The Project Gutenberg EBook of Demian, by Hermann Hesse

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Title: Demian
       Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend

Author: Hermann Hesse

Release Date: January 24, 2013 [EBook #41907]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








Demian


Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
von
Hermann Hesse


1921
S. Fischer / Verlag / Berlin


27.--36. Auflage
Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten
Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin


Ich wollte ja nichts als das zu leben
versuchen, was von selber aus mir heraus
wollte. Warum war das so sehr schwer?






Um meine Geschichte zu erzhlen, mu ich weit vorn anfangen. Ich mte,
wre es mir mglich, noch viel weiter zurck gehen, bis in die allerersten
Jahre meiner Kindheit und noch ber sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft
zurck.

Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie
Gott und knnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar berblicken und
begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzhlte,
ohne alle Schleier, berall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie
die Dichter es knnen. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als
irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die
Geschichte eines Menschen -- nicht eines erfundenen, eines mglichen, eines
idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen,
einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch,
das wei man heute allerdings weniger als jemals, und man schiet denn auch
die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist,
zu Mengen tot. Wren wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, knnte man
jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt
schaffen, so htte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzhlen. Jeder
Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz
besondere, in jedem Fall wichtige und merkwrdige Punkt, wo die
Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum
ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, gttlich, darum ist jeder
Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfllt, wunderbar
und jeder Aufmerksamkeit wrdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden,
in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlser gekreuzigt.

Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fhlen es, und sterben darum
leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte
fertiggeschrieben habe.

Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin
es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Bchern, ich
beginne die Lehren zu hren, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte
ist nicht angenehm, sie ist nicht s und harmonisch wie die erfundenen
Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und
Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belgen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines
Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er
selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer
lichter, jeder wie er kann. Jeder trgt Reste von seiner Geburt, Schleim
und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals
Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben
Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen
hin. Uns allen sind die Herknfte gemeinsam, die Mtter, wir alle kommen
aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den
Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir knnen einander verstehen; aber deuten
kann jeder nur sich selbst.




Erstes Kapitel
Zwei Welten


Ich beginne meine Geschichte mit einem Erlebnisse der Zeit, wo ich etwa
zehn bis elf Jahre alt war und in die Lateinschule unseres Stdtchens ging.

Viel duftet mir da entgegen und rhrt mich von innen mit Weh und mit
wohligen Schauern an, dunkle Gassen und helle, Huser und Trme, Uhrschlge
und Menschengesichter, Stuben voll Wohnlichkeit und warmem Behagen, Stuben
voll Geheimnis und tiefer Gespensterfurcht. Es riecht nach warmer Enge,
nach Kaninchen und Dienstmgden, nach Hausmitteln und getrocknetem Obst.
Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen her kamen Tag und
Nacht.

Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie umfate
eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt war mir groenteils wohlbekannt,
sie hie Mutter und Vater, sie hie Liebe und Strenge, Vorbild und Schule.
Zu dieser Welt gehrte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit, hier waren
sanfte freundliche Reden, gewaschene Hnde, reine Kleider, gute Sitten
daheim. Hier wurde der Morgenchoral gesungen, hier wurde Weihnacht
gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die in die Zukunft
fhrten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und Beichte,
Verzeihung und gute Vorstze, Liebe und Verehrung, Bibelwort und Weisheit.
Zu dieser Welt mute unsre Zukunft gehren, so mute sie klar und reinlich,
schn und geordnet sein.

Die andere Welt indessen begann schon mitten in unsrem eigenen Hause und
war vllig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte
andres. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmgde und Handwerksburschen,
Geistergeschichten und Skandalgerchte, es gab da eine bunte Flut von
ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rtselhaften Dingen, Sachen wie
Schlachthaus und Gefngnis, Betrunkene und keifende Weiber, gebrende Khe,
gestrzte Pferde, Erzhlungen von Einbrchen, Totschlgen, Selbstmorden.
Alle diese schnen und grauenhaften, wilden und grausamen Sachen gab es
ringsum, in der nchsten Gasse, im nchsten Haus, Polizeidiener und
Landstreicher liefen herum, Betrunkene schlugen ihre Weiber, Knuel von
jungen Mdchen quollen abends aus Fabriken, alte Frauen konnten einen
bezaubern und krank machen, Ruber wohnten im Wald, Brandstifter wurden von
Landjgern gefangen -- berall quoll und duftete diese zweite, heftige
Welt, berall, nur nicht in unsern Zimmern, wo Mutter und Vater waren. Und
das war sehr gut. Es war wunderbar, da es hier bei uns Frieden, Ordnung
und Ruhe gab, Pflicht und gutes Gewissen, Verzeihung und Liebe -- und
wunderbar, da es auch alles das andere gab, alles das Laute und Grelle,
Dstere und Gewaltsame, dem man doch mit einem Sprung zur Mutter entfliehen
konnte.

Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie nah
sie beisammen waren! Zum Beispiel unsre Dienstmagd Lina, wenn sie am Abend
bei der Andacht in der Wohnstube bei der Tre sa und mit ihrer hellen
Stimme das Lied mitsang, die gewaschenen Hnde auf die glattgestrichene
Schrze gelegt, dann gehrte sie ganz zu Vater und Mutter, zu uns, ins
Helle und Richtige. Gleich darauf in der Kche oder im Holzstall, wenn sie
mir die Geschichte vom Mnnlein ohne Kopf erzhlte, oder wenn sie beim
Metzger im kleinen Laden mit den Nachbarweibern Streit hatte, dann war sie
eine andre, gehrte zur andern Welt, war von Geheimnis umgeben. Und so war
es mit allem, am meisten mit mir selber. Gewi, ich gehrte zur hellen und
richtigen Welt, ich war meiner Eltern Kind, aber wohin ich Auge und Ohr
richtete, berall war das andere da, und ich lebte auch im andern, obwohl
es mir oft fremd und unheimlich war, obwohl man dort regelmig ein
schlechtes Gewissen und Angst bekam. Ich lebte sogar zuzeiten am
allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war die Heimkehr ins Helle --
so notwendig und gut sie sein mochte -- fast wie eine Rckkehr ins weniger
Schne, ins Langweiligere und dere. Manchmal wute ich: mein Ziel im Leben
war, so wie mein Vater und meine Mutter zu werden, so hell und rein, so
berlegen und geordnet; aber bis dahin war der Weg weit, bis dahin mute
man Schulen absitzen und studieren und Proben und Prfungen ablegen, und
der Weg fhrte immerzu an der anderen, dunkleren Welt vorbei, durch sie
hindurch, und es war gar nicht unmglich, da man bei ihr blieb und in ihr
versank. Es gab Geschichten von verlorenen Shnen, denen es so gegangen
war, ich hatte sie mit Leidenschaft gelesen. Da war stets die Heimkehr zum
Vater und zum Guten so erlsend und groartig, ich empfand durchaus, da
dies allein das Richtige, Gute und Wnschenswerte sei, und dennoch war der
Teil der Geschichte, der unter den Bsen und Verlorenen spielte, weitaus
der lockendere, und wenn man es htte sagen und gestehen drfen, war es
eigentlich manchmal geradezu schade, da der Verlorene Bue tat und wieder
gefunden wurde. Aber das sagte man nicht und dachte es auch nicht. Es war
nur irgendwie vorhanden, als eine Ahnung oder Mglichkeit, ganz unten im
Gefhl. Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir ganz gut
auf der Strae unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem Jahrmarkt,
oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim.

Meine Schwestern gehrten ebenfalls zur hellen Welt. Sie waren, wie mir oft
schien, im Wesen nher bei Vater und Mutter, sie waren besser, gesitteter,
fehlerloser als ich. Sie hatten Mngel, sie hatten Unarten, aber mir
schien, das ging nicht sehr tief, das war nicht wie bei mir, wo die
Berhrung mit dem Bsen oft so schwer und peinigend wurde, wo die dunkle
Welt viel nher stand. Die Schwestern waren, gleich den Eltern, zu schonen
und zu achten, und wenn man mit ihnen Streit gehabt hatte, war man nachher
vor dem eigenen Gewissen immer der Schlechte, der Anstifter, der, der um
Verzeihung bitten mute. Denn in den Schwestern beleidigte man die Eltern,
das Gute und Gebietende. Es gab Geheimnisse, die ich mit den verworfensten
Gassenbuben weit eher teilen konnte als mit meinen Schwestern. An guten
Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in Ordnung, da war es oft
kstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und artig mit ihnen zu sein
und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu sehen. So mute es sein,
wenn man ein Engel war! Das war das Hchste, was wir wuten, und wir
dachten es uns s und wunderbar, Engel zu sein, umgeben von einem lichten
Klang und Duft wie Weihnacht und Glck. O wie selten gelangen solche
Stunden und Tage! Oft war ich beim Spiel, bei guten, harmlosen, erlaubten
Spielen, von einer Leidenschaft und Heftigkeit, die den Schwestern zu viel
wurde, die zu Streit und Unglck fhrte, und wenn dann der Zorn ber mich
kam, war ich schrecklich und tat und sagte Dinge, deren Verworfenheit ich,
noch whrend ich sie tat und sagte, tief und brennend empfand. Dann kamen
arge, finstere Stunden der Reue und Zerknirschung, und dann der wehe
Augenblick, wo ich um Verzeihung bat, und dann wieder ein Strahl der Helle,
ein stilles, dankbares Glck ohne Zwiespalt, fr Stunden oder Augenblicke.

Ich ging in die Lateinschule, der Sohn des Brgermeisters und des
Oberfrsters waren in meiner Klasse und kamen zuweilen zu mir, wilde Buben
und dennoch Angehrige der guten, erlaubten Welt. Trotzdem hatte ich nahe
Beziehungen zu Nachbarsknaben, Schlern der Volksschule, die wir sonst
verachteten. Mit einem von ihnen mu ich meine Erzhlung beginnen.

An einem freien Nachmittag -- ich war wenig mehr als zehn Jahre alt --
trieb ich mich mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft herum. Da kam ein
grerer dazu, ein krftiger und roher Junge von etwa dreizehn Jahren, ein
Volksschler, der Sohn eines Schneiders. Sein Vater war ein Trinker und die
ganze Familie stand in schlechtem Ruf. Franz Kromer war mir wohl bekannt,
ich hatte Furcht vor ihm, und es gefiel mir nicht, als er jetzt zu uns
stie. Er hatte schon mnnliche Manieren und ahmte den Gang und die
Redensarten der jungen Fabrikburschen nach. Unter seiner Anfhrung stiegen
wir neben der Brcke ans Ufer hinab und verbargen uns vor der Welt unterm
ersten Brckenbogen. Das schmale Ufer zwischen der gewlbten Brckenwand
und dem trg flieenden Wasser bestand aus lauter Abfllen, aus Scherben
und Germpel, wirren Bndeln von verrostetem Eisendraht und anderem
Kehricht. Man fand dort zuweilen brauchbare Sachen; wir muten unter Franz
Kromers Fhrung die Strecke absuchen und ihm zeigen, was wir fanden. Dann
steckte er es entweder zu sich oder warf es ins Wasser hinaus. Er hie uns
darauf achten, ob Sachen aus Blei, Messing oder Zinn darunter wren, die
steckte er alle zu sich, auch einen alten Kamm aus Horn. Ich fhlte mich in
seiner Gesellschaft sehr beklommen, nicht weil ich wute, da mein Vater
mir diesen Umgang verbieten wrde, wenn er davon wte, sondern aus Angst
vor Franz selber. Ich war froh, da er mich nahm und behandelte wie die
andern. Er befahl, und wir gehorchten, es war, als sei das ein alter
Brauch, obwohl ich das erstemal mit ihm zusammen war.

Schlielich setzten wir uns an den Boden. Franz spuckte ins Wasser und sah
aus wie ein Mann; er spuckte durch eine Zahnlcke und traf, wohin er
wollte. Es begann ein Gesprch, und die Knaben kamen ins Rhmen und Grotun
mit allerlei Schlerheldentaten und bsen Streichen. Ich schwieg und
frchtete doch, gerade durch mein Schweigen aufzufallen und den Zorn des
Kromer auf mich zu lenken. Meine beiden Kameraden waren von Anfang an von
mir abgerckt und hatten sich zu ihm bekannt, ich war ein Fremdling unter
ihnen und fhlte, da meine Kleidung und Art fr sie herausfordernd sei.
Als Lateinschler und Herrenshnchen konnte Franz mich unmglich lieben,
und die beiden andern, das fhlte ich wohl, wrden mich, sobald es darauf
ankme, verleugnen und im Stich lassen.

Endlich begann ich, aus lauter Angst, auch zu erzhlen. Ich erfand eine
groe Rubergeschichte, zu deren Helden ich mich machte. In einem Garten
bei der Eckmhle, erzhlte ich, htte ich mit einem Kameraden bei Nacht
einen ganzen Sack voll pfel gestohlen, und nicht etwa gewhnliche, sondern
lauter feinste Reinetten und Goldparmnen, die besten Sorten. Aus den
Gefahren des Augenblicks flchtete ich mich in diese Geschichte, das
Erfinden und Erzhlen war mir gelufig. Um nur nicht gleich wieder
aufzuhren und vielleicht in Schlimmeres verwickelt zu werden, lie ich
meine ganze Kunst glnzen. Einer von uns, erzhlte ich, hatte immer
Schildwache stehen mssen, whrend der andre im Baum war und die pfel
herunterwarf, und der Sack sei so schwer gewesen, da wir ihn zuletzt
wieder ffnen und die Hlfte zurcklassen muten, aber wir kamen nach einer
halben Stunde wieder und holten auch sie noch.

Als ich fertig war, hoffte ich auf einigen Beifall, ich war zuletzt warm
geworden und hatte mich am Fabulieren berauscht. Die beiden Kleinern
schwiegen abwartend, Franz Kromer aber sah mich aus halb zugekniffenen
Augen durchdringend an und fragte mit drohender Stimme: Ist das wahr?

Jawohl, sagte ich.

Also wirklich und wahrhaftig?

Ja, wirklich und wahrhaftig, beteuerte ich trotzig, whrend ich innerlich
vor Angst erstickte.

Kannst du schwren?

Ich erschrak sehr, aber ich sagte sofort Ja.

Also sag: Bei Gott und Seligkeit!

Ich sagte: Bei Gott und Seligkeit.

Na ja, meinte er dann und wandte sich ab.

Ich dachte, damit sei es gut, und war froh, als er sich bald erhob und den
Rckweg einschlug. Als wir auf der Brcke waren, sagte ich schchtern, ich
msse jetzt nach Hause.

Das wird nicht so pressieren, lachte Franz, wir haben ja den gleichen
Weg.

Langsam schlenderte er weiter, und ich wagte nicht auszureien, aber er
ging wirklich den Weg gegen unser Haus. Als wir dort waren, als ich unsre
Haustr sah und den dicken messingenen Drcker, die Sonne in den Fenstern
und die Vorhnge im Zimmer meiner Mutter, da atmete ich tief auf. O
Heimkehr! O gute, gesegnete Rckkunft nach Hause, ins Helle, in den
Frieden!

Als ich schnell die Tr geffnet hatte und hineinschlpfte, bereit, sie
hinter mir zuzuschlagen, da drngte Franz Kromer sich mit hinein. Im
khlen, dsteren Fliesengang, der nur vom Hof her Licht bekam, stand er bei
mir, hielt mich am Arm und sagte leise: Nicht so pressieren, du!

Erschrocken sah ich ihn an. Sein Griff um meinen Arm war fest wie Eisen.
Ich berlegte, was er im Sinn haben knnte, und ob er mich etwa mihandeln
wolle. Wenn ich jetzt schreien wrde, dachte ich, laut und heftig schreien,
ob dann wohl schnell genug jemand von droben dasein wrde, um mich zu
retten? Aber ich gab es auf.

Was ist? fragte ich, was willst du?

Nicht viel. Ich mu dich blo noch etwas fragen. Die andern brauchen das
nicht zu hren.

So? Ja, was soll ich dir noch sagen? Ich mu hinauf, weit du.

Du weit doch, sagte Franz leise, wem der Obstgarten bei der Eckmhle
gehrt?

Nein, ich wei nicht. Ich glaube, dem Mller.

Franz hatte den Arm um mich geschlungen und zog mich nun ganz dicht zu sich
heran, da ich ihm aus nchster Nhe ins Gesicht sehen mute. Seine Augen
waren bse, er lchelte schlimm, und sein Gesicht war voll Grausamkeit und
Macht.

Ja, mein Junge, ich kann dir schon sagen, wem der Garten gehrt. Ich wei
schon lang, da die pfel gestohlen sind, und ich wei auch, da der Mann
gesagt hat, er gebe jedem zwei Mark, der ihm sagen kann, wer das Obst
gestohlen hat.

Lieber Gott! rief ich. Aber du wirst ihm doch nichts sagen?

Ich fhlte, da es unntz sein wrde, mich an sein Ehrgefhl zu wenden. Er
war aus der andern Welt, fr ihn war Verrat kein Verbrechen. Ich fhlte das
genau. In diesen Sachen waren die Leute aus der anderen Welt nicht wie
wir.

Nichts sagen? lachte Kromer. Lieber Freund, meinst du denn, ich sei ein
Falschmnzer, da ich mir selber Zweimarkstcke machen kann? Ich bin ein
armer Kerl, ich habe keinen reichen Vater wie du, und wenn ich zwei Mark
verdienen kann, mu ich sie verdienen. Vielleicht gibt er sogar mehr.

Er lie mich pltzlich wieder los. Unsre Hausflur roch nicht mehr nach
Frieden und Sicherheit, die Welt brach um mich zusammen. Er wrde mich
anzeigen, ich war ein Verbrecher, man wrde es dem Vater sagen, vielleicht
wrde sogar die Polizei kommen. Alle Schrecken des Chaos drohten mir, alles
Hliche und Gefhrliche war gegen mich aufgeboten. Da ich gar nicht
gestohlen hatte, war ganz ohne Belang. Ich hatte auerdem geschworen. Mein
Gott, mein Gott!

Trnen stiegen mir auf. Ich fhlte, da ich mich loskaufen msse, und griff
verzweifelt in alle meine Taschen. Kein Apfel, kein Taschenmesser, gar
nichts war da. Da fiel meine Uhr mir ein. Es war eine alte Silberuhr, und
sie ging nicht, ich trug sie nur so. Sie stammte von unsrer Gromutter.
Schnell zog ich sie heraus.

Kromer, sagte ich, hr, du mut mich nicht angeben, das wre nicht schn
von dir. Ich will dir meine Uhr schenken, sieh da; ich habe leider sonst
gar nichts. Du kannst sie haben, sie ist aus Silber, und das Werk ist gut,
sie hat nur einen kleinen Fehler, man mu sie reparieren.

Er lchelte und nahm die Uhr in seine groe Hand. Ich sah auf diese Hand
und fhlte, wie roh und tief feindlich sie mir war, wie sie nach meinem
Leben und Frieden griff.

Sie ist aus Silber -- sagte ich schchtern.

Ich pfeife auf dein Silber und auf deine alte Uhr da! sagte er mit tiefer
Verachtung. La du sie nur selber reparieren!

Aber Franz, rief ich zitternd vor Angst, er mchte weglaufen. Warte doch
ein wenig! Nimm doch die Uhr! Sie ist wirklich aus Silber, wirklich und
wahr. Und ich habe ja nichts anderes.

Er sah mich khl und verchtlich an.

Also du weit, zu wem ich gehe. Oder ich kann es auch der Polizei sagen,
den Wachtmeister kenne ich gut.

Er wandte sich zum Gehen. Ich hielt ihn am rmel zurck. Es durfte nicht
sein. Ich wre viel lieber gestorben als alles das zu ertragen, was kommen
wrde, wenn er so fortginge.

Franz, flehte ich heiser vor Erregung, mach doch keine dummen Sachen!
Gelt, es ist blo ein Spa?

Jawohl, ein Spa, aber fr dich kann er teuer werden.

Sag mir doch, Franz, was ich tun soll! Ich will ja alles tun!

Er musterte mich mit seinen eingekniffenen Augen und lachte wieder.

Sei doch nicht dumm! sagte er mit falscher Gutmtigkeit. Du weit ja so
gut Bescheid wie ich. Ich kann zwei Mark verdienen, und ich bin kein
reicher Mann, da ich die wegwerfen kann, das weit du. Du bist aber reich,
du hast sogar eine Uhr. Du brauchst mir blo die zwei Mark zu geben, dann
ist alles gut.

Ich begriff die Logik. Aber zwei Mark! Das war fr mich so viel und
unerreichbar wie zehn, wie hundert, wie tausend Mark. Ich hatte kein Geld.
Es gab ein Sparkstlein, das bei meiner Mutter stand, da waren von
Onkelbesuchen und solchen Anlssen her ein paar Zehn- und Fnfpfennigstcke
drin. Sonst hatte ich nichts. Taschengeld bekam ich in jenem Alter noch
keines.

Ich habe nichts, sagte ich traurig. Ich habe gar kein Geld. Aber sonst
will ich dir alles geben. Ich habe ein Indianerbuch, und Soldaten, und
einen Kompa. Ich will ihn dir holen.

Kromer zuckte nur mit dem khnen, bsen Mund und spuckte auf den Boden.

Mach kein Geschwtz! sagte er befehlend. Deinen Lumpenkram kannst du
behalten. Einen Kompa! Mach mich jetzt nicht noch bs, hrst du, und gib
das Geld her!

Aber ich habe keins, ich kriege nie Geld. Ich kann doch nichts dafr!

Also dann bringst du mir morgen die zwei Mark. Ich warte nach der Schule
unten am Markt. Damit fertig. Wenn du kein Geld bringst, wirst du ja
sehen!

Ja, aber woher soll ich's denn nehmen? Herrgott, wenn ich doch keins habe
--

Es ist Geld genug bei euch im Haus. Das ist deine Sache. Also morgen nach
der Schule. Und ich sage dir: wenn du es nicht bringst -- Er scho mir
einen furchtbaren Blick ins Auge, spuckte nochmals aus und war wie ein
Schatten verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Ich konnte nicht hinaufgehen. Mein Leben war zerstrt. Ich dachte daran,
fortzulaufen und nie mehr wiederzukommen, oder mich zu ertrnken. Doch
waren das keine deutlichen Bilder. Ich setzte mich im Dunkel auf die
unterste Stufe unsrer Haustreppe, kroch eng in mich zusammen und gab mich
dem Unglck hin. Dort fand Lina mich weinend, als sie mit einem Korb
herunterkam, um Holz zu holen.

Ich bat sie, droben nichts zu sagen, und ging hinauf. Am Rechen neben der
Glastre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner Mutter,
Heimat und Zrtlichkeit strmte mir von allen diesen Dingen entgegen, mein
Herz begrte sie flehend und dankbar wie der verlorene Sohn den Anblick
und Geruch der alten heimatlichen Stuben. Aber das alles gehrte mir jetzt
nicht mehr, das alles war lichte Vater- und Mutterwelt, und ich war tief
und schuldvoll in die fremde Flut versunken, in Abenteuer und Snde
verstrickt, vom Feind bedroht und von Gefahren, Angst und Schande erwartet.
Der Hut und Sonnenschirm, der gute alte Sandsteinboden, das groe Bild
berm Flurschrank, und drinnen aus dem Wohnzimmer her die Stimme meiner
lteren Schwester, das alles war lieber, zarter und kstlicher als je, aber
es war nicht Trost mehr und sicheres Gut, es war lauter Vorwurf. Dies alles
war nicht mehr mein, ich konnte an seiner Heiterkeit und Stille nicht
teilhaben. Ich trug Schmutz an meinen Fen, den ich nicht an der Matte
abstreifen konnte, ich brachte Schatten mit mir, von denen die Heimatwelt
nicht wute. Wieviel Geheimnisse hatte ich schon gehabt, wieviel
Bangigkeit, aber es war alles Spiel und Spa gewesen gegen das, was ich
heut mit mir in diese Rume brachte. Schicksal lief mir nach, Hnde waren
nach mir ausgestreckt, vor denen auch die Mutter mich nicht schtzen
konnte, von denen sie nicht wissen durfte. Ob nun mein Verbrechen ein
Diebstahl war oder eine Lge (hatte ich nicht einen falschen Eid bei Gott
und Seligkeit geschworen?) -- das war einerlei. Meine Snde war nicht dies
oder das, meine Snde war, da ich dem Teufel die Hand gegeben hatte. Warum
war ich mitgegangen? Warum hatte ich dem Kromer gehorcht, besser als je
meinem Vater? Warum hatte ich die Geschichte von jenem Diebstahl erlogen?
Mich mit Verbrechen gebrstet, als wren es Heldentaten? Nun hielt der
Teufel meine Hand, nun war der Feind hinter mir her.

Fr einen Augenblick empfand ich nicht mehr Furcht vor morgen, sondern vor
allem die schreckliche Gewiheit, da mein Weg jetzt immer weiter bergab
und ins Finstere fhre. Ich sprte deutlich, da aus meinem Vergehen neue
Vergehen folgen muten, da mein Erscheinen bei den Geschwistern, mein Gru
und Ku an die Eltern Lge war, da ich ein Schicksal und Geheimnis mit mir
trug, das ich ihnen verbarg.

Einen Augenblick blitzte Vertrauen und Hoffnung in mir auf, da ich den Hut
meines Vaters betrachtete. Ich wrde ihm alles sagen, wrde sein Urteil und
seine Strafe auf mich nehmen und ihn zu meinem Mitwisser und Retter machen.
Es wrde nur eine Bue sein, wie ich sie oft bestanden hatte, eine schwere
bittere Stunde, eine schwere und reuevolle Bitte um Verzeihung.

Wie s das klang! Wie schn das lockte! Aber es war nichts damit. Ich
wute, da ich es nicht tun wrde. Ich wute, da ich jetzt ein Geheimnis
hatte, eine Schuld, die ich allein und selber ausfressen mute. Vielleicht
war ich gerade jetzt auf dem Scheidewege, vielleicht wrde ich von dieser
Stunde an fr immer und immer dem Schlechten angehren, Geheimnisse mit
Bsen teilen, von ihnen abhngen, ihnen gehorchen, ihresgleichen werden
mssen. Ich hatte den Mann und Helden gespielt, jetzt mute ich tragen, was
daraus folgte.

Es war mir lieb, da mein Vater sich, als ich eintrat, ber meine nassen
Schuhe aufhielt. Es lenkte ab, er bemerkte das Schlimmere nicht, und ich
durfte einen Vorwurf ertragen, den ich heimlich mit auf das andere bezog.
Dabei funkelte ein sonderbar neues Gefhl in mir auf, ein bses und
schneidendes Gefhl voll Widerhaken: ich fhlte mich meinem Vater
berlegen! Ich fhlte, einen Augenblick lang, eine gewisse Verachtung fr
seine Unwissenheit, sein Schelten ber die nassen Stiefel schien mir
kleinlich. Wenn du wtest! dachte ich, und kam mir vor wie ein
Verbrecher, den man wegen einer gestohlenen Semmel verhrt, whrend er
Morde zu gestehen htte. Es war ein hliches und widriges Gefhl, aber es
war stark und hatte einen tiefen Reiz, und es kettete mich fester als jeder
andere Gedanke an mein Geheimnis und meine Schuld. Vielleicht, dachte ich,
ist der Kromer jetzt schon zur Polizei gegangen und hat mich angegeben, und
Gewitter ziehen sich ber mir zusammen, whrend man mich hier wie ein
kleines Kind betrachtet!

Von diesem ganzen Erlebnis, soweit es bis hier erzhlt ist, war dieser
Augenblick das Wichtige und Bleibende. Es war ein erster Ri in die
Heiligkeit des Vaters, es war ein erster Schnitt in die Pfeiler, auf denen
mein Kinderleben geruht hatte, und die jeder Mensch, ehe er er selbst
werden kann, zerstrt haben mu. Aus diesen Erlebnissen, die niemand sieht,
besteht die innere, wesentliche Linie unsres Schicksals. Solch ein Schnitt
und Ri wchst wieder zu, er wird verheilt und vergessen, in der geheimsten
Kammer aber lebt und blutet er weiter.

Mir selbst graute sofort vor dem neuen Gefhl, ich htte meinem Vater
gleich darauf die Fe kssen mgen, um es ihm abzubitten. Man kann aber
nichts Wesentliches abbitten, und das fhlt und wei ein Kind so gut und
tief wie jeder Weise.

Ich fhlte die Notwendigkeit, ber meine Sache nachzudenken, auf Wege fr
morgen zu sinnen; aber ich kam nicht dazu. Ich hatte den ganzen Abend
einzig damit zu tun, mich an die vernderte Luft in unsrem Wohnzimmer zu
gewhnen. Wanduhr und Tisch, Bibel und Spiegel, Bcherbord und Bilder an
der Wand nahmen gleichsam Abschied von mir, ich mute mit erfrierendem
Herzen zusehen, wie meine Welt, wie mein gutes, glckliches Leben
Vergangenheit wurde und sich von mir ablste, und mute spren, wie ich mit
neuen, saugenden Wurzeln drauen im Finstern und Fremden verankert und
festgehalten war. Zum erstenmal kostete ich den Tod, und der Tod schmeckt
bitter, denn er ist Geburt, ist Angst und Bangnis vor furchtbarer Neuerung.

Ich war froh, als ich endlich in meinem Bette lag! Zuvor als letztes
Fegefeuer war die Abendandacht ber mich ergangen, und wir hatten dazu ein
Lied gesungen, das zu meinen liebsten gehrte. Ach, ich sang nicht mit, und
jeder Ton war Galle und Gift fr mich. Ich betete nicht mit, als mein Vater
den Segen sprach, und als er endete: -- sei mit uns allen!, da ri eine
Zuckung mich aus diesem Kreise fort. Die Gnade Gottes war mit ihnen allen,
aber nicht mehr mit mir. Kalt und tief ermdet ging ich weg.

Im Bett, als ich eine Weile gelegen war, als Wrme und Geborgenheit mich
liebevoll umgab, irrte mein Herz in der Angst noch einmal zurck, flatterte
bang um das Vergangene. Meine Mutter hatte mir wie immer gute Nacht gesagt,
ihr Schritt klang noch im Zimmer nach, der Schein ihrer Kerze glhte noch
im Trspalt. Jetzt, dachte ich, jetzt kommt sie noch einmal zurck -- sie
hat es gefhlt, sie gibt mir einen Ku und fragt, fragt gtig und
verheiungsvoll, und dann kann ich weinen, dann schmilzt mir der Stein im
Halse, dann umschlinge ich sie und sage es ihr, und dann ist es gut, dann
ist Rettung da! Und als der Trspalt schon dunkel geworden war, horchte ich
noch eine Weile und meinte, es msse und msse geschehen.

Dann kehrte ich zu den Dingen zurck und sah meinem Feind ins Auge. Ich sah
ihn deutlich, das eine Auge hatte er eingekniffen, sein Mund lachte roh,
und indem ich ihn ansah und das Unentrinnbare in mich fra, wurde er grer
und hlicher, und sein bses Auge blitzte teufelhaft. Er war dicht bei
mir, bis ich einschlief, dann aber trumte ich nicht von ihm und nicht von
heute, sondern mir trumte, wir fhren in einem Boot, die Eltern und
Schwestern und ich, und es umgab uns lauter Friede und Glanz eines
Ferientages. Mitten in der Nacht erwachte ich, fhlte noch den
Nachgeschmack der Seligkeit, sah noch die weien Sommerkleider meiner
Schwestern in der Sonne schimmern und fiel aus allem Paradies zurck in
das, was war, und stand dem Feind mit dem bsen Auge wieder gegenber.

Am Morgen, als meine Mutter eilig kam und rief, es sei schon spt und warum
ich noch im Bett liege, sah ich schlecht aus, und als sie fragte, ob mir
etwas fehle, erbrach ich mich.

Damit schien etwas gewonnen. Ich liebte es sehr, ein wenig krank zu sein
und einen Morgen lang bei Kamillentee liegenbleiben zu drfen, zuzuhren,
wie die Mutter im Nebenzimmer aufrumte, und wie Lina drauen in der Flur
den Metzger empfing. Der Vormittag ohne Schule war etwas Verzaubertes und
Mrchenhaftes, die Sonne spielte dann ins Zimmer, und war nicht dieselbe
Sonne, gegen die man in der Schule die grnen Vorhnge herablie. Aber auch
das schmeckte heute nicht und hatte einen falschen Klang bekommen.

Ja wenn ich gestorben wre! Aber ich war nur so ein wenig unwohl, wie schon
oft, und damit war nichts getan. Das schtzte mich vor der Schule, aber es
schtzte mich keineswegs vor Kromer, der um elf Uhr am Markt auf mich
wartete. Und die Freundlichkeit der Mutter war diesmal ohne Trost; sie war
lstig und tat weh. Ich stellte mich bald wieder schlafend und dachte nach.
Es half alles nichts, ich mute um elf Uhr am Markt sein. Darum stand ich
um zehn Uhr leise auf und sagte, da mir wieder wohl geworden sei. Es hie,
wie gewhnlich in solchen Fllen, da ich entweder wieder zu Bette gehen
oder am Nachmittag in die Schule gehen msse. Ich sagte, da ich gern zur
Schule gehe. Ich hatte mir einen Plan gemacht.

Ohne Geld durfte ich nicht zu Kromer kommen. Ich mute die kleine
Sparbchse an mich bekommen, die mir gehrte. Es war nicht genug Geld
darin, das wute ich, lange nicht genug; aber etwas war es doch, und eine
Witterung sagte mir, da etwas besser sei als nichts und Kromer wenigstens
begtigt werden msse.

