The Project Gutenberg EBook of Aus der Jugendzeit, by Eduard Mrike

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Title: Aus der Jugendzeit
       Historie von der schnen Lau

Author: Eduard Mrike

Illustrator: Franz Stassen

Release Date: May 17, 2014 [EBook #45672]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER JUGENDZEIT ***




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       *       *       *       *       *




  _Meisterbcher fr das deutsche Haus_

      Was deutsch und echt wt' keiner mehr,
      lebt's nicht in deutscher Meister Ehr'.


  Aus der Jugendzeit

  Historie von der schnen Lau


  _Dichtungen_
  von
  Eduard Mrike

  mit Federzeichnungen von
  Franz Stassen


  Berlin
  Verlagsanstalt fr Vaterlndische Geschichte und Kunst
  G.m.b.H.




  Alle Rechte vorbehalten
  Copyright 1920 by Verlagsanstalt fr Vaterlndische
  Geschichte und Kunst, G.m.b.H., in Berlin

  Druck von Fischer & Wittig in Leipzig




Inhalt.

                                  Seite
  Aus der Jugendzeit                  3
    Selbstgestndnis                  5
    An einem Wintermorgen             6
    Erinnerung                       10
    Lied vom Winde                   14
    Rat einer Alten                  16
    Der Knabe und das Immlein        18
    Er ist's                         20
    Zu viel                          22
    Im Frhling                      23
    An die Geliebte                  25
    Der Grtner                      26
    Die schne Buche                 28
    Nchtliche Fahrt                 31
    Frage und Antwort                35
    Schn-Rotraut                    36
    Nimmersatte Liebe                39
    Der Jger                        41
    Jgerlied                        44
    Scherz                           45
    Abreise                          48
    Storchenbotschaft                50
    Begegnung                        53
    In der Frhe                     55
    Um Mitternacht                   56
    Gesang zu zweien in der Nacht    58
    Josephine                        60
    Peregrina                        64
    Das verlassene Mgdlein          66
    Agnes                            68
    An eine olsharfe                70
    Gesang Weylas                    72
    Heimweh                          74
    Auf einer Wanderung              76
    Auf eine Christblume             78
    An meine Mutter                  82

  Historie von der schnen Lau       83




Aus der Jugendzeit




Selbstgestndnis.


  Ich bin meiner Mutter einzig Kind,
  und weil die andern ausblieben sind,
  was wei ich wie viel, die sechs oder sieben,
  ist eben alles an mir hngen blieben;
  ich hab' mssen die Liebe, die Treue, die Gte
  fr ein ganz halb Dutzend allein aufessen,
  ich will's mein Lebtag nicht vergessen.
  Es htte mir aber noch wohl mgen frommen,
  htt' ich nur auch Schlg' fr sechse bekommen.




[Illustration]

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang.


  O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frhe!
  Welch neue Welt bewegest du in mir?
  Was ist's, da ich auf einmal nun in dir
  von sanfter Wollust meines Daseins glhe?

  Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
  den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
  zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
  dem Eindruck naher Wunderkrfte offen,
  die aus dem klaren Grtel blauer Luft
  zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

  Bei hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken;
  ich schliee sie, da nicht der Traum entweiche.
  Seh' ich hinab in lichte Feenreiche?
  Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
  zur Pforte meines Herzens hergeladen,
  die glnzend sich in diesem Busen baden,
  goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche?

  Ich hre bald der Hirtenflten Klnge,
  wie um die Krippe jener Wundernacht,
  bald weinbekrnzter Jugend Lustgesnge;
  wer hat das friedenselige Gedrnge
  in meine traurigen Wnde hergebracht?

  Und welch Gefhl entzckter Strke,
  indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
  Vom ersten Mark des heut'gen Tags getrnkt,
  fhl' ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
  Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,
  der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
  warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
  Ist's ein verloren Glck, was mich erweicht?
  Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?
  -- Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
  Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

  Dort, sieh! am Horizont lpft sich der Vorhang schon!
  Es trumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
  die Purpurlippe, die geschlossen lag,
  haucht, halb geffnet, se Atemzge:
  Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag
  beginnt im Sprung die kniglichen Flge!




[Illustration]

Erinnerung.


  Jenes war zum letzten Male,
  da ich mit dir ging, o Klrchen!
  Ja, das war das letztemal,
  da wir uns wie Kinder freuten.

  Als wir eines Tages eilig
  durch die breiten, sonnenhellen,
  regnerischen Straen, unter
  _einem_ Schirm geborgen, liefen;
  beide heimlich eingeschlossen
  wie in einem Feenstbchen,
  endlich einmal Arm in Arme!

  Wenig wagten wir zu reden,
  denn das Herz schlug zu gewaltig;
  beide merkten wir es schweigend,
  und ein jedes schob im stillen
  des Gesichtes glh'nde Rte
  auf den Widerschein des Schirmes.

  Ach, ein Engel warst du da!
  Wie du auf den Boden immer
  blicktest und die blonden Locken
  um den hellen Nacken fielen!

  Jetzt ist wohl ein Regenbogen
  hinter uns am Himmel, sagt' ich,
  und die Wachtel dort im Fenster,
  deucht mir, schlgt noch eins so froh!

  Und im Weitergehen dacht' ich
  unsrer ersten Jugendspiele,
  dachte an dein heimatliches
  Dorf und seine tausend Freuden.
  -- Weit du auch noch, frug ich dich,
  Nachbar Bttnermeisters Hfchen,
  wo die groen Kufen lagen,
  drin wir Sonntags nach Mittag uns
  immer huslich niederlieen,
  plauderten, Geschichten lasen,
  whrend drben in der Kirche
  Kinderlehre war -- (ich hre
  heute noch den Ton der Orgel
  durch die Stille ringsumher):
  sage, lesen wir nicht einmal
  wieder wie zu jenen Zeiten
  -- just nicht in der Kufe, mein' ich --
  den beliebten Robinson?

  Und du lcheltest und bogest
  mit mir um die letzte Ecke.
  Und ich bat dich um ein Rschen,
  das du an der Brust getragen,
  und mit scheuen Augen schnelle
  reichtest du mir's hin im Gehen:
  zitternd hob ich's an die Lippen,
  kt' es brnstig zwei- und dreimal;
  niemand konnte dessen spotten,
  keine Seele hat's gesehen,
  und du selber sahst es nicht.

  An dem fremden Haus, wohin
  ich dich zu begleiten hatte,
  standen wir nun, weit, ich drckte
  dir die Hand und --

  Dieses war zum letzten Male,
  da ich mit dir ging, o Klrchen!
  Ja, das war das letztemal,
  da wir uns wie Kinder freuten.




Lied vom Winde.


  Sausewind, Brausewind,
  dort und hier!
  Deine Heimat sage mir!

  Kindlein, wir fahren
  seit viel vielen Jahren
  durch die weit weite Welt,
  und mchten's erfragen,
  die Antwort erjagen,
  bei den Bergen, den Meeren,
  bei des Himmels klingenden Heeren:
  die wissen es nie.
  Bist du klger als sie,
  magst du es sagen.
  -- Fort, wohlauf!
  Halt' uns nicht auf!
  Kommen andre nach, unsre Brder,
  da frag' wieder.

  Halt' an! Gemach,
  eine kleine Frist!
  Sagt, wo der Liebe Heimat ist,
  ihr Anfang, ihr Ende?

  Wer's nennen knnte!
  Schelmisches Kind,
  Lieb' ist wie Wind,
  rasch und lebendig,
  ruhet nie,
  ewig ist sie,
  aber nicht immer bestndig.
  -- Fort! Wohlauf! auf!
  Halt' uns nicht auf!
  Fort ber Stoppel und Wlder und Wiesen!
  Wenn ich dein Schtzchen seh',
  will ich es gren.
  Kindlein, ade!




[Illustration]

Rat einer Alten.


  Bin jung gewesen,
  kann auch mitreden,
  und alt geworden,
  drum gilt mein Wort.

  Schn reife Beeren
  am Bumchen hangen:
  Nachbar, da hilft kein
  Zaun um den Garten;
  lustige Vgel
  wissen den Weg.

  Aber, mein Dirnchen,
  du la dir raten:
  Halte dein Schtzchen
  wohl in der Liebe,
  wohl im Respekt!
  Mit den zwei Fdlein,
  in eins gedrehet,
  ziehst du am kleinen
  Finger ihn nach.

  Aufrichtig Herze,
  doch schweigen knnen,
  frh mit der Sonne
  mutig zur Arbeit,
  gesunde Glieder,
  saubere Linnen,
  das machet Mdchen
  und Weibchen wert.

  Bin jung gewesen,
  kann auch mitreden,
  und alt geworden,
  drum gilt mein Wort.




Der Knabe und das Immlein.


  Im Weinberg auf der Hhe
  ein Huslein steht so windebang;
  hat weder Tr noch Fenster,
  die Weile wird ihm lang.

  Und ist der Tag so schwle,
  sind all verstummt die Vgelein,
  summt an der Sonnenblume
  ein Immlein ganz allein.

  Mein Lieb hat einen Garten,
  da steht ein hbsches Immenhaus:
  Kommst du daher geflogen?
  Schickt sie dich nach mir aus?

  O nein, du feiner Knabe,
  es hie mich niemand Boten gehn;
  dies Kind wei nichts von Lieben,
  hat dich noch kaum gesehn.

  Was wten auch die Mdchen,
  wenn sie kaum aus der Schule sind!
  Dein herzallerliebstes Schtzchen
  ist noch ein Mutterkind.

  Ich bring' ihm Wachs und Honig;
  ade! -- ich hab' ein ganzes Pfund;
  wie wird das Schtzchen lachen,
  ihm wssert schon der Mund.

  Ach, wolltest du ihr sagen,
  ich wte, was viel ser ist:
  Nichts Lieblichers auf Erden,
  als wenn man herzt und kt!




Er ist's.


  Frhling lt sein blaues Band
  wieder flattern durch die Lfte;
  se, wohlbekannte Dfte
  streifen ahnungsvoll das Land.
  Veilchen trumen schon,
  wollen balde kommen.
  -- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
    Frhling, ja du bist's!
  Dich hab' ich vernommen!

[Illustration]




Zu viel.


  Der Himmel glnzt vom reinsten Frhlingslichte,
  ihm schwillt der Hgel sehnsuchtsvoll entgegen,
  die starre Welt zerfliet in Liebessegen
  und schmiegt sich rund zum zrtlichsten Gedichte.

  Am Dorfeshang, dort bei der luft'gen Fichte,
  ist meiner Liebsten kleines Haus gelegen --
  o Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wgen,
  da all der Wonnestreit in dir sich schlichte!

  Du, Liebe, hilf den sen Zauber lsen,
  womit Natur in meinem Innern whlet!
  Und du, o Frhling, hilf die Liebe beugen!

  Lisch aus, o Tag! La mich in Nacht genesen!
  Indes ihr sanften Sterne gttlich khlet,
  will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.




[Illustration]

Im Frhling.


  Hier lieg' ich auf dem Frhlingshgel:
  Die Wolke wird mein Flgel,
  ein Vogel fliegt mir voraus.
  ach, sag' mir, alleinzige Liebe,
  wo du bleibst, da ich bei dir bliebe!
  Doch du und die Lfte, ihr habt kein Haus.

