Project Gutenberg's Erinnerungen an Leo N. Tolstoi, by A. A. Tolstoi

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license


Title: Erinnerungen an Leo N. Tolstoi

Author: A. A. Tolstoi

Release Date: November 16, 2012 [EBook #41371]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN AN LEO N. TOLSTOI ***




Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net






  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
    Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit ~ markiert.
  ]




  Grfin A. A. Tolstoi

  Erinnerungen
  an
  Leo N. Tolstoi

  Im Insel-Verlag zu Leipzig




Einleitung


Die Verfasserin nachstehender Erinnerungen, Grfin A.A. Tolstoi,
war elf Jahre lter als Leo Tolstoi; sie wurde 1817 geboren und
starb 1904. Von 1846 bis zu ihrem Tode war sie Hofdame, zunchst
bei der Tochter Kaiser Nikolaus'I., Maria Nikolajewna, spteren
Herzogin von Leuchtenburg. 1866 wurde ihr die Erziehung der Tochter
Kaiser AlexandersII., Maria Alexandrowna, anvertraut, die sie bis zu
deren Verheiratung, 1874, mit dem Herzog Alfred von Edinburg, spterem
Herzog von Koburg, leitete. Danach lebte sie als Hofdame der Kaiserin
bis zu ihrem Ende im Winterpalais in Petersburg.

Die Bekanntschaft und Freundschaft der Grfin mit ihrem Neffen Leo
Tolstoi begann 1855 und dauerte bis zum Tode der Grfin. Allerdings
trat in den spteren Jahren wegen der rumlichen Trennung
und Tolstois Verheiratung, besonders auch wegen religiser
Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden eine Entfremdung ein,
die aber nie zum vlligen Abbruch der Beziehungen fhrte. Die
Grfin Tolstoi blieb bei all ihrer umfassenden Bildung und ihren
glnzenden Geistesgaben bis zu ihrem Ende eine streng bibelglubige
Kirchenchristin, die von ihren berzeugungen nicht ein Titelchen
preisgab. Es versteht sich von selbst, da sie unter diesen Umstnden
dem Reformator Tolstoi keine Sympathie entgegenbringen konnte. Wohl
aber war und blieb sie dem groen Menschen bis an ihr Ende in
herzlicher Liebe und Verehrung zugetan, und ihre stete Frsorge
und Frsprache beim Kaiser hat mehr als einmal drohendes Unheil von
Tolstoi abzuwenden gewut.

Die Erinnerungen sind durchaus nicht im Sinne unbedingter Verehrung
Tolstois geschrieben; im Gegenteil: es herrscht durchweg ein kritischer
Ton vor, der die Persnlichkeit Tolstois scharf unter die Lupe nimmt
und seine religisen und philosophischen Werke vom Standpunkte der
rechtglubigen Christin in Bausch und Bogen verwirft. Trotzdem
haben die Erinnerungen als Beitrag zu Tolstois Biographie und
Charakteristik unschtzbaren Wert; denn sie rhren von einer
geistig sehr hochstehenden Frau her, die Tolstoi jahrzehntelang als
Geistesgefhrtin durchs Leben begleitet hat. Das ergibt sich aus dem
Inhalt.--

Die Erinnerungen sind dem Tolstoi-Museum in Petersburg unter der
Bedingung ihrer Verffentlichung erst nach dem Tode Leo Tolstois
und dem der Verfasserin berwiesen worden. Sie gelangen hier, wenig
gekrzt, zum Abdruck in deutscher Sprache.

    Dr. Adolf He.




Erinnerungen der Grfin A.A. Tolstoi


Ich wei nicht mehr genau, wann ich Leo Tolstoi zum ersten Male
traf. Ich glaube, es war in Moskau bei unserem gemeinsamen Verwandten
Grafen Fedor Iwanowitsch Tolstoi, mit Beinamen der Amerikaner.

Als Kind kannte ich, trotz unserer ziemlich nahen Verwandtschaft,
Tolstoi nicht. Ich lebte bestndig in Zarskoje Selo oder in
Petersburg; Leo dagegen auf dem Lande in Tula, oder vorher in Moskau
und Kasan, wo er seine Ausbildung erhielt. Ein ganz klares Bild von
ihm habe ich bereits bei seiner Rckkehr aus Sewastopol, 1855, als
Artillerieoffizier, und ich wei noch, welch lieben Eindruck er damals
auf uns alle machte. Durch sein 1852 erschienenes Werk Kindheit
war Tolstoi dem Publikum bereits bekannt. Alle Welt lobte diese
reizende Schpfung, und wir waren sogar stolz auf das Talent unseres
Verwandten, wenngleich wir seine sptere Berhmtheit natrlich noch
nicht ahnten.

Tolstoi war sehr einfach, auerordentlich bescheiden und so voll
scherzhafter Lustigkeit, da seine Gegenwart auf alle anregend
wirkte. Von sich selbst sprach er selten, musterte aber jedes neue
Gesicht mit besonderer Aufmerksamkeit und gab dann seine stets extremen
Eindrcke in komischer Form wieder. Der Beiname Dnnhuter, den
seine Gattin ihm spter gab, pate ausgezeichnet auf ihn; denn jeder
kleine Wesenszug, den er an anderen wahrnahm, wirkte in vorteilhaftem
oder unvorteilhaftem Sinne uerst stark auf ihn. Er erriet
die Menschen mit seinem knstlerischen Instinkt, und sein Urteil
bewahrheitete sich oft in verblffender Weise. Gute, verstndige und
ausdrucksvolle Augen ersetzten in seinem unschnen Gesicht reichlich,
was ihm an Schnheit abging. Das Gesicht, kann man sagen, war mehr als
nur schn.

In den ersten zwei oder drei Jahren unserer Bekanntschaft sahen wir uns
ziemlich hufig, allerdings mit Unterbrechungen. Unsere Lebenswege
hatten gar zu wenig Gemeinsames: ich war damals schon bei Hofe; Leo
erschien nur besuchsweise in Petersburg.

Wir alle hatten ihn so gern, da sein Kommen fr uns stets
groe Freude bedeutete; es war das aber noch nicht der Beginn
jener Freundschaft, die uns dann fr das ganze Leben verband. Diese
entwickelte sich erst 1857 in der Schweiz, wohin ich nach der Krnung
Kaiser AlexandersII. mit der Grofrstin Maria Nikolajewna
reiste. Hofdame bei der Grofrstin war ich schon seit 1846; meine
Schwester Elisabeth leitete die Erziehung ihrer Tochter Eugenie
Maximilianowna, jetziger Prinzessin von Oldenburg. Wir verbrachten
den ganzen Winter in Genf, und im Mrz stand zu unserer grten
berraschung pltzlich Leo Tolstoi vor uns -- sein Erscheinen wie
Verschwinden machte stets den Eindruck eines ~coup de thatre~.

Ich stand damals noch nicht mit ihm in Briefwechsel; wir wuten gar
nicht, wo er sich befand, vermuteten ihn in Ruland.

Ich komme direkt aus Paris, erklrte er. Die Stadt hat mich
angewidert, da ich fast den Verstand verloren htte. Was habe ich
nicht alles gesehen ... Zunchst waren in dem ~htel garni~, in dem
ich wohnte, sechsunddreiig Haushaltungen und davon neunzehn wilde
Ehen! Dann wollte ich mich einmal auf die Probe stellen und ging zu
einer Hinrichtung, bei der ein Verbrecher guillotiniert wurde. Danach
konnte ich nicht mehr schlafen und wute nicht, wohin. Zum Glck
erfuhr ich, da Sie in Genf wren, und reiste unverzglich hierher,
in der Hoffnung, da Sie mich retten wrden!

Wirklich, nachdem Tolstoi sein Herz vollstndig ausgeschttet hatte,
beruhigte er sich, und wir verbrachten eine schne Zeit, wanderten
im Gebirge umher und genossen so recht das Leben. Es war herrliches
Wetter und die Natur unbeschreiblich schn. Wir priesen sie mit der
Begeisterung von Bewohnern der Ebene, whrend Tolstoi sich bemhte,
unsere Begeisterung durch die Versicherung zu dmpfen, im Vergleich
mit dem Kaukasus sei das alles nichts. Uns gengte trotzdem, was wir
sahen.

An unseren Ausflgen nahmen bisweilen russische Bekannte teil. Meine
Schwester, die leibhaftige Frsorge anderer, verlieh den Ausflgen
dadurch einen besonderen Reiz, da sie in einem riesigen Sack das
mitschleppte, was jedem von uns Vergngen bereiten konnte. Eines
Tages erstiegen wir den Gipfel des Mont Salve, von dem man eine
herrliche Fernsicht hat; wir machten in dem kleinen hbschen Hotel
Station, fanden aber entschieden nichts, was unseren Hunger stillen
konnte. Natrlich erschien der Rucksack auf der Bildflche, und
whrend meine Schwester ihn ffnete, hefteten alle ihre gierigen
Blicke darauf. Was war alles darin! Tee, Konfekt, Frchte, Pasteten,
Gebck, sogar Wein und Selterswasser...

Ich sehe noch Tolstois entzcktes Gesicht. Er freute sich wie ein
kleiner Junge auf die Leckereien und lobte die Schwester bis in
den Himmel: Ja Lisa, Babuschka (Gromtterchen, Mtterchen),
die versteht ihre Sache! Dann aber wollte er sie foppen, wozu er
berhaupt sehr geneigt war. Splendide, wie Sie sind, meinte er
zu Lisa, haben Sie wieder einen ganzen Wagen Vorrte mitgeschleppt,
und doch haben Sie etwas vergessen. Ich wette, da Sie z.B. keine
Karten mitgebracht haben!

Schweigend griff die Schwester in den Sack und holte zwei Spiele Karten
hervor. Nun kannte Tolstois Freude keine Grenzen, obgleich Karten hier,
wo die Augen nicht ausreichten, um den prchtigen Sonnenuntergang und
die unendliche Bergkette wahrzunehmen, sehr berflssig waren.

Babuschka nannte Tolstoi uns im Scherz; er meinte, zu Tanten wren
wir, besonders ich, viel zu jung -- eins seiner beliebten Paradoxa.

Beilufig will ich hier unser Verwandtschaftsverhltnis
erwhnen. Mein Grovater hatte von einer Frau dreiundzwanzig Kinder,
von denen mein Vater das jngste war, so da einige Kinder der
lteren Geschwister gleichen Alters mit ihm waren. Leo Tolstois Vater,
Graf Nikolai Ilitsch, war der richtige Neffe meines Vaters, nmlich
der Sohn seines lteren Bruders Ilja, der als Graf Rostow in Krieg
und Frieden beschrieben ist. Leo Tolstoi war also unser Neffe und nur
einige Jahre jnger als wir.

Ich kehre zu meiner Erzhlung zurck.

Leo verbrachte die ganze Fastenzeit mit uns. Er war damals durchaus
kein Gegner der Kirche; er sah uns alle fasten und beichten und
wollte selbst beichten, was ihm brigens nicht gelang. Die nichtigste
Veranlassung konnte ihn pltzlich umstimmen, was mich sehr betrbte.

Nach Ostern begab er sich nach Vevey, wo wir ziemlich viel gemeinsame
Bekannte hatten. Die Grofrstin entlie mich auf mein Bitten
dorthin. Was war das fr eine herrliche Fahrt und welche Reihe
entzckender Tage!

Beim Besteigen des Dampfers bemerkte ich in Tolstois Hnden einen
sehr anstndigen Koffer, worber ich mich einigermaen wunderte, da
Tolstoi in seinem ueren sonst ziemlich schlampig war.

Was heit denn das? fragte ich spttisch. Dieser Luxus sieht
dir doch sonst gar nicht hnlich.

Wieso? meinte er ganz ernst. Ich bin bald dreiig Jahre alt und
mu jetzt mehr auf Ordnung halten. Dieser Koffer mit seinem ganzen
Inhalt an Wsche usw. reicht genau fr eine Woche. Dann kommt ein
anderer an die Reihe fr einen Monat, und schlielich der dritte mu
fr das ganze Leben reichen.

Scherz bleibt Scherz, aber in alledem lag ein Teilchen Wahrheit.
Tolstoi trachtete stets danach, sein Leben neu zu gestalten,
die Vergangenheit wie ein altes Gewand abzustreifen. Naiverweise
hielten wir beide es damals fr mglich, in einem Tage ein anderer
Mensch zu werden! Wir waren geistig weit jnger als unsere Jahre. Wie
viele Kmpfe hatten wir durchzumachen, wie viele Enttuschungen zu
erleben, bis wir uns von der Unmglichkeit berzeugten, ohne Hilfe
von oben auszukommen!

Jemand hat gesagt -- ich glaube Sokrates oder Plato: Eins wei ich:
da ich nichts wei. Man mchte hinzufgen: und nichts kann.

Fr Tolstoi war es weit schwieriger, sich zu dieser Erkenntnis
durchzuringen. Er fhlte in sich die Kraft der Begabung, obgleich er
damals selten mit sich zufrieden war.

Trotz verschiedener Erziehung und verschiedener Lebensverhltnisse
hatten wir einen gleichen Zug: wir waren beide schreckliche
Enthusiasten und Analytiker, liebten aufrichtig das Gute, verstanden
aber nicht, es uns regelrecht anzueignen. Wir zergliederten
unser Inneres bis in die feinsten Fasern und hielten das fr sehr
lobenswert, whrend es tatschlich nur unsere Phantasie kitzelte, zur
Verbesserung unseres Lebens dagegen nicht im geringsten beitrug. Leo
war damals schon der alles Kritisierende und Verneinende, allerdings
mehr mit dem Verstande als mit dem Herzen. Seine Seele war ebenso fr
den Glauben wie fr die Liebe geboren; das brachte er, ohne es selbst
zu merken, bei verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck.

Unsere Gesprche betrafen oft religise Themen; wir verstanden
uns aber nicht. Wie konnte ich die unendliche Vielseitigkeit seiner
Natur begreifen! Lcherlich, wie ich mich bemhte, ihn auf meine
Fasson umzuarbeiten, whrend er sich vor meinen idealen Theorien fast
bekreuzigte. Es kam nichts dabei heraus als endlose Wortgefechte, die
allerdings nicht hinderten, da wir uns immer nher rckten...

