Project Gutenberg's Eine Stunde hinter Mitternacht, by Hermann Hesse

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Title: Eine Stunde hinter Mitternacht

Author: Hermann Hesse

Release Date: March 12, 2013 [EBook #42311]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE STUNDE HINTER MITTERNACHT ***




Produced by Jens Sadowski








Hermann Hesse

Eine Stunde hinter
Mitternacht


   Streute ewiger Lenz dort nicht auf stiller Flur
   Buntes Leben umher? Spann nicht der Frieden dort
   Feste Weben? Und blhte
   Dort nicht ewig, was Einmal wuchs?
      Novalis.


Verlegt bei Eugen Diederichs
Leipzig 1899




Inhalt


   Der Inseltraum                 1
   Albumblatt fr Elise          29
   Die Fiebermuse                31
   Incipit vita nova             36
   Das Fest des Knigs           39
   Gesprche mit dem Stummen     63
   An Frau Gertrud               70
   Notturno                      76
   Der Traum vom hrenfeld       82




Der Inseltraum.


Eine langhin gewlbte, sanfte Welle hob meinen Kahn mit dem gerundeten Bug
auf das Gestein. Ein schiffbrchiger Trumer verliess die Ruderbank und
dehnte die Arme dem stummen Lande entgegen. Mein purpurner Mantel war mrbe
geworden und warf von den Hften abwrts weiche demtige Falten. Meine Arme
und mein Hals waren von Rudern und Fasten mager geworden, mein Haar war
lang gewachsen und bog sich in dichter Flle in den Nacken. In dem
dunkelgrnen, stillen Gewsser der Bucht lag mein Spiegelbild gebreitet,
und ich sah, dass auf der langen Fahrt alles an mir anders geworden war,
brauner, schlanker und biegsamer. Auf meinen Wangen hatten grausame Stunden
Denkmale ihrer Gefahren und Niederlagen und berwindungen geschaffen. Alle
Morgen ohne Sonne, an denen ich mit wunden Gliedern an mein Fahrzeug
geklammert hing, alle Strme, die mir die Abgrnde des Meeres zeigten,
hatten sich mir in Ecken und Furchen mit tiefer Schrift auf Wangen und Hals
geschrieben.

Aber meine Augen standen klar in weiten Hhlen, mit wachsamen
Kinderblicken. Sie hatten viele Nchte durchwacht und nach den ewigen
Sternen gesucht und die farbigen Nchte des Meeres aufmerksam durchdrungen
nach aufsteigenden Segeln oder Gestaden. Sie hatten viele Tage lang keinen
Staub gesehen und selten nur mit lchelnder Sehnsucht von ferne das Grn
vorbergleitender Wlder und den Rauch aus fernen, verborgenen Stdten
gestreift. Nun lachten sie hell und gross mich aus dem glatten Spiegel an.
Und nun tranken sie den lange entbehrten Anblick der weissen Steine, der
brunlichen Erde, der Grser und Gebsche. Ich sah die Luft um die Gebsche
wie einen feinen, weisslichen Rand, denn ich war lange der Luft entwhnt,
welche ber Erde und Grnem ist. Meine Nstern sogen mit scheuer Lust den
vollen, zrtlichen Duft der Wiese und des nackten Bodens, und mein Fuss
trat stark und schonend zugleich auf das kstliche Gut des festen
Erdreiches.

Ein Wind kam lssig vom Lande zu mir geflogen. Er trug einen Geruch von
Waldkraut und einen leisen Duft aus entfernten Grten. Da reckte ich in
ssser Wonne ihm beide Arme weit entgegen und fhlte mit Lust seinen
weichen Hauch meinen Fingern und Hnden entlang und an meinen Schlfen hin
gleiten, die der schneidenden Seewinde gewohnt waren.

Ich zog mein graues Boot auf den Sand und strich mit der Rechten ber die
harte Wlbung des Bordes, die von meinen klammernden Hnden geglttet war.
Darauf wandelte ich landeinwrts bis zu dem hohen Gebsche, das dicht und
ringfrmig wie eine Mauer stand und sich weiter erstreckte, als meine
Blicke reichten. Ich ging der grnen Hecke entlang und freute mich des
warmen, blulichen Schattens, der von grngoldenen Lichtern durchwirkt war.
Mein Gang fhrte ber eine Wiese mit weichen Grsern, welche allmhlich
hher wurden und mit seidenen Blten meine Kniee berhrten. Die grasige
Flche lag im hellen Sonnenlicht, nur der Rand, den ich entlang schritt,
war von den hohen Bschen mit einem gleichmssigen Schattenbande gesumt.

Indem ich weiter schritt und eine linde Mdigkeit meine Kniee leicht
befing, that sich zu meiner Linken ein schmaler Eingang, einem Thore
hnlich, in die Gebsche auf. Ich erblickte ein grnes Dunkel, von einem
Muschelpfad durchschnitten, und im Hintergrunde ragende Baumkronen. Der
Eingang aber war durch eine knstlich gewundene Blumenkette verboten. Ich
stand eine Weile, und meine Augen badeten sich in dem zarten Dmmer und
erfreuten sich an der Stufenfolge sanfter Farben. Denn von der lichtgrnen
Hecke bis zu den halbsichtbaren Geheimnissen des innersten Haines zerfloss
das Grn in tausend Schatten; das Auge folgte begierig dem mhlich
vertieften Dunkel bis zu den entferntesten, braunen Waldfarben und kehrte
mit neuer Lust zu dem gelblichen Licht der besonnten Wiese zurck.

Ich lste die Blumenkette in frhlichem bermut von den rundkpfigen
Pfeilern, dass der Eingang offen lag, und schlang das rot und weisse
Gewinde um Hals und Hften, so dass ich wie zu einem Sommerfeste geziert
war. Darauf ging ich behutsamen Schrittes dem halben Dunkel entgegen. Ich
fand ein genaues Kreisrund aus dem Dickicht geschnitten, mit dichten Wnden
von jungen Stmmen und Bschen, und auch der schmale Pfad war knstlich
durch das wilde Gehlz gehauen. Durch die Wipfel berhngender Bume sank
ein braun und grnes Licht. In dem runden Aushau war die Erde mit hellem
Sande bestreut, und zwei schmale, halbrunde Sitzbnke aus Marmor standen
einander gegenber. Eine tiefe Waldstille lag darauf. Ich wandte mich und
folgte dem Pfad, der in die Tiefe des Haines fhrte. Mein Haupt ward von
dem ungewhnten Dufte schwer und ich hrte das Klingen meines raschen
Blutes.

Als ich einige Zeit gegangen war, wuchs die Schwere meiner Kniee, und ich
ersehnte einen Ort zu ruhen. Indem bog sich mein Weg und wurde breiter, und
die auf beiden Seiten schnell zurcktretenden Waldwnde gnnten den Anblick
eines lichten Raumes, welcher sich weit ausdehnte und wie ein Garten
anzusehen war. Viele breite und schmale Wege, oft von Gebsch gesumt,
schlangen sich um Rasenflchen und um Beete, in welchen Rosen und andere
vielfarbige Blumen in Pracht und Flle wohlgepflegt und ohne braune Bltter
standen. In der Mitte des ebenen Gartens erblickte ich edle Gruppen alter
Bume, hinter denen ein Bau, Palast oder Tempel, aus Marmor in dmmerndem
Weiss sich zeigte.

Eine niedrige Bank, von grossen Cypressen ganz beschattet, zog mich an. Ich
setzte mich in den weichen Rasen und lehnte das Haupt mit darunter
gekreuzten Armen gegen den steinernen Sitz, wie ich zuweilen in stillen
Nchten an meiner Ruderbank gelegen hatte. Ich schaute hoch ber mir den
weiten Himmel in wunderbarer Blue und wenig kleine, blanke Flaumwlklein
ruhig stehend, dann schloss ich die Augen und ergtzte mich an dem roten
Schimmer, der mir durch die Lider drang. Darauf neigte der Gott des
Schlafes sich ber mich und lste mir wohlthtig die mden Glieder.

Meine Seele hob die Schwingen im Traum; die Bilder von gestern und
ehegestern erwachten zu neuer Schrecknis oder Trauer. Das Meer umdrngte
mein Fahrzeug mit peitschenden Wassern und der Himmel zrnte in Unwettern.
Und gewaltiger als der Himmel lag die lautlose, lang ersehnte, schwer zu
tragende Einsamkeit ber mir. Und dahinter das Land, aus dem ich mich
gerissen, mit geruschvollen Stdten. Ein mdes Echo, ein halbverlorener
Duft, ein halbvergessenes Jugendlied -- so war in Schmutz und Gerusch ein
Schimmer von Schnheit und Kunst gegossen. Wie oftmals sah ich dort ihr
scheues Licht in ngstlichen Reflexen, und zitterte mit ihr, und litt mit
ihr! Ferner noch mit altmodisch lichten Himmeln lagen die Frhlinge meiner
Kindheit und rhrten mit zrtlichem Dufte an mein Herz.

Auf leisen Fittichen flog mein Traum ber die verschlungenen Pfade meines
Lebens zurck bis zu den ersten Sonnenaufgngen, und schwebte lang in
verflogener Schwermut ber den ersten Bergen, die ich erstieg, und ber dem
Haus meines Vaters.

                   *       *       *       *       *

Die Sonne war ber die Rnder der Cypressenwand gestiegen und traf meine
schlummernden Augen mit heissem Lichte. Ich hob das Haupt und erwachte zum
neuen Anblick des tiefen Himmels und des grnen Gartenlandes.

Helle Stimmen klangen in mein Ohr und ich hrte, dass es Menschenstimmen
waren, welche in bermtigen Rufen ihre Lust kundgaben. Es war aber in
diesen Stimmen ein reiner, meertiefer, metallener Grund, den ich nie bei
Menschen vernommen hatte und welcher an den unberhrten ersten Fall einer
frischen Quelle erinnerte, so ohne Wissen von Unrat und so voll von Lust am
Leben und an der eigenen Schnheit. Es war darin der starke und ssse Ton,
den wir mit unbeschreiblicher Beklemmung zu hren vermeinen, so oft unsre
Seele mit den Menschengeschlechtern der alten, goldenen Zeitalter traurige
Unterredungen pflegt.

Indem ich vorsichtig die breiten Fcher der Zweige teilte, erblickte ich
eine Schaar junger Frauen mit schlanken Leibern um einen vergoldeten Ball
bemht. Sie waren in zwei Lager geteilt und fhrten einen anmutigen Krieg
um den Besitz des blanken Zierats, den ein lachendes Mdchen immer von
neuem ber ihre Hupter hin empor warf. Sie trugen helle, weite Gewnder
und die Haare zumeist in einfache Knoten gebndelt. Ich sah die reinen
Linien der Hlse und Nacken, wenn sie sich bckten oder mit ganz
zurckgelegten Huptern nach dem Fall des Spielzeuges sphten. Ich sah die
zarten Grbchenformen der Knchel, ber denen sich goldene oder weisse
Sandalenbnder kreuzten. Ich sah die bewegten schlanken Leiber, beim Laufen
vorgebeugt, und die schnen, leicht gerteten Arme, die sich hufig aus den
weichen Falten der Oberkleider reckten.

Pltzlich vernahm ich ein Wipfelzittern ber mir, und der goldene Ball fiel
neben mich weich in den Rasen. Ich nahm ihn auf, und mein Herz begann mit
hastigen Schlgen zu pochen wie Einem, der einer grossen Gefahr oder einem
grossen Glcke unvermutet ins Auge sieht. Die Spielerinnen eilten schon
meinem Versteck entgegen.

Ich brach durch den Busch und stand wie ein Gespenst vor der hellen Schaar,
den Ball in der Rechten hoch empor haltend. Ich warf ihn in die Lfte, aber
sie wichen seinem Falle aus und standen mit erstaunten Augen vor dem
Fremden. Da ich nher schritt, teilte sich ihre Menge und liess eine breite
Gasse meinem Wandel frei. Aufschauend gewahrte ich eine hohe Frau mir nahe
gegenber stehen, welche die Schnste und die Knigin der andern war.

Ich schlug den Blick zum Boden nieder und neigte mich vor ihr. Ein weisses
Kleid floss in priesterlichen Falten lang von ihren Knieen, und sie war von
einer solchen Reinheit und Wrde umgeben, dass pltzlich mein Sinn klein
und voll Scham wurde. Alle Irrwege, die ich gegangen war, alle Lsterungen,
die ich gethan hatte, und alles Hssliche und Kranke meines unstten Lebens
ward mir schwer bewusst, und aller Glanz und Stolz fiel von mir ab. Ich lag
auf den Knieen und beugte mein Haupt in Scham und Demut, da sie ihre reine
Stimme erhob. Ihre Stimme war voller und prchtiger als die Stimmen der
brigen Frauen, und hatte einen frstlich hohen Ton, vor dem meine Scheu
erschrak. Was suchst du hier, mein Freund, und wie hast du den Weg zu uns
gefunden?

Ich schaute auf und sah grosse Augen ernst auf mich gesenkt. Den Weg zu
dir fand ich durch hundert einsame Tage und Nchte auf dem feindlichen
Meer, durch hundert ngste und bange Nachtwachen. Mein Arm ist hager
geworden von der Mhsal der Fahrt, und meine Hnde sind wund geworden. Ich
trage einen Purpur, der aus deinem Lande ist und von dir mir in die Wiege
ist gelegt worden. Aber meine Hnde sind befleckt und meine Augen voll
Ekels geworden, ich bin mde und unwert, den Purpur lnger zu tragen, der
fr frohe Hnde und selige Augen bestimmt ist. Und bin gekommen, ihn
zurckzugeben.

So wenig gilt dir der knigliche Schmuck? fragte die Knigin und heftete
wieder unbeweglich den ernsten Blick auf mich. Ich kenne dich wohl, du
Mder. Ich bin ber deinem Leben gewesen, ich habe deiner Kindersehnsucht
von blauen Bergen und deiner Knabenfrmmigkeit von Gttern erzhlt. Ich
zeigte manches Mal deiner Ahnung die Bilder und Gleichnisse der Schnheit.
Warst du es nicht, der die Tempel, in welchen ich dich beten lehrte,
zerstrt und der die Grten der Liebe, deren Pforte ich dir zeigte,
geschndet hat? Warst du es nicht, der die Lieder, die ich dich singen
lehrte, in Gassenlieder verkehrte und der die Becher der Freude, die ich
dir reichte, zur Trunkenheit missbrauchte?

Ich war es. Ich ging in der Irre, so oft du mir ferne warst. Ich habe oft
die Arme verlangend nach dir gebreitet und habe nach dir gerufen und alles
Ehrwrdige meiner frhesten Jugend beschworen, aber du erhrtest mich
nicht, und das Leben rollte tot an mir vorber. Da verzweifelte mein Herz
und fluchte seinen Gttern und sank von allen Hhen. Ich bin nun mde des
Fallens und Wiederaufstehens -- nimm dein Geschenk wieder, leg' es auf
hrtere Schultern, und lass mich werden, wie andre sind!

Die Knigin schaute zur Seite. Ich wagte einen schnellen Blick auf ihr
Gesicht, das mir eigen vertraut erschien, und sah den Schatten eines
Lchelns darauf. Mich wundert, sagte sie, dass solcher Kleinmut den
beschwerlichen Weg zu unsrer Insel gefunden hat.

