The Project Gutenberg EBook of Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars., by 
Albert Daiber

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Title: Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars.

Author: Albert Daiber

Illustrator: Fritz Bergen

Release Date: December 1, 2012 [EBook #41522]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTENSEGLER. DREI JAHRE ***




Produced by Jens Sadowski








Die Weltensegler


Drei Jahre
auf dem Mars


Erzhlung fr die Jugend
von
Albert Daiber


Mit vier Vollbildern von Fritz Bergen

Dritte Auflage


Verlag von Levy & Mller in Stuttgart


Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart




Inhalt


Erstes Kapitel
Vorbereitungen                     1

Zweites Kapitel
Die Abreise der Weltensegler      16

Drittes Kapitel
Zwischen Himmel und Erde          28

Viertes Kapitel
Auf dem Mars                      53

Fnftes Kapitel
Lumata und Angola                 78

Sechstes Kapitel
Im Reiche der Vergessenen        101

Siebentes Kapitel
Der Abschied                     113

Achtes Kapitel
Ein Abtrnniger                  122

Neuntes Kapitel
Wieder auf der Erde              128

Zehntes Kapitel
In der Heimat                    142




Erstes Kapitel
Vorbereitungen


Der glnzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. ber
Gro-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber
etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und
Abertausende von hellen Sternen am Firmamente auf, und als weilich
schimmernder Grtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden
Weltkrper scharf und deutlich die Milchstrae ab. Aus ihr heraus blickte
das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit
so viel Torheit erfllte Mutter Erde, und der Groe Br mit seinen sieben
hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so
merkwrdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des
gewaltigen Himmelsgewlbes die aus der Urzeit stammende, treubewhrte
Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmiger Verteilung, in
verschiedenartiger Helligkeit und Gre lagen die brigen Sterne
dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze.

Langsam schritt die Nacht vor. Im Sden stieg das prachtvolle Sternbild des
Orion ber dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius,
der glnzendste unter den glnzenden Sternen des Himmels. Fr all diese
Schnheit der Nacht, fr all diese Groartigkeit jener fernen,
selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten
zugnglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des
Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berhmte Astronom, Lehrer an der
durch Alter wie berlieferung gleich ehrwrdigen Universitt Tbingen,
ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten rgerlich auf dessen
Seitenlehne trommelnd. Er sa in einem groen, mit einer Kuppel bedeckten
Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu
erkennen war. Ein mchtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer
ffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht.

Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhhe
bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr, fern vom lauten
studentischen Leben und Treiben der Universittsstadt, um so ungestrter
der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener
geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunchst umschliet,
Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr
zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so groe Liebe zu
dem fernen Planeten, da in Professor Stiller der Gedanke immer festere
Wurzeln fate, mit dem Mars in unmittelbare Verbindung zu treten, mit
andern Worten -- ihn zu besuchen.

Gerade gegenwrtig stand Mars wieder in Erdnhe, und seine augenblickliche
Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen
Zeit der groartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften
Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der
elektromagnetischen Strmungen im Universum und ihrer Ausntzung, vor allem
aber der so hoch entwickelten Luftschiffahrt hatte der Gedanke eines
Besuches des Mars, einer Reise dahin, durchaus nichts Befremdendes mehr. Im
Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatschlich die
Mglichkeit, die khne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausfhren zu knnen.

Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich
beschftigten. Aber zu ihnen waren auch rgerliche Vorkommnisse getreten
und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem
Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr Licht auf
einen Sto von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt
durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwrts lagen.
Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken ber die hohe,
gedankenschwere Stirn.

Diese lcherlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in
eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir
dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich
nicht wert, da ich mich noch lnger ber sie rgere! Dem Himmel Dank, da
ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines
Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem
Kleinlichen, rgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein! Der
Gelehrte stand auf. Ja, ja, fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort,
ja, jetzt ist er in der Erdnhe, mein alter, rtlich strahlender Freund.
Fr meine Ungeduld, ihn heute abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache
mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spt. Und doch ist er der
Pnktliche, nie Fehlende!

Professor Stiller sah auf seine Uhr. 11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden,
und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das
Instrument! Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel
gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der ber dem stlichen
Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzcken betrachtete Professor
Stiller die ihm zugewandte Flche des Planeten, auf der sich scharf und
deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten.

Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich
schneidenden Kanle sind es, die in ihrer Knstlichkeit am deutlichsten und
unzweideutigsten fr das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben
sprechen, kam es laut ber die Lippen des Gelehrten. Der Mars besitzt
trotz seiner Atmosphre verhltnismig geringe Wassermengen. Daher sind
die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch knstliche Veranstaltungen
nach Mglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig
auszuntzen, da, wenn ein Distrikt bewssert ist, die kostbare Flssigkeit
einem andern zugefhrt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen
als Erklrung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanle
in Tbingen vom Katheder herunter verkndigt! rief Professor Stiller voll
Begeisterung. Ja, ein Volk mit hoher Kultur mu auf dem Mars wohnen, denn
nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende
Bauten auszufhren, fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort.
Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem
Schmelzen der Eismassen an seinem Sd- und Nordpole beeinflut. Und dieses
aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten jene Wesen dort oben
zum Zweck der Befruchtung in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanle.
Welch herrlicher, ppiger Pflanzenwuchs mu sich da lngs der Kanle, an
ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mgen sich dort
oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung berallhin gefhrt
wird! Und was das wohl fr ein Menschenschlag sein mag, der den Mars
bewohnt? Uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus!
Unmglich wre dies nicht. Ich mu sie kennenlernen wie den Boden selbst,
auf dem sich das Leben dieser Wesen abspielt.

Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurck. Aber das lebhafte
Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch
wieder an das Instrument. So verflo Stunde auf Stunde mit astronomischen
Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblaten
allmhlich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudmmern, als der
Professor endlich seinen Posten verlie und sich in sein warmes Heim
zurckzog, das sich in unmittelbarer Nhe der Sternwarte befand.

Ein leichter Nebel zog ber das Neckartal herauf und lagerte sich ber
Gro-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerflo der dnne
Schleier rasch und lie die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus
dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben
hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen
Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Hhen des Neckartales trugen
daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des
Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Trme und villenartigen
Bauten ab, die da und dort von hher gelegenen Punkten auf die zu ihren
Fen liegende groe Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem
Rotenberge pate prchtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher
Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande hnlich, seine Wasser
strmen lie.

Ein groer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die
Abhaltung des schwbischen Volksfestes von alters her weltberhmte
Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Husermeer und war
von diesem nur auf einer Seite durch den Flu scharf abgegrenzt. Am oberen
Ende dieses mehrere Kilometer langen Gelndes erhob sich ein gewaltiger
Bretterbau.

Luftschiff fr die Mars-Expedition

stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die
blichen Worte:

Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!

Aus dem Innern des Gebudes lie sich augenblicklich nichts vernehmen, ein
Zeichen, da die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht
schon beendet war.

Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es berhaupt eine
Welt- und Vlkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt auerhalb
der Erdatmosphre durch den unendlichen therraum hindurch nach einem ganz
bestimmten Ziele hin lsen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel
bertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel
Erfahrung und Phantasie in der Ausfhrung khner Projekte nachgerhmt
wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer hheren Schule. Als
solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund
mathematischer Berechnungen zu berwachen und im brigen als
wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und
Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen,
die zur Vorwrtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur
Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die
zahlreichen, uerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie
waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der
Tbinger Universitt bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausfhrung
bertragen worden.

Nur zgernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser
bergabe verstehen knnen. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von
ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen,
doch hatten die spteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und
Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen
getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Mae grer, als Professor
Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer hher emporstieg. Als es
aber bekannt wurde, da ein Professorenkollegium der Tbinger Universitt
auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen
habe, auf Kosten des staatlichen Universittsvermgens ein eigenartiges
Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die
beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller
geeilt.

Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberhmt zu machen, sie fr ewig
mit dem Weltensegler, so sollte das Luftschiff heien, verbunden zu
sehen. Ihren unermdlichen Bitten um besondere Bercksichtigung unter
Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach.
Er trstete sich damit, da von den brigen fr den Bau des Weltenseglers
in Frage kommenden Wettbewerbern schlielich keiner eine bessere Gewhr fr
das Gelingen der Arbeit htte bieten knnen als Blieder und Schnabel. Und
am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Shne des lieben Schwabenlandes wie
er selbst.

So war der anfngliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei engeren
Stuttgarter zurckgedmmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto
lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei
richtige Dickkpfe. Jeder glaubte fr sich allein den Stein der Weisen
gefunden zu haben und hielt sich daher fr berechtigt, den Plan des
Schiffes nach eigenem Gutdnken zu ndern. Nur der Wachsamkeit und der
rcksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, da sich
nach endlosen Kmpfen, schwerstem rger und Verdru mit Blieder und
Schnabel der Bau des Weltenseglers im groen und ganzen in den Formen
hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben.

Aber gestern mittag, als Professor Stiller die Bausttte besuchte, um sich
von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu berzeugen, an dem
seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die
Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter),
da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen mssen, wie gerade
einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern bersehen worden
waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, mute wieder von neuem aufgenommen
werden, und von neuem flickte man am Weltensegler herum. Dadurch verzgerte
sich natrlich der Aufstieg, unter Umstnden stand sogar das Gelingen der
Expedition in Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem
Mars zu fahren!

Wtend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um
seinen Grimm zu meistern und sein gestrtes seelisches Gleichgewicht
wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten
Wnsche, und nun von neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer
vermag! Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, da er, unfhig
zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte,
sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den rger zu berwinden.

Jetzt sa der Gelehrte, eingehllt in einen bequemen, molligen Schlafrock,
in seinem von der Sonne durchfluteten, gerumigen Studierzimmer, die
Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Ergebnis war sehr gnstig. Jetzt,
oder fr lange Zeit, vielleicht fr viele Jahre nicht mehr, war es mglich,
von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein groer Unterschied, ob
ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist.
Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnhe erreicht und
befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die
langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition
durfte daher nicht mehr lange gesumt werden; jeder betrchtliche
Zeitverlust mute auf das peinlichste vermieden werden. Wollte man den sich
rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausntzung
der gerade bestehenden gnstigen Gravitationsverhltnisse, der natrlichen,
gesteigerten Anziehungskraft berhaupt erreichen, so mute mit jeder Stunde
gerechnet werden.

Und da mssen gerade in diesem so beraus gnstigen Augenblick die beiden
Langohre da unten -- Professor Stiller schaute bei diesen Worten von
seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt -- einen kleinen Strich durch
meine Rechnung machen! Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem
Professor gegen den Kopf.

Da wurde an die Tr des Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des
Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und
Schnabel. Lupus in fabula! lchelte Professor Stiller vor sich hin,
erinnerte sich aber pltzlich, da er gestern auf dem Wasen die beiden
Herren zu sich bestellt hatte und zwar fr heute auf zwlf Uhr mittags. Ein
Blick auf die Uhr bewies die Pnktlichkeit der Besucher. Der Professor
erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzufhren.

Pnktlichkeit ist Hflichkeit! Mit diesen Worten begrte Professor
Stiller die Eintretenden. Nehmt Platz, fuhr er fort, und sagt mir
sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gergten Ausstnde am
Weltensegler in Ordnung gebracht werden knnen; denn nchste Woche mssen
wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.

Ich wte wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den
Aufstieg des Luftschiffes hindern knnte, meckerte Blieder mit seiner
blechernen Stimme.

Was? schrie der Professor erbost, mu ich dir altem Baumeister, dem vor
lauter Genialitt allerdings nichts einfllt, nochmals das wiederholen, was
ich dir gestern tadelnd sagte?

An Stelle der Antwort begngte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken.

In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das
knntest du wissen, um so mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits
am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte, entgegnete der Gelehrte.

Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein . . .

Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die
Gondel eingesetzten Spiegelglser sind hart und sprde, den gewaltigen
niederen Temperaturen im therraum gegenber vllig widerstandslos. Also
hinaus mit den Glsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen,
widerstandsfhigen Glimmer. Der hlt alle Temperaturen ber und unter Null
gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen mu die nderung
gemacht sein.

Aber wenn . . . begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor
unterbrochen.

Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, da ich dir in Anbetracht
der Krze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren
du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige
Sache mu noch verbessert werden. Du dachtest nmlich nicht mehr daran,
obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, da eine Gondel, die
whrend einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum fr eine mehrkpfige
Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe fr allerlei Abfallstoffe haben
mu. Wir bentigen ein paar solcher doppelten, auf das dichteste
schlieenden Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am
Boden.

Dort wren sie aber am einfachsten anzubringen.

Glaube ich, erwiderte spttisch lchelnd Professor Stiller, wir wnschen
aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen womglich
heil und gesund den Mars erreichen.

Aber im Innern lngs der Gondelwand sind die Proviantrume, unter diesen
die Akkumulatoren und . . .

So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu
dir, Schnabel! Wovon meinst du, da unsere Expedition unterwegs leben
soll?

Natrlich von den mitzufhrenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern
guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen, antwortete
schmunzelnd der mit einem hbschen Buchlein ausgestattete, e- und
trinkfeste Mathematiker.

Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was
lebt denn sonst noch der Mensch auer von Speise und Trank?

Nun, von Luft! entgegnete Schnabel etwas gereizt ber diese Frage.

Gewi! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen
sollen. Im therraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter
Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hlt leider auch nicht lange
vor.

O zum Kuckuck! Es ist die Anlage fr die feste Luft, die ich verga
anbringen zu lassen.

So ist es! Mache deinen Fehler so rasch als mglich gut. Blieder soll dir
dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthlt, werde ich dann selbst noch
prfen; denn du wrest imstande, sogar die Fllung zu vergessen. Wie ich
dir gestern mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage
fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du
unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes
unmittelbar auf die Aluminiumschraube bertragen.

Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige! brummte Schnabel.

Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch
offenkundigen Unsinn zeitigt! entgegnete zornig Professor Stiller. Ich
trage die Verantwortung fr die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr
irgendwie vermehren kann, mu ich nachdrcklich zurckweisen, alles dagegen
willkommen heien, was zu ihrer Sicherheit und zum mglichen Gelingen
beizutragen vermag.

Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan htten, was du von uns
verlangtest! Aber natrlich, euch Allerhchsten von der Universitt ist
selten etwas recht zu machen.

So scheint es wirklich zu sein, besttigte seufzend Blieder.

Darber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wre eine hchst
zwecklose Sache. Sorgt lieber dafr, da der Weltensegler nchste Woche
segelfertig ist. Hchste Zeit dafr ist es, soll die Reise berhaupt
gelingen. Seit Tagen schon drngen mich deshalb meine Kollegen in Tbingen,
denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben
hatte, und zwar als uersten Zeitpunkt. Nun entsteht wieder eine
Verzgerung. Die Sache mu rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der
allgemeinen Lcherlichkeit, der wir uns aussetzen wrden, wenn die Abreise
immer von neuem wieder verschoben wird, laufen wir berhaupt Gefahr, die
uns gebotenen gnstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausntzen zu
knnen. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.

Wie lange wird die Reise dauern? fragte Schnabel neugierig und bestrebt,
der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben.

Das hngt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir frher fahren
knnen, entgegnete Professor Stiller. Die fr die Verbesserung der
gergten Fehler eingerumten weiteren vier Tage bedeuten fr uns eine
hchst unliebsame Verlngerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner
Annherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit
jeder Minute. Wie lange unter diesen Umstnden die Reise im therraume
dauern wird, lt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir
glcklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen
und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise auerordentlich rasch
vonstatten gehen trotz der gewaltigen Entfernungen, die wir zurckzulegen
haben. Dank der mchtigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen
Strmungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter
Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens tglich
auf zwei Millionen Kilometer einzuschtzen ist. Immerhin rechne ich auch im
gnstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht
halber nehmen wir aber fr drei Monate Proviant mit uns.

Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise milingt, was
dann? forschte Schnabel.

Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns
gegangen ist und nach uns noch gehen wird: wir sind die Opfer, die Mrtyrer
der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als
wir beschlossen, die khne Fahrt zu unternehmen. Glcklicherweise sind
smtliche brigen Teilnehmer gleich mir keine Familienvter, sondern der
Mehrzahl nach jngere Mnner, die diesen Schritt in das Ungewisse,
Geheimnisvolle wagen und vor ihrem Gewissen verantworten knnen. Ich
persnlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den
Triumph der Wissenschaft.

Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und
unser Neckartal, wo so khne Plne vor ihrer Verwirklichung stehen, und
kommt ihr einst mit dem Weltensegler glcklich wieder zurck, so werdet ihr
in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen
vor euch geschah, warf Blieder ein.

Zuerst mssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir berhaupt an eine
Rckkehr denken knnen, entgegnete Professor Stiller lchelnd. Einige
Jahre drfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche
ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch auergewhnliche
Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der
auf jenem fernen Weltkrper haust. Wie ihr wit, beweisen uns unsere
teleskopischen Beobachtungen, da es ganz besonders hochstehende Wesen sein
mssen, die dort wohnen. Wer wei, ob sie uns nicht geistig wie krperlich
weit berragen.

Oder uns gegenber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmglich
wre, bemerkte Schnabel hochmtig. Auf keinen Fall mchte ich mit.

Du bleibst auch besser unten auf der Erde, entgegnete Professor Stiller.
Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen
werde ich auf den Wasen kommen und mich berzeugen, ob die gergten
Anstnde in Ordnung gebracht sind. Nchste Woche mu die Abreise des
Weltenseglers unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem
Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet fr mich und mein an sich
schon aufgeregtes Nervensystem eine frchterliche Qual. Sie zu vermindern,
liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdru bereitet, macht
also, da ich ohne allzu groen Groll von euch und dieser Erde scheiden
kann. Mit diesen Worten entlie der Professor seine Besucher.




Zweites Kapitel
Die Abreise der Weltensegler


Fr Professor Stiller und seine Gefhrten vergingen die folgenden Tage in
fieberhafter Ttigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem
Cannstatter Wasen in der Werksttte des Weltenseglers herrschte wieder
regste Ttigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf
den groen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun
erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte
eine lnglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene
Gondel. Infolge dieser hnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als
befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des groen,
gewissermaen wie Mutter und Kind.

Die Lnge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen,
zweihundert Meter, die mittlere Hhe zwanzig Meter.

Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer
gemachten, sehr dnnen, aber auerordentlich starken Metallblechrhren.
Darber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und ber
dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber
doch so, da auch jede einzelne fr sich allein ttig sein und die Gondel
tragen konnte. Es war sozusagen ein dreifach bereinander gestlpter
Ballon.

Zur Anfertigung der Metallrhren wurde die von Professor Samuel Schwab in
Tbingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese
Mischung zeichnete sich durch auerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte
Widerstandsfhigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt
in dieser Richtung bekannten Metallprparate in den Schatten. Suevit
bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem
prozentualem Verhltnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium
beigegeben war. Diese Legierung lie sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne
dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das geringste einzuben. Aus
diesem Blech nun wurden die Rhren geformt, die zur Anfertigung der drei
Ballongerippe dienten. Die Rhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf
das sorgfltigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwrdigen
Gase Argonauton gefllt.