An einem herrlichen Maimorgen also trieben wir auf dem spiegelglatten
Genfer See Vevey zu. Dort kehrten wir in der Pension Perret ein,
wo es unglaublich schlechte Verpflegung gab. Leo versicherte,
die Suppe wre aus Feldblumen bereitet. Schmeckst du nicht
die heute morgen gepflckten Glockenblumen heraus? Du hast sie
weggeworfen, aber die Wirtsleute benutzen sie, und jetzt mssen
wir dafr bezahlen! -- Bei Tisch waren noch drei langzhnige,
wenig schne Englnderinnen zugegen, die uns aus irgendeinem Grunde
feindselig musterten. Mglich, da unsere unbndige Heiterkeit ihrer
grobritannischen Gesetztheit auf die Nerven fiel -- brigens blieben
wir nicht lange, sondern suchten bald Bekannte in der Nhe auf. Leo
ri durch seine originellen Einflle und seine kindliche Heiterkeit
alle zur Lustigkeit hin. Eines Morgens begaben wir uns allesamt zu
Fu auf den Glyon -- bekanntlich der hchste Punkt in der Nhe von
Vevey. Unser Weg war wrtlich wie bildlich mit Blumen bestreut. Ein
ppiger Frhling schlug uns ins Gesicht und berauschte uns. Alle
ohne Unterschied der Jahre waren ausgelassen wie die Schulkinder. Als
der Berg im Schwei des Angesichts erklommen war, fanden wir das
Gastzimmer des einzigen Hotels auf der Hhe brechend voll von
Englndern, Amerikanern und allen mglichen Leuten.

Nach dem Tee setzte Leo sich, ohne das zahlreiche Publikum zu
beachten, ans Klavier und forderte uns auf, zu singen. Ich darf, ohne
Schchternheit, sagen, da ich eine schne Stimme hatte und viel
Musik trieb; ebenso Frau Puschtschin, die recht gut Alt sang, whrend
zwei unserer Freunde den Ba bernahmen. Leo machte am Klavier den
Kapellmeister.

Ich wei nicht, ob unser improvisiertes Konzert in musikalischer
Hinsicht strenggenommen befriedigte; bei offenen Fenstern aber
machte sich in dem groen Raume alles sehr nett, ja poetisch. Wir
sangen Gott erhalte den Zaren, russische, Zigeunerlieder, alles,
was Leo in den Kopf kam ... Der Erfolg war glnzend. Die Auslnder
berhuften uns mit Komplimenten -- jeder in seiner Sprache, und
baten uns, weiter zu singen. Wir kamen ihnen sehr gelegen: erstens
forderten wir wandernde Musikanten keinen Lohn, und zweitens vertrieben
wir ihnen die Langeweile.

Am nchsten Tage wiederholte sich dasselbe Schauspiel in unserer
Pension. Orpheus, die Bestien bezhmend. Die gefhrlichen
Englnderinnen wurden derart zahm, da sie uns Sthle holten, uns
mit Tee, Konfekt traktierten usw.

Als mein Urlaub zu Ende war, kehrte ich nach Genf in die Villa Boccage
zurck, wohin die Grofrstin zu Frhlingsanfang bergesiedelt
war. Leo blieb in Vevey und machte mir Vorwrfe, da ich mich vom
Schornstein (so nannte er, ich wei nicht warum, den Hof) nicht
trennen knnte.

In diese Zeit fiel der Beginn unserer langjhrigen Korrespondenz:
Telegramme, Briefe, Billette flogen tglich ber den See. Natrlich
ist von alledem wenig erhalten geblieben, doch fielen mir krzlich
u.a. ein paar Verse in die Hand, die Leo mir damals aus Vevey
sandte. Ich mu gestehen, da ich dieses Dokument lngstvergangener
Jahre mit besonderem Vergngen begrte, obwohl die Verse an und
fr sich recht harmlos sind. Ich fhre sie nur als Beweis unserer
damaligen lustigen Stimmung an.

    Vorgestern empfing ich
    Mtterchens Billett,
    Und seitdem verschling ich
    Die Pension Perret.
    Aller Lustgedanken
    Hab ich mich begeben --
    Mtterchen, ich mcht' mit
    Dir im Schornstein leben.

Auerdem erschien Leo unaufhrlich aus Vevey in Genf, aber nicht
allein, sondern in Begleitung zweier Bekannter, deren Spe kein Ende
fanden. Im Juni unternahmen wir eine lngere Reise mit den Kindern
der Grofrstin ins Berner Oberland. Die erste Nachtstation war
Vevey in dem bekannten Hotel Monnet. Kaum saen wir bei Tisch, als
ein Kellner mir mit geheimnisvoller Miene meldete, unten sei jemand,
der mich zu sprechen wnsche. Voller Ahnungen ging ich schnell nach
unten, wo die drei, in lange Plaids gehllt und mit phantastischen
Federhten, bei meinem Anblick alsbald eine wahrhaft infernalische
Musik begannen. Die Noten lagen, wie bei wandernden Musikanten, auf
der Erde, und die Instrumente vertraten Stcke. Stimmen und Stcke
traten abwechselnd in Ttigkeit. Ich verging fast vor Lachen, und die
Kinder der Grofrstin waren untrstlich, dieser Vorstellung nicht
beigewohnt zu haben.

Nach mehrtgigen Wanderungen ber Berg und Tal gelangten wir nach
Luzern, und hier tauchte, wie aus dem Boden gewachsen, wieder Leo
auf. Er war zwei Tage vor uns angelangt und hatte bereits ein ganzes
Drama erlebt, das dann unter dem Titel Luzern als Erzhlung in der
ffentlichkeit erschien. Leo war schrecklich erregt und konnte seinen
Unwillen nicht verbergen. Wir erfuhren folgendes: Tags zuvor hatte
ein Wandermusikant sehr lange vor der Terrasse des Schweizerhof
gespielt, auf der ein zahlreiches vornehmes Publikum versammelt
war. Alles hrte dem Musikanten mit Vergngen zu; als dieser dann
aber den Hut hinhielt, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen, warf
niemand auch nur einen Sou hinein -- allerdings ein wenig hbscher
Zug, dem Leo aber fast die Bedeutung eines Verbrechens beima.

Um sich an der geputzten Gesellschaft zu rchen, nahm er vor aller
Augen den Musikanten am Arm, lie ihn neben sich am Tisch Platz nehmen
und ihm dann ein Souper mit Champagner auftragen. Das Publikum und der
arme Musikant verstanden kaum die Ironie dieser Handlungsweise. Der Zug
charakterisiert aber den Schriftsteller und den Menschen Tolstoi.

Seine Eindrcke waren so stark, da sie sich unwillkrlich anderen
mitteilten. Sogar die Kinder interessierten sich lebhaft fr das
Abenteuer und baten, Leo mchte mit uns zusammen weiterreisen,
was denn auch geschah. Die Kinder wissen noch jetzt, wie er sie auf
dem Dampfer belustigte und welch unglaubliche Mengen Weintrauben er
verzehren konnte.

Ich bewahre in der Erinnerung noch viele andere scherzhafte Zge
Tolstois und will noch einen letzten Vorfall mitteilen, um dann zu
ernsteren Dingen berzugehen.

Einst erschien Leo in Frankfurt am Main, als Prinz Alexander von
Hessen und seine Gemahlin bei mir zu Gast waren. Ich schrie vor
Schreck fast auf, als sich pltzlich die Tr ffnete und in mehr als
zweifelhaftem Kostm Leo vor mir stand. Weder vor- noch nachher habe
ich hnliches gesehen. Er sah aus halb wie ein Strolch, halb wie ein
heruntergekommener Spieler. rgerlich darber, da ich nicht allein
war, machte er einfach kehrt und verschwand.

Wer war denn diese eigentmliche Person? fragten meine Gste
erstaunt.

Das war Leo Tolstoi.

Aber warum haben Sie uns das nicht gesagt?! Wir kennen seine
wunderbaren Erzhlungen und htten ihn selbst gar zu gern kennen
gelernt.

Beim nchsten Wiedersehen teilte ich Leo diese schmeichelhaften
uerungen mit; er aber schien nur mit dem einen Gedanken
beschftigt, da ich mich an jenem Tage seiner wahrscheinlich
geschmt htte.

Das ist schon mglich, gab ich offen zu. Deine wste Kleidung
und dein gefhrliches Aussehen muten jeden abschrecken.

'Schornstein' bleibt eben 'Schornstein', brummte er beleidigt.

So bekam ich wegen seines Streiches von allen Seiten Vorwrfe.

Nach unserer Rckkehr nach Ruland, wo wir bis 1859 ununterbrochen
blieben, kam Leo hufig nach Petersburg und verbrachte dann seine
meiste Zeit bei uns: bei meiner Mutter, meiner Schwester Elisabeth,
oder bei mir, oben im Marienschlo. Abends versammelten wir uns
gewhnlich bei meiner Schwester, die ein Stockwerk tiefer wohnte. Leo
verkehrte mit unseren Bekannten, verulkte sie nicht und hatte viele
von ihnen sehr gern. Wenn wir dann allein waren, lieferte er uns
eine oft erstaunlich genaue Charakteristik der Abwesenden, als wenn
er schon lange mit ihnen zusammen gelebt htte. Noch ein Zug darf
nicht unerwhnt bleiben: Leo hatte schreckliche Angst vor jeder
Unaufrichtigkeit, sowohl in Worten wie in Taten. Daraus entsprang nun
freilich oft genau die entgegengesetzte Wirkung.

So war er z.B. einmal bei meiner Schwester zu einer Abendgesellschaft
eingeladen, an der ziemlich viele Leute teilnahmen. Morgens
schrieb Leo mir, er knne abends nicht kommen, da er soeben
Nachricht vom Tode seines Bruders erhalten htte. Seine
Brder hatte er schrecklich lieb. Natrlich schrieb ich ihm,
ich verstnde seine Handlungsweise durchaus und billigte sie
vollkommen. Was geschah dann aber? Er kam abends, als wenn nicht das
geringste vorgefallen wre.

Ich war natrlich sehr erregt und fragte ihn leise, warum er nun doch
erschienen wre?

Warum? Weil das, was ich dir heute morgen schrieb, nicht der Wahrheit
entsprach. Du siehst, ich _bin_ gekommen, also _konnte_ ich kommen.

Damit nicht genug, gestand er mir spter, er sei noch ins Theater
gegangen.

Hast dich wahrscheinlich gut amsiert? fragte ich unzufrieden.

Nein. Als ich nach Hause kam, trug ich eine wahre Hlle in
mir. Wre eine Pistole zur Hand gewesen, ich htte mich sicher
erschossen!

In deinem Bestreben, wahr zu sein, machst du die Wahrheit zum
Zerrbilde, sagte ich, und er gab mir sogar hierin recht, konnte sich
aber der Experimente an sich nicht enthalten! Ich will mich durch und
durch kennen lernen, sagte er in solchen Fllen.

In diesem Winter brachte er bisweilen etwas von seinen ungedruckten
Sachen mit. So wurden z.B. Familienglck und Drei Tode
zuerst bei uns gelesen. Tolstoi las schlecht, schchtern und oft
anstoend, und hrte geduldig alle Bemerkungen ber seine Arbeiten
an. Ob er seine Eigenliebe bezwang oder berhaupt keine besa -- wer
kann das sagen! Wahrscheinlich betrachtete er sich damals selbst noch
als Dilettanten und wute nicht, was aus ihm wurde. Wie htte er sich
sonst immer wieder von nebenschlichen Dingen ablenken lassen knnen.

Projekte wuchsen in seinem Kopf wie Pilze. Bei jedem Besuch brachte
er einen neuen Arbeitsplan mit und war begeistert, endlich auf
den richtigen Weg gelangt zu sein. Bald beschftigte er sich mit
Bienenzucht, bald mit der Entwaldung von ganz Ruland, oder etwas
anderem. Am lngsten fesselte ihn die Schule; aber auch sie verschwand
spurlos, als er seinen wahren Beruf erkannt hatte.

Aus Leos Briefen kann man sehen, da unsere persnlichen Beziehungen
viele Jahre lang unverndert blieben. Bei jedem Wiedersehen studierten
wir, das Bistouri in der Hand, aneinander herum; aber es geschah mit
Liebe. Unser reines, einfaches Freundschaftsverhltnis widerlegte
glnzend die weitverbreitete falsche Ansicht von der Unmglichkeit
einer Freundschaft zwischen Mann und Weib. Wir standen auf besonderem
Boden, und ich kann ganz aufrichtig sagen, wir bekmmerten uns
hauptschlich um das, was das Leben verschnern konnte -- natrlich
jeder von seinem Standpunkt aus.

Leo machte mir bisweilen Vorwrfe, da ich ihn in meine
Herzensgeheimnisse nicht einweihte und ihm Persnliches nicht
anvertraute. Das geschah aber von meiner Seite ohne jede Absicht und
berlegung. Seine Natur war so viel strker und interessanter als
die meinige, da sich unwillkrlich die ganze Aufmerksamkeit auf ihn
konzentrierte, whrend ich als Person zweiten Ranges nur so nebenbei
agierte.

Wie schon gesagt, bildete die Religion den Hauptgegenstand unserer
Unterhaltungen. Voll tiefer Liebe fr meinen Freund wollte ich ihn
mit fast krankhafter Ungeduld in vollem Glauben sehen, und sonderbar --
wir kamen gerade zu der Zeit auseinander, als der Glaube in sein Herz
einzog. Aber davon spter.

Seit seiner Verheiratung, 1862, lebte er fast gnzlich auf dem
Lande, und wir sahen uns weit seltener, obwohl keine Gelegenheit
verpat wurde. Leo erwischte mich auf der Eisenbahn, als ich mit
der Zarenfamilie in die Krim fuhr, und entschlo sich sogar eines
Tages, zu mir nach Iljinskoie, der bei Moskau gelegenen Besitzung der
Kaiserin, zu kommen. Das war 1866. Ich entsinne mich, unter anderem,
wie dieser Besuch die kleinen Grofrsten erregte. Sie hatten
schreckliches Verlangen, den berhmten Schriftsteller zu sehen, und
verlegten sich auf alle mglichen Listen: guckten durchs Fenster und
in die Tr -- was Leo und mich hchlichst amsierte.

Ich wei noch, da er mir damals von seinem Streit mit Turgenjew
erzhlte, der fast zum Duell fhrte. Die Einzelheiten dieses
Streites sind aus meinem Gedchtnis entschwunden (die Ursache war ganz
nichtig). Tolstois Worte aber habe ich nicht vergessen.

Ich kann dir die Versicherung geben, sagte er, bis zu den Ohren
errtend, da meine Rolle in dieser dummen Geschichte keine
schlechte war. Ich trug nicht die geringste Schuld und schrieb trotz
meines reinen Gewissens Turgenjew einen durchaus freundschaftlichen
vershnlichen Brief; er aber antwortete daraufhin so grob, da ich
wohl oder bel jeden Verkehr mit ihm einstellen mute.

