >Swjataja Krutscha<,
und >Alexejewskoje<, und >Ljgowka<, das ist alles mein persnliches
Eigentum; ich bin eine sehr reiche Braut. Dann macht noch Tantchen Paula
mich zu ihrer Universalerbin. Sehen Sie -- ich rate Ihnen, berlegen Sie
sich's.

Fr uns Schuster heisst es: bleib bei deinem Leisten! . . .

Was fr vulgre Vergleiche Sie lieben!

Sergej zuckte mit den Achseln und fuhr fort, ohne stehenzubleiben, auf und
ab zu gehen. Das junge Mdchen machte noch ein paarmal den Versuch zu
plaudern, aber immer krzer wurden diese Versuche und schliesslich schwieg
sie ganz, wie ein verdorbenes Spielzeug, und als ihre Stimme wieder
erklang, war sie leise und traurig. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sie
sich tiefer ins dunkel gewordene Zimmer hinein und sagte, als klage sie
sich selbst ihr Leid:

Wie lange ist es schon seit unserer Auffhrung her! Entsinnen Sie sich?
Ihr Auftreten . . . Wie vieles hat sich seither gendert! Sie sind nicht
mehr derselbe, ich auch nicht, alle nicht . . . Ich kannte Sie damals noch
so wenig. Sie knnen sich nicht vorstellen wie gut ich Sie verstehe, viel
besser, als Kostja! Sie glauben nicht? Weshalb stellen Sie sich an, als
merkten Sie nichts? Wrde es Ihnen Vergngen machen, wenn ich Ihnen das
sagen wrde, was zuerst zu sagen fr eine Frau als erniedrigend gilt? Sie
qulen mich, Sergej Pawlowitsch!

Sie bertreiben alles furchtbar, Nastasja Maximowna: mein
Nicht-verstehen-wollen, wie meine Eigenliebe und vielleicht auch Ihre
Gefhle fr mich . . .

Sie stand auf und sagte klanglos:

So? Es kann sein . . .

Sie gehen? wurde er unruhig.

Ja, ich muss mich zum Mittagessen umkleiden. Sie speisen nicht mit uns?

Ja, ich habe eine Einladung zu Bekannten.

Mit Kostja zusammen?

Nein. Weshalb?

Sie ging nicht und blieb am Tisch mit den Zeitschriften stehen.

Sie werden noch zu ihm auf sein Zimmer gehen?

Nein, ich fahre gleich.

So? Nun, auf Wiedersehen! Und ich liebe Sie -- das ist's! setzte sie
pltzlich hinzu, und wandte sich ab. Als er in der Dunkelheit, in der man
seine Zge nicht unterscheiden konnte, schwieg, sagte sie schnell, wie mit
lachender Stimme: Nun, sind Sie zufrieden?

Finden Sie, dass das der passende Ausdruck ist? sagte er und beugte sich
ber ihre Hand.

Auf Wiedersehen . . . Gehen Sie jetzt, murmelte sie, das Zimmer
verlassend.

Sergej machte Licht und ging, lustig etwas vor sich hinpfeifend, in Kostjas
Zimmer.

                   *       *       *       *       *

Der General kam in grosser Aufregung herein, er hielt eine Zeitung in der
Hand; Tante Paula folgte ihm auf dem Fusse, mit ihrem schwarzen
Seidenkleide rauschend.

Beruhige dich, Maxim, jetzt kommt das so hufig vor, man gewhnt sich fast
daran. Natrlich ist es frchterlich, aber was ist dabei zu machen? Niemand
vermag seinem Schicksal zu entrinnen.

Nein, Paula, ich kann mich nicht beruhigen: nur die Mtze ist
briggeblieben und ein blutiger Brei von Gehirn an der Mauer. Armer Lew
Iwanowitsch!

Denk nicht daran, Bruder! Morgen lassen wir in der Kirche des
Apanagendepartements eine Seelenmesse lesen. Denk nicht daran, schone dich:
Du hast selbst einen Sohn und eine Tochter.

Der General war ganz rot im Gesicht, er liess sich auf mir nieder. Die
Zeitung entglitt seinen Hnden, die alte Dame hob sie schnell auf, legte
sie recht weit von ihrem Bruder fort, und begann hastig von etwas anderem
zu sprechen:

Nun, hast du den Ring gefunden?

Der General wurde wieder unruhig:

Nein, nein! Das beunruhigt mich auch noch frchterlich.

Entsinnst du dich, wann du ihn zum letztenmal gesehen hast?

Ich zeigte ihn heute morgen, hier, auf dieser selben Chaiselongue, Sergej
Pawlowitsch: er interessierte sich so fr den Ring . . . Dann schlummerte
ich ein; und ich erinnere mich, dass der Ring schon nicht mehr da war, als
ich aufwachte . . .

Hast du ihn vom Finger gezogen?

Ja . . .

Das war nicht vernnftig von dir! Ausser seinem realen besitzt der Ring
doch einen unschtzbaren Wert als Familienstck.

Das ist geradezu das Vorzeichen eines Unglckes.

Wollen wir hoffen, dass der Tod von Lew Iwanowitsch eine gengend
unglckliche Botschaft ist, um das ganze Unheil zu erschpfen.

Der General begann wieder zu seufzen. Paula Petrowna konnte sich nicht
enthalten zu sagen:

Wenn dieser Pawilikin nur nicht den Ring mitgenommen hat? Er ist fhig so
etwas zu tun!

Wozu? Um ihn sich anzusehen? Ja, aber er hat ihn auch so schon betrachtet
und fragte mich wieviel die Antiquittenhndler dafr geboten haben usw.

Er kann ihn ja auch einfach so genommen haben.

Das heisst, du meinst er hat ihn gestohlen?

Paula Petrowna hatte keine Zeit zu antworten, da Nastja, die hastig und
erregt ins Zimmer getreten war, ins Gesprch fiel.

Papa! sagte sie laut: Sergej Pawlowitsch hlt um meine Hand an. Ich
hoffe, du bist nicht dagegen?

Nicht jetzt, nicht jetzt! wehrte er ihr mit den Hnden ab.

Weshalb? Was sind das fr Ausflchte? Du kennst ihn gut genug, sagte
Nastja und wurde rot.

Paula Petrowna warf, aufstehend, dazwischen:

Ich habe auch eine Stimme und protestiere berhaupt gegen eine solche
Verbindung, und fordere in jedem Falle, dass die Frage aufgeschoben wird
bis sich Maxims Ring wiedergefunden hat.

Was fr eine Beziehung hat Papas Ring zu meinem Brutigam? fragte das
junge Mdchen hochmtig.

Wir glauben, dass Sergej Pawlowitsch den Ring hat.

Sie glauben, dass er einen Diebstahl verbt hat?

Ja, so etwas in der Art.

Nastja wandte sich an den General, ohne der Tante zu antworten, und fragte:

Du glaubst also auch an dieses Mrchen?

Der Vater schwieg. Sein Gesicht rtete sich noch mehr.

Das junge Mdchen wandte sich wieder an Paula:

Weshalb treten Sie zwischen uns? Sie hassen Sergej . . . . Sergej
Pawlowitsch und denken sich allerhand Unsinn aus! Sie sen Zwietracht
zwischen Kostja und Papa. Was wollen Sie von uns?

Nastja, werde nicht frech, unterstehe dich nicht! rief der Vater, nach
Luft ringend.

Nastja hrte nicht auf ihn.

Weshalb regst du dich so auf? Weshalb kannst du dich nicht gedulden, bis
diese Geschichte sich aufgeklrt hat? Es ist das ganz prinzipiell,
begreifst du?

Ich begreife, dass mein Brutigam einer hnlichen Handlung berhaupt nicht
verdchtigt werden darf! schrie Nastja, der General sass stumm da, die
Rte in seinem Gesichte wurde immer tiefer.

Du frchtest dich vor der Wahrheit?

Es kann nur eine Wahrheit geben und ich kenne sie. Und ich rate Ihnen sich
unserer Ehe nicht zu widersetzen: das wird fr Sie selbst nur schlimmer
sein!

Du meinst?

Ich weiss es!

Paula sah sie durchdringend an.

Ist denn Eile geboten?

Welch eine Gemeinheit! Kostja! strzte das junge Mdchen zum eintretenden
Studenten. Lieber Kostja, sei du Richter! Sergej Pawlowitsch hlt um meine
Hand an, und Vater, der ganz unter dem Einflusse von Tante Paula steht,
gibt nicht seine Einwilligung, bevor sich die Frage aufgeklrt hat, wo sein
Ring hingekommen ist.

Zum Teufel auch! Ihr beschuldigt doch nicht gar Pawilikin des Diebstahls?

Ja, versetzte die alte Dame boshaft. Du trittst natrlich fr ihn ein,
du wirst den Ring auslsen. Ich weiss auch einiges von dir! Ich kann in
meinem Zimmer hren, wie die Tr knarrt, wenn du deinen Freund hinauslsst
und was dabei gesprochen wird. Sei dankbar, dass ich schweige!

In meinem ganzen Leben habe ich keinen solchen Skandal, keine solche
Schimpferei gehrt. Kostja schlug mit der Faust auf den Tisch und brllte,
Paula verlangte Achtung vor dem Alter; Nastja sprach hysterisch . . . Aber
pltzlich verstummten alle, weil Stimmen, Schrei und Lrm von einem
unartikulierten Laut bertnt wurden, welchen der General ausgestossen
hatte, der, nachdem er die ganze Zeit geschwiegen, eben aufgestanden war.
Dann sank er schwer zurck, wurde blaurot im Gesicht und begann zu rcheln.
Paula strzte zu ihm.

Was ist mit dir, Maxim, Maxim?

Der General rchelte nur, die weissen Augpfel verdrehend, und war schon
ganz blau.

Wasser! Wasser! Er stirbt! Ein Schlag! flsterte die Tante, aber Nastja
schob sie beiseite und sagte:

Lassen Sie, ich werde ihm selbst den Kragen aufknpfen, und liess sich
vor mir auf die Knie nieder.

                   *       *       *       *       *

Sogar in mein Zimmer drang der Geruch von Weihrauch und der Kirchengesang
von der Seelenmesse des alten Generals herber. Mitunter schien es mir, als
werde mir selbst das Sterbelied gesungen. O wie nah war ich der Wahrheit!

Als die jungen Leute ins Zimmer traten, sagte Pawilikin, die unterbrochene
Unterhaltung fortsetzend:

Und heute, da erhalte ich von Paula Petrowna folgende Zuschrift, und er
begann den aus der Tasche gezogenen Brief vorzulesen:

Sehr geehrter Herr, Sergej Pawlowitsch! Aus Grnden, die -- scheint mir --
Ihnen zu erklren weiter nicht ntig ist, halte ich Ihre Besuche in diesen,
fr unsere Familie so schweren Tagen fr unangebracht, und ich hoffe, Sie
werden nicht verfehlen Ihre Fhrung mit unserem gemeinschaftlichen Wunsche
in Einklang zubringen. Die Zukunft selbst wird zeigen, wie weit die
frheren Beziehungen mglich sein werden, aber ich kann Sie versichern,
dass meine Nichte, Anastasia Maximowna, im gegebenen Falle mit mir ganz
solidarisch ist. Genehmigen Sie usw.

Er sah Kostja fragend an und der bemerkte:

Weisst du, von ihrem Standpunkte hat Tante recht, und ich weiss berhaupt
nicht, wie meine Schwester dir antworten wird.

Aber du gibst doch zu, solche nichtige Grnde! . . .

Das heisst, der Tod meines Vaters?

Ja, aber ich trage doch keine Schuld daran!

Selbstredend . . . Ich las da neulich das Mrchen aus >Tausendundeiner
Nacht<, wo ein Mensch mit Dattelkernen warf, -- eine durchaus harmlose
Beschftigung -- er traf aber den Sohn eines Geistes ins Auge und lud eine
Reihe von Missgeschicken auf sich. Wer kann die Folgen von Kleinigkeiten
vorausbestimmen?

Wir aber werden doch miteinander verkehren?

Oh, zweifelsohne! Ich werde jetzt nicht mehr mit meiner Familie
zusammenleben und du wirst mir immer willkommen sein. Das ist dauerhafter,
als die Verliebtheit eines Mdchens aus dem Fruleinstift.

Und wird auch durch Dattelkerne nicht gefhrdet?

Das ist's.

Sergej umarmte den jungen Gambakow und sie verliessen zusammen das Zimmer.
Ich habe Pawilikin nicht wiedergesehen, wie ich berhaupt nur wenige Leute
sah, die uns in meinen letzten Ehrentagen aufsuchten.

                   *       *       *       *       *

Frhmorgens kamen Mnner in hohen Stiefeln und hoben mich auf, nachdem sie
Paula Petrowna gefragt hatten: Diese hier? Der lteste von ihnen fragte
immer wieder ob es nicht noch etwas zu verkaufen gbe, als seine Frage
verneint wurde, folgte er den anderen Mnnern.

Wie sie mich auf die Seite kehrten, um mich durch die Tr zu tragen, rollte
etwas auf den Fussboden, von dem -- der Sommer war schon nahe -- die
Teppiche bereits entfernt worden waren. Einer von den Mnnern, die mich
trugen, hob den heruntergefallenen Gegenstand auf und reichte ihn der alten
Dame mit den Worten:

Ein Ringchen! Haben es mal aufs Couchettchen fallen lassen und da ist es
denn hinter den Bezug geglitten.

Es ist gut. Danke! sagte Tante Paula, erbleichend, und ging aus dem
Zimmer, nachdem sie hastig den Ring mit dem stachelbeergrossen Smaragd in
ihr Ricule gesteckt hatte.




Flgel





Erster Teil


Im Waggon, der gegen Morgen etwas leerer geworden war, wurde es immer
heller; durch die beschlagenen Fenster sah man auf Wiesen hinaus, deren
Gras fast giftgrn war, trotzdem der August sich schon zu Ende neigte,
aufgeweichte Wege schlngelten sich ins Land, Milchfrauen mit ihren Wagen
warteten vor einem herabgelassenen Schlagbaum, Bahnwrterhuschen und die
bunten Sonnenschirme spazierengehender Sommerfrischlerinnen huschten
vorber. Auf den hufigen und einfrmigen Haltestellen begannen neue
Vorortspassagiere mit Ledermappen unter dem Arm den Wagen zu fllen, und
man sah, dass der Waggon, die Fahrt, fr sie keine Epoche, nicht einmal
eine Episode des Lebens bedeuteten, sondern der gewohnte Teil eines
tglichen Programmes waren, und die Bank, auf der Nikolai Iwanowitsch
Smurow mit Wanja sass, schien die wichtigste und bedeutungsvollste des
ganzen Wagens. Die festverschnrten Handkoffer, die Porteplaids mit den
Kissen, der gegenbersitzende alte Herr mit dem langen Haar und der
unmodernen Reisetasche ber der Schulter, das alles sprach von einer
weiteren Fahrt, von einer weniger gewhnlichen, mehr epochemachenden Reise.

Wanja sah auf den rtlichen Sonnenstrahl, der sich unruhig durch die
Rauchwolken der Lokomotive brach und hin und wieder ber das dummerhaft
scheinende Gesicht des schlafenden Nikolai Iwanowitsch glitt, ihm fiel
dabei die knarrende Stimme dieses selben Vetters ein, der ihm dort, weit,
zu Hause, gesagt hatte: Geld hat Mama dir keins hinterlassen; du weisst,
wir sind selbst nicht reich, aber, als dein Vetter bin ich bereit, dir zu
helfen; du hast noch lange zu lernen, zu mir kann ich dich nicht nehmen,
ich werde dich zu Alexej Wassiljewitsch in Pension geben und dich besuchen;
dort geht es lustig her und man kann dort viele ntzliche Leute treffen.
Gib dir Mhe; wir wren mit Natascha gern bereit dich zu uns zu nehmen,
aber es geht unmglich; und du selbst wirst es bei Kasanskis heiterer
haben: dort gibt es immer junges Volk. Ich werde fr dich zahlen; wenn wir
die Erbschaft teilen werden, ziehe ich meine Auslagen ab. Wanja sass im
Vorzimmer auf dem Fensterbrett und hrte zu, dabei betrachtete er die
Sonne, die eine Ecke des Koffers, die grau und lila gestreiften Hosen
Nikolai Iwanowitschs und die gestrichene Diele beleuchtete. Er gab sich
keine Mhe den Sinn der Worte zu verstehen und dachte wie seine Mutter
gestorben war, wie pltzlich das ganze Haus sich mit Weibern gefllt hatte,
die frher ganz fremd gewesen und jetzt ungewhnlich nahe zu stehen
schienen, er erinnerte sich an alle die Besorgungen, die zu machen waren,
die Seelenmessen, die Beerdigung, und ihm fiel ein, wie es pltzlich,
nachdem alles vorber gewesen, leer und de geworden und ohne Nikolai
Iwanowitsch anzusehen, wiederholte er nur mechanisch: Ja, Onkel Kolja,
obgleich Nikolai Iwanowitsch gar nicht sein Onkel, sondern nur ein Vetter
von ihm war.

Und jetzt schien es ihm sonderbar mit diesem trotz alledem ganz fremden
Menschen zusammen zu reisen, sich so lange in seiner Nhe aufzuhalten, sich
mit ihm ber seine Angelegenheiten zu unterhalten, Plne zu machen. Und er
war etwas enttuscht, obgleich er es schon frher gewusst hatte, dass man
bei der Ankunft in Petersburg nicht gleich ins Zentrum der Palste und
grossen Bauten, unter Volksandrang, bei Militrmusik, durch ein hohes Tor
einzieht, sondern dass der Weg an langen durch graue Lattenzune sichtbaren
Gemsegrten, an Kirchhfen, die aus der Ferne wie romantische Haine
aussahen, an sechsstckigen unter verfallenen Holzhuschen aufragenden
muffeligen Arbeiterkasernen vorbeifhrt, dass man durch Russ und Rauch
hindurch muss. Also das ist Petersburg! dachte Wanja enttuscht und
interessiert, wie er in die unfreundlichen Gesichter der Gepcktrger
blickte.

                   *       *       *       *       *

Hast du sie durchgelesen, Kostja? Kann ich? fragte Anna Nikolajewna, vom
Tische aufstehend und griff mit ihren langen schon um diese frhe
Morgenstunde mit billigen Ringen bedeckten Fingern nach einem Stoss
Zeitungen, in denen Konstantin Wassiljewitsch gelesen hatte.

Ja, es steht nichts Interessantes drin.

Was kann es in unseren Zeitungen Interessantes geben? Ich begreife -- im
Auslande. Da kann man alles schreiben und verantwortet ntigenfalls, was
man geschrieben hat, vor Gericht. Aber bei uns ist es abscheulich, man
weiss nicht woran man glauben soll. Die Berichte und Mitteilungen der
Regierung sind unrichtig oder belanglos, ein Leben im Innern gibt es bis
auf Unterschlagungen und Gerchte von Spezialkorrespondenten berhaupt
nicht.

Aber im Auslande gibt es ja auch bloss sensationelle Gerchte, wobei man
fr Verbreitung erlogener Nachrichten nicht zu gerichtlicher Verantwortung
gezogen wird.

Koka und Boba lffelten trge in ihren Teeglsern und assen Brot mit
schlechter Butter.

Wohin musst du heute, Nata? Hast du viel zu tun? fragte Anna Nikolajewna
affektiert.

Nata, ein rothaariges Mdchen mit sommersprossenbestem Gesicht und vulgr
gedrungenem Munde, antwortete etwas, mit beiden Backen an einer Semmel
kauend. Onkel Kostja, frher Kassierer eines dunklen Spielklubs, hatte
lange Finger gemacht und lebte jetzt, nach verbsster Haft, ohne Stellung
und Beschftigung, bei seinem Bruder. Eben entrstete er sich ber einen
Unterschlagungsprozess.

Jetzt, wo alles erwacht, erstehen neue Krfte, alles wird lebendig,
erhitzte sich Alexej Wassiljewitsch.

Ich bindurchaus nicht fr jedes Erwachen; Tante Sonin, z. B., ziehe ich
vor, wenn sie schlft.

Es kamen und gingen allerhand Studenten und einfache junge Leute in
Jacketts, tauschten ihre aus den Zeitungen geschpften Eindrcke ber das
gestrige Rennen aus; Onkel Kostja verlangte Schnaps; Anna Nikolajewna
sprach, den Hut auf dem Kopfe, von einer Ausstellung und sah, sich die
Handschuhe anziehend, unzufrieden zu Onkel Kostja hinber, der mit etwas
zittriger Hand die Glser fllte. Mit seinen gutmtigen gerteten Augen
umherblickend, sagte er: Ein Ausstand, meine Freunde, wisst ihr, das,
wisst ihr, ist . . .

Larion Dmitrijewitsch! meldete die Kchin, die in die Kche zurckeilte
und unterwegs das Teebrett mit den Glsern und das schmutzige,
zusammengeballte Tischtuch mitnahm.

Wanja wandte sich vom Fenster ab, an dem er gestanden hatte, und erblickte
im Trrahmen die wohlbekannte Gestalt Larion Dmitrijewitsch Stroops in
seinem sackartig breiten Anzuge.

                   *       *       *       *       *

Wanja hatte angefangen sich sorgfltiger zu kmmen und schenkte auch seinem
Anzug seit einiger Zeit mehr Aufmerksamkeit. Sein Ebenbild in einem kleinen
Wandspiegel betrachtend, sah er gleichgltig ein etwas unbedeutendes rundes
Gesicht mit roten Wangen, grossen grauen Augen, einem hbschen Mund mit
kindlich dicken Lippen und blondem Haar vor sich, das nicht ganz kurz
geschnitten, sich ein wenig lockte. Weder gefiel ihm, noch missfiel ihm
dieser hohe und schlanke Knabe mit den feinen Augenbrauen, der in einer
schwarzen Bluse vor dem Spiegel stand. Durch das Fenster sah man einen Hof
mit nassen Fliesen, die Fenster des gegenber liegenden Hausflgels,
Streichholzhndler. Es war Feiertag und alle schliefen noch. Wanja war, wie
gewhnlich, frh aufgestanden, hatte sich ans Fenster gesetzt und wartete
auf den Tee, whrend er dem Glockengelut einer nahen Kirche und dem
Gerusch zuhrte, das die im Nebenzimmer aufrumende Bedienung machte. Er
erinnerte sich an die Feiertagsmorgen dort, zu Hause, in der alten
Kreisstadt, an die sauberen Stuben mit den Tllgardinen und Lmpchen vor
den Heiligenbildern, an die Messe in der Kirche, die Piroggen zum Mittag,
alles einfach, hell und lieb, und das Regenwetter draussen, die Drehorgeln
auf dem Hofe, die Zeitungen beim Morgentee, das sinnlose und ungemtliche
Leben, die dunkeln Zimmer, das alles wurde ihm langweilig.

Konstantin Wassiljewitsch, der Wanja mitunter aufsuchte, blickte zur Tr
herein.

Bist du allein, Wanja?

Ja, Onkel Kostja. Guten Tag! Was gibt's?

Nichts. Wartest du auf den Tee?

Ja. Ist Tante noch nicht aufgestanden?

Auf ist sie schon, sie kommt bloss nicht heraus. Sie rgert sich.
Wahrscheinlich ist kein Geld da. Das ist das erste Anzeichen: wenn sie zwei
Stunden im Schlafzimmer sitzt, so bedeutet das, dass kein Geld da ist. Und
wozu nur? Sie wird doch sowieso herauskriechen mssen.

Wissen Sie nicht, verdient Onkel Alexej Wassiljewitsch viel?

Wie's so kommt. Und was heisst viel? Fr den Menschen gibt es niemals viel
Geld.

Konstantin Wassiljewitsch seufzte auf und schwieg. Wanja schwieg auch und
sah zum Fenster hinaus.

Was ich dich fragen wollte, lieber Wanja, begann Konstantin
Wassiljewitsch wieder, hast du nicht vielleicht bis Mittwoch etwas Geld
berflssig? Ich gebe es dir Mittwoch gleich wieder ab.

Woher sollte ich denn Geld haben? Natrlich habe ich keins.

Woher du Geld haben sollst? . . . Na, es kann dir doch jemand welches
geben . . .

Was sagen Sie da, Onkel! Wer sollte mir denn Geld geben?

Also du hast keins?

Nein.

Das ist schlimm.

Wieviel mchten Sie denn haben?

So fnf Rubel, nicht viel, gar nicht viel. Und Konstantin Wassiljewitsch
wurde wieder lebhaft. Vielleicht hast du sie doch, wie? Nur bis
Mittwoch?!

Ich habe keine fnf Rubel.

Konstantin Wassiljewitsch sah Wanja enttuscht und schlau an und schwieg.
Wanja wurde es noch trbseliger zumute.

Was soll man dann machen? Es regnet noch immer . . . . Weisst du was,
lieber Wanja, bitte du Larion Dmitrijewitsch um Geld fr mich.

Stroop?

Ja, bitte ihn, mein Lieber!

Weshalb bitten Sie ihn denn nicht selbst?

Mir wird er keins geben.

Weshalb wird er Ihnen keins geben und mir wohl?

Er wird schon geben, glaube mir; aber bitte, mein Lieber, sag ihm nur
nicht, dass es fr mich ist; als brauchtest du fr dich selbst zwanzig
Rubel.

Sie brauchten doch nur fnf?

Ist es nicht einerlei wieviel du bittest? Sei so gut, Wanja!

Nun schn. Aber wenn er fragt, wozu ich das Geld brauche?

Er wird nicht fragen -- der ist nicht auf den Kopf gefallen.

Aber sehen Sie zu, dass Sie das Geld selbst abgeben.

Aber gewiss, gewiss.

Weshalb aber glauben Sie, Onkel, dass Stroop mir das Geld geben wird?

Na, ich denk' mir halt so! Und lchelnd schlich sich Konstantin
Wassiljewitsch, verlegen und zufrieden, auf den Fussspitzen aus dem Zimmer.
Wanja stand lange am Fenster, ohne sich umzusehen und ohne den nassen Hof
zu beachten. Als er zum Tee gerufen wurde, blickte er, bevor er ins
Speisezimmer ging, noch einmal in den Spiegel auf sein rot gewordenes
Gesicht mit den grauen Augen und den feinen Brauen.

                   *       *       *       *       *

In der griechischen Stunde strten Nikolajew und Spilewski auf der
Vorderbank Wanja die ganze Zeit mit ihrer Balgerei und ihrem Kichern. Vor
Beginn der Ferien wurde es mit dem Unterricht nicht so genau genommen, der
kleine ltliche Lehrer erzhlte, auf einem Beine sitzend, aus dem Leben der
Griechen, ohne die Aufgaben abzufragen; die Fenster standen offen und man
sah grnende Baumwipfel und ein grosses rotes Gebude. Wanja zog es immer
mehr fort aus Petersburg in die Luft, irgendwohin weit in die Ferne. Die
blankgeputzten Griffe an Tren und Fenstern, die Speibecken, die Landkarten
an den Wnden, die Schultafel, der gelbe Papierkasten, die geschorenen oder
lockigen Kpfe der Kameraden schienen ihm unertrglich.