  Der Sonnenblume gleich steht mein Gemte offen,
  sehnend,
  sich dehnend
  in Lieben und Hoffen.
  Frhling, was bist du gewillt?
  Wann werd' ich gestillt?

  Die Wolke seh' ich wandeln und den Flu,
  es dringt der Sonne goldner Ku
  mir tief bis ins Geblt hinein;
  die Augen, wunderbar berauschet,
  tun, als schliefen sie ein,
  nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.
  Ich denke dies und denke das,
  ich sehne mich, und wei nicht recht nach was:
  Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
  mein Herz, o sage,
  was webst du fr Erinnerung
  in golden grner Zweige Dmmerung?
  -- Alte, unnennbare Tage!




An die Geliebte.


  Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
  mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnge,
  dann hr' ich recht die leisen Atemzge
  des Engels, welcher sich in dir verhllt,

  Und ein erstaunt, ein fragend Lcheln quillt
  auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrge,
  da nun in dir, zu ewiger Genge,
  mein khnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfllt?

  Von Tiefe dann zu Tiefen strzt mein Sinn,
  ich hre aus der Gottheit ncht'ger Ferne
  die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.

  Betubt kehr' ich den Blick nach oben hin,
  zum Himmel auf, da lcheln alle Sterne;
  ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.




Der Grtner.


  Auf ihrem Leibrlein,
  so wei wie der Schnee,
  die schnste Prinzessin
  reit't durch die Allee.

  Der Weg, den das Rlein
  hintanzet so hold,
  der Sand, den ich streute,
  er blinket wie Gold.

  Du rosenfarbs Htlein,
  wohl auf und wohl ab,
  o wirf eine Feder
  verstohlen herab!

  Und willst du dagegen
  eine Blte von mir,
  nimm tausend fr eine,
  nimm alle dafr!

[Illustration]




Die schne Buche.


  Ganz verborgen im Wald kenn' ich ein Pltzchen, da stehet
    eine Buche, man sieht schner im Bilde sie nicht.
  Rein und glatt, in gediegenem Wuchs erhebt sie sich einzeln,
    keiner der Nachbarn rhrt ihr an den seidenen Schmuck.
  Rings, so weit sein Gezweig der stattliche Baum ausbreitet,
    grnet der Rasen, das Aug' still zu erquicken, umher;
  Gleich nach allen Seiten umzirkt er den Stamm in der Mitte;
    kunstlos schuf die Natur selber dies liebliche Rund.
  Zartes Gebsch umkrnzet es erst; hochstmmige Bume,
    folgend in dichtem Gedrng', wehren dem himmlischen Blau.
  Neben der dunkleren Flle des Eichbaums wieget die Birke
    ihr jungfruliches Haupt schchtern im goldenen Licht.
  Nur wo, verdeckt vom Felsen, der Fusteig jh sich hinabschlingt,
    lsset die Hellung mich ahnen das offene Feld.
  -- Als ich unlngst einsam, von neuen Gestalten des Sommers
    ab dem Pfade gelockt, dort im Gebsch mich verlor,
  Fhrt' ein freundlicher Geist, des Hains auflauschende Gottheit,
    hier mich zum erstenmal, pltzlich, den Staunenden, ein.
  Welch Entzcken! Es war um die hohe Stunde des Mittags,
    lautlos alles, es schwieg selber der Vogel im Laub.
  Und ich zauderte noch, auf den zierlichen Teppich zu treten;
    festlich empfing er den Fu, leise beschritt ich ihn nur.
  Jetzo, gelehnt an den Stamm (er trgt sein breites Gewlbe
    nicht zu hoch), lie ich rundum die Augen ergehn,
  Wo den beschatteten Kreis die feurig strahlende Sonne,
    fast gleich messend umher, sumte mit blendendem Rand.
  Aber ich stand und rhrte mich nicht; dmonischer Stille,
    unergrndlicher Ruh' lauschte mein innerer Sinn.
  Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen Zauber-
    grtel, o Einsamkeit, fhlt' ich und dachte nur dich!




[Illustration]

Nchtliche Fahrt.


  Jngst im Traum ward ich getragen
  ber fremdes Heideland;
  vor den halbverschlonen Wagen
  schien ein Trauerzug gespannt.

  Dann durch mondbeglnzte Wlder
  ging die sonderbare Fahrt,
  bis der Anblick offner Felder
  endlich mir bekannter ward.

  Wie im lustigen Gewimmel
  tanzt nun Busch und Baum vorbei.
  Und ein Dorf nun -- guter Himmel!
  O mir ahnet, was es sei.

  Sah ich doch vorzeiten gerne
  diese Huser oft und viel,
  die am Wagen die Laterne
  streift im stummen Schattenspiel.

  Ja, dort unterm Giebeldache
  schlummerst du, vergelich Herz!
  Und da dein Getreuer wache,
  sagt dir kein geheimer Schmerz.

  -- Ferne waren schon die Htten;
  sieh, da flattert's durch den Wind!
  Eine Gabe zu erbitten
  schien ein armes, holdes Kind.

  Wie vom bsen Geist getrieben,
  werf' ich rasch der Bettlerin
  ein Geschenk von meiner Lieben,
  jene goldne Kette, hin.

  Pltzlich scheint ein Rad gebunden,
  und der Wagen steht gebannt,
  und das schne Mdchen unten
  hlt mich schelmisch bei der Hand.

  Denkt man so damit zu schalten?
  So entdeck' ich den Betrug?
  Doch den Wagen festzuhalten,
  war die Kette stark genug.

  Willst du, da ich dir verzeihe,
  sei erst selber wieder gut!
  Oder wo ist deine Treue,
  bser Junge, falsches Blut?

  Und sie streichelt mir die Wange,
  kt mir das erfrorne Kinn,
  steht und lchelt, weinet lange
  als die schnste Berin.

  Doch mir bleibt der Mund verschlossen,
  und kaum wei ich, was geschehn;
  ganz in ihren Arm gegossen,
  schien ich selig zu vergehn.

  Und nun fliegt mit uns, ihr Pferde,
  in die graue Welt hinein!
  Unter uns vergeh' die Erde,
  und kein Morgen soll mehr sein!




Frage und Antwort.


  Fragst du mich, woher die bange
  Liebe mir zum Herzen kam,
  und warum ich ihr nicht lange
  schon den bittern Stachel nahm?

  Sprich, warum mit Geisterschnelle
  wohl der Wind die Flgel rhrt,
  und woher die se Quelle
  die verborgnen Wasser fhrt?

  Banne du auf seiner Fhrte
  mir den Wind in vollem Lauf!
  Halte mit der Zaubergerte
  du die sen Quellen auf!




Schn-Rotraut.


  Wie heit Knig Ringangs Tchterlein?
    Rotraut, Schn-Rotraut.
  Was tut sie denn den ganzen Tag,
  da sie wohl nicht spinnen und nhen mag?
    Tut fischen und jagen.
  O da ich doch ihr Jger wr'!
  Fischen und jagen freute mich sehr.
    -- Schweig stille, mein Herze!

  Und ber eine kleine Weil',
    Rotraut, Schn-Rotraut,
  so dient der Knab' auf Ringangs Schlo
  in Jgertracht und hat ein Ro,
    mit Rotraut zu jagen.
  O da ich doch ein Knigssohn wr'!
  Rotraut, Schn-Rotraut lieb' ich so sehr.
    -- Schweig stille, mein Herze!

[Illustration]

  Einsmals sie ruhten am Eichenbaum,
    da lacht Schn-Rotraut:
  Was siehst mich an so wunniglich?
  Wenn du das Herz hast, ksse mich!
    Ach erschrak der Knabe!
  Doch denket er: 'mir ist's vergunnt',
  und ksset Schn-Rotraut auf den Mund.
    -- Schweig stille, mein Herze!

  Darauf sie ritten schweigend heim,
    Rotraut, Schn-Rotraut;
  es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:
  'Und wrd'st du heute Kaiserin,
    mich sollt's nicht krnken!
  Ihr tausend Bltter im Walde wit,
  ich hab' Schn-Rotrauts Mund gekt!
    -- Schweig stille, mein Herze!'




Nimmersatte Liebe.


  So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!
  Mit Kssen nicht zu stillen:
  Wer ist der Tor und will ein Sieb
  mit eitel Wasser fllen?
  Und schpfst du an die tausend Jahr'
  und kssest ewig, ewig gar,
  du tust ihr nie zu Willen.

  Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund'
  neu wunderlich Gelsten;
  wir bissen uns die Lippen wund,
  da wir uns heute kten.
  Das Mdchen hielt in guter Ruh',
  wie's Lmmlein unterm Messer.
  Ihr Auge bat: 'Nur immer zu!
  Je weher, desto besser!'

  So ist die Lieb', und war auch so,
  wie lang' es Liebe gibt,
  und anders war Herr Salomo,
  der Weise, nicht verliebt.




[Illustration]

Der Jger.


  Drei Tage Regen fort und fort,
  kein Sonnenschein zur Stunde;
  drei Tage lang kein gutes Wort
  aus meiner Liebsten Munde!

  Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
  so hat sie's haben wollen;
  mir aber nagt's am Herzen hier,
  das Schmollen und das Grollen.

  Willkommen denn, des Jgers Lust,
  Gewittersturm und Regen!
  Fest zugeknpft die heie Brust,
  und jauchzend euch entgegen!

  Nun sitzt sie wohl daheim und lacht
  und scherzt mit den Geschwistern;
  ich hre in des Waldes Nacht
  die alten Bltter flstern.

  Nun sitzt sie wohl und weinet laut
  im Kmmerlein, in Sorgen;
  mir ist es wie dem Wilde traut,
  in Finsternis geborgen.

  Kein Hirsch und Rehlein berall!
  Ein Schu zum Zeitvertreibe!
  Gesunder Knall und Widerhall
  erfrischt das Mark im Leibe. --

  Doch wie der Donner nun verhallt
  in Tlern, durch die Runde,
  ein pltzlich Weh mich berwallt,
  mir sinkt das Herz zu Grunde.

  Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
  so hat sie's haben wollen,
  mir aber frit's am Herzen hier,
  das Schmollen und das Grollen.

  Und auf! und nach der Liebsten Haus!
  Und sie gefat ums Mieder!
  Drck' mir die nassen Locken aus,
  und kss' und hab' mich wieder!




Jgerlied.


  Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee,
  wenn er wandelt auf des Berges Hh':
  Zierlicher schreibt Liebchens liebe Hand,
  schreibt ein Brieflein mir in ferne Land'.

  In die Lfte hoch ein Reiher steigt,
  dahin weder Pfeil noch Kugel fleugt:
  Tausendmal so hoch und so geschwind
  die Gedanken treuer Liebe sind.




Scherz.


  Einen Morgengru ihr frh zu bringen
  und mein Morgenbrot bei ihr zu holen,
  geh' ich sachte an des Mdchens Tre,
  ffne rasch, da steht mein schlankes Bumchen
  vor dem Spiegel schon und wscht sich emsig.
  O wie lieblich truft die weie Stirne,
  truft die Rosenwange Silbernsse!
  Hangen aufgelst die sen Haare!
  Locker spielen Tcher und Gewnder.
  Aber wie sie zagt und scheucht und abwehrt!
  Gleich, sogleich soll ich den Rckzug nehmen!
  Nrrchen, rief ich, sei mir so kein Nrrchen:
  Das ist Brautrecht, ist Verlobtensitte.
  La mich nur, ich will ja blind und lahm sein,
  will den Kopf und alle beide Augen
  in die Flle deiner Locken stecken,
  will die Hnde mit den Flechten binden --
  Nein, du gehst! -- Im Winkel la mich stehen,
  dir bescheidentlich den Rcken kehren!
  Ei, so mag's, damit ich Ruhe habe!