Spter wurde alles beigelegt, und die beiden sahen sich auch wieder;
richtige Freundschaft aber kam nicht mehr zustande -- die beiden waren
gar zu verschiedene Charaktere.

Ich will nicht annehmen, da Turgenjew heimlichen Schriftstellerneid
gegen Tolstoi hegte. Aber selbst wenn das der Fall war, hat er durch
seinen Brief kurz vor dem Tode alles wieder gutgemacht. Man wird
diese Zeilen nicht ohne tiefe Rhrung lesen. Hier sind sie: Bougival
27. oder 28. Juni (der Brief ist mit Bleistift geschrieben).

Lieber und teurer Leo Nikolajewitsch! Ich habe Ihnen lange
nicht geschrieben, denn ich lag und liege, offen gesagt, auf dem
Totenbett. Genesen kann ich nicht mehr, und daran denken hat keinen
Zweck. Ich schreibe an Sie, um Ihnen zu sagen, wie sehr es mich gefreut
hat, Ihr Zeitgenosse zu sein -- und um Ihnen meine letzte aufrichtige
Bitte auszudrcken. Mein Freund! Kehren Sie zur literarischen
Ttigkeit zurck! Diese Gabe rhrt von dem her, von welchem alles
kommt. Ach wie wrde ich glcklich sein bei dem Gedanken, meine
Bitte knnte auf Sie einwirken. Ich bin mit meinem Leben fertig --
die rzte wissen nicht einmal, wie sie meinen Zustand nennen sollen --
~neuralgie stomacale goutteuse~. Kann weder gehen, noch essen, noch
schlafen ... Aber wozu das wiederholen...

Mein Freund! Groer Schriftsteller der russischen Lande! Befolgen
Sie meine Bitte. Lassen Sie mich wissen, wann Sie dieses Schreiben
erhalten, und seien Sie mit Ihrer Frau und all den Ihrigen noch einmal
fest umarmt! -- Ich bin mde; kann nicht mehr...

    Turgenjew.

Ich wei nicht, wie es anderen geht, aber fr mich spricht aus jedem
Wort dieses rhrenden Briefes ein neuer und trstlicher Seelenzustand
Turgenjews.

Turgenjew war ein Jahr vor seinem Tode bei mir, verbrachte
den ganzen Vormittag in meiner Gesellschaft, und dabei war
u.a. auch von Tolstoi die Rede. Damals erschienen schon Tolstois
sogenannte theologische Schriften. Turgenjew verhielt sich hchst
ablehnend dagegen und konnte es nicht verwinden, da Tolstoi
die literarische Ttigkeit aufgegeben hatte, ~pour crire de
pareilles billeveses~ (um solchen Unsinn zu schreiben), wie er sich
ausdrckte. Und beachten Sie wohl, fgte Turgenjew hinzu, da
auch sein Stil jetzt einem unergrndlichen Sumpfe gleicht.

Dem konnte ich nicht beistimmen. Man mu hier einschalten,
da Turgenjew einfach nicht imstande war, Tolstoi berallhin zu
folgen. Dieser konnte sich irren -- gewi. Doch suchte er stets die
Wahrheit, litt und qulte sich ihretwegen, whrend Turgenjew auf
seinem verneinenden Standpunkt beharrte und fast damit kokettierte. Im
brigen haftete ihm der faszinierende Reiz des Knstlers an; man
konnte ihm lange zuhren; aber in seinen Worten wie Taten kam stets
eine gewisse Oberflchlichkeit zum Ausdruck, und unsere letzte
Begegnung hinterlie in mir ein trauriges Gefhl. Wir sprachen
franzsisch. Hbsche Phrasen flossen wie Musik aus seinem Munde --
schade, da ich sie damals nicht aufschrieb. Ich wei aber noch, da
ich ihn schlielich unterbrach:

~C'est extraordinaire; voil bien des annes, que nous ne
nous sommes vus~ (frher hatten wir uns hufig gesehen) ~et je
vous retrouve au mme point -- avec ce fond de sable mouvant, qui
m'a toujours frapp dans vos oeuvres, quelque charmantes qu'elles
soient. J'esprais, que le temps vous aurait mis sur un terrain plus
solide.~(1)

  (1) Merkwrdig; so viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und
  ich finde Sie immer noch auf demselben Punkt, der mich, bei allem
  Reiz, den Ihre Werke ausben, stets an ihnen berrascht hat. Ich
  hoffte, Sie wrden mit der Zeit festeren Boden unter den Fen
  gewinnen.

Turgenjew lachte ber meine Offenheit. Dabei habe ich groe
Fortschritte gemacht, erwiderte er. Denken Sie sich, ich liebe
jetzt sogar die Natur nur auf der Leinewand.

Diese Bemerkung des Verfassers der Aufzeichnungen eines Jgers,
in denen alles Liebe zur Natur atmet, brachte mich fast zur
Emprung. Glauben Sie sich damit ein Lob auszustellen? fragte
ich und fgte gleich hinzu: Da wir gerade von besonderen Dingen
reden -- erklren Sie mir, warum in Ihren Erzhlungen niemals Kinder
vorkommen?

Dieses Mal erschrak er.

Ihre Bemerkung verblfft mich um so mehr, war die Antwort, weil
ich sie fast zum erstenmal hre. Sie ist aber richtig; ich liebe
Kinder nicht.

Darauf erwiderte ich mit Achselzucken.

Das Gesprch kam auf die Unsterblichkeit der Seele. Turgenjew
erklrte kategorisch, er glaube nicht an diese Unsterblichkeit.

Sie sagten vorhin, Sie htten viele Freunde gehabt? Wie steht es mit
denen, die nicht mehr sind?

Die leben in meiner Erinnerung fort, und das gengt mir, war seine
Antwort.

Wir sprachen ber das Neue Testament. Turgenjew uerte sich
darber, wie ber ein wenig bekanntes Buch.

Sie wollen doch nicht behaupten, da Sie das Neue Testament nicht
gelesen haben? fragte ich.

O nein. Gewi habe ich es gelesen. Ich behaupte sogar, da das
Evangelium des Lukas und des Matthus ziemlich interessant sind; was
aber Johannes anlangt, so lohnt es sich nicht, von ihm zu reden.

Darauf erwiderte ich bekmmert: Sie werden stets der liebenswrdigste
aller Heiden bleiben. Damit trennten wir uns auf Nimmerwiedersehen.

Armer Turgenjew! Ich baue darauf, da ihm whrend seines
achtmonatigen Todeskampfes, unter schrecklichen Leiden, vieles von dem
bis dahin Unzugnglichen klar wurde. Gott braucht keine Zeit, um die
Seele des Menschen aufzuklren oder umzuwandeln.--

Aber kehren wir zu unserm Haupthelden zurck. Tolstoi kam 1876 nach
Petersburg, um hier Material fr die Dekabristen zu sammeln; er
wollte einen Roman aus jener Epoche schreiben. Ich will beweisen,
sagte er, da an der Dekabristenverschwrung niemand schuld war --
weder die Verschwrer noch die Regierung.

Zum Lokalstudium begab er sich in die Peter-Paulfestung. Der Kommandeur
(ich wei seinen Namen nicht mehr) empfing ihn sehr liebenswrdig,
zeigte ihm, was zu zeigen war, konnte aber nicht dahinter kommen,
was Tolstoi eigentlich wollte. Dieser erzhlte uns spter die
Unterhaltung in sehr komischer Weise.

Bekanntlich schrieb Tolstoi nur einige Kapitel dieses Romans; auf meine
Frage, weshalb er nicht fortfhre, erwiderte er: Weil ich gefunden
habe, da fast alle Dekabristen Franzosen waren.

Wirklich lag die Erziehung der Kinder hherer Stnde damals durchweg
in westeuropischen Hnden; diese historische Tatsache aber, die
man nicht umgehen kann, steht meiner Meinung nach dem Autor eines
Romans aus einer so interessanten Epoche nicht im Wege. Ich war
einfach untrstlich. Tolstoi beabsichtigte ferner die Geschichte des
Kaisers Paul zu schreiben, an dessen rtselhafter Persnlichkeit er
besonderes Interesse nahm. Auch dieser Plan blieb unausgefhrt. Noch
bedauerlicher ist, da Tolstoi die Absicht nicht verwirklichte, die
ihm, seinen Briefen nach, noch mehr am Herzen lag. In dem ersten Brief,
1878, schrieb er mir hierber: Mir schwebt schon lngst der Plan
zu einem Werk vor, dessen Schauplatz die Orenburger Gegend und dessen
Zeit die Perowskis sein soll. Ich habe aus Moskau einen ganzen Haufen
Material mitgebracht. Alles, was Perowski betrifft, interessiert
mich auerordentlich, und ich mu sagen, da seine historische
Persnlichkeit wie sein Charakter mir sehr sympathisch sind. Was
wrdet ihr und seine Verwandten sagen? Und berlat ihr mir Papiere
und Briefe, wenn ich euch die Zusicherung gebe, da niemand auer mir
sie lesen wird, da ich sie zurcksende, ohne eine Abschrift genommen
zu haben, und da ich nichts daraus abdrucke? Ich mchte ihm etwas
tiefer in die Seele blicken.

ber denselben Gegenstand schrieb Tolstoi meinem Bruder Ilja. Wir
beide antworteten sofort und schickten das notwendige Material. Darauf
schrieb er mir im nchsten Brief: Perowskis Persnlichkeit hast
du im groen und ganzen richtig beurteilt; ebenso stelle ich ihn
mir vor. Solche Figur fllt allein ein ganzes Gemlde. Seine
Biographie wre allzu herb; mit anderen, ihm entgegengesetzten
feineren Charakteren aber, wie zum Beispiel Shukowski, den du gut
zu kennen scheinst, und besonders mit den Dekabristen -- drckt
diese Kolossalgestalt (eine Variante der noch greren Figur
Nikolaus'I.) jene Zeit vollstndig aus. Ich bin jetzt ganz in die
Lektre der zwanziger Jahre vertieft und kann dir den Genu nicht
beschreiben, den ich empfinde, wenn ich mir jene Zeit ausmale.--

Ende der fnfziger und Anfang der sechziger Jahre fand zwischen Leo
und mir ein lebhafter Briefwechsel statt. Bei Beginn meiner Ttigkeit
als Erzieherin der Grofrstin Maria Alexandrowna, 1864, wurde die
Korrespondenz aus Zeitmangel meinerseits etwas weniger lebhaft, dauerte
aber trotzdem noch lange fort.

Bei Erwhnung der verschiedenen Stimmungsphasen Tolstois habe ich
eine Absonderlichkeit vergessen, die man jetzt kaum glauben wird:
es gab eine Zeit -- und sie dauerte ziemlich lange--, wo Tolstoi
streng kirchenglubig war. Was ihn auf diesen Weg trieb, wei ich
nicht; es spielte sich weit von uns entfernt ab, und ich erfuhr erst
viel spter, da Tolstoi mit einfachen Leuten zusammen wallfahrtete,
Klster besuchte, in der Oytiner Einde weilte, wo er sich lange
mit Klausnern und Eremiten unterhielt und dann vollkommen von der
Heiligkeit und Wahrheit unserer Kirche berzeugt zurckkehrte. Wir
ahnten nichts von alledem und htten vielleicht nie etwas davon
erfahren, wenn nicht folgender kleine Zwischenfall eingetreten wre:
Auf einer seiner Petersburger Reisen, 1877, erschien Tolstoi bei meiner
Mutter, wo sich die ganze Familie versammelt hatte. Es war whrend der
Fastenzeit, die wir bis dahin streng innegehalten hatten. In diesem
Jahr aber beschlossen wir unserer alten Mutter wegen, der der Arzt
das Fasten streng verboten hatte, nicht zu fasten. Beim Mittagessen
bemerkte ich, da Tolstoi ein finsteres Gesicht machte und offenbar
verstimmt war. Nach Tisch kam er sofort zu mir und fragte, warum wir
nicht fasteten. Ich erklrte ihm den Grund und fragte: Ist es dir
vielleicht unangenehm?

Gewi߫ -- war seine Antwort -- wenn man schon einer Kirche
angehrt, ist das Geringste, was man tun kann, da man ihre Gebote
hlt.

Im nchsten Jahre, 1878, erschien er wieder unerwartet in Petersburg,
wie ich glaube, nur in der Absicht, mir seine geistige Umwandlung
mitzuteilen und zu erklren. Wir hatten uns lange nicht gesehen,
aber ich ahnte nicht, da etwas Ungewhnliches mit ihm vorgegangen
sei. In seinen Briefen hatte er nichts verraten; hchstens bisweilen
undeutliche Anspielungen gemacht.

Kaum hatten wir uns begrt, als er auch schon ziemlich wirr und
nebelhaft alles erklrte, was in seiner Seele vorgegangen war. Ich
hrte ihn schweigend an. Hielt er mein Schweigen fr Zustimmung,
oder wnschte er begeisterte Sympathie -- jedenfalls unterbrach er
pltzlich seine Beichte und meinte: Ich sehe, du hast dich mit
meinen Gedanken schon ziemlich vertraut gemacht.

Leider mute ich ihn dieses Mal enttuschen.

Du irrst dich, sagte ich. Ich bin mit deinen Gedanken so wenig
vertraut, da ich sie gar nicht verstehe.

Da sprang er wie gestochen auf: Du verstehst sie nicht. Aber es
ist doch alles so einfach und lt sich in zwei Worten erklren:
In meiner Seele hat sich ein Fenster aufgetan, durch das ich Gott
sehe. Weiter habe ich _nichts_, rein _gar nichts_ ntig -- er
wiederholte das Wort nochmals.

Was heit nichts? fragte ich verstndnislos. Natrlich ist die
Hauptsache der Glaube an Gott. Bevor ich dir aber zustimme, mu ich
wissen, _wie_ du an Gott glaubst.

Mein Herz schlug wie ein Hammer, als wenn es ahnte, was alsbald kommen
wrde. Als Leo mir dann aber nicht nur die Nutzlosigkeit, sondern
sogar Schdlichkeit der Kirche auseinandersetzte und schlielich
so weit ging, die Gottheit Christi und die Erlsung durch ihn zu
verwerfen -- war ich dicht vor Schluchzen und Trnen, beherrschte
mich aber, um in dem Streit, den ich voraussah, keine Waffe zu
verlieren. Wirklich entstand dann ein Disput, der den ganzen Morgen
dauerte. Leo war schrecklich erregt ber meinen Widerstand gegen das,
was er fr den Inbegriff aller Wahrheit hielt, und am nchsten Morgen
erhielt ich von ihm folgendes Billett: Sei mir nicht bse, da ich
ohne Abschied wegfahre; ich bin durch den gestrigen Disput allzusehr
erregt...