Es war mir schlimm zumute, als ich auf Socken in das Zimmer meiner Mutter
schlich und aus ihrem Schreibtisch meine Bchse nahm; aber so schlimm wie
das Gestrige war es nicht. Das Herzklopfen wrgte mich, und es wurde nicht
besser, als ich drunten im Treppenhaus beim ersten Untersuchen fand, da
die Bchse verschlossen war. Es ging sehr leicht, sie aufzubrechen, es war
nur ein dnnes Blechgitter zu durchreien; aber der Ri tat weh, erst damit
hatte ich Diebstahl begangen. Bis dahin hatte ich nur genascht,
Zuckerstcke und Obst. Dies nun war gestohlen, obwohl es mein eigenes Geld
war. Ich sprte, wie ich wieder einen Schritt nher bei Kromer und seiner
Welt war, wie es so hbsch Zug um Zug abwrts ging, und setzte Trotz
dagegen. Mochte mich der Teufel holen, jetzt ging kein Weg mehr zurck. Ich
zhlte das Geld mit Angst, es hatte in der Bchse so voll geklungen, nun in
der Hand war es elend wenig. Es waren fnfundsechzig Pfennige. Ich
versteckte die Bchse in der untern Flur, hielt das Geld in der
geschlossenen Hand und trat aus dem Hause, anders als ich je durch dieses
Tor gegangen war. Oben rief jemand nach mir, wie mir schien; ich ging
schnell davon.

Es war noch viel Zeit, ich drckte mich auf Umwegen durch die Gassen einer
vernderten Stadt, unter niegesehenen Wolken hin, an Husern vorbei, die
mich ansahen, und an Menschen, die Verdacht auf mich hatten. Unterwegs fiel
mir ein, da ein Schulkamerad von mir einmal auf dem Viehmarkt einen Taler
gefunden hatte. Gern htte ich gebetet, da Gott ein Wunder tun und mich
auch einen solchen Fund machen lassen mge. Aber ich hatte kein Recht mehr
zu beten. Und auch dann wre die Bchse nicht wieder ganz geworden.

Franz Kromer sah mich von weitem, doch kam er ganz langsam auf mich zu und
schien nicht auf mich zu achten. Als er in meiner Nhe war, gab er mir
einen befehlenden Wink, da ich ihm folgen solle, und ging, ohne sich ein
einzigesmal umzusehen, ruhig weiter, die Strohgasse hinab und ber den
Steg, bis er bei den letzten Husern vor einem Neubau hielt. Es wurde dort
nicht gearbeitet, die Mauern standen kahl ohne Tren und Fenster. Kromer
sah sich um und ging durch die Tr hinein, ich ihm nach. Er trat hinter die
Mauer, winkte mich zu sich und streckte die Hand aus.

Hast du's? fragte er khl.

Ich zog die geballte Hand aus der Tasche und schttete mein Geld in seine
flache Hand. Er hatte es gezhlt, noch eh der letzte Fnfer ausgeklungen
hatte.

Das sind fnfundsechzig Pfennig, sagte er und sah mich an.

Ja, sagte ich schchtern. Das ist alles, was ich habe, es ist zu wenig,
ich wei wohl. Aber es ist alles. Ich habe nicht mehr.

Ich htte dich fr gescheiter gehalten, schalt er mit einem beinah milden
Tadel. Unter Ehrenmnnern soll Ordnung sein. Ich will dir nichts abnehmen,
was nicht recht ist, das weit du. Nimm deine Nickel wieder, da! Der andere
-- du weit, wer -- versucht nicht, mich herunter zu handeln. Der zahlt.

Aber ich habe und habe nicht mehr! Es war meine Sparkasse.

Das ist deine Sache. Aber ich will dich nicht unglcklich machen. Du bist
mir noch eine Mark und fnfunddreiig Pfennig schuldig. Wann krieg' ich
die?

O, du kriegst sie gewi, Kromer! Ich wei jetzt nicht -- vielleicht habe
ich bald mehr, morgen, oder bermorgen. Du begreifst doch, da ich es
meinem Vater nicht sagen kann.

Das geht mich nichts an. Ich bin nicht so, da ich dir schaden will. Ich
knnte ja mein Geld noch vor Mittag haben, siehst du, und ich bin arm. Du
hast schne Kleider an, und du kriegst was Besseres zu Mittag zu essen als
ich. Aber ich will nichts sagen. Ich will meinetwegen ein wenig warten.
bermorgen pfeife ich dir, am Nachmittag, dann bringst du es in Ordnung. Du
kennst meinen Pfiff?

Er pfiff ihn mir vor, ich hatte ihn oft gehrt.

Ja, sagte ich, ich wei.

Er ging weg, als gehrte ich nicht zu ihm. Es war ein Geschft zwischen uns
gewesen, weiter nichts.

                   *       *       *       *       *

Noch heute, glaube ich, wrde Kromers Pfiff mich erschrecken machen, wenn
ich ihn pltzlich wieder hrte. Ich hrte ihn von nun an oft, mir schien,
ich hre ihn immer und immerzu. Kein Ort, kein Spiel, keine Arbeit, kein
Gedanke, wohin dieser Pfiff nicht drang, der mich abhngig machte, der
jetzt mein Schicksal war. Oft war ich in unsrem kleinen Blumengarten, den
ich sehr liebte, an den sanften farbigen Herbstnachmittagen, und ein
sonderbarer Trieb hie mich, Knabenspiele frherer Epochen wieder
aufzunehmen; ich spielte gewissermaen einen Knaben, der jnger war als
ich, der noch gut und frei, unschuldig und geborgen war. Aber mitten
hinein, immer erwartet und immer doch entsetzlich aufstrend und
berraschend, klang der Kromersche Pfiff von irgendwoher, schnitt den Faden
ab, zerstrte die Einbildungen. Dann mute ich gehen, mute meinem Peiniger
an schlechte und hliche Orte folgen, mute ihm Rechenschaft ablegen und
mich um Geld mahnen lassen. Das Ganze hat vielleicht einige Wochen
gedauert, mir schien es aber, es seien Jahre, es sei eine Ewigkeit. Selten
hatte ich Geld, einen Fnfer oder einen Groschen, der vom Kchentisch
gestohlen war, wenn Lina den Marktkorb dort stehen lie. Jedesmal wurde ich
von Kromer gescholten und mit Verachtung berhuft; ich war es, der ihn
betrgen und ihm sein gutes Recht vorenthalten wollte, ich war es, der ihn
bestahl, ich war es, der ihn unglcklich machte! Nicht oft im Leben ist mir
die Not so nah ans Herz gestiegen, selten habe ich grere
Hoffnungslosigkeit, grere Abhngigkeit gefhlt.

Die Sparbchse hatte ich mit Spielmarken gefllt und wieder an ihren Ort
gestellt, niemand fragte danach. Aber auch das konnte jeden Tag ber mich
hereinbrechen. Noch mehr als vor Kromers rohem Pfiff frchtete ich mich oft
vor der Mutter, wenn sie leise zu mir trat -- kam sie nicht, um mich nach
der Bchse zu fragen?

Da ich viele Male ohne Geld bei meinem Teufel erschienen war, fing er an,
mich auf andere Art zu qulen und zu benutzen. Ich mute fr ihn arbeiten.
Er hatte fr seinen Vater Ausgnge zu besorgen, ich mute sie fr ihn
besorgen. Oder er trug mir auf, etwas Schwieriges zu vollfhren, zehn
Minuten lang auf einem Bein zu hpfen, einem Vorbergehenden einen
Papierwisch an den Rock zu heften. In Trumen vieler Nchte setzte ich
diese Plagen fort und lag im Schwei des Alpdruckes.

Eine Zeitlang wurde ich krank. Ich erbrach oft und hatte leicht kalt,
nachts aber lag ich in Schwei und Hitze. Meine Mutter fhlte, da etwas
nicht richtig sei, und zeigte mir viel Teilnahme, die mich qulte, weil ich
sie nicht mit Vertrauen erwidern konnte.

Einmal brachte sie mir am Abend, als ich schon im Bett war, ein Stckchen
Schokolade. Es war ein Anklang an frhere Jahre, wo ich abends, wenn ich
brav gewesen war, oft zum Einschlafen solche Trostbissen bekommen hatte.
Nun stand sie da und hielt mir das Stckchen Schokolade hin. Mir war so
weh, da ich nur den Kopf schtteln konnte. Sie fragte, was mir fehle, sie
streichelte mir das Haar. Ich konnte nur herausstoen: Nicht! Nicht! Ich
will nichts haben. Sie legte die Schokolade auf den Nachttisch und ging.
Als sie mich andern Tages darber ausfragen wollte, tat ich, als wte ich
nichts mehr davon. Einmal brachte sie mir den Doktor, der mich untersuchte
und mir kalte Waschungen am Morgen verschrieb.

Mein Zustand zu jener Zeit war eine Art von Irrsinn. Mitten im geordneten
Frieden unseres Hauses lebte ich scheu und gepeinigt wie ein Gespenst,
hatte nicht teil am Leben der andern, verga mich selten fr eine Stunde.
Gegen meinen Vater, der mich oft gereizt zur Rede stellte, war ich
verschlossen und kalt.




Zweites Kapitel
Kain


Die Rettung aus meinen Qualen kam von ganz unerwarteter Seite, und zugleich
mit ihr kam etwas Neues in mein Leben, das bis heute fort gewirkt hat.

In unsere Lateinschule war vor kurzem ein neuer Schler eingetreten. Er war
der Sohn einer wohlhabenden Witwe, die in unsere Stadt gezogen war, und er
trug einen Trauerflor um den rmel. Er ging in eine hhere Klasse als ich
und war mehrere Jahre lter, aber auch mir fiel er bald auf, wie allen.
Dieser merkwrdige Schler schien viel lter zu sein als er aussah, auf
niemanden machte er den Eindruck eines Knaben. Zwischen uns kindischen
Jungen bewegte er sich fremd und fertig wie ein Mann, vielmehr wie ein
Herr. Beliebt war er nicht, er nahm nicht an den Spielen, noch weniger an
Raufereien teil, nur sein selbstbewuter und entschiedener Ton gegen die
Lehrer gefiel den andern. Er hie Max Demian.

Eines Tages traf es sich, wie es in unsrer Schule hie und da vorkam, da
aus irgendwelchen Grnden noch eine zweite Klasse in unser sehr groes
Schulzimmer gesetzt wurde. Es war die Klasse Demians. Wir Kleinen hatten
biblische Geschichte, die Groen muten einen Aufsatz machen. Whrend man
uns die Geschichte von Kain und Abel einblute, sah ich viel zu Demian
hinber, dessen Gesicht mich eigentmlich faszinierte, und sah dies kluge,
helle, ungemein feste Gesicht aufmerksam und geistvoll ber seine Arbeit
gebeugt; er sah gar nicht aus wie ein Schler, der eine Aufgabe macht,
sondern wie ein Forscher, der eigenen Problemen nachgeht. Angenehm war er
mir eigentlich nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas gegen ihn, er
war mir zu berlegen und khl, er war mir allzu herausfordernd sicher in
seinem Wesen, und seine Augen hatten den Ausdruck der Erwachsenen -- den
die Kinder nie lieben -- ein wenig traurig mit Blitzen von Spott darin.
Doch mute ich ihn immerfort ansehen, er mochte mir lieb oder leid sein;
kaum aber blickte er einmal auf mich, so zog ich meinen Blick erschrocken
zurck. Wenn ich es mir heute berlege, wie er damals als Schler aussah,
so kann ich sagen: er war in jeder Hinsicht anders als alle, war durchaus
eigen und persnlich gestempelt, und fiel darum auf -- zugleich aber tat er
alles, um nicht aufzufallen, trug und benahm sich wie ein verkleideter
Prinz, der unter Bauernbuben ist und sich jede Mhe gibt, ihresgleichen zu
scheinen.

Auf dem Heimweg von der Schule ging er hinter mir. Als die anderen sich
verlaufen hatten, berholte er mich und grte. Auch dies Gren, obwohl er
unsern Schuljungenton dabei nachmachte, war so erwachsen und hflich.

Gehen wir ein Stck weit zusammen? fragte er freundlich. Ich war
geschmeichelt und nickte. Dann beschrieb ich ihm, wo ich wohne.

Ah, dort? sagte er lchelnd. Das Haus kenne ich schon. ber eurer
Haustr ist so ein merkwrdiges Ding angebracht, das hat mich gleich
interessiert.

Ich wute gar nicht gleich, was er meine, und war erstaunt, da er unser
Haus besser zu kennen schien als ich. Es war wohl als Schlustein ber der
Torwlbung eine Art Wappen vorhanden, doch war es im Lauf der Zeiten flach
und oftmals mit Farbe berstrichen worden, mit uns und unsrer Familie hatte
es, soviel ich wute, nichts zu tun.

Ich wei nichts darber, sagte ich schchtern. Es ist ein Vogel oder so
was hnliches, es mu ganz alt sein. Das Haus soll frher einmal zum
Kloster gehrt haben.

Das kann schon sein, nickte er. Sieh dir's einmal gut an! Solche Sachen
sind oft ganz interessant. Ich glaube, da es ein Sperber ist.

Wir gingen weiter, ich war sehr befangen. Pltzlich lachte Demian, als
falle ihm etwas Lustiges ein.

Ja, ich habe ja da eurer Stunde beigewohnt, sagte er lebhaft. Die
Geschichte von Kain, der das Zeichen auf der Stirn trug, nicht wahr?
Gefllt sie dir?

Nein, gefallen hatte mir selten irgend etwas von all dem, was wir lernen
muten. Ich wagte es aber nicht zu sagen, es war, als rede ein Erwachsener
mit mir. Ich sagte, die Geschichte gefalle mir ganz gut.

Demian klopfte mir auf die Schulter.

Du brauchst mir nichts vorzumachen, Lieber. Aber die Geschichte ist
tatschlich recht merkwrdig, ich glaube, sie ist viel merkwrdiger als die
meisten andern, die im Unterricht vorkommen. Der Lehrer hat ja nicht viel
darber gesagt, nur so das bliche ber Gott und die Snde und so weiter.
Aber ich glaube -- er unterbrach sich, lchelte und fragte: Interessiert
es dich aber?

Ja, ich glaube also, fuhr er fort, man kann diese Geschichte von Kain
auch ganz anders auffassen. Die meisten Sachen, die man uns lehrt, sind
gewi ganz wahr und richtig, aber man kann sie alle auch anders ansehen,
als die Lehrer es tun, und meistens haben sie dann einen viel besseren
Sinn. Mit diesem Kain zum Beispiel und mit dem Zeichen auf seiner Stirn
kann man doch nicht recht zufrieden sein, so wie er uns erklrt wird.
Findest du nicht auch? Da einer seinen Bruder im Streit totschlgt, kann
ja gewi passieren, und da er nachher Angst kriegt und klein beigibt, ist
auch mglich. Da er aber fr seine Feigheit extra mit einem Orden
ausgezeichnet wird, der ihn schtzt und allen andern Angst einjagt, ist
doch recht sonderbar.

Freilich, sagte ich interessiert: die Sache begann mich zu fesseln. Aber
wie soll man die Geschichte anders erklren?

Er schlug mir auf die Schulter.

Ganz einfach! Das, was vorhanden war und womit die Geschichte ihren Anfang
genommen hat, war das Zeichen. Es war da ein Mann, der hatte etwas im
Gesicht, was den andern Angst machte. Sie wagten nicht ihn anzurhren, er
imponierte ihnen, er und seine Kinder. Vielleicht, oder sicher, war es aber
nicht wirklich ein Zeichen auf der Stirn, so wie ein Poststempel, so grob
geht es im Leben selten zu. Viel eher war es etwas kaum wahrnehmbares
Unheimliches, ein wenig mehr Geist und Khnheit im Blick, als die Leute
gewohnt waren. Dieser Mann hatte Macht, vor diesem Mann scheute man sich.
Er hatte ein >Zeichen<. Man konnte das erklren, wie man wollte. Und >man<
will immer das, was einem bequem ist und recht gibt. Man hatte Furcht vor
den Kainskindern, sie hatten ein >Zeichen<. Also erklrte man das Zeichen
nicht als das, was es war, als eine Auszeichnung, sondern als das
Gegenteil. Man sagte, die Kerls mit diesem Zeichen seien unheimlich, und
das waren sie auch. Leute mit Mut und Charakter sind den anderen Leuten
immer sehr unheimlich. Da da ein Geschlecht von Furchtlosen und
Unheimlichen herumlief, war sehr unbequem, und nun hngte man diesem
Geschlecht einen bernamen und eine Fabel an, um sich an ihm zu rchen, um
sich fr alle die ausgestandne Furcht ein bichen schadlos zu halten. --
Begreifst du?

Ja -- das heit -- dann wre ja Kain also gar nicht bse gewesen? Und die
ganze Geschichte in der Bibel wre eigentlich gar nicht wahr?

Ja und nein. So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie sind
nicht immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklrt, wie es
richtig wre. Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und blo,
weil man Angst vor ihm hatte, hngte man ihm diese Geschichte an. Die
Geschichte war einfach ein Gercht, so etwas, was die Leute herumschwtzen,
und es war insofern ganz wahr, als Kain und seine Kinder ja wirklich eine
Art >Zeichen< trugen und anders waren als die meisten Leute.

Ich war sehr erstaunt.

Und dann glaubst du, da auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr ist?
fragte ich ergriffen.

O doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen erschlagen.
Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es ist nicht
wichtig, schlielich sind alle Menschen Brder. Also ein Starker hat einen
Schwachen totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat, vielleicht auch
nicht. Jedenfalls aber waren die andern Schwachen jetzt voller Angst, sie
beklagten sich sehr, und wenn man sie fragte: >Warum schlaget ihr ihn nicht
einfach auch tot?< dann sagten sie nicht: >Weil wir Feiglinge sind,<
sondern sie sagten: >Man kann nicht. Er hat ein Zeichen. Gott hat ihn
gezeichnet!< Etwa so mu der Schwindel entstanden sein. -- Na, ich halte
dich auf. Adieu denn!

Er bog in die Altgasse ein und lie mich allein, verwunderter als ich je
gewesen war. Kaum war er weg, so erschien mir alles, was er gesagt hatte,
ganz unglaublich! Kain ein edler Mensch, Abel ein Feigling! Das
Kainszeichen eine Auszeichnung! Es war absurd, es war gotteslsterlich und
ruchlos. Wo blieb dann der liebe Gott? Hatte der nicht Abels Opfer
angenommen, hatte der nicht Abel lieb? -- Nein, dummes Zeug! Und ich
vermutete, Demian habe sich ber mich lustig machen und mich aufs Glatteis
locken wollen. Ein verflucht gescheiter Kerl war er ja, und reden konnte
er, aber so -- nein --

Immerhin hatte ich noch niemals ber irgendeine biblische oder andere
Geschichte so viel nachgedacht. Und hatte seit langem noch niemals den
Franz Kromer so vllig vergessen, stundenlang, einen ganzen Abend lang. Ich
las zu Hause die Geschichte noch einmal durch, wie sie in der Bibel stand,
sie war kurz und deutlich, und es war ganz verrckt, da nach einer
besonderen, geheimen Deutung zu suchen. Da knnte jeder Totschlger sich
fr Gottes Liebling erklren! Nein, es war Unsinn. Nett war blo die Art,
wie Demian solche Sachen sagen konnte, so leicht und hbsch, wie wenn alles
selbstverstndlich wre, und mit diesen Augen dazu!

Etwas freilich war ja bei mir selbst nicht in Ordnung, war sogar sehr in
Unordnung. Ich hatte in einer lichten und sauberen Welt gelebt, ich war
selber eine Art von Abel gewesen, und jetzt stak ich so tief im andern,
war so sehr gefallen und gesunken, und doch konnte ich im Grunde nicht so
sehr viel dafr! Wie war es nun damit? Ja, und jetzt blitzte eine
Erinnerung in mir herauf, die mir fr einen Augenblick fast den Atem nahm.
An jenem blen Abend, wo mein jetziges Elend angefangen hatte, da war das
mit meinem Vater gewesen, da hatte ich, einen Augenblick lang, ihn und
seine lichte Welt und Weisheit auf einmal wie durchschaut und verachtet!
Ja, da hatte ich selber, der ich Kain war und das Zeichen trug, mir
eingebildet, dies Zeichen sei keine Schande, es sei eine Auszeichnung und
ich stehe durch meine Bosheit und mein Unglck hher als mein Vater, hher
als die Guten und Frommen.

Nicht in dieser Form des klaren Gedankens war es, da ich die Sache damals
erlebte, aber alles dies war darin enthalten, es war nur ein Aufflammen von
Gefhlen, von seltsamen Regungen, welche weh taten und mich doch mit Stolz
erfllten.

Wenn ich mich besann -- wie sonderbar hatte Demian von den Furchtlosen und
den Feigen gesprochen! Wie seltsam hatte er das Zeichen auf Kains Stirne
gedeutet! Wie hatte sein Auge, sein merkwrdiges Auge eines Erwachsenen,
dabei wunderlich geleuchtet! Und es scho mir unklar durch den Kopf: -- ist
nicht er selber, dieser Demian, so eine Art Kain? Warum verteidigt er ihn,
wenn er sich nicht ihm hnlich fhlt? Warum hat er diese Macht im Blick?
Warum spricht er so hhnisch von den andern, von den Furchtsamen, welche
doch eigentlich die Frommen und Gott Wohlgeflligen sind?

Ich kam mit diesen Gedanken zu keinem Ende. Es war ein Stein in den Brunnen
gefallen, und der Brunnen war meine junge Seele. Und fr eine lange, sehr
lange Zeit war diese Sache mit Kain, dem Totschlag und dem Zeichen der
Punkt, bei dem meine Versuche zu Erkenntnis, Zweifel und Kritik alle ihren
Ausgang nahmen.

                   *       *       *       *       *

Ich merkte, da auch die andern Schler sich mit Demian viel beschftigten.
Von der Geschichte wegen Kain hatte ich niemandem etwas gesagt, aber er
schien auch andre zu interessieren. Wenigstens kamen viele Gerchte ber
den Neuen in Umlauf. Wenn ich sie nur noch alle wte, jedes wrde ein
Licht auf ihn werfen, jedes wrde zu deuten sein. Ich wei nur noch, da
zuerst verlautete, die Mutter Demians sei sehr reich. Auch sagte man, sie
gehe nie in die Kirche, und der Sohn auch nicht. Sie seien Juden, wollte
einer wissen, aber sie konnten auch heimliche Mohammedaner sein. Weiter
wurden Mrchen erzhlt von Max Demians Krperkraft. Sicher war, da er den
Strksten seiner Klasse, der ihn zum Raufen aufforderte und ihn bei seiner
Weigerung einen Feigling hie, furchtbar demtigte. Die, die dabei waren,
sagten, Demian habe ihn blo mit einer Hand am Genick genommen und fest
gedrckt, dann sei der Knabe bleich geworden, und nachher sei er
weggeschlichen und habe tagelang seinen Arm nicht mehr brauchen knnen.
Einen Abend lang hie es sogar, er sei tot. Alles wurde eine Weile
behauptet, alles geglaubt, alles war aufregend und wundersam. Dann hatte
man fr eine Weile genug. Nicht viel spter aber kamen neue Gerchte unter
uns Schlern auf, die wuten davon zu berichten, da Demian vertrauten
Umgang mit Mdchen habe und alles wisse.

Inzwischen ging meine Sache mit Franz Kromer ihren zwangslufigen Weg
weiter. Ich kam nicht von ihm los, denn wenn er mich auch zwischenein
tagelang in Ruhe lie, war ich doch an ihn gebunden. In meinen Trumen
lebte er wie mein Schatten mit, und was er mir nicht in der Wirklichkeit
antat, das lie meine Phantasie ihn in diesen Trumen tun, in denen ich
ganz und gar sein Sklave wurde. Ich lebte in diesen Trumen -- ein starker
Trumer war ich immer -- mehr als im Wirklichen, ich verlor Kraft und Leben
an diese Schatten. Unter anderem trumte ich oft, da Kromer mich
mihandelte, da er mich anspie und auf mir kniete, und, was schlimmer war,
da er mich zu schweren Verbrechen verfhrte -- vielmehr nicht verfhrte,
sondern einfach durch seinen mchtigen Einflu zwang. Der furchtbarste
dieser Trume, aus dem ich halb wahnsinnig erwachte, enthielt einen
Mordanfall auf meinen Vater. Kromer schliff ein Messer und gab es mir in
die Hand, wir standen hinter den Bumen einer Allee und lauerten auf
jemand, ich wute nicht auf wen; aber als jemand daherkam und Kromer mir
durch einen Druck auf meinen Arm sagte, der sei es, den ich erstechen
msse, da war es mein Vater. Da erwachte ich.

ber diesen Dingen dachte ich zwar wohl noch an Kain und Abel, aber wenig
mehr an Demian. Als er mir zuerst wieder nahetrat, war es merkwrdigerweise
auch in einem Traume. Nmlich ich trumte wieder von Mihandlungen und
Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer war es diesmal Demian,
der auf mir kniete. Und -- das war ganz neu und machte mir tiefen Eindruck
-- alles, was ich von Kromer unter Qual und Widerstreben erlitten hatte,
das erlitt ich von Demian gerne und mit einem Gefhl, das ebensoviel Wonne
wie Angst enthielt. Diesen Traum hatte ich zweimal, dann trat Kromer wieder
an seine Stelle.

Was ich in diesen Trumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich
lngst nicht mehr genau trennen. Jedenfalls aber nahm mein schlimmes
Verhltnis zu Kromer seinen Lauf, und war nicht etwa zu Ende, als ich dem
Knaben endlich die geschuldete Summe aus lauter kleinen Diebsthlen
abbezahlt hatte. Nein, jetzt wute er von diesen Diebsthlen, denn er
fragte mich immer, woher das Geld komme, und ich war mehr in seiner Hand
als jemals. Hufig drohte er, meinem Vater alles zu sagen, und dann war
meine Angst kaum so gro wie das tiefe Bedauern darber, da ich das nicht
von Anfang an selber getan hatte. Indessen, und so elend ich war, bereute
ich doch nicht alles, wenigstens nicht immer, und glaubte zuweilen zu
fhlen, da alles so sein msse. Ein Verhngnis war ber mir, und es war
unntz, es durchbrechen zu wollen.

Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es war
ein fremder Geist ber mich gekommen, ich pate nicht mehr in unsre
Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein rasendes
Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen berfiel. Ich wurde, namentlich von
der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein Bsewicht, aber wie
es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem Benehmen meiner beiden
Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr schonend war und mich
dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich kund, da ich eine Art von
Besessenem war, der fr seinen Zustand mehr zu beklagen als zu schelten
war, in dem aber doch eben das Bse seinen Sitz genommen hatte. Ich fhlte,
da man fr mich betete, anders als sonst, und fhlte die Vergeblichkeit
dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung, das Verlangen nach einer
richtigen Beichte sprte ich oft brennend, und empfand doch auch voraus,
da ich weder Vater noch Mutter alles richtig wrde sagen und erklren
knnen. Ich wute, man wrde es freundlich aufnehmen, man wrde mich sehr
schonen, ja bedauern, aber nicht ganz verstehen, und das Ganze wrde als
eine Art Entgleisung angesehen werden, whrend es doch Schicksal war.

Ich wei, da manche nicht glauben werden, da ein Kind von noch nicht elf
Jahren so zu fhlen vermge. Diesen erzhle ich meine Angelegenheit nicht.
Ich erzhle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der Erwachsene,
der gelernt hat, einen Teil seiner Gefhle in Gedanken zu verwandeln,
vermit diese Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die Erlebnisse seien
nicht da. Ich aber habe nur selten in meinem Leben so tief erlebt und
gelitten wie damals.

                   *       *       *       *       *

Einst war ein Regentag, ich war von meinem Peiniger auf den Burgplatz
bestellt worden, da stand ich nun und wartete und whlte mit den Fen im
nassen Kastanienlaub, das noch immerzu von den schwarzen triefenden Bumen
fiel. Geld hatte ich nicht, aber ich hatte zwei Stcke Kuchen beiseite
gebracht und trug sie bei mir, um dem Kromer wenigstens etwas geben zu
knnen. Ich war es lngst gewohnt, so irgendwo in einem Winkel zu stehen
und auf ihn zu warten, oft sehr lange Zeit, und ich nahm es hin, wie der
Mensch das Unabnderliche hinnimmt.

Endlich kam Kromer. Er blieb heute nicht lang. Er gab mir ein paar Knffe
in die Rippen, lachte, nahm mir den Kuchen ab, bot mir sogar eine feuchte
Zigarette an, die ich jedoch nicht nahm, und war freundlicher als
gewhnlich.

Ja, sagte er beim Weggehen, da ich's nicht vergesse -- du knntest das
nchstemal deine Schwester mitbringen, die ltere. Wie heit sie
eigentlich?

Ich verstand gar nicht, gab auch keine Antwort. Ich sah ihn nur verwundert
an.

Kapierst du nicht? Deine Schwester sollst du mitbringen.

Ja, Kromer, aber das geht nicht. Das darf ich nicht, und sie kme auch gar
nicht mit.

Ich war darauf gefat, da das nur wieder eine Schikane und ein Vorwand
sei. So machte er es oft, verlangte irgend etwas Unmgliches, setzte mich
in Schrecken, demtigte mich, und lie dann allmhlich mit sich handeln.
Ich mute mich dann mit etwas Geld oder anderen Gaben loskaufen.

Diesmal war er ganz anders. Er wurde auf meine Weigerung hin fast gar nicht
bse.

Na ja, sagte er obenhin, du wirst dir das berlegen. Ich mchte mit
deiner Schwester bekannt werden. Es wird schon einmal gehen. Du nimmst sie
einfach auf einen Spaziergang mit, und dann komme ich dazu. Morgen pfeife
ich dir an, dann sprechen wir noch einmal drber.

Als er fort war, dmmerte mir pltzlich etwas vom Sinn seines Begehrens
auf. Ich war noch vllig Kind, aber ich wute gerchtweise davon, da
Knaben und Mdchen, wenn sie etwas lter waren, irgendwelche
geheimnisvolle, anstige und verbotene Dinge miteinander treiben konnten.
Und nun sollte ich also -- es wurde mir ganz pltzlich klar, wie
ungeheuerlich es war! Mein Entschlu, das nie zu tun, stand sofort fest.
Aber was dann geschehen und wie Kromer sich an mir rchen wrde, daran
wagte ich kaum zu denken. Es begann eine neue Marter fr mich, es war noch
nicht genug.

Trostlos ging ich ber den leeren Platz, die Hnde in den Taschen. Neue
Qualen, neue Sklaverei!

Da rief mich eine frische, tiefe Stimme an. Ich erschrak und fing zu laufen
an. Jemand lief mir nach, eine Hand fate mich sanft von hinten. Es war Max
Demian.

Ich gab mich gefangen.

Du bist es? sagte ich unsicher. Du hast mich so erschreckt!

Er sah mich an, und nie war sein Blick mehr der eines Erwachsenen, eines
berlegenen und Durchschauenden gewesen als jetzt. Seit langem hatten wir
nicht mehr miteinander gesprochen.

Das tut mir leid, sagte er mit seiner hflichen und dabei sehr bestimmten
Art. Aber hre, man mu sich nicht so erschrecken lassen.

Nun ja, das kann doch passieren.

Es scheint so. Aber sieh: wenn du vor jemand, der dir nichts getan hat, so
zusammenfhrst, dann fngt der Jemand an nachzudenken. Es wundert ihn, es
macht ihn neugierig. Der Jemand denkt sich, du seiest doch merkwrdig
schreckhaft, und er denkt weiter: so ist man blo, wenn man Angst hat.
Feiglinge haben immer Angst; aber ich glaube, ein Feigling bist du
eigentlich nicht. Nicht wahr? O freilich, ein Held bist du auch nicht. Es
gibt Dinge, vor denen du Furcht hast; es gibt auch Menschen, vor denen du
Furcht hast. Und das sollte man nie haben. Nein, vor Menschen sollte man
niemals Furcht haben. Du hast doch keine vor mir? Oder?

O nein, gar nicht.

Eben, siehst du. Aber es gibt Leute, vor denen du Furcht hast?

Ich wei nicht . . . La mich doch, was willst du von mir?

Er hielt mit mir Schritt -- ich war rascher gegangen, mit Fluchtgedanken --
und ich fhlte seinen Blick von der Seite her.

Nimm einmal an, fing er wieder an, da ich es gut mit dir meine. Angst
brauchst du jedenfalls vor mir nicht zu haben. Ich mchte gern ein
Experiment mit dir machen, es ist lustig und du kannst etwas dabei lernen,
was sehr brauchbar ist. Pa einmal auf! -- Also ich versuche manchmal eine
Kunst, die man Gedankenlesen heit. Es ist gar keine Hexerei dabei, aber
wenn man nicht wei, wie es gemacht wird, dann sieht es ganz eigentmlich
aus. Man kann die Leute sehr damit berraschen. -- Nun, wir probieren
einmal. Also ich habe dich gern, oder ich interessiere mich fr dich, und
mchte nun herausbringen, wie es in dir drinnen aussieht. Dazu habe ich den
ersten Schritt schon getan. Ich habe dich erschreckt -- du bist also
schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen, vor denen du Angst hast.
Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand Angst zu haben. Wenn man
jemand frchtet, dann kommt es daher, da man diesem Jemand Macht ber sich
eingerumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Bses getan, und der andre wei
das -- dann hat er Macht ber dich. Du kapierst? Es ist doch klar, nicht?

Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und auch
gtig, aber ohne alle Zrtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit oder
etwas hnliches lag darin. Ich wute nicht, wie mir geschah; er stand wie
ein Zauberer vor mir.

Hast du verstanden? fragte er noch einmal.

Ich nickte. Sagen konnte ich nichts.