Zur Umhllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu frh
verstorbenen Elinger Groindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe
aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten
Textilbranche erregte. Die Fden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu
gebauten Websthlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so
miteinander verknpft, da sie nahezu unzerreibar und von wunderbarer
Gltte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhllt,
dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklsung getrnkt, als er
aufnahmefhig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff fr das Gas
vollstndig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht
wegen das Ganze noch mit einer dnnen Kautschukmasse umgeben und auf diese
endlich die Pillerinlsung aufgetragen, eine von Professor Piller in
Tbingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflssigkeit. Sie gab dem
berzuge eine einer Panzerung hnliche Widerstandskraft, die selbst durch
Anwendung grter uerer Gewalt kaum berwunden werden konnte. Der Ballon
stellte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes dar.

In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des
Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, da auch nach einem
etwaigen Verlust der ersten, uersten Hlle oder, was kaum anzunehmen war,
auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbstndiges
Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.

Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur mglichen Gefahren im
Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhlle war mit einer besonderen
Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.

Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch
unendlich leichten Gase Argonauton gefllt. Kaum noch wgbar (0,01), besa
das Argonauton die unschtzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze
(+1350 Grad), noch durch grte Klte (-500 Grad) irgendwie in seinem
Aggregatzustande beeinflut oder gar verndert zu werden. Es war zur Zeit
noch das einzige wirklich bestndige oder permanente Gas, das Rtsel der
Gelehrtenwelt.

Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Rhren und einem
berzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in hnlicher Weise wie der Ballon
mit Kautschuk berzogen und mit Pillerinlsung widerstandsfhig gemacht
worden war; Auerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus
Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es
doch, dem Wrmeverlust im ungeheuer kalten therraume, dessen Temperatur
auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschtzt wurde, nach Mglichkeit
vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht.
Ihr Inneres machte sogar einen uerst wohnlichen und behaglichen Eindruck.
An den Lngsseiten der zehn Meter langen und fnf Meter breiten Gondel
befanden sich in einer Art von Schrnken die Vorrte von den
verschiedenartigsten Nahrungsmitteln.

Unterhalb der Vorratsrume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate
fr Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen fr die
Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten
es mglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem
verhltnismig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem
Weltensegler mglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen
Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu fhren, die in ihrer
umgesetzten Form als Licht und Wrme nicht nur die Existenz der
Gondelbewohner ermglichen, sondern auch zur Vorwrtsbewegung und Lenkung
des Luftschiffes selbst dienen sollten. Fr letztere Zwecke waren am
Ballonkrper selbst seitwrts, rechts und links, Luftschrauben angebracht,
die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Ttigkeit gesetzt
werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit
dem imprgnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht
einstellbare groe, mit Suevitrhren eingefate Flchen. Dadurch war eine
Steuerung nach zwei Richtungen hin mglich, horizontal sowohl wie auch
vertikal.

Die in metallene Behlter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im
Augenblicke ihres Kontaktes mit uerer, gasfrmiger Luft sofort sich
verflssigend und fein zerstubend, nahm, trotz groer Vorratsmenge,
ebenfalls nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch.

So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfllt, die das
groartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis fhren konnten. Seit
sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strmte eine
Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit
Fragen zu bestrmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren
Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten
zusagenden Elemente. Sie schwammen frmlich in Stolz, Wonne und erhhtem
Selbstgefhl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank
ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persnlichkeiten nicht
allein Gro-Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren
in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen
das groe Los zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter
den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller
mglichen Vlker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und
Halbwilde, Mnner, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon
durch Zeitungen und Spezialberichte berall, diesseits und jenseits der
Ozeane, bekannt geworden, da das groe, unerhrt verwegene Wagnis einer
Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes
aus zur Ausfhrung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren
daher in den fernsten Winkel des Erdballes getragen worden als die khnen
Schpfer des Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Rume des
Weltenthers durchschnitt.

Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des
Aufstieges des Weltenseglers langsam nher rckte. Nach Hunderttausenden
wurden die Fremden geschtzt, die nach Gro-Stuttgart gestrmt waren, um
das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch
in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen
werden mute. Nur persnlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges
in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von
diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige
Preise fr ihre Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich
werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine
Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthuser bis unter das Dach hinauf
besetzt, nein, auch die Huser von Privaten waren gefllt. Noch niemals
hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom
erlebt, wie in diesen Tagen.

Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade
lebensgefhrlich geworden. Man stie und drngte sich frmlich. berall war
ein frchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und
Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Vlker. Jeder und jede wollte
so nahe als mglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der
Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle
wollten das Werk mglichst genau sehen und betrachten, womglich auch
befhlen und einen Blick in die merkwrdig eingerichtete Gondel werfen;
sollte diese doch fr viele Wochen der Aufenthaltsort der berhmten sieben
Gelehrten sein, die ohne Rcksicht auf ihr Leben die einem Mrchen gleiche
Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in
schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand.

Die Meinungen ber das Gelingen oder Milingen der Expedition waren beim
Publikum noch immer geteilt. Darber aber waren sich alle einig, da das
Unternehmen an Khnheit und Groartigkeit alles in den Schatten stellte,
was die Welt bisher gesehen, und da die Mnner der Expedition an Mut und
Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.

So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwrdige Tag, an dem
nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden
sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle
erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem
Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren smtliche am Weltensegler
beschftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer
scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller
gergten Ausstnde waren beseitigt. Einige kleinere Anstnde, die der
Professor da und dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch.
Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die
Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten
Arbeiter.

Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden
vorsichtig gelst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der
Weltensegler gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frhen
Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit
Staunen und lauter Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten.
Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rckwrts, bald vorwrts
flog der Weltensegler, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste
Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff ber
Stuttgart hin, kehrte wieder ber den Ort des Aufstieges zurck und lie
sich langsam und majesttisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es
ausgegangen war.

Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte
die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatschlich keinem Zweifel mehr
unterliegen, da ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares
Luftschiff wie der Weltensegler den hchsten aeronautischen Anforderungen
gengen, da die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem
gnstigen Ergebnis fhren mute.

Mit Befriedigung verlie Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser
ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so
lange genhrter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und
Schnabel wich freundlicheren Gefhlen, als er sich von ihnen
verabschiedete. Gern bersah er deshalb auch, da die Erbauer des
Weltenseglers eigentlich nur die Handlanger bei der Ausfhrung des
Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit gewesen waren, und gnnte ihnen
den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos berlie er seine alten
Schulgenossen dem herbeistrmenden Publikum, das diese mit Glckwnschen zu
dem genialen Bau und der gelungenen Probefahrt des Weltenseglers
berschttete.

Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf
dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die
khnen Weltensegler, die sieben berhmten Gelehrten, Deutschlands und
Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff
mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein
halb vier Uhr begannen die Glocken aller Trme von Gro-Stuttgart zu
luten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, wrdig des
bevorstehenden ernsten und zugleich so groartigen Augenblicks. Aus dem
Tale des Nesenbachs heraus wie aus dem des Neckars verkndete der laute,
eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Khnheit und dem
Menschengeist, der sich ber den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und
sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen
anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde
das hoffnungslose Sehnen und Wnschen der Edelsten und Besten gewesen war.
Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfllung finden,
der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, da die gesamte Welt mit
atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine
solche Grotat vollbracht werden sollte.

Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die
Telegramme der Berichterstatter. Ein groes Depeschenbureau war fr diesen
Zweck in unmittelbarer Nhe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem
Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs hchste gestiegen.
Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein
erhebendes, sonntgliches Gefhl erweckt, und als fnf Minuten vor vier Uhr
die Glocken pltzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem
weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.

Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten
wie Abschied nehmend an dem Weltensegler und lieen das gewaltige, kaum
sich bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen.
Da ertnten von der Neckarbrcke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und
wurden zu einem betubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen
stieg brausender Begrungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten
ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse
in ungezhlten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten
folgende Fcher:

Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,

Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,

Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,

Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,

Prof. Dr. Hieronymus Hmmerle, Philologie,

Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalkonomie,

Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie.

In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor
ihnen ffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und
voll Wrde grten die khnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am
Weltensegler angelangt, verlieen sie den Wagen, und Professor Stiller
bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete
Rednertribne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nchste
Umgebung zu richten.

Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern
dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja
allen bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist,
ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphre unserer Erde
mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch -- und dies ist der
springende Punkt -- den therraum selbstndig durchfliegen soll. Alle hier
in Frage kommenden, ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen,
die vorher erfllt werden muten, um unsere Reise nach dem Mars zu
ermglichen, will ich nicht weiter erwhnen. Dies wrde mich auch viel zu
weit fhren. Aber fr meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde
des Abschiedes laut und offen zu erklren, da mglicherweise unsere Reise
von manchen Faktoren ungnstig beeinflut, durch diese Unbekannten, die
wir hier auf unserm Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu
ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann.
Diese Erkenntnis schtzt uns vor Selbstberhebung, sie zeigt uns aber auch
klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die
vorwrts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklrung ist es, der uns
unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen
Forschung stellen lt.

Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute
niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr
zurck, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Trne. (Allgemeine
Rhrung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber
ebensogut ist es mglich, da wir Ihnen einmal spter von den Wundern einer
andern Welt berichten knnen. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen
Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank fr Ihr
Erscheinen hier, fr Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.

Beifallsstrme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte
und nun gemessenen Schrittes von der Tribne herabstieg. Wieder trat eine
lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel
stiegen. Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel
hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schlo sich die kleine
Tr. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Lsen der
Taue. Der Weltensegler hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr
und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der
mchtige Ballon, grer und grer die Entfernung zwischen ihm und der
Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurckgebliebenen, die sich
schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach
zerstreuten.

Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart
zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des Weltenseglers, in
dem glnzend erleuchteten, prachtvoll geschmckten Cannstatter Kursaal ein
prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im
Augenblick berhmtesten Mnner und hervorragendsten Leuchten ihrer
Vaterstadt gefeiert. Trnen der Freude liefen den beiden Herren ber die
gut genhrten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der
hochwrdigen Stadtvter singen hrten. Allerdings behaupteten bse Zungen
spter, Blieder und Schnabel htten nur deshalb geweint und nicht mit
Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines
getrunken und den Zungenschlag bekommen htten. Aber bse Zungen sind ja
immer dabei, wenn es gilt, die Verdienste anderer zu schmlern.

Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rhrung ihren Hhepunkt, als den
Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas groen Kpfe je ein mchtiger
Lorbeerkranz gepret wurde. Am Schlusse des Mahles verkndete der Herr
Oberbrgermeister der Haupt- und Residenzstadt, da Herr Architekt Adolf
Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei
dem khnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewhnlichen Brger der
Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbrger versetzt
seien. Die berreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klngen des
Stuttgarter Stadtmarsches schlo die erhebende Feier erst um die
mitternchtliche Stunde.




Drittes Kapitel
Zwischen Himmel und Erde


Keine nennenswerte Luftstrmung strte den fast senkrechten Aufstieg des
Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der
Erdatmosphre. Allerdings machte sich die erreichte Hhe durch den
verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der
Gondel fhlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor,
zunchst einen bescheidenen Abendimbi einzunehmen, wohl den letzten in der
Nhe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers
schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige
Billigung. Die Herren lieen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch-
und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des
Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hie der mitgenommene
gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten
keine Abstinenzler waren.

Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten zugewandt.
Diese zeigten an, da die Grenze der Erdatmosphre erreicht sei, mithin der
Eintritt in den unermelichen therraum bevorstehe. Die mit Xylol gefllten
Thermometer zeigten auerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null an, und
die Barometer registrierten eine Hhe von 19950 Meter. In der Gondel wurden
die elektrischen Glhkrper in Ttigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der
Zerstubungsapparat fr die feste Luft in Funktion getreten war. Eine
ertrgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in
der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, da jeder
der Gelehrten whrend vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden
zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu berwachen hatte. Auf diese Art
war fr den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller
hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung fr
gewisse Zeit allein zu bernehmen.

Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im therraume
vorber. Unterdessen war der Ballon uerst schnell gestiegen. Morgens um 7
Uhr, am 8. Dezember, war die Hhe von 90723 Meter erreicht. Die Thermometer
an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die frchterliche Klte von 120
Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger Sonnenstrahl
fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das
Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gem nach Osten haltend. Gegen
Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige Entfernung von
220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem
schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mute der
Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nhe des Mondes gelangen, der bis
dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerckt, gerade sein erstes Viertel bilden
wrde.

Mit der Annherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das
Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden
Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine
vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des
sie umgebenden Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich
darber zu uern.

Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren
Mangel, sprach Professor Dubelmeier.

Das ist wohl wahr, besttigte Friedolin Frommherz, alles Licht, auch das
unserer Seelen, kommt von oben.

Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber, ergnzte Professor Hmmerle.

Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rtsel, die wirkliche
Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch fr immer verborgen,
und wer wei, ob dies nicht sehr gut ist, entgegnete Frommherz.

Darber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns
ber die Aussicht freuen, in krzester Zeit aus dem Dunkel des therraumes
heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu drfen, allerdings
um sehr rasch wieder in die Finsternis zurckzukehren, wohl dann fr
lngere Zeit, warf Professor Stiller ein.

Doch pltzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der
Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen.
Das Zittern des mchtigen Ballons bertrug sich auf die Gondel.

Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet? Diese Fragen
kamen ber die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten.

Zunchst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts fhren wrde,
liebe Freunde! besnftigte Professor Stiller seine erschrockenen
Gefhrten. Es scheint, da wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom
des Mondes gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen
elektrischen Strmung sofort reagiert hat, daher sein pltzliches
Erzittern, fuhr Herr Stiller fort. Nun seht, er beruhigt sich und treibt
wieder und zwar bedeutend schneller vorwrts, ein Beweis fr die
Richtigkeit meiner Vermutungen. Mit diesen Worten trat Stiller von seinem
Beobachtungsposten zurck, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen.

Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwrtsbewegung sprten die Insassen
der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit grter Aufmerksamkeit
beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer
Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschttelnd eine zurckgelegte Strecke
von 4500 Kilometern.

Warum schtteln Sie den Kopf, Stiller? fragte Professor Piller den
Kollegen.

Es geht langsamer vorwrts, als ich mir vorstellte und nach meinen
Berechnungen erwartet hatte.

Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurckzulegen,
macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit bersteigt
alles, selbst die khnste Rechnung, warf Brummhuber ein.

Sie bersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurckzulegen
haben, um unser Ziel zu erreichen, entgegnete Professor Stiller. Doch ich
hoffe, da es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kmen sonst,
fgte er etwas gezwungen lchelnd hinzu, mit allzu groer Versptung auf
dem Mars an.

Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,
antwortete Thudium.

Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein
Gehirn und begannen ihn zu qulen. Diese Gedanken wollte er einstweilen fr
sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefhrten schon jetzt
erschttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch -- Hilfe.

So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise.


Am Ende des letzteren betrug die zurckgelegte Entfernung 324000 Kilometer.
Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas zugenommen,
dank der von ihm aus seinen Apparaten nach auen hin abgegebenen
elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und
Hmmerle einer sorgfltigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden.
Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
mute der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nhe des Mondes
gelangen.

Eine pltzliche, von auen her in die Gondel dringende Helle lie sofort
Professor Stiller den elektrischen Strom schlieen. Das Luftschiff begann
langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren strzten nach den
Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergrnden.
Staunende Bewunderung ber das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten
Augenblick so lhmend auf die Insassen der Gondel, da sie minutenlang wie
gebannt in stummem Entzcken dastanden. Dann aber brach sich eine laute
Begeisterung Bahn.

Groartig! Einzig schn! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der
Mond, der Mond! so kam es ber die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter
ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft
zerrissene, wild zerklftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten
von wunderbarer, ungekannter Schrfe warfen. Zwischen ihnen ghnten
Tausende von Metern tiefe Abgrnde, und eine Unmasse ausgebrannter Krater
schob sich zwischen die Abgrnde und die Felsenmauern. Ziemlich ebene
Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger
Vulkane umkrnzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend hher als das
auerhalb der Wlle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort
kegelfrmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die
merkwrdige Beleuchtung mit ihren einzig schnen Schattenbildern, berhaupt
der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so vllig verschieden
von dem, was die Herren von der Erde her kannten, da sie einen Vergleich
damit gar nicht zu ziehen vermochten.

Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten
sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom,
kein wogender Ozean, kein grnender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein
nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das
sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung
nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer groen Stille gewichen,
dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden
Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung
desjenigen Teiles des Mondes hingeben knnen, der von der Gondel aus
sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam zu fallen.

Auf dem Monde knnen wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm
erfrieren, rief Professor Stiller. Wir mssen also schleunigst aus seiner
wegen der Anziehung fr uns gefhrlichen Nhe weg und wieder hinaus in den
Weltther.

Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Ttigkeit gebracht; die Flgel
der Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller
und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde.

Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, da nach Kreuzung der
Mondbahn und glcklicher berwindung der Anziehungskraft des Mondes der
Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphre des Mars
gelangen msse, als desjenigen groen Gestirns, das sich augenblicklich der
Erde noch am meisten genhert hatte. Diese Erdnhe mute begreiflicherweise
die natrliche, auf elektromagnetischen Strmungen beruhende Gravitation
zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, da,
wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Krper, wie ihn
beispielsweise der Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung
gelangte, er in dem Mae vom Mars angezogen wurde, als er ihm nher stand
als der Erde.

Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau -- nach Passage der
Mondbahn -- 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel
unterliegen, da der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des
Mars stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff
flog mit gleichmiger Geschwindigkeit und in derselben steten stlichen
Richtung weiter. Die anfnglich gefrchtete Einwirkung der Anziehungskraft
der Sonne konnte nun endgltig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler
befand sich auf dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele.

Schon lngst war es wieder dunkle Nacht auerhalb der Gondel, und die
furchtbare Klte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen
Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die
Reisenden gegen die Klte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu
schtzen.

Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite,
aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer
wollte der Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen.

Eines Tages -- es war in der vierten Woche der Reise -- begann die Stille
des Gondelinnern ein eigenartiges Gerusch zu unterbrechen.

Was ist denn los? fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller.

Ich kann es mir nicht erklren, entgegnete dieser. Weder unsere Uhren
noch der Geschwindigkeitsmesser knnen die Ursache dieses auffallenden
Rasselns sein. Und doch mu diese hier innen zu suchen sein, da der
Weltther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.

Whrend Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr
und mehr verstrkenden Lrmes.

Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate fr Luft und
elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos.
Aber halt, da fllt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst,
die den Schall bertrgt, dessen Ursache drauen im Weltenraume liegen
mu.

Dann ist es vielleicht irgendein Weltkrper, in dessen Nhe wir gelangt
sind, warf Professor Hmmerle besorgt ein.

In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem
Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wren.

Das ist ja ein Hllenlrm, bei dem einem Hren und Sehen vergeht! brllte
Professor Thudium wtend. Aber in dem allgemeinen, betubenden Rasseln
erstarb seine Stimme.