Seine pltzliche Abreise bekmmerte mich sehr. In der voraufgegangenen
schlaflosen Nacht hatte ich unwiderlegliche Argumente gefunden,
die ihn, meiner Meinung nach, berzeugen muten -- und nun
alles umsonst!

Lieber Leser! Freu dich ber meine Naivitt, aber freu dich auch
ber meine Hartnckigkeit, mit der ich spter die Polemik gegen
Tolstoi in der festen berzeugung fortsetzte, da seine Ansichten
sich ndern und er auf den Weg des Glaubens gelangen wrde. Es kam
mir damals vor, als htte ich es mit einem Kranken zu tun, dem man
gute Nahrung reichen msse. In meiner Verblendung hielt ich mich
wahrscheinlich fr einen unterrichteten Arzt. Jedenfalls erregten
meine Briefe ihn nur noch mehr. Ich begreife nicht, wie ich nicht
sehen konnte, da er sich hinter jedem seiner Gedanken verschanzte,
wie hinter einer Festung. Es war das eine mir ganz unverstndliche,
selbstgefllige Verblendung. Ich darf aber wohl sagen, da all meine
Fehler aus zu groem Eifer entsprangen. Wit ihr, was es heit,
eine nahverwandte Seele lieben? Nicht den Menschen, sondern seine
Seele? Diese Liebe ist unvergleichlich strker als jede andere. Leo
Tolstois Seele war mir unbeschreiblich teuer. Sie ist es auch jetzt
noch; aber die Jahre und Enttuschungen haben das ihrige getan:
jene Glut und die Qualen, die meine damaligen Bemhungen um ihn
begleiteten, sind vorber. Nebenbei will ich erwhnen, da von
unserem Briefwechsel aus jener Zeit wenig briggeblieben ist; einige
Briefe habe ich vernichtet -- sie regten mich zu sehr auf; andre gab
ich Dostojewski. Und das kam so:

Ich wnschte lngst, mit ihm bekannt zu werden; endlich geschah es,
aber leider zu spt.

Es war zwei oder drei Wochen vor seinem Tode, da wurde ich mit
Dostojewski bekannt. Seitdem ich sein Werk Schuld und Shne
gelesen (kein Roman hat hnlich auf mich gewirkt), stand der Autor als
Moralist fr mich in unerreichbarer Hhe, unvergleichlich hher als
andere Schriftsteller, Tolstoi nicht ausgenommen, natrlich nicht in
stilistischer und knstlerischer Hinsicht.

Ich traf Dostojewski zum erstenmal auf einem Abend beim Grafen
Komarowski, Tolstoi hatte er niemals gesehen, obgleich dieser, als
Schriftsteller wie als Mensch, ihn schrecklich interessierte. Seine
erste Frage betraf Tolstoi:

Knnen Sie mir seine neue Richtung erklren? Ich erblicke darin
etwas Besonderes und mir einstweilen Unverstndliches...

Ich gestand Dostojewski, da auch mir diese neue Richtung Tolstois
rtselhaft sei, und versprach ihm die letzten Briefe Tolstois, in der
Meinung, er wrde sie holen. Er bestimmte noch den Tag, und bis dahin
schrieb ich die Briefe ab, um ihm das Lesen der schwer zu entziffernden
Handschrift Tolstois zu erleichtern. Dostojewski erschien; zunchst
entschuldigte ich mich, da weiter niemand eingeladen sei -- aus
Egoismus; ich wollte den Abend Auge in Auge mit ihm verbringen. Dieser
Abend prgte sich meinem Gedchtnis fr immer ein. Ich hrte ihn
mit Andacht: er sprach, wie ein echter Christ, ber das Schicksal
Rulands und der ganzen Welt. Seine Augen brannten, und ich sprte
den Propheten in ihm. Als die Rede auf Tolstoi kam, bat er mich,
ihm die versprochenen Briefe vorzulesen. Es klingt sonderbar, aber
ich schmte mich fast, dem groen Denker die oft wirren Gedanken
mitzuteilen.

Ich sehe Dostojewski noch jetzt vor mir, wie er sich an den Kopf griff
und verzweifelt rief: Nicht das! Nur nicht das! Er sympathisierte
mit keinem der Tolstoischen Gedanken, raffte aber trotzdem alles, was
auf dem Tisch lag, Originale und Kopien der Briefe, zusammen und nahm
sie mit. Aus einigen seiner Bemerkungen schlo ich, da er Tolstois
Ausfhrungen bekmpfen wollte.

Ich bedauerte nicht so sehr den Verlust der Briefe, aber ich bin
untrstlich, da Dostojewskis Absicht unausgefhrt blieb; fnf Tage
nach dieser Unterhaltung war er nicht mehr.

Leo Tolstoi hatte in einer Zeitschrift verffentlicht, da er
Dostojewski zwar nicht gekannt htte, da ihm bei der Nachricht
seines Todes aber gewesen wre, als ob er das Teuerste auf der Welt
verloren htte. Das pltzliche Ende D.s warf auch mich nieder. Ich
begab mich in seine Wohnung, um an den sterblichen berresten meine
Andacht zu verrichten. Er lag in einem winzigen Kmmerchen. Sein
kleiner Sohn und die Tochter standen am Sarge. Die ganze Einrichtung
war sehr rmlich; Besucher aber waren eine Menge da, und alle
schienen von Kummer niedergedrckt. Besonders zahlreich war die
Jugend vertreten. Ich schickte mich schon an, zu gehen, als eine sehr
bescheiden gekleidete Dame auf mich zutrat und mich fragte, ob ich die
Grfin Tolstoi wre? Auf meine Bejahung sagte sie: Ich hatte die
Absicht, zu Ihnen zu kommen, da ich glaubte, da es Ihnen angenehm
sein wrde, zu hren, welch guten Eindruck Fedor Michailowitsch von
dem bei Ihnen verbrachten Abend mitgenommen hat; es war seine letzte
Freude.

Diese Dame war Dostojewskis Gattin.

Ich habe mich spter oft gefragt, ob es Dostojewski gelungen wre,
Tolstoi zu beeinflussen. Ich glaube kaum. Einer meiner Bekannten,
Dimitrijew, ein sehr kluger, leicht ausfallender Herr, sagte eines
Tages, als die Rede auf Tolstoi kam: Tolstois Unglck ist, da er
nur seine eigenen Gedanken hrt und schtzt; Sie werden sehen, da
er stets auf falschem Wege bleibt.

Das war bis zu einem gewissen Grade richtig. Andererseits lie Tolstoi
sich oft durch Leute beeinflussen, die moralisch unendlich weit unter
ihm standen, sich aber so oder so in seinem Geleise bewegten. Von
vielen Beispielen nenne ich nur eins: 1885 erschien in Moskau ein
gewisser Sjutajew, ein grober Kleinbrger, der aus der russischen
Kirche ausgetreten war und eine Lehre verkndete, nach der er sich
fr einen Propheten hielt. Ich wei nicht, wie er an Tolstoi
herankam; dieser entdeckte in Sjutajew eine gewisse hnlichkeit
mit seinen eigenen Ansichten und geriet ber ihn in Entzcken; er
schleppte ihn durch die Salons der vornehmen Welt und hob ihn, als
Beispiel wahrer Frmmigkeit, bis in den Himmel. Tolstois Gattin mit
ihrem gesunden Verstande erkannte sehr bald diesen Begeisterungsrausch
und ertrug nur mit berwindung die Gesellschaft Sjutajews und seiner
Genossen, die immer hufiger im Hause erschienen. Man brauchte nur
zerlumpt oder Dissident zu sein, um Tolstois Interesse zu erregen,
whrend Epaulette, Achselschnre, Generalsrang und berhaupt jeder
hohe Posten ihm Abscheu einflten. Diese pltzliche Vorliebe fr
ungebildete beschrnkte Leute dauerte nicht lange, und die ganze
Gesellschaft war nur eine vorbergehende Erscheinung. Zur Zeit ihrer
Macht aber beherrschte sie Tolstoi vollstndig. Ungefhr zur selben
Zeit erschien in einer Moskauer Zeitung Tolstois Artikel ber die
Volkszhlung mit dem Aufruf an die Jugend, der fast ohne Ausnahme
Begeisterung erregte. berhaupt stieg Tolstois Ruhm hher und hher;
berall redete man von ihm und Sjutajew. Manche Gerchte drangen auch
zu mir, so da ich mich endlich entschlo, zu sehen, was in Tolstois
Hause in Moskau vor sich ging.

Trotz der Freude ber das Wiedersehen war Tolstoi augenscheinlich
nicht bei Stimmung; erriet er, da der Zweck meiner Reise kein anderer
war, als mich von seinem Seelenzustande zu berzeugen? Jedenfalls
bemerkte ich von Anfang an eine gewisse Erregung an ihm.

Er selbst brachte die Rede auf die Volkszhlung und sagte:
Weit du, da nach dem Erscheinen meines Artikels ein wahrer Sturm
von Dankadressen und Briefen, sogar von Schlern, an mich gelangt
ist? (Spter gestand er mir, beim Schreiben des Artikels gedacht zu
haben, ihm wrde von allen Seiten Geld fr die Armen zugehen, da
aber gerade das nicht geschehen wre, sondern im Gegenteil viele ihn
um Geld gebeten htten.)

Ich wei, antwortete ich ziemlich kalt.

Und von dir nicht eine Zeile. Warum das?

Aus einem sehr einfachen Grunde. Ich mu gestehen, da deine
'Volkszhlung' mir nicht besonders gefllt. Ich frchte,
deine Worte an die Jugend rufen ein Strohfeuer hervor, das schnell
verpufft. Du sagst: 'Gebt kein Geld; gebt euch selbst, vllig.'
Ist das nicht zu viel verlangt? Es ist das uerste, was die Liebe
geben kann, und die erwirbt man nicht im Handumdrehen. Sodann gefllt
mir deine Verdrehung des Evangeliums nicht; Zachus hast du berhaupt
nicht verstanden. Er berwand alle Hindernisse, um Christus zu sehen,
und als er ihn gesehen hatte, wurde sein Herz von hchster Gnade
erfllt; er war zu jedem Opfer bereit, um die Vergangenheit zu
ben. Du aber hast fast einen Wucherer aus ihm gemacht.

Wenn meine Bemerkungen ihm unangenehm waren, so vergalt er mir das an
diesem Morgen reichlich. Ohne jede Veranlassung berschttete er mich
mit einem Hagel seiner unmglichen Ansichten von Religion und Kirche
und machte sich ber alles lustig, was mir lieb und teuer war. Mir kam
es vor, als hrte ich Fieberphantasien. Ich kann und will nicht alles
wiedergeben, was er damals sagte. Meine Wangen brannten; ich hielt es
aber nicht fr ntig, ihm etwas zu erwidern. Wahrscheinlich erregte
mein Schweigen ihn noch mehr. Als er endlich mde war und mich fragend
ansah, als erwartete er meine Antwort, sagte ich ihm:

Ich habe dir nichts zu erwidern; ich will dir nur sagen, da ich
dich, whrend du sprachst, in der Macht eines sah, der noch jetzt
hinter deinem Stuhle steht.

Er wandte sich schnell um. Wessen?

Luzifers in eigener Person, erwiderte ich. Der personifizierte
Hochmut spricht aus dir.

Er sprang auf. Das Wort hatte gewirkt. Aber er suchte sich zu bezwingen
und fgte alsbald hinzu: Gewi bin ich stolz als Einziger, der
endlich die Hand an die Wahrheit gelegt hat.

Das nannte er Wahrheit!

Abends begab ich mich zu ihm und fand den krzlich noch rasenden Leo
als sanftes Lamm. Auer der zahlreichen Familie waren noch Fremde
zugegen, und die Unterhaltung war allgemein. Leo lenkte sie aber so,
da mich nichts irgendwie verletzen konnte, und er sorgte den ganzen
Abend fr mich mit der rhrenden Gte, die einen hervorstechenden
Zug seines Charakters bildet. Unter anderem bat er seine Frau, mir
den Traum zu erzhlen, den sie kurz vor seiner geistigen Umwandlung
gehabt. Dieser Traum war folgender:

Tolstois Gattin stand vor einer Erlserkirche, deren Bau noch nicht
vollendet war. Vor der Tr erhob sich ein riesiges Kreuz, an ihm hing
der lebendige Christus. Pltzlich begann dieses Kreuz sich zu bewegen,
wanderte dreimal um die Kirche und blieb vor ihr, der Frau, stehen. Der
Heiland sah sie an, reckte die Hand nach oben und deutete auf das
goldene Kreuz, das hoch oben auf der Kirchenkuppel glnzte.

Dieser Traum fiel wie ein Hoffnungsstrahl in meine Seele; wenn
Tolstoi wirklich einst die Wahrheit erkennt, dachte ich, wird er
mit derselben Aufrichtigkeit seinen Irrtum eingestehen.

Am nchsten Tage traf ich ihn vor dem Hause unseres gemeinsamen
Verwandten. Bis ich gemeldet wurde, entspann sich zwischen uns wieder
eine Unterhaltung. Ich sa im Wagen, er stand in ganz unmglicher,
halb burischer, halb stdtischer Kleidung am Schlage.

Du bist mir doch nicht bse, da ich gestern alle meine Kugeln auf
dich abgefeuert habe? fragte er.

Das waren schon keine Kugeln mehr, sondern Bomben, erwiderte ich
halb im Scherz. Dafr hast du mich gestern abend gerhrt, als du
wie mit Pinsel und Salbentopf um mich herum warst, um alle kranken
Stellen zu heilen.

Deswegen bist du auch mein liebes Mtterchen, weil du alles richtig
verstehst. Nur mssen wir uns noch darber klar werden, ob du die
Christin bist oder ich.

Ich gebe mich nicht fr eine gute Christin aus, sagte ich. Wohl
aber habe ich meine christlichen berzeugungen. Die Ordnung der Dinge,
wie sie einmal sind, ist nicht von mir geschaffen, ich glaube aber,
da in deinem System nichts hnliches zu finden ist.

In diesem Augenblick wurden wir nach oben gebeten.

Einige Tage spter traf ich Tolstois Gattin, die mit ihrer
achtzehnjhrigen Tochter zu einer Abendgesellschaft fuhr. Beide
waren sehr einfach gekleidet, trugen hohe Hte und begaben sich
zu Verwandten. Ich glaube, es lag kein Grund vor, sich darber
aufzuregen; Tolstoi aber bezwang sich kaum in meiner Anwesenheit. Als
die beiden fort waren, fragte ich ihn:

Was hast du denn dagegen einzuwenden, da deine Tochter ein wenig in
die Welt kommt? Hast du vergessen, da wir beide diese Welt sehr gern
gehabt und uns weidlich in ihr amsiert haben?