Nicht Kleinmut, meine Knigin! Mich trieb der Ekel vom Leben, mich stiess
der Dunst der Stdte und die geruschvolle Lust ihrer Tempel von sich, auf
der Fahrt wuchs noch tglich mein Verlangen nach deinem Anblick. Arbeit und
Gefahr hat mich herb gemacht, die Einsamkeit befreite mein Auge von den
Dnsten des verlassenen Lebens. Und da ich dein Land mit sanften Hhen aus
blaueren Meeren langsam erstehen sah, da lernte mein verjngtes Herz einen
neuen, frhlichen Stolz. Als ich deinen Boden betrat, reckte ich Beterarme
nach seinen Wundern aus, ich ging durch deinen Wald als ein
Wiedergeborener. Wahrlich, fester zog ich den Purpur um meine Schultern und
mein Gang war nicht der Gang eines Bssers. Hinter jenem Dickicht lag ich
im Grase gestreckt und belauschte das Spiel deiner Frauen, und mein Herz
schlug tiefe Schlge. Aber mein Auge ertrug deinen Anblick nicht; alles was
unwert und krank an mir ist, bermannte mich vor deiner Reinheit.

Steh auf! sagte sie nun mit einem gtig tiefen Ton, und drnge mich
nicht um eine Antwort. Sei mein Gast und versuche noch einmal, unter meiner
Herrschaft zu leben! Ich erhob mich mit unsicherem Blick. Die Schnste
aber nahm meine linke Hand und fhrte mich zu den wartenden Frauen.
Begrsse meine Freundinnen, sagte sie, und sieh, ob nicht eine dir
bekannt ist. Da geschah meinem Auge etwas Seltsames, indem ich mit einem
freien Grusse unter die schnen Gestalten trat. berall sahen bekannte
Augen mich an, ich fand Bewegungen und Blicke, die ich zu andern Zeiten
schon gesehen hatte, und wunderte mich, dass ich die Schnen nicht mit
Namen zu nennen vermochte. Allmhlich erkannte ich einige, und bald merkte
ich wohl, dass alle schnen Frauen, die ich gekannt und bewundert hatte,
hier versammelt waren. Eine jede aber war nur kenntlich durch eben die
besonderen Seltenheiten, durch welche sie fr mein Auge irgend einmal
reizend, verschieden von den andern und schner als die andern,
hervorgetreten war. Alle Augenblicke meines Lebens, welche durch den
Anblick der Frauenschnheit wertvoll und liebenswert geworden waren, lebten
hier unvergnglich in herrlichen und vollkommenen Bildern. Von diesen
Frauen konnte keine den brigen vorgezogen oder nachgesetzt werden, nur die
einzige Knigin vereinigte auf eine wunderbare Art die vielfachen
besonderen Schnheiten in ihrem vollkommenen Wuchse und in der Bildung
ihres Angesichts, dessen Wrde und Lieblichkeit ich ber alle Bilder und
Lobpreisungen erhaben fand. Ihre Augen aber, wenn sie die meinigen ruhig
und freundlich trafen, riefen in mir den Frhling meiner ersten Liebe mit
aller verlorenen und beweinten scheuen Wonne wach.

                   *       *       *       *       *

Die Nacht zog ihren schwarzen Kreis enger um die Grten; sie kam rasch und
herrisch wie die Nchte des Sdens. Nach einander versanken Hgel, Wald und
Gebsche, bis auch die nahestehenden schnell und lautlos sich verhllten
und pltzlich in das Reich der Geheimnisse verschwanden.

Ich sass zu Fssen der Knigin in dem weiten Halbrund einer offenen Halle.
Die schweren Sulen hoben sich rein und ruhig, Wchtern gleich, von der
matthellen Himmelsferne ab. Zwei rote Feuer brannten am Eingang in
steinernen Becken, ber uns hing eine silberne, vierflammige Ampel. Von
drei Seiten kam die schwere Nachtluft herein und fhrte den Duft des
wohlriechenden les in langsamen Wogen davon. Das Meer, dessen Gerusch am
Tage nicht bis in den Palast und die Grten reichte, sang gedmpft in
grossen Rhythmen. Der Gesang der Frauen war kaum verstummt und in der Luft
lag noch ein feiner Nachhall festlicher Melodien. Mir wurde eine kleine
fnfsaitige Laute gebracht, die Augen der Wartenden hingen an meinem Munde.
Ich schloss die Augen und sog den Duft der Nacht und fhlte ihr lindes
Wehen in meinem Haar. Mein Herz war voll wehen Glckes und meine Stimme
zitterte, als ich zu singen begann. Mein Finger rhrte an die feinen Saiten
-- ich hatte lange Zeit nimmer gesungen, der Takt und Tonfall der Verse
stieg mir neu und berckend zu Haupt.

Ich sang von einem vergangenen Sommer, da zum ersten Mal mein Knabenauge an
der Gestalt und dem Gange eines jungen Weibes hing. Und sang von den spten
Abenden, da der Lindenduft schwoll und da ich mein wehes Verlangen mit
wilden Schlgen ber den schwarzen Weiher ruderte, da ich die Bnke und
Wege und Treppen besuchte und alle Sttten, an denen ich die schlanke
Wohlgestalt des Tages aus banger Ferne erblickt hatte. Von den Tagen, da
meine Liebe mich auf heissem Pferde in langen Ritten umhertrieb. Ich
gedachte der in Flle erblhten Rosenhecken und pries die schattigen Gnge,
welche der Duft des Jasmin erfllte.

Von den Frauen lchelten manche, und manche sahen mich aus grossen Augen
ernsthaft an. Als ich den Blick nach der Allerschnsten wandte, sah ich
breite, bluliche Lider ber ihren Augen geschlossen und sah einen holden
Mund und feine Wangen in sanften Frhlingsfarben, und eine blanke Stirn von
krausem Blondhaar frhlich verschattet. Ich erblickte das Bild meiner
ersten Liebe, schn und verzaubert von Erinnerung und Heimweh, wie es
manchmal in Lieblingstrumen mir erschien. Mein Herz war erregt und schwer
von Liedern und Sehnschten einer andern Zeit. Ich berhrte die Hand der
Knigin. Erinnerst du dich, Lieblichste?

Sie lchelte und schlug die Augen auf. Sag', bist du nicht glcklicher als
Andere gewesen? Ich nickte leise mit dem Haupt und konnte mein Auge nicht
von den Lippen wenden, die Elisens Lippen waren.

Bist du auch dankbar gewesen? Da ward ich traurig und musste das Haupt
wieder senken. Sie winkte einer der Frauen, welche aus dem mit reicher
Kunst aus Silber getriebenen Mischkrug eine leichte Schale mit sssem Weine
fllte. Sie nahm das zierliche Gefss und bot es mir freundlich hin. Du
bedarfst nun der Ruhe. Trinke und lege dich schlafen. Meine
Gastfreundschaft wird deinen Schlummer beschtzen.

Ich trank und reichte der Gtigen dankbar meine Hand. Die schne Dienerin
ffnete mir im Innern des gerumigen Palastes ein Gemach, entzndete eine
hngende Ampel und verliess mich. Das Gemach war von mssiger Grsse, mit
hohen Fensterffnungen. In der Mitte war ein niedriges und einfaches Lager
bereitet. Ich legte mich nieder und sah die Wnde entlang in der Hhe des
Estrichs einen schmalen Fries gezogen, darauf in halberhabener Arbeit die
Tugenden Weisheit, Mssigkeit, Gerechtigkeit und Tapferkeit der Schnheit
dienten und Opfer brachten. Die sanften und edlen Formen dieser Bilder
breiteten ihre Ruhe und Einfalt auf meinen erregten Sinn und begleiteten
ihn als schwebende Traumbilder in den Schlaf.

Als ich am frhen Morgen stark und frhlich erwachte, sah ich ber mich ein
helles Angesicht geneigt, das ganz von langen, mattfarbenen Haaren umkrnzt
war. Mein Herz erkannte das schne Bild und begrsste die Wartende mit dem
Namen, den sie trug, als noch ihr leiser Schritt stundenlang neben mir
durch Hain und Wiesen ging. Frau Gertrud!

Komm mit, rief sie bittend, wir wollen die Wege aufsuchen, die wir sonst
gegangen sind. Hinter dem Palast und diesen weit berragend war ein Hain
alter Platanen, welche in Paare und Gruppen verteilt wie Freunde standen.
Frau Gertrud ging neben mir auf dem gewundenen Fusswege. Der Weg aber und
der Hain waren vollkommen dem Weg und Hain hnlich, in denen wir vor Zeiten
zu lustwandeln geliebt hatten. Mein Herz war weich und hrte Winde und
Vogelrufe mit leiser Wehmut klingen. Durch denselben Rasen war mein Fuss
einst geschritten, dieselben Winde und Vogelrufe waren einst in mein Ohr
gekommen, und ich wusste kaum: war das gestern, oder war's vor vielen
vergessenen Jahren.

Kennst du ihn? fragte Frau Gertrud und legte ihre Hand an den gefleckten
Stamm einer Platane, die wir damals, weil sie die lteste und hchste war,
den Vater genannt hatten. Ich nickte still. Und kennst du noch dieses
Grn und Gelb, und diese Wege und Gebsche? Mir war wohl und mde zu Sinn.
Ich nickte still.

Dein Sptsommertraum! sagte sie. Dein Liebling! Die Lieder, die du von
ihm gedichtet hast, die Tage, an denen du Heimweh nach ihm hattest, die
Nchte, da er Dich auf breiten Flgeln besuchte, deine eigene Erinnerung
und Sehnsucht ist es, welche dich umgiebt.

Ich legte Frau Gertruds schmale Hand in meine Hand und fand wie vormals ein
Wohlgefallen an ihrer adligen Form und Weisse, an den blass gezogenen Adern
und an dem Hellrot der zarten Finger. Weisst du noch, fragte Frau
Gertrud, jenen ersten Mittag unter den berhngenden Zweigen der
Syringen?

Ich weiss noch. Ich weiss auch alles noch, was damals war. Wie du mein
Trost und Ratgeber warst und an die ferne Mutter mich erinnertest. Ich war
krank und verirrt gewesen, da wecktest du, was noch fromm und ehrfrchtig
in mir war. Du lehrtest mich wieder die verlorene Schnheit suchen und jung
werden, wenn ich sie in herrlichen Augenblicken erschaute.

Einmal, mein Freund, wolltest du von mir und deinem Glcke ein Lied
erschaffen. Weisst du noch? Deine Tage und Nchte waren des werdenden
Liedes voll, und mit fleissiger Liebe suchtest du nach allem, was selten
und kostbar ist, nach Lichtern und Tnen, die noch kein Knstler fand, nach
Liebesworten und Worten der Ehrfurcht, die noch kein Dichter sagte. Siehe
um dich! Hier liegt in ungehoffter Vollendung dein ganzes Lied. Bume und
Bsche in edlen Gruppen, goldene und braune Lichter, Gesnge auserwhlter
Waldvgel. Und auch mich siehe an! Was noch klein und zufllig und
knstlich an mir war, das ist von mir genommen. Was du hier siehst, das
alles ist schner als alle Wirklichkeit, und wirklicher als alle
Wirklichkeit. Erlausche jeden leisen Tonfall des Windes, trinke mit
ungetrbten Augen die vielerlei Farben des Laubes, sorge, dass dies alles
dein eigen werde! In der Ferne wirst du des Nachts erwachen und wirst mit
Qualen jeden Laut und jeden Schatten vermissen, dessen dein inneres Auge
nicht mehr mchtig ist. Dann aber wird auf hundert Wegen dein Lied dir
entgegenkommen, die Wonnen deiner ersten Gesnge werden dich heimsuchen,
Fremdes wird mit Fremdem sich verbinden, dein Werk wird wachsen und an
Leben zunehmen, bis es in einer stillen Stunde die Werksttte verlsst und
vollendet, rein und wohllaut vor Dir steht.

Frau Gertrud schwieg und legte wieder ihre Hand in meine Hand. Das Rauschen
entfernter Wasserknste klang khl und freundlich zu uns her. ber das
Himmelsrund, welches von den Platanenwipfeln eingeschlossen war, glitt ohne
Flgelregen langsam hoch oben ein grosser Vogel.

                   *       *       *       *       *

Andern Tages wachte ich frhe auf, noch ehe die ersten Vgel sangen. In der
Nacht war ein schwacher Regen gefallen. Die Erde war noch feucht und
duftete herb. An den Blttern hingen klare Wassertropfen. Mit jedem Schritt
und Atemzug fhlte ich in mir Jugend und Gesundheit. Die Fernen und der
krftig blaue Himmel hatten ein heiteres und jungfruliches Ansehen. Nur
vor langer Zeit, als ich ein Knabe war und ehe die Ahnung der Liebe und
heissbltiger Leidenschaften mich umtrieb, hatte die Erde mir dies gengsam
frhliche Gesicht gezeigt.

Ich schlug einen wenig gepflegten Waldweg ein, der bald gegen die Mitte
eines alten Forstes hin mehr und mehr verwilderte. Ein schwerer Wind fuhr
ber die Kronen alter Eichen, die mit vielfach gekrmmten sten ber
ersticktes Untergehlz hinweg einander umschlangen und gemeinsam als ein
eintrchtiges Riesengeschlecht nach Raum und Helle sich streckten. Oft fand
ich auf den schwarzen Waldboden scharfe Spuren kleiner Hufe gedrckt, den
Pfad der Quere schneidend, und einmal meinte ich im Halbdunkel eines nahen
Dickichtes den feinen Kopf eines Hirsches sich schlank und kniglich
erheben und wenden zu sehen. Ich sphte und lauschte und stand manchmal mit
verhaltenem Atem lange still, bis meinen oft erregten und getuschten
Sinnen der Wald voll von Erscheinungen und schweigsamen Wundern war. Ein
breiter Bach ging brausend ber Stein und Moos bergab in ein pltzlich
hereintretendes Thal. In den Tiefen seines Bettes, die von Wasserstrzen
berwlbt waren, schwammen lautlos und dunkel scheue Forellen und
verschwanden wie dunkle Blitze, sobald nur mein Schatten ber ihren
Schlupfwinkeln hinwegstrich.

Dem frhlichen Strmer folgend gelangte ich unversehens in ein
wohlbekanntes Thal. An dessen Mndung bog ich um die vortretende Hhe und
verliess den Bach, der zur andern Seite strebte und bald nur noch leise zu
hren war. Ein junger Buchenstand, langsam sich lichtend, trat endlich ganz
zurck und gab ein heimlich anmutendes Bild meinen Blicken frei. Mehrere
Hgel streckten in ein breites Wiesenthal bewaldete Auslufer vor. Vor mir
lag in hohen Binsen ein dunkler Weiher, an dem ich als Knabe viele
Mittagstunden verweilt hatte. Einzelne Laubbume mit astlos hagern Stmmen
und hohen, sprlichen Kronen spiegelten sich voll in der brunlichen
Flche. Die ersten Lebenstrume waren an diesem Schilfufer ber die Tiefe
meiner Knabenseele gegangen, sich in der unbewegten Flche spiegelnd. Die
ersten, wunderlich krausen Dichtergedanken hatte diese freundlich ernste
Einsamkeit in mir erregt.