Da erschreckte eine pltzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die
sieben Insassen der Gondel. Eine Verstndigung war des Lrmes wegen
unmglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang,
schlossen die Reisenden unwillkrlich die schmerzenden Augen. Jeder
Versuch, sie zu ffnen, erhhte das frchterliche Schmerzgefhl. In diesem
kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glcklicherweise
seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den
Universittsferien stets bei sich trug, und die er wohlverpackt in einem
Futterale mitgenommen und in irgendeine Tasche seines Rockes gesteckt haben
mute. Vorsichtig tastete er den Rock von auen ab. Richtig, da fhlte er
einen lnglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die
Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht.
Geschtzt durch die dunklen Glser, vermochte er nun seine Augen zu ffnen.
Zunchst lie er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit
geschlossenen Augen lagen seine Gefhrten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter
trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Mnner.

Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor
Dubelmeier zu dem ihm zunchst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den
Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem
wahnsinnigen Lrm merkwrdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht
hatte. Behutsam sphte er dabei hinaus in den unermelichen Weltraum. Aber
welch berwltigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierber
verga er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem
Naturschauspiele da drauen vllig gefangengenommen.

Aus Millionen von Leuchtkugeln, die hnlich der Milchstrae am nchtlichen
Himmel einen breiten Strahlengrtel bildeten, funkelte und blitzte es in
mrchenhafter Pracht herber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da
mute sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn mglicherweise konnte
durch ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden.
Professor Dubelmeier lie zunchst die Schutzvorrichtung an den Fenstern
herab, trat dann auf Stiller zu, stlpte ihm die Schutzbrille auf die Nase
und rttelte ihn aus seiner Betubung wach. Erstaunt ber sein so pltzlich
wiedergekehrtes Sehvermgen erhob sich Professor Stiller mit der Brille
seines Freundes und folgte dessen stummer Gebrde. Er zog die
Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich
ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen,
versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen
Rasselns, der Erscheinung berhaupt, klar. Der Weltensegler war auf seiner
Bahn nach dem Mars in die Nhe eines durch den Weltther dahinsausenden
Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr fr
den Weltensegler war bei der immerhin noch groen Entfernung und der
ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens
nicht fr die nchsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der
einzigartigen Erscheinung, verlie Herr Stiller das Fenster.

Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit
seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hmmerle und so weiter, so da
jeder der Reisenden sich das groartige Schauspiel ohne Gefahr fr sein
Sehvermgen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach
einigen Stunden, als das Gerusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach
abzunehmen begann.

Dann erklrte Professor Stiller seinen Gefhrten die Ursache der
Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille.

An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich
glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, da ich
auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht
gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulnglichkeit, den Mangel
an Verla auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen groen
Dienst geleistet.

Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall,
eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen? fragte Professor
Piller neugierig.

Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache
heraus. Auf allseitiges Fragen und Drngen hin gestand er endlich, da er
sich nicht htte mit dem Gedanken befreunden knnen, jahrelang seinen
geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung,
solche auch auf dem Mars ausfhren zu knnen, wenigstens seine
Gletscherbrille eingesteckt.

Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrstung? Davon sehe
ich nichts, forschte Professor Brummhuber.

Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in
Tbingen gelassen, antwortete Herr Dubelmeier.

Ein weises Verfahren, frwahr, denn fr die Mitnahme derartigen Gepckes
wre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet, lachte Professor
Stiller. Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.

Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphre des Mars hatte aber
auf die Vorwrtsbewegung des Weltenseglers selbst ungnstig eingewirkt. Bei
genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller
mit Schrecken, da sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten
Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars
zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die
frhere Geschwindigkeit bergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine
unliebsame Verlngerung der an sich schon so mhseligen Reise, die unter
Umstnden noch recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte.

An die Stelle der frheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des krperlichen
und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine
mehr oder weniger groe Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur
vorbergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der
Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile,
der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhltnismig doch engen,
eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der
Mangel krperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschftigung.

Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen
Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so
vielseitig und so oft besprochen worden, da sie lngst ihren Reiz verloren
hatten. Still, stumm, fast apathisch saen oder lagen jetzt, in ihre
Pelzmntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter
und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal
eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten,
warmen Imbi oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaen
gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht,
was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die
die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing,
herumwlzten.

Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verfhrerisch, ja
berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst
erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen,
schmalen Raume, die lange Entbehrung des natrlichen Lichtes der Sonne in
ihrer Wirkung unterschtzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten
Zeit der Reise ber eintretende Blutarmut, Strungen im Stoffwechsel trotz
ausgezeichneter Elust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb
stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwnschte im stillen sich, seine
Genossen, den Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den
Verfhrer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die brigen
Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in
Tbingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem
Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei khlem, frischem Trunke
gesessen, so erfllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrckte Reise
berhaupt unternommen zu haben.

Hol' der Teufel den Mars! kam es einmal laut ber die Lippen von
Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte.

Das wollen wir nicht wnschen, erwiderte in etwas herbem Tone Herr
Stiller. Da die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen
Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben wrde, war von vornherein
fr jeden von uns klar. Wir knnen uns also hinterher nicht beschweren.
Solche Beschwerden sind unser nicht wrdig. Schweig und dulde! heit es fr
uns.

Wahr gesprochen! besttigte Bombastus Brummhuber. Aber schlielich mu
auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.

So warten Sie doch erst ab, was kommt! rief Professor Stiller zornig.

Aber Sie sagten doch, da die Reise nicht lnger als einige Wochen dauern
werde, warf Frommherz ein, und nun ist diese Zeit herum und . . .

Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz, unterbrach
Stiller den Gefhrten. Im brigen habe ich niemals eine genaue Angabe
darber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen
Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt htte. Ich sprach von mehreren
Wochen im allergnstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch,
da die Reise sich lnger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im
Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend ntig.

Was heit das? Drcken Sie sich klarer aus, Stiller! tnte es von
verschiedenen Seiten.

Nun, ich denke, da es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen
wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt
noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft
alle Anforderungen stellt.

Wie gro ist die Entfernung noch?

Noch etwa dreiig Millionen Kilometer!

Dreiig Millionen Kilometer? Kaum die Hlfte! Einfach entsetzlich!
sthnte Professor Dubelmeier.

Wie soll das enden! seufzte Frommherz.

Hoffen wir, gut, sonst wrden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen
Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen, spottete Professor Stiller, ber
den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.

Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde
nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition
zurckgedrngt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses khnen
Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung fr das
Leben seiner Gefhrten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zgern
zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervsen
Hast, bei aller Neigung, berall nur das Beste zu sehen und die khnsten,
schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und
trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und
ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer
strengen Selbstkritik zu unterziehen.

Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwnscht, diese Reise nicht
allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners
unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen
verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefhrten keine
umittelbaren Vorwrfe zu hren bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin
aber, die krperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm
nur allzu deutlich, da das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in
der Gondel die erste schwere Erschtterung erfahren hatte. Gleich in den
ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trbe Gedanken
geqult, die er zuerst noch leicht abzuschtteln vermochte, die aber immer
wieder und strker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen
lieen wie im Anfange.

Was Professor Stiller am meisten beschftigte, das war der verhltnismig
langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet,
da das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkrpers
gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde,
und nun mute er sich eingestehen, da er sich hierin ganz gehrig
getuscht habe. Zu diesem groen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die
Vorrte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine
krzere Reise, das heit auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und
muten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen.

Am das Ma der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel
beraus schnell ab. Es war zwar ein groer Vorrat an Speisen und Getrnken
fr eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller
hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefhrten gerechnet. Anfangs
hatte er sich ber ihre Elust gefreut, in dem sichern Bewutsein, der
Weltensegler werde in weniger als der Hlfte der Zeit, fr die die
Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich
in dieser Erwartung getuscht sah, kam zu den andern schweren Kmmernissen
auch noch die Sorge um die Ernhrung.

Wohl oder bel mute schon jetzt, von heute ab eine Krzung der tglichen
Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorrten noch lngere Zeit
auskommen. Ganz besonders waren es die Getrnke, die stark abgenommen
hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Gppinger Wasser wies geradezu
erschreckende Lcken auf.

So entstand aus dem ersten groen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster,
in ihren Wirkungen gar nicht bersehbarer Folgen. Das Gemt Herrn Stillers
verdsterte sich in dem Mae, als er sich dies alles klar zu machen suchte.
Zunchst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte,
seinen Kollegen die Zweckmigkeit einer Beschrnkung ihrer tglichen
Speisen und Getrnke vor Augen zu fhren. Diese Aufgabe richtig zu lsen,
ohne die Gefhrten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung
noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lsbar.

Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der
Vorwrtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln mchte, dann wre ich
mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los! dachte
Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich
gleichmig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des
Geschwindigkeitsmessers durch den Professor.

Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen --
wahrhaftig wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten!
Was ntzt es schlielich, meinen Gefhrten durch Verringerung ihrer Nahrung
das bichen Freude zu verderben, das ihnen der Genu von Speise und Trank
noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am
besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum! Zu diesem Entschlu
kmpfte sich nach langem, trbem Sinnen der Professor endlich durch.

Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr
eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekmmert,
der frher von ihnen unten auf der Erde in lauter Frhlichkeit begangen
worden war. Eine dumpfe Gleichgltigkeit hatte sich der Gesellschaft
bemchtigt und benahm ihr auch mehr und mehr die frhere Lust am Essen.

Gelange ich glcklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort
auch nur einigermaen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich
Schwabenland und Erde fr immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich
dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten, uerte sich eines Tages
Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren
kopfnickend bei.

Professor Stiller entgegnete nichts auf diese uerung, die so offen die
Empfindung seiner Gefhrten wiedergab. Angesichts der auerordentlich
kritischen, tglich sich mehr verschrfenden Lage des Weltenseglers
erschienen ihm alle diesbezglichen Meinungsuerungen seiner Kollegen als
hchst berflssig. Er hllte sich daher in dsteres Schweigen und begann
ber die mglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise
nachzusinnen.

Wer sich selbst aufgibt, ist berhaupt von vornherein schon verloren. Wo
sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wre er noch so klein
und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Mglichkeit eines Ausweges
und einer Rettung, whrend der Mutlose der Verzweiflung anheimfllt. War
ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich? fragte Professor
Stiller sich. Wovor frchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem
Verlust meines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit
allerdings wertvoll war, von mir persnlich aber niemals hoch eingeschtzt
wurde?

Der groartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers,
der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewhrt hatte, das alles war doch
schlielich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer
gebracht hatte. Schon vor Ausfhrung der Reise hatte er ja mit der
Mglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll
Mut und Hoffnung auf berwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren.
Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem
Schwchlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da?
Eine Rte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit
allem, was nach Schwche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom
Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu mssen, in der Blte und
Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art
des Unterganges seiner wrdig: sie war ebenso gro wie eigenartig. Sein und
seiner Gefhrten Namen wrden, wenn sie selbst schon lngst im Weltraume
verschollen waren, fr immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt
werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte
und der Wissenschaft als khne, wenn auch unglckliche Weltensegler
eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost und zwar ein groer,
stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von
neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen,
mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmhlich
ber ihn. Sie lie ihn wieder klarer denken und berlegen. Zunchst begann
er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das sorgfltigste
festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des
Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die
Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler konnte von
diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschlo, einen Teil der
gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den
Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie
Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den fr
die Beleuchtung und Erwrmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat
auerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr fr ihn geben,
nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, da die Opferung
eines groen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige
Mglichkeit der Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich
schliee. Es war ein Va-banque-Spiel, aber es mute unter diesen
Verhltnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl.

Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die
Herren der neu erwachten, energischen Ttigkeit ihres Genossen stumm,
nahezu gleichgltig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder
die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft.

Stiller, was machen Sie da? fragte man den Professor aus den
verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen.

Ich arbeite an unserer Rettung, entgegnete kurz der Gefragte.

Frwahr, ein lbliches Werk! bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme.

Erklren Sie uns Ihr Unternehmen! bat Professor Dubelmeier.

Lassen Sie mich nur ruhig gewhren, werteste Freunde! Meine
Auseinandersetzungen mte ich mit so vielen Zahlen belegen, da Ihnen der
Kopf brummen wrde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer
Schonung.

Stiller hat recht! entschied Professor Piller. Reichen Sie mir lieber
aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines.
Ich will wieder Lethe trinken, Lethe!

Piller, Sie trinken entschieden zuviel, mahnte Dubelmeier, entsprach aber
doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten
Zuckerle hinberreichte Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das
sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.

Meinetwegen! ghnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder
Ton aus der Ecke den krftigen Zug des Trinkenden. So, das hat geschmeckt.
Es geht eben doch nichts ber einen guten Tropfen, brummte Piller. Und
nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind
ebenfalls nhere Bekanntschaft zu machen. Gppinger Wasser allein tut's
freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise
mobil zu erhalten. Nach diesen Worten schlo Professor Piller wieder die
Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in
den alten lethargischen Zustand zurck.

Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet.
Der Schnelligkeitsmesser notierte tatschlich eine nennenswerte Vermehrung
der Geschwindigkeit gegenber der bisherigen. Bereits wiegte sich der
Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, -- da trat ein
neues Ereignis ein.

Was, Teufel, ist denn wieder los? fragte Piller, pltzlich aus seiner
Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerhnliches Rauschen in
der Gondel hren lie.

Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezhlte Trmmer
mit sich fhrt! warf der bergkundige Dubelmeier ein.

Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf.
Erregt sprang Professor Stiller auf.

Schnell, Freunde, helft die Fenster schtzen! Trgt mich nicht alles, so
ist ein kosmischer Regen im Anzuge.

Die Herren strzten nach den vier Fenstern der Gondel und lieen
blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite
kommender, kurzer, prasselnder Regen ging ber den Weltensegler, mehr noch
ber die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet,
als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die
Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der
Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch
einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare
Erschtterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung
zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz
getroffen, der nun sthnend und blutberstrmt auf dem Boden der Gondel
lag.

Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden,
da eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit
hrte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten,
ruhigen Lage Platz. Weitere Schlge erfolgten nicht mehr, und Professor
Stiller konnte annehmen, da der Weltensegler auch aus dieser Gefahr
unerwartet glcklich hervorgegangen sei.

Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, da
die Verletzung zum Glck nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte.

Sie jammern im umgekehrten Verhltnis zu Ihrer Wunde, Frommherz, spottete
Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte.

O Himmel, das fehlte gerade noch! sthnte der Verwundete, als Piller die
Nadel durch die Wundrnder stie. Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefhl
fr mein Leiden?

Bah, entgegnete Herr Piller trocken, Unmensch hin, Unmensch her! Danken
Sie Ihrem Schpfer, da Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen
sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht khn ausnehmen, dieser lnglich
rote Streifen.

Was wird man dann von mir denken?

Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die
Wunde ist genht, der Verband befestigt. Watte, mit Gppinger Wasser
getrnkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie
reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fden, und die
Sache hat ein Ende.

Ach, wre es nur erst vorber!

Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal
aber mu diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so, brummte der
Medizinmann unmutig in den Bart.

Das Schlimme war, da der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar,
funktionsunfhig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes whrend
der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen
bsen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede
Mglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert.
An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschlielich die Vermutung.
Diese aber ffnete wieder allen trben Gedanken Tr und Tor.

Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die
Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, da trotz der geringen
Elust der Gondelbewohner in krzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mute.
Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise
ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefhrten nur noch fr
wenige Tage Licht und Wrme erhalten, so mute sofort mit der Abgabe der
elektrischen Kraft in den therraum hinaus aufgehrt werden. Schweren
Herzens stellte daher der Gelehrte die Verbindung nach auen hin ab.

Was werden die nchsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoe lag das
Schicksal, das Glck oder der Untergang der Expedition. Das elektrische
Licht in der Gondel fing an schwcher zu werden; eine empfindliche Klte,
die sich trotz der Pelzkleidung der Mnner nicht lnger mehr bannen lie,
machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgltiger Zustand
hatte sich aller Gondelinsassen bemchtigt, der nach und nach in eine Art
von Bewutlosigkeit berzugehen begann. Langsam schien das Ende fr die
Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut lie
sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Sto.
Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu berschlagen. Die
armen Mnner in der Gondel flogen bereinander, schlugen gegenseitig
aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen.

Furchtbar erschrocken ber die heftige Erschtterung, gelang es den Herren
nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schlielich
mhsam die Augen zu ffnen vermochten, da fiel durch die zertrmmerten
Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte
einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange
entbehrte Licht der Sonne wieder gewhnt hatten. Dann aber war pltzlich
alle Lethargie von ihnen gewichen.


Professor Stiller war der erste auf den Fen. Unbekmmert um eine mgliche
Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache
des Zusammenstoes des Weltenseglers mit einem andern, fremden Krper zu
erforschen; denn da ein solcher stattgefunden haben mute, war dem
Gelehrten sofort klar.

Hurra! Hurra! rief er, aufgeregt vom Fenster zurcktretend, seinen
Gefhrten zu. Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond
Phobus, glcklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die uerste Hlle
unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe,
vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgltig! Seht hier hinab,
da unten, da unten liegt der Mars! Gerettet, ge . . . . Professor Stiller
fiel zurck. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn.

Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den
Bewutlosen dem Leben zurckzugeben.

Wo sind wir? fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer
Stimme.

Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und
noch nicht auf festem Boden, antwortete Professor Piller.

So mssen wir die Ventile ffnen und den Weltensegler langsam und
vorsichtig zum Fallen bringen, entschied Stiller.

Aber fhlen Sie sich auch wieder so krftig, die Leitung des Ganzen
bernehmen zu knnen?

Es mu einfach sein! Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um
sich zunchst durch einen Blick aus dem Fenster ber die rtliche Lage des
Ballons zu orientieren.

Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich
scharf und deutlich eine breite, mchtige Wasserstrae ab, eine
dunkelgrne, subtropische Vegetation umrahmte den Flulauf. Dazwischen
eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein bergossen, wohlbebaute
Felder und Grten. Eigenartige, von weitem blendend wei erscheinende
Bauten bewiesen die Nhe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die
khnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfat hatte, machte
hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfllten Herzens gegen
das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem uersten bewahrt
hatte, von ihrer Gondel auf die mrchenhaft schne Landschaft
hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge nherkamen.




Viertes Kapitel
Auf dem Mars


Vom Mars aus -- denn er war es wirklich -- hatte man das Luftschiff schon
lngst bemerkt. Als es sich nun dem Boden nherte, strmte eine Anzahl von
Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff
niederging. Der Weltensegler hielt auf eine groe, grne Wiese zu, auf der
Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit
dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und
Gebrden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefhr tun sollten, um
das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der
fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast,
aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors
entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker.

Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu
bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Mnner aus dem fernen
Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten
Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von
Wohlgerchen erfllte Luft umfing die khnen Reisenden, als sie aus ihrer
Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefhl der Wonne, des Geborgenseins,
unsglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Mnner, als
sie nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren
Fen sprten. Ja, sie muten sich selbst erst berzeugen, da es wirkliche
Erde sei, auf der sie standen. Mit den Hnden griffen sie nach dem Boden,
um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu berzeugen. Nein, es war kein
Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-,
abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen lie! Trnen des
Glckes, der reinsten Freude liefen den hartgeprften Mnnern ber die
brtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren.

Donnerwetter, wie sehen wir aus! rief voll Entsetzen Professor Piller,
als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete.

Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen ber die Komik ihres eigenen
uern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen
umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch
und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lcheln die Erdenshne
betrachteten.

