Project Gutenberg's Severins Gang in die Finsternis, by Paul Leppin

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Title: Severins Gang in die Finsternis
       Ein Prager Gespensterroman

Author: Paul Leppin

Illustrator: Richard Teschner

Release Date: November 8, 2012 [EBook #41320]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEVERINS GANG IN DIE FINSTERNIS ***




Produced by Jens Sadowski








Paul Leppin


Severins
Gang in die Finsternis


Ein Prager Gespensterroman




Delphin-Verlag / Mnchen




Den Umschlag und das Frontispiz
zeichnete Richard Teschner in Wien




Copyright 1914 by Delphin-Verlag / Mnchen




Erstes Buch
Ein Jahr aus dem Leben Severins


I.

In diesem Herbste war Severin dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Wenn er
des Nachmittags, von qulender Bureauarbeit zerrttet, nach Hause kam, warf
er sich auf das schwarzlederne Sofa in seiner Kammer und schlief bis zum
Abend. Erst wenn drauen die Laternen angezndet wurden, ging er auf die
Gasse. Nur im Sommer, wenn die Tage lang und glhend waren, fand er noch
die Sonne auf seinen Wegen durch die Stadt. Oder auch an den Sonntagen, wo
der ganze Tag ihm gehrte und er auf seinen Wanderungen seiner kurzen
Studentenzeit gedachte.

Severin hatte nach zwei oder drei Semestern seine Studien aufgegeben und
eine Stellung angenommen. Nun sa er whrend der Vormittage in dem
hlichen Bureau und hielt sein krnkliches und bartloses Bubengesicht ber
die Zahlenreihen gebeugt. Ein ungesunder und nervser Mimut kroch mit der
Zimmerklte durch seinen Krper und dann wurde auch die Unruhe in ihm wach.
Das einfrmige Gleichma machte seine Hnde zittern. Eine lstige Mdigkeit
bohrte in seinen Schlfen und er drckte mit den Fingern die Augpfel in
den Kopf bis sie schmerzten.

Eine verregnete Oktoberwoche lang hatte er Zdenka nicht mehr gesehn. Ihre
Briefe, die ihn tglich zu kommen baten, schob er verrgert beiseite und
beantwortete sie nicht. In dem halblauten Takt seines Blutes begannen sich
Wnsche zu regen, die Zdenka ihm nicht erfllen konnte. Und es war immer
eine gespannte Erwartung, eine krause und absonderliche Neugier, die ihn
befiel, wenn er am Abend, vom Schlafe betubt, auf die Strae trat. Mit
weit geffneten Augen sah er in die Stadt hinein, in der die Menschen sich
wie Schattenbilder bewegten. Der Lrm der Wagen, das Gerassel der
Straenbahn mischte sich mit den Stimmen der Leute zu einem harmonischen
Brausen, in dem ab und zu ein vereinzelter Ruf oder ein Schrei aufklang,
dem er mit einem aufmerksamen Empfinden nachlauschte, als ob ihm eben etwas
Besonderes entgangen sei. Am liebsten waren ihm die Straen, die abseits
von dem groen Getriebe lagen. Wenn er die Augen zusammenkniff und durch
die halbgeschlossenen Lider schaute, bekamen die Huser ein phantastisches
Aussehn. Dann ging er an den Mauern der groen Grten vorbei, die sich an
die Krankenhuser und Institute schlossen. Der Geruch des faulenden Laubs
und der feuchten Erde schlug ihm entgegen. Irgendwo in der Nhe wute er
eine Kirche. Hier war es schon am frhen Abend leer und nur einige
Fugnger kamen. Severin stand im Schatten der Huservorsprnge und dachte
darber nach, warum sein Herz klopfe.

Lag es an dieser Stadt mit ihren dunklen Fassaden, ihrem Schweigen ber
groen Pltzen, ihrer abgestorbenen Leidenschaftlichkeit? Es war ihm immer,
als ob ihn unsichtbare Hnde streiften. Er erinnerte sich, da er auch oft
bei Tage in lngst bekannten und vertrauten Teilen wie in einer neuen
Umgebung gegangen war. Am Sonntagmorgen war er manchmal am Siechenhaus und
der Karlshofer Kirche vorbei in die Sluper Grnde hinuntergestiegen. In ihm
war ein Staunen, da er hier schon seit seiner Kindheit wohnte. Wenn die
Sonne schien und auf den abgebrckelten Stufen schimmerte, mute er an die
Winterabende denken, wenn hier der Schnee in den Gassen trieb und die
Lampen in den Kotpftzen funkelten. Es kam ihm vor, da ein Bann ihn
drckte. Ein bses Verlangen wuchs in ihm auf, den Bann zu lsen und ihn zu
wandeln.

Oft glaubte er, an der eigenen Kargheit verzweifeln zu mssen. Es war eine
Bitterkeit in ihm, die sich in ohnmchtige Flche verrannte; und eine
Mattigkeit, die nach unseligen Stunden verlangte. Zdenka wute nichts von
dem allen. Unmutig, mit zusammengepreten Lippen und aufgeschlagenem
Rockkragen ging er heute durch die Stadt, auf Umwegen der Moldau zu, wo sie
ihn erwartete.

Die lange, geschftige Strae, durch die er schritt, war er jahrelang zur
Schule gegangen. Hier hatte er auf dem Heimwege die ersten Zigaretten
geraucht und hier wurden auch die groen Schlachten beraten, die auf den
Weinberger Schanzen mit den tschechischen Jungen geschlagen wurden. Als
Fhrer und Held hatte er sich niemals dabei hervorgetan, aber er hatte auch
seine Feigheit niemals verraten. Es war fr ihn ein wollstiger und
geheimnisreicher Reiz, den Steinwrfen der Feinde die Stirne zu bieten. Die
Rittergeschichten und Matrosenstreiche, die er zu Hause las, wurden ihm
hier zu einer kleinen aber wahrhaftigen Wirklichkeit, die ihm Wangen und
Hnde hei machte und in stummer Erregung den Atem beklemmte. Seit jener
Zeit hatte es eigentlich kein gleichwertiges Erlebnis mehr in seiner Jugend
gegeben. Aber der blinde Drang, der ihn damals nach der Schule auf die
verlassenen Schanzen zu den Schlgereien trieb, war mit den Jahren ins
Ungemessene gewachsen und prete ihm die Kehle. Manchmal befiel ihn eine
unsinnige Furcht und ein Entsetzen, da sein Leben so im Sande verlaufen
wrde. Seit er erwachsen war und sein Brot verdiente, wuchsen nchterne und
kahle Mauern rings um ihn auf, die ihm die Aussicht versperrten. Wohin er
auch blickte, berall war die alltgliche und stumpfe Gewohnheit um ihn.
Frh ging er zur Kanzlei und ging am Mittag nach Hause; den brigen Tag
verschlief er. Er kam sich vor wie einer, der mit der Schaufel in einer
Grube steht. Er grbt und schaufelt, aber der feine, bewegliche Sand rinnt
immer wieder nach und verschttet die Grube.

Als Kind hatte er einmal ein Buch besessen, das sich niemals ganz aus
seinen Gedanken verlor. Es war der erste Band eines Romanes aus den
Hussitenkriegen. Der zweite Band fehlte und Severin suchte auch nicht
danach. So wie das Buch schlo, mitten im Gange groer Ereignisse, schien
es ihm am schnsten. Da waren Zigeuner darin, die in den Klften der
Teufelsmauer bei Hohenfurt ein Ruberversteck besaen, wilde Krieger, die
in den Schnken um ihre Mdchen wrfelten, Nchte, in denen man im Walde
beim Mondschein nach der Alraunwurzel grub. Ein Zaubergarten kam darin vor,
wo verwachsene Zwerge den Verirrten fften, Wundergrotten sich auftaten und
wo eiserne Lwen rasselnd in der Tiefe versanken, wenn man in ihre Nhe
kam. Und der Komet strahlte blutrot am Himmel und in Bhmen war Krieg. An
dieses Buch dachte Severin, whrend er zu Zdenka ging.

Auf dem Karlsplatze war es still. Nur einige Liebespaare flsterten hinter
dem Gestruch. Severin stie mit dem Fue in die welken Bltter auf den
Wegen. Die elektrischen Lampen brannten schon und hingen wie Monde ber den
Bumen. Zwischen ihrem Lichte hindurch sphte Severin nach den ersten
Sternen. Eine verdrieliche Unrast hielt ihn gefangen, die ihn immer wieder
in den Park zurcktrieb, whrend Zdenka ihn schon erwartete. Er nahm den
Hut in die Hand und die Luft feuchtete seine Haare. Vom Turme des
Strafgerichtsgebudes schlug die Uhr und ihre Schlge hallten langsam durch
die Zweige. Severin lauschte ihnen mit einem bitteren Herzen. Eine weiche
und schwchliche Lsternheit zuckte in seiner Seele nach einem bunten und
heftigen Dasein, wie es in den Kapiteln des Buches zu lesen stand. In einem
verzehrenden Lichte stieg ein ungeheueres und gewaltsames Leben vor ihm
auf. Hinter dem Rande des Karlsplatzes fhlte er die Stadt.

Aus dem Dmmerlichte des Parks trat Severin in die nchste Gasse. Wieder
horchte er in die Gerusche hinein und hrte die Stimmen der Leute. Ein
wenig von der Erkenntnis dmmerte in ihm auf, da die Menschen es sind, die
das Leben bedeuten. Da im Spiel mit ihnen das alles war, was ihm Schmuck
und Inhalt und Schauer duchte. Kometennchte und Erschtterungen und die
Rtsel des Herzens. Mit einem kstlichen Erschrecken gedachte er jenes
Abends, an dem er mit einem Freunde die Vorstellung eines tschechischen
Vorstadttheaters besucht hatte. Er war nie besonders whlerisch in solchen
Genssen gewesen. Die heischende Sentimentalitt, die dort einem Publikum
von Kleinbrgern und Banausen schmeichelte, war auch der richtige Stachel
fr seine Sinne. In dem Gehaben pathetischer Komdianten, den Trnen und
dem Gelchter grobgeschminkter Weiber sprte er mehr wie wo anders die
heien und ungepflegten Begehrlichkeiten seiner Seele. Ein Mdchen hatte
damals seine Aufmerksamkeit erregt, die das Volk mit ihrer getuschten
Liebe rhrte. In der Art ihren dnnen Krper zu biegen, in den Linien ihres
Halses und ihrer Schultern war manches, was ihn an Zdenka gemahnte. In
einer merkwrdigen und uneingestandenen Zerwhltheit war er damals nach
Hause gegangen. Es war das Gefhl, das ihn auch sonst immer heimsuchte,
wenn er in den Nachtkaffeehusern whrend der Pausen der Musik in die
verlegene Stille horchte oder am Abende zgernd und gespannt an den
Straenecken lungerte. Das Gefhl, da etwas in seiner Nhe war, so stark
und so krperlich, da die Luft davon leise zu zittern begann und das er
vergebens mit den Hnden suchte.

Die Ferdinandsstrae glnzte vor ihm auf und der Schein der Auslagenfenster
blendete ihn. Es war schon spt geworden und er eilte. Beim Nationaltheater
sah er Zdenka stehn und ihr ses Gesicht grte ihn lchelnd aus der
Menge.


II.

Das war auch der Herbst, in dem Severin mit Lazarus Kain bekannt wurde. In
der oberen Stephansgasse, unfern von dem groen botanischen Garten, hatte
er seinen Laden. Ein paar abgegriffene Leinenbnde und der rostfleckige
Umschlag vergilbter Broschren hinter der Glasscheibe des Schaukastens
machten die Vorbergehenden darauf aufmerksam, da hier eine Buchhandlung
sei. ber der Tre, auf einem vom Schnee und vom Regen getauften Schilde
stand unter dem Namen des Eigentmers in verwaschenen Buchstaben das Wort
Antiquariat.

Der Laden war niedrig und schmal und eine Gasflamme erhellte ihn auch
tagsber. Aber im Winter konnte es hier sehr gemtlich sein, wenn der
eiserne Ofen in der Ecke beinahe rotglhend vor Eifer wurde und Lazarus
hinter dem Pulte in dickbuchigen Katalogen bltterte oder dem Raben Anton
Kunststcke lehrte. In den Ferienmonaten und im Frhherbst war ja ohnehin
nichts mit dem Geschfte. Da lie der alte Lazar fr gewhnlich seine
Tochter im Laden zurck und machte Streifgnge in der Umgebung. Mit kleinen
Schritten ging er die Gasse auf und nieder und sah nach den Stockwerken der
Huser hinauf. Er war etwas kurzsichtig und das Gaslicht in dem finstern
Laden hatte seine Augen geschwcht. Er sah den Dienstmdchen zu, wie sie
die festen Brste an den Fensterrand lehnten und den Staub aus den Tchern
in die Gasse hinunterschwenkten. Das Blut stieg in sein gelbes Gesicht und
er blinzelte. Oder er blieb bei der Sule des heiligen Adalbert stehn und
verfolgte die Wrterinnen der nahen Gebranstalt mit den Blicken. Dicht
daneben stand die schbige Bude der Gifthtte. Lazarus Kain erinnerte
sich der Zeiten, wo hier die Mediziner zusammenkamen und am Abende mit den
Hebammen tanzten. Da war er auch mitunter zu Besuch gewesen und hatte sich
aus einem Winkel das Treiben angesehn. Jetzt hatte das Wirtshaus den
Besitzer gewechselt und am Tage war die Gastwirtschaft vollstndig einsam.
Nur ein paar tschechische Jnglinge schoben in dem verwahrlosten Garten
Kegel und eine mrrische Kellnerin brachte das trbe Bier in zersprungenen
Glsern.

Oft sa er auch in der kleinen Pilsner Stube gegenber der Stephanskirche.
Auch hier war es nicht sehr lebhaft an den Sommervormittagen, wenn er zu
Gaste war. Erst spter kamen dann die Priester aus der nahen Dechantei zum
Mittagessen. Lazar sa beim Fensterplatz, hinter der grnen Gardine und
bewunderte die feinen Knchel der vorbeieilenden Mdchen. Er hatte schon
bald ein halbes Jahrhundert auf dem Rcken, aber trotzdem waren die Weiber
noch immer seine liebste Passion. Zu Hause, auf den hohen Regalen in seinem
Buchladen, bewahrte er manchen kostbaren Band fr die Kenner und seine
besten Kunden. Gefhrliche und unverschmte Romane, franzsische und
deutsche Privatdrucke, Kupferstiche, seltene bersetzungen aus der Zeit des
Rtif de la Bretonne. Er hing mit einer verliebten Zrtlichkeit an diesen
Schtzen, die er oft und wieder hernahm und sich an ihnen ergtzte, die er
mit seinen drren Fingern streichelte und nur ungern und zu hohen Preisen
verschacherte. Mit ehrlichem Bedauern sah er sie in den Hnden der Kufer
und ihm war, als ob sie mit ihnen ein Stck eines liebgewordenen Inventars
aus seinem Hause trgen. Nur zwei Wesen liebte er mehr wie diese Bcher:
den Raben Anton, ein altes und zerzaustes Tier, das ihm seit Jahren in
seinem Buchladen Gesellschaft leistete und seine Tochter Susanna.

In dem kleinen Wirtshause gegenber der Kirche war es, wo Severin Lazarus
Kains Bekanntschaft machte. Drauen luteten die Turmglocken gerade zur
Sonntagsmesse und beide blickten den jungen Frauen nach, die nachdenklich,
mit dem Gebetbuche in der Hand, an dem Gasthausfenster vorberkamen. Da
rckte Lazarus sein Glas nher zu Severin und begann zu erzhlen. Sein
vertrocknetes Gesicht erregte sich beim Sprechen und unter dem kurzen
Backenbarte brannten die Wangen. Er sprach von dem kalten und
phantasielosen Temperamente der neuen Zeit, in der die Sucht nach dem Gelde
die Freude an der Lust gettet habe. Und mit zwinkernden Augen, in denen
das Fieber eines geheimen Vergngens glnzte, geriet er in die Schilderung
der Lieblingswelt, an die er sein alterndes Herz gehngt hatte, das
Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts. Seine Geschichten aus der
Hirschparkperiode Ludwig XV. hatten Farbe und Elan und eine neidische
Sehnsucht bebte in seiner Stimme, als er dem aufhorchenden Severin von
Madame Janus berichtete, der genialen Kupplerin, die selbst das damalige
Paris noch mit neuen und erfinderischen Sensationen verblffte.

Das kommt nicht mehr wieder -- sagte er und eine aufrichtige Trauer klang
in dem Tone der Worte. Eine Weile saen dann die beiden schweigend
beisammen und sannen in dem Halbdunkel der Wirtsstube den galanten Wundern
vergangener Zeiten nach, whrend drben die Kirchenglocken verstummten und
nur ein goldenes Summen, immer feiner und leiser, unmerklich zum Schlusse
in der Luft zurckblieb. Severin sah verstohlen nach dem kahlen Schdel des
alten Lazarus, der sein Gesicht wieder dem Fenster zuwandte und betrachtete
sein jdisches, von unzhligen Fltchen zerrissenes Profil. Eine Ahnung
berkam ihn, da dieser Mann ein hnliches Leiden litt wie er, da er an
einer ungestillten Inbrunst krankte, die sich aus einem engen und trichten
Leben in alte Bcher geflchtet hatte. Ein Mitleid fate ihn mit dem Alten,
der seit Jahren seine Seele an tote Bilder vergeudete. Sie sprachen dann
noch einiges miteinander und Lazarus erzhlte von seiner Tochter und dem
Raben. Als er fortging, lud er Severin ein, ihn in seinem Laden zu
besuchen.

Severin kam der Einladung in den nchsten Tagen nach. Auf einem niedrigen,
gepolsterten Stuhle neben dem Ofen sa Susanna. Die Tage waren noch schn
und der Buchhndler brannte noch kein Feuer. Trotzdem kam nach
Sonnenuntergang eine feuchtrieselnde Klte in die Huser der Gasse. Susanna
hatte ein schwarzes Tuch um ihre Schultern geschlagen und ber die Seiten
des geffneten Buches auf ihrem Schoe tanzte das Gaslicht. Lazarus stand
hinter dem Ladentische und begrte Severin ohne berraschung. Sein nackter
Kopf glnzte in dem Lichtschein, als er sich ber ein paar wertvolle
Kuriosa beugte und durch die Lupe untersuchte. Severin hrte geduldig seine
Erklrungen an und sah zerstreut nach Susanna hinber, die schweigend in
ihrem Buche las. Ihr braunes Haar war glatt gescheitelt und auf den Wangen
spielten die Schatten ihrer langen Wimpern. Als sie einmal das Gesicht
erhob, begegneten einander ihre Blicke.

Von nun an kam Severin oftmals zu Lazarus Kain. Der Gedanke an die junge
Jdin lie ihn nicht schlafen. Susanna war eigentlich nicht schn. Aber in
ihren Augen zngelte eine verdchtige Flamme, die in einem jhen Gegenstze
zu ihrem ruhigen Munde stand. In der samtenen Tiefe glomm eine
verrterische Andacht, die Severin befangen machte und ihn reizte. So hatte
er manchmal die Sterne flackern gesehn, wenn er ausgeschpft von einem
unbegreiflichen Drange bei spten Heimgngen nach dem Nachthimmel schaute.
Severin suchte diese Augen hinter dem Rauche seiner Zigarette, hinter dem
kahlen Vogelkopfe des Vaters und dem kurzen Geflatter des Raben, der in dem
engen Raume wie in einem Kfige aus einem Winkel in den andern sprang.
Susanna bot sie ihm mit einem unergrndlichen Ernste, ohne sich an dem
Gesprche zu beteiligen und ohne jemals das Wort an ihn zu richten. Wenn er
sie ansprach, stand sie knapp und teilnahmslos Rede, da er sich rgerte
und es aufgab. Dann schwtzte er mit dem Buchhndler und lie sich von ihm
alte Steindrucke und Heliogravren zeigen.

Eines Tages, als Susanna gerade nicht anwesend war, versprach ihm Lazarus,
ihn bei Doktor Konrad einzufhren. Zgernd brachte er seinen Antrag vor wie
das letzte Stck eines vorsichtigen Vertrauens. Und er erzhlte Severin auf
dessen verwunderte Frage von dem groen Atelier in einem der neuen Huser,
die man im Assanationsgebiete an Stelle der Htten des Judenviertels baute.
Hier hatte Doktor Konrad mit den letzten Resten seines vor Jahren einmal
bedeutenden Vermgens eine Malerwerkstatt gemietet, die in Wirklichkeit
ganz andern Zwecken galt. Palmenkbel und Teppiche gaben den Rumen ein
exotisches Aussehn und ein paar Bilderrahmen in der Ecke, eine Staffelei
und einige zur Wand gekehrte Studienkpfe markierten das Metier des
Bewohners. In Wahrheit hatte Doktor Konrad schon seit langem keine Palette
mehr angerhrt. Er lag stundenlang auf dem bequemen, trkischen Sofa,
rollte parfmierte Zigaretten in der Hand und lie sich von seinem Diener
franzsischen Kognak mit Selters bringen. Oder er hrte seiner Geliebten
zu, wenn sie gelangweilt auf der Mandoline klimperte. Sie war ein blondes
und verwhntes Geschpf und hie Ruschena. In den Nachmittagsstunden kam
ein Schwarm von Gsten: Junge Herren im Smoking, mit mausgrauen Gamaschen
ber den Lackschuhn; alte und erfahrene Lebemnner im eleganten
Straenkleide, den Elfenbeinknopf ihrer Reitstcke am Munde; Knstler mit
Schlapphten und unsauberer Wsche; Modelle in Seidenblusen und engen
Rcken, die hier ihre freie Zeit bei den sen Likren des Doktors
verbrachten; und hie und da auch ein Mdchen oder eine Frau aus der
besseren Gesellschaft, unsicher und scheu die einen, mit mehr Frechheit als
gerade ntig war die andern, von jener vielgestaltigen Anziehungskraft
hergetrieben, die ein ungebundenes Leben fr den Auenstehenden hat. Davon
berichtete Lazarus, und Severin erriet an der verkniffenen Aufregung, den
fahrigen Hnden des Alten das brige.