Ich beschattete meine Augen mit der Rechten und sog die milden Farben in
mich ein, und die Stille, und den Frieden, von dem mir schien, als htte
ich ihn dort an den Lieblingspltzen einer anderen Zeit zurckgelassen. Die
trockenen Spitzen der Halme und Schilfbltter bewegten sich unregelmssig
mit einem leblosen Gerusch, welches die Stille noch fhlbarer machte. Am
jenseitigen Ufer stieg aus dem warmen, feuchten Boden ein dnner Dampf, der
die weiter liegenden Hgel mit dem hellen Himmel zu einer sanften Ferne
verband. Und ber den nchsten Hgelrcken ragte kurz und spitz der schmale
Turm der Klosterkirche. Dort begann auch bald ein reines Gelute. Die
langen Tne gingen in milden Wellen ber mich hin.

Hinter dem Hgel wusste ich das Kloster stehen, wo ich zuerst ber Heute
und Morgen denken lernte, wo ich zum erstenmal die herbe Sssigkeit des
Wissens kostete und die ssseren Ahnungen verhllter Schnheit. Dort
vernahm mein empfnglicher Sinn alle grossen Namen, die hoch und feierlich
ber meinen Gedanken standen, die grossen Namen des Perikles, des Sokrates
und Phidias, und den grsseren des Homer.

Mein Geist sah die Wlbungen der Sle und die gotischen Fenster der
Kreuzgnge deutlich vor sich stehen, und es zog mich stark hinber, die
wehe Lust des Wiedersehens zu kosten. Aber ich blieb; ich frchtete, mir
das innere Bild zu zerstren; ich frchtete Andere dort gehen zu sehen, wo
ich in Trumen heimisch war.

Die Sonne glnzte auf der Spitze des Turmes. Der Hgelrcken stand scharf
und ernst zwischen hier und dort, zwischen mir und jenen untergegangenen
Dmmerungen. Ich streckte grssend die Hand aus und war im Innern bewegt.
Ein Stck von mir lag dort begraben, und welch eine Flle unentfalteter
Regungen und unerlster Jugendtrume!

Ein schmaler Brettersteg ragte in den Weiher. Ich beschritt das zitternde
Gerste und beugte mich, wie ich oft gethan, ber die Brstung vor. Mein
Spiegelbild lag ruhig im Wasser. Ich suchte Zge an ihm, die mich an das
Gesicht erinnerten, welches damals aus derselben Tiefe mich ansah. Dann
verliess ich den stillen Ort und wanderte langsam durch die Waldung zurck.

                   *       *       *       *       *

Im Garten fand ich die Knigin mit ihren Frauen im Kreise sitzend. Eine
Schale voll goldgelber, duftender Frchte ging von Hand zu Hand, und jede
der Spielerinnen musste ein Wort ber die Frchte sagen, ehe sie eine der
lockenden verspeisen durfte. Die Schale schwankte eben in dem Hndlein
einer kleinen Schwarzen, hinter deren Sitz ich gerade ankam, noch von einer
Oleanderreihe verborgen. Die Kleine beugte sich ber das schne Gefss,
einen hellen Nacken mit schwarzen Ringelhaaren zeigend, und suchte mit
bedchtigen Augen die reifste Frucht. Diese zog sie am Stiel mit zwei
Fingern heraus, hob sie bewundernd ber sich und nherte sie langsam ihrem
lsternen Munde. Da derjenige nicht hier ist, sagte sie lachend, welchem
allein ich die Ssse gnnte, erlaubt mein Neid mir nicht, diese Schnste
einer andern zu berlassen. Sprach's und that einen guten Biss in das
ssse Fleisch, indem ich eben aus dem Gezweige hervortrat.

Die Frauen, welche mir gegenber sassen und mich zuerst erblickten, brachen
in ein lustiges Gelchter aus, das sich zu beiden Seiten des Kreises, da
immer eine Nachbarin der nchsten nach mir deutete, bis zu der vor mir
Sitzenden fortsetzte. Diese blickte mit Verwunderung im Kreise umher, noch
die Schale in der Linken, lachte mit, ohne zu wissen warum, stand
schliesslich auf und drehte sich um, wobei sie erschrocken und schnell
errtend mich mit der angebissenen Frucht berhrte. Dann aber fasste sie
sich eilig, sagte herzhaft Da! und hielt mir den Bissen vor den Mund.

Erst deinen Spruch! ermahnte heiter die Knigin. Diese kstlichste eurer
Frchte, sagte ich schnell, ist mir eine sichtbare Gunst des Glckes,
welche abzuweisen mir verderblich sein wrde. Also gnnt sie mir und
erlaubt, dass ich meine tapfere Vorkosterin Fortuna nenne. Tibi, Fortuna!
Der ssse Bissen erfrischte mich bis ins Mark.

Indessen war es Mittag geworden und wir wichen vor der heisseren Sonne in
die Halle zurck. Nebst den Frchten wurde Brot und Honig gebracht, Milch
in Kannen und Wein in einem steinernen Krug. Wir bedienten einer des andern
Hnde mit Wasserbecken und sassen frhlich zu Mahl. Neben mir an sass
Fortuna, viel geneckt und mit lcherlichen Kosenamen gerufen, tapfer und
plaudernd. Sie schwieg aber und horchte, und ich auch, als eine der Frauen
mit halbem Ernst Erzhlungen aus meinem Leben vorzutragen begann, von den
Meisten oft durch Gelchter und neue Geschichten unterbrochen. Auch die
Knigin nahm teil.

Erinnerst du dich noch, sagte diese zu mir, an die Geschichte vom
Blondel, aus deiner Kinderzeit? Es ist den Dichtern gegeben, dass sie sich
mehr als andre Menschen ihres frhesten Lebens erinnern. Wenn du noch
weisst, so erzhle uns doch davon.

Die Begebenheit aus meiner ersten Knabenzeit, an die ich Jahre lang nicht
gedacht hatte, stand pltzlich wieder deutlich vor mir, wie eine
schchterne Kindergestalt. Und ich berichtete: Als ich noch klein und
keine sechs Jahre alt war, geschah es irgendwo und wann, dass ich die
Geschichte des Liedsngers Blondel zu hren bekam. Ich verstand sie wohl
schlecht und vergass sie bald, aber der zarte, freundliche Name Blondel
blieb in meinem Gedchtnis und schien mir wunderbar fein und wohltnend, so
dass ich ihn mir oft leise vorsagte. Mit diesem Namen genannt zu werden,
dnkte mich ber alles kstlich und herzerfreuend. Also berredete ich im
Spielen bald einen nachbarlichen Kameraden, mich so zu nennen, was mir
beraus angenehm und schmeichelnd war. Nun gewhnte sich das Bblein an
meinen Spielnamen, und eines Vormittags kam er vor unser Haus, um mich
abzuholen, stellte sich an den Zaun und rief aus vollem Halse gegen die
Fenster: Blondel! Komm herunter, Blondel! Mein Vater und die Mutter und
Besuche waren im Zimmer, und mein laut ausgerufenes Lieblingsgeheimnis
beschmte und emprte mich so sehr, dass ich mich nicht ans Fenster zu
gehen getraute und nachher meinem erstaunten Kameraden zornig die
Freundschaft aufkndigte, welche freilich bald wieder zusammenwuchs.

So war es, sagte die Knigin. Nun aber, wenn du willst, erzhle uns, wo
du dich heute am Morgen aufhieltest. Ich hatte gedacht dir das morgendliche
Meer zu zeigen; du aber warst fort, ehe die Sonne schien.

Ich versprte frh' eine Lust zu laufen und geriet in einen tiefen Wald,
der mich mit allerlei Schatten und Geheimnissen weiter lockte, bis ein
liebliches Wunder vor mich trat. Ich stand vor einem Weiher, dessen
Spiegelgewsser meine zartesten Jugendgedanken noch mit allem kostbaren
Duft bewahrt hatten. ber einen jenseitigen Hgel blickte der Turm des
Klosters, das vor Zeiten mich und meine liebsten Jnglingstrume beherbergt
hat.

Ich weiss, sagte die Schnste, das war deine edelste und ehrfrchtigste
Zeit. Damals sah ich dich schwermtige Waldwege thun und knabentraurig in
gefallenen Blttern rauschen, und nie bin ich dir nher gewesen, als an
jenen Abenden, da du deine Geige an dich nahmst oder das Buch eines
verehrten Dichters. Damals sah ich die Schatten der spteren Jahre sich dir
nhern und frchtete fr dich, und ahnte wohl, dass du einmal mit einer
neuen Jugend und einer neuen Trauer zu mir kommen wrdest. Um jener
sehnschtigen Zeit willen liebte ich dich noch in deinen verlorensten
Jahren.

Whrend sie dieses sagte, gliederte sich vor meiner Betrachtung wie ein
Bild meine ganze Jugend und sah mich traurig mit Augen eines misshandelten
Kindes an. Die Knigin aber liess eine Geige herbeibringen, beendete das
Mahl und bat mich zu spielen. Auch die Frauen bedrngten mich bittend und
neckend, und Fortuna reichte mir mit einer gndigen Bewegung den Bogen. So
setzte ich leise an und zog den Bogen mild und probend, bis meine Finger
sich wieder in die harten Geigergriffe gewhnt hatten. Dann legte ich mich
mit Lust in das Spiel und strich die leidenschaftlichen Takte einer dunklen
Jugendphantasie. Und hernach, da ein langer Blick der schnen Frau Gertrud
mich bat, spielte ich ein Notturno von Chopin, jenes schnste,
windverwehte, dessen Takte sich wie die Lichter eines mondbeglnzten Meeres
bewegen.

                   *       *       *       *       *

Ich war mit der Knigin auf Waldwegen in ein Gartenschloss in der Nhe des
Meerufers gegangen. Dort fhrte sie mich vor eine hohe, bemalte Wand. Mein
Lieblingsbild, sagte sie. Mit grosser Kunst war hier ein sdlndischer
Garten gemalt, voll dunkler, tiefschattiger Gebsche, mit griechischen
Bildsulen und einer springenden Wasserkunst, an deren unterstes Becken
eine Leier gelehnt war. Kennst du den Garten?

Nein. Aber die Leier ist Ariosts. Sie lchelte. Ariosto! Hier wandelt er
noch zuweilen und sagt mir ein helles Spiel wiegender Oktaven vor, und
lsst sich unter Scherzen von mir bekrnzen.

Auf einen leisen Wink der Herrin ward pltzlich die ganze bemalte Wand
hinweggerckt. Ein unermesslicher Horizont rundete sich vor uns aus, und zu
unsern Fssen lag dunkelgrn der ganze Garten des Bildes. Ein schlanker,
dunkler Mann trat langsam aus einem Rondell, bckte sich nach der Leier und
ahmte darauf spielend den Silberlaut der Fontne nach. Darauf schritt er
abwrts gegen das dunkelnde Meer und verschwand an der Gartenmauer. Mir
ging die ganze Erscheinung vorber wie ein Verspaar des Orlando, schlank,
edelfrmig, und schalkhaft wie ein Mdchengelchter. Dann ging ich selber,
an der Hand der Knigin, an das Meerufer hinab. Die leicht bewegte Flche
der See lag blau und rot und silberschillernd weit hinaus. Auf diesem
Farbenspiel ruhten unsre Blicke lang mit frhlichem Ergtzen. Dann bog die
Schnste einiges Zweigwerk auseinander und zeigte eine weisse, schmale
Treppe, welche ins Wasser fhrte. An diese fand ich mein Boot gebunden. Die
Knigin brach einen Zweig Orangeblte, warf ihn in das Boot, drngte mich
sanft hinab und gab mir die Hand.

Nun reise gut! Abschiednehmen ist eine Kunst, die niemand zu Ende lernt.
Ich weiss, du wirst einmal wieder kommen, bei mir Licht zu schpfen, und
einmal, wenn du keines Ruders mehr bedarfst.

Mit einem schweren Gurgellaut zerbrach eine Welle an den Stufen und nahm
rckflutend mein Boot auf ihren Rcken. Ich breitete beide Arme nach der
hellen Gestalt, bis sie mit einem leichten Grssen seitab in die
Wandelgnge Ariostos verschwand. Die Nacht kam schnell und schlug den
schweren Mantel der Finsternis um meine Trauer, und blickte herrlich aus
tausend trstenden Augen auf meine langsame Heimfahrt.




Albumblatt fr Elise.


Mein Erstling du, meine Blonde, Frhlingbekrnzte! Aus dem Frhlingsbilde
des Sandro Botticelli blickst du mich zuweilen an, mit den vergessenen
Zgen.

In einem unvergesslichen Frhsommer, zur Zeit meiner ersten Lieder, war
parkberschattet wenig Tage lang eine selige Nhe um mich, ein
auferstandener Traum, mit unfassbarem Traumgesicht, flchtig und schwer mit
Namen zu nennen. Und das warst du. Ohne Vorher und Hernach, wie ein
einziger, niemals wiederkehrender Strahl glckfarben gebrochenen Lichtes --
ich weiss nur noch, du hattest hellrote Mdchenlippen, du trugst einen
schweren Bund blonden Haares und hattest eine zrtlich milde Liederstimme.
Und hiessest Elise.

Du Fee! Du Blte, du Leichte, Krperlose! Du gleitest ber den
ausgespannten Teppich meiner jugendlichsten Glckstrume wie eine lind
bewegte Musik, oder wie eine duftende Erinnerung, oder wie der Geist einer
verklrten, tiefgrndigen Jugendzeit. Nimm meinen heimlichen Gruss! Nimm
den Feiertagszauber jener Sommerfeste im Park, und den Schatz meines
Andenkens an alle Mrchen jener Zeit! Nimm, was meine verschwenderische
Jugend hat, die verwunschenen Kleinode von Trumen, ber denen jene
versunkenen Junihimmel in fabelhafter Blue lohten!

Nimm auch noch, Prinzessin, ein Lied von mir! Ich fand es dort, wo unser
Tannenschlag endet und der Buchenhochwald der Berthaburg beginnt, auf der
Bachbank, ber unsrem durch den Waldrand leuchtenden Kornblumenfelde. Es
ist das frheste meiner Lieder, dessen ich mich zu erinnern vermag.

   Der Zeller Hirt treibt heim. Der laute Bach
   Strzt dunkle Wasser den besonnten nach.

   Die Ferne raucht; die ganze Welt liegt weit.
   So mcht' ich stehen ein' und alle Zeit.

   So steh'n und hold mit Trumerblicken schaun
   Lustwandeln dich, du schnste aller Fraun.

   Da nahst du dich. Ich berge mein Gesicht
   Von Thrnen heiss. Du aber weisst es nicht.




Die Fiebermuse.


Meine Fiebermuse ist heute bei mir. Sitzt ruhig und hlt sich stille, da
doch sonst Gassenlaufen und Vagieren ihre Art ist. Sie hat eine Anwandlung,
zu sitzen und mir zu schmeicheln wie vor Zeiten, da wir beide noch liebe
Brautleute und Blondkpfe gewesen sind. Sie lehnt im tiefen Polsterstuhl,
hat den Kopf zurckgelegt und hngt mit ihrem Blick an mir, mit dem
blassen, allwissenden, fiebernden, der ihr seit vielen Jahren eigen ist.
Dieser Blick ist ber vielen meiner Nchte gewesen seit jenem ersten
Jugendraub unserer Liebe, da wir beim Flackerlicht verbrennender
Knabenlieder meinen Gttern Hohn sprachen und unsern Weg durch ewige
Wildnisse zu nehmen uns gelobten.