Die Sykophanten -- Denunzianten, Spione, wrtlich Feigenangeber; als der
Export dieser Frchte aus Attika noch bei Strafe verboten war, zeigten
diese Leute, oder wie wir sagen wrden, diese Chantagisten, dem
Verdchtigen unter ihrem Mantel eine Feige als Drohung, dass im Falle er
sich von ihnen nicht loskaufen sollte . . . Und Daniil Iwanowitsch machte,
ohne das Katheder zu verlassen, mit Gesten und Mimik die Angeber und
Verleumdeten, den Mantel und die Feige nach; dann sprang er von seinem
Platze auf und ging im Klassenzimmer hin und her, wobei er mit sorgenvollem
Gesicht irgend etwas wiederholte, wie etwa: Die Sykophanten, . . . . ja,
die Sykophanten . . . . ja, meine Lieben, die Sykophanten, dabei gab er
dem Worte verschiedene, aber in jedem Falle ganz unerwartete Nuancen.

Heute werde ich versuchen, Stroop um Geld zu fragen, dachte Wanja, durchs
Fenster blickend.

Spilewski erhob sich, jetzt schon ganz rot geworden, von der Bank.

Was will dieser Nikolajew eigentlich von mir haben? Er gibt mir keine Ruh
mit seinen Zudringlichkeiten.

Nikolajew, weshalb werden Sie gegen Spilewski zudringlich?

Ich werd' gar nicht zudringlich.

Was machen Sie ihm denn?

Ich kitzle ihn.

Setzen Sie sich. Ihnen aber, Spilewski empfehle ich grssere Genauigkeit
beim Gebrauche eines Ausdruckes. Im Hinblick darauf, dass Sie kein
Frauenzimmer sind, kann Nikolajew, ein ziemlich bejahrter Jngling, und
dazu noch einer mit recht beschrnkten Begriffen, Ihnen gegenber nicht
zudringlich werden.

                   *       *       *       *       *

Ich stelle die Frage so: willst du arbeiten -- so arbeite, willst du nicht
arbeiten, so arbeite nicht! sagte Anna Nikolajewna mit einer Miene, als
sei das Interesse der ganzen Welt darauf gerichtet, wie sie die Frage
stelle. Im Gastzimmer, das ganz mit stilvollen Mbeln in Gestalt von
Sitzbdern, Badesthlen und Papierksten vollgestellt war, lrmten die
Stimmen von Anna Nikolajewna, Nata und den beiden Schwestern, den
Knstlerinnen Speier.

Diesen Schrank liebe ich sehr, aber die Bank reizt mich nicht. Ich wrde
einen Schrank immer vorziehen.

Auch dann, wenn Sie ein Sitzmbel brauchen wrden?

Die Dienstboten klagen ber Arbeitsberlastung: sie gehen mehr aus, als
wir! Ich komme mitunter tagelang nicht aus dem Hause und unsere Annuschka
hat tglich so oft Gelegenheit in die Bude zu laufen, bald hat sie Brot zu
besorgen, ein anderes Mal Stiefel zu holen. Und dabei hat sie soviel
Mglichkeiten mit Menschen zusammenzukommen. Ich finde die Klagen aller
dieser Unzufriedenen stark bertrieben.

Knnen Sie sich vorstellen, er posiert mit einer solchen Stimmung, dass
die Malschlerinnen sich frchten, in seiner Nhe zu sitzen. Dabei ist er
eine usserst interessante Persnlichkeit: ein russischer Zigeuner aus
Mnchen; er hat ein Gymnasium besucht, war im Corps de ballet, ist Modell
gewesen; von Stuck erzhlt er riesig interessante Einzelheiten.

Auf rosa Foulard wird es zu grell sein, ich wrde blassgrnen vorziehen.

Danach muss man Stroop fragen.

Aber er ist ja eben erst verreist, der Stroop, ihr Unglcklichen! rief
die ltere Speier.

Wie, Stroop ist fort? Wohin? Wozu?

Ja, das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Wie immer ein Geheimnis.

Von wem haben Sie es gehrt?

Von ihm selbst hab' ich's gehrt: er meinte so auf drei Wochen.

Nun, das ist nicht so schlimm!

Und Wanja Smurow fragte erst heute, wann Stroop bei uns sein werde.

Wozu braucht er ihn?

Ich weiss nicht. Er hat irgend etwas mit ihm zu tun . . .

Wanja mit Stroop? Das ist aber originell!

Nun, Nata, wir mssen gehen, zwitscherte Anna Nikolajewna und beide Damen
verliessen, mit den Rcken rauschend, das Zimmer, berzeugt, dass sie den
Mondainen aus den Romanen von Prevost und Ohnet, die sie in bersetzungen
lasen, sehr hnlich shen.

                   *       *       *       *       *

Im April wurde die Frage von der Sommerfrische angeschnitten. Alexej
Wassiljewitsch musste hufig, fast jeden Tag, in der Stadt sein; Koka und
Boba auch, so dass der von Anna Nikolajewna und Nata geplante Aufenthalt an
der Wolga wenig Aussicht auf Verwirklichung hatte. Man schwankte zwischen
den Bdern Terijoki und Sestrorezk in der Nhe von Petersburg, aber
unabhngig von der Frage der Sommerfrische dachten alle an Sommertoiletten.
Durch die offenen Fenster drangen Staubwolken, der Wagenlrm und das
Geklingel der Trams.

Wenn Wanja lesen oder seine Aufgaben machen wollte, ging er hin und wieder
in den Sommergarten. Er sass im Gang vor dem Marsfelde, ein Teubnerbndchen
lag, mit dem gelbrosa Umschlage nach oben, neben ihm, seither war er noch
ein wenig gewachsen; von der Frhlingssonne eingebrannt, schien er
bleicher; er sah sich die Spaziergnger im Garten und jenseits des
Lebjashi-Kanals an. Vom Krylow-Platz klang das Lachen spielender Kinder
herber, und Wanja hrte nicht, wie der Sand unter Stroops Fssen
knirschte, als dieser auf ihn zutrat.

Sie arbeiten? fragte Stroop, sich neben Wanja setzend, der sich auf einen
Gruss hatte beschrnken wollen.

Ich arbeite; aber wenn Sie wssten, wie langweilig mir das alles geworden
ist! . . .

Was haben Sie da? Homer?

Ja, Homer. Besonders dies Griechisch.

Sie lieben nicht Griechisch?

Wer liebt es denn? lchelte Wanja.

Das ist sehr schade!

Was ist schade?

Dass Sie nicht Sprachen lieben.

Die neuen gehen ja an, ich liebe sie, man kann spter 'mal etwas lesen,
aber Griechisch, wer wird Griechisch lesen, so einen alten Kram.

Was fr ein Kind Sie sind, Wanja. Eine ganze Welt, ganze Welten sind Ihnen
verschlossen; und das -- Welten der Schnheit, die nicht nur zu kennen,
sondern zu lieben die Grundlage jeder Bildung ist.

Man kann bersetzungen lesen; und wieviel Zeit verliert man mit der
Grammatik?!

Stroop blickte mit unendlichem Bedauern auf Wanja.

Statt eines Menschen aus Fleisch und Blut, der lacht und traurig ist, den
man lieben, kssen, hassen kann, an dem man sieht, wie das Blut durch die
Adern fliesst, dessen natrliche Grazie des nackten Krpers uns bezaubert,
eine seelenlose Puppe besitzen, die dazu noch hufig aus der Werkstatt
eines Handwerkers hervorgegangen ist, das heisst bersetzungen lesen. Und
fr die grammatikalischen Vorbereitungsarbeiten braucht man so wenig Zeit.
Man muss nur lesen, lesen und lesen. Lesen und jedes Wort im Wrterbuch
nachschlagen, wie durch ein Dickicht im Walde sich Weg bahnen, oh, Sie
wrden einen ungeahnten Genuss kennen lernen. Und mir scheint, Wanja, dass
Sie Anlagen haben, ein wahrer neuer Mensch zu werden.

Wanja schwieg unzufrieden.

Sie haben eine schlechte Umgebung, aber das kann zu Ihrem Besten dienen,
indem es Sie vor Vorurteilen bewahrt, die jedem traditionellen Leben
anhaften. Und Sie knnten, wenn Sie wollten, ein durchaus moderner Mensch
werden, fgte Stroop nach einigem Schweigen hinzu.

Ich weiss nicht, ich mchte irgendwohin fortfahren, fort von allem: vom
Gymnasium, vom Homer, von Anna Nikolajewna, -- das ist es.

In die Natur?

Ja, in die Natur.

Aber, mein lieber Freund, wenn in der Natur leben, mehr essen, Milch
trinken, sich baden und nichts tun heisst, ja, dann freilich ist es sehr
einfach, aber die Natur geniessen ist vielleicht schwerer als die
griechische Grammatik und ermdet, wie jeder Genuss. Und ich glaube auch
einem Menschen nicht, der in der Stadt gleichgltig den besten Teil der
Natur -- Himmel und Wasser -- sieht, und die Natur auf den Montblanc suchen
geht, ich glaube einem solchen Menschen nicht, dass er die Natur liebt.

                   *       *       *       *       *

Onkel Kostja machte Wanja den Vorschlag, ihn in seiner Droschke bis zum
Gymnasium mitzunehmen.

Der heisse Morgen liess schon die Nhe des Sommers spren, und ganze Seiten
des Fahrdammes wurden umgepflastert und waren gesperrt. Onkel Kostja, der
dreiviertel der Droschke einnahm, hatte sich bequem mit ausgespreizten
Beinen zurechtgesetzt.

Onkel Kostja, warten Sie ein wenig, ich frage nur, ob der Priester
gekommen ist, und wenn er fehlt, fahre ich lieber mit Ihnen mit und komme
zu Fuss zurck, als im Gymnasium zu hocken. Einverstanden?

Weshalb sollte der Priester nicht zur Stunde gekommen sein?

Er ist schon die ganze Woche krank.

Einverstanden. Frage nur.

Einen Augenblick spter kam Wanja wieder heraus, ging um die Droschke herum
und stieg von der anderen Seite neben Konstantin Wassiljewitsch ein.

Und Larion Dmitrijewitsch, mein Lieber, ist, als htte er geahnt, was wir
gegen ihn im Schilde fhren, auf und davon und kommt nicht mehr zurck.

Vielleicht ist er schon zurck.

Dann wre er bei Anna Nikolajewna gewesen.

Was ist er eigentlich, Onkel Kostja?

Wer? Nach wem fragst du?

Nach Larion Dmitrijewitsch.

Stroop -- nichts weiter. Ein halber Englnder und reicher Mann, ist
nirgendwo angestellt, lebt gut, ja, sogar vorzglich, ist in hchstem Grade
gebildet und belesen, so dass ich gar nicht begreife, weshalb er mit
Kasanskis verkehrt.

Er ist doch nicht verheiratet, Onkel?

Ja, sogar ganz im Gegenteil, und wenn Nata glaubt, dass sie es ihm angetan
habe, so tuscht sie sich grausam; berhaupt, ich begreife absolut nicht,
was er bei Kasanskis zu suchen hat. Gestern, einfach zum Totlachen,
lieferte Anna Nikolajewna Alexej eine Generalschlacht.

Sie fuhren ber die Fontankabrcke. Fischhndler von den schwimmenden
Fischhandlungen zogen Fische aus den Bassins, kleine Dampfer schossen
rauchend vorbei, an der steinernen Balustrade lehnte eine mssige Menge.
Ein Eishndler schob seinen rasselnden blauen Wagen ber das Pflaster.

Du hast vielleicht von jemand gehrt, dass Stroop zurckgekommen ist oder
hast ihn selbst gesehen? fragte Onkel Kostja beim Abschied.

Nein, wo sollte ich wohl, wenn er, wie Sie sagen, nicht zurck ist,
meinte Wanja errtend.

Siehst du, du sagst, es sei nicht heiss und schau nur mal, wie rot du
geworden bist, und die untersetzte Gestalt Konstantin Wassiljewitschs
verschwand in der Haustr.

Weshalb habe ich meine Begegnung mit Stroop verheimlicht? dachte Wanja
und freute sich, dass er ein Geheimnis habe.

                   *       *       *       *       *

Im Lehrerzimmer war es vollgeraucht und die Glser mit dem schwachen Tee
schimmerten im Halbdunkel des Erdgeschosses bernsteingelb. Die Eintretenden
bekamen den Eindruck, als bewegten sich die Gestalten in einem Aquarium.
Dieser Eindruck wurde noch durch den Regen erhht, der hinter den
Milchglasscheiben herabfloss. Das Gewirr der Stimmen, das Klappern der
Teelffel mischte sich mit dem dumpfen Lrm der grossen Zwischenstunde, der
aus der Aula und bisweilen ganz nahe aus den Korridoren herberdrang.

Die Sekundaner machen Orlow schon wieder die Hlle heiss; er versteht sich
aber auch wirklich keine Stellung zu schaffen.

Nun gut, nehmen wir an, Sie stellen ihm eine ungengende Jahresnote, er
bleibt sitzen, -- glauben Sie denn, ihn dadurch zu bessern?

Ich verfolge keineswegs korrektionelle Zwecke, ich bemhe mich bloss den
Stand der Kenntnisse gerecht abzuschtzen.

Unsere Gymnasiasten wrden sich entsetzen, wenn sie die Programme der
franzsischen Collges zu sehen bekmen, von den Seminaren schon gar nicht
zu reden.

Iwan Petrowitsch drfte damit kaum zufrieden sein.

Unvergleichlich, sage ich Ihnen, unvergleichlich, gestern war er, wie
selten, bei Stimme.

Sie sind auch gelungen, sagen ein kleines Spiel an und haben den Knig,
den Buben und zwei Trmpfe in der Hand.

Spilewski ist ein liederlicher Bengel, und ich begreife nicht, weshalb Sie
sich fr ihn so ins Zeug legen.

Alle Stimmen wurden vom scharfen Tenor des Inspektors, eines Tschechen, mit
grauem Knebelbart und Kneifer, bertnt:

Dann mchte ich Sie bitten, meine Herren, auf die Fenster zu achten:
niemals ber 14 Grad, Zug und Ventilation.

Allmhlich ging man auseinander und im leergewordenen Konferenzzimmer war
nur der leise Bass des russischen Lehrers zu hren, der sich mit dem
Griechen unterhielt.

Sonderbare Typen findet man dort mitunter. Fr den Sommer hatten sie
Klassiker zu lesen aufbekommen, ziemlich viel, und da referiert einer zum
Beispiel ber den Lermontowschen >Dmon< ex abrupto: >Der Teufel flog ber
der Erde und erblickte ein Mdchen.< -- Wie hiess denn dieses Mdchen? --
>Lisa.< -- Na, es hiess zwar Tamara. -- >Zu Befehl, Tamara.< Nun, und
weiter? -- >Er wollte das Mdchen heiraten, aber der Brutigam kam
dazwischen; dann schlugen die Tataren den Brutigam tot.< -- Nun, heiratete
der Dmon darauf Tamara? -- >Nein, gar nicht; der Engel kam dazwischen und
vertrat ihm den Weg: so blieb der Dmon denn ein Junggeselle und begann
alles zu hassen<.

Ich finde das grossartig . . .

Oder eine Kritik ber Turgenjews Rudin: >Er war ein schlechter Mensch, er
sprach immerfort und tat nichts; spter geriet er in Gesellschaft von
leeren Menschen, und da wurde er auch gettet.< -- Weshalb, frage ich,
halten Sie Arbeiter und berhaupt alle Teilnehmer einer Volksbewegung, in
der Rudin ums Leben kam, fr leere Leute? -- >Zu Befehl, er ist fr die
gute Sache gefallen<.

Es war ganz unntz, dass Sie die persnliche Meinung dieses jungen Mannes
ber seine Lektre zu erfahren suchten. Das macht ja den Militrdienst, wie
das Kloster, wie fast jede ausgearbeitete Glaubenslehre, so anziehend, dass
sie ein fertiges und bestimmtes Verhltnis zu allen mglichen Erscheinungen
und Begriffen geben. Fr schwache Naturen ist das eine feste Sttze und das
Leben wird unglaublich leicht, wenn die Notwendigkeit, ethisch schaffen zu
mssen, in Fortfall kommt.

Im Korridor wartete Wanja auf Daniil Iwanowitsch.

Was wnschen Sie, Smurow?

Ich mchte mit Ihnen privatim sprechen, Daniil Iwanowitsch.

Worber?

ber das Griechische.

Hapert's denn bei Ihnen?

Ich habe eine gengende Note.

Was brauchen Sie also?

Nein, ich mchte mit Ihnen berhaupt ber Griechenland sprechen, bitte,
Daniil Iwanowitsch, erlauben Sie mir zu Ihnen zu kommen.

Ja, bitte, bitte. Meine Adresse kennen Sie? Obgleich das mehr als
sonderbar ist: ein Mensch, der eine gengende Note hat und mich privatim
ber Griechenland zu sprechen wnscht. Ich bitte, kommen Sie. Ich wohne
allein, von sieben bis elf Uhr stehe ich zu Ihrer Verfgung.

Daniil Iwanowitsch war schon im Begriff, die mit einem Lufer belegte
Treppe hinaufzusteigen, blieb aber stehen und rief Wanja zu:

Sie, Smurow, denken Sie sich nur nicht irgend etwas: nach elf bin ich auch
zu Hause, aber ich gehe schlafen und bin dann hchstens der
allerprivatesten Erklrungen fhig, deren Sie wahrscheinlich nicht
bentigen.

                   *       *       *       *       *

Wanja hatte mehr als einmal Stroop im Sommergarten getroffen. Und ohne es
selbst zu merken, erwartete er ihn, setzte sich immer in dieselbe Allee,
und wenn er fortging ohne Stroops leichten, wenn auch absichtlich zgernden
Gang gehrt zu haben, so betrachtete er aufmerksam alle mnnlichen
Gestalten, die an Stroop erinnerten. Einmal, als er ohne Stroop erwartet zu
haben, durch einen Teil des Gartens schlenderte, den er sonst nicht
aufzusuchen pflegte, traf er Koka, der mit aufgeknpftem Mantel daherkam.

Hier trifft man dich also, Iwan! Was, gehst du spazieren?

Ja, ich bin ziemlich hufig hier, aber worum handelt es sich?

Weshalb sehe ich dich denn nie? Sitzest du vielleicht auf der anderen
Seite?

Wie sich's macht.

Stroop, den treffe ich tglich hier und habe sogar den Verdacht, dass wir
beide zu gleichem Zwecke her kommen.

Ist denn Stroop wieder zurck?

Schon seit einiger Zeit. Nata und alle wissen es, und was fr eine Gans
Nata auch sein mge, es bleibt dennoch eine Schweinerei, dass er nicht zu
uns kommt, als seien wir eine Saubande.

Was hat Nata damit zu schaffen?

Sie versucht Stroop einzufangen und das ganz vergeblich: er wird berhaupt
nicht heiraten, und gar noch Nata; ich glaube, dass er auch mit dieser Ida
Holberg bloss sthetische Gesprche fhrt und ich rege mich ganz unntz
auf.

Regst du dich denn auf?

Selbstverstndlich, wenn ich nun schon 'nmal in sie verliebt bin! und
vergessend, dass er mit Wanja sprach, der von seinen Angelegenheiten keine
Ahnung hatte, wurde Koka lebhaft: Ein wunderbares Mdchen, gebildet,
musikalisch, eine Schnheit und reich . . . reich! Sie hinkt nur. Und ich
komme jeden Tag hierher, um sie zu sehen. Sie geht hier zwischen drei und
vier spazieren und ich frchte, Stroop kommt aus demselben Grunde hierher,
wie ich.

Ist denn Stroop auch in sie verliebt?

Stroop! Nu nee, mein Lieber, der ist nicht von dieser Sorte. Er hlt bloss
Vortrge und sie betet ihn frmlich an. Die Verliebtheit Stroops das ist
ein anderes, ganz anderes Gebiet.

Du bist bloss gergert, Koka! . . .

Unsinn!

Sie waren gerade an einem Beete mit roten Geranien vorbeigegangen, als Koka
ausrief: Da sind sie ja! Wanja sah ein hochgewachsenes Mdchen mit
blassem rundlichem Gesicht, ganz hellem Haar, aphrodisischem Schnitt der
grauen Augen, die jetzt in der Erregung blau geworden waren und einem
Munde, wie auf Botticellis Bildern. Sie trug ein dunkles Kleid und ging
hinkend, auf den Arm einer ltlichen Dame gesttzt, whrend Stroop an ihrer
anderen Seite sagte:

. . . und die Menschen sahen, dass jede Schnheit, jede Liebe von den
Gttern kommt, und wurden frei und khn, und ihnen wuchsen Flgel.

                   *       *       *       *       *

Schliesslich hatten Koka und Boba eine Loge zu Samson und Dalila
aufgetrieben. Aber die erste Auffhrung wurde durch Carmen ersetzt und
Nata, auf deren Betreiben dieser ganze Theaterbesuch veranstaltet worden
war, weil sie hoffte, Stroop auf neutralem Boden zu treffen, wurde
fuchsteufelswild, wusste sie doch, dass Stroop diese allgemein bekannte
Oper nicht ohne besondere Veranlassung besuchen werde. Sie trat ihren Platz
in der Loge Wanja ab, jedoch nur unter der Bedingung, dass er nach Hause
fahren sollte, wenn sie whrend der Vorstellung doch noch ins Theater kme.
Anna Nikolajewna mit den Schwestern Speier und Alexej Wassiljewitsch fuhren
in Droschken in die Oper, die jungen Leute hatten sich schon vorher zu Fuss
dahin aufgemacht.

Carmen tanzte schon mit ihren Freundinnen bei Lilas Pastja, als Nata,
gleichsam als habe sie die Eingebung gehabt, dass Stroop im Theater sei, in
der Loge erschien. Sie war ganz in helles Blau gekleidet, gepudert und
erregt.

Nun, Iwan, du wirst dich drcken mssen.

Ich bleibe nur bis Aktschluss.

Ist Stroop hier? fragte Nata flsternd Anna Nikolajewna, neben der sie
Platz genommen hatte. Diese wies schweigend mit den Augen auf eine Loge, in
der Ida Holberg, eine ltliche Dame, ein blutjunger Offizier und Stroop
sassen.

Das ist geradezu eine Vorahnung, geradezu eine Vorahnung! sagte Nata,
ihren Fcher auf- und zuklappend.

Armes Kind! seufzte Anna Nikolajewna.

In der Pause, als Wanja sich anschickte fortzugehen, forderte Nata ihn auf
sie ins Foyer zu begleiten.

Nata, Nata, kam Anna Nikolajewnas Stimme aus der Tiefe der Loge, schickt
sich das auch?

Nata eilte strmisch, Wanja mit sich ziehend, nach unten. Vor einem Spiegel
blieb sie stehen, um ihr Haar zu ordnen und betrat dann langsam den Saal,
der sich noch nicht mit Publikum gefllt hatte. Sie trafen Stroop, er ging
in ein Gesprch mit dem blutjungen Offizier vertieft, der in der Loge
gesessen hatte und sah weder Smurow, noch Nata an und trat sogar gleich in
eins der nchsten Durchgangszimmer hinaus, wo sich vor einem Tisch mit
Photographien eine aufgedonnerte Verkuferin langweilte.

Gehen wir, es ist furchtbar heiss! sagte Nata, Wanja in der Richtung mit
sich ziehend, die Stroop genommen hatte.

Durch jenen Ausgang haben wir es nher zu unseren Pltzen.

Als ob es nicht einerlei wre! fuhr ihn das Mdchen an, das in seiner
Eile das Publikum fast gewaltsam auseinanderstiess.

Stroop bemerkte jetzt die beiden und beugte sich ber die Photographien.
Als sie neben ihm standen, sprach Wanja ihn laut an:

Larion Dmitrijewitsch!

Ah, Wanja, machte der, sich umkehrend: Natalja Alexejewna, pardon, ich
habe Sie nicht gleich bemerkt.

Ich htte nicht erwartet, Sie hier zu treffen, begann Nata.

Weshalb? Ich liebe >Carmen< sehr und werde ihrer niemals berdrssig, in
ihr steckt ein tiefer und echter Pulsschlag des Lebens und ber alles ist
Sonne ausgegossen; ich verstehe, dass Nietzsche sich fr diese Musik
begeistern konnte.

Nata hrte schweigend zu und sah schadenfroh mit ihren gerteten Augen zum
Sprecher hinber, dann sagte sie:

Ich wundere mich nicht darber, dass ich Sie zur >Carmen< treffe, sondern,
dass ich Sie in Petersburg und nicht bei uns sehe.

Ja, ich bin vor zwei Wochen zurckgekommen.

Allerliebst!

Sie begannen im leeren Korridor, an den schlummernden Lakaien vorber, auf
und ab zu gehen und Wanja betrachtete, an der Treppe stehenbleibend,
interessiert das sich immer mehr mit roten Flecken bedeckende Gesicht Natas
und das ihres gergerten Begleiters. Die Pause war zu Ende, und Wanja stieg
langsam die Treppe zum Balkon hinauf, um sich anzukleiden und nach Hause zu
gehen, da holte Nata, das Taschentuch vor dem Munde, ihn fast laufend ein.

Es ist schndlich, hrst du, Wanja, schndlich, wie dieser Mensch mit mir
spricht, flsterte sie Wanja zu und lief nach oben. Wanja wollte sich von
Stroop verabschieden und stieg nach einigem Zaudern wieder die Treppe zum
unteren Korridor hinunter; dort stand Stroop und der Offizier am Eingang
zur Loge.

Adieu, Larion Dmitrijewitsch, sagte Wanja, der tat, als gehe er in seine
Loge nach oben.

Gehen Sie denn schon?

Ich war ja nicht auf meinem Platze: Nata kam und ich wurde berflssig.

Was fr ein Unsinn, kommen Sie zu uns in die Loge, wir haben freie Pltze.
Der letzte Akt ist einer der besten.

Macht das nichts, dass ich in die Loge komme: ich bin doch nicht bekannt?

Natrlich macht es nichts: Holbergs lieben keine Umstnde, und Sie sind ja
noch ein Knabe, Wanja.

Als sie in die Loge traten, beugte sich Stroop zu Wanja, der ihm zuhrte,
ohne den Kopf zu wenden:

Und dann, Wanja, werde ich vielleicht bei Kasanskis nicht mehr vorkehren;
wenn es Ihnen recht ist, werde ich immer froh sein, Sie bei mir zu sehen.
Sie knnen sagen, dass Sie mit mir Englisch treiben; aber es wird Sie ja
niemand fragen, wohin und wonach Sie gehen. Bitte, Wanja, kommen Sie.

Schn. Aber haben Sie sich denn mit Nata verzankt? Sie werden sie nicht
heiraten? fragte Wanja, ohne den Kopf zu wenden.

Nein, sagte Stroop ernst.

Wissen Sie, es ist sehr gut, dass Sie sie nicht heiraten, denn sie ist
schrecklich widerlich, der reine Frosch! lachte Wanja pltzlich auf,
Stroop sein Gesicht ganz zukehrend, und fasste, ohne zu wissen warum,
dessen Hand.