Durchaus nicht; aber du siehst, da ich damit aufgehrt habe. Ich
mchte meine Tochter gern vor dem Garstigen und Schdlichen bewahren,
das das Leben in der groen Welt mit sich bringt.

Tolstoi mischte sich mit seinen extremen Ansichten in alle Einzelheiten
des Familienlebens ein und richtete oft viele Verwirrung, auch rger
und Streit an. Ich glaube, die arme Sophie wird noch oft an ihren
Traum und das groe Kreuz denken, das ihr so viele Trume in Aussicht
stellte.

Abends saen wir im Wohnzimmer; auer uns beiden waren der
sechzehnjhrige Sohn Elias und der Schwager der Grfin, Islawin,
zugegen, der in Tolstoi drang, etwas aus seinen ungedruckten Werken
vorzulesen. Tolstoi weigerte sich lange, holte aber endlich ein Heft
und las aus einem seiner philosophischen Werke vor, und zwar mit
augenscheinlicher Verlegenheit; er wurde bald rot, bald bla, stockte
hufig und hrte bald auf, da er merkte, wie die Lektre auf mich
wirkte.

Du siehst, da ich in deiner Gegenwart nicht vorlesen kann,
sagte er am nchsten Tage. Alles das ist nichts fr dich; du mut
schreckliche Eindrcke davon haben!

Was mich am meisten erregt, ist, da du deinen Sohn so vergiften
kannst, erwiderte ich.

Um Gottes willen, nein! Ich versichere dich, da meine Kinder nicht
im geringsten auf das achten, was ich schreibe.

Bald nach meiner Abreise aus Moskau wandte ich mich um einen Rat
an den franzsischen Schriftsteller Vogu. Dieses Mitglied der
Akademie hat eine Russin geheiratet und kennt unsere Literatur besser
als viele Russen. Noch unter dem Eindruck des jngst in Moskau
Gesehenen und Gehrten und in Erinnerung an Vogus Anhnglichkeit
an Tolstoi machte ich ihm einige Mitteilungen ber Leo und den
Sektierer Sjutajew. Vogu antwortete mir: Ich danke Ihnen fr die
Mitteilungen. Ich wute es und bin heftig darber erschrocken, da
der groe, unvergleichliche Tolstoi jetzt durch eine Art mystischen
Wahns wie gelhmt ist. Mir bleibt der zweifelhafte Trost, das lngst
vorausgesehen zu haben; seine ganze Gedankenentwicklung lag als Keim
bereits in dem Werk 'Kindheit und Knabenalter', und die Psychologie
Lewins in 'Anna Karenina' gibt seiner weiteren Entwicklung klar die
Richtung an.--

Trotz der von nun ab herrschenden Meinungsverschiedenheit setzten Leo
und ich die Korrespondenz fort, wenn das auch ziemlich selten geschah.

Im Frhjahr 1887 erkrankte er heftig am Bein, das er, glaube ich,
am Pflug verletzt hatte. Im Glauben, er wrde sterben, schrieb er
mir einen lieben Brief, von dem viele eine Abschrift nahmen und der
mich tief rhrte, besonders da sein Leben damals wirklich in Gefahr
war. Der Brief lautete:

Es war gut und schn von dir, mir zu schreiben, liebe Freundin.

Du fragst, wie es mir geht? So sonderbar es auch klingen mag -- es
geht mir sehr gut. Was das Bein anlangt, so wird da allerhand geredet
von Knochenfra, Knochenhautentzndung usw. Die Hauptsache aber ist,
ich wei sehr gut, da ich an dem Bein 'eingehe', wie die Bauern
sagen, das heit dem Tode etwas nher bin als gewhnlich.

Und dieser Zustand, in dem man sich, wie du so schn sagst: in Gottes
Hand befindet, ist sehr gut; ich mchte stets in ihm leben und ihn
jetzt nicht verlassen.

Tatschlich sind schwere, langdauernde krperliche Leiden und dann
der leibliche Tod eine so notwendige Lebensbedingung, da jemand,
der die Kindheit hinter sich hat, sie keine Minute vergessen sollte,
besonders da der Gedanke daran, die bestndige Erwartung, das Leben
nicht vergiftet, sondern ihm Festigkeit und Klarheit verleiht.

Wenn ich mein Leben als mein Eigentum betrachte, mit dem ich machen
kann, was ich will, bringt mich keine List und Schlauheit dahin,
angesichts des Todes ruhig zu leben. Nur dann kann man dem leiblichen
Tode vollkommen gleichmtig ins Auge sehen, wenn das Leben uns als
die Verpflichtung erscheint, den Willen des Vaters zu erfllen. Dann
besteht das Lebensinteresse nicht darin, ob ich gut oder schlecht bin,
sondern ob ich das, was mir aufgetragen ist, gut ausfhre. Das kann
ich bis zum letzten Atemzuge und kann auch bis zum letzten Atemzuge
ruhig und frhlich sein. Ich will nicht sagen, da ich so bin, ich
mchte es aber sein und wnsche dir dasselbe. Hoffentlich hast du
gegen meine Ausdrucksweise nichts einzuwenden. Damit du nicht glaubst,
da ich unter 'Erfllung des Willens' etwas Besonderes verstehe,
will ich dir sagen, da der Wille des Vaters der eine allbekannte ist,
Liebe zu allen Menschen und Einheit mit allen, von den nchsten bis zu
den entferntesten.

Nicht wahr, damit bist du einverstanden? Ich danke dir von ganzem
Herzen fr deine guten Wnsche.----

Gott sei Dank ging die Gefahr vorber, und im Sommer desselben
Jahres begab ich mich auf dringende Bitten Leos und seiner Frau mit
Kusminskis(2) nach Janaja Poljana und brachte dort vierzehn Tage
zu.

  (2) A.M. Kusminski hatte Tolstois Schwgerin geheiratet.

Zu meiner Begrung war die ganze Familie versammelt, mit Ausnahme
des Hausherrn, der von der Feldarbeit noch nicht heimgekehrt
war. Endlich erschien er in weier sehr sauberer Leinenbluse, mit
einem Riemen um den Leib, und langem, halb grauem Bart. Wir umarmten
uns freundschaftlich, und mich berraschte die ganz besondere Milde in
seinen Augen.

Whrend meines ganzen Aufenthaltes in Janaja Poljana blieb er so
milde, obgleich wir natrlich eifrig disputierten. Gleich am ersten
Abend erklrte ich ihm im Scherz folgendes:

Weit du, lieber Freund, es ist angebracht, da wir im voraus
die beiderseitigen Rechte in der Unterhaltung abgrenzen. Du bist ein
berhmter Schriftsteller, der seine Gedanken nicht nur aussprechen,
sondern auch drucken lassen kann: ich dagegen bin eine gewhnliche
Sterbliche und mchte in eurem Hause frei alles aussprechen.

Gewi hast du ein Recht darauf, war seine Antwort; ich liebe es,
wenn jemand seine eigenen berzeugungen hat.

Das Haus in Janaja Poljana, das durchaus nicht elegant und nicht
einmal komfortabel ist, gefiel mir sehr; vielleicht weil in allen
Ecken liebe Leute hausten. Man hatte mir prophezeit, ich wrde in
Janaja groe Unordnung finden. Das war nicht der Fall: im Gegenteil,
alles ging sauber und ordentlich zu; nur wurde die Zeit zum Tee und
Mittagessen nicht pedantisch innegehalten. Alle standen ziemlich spt
auf; und ich, die Stadt- und Hofdame, war allein um acht Uhr auf den
Beinen. Ich konnte spazieren gehen, lesen, meine Briefe schreiben
und mit meinem Patenkinde Sascha spielen, bevor meine Wirtsleute sich
erhoben. Sie erschienen nicht vor elf Uhr, und wir tranken zu dreien
im kleinen Wohnzimmer Kaffee. Im Eckzimmer war der Teetisch fr die
Jugend seit sieben Uhr gedeckt; sie standen aber fast alle ebenso spt
auf wie die Eltern und erschienen einer nach dem andern.

Ich liebte diese Morgenstunden sehr. Leo war, durch den Schlaf
gestrkt, in ausgezeichneter Stimmung. Wir unterhielten uns vollkommen
ruhig; er las mir oft seine Lieblingsverse von Tjutschew und einige
von Chomjakow vor, die er besonders schtzte, und wenn in einem
Gedicht der Name Christus vorkam, zitterte seine Stimme, und seine
Augen glnzten feucht. Diese Erinnerung trstet mich noch heute;
er liebte, ohne es selbst einzugestehen, den Erlser auf das tiefste
und fhlte in ihm natrlich mehr als den gewhnlichen Menschen;
der Widerspruch zwischen seinen Worten und seinen Gefhlen ist schwer
zu verstehen. Wenn Leo dann zur Arbeit in sein Zimmer ging, berlie
er mir alle Zeitschriften, Bcher und Briefe, die tags zuvor angelangt
waren. Man kann sich nicht vorstellen, welche Haufen die Post jeden Tag
brachte -- nicht nur aus Ruland, sondern aus allen Lndern Europas
und sogar aus Amerika -- und alles duftete nach Weihrauch.

Welch schreckliche Nahrung fr deinen Stolz, lieber Freund, sagte
ich; ich frchte, da du eines Tages wie Nebukadnezar wirst!

Warum soll ich stolz werden? antwortete er. Wenn ich in die
groe Welt gehe (so nannte er die Bauernhtten), existiert mein
Ruhm fr diese Leute nicht. Also existiert er berhaupt nicht.

Von allen Seiten wurde Tolstoi mit den verschiedenartigsten Bitten
bestrmt: die einen baten um Geld, andere um Rat oder um seine
Mitarbeit an einer Zeitschrift; noch andere um unsinnige Dinge, ber
die er gutmtig lachte. Dabei berraschte mich oft sein unkritisches
Verhalten. Man brauchte nur seine Lieblingsnote anzuschlagen, so geriet
er in Entzcken. Ich veranlate ihn oft, genau durchzulesen, was er
so sehr lobte, und er gab dann lchelnd zu, da es Unsinn sei. In
anderen Fllen freilich blieb er hartnckig.

Dostojewski hat, lange bevor die Rckkehr zur Einfachheit und zur
Natur Mode wurde, sie in seinem Tagebuch eines Schriftstellers
gegeielt und gesagt, man msse die russischen Bauern sehr schlecht
kennen, um zu glauben, da sie auf solche Maskeraden hereinfielen;
dazu htten sie zu viel Grtze im Kopf.

Ein Brief W.H. Tschertkows,(3) den Tolstoi mir gab, erregte
starke Unzufriedenheit in mir. Dieser Brief begann: Heute morgen
setzte ich einem Bauern auseinander, da die ersten Worte des
Evangeliums Johannis keinen Sinn htten... Mir gengte das
schon. Nachmittags erfuhr ich dann noch, da derselbe Tschertkow aus
einer Gedichtsammlung einige Verse Chomjakows gestrichen, in denen von
der Erlsung die Rede war, Tschertkow liebt die Erlsung nicht,
sagte man mir.

  (3) Tolstois Vertrauensmann.

Das war mir denn doch zu viel! Wie eine Rakete fuhr ich auf, die
Stimme versagte mir, und ich zitterte am ganzen Leibe. Ah, rief ich
endlich in bitterster Ironie; Tschertkow liebt die Erlsung nicht!
(Hierbei fiel mir sein Brief ein.) Er findet auch, da die ersten
Worte Johannis keinen Sinn haben. Das rhrt daher, da es hier bei
ihm fehlt. (Ich deutete auf die Stirn.) Aber ihr andern, die ihr
Christi Lehre verkndet, was ist denn mit euch? Meiner Meinung nach
seid ihr schlimmer als alle Sektierer, weil die an die Erlsung
glauben, die die Hoffnung aller Christen bildet!

Ich war so erregt, da ich mich verga und wahrscheinlich zu viel
sprach. Alles schwieg. Endlich meinte Tolstoi sehr ruhig: Du wirst
doch begreifen, da, wenn Gott auch allmchtig ist, es doch fr
ihn unmglich bleibt, etwas zu sagen, was keinen Sinn hat. Die Worte
Johannis haben aber tatschlich keinen Sinn.(4)

  (4) Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott
  war das Wort.

Natrlich konnte mich diese Erwiderung nicht beruhigen, und es dauerte
lange, bis meine Erregung sich ein wenig legte.

Nach Tolstois Morgenabgang blieb ich gewhnlich mit Sofja
Andrejewna, seiner Frau, allein, die mir mit angeborener Offenheit
viel Interessantes aus ihrem vergangenen und gegenwrtigen Leben
erzhlte. Die ersten Jahre nach Tolstois geistigem Umschwung waren
schrecklich, und es war die ganze Energie der Grfin ntig, um alle
exzentrischen Schritte Tolstois zu ertragen. Zum Glck berwand ihre
gegenseitige Liebe alles, und man kam wieder ins richtige Geleise,
wenngleich der frhere Bund in manchen Stcken gestrt war.

Whrend meines Aufenthaltes in Janaja Poljana litt Tolstoi sehr
an Gallensteinanfllen, die zwei Tage dauerten und auf die groe
Schwche folgte. Er tat mir sehr leid; ich hatte aber den Vorteil,
da er nicht zur Feldarbeit ging. Zu meiner Freude sah ich keine
seiner sonderbaren Beschftigungen, wie Schustern, Ofensetzen usw.,
die mir als Spiel erschienen. Wiederhergestellt, war er sehr frhlich,
scherzte, setzte sich ans Klavier und sogar an den Kartentisch, wenn
gerade eine Partie beisammen war; er spielte sehr schlecht Karten, aber
mit groem Eifer.

Besuch war um diese Zeit wenig da, weder Verwandte, noch Fremde. Es
kamen nmlich auch gnzlich Unbekannte mit ihren Anliegen. Die Tr
stand jedermann offen; Arme, Bauern und Bettler kamen direkt unter
das Fenster seines Arbeitszimmers. Vom Balkon aus sah ich oft, wie
er mit ihnen sprach und ihnen Almosen gab. Trotzdem Tolstoi es fr
unmoralisch hielt, den Leuten mit Geld zu helfen, wurde im Hause nicht
wenig gegeben, auer dem kleinen Gelde und Groschen, die fr solche
Flle auf Tolstois Fenster lagen.