Als er wieder ins Freie trat, kam ihm im Nebel der abendlichen Strae
Susanna entgegen. Sie sah ihm mit einem Lcheln ins Gesicht, da sein
Krper pltzlich wie im Schreck zu zittern anfing. Mechanisch nahm er ihre
Hand, die sich warm anfhlte, ohne zu zucken.

Kommen Sie -- sagte Susanna zu ihm und hatte noch immer das Lcheln auf den
Lippen. Er ging mit ihr in das Haus, wo die Treppen noch im Finstern lagen.
Hier kte er sie auf den Hals, den ihr Kleid im Nacken frei lie.

Der Vater ist unten im Laden -- sagte er.

Susanna nickte nur und fhrte ihn ber schmale Stiegen und durch Flurgnge
in ihr Zimmer.


III.

An einem frostklaren Abende im vorigen Winter hatte sich Zdenka in Severin
verliebt. Die Strae fhrte sie zusammen, in der sie beide planlos zwischen
den hastenden Leuten gingen. Die kleinen Lokomotiven der Kastanienverkufer
standen mit roten Augen am Rande der Fahrbahn. Langsam und ganz vereinzelt
fielen ein paar taumelnde Flocken in das Licht der Lampen. Zdenka sah ihnen
zu und dachte an die hellen Flgel der Mcken, die im Sommer um die
leuchtenden Kugeln gaukeln. Sie war noch ganz versunken, als Severin sie
ansprach. Dann aber lachte sie heiter und als sie in sein hbsches, von der
Klte verschntes Knabengesicht schaute, wurde ihr leicht und frhlich
zumute. So gingen sie miteinander durch die Stadt. Sie betrachteten
zusammen den lustigen Kram in den Auslagen der Spielwarengeschfte, wo eine
kleine Eisenbahn auf wirklichen Schienen lief und bewunderten den
ausgestopften Tiger, den ein Teppichhndler zur Reklame ins Fenster
gestellt hatte. Sie blieben vor den vereisten Scheiben der
Delikatessenhandlungen stehn, hinter denen die goldenen Sprotten in den
weien Holzkistchen glnzten. Dann kaufte Severin ein Abendessen fr beide
und sie ging mit ihm in seine Junggesellenstube.

Zdenka arbeitete bis sechs Uhr abends in einem Kontor. Ihre Eltern waren
beide gestorben und sie wohnte allein in einem Zimmer auf dem Altstdter
Ring. In der Zeit, in der sie ihre unfrohe Jugend selbst betreuen mute,
hatte sie sich schon einige Male an fremde Mnner fortgegeben und sie bat
es Severin unter Kssen weinend ab, da er nicht der erste war, dem sie
ihre Liebe schenkte. Er nahm ihre zitternde Zrtlichkeit gromtig entgegen
und auch spter, als er sah, wie aus der spielerischen Laune jenes Abends
eine Leidenschaft in ihr emporwuchs, gab er sich keine Mhe. Sie war ihm
ein Trost in der Leere seines gelangweilten Herzens, das durch die
Glubigkeit und den Glanz ihrer Liebe nicht verwirrt wurde. Er hrte ihr
zu, wenn sie mit einer singenden Altstimme von ihrem Glcke sprach und
freute sich ber die ungebten Worte, die sie whlte. Im Grunde aber lie
sie ihn kalt. Sie hatte nichts von der verzehrenden Flamme, von dem
Blitzlichte an sich, das seine Seele brauchte. Sie war eine niedliche und
schwrmerische Begebenheit, die ohne Wucht und ohne Fatum geschah und die
ihn nicht interessierte.

Fr Zdenka aber war Severin ein wundervolles Erlebnis geworden. Mit einer
unabwendbaren Kraft hatte es sie ergriffen, als er sie damals von der
Strae nach einer kurzen Stunde mit in seine Wohnung nahm. Und einmal sein
eigen, liebte sie ihn mit einer scheuen und grenzenlosen Verzcktheit. Das
slawische Blut, das bei den Mnnern ihres Volkes in Ha und Revolten
losbrach, hatte in ihr einen berschwang geboren, dem sich nun alle
Schleusen ffneten. Sie fhlte erschreckt, da sie dagegen nichts vermochte
und sprte es zuinnerst mit Seligkeit und Grauen.

Es kamen schne Tage fr sie. Sie ging mit Severin in der Stadt umher, wie
er es seit Jahren gewohnt war. Sie bekam jene Feinhrigkeit fr die
Gerusche und fernen Rufe in ihr, die ihm innewohnte und die er sie lehrte.
An dem Geruche der Steine und des Pflasters erkannte sie die Strae, in der
sie schritt, wenn sie die Augen schlo und sich von ihm fhren lie. Er
erschlo ihr die monotone Schnheit in der Landschaft der Vorstdte, die
Schauer des Wyschehrad mit den groen Steintoren, wo das Denkmal des
heiligen Wenzeslaus stand. Sie lernte die Moldau lieben, wenn in der
Dunkelheit die Lichter des Ufers auf dem Wasser schwankten, und den Duft
des Teers auf den Kettenbrcken. Sie sa mit ihm in den Wirtshusern der
Kleinseite und war bezaubert von der breitspurigen Gemchlichkeit der alten
Herren, die hier ihren Schoppen tranken. In dem dicken Zigarrenrauche
verschwammen die Bogenwlbungen der niedrigen Decke, die Napoleonbilder an
den Wnden in einem farblosen Grau. Sie besuchte mit ihm die Vikarka auf
dem Hradschin, wo ein paar Armlngen von der Tre entfernt der Dom in die
Hhe ragte, wunderliches Mauerzierat und Steinfiguren in den Nischen. Sie
verstand allmhlich die stille Sprache der Stadt, die Severin gelufiger
war als dem Tschechenmdchen. Sie begriff es, da zwischen ihren
gedunkelten Mauern, ihren Trmen und Adelshusern, ihrer fremdartigen
Abgestorbenheit eine verhaltene Phantastik mit ihm gro geworden war, da
er immer mit dem Gefhle die Strae betrat, da ihn heute ein Schicksal
erwarte.

Als das Frhjahr und der Sommer sich meldeten, stand sie mit ihm vor den
Weihern des Baumgartens und ftterte die Schwne. Oder sie fuhr mit ihm auf
der Fhre nach Troja. Durch die Tore der Schanzwlle und der Festungswerke
gingen sie nach Pankraz hinaus und saen mitsammen bei dem steinernen
Gasthaustische im Garten, wo schon der einugige Zizka in den bhmischen
Kriegen gerastet hatte. Unweit erhob sich die Strafanstalt wie eine kleine
Stadt im Felde und auf den Rasenpltzen arbeiteten die Gefangenen mit dem
Spaten. Hinter den einstckigen Husern fhrte die Strae in das nahe Dorf
und in den Wald. Die Melodie der Leierkasten mischte sich mit dem Getne
der Pappeln und der Telegraphenstangen. Ausflgler kamen und die Fiaker
warfen den handhohen Staub nach der Windseite. Manchmal kehrten sie auch in
der Straenschnke Zum grnen Fuchsen ein. Vor Jahren, als Severin noch
ein Kind war, gab es hier ein vorzgliches Bier und eine gute Kche; auch
viele Deutsche machten damals einen Spaziergang zu der Fuhrmannskneipe.
Jetzt wurde hier Sonntag fr Sonntag getanzt und die rotweien Fahnen
flatterten ber dem Haustore. Aber ein paar Schritte weiter lrmte ein
Ringelspiel. Da setzte sich Zdenka zuweilen mit Severin in eine der
goldenen Schaukeln und machte eine Reise. Ein Mann mit hohen Stiefeln
schlug die Trommel und die Kinder jauchzten. Die Musik spielte die
Barkarole aus Hoffmanns Erzhlungen.

Das waren kstliche Stunden fr Zdenka. Sie bemerkte es kaum, wenn Severin
unwirsch und einsilbig wurde und trstete sich mit dem nchsten Lcheln,
das er ihr gab. Aber als dann der Herbst hereinbrach und ihr Severin immer
mehr entfremdete, war sie zaghaft wie nie. Es kam vor, da sie ihn tagelang
nicht zu Gesichte bekam. Still und mit traurigen Schritten ging sie nach
Hause und setzte sich in ihr Stbchen. Auf dem groen Platze unter ihrem
Fenster war es lebendig, nur die Dienstmnner faulenzten an den Ecken.
Zdenka wartete, bis es ganz finster wurde. Erst spt am Abende machte sie
Licht.

Mit einer unbegreiflichen und zwecklosen Grausamkeit hatte ihr Severin von
Susanna erzhlt. Mit kalten Augen forschte er in ihren Zgen nach dem
Flmmchen der Eifersucht, whrend er mit breiter Deutlichkeit sein
Abenteuer schilderte. Es mifiel ihm, da ihre Liebe so standhaft und
unverletzt dabei blieb und da kein Vorwurf ihre Lippen regte. Jenes
Mdchen im Theater fiel ihm ein, das die Bewegungen Zdenkas hatte und das
Stck, in dem sie spielte. Wie stand sie damals schlank und zerbrechlich
auf den Brettern und das Schicksal schttelte sie! Aber nichts von alledem
geschah. Nur ein Schmerz flog wie ein Gleitschatten ber Zdenkas Gesicht
und er wute nicht einmal, ob er sich tuschte.

Es kam jetzt immer seltener vor, da sie einander Sonntags trafen. Dann
gingen sie meistens durch die Anlagen der Stadt, wo schon die kalten
Herbstblumen brannten. Die eisernen Sthle im Stadtpark standen unbentzt
in dem nassen Sande und die Sodawasserbuden waren leer. Hie und da fuhren
sie auch mit der Drahtseilbahn auf die Hasenburg hinauf. Zdenka blieb vor
den Bildern des Kreuzweges stehn, wo jhrlich in der Nacht auf den
Karfreitag die Leute beteten. Dort war auch die Kapelle des heiligen
Laurenzius. Von oben sah man die Stadt im Sptnachmittagsdunste und ein
trger Wind fegte die drren Bltter langsam in die steinernen Regenrinnen
der Wege. Zdenka trat mit dem Fue auf die weien Beeren, die von den
Struchern auf die Erde rollten. Als Kind hatte sie sich immer ber den
kurzen Knall gefreut, mit dem sie zersprangen. Ein Soldat kam ihnen
entgegen, der sich zu seinem Mdchen beugte und sie kte. Zdenka ging
neben Severin mit einer Seele voll Trnen.


IV.

Im Atelier des Doktor Konrad waren schon die Gste versammelt, als Lazarus
Kain und Severin eintraten. Ein Gewirr von Stimmen schlug ihnen aus dem
Zigarettendampfe entgegen, das ungewohnte Durcheinander deutscher und
tschechischer Gesprche und das gezierte Lachen der Frauen. In einer Ecke
waren einige auffallend gekleidete Modellmdchen um einen Tisch beschftigt
und unterhielten sich mit einem italienischen Wrfelspiele. Nachlssig an
den Trpfosten gelehnt stand die wunderbar schlanke Figur einer Dame im
schwarzen Samtkleide neben der blonden Ruschena und sah zu. Severin
erkannte sie sofort. Scharf und lebendig wie ein eben geschauter Vorgang
stieg ihm ein Bild in der Erinnerung auf, an das er nun schon lange nicht
mehr gedacht hatte. Als Schulbub in dem Jahre vor der Matura war er in den
Ferien einmal vormittags ber die Ferdinandsstrae gegangen, whrend gerade
die elegante Welt ihre Promenade machte. Da war sie ihm aufgefallen mit der
groen, blutroten Straufeder auf dem Hute, in ihrer seltenen, kostbaren
Schlankheit, mit dem lieblichen und gefhrlichen Lcheln, das er nur einmal
spter auf einem Gemlde der benden Magdalena wiedergesehn hatte. Ein
schner junger Mann trat grend auf sie zu und kte ihre behandschuhten
Finger. Dieser Augenblick war ihm im Sinne haften geblieben und wurde jetzt
wieder deutlich in ihm: die festtgig bewegte Strae, das glatte Gerusch
der Gummirder, mit dem die Kutschen ber das Pflaster fuhren und mitten im
Gewhle der Menschen und der Toiletten jene Bewegung voll unnennbarer
Gnade, mit der die Fremde dem jungen Dandy die Hand zum Kusse reichte.
Spter war er ihr noch manchmal begegnet, flchtig und unaufmerksam und
dann lange nicht mehr. Sie war eine Sngerin des Nationaltheaters, die
damals gerade auf der Hhe der Volksgunst stand. Jetzt erzhlte ihm Kain,
der seinen unverwandten Blick bemerkte, ihre Geschichte. Durch eine
Krankheit, die sie von einem ihrer Liebhaber bernommen, verlor sie die
Stimme. Sie versuchte noch ein paarmal ihr Glck bei den Bhnen der
Provinz, bis es dann nicht mehr ging. Jetzt war sie wieder in Prag und Kain
hatte sie schon verschiedene Male in Doktor Konrads Atelier getroffen.

Es war nicht Sitte in diesem Kreise, da die Gste einander vorgestellt
wurden. Jeder kam und ging nach Belieben. Als aber dann der Hausherr die
Neueingetretenen begrte, bat Severin trotzdem, ihn zu der schwarzen Dame
zu fhren. Er stand vor ihr und verbeugte sich, als Doktor Konrad seinen
Namen nannte. Er forschte in ihrem Antlitz nach der Anmut jenes Moments.
Dann nahm er die Hand, die sie ihm reichte, in die seine und kte sie. Sie
sah ihm erstaunt in die Augen und lchelte. Aber es war nicht mehr das
Lcheln, das er an ihr kannte. Ihr Mund war wei und ohne Schminke und
verzog sich ein wenig in einer gezwungenen Gleichgltigkeit.

Wo ist denn Ihr Hut mit der roten Strauenfeder? -- fragte Severin.

O -- meinte sie verwundert. Sie hob den Kopf und drehte ihn in der Runde,
als ob sie sich auf einen Traum besnne. Dann sagte sie langsam und ihre
Worte hatten einen sprden, von einer leisen Heiserkeit verschleierten
Klang:

Der Hut mit der roten Feder -- der ist schon lange perdu --

                   *       *       *       *       *

Severin hielt sich den ganzen Abend ber an Karlas Seite. Die Stimmung war
allmhlich immer lauter geworden und die blonde Ruschena, geputzt und
frisiert wie eine Puppe, holte ihre Mandoline. Die Modellmdchen hatten das
Wrfelspiel aufgegeben, sie saen schwatzend beim Tische, aen belegte
Brtchen und schlrften den Sekt, den der Diener servierte. Lazarus Kain
hatte sich zu ihnen gesellt und erzhlte Anekdoten. Einige der Herren waren
mit ihren Mdchen gekommen. Die saen nun kauend in den bequemen
Ateliersthlen und zeigten unter den kurzen Rcken ihre Beine. Ein
unglaublich magerer Mensch im modischen Gehrock und mit noblen Allren sa
neben Doktor Konrad und weissagte den Gsten, die zu ihm kamen, der Reihe
nach die Zukunft aus den Linien ihrer Hand. Auch Severin ging zu ihm hin
und bat ihn darum. Der magere Mensch blickte ihn hinter den runden
Brillenglsern forschend an und hielt seine Hand lnger als die der andern
vor sein Gesicht.

Sie haben ein Schicksal erlebt -- sagte er dann, als er wieder aufsah --
ein groes Schicksal, was war das? --

Ich habe nichts erlebt -- sagte Severin und zog seinen Arm zurck.

Dann kommt es noch -- Sie haben eine Hand, vor der man sich frchten
knnte.

Severin ging auf seinen Platz zurck und setzte sich wieder neben Karla. Es
rgerte ihn, da er dem Buchhndler gefolgt und mit heraufgegangen war. Der
sa nun vergngt unter den lachenden Dirnen und amsierte sich. Seine
eckigen Schultern hpften und sein kahler Judenschdel zitterte. Severin
lauschte in den Lrm mit einem Gefhle des Ekels und der Traurigkeit. Der
Tabakqualm stieg in breiten Bndern in die Luft und legte sich um das Licht
der Lampe, die an kunstvoll gearbeiteten Ketten von der Decke hing. Ab und
zu ging Doktor Konrad von einer Gruppe zur andern und spielte mit der
bertriebenen Hflichkeit des Slawen den Wirt. Er war ein groer
vollbrtiger Mann und mochte ungefhr dreiig Jahre alt sein. Unter dem
Smoking trug er eine helle Phantasieweste mit blauen Knpfen. Sein kluges
Gesicht war von einer etwas tartarenhaften Schnheit. Severin sah ihm zu
und suchte zu ergrnden, warum dieser Mann, dessen Doktortitel in seiner
Umgebung einen fremdartigen Klang annahm, die Tage in kostspieligen und
inhaltlosen Schlemmerein verbrachte. Ihm fehlte der erotische Anreiz von
Situationen, wo ein paar Modelle mit frecher Grazie die Rcke bers Knie
schoben, die hbsche Ruschena sentimentale Strophen und unanstndige Lieder
klimperte, wo der Sekt die Weiber betrunken machte und der alte Lazarus
sein Repertoir von Kalauern aufbrauchte. Ihn drstete mehr wie je nach dem
wirklichen Leben, das Blumen und Grauen bescherte und das mit Sturmbacken
den Alltag zerblies. Bisher waren es nur Surrogate gewesen, die ihm gengen
muten. Sein Verhltnis mit Zdenka, das jeder groen Form entbehrte, das
Spiel mit Susanna und nun hier der wste Kehraus in Konrads Atelier, wo er
bellaunig neben der schlanken Karla sa. Er sah sie von der Seite an und
studierte die Spuren, die ein wechselvolles Dasein in ihr feines Gesicht
gegraben hatte. Er wute, da auch sie in kurzer Zeit ihm gehren werde,
denn es ging von ihm eine Kraft aus, die die Weiber zu ihm zwang, die sie
lockte, seinen verschlossenen und schweigsamen Mund zu kssen. Auch hier
merkte er es, wie sie alle mit matten Augen nach ihm lchelten, wie auch
die blonde Ruschena ihn mit heien Blicken ansah. Und neben ihm lag die
schmale Hand Karlas, die damals der schne Kavalier gekt hatte, auf der
Polsterlehne des Stuhles. Sie kannte das Theater und das Leben. Er wollte
sie fragen, ob es denn nicht mglich sei, sich ein knstliches Leben zu
schaffen, das dem wirklichen zum Verwechseln hnlich war und das man
meistern konnte. Ob es nicht anging, Tragdien in die Tage zu bauen,
Operetten mit tiefen und nachklingenden Pointen? Was war denn die Bhne?
Auch da war es ja doch nur ein Spiel und dennoch weinten und jubelten die
Leute, Verbrechen geschahn und die Angst schlug mit den Flgeln gegen
papierene Wnde. Aus den Launen und Eigenwilligkeiten des Herzens ein
Schicksal machen, fr sich und fr andere, so wie man Landschaften und
Stdte im Theater aus Holz und Pappe macht -- war das so schwer?

Aber Karla schttelte nur leise den Kopf.

Wozu? Wozu? -- Es kommt ja doch alles von selbst --

Nein! Nein! -- schrie Severin -- das ist nicht wahr!

In diesem Schrei war eine Anklage ohnegleichen, eine berhitzte Sehnsucht,
wie sie mancher hier kannte, und die sich wie ein Echo an den verqualmten
Wnden des Ateliers zerstie. Es wurde still und die Gesprche verstummten.
Alle sahen nach Severin hin, Ruschena legte die Mandoline beiseite und hing
mit den Augen an seinem leidenschaftlichen Gesicht. Karla strich mit
nervsen Fingern den schwarzen Samt ihres Kleides zurecht und beugte sich
zu ihm. Die glhende Schnheit frherer Tage wachte mhsam in ihrer rauhen
und zerrissenen Stimme auf und es klang darin wie der Ton in einem
gesprungenen Glas. Sie sprach zu ihm von dem Glanz ihres Lebens, als sie
noch den Hut mit der roten Strauenfeder trug. Von dem Jngling, den
Severin damals auf der Strae gesehen und der sie geliebt hatte. Sie sprach
von den Untiefen und Niederungen des Glcks. Sie flsterte und stockte, und
mit einem Male war wieder das liebliche Magdalenenlcheln auf ihren Lippen,
auf das er den ganzen Abend vergebens gewartet.

Da kam eine fieberische Lustigkeit ber Severin. Er nahm sein Glas, stie
mit Karla an und trank. Immer wieder go er den kalten Schaumwein durch die
Kehle, bis ihm das Atelier zu einem Durcheinander von Gestalten und
Gesichtern verschwamm, bis Ruschena mit der falschen Lockenfrisur auf dem
Teppich in der Mitte mit fliegenden Rcken einen Cancan zu tanzen begann.


V.

Zwischen Nikolaus, der an dem Atelierabend Doktor Konrads die Gste mit
seinen Handleseknsten unterhalten hatte, und Severin war es seither zu
einer Art Freundschaft gekommen. Es war etwas Unklares und Unergrndetes in
der Person des jungen Studenten, das Severin anzog und seine Gesellschaft
suchen lie. Niemand wute etwas Genaues ber Nikolaus zu berichten, der
vor ein paar Jahren nach Prag gekommen war und an der Universitt die
philosophischen Fcher studierte. Auf den Sportpltzen auf dem Belvedere
sah man ihn beim Fuballspiel und beim Tennis, und man begegnete ihm in den
Bootshusern der Ruderklubs an der Moldau. Abends sa er in den
Kaffeehusern der Stadt, spielte stundenlang Schach mit allerhand Leuten
und trank zwischendurch aus einem dnnen Strohhalme ungezhlte Glser
Schwedenpunsch. Man wute, da er reich war, eine groe und wertvolle
Bibliothek besa, mit Knstlern Umgang pflegte und okkultistische
Liebhabereien betrieb. In seiner mit Eleganz und gutem Geschmack
ausgestatteten Wohnung gab es eine Menge merkwrdiger und ungewohnter
Dinge, Buddhabronzen mit unterschlagenen Beinen, mediumistische Zeichnungen
in metallenen Wandrahmen, Skaraben und magische Spiegel, ein Portrt der
Blavatsky und einen wirklichen Beichtstuhl. Man erzhlte, da in seinem
Zimmer einmal ein Mensch auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen sei.
Niemand war Zeuge dieses Vorfalles gewesen und die gerichtliche
Untersuchung ergab, da der Revolver, ein schnes und kostbares Stck, das
Nikolaus seinem Besucher zeigte, unversehens sich pltzlich entladen und
ihn gettet hatte. Das Verfahren gegen Nikolaus wurde eingestellt, aber ein
hartnckiges Gercht brachte noch lange Zeit eine Dame der Gesellschaft mit
dem Unglck in Verbindung und man munkelte von Totschlag und einem
amerikanischen Duell, ohne da Nikolaus in Hinkunft sich bewogen fand,
diesen verdchtigen Geschichten entgegenzutreten.