                   *       *       *       *       *

Es ist interessant, wie gut wir das sehen, was wir zu sehen wnschen und
das verstehen, was wir suchen. So fanden die Rmer und romanischen Vlker
des XVII. Jahrhunderts bei den griechischen Tragikern nichts, als die drei
Einheiten, das XVIII. Jahrhundert rollende Tiraden und Befreiungsideen, die
Romantiker die Heldentaten eines hohen Heroismus und unsere Zeit die
scharfe Nuance des Primitiven und das Klingersche Leuchten der Fernen
. . .

Wanja hrte zu und betrachtete das noch in Abendsonne getauchte Zimmer: an
den Wnden bis zur Decke reichende Bcherbretter voll ungebundener Bcher,
Bcher auf Tischen und Sthlen, ein Kfig mit einer Drossel, ein gelhmter
junger Kater auf dem Lederdiwan und einsam in einer Ecke ein kleiner
Antinouskopf, gleichsam der Hausgott dieser Wohnung. Daniil Iwanowitsch, in
Filzpantoffeln, sorgte fr den Tee, zog aus dem eisernen Ofen Kse und
Butter in Papierhllen hervor und der Kater folgte, ohne den Kopf zu
wenden, mit seinen grnen Augen den Bewegungen seines Herrn. Und weshalb
haben wir uns bloss eingebildet, dass er alt sei, wo er doch noch ganz jung
ist, dachte Wanja, der erstaunt den kahlen Kopf des kleinen Griechen
betrachtete.

Im XV. Jahrhundert hatte sich bei den Italienern bereits die Anschauung
gefestigt, dass die Freundschaft des Achilleus und Patroklos, wie die des
Orest und Pylades sodomitische Verhltnisse waren, whrend sich bei Homer
keine direkten Hinweise hierauf finden.

Haben die Italiener sich denn das selbst ausgedacht?

Nein, sie hatten recht, aber es handelt sich darum, dass allein das
zynische Verhalten zu jeder Art der Liebe sie zu einem Laster macht. Handle
ich sittlich oder unsittlich, wenn ich niese, den Staub vom Tische wische,
den Kater streichle? Allein diese selben Handlungen knnen dennoch
verbrecherisch sein, wenn ich, sagen wir zum Beispiel, mit meinem Niesen
einem Mrder die zum Morde gnstige Zeit angebe usw. Jemand, der
kaltbltig, ohne Wut einen Mord begeht, beraubt diese Handlung jeglicher
ethischer Frbung, es bleibt nur noch die zwischen Mrder und Opfer,
zwischen Liebenden, zwischen Mutter und Kind bestehende mystische
Gemeinschaft.

Es war ganz dunkel geworden und man konnte durch das Fenster die Dcher der
Huser und in der Ferne die Isaakskathedrale auf dem schmutzig-rosa Himmel,
der ganz in Rauch gehllt war, kaum noch unterscheiden.

Wanja schickte sich an, nach Hause zu gehen; der Kater humpelte, von Wanjas
Mtze, wo er gelegen hatte, vertrieben, auf seinen verkrppelten
Vorderpfoten weiter.

Sie sind gewiss ein guter Mensch, Daniil Iwanowitsch, allerhand Krppel
lesen Sie auf.

Der Kater gefllt mir und es ist mir angenehm, ihn bei mir zu haben. Wenn
das tun, was einem Vergngen macht, gut sein heisst, dann bin ich gut.

Sagen Sie bitte, Smurow, sagte Daniil Iwanowitsch, Wanja zum Abschied die
Hand drckend, sind Sie selbst darauf verfallen mit griechischen
Unterhaltungen zu mir zu kommen?

Ja, das heisst, diesen Gedanken hat mir vielleicht jemand anderes
eingegeben.

Wer denn, wenn es kein Geheimnis ist?

Nein, weshalb wohl? Aber Sie kennen ihn nicht.

Vielleicht doch?

Ein gewisser Stroop.

Larion Dmitrijewitsch?

Kennen Sie ihn denn?

Sogar sehr nahe, antwortete der Grieche, Wanja mit der Lampe die Treppe
hinunterleuchtend.

                   *       *       *       *       *

Die geschlossene Kajte des kleinen finnischen Newadampfers war ganz leer,
aber Nata, die sich vor Zugwind und Zahngeschwren frchtete, fhrte die
ganze Gesellschaft gerade hierher.

Es gibt ganz und gar keine Landhuser mehr! sagte Anna Nikolajewna, die
mde geworden war. Alle gleich schlecht, mit Ritzen und Zugwind!

In einem Sommerhause zieht es immer -- was haben Sie denn erwartet? Leben
Sie vielleicht das erstemal in der Sommerfrische?

Willst du? bot Koka sein geffnetes Zigarettenetui, mit einer nackten
Dame auf dem Deckel, Boba an.

Nicht deshalb ist es in der Sommerfrische so urscheusslich, weil es dort
scheusslich ist, sondern weil man sich wie auf Biwak, bloss zu
vorbergehendem Aufenthalte dorthin gekommen, fhlt. Und das Leben dort ist
auch nicht in feste Rahmen eingeteilt, in der Stadt dagegen weiss man
immer, was man zu jeder Zeit des Tages zu tun hat.

Wenn du nun aber immer, Sommer und Winter, in einem Villenort leben
msstest?

Dann wre es auch nicht so schlimm: ich wrde mir ein Programm machen.

Das ist richtig, fiel Anna Nikolajewna ein, fr kurze Zeit hat man keine
Lust sich einzurichten. Im vorvorigen Sommer zum Beispiel hatten wir frisch
tapezieren lassen und mussten die reinen Tapeten dem Hauswirt schenken; man
konnte sie doch nicht herunterreissen.

Bedauerst du vielleicht, dass wir sie nicht beschmutzt haben!

Nata blickte mit einer Grimasse zum Ufer hinber, wo die Fenster der
Palste im Schein der untergehenden Sonne flammten, whrend die
rosig-goldenen Wellen der Newa hinter dem Dampfer breit und glatt
auseinanderrauschten.

Und dann diese Menge Menschen, jeder weiss alles vom anderen, was gekocht
wird, wieviel die Dienstboten Lohn bekommen.

berhaupt ein Ekel!

Weshalb ziehst du denn hinaus?

Was heisst weshalb? Wo soll man denn bleiben? Etwa in der Stadt?

Nun, was wre denn dabei? Man kann wenigstens bei Sonnenglut auf der
Schattenseite gehen.

Onkel Kostja denkt sich doch immer etwas aus!

Mama, wandte sich Nata pltzlich um, reisen wir an die Wolga, Liebe: es
gibt dort kleine Stdte, Pless, Wassilsursk, wo man sich ganz billig
einrichten kann. Warwara Nikolajewna Speier erzhlte . . . . Sie lebten in
Pless mit einer ganzen Gesellschaft, wisst ihr, dort lebte noch der
berhmte Landschaftsmaler Levithan; in Uglitsch haben sie auch gelebt.

Nun, in Uglitsch hat man sie, glaub' ich, herausgeschmissen, warf Koka
dazwischen.

Nun, und hat sie herausgeschmissen, und was ist denn dabei? Uns wird man
eben nicht herausschmeissen! Die Wirtsleute sagten ihnen: Sie sind da eine
ganze Gesellschaft von Damen und Herren, unsere Stadt ist still, niemand
reist hierher, nun so haben wir halt Angst: entschuldigen Sie schon, aber
rumen Sie die Wohnung.

Der Dampfer legte beim Alexandergarten an, im unteren Stockwerke der
schwimmenden Anlegebrcke sah man die hellerleuchtete Restaurationskche,
einen Kchenjungen, der Fische abschuppte, und im Hintergrunde den
glhenden Herd.

Tante, ich gehe von hier zu Larion Dmitrijewitsch, sagte Wanja.

Nun, meinetwegen geh; hast dir da auch einen Kameraden gefunden! knurrte
Anna Nikolajewna.

Ist er denn ein schlechter Mensch?

Ich sage nicht, dass er ein schlechter Mensch, sondern dass er kein
Kamerad fr dich ist.

Ich treibe mit ihm Englisch.

Alles unntzes Zeug, du solltest lieber deine Aufgaben machen . . .

Nein, Tante, wissen Sie, ich gehe doch.

So geh doch, wer hlt dich denn?

Ksse dich nur mit deinem Stroop, setzte Nata hinzu.

Nun, ich werd' auch, und werd' auch, und niemand hat sich darum zu
kmmern!

Nun, es kme darauf an, wollte Boba anfangen, aber Wanja unterbrach ihn,
ber Nata herfallend.

Du selbst wrdest dich mit ihm kssen, aber er will nicht, weil du . . .
ein rothaariger Frosch bist, weil du eine Gans bist! Ja!

Iwan, hr auf! ertnte die Stimme Alexej Wassiljewitschs.

Was wollen diese Weiber bloss von mir haben? Weshalb lassen sie mich nicht
gehen? Bin ich vielleicht ein kleines Kind? Morgen schreibe ich an Onkel
Kolja . . .

Iwan, hr auf! rief Alexej Wassiljewitsch, seine Stimme erhebend.

So ein Bengel, so ein Ferkel, und hat die Frechheit, sich so zu betragen!
regte Anna Nikolajewna sich auf.

Und Stroop wird dich niemals heiraten, wird dich nicht heiraten, wird dich
nicht heiraten! . . . stiess Wanja, ausser sich, hervor.

Nata wurde sofort still und sagte, fast beruhigt, leise:

Und Ida Holberg wird er heiraten?

Ich weiss nicht, antwortete Wanja ebenso leise und einfach, ich glaube
kaum, fgte er dann fast freundlich hinzu.

Was sind das fr Gesprche! berief sie Anna Nikolajewna. Du glaubst doch
nicht am Ende diesem Bengel?

Vielleicht, glaube ich ihm, brummte Nata und wandte sich zum Fenster.

Glaube nur nicht, Iwan, dass sie so naiv sind, wie sie scheinen mchten,
beruhigte Boba Wanja, sie sind berglcklich, dass sie durch dich noch zu
Stroop in Beziehung stehen und Nachrichten ber Ida Holberg erhalten
knnen; aber wenn du wirklich mit Larion Dmitrijewitsch sympathisierst, sei
vorsichtig, verrat dich nicht.

Womit verrat ich mich denn? wunderte sich Wanja.

Hat mein Rat so bald gefruchtet? lachte Boba und trat auf den Anlegeplatz
hinaus.

                   *       *       *       *       *

Als Wanja die Stroopsche Wohnung betrat, hrte er Gesang mit
Klavierbegleitung. Er ging leise in das Arbeitszimmer, links von der
Entree, ohne das Empfangszimmer zu betreten, und begann zu lauschen. Eine
ihm unbekannte Mnnerstimme sang:

   Am lauen Meer der verdmmernde Abend,
   Leuchtturmfeuer am dunkelnden Himmel,
   Verbenenduft beim Ausklang des Festes,
   Morgenfrische nach schlaflosen Nchten,
   Ein Gang durch Alleen des Frhlingsgartens,
   Schreie und Lachen badender Weiber,
   Am Tempel der Juno die heiligen Pfauen,
   Hndler mit Veilchen, Granaten, Limonen,
   Tauben girren, es leuchtet die Sonne, --
   Wann, Heimatstadt, seh' ich dich wieder!

Und das Klavier hllte mit tiefen Akkorden die sehnschtigen Worte der
singenden Stimme in dichte Nebel. Es begann ein Kreuzfeuer von
Mnnerstimmen und Wanja betrat den Saal. Wie liebte er dieses grnliche
gerumige Zimmer, in dem die Tne Rameaus und Debussys erklangen, wie
liebte er Stroops Freunde, welche den Leuten so unhnlich waren, die er bei
Kasanskis traf; diese Diskussionen; diese spten Abendessen der Mnner bei
Wein und leichtem Geplauder; dieses Arbeitszimmer bis zur Decke voll
Bcher, wo Marlowe und Swinburne gelesen wurden, dieses Schlafzimmer mit
dem grellgrnen, von einer dunkelroten Girlande tanzender Faune umrandeten
Waschbestecke dieses ganz in rotem Kupfer gehaltene Speisezimmer; diese
Erzhlungen von Italien, gypten, Indien; dieses Entzcken, das jede wahre
Schnheit aller Lnder, aller Zeiten erregte; diese Spaziergnge durch die
Parks auf den Newainseln; diese beunruhigenden und doch lockenden
Errterungen; dieses Lcheln im hsslichen Gesichte; dieser moderatmende
Duft von Peau d'Espagne; diese mageren, starken, ringgeschmckten Finger,
die Schuhe mit den ungewhnlich dicken Sohlen, -- wie er das alles liebte,
ohne zu begreifen, aber schon in einem dunkeln Bann befangen.

                   *       *       *       *       *

Wir sind Hellenen: uns ist der unduldsame Monotheismus der Juden fremd,
die sich von den darstellenden Knsten abwenden und doch am Fleische, an
der Nachkommenschaft, am Samen hngen. In der ganzen Bibel findet sich
nicht ein Hinweis auf den Glauben an eine Seligkeit nach dein Tode, und der
einzige Lohn, dessen die Gebote Erwhnung tun (nmlich fr die Achtung der
Erzeuger), ist, >auf dass du lange lebest auf Erden<. Eine fruchtlose Ehe
ist ein Schandfleck und ein Fluch, der sogar des Rechtes am Gottesdienste
teilzunehmen verlustig macht, als htte man vergessen, dass nach derselben
jdischen Legende Gebren und Arbeiten eine Strafe fr den Sndenfall und
nicht der Zweck des Lebens sei. Und je weiter die Menschen sich von der
Snde entfernen werden, um so weiter werden sie auch von Zeugung und
krperlicher Arbeit stehen. Die Christen haben das dunkel verstanden, wenn
das Weib nach der Geburt und nicht nachdem es die Ehe geschlossen hat, sich
durch das Gebet reinigen muss, whrend vom Manne nichts hnliches verlangt
wird. Die Liebe hat ausser sich selbst keinen anderen Zweck; ebenso fehlt
in der Natur jegliche Idee der Finalitt. Die Gesetze der Natur gehren
einer ganz anderen Ordnung an, als die sogenannten gttlichen Gesetze und
die menschlichen. Das Gesetz der Natur ist nicht das, dass der Baum seine
Frucht tragen soll, sondern dass er unter gewissen Bedingungen Frucht
tragen, und unter anderen keine Frucht tragen, ja, sogar zugrunde gehen
wird, und das ebenso gerecht und einfach, wie er seine Frucht getragen
htte. Dass das Herz aufhren kann zu schlagen, wenn es von einem Messer
durchbohrt wird, darin liegt keine Finalitt, das ist weder gut noch bse.
Und das Gesetz der Natur verletzen kann nur der, der seine Augen kssen
kann, ohne sie aus den Hhlen gerissen zu haben, und der ohne Spiegel
seinen eigenen Nacken zu sehen vermag. Und wenn man euch sagen wird:
>naturwidrig<, so schaut auf den redenden Blinden herab und gehet vorber
an ihm, machet euch nicht den Sperlingen gleich, die vor einer
Vogelscheuche auseinanderflattern. Die Menschen gehen, wie Blinde, wie Tote
einher, wo sie sich ein flammendes Leben schaffen knnten, in welchem jeder
Genuss so verfeinert sein wrde, als wret ihr eben geboren und msstet
gleich wieder sterben. Mit solch einem Heisshunger muss man alles in sich
aufnehmen. Wunder gibt es rings um uns auf Schritt und Tritt: es gibt
Muskeln und Sehnen am menschlichen Krper, die man nicht ohne Herzklopfen
betrachten kann. Und nur gemeine Lsternheit lsst den Mann den Begriff von
Schnheit mit der Schnheit des Weibes verbinden, und das liegt so weit, so
weit von der wahren Idee der Schnheit. Wir sind Hellenen, Liebhaber der
Schnheit, Bacchanten des nahenden Lebens. Wie die Visionen Tannhusers in
Frau Venus' Hrselberg, wie Klingers und Thomas' Blick in weite, helle
Fernen gibt es ein Stammland voll Sonne und Freiheit, mit schnen und
khnen Menschen, und dahin, ber Meere, durch Nebel und Finsternis fhrt
uns, Argonauten, der Weg! Und in der unerhrtesten Neuerung erkennen wir
urlteste Wurzeln, und in niemals geschautem Leuchten spren wir unsre
Heimat!

                   *       *       *       *       *

Wanja, sehen Sie bitte im Speisezimmer nach, wieviel Uhr es ist, sagte
Ida Holberg und liess eine farbige Stickerei auf den Schoss fallen.

Das grosse Zimmer im neuerbauten Hause, das einer hellen Schiffskajte
hnelte, war drftig mit einfachen Mbeln ausgestattet; ein gelber Vorhang,
der die ganze Wand bedeckte, schloss gleichzeitig alle drei Fenster, und
auf die ledernen grossen Koffer, die noch nicht gepackten, mit
Messingngeln beschlagenen Handkoffer, den Kasten mit verspteten
Hyazinthen, legte sich gelbes unruhiges Licht. Wanja klappte den Dante zu,
aus dem er vorgelesen hatte, und ging ins Nebenzimmer.

Halb sechs, sagte er, als er zurckkam. Larion Dmitrijewitsch lsst
lange auf sich warten, murmelte er dann vor sich hin, als beantworte er
die Gedanken des jungen Mdchens. Werden wir nicht weiter lesen?

Es lohnt sich nicht einen neuen Gesang anzufangen, Wanja. Also:

      e vidi che con riso
   Udito havevan l'ultimo construtto;
   Poi a la bella donna tornai il viso

und er sah, dass sie mit einem Lcheln die letzte Meinung gehrt hatten,
dann wandte er sich der schnen Dame zu.

Die schne Dame, das ist die Betrachtung des aktiven Lebens?

Man kann den Kommentatoren nicht unbedingt Glauben schenken, Wanja, wenn
es sich nicht bloss um historische Ausknfte handelt; verstehen Sie ihn
einfach und schn, -- das ist die Hauptsache, sonst kommt wahrhaftig statt
des Dante so was wie Mathematik heraus.

Sie hatte ihre Arbeit endgltig zusammengelegt und sass, mit dem
Papiermesser auf die helle Stuhllehne klopfend, wie in Erwartung da.

Larion Dmitrijewitsch wird wohl bald kommen, meinte Wanja, wieder die
Gedanken des Mdchens erratend, fast mit dem Ton des Beschtzers.

Haben Sie ihn gestern gesehen?

Weder gestern, noch vorgestern. Gestern fuhr er am Tage nach Zarskoje
Selo, am Abend war er im Klub und vorgestern fuhr er auf die Wiborger
Seite, ich weiss nicht wozu, berichtete Wanja ehrerbietig und stolz.

Zu wem er wohl gefahren sein mag?

Ich weiss nicht, in Geschften.

Sie wissen nicht?

Nein.

Hren Sie Wanja, begann das Mdchen, das Papiermesser betrachtend. Ich
bitte Sie, -- nicht meinethalben allein, auch Ihretwegen, Larion
Dmitrijewitschs wegen, im Interesse von uns allen drei, erfahren Sie, was
dies fr eine Adresse ist. Es ist sehr wichtig, sehr wichtig fr alle
drei, und sie reichte Wanja einen Zettel, auf den Stroop mit seiner
grosszgigen weiten Handschrift geschrieben hatte: >Wiborger Seite.
Simbirskaja Str. Nr. 36, Wohnung 103. Fjodor Wassiljewitsch Solowjew.<

                   *       *       *       *       *

Niemand war sonderlich erstaunt darber, dass Stroop unter anderen
Interessen sich mit dem russischen Altertum zu beschftigen begann, und
dass sich bei ihm teils redselige europisch gekleidete, teils alte
>gottesfrchtige< in langen russischen Rcken steckende, aber ebenso
gaunerische Hndler mit Manuskripten, Heiligenbildern, alten Stoffen,
imitierten Bronzen einzufinden begannen: dass er sich fr alten
Kirchengesang zu interessieren anfing, die Smolenski, Rasumowski und
Metallow las, auf die Nikolajewskaja Strasse ging, um Kirchengesang zu
hren und schliesslich unter Anleitung eines pockennarbigen
Kirchenchorsngers begann altrussische Noten zu studieren. Mir war diese
Sackgasse des Weltgeistes ganz unbekannt, wiederholte Stroop, bemht Wanja
fr seine neue Liebhaberei zu interessieren, der sich jedoch, zu seiner
Verwunderung, gerade in dieser Richtung nicht so leicht begeistern liess.

Eines Tags erklrte Stroop beim Tee:

Das mssen Sie aber unbedingt sehen, Wanja, ein authentischer Raskolnik
alter Richtung. Stellen Sie sich vor: er ist 18 Jahre alt, trgt die
Podjowka, trinkt keinen Tee; seine Schwestern leben in einem altglubigen
Kloster; er hat ein Haus an der Wolga mit hohem Palisadenzaun und
Kettenhunden, wo man sich um neun Uhr abends schlafen legt, so etwas wie
Petscherski es beschreibt, nur weniger ssslich. Das mssen Sie unbedingt
sehen. Gehen wir morgen zu Sassadin, er besitzt eine interessante
>Himmelfahrt<; dorthin kommt auch unser Typ, und ich mache Sie mit ihm
bekannt. Notieren Sie sich auf alle Flle die Adresse; ich fahre vielleicht
direkt von der Ausstellung hin und Sie werden ihn selbst aufsuchen mssen.
Und Stroop diktierte, wie etwas Wohlbekanntes, ohne in sein Notizbuch zu
blicken: Simbirskaja Strasse Nr. 36, Wohnung 103, Mblierte Zimmer. -- Sie
werden sich dort schon zurechtfragen.

                   *       *       *       *       *

Hinter der Wand hrte man das dumpfe Gesprch zweier Stimmen; die Uhr mit
den Gewichten tickte leise; auf Sthlen und Fensterbrettern waren
verrucherte Heiligenbilder und in lederbezogene Bretter gebundene Bcher
aufgestapelt; es war staubig und roch muffelig und aus dem Korridor drang
durch das Fenster ber der Tr der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe.
Sassadin, der vor Wanja stehend, sich seinen russischen langen Rock anzog,
sagte:

Larion Dmitrijewitsch wird erst nach vierzig Minuten, vielleicht sogar
nach einer Stunde kommen; ich muss hier in der Nhe ein Heiligenbild holen
gehen und weiss nun nicht, wie wir das jetzt machen. Warten Sie vielleicht
hier oder gehen Sie unterdessen irgendwohin?

Ich bleibe hier.

Nun gut, und ich komme gleich wieder. Sehen Sie sich nicht, bis ich komme,
die Bcher an? und Sassadin, der Wanja ein verstaubtes Exemplar des
Limonarj hingelegt hatte, verschwand eilig durch die Tr, durch die jetzt
strker der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe hereindrang. Wanja trat ans
Fenster und schlug die Legende auf, die berichtet, wie ein frommer Greis
nach dem zuflligen Besuche eines Weibes, das einsam, in derselben Wste
wie er, lebte, immer wieder mit sndigen Gedanken zu jenem Weibe
zurckkehrte und es schliesslich nicht mehr ertragen konnte, in sengender
Glut seinen Stab ergriff und, wie ein Blinder vor sndiger Begier taumelnd,
sich zu der Stelle aufmachte, wo er das Weib zu finden hoffte; und in der
Verzckung sah er die Erde sich auftun und in ihr lagen drei Leichen: ein
Weib, ein Mann und ein Kind. Und er hrte eine Stimme: >Das ist ein Weib,
das ist ein Mann und das ist ein Kind, wer vermag sie jetzt zu
unterscheiden? Gehe hin und stille deine Begierde.< Alle sind gleich, alle
sind gleich vor dem Tode, vor der Liebe und vor der Schnheit, alle schnen
Leiber sind gleich, und nur die sndige Begier lsst den Mann dem Weibe
nachstellen und das Weib drsten nach dem Manne.

Hinter der Wand fuhr die junge, etwas heisere Stimme fort:

Na, Onkel Jermolai, wenn du immer schimpfst, geh' ich fort.

Ja, wie soll man dich faulen Schlingel nicht schelten? Hat der Kerl
angefangen Dummheiten zu treiben!

Wassjka hat dir wohl alles vorgelogen; was hrst du auf ihn?

Was hat Wassjka fr einen Grund zu lgen? Nu, sag doch selbst, leugne es
doch ab, dass du Dummheiten treibst?

Nun, und was ist dabei? Nu ja, ich tu's! Und Wassjka, macht er's
vielleicht nicht? Bei uns tun's alle, vielleicht ist nur Dmitri Pawlowitsch
eine Ausnahme, der . . . . und man hrte den Sprecher auflachen. Nach
einigem Schweigen begann er wieder intim und halblaut: Wassjka hat mir's
angezeigt; kam da 'nmal 'n junger Herr und sagt zu Dmitri Pawlowitsch: >Ich
will, dass mich der wscht, der mir die Tr geffnet hat,< die Tr nun
hatte ich ihm aufgemacht und frher hatte ihn Wassjka immer gebadet, der
sagte ihm denn auch: >Das geht nicht an, Euer Gnaden, dass der allein geht,
er ist nicht an der Reihe und versteht nichts von so was.< -- >Na, hol'
euch der Teufel, so kommt alle beide!< Als Wassjka in die Badekabine trat,
sagt' er: >Was werden Sie uns denn geben?< -- >Bier und zehn Rubel.< Bei
uns aber ist's ausgemacht, wenn jemand den Vorhang am Trfenster
herunterlsst, so heisst das, dass man Dummheiten treiben wird, und dann
darf man dem Oberbader nicht weniger als fnf Rubel abgeben. So sagt ihm
Wassjka denn auch: >Nein, Hochgeboren, dafr knnen wir's nicht machen.< Er
versprach noch fnf Rubel. Wassjka ging das Wasser im Baderaum
vorzubereiten und ich fing an mich auszukleiden, da sagt der Herr: >Was
hast du da auf deiner Wange, Fjodor? Ist das ein Muttermal oder Schmutz?<
und lacht dabei und streckt seine Hand nach mir aus. Und ich steh' da, wie
ein Narr, und weiss selbst nicht, hab' ich ein Muttermal auf der Wange oder
nicht. Aber da kam Wassjka wtend zurck und sagte zu dem Herrn: >Bitte,
das Bad ist fertig, so gingen wir denn alle zusammen.<

Ist Matwej noch bei euch?

Nein, er hat eine Dienerstelle angenommen.

Bei wem denn? Beim Oberst?

Ja, bei ihm. Dreissig Rubel gibt er ihm und alles frei.

Hat Matwej nicht geheiratet?

Ja, und der Oberst hat ihm das Geld zur Hochzeit gegeben und ihm einen
Paletot fr achtzig Rubel machen lassen. Na, und seine Frau, die lebt eben
im Dorf. Auf so einer Stelle erlaubt man doch natrlich nicht mit einem
Weibe zu leben. Ich will auch eine Stelle annehmen, setzte der Erzhler
nach einer Pause hinzu.

Wie Matwej?

Ja. Es ist ein guter Herr, er lebt allein. Dreissig Rubel, wie Matwej.