Ich sagte dir ja, es sieht komisch aus, das Gedankenlesen, aber es geht
ganz natrlich zu. Ich knnte dir zum Beispiel auch ziemlich genau sagen,
was du ber mich gedacht hast, als ich einmal dir die Geschichte von Kain
und Abel erzhlt hatte. Nun, das gehrt nicht hierher. Ich halte es auch
fr mglich, da du einmal von mir getrumt hast. Lassen wir das aber! Du
bist ein gescheiter Junge, die meisten sind so dumm! Ich rede gern hie und
da mit einem gescheiten Jungen, zu dem ich Vertrauen habe. Es ist dir doch
recht?

O ja. Ich verstehe nur gar nicht --

Bleiben wir einmal bei dem lustigen Experiment! Wir haben also gefunden:
der Knabe S. ist schreckhaft -- er frchtet jemanden -- er hat
wahrscheinlich mit diesem andern ein Geheimnis, das ihm sehr unbequem ist.
-- Stimmt das ungefhr?

Wie im Traum unterlag ich seiner Stimme, seinem Einflu. Ich nickte nur.
Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die
alles wute? Die alles besser, klarer wute als ich selber?

Krftig schlug mir Demian auf die Schulter.

Es stimmt also. Ich konnte mir's denken. Jetzt blo noch eine einzige
Frage: weit du, wie der Junge heit, der da vorhin wegging?

Ich erschrak heftig, mein angetastetes Geheimnis krmmte sich schmerzhaft
in mir zurck, es wollte nicht ans Licht.

Was fr ein Junge? Es war kein Junge da, blo ich.

Er lachte.

Sag's nur! lachte er. Wie heit er?

Ich flsterte: Meinst du den Franz Kromer?

Befriedigt nickte er mir zu.

Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun mu ich
dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heit, ist ein schlechter
Kerl. Sein Gesicht sagt mir, da er ein Schuft ist! Was meinst du?

O ja, seufzte ich auf, er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf
nichts wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn?
Kennt er dich?

Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht -- noch nicht. Aber
ich mchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?

Ja.

In welche Klasse?

In die fnfte. -- Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!

Sei ruhig, es passiert dir nichts. -- Vermutlich hast du keine Lust, mir
ein wenig mehr von diesem Kromer zu erzhlen?

Ich kann nicht! Nein, la mich!

Er schwieg eine Weile.

Schade, sagte er dann, wir htten das Experiment noch weiter fhren
knnen. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weit du
doch, da deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht
uns ganz kaputt, die mu man loswerden. Du mut sie loswerden, wenn ein
rechter Kerl aus dir werden soll. Begreifst du?

Gewi, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weit ja nicht
. . .

Du hast gesehen, da ich manches wei, mehr als du gedacht httest. --
Bist du ihm etwa Geld schuldig?

Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen,
ich kann nicht!

Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig
bist? -- Ich knnte es dir gut geben.

Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon! Kein
Wort! Du machst mich unglcklich!

Verla dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir spter
einmal mitteilen --

Nie, nie! rief ich heftig.

Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir spter einmal
mehr sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde
es machen wie der Kromer selber?

O nein -- aber du weit ja gar nichts davon!

Gar nichts. Ich denke nur darber nach. Und ich werde es nie so machen wie
Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts schuldig.

Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians Wissen
wurde mir immer rtselhafter.

Ich geh jetzt nach Hause, sagte er, und zog im Regen seinen Lodenmantel
fester zusammen. Ich mchte dir nur eins nochmals sagen, weil wir schon so
weit sind -- du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es gar nicht anders
geht, dann schlage ihn tot! Es wrde mir imponieren und gefallen, wenn du
es ttest. Ich wrde dir auch helfen.

Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir pltzlich
wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu
viel Unheimliches war um mich her.

Nun gut, lchelte Max Demian. Geh nur nach Hause! Wir machen das schon.
Obwohl Totschlagen das Einfachste wre. In solchen Dingen ist das
Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Hnden bei deinem
Freund Kromer.

Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen.
Alles sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft,
etwas wie Hoffnung. Ich war nicht mehr allein! Und erst jetzt sah ich, wie
schrecklich allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis gewesen
war. Und sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte: da eine
Beichte vor meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht ganz erlsen
wrde. Nun hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem Fremden, und
Erlsungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen!

                   *       *       *       *       *

Immerhin war meine Angst noch lange nicht berwunden, und ich war noch auf
lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde gefat. Desto
merkwrdiger war es mir, da alles so still, so vllig geheim und ruhig
verlief.

Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei Tage,
eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag innerlich
auf der Lauer, ob er nicht pltzlich, eben wenn man ihn gar nimmer
erwartete, doch wieder dastehen wrde. Aber er war und blieb fort!
Mitrauisch gegen die neue Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht
daran. Bis ich endlich einmal dem Franz Kromer begegnete. Er kam die
Seilergasse herab, gerade mir entgegen. Als er mich sah, zuckte er
zusammen, verzog das Gesicht zu einer wsten Grimasse und kehrte ohne
weiteres um, um mir nicht begegnen zu mssen.

Das war fr mich ein unerhrter Augenblick! Mein Feind lief vor mir davon!
Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und berraschung durch
und durch.

In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich vor
der Schule.

Gr Gott, sagte ich.

Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hren, wie dir's geht. Der
Kromer lt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?

Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar nicht.
Er ist ganz ausgeblieben.

Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte -- ich denke, er tut es
nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl -- dann sage ihm blo, er mge an
den Demian denken.

Aber wie hngt das zusammen? Hast du Hndel mit ihm angefangen und ihn
verhauen?

Nein, das tue ich nicht so gern. Ich habe blo mit ihm gesprochen, so wie
mit dir auch, und habe ihm dabei klar machen knnen, da es sein eigener
Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe lt.

O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?

Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.

Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb
mit dem alten beklommenen Gefhl gegen ihn zurck, das aus Dankbarkeit und
Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem Widerstreben
seltsam gemischt war.

Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit ihm
ber das alles reden, auch noch ber die Kain-Sache.

Es kam nicht dazu.

Dankbarkeit ist berhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und sie
von einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich ber
meine eigene vllige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen Max
Demian bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, da ich frs Leben krank
und verdorben worden wre, wenn er mich nicht aus den Klauen Kromers
befreit htte. Diese Befreiung fhlte ich auch damals schon als das grte
Erlebnis meines jungen Lebens -- aber den Befreier selbst lie ich links
liegen, sobald er das Wunder vollfhrt hatte.

Merkwrdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist mir
einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es mglich, da ich
einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den Geheimnissen nher zu
kommen, mit denen mich Demian in Berhrung gebracht hatte? Wie konnte ich
die Begierde zurckhalten, mehr ber Kain zu hren, mehr ber Kromer, mehr
ber das Gedankenlesen?

Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich pltzlich aus
dmonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir
liegen, unterlag nicht mehr Angstanfllen und wrgendem Herzklopfen. Der
Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich war
wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie mglich
wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich vor allem
Mhe, das viele Hliche und Bedrohende von sich weg zu rcken, es zu
vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange Geschichte meiner
Schuld und Verngstigung meinem Gedchtnis, ohne scheinbar irgendwelche
Narben und Eindrcke hinterlassen zu haben.

Da ich hingegen meinen Helfer und Retter ebenso rasch zu vergessen suchte,
begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung, aus der
furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und Krften
meiner geschdigten Seele dahin zurck, wo ich frher glcklich und
zufrieden gewesen war: in das verlorene Paradies, das sich wieder ffnete,
in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft der
Reinheit, zur Gottgeflligkeit Abels.

Schon am Tage nach meinem kurzen Gesprch mit Demian, als ich von meiner
wiedergewonnenen Freiheit endlich vllig berzeugt war und keine Rckflle
mehr frchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir gewnscht
hatte -- ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr das
Sparbchslein, dessen Schlo beschdigt und das mit Spielmarken statt mit
Geld gefllt war, und ich erzhlte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene
Schuld mich an einen bsen Quler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles,
aber sie sah die Bchse, sie sah meinen vernderten Blick, hrte meine
vernderte Stimme, fhlte, da ich genesen, da ich ihr wiedergegeben war.

Und nun beging ich mit hohen Gefhlen das Fest meiner Wiederaufnahme, die
Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte mich zum Vater, die
Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der Verwunderung drngten
sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und atmeten aus langer
Bedrckung auf. Alles war herrlich, alles war wie in den Erzhlungen, alles
lste sich in wunderbare Harmonie auf.

In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich
nicht genug daran ersttigen, da ich wieder meinen Frieden und das
Vertrauen der Eltern hatte, ich wurde ein huslicher Musterknabe, spielte
mehr als jemals mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die
lieben, alten Lieder mit wonnevollen Gefhlen des Erlsten und Bekehrten
mit. Es geschah von Herzen, es war keine Lge dabei.

Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem
sich mir meine Vergelichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklrt. Ihm
htte ich beichten sollen! Die Beichte wre weniger dekorativ und rhrend,
aber fr mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen
Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in
Gnaden aufgenommen. Demian aber gehrte zu dieser Welt keineswegs, pate
nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben -- auch er war
ein Verfhrer, auch er verband mich mit der zweiten, der bsen, schlechten
Welt, und von der wollte ich nun fr immer nichts mehr wissen. Ich konnte
und wollte jetzt nicht Abel preisgeben und Kain verherrlichen helfen,
jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war.

So der uere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus Kromers
und des Teufels Hnden erlst, aber nicht durch meine eigene Kraft und
Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln, und sie
waren fr mich zu schlpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer freundlichen
Hand mich gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr nebenaus zu tun,
in den Scho der Mutter und die Geborgenheit einer umhegten, frommen,
milden Kindlichkeit zurck. Ich machte mich jnger, abhngiger, kindlicher
als ich war. Ich mute die Abhngigkeit von Kromer durch eine neue
ersetzen, denn allein zu gehen vermochte ich nicht. So whlte ich, in
meinem blinden Herzen, die Abhngigkeit von Vater und Mutter, von der
alten, geliebten lichten Welt, von der ich doch schon wute, da sie
nicht die einzige war. Htte ich das nicht getan, so htte ich mich zu
Demian halten und mich ihm anvertrauen mssen. Da ich das nicht tat, das
erschien mir damals als berechtigtes Mitrauen gegen seine befremdlichen
Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn Demian htte mehr von
mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er htte mich mit
Antrieb und Ermahnung, mit Spott und Ironie selbstndiger zu machen
versucht. Ach, das wei ich heute: Nichts auf der Welt ist dem Menschen
mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber fhrt!

Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr spter, der Versuchung nicht
widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu
halten sei, da manche Leute den Kain fr besser als den Abel erklrten.

Er war sehr verwundert und erklrte mir, da dies eine Auffassung sei,
welche der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit
aufgetaucht und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die
Kainiten nannte. Aber natrlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als
ein Versuch des Teufels, unsern Glauben zu zerstren. Denn glaube man an
das Recht Kains und das Unrecht Abels, dann ergebe sich daraus die Folge,
da Gott sich geirrt habe, da also der Gott der Bibel nicht der richtige
und einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich htten die Kainiten auch
hnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese Ketzerei seit langem aus
der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur, da ein Schulkamerad
von mir etwas davon erfahren habe knnen. Immerhin ermahne er mich
ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen.




Drittes Kapitel
Der Schcher


Es wre Schnes, Zartes und Liebenswertes zu erzhlen von meiner Kindheit,
von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von Kindesliebe und gengsam
spielerischem Hinleben in sanften, lieben, lichten Umgebungen. Andre haben
davon genugsam gesprochen. Mich interessieren nur die Schritte, die ich in
meinem Leben tat, um zu mir selbst zu gelangen. Alle die hbschen
Ruhepunkte, Glcksinseln und Paradiese, deren Zauber mir nicht unbekannt
blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen und begehre nicht sie nochmals
zu betreten.

Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur von
dem, was Neues mir zukam, was mich vorwrts trieb, mich losri.

Immer kamen diese Anste von der anderen Welt, immer brachten sie Angst,
Zwang und bses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionr und
gefhrdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wre.

Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken mute, da in mir
selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich
verkriechen und verstecken mute. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich das
langsam erwachende Gefhl des Geschlechts als ein Feind und Zerstrer an,
als Verbotenes, als Verfhrung und Snde. Was meine Neugierde suchte, was
mir Trume, Lust und Angst schuf, das groe Geheimnis der Pubertt, das
pate gar nicht in die umhegte Glckseligkeit meines Kinderfriedens. Ich
tat wie alle. Ich fhrte das Doppelleben des Kindes, das doch kein Kind
mehr ist. Mein Bewutsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein
Bewutsein leugnete die empordmmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in
Trumen, Trieben, Wnschen von unterirdischer Art, ber welchen jenes
bewute Leben sich immer ngstlichere Brcken baute, denn die Kinderwelt in
mir fiel zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht
den erwachenden Lebenstrieben, von denen nicht gesprochen ward. Sie halfen
nur, mit unerschpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das
Wirkliche zu leugnen und in einer Kindeswelt weiter zu hausen, die immer
unwirklicher und verlogener ward. Ich wei nicht, ob Eltern hierin viel tun
knnen, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene Sache, mit
mir fertig zu werden und meinen Weg zu finden, und ich tat meine Sache
schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen.

Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Fr den Durchschnittlichen ist
dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am hrtesten
mit der Umwelt in Streit gert, wo der Weg nach vorwrts am bittersten
erkmpft werden mu. Viele erleben das Sterben und Neugeborenwerden, das
unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben, beim Morschwerden und
langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn alles Liebgewordene uns
verlassen will und wir pltzlich die Einsamkeit und tdliche Klte des
Weltraums um uns fhlen. Und sehr viele bleiben fr immer an dieser Klippe
hngen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich
Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und
mrderischeste aller Trume ist.

Wenden wir uns zur Geschichte zurck. Die Empfindungen und Traumbilder, in
denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht wichtig genug, um
erzhlt zu werden. Das Wichtige war: die dunkle Welt, die andere Welt
war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das stak nun in mir
selber. Und damit gewann auch von auen her die andere Welt wieder Macht
ber mich.

Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene
dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern und
schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war lngst
aus meinem Leben verschwunden, kaum da ich es achtete, wenn er mir je
einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragdie aber, Max
Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch stand er lange
Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst allmhlich trat er
wieder nher, strahlte wieder Krfte und Einflsse aus.

Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian wei. Es mag
sein, da ich ein Jahr oder lnger kein einziges Mal mit ihm gesprochen
habe. Ich mied ihn, und er drngte sich keineswegs auf. Etwa einmal, wenn
wir uns begegneten, nickte er mir einen freundlichen Gru zu. Mir schien es
dann zuweilen, es sei in seiner Freundlichkeit ein feiner Klang von Hohn
oder ironischem Vorwurf, doch mag das Einbildung gewesen sein. Die
Geschichte, die ich mit ihm erlebt hatte, und der seltsame Einflu, den er
damals auf mich gebt, waren wie vergessen, von ihm wie von mir.

Ich suche nach seiner Figur, und nun, da ich mich auf ihn besinne, sehe
ich, da er doch da war und von mir bemerkt wurde. Ich sehe ihn zur Schule
gehen, allein oder zwischen andern von den greren Schlern, und ich sehe
ihn fremdartig, einsam und still, wie gestirnhaft zwischen ihnen wandeln,
von einer eigenen Luft umgeben, unter eigenen Gesetzen lebend. Niemand
liebte ihn, niemand war mit ihm vertraut, nur seine Mutter, und auch mit
ihr schien er nicht wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu verkehren.
Die Lehrer lieen ihn mglichst in Ruhe, er war ein guter Schler, aber er
suchte keinem zu gefallen, und je und je vernahmen wir gerchtweise von
irgendeinem Wort, einer Glosse oder Gegenrede, die er einem Lehrer sollte
gegeben haben und die an schroffer Herausforderung oder an Ironie nichts zu
wnschen brig lie.

Ich besinne mich, mit geschlossenen Augen, und ich sehe sein Bild
auftauchen. Wo war das? Ja, nun ist es wieder da. Es war auf der Gasse vor
unserem Hause. Da sah ich ihn eines Tages stehen, ein Notizbuch in der
Hand, und sah ihn zeichnen. Er zeichnete das alte Wappenbild mit dem Vogel
ber unsrer Haustre ab. Und ich stand an einem Fenster, hinterm Vorhang
verborgen, und schaute ihm zu, und sah mit tiefer Verwunderung sein
aufmerksames, khles, helles Gesicht dem Wappen zugewendet, das Gesicht
eines Mannes, eines Forschers oder Knstlers, berlegen und voll von
Willen, sonderbar hell und khl, mit wissenden Augen.

Und wieder sehe ich ihn. Es war wenig spter, auf der Strae; wir standen
alle, von der Schule kommend, um ein Pferd, das gestrzt war. Es lag, noch
an die Deichsel geschirrt, vor einem Bauernwagen, schnob suchend und
klglich mit geffneten Nstern in die Luft und blutete aus einer
unsichtbaren Wunde, so da zu seiner Seite der weie Straenstaub sich
langsam dunkel vollsog. Als ich, mit einem Gefhl von belkeit, mich von
dem Anblick wegwandte, sah ich Demians Gesicht. Er hatte sich nicht
vorgedrngt, er stand zuhinterst, bequem und ziemlich elegant, wie es zu
ihm gehrte. Sein Blick schien auf den Kopf des Pferdes gerichtet, und
hatte wieder diese tiefe, stille, beinah fanatische und doch
leidenschaftslose Aufmerksamkeit. Ich mute ihn lang ansehen, und damals
fhlte ich, noch fern vom Bewutsein, etwas sehr Eigentmliches. Ich sah
Demians Gesicht, und ich sah nicht nur, da er kein Knabengesicht hatte,
sondern das eines Mannes; ich sah noch mehr, ich glaubte zu sehen, oder zu
spren, da es auch nicht das Gesicht eines Mannes sei, sondern noch etwas
anderes. Es war, als sei auch etwas von einem Frauengesicht darin, und
namentlich schien dies Gesicht mir, fr einen Augenblick, nicht mnnlich
oder kindlich, nicht alt oder jung, sondern irgendwie tausendjhrig,
irgendwie zeitlos, von anderen Zeitluften gestempelt als wir sie leben.
Tiere konnten so aussehen, oder Bume, oder Sterne -- ich wute das nicht,
ich empfand nicht genau das, was ich jetzt als Erwachsener darber sage,
aber etwas hnliches. Vielleicht war er schn, vielleicht gefiel er mir,
vielleicht war er mir auch zuwider, auch das war nicht zu entscheiden. Ich
sah nur: er war anders als wir, er war wie ein Tier, oder wie ein Geist,
oder wie ein Bild, ich wei nicht, wie er war, aber er war anders,
unausdenkbar anders als wir alle.

Mehr sagt die Erinnerung mir nicht, und vielleicht ist auch dies zum Teil
schon aus spteren Eindrcken geschpft.

Erst als ich mehrere Jahre lter war, kam ich endlich wieder mit ihm in
nhere Berhrung. Demian war nicht, wie die Sitte es gefordert htte, mit
seinem Jahrgang in der Kirche konfirmiert worden, und auch daran hatten
sich wieder alsbald Gerchte geknpft. Es hie in der Schule wieder, er sei
eigentlich ein Jude, oder nein, ein Heide, und andre wuten, er sei samt
seiner Mutter ohne jede Religion oder gehre einer fabelhaften, schlimmen
Sekte an. Im Zusammenhang damit meine ich auch den Verdacht vernommen zu
haben, er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten. Vermutlich war es
so, da er bisher ohne Konfession erzogen worden war, da dies nun aber fr
seine Zukunft irgendwelche Unzutrglichkeiten frchten lie. Jedenfalls
entschlo sich seine Mutter, ihn jetzt doch, zwei Jahre spter als seine
Altersgenossen, an der Konfirmation teilnehmen zu lassen. So kam es, da er
nun monatelang im Konfirmationsunterricht mein Kamerad war.

Eine Weile hielt ich mich ganz von ihm zurck, ich wollte nicht teil an ihm
haben, er war mir allzu sehr von Gerchten und Geheimnissen umgeben,
namentlich aber strte mich das Gefhl von Verpflichtung, das seit der
Affre mit Kromer in mir zurckgeblieben war. Und gerade damals hatte ich
genug mit meinen eigenen Geheimnissen zu tun. Fr mich fiel der
Konfirmationsunterricht zusammen mit der Zeit der entscheidenden
Aufklrungen in den geschlechtlichen Dingen, und trotz gutem Willen war
mein Interesse fr die fromme Belehrung dadurch sehr beeintrchtigt. Die
Dinge, von denen der Geistliche sprach, lagen weit von mir weg in einer
stillen heiligen Unwirklichkeit, sie waren vielleicht ganz schn und
wertvoll, aber keineswegs aktuell und erregend, und jene andern Dinge waren
gerade dies im hchsten Mae.

Je mehr mich nun dieser Zustand gegen den Unterricht gleichgltig machte,
desto mehr nherte sich mein Interesse wieder dem Max Demian. Irgend etwas
schien uns zu verbinden. Ich mu diesem Faden mglichst genau nachgehen.
Soviel ich mich besinnen kann, begann es in einer Stunde frh am Morgen,
als noch Licht in der Schulstube brannte. Unser geistlicher Lehrer war auf
die Geschichte Kains und Abels zu sprechen gekommen. Ich achtete kaum
darauf, ich war schlfrig und hrte kaum zu. Da begann der Pfarrer mit
erhobener Stimme eindringlich vom Kainszeichen zu reden. In diesem
Augenblick sprte ich eine Art von Berhrung oder Mahnung, und aufblickend
sah ich aus den vorderen Bankreihen her das Gesicht Demians nach mir zurck
gewendet, mit einem hellen sprechenden Auge, dessen Ausdruck ebensowohl
Spott wie Ernst sein konnte. Nur einen Moment sah er mich an, und pltzlich
horchte ich gespannt auf die Worte des Pfarrers, hrte ihn vom Kain und
seinem Zeichen reden, und sprte tief in mir ein Wissen, da das nicht so
sei wie er es lehre, da man das auch anders ansehen konnte, da daran
Kritik mglich war!

Mit dieser Minute war zwischen Demian und mir wieder eine Verbindung da.
Und sonderbar -- kaum war dies Gefhl einer gewissen Zusammengehrigkeit in
der Seele da, so sah ich es wie magisch auch ins Rumliche bertragen. Ich
wute nicht, ob er es selbst so einrichten konnte oder ob es ein reiner
Zufall war -- ich glaubte damals noch fest an Zuflle -- nach wenigen Tagen
hatte Demian pltzlich seinen Platz in der Religionsstunde gewechselt und
sa gerade vor mir (ich wei noch, wie gern ich mitten in der elenden
Armenhuslerluft der berfllten Schulstube am Morgen von seinem Nacken her
den zartfrischen Seifengeruch einsog!), und wieder nach einigen Tagen hatte
er wieder gewechselt und sa nun neben mir, und da blieb er sitzen, den
ganzen Winter und das ganze Frhjahr hindurch.

Die Morgenstunden hatten sich ganz verwandelt. Sie waren nicht mehr
schlfrig und langweilig. Ich freute mich auf sie. Manchmal hrten wir
beide mit der grten Aufmerksamkeit dem Pfarrer zu, ein Blick von meinem
Nachbar gengte, um mich auf eine merkwrdige Geschichte, einen seltsamen
Spruch hinzuweisen. Und ein anderer Blick von ihm, ein ganz bestimmter,
gengte, um mich zu mahnen, um Kritik und Zweifel in mir anzuregen.

Sehr oft aber waren wir schlechte Schler und hrten nichts vom Unterricht.
Demian war stets artig gegen Lehrer und Mitschler, nie sah ich ihn
Schuljungendummheiten machen, nie hrte man ihn laut lachen oder plaudern,
nie zog er sich einen Tadel des Lehrers zu. Aber ganz leise, und mehr mit
Zeichen und Blicken als mit Flsterworten, verstand er es, mich an seinen
eigenen Beschftigungen teilnehmen zu lassen. Diese waren zum Teil von
merkwrdiger Art.

Er sagte mir zum Beispiel, welche von den Schlern ihn interessierten, und
auf welche Weise er sie studiere. Manche kannte er sehr genau. Er sagte mir
vor der Lektion: Wenn ich dir ein Zeichen mit dem Daumen mache, dann wird
der und der sich nach uns umsehen, oder sich am Nacken kratzen usw.
Whrend der Stunde dann, wenn ich oft kaum mehr daran dachte, drehte Max
pltzlich mit auffallender Gebrde mir seinen Daumen zu, ich schaute
schnell nach dem bezeichneten Schler aus und sah ihn jedesmal, wie am
Draht gezogen, die verlangte Gebrde machen. Ich plagte Max, er solle das
auch einmal am Lehrer versuchen, doch wollte er es nicht tun. Aber einmal,
als ich in die Stunde kam und ihm sagte, ich htte heute meine Aufgaben
nicht gelernt und hoffe sehr, der Pfarrer werde mich heute nichts fragen,
da half er mir. Der Pfarrer suchte nach einem Schler, den er ein Stck
Katechismus hersagen lassen wollte, und sein schweifendes Auge blieb auf
meinem schuldbewuten Gesicht hngen. Langsam kam er heran, streckte den
Finger gegen mich aus, hatte schon meinen Namen auf den Lippen -- da wurde
er pltzlich zerstreut oder unruhig, rckte an seinem Halskragen, trat auf
Demian zu, der ihm fest ins Gesicht sah, schien ihn etwas fragen zu wollen,
wandte sich aber berraschend wieder weg, hustete eine Weile und forderte
dann einen andern Schler auf.

Erst allmhlich merkte ich, whrend diese Scherze mich sehr belustigten,
da mein Freund mit mir hufig dasselbe Spiel treibe. Es kam vor, da ich
auf dem Schulweg pltzlich das Gefhl hatte, Demian gehe eine Strecke
hinter mir, und wenn ich mich umwandte, war er richtig da.

Kannst du denn eigentlich machen, da ein anderer das denken mu, was du
willst? fragte ich ihn.

Er gab bereitwillig Auskunft, ruhig und sachlich, in seiner erwachsenen
Art.

Nein, sagte er, das kann man nicht. Man hat nmlich keinen freien
Willen, wenn auch der Pfarrer so tut. Weder kann der andere denken, was er
will, noch kann ich ihn denken machen, was ich will. Wohl aber kann man
jemand gut beobachten, und dann kann man oft ziemlich genau sagen, was er
denkt oder fhlt, und dann kann man meistens auch voraussehen, was er im
nchsten Augenblick tun wird. Es ist ganz einfach, die Leute wissen es blo
nicht. Natrlich braucht es bung.

Es gibt zum Beispiel bei den Schmetterlingen gewisse Nachtfalter, bei denen
sind die Weibchen viel seltener als die Mnnchen. Die Falter pflanzen sich
gerade so fort wie alle Tiere, der Mann befruchtet das Weibchen, das dann
Eier legt. Wenn du nun von diesen Nachtfaltern ein Weibchen hast -- es ist
von Naturforschern oft probiert worden -- so kommen in der Nacht zu diesem
Weibchen die mnnlichen Falter geflogen, und zwar stundenweit! Stundenweit,
denke dir! Auf viele Kilometer spren alle diese Mnnchen das einzige
Weibchen, das in der Gegend ist! Man versucht das zu erklren, aber es geht
schwer. Es mu eine Art Geruchssinn oder so etwas sein, etwa so wie gute
Jagdhunde eine unmerkliche Spur finden und verfolgen knnen. Du begreifst?
Das sind solche Sachen, die Natur ist voll davon, und niemand kann sie
erklren. Nun sage ich aber: Wren bei diesen Schmetterlingen die Weibchen
so hufig wie die Mnnchen, so htten sie die feine Nase eben nicht! Sie
haben sie blo, weil sie sich darauf dressiert haben. Wenn ein Tier oder
Mensch seine ganze Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine
bestimmte Sache richtet, dann erreicht er sie auch. Das ist alles. Und
genau so ist es mit dem, was du meinst. Sieh dir einen Menschen genau genug
an, so weit du mehr von ihm als er selber.

Mir lag es auf der Zunge, das Wort Gedankenlesen auszusprechen, und ihn
damit an die Szene mit Kromer zu erinnern, die so lang zurck lag. Aber
dies war nun auch eine seltsame Sache zwischen uns beiden: Nie und niemals
machte weder er noch ich die leiseste Anspielung darauf, da er vor
mehreren Jahren einmal so ernstlich in mein Leben eingegriffen hatte. Es
war, als sei nie etwas frher zwischen uns gewesen, oder als rechne jeder
von uns fest damit, da der andere das vergessen habe. Es kam, ein- oder
zweimal, sogar vor, da wir zusammen ber die Strae gingen und den Franz
Kromer antrafen, aber wir wechselten keinen Blick, sprachen kein Wort von
ihm.

Aber wie ist nun das mit dem Willen? fragte ich. Du sagst, man hat
keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen
Willen fest auf etwas zu richten, dann knne man sein Ziel erreichen. Das
stimmt doch nicht! Wenn ich nicht Herr ber meinen Willen bin, dann kann
ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten.

Er klopfte mir auf die Schulter. Das tat er stets, wenn ich ihm Freude
machte.

Gut, da du fragst! sagte er lachend. Man mu immer fragen, man mu
immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein Nachtfalter
zum Beispiel seinen Willen auf einen Stern oder sonstwohin richten wollte,
so knnte er das nicht. Nur -- er versucht das berhaupt nicht. Er sucht
nur das, was Sinn und Wert fr ihn hat, was er braucht, was er unbedingt
haben mu. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche -- er entwickelt
einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier auer ihm hat!
Unsereiner hat mehr Spielraum, gewi, und mehr Interessen als ein Tier.
Aber auch wir sind in einem verhltnismig recht engen Kreis gebunden und
knnen nicht darber hinaus. Ich kann wohl das und das phantasieren, mir
etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol kommen, oder so etwas,
aber ausfhren und gengend stark wollen kann ich das nur, wenn der Wunsch
ganz in mir selber liegt, wenn wirklich mein Wesen ganz von ihm erfllt
ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas probierst, was dir von innen
heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann kannst du deinen Willen
anspannen wie einen guten Gaul. Wenn ich zum Beispiel mir jetzt vornhme,
ich wolle bewirken, da unser Herr Pfarrer knftig keine Brille mehr trgt,
so geht das nicht. Das ist blo eine Spielerei. Aber als ich, damals im
Herbst, den festen Willen bekam, aus meiner Bank da vorne versetzt zu
werden, da ging es ganz gut. Da war pltzlich einer da, der im Alphabet vor
mir kam, und der bisher krank gewesen war, und weil jemand ihm Platz machen
mute, war natrlich ich der, der es tat, weil eben mein Wille bereit war,
sofort die Gelegenheit zu packen.

Ja, sagte ich, mir war es damals auch ganz eigentmlich. Von dem
Augenblick an, wo wir uns freinander interessierten, rcktest du mir immer
nher. Aber wie war das? Anfangs kamst du doch nicht gleich neben mich zu
sitzen, du saest erst ein paarmal in der Bank da vor mir, nicht? Wie ging
das zu?

Das war so: ich wute selber nicht recht, wohin ich wollte, als ich von
meinem ersten Platz weg begehrte. Ich wute nur, da ich weiter hinten
sitzen wollte. Es war mein Wille, zu dir zu kommen, der mir aber noch nicht
bewut geworden war. Zugleich zog dein eigener Wille mit und half mir. Erst
als ich dann da vor dir sa, kam ich darauf, da mein Wunsch erst halb
erfllt sei -- ich merkte, da ich eigentlich nichts anderes begehrt hatte,
als neben dir zu sitzen.

Aber damals ist kein Neuer eingetreten.

Nein, aber damals tat ich einfach, was ich wollte, und setzte mich
kurzerhand neben dich. Der Junge, mit dem ich den Platz tauschte, war blo
verwundert und lie mich machen. Und der Pfarrer merkte zwar einmal, da es
da eine nderung gegeben habe -- berhaupt, jedesmal, wenn er mit mir zu
tun hat, plagt ihn heimlich etwas, er wei nmlich, da ich Demian heie
und da es nicht stimmt, da ich mit meinem D im Namen da ganz hinten
unterm S sitze! Aber das dringt nicht bis in sein Bewutsein, weil mein
Wille dagegen ist, und weil ich ihn immer wieder daran hindere. Er merkt es
immer wieder einmal, da da etwas nicht stimmt, und sieht mich an und fngt
an zu studieren, der gute Herr. Ich habe da aber ein einfaches Mittel. Ich
seh ihm jedesmal ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen fast alle
Leute schlecht. Sie werden alle unruhig. Wenn du von jemand etwas erreichen
willst, und siehst ihm unerwartet ganz fest in die Augen, und er wird gar
nicht unruhig, dann gib es auf! Du erreichst nichts bei ihm, nie! Aber das
ist sehr selten. Ich wei eigentlich blo einen einzigen Menschen, bei dem
es mir nicht hilft.

Wer ist das? fragte ich schnell.

Er sah mich an, mit den etwas verkleinerten Augen, die er in der
Nachdenklichkeit bekam. Dann blickte er weg und gab keine Antwort, und ich
konnte, trotz heftiger Neugierde, die Frage nicht wiederholen.

Ich glaube aber, da er damals von seiner Mutter sprach. -- Mit ihr schien
er sehr innig zu leben, sprach mir aber nie von ihr, nahm mich nie mit sich
nach Hause. Ich wute kaum, wie seine Mutter aussah.

                   *       *       *       *       *

Manchmal machte ich damals Versuche, es ihm gleichzutun und meinen Willen
auf etwas so zusammenzuziehen, da ich es erreichen msse. Es waren Wnsche
da, die mir dringend genug schienen. Aber es war nichts und ging nicht. Mit
Demian davon zu sprechen, brachte ich nicht ber mich. Was ich mir
wnschte, htte ich ihm nicht gestehen knnen. Und er fragte auch nicht.