Alle Tolstoischen Kinder hingen an ihren Eltern, besonders am Vater;
sie teilten aber seine Ansichten durchaus nicht. Sie wollten noch
leben, whrend man ihnen bestndig Entsagung predigte. Htte Tolstoi
nicht zum Teil auf seine Absichten verzichtet, so wre Janaja
Poljana lngst verkauft, die Werke umsonst dem Publikum berlassen
und die ganze zahlreiche Familie -- es waren fnfzehn Kinder, von
denen acht am Leben blieben -- wre zum Vagabundenleben und zur
einfachen Tagelhnerarbeit verurteilt.

In den ersten Jahren seines Familienlebens sorgte Tolstoi sehr fr die
Bildung der Kinder: mit seiner neuen Richtung aber hrte das auf.

Geh auf die Strae: feg Schnee; heiz den Ofen usw., hrten
die Kinder tglich von ihm. Zum Glck lie die praktische und
vernnftige Mutter aus den unmglichen Erziehungsplnen Tolstois
nichts werden, und alle Kinder waren von Pdagogen verschiedener
Lnder umgeben.

Aus all diesen Dingen aber entsprang ein Moment der Unbestndigkeit
und Unsicherheit; niemand wute, worauf er fuen, was er glauben oder
nicht glauben sollte. Der Eckstein schwankte. Ich vertraue, da mit
der Zeit Gottes Hand auch das noch zum Guten lenken wird, weil alle
Kinder gut und offen veranlagt sind.

                   *       *       *       *       *

Ich sagte, glaube ich, schon, da Tolstois Gattin trotz ihrer
huslichen Sorgen unermdlich das abschrieb, was ihr Mann zum
Druck vorbereitete. Seiner nderungen und Verbesserungen war kein
Ende. Da ich ganz frei war, bot ich eines Tages meine Dienste zum
Abschreiben an; aber Sophie lehnte mit der Versicherung ab, ich
wrde das Gekritzel ihres Mannes nicht entziffern knnen. Einige
Tage spter bat Leo, der eine eilige Arbeit nach Moskau zu schicken
hatte, mich und andere, ihm dabei zu helfen. Wir wurden paarweise
an einzelne Tische gesetzt -- jede Dame mit einem Herrn. Solcher
Paare waren sechs. Tolstoi diktierte, und wir schrieben. Pltzlich
kamen solch schwerfllige Phrasen, da ich unwillkrlich an den
unergrndlichen Sumpf dachte, von dem Turgenjew gesprochen. Ich
konnte mich nicht entschlieen, das Diktierte in dieser Form dem Druck
zu bergeben. Als Tolstoi, der von einem Tisch zum andern ging, wieder
zu uns kam, sagte ich:

Weit du, da ich soeben zur groen Unzufriedenheit deines
Schwagers deine Prosa verbessert habe?

Daran hast du gut getan. Es kommt mir nur auf den Gedanken an; auf
den Stil lege ich nicht das geringste Gewicht, war Tolstois Antwort.

Am nchsten Tage erbot er sich, etwas aus dem von uns abgeschriebenen
Werk vorzulesen. Es war eine philosophische Arbeit unter dem Titel
Das Leben. Da er sich an mich wandte, erwiderte ich: Ich werde
mich sehr freuen, eine Probe deiner Weisheit zu hren, werde aber kaum
etwas begreifen, da die Philosophie mir so fremd ist wie Sanskrit.

Wenn du es nicht begreifst, ist das natrlich nicht deine, sondern
meine Schuld; ich hoffe aber, das wird nicht der Fall sein, erwiderte
Leo.

Um sieben Uhr versammelten wir uns alle um ihn; er war besonders
heiter und liebenswrdig. Die Lektre dauerte etwa zwei Stunden. Ich
begriff weit mehr, als ich erwartet hatte. Es kamen schne Stellen
vor, aber mein Herz zitterte und brannte nicht. Ich kam mir vor bald
wie in einem anatomischen Museum, bald wie auf den halbdunklen Wegen
eines Labyrinths, in dem ich mich verirrte. Natrlich vertraute
ich niemandem diese Gedanken an, und wenn man bei irgendeiner
Frage verweilte, geschah das nur, um anderen Hrern Gelegenheit
zur Aussprache zu geben. Ich bemerkte wohl, da die brigen viele
Erwiderungen auf der Zunge hatten; man wagte aber nicht, den Lehrer zu
unterbrechen. brigens war Tolstoi sehr loyal gegen andere Ansichten,
und der Abend endete schn.

Bald darauf kam der Tag meiner Abreise. Tolstois geleiteten mich mit
derselben Liebe, wie sie mich empfangen hatten.

                   *       *       *       *       *

Nach Hause zurckgekehrt, machte ich mich mit den neuen Werken
Tolstois bekannt, die, von der Zensur nicht zugelassen, im Manuskript
von Hand zu Hand gingen. Ich will keine Kritik an diesen Arbeiten
ben; in vielen fanden sich prchtige Stellen; aber im allgemeinen
wirkten sie, besonders sein Evangelium, drckend auf mich. Die
entschiedene Ablehnung und die willkrlichen Entstellungen der
Heiligen Schrift erregten unbeschreibliche Unzufriedenheit in mir. Es
kam vor, da ich die Lektre unterbrach und die Hefte auf den Boden
warf -- mir war, als strotzten sie von Blasphemien...

Indessen verging die Zeit, und Leo wurde immer populrer. Jetzt
unterlag schon nicht nur Ruland und Europa seinem Einflu, sondern
auch Amerika. berall wurde begeistert ber ihn geschrieben und
gesprochen. Proteste wurden eigentlich nur von seinen Landsleuten
und besonders von Geistlichen laut; es war aber bei uns blich, sie
einfach zu ignorieren. Wie durften diese kleinen einfltigen Kpfe
wagen, sich mit dem genialen Leo Tolstoi zu messen!.. Gewi waren
unter den kritischen Artikeln sehr schwache, sogar beschimpfende;
andere aber drckten wirksam ihr gekrnktes religises Gefhl aus,
und es kam vor, da nicht nur Geistliche, sondern auch gebildete Laien
sich entschieden vor Tolstois Theorien verwahrten. Ich mu sagen,
da der Erfolg der Opponenten Tolstois schwach war und da die Menge
noch mehr der schdlichen Quelle zustrebte. Ich habe oft ber dieses
psychologische Rtsel nachgedacht: liegt in dem Leugnen anerkannter
Wahrheiten wirklich solch lockende Macht? Ist nicht vielmehr der
eigentliche Lenker alles dessen der Vater jeder Lge?

Einer meiner besten Freunde, Georg Wlastow, dessen Meinung ich
auerordentlich schtze, billigte meine Niedergeschlagenheit
wegen Tolstoi nicht. Sie beunruhigen sich umsonst, sagte er,
ich habe Tolstoi nie gesehen und kann seine Lehre natrlich nicht
annehmen; er erinnert mich aber an die alttestamentlichen Propheten,
die ebenso wie er selbst nicht wuten, was sie sprachen, deren Worte
aber in nicht ferner Zukunft Besttigung fanden. Sie mssen zugeben,
da auch bei Tolstoi kein Mangel an schnen Gottesfunken ist. Schon
dafr gebhrt Tolstoi Dank, da er manche Fragen aufgeworfen hat,
mit denen sich vordem in unserer Literatur niemand beschftigte. Dahin
gehrt sein Rat, betreffend Reinheit im Eheleben, Wrdigung der Kunst
und anderes; wieviel treffende Bemerkungen finden Sie fast in jedem
Artikel! Denken Sie daran, welch herrliche Predigt er jungen Leuten
in der 'Kreuzersonate' hlt und mit wie starken Worten er das
zgellose Leben unserer Jugend geielt, wegen dessen niemand ihnen
Vorwrfe macht, weil es als zur Ordnung der Dinge gehrig betrachtet
wird!

Ich mu indessen gestehen, da kein Zureden und keine Ermahnungen
mich ganz beruhigen konnten, sondern da Furcht, unablssige Furcht,
wie eine fixe Idee mir keine Ruhe lie. Der Gedanke, Leo knnte die
heranwachsende Jugend verderben, nahm mir Herz und Vernunft gefangen,
und alsbald nach meiner Rckkehr aus Janaja Poljana beschlo ich,
nochmals ruhig und berlegt an ihn zu schreiben.

Obgleich ich meine Briefe an Tolstoi niemals in diesen Erinnerungen
verffentlichen wollte, mag dieser eine wegen der Antwort Tolstois
hier folgen:

...Ich lese die mir gegebene Biographie Parkers mit Interesse
und Kummer, demselben Kummer, den ich nach einigen unserer Gesprche
empfand; ich sage 'einigen', weil jedesmal, wenn deine Worte vom
Herzen kommen, mein Herz darauf antwortet und ich mich vllig eins mit
dir fhle.

...Deine anatomische (du wirst sagen: philosophische) Zergliederung
der Religion erweckt ein unbeschreiblich drckendes Gefhl in mir,
als wenn mein Leben vllig vernichtet wrde. Du liebst Christus,
willst ihm nachfolgen (davon bin ich mit Freuden berzeugt), und
dennoch verstehen wir uns nicht, weil du dich darauf versteifst, in
ihm nur den grten Moralprediger zu erblicken -- seine gttliche
Natur dagegen nicht anerkennst. Das ist von meiner Seite keine Anklage,
sondern ein Ausdruck tiefsten Kummers. Die bereinstimmung auf dieser
Grundlage wre fr mich unschtzbar, aber die Stimme, die mich zur
Wahrheit ruft, ist zu verschieden von der deinigen.

Jesus sagt zu mir: 'Glaube, so wirst du erlst.' Du aber sagst:
'Die Vernunft ist dir zum Urteilen gegeben; benutze sie.' Das
Evangelium verkndet: 'Betet, tut Gutes, klopfet an, so wird euch
aufgetan.' Du dagegen: 'Gebet ist Zeitverlust; tut Gutes, verteilt
eure Habe, verzichtet auf alles um eurer Nchsten willen.'

Ich bin aber nicht imstande, Gutes zu tun, meine Habe hinzugeben
und sogar zu lieben, wenn ich nicht vorher durch das geheimnisvolle,
aber sehr wirksame Band mit dem Erlser verbunden bin, das fester
ist als alle Gedanken- und Vernunftvereinigung, oder einfacher, das
nichts mit dieser gemein hat, da es eine von uns unabhngige Kraft und
Offenbarung bedeutet.

Das Gestndnis des Paulus: 'Das Gute, das ich will, tue ich nicht,
sondern das Bse, das ich nicht will' -- mu in der Seele jedes
vernnftigen Wesens widerklingen. Ja, ich will das Gute; meine
sndige Natur aber widersetzt sich diesem Wunsch in jedem Augenblick
meines Lebens. Wer anders kann mir helfen als die Gnade des Heiligen
Geistes, den Christus uns anzurufen befiehlt und den er allen zu senden
verspricht, die ihn hei und instndig bitten.

Ohne diese Hilfe bin ich sicher ganz ohnmchtig. Du dagegen hltst
es fr mglich, die Gebote Christi durch eigene Willenskraft zu
erfllen. Wenigstens begegnet man diesem Gedanken in all deinen
Werken.

Das Evangelium ist die Lebenssonne -- das gibst Du selbst zu;
fgst aber sofort hinzu: 'Htet euch, in jedem ihrer Strahlen das
gleiche Licht zu erblicken: man mu sie nach ihrer Wichtigkeit wohl
unterscheiden; es gibt unntze, sogar schdliche unter ihnen.'
Ich dagegen kann in Erkenntnis meiner Schwche und Nichtigkeit auf
keinen dieser Strahlen verzichten, sondern mu damit die Finsternis
vertreiben, in der meine Seele schmachtet -- sobald nicht das ganze
Licht des Evangeliums sie belebt.

Christus, der gesagt hat: 'Hrt meine Worte,' sagte auch:
'Glaubt meinen Werken.' Du dagegen sagst: 'Nein, glaubt nur
seinen Worten; seine Werke, seine Wunder, seine Opfer sind nutzlos, und
die Erlsung hat keinen Sinn. Er ist nur gekommen, um eine neue Lehre
zu verknden.'

Wie sollen wir, mit allen unsern Fehlern, diese gttliche Lehre
im weitesten Sinne erfllen? Wer macht unsere zahllosen tglichen
Irrungen und die vielen Snden wieder gut, die wir begehen, bevor
diese Lehre uns zum Bewutsein kommt? Hat unser Herz Kraft genug, um
die Reue herbeizufhren, die unserem Fall entspricht? Wir geben uns
kaum ber einen kleinen Teil des bels Rechenschaft, das unser Leben
erfllt.

Ich bewundere die Khnheit des heiligen Paulus, dessen Herz in
Liebe zum Heiland brennt: er hrt demtig alles an, was ihm von
oben geoffenbart wird, und beeilt sich, die Juden und Heiden auf den
einzigen Weg des Heils nach sich zu ziehen. Ich protestiere aber gegen
die vielleicht unbewute Khnheit eines Parker, wenn er mir beweist,
da die Leiden und der Tod des Heilands meine Snden nicht shnen
knnen.

Wenn er mich davon berzeugte, wrde er mir mit einemmal die Hoffnung
auf Unsterblichkeit nehmen und mein Herz der Verzweiflung berliefern.

(Um mich richtig zu verstehen, bemh dich, lieber Leser, dir
vorzustellen, wie Du emprt wirst, wenn man dir erklrt, die Lehre
Christi wre falsch und unntz...)

Du verkndest die Lehre Christi und tust gut daran; rhre aber um
Gottes willen nicht an die Wahrheiten, die mit deinen berzeugungen
nicht bereinstimmen -- sie sind trotzdem von der grten
Wichtigkeit fr die christliche Welt, was durch Jahrhunderte von
vielen Leuten bewiesen ist.

Ich las irgendwo, die Chinesen machten den Europern mangelhafte
Piett zum Vorwurf, die bei ihnen als Fundament der sozialen Ordnung
gilt.

Deine liebe Hand mchte natrlich niemandem Schmerz verursachen;
dabei gebrauchst du Worte, die uns geringeren Wesen bitter weh
tun. Unwillkrlich fllt mir der Bibelspruch ein: 'Zieh deine
Schuhe aus, denn diese Sttte ist heilig.' Ist das nicht auch mit
Herzen der Fall?

Das Gebot der Liebe existiert fr alle, nicht wahr? Mehr als
andere beugst du dich vor ihm mit Eifer und Inbrunst; warum also den
verkleinern, der die Liebe gegeben hat?

Du sagst, deine Worte seien keine Predigt; du schriebst nur, um dir
selbst verschiedene Fragen zu erklren. Du weit aber sehr wohl,
da dir eine Menge Menschen folgt, und je despotischer du in deinen
berzeugungen bist, um so grer ist die Gefahr fr jene.