Auf Severin machte die Erzhlung von dem rtselhaften Tode des jungen
Menschen einen ungeheuren Eindruck. Mit einer unverhohlenen Scheu
betrachtete er das hagere Gesicht seines neuen Bekannten, wenn er die
Abende nun mitunter in dessen Wohnung verbrachte und von den schweren
Schnpsen kostete, die Nikolaus in den matt gefrbten Glsern kredenzte.
Immer wieder gingen seine Blicke nach dem zierlichen Damenschreibtisch
hinber, wo scharf geschliffene Dolche zwischen Bchern und Papieren lagen,
wo er hinter den gelben Messingschlssern die Schuwaffe vermutete, die
damals den Tod in dieses Zimmer gebannt hatte. Den Tod. Es war etwas in dem
dumpfen Klange der Silbe, das ihm aufreizender, beziehungsreicher zu sein
schien, wie alle die schlfrigen uerungen eines behteten Lebens. Ein
kleiner und perverser Neid kroch an die Oberflche seiner Seele und blieb
in trben Blasen zgernd stehen. Neid gegen Nikolaus, der mit gleichmtigen
Hnden mit dem Opalring an seinem Finger spielte, ber Bcher und
Zeitschriften plauderte, whrend der Teppich unter seinen Fen vielleicht
noch das trockene Blut des Mannes bewahrte, der auf ihm gestorben war. Er
fhlte die berlegenheit eines Charakters, der sich korrekt und blasiert
vor der Welt verriegelte, der trotz seiner Jugend nichts mehr von der
unsicheren Gestaltslosigkeit hatte, der dem seinen innewohnte.

Auch Karla kam manchmal mit ihm in das Zimmer zu Nikolaus. Seit ihrer
Begegnung mit Severin folgte sie ihm auf Schritt und Tritt und wute es so
einzurichten, da sie fast tglich mit ihm zusammentraf. Fr ihre
empfindsame, von Frsten und Gluten geprfte Seele war er ein neues, noch
ungenossenes Fieber, dem sie verfallen war und dem sie erlag. Sie warb um
ihn mit einer beharrlichen Verliebtheit, mit dem echten und ungeknstelten
Schmachten ihres schwermtigen Wesens, mit den erfahrenen Knsten einer
rcksichtslosen Koketterie. Auch Severin konnte sich der Wirkung ihrer
Persnlichkeit nicht entziehen, aber es ging ihm mit ihr wie mit allen
Erlebnissen, die bisher an ihn herangetreten waren. Es gab Augenblicke, wo
sich sein Herz an der Schwelle dessen glaubte, was er nur dunkel tastend
verstand und was fr ihn ohne Namen war. Dann zitterten die Hnde beider
ineinander, dann hatte alles, was um ihn geschah, einen goldenen und
besonderen Glanz, dann sa er still und unbeweglich und fhlte die Dinge
der Welt um sich in einer betrenden Schnheit. Dann kamen wieder Stunden,
in denen ihn die Gnade ganz verlie. Da sprte er mit Groll und Trauer, da
ihn eine Laune tuschte. Er sah die Lichter in Karlas Augen, ihren hohen
und schlanken Leib, ihre lssigen Glieder. Er sah die kupplerischen
Schatten der Dmmerstunde, die fahl und verlegen zur Erde hingen, auf der
mit einem Male kein Wunder mehr war. Und er kte Karla auf ihren Mund und
nahm sie, so wie er Susanna genommen hatte und Ruschena nehmen wrde, wenn
sie ihn darum bat.

Er sprach mit Nikolaus ber sein Herz. Er erzhlte ihm alles, was er bei
sich bedachte, wenn er des Morgens im Bureau die Zahlen auf das graue
Papier schrieb und das nackte Licht der elektrischen Birne auf der feuchten
Tinte flimmerte. Er sprach von dem Buche, das er als Knabe gelesen, von der
Angst, die ihn manchmal erfate, wenn er vor der verschlossenen Tre seiner
Wohnung stand und sich minutenlang nicht getraute sie zu ffnen, gerade als
ob sich etwas Schweres fr ihn damit entscheiden sollte. Er weihte ihn in
seine Liebesabenteuer ein, so weit er sich an alles entsinnen konnte, was
ihm in durchschwrmten Nchten, in den Bars und Tingel-Tangels der
Vorstdte in dieser Hinsicht widerfahren war. Immer hatte er geglaubt, im
Innersten berhrt zu sein, das groe und absichtslose Geschehen in sich zu
spren, das die andern alle berwltigte, das die Frauen in die Moldau
trieb und den Mnnern die Pistole an die Stirne drckte. Einmal war er
dabei gewesen, als die Fler am Fluufer von Podskal die Leiche eines
Weibes aus dem Wasser zogen. Es war eine junge Person aus dem Volke, ein
Dienstmdchen oder eine Handwerkersfrau, und die nassen Kleider, die an dem
starren Krper klebten, legten sich straff um die krftigen Schenkel und
die runden Brste. Severin kam dazu, als die Leute sich um die Tote
versammelten und der Polizeimann seine Notizen machte. Er sah ihr im
Sterben verkrampftes Gesicht und den blulichen Mund und fragte sich, wie
wohl das Dasein dieses Menschen beschaffen gewesen sein mute, welche
Gewaltttigkeiten und Nte es zu diesem Ende brachten. Er las tglich in
der Zeitung von einem Selbstmord. Bald hatten sich zwei in einem
Hotelzimmer erschossen, bald nahm ein Mdchen Gift und starb unter Qualen.
Halbe Knaben noch, Schuljungen und Fnfzehnjhrige tteten sich, weil sie
das Leben nicht mehr ertragen konnten. Severin begriff das nicht. Er sah
mit Trotz und Einsamkeit die lange Reihe der Unglcklichen, die an einem
Ha oder einer Liebe zugrunde gingen, er las in den Gerichtsverhandlungen
der Tagesbltter von den Mhseligen, die erschttert zwischen den
Schicksalen schwankten. Die Zahl der Opfer und der Sieger in diesem Kampfe
wuchs vor seinen Augen und er wute, da auf der Strae neben ihm Menschen
mit brennenden Seelen gingen, Hasardspieler, die ihr Glck auf eine Karte
setzten, Bankrotteure, die es nicht mehr konnten.

Nikolaus hrte ihm nachdenklich zu und schob mit einer kleinen
Elfenbeinschaufel die Haut hinter seine polierten Ngel. Und als Severin
von Zdenka und Susanna sprach, von den Frauen, die er kannte, wie er in den
Armen der Kellnerinnen, im Bette der Jdin, unter den Liebkosungen Karlas
vergebens auf den Rausch seines Blutes gelauert, meinte er:

Weibergeschichten sind nichts fr Sie. Ich glaube, da Sie etwas Greres
erwartet. --

Severin erschrak. Er gedachte der sonderbaren Prophezeiung, die Nikolaus
bei ihrer ersten Begegnung im Atelier des Doktor Konrad aus den Linien
seiner Hand gelesen hatte. Er fhlte seine Pulse schlagen und empfand mit
Struben und Schauer die Nhe eines unfrmigen Geschicks, dem er mit allen
Sinnen zustrebte und das er nicht kannte.


VI.

Unvermutet war es pltzlich Winter geworden. Als Severin eines Morgens aus
dem Hause trat, lag der Schnee auf den Dchern und Steigen der Stadt und
wirbelte in der Luft, in der noch die letzte Dmmerung der Nacht lagerte.
Es war acht Uhr und die Straengeschfte ffneten laut und umstndlich ihre
Laden. Der Wind blies eine leichte Klte in die verschneiten Gassen, und
Severin fror ein wenig in dem dnnen berrocke. Er war berrascht und ging
langsam auf einem kleinen Umwege zur Kanzlei. Zum ersten Male seit Jahren
kam es ihm wieder zu Bewutsein, da der Schnee einen eigenen Geruch habe,
wie pfel, die lange Zeit zwischen den Fenstern gelegen sind. Schon als
Kind besa er eine empfindsame Witterung fr das Aroma, das einem jeden
Ding und einer jeden Zeit anhaftete. Er dachte an die Tage des
Schulanfangs, wenn er nach den Ferien zum ersten Male wieder das
Klassenzimmer betrat und ihm der feuchte Duft der Kreide entgegenschlug. Er
entsann sich des Behagens, wenn er nach langen und schweren Frsten in der
Frhe das Tauwetter durch die Ritzen der Tre sprte, wenn er dann drauen
von dem Eiswasser kostete, das in glitzernden Strhnen von den Bumen und
Gesimsen niederrann und das in der Sonne ganz anders und milder schmeckte
als im Schatten. Seine Kindheit war erfllt mit dieser Freude an vielerlei
Gerchen, die ihm wohltaten oder ihn bedrckten, an denen er Folge und
Wiederkehr erkannte und die die Jahreszeiten begleiteten. Nun war er froh,
da der Herbst vorbei und der Winter da war. Ihm war es, als ob sich damit
etwas Neues ereignet habe, etwas, das ihm schon lange gefehlt hatte.

Im Bureau sa er still, den Kopf hinter den hohen Aufsatz des
Schreibtisches gebeugt und sah hinter den schmutzigen Fensterscheiben die
weien Sterne in den Hof fallen. Auf dem Wege war er an den Buden der
Nikoloverkufer vorbeigegangen. Die geschnitzten Teufel streckten die roten
Flanellzungen nach ihm aus und an den Straenecken waren ganze Buschen von
goldenen Ruten aufgestapelt, mit schreiend bunten Papierblumen beklebt. Auf
grnlackierten Brettchen standen die Heiligen in ihren steifen Gewndern
und hatten einen Bart aus Watte.

Am Abende ging er auf den Altstdter Ring, wo der Jahrmarkt war. Zwischen
Pfefferkuchenreitern, gelben Trompeten und farbigen Kindertrommeln drngten
sich die Menschen und die Mdchen schoben sich paarweise durch den Schwarm.
Die Windflammen taumelten ber den ausgebreiteten Sigkeiten und
beleuchteten flatternd den roten Turban der Mnner, die den trkischen
Honig feilboten. Vor dem niedrigen Zelte eines Panoptikums lehnte Zdenka
und starrte den Mohren an, der an der Kasse sa und die Eintrittsgelder
sammelte. Es war lange her, seitdem sie Severin zum letzten Male gesehn.
Als er jetzt pltzlich ihren Arm berhrte, schrie sie vor Schrecken.

Du -- du -- stammelte sie und ihre schne, vom Weinen entstellte Stimme
schwankte. Dann aber nahm sie seine Hnde und fhrte ihn abseits aus dem
Trubel in eine stille Gasse. Beim Licht einer Straenlaterne sah sie in
sein Gesicht und da bemerkte auch er, wie schmal und elend das ihre
geworden war. Ihre Nase war mager und spitz wie bei einer Kranken und ihr
Mund war dnn. Nur die Sigkeit war noch da, in den verhrmten Winkeln und
Schatten ihrer Augen, die sie zu ihm mit einem Blicke aufschlug, den er an
ihr nicht kannte. Sie wollte reden, aber sie konnte es nicht. Und wie sie
nun vor ihm dastand, wirr und hilflos, von der Liebe betubt, da regte sich
in Severin neben dem Mitleid mit Zdenka eine selbstgefllige Freude an
ihrem Schmerz. Er verglich sie in der Erinnerung mit dem Mdchen aus dem
Theaterstck, an das er immer denken mute, wenn er mit Zdenka beisammen
war. Er dachte bei sich, da nun das Stck zu Ende sei und der Vorhang
fallen msse. Und etwas von der alten Zrtlichkeit des vergangenen Sommers
war in der Bewegung, mit der er ihre Wange streichelte und ber das Haar
hinstrich, das ihr in die Stirne wollte. Da fiel sie ihm mit einem wehen
Ausruf vor die Fe und fate mit den Hnden seine Knie.

Severin --

Ein paar Leute, die vom Jahrmarkt nach Hause gingen, blieben in der Ferne
stehen und sahen auf das Mdchen hin, das weinend auf der Erde kauerte.
Severin machte ihre Hnde von seinen Knien los und ging davon, ohne sich
umzukehren.

                   *       *       *       *       *

Im Zimmer des jungen Nikolaus war in die Wand ein kleines, mit Edelsteinen
und Intarsien ausgelegtes Schrnkchen eingelassen. Als Severin eines Tages
nach dem Inhalt fragte, nahm Nikolaus einen dnnen Schlssel aus der Tasche
und ffnete es. Drin lagen sorgsam verpackt und bereinandergeschichtet
rotkugelige Opiumpillen, Giftstaub in winzigen Glasrhren und indischer
Tempelhaschisch in flachen Apothekerschachteln verwahrt.

Eine Liebhabersammlung -- sagte Nikolaus.

Severin stand lange, von einer jhen Erregung gebannt, vor dem offenen
Schranke. Seine Augen tasteten suchend in den zierlichen Fchern umher, in
denen die Geheimnisse fremder Kulturen aufgespeichert waren, Stoffe, die
einem Trume und Visionen brachten, die schwle Rusche in das Blut
trufelten, Gifte, die tten konnten. Ein liebkosender Wohlgeruch stieg ihm
daraus entgegen. Nikolaus sah lchelnd die Spannung in seinem Gesichte und
holte aus der Ecke ein blaues Flschchen mit glsernem Stpsel hervor.

Das ist unfehlbar -- meinte er -- Aber Sie mssen vorsichtig sein --

Severin sah die trockenen Brocken einer tonigen Masse hinter dem
geschliffenen Halse.

Was ist das? -- fragte er.

Ein chinesisches Gift.

Und Sie wollen mir das schenken?

Nikolaus drckte die Tre des Schrankes langsam ins Schlo.

Ich habe mehr von dem Zeug -- Und er drehte den Schlssel um.

                   *       *       *       *       *

Als Severin die Treppe hinunterstieg, stie er mit Karla zusammen. Sie
hatte ihn tagelang vergebens erwartet und wollte eben zu Nikolaus, wo sie
ihn zu finden dachte. Ihr schwarzes Samtkleid schleifte ber die Stufen und
ein paar Augenblicke stand sie hochaufgerichtet vor ihm und wandte ihm ihr
regungsloses Gesicht zu, das wei war wie vor einer Entscheidung.

Wo bist du? --

Severin hob seine Augen zu den ihren, die dunkel und abwesend ber ihn
hingingen und in denen er die Angst las, ihn zu verlieren. Er prfte ihre
hohe, knigliche Gestalt, die wie eine fremde, sehnschtige Blume aus den
Treppensteinen zu ihm emporwuchs und sah, da sie schn war in dieser
Sekunde. Auf ihren Lippen meinte er die Male der Ksse zu schauen, die er
noch vor kurzem getrunken hatte. Aber es war ihm wie ein lange gewesenes,
lngst abgetanes Ereignis, das seine Seele nicht mehr erreichte. Mhsam,
wie man im Schlafe die Worte sucht und kann sich nicht an sie besinnen,
sagte er zu ihr:

Geh nach Hause, Karla -- Ich liebe dich nicht mehr.

Ihre Hand lste sich vom Rande des Gelnders los. Ein Windsto kam durch
das offene Tor des Hauses und machte sie beide frsteln.

Geh nach Hause -- sagte er noch einmal und ging an ihr vorber, wie er von
Zdenka fortgegangen war, ohne den Kopf zu wenden.

In seinem Zimmer blieb Severin eine Weile im Finstern. Er fhlte nach dem
Flschchen in seiner Tasche, das die Wrme des Krpers an sich sog und
merkte, wie kalt seine Hnde waren. Dann zndete er die Kerze an.

Auf seinem Tische lag ein Brief, auf dessen Umschlag die schiefe und
lsterne Hand eines Weibes seinen Namen geschrieben hatte. Ein Bote mute
ihn gebracht haben, whrend er bei Nikolaus weilte. Er ffnete ihn und sah
nach der Unterschrift. Und ungelesen hielt er den Brief der blonden
Ruschena ber die Flamme.


VII.

Seitdem Severin das Pulver aus dem Giftschranke seines Freundes an sich
genommen hatte, gewann eine unbezwingliche Unruhe ber ihn Gewalt. Er war
jetzt wieder ganz allein und verkehrte mit niemandem mehr. Er ging nicht zu
Nikolaus, und mit dem alten Lazarus war er schon seit Wochen nicht mehr
beisammen gewesen. Zum letzten Male hatte er ihn an jenem Tage gesehen, wo
er den Buchhndler auf der Strae getroffen und mit ihm in das Atelier des
Doktor Konrad gegangen war. Von Susanna hrte er nichts mehr. Seit dem
Abende im Herbst, wo sie ihn von einer pltzlichen Flamme entlodert, in ihr
Zimmer gefhrt, war er ohne Nachricht von ihr. Er hielt sich mit Absicht
von dem Laden ihres Vaters fern, der spielerischen Vorliebe gem, die er
fr halbe und unausgeglichene Ereignisse besa. Er frchtete sich, die
Erinnerung an die Jdin durch eine gewhnliche Folge zu verflachen und ihr
den Reiz zu nehmen. Ihm drngten sich die unklaren Wnsche eines Genieers
auf, der es zuwege brachte, ein Zuschauer des eigenen Lebens zu sein. Es
kam ihm gelegen, da Susanna keinen Versuch machte, zu ihm zu gelangen; mit
Karla und Zdenka hatte er abgeschlossen. Eine zitternde Sehnsucht bohrte
bestndig in seinem verworrenen Herzen. Wenn er jetzt am Nachmittage aus
der Kanzlei nach Hause kam, legte er sich wieder wie frher zu einem
stumpfen und stundenlangen Schlafe nieder. In der Nacht lag er dann wach in
seinem Bette und sah mit offenen Augen in die Dunkelheit. Er zhlte die
Stundenschlge der Uhr hinter der Mauer der Nachbarswohnung und wehrte sich
gegen die Angst, die ihn befiel. Am Morgen ging er mit gernderten Lidern
in sein Bureau.

Es kam auch vor, da er mitten in der Nacht aufstand und sich ankleiden
mute. Es litt ihn nicht lnger in dem zerwhlten Bett, in dem niedrigen
und langen Zimmer, aus dem die Finsternis sich nur zgernd entfernte, wo es
noch dunkel war, whrend drauen schon die Frhstreifen ber den Himmel
gingen. Oft schlo er in der zweiten oder dritten Stunde nach Mitternacht
die Tre seiner Wohnung hinter sich zu und tappte die schwarzen Treppen
hinunter zur Strae. Die Stadt, die er sonst tagsber oder in den
Abendstunden kreuz und quer durchstreift hatte, erhielt eine ungekannte und
scheue Macht ber ihn. Sie zerrte ihn aus schreckhaften Trumen in ihren
Scho. Dann ging er frierend, die verkohlte Zigarette zwischen den Lippen,
an den schlafenden Husern vorbei, sah in die spten Lichter einsamer
Fenster hinein und horchte auf den Gesang der heimkehrenden Schwrmer und
auf den schweren Schritt der Schutzleute. Frher war er auch hufig mit
weinheien Augen und ermattet vom Lrm in den Kneipen in den Nachtstunden
nach Hause gegangen. Nun merkte er erst den Unterschied. Seine Sinne waren
hell und wachsam; er sah, wie die Nacht alle Dinge vernderte, da sie ein
zweites und anderes Leben als am Tage lebten. Er sah, wie sie aus
nchternen und kahlen Pltzen melancholische Landschaften machte, aus engen
Gassen feuchtwandige Burgverliee. Seine Unrast trieb ihn bis zu der
uersten Grenze der Vorstdte, wo die Zinskasernen in endloser Reihe
hintereinander standen, in das fnfte Viertel, in dessen langweilig
modernen Straen man sich bei Lichte verirrte. Hie und da krochen noch ein
paar Trmmer der alten Judenstadt aus dem Dunkel hervor, das Kloster der
barmherzigen Brder schob seinen ungeheuern Rumpf gegen die nachrckenden
Neubauten, an denen noch die Gerste hingen. Am Ufer des Frantischek
brannten nur ein paar vereinzelte Lampen, und das Wasser des Flusses schlug
schwer und gleichmig gegen die Brcke.

In den Nachtlokalen spielten die Musikanten auf den heiseren Violinen.
Severin blieb vor den trben Scheiben stehen und sphte zwischen den
Fenstervorhngen ins Innere. Er hrte die Billardkugeln auf den grnen
Brettern aneinanderschlagen und das Klappern des Bfettgeschirres. Wenn
sich die Tre ffnete, kam der fade Geruch der Frhsuppe auf die Strae.
Der Winter war kalt, und Severin drckte die Hnde mit den schmerzenden
Gelenken in die Tasche. Zuweilen ging er auch zu der Musik hinein. Dann
lie er sich einen brennenden Punsch bringen und hielt die Finger ber die
blaue Flamme. Der abgestandene Zigarrenrauch beizte ihm die Augen, aber die
Wrme tat ihm wohl.