Meine Glubigkeit in den Fragen der Religion hatte inzwischen manche Lcken
bekommen. Doch unterschied ich mich, in meinem durchaus von Demian
beeinfluten Denken, sehr von denen meiner Mitschler, welche einen
vlligen Unglauben aufzuweisen hatten. Es gab einige solche, und sie lieen
gelegentlich Worte hren, wie da es lcherlich und menschenunwrdig sei,
an einen Gott zu glauben, und Geschichten wie die von der Dreieinigkeit und
von Jesu unbefleckter Geburt seien einfach zum Lachen, und es sei eine
Schande, da man heute noch mit diesem Kram hausieren gehe. So dachte ich
keineswegs. Auch wo ich Zweifel hatte, wute ich doch aus der ganzen
Erfahrung meiner Kindheit genug von der Wirklichkeit eines frommen Lebens,
wie es etwa meine Eltern fhrten, und da dies weder etwas Unwrdiges noch
geheuchelt sei. Vielmehr hatte ich vor dem Religisen nach wie vor die
tiefste Ehrfurcht. Nur hatte Demian mich daran gewhnt, die Erzhlungen und
Glaubensstze freier, persnlicher, spielerischer, phantasievoller
anzusehen und auszudeuten; wenigstens folgte ich den Deutungen, die er mir
nahelegte, stets gern und mit Genu. Vieles freilich war mir zu schroff, so
auch die Sache wegen Kain. Und einmal whrend des Konfirmationsunterrichtes
erschreckte er mich durch eine Auffassung, die womglich noch khner war.
Der Lehrer hatte von Golgatha gesprochen. Der biblische Bericht vom Leiden
und Sterben des Heilandes hatte mir seit frhester Zeit tiefen Eindruck
gemacht, manchmal als kleiner Knabe hatte ich, etwa am Karfreitag, nachdem
mein Vater die Leidensgeschichte vorgelesen hatte, innig und ergriffen in
dieser leidvoll schnen, bleichen, gespenstigen und doch ungeheuer
lebendigen Welt gelebt, in Gethsemane und auf Golgatha, und beim Anhren
der Matthuspassion von Bach hatte mich der dster mchtige Leidensglanz
dieser geheimnisvollen Welt mit allen mystischen Schauern berflutet. Ich
finde heute noch in dieser Musik, und im actus tragicus, den Inbegriff
aller Poesie und alles knstlerischen Ausdrucks.

Nun sagte Demian am Schlu jener Stunde nachdenklich zu mir: Da ist etwas,
Sinclair, was mir nicht gefllt. Lies einmal die Geschichte nach und prfe
sie auf der Zunge, es ist da etwas, was fad schmeckt. Nmlich die Sache mit
den beiden Schchern. Groartig, wie da die drei Kreuze auf dem Hgel
beieinander stehen! Aber nun diese sentimentale Trakttchengeschichte mit
dem biederen Schcher! Erst war er ein Verbrecher und hat Schandtaten
begangen, wei Gott was alles, und nun schmilzt er dahin und feiert solche
weinerliche Feste der Besserung und Reue! Was fr einen Sinn hat solche
Reue zwei Schritt vom Grabe weg, ich bitte dich? Es ist wieder einmal
nichts als eine richtige Pfaffengeschichte, slich und unredlich, mit
Schmalz der Rhrung und hchst erbaulichem Hintergrund. Wenn du heute einen
von den beiden Schchern zum Freund whlen mtest, oder dich besinnen,
welchem von beiden du eher Vertrauen schenken knntest, so ist es doch ganz
gewi nicht dieser weinerliche Bekehrte. Nein, der andere ist's, der ist
ein Kerl und hat Charakter. Er pfeift auf eine Bekehrung, die ja in seiner
Lage blo noch ein hbsches Gerede sein kann, er geht seinen Weg zu Ende
und sagt sich nicht im letzten Augenblick feig vom Teufel los, der ihm bis
dahin hat helfen mssen. Er ist ein Charakter, und die Leute von Charakter
kommen in der biblischen Geschichte gern zu kurz. Vielleicht ist er auch
ein Abkmmling von Kain. Meinst du nicht?

Ich war sehr bestrzt. Hier in der Kreuzigungsgeschichte hatte ich ganz
heimisch zu sein geglaubt, und sah erst jetzt, wie wenig persnlich, mit
wie wenig Vorstellungskraft und Phantasie ich sie angehrt und gelesen
hatte. Dennoch klang mir Demians neuer Gedanke fatal und drohte Begriffe in
mir umzuwerfen, auf deren Bestehenbleiben ich glaubte halten zu mssen.
Nein, so konnte man doch nicht mit allem und jedem umspringen, auch mit dem
Heiligsten.

Er merkte meinen Widerstand, wie immer, sofort, noch ehe ich irgend etwas
sagte.

Ich wei schon, sagte er resigniert, es ist die alte Geschichte. Nur
nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen --: hier ist einer von
den Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann.
Es handelt sich darum, da dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes, zwar
eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich
vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Vterliche, das Schne und
auch Hohe, das Sentimentale -- ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus
anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und
dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hlfte wird unterschlagen und
totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rhmen, aber das
ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach totschweigen
und womglich fr Teufelszeug und sndlich erklren! Ich habe nichts
dagegen, da man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das mindeste. Aber ich
meine, wir sollen _Alles_ verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht
blo diese knstlich abgetrennte, offizielle Hlfte! Also mssen wir dann
neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fnde ich
richtig. Oder aber, man mte sich einen Gott schaffen, der auch den Teufel
in sich einschliet, und vor dem man nicht die Augen zudrcken mu, wenn
die natrlichsten Dinge von der Welt geschehen.

Er war, gegen seine Art, beinahe heftig geworden, gleich darauf lchelte er
jedoch wieder und drang nicht weiter in mich.

In mir aber trafen diese Worte das Rtsel meiner ganzen Knabenjahre, das
ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt
hatte. Was Demian da ber Gott und Teufel, ber die gttlich-offizielle und
die totgeschwiegene teuflische Welt gesagt hatte, das war ja genau mein
eigener Gedanke, mein eigener Mythus, der Gedanke von den beiden Welten
oder Welthlften -- der lichten und der dunkeln. Die Einsicht, da mein
Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem alles Lebens und Denkens
sei, berflog mich pltzlich wie ein heiliger Schatten, und Angst und
Ehrfurcht berkam mich, als ich sah und pltzlich fhlte, wie tief mein
eigenstes, persnliches Leben und Meinen am ewigen Strom der groen Ideen
teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl irgendwie besttigend und
beglckend. Sie war hart und schmeckte rauh, weil ein Klang von
Verantwortlichkeit in ihr lag, von Nichtmehrkindseindrfen, von
Alleinstehen.

Ich erzhlte, zum erstenmal in meinem Leben ein so tiefes Geheimnis
enthllend, meinem Kameraden von meiner seit frhesten Kindertagen
bestehenden Auffassung von den zwei Welten, und er sah sofort, da damit
mein tiefstes Fhlen ihm zustimmte und recht gab. Doch war es nicht seine
Art, so etwas auszuntzen. Er hrte mit tieferer Aufmerksamkeit zu, als er
sie mir je geschenkt hatte, und sah mir in die Augen, bis ich die meinen
abwenden mute. Denn ich sah in seinem Blick wieder diese seltsame,
tierhafte Zeitlosigkeit, dies unausdenkliche Alter.

Wir reden ein andermal mehr davon, sagte er schonend. Ich sehe, du
denkst mehr, als du einem sagen kannst. Wenn das nun so ist, dann weit du
aber auch, da du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest, und das ist
nicht gut. Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert. Du hast gewut,
da deine >erlaubte Welt< blo die Hlfte der Welt war, und du hast
versucht, die zweite Hlfte dir zu unterschlagen, wie es die Pfarrer und
Lehrer tun. Es wird dir nicht glcken! Es glckt keinem, wenn er einmal das
Denken angefangen hat.

Es traf mich tief.

Aber, schrie ich fast, es gibt doch nun einmal tatschlich und wirklich
verbotene und hliche Dinge, das kannst du doch nicht leugnen! Und die
sind nun einmal verboten, und wir mssen auf sie verzichten. Ich wei ja,
da es Mord und alle mglichen Laster gibt, aber soll ich denn, blo weil
es das gibt, hingehen und ein Verbrecher werden?

Wir werden heute nicht damit fertig, begtigte Max. Du sollst gewi
nicht totschlagen oder Mdchen lustmorden, nein. Aber du bist noch nicht
dort, wo man einsehen kann, was >erlaubt< und >verboten< eigentlich heit.
Du hast erst ein Stck von der Wahrheit gesprt. Das andere kommt noch,
verla dich drauf! Du hast jetzt zum Beispiel, seit einem Jahr etwa, einen
Trieb in dir, der ist strker als alle andern, und er gilt fr >verboten<.
Die Griechen und viele andere Vlker haben im Gegenteil diesen Trieb zu
einer Gottheit gemacht und ihn in groen Festen verehrt. >Verboten< ist
also nichts Ewiges, es kann wechseln. Auch heute darf ja jeder bei einer
Frau schlafen, sobald er mit ihr beim Pfarrer gewesen ist und sie
geheiratet hat. Bei andern Vlkern ist das anders, auch heute noch. Darum
mu jeder von uns fr sich selber finden, was erlaubt und was verboten --
ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotnes tun und kann ein groer
Schuft dabei sein. Und ebenso umgekehrt. -- Eigentlich ist es blo eine
Frage der Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber
sein Richter zu sein, der fgt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal
sind. Er hat es leicht. Andere spren selber Gebote in sich, ihnen sind
Dinge verboten, die jeder Ehrenmann tglich tut, und es sind ihnen andere
Dinge erlaubt, die sonst verpnt sind. Jeder mu fr sich selber stehen.

Er schien pltzlich zu bereuen, so viel gesagt zu haben, und brach ab.
Schon damals konnte ich mit dem Gefhl einigermaen begreifen, was er dabei
empfand. So angenehm und scheinbar obenhin er nmlich seine Einflle
vorzubringen pflegte, so konnte er doch ein Gesprch nur um des Redens
willen, wie er einmal sagte, in den Tod nicht leiden. Bei mir aber sprte
er, neben dem echten Interesse, zu viel Spiel, zu viel Freude am gescheiten
Schwatzen, oder so etwas, kurz, einen Mangel an vollkommenem Ernst.

                   *       *       *       *       *

Wie ich das letzte Wort wieder lese, das ich geschrieben -- vollkommener
Ernst -- fllt eine andere Szene mir pltzlich wieder ein, die
eindringlichste, die ich mit Max Demian in jenen noch halbkindlichen Zeiten
erlebt habe.

Unsere Konfirmation kam heran, und die letzten Stunden des geistlichen
Unterrichts handelten vom Abendmahl. Es war dem Pfarrer wichtig damit, und
er gab sich Mhe, etwas von Weihe und Stimmung war in diesen Stunden wohl
zu verspren. Allein gerade in diesen paar letzten Unterweisungsstunden
waren meine Gedanken an anderes gebunden, und zwar an die Person meines
Freundes. Indem ich der Konfirmation entgegensah, die uns als die
feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche erklrt wurde, drngte
sich mir unabweislich der Gedanke auf, da fr mich der Wert dieser etwa
halbjhrigen Religionsunterweisung nicht in dem liege, was wir hier gelernt
hatten, sondern in der Nhe und dem Einflu Demians. Nicht in die Kirche
war ich nun bereit aufgenommen zu werden, sondern in etwas ganz anderes, in
einen Orden des Gedankens und der Persnlichkeit, der irgendwie auf Erden
existieren mute und als dessen Vertreter oder Boten ich meinen Freund
empfand.

Ich suchte diesen Gedanken zurckzudrngen, es war mir Ernst damit, die
Feier der Konfirmation, trotz allem, mit einer gewissen Wrde zu erleben,
und diese schien sich mit meinem neuen Gedanken wenig zu vertragen. Doch
ich mochte tun, was ich wollte, der Gedanke war da, und er verband sich mir
allmhlich mit dem an die nahe kirchliche Feier, ich war bereit, sie anders
zu begehen als die andern, sie sollte fr mich die Aufnahme in eine
Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian kennengelernt hatte.

In jenen Tagen war es, da ich wieder einmal lebhaft mit ihm disputierte;
es war gerade vor einer Unterweisungsstunde. Mein Freund war zugeknpft und
hatte keine Freude an meinen Reden, die wohl ziemlich altklug und
wichtigtuerisch waren.

Wir reden zu viel, sagte er mit ungewohntem Ernst. Das kluge Reden hat
gar keinen Wert, gar keinen. Man kommt nur von sich selber weg. Von sich
selber Wegkommen ist Snde. Man mu sich in sich selber vllig verkriechen
knnen wie eine Schildkrte.

Gleich darauf betraten wir den Schulsaal. Die Stunde begann, ich gab mir
Mhe, aufzumerken, und Demian strte mich darin nicht. Nach einer Weile
begann ich von der Seite her, wo er neben mir sa, etwas Eigentmliches zu
spren, eine Leere oder Khle oder etwas dergleichen, so, als sei der Platz
unversehens leer geworden. Als das Gefhl beengend zu werden anfing, drehte
ich mich um.

Da sah ich meinen Freund sitzen, aufrecht und in guter Haltung wie sonst.
Aber er sah dennoch ganz anders aus als sonst, und etwas ging von ihm aus,
etwas umgab ihn, was ich nicht kannte. Ich glaubte, er habe die Augen
geschlossen, sah aber, da er sie offen hielt. Sie blickten aber nicht, sie
waren nicht sehend, sie waren starr und nach Innen oder in eine groe Ferne
gewendet. Vollkommen regungslos sa er da, auch zu atmen schien er nicht,
sein Mund war wie aus Holz oder Stein geschnitten. Sein Gesicht war bla,
gleichmig bleich, wie Stein, und die braunen Haare waren das Lebendigste
an ihm. Seine Hnde lagen vor ihm auf der Bank, leblos und still wie
Gegenstnde, wie Steine oder Frchte, bleich und regungslos, doch nicht
schlaff, sondern wie feste, gute Hllen um ein verborgnes starkes Leben.

Der Anblick machte mich zittern. Er ist tot! dachte ich, beinahe sagte ich
es laut. Aber ich wute, da er nicht tot sei. Ich hing mit gebanntem Blick
an seinem Gesicht, an dieser blassen, steinernen Maske, und ich fhlte: das
war Demian! Wie er sonst war, wenn er mit mir ging und sprach, das war nur
ein halber Demian, einer der zeitweilig eine Rolle spielte, sich
anbequemte, aus Geflligkeit mittat. Der wirkliche Demian aber sah so aus,
so wie dieser, so steinern, uralt, tierhaft, steinhaft, schn und kalt, tot
und heimlich voll von unerhrtem Leben. Und um ihn her diese stille Leere,
dieser ther und Sternenraum, dieser einsame Tod!

Jetzt ist der ganz in sich hineingegangen, fhlte ich unter Schauern. Nie
war ich so vereinsamt gewesen. Ich hatte nicht teil an ihm, er war mir
unerreichbar, er war mir ferner, als wenn er auf der fernsten Insel der
Welt gewesen wre.

Ich begriff kaum, da niemand auer mir es sehe! Alle muten hersehen, alle
muten aufschauern! Aber niemand gab acht auf ihn. Er sa bildhaft und, wie
ich denken mute, sonderbar gtzenhaft steif, eine Fliege setzte sich auf
seine Stirn, lief langsam ber Nase und Lippen hinweg -- er zuckte mit
keiner Falte.

Wo, wo war er jetzt? Was dachte er, was fhlte er? War er in einem Himmel,
in einer Hlle?

Es war mir nicht mglich, ihn darber zu fragen. Als ich ihn, am Ende der
Stunde, wieder leben und atmen sah, als sein Blick meinem begegnete, war er
wie frher. Wo kam er her? Wo war er gewesen? Er schien mde. Sein Gesicht
hatte wieder Farbe, seine Hnde bewegten sich wieder, das braune Haar aber
war jetzt glanzlos und wie ermdet.

In den folgenden Tagen gab ich mich in meinem Schlafzimmer mehrmals einer
neuen bung hin: ich setzte mich steil auf einen Stuhl, machte die Augen
starr, hielt mich vollkommen regungslos, und wartete, wie lange ich es
aushalten und was ich dabei empfinden werde. Ich wurde jedoch blo mde und
bekam ein heftiges Jucken in den Augenlidern.

Bald nachher war die Konfirmation, an welche mir keine wichtigen
Erinnerungen geblieben sind.

Es wurde nun alles anders. Die Kindheit fiel um mich her in Trmmer. Die
Eltern sahen mich mit einer gewissen Verlegenheit an. Die Schwestern waren
mir ganz fremd geworden. Eine Ernchterung verflschte und verblate mir
die gewohnten Gefhle und Freuden, der Garten war ohne Duft, der Wald
lockte nicht, die Welt stand um mich her wie ein Ausverkauf alter Sachen,
fad und reizlos, die Bcher waren Papier, die Musik war ein Gerusch. So
fllt um einen herbstlichen Baum her das Laub, er fhlt es nicht, Regen
rinnt an ihm herab, oder Sonne, oder Frost, und in ihm zieht das Leben sich
langsam ins Engste und Innerste zurck. Er stirbt nicht. Er wartet.

Es war beschlossen worden, da ich nach den Ferien in eine andere Schule
und zum ersten Male von Hause fortkommen sollte. Zuweilen nherte sich mir
die Mutter mit besonderer Zrtlichkeit, im voraus Abschied nehmend, bemht,
mir Liebe, Heimweh und Unvergelichkeit ins Herz zu zaubern. Demian war
verreist. Ich war allein.




Viertes Kapitel
Beatrice


Ohne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der Ferien nach
St. Meine Eltern kamen beide mit, und bergaben mich mit jeder mglichen
Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei einem Lehrer des Gymnasiums.
Sie wren vor Entsetzen erstarrt, wenn sie gewut htten, in was fr Dinge
sie mich nun hineinwandern lieen.

Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und
brauchbarer Brger werden knne, oder ob meine Natur auf andere Wege
hindrnge. Mein letzter Versuch, im Schatten des vterlichen Hauses und
Geistes glcklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu
geglckt, und schlielich doch vllig gescheitert.

Die merkwrdige Leere und Vereinsamung, die ich whrend der Ferien nach
meiner Konfirmation zum erstenmal zu fhlen bekam (wie lernte ich sie
spter noch kennen, diese Leere, diese dnne Luft!), ging nicht so rasch
vorber. Der Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schmte
mich eigentlich, da ich nicht wehmtiger war, die Schwestern weinten
grundlos, ich konnte es nicht. Ich war ber mich selbst erstaunt. Immer war
ich ein gefhlvolles Kind gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind.
Jetzt war ich ganz verwandelt. Ich verhielt mich vllig gleichgltig gegen
die uere Welt, und war tagelang nur damit beschftigt, in mich
hineinzuhorchen und die Strme zu hren, die verbotenen und dunklen Strme,
die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war sehr rasch gewachsen, erst im
letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen, mager und unfertig in die
Welt. Die Liebenswrdigkeit des Knaben war ganz von mir geschwunden, ich
fhlte selbst, da man mich so nicht lieben knne, und liebte mich selber
auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft groe Sehnsucht; aber nicht
selten hate ich auch ihn und gab ihm schuld an der Verarmung meines
Lebens, die ich wie eine hliche Krankheit auf mich nahm.

In unsrem Schlerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch geachtet,
man hnselte mich erst, zog sich dann von mir zurck, und sah einen
Duckmuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in der Rolle,
bertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein, die nach
auen bestndig wie mnnlichste Weltverachtung aussah, whrend ich heimlich
oft verzehrenden Anfllen von Wehmut und Verzweiflung unterlag. In der
Schule hatte ich an aufgehuften Kenntnissen von Zuhause zu zehren, die
Klasse war etwas gegen meine frhere zurck, und ich gewhnte mir an, meine
Altersgenossen etwas verchtlich als Kinder anzusehen.

Ein Jahr und lnger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu
Hause brachten keine neuen Klnge; ich fuhr gerne wieder weg.

Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewhnt, bei jedem Wetter
kleine, denkerische Spaziergnge zu machen, auf denen ich oft eine Art von
Wonne geno, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und
Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen
Dmmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines ffentlichen
Parkes stand vllig verlassen und lud mich ein, der Weg lag dick voll
gefallener Bltter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Fen whlte,
es roch feucht und bitter, die fernen Bume traten gespenstisch gro und
schattenhaft aus den Nebeln.

Am Ende der Allee blieb ich unschlssig stehen, starrte in das schwarze
Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben,
den etwas in mir erwiderte und begrte. O wie fad das Leben schmeckte!

Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch daher, ich
wollte weitergehen, da rief er mich an.

Halloh, Sinclair!

Er kam heran, es war Alfons Beck, der lteste unserer Pension. Ich sah ihn
immer gern und hatte nichts gegen ihn, als da er mit mir wie mit allen
Jngeren immer ironisch und onkelhaft war. Er galt fr brenstark, sollte
den Herrn unsrer Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held vieler
Gymnasiastengerchte.

Was machst denn du hier? rief er leutselig mit dem Ton, den die Greren
hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herablieen. Na,
wollen wir wetten, du machst Gedichte?

Fllt mir nicht ein, lehnte ich barsch ab.

Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr
gewohnt war.

Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, da ich das etwa nicht
verstehe. Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit
Herbstgedanken, man macht dann gern Gedichte, ich wei schon. Von der
sterbenden Natur, natrlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr
gleicht. Siehe Heinrich Heine.

Ich bin nicht so sentimental, wehrte ich mich.

Na, la gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch gut,
einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt.
Kommst du ein bichen mit? Ich bin grade ganz allein. -- Oder magst du
nicht? Deinen Verfhrer mchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein
Musterknabe sein solltest.

Bald darauf saen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen
zweifelhaften Wein und stieen mit den dicken Glsern an. Es gefiel mir
zuerst wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des Weines
ungewohnt, sehr gesprchig. Es war, als sei ein Fenster in mir aufgestoen,
die Welt schien herein -- wie lang, wie furchtbar lang hatte ich mir nichts
von der Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten drinne gab ich
die Geschichte von Kain und Abel zum besten!

Beck hrte mir mit Vergngen zu -- endlich jemand, dem ich etwas gab! Er
klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein
geniales Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute
Bedrfnisse der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinstrmen zu lassen,
anerkannt zu sein und bei einem lteren etwas zu gelten. Als er mich ein
geniales Luder nannte, lief mir das Wort wie ein ser, starker Wein in die
Seele. Die Welt brannte in neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert
kecken Quellen zu, Geist und Feuer lohte in mir. Wir sprachen ber Lehrer
und Kameraden, und mir schien, wir verstnden einander herrlich. Wir
sprachen von den Griechen und vom Heidentum, und Beck wollte mich durchaus
zu Gestndnissen ber Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich nun nicht
mitreden. Erlebt hatte ich nichts, nichts zum Erzhlen. Und was ich in mir
gefhlt, konstruiert, phantasiert hatte, das sa zwar brennend in mir, war
aber auch durch den Wein nicht gelst und mitteilbar geworden. Von den
Mdchen wute Beck viel mehr, und ich hrte diesen Mrchen glhend zu.
Unglaubliches erfuhr ich da, nie fr mglich Gehaltenes trat in die platte
Wirklichkeit, schien selbstverstndlich. Alfons Beck hatte mit seinen
vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter anderen die,
da es mit den Mdchen so eine Sache sei, sie wollten nichts als schntun
und Galanterien haben, und das war ja ganz hbsch, aber doch nicht das
Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel
gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den
Schulheften und Bleistiften hatte, mit der lie sich reden, und was hinter
ihrem Ladentisch schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch.

Ich sa tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich htte die Frau Jaggelt
nicht gerade lieben knnen -- aber immerhin, es war unerhrt. Es schienen
da Quellen zu flieen, wenigstens fr die lteren, von denen ich nie
getrumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles
geringer und alltglicher als nach meiner Meinung die Liebe schmecken
durfte, -- aber immerhin, es war Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer,
es sa einer neben mir, der es erlebt hatte, dem es selbstverstndlich
schien.

Unsere Gesprche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas verloren. Ich
war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt blo noch ein
Knabe, der einem Manne zuhrte. Aber auch so noch -- gegen das, was seit
Monaten und Monaten mein Leben gewesen war, war dies kstlich, war dies
paradiesisch. Auerdem war es, wie ich erst allmhlich zu fhlen begann,
verboten, sehr verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem, was wir sprachen.
Ich jedenfalls schmeckte Geist, schmeckte Revolution darin.

Ich erinnere mich jener Nacht mit grter Deutlichkeit. Als wir beide, spt
an trb brennenden Gaslaternen vorbei, in der khlen nassen Nacht unsern
Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht schn, es war
uerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen Reiz, eine
Sigkeit, war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck nahm sich
meiner tapfer an, obwohl er bitter ber mich als blutigen Anfnger schalt,
und er brachte mich, halb getragen, nach Hause, wo es ihm gelang, mich und
sich durch ein offenstehendes Flurfenster einzuschmuggeln.

Mit der Ernchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit
Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh ber mich. Ich sa im Bette auf,
hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden umher
und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh, belkeit und
rasendem Durstgefhl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich lange nicht
mehr ins Auge gesehen hatte. Ich sah Heimat und Elternhaus, Vater und
Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches
Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die
Konfirmationsstunden -- und alles dies war licht, alles war von Glanz
umflossen, alles war wunderbar, gttlich und rein, und alles, alles das
hatte -- so wute ich jetzt -- noch gestern, noch vor Stunden, mir gehrt,
auf mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken
und verflucht, gehrte mir nicht mehr, stie mich aus, sah mit Ekel auf
mich! Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste
Kindheitsgrten zurck von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Ku der
Mutter, jede Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume
im Garten -- alles war verwstet, alles hatte ich mit Fen getreten! Wenn
jetzt Hscher gekommen wren und htten mich gebunden und als Auswurf und
Tempelschnder zum Galgen gefhrt, ich wre einverstanden gewesen, wre
gern gegangen, htte es richtig und gut gefunden.

Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt verachtete!
Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte! So sah ich aus,
ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein,
eine wste Bestie, von scheulichen Trieben berrumpelt! So sah ich aus,
ich, der aus jenen Grten kam, wo alles Reinheit, Glanz und holde Zartheit
war, ich, der ich Musik von Bach und schne Gedichte geliebt hatte! Ich
hrte noch mit Ekel und Emprung mein eigenes Lachen, ein betrunkenes,
unbeherrschtes, stoweis und albern herausbrechendes Lachen. Das war Ich!

Trotz allem aber war es beinahe ein Genu, diese Qualen zu leiden. So lange
war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz
geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, da auch diese Selbstanklagen,
dieses Grauen, dies ganze scheuliche Gefhl der Seele willkommen war. Es
war doch Gefhl, es stiegen doch Flammen, es zuckte doch Herz darin!
Verwirrt empfand ich mitten im Elend etwas wie Befreiung und Frhling.

Indessen ging es, von auen gesehen, tchtig bergab mit mir. Der erste
Rausch war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel
gekneipt und Allotria getrieben, ich war einer der Allerjngsten unter
denen, die mittaten, und bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr,
sondern ein Anfhrer und Stern, ein berhmter wagehalsiger Kneipenbesucher.
Ich gehrte wieder einmal ganz der dunkeln Welt, dem Teufel an, und ich
galt in dieser Welt als ein famoser Kerl.

Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem selbstzerstrerischen
Orgiasmus dahin, und whrend ich bei den Kameraden fr einen Fhrer und
Teufelskerl, fr einen verflucht schneidigen und witzigen Burschen galt,
hatte ich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern. Ich
wei noch, da mir einmal die Trnen kamen, als ich beim Verlassen einer
Kneipe am Sonntagvormittag auf der Strae Kinder spielen sah, hell und
vergngt mit frischgekmmtem Haar und in Sonntagskleidern. Und whrend ich,
zwischen Bierlachen an schmutzigen Tischen geringer Wirtshuser, meine
Freunde durch unerhrte Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich
im verborgenen Herzen Ehrfurcht vor allem, was ich verhhnte, und lag
innerlich weinend auf den Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit,
vor meiner Mutter, vor Gott.

Da ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, da ich unter ihnen
einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich
war ein Kneipenheld und Sptter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte
Geist und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden ber Lehrer, Schule,
Eltern, Kirche -- ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine --
aber ich war niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mdchen gingen, ich war
allein und war voll glhender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser
Sehnsucht, whrend ich nach meinen Reden ein abgebrhter Genieer htte
sein mssen. Niemand war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und
wenn ich je und je die jungen Brgermdchen vor mir gehen sah, hbsch und
sauber, licht und anmutig, waren sie mir wunderbare, reine Trume,
tausendmal zu gut und rein fr mich. Eine Zeitlang konnte ich auch nicht
mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt gehen, weil ich rot wurde, wenn
ich sie ansah und an das dachte, was Alfons Beck mir von ihr erzhlt hatte.

Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwhrend einsam
und anders wute, desto weniger kam ich von ihr los. Ich wei wirklich
nicht mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals Vergngen
machte, auch gewhnte ich mich an das Trinken niemals so, da ich nicht
jedesmal peinliche Folgen gesprt htte. Es war alles wie ein Zwang. Ich
tat, was ich mute, weil ich sonst durchaus nicht wute, was mit mir
beginnen. Ich hatte Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den
vielen zarten, schamhaften, innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets
geneigt fhlte, hatte Angst vor den zarten Liebesgedanken, die mir so oft
kamen.

Eines fehlte mir am meisten -- ein Freund. Es gab zwei oder drei
Mitschler, die ich sehr gerne sah. Aber sie gehrten zu den Braven, und
meine Laster waren lngst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden mich.
Ich galt bei allen fr einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden unter
den Fen wankte. Die Lehrer wuten viel von mir, ich war mehrmals streng
bestraft worden, meine schlieliche Entlassung aus der Schule war etwas,
worauf man wartete. Ich selbst wute das, ich war auch schon lange kein
guter Schler mehr, sondern drckte und schwindelte mich mhsam durch, mit
dem Gefhl, da das nicht mehr lange dauern knne.

Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber
fhren kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein arger Traum.
ber Schmutz und Klebrigkeit, ber zerbrochene Bierglser und zynisch
durchschwatzte Nchte weg sehe ich mich, einen gebannten Trumer, ruhelos
und gepeinigt kriechen, einen hlichen und unsaubern Weg. Es gibt solche
Trume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in Kotlachen, in
Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging es mir. Auf
diese wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden und zwischen
mich und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit erbarmungslos
strahlenden Wchtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein Erwachen des
Heimwehs nach mir selber.

Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe
meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir
unerwartet gegenbertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum zweitenmal
kam, war ich schon hart und gleichgltig, lie ihn schelten, lie ihn
bitten, lie ihn an die Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht
und sagte, wenn ich nicht anders werde, lasse er mich mit Schimpf und
Schande von der Schule jagen und stecke mich in eine Besserungsanstalt.
Mochte er! Als er damals abreiste, tat er mir leid, aber er hatte nichts
erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden, und fr Augenblicke
fhlte ich, es geschehe ihm recht. --

Was aus mir wrde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig hbsche
Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit mit der
Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei kaputt,
und zuweilen sah fr mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt Leute wie
mich nicht brauchen konnte, wenn sie fr sie keinen besseren Platz, keine
hhern Aufgaben hatte, nun so gingen Leute wie ich eben kaputt. Mochte die
Welt den Schaden haben.

Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine Mutter
erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen, und mein
hageres Gesicht sah grau und verwstet aus, mit schlaffen Zgen und
entzndeten Augenrndern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die
Brille, die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die
Schwestern wichen zurck und kicherten. Es war alles unerquicklich.
Unerquicklich und bitter das Gesprch mit dem Vater in dessen
Studierzimmer, unerquicklich das Begren der paar Verwandten,
unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war, seit ich lebte, in
unsrem Hause der groe Tag gewesen, der Abend der Festlichkeit und Liebe,
der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen den Eltern und mir.
Diesmal war alles nur bedrckend und verlegenmachend. Wie sonst las mein
Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, die hteten allda ihre
Herde, wie sonst standen die Schwestern strahlend vor ihrem Gabentisch,
aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein Gesicht sah alt und
beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war alles gleich peinlich
und unerwnscht, Gaben und Glckwnsche, Evangelium und Lichterbaum. Die
Lebkuchen rochen s und strmten dichte Wolken serer Erinnerungen aus.
Der Tannenbaum duftete und erzhlte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich
sehnte das Ende des Abends und der Feiertage herbei.

Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich eindringlich
vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschlu bedroht worden. Es wrde
nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen.

Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun die
ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner Schlerzeit
in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen; darum hatte ich
ihn auch in den Ferien nicht besucht.

                   *       *       *       *       *

In demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck zusammengetroffen war,
geschah es im beginnenden Frhling, als eben die Dornhecken grn zu werden
anfingen, da ein Mdchen mir auffiel. Ich war allein spazierengegangen,
voll von widerlichen Gedanken und Sorgen, denn meine Gesundheit war
schlecht geworden, und auerdem war ich bestndig in Geldverlegenheiten,
war Kameraden Betrge schuldig, mute notwendige Ausgaben erfinden, um
wieder etwas von Hause zu erhalten, und hatte in mehreren Lden Rechnungen
fr Zigarren und hnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht da diese Sorgen
sehr tief gegangen wren -- wenn nchstens einmal mein Hiersein sein Ende
nahm und ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde,
dann kam es auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte
doch immerzu Aug in Auge mit solchen unschnen Sachen, und litt darunter.

An jenem Frhlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die mich sehr
anzog. Sie war gro und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein kluges
Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehrte dem Typ an, den ich
liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschftigen. Sie war wohl kaum
viel lter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon
fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von bermut und Jungenhaftigkeit im
Gesicht, den ich beraus gern hatte.