  Und ich stand gehorsam in der Ecke,
  lcherlich, wie ein gestrafter Junge,
  der die Lektion nicht wohl bestanden,
  muckste nicht und khlte mir die Lippen
  an der weien Wand mit leisem Kusse,
  eine volle, eine lange Stunde;
  ja, so wahr ich lebe. Doch, wer etwa
  einen kleinen Zweifel mchte haben
  (was ich ihm just nicht verargen drfte),
  nun, der frage nur das Mdchen selber:
  Die wird ihn -- noch zierlicher belgen.

[Illustration]




Abreise.


  Fertig schon zur Abfahrt steht der Wagen,
  und das Posthorn blst zum letzten Male.
  Sagt, wo bleibt der vierte Mann so lange?
  Ruft ihn, soll er nicht dahinten bleiben!
  -- Indes fllt ein rascher Sommerregen;
  eh' man hundert zhlt, ist er vorber;
  fast zu kurz, den heien Staub zu lschen;
  doch auch diese Letzung ist willkommen.
  Khlung fllt und Wohlgeruch den weiten
  Platz, und an den Husern ringsum ffnet
  sich ein Blumenfenster um das andre.
  Endlich kommt der junge Mann. Geschwinde!
  Eingestiegen! -- Und fort rollt der Wagen.
  Aber sehet, auf dem nassen Pflaster
  vor dem Posthaus, wo er stillgehalten,
  lt er einen trocknen Fleck zurcke,
  lang und breit, sogar die Rder sieht man
  angezeigt, und wo die Pferde standen.
  Aber dort in jenem hbschen Hause,
  drin der Jngling sich so lang' verweilte,
  steht ein Mdchen hinterm Fensterladen,
  blicket auf die wei gelass'ne Stelle,
  hlt ihr Tchlein vors Gesicht und weinet.
  Mag es ihr so ernst sein? Ohne Zweifel;
  doch der Jammer wird nicht lange whren:
  Mdchenaugen, wit ihr, trocknen hurtig,
  und eh' auf dem Markt die Steine wieder
  alle hell geworden von der Sonne,
  knnet ihr den Wildfang lachen hren.




[Illustration]

Storchenbotschaft.


  Des Schfers sein Haus und das steht auf zwei Rad,
  steht hoch auf der Heiden, so frhe wie spat;
  und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier htt'!
  Ein Schfer tauscht nicht mit dem Knig sein Bett.

  Und km' ihm zur Nacht auch was Seltsames vor,
  er betet sein Sprchel und legt sich aufs Ohr;
  ein Geistlein, ein Hexlein, so luftige Wicht',
  sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht.

  Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt:
  Es knopert am Laden, es winselt der Hund;
  nun ziehet mein Schfer den Riegel -- ei schau!
  Da stehen zwei Strche, der Mann und die Frau.

  Das Prchen, es machet ein schn Kompliment,
  es mchte gern reden, ach, wenn es nur knnt'!
  Was will mir das Ziefer? -- ist so was erhrt?
  Doch ist mir wohl frhliche Botschaft beschert.

  Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein?
  Ihr habt wohl mein Mdel gebissen ins Bein?
  Nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr,
  sie wnschet den Herzallerliebsten sich her?

  Und wnschet daneben die Taufe bestellt:
  Ein Lmmlein, ein Wrstlein, ein Beutelein Geld?
  So sagt nur, ich km' in zwei Tag oder drei,
  und grt mir mein Bbel und rhrt ihm den Brei!

  Doch halt! warum stellt ihr zu zweien euch ein?
  Es werden doch, hoff' ich, nicht Zwillinge sein? --
  Da klappern die Strche im lustigsten Ton,
  sie nicken und knicksen und fliegen davon.




Begegnung.


  Was doch heut nacht ein Sturm gewesen,
  bis erst der Morgen sich geregt!
  Wie hat der ungebetne Besen
  Kamin und Gassen ausgefegt!

  Da kommt ein Mdchen schon die Straen,
  das halb verschchtert um sich sieht;
  wie Rosen, die der Wind zerblasen,
  so unstet ihr Gesichtchen glht.

  Ein schner Bursch tritt ihr entgegen,
  er will ihr voll Entzcken nahn:
  Wie sehn sich freudig und verlegen
  die ungewohnten Schelme an!

  Er scheint zu fragen, ob das Liebchen
  die Zpfe schon zurecht gemacht,
  die heute nacht im offnen Stbchen
  ein Sturm in Unordnung gebracht.

  Der Bursche trumt noch von den Kssen,
  die ihm das se Kind getauscht,
  er steht, von Anmut hingerissen,
  derweil sie um die Ecke rauscht.




In der Frhe.


  Kein Schlaf noch khlt das Auge mir,
  dort gehet schon der Tag herfr
  an meinem Kammerfenster.
  Es whlet mein verstrter Sinn
  noch zwischen Zweifeln her und hin
  und schaffet Nachtgespenster.
  -- ngste, qule
  dich nicht lnger, meine Seele!
  Freu' dich! schon sind da und dorten
  Morgenglocken wach geworden.




Um Mitternacht.


  Gelassen stieg die Nacht ans Land,
  lehnt trumend an der Berge Wand;
  ihr Auge sieht die goldne Wage nun
  der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
    Und kecker rauschen die Quellen hervor,
    sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
      vom Tage,
    vom heute gewesenen Tage.

  Das uralt alte Schlummerlied,
  sie achtet's nicht, sie ist es md';
  ihr klingt des Himmels Blue ser noch,
  der flcht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch.
    Doch immer behalten die Quellen das Wort,
    es singen die Wasser im Schlafe noch fort
      vom Tage,
    vom heute gewesenen Tage.

[Illustration]




Gesang zu zweien in der Nacht.


    _Sie._

  Wie s der Nachtwind nun die Wiese streift
  und klingend jetzt den jungen Hain durchluft!
  Da noch der freche Tag verstummt,
  hrt man der Erdenkrfte flsterndes Gedrnge,
  das aufwrts in die zrtlichen Gesnge
  der reingestimmten Lfte summt.

    _Er._

  Vernehm' ich doch die wunderbarsten Stimmen,
  vom lauen Wind wollstig hingeschleift,
  indes, mit ungewissem Licht gestreift,
  der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen.

    _Sie._

  Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal,
  durchsichtiger und heller aufzuwehen;
  dazwischen hrt man weiche Tne gehen
  von sel'gen Feen, die im blauen Saal
  zum Sphrenklang,
  und fleiig mit Gesang,
  silberne Spindeln hin und wieder drehen.

    _Er._

  O holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt
  auf schwarzem Samt, der nur am Tage grnet,
  und luftig schwirrender Musik bedienet
  sich nun dein Fu zum leichten Schritt,
  womit du Stund' um Stunde missest,
  dich lieblich in dir selbst vergissest --
  du schwrmst, es schwrmt der Schpfung Seele mit!




[Illustration]

Josephine.


  Das Hochamt war. Der Morgensonne Blick
  glomm wunderbar im sen Weihrauchscheine;
  der Priester schwieg; nun brauste die Musik
  vom Chor herab zur Tiefe der Gemeine.
  So strzt ein sonnetrunkner Aar
  vom Himmel sich mit herrlichem Gefieder,
  so lt Jehovens Mantel unsichtbar
  sich strmend aus den Wolken nieder.

  Dazwischen hrt' ich eine Stimme wehen,
  die sanft den Sturm der Chre unterbrach;
  sie schmiegte sich mit schwesterlichem Flehen
  dem s verwandten Ton der Flte nach.

  Wer ist's, der diese Himmelsklnge schickt?
  Das Mdchen dort, das so bescheiden blickt.
  Ich eile sachte auf die Galerie;
  zwar klopft mein Herz, doch tret' ich hinter sie.
  Hier konnt' ich denn in unschuldsvoller Lust
  mit leiser Hand ihr festlich Kleid berhren,
  ich konnte still, ihr selber unbewut,
  die nahe Regung ihres Wesens spren.

  Doch, welch ein Blick und welche Miene,
  als ich das Wort nun endlich nahm
  und nun der Name Josephine
  mir herzlich auf die Lippen kam!
  Welch zages Spiel die braunen Augen hatten!
  Wie barg sich unterm tiefgesenkten Schatten
  der Wimper gern die ros'ge Scham!

  Und wie der Mund, der eben im Gesang
  die Gottheit noch auf seiner Schwelle hegte,
  sich von der Tne heil'gem berschwang
  zu mir mit schlichter Rede herbewegte!

  O dieser Ton -- ich fhlt' es nur zu bald,
  schlich sich ins Herz und macht' es tief erkranken;
  ich stehe wie ein Trumer in Gedanken,
  indes die Orgel nun verhallt,
  die Sngerin vorberwallt,
  die Kirche aufbricht und die Kerzen wanken.




Peregrina.


  Ein Irrsal kam in die Mondscheingrten
  einer einst heiligen Liebe.
  Schaudernd entdeckt' ich verjhrten Betrug.
  Und mit weinendem Blick, doch grausam,
  hie ich das schlanke,
  zauberhafte Mdchen
  ferne gehen von mir.
  Ach, ihre hohe Stirn
  war gesenkt, denn sie liebte mich;
  aber sie zog mit Schweigen
  fort in die graue
  Welt hinaus.

  Krank seitdem,
  wund ist und wehe mein Herz.
  Nimmer wird es genesen!

  Als ginge, luftgesponnen, ein Zauberfaden
  von ihr zu mir, ein ngstig Band,
  so zieht es, zieht mich schmachtend ihr nach!
  -- Wie? wenn ich eines Tags auf meiner Schwelle
  sie sitzen fnde, wie einst, im Morgenzwielicht,
  das Wanderbndel neben ihr,
  und ihr Auge, treuherzig zu mir aufschauend,
  sagte: Da bin ich wieder
  hergekommen aus weiter Welt!




[Illustration]

Das verlassene Mgdlein.


  Frh, wann die Hhne krhn,
  eh' die Sternlein verschwinden,
  mu ich am Herde stehn,
  mu Feuer znden.

  Schn ist der Flammen Schein,
  es springen die Funken;
  ich schaue so drein,
  in Leid versunken.

  Pltzlich, da kommt es mir,
  treuloser Knabe,
  da ich die Nacht von dir
  getrumet habe.

  Trne auf Trne dann
  strzet hernieder;
  so kommt der Tag heran --
  o ging' er wieder!




Agnes.


  Rosenzeit! wie schnell vorbei,
      schnell vorbei
  bist du doch gegangen!
  Wr' mein Lieb nur blieben treu,
      blieben treu,
  sollte mir nicht bangen.

  Um die Ernte wohlgemut,
      wohlgemut
  Schnitterinnen singen.
  Aber ach! mir kranken Blut,
      mir kranken Blut
  will nichts mehr gelingen.