Es waren zumeist immer dieselben Lokale, in denen sich Severin vor der
Klte versteckte, der Weie Kranz auf dem Obstmarkte, wo die Gste den
Kopf auf die berschlagenen Arme legten und bei den Tischen schliefen, die
Falte in der Kleinen Karlsgasse, wo er oft stundenlang der einzige
Besucher blieb, oder das russische Kaffeehaus an der Grenze zwischen Prag
und Weinberge, wo die sdslawischen Studenten verkehrten. Er kannte das
alles noch von frher her, als er in den Nchten den Abenteuern
nachgegangen war. Jetzt sa er fremd und erwartungslos in dieser Welt, die
ihm unwirklich und automatenhaft erschien, in den Spelunken, wo die
schbigen Reste der Lustigkeit an der eigenen Stumpfheit erloschen, in den
Kaffeesalons, wo die Bnke mit rotem Samt gepolstert waren und wo die Gste
wie Kellnerburschen und die Kellner wie Lebemnner aussahen. Er mute ber
sich selber lcheln, da er hier einmal den Hunger der Seele zu stillen
gedachte. Jahre waren seitdem vergangen und es hatte sich nichts gewandelt
in ihm. Nur bitterer, eigensinniger und verstockter war er inzwischen
geworden. Seine bernchtige Erregung hatte nichts Gemeinsames mit dem
lssigen Taumel um ihn her, und die Starrheit, die ihn lhmte, war eine
andere als die auf den Gesichtern der Kokotten, die sich an den
Marmortischchen rkelten oder zu ihm kamen und um ein Glas Tee zu betteln
begannen. Er wute es nicht, wie lange er sich nun schon in den Nchten in
der Stadt herumtrieb und in den Wirtsstuben lungerte, die bis zum Morgen
geffnet hielten. Aber er fhlte, da er im Kreise um einen Punkt herumging
wie ein angepflocktes Tier an der Kette. Mit einem ohnmchtigen Grauen
tastete er ber sein Kleid, wo er das Giftflschchen aufbewahrte. Als
einmal die Winterfrhe nach einer durchwachten Nacht in den Straen
dmmerte, ging er zu Nikolaus.

Es war noch sehr zeitlich am Morgen, als die Trklingel hastig und
verdrossen durch den Flurgang tnte. Nikolaus lag noch zu Bett und empfing
den Besucher mit unverhohlenem Staunen. Aber als er in das verfallene, von
Schatten durchfurchte Gesicht Severins blickte, gab er ihm die Hand.

Nikolaus schlief in einem Boudoir. Sein erlesener Geschmack hatte die
hundert Dinge einer knstlerischen Kultur in dem Raume zusammengetragen,
der eher dem ppigen Nest einer Kurtisane als dem Schlafzimmer eines
Junggesellen glich. Eine silberne Ampel hing von der Decke herab, in der
das Licht hinter honigfarbenen Glsern glomm. Auf den Sthlen und den
niedrigen Tischchen leuchteten die schweren Farben der Seide und des
Brokat. Statuetten aus dunkler Bronze, Sandelholzbchsen und japanische
Lackmalereien standen neben zierlichen Glsern und Schatullen, neben
Mekelchen und asiatischen Nippes, und ein groer, vom Alter geschwrzter
Leuchter hielt sieben dicke und feierliche Kerzen in seinen Armen. Durch
das gotische Muster des Vorhangs fiel der erste und trostlose Schimmer des
Wintertages. Severins Augen gingen durch das Gemach, ber die matten Linien
der Tapete zu der Stelle, wo Nikolaus halbaufgerichtet in seinem goldenen
Bette sa. Es war ein Ausdruck in ihnen, als ob sie sich nicht
zurechtfinden knnten in der Umgebung, in der schwlen und gediegenen
Schnheit, die sie schmckte. Es war ein Schrei, mit dem er die Hand
erfate, die Nikolaus ihm bot. Alle Not, alle Gequltheit offenbarte sich
in seiner Stimme. Er lag vor dem Bette des Jnglings und hatte den Kopf in
die Kissen gewhlt.

Nikolaus -- schrie er -- wie war das, -- -- als Sie damals Ihren Freund
gettet hatten -- -- -- -- -- --

Nikolaus sah zu ihm nieder, wie sein Krper in einem namenlosen Krampf sich
streckte. Ein Schrecken stieg mit dem Blute in sein Gesicht. Er hob den Arm
und hielt ihn in die Hhe und seine Finger spreizten sich. Es war eine
groe, mitleidige Trauer, mit der er immer von neuem den Namen des andern
rief:

Severin! Severin!


VIII.

Doktor Konrad war tot. Nach einer laut verlrmten Nacht, die seine Gste
zum letzten Male bei ihm vereinigte, hatte er sich eine Kugel in den Kopf
geschossen. Mit der ungefhren Sinnlosigkeit, die in seinem Leben gewesen,
war auch das Sterben zu ihm gekommen. Er lag auf dem Boden neben dem
trkischen Sofa zwischen zerbrochenen Glsern und verschtteter
Zigarrenasche, die noch feucht vom vergossenen Wein war. Aus einer kleinen
Schlfenwunde rann das Blut auf die Parketten. In dieser Nacht hatte er den
letzten Rest seines Vermgens ausgegeben. Als die Gste gegangen waren,
scho er sich tot.

Es war eine bunt zusammengewrfelte Gruppe von Trauernden, die ihm die
letzte Ehre gab. Junge Akademiker in abgeschabten berziehern, die
frostroten Hnde in den Taschen vergraben. Sie blickten mit aufrichtiger
Teilnahme auf den Sarg vor ihnen. Der, den sie heute zum Grabe geleiteten,
hatte immer eine offene Hand fr sie gehabt. Bummler mit Knstlerhten und
verwahrlosten Gesichtern. Dmchen mit enganliegenden Rcken, die beim Gehen
die Beine sehen lieen. Elegante Frauen mit Pelz und ungeheuern Mffen, und
Herren mit sorgfltig gebgelten Zylinderhten, die sich kokett in der
modischen Taille ihrer Winterrcke wiegten. Die blonde Ruschena ging hinter
dem Leichenwagen. Severin war auf sie zugetreten und drckte ihr schweigend
die Hand. Sie antwortete mit einem bsen und flackernden Blick, aber sie
sagte nichts. Ihr glattes, ein wenig zu sehr gepudertes Gesicht lie nichts
davon erraten, da sie dem Toten mehr gewesen, als die brigen. Severin
forschte in ihren Augen, aber sie wandte den Kopf zur Seite.

Neben einem groen Menschen mit schmalen Lippen ging Karla. Ihre hohe Figur
war womglich noch schlanker geworden und sie hielt sich ein wenig vornber
geneigt. Der weite Mantel schlotterte um ihren Krper und sie ging mit
unsichern und schleppenden Schritten, ohne die hochmtige Anmut, die
Severin an ihr kannte. Ihr Gesicht war alt und straff geworden in den
wenigen Wochen, seit er ihr auf der Treppe begegnet war. Und er konnte es
nicht unterscheiden, ob die Farbe ihrer Wangen von der Klte oder der
Schminke herrhrte. Vor dem Museum in der Hhe des Wenzelsplatzes stockte
der Zug. Der Priester nahm die Einsegnung vor und die Schar der Teilnehmer
verlief sich. Nur die nchsten Bekannten folgten dem Sargwagen im Fiaker
auf den Friedhof.

Auch Severin fuhr mit den andern. Er wischte mit dem Handschuh den Hauch
von den Fenstern, der an den Rndern der Scheibe sich langsam zu Eis zu
verkrusten begann. Drauen sah er die Wolschaner Strae mit ihrem trben
und einfrmigen Panorama. Seit seiner Kindheit war er bei keinem Begrbnis
gewesen. Er erinnerte sich, wie damals der Wagen, in dem er mit seinen
Eltern sa, in einen Trupp tschechischer Demonstranten geraten war. Sie
hatten auf dem Kirchhofe einen ihrer Mrtyrer bestattet und kehrten nun
nach Hause. Ein von tausend Stimmen gesungenes Kampflied kam drohend mit
ihnen des Weges, da die Pferde sich bumten und zitternd stehen blieben.
Severin dachte an die wunderschne, mit Andacht und Grausen vermischte
Angst, die ihn damals umklammert hatte und horchte auf das Rollen der
Rder.

Es war beinahe schon dunkel, als er drauen vor dem Tore des Friedhofs
ausstieg. Er stand neben Karla, als die gefrorene Erde in die Grube rollte
und polternd auf den Sarg aufschlug. Erst jetzt in der Nhe bemerkte er,
wie verbraucht und gelb ihr Gesicht aussah. Die Schminke lag in kreisrunden
Flecken darauf und ihre schne Stirne war welk und traurig. Und hier auf
dem Friedhofe neben dem offenen Grabe erkannte er ihr Geschick; wie sie aus
einem Schmerz in den nchsten und aus einer Liebe in die andere geriet. Sie
zuckte zusammen, als er mit den Augen nach dem groen Menschen wies, neben
dem sie heute unter den Leuten gegangen war. Leise und weich, wie man mit
einem Kinde redet, fragte er sie:

Der da ists? --

Ja -- sagte sie einfach und nickte nur.

                   *       *       *       *       *

Severin kehrte zu Fue in die Stadt zurck. Er hatte den Kutscher entlohnt
und verlie als Letzter den Friedhof, als die brigen alle schon gegangen
waren. Das bleiche Violett des Sptnachmittages lagerte ber den Feldern
und aus der Ferne kam das gedmpfte Brausen eines Eisenbahnzuges. Hie und
da stand ein Baum am Rande der Strae und streckte die nackten ste gegen
den trben Himmel. Der aufsteigende Abend spann langgedehnte Schatten und
aus dem Rbenacker stieg der Nebel auf. Die Spatzen flogen ber den Weg und
flatterten wie groe und schwarze Vgel in der Dmmerung. Die elektrische
Straenbahn fuhr mit gelben Augen vorber und in der Stadt entzndeten sich
die Lichter. Severin dachte an Konrads Tod. Ein lahmer und lcherlicher
Gedanke hockte in seinem Gehirn, der ihn nicht loslie und dem er
nachsinnen mute. Er stellte sich das Antlitz des Mannes vor, den sie
drben gerade begraben hatten, wie es unter dem Sargdeckel in der Erde lag.
Ein Schauer strich leise ber seine Haut, frstelnd, wie die Wolken am
Horizonte. Er prfte den Pulsschlag in seinen Handgelenken; aber er hatte
gar keine Furcht. In der Weite rollten sich weie Gestalten zusammen, aber
er wute, es war nur der Winterdunst. Die ersten Huser der Weinberge
lsten sich aus dem Grau. Er sah noch einmal den Weg zurck. Die Luft hing
schlaff und reglos vom Himmel und der Frost hatte zugenommen. Aus den
Schaufenstern der Kaufmannsgeschfte fiel schon der Lampenschein auf den
Gehsteig der Vorstadtstraen.

Vor der Tr eines Pferdeschlchters blieb Severin stehen. Ein warmer
Blutgeruch schlug ihm entgegen und der Ekel schttelte ihn. Zwei Mnner mit
aufgestreiften Rockrmeln trugen eine Schssel vorbei, aus der ein feuchter
Dampf aufstieg und sich widerlich mit der Klte vermengte. Severin knpfte
bedchtig seine Handschuhe zu, bevor er die Finger auf den schmutzigen
Trgriff legte. Ein breitschultriger Mann mit roten Haaren sah ihn
mitrauisch an, als er fr ein paar Kreuzer ein Stck Fleisch verlangte. In
Zeitungspapier eingeschlagen trug er ein weiches und klebriges Bndel aus
dem Laden. Beim Licht einer Straenlaterne lste er vorsichtig die Schnur
und ffnete es. Er nahm das Giftflschchen aus der Tasche seines Rockes und
schttete den Inhalt auf das Fleisch; aufmerksam sah er zu, wie der feine
und trockene Staub zwischen den blutigen Fasern glnzte.

                   *       *       *       *       *

Susanna sa neben dem Ofen und hrte dem Feuer zu, als Severin eintrat. Sie
hielt die Hand vor die Augen, als ob sie schliefe und schaute zwischen den
Fingern nach der Tre. Der alte Lazarus war ausgegangen und der Platz
hinter dem Pulte war leer.

Guten Abend, Susanna -- sagte Severin.

Susanna hob den Kopf in einem langen und verwunderten Schrecken. Ihre
Schultern zitterten und die Falte zwischen ihren Brauen wurde tiefer und
dunkler, als sie ihm den Gru zurckgab. Und dann fragte sie mit einem
besonderen Klang in der Stimme:

Woher kommst du, Severin?

Severin antwortete nicht. Unschlssig stand er da und ein Gefhl
durchrieselte ihn, das er kannte und das ihm schon lange entschwunden war.
Als Student war es manchmal ber ihn gekommen, wenn er zu Hause in alten
englischen Romanen las und die Lampe summte. Dann war ihm zumute, als ob
das Zimmer, in dem er wohnte, ein Teil der Erzhlung sei, in die er sich
eben vertiefte. Auf der Wand gegenber huschten die Schattenrisse der
Personen vorbei, deren Schicksale ihn beschftigten. Und in dem trben
Lichte der Stube erkannte er ihre Gebrden.

Der Doktor Konrad ist tot -- sagte er endlich und setzte sich in den
Lehnstuhl mit den ledernen Armpolstern, der neben dem Pulte stand. Er sah
an Susanna vorbei auf das Bild, das neben ihr in der Ecke hing und das er
frher niemals bemerkt hatte. Es war eine Landschaft mit einem
absonderlichen und traumhaften Baum, unter dem ein paar Menschen im
Halbdunkel gingen. Ein Lufthauch streifte seine Wange; der Rabe flog hinter
ihm auf und setzte sich auf seine Knie. Severin beugte sich ber das Tier.
Langsam zog er das vergiftete Fleisch aus der Tasche.

Das ist der Tod -- sagte er und hielt es ihm vor den Schnabel. Der Vogel
schnappte zu und floh damit in sein Versteck zurck.

Severin sah nach Susanna hinber. Ihre schweren Zpfe hatten sich gelockert
und waren in ihren Scho geglitten. Ihr Gesicht war undurchdringlich und
fremd und ihr Mund war fest geschlossen. Es war ganz still und man hrte
drauen die Schritte der Leute auf dem Pflaster, die an dem Laden
vorbergingen. ber das Gemlde neben dem glhenden Ofen zuckten die
Reflexe und malten Figuren auf die Leinwand.

Severin suchte in seinem Gedchtnis. Der Baum auf dem Bilde kam ihm bekannt
vor und er hatte ihn schon einmal irgendwo gesehn. Aber er konnte sich
nicht entsinnen.

Ich will gehn -- dachte er und stand auf.

Guten Abend, Susanna! -- grte er wieder und nahm seinen Hut. Dann horchte
er noch eine Weile in den Winkel hinein, wo der Rabe sich zum Frae
verkrochen hatte und sich gar nicht mehr regte.


IX.

In der Nacht war der Sturm gekommen und lief brllend die Straen auf und
nieder. Aus der Ebene hinter den Grenzgebirgen hatte er eine schwere und
dunstige Wrme mitgebracht und klatschte das Schneewasser von den Dchern.
Severin lag wachend in der Finsternis. Das Fieber trieb den Schwei aus
seinem Krper und erhitzte sein Blut. Das Fenster klapperte und manchmal
kam ein dumpfes Gerusch von unten herauf, wenn das Haustor in den Angeln
sthnte. Der gelbe Blitz eines Wintergewitters erhellte fr einen
Augenblick das Zimmer und in seinem Lichte glaubte Severin pltzlich das
Bild zu sehn, das ber dem Kopfe Susannas in dem Laden des Buchhndlers
hing. Nun wute er, wo er den Baum schon einmal gesehn hatte. Bei dem
Begrbnis Konrads war es gewesen: an der Friedhofsmauer auf dem Platze, der
fr die neuen Grber bestimmt war. Severin hatte ihn immer angeschaut,
whrend die Leute den Sarg in die Erde hoben und in dem kalten Lichte des
Tages war er ihm sonderbar und grotesk erschienen.

Er zog die Decke zum Halse und ihn fror. Ein groer Kummer bedrckte ihn,
ber den er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte. Er dachte an den
trichten und grausamen Besuch am Tage vorher und da er den Raben gettet
hatte. Drauen schlug der Sturm das klirrende Glas der Laternen entzwei und
fuhr gurgelnd in den Kamin.

Matt und verschlafen ging er am Morgen ins Bureau. Auf den Gassen stand das
Wasser in breiten Pftzen und der Wind war noch immer sehr heftig. Der Hut
flog ihm vom Kopfe und fiel in den Kot. Severin bckte sich und setzte ihn
wieder auf. Von der Krempe rann ihm der khle Schmutz in die Stirne, aber
er kmmerte sich nicht darum. In den Vormittagsstunden, whrend er rechnete
und schrieb, ging drauen von Zeit zu Zeit ein strichweiser Regen nieder
und prasselte gegen die Scheiben. Severin stand auf und sah auf die nassen
Steine im Hofe hinunter. Eine fade belkeit stieg ihm wie eine glatte Kugel
in die Kehle. Frher als sonst ging er nach Hause und warf sich wieder auf
sein Lager. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Wenn er die Augen schlo,
hatte er das Empfinden, da er stetig und unaufhaltsam in die Tiefe fiel.
Ein stumpfer Gedanke brannte bestndig hinter seinen Schlfen, da er
entsetzt das Gesicht in die Kissen vergrub.

                   *       *       *       *       *

Der Wind hatte sich gelegt und es war beinahe schwl geworden. In der Stadt
brach schon der Abend an und nur noch am Himmel zeichnete das
entschwindende Licht schwarzblaue Rnder um die Wolken ber den Husern.
Severin ging mit gesenktem Kopfe zwischen den Leuten. Eine malose Angst
hing wie ein Gewicht an seinem Herzen und machte ihn taumeln. Ein schwerer
Gegenstand drckte in der Tasche gegen seinen Leib und er umschlo ihn mit
den Fingern. Es war ein groer und runder Stein, den er einmal in den
Feldern aufgelesen und nach Hause genommen hatte.

Im Laden des Lazarus Kain brannte die Gasflamme ber dem Pulte. Severin sah
durch die Glastre den kahlen und spitzigen Kopf des Buchhndlers. Eine
Furche lief in der Mitte gegen die Stirne zu, als ob sich dort die Haut
ber einem gespaltenen Knochen spannte. Severin berlief es. Er suchte im
Hintergrunde nach dem Bilde und erkannte mit einem starren und gequlten
Lcheln den Baum, von dem er heute in der Nacht getrumt hatte.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und als er sich umwandte, stand
Susanna vor ihm.

Was tust du hier? -- fragte sie und ihre erloschenen Augen drohten. Ihre
Gestalt wuchs gro und gebieterisch in der Dmmerung, und Severin sah voll
Grauen, da sie ein Kind erwartete.

Susanna! -- flsterte er.

Zum ersten Male seit Wochen fiel ein Licht in seine nackte Seele. Die
Finsternis in ihm zerflatterte und er erschrak.

Warum bin ich hierhergekommen? -- dachte er bei sich. Es war still und
einsam in der fahlen Gasse und er frchtete sich vor dem Gesichte der
Jdin. Die Hand, mit der er den Feldstein umkrampfte, fing an zu zittern
und sein Blut blieb stehn.

Ich bin doch kein Mrder -- sagte er laut und in derselben Sekunde sah er
sich selbst in einem unsichtbaren Spiegel, von Lastern entstellt, die ihn
erstickten, mit Geschwren best, in denen die Verhngnisse wucherten.

Jesus! -- rief er und seine Stimme verriet es ihm, da er gekommen war, um
den alten Kain zu erschlagen.

Jesus!

Der Schrei war so furchtbar, da Susanna erblate. Eine Ohnmacht
verfinsterte ihre Gedanken und sie sah nur undeutlich und mit stockendem
Herzen, wie Severin die Gasse entlang in die Dunkelheit lief.

                   *       *       *       *       *

Es war schon spt und der Mond stand wei und ruhig ber den Trmen. Die
Wolken hatten sich verzogen und es war khler und klar geworden. Severin
ging unter den Bumen des Belvederes und atmete die feuchte Luft, in der er
schon den Geruch des kommenden Frhlings sprte. Unter ihm lag die Stadt im
Tale. Hie und da brannten noch ein paar Lichter wie die Augen eines
schlfrigen Tieres in der Ferne. Severin erfate ein Schauer. Er dachte an
die Tausende, die da unten gleich ihm ratlos in einem trben Leben
versanken. Die Erinnerung an die Menschen berwltigte ihn, die ihm
begegnet waren und die einer wie der andere sich selbst verloren. Karla,
die sich verzweifelt an schleichende Schmerzen wegwarf, Konrad, ber dessen
Grabe die Erde noch locker war und Susanna, die nun ein Kind von ihm im
Hasse gegen den Vater gebren wrde. Eine Traurigkeit ohnegleichen
zermarterte ihn. Er sphte in den Schatten der Huser hinunter und sah
seine eigene Gestalt, von den Rtseln der Liebe und des Todes vermummt,
ruhelos in den Gassen, wo Mordgedanken aus dem steinernen Pflaster
aufstiegen und sein Herz verblendeten. Er weinte und seine Trnen waren
scharf und verzehrend wie Essig. Er stie sich die Stirne an einem
Baumstamm wund und bi mit den Zhnen in seine Rinde. Die Schauer der
Verlassenheit kamen und er sehnte sich nach einem Gesicht, an das er das
seine lehnen konnte.

Auf einmal war es ihm, als ob ihn im Dunkeln zwei Augen anblickten, die er
lange vergessen hatte. Eine wunderschne und gute Stimme wachte in seinem
Gedchtnis auf und trstete ihn. Er kehrte um und schritt den Weg hinunter
zur Brcke.

                   *       *       *       *       *

Das Fenster der kleinen Stube auf dem Altstdter Ringplatze war noch hell.
Es war immer das letzte in dem groen Hause, das erst spt nach den anderen
dunkel wurde. Whrend der Schlaf vor den Schwellen kauerte und die
Fledermuse an der Uhr des Rathauses vorberflogen, war Zdenka noch wach
und ging erst zu Bette, wenn sie vom Denken mde geworden war und wenn die
Lampe zu blinzeln anfing.