Es war mir nie geglckt, mich einem Mdchen zu nhern, in das ich verliebt
war, und es glckte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck war tiefer
als alle frheren, und der Einflu dieser Verliebtheit auf mein Leben war
gewaltig.

Pltzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und verehrtes
Bild -- ach, und kein Bedrfnis, kein Drang war so tief und heftig in mir
wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den Namen Beatrice,
denn von ihr wute ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus einem englischen
Gemlde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte. Dort war es eine
englisch-prraffaelitische Mdchenfigur, sehr langgliedrig und schlank mit
schmalem langem Kopf und vergeistigten Hnden und Zgen. Mein schnes
junges Mdchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie diese Schlankheit und
Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte, und etwas von der
Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts.

Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat sie
damals den tiefsten Einflu auf mich gebt. Sie stellte ihr Bild vor mir
auf, sie ffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem
Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und
nchtlichen Streifzgen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder
gern, ich ging wieder gern spazieren.

Die pltzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun etwas
zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war wieder
voll von Ahnung und bunt geheimnisvoller Dmmerung -- das machte mich
unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause, obwohl nur als
Sklave und Dienender eines verehrten Bildes.

An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rhrung denken. Wieder
versuchte ich mit innigstem Bemhen, aus Trmmern einer zusammengebrochenen
Lebensperiode mir eine lichte Welt zu bauen, wieder lebte ich ganz in dem
einzigen Verlangen, das Dunkle und Bse in mir abzutun und vllig im
Lichten zu weilen, auf Knien vor Gttern. Immerhin war diese jetzige
lichte Welt einigermaen meine eigene Schpfung; es war nicht mehr ein
Zurckfliehen und Unterkriechen zur Mutter und verantwortungslosen
Geborgenheit, es war ein neuer, von mir selbst erfundener und geforderter
Dienst, mit Verantwortlichkeit und Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit,
unter der ich litt und vor der ich immer und immer auf der Flucht war,
sollte nun in diesem heiligen Feuer zu Geist und Andacht verklrt werden.
Es durfte nichts Finsteres mehr, nichts Hliches geben, keine
durchsthnten Nchte, kein Herzklopfen vor unzchtigen Bildern, kein
Lauschen an verbotenen Pforten, keine Lsternheit. Statt alles dessen
richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde Beatricens, und indem ich mich
ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und den Gttern. Den Lebensanteil,
den ich den finsteren Mchten entzog, brachte ich den lichten zum Opfer.
Nicht Lust war mein Ziel, sondern Reinheit, nicht Glck, sondern Schnheit
und Geistigkeit.

Dieser Kult der Beatrice nderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch ein
frhreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein
Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das ble Leben ab, an das ich mich
gewhnt hatte, ich suchte alles zu ndern, suchte Reinheit, Adel und Wrde
in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und
Kleidung. Ich begann den Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich mich
anfangs schwer zwingen mute. Ich benahm mich ernst und wrdig, trug mich
aufrecht und machte meinen Gang langsamer und wrdiger. Fr Zuschauer mag
es komisch ausgesehen haben -- bei mir innen war es lauter Gottesdienst.

Von all den neuen bungen, in denen ich Ausdruck fr meine neue Gesinnung
suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing damit an, da
das englische Beatricebild, das ich besa, jenem Mdchen nicht hnlich
genug war. Ich wollte versuchen, sie fr mich zu malen. Mit einer ganz
neuen Freude und Hoffnung trug ich in meinem Zimmer -- ich hatte seit
kurzem ein eigenes -- schnes Papier, Farben und Pinsel zusammen, machte
Palette, Glas, Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die feinen
Temperafarben in kleinen Tuben, die ich gekauft hatte, entzckten mich. Es
war ein feuriges Chromoxydgrn dabei, das ich noch zu sehen meine, wie es
erstmals in der kleinen weien Schale aufleuchtete.

Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es
erst mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine
phantasierte Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine rmische
Brcke mit Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende Tun,
war glcklich wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schlielich aber
begann ich, Beatrice zu malen.

Einige Bltter miglckten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir das
Gesicht des Mdchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der Strae
antraf, desto weniger wollte es gehen. Schlielich tat ich darauf Verzicht
und begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den Fhrungen
folgend, die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel von selber
ergaben. Es war ein getrumtes Gesicht, das dabei herauskam, und ich war
nicht unzufrieden damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich fort, und
jedes neue Blatt sprach etwas deutlicher, kam dem Typ nher, wenn auch
keineswegs der Wirklichkeit.

Mehr und mehr gewhnte ich mich daran, mit trumerischem Pinsel Linien zu
ziehen und Flchen zu fllen, die ohne Vorbild waren, die sich aus
spielendem Tasten, aus dem Unbewuten ergaben. Endlich machte ich eines
Tages, fast bewutlos, ein Gesicht fertig, das strker als die frheren zu
mir sprach. Es war nicht das Gesicht jenes Mdchens, das sollte es auch
lngst nimmer sein. Es war etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht
minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jnglingskopf aus als wie ein
Mdchengesicht, das Haar war nicht hellblond wie bei meinem hbschen
Mdchen, sondern braun mit rtlichem Hauch, das Kinn war stark und fest,
der Mund aber rotblhend, das Ganze etwas steif und maskenhaft, aber
eindrcklich und voll von geheimem Leben.

Als ich vor dem fertigen Blatte sa, machte es mir einen seltsamen
Eindruck. Es schien mir eine Art von Gtterbild oder heiliger Maske zu
sein, halb mnnlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie
trumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir
etwas zu sagen, es gehrte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es
hatte hnlichkeit mit irgend jemand, ich wute nicht mit wem.

Das Bildnis begleitete nun eine Weile alle meine Gedanken und teilte mein
Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es
erwischen und mich damit verhhnen knnen. Aber sobald ich allein in meinem
Stbchen war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm. Abends
heftete ich es mit einer Nadel mir gegenber berm Bett an die Tapete, sah
es bis zum Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick darauf.

Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu trumen, wie ich es als
Kind stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Trume mehr
gehabt. Jetzt kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und
oft tauchte das gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir
befreundet oder feindlich, manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal
unendlich schn, harmonisch und edel.

Und eines Morgens, als ich aus solchen Trumen erwachte, erkannte ich es
pltzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen Namen
zu rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit allen
Zeiten zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die braunen
dichten Haare, den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der
sonderbaren Helligkeit (es war von selber so aufgetrocknet), und nher und
nher fhlte ich in mir die Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen.

Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es aus
nchster Nhe an, gerade in die weit offenen, grnlichen, starren Augen
hinein, von denen das rechte etwas hher als das andere stand. Und mit
einemmal zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich,
und mit diesem Zucken erkannte ich das Bild . . .

Wie hatte ich das erst so spt finden knnen! Es war Demians Gesicht.

Spter verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zgen, wie
ich sie in meinem Gedchtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben, obwohl
hnlich. Aber es war doch Demian.

Einst an einem Frhsommerabend schien die Sonne schrg und rot durch mein
Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dmmerig. Da kam ich
auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der Nadel ans
Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne hindurch
schien. Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rtlich umrandeten
Augen, die Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund glhten tief
und wild aus der Flche. Lange sa ich ihm gegenber, auch als es schon
erloschen war. Und allmhlich kam mir ein Gefhl, da das nicht Beatrice
und nicht Demian sei, sondern -- ich selbst. Das Bild glich mir nicht --
das sollte es auch nicht, fhlte ich -- aber es war das, was mein Leben
ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dmon. So wrde
mein Freund aussehen, wenn ich je wieder einen fnde. So wrde meine
Geliebte aussehen, wenn ich je eine bekme. So wrde mein Leben und so mein
Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals.

In jenen Wochen hatte ich eine Lektre begonnen, die mir tieferen Eindruck
machte als alles, was ich frher gelesen. Auch spter habe ich selten mehr
Bcher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein Band Novalis,
mit Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht verstand und die mich
doch alle unsglich anzogen und umspannen. Einer von den Sprchen fiel mir
nun ein. Ich schrieb ihn mit der Feder unter das Bildnis: Schicksal und
Gemt sind Namen eines Begriffs. Das hatte ich nun verstanden.

Das Mdchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fhlte
keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes bereinstimmen, ein
gefhlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknpft, aber nicht du, nur dein
Bild; du bist ein Stck von meinem Schicksal.

                   *       *       *       *       *

Meine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mchtig. Ich wute nichts von
ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in den Ferien
angetroffen. Ich sehe jetzt, da ich diese kurze Begegnung in meinen
Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, da es aus Scham und Eitelkeit
geschah. Ich mu es nachholen.

Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas mden
Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte, meinen
Spazierstock schwang und den Philistern in die alten, gleichgebliebenen,
verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger Freund entgegen. Kaum
sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und blitzschnell mute ich an Franz
Kromer denken. Mchte doch Demian diese Geschichte wirklich vergessen
haben! Es war so unangenehm, diese Verpflichtung gegen ihn zu haben --
eigentlich ja eine dumme Kindergeschichte, aber doch eben eine
Verpflichtung . . .

Er schien zu warten, ob ich ihn gren wolle, und als ich es mglichst
gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Hndedruck! So fest,
warm und doch khl, mnnlich!

Er sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte: Du bist gro geworden,
Sinclair. Er selbst schien mir ganz unverndert, gleich alt, gleich jung
wie immer.

Er schlo sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen ber
lauter nebenschliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, da ich
ihm einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach,
mchte er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe! Er
sagte nichts davon.

Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten in
meiner wsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu
kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte
ein, stie mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen Trinkgebruchen
sehr vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug.

Du gehst viel ins Wirtshaus? fragte er mich.

Ach ja, sagte ich trge, was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer
noch das Lustigste.

Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schn -- der
Rausch, das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im
Wirtshaus sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als
sei gerade das Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine
Nacht lang, mit brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schnen Rausch und
Taumel! Aber so immer wieder, ein Schppchen ums andere, das ist doch wohl
nicht das Wahre? Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er Abend fr
Abend an einem Stammtisch sitzt?

Ich trank und schaute ihn feindselig an.

Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust, sagte ich kurz.

Er sah mich etwas stutzig an.

Dann lachte er mit der alten Frische und berlegenheit.

Na, wozu darber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Sufers oder
Wstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Brgers. Und dann --
ich habe das einmal gelesen -- ist das Leben des Wstlings eine der besten
Vorbereitungen fr den Mystiker. Es sind ja auch immer solche Leute wie der
heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch ein Genieer
und Lebemann.

Ich war mitrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern lassen. So
sagte ich blasiert: Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es, offen
gestanden, gar nicht darum zu tun, ein Seher oder so etwas zu werden.

Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an.

Lieber Sinclair, sagte er langsam, es war nicht meine Absicht, dir
Unangenehmes zu sagen. brigens -- zu welchem Zweck du jetzt deine Schoppen
trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben macht, wei
es schon. Es ist so gut, das zu wissen: da in uns drinnen einer ist, der
alles wei, alles will, alles besser macht als wir selber. -- Aber verzeih,
ich mu nach Hause.

Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mimutig sitzen, trank meine
Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, da Demian sie schon
bezahlt hatte. Das rgerte mich noch mehr.

Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an. Sie
waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor der
Stadt gesagt, kamen in meinem Gedchtnis wieder hervor, seltsam frisch und
unverloren. -- Es ist so gut, das zu wissen, da in uns drinnen einer ist,
der alles wei!

Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war. Aber
ich sah die Augen noch glhen. Das war der Blick Demians. Oder es war der,
der in mir drinnen war. Der, der alles wei.

Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wute nichts von ihm, er war mir
nicht erreichbar. Ich wute nur, da er vermutlich irgendwo studiere und
da nach dem Abschlu seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere Stadt
verlassen habe.

Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurck suchte ich alle Erinnerungen an
Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder auf, was er mir einst
gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war aktuell, ging mich an!
Auch das, was er bei unsrem letzten, so wenig erfreulichen Zusammentreffen
ber den Wstling und den Heiligen gesagt hatte, stand mir pltzlich hell
vor der Seele. War es nicht genau so mit mir gegangen? Hatte ich nicht in
Rausch und Schmutz gelebt, in Betubung und Verlorenheit, bis mit einem
neuen Lebensantrieb gerade das Gegenteil in mir lebendig geworden war, das
Verlangen nach Reinheit, die Sehnsucht nach dem Heiligen?

So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war lngst Nacht geworden und
drauen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hrte ich es regnen, es war
die Stunde unter den Kastanienbumen, wo er mich einst wegen Franz Kromer
ausgefragt und meine ersten Geheimnisse erraten hatte. Eines ums andre kam
hervor, Gesprche auf dem Schulweg, die Konfirmationsstunden. Und zuletzt
fiel mein allererstes Zusammentreffen mit Max Demian mir ein. Um was hatte
es sich doch da gehandelt? Ich kam nicht gleich darauf, aber ich lie mir
Zeit, ich war ganz darein versunken. Und nun kam es wieder, auch das. Wir
waren vor unserem Hause gestanden, nachdem er mir seine Meinung ber Kain
mitgeteilt hatte. Da hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen,
das ber unsrem Haustor sa, in dem von unten nach oben breiter werdenden
Schlustein. Er hatte gesagt, es interessiere ihn, und man msse auf solche
Sachen acht haben.

In der Nacht trumte ich von Demian und von dem Wappen. Es verwandelte sich
bestndig, Demian hielt es in Hnden, oft war es klein und grau, oft
mchtig gro und vielfarbig, aber er erklrte mir, da es doch immer ein
und dasselbe sei. Zuletzt aber ntigte er mich, das Wappen zu essen. Als
ich es geschluckt hatte, sprte ich mit ungeheurem Erschrecken, da der
verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausflle und von innen
zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und erwachte.

Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hrte es ins Zimmer
regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schlieen, und trat dabei auf
etwas Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, da es mein gemaltes
Blatt war. Es lag in der Nsse am Boden und hatte sich in Wlste geworfen.
Ich spannte es zum Trocknen zwischen Fliebltter in ein schweres Buch. Als
ich am nchsten Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich
aber verndert. Der rote Mund war verblat und etwas schmler geworden. Es
war jetzt ganz der Mund Demians.

Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er
eigentlich aussah, wute ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war,
wie ich wute, auch aus der Nhe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding
alt und oftmals mit Farbe berstrichen worden war. Der Vogel stand oder sa
auf etwas, vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder
auf einer Baumkrone. Ich kmmerte mich nicht darum und fing mit dem an,
wovon ich eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedrfnis
begann ich gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem
Blatte goldgelb. Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das Ding
in einigen Tagen fertig.

Nun war es ein Raubvogel, mit einem scharfen khnen Sperberkopf. Er stak
mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus einem
riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie ich das
Blatt lnger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das
farbige Wappen, wie es in meinem Traum vorgekommen war.

Einen Brief an Demian zu schreiben, wre mir nicht mglich gewesen, auch
wenn ich gewut htte wohin. Ich beschlo aber, in demselben traumhaften
Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem Sperber zu
schicken, mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb nichts
darauf, auch nicht meinen Namen, beschnitt die Rnder sorgfltig, kaufte
einen groen Papierumschlag und schrieb meines Freundes ehemalige Adresse
darauf. Dann schickte ich es fort.

Ein Examen kam nher, und ich mute mehr als sonst fr die Schule arbeiten.
Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich pltzlich
meinen schnden Wandel gendert hatte. Ein guter Schler war ich auch jetzt
wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch daran, da vor
einem halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der Schule allen
wahrscheinlich gewesen war.

Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie frher, ohne
Vorwrfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend jemand
zu erklren, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es war ein
Zufall, da diese Wandlung mit den Wnschen meiner Eltern und Lehrer
bereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern, nherte
mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte irgendwohin, zu
Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wute es selber ja nicht, ich stand
ja mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit einiger Zeit
lebte ich mit meinen gemalten Blttern und meinen Gedanken an Demian in
einer so ganz unwirklichen Welt, da ich auch sie vllig aus den Augen und
Gedanken verlor. Niemand htte ich von meinen Trumen, meinen Erwartungen,
meiner inneren Umwandlung ein Wort sagen knnen, auch nicht, wenn ich
gewollt htte.

Aber wie htte ich dies wollen knnen?




Fnftes Kapitel
Der Vogel kmpft sich aus dem Ei


Mein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund. Auf die
wunderlichste Weise kam mir eine Antwort.

In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der Pause
zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er war genau
so gefaltet, wie es bei uns blich war, wenn Klassengenossen zuweilen
whrend einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen lieen. Mich
wunderte nur, wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich stand mit
keinem Mitschler je in solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die
Aufforderung zu irgendeinem Schlerspa sein, an dem ich doch nicht
teilnehmen wrde, und legte den Zettel ungelesen vorn in mein Buch. Erst
whrend der Lektion fiel er mir zufllig wieder in die Hand.

Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige Worte
darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort
hngen, erschrak und las, whrend mein Herz sich vor Schicksal wie in
groer Klte zusammenzog:

Der Vogel kmpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden
will, mu eine Welt zerstren. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heit
Abraxas.

Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes Nachsinnen.
Es war kein Zweifel mglich, es war Antwort von Demian. Niemand konnte von
dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild bekommen. Er hatte
verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles zusammen? Und -- das
plagte mich vor allem -- was hie Abraxas? Ich hatte das Wort nie gehrt
oder gelesen. Der Gott heit Abraxas!

Die Stunde verging, ohne da ich etwas vom Unterricht hrte. Die nchste
begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz jungen
Hilfslehrer gegeben, der erst von der Universitt kam und uns schon darum
gefiel, weil er so jung war und sich uns gegenber keine falsche Wrde
anmate.

Wir lasen unter Doktor Follens Fhrung Herodot. Diese Lektre gehrte zu
den wenigen Schulfchern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich
nicht dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber dem
bersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. brigens hatte ich
schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was Demian mir
damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark genug wollte,
das gelang. Wenn ich whrend des Unterrichts sehr stark mit eigenen
Gedanken beschftigt war, so konnte ich ruhig sein, da der Lehrer mich in
Ruhe lie. Ja, wenn man zerstreut war oder schlfrig, dann stand er
pltzlich da: das war mir auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich
dachte, wirklich versunken war, dann war man geschtzt. Und auch das mit
dem festen Anblicken hatte ich schon probiert und bewhrt gefunden. Damals
zu Demians Zeiten war es mir nicht geglckt, jetzt sprte ich oft, da man
mit Blicken und Gedanken sehr viel ausrichten konnte.

So sa ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg. Aber
da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins
Bewutsein, da ich voll Schreck erwachte. Ich hrte seine Stimme, er stand
dicht neben mir, ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen. Aber er
sah mich nicht an. Ich atmete auf.

Da hrte ich seine Stimme wieder. Laut sagte sie das Wort: Abraxas.

In einer Erklrung, deren Anfang mir entgangen war, fuhr Doktor Follen
fort: Wir mssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen
Vereinigungen des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom
Standpunkt einer rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine
Wissenschaft in unserem Sinn kannte das Altertum berhaupt nicht. Dafr gab
es eine Beschftigung mit philosophisch-mystischen Wahrheiten, die sehr
hoch entwickelt war. Zum Teil entstand daraus Magie und Spielerei, die wohl
oft auch zu Betrug und Verbrechen fhrte. Aber auch die Magie hatte eine
edle Herkunft und tiefe Gedanken. So die Lehre von Abraxas, die ich vorhin
als Beispiel anfhrte. Man nennt diesen Namen in Verbindung mit
griechischen Zauberformeln und hlt ihn vielfach fr den Namen irgendeines
Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Vlker heute noch haben. Es scheint aber,
da Abraxas viel mehr bedeutet. Wir knnen uns den Namen etwa denken als
den einer Gottheit, welche die symbolische Aufgabe hatte, das Gttliche und
das Teuflische zu vereinigen.

Der kleine gelehrte Mann sprach fein und eifrig weiter, niemand war sehr
aufmerksam, und da der Name nicht mehr vorkam, sank auch meine
Aufmerksamkeit bald wieder in mich selbst zurck.

Das Gttliche und das Teuflische vereinigen, klang es mir nach. Hier
konnte ich anknpfen. Das war mir von den Gesprchen mit Demian in der
allerletzten Zeit unsrer Freundschaft her vertraut. Demian hatte damals
gesagt, wir htten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur
eine willkrlich abgetrennte Hlfte der Welt dar (es war die offizielle,
erlaubte, lichte Welt). Man msse aber die ganze Welt verehren knnen,
also msse man entweder einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man
msse neben dem Gottesdienst auch einen Dienst des Teufels einrichten. --
Und nun war also Abraxas der Gott, der sowohl Gott wie Teufel war.

Eine Zeitlang suchte ich mit groem Eifer auf der Spur weiter, ohne doch
vorwrts zu kommen. Ich stberte auch eine ganze Bibliothek erfolglos nach
dem Abraxas durch. Doch war mein Wesen niemals stark auf diese Art des
direkten und bewuten Suchens eingestellt, wobei man zumeist nur Wahrheiten
findet, die einem Steine in der Hand bleiben.

Die Gestalt der Beatrice, mit der ich eine gewisse Zeit hindurch so viel
und innig beschftigt gewesen war, sank nun allmhlich unter, oder vielmehr
sie trat langsam von mir hinweg, nherte sich mehr und mehr dem Horizont
und wurde schattenhafter, ferner, blasser. Sie gengte der Seele nicht
mehr.

Es begann jetzt in dem eigentmlich in mich selbst eingesponnenen Dasein,
das ich wie ein Traumwandler fhrte, eine neue Bildung zu entstehen. Die
Sehnsucht nach dem Leben blhte in mir, vielmehr die Sehnsucht nach Liebe,
und der Trieb des Geschlechts, den ich eine Weile hatte in die Anbetung
Beatrices auflsen knnen, verlangte neue Bilder und Ziele. Noch immer kam
keine Erfllung mir entgegen, und unmglicher als je war es mir, die
Sehnsucht zu tuschen und etwas von den Mdchen zu erwarten, bei denen
meine Kameraden ihr Glck suchten. Ich trumte wieder heftig, und zwar mehr
am Tage als in der Nacht. Vorstellungen, Bilder oder Wnsche, stiegen in
mir auf und zogen mich von der ueren Welt hinweg, so da ich mit diesen
Bildern in mir, mit diesen Trumen oder Schatten, wirklicher und lebhafter
Umgang hatte und lebte, als mit meiner wirklichen Umgebung.

Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte,
wurde mir bedeutungsvoll. Dieser Traum, der wichtigste und nachhaltigste
meines Lebens, war etwa so: Ich kehrte in mein Vaterhaus zurck -- ber dem
Haustor leuchtete der Wappenvogel in Gelb auf blauem Grund -- im Hause kam
mir meine Mutter entgegen -- aber als ich eintrat und sie umarmen wollte,
war es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, gro und mchtig, dem
Max Demian und meinem gemalten Blatte hnlich, doch anders, und trotz der
Mchtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog mich an sich und nahm
mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf. Wonne und Grausen waren
vermischt, die Umarmung war Gottesdienst, und war ebenso Verbrechen. Zu
viel Erinnerung an meine Mutter, zu viel Erinnerung an meinen Freund Demian
geistete in der Gestalt, die mich umfing. Ihre Umarmung verstie gegen jede
Ehrfurcht und war doch Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traume mit
tiefem Glcksgefhl, oft mit Todesangst und gequltestem Gewissen wie aus
furchtbarer Snde.

Nur allmhlich und unbewut kam zwischen diesem ganz innerlichen Bilde und
dem mir von auen zugekommenen Wink ber den zu suchenden Gott eine
Verbindung zustande. Sie wurde aber dann enger und inniger, und ich begann
zu spren, da ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas anrief. Wonne
und Grauen, Mann und Weib gemischt, Heiligstes und Grliches ineinander
verflochten, tiefe Schuld durch zarteste Unschuld zuckend -- so war mein
Liebestraumbild, und so war auch Abraxas. Liebe war nicht mehr tierisch
dunkler Trieb, wie ich sie bengstigt im Anfang empfunden hatte, und sie
war auch nicht mehr fromm vergeistigte Anbeterschaft, wie ich sie dem Bilde
der Beatrice dargebracht. Sie war beides, beides und noch viel mehr, sie
war Engelsbild und Satan, Mann und Weib in einem, Mensch und Tier, hchstes
Gut und uerstes Bses. Dies zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten
mein Schicksal. Ich hatte Sehnsucht nach ihm und hatte Angst vor ihm, ich
trumte ihm nach und ich floh vor ihm, aber es war immer da, war immer ber
mir.

Im nchsten Frhjahr sollte ich das Gymnasium verlassen und studieren
gehen, ich wute noch nicht wo und was. Auf meinen Lippen wuchs ein kleiner
Bart, ich war ein ausgewachsener Mensch, und doch vollkommen hilflos und
ohne Ziele. Fest war nur eines: die Stimme in mir, das Traumbild. Ich
fhlte die Aufgabe, dieser Fhrung blind zu folgen. Aber es fiel mir
schwer, und tglich lehnte ich mich auf. Vielleicht war ich verrckt,
dachte ich nicht selten, vielleicht war ich nicht wie andere Menschen? Aber
ich konnte das, was andre leisteten, alles auch tun, mit ein wenig Flei
und Bemhung konnte ich Plato lesen, konnte trigonometrische Aufgaben lsen
oder einer chemischen Analyse folgen. Nur eines konnte ich nicht: das in
mir dunkel verborgene Ziel herausreien und irgendwo vor mich hinmalen, wie
andere es taten, welche genau wuten, da sie Professor oder Richter, Arzt
oder Knstler werden wollten, wie lang das dauern und was fr Vorteile es
haben wrde. Das konnte ich nicht. Vielleicht wurde ich auch einmal so
etwas, aber wie sollte ich das wissen. Vielleicht mute ich auch suchen und
weitersuchen, jahrelang, und wurde nichts, und kam an kein Ziel. Vielleicht
kam ich auch an ein Ziel, aber es war ein bses, gefhrliches, furchtbares.

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir
heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?

Oft machte ich den Versuch, die mchtige Liebesgestalt meines Traumes zu
malen. Es gelang aber nie. Wre es mir gelungen, so htte ich das Blatt an
Demian gesandt. Wo war er? Ich wute es nicht. Ich wute nur, er war mit
mir verbunden. Wann wrde ich ihn wiedersehen?

Die freundliche Ruhe jener Wochen und Monate der Beatricezeit war lang
vergangen. Damals hatte ich gemeint, eine Insel erreicht und einen Frieden
gefunden zu haben. Aber so war es immer -- kaum war ein Zustand mir lieb
geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, so wurde er auch schon welk
und blind. Vergebens, ihm nachzuklagen! Ich lebte jetzt in einem Feuer von
ungestilltem Verlangen, von gespanntem Erwarten, das mich oft vllig wild
und toll machte. Das Bild der Traumgeliebten sah ich oft mit berlebendiger
Deutlichkeit vor mir, viel deutlicher als meine eigene Hand, sprach mit
ihm, weinte vor ihm, fluchte ihm. Ich nannte es Mutter und kniete vor ihm
in Trnen, ich nannte es Geliebte und ahnte seinen reifen, alles
erfllenden Ku, ich nannte es Teufel und Hure, Vampyr und Mrder. Es
verlockte mich zu zartesten Liebestrumen und zu wsten Schamlosigkeiten,
nichts war ihm zu gut und kstlich, nichts zu schlecht und niedrig.

Jenen ganzen Winter verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich schwer
beschreiben kann. An die Einsamkeit war ich lang gewhnt, sie drckte mich
nicht, ich lebte mit Demian, mit dem Sperber, mit dem Bild der groen
Traumgestalt, die mein Schicksal und meine Geliebte war. Das war genug, um
darin zu leben, denn alles blickte ins Groe und Weite, und alles deutete
auf Abraxas. Aber keiner dieser Trume, keiner meiner Gedanken gehorchte
mir, keinen konnte ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben seine Farben
geben. Sie kamen und nahmen mich, ich wurde von ihnen regiert, wurde von
ihnen gelebt.

Wohl war ich nach auen gesichert. Vor Menschen hatte ich keine Furcht, das
hatten auch meine Mitschler gelernt und brachten mir eine heimliche
Achtung entgegen, die mich oft lcheln machte. Wenn ich wollte, konnte ich
die meisten von ihnen sehr gut durchschauen und sie gelegentlich dadurch in
Erstaunen setzen. Nur wollte ich selten oder nie. Ich war immer mit mir
beschftigt, immer mit mir selbst. Und ich verlangte sehnlichst danach, nun
endlich auch einmal ein Stck zu leben, etwas aus mir hinaus in die Welt zu
geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten. Manchmal wenn ich am Abend
durch die Straen lief und vor Unrast bis Mitternacht nicht heimkehren
konnte, manchmal meinte ich dann, jetzt und jetzt msse meine Geliebte mir
begegnen, an der nchsten Ecke vorbergehen, mir aus dem nchsten Fenster
rufen. Manchmal auch schien mir dies alles unertrglich qualvoll, und ich
war darauf gefat, mir einmal das Leben zu nehmen.

Eine eigentmliche Zuflucht fand ich damals -- durch einen Zufall, wie
man sagt. Es gibt aber solche Zuflle nicht. Wenn der, der etwas notwendig
braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall, der es ihm
gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Mssen fhrt ihn hin.

Ich hatte zwei oder drei Male auf meinen Gngen durch die Stadt aus einer
kleineren Vorstadtkirche Orgelspiel vernommen, ohne dabei zu verweilen. Als
ich das nchstemal vorberkam, hrte ich es wieder, und erkannte, da Bach
gespielt wurde. Ich ging zum Tor, das ich geschlossen fand, und da die
Gasse fast ohne Menschen war, setzte ich mich neben der Kirche auf einen
Prellstein, schlug den Mantelkragen um mich und hrte zu. Es war keine
groe, doch eine gute Orgel, und es wurde wunderlich gespielt, nmlich gut
und beinahe virtuos, aber mit einem eigentmlichen, hchst persnlichen
Ausdruck von Willen und Beharrlichkeit, der wie ein Gebet klang. Ich hatte
das Gefhl: der Mann, der da spielt, wei in dieser Musik einen Schatz
verschlossen, und er wirbt und pocht und mht sich um diesen Schatz wie um
sein Leben. Ich verstehe, im Sinn der Technik, nicht sehr viel von Musik,
aber ich habe gerade diesen Ausdruck der Seele von Kind auf instinktiv
verstanden und das Musikalische als etwas Selbstverstndliches in mir
gefhlt.

Der Musiker spielte darauf auch etwas Modernes, es konnte von Reger sein.
Die Kirche war fast vllig dunkel, nur ein ganz dnner Lichtschein drang
durchs nchste Fenster. Ich wartete, bis die Musik zu Ende war, und strich
dann auf und ab, bis ich den Organisten herauskommen sah. Es war ein noch
junger Mensch, doch lter als ich, vierschrtig und untersetzt von Gestalt,
und er lief rasch mit krftigen und gleichsam unwilligen Schritten davon.

Manchmal sa ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche, oder ging auf
und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und sa eine halbe Stunde
frstelnd und glcklich im Gesthl, whrend der Organist oben bei
sprlichem Gaslicht spielte. Aus der Musik, die er spielte, hrte ich nicht
nur ihn selbst. Es schien mir auch alles, was er spielte, unter sich
verwandt zu sein, einen geheimen Zusammenhang zu haben. Alles, was er
spielte, war glubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die
Kirchengnger und Pastoren, sondern fromm wie Pilger und Bettler im
Mittelalter, fromm mit rcksichtsloser Hingabe an ein Weltgefhl, das ber
allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach wurden fleiig gespielt,
und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten das, was auch der
Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der Welt und
wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die eigene
dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das Wunderbare.

Als ich einmal den Orgelspieler nach seinem Weggang aus der Kirche heimlich
verfolgte, sah ich ihn weit drauen am Rande der Stadt in eine kleine
Schenke treten. Ich konnte nicht widerstehen und ging ihm nach. Zum
erstenmal sah ich ihn hier deutlich. Er sa am Wirtstisch in einer Ecke der
kleinen Stube, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, einen Schoppen Wein vor
sich, und sein Gesicht war so, wie ich es erwartet hatte. Es war hlich
und etwas wild, suchend und verbohrt, eigensinnig und willensvoll, dabei um
den Mund weich und kindlich. Das Mnnliche und Starke sa alles in Augen
und Stirn, der untere Teil des Gesichtes war zart und unfertig,
unbeherrscht und zum Teil weichlich, das Kinn voll Unentschlossenheit stand
knabenhaft da wie ein Widerspruch gegen Stirn und Blick. Lieb waren mir die
dunkelbraunen Augen, voll Stolz und Feindlichkeit.

Schweigend setzte ich mich ihm gegenber, niemand war sonst in der Kneipe.
Er blitzte mich an, als wolle er mich wegjagen. Ich hielt jedoch stand und
sah ihn unentwegt an, bis er unwirsch brummte: Was schauen Sie denn so
verflucht scharf? Wollen Sie was von mir?

Ich will nichts von Ihnen, sagte ich. Aber ich habe schon viel von Ihnen
gehabt.

Er zog die Stirn zusammen.

So, sind Sie ein Musikschwrmer? Ich finde es ekelhaft, fr Musik zu
schwrmen.

Ich lie mich nicht abschrecken.

Ich habe Ihnen schon oft zugehrt, in der Kirche da drauen, sagte ich.
Ich will Sie brigens nicht belstigen. Ich dachte, ich wrde bei Ihnen
vielleicht etwas finden, etwas Besonderes, ich wei nicht recht was. Aber
hren Sie lieber gar nicht auf mich! Ich kann Ihnen ja in der Kirche
zuhren.

Ich schliee doch immer ab.

Neulich haben Sie es vergessen, und ich sa drinnen. Sonst stehe ich
drauen oder sitze auf dem Prellstein.