Du verkommst, Fedja, sieh zu!

Vielleicht verkomm' ich auch nicht.

Was ist denn das fr ein Herr, ein Bekannter von dir?

Auf der Furstadtskaja Strasse wohnt er, wo Dmitri frher als Laufbursche
diente, im zweiten Stock. Er kommt auch hierher, zu Stepan Stepanowitsch.

Doch nicht ein Altglubiger?

I wo denn! Er ist gar kein Busse, ein Englnder, glaub' ich.

Lobt man ihn?

Ja, man sagt ein guter, lieber Herr.

Na, mit Gott!

Adieu, Onkel Jermolai, dank' auch fr die Bewirtung.

Na, komm doch wieder mal ran, Fedja.

Ich komm schon, und leichten Schrittes ging Fjodor, mit den
Stiefelabstzen klopfend, durch den Korridor und warf die Tr hinter sich
zu. Wanja trat schnell hinaus, ohne sich ganz bewusst zu werden, weshalb er
das tat. Er erblickte einen Burschen in einer Jacke ber dem russischen
Hemde, dessen Grtelschnre heraushingen. Er trug niedrige Lackstiefel und
hatte sich die Mtze aufs Ohr gestlpt. Wanja rief ihm nach:

Hren Sie, wissen Sie nicht, wird Stepan Stepanowitsch Sassadin bald
zurck sein?

Der Bursche kehrte sich um und im Lichte, das durch die offene Zimmertr
drang, sah Wanja in ein Paar unstete, diebische graue Augen und ein
bleiches Gesicht, wie Leute es haben, die immer im Zimmer oder in ewigem
Dampfe leben. Das Haar war nach russischer Volkssitte in der Mitte
gescheitelt und rundherum glatt beschoren. Sein Mund war schn geschnitten.
Ungeachtet einer gewissen Grobheit der Zge, lag in diesem Gesichte etwas
Verweichlichtes, und obgleich Wanja voller Vorurteil in diese diebischen
freundlichen Augen blickte und das freche Lcheln des Mundes sah, fand er
doch in diesem Gesicht und in der ganzen hohen Gestalt, deren Ebenmass
selbst unter dem Anzug in die Augen fiel, etwas Bestrickendes,
Beunruhigendes.

Belieben Sie ihn zu erwarten?

Ja, es ist schon bald sieben Uhr.

Halb sieben, verbesserte Fjodor, der seine Uhr herausgezogen hatte, und
wir glaubten, dass niemand bei Stepan Stepanowitsch im Zimmer sei. Er wird
gewiss bald zurck sein, fgte er hinzu, um etwas zu sagen.

Ja. Danke Ihnen, pardon, dass ich Sie aufgehalten habe, sagte Wanja, ohne
sich von der Stelle zu rhren.

Aber, bitte, sagte jener mit einer verbindlichen Geste.

Es wurde laut geklingelt, und Stroop, Sassadin und ein junger
hochgewachsener Mann traten ein. Stroop warf einen schnellen Blick auf
Fjodor und Wanja, die noch immer einander gegenberstanden.

Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen, wandte er sich an
Wanja, whrend Fjodor auf ihn zustrzte, um ihm den Mantel abzunehmen.

Wanja sah dies alles wie im Traume und er fhlte, dass er in einen Abgrund
hinuntersinke, dass alles sich in Nebel hlle.

                   *       *       *       *       *

Als Wanja das Speisezimmer betrat, schloss Anna Nikolajewna gerade ihren
Satz: und es tut einem leid, dass ein solcher Mensch sich so
kompromittiert. Konstantin Wassiljewitsch wies stumm mit den Augen auf
Wanja, der ein Buch genommen und sich ans Fenster gesetzt hatte und meinte
dann:

So sagt man da >geknstelt, unnatrlich, berflssig<, aber wenn man bei
dem Gebrauche unseres Krpers bleiben sollte, der als natrlich gilt, so
msste man mit den Hnden rohes Fleisch zerreissen, um es zu verschlingen
und Feinde bekmpfen; mit den Beinen Hasen verfolgen oder vor Wlfen
flchten usw. Das erinnert an ein Mrchen aus >Tausendundeiner Nacht<, wo
ein von der Finalitt gequltes Mdchen immerfort fragt, wozu dieses und
wozu jenes geschaffen sei. Und als das Mdchen nach einem bekannten
Krperteile fragt, da verabfolgt die Mutter ihm eine Tracht Prgel und
wiederholt dabei: >Jetzt siehst du, wozu dies geschaffen ist.< Diese Mama
hat zwar die Richtigkeit ihrer Behauptung anschaulich bewiesen, aber damit
drfte die Handlungsfhigkeit besagter Krperstelle schwerlich erschpft
sein. Und smtliche moralische Erklrungen der Natrlichkeit von Handlungen
bestehen darin, dass die Nase geschaffen ist, um grn angestrichen zu
werden. Der Mensch muss alle Fhigkeiten des Geistes und Krpers bis zur
letzten Mglichkeit entwickeln und nach Verwendung dieser seiner
Mglichkeiten forschen, wenn er nicht Caliban bleiben will.

Nun, die Gymnastiker knnen ja schon auf den Kpfen gehen ...

Das bedeutet in jedem Falle ein Plus und vielleicht ist das sehr angenehm,
wrde Larion Dmitrijewitsch sagen, und Onkel Kostja blickte herausfordernd
zu Wanja hinber, der fortfuhr zu lesen.

Was hat Larion Dmitrijewitsch damit zu tun? bemerkte sogar Anna
Nikolajewna.

Du denkst doch wohl nicht, dass ich meine eigenen Anschauungen
entwickele?

Ich gehe zu Nata, erklrte Anna Nikolajewna und erhob sich.

Sie ist doch gesund? Ich sehe sie gar nicht mehr, erinnerte sich Wanja.

Das ist ganz natrlich. Du verschwindest ja tagelang.

Wohin verschwinde ich denn?

Das muss man schon dich fragen, sagte die Tante, das Zimmer verlassend.

Onkel Kostja trank seinen kalten Kaffee aus, und im Zimmer roch es stark
nach Naphthalin.

Sprachen Sie ber Stroop, Onkel Kostja, als ich kam? entschloss sich
Wanja zu fragen.

ber Stroop? Wirklich, ich entsinne mich nicht. Annette erzhlte mir
etwas.

Ich dachte, es sei von ihm die Rede gewesen.

Nein, was sollte ich mit ihr ber Stroop zu reden haben?

Glauben Sie wirklich, dass Stroop die berzeugung hat, die Sie eben
aussprachen?

So spricht er jedenfalls; seine Handlungen kenne ich nicht und die
berzeugungen mancher Menschen sind ein dunkles und heikles Gebiet.

Glauben Sie denn, dass seine Handlungen sich nicht mit seinen Worten
decken?

Ich weiss nicht; ich kenne seine Handlungen nicht, und dann kann man nicht
immer seinen Wnschen entsprechend handeln. Wir wollten zum Beispiel schon
lngst aufs Land ziehen und doch . . .

Wissen Sie, Onkel, dieser Altglubige, Sorokin, ladet mich zu sich an die
Wolga ein: >Kommen Sie,< sagt er, >Vterchen wird nichts dagegen haben;
sehen Sie sich einmal an, wie man bei uns zu Lande lebt, wenn Sie das
interessiert.< Er hat pltzlich Zuneigung zu mir gefasst, ich weiss gar
nicht warum.

Nun was, reise doch.

Tante wird kein Geld geben und berhaupt lohnt es sich nicht.

Weshalb lohnt es sich nicht?

Ach es ist alles ekelhaft, so ekelhaft!

Weshalb ist denn alles pltzlich so ekelhaft geworden?

Ich weiss wirklich nicht, sagte Wanja und bedeckte sein Gesicht mit den
Hnden.

Konstantin Wassiljewitsch blickte auf Wanjas herabgesunkenen Kopf und ging
leise aus dem Zimmer.

                   *       *       *       *       *

Der Portier war nicht auf seinem Platze, die Treppentr stand offen und
hinter der Tr zum Arbeitszimmer konnte man eine zornige Stimme hren. Wenn
sie schwieg kam eine andere leise, eine weibliche Stimme, wie es schien, in
die Entree herber. Wanja blieb im Vorzimmer stehen, ohne Mantel und Mtze
abzunehmen; der Griff der Tr des Arbeitszimmers wurde hinuntergedrckt und
im Trspalt erschien eine Hand, die den Trgriff gefasst hielt und der zu
ihr gehrende, im roten rmel eines russischen Hemdes steckende Arm. Man
vernahm deutlich Stroops Worte: Ich erlaube nicht, dass jemand sich
dahineinmischt! Am allerwenigsten eine Frau. Ich verbiete Ihnen, hren Sie?
ich verbiete Ihnen darber zu sprechen! Die Tr wurde wieder geschlossen
und die Stimme wieder undeutlicher. Wanja sah sich traurig im so gut
bekannten Vorzimmer um; die elektrischen Lampen vor dem Spiegel und ber
dem Tische, die Kleider an den Stndern; auf dem Tische lagen zwei
Damenhandschuhe, aber es war kein Hut und kein Mantel zu sehen. Die Tr
wurde wieder krachend geffnet und Stroop ging mit wtendem, erblasstem
Gesicht, ohne Wanja zu bemerken, in den Korridor; einen Augenblick spter
folgte ihm, fast laufend, Fjodor in einem roten Seidenhemde ohne Grtel,
eine Karaffe in der Hand. Was wnschen Sie? wandte er sich an Wanja,
augenscheinlich ohne ihn zu erkennen. Fjodors Gesicht war erregt und
gertet, als htte er getrunken oder sich geschminkt, das Hemd war nicht
gegrtet, die sorgfltig auseinandergekmmten Haare schienen etwas
gekruselt zu sein, er roch stark nach Stroops Parfm.

Was wnschen Sie? wiederholte er Wanja, der ihn anstarrte.

Larion Dmitrijewitsch.

Ist nicht zu Hause.

Wieso? ich habe ihn doch eben gesehen.

Entschuldigen Sie, aber er ist sehr beschftigt, er kann Sie unmglich
empfangen.

Gehen Sie nur und melden Sie mich.

Nein wirklich, kommen Sie schon lieber ein anderes Mal: eben kann er Sie
unmglich empfangen. Er ist nicht allein, fgte Fjodor, seine Stimme
dmpfend, hinzu.

Fjodor! rief Stroop aus dem Hintergrunde des Korridors, und Fjodor
strzte geruschlos fort.

Wanja wartete ein paar Minuten und ging dann auf die Treppe hinaus, die Tr
zuziehend, hinter der wieder gedmpfte, aber laute und zornige Stimmen
hrbar wurden. Unten, im Vestibl stand eine kleine Dame in graugrnem
Kleide und schwarzer Jacke vor dem Spiegel und nestelte an ihrem Schleier.
Hinter ihrem Rcken vorbeigehend, erkannte Wanja sie, ohne dass sie ihn
bemerkte, es war Nata. Nachdem sie ihren Schleier in Ordnung gebracht
hatte, stieg sie langsam die Treppe hinauf und drckte den Knopf der
Klingel an Stroops Wohnung, whrend der zurckgekommene Portier Wanja auf
die Strasse hinausliess.

                   *       *       *       *       *

Was ist das? unterbrach sich Alexej Wassiljewitsch bei der Lektre des
Morgenblattes: Rtselhafter Selbstmord. Gestern, den 21. Mai, machte auf
der Furstadtskaja Strasse in der Wohnung des englischen Untertans L. D.
Stroop, das junge, hoffnungsvolle Frulein Ida Holberg die Abrechnung mit
dem Leben. Die jugendliche Selbstmrderin bittet in einem hinterlassenen
Schreiben, ihren Tod niemand zur Last zu legen, allein die Umgebung, in der
der traurige Vorfall sich abgespielt hat, ruft die Annahme hervor, dass er
einen romantischen Hintergrund habe. Nach Angaben des Wohnungsinhabers, hat
die Verschiedene, whrend einer heftigen Auseinandersetzung, nachdem sie
etwas auf ein Stck Papier geschrieben, pltzlich seinen, Stroops, fr eine
Reise vorbereiteten Revolver ergriffen und, bevor die Anwesenden noch etwas
zu tun vermochten, sich eine Kugel in die rechte Schlfe geschossen. Die
Lsung des Rtsels wird dadurch erschwert, dass der Diener des Herrn
Stroop, Fjodor Wassiljew Solowjew, Bauer aus dem Gouvernement Orel, am
selben Tage spurlos verschwunden ist, und dass die Personalien der Dame,
die eine halbe Stunde vor dem fatalen Ereignis die Stroopsche Wohnung
betreten hat, wie der Grad ihres Einflusses auf die tragische Lsung bisher
nicht festgestellt werden konnten. Die Untersuchung ist eingeleitet.

Am Frhstckstische schwiegen alle und im Zimmer, das von Naphthalingeruch
erfllt war, hrte man nur das Ticken der Uhr.

Nata, was war denn da? Nata? Du weisst es doch?! schrie Wanja ausser
sich, aber Nata fuhr fort mit der Gabel auf dem leeren Teller zu zeichnen
und sagte kein Wort.




Zweiter Teil


Denk nur, Wanja, wie sonderbar das ist: ein fremder Mensch, ein ganz
fremder Mensch, andere Beine hat er und andere Haut und andere Augen, und
doch ist er ganz dein Eigen, ganz, ganz. berall kannst du ihn betrachten,
kssen, berhren; und jedes Fleckchen auf seinem Krper, wo es auch sein
mge, und die goldenen Hrchen, die auf den Armen wachsen, und jede Furche,
jede Vertiefung der Haut, die ber alles Mass geliebt hat, es ist alles
dein. Und du kennst alles: wie er geht, wie er isst, wie er schlft, wie
sich die Fltchen in seinem Gesicht verziehen, wenn er lchelt, wie er
denkt, weisst du und wie sein Krper riecht. Und dann kommt es ber dich,
dass du glaubst, du bist nicht mehr du selbst, sondern es ist, als wrest
du und er ein und dasselbe: mit deinem Fleische, mit deiner Haut pressest
du dich an ihn, und wenn dann die Liebe in dir ist, Wanja, dann gibt es
kein grsseres Glck auf Erden; aber ohne Liebe ist es unertrglich,
unertrglich. Und ich sage dir, Wanja, es ist leichter, liebend nicht zu
besitzen, als besitzen ohne Liebe! Die Ehe, die Ehe: nicht das ist ein
Sakrament, was der Priester einsegnet, und wenn dann Kinder kommen: die
Katze da, die wirft viermal im Jahre; aber wenn die Seele in Verlangen
entbrennt sich einem andern hinzugeben und ihn ganz zu nehmen, und sei es
nur fr eine Woche, nur fr einen Tag, und wenn bei beiden die Seele in
Flammen loht, dann ist's ein Zeichen, dass Gott sie vereint hat. Snde ist
es mit kaltem Herzen oder aus Berechnung nehmen oder sich hingeben, wen
aber der feurige Finger berhrt hat, der bleibt rein vor dem Herrn, was er
auch tun mge. Was er auch getan haben mge, wen der Geist feuriger Liebe
berhrt hat, alles wird ihm vergeben werden, denn er ist dann schon nicht
mehr Herr seiner selbst, der Geist erfllt ihn, er handelt in Verzckung
. . .

Und Marja Dmitrijewna war erregt aufgestanden, ging bis zum nchsten
Apfelbaum, und kam zurck und liess sich wieder auf der Bank neben Wanja
nieder, von wo aus man einen Teil der Wolga, unendliche Wlder auf dem
anderen Ufer und weit nach rechts eine weisse Dorfkirche jenseits des
Flusses sehen konnte.

Es ist schrecklich, Wanja, wenn die Liebe uns berhrt; freudig und doch
schrecklich; als flge man, ist es, und fiele immer tiefer, oder als strbe
man, wie man das zu trumen pflegt; und dann sieht man immer nur eins, das,
was im Gesicht des Geliebten uns traf: ob's nun die Augen sind oder die
Haare oder sein Gang. Und es ist doch sonderbar: man sieht das Gesicht --
was ist denn Besonderes darin? Eine Nase in der Mitte, ein Mund, zwei
Augen. Was erregt uns denn so, was fesselt uns in diesem Gesicht? Und man
sieht doch viele Gesichter, und hbsche darunter, man hat seine Freude
daran, wie an einer Blume oder an einem Stck Brokatstoff, und ein anderes
Gesicht ist gar nicht hbsch und doch dreht's uns die Seele im Leibe um,
und nicht allen, nein, nur dir allein und nur dieses Gesicht: woher kommt
das? Und noch eins, setzte die Sprecherin zgernd hinzu, Mnner lieben
Weiber und Weiber lieben Mnner, man sagt es kommt vor, dass auch Weiber
Weiber lieben und Mnner Mnner, man sagt es soll vorkommen, ich habe
selbst in den Legenden der Heiligen davon gelesen: von der heiligen
Jewgenia, von den heiligen Nifont, Pawnutj Borowski; dann auch vom Zaren
Iwan Wassiljewitsch, dem Grausen. Ja, und es ist auch nicht schwer daran zu
glauben, kann denn nicht Gott auch diesen Stachel in das Menschenherz
drcken? Und es ist schwer, Wanja, gegen das zu kmpfen, was in uns gelegt
ist, und es ist vielleicht auch Snde.

Die Sonne war fast schon hinter dem fernen zackigen Forst verschwunden und
der an drei Windungen sichtbare Spiegel der Wolga leuchtete in Gelb und
rosigem Golde auf. Marja Dmitrijewna blickte stumm zu den dunklen Wldern
am anderen Ufer und zum verblassenden Abendrot am Himmel hinber; auch
Wanja schwieg, den Mund halb geschlossen, als fahre er fort, Marja
Dmitrijewna mit seinem ganzen Wesen zu lauschen, dann sagte er pltzlich
halb traurig und halb verurteilend:

Aber es kommt doch vor, dass die Menschen auch so sndigen: aus Neugier
oder aus Stolz, aus Eigennutz.

Ja, es kommt vor, was kommt nicht alles vor! Das ist dann ihre Snde,
gestand Marja Dmitrijewna gedrckt, ohne ihre Stellung zu ndern, und ohne
sich Wanja zuzuwenden, aber die, denen es eingegeben ist, die haben es
schwer, ach Wanja, so schwer! Ich murre nicht; anderen mag ja das Leben
leichter werden, aber es ist ohne Zweck, wie Suppe ohne Salz: sttigend,
aber nicht schmackhaft.

                   *       *       *       *       *

Nachdem man zuerst in den Wohnzimmern, auf der Veranda, im Flur, auf dem
Hofe unter den Apfelbumen das Mittagessen hatte decken lassen, setzte man
sich jetzt im Keller zu Tische. Im Keller war es dunkel, es roch nach Malz,
Kohl und ein wenig auch nach Musen, aber es hiess, dass es hier nicht so
heiss sei, und dass es keine Fliegen gbe; der Tisch wurde gerade vor die
Tr gestellt, um mehr Licht zu haben, und wenn Malanja, die fast im
Laufschritt mit den Speisen ber den Hof daherkam, vor der Kellertr
stehenblieb, um im Dunkeln die Stufen hinunterzusteigen, wurde es noch
finsterer und die Kchin unterliess es niemals zu knurren: Das ist aber
eine Finsternis, Gott verzeih's! Sag nun ein Mensch, was sie sich
ausdenken, wohin sie sich verkrochen haben! Mitunter, wenn es zu lange
dauerte, lief der kraushaarige Sergej, der Gehilfe aus dem Laden, welcher
zusammen mit Iwan Ossipowitsch zu Hause ass, das Essen holen; und wenn er
dann die Speisen ber den Hof trug und die Schssel mit beiden Hnden hoch
emporhob, trottete auch die Kchin, einen Lffel oder eine Gabel in der
Hand, hinter ihm her und schrie: Ja, was soll denn das, als ob ich das
Essen nicht selbst bringen knnte?! Wozu war es ntig, Sergej zu jagen? Ich
htte es ja bald gebracht . . .

Sie htten es bald gebracht und ich bringe es gleich, parierte Sergej,
der selbstzufrieden mit dem Geschirr klappernd, die Schssel vor Arina
Dmitrijewna hinstellte und sich auf seinen Platz zwischen Iwan Ossipowitsch
und Sascha setzte.

Und wozu hat nur Gott eine solche Hitze erdacht? forschte Sergej.
Niemand braucht sie: das Wasser trocknet aus, die Bume verdorren, -- alle
haben es schwer . . .

Die Felder brauchen die Hitze.

Und auch den Feldern bringt Hitze zu unrechter Zeit und ohne Mass keinen
rechten Nutzen. Aber ob nun zu rechter Zeit oder nicht, alles ist von Gott
gesandt.

Wenn's nicht zur rechten Zeit ist, dann ist es eben eine Prfung fr
Snden.

Da aber wurde bei uns, mischte sich Iwan Ossipowitsch in die
Unterhaltung, ein Greis vom Hitzschlage getroffen, der niemand gekrnkt
hatte und gerade auf der Pilgerfahrt war, und doch hat ihn der Hitzschlag
gettet. Wie soll man denn das deuten?

Sergej triumphierte schweigend.

So hat er eben fr andre, nicht fr seine eigenen Snden gebsst,
entschied Prochor Nikititsch mit nicht ganz berzeugtem Ton.

Wie ist denn das? Andre werden saufen und sich herumtreiben und der Herr
wird, statt ihrer, schuldlose Greise totschlagen?

Oder -- entschuldigen Sie den Vergleich -- Sie zahlten Ihre Schulden nicht
und mich wrde man ins Loch stecken an Ihrer Statt; wre das denn gut?
bemerkte Sergej.

Iss lieber deine Suppe, statt dummes Zeug zu schwatzen, warum und wozu!
Selbst lebst du wozu? Du denkst von der Hitze, dass sie zu nichts da sei,
und sie denkt vielleicht von dir, dass du, Sergej, zu nichts da bist.

Nachdem man sich gesttigt hatte, trank man lange und schwerfllig Tee mit
pfeln oder Eingemachtem. Sergej fing wieder an zu rsonieren.

Oft ist es sehr beschwerlich, zu begreifen, wie was verstanden werden
muss; nehmen wir ein Beispiel: ein Soldat ttet einen Menschen und ich tte
einen Menschen; er bekommt das Georgskreuz dafr und mich schickt man nach
Sibirien, -- weshalb ist das so?

Wo sollst du das verstehen? Ich frage aber: es lebt ein Mann mit seiner
Frau und ein Junggeselle hat ein Verhltnis mit einem Weibsbilde; mancher
wird sagen, das ist ganz dasselbe, und ist doch ein grosser Unterschied.
Worin besteht aber dieser Unterschied?

Das weiss ich nicht, meinte Sergej aufhorchend.

Stellen wir uns vor: der erste Fall, sagte Prochor Nikititsch, als suche
er nicht nur nach Worten, sondern auch nach Gedanken, -- der erste Fall:
der Verheiratete hat nur mit seinem Weibe zu schaffen, das ist eins; das
andere ist, dass sie still, friedlich miteinander leben, sich aneinander
gewhnt haben, und der Mann liebt seine Frau genau so, wie er seine Grtze
isst und seine Leute schilt, jene aber haben nur Dummheiten im Kopfe, nur
hi-hi und ha-ha, weder Bestndigkeit noch Anstand; deshalb ist das eine
Gesetz und das andere Snde. Nicht in der Handlung liegt die Snde, sondern
in der Anwendung, das heisst, welche Verwendung eine Handlung findet.

Erlauben Sie, aber es kommt doch vor, dass auch ein Ehemann seine Gattin
mit Beben des Herzens anbetet, und ein anderer hat sich an seine Geliebte
so gewhnt, dass es ihm einerlei ist, ob er sie ksst oder eine Mcke
zerdrckt: wo soll man denn da unterscheiden, was Gesetz ist und was
Snde?

So etwas ohne Liebe zu tun ist nichts anderes, als unrein, warf Marja
Dmitrijewna pltzlich dazwischen.

Du sagst da >unrein<, aber es gengt nicht, ein Wort zu wissen, man muss
auch seine Kraft kennen. Es steht geschrieben: >unrein< ist ein
Gtzenopfer; Hasen essen zum Beispiel ist >unrein<; jenes aber ist Snde!

Nun hrt ihr bald auf mit euren Gesprchen! Das gehrt nicht vor
Knabenohren, rief Arina Dmitrijewna.

Nun, was ist denn dabei, sie knnen das schon selbst verstehen. Nicht
wahr, Iwan Petrowitsch? wandte sich der alte Sorokin an Wanja.

Was das? fuhr der auf.

Wie denken Sie ber das alles?

Wissen Sie, es ist sehr schwer, ber fremde Angelegenheiten zu urteilen.

Da haben Sie die Wahrheit gesagt, lieber Wanja, freute sich Arina
Dmitrijewna, und urteilen Sie auch niemals darber: es steht auch
geschrieben: >Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet<.

Nun, es gibt Leute, die richten nicht und werden doch gerichtet, warf
Sorokin hin und erhob sich vom Tische.

                   *       *       *       *       *

Auf der Anlegestelle und auf dem Dampferstege waren nur die Hkerinnen
zurckgeblieben, die Semmeln, Fische, Himbeeren und saure Gurken feil
hatten; die Lasttrger in bunten Hemden standen ans Gelnder gelehnt und
spien ins Wasser, und Arina Dmitrijewna, die den alten Sorokin auf den
Dampfer begleitet hatte, setzte sich neben Marja Dmitrijewna in der breiten
Jagddroschke zurecht.

Wie haben wir nur die Kuchen vergessen knnen, Marja? Prochor Nikititsch
liebt sie so zum Tee.

Ich habe sie ja an die sichtbarste Stelle gelegt und hernach ist's doch zu
nichts ntze gewesen.

Du httest doch daran erinnern knnen, Parfjon!

Wie sollte ich denn? Wenn Sie sie irgendwo draussen vergessen htten,
wrde ich schon gerufen haben, aber in die Zimmer bin ich doch nicht
hineingegangen, rechtfertigte sich der alte Arbeiter.

Iwan Petrowitsch, Sascha! Wohin geht ihr denn? rief Arina Dmitrijewna den
jungen Leuten zu, die schon die Hhe hinaufzusteigen begannen.

Wir gehen zu Fuss, Mamachen, auf dem Fusswege kommen wir noch frher an
als ihr.

Nun, geht, geht, habt ja junge Fsse. Aber fahren Sie nicht lieber, Iwan
Petrowitsch? wollte sie Wanja berreden.

Nein, es macht nichts, wir gehen zu Fuss, danke schn, rief der von oben
herber.

Da ist der Ljubimowsche Dampfer angekommen, bemerkte Sascha, seine Mtze
abnehmend, und wandte sein etwas beschwitztes, gertetes Gesicht dem Winde
zu.

Ist Prochor Nikititsch fr lange fortgefahren?

Nein, er bleibt nicht lnger, als bis zum Peterstage an der Unsha, da
gibt's nicht viel zu tun, man muss bloss nach dem Stande der Arbeit sehen.

Fahren Sie denn niemals mit Ihrem Vater mit, Sascha?