Dieser Blick weiss von allem, was verborgen, tief und keimend ist, er
erbricht alles Knospende und schndet jede Heimlichkeit. Jenseits
entgtterter Tempel und verwelkter Liebesgrten erst beginnt dieser Blick
das Spiel der Frage und Antwort und Gegenfrage, er fiebert nach
Geheimnissen, welche nie ein anderes Auge erforscht hat.

Wir haben meine Seele ergrndet und sind bis dahin gestiegen, wo Horchen
Mord ist. Wir waren mit scharf geschliffenen Augen berall, wo brechende
Farben und zerrinnende Laute sind, und waren begierig, die Gesetze des
Zufalls zu finden. Die entgleisenden Wellen sterbender Tne und die blassen
Irislichter sterbender Farben haben wir geliebt, und alle Grenzpunkte, wo
Zittern war, und Zweifel, und Agonie.

Aus brechenden Zittertnen und flchtigen, irisschimmernden Fieberfarben
erbauten wir unsre Welt, unsre wunderbare, unbegriffene, unmgliche Welt.
Meine Muse aber wurde blass und hager, und schner von Traum zu Traum. Wenn
sie in meinen Gedanken sich spiegelt, berckt ihr blasses Bild mit der
Schlankheit der zarten Glieder, mit den schweren Hngelocken, mit den
adligen Hnden und Gelenken, und mit dem tiefblutroten Munde. Zu allen
Zeiten haben wahnsinnige Maler in Augenblicken berirdischer Empfngnis
solche Bilder getrumt und mit verzaubertem Pinsel die flchtigste
Oberflche glnzender Farben in scheuen, ahnenden Linien ngstlich erprobt.
Ein solches Bild, in scheuer Entrckung erschaut, verfolgte die silbernen
Trume jenes Sandro Botticelli, und lockte aus ihm eine feine, wunderbare
Kunst, und trieb seine verfeinerte Hand von Bild zu Bild, bis ihm Pinsel
und Finger zerbrach.

Meine Muse lchelt, wenn sie sich seiner erinnert. Sie ist hinter ihm
gestanden und lockte durch ihren Blick aus seinen Bildern die flchtige
Glut sehnschtiger Lippen und Augen. Sie lockte seine Kunst von Bild zu
Bild, bis ihm Pinsel und Finger zerbrach. Mir aber erzhlte sie von ihm und
erklrte mir die unerhrten Wnsche seiner brennenden Seele, und fhrte
mich durch die sich schneidenden Kreise seiner hageren Dantebilder.

In anderen Stunden lehnte sie neben der schmchtigen Gestalt eines kranken
Klavierspielers und reizte seine geschmeidigen Finger nach dem Zartesten zu
tasten, und lehrte ihn feine, brechende Klnge, die das klopfende Herz und
den raschen Atem des Hrenden in ihre schwermtig wilden Takte zwingen.
Diesen schmchtigen, kranken Chopin lockte sie von Reiz zu Reiz, sie lehrte
ihn sein Herz belauschen und deuten und lehrte sein Herz in zitternd
bewegten Takten schlagen, bis es in Mdigkeit und Sehnsucht vor dem
treibenden Stachel erlag. Mir aber erzhlte sie von ihm, liess mein Herz in
seinen mden, stachelnden Rhythmen schlagen und lehrte mich mein Herz
belauschen und deuten.

Nun sitzt sie hinter mir, spricht leise zu mir, und schmeichelt, und hllt
mich in ihren blassen, allwissenden Blick. Sie lockt meine Heimlichkeiten
aus ihren Verstecken und entzndet meine Wnsche zu farbigen Spielen. Diese
Muse tastet an das Zittern meines Blutes, und stachelt mein durstiges Auge
von Sehnsucht zu Sehnsucht und lchelt dazu, bis mir Blick und Herzschlag
zerbricht.

Als sie zum ersten Male zu mir kam, trug sie schwarze Kleider und liebte
Rieselbche in sptsommerfarbnen Gehlzen und Schaukelkhne an
laubberwlbten Seerndern. Da hing zitternd mein Herz am zerrissenen Faden
einer knabenhaften Liebe, da rief meine Sehnsucht einen lieblichen Namen in
widertnende Wlder, und meine Liebe wiederholte zrtlich in Flsterlauten
ein trauriges Liebesgesprch.

Damals kam meine Fiebermuse zu mir, an einem silbernen Bach, spielte
Freundschaft mit mir und gab mir die schwarze Laute zu schlagen. Dann half
sie mir ein verbotenes Schloss erbauen, das rote Liebesschloss, vor dessen
Fenstern wir im Dunkeln froren, whrend Hochzeiten und klingende Feste
hinter seidenen Gardinen lrmten und gelutete Krystallbecher und fiebernde
Geigenreigen. Sie zog Schleier und keusche Decken von der Schatzkammer
meiner Seele, sie reizte mein Auge und erweckte in mir eine plagende
Begierde, Schlsser und fabelhafte Herrlichkeiten zu bauen und mich im
Golde zu spiegeln. Wir schufen rote, flackernde Mrchen, Lustgrten und
Wildnisse, und bevlkerten sdliche Landschaften mit schlanken, frstlichen
Wandelpaaren.

Ich lernte meine Traurigkeit in lassen Verstakten wiegen und in dunklen
Reimen spiegeln. Ich lernte spitz zulaufende Jambengnge fgen und schwere
Versbrcken, deren Pfeiler dunkle Molosser waren. Darauf begannen wir
Fabeln zu ersinnen, in welchen alles Leben umgewendet war wie in einem
Hllenspiegel, geborene Greise, welche sich jung lebten und am Ende als
Kinder ngstlich dem Ende ins Auge sahen, unselige Liebesschicksale und
Geschichten, die voll von Grausamkeiten waren.

Spter, nachdem ich in einer Angstnacht meiner Muse in Untreue entlaufen
war und mich auf die grnen Plane der Sonnenseite geschlagen hatte, kam sie
noch manchmal, wie heute, und fhrte mich durch geisterbleiche Nchte, und
heftete das schne, allmchtige Auge voll List und Liebe auf mich,
begierig, die grausame Wollust unserer frheren Trume zu erneuern.

Oft auch sehen wir uns verstndig und traurig an wie geschiedene Liebende
und wissen nicht, wer von uns der Dieb oder der Bestohlene ist. Dann ffnet
sie leis die blutroten Lippen, regt die Hand und beschwrt in mir das Bild
des fensterroten Liebesschlosses und das verzweifelte Jauchzen
lustgestachelter Geigenreigen. Sie sieht auch jetzt, was ich geschrieben
habe, und seufzt, und hat den bleichen Tod im Blick.




Incipit vita nova.


In meinem Leben ist wie im Leben der meisten Menschen ein Punkt der
Wandlung in's Besondere, ein Ort der Schrecken, der Finsternisse, des
Verirrt- und Alleinseins, ein Tag unerhrter Betubung und Leere, aus
dessen Abend neue Sterne am Himmel und neue Augen in uns hervorgehen.

Da ging ich frierend unter den Trmmern meiner Jugendwelt, ber zerbrochene
Gedanken und gliederzuckende, verzerrte Trume, und was ich anschaute, fiel
in Staub und hrte auf zu leben. Freunde gingen an mir vorbei, welche zu
kennen ich mich schmte, Gedanken sahen mich an, die ich vorgestern gedacht
hatte, und waren so entfernt und fremd geworden, als wren sie
hundertjhrig und nie mein Eigentum gewesen. Alles wich von mir weg, ich
war bald von einer ungeheuren Leere und Windstille umgeben. Ich hatte
nichts Nahes mehr, keine Lieblinge, keine Nachbarschaft, und mein Leben
stieg in mir als ein schttelnder Ekel empor. Als wre jedes Mass
berfllt, jeder Altar entheiligt, jede Sssigkeit verekelt, jede Hhe
berklommen. Als wre jeder Schimmer einer Reinheit verfinstert und schon
jede Ahnung einer Schnheit verzerrt und mit Fssen getreten. Ich hatte
nichts mehr, mich danach zu sehnen, nichts mehr anzubeten und zu hassen.
Alles was Heiliges, Ungeschndetes und Vershnendes noch in mir war, hatte
Blick und Stimme verloren. Alle Wchter meines Lebens waren
eingeschlummert. Alle Brcken waren abgebrochen und alle Fernen ihrer Blue
beraubt.

Als alles Lockende und Liebenswerte mir so verschwunden war und ich wie ein
Schiffbrchiger des Geistes erschpft und unaussprechlich beraubt und arm
zum Bewusstsein meines Elendes erwachte, da senkte ich das Auge, erhob mich
mit schweren Gliedern und wanderte aus allen Gewhnungen meiner
Vergangenheit wie ein Gerichteter, der bei Nacht seine Wohnung verlsst,
ohne Abschied zu nehmen und ohne die Thren hinter sich zu verschliessen.

Wer hat je der Einsamkeit auf den Boden geschaut? Wer kann sagen, dass er
das Land der Entsagung kenne? Meinen Blicken schwindelte, als ich mich ber
den Abgrund bckte, sie fielen ohne ein Ende zu finden. Ich wanderte durch
das Land der Entsagung, bis meine Kniee vor Mdigkeit brachen, und noch lag
die Strasse in unverminderter Ewigkeit vor meinem Schritt. Eine stille,
traurige Nacht wlbte sich trstend und schlfernd ber mir. Schlummer und
Traum kamen zu mir wie Freunde zu einem Heimkehrenden, und lsten eine
tdliche Last wie ein Reisebndel von meinen Schultern.

Bist du schon schiffbrchig gewesen und sahest Land und einen Schwimmer
sich dir nhern? Bist du schon todkrank gewesen und thatest genesend den
ersten Trunk frischer Gartenluft und sprtest das ssse Wallen des sich
erneuernden Blutes? Wie diesen Erretteten und diesen Genesenen, so
berflutete mich ein Wirbel von Dankbarkeit, Ruhe, Licht und Wohlsein, als
ich in jener Nacht erkannte, dass unerforschliche Wesen sich freundlich zu
mir neigten.

Der Himmel hatte ein anderes Ansehen als jemals zuvor. Die Stellung und
Wiederkehr der Gestirne trat mit meinem innersten Leben in einen
vorbestimmten Freundesbund und das Ewige verknpfte etwas in mir deutlich
und wohlthtig mit seinen Gesetzen. Ich fhlte in meinem aus der Wste
aufgerichteten Leben einen goldenen Grund gelegt, eine Kraft und ein
Gesetz, nach welchem, wie ich mit herrlichem Erstaunen empfand, knftig
alles Alte und Neue in mir sich in edlen Krystallformen ordnen und mit
allen Dingen und Wundern der Welt wohlthtige Bndnisse schliessen msste.

Incipit vita nova. Ich bin ein Neuer geworden, mir selber noch ein Wunder,
ruhend zugleich und thtig, empfangend und schenkend, ein Besitzer von
Gtern, deren werteste ich vielleicht noch nicht kenne.




Das Fest des Knigs.


Im Schloss des Knigs wurde ein Fest bereitet. Der Palast und alle
vornehmen Huser der Stadt waren mit Gsten berfllt, denn zu den Festen
des Knigs pflegte der Adel des ganzen Landes sich einzufinden.

Die breite Allee, welche vom Schlosse in die Stadt fhrte und die an
gewhnlichen Tagen durch Ketten und Wchter versperrt wurde, war voll von
Reitern, Wagen, Snften, Lasttrgern und Mssiggngern zu Fusse. Der Knig
besass einen Marstall von hundert Schimmeln, und ausser den Prinzen und den
Grafen des Landes durfte niemand ein weisses Ross reiten, bei Todesstrafe.
Wenn nun auf dem berfllten Fahrwege ein Schimmelreiter erschien, dem
wurde eine breite Gasse gebahnt, und auf beiden Seiten drngte sich das
wartende Volk, sich bckend und die Hupter zum Gruss entblssend. Da waren
Handwerker mit Leitern, Seilen, Brettern, Teppichen und gemalten Schildern,
buntgekleidete Musikanten, Trompeten, Geigen und grosse Trommeln tragend,
Blumenverkufer mit Karren, auf welchen bunte und rare Blumen in Haufen
getrmt lagen, Herolde und Soldaten, Wagen, die mit vielerlei Gerte,
Tapeten und Tchern beladen waren. Unzhlige Neugierige in Sonntagskleidern
spazierten in dem geffneten ussersten Ring des kniglichen Parkes, durch
den die Platanenallee gezogen war. Handwerker waren beschftigt, zwischen
den Bumen lange Leinen mit aufgereihten, runden, rot und gelben
Papierlaternen zu spannen, welche am Abend zur Belustigung des Volkes und
als frhlicher Anblick fr die Herrschaften sollten angezndet werden. Die
Arbeiter lachten oder fluchten durcheinander, je nachdem sie von der Menge
ermuntert oder belstigt wurden. Trdler gingen umher, von vielen Kindern
umringt, mit Schmuck und allerlei Spielzeug und Flittern handelnd, Weiber,
welche Brot und Wrste und Gebck verkauften, und Blumenmdchen, die den
jungen Stdtern Veilchenstrusse anboten. Diese alle erfreuten sich
reichlichen Zulaufs, und zumal die Veilchenmdchen waren berall von
eleganten, im Scherze feilschenden jungen Mnnern unter vielerlei
Schmeicheleien und spasshaften Angeboten umringt.

Am dichtesten drckte sich das Volk vor dem geschlossenen eisernen
Hauptportal des Schlosshofes. Landleute und Stdter drngten sich dort zu
dem selten gewhrten Anblick des Schlosses und brannten vor Begierde,
hinter den Bogenfenstern Einen vom Knigshause zu ersphen, und wandten
kein Auge vom Schlosshof, sobald ein Lakei in roter Livree sichtbar wurde,
oder ein Offizier, oder nur ein gemeiner Diener, welcher Gert trug oder
Pferd oder Hund nach den seitwrts zurckliegenden Prachtstllen fhrte.