Severin war die Treppen heraufgestiegen und wartete vor der Tre. Er pochte
und wollte rufen, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht.

Severin!

Sie hatte den Riegel zurckgeschoben und stand jetzt glhend und verwirrt
im Lichte. Die blonden Haare fielen offen auf ihr Kleid und sie prete die
Hnde gegen die Brust. Ihr schmales Gesicht war lieblich, als sie ihm den
Mund zum Kssen bot.

Ich wute, da du wieder kommst; und ich habe auf dich gewartet --

Er kniete vor ihr und streichelte ihre Hnde. Ihm war zumute, wie einem
Kind, das sich verlaufen hat und nun endlich daheim ist.

Ich liebe dich -- sagte er und wute, da es nun endlich die Wahrheit sei.
Und dann rief er ihren Namen, zrtlich und feierlich wie noch nie:

Zdenka! Zdenka!

Hand in Hand traten sie zum Fenster und sahen in die Nacht hinaus. Das
Grhlen der Betrunkenen lrmte in den Gassen und der Mondschein glnzte in
den Fensterscheiben. ber den Dchern der Stadt hing er wie eine Flamme und
hllte sie in einen weien Rauch. Severin fhlte, wie etwas Wunderbares
geschah, das ser und gewaltiger war wie die Abenteuer des Buches aus den
bhmischen Kriegen. Er neigte sich zu Zdenka und suchte ihren Mund; und als
er sie kte, klang ein Getse aus der Mondnacht in das Zimmer herein, ein
grollender Schlag, als ob die Erde zerbrochen wre.

Auf der Moldau hatte der Eisgang begonnen.




Zweites Buch
Die Spinne


I.

Langsam war wieder der Sommer gekommen. Unmerklich ging eine Woche nach der
andern an dem Leben Severins vorbei, ohne sein Herz aus der Erschpfung
aufzurtteln, in die es seit dem Ende des Winters geraten war. An dem
Abende, wo er in Not und Trnen in der Stube Zdenkas weilte, glaubte er
nicht mehr an den Frieden. Und nun war eine wundersame Stille in ihm, die
seine Sinne schrfte und in der er lchelnd wie ein Mensch nach einer
schweren Krankheit ging. Eine zrtliche Aufmerksamkeit wachte in ihm auf,
mit der er die Welt und ihre tausend Kleinigkeiten wie ein Fremder
betrachtete, dem alles neu war und der immerwhrend staunte. Der Morgen
weckte ihn tglich aus einem langen und gleichmigen Schlaf und die Sonne
stieg hei und glnzend in sein Fenster, wenn er die Augen ffnete und sie
geblendet wieder schlo; oder der warme Regen pochte an die Wand seines
Zimmers, der die Luft drauen mit sen Dmpfen fllte und den er so
liebte.

Mit Zdenka war er jetzt immer beisammen.

Er frchtete sich, so oft ihn die Erinnerung an den Winter berraschte und
seine Liebe suchte bei ihr um Hilfe. Mit einer kindlichen Andacht geno er
ihre Gemeinschaft, die sie wieder wie frher an den Sonntagen zu den
Erholungspltzen der Stadt und der Vorstdte fhrte. In den Biergrten
saen sie mitsammen bei den Konzerten der Militrkapellen, die nacheinander
Stcke aus Verdi und Wagner, Wiener Operettenschlager und den Traum eines
Reservisten spielten. Die Bltter der Kastanienbume spannen ein grnes
Oberlicht in der Hhe und warfen schaukelnde Sonnenflecken auf die
Tischtcher, an denen noch die Feuchtigkeit und der Geruch der
Wschekammern haftete. Severin sah Zdenka in das schne Gesicht und fhrte
mit der Trgheit des Rekonvaleszenten die Zigarette zum Munde. Die Stimmen
der Leute, die an den Nebentischen schwtzten, taten ihm wohl. Aus den
Bruchstcken der Gesprche, die zu ihm drangen, sprach das geregelte,
behaglich erstickte Tempo eines Lebens zu ihm, an das er sich beglckt
verlor.

Der Sommer hatte die Stadt in diesem Jahre, wie es ihm schien, ganz
besonders verwandelt. Er sprte ihren Blutlauf noch immer im eigenen Leibe,
aber es ngstigte ihn nicht mehr. An den Nachmittagen, bevor er Zdenka aus
dem Kontor abholte, ging er durch die sonnigen Gassen. Er sah den Mnnern
zu, die das Pflaster besprengten und freute sich, wenn aus den schadhaften
Wasserschluchen kleine Fontnen aufsprangen oder wenn sich hinter den
zerstubten Tropfen ein farbiger Regenbogen entzndete. Am Franzenskai
blhten die Akazien. Severin setzte sich auf eine Bank am Rande des Ufers.
Unter ihm flo die Moldau und ein Segelboot trieb langsam den Mhlen zu.
Ein Schwarm von abenteuerlichen Wolken zog ber den Himmel und bedeckte
zeitweilig die Sonne.

Severin kannte dieses Bild aus seiner Knabenzeit. Damals hatte er manchmal
mit dem Vater unter den Akazien des Kais auf die Tante Regina gewartet.
Eine muffige Erinnerung dmmerte schlfrig in seinem Gehirn und das
finstere Zimmer im Erdgeschosse tauchte wieder vor ihm auf, das die Tante
mit dem alten Frulein bewohnte. Dort war er immer gerne zu Besuche
gewesen. Hinter den weien Tllvorhngen des Fensters hing ein
Wetterhuschen und vor seiner Tre stand ein Mnnchen mit einem Regenschirm
aus rotem Blech. Das alte Frulein war krank, und der Krebs fra an ihrem
gebrechlichen Krper. Auf dem Bethlehemsplatze hatte sie eine kleine Trafik
gepachtet, eine hlzerne Bude im Winkel der Huser, wo sie den Tag ber
Zigarren verkaufte. In der Wohnstube, die sie mit der Tante Regina teilte,
war bestndig ein seltsames Gemisch von Gerchen nach Kellerluft und
verdorrten Fronleichnamskrnzen, nach Weihrauch und dem trockenen Duft der
Tabakvorrte. Fr Severin hatte das alles einen besonderen, von kindischen
Ahnungen durchzitterten Reiz. Aus dem Zimmer der Tante, das mit
Heiligenbildern und geweihten Kerzen, mit zerlesenen Gesangsbchern und
Korallenkreuzen gefllt war, nahm seine Seele die erste Inbrunst mit nach
Hause, von der seine Kindheit heimgesucht wurde.

Ein wenig von dieser Inbrunst regte sich wieder in Severin. Er sah die
Kleinseite am jenseitigen Ufer des Flusses und die Karlsbrcke, ber die
die Ordenspriester in langen Rcken paarweise wie Schler gingen. Etwas von
der Stimmung der Nepomuktage war noch in der Luft zurckgeblieben, die
ruhig ber das Wasser strich und die welken Blten der Moldauakazien vor
seine Fe kehrte. Auf der Brcke stand noch das Holzgerst mit den
glsernen Lampen vor der Statue des Mrtyrers, wo die Landleute aus den
Drfern alljhrlich zusammenkamen, um ihren Schutzpatron zu verehren.
Severin gedachte der fieberhaften Erwartung, die das Fest des bhmischen
Heiligen in seine Kindheit getragen hatte. Am Vorabende des Johannistages
war er mit dem Vater zum Ufer gepilgert, wo sich die Menschen schon seit
Stunden stauten. Beim Einbruche der Dunkelheit wurde hier ein Feuerwerk
abgebrannt und die dnnen Raketen stiegen mit leisem Geknatter senkrecht
zum Himmel. Unten schwammen die lichterbehngten Boote auf dem Flusse, und
vor dem Altare des heiligen Nepomuk beteten die Bauern auf der Brcke.

Severin war schon seit Jahren in keiner Kirche gewesen. Die Glut seiner
Jugend hatte sich in blinden und lssigen Schwrmereien verbraucht. Aus der
Mdigkeit, die ihn hielt und von der er sich absichtslos von einem Tag in
den anderen tragen lie, kam nun die alte und lange vergessene Sehnsucht
seiner Knabenseele herauf. Die Nachmittagssonne hatte aus dem Dufte der
Akazien und dem Atem des Flusses einen warmen Dunst gekocht, dessen leise
Fulnis ihn erregte. Auf dem Gehsteig des Ufers ging eine Waisenschule
spazieren und die gleichgekleideten Mdchen unterhielten sich flsternd.
Eine vermummte Nonne geleitete sie und ihre jungen Augen sahen unter der
Kapuze einen Augenblick lang zu Severin herber. Es waren graue und fromme
Augen, mit einem Stern in der Mitte, so wie Tante Regina sie gehabt hatte.

Unschlssig stand er auf und suchte in den Taschen seines Rockes nach einer
Zigarette. Ihm gegenber glnzte die Firmatafel der Bibelgesellschaft im
Licht. Vor vielen Jahren hatte er hier einmal in den Schulferien fr
billiges Geld eine heilige Schrift gekauft. Er behielt sie nicht lange; sie
ging ihm verloren, wie die meisten Bcher, die er besa. Er dachte nur
daran, weil er heute wieder den Wunsch nach den schweren, vom Alter
nachgedunkelten Berichten der Testamente und nach der hellen Weisheit der
Evangelisten sprte.

Vor dem Monumente des Kaisers Franz spielten die Kinder im Sande. Ein
weibrtiger Greis mit einem grnen Augenschirm und einer verbogenen Brille
bot klebrige Zuckerstangen feil und Brezeln mit Salz und Mohn. Severin
kaufte den Rest seiner Ware und verteilte ihn unter die Kinder. Der Alte
trug vergngt den leeren Korb nach Hause; die Dienstmdchen auf den Bnken
rckten zusammen und kicherten.

Eine weiche und beseligende Ergriffenheit nahm von Severin Besitz, die mit
den lange verblaten Dingen seiner Schulzeit verwoben war. Seine Gedanken
tasteten vorsichtig in diese Welt zurck, in den naiven Zauber der
Schulkapelle, zu dem scheuen Gefhl, wenn er die khlen Kommuniontcher mit
den Fingerspitzen berhrte. Die Musik der Maiandachten fing an in seinem
Innern zu klingen, wenn die Orgel sich mit dem Gesange der Marienlieder
vereinigte und drauen, wo der Lindenbaum vor dem geffneten Kirchenfenster
wuchs, laut und mit bebender Kehle ein Vogel zwitscherte.

Er war ber die Brcke gegangen und hatte das goldene Kruzifix mit dem Hute
gegrt. Unversehens stand er vor dem Portal der Niklaskirche. Ihre grne
Kuppel funkelte ber den Dchern, und auf den Stufen vor dem Tore lag grell
und brennend das Licht. Severin trat ein. Aus dem farbigen Dunkel sahn ihn
die steinernen Gesichter der Bischfe an und seine Schritte widerhallten an
den Sulen. Die Kirche war leer, nur eine schwarze Frau kniete unweit der
Tre. Sie wandte sich um, als er eintrat und er erkannte die Nonne vom
Ufer. Ihr Gesicht war wei und unter der Kapuze brannten die Augen. Severin
kniete neben ihr und betete laut: Gegret seist du Regina! Und es war ihm,
als ob ber ihren Mund hinter den gefalteten Hnden ein erschrockenes
Lcheln ginge.


II.

Karla hatte gemeinsam mit ihrem neuen Freunde eine Weinstube in der inneren
Stadt errichtet. Neben der deutschen Universitt, wo die Studenten mit den
bunten Mtzen vor dem riesigen Holztore standen, begann das Gassengewinkel.
Aus den niedrigen Einfahrten der Durchhuser kam ein khler Hauch und vor
den Gewlben der Kaufleute roch es nach feuchtem Filz und vermodertem
Leder. Auch reisende Hndler nchtigten hier manchmal unter den
Laubengngen des Grnmarktes, die mit Schwmmen und frischen Beeren in die
Stadt gekommen waren und hier mit ihren Krben den Morgen erwarteten. Bei
Tag war da ein reges Leben. Auf den schmalen Fusteigen drngten sich die
Menschen, die Trdler riefen mit singender Stimme ihre Waren aus und die
Fuhrwerke rasselten ber das holprige Pflaster. In der Nacht verkroch sich
der Lrm hinter die trben Scheiben der kleinen Tanzlokale, nur zuweilen
kam eine bezechte Gesellschaft des Weges oder ein Wachmann schlichtete, von
einem Kreise von Neugierigen umgeben, eine betrunkene Schlgerei.

Eine feurige Bogenlampe hing vor dem Weinhause in der schwarzen Gasse. Wenn
man aus den schlecht beleuchteten Husern um die Ecke trat, stach einem das
Licht in die Augen und durch die Tre klang das gedmpfte Spiel des
Klaviers. Bei der Ausstattung der Rume hatte Karla den fruchtbaren und
eleganten Geschmack des jungen Nikolaus zu Rate gezogen, den man auch jede
Nacht unter ihren Gsten sah. Sie selbst hatte dann durch zgellose
Dissonanzen eine aufreizende und besondere Schnheit in das Ganze gebracht,
die ihrem Wesen entsprach und die sie nicht missen mochte. Zwar schttelte
Nikolaus nachdenklich den Kopf, als er zum ersten Male das Zimmer betrat.
Der tiefe Ton der Tapeten ertrank in dem scharlachfarbenen Brande der
Portieren, und ber den geliebten schwarzblauen Samt der Tischlufer und
Diwandecken hatte die Laune Karlas ein unruhiges und bizarres, blutrotes
Herzmuster gestickt. Aber das ungeschulte Temperament, das hier zu Worte
gekommen war, ri mit und bezwang. Und wenn Karla am Abende in einem
zigeunerhaft wilden Gesellschaftskleide, das ihre schne Brust und ihre
Arme zeigte, das eigenwillige Haar durch eine Kette gefesselt, im Lichte
der elektrischen Lampen stand, dann quoll der Wein ser in die
geschliffenen Kelche, und in der Musik war ein wunderbarer und betrender
Klang.

Aber das Entzckendste, das die Leute anzog und lockte, war Mylada.
Irgendwo hatte Karla dieses Mdchen entdeckt, dessen Herkunft niemand
kannte und die niemals zuvor in Prag gesehen worden war. Jetzt sa sie
jeden Abend in der Weinstube und ihr mageres Gesicht wurde nicht rter vom
Trinken. Sie trug ein einfaches und grnes Kleid, das ihren Leib wie ein
dnnes Hemd umhllte und ihre kleinen und spitzigen Brste sehen lie. In
wenigen Wochen hatten sich alle Mnner in sie verliebt. Sie hatte eine Art,
der niemand widerstand, die die Schweigsamsten zum Reden verfhrte und die
Verschlossensten gewann. Ihre hellen Augen, die sich beim Sprechen manchmal
umwlkten, konnten den Schwerflligen bestechen, den Kaprizisen
berauschen, den Lasterhaften berwltigen. Sie war ein neuer und
aufrhrerischer Trick in dem trgen Nachtleben der Stadt. Karla hatte sie
als Sngerin engagiert und hie und da sang sie vor den Gsten mit heller
Stimme zur Klavierbegleitung ein Lied. Deutsche Chansons, die in den
Tingel-Tangeln gerade aktuell waren, tschechische Volksweisen, wie sie die
Burschen vor den Tren der Vorstadt am Abende auf der Mundharmonika
bliesen. Aber der Reiz ihrer Person hatte nichts mit diesen Liedern zu tun.

Ein ungeahnter Zulauf brachte das Weinlokal Karlas in Mode. Eine schrille
Lustigkeit tobte hier in den Nachtstunden bis frh, schrie und stampfte und
lachte aus vollem Halse. Drauen auf der Gasse, wo das Bogenlicht brannte,
blieben die Passanten stehn und drckten sich neidisch in den Schatten. Der
sliche Elan der Wiener Musik rief sie zurck, wenn sie vorbergegangen
waren und legte den Trgriff in ihre Hnde. Die Lebensfreude, die drinnen
im Walzertakte lrmte, krallte sich um die Einsamen und zog sie in den
Lichtkreis der Lampe. Auch von den frheren Bekannten Karlas, die seit dem
Tode Doktor Konrads nicht mehr zusammengekommen waren, fanden sich viele
ein. Die blonde Ruschena kam und brachte einen dicken, blatternarbigen
Maler mit. Sie sa in einer Ecke, schlrfte den sauern sterreichischen
Wein, den er spendierte und sah mit einem faden Lcheln in die Luft. Erst
gegen Mitternacht erschien gewhnlich Nikolaus. Er kam im Frack und
seidener Weste von einem Abendbesuche, und Karla stellte den
weigekapselten Sekt fr ihn in den Khler.

Es war nach einem heien Tage, als Severin mit Zdenka die erste Visite in
der schwarzen Gasse machten. ber der Stadt zog unwillig ein Gewitter auf
und sie waren beide mde. Zdenka hatte Hunger und Durst und da schlug
Severin vor, einmal zu Karla zu gehn. Er hatte ihre Inserate in den
Zeitungen gelesen und hatte auch im Bureau von Mylada sprechen gehrt. Es
war noch zeitlich am Abend und die Weinstube war leer. Nur der alte Lazarus
hockte zusammengekauert in einem Winkel und war betrunken. Er erkannte
Severin und begrte ihn winkend. Neben ihm sa Mylada in ihrem grnen
Kleide und hrte geduldig seinen Gesprchen zu. Ihre hellen Augen schauten
mit ruhiger Neugier zu Zdenka hinber und streiften auch ihren Begleiter
mit einem kurzen Blick. Severin sah ihr gebannt in das kleine und magere
Gesicht. Ein erschrockenes Widerstreben hatte ihn gefat, als er beim
Eintreten den Buchhndler erblickte. Jetzt sa er still und verwandelt auf
seinem Platze und fhlte unglubig den Sto, der sein Blut beklommen und
schwer zum Herzen trieb, whrend er Mylada betrachtete. Ein sonderbarer,
ihm seltsam vertrauter Ausdruck in ihren Augen gab ihm zu raten. Zdenka
verstummte verlegen, als sie die Falte auf seiner Stirne bemerkte und wagte
es nicht, ihn zu stren. Erst als Karla in das Zimmer trat und ihm erfreut
die Hnde schttelte, wachte er auf und besann sich. Sie setzte sich neben
ihn auf den Diwan und begann flsternd von Lazarus zu sprechen. Jeden
Abend, wenn er sein Geschft gesperrt hatte, kam er zu ihr und betrank
sich. Aber er blieb nicht lange. Wenn sich nach dem Theater die ersten
Gste versammelten, ging er nach Hause.

Und Karla erzhlte, wie er manchmal in der Betrunkenheit sinnlose Reden
fhre und weine:

Oft schlgt er mit den Armen um sich wie ein Vogel, der zu fliegen versucht
und krchzt wie ein Rabe. Und dann schreit er wieder nach seiner Tochter --
-- --

Severin wurde bleich. Wie eine Vision sah er den Abend vor sich, wo die
Jdin ihm in der dunklen Gasse begegnet war und ihn verjagte. Er erinnerte
sich nicht mehr an ihre Worte; aber er sah ihren Leib, den die Mutterschaft
entstellte und zitterte. Er stand auf und ging zu dem Berauschten hin.

Guten Abend, Lazarus! -- sagte er -- Wie geht es Susanna?

Seine Stimme klang sprde vor Angst und er wunderte sich in demselben
Augenblicke, da er den Mut hatte, zu fragen.

Der Alte stierte in den Wein, ohne den Kopf zu rhren.

Heute ist sie aus dem Findelhause zurckgekommen -- --

Und nach einer langen Pause, whrend die drei Frauen einander ansahen und
den Atem verhielten:

Aber das Kind ist tot, Herr Severin, -- -- -- mausetot -- -- --

Und Lazarus lachte, da ihm die Trnen ber die knochigen Backen liefen.


III.

Der Sommer wurde liebreizender und zrtlicher, je mehr er dem Ende
entgegenging. Jeden Tag spannte der Himmel seine fleckenlose Decke aus und
die Sonne war milde. Severin verbrachte seinen Urlaub in der Stadt. Die
Vormittage, die er jetzt mig nach seinem Gutdnken verbummelte, waren fr
ihn ein lange entbehrter Genu. Hinter den schweigsamen, von stumpfer
Bureauarbeit vernichteten Jahren quoll zeitweise wundervoll klar die
Stimmung der Schulferien auf und die Gedanken an sein armes, in der
Tretmhle zerriebenes Leben, die Ereignisse des letzten Winters
zerflatterten ihm wie dnne Gespinste. Frh, wenn der Schlaf von ihm
abfiel, dehnte er die Glieder und lag noch eine Stunde im Bette. Bedchtig
sah er den Ringen zu, die das Licht durch die Maschen des Vorhangs auf die
Zimmertre malte und fhlte sich von einer Last befreit. Dann wusch er sich
und ging auf die Gasse. Er stieg auf die Hhe, wo man von den Weinberger
Schanzen in das Nusler Tal hinunter sah. Neue, kalkweie Gebude glnzten
unten in der Sonne und das Rauschen der fernen Eisenbahnzge erfllte die
Luft. Irgendwo in der Nhe war in seiner Kindheit ein kleiner, verwilderter
Garten gewesen, wo er nach Kieselsteinen und Schneckenhuschen gesucht
hatte und wo im Frhling auf dem ungepflegten Rasen die Gnseblmchen
wuchsen. Neben dem Kinderspital guckte die Kuppel der Karlshofer Kirche wie
eine ungeheure, braune Zwiebel zu ihm herber und jenseits des Tals stand
der neue Wasserturm in den Feldern von Pankraz, der ihm immer so vorkam,
als htte ihn jemand aus dem Bilderbuche herausgeschnitten, das er frher
einmal besessen hatte. Der Morgen war durchsichtig und leuchtete ber den
Husern. In einer Fabrik fing eine Sirene zu pfeifen an und ihre
melancholische Stimme blieb noch lange wie ein neuartiger und einfrmiger
Gesang in seinen Ohren.