Ich fahre fast jedesmal mit ihm, nur weil Sie bei uns zu Gaste sind, bin
ich dieses Mal nicht mitgefahren.

Weshalb sind Sie denn nicht gefahren? Weshalb lassen Sie sich durch mich
stren?

Sascha stlpte wieder die Mtze auf sein nach allen Seiten
auseinandergewehtes, schwarzes Haar und meinte lchelnd:

Das ist ja gar keine Strung, lieber Wanja, ich bin sehr froh, mit Ihnen
sein zu knnen. Natrlich, wenn ich nur mit Mama und Tante allein zu Hause
geblieben wre, wrde ich mich gelangweilt haben, so aber bin ich sehr
froh; nach einigem Schweigen fuhr er, wie im Nachdenken fort: ich bin
doch hufig an der Unsha, Wetluga, Moskwa und seh' doch nichts, ausser
meinem Geschft, wie ein Blinder! berall nur Wald, und von Holz und ber
Holz: wieviel es kostet und was die Abfuhr zu stehen kommen wird, und
wieviel Bretter sich herausschneiden lassen und wieviel Balken -- das ist
alles! Papachen ist nun einmal schon so veranlagt und erzieht mich ebenso.
Und wohin wir auch kommen, gleich geht's zu den Waldhndlern, in die
Teehuser und berall ein und dasselbe Gesprch. Das ist langweilig, wissen
Sie! In der Art, wie zum Beispiel ein Baumeister, der immerfort nur Kirchen
baute, und nicht einmal ganze Kirchen, sondern nur die Gesimse an den
Kirchen; und er wrde die ganze Welt durchwandern und she nur
Kirchengesimse, ohne die verschiedenartigen Menschen zu bemerken, ohne die
Bume und die Blumen dieser Gegenden zu gewahren -- nichts wrde er gesehen
haben, nur seine Gesimse. Der Mensch muss wie ein Fluss sein, oder wie ein
Spiegel -- was sich in ihm spiegelt, das muss er auch aufnehmen; dann
werden in ihm auch, wie in der Wolga, Sonne und Wolken sein, Wlder und
hohe Berge, und Stdte mit Kirchen, -- fr alles muss man das gleiche
Interesse haben, dann vereinigt man auch alles in sich. Wenn aber den
Menschen nur eins erfasst, den verschlingt es auch, am meisten der
Eigennutz oder auch noch das Gttliche.

Das heisst, was meinen Sie mit dem Gttlichen?

Nun, sagen wir, die kirchlichen Fragen. Wer immer nur an sie denkt und
ber sie liest, der kann kaum etwas anderes verstehen.

Wieso denn? Es gibt doch sogar Bischfe, die Weltliches nicht scheuen,
selbst unter Ihren Glaubensgenossen, zum Beispiel Erzbischof Inokentij.

Natrlich gibt es solche, und wissen Sie, meiner Meinung nach, tun sie
nicht recht daran: man kann nicht guter Offizier und Kaufmann sein, nicht
alles gleich gut verstehen. Deshalb beneide ich Sie auch von ganzer Seele,
Wanja, weil niemand aus Ihnen nur eins machen will, sondern, dass Sie alles
wissen und alles verstehen, nicht, wie zum Beispiel ich, und doch sind Sie
nicht lter, als ich.

Nun, wo weiss ich denn alles, im Gymnasium lernen wir ja nichts!

Immerhin ist es besser, nichts zu wissen, als nur das eine zu wissen, dass
man alles begreifen kann.

Unten wurde das dumpfe Rollen von Wagenrdern vernehmlich und weit in der
Ferne hrte man ber dem Wasser laut schimpfen und das Pltschern von
Rudern.

Die Unsrigen kommen lange nicht.

Sie sind wohl zu Loginow angefahren, bemerkte Sascha und setzte sich
neben Smurow ins Gras.

Sind wir denn im gleichen Alter? fragte der, zur Wolga hinberblickend,
wo Wolkenschatten ber die Wiesen glitten.

Gewiss, wir sind fast im selben Monat geboren, ich habe Larion
Dmitrijewitsch gefragt.

Kennen Sie eigentlich Larion Dmitrijewitsch gut, Sascha?

Nicht allzu gut; wir haben uns ja erst vor kurzer Zeit kennen gelernt; und
er ist auch nicht ein Mensch, den man auf den ersten Blick kennen lernt.

Haben Sie gehrt, was fr eine Geschichte ihm passiert ist.

Ich habe davon gehrt, ich war damals noch in Petersburg; aber ich glaube
nur, dass das alles nicht wahr ist.

Was ist nicht wahr?

Dass dieses Frulein sich nicht selbst das Leben genommen hat. Ich habe
das Frulein einmal gesehen. Larion Dmitrijewitsch zeigte sie mir einmal im
Garten: so eine Sonderbare. Ich sagte Larion Dmitrijewitsch schon damals:
>denken Sie an mein Wort, dieses Frulein nimmt kein gutes Ende.< Sie war,
als sei sie nicht von dieser Welt.

Larion Dmitrijewitsch braucht sie ja gar nicht erschossen zu haben, kann
aber doch der Urheber ihres Selbstmordes sein.

Nein, lieber Wanja, wenn sich jemand um etwas krnkt, was ihn nicht angeht
und er legt Hand an sich, daran trgt niemand die Schuld daran.

Aber legen Sie Stroop das zur Last, weswegen sich Ida Holberg erschossen
hat?

Weswegen hat sie sich denn erschossen?

Ich glaube, Sie wissen das selbst?

Wegen Fjodor?

Mir scheint es so, antwortete Wanja verlegen.

Sorokin schwieg lange, und als Wanja die Augen aufschlug, sah er, dass
jener ganz gleichgltig, ja, rgerlich auf die Strasse hinunterblickte, wo
jetzt der Wagen mit Parfjon sichtbar wurde.

Weshalb antworten Sie nicht, Sascha?

Der warf einen flchtigen Blick auf Wanja und sagte gergert und einfach:

Fjodor ist ein simpler Bursche, ein Bauernjunge, hat es einen Sinn, sich
seinetwegen zu erschiessen? In solchem Falle drfte Larion Dmitrijewitsch
weder einen Kutscher fr seine Pferde, noch einen Portier fr seine Tr
halten und nicht zum Arzte gehen, wenn er Zahnschmerzen hat. Damit es
keinen Fjodor gbe, msste . . . . .

Wartet ihr uns schon? rief Arina Dmitrijewna, aus der Droschke steigend,
whrend Parfjon und Marja Dmitrijewna die Scke und Beutel aus dem Wagen
herausholten und der schwarze Hofhund sie bellend umsprang.

                   *       *       *       *       *

Am Peterstage wollte man in ein altglubiges Kloster fahren, das etwa
vierzig Werst jenseits der Wolga lag, um an einem so hohen Feiertage den
Gottesdienst mit einem Priester zu hren und Anna Nikanorowna, eine
entfernte Verwandte von Sorokins, besuchen, die in der Klosterzeidlerei
lebte; nach Tscheremschany zu fahren, wo die Tchter Prochor Nikititschs
lebten, verschob man auf den Eliastag, um dort bis zum Schlusse der Messe
in Nishni zu bleiben, die auch Wanja besuchen wollte. Im September sollten
die Frauen aus Tscheremschany, die Mnner aus Nishni zurckkehren, und
Wanja sollte schon Ende August geraden Wegs, ohne hierher zurckzukommen,
nach Petersburg reisen. Ein paar Tage vor dem Aufbruch, als alles schon
gepackt war, und alle beim Abendtee sassen und sich zum zehntenmal darber
unterhielten, wohin und fr wie lange jeder fahren werde, bekam Wanja, der
seit seiner Ankunft noch keinen erhalten hatte, mit der Abendpost gleich
zwei Briefe. Einer kam von Anna Nikolajewna, sie bat ihn, sich in
Wassilsursk nach einem kleinen Landhause, nicht teurer als sechzig Rubel,
umzusehen, weil Nata schliesslich so nervs geworden, dass sie unmglich in
der Nhe von Petersburg auf dem Lande leben knne; Koka sei, um seinen
Kummer zu zerstreuen, nach Nodendal bei Hang gereist, und Alexej
Wassiljewitsch, Onkel Kostja und Boba wrden ganz einfach in der Stadt
bleiben. Der zweite Brief war von Koka, wo er unter Phrasen seines
Schmerzes ber >den Tod dieses idealen Mdchens, das dieser Taugenichts ins
Verderben gestrzt<, berichtete, dass das Kurhaus sich in nchster Nhe
befinde und es eine Menge Damen gbe, dass er den ganzen Tag Veloziped
fahre usw. usw.

Weshalb schreibt er mir das alles? dachte Wanja, nachdem er den Brief
durchgelesen hatte; hat er niemand ausser mir, mit dem er davon sprechen
kann?

Meine Tante und Cousine bitten mich, ein Landhaus fr sie zu suchen, sie
wollen hierher kommen.

Das trifft sich gut, die Hermannsche hat, glaub' ich, gerade eins leer
stehen, es wollten Leute aus Astrachanj kommen, aber bis jetzt sind sie
noch nicht da; da htten auch Sie es nicht weit.

Fragen Sie sie doch, Arina Dmitrijewna, ob sie es nicht fr sechzig Rubel
abgeben will und berhaupt, wie es damit bestellt ist.

Sie gibt es auch fr fnfzig, seien Sie nur ruhig, ich besorge schon
alles.

Wanja war in sein Zimmer gegangen und sass noch lange, ohne Licht zu
machen, am Fenster und dachte an Petersburg, die Kasanskis, Stroop und
seine Wohnung, und ohne zu wissen weshalb, besonders an Fjodor, wie er ihn
zum letzten Male gesehen hatte, im rotseidenen Hemde ohne Grtel, mit dem
Lcheln im gerteten, aber der Rte ungewohnten Gesicht, in der Hand die
Karaffe; er zndete ein Licht an, holte den Band Shakespeare mit >Romeo und
Julia< hervor und versuchte zu lesen; er hatte kein Wrterbuch und verstand
ohne Stroop nur den geringsten Teil, aber ein Strom von Schnheit und Leben
ergriff ihn, wie nie vorher, als wre etwas Verwandtes, schon lngst nicht
Gesehenes, Halbvergessenes wieder lebendig geworden und hielte ihn mit
heissen Armen umfasst. Es klopfte leise an die Tr.

Wer ist da?

Ich, kann ich hineinkommen?

Bitte.

Entschuldigen Sie, ich habe Sie gestrt, sagte Marja Dmitrijewna
eintretend, ich habe Ihnen einen ledernen Rosenkranz gebracht, wie wir
Altglubigen sie gebrauchen, packen Sie ihn in Ihren Koffer.

Ah, schn.

Was lasen Sie da? fragte Marja Dmitrijewna, die zgerte, hinauszugehen.
Ich dachte mir, ob es nicht das Andachtsbuch ist, aus dem Sie lesen.

Nein, es ist ein Stck, ein englisches Stck.

So? und ich dachte es sei das Andachtsbuch. Die Worte konnte man nicht
verstehen, aber man hrte, dass Sie etwas mit Ausdruck lasen.

Habe ich denn laut gelesen? wunderte sich Wanja.

Wie denn sonst? . . . Ich lege den Rosenkranz auf das Regal . . . Gute
Nacht.

Gute Nacht.

Und Marja Dmitrijewna entfernte sich lautlos, nachdem sie die Lmpchen vor
den Heiligenbildern in Ordnung gebracht hatte, und schloss leise, aber
fest, die Tr hinter sich. Wanja sah erstaunt, als sei er eben erwacht, auf
den Schrank mit den Heiligenbildern, auf das Lmpchen davor, die mit Eisen
beschlagene Truhe in der Ecke, das aufgemachte Bett, den festen Tisch am
Fenster mit den weissen Gardinen, hinter denen man den Garten und den
gestirnten Himmel sehen konnte. Dann klappte er das Buch zu und verlschte
das Licht.

                   *       *       *       *       *

Was fr eine Menge Vergissmeinnicht auf dem Sumpfe blhen! rief Marja
Dmitrijewna ein Mal ber das andere, als sie die sumpfige Wiese entlang
fuhren, die ganz mit hohem Sumpfgrase und den blauen Blumen bedeckt war,
auf denen mit den glnzenden Flgeln und grnlichen Krpern leise zitternde
Libellen sassen. Sie war mit Wanja hinter dem ersten Wagen zurckgeblieben,
in dem Arina Dmitrijewna mit Sascha fuhr. Bald stieg Marja Dmitrijewna aus
dem Wagen und ging den Fussweg dem Sumpf und Wald entlang, bald stieg sie
wieder ein, dann wieder ordnete sie die gepflckten Blumen, sang etwas vor
sich hin, und unterhielt sich die ganze Zeit mit Wanja, als sprche sie mit
sich selbst; sie schien trunken von der Sonne, dem blauen Himmel und den
blauen Blumen. Und Wanja blickte mit fast herablassender Teilnahme in das
strahlende und wie das eines Backfisches jung gewordene Gesicht dieser
dreissigjhrigen Frau.

In Moskau hatten wir einen wunderschnen Garten, wir wohnten in der
Samoskworetschje: Apfelbume, Flieder blhten, in einer Ecke war ein Quell
und ein Strauch schwarzer Johannisbeeren; im Sommer fuhren wir
nirgendwohin, so sass ich denn den ganzen Tag im Garten; dort kochte ich
auch den Beerensaft fr den Winter ein . . . . Ich liebe so barfuss ber
die heisse Erde zu gehen, Wanja, oder im Flusse zu baden, man sieht durch
das Wasser seinen Krper, sieht wie die vom Wasser zurckgeworfenen
Sonnenflecken ber ihn hingleiten und wenn man untertaucht und die Augen
ffnet, dann ist alles so grn, und man kann die Fischchen vorbeihuschen
sehen, und hernach legt man sich in den heissen Sand zum Trocknen, ein
Windhauch weht vorber. Wunderbar! Und am besten ist es, wenn man allein
liegt, keine Freundin dabei ist. Und es ist nicht wahr, was die alten
Weiber sagen, dass der Krper Snde ist, die Blumen, die Schnheit --
Snde, sich baden -- Snde. Hat nicht Gott dies alles geschaffen: das
Wasser und die Bume und den Krper? Snde ist es, sich dem Willen des
Herrn zu widersetzen: wenn jemand fr etwas eine Bestimmung hat, zum
Beispiel, wenn er nach etwas strebt, ihm dieses verbieten, das ist Snde!
Und wie muss man sich beeilen, Wanja, es lsst sich gar nicht sagen wie!
Wie eine gute Hausfrau sich rechtzeitig mit Kohl und Gurken versorgt, weil
sie weiss, dass sie spter sie nicht bekommen wird, so mssen auch wir uns
zu rechter Zeit sattsehen und sattlieben und sattatmen, Wanja! Wie lange
whrt unser Leben? Und die Jugendzeit ist noch krzer, und der Augenblick,
der vorbergeht, kehrt nie mehr wieder; und daran msste man sich immer
erinnern, dann wre alles doppelt so sss, wie einem neugebornen Kinde, das
eben erst die Augen aufgetan, oder wie einem Sterbenden.

In der Ferne hrte man die Stimmen Arina Dmitrijewnas und Saschas; hinten
holperte Parfjons Wagen ber den Faschinenweg, die Fliegen summten, es roch
nach Gras, Sumpf und Blumen; es war heiss und Marja Dmitrijewna sass in
schwarzem Kleide, das weisse Kopftuch aufgeknpft, von Mdigkeit und Hitze
blass geworden, mit strahlenden dunklen Augen, etwas gebeugt neben Wanja im
Wagen und ordnete die gepflckten Blumen.

Es ist mir ganz dasselbe, ob ich fr mich denke oder mit Ihnen denke,
lieber Wanja, oder mit Ihnen spreche, weil Sie eine kindliche Seele haben.

Bei einer Wendung des Weges ffnete sich ein Blick auf eine grosse Lichtung
und auf ihr stand ein Haufen Huser mit den Tren nach innen; viele dieser
Huser hatten berhaupt keine Fenster oder bloss Fenster im oberen
Geschoss, das machte sie Scheunen hnlich, sie standen, von der Zeit grau
geworden, in einen Haufen zusammengedrngt da, ohne dass man eine Strasse
gewahrte oder Leute sah, nur das Hundegebell im Kloster begrsste den
bestaubten Wagen, in dem Arina Dmitrijewna und Sascha sassen.

                   *       *       *       *       *

Nach der Messe machten sich Sorokins und Wanja zum Einsiedler Leontij auf,
der eine halbe Werst vom Kloster in der Zeidlerei lebte. Als sie durch den
schattigen Waldstreifen auf die Lichtung hinaustraten, wo man unter dem
hohen Grase und den Blumen einen unsichtbaren Bach in seiner Holzrinne
rauschen hren konnte, berichtete Arina Dmitrijewna Wanja ber den
Einsiedler Leontij:

Aus der grossrussischen Kirche ist er zur wahren Kirche bergetreten,
schon lange, es ist an die dreissig Jahre her und schon damals war er nicht
mehr jung. Ein starker Greis, ein Eiferer ist er, vier Jahre stand er vor
Gericht, zwei Jahre hat er in Susdalj verbsst; er ist gross im Fasten und
betet mit einem Eifer, wie ein aufgezogenes Uhrwerk! Und alles sieht er
voraus . . . Wanja, sagen Sie ihm lieber nicht, dass Sie zur
griechisch-orthodoxen Konfession gehren, vielleicht nimmt er Anstoss
daran.

Aber vielleicht unterweist er mich dann noch besser?

Nein, sagen Sie es ihm schon lieber nicht.

Gut, gut, sagte Wanja zerstreut und blickte interessiert zur niederen
Htte hinber, die von rosenroten Malven umgeben war, und vor der ein
grauhaariger Greis mit langem schmalem Barte und lebhaften, frhlich
dreinblickenden Augen sass, der ein weisses Gewand trug und ein Kppchen
auf dem Kopfe hatte.

Wie also der Pope zu mir nach oben kommt, geht er gleich an den Tisch und
fngt an, im Evangelium herumzublttern: >Dein Glck, dass es eine erlaubte
Ausgabe ist, sonst wrde ich sie konfisziert haben, deine Portrts aber und
die Handschriften, die nehme ich dir unbedingt weg.< Bei mir hingen nmlich
die Bildnisse Semjon Denissows, Peter Filippows und noch einiger anderer an
der Wand. Ich war noch nicht alt und stark und sagte: >Das sollte mir grad
noch fehlen, dass ich dir erlaubte, die Bilder anzurhren.< Der Diakon war
ganz betrunken und meinte bloss sthnend: >Vater, haltet ein!< Da warf der
Pope mich aufs Bett und wollte mich aus einer Unterschale mit Tee
begiessen, das sollte dann meine Taufe sein; aber ich wehrte mich und er
musste mich loslassen. >Auf Wiedersehen,< sagte er, >wir sprechen uns
noch.< Und wie ich hinausging, Sie zu begleiten, da packte er mich am Arm
und stiess mich den Abhang hinunter.

Und der Alte fuhr fort, als sage er eine Lektion auf, zu erzhlen, wie er
bei den Nekrassowzy in der Trkei gewesen, wie man ihn hatte ermorden
wollen, wie ber ihn gerichtet wurde, wie er im Klostergefngnis in Susdalj
eingesperrt gewesen und wie ihn berall das Kreuz mit den Reliquien
gerettet hatte, und er brachte tief gebeugt ein hohles Kreuz aus der Htte
heraus, auf dessen kupferner Fassung eingegraben stand: Reliquien des
heiligen Wundertters Peter, des Metropoliten von Moskau, der heiligen
rechtglubigen Frstin Fewronija von Murom, des heiligen Propheten Jonas,
des heiligen rechtglubigen Zarewitsch Dmitrij, unserer heiligen Mutter
Maria von gypten.

In der Htte sah man Heiligenbilder auf den Wandbrettern stehen, das Licht
der Lmpchen und der Kerzen schimmerte rtlich, auf dem Fensterbrett und
auf dem Tische lagen Bcher, an einer Wand stand eine kahle Holzbank mit
einem Scheit am Kopfende. Und der Einsiedler Leontij sprach mit singender
Stimme und sah dabei Wanja mit lustigen Augen an, die nicht mit seinen
Worten im Einklang standen:

Sei standhaft im rechten Glauben, mein Sohn, denn was steht hher, denn
der rechte Glaube? Er shnt alle Snden und fhret in die Hallen des ewigen
Lichtes. Das ewige Licht aber unseres Herrn Jesus Christus mssen wir
lieben ber alles in der Welt. Was ist ewig, was ist unvergnglich, wenn es
nicht das lichte Paradies, der Seelen Rettung, ist? Lockt dich ein Blmlein
-- morgen wird es welken, liebst du einen Menschen -- morgen wird er
sterben: die hellen uglein verlschen und fallen ein, die roten Wangen
werden gelb, Haare und Zhne wirst du verlieren und du bist ganz der Wrmer
Beute. Wandelnde Leichen, das sind wir Menschen in dieser Welt.

Jetzt wird es ja leichter werden, man wird erlauben, altglubige Kirchen
zu bauen, ffentlichen Gottesdienst zu halten, versuchte Wanja den Alten
abzulenken.

Jage nicht dem nach, was leicht ist, sondern strebe nach dem, was schwer
ist! An dem, was leicht ist, an Freiheit und Reichtum, gehen die Vlker
zugrunde, aber in schweren Leiden bewahren sie ihren Glauben. Hinterlistig
ist des Menschen Feind, geheim sind seine Rnke, und jede Gnade muss man
darauf prfen, woher sie kommen mge.

Woher rhrt seine Verbitterung? fragte Wanja, als sie die Zeidlerei
verliessen.

Und sind denn die Menschen schuld daran, dass sie sterben mssen? stimmte
Marja Dmitrijewna ihm bei. Ich wrde das nur noch mehr lieben, was
bestimmt wre, morgen unterzugehen.

Lieben kann man alles, man muss nur nicht sein Herz an eins allein hngen,
damit es uns nicht verschlinge, bemerkte Sascha, der die ganze Zeit
geschwiegen hatte.

So ein Philosoph hat uns gerade noch gefehlt, sagte geringschtzend die
Tante.

Hab ich vielleicht keinen Kopf?

Und wie er bloss nicht erkannt hat, dass Sie nicht rechtglubig sind? Aber
vielleicht hat er vorausgesehen, dass Sie noch zum rechten Glauben kommen
werden! sagte Arina Dmitrijewna, Wanja zrtlich ansehend.

Im Zimmer, das nur von einem Lmpchen vor dem Heiligenbilde beleuchtet
wurde, war es fast ganz dunkel geworden; durchs Fenster konnte man den
sattroten, nach oben zu gelblich abgetnten Abendhimmel sehen, von dem sich
der schwarze Forst hinter der Lichtung abhob, und Sascha Sorokin, dessen
schwarze Silhouette sich vom Fenster abzeichnete, das im Abendrot
leuchtete, fuhr fort:

Das ist schwer zu vereinigen! Wie einer von den Unsrigen einmal sagte:
>Wie soll man nach dem Theater zu Jesus beten? Es ist leichter, jemand
totzuschlagen.< Und tatschlich, morden, stehlen, ehebrechen, das kann man
unabhngig vom Glauben, den man hat, aber den >Faust< verstehen und dann
mit berzeugung den Rosenkranz herunterbeten, das ist undenkbar, das hiesse
wahrhaftig den Teufel herausfordern. Und wenn der Mensch nicht sndigt und
die Gebote hlt, aber von ihrer Notwendigkeit und Heilsamkeit nicht
berzeugt ist, so ist das schlimmer, als wenn er sie nicht hielte, aber
glaubte. Und wie soll man glauben, wenn man keinen Glauben hat? Wie soll
man nicht wissen, was man weiss, vergessen, woran man sich erinnert? Und da
darf man nicht urteilen: dies ist weise und ich werde es erfllen, und
jenes sind Nichtigkeiten: wer heisst uns so zu urteilen? Solange die Kirche
sie nicht aufgehoben hat, mssen wir alle ihre Vorschriften befolgen, und
mssen die weltlichen Knste meiden, drfen uns nicht von rzten behandeln
lassen, die einen anderen Glauben haben, mssen alle Fasten halten. Den
alten orthodoxen Glauben knnen nur die Einsiedler im Walde halten; weshalb
aber soll ich mich als das bezeichnen, was ich nicht bin, und was zu sein
ich nicht fr ntig halte? Und wie kann ich glauben, dass nur unser
Huflein gerettet werden wird, und dass die ganze Welt in Snden versunken
ist? Und wenn ich das nicht glaube, wie kann man mich dann einen
Altglubigen nennen? So ist es auch hart, einen Glauben, eine
Lebensauffassung, die keine anderen dulden, anzunehmen, und wenn man sie
alle zugleich begreift, kann man in keinem rechtglubig sein.

Saschas Stimme verstummte, wurde aber wieder laut, als Wanja, der auf dem
Bette lag, aus der Dunkelheit keine Antwort gab.

Ihnen, dem Abseitsstehenden, wird unser Leben, unser Glaube, unser Ritus
verstndlicher, deutlicher sichtbar sein, als uns selbst, und auch unsere
Leute werden Sie verstehen knnen, aber Sie werden von ihnen nicht
verstanden werden, oder Papa und unsere ltesten werden bloss einen Teil
und zwar nicht den wichtigsten begreifen und Sie wrden ihnen immer ein
Fremder, ein Aussenstehender bleiben. Dabei lsst sich nichts machen! Wie
ich selbst Sie auch lieben und achten mge, lieber Wanja, ich fhle
dennoch, dass etwas in Ihnen ist, was mich bedrckt, mich befangen macht.
Und unsere Vter haben, wie unsere Grossvter auch, ein anderes Leben
gefhrt, anders gedacht und anderes gewusst, und wir selbst knnen noch
nicht einmal ihnen gleich werden, -- in irgendeinem Punkte macht sich doch
schliesslich der Unterschied bemerkbar, und der Wunsch allein ndert nichts
an der Sache.

Saschas Stimme war wieder verstummt und lange Zeit hrte man nur den
Gesang, der weit, weit her durch die offenstehenden Tren des Bethauses
herberdrang.

Wie macht es denn Marja Dmitrijewna?

Wieso Marja Dmitrijewna?

Wie denkt denn sie darber, wie wird sie damit fertig?

Wer weiss, wie sie's macht; sie betet viel und grmt sich um ihren Mann.

Ist ihr Mann schon lange tot?

Schon lange, an die acht Jahre, ich war noch ein ganz kleiner Junge.

Sie ist eine prchtige Frau.

Na ja, aber allzu viel begreift auch sie nicht, meinte Sascha, das
Fenster schliessend.