Das Schloss bestaunte ein jeder, der es zum ersten Male sah, und am meisten
die Landleute. Denn es war nach hierlands fremden Regeln unter dem Vater
des jetzigen Knigs von einem sdlndischen Werkmeister erbaut worden, von
geringer Hhe, aber weitlufig und prchtig, und ganz aus Marmor. Dieses
Schloss und der dahinter liegende alte Park, der dem Volke unsichtbar und
niemals zugnglich war, galten als die Wunder des Landes. Die sichtbare
vordere Seite des Schlosses, mit zweimal vierzig Bogenfenstern, war von
einem breiten Giebel gekrnt, in dessen Dreieck ungeheure Menschen und
Pferde auch aus Marmor gemeisselt standen, die seitwrtigen in allerlei
Lagen knieend, fallend und liegend und so der Dreieckform lebendig
angeschmiegt. Kleinere Figuren von feiner Arbeit standen ber dem
Hauptthore, den Empfang heimkehrender Sieger darstellend. Im Innern aber
sollten Sle von unerhrter Hhe und Pracht und Zimmer mit seidenen und
goldenen Wnden sein, angefllt mit Schtzen aus vielen Zeitaltern und
Kunstwerken berhmter Meister. Noch erstaunlichere Gerchte wussten viele
von dem geheimnisvollen Park zu erzhlen, der sich drei Stunden weit
erstreckte und von auslndischen Grtnern und Frstern erhalten wurde,
welchen verboten war, sich jemals ausserhalb der ungeheuren Ringmauer zu
begeben, die den ganzen Park in stattlicher Dicke und Hhe umgab. Hirsche
und unbekannte Tiere und farbige, fremde Vgel, als Fasanen und Pfauen,
wusste man dort verborgen, und jahrhundertalte Wildnisse, ferner knstliche
Gewsser, Seen und springende Brunnen, Brcken und Beete voll seltener
Blumen, sowie ein fabelhaftes Jagdschloss, den Lustort des verwichenen
Frsten, wo dessen lang verblichene Geliebten hufig umgingen, die
Buhlereien und Eiferschte ihres vormaligen Sndenlebens erneuernd. Was
immer an dunklen Mordgeschichten und unerhrten verliebten Lustbarkeiten
von heissen Kpfen ersonnen und von eiligen Weiberzungen verschwatzt war,
wurde auf das unbekannte Jagdschloss gehuft, welches den einen als ein
schimmernder Himmel auf Erden, den andern als Sammelort aller Schrecken und
bsen Geister erschien.

Die mssige Menge sog begierig die Geschwtze und geflsterten Sagen und
den Duft des Wunderbaren ein, der sie nebst dem Rausch des Feiertages und
der Erwartung erhitzte und betubte. Man sprach von den Pferden und Wagen
der Gste, von den bevorstehenden Vergngungen des Hofes und denen des
Volkes, welchem auf den Abend ein Feuerwerk versprochen war. Neben den
anpreisenden Rufen der Verkufer waren die von lautem Gelchter begleiteten
Spsse der Hanswurste zu hren, die Bettelreden sitzender Krppel und
umhergestossener Einarmiger oder gefhrter Blinder, die ermahnenden, aber
wohlwollenden Stimmen anwesender Ratsherren, und das gelle Spassen und
jache Lachen der Freudenmdchen. Die Trinkbuden bevlkerten sich, und
mancher Unkluge nahm den erwarteten Genuss des Festtages im vorzeitigen
Rausch vorweg. Andere umstanden ein Kasperltheater oder ein Loosrad oder
die Wettspiele der Kinder, welche nach ausgehngten Preisen kletterten und
sprangen. Balladensnger und Sackpfeifer wurden angehrt, im Gedrnge
verloren sich Familien und Freunde auseinander und fanden sich Liebespaare,
denen die Wirre des Festplatzes ersehnte Gelegenheit zu verbotenen
Zusammenknften gab.

In den gewundenen Spazierwegen des usseren Parkes sassen und lustwandelten
die Alten, die Angesehenen der Stadt, reiche Brger, Rte und Richter, und
langsame Pfarrer, im Genuss der gepflegten Zierbeete und Rasen und der
schattigen Ruhebnke. Ein feister Ratsherr erklrte mehreren Fremden die
Anlage der Alleen und Wege und die Lage des Schlosses, und rhmte den
Wohlstand seiner Stadt und den freigebigen Reichtum seines Knigs.

Der Lrm, das Brgergesprch, die modisch gekleideten Stdter und das
glotzende, schwergestiefelte Landvolk schndeten die Alleen und die Grten,
und stachen hart von dem Ernst der alten Platanen und von der eleganten
Schnheit der frstlichen Anlagen ab, deren verschlungene Wege, von
allerlei seltenem Laub berschattet, dazu bestimmt waren, von Prinzessinnen
in adliger Gesellschaft oder von den Phantasiebildern eines frstlichen
Dichters beschritten zu werden.

                   *       *       *       *       *

Um die Mittagstunde sammelten sich grosse Volkshaufen vor den Portalen des
Schlosshofes, neugierig auf die Tafelmusik und auf den erhofften Anblick
der Herrschaften. Ein drhnender Jubel brauste empor, da der Kronprinz an
einem Fenster sich zeigte. Er war dunkel, mager, ein wenig gebckt, und
hatte ein scharfes, kluges, wachsblasses Gesicht mit dunklen, forschenden
Augen. Er bewegte grssend das Haupt, und in eben diesem Augenblick trat
der Knig neben ihn, lchelnd und mit lebhafter Bewegung der grssenden
Hand. Er war gross, dick und aufrecht; die Farbe seines breiten Bartes
schwankte noch zwischen blond und grau, sein Gesicht aber war frischrot und
glnzend und die Stirne schier ohne Falten. Er trug ein rotes Gewand mit
breiten, weissen Sumen. Er liebte alle Festlichkeiten und verbarg seine
Frhlichkeit der Menge nicht. Kopfnickend verliess er mit dem Kronprinzen
das Fenster.

Whrend draussen die Rufe der beglckten Menge langsam zerrannen, setzte
sich der Knig im roten Saale zu Tisch. Zwei schimmernde Reihen
geschmckter Herren und Edeldamen sassen an einer ungeheuren Tafel
verteilt, immer eine Dame zwischen zwei mnnlichen Gesellschaftern. Zur
Rechten des Knigs sass die weiss gekleidete Knigin, seine dritte Frau,
von Allen ihrer schlanken, stummen Schnheit wegen bewundert. Zur Linken
des kniglichen Sitzes sass ein schwarzhaariger Buckliger, schweigsam und
hufig aus tiefliegenden, glnzenden Augen umherschauend. Dieser war des
Knigs Bruder. Ihm war der scharfe, zhe Verstand zu eigen, welchen man oft
bei Krppeln findet, und, unbekannt der Welt, leitete sein wacher Fleiss
und sein ernstes, scharfes Auge die Geschfte der Regierung. Ihm verdankte
unwissend das Land seinen Wohlstand und der leichtherzige Knig die
Erhaltung seiner ererbten, unermesslichen Reichtmer.

An die Enden der Tafel waren die Prinzen gesetzt, der Kronprinz und sein
jngerer Halbbruder, aus der zweiten Ehe des Knigs, seiner Herzensehe
entsprossen, ein heller, frhlicher Ritter. Die Grafen und Grfinnen und
Barone und ihre Frauen und Tchter waren nach Neigung und Freundschaften
gemischt, die drei vornehmsten und ltesten Vasallen dem Knige gegenber.
Silberne Teller und krystallene Weinkelche wurden von zahlreichen
edelgeborenen Pagen bedient. In der Nhe des Prinzen glnzte das helle
Jnglingshaupt seines Lieblings, des Sngers, welchen der Knig, da jener
ein Meister seiner Kunst und von feinen Sitten war, nach italienischem
Vorbilde an sein Haus gefesselt hatte. Er war dem Knig in kurzer Zeit lieb
und befreundet geworden, denn er verstand meisterlich alle angenehmen
Knste, zumal Poesie und Gesang, und war ein Erfinder vieler Feste, Tnze,
Mummenschnze und sonst ergtzlicher Belustigungen.

Der Knig redete viel mit den Frauen seiner Vasallen. Die Mnner berliess
er seinem Bruder, der durch kurze, schwere Fragen und Blicke die Herren
durchforschte. Die Knigin allein sass schweigsam und ohne viel zu lcheln.
Ihr feines, blasses Haupt wendete sich langsam zuweilen um, ihr dunkles
Auge ging durch die Reihen der Tafelnden, ruhte auf den Stirnen schner
Ritter, und ging weiter, den Schnsten zu suchen. Ihr geschlossener Mund
war von hellem Rot, wie die Frucht der wilden Rose, fein und hochmtig, und
karg mit Lcheln. Sie lehnte oft im Sessel zurck und hrte aufmerksam den
Geigern zu, welche auf einer niederen Galerie gedmpfte, ssse Melodien
spielten. Eure knigliche Majestt lieben die Kunst der Musik? fragte sie
ehrerbietig ihr Nachbar, ein alter Graf. Sie wandte langsam das Haupt gegen
ihn und die verschleierten Augen.

Ihr rietet richtig, Herr Graf sagte sie dann wrdig, wandte wieder den
Blick und hrte wieder auf die feinen Tne. Einmal wandte der Snger sich
um und hllte das Haupt der Knigin in einen langen, glnzenden Blick, und
wog im Herzen sein Schicksal gegen eine junge, ssse Sehnsucht.

Nach aufgehobener Tafel legten sich viele in die Polster, zu ruhen, und
andere wandelten anschauend durch die Sle, deren Estriche mosaikgeschmckt
und deren Wnde mit Bildern und kstlichen gewirkten Stoffen behangen
waren. Der Prinz nahm den Arm des Sngers und zog ihn ber die breiten
Treppen ins Freie. An einer khl verschatteten Ruhebank machten sie Halt.
Der Snger setzte sich auf die Bank und lehnte sich an den gerundeten
Stein. Der Prinz aber warf seinen Mantel ins Gras und legte sich darauf. Er
lehnte den blonden Kopf an das Knie des Freundes und richtete die Blicke
vergngt auf den vom Gerank der Zweige vergitterten lichten Himmel. Nach
kurzer Weile begann er zu plaudern. Sag' mir doch, du Kenner, was ist das
Schnste und Begehrenswerteste in der Welt? Ist es der Schmuck des
Reichtums, oder des Ruhmes, ist es der himmlische Zauber der Kunst, oder
der brnstige Schrei eines entzndeten Weibes, oder das Leben der Hirten?
Der Snger lachte. Du Ungeduld! Du suchst den Schatz des Glckes in der
Schale einer Nuss. Aber die Schnheit und das Glck sind reicher als wir,
und haben tausend Wege, und tragen Frchte auf allen Bumen. Was ist
Reichtum ohne Liebe, oder Wollust ohne Schnheit? Am begehrenswertesten
aber scheint mir vielleicht dieses: Ein Weib von hchster Geburt und
adligem Herzen, das in Liebe sich seiner Rechte entkleidet. Welches bittet,
indem es schenkt.

Der Prinz legte sich weiter zurck, und lchelte, und spielte mit seinen
schlanken, weissen Fingern. Der Freund fuhr fort: Auch wird das, was uns
gestern liebenswert und unbertroffen schien, im Schatten der Ereignisse
mit den Tagen blasser und verliert seinen frischen Reiz. Ich erfand vor
einigen Jahren, in Italien, als zum ersten Mal eine verliebte Weiberhand
mich streichelte und mein Herz voll neuer Wonne war, -- da erfand ich aus
meiner Lust ein Lied fr die Geige, und that darein, was ich Ssses und
Heimliches wusste und glaubte lang, in dieser Weise sei aller Zauber und
alles Holde versammelt, so als wiege sich das Glck selber im Netz der
Tne. Als ich dasselbe Lied hernach der zweiten und der dritten Frau zu
hren gab, und als neue Lieder mich umtrieben und gesungen sein wollten, da
sah ich den Boden der Tiefe und musste lachen. Und jetzt scheint es mir ein
liebliches Kinderlied zu sein.

Vom breiten Weg her kam Gerusch. Der Kronprinz und des Knigs Bruder
traten in den Schattenkreis des Gebsches. Da der Kronprinz den Bruder zu
den Fssen des Sngers liegen sah, ging ber seine harten Lippen ein
scharfes Lcheln. Er grsste nicht und kehrte nach dem Schlosse zurck, der
Oheim aber senkte mit Wohlgefallen das ernste Auge auf die Befreundeten.
Siehe da, meine Blondkpfe! Nennt mir, worber Ihr redetet, damit ich
teilnehme! Der Snger verneigte sich und ntigte den kniglichen Kanzler
zu sitzen. Der Prinz, seines Kopfkissens beraubt, setzte sich mit
gekreuzten Beinen gegen die Bank gewendet. Euer Neffe wnscht zu erfahren,
was wohl in der ganzen Welt das Schnste und Begehrenswerteste ist.

Eine leichtsinnige Frage, sagte der Alte, -- und eine schwere Frage!
Hattet Ihr ihm eine Antwort?

Er meinte, das Hchste wre: Eine -- die starke Hand des Sngers presste
sich auf den lachenden Mund des Prinzen und erstickte den Rest seiner
Antwort. Narreteien! Der Bucklige heftete seinen klaren Blick auf den
Ungestmen und drohte scherzhaft mit dem Finger. Eine Frau, -- vollendete
er den Satz. Aber welche nun? Herr Knstler, Eure blonde Jugend weiss in
der Liebe besser Bescheid als meine unreizende Person.

Eure Gnaden berfordern mich. Mir war bisher die Liebe nur ein Schmuck und
Spiel, oder ein Gegenstand fr meine Singweisen. Ein Knstler, wer er sei,
bedarf der Frauen, denn ihre Nhe macht glcklich und warm, was beides der
Knstler zu seiner Arbeit sein muss.

Der Prinz schnitt ein drolliges Gesicht. Freilich! aber nicht die Knstler
allein. Notwendig sind die Frauen auch fr die Prinzen, die in
Friedenszeiten an langer Weile leiden. Halt an! rief der Oheim. Deine
Abenteuer sind uns sattsam bekannt. Mich wundert, wie lange du noch an
langer Weile leiden willst. Wenn die Geschfte dir widerwrtig sind, warum
treibst du keine Studien und keine ernstliche Kunst? Dein Bruder studiert
in der kargen Zeit, welche er nicht den Staatsgeschften widmet, die
Geschichte der Malerkunst und die Sammlungen meines Vaters. Der Prinz
unterbrach ihn heftig. Mein Bruder! Er arbeitet, weil er geizig ist, und
weil ihn zu regieren lstet. Mag er studieren, so viel er will, er lernt
doch nur Jahreszahlen und Namen, und sein Kunstverstand ist auf die
Kenntnis der Bilderpreise beschrnkt. Wie viel Goldstcke fr eine Leinwand
bezahlt werden, ist ihm wichtiger zu wissen als alle Geschichte. Sein
Gehirn ist eine Rechentafel.

Der Oheim gab keine Antwort und betrachtete mit Sorge die blanke Stirne des
Prinzen, und seine frohen, genussschtigen Kusslippen, und die ganze ziere
Gestalt. Er war das Abbild des Knigs, in feineren, eleganteren Linien, mit
denselben sorglosen Manieren, aber noch deutlicher mit dem Stempel des
Leichtsinns gezeichnet. Da beide Jnglinge schwiegen, zog der Alte ein
kleines, fein in Leder gebundenes Bchlein hervor und bat den Snger
vorzulesen, wobei er eine Stelle mit dem Zeigefinger bezeichnete. Die
klingenden Verse eines italienischen Dichters flossen rein vom Munde des
Lesers, dem beruhigenden Gesang eines fallenden Wassers zu vergleichen.

Whrend der Lesung entwich der Prinz leise seitab, liess einen Schimmel
satteln und that einen bermtigen Ritt nach der Stadt, durch die hastig
ausweichende Menge in schonungslosem Trab sich drngend. Er hatte fr den
Abend ein Maskenkleid zu arbeiten gegeben, nun wandelte in der letzten
Stunde die Lust zu einer nderung ihn an. Nach kurzer Frist ritt er den Weg
zurck, vom scheuen Volk gegrsst, ber welches er hin und wieder einen
Wurf von kleinen Mnzen streute.