In diesen Vormittagstunden empfand er so eigentlich erst das vielgestaltige
Leben der Stadt. Neben ihm und hinter ihm dehnten sich ihre tausend Straen
und wenn er drben den Talhang erstieg, sah er die Moldau unter den
Wyschehrader Schanzen vorbeiflieen und die grellen Reflexe der Sonne
schwammen wie glhende Brnde auf ihrem Wasser. In den verfallenen
Schieluken des Schanzgemuers sprote das Gras. Severin dachte an die
Abende zurck, wo es ihn dumpf und unruhig bedrckte, wenn er von Furcht
und Ahnungen berrieselt im Gewirre der Huser stand. Die Stadt, die vor
ihm lag und ihre Trme in den Morgen tauchte, schien ihm schner zu sein
und hatte doch ihre Wunder behalten.

Auf dem Heimwege trat er zumeist in das geffnete Tor einer Kirche ein.
Seit jenem Nachmittage auf der Kleinseite trieb ihn immer etwas an, im
Dunkel der Seitenaltre zu verweilen, wo die Statuen mit ernsten Mienen in
der Nische lehnten und wo das ewige Licht in einem roten Glase brannte. Er
setzte sich auf eine Bank und ruhte eine Viertelstunde. Zu dieser Zeit kam
selten ein Besucher und nur ein altes Weib schlrfte manchmal mit kurzen
Schatten ber die Fliesen. Severin nahm die Stille in sich auf, begierig
wie jemand, der lange den Lrm gewohnt war. Im Zwielicht des
Schlupfwinkels, der ihn verbarg, spannen sich die Gedanken unlsbar
ineinander und verstrickten sein Herz in eine kindisch verworrene Welt. Die
Bilder des Vormittags kamen traumhaft wieder und er sah die Wellen des
Flusses und die niedrigen Giebel des Hradschins in der helldunklen Luft und
hrte die Dampfpfeife im Tale singen. Es kam auch vor, da ein Gerusch ihn
strte und da eine Frau hinter ihm im Gebete kniete, die leise eingetreten
war, bevor er sich umwandte. Dann schrak er zusammen und ber die Schulter
sphte er prfend in ihr Gesicht.

Allmhlich wurde es ihm bewut, da er die Nonne mit den Sternenaugen
suchte. In einer grundlosen Laune hatte er sie Regina getauft und er
glaubte am Ende selbst an diesen Namen. Es kam ihm in den Sinn, wie sie ihm
unter den Akazien des Ufers begegnet war. Und in einem jhen und
unergrndlichen Zusammenhange mute er pltzlich an Mylada denken. --

In diesen Stunden gab er sich Rechenschaft ber die Tage, an denen ihn die
Liebe Zdenkas beschtzte. Er erlebte alles zum zweiten Male, was seither
mit ihm geschehen war. Die Worte des alten Lazarus fielen ihm ein und
nutzlose und grausame Trnen gemahnten ihn an sein Kind. Nach und nach
begann er zu begreifen, da die Idylle dieses Sommers nur eine Tuschung
war. Die verschlafene Mdigkeit seines Herzens hatte ihn glauben gemacht,
da jetzt der Trost darin eingekehrt sei und ein wirkliches Glck. Aber die
bsen Krfte wohnten weiter darin, sie wucherten im geheimen, whrend er
lchelnd den Mund seines Mdchens kte und bissen wie tzende Suren sein
Inneres wund. Irgend etwas hatte den flackernden Schatten in ihm
aufgescheucht, vor dem er im Winter geflohen war und den er im Dunkel der
leeren Kirche wieder erkannte. Er wute es nicht genau, ob es Regina oder
Mylada war und die Erinnerung an beide verwob sich ihm merkwrdig zu einer
einzigen Gestalt. Das Schicksal Susannas war fr ihn eine Deutung, da sein
Fu auf einer schlimmen und unseligen Fhrte ging. Wo sie vorberfhrte,
stand der Gram und das Unheil hinter ihm auf und auf seiner Spur welkte die
Freude. Die Sorge um Zdenka packte ihn und er wand sich vergebens unter
ihren Griffen. Und in der gengstigten Liebe zu ihr entdeckte er frstelnd
eine grimmige Lust, da er ihr Leben in seinen Hnden hielt und es
zerknittern konnte.

Wenn Severin aus der Kirche wieder ins Freie trat, schttelte er den Kopf
ber seine Trume. Die Mittagssonne flo wie ein warmer Honig durch die
Gasse, und an der Mauer stand ein Blinder mit dem Hute in der Hand und
blinzelte. Das kstliche Flimmern des Sptsommers hing ber den Dchern,
das drauen vor der Stadt aus den Stoppelfeldern aufstieg. Severin strich
mit den Fingern ber die Stirne. Unsicher ging er weiter und die wohlige
Betubung der letzten Wochen lste die Spannung in ihm. Aus den offenen
Fenstern der Parterrewohnungen klang manchmal das Trillern eines
Kanarienvogels auf und oben im dritten Stocke eines Hauses kratzte eine
Geige. Von fernher kam ein Summen durch die Luft, ein metallisches
Klingeln, das immer strker wurde. Auf den Trmen huben die Mittagsglocken
zu luten an.


IV.

Nathan Meyer liebte es, sein Leben vor den Leuten zu verstecken. Seitdem er
mit Karla zusammen die Weinstube in der schwarzen Gasse erffnet hatte, war
er noch niemals unten bei seinen Gsten gewesen. Er hielt sein Zimmer
versperrt, wo er zwischen Bchern und achtlos auf dem Fuboden verstreuten
Broschren hauste und verlie es nur in der Nacht, wenn die Bewohner des
Hauses zur Ruhe gegangen waren und er niemandem mehr auf der Treppe
begegnete. Er mochte ungefhr vierzig Jahre alt sein, aber das
kurzgeschorene Haar und sein glattrasiertes Gesicht lieen ihn jnger
erscheinen. ber seine Vergangenheit wute man wenig. Sein Vater hatte eine
groe Brauerei in Ruland besessen und ihm nach seinem Tode ein stattliches
Vermgen hinterlassen. Jahrelang lebte er von den Zinsen seines Kapitals,
ohne den Drang nach irgendeiner Ttigkeit in sich zu spren. Sein
schroffes, durch keinerlei Gutmtigkeit gemildertes Wesen hatte seinen Hang
zum Alleinsein nicht erschwert. Karla und er waren durch einen unbekannten
Zufall zusammengefhrt worden, aber sein ueres Dasein ward dadurch nur
wenig berhrt. In der Wohnung, die sie miteinander teilten, blieb seine
Tre auch ihr zumeist verschlossen. Darum war es fr die wenigen Menschen,
mit denen er in eine flchtige Beziehung kam, erstaunlich und nur schwer
verstndlich, als Nathan pltzlich die Idee, ein Weinlokal zu grnden, mit
Eifer und Beharrlichkeit verfolgte. Vielleicht hatte Karla die Anregung
dazu gegeben, weil ihr beweglicher Geist in dem unertrglichen Einerlei
ihres Zusammenlebens eine Beschftigung suchte. Aber er begrte ihren
Gedanken mit einem Fanatismus, der selbst fr Karla unerklrlich blieb, die
besser wie die andern die Energien kannte, die er unverbraucht in miger
Beschaulichkeit vertat. Er hatte auch Mylada aufgesprt und sich
hndereibend fr ihren Erfolg verbrgt. Aber als alles im Gange war und das
Unternehmen zu einem vielversprechenden Anfang gedieh, nahm er seine
Gewohnheiten wieder auf und bekmmerte sich nicht mehr darum.

Wenigstens schien es so. Denn es sah ja niemand das zufriedene Lachen auf
seinen dnnen Lippen, wenn in der Nacht der Lrm der Musik aus der
Weinstube in seine Kammer drang. Das Fenster stand offen und Nathan Meyer
sa mit erhobenem Kopfe beim Schreibtisch und lauschte. Die stille Gasse
fing alle Gerusche zwischen den hohen Wnden der Huser auf und brachte
sie in sein Zimmer. Er hrte, wie unten die Glser aneinanderstieen und
wie das sprde Gelchter Myladas die Mnner erhitzte. Er hrte die
schrillen und ekstatischen Stimmen der Menschen, die sich am Wein und an
den Gesprchen berauschten. In sein glattes Gesicht trat ein Ausdruck der
Genugtuung und er nickte. An manchen Abenden kam ein minutenlanges Brausen
von unten herauf, das Zischen und Gurgeln einer ungehemmten und
berschumenden Lust, die sich berschlug und nicht zu fassen vermochte.
Die heien Akkorde des Klaviers tnten taumelnd dazwischen und schwere
Hnde whlten aus den Tasten jubelnde Melodien, Walzer und Mrsche. Dann
nahm Nathan Meyer den Hut und den Mantel aus dem Schrank und ging die
Treppen hinunter. Ungesehn und unerkannt stand er neben dem Weinhause und
zhlte die Gste, die darin verschwanden. Das Bogenlicht der Lampe
zeichnete einen hellen Kreis in die Finsternis der Gasse und beleuchtete
die Gesichter der Eintretenden mit einem grellweien Strahlenbndel. Einen
Augenblick lang konnte Nathan die Seelen der Menschen erkennen, die vor der
Tre Halt machten und geblendet ein wenig verweilten. Tiefer und
unverschleierter als bei Tage zeigte die Lampe das Antlitz eines jeden. Die
Gruben, die die Angst hineingegraben, die Furchen und Risse um starre, vom
Nachtschwrmen entzndete Augen. Nathan hatte den Hut in die Stirne
gedrckt und den Kragen des Mantels hochgeschlagen. Bewegungslos stand er
im Dunkel und bewachte das Haus.

                   *       *       *       *       *

Severin erinnerte sich noch vom Begrbnistag des Doktor Konrad her an
Nathan Meyer. Er hatte seine hohe, breitknochige Gestalt und seinen
ingrimmigen Mund im Gedchtnis, wie er damals in der kalten Dmmerung des
Winternachmittags neben Karla, zwischen den Leidtragenden schritt. Eine
mitfhlende Bangigkeit mit der Frau war damals in ihm rege geworden, die
vor kurzem noch seine Geliebte war und deren schlanke Grazie neben den
robusten Schultern des Mannes mde und hingebungsvoll in sich
zusammenkroch. Seither war er ihm kein einziges Mal mehr in den Weg
gekommen, auch spter nicht, als Karla ganz zu ihm bersiedelte und die
Weinstube in der schwarzen Gasse schon im Betriebe war. In einem kleinen
Kaffeehause in der Nhe der Moldau sah er ihn wieder, wo Severin jetzt
manchmal vor dem Schlafengehn einkehrte, wenn er mit Zdenka den Abend
verbracht hatte und wenn ihn die meuchlerischen und feigen Gedanken der
Nacht noch vom Heimgange abhielten. Neuerdings war es ihm ein Bedrfnis
geworden, wenigstens eine Stunde mit sich selbst zu verbringen, wenn er
sich von Zdenka verabschiedet hatte und ihre sanften Liebkosungen nicht
mehr da waren, um die Unruhe zu beschwichtigen, die ihn wieder wie frher
in einem immer engern Bogen umkreiste. Sein Urlaub nherte sich dem Ende.
Lichtlos und engbrstig wartete der Herbst auf ihn. Das lautlose Dasein in
seinem Bureau begann von neuem, wo die Tage wie Mauern aneinanderstieen
und zwischen den engen Lcken sein Leben zerschrften. Wenn Zdenka bei ihm
war und er die Wrme ihrer Hand auf seinem Arme sprte, dann ging er wohl
noch mit der Miene des Gesundeten neben ihr her und ihre schne Stimme
erzhlte ihm von dem groen Glck ihrer Liebe. Zugleich mit dem Nebel, der
jetzt frhzeitig in die Straen fiel und das Ende des Sommers prophezeite,
kam die Unrast zu ihm. Er sah wieder wie einmal am Anfang mit einem
verzerrten Lcheln auf den blonden Scheitel Zdenkas, die sich an ihn
schmiegte. Wenn sie zu Bette gegangen war und ihr Fenster erlosch, grub er
die Zhne in das Fleisch seiner Fingerngel. Er lief durch die Gassen und
die Laternen zogen seinen schmalen Schatten auf den Pflastersteinen nach.
Im Kaffeehause setzte er sich zum Fenster und schob den Vorhang beiseite.
Ungeheuer hob sich der Rumpf des Rudolfinums vom Himmel ab, auf dem die
Sptsommersterne wie rote Lampions verkohlten.

Es war in einer solchen Nacht, als Severin mit Nathan Meyer ins Gesprch
geriet. Hinter den Zeitungen, die er las, hatte dieser schon lngere Zeit
nach ihm hingesehn und ein nachdenklicher Zug zog seine Lippen tiefer in
die Winkel, whrend er mit den langen Fingern die Asche seiner Zigarette in
den Messingbecher streifte. Severin antwortete anfangs wortkarg und
mrrisch. Er fhlte sich unbehaglich und es rgerte ihn, da jener
unverwandt sein Gesicht durchforschte. Aber es dauerte nicht lange, so sa
er gebannt auf seinem Platze und hrte den Worten des Mannes zu, der ihm
unvermittelt und ungebeten seine Bekenntnisse enthllte. Sie waren allein
in der niedrigen Kaffeehausstube, nur der Kellner schlief mit hrbaren
Atemzgen in einer Ecke und aus dem Spielzimmer nebenan tnte noch das
Klatschen der Kartenbltter zu ihnen herber. Es waren sonderbare Dinge,
die sie verhandelten. Die blinde und gehssige Wut der Einsamkeit flammte
in der Stimme Nathans, das Gift brodelte darin, das die Herzen der Krppel
und der Wahnsinnigen verwstet, der Ha gegen die Welt. Der zornige
Unglaube an die Gte und Herrlichkeit der Erde, der erbarmungslose Hohn
eines vermessenen Frevlers predigte von seinen Lippen, die sich beim
Sprechen feuchteten und ber die ein Zittern hinflog, das aus der innersten
Seele kam. Mit einem trockenen und hstelnden Geflster neigte er sich zu
Severin:

Wir sind alle ein bichen Chemiker, die von drben aus Ruland kommen. Ich
habe Sprengbchsen und Maschinen zu Hause, die eine Gasse umreien wrden,
wenn ich es wollte. Aber das tun ja nur die Dilettanten. Es gibt feinere
und bessere Mittel, die die Polizei konzessioniert und das Gesetz
gestattet. -- Sind Sie schon einmal in meiner Weinstube gewesen? -- --

Severin berlief es. Er sah in die grauen und listigen Augen Nathans hinein
und ohne weitere Erklrung verstand er ihn pltzlich. Ein Schrecken fate
ihn vor dem Manne, der auf Seelenfang ausging, ohne da jemand es merkte.

-- Vor einer Woche hat sich ein junger Herr erschossen -- erzhlte der
Russe weiter. -- Er hat die Kassa seiner Bank bestohlen, um bei mir Sekt zu
trinken und mit Mylada zu schlafen. Ich habe seine Leiche im pathologischen
Institute gesehn. -- Ein Fratz, kaum ber die zwanzig. Seine Mutter hat der
Schlag gerhrt, als sie davon erfuhr. Und das ist nur der Anfang. Ich kenne
sie alle, die in das Haus hineingehn. Ich sehe sie an, wenn sie sich
unbewacht glauben, im Finstern, neben der Tre. -- --

Und nach einer Pause, whrend Severin schweigend wartete:

Ich habe einen Namen fr das Haus gefunden, einen guten Namen, der die
Leute anziehn wird: _Die Spinne_.

Severin stand auf. Der Speichel stieg ihm bitter in die Kehle und ihn
schwindelte. Der kurzgeschorene Kopf Nathans tauchte in dem Rauche seiner
Zigarette unter, und Severin sah statt seiner sekundenlang ein Bild vor
sich, das ihn beklemmte. Da war die Stadt, riesengro, mit tiefen Straen
und tausend Fenstern. Und mitten darin das Weinhaus in der schwarzen Gasse.
Die Lampe ber dem Eingang glotzte wie ein Auge und vor der Tre drngten
sich die Leute. Sie kamen einer nach dem andern, wie die Mcken zum Licht
-- -- Drinnen sa Mylada in ihrem grnen Kleide -- -- Unsichtbar, unter den
geschweiften Beinen des Klaviers zusammengeduckt, kauerte ein plumpes
Wesen, das die Nachtmenschen die Freude nannten --

Severin schttelte sich und das Bild verschwand.

Wollen Sie nicht einmal mein Laboratorium besichtigen? -- hrte er Nathan
Meyer fragen.

Ich wei es nicht -- sagte er und mute sich an der Lehne des Stuhles
festhalten, um nicht zu fallen.


V.

Es kamen die Regentage und wuschen die letzten Spuren des Sommers mit sich
fort. Auf den Parkwegen stand das Wasser in groen Lachen und auf den
Bnken klebten die Bltter, die der Wind von den Bumen ri. Die Droschken
fuhren mit nassen Lederdchern durch die Stadt, und die Buben pantschten
mit nackten Fen durch die Pftzen und bauten am Rande des Gehsteigs
kleine Dmme aus dem Straenkot. Rascher als sonst um diese Jahreszeit
dmmerte der Abend hinter dem feuchten Himmel.

Severin stand beim Fenster. Das sprliche Leben des Vorstadtbezirkes, in
dem er wohnte, ging langsam in zgernden Pausen durch den Nachmittag. Ein
Kohlenwagen ratterte ber die Steine und die groen Lastpferde senkten
mimutig die Kpfe. Ein Mann eilte mit schnellen Schritten die Huser
entlang und sein schwarzer Tuchschirm glnzte vor Nsse. Hie und da stieg
ein schmutziger Papierdrache in die Hhe, den ein Kind an einem Faden durch
den Regen zerrte; dann fing er schwer und ngstlich zu flattern an und fiel
auf die Erde. In dem Kaufmannsladen an der Ecke surrte die Trglocke; eine
junge Frau mit gebrannten Stirnhaaren trat heraus und schaute prfend in
das Wetter. Dann hob sie die Rcke hoch, da man die hbschen Beine bis zu
den Knien sehen konnte und lief die Strae hinunter.

Severin dachte an den Herbstregen in seinen Kinderjahren. Es war alles wie
heute und die Knabenwnsche gruben in seinem Herzen ein wehleidiges Heimweh
auf. Auch die Kaufmannsklingel gegenber dem Vaterhause hatte denselben
Klang. Severin wartete ungeduldig, bis unten wieder die Tre gehen wrde.
Einmal war er an der Lungenentzndung erkrankt, als ganz kleiner Junge,
lange bevor er zur Schule mute. Da hatte ihn manchmal ein eigentmliches
Gefhl beschlichen, whrend er zu Hause im Bette lag und das schrge Licht
der Gasse auf die gemalten Blumen auf der Zimmerdecke fiel. Drauen
hantierte die Mutter in der Kche und von irgendwoher kam der langgezogene
Ton eines Leierkastens. Da hatte das Fieber in sein Gehirn eine
merkwrdige, kreisrunde Stelle genagt, die sich weich anfhlen mochte und
mit einer feinen Membran bedeckt war. Es fiel ihm auch ein Vergleich ein;
er erinnerte sich an die Bonbons, die er sich damals fr einen Kreuzer auf
dem Markte kaufte. Wenn der Zucker im Munde zerflo, dann sprte er unter
der papierdnnen Rinde die flssige Flle mit der Zungenspitze. Lange war
dieses Gefhl in ihm verschollen gewesen und nicht mehr wiedergekommen.
Jetzt war es wieder da, klar und bestimmt und Severin erkannte es wieder.
Ein Schwarm von vertrauten, durch die Jahre verwaschenen Bildern kam
zugleich in ihm herauf, die er seitdem vergessen hatte und die der Regentag
wieder in sein Gedchtnis splte. Die ruige Pawelatsche mit dem
Eisengelnder, wo er mit dem Bruder kindische Spiele ersann und mit der
Gummischleuder nach den Katzen im Garten jagte. Die alte Julinka, die das
Gnadenbrot im Hause a und dafr die zersprungenen Holzstiegen scheuern
mute. Die Sommerabende vor der offenen Tre, wenn ihm die roten Wolken
zwischen den Dchern die ersten unverstandenen Trnen brachten und die
Dienstmdchen in den Nachbarhfen die tschechischen Lieder anstimmten,
deren banale Sigkeit ihn noch heute bewegte.

Auch Mylada kannte diese Lieder.

Severin lehnte den Kopf gegen die glatte Scheibe. Ein bettelhafter Schmerz
verzog seine Lippen zum Weinen.

                   *       *       *       *       *

Die Nacht war gekommen und hatte den Regen in einen triefenden Nebel
verwandelt, der durch die Fensterspalten in die Wohnungen drang und die
Trume der Schlafenden beunruhigte. Severin hielt es nicht zu Hause. Er war
seit dem Mittag nicht auf der Strae gewesen und ein stechender Krampf
trieb ihm das Blut in die Schlfen. Er hatte Zdenka heute vergeblich warten
lassen und eine lstige Reue staute sich in seinen Gedanken, wie der Dunst,
der drauen die Gaslaternen verschleierte. Er zog den Wetterkragen um die
Schultern und stlpte die Kapuze ber den Hut.

Auf dem Marktplatze der Vorstadt scheuchte er zwei Gestalten auf, die sich
hinter den leeren Bretterbuden der Obstverkufer umschlungen hielten.
Severin blieb stehn und sah ihnen zu, bis der Mann ihn gewahrte und mit dem
Mdchen in die Dunkelheit flchtete. Eine bermchtige Sehnsucht nach dem
einfachen Glck dieser Menschen erfate ihn. Mit einer dumpfen und
grblerischen Spannung versuchte er zum hundertsten Male die Spur zu
ergrnden, die ihn seitab in eine unselige Wildnis des Lebens fhrte. Und
eine schmerzliche, von Bangigkeit erdrckte, von Zweifeln zerrissene,
ohnmchtige Lsternheit nach den Kssen des Weibes verzehrte ihn jh, das
sein Begehren in derselben Stunde entfacht hatte, in der ihm Lazarus vom
Tode seines Kindes sprach.