Sehr wohl mglich, da deine Stimme Verirrte oder Unglubige auf den
rechten Weg fhrt; wird sie aber auch Leidende trsten?

Was gibst du denen, die vor Schmerz schreien und die aller Beweise der
Liebe und Macht Christi bedrfen, um sich im Glauben an seine Lehre zu
strken? Diese Leute werden sich kaum mit deinem gekrzten Evangelium
begngen.

Fr Philosophen und starke Geister ist es natrlich schwer,
alle bernatrlichen Erscheinungen auf Treu und Glauben
hinzunehmen. Dieser Glaube wird nur der kindlichen Einfalt und der
Demut verliehen. Der Herr hat klar seine Gedanken ausgedrckt, als er
die Kindlein zu sich berief; den Leuten, die so sind wie sie, gehrt
das Himmelreich.

Begreife, da ich nicht urteilen und besonders dich nicht tadeln
will. Es handelt sich bei uns nicht um Bekehrung oder bereinstimmung
-- seine Meinung wird wahrscheinlich keiner von uns beiden ndern.

Was ich hier schreibe, ist nichts anderes als die Fortsetzung
einer herzlichen Unterhaltung zwischen dem Freunde Leo und seinem
alten 'Mtterchen'. Dieses 'Mtterchen' hat, trotz aller
Meinungsverschiedenheiten, niemals aufgehrt, ihn zu lieben, weil
Leo, der Mensch, stets mehr Recht auf ihre Anhnglichkeit hat als der
berhmte Schriftsteller und Abgott zweier Welten. Sie ist aber nicht
minder hartnckig als du und geniet einstweilen noch das Vorrecht,
ihre Meinung frei aussprechen zu drfen, und hrt nicht auf, dir das
Wort des Evangeliums in das Gedchtnis zu rufen: 'Das eine tut, und
das andere lasset nicht.'

Leb wohl, lieber Freund; wir wollen uns die Hand reichen und Gott
unablssig bitten, da er keinen Winkel unseres Herzens im Dunkeln
lt, auf da wir wahrhaft nach seinem Willen leben.

    Alexandrine Tolstoi.

                   *       *       *       *       *

Die Antwort Leo Tolstois lautete:

Ich frchte, da ich dir nicht sehr ausfhrlich schreiben kann,
liebe Freundin, frchte aber noch mehr, deinen guten, von Liebe
durchdrungenen Brief unbeantwortet zu lassen. Deine Vorwrfe sind
wirklich unbegrndet, liebe Freundin. Du sagst: wirke nicht auf
andere, denn deine berzeugungen knnen irrtmlich und falsch
sein. Dieses Argument ist nicht richtig, und was die Hauptsache, es
kann mit weit mehr Recht gegen die Kirchenlehre angewendet werden. Wenn
Leute die Kirchenlehre fr falsch halten, wie weh mssen sie
dann durch diese schreckliche falsche Propaganda berhrt werden,
die einfache unschuldige Leute und kleine Kinder einfngt. Bei
Meinungsverschiedenheiten darf man nicht von den Folgen sprechen,
die durch falsche Meinungen hervorgerufen werden; man mu von den
Meinungen selbst sprechen. Lge bleibt immer Lge und verderblich.

Zu meinen Gunsten will ich nur sagen, und bitte dich sehr, in dem
Geist der Liebe, in dem du mir schriebst, diese Worte aufzunehmen und
abzuwgen: ich behaupte nichts, was du nicht anerkennst, und deswegen
geniee ich die Freude, da du in allem, wodurch ich lebe, vllig
mit mir bereinstimmst. Du dagegen behauptest vieles, was ich nicht
anerkennen kann, und deswegen macht es dir Kummer, da nicht nur ich,
sondern Millionen Menschen deine Behauptungen nicht anerkennen. Was
ist die Ursache dieser Meinungsverschiedenheit? Du stimmst mit den
Mohammedanern nicht berein, weil sie Vielweiberei und anderes
predigen; sie stimmen aber mit dir darin berein, da die Lehre
Christi wahr ist. Wer ist also schuld an der Meinungsverschiedenheit?

Aber darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist folgendes. 'Ich
will Gutes tun und tue Schlechtes.' Wenn ich wirklich in meinem Leben
stets nur Schlechtes tue und nicht um ein Hrchen besser werde, das
heit nicht anfange, ein wenig minder Schlechtes zu tun, so lge ich
sicher, indem ich sage, ich wollte Gutes tun. Wenn jemand nicht um der
Menschen, sondern um Gottes willen Gutes tun will, so rckt er auf dem
Wege des Guten stets vorwrts. Mag diese Bewegung, die Annherung an
Gott, noch so gering sein -- sie strkt jedenfalls, gibt Hoffnung und
Freude und das Bewutsein, da man wenigstens zu einem kleinen Teile
Gottes Willen erfllt.

Auf der Badewanne eines Kaisers von China stand geschrieben:
'Erneuere dich jeden Tag, jede Stunde, immer und immer wieder.' --
'Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch aufgetan'
bedeutet dasselbe. Das ganze Leben ist nur eine Bewegung auf dem Wege
der Annherung an Gott -- darin stimmen wir berein--, und diese
Bewegung ist erstens dadurch eine frohe, da man dem Licht immer
nher kommt; zweitens dadurch, da man bei jedem neuen Schritt sieht,
wieviel des frohen Weges noch vor einem liegt. Du dagegen sagst: meine
Snden, meine Unvollkommenheit sind -- Schwche. Ich habe es doch
aber in diesem Falle nicht mit dem Kreisgericht zu tun, sondern mit
dem Gericht Gottes. Gott aber ist die Liebe. Ich kann Gott nicht anders
auffassen als allweise, allwissend und besonders nicht etwa als Bses
nachtragend (das nicht zu sein, bemhe ich mich sogar), sondern als
unendlich barmherzig. Wie kann ich also, solchem Richter gegenber,
meiner Snden und Schwchen wegen Angst haben? Das ganze Evangelium
ist voll von direkten wie indirekten Andeutungen der Vergebung, des
Nichtvorhandenseins der Snden, wenn man Gott liebt. Du sagst: Gott
htte im voraus -- ich wei nicht, wie ich mich ausdrcken soll --
die Verfgung oder Einrichtung getroffen, da mir meine Snden
vergeben wrden ... (Ich kann diese Gotteslsterung nicht ruhig
anfhren; vergib mir um Christi willen!)

Ist es fr Gott, dem ich vllig angehre, aus dem ich hervorgegangen
bin, der mich kennt und liebt, der die Liebe und Barmherzigkeit ist
-- ist es fr diesen Gott nicht einfacher, mir meine Snden direkt
zu vergeben? Und ist es nicht eine Gotteslsterung, zu sagen, da
Gott meine Snden nicht vergeben kann oder will, whrend ich glaube,
da er das will und tut, und es fr mich unmglich ist, zu glauben,
da er die Menschen bestraft, wenn sie nicht glauben, da er ihnen im
voraus vergeben hat ... (ich kann diese gotteslsterlichen Worte nicht
ohne Schreck wiederholen), und auch mich bestrafen wird, wenn ich nicht
glaube, da er ein unvernnftiger und bser Gott ist.

Wenn man dem habgierigsten Menschen sagt: Willst du die Erbschaft
haben, so gib zu, da deine Mutter (von der der Betreffende wei,
da sie eine reine heilige Frau ist) mit einem Reichen eine Liebschaft
hatte -- so wrde er niemals diese Unwahrheit und Krnkung des
Liebsten, was er hat, zugeben und anerkennen.--

Ich habe viel berflssiges geschrieben; ich wollte nur sagen: Wir
alle streben, wenn wir ein menschliches Leben fhren, zu Gott, indem
wir uns ihm durch den Vermittler zwischen Gott und den Menschen: Jesus
Christus nhern. Vom allertierischsten, verdorbensten Zustande an bis
zur grten Heiligkeit fhlen wir gleichmig, da unser Leben
voll Snde ist. Wer dieses wahre Leben begonnen hat, wei stets,
da er sich -- mag es noch so langsam geschehen -- dem Licht nhert,
diese Richtung wahrnimmt und an die Bewegung in dieser Richtung sein
Leben setzt. Die Snden und Schwchen der Menschen sind gro und die
Vollkommenheit stets unendlich fern; man trachtet aber stets danach,
sie zu erreichen. Dabei strkt uns der Glaube an die Gnade Gottes und
seine Barmherzigkeit und Liebe zu uns und zeigt, da die anscheinende
Unmglichkeit, durch eigene Kraft Befreiung von den Snden,
Vollkommenheit und Gnade zu erlangen, mit Gottes Hilfe mglich
wird. Du sagst, diese Hilfe ist vor 1900 Jahren erfolgt; ich aber
denke, da Gott so, wie er stets war, auch jetzt ist; da er stets
den Menschen Hilfe erweist, stets barmherzig ist und ihre Rettung, das
heit ihr Heil, wnscht und denen, die ihn suchen, nie fern ist.

Ich verstehe, wie teuer dir die Vorstellungsform von Gott und seiner
Liebe ist, an die du dich einmal gewhnt hast; ich begreife aber
nicht, warum andere genau dieselbe Auffassungsweise haben sollen wie
du? Man knnte das noch begreifen, wenn es sich um etwas Neues, neu
Entdecktes handelte -- es ist aber die ur-uralte, allen, nicht nur mir
sehr bekannte und, wie du findest, sehr trstliche Vorstellung. Also
warum haben die Leute, die Gott suchen und die Lehre Christi kennen,
sie sich nicht zu eigen gemacht? Ich verstehe, da diese Lehre den
befriedigen kann, der niemals an Gott und an Christus gedacht hat, und
ich freue mich sehr ber die, die sie sich zu eigen machen. Warum soll
man aber glauben, da Leute, die Gott suchen, ohne Grund auf diese
so trostreiche Lehre verzichten? Augenscheinlich haben sie Grnde,
die dir nicht zugnglich sind. Was ist dabei zu machen? La sie in
Ruh, vergib ihnen und lieb sie so, wie sie sind. Willst du aber mit
ihnen bereinstimmen, so dring ernsthaft in ihre Grnde ein und
erforsch die ganze Angelegenheit von Anfang an; gib die Mglichkeit
zu, da auch dein Glaube falsch sein kann. Das aber tust du nicht; ich
wei, du willst und kannst es nicht. Dir ist auch so gut. Geh deinen
Weg. Alle, die dem einen Ziel zustreben, treffen bei ihm zusammen.

Ich liebe dich von ganzer Seele und ksse dich.

    L. T.

                   *       *       *       *       *

Mehr als zehn Jahre sind verstrichen, seit ich die letzten Zeilen
meiner Erinnerungen an Leo Tolstoi schrieb.

In diesem zehnjhrigen Zeitraum hat Tolstoi seinen Platz in der
Literatur nicht nur niemandem abgetreten, sondern sein Ruhm nahm
stndig zu. Jedes seiner Werke erregte beim Erscheinen in allen
Schichten der russischen Gesellschaft wie im Auslande begeistertes
Interesse. Es ist schwer, sich die Vorgnge zum Beispiel bei
Erscheinen der Kreuzersonate und der Macht der Finsternis
vorzustellen. Noch nicht zum Druck freigegeben, wurden diese Werke
schon in Tausenden von Exemplaren abgeschrieben, gingen von Hand zu
Hand, wurden in alle Sprachen bersetzt und berall mit unglaublicher
Leidenschaft gelesen. Es schien bisweilen, als wenn das Publikum, alle
persnlichen Angelegenheiten vergessend, nur fr die Literatur des
Grafen Tolstoi lebte. Die wichtigsten politischen Ereignisse wirkten
auf die Massen nicht mit solcher Macht. Die erwhnten beiden Werke
erschienen in den letzten Regierungsjahren Kaiser AlexandersIII.,
der Tolstoi auerordentlich liebte und es selten glaubte, wenn man
ihm nicht ganz beifllig aufgenommene Artikel brachte, die Tolstoi
zugeschrieben wurden. Nein, sagte der Kaiser dann, mein Tolstoi
schreibt so etwas nicht.

Der Kaiser fragte mich oft nach Tolstoi und beriet sich sogar mit mir,
wenn es sich um die Zensur der Tolstoischen Werke handelte. So war
es auch mit der Kreuzersonate. Es kam darauf an, ob das Werk zum
Druck freigegeben werden sollte oder nicht. Ich erlaubte mir meine
Meinung in bejahendem Sinne zu uern und hielt dem Kaiser vor,
da ganz Ruland das Werk schon mit Gier gelesen htte und da die
Freigabe die Erwartungen des Publikums nur herabstimmen knnte. An
demselben Tage unterhielten wir uns ber die Popularitt Tolstois,
und ich uerte mich dahin, da in Ruland eigentlich nur zwei
Personen wahrhaft populr seien: Graf Leo Tolstoi und Pater Johann von
Kronstadt.

Der Kaiser lachte sehr ber diese Zusammenstellung, gab aber zu, da
sie richtig sei, trotz der Grundverschiedenheit der beiden Typen, die
nur das gemeinsam htten, da zu beiden Angehrige aller Stnde um
Rat kmen.

Wenn die Sonne allzu hell strahlt, sind Wolken nicht fern.
Dieses Sprichwort bewahrheitete sich auch an Tolstoi. Auch fr
ihn brachen trbe Zeiten herein. Einerseits ging die Verehrung und
Beweihrucherung weiter; andererseits erschienen Feindschaft und Neid.

Nach meiner Auffassung gibt es nichts Traurigeres als Zeitungskriege.
In Moskau rhrten sich pltzlich ganze Scharen unterirdischer
Ratten, die sich bemhten, Tolstoi nicht nur in der Gegenwart,
sondern auch in der Vergangenheit anzuschwrzen, indem sie
lngst vergessene literarische Snden ans Tageslicht zerrten, die
jeder Autor und Poet in seiner Jugend und Prahlerei sich erlaubt.

Das Schlimmste kam dann einzig durch die eigene Unvorsichtigkeit
Tolstois, der jede sogenannte ffentliche Meinung, besonders aber
die Zensur verachtete. Er lie einen nicht fr die Presse bestimmten
sehr regierungsfeindlichen Artikel von einem englischen Journalisten
mitnehmen, worauf dieser richtige Sohn des perfiden Albion den Artikel
unverzglich in seiner Zeitung abdruckte; dabei versichernd, Tolstoi
htte ihm die Erlaubnis erteilt.