Der Snger, nachdem ihn des Knigs Bruder dankend und freundlich entlassen,
ging nachdenklich in den Palast zurck. Er wandelte durch Gnge und Sle
bis zu der schmalen Wand eines Kabinettes, wo das gemalte Bild der Knigin
in goldenem Rahmen hing. Vor diesem stand er lang. Und da er sich mit
heissen Augen von dem Bildnis wandte, trat eben mit ihren Frauen die
Knigin selber durch die Thre. Er bckte sich tief. Sie fragte nach dem
Prinzen. Er verliess mich bald nach der Mahlzeit. Befehlet Ihr ihn zu
suchen?

Der Wildfang! -- Bemhet Euch nicht. Habt Ihr Lust mir zu dienen, so
bringet Eure Violine her. Ihr Klang ist mir lieb, denn er erinnert mich
meiner fernen Heimat. Er eilte nach seiner Geige. Sie begehrte das schne
Spielwerk zu sehen und nahm es in ihre feinen Hnde. Ihre Linke umschloss
den schlanken Geigenhals. Ein gepriesener Meister hat sie gebaut,
erklrte der Snger, und sie vermag mehr als irgend sonst ein hnliches
Stck. Man sagt, dass der langher verstorbene italienische Meister den Laut
menschlicher Stimme aus ihr zu locken verstand. Aus ihren Hnden nahm er
die Geige zurck und sah mit glnzendem Auge die Spur ihrer Finger, von
einem schmalen Hauchstreif gesumt leicht und schmal auf die blanke Flche
gedrckt. Darauf presste er das feste Kinn auf die Wlbung und geigte einen
langen, wachsenden Ton. Der ssse Laut erfllte das ganze Gemach, und
zitterte, und wurde zur Sprache einer brennenden Sehnsucht. Die Knigin
schloss die Augen und wiegte leise das zarte Haupt, auf dem das Auge des
Spielers glhend und beschwrend ruhte.

In dieser Stunde erkannte der Snger, dass seine neue Liebe kein Spiel und
Schmuck war, sondern ein Ernst und eine Wunde. Er spielte seiner hohen Dame
zu Dank. Sie gab ihm, was sie zuvor noch nie gethan hatte, beim Weggehen
die Hand, die schmale, knigliche, und sagte: Ihr verstehet Eure Kunst!
Ich habe lange nicht so ssse Tne vernommen. Habt Dank!

                   *       *       *       *       *

Am Abend begann in dem grssten Saal des Schlosses das Maskenfest. Die
Gste trugen Florlarven und allerlei Gewnder persischer, griechischer,
spanischer und sonst fremdlndischer Art, oder Tierfelle, oder die Kostme
heidnischer Gtter. Der Saal war reich geschmckt und von goldenen
Kronleuchtern erhellt.

Der Knig trug keine Larve und nur ein altertmliches, reichzackiges Diadem
als besonderen Schmuck. Der Kronprinz war in einer dunklen Mnchskutte
leicht zu erkennen. Sein Bruder aber wurde von niemandem erkannt. Er war
mit Wams und Hut eines Lanzknechts bekleidet und nicht der Einzige, der
diese einfache Tracht gewhlt hatte. Der Snger trug einen knstlichen,
schwarzen Bart und die volkstmliche Kleidung der Neapolitaner. Er suchte
die Nhe der Knigin, welche die bunte Volkstracht ihrer sdlichen Heimat
trug. Ein Gewimmel von Wilden und Bren, von Gttern und Gttinnen, von
Schfern, Gnomen und Bergknappen erfllte den grossen Saal.

Der Prinz verliess bald unbemerkt das Fest. Er warf einen schweren Mantel
ber und befahl einem vertrauten Diener, ihm zu folgen und ihm nahe zu
bleiben, wohin er ginge. Ihn verdross das steife Volk der Edelleute und ihr
hfisches Geschwtze. Er steckte ein Jagdmesser in den Grtel, als
handlichste Waffe fr jede Not, und verliess den Palast. Der Schlosshof und
die Allee und alle Anlagen bis zur Stadt waren von farbigen Laternen
erleuchtet, und das trunkene Volk lrmte feiertglich durch die Wege.
Trinkbuden und Tanzpltze waren bervoll, und erhitzte Tnzer und Trinker
lachten, jodelten und stritten miteinander. Der Prinz begab sich mitten in
das Gedrnge und hatte bald an jedem Arm ein lachendes Mdchen hngen. Er
tanzte und trank und stand den Scherzworten der Zuschauenden und den
Flchen der Eiferschtigen lachend Rede. Die Weiber wurden von den kecken
Manieren und feinen Reden des Unbekannten gelockt, und seine Lippen
brannten bald von vielen Kssen. Da waren Helle, Dunkle, Schlanke, Breite,
Verschmte und Schamlose. Das Auge des Prinzen fand Gefallen am Gewhl der
Tausende, sein verwhntes Herz ward von dem raschen Takt der rohen Musik
und vom Anblick des masslosen Pbels erregt und schlug in volleren Wellen.

Indessen lauschte die Gesellschaft des Knigs auf die leichten, zarten
Weisen einer auserlesenen Musik und genoss die Lust des galanten maskierten
Spiels. Es wurde wenig getanzt. Die meisten sassen auf niedern
Polstersitzen oder standen und spazierten in kleineren Gesellschaften
umher. Die Knigin bewegte sich lebhaft und gesprchig zwischen den
Gruppen. Man erkannte die Blasse, Schweigsame nicht mehr. Sie erinnerte
sich der Feste ihrer Heimat, ihrer Pracht und Freiheit, und nippte hufig
ohne Scheu am Weinkelch. Das leichte Fieber der Festfreude entflammte ihren
sehnschtigen Sinn und stachelte ihr unbefriedigtes Herz, und gab ihrer
fremden Schnheit einen neuen, sssen Reiz. Sie versammelte einen Hofstaat
junger Edelleute um sich her, welchen der verkleidete Snger sich
zugesellte. Siehe da, ein Landsmann! rief sie ihm zu. Mir ist, ich wr'
Euch schon am Posilippo begegnet. Der Snger grsste mit einem blitzenden
Blicke. Ich kannte Euch wohl! antwortete er. Solche Blumen wachsen
hierlands nicht. Ich grsse Euch vom Golf, Herrin, als der Abgesandte Eurer
Heimat.

Meinen Dank, Landsmann! Wem aber habt Ihr Euern Schatz zu hten gegeben,
da Ihr so weite Reisen wagtet?

Ich habe keinen. Mein Auge ging mssig, seit mein Stern mich verliess, und
ich reiste, ihn zu suchen. Mich freut, ihn so glnzend zu finden.

Ich sehe wohl, Guter, man versteht in Neapel noch wie vordem zu
schmeicheln.

Schmeicheln, Herrin? Wir sind nur gewohnt, der Wahrheit weniger rauhe
Gewnder anzulegen, als in Nordland Sitte ist.

Die Knigin reichte dem Hflichen einen vollen Becher. Dies nehmt als
Willkomm! Er wuchs am Vesuv. Damen mischten sich unter den Kreis der
Knigin, so dass dieser sich bald in plaudernde Paare und Doppelpaare
teilte. Der Snger aber blieb der Knigin nahe und umgab ihre Sinne mit dem
Netz seines flssigen, sssen Geplauders. Er sah ihren roten Mund in
hufigem Lachen glnzend, und sah ihre schneeweissen Zhne, und das sacht
gerundete, reine Kinn, und glnzende Augen hinter der seidenen Larve.
Zuweilen sah er hinter ihr den allein umherwandelnden Kronprinzen einen
Augenblick stille stehen mit widerlichem, horchendem Kopfdrehen. Dieser
erkannte den Snger nicht und wunderte sich ber die verwandelte Laune der
Stiefmutter. Einmal, da sein Schatten ihr wieder ber die Schulter
hereinfiel, wandte sie sich rasch und unmutig zu dem Snger. Sagt mir
doch, Landsmann, was sucht der Mnch unter den Frhlichen?

Der Neapolitaner schaute in das harte Gesicht des Lauschers und antwortete
spttisch: Ihr seht ja, er ist am unrechten Ort und kann die Thre nicht
finden. Also ein Hansnarr wider Willen. Der Mnch ging bitter lchelnd
weg, gegen den Tisch des Knigs, welcher mit mehreren Alten sich abseits
reichlichen Weines erfreute und des Gesprchs ber die beendigten Jagden.

In einem Augenblicke, da die Spielleute ruhten, wurden auf einen Ruf des
Knigs die Vorhnge von allen Fenstern gezogen. Jedermann erhob sich und
blickte ins Freie. Da standen die unendlichen Reihen der Baumwipfel im
Schimmer der bunten Lampen, das verworrene Jauchzen des Volkes schwoll her,
vom Winde in schwankende Wellen gebrochen, und verschlungene Flammen eines
grossen Feuerwerks fieberten lohhell am matten, dunklen Himmel auf. Ein
dnner Schleier von Dunst und Rauch hing ruhig ber den hohen Bumen, vom
Feuerwerk mit breiten Flssen roten und gelben Lichtes getrnkt.

Zur selben Zeit kehrte leise der Prinz in den Saal zurck, mit vertrumten
Augen und schweren, lchelnden Lippen. Der Kronprinz erkannte ihn bald. Er
ahnte seine verborgenen Lustbarkeiten und mass ihn mit hsslichem Hohn.
Denn er hasste den weichlichen und verschwenderischen Bruder im Grunde
seines herben Herzens. Eine Weile spter, als der ernchterte Prinz die
Knigin unter den Masken suchte, fand er sie nicht. Er fragte den zechenden
Vater. Der hob kaum das verschleierte Auge vom Becher. Such', junger
Herr, sagte er mit rauhem Lachen. Ihr Jungen seid da, nach den Weibern zu
sehen.

                   *       *       *       *       *

Die Knigin lauschte indess in einem entfernten Zimmer auf die unermdeten
Scherzreden des Sngers, und auf seine italienischen Lieder. Ihr brannte
die Stirn vom starken Wein der Frhlichkeit, und ihr Herz schlug berauscht
in heftigen Schlgen. Sie sass tief in einem Ruhesessel und blickte mit
entrckten Augen auf die zusammengepressten Spitzen ihrer zarten Finger.
Der Snger sass auf einem hheren Stuhl ihr nahe, bewegte die Finger ber
den Saiten einer Guitarre und sang welsche Romanzen und plauderte, und
mischte den Ernst der brennenden Leidenschaft in sein buntes Geschwtz. Das
Spiel der Worte rann ohne Hindernis ber die Lippen des Liederfertigen, und
ihn machte das schwindelnde Wandeln auf der Grenze des Scherzes trunken. Er
verfolgte die Spur seiner Reden auf ihrem erregten Gesicht und im Zucken
ihrer spielenden Finger. Seine Worte legten unvermerkt die Flitterkleider
des Maskenscherzes ab, sie gewannen doppelte Bedeutung, sie begannen ihre
verborgene Kraft und Wrme hervorzukehren, und nur die gefhrlichsten
Verrter kleidete noch der hllende Flor der galanten Komdie.

Die Knigin hrte auf mit den Fingern zu spielen; sie schloss fein gederte
Lider ber den heissen Augen und wiegte sich in ihrer Wrme und im halben
Wissen von der Gefahr. Ihr Traum vieler sehnschtig durchwachter Nchte zog
lebendig in lodernden Farben durch ihr Gemt und alles, was ihr einsames
Herz jemals Prchtiges und Wunderbares ber die Liebe ersonnen hatte. Der
Liedermeister senkte seine Stimme zu einem warmen Flstern, er bog sich
nher zu der Schauernden, er spann ihren Sinn dicht in den Schleier
geflsterter Schmeichelreden und verschwiegener Wnsche. Beiden blieb ein
blasses, grausam verzogenes Antlitz verborgen, das einen Augenblick durch
die sacht geffnete Thre sphte, und blass und grausam wieder verschwand.

Der Kronprinz stiess, in den Festsaal zurckkehrend, auf den Prinzen,
welcher seine Mutter suchte. -- Die Knigin erwartet dich. Dort, im blauen
Zimmer. Aber schone sie; sie ist mde. Der Kronprinz trat wieder in den
Saal. Aus der vor ihm geffneten Flgelthre brauste ein Strom von Musik
und Gelchter dem Prinzen nach, welcher auf die Schwelle des Zimmers trat,
in dem er die Mutter erwartete.

Dem Eintretenden klang der Laut erstickter Seufzer und Liebesreden
entgegen, und erwiederter Ksse. Drei zu Tod erschrockene Menschen schrieen
in diesem Augenblicke weh und gellend auf. Die kalte Hand des Grausens
trennte mit einer Berhrung drei nahe Befreundete. Der blasse Prinz riss
zitternd den falschen Bart aus dem Gesicht des erstarrten Liebenden und
schrak vor dem erkannten Freund in zuckendem Schmerz zurck. Noch einen
Augenblick standen sich die Mnner mit stieren Augen schweigend gegenber,
und leerten den Kelch der bittersten Bitternis bis auf die Neige.

Dann gewann der Prinz die Herrschaft ber seine Sinne wieder. Hol' eine
Waffe, Bettelbube! rief er dem Freunde zu. Seine Stimme war schrill,
brechend und ohne Nachhall, wie der Ton eines springenden Trinkglases. Das
Herz wendete sich in seinem Leibe um und wurde voll Galle. Die beiden
Menschen, auf welche er Jahre lang alles Gute und Zrtliche seines Herzens
gehuft hatte, standen vor ihm wie Tempelruber. Der Snger rannte nach
einem Schwerte. Der Prinz riss eines von der Wand des Ganges. Die Kmpfer
klirrten wild und rasend aufeinander. Kaum dass der unsinnige Kampf
begonnen hatte, fiel der Prinz mit blutendem Halse nieder. Dem Snger rann
ein roter Streif von der zerhauenen Wange. Er sah den Freund am Boden sich
verblutend winden und sah ber ihn die todblasse Knigin gebckt. Sein
Blick verwirrte sich und seine Gedanken wurden uneins, flackernd und
blutig. Er ging mit dem roten Schwert in der Hand nach dem Saal, von
scheuen Lakaien geflohen und angekndigt. Er trat in die Flgelthr und
stiess die Schwertspitze vor sich in den Boden, mit einem lauten,
wahnsinnigen Gelchter.

Im Saal entstand eine enge Stille. Dem Knig rann der vergossene Wein
ber's ganze Gewand. Dann ward ein Lrm und eine Verwirrung ohne gleichen.
Keiner rhrte an den bluttriefenden Schwerttrger. Verstrte Pagen,
weinende und ohnmchtige Weiber, ratlose Mnner, entsetzte Greise drngten
sich zwischen umgestrzten Sesseln und Gerten. Krge und Flaschen wurden
umgestossen, ber zerrissene Tafeltcher floss in geruhigen Bchen der edle
Wein. Die Musik spielte noch eine kleine Weile fort und brach dann jh
erschrocken mitten im Liede ab. Der Kronprinz trat dem Snger zuerst
entgegen. Was ist's, Liedler?