Sauberer, groer und schner als wir sind sie entschieden. Oder sollten
wir am Ende gar zu den Gttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen
sein? bemerkte Professor Hmmerle, nachdem er seine Brillenglser geputzt
und die Brille auf die Nase gesetzt hatte.

Warum das? fragte Professor Dubelmeier.

Eine Gesellschaft von Gttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen
Sie nur einmal diese geradezu klassisch schnen Gesichter, diese
prachtvollen Krperformen und die sie nur schwach verhllenden antiken
Gewnder!

Der Vergleich hat entschieden viel fr sich, antwortete Professor
Stiller, aber nach dem Olymp htten wir viel nher gehabt als nach dem
Mars; diese eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reien, lieber
Hmmerle.

Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde.

Es ist noch frh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf
dem Mars an merkwrdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal
eine sprachliche Verstndigung mit unsern neuen Freunden; denn da sie das
sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung. Mit diesen
Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn
in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des
Erstaunens an sich herankommen lieen.

Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr? Diese etwas banale Frage richtete
er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schttelten den Kopf und
erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht
verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht
begriffen zu haben.

Die knnen nicht deutsch, natrlich. Das htten Sie sich doch von
vornherein selbst sagen mssen, Stiller, warf Professor Hmmerle tadelnd
ein.

Nun, so examinieren Sie einmal, Hmmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit
Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit
den Leuten hier eine Verstndigung mglich ist.

Mit kraftvoller Stimme hub Hmmerle auf Altgriechisch an: Freunde, wir
gren euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen
sind, um euch zu besuchen. Keine Antwort, nur ein eigentmliches Lcheln
als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hmmerle seine
Begrungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und
dasselbe Lcheln als Antwort.

Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum
Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen vllig abzugehen scheint, sprach
Hmmerle, rgerlich geworden ber die Ergebnislosigkeit seiner ersten
Versuche. Aber auch Englisch, Franzsisch, Spanisch, Italienisch, Russisch,
schlielich sogar Arabisch und Hebrisch fhrten zu keinem Ziele.

Das fngt gut an! murrte Professor Brummhuber.

Wir mssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen, bemerkte
Thudium.

Wahr gesprochen! besttigte Frommherz.

Aber siehe da, was kommt denn da fr ein altes Haus? rief Dubelmeier.

Ein lterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weiem Haar und Bart,
ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefhrten und
schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine
brigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweies Hemd aus feinster Wolle
mit purpurfarbenem Besatze hllte den hohen, edlen Krper ein. Um die
Hften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den
nackten Fen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht
machten ihm seine Gefhrten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande
erkannten daraus sofort, da ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer
Stellung entgegentrat.

Sie entblten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten
voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte lie zuerst seine
Blicke ber den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren,
dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgte sprach, auf
die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er
hin und wieder auf das mchtige Luftschiff deutete und schlielich ihnen
durch eine freundliche Gebrde zu verstehen gab, ihm zu folgen.

Die Herren zogen nun mit dem Alten als Fhrer an der Spitze von dannen.
Ihnen schlossen sich in ruhiger, wrdevoller Haltung die Marsbewohner an,
die beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand
geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Mrchen aus Tausend
und einer Nacht lebendig geworden wre. Sie konnten sich nicht satt sehen
an all dem Schnen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt
begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weiem Sande
bestreuten, mit prchtigen, frchtebehangenen Bumen eingefaten schattigen
Pfad. Dieser fhrte auf eine groe Anzahl von Gebuden zu, die voneinander
getrennt und von prchtigen Grten umgeben waren. Ihrer stattlichen Gre
nach zu urteilen, schienen es ffentliche Bauten zu sein, die sich da in
ihrem reinlichen Wei aus dem Grn ihrer Umgebung abhoben.

berall wuchsen hochstmmige Palmen, dazwischen prchtige, hellgrne
Bananen und Farnbume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die
Tbinger Professoren in dieser ppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen
hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewchse, Orchideen und
eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schnheit
der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Gren und Farben
wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde
Vgel lieen von den Bumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertnen.

Ein Paradies, in das wir gelangt sind, sprach Professor Stiller leise zu
dem neben ihm schreitenden Professor Piller. Ich mu meinen Gefhlen Luft
machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen
nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch
ein Gefhl ungefhr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem
Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?

Na, na! entgegnete Piller trocken. Auch mir gefllt ja dieser Einzug auf
dem Mars gar nicht bel. Im brigen aber haben wir heute zufllig Sonntag.
Wuten Sie das nicht, Stiller?

Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollstndig.
Woher aber wissen Sie das?

Nun, als Sie heute frh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr
in der Hand Ihre Herzttigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufllig
auer den blichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage.
Wir haben heute Sonntag, den 7. Mrz.

Sonntag, den 7. Mrz! Die heilige Siebenzahl in allem. Mge sie uns auch
weiter schirmend und schtzend umgeben! rief Professor Stiller.

Vor allem wnsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt
die Lebensgeister besser auf und schtzt sie grndlicher vor Verbrauch als
Ihre Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an
Entsagung gefhrt; es ist hchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und
an einen richtigen Herd zu gelangen.

O Sie ewig Prosaischer! erwiderte lchelnd Professor Stiller. Hungern
und drsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den
Frchten da drben!

Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung.
Donnerwetter! entfuhr es seinen Lippen. Sollen diese kolossalen Beeren,
die da herunterhngen, am Ende gar zu einer Weintraube gehren?

Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser
Gre eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.

Dann leb' wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat! rief Herr Piller so laut,
da ihn die andern Kollegen hrten. Leb' wohl, Zuckerle, denn den Tropfen,
den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren pret, der mu ja einem wie
flssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu
freudigstem Lebensgenu erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.

Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden, fltete Frommherz.

Wollen gerne auf dieses griechische Gtterzeug verzichten, wenn es nur
sonst hier was menschlich Anstndiges fr unsern Magen gibt, antwortete
Piller.

Unter solchen Gesprchen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den
ersten Husern. Zu ihrem Erstaunen muten sie sich berzeugen, da die
Gebude, die sie aus der Ferne fr ffentliche Bauten gehalten hatten,
nichts anderes waren als groartige Einfamilienhuser oder Villen. Aus
weien, sorgfltig behauenen Steinen ausgefhrt, hatten sie vorn hohe,
sulengetragene Hallen, die einen beraus einladenden Eindruck machten und
von der Vorliebe der Bewohner fr frische Luft und fr freie und
uneingeengte Rume Zeugnis ablegten. Fr das warme Klima waren solche
offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmige. Breite Marmorstufen
fhrten zu ihnen empor und dienten blhenden Kindern, die nur mit einem
hellfarbenen, leichten, durch einen Grtel um die Lenden festgehaltenen
Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich
stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab. Alles atmete ruhige
Schnheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die
Reisenden.

Der Alte geleitete seine Gste zu einem zweistockigen, palastartigen
Gebude, das rings von ppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner
Pracht einem Frstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das
dieser den Fremdlingen zur ausschlielichen Bentzung anwies. Auf breiten
Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Sulen getragenen,
offenen, groen Hof, in dessen Mitte ein mchtiger Springbrunnen sein
Wasser rauschen lie. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren
Tren auf den Hof hinausfhrten. Rechts an der Halle befand sich die
Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein
von vier Meter Lnge. Sie fhrte zu einem Absatze mit einem groen Fenster.
Von diesem Absatze fhrten weitere zwanzig Stufen in die obere,
geschlossene Galerie, die durch groe Fenster erhellt wurde und mit einer
prchtigen Kassettendecke geschmckt war. Von der Galerie aus gelangte man
in eine Reihe von Prunkgemchern, an die sich die Schlafzimmer und
Baderume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit.

Auf ein Hndeklatschen des Alten eilten einige jngere Mnner herbei, die
wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach
mit den jungen Mnnern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen
Gsten durch Zeichen und Gebrden, sich hier huslich niederzulassen.
Darauf verlie er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener
verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine
Kleider und Sandalen, hnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber
zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade.

Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird! sprach Piller
lachend zu Professor Stiller. Wrde ich nicht wachen, wre ich nicht
nchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich wrde glauben, da
alles, was ich hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als
ein tolles Spiel meiner Einbildungskraft ist.

Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir fr den Anfang nicht,
im Gegenteil. Ich hre bereits in unserer Nhe Tische rcken.
Wahrscheinlich wird fr unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir
uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir
dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!

Mit Speise und Trank, ergnzte Piller den Freund. Jawohl, Stiller, wenn
Sie Idealist es auch nicht gern hren, ewig wahr bleibt es doch: Speise und
Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und
fest auf seinen Fen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem
Mars. Also bis nachher! Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem
Badezimmer. Stiller sowie die brigen Herren folgten diesem Beispiele und
pltscherten wenige Augenblicke spter in dem angenehm erwrmten Wasser
ihrer gerumigen marmornen Badewanne.

Wunderbar gestrkt durch das Bad und eingehllt in ihre frischen, bequemen
Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde spter in dem hohen,
luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug
farbenprchtige Gemlde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle
Glasgemlde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem
Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem
Silbergert. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll
verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem
Kristallglas lagen die herrlichsten Frchte, und aus geschliffenen Karaffen
funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flssigkeit. Schwere Armsthle
aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den
Tisch.

Das nenne ich frstliche Pracht, rief entzckt Frommherz, nachdem er im
Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. Hier, Freunde, wollen wir
uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem
Paradiese nahe.

Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzckung geraten zu sein, meinte lchelnd
Hmmerle.

Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das
Essen gespannt, sprach, sich am Tische niederlassend, der nchterne
Piller. Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man
wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande
des Neckars.

Stiller, Sie setzen sich als Prses oben hin, entschied Brummhuber, als
Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern
Kollegen niederlassen wollte.

Natrlich! pflichtete Professor Piller bei. Ehre, wem Ehre gebhrt!
Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er
stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor! Mit diesen Worten go er
sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein
und hielt ihn prfend an die Nase.

Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht bel . . . hat feines
Bouquet. Vorsichtig nahm er einen Schluck.

Es ist Wein, tatschlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe
wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder, entschied Piller,
nachdem er getrunken. Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein
Zuckerle ist entschieden sffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann
bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen!

Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, da Sie berhaupt etwas zu
trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem
fernen Mars gekommen! warf Professor Dubelmeier ein. Ihr ewiger Durst und
Ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle htten Sie eigentlich da unten
auf der Erde festhalten sollen.

Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhnger des Gppinger Wassers! rief
Piller voll Grimm. Was verstehen Sie denn von . . .

Aber Professor Stiller lie den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich.
Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wnsche Ihnen
allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle.
Weihen wir unserer glcklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der
zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben
Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, fllen Sie ihre Pokale und
tun Sie mir Bescheid!

So, das la ich mir gefallen, brummte Piller; Stiller ist wirklich ein
vernnftiger Knabe.

Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle! Nach dem Beispiele des
Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hnde, und herein traten
sieben Diener, fr jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Hnden, auf
denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell
angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die brigen Herren
langten tchtig zu. Alle waren darber des Lobes voll, da die Fischspeise
ausgezeichnet geschmeckt habe.

Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber uerst schmackhaft
zubereitete Mehlspeisen, dann Gemse, Obst und Backwerk.

Als das Frhstck beendet war, fllte Piller seinen Pokal mit dem
goldschillernden Wein, rckte seinen Stuhl etwas vom Tische zurck und
stand auf.

Silentium, meine Herren! Die laute, anregende Unterhaltung der Herren
verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. Meine lieben
Freunde und Genossen! Ich erflle nur einen Akt der Pflicht, hub Piller
an, wurde aber pltzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von auen her
zuerst unendlich zarte, wundervolle Tne hren lieen, die nach und nach in
mchtige Akkorde bergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und
schn, da die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren
Pltzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Gerusch die
ergreifenden Tne zu stren, die mit ihren Klngen aus der Gegenwart
emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten
Freude. Leise, einem Flstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde.

So empfngt uns der Mars! rief in heller Begeisterung Professor Stiller,
als die Musik geendet hatte. Kann es einen schneren und zugleich
erhebenderen Willkommen fr uns hier oben geben als dieses gttergleiche
Saitenspiel?

Nein, gewi nicht! erwiderten die Gefhrten einstimmig und voll
Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den
Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend
Harfenspieler waren es, die sich da langsam und wrdevoll mit ihren
Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten.

Piller, das war entschieden ein schnerer und edlerer Ohrenschmaus, als es
die Rede gewesen wre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,
foppte Dubelmeier den Freund.

Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie
brigens ber kurz oder lang doch einmal zu hren. Aber danken Sie es der
eben gehrten Musik, die mein Gemt so friedlich gestimmt hat, da ich auf
Ihre Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie -- Sie
unverbesserlicher Wasserphilister.

Die Herren lachten ber den Disput der beiden Gefhrten, die sich im Grunde
ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren.

Von mehreren ehrwrdigen Mnnern begleitet, erschien der Greis wieder im
Rahmen der groen Tre des Saales. Ein Lcheln huschte ber das ernste,
ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder
erblickte, die da, hnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen.
Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grues und lud die Herren
durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurck, den sie
diesen Morgen gekommen waren.

Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen
sind, bemerkte besorgt Professor Frommherz.

Darber brauchen Sie sich nicht zu ngstigen, erwiderte Professor
Stiller. In diesem Falle wren wir nicht so liebenswrdig aufgenommen
worden.

Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der
Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu
verstehen, da sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu
diesem Zwecke und der besseren Verstndigung wegen stieg der Greis mit
seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr
verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehrten. Nun begriffen diese
den Greis.

Sehen Sie, da ich recht hatte? Mit diesen Worten wandte sich Stiller an
seinen Kollegen Frommherz. Man kommt doch nicht von der Erde zu so
freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein
scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu mssen. brigens knnten wir in
unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rckkehr berhaupt nicht
denken.

Vor dieser bewahre uns fr immer der Himmel in Gnaden! antwortete
Frommherz, emsig damit beschftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.

Bald nachher war das bescheidene Gepck der Marsreisenden unten auf dem
Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen
Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte
bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber
der Greis schttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf
und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen
kuppelfrmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte.

Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in
nchster Nhe! rief Stiller erfreut. Freunde, da mssen wir noch heute
abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als
leuchtenden Stern erster Gre betrachten und bewundern zu knnen.

Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete
zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schlielich auf die
Kuppel des Gebudes. Endlich entnahm er seinem Gepck eine groe
Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er
auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen
Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort
und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor
begreiflich zu machen, woher er und seine Gefhrten gekommen seien. Er
zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschlieende Bahn des
Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des
Erstaunens kam ber die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller
vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein
herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drckte.

Der Greis bersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner
stummen Zeichensprache erklrt hatte, und auf den offenen, ehrlichen
Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den khnen Fremden,
die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in
ihr Heim zurckgefhrt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat
mitgebrachten Sachen huslich einzurichten begannen. Darber war es spt am
Mittag geworden. Keine lstige Neugier hatte die Herren bei ihrer
Einrichtung gestrt. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach
Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in
dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu
schwelgen.

Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief hnlich
wie das Frhstck, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung ber die ihnen
gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine
neue berraschung an ihre Pltze bannte. Drauen, vom Hallenhofe des Hauses
her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied
voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es
zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mchtig pochte, da sie ihre
groe Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied
verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Trnen aus
den Augen.

Darauf mu ich noch einen Schluck nehmen, erklrte Piller, seinen Pokal
fllend. Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedrfnis nach materieller
Strkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun
Sie mir lieber Bescheid!

Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol zu
entweihen!

Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier! erwiderte Piller gegen seine
sonstige Gewohnheit milde.

Die Gelehrten verlieen das Haus, um den schnen Abend zu einem Spaziergang
zu bentzen und die Gegend etwas nher kennenzulernen, die voraussichtlich
lngere Zeit ihren Wohnort bilden wrde. Auf diesem Spaziergange wurde es
ihnen mehr und mehr klar, da ihr Luftschiff in der Nhe einer viel
greren Niederlassung gelandet war, als sie anfnglich geglaubt hatten. Es
mute eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen
Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Huser, die stets allein fr sich
standen, da hier eine verhltnismig dichte Bevlkerung vorhanden sein
msse.

In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen
untersttzt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschftigt
antrafen. Niemand war hier unttig. Die Hast aber schien ein unbekannter
Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Ma vornehmer Ruhe
hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lrmende Treiben der Menschen
auf der Erde ab! berall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten,
erschien ein gleichmig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut
mute hier unbekannt sein. Nicht nur in den Husern, deren offene Hallen
dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die
Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu
peinliche Sauberkeit.

Ihr Spaziergang fhrte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute
in der Frhe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mute einer
der berhmten Marskanle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom
kunstvoll eingedmmt, schnurgerade seine Ufer. Eine khn geschwungene
steinerne Brcke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches
Meisterwerk, fhrte hinber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles
unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrnen
Gewsser des mchtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf
ihrem Rcken eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe.

An der Brcke lag ein Schiff, aus dem einige Mnner Platten verschieden
gefrbten Marmors, Blcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar
mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblffend
wirkte. Sollten diese Marsbewohner ber ungewhnliche Krperkrfte
verfgen, eine Art Athleten sein?

Welch groartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal
genauer hin! Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. Es ist mir
heute frh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig
diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung
gegenber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Zchtung
einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugnglich sein
drfte, fuhr Piller fort.

Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und
versuchte, eine der Steinplatten zu heben.

Mir kommt dieser Marmor merkwrdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine
andere Art von Stein sein als bei uns? rief er fragend seinen Gefhrten
zu.

Diese kamen, neugierig geworden, nher und untersuchten die Steine.

Nein, es ist tadellos schner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn
und die zartgefrbten Adern, die ihn durchziehen! entgegnete Piller nach
eingehender Prfung.

Und dieser prchtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich mte
geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermgen mehr besitzen, warf
Herr Hmmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte.

Versuchen wir einmal, die Steine zu heben! entschied Piller.

Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu
haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so
leicht zu heben vermgen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht
die Ursache, Stiller?

Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des
Mars, die nur o,7 von der der Erde betrgt, antwortete Herr Stiller.

Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die
Pokale, unsere Silbergerte berhaupt, so eigentmlich leicht vorkamen,
fgte Thudium bei. Ich hatte aber keine Zeit, ber diese auffallende
Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.

So ging es auch mir, besttigte Stiller.

Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphre? forschte
Frommherz. In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenber
unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger
hier oben als unten.

Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer
Hhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von
miger Hhe gestellt, so wird die etwas dnnere Luft dort ungefhr der
hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht fr den Mars so
verwendbar, da wir zu ganz sichern Vergleichen und Schlssen kommen
knnten, entgegnete Stiller.

Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen
die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklren:
Anpassung der Lungen an die ueren Lebensbedingungen. So werden sich auch
in derselben einfachen Weise andere Eigentmlichkeiten der Marsleute
erklren lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden, erwiderte
Piller, sich in Marsch setzend, whrend die brigen Herren seinem Beispiele
folgten.

brigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schnen Augen
unserer Marsmenschen bewundert? fragte Piller im Weiterschreiten.

Ihre Gre und ihr schner Glanz stechen allerdings stark gegen Gre und
Glanz der unsern ab. Ein merkwrdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der
Seele bei unsern Marsleuten hervor.

Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in
dieser vollendeten Schnheit frher noch niemals gesehen. Es ist die
Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus-
und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.