Vor der Rampe des Museums machte er Halt. Vor ihm lag der Wenzelsplatz und
der Herbstdampf hing in weien Wolken zwischen den elektrischen Flammen.
Severin breitete die Arme aus.

Mylada! rief er und seine Stimme flatterte wie ein zitternder Vogel durch
den Nebel.

                   *       *       *       *       *

In der Spinne zeigte der Zeiger der Wanduhr schon die zwlfte Stunde. Das
Lokal war berfllt und ein aufreizender Geruch nach vergossenem Wein
schwamm ber den Tischen. An den grnen Rauchringen der Zigarren kletterte
das Gelchter empor und fiel mit Gekreisch wieder zu Boden. Der Lrm der
Gesprche schwoll zum Getse an, das sich nicht hemmen lie und das
glucksend abbrach, wenn die Musik begann oder einer der Gste mit lauter
Stimme ein Lied anstimmte. Karla selbst in einem bunten und verfhrerischen
Kostme sa beim Klavier. Ihr schner Kopf bog sich zurck, whrend sie
spielte und berhrte den Nacken.

Severin setzte sich hinter sie und bestellte eine Flasche. Die dicke und
verdorbene Luft des Zimmers benahm ihm den Atem und der Schwei brach aus
seinen Poren und klebte das Hemd an seine Haut. Karla spielte die Melodien,
die die Leute verlangten. Das falsche und lgnerische Gefasel der Operetten
girrte unter ihren Fingern und das Aroma ihres Leibes perlte mit dem Wein
durch die Kehlen und verbrannte die Adern. Eine sinnlose und verwegene
Lustigkeit tobte in den Kpfen und berschwemmte die Herzen.

Von einer Gruppe ganz junger Mnner im Frack und weier Binde lste sich
Mylada los. Ihr magerer Mund lachte in einer unendlich verheienden Freude,
als sie sich ber Severin beugte.

Gib mir zu trinken, bat sie und er reichte ihr sein Glas.

Er sah ihr zu, wie sie die Zunge zwischen die scharfen Zhne schob und er
mute an sich halten, um sie nicht zu kssen. Er schlang den Arm um sie und
zog sie auf seinen Scho.

Deine Augen hab ich schon einmal gesehn, hast du nicht eine Schwester,
Mylada? --

Ich hatte eine Schwester, die mit sehr hnlich war, aber sie ist gestorben.
--

Severin strich ihr die Haare aus dem Gesichte und sie klammerte sich mit
den Beinen an ihn und lie ihn gewhren. Ihr Krper war klein wie der eines
Kindes und hinter dem dnnen Kleide reckten sich ihre Brste.

Komm zu mir heute nacht -- -- flsterte er und sie sagte darauf:

Sie hie Regina und war eine Nonne.


VI.

Severin zhlte nicht mehr die Zeit, seitdem Mylada seine Geliebte geworden
war. In einem einzigen, alles berflutenden, bunten und brennenden
Blendwerk vergingen ihm die Tage. Alles was frher eine Bedeutung fr ihn
hatte, was ihn verstimmte und erregte, verschwand aus seinem Leben, als ob
es niemals darin gewesen wre. Mit der sorglosen Sicherheit des
Schlafwandlers kam er den Beschftigungen nach, die sein Dasein
umfriedeten. Er tat seine Arbeit im Bureau, ohne den Druck zu empfinden,
der sonst immer auf diesen Stunden lastete. Er fhlte nicht mehr den bsen
und heimtckischen Ha in den Dingen, die ihn frher beleidigten und er
hatte nur Raum in sich fr die grenzenlosen Schwelgereien seiner Liebe.
Niemals hatte er geglaubt, da ein Weib es vermchte, was er jetzt tglich
an sich erfuhr. Die Abgrnde einer Glckseligkeit ffneten sich vor ihm, in
der er mit wilden und verirrten Sinnen und einer gelhmten Seele untersank.

Mylada verstand seinen Krper. Mit der klugen und hellsichtigen
Verderbtheit ihrer erfahrenen Jugend begriff sie sein Wesen und machte sich
den Launen untertan, die sie darin entdeckte. Sie fand die Schlupfwinkel
seiner Begierden und ging ihnen bis zu den Wurzeln seiner Nerven nach. Sie
lehrte ihn die bizarren und zgellosen Spiele der Liebe kennen und ihre
Zrtlichkeit berauschte ihn. Ihre Ksse waren erfinderisch und das Glck,
das sie ihm bereiteten, war eine sndhafte und verzweifelte Lustbarkeit.
Oft, wenn sie an seinem Halse hing und eine wollstige Wolke ihre Augen
verdeckte, verlor er das Gedchtnis der Gegenwart. Das Zimmer, in dem sie
weilten, kam ihm fremd und wunderlich vor und die Lampe vor seinem Bette
gab ein absonderliches Licht. Er sah die Funken hinter den Lidern Myladas
tanzen und eine goldene Welle lschte in seinem Gehirn die Gedanken aus.

Ihr schwacher und zerbrechlicher Leib hatte eine ungeahnte Kraft der Liebe
in sich. Es war eine Leidenschaft in ihr, die sich schrankenlos
verschenkte, die sich an Severin hing und ihn erschpfte. Die Frauen waren
fr ihn immer eine Enttuschung gewesen. In den Abenteuern mit ihnen hatte
die groe und zwingende Gewalt gefehlt, die hinreien und gebieten konnte,
die unwiderstehlich und tdlich war. Jetzt brach zum ersten Male der Blitz
in sein Leben, der es zerstie und erhellte. Zuweilen kam ungewollt eine
Erinnerung an ihn heran und das Bildnis Zdenkas erschien ihm und bettelte.
Wenn er des Nachts aus dem Schlafe fuhr und die Dunkelheit betrachtete, kam
es zu ihm und wollte ihn retten. Der Glanz ihrer blonden Haare verfing sich
dann noch einmal in seinem Herzen und von fernher lutete ihre Stimme wie
eine Glocke. Aber der nchste Tag fhrte ihn wieder mit Mylada zusammen und
an ihrem Munde verga er die Welt.

Wenn der Nachmittag kam und die Oktoberschatten an den Wnden zerstubten,
sa er zu Hause und wartete. Die Gerusche der Strae klangen undeutlich
und verndert von unten herauf und die vorberfahrenden Wagen erschtterten
die Dielen. Manchmal blieb ein Sausen und Stampfen in seinem Kopfe, das ihn
erschreckte und das er nicht loswerden konnte. Er hielt sich die Ohren mit
den Hnden zu und merkte, da es von innen kam und da der Lrm in ihm war.
Eine angstvolle Bangigkeit whlte in seinen Gedrmen. Bis dann die Klingel
ging und Mylada in sein Zimmer trat und den Mantel ffnete.

Er liebte alles, was zu ihr gehrte. Jedes Kleid, das sie auf ihrem
glhenden Krper trug, wurde ihm zum Fetisch. In den Maschen des Schleiers,
den sie einmal in seiner Wohnung zurckgelassen hatte, suchte er ihren Atem
zu erwecken und der Duft der Handschuhe, die er ihr stahl, trstete ihn in
den Stunden, wo er sie nicht besa. Wenn sie mit grausam tndelnden Fingern
sich vor ihm entkleidete, dann warf ihn das Verhngnis vor ihre Fe, dem
er nicht mehr entrinnen konnte und vor dem er in die Knie fiel.
Schluchzend, von einer berirdischen Seligkeit gepeinigt, berhrte er ihr
Hemd mit den Lippen.

Er wute, da er Zdenka endgltig und fr immer geopfert hatte, als er sie
um Myladas willen verlie. Aber es war zu spt fr die Umkehr und es war
ein leerer und gespenstischer Gedanke fr ihn, da es eine Zeit gegeben,
die nicht bis zum Rande von der Liebe voll war, die ihn verzehrte. Oft,
wenn er sie in die Arme schlo und wenn sie sich wie ein ungebrdiges Kind
auf seinem Schoe zusammenrollte, dann schauten ihn die Augen der Nonne
unter ihren Wimpern an, die er im Sommer auf ihrem Kirchgang begleitet
hatte. Er erzhlte ihr seine Begegnung und da er sie lcheln gesehn, als
er an ihrer Seite das Gegret seist du Regina! betete. Mylada lachte und
begann von ihrer Schwester zu sprechen, die schon seit Jahren tot war und
nannte ihn einen Geisterseher. Aber Severin lie es sich nicht nehmen und
blieb bei seiner Geschichte. Klar und wirklich stand das weie Gesicht des
jungen Weibes vor seiner Seele und in seinem Innern glomm das schwle Feuer
unheiliger Wnsche weiter, an dem er sich damals entzndet hatte.

Mylada lie ihm seine Phantasien. Mit dem reizbaren Instinkt, mit dem sie
die Mnner beherrschte, erkannte sie bald, da sich hier eine Quelle neuer
und komplizierter Gensse verbarg, die sie ausgraben mute, um sie zu
verkosten. Einmal kam sie spter als sonst, als schon die Dmmerung des
Herbstabends sein Zimmer verdsterte. Fiebernd, von der Erwartung zerstrt,
ffnete er die Tre. Und vor ihm stand wortlos und ruhig, die frommen Hnde
ber der Brust gekreuzt, die junge Nonne, wie er sie einmal unter den
Ufer-Akazien gesehn hatte. Die Kutte flo weit und faltig ber ihre Glieder
und unter der schwarzen Haube glnzten die Sternenaugen.

Regina! stammelte er.

Da fiel sie ihn mit einem Jauchzen an und ihre Lippen saugten sich in
seinen Mund. An ihren Kssen erst erkannte er Mylada. Er ri das rauhe
Kleid entzwei, unter dem ihr Fleisch wie eine matte und schne Seide
schimmerte. Er nahm sie um den Grtel und trug sie auf sein Bett.

Regina! Regina!

Und ein wunderbares und berlebensgroes Glck rann ihm wie siedendes
Metall ins Blut und brannte in sein armes, von der Liebe bewltigtes Herz
eine se, korallenrote Narbe.

                   *       *       *       *       *

Die Nchte, die auf diese Nachmittage folgten, verbrachte Severin von nun
an in der Spinne. Abgesondert von den brigen, sa er auf seinem Platz
und sah den Gsten zu, die sich um Mylada bemhten. Sie hatte fr jeden ein
Wort, ein Aufleuchten der Stimme, ein halblautes Versprechen, das jeder fr
sich allein zu besitzen glaubte und das die Wangen eines jeden mit einer
verschwiegenen Rte frbte. Zwischendurch aber flog ihr Blick zu Severin
hinber und wenn sie an ihm vorberging, streifte sie mit den Fingern ber
sein Haar. Sie sah ihn an, wenn sie die Lieder sang, die er liebte und in
denen die Musik seiner Kindheit mitklang. Auch sie besa die wiegende und
schwrmerische Anmut der slavischen Frauen, die ihn bei Zdenka bestochen
hatte. Aber in ihr war eine gefhrliche Behendigkeit, eine listige
Sentimentalitt, die an der Oberflche haftete und die ihr Wesen nicht
entrtselte. Severin trank den tiefroten Wein, den Karla ihm eingo und
rhrte sich nicht. Er nahm keinen Anteil an der Frhlichkeit, die sich an
ihn drngte und sie erweckte ihn nicht aus seinem Versunkensein. Mitten in
der exaltierten Tollheit der andern war er mit Mylada allein und er dachte
heimlich an die Stunde, wo sie ihm wieder gehren wrde.

Es war schon hell, wenn er am frhen Morgen sein Glas austrank und auf die
Strae trat. Ein Mann mit einer Stange ber den Schultern ging vor ihm her
und drehte die letzten Laternen aus. Eine Truppe geschwtziger Weiber kam
ihm entgegen, die groe Krbe auf dem Rcken schleppten. Es waren die
Hndlerinnen, die das Gemse auf den Frhmarkt trugen. Ohne sich erst
auszukleiden, legte er sich zu Hause zum Schlafe nieder.

Einmal, als sich wieder bei Tagesanbruch die Tre des Weinhauses hinter ihm
verriegelte, stand Nathan Meyer neben ihm. Sein dnner Mund verzog sich
hhnisch, als er Severin begrte und mit ihm noch ein Stck weit durch die
Gasse ging. Er rusperte sich unruhig und schttelte den Kopf beim
Abschied.

Sie ist ein Luder! -- sagte er mehrmals durch die Zhne und Severin wute
nicht, ob darin Freude oder eine Warnung lag.

Mit einer sonderbaren, fast vterlichen Miene sah ihm der Russe in die
Augen.

Sie ist ein Luder, Severin: -- -- Glauben Sie mir, -- sie ist ein Luder!


VII.

Wie eine Stichflamme, die jhlings in die Hhe fhrt und die Brandnacht
schrecklich erleuchtet, war die Liebe zu Mylada in das Leben Severins
gekommen. Ein furchtbares und einsames Grauen umfing ihn nun, als sie sich
von ihm abwandte und ihn nach einigen Wochen einer selbstvergessenen und
eigenwilligen Laune wieder den frostigen Schatten berlie. Er vermochte es
nicht zu glauben, da er wieder allein war. Die Glut hatte seine Seele wie
ein taubes Gehuse ausgehhlt und er verstand es nicht, da nur die Asche
davon briggeblieben war und der Schmerz vereiterter und hlich
flackernder Wunden. Mit der Raserei des Verlorenen bumte er sich gegen das
Schicksal.

Jeden Tag wartete er in seinem Zimmer auf ihren Besuch. Der Zeiger der
Stockuhr ging knackend an den Viertelstunden vorbei und es wurde spt.
Mylada kam nicht mehr. Er schlug mit dem Gesichte auf die Erde und aus dem
entstellten Munde flo der Speichel und das Blut und durchnte den
Teppich.

Abends in der Weinstube packte er ihren Arm. Er grub seine Ngel bis auf
den Knochen, da sie schwankend nach Hilfe schrie und mit wtenden Bissen
sein Handgelenk zerfleischte. Endlich ri sie sich los.

Ich will nicht mehr! Es ist zu Ende!

Von Ekel geschttelt, floh er auf die Gasse. Ein Luftsto entfhrte ihm den
Hut, aber er beachtete es nicht. Barhuptig, vom Jammer vernichtet, lief er
durch die Nacht und das Entsetzen kam riesengro hinter ihm her und er
konnte ihm nicht entweichen. Die Uniform eines Schutzmannes blinkte neben
ihm auf und eine befehlende Stimme rief ihn an. Severin antwortete mit
einem Fluche und rannte weiter.

In den Feldern hinter der Vorstadt blieb er stehn. Der Atem quoll ihm
rchelnd aus der Kehle, seine Adern klopften und drohten seinen Hals zu
zersprengen. Er ri sich den Kragen auf und allmhlich gelang es ihm
wieder, sich zu besinnen. Die Wolken, die ber den Himmel trieben,
zerteilten sich fr eine Weile und entblten den Mond. Severin erkannte
die Landschaft. Ein verfallenes Gehft erhob sich in der Nhe, das schon
seit langem niemand mehr bewohnte. Im Sommer nchtigten die Stromer
zwischen den zerspaltenen Mauern und bei Tage suchten noch manchmal die
Lumpensammler in dem alten Kehricht nach Schtzen.

Ein paar Schritte weiter mndete der Fuweg auf der Landstrae ein. Der
Neubau der groen Fabriken ragte an ihrem Rande und dahinter begannen die
Friedhfe. Seit dem Tode des Doktor Konrad war Severin nicht in dieser
Gegend gewesen. Seine Gedanken gingen ber die Tage hin, die seit dem
Begrbnis verflossen waren und fanden sich zerstckelt und erschreckt in
der Wirklichkeit zurecht. Der Mond verschwand und ber den Feldern ballte
sich die Finsternis. Severin lief weiter. Immer mehr entfernte er sich von
der Stadt und kehrte ihren trben Lichtern den Rcken zu. Der Nachtwind
kmmte seine Haare und griff ihm durch das offene Hemd an seine nackte
Brust. Sein Blut wurde ruhiger und strmte nicht mehr. Hinter dem
Gittertore des Kirchhofs stand der Baum neben dem Grabe Konrads, der ihn
einmal bis in den Schlaf verfolgt hatte. Severin lachte, als er vorberkam.
Er nahm eine Scholle von der Erde auf und warf sie ber die Mauer.

Eine furchtsame Mdigkeit fesselte seine Fe. Er dachte an das Gehft an
der Strae. Wenn er sich dort bis zum Morgen verkroch, mute er nicht mehr
in die Stadt zurck und er wollte schlafen. Es fiel ihm ein, da sich erst
krzlich die Zeitungen mit dem Bauernhofe beschftigt hatten. Ein
Selbstmord war dort geschehn und man fand die Leiche eines Offiziers
zwischen dem alten Schutte. Severin hatte ihn gekannt; es war ein Stammgast
aus der Spinne. Er erinnerte sich an den Abend, als Karla die Nachricht
von seinem Tode in die Weinstube brachte. Damals kmmerte er sich nicht
darum, weil ihn die Liebe zerwhlte und ihm Augen und Ohren verschlo.
Jetzt sah er deutlich den Zusammenhang. Ein trostloser, mit Geschwren
beladener Ha brach in ihm auf; er hob die Hand und drohte mit der Faust in
die Dunkelheit.

                   *       *       *       *       *

Die Zeit, die dieser Nacht nachfolgte, brachte Severin den Niederbruch. Die
zhe Lebenskraft, die er besa und die allen Ausschweifungen und Krisen
standgehalten hatte, zerbrach und zerbrckelte unter der Gewalt einer
hoffnungslosen Traurigkeit. Er meldete sich krank und ging nicht mehr in
sein Bureau. Es war ihm unmglich, etwas zu tun und zu denken, das nicht zu
der selbstqulerischen Lust in einer Beziehung stand, mit der er seinen
Schmerz geno und immer wieder von Anbeginn erneuerte. Ein unbarmherziger
und verwahrloster Zorn berfiel ihn nach Stunden einer in sich gekehrten
Teilnahmslosigkeit. Dann trat ihm der Schaum vor die Lippen und er
erstickte seine grlichen Schreie in den Kissen des Bettes. Mit den
geballten Hnden zerschlug er das Glas des Spiegels, das ihm seine
zerrissene Stirne und seine vom Wachen getteten Augen zeigte. Er ging den
Leuten aus dem Wege, die ihn auf der Strae ansahn und sich vorsichtig nach
ihm umwandten, wenn sie sein graues Gesicht mit den verquollenen
Trnenscken erkannten.

So fand ihn Nathan Meyer eines Abends vor der Spinne. Er starrte in den
Lichtkreis der Trlampe und seine Zhne schlugen aneinander, als Nathan auf
ihn zukam und seine Hand auf seine Schulter legte.

Gehn Sie nicht mehr da hinein! sagte er.

Seine Stimme war weich und es klang jener zrtliche und bestimmte Grundton
darin, mit dem die Erwachsenen zu den Kindern reden.

Gehn Sie nie wieder da hinein, Severin!

Dann fate er ihn unter den Arm und fhrte ihn die Treppen hinauf in seine
Stube. Severin folgte ihm, ohne sich zu struben.

Was wollen Sie von mir, Nathan? -- fragte er nur und sein geschwchter
Krper lehnte sich an die groe Gestalt des Mannes.

Nathan Meyer schraubte die Lampe auf und rckte seinem Gaste einen Stuhl
zurecht. Er stellte eine Schachtel mit den langen und schmchtigen
Zigaretten vor ihn hin, die er aus seiner Heimat bezog und die er selbst
unaufhrlich eine an der andern entzndete.

Rauchen Sie!

Und dann begann er mit langen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehn.
Severin sa und hrte ihm zu. Es war dasselbe, was er schon damals im
Kaffeehause erfahren hatte. In kurzen, von der Erregung zerhackten Stzen
predigte der Russe den Krieg gegen die Welt. Aber es war noch etwas
anderes, was sich in seinen Worten verriet, eine freundschaftliche
Anteilnahme, eine ungeschminkte Besorgnis, die ihn aus seinem Munde
sonderbar berhrte und die er sich nicht zu erklren wute.

Was wollen Sie von mir? -- fragte er noch einmal.

Nathan Meyer blieb vor ihm stehn.

Ich habe Sie gern, Severin!

Er neigte sich lchelnd vor.

Sie gehren zu uns! Sie gehren zur Gilde!

Zur Gilde? -- Was ist das?

Aber er erhielt keine Antwort auf seine Frage. Nathan klapperte mit dem
Schlsselbunde und schlo den Schreibtisch auf.

Sie knnen unterdessen die Dinger da besichtigen, whrend ich unten eine
Flasche Wein besorge. -- Aber geben Sie acht mit Ihrer Zigarette!

Severin erhob sich und zog neugierig die schwere Lade auf. Nathan Meyer
hatte ihn allein gelassen und ein merkwrdiges Gefhl berkam ihn in dem
Zimmer, wo die Bcherregale die Wnde bis zur Decke verkleideten und der
Lampenschein auf den alten Mbeln flimmerte. In der Truhe ruhten
wohlverwahrt eiserne Sprengbomben in allen Formen, kugelfrmige
Handgranaten, eirunde und viereckige Bchsen mit weien Zndschnuren
nebeneinander.

Severin stand mit gebeugtem Rcken vor der geffneten Lade. Ein hellroter,
wollstig schleppender Gedanke ging durch sein Gehirn und seine Hnde
stieen schlotternd gegen die Manschette. Whlerisch prfte er ein jedes
Stck mit den Augen. Ein mittelgroes, wunderlich gestaltetes Ding lag wie
ein schwarzes Herz zwischen den andern. Severin nahm es und schob es in die
Tasche.

Nun? -- meinte Meyer, als er mit zwei Glsern und einer gefllten Karaffe
wieder ins Zimmer trat.

Ein Spielzeug fr Kinder! murmelte er verchtlich, als Severin stillschwieg
und sperrte den Schreibtisch ab.