So? Sie knnen ein andermal hereinkommen, es ist wrmer. Sie mssen dann
blo an die Tr klopfen. Aber krftig, und nicht whrend ich spiele. Jetzt
los -- was wollten Sie sagen? Sie sind ein ganz junger Mann, wahrscheinlich
ein Schler oder Student. Sind Sie Musiker?

Nein. Ich hre gern Musik, aber blo solche, wie Sie sie spielen, ganz
unbedingte Musik, solche, bei der man sprt, da da ein Mensch an Himmel
und Hlle rttelt. Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so
wenig moralisch ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was
nicht so ist. Ich habe unter dem Moralischen immer blo gelitten. Ich kann
mich nicht gut ausdrcken. -- Wissen Sie, da es einen Gott geben mu, der
zugleich Gott und Teufel ist? Es soll einen gegeben haben, ich hrte
davon.

Der Musiker schob den breiten Hut etwas zurck und schttelte sich das
dunkle Haar von der groen Stirn. Dabei sah er mich durchdringend an und
neigte mir sein Gesicht ber den Tisch entgegen.

Leise und gespannt fragte er: Wie heit der Gott, von dem Sie da sagen?

Ich wei leider fast nichts von ihm, eigentlich blo den Namen. Er heit
Abraxas.

Der Musikant blickte wie mitrauisch um sich, als knnte uns jemand
belauschen. Dann rckte er nahe zu mir und sagte flsternd: Ich habe es
mir gedacht. Wer sind Sie?

Ich bin ein Schler vom Gymnasium.

Woher wissen Sie von Abraxas?

Durch Zufall.

Er hieb auf den Tisch, da sein Weinglas berlief.

Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas wei
man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch mehr von
ihm sagen. Ich wei ein wenig von ihm.

Er schwieg und rckte seinen Stuhl zurck. Als ich ihn voll Erwartung
ansah, schnitt er eine Grimasse.

Nicht hier! Ein andermal. -- Da, nehmen Sie!

Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte,
und zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf.

Ich sagte nichts, nahm sie und a und war sehr zufrieden.

Also! flsterte er nach einer Weile. Woher wissen Sie von -- Ihm?

Ich zgerte nicht, es ihm zu sagen.

Ich war allein und ratlos, erzhlte ich. Da fiel mir ein Freund aus
frheren Jahren ein, von dem ich glaube, da er sehr viel wei. Ich hatte
etwas gemalt, einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den schickte
ich ihm. Nach einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte, bekam
ich ein Stck Papier in die Hand, darauf stand: Der Vogel kmpft sich aus
dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, mu eine Welt
zerstren. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heit Abraxas.

Er erwiderte nichts, wir schlten unsere Kastanien und aen sie zum Wein.

Nehmen wir noch einen Schoppen? fragte er.

Danke, nein. Ich trinke nicht gern.

Er lachte, etwas enttuscht.

Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie
jetzt nur!

Als ich dann das nchstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er nicht
sehr mitteilsam. Er fhrte mich in einer alten Gasse durch ein altes,
stattliches Haus empor und in ein groes, etwas dsteres und verwahrlostes
Zimmer, wo auer einem Klavier nichts auf Musik deutete, whrend ein groer
Bcherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes gaben.

Wieviel Bcher Sie haben! sagte ich anerkennend.

Ein Teil davon ist aus der Bibliothek meines Vaters, bei dem ich wohne. --
Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie ihnen
nicht vorstellen, mein Umgang geniet hier im Hause keiner groen Achtung.
Ich bin ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein fabelhaft
ehrenwerter Mann, ein bedeutender Pfarrer und Prediger in hiesiger Stadt.
Und ich, damit Sie gleich Bescheid wissen, bin sein begabter und
vielversprechender Herr Sohn, der aber entgleist und einigermaen verrckt
geworden ist. Ich war Theologe und habe kurz vor dem Staatsexamen diese
biedere Fakultt verlassen. Obgleich ich eigentlich noch immer beim Fach
bin, was meine Privatstudien betrifft. Was fr Gtter die Leute sich
jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer hchst wichtig und
interessant. Im brigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es scheint,
bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch wieder
bei der Kirche.

Ich schaute an den Bcherrcken entlang, fand griechische, lateinische,
hebrische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe
sehen konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der Wand
auf den Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen.

Kommen Sie, rief er nach einer Weile, wir wollen jetzt ein wenig
Philosophie ben, das heit das Maul halten, auf dem Bauche liegen und
denken.

Er strich ein Zndholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag, Papier
und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schrte und speiste das
Feuer mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den
zerschlissenen Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir
lagen schweigend wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem flackernden
Holzfeuer, sahen es flammen und brausen, einsinken und sich krmmen,
verflackern und zucken und endlich in stiller, versunkener Glut am Boden
brten.

Das Feueranbeten war nicht das Dmmste, was erfunden worden ist, murmelte
er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit starren
Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah Gestalten im
Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein Genosse warf ein
Stckchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme scho empor, ich
sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der hinsterbenden
Kaminglut liefen goldig glhende Fden zu Netzen zusammen, Buchstaben und
Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter, an Tiere, an Pflanzen, an
Wrmer und Schlangen. Als ich, erwachend, nach dem andern sah, stierte er,
das Kinn auf den Fusten, hingegeben und fanatisch in die Asche.

Ich mu jetzt gehen, sagte ich leise.

Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!

Er stand nicht auf, und da die Lampe gelscht war, mute ich mich mit Mhe
durchs finstere Zimmer und die finsteren Gnge und Treppen aus dem
verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Strae machte ich halt und sah an
dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein kleines Schild
aus Messing glnzte im Schein der Gaslaterne vor der Tr.

Pistorius, Hauptpfarrer, las ich darauf.

Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen Zimmer
sa, fiel mir ein, da ich weder ber Abraxas noch sonst etwas von
Pistorius erfahren habe, da wir berhaupt kaum zehn Worte gewechselt
hatten. Aber ich war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und fr das
nchstemal hatte er mir ein ganz exquisites Stck alter Orgelmusik
versprochen, eine Passacaglia von Buxtehude.

                   *       *       *       *       *

Ohne da ich es wute, hatte der Organist Pistorius mir eine erste Lektion
gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden seines trben
Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir gut getan, es hatte
Neigungen in mir gekrftigt und besttigt, die ich immer gehabt, doch nie
eigentlich gepflegt hatte. Allmhlich wurde ich teilweise darber klar.

Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre Formen
der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen Zauber,
ihrer krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte Baumwurzeln,
farbige Adern im Gestein, Flecken von l, das auf Wasser schwimmt, Sprnge
in Glas -- alle hnlichen Dinge hatten zu Zeiten groen Zauber fr mich
gehabt, vor allem auch das Wasser und das Feuer, der Rauch, die Wolken, der
Staub, und ganz besonders die kreisenden Farbflecke, die ich sah, wenn ich
die Augen schlo. In den Tagen nach meinem ersten Besuch bei Pistorius
begann dies mir wieder einzufallen. Denn ich merkte, da ich eine gewisse
Strkung und Freude, eine Steigerung meines Gefhls von mir selbst, die ich
seither sprte, lediglich dem langen Starren ins offene Feuer verdankte. Es
war merkwrdig wohltuend und bereichernd, das zu tun!

An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu meinem
eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das
Betrachten solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause,
seltsame Formen der Natur erzeugt in uns ein Gefhl von der bereinstimmung
unseres Innern mit dem Willen, der diese Gebilde werden lie -- wir spren
bald die Versuchung, sie fr unsere eigenen Launen, fr unsere eigenen
Schpfungen zu halten -- wir sehen die Grenzen zwischen uns und der Natur
zittern und zerflieen und lernen die Stimmung kennen, in der wir nicht
wissen, ob die Bilder auf unserer Netzhaut von ueren Eindrcken stammen
oder von inneren. Nirgends so einfach und leicht wie bei dieser bung
machen wir die Entdeckung, wie sehr wir Schpfer sind, wie sehr unsere
Seele immerzu teilhat an der bestndigen Erschaffung der Welt. Vielmehr ist
es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und die in der Natur ttig ist,
und wenn die uere Welt unterginge, so wre einer von uns fhig, sie
wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt, Wurzel und Blte,
alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet, stammt aus der
Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht kennen, das sich uns
aber zumeist als Liebeskraft und Schpferkraft zu fhlen gibt.

Erst manche Jahre spter fand ich einmal diese Beobachtung in einem Buche
besttigt, nmlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet, wie gut
und tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen Leuten
angespien worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer fhlte er
dasselbe wie Pistorius und ich vor dem Feuer.

Bei unserem nchsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine Erklrung.

Wir ziehen die Grenzen unserer Persnlichkeit immer viel zu eng! Wir
rechnen zu unserer Person immer blo das, was wir als individuell
unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen
Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Krper die
Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurck in
sich trgt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen
gelebt hat. Alle Gtter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei
Griechen und Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da,
als Mglichkeiten, als Wnsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstrbe
bis auf ein einziges halbwegs begabtes Kind, das keinerlei Unterricht
genossen hat, so wrde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge wiederfinden,
es wrde Gtter, Dmonen, Paradiese, Gebote und Verbote, Alte und Neue
Testamente, alles wrde es wieder produzieren knnen.

Ja, gut, wandte ich ein, aber worin besteht dann noch der Wert des
einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig
haben?

Halt! rief Pistorius heftig. Es ist ein groer Unterschied, ob Sie blo
die Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann
Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner frommer
Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische
Zusammenhnge schpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei Zoroaster
vorkommen. Aber er wei nichts davon! Er ist ein Baum oder Stein,
bestenfalls ein Tier, solange er es nicht wei. Dann aber, wenn der erste
Funke dieser Erkenntnis dmmert, dann wird er Mensch. Sie werden doch wohl
nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Strae laufen, fr Menschen
halten, blo weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen?
Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe, Wrmer oder Egel
sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die
Mglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie
teilweise sogar bewut machen lernt, gehren diese Mglichkeiten ihm.

Etwa dieser Art waren unsere Gesprche. Selten brachten sie mir etwas
vllig Neues, etwas ganz und gar berraschendes. Alle aber, auch das
banalste, trafen mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in
mir, alle halfen an mir bilden, alle halfen Hute von mir abstreifen,
Eierschalen zerbrechen, und aus jedem hob ich den Kopf etwas hher, etwas
freier, bis mein gelber Vogel seinen schnen Raubvogelkopf aus der
zertrmmerten Weltschale stie.

Hufig erzhlten wir auch einander unsere Trume. Pistorius verstand ihnen
eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben erinnerlich.
Ich hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so, da ich
gewissermaen von einem groen Schwung durch die Luft geschleudert wurde,
dessen ich nicht Herr war. Das Gefhl dieses Fluges war erhebend, ward aber
bald zur Angst, als ich mich willenlos in bedenkliche Hhen gerissen sah.
Da machte ich die erlsende Entdeckung, da ich mein Steigen und Fallen
durch Anhalten und Strmenlassen des Atems regeln konnte.

Dazu sagte Pistorius: Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser
groer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefhl des
Zusammenhangs mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei bald
bange! Es ist verflucht gefhrlich! Darum verzichten die meisten so gerne
auf das Fliegen und ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften auf
dem Brgersteige zu wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es
sich fr einen tchtigen Burschen gehrt. Und siehe, da entdecken Sie das
Wunderliche, da Sie allmhlich Herr darber werden, da zu der groen
allgemeinen Kraft, die Sie fortreit, eine feine, kleine, eigene Kraft
kommt, ein Organ, ein Steuer! Das ist famos. Ohne das ginge man willenlos
in die Lfte, das tun zum Beispiel die Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere
Ahnungen gegeben als den Leuten auf dem Brgersteig, aber sie haben keinen
Schlssel und kein Steuer dazu, und sausen ins Bodenlose. Sie aber,
Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das wissen Sie wohl noch
gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit einem Atemregulator.
Und nun knnen Sie sehen, wie wenig >persnlich< Ihre Seele in ihrer Tiefe
ist. Sie erfindet nmlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist
eine Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das
Gleichgewichtsorgan der Fische, die Schwimmblase. Und tatschlich gibt es
ein paar wenige seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen
die Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umstnden richtig
zum Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum als
Fliegerblase benutzen!

Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und
Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fhlte in mir, mit einem
eigentmlichen Schauer, eine Funktion aus frhen Entwicklungsepochen
lebendig.




Sechstes Kapitel
Jakobs Kampf


Was ich von dem sonderbaren Musiker Pistorius ber Abraxas erfuhr, kann ich
nicht in Krze wiedererzhlen. Das Wichtigste aber, was ich bei ihm lernte,
war ein weiterer Schritt auf dem Wege zu mir selbst. Ich war damals, mit
meinen etwa achtzehn Jahren, ein ungewhnlicher junger Mensch, in hundert
Dingen frhreif, in hundert andern Dingen sehr zurck und hilflos. Wenn ich
mich je und je mit anderen verglich, war ich oft stolz und eingebildet
gewesen, ebenso oft aber niedergedrckt und gedemtigt. Oft hatte ich mich
fr ein Genie angesehen, oft fr halb verrckt. Es gelang mir nicht,
Freuden und Leben der Altersgenossen mitzumachen, und oft hatte ich mich in
Vorwrfen und Sorgen verzehrt, als sei ich hoffnungslos von ihnen getrennt,
als sei mir das Leben verschlossen.

Pistorius, welcher selbst ein ausgewachsener Sonderling war, lehrte mich
den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen Worten,
in meinen Trumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets Wertvolles fand,
sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das Beispiel.

Sie haben mir erzhlt, sagte er, da Sie die Musik darum lieben, weil
sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber mssen eben auch kein
Moralist sein! Sie drfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn die
Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, drfen Sie sich nicht zum Vogel
Strau machen wollen. Sie halten sich manchmal fr sonderbar, Sie werfen
sich vor, da Sie andere Wege gehen als die meisten. Das mssen Sie
verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald die
Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen, dann
berlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das wohl auch
dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben Gott passe
oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf den Brgersteig
und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heit Abraxas, und er ist
Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt in sich. Abraxas
hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer Trume etwas
einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verlt Sie, wenn Sie einmal
tadellos und normal geworden sind. Dann verlt er Sie und sucht sich einen
neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.

Unter allen meinen Trumen war jener dunkle Liebestraum der treueste. Oft,
oft habe ich ihn getrumt, trat unterm Wappenvogel weg in unser altes Haus,
wollte die Mutter an mich ziehen, und hielt statt ihrer das groe halb
mnnliche, halb mtterliche Weib umfat, vor der ich Furcht hatte und zu
der mich doch das glhendste Verlangen zog. Und diesen Traum konnte ich
meinem Freunde nie erzhlen. Ihn behielt ich zurck, wenn ich ihm alles
andre erschlossen hatte. Er war mein Winkel, mein Geheimnis, meine
Zuflucht.

Wenn ich bedrckt war, dann bat ich Pistorius, er mge mir die Passacaglia
des alten Buxtehude spielen. In der abendlichen dunklen Kirche sa ich dann
verloren an diese seltsame, innige, in sich selbst versenkte, sich selber
belauschende Musik, die mir jedesmal wohl tat und mich bereiter machte, den
Stimmen der Seele recht zu geben.

Zuweilen blieben wir auch eine Weile, nachdem die Orgel schon verklungen
war, in der Kirche sitzen und sahen das schwache Licht durch die hohen
spitzbogigen Fenster scheinen und sich verlieren.

Es klingt komisch, sagte Pistorius, da ich einmal Theologe war und
beinah Pfarrer geworden wre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den
ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich
zu frh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfgung, noch ehe ich
den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schn. Religion ist Seele,
einerlei, ob man ein christliches Abendmahl nimmt oder ob man nach Mekka
wallfahrt.

Dann htten Sie, meinte ich, aber eigentlich doch Pfarrer werden
knnen.

Nein, Sinclair, nein. Ich htte ja lgen mssen. Unsre Religion wird so
ausgebt, als sei sie keine. Sie tut so, als sei sie ein Verstandeswerk.
Katholik knnte ich zur Not wohl sein, aber protestantischer Priester --
nein! Die paar wirklich Glubigen -- ich kenne solche -- halten sich gern
an das Wrtliche, ihnen knnte ich nicht sagen, da etwa Christus fr mich
keine Person, sondern ein Heros, ein Mythos ist, ein ungeheures
Schattenbild, in dem die Menschheit sich selber an die Wand der Ewigkeit
gemalt sieht. Und die anderen, die in die Kirche kommen, um ein kluges Wort
zu hren, um eine Pflicht zu erfllen, um nichts zu versumen und so
weiter, ja was htte ich denen sagen sollen? Sie bekehren, meinst du? Aber
das will ich gar nicht. Der Priester will nicht bekehren, er will nur unter
Glubigen, unter seinesgleichen leben, und will Trger und Ausdruck sein
fr das Gefhl, aus dem wir unsere Gtter machen.

Er unterbrach sich. Dann fuhr er fort: Unser neuer Glaube, fr den wir
jetzt den Namen des Abraxas whlen, ist schn, lieber Freund. Er ist das
Beste, was wir haben. Aber er ist noch ein Sugling! Die Flgel sind ihm
noch nicht gewachsen. Ach, eine einsame Religion, das ist noch nicht das
Wahre. Sie mu gemeinsam werden, sie mu Kult und Rausch, Feste und
Mysterien haben . . .

Er sann und versank in sich.

Kann man Mysterien nicht auch allein, oder im kleinsten Kreis, begehen?
fragte ich zgernd.

Man kann schon, nickte er. Ich begehe sie schon lang. Ich habe Kulte
begangen, fr die ich Jahre von Zuchthaus absitzen mte, wenn man davon
wte. Aber ich wei, es ist noch nicht das Richtige.

Pltzlich schlug er mir auf die Schulter, da ich zusammenzuckte. Junge,
sagte er eindringlich, auch Sie haben Mysterien. Ich wei, da Sie Trume
haben mssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht wissen. Aber ich
sage Ihnen: Leben Sie sie, diese Trume, spielen Sie sie, bauen Sie ihnen
Altre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein Weg. Ob wir
einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern werden, das wird
sich zeigen. In uns drinnen aber mssen wir sie jeden Tag erneuern, sonst
ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn Jahr alt,
Sinclair, Sie laufen nicht zu den Straendirnen, Sie mssen Liebestrume,
Liebeswnsche haben. Vielleicht sind sie so, da Sie sich vor ihnen
frchten. Frchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben! Sie
knnen mir glauben. Ich habe damit viel verloren, da ich in Ihren Jahren
meine Liebestrume vergewaltigt habe. Man mu das nicht tun. Wenn man von
Abraxas wei, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts frchten und
nichts fr verboten halten, was die Seele in uns wnscht.

Erschreckt wandte ich ein: Aber man kann doch nicht alles tun, was einem
einfllt! Man darf doch auch nicht einen Menschen umbringen, weil er einem
zuwider ist.

Er rckte nher zu mir.

Unter Umstnden darf man auch das. Es ist nur meistens ein Irrtum. Ich
meine auch nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den
Sinn geht. Nein, aber Sie sollen diese Einflle, die ihren guten Sinn
haben, nicht dadurch schdlich machen, da Sie sie vertreiben und an ihnen
herummoralisieren. Statt sich oder einen andern ans Kreuz zu schlagen, kann
man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und dabei das
Mysterium des Opfers denken. Man kann, auch ohne solche Handlungen, seine
Triebe und sogenannten Anfechtungen mit Achtung und Liebe behandeln. Dann
zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn. -- Wenn Ihnen wieder einmal
etwas recht Tolles oder Sndhaftes einfllt, Sinclair, wenn Sie jemand
umbringen oder irgendeine gigantische Unfltigkeit begehen mchten, dann
denken Sie einen Augenblick daran, da es Abraxas ist, der so in Ihnen
phantasiert! Der Mensch, den Sie tten mchten, ist ja nie der Herr
Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung. Wenn wir einen Menschen
hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was
nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.

Nie hatte mir Pistorius etwas gesagt, das mich so tief im Heimlichsten
getroffen hatte. Ich konnte nicht antworten. Was mich aber am strksten und
sonderbarsten berhrt hatte, das war der Gleichklang dieses Zuspruches mit
Worten Demians, die ich seit Jahren und Jahren in mir trug. Sie wuten
nichts voneinander, und beide sagten mir dasselbe.

Die Dinge, die wir sehen, sagte Pistorius leise, sind dieselben Dinge,
die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.
Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder
auerhalb fr das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht
zu Worte kommen lassen. Man kann glcklich dabei sein. Aber wenn man einmal
das andere wei, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der meisten zu
gehen. Sinclair, der Weg der meisten ist leicht, unsrer ist schwer. -- Wir
wollen gehen.

Einige Tage spter, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet hatte,
traf ich ihn spt am Abend auf der Strae an, wie er einsam im kalten
Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich
mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und
starrte vor sich hin mit glhenden und vereinsamten Augen, als folge er
einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Strae lang, er
trieb wie an unsichtbarem Draht gezogen dahin, mit fanatischem und doch
aufgelstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause zurck, zu
meinen unerlsten Trumen.

So erneuert er nun die Welt in sich! dachte ich, und fhlte noch im
selben Augenblick, da das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wute ich
von seinen Trumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern Weg
als ich in meiner Bangnis.

                   *       *       *       *       *

In den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen, da
ein Mitschler meine Nhe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war ein
kleiner, schwach aussehender, schmchtiger Jngling mit rtlich blondem,
dnnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte. Eines Abends,
als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich, lie mich an sich
vorbergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor unsrer Haustr
stehen.

Willst du etwas von mir? fragte ich.

Ich mchte blo einmal mit dir sprechen, sagte er schchtern. Sei so gut
und komm ein paar Schritte mit.

Ich folgte ihm und sprte, da er tief erregt und voll Erwartung war. Seine
Hnde zitterten.

Bist du Spiritist? fragte er ganz pltzlich.

Nein, Knauer, sagte ich lachend. Keine Spur davon. Wie kommst du auf so
etwas?

Aber Theosoph bist du?

Auch nicht.

Ach, sei nicht so verschlossen! Ich spre doch ganz gut, da etwas
Besonderes mit dir ist. Du hast es in den Augen. Ich glaube bestimmt, da
du Umgang mit Geistern hast. -- Ich frage nicht aus Neugierde, Sinclair,
nein! Ich bin selber ein Suchender, weit du, und ich bin so allein.

Erzhle nur! munterte ich ihn an. Ich wei von Geistern zwar gar nichts,
ich lebe in meinen Trumen, und das hast du gesprt. Die anderen Leute
leben auch in Trumen, aber nicht in ihren eigenen, das ist der
Unterschied.

Ja, so ist es vielleicht, flsterte er. Es kommt nur drauf an, welcher
Art die Trume sind, in denen man lebt. -- Hast du schon von der weien
Magie gehrt?

Ich mute verneinen.

Das ist, wenn man lernt, sich selber zu beherrschen. Man kann unsterblich
werden, und auch zaubern. Hast du nie solche bungen gemacht?

Auf meine neugierige Frage nach diesen bungen tat er erst geheimnisvoll,
bis ich mich zum Gehen wandte, dann kramte er aus.

Zum Beispiel, wenn ich einschlafen oder auch mich konzentrieren will, dann
mache ich eine solche bung. Ich denke mir irgend etwas, zum Beispiel ein
Wort oder einen Namen, oder eine geometrische Figur. Die denke ich dann in
mich hinein, so stark ich kann, ich suche sie mir innen in meinem Kopf
vorzustellen, bis ich fhle, da sie darin ist. Dann denke ich sie in den
Hals, und so weiter, bis ich ganz davon ausgefllt bin. Dann bin ich ganz
fest, und nichts mehr kann mich aus der Ruhe bringen.

Ich begriff einigermaen, wie er es meine. Doch fhlte ich wohl, da er
noch anderes auf dem Herzen habe, er war seltsam erregt und hastig. Ich
suchte ihm das Fragen leicht zu machen, und bald kam er denn mit seinem
eigentlichen Anliegen.

Du bist doch auch enthaltsam? fragte er mich ngstlich.

Wie meinst du das? Meinst du das Geschlechtliche?

Ja, ja. Ich bin jetzt seit zwei Jahren enthaltsam, seit ich von der Lehre
wei. Vorher habe ich ein Laster getrieben, du weit schon. -- Du bist also
nie bei einem Weib gewesen?

Nein, sagte ich. Ich habe die Richtige nicht gefunden.

Aber wenn du die fndest, von der du meinst, sie sei die Richtige, dann
wrdest du mit ihr schlafen?

Ja, natrlich. -- Wenn sie nichts dagegen hat, sagte ich mit etwas Spott.

O da bist du aber auf dem falschen Weg! Die inneren Krfte kann man nur
ausbilden, wenn man vllig enthaltsam bleibt. Ich habe es getan, zwei Jahre
lang. Zwei Jahre und etwas mehr als einen Monat! Es ist so schwer! Manchmal
kann ich es kaum mehr aushalten.

Hre, Knauer, ich glaube nicht, da die Enthaltsamkeit so furchtbar
wichtig ist.

Ich wei, wehrte er ab, das sagen alle. Aber von dir habe ich es nicht
erwartet. Wer den hheren geistigen Weg gehen will, der mu rein bleiben,
unbedingt!

Ja, dann tu es! Aber ich begreife nicht, warum einer >reiner< sein soll,
der sein Geschlecht unterdrckt, als irgendein anderer. Oder kannst du das
Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Trumen ausschalten?

Er sah mich verzweifelt an.

Nein, eben nicht! Herrgott, und doch mu es sein. Ich habe in der Nacht
Trume, die ich nicht einmal mir selber erzhlen knnte! Furchtbare Trume,
du!

Ich erinnerte mich dessen, was Pistorius mir gesagt hatte. Aber so sehr ich
seine Worte als richtig empfand, ich konnte sie nicht weitergeben, ich
konnte nicht einen Rat erteilen, der nicht aus meiner eigenen Erfahrung
herkam und dessen Befolgung ich mich selber noch nicht gewachsen fhlte.
Ich wurde schweigsam und fhlte mich dadurch gedemtigt, da da jemand Rat
bei mir suchte, dem ich keinen zu geben hatte.

Ich habe alles probiert! jammerte Knauer neben mir. Ich habe getan, was
man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen, aber es
hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Trumen auf, an die ich gar
nicht denken darf. Und das Entsetzliche ist: darber geht mir allmhlich
alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe
nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschlfern, oft liege
ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich
schlielich doch den Kampf nicht durchfhren kann, wenn ich nachgebe und
mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die
berhaupt nie gekmpft haben. Das begreifst du doch?

Ich nickte, konnte aber nichts dazu sagen. Er begann mich zu langweilen,
und ich erschrak vor mir selber, da mir seine offensichtliche Not und
Verzweiflung keinen tiefern Eindruck machte. Ich empfand nur: ich kann dir
nicht helfen.

Also weit du mir gar nichts? sagte er schlielich erschpft und traurig.
Gar nichts? Es mu doch einen Weg geben! Wie machst denn du es?

Ich kann dir nichts sagen, Knauer. Man kann einander da nicht helfen. Mir
hat auch niemand geholfen. Du mut dich auf dich selber besinnen, und dann
mut du das tun, was wirklich aus deinem Wesen kommt. Es gibt nichts
anderes. Wenn du dich selber nicht finden kannst, dann wirst du auch keine
Geister finden, glaube ich.

Enttuscht und pltzlich stumm geworden, sah der kleine Kerl mich an. Dann
glhte sein Blick in pltzlicher Gehssigkeit auf, er schnitt mir eine
Grimasse und schrie wtend: Ah, du bist mir ein schner Heiliger! Du hast
auch dein Laster, ich wei es! Du tust wie ein Weiser und heimlich hngst
du am gleichen Dreck wie ich und alle! Du bist ein Schwein, ein Schwein,
wie ich selber. Alle sind wir Schweine!

Ich ging weg und lie ihn stehen. Er tat mir zwei, drei Schritte nach, dann
blieb er zurck, kehrte um und rannte davon. Mir wurde bel aus einem
Gefhl von Mitleid und Abscheu, und ich kam von dem Gefhl nicht los, bis
ich zu Hause in meinem kleinen Zimmerchen meine paar Bilder um mich stellte
und mich mit sehnlichster Innigkeit meinen eigenen Trumen hingab. Da kam
sofort mein Traum wieder, vom Haustor und Wappen, von der Mutter und der
fremden Frau, und ich sah die Zge der Frau so berdeutlich, da ich noch
am selben Abend ihr Bild zu zeichnen begann.

Als diese Zeichnung nach einigen Tagen fertig war, in traumhaften
Viertelstunden wie bewutlos hingestrichen, hngte ich sie am Abend an
meiner Wand auf, rckte die Studierlampe davor und stand vor ihr wie vor
einem Geist, mit dem ich kmpfen mute bis zur Entscheidung. Es war ein
Gesicht, hnlich dem frhern, hnlich meinem Freund Demian, in einigen
Zgen auch hnlich mir selber. Das eine Auge stand auffallend hher als das
andere, der Blick ging ber mich weg in versunkener Starrheit, voll von
Schicksal.

Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust
hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete
zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und
Dirne, nannte es Abraxas. Dazwischen fielen Worte von Pistorius -- oder von
Demian? -- mir ein; ich konnte mich nicht erinnern, wann sie gesprochen
waren, aber ich meinte sie wieder zu hren. Es waren Worte ber den Kampf
Jakobs mit dem Engel Gottes, und das Ich lasse dich nicht, du segnest mich
denn.

Das gemalte Gesicht im Lampenschein verwandelte sich bei jeder Anrufung. Es
wurde hell und leuchtend, wurde schwarz und finster, schlo fahle Lider
ber erstorbenen Augen, ffnete sie wieder und blitzte glhende Blicke, es
war Frau, war Mann, war Mdchen, war ein kleines Kind, ein Tier, verschwamm
zum Fleck, wurde wieder gro und klar. Am Ende schlo ich, einem starken
inneren Rufe folgend, die Augen und sah nun das Bild inwendig in mir,
strker und mchtiger. Ich wollte vor ihm niederknien, aber es war so sehr
in mir innen, da ich es nicht mehr von mir trennen konnte, als wre es zu
lauter Ich geworden.

Da hrte ich ein dunkles schweres Brausen wie von einem Frhjahrssturm und
zitterte in einem unbeschreiblich neuen Gefhl von Angst und Erlebnis.
Sterne zuckten vor mich auf und erloschen, Erinnerungen bis in die erste,
vergessenste Kinderzeit zurck, ja bis in Vorexistenzen und frhe Stufen
des Werdens, strmten gedrngt an mir vorber. Aber die Erinnerungen, die
mir mein ganzes Leben bis ins Geheimste zu wiederholen schienen, hrten mit
gestern und heute nicht auf, sie gingen weiter, spiegelten Zukunft, rissen
mich von heute weg und in neue Lebensformen, deren Bilder ungeheuer hell
und blendend waren, an deren keines ich mich aber spter richtig erinnern
konnte.

In der Nacht erwachte ich aus tiefem Schlaf, ich war in den Kleidern und
lag quer berm Bett. Ich zndete Licht an, fhlte, da ich mich auf
Wichtiges besinnen msse, wute nichts mehr von den Stunden vorher. Ich
zndete Licht an, die Erinnerung kam allmhlich. Ich suchte das Bild, es
hing nicht mehr an der Wand, lag auch nicht auf dem Tische. Da meinte ich
mich dunkel zu besinnen, da ich es verbrannt htte. Oder war es ein Traum
gewesen, da ich es in meinen Hnden verbrannt und die Asche gegessen
htte?

Eine groe, zuckende Unruhe trieb mich. Ich setzte den Hut auf, ging durch
Haus und Gasse, wie unter einem Zwang, lief und lief durch Straen und ber
Pltze wie von einem Sturm geweht, lauschte vor der finstern Kirche meines
Freundes, suchte und suchte in dunklem Trieb, ohne zu wissen, was. Ich kam
durch eine Vorstadt, wo Dirnenhuser standen, dort war hier und da noch
Licht. Weiter drauen lagen Neubauten und Ziegelhaufen, zum Teil mit grauem
Schnee bedeckt. Mir fiel, da ich wie ein Traumwandler unter einem fremden
Druck durch diese Wste trieb, der Neubau in meiner Vaterstadt ein, in
welchen mich einst mein Peiniger Kromer zu unserer ersten Abrechnung
gezogen hatte. Ein hnlicher Bau lag in der grauen Nacht hier vor mir,
ghnte mit schwarzem Trloch mich an. Es zog mich hinein, ich wollte
ausweichen und stolperte ber Sand und Schutt; der Drang war strker, ich
mute hinein.

ber Bretter und zerbrochene Backsteine hinweg taumelte ich in den den
Raum, es roch trbe nach feuchter Klte und Steinen. Ein Sandhaufen lag da,
ein grauheller Fleck, sonst war alles dunkel.

Da rief eine entsetzte Stimme mich an: Um Gottes willen, Sinclair, wo
kommst du her?

Und neben mir richtete aus der Finsternis ein Mensch sich auf, ein kleiner
magerer Bursch, wie ein Geist, und ich erkannte, whrend mir noch die Haare
zu Berg standen, meinen Schulkameraden Knauer.

Wie kommst du hierher? fragte er, wie irr vor Erregung. Wie hast du mich
finden knnen?

Ich verstand nicht.

Ich habe dich nicht gesucht, sagte ich benommen; jedes Wort machte mir
Mhe und kam mir mhsam ber tote, schwere, wie erfrorene Lippen.

Er starrte mich an.

Nicht gesucht?

Nein. Es zog mich her. Hast du mich gerufen? Du mut mich gerufen haben.
Was tust du denn hier? Es ist doch Nacht.

Er umschlang mich krampfhaft mit seinen dnnen Armen.