Nicht wahr? rief dieser erfreut ber Pillers laute Anerkennung.
Krperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die
Marsbewohner zu sein.

Fr diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was
wir heute erfahren haben, erwiderte Stiller.

Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem
Schwabenlande, fr heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim
zurckzukehren. Dort wollten sie den Besuch des wrdigen Greises erwarten,
um von ihm auf die Sternwarte gefhrt zu werden. Sie befanden sich noch
unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen ber die Landschaft
auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte
auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend.

Das ist der groe Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet, erklrte
Professor Stiller seinen Gefhrten. Wenige Augenblicke nur, und Sie werden
den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch
glcklicherweise hchst oberflchlich, letzte Nacht in peinliche Berhrung
gekommen sind.

Richtig, da kam auch der kleine Phobos ber den Horizont gestiegen.

Welch prachtvolles Schauspiel! rief voll Entzcken Stiller. Wahrlich,
die Marsbewohner brauchen keine knstliche Beleuchtung ihrer Nchte! Sie
haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch
gleich zwei Himmelsleuchten.

Ein merkwrdiger Weltkrper, dieser Mars, frwahr! entgegnete Piller,
einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren
fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte.

Ein lebendig gewordenes Mrchen. Das wre wieder ein neuer Anla fr Sie
zu trinken, Piller, spottete Dubelmeier.

Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach
dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel
Bewunderungswrdiges zu geben, da die Anlsse zum Trinken sich denn doch
zu bedenklich mehren drften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten
griechischen Weisen: Nichts zuviel!

Dubelmeier lachte laut auf.

Lachen Sie nicht so tricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst
lieber diesem Beispiele in Ihrer bertriebenen Wassertrinkerei! Das rate
ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.

Die Monde kommen mir hier oben bedeutend grer vor als z. B. unten unser
Trabant, bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend.

Nur Tuschung, mein Lieber! erklrte Stiller. Die Monde des Mars sind
betrchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend
nher am Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier
ist vom Mars nur etwas ber 9000 Kilometer, der groe Deimos nicht mehr als
etwa 23500 Kilometer entfernt. Daher kommt es, da diese Trabanten des Mars
so bermig gro erscheinen.

Unter diesen Gesprchen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort
erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so
viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe
Gestalt des Alten womglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das
lange, wallende weie Haar noch silberner, glnzender.

Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jdischen Zeit, in der
Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?
fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz.

Wahrhaftig, Sie haben recht! entgegnete dieser. Nennen wir unsern Alten,
dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung
pat prchtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen vterlich milden
Schutz genommen.

Nach einer kurzen, stummen Begrung geleitete der Alte die Erdenshne nach
dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin fhrte durch eine
Art von Wald voll groer wohlgepflegter Bume, auf deren dunkelgrnen,
glnzenden Blttern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel
trieben. Millionen von Leuchtkfern schwirrten in der weichen Nachtluft
unter den Bumen, und das blulich schillernde Licht der lautlos
dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung
begriffener Sternchen. Muntere Bchlein, ber die zierliche Brcken
fhrten, kreuzten oft den Weg.

Der eigenartig schne Weg hatte ungefhr eine Stunde Zeit in Anspruch
genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebude trug in seinem
Erdgescho eine Reihe von Bsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die
Mnner darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite
Stufen fhrten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige
Mnner bereits an ihrer stillen Arbeit saen. Der Patriarch mute mit ihnen
bereits Rcksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim
Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein,
ihre Pltze einzunehmen.

Stiller war von der gediegenen Pracht und Groartigkeit der gesamten
Einrichtung berrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da
unten auf Stuttgarts Bopserhhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu,
prfte es kurz und gestand sich, da dessen Linsen an Schrfe nichts zu
wnschen brig lieen, ja sogar alles bertrafen, was er in dieser
Beziehung berhaupt bis jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von
Intelligenz mute auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester
wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszufhren
ermglichte!

Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten
Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend
groer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste
Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da
funkelnd im unermelichen Weltraum hing, und mglicherweise war es der
auffallenden Nhe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin
sorgfltig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank
den unbertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphre
erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die
verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwrts
lieen sich sogar die Umrisse der einzelnen Lnder gegen das Eismeer sowie
gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da, -- ja, jetzt
hatte er es -- was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, mute
die Heimat, mute dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein.

Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefhrten die gemachte
Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland
hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung.

Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art!
Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die
Heimat, rief Hmmerle begeistert.

Die Groartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich, uerte
Thudium.

So ist es auch, besttigte Piller.

Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls
nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wuten ja schon, woher die
sonderbaren Fremden heute frh gekommen waren, und konnten aus ihrer
Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes
leicht schlieen, da dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde
des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gste sein msse.

Es ist jammerschade, da wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten
knnen! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch kme dabei
heraus! sprach Stiller zu seinen Gefhrten, als sie nach stummem Abschiede
das Observatorium verlieen.

Wir mssen in erster Linie so rasch wie mglich die Sprache der
Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgngliche Voraussetzung
fr unsere Forscherzwecke, antwortete Hmmerle.

Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung! erwiderte Piller, und auch
die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe.

Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als
die Herren heimwrts schritten. Gewaltigen, bereinandergestellten
Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr
silberglnzendes Licht ber die stille Landschaft. Whrend Phobos, der
innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand,
zog der groe, uere Deimos, weniger hastend als sein Gefhrte, auf
stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und
einzig in seiner Art, da die Erdenshne in lautes Entzcken ber diese
bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und
genossen in vollen Zgen die Wunder einer Marsnacht.




Fnftes Kapitel
Lumata und Angola


Die folgenden Wochen verflossen fr die Gste des Patriarchen in angenehmem
Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden
waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu
verstndigen. Sie schrieben zunchst alle Bezeichnungen fr die
verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf
brachten sie die Dinge mit ihrer Ttigkeit und ihren Eigenschaften in
Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den
Schlssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verstndigung anfnglich sehr
langsam und mhsam von statten, so gewhrte ihnen doch das allmhliche
Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die
groe Mhe wieder, die sie fr ihr Studium aufwenden muten.

Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwrts; nirgends
marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit
dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich
selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern
beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf
einen verhltnismig kleinen Raum beschrnkt gewesen, so konnten sie sich
doch unschwer davon berzeugen, da die Bewohner des Mars eine ganz
bedeutende Hhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer
jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte.

In dem Mae, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwrts schritten,
wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschtzung dieser in jeder Beziehung so
hochstehenden Menschen. Immer mehr drngte sich ihnen die berzeugung auf,
da die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gste sie waren, in
idealster Weise als Menschen das erfllte, was auf der Erde nur die Besten
und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten.

Was sie selbst vom Schnen, Wahren und Guten unten auf der Erde getrumt
hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn
berall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles
atmete Schnheit, Gte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den
Stempel vornehmer, ruhiger Ttigkeit. Zweifellos mute eine weise Regierung
dieses groe Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behrden, wie sie
sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste
wahrnahmen.

Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schnheit wohl auch seine Schatten,
seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der
gemeinsamen Unterhaltung im groen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt
aufgeworfen. Ihre endgltige Beantwortung mute aber immer wieder
verschoben werden, denn die Meinungen liefen schlielich stets darauf
hinaus, da man erst die Sprache vollstndig beherrschen msse, bevor man
sich ein abschlieendes Urteil bilden knne. Hier oben auf dem Mars lag
eben alles anders als auf der Erde.

Die sieben Schwaben fhlten sich in ihrem neuen Wohnorte auerordentlich
wohl, so wohl, da sie an die Mglichkeit einer Rckkehr gar nicht mehr zu
denken schienen. Wenigstens uerte sich keiner der Herren mehr darber.
Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe,
alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft
wurde ihnen gegenber in so zartfhlender Weise gebt, da sie die
Empfindung von etwas Drckendem gar nicht aufkommen lie, im Gegenteil zu
frohem Genusse frmlich einlud.

Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmige Unterkunft gefunden.
Eine gerumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war
in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff
niedergegangen war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden.
Die verschiedenen groen und kleinen Schden am Ballon wie an der Gondel
hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, da Herr
Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darber war. Die Leute hier oben
kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten
Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem
Mars so viel Wissen und Knnen offenbarten, wie es die schwierigen
Reparaturen des Weltenseglers erforderten, um wieviel verblffender muten
die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie
selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verfhrerisches,
da Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefhrten den
nheren Verkehr mit den Mnnern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen,
bringen sollte.

Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen
knnten, beschftigte Schwabens Shne oft; denn das war den Herren klar,
da sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genieen durften. Sie
beschlossen daher, sich spter in irgendeiner Weise, jeder nach seinem
Berufe, den Marsiten ntzlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer
passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie
wrde sich mglicherweise eines Tages von selbst ergeben.

Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und
Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunchst konnten sie
feststellen, da ihr Wohnort auf der nrdlichen Halbkugel des Mars lag, und
zwar auf dem fnfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengrtel des
Mars gegenber dem der Erde nur die Hlfte betrgt, so lag der fnfzehnte
Grad nrdlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die
gemigte Zone des Mars reichte nrdlich wie sdlich nur bis zum
fnfunddreiigsten Breitengrade. ber diesen Grad hinaus begann die khle
Region. Whrend diese nur sprlich und nur von einer bestimmten Klasse von
Marsbewohnern bevlkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die
Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fnfunddreiig Breitengrade nrdlich
und sdlich vom quator. Es war also ein verhltnismig kleiner Raum des
Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er gengte aber
vollstndig, um der auf nur zweihundertundfnfzig Millionen geschtzten
Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewhren.

Da diese Existenz an die Riesenkanle gebunden sein msse, hatten die von
Professor Stiller und andern Forschern schon frher angestellten
Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur
Gewiheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten
Lebensbedingungen des Mars persnlich zu erforschen.

Die Atmosphre des Mars war der der Erde hnlich. Da es aber auf dem Mars
nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der
diesen Planeten umschlo, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder
Feuchtigkeit als die Erdatmosphre. Eine wunderbar klare, durchsichtige
Luft, die die fernsten Gegenstnde nhergerckt erscheinen lie, ein tief
dunkelblauer Himmel waren die natrlichen Folgen dieser Tatsache,
gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es
in den herrlich khlen Nchten so reichlich, da dadurch die Pflanzenwelt
in schnster Frische erhalten wurde, aber dieser Niederschlag allein
gengte nicht den Ansprchen der Pflanzen an Wasser. So waren die
Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natrlichen
Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die
Kanle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im
Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen Eismassen nach
allen Richtungen hin leiteten.

Schon die ganze groartige Ausfhrung dieser uralten, Tausende von
Kilometer langen Wasserstraen, die da und dort in Riesenseen, knstlichen
Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfltigen
Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den
Gemeinsinn der Marsbewohner.

Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit
angepat. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die
sich berallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die
Folge davon war jener ppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben
immer und immer wieder bewundern muten. Dazu kam das vllige Fehlen wilder
Tiere, giftiger Reptile und gefhrlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in
das die Erdenshne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich
paten:

   Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfliet:
   Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strmender Regen,
   Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen
   Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.

Und diese zahlreichen Wasserstraen waren zugleich auch die besten und
einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder
daher, da sich auf den Kanlen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte.
Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserlufe dahinziehenden
Schiffe verdarben die kstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine.
Smtliche Fahrzeuge, mochten sie nun fr Personen- oder Lastenbefrderung
bestimmt sein, wurden durch Elektrizitt in Bewegung gesetzt und
vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise.

Auf diesen ebenso zweckmig wie bequem und gefllig eingerichteten
Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise
ausgefhrt. Sie hatten dabei aber das brige Land und seine Bewohner nur
flchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptschlich zur
allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das
verstrkte nur ihre ersten guten Eindrcke und befestigte ihre berzeugung,
sich in einem groangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu
befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der
Zonen berall gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen
auch unter hnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brder
in Lumata, -- so hie die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande
angesiedelt waren, -- sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die
die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmigkeit des
Besitzes auf, und sie empfanden das vllige Fehlen wirklicher Drftigkeit
oder Armut sehr angenehm.

Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den
kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenber,
die in hnlicher Weise bereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die
geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde
bereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar
schneller und frher durchgemacht als diese. Dafr sprach auch das Fehlen
von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heien Quellen aller
Art; an Fumarolen (d. h. Bodenffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus
denen Wasserdmpfe ausstrmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen
sind) und an Mofetten (Kohlensure ausstrmenden Gasquellen) war auch kein
Mangel.

Groe Stdte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden
sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder
grere Gruppierungen von Husern, die aber berall frei fr sich im Grnen
lagen. Nur an einem groen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Sden zu,
hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war
eine grere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten,
die sich an regelmig angelegten Straenzgen erhoben. Eine Stadt von
Palsten, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr
herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht
ihrer ffentlichen Grten.

Die Erdenshne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so
viel herausbekommen, da dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der
Stmme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das fr
Stmme? Nach Hause zurckgekehrt, befragten sie hierber Eran, den
Patriarchen. Dieser lchelte eigentmlich bei der Frage und erwiderte den
neugierigen Herren, da er sie spter selbst einmal nach Angola fhren
werde, um sie mit seinen Brdern dort bekannt zu machen, die brigens von
ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach
dem Mars lngst unterrichtet seien.

Anfangs waren die Tbinger Herren von ihren Ausflgen, dem Niederschreiben
ihrer tglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrcke und dem
Erlernen der Sprache vollstndig in Anspruch genommen. Aber nach und nach
begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen
zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so groem
Erfolge in ihrer Heimat ausgebt hatten. An ernste, rege Ttigkeit gewhnt,
kam ihnen das angenehme und ideal schne Leben auf dem Mars mehr und mehr
wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mhseligkeiten der Herreise verblaten
immer mehr in der Erinnerung, je lnger sie sich auf dem Mars befanden.

Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus
ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber whrend unten auf der heimatlichen
Erde der Winter mit Schnee und Klte vor der Tre stand, herrschte hier
oben in Lumata ein ewiger Frhling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit,
in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgercktere
bezeichneten.

War es nur Zufall, da die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den
wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte
sich diese auffallende Tatsache nicht erklren und begngte sich damit, sie
festgestellt zu haben.

Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Ttigkeit
wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenma gerechnet
umfate ein solcher Zeitabschnitt die ungefhre Zahl von zweiundfnfzig
Tagen. Die einzelnen Perioden hieen:

1. Die Zeit des Erwachens.

2. Die Zeit der Saaten.

3. Die Zeit des Knospens und der Blten.

4. Die Zeit der Frchte.

5. Die Zeit der Garben.

6. Die Zeit der Ernten oder Freuden.

7. Die Zeit der Ruhe.

Nach und nach hatten die Erdenshne so bedeutende Fortschritte in der
Marssprache gemacht, da sie nun auch grndliche Einblicke in die
staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen
enthllte sich immer mehr ein groangelegtes, riesiges demokratisches
Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gesttzt war, sondern ausschlielich
durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher
Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich
hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fhigkeiten Dienste.
So stellte sich das Staatswesen als eine zwar groe, aber doch wieder
engverbundene Familie voll schnster Eintracht dar. An der Spitze des
gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hter des
Gesetzes.

Die Bevlkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stmme:

1. Stamm der Weisen oder der Hter des Gesetzes.

2. Stamm der Heitern (Bildende Knste: Maler, Bildhauer, Komponisten).

3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen).

4. Stamm der Frohmtigen (Darstellende Knste: Musiker, Schauspieler).

5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende).

6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende).

7. Stamm der Findigen (Industrielle).

Die sechs letzten Stmme standen einander im Ansehen vllig gleich. Der
erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ltesten, vor allem aber
den geachtetsten und durch ihre Lebensfhrung hervorragenden Individuen
mnnlichen wie weiblichen Geschlechts der brigen sechs Stmme.

Der grte Stamm, der an Zahl seiner Angehrigen alle andern Stmme
zusammen weit bertraf, war der der Sorgenden.

Die Zulassung zu den einzelnen Stmmen, den der Weisen allein ausgenommen,
wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fhigkeit
entschieden. Ein bertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf
Grund einer Prfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden.
Fest gebunden war niemand, und gerade dieser vllige Mangel an Zwang schien
hier oben eine der Hauptursachen fr die Entwicklung der verschiedenen
Berufsarten zu sein.

Ein natrlicher, vernnftiger Ehrgeiz, das Bestmgliche zu leisten,
beherrschte die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen
wach, sondern regelte es auch in gesunder Weise.

Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das
widerliche, Geist wie Krper gleichmig aufreibende Hasten und Jagen nach
dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars
unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch
Anweisungen auf seine smtlichen Lebensbedrfnisse aufgewogen. Zu diesen
Bedrfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet,
wie sie die bildenden und darstellenden Knste und dergl. zu bieten
vermgen.

Der hchste Ruhm und die grte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung
und Wertschtzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfllung
seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Fr die Leistungen, die ber
die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche
Verdienst um das groe Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den
Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form ffentlicher Belobungen, die den
Inhaber in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein
hoch verehrten Stamm berechtigten.

Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur
dadurch mglich, da es unter dem ausschlielichen Zeichen des
Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, da das einzelne Individuum
alles tun mu, was das Gesamtwohl frdert, alles zu unterlassen hat, was
dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit
undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein
gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natrliche
Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis
machtvoll gefrdert, da vom Wohl und Wehe des Nchsten auch das eigene
Wohl und Wehe abhnge, da das Blhen und Gedeihen der andern das eigene
Blhen und Gedeihen mit einschliee, und da ihr Elend gleichbedeutend mit
dem eigenen sei.

Diese klare, natrliche Moral, die zu reiner Nchstenliebe (Altruismus)
fhrt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und
das Schlechte meiden lt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die
Quelle aller bel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von
Gesetzesparagraphen ntig machte, bestand beim Marsvolke nicht.
Nchstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen
Egoismus vllig aus.

Ein Bund von Brdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein,
wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend.
Wie klein kamen sich die Shne der Erde vor, als sie nach und nach die
Pfeiler kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das ffentliche und
private Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren
hervorgegangen, herausgebaut aus einer groartig organisierten, allgemeinen
und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der
Professor Hmmerle in Tbingen so viel schon getrumt, -- hier auf dem Mars
begegnete er ihr als einer alten, bewhrten Einrichtung.

Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und
krperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und krperlich
krftiger zugleich ein Individuum ist, desto fhiger ist es, seine
Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfllen.
Der Unterricht beschrnkte sich daher nicht nur auf die einfacheren,
elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte
und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einfhrung in
die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und
prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der
Unterricht in der allgemeinen Krperpflege und in der Gesundheitslehre, der
den Altersstufen der Jugend entsprechend angepat war.

Gymnastische Spiele aller Art fllten die Nachmittage aus, an denen der
Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprfungen
vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rckte zu den hheren
Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung
zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schlern
durchgefhrt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu
den verschiedenartigen hheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die
hhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaende
Mittelmigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen.

Wir Erdgeborene sind die reinen Stmper gegen diese Prachtkerle hier oben.
Was fr ein Leben hier im Verhltnis zu dem da unten auf der Erde! Hier
hellster Sonnenschein, dort trber Nebel. Wie unendlich weit zurck steht
die so gepriesene Kultur unserer fhrenden Nationen gegen die des
Marsvolkes! uerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade
beim Mahle saen.

Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, da wir hier oben Wesen von
hoher Vollkommenheit antreffen wrden, ich gestehe aber, da meine
Erwartungen in jeder Richtung weit bertroffen worden sind, antwortete
Stiller.

Freilich, bieten knnen wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar
nichts. Und das drckt mich persnlich schwer, warf Thudium ein.

Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von
der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit?
Alles Kennzeichen unserer Zivilisation! rief in ehrlicher Entrstung
Professor Piller.

Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht, besttigte Professor
Stiller. Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern
auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil
werden wird.

Ob es wohl je dazu kommen wird? seufzte Frommherz.

Daran ist nicht zu zweifeln, entgegnete Hmmerle. Mars hat ohne Zweifel
einst dieselben oder wenigstens hnliche Stufen in seiner zivilisatorischen
Entwicklung durchgemacht wie die Vlker der Erde. Seine Kultur ist nur
bedeutend lter.

Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob
wir berhaupt die Fhigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen -- ich
betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! -- die Hhe der
Marskultur zu erklimmen. Ich mchte es bezweifeln! schrie Piller und
suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besnftigen.

Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer, tadelte
Dubelmeier.

Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?

Darber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!

Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?

Fllt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie
alter Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines
Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Vlkern auf der Erde die Fhigkeit
einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.

Ich mchte Freund Dubelmeier beistimmen, warf hier Stiller ein. Piller,
nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!

Schne Modelle, frwahr! brummte Piller, sichtlich besnftigt durch den
genommenen Schluck Wein.

Freilich, Modelle von Erdenshnen, wie ich ohne allzu groe
Selbstberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade
die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der
Entwicklung des moralischen Gefhles vertreten, wird spter mehr und mehr
das Gemeingut der Massen der Kulturvlker auf unserer Erde.

Wer's glauben mag!

Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste
berzeugung, gesttzt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.

Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich mchte mich nicht
noch mehr rgern, sondern im Gegenteil froh darber sein, da ich hier oben
in dem reizenden Lumata sitzen darf.

Ein vernnftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede,
meine lieben Freunde! rief Frommherz.

Einverstanden! fgte Brummhuber bei.

Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran,
der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gste
und lud die Herren ein, mit ihm fr kurze Zeit nach Angola zu reisen.
Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens wrdige
Shne von dem Stamme der Weisen frmlich empfangen. Vollzhlig hatten sie
sich hier versammelt, um nebenbei auch noch ber eine Reihe wichtiger
innerer Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der
Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand,
Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander
auszutauschen.

Die Aufnahme der Erdenshne in Angola lie an Herzlichkeit nichts zu
wnschen brig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her
durch den ungeheuren Weltraum nach dem Lichtentsprossenen, wie die
Marsiten ihren schnen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der
Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses.

Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem groartig
ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklrte Professor
Stiller die verschiedenen Umstnde, die ihn zur Konstruktion des
Weltenseglers und zu der khnen, mit so groem Erfolge gekrnten Fahrt
bestimmt htten. Er erzhlte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren
Heimat, von den Vlkern Europas und von der Erde berhaupt. Letztere war
den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren
auerordentlich scharfen Instrumenten und ihrer Vorstellungskraft zu machen
verstanden, kamen der Wirklichkeit verblffend nahe. So wuten die
Marsgelehrten, da das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes
bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren
Polen fhre, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste
Bande geschlagen haben, und da die Oberflche der Erde von ber siebzig
Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch da die Erdatmosphre reich an
Wasserdampf sein msse, schlossen sie aus dem Verhltnis des Festlandes zu
den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr
Polar- und quatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung
um sich selbst wie um das ewige Licht, die Sonne, und dergleichen mehr.

Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und
diese gingen sogar so weit, da sie eine Reihe einzelner grerer Lnder
oder Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher
den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaen, auf der Erde
spazierenzufhren, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaen.
Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und
berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren
waren.

Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das
lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als
sie vernahmen, da die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der
Ernsten unten auf der Erde gehrten. Die Herren wurden daher eingeladen,
vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten nher zu
beleuchten, das heit die Zustnde zu schildern, unter denen sie auf der
Erde und bei ihrem Volke ausgebt wrden. Gleichzeitig wurde der allgemeine
Wunsch ausgedrckt, die Fremden mchten ein genaues Bild von dem Leben und
Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit
den bestehenden Verhltnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte.

Es wurde ausgemacht, da jeder der Professoren an einem bestimmten Tage
abwechselnd zwei Vortrge halten solle, den einen fachlich und den andern
ber das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren
kulturelle Zustnde. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in
meisterhafter Weise. Sie erzhlten von dem derzeitigen Stande der
verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturlndern der Erde,
besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rckhaltlos offen die
politischen und sozialen Gegenstze unter den wenigen um die fhrende Rolle
im Leben der brigen Vlker kmpfenden Nationen. Sie schilderten all die
Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet
wrden, und erklrten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der
Bezeichnung Diplomatie alles verstanden werde.

Sie verschwiegen auch die trben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr
sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung
der notwendigsten Lebensbedrfnisse fr die groe Mehrzahl der Menschen,
sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe.
Unumwunden rumten sie ein, da dem Fortschrittsdrange der Kulturvlker
leider berall auf der Erde alle mglichen Hindernisse in den Weg gelegt
wrden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen,
da die Massen der sogenannten gebildeten Vlker trotz gewaltiger
Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit
entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien.

Letztere werde nur von einem verhltnismig kleinen Bruchteile der
wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der
Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten
Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde
bei den Kulturnationen -- von den weniger zivilisierten Vlkern ganz zu
schweigen -- nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht,
bei mchtigeren Personen anzustoen und dadurch seine Existenz zu
gefhrden. Die Empfindungen wrden daher auch selten mit den Handlungen in
Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche berall ein mehr oder weniger
groer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der berzeugung, und die aus der
Heuchelei geborene Lge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch
sehr viele auf die Dauer doch als vllig unhaltbar erkannte Einrichtungen,
ungesunde, unvernnftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle
geradezu feindlich gegenberstehende Zustnde weiter bestehen.

Mit freudigem Staunen htten sie auf dem Mars Verhltnisse angetroffen, die
dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet,
und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so
hei angestrebt werde, in der schnsten Weise entsprchen.

In dieser Art uerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz
fgte diesen Berichten noch einige Bemerkungen ber die religisen
Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu.

Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese
Auseinandersetzungen der Erdenshne angehrt. Die wissenschaftlichen
Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen
und brigen Bilder, die ihnen von ihren Gsten so lebhaft vor Augen gefhrt
worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute
waren die langen Vortrge unterbrochen worden.

Als Stiller den Schlu der Vortrge verkndet hatte, zogen sich die Weisen
und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurck, von der die sieben
Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte
ihnen spter bekannt gegeben werden.

Was die nur vorhaben? fragte besorgt Frommherz.

Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen ben,
wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind, antwortete Stiller.

Und uns dann den Laufpa geben, passen Sie auf, fgte Brummhuber bei.

Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anstndig, entgegnete Piller,
obwohl ich nicht bestreiten will, da die Marsiten zu einer Einladung,
unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer berlegung zu ziehen,
ein gewisses Recht htten.

Warten wir ab, was kommt! entschied Dubelmeier.

Bleibt uns auch nichts anderes brig, seufzte Frommherz, der seiner
religis-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrcktes Gewissen
hatte.

Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdenshne beherrschte, als
sie miteinander durch die paradiesisch schnen Parkanlagen von Angola
spazierten, whrend die Beratung der Marsiten stattfand.

Am nchsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die
Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den groen Sitzungssaal gefhrt,
in dem sie ihre Vortrge gehalten hatten. Der lteste unter den Alten, eine
Hne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrte zunchst wieder
in herzlichen Worten die Eingefhrten.

Meine lieben Freunde! sprach er weiter zu ihnen. Wir alle haben gestern
mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den
allgemeinen und besonderen Verhltnissen eures Weltkrpers entworfen habt.
Diese Schilderungen haben in uns merkwrdige Gefhle und Empfindungen
ausgelst, so da wir uns ber sie zuerst in aller Ruhe klar werden
wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine
Antwort auf das Gehrte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer
Beratung unter uns zurckgezogen haben. Vor allem danken wir euch fr die
anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvlker
geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie
Mrchen an. Wir wrden sie auch als solche auffassen, wren wir nicht von
dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und
Ehrlichkeit vollkommen berzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in
Lumata beobachtet. Das Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung
hieher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende
ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte
unserer Vergangenheit geblttert; solch barbarische, von der Unwahrheit
beherrschte Zustnde im Leben der einzelnen wie der Vlker, wie sie bei
euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glcklicherweise nie
gekannt. Gewi, es fehlte auch uns nicht an inneren Kmpfen, an schweren
Enttuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den
Lebensverhltnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei
uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mhselig,
weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in
der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, da unsere erste
Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit
sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung
zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernnftige, naturgeme
Aufklrung kommen, die uns fr das hehre Licht der Wahrheit empfnglich
machte.

Ihr, liebe Freunde, habt whrend eures lngeren Aufenthaltes bei uns nach
und nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses
hohe Ziel zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewhrt haben, auch
heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darber will ich kein Wort
mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, da wir es mit unserem
Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser
Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich
gleichmiges, in Sprache, Denken und Empfinden bereinstimmendes Volk,
whrend dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher
mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten
furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Hhe unserer Kultur erheben,
die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen
Verwirrungen nicht zu berwinden, die eurem Glcke und Fortschritte so
frchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen.

Das Gefhl der Zusammengehrigkeit, ein brderlicher Gemeinsinn besteht bei
uns seit onen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres
Bewutseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt
bei euch dieses mchtige Gefhl der Zusammengehrigkeit oder ist zum
mindesten noch nicht in dem Mae vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so
dringend ntig wre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens
nach in dem Mangel an jener einfachen, natrlichen Moral, die unser Leben
so vorteilhaft beeinflut.

Fr uns war es schmerzlich zu hren, wie bei euch jeder Fortschritt, auch
der kleinste, durch ein Meer von Trnen, von Blut und zertrmmerten
Existenzen fhrt. Und doch, -- ihr selbst sagtet es ja -- es mu und wird
einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafr die
lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei
euch nach eurem eigenen Ausspruche in spterer Zeit sein wird. Wackere,
brave Mnner von der geistigen Bedeutung wie ihr mssen daher unten auf der
Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brder arbeiten. Wenn auch der
einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung
empfindet, -- dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! --
so bedenkt, da die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung
eurer Mitmenschen zwar nicht euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen
werden.

Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurck auf eure Erde! -- O Himmel, ahnte
ich es doch! klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor
sich hin. -- Schweigen Sie, Jammerseele! herrschte ihn unsanft Piller an.
-- Kehrt zurck in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen
Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der
Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrngen zu
wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gste. -- Dem Himmel Dank!
murmelte hier Frommherz. -- Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich
spreche hier die Ansicht von allen meinen Brdern und Schwestern aus: Ihr
seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der
fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der
Hauptpunkt, das Endergebnis unserer Verhandlung. Im Interesse unseres
Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch, -- ich betone
nochmals ausdrcklich, da ihr uns werte, liebe Gste und Freunde seid, --
nein, berhaupt; denn wir haben keine Gewhr dafr, da nicht auch einmal
Fremde zu uns gelangen knnten, die nicht auf der Hhe der Anschauung
stehen wie ihr und deren Benehmen bei lngerem Aufenthalte wahrscheinlich
dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schlielich zu einer
gewaltsamen Entfernung von hier fhren mte. Das wollen wir uns aber
ersparen.

Eure khne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann
man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung
gegeben, knftig und fr alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein
Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen mge, und wre es
auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt
bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt ber kurz oder lang wieder heimwrts.
Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure
aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brder und Schwestern,
-- mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten -- ruft mit mir:
Glck und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen
Gsten!




Sechstes Kapitel
Im Reiche der Vergessenen


Mit gemischten Gefhlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurck.
Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die
ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten
beschftigte.

Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tr
gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben,
da wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen, uerte sich eines
Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller.

Sie haben recht! Und ich mu Ihnen auch aufrichtig erklren, da mir
dieses unproduktive Leben, diese an uns gebte weitgehende
Gastfreundschaft, fr die wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu
zeigen vermgen, zuwider zu werden anfngt. Einmal mssen wir doch an das
Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage knnen wir wohl nicht hier
oben sitzen bleiben.

Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr
schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so
graut es mir frmlich vor einer Rckkehr. Aber diese mu stattfinden,
darber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den
Zeitpunkt. Warten wir's noch ab! antwortete Piller.

In hnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus,
lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie
mglich jeder Errterung aus, die die Rckkehr zum Gegenstand hat.

Glaub's wohl! lachte Piller laut auf. Unser lieber Freund Friedolin ist
berglcklich, hier oben weilen zu drfen, und bekommt stets
Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde
genommen kann ich es ihm nicht verbeln, wenn er dauernd hierbleiben
mchte. Aber aufhren mu einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist
klar. Darin stimme ich Ihnen also vllig bei, Stiller.

So bleiben wir einstweilen noch hier und ntzen unsere Zeit mglichst gut
aus. Inzwischen sorge ich fr die tadellose Ausbesserung unseres
Weltenseglers, fr Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam,
aber grndlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.

Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur
gleich, bitte, einen anstndigen Vorrat davon mit in die Gondel!

Soll geschehen, Sie ewig Durstiger, sagte lchelnd Stiller.

In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswrdigen Marsvolke, in
kleinen und greren Ausflgen und Reisen verflo die Zeit nur zu rasch.
Auf einem ihrer Streifzge waren sie auch weiter hinaus aus der
eigentlichen Bevlkerungszone in die nrdliche, khlere Region des Planeten
gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier
wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grnen Wiesen
und schnen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszge schoben sich
dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten hheren Gipfel verstrkten noch
den Eindruck einer alpinen Landschaft.

Hier stieen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine
Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten
merkwrdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer brigen
Brder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, da hnliche
kleine Kolonien auch in der sdlichen khlen Zone des Mars bestnden. Die
Kolonisten hieen die Vergessenen, weil ihre Namen vorbergehend oder
auch dauernd von den Tafeln der Marsstmme gestrichen worden seien.

Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der brigen
ausgestoen, hier oben ihre Strafe abzuben haben? fragte Dubelmeier.

Wir kennen nur Gesetzesbertreter, keine andern Missetter, wurde dem
Frager erklrt.

Nun, schlielich kommt dies ja auf das gleiche heraus, antwortete
Dubelmeier. Worin besteht denn bei euch die Gesetzesbertretung, die die
Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?

In mangelhafter Erfllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.

Da mte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen,
und wir kmen des Platzes wegen fr diese Menge von Verbannten in die
grte Verlegenheit, rief Piller voll Erstaunen.

Wir sind auch nicht auf eurem Planeten, antwortete mit berlegenem
Lcheln Varan, der Fhrer der Reisebegleitung.

Aber es ist doch grausam, kleinerer Verste wegen einen Mitmenschen aus
seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reien, warf Hmmerle ein.

ber die Art der Verste gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind
nur wir allein magebend, entgegnete Varan ernst.

Ohne Zweifel! gab Stiller zu.

Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?
forschte Frommherz.

Gewi! Aber es gibt Vergehen, fr die niemals Verzeihung gewhrt werden
kann. Sie sind zwar uerst selten, diese Flle, aber sie kommen bei uns
doch noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen
Zeit der Prfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rckkehr
in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur
wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoen, zieht
unser Bruder ohne Namen es fr gewhnlich, vor, da zu bleiben, wo er
hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der brigen
zu widmen.

Worin besteht diese Arbeit? fragten die Herren.

In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanle:
eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter
Erfllung unsere Gesamtexistenz abhngt.

Und wer sorgt fr den Unterhalt der Vergessenen?

Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr.
Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so mssen
wir eben selbst diese Arbeiten ausfhren. Darber liegen bereits genaue
Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,
schlo Varan seine Auseinandersetzungen.

Wunderbar glcklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetter hier oben,
wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder
Wohltter durch ihre Leistung fr das groe Ganze, rief Stiller voll
Enthusiasmus. Und doch erfllt es mich mit einer gewissen, wenn auch
hchst bescheidenen, Genugtuung, da auf dem Mars dieses Lebensbild voll
Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, da es auch nicht rein
vollkommen ist.

Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf
der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung fr uns auf
die Zustnde hier oben nicht anwenden drfen, antwortete Dubelmeier.

Sehr richtig! besttigte Frommherz. Mir persnlich kommt hier oben alles
vollkommen, alles ganz wunderschn vor. Hier habe ich das Paradies
gefunden, von dem man bei uns trumt.

Sie Schwrmer! erwiderte lachend Piller. Besser ist die Marswelt
entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen,
wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber,
lieber Frommherz, bald mssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder
hinunter nach Tbingen.

Das kann unmglich Ihr Ernst sein, Piller, stotterte Frommherz
erbleichend.

Bitterer Ernst, mein Freund! Die schnen Marstage gehen nun bald zu Ende,
nicht nur fr Sie, nein, auch fr uns, leider, leider! Professor Piller
mute sich nach diesen Worten heftig schneuzen.

Aber die entsetzliche Reise! jammerte Frommherz. Haben Sie denn schon so
vollstndig die ungeheuren Mhseligkeiten unserer Herreise vergessen?

Lieber Frommherz, es _mu_ sein, entgegnete Stiller. Wir sind nun bald
zwei Jahre Gste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen.
brigens wissen Sie auch ganz genau, da die Marsbewohner mit unserer
Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns
richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefhl
und auch unsere Dankbarkeit erfordern, da wir den Mars verlassen und zwar
bald. Gewi, die Rckreise ist mhselig, sie wird mglicherweise noch
anstrengender fr uns werden als die Herfahrt, aber -- es mu sein!

Aber -- aber knnte nicht ich wenigstens zurckbleiben?

Es geht nicht! Es ist nicht gut mglich! Wir sind miteinander gekommen,
und wir mssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle,
Sie leider ausgenommen, sind darber einig, da wir gehen mssen, obgleich
uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird,
denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schnste und an Genu reinste Zeit
unseres Lebens zugebracht. Einen Drckeberger darf es nicht geben,
entschied Stiller.

Etwas beschmt ber diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort,
lie Frommherz nichts mehr ber die ihn bewegenden Gefhle verlauten; er
verschlo sie von jetzt ab fest in seiner Brust.

In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn
Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit
seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige
Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas
abgestumpften Spitze aus mute man eine groartige Fernsicht genieen. Bei
diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des
Bergsteigers wieder geweckt.

Wie wre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem
prchtigen Berge da drben einen Besuch abstatten wrden? Bei der
Beschaffenheit der Marsatmosphre drften wir dort oben eine
auerordentlich schne Aussicht haben, sprach Dubelmeier zu seinen
Gefhrten.

Ich komme mit, entschied Stiller kurz entschlossen.

Ich auch! erklrte Piller. Wie heit der Berg, Varan?

Der Berg des Schweigens.

Ein merkwrdiger Name! meinte Stiller. Wer kommt sonst noch mit?