Kommen Sie, wir wollen ein Glas auf die Gilde trinken!


VIII.

Nach Wochen einer grausam verlorenen Einsamkeit konnte Severin sein
Verlangen, Mylada wieder zu sehn, nicht mehr bezhmen. Die blutleeren
Gespinste, die seine Phantasie ihm vorgaukelte und die er im Schatten der
Nchte verfolgte, fhrten ihn immer wieder zu der Stelle hin, wo das Licht
der Weinstube wie ein groes und blendendes Rad auf die Gasse fiel. Nathans
Mahnung fand keinen Widerhall mehr in seiner Seele. Geduckt vor Scham und
von Sehnsucht verwstet, fand er sich eines Abends wieder in der Spinne
ein.

Er brachte es nicht mehr ber sich, den letzten und bittersten Stachel
seines Leidens lnger zu entbehren. Mylada sah ber ihn hinweg, wie ber
einen fremden und unbekannten Gast. Aber an ihrer Stimme, die sich lstern
bog, an ihren Augen mit der goldenen Arglist in den Pupillen, entfachte er
das Gedchtnis an ihre Leidenschaft und ihre bse und verderbliche Liebe.
Er rief jene Stunde in seine Erinnerung zurck, wo sie als Nonne verkleidet
zu ihm gekommen war. Er schauerte und seufzte unter ihren Kssen und hielt
entzckt den Spuk in seinen Armen, der ihn einmal im Sommer unter den
Akazien verwirrt hatte.

Nun sa er mit aufgesttzten Armen unter den anderen. Zwischen den
vorgehaltenen Fingern hindurch sah er Mylada mit den Mnnern scherzen und
fand die Linien ihres Leibes unter dem Gewand. Der Buchhndler Lazarus
schaukelte sie auf den Knien. Sein Kahlkopf drngte sich an ihre Brste,
und Severin sah die Furchen seiner Schdelknochen unter der gespannten
Haut. Der Abend kam ihm in den Sinn, wo er mit dem Feldstein bewaffnet
durch die Stadt gelaufen war, um einen Menschen zu tten. Mylada spielte
mit dem Barte, der ungepflegt und schtter von den schlaffen Kiefern des
Alten hing, und in ihren hellen Augen ging die Wolke auf, die er darin
kannte. Ein widerwrtiges Gefhl rutschte ihm wie eine schleimige Faust
durch die Kehle. Er trank sein Glas leer und ging auf die Gasse.

                   *       *       *       *       *

Drauen breitete sich der tiefe und unausschpfliche Nachthimmel des
Winters ber die Stadt. Es war nirgends ein Stern zu sehn und der
abziehende Herbst schleifte eine klebrige, nakalte Schleppe von Dnsten
hinter sich her und fegte damit das Pflaster. Bei der Maschine eines
fahrenden Teekochers blakte ein winziges Lmpchen; zwei Dirnen mit
Federhten und hellgelben Sommermnteln nahmen dort eine hastige Mahlzeit
ein und unterhielten sich lachend. Severin trat hinzu und kaufte ein paar
Zigaretten. Eines der Mdchen sprach ihn an und bettelte um ein
Zwanzighellerstck. Er griff in die Tasche und reichte ihr eine Handvoll
Silbermnzen.

Eine gleichgltige und verschlossene Herbheit hatte sich seiner bemchtigt.
Er wute nicht, wohin er gehn und was er beginnen solle. Aus dem
teppichbelegten Hausflur einer Bar schlug ihm ein warmer Fuselgeruch ins
Gesicht, und der Portier legte grend die Hand an die Mtze. Severin
gedachte der Jahre, wo er sein Leben in solchen Lokalen verschlagen hatte.
Ein bohrender Wunsch nach dieser Zeit bermannte ihn. Damals besa er eine
Zufluchtsttte. In der Drftigkeit und in der Enge seines Daseins war er
nicht allein; einfltige Begierden leisteten ihm Gesellschaft, weinerliche
Ahnungen von der Gre und der Irrsal der Welt. Jetzt wute er es besser.
Zerstrt und beschmutzt, verbraucht und entkrftet ging er im Unrat
zugrunde, weil ihm ein Animiermdchen den Laufpa gegeben hatte.

Jetzt konnte er auch das Wort verstehn, das Nathan Meyer im Munde fhrte.
Es gab welche, fr die der Glanz des Lebens nur ein Trugfeuer war.
Hhnische mit unseligen Hnden, Parias, die eine hndische Angst durch die
Straen hetzte, Mrder und Gezeichnete. Das war die Gilde, zu der auch
Severin gehrte.

Er hatte es immer gefhlt, schon damals, wie er als Knabe in dem wilden
Buche las und nach Abenteuern hungerte. In den blassen Flammen seiner
wurmstichigen Jugend war immer ein rtlicher Rauch gewesen, der aus den
schlimmen Verstecken seines Herzens kam. Das Glck der andern war ihm ein
kindisches Bilderrtsel. Planlos hatte er mit dem Schicksal gespielt und
war an seinen armseligen Mausefallen vorbeigestolpert, ohne sich zu
verletzen.

Er sah auf und merkte, da er im Kreise bestndig denselben Weg gegangen
war. Das Lmpchen des Teekochers glomm vor ihm in der kleinen Laterne, und
die weie Schrze des Mannes leuchtete in der Finsternis. Severin
unterdrckte ein Schluchzen. Der da hatte ein Heim und das Kerzenstmpchen
in dem zerbrochenen Glase brannte in einem friedfertigen Licht.

Und er? Und Severin?

Tief, in der innersten Seele sprte er einen Schmerz. Ein ses, unter
Scherben und Kehricht vergrabenes Frauenbild hob das vergrmte Antlitz zu
ihm. Aber er warf den Kopf in den Nacken und wollte es nicht sehn.

Oder doch? War es mglich? --

Eine linde und beschmende Schwche lste seine Glieder. Vor den Torstufen
eines Hauseingangs sank er in die Knie und khlte seine Stirne an den
Steinen. Er faltete die Hnde und schlo die Augen, und gerade ber ihm in
dem schmalen Ausschnitt, den die Gasse fr den Himmel frei lie, kam ein
schchterner Stern zum Vorschein und strahlte.

                   *       *       *       *       *

Eine dnne, lichtgraue Helle kndigte den Morgen an, als Severin sich
aufraffte und die Richtung gegen den Altstdter Ring einschlug. Die bunten
Straenplakate zeigten schon ihre flchtigen Umrisse an den Wnden, und der
Mann mit der Teemaschine rstete sich zur Heimfahrt. Vor der Ringapotheke
lehnte ein Frauenzimmer mit bernchtigen Augen und zog an der Glocke.

Der Hausbesorger hielt ihm verschlafen die verschwitzte Hand entgegen und
nickte zufrieden, als er den spten Besucher erkannte. Severin gab ihm ein
Geldstck und stieg die Treppen zu Zdenkas Wohnung hinauf. Eine endlose
Pause setzte sein Herz zu schlagen aus, bevor er an die Tre pochte.

Ein Gerusch ward drinnen vernehmbar.

Ist jemand hier? -- fragte eine Stimme.

Ich bin es -- Severin!

Die Tre ffnete sich und eine heie Hand fhrte ihn in das Zimmer. Die
Petroleumlampe mit dem grnen Schirme qualmte auf dem Tische. Zdenka war im
Hemd. Das Haar fiel ihr in blonden Ringen auf den Hals und sie zitterte vor
Klte.

Warum kommst du zu mir? -- fragte sie ruhig.

Severin nahm den Hut ab und hielt ihn in den Hnden. Er schaute sich um und
umfate die Stube mit einem langen, abschiednehmenden Blicke. Das Frhlicht
rann durch die Fenstervorhnge herein und machte den Schein der Lampe klein
und rmlich. Neben dem Bette stand der Schrank, in dem Zdenka die Kleider
und die Wsche aufbewahrte. Die violette Porzellanvase auf der Truhe hatte
einen Sprung und von dem Henkel war die Farbe losgegangen. Ein
vertrockneter Blumenstrau stak darin, den sie einmal im Sommer miteinander
im Walde gepflckt hatten.

Zdenka sah ihn an und wartete. Das Hemd glitt ber ihre nackte Brust und
sie zog frierend die Schultern zusammen. Mit einer eingelernten und
mechanischen Bewegung streckte er die Arme aus. Aber er lie sie wieder
sinken.

Warum bist du gekommen? -- --

Da kehrte er sich um und ging zur Tre hinaus.


IX.

Der Wind, der in den Vormittagsstunden mit den Firmatafeln der Kaufleute
geklappert hatte, war zur Ruhe gekommen. Ein stiller Abend machte den
Himmel klar und eine blasse und schne Sonne fing an zu scheinen. Severin
richtete sich in dem zerwhlten Bette auf und sah nach der Uhr. Der lange
Schlaf nach der durchwachten Nacht hatte ihn nicht gekrftigt. Er wusch
sich die heie Betubung aus den Augen und kleidete sich sorgfltig an.

Auf der Gasse kamen ihm die Gruppen halbwchsiger Gymnasiasten entgegen,
die eben aus der Schule heimkehrten und aufgeregte Gesprche miteinander
fhrten. Severin schaute sich mit einem unbestimmten Gefhle des Neides
nach ihnen um. Der Wetterumschlag lockte die Menschen aus den Husern
heraus und eine Schar von Spaziergngern schlenderte den Gehsteig entlang
und sammelte sich vor den Auslagefenstern der Geschfte. Mit kleidsamen
Samthauben auf der koketten Frisur drngten sich die Mdchen durch die
Menge. Ein Liebespaar blieb an der Straenkreuzung stehn und bewunderte den
Sonnenuntergang. Mohnblumenfarbene Streifen tauchten am Rande der Dcher
auf und setzten die Kamine in Brand. Eine dicke Wolke kam pltzlich in Glut
und schwamm ber dem Karlsplatze wie ein groer, aus Goldblech gerollter
Klumpen.

Severin ging gemchlich, mit einer kalten und entschlossenen Neugier seinen
Weg. Jene halbdunkle Empfindung berrumpelte ihn, die ihn immer nach einer
Erschpfung heimsuchte und der er sich widerstandslos berlie. Sein
Bewutsein spaltete sich und lebte getrennt von ihm ein selbstndiges
Leben. Die Vergangenheit und die Gegenwart zogen wie die Bilder eines
Panoramas an ihm vorbei und er sah verwundert und willenlos in seine eigene
Existenz. Die Gesichter der Leute, die sich neben ihm bewegten, die Profile
der Huser, die er kannte, gewannen eine neue und besondere
Anschaulichkeit, die seine Aufmerksamkeit reizte.

An den Ecken der Quergassen hatten die Kastanienbrater ihre fen
aufgestellt. Ein freundlicher Lichtglanz lagerte ber der Stadt. Ein
verrunzeltes Weiblein humpelte umstndlich mit dem Krckstocke ber das
Pflaster. Vor den Haustoren standen langhaarige Studenten mit den
Dienstmdchen im Gesprch, und die blaue Dmmerung holte behagliche
Schatten aus den Winkeln. Vor der Kreuzherrnkirche funkelte eine verfrhte
Laterne auf und fllte die Luft mit glsernen Farben.

Severin trat auf die Brcke. Ein kalter Windhauch blies vom Wasser herauf
und verscheuchte die Stimmung, an die er sich hingab. Messerscharf kam die
Erinnerung wieder und zerschnitt das betrgerische Spiel seiner Sinne. Der
Abend gaukelte ber dem Flusse. Ein Automobil mit groen, milchweien
Lampen tutete melancholisch, und die Glocke der kleinen Kapelle am Fue der
Burgstiegen lutete zum Segen. Severin schritt an den schwarzen
Steinfiguren der Brstung vorber. Er bi mit den Zhnen auf seine Zunge
und das Blut flo ihm in den Mund und schmeckte wie Galle. Das war nicht
die Stadt, die er kannte. Das war ein Guckkasten, wo brave Brger und
Brgerinnen ihre Besorgungen machten, und wo der heilige Nepomuk mit
gleinerischen Hnden die Moldau bewachte.

Das Zwielicht dunkelte immer strker, als Severin durch die Turmeinfahrt
der Kleinseite zum Radetzkydenkmale einbog. Bei dem Tore der Hauptwache
ging ein Soldat mit geschultertem Gewehr auf und ab und auf dem alten
Platze mit den Laubengngen lag der Farbton vergilbter Kupferstiche.
Severin kletterte durch die Spornergasse zum Hradschin hinauf. Die Stadt,
die er kannte, war anders. -- Ihre Straen fhrten in die Irre und das
Unheil lauerte auf den Schwellen. Da klopfte das Herz zwischen feuchten,
verrterischen Mauern, da schlich sich die Nacht an erblindeten Fenstern
vorbei und erwrgte die Seele im Schlaf. berall hatte der Satan seine
Fallen aufgestellt. In den Kirchen und in den Husern der Buhlerinnen. In
ihren mrderischen Kssen wohnte sein Atem und er ging in Nonnenkleidern
auf Raub aus --

Vor dem Eingange zum Schlohof wandte Severin den Kopf. Es war finster
geworden und mit trnenden Lichtern breitete sich Prag zu seinen Fen.

Ein Hund heulte irgendwo und sein angstvolles Gebell hrte sich an, als ob
es aus der Tiefe kme, aus einem verschollenen Erdschacht unter den
schiefen Gassen des Hradschin --

                   *       *       *       *       *

In der Spinne war heute schon seit dem frhen Abend eine zahlreiche
Gesellschaft beisammen. Lazarus zahlte Champagner. Mit unzchtigen Scherzen
wurde der Geburtstag Myladas gefeiert.

Es waren viele Bekannte aus dem Kreise darunter, der sich ehemals bei
Doktor Konrad zusammenfand. Lazarus hatte alle eingeladen, selbst Nikolaus
sa ernst und gelangweilt unter den andern und auch der blatternarbige
Maler war da, der jetzt mit der blonden Ruschena lebte. Mylada fhrte mit
hinreiender Laune den Vorsitz der Tafelrunde. Ihre geschmeidige
Schamlosigkeit entzckte die Mnner und begeisterte die jungen Leute. Einer
nach dem andern trank ihr zu und sie netzte ihre rote Zunge in dem Glase
eines jeden. Die Begehrlichkeit hpfte wie ein Flmmchen ber die
Angesichter und nestelte an ihrem grnen Kleide. Jemand schlug eine Tombola
vor, deren Erls bei nchster Gelegenheit vertrunken werden sollte, und
unter Jubel und Lachen erklrte sich Mylada bereit, dem Gewinner
anzugehren. Der Preis der Lose war gro, aber trotzdem waren alle bis auf
eines verkauft, als Severin eintrat und mit lautem Zuruf empfangen wurde.

Mylada begrte ihn.

Willst du das letzte Los haben?

Sie hielt das weie Blatt zwischen den Fingerspitzen.

Was kann ich gewinnen? -- fragte er.

Mich!

Da legte er schweigend sein letztes Geld in ihre Hnde und nahm den Zettel.

Die Ziehung begann. Die Nummern wurden in einen Sektkhler geworfen und man
drngte sich schreiend um den Tisch. Eine wtende Erregung hielt alle in
ihren Klauen. Der Weinrausch rtete die Stirnen und eine fratzenhafte
Spannung straffte die Zge der Bezechten und machte Tiergesichter und
Grimassen daraus.

Mylada griff mit verbundenen Augen in den Kbel. Es wurde still im Zimmer,
als sie das Papier auseinanderfaltete.

Du hast Glck gehabt, Severin! -- meinte sie lchelnd.

Eine neidische Pause entstand.

Severin trat nher. Das Blut brauste in seinen Ohren und er war bleich. Er
hob den Gegenstand in die Hhe, den er unlngst aus dem Schreibtische
Nathan Meyers entwendet hatte. Wie ein weier Wurm ringelte sich die
Zndschnur um seinen Arm.

Eine Bombe! rief jemand entsetzt und ein Aufschrei erschtterte alle.

Ich bin gekommen, um euch zu tten --

Seine Stimme zerri. Mit roten Augen starrte er in die Lampe.

Nikolaus nahm ihm die Bchse aus der Hand und streichelte ihm wie einem
Kinde die Wangen.

Warum? fragte er zrtlich.

Weil ich euch hasse! --

Und weshalb tatest du es nicht? -- flsterte Mylada und schaute mit
geffnetem Munde zu ihm auf. Sie reckte ihren Leib und ihre Brste
berhrten ihn.

Jetzt habe ich ja das Los gewonnen! --

Eine tdliche Scham warf ihn zu Boden. Er kniete nieder und legte seinen
Kopf in ihren Scho. Das Schluchzen bezwang ihn und er weinte. Aber das
Gelchter der Betrunkenen ging ber ihn hinweg und verwandelte seine Trnen
in einen unsauberen und glhenden Schlamm.

Von Paul Leppin sind bisher erschienen:

Die Tren des Lebens, Novelle (Prag, Symposion-Verlag)

Glocken, die im Dunkeln rufen, Gedichte (Cln, Schafstein & Comp.)

Daniel Jesus, Roman (Berlin, Magazin-Verlag Jean Jaques Hegner)

Der Berg der Erlsung, Die sieben Kapitel eines Wunders (Berlin, Oesterheld
& Comp.)

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1:

Hermann Ewein

Megander

Der Mann mit den zween Kpfen und andere Geschichten

Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark
50 Pf.

_J. Robert im Berliner Lokal-Anzeiger:_ Das Geschichtenbuch von Hermann
Ewein: >Megander< enthlt Tragikomdien, erzhlt in einer Sprache, die
zuweilen an Gottfried Keller, fter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl
der acht Erzhlungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom
Rausch, vom gttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch
fortreit zur schpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel,
diese starken phantastischen Krfte zersplittern an der braven Gemeinheit
des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Trumen und vom
Wahnsinn.

_Otto Pick im Pester Lloyd:_ Ewein gelingt es, den Leser durch rein
menschliches Interesse ber Gespenstiges und Unerklrliches
hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, khl
erklgelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: da
sie nie von auen geformt, sondern von innen heraus mit knstlerischer
Notwendigkeit erstanden sind.

_Dr. M. Schumann i. d. Augsburger Neueste Nachrichten:_ Die Sprache
Eweins ist meisterlich, und sein Standpunkt ber den Dingen kennzeichnet
sich in der Art, wie er das Spiebrgerliche, Nchterne mit seinem Spott
abtut. In dieser Sprache offenbart sich die ganze hervorragende
stilistische Begabung des Autors. Leicht beweglich, ungezwungen und doch so
wohlgeschliffen in jedem Ausdruck, gewinnt das Erzhlte bei jedem Wort an
Selbstverstndlichkeit. In dieser Sprache allein ist schon die ganze
Stimmung, die den Geschichten selbst zugrunde liegt, und all das gibt dem
Buch Eweins einen hervorragenden Wert in der Literatur der sonderbaren
Geschichten; es ist eine der wenigen Erscheinungen auf diesem Gebiete, die
eine selbstndige Bedeutung haben.

Delphin-Verlag / Mnchen

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2:

A. M. Frey

Dunkle Gnge

Zwlf Geschichten aus Nacht und Schatten

Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3
M. 50 Pf.

_Paul Zech im Berliner Tageblatt:_ Zu den wenigen jngeren
Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt
aufnahmen und damit wucherten, gehrt A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem
Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzhler dieser exponierten
Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren
Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese
Abseitigkeit trgt, ist fr Frey eine unerschpfliche Fundgrube. Man wird
in unerklrliche Situationen befrdert, ohne die Fahrt zu spren. Man ist
pltzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen
umstrickt. Fast jede der zwlf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die
festen Enden der Nerven berhrt und aufpeitscht zu unerhrten Sensationen,
das Mrchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und
bermenschlich Visionre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem
einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt
Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die
den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.

_Eugen Reinbold in d. Wrttemberger Zeitung:_ Neben der groenteils
originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu
fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persnlichem Leben zu erfllen
wei und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu
bringen sucht. So mge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein
oberflchlich unterhaltende Lektre liebt, nach diesem Werkchen greifen.

_L. E. Kemmer in der Badischen Landeszeitung:_ Mit einer knappen
Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze
macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den
bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwlf
Erzhlungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.

Delphin-Verlag / Mnchen

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 3:

Ernst B. Schwitzky

Das Geheimnis der Gioconda

Das Tagebuch des Diebes

Mit Umschlagzeichnung von M. Wiederanders Geheftet 2 Mark. In
Halbleinenband 3 Mark

Das geheimnisvolle Verschwinden der Gioconda aus dem Louvre ist der erste
Anla zu diesem phantastisch-mysterisen Buche gewesen. Welch ein
Tummelplatz in der Tat fr die Phantasien eines mit dem ausgesprochenen
Hang zur Mystifikation ausgestatteten Geistes. Und doch ist das Buch weit
mehr als nur ein chaotisches Durcheinander ausschweifender Phantasie.
Zwischen spttischem Scherz und grotesk schillerndem Humor webt der Autor
einen tieferen Sinn, verbirgt er oft hinter lachenden Ironien ernstes
Empfinden und lt endlich sein hastiges Buch in dramatischer Steigerung in
einer alpschweren Phantastik ausklingen, aus der man wie aus einem Traum
erwacht. In glitzernden Anspielungen, ernstem Erbeben, tiefem Grauen und
flchtig leichtem Spiel hat der Autor den Zauber und die Rtsel des
Gioconda-Antlitzes festzuhalten gewut. Mit Recht gab er deshalb seinem
Buch den Titel Das Geheimnis der Gioconda. Alle die fr das Ungelste,
Mysterise Sinn haben, werden dem dichterischen Spiel seiner Gedanken gern
folgen, ergriffen von dem dmonischen Reiz dieses spannenden Buches.

Delphin-Verlag / Mnchen

Buchdruckerei Hesse & Becker, Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of Project Gutenberg's Severins Gang in die Finsternis, by Paul Leppin

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEVERINS GANG IN DIE FINSTERNIS ***

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and the Foundation information page at www.gutenberg.org


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Foundation

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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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     Chief Executive and Director
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