Ja, Nacht. Es mu bald Morgen werden. O Sinclair, da du mich nicht
vergessen hast! Kannst du mir denn verzeihen?

Was denn?

Ach ich war ja so hlich!

Erst jetzt kam mir die Erinnerung an unser Gesprch. War das vor vier, fnf
Tagen gewesen? Mir schien seither ein Leben vergangen. Aber jetzt wute ich
pltzlich alles. Nicht nur, was zwischen uns geschehen war, sondern auch,
warum ich hergekommen war und was Knauer hier drauen hatte tun wollen.

Du wolltest dir also das Leben nehmen, Knauer?

Er schauderte vor Klte und vor Angst.

Ja, ich wollte. Ich wei nicht, ob ich es gekonnt htte. Ich wollte
warten, bis es Morgen wird.

Ich zog ihn ins Freie. Die ersten wagrechten Lichtstreifen des Tages
glommen unsglich kalt und lustlos in den grauen Lften.

Ich fhrte den Jungen eine Strecke weit am Arm. Es sprach aus mir: Jetzt
gehst du nach Hause, und sagst niemand etwas! Du bist den falschen Weg
gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du meinst.
Wir sind Menschen. Wir machen Gtter, und kmpfen mit ihnen, und sie segnen
uns.

Schweigend gingen wir weiter und auseinander. Als ich heimkam, war es Tag
geworden.

                   *       *       *       *       *

Das Beste, was mir jene Zeit in St. noch brachte, waren Stunden mit
Pistorius an der Orgel oder vor dem Kaminfeuer. Wir lasen einen
griechischen Text ber Abraxas zusammen, er las mir Stcke einer
bersetzung aus den Veden vor und lehrte mich das heilige Om sprechen.
Indessen waren es nicht diese Gelehrsamkeiten, die mich im Innern
frderten, sondern eher das Gegenteil. Was mir wohltat, war das
Vorwrtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen
Trume, Gedanken und Ahnungen, und das zunehmende Wissen von der Macht, die
ich in mir trug.

Mit Pistorius verstand ich mich auf jede Weise. Ich brauchte nur stark an
ihn zu denken, so war ich sicher, da er oder ein Gru von ihm zu mir kam.
Ich konnte ihn, ebenso wie Demian, irgend etwas fragen, ohne da er selbst
da war: ich brauchte ihn mir nur fest vorzustellen und meine Fragen als
intensive Gedanken an ihn zu richten. Dann kehrte alle in die Frage
gegebene Seelenkraft als Antwort in mich zurck. Nur war es nicht die
Person des Pistorius, die ich mir vorstellte, und nicht die des Max Demian,
sondern es war das von mir getrumte und gemalte Bild, das mannweibliche
Traumbild meines Dmons, das ich anrufen mute. Es lebte jetzt nicht mehr
nur in meinen Trumen, und nicht mehr gemalt auf Papier, sondern in mir,
als ein Wunschbild und eine Steigerung meiner selbst.

Eigentmlich und zuweilen komisch war das Verhltnis, in welches der
miglckte Selbstmrder Knauer zu mir getreten war. Seit der Nacht, in der
ich ihm gesendet worden war, hing er an mir wie ein treuer Diener oder
Hund, suchte sein Leben an meines zu knpfen und folgte mir blindlings. Mit
den wunderlichsten Fragen und Wnschen kam er zu mir, wollte Geister sehen,
wollte die Kabbala lernen, und glaubte mir nicht, wenn ich ihm versicherte,
da ich von all diesen Sachen nichts verstnde. Er traute mir jede Macht
zu. Aber seltsam war, da er oft mit seinen wunderlichen und dummen Fragen
gerade dann zu mir kam, wenn irgendein Knoten in mir zu lsen war, und da
seine launischen Einflle und Anliegen mir oft das Stichwort und den Ansto
zur Lsung brachten. Oft war er mir lstig und wurde herrisch weggeschickt,
aber ich sprte doch: auch er war mir gesandt, auch aus ihm kam das, was
ich ihm gab, verdoppelt in mich zurck, auch er war mir ein Fhrer, oder
doch ein Weg. Die tollen Bcher und Schriften, die er mir zutrug und in
denen er sein Heil suchte, lehrten mich mehr, als ich im Augenblick
einsehen konnte.

Dieser Knauer verlor sich spter ungefhlt von meinem Weg. Mit ihm war eine
Auseinandersetzung nicht ntig. Wohl aber mit Pistorius. Mit diesem Freunde
erlebte ich gegen den Schlu meiner Schulzeit in St. noch etwas
Eigentmliches.

Auch den harmlosen Menschen bleibt es kaum erspart, einmal oder einigemal
im Leben in Konflikt mit den schnen Tugenden der Piett und der
Dankbarkeit zu geraten. Jeder mu einmal den Schritt tun, der ihn von
seinem Vater, von seinen Lehrern trennt, jeder mu etwas von der Hrte der
Einsamkeit spren, wenn auch die meisten Menschen wenig davon ertragen
knnen und bald wieder unterkriechen. -- Von meinen Eltern und ihrer Welt,
der lichten Welt meiner schnen Kindheit, war ich nicht in heftigem Kampf
geschieden, sondern langsam und fast unmerklich ihnen ferner gekommen und
fremder geworden. Es tat mir leid, es machte mir bei den Besuchen in der
Heimat oft bittere Stunden; aber es ging nicht bis ins Herz, es war zu
ertragen.

Aber dort, wo wir nicht aus Gewohnheit, sondern aus eigenstem Antrieb Liebe
und Ehrfurcht dargebracht haben, da, wo wir mit eigenstem Herzen Jnger und
Freunde gewesen sind -- dort ist es ein bitterer und furchtbarer
Augenblick, wenn wir pltzlich zu erkennen meinen, da die fhrende
Strmung in uns von dem Geliebten wegfhren will. Da richtet jeder Gedanke,
der den Freund und Lehrer abweist, sich mit giftigem Stachel gegen unser
eigenes Herz, da trifft jeder Hieb der Abwehr ins eigene Gesicht. Da
tauchen dem, der eine gltige Moral in sich selber zu tragen meinte, die
Namen Treulosigkeit und Undankbarkeit wie schndliche Zurufe und
Brandmler auf, da flieht das erschrockene Herz angstvoll in die lieben
Tler der Kindheitstugenden zurck und kann nicht daran glauben, da auch
dieser Bruch getan, da auch dieses Band zerschnitten werden mu.

Langsam hatte ein Gefhl in mir sich mit der Zeit dagegen gewendet, meinen
Freund Pistorius so unbedingt als Fhrer anzuerkennen. Was ich in den
wichtigsten Monaten meiner Jnglingszeit erlebt hatte, war die Freundschaft
mit ihm, war sein Rat, sein Trost, seine Nhe gewesen. Aus ihm hatte Gott
zu mir gesprochen. Aus seinem Munde waren meine Trume mir zurckgekehrt,
geklrt und gedeutet. Er hatte mir den Mut zu mir selber geschenkt. -- Ach,
und nun sprte ich langsam anwachsend Widerstnde gegen ihn. Ich hrte zu
viel Belehrendes in seinen Worten, ich empfand, da er nur einen Teil von
mir ganz verstehe.

Es gab keinen Streit, keine Szene zwischen uns, keinen Bruch und nicht
einmal eine Abrechnung. Ich sagte ihm nur ein einziges, eigentlich
harmloses Wort -- aber es war doch eben der Augenblick, in dem zwischen uns
eine Illusion in farbige Scherben zerfiel.

Gedrckt hatte die Vorausahnung mich schon eine Weile, zum deutlichen
Gefhl wurde sie eines Sonntags in seiner alten Gelehrtenstube. Wir lagen
am Boden vor dem Feuer, und er sprach von Mysterien und Religionsformen,
die er studierte, an denen er sann, und deren mgliche Zukunft ihn
beschftigte. Mir aber schien dies alles mehr kurios und interessant als
lebenswichtig, es klang mir Gelehrsamkeit, es klang mir mdes Suchen unter
Trmmern ehemaliger Welten daraus entgegen. Und mit einem Male sprte ich
einen Widerwillen gegen diese ganze Art, gegen diesen Kultus der
Mythologien, gegen dieses Mosaikspiel mit berlieferten Glaubensformen.

Pistorius, sagte ich pltzlich, mit einer mir selber berraschend und
erschreckend hervorbrechenden Bosheit, Sie sollten mir wieder einmal einen
Traum erzhlen, einen wirklichen Traum, den Sie in der Nacht gehabt haben.
Das, was Sie da reden, ist so -- so verflucht antiquarisch!

Er hatte mich niemals so reden hren, und ich selbst empfand im selben
Augenblick blitzhaft mit Scham und Schrecken, da der Pfeil, den ich auf
ihn abscho und der ihn ins Herz traf, aus seiner eigenen Rstkammer
genommen war -- da ich Selbstvorwrfe, die ich ihn in ironischem Ton
gelegentlich hatte uern hren, nun boshaft ihm in zugespitzter Form
zuwarf.

Er sprte es augenblicklich, und er wurde sofort still. Ich sah ihn mit
Angst im Herzen an, und sah ihn furchtbar bleich werden.

Nach einer langen schweren Pause legte er neues Holz aufs Feuer und sagte
still: Sie haben ganz recht, Sinclair. Sie sind ein kluger Kerl. Ich werde
Sie mit dem antiquarischen Zeug verschonen.

Er sprach sehr ruhig, aber ich hrte den Schmerz der Verwundung wohl
heraus. Was hatte ich getan!

Die Trnen waren mir nah, ich wollte mich ihm herzlich zuwenden, wollte ihn
um Verzeihung bitten, ihn meiner Liebe, meiner zrtlichen Dankbarkeit
versichern. Rhrende Worte fielen mir ein -- aber ich konnte sie nicht
sagen. Ich blieb liegen, sah ins Feuer und schwieg. Und er schwieg auch,
und so lagen wir, und das Feuer brannte herab und sank zusammen, und mit
jeder verblassenden Flamme fhlte ich etwas Schnes und Inniges verglhen
und verfliegen, das nicht wiederkommen konnte.

Ich frchte, Sie verstehen mich falsch, sagte ich schlielich sehr
gepret und mit trockener, heiserer Stimme. Die dummen, sinnlosen Worte
kamen mir wie mechanisch ber die Lippen, als lse ich aus einem
Zeitungsroman vor.

Ich verstehe Sie ganz richtig, sagte Pistorius leis. Sie haben ja
recht. Er wartete. Dann fuhr er langsam fort: Soweit ein Mensch eben
gegen den andern recht haben kann.

Nein, nein, rief es in mir, ich habe unrecht! -- aber sagen konnte ich
nichts. Ich wute, da ich mit meinem einzigen kleinen Wort ihn auf eine
wesentliche Schwche, auf seine Not und Wunde hingewiesen hatte. Ich hatte
den Punkt berhrt, wo er sich selber mitrauen mute. Sein Ideal war
antiquarisch, er war ein Sucher nach rckwrts, er war ein Romantiker.
Und pltzlich fhlte ich tief: Gerade das, was Pistorius mir gewesen war
und gegeben hatte, das konnte er sich selbst nicht sein und geben. Er hatte
mich einen Weg gefhrt, der auch ihn, den Fhrer, berschreiten und
verlassen mute.

Wei Gott, wie solch ein Wort entsteht! Ich hatte es gar nicht schlimm
gemeint, hatte keine Ahnung von einer Katastrophe gehabt. Ich hatte etwas
ausgesprochen, was ich im Augenblick des Aussprechens selber durchaus nicht
wute, ich hatte einem kleinen, etwas witzigen, etwas boshaften Einfall
nachgegeben, und es war Schicksal daraus geworden. Ich hatte eine kleine
achtlose Roheit begangen, und fr ihn war sie ein Gericht geworden.

O wie sehr habe ich mir damals gewnscht, er mchte bse geworden sein, er
mchte sich verteidigt, mchte mich angeschrien haben! Er tat nichts davon,
alles das mute ich, in mir drinnen, selber tun. Er htte gelchelt, wenn
er gekonnt htte. Da er es nicht konnte, daran sah ich am besten, wie sehr
ich ihn getroffen hatte.

Und indem Pistorius den Schlag von mir, von seinem vorlauten und
undankbaren Schler, so lautlos hinnahm, indem er schwieg und mir Recht
lie, indem er mein Wort als Schicksal anerkannte, machte er mich mir
selbst verhat, machte er meine Unbesonnenheit tausendmal grer. Als ich
zuschlug, hatte ich einen Starken und Wehrhaften zu treffen gemeint -- nun
war es ein stiller, duldender Mensch, ein Wehrloser, der sich schweigend
ergab.

Lange Zeit blieben wir vor dem verglimmenden Feuer liegen, in dem jede
glhende Figur, jeder sich krmmende Aschenstab mir glckliche, schne,
reiche Stunden ins Gedchtnis rief und die Schuld meiner Verpflichtung
gegen Pistorius grer und grer anhufte. Zuletzt ertrug ich es nicht
mehr. Ich stand auf und ging. Lange stand ich vor seiner Tr, lange auf der
finstern Treppe, lange noch drauen vor dem Hause, wartend, ob er
vielleicht kme und mir nachginge. Dann ging ich weiter und lief Stunden um
Stunden durch Stadt und Vorstdte, Park und Wald, bis zum Abend. Und damals
sprte ich zum erstenmal das Zeichen Kains auf meiner Stirn.

Nur allmhlich kam ich zum Nachdenken. Meine Gedanken hatten alle die
Absicht, mich anzuklagen und Pistorius zu verteidigen. Und alle endeten mit
dem Gegenteil. Tausendmal war ich bereit, mein rasches Wort zu bereuen und
zurckzunehmen -- aber wahr war es doch gewesen. Erst jetzt gelang es mir,
Pistorius zu verstehen, seinen ganzen Traum vor mir aufzubauen. Dieser
Traum war gewesen, ein Priester zu sein, die neue Religion zu verknden,
neue Formen der Erhebung, der Liebe und Anbetung zu geben, neue Symbole
aufzurichten. Aber dies war nicht seine Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte
allzu warm im Gewesenen, er kannte allzu genau das Ehemalige, er wute
allzu viel von gypten, von Indien, von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe
war an Bilder gebunden, welche die Erde schon gesehen hatte, und dabei
wute er im Innersten selber wohl, da das Neue neu und anders sein, da es
aus frischem Boden quellen und nicht aus Sammlungen und Bibliotheken
geschpft werden mute. Sein Amt war vielleicht, Menschen zu sich selbst
fhren zu helfen, wie er es mit mir getan hatte. Ihnen das Unerhrte zu
geben, die neuen Gtter, war sein Amt nicht.

Und hier brannte mich pltzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis: --
Es gab fr jeden ein Amt, aber fr keinen eines, das er selber whlen,
umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Gtter zu
wollen, es war vllig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab
keine, keine, keine Pflicht fr erwachte Menschen als die eine: sich selber
zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwrts zu tasten,
einerlei wohin er fhrte. -- Das erschtterte mich tief, und das war die
Frucht dieses Erlebnisses fr mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft
gespielt, ich hatte von Rollen getrumt, die mir zugedacht sein knnten,
als Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie.
All das war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu
malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich
nur nebenher. Wahrer Beruf fr jeden war nur das eine: zu sich selbst zu
kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als
Verbrecher enden -- dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes
belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein
beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere
war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rckflucht in Ideale der Masse, war
Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern. Furchtbar und heilig stieg das
neue Bild vor mir auf, hundertmal geahnt, vielleicht oft schon
ausgesprochen, und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein
Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen
Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fhlen
und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein!

Viel Einsamkeit hatte ich schon gekostet. Nun ahnte ich, da es tiefere
gab, und da sie unentrinnbar sei.

Ich machte keinen Versuch, Pistorius zu vershnen. Wir blieben Freunde,
aber das Verhltnis war gendert. Nur ein einzigesmal sprachen wir darber,
oder eigentlich nur er war es, der es tat. Er sagte: Ich habe den Wunsch,
Priester zu werden, das wissen Sie. Ich wollte am liebsten der Priester der
neuen Religion werden, von der wir so manche Ahnungen haben. Ich werde es
nie sein knnen -- ich wei es und wute es, ohne es mir ganz zu gestehen,
schon lange. Ich werde eben andre Priesterdienste tun, vielleicht auf der
Orgel, vielleicht sonstwie. Aber ich mu immer von etwas umgeben sein, was
ich als schn und heilig empfinde, Orgelmusik und Mysterium, Symbol und
Mythus, ich brauche das und will nicht davon lassen. -- Das ist meine
Schwche. Denn ich wei manchmal, Sinclair, ich wei zu Zeiten, da ich
solche Wnsche nicht haben sollte, da sie Luxus und Schwche sind. Es wre
grer, es wre richtiger, wenn ich ganz einfach dem Schicksal zur
Verfgung stnde, ohne Ansprche. Aber ich kann das nicht; es ist das
einzige, was ich nicht kann. Vielleicht knnen Sie es einmal. Es ist
schwer, es ist das einzige wirklich Schwere, was es gibt, mein Junge. Ich
habe oft davon getrumt, aber ich kann nicht, es schaudert mich davor: ich
kann nicht so vllig nackt und einsam stehen, auch ich bin ein armer
schwacher Hund, der etwas Wrme und Futter braucht und gelegentlich die
Nhe von seinesgleichen spren mchte. Wer wirklich gar nichts will als
sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein
und hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im
Garten Gethsemane. Es hat Mrtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz
schlagen lieen, aber auch sie waren keine Helden, waren nicht befreit,
auch sie wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie
hatten Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der
hat weder Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Trstliches hat
er! Und diesen Weg mte man eigentlich gehen. Leute wie ich und Sie sind
ja recht einsam, aber wir haben doch noch einander, wir haben die heimliche
Genugtuung, anders zu sein, uns aufzulehnen, das Ungewhnliche zu wollen.
Auch das mu wegfallen, wenn einer den Weg ganz gehen will. Er darf auch
nicht Revolutionr, nicht Beispiel, nicht Mrtyrer sein wollen. Es ist
nicht auszudenken --

Nein, es war nicht auszudenken. Aber es war zu trumen, es war vorzufhlen,
es war zu ahnen. Einigemal fhlte ich etwas davon, wenn ich eine ganz
stille Stunde fand. Dann blickte ich in mich und sah meinem Schicksalsbild
in die offenstarren Augen. Sie konnten voll Weisheit sein, sie konnten voll
Wahnsinn sein, sie konnten Liebe strahlen oder tiefe Bosheit, es war
einerlei. Nichts davon durfte man whlen, nichts durfte man wollen. Man
durfte nur _sich_ wollen, nur sein Schicksal. Dahin hatte mir Pistorius
eine Strecke weit als Fhrer gedient.

In jenen Tagen lief ich wie blind umher, Sturm brauste in mir, jeder
Schritt war Gefahr. Ich sah nichts als die abgrndige Dunkelheit vor mir,
in welche alle bisherigen Wege verliefen und hinabsanken. Und in meinem
Innern sah ich das Bild des Fhrers, der Demian glich und in dessen Augen
mein Schicksal stand.

Ich schrieb auf ein Papier: Ein Fhrer hat mich verlassen. Ich stehe ganz
im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!

Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterlie ich es; es sah jedesmal,
wenn ich es tun wollte, lppisch und sinnlos aus. Aber ich wute das kleine
Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete mich jede
Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist.

                   *       *       *       *       *

Meine Schulzeit war zu Ende. Ich sollte eine Ferienreise machen, mein Vater
hatte sich das ausgedacht, und dann sollte ich zur Universitt gehen. Zu
welcher Fakultt, das wute ich nicht. Es war mir ein Semester Philosophie
bewilligt. Ich wre mit allem andern ebenso zufrieden gewesen.




Siebentes Kapitel
Frau Eva


In den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max
Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im Garten,
ich sprach sie an und erfuhr, da ihr das Haus gehre. Ich fragte nach der
Familie Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wute sie nicht, wo sie
jetzt wohnten. Da sie mein Interesse sprte, nahm sie mich mit ins Haus,
suchte ein ledernes Album hervor und zeigte mir eine Photographie von
Demians Mutter. Ich konnte mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als ich nun
das kleine Bildnis sah, blieb mir der Herzschlag stehen. -- Das war mein
Traumbild! Das war sie, die groe, fast mnnliche Frauenfigur, ihrem Sohne
hnlich, mit Zgen von Mtterlichkeit, Zgen von Strenge, Zgen von tiefer
Leidenschaft, schn und verlockend, schn und unnahbar, Dmon und Mutter,
Schicksal und Geliebte. Das war sie!

Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, da mein
Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Zge
meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? -- Und sie war Demians Mutter!

Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr
rastlos von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser
Frau. Es gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an
sie anklangen, die ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Stdte, durch
Bahnhfe, in Eisenbahnzge lockten, wie in verwickelten Trumen. Es gab
andere Tage, da sah ich ein, wie unntz mein Suchen sei; dann sa ich
unttig irgendwo in einem Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal,
und schaute in mich hinein und versuchte das Bild in mir lebendig zu
machen. Aber es war jetzt scheu und flchtig geworden. Nie konnte ich
schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch unbekannte Landschaften nickte ich
fr Viertelstunden ein. Einmal, in Zrich, stellte eine Frau mir nach, ein
hbsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum und ging weiter, als wre
sie Luft. Lieber wre ich sofort gestorben, als da ich einer andern Frau
auch nur fr eine Stunde Teilnahme geschenkt htte.

Ich sprte, da mein Schicksal mich zog, ich sprte, da die Erfllung nahe
sei, und ich war toll vor Ungeduld, da ich nichts dazu tun konnte. Einst
auf einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem eben
wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte, und
war tagelang unglcklich. Und pltzlich erschien die Gestalt mir wieder
nachts in einem Traume, ich erwachte mit einem beschmten und den Gefhl
von der Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges nach Hause
zurck.

Ein paar Wochen spter lie ich mich auf der Universitt H. einschreiben.
Alles enttuschte mich. Das Kolleg ber Geschichte der Philosophie, das ich
hrte, war ebenso wesenlos und fabrikmig wie das Treiben der studierenden
Jnglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der andere, und
die erhitzte Frhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah so betrbend
leer und fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen ganzen Tag
fr mich, wohnte still und schn in altem Gemuer vor der Stadt und hatte
auf meinem Tisch ein paar Bnde Nietzsche liegen. Mit ihm lebte ich, fhlte
die Einsamkeit seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn unaufhaltsam
trieb, litt mit ihm und war selig, da es einen gegeben hatte, der so
unerbittlich seinen Weg gegangen war.

Spt am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden
Herbstwind, und hrte aus den Wirtshusern die Studentenvereine singen. Aus
geffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in dickem
Schwall der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos uniform.

Ich stand an einer Straenecke und hrte zu, aus zwei Kneipen scholl die
pnktlich ausgebte Munterkeit der Jugend in die Nacht. berall
Gemeinsamkeit, berall Zusammenhocken, berall Abladen des Schicksals und
Flucht in warme Herdennhe!

Hinter mir gingen zwei Mnner langsam vorber. Ich hrte ein Stck von
ihrem Gesprch.

Ist es nicht genau wie das Jungemnnerhaus in einem Negerdorf? sagte der
eine. Alles stimmt, sogar das Ttowieren ist noch Mode. Sehen Sie, das ist
das junge Europa.

Die Stimme klang mir wunderlich mahnend -- bekannt. Ich ging den beiden in
der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und elegant, ich
sah unter einer Laterne sein gelbes lchelndes Gesicht aufglnzen.

Da sprach der andere wieder.

Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die
nicht der Herde nachlaufen, sind berall selten. Es gibt auch hier welche.

Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den
Sprecher. Es war Demian.

In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln
Gassen, hrte ihren Gesprchen zu und geno den Klang von Demians Stimme.
Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schne Sicherheit und Ruhe,
und sie hatte die alte Macht ber mich. Nun war alles gut. Ich hatte ihn
gefunden.

Am Ende einer vorstdtischen Strae nahm der Japaner Abschied und schlo
eine Haustr auf. Demian ging den Weg zurck, ich war stehen geblieben und
erwartete ihn mitten in der Strae. Mit Herzklopfen sah ich ihn mir
entgegen kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen Gummimantel,
einen dnnen Stock am Arme eingehngt. Er kam, ohne seinen gleichmigen
Schritt zu ndern, bis dicht vor mich hin, nahm den Hut ab und zeigte mir
sein altes, helles Gesicht mit dem entschlossenen Mund und der
eigentmlichen Helligkeit auf der breiten Stirn.

Demian! rief ich.

Er streckte mir die Hand entgegen.

Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.

Wutest du, da ich hier bin?

Ich wute es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe ich
dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.

Du kanntest mich also gleich?

Natrlich. Du hast dich zwar verndert. Aber du hast ja das Zeichen.

Das Zeichen? Was fr ein Zeichen?

Wir nannten es frher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern kannst.
Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein Freund
geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.

Ich wute es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von dir
gemalt, Demian, und war erstaunt, da es auch mir hnlich war. War das das
Zeichen?

Das war es. Gut, da du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich freuen.

Ich erschrak.

Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.

O, sie wei von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne da ich ihr sage, wer
du bist. -- Du hast lange nichts von dir hren lassen.

O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe
ich gesprt, da ich dich bald finden msse. Ich habe jeden Tag darauf
gewartet.

Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von ihm
aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie frher. Wir gedachten der
Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglcklichen
Beisammenseins damals in den Ferien -- nur von dem frhesten und engsten
Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war auch jetzt
nicht die Rede.

Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen Gesprchen. Wir
hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner anklingend, vom
Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes gekommen, das weitab
zu liegen schien; doch verband es sich in Demians Worten zu einem innigen
Zusammenhang.

Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. berall,
sagte er, herrsche Zusammenschlu und Herdenbildung, aber nirgends Freiheit
und Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der Studentenverbindung und dem
Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine Zwangsbildung, es sei eine
Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern
faul und alt und dem Zusammenbruch nahe.

Gemeinsamkeit, sagte Demian, ist eine schne Sache. Aber was wir da
berall blhen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem
Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird fr eine Weile die Welt
umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die
Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben -- die Herren
fr sich, die Arbeiter fr sich, die Gelehrten fr sich! Und warum haben
sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie
haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine
Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber
Angst haben! Sie fhlen alle, da ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen,
da sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre
Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen.
Hundert und mehr Jahre lang hat Europa blo noch studiert und Fabriken
gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen
Menschen zu tten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen
nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergngt sein kann. Sieh dir einmal
so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergngungsort, wo die reichen
Leute hinkommen! Hoffnungslos! -- Lieber Sinclair, aus alledem kann nichts
Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ngstlich zusammentun, sind
voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem andern. Sie hngen an
Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt.
Ich spre, da es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden kommen, glaube mir,
sie werden bald kommen! Natrlich werden sie die Welt nicht >verbessern<.
Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob Ruland oder
Deutschland aufeinander schieen, es werden nur Besitzer getauscht. Aber
umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit der heutigen
Ideale dartun, es wird ein Aufrumen mit steinzeitlichen Gttern geben.
Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen, und
sie wird es.

Und was wird dabei aus uns? fragte ich.

Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man ja
auch unsereinen. Nur da wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von uns
bleibt, oder um die von uns, die es berleben, wird der Wille der Zukunft
sich sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den unser Europa
eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und Wissenschaft berschrien
hat. Und dann wird sich zeigen, da der Wille der Menschheit nie und
nirgends gleich ist mit dem der heutigen Gemeinschaften, der Staaten und
Vlker, der Vereine und Kirchen. Sondern das, was die Natur mit dem
Menschen will, steht in den einzelnen geschrieben, in dir und mir. Es stand
in Jesus, es stand in Nietzsche. Fr diese allein wichtigen Strmungen --
die natrlich jeden Tag anders aussehen knnen, wird Raum sein, wenn die
heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.

Wir machten spt vor einem Garten am Flusse halt.

Hier wohnen wir, sagte Demian. Komm bald zu uns! Wir erwarten dich
sehr.

Freudig ging ich durch die khl gewordene Nacht meinen weiten Heimweg. Da
und dort lrmten und schwankten heimkehrende Studenten durch die Stadt. Oft
hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art von Frhlichkeit und
meinem einsamen Leben empfunden, oft mit einem Gefhl von Entbehrung, oft
mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute mit Ruhe und geheimer Kraft
gefhlt, wie wenig mich das anging, wie fern und verschollen diese Welt fr
mich war. Ich erinnerte mich an Beamte meiner Vaterstadt, alte wrdige
Herren, welche an den Erinnerungen ihrer verkneipten Semester hingen wie an
Andenken eines seligen Paradieses und mit der entschwundenen Freiheit
ihrer Studentenjahre einen Kultus trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder
andere Romantiker der Kindheit widmen. berall dasselbe! berall suchten
sie die Freiheit und das Glck irgendwo hinter sich, aus lauter Angst,
sie knnten ihrer eigenen Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen
Weg gemahnt werden. Ein paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann
kroch man unter und wurde ein seriser Herr im Staatsdienst. Ja, es war
faul, faul bei uns, und diese Studentendummheit war weniger dumm und
weniger schlimm als hundert andere.

Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und mein Bett
suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer Sinn hing
wartend an dem groen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben hatte. Sobald
ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen. Mochten die
Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter ttowieren, mochte
die Welt faul sein und auf ihren Untergang warten -- was ging es mich an!
Ich wartete einzig darauf, da mein Schicksal mir in einem neuen Bilde
entgegentrete.

Ich schlief fest bis spt am Morgen. Der neue Tag brach fr mich als ein
feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit
keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede
Angst. Ich fhlte, da ein wichtiger Tag fr mich angebrochen sei, ich sah
und empfand die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll und
feierlich, auch der leise flieende Herbstregen war schn, still und
festtglich voll ernstfroher Musik. Zum erstenmal klang die uere Welt mit
meiner innern rein zusammen -- dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es
sich zu leben. Kein Haus, kein Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse
strte mich, alles war, wie es sein mute, trug aber nicht das leere
Gesicht des Alltglichen und Gewohnten, sondern war wartende Natur, stand
ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte ich als kleiner Knabe die
Welt am Morgen der groen Feiertage gesehen, am Christtag und an Ostern.
Ich hatte nicht gewut, da diese Welt noch so schn sein knne. Ich hatte
mich daran gewhnt, in mich hineinzuleben und mich damit abzufinden, da
mir der Sinn fr das da drauen eben verloren gegangen sei, da der Verlust
der glnzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit
zusammenhnge und da man gewissermaen die Freiheit und Mannheit der Seele
mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen msse. Nun sah ich
entzckt, da dies alles nur verschttet und verdunkelt gewesen war und da
es mglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglck Verzichtender
die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des kindlichen Sehens zu
kosten.

Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich mich
diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen regengrauen
Bumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich, hohe
Blumenstauden hinter einer groen Glaswand, hinter blanken Fenstern dunkle
Zimmerwnde mit Bildern und Bcherreihen. Die Haustr fhrte unmittelbar in
eine kleine erwrmte Halle, eine stumme alte Magd, schwarz, mit weier
Schrze, fhrte mich ein und nahm mir den Mantel ab.

Sie lie mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich
mitten in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, ber einer Tr, hing
unter Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein Vogel mit
dem goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale schwang. Ergriffen
blieb ich stehen -- mir war so froh und weh ums Herz, als kehre in diesem
Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir zurck als Antwort
und Erfllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von Bildern an meiner Seele
vorberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem alten Steinwappen berm
Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen zeichnete, mich selbst als
Knaben, angstvoll in den bsen Bann meines Feindes Kromer verstrickt, mich
selbst als Jngling, in meinem Schlerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel
meiner Sehnsucht malend, die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fden --
und alles, und alles bis zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in
mir bejaht, beantwortet, gutgeheien.

Mit na gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir selbst.
Da sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geffneten Tr stand
eine groe Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein Wort zu
sagen. Aus einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit und Alter
und voll von beseeltem Willen war, lchelte die schne, ehrwrdige Frau mir
freundlich zu. Ihr Blick war Erfllung, ihr Gru bedeutete Heimkehr.
Schweigend streckte ich ihr die Hnde entgegen. Sie ergriff sie beide mit
festen warmen Hnden.

Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!

Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie sen Wein. Und nun
blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen,
unergrndlichen Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie,
frstliche Stirn, die das Zeichen trug.

Wie bin ich froh! sagte ich zu ihr und kte ihre Hnde. Ich glaube, ich
bin mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen -- und jetzt bin ich
heimgekommen.

Sie lchelte mtterlich.

Heim kommt man nie, sagte sie freundlich. Aber wo befreundete Wege
zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt fr eine Stunde wie Heimat aus.

Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefhlt hatte. Ihre Stimme und
auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr hnlich, und doch ganz
anders. Alles war reifer, wrmer, selbstverstndlicher. Aber ebenso wie Max
vor Zeiten auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah
seine Mutter gar nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so jung
und s war der Hauch ber ihrem Gesicht und Haar, so straff und faltenlos
war ihre goldige Haut, so blhend der Mund. Kniglicher noch als in meinem
Traume stand sie vor mir, und ihre Nhe war Liebesglck, ihr Blick war
Erfllung.

Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht
mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich fate
keine Entschlsse, tat keine Gelbde -- ich war an ein Ziel gekommen, an
eine hohe Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich
zeigte, Lndern der Verheiung entgegenstrebend, berschattet von
Baumwipfeln nahen Glckes, gekhlt von nahen Grten jeder Lust. Mochte es
mir gehen, wie es wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen,
ihre Stimme zu trinken und ihre Nhe zu atmen. Mochte sie mir Mutter,
Geliebte, Gttin werden -- wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem ihren
nahe war!

Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf.