Deinen Blonden hab' ich erschlagen. Er liegt und mein Schatz kann ihn
nimmer wecken. Die Diener hatten indess Waffen herbeigetragen und
zahlreiche Edle strzten gegen die Thre. Der Kronprinz aber drngte sie
zurck. Haltet Ruhe, ihr Herren! Eilet lieber, nach dem Prinzen zu sehen.

Der Erschlagene und die ber ihn gebckte Knigin wurden von einem grossen
Gedrnge umringt. Im Saal blieb allein der Knig zurck, dessen Verstand
vom genossenen Wein verdunkelt war. Zu ihm trat der entstellte Snger, sein
Liebling, und trank aus seinem Becher. Der Kronprinz stand in der Thre und
betrachtete mit grausamer Neugier den Trunkenen und den Wahnsinnigen,
welche in dem verlassenen Prunksaal, aus Einem Becher trinkend, sonderbar
und traurig anzusehen waren, wie ein fabelhaftes Fratzenbild eines
seelenkranken Malers.

In diesem Augenblick loderte das letzte Feuerwerk prachtvoll hinter allen
dunklen Fenstern auf. Das Volk wlzte sich in grossen Haufen vor das still
gewordene Schloss und schmckte mit seinem dankbaren Jubelgeschrei das Fest
des Knigs.




Gesprche mit dem Stummen.


Du lchelst? Du wiederholst deine ungesagte Frage? Was soll ich dir sagen!
Dieses dunkle Zimmer, diese ungeschmckten Wnde mit den Viereckspuren von
Bildern, die keine Nachfolger fanden, dieses Knisterfeuer im flein, dieses
Mondlicht auf unsern Hnden und auf dem geffneten Klavier, diese Stille
und spte Stunde redet verstndlicher als mein Mund von dem, was in mir zu
Worte kommen mchte.

Einem Jugendkameraden msst' ich mich vertrauen, flsternd und mehr mit
Blicken und Geberden redend, Einem, dem schon der Name eines Hauses oder
Feldes gengte, um eine ganze Geschichte zu verstehen; Einem, der mich oft
mit Weisst du noch? und gesummten Liedversen unterbrche.

Was weisst du, wenn ich sage: Meine Mutter? Du siehst dabei nicht ihre
schwarzen Haare und ihr braunes Auge. Was denkst du, wenn ich dir sage: Die
Glockenwiese? Du hrst dabei nicht das Windrauschen in den Kastanienkronen,
und sprst nicht den Duft der Syringenhecke, und siehst nicht die blaue
Flche der Wiese, welche ganz mit den schwanken Glockenhuptern der blauen
Kampanula bedeckt ist. Und wenn ich dir den Namen meiner Vaterstadt sage,
dessen Laut mir schon das Blut bewegt, so siehst du nicht die Trme und den
herrlich berbrckten Strom, und siehst nicht den Hintergrund der
Schneeberge und hrst nicht die Volkslieder unsrer Mundart, und hast nicht
selber Lust und Heimweh dabei!

Lieber lass mich dir ein Mrchen erzhlen. Zwei Geiger hatten eine gute
Freundschaft untereinander, und waren beide bettelarm. Nun geschah's an
einem schwarzen Tag, dass ihnen einfiel in die Wette zu spielen, wer von
beiden der grssere Geiger wre. Von da an wuchs ihr Ruhm; aber einer
traute dem andern nimmer, denn beide hatten ihre Seelen in Neid und Ehrgeiz
bis in den Grund durchlauscht und alle Tiefen ans Licht ihrer Kunst
gezogen. Da spielte der Eine in einer mondhellen Nacht ein trauriges Lied.
Das war so aus Nacht und Leid gezogen und so voll schwermtigen Andenkens
an die eigene verstrte Freundschaft, dass es tiefer und herzbannender als
irgend sonst ein Lied zu hren war. Dieses Lied vernahm der andere Geiger
voll Neides, drang in die Stube des Freundes und mordete Geiger und Lied.
Von dieser Nacht an ward er der erste Meister seiner Kunst. Er spielte an
Frstenhfen und machte die Herzen der Knige zittern, denn seine Weisen
drangen in den Grund der Seele, wo die Engel und Teufel der ungeborenen
Gedanken und Thaten wohnen. Sein Gesicht aber wurde mager, blass und
scharf, sein Herz wurde zu einem Sitz aller ngste, alles Misstrauens und
aller Bosheit, und sein Spiel bestahl und schndete tglich die
unantastbarsten Innerlichkeiten seiner Seele. Eines Tages nun vermass er
sich vor vielen Hrern jenes letzte Lied seines Freundes zu spielen. Da
stand pltzlich der Ermordete vor ihm, das Messer in der Brust, und spielte
auf seiner Geige mit, noch weher, noch mchtiger, so dass der Meister
schreckblass und stierugig vor der Menge stand. Diese sah den Ermordeten
nicht und hrte nur mit einem Grausen, dass Zweie geigten. Eine Angst ging
durch den grossen Saal, und als der Spieler zu Ende war, war eine
Totenstille.

Du lchelst? Du wiederholst deine ungefragte Frage? Weiss ich, ob du ein
Messer bei dir trgst? Habe ich nicht, whrend ich neben dir sitze und
deine Hand halte, einen Schatz bei mir, dessen Wesen und Glanz dir noch
unbekannt ist? Ein Lied, dessen Zauber zum Neid reizt? Einen Schmerz, der
dich beschmen knnte? Und wie dann, wenn ich eines Tages dir ins Auge
blickte und mein Lied mit dir spielte?

                   *       *       *       *       *

Du lchelst? Verzeih mir, Schweigsamer! Du bist das Marmorbild, dem ich
spielend gern meine goldenen Ringe an die Finger lege. Wie aber, wenn du
pltzlich aufhrtest zu lcheln und die steinernen Finger
zusammenkrmmtest? Aber ich weiss noch ein anderes Mrchen.

Einen Ritter, welcher einen einzigen Freund besass, lstete eines Tages in
die Zukunft zu sehen. Er fragte einen Zauberkundigen, den er reich
beschenkte. Der Zauberkundige sah dem Ritter eine Weile ins Auge und sagte
dann: Diese Nacht, im Traum, wird dir Antwort werden.

In der Nacht, in einem schwlen Fieberschlaf, sah der Ritter zwei
Lebenslinien, Strmen zu vergleichen, neben einander laufen. Er erkannte
sein Leben und das seines Freundes. Die beiden Linien verschlangen und
wirrten sich, und nach einer kurzen Verknpfung floss eine, die andere
besiegend und fressend, breit und glnzend lange fort. Auf diesen Traum
hatte der Ritter einen bsen Tag. Darauf beschlich er nchtens die Burg
seines Freundes, ihn zu ermorden. Er kletterte auf den Wall, fiel in den
Graben und brach den Hals. Der Freund betrauerte ihn lang, ward mchtig und
reich und erreichte ein hohes Alter.

                   *       *       *       *       *

Mich wundert oft, welcher von uns das zhere Leben habe. Wenn mich nach
einem grausigen Traum gelstet, dann denke ich mir, du begnnest einmal zu
reden und sagtest mir pltzlich ein Wort von den vielen Worten, die du von
mir gehrt hast. Wrde nicht die unerhoffte Rckkehr dieses Wortes mich zu
Tode erschrecken? Oder du gingest von mir und trgest die Last meiner
Gestndnisse mit dir hinweg. Wre mir da nicht wie einem Reichen, dessen
Kleinode ein Kind durch die Raubgier einer bevlkerten Strasse trgt? So
gebe ich dir tglich einen neuen Schatz zu hten und mache dich tglich
nach neuen Brden lstern. Weisst du aber, ob ich nicht grausam bin? Oder
weisst du das besser als ich?

Oft meine ich, dass du mich besser kennen mssest, als ich selbst vermag.
Oder weshalb schttelst du das Haupt, wenn ich dir eine alte Sache wieder
erzhle und ndere darin eine Farbe, einen Namen oder nur eine Geberde?
Wenn du mich lgen hrtest? Wenn ein Streit zwischen uns entstnde? Msste
es nicht ein Streit auf Leben und Tod sein? So weiss ich nicht, ob du
meiner Langmut anheimgegeben bist, oder ich der deinigen.

                   *       *       *       *       *

Zuweilen, wenn dein Lcheln eine meiner Erzhlungen begleitet, scheint es
mir Augenblicke lang das Lcheln des Wiedererkennens zu sein. Bist du dabei
gewesen, als ich dieses that und jenes zu thun unterliess? Hast du
zugesehen, als ich diesen Frevel beging und jene Wohlthat bte? Ist das,
was dich an mich fesselt, vielleicht die Folge einer frheren mir
unbekannten Gegenwart, ein bses Gewissen, eine Mitwisserschaft, ein bses
Mitgewissen? So wre der Grund unsrer Gemeinschaft ein Spiegel- und
Trostbedrfnis, die Notwendigkeit eines Mitleidenden, und vielleicht der
allezeit wache Argwohn Zweier, die ein gemeinsames Verbrechen begangen
haben. Also dass wir aneinander leben und aneinander zu Grunde gehen
mssten?

Oder wie kommt es, dass du gerade dann immer zu mir trittst, wenn eine Lust
zu Rede und Vertraulichkeit sich in mir regt, als frchtetest du, diese
mchte sich einem Dritten offenbaren? Was beschwert denn meine Erinnerung,
das fr Einen zu schwer zu tragen wre!

                   *       *       *       *       *

In Stunden, welche schweren Trumen vorausgehen, in diesen unruhig trgen,
bleigrauen, fiebernden Stunden hat mich oft eine stachelnde Begierde
erfllt, dich zu qulen, dir schmerzliche Geheimnisse zu rauben und dich
sthnen zu hren, dir den Fuss auf die Brust zu setzen oder dich eng zu
wrgen. Dann, wenn meine Einbildung schon dein chzen vernahm und Blut an
deinem Halse sah, tratest du manchmal zu mir. Ich aber wurde von Angst und
Mitleid ergriffen, streichelte deine Hnde, nannte dich mit Schmeichelnamen
und vermied es, in deine Augen zu blicken. Weshalb hatte ich Angst vor dir?

Oder weshalb liebe ich dich? Denn ich liebe dich mit der Liebe, welche
jeder Verwandlung fhig ist und keine hchste Stufe kennt. Ich liebe dich
wie ein gutes Haustier, ich liebe dich wie eine Schpfung meiner Kunst, ich
liebe dich wie man die Rtsel und das Schauerliche liebt. Ich liebe dich
auch wie ein Glied meines Leibes, und liebe dich wie einen morgenden Tag,
und wie ein Abbild meiner selbst, und wie meinen Dmon und meine Vorsehung.
Wie aber liebst du mich?




An Frau Gertrud.


Im einsamsten Gemach meines Schlosses, unter der Wlbung des schmalen
Fensters, sitzest du oft, Freundlichste unter meinen Toten. ber alles
Zusammensein und Hndehalten hinaus dauert noch deine unbegreifliche,
gtige Gegenwart, wie eines Sternes, der verschollen ist und dessen
Strahlen doch lange Zeiten noch zu uns reichen.

Ich kann nicht mehr zhlen, wie oft ich unter dem Himmel der Vita Nuova
gewandelt bin. Ich kann nicht zhlen, wie oft ich verzweifelte, ein anderes
Bild deiner Erscheinung zu finden.

Keine Schnheit, wenn nicht die jenes sssesten Gedichtes, ist dir zu
vergleichen. Mir ist oft, als wrest du die gewesen, die einst an dem
entrckten Dante vorber ging, und wrest nur einmal noch ber die Erde
gewandelt, im Schatten meiner sehnschtigen Jugend. Dass ich dich mit
leiblichen Augen gesehen habe, dass deine Hand in der meinen lag, dass dein
leichter Schritt neben dem meinen ber den Boden ging, ist das nicht eine
Gnade der berirdischen, ist das nicht eine segnende Hand auf meiner Stirn,
ein Blick aus verklrten Augen, eine Pforte, die mir in das Reich der
ewigen Schnheit geffnet ward?

In Schlaftrumen sehe ich oft deine leibliche Gestalt und sehe die
feingliedrigen, weissen Finger deiner adligen Hnde auf die Tasten des
Flgels gelegt. Oder ich sehe dich gegen Abend stehen, die Farbenwende des
erblassenden Himmels betrachtend, mit den Augen, welche von der wunderbaren
Kenntnis des Schnen voll tiefen Glanzes waren. Diese Augen haben mir
unzhlige Knstlertrume geweckt und gerichtet. Sie sind vielleicht das
Unschtzbarste, was meinem Leben gegeben wurde, denn sie sind Sterne der
Schnheit und Wahrhaftigkeit, voll Gte und Strenge, unbetrglich,
richtend, bessernd und belohnend, Feinde und Rcher alles Unwerten,
Unwesenhaften und Zuflligen. Sie geben Gesetze, sie prfen, sie
verurteilen, sie beglcken mit berschwenglichem Glck. Was ist Vorteil,
was ist Gunst, was ist Ruhm und menschliches Lob ohne die Gewhrung und das
gndige Leuchten dieser unbestechlichen Lichter!

Der Tag ist laut und grausam, fr Kinder und Krieger gerecht, und alles
Tagleben ist vom Ungengen durchtrnkt. Ist nicht jeder eindmmernde Abend
eine Heimkehr, eine geffnete Thr, ein Hrbarwerden alles Ewigen? Du
Wunderbare hast mich gelehrt, heimzukehren und mein Ohr den Stimmen der
Ewigkeit zu ffnen. Du sagtest, als schon das letzte Thor bereit war vor
dir die Flgel aufzuthun, zu mir die Worte: Lass dir die Abende heilig
sein und drnge ihr Schweigen nicht aus deiner Wohnung. Auch vergiss der
Sterne nicht, denn sie sind die obersten Sinnbilder der Ewigkeit.

Und ein andermal hast du gesagt: Denke daran, auch wenn ich dir genommen
bin, Frieden mit den Frauen zu halten, denn alle Geheimnisse stehen ihnen
am nchsten. Seither habe ich mit niemandem solche Gesprche ohne Worte
gehabt, wie mit Sternen und Frauen.

                   *       *       *       *       *

In der Stunde, da wir unsre Freundschaft beschlossen, trat noch Einer zu
uns, unsichtbar und unbegreiflich, ein Geist und Schutzgott. Mir ist, er
habe unsichtbare Geberden eines Segnenden ber mir gemacht, und jene Worte
geredet; apparuit jam beatitudo vestra. Dieser ist seitdem bei mir
geblieben und hat sich vielfltig oft an mir erwiesen, als ein Arm des
Trostes, als ein Rtseldeuter, als Dritter eines Glckes. Oft war meine
Hand zu bereilungen hingeboten und er drngte sie zurck; oft war ich
einer Schnheit vorbergegangen und er ntigte mich still zu stehen und
zurckzublicken; oft wollte ich ein grnes Glck vom Ast brechen, und er
riet mir: Warte noch!

Was vershnlich und liebenswrdig ist, was holde Stimmen hat und trstliche
Bedeutungen, was selten, edel und von abgesonderter Schnheit ist, hat
seitdem eine sichtbare Seite fr mich und irgend einen Weg zu meinen
Sinnen. Die Strme in der Nacht reden mir deutlicher, die Sterne knnen
nicht mehr ohne mein Mitwissen auf- und niedersteigen.