  Schleiche so durchs Wiesental,
      so durchs Tal
  als im Traum verloren,
  Nach dem Berg, da tausendmal,
      tausendmal,
  er mir Treu' geschworen.

  Oben auf des Hgels Rand,
      abgewandt,
  wein' ich bei der Linde;
  an dem Hut mein Rosenband,
      von seiner Hand,
  spielet in dem Winde.




An eine olsharfe.


  Angelehnt an die Efeuwand
  dieser alten Terrasse,
  du, einer lustgebornen Muse
  geheimnisvolles Saitenspiel,
  fang' an,
  fange wieder an
  deine melodische Klage!

  Ihr kommet, Winde, fern herber,
  ach! von des Knaben,
  der mir so lieb war,
  frisch grnendem Hgel.
  Und Frhlingsblten unterweges streifend,
  bersttigt mit Wohlgerchen,
  wie s bedrngt ihr dies Herz!
  Und suselt her in die Saiten,
  angezogen von wohllautender Wehmut,
  wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
  und hinsterbend wieder.

  Aber auf einmal,
  wie der Wind heftiger herstt,
  ein holder Schrei der Harfe
  wiederholt, mir zu sem Erschrecken,
  meiner Seele pltzliche Regung;
  und hier -- die volle Rose streut, geschttelt,
  all' ihre Bltter vor meine Fe!




Gesang Weylas.


  Du bist Orplid, mein Land!
  Das ferne leuchtet;
  vom Meere dampfet dein besonnter Strand
  den Nebel, so der Gtter Wange feuchtet.

  Uralte Wasser steigen
  verjngt um deine Hften, Kind!
  vor deiner Gottheit beugen
  sich Knige, die deine Wrter sind.

[Illustration]




[Illustration]

Heimweh.


  Anders wird die Welt mit jedem Schritt,
  den ich weiter von der Liebsten mache;
  mein Herz, das will nicht weiter mit.
  Hier scheint die Sonne kalt ins Land,
  hier deucht mir alles unbekannt,
  sogar die Blumen am Bache!
  Hat jede Sache
  so fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht.
  Das Bchlein murmelt wohl und spricht:
  Armer Knabe, komm bei mir vorber,
  siehst auch hier Vergimeinnicht!
  -- Ja, die sind schn an jedem Ort,
  aber nicht wie dort!
  Fort, nur fort!
  Die Augen gehn mir ber!




Auf einer Wanderung.


  In ein freundliches Stdtchen tret' ich ein,
  in den Straen liegt roter Abendschein.
  Aus einem offnen Fenster eben,
  ber den reichsten Blumenflor
  hinweg, hrt man Goldglockentne schweben,
  und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor,
  da die Blten beben,
  da die Lfte leben,
  da in hherem Rot die Rosen leuchten vor.

  Lang' hielt ich staunend, lustbeklommen.
  Wie ich hinaus vors Tor gekommen,
  ich wei es wahrlich selber nicht.
  Ach hier, wie liegt die Welt so licht!
  Der Himmel wogt in purpurnem Gewhle,
  rckwrts die Stadt in goldnem Rauch;
  Wie rauscht der Erlenbach, wie rauscht im Grund die Mhle!
  Ich bin wie trunken, irregefhrt, --
  o Muse, du hast mein Herz berhrt
  mit einem Liebeshauch!




[Illustration]

Auf eine Christblume.


    1.

  Tochter des Walds, du Lilienverwandte,
  so lang' von mir gesuchte, unbekannte,
  im fremden Kirchhof, d' und winterlich,
  zum erstenmal, o schne, find' ich dich!

  Von welcher Hand gepflegt du hier erblhtest,
  ich wei es nicht, noch wessen Grab du htest;
  ist es ein Jngling, so geschah ihm Heil,
  ist's eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Teil.

  Im ncht'gen Hain, von Schneelicht berbreitet,
  wo fromm das Reh an dir vorberweidet,
  bei der Kapelle, am kristallnen Teich,
  dort sucht' ich deiner Heimat Zauberreich.

  Schn bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne;
  dir wre tdlich andrer Blumen Wonne,
  dich nhrt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,
  himmlischer Klte balsamse Luft.

  In deines Busens goldner Flle grndet
  ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkndet;
  so duftete, berhrt von Engelshand,
  der benedeiten Mutter Brautgewand.

  Dich wrden, mahnend an das heil'ge Leiden,
  fnf Purpurtropfen schn und einzig kleiden:
  Doch kindlich zierst du um die Weihnachtzeit
  lichtgrn mit einem Hauch dein weies Kleid.

  Der Elfe, der in mitterncht'ger Stunde
  zum Tanze geht im lichterhellen Grunde,
  vor deiner mystischen Glorie steht er scheu
  neugierig still von fern und huscht vorbei.


    2.

  Im Winterboden schlft, ein Blumenkeim,
  der Schmetterling, der einst um Busch und Hgel
  in Frhlingsnchten wiegt' den samtnen Flgel;
  nie soll er kosten deinen Honigseim.

  Wer aber wei, ob nicht sein zarter Geist,
  wenn jede Zier des Sommers hingesunken,
  dereinst, von deinem leisen Dufte trunken,
  mir unsichtbar, dich blhende umkreist?




An meine Mutter.


  Siehe, von allen den Liedern nicht eines gilt dir, o Mutter!
    Dich zu preisen, o glaub's, bin ich zu arm und zu reich.
  Ein noch ungesungenes Lied ruhst du mir im Busen,
    keinem vernehmbar sonst, mich nur zu trsten bestimmt,
  wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam
    seines himmlischen Teils bleibenden Frieden bedenkt.




Historie von der schnen Lau


Der Blautopf ist der groe runde Kessel eines wundersamen Quells bei
einer jhen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er
ein Flchen aus, die Blau, welche der Donau zufllt. Dieser Teich ist
einwrts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau,
sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber
schpft, sieht es ganz hell in dem Gef.

Zu unterst auf dem Grund sa ehemals eine Wasserfrau mit langen
flieenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schnen,
natrlichen Weibs, dies eine ausgenommen, da sie zwischen den Fingern
und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blhwei und zrter als ein Blatt
vom Mohn. Im Stdtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein
Frauenkloster, hernach zu einer groen Wirtschaft eingerichtet, und
hie darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein
Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich
in den Farben. Da hatte sie die Hnde kreuzweis auf die Brust gelegt,
ihr Angesicht sah weilich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber,
welche sehr gro waren, blau. Beim Volk hie sie die arge Lau im Topf,
auch wohl die schne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald
bse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen bergehen lie,
kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die Brger in einem
feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu begtigen, als: Gold- und
Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andre Dinge,
dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch und Gtzendienst, die
Mnche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt
worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war, geschah es doch
nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drben schlug und kein
Mensch in der Nhe war, da sie am lichten Tag mit halbem Leib
heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von
breiten Blttern auf dem Kopf und auch dergleichen um den Hals.

[Illustration]

Ein frecher Hirtenjung' belauschte sie einmal in dem Gebsch und rief:
Hei, Laubfrosch! git's guat Wetter? Geschwinder als ein Blitz und
giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim
Schopf und ri ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie
den ohnmchtig Gewordenen jmmerlich verschmachten und verfaulen
lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Tr und kam,
ber Stufen und Gnge, durch viele Gemcher in einen schnen Saal.
Hier war es lieblich, glusam mitten im Winter. In einer Ecke brannte,
indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen
Leuchter mit goldenen Vogelfen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand
viel kstlicher Hausrat herum an den Wnden, und diese waren samt dem
Estrich ganz mit Teppichen staffiert, Bildweberei in allen Farben. Der
Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile
um, was er noch sonst erwischen mchte, und griff aus einem Schrank
etwas heraus, das stak in einem Beutel und war mchtig schwer,
deswegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes
Pfrtlein, das mochte in der Dicke gut zwo Fuste sein, schob die
Riegel zurck und stieg eine steinerne Treppe hinauf in
unterschiedlichen Abstzen, bald links, bald wieder rechts, gewi
vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf ungerumte
Klfte stie; da mute er das Licht dahinten lassen und kletterte so
mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern hin und
her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es war
tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Irregehen
endlich mit der ersten Morgenhelle auf gnge Pfade kam und von dem
Felsen aus das Stdtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu
sehen, was in dem Beutel wre; da war es weiter nichts als ein Stck
Blei, ein schwerer Kegel, spannenlang, mit einem hr an seinem obern
Ende, wei vor Alter. Im Zorn warf er den Plunder weg, ins Tal hinab,
und sagte nachher weiter niemand von dem Raub, weil er sich dessen
schmte. Doch kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der
Wasserfrau unter die Leute.

Nun ist zu wissen, da die schne Lau nicht hier am Ort zu Hause war;
vielmehr war sie, als eine Frstentochter, und zwar, von Mutterseiten
her halbmenschlichen Geblts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen
Meer vermhlt. Ihr Mann verbannte sie, darum, da sie nur tote Kinder
hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war, ohn' einige besondere
Ursach'. Die Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie mge eher nicht
eines lebenden Kindes genesen, als bis sie fnfmal von Herzen gelacht
haben wrde. Beim fnften Male mte etwas sein, das drfe sie nicht
wissen, noch auch der alte Nix. Es wollte aber damit niemals glcken,
soviel auch ihre Leute deshalb Flei anwendeten; endlich da mochte sie
der alte Knig ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an
diesen Ort, unweit der obern Donau, wo seine Schwester wohnte. Die
Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche
Kammerzofen und Mgde mitgegeben, so muntere und kluge Mdchen, als je
auf Entenfen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der
Wasserweiber ist, hat rechte Entenfe); die zogen sie, pur fr die
Langeweile, sechsmal des Tages anders an -- denn auerhalb dem Wasser
ging sie in kstlichen Gewndern, doch barfu --, erzhlten ihr alte
Geschichten und Mren, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr.
An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der Frstin ihr Gaden
oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da
lag sie manchen lieben Tag und manche Sommernacht, der Khlung wegen.
Auch hatte sie allerlei lustige Tiere, wie Vgel, Kllhasen und Affen,
vornehmlich aber einen possigen Zwerg, durch welchen vormals einem Ohm
der Frstin war von ebensolcher Traurigkeit geholfen worden. Sie
spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel oder Schaf und Wolf mit
ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die raresten
Gesichter, keines dem andern gleich, nein, immer eines rger als das
andere, da auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten htte,
geschweige denn die Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin,
wrst du dabei gewesen; nur bei der schnen Lau schlug eben gar nichts
an, kaum da sie ein paarmal den Mund verzog.

Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an
der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern:

  Wer pochet, da einem das Herz erschrickt?

Und jene sprachen:

  Der Knig schickt!
  Gebt uns wahrhaftigen Bescheid,
  was Guts ihr habt geschafft die Zeit.

Und sie sagten:

  Wir haben die ferndigen[1] Lieder gesungen
  und haben die ferndigen Tnze gesprungen,
  gewonnen war es um ein Haar! --
  Kommt, liebe Herren, bers Jahr.

  [1] vom vorigen.

So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und
darnach stets noch einmal so traurig.

Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes
Biederweib, christlich, leutselig, gtig; zumal an armen reisenden
Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft
fhrte zumeist ihr ltster Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein
anderer, Xaver, war Klosterkoch, zwo Tchter noch bei ihr. Sie hatte
einen kleinen Kchengarten vor der Stadt, dem Topf zunchst. Als sie
im Frhjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete
richtete, den Kappis[2], den Salat zu sen, Bohnen und Zwiebel zu
stecken, besah sie sich von ungefhr auch einmal recht mit
Wohlgefallen wieder das schne blaue Wasser berm Zaun und mit Verdru
daneben einen alten garstigen Schutthgel, der schndete den ganzen
Platz; nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das
Gartentrlein hinter sich zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, ri
flink das grbste Unkraut aus, erlas etliche Krbiskern' aus ihrem
Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den Haufen. (Der Abt im
Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern sah -- man htte
sie nicht ber vierzig Jahr geschtzt, er selber aber war gleich ihr
ein starkbeleibter Herr -- stand just am Fenster oben und grte
herber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner
Widersacherin.) Die Wstung grnte nun den ganzen Sommer, da es eine
Freude war, und hingen dann im Herbst die groen gelben Krbis an den
Abhang nieder bis zu dem Teich.

  [2] Kohl.

Jetzt ging einstmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller,
woselbst sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem
steinernen Kasten befand. Beim Schein des Lichts erblickte sie darinne
mit Entsetzen die schne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser;
sprang voller Angst davon und sagt's der Mutter an; die frchtete sich
nicht und stieg allein hinunter, litt auch nicht, da ihr der Sohn zum
Schutz nachfolgte, weil das Weib nackt war.

Der wunderliche Gast sprach diesen Gru:

  Die Wasserfrau ist kommen
  gekrochen und geschwommen,
  durch Gnge steinig, wst und kraus,
  zur Wirtin in das Nonnenhaus,
  sie hat sich meinethalb gebckt,
  mein' Topf geschmckt
  mit Frchten und mit Ranken,
  das mu ich billig danken.

Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab
sie der Wirtin und sagte: Nehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu
meinem Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn jngsthin
habe ich gehrt, wie Ihr in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch
sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die Brger und Bauern zu
Unfrieden kmen und Mord und Totschlag zu befahren sei. Derhalben,
liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gste bei Tanz und Zeche Streit
beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der Tr des Saals
im hrn[3], da wird man hren durch das ganze Haus ein mchtiges und
herrliches Getne, da alle gleich die Fuste werden sinken lassen und
guter Dinge sein, denn jhlings ist ein jeder nchtern und gescheit
geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Schrze auf den Topf, da
wickelt er sich alsbald ein und lieget stille.

  [3] Hausflur.

[Illustration]

So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergngt das Kleinod samt
der goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihrer Tochter
Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfa an der Staffel), wies ihr
die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang wr',
freundlich ein zu fernerem Besuch, darauf das Weib hinabfuhr und
verschwand.

Es dauerte nicht lang', so wurde offenbar, welch einen Schatz die
Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, da er durch seine
Kraft und hohe Tugend die beln Hndel allezeit in einer Krze
dmpfte, er brachte auch dem Gasthaus bald erstaunliche Einkehr
zuwege. Wer in die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb';
insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und
etliche groe Prlaten; ja ein berhmter Herzog aus Lombardenland, so
bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach
Frankreich reiste, bot vieles Geld fr dieses Stck, wenn es die
Wirtin lassen wollte. Gewi auch war in keinem andern Land
seinesgleichen zu sehn und zu hren. Erst, wenn er anhub, sich zu
drehen, ging es doucement her, dann klang es strker und strker, so
hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der Schall von vielen
Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter das Dach
und bis in den Keller, dergestalt, da alle Wnde, Dielen, Sulen und
Gelnder schienen davon erfllt zu sein, zu tnen und zu schwellen.
Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmchtig lag, so
hrte gleichwohl die Musik so bald nicht auf, es zog vielmehr der
ausgeladene Schwall mit starken Klingen, Drhnen, Summen noch wohl bei
einer Viertelstunde hin und her.

Bei uns im Schwabenland heit so ein Topf aus Holz gemeinhin eine
Habergeis; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Geschft
insgemein genannt der Bauren-Schwaiger. Er war gemacht aus einem
groen Amethyst, des Name besagen will: wider den Trunk, weil er den
schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon
von Anbeginn dawider tut, da einen guten Zecher das Selige berhre;
darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst hufig pflegten am
Finger zu tragen.

Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft
zwischen der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten lie, oben
im Haus, mit einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen,
damit sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und
mehr zutunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter samt den Tchtern
und der Shnerin.

Einstmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gste kamen,
der Sohn mit den Knechten und Mgden hinaus in das Heu gefahren war,
Frau Betha mit der ltesten im Keller Wein ablie, die Lau im Brunnen
aber Kurzweil halben dem Geschft zusah und nun die Frauen noch ein
wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an: Mgt Ihr Euch denn
einmal in meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta knnte Euch etwas von
Kleidern geben; ihr seid von einer Gre.

Ja, sagte sie, ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen
sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch
wie Eure Tchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege
schwenken.

Da lief die Tochter frhlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu
holen, bracht' es und half ihr aus dem Kasten steigen, das tat sie
sonder Mhe und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch
um den Leib und fhrte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf
in der hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Falltr oben
gleich in der Tchter Kammer gelangt. Allda lie sie sich trocken
machen und sa auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Fe abrieb. Wie
diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr sie zurck und kicherte. War's
nicht gelacht? frug sie selber sogleich. -- Was anders? rief das
Mdchen und jauchzte: Gebenedeiet sei uns der Tag! ein erstes Mal
wr' es geglckt! -- Die Wirtin hrte in der Kche das Gelchter und
die Freude, kam herein, begierig, wie es zugegangen, doch als sie die
Ursach' vernommen -- du armer Tropf, so dachte sie, das wird ja
schwerlich gelten! -- lie sich indes nichts merken, und Jutte nahm
etliche Stcke heraus aus dem Schrank, das Beste, was sie hatte, die
Hausfreundin zu kleiden. Seht, sagte die Mutter: Sie will wohl aus
Euch eine Susann Preisnestel machen. -- Nein, rief die Lau in ihrer
Frhlichkeit, la mich die Aschengruttel sein in deinem Mrchen! --
nahm einen schlechten runden Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh
noch Strmpfe litt sie an den Fen, auch hingen ihre Haare ungezpft
bis auf die Knchel nieder. So strich sie durch das Haus von unten bis
zu oberst, durch Kche, Stuben und Gemcher. Sie verwunderte sich des
gemeinsten Gertes und seines Gebrauchs, besah den reingefegten
Schenktisch und darber in langen Reihen die zinnenen Kannen und
Glser, alle gleich gestrzt, mit hngendem Deckel, dazu den kupfernen
Schwenkkessel samt der Brste und mitten in der Stube an der Decke der
Weber Zunftgeschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem
Kstlein von Glas. Von ungefhr erblickte sie ihr eigen Bild im
Spiegel, davor blieb sie betroffen und erstockt eine ganze Weile
stehn, und als darauf die Shnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr
ein neues Spiegelein, drei Groschen wert, verehrte, da meinte sie
Wunders zu haben; denn unter allen ihren Schtzen fand sich
dergleichen nicht.

Bevor sie aber Abschied nahm, geschah's, da sie hinter den Vorhang
des Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett
sowie der Kinder Schlafsttte war. Sa da ein Enkelein mit
rotgeschlafenen Backen, hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem
runden Sthlchen von guter Ulmer Hafnerarbeit, grnverglaset. Das
wollte dem Gast auer Maen gefallen; sie nannte es einen viel
zierlichen Sitz, rmpft' aber die Nase mit eins, und da die drei
Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte sie etwas und fing auch hell
zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie
sprach: Diesmal frwahr hat es gegolten, und Gott schenk' Euch so
einen frischen Buben, als mein Hans da ist!

[Illustration]

Die Nacht darauf, da sich dies zugetragen, legte sich die schne Lau
getrost und wohlgemut, wie schon in langen Jahren nicht, im Grund des
Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein
nrrischer Traum.

Ihr deuchte da, es war die Stunde nach Mittag, wo in der heien
Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und mhen, die Mnche aber
sich in ihren khlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so
still im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch
nicht lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa
die Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber sa als eine dicke
Wasserfrau mit langen Haaren in dem Topf, allwo der Abt sie bald
entdeckte, sie begrte und ihr einen Ku gab, so mchtig, da es vom
Klostertrmlein widerschallte, und schallte es der Turm ans
Refektorium, das sagt' es der Kirche, und die sagt's dem Pferdstall,
und der sagt's dem Fischhaus, und das sagt's dem Waschhaus, und im
Waschhaus, da riefen's die Zuber und Kbel sich zu. Der Abt erschrak
bei solchem Lrm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin bckte, sein
Kpplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind, und er
watschelte hurtig davon.

Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es
gebe. Er hatte einen langen weien Bart und einen roten Rock. Und frug
den Abt, der ihm just in die Hnde lief:

[Illustration]

  Herr Abt, wie ward Euer Kpplein so na?

Und er antwortete:

  Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen,
  vor dem hab' ich Reiaus genommen;
  ich rannte sehr und schwitzet' ba.
  Davon ward wohl mein Kpplein so na.

Da hob unser Herrgott, unwirs ob der Lge, seinen Finger auf, winkt'
ihm und ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch einmal
nach der Frau Wirtin um, und diese rief: Ach liebe Zeit, ach liebe
Zeit, jetzt kommt der gut' alt' Herr in die Prison!

Dies war der schnen Lau ihr Traum. Sie wute aber beim Erwachen und
sprte noch an ihrem Herzen, da sie im Schlaf sehr lachte, und ihr
hpfte noch wachend die Brust, da der Blautopf oben Ringlein schlug.

Weil es den Tag zuvor sehr schwl gewesen, so blitzte es jetzt in der
Nacht. Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch sprte sie am
Boden, es donnere weitweg. So blieb sie mit zufriedenem Gemte noch
eine Weile ruhen, den Kopf in ihre Hand gesttzt, und sah dem
Wetterblicken zu. Nun stieg sie auf, zu wissen, ob der Morgen etwa
komme; allein es war noch nicht viel ber Mitternacht. Der Mond stand
glatt und schn ber dem Rusenschlo, die Lfte aber waren voll vom
Wrzgeruch der Mahden.

Sie meinte fast die Geduld nicht zu haben bis an die Stunde, wo sie im
Nonnenhof ihr neues Glck verknden durfte, ja wenig fehlte, da sie
sich jetzt nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas Tre kam
(wie sie nur einmal, Trostes wegen, in bergroem Jammer nach der
jngsten Botschaft aus der Heimat tat), doch sie besann sich anders
und ging zu besserer Zeit.

Frau Betha hrte ihren Traum gutmtig an, obwohl er ihr ein wenig
ehrenrhrig schien. Bedenklich aber sagte sie darauf: Baut nicht auf
solches Lachen, das im Schlaf geschah; der Teufel ist ein Schelm. Wenn
Ihr auf solches Trugwerk hin die Boten mit frhlicher Zeitung
entlieet und die Zukunft strafte Euch Lgen, es knnte schlimm daheim
ergehen.

Auf diese ihre Rede hing die schne Lau den Mund gar sehr und sagte:
Frau Ahne hat der Traum verdrossen! -- nahm kleinlauten Abschied
und tauchte hinunter.

Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem
Bruder Kellermeister eifrig zu: Ich merk', es ist im Gumpen letz! die
Arge will Euch Eure Fa wohl wieder einmal schwimmen lehren. Tut Eure
Lden eilig zu, vermachet alles wohl!

Nun aber war des Klosters Koch, der Wirtin Sohn, ein lustiger Vogel,
welchen die Lau wohl leiden mochte. Der dachte ihren Jst[4] mit einem
Schnak zu stillen, lief nach seiner Kammer, zog die Bettscher' aus der
Lagersttte und steckte sie am Blautopf in den Rasen, wo das Wasser
auszutreten pflegte, und stellte sich mit Worten und Gebrden als
einen vielgetreuen Diener an, der mchtig ngsten htte, da seine
Herrschaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden nehmen mchte. Da sie
nun sah das Holz so recht mit Flei gesteckt und ber das Bchlein
gespreizt, kam ihr in ihrem Zorn das Lachen an, und lachte berlaut,
da man's im Klostergarten hrte.

  [4] Zorn.

Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wuten sie es schon vom
Koch und wnschten ihr mit tausend Freuden Glck. Die Wirtin sagte:
Der Xaver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberklaus,
jetzt kommt uns seine Torheit zustatten.

Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum, es wollte sich zum
dritten- oder viertenmal nicht wieder schicken. Martini war vorbei,
noch wenig Wochen, und die Boten standen wieder vor der Tr. Da ward
es den guten Wirtsleuten selbst bang, ob heuer noch etwas zustande
kme, und alle hatten nur zu trsten an der Frau. Je grer deren
Angst, je weniger zu hoffen war.

Damit sie ihres Kummers eher vergesse, lud ihr Frau Betha einen
Lichtkarz ein, da nach dem Abendessen ein halb Dutzend muntre Dirnen
und Weiber aus der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube mit ihren
Kunkeln sich zusammensetzten. Die Lau kam alle Abend in Juttas altem
Rock und Kittel und lie sich weit vom warmen Ofen weg in einem Winkel
auf den Boden nieder und hrte dem Geplauder zu, von Anfang als ein
stummer Gast, ward aber bald zutraulich und bekannt mit allen. Um
ihretwillen machte sich Frau Betha eines Abends ein Geschft daraus,
ihr Weihnachtskripplein fr die Enkel beizeiten herzurichten: die
Mutter Gottes mit dem Kind im Stall, bei ihr die drei Weisen aus
Morgenland, ein jeder mit seinem Kamel, darauf er hergereist kam und
seine Gaben brachte. Dies alles aufzuputzen und zu leimen, was etwa
lotter war, sa die Frau Wirtin an dem Tisch beim Licht mit ihrer
Brille, und die Wasserfrau mit hchlichem Ergtzen sah ihr zu, sowie
sie auch gerne vernahm, was ihr von heiligen Geschichten dabei gesagt
wurde, doch nicht, da sie dieselben dem rechten Verstand nach
begriff oder zu Herzen nahm, wie gern auch die Wirtin es wollte.

[Illustration]

Frau Betha wute ferner viel lehrreicher Fabeln und Denkreime, auch
spitzweise Fragen und Rtsel; die gab sie nacheinander auf zu raten,
weil sonderlich die Wasserfrau von Hause aus dergleichen liebte und
immer gar zufrieden schien, wenn sie es ein und das andre Mal traf
(das doch nicht allzu leicht geriet). Eines derselben gefiel ihr vor
allen, und was damit gemeint ist, nannte sie ohne Besinnen:

  Ich bin eine drre Knigin,
  trag' auf dem Haupt eine zierliche Kron',
  und die mir dienen mit treuem Sinn,
  die haben groen Lohn.

  Meine Frauen mssen mich schn frisiern,
  erzhlen mir Mrlein ohne Zahl,
  sie lassen kein einzig Haar an mir,
  doch siehst du mich nimmer kahl.

  Spazieren fahr' ich frank und frei,
  das geht so rasch, das geht so fein;
  nur komm' ich nicht vom Platz dabei --
  sagt, Leute, was mag das sein?

Darber sagte sie, in etwas frhlicher denn zuvor: Wenn ich
dereinstens wiederum in meiner Heimat bin und kommt einmal ein
schwbisch Landeskind, zumal aus eurer Stadt, auf einer Kriegsfahrt
oder sonst durch der Walachen Land an unsere Gestade, so ruf' er mich
bei Namen, dort wo der Strom am breitesten hineingeht in das Meer --
versteht, zehn Meilen einwrts in dieselbe See erstreckt sich meines
Mannes Reich, soweit das se Wasser sie mit seiner Farbe frbt --,
dann will ich kommen und dem Fremdling zu Rat und Hilfe sein. Damit er
aber sicher sei, ob ich es bin und keine andere, die ihm schaden
mchte, so stelle er dies Rtsel. Niemand aus unserem Geschlechte
auer mir wird ihm darauf antworten, denn dortzuland sind solche
Rocken und Rdlein, als ihr in Schwaben fhret, nicht gesehn, noch
kennen sie dort eure Sprache; darum mag dies die Losung sein.

Auf einen andern Abend ward erzhlt vom Doktor Veylland und Herrn
Konrad von Wirtemberg, dem alten Gaugrafen, in dessen Tagen es noch
keine Stadt mit Namen Stuttgart gab. Im Wiesental, da wo dieselbe sich
nachmals erhob, stund nur ein stattliches Schlo mit Wassergraben und
Zugbrcke, von Bruno, dem Domherrn von Speyer, Konradens Oheim,
erbaut, und nicht gar weit davon ein hohes steinernes Haus. In diesem
wohnte dazumal mit einem alten Diener ganz allein ein sonderlicher
Mann, der war in natrlicher Kunst und in Arzneikunst sehr gelehrt und
war mit seinem Herrn, dem Grafen, weit in der Welt herumgereist, in
heien Lndern, von wo er manche Seltsamkeit an Tieren, vielerlei
Gewchsen und Meerwundern heraus nach Schwaben brachte. In seinem hrn
sah man der fremden Sachen eine Menge an den Wnden herum hangen: die
Haut vom Krokodil sowie Schlangen und fliegende Fische. Fast alle
Wochen kam der Graf einmal zu ihm; mit andern Leuten pflegte er wenig
Gemeinschaft. Man wollte behaupten, er mache Gold; gewi ist, da er
sich unsichtbar machen konnte, denn er verwahrte unter seinem Kram
einen Krackenfischzahn. Einst nmlich, als er auf dem Roten Meer das
Bleilot niederlie, die Tiefe zu erforschen, da zockt' es unterm
Wasser, da das Tau fast ri. Es hatte sich ein Krackenfisch im Lot
verbissen und zween seiner Zhne darinne gelassen. Sie sind wie eine
Schustersahle spitz und glnzend schwarz. Der eine stak sehr fest, der
andre lie sich leicht ausziehen. Da nun ein solcher Zahn, etwa in
Silber oder Gold gefat und bei sich getragen, besagte hohe Kraft
besitzt und zu den grten Gtern, so man fr Geld nicht haben kann,
gehrt, der Doktor aber dafr hielt, es zieme eine solche Gabe niemand
besser als einem weisen und wohldenkenden Gebieter, damit er berall,
in seinen eigenen und Feindes Landen, sein Ohr und Auge habe, so gab
er einen dieser Zhne seinem Grafen, wie er ja ohnedem wohl schuldig
war, mit Anzeigung von dessen Heimlichkeit, davon der Herr nichts
wute. Von diesem Tage an erzeigte sich der Graf dem Doktor gndiger
als allen seinen Edelleuten oder Rten und hielt ihn recht als seinen
lieben Freund, lie ihm auch gern und sonder Neid das Lot zu eigen,
darin der andere Zahn war, doch unter dem Gelbnis, sich dessen ohne
Not nicht zu bedienen, auch ihn vor seinem Ableben entweder ihm, dem
Grafen, erblich zu verlassen oder auf alle Weise der Welt zu
entrcken, wo nicht ihn gnzlich zu vertilgen. Der edle Graf starb
aber um zwei Jahre eher als der Veylland und hinterlie das Kleinod
seinen Shnen nicht; man glaubt, aus Gottesfurcht und weisem
Vorbedacht hab' er's mit in das Grab genommen oder sonst verborgen.

Wie nun der Doktor auch am Sterben lag, so rief er seinen treuen
Diener Kurt zu ihm ans Bett und sagte: Lieber Kurt! Es gehet diese
Nacht mit mir zu Ende, so will ich dir noch deine guten Dienste danken
und etliche Dinge befehlen. Dort bei den Bchern, in dem Fach zu
unterst in der Ecke, ist ein Beutel mit hundert Imperialen, den nimm
sogleich zu dir; du wirst auf Lebenszeit genug daran haben. Zum
zweiten, das alte geschriebene Buch in dem Kstlein daselbst verbrenne
jetzt vor meinen Augen hier in dem Kamin. Zum dritten findest du ein
Bleilot dort, das nimm, verbirg's bei deinen Sachen, und wenn du aus
dem Hause gehst in deine Heimat, gen Blaubeuren, la es dein erstes
sein, da du es in den Blautopf wirfst. -- Hiermit war er darauf
bedacht, da es, ohne Gottes besondere Fgung, in ewigen Zeiten nicht
in irgendeines Menschen Hnde komme. Denn damals hatte sich die Lau
noch nie im Blautopf blicken lassen und hielt man selben berdies fr
unergrndlich.

Nachdem der gute Diener jenes alles teils auf der Stelle ausgerichtet,
teils versprochen, nahm er mit Trnen Abschied von dem Doktor, welcher
vor Tage noch das Zeitliche gesegnete.

Als nachher die Gerichtspersonen kamen und allen kleinen Quark
aussuchten und versiegelten, da hatte Kurt das Bleilot zwar beiseit'
gebracht, den Beutel aber nicht versteckt, denn er war keiner von den
Schlauesten, und mute ihn da lassen, bekam auch nach der Hand nicht
einen Deut davon zu sehen, kaum da die schnden Erben ihm den
Jahreslohn auszahlten.

Solch Unglck ahnete ihm schon, als er, auch ohnedem betrbt genug,
mit seinem Bndelein in seiner Vaterstadt einzog. Jetzt dachte er an
nichts, als seines Herrn Befehl vor allen Dingen zu vollziehen. Weil
er seit dreiundzwanzig Jahren nimmer hier gewesen, so kannte er die
Leute nicht, die ihm begegneten, und da er gleichwohl einem und dem
andern Guten Abend sagte, gab's ihm niemand zurck. Die Leute schauten
sich, wenn er vorberkam, verwundert an den Husern um, wer doch da
gegrt haben mchte, denn keines erblickte den Mann. Dies kam, weil
ihm das Lot in seinem Bndel auf der linken Seite hing; ein andermal,
wenn er es rechts trug, war er von allen gesehen. Er aber sprach fr
sich: Zu meiner Zeit sind dia Blaubeuramar so grob ett gw[5].

  [5] Nicht gewesen.