Aber die vier brigen Schwabenshne konnten sich zu der Tour nicht
entschlieen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon
zurck. Man kam berein, da sie hier die Rckkehr der drei Freunde
abwarten sollten. Varan sorgte fr alle Bedrfnisse der kleinen Karawane
und verga auch nicht die passenden Kleidungsstcke und die sonstigen
erforderlichen Gegenstnde. In Begleitung von drei Marsiten reisten die
Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanle rasch bis zum Fu
des Berges, der sich beim Nherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte.
Dubelmeier schtzte seine Hhe ber der Talsohle auf ungefhr dreitausend
Meter.

Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien
mglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stck
Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fu bis ber den Knchel in den
schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in
ermdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nhe der Schneegrenze
gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die
gesunkenen Krfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die
Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mhsamen
Stampfen durch den lockern Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu
halten.

Whrend die Marsiten einen Imbi herrichteten, betrachteten die drei
Schwaben das zu ihren Fen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich
im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton,
der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten htte, lie sich
vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwrts strebenden Baches.
Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln vlliger Stille
geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch
die Erdenshne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken
beschftigt, starrte jeder der Mnner vor sich hin.

Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das
Panorama da unten vergleichen soll, unterbrach Stiller das Schweigen.

Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im sdlichen Chile.
Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz
hnlich ist der Ausblick auf dunkelgrne Waldungen und hellglitzernde Seen
und Wasserstraen.

Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Blue des
Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur, entgegnete der
vielgereiste Dubelmeier.

Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll
wohltuender Anmut und Schnheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte
aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, berall tritt es uns wie eine
hehre Offenbarung entgegen, rief Stiller begeistert.

Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr
krftig.

Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel
gegen -- na, sagen wir Gemtsattacken. Damit ergriff Piller eine Flasche,
schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem
Schluck leer.

Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille,
leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen
Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe
Rubintinten am stlichen Himmel kndigten den Aufgang der Sonne an, als
Schwabens Shne endlich glcklich den Gipfel des Berges erreicht hatten.
Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre
Strahlen ber Berge und Tler. Ein Rundblick von berwltigender
Groartigkeit lohnte die Mnner fr ihre Anstrengungen des Aufstiegs.

Der Berg des Schweigens berragte die brigen Hhenzge ganz bedeutend. Er
war die hchste Erhebung der nrdlichen Marshemisphre. Weithin schweiften
die Blicke vllig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstnde
schienen, dank der dnnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerckt. In
weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit Hilfe
der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich fhrten, eine weie,
bogenfrmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den blulich
schimmernden Horizont ab. Die Herren wuten zunchst nicht, wofr sie diese
eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschlo, halten sollten.

Das ist ja der Nordpol des Mars! entfuhr es pltzlich den Lippen
Stillers.

Eine groe Erregung bemchtigte sich der Beobachter: der Hauch der
Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht
hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die
deutlich wahrnehmbare Abrundung.

Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, da unsere Augen auf
einem andern Planeten das schauen drfen, was auf der Erde bis jetzt, allen
Versuchen zum Trotz, niemandem gelang! sprach Herr Stiller. Wie wird
dieses Bild erst bei Nacht sein!

Wie meinen Sie das? forschte Dubelmeier.

Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausstrmungen,
erwiderte Stiller.

So bleiben wir so lange hier! entschied Piller. Aber sehen sie einmal,
meine Freunde, was ist denn da unten?

Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen
lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des frheren Vulkans
ein See von heller, smaragdgrner Farbe. Blhende Blumen umsumten seine
Ufer.

Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwrdige Kontraste! Wie vertrgt
sich das? fragte Piller. Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins
andere zu fallen!

Auf dem Mars hat das Merkwrdige berhaupt kein Ende! entgegnete Stiller
lchelnd. Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den
Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein drfte!

Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhrte und der
Pflanzenwuchs einsetzte, fhlte sich der Boden warm an, ein Beweis, da der
Vulkan noch nicht gnzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war
gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreiig Grad Celsius. Das
wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack
lie den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem
tiefroten Teppich bedeckt erschien.

Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier
hineingeschttet worden wre, uerte sich Piller zu seinem Kollegen
Stiller.

Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees
niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark
eisenhaltig, entgegnete Stiller.

Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem
Wasser erklrlich.

Die Herren betrachteten nun die in Flle am Uferrande wachsenden blhenden
Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen
Eindruck auf die Erdenshne machte. Alle mglichen Arten von Pflanzen waren
vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.

Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater
und bedauerten nur, da die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als
der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehllt in ihre Pelze, wieder
hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits ber dem Marsland, als die
Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht
aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen
Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer strker.
Schlielich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten ber dem polaren
Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel
der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden
mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild
von vollendeter Schnheit.

Diese glnzende Naturerscheinung ist ein wrdiger Abschlu unserer
Expedition nach dem Berge des Schweigens, sprach Stiller zu seinen
Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen
helleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurckgedrngt wurde.

Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle,
selbst die Nacht. Welch zauberhaft schne Reflexe bringt das Licht der
Monde da unten hervor!

Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf
dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach
gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der
Tiefe des Berges emporgestiegen wren und nun an der Oberflche des Wassers
ihr neckisches Spiel trieben.

Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle
Marserinnerung reicher, einige Stunden spter den Abstieg an, um vereint
mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurckzukehren.




Siebentes Kapitel
Der Abschied


Nach der Rckkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den
Verkehr mit seinen Gefhrten mehr und mehr einzuschrnken. Er nahm mit
ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft
es sich ohne Aufsehen machen lie, von der Gesellschaft seiner Freunde
zurck. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem
Gedankenaustausch im schnen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er fr
sich allein spazieren und geno in stillem Entzcken den eigenartigen
Zauber der Mondnchte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden,
und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte
Frommherz frmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst
beschftigt, um dem eigentmlichen Benehmen ihres Genossen allzugroe
Bedeutung beizulegen.

Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola
mitteilen lassen, da er und seine Gefhrten sich endgltig entschlossen
htten, nach der Erde zurckzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am
zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten.

Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort
eingetroffen. Ihr Empfang dort lie an Herzlichkeit nichts zu wnschen
brig. Eine Reihe glnzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des
bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schnste, was die
darstellenden und bildenden Knste auf dem Mars zu leisten vermochten,
wurde bei diesen Festen den Erdenshnen geboten. Aber die Schatten des
Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern
begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und lieen sie das
Gebotene nicht mehr mit voller Freude genieen.

In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte
Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen
und von allen Stmmen offizielle Vertreter. Drauen im Westen begann das
ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen
warfen die groen Spiegel des Saales unzhligemal gebrochen zurck. Es war
im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen frmlich blendete.
Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im
leichten Abendwinde lieen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen
leise rauschen. Ruhig und still grte der tiefblaue See durch den grnen
Dom der Bume herber, zwischen denen noch in geschftiger Eile
zwitschernde Vgel flogen und Lianen ihre farbenprchtigen Bltenschnre
warfen. Ferne, sanfte Hhenzge, rosig angehaucht von der Abschied
nehmenden Sonne, rahmten das kstliche Landschaftsbild ein, das die
Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die
ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken
in die traumhaft schne Szenerie.

Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht, sprach leise Piller zu
dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. Frommherz hat recht. Ist dies
hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?

Ohne Zweifel! antwortete Stiller. Es, ist ein Eden, so recht geschaffen
fr die Betrbten, fr die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.

Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?

Heimatlos, jawohl! erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten
schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: Glauben Sie denn, wir
wrden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar
schnen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien
und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfhlen
knnen? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind,
wo wir frher gelebt, gerungen, fr unsere berzeugung gestritten haben.

Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmglichkeit! Piller
mute sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark
schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Glschen Wein
ein und leerte es auf einen Zug.

Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmglichkeit zu machen, denn
wir _mssen_ ja fort. Aber -- ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des
Sprechenden -- ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der
Erde die Keime jener groen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher
Weise verwirklicht angetroffen haben.

Als Zeichen des Einverstndnisses drckte Piller seinem Kollegen stumm die
Hand.

Allmhlich fllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die
Erdenshne zu und schttelten ihnen die Hnde. Nachdem Anan erschienen war,
begann das Essen. Neben dem ltesten der Alten saen die sieben Schwaben.
Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie
beleuchteten die glnzende Tafel und die groe, feierlich gestimmte
Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der groen Terrasse, waren
die Chre der Snger und Musiker aufgestellt, die whrend des Mahles
abwechselnd ihre entzckenden Weisen ertnen lieen.

Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. Meine Brder und Schwestern,
hub er zu sprechen an, die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen.
Unsere Gste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnchst wieder dahin
zurck. Mgen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder
erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken fr immer fortleben. Wir
haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier
in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern sptern Nachkommen
zur Erinnerung an diese khne Reise zu uns und an ihren langen, durch
keinen Miton getrbten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir
beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von
Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen
Mitteilungen, die sie uns ber das Leben und Treiben der Vlker der Erde
gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen
besondern Ehrenplatz erhalten soll. Fr ewig soll neben den Namen unserer
Gste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken
verkndet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis
in die fernsten Zeiten.

Und nun, meine lieben Freunde, Anan wandte sich mit diesen Worten an die
sieben Schwaben, haben wir fr euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie
sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen
hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische
liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier bergebe
ich euch ein goldenes Buch. Es enthlt die Entwicklungsgeschichte unseres
Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfhigkeit
vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt
eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht
willst, da dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem
Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur
der Beweis fr dessen Handlungsunfhigkeit. Das Buch enthlt aber noch
unsere Ansichten und Begriffe ber die natrliche Moral, ber die
unverwstlichen Grundstze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet
haben. Mge dieses sich auch einst auf der Erde in hnlicher Weise
vollziehen wie bei uns, mgen einst auch bei euch die Hllen und
Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an
sich so einfachen Kern der natrlichen Moral umschlieen! Mge, von diesem
Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise
nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen
gewesen sein! Anan setzte sich.

Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwrdige Greis gesprochen hatte.
Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunchst in seinem
und seiner Gefhrten Namen fr all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen
worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er
frher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht fr mglich gehalten
habe. Er und seine Gefhrten htten hier oben viel gelernt, und von manchem
Irrtum seien sie befreit worden.

So habe ich unter anderem auch geglaubt, da ohne den rohen Kampf ums
Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Hherem nicht denkbar sei, da der
rcksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen
fr dessen Klrung und Luterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich
durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das
Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nchstenliebe mildert ihn, und diese
fehlt bei uns leider noch in hohem Mae.

Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von
dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder
einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das
Beste zu bieten unter peinlichster Bercksichtigung der berechtigten
Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das groe
Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil
des Gesamtorganismus fhlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das
Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und
wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!

Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und
seiner Auffassung berhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenber
da! Und doch, es mu und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei
euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Krften steht, den Samen zu
jenem schnen und groen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch
hier in so prchtiger Blte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise
zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mhseligkeiten und Gefahren
bedeuten im Verhltnis zu dem Reinen und Schnen, das wir hier genieen
durften! Schweren Herzens, mit dem Bewutsein, hier bei euch unsern
inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der
Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt
zurck, was ihr entsprossen.

Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns
geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn
wir einst spter unten in unserer Heimat in nchtlichen Stunden aus weiter
Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herberleuchten sehen, so werden
wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an
die schnste Zeit unseres Lebens zurckdenken. Lebt wohl, teure Freunde!
Ich umarme Anan fr euch alle und drcke ihm fr euch alle den Bruderku
des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brder sind wir ja alle, die
sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.

Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und
als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und kte, da
ertnte im Saale ein Sturm des Beifalles.

Mein Bruder, edler Sohn deines Landes, antwortete Anan, habe Dank fr
das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des
Lichtentsprossenen, den Bruderku und ziehe glcklich heim mit deinen
Gefhrten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung
erfolgreich arbeiten, das wei ich. Meine Augen werden sich bald schlieen
zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich
werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden
denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.

Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben
Schwaben einige Tage spter wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um
das Luftschiff beschftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten
alle Untersttzung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen
Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf
eine lange Zeitdauer der Rckfahrt gefat, trotz der strkeren
elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhltnis zum Mars um
nahezu das Doppelte greren Planeten.

Seit dem Aufstieg an jenem denkwrdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter
Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der
Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer
betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute
nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete
aus, da sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fnf volle Monate in der
Gondel zuzubringen htten und auch dies nur unter der Voraussetzung, da
kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers stre. Waren er
und seine Gefhrten einst in befriedigender krperlicher Verfassung und
ohne nennenswerte Strungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die
Rckkehr nach der Erde schlielich nicht auch ertrglich vonstatten gehen?

Allerdings erschreckte die Lnge der bevorstehenden Reise den sonst so
mutigen Mann doch etwas. Fnf volle Monate in der Gondel eingeschlossen
zuzubringen, die vielerlei damit verknpften Entbehrungen wieder auf sich
zu nehmen, den Mangel des natrlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen,
das mute auch auf das tapferste Gemt niederdrckend wirken; Aber Stiller
schttelte alle trben Gedanken nachdrcklich ab und freute sich ber die
groartigen technischen Kenntnisse der Findigen, die ihm nicht nur ein
hnliches Gas zur Fllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das
Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der
wichtigsten Nahrungsmittel fr die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden.
An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den
Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der
Weltensegler fhrte jetzt ganz andere Mengen dieser Krfte und
Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lrm, ohne den
geringsten Verdru war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich
gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem
Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz,
der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der
Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, da die gefahrvolle Reise
jederzeit angetreten werden konnte.

Stiller hielt es fr seine Pflicht, seine Gefhrten ber den Gang der
Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den
Freunden auch nicht die ungefhre Dauer der Rckreise. Anfangs waren die
Kollegen ber die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu
mssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefat
und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz uerte
sich nicht. Still und scheu schlich er herum, whrend die brigen Herren
ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen
anfingen.

Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und
schaukelte sich, sorgfltig verankert, an dem Orte, an dem er einst
niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu
schnell herangekommen. Morgen in aller Frhe sollte die Abfahrt von Lumata
erfolgen. Eran, der gastfreie, wrdige Alte, hatte es sich nicht nehmen
lassen, seinen Gsten noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen
Verschnerung und Weihe die Harfenspieler und Snger von Lumata wieder das
Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Fen. Die Arbeit ruhte berall.
Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden.
Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Mnner nicht aufrichtig
bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Vter, Mtter, Brder und
Schwestern unten auf der Erde. Eine Rckkehr dahin erschien den Marsiten
mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot
der Pflicht.




Achtes Kapitel
Ein Abtrnniger


Whrend des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es
niemand besonders aufgefallen, da Frommherz verschwand. Als nach dem
Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen
Tages hineingezogen hatte, die Erdenshne aufstanden und im Begriffe waren,
das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen,
entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn berall im Hause,
fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische
seines Zimmers lag. An meine Freunde und Gefhrten! lautete die Adresse.

Stiller ffnete das Schreiben und berflog dessen Inhalt. Wir haben es
leider mit einem Abtrnnigen zu tun, erklrte er den besorgten Genossen.
Hren Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunchst wieder,
und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.

Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die brigen
Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten
Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit
den Seinen zurck und lie die Herren allein.

Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, da Frommherz
fahnenflchtig werden wrde! begann Piller zornig. Lesen Sie einmal die
Epistel vor, Stiller!

Verzeiht mir, teure Freunde und Gefhrten, da ich Euch eine schmerzhafte
Enttuschung bereite. Ich kann es nicht ber mich bringen, mit Euch nach
der Erde und nach unserer alten Heimat zurckzukehren. Aufs schwerste habe
ich deshalb mit mir gekmpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu
verlassen, es wrde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch
nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in
ahnender Sehnsucht getrumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in
enge, unaufrichtige Verhltnisse und Lebensanschauungen wieder
zurckkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut
habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwrdige Anan selbst in
Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von
diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwrts ziehen lassen.

Wohl wei ich, da ich Euch durch meinen Entschlu krnke, aber ich kann
wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge ber mich und
verzeiht mir, wenn mglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es
kann Euch somit keine Verantwortung dafr treffen, da Ihr allein, ohne
mich, nach der Heimat zurckkehrt. Mget Ihr sie glcklich erreichen! Dies
ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grt mir mein Tbingen, grt
mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, da ich
mich hier oben berglcklich, wie im Paradiese fhle und deshalb nicht mehr
zur Erde mit ihrer Qual zurckgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich
zu suchen. Ihr wrdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in
dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In
treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.

In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem
Stiller den Brief vorgelesen hatte.

Der elende Drckeberger! hob Dubelmeier zu knurren an. Jetzt fllt es
mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so
sonderbar benommen hat.

Blamiert sind wir, heillos blamiert! schrie Piller. Wie stehen wir nun
da? Wo bleibt unsere gerhmte Ehrenhaftigkeit?

Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreier
gewi, riet Hmmerle.

Diesem Vorschlage mchte ich beistimmen, fgte Thudium bei.

Es geht doch nicht an, da wir Frommherz hier zurcklassen. Entweder wir
bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar! fgte Brummhuber
bei.

Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehr, bat Stiller die
aufgeregten Gefhrten. Ich begreife und billige ja vllig Ihre Entrstung
ber das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben durchaus kein
Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig
mitgegangen und mag freiwillig zurckbleiben. Aber er htte klar und offen
handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen
verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und
unserer persnlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben
nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da,
wofr man uns nahm und hielt. Frommherz drfte in dieser Beziehung bei den
strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also
allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir
aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?

Nein, gewi nicht! ertnte es fnfstimmig.

Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig
begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den
Zurckbleibenden der Gte und Nachsicht unseres lieben, ehrwrdigen Eran.

Das fehlte noch! wetterte Piller.

Warum nicht?

Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!

Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Whrend des Lesens von
Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, da unser Freund nach unsrer
Abreise zur Strafe fr sein eigenmchtiges Zurckbleiben und den dadurch
bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefhl mglicherweise nach den Gefilden
der Vergessenen verbannt werden knnte.

Was ihm ganz recht geschehen wrde! warf hier Brummhuber ein.

Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Mge er unter hnlichen
Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewutsein lt uns spter
mit reineren Gefhlen an den Freund zurckdenken und wirft keinen Schatten
auf die Erinnerung an unsere schne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so
lassen Sie mich, bitte, gewhren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit
ihm zusammen das Unangenehme mglichst gut zu ordnen.

Stiller, Sie beschmen uns, Sie sind ein braver Kerl -- der Beste von
uns! Piller schneuzte sich sehr krftig nach diesen Worten . . .

O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen
prchtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, da ich
von ihnen etwas gelernt habe.

Wenn einer oben zu bleiben wirklich wrdig wre, so wren Sie es,
Stiller! rief begeistert Hmmerle.

Lassen wir das! wehrte Stiller ab. Und nun will ich mit Eran Rcksprache
nehmen. Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen
Laut der Verwunderung hren zu lassen, vernahm der ehrwrdige Alte den
Bericht Stillers.

Auch ich finde, da du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen,
die Rckreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem
gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schliet
nicht das Unrecht eures flchtigen Bruders aus, das ich in der Art und
Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. La ihn aber nur
hier und zieh mit deinen Brdern hinab auf die Erde! Wir werden mit
Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.

Darber mchte ich eben beruhigt werden, ehrwrdiger Eran.

Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn
persnlich nach Angola bringen und bei Anan Frsprache fr den Snder
einlegen. Aber eine kleine Strafe mu sein. Ich habe bereits ber ihre Art
nachgedacht.