                   *       *       *       *       *

Vor der Pforte machte noch ein Wagen mit Gsten halt; Arina Dmitrijewna,
die sich fast gar nicht an den Tisch gesetzt hatte, lief hinaus, sie zu
empfangen und man hrte im Stiegenhause Rufe und das Gerusch von Kssen.
Im Saal, in dem zehn Mnner beim Mittag sassen, war es heiss und
geruschvoll; die barfssige Frosja, die Malanja zur Aushilfe genommen war,
lief immer wieder mit einem grossen Glaskrug in den Keller und brachte ihn
mit schumendem Kwass gefllt zurck. Im Zimmer, wo die Frauen Mittag
assen, sass Marja Dmitrijewna auf dem Platze der Hausfrau, die von Tische
zu Tische ging, um die Gste zum Essen zu ntigen, in die Kche lief und
die immer wieder vorfahrenden Gste empfing, neben ihr sassen Anna
Nikolajewna und Nata, weiter die fnf anderen Frauen, die sich mit bereits
feuchten Taschentchern den Schweiss vom Gesichte wischten, whrend immer
noch eine Schssel nach der anderen aufgetragen wurde, man trank Madeira
und Naliwka, den zu Hause bereiteten Beerenlikr. Die Fliegen krochen in
die geleerten Glser, sassen in ganzen Haufen an den weissgetnchten Wnden
und auf dem mit Brotkrumen besten Tischtuche. Die Mnner hatten die Rcke
ausgezogen und sassen stumpf und laut lachend, plaudernd und rlpsend mit
unter der Weste hervorgezogenen bunten Hemden um den Tisch.

Die brennenden Lmpchen vor den Heiligenbildern glnzten in der Sonne, die
zur offenen Tr durch den glsernen Prunkschrank in den Saal hineinschien
und auch die gestrichenen Kfige im Nebenzimmer beleuchtete, in denen die
Kanarienvgel, durch den allgemeinen Lrm erregt, schmetternd sangen.
Immerfort mussten die Hunde hinausgetrieben werden, die sich vom Hofe
hereinstahlen und die von Frosjas nacktem Fuss fr einen Augenblick
aufgesperrte, mit Gegengewichten versehene Tr schlug kreischend zu; es
roch nach Himbeeren, Pirogen, Wein und Schweiss.

Nun, sagen Sie selbst, ich schreibe ihm vor, mir telegraphisch nach Samara
zu antworten und er lsst keine Silbe von sich hren.

Zuerst muss man es mit Spiritus bergossen in den Keller stellen, dann am
folgenden Tage mit Eichenrinde abkochen -- es ist dann usserst
schmackhaft.

Am Himmelfahrtstage hielt der Priester Wassilij in Gromowo eine famose
Predigt: >Selig sind die Friedfertigen, deshalb lasst euch das Armenhaus in
Tschubykino gefallen, erlasst dem Kurator seine Schulden und verlangt
keinen Rechenschaftsbericht!< einfach zum Lachen . . .!

Ich sage 35 Rubel und er bietet mir 15 . . .

Himmelblau, ganz himmelblau und rosa gemustert, klang es aus dem Zimmer,
wo die Frauen sassen, herber.

Auf Ihr Wohl! Arina Dmitrijewna, auf Ihr Wohl! riefen die Mnner der
Hausfrau zu, die in die Kche eilte.

Mit einemmal wurden die Sthle gerckt und alle begannen sich schweigend in
der Richtung des Heiligenbildes zu bekreuzigen, das in einer Ecke des
Zimmers hing; Frosja schleppte schon den Samowar heran, und Arina
Dmitrijewna schrfte den Gsten ein, vor dem Tee nicht zu weit in den
Garten hinauszugehen.

Gefllt dir denn dieses Leben wirklich? fragte Nata Wanja, der gekommen
war, sie ber den Hof zu begleiten, wo die Sorokinschen Kettenhunde frei
umherliefen.

Nein, aber es knnte noch schlimmer sein.

Selten, bemerkte Anna Nikolajewna, die das Gartenpfrtchen wieder
ffnete, um den eingeklemmten Saum ihres grauseidenen Kleides freizumachen.

                   *       *       *       *       *

Setzen wir uns hierher, Nata, ich mchte mit dir sprechen.

Setzen wir uns. Wovon willst du denn sprechen? sagte das Mdchen und
liess sich neben Wanja auf die Bank im Schatten der hohen Birke nieder. Die
etwas abseits stehende Kirche wurde renoviert und durch die offenen Tren
schallte der Kirchengesang der Maler herber, denen der Priester bei der
Arbeit im Innern der Kirche verboten hatte weltliche Lieder zu singen. Man
konnte die Kirchenpforte hinter den Spiragebschen nicht sehen, hrte aber
in der Abendluft deutlich jedes Wort: in weiter Ferne brllte eine Herde
auf dem Heimwege.

Worber wolltest du denn mit mir sprechen?

Ich weiss nicht; vielleicht wird es dir schwer fallen oder unangenehm
sein, dich daran zu erinnern.

Du willst wohl von dieser unglcklichen Geschichte sprechen? fragte Nata
nach einer Pause.

Ja, wenn du sie mir auch nur ein wenig erklren kannst, dann tu es bitte.

Du tuschest dich, wenn du glaubst, dass ich mehr weiss, als alle anderen;
ich weiss nur, dass Ida Holberg sich selbst erschossen hat, aber nicht
einmal die Beweggrnde zu ihrer Tat sind mir bekannt.

Du warst doch zu jener Zeit dort?

Ich war dort, obgleich es nicht eine halbe Stunde vorher war, sondern
vielleicht zehn Minuten, von denen ich sieben im leeren Vorzimmer wartete.

Hat sie sich in deiner Gegenwart erschossen?

Nein, der Schuss war es ja gerade, der mich veranlasste das Arbeitszimmer
zu betreten . . .

Und sie war schon tot?

Nata nickte stumm mit dem Kopfe die Besttigung.

Die Maler in der Kirche stimmten den Gesang: >Herr Gott, erhr mein Rufen<
an.

Lass mich los, Teufel! Was machst du? Lass mich!

Ah! schrie eine Entrstung heuchelnde Weiberstimme in der
Kirchenvorhalle, whrend ihr unsichtbarer Partner es vorzog sein Werk
schweigend fortzusetzen.

Ah! kreischte die Stimme noch lauter, wie die eines Ertrinkenden und die
Spiragebsche begannen an einer Stelle heftig zu schwanken, obgleich es
windstill war.

. . . das Abendopfer! schlossen vershnlich die Snger in der Kirche.

Auf dem Tische stand eine Karaffe oder ein Siphon, etwas aus Glas, eine
Flasche Kognak, ein Mensch in rotem Hemde sass auf dem Lederdiwan und
machte sich am selben Tisch zu schaffen, Stroop selbst stand rechts, Ida
sass am Schreibtische, den Kopf auf die Stuhllehne zurckgeworfen . . .

Sie lebte schon nicht mehr?

Ja, ich glaube, sie war tot. Als ich eintrat, sagte Stroop zu mir:
>Weshalb sind Sie hier? Um Ihres Glckes, um Ihrer Ruhe willen, gehen Sie
fort! Gehen Sie, bitte, augenblicklich fort!< Der Mensch auf dem Diwan
erhob sich und ich sah, dass er ohne Grtel und sehr hbsch war; sein
Gesicht war rot und glhte und das Haar kruselte sich; er schien mir
betrunken zu sein. Und Stroop sagte zu ihm: >Fjodor, lassen Sie die Dame
hinaus<.

Dein Wille geschehe, sangen die Maler in der Kirche; die Stimmen im
Spiragebsch klangen, jetzt schon vershnt, leise murmelnd herber; die
Frau schien zu weinen.

Dennoch ist es schrecklich! sagte Wanja.

Schrecklich! wiederholte Nata, wie ein Echo: Und fr mich um so mehr:
ich habe diesen Menschen so geliebt! und sie brach in Trnen aus.

Wanja blickte feindselig auf dieses pltzlich gealterte, aufgedunsene
Mdchen mit dem gedrungenen Munde, den Sommersprossen, die sich jetzt zu
grossen braunen Flecken verschmolzen hatten, und mit den zerzausten roten
Haaren, und sagte:

Hast du denn Larion Dmitrijewitsch geliebt?

Sie nickte stumm mit dem Kopfe und begann nach einigem Schweigen
ungewhnlich freundlich:

Du korrespondierst jetzt nicht mit ihm, Wanja?

Nein, ich kenne nicht einmal seine Adresse, er hat doch seine Petersburger
Wohnung aufgegeben.

Seine Adresse kann man doch finden.

Und was wre, wenn ich mit ihm korrespondierte?

Nein, nichts, ich fragte nur so.

Aus den Gebschen kam ein junger Mann in einer Jacke, die Mtze auf dem
Kopfe, hervor, und als er, an Wanja vorbergehend, diesen grsste, erkannte
er, dass es Sergej war.

Wer ist das? fragte Nata.

Der Kommis von Sorokins.

Das ist wohl der Held des Romans, der sich eben abspielte, setzte Nata
mit frechem Lcheln hinzu.

Welches Romans?

Vor der Kirche, hast du denn nichts gehrt?

Ich habe Weiber kreischen gehrt, aber was geht das mich an?

                   *       *       *       *       *

Wanja wre fast auf einen Menschen draufgerannt, der am schattigen
Flussufer mit den Armen unter dem Kopfe schlafend lag. Er trug einen
weissen Anzug und die Sommeruniformsmtze, die er sich aufs Gesicht gelegt
hatte, war heruntergerutscht. Wanja war nicht wenig erstaunt, an der
Glatze, der aufgestlpten Nase, dem schtteren roten Brtchen und der ganz
kleinen Gestalt seinen griechischen Lehrer zu erkennen.

Sind Sie denn hier, Daniil Iwanowitsch? fragte Wanja, der vor Staunen
vergass, ihn zu begrssen.

Wie Sie sehen! Aber was wundert Sie denn dabei so, wo Sie doch selbst aus
Petersburg hierher gekommen sind?

Wie bin ich Ihnen denn nicht frher begegnet?

Das ist ganz erklrlich, wo ich doch erst gestern angekommen bin. Leben
Sie mit Ihrer Familie hier? fragte der Grieche, der sich endgltig
aufgerichtet hatte und seine Glatze mit einem rotgernderten Taschentuche
abtrocknete: Setzen Sie sich her, es ist hier schattig und der Wind weht
khl.

Ja, meine Tante und meine Cousine sind auch hier, aber ich lebe nicht bei
ihnen, sondern bei Sorokins, Sie haben vielleicht von ihnen gehrt?

Ich habe einstweilen noch nicht das Glck gehabt. Aber hier ist es nicht
bel, durchaus nicht bel: die Wolga, die Grten und alles Weitere.

Und wo ist denn Ihr Katerchen und die Drossel, haben Sie die auch
mitgenommen?

Nein, ich werde eine weitere Reise machen.

Und er begann mit Begeisterung zu erzhlen, wie er ganz unerwartet eine
kleine Erbschaft gemacht und Urlaub genommen habe, um seinen langgehegten
Traum zu verwirklichen: nach Athen, Alexandria, Rom zu reisen. In Erwartung
des Herbstes, wenn es weniger heiss fr eine Reise im Sden sein werde, sei
er mit einem kleinen Handkoffer und drei, vier Lieblingsbchern an die
Wolga gegangen, um haltzumachen, wo es ihm gerade gefalle.

Jetzt werden in Rom, Pompeji, in Asien interessante Ausgrabungen gemacht
und man hat dort neue literarische Erzeugnisse der Alten gefunden. Und der
Grieche sprach lange mit glnzenden Augen, die Mtze wieder ins Gras
werfend, von seinen Trumen, Plnen, Genssen, und Wanja blickte traurig in
das strahlende lebenbewegte hssliche Gesicht des kleinen kahlkpfigen
Lehrers.

Ja, das alles ist interessant, sehr interessant, murmelte er trumerisch
vor sich hin, als jener seinen Bericht schloss und eine Zigarette
anrauchte.

Sie bleiben bis zum Herbste hier? fragte pltzlich Daniil Iwanowitsch.

Wahrscheinlich. Ich will nach Nishni zur Messe, gestand Wanja, als schme
er sich der Nichtigkeit seiner Plne.

Sind Sie zufrieden? Sind diese Sorokins interessante Leute?

Sie sind ganz einfache, aber gute und treuherzige Menschen, antwortete
Wanja und dachte mit Feindseligkeit an sie, die ihm pltzlich so fremd
geworden waren. Ich habe es langweilig, sehr langweilig! Wissen Sie, es
gibt niemand, der einen mit seiner Begeisterung anstecken knnte, oder auch
nur fhig wre einen bloss zu verstehen, die geringste Bewegung der Seele
zu teilen, entrang es sich pltzlich Wanja, hier nicht und vielleicht
auch in Petersburg nicht.

Der Grieche schaute ihn scharf an.

Smurow, begann er etwas feierlich. Sie haben einen Freund, der befhigt
ist die hchsten Wallungen des Geistes zu schtzen, und bei dem Sie immer
Sympathie und Liebe finden knnen.

Ich danke Ihnen, Daniil Iwanowitsch, sagte Wanja, dem Griechen die Hand
hinstreckend.

Keine Ursache, antwortete der, um so weniger als ich eigentlich nicht
von mir sprach.

Von wem sprachen Sie denn?

Von Larion Dmitrijewitsch.

Von Stroop?

Ja, . . . warten Sie, unterbrechen Sie mich nicht. Ich kenne Larion
Dmitrijewitsch ausgezeichnet, ich habe ihn nach jenem unglcklichen Vorfall
gesehen und ich bezeuge Ihnen, dass er daran ebensoviel Schuld trgt, wie
etwa Sie, wenn ich mich zum Beispiel in den Fluss strzen wollte, weil Sie
blondes Haar haben. Natrlich ist es Larion Dmitrijewitsch hchst
gleichgltig, was man ber ihn spricht, aber er drckte mir sein Bedauern
darber aus, dass einige ihm teure Menschen ihre Meinung ber ihn ndern
knnten und unter anderen nannte er auch Sie. Behalten Sie das im Auge,
sowie auch, dass er eben in Mnchen im Hotel >Zu den vier Jahreszeiten<
lebt.

Ich verurteile Stroop nicht, aber seine Adresse brauche ich auch nicht,
und wenn Sie hierher gekommen sind, um mir dies mitzuteilen, so haben Sie
sich umsonst bemht.

Mein Freund, hten Sie sich vor Eigendnkel! Es sollte mir, dem alten
Manne, einfallen, auf dem Wege von Petersburg nach Rom nach Wassilsursk zu
kommen, um Wanja Smurow Stroops Adresse mitzuteilen?! Ich wusste berhaupt
nicht, dass Sie hier seien. Sie sind erregt, Wanja, Sie sind krank, und ich
zeige Ihnen als guter Arzt und Lehrer, dass Ihnen jenes Leben fehlt,
welches sich fr Sie in Stroop verkrpert, und nichts weiter.

                   *       *       *       *       *

Wie Sie schn gewachsen sind, lieber Wanja, sagte Sascha beim Auskleiden,
die nackte Gestalt Wanjas betrachtend, der auf dem trockenen Sande stand
und sich zum Flusse neigte, um Wasser zu schpfen und sich den Kopf und die
Achselhhlen zu benetzen, bevor er ins Wasser ging. Wanja blickte auf das
durch die auseinandergleitenden Kreise im Wasser bewegte Ebenbild seines
hohen, geschmeidigen, von Bdern und Sonne gebrunten Krpers mit den
schmalen Hften und schlanken langen Beinen, die langgewordenen Locken ber
dem dnnen Halse, den grossen Augen im abgemagerten Gesicht und stieg mit
stummem Lcheln ins kalte Wasser. Der trotz seines hohen Wuchses
kurzbeinige, weisse und volle Sascha liess sich an einer tieferen Stelle
ins Wasser fallen, dass es nach allen Seiten aufspritzte.

Dem ganzen Ufer entlang bis zur weidenden Herde badeten Kinder, die
kreischend durch das Wasser oder am Ufer hinliefen, hie und da lagen Haufen
von roten Hemden und Wsche, und in der Ferne, hher den Fluss aufwrts,
unter den Weiden auf dem saftig grnen gemhten Grase huschten zart rosa
Krper von Kindern und Halbwchslingen vorber, an ein Bild des Paradieses
in der Art Thomas erinnernd. Wanja fhlte mit fast leidenschaftlicher
Freude, wie sein Krper das kalte tiefe Wasser zerteilte und in schnellen
Wendungen, wie ein Fisch, die wrmere Oberflche aufschumen machte. Er war
mde geworden und schwamm auf dem Rcken, ohne die Arme zu bewegen, und sah
nur den in der Sonne leuchtenden Himmel, ohne zu wissen, wohin er getragen
wurde. Er kam wieder zu sich, als die Rufe am Ufer lauter wurden, die sich
immer weiter in der Richtung entfernt hatten, wo die Herde weidete und die
Baggermaschine arbeitete.

Die Kinder eilten, im Laufen ihre Hemden anziehend, am Ufer entlang, und
ihnen schollen Rufe entgegen: Sie haben ihn, sie haben ihn, man hat ihn
aus dem Wasser gezogen.

Wen das?

Den Ertrunkenen, der schon im Frhling ins Wasser ging; erst jetzt hat man
ihn gefunden, er hat sich an einem Balken verhakt und konnte nicht zur
Oberflche aufsteigen, erzhlten die laufenden und einander berholenden
Kinder.

Vom Berge her kam, laut weinend, eine Frau in rotem Kleide und weissem
Kopftuche gelaufen; als sie an die Stelle kam, wo auf einer Bastmatte die
Leiche lag, warf sie sich mit dem Gesicht in den Sand und schluchzte, noch
lauter wehklagend.

Arina, die Mutter! . . . flsterte es ringsum.

Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen seine Lebensgeschichte erzhlt,
wiederholte Sergej, der von irgendwoher aufgetaucht war, Wanja, der mit
Entsetzen auf die aufgedunsene schleimige Leiche mit dem bereits formlosen
Gesicht starrte, die nackt, bloss mit den Stiefeln an den Fssen im grellen
Sonnenschein ekelhaft und frchterlich inmitten der lrmenden neugierigen
Kinder mit ihren zart rosa Krpern, die unter den offenen Hemden sichtbar
waren, dalag. -- Es war der einzige Sohn seiner Mutter, wollte immer Mnch
werden, dreimal ist er von Hause fortgelaufen, aber sie haben ihn immer
wieder zurckgebracht: geprgelt haben sie ihn sogar, aber es half nichts;
andere Kinder kaufen sich Pfefferkuchen, er gab alles fr Kirchenkerzen
fort; lief da so ein Weibsbild, so'n Ekel, ihm ber den Weg, er verstand
nichts, als ihm aber die Augen aufgingen, da ging er mit den Kindern baden
und ertrank; er war nur sechzehn Jahre alt . . . klang Sergejs Erzhlung,
als sprche er unter dem Wasser.

Wanja! Wanja! schrie durchdringend die Frau, die sich bald erhob, bald
wieder sich in den Sand fallen liess, beim Anblick der aufgedunsenen
schleimigen Leiche.

Wanja strzte entsetzt den Berg hinan, er stolperte, zerkratzte sich an den
Bschen und Nesseln, sah sich aber nicht um, als jage man hinter ihm her,
und machte erst im Sorokinschen Garten halt. Hier war es still, die pfel
schimmerten aus dem Grn der weit auseinander gepflanzten Bume hervor,
hinter der stillen Wolga dehnten sich die dunklen Wlder, im Grase zirpten
Grillen, es duftete nach Honig und Frauenminze.

                   *       *       *       *       *

Es gibt am menschlichen Krper Muskeln und Sehnen, die man nicht ohne
Herzklopfen betrachten kann, fielen Wanja Stroops Worte ein, als er
entsetzt beim Schein einer Kerze sein feines, jetzt schrecklich bleiches
Gesicht mit den feinen Brauen und den grauen Augen, dem purpurroten Munde
und dem lockigen Haar ber dem dnnen Halse im Spiegel betrachtete. Er
wunderte sich nicht einmal, dass pltzlich Marja Dmitrijewna zu einer so
spten Stunde geruschlos in sein Zimmer trat und leise, aber fest, die Tr
hinter sich schloss.

Was wird denn daraus werden? Was wird daraus werden? fragte er sie
erregt. Die Wangen werden einfallen und erblassen, der Krper wird
aufdunsen und schwammig werden, die Wrmer werden die Augen ausfressen,
alle Gelenke des lieben Krpers werden auseinanderfallen! Und es gibt
Muskeln, Sehnen am menschlichen Krper, die man nicht ohne Herzklopfen
betrachten kann! Alles wird vergehen, verderben! Und ich weiss nichts, ich
habe nichts gesehen, und ich will, ich will . . . Ich bin doch nicht
gefhllos, bin kein Stein; und ich kenne jetzt meine Schnheit! Es ist
schrecklich, schrecklich! Wer wird mich retten?

Marja Dmitrijewna blickte, ohne zu staunen, freudig auf Wanja.

Wanja, Teurer, Sie tun mir leid! Ich habe mich vor diesem Augenblick
gefrchtet, aber die Stunde ist wohl gekommen, wo der Wille des Herrn
geschehe, und langsam die Kerze verlschend, umarmte sie Wanja und
bedeckte seinen Mund, seine Augen und Wangen mit Kssen und drckte ihn
immer fester an ihre Brust. Wanja war sofort ernchtert, ihm wurde heiss,
schwl und peinlich, und sich aus der Umarmung befreiend, sagte er mit
einer Stimme, die schon ganz anders klang: Marja Dmitrijewna! Marja
Dmitrijewna! Was haben Sie? Lassen Sie mich! Nicht doch! Aber jene drckte
ihn nur um so fester an ihre Brust, ksste ihn schnell und lautlos auf
Wangen, Mund und Augen und flsterte: Wanja, mein Lieb, du meine Freude!

So lass mich doch, widerliches Weib! schrie Wanja schliesslich, stiess
Marja Dmitrijewna zur Seite und lief hinaus, die Tr hinter sich
zuschlagend.

                   *       *       *       *       *

Was soll ich denn jetzt tun? fragte Wanja Daniil Iwanowitsch, zu dem er
geraden Wegs aus dem Hause durch die Nacht gelaufen war.

Meiner Ansicht nach, sagte der Grieche, im Schlafrock ber der
Unterwsche und mit Morgenschuhen an den Fssen, meiner Ansicht nach,
mssen Sie fortfahren.

Wohin soll ich denn fahren? Bleibt mir wirklich nichts anderes brig, als
Petersburg? Und man wird mich fragen, weshalb ich zurckgekommen bin und
langweilig ist es da auch noch.

Ja, das ist unangenehm, aber hier bleiben ist auch unmglich, Sie sind --
ganz krank.

Was soll ich denn tun? wiederholte Wanja, hilflos auf die Hand des
Griechen herabblickend, die auf der Tischplatte trommelte.

Ich kenne ja Ihre Umstnde und Vermgensverhltnisse nicht und weiss
nicht, wie weit Sie reisen knnen; und allein knnen Sie auch gar nicht
reisen.

Was soll ich denn tun?

Wenn Sie meiner Zuneigung zu Ihnen glauben und nicht weiss Gott was fr
Geschichten machen wollten, wrde ich Ihnen vorschlagen mit mir zu reisen.

Wohin?

Ins Ausland.

Ich habe kein Geld.

Es wrde fr uns beide reichen; spter, mit der Zeit, wrden wir uns
verrechnen; wir wrden zusammen nach Rom gehen und da wrde man dann eben
sehen, mit wem Sie zurckreisen und wohin ich weiterreisen werde. Das wre
das allerbeste.

Sprechen Sie wirklich im Ernst, Daniil Iwanowitsch?

Man kann nicht ernster.

Ist denn das mglich: ich -- in Rom?

Und sogar sehr! lchelte der Grieche.

Ich kann es nicht glauben! . . . rief Wanja erregt aus.

Der Grieche rauchte schweigend seine Zigarette und blickte lchelnd auf
Wanja.

Was fr ein Prachtmensch, wie gut Sie sind! strmte der ber.

Es ist mir sehr angenehm, nicht allein zu reisen; wir werden natrlich
unterwegs konomisch sein, nicht in allzu feinen Hotels, sondern in
einheimischen Gasthusern absteigen.

Oh, das wird nur noch lustiger sein! freute sich Wanja.

Und bis zum frhen Morgen sprachen sie von der Reise, bestimmten, wo sie
Station machen wollten, die Stdte, Orte, entwarfen Plne fr Ausflge --
und als Wanja im hellen Sonnenschein auf die grasbewachsene Strasse
hinaustrat, wunderte er sich, dass er noch in Wassil sei und noch die Wolga
und die dunklen Wlder vor sich she.




Dritter Teil


Sie sassen nach dem >Tannhuser< zu dreien im Caf auf dem Corso und
inmitten des geruschvollen unverstndlichen italienischen Stimmengewirrs,
beim Klappern der Teller und Glser mit Gefrorenem, unter den fernen
Klngen des Streichorchesters, die durch den Tabaksqualm herberdrangen,
fhlten sie sich vor der bald bevorstehenden Trennung fast intim, besonders
freundschaftlich gestimmt. Der Offizier mit einem ganzen Hahnenflgel auf
dem Hute und die beiden Damen, die schwarz, aber auffallend gekleidet, am
Nebentische sassen, schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit und durch die
Tllgardinen des offen stehenden Fensters konnte man die Strassenlaternen,
die vorberfahrenden Equipagen, und die ber Trottoir und Fahrdamm
vorbeigehenden Fussgnger sehen und man hrte das Rauschen des
Springbrunnens auf dem nahen Platze.

Wanja hatte seine Gymnasiastenuniform gegen Zivilkleider vertauscht, die
ihm, trotzdem sie ganz gewhnlich waren, eine gewisse Eleganz verliehen,
ohne das Knabenhafte seines usseren zu beeintrchtigen. Er sah blass, hoch
und schlank aus. Daniil Iwanowitsch, der >in der Eigenschaft des Mentors
eines reisenden Prinzen<, wie er scherzend zu sagen pflegte, seinen jungen
Freund berallhin begleitete, plauderte jetzt wohlwollend und gnnerhaft
mit ihm und Ugo Orsini.

Immer, wenn ich diese erste Szene in der zweiten, der Fassung jenes Wagner
hre, der schon den Tristan geschaffen, fhle ich ein wundersames
Entzcken, einen prophetischen Schauer, wie bei den Bildern Klingers und
der Poesie d'Annunzios. Diese Tnze der Faune und Nymphen, diese
leuchtenden, strahlenden, niedagewesenen, aber bis zum Schmerze tief
vertrauten antiken Landschaften, die sich pltzlich auftun, die
Erscheinungen der Leda und Europa, diese Amouretten, die wie auf
Botticellis >Primavera<, auf die Bume und die tanzenden und unter ihren
Pfeilen in schmachtenden Stellungen ersterbenden Faune schiessen -- und das
alles vor Venus, die mit berirdischer Liebe und Zrtlichkeit Tannhusers
Schlaf htet, das ist alles, wie der Hauch eines neuen Frhlings, einer
neuen, heiss aus dunklen Tiefen aufsteigenden Leidenschaft fr das Leben
und die Sonne! Und Orsini wischte sich das blasse, glattrasierte, bereits
voll werdende Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und dem fein
gewundenen Munde.