                   *       *       *       *       *

Dieser mein Trster und unsichtbarer Dritter kam auch an einem Tage zu mir,
da mein Herz den Takt verloren hatte und mein Auge zu erblinden schien. Er
glttete meine Stirn, er lehnte zuweilen an mich und sagte mir etwas ins
Ohr, er ging vorber und drckte mir die Hand. Du aber lagest in lauter
Theerosen gebettet, voller Friede, voller Verklrung, freundlich, aber ohne
Lcheln. Du lagst und rhrtest keine Hand, lagst und warst kalt und weiss.

Diese Stunde erschien mir als eine unergrndlich schwarze Nacht. Ich stand
in dichter Finsternis und wusste nicht wo ich war, ohne Nhe und Ferne, wie
von erloschenen Lichtern umgeben. Ich stand unbewegt und fhlte auf allen
Seiten Abgrnde neben mir offen, sprte nur meine ineinander gelegten Hnde
hart und kalt, und glaubte an kein Morgen mehr. Da stand der Trster neben
mir, umschlang mich mit festen Armen und bog mein Haupt zurck. Da sah ich
im Zenith eines unsichtbaren Himmels inmitten der vollkommenen Finsternis
einzig einen hellen, milden, strahlenlosen Stern von seliger Schnheit
stehen. Als ich diesen sah, musste ich eines Abendes gedenken, an dem ich
mit dir im Walde ging. Ich hatte meinen Arm um dich gelegt und pltzlich
zog ich dich ganz an mich her und bedeckte dein ganzes Gesicht mit
schnellen, durstigen Kssen. Da erschrakest du, drngtest mich ab und
sahest wie verwandelt aus. Und sagtest: Lass, Lieber! Ich bin dir nicht zu
Umarmungen gegeben. Der Tag ist nicht fern, an dem du mich mit Hnden und
Lippen nicht mehr erreichen wirst. Aber dann kommt die Zeit, dass ich dir
nher sein werde als heute und jemals. Diese Nhe berfiel mich pltzlich
mit unendlicher Sssigkeit, wie ein vlliges Aug in Auge, wie ein Kuss ohne
Ende. Was ist alle Liebkosung gegen dieses namenlose Vereinigtsein!

Auf Wanderungen durch die Orte, an denen wir beisammen waren, kam diese
Wonne spter noch manchmal ber mich, schon lange Zeit nach deinem Tode.
Einmal, als ich im Schwarzwalde bergan durch einen dunklen Forst wanderte,
sah ich deine helle Gestalt von der Hhe her mir entgegen gehen. Du kamst
mit deinem alten Hndewinken den Berg herab, begegnetest mir und warst
verschwunden, whrend zugleich deine Gegenwart mein Inneres sss und tief
erfllte.

Am hufigsten aber trittst du an den Himmel meiner Trume wie damals am Tag
meiner grssten Finsternis, als der milde Stern der Gnade, voll seliger
Schnheit.

Am einen Abende, als Musik und lautes Gesprch dich bis in die letzten
Gartenwege verfolgte, fand ich dich dort auf und nieder gehend, gab dir
meinen Arm und begleitete dich. Da sagtest Du: Wenn ich nicht mehr hier
sein werde und wenn du selber einmal leiser geworden bist, wird vielleicht
dieser vergehende Abend und mancher, der schon vergangen ist, dir
gegenwrtiger und wirklicher sein als deine eigene Hand. Dann wirst du
Mitternachts irgendwo in deinem Zimmer wach sein, vielleicht weit von hier.
Vor deinen Fenstern aber wird die nahe Welt zurckweichen und du wirst
glauben, diesen Weg und uns beide darauf wandeln zu sehen.

Heute nun liegt dieser Abend vor mir, in die entfernte Musik mischen sich
wieder unsere leisen Stimmen, dass ich nicht weiss, ob jener Abend oder der
heutige wirklich und vom irdischen Monde erleuchtet ist.




Notturno.


Mein Ross hlt an, reckt den schnen Hals und wiehert in den Abend. Ich
grsse dich! Ich grsse dich, meine Cederndunkle Zuflucht! Du
Friedebringende, du Weltferne, Unberhrte, mit dem schwarzen, kostbaren
Grtel!

In einem tiefen, tagebreiten Cederwald liegt ein See und eine granitene
Burg verschlossen. Ein Schloss fr die Ewigkeit gebaut, kolossal und
quaderfest, mit ungeheuren normnnischen Ecktrmen, und mit einer einzigen
Thre. Diese ffnet sich auf eine Treppe aus breiten Quaderstufen, und die
Treppe fhrt in den schwarzen, bodenlosen See. Der eisgraue Wchter hrt
und erkennt mein Ross. Er tritt bedchtig durch die eherne Thre und ber
die grnlichen Stufen. Er lst das Knigsboot von der schweren Kette und
rudert lautlos mit einem Ruder ber das spiegelschwarze Wasser. Er nimmt
mich auf und steuert zurck. Wir legen das Boot wieder an die Kette mit den
eisernen Viereckgliedern.

Wir setzen uns auf die Schwelle der ehernen Thr. Das Wipfelflstern wchst
im Abendwind, die Dmmerung schleicht zwischen den Stmmen am Ufer hin. Der
Wchter hat das Greisenhaupt auf beide harte Hnde gesttzt und dringt mit
langen, ruhigen Blicken in den Abend. Vor uns liegen die vermoosenden
Stufen und der unbewegte See, auf beiden Seiten steht die tausendjhrige,
hohe Wand des heiligen Waldes und schliesst gegenber am fernen Seerande
den dunklen Ring. Stunden fliegen auf unhrbaren Fittigen ber uns hinweg.

Jenseits des Wassers zittert ber den Wipfeln ein kleines Licht herauf,
hebt sich und wchst und beginnt hell zu leuchten, und lst sich schwebend
als voller Mond vom Walde los. Von unserem Sitze anhebend verbreitet sein
Licht sich langsam ber den See, bis die runde Wasserflche ohne Schatten
in reinem, tiefem Lichte schwimmt, unbewegt, wie ein unendlicher Spiegel.
Mit unvermindertem Glanze blickt der silberne Mond aus der unergrndlichen
Tiefe.

Der Wchter ruht mit unverwandtem Blick auf dem langsamen Wandel des
Spiegelmonds. Sein Gesicht ist traurig, und ich fhle wohl, dass er mit mir
reden mchte. Ich frage ihn, und ich dmpfe schnell meine Stimme zum
Flsterton, erschrocken ber ihr Hallen in dem einsamen Waldrunde. Ich
frage ihn: Du bist traurig. Woran denkst du?

Er wendet nicht den Blick, aber er senkt ein wenig das weisse Haupt und
seufzt. Und sagt: Vor tausend Jahren sass ich hier auf dieser
Thrschwelle, und blickte ber den nchtigen See. Dort aber, in der Mitte
des Wassers, wo jetzt der Mond sich abmalt, schwamm ein Totenkahn und
brannte steilauf in lohroten Flammen. Der ganze See war rot vom Widerschein
des brennenden Nachens. Und der darin lag, war mein letzter Knig.

Der Greis bedeckt sein Haupt mit dem Gewand. Nach einer Weile enthllt er
sich und hat noch Tropfen im Bart. Er erzhlt: Wenige Zeit danach stiess
ich den letzten Leichenkahn von dieser Treppe brennend hinaus. Lag eine
bermenschlich schne, schneeblasse Dame in purpurnen Prachtkleidern darin.
Meine letzte Knigin. Der Cederwald rauscht tieftnig auf. Aus dem
bodenlosen Wasser blickt traurig der runde Mond. Diese hab' ich geliebt.
-- --

Seit allen vielen Jahren bewahrte ich das Schloss, und sass stille Abende
lang auf meiner Treppe. Aber du weisst dies ja wohl, denn du hast mich ja
mit Namen gerufen und bist der Einzige, der diese Zuflucht seit tausend
Jahren betreten hat. Du hast ja auch die Schlssel Ihrer Gemcher! Willst
du eintreten?

Wir schliessen hinter uns das Thor. Der Wchter nimmt die Fackel vom Ring
und leuchtet mir die Treppen hinan. Ihr heimatliche, tausendjhrige
Treppen! Ihr bronzene Zierleuchter! Ihr Fliesengnge, in denen das Echo
kniglicher Schritte erwacht, wenn ich darber trete! An der letzten Thre
bleibt der Wchter stehen, und bckt sich tief, und lsst mich allein. Ich
trete in das alte Zimmer, ich spre den Gruss der vergangenen Zeiten,
denselben, den ich schon als ein scheuer Knabe vor vielen Jahren hier
versprte. Gemach unserer letzten Knigin! Scharlachene Teppiche,
lwenkpfige hohe Sessel, goldnes und edelsteinenes Frauenspielwerk. Ein
heidnischer Gott, eine Kriegsbeute, steht mitten im Gemach, hat ein
goldenes Stirnband umgelegt und die kleine Harfe der Knigin im Arme
hngen. Das ist die Harfe, welche Nchte lang mit langen Klagtnen den See
und die stillen Schwne bezauberte! Das ist die Harfe, die den Gesang des
blonden Mitternachtsbuhlen begleitete!

Der rauschte in verwlkten Sturmnchten nass und blank aus dem zitternden
See und trat durch die schlafenden Knechte, und kosete im dunklen
scharlachenen Zimmer mit der Liebesknigin. Der stiess das lange
Schlangenschwert durch die frhliche Brust des letzten Knigs. Der ksste
in einer brausenden Gewitternacht den Tod auf den roten, liebekundigen Mund
der Knigin.

Die ebenholzene Harfe hngt im Arm des stillen Gottes. Ich betrachte lang
ihre schlanke, fremde Form mit dem perlgezhnten, smaragdugigen
Drachenkopf, und die feinen Saiten, und atme die unermesslichen Schicksale
und Leidenschaften einer vergangen unvergnglichen, bermchtigen Zeit.

Das Fenster ist unverhngt; ich lege mich in das Gesimse. Treppe und See
liegt unter mir. Der Wchter sitzt traurig auf seiner Stufe und sttigt
sein Auge an der Seetiefe und bewahrt in seiner Eisenbrust das brandende
Meer seiner unsterblichen Liebe. Wchter, See und Wald seit tausend Jahren
ohne Tod und Zeit, zauberversunken, im Ring wachhaltender Jahrhunderte und
darber, ohne Tod und Zeit, der volle ruhige Mond. Jeder Atemzug ein Trunk
aus dem unerschpflichen Becher der Ewigkeit, jeder Herzschlag eine stille
ungezhlte Welle im Meer des Schweigens!

Nahe erscheint auf dem Wasser, wie ein leuchtender Streif, eine weisse
Helle. Bleibt stehen, schlgt mit Flgeln und ist ein grosser Schwan. Der
Schwan rudert langsam fort. Fort und weit in den See hinein. Dort hlt er
an, ist kaum noch sichtbar, hebt sich wund und stolz, und sinkt in Grund.
Ein ssser, wunder Ton kreist ber Schloss und See, und ich weiss nicht,
ist es ein Schwanenlied oder ein erwachter Ton der schwarzen Liebesharfe.
Der Wchter aber ist aufgestanden und blickt mit erhobenem Haupt entrckt
und selig dem weissen Wunder nach, breitet beide Arme aus und steht noch
lang, den sssen Ton im Ohr. Auch ich; und mich khlt eine selig wohllaute
Stille bis ins Herz.

Der Wchter fragt mit einem Blick herauf. Ich nicke zu, verschliesse das
Gemach der Knigin und steige die breite Treppe nieder. Das Boot ist schon
gelst. Ich steige ein, und der Greis taucht das lautlose Ruder tief in die
schwarze Flut.




Der Traum vom hrenfeld.


Einmal hab' ich Dich schon getrumt, mein Traum vom hrenfeld! berflute
mich wieder mit deinem rot und goldenen Leuchten! Tritt wieder ber die
Schwelle meiner Nacht und sei wieder der Vorbote eines neuen Glckes!

Siehe, er tritt hervor, aus dem verschlossenen Garten meiner Frhe, dessen
Luft voll Silbers und dessen Schatten voll Zukunft ist. Ich meine das
Rauschen seiner Bume zu vernehmen und den Geruch seiner Wiesen zu spren;
mein Heimweh sttigt sich an seiner Flle, mein Auge verwandelt sich und
ruht ungebrochenen Blicks auf den Frhlingen meiner frhesten Jugend. Der
Traum wird mchtig und breitet ein gelbes hrenfeld vor mir in sonnenheller
Weite aus.

Ein hrenfeld in heller Sonne! Eine Flut gelbroter Farben, eine Flle
stetigen Lichtes, in der Tiefe rtlich verklrt, an den Rndern von
Glanzwellen und rastlosen Wechselfarben lebendig! Ein endloser Anblick voll
Ruhe und Gengen, ein Born des Glckes und der Schnheit, ein angehufter
Schatz alles Dessen, was urprchtig, unberhrt, in sich beschlossen, und
unwiederbringlich ist. Dieses alles senkt sich in mein Herz, findet alle
leeren Kammern, fllt und fllt und fliesst ber wie ein Strom aus einem
tiefen See.

Wie vermchte ich zu sagen, was mein kindgewordenes Herz nun erfllt, was
mein Blut so milde erwrmt und mein Auge so offen, still und glnzend
macht! Erfllt und eins mit dem Licht der Sonne und des stillen Feldes
kehrt mir Auge und Herz unter die Brder meiner Kindheit zurck, zu dem
wogenden Feld, zu dem reinen Himmel, zu den geschwisterlichen Bumen,
Bchen und Winden.

Ich grsse euch, Brder und Schwestern! Verzeihet, was in der Fremde
geschehen ist! Ich war lange Zeit krank, mein Ohr und Auge reichte nimmer
zu euch, mein innerster Grund war mir fremd geworden. Das in mir, was von
Ewigkeit und Muttergeschenk ist, war in Ketten gelegt, sein schweres Atmen
reichte nur in den stillsten Mitternchten noch zu mir herauf. Nun atmet es
befreit, und atmet mit meiner Brust, und erschliesst alles in mir der
entschleierten Gegenwart.

Du leuchtendes hrenfeld! Trnkst du mein Auge mit deiner ruhigen Klarheit,
oder ist es das Licht meines Glckes, das aus meinem Auge berquellend dich
glnzen macht und die Sonne entzndet? Reich und nehmend, bedrftig und
austeilend, zweieins, ssser Kern eines ewigen Rtsels, so ist meine Liebe
und deine. Wie bin ich befreit von allen Massen und Mittelpunkten! Wo ist
noch Anfang oder Ende, wo ist noch Wille und Ziel, oder Ursprung und
Brcke?

Du leuchtendes hrenfeld, bist du nicht ein Bild meiner befreiten Seele? Du
und ich, beide in flutender Helle, beide reich an Unaussprechlichem, beide
einander beschenkend, und beide sich neigend unter einer sssen Last?

Hergestellt von W. Drugulin in Leipzig im Juni des Jahres 1899.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden unter Verwendung spterer Ausgaben korrigiert.






End of Project Gutenberg's Eine Stunde hinter Mitternacht, by Hermann Hesse

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE STUNDE HINTER MITTERNACHT ***

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remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