Man kann sich vorstellen, mit welch teuflischer Schadenfreude
die Zeitungsratten in Moskau ber diesen Artikel herfielen, ihn
nachdruckten, mit Kommentaren versahen und den Gedanken des Autors
natrlich einen ganz anderen Sinn beilegten. Ich will den Sturm
nicht schildern, der sich nach diesem Artikel in ganz Europa erhob,
und welche Strafen man fr den armen Leo Tolstoi ersann. Sibirien,
Festung, Verbannung, fast den Galgen sagten ihm die Moskauer
Journalisten voraus. Die auslndischen Zeitungen waren ebenfalls voll
von dem Ereignis und zwei, drei Monate lang erhielt ich von berall,
Amerika nicht ausgenommen, Briefe mit der Anfrage, wozu denn nun
eigentlich der berhmte Schriftsteller verurteilt sei?

Als ich einst zum Grafen Dmitri Andrejewitsch Tolstoi, dem damaligen
Minister des Innern kam, traf ich ihn in groer Aufregung.

Ich wei wirklich nicht, was ich tun soll, sagte er. Sehen
Sie diese Anzeigen gegen Leo Tolstoi. Die ersten habe ich einfach ~ad
acta~ gelegt; ich kann doch aber dem Kaiser die ganze Geschichte nicht
einfach verheimlichen.

Natrlich nicht, erwiderte ich. Der Kaiser liebt aber Tolstoi
sehr! vielleicht mildert das sein Urteil.

Es zeigte sich dann, da der Kaiser unsere Erwartungen weit
bertraf. Seine Weisheit entschied die Frage auf ganz andere Art. Auf
den Vortrag des Ministers ber das Vorgefallene und die starke
Erregung des Publikums erwiderte der Kaiser folgendes:

Ich bitte Leo Tolstoi nicht anzurhren; ich habe nicht die Absicht,
einen Mrtyrer aus ihm zu machen und mir die Mibilligung ganz
Rulands zuzuziehen. Ist er schuldig, um so schlimmer fr ihn.

Der Minister kehrte sehr glcklich aus Gatschina zurck; im Falle
strenger Maregeln wren natrlich auch auf ihn Vorwrfe entfallen.

Mit Tolstois sprach ich, als wir uns dann wiedersahen, niemals ber
diese Episode, in der ich zu viel Widersprche und zu wenig Klarheit
fand.

Ich wei nicht mehr, ob vor oder nach diesem Vorfall Tolstois Gattin
nach Petersburg kam, um eine Audienz beim Kaiser zu erlangen und ihn
um Schutz gegen die Moskauer Zensur zu bitten, die jede Gelegenheit
wahrnahm, Tolstoi zu schikanieren und zu benachteiligen. Der Kaiser
empfing die Grfin sehr liebenswrdig, stellte sie der Kaiserin
vor, unterhielt sich lange mit ihr und gab seine Zustimmung zu
all ihren Wnschen. Leider verschwand diese Wohlgeneigtheit
nach einiger Zeit, teils aus Unbedachtsamkeit der Tolstois, teils
infolge Verleumdungen. Unter anderem hatte der Kaiser den Druck der
Kreuzersonate nur in den gesammelten Werken Tolstois, nicht aber
als Einzelausgabe gestattet. Da wurde pltzlich, man wei nicht
durch wessen Schuld (natrlich nicht die der Grfin Tolstoi),
die Sonate als Broschre feilgeboten. Sofort hinterbrachten das die
nimmer rastenden Freunde dem Kaiser, und als ich zur Verteidigung
der Tolstois (ohne ihr Wissen) beim Kaiser erschien, war es schon zu
spt. Der erzrnte Kaiser lie mich nicht zu Ende sprechen, sondern
brach in heftige Verwnschungen gegen Tolstoi aus.

brigens bte der Kaiser nie Vergeltung; ich war aber tief
bekmmert, da der wechselseitige gute Eindruck fr immer verdorben
war.

Der hervorstechendste Charakterzug AlexandersIII. war unerbittlicher
Ha gegen Lge und Betrug. Er selbst war ohne Falsch.

                   *       *       *       *       *

Im Jahre 1891 kam ich wieder nach Janaja Poljana und fand dort
keine Vernderungen vor; nur waren die Kinder gro geworden, und
an das Haus war eine Veranda angebaut, wo man sich nach dem Essen
versammelte, wenn die Hitze nicht allzu gro war. Tolstoi schrieb
damals ein Werk ber den Frieden und das vllige Aufhren des
Krieges. Wahrscheinlich wollte er sich vergewissern, welche Wirkung
seine neuen Dogmen auf mich ausbten, und so sprach er denn ber
dieses Thema sehr beredt. Es wurden viele, sehr schne und gesunde
Gedanken von ihm ausgesprochen; alles zusammen bildete aber ein
solches Bukett phantastischer, ultraromantischer Utopien, da nur ganz
exaltierte Verehrerinnen sich dadurch hinreien lassen konnten. Ich
hrte ihn schweigend an. Nur zweimal erwiderte ich auf seinen
fragenden Blick:

Sehr schn auf dem Papier; nur schade, da sich das nicht
verwirklichen lt.

Er hrte nicht auf mich, sondern fuhr in seiner Predigt fort.

Sophie Andrejewna teilte mir nachher mit, da Leo auf ihre Frage,
worber er so lange mit mir gesprochen -- geantwortet htte: Ich
habe Alexandrine zu meinen Gedanken ber den Krieg bekehrt.

Wir lachten sehr ber diese Prtension.

Einmal fragte mich eine der Tchter, was ich ber den Vegetarianismus
dchte?

So gut wie gar nichts, erwiderte ich, weil das eine so
gleichgltige Frage ist, da ich niemals ernstlich darber
nachgedacht habe. Sie kann nur dann wichtig werden, wenn die Menschen
sich einbilden, dadurch Gott zu dienen -- und in diesem Falle nehme ich
an, da sie sich irren. brigens ist die Frage lngst entschieden.

Leo hrte das schweigend mit an. Abends am Teetisch aber, als ich die
Hand ausstreckte, um einen Teller mit Schinken zu ergreifen, rief er
ironisch: Gratuliere zum Essen vom toten Schwein!

War das Scherz oder Rache -- jedenfalls wurde mir mein Butterbrot
zuwider.

Der Vegetarianismus spielte im Tolstoischen Hause eine groe Rolle
und machte die Arbeit der armen Hausfrau noch komplizierter. Auerdem
teilte er die Familie in zwei Lager. Es war bisweilen sehr komisch,
wie Sophie Andrejewna bei Tisch feierlich erklrte, sie liee _ihre_
Kinder nicht vegetarisch leben. _Ihre_ Kinder nannte sie die noch nicht
zwlf Jahre alten.

Sie hatte stets Sorge um ihren Mann, dem die Ernhrung durch Brot,
Kartoffel, Grtze, Kohl, Pilze usw. bei seinem chronischen Leberleiden
sehr schdlich war.

Es geht das Gercht, da die Grfin zur Zeit seines Gallenleidens
heimlich Bouillon unter all diese Gerichte mischte und da Tolstoi
es nicht bemerkte, oder nicht bemerken wollte -- hnlich gewissen
Mnchen.

Wenn ich Tolstoi whrend des Essens beobachtete, fand ich stets, da
er wie ein ausgehungerter Mensch allzu schnell und gierig a.--

Was viele Menschen, auch ich, fr ein groes Glck halten,
nmlich Gefhlsgemeinschaft mit anderen und bereinstimmung in den
Grundwahrheiten, hatte Tolstoi nicht ntig. Er hatte fast Scheu, mit
anderen Sterblichen auf einer Stufe zu stehen, und gab sich vielleicht
keine Rechenschaft darber; in anderen Fllen aber griff er gierig
nach jeder uerung einer oft nur scheinbaren Sympathie.

Bei einem unserer Zusammensein fragte er mich, ob ich die Predigten
des amerikanischen Pastors X. (ich habe seinen Namen vergessen) schon
gelesen htte. Ich verneinte.

Nun, dann lies bitte meinen Briefwechsel mit ihm; er ist
in Sonderausgabe gedruckt, und merkwrdig, obwohl wir uns
nie gesehen haben, stimmen wir in allen Urteilen ber Leben,
Religion und Menschenpflichten so berein, als htten wir stets
zusammengelebt. Ich halte ihn fr meinen besten Freund. Er wre jetzt
achtzig Jahre alt; schade, voriges Jahr ist er gestorben.

Ich nahm das Buch des Amerikaners abends mit, da ich die schlechte
Angewohnheit habe, nachts zu lesen. Wie gro aber war mein Erstaunen
und meine Verwunderung! Der Pastor schrieb genau das, was jeder
rechtglubige, von Tolstois Theorien nicht beeinflute Mensch
tausendmal gedacht und gesprochen hat.

~My dear brother~ begann der erste Brief im sanften Tone eines
Reverend: Ich bin glcklich, mit Ihnen bekannt geworden zu sein, und
mchte mit Ihnen vllig bereinstimmen, aber -- und dann folgte
eine feine, aber unerbittliche Kritik aller Tolstoischen Axiome, die
mich an die Stelle im Evangelium erinnerte: Moses hat euch das und das
gesagt; ich aber sage euch ... usw.

Der ~dear brother~ erwiderte ganz im Geiste seines gttlichen Lehrers,
wich aber nicht um einen Schritt zurck, wenn es sich um den Ausspruch
handelte, dem Tolstoi solch verkehrte Auslegung gab, und der sozusagen
den Kernpunkt aller Tolstoischen Theorien bildet: Du sollst dem
Bsen keine Gewalt entgegensetzen.

Dann erhob der Amerikaner seine Stimme und enthllte khn das Falsche
dieser Ansicht sowie ihre Unanwendbarkeit im Leben.

Wenn ein Ruber oder ein Verrckter in Ihr Haus kommt, geben Sie
ihm nicht nur Ihre Habe, sondern auch Ihr Weib und Ihre Tochter. Ich
aber, ~dear brother~, suche ihn mglichst festzubinden und mglichst
schnell zu entfernen, und kann in Ihrer unverstndlichen Nachsicht
nicht die geringste wahre Liebe entdecken.

Beim Lesen dieser Stelle wre ich vor Freude bald aus dem Bett
gesprungen und strich mit starken Strichen alle Bemerkungen an, die
mich durch ihre Wahrheit berraschten. Am nchsten Tage ging ich, das
Buch in der Hand, in Leos Arbeitszimmer mit einer Miene, in der meine
unschuldige Schadenfreude wahrscheinlich allzu deutlich zu lesen war.

Nun, hast du das Buch gelesen? fragte Leo.

Gewi; ich habe eine reizende Nacht damit verbracht. Weit du auch,
lieber Freund, da dein Amerikaner ein Kleinod ist?

Und das sagst du?

Gewi; ich besttige es ausdrcklich und bin bereit, es zu
unterschreiben. Wie schade, da wir uns nicht treffen knnen. Wir
wrden uns ausgezeichnet verstehen.

Dann legte ich, um meinen Triumph nicht allzu deutlich zu zeigen, das
Buch auf den nchsten Tisch.

Leo erwiderte nichts. Sobald ich mich aber umwandte, griff er nach dem
Buch und sah die angestrichenen Stellen durch. Natrlich erlaubten
Stolz oder Eigenliebe ihm nicht, seinen Fehler einzugestehen. Das
Sonderbarste aber war: wie konnte er sich so irren?

Der liebe gute und oft so unlogische Leo Tolstoi!  Wieviel steckte in
ihm von dem, was die Franzosen ~pur enfantillage~ nennen! Ist es nicht
tatschlich Kinderei oder Spielerei: dieses Schustern, Schleppen von
Brennholz, Ofensetzen usw.?  Er aber fhrte alles durchaus ernst, wie
eine heilige Pflicht aus.--

Am selben oder nchsten Tage waren wir abends allein in Tolstois
Arbeitszimmer. Er war nicht sehr frhlich und brachte selbst die
Unterhaltung auf folgendes Thema (wahrscheinlich hatte ihn etwas
gereizt):

Du sagst immer, ich atme und lebe nur von Weihrauch. Wie viele
Menschen tadeln mich aber ganz mit Recht, weil mein Leben mit meiner
Lehre nicht bereinstimmt.

Mir scheint, erwiderte ich, da man dich am meisten wegen deiner
unerfllbaren Theorien tadelt. Um sie buchstblich zu erfllen,
mtest du damit beginnen, da du zunchst einmal verschwndest
-- nicht wahr? Du hast aber Familie und hast kein Recht, weder
sie zu verlassen noch ihr dein Streben und deine berzeugungen
aufzubrden. Du selbst hast bis in dein reifes Alter angenehm
gelebt -- das wollen sie auch, da sie nicht die geringste Neigung zur
Bettelarmut und Feldarbeit oder zum Leben in einer Htte verspren.

Leo hrte schweigend zu. Ein finsterer Ausdruck zog ber sein
Gesicht. Endlich sagte er, tief atmend: Du siehst, ich handele ja
auch so (da ich ihnen in allen Dingen freie Hand lasse); aber es wird
mir schwer...

Nach dem Tee las Leo uns norwegische Novellen in russischer
bersetzung vor, die er sehr lobte und auch tatschlich gut las,
allerdings etwas befangen, wenn gefhrliche, d.h. nicht ganz
anstndige Stellen kamen.

Ich sah Tolstoi seitdem noch zweimal. Einmal bei meiner Durchreise
durch Moskau nach Woronesh zur Prinzessin von Oldenburg auf der
Bahnstation, wohin er mit seiner Tochter Tanja kam und sehr frhlich
war, so da mir der allerangenehmste Eindruck blieb. Ich scherzte,
da er so elegant gekleidet sei; er trug einen wirklich sehr feinen
Pelz und ebensolch schne Mtze -- wahrscheinlich Frsorge seiner
Frau--, er selbst wre nie auf den Gedanken gekommen.

Als die Zeit zum Einsteigen kam, gab Leo mir die Hand und fragte, ob
ich mich nicht genierte, mich mit ihm zu zeigen.

Auf englisch nennt man das '~fishing for compliment~', sagte
ich, du weit sicher, lieber Freund, da viele Damen in diesem
Augenblick an meiner Stelle sein mchten.

Meine Liebenswrdigkeiten waren so selten, da er sich hiermit
zufriedengab.--

Mein zweites und letztes Wiedersehen fand einige Jahre spter in
Petersburg statt.

  Mrz 1899
  Winterpalais, Petersburg

    Grfin A.A. Tolstoi.




  16. bis 20. Tausend

  Druck der Buchdruckerei
  E. Haberland in Leipzig







End of Project Gutenberg's Erinnerungen an Leo N. Tolstoi, by A. A. Tolstoi

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN AN LEO N. TOLSTOI ***

***** This file should be named 41371-8.txt or 41371-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/1/3/7/41371/

Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