Vom Blautopf fand er seinen Vetter, den Seilermeister, mit dem Jungen
am Geschft, indem er lngs der Klostermauer, rckwrts gehend, Werg
aus seiner Schrze spann, und weiterhin der Knabe trillte die Schnur
mit dem Rad. -- Gott gra di Vetter Seiler! rief der Kurt und
klopft' ihm auf die Achsel. Der Meister guckt sich um, verblat, lt
seine Arbeit aus den Hnden fallen und lauft, was seine Beine mgen.
Da lachte der andere, sprechend: Der denkt, mei' Seel, i wandele
geistweis! D'Leut hant g'wi mi fr tot hia g'sagt, anstatt mein'
Herra -- ei so schlag!

Jetzt ging er zu dem Teich, knpfte sein Bndel auf und zog das Lot
heraus. Da fiel ihm ein, er mchte doch auch wissen, ob es wahr sei,
da der Gumpen keinen Grund noch Boden habe (er wr' gern auch ein
wenig so ein Spiriguckes wie sein Herr gewesen), und weil er vorhin in
des Seilers Korb drei groe starke Schnrbund liegen sehn, so holte er
dieselben her und band das Lot an einen. Es lagen just auch
frischgebohrte Teichel[6], eine schwere Menge, in dem Wasser bis
gegen die Mitte des Topfs, darauf er sicher Posto fassen konnte, und
also lie er das Gewicht hinunter, indem er immer ein Stck Schnur an
seinem ausgestreckten Arm abma, drei solcher Lngen auf ein Klafter
rechnete und laut abzhlte: -- 1 Klafter, 2 Klafter, 3, 4, 5, 6, 7,
8, 9, 10; -- da ging der erste Schnurbund aus und mute er den
zweiten an das Ende knpfen, ma wiederum ab und zhlte bis auf 20. Da
war der andere Schnurbund gar. -- Heidaguguk, ist dees a Tiafe! --
und band den dritten an das Trumm, fuhr fort zu zhlen: 21, 22, 23,
24 -- Hll-Element, mei' Arm will nimme! -- 25, 26, 27, 28, 29, 30 --
Jetzet guat Nacht, 's Me hot a End! Do heit's halt, mir nex, dir
nex, rappede kappede, so isch usganga! -- Er schlang die Schnur,
bevor er aufzog, um das Holz, darauf er stand, ein wenig zu
verschnaufen, und urteilte bei sich: der Topf ist whrle bodalaus.

  [6] Wasserleitungsrhren.

[Illustration]

Indem der Spinnerinnen eine diesen Schwank erzhlte, tat die Wirtin
einen schlauen Blick zur Lau hinber, welche lchelte; denn freilich
wute sie am besten, wie es gegangen war mit dieser Messerei; doch
sagten beide nichts. Dem Leser aber soll es unverhalten sein.

Die schne Lau lag jenen Nachmittag auf dem Sand in der Tiefe, und,
ihr zu Fen, eine Kammerjungfer, Aleila, welche ihr die liebste war,
beschnitte ihr in guter Ruh die Zehen mit einer goldenen Schere, wie
von Zeit zu Zeit geschah.

Da kam hernieder langsam aus der klaren Hh' ein schwarzes Ding, als
wie ein Kegel, des sich im Anfang beide sehr verwunderten, bis sie
erkannten, was es sei. Wie nun das Lot mit neunzig Schuh den Boden
rhrte, da ergriff die scherzlustige Zofe die Schnur und zog gemach
mit beiden Hnden, zog und zog, so lang', bis sie nicht mehr nachgab.
Alsdann nahm sie geschwind die Schere und schnitt das Lot hinweg,
erlangte einen dicken Zwiebel, der war erst gestern in den Topf
gefallen und war fast eines Kinderkopfes gro, und band ihn bei dem
grnen Schossen an die Schnur, damit der Mann erstaune, ein ander Lot
zu finden, als das er ausgeworfen. Derweile aber hatte die schne Lau
den Krackenzahn im Blei mit Freuden und Verwunderung entdeckt. Sie
wute seine Kraft gar wohl, und ob zwar fr sich selbst die
Wasserweiber oder -mnner nicht viel danach fragen, so gnnen sie den
Menschen doch so groen Vorteil nicht, zumalen sie das Meer und was
sich darin findet von Anbeginn als ihren Pacht und Lehn ansprechen.
Deswegen denn die schne Lau mit dieser ungefhren Beute sich
dereinst, wenn sie zu Hause kme, beim alten Nix, ihrem Gemahl, Lobs
zu erholen hoffte. Doch wollte sie den Mann, der oben stund, nicht
lassen ohn' Entgelt, nahm also alles, was sie eben auf dem Leibe
hatte, nmlich die schne Perlenschnur an ihrem Hals, schlang selbe um
den groen Zwiebel, gerade als er sich nunmehr erhob; und daran war
es nicht genug: sie hing zuteuerst auch die goldene Schere noch daran
und sah mit hellem Aug', wie das Gewicht hinaufgezogen ward. Die Zofe
aber, neubegierig, wie sich das Menschenkind dabei gebrde, stieg
hinter dem Lot in die Hhe und weidete sich zwo Spannen unterhalb dem
Spiegel an des Alten Schreck und Verwirrung. Zuletzt fuhr sie mit
ihren beiden aufgehobenen Hnden ein maler viere in der Luft herum,
die weien Finger als zu einem Fcher oder Wadel ausgespreizt. Es
waren aber schon zuvor auf des Vetters Seilers Geschrei viel Leute aus
der Stadt herausgekommen, die standen um den Blautopf her und sahn dem
Abenteuer zu, bis wo die grausigen Hnde erschienen; da stob mit eins
die Menge voneinander und entrann.

Der alte Diener aber war von Stund an irrsch im Kopf ganzer sieben
Tage und sah der Lau ihre Geschenke gar nicht an, sondern sa da, bei
seinem Vetter, hinterm Ofen, und sprach des Tags wohl hundertmal ein
altes Sprchlein vor sich hin, von welchem kein Gelehrter in ganz
Schwabenland Bescheid zu geben wei, woher und wie oder wann erstmals
es unter die Leute gekommen. Denn von ihm selber hatte es der Alte
nicht; man gab es lang vor seiner Zeit, gleichwie noch heutigestags,
den Kindern scherzweis auf, wer es ganz hurtig nacheinander ohne Tadel
am ftesten hersagen knne; und lauten die Worte:

  's leit a Kltzle Blei glei bei Blaubeura,
  glei bei Blaubeura leit a Kltzle Blei.

Die Wirtin nannt' es einen rechten Leirenbendel und sagte: Wer htte
auch den mindesten Verstand da drin gesucht, geschweige eine
Prophezeiung!

Als endlich der Kurt mit dem siebenten Morgen seine gute Besinnung
wiederfand und ihm der Vetter die kostbaren Sachen darwies, so sein
rechtliches Eigentum wren, da schmunzelte er doch, tat sie in
sicheren Verschlu und ging mit des Seilers[7] zu Rat, was damit
anzufangen. Sie achteten alle frs beste, er reise mit Perlen und
Schere gen Stuttgart, wo eben Graf Ludwig sein Hoflager hatte, und
biete sie demselben an zum Kauf. So tat er denn. Der hohe Herr war
auch nicht karg und gleich bereit, so seltene Zier nach Schtzung
eines Meisters fr seine Frau zu nehmen; nur als er von dem Alten
hrte, wie er dazu gekommen, fuhr er auf und drehte sich voll rger
auf dem Absatz um, da ihm der Wunderzahn verloren sei. Ihm war vordem
etwas von diesem kund geworden, und hatte er dem Doktor, bald nach
Herrn Konrads Hintritt, seines Vaters, sehr darum angelegen, doch
umsonst.

  [7] Mit den Seilersleuten.

Dies war nun die Geschichte, davon die Spinnerinnen damals plauderten.
Doch ihnen war das Beste daran unbekannt. Eine Gevatterin, so auch mit
ihrer Kunkel unter ihnen sa, htte noch gar gern gehrt, ob wohl die
schne Lau das Lot noch habe, auch was sie damit tue, und red'te so
von weitem darauf hin; da gab Frau Betha ihr nach ihrer Weise einen
kleinen Stich und sprach zur Lau: Ja, gelt, jetzt macht Ihr Euch
bisweilen unsichtbar, geht herum in den Husern und guckt den Weibern
in die Tpfe, was sie zu Mittag kochen? Eine schne Sach' um so ein
Lot fr frwitzige Leute!

Inmittelst fing der Dirnen eine an, halblaut das nrrische Gesetzlein
herzusagen; die andern taten ein gleiches, und jede wollt' es besser
knnen, und keine brachte es zum dritten oder viertenmal glatt aus dem
Mund; dadurch gab es viel Lachen. Zum letzten mute es die schne Lau
probieren, die Jutte lie ihr keine Ruh'. Sie wurde rot bis an die
Schlfe, doch hub sie an und klglicherweise gar langsam:

  's leit a Kltzle Blei glei bei Blaubeuren.

Die Wirtin rief ihr zu, so sei es keine Kunst, es msse gehen wie
geschmiert! Da nahm sie ihren Anlauf frisch hinweg, kam auch alsbald
vom Pfad ins Stoppelfeld, fuhr buntberecks und wute nimmer gicks
noch gacks. Jetzt, wie man denken kann, gab es Gelchter einer Stuben
voll, das httet ihr nur hren sollen, und mitten draus hervor der
schnen Lau ihr Lachen, so hell wie ihre Zhne, die man alle sah!

Doch unversehens, mitten in dieser Frhlichkeit und Lust, begab sich
ein mchtiges Schrecken.

Der Sohn vom Haus, der Wirt, -- er kam gerade mit dem Wagen heim von
Sonderbuch und fand die Knechte verschlafen im Stall -- sprang hastig
die Stiege herauf, rief seine Mutter vor die Tr und sagte, da es
alle hren konnten: Um Gottes willen, schickt die Lau nach Haus! Hrt
Ihr denn nicht im Stdtlein den Lrm? Der Blautopf leert sich aus, die
untere Gasse ist schon unter Wasser, und in dem Berg am Gumpen ist ein
Gets und Rollen, als wenn die Sndflut kme! Indem er noch so
sprach, tat innen die Lau einen Schrei: Das ist der Knig, mein
Gemahl, und ich bin nicht daheim! -- Hiermit fiel sie von ihrem Stuhl
sinnlos zu Boden, da die Stube zitterte. Der Sohn war wieder fort,
die Spinnerinnen liefen jammernd heim mit ihren Rocken, die andern
aber wuten nicht, was anzufangen mit der armen Lau, welche wie tot da
lag. Eins machte ihr die Kleider auf, ein anderes strich sie an, das
dritte ri die Fenster auf, und schafften doch alle miteinander
nichts.

Da streckte unverhofft der lustige Koch den Kopf zur Tr herein,
sprechend: Ich hab' mir's eingebildet, sie wr' bei euch! Doch, wie
ich sehe, geht's nicht allzu lustig her. Macht, da die Ente in das
Wasser kommt, so wird sie schwimmen! -- Du hast gut reden! sprach
die Mutter mit Beben; hat man sie auch im Keller und im Brunnen, kann
sie sich unten nicht den Hals abstrzen im Geklft? -- Was Keller!
rief der Sohn: was Brunnen! das geht ja freilich nicht -- lat mich
nur machen! Not kennt kein Gebot -- ich trag' sie in den Blautopf.
Und damit nahm er, als ein starker Kerl, die Wasserfrau auf seine
Arme. Komm, Jutta -- nicht heulen! -- geh mir voran mit der Latern'!
-- In Gottes Namen! sagte die Wirtin; doch nehmt den Weg hinten
herum durch die Grten: es wimmelt die Strae mit Leuten und
Lichtern. -- Der Fisch hat sein Gewicht! sprach er im Gehn, schritt
aber festen Tritts die Stiege hinunter, dann ber den Hof und links
und rechts, zwischen Hecken und Zunen hindurch.