Worin soll sie bestehen? fragte neugierig geworden Stiller.

Friedolin soll uns ein Wrterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja
als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und
Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache
lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu knnen. Dazu
brauchen wir aber ein Wrterbuch.

Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm
gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lsen, davon bin ich berzeugt.

Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefhrten von
dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem
die Gte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.

Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter
genauester Bercksichtigung der Unterschiede in den tglichen
Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergefhrt hatte, war heute der
siebente Mrz herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.

Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdenshne zum Weltensegler zu
begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevlkerung zog mit. Ernstes Schweigen,
der Ausdruck ehrlichen Schmerzes ber die Trennung, herrschte in der ganzen
Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der
Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages
schaukelte.

Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrern wir nicht das Weh der
Trennung durch weitere Worte! sprach Eran, einen der Schwaben nach dem
andern umarmend. Mge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt
glcklich in eurer Heimat an.

Ein Hndedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die khnen
Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelst, langsam und
stolz, begrt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich
der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die
Menge machte ihm Platz.

Lebt wohl, Freunde! rief er mit lauter Stimme. Nochmals: verzeiht mir,
da ich bleibe und nicht mit euch zurckkehre! Reist glcklich und grt,
mir mein teures Schwabenland!

Aber die Herren in der Gondel hrten nur noch schwach, was ihnen Frommherz
nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge
entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte
bald im dunkeln, kalten Weltenraum.




Neuntes Kapitel
Wieder auf der Erde


Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures
Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Shne des Schwabenlandes um Jahr und
Tag vorgerckt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob
sie wirklich den Mars erreicht hatten? Mglicherweise waren sie gar nicht
nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen
Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglckt und die arme
Forscherschar dann fr immer verschollen im ungeheuren Weltenraume.
Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt.

Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfnglich in
Stuttgart noch viel und lebhaft ber die Reise der Forscher, und Fragen
aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das frher
so lebhafte Interesse fr die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle
Ereignisse waren aufgetaucht und verdrngten schlielich die Erinnerung an
das mrchenhafte Unternehmen.

Da, pltzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem
Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die
vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren
waren, seien auf einer Insel in der fernen Sdsee niedergegangen, und zwar
mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein
Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie fr einen schlechten
Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im Staatsanzeiger
erschien und durch Tausende von Extrablttern sofort weiter verbreitet
wurde, da wurden schlielich auch die hartnckigsten Zweifler von der
Wahrheit der Nachricht berzeugt.

In lakonischer Krze lautete der telegraphische Bericht:

Matupi, 31. August, nachts.

Weltensegler vom Mars zurck, hier niedergegangen. Stiller, Piller,
Brummhuber, Hmmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl.

In der ersten groen berraschung fiel es vielen gar nicht auf, da in dem
Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde
des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung
hierber war rasch gefat: Frommherz mute whrend der Reise zweifellos
gestorben sein.

Mit grter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte
Kulturwelt nheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende
Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten!

                   *       *       *       *       *

Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel
ganz ertrglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der
Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphre der Erde.
Die Reise stellte an die Herren wieder die hchsten Anforderungen in Bezug
auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon
vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die
Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschpft zu fhlen und beneideten in
Gedanken oft den zurckgebliebenen Freund Frommherz.

Aber schlielich mu ja auch die lngste, dunkelste Nacht dem hellen Tag
weichen. Es ging gegen Ende August. ber fnf Monate schon zog der
Weltensegler durch den therraum. Stiller erwartete von einem Tage zum
andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphre der Erde. Richtig!
Eine beginnende Dmmerung zeigte ihre Nhe an.

Wie einst bei der Annherung an den Mars alle Drangsale der Reise im
Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder
der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefhrten mitteilte, da sie soeben in
die Erdatmosphre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der
Erde irgendwo landen wrden, falls die Freunde nicht vorzgen, mit dem
Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller
Jubel in der Gondel. Vergessen waren pltzlich alle Mhe und Drangsal,
alles krperliche Unbehagen.

Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!
erklrte Piller. Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt
gewesen!

Piller hat recht, stimmte Thudium bei

Keine Stunde lnger als unumgnglich notwendig bleibe ich in diesem
frchterlichen Kfig, entschied Hmmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier
und Brummhuber bei.

Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben mglich ist,
antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. Wir mssen aber Sorge dafr tragen,
da wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den
offenen Ozean geraten.

Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller, entschied Piller. Und nun,
Gefhrten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck
unserer Freude ber die glcklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner
innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt
vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen
Wein gesetzt. Also trinken wir!

Whrend die brigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein
Geschenk von Angola her, kreisen lieen, hatte Herr Stiller die Ventile des
Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geffnet. Der
Weltensegler fiel rasch abwrts.

Tuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade ber der australischen
Ostkste, sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem
Gondelfenster geworfen hatte. Wir werden bei Brisbane in Queensland
landen.

Prchtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen
Schluck!

Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als
pltzlich ein furchtbarer Windsto die Gondel traf und mitsamt dem
Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel
zu Boden, und die Herren selbst muten sich an den nchsten festen
Gegenstnden in der Gondel festhalten, um nicht wie Blle herumgeschleudert
zu werden.

Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum
hufig sind, schrie Stiller seinen erschrockenen Gefhrten zu. Nun heit
es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Fhrer.

In unverminderter Strke und Heftigkeit wtete der Orkan whrend der
folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene,
zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was
nicht befestigt war. In dem frchterlichen Toben des Orkanes war jede
Verstndigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel muten sich
schlielich der greren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos
trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug. Es war ein
tragisches Verhngnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der
Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die groe
Gefahr, da der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition,
die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glcklich
berwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde.

Traurige, trbe Gedanken bewegten die Mnner. So war eine Reihe von Stunden
vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich
seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Mglich auch,
da der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben
worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich
zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und
Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, da der Ballon in eine
weite, gerumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grnen
Kokospalmen bildete, umsumt von freundlichen, kleinen Husern.

Rasch entschlossen ffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er
gerade ber dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der
Ballon in die hohen Palmbume, die krachend unter der merkwrdigen Last
zusammenbrachen. Weigekleidete Mnner eilten an den Ort des Niederganges
herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der
Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz
herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen
hatte.

Bald lag der bel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde.

Wo sind wir denn? fragte Piller zum Gondelfenster heraus.

Auf Matupi, im Sdseearchipel, lautete die Antwort.

Wahrlich, das war noch Glck! Beinahe wren wir ertrunken; viel fehlte
nicht mehr, meinte Dubelmeier.

Nun, dann htten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet, brummte
Piller.

Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen
Boden! drngte Stiller.

Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Fhrer der Weien als
Gouverneur der Insel vor.

Wir sind aus Schwaben, entgegnete Stiller lchelnd, Professoren an der
Universitt in Tbingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem
Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja berall in der Welt. Sollten
Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen
zurckgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.

Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht
begriffen hatte.

Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?

Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der
Expedition nach dem Mars gehrt? Es sind allerdings jetzt ungefhr zwei und
drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.

Ah -- ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich
klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wren wirklich die khnen
Reisenden . . .?

Ja, unterbrach Piller den Zweifelnden, glauben Sie denn, da sechs
ehrenhafte schwbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen?
Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei
Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurck, weil der siebente oben
geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im brigen heie ich Professor Paracelsus
Piller.

Entschuldigen Sie, erwiderte, der Gouverneur, ich glaube Ihnen aufs
Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich
frmlich unter dem Eindrucke des Gehrten. -- Darf ich Sie nun zu einem
Mahl und einem guten Trunk einladen?

Aber natrlich! Gewi! Mit grtem Vergngen! erklrten die Herren, die
seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten.

Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaen sind ziemlich steif
geworden, erklrte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mhsam neben ihm
dessen naher Behausung zuschritt. Wir sind am 7. Mrz von oben abgefahren.
Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir
nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!

Wie stolz bin ich darauf, da Sie gerade hier bei uns landen muten!

Na, um ein Haar wre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglckt,
und niemand htte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch
einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.

Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der
erste sein, der Ihnen, den khnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm
auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, da ich diese
Begrungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre
berraschende Ankunft hier tatschlich ganz verblfft. Der Gouverneur
schttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den
brigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel
heruntergefallenen Gste blickten.

Die Weltensegler entledigten sich zunchst ihrer Pelzmntel und nahmen gern
das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte,
weie Tropenanzge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer
bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die
Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in groen
Korbsthlen. Drauen strmte der Regen nieder, und sein prasselndes
Gerusch auf dem Dache erhhte noch das Gefhl der Behaglichkeit.

Unterdessen sorgte der Gouverneur fr einen strkenden Trank. Gekhlter
Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den
Herren kredenzt.

Sie mssen morgen unsere Marstropfen versuchen, sprach Piller zum
Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum
zweiten Male fllen lie.

Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht? antwortete der erstaunt.

Und was fr einen guten! schmunzelte Piller. Sogar mein sonst nur
wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen
Gttertropfen besiegt worden.

Nur durch die Gewalt der Umstnde, wehrte sich Dubelmeier.

Streiten wir nicht darber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoen
und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland! Die Glser klangen
zusammen.

Ein Hoch unsern hochverehrten Gsten! lud der Gouverneur die Beamten von
Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als
angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer.
Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine
rege Unterhaltung.

Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln? fragte der
Gouverneur. Welch ungeheure berraschung wird diese Mitteilung in Ihrer
Heimat erregen!

Ja, das werden wir, entgegnete Stiller. Ich denke brigens, da wir mit
dem nchsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.

Wir haben vierzehntgige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore.
Dort knnen Sie dann sofort Anschlu nach Europa finden. Aber ich bin
glcklich darber, da vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr
und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere
willkommenen Gste sein mssen, sprach der Gouverneur lchelnd. Sie haben
wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?

Darber wollen wir einige Bcher verffentlichen, denn unsere Berichte
werden Bnde fllen, erwiderte Stiller.

Und Sie sollen das Werk spter erhalten als Zeichen unseres Dankes fr
Ihre gastliche Aufnahme, fgte Piller bei, denn wenn wir Ihnen alles
mndlich erzhlen wollten, was wir erlebt haben, so mten wir manchen
Dampfer versumen. Das geht aber nicht. Es drngt uns, endlich wieder
heimzukommen.

Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante
Sachen vom Mars mitgebracht haben?

Gewi! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus knnen Sie dann
leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes
prchtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten
Begriffe verwirklichen, erwiderte Stiller. Zum zweiten Male mchten wir
aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie
ist auch frchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst,
sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, da wir die Reise hin und her im
Weltraum unter verhltnismig guten Bedingungen ausfhren konnten. Und
heute morgen, als wir ber Queensland schwebten und gerade im Begriffe
waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns pltzlich der Orkan und warf
uns hierher.

Das ist allerdings sehr zu bedauern, da Sie zum Schlu Ihrer ungeheuren
Reise noch in den Zyklon geraten muten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf
den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch
ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berhmten Shne des
Schwabenlandes, als Gste zugefhrt.

Nach Beendigung des Begrungsmahls wurden die Reisenden in den Husern der
verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in
tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm
nach Stuttgart ab.

Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser
der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein:
Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der
Heimat gesandt und zugleich um Auskunft ber Herrn Frommherz gebeten, da er
nicht auf der Liste der Zurckgekehrten angefhrt war. Die Antwort lautete:

Frommherz freiwillig auf Mars zurckgeblieben. Expedition dahin geglckt.
Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart
einzutreffen.

Stiller.

Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die
geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklrt
wurde. Noch mehr aber staunten sie ber die Kunsterzeugnisse aus Silber und
Gold und ber die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten.
Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel
abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl whrend der Nacht um so
weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen fr den Wert des
Gegenstandes kein Verstndnis gehabt htten. So mute angenommen werden,
da das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen
sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemt der Professoren recht
niederdrckend wirkte. Schlielich aber siegte die Freude der Rckkehr ber
alle trben Gedanken.

Piller lie es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit
dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden
war. Sie alle erklrten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor
im Leben getrunken zu haben.

Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen
der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten spter zerlegt und nach
Hause gesandt werden. Pnktlich am 7. September morgens lief der Dampfer
Venus in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenber vor
Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des
gleichen Tages von Matupi ab.

Ein merkwrdiges Zusammentreffen von Namen! sprach Stiller zu seinen
Gefhrten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten.
Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der
Sdsee, und die Stuttgart erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in
Singapore, um uns nach Genua zu bringen.

Eine Woche spter traf der Dampfer in Singapore ein. Schon bei der Einfahrt
in den gerumigen Hafen war die Venus mit ihren berhmten schwbischen
Fahrgsten der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen
liegenden Schiffe aller mglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf
die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles
festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als
die Venus langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr.

In feierlicher Weise wurden die khnen Marsreisenden von den Behrden und
Konsuln Singapores begrt. Dann fand im festlich geschmckten Hause des
deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den blichen Reden statt.
Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der
glhenden Tropenhitze Singapores glcklich auf Deck der Stuttgart saen,
die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und
die Strae von Malakka hinaufdampfte.

Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese
Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel
der Unwahrheit tragen? fragte Piller seinen Freund Stiller.

Es geht mir wie Ihnen, erwiderte Stiller. Mit der wrdigen und
harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese
lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich mglichst vorzudrngen
sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort
die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte
Unbehagen in der Berhrung mit der Menge. Wir fhlen eben instinktiv, da
all die Worte lauter Anerkennung, die sndflutartig immer auf den
niederprasseln, der einen nennenswerten uern Erfolg gehabt hat, vielfach
wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.

Sie sprechen genau meine Meinung aus! besttigte Dubelmeier, der dem
Gesprch der beiden Gefhrten aufmerksam gefolgt war. Auch ich gestehe,
da mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind,
nachdem sie kaum begonnen haben.

Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher ffentlichen
Veranstaltungen durchwinden mssen, bis wir endlich ungestrt in der Stille
unseres Studierzimmers arbeiten drfen, antwortete Piller.

Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glck, da wir auf dem Meere noch eine
Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt! entgegnete
Dubelmeier.

Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berhmten
Schwabenshne, und als die Stuttgart in Suez eintraf, bat die gyptische
Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitgigen
Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen
Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein.
Nach fast dreijhriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder
den Boden Europas.




Zehntes Kapitel
In der Heimat


Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betubt
von all dem Lrm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station
Hasenberg an, zu deren Fen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schn
ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten
Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tbinger Universitt, die Vter
der Stadt, weigekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine
tausendkpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden.

Schon whrend der Fahrt durch Schwaben luteten alle Glocken, nicht nur der
Stationen, die der Zug berhrte, sondern auch aller Drfer in der Nhe des
Bahnkrpers. Ein brausendes Hoch empfing den blumenbekrnzten Zug, als er
am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die
vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrungshymne, die
eigens fr diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war.
Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es
pflanzte sich fort auf die Vorstdte und erinnerte an die Stunde jenes
Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die khne Fahrt nach
dem fernen Planeten angetreten hatten.

Die Begrungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lrm der allgemeinen
Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saen die
sechs Zurckgekehrten, Riesenstrue in den Hnden. Langsam ging es durch
die sich drngende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte
Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder
heimgekehrten, aber sichtlich erschpften Gelehrten gestattet, dann aber
muten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen.

In feierlichem Zuge, unter den betubenden Hochrufen der in den Straen
flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet.
In ihr sollte der offizielle Akt der Begrung vor sich gehen. Im groen
Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der
Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrt, als
sie in den Saal traten.

Ein Vertreter der Regierung begrte als Vorsitzender in warmen Worten die
khnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars
ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen
und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefrdert
hatten. Schwaben sei stolz auf so wrdige Shne und wolle sie zunchst
dadurch ehren, da an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen
ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der
Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten ber sie
eingemeielt in den Stein tragen solle. Weitere uere Ehrungen seien
vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Shne ausgefhrt, knne
berhaupt nicht gebhrend genug anerkannt werden. Zunchst berreiche er im
Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf
dessen Blttern der Name des Trgers und die Daten der Marsreise
eingraviert seien.

Nachdem die bergabe der goldenen Krnze unter rauschender Musikbegleitung
vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt
worden, da whrend des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als
das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier
aus zu der glnzenden Versammlung zu sprechen.

Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefhrten Namen danke ich
Ihnen zunchst fr die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil
werden lieen. Er hat uns sehr gerhrt. Nehmen Sie es uns aber nicht bel,
wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren ueren Ehrung unserer bescheidenen
Persnlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgefhrt, was wir
getan, war ja nur dadurch mglich, da uns ein seltenes Glck zur Seite
stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst uerer Umstnde sein Ziel
erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her,
als Sie selbst vielleicht annehmen.

Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung,
rckhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs,
da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig
einzuschtzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen
Selbstberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nchterner Schtzung
unserer eigenen Person kommen wir zurck. Daraus entspringt also unsere
Bitte.

Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zgen ein Bild jener wunderbaren
Welt entwerfen, in der es uns vergnnt war, zwei volle Jahre leben zu
drfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, da wir unsere Erlebnisse
in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann spter alles
Wnschenswerte selbst nachlesen knnen. -- Nach der Abfahrt von Cannstatts
Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den therraum ziemlich
wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit
groer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Mae, als wir die Sprache der
Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren
Leben, in ihre Sitten und Gebruche. Voll staunender Bewunderung sahen wir
dort oben eine Lebensfhrung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals fr
mglich gehalten htten. Das, was wir hier unten auf der Erde frher als
Ideal des Lebens getrumt, -- dort oben auf jenem Sterne ist es in die
schnste Wirklichkeit bersetzt.

Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzhlen, die zu
der wunderbar entfalteten, natrlichen Moral jener prchtigen Menschen da
oben gefhrt haben! Ich frchte dadurch nicht allein zu ermden, sondern
auch Ihre freudige Stimmung anllich unserer Rckkehr zu vermindern. Dies
mchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer
Expedition durch unsere Bcher genau erfahren. Nun aber knnen Sie mich mit
Recht fragen: >Ja, warum sind Sie denn wieder zurckgekommen aus einem Eden
nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen
soll?< Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben
fortgegangen. Nicht da man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns
Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber
sahen, da wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten
konnten, die als Ausgleich fr die uns gebotene Gastfreundschaft htten
dienen knnen, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefhl, da wir
zur Erde zurckkehrten.

Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschlieen, die Rckreise
anzutreten. Er blieb oben zurck als der einzige lebendige Zeuge unseres
Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum
Schlusse wollen wir dem Schwbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und
Andenken berweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola,
in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst
bedrfen der Sachen nicht. Wie ein Mrchen voll Schnheit, voll Zauber und
strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer
Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gbe es eine Seelenwanderung
nach fernen Sternen, so wrde ich nichts sehnlicher wnschen, als dort oben
wieder erwachen zu drfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.

Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten
gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drckte tiefe Ergriffenheit aus,
als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht
vorgestellt. Wohin war die Festesfreude pltzlich gekommen? Herr Klingle
griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemchtigt hatte,
als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Tne
einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Frhlichkeit
wieder zurck. Es lie sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu
also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte
keine Nachahmung mehr finden. Die frher so heitern Mnner waren als
offenkundige Menschenfeinde zurckgekehrt. Sie wren somit besser im Lande
geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in spter Nachtstunde von dem
Bankette nach Hause gingen.





Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem
Mars., by Albert Daiber

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     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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