Sie haben unsrem Max nie eine grere Freude gemacht als mit diesem Bild,
sagte sie nachdenklich. Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet, und als
das Bild kam, da wuten wir, da Sie auf dem Weg zu uns waren. Als Sie ein
kleiner Knabe waren, Sinclair, da kam eines Tages mein Sohn aus der Schule
und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der Stirn, der mu
mein Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht leicht gehabt, aber
wir haben Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in Ferien zu Hause
waren, wieder mit Max zusammen. Sie waren damals so etwa sechzehn Jahre
alt. Max erzhlte mir davon --

Ich unterbrach: O, da er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste
Zeit damals!

Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht
noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flchten, er ist
sogar ein Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein
Zeichen ist verhllt, aber es brennt ihn heimlich. -- War es nicht so?

O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich
wieder ein Fhrer zu mir. Er hie Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum
meine Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm
loskommen konnte. Liebe Frau -- liebe Mutter, ich habe damals oft geglaubt,
ich msse mir das Leben nehmen. Ist denn der Weg fr jeden so schwer?

Sie fuhr mit ihrer Hand ber mein Haar, leicht wie Luft.

Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat Mhe,
aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurck und fragen Sie: war der Weg denn so
schwer? -- nur schwer? War er nicht auch schn? Htten Sie einen schneren,
einen leichteren gewut?

Ich schttelte den Kopf.

Es war schwer, sagte ich wie im Schlaf, es war schwer, bis der Traum
kam.

Sie nickte und sah mich durchdringend an.

Ja, man mu seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es gibt
keinen immerwhrenden Traum, jeden lst ein neuer ab, und keinen darf man
festhalten wollen.

Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr? Aber
einerlei, ich war bereit, mich von ihr fhren zu lassen und nicht nach dem
Ziel zu fragen.

Ich wei nicht, sagte ich, wie lange mein Traum dauern soll. Ich
wnsche, er wre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal
empfangen, wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehre ich und sonst
niemand.

Solange der Traum Ihr Schicksal ist, solange sollen Sie ihm treu bleiben,
besttigte sie ernst.

Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser
verzauberten Stunde zu sterben. Ich fhlte die Trnen -- wie unendlich
lange hatte ich nicht mehr geweint! -- unaufhaltsam in mir aufquellen und
mich berwltigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster
und blickte mit blinden Augen ber die Topfblumen hinweg.

Hinter mir hrte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll
von Zrtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefllter Becher.

Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es
Ihnen ganz gehren, so wie Sie es trumen, wenn Sie treu bleiben.

Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab mir
die Hand.

Ich habe ein paar Freunde, sagte sie lchelnd, ein paar ganz wenige,
ganz nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so
nennen, wenn Sie wollen.

Sie fhrte mich zur Tr, ffnete und deutete in den Garten. Sie finden Max
da drauen.

Unter den hohen Bumen stand ich betubt und erschttert, wacher oder
trumender als jemals, ich wute es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den
Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Fluufer
entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen
Gartenhuschen, mit nacktem Oberkrper, und machte vor einem aufgehngten
Sandsckchen Boxbungen.

Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der
feste mnnliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren
stark und tchtig, die Bewegungen kamen aus Hften, Schultern und
Armgelenken hervor wie spielende Quellen.

Demian! rief ich. Was treibst du denn da?

Er lachte frhlich.

Ich be mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf versprochen,
der Kerl ist flink wie eine Katze, und natrlich ebenso tckisch. Aber er
wird nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine Demtigung, die
ich ihm schuldig bin.

Er zog Hemd und Rock ber.

Du warst schon bei meiner Mutter? fragte er.

Ja. Demian, was hast du fr eine herrliche Mutter! Frau Eva! Der Name pat
vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.

Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht.

Du weit den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der erste,
dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.

Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und Bruder,
aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schlo, ja
schon wenn ich von weitem die hohen Bume des Gartens auftauchen sah, war
ich reich und glcklich. Drauen war die Wirklichkeit, drauen waren
Straen und Huser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und Lehrsle
-- hier drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Mrchen und der
Traum. Und doch lebten wir keineswegs von der Welt abgeschlossen, wir
lebten in Gedanken und Gesprchen oft mitten in ihr, nur auf einem anderen
Felde, wir waren von der Mehrzahl der Menschen nicht durch Grenzen
getrennt, sondern nur durch eine andere Art des Sehens. Unsre Aufgabe war,
in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht ein Vorbild, jedenfalls
aber die Ankndigung einer anderen Mglichkeit zu leben. Ich lernte, ich
lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die zwischen Menschen mglich
ist, welche das vllige Alleinsein gekostet haben. Nie mehr begehrte ich zu
den Tafeln der Glcklichen, zu den Festen der Frhlichen zurck, nie mehr
flog mich Neid oder Heimweh an, wenn ich die Gemeinsamkeiten der andern
sah. Und langsam wurde ich eingeweiht in das Geheimnis derer, welche das
Zeichen an sich trugen.

Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt fr seltsam, ja fr
verrckt und gefhrlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und
unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, whrend das
Streben und Glcksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre
Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glck immer enger an das der Herde zu
binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Gre. Aber whrend,
nach unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur zum Neuen,
zum Vereinzelten und Zuknftigen darstellten, lebten die andern in einem
Willen des Beharrens. Fr sie war die Menschheit -- welche sie liebten wie
wir -- etwas Fertiges, das erhalten und geschtzt werden mute. Fr uns war
die Menschheit eine ferne Zukunft, nach welcher wir alle unterwegs waren,
deren Bild niemand kannte, deren Gesetze nirgend geschrieben standen.

Auer Frau Eva, Max und mir gehrten zu unsrem Kreise, nher oder ferner,
noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von ihnen gingen
besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und hingen an
besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren Astrologen und
Kabbalisten, auch ein Anhnger des Grafen Tolstoi, und allerlei zarte,
scheue, verwundbare Menschen, Anhnger neuer Sekten, Pfleger indischer
bungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen hatten wir eigentlich
nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder dem geheimen
Lebenstraum des andern gnnte. Andre standen uns nher, welche das Suchen
der Menschheit nach Gttern und neuen Wunschbildern in der Vergangenheit
verfolgten und deren Studien mich oft an die meines Pistorius erinnerten.
Sie brachten Bcher mit, bersetzten uns Texte alter Sprachen, zeigten uns
Abbildungen alter Symbole und Riten, und lehrten uns sehen, wie der ganze
Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus Trumen der unbewuten
Seele bestand, aus Trumen, in welchen die Menschheit tastend den Ahnungen
ihrer Zukunftsmglichkeiten nachging. So durchliefen wir den wunderbaren,
tausendkpfigen Gtterknuel der alten Welt bis zum Herandmmern der
christlichen Umkehr. Die Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns
bekannt, und die Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem,
was wir sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen
Europa, das in ungeheuren Bestrebungen mchtige neue Waffen der Menschheit
erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende
Verdung des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um
seine Seele darber zu verlieren.

Auch hier gab es Glubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und
Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und
Tolstoijnger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hrten zu und
nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns Gezeichneten
lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns schien jedes
Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos. Und wir
empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: da jeder von uns so ganz
er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur gerecht werde
und zu Willen lebe, da die ungewisse Zukunft uns zu allem und jedem bereit
finde, was sie bringen mchte.

Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefhl deutlich, da eine
Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon sprbar sei.
Demian sagte mir manchmal: Was kommen wird, ist unausdenklich. Die Seele
Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt lag. Wenn es frei wird,
werden seine ersten Regungen nicht die lieblichsten sein. Aber die Wege und
Umwege sind belanglos, wenn nur die wahre Not der Seele zutage kommt, die
man seit so langem immer und immer wieder weglgt und betubt. Dann wird
unser Tag sein, dann wird man uns brauchen, nicht als Fhrer oder neue
Gesetzgeber -- die neuen Gesetze erleben wir nicht mehr -- eher als
Willige, als solche, die bereit sind, mitzugehen und da zu stehen, wohin
das Schicksal ruft. Sieh, alle Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu
tun, wenn ihre Ideale bedroht werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues
Ideal, eine neue, vielleicht gefhrliche und unheimliche Regung des
Wachstums anklopft. Die wenigen, welche dann da sind und mitgehen, werden
wir sein. Dazu sind wir gezeichnet -- wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht
und Ha zu erregen und die damalige Menschheit aus einem engen Idyll in
gefhrliche Weiten zu treiben. Alle Menschen, die auf den Gang der
Menschheit gewirkt haben, alle ohne Unterschied waren nur darum fhig und
wirksam, weil sie schicksalbereit waren. Das pat auf Moses und Buddha, es
pat auf Napoleon und auf Bismarck. Welcher Welle einer dient, von welchem
Pol aus er regiert wird, das liegt nicht in seiner Wahl. Wenn Bismarck die
Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie eingestellt htte, so wre er
ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des Schicksals. So war es mit
Napoleon, mit Csar, mit Loyola, mit allen! Man mu sich das immer
biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die Umwlzungen auf
der Erdoberflche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins Wasser warf, da
waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und Unerhrte
vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob es
dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative und
Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionre, das
wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in neue
Entwicklungen hinber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir bereit
sein.

Bei solchen Gesprchen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst nicht
in dieser Weise mit. Sie war fr jeden von uns, der seine Gedanken uerte,
ein Zuhrer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verstndnis, es schien,
als kmen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurck. In ihrer
Nhe zu sitzen, zuweilen ihre Stimme zu hren und teilzuhaben an der
Atmosphre von Reife und Seele, die sie umgab, war fr mich Glck.

Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Vernderung, eine Trbung
oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die Trume, die ich
im Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzhlte sie ihr oft, und sie
waren ihr verstndlich und natrlich, es gab keine Sonderbarkeiten, denen
sie nicht mit klarem Fhlen folgen konnte. Eine Zeitlang hatte ich Trume,
die wie Nachbildungen unsrer Tagesgesprche waren. Ich trumte, da die
ganze Welt in Aufruhr sei und da ich, allein oder mit Demian, angespannt
auf das groe Schicksal warte. Das Schicksal blieb verhllt, trug aber
irgendwie die Zge der Frau Eva -- von ihr erwhlt oder verworfen zu
werden, das war das Schicksal.

Manchmal sagte sie mit Lcheln: Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie
haben das Beste vergessen -- und es konnte geschehen, da es mir dann
wieder einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen
knnen.

Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren geqult. Ich meinte es
nicht mehr ertragen zu knnen, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die Arme
zu schlieen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere Tage
wegblieb und dann verstrt wiederkam, nahm sie mich beiseite und sagte:
Sie sollen sich nicht an Wnsche hingeben, an die Sie nicht glauben. Ich
wei, was Sie wnschen. Sie mssen diese Wnsche aufgeben knnen, oder sie
ganz und richtig wnschen. Wenn Sie einmal so zu bitten vermgen, da Sie
der Erfllung in sich ganz gewi sind, dann ist auch die Erfllung da. Sie
wnschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst dabei. Das mu alles
berwunden werden. Ich will Ihnen ein Mrchen erzhlen.

Und sie erzhlte mir von einem Jngling, der in einen Stern verliebt war.
Am Meere stand er, streckte die Hnde aus und betete den Stern an, er
trumte von ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wute, oder
meinte zu wissen, da ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden
knne. Er hielt es fr sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfllung ein
Gestirn zu lieben, und er baute aus diesem Gedanken eine ganze
Lebensdichtung von Verzicht und stummem, treuem Leiden, das ihn bessern und
lutern sollte. Seine Trume gingen aber alle auf den Stern. Einmal stand
er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen Klippe, und blickte in den
Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem Augenblick grter
Sehnsucht tat er den Sprung und strzte sich ins Leere, dem Stern entgegen.
Aber im Augenblick des Springens noch dachte er blitzschnell: es ist ja
doch unmglich! Da lag er unten am Strand und war zerschmettert. Er
verstand nicht zu lieben. Htte er im Augenblick, wo er sprang, die
Seelenkraft gehabt, fest und sicher an die Erfllung zu glauben, er wre
nach oben geflogen und mit dem Stern vereinigt worden.

Liebe mu nicht bitten, sagte sie, auch nicht fordern. Liebe mu die
Kraft haben, in sich selbst zur Gewiheit zu kommen. Dann wird sie nicht
mehr gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen.
Wenn sie mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke geben,
ich will gewonnen werden.

Ein anderesmal aber erzhlte sie mir ein anderes Mrchen. Es war ein
Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurck
und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den
blauen Himmel und den grnen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm nicht,
die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und elend
geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben und
verkommen, als auf den Besitz der schnen Frau verzichten, die er liebte.
Da sprte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und sie
wurde mchtig und zog und zog, und die schne Frau mute folgen, sie kam,
er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie aber
vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fhlte und sah
er, da er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie stand
vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam in neuen
Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehrte ihm, sprach seine Sprache.
Und statt blo ein Weib zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am Herzen, und
jeder Stern am Himmel glhte in ihm und funkelte Lust durch seine Seele. --
Er hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. Die meisten aber lieben,
um sich dabei zu verlieren.

Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu
sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu
fhlen, da es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen
strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur
tiefer in mich selbst hinein fhren. Oft hrte ich Worte von ihr, die mir
klangen wie Antworten meines Unbewuten auf brennende Fragen, die mich
bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor
sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstnde kte, die sie berhrt hatte.
Und allmhlich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit
und Symbol bereinander. Dann geschah es, da ich daheim in meinem Zimmer
an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre
Lippen auf meinen zu fhlen meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins
Gesicht, sprach mit ihr und hrte ihre Stimme, und wute doch nicht, ob sie
wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie man eine Liebe
dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim Lesen eines Buches
eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefhl wie ein Ku von Frau Eva.
Sie streichelte mir das Haar und lchelte mir ihre reife duftende Wrme zu,
und ich hatte dasselbe Gefhl, wie wenn ich in mir selbst einen Fortschritt
gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal fr mich war, konnte ihre
Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden meiner Gedanken verwandeln, und
jeder sich in sie.

Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte ich
mich gefrchtet, weil ich meinte, es msse eine Qual sein, zwei Wochen lang
entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war herrlich, zu
Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H. zurckgekommen war,
blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um diese Sicherheit und
Unabhngigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu genieen. Auch hatte ich
Trume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte
Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strmend mndete. Sie war ein
Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen
uns und fhlten uns zueinander gezogen, blieben beisammen und drehten uns
selig fr alle Zeiten in nahen, tnenden Kreisen umeinander.

Diesen Traum erzhlte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte.

Der Traum ist schn, sagte sie still. Machen Sie ihn wahr!

In der Vorfrhlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat
in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wlzte den
schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen war,
ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte leicht
an die Tr und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es gewohnt
war.

Das Zimmer war dunkel, die Vorhnge alle zugezogen. Die Tre zu einem
kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches Laboratorium
eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weie Licht der
Frhlingssonne, die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand
da, und schlug einen der Vorhnge zurck.

Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhngten Fenster Max Demian
sitzen, zusammengekauert und seltsam verndert, und wie ein Blitz durchfuhr
mich ein Gefhl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die Arme
regungslos hngen, die Hnde im Scho, sein etwas vorgeneigtes Gesicht mit
offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern blinkte tot ein
kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stck Glas. Das bleiche Gesicht
war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den einer ungeheuren
Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal eines Tempels. Er
schien nicht zu atmen.

Erinnerung berschauerte mich -- so, genau so hatte ich ihn schon einmal
gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So hatten
die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hnde leblos nebeneinander
gelegen, eine Fliege war ihm bers Gesicht gewandert. Und er hatte damals,
vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos ausgesehen, keine
Falte im Gesicht war heute anders.

Von einer Furcht berfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die Treppe
hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien ermdet,
was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die grelle
weie Sonne war pltzlich verschwunden.

Ich war bei Max, flsterte ich rasch. Ist etwas geschehen? Er schlft,
oder ist versunken, ich wei nicht, ich sah ihn frher schon einmal so.

Sie haben ihn doch nicht geweckt? fragte sie rasch.

Nein. Er hat mich nicht gehrt. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva,
sagen Sie mir, was ist mit ihm?

Sie fuhr sich mit dem Rcken der Hand ber die Stirn.

Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich
zurckgezogen. Es wird nicht lange dauern.

Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen
anfing. Ich sprte, da ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der
Halle auf und ab, roch an den betubend duftenden Hyazinthen, starrte mein
Vogelbild ber der Tre an und atmete mit Beklemmung den seltsamen
Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfllt war. Was war dies? Was
war geschehen?

Frau Eva kam bald zurck. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie
setzte sich in ihren Lehnstuhl. Mdigkeit lag ber ihr. Ich trat neben sie,
beugte mich ber sie und kte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen waren
hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Trnen.

Soll ich nach ihm sehen? fragte ich flsternd.

Sie lchelte schwach.

Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair! ermahnte sie laut, wie um in sich
selber einen Bann zu brechen. Gehen Sie jetzt, und kommen Sie spter
wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.

Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der schrge
dnne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter schwerem
Druck wie in Angst vorber. Unten ging kaum ein Wind, in der Hhe schien es
zu strmen, mehrmals brach fr Augenblicke die Sonne bleich und grell aus
dem sthlernen Wolkengrau.

Da kam ber den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie staute
sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen Sekunden aus dem
Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroen Vogel, der sich aus
blauem Wirrwarr losri und mit weiten Flgelschlgen in den Himmel hinein
verschwand. Dann wurde der Sturm hrbar, und Regen prasselte mit Hagel
vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich und schreckhaft tnender
Donner krachte ber der gepeitschten Landschaft, gleich darauf brach wieder
ein Sonnenblick durch und auf den nahen Bergen berm braunen Wald leuchtete
fahl und unwirklich der bleiche Schnee.

Als ich na und verblasen nach Stunden wiederkehrte, ffnete Demian mir
selbst die Haustr.

Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte eine
Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben.

Setz dich, lud er ein, du wirst mde sein, es war ein scheuliches
Wetter, man sieht, da du tchtig drauen warst. Tee kommt gleich.

Es ist heute etwas los, begann ich zgernd, es kann nicht nur das
bichen Gewitter sein.

Er sah mich forschend an.

Hast du etwas gesehen?

Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.

Was fr ein Bild?

Es war ein Vogel.

Der Sperber? War er's? Dein Traumvogel?

Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengro und flog in den
blauschwarzen Himmel hinein.

Demian atmete tief auf.

Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee.

Nimm dir, Sinclair, bitte. -- Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufllig
gesehen?

Zufllig? Sieht man solche Sachen zufllig?

Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weit du was?

Nein. Ich spre nur, da es eine Erschtterung bedeutet, einen Schritt im
Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.

Er ging heftig auf und ab.

Einen Schritt im Schicksal! rief er laut.

Dasselbe habe ich heut nacht getrumt, und meine Mutter hatte gestern eine
Ahnung, die sagte das Gleiche. -- Mir hat getrumt, ich stieg eine Leiter
hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich das ganze
Land, es war eine groe Ebene, mit Stdten und Drfern brennen. Ich kann
noch nicht alles erzhlen, es ist mir noch nicht alles klar.

Deutest du den Traum auf dich? fragte ich.

Auf mich? Natrlich. Niemand trumt, was ihn nicht angeht. Aber es geht
mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau die
Trume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die anderen,
sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich andeutet. Ich habe
selten solche Trume gehabt, und nie einen, von dem ich sagen knnte, er
sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfllung gegangen. Die Deutungen sind
zu ungewi. Aber das wei ich bestimmt, ich habe etwas getrumt, was nicht
mich allein angeht. Der Traum gehrt nmlich zu anderen, frheren, die ich
hatte und die er fortsetzt. Diese Trume sind es, Sinclair, aus denen ich
die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach. Da unsre Welt recht
faul ist, wissen wir, das wre noch kein Grund, ihren Untergang oder
dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren Jahren Trume
gehabt, aus denen ich schliee, oder fhle, oder wie du willst -- aus denen
ich also fhle, da der Zusammenbruch einer alten Welt nher rckt. Es
waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie sind immer
deutlicher und strker geworden. Noch wei ich nichts andres, als da etwas
Groes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft. Sinclair, wir
werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben! Die Welt will sich
erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne Tod. -- Es ist
schrecklicher, als ich gedacht hatte. Erschrocken starrte ich ihn an.

Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzhlen? bat ich schchtern.

Er schttelte den Kopf.

Nein.

Die Tre ging und Frau Eva kam herein.

Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?

Sie sah frisch und gar nicht mehr mde aus. Demian lchelte ihr zu, sie kam
zu uns wie die Mutter zu verngstigten Kindern.

Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben blo ein wenig an diesen neuen
Zeichen gertselt. Aber es liegt ja nichts daran. Pltzlich wird das, was
kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen brauchen,
schon erfahren.

Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch die
Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft. Es
war ein Schatten ber uns gefallen.




Achtes Kapitel
Anfang vom Ende


Ich hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu knnen.
Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Flu. Der Japaner,
der brigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort, auch der
Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag fr Tag mit
Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein.

Zuweilen wunderte ich mich ber die Friedlichkeit meines Lebens. Ich war so
lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu ben, mich mhsam mit meinen
Qualen herumzuschlagen, da diese Monate in H. mir wie eine Trauminsel
vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schnen, angenehmen
Dingen und Gefhlen leben durfte. Ich ahnte, da dies der Vorklang jener
neuen, hheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je und je ergriff
mich ber dies Glck eine tiefe Trauer, denn ich wute wohl, es konnte
nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Flle und Behagen zu
atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich sprte: eines Tages wrde ich aus
diesen schnen Liebesbildern erwachen und wieder allein stehen, ganz
allein, in der kalten Welt der anderen, wo fr mich nur Einsamkeit oder
Kampf war, kein Friede, kein Mitleben.

Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zrtlichkeit in die Nhe der Frau
Eva, froh darber, da mein Schicksal noch immer diese schnen, stillen
Zge trug.

Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war schon im
Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran denken,
und tat es auch nicht, sondern hing an den schnen Tagen wie ein Falter an
der Honigblume. Das war nun meine Glckszeit gewesen, die erste Erfllung
meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund -- was wrde dann kommen? Ich
wrde wieder mich durchkmpfen, Sehnsucht leiden, Trume haben, allein
sein.

An einem dieser Tage berkam mich dies Vorgefhl so stark, da meine Liebe
zu Frau Eva pltzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald, dann sah
ich sie nicht mehr, hrte nicht mehr ihren festen guten Schritt durchs
Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was hatte ich
erreicht? Ich hatte getrumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie zu
gewinnen, statt um sie zu kmpfen und sie fr immer an mich zu reien!
Alles, was sie mir je ber die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein,
hundert feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen
vielleicht -- was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts!

Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, fate mein ganzes Bewutsein
zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Krfte meiner Seele
zusammennehmen, um sie meine Liebe fhlen zu lassen, um sie zu mir her zu
ziehen. Sie mute kommen und meine Umarmung ersehnen, mein Ku mute
unersttlich in ihren reifen Liebeslippen whlen.

Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Fen her kalt
wurde. Ich fhlte, da Kraft von mir ausging. Fr einige Augenblicke zog
sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Khles; ich hatte
einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen, und
ich wute, das war mein Ich. Die Klte stieg mir bis zur Brust.

Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fhlte ich, da etwas
kme. Ich war zu Tode erschpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten
zu sehen, brennend und entzckt.

Hufgetrappel hmmerte jetzt die lange Strae heran, klang nah und hart,
hielt pltzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde.
Ich lief hinab.

Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?

Er hrte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schwei rann zu
beiden Seiten von seiner Stirn ber die Wangen. Er band die Zgel seines
erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir die
Strae hinab.

Weit du schon etwas?

Ich wute nichts.

Demian drckte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem dunklen,
mitleidigen, sonderbaren Blick.

Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wutest ja von der groen Spannung mit
Ruland --

Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.

Er sprach leise, obwohl kein Mensch in der Nhe war.

Er ist noch nicht erklrt. Aber es gibt Krieg. Verla dich drauf. Ich habe
dich seither mit der Sache nicht mehr belstigt, aber ich habe seit damals
dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein
Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das
einschlgt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich
jeder aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. -- Aber du
wirst sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein
groer Krieg werden, ein sehr groer Krieg. Aber auch das ist blo der
Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird fr die, die am Alten hngen,
entsetzlich sein. Was wirst du tun?

Ich war bestrzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich.

Ich wei nicht -- und du?

Er zuckte die Achseln.

Sobald mobilisiert wird, rcke ich ein. Ich bin Leutnant.

Du? Davon wute ich kein Wort.

Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weit, ich bin nach auen nie
gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu
sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde --

Um Gottes willen --

Na, Junge, sentimental mut du das nicht auffassen. Es wird mir ja im
Grunde kein Vergngen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu
kommandieren, aber das wird nebenschlich sein. Es wird jetzt jeder von uns
in das groe Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben werden.

Und deine Mutter, Demian?

Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde
gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich
zusammengerissen, um das seste Bild zu beschwren, und nun sah mich das
Schicksal pltzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an.

Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist
sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. -- Du liebst
sie so sehr?

Du wutest es, Demian? Er lachte hell und ganz befreit.

Kleiner Junge! Natrlich wute ich's. Es hat noch niemand zu meiner Mutter
Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. brigens, wie war das? Du hast sie
oder mich heut gerufen, nicht?

Ja, ich habe gerufen -- -- Ich rief nach Frau Eva.

Sie hat es gesprt. Sie schickte mich pltzlich weg, ich msse zu dir. Ich
hatte ihr eben die Nachrichten ber Ruland erzhlt.

Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und stieg
auf.

In meinem Zimmer oben sprte ich erst, wie erschpft ich war, von Demians
Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung. Aber Frau Eva
hatte mich gehrt! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im Herzen erreicht.
Sie wre selbst gekommen -- wenn nicht -- -- Wie sonderbar war dies alles,
und wie schn im Grunde! Nun sollte ein Krieg kommen. Nun sollte das zu
geschehen beginnen, was wir oft und oft geredet hatten. Und Demian hatte so
viel davon vorausgewut. Wie seltsam, da jetzt der Strom der Welt nicht
mehr irgendwo an uns vorbei laufen sollte --, da er jetzt pltzlich mitten
durch unsere Herzen ging, da Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen,
und da jetzt oder bald der Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo
sie sich verwandeln wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht
zu nehmen. Merkwrdig war nur, da ich nun die so einsame Angelegenheit
Schicksal mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte.
Gut denn!

Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle
Winkel von der groen Erregung. berall das Wort Krieg!

Ich kam in Frau Evas Haus, wir aen im Gartenhuschen zu Abend. Ich war der
einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spt, kurz ehe ich
wegging, sagte Frau Eva: Lieber Sinclair, Sie haben mich heut gerufen. Sie
wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht: Sie kennen
jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das Zeichen trgt,
dann rufen Sie wieder!

Sie erhob sich und ging durch die Gartendmmerung voraus. Gro und
frstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bumen, und
ber ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne.

Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war Krieg und
Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen Mantel, fuhr
davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurck. Bald nahm auch ich
Abschied von ihr, sie kte mich auf den Mund und hielt mich einen
Augenblick an ihrer Brust, und ihre groen Augen brannten nah und fest in
meine.

Und alle Menschen waren wie verbrdert. Sie meinten das Vaterland und die
Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das
unverhllte Gesicht schauten. Junge Mnner kamen aus Kasernen, stiegen in
Bahnzge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen -- nicht das unsre
-- ein schnes und wrdevolles Zeichen, das Liebe und Tod bedeutete. Auch
ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen hatte, und ich verstand
es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in dem sie es taten, kein
Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rhrte daher, da sie alle
diesen kurzen, aufrttelnden Blick in die Augen des Schicksals getan
hatten.

Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam.

Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schieerei, von allem
enttuscht. Frher hatte ich viel darber nachgedacht, warum so uerst
selten ein Mensch fr ein Ideal zu leben vermge. Jetzt sah ich, da viele,
ja alle Menschen fhig sind, fr ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein
persnliches, kein freies, kein gewhltes Ideal sein, es mute ein
gemeinsames und bernommenes sein.

Mit der Zeit sah ich aber, da ich die Menschen unterschtzt hatte. So sehr
der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch viele,
Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nhern. Viele,
sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den festen,
fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen wei und
volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese glauben und
meinen, was immer sie wollten -- sie waren bereit, sie waren brauchbar, aus
ihnen wrde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die Welt auf Krieg
und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt schien, je ferner
und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer Menschlichkeit klang, dies
war alles nur die Oberflche, ebenso wie die Frage nach den ueren und
politischen Zielen des Krieges nur Oberflche blieb. In der Tiefe war etwas
im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen,
und mancher von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gefhlhaft die
Einsicht geworden, da Ha und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die
Objekte geknpft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz
zufllig. Die Urgefhle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr
blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen
Seele, welche rasen und tten, vernichten und sterben wollte, um neu
geboren werden zu knnen. Es kmpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und
das Ei war die Welt, und die Welt mute in Trmmer gehen.

Vor dem Gehfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer
Vorfrhlingsnacht auf Wache. In launischen Sten ging ein schlapper Wind,
ber den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo dahinter
eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe gewesen,
irgendeine Sorge strte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten, dachte ich
mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau Eva, an
Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den bewegten
Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu groen, quellenden
Bilderfolgen wurden. Ich sprte an der seltsamen Dnne meines Pulses, an
der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an der funkelnden
inneren Wachheit, da ein Fhrer um mich sei.

In den Wolken war eine groe Stadt zu sehen, aus der strmten Millionen von
Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwrmen ber weite
Landschaften. Mitten unter sie trat eine mchtige Gttergestalt, funkelnde
Sterne im Haar, gro wie ein Gebirge, mit den Zgen der Frau Eva. In sie
hinein verschwanden die Zge der Menschen, wie in eine riesige Hhle, und
waren weg. Die Gttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte das Mal
auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt ber sie zu haben, sie schlo die
Augen und ihr groes Antlitz verzog sich in Weh. Pltzlich schrie sie hell
auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende Sterne,
die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen ber den schwarzen
Himmel.

Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her, schien
mich zu suchen. -- Da krachte er brllend in tausend Funken auseinander, es
ri mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd brach die Welt ber
mir zusammen.

Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen Wunden.

Ich lag in einem Keller, Geschtze brummten ber mir. Ich lag in einem
Wagen und holperte ber leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne
Bewutsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, da
etwas mich zog, da ich einer Kraft folgte, die ber mich Herr war.

Ich lag in einem Stall auf Stroh, es war dunkel, jemand war mir auf die
Hand getreten. Aber mein Inneres wollte weiter, strker zog es mich weg.
Wieder lag ich auf einem Wagen, und spter auf einer Bahre oder Leiter,
immer strker fhlte ich mich irgendwohin befohlen, fhlte nichts als den
Drang, endlich dahin zu kommen.

Da war ich am Ziel. Es war Nacht, ich war bei vollem Bewutsein, mchtig
hatte ich soeben noch den Zug und Drang in mir empfunden. Nun lag ich in
einem Saal, am Boden gebettet, und fhlte, da ich dort sei, wohin ich
gerufen war. Ich blickte um mich, dicht neben meiner Matratze lag eine
andre, und jemand auf ihr, der neigte sich vor und sah mich an. Er hatte
das Zeichen auf der Stirn. Es war Max Demian.

Ich konnte nicht sprechen, und auch er konnte oder wollte nicht. Er sah
mich nur an. Auf seinem Gesicht lag der Schein einer Ampel, die ber ihm an
der Wand hing. Er lchelte mir zu.

Eine unendlich lange Zeit sah er mir immerfort in die Augen. Langsam schob
er sein Gesicht mir nher, bis wir uns fast berhrten.

Sinclair! sagte er flsternd.

Ich gab ihm ein Zeichen mit den Augen, da ich ihn verstehe.

Er lchelte wieder, beinah wie in Mitleid.

Kleiner Junge! sagte er lchelnd.

Sein Mund lag nun ganz nahe an meinem. Leise fuhr er fort zu sprechen.

Kannst du dich noch an Franz Kromer erinnern? fragte er.

Ich zwinkerte ihm zu, und konnte auch lcheln.

Kleiner Sinclair, pa auf! Ich werde fortgehen mssen. Du wirst mich
vielleicht einmal wieder brauchen, gegen den Kromer oder sonst. Wenn du
mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten
oder mit der Eisenbahn. Du mut dann in dich hinein hren, dann merkst du,
da ich in dir drinnen bin. Verstehst du? -- Und noch etwas! Frau Eva hat
gesagt, wenn es dir einmal schlecht gehe, dann solle ich dir den Ku von
ihr geben, den sie mir mitgegeben hat . . . Mach die Augen zu, Sinclair!

Ich schlo gehorsam meine Augen zu, ich sprte einen leichten Ku auf
meinen Lippen, auf denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie
weniger werden wollte. Und dann schlief ich ein.

Am Morgen wurde ich geweckt, ich sollte verbunden werden. Als ich endlich
richtig wach war, wendete ich mich schnell nach der Nachbarmatratze hin. Es
lag ein fremder Mensch darauf, den ich nie gesehen hatte.

Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber
wenn ich manchmal den Schlssel finde und ganz in mich selbst
hinuntersteige, da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern,
dann brauche ich mich nur ber den schwarzen Spiegel zu neigen, und sehe
mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund und Fhrer.

Druck von Hallberg & Bchting, Leipzig.




Werke von Hermann Hesse


Peter Camenzind
Roman. 98. Auflage.

Unterm Rad
Roman. 108. Auflage.

Diesseits
Erzhlungen. 27. Auflage.

Nachbarn
Erzhlungen. 12. Auflage.

Umwege
Erzhlungen. 17. Auflage.

Aus Indien
Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage.

Rohalde
Roman. 42. Auflage.

Knulp
Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. 95. Auflage.

Schn ist die Jugend
78. Auflage.

Mrchen
21. Auflage.

Zarathustras Wiederkehr
Ein Wort an die deutsche Jugend. 10. Auflage.

Klingsors letzter Sommer
Erzhlungen. 10. Auflage.

Wanderung
Aufzeichnungen mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser. 8. Auflage.




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End of the Project Gutenberg EBook of Demian, by Hermann Hesse

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Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