Am Gumpen fanden sie das Wasser schon merklich gefallen, gewahrten
aber nicht, wie die drei Zofen, mit den Kpfen dicht unter dem
Spiegel, ngstig hin und wieder schwammen, nach ihrer Frau
ausschauend. Das Mdchen stellte die Laterne hin, der Koch entledigte
sich seiner Last, indem er sie behutsam mit dem Rcken an den
Krbishgel lehnte. Da raunte ihm sein eigener Schalk ins Ohr: wenn du
sie ktest, freute dich's dein Leben lang, und knntest du doch
sagen, du habest einmal eine Wasserfrau gekt. -- Und eh' er es
recht dachte, war's geschehen. Da lschte ein Schluck Wasser aus dem
Topf das Licht urpltzlich aus, da es stichdunkel war umher, und tat
es dann nicht anders, als wenn ein ganz halb Dutzend nasser Hnde auf
ein paar kernige Backen fiel, und wo es sonst hintraf. Die Schwester
rief: Was gibt es denn? -- Maulschellen heit man's hier herum!
sprach er; ich htte nicht gedacht, da sie am Schwarzen Meer sottige
Ding' auch kenneten! -- Dies sagend, stahl er sich eilends davon,
doch weil es vom Widerhall drben am Kloster auf Mauern und Dchern
und Wnden mit Maulschellen brazzelte, stund er bestrzt, wute nicht
recht wohin, denn er glaubte den Feind vorn und hinten. (Solch einer
Witzung brauchte es, damit er sich des Mundes nicht berhme, den er
gekt, unwissend zwar, da er es mssen tun der schnen Lau zum
Heil.)

[Illustration]

Inwhrend diesem argen Lrm nun hrte man die Frstin in ihrem
Ohnmachtschlaf so innig lachen, wie sie damals im Traum getan, wo sie
den Abt sah springen. Der Koch vernahm es noch von weitem, und ob er's
schon auf sich zog und mit Grund, erkannte er doch gern daraus, da
es nicht weiter Not mehr habe mit der Frau.

Bald kam mit guter Zeitung auch die Jutte heim, die Kleider, den Rock
und das Leibchen im Arm, welche die schne Lau zum letztenmal heut' am
Leibe gehabt. Von ihren Kammerjungfern, die sie am Topf in Beisein des
Mdchens empfingen, erfuhr sie gleich zu ihrem groen Trost, der Knig
sei noch nicht gekommen, doch mg' es nicht mehr lang anstehn, die
groe Wasserstrae sei schon angefllt. Dies nmlich war ein breiter
hoher Felsenweg, tief unterhalb der menschlichen Wohnsttten, schn
grad und eben mitten durch den Berg gezogen, zwo Meilen lang von da
bis an die Donau, wo des alten Nixen Schwester ihren Frstensitz
hatte. Derselben waren viele Flsse, Bche, Quellen dieses Gaus
dienstbar; die schwellten, wenn das Aufgebot an sie erging, besagte
Strae in gar kurzer Zeit so hoch mit ihren Wassern, da sie mit allem
Seegetier, Meerrossen und Wagen fglich befahren werden mochte,
welches bei festlicher Gelegenheit zuweilen als ein schnes
Schaugeprng' mit vielen Fackeln und Musik von Hrnern und Pauken
geschah.

Die Zofen eilten jetzo sehr mit ihrer Herrin in das Putzgemach, um sie
zu salben, zpfen und kstlich anzuziehen; das sie auch gern zulie
und selbst mithalf, denn sie in ihrem Innern fhlte, es sei nun
jegliches erfllt zusamt dem Fnften, so der alte Nix und sie nicht
wissen durfte.

Drei Stunden wohl, nachdem der Wchter Mitternacht gerufen, es schlief
im Nonnenhof schon alles, erscholl die Kellerglocke zweimal mchtig,
zum Zeichen, da es Eile habe, und hurtig waren auch die Frauen und
die Tchter auf dem Platz.

Die Lau begrte sie wie sonst vom Brunnen aus, nur war ihr Gesicht
von der Freude verschnt, und ihre Augen glnzten, wie man es nie an
ihr gesehen. Sie sprach: Wit, da mein Ehgemahl um Mitternacht
gekommen ist. Die Schwieger hat es ihm voraus verkndigt ohnelngst,
da sich in dieser Nacht mein gutes Glck vollenden soll, darauf er
ohne Sumen auszog, mit Geleit der Frsten, seinem Ohm und meinem
Bruder Synd und vielen Herren. Am Morgen reisen wir. Der Knig ist mir
hold und gndig, als hie' ich von heute an erst sein Gespons. Sie
werden gleich vom Mahl aufstehn, sobald sie den Umtrunk gehalten. Ich
schlich auf meine Kammer und hierher, noch meine Gastfreunde zu gren
und zu herzen. Ich sage Dank, Frau Ahne, liebe Jutta, Euch Shnerin
und Jngste dir. Gret, die nicht zugegen sind, die Mnner und die
Mgde. In jedem dritten Jahr wird euch Botschaft von mir; auch mag es
wohl geschehn, da ich noch blder komme selber, da bring' ich mit auf
diesen meinen Armen ein lebend Merkmal, da die Lau bei euch gelacht.
Das wollen euch die Meinen allezeit gedenken, wie ich selbst. Fr
jetzo, wisset, liebe Wirtin, ist mein Sinn, einen Segen zu stiften in
dieses Haus fr viele seiner Gste. Oft habe ich vernommen, wie Ihr
den armen wandernden Gesellen Gut's getan mit freier Zehrung und
Herberg'. Damit Ihr solchen fortan mgt noch eine weitere Handreichung
tun, so werdet Ihr zu diesem Ende finden beim Brunnen hier einen
steinernen Krug voll guter Silbergroschen: davon teilt ihnen nach
Gutdnken mit, und will ich das Gef, bevor der letzte Pfennig
ausgegeben, wieder fllen. Zudem will ich noch stiften auf alle
hundert Jahr fnf Glckstage (denn dies ist meine holde Zahl), mit
unterschiedlichen Geschenken, also, da, wer von reisenden Gesellen
der erste ber Eure Schwelle tritt am Tag, der mir das erste Lachen
brachte, der soll empfangen, aus Eurer oder Eurer Kinder Hand, von
fnferlei Stcken das Haupt. Ein jeder, so den Preis gewinnt, gelobe,
nicht Ort noch Zeit dieser Bescherung zu verraten. Ihr findet aber
solche Gaben jedesmal hier nchst dem Brunnen. Die Stiftung wisset,
mache ich fr alle Zeit, solang' ein Glied von Eurem Stammen auf der
Wirtschaft ist.

[Illustration]

Nach diesen Worten redete sie nochmals leise mit der Wirtin und sagte
zuletzt: Vergesset nicht das Lot! Der kleine Schuster soll es
nimmermehr bekommen. -- Da nahm sie nochmals Abschied und kte ein
jedes. Die beiden Frauen und die Mdchen weinten sehr. Sie steckte
Jutten einen Fingerreif mit grnem Schmelzwerk an und sprach dabei:
Ade, Jutta! Wir haben zusammen besondere Holdschaft gehabt, die msse
fernerhin bestehen! -- Nun tauchte sie hinunter, winkte und
verschwand.

In einer Nische hinter dem Brunnen fand sich richtig der Krug samt den
verheinen Angebinden. Es war in der Mauer ein Loch mit eisernem
Trlein versehen, von dem man nie gewut, wohin es fhre; das stand
jetzt aufgeschlagen, und war daraus ersichtlich, da die Sachen durch
dienstbare Hand auf diesem Weg seien hergebracht worden, deshalb auch
alles wohl trocken verblieb. Es lag dabei: ein Wrfelbecher aus
Drachenhaut, mit goldenen Buckeln beschlagen, ein Dolch mit kostbar
eingelegtem Griff, ein elfenbeinen Weberschifflein, ein schnes Tuch
von fremder Weberei und mehr dergleichen. Aparte aber lag ein
Kochlffel aus Rosenholz mit langem Stiel, von oben herab fein gemalt
und vergoldet, den war die Wirtin angewiesen, dem lustigen Koch zum
Andenken zu geben. Auch keins der andern war vergessen.

Frau Betha hielt bis an ihr Lebensende die Ordnung der guten Lau
heilig, und ihre Nachkommen nicht minder. Da jene sich nachmals mit
ihrem Kind im Nonnenhof zum Besuch eingefunden, davon zwar steht
nichts in dem alten Buch, das diese Geschichten berichtet, doch mag
ich es wohl glauben.




       *       *       *       *       *




    Anmerkungen zur Transkription

    Im folgenden sind die nderungen am Originaltext aufgefhrt.
    Unter der Beschreibung der nderung steht jeweils zuerst die
    Textstelle im Original, dann die genderte Textstelle.


    Apostroph verschoben:
    Wann' werd ich gestillt?
    Wann werd' ich gestillt?

    knicksten gendert zu knicksen:
    sie nicken und knicksten und fliegen davon.
    sie nicken und knicksen und fliegen davon.

    Folgende Zeilen sind im Original eingerckt:
    dazwischen hrt man weiche Tne gehen
    von sel'gen Feen, die im blauen Saal
    zum Sphrenklang,
    und fleiig mit Gesang,
    silberne Spindeln hin und wieder drehen.

    berflssiges Anfhrungszeichen gelscht:
    schwerlich gelten! -- lie sich indes nichts merken, und Jutte nahm
    schwerlich gelten! -- lie sich indes nichts merken, und Jutte nahm

    Blautops gendert zu Blautopfs:
    Blautops nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein
    Blautopfs nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein

    das gendert zu da߫:
    ich sehe, geht's nicht allzu lustig her. Macht, das die Ente in das
    ich sehe, geht's nicht allzu lustig her. Macht, da die Ente in das

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    sich: Zu meiner Zeit sind dia Blaubeuramar so grob ett gw[5].
    sich: Zu meiner Zeit sind dia Blaubeuramar so grob ett gw[5].

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    die Mutter mit Beben; hat man sie auch im Keller und im Brunnen, kann
    die Mutter mit Beben; hat man sie auch im Keller und im Brunnen, kann

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    sie sich unten nicht den Hals abstrzen im Geklft? -- Was Keller!
    sie sich unten nicht den Hals abstrzen im Geklft? -- Was Keller!

    Fehlendes Anfhrungszeichen ergnzt:
    Wirtschaft ist.
    Wirtschaft ist.

    da߫ gendert zu das:
    nichts in dem alten Buch, da diese Geschichten berichtet, doch mag
    nichts in dem alten Buch, das diese Geschichten berichtet, doch mag





End of the Project Gutenberg EBook of Aus der Jugendzeit, by Eduard Mrike

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER JUGENDZEIT ***

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