Es ist dies das einzige Mal, dass Wagner die Antike berhrt, bemerkte
Daniil Iwanowitsch, ich habe mehr als einmal diese Szene mit Venus, jedoch
vor der Bearbeitung, gesehen und mir gedacht, dass sie dem Gedanken nach
mit >Parsifal< verwandt ist und mit diesem die grsste der Wagnerschen
Konzeptionen darstellt; aber ich begreife ihren Schluss nicht und mag ihn
auch nicht gelten lassen: wozu diese Entsagung? Wozu dieser Asketismus?
Weder der Charakter von Wagners Genius, noch sonst etwas lockte zu solchen
Ausklngen!

Musikalisch harmoniert diese Szene nicht sonderlich mit dem frher
Geschriebenen, und Venus ist ein wenig Nachahmung von Isolde.

Sie, als Musiker, mssen das besser wissen, aber der Gedanke, die Idee,
das ist schon des Dichters, des Philosophen Gebiet.

Der Asketismus ist eigentlich die naturwidrigste aller Erscheinungen, und
die Keuschheit gewisser Tiere ist nichts anderes als Fabel.

Ihnen wurde hartes Gefrorenes und Wasser in grossen Glsern auf hohen
Fssen serviert. Das Cafe begann schon leer zu werden und die Musikanten
wiederholten bereits ihre Stcke.

Reisen Sie schon morgen? fragte Ugo, an der roten Nelke in seinem
Knopfloch nestelnd.

Nein, ich mchte noch von Rom Abschied nehmen und etwas lnger mit Daniil
Iwanowitsch zusammenbleiben, sagte Wanja.

Sie gehen nach Neapel und Sizilien? Und Sie?

Ich gehe mit dem Kanonikus nach Florenz.

Mit Mori?

Ja, mit ihm.

Woher kennen Sie ihn?

Wir haben uns bei Bossi Gatano kennen gelernt, Sie wissen, der
Archolog?

Der in der Via Nazionale lebt?

Ja; er ist doch sehr lieb, der Kanonikus.

Ja, ich kann jetzt mit Recht sagen: heute lssest du deinen Diener in
Frieden fahren, ich bergebe Sie Monsignore zu eigenen Hnden.

Wanja lchelte freundlich.

Bin ich Ihnen denn wirklich so langweilig geworden?

Furchtbar! scherzte Daniil Iwanowitsch.

In Florenz werden wir uns wohl noch treffen; ich gehe in acht Tagen dahin:
man spielt dort mein Quartett.

Ich werde mich freuen. Sie wissen, Monsignore finden Sie immer in der
Kathedrale, und er wird meine Adresse kennen.

Ich steige bei der Marchesa Moratti ab, Borgo Santi Apostoli. Bitte,
kommen Sie ohne Umstnde, die Marchesa lebt allein und wird sich freuen.
Sie ist meine Tante und ich bin ihr Erbe.

Orsini lchelte ssslich mit den dnnen Lippen im weissen, voll werdenden
Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und die Ringe an seinen Fingern
mit den kurzgeschnittenen Ngeln und der entwickelten Muskulatur des
Pianisten funkelten im elektrischen Lichte.

Dieser Ugo sieht aus, wie ein Giftmischer, finden Sie nicht? fragte Wanja
seinen Begleiter, als sie den Corso hinauf nach Hause gingen.

Welch ein Einfall! Er ist ein lieber Mensch, nichts weiter.

                   *       *       *       *       *

Trotzdem ein feiner Regen herabsickerte, der in Bchlein neben dem
Fusssteige den Berg hinunterfloss, war die Khle des Museums erwnscht und
angenehm. Nachdem sie im Kolosseum, auf dem Forum und dem Palatin gewesen
waren, standen sie, ganz zum Schluss, kurz vor der Abreise, fast allein im
kleinen Saale vor dem Laufenden Jngling.

Nur der Torso des sogenannten >Ilioneus< kann sich an Schnheit und Leben
mit diesem Jnglingskrper messen, an dem man unter der weissen Haut das
rote Blut sehen kann, an dem alle Muskeln berauschend schn und bestrickend
sind. Das Fehlen der Arme und des Kopfes strt uns heute nicht weiter. Der
Krper selbst, die Materie wird untergehen, angenommen sogar, dass die
Werke der Kunst, Phidias, Mozart, Shakespeare, zugrunde gehen werden, aber
die Idee, der Schnheitstypus, die in ihnen leben, knnen nicht untergehen,
und das ist vielleicht das einzig Wertvolle in der wechselnden und
vergnglichen Buntheit des Lebens. Und wie grob auch die Verwirklichung
dieser Ideen sein mge, sie sind gttlich und rein; wurden nicht in den
religisen Praktiken die hchsten Ideen des Asketismus in einen wilden,
fanatischen, aber vom Symbol, das er in sich trug, erleuchteten Kultus
eingekleidet, und blieben sie nicht gttlich?

Bei den letzten Ermahnungen vor dem Abschiede sagte Daniil Iwanowitsch:

Folgen Sie mir, Smurow; wenn Sie geistlichen Zuspruch brauchen, wenn Sie
sich billig einrichten wollen, dann wenden Sie sich an Monsignore, aber
wenn Ihnen Ihr Geld ganz ausgehen sollte, oder wenn Sie einen klugen und
vortrefflichen Rat brauchen -- wenden Sie sich an Larion Dmitrijewitsch.
Ich werde Ihnen seine Adresse geben. Einverstanden? Versprechen Sie mir
das?

Kann ich mich denn wirklich an niemand anders wenden? Ich tte es so
ungern.

Ich habe niemand, der zuverlssiger wre; suchen Sie dann schon selbst.

Und Ugo? Wird er mir nicht helfen?

Kaum, er sitzt selbst immer ohne Geld. Ich begreife wirklich nicht, was
Sie gegen Larion Dmitrijewitsch haben, dass Sie sich nicht einmal brieflich
an ihn wenden knnen! Was ist geschehen, das diese Vernderung triftig
erklren knnte?

Wanja sah lange die Bste des jugendlichen Marc Aurel an, ohne zu
antworten, dann begann er schliesslich monoton und langsam:

Ich lege ihm keine Schuld zur Last, ich habe nicht die Spur von Recht,
mich ber ihn zu rgern, aber es tut mir unsglich leid, dass ich, seitdem
mir gewisse Dinge bekannt geworden sind, mich, unabhngig von meinem
Willen, zu Stroop nicht mehr stellen kann, wie frher; das hindert mich, in
ihm den erwnschten Fhrer und Freund zu erblicken.

Welch eine Romantik, wenn es bloss nicht auswendig gelernt klingen wrde!
Sie sind wie die >therischen< Fruleins seligen Angedenkens, die sich
einbildeten, ihre Verehrer mssten glauben, dass Jungfrauen weder essen,
noch trinken, noch schlafen, noch schnarchen, noch sich die Nschen putzen.
Jeder Mensch hat seine natrlichen Verrichtungen, die ihn keineswegs
erniedrigen, wie unangenehm sie einem anderen auch sein mgen. Auf Fjodor
eiferschtig sein, heisst sich selbst mit ihm auf eine Stufe stellen, als
htte man dieselbe Bestimmung, denselben Zweck, wie er. Wie wenig
geistreich das auch sein mge, es ist immerhin noch besser als romantische
Prderie.

Lassen wir das alles; wenn es anders nicht mglich sein wird, werde ich an
Stroop schreiben.

Und werden gut daran tun, mein kleiner Kato.

Sie selbst haben mich ja Kato verachten gelehrt.

Augenscheinlich ohne sonderlichen Erfolg.

                   *       *       *       *       *

Sie gingen ber den geraden Gartenweg, ber einen Rasenplatz und an Beeten
mit in der Dmmerung verschwimmenden Blumen vorbei zur Terrasse; der
weissliche Nebel zog sich hin, als liefe er ihnen nach, um sie einzuholen:
irgendwo schrien junge Eulen; im Osten leuchtete flimmernd ein strahlender
Stern durch den sich rosa frbenden Nebel, und die erleuchteten Fenster des
alten Hauses vor ihnen flammten ungewhnlich und sonderbar, bereits den
Widerschein des Morgenhimmels in ihren Scheiben spiegelnd. Ugo hatte
aufgehrt, sein Quartett vor sich hinzupfeifen und rauchte schweigend eine
Zigarette. Als sie an der Terrasse vorbergingen, hrte Wanja deutlich
Russisch sprechen und blieb stehen.

Sie werden also noch lange in Italien bleiben?

Ich weiss nicht, Sie sehen ja, wie schwach Mama ist; aus Neapel werden wir
nach Lugano gehen, aber wie lange wir dort bleiben werden, weiss ich
nicht.

So lange werde ich Sie nicht sehen, Ihre Stimme nicht hren drfen . . .
begann eine mnnliche Stimme. -- Vielleicht vier Monate, unterbrach sie
hastig eine weibliche. -- Vier Monate! wiederholte, wie ein Echo, die
erste. -- Ich glaube nicht, dass Sie sich langweilen werden . . .

Sie schwiegen als sie die Schritte von Wanja und Orsini sich nhern hrten,
und in der Morgendmmerung konnte man nur undeutlich die Gestalt einer
sitzenden Frau und die eines neben ihr stehenden, nicht sehr hohen Mannes
unterscheiden.

Als sie den Saal betraten, aus dem ihnen die etwas drckende Wrme des mit
Menschen gefllten Raumes entgegenschlug, fragte Wanja Ugo:

Wer waren diese Russen?

Anna Blonskaja und einer von euren Knstlern, ich komme eben nicht auf
seinen Namen.

Er scheint in sie verliebt zu sein?

Oh, das wissen alle, ebenso, wie man sein zgelloses Leben kennt.

Ist sie schn? fragte Wanja noch etwas naiv.

Sehen Sie sie an, da kommt sie.

Wanja kehrte sich um und sah ein schlankes, bleiches Mdchen mit glatt ber
die Ohren gekmmtem Haar, feinen Gesichtszgen, einem etwas grossen Munde
und blauen Augen. Ihr folgte nach einigen Minuten vornbergebeugt ein etwa
sechsundzwanzigjhriger Mann mit blondem Spitzbrtchen und sich kruselndem
Haar, stark hervortretenden hellen Augen unter dichten, wie altes Gold
gefrbten Brauen und spitzen Faunsohren.

Er liebt sie und fhrt ein ausschweifendes Leben, und das eine ist, wie
das andere, allgemein bekannt? fragte Wanja.

Ja, er liebt sie zu sehr, um in ihr das Weib zu erblicken. Russische
Phantasien! fgte der Italiener hinzu.

Man begann aufzubrechen und ein dicker Geistlicher wiederholte, die Augen
verdrehend:

Seine Heiligkeit ermdet so sehr, ermdet so sehr . . .

Ein heller Sonnenstrahl blitzte in die Fenster, und man hrte das dumpfe
Gerusch der vorfahrenden Wagen.

Also auf Wiedersehen in Florenz, sagte Orsini, Wanja die Hand drckend.

Ja, morgen reise ich.

                   *       *       *       *       *

Sie lagen alle auf den bunten gesteppten Polstern, mit denen die
Fensterbretter belegt waren: Signora Poldina und Filumena in einem,
Scholastica mit der Kchin Santina im anderen Fenster, als Monsignore mit
Wanja durch die schmale, dunkle und khle Gasse vor dem alten Hause mit dem
eisernen Klopfring statt einer Klingel, vorfuhr. Als die erste Woge des
Lrmes, der Freudenrufe und Schreie bei der Begrssung verebbt war, liess
Signora Poldina allein den Strom ihrer Beredsamkeit sich ergiessen.

Ullyss sagt, >ich bringe einen russischen Signor mit, er wird bei uns
leben<. Ullyss, du scherzest, niemals hat jemand bei uns gelebt; er ist ein
Prinz, ein russischer Edelmann, wie werden wir ihn verpflegen? -- Ja, was
dem Bruder einfllt, das macht er auch. Wir dachten, dass der russische
Signor gross und dick sein werde, wie Herr Buturlin, den wir hier gesehen
haben, und jetzt kommt dieser Knabe an, so ein schlanker, so ein Tubchen,
so ein Cherubino, und die greisenhafte Stimme Signora Poldinas klang in
sssen Kadenzen aus.

Monsignore fhrte Wanja in die Bibliothek, um ihm seine Bcher zu zeigen
und die Schwestern entfernten sich in die Kche und in ihr Zimmer.
Monsignore stieg, die Soutane hochgerafft, auf der Leiter empor, so dass
man seine dicken mit zu Hause gestrickten schwarzen Strmpfen bespannten
Waden und die bermssig derben Schuhe sehen konnte; er las laut mit der
Intonation des Geistlichen die Titel der Bcher, die seiner Meinung nach
Wanja interessieren konnten und berging die brigen schweigend. Er war
trotz seiner fnfundsechzig Jahre stmmig und rotbckig, eigensinnig,
beschrnkt und lehrhaft. Auf den Bcherbrettern standen und lagen
italienische, lateinische, franzsische, spanische, englische und
griechische Bcher. Thomas von Aquino neben Don Quixote, Shakespeare mit
Heiligenlegenden, Seneka mit Anakreon zusammen.

Ein konfisziertes Buch, erklrte der Kanonikus, der den erstaunten Blick
Wanjas aufgefangen hatte und einen kleinen illustrierten Band Anakreon
beiseite schob: Hier gibt es viele, bei meinen Beichtkindern konfiszierte
Bcher. Mir knnen sie keinen Schaden antun.

Das ist Ihr Zimmer! sagte Mori, Wanja in einen grossen quadratischen Raum
fhrend, der mit blulichen Tapeten ausgeklebt war. Vor den Fenstern hingen
weisse Vorhnge, in der Mitte des Zimmers stand ein Himmelbett; den Schmuck
der ziemlich kahlen Wnde bildeten ein paar Stiche von Heiligen und der
Madonna >vom guten Rat<, ein einfacher Tisch, das Bcherbrett mit
Erbauungsschriften, die bemalte Wachsfigur des heiligen Luigi Gonzaga, in
ein aus Stoff genhtes Kleid enfant de choeur gehllt, unter dem Glassturz
auf der Kommode, das Weihwasserbecken an der Tr vervollstndigten die
Einrichtung des Zimmers und gaben ihm das Aussehen einer Klosterzelle, das
nur durch das Pianino an der Balkontr und den Toilettentisch am Fenster
beeintrchtigt wurde.

Die Katze, ach, die Katze, wirst du wohl gehen! und Poldina strzte sich
auf den fetten weissen Kater, der zur Vervollstndigung der Feier im Saal
erschienen war.

Weshalb verjagen Sie ihn denn? Ich liebe Katzen sehr, bemerkte Wanja.

Der Signor liebt Katzen! Ach, mein Shnchen! Ach, mein Tubchen! Filumena,
bring einmal Miscina mit den Jungen her, ich will sie dem Signor zeigen
. . . Ach, mein Tubchen!

Sie durchstreiften vom Morgen an Florenz und Monsignore erzhlte mit
singender lauter Stimme Ereignisse, Anekdoten und Tatsachen des XIV., wie
des XX. Jahrhunderts, gab mit gleicher Begeisterung die Skandalchronik der
Gegenwart, wie die Histrchen aus Vasari wieder; inmitten belebter
Quergassen blieb er stehen, um seine schnrednerischen, meist anklagenden
Perioden zu entwickeln, sprach Vorbergehende an, unterhielt sich mit
Pferden und Hunden, lachte laut, sang vor sich hin, und die ganze
Atmosphre um ihn mit seiner etwas plebejischen Hflichkeit, seiner ein
wenig groben Delikatesse, in seiner Belehrung ebensowenig spitzfindig, wie
in seiner Heiterkeit, erinnerte an die Atmosphre Sacchettischer Novellen.
Mitunter, wenn der Vorrat an Geschichten seinem Bedrfnis, in Bildern, mit
Intonation und Gesten zu reden, aus der Unterhaltung ein primitives
Kunstwerk zu machen, nicht mehr entsprach, kehrte er zu den allerltesten
Novellisten zurck und gab sie mit naiver Rhetorik und berzeugung zum
besten. Er kannte alle und alles und jede Ecke, jeder Stein seines Toskana
und geliebten Florenz hatte seine Legenden, seine historischen Anekdoten.
Er fhrte, den Umstand, dass Wanja sich auf der Durchreise befand,
ausnutzend, seinen Schtzling berall umher. Da gab es vor dem Bankrott
stehende Marchesen, und Grafen, die in vernachlssigten Palsten wohnten,
Karten spielten und sich mit ihren Lakaien um das Spiel zankten; da gab es
Ingenieure und rzte, Kaufleute, die einfach, nach alter Art:
haushlterisch und zurckgezogen lebten; anfangende Musiker, die nach
Puccinis Ruhm strebten und ihn mit bartlosen, dicken Gesichtern und
Krawatten zu kopieren versuchten; ferner war da ein feister, wichtiger und
wohlwollender persischer Konsul, der mit sechs Nichten unterhalb von San
Miniato lebte; Apotheker; Jnglinge, die als Laufburschen fungierten; zum
Katholizismus bekehrte Englnderinnen und schliesslich auch noch M-me
Monier, eine sthetin und Knstlerin, die mit einer ganzen Gesellschaft von
Gsten in Fiesole eine mit zarten Frhlingsallegorien ausgemalte Villa
bewohnte, von der man einen Ausblick auf Florenz und das Arnotal genoss.
M-me Monier war immer heiter, klein von Wuchs, schwatzhaft, rothaarig und
schrecklich hsslich.

Sie waren am Tisch auf der Terrasse sitzengeblieben. Die Teller auf dem
rosa Tischtuche sahen in der sich bereits herabsenkenden Dmmerung wie
schwarzrote Blutlachen aus, und der Duft von Zigarren, Erdbeeren und dem
Wein in den nicht geleerten Glsern mischte sich mit dem Blumenduft im
Garten. Man hrte eine Frauenstimme im Hause alte Lieder singen, hin und
wieder wurde sie durch ein kurzes Schweigen oder eine lngere Unterhaltung
und Lachen unterbrochen; als drinnen Licht gemacht wurde, sah die jetzt
schon halbdunkle Terrasse wie eine Dekoration zu Maeterlincks >L'Intrieur<
aus. Und der blasse und bartlose Ugo Orsini mit der roten Nelke im
Knopfloch erzhlte weiter:

Sie knnen sich keine Vorstellung machen, an was fr ein Frauenzimmer er
sich fortwirft! Wenn der Mensch nicht Asket ist, so gibt es kein grsseres
Verbrechen, als keusche Liebe. Er liebt die Blonskaja und sehen Sie bloss,
mit wem er sich abgibt: gut an der Cyb sind nur die lasterhaften
Nixenaugen in ihrem bleichen Gesicht. Ihr Mund, ach, ihr Mund! -- hren Sie
nur, wie sie spricht; es gibt keine Gemeinheit, die sie nicht wiederholte,
und jedes ihrer Worte ist vulgr! Wie bei jenem Mdchen im Mrchen springt
mit jedem Wort, das sie sagt, eine Krte oder eine Maus aus ihrem Munde.
Tatschlich! . . . Und sie wird ihn nicht loslassen: er wird die Blonskaja
und sein Talent und alles auf der Welt fr dieses Weib vergessen. Der
Mensch in ihm geht zugrunde und vor allem der Knstler.

Und Sie glauben, wenn die Blonskaja . . . wenn er die anders lieben wrde,
dass er dann mit der Cyb brechen knnte?

Ich glaube, ja.

Nach einigem Schweigen begann Wanja wieder schchtern:

Und ihn selbst halten Sie wirklich einer keuschen Liebe nicht fr fhig?

Sie sehen, was dabei herauskommt! Man braucht ihn nur anzuschauen, um das
zu verstehen. Ich behaupte nichts, weil man fr nichts einstehen kann, aber
ich sehe, dass er zugrunde geht, und sehe auch woran, und das macht mich
wtend, weil ich ihn sehr liebhabe und ihn schtze, und deshalb hasse ich
gleichermassen die Cyb, wie die Blonskaja.

Orsini rauchte seine Zigarette zu Ende und ging ins Haus, und Wanja, der
allein zurckblieb, dachte an den jungen Knstler mit der gebeugten
Haltung, mit den blonden Locken und dem Spitzbrtchen und den hellen,
grauen, stark vortretenden Augen unter den wie altes Gold gefrbten Brauen,
Augen, die gleichzeitig spttisch und traurig blickten. Und ihm fiel, er
wusste selbst nicht weshalb, Stroop ein.

Aus dem Saal schallte M-me Moniers affektierte Vogelstimme herber:

Erinnern Sie sich an Segantinis Genius mit den mchtigen Flgeln ber dem
Liebespaar, beim Quell auf den Hhen? Die Verliebten selbst mssten Flgel
haben, wie alle, die khn, frei sind, wie alle, die lieben.

Ein Brief von Iwan Strannik; welche liebe Frau! Sie sendet uns Grsse und
den Segen Anatol Frances. Ich ksse deinen Namen, grosser Meister.

Ihre eigene Komposition? Zu d'Annunzios Worten? Natrlich,
selbstverstndlich, warum singen Sie denn nicht?

Und man hrte das Gerusch zurckgeschobener Sthle, den Klang des
Klaviers, auf dem laute und stolze Akkorde angeschlagen wurden, und die
Stimme Orsinis, der mit etwas grober Leidenschaft eine breite, ein wenig
banale Melodie einsetzte.

Ob, wie mich das freut! Onkel, sagen Sie? grossartig! . . . zwitscherte
M-me Monier, ganz in Rosa, rothaarig, hsslich und kokett, auf die Terrasse
hinaustretend.

Sie sind hier? rief sie, Wanja erblickend. Eine Neuigkeit! Ein Landsmann
von Ihnen ist angekommen. Aber er ist kein Russe, obgleich er in Petersburg
lebt. Ein guter Freund von mir; er ist Englnder. Wie? Was? warf sie hin
und lief, ohne die Antwort abzuwarten den Ankommenden auf der Fahrstrasse
zum Garten entgegen, der jetzt schon im Mondschein dalag.

Um Gottes willen, gehen wir, ich frchte mich, ich will das nicht, gehen
wir, ohne uns zu verabschieden, gleich, augenblicklich! drngte Wanja den
Kanonikus, der vor seinem Gefrorenen sass und ihn erstaunt ansah.

Nun ja doch, mein Kind! Aber ich begreife nicht, weshalb Sie sich
aufregen; gehen wir, ich suche bloss noch meinen Hut.

Schneller, schneller, cher pre! verging Wanja vor grundloser Angst.
Hierher, hierher, dort kommen sie! zog er den Kanonikus von der Strasse,
auf der Pferdegetrappel und Wagenrollen hrbar wurden, in einen Seitengang,
und an der nchsten Wendung stieg, ganz nahe bei ihnen, um das Haus auf
einem Fusspfade zu erreichen, M-me Monier mit einigen ihrer Gste aus dem
Wagen, und ohne dass ein Versehen mglich war, erkannte Wanja im hellen
Mondschein Stroop.

Bleiben wir, flsterte Wanja, den Arm des Kanonikus drckend, der
deutlich sah, wie das lchelnde, erregte Gesicht seines Schtzlings sich
mit tiefem, sogar im Mondlicht bemerkbarem Rot berzog.

                   *       *       *       *       *

Sie fuhren in zweirdrigen mit Eseln bespannten Wagen durch die Pforte des
Hauses, das schon im XIII. Jahrhundert erbaut war und einen Brunnen im
Speisesaal des zweiten Stockes fr den Belagerungsfall besass, einen Kamin
hatte, in dem sich bequem eine Htte htte unterbringen lassen, und eine
Bibliothek, Portrts und eine Kapelle beherbergte. Fr den Fall, dass es
beim Aufstieg kalt sein sollte, brachten Diener Mntel und Plaids an die
Wagen, andere Diener waren mit Mundvorrten vorausgeschickt worden. Aus
Florenz waren sie mit der Bahn bis Borgo San Lorenzo und dann mit Pferden
an Scarperia mit dem Schlosse und den Stahlwarenfabriken und an Santa
Agatha vorbei weitergefahren, und eilten das Frhstck zu beenden, um noch
vor Anbruch der Dunkelheit von den Bergen zurckzukehren. Man unterhielt
sich nicht, nur das Klappern von Gabeln und Messern und gleichzeitig auch
schon das der Kaffeelffel war zu hren. Sie fuhren durch Weingrten, an
Molkereien unter Kastanien vorbei, immer hher und hher auf dem sich
schlngelnden Wege empor, es kam dabei vor, dass der erste Wagen sich
gerade oberhalb des letzten befand, die sdliche Vegetation wurde von
Birken, Fichten, Moosen und Veilchen abgelst und man sah die Wolken schon
unter sich. Noch bevor sie den Gipfel des Giuogo erreicht hatten, von wo
man, wie es hiess, das Adriatische und das Mittelmeer sehen knne,
erblickten sie pltzlich an einer Biegung Fierenzuola unter sich, das wie
ein Haufen rotgrauer Steine aussah, und die sich Fanza zu windende
Heerstrasse, ber die eine altmodische Diligence hinkroch. Der Omnibus
machte halt, um eine Frau aussteigen zu lassen und der Kutscher auf dem
hohen Bocke rauchte friedlich in Erwartung des Zeichens zum Weiterfahren.

Wie das an Goldoni, seligen Angedenkens, erinnert! Welch eine bezaubernde
Schlichtheit! geriet M-me Monier in Entzcken, und liess ihre Peitsche mit
dem roten Griffe knallen. Man setzte ihnen in der verrucherten Taverne,
die wie eine Ruberhhle aussah, Rhrei, Kse, Chianti und Salami vor, und
die Wirtin, ein einugiges, sonnverbranntes Weib, hrte, die Wange auf die
Lehne eines hlzernen Stuhles gedrckt, zu, wie ein Mann mit schwarzen
Brauen und grossen Augen, in Hemdsrmeln, einen grn gewordenen Filzhut auf
dem Kopfe, den Herrschaften ihre Geschichte erzhlte:

Es war schon lngst bekannt, dass Beppo nachts hierher komme . . . Die
Carabinieri sagten zu ihr: >Tante Pasqua, verschmhe unser Geld nicht,
Beppo muss ja doch in unsere Hnde fallen.< Sie berlegte sich's und konnte
sich lange nicht entschliessen . . . sie ist eine ehrliche Frau, sehen Sie
sie nur an . . . Aber Schicksal ist Schicksal; einmal kam er von der
Hochzeit eines Landsmannes betrunken zurck und legte sich schlafen . . .
Pasqua hatte die Carabinieri frher verstndigt und pfiff, das Gewehr und
die Messer hatte sie Beppo schon vorher abgenommen. Was konnte er machen?
Er war ein Mensch, Signori.

Wie er fluchte! Als er schon gefesselt war, schleuderte er diese Bank hier
mit den Fssen ins Zimmer, warf sich auf die Erde und fing an sich
herumzuwlzen! sagte Pasqua mit heiserer Stimme und ihre Zhne und das
einzige Auge, das sie besass, blitzten dabei, whrend ihre Lippen
lchelten, als erzhle sie die angenehmsten Geschichten.

Ja, ja, sie ist ein ganzer Kerl, die Pasqua, wenn sie auch nur ein Auge
hat! Noch ein Glschen? forderte der brtige Mann auf und klopfte der
Wirtin auf die Schulter.

Smurow, Orsini! Gehen Sie bitte rasch nach oben zurck, ich habe meinen
Sonnenschirm vergessen. Ihr seid die Letzten, wir warten auf euch! Wie?
Was? Den Sonnenschirm, den Sonnenschirm, rief M-me Monier aus dem ersten
Wagen, ihr lchelndes hssliches rosa Gesicht zurckwendend und hielt ihr
Eselgespann auf.

Die Taverne war leer, der noch nicht abgerumte Tisch, die verschobenen
Bnke und Sthle erinnerten an die Gste, die eben hier gewesen waren, und
hinter dem Vorhang, wo das Bett stand, hrte man Seufzen und leises
Geflster.

Ist niemand da rief Orsini auf der Schwelle. Eine Signora hat ihren
Schirm hier stehen lassen, habt ihr ihn nicht gesehen?

Hinter dem Vorhang wurde wieder geflstert; dann kam Pasqua mit verwhltem
Haar, ohne Tuch und Mieder heraus, im Gehen ihren schmutzigen Rock
zurechtrckend, hager und ungeachtet ihrer Jugend, so schrecklich alt, und
zeigte schweigend auf den weissen, spitzenbesetzten Sonnenschirm mit einem
unbestimmten gelblichen Muster und einem weissen Griff. Hinter dem Vorhang
rief eine Mnnerstimme: Pasqua, hrst du, Pasqua? Wird's bald? Sind sie
schon fort?

Gleich, antwortete das Weib mit heiserer Stimme und steckte sich, vor die
Spiegelscherbe an der Wand tretend, die rote Nelke, die Orsini vergessen
hatte, ins verwhlte Haar.

                   *       *       *       *       *

Sie waren fast die einzigen im Theater, die mit ganzer Aufmerksamkeit
Isoldens Ergssen vor Brangne folgten und fast nicht bemerkten, wie der
Knig mit beiden Kniginnen die Loge der Szene gegenber betrat und sich,
nachdem er dem Publikum, das ihn mit Rufen begrsste, eine ungeschickte
Verbeugung gemacht hatte, auf einen Stuhl an der Balustrade niederliess.
Das sentimentale und harte Gesicht des kleinen Mannes mit dem grossen Kopfe
und dem Schnurrbart hatte den gelangweilten Ausdruck eines von Geschften
in Anspruch genommenen Menschen. Obgleich es keine Pause war, war der Saal
voll erleuchtet: die Damen in den Logen, in Dcollet und Halsschmuck,
sassen fast mit dem Rcken zur Bhne und plauderten lchelnd; die Herren
mit Blumen im Knopfloch, gelangweilt und korrekt, machten von Loge zu Loge
Besuche. Es wurde Gefrorenes herumgereicht, und die lteren Herren sassen
im Hintergrunde der Logen, in vor sich ausgebreitete Zeitungen vertieft.

Wanja, der zwischen Stroop und Orsini sass, hrte nicht das Flstern und
Gerusch ringsumher und war ganz vom Gedanken an Isolde in Anspruch
genommen, der aus dem Rauschen der Bltter Hifthrner zu erklingen
schienen.

Das ist die Apotheose der Liebe! Ohne Nacht und Tod wre es das hchste
Lied der Leidenschaft und die Konturen der Melodie und der Szene selbst,
wie rituell sind sie, wie hneln sie ergreifenden Hymnen! sagte Orsini zu
Wanja, der bleich geworden war.

Stroop sah, ohne sich umzukehren, durch das Opernglas zur
gegenberliegenden Loge hinber, wo nahe nebeneinander der blonde Knstler
und eine kleine Frau sassen. Sie hatte rabenschwarzes gewelltes Haar. Ein
Paar riesige farblose Augen starrten aus ihrem ungeschminkten Gesicht mit
dem grossen tiefroten Munde und dem vulgren Kinn, das von grenzenloser
Entschlossenheit sprach. Sie trug ein grellgelbes goldbesticktes Kleid und
war prtentis auffallend. Und Wanja hrte mechanisch den Berichten von den
Abenteuern dieser Veronica Cyb zu, in denen viele Namen von Mnnern und
Weibern genannt wurden, die sie alle zugrunde gerichtet hatte.

Eine Nichtswrdige ist sie, diese Canaille, hrte er Ugos Stimme, ein
Typus aus dem XVI. Jahrhundert.

Bah, das ist viel zu vornehm fr sie! Einfach eine schmutzige Dirne, und
aus dem Munde der korrekten Herren, die gierig zum gelben Kleide und den
lasterhaften Nixenaugen hinberugten, kamen die grbsten Bezeichnungen.

Wenn Wanja sich, selbst mit einer ganz harmlosen Frage, an Stroop wandte,
wurde er rot und lchelte und es machte den Eindruck, als sprche er mit
einem Freunde nach einem strmischen Zwist oder mit einem Rekonvaleszenten,
der eine schwere Krankheit berstanden.

Ich denke immer an Tristan und Isolde, sagte Wanja zu Orsini, im Korridor
auf und ab gehend. Es ist eine ideale Darstellung der Liebe, eine
Apotheose der Leidenschaft, aber wenn man die ussere Seite und das Ende
der Geschichte in Betracht zieht, ist es dann eigentlich nicht ganz
dasselbe, was wir in der Taverne auf dem Giuogo gesehen haben?

Ich verstehe nicht ganz, was Sie sagen wollen. Beunruhigt Sie das
Vorhandensein der fleischlichen Vereinigung?

Nein, aber jede reale Handlung hat etwas Komisches und Beschmendes:
Isolde und Tristan mussten doch ihre Kleider aufknpfen und ausziehen,
Mntel und Beinkleider waren auch damals schon ebensowenig poetisch, wie
unsere Rcke.

Welche Gedanken! Das ist komisch! lachte Orsini auf, und sah Wanja
verwundert an. Das ist doch immer so; ich verstehe nicht was Sie
eigentlich wollen.

Wenn die nackte Tatsache ein und dieselbe ist, ist es da nicht
gleichgltig, wie man zu ihr gelangt, ob nun in weltenerfllender Liebe
oder in tierischer Brunst?

Was haben Sie? Ich erkenne den Freund des Kanonikus Mori nicht wieder! Es
ist selbstverstndlich, dass die nackte Tatsache nicht wichtig ist,
sondern, dass es auf die Stellungnahme zu ihr ankommt, und die emprendste
Tatsache, die unglaublichste Situation kann durch die Stellungnahme zu ihr
gerechtfertigt und gelutert werden, sagte Orsini ernst und fast lehrhaft.

Vielleicht ist das auch, trotz seiner Erbaulichkeit, wahr, bemerkte Wanja
lchelnd und setzte sich neben Stroop, den er aufmerksam betrachtete.

                   *       *       *       *       *

Sie kamen etwas zu frh auf den Bahnhof, um M-me Monier zu begleiten, die
vor der Saison in Paris zwei Wochen in der Bretagne zubringen wollte. Auf
dem blassgelben Himmel leuchteten die Kugeln der elektrischen Lampen, man
hrte rufen: Pronti, partenza, die Reisenden eilten zu den frher
abgehenden Zgen, und aus dem Bfett klangen ununterbrochen Bestellungen
und das Klappern der Lffel herber. In Erwartung des Zuges tranken sie
Kaffee; auf einem ausgebreiteten Figaro lag ein Bukett
Gloire-de-Dijon-Rosen neben den Handschuhen von M-me Monier, die in einem
maisfarbenen Kleide mit blassgelben Bndern abseits sass, die Herren
witzelten ber die eben gelesenen politischen Tagesneuigkeiten, da erschien
am nchststehenden Tische Veronica Cyb im Reisekleide mit
heruntergezogenem grnem Schleier, der Knstler folgte ihr mit einem
Porteplaid und dem Trger mit dem Gepck.

Sehen Sie doch, sie reisen fort! Er geht endgltig zugrunde! sagte Ugo,
der sich mit dem Knstler begrsst hatte, als er zu seiner Gesellschaft
zurckkehrte.

Wohin reisen sie denn? Sieht er denn gar nichts? Ah, diese Canaille, diese
Canaille!

Die Cyb hob den Schleier, sie sah blass und herausfordernd aus, und wies
stumm dem Trger den Platz, wohin er die Sachen stellen sollte, dann legte
sie ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters, als ergriffe sie Besitz von
ihm.

Sehen Sie da -- die Blonskaja! Wie sie es bloss erfahren hat. Ich beneide
weder sie noch die Cyb, flsterte M-me Monier, whrend die andere Frau,
die ganz in Grau gekleidet war, schnell auf den Knstler und seine
Begleiterin zuging. Der Knstler sass mit dem Rcken zu ihr und konnte sie
nicht sehen, die Cyb starrte bewegungslos mit ihrem Nixenblick vor sich
hin. Als die Blonskaja dicht vor beiden stand, sagte sie leise auf
russisch:

Sergej, wohin und weshalb reisen Sie? Und weshalb ist das ein Geheimnis
fr mich, fr uns alle? Sind Sie denn nicht unser aller Freund? Es ist
einerlei, ich weiss . . . ich weiss, dass das Ihr Untergang ist! Vielleicht
trage ich selbst Schuld daran und kann etwas wieder gutmachen?

Die Cyb starrte die Blonskaja bewegungslos an, als sei sie blind und she
sie nicht.

Vielleicht hlt es Sie zurck, wenn ich Sie heirate? Dass ich Sie liebe,
wissen Sie.

Nein, nein, ich will nicht! stiess er grob hervor, als befrchte er
nachgeben zu knnen.

Kann denn hier wirklich nichts helfen? Ist das denn wirklich unabwendbar?

Vielleicht. Vieles geschieht zu spt.

Sergej, kommen Sie zu sich! Kehren Sie zurck, es wird ja nicht nur der
Knstler in Ihnen zugrunde gehen, sondern Sie selbst richten sich
zugrunde.

Was soll das Gerede? Es ist zu spt gut zu machen, und dann will ich es
auch so! Die Cyb heftete jetzt ihre Augen auf ihn.

Nein, Sie wollen es nicht so, sagte die Blonskaja.

Weiss ich am Ende selbst nicht, was ich will?

Sie wissen es nicht. Und welch ein Knabe Sie sind, Sergej.

Die Cyb hatte sich erhoben, um dem Trger, der den Handkoffer voraustrug,
zu folgen und wandte sich geruschlos ihrem Begleiter zu; dieser erhob
sich, seinen Mantel anziehend, ohne der Blonskaja zu antworten.

Sergej, Sie reisen also doch, Sergej?

M-me Monier verabschiedete sich, laut zwitschernd, von ihren Freunden und
nickte schon hinter dem Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen hervor aus dem Waggon
die letzten Grsse. Als sie zurckgingen, sahen sie die Blonskaja, die ganz
in Grau, auf ihren Sonnenschirm gesttzt, zu Fuss ging.

Es ist, als wren wir auf einem Begrbnis gewesen, bemerkte Wanja.

Es gibt Leute, die jeden Augenblick auf ihrem eigenen Begrbnis zu sein
scheinen, meinte Stroop, ohne Wanja anzusehen.

Wenn ein Knstler zugrunde geht, so ist das sehr schwer.

Es gibt Menschen, die Knstler des Lebens sind; ihr Untergang ist nicht
weniger schwer zu ertragen.

Und es gibt Dinge, fgte Wanja hinzu, die zu tun es mitunter zu spt
ist.

Ja, es gibt Dinge, die zu tun es mitunter zu spt ist, wiederholte
Stroop.

                   *       *       *       *       *

Sie traten in eine niedrige Kammer, die nur durch die offenstehende Tr
erleuchtet wurde, und in der ein alter Schuster mit einer runden Brille,
wie auf einem Bilde von Dou, ber einen Stiefel gebckt sass. Nach der
Sonne auf der Strasse war es khl. Es roch nach Leder und Jasmin, von dem
einige Blten in einer Flasche ganz oben unter der Oberlage auf dem letzten
Brett eines Regals mit Stiefeln standen; der Geselle betrachtete den
Kanonikus, der mit gespreizten Beinen, sich das Gesicht mit einem roten
Seidentuche wischend, dasass. Und der alte Giuseppe sagte mit singendem
gutmtigem Ton:

Was bin ich? Ich bin bloss ein armer Handwerker, aber es gibt Knstler,
Knstler! Oh, das ist nicht so einfach, einen Stiefel nach den Regeln der
Kunst zu nhen; man muss den Fuss studieren, muss ihn kennen, fr den man
einen Stiefel nhen soll, man muss wissen, wo der Knochen breiter, wo er
schmler ist, wo ein Hhnerauge sitzt, wo das Blatt hher ist, als es
sollte. Kein Mensch hat einen Fuss, wie der andere, und man muss ein
Pfuscher sein, um zu glauben, dass jeder Stiefel auf jeden Fuss passt. Und
ach, was fr Fsse gibt es, Signori! Und alle mssen gehen. Gott der Herr
hat den Fuss mit fnf Zehen und einer Ferse ausgestattet, und doch hat
alles andere, verstehen Sie, ebenso seine Berechtigung. Und wenn einer
sechs oder vier Zehen hat, so hat doch auch Gott der Herr selbst ihm solche
Fsse gegeben und er muss gehen, wie andere Leute, das muss der
Schuhmachermeister dann wissen und es mglich machen.

Der Kanonikus trank, laut schluckend, Chianti aus einem grossen Glase und
fchelte mit seinem breitrandigen Hut die Fliegen weg, die sich ihm auf die
mit Schweisstropfen bedeckte Stirn setzten; der Geselle fuhr fort, ihn zu
betrachten und Giuseppes Rede klang monoton, singend und einschlfernd.

Als sie ber den Platz vor der Kathedrale ins Restaurant Giotto gingen, wo
die Geistlichkeit zu verkehren pflegte, begegneten sie dem alten Grafen
Ghidetti, der geschminkt, eine Percke auf dem Kopfe, daherkam und sich
fast auf die beiden blutjungen Mdchen sttzte, die bescheiden und ehrbar
ihm zur Seite gingen. Wanja fielen die Geschichten ein, die ber den
entnervten Greis, ber seine sogenannten >Nichten<, ber die Erregungen
erzhlt wurden, die die abgestumpften Sinne des alten Wstlings mit dem
leichenhaften, geschminkten Gesicht und den von Geist und Witz sprhenden,
lebhaften Augen, erheischten; ihm fielen seine Gesprche ein, bei denen aus
dem stammelnden Munde Paradoxa, Witze und Geschichten hervorsprudelten, wie
sie in unserer Zeit immer seltener werden, und er hrte Giuseppes Stimme
sagen: Wenn einer auch sechs oder nur vier Zehen hat, so hat doch Gott der
Herr selbst ihm solche Fsse gegeben, und er muss gehen, wie andere Leute.

Die Steine, die Mauern wurden rot, als der Prozess des Grafen verhandelt
wurde, sagte Mori, in das Zimmer links tretend, das von schwarzen
Gestalten Geistlicher und einiger weniger weltlicher Personen gefllt war,
die am Freitage Fastenspeisen zu essen wnschten. Eine ltliche Englnderin
unterhielt sich mit einem glattrasierten Jngling in stark gebrochenem
Franzsisch.

Wir Konvertiten lieben den Katholizismus um so mehr, sind uns tiefer der
ganzen Schnheit und Anmut seines Ritus, seiner Dogmen und Disziplin
bewusst.

Arme Frau, erluterte der Kanonikus, seinen Hut neben sich auf die
Holzbank legend, sie stammt aus einer reichen, guten Familie, und jetzt
luft sie umher und gibt Stunden, leidet Not, denn sie ist des wahren
Glaubens teilhaftig geworden und alle haben sich von ihr losgesagt.

Risotto! Dreimal.

Wir waren unser dreihundert, als wir aus Pontasieve aufbrachen, Pilger zur
Annunziata gibt es immer genug. Der heilige Georg, der Erzengel Michael,
die heilige Jungfrau, mit solchen Beschtzern braucht man sich im Leben vor
nichts zu frchten! verschwamm die Stimme der Englnderin im allgemeinen
Lrm.

                   *       *       *       *       *

Er war aus Bithynien gebrtig; Bithynien ist mit seinen grnenden Bergen,
Wildbchen, Triften die Schweiz Kleinasiens, und er selbst war Hirt, bevor
Hadrian ihn zu sich nahm; er begleitete seinen Imperator auf dessen Reisen,
und auf einer solchen hat er auch in gypten den Tod gefunden. Es waren
damals dunkle Gerchte im Umlauf, dass er sich selbst den Gttern fr das
Leben seines Beschtzers zum Opfer gebracht und den Tod im Nil gesucht
habe, andre behaupteten, er sei ertrunken, wie er beim Baden Hadrian retten
wollte. In seiner Todesstunde entdeckten die Astronomen einen neuen Stern
am Himmel; sein vom Nimbus des Geheimnisvollen umgebener Tod belebte die
Kunst, die bereits zu stagnieren begann, seine ungewhnliche Schnheit
wirkte nicht nur auf die Kreise des Hofes, und der untrstliche Imperator,
der seinen Liebling ehren wollte, verleibte ihn der Zahl der Gtter ein,
stiftete ihm zu Ehren Spiele, grndete Palstren, baute Tempel, rief Orakel
ins Leben, in denen er zu Anfang selbst in altem Versmass die Antworten
schrieb. Aber es wre ein Irrtum, anzunehmen, dass der neue Kultus nur mit
Gewalt im Kreise der Hflinge verbreitet worden, offiziell gewesen und mit
seinem Begrnder gefallen sei. Wir finden noch mehrere Jahrhunderte spter
Vereine zu Ehren der Diana und des Antinous, deren Zweck Beerdigung ihrer
Mitglieder auf Vereinskosten, Veranstaltung gemeinsamer Mahlzeiten und
schlichter Gottesdienste war. Die Mitglieder dieser Vereine -- Prototypen
der ersten Christenvereinigungen -- waren Leute der rmsten Volksschichten,
und auf uns ist ein ganzes Statut einer hnlichen Einrichtung gekommen. So
gewinnt im Laufe der Zeit die Gttlichkeit des Kaiserlieblings den
Charakter einer nchtlichen, dem Leben nach dem Tode angehrigen Gottheit,
die bei den Alten sehr populr war, freilich nicht die Verbreitung des
Mithrakultus erreichte, aber doch eine der strksten Strmungen der
Vergttlichung des Menschen darstellte.

Der Kanonikus klappte das Heft zu, sah Wanja ber die Brillenglser an und
bemerkte:

Wir haben mit der Sittlichkeit der heidnischen Imperatoren nichts zu
schaffen, mein Kind, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass das
Verhltnis Hadrians zu Antinous selbstredend keineswegs das vterlicher
Liebe war.

Wie sind Sie darauf verfallen ber Antinous zu schreiben? fragte Wanja
gleichgltig, mit ganz anderen Gedanken beschftigt, und ohne den Kanonikus
anzusehen.

Ich habe Ihnen vorgelesen, was ich heute morgen geschrieben habe, aber ich
schreibe berhaupt ber die rmischen Csaren.

Wanja kam es komisch vor, dass der Kanonikus ber das Leben des Tiberius
auf Capri schreibe, und er konnte die Frage nicht unterdrcken:

Haben Sie auch ber Tiberius geschrieben, cher pre?

Gewiss.

Auch ber sein Leben auf Capri, erinnern Sie sich, wie es bei Sueton
beschrieben wird?

Mori fhlte sich getroffen und meinte hitzig:

Sie haben recht, mein Freund! Es ist frchterlich! Und von diesem Fall,
aus dieser Kloake konnte nur das Christentum, die heilige Lehre, das
Menschengeschlecht erretten.

Gegen Kaiser Hadrian sind Sie nachsichtiger?

Das ist ein grosser Unterschied, mein Freund, hier handelt es sich um
etwas Hheres, obgleich es natrlich eine schreckliche Gefhlsverirrung
bleibt; aber selbst durch die Taufe geluterte Mnner haben nicht immer
erfolgreich gegen diese anzukmpfen vermocht.

Ist es aber, im Grunde genommen, in jedem einzelnen Falle nicht ganz
dasselbe?

Sie befinden sich in einem schrecklichen Irrtum, mein Sohn. Bei jeder
Handlung ist das Verhltnis zu ihr wichtig, ihr Zweck, wie die Ursachen,
die sie veranlasst haben; die Handlungen selbst sind mechanische Bewegungen
unseres Krpers, unfhig irgend jemand zu krnken, am allerwenigsten Gott,
den Herrn. Und er schlug das Heft wieder an der Stelle auf, wo er seinen
dicken Daumen hineingeschoben hatte.

                   *       *       *       *       *

Sie gingen den ussersten rechten Weg der Cascinen entlang, wo zwischen
Bumen, Wiesen und Molkereien und weiter hinter diesen niedrige Berge
sichtbar waren; nachdem sie das Restaurant hinter sich gelassen hatten, das
um diese Tageszeit leer war, nahm die Gegend immer mehr lndliches Aussehen
an. Wchter mit blanken Knpfen sassen hin und wieder auf den Bnken und in
der Ferne tummelten sich Knaben in Soutanen unter Aufsicht eines dicken
Abbate.

Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie einwilligten, hierher zu kommen, sagte
Stroop und liess sich auf eine Bank nieder.

Wenn wir sprechen wollen, so lassen Sie uns das lieber im Gehen tun, ich
begreife dann leichter, bemerkte Wanja.

Ausgezeichnet.

Und sie begannen zu gehen, machten ab und zu halt und setzten dann ihre
Wanderung unter den Bumen wieder fort.

Aus welchem Grunde haben Sie mir Ihre Freundschaft, Ihre Zuneigung
entzogen? Haben Sie den Verdacht gehabt, dass ich an Ida Holbergs Tode
Schuld trage?

Nein.

Weswegen dann? Antworten Sie aufrichtig.

Ich werde aufrichtig antworten: wegen Ihrer Geschichte mit Fjodor.

Glauben Sie?

Ich weiss das, was ist, und Sie werden doch nicht leugnen wollen?

Natrlich nicht.

Jetzt wrde ich mich vielleicht ganz anders dazu verhalten, aber damals
wusste ich noch vieles nicht und hatte ber nichts nachgedacht, und ich
hatte es sehr schwer, denn es schien mir, ich gestehe das ein, dass ich Sie
unwiederbringlich verliere und mit Ihnen auch jeden Weg zur Schnheit des
Lebens.

Sie waren um eine Wiese herumgegangen und setzten jetzt ihre Wanderung
wieder auf demselben Wege fort. In der Ferne spielten Kinder Ball und ihr
lautes Lachen kam, durch die Entfernung gedmpft, zu ihnen herber.

In diesem Falle muss ich morgen nach Bari fahren, aber ich kann auch
bleiben; das hngt jetzt von Ihnen ab; wenn es >nein< sein wird, schreiben
Sie mir -- >fahren<, wenn es >ja< sein wird, schreiben Sie -- >bleiben<.

Welch ein >Nein< und welch ein >Ja<? fragte Wanja.

Sie wnschen, dass ich es Ihnen mit Worten sage?

Nein, nein, es ist nicht ntig, ich verstehe: doch was soll das?

Jetzt muss es so sein. Ich werde bis 1 Uhr warten.

Ich werde in jedem Falle antworten.

Noch eine Anstrengung und Ihnen wachsen Flgel, ich sehe sie schon.

Vielleicht, es ist nur sehr schwer, wenn sie wachsen, sagte Wanja
lchelnd.

                   *       *       *       *       *

Sie waren lange auf dem Balkon sitzengeblieben und Wanja bemerkte erstaunt,
dass er Ugo aufmerksam und sorglos zuhre, als brauche er morgen Stroop
keine Antwort zu geben. Es lag etwas Angenehmes in der Unentschiedenheit
der Situation, der Gefhle und Verhltnisse, eine gewisse Leichtigkeit und
Hoffnungslosigkeit. Ugo fuhr hingerissen fort:

Sie hat noch keinen Namen. Das erste Bild: graues Meer, Felsen, in die
Ferne lockender goldiger Himmel, die Argonauten auf der Suche nach dem
Goldenen Vlies, alles in seiner Neuheit und Unerhrtheit schreckhaft und
man erkennt pltzlich darin die urlteste Liebe und Heimat. Dann:
Prometheus gefesselt und bestraft: >Niemand kann ungestraft das Geheimnis
der Natur ergrnden, ohne ihre Gesetze zu verletzen, und nur der
Vatermrder und Blutschnder wird das Rtsel der Sphinx lsen.< Pasipha
erscheint, blind aus Liebe zum Stiere, schrecklich und von prophetischem
Geiste besessen: >Ich sehe weder des unharmonischen Lebens Buntheit, noch
die Harmonie der prophetischen Trume.< Alle sind entsetzt. Jetzt das
dritte Bild: Auf seligen Gefilden Szenen aus den Metamorphosen, in denen
die Gtter um der Liebe willen allerlei Gestalten annahmen; Ikarus strzt,
es strzt Phaton, Ganymed spricht: >Arme Brder, ich allein von allen, die
zum Himmel aufgestiegen sind, bin dageblieben, weil euch Stolz und
Kinderspielzeug zur Sonne lockte, mich aber hatte die rauschende,
Sterblichen unfassbare Liebe ergriffen.< Es erblhen prophetisch gewaltige,
feurige Blumen: Vgel und Tiere gehen zu Paaren einher und in rosa
flimmerndem Nebel erblickt man die achtundvierzig Beispiele der
menschlichen Vereinigung aus den indischen Lehrbchern der Liebe. Und alles
beginnt sich in doppeltem Kreislauf zu drehen, jedes in seiner Sphre und
in immer weiterem Kreise, immer schneller und schneller, bis alle Umrisse
miteinander verschmelzen und die ganze sich bewegende Masse Form annimmt
und ber dem leuchtenden Meere und den waldlosen, gelben Felsen unter der
unertrglichen Sonne zur gigantischen Gestalt des Zeus-Dionysos-Helios
erstarrt.

                   *       *       *       *       *

Wanja erhob sich nach einer schlaflosen Nacht matt von Seelenqualen und mit
schmerzendem Kopfe, und nachdem er sich absichtlich langsam gewaschen und
angekleidet hatte, schrieb er, ohne die Jalousien zu ffnen, beim Tische,
wo ein Glas mit Blumen stand, langsam hin: Fahren, und nachdem er ein
wenig nachgedacht hatte, schrieb er, ohne sein nicht ganz ausgeschlafenes
Gesicht zu verndern, dazu: Ich fahre mit Ihnen, und ffnete das Fenster
zur Strasse, die in grelles Sonnenlicht getaucht vor ihm lag.


_Gedruckt fr Georg Mller Verlag in Mnchen durch die
Druckerei Mnicke & Jahn in Rudolstadt. Die Vignetten
zeichnete Konstantin Somoff. 25 Exemplare wurden auf Btten
gedruckt, vom Autor signiert und in Ganzleder gebunden._




Anmerkungen zur Transkription


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Foundation as set forth in Section 3 below.

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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     www.gutenberg.org

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